F. C. Weiseop HIMMELFAHRTS KOMMANDO Roman 1945 BERMANN-FISCHER VERLAG STOCKHOLM Titel der amerikanischen Ausgabe: „THE FIRING SQUAD* Amerikanische Ausgabe: Alfred A. Knopf, New Vork Britische Ausgabe: Hutchinson and Co., London Schwedische Ausgabe: Bonniers, Stockholm Copyright 1944 by F. C. Weiskopf Printed in Switzerland Schutzumschlag: Mark Sylwan Druck: Buchdruckerei Winterthur AG. HIMMELFAHRTSKOMMANDO Fir Grete Frijahr T42— Herbht 1 Nem Vork und Peierhorougb, N. H. Eil, o audernd⸗ Zeit, vis ans Vngereimte Zu führen, Denn vonst glauben vie nicht, Da vie velen, vis ganx umerstdndig vie vind. Eile, verderbe vis ganx, und ſühr ans ſurchthare Nichts vie, Anders glauben vis dir nie, wie verdorben vis vind. Diee Nren heehren vich nie, wenn ihnen nicht chmindelt, Die ve vich nie, venn Jie Nermesung nicht vehn. HöLDERLIN Wir verstanden den Tod nicht. Dennoch wie Jal und Brot, wie Johnes am Dexembertag, War vein Name um m, Vnd die Trauer gembhnlich, Wie Fohlaf uns und Hunger, vie Angt im Zwielichu gewhnlich wur. GEDILCHT EINES UNMBEKANNTEN DEUTSCHEN SOLDATEN, GEFALLEN IM WINTER 1941/42 AUFTAKT LSO Sie sind die Schwester, die niederschreiben wird, was ich zu sagen habed Also Sie werden mir helfen, meine Geschichte zu Papier zu bringen,— die Geschichte, die ich schon in meinem verloren gegangenen Tagebuch aufzuzeichnen versucht habe d Das ist schön. Das ist sehr schön, Schwester. Denn schen Sie, dieses Tagebuch war s0 etwas wie mein besseres Selbst, oder nein, es war noch nicht mein besseres Selbst, aber doch ein Weg zu ihm hin, ein Spiegel der Erkenntnis, ein Freund, dem ich mich ohne Furcht anvertrauen konnte. Wissen Sie, was das heißt? Nein, wie könnten Sie wis- sen, was es für einen Soldaten der Großdeutschen Wehr- macht bedeutet, einen Freund bei sich zu haben, mit dem er oflen sprechen kann, wenn auch nur in Andeutungen und Stoßseufzern,— denn vo veit haben Fie es dank ihrem System von Spitzelei und Finschũchterung und Brutalitãt gebracht. So weit haben ie es gebracht, daß man sich mit seinen eige- nen Gedanken nur noch im Flũsterton zu unterhalten wagt. Auch wenn man ein alter Landser, Träger der Sudetenge- denkmedaille und des Verwundetenabzeichens, und Besit- zer eines Parteibuches aus dem Jahre 1937 ist... Ja, das Tagebuch war ein Freund, ein Mitwisser geheimer Regun- gen. Deshalb hat es wohl auch der Oberfeldwebel, der am letzten Abend noch bei unserer Gruppe herumschnüffelte, weggenommen. 15 Offen gestanden, Schwester, ich glaubte dem Lazarett- kommissar nicht, als er mir sagte: Wir werden schon je- mand ausfindig machen, dem Sie Ihre Geschichte diktieren kõnnen, Hans Holler. Es wird sich sicher jemand melden. v Ich hielt die Worte des Kommissars für einen freundlichen Trost, ein Zeichen menschlicher Anteilnahme, und schon das war unerwartet viel. Aber jetzt haben Sie wieder Mühe, mich zu verstehen, Schwester. Ich weiß, ich weiß, es ist für euch nicht ganz einfach, so etwas zu begreifen, denn ihr drillt ja euren Soldaten nicht ein, daß sie aufhören müssen, Menschen zu sein, wenn sie die Uniform anzichen. Ihr glaubt ja nicht, daß der Weg zum Sieg nur über die Bestia- litãt führt(als oh das nicht, wie unser Beispiel zeigt, der sicherste Weg zur Niederlage wãre). Bei euch kennt man ja nicht diese Sonderbefehle: Werwundete Gefangene sind nicht erst zu machen l*, und auch nicht diese Ansprachen beim Appell, wie wir sie noch am Tage unserer Ankunft in der Frontstellung zu hören bekamen:«Nerven, Herz, Mit- leid existieren für euch nicht; die braucht man im Kriege nicht. Zu eurem persõnlichen Ruhm muß jeder von euch hundert Russen tõten, das ist das richtige Verhältnis. Ver- nichtet jedes Wesen, das in eurem Wege steht. Ihr werdet alle andern in die Knie zwingen. Der Deutsche ist der abso- lute Herr der Welt.v Nein, ich glaubte nicht, daß sich jemand melden würde. Zu einer solchen Arbeit? In der Freizeit? Für einen deutschen Soldaten? Für einen verwundeten und gefan- genen, schön und gut, aber doch einen Soldaten jener Armee... nun, Sie wissen ja sclbst, wie sich die Wehr- macht des Großdeutschen Reiches auf fremdem Boden aufführt. Schade, daß ich Sie nicht sehen kann, Schwester. Wie heißen Sie doch? Marussja? Ja, schade, daß ich Sie nicht sehen kann, Schwester Marussja. Aber ich werde Sie schen, 16 nicht wahr, ich werde Sie schen können, ich werde mein Augenlicht behalten? Wie gut Sie Deutsch sprechen, Schwester Marussja. Ach ja, ich vergaß, man hat gern und viel Deutsch gelernt hier- zulande. Ich sche noch die Lehrbücher vor mir, auf dem Spielplatz der Schule von Glubokaja. aLeitfaden zur Erler- nung der deutschen Sprachev stand in Frakturbuchstaben unter einem kyrillischen Titel. Die hellgelben Bändchen la- gen, beschmutzt und blutbefleckt, zwischen den Leichen der Lehrerinnen und Schüler, die man vim Zuge einer Ver- geltungsmaßnahme für die Verbrechen ortsansäãssiger Hek- kenschützenꝰ abgeknallt hatte. Ein Anschlag der Komman- dantur verbot die Bestattung der Toten; sie sollten als war- nendes Exempel auf dem Hinrichtungsort liegen bleiben. Unter den Erschossenen war ein kleines Mädchen, nicht äl- ter als sieben, mit blonden Haarschnecken wie sie von den Gõren bei uns zu Hause getragen werden. Die meisten von uns waren zu abgestumpft, um auch nur die Augen abzu- wenden, aber einer der Alten, Reichardt, begann plõtzlich zu schreien: Das ist ja glatter Mord, so was 1v Er wurde da- für vom Oberfeldwebel angebunden. Sie wissen vielleicht nicht, wie das ist, Schwester Marussja. Man wird an einen Baum gefesselt, und nur die Fußspitzen berühren den Bo- den. Nach einer Stunde lãuft man blau an und verliert die Besinnung. Reichardt blieb drei Stunden angebunden. Er ging beinahe drauf dabei. Wir ließen es geschehen. Wir wa- ren eben nicht soweit. Und auch Reichardt selbst war da- mals noch nicht soweit, sonst hãtte er nicht nur geschrien, sondern gehandelt. Aber es ist verteufelt schwer, zu han- deln: ich meine, Schluß zu machen, überzulaufen. Nicht nur wegen der Offiziere und Unteroffziere und Gestapo- Spitzel. Nein, vor allem deshalb, weil man nicht schon frü- her, gleich zu Beginn, Schluß gemacht, weil man zuviel Schweigend geschluckt hat. Das muß ich Ihnen wohl näher erklären, Schwester Ma- 2 7 russja. Pas kann nãmlich so ohne weiteres nur jemand ver- stehen, der an sich selber erlebt hat, was es heißt, dabeige- wesen zu sein, wenn„Himmelfahrtskommandos“ zusam- mengestellt oder Geiseln abgeholt oder Gefangene nieder- gemacht wurden. Ja, das war es, was uns am festesten hei der Stange gehalten hat, bei der verfluchten Hitlerstange: dieses Gefühl, mitschuldig geworden zu sein an einem tau- sendfãltigen Verbrechen, und einen so ungeheuren Haß er- zeugt zu haben, daß nur Meere von Blut ihn ertränken kön⸗ nen. Und nun weiß ich auch, Schwester Marussja, daß der Wahnwitz Methode hat. Es ist alles geplant und beabsich- tigt! Ich erinnere mich jetzt, da ich darũber nachdenke, daß uns einmal Unteroffizier Klahde in der Nationalsozialisti- schen Erzichungsstunde sagte: Leute, ihr müßt immer so handeln, als ob ihr in der gleichen Lage wäret wie die alt- germanischen Katten. Die ketteten sich vor der Schlacht aneinander; da konnte keiner ausspringen.» Glauben Sie mir, Schwester Marussja, die deutschen Soldaten sind alle aneinandergebunden wie die alten Katten: einer an den an- dern, und alle zusammen an die Untaten, die sie mitbegan- gen oder nicht verhindert haben. Das macht das Aussprin- gen für die meisten so schr schwer. Und dann kommt noch die Trãgheit des Herzens hinzu, das Sichgleitenlassen, das Nichtkãmpfenwollen gegen die Abstumpfung, und das Paktieren mit dem kleineren Ubel. Es dauert lange, hevor unsereinem das alles bewußt wird. Vor ein paar Tagen hat mir mein Bettnachbar aus Goethes „Wilhelm Meister' vorgelesen; da steht ein Satz darin, der kõnnte heute und über uns geschrieben sein: Gewöhnlich wehrt sich der Mensch, solange er kann, den Toren, den er im Busen hegt, zu verabschieden, einen Hauptirrtum zu be- kennen und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur Ver- zweiflung bringt.v Ja, es dauert lange, bevor unsereinem das alles klar wird, 18 und es ist ein stõrrischer, schmerzhafter Prozeß. Mir hat da- bei nichts so schr geholfen wie der Versuch, in diesen lan- gen Tagen des Stilliegens im Dunkel, das, was in meinem verlorenen Tagebuch aufgezeichnet war, Stück für Stück aus der Vergangenheit zu holen, zu ergänzen und zu klä- ren. Vielleicht kann meine Geschichte auch andern helfen. Darum mõchte ich sie nicht bloß im Kopfe mit mir herum- tragen; darum mõchte ich sie aufgeschrieben haben. 2 Das Tagebuch, das mir verloren ging, war so alt wie ich selber. Mein Vater kaufte das dicke Heft mit den schwarz- weiß karrierten Wachstuchdeckeln im Vorfrühling 1917, wãhrend seines vorletzten Heimaturlaubs von der Front. Auf die erste Seite schrieb er in seiner runden Handschrift: Mit Gott! Tägliche Aufzeichnungen des Sebastian Hol- ler, Richtkanonier im K. u. K. Feldhaubitzregiment Feld- zeugmeister Prinz von Lobkowitz, Nro 13. Doch die ge- samten täglichen Aufzeichnungen beschränkten sich auf einige wenige Zeilen: vro. Mãrz. Heute wurde mein vierter Sohn geboren. Er wiegt nur etwas über zwei Kilo. Ein Kriegskind. Wir werden ihn Hans nennen. Er hat blondes Haar und graue Augen nach der Mutter. v Am Tage nach meiner Geburt mußte Vater zu seiner Bat- terie ins Feld zurũck. Im Trubel des Aufbruchs vergaß er, das zum Mitnehmen schon bereitgelegte Heft einzupacken. Ein Jahr später, bei seinem letzten Urlaub, unterlief ihm dasselbe Verschen. Das Heft blieh bei uns zu Hause. Als kurz darauf Vaters Regiment mit anderen õsterreichischen Truppen an die Westfront geschickt wurde, schrieb er an Mutter, sie möge doch der nächsten Sendung von Tabak und Socken auch das Tagebuch beilegen. Doch bevor das Paket fertig war, kam die Nachricht von Vaters Tod. Mutter hob das schwarz-weiß karrierte Heft auf wie eine Kostbarkeit. An meinem zwölften Geburtstag bekam ich es als Andenken an Vater geschenkt. Ich war damals etwas enttäuscht, denn meine Geschwister wurden mit wertvol- leren Stũcken aus der Hinterlassenschaft bedacht. Gerhard, als der älteste, erhielt Vaters Siegelring mit dem großen achteckigen Saphir; Lutz die silberne Uhr; Kurt eine Zi- garrenspitze aus Meerschaum. Und Barbara, obwohl sie die jüngste war und eigentlich mit dem geringsten Andenken hätte vorliebnehmen müssen, kriegte Vaters zweiten Ring, weil nãmlich Mutter der Meinung war, daß der Ring besser für ein Mãdchen passe, und weil ja das Tagebuch durch die Eintragung über meine Geburt ohnehin für mich bestimmt sei. Ich versõhnte mich übrigens bald mit meinem Geschenk. Das Heft gewann in meinen Augen an Wert, als ich be- schloß, später einmal ein Gelehrter oder Dichter zu wer- den. War es nicht so etwas wie ein günstiges Vorzeichen, daß ich vom Augenblick meiner Geburt an ein Tagebuch besaß? Ich nahm mir vor, es sofort und regelmäßig in Ge- brauch zu nehmen, doch kam dieser Vorsatz erst vor an- derthalb Jahren, als ich schon Soldat war, richtig zur Ausführung. Vorher hatte ich allerdings schon, mit gro- Ben Unterbrechungen, etwa ein Dutzend Seiten vollge- kritzelt. Da waren, ganz zu Beginn, die Herzensergießungen des Untergymnasiasten aus der Zeit, da unsere Phantasie be- gann, sich mit den Mãdchen zu beschäftigen. Wir lagen da- mals— mein Bruder Kurt, ich und einige andere Jungen— stundenlang im Garten unter der Schaukel, auf der Kusine Anneliese sich vergnügte. Anneliese war eine würdige Tochter Onkel Helmuts, unseres Vormunds: kalt wie eine Hundeschnauze, gierig, rücksichtslos; dabei gut gebaut und von einer robusten Schõnheit. Vor dem Schaukeln zog 20 sie immer ihr Unterhöschen aus, so daß wir,alles? zu schen bekamen. Nachher mußte Kurt ihr seine Angelrute leihen oder Eidechsen für sie fangen— gewissermaßen als Gegen- leistung. Weiter gab es auf jenen ersten Tagebuchseiten mehrere Beschreibungen von Wanderfahrten, ein lustiges Matura- gedicht und eine Reihe wirrer Betrachtungen über Gott und die Welt und- Lidka. Lidka war eine tschechische Stu- dentin, mit der meine Schwester Barbara Freundschaft schloß, als wir im Herbst 1935 aus unserer deutschböhmi- schen Heimatstadt R... nach Prag kamen: ich als Student und künftiger Lehramtskandidat, und Barbara, um sich zur Röntgenphotographin auszubilden. Barbaras Verkehr und die Ansichten, die sie zu entwik- keln anfing, erregten das schärfste Mißfallen unseres Vor- munds und unserer Brüder. Onkel Helmut saß als Vertre- ter der Sudetendeutschen Partei im Stadtrat vonR.., Ger- hard und Kurt waren in der Ordnertruppe(wie sich die getarnte SA. in den Sudeten damals nannte), und Lutz, der in ein Gut, drüben im Reich, eingeheiratet hatte, trug schon seit Jahren die Uniform eines SS.Obertrupp- führers. Ich stand zwischen Barbara und den andern. Für eine Weile zog es mich stark zu Barbara hin, zu Barbara und Lidka. Ich besuchte mit ihnen Versammlungen, in denen gegen die Nazis gesprochen wurde, und einmal trug ich mich auch, gemeinsam mit den Mädchen, in irgendeine Liste ein... Aber als es zum endgültigen Bruch zwischen Barbara und der Hamilie kam: als Onkel Helmut und Lutz mich vor die Wahl stellten, entweder jede Verbindung mit Barbara und ihren Freunden abzubrechen, oder auf meinen Monatswechsel zu verzichten, ließ ich es nicht erst auf ei- nen Kampf ankommen. Ich war anders geraten als meine Brüder, diese Raufboldnaturen und Hartschädel. Anders auch als die stille, aber standhafte Barbara. Ich fand es be- 2 quemer, nachzugeben, als auf eigenen Meinungen zu be harren. Ich entzog mich gern jeder Verantwortung. Ich liebte die Wege des geringsten Widerstandes. Ja, ich gehörte zum Flugsand. Auf Wunsch von Onkel Helmut und Lutz verließ ich prag und ging für den Rest meiner Studienzeit nach Leip- zig. Dort hatte Lutz Freunde in der Fũhrung des National- Sozialistischen Studentenbundes, Kerle von seinem Schrot und Korn, die mich, wie er sagte,„nach allen Regeln der Kunst ausrichten“ würden. Das Tagebuch hatte über die zwei Leipziger Jahre fast nichts zu berichten. Ein paar Klagen über den faden Trott der Vorlesungen und Seminare, ein paar zynisch-melan- cholische Bemerkungen über Liebeleien mit Mãdchen von der Hitlerjugend, und ũber Marschübungen des Studenten- bundes— das war alles. Von den Ereignissen der großen Politik fand sich kein Niederschlag auf den plaulinierten Seiten. Es war wohl so, daß die„Triumphe der großdeutschen Sache“, die damals gefeiert wurden— der Anschluß Osterreichs und meiner Sudetenheimat ans Reich, die Besetzung der tschechischen Gebiete und die Angliederung des Memellandes—, in mir, wie in Millionen meiner deutschen Landsleute, nur ein aus Freude und Schwindel gemischtes Gefühl glücklich über- standener Gefahr auslösten. Wir paradierten, ließen den Führer und die Wehrmacht hochleben, betranken uns und waren im übrigen heilfroh, daß wir noch einmal mit der bloßen Angst vor dem Kriege davongekommen waren. Erst später erfuhr ich(auf eine komische Weise, als mir nämlich die Gedenkmedaille verlichen wurde), daß Lutz mich kurzerhand als Freiwilligen für die Sudetendeutsche Freikorps-Reserve angemeldet hatte. Uber die erste Septemberwoche 1939, inder es danndoch zum Krachen kam, fanden sich in dem schwarz-weiß kar- rierten Heft einige flüchtige Notizen, doch wüßte ich jetzt nicht mehr zu sagen, was mir in jenen Tagen voller ãußer- licher Begeisterung und inneren Frierens der Aufzeichnung wert erschien. Wãhrend des ganzen ersten Kriegsjahres lag das Tage- buch zu Hause in R... bei meinen alten Kollegheften und Indianerbũchern. Ich war von der Militärbehörde einstwei- len zurũckgestellt worden und arbeitete als Hilfslehrer in einem mecklenburgischen Sammellager für sogenannte Volksdeutsche, die aus den õᷓstlichen Randstaaten heim ins Reich gebracht wurden. Unterkunft und Verpflegung konn- ten nicht schlechter sein. Der Schulleiter, ein vermickerter Ater Kämpfer, der sich zurückgesetzt fühlte, ließ seinen Krger an uns Hilfslehrern aus. Die Schüler waren trãge und aufsãssig. An ein Aufgeben der Stellung konnte ich nicht denken, da sie mir vom Arbeitsdienst zugewiesen worden war. So empfand ich es als eine Art Erlõsung, als im Winter 1940 die Einberufung zum Waffendienst kam. Der Krieg schien damals fast keine Schrecken mehr zu haben. Las man die Berichte von Lutz und Kurt, die beide den Feldzug im Westen mitgemacht hatten und nun aus franzõsischen Gar- nisonsorten große Pakete mit Cognac, Sardinen, Parfüms und Seidenstoffen nach Hause schickten, so spielte sich der Krieg tatsãchlich so ab, wie er in den frisch frõhlichen Sol- datenliedern geschildert wurde, die wir beim Ausmarsch zum Exerzieren sangen: Zweifarbne Tücher, Bomben und Granaten, Eine Flasche Rotwein, Und ein Stũckchen Braten, Ei, tschinderassa, bumderassa Tschingdera... 8 Sogar Gerhard, der sich nur langsam von einer bei den Kämpfen in Flandern erlittenen Verwundung erholte, schrieb aus dem Offiziers-Erholungsheim in Biarritz: Auch wenn man, wie ich, mit einem zusammengelöteten Schädel herumlaufen muß und höchstwahrscheinlich nie wieder gute Figur auf einem Gaul machen wird, hat man nicht zu teuer für den Mordsspaß bezahlt, mit dabei- gewesen zu sein. v Als ich im Frühjahr mit einem Rekrutentransport zum Feldregiment abging, das damals an der jugoslawischen Grenze stand, nahm ich das schwarz-weiß karrierte Heft mit. Von da an begannen sich die Seiten zu füllen. Ich führte Tagebuch, wann immer und wo immer ich konnte: in den Wochen des Wartens vor der Erõffnung des Balkanfeld- zuges; auf dem Vormarsch gegen Zagreb; am Tage mei- nes ersten Gefechts(in dem ich von einem unserer eigenen Panzerwagen angefahren und an der Hüfte verletzt wurde); im Lazarett in Südkärnten, wo ich nach meiner Heilung noch viele Monate blieb und auf᷑ der Schreibstube Dienst tat; und schließlich, diesen letzten Sommer hindurch, beim Wach- und Sicherheitsbataillon in Prag, und das letztemal bei der Ankunft in der Frontstellung, an jenem Abend, da mir der Oberfeldwebel das Heft wegnahm... anderthalb Jahre im ganzen. Doch wenn ich jetzt im Geiste die vielen eng beschriebe- nen Seiten durchblättere, um auszusondern, was wert ist, als Baustein für meine Geschichte zu dienen, so bleibt nur das letzte Drittel bestehen. Das letzte Drittel— die Seiten, die in der Prager Zeit geschrieben wurden. Alles Vorherige mõchte ich weglassen. Nicht etwa deshalb, weil es mir viel⸗ fach verwischt und fast ausgelõscht erscheint(es sind mir auch manche spätere Einzelheiten entfallen, so tief sich mir andere, oftmals ganz kleine, eingeprägt haben); nein, 24 ich will aus einem anderen Grunde meine Geschichte erst mit der Ankunft in Prag beginnen lassen: vor der Prager Zeit kannte ich nämlich das Gefühl noch nicht, das mich spãter wie ein Wechselfieber immer wieder packen und schütteln sollte. Erst in Prag lernte ich es kennen, dieses Gefühl,— daß wir aus Jägern, oder zumindest Treibern, zu Gejagten wurden, zu Gezeichneten und Gerichteten. 25 ERSTER TEIL. I NKEL. Helmut war es gewesen, der mich seinerzeit gezwungen hatte, Prag zu verlassen. Nun fügte es ein ironischer Zufall, daß ich Prag gerade auf sein Betreiben wiedersah. Das kam so: als nach den furchtbaren Winterschlachten von 1942 die Lazarette und Kasernen ausgekämmt wur- den, um Reserven für die geplante große Sommeroffensive zu schaffen, drohte auch mir die Versetzung aus der Schreibstube zu einer Fronttruppe. Da waren es Onkel Helmuts Bezichungen, die mir den Vermerk„nicht feld- dienstfãhig“ und die Kommandierung nach Prag eintrugen. Ich verdankte diese Fürsorge meines Vormunds dem Um- stand, daß ich seit kurzem auch sein Schwiegersohn war. Anneliese hatte mich als Vater des Kindes bezeichnet, mit dem sie schwanger ging. Zwar sprach viel mehr gegen diese Bchauptung als dafür(war ich doch keineswegs der einzige, dem Anneliese einen Urlaub versüßt hatte, ganz zu schweigen von ihrem ziemlich stadtbekannten Verhält- nis mit einem verheirateten Fabrikanten aus G..., der als Sonderbeauftragter des Reichsverbandes der Industrie häu- ſig in R... zu tun hatte), trotzdem strãubte ich mich nicht allzusehr, als Bruder Kurt mir schrieb, ich möge in eine Kriegstrauung einwilligen: um des lieben Familienfriedens willen, und weil Mutter, die in Onkel Helmuts Hause wohnte, sonst keine ruhige Minute mehr haben würde. Im — übrigen, meinte Kurt, könne ich ja die ganze chose als das betrachten, was sie nun einmal sei,— Eheglück auf Ab- bruch, eine Kriegseinrichtung, nicht für Friedens?eiten ge- baut. Alles wurde dann im Handumdrehen erledigt Go schnell, daß Mutter, der die Sache gegen den Strich ging, gar keine Zeit hatte, etwas dawider zu unternehmen). Die Trauung fand ohne mich auf dem Vertretungswege statt; ich bekam ein Photo der Zeremonie zugleich mit der Eheurkunde zu- gesandt. Der Familienfriede war gesichert; Onkel Helmut Sah das bedrohte Dekorum gerettet; Anneliese konnte sich nicht nur als Frau eines unserer braven Feldgrauen sprei- zen, sondern erhielt obendrein alle Vergnstigungen für Soldatenfrauen; und mir winkte ein neuer Druckposten. Ich kam in Prag an einem der letzten Apriltage, zeitig in der Frũhe an. Klar und frisch wie jener Morgen war, hat sich die Erinnerung daran vor meinem inneren Auge er- halten. Eigentlich hätte ich schon am Abend vorher eintreffen sollen, aber der Zug war unterwegs immer wieder auf- gehalten worden, um Heerestransporte passieren zu lassen. Von Station zu Station hatte sich die Verspätung ver- größert, bis sie zum Schluß fast einen halben Tag aus- machte. Ich fuhr schlaftrunken hoch, als die Räder über die Wei- chen des ersten Prager Vorortbahnhofs rumpelten. Die Müdigkeit von zwei, auf der Holzbank eines schmalen, altmodischen Dritte-Klasse-Abteils verbrachten Nächten beschwerte die Arme und Beine, und lag wie grober Sand unter den Lidern, doch sie schwand rasch, als ich zum Fenster trat. Die Sonne war noch nicht aufgegangen; die hundert Türme der Stadt schwammen in einem grausilbernen, wie milchigen Licht. Ich õffnete das Fenster. Ein Schwall jener 30 herben Luft, die ich von meinem ersten Prager Aufenthalt her noch gut kannte, strömte herein; es roch plõtzlich nach lãndlichem Frühling, nach Fluß und nach stãdtischem Rauch, und diese Mischung ließ mich unwillkürlich an die Bauernmãdchen mit den bunten Kopftũchern inmitten des großstãdtischen Straßenverkehrs denken. An die tschechi- Schen Mädchen mit den sanften braunen Augen über den leicht her vortretenden Backenknochen und den festen Lip- pen, die lustig und zugleich ernst sind, wie die Lieder, die sie singen: Auf der Prager Brücke sprießen Kleine Rosmarin, Laß mich meinen Lichsten grüßen Beim Vorũberzichn... Das Lied rührte in mir einen Wirbel unklarer Gefühle und Frinnerungen auf. Es verursachte ein leises Zichen in der Herzgrube— eine Empfindung, wie man sie hat, wenn einem unverhofft jemand begegnet, jemand... Für einen Augenblick tauchte vor mir ein Gesicht auf, ein Mãdchengesicht mit bãuerlichen Zügen, mit dichtem feinem Haar von tiefem Braun und gleichfarbenen, etwas verschleierten Augen; Lidkas Gesicht— doch da lief der Zug in den Hauptbahnhof ein, und ich wurde vom An- kunftsgetriebe verschlungen. 2 Auf der Kommandantur, wo ich mich gleich nach der Ankunft zu melden hatte, traf ich unter den Soldaten, die auf ihre Abfertigung warteten, einen Stabsgefreiten, in dem ich einen früheren Angehörigen des Leipziger Natio- nalsozialistischen Studentenbundes erkannte. Ich hatte ihn als Mitglied des„Politischen Stoßtrupps? in Frinnerung, als besonders eifrigen Parteigenossen und schneidigen Red- 31 ner. Mein Erstaunen war groß, als ich erfuhr, daß er zwar vom ersten Kriegstag an in Feldgrau war, aber pisher nur Dienst im Hinterland geschen hatte. Man prauche eben erprobte Nationalsozialisten nicht nur an der Front, er- klãrte er grinsend. Im übrigen seien seine Prager Tage ge⸗ zählt, er warte eben auf seinen Marschbefehl nach Polen, zu einem Etappenkommando. Als er hörte, daß ich zum Wach und Sicherheitspataillon kommen sollte, schlug er mir klatschend auf den Schenkel.«Mensch, Holler, dieses Pechlv schrie er, warum muß ich gerade jetzt weg, wenn du beim WSB. eintrudelst?* Und er erging sich in einer Schilderung des Lebens beim Wach und Sicherheitsba- taillon. Der Dienst war, nach seinen Worten, ckein Zuk- kerlecken, aber auch keine Latrinensoßev. Man bewachte zumeist Heerestransporte und Vorrãte, wurde aber ge- legentlich auch bei Streifen und bei Strafaktionen gegen reĩchsfeindliche Elemente eingesetæt, war also halb Schließ- gesellschaft und halb Polizei. Es gab viel Postenschieben, ab und zu auch scharfen Drill. Die Offiziere? In der Mehr- zahl Aktive, alle ziemlich schwer kriegsbeschädigt. Vor einigen mußte man sich in acht nehmen, mit andern ließ sich's auskommen, wie überall. Die Unteroffiziere waren fast durchwegs scharfe Hunde, die sich durch strammes Auftreten beim Bataillon halten wollten. Das Futter ging an; über Mangel an Unterhaltung(wenn man dienstfrei hatte) konnte man sich nicht beklagen; kurz, es war aus- zuhalten beim WSB.... und sicher tauschte man bei einer Versetzung in die polnische Etappe nichts Besseres ein. Der Stabsgefreite wurde vor mir in die Kanzlei gerufen. Wir schen uns nachher noch, Heil Hitler! Mit diesen Worten verschwand er hinter der Türe. Erst eine Weile spãter merkte ich, daß er meinen Tabaksbeutel mitgenom- men hatte, wohl um ungestõrt einen besonders tiefen Griff hineintun zu können.«Na, warte, dafür wirst du mit einem 32 von deinen Feuersteinen herausrücken müssenv, dachte ich mir; ich hatte geschen, daß sich in seinem Feuerzeug mehrere Reservesteine befanden, von der Sorte, wie man sie schon lange nicht mehr kaufen konnte. Aber als ich gleich darauf in die Kanzlei befohlen wurde, war der Stabs- gefreite nicht drinnen. Der ist zur anderen Tür hinaus, erklärte mir ein Unteroffizier. Und als er erfuhr, weshalb ich mich nach dem Stabsgefreiten erkundigte, meinte er: (Da machen Sie nur einen Strich drunter. Den Bruder schn Sie nicht wieder.v Er hatte recht. Der Stabsgefreite war nicht mehr zu fin- den. Ein netter Willkommv, sagte ich mir, trõstete mich jedoch schnell. Der Tabak war schließlich nur Marke Deutscher Buchenwald' gewesen, und der Beutel, ein Ge- schenk Annelieses, aus nachgemachtem Rehleder. Nein, der Schade war kaum der Rede wert, und er sollte mir die Ankunftsfreude nicht vergãllen. War es nicht schön, hier zu sein? Hier, und nicht irgendwo an der Front oder in einem polnischen Ftappennest? ¶Laß fahren dahin... vIch Schnallte um und machte mich auf den Weg nach der Liebener Vorstadt, wo die erste Kompanie des WSB., der ich zugeteilt war, in einer Schule nahe dem Frachten- bahnhof im Quartier lag. Ich hätte die Straßenbahn nehmen können— aber war- um eilen? Zum Wachestehen oder Griffeklopfen kam ich immer noch zeitig genug. Der Tornister schien mir leicht, und die Straßen der Altstadt lockten. Hier war ich seinerzeit fast täglich herumgestreift, oft allein, dann wieder mit den Mãdchen oder in Begleitung von Studienkollegen. Auf Schritt und Tritt grüßten be- kannte Plãtze: dort die Universitãt, hier unser verräãucher- tes kleines Café, und hier das Barockportal, vor dem ich mich so oft mit Barbara und Lidka verabredet hatte. Was, wenn sie peide plõtzlich dort um die Ecke kãmen? Mög- 3 33 lich war alles... Wie sie wohl aussehen? Was, zum Bei- spiel, trieb Barbarad In den Briefen von daheim wurde ihrer nie Erwähnung getan, nur Mutter ließ manchmal durchblicken, daß sie sich um Barbara sorgte. Aber Bar- bara ging nicht verloren, obwohl man natürlich nie wissen konnte... nein, nein, Barbara ging nicht verloren. Was für Augen sie wohl machen würde, wenn ich sie jetzt hier träfe? Aber es war schon besser, ihr nicht zu begegnen, ich war ja Soldat, und bei ihren Ansichten... ach, was war das ũberhaupt eine verrũckte Vorstellung, dieses Zu- sammentreffen! Was für eine verrũckte und unmõgliche Vorstellung! Ich blieb stehen, ging ganz langsam weiter, blieb wieder stehen. In den kleinen, vielfach geteilten Fenstern glänzte die Sonne. Auf dem Marienplatz und hinter der Kreuz- herrenkirche grünten die Ahornbäume. Unter dem Brük- kenbogen mit dem steinernen Heiligen floß breit und rau- schend der Fluß. Smaragdfarben schimmerten die Dächer der Kirchen und des Veitsdomes auf dem anderen Ufer. Die Gartenhänge des Laurenziberges waren rot gespren- kelt von blũhenden Kastanien. Die Sonne spiegelte sich in den Glasscheiben des Rundgangs oben auf dem Kleinen Biffelturm. Die Scheiben waren rosa und blau; das konnte man von hier aus nicht schen, aber ich wußte es. Lidka hatte einmal mit mir durch die bunten Scheiben hinunter- geblickt, an einem lauen Vorsommertag ãhnlich wie heute, und die himmelblaue Welt hatte durchaus unserer Laune entsprochen. Und dann war Lidkas Hut plõtzlich davon- geflogen; er hatte sich ausgenommen wie ein weißer Blu- menkorb mit gelben Anemonen... Ja, der gleiche Wind wie damals wehte auch heute, und es roch genau so, und die Stadt lag genau so da. Alles war, wie es frũher gewesen.. Oder war es doch nicht so7 Zu- erst wollte ich mir's nicht eingestehen, aber mit jeder Mi- nute wurde es für mich klarer, daß die Stadt nur noch so 34 aussah wie früher, daß sich jedoch etwas Fremdes, Finste- res unter dem vertrauten Kußeren verbarg. Es war schwer, die Verãnderung zu definieren. Vielleicht lag sie nur in der Art, wie die Menschen, die zu der Stadt gehörten, mit gläsernen Blicken an denen vorbeisahen, die nicht zu ihr gehörten. Oder vielleicht lag die Verãnderung darin, daß, anders als früher, ein Lachen, ein Lied auf der Straße auffiel? Mir schien plõtzlich, als sei die Heiterkeit des Akkords von Sonne und Fluß und Grün und aufstrebenden Tür- men nur nachgemacht. Ich spũrte die Müdigkeit der zwei durchfahrenen Nächte wieder. Der Tornister wurde schwer. Ich gab es auf, weiterzugehen. Ich fuhr mit der Straßenbahn nach der Liebener Vorstadt. 3 Der Feldwebel, der mir meine Finteilung zur Gruppe Unteroffizier Klahde, Stube 2 B, bekanntgegeben hatte, hielt mich noch für einen Augenblick in der Kompaniekanzlei zurück. Holler?... Holler? Warten Sie mal, ich glaube, es ist schon was mit der Post für Sie angekommen.v Er ver- schwand in einem Nebenraum, kehrte jedoch nach einer kurzen Weile mit leeren Händen wieder. cIch habe mich geirrt*, erklärte er, aes war nur eine Anfrage wegen einer Paketzustellung. Die Post wollte wissen, ob Sie schon bei der Kompanie sind. Na, jetzt sind Sie ja hier.v Er entließ mich, nachdem er mir nochmals auseinandergesetæt hatte, daß die Gruppe Klahde in zwei Stuben untergebracht sei und daß ich zur Stube B— zweiter Stock, letzte Türe— ge- höre. Ich ging. Ein angenehmes Gefühl erfüllte mich. Ich über- legte, wer mir das angekündigte Paket geschickt haben mochte. Sicher nicht Anneliese. Von der hatte ich erst vor einer Woche eine Liebesgabensendung erhalten: selbstge- 35 backene Küchelchen, steinhart und versalzen. So schnell stürzte sie sich nicht wieder in Unkosten, glücklicherweise. Ich mußte laut lachen. Ein Mann vom Küchendienst, an dem ich vorbeikam, sah sich kopfschũttelnd nach mir um. An der Türe von Stube B 2 klebte ein Zettel, der verkündigte, daß hier ein Gefreiter und fünf Mann im Quartier lagen. Die Fünf war frisch über eine Vier ge- pinselt. Ich trat ein. In der Stube war niemand. Ich hatte Muße, mich umzuschauen. Ein großer heller Raum. An den Längswãnden waren je drei Feldbetten und Spinde aufge- reiht. Eine in die Stirnwand eingelassene schwarze Tafel und mehrere Bilder für Anschauungsunterricht erinnerten daran, daß hier Schulkinder einmal das ABC gelernt hat- ten. Auf einem Fensterbrett standen Blumentöpfe mit Fuchsien, und in einer Ecke prangte sogar ein Schaukel- stuhl. Mle Möbelstücke waren weiß lackiert. Man konnte eher an eine Wanderherberge als an eine Kasernenstube denken. Auf dem ersten Bett links lag keine Decke. Das Wand- brett darũber war leer. Mein Schlafplatz, kein Zweifel. Ich trat heran. Am Haken über dem Nachbarbett hing eine Ausgangsmütze von besonders feinem Tuch. Sie hätte ei- nem Feldwebel oder Offizier gehören können, doch sie trug nur die Mannschaftsabzeichen. Unter dem Bett stand ein Lederkoffer, abgewetzt, aber gleichfalls von feinstem Material. Ich beugte mich nieder, um die eingeprägten Ini- tialen zu lesen: ein, J und ein, Ge, dazwischen ein kleines „Ve, überdacht von einer Krone. Wie aus einem Groschenroman, fuhr es mir durch den Kopf, Herr von C..., ein junger, durch unglückliche Um- stãnde tief verschuldeter Edelmann, dem nur noch ein ein- ziger lahmer Gaul und ein uralter Lakai geblieben sind, und der nicht die geringsten Aussichten hat, die Hand der geliebten Komtesse zu erhalten.v 36 Ich wurde durch ein Geräusch aus meinem Phantasieren gerissen. Jemand war in die Stube gekommen. Herumfahrend, blickte ich in ein Gesicht von sũdlãndi- schem Schnitt, olivenfarben, mit scharfgebogener Nase, dunklen Augen, einem seidigen schwarzen Schnurrbart und schmalen Lippen. Etwas in diesen Zügen verwirrte mich, doch fand ich erst spãter heraus, was den verwirren- den Eindruck schuf: es war die Verschiedenheit der beiden Augen. Das linke glänzte lebhaft, gewissermaßen über- wach; das rechte dagegen verbarg sich zu drei Vierteln hin- ter einem schwer herunterhängenden Lid; es schien trüb, verschlafen, wurde jedoch zuweilen von einem plõtzlichen Aufleuchten erhellt. Ich hatte unwillkürlich Meldehaltung angenommen, viel zu stramm, denn der Dunkelgesichtige hatte, wie ich nun sah, nur um einen Tressenwinkel mehr am Krmel als ich. Er winkte ab. Es war eine lässige, fast hochmütige Be- wegung, und doch wirkte sie nicht verletzend. Mit einer tiefen Stimme fragte er: Oberschũtze Holler dv und setzte gleich hinzu: Das ist gut. Wir kõnnen Zuwachs brauchen. Das Bataillon hat kaum halbe Kriegsstärke. Wir haben schon auf dich gewartet. Ich bin der Stubenälteste hier: Chabrun.v Er sprach den Namen betont franzsisch aus und quittierte mein Erstaunen mit einem spõttischen Blick unter dem schweren Augenlid hervor.«Joachim von Cha- brunꝰ, wiederholte er und erkundigte sich dann:«Du bist doch Student gewesen, was dv ¶Ja. Wiesodv Das merkt man eben. Ich merke das. Bin übrigens auch mal ein Studiosus gewesen. Eine Weile... Ja, eine Weile, wie anderes auch.v Er lachte, brach unvermittelt ab, tippte an mein Verwundetenabzeichen. Ostfrontꝰv Ich bemerkte erst jetzt, daß auch er das Abzeichen trug. 37 Das seine hatte sogar zwei Spangen.(Nein, ich war nicht im Ostenv, entgegnete ich hastig,«mich hat's beim Balkan- feldzug erwischt, in Kroatien.* Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, und ich verschluckte mich bei- nahe heim Weitersprechen.«Hier, an der Hüfte. Eine ver- dammt langwierige Geschichte. Und nach der Aushei- lung..» Chabrun unterbrach mich: Mußt du mir gar nicht so genau erklären, mein Junge. Und überhaupt, ich habe vol- les Verstãndnis dafũr, daß man einen guten Heimatschuß in Ehren hält, nur, sichst du, ich persõnlich habe keine Ver- wendung dafũr. Ich halte es für eine ausgemachte Gemein- heit meines werten Schicksals, daß es mich von der Front hierher verschlagen hat, wo ich eine ganz powere Figur mache. Jawohl, eine ganz powere Figur.v Er brachte das alles in einem peilãufigen Tone vor, ohne jedes Auftrump- fen und auch ohne merkbaren Sarkasmus. Ich wurde nicht klug aus ihm. Er schien das zu erraten, blinzelte mir mit dem verschlafenen Auge zu und meinte: Na, pack ab, Junge, mach dir's bequem. Die andern werden gleich da sein, dann geht's zum Futtern. v Er setzte sich rittlings auf einen Schemel und begann seine Fingernägel mit einer langen Feile zu bearbeiten. 4 Die vier Mann, die noch zur Belegschaft von Stube 2 B gehörten, kamen alle auf einmal hereingepoltert, müde vom Wachdienst und nur darauf bedacht, die Ausrüstung so schnell wie mõglich abzuschnallen und dann zur Küche zu stürzen, um Essen zu holen. Das war nicht der geeignete Augenblick, um mit ihnen näher bekannt zu werden. Sie schenkten mir kaum ein paar Grunzer, als Chabrun ihnen erõffnete, daß ich der schon seit einigen Tagen erwartete Zuwachs sei. 38 Nach dem Essen beschnüffelten wir uns gegenseitig. Ich mußte Auskunft über mich geben— darüber, was ich beim Militãr und was ich vorher getrieben hatte und wo ich zu Hause war. Dafür erfuhr wiederum ich, daß meine neuen Kameraden durch die Bank aus Norddeutschland stamm- ten: daß sie Klobocznik, Seelke, Maurer und Dietz hießen; und daß nicht einer von ihnen im Felde gewesen war, zu- mindest nicht in diesem Kriege, denn Maurer hatte den letzten mitgemacht,- weshalb er denn auch jetzt, als einer von den Altgedienten über fünfundvierzig, nicht an die Front mußte. Scelke hatte auch schon seine achtundvierzig auf dem Buckel; bei Klobocznik waren es die Plattfüße und ein zahnloser Mund, und nur der Grund, dem der junge Dietz sein„Nicht felddienstfähig“ verdankte, schien unerfindlich... aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich versuchte gar nicht, diesen Grund herauszufinden. Klobocznik war Kneipenwirt im Berliner Norden gewe- sen, und er sah ganz danach aus: ein schwergebauter, auf- geschwemmter Kerl mit riesigen Tatzen und zwei wulsti- gen Nackenfalten, die rotblau anliefen, wenn er lachte oder in Zorn geriet. Alois Seelke, im Zivilberuf Unterkontrol- leur bei der Steuerbehörde, glich trotz der grauen Igeffri- sur einem Buben, der Vaters Brille aufgesetzt hat, um Er- wachsener zu spielen. Maurer mit seinem wie aus hartem Holz geschnitzten Gesicht, in dem die Augen tiefblau und sehr weiß leuchteten, hätte für einen Scemann oder For- schungsreisenden gelten können, aber er war Textilarbei- ter. Und der langnasige Dietz, dessen Lippen immer ein wenig feucht glänzten; Horst Fritz Pietz, von dem Cha- brun sagte: Wenn man ihn seinen Namen aussprechen hört, möchte man glauben, er schläft mit Sporen und Pik- kelhaubev, war natürlich Cand. phil., Student der Rassen- kunde. Dietz führte das große Wort. Die andern ließen ihn ge- wãhren: Chabrun mit einem leichten Flackern in dem ver- 39 hängten Auge, Maurer völlig unbewegt, Klobocznik und Seelke aus Trägheit, oder weil sie wußten, daß Dietz ja doch nicht zu halten war, wenn er sich vor jemand neuem in Szene setzen wollte. Als Dietz endlich verstummte, nahm Seelke das Wort. Er fragte mich, ob ich Skatspieler sei. aIch meine, ein wirk licher Spieler, nicht einfach jemand, der auch mal einen Schieberamsch runterklopft... Na, wie steht's, was für ein Spieler bist du?v Weiß nicht», erwiderte ich, amal ein guter, mal ein schlechter, wie's eben kommt. Seelke zog sein Bubengesicht in Falten. Was heißt denn das? Man ist entweder gut, oder schlecht, aber mal so und mal sodv (Ach, natürlich, unserem Seelke fehlt die Ordnungꝰ, rief Klobocznik dazwischen; sein Bierbaß kippte plõtzlich, wohl wegen des schlechtsitzenden Gebisses und klang selt- sam hohl, dohne Ordnung geht's bei ihm nicht.v Ohne die geht's bei niemandꝰ, wurde er belehrt, adas sicht man am besten an dir, alter Speckjãger. Wenn du nur etwas Ordnung in deinem Schädel hättest, würdest du von selbst dahinter kommen, daß jetzt was zum Feiern ran- geschafft werden muß... Na, glotz mich nicht so an! Hast wohl nicht kapiert? Du sollst was ranschaffen zum Feiern.v Zum Feiern?vschrie Klobocznik,«Sack Zement! Was soll denn gefeiert werden ꝰv Mensch, Klobo, doof sein ist ja schõön, aber so doof᷑ wie du.. Was gefeiert werden soll? Die Ankunft von Kame- rad Holler hier, natürlich. Ob er was vom Skat versteht oder nicht— er ist ein Mann mehr aut der Stube, und ein Mann mehr, heißt ein Sechstel Wachdienst weniger pro Kopf und Nase.. Oder ist das für dich kein genügender Grund zum Feiern dv 40 Bewahre. Hast du schon einen Wirt geschn, der nicht für's Feiern ist? Ich besorge gleich was. v Klobocznik stand auf und griff nach seiner Feldmũtze. Was für ein Gesõff wirst du denn bringen?v wollte Dietz wissen. Er kann uns ja die Weinkarte vorlegenꝰ, schlug Cha- brun blinzelnd vor. Dietz schnappte ein. Ah, der Hert Baron belieben zu Scherzen. Ich fürchte nur, der prickelnde Esprit genügt nicht, um aus Dünnbier Sekt zu machen. v Ich wãre schon mit einem Fläschchen Mosel oder Vou- vrai zufriedenꝰ, bemerkte Chabrun und in seine Noncha- lance mischte sich leise Bosheit; aunter uns gesagt, ich finde Sekt aufdringlich. So aufdringlich wie die Reisenden, die ihn verkaufen. v Bevor Pietz entgegnen konnte, mischte sich Klobocznik ein. Bitte schrv, versicherte er eifrig, cich kann auch Him- beergeist besorgen.v Chabrun winkte ab. Dann schon lieber Dünnbier.v Und warum nicht Himbeergeist?v fragte Dietz streit- lustig. Mõchten der Hert Baron sich vielleicht etwas nãher erklãren dv Gewiß... das heißt, warum nicht gleich Möbelpolitur trinken d» (Na gestatte mal. ¶Oder meinetwegen Holzspiritus.v Hier warf Maurer ein:«Nur nicht drängeln, Herrschaf- ten, dazu bringen wir's sicher auch noch. v Es war das erstemal, daß er sprach. Dietz fuhr herum, als habe ihn etwas gestochen. Er starrte Maurer an. Der saß ruhig da. In seinem Gesicht gab es auch nicht die ge- ringste Bewegung. Nur die großen leuchtenden Augen wa- ren ein wenig zusammengekniffen. 41 Das Dünnbier machte seinem Namen Ehre: es füllte nur den Bauch, hob aber nicht die Stimmung; man fühlte sich nach dem sechsten Glas noch genau so nüchtern wie vor dem ersten. Glũcklicherweise brachte Klobocznik es fertig, ein paar Flaschen Schwarzen Sliwowitz zu beschaffen, und so stellte sich schließlich doch die richtige Festlaune ein. Seelke sang mit überraschend wohlklingender Bariton- stimme, Was kann es Schõneres geben, als in Hamburg ein Mãdchen für Geld“ und, LippeDetmold, du wunderschõne Stadt?. In das letzte Lied stimmte auch Maurer ein. Er hatte eine besondere Art, von dem Tod des armen Soldaten aus Lippe- Detmold zu singen. (Es kriecht einem dabei die kalte Katze den Rücken hin- unterv, beklagte sich Klobocznik, und Pietz bekam gar das heulende Elend. Er begann zu schluchzen und Flaschen vom Tisch auf᷑ den Boden zu werfen. Um ein Haar wãren wir alle in die schõnste Patsche ge⸗ raten, wenn nicht Chabrun, trotz Lärm und Alkohol, etwas gemerkt hätte. Er sprang plõtzlich auf und schrie:«Ruhe! Es kommt wer. v Die andern kannten Chabruns Hellhörigkeit offenbar schon gut. Ohne auch nur einen Augenblick mit Fragen zu verlieren, ließen sie die Flaschen und Glãser verschwinden, wickelten Dietz, der nicht still werden wollte, in eine Decke und verstauten ihn unter einem Bett. Dann markierten sie eine unschuldige Dominopartie. Die Inspektion, die kurz darauf in die Stube kam, witterte nichts und zog schnell wieder ab. Chabrun und Seelke wollten weiterfeiern, aber es stellte sich heraus, daß kein Sliwowitz mehr da war. Klobocznik hatte im Durcheinander des Wegräumens, und um der In- Spektion nichts Verdãchtiges in die Hãnde fallen zu lassen, 42 die letzte halbe Flasche hinter die Binde gegossen. Auch war Dietz unterdessen eingeschlafen, und alle Versuche, ihn wachzukriegen, blieben erfolglos. Wir gaben es schließ- lich auf, ihn weiter zu rütteln. Ich konnte plõtzlich die Au- gen kaum offen halten. Den andern schien es ebenso zu er- gchen. Seelke trank noch schnell alle Bierreste aus, dann gingen wir zu Bett. So endete die Ankunftsfeier und damit auch mein erster Tag in Prag. In der nächsten Woche lernte ich meinen neuen Dienst kennen. Er war so, wie ihn mir der Stabsgefreite auf der Kommandantur geschildert hatte, nur daß zum Wache- stehen und Gewehrexerzieren mitunter auch noch ein we- nig Schule kam: Unterricht in der Felddienstordnung und weltanschauliche Erziehung. Diese war das besondere Stek- kenpferd von Unteroffizier Klahde, der unsere Gruppe führte. Seine ungewöhnlich großen, von dem langen Schä- del weit abstehenden Ohren erglühten in der Farbe reifer Tomaten, wenn er mit erhobener Stimme die„nationalso- zialistischen Grundwerte“ aufzählte:«Erstens Rasse, zwei- tens Führertum, drittens Gefolgschaft, viertens... nun, Dietz dv Worauf Dietz im gleichen schmetternden Tonfall fort- setzte: Viertens Deutschtum, fünftens Volksgemeinschaft, sechstens Soldatentum.v Es gab überhaupt keine Frage in Weltanschauung, die Dietz nicht beantworten konnte. Und wie er antwortete! Das ging ruck- zuck wie ein gut geölter Gewehrgriff: Welches Führerwort müssen wir Deutsche uns heute ganz besonders vor Augen halten? Können Sie mir das sagen, Dietz dv Jawoll, Herr Un'off'zier: Das Recht des Stärkeren ist das naturgegebene Recht des deutschen Volkes'. v Oder: 43 Dietz, was hat einst derm Nationalsozialismus die Kraft gegeben, Deutschland aus der tiefsten Erniedrigung und Schmach zu heben, und was erhebt heute das ganze deut- sche Volk zu höchster Einsatzbereitschaft und Kraftent- faltung dv eIn beiden Fällen: der Blick auf Adolf Hitler, Herr Un'off'ier. v Ja, Unteroffizier Klahde konnte seine Freude an Dietz haben. Ein Musterschüler! Wir anderen fielen gegen ihn võllig ab. Den grõßten Eifer legte noch Maurer an den Tag; er saß beim Unterricht straff da, etwas vorgeneigt, als wolle er den Worten, die er hörte, nachjagen; doch sein Gesicht war, wie gewöhnlich, unbewegt und verschlossen. Scelke und Klobocznik dagegen versuchten, sooft es ging, mit offenen Augen zu schlafen. Nur Chabrun zeigte ganz un- gehemmt seine Interesselosigkeit, indem er durchs Fenster zu den Wetterhähnen auf dem Dach des Nachbarhauses hinaufstarrte, oder mit gewölbten Brauen seine Fingernä- gel musterte. Unteroffiæier Klahde ließ ihm das durchgehen, wie ihm denn ũberhaupt vieles nachgesehen wurde: das feine Tuch der Ausgangsmütze, und ihr schiefer Sitz, und das spõtti- Sche Blinzeln, und das Chabrunlächeln mit tief herunterge- zogenen Mundwinkeln. Mir blieb die Ursache dieser Ausnahmsstellung lange rãtselhaft. Erst nach und nach fand ich heraus, daß Cha- brun dem Unteroffizier(und nicht nur ihm, auch vielen an- deren) unheimlich war. Unheimlich in seiner nonchalanten Art, sich an die gefürchtete Front zu wünschen. Ausgespro- chen unheimlich, wenn er etwa mitten im Gespräch das Thema wechselte und bemerkte: Was für eine Schweine- rei, offengestanden, he, dieses ewige Herumsitzen im Hin- terland. Verzeihung, ich rede natürlich nur von meiner eige- nen Person. Die gehört nun mal in ihrer stammrollenmã- ßigen Eigenschaft als Soldat an ein Maschinengewehr vor 44 dem Feind, und nicht in ein Schilderhaus vor einem Kartof- felspeicher. Du bist mir aber eine Mottev, meinte bei einer solchen Selegenheit Klobocznik, asag mal, ist es wahr, was man sich so erzählt: daß du mal beinahe vor die Hunde gegan- gen bist, weil ein Blindgänger, mit dem ihr Pfähle einge- Schlagen habt, nicht stillhalten wollte dv Chabrun winkte gelangweilt ab und sagte mit einem Gähnen:«Ach, Unsinn, wer hat dir wieder diesen Bären aufgebunden dv 6 An meinem ersten freien Tag fuhr ich in die Innere Stadt. Dietz und Seelke, die gleichfalls dienstfrei hatten, fuhren mit, doch stieg Dietz schon kurz hinter der Lie- bener Brücke aus. ¶Nanu ꝰ» fragte Seelke, als Dietz aufstand und dem Stra- Benbahnschaffner das Zeichen zum Halten gab, cscit wann gehst du nicht mehr ins Puffdv Wer sagt dir denn, daß ich nicht mehr hingehe? Na- türlich gehe ich hin. Ich muß nur vorher noch was erle- digen. Wenn du heute mithalten willst... alle meine Freunde kriegen Vorzugsbehandlung... na, was ist, bist du mit von der Partie ꝰv Aber Seelke wollte nicht. Erstens koste das Bordell Geld; zweitens wisse man bei den Mädchen nie— ge- wiß, gewiß, es gebe die Kontrolle, aber immerhin, und als Familienvater kõnne man nie vorsichtig genug sein; und schließlich(hier zog sich Scelkes Bubengesicht in einem breiten Lãcheln auseinander), schließlich sei er ja versorgt. (Ach, immer noch die Karnickel?v (Klar, Mensch! Wo denkste hin? Was meiner Mutter Sohn ist, geht immer nur auf die solide Tour.v Es klang halb stolz und halb entrüstet. Offenbar fand Seelke es un- 45 erhört, daß Dietz bei ihm andere als nur die dauerhaftesten Seitensprünge vermutete. Nachher, als Dietz ausgestiegen war, erzählte mir Seelke, daß er Anschluß an eine Witwe gefunden habe, eine mol- lige Sãchsin, die in der Kantine des Reichs Sondergerichts arbeite und als nahrhaften Zeitvertreib die Zucht einer be- sonderen Kaninchensorte betreibe, deren Fleisch, in Essig eingelegt, ganz so schmecke wie Reh auf sauer. Seelke be- schrieb die Zartheit des falschen Rehbratens in allen Hin- zelheiten. Er geriet dabei in Hitze. Zum Schluß lud er mich sogar ein, zu seiner sächsischen Witwe mitzukom- men. Als ich jedoch dankend ablehnte, drang er nicht wei- ter in mich, sondern empfahl sich eilig, als fürchte er, daß ich es mir doch noch anders überlegen könnte. Es war ein Samstagnachmittag und schon Mai. Die Sonne schien warm. Die Frauen trugen helle Kleider und Strohhüte. In den Gassen der Altstadt wimmelte es von Kindern, die Fangen spielten oder über Springschnüre hüpften. Aus den Höfen kam das langgezogene Gedudel der Leierkãsten: Auf der Prager Brücke sprießen Kleine Rosmarin... Das Herz z0g sich ganz leicht zusammen, wuchs dann in Erwartung, und jetzt, dort, hinter der nächsten Ecke tauchte wirklich eine vertraute Gestalt auf: schlank und dabei kräftig, mit dem an ländliche Weite und Ungebun- denheit gewöhnten Gang. Sogar ein Hut, ganz ähnlich dem frũheren mit den gelben Anemonen, war da; er ver- deckte noch das Gesicht; aber nun hob sich die Krempe... ich grüßte verwirrt... doch es war ein fremdes Gesicht, das mir erstaunt und ablehnend entgegenblickte. Es gab mir einen Schock. Ich stand und starrte der Frau nach. Sie hatte Lidkas Nacken, Lidkas Schulterbewegun- 46 gen. War sic's nicht doch? Da kreuzte sie die Straße und ich bekam nochmals ihr Profil zu schen. Es war fremd. Und fremd war auch alles rundum: jeder Mensch, jedes Haus. Ja, die Stadt hatte wieder jenes fremde Gesicht an, das mich schon am Tage meiner Ankunft verwirrt hatte, ohne daß ich imstande gewesen war, es in seiner Ver- ãnderung zu deuten. Heute sah ich klarer. Ich begriff, es war ein Traumgesicht, das ich da vor mir hatte,— oder nein, ein Winterschlãfergesicht, entrückt und undurch- dringlich. Ich trat in eines der kleinen Cafes ein. Der winklige Raum war von Lãrm und Bewegung erfüllt wie ein Bienen- korb. Ich sah mich nach einem freien Tisch um und ent- deckte einen in der gegenüberliegenden Ecke. Während ich auf᷑ ihn zuschritt, merkte ich, daß die Gesprãche rechts und links verstummten oder zum Flüstern hinabsanken. Ich setzte mich. Die Gesellschaft am Nachpartisch prach auf; die Stühle blieben leer. Die Gäste am übernächsten Tisch steckten ihre Köpfe in Zeitungen. Das Gemurmel der Gesprãche wurde noch leiser. Ein Glas fiel irgendwo zu Boden und zerbrach mit einem schrillen Klang. Jemand seufate erschreckt auf, verstummte jedoch sofort. Es war jett võllig still, bedrũckend still in dem menschenerfüllten Raum. Mir kam ein vergessener Vorfall aus meiner Kind- heit ins Gedächtnis zuräck. Ich hatte mich einmal mit meinem Bruder Kurt und noch einem Jungen in der Heide verlaufen. Ein Gewitter 20g herauf. Wir begannen zu singen, um uns Mut zu machen, aber mit einemmal konnte keiner von uns einen Ton mehr hervorbringen. Das glei- che würgende Gefühl wie damals saß mir jetzt in der Kchle. Ich stand mit einem Ruck auf und schob meinen Stuhl polternd zurũck. Als daraufhin einige der Gãste zu- sammenfuhren, gab mir das eine verworrene Befriedigung. Ich warf ein paar Münzen auf die steinerne Tischplatte und ging. Meine Schritte hallten laut wie in einem Gewölbe. 47 Die Befriedigung verflog, noch hevor ich die Tür erreicht hatte. Auf der Straße spürte ich den Pfropfen in meiner Kehle wachsen. Ich begann, die mir begegnenden deutschen Sol- daten schärfer ins Auge zu fassen. Viele von ihnen kamen großspurig daher, oder lachend, oder gleichgültig. Poch gab es auch solche, in denen Ahnliches vorgehen mußte wie in mir. An einer ihrer Bewegungen, an einem ihrer Blicke war zu erkennen, daß sie sich im Grunde verlaufen fühlten. Unversehens tauchte hinter einer Ecke wirklich ein be- kanntes Gesicht auf, aber es war das von Dietz. Er stand im Schatten eines Laubenbogens und ãugte zu einem Haustor auf der andern Straßenseite hinüber. Seine lange Nase war gebläht. Er glich einem Dachshund auf der Lauer. Es vergingen zwei, drei Minuten. Dietz schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken. Er rührte sich nicht. Plõtzlich, gerade als ich beschloß, mich leise davonzu- machen, drehte er sich um. (Ach, du bist's, Holler? Warte, renn nicht gleich weg. Wollen wir zusammen einen Kleinen kippen ꝰ... Ach so, du zerbrichst dir wohl den Kopf, was ich hier treibe d» Er rieb sich die außergewöhnlich weißen, schwammigen Hãnde. Habe nur so herumgeschnuppert. Man darf seine Beobachtungsgabe nicht einrosten lassen. Schließlich ist jeder von uns ein bißchen Auge des Gesetzes in diesem freundlichen Land hier, hehehe...v Er prach jãhlings ab, schlug die Hacken zusammen und erstarrte in straffster Diensthaltung. Ich hatte gerade noch Zeit, die Hände an die Hosennaht zu legen, als auch schon ein hoher SS.-Offizier, dessen Kommen wir nicht bemerkt hatten, vor uns stehen blieb. Er trug große Uniform, mit zwei Reihen militärischer 48⁸ Auszeichnungen und dem Blutorden der Partei an der Brust ein noch junger Mann, dessen scharfgeschnittenes Sesicht unterhalb der breiten, harten Lippen abgehackt schien, so jãh trat das kleine Kinn zurück. Hin Adjutant und mehrere besonders lange SS.-Männer hielten an der nächsten Ecke. Der Offzier musterte uns eine Weile aus hellen, starren Augen, die seltsam nackt wirkten, und sagte dann(offenbar hatte er die letzten Worte von Dietz gehört): Durchaus lõbliche Ansichten. Nur so weitermachen.v Die Stimme war hochgeschraubt; man merkte ihr an, daß sie gewohnt war, zu befehlen. Wieder musterten uns die wimperlosen Augen. Bewegungꝰv Dietz reckte sich, daß er beinahe vornüberkippte, und schmetterte: Jawohl, Herr Obergruppenführer: fünf Jahre Partei, vorher H]. und Nationalsozialistischer Schü- lerbund.v Der Offizier winkte ab. Einen Atemzug lang schien es, als wolle er das Gespräch fortsetzen, doch dann hob er nur lãssig zwei Finger an den Mützenschild, befahl Rüh- ren lv und wandte sich zum Gehen. Dietz stand noch erstarrt in Meldestellung da, als die Schwarzuniformierte Gruppe bereits in einer Nebengasse verschwunden war. Ich stieß ihn an. Er fuhr sich mit einer traumverlorenen Gebãrde über die Stirn. Dann erwachte er plõtzlich. Weißt du, wer das war dv fragte er heiser. Heydrich. Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Der stellvertretende Reichsprotektor. Der beste Mann, den Himmler in der SS. hat. Das Richtschwert des Reiches. Wo der hinschlägt, wächst für ewige Zeiten kein Gras mehr.» In diesem Tone ging es eine gute Viertelstunde weiter. Endlich unterbrach sich Dietz, um zu fragen: Hast du gemerkt, wie er uns angesehen hat?v (Ja. Er hat sonderbare Augen. Meinst du das?» (Es geht einem durch und durch, nicht wahr? Sie nen- . 49 nen ihn in der SS. die, Schwarze Kobra“, übrigens nicht wegen des Blicks, sondern weil er wie ein dunkler Blitz über die Feinde herfällt. Junge, Junge, und er hat gleich herausgekriegt, daß ich in der Bewegung bin.» Wãhrend des Rückwegs wurde Dietz nicht müde, von der, Schwarzen Kobra? zu schwärmen, und Klobocznik, der als einziger auf᷑ der Stube war, bekam sofort eine mãrchen- haft ausgeschmückte Schilderung unseres Zusammen- treffens mit Heydrich zu hören. Wider Erwarten zeigte sich der Dicke davon nicht schr beeindruckt. Ja, wenn er dich nach deinem Namen gefragt hättev, meinte er mit ge- ringschãtzigem Fingerschnippen, adas wãre was anderes. v Für den Bruchteil einer Sekunde schien Dietz verwirrt, doch wippte er sofort wieder in die Hochstimmung zu- rũck. ¶Und du glaubst, ich bekomme es nicht fertig, daß er meinen Namen noch erfährt?v Er lächelte vieldeutig- geheimnisvoll und siegesgewiß. Ich ging zur Post, um wieder einmal nachzufragen, ob das Paket endlich eingetroffen war, von dem mir, gleich nach meiner Ankunft, der Feldwebel in der Kompanie- kanzlei gesprochen hatte. Im Schalterraum traf ich Klobocznik an, der in Lau- scherhaltung an der Barre lehnte. Er winkte mir zu, schnell heranzukommen, aber keinen Lärm zu machen. Ich trat zu ihm. Der Platz hinter dem Schalter war leer. Klobocznik wies nach einer Türe in der Hinterwand. Die Tür war nur angelehnt. Durch den Spalt drang unterdrũcktes Gekicher und Flũstern zu uns. Klobocznik stieß mich an. aKlahde vergnügt sichv, zi- schelte er, Mensch, so gut wie der mõcht ich's auch mal haben: ein Mädel mit so'nem Busen und so bequem bei der Hand. v 50 Die Gerãusche hinter der angelehnten Tür verstummten wie abgeschnitten. EFine Diele knarrte, schwere Stiefel- schritte entfernten sich. Gleich darauf kam eines der zwei Hitlermãdchen, die den Postdienst beim Bataillon ver- sahen, in den Schalterraum. Es war die Jüngere der beiden, Gerda Putz, eine dralle, breithüftige Person, der man um gute fünf Jahre mehr geben konnte als ihre knappen zwarzig. Sie hatte strähniges, weißblondes Haar, das im Augenblick etwas zerzaust war. Der breite Mund und die grauen Augen, die plõtzlich, ohne Zwischenstadium, von Samtweicher Träumerei zu kältester Ausdruckslosigkeit hinüberwechseln konnten, erinnerten mich unangenehm an Anneliese. Sie hatte die Armel ihrer Uniformjacke bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt und den Kragen weit geõffnet. cIst was für mich da, Schatz dv fragte Klobocznik; er beugte sich über die Barre und versuchte, in Gerdas Jak- kenausschnitt zu schielen. Keine Geldanweisung von mei- ner Alten d» (Nein. Und weg da, oder es setzt was mitten in die Plautze lv Gerda griff nach einem Lineal und fuchtelte da- mit vor Kloboczniks Nase herum. Er grinste. Au Backe, Mä'chen, bist du aber von der rauhen Sorte! Also sie hat nichts geschickt? Und dabei hab' ich ihr schon vor zehn Tagen geschrieben. S0 ein Luder! Na, was ist da zu machen? Krieg ich wenigstens von dir was zur Entschädigung, Gerdachen dv (Knif, Dicker, kommt nicht in Frage. Wer bist du schond» Klobocznik ereiferte sich: Woher weißte denn, daß ich nichts bin? Weil ich keine Tressen aufgenäht habe? Ich hab' meine Tressen vielleicht ganz wo anders...» Er beugte sich wieder über die Barre. Abschieben lv Gerda schlug ihm mit dem Lineal auf die Finger, daß es knallte. 51 (Na, hör mal!lv DPas Gebiß geriet ihm ins Wackeln, und seine Stimme wurde hohl, cwas stellst du dir eigentlich vor dv Gerda wiederholte trocken:«Abschieben! Abschieben, oder ich werde dienstlich...v Wohl leicht irrsinnig geworden, hedv knurrte Klo- bocznik, zog sich aber vom Schalter zurück. Das Mädchen schnitt eine Grimasse hinter ihm her. Dann drehte sie sich schnell zu mir hin und sprudelte l0s, bevor ich Zeit hatte, ein Wort zu sagen:«Ach, Ihr Paket. Nein, das haben wir noch nicht bekommen. Wenn Napf- kuchen von Muttern drin ist, kõnnen Sie sich schon jetzt nach einem Hammer zum Zerklopfen umschaun.» (Danke. Ist nicht nõtig. Ich habe gute Zähne. v Wirklichd» Gerda schaute mir auf den Mund. Ihre grauen Augen waren beschlagen. Sie warf den Kopf zu- rũck und brach in lautes Gelãchter aus. Wieder wurde ich an Anneliese erinnert; es gab mir ein unbehagliches Ge- fũhl. Was tat ich eigentlich noch hier? Ich wandte mich zum Gehen. Indem hörte Gerda zu lachen auf.«Na, nun läuft er einfach davonv, rief sie, adas ist mir ein Krieger.v Ich z5gerte.«Ja, aber, wenn das Paket nicht da ist...v Wenn das Paket nicht da ist... Das Paket, das Paket, äffte Gerda mir nach, anichts hat er im Kopfe, nur sein Paket. Na, ist gut, Sie können wegtreten, Oberschütze Holler, aber übermorgen melden Sie sich wieder hier, ver- standen? Und sie lachte von neuem los. (Hast du aber Schwein, sagte Klobocznik, als wir die Post verlassen hatten,«Sack Zement. Das Mädel fliegt auf dich. Und dabei läßt sie sonst nur bessere Herren ran, vom Unteroffizier aufwãrts. Junge, Junge, wenn das der Pietz erfährt... der macht sich Hoffnungen auf den zweiten Platz hei dem Mãdchen... also wenn er das erfährt, kriegt er Gelbsucht. v z. Ich widersprach: aUnsinn, was bildest du dir nur ein. v Mlein Klobocznik ließ sich von seiner Ansicht nicht abbringen. Und kaum waren wir auf unserer Stube an- gelangt, verkündete er mit lauter Stimme:«Alles mal her- hören. Unser Neuer hier hat sich einen Polstersitz im Her- zen von Gerda Putz erobert. Na, was sagst du dazu, Dietz? Da kannst du einpacken mit all deinen Künsten. v Oho. Wieso denn? Erlaube mal.v Dietz warf sich in Positur. Zwischen ihm und Klobocznik entspann sich ein hitziger Meinungsaustausch über die verschiedenen Mittel, die einem den Erfolg bei Frauen sicherten. Dietz schwor offenbar auf Talismane, besonders auf ein Bild der Leda mit dem Schwan, das er in seiner Zigarettendose mit sich führte. Ich versuchte eine Weile den beiden zuzuhören, aber meine Gedanken schweiften ab. Gerda, Anneliese... nein, das war nicht das Richtige. Aber was war das Richtige? Wo war es ꝰ Dietz und Klobocznik wurden immer lauter. Jetzt mischte sich auch Seelke in ihren Disput. Ich verließ die Stube, trat auf den Korridor hinaus. Von irgendwoher kamen leise Töne geschwommen— Flõtentõne, wie ich erstaunt feststellte. Ich ging ihnen nach, die Treppe zum Dachboden hinauf. In einem mit Gerümpel angefüllten Winkel saß, die Beine untergeschla- gen, Chabrun und blies auf einer kleinen Flöte. Die Melodie war verschnörkelt, sicher sehr alt. Chabrun Spielte primitiv, aber mit offenbarer Hingabe. Sein Gesicht hatte, soweit ich in dem herrschenden Zwielicht sehen konnte, einen an ihm ungewohnt weichen Ausdruck; es war ein Pagengesicht. Aufgestört durch mein Kommen, legte Chabrun das In- strument weg und begann mit rauher Stimme zu schimp- fen, so unflätig, wie ich es bisher niemals gehört hatte. Ich stand noch ganz verblüfft da, als er schon wieder in seinem 53 normalen Tonfall bemerkte: Bon, Schwamm drüber. Setz dich. v Er holte einen Tabaksbeutel und ein Heftchen mit Sei- denpapier aus der Tasche und rollte sich eine dũnne Zi- garette: schr geschickt, schr geschwinde und nur mit der ſinken Hand. Es nahm sich aus wie ein Zauberkunststück. Pann hielt er mir Tabak und Papier hin. Auch eine?» Er sah, daß ich beim Anrauchen nach der Flõte schielte, und ließ sie mich nãher anschauen. Es war ein schõnes Instru- ment— Bein und Ebenholz mit fein gravierten Silber- beschlägen, deren einer die Jahreszahl 1737 trug. Ja, dar- auf hat einer meiner Vorfahren im Siebenjährigen Krieg gespieltv, erklärte Chabrun, Rokokotänze und preußische Prãsentiermãrsche. Und ich stũmpere ihm manchmal nach, in der gleichen Manier. Er rauchte langsam, den Rauch tief einzichend. Du wunderst dich über mich, was? Ko- mische Figur, dieser Chabrun? Und nach einer kleinen pause: aIst auch wirklich so: ein biſichen komisch und ein bißchen... na, wie soll ich's nennen... anachronistisch qürfte wohl das Wort sein. Jaja, ich bin ein Anachronis- mus, um einige hundertfünfzig Jährchen zu spät auf die Welt gekommen.* Mit einer spielerischen Gebärde warf Chabrun die zu einem winzigen Stummel abgerauchte Zigarette weg und drehte sich eine neue. Das rasche, geschickte Drehen schien ihm Spaß zu machen; er hielt die fertige Zigarette in die Hõhe und pbetrachtete sie lãchelnd, bevor er sie anzündete. Ich wollte etwas auf seine letzten Worte entgegnen, doch Chabrun winkte ab. Schweigend tat er einige Züge und fuhr dann fort:«Ja, wir Chabruns... Chabruns d'Astier de la Tarève, du siehst, wir zichen gleich eine ganze Hof- schleppe von Namen hinter uns her... also wir gechören rechtens in eine andere Zeit. Wir sind immer eine feudale Institution gewesen: Raubritter, Troubadoure, Küras- siere, Hauptleute und Oberste der Kurfürsten von Bran- 54 denburg und der Kõnige von Preußen... wir sind nãm- lich gut preußisch, so alt wie Preußen selbst, wenn wir auch mal Emigranten aus Frankreich gewesen sind. Ja- wohl, Emigranten, aber bitte, nicht etwa von der Sorte, die vor der Revolution Reißaus genommen hat. Nein, Herr, wir Chabruns sind nicht vor irgendwelchen Sans- culotten ausgerũckt; wir haben als hugenottische Kava- liere das Feld nur einem Kõnig geräumt.v Er hatte auch die ⁊weite Zigarette ausgeraucht und zerdrũckte den glim- menden Stummel umständlich mit einem Stück Holz. Eine feudale Institution, wie gesagt. Dabei ist es uns manchmal ganz dreckig gegangen. Mein Urgroßvater zum Beispiel hat nach den Kriegen gegen Napoleon nichts im Besitz gehabt als einen Bocksattel, zwei Paar silberne Epauletten, seinen Stammbaum und den Anspruch auf fünf Taler monatlich Halbsold... und trotzdem, trotz- dem, wenn ich mir so überlege, in was für einer rue de caque, zu deutsch mit Verlaub: total beschissenen Situ- ation sich sein Hert Urenkel heute befindet, in einer Welt, die Adeliges und Gemeines unterschiedslos in die Wurst- maschine der Historie stopft... v Er schwieg, z0g eine schmale goldene Uhr hervor, in deren spiegelblankem Peckel er sich mit mũder, belustigter Neugier betrach- tete. Seine Mundwinkel wippten dabei auf und nieder. Nicht schr imposanter Anblick lv schien diese Bewegung zu sagen, und ich erwartete eine Bemerkung in dieser Art. Poch es kam anders. Mein Vaterꝰ, begann er von neuem, chat mir anno achtzehn, vor seiner Abreise ins Feld, ein Bild geschenkt. Es stellte Landsknechte dar, die als ver- lorener Haufe zwischen den Schlachtreihen kämpften. Parunter hatte er geschrieben:„In unserem Jahrhundert der Massen sind bloß wenige auserwählt, ein Schicksal zu haben. Und nur der ist ein wirklicher Mann, der sein Schicksal nicht wie eine Last trägt, sondern stolz wie eine Fahne. Denk immer daran mein Sohn!“ Und du sichst, das 55 tue ich auch getreulich. Nur, zum Henker, wie stellt man es an, sein Schicksal als Wurstpartikel stolz zu tragen gleich einer Fahne? Nebenbei, mein Vater wurde damals auf᷑ dem Wege zur Front von einem Lastwagen der Müll- abfuhr zerquetscht. Ah, bah, was ist das alles für ein blü- hender Irrsinnlv Chabrun schnippte mit den Fingern, griff nach der Flõte und blies ein kurzes Stück. EHr nannte es„Sarabande für die Windspiele von Sanssouci? und fügte hinzu: Kom- poniert von Fridericus Rex und von ihm hõchstpersõnlich vor den nichtsahnenden Gesandten der fremden Mächte gespielt, wãhrend seine Truppen gleichzeitig die Feind- seligkeiten im Schlesischen Krieg eröffneten. Eine ganz reizende Kormposition.v Er schaute mich von unten her an, wobei sich zum erstenmal auch sein schweres Lid hob, und wiederholte den letzten trillernden Akkord der Sara- bande. 8 Die Tage tröpfelten dahin. Wachestehen, Exerzieren, eine kleine Kneiperei in der Kantine, ein halbes Liches- abenteuer mit Gerda Putz im dunklen Lagerraum der Ba- taillonspost. Sogar der Krieg schien zu schlafen. Die Heeresberichte meldeten„Nichts Neues'. Von einer Frühlingsoffensive war keine Rede mehr. Bruder Gerhard, der mit seiner Bat- terie an der finnischen Front lag, beschäftigte sich mehr mit Angeln als mit Schießen. Kurt wartete in seinem ukrainischen Bezirkskommando ungeduldig auf die Ab- kommandierung nach Lybien, zum Afrikakorps, wo er „ein bißchen mehr Abwechslung und Wirbel' anzutreffen hoffte. Und Lutz, Kommandeur einer Abteilung Waffen- SS. am Ilmensee, war wohl durch die Schneeschmelze, über die er in seinem letzten Brief so bitter geklagt hatte, immer noch verhindert, eine geplante Riesen-Partisanen- Jagd zu 56 unternehmen, und schwieg sich aus, wie immer, wenn er nicht mit Erfolgen auftrumpfen konnte. Von daheim schrieben sie mir, daß Mutter wieder einmal mit ihrem Brustkatarrh darniederliege, aber schon auf dem Wege der Besserung sei; daß Anneliese mãchtig zunchme und wohl in Kürze niederkommen werde; und daß Onkel Helmut bei den letzten Zwangsversteigerungen nichtdeut- Schen Eigentums eine Menge Möbel für unser künftiges Heim erstanden habe. Es sind vier schwere Klubsessel dabeiꝰ, schrieb Anne- liese, clachsfarbener Samt, schr schick, aber leider auch schr heikel. Ich hätte schon wegen der Vorhänge licber grünes oder rotes Leder gehabt, aber bei diesen Verstei- gerungen muß man eben nehmen, was da ist. Die Sachen waren natürlich spottbillig und sie schauen aus wie neu. Man hat sie diesen Juden oder Tschechen noch rechtzcitig abgenommen, hevor sie verlaust und verludert werden konnten. NB.: Könntest du vielleicht in Prag etwas von dem guten tschechischen Pflaumenmus auftreiben? Hier kriegt man nur noch Einheitsmarmelade von einem Ge- schmack... aber ich will licher nicht wiedergeben, was Effi jedesmal beim Frũhstück darũber sagt. Wozu Eff, Annelieses jüngere Schwester, in einer Nachschrift be- merkte: Sehe absolut nicht ein, warum Anneliese so vor- nehm tut, wo das Zeug tatsãchlich zum Kotzen ist.v Ich steckte die Briefe, in denen ich— auf der Kante meines Bettes sitzend— gelesen hatte, unter das Kopf- kissen, ließ mich nach hinten fallen und dõste mit offenen Augen vor mich hin. Es wãre gut, ein Mãdchen zu haben. Nicht Gerda Putz(je näher ich die kennen lernte, desto mehr erinnerte sie mich an Anneliesc), nein, nicht Gerda, aber jemand wie... Hier verschwammen Vorstellungen und Wünsche in einem Nebel. In einem Nebel, der bãuer- 57 liche Mädchenzüge hatte mit feinem dunklem Haar und etwas verschleierten braunen Augen. Lautes Gelächter und Schimpfen scheuchten mich aus meinem Dõsen auf. Dietz und Klobocznik hatten eine Kar- tenpartie gegen Scelke verloren und schoben sich nun ge- genseitig die Schuld zu. Maurer Saß mit seinem gewohnten unbeteiligten Gesicht daneben und pastelte an einem aus- einandergenommenen Radioapparat herum. Chabrun lag auf᷑ dem Nachbarbett. Er las in einem kleinen Buch mit ab- gegriffenen Lederdeckeln. Seine Lippen bewegten sich da- pei. Betete er am Ende? Da hob er den Kopf. Unter dem schwer herunterhängenden Lid blinkte es auf. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er mir das Buch herüber.„Hölder- lin— Ausgewählte Gedichte' stand in blassen Goldlettern auf dem Rücken. Chabrun beantwortete mein verblüfftes Aufblicken mit einem lautlosen Lachen. Ich wollte ihm das Buch zurückgeben, doch er schüttelte den Kopf. Du kannst es noch eine Weile behaltenv, sagte er und erhob sich, cich muß sowieso jetzt fort.v Er ging aus der Stube. Ich schlug das Bãndchen auf, wo ein Lesezeichen zwischen den Seiten lag. Ein paar Verszeilen waren unterstrichen. Ich las: Doch uns ist gegeben, Auf keiner Stãtte zu ruhn. Die Tür wurde aufgerissen, und Unteroffizier Klahde, in Stahlhelm und mit umgehängter Maschinenpistole, erschien auf der Schwelle. Achtungv, schrie er herein, zwei Mann für ein H. K. benõtigt: wer meldet sichꝰv Dietz warf die Karten hin und federte hoch.«Herr Un' off'zier.v Auch Seelke und Klobocznik standen auf. Klahde rief: Zwei sind genug. Dietz, Klobocnik, fertig machen und Patronen empfangen, aber schleunig, marsch, marsch lv Er machte kehrt und verschwand. 58 Dietz und der Dicke griffen nach ihren Helmen und Kop- pelriemen, stũrzten hinter Klahde her. Ich blickte die zwei andern an. Maurer werkte an einer Drahtspule. Seine Augen waren zusammengekniffen— ganz schmale, glänzende Schlitze. Er pfiff leise, mißtõ- nig durch die Zähne. Seelke setzte sich gerade mit einer Stopfarbeit in den Schaukelstuhl. Umständlich befeuch- tete er seine Finger, um einen Wolffaden durchs Ohr zu zichen. Ich fragte: Wo sind denn die nun hind» Maurer gab keine Antwort, hörte nur auf zu pfeifen. Seelke bemerkte, ohne seine Arbeit zu unterbrechen:«Na, Menschenskind, ich glaube, du bist im Felde gewesen. Da habt ihr doch auch... v Er hatte den Faden durchgezogen und schnippte mit den Fingern. Ich begriff nicht, was er damit ausdrũcken wollte, starrte ihn groß an. Er schnalzte nochmals. War es die Miene, die er dazu machte, oder fiel mir nachträglich ein, was H. K. bedeutete, kurz ich wußte plõtzlich: Seelkes Geste hieß Er- schießen. Mir war, als klopfe ein kalter Finger auf meinen Rücken, aber das wurde mir erst spãter bewußt; im Augen- blick selbst kam ich gar nicht dazu, mich mit meinen Emp- findungen abzugeben. Chabrun war eingetreten; er hielt einen Rasierpinsel und eine Klinge in den Hãnden, spiele- risch wie ein Jongleur. Nanu d» fragte er und deutete auf die leeren Plãtze von Dietz und Klobocznik.«Ausgeflo- gendv Sein Blick wanderte zu mir, dann zu Maurer und Seelke. Maurer pfift wieder. Seelke beugte sich ber seine Stopf- arbeit: er entwirrte langsam eine Verfitzung; dann warf er hin: Himmelfahrtskommando. v Ach sov, meinte Chabrun mit schiefgezogenem Mund. Er ging zu seinem Spind und rãumte das Rasierzeug ein. 9 Bei jenem ersten Mal, aber auch noch lange Zeit nachher wußte ich es mir nicht zu erklären, warum Soldaten eines gewöhnlichen Truppenteils, wie es unser Wach- und Si- cherheitsbataillon war, aufgefordert wurden, sich zur Teil- nahme an Erschießungen zu melden. Was sollten über- haupt diese Himmelfahrtskommandos so weit hinter der Front? Und gab es für solche Aufgaben nicht genug S8.— Verbãnde zur besonderen Verwendung? Erst viel später lernte ich begreifen, daß dahinter der wohlerwogene, kühl und mit aller Gründlichkeit Zur Aus- führung gebrachte Plan steckte, jeden Soldaten, jeden Deutschen mit hineinzuziehen in den Kreis des Verbre- chens, der wie ein verwunschener Reifen die Anstifter, die Mittãter und die Mitwisser zusammenhält und von der üh- rigen Welt abspertt. Und wir ließen uns alle hineinzichen. Die einen willig und wie benebelt von einem giftigen Fusel.(Dietz gehörte zu diesen; ich höre ihn noch schmettern:«Nichts schmeckt so sůß wie die Macht über Leben und Tod, und wer sonst als die Herrenrasse soll sich einen solchen Genuß leisten 2*) Die andern wieder aus bloßer Angst vor einer Abkomman- dierung zur Front. Die dritten(war nicht ich auch einer von ihnen?), weil das Nicht-Mittun einen Entschluß erfor- dert hätte, und weil ein Entschluß ihnen schwerer fiel als das Tun. Die vierten, die Kloboczniks, aus Stumpfheit, oder vielleicht auch bloß wegen der Extra-Ration Schnaps, die es dabei gab, und weil nach ihrer Meinung das Leben Sowieso keinen Hundeschwanz wert war und man entwe- der die andern in die Pfanne hauen mußte, oder selbst fri- kassiert wurde. Und die fünften aus jener Seelkeschen..., aus jener deutschen Ordnungsliebe, von der ich einmal je- mand Sagen hörte, daß sie nur der ãußere Mantel ist für eine tiefe innere Unordnung. 60 Wir ließen uns alle hineinziehen. Auch Chabrun, der sich zwar niemals freiwillig zu einem H. K. meldete und gern erklärte, er halte es für unsoldatisch, Feinde abzuser- vieren, die nicht zurückschlagen könnten,— aber im glei- chen Atemzug auch wieder verkündete, daß der geborene Krieger sich auf᷑ humanitãre Gedankengãnge gar nicht erst einlasse; er kõnne es nicht, denn er sei ganz von der Schick- salhaftigkeit des Krieges durchdrungen und wisse sich in eine Aufgabe eingeordnet, die erfüllt werden müsse, unbe- kümmert um Meinungen und Philosophien. Ja, auch Cha- brun ließ sich mit hineinzichen, und auch Maurer... zu- mindest sah ich nicht, daß sie aus dem Strom hinaus- fanden, der sie wie uns alle mit sich fortschwemmte. Was ich mir dabei dachte? Krieg ist Krieg, dachte ich, die auf der andern Seite treiben es sicher genau so oder noch ärger, außerdem, was kann ich als einfacher Soldat Schon tun, die Verantwortung liegt sowieso bei denen oben, ja, wir sind da in eine Sauerei hineingeraten, in eine furcht- bare Sauerei, und jetæt mũssen wir eben durch, ein Zurũck gibt's nicht mehr... Das etwa dachte ich, aber nicht so klar, wie ich es jetzt eben, Wort neben Wort, aneinander- gesetzt habe. Nein, nicht so klar, denn ich rannte ja vor dem Penken davon. Das war das Leichteste, das Simpelste. Ich wußte noch nicht, daß man vor dem Denken, vor sich selbst, nicht davonlaufen kann; daß man irgendeinmal auf die Gedanken stõßt, denen man ausgewichen ist,— s0 wie ein Verirrter plõtzlich seine eigenen Fußspuren wiederfin- det. Ja, damit fing es an, das Gleiten und Stürzen, das Stumpf- werden und Verkommen; damit fing es an: mit der Furcht vor dem Denken. Von jenem ersten Himmelfahrtskommando, das mir in Brinnerung geblieben ist, kamen Dietz und Klobocznik 61 früher zurück, als ich erwartet hatte. Ich sche sie noch vor mir, ich habe ihre Worte im Ohr, als ob zwischen damals und heute nicht Monate, sondern nur Stunden oder Minu- ten lãgen. Ihre Bewegungen und der Klang ihrer Stimmen verrieten, daß sie angeheitert waren,— auf jene besondere Weise angeheitert, wie sie vom Alkohol allein nicht zu- standegebracht wird. Klobocznik hatte sein Gewehr in die Stube mitgenom- men. Er setzte sich unter die Deckenlampe und begann den Verschluß der Waffe zu reinigen. Der Wergbausch, den er dazu penutzte, fiel ihm zweimal hintereinander aus der Hand. Beim zweitenmal rief Scelke, der Kloboczniks Tun mit argerlich gespannter Miene verfolgte:«80 gib doch ein pißchen acht, du Tüte! Du kriegst ja mehr Mist rauf als runter. v (Himmel, Arsch und Zwirnv, schimpfte Klobocznik, pleib mir bloß von der Pelle lv Seine Stimme wurde ganz hohl, er hatte wieder mit seinem schlecht sit?enden Gebiß zu kämpfen. Der Wergbausch entfiel ihm ein drittesmal, und als er sich danach bũckte, ließ er auch den Gewchrver- schluß fallen. Scelke wurde ganz zappelig. Gib die Knarre her, ich kann das nicht mehr mit anschnv, schrie er und griff nach dem Gewehr. Klobocznik überließ es ihm.«Na, wenn dir das Putzen solchen Spaß macht...v Er stand auf, rãkelte sich faul, holte ein Schaff mit heißem Wasser und berecitete sich ein Fußbad. Dietz, der mit gespreizten Beinen auf seinem Bett lag, fing jetzt an, über die drei Saboteure zu sprechen, mit de- nen das Himmelfahrtskommando zu tun gehabt hatte. Komische, dumme Hunde, diese Tschechen! Sie mußten sich doch nachgerade sagen, daß es keinen Sinn hatte, solche Dinger anzustellen. Da hatten sie in einem Betrieb für Mo- 62 torenbestandteile alle Warenetikette vertauscht, so daß die Teile falsch versandt worden waren. Ganz schlau ausge- klügelte Sache das, aber auf die Dauer natürlich aussichts- los. Aussichtslos wie jede Auflehnung gegen die deutsche Schutzmacht. Und trotzdem versuchten die Kerle immer wieder gegen den Stachel zu lecken. Ich mõchte wissen, was sie dazu treibt ꝰv sinnierte Dietz laut. Obh es diese fatalistische slawische Widerspenstigkeit ist, die uns auch an der Ostfront so zu schaffen macht? Es muß wohl etwas Animalisches sein, da ihnen doch der preu- Bische Disziplinbegriff abgeht und sie auch nichts in der Art unserer heroischen Lebensauffassung besitzen... v Klobocznik, der seine dampfenden roten Füße unter ge- nießerischem Stõhnen aus dem Schaff gezogen hatte, be- merkte jetzt: ¶ja, diese Tschechen. Da hab ich doch mal bei einem H. K. gehört, wie einer von ihnen, ein Musiker oder so was, zu unserem Feldwebel gesagt hat:,Truppen und Grenzen pedeuten nichts. Es gilt ũberhaupt nichts, so- lange unsere Herzen noch die alten sind. Und allen könnt ihr ja doch die Herzen nicht ausreißen“. Zu so was gehört schon Draht und Gemüt, so zehn Minuten vor dem Er- Schossenwerden.» Pietz schnellte empor und geiferte: Das ist ein haar- Strãubender Blõdsinn. Es gibt noch Mittel und Wege, um diese slawischen Herrschaften zur Räson zu bringen. Und wer etwa daran zweifelt... v Schmerz, laß nach lv unterbrach ihn Klopocznik. Wo- zu die Aufregung? Ich habe nur erzählt, was ich gchört habe... Und der Kerl, der das gesagt hat, ist längst zur Räson gebracht.v Er zog seine Socken an und befingerte sorgenvoll ein großes Loch an der rechten Ferse. Was viel wichtiger ist: kannst du mir vielleicht verraten, wo ich ein neues Paat Fußlappen kriegen kann, die Socken sind rest- los alle. v Dietz drehte ihm verachtungsvoll den Rücken zu. 63 Seelke hielt für einen Augenblick im Gewehrputzen inne und fragte: a, warum hängt man diese Tschechen nicht lieber ꝰ Was? Warum soll man sie licher hängen? gab Diet⸗ etwas zõgernd zurück: dann setzte er schnell hinzu: Wie soll man das übrigens verstehen ꝰ aSo, eben. Zivilverurteilte gehören doch eigentlich ge- hängt und nicht erschossen. v (Erstens sind es nicht einfach Zivilverurteilte, sondern Kriegsverbrecher, und zweitens ist es ja egal. Oder...» Dietz hatte sich herumgewälzt, so daß er auf dem Bauch lag; er starrte Scelke aus seinen feuchten, vorstehenden Augen mißtrauisch an, aoder geht dir das ganze Geschäft gegen dein Gefühl?v Scelke schob den gereinigten Verschluß in das Gewehr. PBr stellte die Waffe weg. Seine Stirn legte sich in Falten, was ihm ein sonderbar altkluges Ausschen gab. Wieso denn Gefühl?» Er schüttelte den Kopf. Das ist Pienst, und da gibt's kein Gefühl. Wo käme man sonst hin? Nein, mein Junge, wenn ich im Dienst bin, dann kenn ich sonst nichts.v Na, das ist das erste vernünftige Wort, das du heute ge- sprochen hastv, meinte Dietz. Was soll das wieder heißen?v meckerte Scelke. Klobocznik wollte Frieden stiften und schlug einen Skat vor, doch hatten weder Seelke noch Dietz Lust zu einem Spiel. Chabrun, der bisher stumm in einer Zeitung gelesen hatte, rief plõtzlich:«Hört mal zu, das nenn ich eine Ge- schichte!lv Er begann vorzulesen. EFin Einbrecher, dem Seine originelle Art den Spitznamen Nachtgespenst? einge- tragen habe, mache seit geraumer Zcit die vorwiegend von deutschen Volksgenossen bewohnten Villenviertel Prags unsicher. Der ungebetene Gast rũhre Geld und Schmuck- Sachen nicht an, lasse aber Nahrungsmittel und Seife mit- gehen, wobei er sichtlich Wert auf᷑ gute Qualitãt lege. Er 64 vermeide es nicht nur peinlich, Unordnung anzurichten, sondern habe auch in einigen Fällen schmutziges Geschirt gewaschen und schlecht gehaltenes Tafelsilber auf Glanz poliert. Chabrun ließ das Blatt sinken und blinzelte in die Runde. Na, was sagt man dazu? Dieses Nachtgespenst kõnnte ein Poppelgãnger von unserm Seelke... vChabrun unterbrach sich, da er Sah, daß Scelke krebsrot angelaufen war. Ja, was hast du denn, Junge? Du wirst doch einen Scherz vertragen dv Mit so was macht man keine Witzev, schrie Seelke. Er war aufgesprungen und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Das ist... das ist... v Seine Kiefermuskeln bewegten sich sonderbar hüpfend, aber er prachte kein Wort mehr hervor. Dabei wirkte er nicht so sehr lãcherlich wie desperat. Chabrun gelang es schließlich, den Aufgeregten zu be- ruhigen, doch hörten wir ihn auch nach dem Zubettgehen noch vor sich hinbrummen: Mit so was macht man keine Witze. v 10 Dietz hatte seinen Spind geõffnet und frisierte sich vor dem herzfõrmigen, mit Hakenkreuzornamenten verzierten Spiegel, der innen an der Spindtũre hing. Uber und unter dem Spiegel klebten einige zwanzig aus Zeitschriften aus- geschnittene Bilder. Pietz nannte sie seine Gemãldegalerie. Ich Sah, daß er in ihrer Anordnung und Auswahl wieder einmal Verãnderungen vorgenommen hatte: in den unte- ren Reihen gab es lauter neue Nacktphotos, und oben das Porträt Görings im Mantel des Deutschen Ritterordens war nicht mehr von jagdszenen flankiert, sondern von Par- stellungen aus der germanischen Götterwelt. Die Walkũ- ren auf᷑ diesen Bildern hatten mit Rotstift ũbergroße Brust- warzen angemalt. Dietz erblickte mich im Spiegel und ließ die Bürste sin⸗ 5 65 ken. Netter Käfer, he ↄvEr wies auf eines der Nacktphotos. So was kõnnen wir heute abend auch haben. Ich lade dich ein, Holler. Mein Alter hat mir zwarzig Mark geschickt; ich soll aus der Entfernung sein goldenes Jubiläum als Farbenstudent mitfeiern. Bamoser Finfall, was d... Ah, diese verdammten Borsten ly Er hatte sich wieder darange- macht, den aschblonden Haarschopf in der Mitte seines Sonst kurzgeschorenen Schãdels durch einen Scheitel zu tei- len, kam aber damit nicht zu Rande und begann ärgerlich in einem der Spindfächer herumzukramen. Während er eine Flasche mit Haarõl zutage fõrderte, fielen drei Bücher, die ich nie vorher bemerkt hatte, zu Boden. Sie sahen an- ders aus als die Parteibroschüren und Kriminalschmõker, die Dietz ab und zu las. Ich hob sie auf. Es waren zwei Nietzschebãnde und eine Feldausgabe der Schriften von Houston Stewart Chamber- lain. cJa, wir Deutschen sind immer noch das Volk der Den- ker und Dichterv, schnarrte Dietz, dauch als erwachte Na- tion, auch unter Waffen. Das sollen uns die andern mal nachmachen... Aber jetzt gib nur den ganzen Geistesla- den her, damit wir wegkommen.v Es war ihm gelungen, sein widerspenstiges Haar mit Hil- fe des Gls zu bändigen. Er nahm mir die Bücher aus der Hand, warf sie zusammen mit der Bürste und dem Olflãsch- chen in den Spind. Dann faßte er mich unter.«Los v rief er, die blonde Bestie soll sich mal ausleben. Kompanie, ohne Tritt, marsch!v Eigentlich hatte ich gar keine Lust, Dietz bei einem Streif- zug durch die Soldatenwirtschaften und Bordelle Geselſ Schaft zu leisten. Trotzdem ging ich mit. Warum? Ich wußte es nicht recht. Wahrscheinlich, um nicht als ein Schwächling oder Spielverderber dazustehen. Dann 66 aber auch, weil ich mit dem dienstfreien Abend ohnehin nichts anzufangen wußte; und schließlich aus Neugierde, gelockt von dem Wunsch, die sogenannte deutsche Seele zu entrãtseln. Die deutsche Seele, die mir manchmal wie ein Dschungel vorkam, wie ein unentwirrbares Dickicht wi- derstreitender Regungen, worin reißende Leidenschaften herumstrichen und romantische Phantastereien neben plat- ten Trãumen vom kleinen Glück blühten. Die deutsche Seele, die Seelke dazu trieb, Söckchen für seine Enkelin zu stricken und einen halb verdorrten Fuchsienstock mit un- endlicher Mühe gesundzupflegen— aber auch freiwillig an Himmeffahrtskommandos teilzunehmen. Die deutsche Seele, die Dietz im Bordell plõtzlich alles, auch seine eigene Schnoddrigkeit, vergessen und sich am dunklen Pathos von Nietzscheworten berauschen ließ. Und ich sage dir, Hollerꝰ schwärmte er, ces gibt keinen andern Dichterpropheten neben Nietzsche. Hat er nicht eine Mera der hãrtesten, aber notwendigsten Kriege in Aus- sicht gestellt? Hat er nicht gepredigt, daß es kein Mittel gibt, wodurch matt werdenden Völkern jene Mörderkalt- blütigkeit, jene stolze Gleichgültigkeit gegen Verluste und jenes erdbebenhafte Erschüttern des Herzens so stark mit- geteilt werden kann, wie es ein großer Krieg tut? Ah, mein Lieber, was für ein Feuergeist! Ich könnte dir noch eine halbe Stunde lang zitieren.„Das Erlaubte und Unerlaubte nicht mit der Krämerwaage wiegen; befehlen können und wieder auf stolze Art gehorchen... ist das nicht die Spra- che der Verkündung? Freilich, auf Nietzsche, das Genie der Wertung, mußte erst das Genie der Gestaltung folgen, der Tãter und Fũhrer... Donnerwetter, jetzt habe ich mich aber verquasselt! Wo ist nur die Braut hin? He, Rosa? Rosa! Hopp, hopp aufs Zimmer! Die Straßen, durch die wir spãter in der Nacht zu unse- rem Quartier zurũckwanderten, waren schr still und leer. 67 Die Glühbirnen in den Laternen brannten hinter blauge- färbter Glas. Selten nur begegnete uns ein Zivilist— ein Deutscher mit dem Hakenkreuz, oder ein Beamter der Pro- tektoratsregierung mit dem Abzeichen, das ihn von der Neunuhrsperre befreite. Ansonsten bekamen wir nur Uni- formierte Zu Sehen. In dem fahlblauen Licht nahmen sich alle Vorũberkom- menden mehr unwirklich als wirklich aus. Ich mußte an Vineta denken, die im Meere versunkene Stadt. Der Ge- danke hatte seltsamerweise nichts Unheimliches an sich. Das kam wohl von dem ganz guten Schnaps, den ich getrunken hatte und der mich auch jetzt noch auf seinem schaukeln- den Rücken reiten ließ wie eine frõhliche Welle; es mochte aber auch daran liegen, daß mir bei meinem letↄten Spazier- gang durch die Stadt nichts so fremd, so versteint und so abweisend erschienen war wie das Gesicht der Einwohner, von denen im Augenblick nichts zu schen war. Dietz, der viel mehr getrunken hatte als ich, stolperte ne- pen mir her und schwadronierte schluckend und prustend ůber seine Erfahrungen mit den Mãdchen in Militäãrbordel- len. Die Sloweninnen und Polinnen, die man jetzt oft dort fand, waren nicht so ohne. Zur Fortpflanzung der Rasse kamen selbstverstãndlich nur deutsche Frauen in Betracht, aber wenn es ums reine Vergnũgen ging, waren diese sla- wischen Weibsen gar nicht zu verachten, im Gegenteil... Pietz wurde von einem heftigen Lachanfall geschüttelt. Hau mir auf den Buckelv, keuchte er, afest, fest.. au, bist du wahnsinnig? Na, ist schon gut... vEr legte seinen Arm um meine Schulter und fragte:«Hast du eigentlich schon mal 8o'ne kleine Tochechische im Bett gehabt? Ich meine nicht im Bordell, sondern so. Du warst doch schon früher hier in Prag, als Student, nicht? Sind sie damals denn nicht zugãnglicher gewesenꝰv Sein Hundegesicht mit der langen Nase war gespannt. Er kam mir plõtzlich ganz nüchtern vor. Ich hatte die Emp- 68 findung, als sinke die frõhliche Welle, auf der ich geritten war, zusammen. Was fragte Dietz da? Wußte er etwas? Poch was konnte er schon wissen? Es war ja nichts gewe⸗ sen, damals mit Lidka, und was gewesen war, lag so weit zurück. So weit. Aber Betrunkene sind manchmal hell- sichtig. War es mõglich, daß Pietz tiefer in mich hineinsah, als ich selber Schen konnte oder wollte? War es mõglich, daß er einen Wunsch sah, den ich versteckt hielt, so ver- steckt, daß er ũberhaupt nicht dagewesen zu sein schien? (Neinv, sagte ich schnell, anein, nein, niemals.»Die frõh- liche Welle hob mich wieder. Auch Dietz hatte alle Wachheit und Spannung von neuem verloren. Schwankend lallte er: Da hast du recht getan, mein Sohn. Man darf ihnen nicht trauen. Den Männern nicht, den Weibern nicht, selbst den Kindern nicht. Wenn sie könnten, würden sie uns allesamt umlegen.v Er blieb stehen und drohte mit der Faust irgendwohin in die Weite. Ich mußte ihn zerren und stoßen, bevor er weiterging. Hinter der Liebener Brücke waren die Straßen noch stil- ler und leerer. Nur hie und da begegneten wir einer SS.-Pa- trouille oder einem tschechischen Polizeiposten. Dietz steckte jedes mal die rechte Hand in die Tasche, wenn wir an einem der Polizeiposten vorũberkamen. Man weiß bei ihnen nie, wie man dran istv, knurrte er, anie, sage ich dir. Sie sind alle Feinde, auch wenn sie jetzt gut tun, das liegt einfach im Blut.v Wir schritten einen Lattenzaun entlang. Weiße Schrift- zeichen leuchteten im Licht einer Laterne auf:„Denkt an 1918*. Dahinter ein Kreuz. (Sichst du, so sind siev, zischte Dietz. Er krallte sich in meinen Arm ein. Was gibt's d» Port! Portl» Er zeigte unbestimmt vor uns hin. Ich strengte meine Augen an. Hinter der Laterne stand ein 69 Baum. Es war ein Ahorn. Seine Zweige bewegten sich leicht im Nachtwind. Sonst regte sich nichts. Ich wandte mich fragend an Pietz. Indem ließ er meinen Arm los und tat einen Sprung nach vorn. In seiner Rechten funkelte es metallisch auf. Halt lv schrie er,«Halt, oder ich schieße lv Pabei knallte er auch schon los. Die Schüsse mußten den Ahornstamm getroffen ha- ben; ein paar Rindenstücke splitterten ab und fielen zur Erde. Ich sprang Dietz nach. Er stand geduckt da, lauernd. Ich pemerkte, daß seine Oberlippe sich hinaufgezogen hatte; die Zãhne waren nicht weißer als das Gesicht; seine Hände flatterten. Wir lauschten. Kein Laut. Die Stille hatte sich nach den Schüssen wie- der geschlossen, wie sich der Wasserspiegel eines Brunnens schließt, in den ein Stein gefallen ist. Dann trillerte in der Entfernung eine Militãrpfeife. Mo- torrãder füllten die Luft mit ihrem Gedröhn. Eine S8.— Streife kam herangebraust. Dietz, mit einemmal võllig wach und sicher, pflanzte sich vor dem Wachtmeister der SS. auf᷑ und meldete abgehackt, daß er verdãchtige Flemente beim Malen reichsfeindlicher Parolen überrascht habe. Die Täter, vier oder fünf männ- liche Personen, seien bei Anruf sofort geflohen. Daraufhin habe er vorschriftsmãßig von der Schußwaffe Gebrauch ge⸗ macht. ¶Aber es ist doch niemand dagewesenꝰ, sagte ich, als die SS. Patrouille weggerattert war. Dietz feixte. Erstens ist das gar nicht so sicher, mein Licber. Und dann kommt's ja darauf gar nicht an. Bereit sein ist alles. v 70 „ Es war einer jener verfrühten schwülen Tage, wie sie sich bisweilen in den zu Ende gehenden Frühling ver- irren. Die Luft ũber den Wetterhãhnen der Nachbarhauser flirrte im prandigen Licht der langsam sinkenden Sonne. Es roch schwer und feucht nach dũnstender Vorstadt, nach Rauch, Schweiß und heraufzichendem Gewitter. Klobocznik und Seelke hatten sich, trotz der bleiernen Hitze, nach dem Gewehrexerzieren noch zu einem Him- melfahrtskommando gemeldet. Maurer war zur Kompa- nickanzlei gegangen, um die Tabakration für unsere Stube in Empfang zu nchmen. Wir drei übrigen— Cha- brun, Dietz und ich- lagen auf unseren Betten und dõsten. Aus dem Rundfunkapparat, den Maurer vor kurzem über- holt hatte, kam die piepsende Stimme der Ansagerin des Kraft- durch Freude-Programms: cK. d. F. bringt Ihnen jetzt im Rahmen der allwõchentlichen Kulturstunde einen Vortrag von Oberdienstleiter Lafferenz:„Die Bayreuther Kriegsfestspiele ein Symbol der ewigen deutschen Sccle“ Ein fettiger Baß begann über die nationalsozialistische Vision in Richard Wagners Werken zu sprechen. Dietz, der das Programm eingeschaltet hatte, pfiff als Begleitung die ersten Takte der Ouvertüre zu„Siegfried', wobei er immer wieder von neuem anfing. Chabrun sagte plõtzlich: Und das nennt sich Ausruhn, nein danke. Hõr mal, Dietz, wie lange soll denn das noch dauern? Und überhaupt— was zum Teufel machst du jetæt hier? Warum bist du nicht mit bei dem H. K. Dietz setzte sich mit einem Ruck auf.(Na, gestatte mal, genau so gut könnte ich fragen, warum du nicht mitge- gangen bist ꝰv Aber bitte schrv, näselte Chabrun, adeiner Frage steht gar nichts im Wege. Du vergißt nur, daß es pei mir nichts besonderes ist.v 71 Dietz unterbrach ihn:«Natürlich. Ich habe vergessen, daß der Hert Baron seinen aristokratischen— ahem— Hoch- mut besitzt, der ihn schon immer davor bewahrt hat, das- selbe zu tun wie wir gewöhnliche Sterbliche.v Chabrun z0g eine Zigarette hervor, die er offenbar in der Tasche gerollt hatte. Er betrachtete sie wohlgefällig, rauchte sie an. Dann erst sagte er, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen,— es klang abgründig gleichgültig: cIch weiß nicht, warum du ewig auf dem Aristokratischen herumreitest? Wir haben von dir nun schon hundertmal gehört, daß der Adel tot und abgetan ist. Bon. Ich selbst glaube, daß es einen Adel im alten, strengen Sinne kaum mehr gibt, es sei denn als Sehnsucht... aber das gehört nicht hierher, und überhaupt hat es wenig Sinn, wenn der Rabe und der Fuchs über das Fliegen diskutieren.v Dietz biß an seinen kurzen, weichen Fingern. Das be- weist gar nichts v erklärte er streitsũchtig. Ist auch nicht so wichtigv, meinte Chabrun und blickte versonnen einem Rauchwölkchen nach, das er ausge- stoßen hatte, caber was ich noch sagen wollte: Hochmut, mein Freund, ist auch nichts so Negatives wie du zu glau- ben scheinst. Richtiger Hochmut, natürlich: der Wunsch, besser zu sein. Haltung, mit einem Wort. Und Haltung ist für mich immer noch eines der untrüglichen Zeichen dafür, ob ein Mensch Rasse hat oder nicht: in vielen Fãllen ein wichtigeres Zeichen als alle anderen Merkmale. v (Ohov, ereiferte sich Dietz, adas nenne ich aber eine Sonderbare Rassenauffassung. Natürlich, da sicht man wie⸗ der einmal: wer von unserer Weltanschauung nicht er- griffen ist, wie von einem Urerlebnis; wer den Glauben nicht in sich trãgt... vEr schnurrte los wie eine angelassene Spieldose. Chabrun machte einige Male den Versuch, etwas ein- zuwerfen, dann gab er es auf. Der Redefluß von Dietz kam erst zu einem Ende, als 72 . Klobocznik seinen runden kahlen Schãdel zur Tür herein- steckte und alle Mann zum Saufen in die Kantine beor- derte; Unteroffizier Klahde lasse was springen, und die beiden Mãdchen von der Post seien auch da. Sie hatten alle schon einen Schwips sitzen, und Gerda wollte durchaus mit dem anderen Postmãdchen— einer mageren, mausgesichtigen Brünetten, die Hulda hicß— um die Wette tanzen: Auf dem Tisch oben. So zier dich doch nicht, Hulda.v Aber Hulda weigerte sich. aSie mag nicht, weil sie nichts herzuzeigen hat, die Vogelscheuchev, kreischte Gerda und schaute, den prallen Busen vorge- streckt, in der Runde umher; ihre wasserblauen Augen blieben an mir haften, verdunkelten sich. Ich blickte weg. Gerda lehnte sich über den Tisch zu mir herüber.«He, Oberschütze Holler, was mir gerade einfällt: Ihr Paket ist gekommen... Wollen wir's gleich mal holen dv Sie ver- ließ ihren Platz neben Unteroffizier Klahde und kam zu mir. Nun, was ist, holen wir das Paketchen da Klahde hatte sich scheinbar unbeteiligt nach der andern Seite gewandt und ein Gespräch mit Chabrun angefan- gen, aber seine Ohren waren prandrot angelaufen. Ich sagte schnell zu Gerda:«Jetzt ist doch nicht die Zeit dazu.v Poch sie, mit der Hartnãckigkeit des nicht mehr Nüch- ternen, bestand auf ihrem Willen: Warum denn nicht? Gerade jetæt. Und Bruderschaft müssen wir auch trinken.. Na, los. Oder hast du keine Courage d* Bevor ich aus- weichen konnte, hatte sie mit beiden Hãnden in mein Haar gegriffen und versuchte, mich vom Tisch wegzuzerren. Da rief Hulda:«So laß ihn doch in Ruhe, du. Ich habe das Paket ja mitgebracht. Hier. v Sie hielt ein praunes Pãck- chen von der Größe eines Taschenwörterbuchs in die Hõhe. Ihr Mausgesicht strahlte vor Schadenfreude. Gerda ließ mein Haar los, stampfte zornig auf. Ach, du Luder, das hast du mir zum Trotz gemacht. Aber warte 73 nur. Sie packte ein Bierseidel und wollte es der auf- quietschenden Hulda an den Kopf werfen. Klahde sprang noch rechtzeitig hinzu, entriß Gerda das Glas und drãngte sie zu ihrem alten Platz am Tisch. Gerda wehrte sich, kratzte, schrie. Klahde, der bisher völlig ruhig geschienen hatte, verlor plõtzlich die Geduld und fauchte: Schluß jetzt! Oder...v Gerda warf einen Blick auf sein Gesicht, das unheimlich fleckig geworden war, und setzte sich mit einem kleinen Aufschrei nieder.«Lieber Himmel, der Mann ist imstande und erschlãgt einen wegen 80 waslv Beruhige dich, es sind Leute schon wegen geringerer Sa- chen weggeputzt worden verset?te Klahde. Der Ton, in dem er das sagte, ließ alle Gesprãche am Tisch verstumumnen. Das unbehagliche Schweigen wurde von Dietz unterbro- chen:«Nanu, Holler, machst du denn dein Paket nicht auf? Willst wohl warten, bis du allein bist, aus Angst, wir könn- ten dir was abverlangen? Paraus wird nichts, Verehrter. Pack nur schön aus! Einem ersten Impuls folgend, wollte ich die Aufforde- rung von Dietz mit einem Scherz abtun; doch als die an- dern ihm alle lãrmend zustimmten, riß ich, ohne weiter zu überlegen, die braune Papierhülle des Pakets auf. Fine schäbige Brieftasche kam zum Vorschein, ein Eisernes Kreuz, ein eng beschriebener Zettel mit mehreren Amts- Stempeln und eine dicke Silberuhr. Es dauerte einige Sckunden, bis ich die Uhr erkannte: Vaters Uhr, die als Erbstück meinem Bruder Lutz zu- gefallen war. Und es dauerte eine weitere Weile, bis ich den Sinn der Worte auf dem Zettel erfaßte: Gefallen in stolzer Pflichterfüllung für Führer und Reich. v Es Stand noch etwas von vorbildlicher Haltung dort, von ewiger Kameradschaft und von der Verpflichtung der Hinter- plichenen, sich des toten Helden würdig zu erweisen und keine Trauerkleidung zu tragen. Und ganz zum Schluß: 74 Ein Lichtbild des Grabes kann von der Etappenverwal- tung der Soldatenfriedhõfe Ost III gegen Brlegung der vorgeschriebenen Gebühr angefordert werden. v Ich hatte Lutz nie richtig gemocht, und doch war mir's jetzt, als habe ich etwas unwiederbringbar verloren. Ich Sah das Bild vor mir, zu Hause, über dem Bett von Mutter: ein Grab mit schiefem, weiſßem Holzkreuz; auf dem Kreuz ein Schildchen mit dem Namen meines Vaters und der Jahreszahl 1918. Ein kalter Knõchel klopfte mir auf das Herz. Klahde rãusperte sich, klappte die Absätze prãzise, aber gedãmpft zusammen und markierte stummes Gebet“. Alles folgte seinem Beispiel. In der Stille ließ jemand- wahrscheinlich Klobocznik, der schwer getrunken hatte,— einen Rülpser los, allein Chabrun rettete die Situation. Er bestellte eine Doppelrunde. Kopfhängen hat keinen Sinnꝰ, erklärte er.«Sterben müssen wir alle, da kommt's auf ein paar Jahre Verfrũhung oder Verspãtung weiß Gott nicht an. Hauptsache bleibt: man geht gut ab, im tadellosen Chic und Plie, wie mein Herr Großvater auf dem Schlachtfeld von Gravelotte gesagt hat, bevor er mit einer franzõsischen Kartãtschenladung im TLeibe zu den ewigen Paradegrün- den abmarschiert ist.v Chabrun hatte eines der vollen Glã- ser, die vom Kantineur gebracht worden waren, ergriffen und hob es uns entgegen. ¶Auf unseren Abmarsch im ta- dellosen Chic und Pli.. einmal... wenn's so weit ist. Prost lv Er wartete, aber niemand gab eine Antwort oder tat ihm Bescheid. Unter dem schweren Augenlid blinkte es auf.(Na, s0 was! Alle Kehlen eingefroren? Gibt's ja nicht.v Er wandte sich an die beiden Mädchen.«Ihr da, von der Jugend, kennt ihr kein ordentliches Landsknecht- lied mehr, Kotzdonnerwetter? Los, mitgesungen. Er hob an: Kamerad, nun laß dir sagen, Kamerad, es ist schon Zeit. 7 Er gab mit der Linken den Takt, während er in der er- hobenen Rechten das Glas hochhielt wie ein Feldzeichen. Die Mãdchen hegannen jetzt mitzusingen, zuerst Hulda al- lein, in einem sehr hohen Diskant, dann auch Gerda: Horch, die Trommel hat geschlagen, Sei bereit, sei bereit. Aus ist der Traum, Es heißt marschieren... Seelke mit seinem überraschend wohlklingenden Bariton fiel ein und tremolierte: Mar-schie ie-ren.. Und nach ihm einer um den andern von uns übrigen: Heißt sein wonniges Leben verlieren. Rot ist jeder Wolke Saum. Chabrun schmetterte als erster sein Glas nach dem Lied auf den Boden. Wir andern folgten seinem Beispiel. Spã- ter wurde nur noch aus einem zinnernen Stiefel getrunken, bis schließlich alle unter dem Tisch waren. 12 Wie ich nach dieser Sauferei zurück auf die Stube ge- langte, weiß ich nicht; ich glaube, es war Maurer, der un- sere ganze Gruppe, Mann für Mann, aus der Kantine ab- Schleppte. Die Nacht lag noch schwarz vor den Fenstern, als ich aus einem tauben Schlaf gerüttelt wurde. Jemand riß das La- ken weg, das ich über den Kopf gezogen hatte, und schrie mir ins Ohr: Auf! Alarm! In Feldausrüstung antreten l Ich taumelte hoch, blieb aber im Bett sitzen. Meine Au- gen tränten, geblendet vom grellen Schein einer Taschen- lampe. Wie aus weiter Ferne und durch einen Wattenebel 76 hörte ich Klobocznik peim Stiefelanzichen in gewohnter Weise über seine, gottverdammten Hühneraugen? fluchen. Mein Kopf, der ganz leergefegt schien und doch viel zu Schwer war, kippte vornũber. Indem traf mich ein Guß Was- Ser mitten ins Gesicht. Unteroffiier Klahde— mit offenem Kragen und schiefsitzendem Helm, aber ansonsten marsch- fertig- stand vor mir und prüllte, daß jeder, der nicht in der nãchsten Minute fertig wäre, drei Tage Bunker zu er- warten habe. Ein zweiter Guß machte mich vollends munter. Wãh- rend ich in meine Uniform fuhr und die Ausrüstung um- schnallte, wobei mir Maurer behilflich war, Sah ich, wie Klahde und Klobocznik sich vergeblich bemühten, Seelke aut᷑ die Beine zu bringen. Er lag steif da, angezogen und ge- stiefelt(o, wie er wohl im Rausch auf das Bett gefallen oder hingelegt worden war), und beantwortete die Weck- versuche mit unentwegtem Schnarchen. Klahde rief nach Wasser, doch es war keines pei der Hand. Da trat Dietz hinzu und hielt dem Schrarchenden eine prennende Ziga- rette an die Nase. Scelke stieß einen dumpfen Schrei aus und sprang auf. Sofort packte Klobocznik zu; mit geüb- tem Wirtsgriff hielt er Seelke aufrecht; Klahde und Dietz warfen dem ganz Benommenen die Ausrũstung über; dann schleiften alle drei ihn hinaus. Ich stolperte hinterher. Draußen regnete es. Auf dem Hof hielten, mit laufenden Motoren, mehrere vollbesetzte und ein leerer Schnellwagen. Vor der Wagenreihe stelzte der Kompanieführer Leutnant Malzahn umher, der in sei- nem bis an die Knõchel reichenden schwarzen Wachstuch- mantel noch länger aussah als gewöhnlich. Er pfiff Unter- offizier Klahde, der sich bei ihm meldete, auf seine beson- dere Art an, indem er zuerst leise und scheinbar uninteres- siert für die Meldung dankte und dann plõtzlich los krãhte: Sagen Sie mal, Unteroffizier, Sie haben wohl verlernt, was ein Alarm ist? He? Wir sind keine tschechische Porffeuer- 77 wehr, Mann, verstanden ꝰ... Na, was steh'n Sie hier noch rumd Lassen Sie aufsteigen. Trab, Trablv Wir kletterten hastig auf den leeren Wagen. Kaum wa- ren wir oben, als sich die ganze Kolonne auch schon in Be- wegung setzte. Unser Weg führte in weitem Bogen um die Innenstadt herum, durch leere Vorortegassen, deren dunkle Häuser- fronten den Lärm unserer Wagenkolonne wie eine Bran- dung zurũckwarf. Hie und da flammte hinter blinden Fen- stern ein scheues Licht auf, als wir vorüberdonnerten. Dann blicben die letzten städtischen Häuser zurück; an ihre Stelle traten Hecken und Bãume; das Land wurde wel- lig. Wir befanden uns auf einer der großen, nach dem Süd- westen laufenden Ausfallstraßen. Hinter uns fãrbte sich der Horizont heller. Der Morgen kam herauf, doch gleichzei- tig begann es auch heftiger zu regnen. Der Erdboden dampfte. Die schweren Wolken schienen bis auf die Wipfel der Pflaumenbãume herunterzusinken, die in zwei schüt- teren Reihen die Straße säumten. Es war, als sei die Welt mit grauem Mull verhangen. Ich war mũde, wie zerschlagen. Ich versuchte zu schla- fen, es ging nicht, der Wagen schüttelte zu schr. Zudem fing der Hunger an, in mir zu rumoren. Ich suchte in mei- nem Brotbeutel nach einem Kanten, von dem ich nicht ge- nau wußte, ob ich ihn mitgenommen oder im Spind liegen lassen hatte; er war nicht da. Mßmutig dämmerte ich vor mich hin. Die andern mußten— nach ihren fahlen und miß- mutigen Mienen zu schließen— in einer ähnlichen Verfas- sung sein wie ich. Die Stimmung schlug erst um, als Scelke mit einemmal bemerkte, daß sich ihm auf der Nase eine Brandblase gebildet hatte. Scelkes laute Klagen über sein unproperes Aussehen waren von einer grotesken Komik, der man sich nicht entzichen konnte. Chabrun lachte laut auf. Dietz fing an, Bettwitze zu erzählen(alle seine Witze 7⁸ waren von der gleichen Gattung). Klobocznik fõrderte einige Wurstzipfel zutage, die er gegen Tabak oder Ziga- retten abgab. Nur Klahde plich stumm und Sah verbiestert drein— dals müßte er zum Lachen in den Keller gehnv, wie Klobocznik bemerkte. Es gab einen Halt. Das Trommeln auf der Wagenplache verstummte. Im lichter werdenden Nebel zeichneten sich die Gehöfte eines Porfes ab. Klahde wurde nach vorn ge- rufen. Gleich darauf glitt Klopocznik vom Wagen hinun- ter. Nach einer Weile tauchte er wieder auf᷑ und berichtete, daß unsere Kolonne sich mit einer zweiten vereinigt habe: SS. von einem der Totenkopfverbãnde. Das Porf, vor dem wir hielten, liege ganz nahe pei Pilsen unser Ziel sei ver- mutlich die große Skoda- Kanonenfabrik, über der in der vergangenen Nacht englische Flieger Bompen und Flug- blãtter abgeworfen haben sollten. Unteroffiæier Klahde kam zurũck, ließ uns absteigen. Der leere Wagen rasselte davon. Weiter vorn fuhr die Kolonne an. Wir blieben zurück. Chabrun fragte: Was wird's geben, Hert Unteroffi- zier?» Klahde zog die Achseln hoch und machte eine Geste, die Soviel wie Warten lv hieß. Wir setzten uns auf᷑ die Schotterhaufen am Straßenrand. Seelke seufzte: Mensch, ist das ein Leben. v Jemand rief: Ach, dir fehlt wohl der Milchkaffee, Klei- ner?... He, Klobo, du bist doch Budiker! Was ist mit dem Klubfrühstück ꝰv Wird durch stramme Haltung ersetzt, du Schnõselꝰ, gab Klobocznik zurück. Einige lachten, andere schimpften. Der Halt dehnte sich aus. Zwei oder drei Meldefahrer und ein Stabswagen ka- men vorbei, hielten, fuhren wieder weiter. Irgendwie sickerte durch, daß wir als Einsatzreserve an einer, Un- ternehmung S5* mitwirkten,— an einer Strafexpedition 79 gegen mehrere Arbeitersiedlungen, deren Einwohner beim Anflug der Tommies alle Lichter hatten brennen lassen. Rinsatzreserve ꝰy maulte Dietz, ada kommen wir wahr- Scheinlich zu nichts Rechtem. v Er flüsterte mit Klobocznik, der daraufhin zu Klahde trat und eindringlich auf ihn ein- Sprach. Zuerst antwortete der Unteroffizier mit ablehnen- den Gesten, aber dann schien er sich anders zu besinnen. Ich hörte ihn brummen: Jedenfalls, ich weiß von nichts, verstanden ꝰv Klobocznik schlug die Hacken zusammen und trat weg. Er winkte Dietz zu. Der stieß mich an.«Na, Holler, kommst du mit? Wir woll'n mal nachschaun, ob wir was für das Magenherz ergattern können.v Ohne mir Zeit zum Uber- legen zu lassen, z0g er mich fort, hinter Klobocznik her, der eilig auf eine Hãusergruppe, etwas abseits von der Straße, zuschritt. e8o, Jungens, versucht ihr's mal bei den vier Häusern dort open, ich nehme mir das Gehöft hier vorv Sagte Klo- bocznik; damit war er auch schon verschwunden. Die vier Hãuser standen auf einer kleinen Anhöhe. Sie wirkten ausgestorben. Wir klopften an der ersten Türe, erhielten jedoch keine Antwort, obwohl wir sicher waren, daß jemand hinter dem fast ganz verdeckten Guckloch stand und uns durch den Ritz beobachtete. Dasselbe wiederholte sich bei dem zweiten Haus. Haben die solche Angst vor unsv fragte mich Dietz, während wir auf das dritte Haus zugingen, doder was glaubst du sonstꝰ* Was: sonst? Ich verstehe nicht.v (Na, wenn sie Angst haben, ist es gutv, erklärte Dietz, canders als mit Furcht und Schrecken kann man dieses Ge- sindel ja doch nicht regieren... aber wenn sie uns aus Trotz nicht õffnen... na, wir wollen mal sehn. v Er nahm 80 sein Gewehr von der Schulter und penutzte den Kolben zum Pochen. Piesmal wurde aufgemacht. Eine alte Frau mit entzün- deten Augen, ganz verkrümmt von der Sicht, erschien auf der Schwelle. Sie schüttelte den Kopf, als wir nach etwas Eßbarem fragten. Dietz suchte seine paar tschechischen Brocken zusam- men: Khleba nema? Brot, hed» Die Frau fuhr fort, mit dem Kopf zu schütteln. Ihr Ge- sicht war wie gefroren. Plõtzlich rolite eine bunte Glasku- gel über die Schwelle, gerade vor meine Füße. Gleich dar- auf kam ein Kind, ein Mãdchen, hinter dem weiten Rock der Frau hervor. Ich pückte mich nach der Kugel, um sie dem Kind zu reichen. Doch da Schrie die Frau zornig und erschreckt auf, riß das Mãdchen zurück und stieß es hinter sich in den Hausflur. In der nãchsten Sekunde flog die Tür zu. Nur mit Mühe konnte ich Dietz davon abhalten, sie ein- zurennen. Er schäumte. Als ich ihm gar vorschlug, das vierte Haus links liegen zu lassen und umzukehren, geriet er ganz außer sich. Nein, nein, jetæt ist der Ast abv, rief S cjetæt soll mich das Gesindel kennen lernen. vEr schwenkte sein Gewehr drohend gegen das vierte Haus. Aber noch pevor wir ganz heran waren, ging das Tor auf. Ein hageres Männchen mit einem warzigen Gesicht kam zum Vorschein und hob den rechten Arm zum Deutschen Gruß. Wir standen verblüfft still. Indem fing das Männchen mit einer sonderpar hohen Stimme zu kichern an.«Heil Hitlerꝰ, meckerte es,«Heil Hihihiv. Seine Augen quollen hervor, Speichel floß ihm aus dem Mund. Kein Zweifel, wir hatten es mit einem Irren zu tun. Dietz starrte mich, ich starrte Dietz an. Von der Straße ertõnte ein Pfeifensignal. Dietz raffte ei- nen Erdklumpen vom Boden auf, schleuderte ihn gegen das Mãnnchen, dann machte er kehrt. 6 81 Ich folgte ihm. Der abschũssige Weg war glitschig. Wit rutschten mehr als wir gingen. Hinter uns her meckerte der Irre: Heil Hihihihiv. Unten auf der Landstraße pfiff Unteroffiier Klahde noch- mals, lauter und ungeduldiger als zuvor. Aus dem Einzel- gehöft vor uns kam Klobocznik gelaufen. Er schlenkerte in der Rechten ein Huhn, das er am Hals gepackt hatte. Da Schaut euch mal meinen Kochgeschirraspiranten an. v Klo- pocznik hielt das Tier in die Hõhe; es lebte noch, zuckte krampfhaft mit den Flügeln. Und was habt ihr gekriegt?v (Scheibenhonigv, knurrte Dietz. Wasdv schrie Klobocznik. Wieder ertönte Klahdes Pfeife. Wir beschleunigten unsern Lauf. Es pegann von neuem zu regnen. Der nasse Boden schmatzte unter den Sohlen. Ohne im Laufen innezuhalten, steckte Klobocznik das Huhn, das zu zappeln aufgehört hatte, in den Brotbeu- tel.«He, was habt ihr gekriegt?v Dietz legte die Hände trichterfõrmig vor den Mund. cScheiße. v 13 Wenn ich jetzt von einem Vorfall spreche, der sich in meiner Kindheit, vor fünfzehn oder mehr Jahren zugetra- gen hat, so ist das keine Abschweifung. Nein, die Ge- schichte jenes Vorfalls gehört hierher, gerade hierher. Es war in den großen Ferien. Wir gingen zu dritt= mein Bruder Kurt, Kusine Anneliese und ich— in den Wald, um Beeren zu suchen. Dabei entdeckten wir ein Nest mit einem ganzen Wurf junger Hasen. Bei unserem Anblick liefen sie alle davon, bis auf einen, der im Gestrũpp hãngen blieb und von Kurt gefangen wurde. Wir spielten damals immer„Lederstrumpf“, und Kurt, der bei diesen Spielen unser Anführer war, erklärte sofort, daß wir Rothäute auf der Büffeljagd seien und daß wir unsere Jagdbeute über eit nem offenen Feuer braten müßten; wer von uns den kür- 82 Zesten Grashalm ziche, habe das gefangene Büffelkalb zu tõten. Das Los fiel auf mich. Kurt ũbergap mir das Tierchen, das sich anfühlte wie ein Daunenball mit einem rasend Schlagenden Herzen. Dann verlangte er mein Taschenmes- Ser zu Schen, fand die Schneide viel zu stumpf᷑ und begann sie an einem Stein scharf zu schleifen. Anneliese tanzte wãhrenddem unter seltsamen Verren- kungen um uns herum, mit geweiteten Augen, die mir Angst machten; dabei plãrrte sie das Blutlied der Huronen einen monotonen Singsang in einer erfundenen Sprache, unterbrochen von durchdringenden Schreien. Mir war schwindlig. Ich hatte nur einen Wunsch: ¶Aus- reißen. v Aber ich sah, daß Kurt, der offenbar so etwas arg- wöhnte, verstohlene Zeichen mit Anneliese austauschte, und ich wußte, daß sie beide über mich herfallen würden, Sowie ich eine verdãchtige Bewegung machte. Meine Hände wurden naß. Ich fürchtete, daß der Hase mir entgleiten kõnne, und umklammerte ihn mit aller Kraft. Er quietschte auf, ließ Wasser, bãumte sich, rutschte mir plõtzlich durch die Finger und... Das Nächste, woran ich mich zu erinnern weiß, ist ein wildes Rennen durch den Wald. Wir liefen alle drei, als ob wir gehetzt würden; wir strauchelten, fielen, sprangen wie- der auf und rannten von neuem los, bis wir nicht mehr weiter konnten. Bis wir uns keuchend ins Moos warfen und liegen blieben, dicht beieinander und doch jeder vom andern abgewandt. Ich hatte den kleinen Hasen totgemacht. Ich war auf das Tier, als es mir entglitt, wie von Sinnen losgesprungen und hatte es zertreten. Doch wie das alles im Einzelnen vor sich gegangen war, was Kurt und Anneliese dabei getan hat- ten,— das wußte ich nicht. So oft ich Spãter auch versuchte, mir das Geschehene ins Gedächtnis zurückzurufen, ich kam damit nicht zurande; es war, als blicke ich durch ein 83 verregnetes Fenster hinaus in eine Welt ohne Grenzen, ohne feste Formen— in eine Schattenwelt. Und klar blieb nur die Erinnerung an ein zwiespältiges, aus Grauen und etwas wie Verzückung gemischtes Gefühl, das mir die Kehle zusammengepreßt und den Magen umgestülpt hatte. Nicht anders ergeht es mir jetzt, wenn ich schildern will, was sich weiter bei jener VUnternehmung S 5 ereignet hat: das Gedãchtnis setzt aus, alle Umrisse verschwimmen, und bloß fließende Schatten sind da. Nur wie durch ein verregnetes Fenster sehe ich unsere Gruppe auf der Chaussee antreten; sche ich uns unter Klah- des Führung querfeldein marschieren und ausschwärmen und die Zugangswege zu einer Fabrik-Siedlung abriegeln, wãhrend Totenkopf-SS. in alle Gebãude eindringt, Haus- rat durch die Fenster auf die Gasse wirft, die Kinder an ei- nem Ende der Siedlung zusammenherdet und die Erwach- senen nach dem andern Ende, zu den Holzschuppen jagt, in denen die Verhõre stattfinden sollen. Nur wie in einer weiten Ferne, undeutlich und schatten- haft, sche ich Scelke und mich vor einem Holzschuppen VWache stehen; aus dem Schuppen dringen die Schreie der Verhörten heraus— Schreie, die mir die Kehle zusammen- pressen und den Magen umstũlpen; ich trete hinter einen Baum, um mich zu erleichtern, aber Scelke meint: Mensch, fang nicht erst an mit so was. Das nũtzt einen Dreck. Halt die Ohren steif, oder stopf dir Watte hinein, das nützt. v (Und ich hasse Seelke und den Pienst und mich selber; ich hasse die ganze Welt, und ich gehe nun erst recht hinter den Baum— aber das ist auch alles.) Ja, bloß wie in der Erinnerung an einen wirren Traum sche ich schließlich abends Klahde mit Seelke, Klobocznik und Dietz noch auf᷑ einen Leiterwagen steigen, der die letzte Fuhre zerschlagener halbtoter Körper auf Himmelfahrt mitnimmt.(Und wieder fãllt mich der Hkel an: vor mir sel- 84 ber und vor den andern und vor allem, was wir tun. Aber diesmal gehe ich nicht einmal mehr hinter einen Baum; ich bin mũde, ausgehõhlt und auf eine furchthare Weise allein. Und da ist nur eines, das mich mehr Schreckt als die Ein- Samkcit: die Begegnung mit mir selbst, mit dem Gedanken daran, was aus mir geworden ist und noch werden wird.) 14 Es war schon Nacht, als endlich der Befehl zur Rück- fahrt gegeben wurde. Wir fuhren sehr langsam, die Ko- lonne zog sich weit auseinander. Der Motor unseres Wa- gens sang: aKrieg ist Krieg, Krieg ist Krieg, das läßt sich nicht ãndern und ũberhaupt ist alles egal, Krieg ist Krieg. Ich hörte zu und fühlte eine große, beruhigende Wurstig- keit über mich kommen. Der Mond stieg gelb und rund herauf. Es wurde So hell, daß man das Rippenmuster auf den Blättern der Chaussee- bãume erkennen konnte. Klobocznik und Scelke hatten über ihre Knie eine Zelt bahn gespannt und benützten sie als Kartentisch. Seelke gewann immerzu. Klobocznik konnte zuerst nicht genug über das„mordsmäßige Schwein“ seines Partners lachen, verlor aber schließlich die Geduld und warf die Karten hin. Nichts zu machen. Ich hab' heute eine total pechige Hand. Da, nimm den ganzen Segen, du hast gewonnen.» Pamit Schob er Seelke seinen prall gefüllten Brotbeutel hin. Wieso denndv widersprach Scelke, awir wollten doch zwanzig Partien spielen. Komm nur, du bist am Austei- len.v Aber Klobocznik wollte nicht.(Genug ist genug. Ich Sage dir, du hast gewonnen und kannst das ganze Zeug be- halten. Gute Nacht. v Er kroch in sich zusammen und zog die Zeltbahn über den dicken, runden Schädel. Gleich dar- auf begann er zu schnarchen. 85 Seelke wackelte verständnislos mit dem Kopf, brummte etwas Mißbilligendes vor sich hin und griff Schließlich nach dem prallen Brotbeutel, dessen Inhalt er sich in den Schoß schüttete. Es waren Schuhe, fünf oder sechs Paar, große und kleine, für Mãnner und für Frauen,— alle alt und mit Lehm beschmiert. Seelke nahm einen Schuh nach dem an- dern in die Hand, drehte ihn hin und her, prüfte Oberleder, Absätze, Sohlen. Seine Jungenstirn legte sich dabei in an- gestrengte Falten. Dietz, der Seelke schon seit einer ganzen Weile beobach- tet hatte, schlug ihm auf die Schulter und rief:«Na, da hast du ja wieder mal was Großartiges geerbt, zeig herlv Er grif᷑ nach dem Schuh, den Scelke gerade in der Hand hielt, doch Seelke ließ nicht los. Dietz prach in ein schepperndes Lachen aus.«Hast wohl Angst um deinen Trödelladen, was? Keine Sorge! Ich mõchte ihn nicht nachgeschmissen haben. Kriegst ihn auch gar nichtꝰ, gab Seelke zurück, daber warte bloß, wie die Schuhe ausschn werden, wenn ich sie erst mal in Bchandlung genommen habe. Besonders die praunen da. v Er warf den Kopf nach hinten, Schnalzte und plinzelte selig, als genieſe er einen besonders guten Trop- fen. Wirklich, das Frauenzimmer, dem sie gehört haben, ist mit ihrem Schuhwerk nicht schlecht umgegangen. Alles, Was recht ist. v Dietzens Nase blãhte sich. Er pekam sein Dachshundge- sicht. Ach, was du nicht sagst?v nuschelte er mit einem Schiefen Grinsen, amir scheint, du hast für die Person was übrig gehabtꝰv Seelke schoß ihm, über den Brillenrand hin, einen kurzen Scharfen Blick zu.(Bei dir piept's wohl, Junge? Aber wenn du willst, kannst du ein Prõbchen von dem abbekommen, was ich für H. K.Kunden übrig habe.» Das wurde trocken hingeworfen, aber doch mit einem Unterton, der Dietz aufhorchen ließ. Er wetzte eine Weile 86 auf seinem Sitz hin und her, offenbar im Zweifel, ob er sich über Seelkes Worte entrüsten oder lustigmachen solle; schließlich preßte er wieder sein blechernes Lachen her- vor, rũckte ganz dicht an Seelke heran und kniff ihn in den Arm. Hör mal, Alterchenꝰ, begann er unbefangen, awas ich übrigens fragen wollte: welche von den Frauen war es denn ꝰ Die dũnne, rothaarige ꝰv (Nein, die große.v Was d Rede doch kein Blechv, schrie Dietz. Seelke entrüstete sich. Was heißt da Blechdv Na, weil die doch nicht so kleine Füße gehabt haben kann. v Hat sie aber gehabt.» (TsSSv, machte Dietz. Ich hatte auf einmal die Empfindung, daß mir etwas im Nacken sitze. Ich drehte mich um und blickte in die zu- sammengekniffenen Augen Maurers. Sie erschienen mir be- sonders hell in dem hartgezeichneten Gesicht, das von der ihm eigenen Verschlossenheit wie von einem Schatten ver- dunkelt wurde. Wie schon ein paar Mal zuvor, fragte ich mich vergeblich, was sich hinter diesem Schatten verberge. Indem sagte Dietz:«Junge, also wenn ich gewußt hätte, daß sie So kleine Füße hat, da wãre ich ihr vorher noch...» Ich duckte mich unwillkürlich, in der Erwartung, daß etwas geschehen, von Maurer her geschehen werde, aber es war Chabrun, der plõtzlich losfuhr: er verbiete sich jedes Gezote, wir seien schließlich Soldaten, nicht Zuhälter, und die Uniform verlange von jedem, daß er den inneren Schweinehund an die Kette lege; das habe nichts mit Weich- heit oder Sentimentalität zu tun, und wer daran etwa zweifle, sei freundlich eingeladen, einen solchen Zweifel zu äußern. Bei den letzten Worten wechselte Chabrun in seiner ab- rupten Art den Ton, wurde leise, eisig und hõflich. Er blin- 87 zelte Dietz spöttisch aufmunternd zu. Aber Dietz tat so, als gehe ihn das gar nicht an. Auch wir andern schwiegen alle. Der Wagen fuhr noch langsamer als zuvor. Das Land war fahl. In Löchern am Straßenrand glänzten matte Pfützen. Fine Wolke fiel über den Mond, schwarz und schwer wie der Vorhang des Schicksals. Mir lief ein Frösteln über die Haut. Nur von dem Wind, der mit den wachsenden Schatten dahergeflogen kam? Plõtzlich, ohne jede Berechtigung, völlig sinnlos und lã- cherlich, flatterte eine Schnsucht auf— eine Schnsucht mit etwas verschleierten Augen..., flatterte auf und erfror gleich darauf in dem Gefühl võlligen, erbarmungslosen A- leinseins. Ich stieß Chabrun an. Obwohl er bestimmt wach war, rührte er sich nicht. Wir rollten durch einen schütteren Wald. Ein großer Vo- gel strich wiederholt über unseren Wagen hin. Aus dem Dunkel eines kleinen Dickichts kam ein Vhuruf. Mir fielen die Mãrchen wieder ein, die ich als Kind gehört und gele- sen hatte,— unsere deutschen Märchen, in denen Wald und Nacht fast immer mit Schrecken angefüllt sind. Fin durstiges Verlangen nach einer Zigarette überkam mich. Ich kramte in meinen Taschen. Nichts. Da hob Cha- brun den Kopf, blinkte mir zu und zog seinen Tabaksbeu- tel hervor. Wir rauchten still. Als die letzten Stummelreste verglimmt waren, sagte Chabrun mit verschleierter Stimme, mehr zu sich selber als zu mir: Was wir wollen, wissen wir nicht. Was wir wissen, Wwollen wir nicht. Das ist es doch, nicht wahr? Er machte eine Pause; seine Blicke gingen in die Ferne. Ganz uner- wartet fuhr er fort: Es mũßte eben mal ein Tor aufgesto- Ben werden. Aber wer soll das tun? Jſemand von uns?» Er 88 lachte leise, pitter. Ah, mein Licber, was ist das für eine Welt, in der wir uns herumtummeln? Merde, nichts als merde. Aber so ist es nun mal. Nichts zu ändern, Freund- chen. Da hilft nur eines: man darf sich nicht zivilmäßig gehen lassen, in Gefühlen schwelgen, so als Privatmann mit komfortablen Sentiments. v Er setzte sich straff auf, schnallte seine Koppel enger, holte einen Putafleck aus dem Brotbeutel und machte sich daran, seine Stiefel zu polieren. Ja, sichst duv, erklärte er mir dabei, und seine Stimme hatte den gewöhnlichen Tonfall wieder angenommen, ceine gut gehaltene Uniform bringt einem nebenbei auch die beste Meinung über sich selbst bei. Das hat mir mein alter Herr schon immer eingeschärft. Blanke Stiefel, hat er gesagt, sind in einer Aktion s0 was wie Standarten oder Fahnen— ein moralbildender Faktor. Ich war damals noch zu klein, um ihn zu verstehen, aber gemerkt habe ich mir seine Worte, und weiß Gott, sie sind goldrichtig. v Chabrun lächelte. Sein scharfgeschnittenes dunkles Ge- sicht zeigte keine Spur von Müdigkeit oder Katzenjam- mer. 15 Seelke legte die braunen Damenschuhe, die mit ihren neuen hohen Absätzen und den blanken Schnallen aus Pa- tronenblech recht stattlich aussahen, zu den hereits verpack- ten anderen Paaren in einen Pappekarton; verschnürte die- sen mit einem langen Bindfaden und siegelte die Fadenen- den sorgfältig fest. Dann trat er einen Schritt zurück, stemmte die Arme in die Hüften und gab sich der Betrach- tung des fertigen Pakets hin. Auf seinem bebrillten, rosi- gen Schülergesicht lag ein Ausdruck von freudiger, fast verklärter Befriedigung. Ich schaute Seelke zu und wußte nicht recht, was von ihm halten. 89 Er wandte den Kopf, gab mir einen Wink.«Hast du geschn, was ich aus den alten Kähnen gemacht habe dv fragte er, als ich zu ihm trat. Er zcigte auf den Pappekarton. Ich drückte meine Bewunderung über seine Schuhmacher- künste aus. Seelke wehrte geschmeichelt ab. cJa, unsereins muß immer auf dem Draht sein. Geschenkt kriegt man nichts. Das Leben ist kein Familienausflug. Natürlich, ein pißchen Glück muß man schon haben, ohne das geht's nicht. Na, und das hat man ja auch. Was glaubst du, wie So'n Stiebelpaket meiner Alten unter die Arme greift. Die weiß sowieso nie, was sie zuerst ranschaffen soll für die Mã'chens.v Seelke begann von seinen fünf Töchtern zu erzählen. Vier gingen noch zur Schule; die Klteste hatte zwar schon selber eine zweijãhrige Göre, aber der Mann war ihr davor- gelaufen, und seither lebte sie wieder bei der Mutter. Fünf Töchter und die Enkelin— was so ein halbes Dutzend Reißteufel allein an Sohlen in einem Jahr kaputt machten! Und Familie Scelke hatte keinen einflußreichen Freund irgendwo oben in der Partei, der ihr ein paar Bezugs- cheine hintenherum besorgt hätte. Pamit war Seelke hei seinem Thema angelangt, das er vorhin schon mit offenbarem Behagen behandelt hatte. Nee, mein Junge, erklärte er jetzt in betontem Berline- risch, awir ha'm nur unsern Jott, und der is zwar eene feste Burg, aber keene Versorgungsanstalt nich. Bezie- hungen sind längst abjemeldet. Det eenæje Vitamin B for de Famillje is...ver warf sich mit einer komischen Mi- chung von Stolz und Bekũmmernis in die Brust, u... Aois Scelke selber und janz alleene, jawoll! Dabei schn de Jõren aus wie de Jrafenkinder. Da, kick mallv Er hatte aus seinem Spind eine Mappe mit Bildern und Briefen geholt. Auf einer Photographie standen die Töch- ter in einer Reihe nebeneinander wie Soldaten bei einer Wacheablõsung. Die Kleinen, links, dürr wie Stecken, 90 trugen noch Sõckchen und lange Zöpfe; die Alteste auf dem rechten Flügel war vollbusig und schon stark ge- schnürt— aber alle fünf hatten sie die gleichen koketten Sonnenschirme und Handtaschen und Königin-Luise- Strohhüte mit breiten Krempen und Bändern. Nur eine von ihnen, die Mittelste, sah Seelke etwas ähnlich. Ja, das ist Lindchen, Papas Nesthäkchenv, gestand er, die Ssolltest du mal singen hören. Ein Stimmchen hat sie— Zucker, sag ich dir, Zucker 1v Seelke begleitete das letzte Wort mit einem Schmatzen. Sein Gesicht glänzte wie mit Fett eingerieben, als er von den Triumphen seiner Lieb- lingstochter sprach. Schon als Sechsjãhrige war Lindchen in einem Rundfunk-Duett aufgetreten. Mit acht hatte sie den Gau-Sing-Preis des Jungvolks gewonnen und mit Zchn bei einer Erntedankfeier vor Baldur von Schirach und Dr. Goebbels Solo gesungen. Seelke bewahrte in seiner Mappe einen Zeitungsausschnitt mit dem Bericht über jene Feier auf. Die junge Siegelinde Seelke, so hieß es darin, sei vielleicht schon durch ihren Wagnerschen Rufnamen für eine spãtere Opernlaufpahn vorbestimmt. Der Satz war mit Rotstift dick unterstrichen. Ja, Lindchen solle zur Oper, meinte ihr Vater träãume- risch und errõtete dabei bis unter den Ansatz seiner grauen Igelfrisur. Leider neige das Kind zu Erkältungen, und da sei gutes Schuhwerk natürlich unerläßlich. Aber ge- rade für Lindchen habe sich diesmal nichts Passendes ge- funden. Alles viel zu große Kähne. Es sei wirklich ärger- lich. In dieser Weise ging es weiter. Man hätte meinen kön- nen, daß die frũheren Besitzer der Kähne Seelke zum Trotz (nur um Lindchen leer ausgehen zu lassen) große Schuh- nummern bevorzugt hatten. Dabei klang das alles nicht etwa gemacht, auch nicht zynisch, sondern durchaus auf- richtig, naiv. Es dauerte eine gute Weile, bevor mir unheimlich zu- 91 mute wurde,— wieder einmal unheimlich vor den zwei Scelen in der deutschen Brust; vor dieser vertrakten Ver- bindung von Stumpfheit und Gemũt, von goldenem Her- zen und Wolfsrachen. Und zugleich erwachte in mir die Erkenntnis(nein, damals war es noch keine Erkenntnis, Sondern eine bloße Ahnung), daß mein eigenes Verhalten, mein Schweigen und Geschehenlassen trotz Besserwissen im Grunde nur eine andere Spielart der gleichen Zwitter- haftigkeit war, vor der mir bei Scelke graulte. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber es gelang mir wohl nicht. Seelke unterbrach sich und sagte (war es entschuldigend oder vorwurfsvoll, oder peides zugleich ²): Ja, jetzt denkst du wahrscheinlich, der Seelke ist ein falscher Fuffziger, weil er doch diese kleine dicke Sächsin mit den Kaninchen hat... und die hat er auch, aber das gehört auf eine andere Seite. Schließlich ist man nicht aus Stein, das ist es ja eben, man möchte natürlich seine Alte bei sich haben und das Lindchen und die ganze Familie, und weil das nicht geht... Aber was verstehst du von solchen Sachen?» Er kratzte sich sorgenvoll in seinem Igelhaar. VWir schwiegen, schauten aneinander vorbei. Dann kam Chabrun in die Stube gelaufen. Ein außerordentlicher Ap- pell war angesagt. Wir hatten in Marschausrüstung anzutreten und wur- den nach einem entlegenen Stadtbezirk geschickt, wo wir bis tief in die Nacht tschechische Arbeitskommandos beaufsichtigten, die Flaggenpfosten und Triumphpforten für einen überraschend angesetzten Besuch des Reichs- marschalls aufzurichten hatten. Gerade als wir in die Quar- tiere abrücken sollten, kam Gegenorder. Der Besuch war abgeblasen worden; die Empfangsvorbereitungen seien bis zum Tagesanbruch unsichtbar zu machen. Die Arbeits- kommandos waren schon auf dem Heimweg; nur wenige 92 von ihnen konnten noch erreicht und zurückgeholt wer- den. Auf Befehl eines hinkenden Oberstleutnants von der SS. Hauptkommandantur, der wohl den ganzen Empfangs- rummel ausgedacht hatte, mußten wir selbst mit Hand an- legen. Es war keine leichte Arbeit. Die Unteroffiziere und Offiziere trieben uns unablãssig an. Wir waren schon vor- her übernächtig und müde gewesen. Zu allem andern setzte auch ein Platzregen ein. Erschõpft und verschmutzt konnten wir endlich in der Morgendãmmerung den Rückmarsch antreten. Niemand Sprach ein Wort. Plõtzlich fing Seelke zu fluchen an. Er hatte auf seiner Uniformjacke den Abdruck einer Kreide- zcichnung entdeckt: ein Kreuz und die Jahreszahl 1918. Hastig putzte er die Kreidestriche weg. Dabei fluchte er ohne Unterbrechung weiter. Seine Stimme klang ent- stellt— hoch und weinerlich. Klobocznik gab ihm einen Rippenstoß.(Mensch, hör blo auf! Was ist schon dabei? Einer von den tschechi- Schen Halunken hat sich einen guten Tag aus dir gemacht, da brauchst du nicht hochzugehn deswegen. Und wie du aussichst! Wie'n aufgewärmter Leichnaml* Aber Seelke ging auf᷑ Kloboczniks witzelnden Ton nicht ein. Fin weißes Kreuz vor Sonnenaufgang, noch dazu auf der eigenen Kluft, sei ein verdammt schlechtes Vorzeichen. Pabei blieb er und steckte uns andere langsam, aber sicher mit seiner verstockten, dumpfen Schwarzseherei an. Mür- risch und wütend rũckten wir ins Quartier ein. Wer uns so sah, mußte wohl an ein Pack verprũgelter bissiger Hunde denken. Kaum hatten wir abgeschnallt, als ein Melder erschien und bekanntgab, daß Gruppe Klahde in zwei Stunden zum Wachdienst anzutreten habe. Ich wurde vorher noch in die Kompaniekanzlei befohlen. Warum denn dv fragte ich den Melder. 93 Der zuckte mit den Achseln. Weiß ich nicht. Mach nur, daß du gleich rũberkommst.v Als ich die Stube verließ, hörte ich Seelke mit der selt- sam weinerlichen Stimme hinter mir hersagen:«Na, da habt ihr's, die Bescherung fängt schon an.v (Unsinnv, schnarrte Dietz ihn an, doch es klang nicht Schr überzeugend. (Unsinnv, redete auch ich mir zu, konnte jedoch ein Gefühl der Unsicherheit nicht unterdrücken. Vor der Tür zur Kompaniekanzlei zögerte ich einige Sckunden; das Herz klopfte mir ganz oben im Halse. Indem trat der Feld- webel aus der Kanzlei. (Ah, Hollerv, rief er, Mann, haben Sie Glück! Die Kom- panie kriegt Extrawachdienst, und sie können auf Urlaub fahren.» Ich begriff nicht gleich. Der Feldwebel lachte wiehernd.«(Na, so dämlich müssen Sie wieder nicht drein- schauen 1* Er erklärte mir, daß mein Schwiegervater tele- graphisch um einen dreitägigen Heimaturlaub für mich angesucht habe und daß das Gesuch bewilligt sei. Es war auch ein Telegramm für mich da. Onkel Helmut teilte mit, daß Anncliese mir einen Stammhalter und dem Führer einen künftigen Soldaten geboren habe, Siegheil. Sie kõnnen nachher gleich loszitternꝰ, sagte der Feld- webel, ader Urlaub lãuft von zwölf Uhr mittags an.» 94 ZWEITFER TEIIL. T S gab einen jähen Ruck. Die ausgeleierten Achsen kreischten durchdringend. Mein Kopf schlug gegen die Holæwand. Ich tauchte aus dem dõsigen Schlaf empor, in den ich versunken war, kaum daß ich mich in die Ecke des leeren halbdunklen Abteils gesetzt hatte. Der Zug rollte langsam und schlingernd aus der Abfahrtshalle. Es wurde hell. Ich Sah, daß das Abteil jetzt voll war, übervoll. Auch im Gang vor der Coupẽtũtre saßen und standen Rei- Sende, dicht aneinander gedrängt. Eine Frauenstimme quãngelte in heiserem Falsett:«Zehn vor sechs. Fast zwei Stunden Verspãtung gleich bei der Abfahrt! Wãre so was früher denkbar gewesen?» Frinnerungen an frühere Fahrten von Prag nach R... wurden in mir wach- Fahrten mit meiner Schwester Bar- bara, zu Beginn der Weihnachts- und Osterferien, oder zu Mutters Geburtstag, oder aus sonst einem angenchmen Anlaß. Damals hatten wir auch immer den Nachmittagszug genommen, aber damals war er pünktlich, mit dem Glok- kenschlag drei, abgefahren, und überhaupt: was war aus dem blanken, sauberen Drei-Uhr-Zug von damals gewor- den, aus unserem«Zug zu Mutternꝰ, der eigentlich schon ein Stück Zuhause bedeutet hatte! Ja, jetzt erst fiel mir auf, in welchem Zustand völliger Verwahrlosung sich alles rundum befand,— die Fenster- scheiben gesprungen und nur notdürftig zusammen- 7 97 geflickt; der Lackanstrich von Bänken und Wänden an vielen Stellen abgeblãttert; die Gepãcknetze in Fetzen; der Fußboden schwarz von Schmutz. Auch die Passagiere sahen heruntergekommen aus. Finer von ihnen benutzte seinen Wettermantel als Vor- hang, hinter dem er sich versteckte; nur seine dũnnen, un- ablãssig zitternden Beine schauten unter dem ausgefransten Mantelrand hervor, und ein Stock, mit dem er im Takt des Zitterns auf den Boden klopfte. Die andern saßen eng zu- sammengepfercht da, und doch jeder nur für sich, stumpf und unfroh, mit seltsam ähnlichem duckmäuserischem Zug in den Gesichtern. Fast alle hatten Pickel oder Aus- schläge, und der fad säuerliche Geruch von ungebadeten Kõrpern und schmutziger Wãsche stand schwer im Raum wie ein unsichtbarer Nebel. Zwei Frauen in Kleidern aus grünem Stoff, der mich an das Tuch von Billardtischen erinnerte, waren die ein- zigen, die ein lautes Gespräch führten. Die Jüngere, eine blasse, aufgedunsene Person, an der nur die großen Augen anzichend erschienen, erzählte der andern(die offenbar ihre Mutter war) von einer endlosen Jagd nach zusätz- lichen Kleiderkarten. Sie sprach den harten Dialekt meiner engeren Heimat. Ihre Mutter hörte, mit der Hand hinterm Ohr, angestrengt zu und fuhr von Zeit zu Zcit in einem unkontrollierten schrillen Falsett dazwischen: Wie war das d. Wasd. Werd» Die Junge beendete ihre Geschichte:«Und zu guter Letzt haben sie mir auf dem Oberlandratsamt auch noch mit dem Gericht gedroht. Jawohl, ich soll mich fort- scheren, oder sie erstatten Anzeige gegen mich wegen Be- lästigung der Behörde.v Wie dv krächzte die Alte. Was für eine Bestätigung gibt dir die Behörde d» Gar keine. vDie Tochter unterstrich jedes ihrer Worte mit einer heftigen Gebãrde. Nichts kriegen wir. Nichts. Nichts.v 98 Die Mutter blieb ungläubig.«Nein, aber wieso denn?v Mit einemmal geriet sie in Aufregung.«Und wie stellen sie sich eigentlich vor, daß man die Kinder durchbringen soll in dieser Zeit? Ohne Kleider? Ohne Wäsche? Ohne Seife? Wenn sie schon die Erwachsenen draufgehn lassen, na gut, die haben's schließlich verdient; aber die Kin- der... v Sie brach mitten im Satz ab; kroch in sich zu- sammen wie eine Schnecke. Die Junge warf einen erschreckten Blick auf᷑ die ũbrigen Passagiere. Die saßen taub und stumm da. Es war nur der keuchende, drõhnende Lärm des Zuges zu hören, und zwi- schendurch das Tanzen des Stocks, mit dem der Mann hinter dem Wettermantel auf den Boden klopfte. Ein Gefühl der Unruhe wollte sich meiner bemächtigen, aber das Verlangen nach Schlaf war stärker. Ich lehnte mich in meine Ecke zurück. Noch bevor ich mir etwas Weiches unter den Kopf geschoben hatte, fielen mir die Augen zu. Ich träumte, daß ich zu Hause in R... und wieder ein Junge war. Die großen Ferien hatten eben begonnen. Auf den Wie- sen lag das erste Heu; darũber schaukelten die Kohlweiß- linge und summten die Hummeln. Ich spielte mit Anne- liese und meinem Bruder Kurt auf dem Hũgelhang hinter der Stadt, wo es um diese Zeit immer nach Erdbeeren riecht und nach Fierschwämmen aus dem nahen Wald. Anneliese flocht aus Blumen und Federn einen indiani- schen Kopfschmuck, den derjenige von uns zweien be- kommen sollte, der ihr etwas zum Naschen brächte. Kurt begann auch gleich, Hummeln zu fangen. Das ging ganz geschwind, Kurt hatte eine große Ubung darin. Er riß die gefangenen Brummer bei lebendigem Leib auseinander und reichte ihre mit Honig gefüllten Hinterteile Anneliese zum Aussaugen hin. 99 Ich bemühte mich, nicht zuzuschauen, aber ich sah alles— die zerrissenen borstigen Körperchen und die her- vorquellenden Tropfen. Ubergenau sah ich alles, durch die Hand hindurch, die ich mir vor die Augen hielt. Anneliese wußte das natürlich. Sie lachte auf ihre schnippische Weise und rief mir zu: Du glaubst wohl, du wirst nicht gestochen, weil du nicht mitgemacht hast? Ja, Schnecken! Du bist dabeigewesen, das genügt, eetsch eetsch!» Sie Sprang auf, lief davon, den Hang hinunter. Ich sofort hinterher, doch da war sie schon weit, und als sie sich nach mir umblickte, hatte sie bäuerliche Züge, dichtes braunes Haar und etwas verschleierte Augen, lustige Au- gen mit einem Schimmer von Traum und Melancholie. Lidkav, schrie ich, cLidka, warte! Laß mich nicht allein.v Aber mein Ruf erreichte sie nicht. Auch lief ich nicht mehr hinter ihr her; ich rannte vor etwas davon— vor einer Armee ungeheurer Hummeln, die sich auf mich stürzen wollten. In wilder Hast sprang ich vorwärts, doch meine Füße sanken bei jedem Sprung in den Boden ein wie in einen zähen Teig: zuerst bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Waden, schließlich bis zu den Knien... während Lidka, nein, nun war es wieder Anneliese, über den tückischen Sumpfboden dahintänzelte, als habe sie kein Gewicht. Warte lv schrie ich wieder und nahm nochmals alle Kraft zu einem Sprung zusammen. Es war der letzte. Ich ver- sank bis zu den Hüften und kam nicht mehr los, so ver- zweifelt ich mich auch anstrengte. Der Sumpf zog mich tiefer und tiefer; meine Krãfte schwanden, mein Wille er- lahmte. Die Hummeln brausten in dunklen Geschwadern heran; ihre riesigen Stacheln waren alle auf mich gerichtet. Ich duckte mich. Da setzte mit einem Schlage das Brausen aus, und in die plötzlich entstandene Leere sagte eine Sprõde Mãdchenstimme, die ich noch nie gehört hatte: 100 (Nein Volksgenosse, ein Irrtum ist ausgeschlossen. Ich habe genau aufgepaßt. Das haben wir doch beim Volks- meldedienst gelernt. Es waren klar staatsfeindliche Auße- rungen.v Damit kam ich auf. Im ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht. Alles erschien mir verãndert. Die Lampen prannten schon, und man konnte nicht mehr zum Fenster hinausschauen, weil der Verdunkelungsvorhang herunterhing. Das Abteil war noch immer überfüllt, doch bemerkte ich viele neue Ge- sichter. Von den alten Passagieren waren, soviel ich sah, nur noch die zwei Frauen in Grün dageblieben und der hinter seinem Wettermantel versteckte Mann mit dem immer noch zittrig klopfenden Stock. In der Abteiltũre stand der Zugführer, ein weißhaariger Mann in einer viel zu weiten Uniform,— zweifellos einer jener lãngst pensionierten Beamten, die jetzt wieder einge- stellt wurden, um Ersatz für die Front freizumachen. Er fingerte an seinem Dienstbuch herum und hörte mit sicht- licher Uberwindung einer Halbwüchsigen von etwa sech- zchn Jahren zu, die breitbeinig in dem kleinen Gang zwi- schen den Bãnken stand. Sie trug die braune Kletterweste des Bundes Deutscher Mädel und hatte jenen verkniffenen Mund, wie man ihn jetzt so hãufig bei der Hitlerjugend fin- det. Nein, ein Irrtum ist ausgeschlossen, ich habe genau auf ihre Worte geachtetꝰ, wiederholte sie und maß dabei die ältere der beiden Frauen. Was will sie dv fragte die Alte ihre Tochter. Diese antwortete nicht, sondern wandte sich mit einem hilfesuchenden Ausdruck an den Zugführer: Meine Mut- ter hört schlecht. Sie ist taub auf einem Ohr und... v Das Mãdchen in der Kletterweste unterbrach sie: Wenn man auf einem Ohr taub ist, muß man noch lange keine 101 volksfeindlichen Meckereien von sich geben. Das hat mit Schwerhörigkeit nichts zu tun. v Und zu dem Zugführer: (Bitte stellen Sie den Namen dieser Frau fest! Der Beamte rieb sich sein stoppeliges Kinn und meinte pegũtigend: WVielleicht war es nicht ganz so arg, Frãulein. Wir haben alle heute unsere Sorgen, da kann es schon pas- sieren, daß einmal die Nerven durchgehn. Hat jemand von den Herrschaften etwa auch den Eindruck gehabt wie das Frãulein dv Zornig stampfte die Halbwüchsige auf. Die Frau hat Lügengerüchte verbreitet. Gereine Hetzreden. Ganz von der Art, wie sie der Führer neulich als Hilfsdienst für die Feindpropaganda gebrandmarkt hat. Ich weiß, was ich ge- hört habe. Und wenn Sie glauben, daß ein BDM.- Mäd- chen lügt, oder wenn Sie die Feststellung einer solchen Person verhindern wollen, dann brauchen Sie's nur zu sa- gen. (Na, ich habe doch bloß gedacht, murmelte der Zug- fũhrer hastig. Er schlug das Dienstbuch auf, zog einen Blei- stift hervor und beleckte ihn. In seinem Gehaben und Aus- druck lag etwas von der unterwürfigen Furcht eines gepr- gelten Tieres. Ohne aufzublicken, fragte er die Tochter der Schwerhörigen: Wie ist der Name Ihrer Frau Mutter?» Aber sie hat es doch gar nicht bõs gemeintꝰ, stotterte die Gefragte. Sie versuchte, die Halbwüchsige durch ein Lächeln umzustimmen. Das muß doch auch das Frãulein also das muß doch auch die Volksgenossin hier ein- schnd» cIch habe nicht das Geringste einzuschn, lautete die schroffe Antwort, afür mich existiert nur, was ich gehört habe. Darüber will ich Bericht geben. Das ist meine Pflicht als deutsches Mädel. Wie sie's gemeint hat, kann sie ja nach- her der Polizei erklären.v Jetzt erst erriet die Alte, was vor sich ging. Ihr faltiges Gesicht wurde dunkel wie eine ũberreife Tomate. Sie schüt- 102 telte die Hand der Tochter ab, die sie zurückhalten wollte, und schrie: Was will sie? Die Polizei holen? Ach, du Mas! Also anzeigen willst du mich? Also gespitzelt hast du hier? Also dazu erzicht man euch! Eine feine Jugend. Na, hol nur die Polizei, hol sie nur, du Mistvieh! Mir soll's recht sein. Was hab ich denn verbrochen? He! Ist es viel- leicht nicht wahr, daß sie uns den Frieden schon zu Weih- nachten vor zwei Jahren versprochen haben? Den Frieden, und daß die Russen in sechs Monaten auf der Nase liegen werden, und daß es nie so kommen wird wie im letzten Krieg mit dem fleischlosen Fraß und den Ersatzlumpen und dem Geld, für das man sich gerade noch Kriegsanleihe kaufen kann, aber sonst gar nichts... vDer Atem ging ihr aus; sie rang nach Luft und Worten. Das Hitlermãdchen triumphierte: ¶Aha, da haben wir's! Wie ich's gesagt habe: die richtige Zersetzungspropaganda. Die Juden in Moskau und Washington könnten's nicht besser.v Und mit einem Blick zu mir hin: Was sollen sich die Frontsoldaten denken, wenn sie auf Urlaub kommen und schen, daß wir sowas dulden? Wie kõnnen wir denen in die Augen schauen, die ihr Blut hergegeben haben d» Sie verstummte. Eine dumpfe Stimme war laut gewor- den:«Uns lassen Sie gefälligst aus dem Spielelv Gleich darauf tauchte der Sprecher auf. Es war der Mann, der die ganze Zeit über hinter dem Wettermantel gesessen hatte. Jetzt stand er da, mũhsam auf einen Krückstock ge- stützt. Sein entsetzlich abgemagerter Körper schlotterte. Der Unterkiefer war mit einem Riemengeflecht umgeben; ũber der zerstõrten Nase flackerte nur das linke Auge, das rechte wurde von einer schwarzen Binde verdeckt. Diese wracke, nur wie durch ein Wunder noch zusammengehal- tene Kreatur wirkte auf den ersten Blick mehr grotesk als grausig. Ist das mõglich dvdachte ich, anein, das kann nicht sein, das ist eine Einbildung.v 103 Doch da begann der Krüppel wieder mit seiner dumpfen, wie künstlich klingenden Stimme:«Jawohl, uns lassen Sie aus dem Spiel! Wir haben nicht dafür geblutet. Nicht für euren Schwindel.v Er hob seinen Stock. Das BDM.- Mädel wich bestürzt zurück. Der Krüppel schwankte, verlor das Gleichgewicht, fiel Schwer nieder. Die Frauen kreischten. Auch die übrigen Passagiere, die bisher teils eingeschüchtert, teils angeekelt in verschiedene EHcken oder zur Decke geblickt hatten, gerieten in Panik. Jemand brüllte: Die Notleine! Die Notleine l* Ich wurde am Armel gepackt und angestõhnt: Schaffen Sie Ordnung, Sie sind doch von der Wehrmacht.»Der Krüppel schlug in epileptischen Krämpfen um sich. Da hielt der Zug. Wir waren in R... 2 R.. ist eine Stadt von etwa siebentausend Einwohnern. Es liegt am Fuß des Isergebirges, in Nordböhmen, nicht weit von der neuen Grenze, die den Sudetengau vom tschechischen Protektoratsgebiet scheidet. Auf einer der üblichen Schulatlaskarten von Mitteleuropa wird man R... kaum finden; trotzdem ist sein Name in der Welt draußen recht gut bekannt. Seinen internationalen Ruf ver- dankt mein Heimatsort, ähnlich wie so manche andere kleine Industrie- und Handelsstadt in den Sudeten, einer be- stimmten Hxportware— in diesem Fall dem Glasschmuck, der scit Generationen von den Heimarbeitern der umlie- genden Schleiferdõrfer für die Unternchmer von R... her- gestellt wird. Die Stadt hat drei Teile: das Geschäftsviertel rund um den Marktplatz, die alte Unterstadt und die neuere Ober- stadt. In der Oberstadt, deren Einfamilienhäuser und Vil- len den Talhang hinter dem Rathaus hinaufklettern, woh- 104 nen die Fabrikanten, die Exporteure, die Inhaber der Glas- warenhandlungen, die Betriebsleiter und Prokuristen, die strebsamen oder höher bezahlten Handlungsgehilfen, die Staatsbeamten, die Rechtsanwälte, kurz, die sogenannten besseren Kreise. In den krummen Gassen der Unterstadt hausen die Packer und Arbeiter der großen Unternehmun- gen, die Hisenbahner, Handwerker, Krämer, vor allem aber die Kleinmeister und Gehilfen, die mit der Endzu- richtung der Bijouterie zu tun haben,— die Galvaniseure, Similiseure, Gürtler, Glasmaler, Estampeure und wie sie sonst noch heißen. Glas, Glas.. davon lebte, darum bewegte sich, darũber Sprach, soweit ich zurũckdenken kann, die Stadt. Zu mei- nen frũhesten Kindheitserinnerungen gehört die sonder- bare Silhouette des Blauen Steffl, eines alten Perlenmachers, der das Silber noch mit dem Mund in die Glasperlen ge- blasen und dabei zuviel Silberoxyd unter die Haut bekorm- men hatte; und dann das Bild eines Verkehrsunfalls, bei dem mehrere Kisten mit Schmuckwaren zertrümmert wur- den: die ganze Straße vor unserem Haus lag wie verschneit da, mitten im Sommer,— und die Schneeflocken waren glit- zernde Similidiamanten und Opale. In den Gesprächen, die wir Kinder zu Hause oder bei Familienausflũgen aufschnappten, spielten die weltweiten Handelsbezichungen von R... eine große Rolle. Insbe- sondere Onkel Helmut, der selbst Teilhaber einer kleinen Exportfirma war, vertrat bei jeder Gelegenheit wortreich die Ansicht, daß nicht nur die ganze Stadt, sondern jeder nationalbewußte deutsche Mann in den Sudeten stolz dar- auf Sein mũsse, daß die Bijouteriewaren von R...(diese Zeugnisse deutschen Gewerbefleißes und deutscher Tüch- tigkeit, wie er sie nannte) bis in die entlegensten Gegenden geliefert wurden: nach Patagonien und Sierra Leone und Tahiti und Manhattan. Der exotische Klang dieser und 105 ãhnlicher Namen, von denen er eine große Zahl auf Lager hatte, bereitete Onkel Helmut jedesmal einen sichtbaren Genuß. Auch in der Schule, im Turnverein, bei den Sãngern und Veteranen und in den zwei võlkischen Lokalblättern wur- de immerwieder aufdie Erfolge deutschen Unternchmungs- geistes hingewiesen. Diese Erfolge weckten freilich den Neid und Haß einer mißgünstigen Welt. Engländer, Fran- zosen, Tschechen, Freimaurer und Juden gõnnten dem ehr- lichen deutschen Michel nicht den ihm zustehenden Platz an der Sonne. Darum hatten sie, beispielsweise, im Jahre 1914 den Weltkrieg angezettelt, aus dem das Deutschtum nach den Worten von Onkel Helmut und Oberlehrer Zem- litschka und anderen nationalen Mãnnern nur deshalb nicht als Sieger hervorgegangen war, weil Verrat im Innern, vor allem slawischer Verrat in Osterreich, die Triumphe der deutschen Waffen an den Fronten zunichte gemacht hatte. Aus diesem Grunde war es um das alte Osterreich auch gar nicht schade. Ohnchin war man in den nationalen Zir- keln von R... schon um die Jahrhundertwende auf die Pa- rolen des alldeutschen Ritters von Schõnerer eingeschwo- ren gewesen, der gegen Tschechen und Juden wetterte und das Heil der õsterreichischen Deutschen nur in einem An- Schluß an das benachbarte Reich erblickte. Nein, der Habs- burger Monarchie weinte man keine Trãne nach. Dagegen wurde es als schmachwoll empfunden, nach dem Zusam- menbruch Osterreichs von irgendwelchen Tschechen in Prag regiert zu werden. Man ertrug diese Schmach zu- nãchst, weil man sich immer vor der Macht duckte(und weil die Inflation jenseits und die gesicherte Wirtschafts- lage diesseits der Grenze ein Verbleiben in dem verhaßten Tschechenstaat vorteilhafter erscheinen ließ als die Ver- wirklichung der ewigen großdeutschen Sehnsucht). Doch man knirschte im Geiste mit den Zähnen und plieb natür- lich tiefinneilich alldeutsch immerdar. 106 Lange bevor die Zeitungen von Adoſf᷑ Hitler und den Na- zis zu schreiben begannen, hörten wir in der Schule schon von Herrn Oberlchrer Zemlitschka, daß der Tag kommen müsse, an dem ein erwachtes Deutschland auch unsere Hei- mat befreien werde. Auf jenen Tag habe sich jeder echte sudetendeutsche Junge beizeiten vorzubereiten. Zur Vor- bereitung gehörte das Uben des Stechschritts und das Sin- gen von Liedern, in denen wir GroBdeutschlands Fahnen wehen ließen oder uns ein Rõslein an den Stahlhelm steck- ten, den Stahlhelm mit dem Hakenkreuz... Daß Stech- schritt und Singen im Verborgenen geübt werden mußten, verheimlicht vor den Behörden der Republik, erschien auch denjenigen unter uns, die, wie ich, gar nicht mit dem ganzen Herzen dabei waren, als etwas besonders Anzie- hendes. Von der großen Wirtschaftskrise zu Beginn der Dreißi- gerjahre wurde meine engere Heimat schr hart hergenom- men. Auch Onkel Helmuts Exportfirma machte damals Pleite. Selbstverständlich waren die Tschechen und Juden an allem schuld. Die großdeutsche Schnsucht wurde aus ih- rem Versteck hervorgeholt. Man schwärmte wieder vom Anschluß ans Reich, um so mehr, als von dort her eine neue Sprache, die Sprache der Macht gesprochen wurde, für die man in R... ja schon immer ein feines Ohr gehabt hatte. Konrad Henlein, der heimliche Statthalter Hitlers in den Sudeten, hatte in meiner Heimat großen Zulauf. Unsere Familie stellte ihmn einige seiner ersten Gefolgsleute. Meine Brüder Kurt und Gerhard traten in die getarnte SM., die sogenannte Ordnertruppe ein; Onkel Helmut wurde Amts- walter der Sudetendeutschen Partei, und Anneliese war Mitbegrũnderin der Frauenschaft. Nach den Gemeindewahlen, die zum erstenmal Henlein in vollem Aufstieg zeigten, kam R... auf die Ehren- und Siegerliste der Partei. Onkel Helmut wurde in den Gemein- 107 derat gewãhlt und erhielt einen bezahlten Magistratsposten. Bei dem halben Aufstandsversuch, den die Henleinleute im September 1936 unternahmen, gehörte R... zu jenen Stäãd- ten, in denen die Hakenkreuzfahne auf den õffentlichen Ge- bãuden gehißt wurde. Meine Brüder verrichteten für einen halben Tag Polizeidienst auf dem Marktplatz, und Onkel Helmut saß wãhrenddem im Präsidialzimmer des Bezirks- gerichts, das er kommissarisch übernommen hatte. Als noch vor Ablauf eines ganzen Tages alles abgeblasen wurde, und wer immer von den Aufstãndischen die Mittel und Wege dazu besaß, ins Pritte Reich flũchtete, stand fast in jedem Haus der Oberen Stadt ein Bett leer. Pafür wur- den kaum zwei Wochen spãter, nach der Ubergabe des Su- detengebietes an Hitler, die Rückkehrenden mit Blumen, Musik und Glockengeläute empfangen. Und als wenige Tage darauf der Führer selbst in R... einzog und eine Truppenparade auf dem Marktplatz abhielt, kannte die Be- geisterung keine Grenzen. Nach einem Brief von Kurt wa- ren in jenen Tagen die Mãdchen billiger zu haben als Brom- beeren, und in der Tat verzeichnete die Stadt im nãchsten Jahre einen außerordentlichen Zuwachs an Geburten. So groß war die Zahl der, Einzugskindchen“, daß die Frauen- schaft ein eigenes Heim für sogenannte Staatsmütter ein- richtete. Wãhrend der stũrmischen Jahre war ich, von kurzen Fe- rienaufenthalten abgeschen, nicht in R... Ich studierte da- mals: zuerst in Prag, dann in Leipzig. Von den Vorgängen zu Hause erfuhr ich zumeist nur durch die Zeitungen und die Berichte meiner Angehörigen. Bei meinem ersten Besuch in der, befreiten Heimat? fand ich die Begeisterung der Einmarschtage, die kaum ein hal- bes Jahr zurũcklagen, bereits verraucht. Dem Anschluß an das Großdeutsche Reich war die verheißene Schlagartige Besserung der Lebens verhãltnisse nicht gefolgt. Die Druck- 108 hütten und Schleifmũhlen konnten nicht auf die Erzeugung von Heeresmaterial umgestellt werden, und der Glasexport schrumpfte in jener unsicheren Zeit— der Friede war schon tot, aber der Krieg noch nicht ausgebrochen= von Woche zu Woche mehr ein. Das in Aussicht gestellte grandiose Arbeitsbeschaffungsprogramm schien in Vergessenheit ge- raten zu sein. Nur einige Umbauten waren in Angriff ge- nommen worden; das Bezirksgericht bekam ein Stockwerk aufgesetzt und die neue Bürgerschule wurde in eine Kaserne umgewandelt. Zwar begann man auch, gleich nach dem Anschluß, mit dem Ausheben des Grundes für ein Braunes Haus, einem Monumentalbau nach Münchner Muster, doch mußte die Arbeit kurz nach der feierlichen Grundsteinle- gung wegen Materialmangels eingestellt werden. Die Orts- leitung der NSDAbP. unter Lehrer Zemlitschka(der übri- gens um Namensänderung angesucht hatte und sich jetzt schon Zeckendörffer nannte), wurde vorläufig in der beschlagnahmten Villa des jüdischen Exporteurs Selig- mann untergebracht, den sein früherer langjähriger Prokurist Prokesch, neubestellter Sicherheitskommissar und SS.Sturmführer, ins Konzentrationslager Buchenwalde brachte. Die erwerbslosen Schleifer und Angestellten der Export- häuser übten einstweilen, in Erwartung des Befehls zum Einsatz in künftigen Arbeitsschlachten, alltäglich Präsen- tiergriffe mit dem Spaten. Sie wurden von der Volkswohl- fahrt aus Feldküchen verpflegt; die Essenverteilung hatte in der ersten Woche unter Fanfarentõnen auf dem Markt- platz stattgefunden, ging aber seither still und ohne alle Ze- remonien irgendwo am Rande des neuen Exerzierplatzes vor sich. Man konnte den Eindruck, den die Stadt und die mei- sten Menschen darin machten, am besten mit dem Wort grau umschreiben. Es war das Grau eines Spãtherbsttages, an dem es leise, aber ununterbrochen nieselt. 109 In der Folgezeit kam ich noch dreimal, immer nur auf wenige Tage heim: das erstemal unmittelbar nach Kriegs- ausbruch; dann ein Jahr darauf, vor meiner Finzichung; und schließlich im darauffolgenden Frühling, als ich zum Feldregiment abging. Damals gab es in R... keine Arbeitslosen mehr; die Wehrfãhigen unter ihnen waren alle im Heer, und die ũbri- gen hatten in der Kriegsindustrie der Nachbarbezirke, oder im Altreich Beschäftigung gefunden— aber nun lastete die Abwesenheit der Männer auf der Stadt. Auch hatten die Regimenter aus den Sudeten in den kurzen, nicht sehr blu- tigen Feldzũgen im Norden und Westen unverhãltnismã- Big schwere Verluste erlitten, und ich konnte schon das bittere Flũsterwort von den fürs Heldengrab befreiten Su- detenbrũdern? hören. Die Speicher der Exporthäuser standen nicht mehr leer da, dem Verfall preisgegeben, sie waren von der Heeres- verwaltung ũbernommen worden und dienten als Armee- magazine. In einigen der grõßeren Bijouteriebetriebe wur- den Koppel, Zaumzeuge und Patronengurte für Maschinen- gewehre erzeugt. Frauen, junge Burschen und Kriegsge- fangene verrichteten diese Arbeit. Die Kriegsgefangenen wurden am Morgen von S8. und Fabrikpolizei aus ihrem Lager hinter dem Exerzierplat? nach den Betrieben und abends unter der gleichen Bedeckung wieder in ihre Ba- racken gebracht; sie erfüllten auf᷑ diesen Mãrschen die Stra- Ben mit einer seltsamen Fremdheit und Unruhe, aber auch mit Leben. Grau blieh weiterhin das richtige Wort für R... Doch schien mir dieses Grau jetzt weniger trũb als frũher; anders- wo war's auch nicht heller, und überhaupt: was erwartete ich schon viel? 3 Auf dem Bahnsteig wurde ich von Onkel Helmut und Effi empfangen. Bei meinen letzten Besuchen in R... hatte ich Annelie- ses jüngste Schwester nicht geschen; sie war damals in ei- nem der Schulungslager für die Jugend der neu einverleib- ten Reichsgebiete. So kam es, daß ich Effi als hochaufge- Schossene, sicher nicht mehr unschuldige, aber nochdurch- aus unfertige Sechzehnjährige in Erinnerung hatte, als Back- fisch in Wanderkluft und Haferlschuhen, blondbezopft, mit viel zu langen Armen und Beinen, die immerzu herum- Schlenkerten. Jetzt hingegen stand ein vollendetes Frãulein in einer für R... beinahe übereleganten Aufmachung vor mir, schlank, aber mit frauenhaften Schultern und einem kecken Busen, und von außerordentlich selbstsicheren Be- wegungen. Das Haar, früher strähnig und weißblond wie das Annelieses, war nun locker gewellt und hatte einen Stich ins Kupferfarbene. Effi trug es hochaufgesteckt; da- durch wirkte das Gesicht länglicher und zarter, und in dem zarteren Oval kamen wiederum die Augen mehr zur Gel- tung. Es waren üũbrigens, wie mir jetzt erst auffiel, die glei- chen grauen Augen, die auch Anneliese hatte, nur um eine Nuance weicher und verträumter, doch das mochte eine bloße Folge der spärlichen Beleuchtung sein, und wahr- scheinlich konnten auch Effis Augen, genau so wie die ih- rer Schwester, eine Weile in märchenhafter Verträumtheit schwimmen und dann mit einem Schlag kalt werden wie eine Gasrechnung. Dessen ungeachtet(ja, trotz aller Ahn- lichkeit mit Anneliese) fand ich, daß Effi von einer verwir- renden Fremdartigkeit war, von einer anzichenden Fremd- artigkeit. Für den Bruchteil einer Sekunde wußte ich nicht recht, wie ich mich bei der Begrũßung verhalten sollte. Effi merkte meine Hemmung und kniff die Augen zu. Es lagen leichte TTT Schatten datunter. Ich nahm sie schnell um die Hüfte und gab ihr einen flüchtigen Kuß auf die Stirn. «Hu, was für ein Kasernengeruch nach Tabak und Le- der lv rief sie und verzog die Nase, gleichzeitig jedoch preßte sie sich an mich und küßte mich zurück; ihre Lippen streiften meine Wange und meinen Mund. Es verschlug mir etwas den Atem. Indem klopfte mir Onkel Helmut auf die Schulter und trompetete: Hei! Hitler! Willkommen, mein Junge! Will- kommen in der Heimat! Na, wie fühlst du dich als Vater, hoho?„ Er befand sich offensichtlich in ãußerst gehobener Stimmung. Sein grauer Sportanzug mit Hirschhornknõp- fen und grünen Rockaufschlägen, dazu die Sudetenbefrei- ungsmedaille und das Veteranenabzeichen gaben ihm ein halpmilitãrisches Ausschen— Major in Zivil oder so was. Diesen Effekt hatte er zweifellos sorgfältig einstudiert und er genoß ihn nun mit Wonne. Seinen prallen Wangen und seiner blũhenden Nase mit den Burgunderäderchen waren keinerlei Kriegsnõte anzuschen. Die emporgedrehten Spit- zen des fuchsigen Schnurrbarts verkündeten unentwegten Immer-drauf-los-Optimismus. Der Bergstock wurde mit der Spitze nach oben getragen wie ein gezogener Säbel, und in jedem Schritt wippte jene Elastizitãt, die von ãlteren Parteigrõßen in der Provinz beim Abschreiten eines Fhren- sturms an den Tag gelegt wird. Onkel Helmut füllte die kleine Bahnhofhalle mit seinen schallenden Hohos und Hahas:«Na, wie fühlst du dich, hohod Angenchme Reisegesellschaft gchabt, haha? Um es gleich vorweg zu sagen: Anneliese und der Bub sind in ta- delloser Verfassung. Der Junge ist übrigens heute schon ein richtiger Hitlerpimpf, haha. Das wird mal ein Soldat, kann ich dir versichern, zickezacke, hoho! Nach der Ge- burt hat er stillgehalten, nicht gemuckst, bis vom Assistenz- arzt, Rühren“l kommandiert wurde, erst dann hat er losge- brüllt, jawollja...„Herr Stabsleiter“, hat der Primarius zu 112 mir gesagt, Herr Stabsleiter, Ihr Enkelsohn hat sich gehal- ten wie ein Leibstandartenmann beim Präsentieren. Wenn das nicht mal ein Kerl wird, will ich keine Geburtszange mehr anrühren! hahaha“. Na, wie findest du das, Hans? Regt sich nicht der Vaterstolz in dir, hohodv Vor dem Bahnhof hielt ein mit zwei Schimmeln bespann- ter Landauer. Auf dem Wagenschlag prangte das Stadt- wappen. Tja, hätten wir's nicht, so tãten wir's nicht, Hert Schwiegersohn, meinte Onkel Helmut schmunzelnd. Ich bin nämlich jetzt Bürgermeister-Stellvertreter und Stabs- leiter der Kriegsopfer-Fürsorge, und da steht mir natürlich ein Dienstwagen zu. Ich könnte sogar eines von den Autos haben, aber in Anbetracht der Kriegsverhältnisse begnüge ich mich mit der Pferdekraft in natura, haha.» Er beant- wortete das Hackenzusammenschlagen des Kutschers, eines eisgrauen Mannes in einer Art Feuerwehruniform, mit mar- tialischem Stockschwenken und befahl: Fahren Sie durch die Talstraße und langsam, wir wollen Reifen und Pferde schonen: der junge Vater hier kann Frau und Stammhalter heute sowieso nicht mehr schen... Anneliese ist nämlich noch im Krankenhaus, und da sind Besuche nur vormittags zugelassenv, wandte er sich erklãrend zu mir. Diese Erõffnung ũberraschte mich, war doch in den letz- ten Briefen Annelieses immer davon die Rede gewesen, daß sie zu Hause entbinden werde, wie es heutzutage, bei dem Mangel an Hospitalraum, die Pflicht jeder gesunden deut- schen Mutter sei. Onkel Helmut erriet meine Gedanken und kam einer Frage zuvor. Nein, nein, mit Anneliese und dem Kind gehe alles in Ordnung, und natürlich habe sie die Geburt zu Hause abmachen wollen, aber die Frauenschaftsleitung sei dazwischen gekommen. Anneliese werde nämlich als Sonderbeauftragte der Fachschaft Kõrpererzichung so drin- gend gebraucht, daß unbedingt alles getan werden müsse, 113 um das früheste Wiederantreten im Dienst zu ermög- lichen. Eine Krankenhausentbindung habe infolgedessen im Interesse der Bewegung gelegen. Anneliese sei freilich bis zum Schluß dagegen gewesen. Kein Wunder, bei ih- rer Auffassung von Selbstzucht und Einordnung! Sie wollte unter allen Umstãnden die Wehen tragen wie ein Sol- dat seine Strapazen. Na, schließlich hat sie sich dann doch ũberreden lassen, ich wãre sonst einfach dienstlich gewor- den, hoho. Zu Hause hätte es ohnehin eine schöne Kalami- tãt gegeben, mit zwei Frauen im Bett... Ach so, du weißt noch gar nicht, daß deine Mutter bettlãgerig ist... nein, nichts Ernstes, nicht mal der übliche Brustkatarth, sondern eine Sache mit den Nerven. Sie lãßt sich den Tod von Lutz zu nahe gehen. Natürlich, das Mutterherz ist mal so, und ich als ihr Bruder und als Stabsleiter der Kriegsopfer-Für- Sorge habe dafũr vollstes Verstäãndnis, andererseits gibt es ein paar hunderttausend deutsche Frauen, die in diesem Krieg weit mehr geopfert haben als deine Mutter, und de- nen es auch sonst viel schlechter geht, und die trotzdem den Kopf hochhalten. Nein, nein, Schlappmachen oder Sich-gehen-lassen kann heute niemandem gestattet werden. Niemandem, sage ich, und am wenigsten einem von uns. Die Namen Holler und Hoffmann verpflichten. Wir sind schließlich nicht eine xbeliebige Familie; von uns wird Beispiel, Führung und Verantwortungsbewußtsein ver- langt, besonders in einer so schicksalhaften Zeit, wenn es sich um Sein oder Nichtsein des ganzen Volkes, der gan- Zen nordischen Rasse handelt, und wenn deshalb alles dar- auf ankommt, aus der Heimatfront die gleiche letzte Ein- Satzbereitschaft und fanatische Opferwilligkeit herauszu- holen, wie wir sie im Felde, bei unseren braven Truppen, in so hervorragendem Maße finden. v. Onkel Helmut sprach mit erhobener Stimme; die R- Laute rollten wie Salven; sein Jãgerhut hatte sich nach hin- ten verschoben, eine Locke fiel in die Stirn. Er war ganz in 114 seinem Element, und er hätte wohl nicht vor Ende der Wagenfahrt zu schmettern aufgehört, wäre ihm nicht Effi (die schon vorher einigemale versucht hatte, seinen Rede- fluß durch Gesten und Seufzer aufzuhalten) resolut ins Wort gefallen:«Ach, bitte, Vater, wir sind hier doch in keiner Amtswalterversammlung!v Onkel Helmut blieb der Mund offen stehen.«Na, hör mall»stieß er hervor. Aber Effi hörte nicht auf ihn. Mit dem unschuldigsten Lächeln der Welt erklärte sie, es habe ausdrücklich in der Zeitung gestanden, daß man den auf Urlaub heimkommen- den Soldaten nicht mit dem Kleinkram des grauen Alltags und mit politischen Kannegießereien auf die Nerven fallen solle. Da hört aber schon alles auflentrũstete sich Onkel Hel- mut, Kleinkram nennst du es, wenn ich Hans auf die Ver- fassung seiner Mutter aufmerksam mache, damit er ihr als Sohn und Soldat ins Gewissen redet, sie soll sich etwas zu- Sammennehmen! Kannegießereien nennst du das? Ich muß schon sagen, s0 was ist stark... und noch dazu aus dem Munde meiner Tochter... nein, mir fehlen die Worte! Also das kannst du nicht im Ernst gemeint haben. Effi, du bist doch schließlich selber... v (Gut, dann ist es also kein Kleinkram, meinetwegenꝰ, unterbrach ihn Effi ungerührt, daber das ãndert trotzdem nichts an der Tatsache, daß alle diese Dinge Zcit haben bis Spãter und daß ich mich bei diesem Gerede zu Tode lang- weile. Dazu hättest du mich schließlich nicht mitnehmen müssen... So, Hans, und jetzt erzähl mal von dir. Ach, ich beneide dich ja so, daß du in Prag leben kannst, das ist im- merhin eine Stadt. Hier in dem Nest könnte man glatter- dings versauern. Bist du oft im Theater gewesen? Mein Gott, ich mõchte wieder mal in die Oper gehn, und in die Operette. Und wie steht's mit guten Grammophonplatten in Prag? Gibt's da noch welche zu kaufen? Ich meine aus- 115 ländische, amerikanische womöglich. Du weißt, ich habe mal an einen Brief von Anneliese drangeschrieben, ob nicht ein paar zu haben wären. Aber daran hat der Herr Ober- Schütze natürlich nicht gedacht, oder...?v Sie beugte sich vor und sah mir ins Gesicht, lächelnd, ausgelassen— und võllig unberechenbar. 4 Ich fand meine Mutter viel gefaßter, als ich sie nach On- kel Helmuts Bemerkungen erwartet hatte. Auch lag sie nicht zu Bett, sondern winkte mir von ihrem gewohnten Arbeitsplatz im Erker ihres Zimmers zu. Da saß sie, ganz wie eh und je, hinter dem Nãhtischchen, eine schmächtige, aber rüstige alte Frau in schwarzem Kleid und schwarzer Schürze; den Kopf mit dem noch sehr dichten, in der Mitte gescheitelten weißen Haar etwas vorgeneigt, die Brille viel zu weit vorn auf der Nase— vielleicht um eine Spur plas- ser, als ich sie in Erinnerung hatte, aber von altgewohnter Flinkheit der Bewegungen, einer Flinkheit, die mit der be- dãchtigen Art zu sprechen nicht recht in Einklang stehen wollte. Sie ließ die Flickarbeit in den Schoß fallen und legte mir die Hãnde auf den Kopf, fast so wie sie es früher getan hatte, wenn ich ihrer Meinung nach wieder einmal über Nacht um einen halben Kopf grõßer geworden war. Dann zog sie mit einem verschmitzten Lächeln ein Päckchen unter ihrer Schürze hervor. Da, nimmv, sagte sie, aes sind getrocknete Pflaumen, die ißt du doch gern. Nun, komm, setz dich nieder, Hansl. Sichst gut aus. Schade, daß ich dir keinen Kuchen machen konnte. Und echten Bohnen- kaffee gibt's auch nicht mehr, nur diesen Melta- Malz-Er- Satz. Na, iß deine Pflaumen, iß nur!lv Sie rückte die Glas- kugel vor der Tischlampe zurecht und nahm das Nãhzeug wieder zur Hand. 116 Ab und zu von ihrer Arbeit aufblickend, begann Mutter, von der Entbindung Annelieses zu erzählen. Alles war schr schnell und glatt abgegangen.«Sie hat so gut wie keine Schmerzen gehabt.v Es klang beinahe bedauernd. Mutter nannte Anneliese nie heim Namen; auch sagte sie nicht etwa, deine Frau“; Anneliese war immer nur Fsier. In der gleichen Weise sprach Mutter von dem Jungen: er war nicht ihr Enkel und nicht mein Sohn, er war, das Kind von ihr?, oder einfach ,es“.«Es ist übrigens schwächlich. Keine Schönheit. Dir sieht er gar nicht ãhnlich... und das wundert mich nicht im geringsten, jetzt erst recht nicht.v Ich hatte schon aus verschiedenen Andeutungen in Mut- ters letzten Briefen geschlossen, daß Anneliese es nach der Heirat mit ihrem Fabrikanten genau so trieb wie vorher,- was mich aber võllig kalt ließ. War nicht die ganze Kriegs- trauung bloß eine Farce gewesen— eine Kriegseinrich- tung, nicht für Friedenszeiten gebaut, wie Kurt, der Grün- der dieses Rheglücks auf Abbruch, gleich zu Beginn erklärt hatte? Warum sich also über Annelieses Verhalten krän- ken oder grämen? Mutter wiegte den Kopf. aIch bin mal für klare und saubere Verhältnisse. Wenn sie schon von dir geheiratet werden wollte wegen dem Dekorum, wie Helmut sagt, dann soll sie das Dekorum auch wahren. Ach, ich bin ja nie dafür gewesen, auch wenn ich andernfalls die Hölle hier im Hause gehabt hätte. Für mich ist eben eine Ehe immer noch eine Ehe... aber das sind wohl altmodische Ansichten in dieser neuen Ordnung!v Sie seufzte und streifte mit einem schnellen Blick das Bild Hitlers als Ritter ohne Furcht und Tadel, das Onkel Helmut ihr ins Zimmer gehängt hatte. Nun ja, was kann man tun? Und sie ging dazu über, mich nach meinem Leben in Prag auszufragen: nach der Unterkunft, nach dem Essen, nach den Kame- raden und Vorgesetzten, und danach, wer für meine Wã- sche sorge und ob der Dienst schr anstrengend oder gar 117 gefährlich sei. Man liest ja immer wieder von dieser ver- steckten Feindseligkeit der Tschechenv, klagte sie,«mein Gott, wann wird das einmal ein Ende haben? Wann wer- den die anderen Völker endlich aufhören, uns zu hassen? Ach, warum hat man alle diese Tschechen und Polacken und Serben und Russen nicht lieber in Ruhe gelassen? Was wãre uns da nicht alles erspart geblieben. Aber so was darf man ja heute kaum noch in den eigenen vier Wãnden denken, ach ja. v Und dann erzãhlte Mutter von Gerhard, der jetzt sel- tener schrieb als früher, seltener und in zunchmend grim- miger Laune, aber nach wie vor ũberzeugt, daß wir diesen Krieg gewinnen mußten, auch wenn wir vielleicht noch zehn Jahre weiterzukämpfen hätten. Und dann kam Kurt an die Reihe, der Windbeutel, der sich nicht recht ent- scheiden konnte, oh er nun sein Ansuchen um Versetzung zum Afrikakorps betreiben, oder lieber im Osten bleiben solle, um gleich an Ort und Stelle zu sein, wenn nach dem Siege die große Landzuteilung an Offiziere und Unter- offuiere stattfinde. Unter einem Großgut mit Jagd und Fischerei wolle er es nicht machen.«Als ob das so einfach wãreꝰ, seufzte Mutter, dund überhaupt...v Sie klopfte schnell auf Holz, um etwaiges Unglück von Kurt abzu- wehren. Schließlich kam sie auch auf Lutz zu sprechen. Sie tat es in einer ruhigen Weise. Ich hatte den Eindruck, daß sie seinen Tod hinnahm, still und schon daran gewöhnt, vom Leben immer wieder mit unverstãndlichen Prüfungen und harten Schlägen bedacht zu werden.«Ja, nun liegt er auch schon unter der Erde, irgendwo weit weg, genau so wie sein Vater, meinte sie und blickte zur Wand hinüber. Dort hingen jetzt zwei schwarzgerahmte Photographien nebeneinander: die schon vergilbte, im Jahre achtzehn vor Verdun aufgenommene, und eine neue vom Imensee. Ich versuchte, Mutter etwas Trõstliches zu sagen; dabei 118 entfuhr mir eine Andeutung über Onkel Helmuts Klage, daß sie sich den Tod von Lutz allzusehr zu Herzen nehme. Sie legte die Flickarbeit mit einer heftigen Bewegung weg. cSo dv rief᷑ sie, cach, ich weiß schon, was er will. Ich soll die Heldenmutter spielen. Das will er. Nein, nein!» Die Worte wurden in einem Ton gesprochen, den ich bei Mut- ter nur ein einzigesmal gehört hatte, vor Jahren, bei einer jener großen Auseinandersetzungen über die ,unmögli- chen tschechischen und bolschewistischen Freundschaften“ meiner Schwester Barbara. Onkel Helmut und meine Brü- der waren damals in Mutter gedrungen, völlig mit Barbara zu brechen und nicht einmal mehr Briefe von ihr zu emp- fangen. Aber Mutter, die sonst immer den Wünschen Onkel Helmuts nachgab, hatte sich plõtzlich barsch und entschieden aufgelehnt:«Nein, nein. Ich verstehe nichts von all diesen Sachen, die ihr Barbara vorwerft, und ich will von der ganzen Politik nichts wissen. Aber Barbara ist und bleibt mein Kind. Was hat es mir schon genützt, daß ich immer nur getan habe, was die andern wollten? Nein, meine Tochter soll sich ihren Weg im Leben nach ihrem eigenen Willen wählen, und wenn sie's falsch macht, dann weiß sie wenigstens, wie sie dazukommt. v Dabei war es geblieben, und man hatte nie wieder versucht, Mutter umzustimmen. Frinnerte auch Mutter sich in diesem Augenblick an damals? Es mußte wohl so sein, denn sie sagte, den Blick immer noch auf die zwei Gräberphotos gerichtet:«Und von Barbara hab ich jetzt auch schon ein Jahr lang nichts gehört, was für eine Welt!v Sie stand hastig auf und strich ihre Schürze glatt. Na, nun ist es aber höchste Zeit fürs Abendessen, wir dürfen die Knõdel nicht noch länger warten lassen lv Sie lãchelte. ¶Ja, es gibt Hefenknõdel. Dir zu Ehren, Hansl. Aus weißem Mehl. 119 5 Der Tisch im Speisezimmer war festlich gedeckt. Mutter hatte es sich nicht nehmen lassen, die nur bei seltenen Ge- legenheiten benutzten echten Silberbestecke und das Meiß- ner Porzellan mit dem Zwiebelmuster aufzulegen, ja sie hatte sogar eines ihrer schweren Hochzeit-Damasttücher aus dem Schrank geholt. Es ist zwar ein Jammer, daß wir nachher den schönen Damast mit dieser schrecklichen Ersat?seife waschen müs- senv, meinte sie, caber dafür kommt einem in diesen Zeiten auch nicht alle Tage ein Sohn heil vom Militär auf Urlaub nach Hause. v Onkel Helmut klopfte bei dieser Bemerkung mit dem Korkenzicher auf den Tisch, beschränkte sich aber im üb- rigen darauf, mir einen beredten Blick zuzuwerfen, der etwa hieß: Du siehst, wie recht ich hatte! Das Essen wurde von Effi und von Resi, der unwerheira- teten Schwester von Onkel Helmuts verstorbener Frau, aufgetragen. Resi begrüßte mich nicht allzu freundlich, was mir je- doch ganz in Ordnung erschien. Schroffheit und galliges Temperament gehörten nun einmal zu Resi. Nicht um- sonst führte sie in der Familie den Spitznamen, das Reib- eisen“. Sie war ewig unzufrieden, drohte allwöchentlich mindestens einmal, dieses Haus, wo man nichts als Krger und Fron hat', für immer zu verlassen, und beschuldigte jeden von uns abwechselnd der erbschleicherischen Zu- dringlichkeit und des absoluten Mangels an verwandt- schaftlichem Interesse. In früheren Jahren war die Tücke der Dienstboten Resis Lieblingsthema bei Tische gewesen. Wenn man ihr zu- hörte, kam man unweigerlich zu dem Schluß, daß das jewei- lige Mãdchen für alles nur deshalb im Hause war, um Resis 120 Nerven zugrunde zu richten und die Fũhrung der Haushalt- geschäfte zu erschweren. Ihre Jeremiaden liebte sie mit dem Satz zu schließen: Dienstschragen sind die achte Plage. v Die kürzlich verfügte Mobilisierung der Hausgehilfin- nen für die Arbeit in den Waffenfabriken hatte Resi von der Dienstbotenplage befreit, doch das schien ihr erst recht zu mißfallen. Im Tone einer mißverstandenen Märtyrerin beklagte sie sich darũber, daß ihre Pläne, eine polnische oder russische Arbeitskraft ins Haus zu nehmen, von meiner Mutter mit obstinater Hartkõpfigkeit vereitelt würden.«Dabei haben die Behörden die Verwendung von Gefangenen für Haus- haltdienste ausdrcklich gutgeheißen, und man kann jetzt eine ziemlich kräftige Person für zehn bis fünfzehn Mark kriegen. Sie sind auch nicht alle verlaust und dreckig, und schließlich gibt's ja die Entlausungsanstalt. Bei Prokesch zum Beispiel haben sie einen Burschen aus Litauen, der ist beinahe adrett zu nennen, wartet ganz richtig auf, wenn sie Gãste haben, und Frau Zeckendörffers Ukrainerin kann sogar schneidern. Aber deine Mutter, Hans, hat sich's nun mal in den Kopf gesetzt, daß wir alle Arbeit ohne Hilfe machen sollen. v Mutter lãchelte ein wenig nachsichtig und ein wenig ge- plagt. Nein, ich will keine Gefangenen hier haben. Wozu auch? Pas wãre ja noch schõner, wenn wir mit der Arbeit nicht zu Rande kämen: vier Frauen in einer so klein gewordenen Familielv (Ach, das ist ja gar nicht der wahre Grund?, versetzte Resi und gestikulierte heftig mit ihrem spitzen Zeigefinger, von dem man sich im Familienkreis erzãhlte, daß er ihr als Schusterahle bei der Verfertigung der türkischen Pantof- fel diene, die sie Onkel Helmut alljãhrlich zu Weihnachten schenkte.«Nein, das ist gar nicht der wahre Grund! Ge- steh es nur ein, Friederike, du hast dabei deine Hinter- gedanken.v T21 (Das mag schon seinv, gab Mutter zurück. aIch kann mich eben nicht dran gewöhnen, daß man einen Christen- menschen für zehn oder fünfzehn Mark kauft wie die Moh- ren in Onkel Toms Hütte.» Sie bemühte sich, den letzten Worten einen scherzhaften Ton zu geben, aber es klang nicht sehr lustig. Auch Resi ließ nicht so schnell locker. Wieso denn Christenmenschen d» fuhr sie auf; das Medaillon mit dem Hitlerbild tanzte auf᷑ ihrem altjüngferlichen Busen.«Da muß ich entschieden Verwahrung einlegen, Friederike! Polen und gar Russen sind ganz einfach Untermenschen. Ich denke, das hat dieser Krieg zur Genüge bewiesen. Und falsches Mitleid mit ihnen haben, heißt nur, sich am eige- nen deutschen Volk versündigen.v Effi versuchte, sich ins Mittel zu legen:«Könnten wir diese haarigen Probleme nicht lassen, heute, wo wir Hans zu Besuch haben d» Haarige Probleme? Na, aber... Und überhaupt, was ist das für eine Ausdrucksweise, Effi dv Resi stieß beinahe das Soßeterrinchen um, so heftig drehte sie sich zu ihrem Schwager hin.«Und du, Helmut, hörst dir ganz ruhig an, was deine nãchsten Angehörigen da an Ansichten äußern! Wirklich ein gelungener Familienvater, Alter Kämpfer und Vormund von deutschen Jungen, die den Rock des Füh- rers tragen!v Onkel Helmut hatte bisher seine Aufmerksamkeit mehr dem Essen und Trinken als dem Tischgespräch zugewen- det. Jetzt jedoch liefen seine Burgunderbacken lila an. Therese, ich muß dich schon bitten...v Er legte Messer und Gabel nieder und lockerte die um den Hals gebundene Serviette. Also, ich muß dich schon bitten,„ir die Ent- scheidung darũber zu überlassen, wann und wie ich ge- wissen fragwürdigen Meinungen am Familientische ent- gegentrete. v Onkel Helmut holte tief Atem. Es war klar, daß er sich 122 zu einer längeren Rede rüstete, aber da sagte Mutter mit sanfter Entschiedenheit: Wir wollen doch über all dem Meinungsaustausch die Hefenknõdel nicht vergessen. Geh, Effi, bring sie herein! Sie sind heute besonders locker ge- raten. Als ob sie's gewußt hätten, wen wir mit uns bei Tische haben.v Mutter lachte leise und streichelte mir die Hand. Effi brachte die mãchtige Schüssel mit den weißen, duf- tenden Klõßen, und Mutter teilte jedem seine Portion zu, wobei ich am besten bedacht wurde. 4Ja, sie sind heute besonders schön. Schade, daß Kurtl und Gert nicht mit- essen können.» Das halb nachsichtige, halb geplagte Lä- cheln erschien wieder in den Fãltchen um ihre Augen und Mundwinkel. Das ist es nãmlichꝰ, setzte sie hinzu, gleich- sam als Abschluß einer unausgesprochenen Uberlegung, cweil ich euch Jungen im Krieg hab', möchte ich das mit den Gefangenen nicht machen... Nein, nein, zu denken, daß Gott behüte jemand mal einen von meinen Söhnen für fünfzehn Mark kaufen könnte... aber Helmut, was ist mit dird» Onkel Helmut hatte, von Mutters Worten schokiert, vergessen, auf einen dampfenden Bissen zu pusten, bevor er ihn verschluckte, und saß nun nach Luft ringend da, wãhrend ihm die Tränen in den Bart liefen. Resi stürzte mit dem Wasserkrug zu ihm. (Danke, danke, Therese, es geht schon wiederv, wehrte er ab und goß sich ein Glas Wein ein. Dann legte er los: ¶Also was du da eben geäußert hast, Friecke, ist eine total unmõgliche Vorstellung. Einer von unseren Jungen in Gefangenschaft? Hoho! Fin deutscher Soldat ergibt sich ũberhaupt nicht, so fängt's erst mal an, und wenn doch mal einer verwundet oder sonstwie denen drüben in die Hãnde fãllt, dann gnade ihm Gott. Wir wissen ja, wie diese Berserker mit Gefangenen verfahren.“ Die verbrannte 123 Kehle machte ihm von neuem zu schaffen, und er unter- brach sich, um noch ein Glas zu trinken. Die Pause wurde von Resi ausgenützt. cJa, was tun diese Unmenschen unseren braven Verwundeten nicht alles an!v kreischte sic. Der Führer hat es erst neulich wieder gesagt: wir stehen im Osten einem Feind gegen- über, der nur aus fanatischen Bestien besteht.» Ihre Stimme geriet ins Zittern und von den Augen war fast nur das Weiße sichtbar. Ohren schneiden sie ab, Augen brennen sie aus, Nasen hacken sie weg, Zungen nageln sie an Bret- ter, Riemen schneiden sie aus der Haut. Mahlzeit l* warf Effi dazwischen,«das ist gerade die richtige Unterhaltung für ein Knõdelessen. Kann ich übri- gens noch einen haben, Tante Friederike dv Sie blinzelte mir dabei spitzbũbisch zu. Dann wandte sie sich wieder an Resi. ¶Und du solltest auch noch einen nehmen. Es wird einem ja ordentlich schwach von deinem Folterkammerkatalog. v Resi stõhnte:«Also nein, Effi, du bist gräßlich. Willst du vielleicht gar anzweifeln... v Nichts liegt mir ferner, Tantchen. Ich bin nur der Mei- nung, daß Krieg eben Krieg ist. Da wird nun mal nicht ge- fackelt. Schließlich sind unsere Soldaten auch nicht gerade aus Sanftmut und Marzipan gemacht. Erinnere dich nur, was für Photos der Prokesch-Gustl nach Hause geschickt hat: all die Judenleichen kunterbunt in der Kalkgrube, oder das kleine Mãdel am Telegraphenpfahl.v Hoho, du gestattest schon, aber das Mäãdel war ja pei den Partisanenv, fiel ihr Onkel Helmut in die Rede, adas hat der junge Prokesch noch extra dazugeschrieben, und das gibt der Sache auch ihre richtige Bedeutung. Denn mit diesen Flintenweibern, die unsere Soldaten hinter der Front anfallen, womõglich noch bei nachtschlafender Zeit, wird natürlich kein Federlesens gemacht, egal wie alt sie sind. Und den abgeknackten Juden brauchen wir doch keine Träne nachzuweinen, du lieber Himmellv 124 Er rãusperte sich und schwieg. Es entstand eine kleine Stille. Dann sagte meine Mutter mit einem Seufzer: aAch ja, der Krieg ist schon himmelschreiend. Das dürfte nicht mõglich sein. Wann wird das nur ein Ende nehmen?» Sie fuhr sich über die Stirn und kehrte zu einem Gedanken zurück, der ihr offenbar immer wieder zu schaffen machte. aIch denke mir halt- wenn ich meinen Jungen rate: nehmt nur nichts von fremdem Gut— lieber ohne Hemd als im Totenhemd; und wenn ich nicht hingehe und einen Ge- fangenen kaufe, dann wird es sicher auch drũben Mütter geben, die es ähnlich machen. Onkel Helmut trommelte ungeduldig mit den Fingern auf sein Glas.«Liebe Friecke, ich versichere dir, du be- findest dich da in einem grundlegenden Irrtum... Und ũberhaupt, was heißt denn: Gefangene Aauſen? Die Summe, die du für einen Gefangenen bezahlst, ist eine Amtshand- lungsgebühr. Die kriegt der Staat für die Arbeitsvermitt- lung. Na, und daß Gefangene arbeiten dürfen, ist eine glatte Wohltat für sie. Das gilt auch für die Zivilgefange- nen, die auf diese Weise unter zivilisierte Menschen kommen. Im Vergleich mit den Zuständen, die sie bei sich zu Hause haben, geht es ihnen hier bei uns geradezu großartig. Oder was glaubst du, wie diese Leute zu leben gewohnt sind ꝰv Sehr richtigꝰ, stimmte ihm Resi voller Eifer zu, da hat doch erst vor paar Tagen die Reichsfrauenleiterin über ihre Fahrt durch das eroberte Ostland geschrieben. Also was die dort gesehen und erlebt hat... wie die Pörfer und Stãdte zugerichtet sind, einfach schauderhaft! Und die Ein- geborenen hausen lieber in den Sümpfen und Wãldern wie die Räuber, anstatt Vernunft anzunehmen und sich etwas deutsche Zucht beibringen zu lassen. Es schüttelt einen ordentlich beim Lesen. Wartet mal, ich hab's doch noch bei mir.v Sie kramte in ihrer Handarbeitstasche herum, förderte 125 einen Zeitungsausschnitt und ihr Pincenez zutage, und schickte sich an, uns den Reisebericht von Frau Scholze- Klinck vorzulesen,— da erschallte die Hausglocke. 6 Effi, die auf den Flur hinausgelaufen war, rief ins Zim- mer zurück:«Besuch! Frau Zeckendörffer l Gleich darauf erschien die Angekündigte. Es war die Frau meines ehemaligen Lehrers Zeckendörffer-Zemlitsch- ka, eine füllige Matrone in himmelblauem Dirndlkleid. Breithüftig, von gewaltigen Rundungen und blondem Haar, das sie auf Walkürenart hochgesteckt trug, nahm sie sich aus wie eine in Ruhestand getretene Wagnersängerin aus der Provinz. Ihre deklamatorische Sprechweise und die getragenen Gesten verstärkten noch diesen Eindruck. Frau Zeckendõrffer war gekommen, um sich von Onkel Helmut eine Anweisung auf Nadeln und Zwirn geben zu lassen. Die Kriegsopferfürsorge hatte eine Zuteilung von Nãhbedarf erhalten, den man im Handel nicht mehr bekom- men konnte, und Frau Zeckendörffer, die gerade für zwei heiratsfãhige Töchter Aussteuern anfertigen ließ, war von ihrer Freundin Resi sofort auf diese Gelegenheit, sich mit einem so raren Material einzudecken, aufmerksam gemacht worden. Resi hatte auch schon alles Nõtige mit Onkel Hel- mut besprochen: die Anweisung lag, fertig ausgestellt und unterschrieben, beim Materialverwalter der Kriegsopfer- fürsorge; Frau Zeckendõrffer brauchte sich bloß hinzube- mühen, um die ihr genchme Auswahl zu treffen. Tja, bei uns geht alles wie auf dem Exerzierplatz, hohov, rũhmte sich Onkel Helmut. ¶Organisation ist eben der halbe Erfolg! Sie haben natürlich die erste Wahl, Frau Hil- degard.v Und dann erkundigte er sich diskret, wann die Bezirksleitung der Partei wieder eine Sendung Beutewein 126 erwarte. Es muß doch noch ein paar Trõpfchen in Frank- reich geben, haha, oder haben unsere Jungens dort das ganze Land schon trockengelegt? Das wäre für mich ge- radezu eine Katastrophe. Die Flasche, der wir heute den Hals gebrochen haben, war leider eine der letzten ihres Stammes in meinem Keller. Aber wenn der Soldatenvater meines ersten Enkelsohns auf Urlaub kommt, muß das doch würdig begossen werden 1* Jetzt war es an Frau Zeckendörffer, mich mit einem Schwall von Begrüßungen und Fragen zu überschütten. Aber plõtzlich unterbrach sie sich:«Mein Gott, da ver- schwatze ich mich, und soll doch zu meiner Schwägerin hinaus nach dem Erbhof. v Resi protestierte: Aber Hildegard, du wirst uns doch nicht die Ruhe hinaustragen wollen, nein, nein, du trinkst ein Täßchen Melta-Kaffee mit uns... Es ist doch noch eine Tasse da, Friederike dv Mutter hatte bereits ein Kaffeegedeck aufgelegt. Aber natürlich, Frau Zemlitschka... ach Gott, jetzt hab ich's wieder durcheinandergebrachtꝰ, verbesserte sie sich und das gemischte Lächeln flog abermals über ihr Gesicht, doch kam mir vor, als sei diesmal auch etwas Bosheit hineinge- mengt,(man ist halt so gewöhnt an den alten Namen, nicht Wahr?ꝰv Resi(deren leidend verdrehte Augen hinauf zur Decke zu sprechen schienen:«Mein Gott, wie taktlos) lenkte ab: cch habe nicht gesüßt, Hildchen. Ich weiß, du trinkst den Kaffee lieber bitter. Komm, mach dir's endlich bequem, Kindchen!v Doch Frau Zeckendörffer blieb weiter auf der Ecke ihres Stuhles sitzen, daß es aussah, als müsse sie jeden Augen- blick hinunterrutschen, und sie nahm auch nur einen An- standsschluck von dem Melta-Gebrãu. Nein, sie kõnne un- mõglich länger bleiben. Sie sei sozusagen halbamtlich un- terwegs. 127 Aber das muß ich euch doch noch in aller Eile erzäh- lenv, meinte sie dann und rũckte nãher an den Tisch. Also heute in aller Herrgottsfrühe ruft mich meine Schwägerin Rotraut an, ihr wißt doch, die Frau von meinem jüngsten Bruder, dem Sonderberichterstatter vom, Neuen Tag'. Sie ist noch ein blutjunges Ding und erwartet doch schon das Dritte. Dazu dann der Erbhof, den sie sich zugelegt haben, das alles ist keine Kleinigkeit bei den heutigen Zeiten. Also, sie ruft mich an, ganz außer sich, erbost und ratlos: das russische Stubenmãdchen, das seit April bei ihr ist, hat sich im Schuppen mit der Sichel umgebracht. Ein Glück nur, daß Rotraut eine so starke Natur besitzt. Sonst, bei ihrem Zustand... Aber natürlich, einen Stoß hat es ihr schon ge- geben. Und dann machte sie sich auch wegen der behörd- lichen Scherereien Sorgen. Nun, ich habe ihr versprochen, hinauszukommen und ein pbißchen nach dem Rechten zu schen. Mein Mann erledigt unterdessen die Sache mit den Behörden auf dem Parteiwege. Und eine neue russische Arbeitskraft kann sie auch schnell wieder bekommen, das ist heute weder schwierig, noch teuer. Aber freilich, wenn sie wieder so eine Person kriegt, die nichts im Kopf hat als Weinen und Ausreißen... Ja, es ist halt überhaupt ein Kreuz mit diesem nichtdeutschen Arbeitsersatz. Meine Ukrainerin zum Beispiel arbeitet zwar nicht schlecht, und geschickt ist sie auch. Aber trotzdem, mein Haupt mõchte ich in ihrem Schoße nicht zur Ruhe betten. Und erst auf so einem Erbhof, wo man gleich mehrere von ihnen hat, dort müßte man eigentlich immerzu in der einen Hand das Wör- terbuch und in der anderen den Revolver halten... Na, jetzt ist es aber höchste Zeit für mich. Auf Wiederschen! Heil Hitler!v f Auf Wiedersehen, Frau Zem..., Frau Zeckendörffer lv Mutter schloß aufatmend hinter dem Besuch die Tür.«Nein, neinv, Sagte sie leise, anein, nein, neinv. 128 (Hans, hoho, Hans lv rief Onkel Helmut von der Diele herauf. Das ungeduldige Hin und Her seiner Schritte knarrte Schon seit Minuten durch das ganze Haus. Wir wurden bei einem Bierabend des Herrenklubs erwartet, dessen Präsi- dent, ein Freund Onkel Helmuts, mit goldenen Bezichun- gen ganz oben in Partei und Wehrmacht, sich schon einige- male für mich eingesetzt und auch meinen jetzigen Urlaub durchgedrückt hatte. Was machst du denn so lange, Hans dv rief Onkel Hel- mut nochmals. Wir kommen viel zu spãt! Ich schnürte die Stiefel eilig zu, fuhr in die Jacke meiner Extrauniform und schrie zurũck: Bin schon fertigl* Auf dem Wege zur Treppe kam ich an Effis Zimmer vor- bei. Die Tür stand offen. Fffi, in einem weiten grünen Hauskleid, das Hals und Schultern freigab, saß trällernd vor dem Spiegel ihres Toilettetischchens und zog mit einem kleinen Pinsel die Schmal rasierten Augenbrauen nach. (Hallo, Herr Schwager lv Sie schnitt mir im Spiegel eine Grimasse, ließ sich aber ansonsten in ihrer Beschäftigung nicht stõren. Also da zichst du hinv, sagte sie schmol- lend, adas muß man euch lassen, schöne Kavaliere seid ihr, Vater und du; geht euch unterhalten und laßt mich allein.v „Möchtest du denn dorthin überhaupt mitkommendv fragte ich erstaunt. Effi lachte. Nein, zu einem Abend vom Hertrenklub bringen mich keine zehn Pferde. Aber man muß ja nicht gerade dorthin gehn. Jaja, ich weiß schon, für dich ist's auch mehr Pflicht als Vergnügen. Na, langweile dich so wenig wie mõglich, und wenn es nachher nicht zu spãt ist, und du kannst überhaupt noch auf den Beinen stehen, dann „ 129 — klopf hier bei mir an. Wir trinken noch Tee und machen ein bißchen Musik, jad... Mein Gott, da schreit Vater schon wieder nach dir! Also, dann auf Wiederschen, viel- leicht.v Sie winkte mir zu und begann von neuem zu träl- lern. Onkel Helmut empfing mich mit einem drõhnenden«Na, da bist du ja endlich, hohol Er trug einen hochgeknöpf- ten Gehrock mit langen, flatternden Schößen, die ihm das Aussehen einer fülligen schwarzen Wolke in Menschenge- Stalt gaben. (Laß schn, wie du dich ausnimmst.v Er unterzog mich einer Musterung, deren Ergebnis ihn höchlichst zu befrie- digen schien. Tja, unsere deutsche Jugend im Waffenrock, die macht uns so leicht keiner nachv, erklärte er wiehernd. Da, steck dir eine Spezielle an!v Er klappte ein wohlge- fülltes Zigarrenetui auf. Ich bemerkte zu meiner Uberraschung, daß die Zigarren Bauchbinden mit englischer Aufschrift hatten.«Made in Egypt. v Onkel Helmut grinste ũberlegen. Ja, das sind die Rom- melschen. Haha. Wir denken eben an alles, wir sind auf al- les vorbereitet. Immer der Gegenwart um eine volle Nasen- länge voraus lv Er wicherte wieder, klärte mich dann auf: eIch sehe schon, du brauchst Nachhilfe-Unterricht, sonst kapierst du's nicht. Dabei ist die Sache ganz einfach. Das hier ist eine Probe von den Siegeszigarren, die, Kraft durch Freude? verteilen wird, wenn Rommel die Tommies aus Agypten hinausgeworfen hat, was nach nüchternen strate- gischen Schätzungen nur noch eine Frage von wenigen Wochen sein kann. Jaja, Geschwindigkeit ist keine Hexe- rei, und es geht nichts über deutsches Organisationstalent. Was ich ũbrigens noch sagen wollte: Ich hoffe, du pulverst notfalls die Brüder nachher etwas auf, mit ein paar Ge- schichtchen über den Geist der Truppe und so. Wir müs- 130 Sen heutzutage jede Gelegenheit wahrnehmen, um die Stim- mung zu unterbauen. Versteh mich recht, bitte! Ich will nicht etwa schwarz malen, bewahre! Die Moral in unserer Stadt, und besonders in einem ausgewählten Kreise, wie es unser Herrenklub ist, kann nur als Eins M bezeichnet wer- den. Aber immerhin, drei Jahre Krieg gehen an nieman- dem spurlos vorũber, und erst recht nicht an Mãnnern, die mitten im Getümmel der Erzeugungsschlacht stehen und sich von frũh bis spãt mit den Schwierigkeiten der Ersatz- stoffbeschaffung und dem Mangel an geeigneten Arbeits- kräften und den zehntausend verschiedenen Vorschriften herumschlagen müssen. Also, wie gesagt, ein bißchen Auf- pulverung kann da nur von Nutzen sein. Im übrigen ist es ein famoser Kreis, du wirst schon schen, und Standarten- führer Laurinek hat ein Fäßchen Pilsner beschafft, altes Friedenspilsner, expreß zu Ehren unseres Stammhalters... Oho, die sind ja schon mitten in der Feier, hörst du ꝰ 8 Wir waren unterdessen auf dem Marktplatz, vor dem frũheren Hotel Weißes Lamm', das jetzt„Zum Reichs- marschall“ hieß, angelangt, und man konnte in der Tat den verworrenen Lärm einer Kneiperei bis auf die Straße hin- aus hören. Die getãfelte Extrastube im Kellergeschoß war von ei- nem milchigen Tabaks- und Bierdunst erfüllt, der in die Augen biß und den Kopf schwer machte, noch bevor man einen Schluck getrunken hatte. Das Licht aus den altdeut- sche Windfackeln darstellenden Lampen wirkte wie gefro- ren und verlieh dem Lokal mit den vielen Hirschgeweihen, Steingutkrügen, alten Schützenfestkränzen und gerahmten Trinksprũchen etwas von einer kleinstãdtischen Theater- dekoration. Ein vielstimmiges cHoch soll'n sie leben, hoch soll'n sie 131 leben, dreimal hoch lv schallte uns als Begrüßung entgegen. Dann trat eine erwartungsvolle Stille ein. ¶Jetzt steigt die Einfũhrungs?eremoniev, raunte mir On- kel Helmut zu, cpaß auf, ich mach's dir vor. v Er schritt auf eine über dem ersten Tisch hängende hölzerne Hand zu, er- griff und schüttelte sie, wobei er schnarrte: Bürgermeister- stellvertreter Stabsleiter Helmut Heinrich Hoffmann zur Stellelv Fin Kellner hatte währenddem zwei große Biergläser, sogenannte Doppelstangen, gebracht, die von Onkel Hel- mut nun mit Schwung auf das Spezielle der Holzhand ge- leert wurden. Wildes Klatschen, Trampeln und Gelächter begleiteten diesen Akt. Als der Tumult sich endlich gelegt hatte, gab mir Onkel Helmut einen leichten Rippenstoß.«Na, mein junge, jetzt bist du an der Reihe!» Ich mußte vortreten, die Holzhand schütteln und auf ihr Wohl trinken. Wieder gab es rau- schenden Beifall, und auf allgemeinen Wunsch hatte ich noch eine dritte Doppelstange auszutrinken. (Gut in die Kanne gestiegen, junger Mann!v belobte mich der Prãsident des Klubs, ein kurzbeiniger Dickwanst in der Uniform eines Standartenfũhrers der SAM., eben je- ner Laurinek, von dem Onkel Helmut gesprochen hatte, seines Zeichens Arisierungskommissar der vormals jũdi- schen Kaufhäuser von R... und Umgebung. aIch heiße Sie in unserem Kreise willkommenl... Klubgenosse Hoff- mann, reichen Sie den Gast herum», setzte er, an Onkel Helmut gewandt, hinzu. Wir machten nun die Runde von einem Tisch zum an- dern. Onkel Helmut hielt jedesmal eine kleine Rede, in der er nicht verfehlte, auf mein Verwundetenabzeichen und meine derzeitige besondere Diensteinteilung hinzuweisen. Dann wurde angestoßen und, ex! getrunken. Als wir zum Präsidiumstisch zurückkehrten, fühlte ich die Bierschwere schon wie Blei im Kopf und in den Knien. 732 Für eine Weile wurden die Wãnde der Stube, wurden die Tische und Menschen weggespült von einer unsichtbaren Flut, aus der nur ein paar Lichter, Liedfetzen und Ausrufe auftauchten. Die Flut ebbte ab, als Laurinek mit einem Maßkrug auf den Tisch schlug, um Ruhe für eine Radio- meldung aus dem Führer-Hauptquartier zu schaffen. Fine blecherne Stimme verkündete einen stolzen Sieg in Ab- wehr schwerster feindlicher Angriffe bei Charkow und den Beginn eines Artillerie-Großangriffs auf die russische Fe- stung Sebastopol. Jemand schrie:«Hurra lv jemand anders stimmte das Deutschlandlied an, aber der Gesang starb ab: Gläserklirren, Geläãchter und Tischgespräche schwollen von neuem an und füllten den Raum. Ich stand auf und ging zum Fenster, um ein wenig ftische Luft zu schõpfen. Ein kahlköpfiger Mann mit einem Geier- profil trat ⁊u mir. Ich erkannte den Vater eines meinerfrũhe- ren Mitschũler, Herrn Posselt, Besitzer einer grõßeren Glas- fabrik. Vor dem Anschluß des Sudetengebiets an das Reich hatte er in den nationalen Kreisen von R... im Rufe eines unsicheren Kantonisten gestanden. Man erzählte sich, daß er eingeschriebenes Mitglied dreier verschiedener Parteien sei und darum ins Konzentrationslager wandern werde, wenn erst einmal, der Tag“ gekommen sei. Als aber der Tag kam, stellte es sich heraus, daß Herr Posselt seit Jjahren der nationalsozialistischen Bewegung regelmäßige Zu- wendungen gemacht hatte. Er kam nicht ins Konzentra- tionslager, sondern in den Stadtrat, und seine Glasfabrik, die als eine der ersten des ganzen Bezirks auf Munitions- erzeugung umgestellt wurde, erhielt die fettesten Auf- trãge. (Na, nun geht's ja wieder los im Ostenv, meinte Hert Posselt, ada kommt auch die Weltgeschichte von neuem ins Rollen.* Er biß die Spitze einer dicken schwarzen Zi- garre ab; ein zweideutiges Grinsen erschien auf seinem Ge- 133 sicht. Und wie sieht's übrigens in Prag aus? Bereiten sich die Tschechen schon auf eine Nacht der langen Messer vord Ich habe da so Verschiedenes gehört. Die Kerle glau- ben natürlich keinen Augenblick dran, daß wir das Rennen machen? Die rechnen doch damit, daß sie wieder mal oben- auf᷑ sein werden dv Ich entgegnete, daß man als einfacher Oberschütze in ei- nem Wachbataillon wenig Gelegenheit habe, die Stimmung der tschechischen Bevölkerung auszukundschaften. Posselt fxierte mich mit einem skeptischen Blick aus sei- nen gerõteten Bieraugen.«Na, verlassen Sie sich drauf, es ist so, wie ich gesagt habev, erklärte er schließlich, cich fürchte, wir liegen ganz schief mit unseren Kalkulationen. Protektorat und Zusammenarbeit mit den Tschechen? Mumpitz. Die kann man nur brechen(wenn man sie bre- chen kann), aber biegen oder gewinnen? Nein, Herr. Da hatten wir neulich eine Sitzung in Berlin. Rohstoff. und Ersatzmittelfragen. Dazu hat auch ein Hauptleiter von der Ostverwertungsstelle gesprochen. Er war gerade von ei- ner Reise durch Weißrußland zurück. Dort ist den Bauern Land aus dem Besitz der Kollektive gegeben worden. Und wissen Sie, mit welchem Ergebnis? Die Bauern wollen sich mit dem System des Grundeigentums nicht versöhnen. Das ist wortwöõrtlich, was der Mann von der OVS. festge- stellt hat. v Posselt schwieg, sog an seiner Zigarre.«Na, und die Kriegslage dv warf er dann hin. Was halten Sie von der dv Wieder antwortete ich vorsichtig, daß wir Soldaten nur einen schr begrenzten Uberblick hatten und daß die Herr- schaften von der Industrie weit besser informiert sein muß- ten. Posselt machte eine wegwerfende Geste. ¶Ach, was denn? Gar nichts wissen wir. v Seine Augen hatten jetzt einen võl- lig stieren Ausdruck. Er zauderte eine Sekunde, dann beugte er sich vor und flůsterte mir zu: Die Sache ist die, 134 auch da stimmt was mit unserer Rechnung nicht. Es sind nicht die Verluste und Entbehrungen. Die wären zu er- tragen. Aber... vPosselt senkte die Stimme so tief, daß ich ihn nur mit Mhe verstand, ces gibt im Osten keinen End- punkt. Stimmt's dv Ich gab mir den Anschein, die Frage überhört zu haben, doch Posselt drang weiter in mich: aStimmt's oder stimmt's nicht, hedv aIch weiß nicht, wie Sie das meinen, das mit dem End- punktꝰ, gab ich zurũck. Posselt griff nach einem Knopf an meiner Uniformjacke und drehte ihn während des Sprechens hin und her. Na hören Sie mal, das ist doch ganz einfach. Bisher wußte man immer: jeder Feldzug hat einen Endpunkt; der muß er- reicht werden und- Schluß. Das war so mit Warschau in Polen, und mit Narvik in Norwegen, und mit Paris in Frankreich. Aber wo, zum Teufel, ist dieser Punkt im Osten d Er ließ den Knopf los und verzog das Gesicht zu einer bitteren Grimasse.«Ich meine, daß wir Moskau nicht gekriegt haben, ist nicht das Schlimmste. Natürlich, so was hätte nicht passieren dürfen, aber das wirklich Arge ist: es wãre selbst dann nicht zu EHnde gewesen. Das ist jetzt schon klar. Sie sollten mal lesen, was mein Sohn, Ihr alter Mitschüler, schreibt. Der ist beim Industrieverwertungs- kommando der Heeresgruppe Reichenau, da kriegt er seine Wissenschaft aus erster Hand.„Nichts zu machen', schreibt er,„wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Teufel. Diese Bolschewisten wissen nicht, wann sie ge- schlagen sind. Es klingt lãcherlich, aber das ist es, was uns ruiniert. Diese Kerle kämpfen weiter und weiter, und wir kõnnen doch nicht bis über den Vral hinaus ins Aschgraue vorstoßen. Ja, so ist es, mein Freund.v Posselt verzog sein Gesicht noch mehr, warf die Zigarre weg, fragte plõtz⸗ lich: Haben Sie als Junge mal Jules Verne gelesen, Reise auf den Mondꝰ und solches Zeug?... Nein? Na, ist ja egal. 185 Ich erinnere mich auch nur noch nebelhaft... Aber da war so ein Typ, Kapitän Hatteras, der wurde aus irgend- einem Grunde irrsinnig und bewegte sich ununterbrochen nach Norden... Ja, das war der Schluß der Geschichte: Kapitän Hatteras bewegte sich ununterbrochen nach Nor- den. Und schen Sie, mir schwant manchmal, daß wir in ei- ner verdammt ãhnlichen Lage sind wie dieser Kapitãn. Viel- leicht ist der Endpunkt im Osten Wladiwostok, ich weiß nicht. Wir haben da was angefangen, was angefangen, aber wo und wann werden wir es zu Ende bringen dv Er griff wieder nach meinem Jackenknopf. Zu allem Uberfluß kam auch noch Onkel Helmut herbei. Hatte er et- was von Posselts Reden gehört? Und wollte er mich jetzt zum, Unterbauen der Stimmungꝰ einsetzen? Ich Spürte dazu gar keine Lust. Unsicher blickte ich Onkel Helmut ent- gegen; aber der schien seine Absichten geändert zu haben und selbst das Aufpulvern besorgen zu wollen. Na, lieber Posseltꝰ rief er, wieder mal in Sorgen über die Tschechen? Freund Posselt macht sich nãmlich immer unnõtige Kopf- schmerzen wegen des Gesindels dort unten. Unnötige, Sage ich, denn zum Glück haben wir ja unsern Heydrich in Prag. Der weiß, wie man durchgreifen muß, wenn's not- tut. Das ist der richtige Mann auf dem Reichsprotektor- posten. Nicht wahr, Standartenführer?» Er wandte sich mit diesen Worten an den dicken Laurinek, der soehen— den Rock nur halb zugeknöpft— hinter einem Vorhang hervortrat, an dem ein Täfelchen„Für Herren“ befestigt war.«Sie kennen Heydrich doch persõnlich?ꝰ (Die„Schwarze Kobra“? Das will ich meinenv, rief der Dicke, cich war mit ihm in Holland. Wie er das Rotter- damer Ghetto in zwei Tagen ausgeräuchert hat... also großartig! Ein Kerl, sage ich Ihnen, meine Herren! Ener- gisch, zielklar, hart wie Stahl und dabei geschmeidig. Wie wäre es übrigens, wenn wir eins auf sein Wohl trinken würden? Guter Gedanke, was dv Er knõpfte hastig seinen 136 ———— Rock zu, stieg auf einen Stuhl und ließ sich ein volles Bier- glas reichen. Achtung!v brüllte er.«Es steigt jetzt ein Ehrentrunk für unsern Heydrich! Ergreift das Glas! Hebt hoch! Obergruppenführer, General der Polizei Reinhard Heydrich, Sieg-Heil, Sieg-Heil, Sieg-Heil! Die andern fielen in die Heilrufe ein und begannen dann, geführt von Onkel Helmuts Baß, das Heydrichlied zu sin- gen: Uns kann keiner an den Wimpern Von der ganzen Bande klimpern; Immer ran, immer ran, Immer ran an den Feind! Der Heydrich kommandiert... 9 Nach dem KHeydrichlied schlug Herr Posselt einen zwei- ten EFhrentrunk vor: Für unsere Söhne in Feldgrau. Famos, Posseltv, rief Onkel Helmut und klatschte dem Fabrikanten auf den Rücken, afür unsere Sõhne und Schwie⸗ gersöhne! Herr Ober, einen Korn in jedes Bier. Auf meine Rechnung! Die lauten Bravo- und Bierher!-Rufe brachen ab, als der Oberkellner mit leeren Händen von der Theke kam und verkündete, daß der letzte Tropfen Pilsner ausgeschenkt und auch kein Schnaps mehr vorhanden sci. Laurinek rettete die Situation.«Dann ziehen wir eben um ein Hãusl weiter. Hoffmann, lassen Sie vor dem Hotel antreten. Marschziel:Wilder Mann'.v Die letzten Worte lõsten neuen, lärmenden Beifall aus, erfreute sich doch der ,Wilde Mann', ein Lokal mit Da- menbedienung, bei den auf᷑ Scitensprũngen erpichten Ehe- mãnnern aus der Oberstadt einer großen Beliebtheit. Hastig wurde aufgebrochen. In dem allgemeinen Durch- 137 einander gelang es mir, verloren zu gehen. Aus einem dunk- len Häuserwinkel beobachtete ich, wie Onkel Helmut und einige andere nach mir suchten; sie liefen aufgeregt ins Hotel zurũck und schrien ein paarmal im Chor meinen Na- men. Nach einer Weile gaben sie ihre Bemühungen auf. Laurinek kommandierte: Abmarsch!v Die ganze Gesell- chaft rũckte ab. Der Gleichschritt klappte zuerst nicht recht. Ich konnte Onkel Helmut und den Standartenführer abwechselnd Schnarren hören:«Links, rechts! Links, rechts 1v Schließ- lich verklangen ihre Stimmen und auch das dumpfe Rum- rum des Marschtaktes im Schlunde der gewundenen Kup- ferschmiedgasse, die zum ,Wilden Mann“ hinunterführt. Ich wartete noch einige Sckunden und trat dann den Heimweg an. Als ich am Jungfernbrunnen vorbeikam, in dessen Ba- rockbecken wir als Schuljungen an heiſen Tagen so gern herumgeplanscht hatten(obwohl es streng verboten war), machte ich halt und steckte den Kopf unter den dũnnen Wasserstrahl, der aus dem Krug der steinernen Jungfrau in das Becken fließt. Die dumpfe Schwere des Bierrausches wich und nur eine leichte, nicht unangenehme Benommen- heit blieb zurück. Die Fenster unseres Hauses waren alle stockdunkel. Schlief Effi schon? Ich spürte bei diesem Gedanken eine mit Bedauern gemischte Erleichterung. Vorsichtig õffnete ich das Haustor und stieg auf Zchenspitzen die Treppe empor. Durch den Spalt unter Effis Zimmertür kam ein Schwacher Lichtschein; auch wurde jetzt gedãmpfte Musik vernchmbar. Ich stockte, überlegte, ob ich noch anklopfen sollte. Schon war ich entschlossen, mich vorbeizustehlen, als ich Effi leise rufen hörte:«Hans 2 Bist du's d» ¶Jaꝰ, gab ich ebenso leise zurück,«du hast sicher schon geglaubt, ich komm gar nicht mehr zurückdv Beinahe. Es ist wohl reichlich spãt, was dv 138 Ja, ziemlich. Es wollte kein Ende nehmen. Die andern sind noch alle zum, Wilden Mann'. vIch schwieg, wartete au eine Entgegnung, aber auch Effi blich stumm. Wieder fühlte ich mich erlöst, und wieder war dieses Gefühl mit einer leichten Enttãuschung verbunden. Ich sagte schnell: (Na, gute Nacht!v Effis Stimme, die bisher schläfrig geklungen hatte, wurde mit einemmal ganz wach: Was? Wieso? Kommst du nicht herein? Oder bist du am Ende zu müde?v cIch? Nein. Ich dachte nur... v Effi lachte.«Ein Soldat hat doch nicht zu denken. Aber wenn du vielleicht keine Lust hast?v Ich hatte mein Haar glattgestrichen, hatte das Koppelzu- rechtgezogen, und trat ein. Das Zimmer wurde von zwei Kerzen in Silberleuchtern, die auf einem niedrigen Tisch standen, mãßig erhellt; das flackernde Licht ließ die Schat- ten aller Gegenstände tanzen, wachsen und schrumpfen. Zwischen den Leuchtern glänzte eine langhalsige, halbge- füllte Weinkaraffe. Neben dem Tisch, in einem weiten plauen Plũschsessel, kauerte Effi, eine Zigarettenspitze aus Elfenbein zwischen den Zähnen und ein Weinglas in der Hand. Zu ihren Füßen spielte ein Grammophon leise krat- zend und in schleppendem Tempo:, Parlez- moi d'amour?. Setz dich, Hansl!1v Effi deutete mit einer einladenden Ge- bãrde auf᷑ die breite Lehne ihres Sessels. Nichts wäre ange- nehmer gewesen, als dieser Einladung zu folgen, und ich wollte es auch schon tun, doch da bockte etwas in mir da- gegen; ich zog einen Stuhl heran und setzte mich Effi ge- genüber. Der Stuhl war eines jener unbequemen, hoch- lehnigen Möbelstücke, auf denen man nur steif und lin- kisch sitzen kann, und ich machte sicher eine võllig lãcher- liche Figur. Effi stellte das Grammophon ab. Sie lachte tief, heraus- fordernd, und mit einem Stich ins Betrunkene; in ihren grauen Augen spielte der Spott. Na, wie hast du dich un- 139 terhalten? Ah, du hast den ganzen Kneipengeruch mitge- bracht! Warte, ich muß dich ein bißchen parfümieren, meine Nase ist nämlich berühmt empfindlich. v Bevor ich eine Bewegung der Abwehr machen konnte, hatte Effi mich schon aus einem Zerstäuber angespritzt. Hu, wie rot er wird, unser Krieger lv rief sie aus und lachte wieder ihr et- was betrunkenes Lachen.«Hab keine Angst. Das ist noch gutes Parfum, Guerlain, Lutz hat es mir geschickt, wie er in Frankreich war. Willst du ein Glas Port? Ist auch noch aus Frankreich. Vater hat sich im ersten Kriegsjahr davon einen hübschen Vorrat angelegt; leider geht er jetzt zur Neige, und ich weiß gar nicht, was ich ohne Port anfangen werde.v Effi war aufgestanden und hielt die Karaffe hoch. Dabei schwankte sie, aber ich war nicht sicher, ob das Schwanken echt war oder bloß vorgetãuscht; es schien mir, als balanciere sie immerzu zwischen Ironie und Schwermut, zwischen Beschwipstheit und Berechnung, und das ärgerte, aber amũsierte mich auch.)a, Port muß da sein, wenn mir so lila zu Mute ist, weißt duv, fuhr Effi fort, ader Port und die Kerzen und... vIhre Hand zitterte beim Einschenken; der Wein floß über den Rand des Glases. Ich langte nach der Karaffe.«Gib her, Effi, du verschüt- test noch das Ganze. Schade um den schönen Wein.v (Schade, schade, jajav, Sang Effi nach der Melodie von „Parlez-moi d'amour?. Ich sah plõtzlich, daß ihr Mund wie ein Schmetterling war, ein korallenroter Schmetterling. (Da hast dul» Sie reichte mir die Karaffe. Dabei stieß sie einen der Leuchter um. Im Fallen riß er auch den zweiten nieder. Die Kerzen rollten auf den Boden und gingen aus. Effi schrie leise auf. Die Erwartung rũhrte mich an wie ein elcktrischer Schlag: was würde geschehen? Es ge- schah nichts. Hastig begann ich nach meinen Zündhölzern zu suchen. Endlich fand ich die Schachtel und strich ein Holz an, aber das Licht wurde sofort von Efßi ausge- 140 plasen. Ich strich ein zweites Holz an, und wieder blies EHffi es aus. (Na, nun laß mich aber anzündenꝰ, redete ich Effi zu, das hier ist mein letztes Streichholz.v (Und wenn schon. Was ist dabei? Oder fürchtest du dich vor mir im Dunkeln ꝰv Wer sagt dir, daß ich mich fürchte ꝰv Doch, du fürchtest dich!v Effi versuchte, auch das dritte Zündholz auszupusten. Ich hielt sie zurück. Effi gab nicht nach. Mit einem plõtzlichen Ruck schnellte sie nach vorn, lõschte das Licht aus und fiel mir um den Hals.«Ach, du Dummkopfꝰ, flüsterte sie, adu lieber, Hieber. v Ich spürte, wie sich ihr Körper mir entgegendrängte, jung, heiß und nackt unter dem dũnnen Hauskleid. 10 Gewissensbisse dv fragte Effi, als wir nachher auf ihrem Bett nebeneinander lagen. Wie kommst du darauf? gab ich zurũck. Ich hãtte mir in diesem Augenblick selbst keine klare Antwort auf eine Frage wie die ihre geben können. Ef sinnierte vor sich hin. Wegen Anneliese brauchst du dir keine Gewissensbisse zu machen, sie macht sich auch keine, das weißt du selber, ich würde sonst den Herrn Son- derbeauftragten Eckersberger zartfühlenderweise unert wähnt lassen... Und Gewissensbisse meinetwegen sind auch nicht nõtig, Hans.v Der Mond, der bisher durch eine Wolke verdeckt gewe- sen war, kam zum Vorschein. Im Zimmer wurde es heller. Effi hob ihre Beine wie bei einer Turnübung; sie glänzten im Mondlicht. Wie gefallen dir meine Beine dv wollte sie wissen. ¶Und überhaupt, wer ist mehr dein Typ: ich oder Anneliese dv Ich machte eine wehende Handbewegung. 141 Effi hockte sich hin und beobachtete mich scharf. Plõtz- lich rief sie aus: cIch weiß es: ich, nicht wahrdv (Ach, du Luder! cIch, ich, ich lv Sie umschlang mich lachend.«Und weißt du, ich muß dir was gestehenv, flüsterte sie an meinem Ohr, cich war ziemlich in dich verschossen, damals, als du auf Urlaub warst und es mit Anneliese hattest... oder eigentlich schon vorher, aber da zählte ich ja nicht mit. BErinnerst du dich noch, einmal, wie wir den Familien- ausflug nach der Schneekoppe machten, und auf der Prinz- Heinrichsbaude war nur noch ein einziges Zimmer frei, und die Kinder sollten alle im Heu schlafen, nur ich als Kleinste mit Tante Resi im Bett... und wie ich da heulte, aber nicht aus Abneigung gegen das„Reibeisen“, wie ihr vielleicht geglaubt habt, sondern weil ich eifersũchtig war und nicht wollte, daß Anneliese mit euch Jungens bleibt.v Effi saß eine Weile still da und starrte ins Mondlicht. DPann fragte sie mit veränderter Stimme: Was denkst du dir eigentlich? Daß wir Mädels ganz mannstoll sind, wie dv Ich hatte tatsãchlich etwas Ahnliches gedacht.«Na, aufs GSanze geht ihr schon, entgegnete ich langsam. Effi richtete sich halb auf. Ich sah, daß ihr Mund zit- terte und daß ihre Augen jenen unberechenbaren Aus- druck hatten, den ich vorher schon an ihnen wahrgenom- men.«Und das wundert dich dv forschte sie. Mein Gott, ganz das Normale scheint es mir nicht ge- rade zu seinv, gab ich zõgernd zu. Wieso nicht?v fuhr Effi auf. Wenn man dich so reden hört, mõchte man glauben, daß du aus einer ganz anderen Familie kommst, aus einer ganz und gar nicht national- Sozialistischen.v cIch weiß nicht, wohin du damit hinaus willst, Effi.» Sie lachte ärgerlich. Ach, du weißt es nicht? Aber du weißt doch, daß es mein Vater war, der mich ins Jugend- 142 lager schickteꝰ Ich selbst hatte es gar nicht so eilig. Aber wie ich erst mal drin war, war ich eben drin. Und ich kann dir sagen, in so einem Lager lernt man allerhand. Zum Beispiel, daß deutsche Mädchen von den Männern kein langes Hofieren erwarten dürfen, weil Männer heute an- deres zu tun haben. Ja. Und daß es so was wie Furcht vor gesunder Frotik einfach nicht gibt. Wir hatten da eine Scharführerin, die predigte immer:„Man steht auch mit seinem Frauentum im Dienst von Volk und Rasse; falsche Scham und intellektuelle Verhemmungen sind genau sol- che Verbrechen wie Feigheit oder Ungchorsam'. Und da gab es nahebei ein Hitlerjungen-Lager. Wir sahen die Jungen oft, flickten ihre Strümpfe, waren abends beisam- men bei Tanz und Lied. Und natürlich wurden von den fünfig Mãdchen einunddreißig schwanger.» Und du selbst?v fragte ich. Effi ging darüber hinweg. Wie kann man sich dann wundern? Und überhaupt, wer weiß, wie lange es noch einen Sinn hat...v Sie brach ab. Wie meinst du das wiederꝰv Statt einer Antwort zog Effi den Kopf zwischen die Schultern. Dann, nach einem längeren Schweigen, brach es aus ihr heraus: vJa, wie lange wird es denn noch Männer für uns geben? Ich meine, junge Männer mit gesunden Gliedern. Die Kriegsgefangenen und die Fremden, die jetzt bei uns arbeiten, kommen sowieso nicht in Frage. Und wieviele von euch sind noch da? Wieviele werden in einem Jahr noch da sein? Und was, wenn dieser Krieg fünf᷑ oder zchn Jahre weiterdauert? Sie schreiben doch jetzt immer davon, daß er so lange dauern kann. Oh, Hans, ich habe Angst, hörst du? Ich will nicht allein bleiben. Ich kann nicht.» Effi fing an, wild und hemmungslos zu schluchzen. Ich nahm sie in meine Arme. Nur langsam wurden die Stõße ihres Schluchzens schwächer. 143 (Ach, Hans», flüsterte sie. aIch bin nicht so, wie du denkst. Ich mõchte ja auch was ganz Finfaches: einen Mann, eine friedliche Liebe. Nicht so von einer Hand in die andere gehen und einen nach dem andern nehmen. Warum gibt es das nicht für uns? Ach, sag doch, daß du mich gern hast, Hans. Ich hab dich gern, wirklich, Hans, sag mir's doch, sag mir's dochlv Sie erschien mir, als sie sich an mich schmiegte und ihre Augen in Erwartung schloß, reizvoller als je zuvor. Aber liebte ich sie? Nein, ich liebte sie nicht. Liebe war etwas anderes. Liebe hatte ein anderes Gesicht. Ich sah dieses Gesicht, während ich Effi streichelte, ohne auf ihre Frage Antwort zu geben. T7 Manchmal hat man im Schlaf das Gefühl: es kommt ein Alarm. Ein Motorrad hat gestoppt, ein unbestimmter ha- stiger Lärm ist irgendwo aufgesprungen. Noch dauert der Schlaf an, noch gehen die Träume weiter, aber schon hat sich etwas Fremdes dareingeschlichen. Noch verstreichen ein paar ewige Sekunden, dann ist es da. Die Hausglocke lãrmte los, bõse und schrill, als ob sie keife. Hffi hatte sich aufgesetzt und preßte die Hãnde aufs Herz. Der Mond war verschwunden. Es mußte knapp vor der Morgendämmerung sein. Der Himmel begann sich fahl zu verfärben. Das Läuten riß endlich ab. Vielleicht war es doch nicht für mich? Aber da kamen schon Schritte die Treppe her- auf. Onkel Helmuts Stimme wurde laut:«Hans! Hans, auflv Effi legte einen Finger an den Mund. Sie hatte ihre spöt- tische, etwas schnodderige Haltung wiedergewonnen. Bleibl» bedeutete sie mir. dIch will ihn erst einmal...» Weiter kam sie nicht. Es wurde an die Tür geklopft und fast im gleichen Augenblick aufgemacht. 144 (Effi.„ Auch Onkel Helmut blich mitten im Satz stecken. Er stand da in einem langen, zerknitterten Nacht- hemd und türkischen Pantoffeln, die Lippen karpfenhaft gerundet, die Haare vom Schlaf feucht und verfilzt. In der einen Hand hielt er den Hausschlüssel, in der andern ein Telegramm. Effi raffte mit einer leichten Bewegung die Bettdecke über ihre nackte Brust und sagte: Wirst du so lieb sein und dich für einen Moment zurückziehen, Vater? Ich mache mich gleich fertig. v Onkel Helmut schüttelte den Kopf, als habe er nicht verstanden. Sein Blick irrte von Effi zu mir, zurück zu Effi und schließlich zu seinen eigenen Füßen. Die Tränen- sãcke unter seinen gerõteten Augen waren dick geschwol- len; die Schnurrbartspitzen hingen hinunter. (Bitte, Vater, geh für eine Sekunde hinausꝰ, wiederholte Effi. Sie sprach in dem Ton, in dem man kranken Kindern gut zuredet. Onkel Helmut nickte und war schon daran, von der Schwelle zurückzutreten, als ihm das Telegramm einfiel. Er schwenkte es aufgeregt.«Sie haben den Heydrich...v Er verbesserte sich hastig: Der Reichsprotektor ist meuch- lings angeschossen worden. Hans muß sofort zu seinem Truppenteil zurück.v Onkel Helmut hatte bisher mit er- zwungener Ruhe gesprochen, den Blick auf seine bunten Pantoffeln gerichtet. Jetzt schaute er auf. Das Blut schoß ihm zu Kopf. Er brüllte:«Und in einer solchen Stunde muß ich meine Tochter so finden! Wenn das deine Mutter erlebt hätte, Effi.. Und auch du, Hans, ich hatte dich für einen Ehrenmann gehalten. Mit der Schwester der eigenen Brau, und die Frau liegt im Kindbett! Versinken müßtet ihr beide, in die Erde versinken! (Gewiß, Vaterv, unterbrach ihn Effi, caber jetzt laß uns aufstehn. v Onkel Helmut schõpfte tief Atem wie zu einer langen 10 145 Gegenrede, doch dann hob und senkte er nur resigniert die Arme und schlurrte hinaus. Effi zog die Decke dichter um sich. Ich sah, daß sie frõstelte. Von der spõttischüberlegenen Haltung war nichts mehr da. Kläglich fragte sie: Ja, was bedeutet das nun, Hans dꝰ» Ich weiß nicht, Effiv, antwortete ich. Ich wußte es tatsãchlich nicht. Wenn ich jetzt versuche, mich in meine damalige Verfassung zurũckauversetꝰen, 80 spüre ich vor allem die saugende Leere im Magen und im Kopf— die gleiche Empfindung, die ich einmal hatte, als peim Schlittschuhlaufen im Stadtpark das Eis des Teiches unter mir brach, und spãter, als ich zum erstenmal ins Ge- gecht kam. Die Szene mit Onkel Helmut, das Verhalten von Effi, mein eigenes Verhalten— das alles verursachte mir ein so tiefes Mißbehagen, daß ich nur nach einem ver- langte: aus der eigenen Haut schlüpfen, von hier weg- kommen, weit, ganz weit von hier wegkommen! Unter diesen Umständen wirkte der Befehl zur Sofor- tigen Rückfahrt nach Prag geradezu erlõsend. Daran, was die Erschießung Heydrichs zu hedeuten, für uns alle zu pedeuten hatte, dachte ich gar nicht. Der Reichsprotektor ʒt meuchlings angeschossen wordenv Dieser eben gehörte Satz Schwanum pezichungslos auf der Oberflãche meines Bewußtseins herum. 8o war das lõcherige Blechschiffchen, mit dem ich als Kind so gern gespielt hatte, in der Bade- wanne herumgeschwommen, ganz leicht, bis es plõtzlich wie ein Stein gesunken war. cIch weiß nicht, Effiv, sagte ich, cjedenfalls muß ich gleich mal losrennen, wenn ich den Sechsuhrzug noch er- wischen will, und das muß ich wohl.v Pffi hatte mittlerweile ihr Hauskleid ũbergeworfen. Sie war sehr plaß. cIch mach dir schnell noch was zurechtꝰ, rief sie und lief zur Türe, kam aber noch einmal zurück und umarmte mich mit jener schwermütigen und un- 146 ersäãttlichen Zärtlichkeit, wie sie nur die Vorahnung einer langen, vielleicht unwiderruflichen Trennung erzeugt. (Effi...» cIch weiß. v Sie riß sich los und glitt hinaus. Als ich eine Viertelstunde spãter in die Diele hinunter- kam, hatte Effi ein kleines Frühstück vorbereitet. Ihr Haar war in Ordnung gebracht, ihre Lippen glänzten in frischer Röte, und im Gürtel steckte eine Pfingstrose. Vater hat sich einigermaßen beruhigtꝰ, berichtete sie sachlich, cich hab ihn ins Bett zurückgeschickt. Hier ist ein Paketchen für dich. Gib mir mal deine Feldflasche, ich will sie mit Port füllen. Deine Mutter wartet auf dich in ihrem Zimmer. v Sie half mir, die volle Feldflasche am Koppel befestigen und den Uniformrock darunter glatt- zichen.«So. v Sie küßte mich rasch und schob mich weg. Ich sehe noch ihr Lächeln, ihr ungewisses Lächeln, ein wenig herausfordernd und ein wenig melancholisch. Meine Mutter saß in ihrem Ohrenstuhl neben dem Bett. Sie schaute mir von ganz nahe in die Augen, wie sie es frũher getan hatte, wenn sie herausbekommen wollte, ob ich sie anlog oder ihr die Wahrheit sagte:«Es ist doch mit dir nichts passiert, Hans dv fragte sie eindringlich. Wieso denn, Mutter?v (Nun, ich meine, daß du so wegmußt, das heißt doch nicht... sie werden dich doch nicht jetzt an die Front schicken dv (Nein, Mutter. Ich muß nach Prag zurück. Dort ist jetzt Marmbereitschaft für die ganze Garnison; da hören alle Urlaube auf.v (Und wir haben nicht einmal Zeit gehabt, uns richtig auszusprechen. v Sie legte mir die Hãnde auf den Kopf und neigte sich zu meinem Ohr. Wersprich mir eins, mein Junge: gib acht auf dich. Ich weiß, sie wollen euch ein- 147 reden, daß das Sterben das Grõßte auf᷑ der Welt ist. Glaub ihnen nicht, Hansl, glaub mir, deiner Mutter: das Leben ist heilig. Ich hab schon den Lutz verloren, ich will nicht noch meht verlieren. v Ich lief zur Bahn. Die Stadt war eben erst erwacht. Durch die Talstraße zog, von ganz jungen Burschen in Schwarzen SS. Uniformen eskortiert, ein Trupp zerlumpter Gestalten. Rin scharfer Geruch strõmte von ihnen aus; sie stolperten und wankten. Es waren Kriegsgefangene, die zur Arbeit in die Posselt-Fabrik gebracht wurden. Am Eck der Bahnhofstraße gegenüber der Post mußte ich einige Sekunden warten, bis der Gefangenentrupp vor- über war. Neben mir hielt ein beinloser Invalide und neben ihm eine Frau mit einem Hundewagen voller Brennholz. Die Frau pekreuzigte sich vor den Gefangenen. Die müssen wir nun auch noch ernähren, greinte sie, cund wie sie ausschn, die reinsten Räuber! Der Inwalide räusperte sich.(Als ob die hergewollt hätten, Frau. Als ob die nicht auch lieber bei sich zu Hause wären.v Er verstummte, da ein Polizist vorbeiging. Es war einer der alten stãdtischen Wachleute, die ich noch alle kannte. Heil Hitler, Hert Holler!v grüßte er mich schallend. Der Inwalide warf mir einen schiefen Blick zu und hum- pelte klappernd auf seinen kurzen Beinstümpfen davon. Die Frau seufzte.«Es ist halt ein Kreuz, überall und mit allem. v Sie erschrak, als der Polizist sich nach ihr um- wandte, und gab dem Hund vor ihrem Wãgelchen einen Schlag, daß er sich mit einem Sprung in Bewegung setzte. Der Polizist ᷣchüttelte den Kopf; er ũberquerte mit mir die freigewordene Straße, hob nochmals den Arm, wünschte mir: Gute Reise ly und begann dann die Flagge vor dem Postamt auf Halbmast herunterzulassen. 148 DRITTER TEIL. * EHR Mann war von schmächtigem Körperbau und Schwer bestimmbarem Alter, aber wohl eher jenseits als diesseits der Fünfzig. Er mochte ein kleiner tschechi- Scher Magistratsbeamter sein, oder ein Verkäãufer, oder ein Handwerker. Sein Gesicht hatte fast die gleiche grünlich- drape Farbe wie sein Hut, der ihm verknüllt und un- ordentlich auf᷑ dem Hinterkopf Saß. Obwohl ich dieses Ge- sicht auch heute noch deutlich vor mir sehe, fällt mir eine genaue Beschreibung schwer, weil es keinerlei besondere Merkmale aufwies, mit Ausnahme des blutunterlaufenen Striemens, der von der linken Schläfe zum Kinn hinunter lief, ũber die stoppelige Wange und den zusammengeknif- fenen Mund, aus dessen Winkeln dũnne rote Gerinnsel kamen. Sein Anzug war beschmutzt, ein Hosenbein flatterte in Fetzen. Leicht hinkend, aber in aufrechter Haltung und mit erhobenem Kopf, schritt der Mann zwischen zwei langen S8.Scharführern auf einen gedeckten Uherfall- wagen zu, der gegenüber dem Bahnhof, vor dem Sockel des abgetragenen Wilson Denkmals hielt. Auf᷑ dem kleinen Platz zwischen Denkmal und Bahnhofs- gebäude waren viel weniger Menschen als man dort sonst um diese sommerliche Mittagsstunde antraf. Auch ihre Hast schien nicht von jener Art zu sein, wie sie in der Bahnhofsgegend üblich ist; kein einziger eilte zu einem 157 Zug.(ſetzt erst fiel mir ein, daß ich an der Sperre eine Verordnung der Kommandantur geschen hatte, die der tschechischen Zivilbevölkerung das Verlassen der Stadt bis auf weiteres untersagte.) Beim Anblick der zwei SS.Leute und ihres Gefangenen machten jedoch auch die Filigsten halt; einige nahmen sogar die Hüte ab oder neigten ihre Köpfe, und mehrere Frauen preßten Taschentũcher an ihre Gesichter wie bei einem Begrãbnis. Der Mann hingegen sah über die Stehen- pleibenden mit einem seltsam entrückten Ausdruck hin- weg. Doch dann wandte er den Kopf nach der Seite, von der ich herkam, und unsere Blicke hegegneten sich. Wãhrend der ganzen Fahrt von R... bis Prag hatte ich mit ⁊wei Intendanz VUnteroffieren, die requirierten Tabak von Mazedonien nach dem Altreich gebracht hatten und nun zu ihrem Etappenkommando zurückkehrten, Tarock gespielt. Das war ein gutes Mittel gewesen, um Zeit und Ge- danken totzuschlagen. Der Ankunftstrubel hatte mir eine weitere willkommene Gelegenheit geboten, die saugende Leere in mir und alle beunruhigenden Fragen zu vergessen. Noch immer schwamm die Nachricht von dem Heydrich- Attentat bezichungslos auf der Oberfläche des Bewußt- seins herum— ein kreiselndes Blechschiffchen auf ruhigem Wasserspiegel. Und es war erst jetzt, da sich mein Blick mit dem des Gefangenen kreuzte, daß das Schiffchen sank. In den Augen des Mannes schwelte und flackerte es— drohend, tõdlich drohend, und ein Echo dieser Drohung zitterte in den Augen der Passanten, die ihm nachstarrten, bis er unter der grauen Plache des Uberfallwagens verschwunden war. Die Trambahn fuhr nicht. An allen wichtigen Straßen- kreuzungen standen SS. Poppelposten mit Handgranaten 152 — am Koppel. Vor den Brücken wurden die Ausweise der Zivilpersonen kontrolliert. Klebekolonnen der Hitler- jugend brachten überall Plakate an, auf denen die von den Attentätern bei ihrer Flucht zurückgelassenen Gegen- stände— ein Fahrrad, eine Aktentasche und ein Regen- mantel abgebildet waren; grellrot leuchtete die Zwanzig- Millionen-Ziffer des Kopfpreises aus dem Schwarz des übrigen Druckes. In regelmãßigen Zwischenräumen verkündeten die Laut- sprecher an den Laternenpfählen, daß nach den letzten Dekreten des neuen provisorischen Reichsprotektors, Ge- neralobersten Paluege, Versammlungen und Zusammen- künfte von mehr als drei Personen nichtdeutscher Natio- nalitãt verboten scien; jeder tschechische Finwohner habe sich binnen achtundvierzig Stunden auf der Polizei zu melden; nach Ablauf dieser Frist drohe Personen ohne Registrierungskarte sofortige standrechtliche Erschießung; die gleiche Strafe erwarte alle, die solche Personen nicht anzeigten oder ihnen gar Unterkunft gewährten. Zwischendurch gab der Rundfunkdienst der Geheimen Staatspolizei die Namen von bereits Hingerichteten be- kannt. Es waren Mãnner und Frauen, die das Attentat gut- geheißen oder Auskünfte über verdãchtige Personen ver- weigert hatten. Wenn diese von einem kurzen Trompeten- signal eingeleiteten Mitteilungen begannen, blieben die Menschen auf der Straße zumeist wie gelähmt stehen und setzten erst nach einigen Sekunden zõgernd ihren Weg fort: sie vermieden es dabei, einem von uns Uniformierten ins Ge- sicht zu schauen. Ein- oder zweimal fing ich trot?dem einen Blick auf; es schwelte darin die gleiche Drohung, die mir schon in den Augen des Gefangenen und der ihn stumm Grüßenden auf dem Platz vor dem Bahnhof begegnet war. Es war eine unbestimmte Drohung. Sie hatte keine Form und man konnte sie nicht fassen. Aber sie selbst 153 faßte zu. Die Beunruhigung, die sie erzeugte, biß sich in die Eingeweide fest wie ein gefräßiger Wurm, und ließ nicht wieder los. Nie wieder, auch wenn sie in der Folge für Stunden und sogar Tage einschlief. Aber schlief sie wirklich ein, oder verstellte sie sich bloß, um uns zu täu- schen, s0 wie sich das Schwelen und Flackern in den Augen der Tschechen zuweilen versteckte? Fast scheint es mir so, wenn ich jetæt darũber nachdenke. Ja, selbst wenn die Un- ruhe zu schlafen schien, war man vor ihr nie ganz sicher; plõtzlich wachte sie in uns wieder auf, oftmals ohne jeden sichtbaren Anlaß. In u sage ich, denn obwohl ich nie mit einem der andern darũber sprach, weiß ich doch, daß sie alle diese gleiche Unruhe in sich fressen fühlten. Alle, auch Cha- brun, der eigentlich Furcht nicht kannte und sich an die Front zurückwünschte und es schließlich auch durch- setzte, wieder ins Feld zu kommen. Ja, auch Chabrun kannte diese Unruhe; ich erinnere mich, daß er mir einmal, als ich ihn bei der Rückkehr von einem nächtlichen Dienst- gang schlaflos antraf, zuflũsterte: Diese verfluchte Prager Luft. Die legt sich einem manchmal auf die Brust. Wie mit einem geheimen Sprengstoff geladen ist sie, und paß auf, eines häßlichen Tages explodiert sie auch. v 2 In den nächsten Tagen hatte unsere Kompanie unun- terbrochen Hilfspolizeidienst. Unter dem Kommando von Gestapo-Kommissaren umstellten wir Hãuserblocks an der Stadtperipherie, Gartensiedlungen und Fabriken, die dann von Trupps der Totenkopf-SS. durchsucht wurden. Oder wir riegelten einige Straßenzũge ab, worauf alle Pas- Santen angehalten und nach ihren Personaldokumenten ge- fragt wurden. Oder wir standen, vorzeitig geweckt und aus der Stadt gefahren, in dichter Postenkette entlang einer võl- 154 lig vereinsamten Chaussee, zwei, vier, sechs Stunden lang, bis endlich eine Kolonne schwerer glänzender Limousinen, umgeben von S8. auf Motorrãdern, vorũbersauste. (Eine Cochonneriev, murrte Chabrun, cwas man heutzu- tage einem Soldaten zumutet!» Und er erzählte eine Ge- schichte von seinem Urgroßvater, der nach dem Wiener Kongreß ehrenvoll verabschiedet und auf Halbsold gesetzt worden war, mit nichts als Schulden und drei unverheira- teten Tõchtern auf dem Buckele, und der dennoch den ihm angebotenen Posten eines Polizeisekretarius schlankweg abgelehnt hatte, weil, wie er sagte, für einen Nachkommen der Chabrun d'Astier, die schon mit Gottfried von Bouil- lon Jerusalem gestürmt hatten, Nachtwächterarbeit nicht in Frage kam.(Na, dafũr wird sein Herr Urenkel gar nicht erst gefragt“, schloß Chabrun. Der wird einfach zur Nachtwãchterarbeit kommandiert und punktum.v Trotzdem verrichtete Chabrun den Pienst mit streng- ster Genauigkeit und machte Dietz, den er einmal auf Wache eingenickt antraf, einen solchen Tanz, daß dem Windhund Hõren und Schen verging. Als Dietz verdat- tert und ärgerlich einwandte, daß ja Chabrun selbst diese Art Beschäftigung eine Schweinerei genannt habe, wurde er in vollendetem Vorgesetztenton, leicht durch die Nase, belchrt:(Das stimmt, aber erstens ist das eine Privatmei- nung, und Privatmeinungen haben Null-Komma-Nichts mit militärischem Verhalten zu tun, und zweitens muß ein Soldat unter allen Umständen ordre parieren. Unter allen Umstãnden. Auch wenn ihm zum Beispiel befohlen wird, in Ausgangsschuhen und ohne eiserne Ration auf den Mond zu marschieren... Ist das klar genug, Schütze Dietz dv Aus den Lautsprechern an den Laternenpfãhlen tõnten noch immer in regelmäßigen Zwischenräumen die Na- menslisten der Hingerichteten und die Dekrete ũber Kopf- 155 preise, Belagerungszustand und Verkehrssperre; die Li- sten waren jetzt doppelt und dreifach so lang wie am Tage meiner Rückkehr nach Prag. Die Menschen auf der Straße plieben nicht mehr stehen, wenn das Trompetensignal zu Beginn der Listenverlesung erschallte. Sic hasteten weiter, Stumm und mit versteinten Gesichtern, aber mir schien bis- weilen, als werde die Luft zum Schneiden dick von ihrer Bitterkeit und ihrem Rachedurst. Die Attentäter waren noch nicht gefaßt worden, und Berlin wurde offensichtlich ungeduldig. Immer neue, hohe SS. Offiziere und Herren von verschiedenen Ministerien tauchten jetzt bei den Großfahndungen auf, an denen wir als Absperrungstruppe teilnahmen. Frische Plakate mit der Beschreibung der zwei Männer, die den Anschlag auf Heydrich ausgeführt hatten, klebten an den Häuserwänden. Bines von ihnen zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Es enthielt unter anderem die Mitteilung, daß eine junge Frau gesucht werde, die sich unmittelbar nach dem Attentat ũber den schwer verwundeten Reichsprotektor und seine gleich- falls zu Boden gestreckten Begleiter gebeugt hatte: aus Hilfsbereitschaft, oder um ihnen die Sicht auf die flũchten- den Täter zu verdecken,— das war die Frage, und deshalb wurde die junge Frau, bezichungsweise jeder, der über sie Auskunft geben konnte, aufgefordert, sich unverzüglich mit der Geheimen Staatspolizei, Abteilung 2 C, in Verbin- dung zu setzen. Als Kennzeichen wurden dunkles Haar und ein Strohhut mit gelben Blumen angegeben. Ich er- tappte mich sofort bei dem Versuch, mir die Unbekannte mit bekannten Zügen vorzustellen. War es der Hut mit den gelben Blumen, der mich darauf brachte? Oder was sonst ließ mich in diesem Zusammenhang an Lidka den- ken? Welcher Irrsinn! Irrsinn? Je mehr ich darũber nach- dachte, desto natürlicher erschien es mir, daß Lidka an der Stelle der Unbekannten genau so wie diese gehandelt hãtte. Genau so. Und nicht etwa nur impulsiv, sondern mit 156 Vorbedacht... Mir wurde heiß und kalt bei dieser Vorstel- lung, und ich mied für die Folge jede Begegnung mit den Plakaten und jeden Gedanken an sie. Dreimal am Tage wurden die ärztlichen Bulletins über das Befinden des verwundeten Reichsprotektors bekannt- gegeben. Es war immer dasselbe: Puls schwach, Allge- meinzustand ernst, Wendung zum Besseren noch nicht eingetreten. (Und er kommt doch durchv, sagte Klobocznik,«die Schwarze Kobra? und nicht durchkommen? Das wäre doch gelacht! Mein Neffe, der unter Heydrich in der Leibstan- darte gewesen ist, hat mir erzählt, daß der Mann zwanzig Kognaks austrinken und nachher auf fünfzig Schritte in ein Judenauge schießen kann, haargenau. Nein, nein, der ist nicht umzubringen. v Seelke war anderer Meinung. aIch weiß nicht, mit einer Kugel in der Kehle und zweien im Rücken, und vier Bauch- wunden... und warum hat man dann sein Gepãck schon von der Burg abgeholt? Wenn das nicht nach Abgang aus- sicht.» Mensch, nu halt aber anv, versetzte Klobocznik, cwer hat dir denn diesen Käse wieder angedreht? Seelke, der gerade dabei war, die Fuchsienstõcke auf dem Fensterbrett zu begießen, stellte die Wasserflasche heftig weg und stemmte die Arme in die Hüften. Wieso denn Kãse? Ich habe einen von den Berliner Chauffeuren getrof- fen, die hergekommen sind, um das Gepäck zu holen, ei- nen gewissen Matulski. Er ist vom stãdtischen Fuhrpark, gleich neben dem Finanzamt, auf dem ich arbeite.v Klobocznik rieb sich den kahlen, roten Schädel. Dann allerdings... v Wie immer, wenn er in Aufregung geriet, machte ihm sein künstliches Gebiß zu schaffen; er fing an zu lispeln: Meine Fresse, wenn so einer abkratzen muß, dann kann unsereinem wirklich mulmig werden. 157 Hier mischte sich Dietz ein, der schon die ganze Zeit über ungeduldig an seinen schwammigen, kurzen Fingern genagt hatte. Er begann mit einer Tirade über die Tragik des Edlen, das ungeachtet seiner Kostbarkeit immer nach Selbstaufopferung drãnge; faselte dann von Heydrichs nor- disch bedingter Liebe zur Gefahr; und schloß mit den Wor- ten Baldur von Schirachs: je mehtr für die Bewegung ihr Leben hergeben, desto unsterblicher wird sie. v Dietz wandte sich dabei weniger an Klobocznik und Seelke, als an Maurer. Der saß mit seinem unbeteiligten Holzgesicht da und blies auf einem Taschenkamm das Lied vom Feldzug, der kein Schnellzug ist. Dietz hüstelte ärger- lich, auffordernd. Dann fragte er: Na, und was denkst du darũber, Maurer?ꝰv Maurer beendete ohne File einen Akkord, kniff die gro- Ben blauen Augen zusammen, meinte gelassen:«Ach, du hast uns doch alles schon so schön vorgedacht. v Er setzte den Kamm wieder an die Lippen und blies den Refrain: Wisch deine Träãnen ab mit Sandpapier, Eins, zwei, drei, vier. 3 Fine Woche darauf wurde uns beim Morgenappell be- kanntgegeben, daß Heydrich in der Nacht gestorben sei. (Eine Bombe britischen Ursprungsv, so hieß es im Ta- gesbefehl, dhat meuchlings ein Leben ausgelöscht, dessen Hingabe an Fũhrer und Reich Vorbild sein konnte wie sel- ten ein anderes; Vorbild auch durch eine eisige Kälte ge- gen jeden Schmerz und durch jene Härte, die von der Er- reichung des Zieles vorgeschrieben wird. In der Blüte sei- nes Mannesalters ist dieser im besten rassischen Sinne vor- nehme Mensch, dessen heller, befehlsgewohnter Stimme eine magische Kraft innewohnte, Opfer jener dunklen 158 Mãchte geworden, die ihre Schläge nur aus dem Zwielicht undeutschen Hinterhalts führen.» Der Befehl wurde von Unteroffizier Klahde verlesen, und für jeden, der Klahdes nationalsozialistische Erzie- hungsstunden kannte, war es klar, daß nur er den Nachruf verfaßt haben konnte. Seine abstehenden Ohren brannten, und er wõlbte die Brust vor wie Göring, wãhrend er sich bemũhte, seiner brüchigen Stimme jenen dunklen, rollen- den Klang zu geben, den er bei solchen Gelegenheiten für unerläßlich hielt. Meisterhaft lv zischelte Dietz seinem Nebenmann Klo- bocznik zu. Er suchte sich einen Augenblick võlliger Stille für diese Bemerkung aus, so daß der Unteroffizier sie nicht überhören konnte. Klahde ließ denn auch Dietz sofort vortreten und don- nerte ihn an: Wohl wahnsinnig geworden, was? Im Glied reden! Was haben Sie da eben gequasselt? Daß der Nachruf auf Parteigenosse Heydrich ein Mei- sterstück ist, Herr Un'off'zier. Doktor Goebbels würde seine helle Freude daran haben. v Klahdes Ohren wurden noch um eine Nuance rõter.«So. Hm. Na, jedenfalls behalten Sie solche Bemerkungen ge- fälligst für sich, wenn Sie im Glied stehn.v (Zu Befehl, Herr Un'off'zierl* Klahde versuchte, grimmig dreinzuschauen, konnte je- doch nicht verhindern, daß sich sein Gesicht in einem brei- ten Grinsen auseinanderzog.«Nach dem Dienst melden Sie sich bei mir in der Kantinev, knarrte er. Wegtreten!v Dietz machte eine Kehrtwendung, daß es nur so knallte, und marschierte drõhnend ab. In der Stube hieb ihm Klobocznik bewundernd auf den Rücken.«Mensch, Dietz, du verstehst es, mit Klahde um- zugehn, das muß dir der Neid lassen. Ich möchte ihm auch so Honig ums Maul schmieren können. v 159 ¶Aber entschuldige mal, ich meine es ganz s0, wie ich's gesagt habe. Klahde hat da wirklich Bilder und Wendun- gen von so geballter Kraft gefunden, daß ihn jeder Aba- demiker darum beneiden könnte. Nicht wahr, Holler? Nicht wahr, Chabrun?v Chabrun bog die Mundwinkel hinunter. Wielleicht be- sorgst du dir schnell einen ãhnlichen Abgang, dann kriegst du von Klahde auch was Geballtes nachgeschmettert.v Dietz brauste auf. Das grenzt aber... vEr bezwang sich und fuhr gedãmpft, aber mit einem tückischen Flimmern in den runden, vorstehenden Augen fort:«Mir scheint, der Herr Baron hat hier wieder einmal den gallischen Teil sei- ner Erbmasse zu Worte kommen lassen auf Kosten des preußischen Teils. v Chabrun ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sorgfältig rollte er eine Zigarette zu Ende und ließ sich von mir Feuer geben. Dann erst entgegnete er: alch möchte mich auf keine Untersuchung unserer Erbmassen einlassen, obwohl ich mich meiner, wie du sie zu nennen beliebst,— ahem— gal- lischen Vorfahren, keineswegs schäme. Die sind scit jcher gut preußisch gewesen. Nãmlich so, wie ich das Preußische auffasse: im Sinne des alten Clausewitz und seines Schülers Schlieffen. Die haben immer gefordert: mehr sein als schei- nen! Und nach meinem bescheidenen Verstand heißt das auch: weniger Reden halten 1» Dietz bekam eine ganz lange Nase. Willst du damit etwa der Meinung Ausdruck geben, daß führenden Ortes zuviel Reden gehalten werden dv fragte er heiser. Leg ihm doch nicht in den Mund, was er gar nicht gesagt hat!v Es war Maurer, der diesen Zwischenruf machte. Chabrun winkte mit einer unerwartet heftigen Bewegung ab. Danke, Maurer, aber ich brauche niemand, der mich in Schutz nimmt. Ich kann das schr gut allein besorgen. Ganz besonders, wenn es sich um Dinge handelt, von denen ihr 160 alle keine blasse Ahnung habt. Jawohl, ihr alle, so wie ihr dasteht, ihr..» Er brach ab. Dietz kläffte bõse: Warum so Zartfühlend? Ihr Proleten oder Bürger oder sonstiges nichtadeliges Pack, das wollte der Herr Baron doch sagen. Oder nicht d» Chabrun hatte sich schon wieder völlig in der Gewalt. Er streifte lãssig die Asche mit dem Fingernagel von der Zigarette. Du irrstv erklärte er kühl, des handelt sich gar nicht um Adel oder Nichtadel. Es handelt sich um Solda- tisches und Nichtsoldatisches.v So. Willst du vielleicht behaupten, daß wir keine Sol- daten sind ꝰv (Soldat und Soldat ist zweierleiv, erwiderte Chabrun; er sprach mit Zurückhaltung, und doch war hinter seinen Worten eine bei ihm sonst ungewohnte Erregung zu spũ- ren. Die eine Art Soldat wird man bei der Einzichung oder Mobilisierung. Die andere kann man nicht werden. Die kann man nur sein oder nicht sein. Und wenn man diese Art von Soldat ist, dann redet man zum Beispiel nicht von der Liebe zur Gefahr, sondern man besitzt sie einfach; sie gehört zur Lebensform wie die Freude am äußersten Einsatz im Kampf, oder... nun ja, in der Liebe und im Genuß. Aber lassen wir das.v (Nein, so einfach kommst du nicht weg mit deinet total reaktionãren Romantikv, hakte Dietz ein. Er hatte weiße Flõckchen in den Mundwinkeln. Klobocznik legte sich ins Mittel.«Na, nu macht aber mal Schluß mit der Katzbalgerei, Sonst platzt mir die Bauch- binde, und dann kõnnt ihr was erleben. Was hat das Gekeife auch für'n Sinn? Wir sollten lieber ein Glas heben auf das An- denken der, Schwarzen Kobra“. So ein sanfter Trauerschop- pen ist gerade das Richtige zur Beruhigung der Gemüter.v Seelke stimmte eifrig zu; er habe von den Mãdchen auf der Post erfahren, daß für die Kantine eine Sendung grü- ner Rollmõpse unterwegs sei. u 167 (Na, dann losv fiel ihm Klobocznik ins Wort. Freiwil- lige vor fũr eine Speckpatrouille! Wer geht mit, Bier und Rollmõpse holen?v Aber es kam nicht dazu. Unteroffizier Klahde pfiff uns auf den Gang hinaus.«Antreten! Ohne Gepäck. Mit Stahl- helm und Handgranaten l* Stunden über Stunden klapperten wir dann, zusammen mit tschechischen Protektorats-Gendarmen, die Gassen eines ausgedehnten Vororts ab, Wohnung für Wohnung, um dem Befehl der Kommandantur über die allgemeine Trauerbeflaggung den nõtigen Nachdruck zu geben. Man läuft sich noch die Beine in den Bauch, verdammt und zugenãht lvschimpfte Chabrun. Er erging sich in weit- schweifigen Flüchen über das Unwürdige und Lächerliche einer Situation, die es mit sich brachte, daß ein Chabrun d'Astier, anstatt einen Stoßtrupp vor dem Feind zu füh- ren, wie ein Briefträger“ treppauf und-ab laufen mußte. Aber was ihn wütend machte, war etwas anderes. Sogar Klobocznik, der es anfangs für einen Hauptspaß gehalten hatte, an die Wohnungstüren zu trommeln,„als ob's die Polizei wäre“, und dann, diesen Tschechen ein bißchen in die Kochtõpfe zu gucken“, wurde allmãhlich immer gries- grämiger und schweigsamer. Dabei trafen wir in den Woh- nungen, die wir betraten, nicht etwa auf Widerstand, nicht einmal auf offene Zeichen von Feindseligkeit oder Verach- tung. Die Menschen sahen uns einfach nicht. Als ob sie sich alle verschworen hätten(und sie waren wohl auch alle in einer großen, unausgesprochenen Verschwörung vereint, zu einer einzigen unsichtbaren Wand zusammengeschlos- sen), so schauten sie an uns vorbei oder durch uns hin- durch. Die tschechischen Gendarmen, die mit uns waren und das Reden besorgten— das Vorlesen des Kommandan- tur-Befehls, das Ermahnen und Warnen—, waren nach kur- zer Zeit in Schweiß gebadet; ihre Gesichter hatten einen 162 starren Ausdruck, unter dem die Angst saß oder der Wunsch, unter allen Umständen ruhig zu bleiben, sich nicht aus der Hand zu geben. Also, wenn die uns nicht alle einen Strick um den Hals wůünschen oder sonst was Ahnliches... v Sagte Klobocznik, als wir spãt abends endlich im Quartier zurück waren; er steckte seine unfõrmigen Plattfüße ãchzend in ein Schaff mit dampfendem Wasser.(Na, ist es so, hab ich recht, Scelke dv Scelke, der an dem mehrfach geflickten Holm seiner Stahlbrille herumbastelte, nickte. Warum mũssen wir auch diese Tschechen zu so was zwingen? Fahnen rausstecken- warum denn ꝰ» Da kõnnten wir ja ũberhaupt gleich abzieh'n von hierv, rief Dietz. Er hatte bisher, alle Viere von sich gestreckt, auf seinem Bett gelegen, richtete sich jetzt jedoch forsch auf. Das mõchte dir so passen, was? Parauf lãuft's wohl ũber- haupt hinaus? Volle Hosen, hedv Du hast'n Vogelꝰ, knurrte Seelke, daß du immer alles verdrehen mußt, was man meint.» Verdrehen?ꝰ Ist ja großartig! Dann erklär mal gefälligst, wie du das vorhin gemeint hast.v (Bitte schr. v Seelke setzte die Brille auf, schielte aber über sie hinweg, während er mit erhobenem Finger erläuterte: ¶Also die Sache ist einfach die: jemand muß doch die Welt in Ordnung bringen, nicht? Und wer kann das am besten besorgen? Wir Deutsche, das ist doch logisch. Den an- dern fehlt der richtige Mumm und die Liebe fürs Organi- sieren. Also haben wir die Pflicht, den Kerlen hier und in allen andern Ländern, wo sie kein Gefühl für Ordnung ha- ben, mal die Hlõtentõne beizubringen. Aber das Raushän- gen von Trauerfahnen gehört nach meinem Verstand auf ein anderes Konto. Das hat nichts mit Pisziplin zu tun, das macht man aus Hochachtung, oder weil man Gemüt hat, oder lieber gar nicht. Wenn sie's auf Befehl machen, so 163 bleibt es ja doch nur Hohn. Also zwing ich sie Hieber gar nicht zu s0 Wwas.* ¶Quatsch mit Soße lv krähte Dietz. Seine Nüstern bläh- ten sich. ¶Natur und Leben respektieren nur den Stãrkeren, und der muß ohne Gnade sein., Herren kennen keine Lieher, hat Schon Nietzsche gesagt. Und Nachsicht mit Geschmeiß ist glattes Verbrechen. Du mußt die Katze mit der Schnauze in die Scheiße stecken, wenn du sie zimmerrein haben willst. Genau so müssen wir's mit diesen Tschechen ma- chen. Immer mit der Schnauze in den Dreck. Immer mit der Schnauze in den Dreck. Wie bei den Katzen 1 Er bewegte seine weißen, schwammigen Hãnde auf und nieder, als dres- siere er ein Tier in der von ihm empfohlenen Weise. Seine runden Augen glãnzten wie im Rausch. 4 Ich gehörte nicht zu den dreien, die von Unteroffizier Klahde auf jenen Patrouillengang mitgenommen wurden, in dessen Verlauf es zur Erschießung der tschechischen Bergarbeiterfrau und ihres halbwüchsigen Enkels kam. Ich weiß nicht, ob dabei ein unglũcklicher Zufall mit im Spiele war; oder ob Klahde aus Nervosität und Uberstrammheit den Befehl zum Feuern erteilte; oder ob Dietz losknallte, weil ihn schon den ganzen Tag lang der Finger am Ab- zug juckte?; oder ob Seelke und Klobocznik wild wurden, als der Bursche ihnen den Zutritt zum Kaninchenstall mit Steinwürfen verwehren wollte. Ich weiß nicht, wie sich das alles zutrug. Ich war nicht dabei. Als Dietz, Klobocznik und Seelke damals nach der Schießerei ins Quartier zurũck- kehrten und von dem Vorfall erzählten, schlief ich schon halb. Nachher vermied ich es, sie darüber auszufragen. Und wenn sie in der Folge selber davon zu sprechen an- fingen— zuerst prahlerisch, später kleinlaut und in wach- sender Furcht—, hörte ich weg. 164 Weghören. Nichts davon wissen wollen. Nichts damit zu tun haben. Das schien mir das Beste und Klügste. Was du nicht weißt, macht dir nicht heiß. Aber beginnt nicht so jedes Sichabfinden? Und wie weit ist es vom Sichabfinden zur Gewöhnung? Wie weit von der Gewöhnung zum Mit- tun? Wir waren lange vor dem üblichen Wecken? aus den Betten gepfiffen, mit scharfer Munition beteilt und aufLast- wagen verladen worden. Die Kompanie stieß zum übri- gen Bataillon. Das Bataillon vereinigte sich mit anderen Truppenteilen. Die halbe Garnison von Prag war auf der Fahrt nach dem benachbarten Kohlengebiet. Zuerst mun- kelte man von einem Aufstandsversuch der Bergarbeiter: dann hieß es, wir würden gegen englische Fallschirmsprin- ger eingesetzt; schließlich wurde bekannt, daß es sich um eine besonders groß angelegte Suchaktion nach den Heyd- rich Attentãtern handle, die noch immer nicht gefaßt wor- den waren. Und wãhrend eines kurzen Aufenthaltes, den er dazu benutzte,„mal höheren Orts herumzuhorchene, kam Dietz mit der Neuigkeit, daß die Geheime Staatspoli- Zei diesmal in den Besitz ganz prãziser Angaben über den Aufenthaltsort der zwei flüchtigen Haupttäter gelangt sei und daß alle an dem Fang beteiligten Truppen bei der Ver- teilung des Kopfpreises von zwanzig Millionen berück- sichtigt würden. Was kann dabei schon für unsereins abfallen dv meinte Klobocznik, aden Rahm schöpfen ja doch die Herren von der SS. ab. v Trotzdem begann er sofort auszurechnen, wie- viel Flaschen Sliwowitz er unter der Hand beschaffen konnte, wenn unser Anteil auch nur drei Mark fünfund- siebzig pro Kopf und Nase ausmachte. Warum drei fünfundsiebzig dv fragte Seelke. Das müßtest du als altgedienter Finanzgaul selber am besten wissenv, entgegnete Klobocznik, awenn der Staat 165 für unsereins was hergibt, dann knausert er mit den Mär- kern, aber dafür ist er mit den Pfennigen großzügig.v Er lachte, daß ihm das Gebiß beinahe aus dem Mund rutschte und die Glatze ganz violett wurde. Was dennꝰ, rief Dietz, halb gereizt und halb auftrump- fend, ain einem solchen Fall setzt es mindestens fünfund- zwanzig Mark für jeden. Pas ist doch klar. Und abgesehen davon, gibt es bei so'ner Gelegenheit natürlich Möglich- keiten... Mõglichkeiten. v Er zwinkerte mit jenem vielsa- genden Ausdruck, den er immer hatte, wenn er auf seine glänzenden Bezichungen und Zukunftsaussichten an- spielte. Maurer bemerkte trocken: Tja, dann glückt's dir viel- leicht diesmal, und du wirst direkt zu Himmler versetzt.v Laß nur gut seinv gab Dietz von oben her zurück,«dies- mal sind wir pei einer ganz großen Sache mit dabei. Und ich für meinen Teil bin schon zufrieden, wenn ich spãter meinen Kindern und Enkeln sagen kann: ich habe mitge- macht, als die Nattern zertreten wurden, die ihr Gift gegen eine Führergestalt von reinster, rassischster Prãgung ge- schleudert haben. Das ist Belohnung genug.» (Na, heißt das jetzt, daß du auf deinen Anteil zu unse- ren Gunsten verzichtest?v fragte Klobocznik erwartungs- voll. Mensch, so sichst du ausv warf Maurer hin, cund ũber- haupt geht's hier um lauter ungelegte Fier.v Diet? bekam eine ganz weiße Nase. Wenn du damit meinst, daß es schief ausgehen wird...» cIch meine gar nichtsv, unterbrach ihn Maurer, dund übrigens gibt's gar nichts auf der Welt, was nicht schief gehen könnte.v Also diesmal jedenfalls klappt der Ladenv, wurde er von Dietz pelehrt. Umsonst sind nicht solche Vorbereitun- gen getroffen worden. Verlaß dich drauf. Diesmal klappt der Laden. v 166 Aber der Laden klappte nicht. Es wurde ⁊war jede Sied- lung, jede ersäufte Grube, jedes andere mõgliche Versteck eingekesselt und durchsucht, wobei wir stundenlang auf den heißen schwarzen Halden herumkrochen, aber als ge- gen Abend das Signal„Abgeblasen!“ gegeben wurde, stellte es sich heraus, daß in unserem Abschnitt die Suche erfolglos geblieben war. Auf dem allgemeinen Sammelplatz erfuhren wir dann, daß die ganze Aktion ebenso ausgegangen war wie alle vorhergehenden. Man hatte die Attentãter nicht gefunden. Pafür war es in einigen Dörfern zu Zusammenstõßen mit der tschechischen Bevölkerung gekommen, die ihre Scha- denfreude nicht hatte unterdrũcken können. Na sichste Sagte Klobocznik. ach hab's ja gleich ge- wußt. Wer nichts hat, kriegt auch nichts Rechtes, und muß noch Pankeschõn sagen für einen Tritt in den Arsch. Das ist mir von meinerm Stiefvater fest genug eingeblãut wor- den.v Er meldete sich dann aber doch mit, als knapp vor der Abfahrt eine Patrouille zusammengestellt wurde, die an einer nachträglichen Streife durch mehrere Weiler am Rande des bereits durchsuchten Gebiets teilnehmen sollte. Auch Seelke und Dietz taten mit. Als die drei eine lange Weile nach uns anderen ins Quar- tier zurũckkamen, war ich schon am Finschlafen. Ich wurde erst wieder munter, als zwischen Seelke und Klobocznik eine Meinungsverschiedenheit darũber ausbrach, wie ein Kaninchen, das Klobocznik von der Streife mitgebracht hatte, zubereitet werden solle. Klobocznik verlangte, daß Scelke den Braten nach dem gepriesenen Rezept seiner mol- ligen Sãchsin, auf Wild einmache. Seelke wandte ein, daß man dazu Essig, Lorbeerblätter, Pfefferkörner und andere Zutaten brauche, die er im Augenblick nicht heschaffen kõnne. (Ach was, das organisieren wirv, rief Klobocznik, adu hast doch den Kaninchenstall im Handumdrehen aufge- 167 kricgt, da wäre es ja gelacht, wenn du das Schloß an der Vorratskammer, wo Leutnant Malzahn seine Sachen hat, nicht aufknacken könntest. v Was fällt dir ein lv entrüstete sich Seelke. Er wurde ganz aufgeregt und schrie, daß er sich eine solche Zumutung verbitte. Einen tschechischen Kaninchenstall dürfe man natürlich ohne weiteres ausnehmen, aber die Vorratskam- mer eines Vorgesetzten sei etwas Heiliges, und ũberhaupt, was für Vorstellungen von Ordnung habe Klobocznik eigentlich? Es kam zu einem richtigen Streit, der von Chabrun ge- Schlichtet werden mußte. Scelke legte dann das Kaninchen in Dünnbier ein. Das pringe, so erklärte er zuversichtlich, peinahe die gleiche Wirkung hervor wie Essig. Doch der Braten schien unter einem schlechten Stern zu stehen. Als wir ihn zwei Tage darauf probierten, schmeckte er bitter. Klobocznik gab Seelkes Dünnbierbeize die Schuld, aber Scelke parierte mit der Gegenbeschuldigung, daß Kloboc- ⁊nik das Tier falsch ausgenommen und dabei die Galle an- gestoßen haben müsse. Wieder gerieten sie sich in die Haare. Gerade als der Wortwechsel seinen Hõhepunkt erreichte, kam Dietz, der Kasernendienst gehabt hatte, in die Stube. Ganz recht sov, rief er, dimmer hübsch einer dem andern in die Fresse gehauen. Das erhãlt jung und kräftig, und ge- rade das kõnnen wir brauchen.v Seine Stimme hatte einen erzwungen forschen Ton; in den vorstehenden Augen flackerte es. Da schaut euch mal das hier an!v Er hieb einen Zettel auf den Tisch. Vor uns lag ein mit primitiven Mitteln hergestelltes Flugblatt in Deutsch und Tschechisch. Es schilderte die Zusammenstõße bei der ver- geblichen Suchaktion im Kohlengebiet. Auch die Schie- Berei, an der Dietz, Klobocznik und Seelke teilgenommen hatten, war erwähnt. Wir kennen die Täterv, hieß es am Schluß, csic werden der gerechten Strafe nicht entgehen. 168 Denkt daran, deutsche Soldaten. Wir führen Buch über jeden Missetãter unter euch und über jede Missetat, vom Mord bis zum Diebstahl einer Henne. Seid gewiß, der Zahltag kommt, und wer von euch sich an fremdem Leben oder fremdem Gut vergangen hat, wird teuer bezahlen müssen. Auch die andern werden alle gefragt werden: Habt ihr etwas getan, um eine Untat zu verhüten? Und wohl denen, die mit Ja werden antworten können.v Die Unterschrift lautete: Rächer des tschechischen Volkes.v Wir lasen schweigend. Dann blickten wir uns an, immer noch stumm. Ich hatte beim Lesen ein jähes Ziehen unter dem Herzen, eine Schwäche in den Knien gefühlt. Doch schon kam die Beruhigung. Ich war ja an der Schießerei nicht beteiligt gewesen. Ich war noch an keiner Schießerei dieser Art beteiligt gewesen. Und verhüten? Wie hätte ich das kõnnen? Pamit tat ich die Frage ab, die sich mir auf- drängte. Sie versank, aber sie kam später wieder an die Oberflãche zurück, wie der Leichnam eines Ertrunkenen, einige Zeit nachdem er in die Tiefe gesunken ist, wieder emporsteigt. Ich forschte in den Gesichtern der anderen. Chabrun war der einzige, der völlig gleichmütig schien. Er hatte sich eine Zigarette gedreht und blies Rauchringe in die Luft. Seelke brach als erster das Schweigen: Das ist ja... vorsãtzliche Morddrohung ist das! Das sind Mörder, ge- wõhnliche Mörder. Da muß man exemplarisch dazwischen- funken. Mit eisernem Besen Ordnung machen l* Kirschrot rang er nach Atem. Chabrun bemerkte beiläufig: Das ist der totale Krieg, mein Lieber. Ich persõnlich bin ja dagegen, daß sich die Zivilisten ins Militãrische hineinmischen. Aber wenn ich nicht irre, sind wir die ersten gewesen, die erklärt haben, daß das ganze Volk sich als Frontkämpfer fühlen muß.» 169 Frontkãmpfer dv schrie Seelke in ehrlicher Entrüstung. (Das sind mir schöne Frontkämpfer, die im Hinterhalt lauern. Heckenschützen sind das, Partisanen, Räuber und Mörder.v Dietz stimmte ihm bei.«Sehr richtig, Alois. Das nenne ich deutsch gedacht. Maurer, dessen Ausdruck mir weniger hölzern und un- durchdringlich vorkam als gewöhnlich, setzte zum Spre- chen an, schüttelte dann aber den Kopf und schwieg. Was wolltest du sagen dventfuhr es mir. Maurer blickte mich prüfend an, kniff die Augen zu- sammen und lächelte in einer sonderbaren Weise. Was ich sagen wollte? Stellt euch mal vor, daß die Sache um- gekehrt ist. Tschechische oder irgend welche andere fremde Truppen stehen in Deutschland. Wenn dann un- sere Leute das tun, was diese Tschechen hier ankündigen und was wir Deutsche übrigens auch schon gemacht ha- ben— denkt nur an Schill oder Andreas Hofer—, wenn also Deutsche gegen die fremden Truppen aufstehen, wer- den wir sie dann Mörder oder Helden nennen dv Dietz, der beim Zuhören ganz weißnasig geworden war, brach los:«Und du schämst dich nicht, solche Ansichten zu haben d» Maurer zog die Achseln hoch, sein Gesicht verschloß sich. Warum? Ich denke, es ist nur recht und billig, wenn man sich beide Seiten einer Sache ansicht.v Dietz geriet võllig außer sich. Ach? Beide Seiten? Du stellst also Deutschland und seine Feinde auf die gleiche EHbene. Das grenzt ja an Landesverrat!v Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Wie kann man einem rassisch min- derwertigen Volk das Recht zubilligen, sich einer höheren Ordnung zu widersetzen! Und was heißt recht und billig? Recht ist nur, was der höheren Rasse nützt. Das muß jeder Deutsche begreifen. Besonders jetzt, in diesem Schicksals- kampf, wo es darum geht, wer übrig bleibt: wir oder die 170 anderen. Da dürfen wir nur deutsch denken, nur deutsch. Wer anders denkt, ist entweder ein Schwächling, oder krank, oder...v Er unterbrach sich, glotzte auf Maurers große Hände, die sich langsam ballten, und schloß eilig: (Na, jedenfalls, jedes andere Denken führt auf Abwege.v Es trat eine kurze Stille ein, die von Klobocznik be- endet wurde. Er fegte das Flugblatt mit einem klatschen- den Schlag vom Tisch. Ach was, laßt die ruhig kläffen! Na, was ist? Wollen wir den Braten ganz verkommen lassen? Das wäre doch eine Sünde. Also, wer will eine Scheibe d» Er schnitt sich selbst ein Stück ab und begann zu kauen, hielt jedoch plõtzlich inne, griff sich an die Kehle und gab dem Kochgeschirr einen zornigen Stoß. Dietz lachte meckernd; es klang künstlich und schaden- froh zugleich.«Schaut euch Klobo an! Mensch, dir haben sie wohl schon Rattengift in den Braten getan, die Rächer dv Sack Zement!v Klobocznik kämpfte mit seinem Gebiß. (Halt die Schnautze, Dietz! Soll das ein Witz sein? Und überhaupt Gift. Unsinn! Merk dir eins: wenn es je dazu käme, so kriegst du einen Polchstoß von hinten oder eine Kugel aus dem Dunkel. Aber Gift? Kommt ja gar nicht in Frage. (Na, ganz so sicher würde ich nicht seinv, versetzte Cha- brun. Bei Dietz zum Beispiel kommt man mit einer ge- wöhnlichen Kugel gar nicht durch. Der hat ein viel zu dickes Fell. Aber Rattengift ist was anderes. Das wirkt selbst bei dickem Fell.v ¶Au Backe lv grõhlte Klobocznik. aIst ja großartig! Das Rattengift bleibt für Pietz reserviert. Na, hoffentlich kriegt er dann auch die Leichenrede, die er sich so wünscht, von Klahde nachgeschmettert.* Wer kriegt was von mir nachgeschmettert?* ertõnte die Stimme Klahdes, der unbemerkt eingetreten war. Dietz einen Nachruf, Herr Unteroffizier?, entgegnete Chabrun, ohne mit der Wimper zu zucken,«wenn ihn 171 nãmlich die Tschechen mit Rattengift oder sonstwie um die Ecke bringen sollten.v (Gemacht, den Nachruf kann er habenv, rief Klahde und stimmte eines jener Vorgesetztengelãchter an, in das Un- tergebene einzufallen haben, was wir denn auch, einer nach dem andern, taten. Klahde ließ uns eine ganze Weile lachen, bevor er fort- fuhr: Also den Nachruf kriegen Sie, Dietz. Ich hoffe nur, wenn ich mich fũr Sie so in Unkosten stũrze, dann nehmen Sie auf die Reise ins Jenseits eine hübsche Kollektion von Feinden mit. Ich für meinen Teil bin fest entschlossen, nur in ganz großer Gesellschaft abzugehen. Unter einem Put- zend tu ich's nicht. Aber, was ich sagen wollte, Chabrun: können Sie mir Ihre schwarzen Lederhandschuhe leihen? Ich fahre nach Berlin. Mit der Unteroffiziersdelegation, die den Sarg des Herrn Reichsprotektors auf der Fahrt ins Reich begleitet und dann am Staatsbegräbnis teilnimmt. Ja, da staunt ihr, was dv Er nahm, mit vorgewölbter Göringbrust, unsere Glück- wünsche entgegen, streifte dann, nicht ohne Anstren- gung, Chabruns Handschuhe über und wollte sie nun auch zuknöpfen, was ihm jedoch nicht gelang.«Ach was, ich lasse sie einfach offenv, entschied er endlich.«Haupt- sache, die Hlossen sind schwarz... aber das eine kann ich Ihnen flüstern, Dietz, zu Ihrem Nachrufzieh ich diese Häute nur an, wenn Sie mich nicht enttãuschen. Sie wissen schon.v Dietz riß die Hacken zusammen.«Zu Befehl, Herr Un'offzier. Werde mich bemühen, mindestens zwei Dut- zend Untermenschen mitzunehmen, ganz wie Herr Un“ off'zier.v Klahdes abstehende Ohren wurden purpurn. Was dv schrie er, azwei Dutzend, Dietz? Sie werden es noch mal zum Unteroffizier bringen. Blitz und Bohnenstroh, zwei Dutzend, warum nicht gleich drei, hahaha. v Und er brach wieder in sein Vorgesetztenlachen aus. 172 Ich kam vom Kasernendienst zurück und traf auf un- Serer Stube niemand an. Die ganze Gruppe war ausgeflo- gen, obwohl sie wieder eine von den langen ergebnislosen Streifen hinter sich hatte, nach denen man für gewöhn- lich keinen andern Wunsch kannte, als das Essen mög- lichst schnell hinunterzuschlingen und sich aufs Ohr zu legen. Auf meinem Bett fand ich einen Zettel: Komm gleich in die Kantine. Wir sind alle dort. Malzahn ist zum Ober- leutnant befõrdert worden und hat Freibier für die ganze Kompanie gestiftet.v Neben dem Zettel lag ein länglicher Briefumschlag von jadegrüner Farbe mit steilen Schriftzügen. Effi! Seitdem ich vom Urlaub zurück war, hatte sie mir schon zweimal geschrieben— frech, aber auch sentimental, und voller un- ausgesprochener, dunkler Kngste. Wieder stehen meine brennenden Kerzen vor mirv, hieß es in dem ersten Brief, aund auch das traditionelle Glas Port ist da, ohne das ich gar nicht mehr existieren kann. S0o halte ich eine Feierstunde ab, zum Andenken an unsere, leider viel zu kurze Nacht. Mein einsames Bettchen trauert mit mir.v Und im zweiten Brief:«Der letzte Port ist futsch, aber Vater hat mir dafũr etwas Madeira Spendiert. Ja, da staunst du! Vom In-die-Erde-versinken ist gottlob nicht mehr die Rede, seitdem die Anneliese, dein holdes Weib, ihm in viel indis kreterer Weise zu schaffen macht, als ich's getan habe. Sie ist jetzt mit dem Eckersberger ganz offiziell zur Erholung ins Riesengebirge gefahren. Der Herr Sonder- beauftragte hat sie in einem tollen marineblauen Mer- cedeswagen abgeholt. Frau Eckersberger kam dann am nãchsten Tag hier an und hat auf der Bezirksleitung einen schauerlichen Skandal gemacht. Zeckendörffer konnte sie 173 nur mit grõßter Anstrengung abwimmeln. Die ganze Stadt ist voll davon, und Vater war zwei Tage lang nicht auf dem Bürgermeisteramt. Du sichst, Gewissensbisse werden unsereinem gütigst abgenommen. Aber was nützt das, wenn man, ach! so allein ist.v Ich hätte schwören mögen, daß beide Briefe von den Mädchen auf der Bataillonspost geöffnet worden waren. Warum sonst steckten sie jetæt immer hei meinem Anblick die Kõpfe tuschelnd und kichernd zusammen?ꝰ Mir war jede Erinnerung an das nãchtliche Abenteuer in R... peinlich, aber noch unangenchmer war der Ge- danke, daß es nicht zu Ende, ein für allemal abgetan sein sollte. In der Hoffnung, daß mein Schweigen ihr die Lust zu weiterem Korrespondieren nehmen würde, hatte ich Effi nicht geantwortet. Doch nun schrieb sie schon wieder. Einer ersten ärgerlichen Regung nachgebend, steckte ich den jadegrünen Umschlag ungeöffnet in die Tasche. Aber dann holte ich ihn doch hervor und riß ihn auf. Zu meiner angenchmen Uberraschung stellte sich her- aus, daß Effi mir diesmal nur einen Brief schickte, den mein Bruder Kurt— mit der Bitte, ihn auch an mich weiter- zuleiten= nach Hause geschrieben hatte.(Kurt war schreib- faul, er liebte es, Rundbriefe auszusenden.) Auf dem Wege zur Kantine überflog ich den eng be- schriebenen Foliobogen, der äàm Kopf den Aufdruck Ftappenkommando U 10, Wehrwirtschaftsstelle' trug. Ich habe ihn in der Folge so oft wiedergelesen, daß ich ihn noch aus dem Schlaf Wort für Wort hersagen könnte. Kurt schien endgültig darauf verzichtet zu haben, seine Versetzung zum Afrikakorps zu betreiben. Zum Fin- marsch in Kairo würde er ja doch zu spãt kommen, und so lockend auch die Aussicht auf einen Spaziergang nach Palãstina sei, adirektemang ins Jůdchenland und vielleicht Sogar weiter nach Persien und zu den Maharadschasv, so 174 habe doch auch der Aufenthalt an seinem neuen Dienstort in der Südukraine große Reize. Die Gegend hierv, schrieb Kurt, cist natũrlich nicht so romantisch wie das Land der Pyramiden und der sonstige Orient. Sic kann sich auch nicht mit der herben Groß- artigkeit unscrer deutschen Alpen messen. Aber ich habe noch nirgendwo eine so fette Erde gesehen wie in unserem jetzigen Kommandobereich. Das Gut von unserem seligen Lutz ist ein schãbiges Waisenkind verglichen mit dem Stũck Land, das ich mir für spãter bereits ausgesucht habe. Ihr werdet Augen machen, wenn ich euch nächstens mal ein paar Photos schicke. Ich bin auch schon dabei, mich auf eine Gutsbesitzerlauf bahn vorzubereiten. Die vorgesetzten Pienststellen gehen einem in dieser Hinsicht kolossal an die Hand. Es ist eine Lust zu schen, wie planmãßig alles für den riesenhaften Siedlungseinsatz gleich nach dem Sieg organisiert wird. Jeder Offizier und Unteroffiæzier, der sich für die Landzuteilung vormerken lãßt, bekommt bei- Spielsweise umgehend ein Lehrbuch, Garbe und Schwert? ausgehändigt, das eigens für die Truppen an der Ostfront geschrieben wurde. Es werden einem darin ordentlich die Augen geöffnet für die enormen Möglichkeiten, die sich jedem künftigen Wehrsiedler bieten. Goebbels hat ganz recht: Deutschland führt heute einen Korn- und Brotkrieg für eine Lebensart, wert eines Siegervolkes von hundert Millionen. Die Ostsiedlungshöfe werden von der Größe eines komfortablen Ritterguts sein, mit allem, was dazu- gehört. Feld, Wald, Weideland und Wasser. Ich habe mir daraufhin gleich einige einschlägige Werke über Fisch- zucht und Rotwildjagd zugelegt. Beides ist hier prima. Auch den Plan für ein Haus habe ich mir von einem Schreibstubenhengst, der im Zivil Bauzeichner ist, ent- werfen lassen. Im Stile des Posseltschlõßchens, nur etwas niedriger und mit einem Zinnenturm in der Mitte. Ja, da wundert ihr euch, was für seßhafte Absichten euer Wind- 175 peutel Kurt bekommen hat. Aber erstens habe ich ja schon immer eine gewisse Schwäche für Rittergũter gehabt, und zweitens denke ich daran, wie oft wir von Onkel Helmut zu hören gekriegt haben: Wer da sitzt im Röhricht und nicht Pfeifen schneidet, ist tõricht?. Ihr scht, ich halte seine Worte in Ehren. Ubrigens dürft ihr nicht glauben, daß es bei uns gar so friedlich zugeht, auch wenn wir zweihun- dert Kilometer hinter der Front sitzen und uns Hãuser- plãne zeichnen lassen. Die Bevõlkerung, soweit nicht ge- flohen, hegt einen sturen Haß gegen uns Deutsche, und die Wehrwirtschaftsstelle ist wegen ihrer schneidigen Re- quisitionskommandos besonders Schwarz angeschrichen. Wir kriegen es darum auch immer wieder mit Heckern- schützen zu tun. Mutter soll sich aber nicht etwa Sorgen machen deswegen. Wir verstehen, mit dem Partisanen- gelichter umzugehen. Wenn was vorkommt, werden im- mer gleich zwei, drei Pöõrfer mit Rumpf und Stumpf weg- geputzt(ich buche dabei jedesmal einige Punkte auf Rache- konto Lutz). Diesmal soll uns der alte Hang zur Gefühls- duselei nicht wieder um den Sieg bringen wie im letzten Krieg. Wir sind, dem Führer sei's gedankt, eisenhart ge- worden und haben gelernt, alles Erbarmen über Bord zu werfen. So lebt man in stãndiger Tatbereitschaft, aber das bekommt mir glãnzend, und ich bin nie in einer besseren Verfassung gewesen, alles funktioniert tadellos, von der körperlichen bis zur scelischen Verdauung. Trotzdem warte ich ungeduldig auf die Ergebnisse unserer Sommer- offensive, die der Führer ja schon angekündigt hat. Die Russen sind zwar nicht schlecht ausgerüstet und haben immer noch riesige Infanteriemengen, die mit einer ab- soluten und völlig unmenschlichen Todesverachtung kãmpfen. Aber gegen die hõhere deutsche Kriegskunst mit ihren blitzgleichen Entschlüssen und bereits sagenhaften Organisationsleistungen kõnnen sie eben nicht aufkom- men. Der Endkampf᷑ wird also wohl kein Kinderspiel sein, 176 doch dafũr kõnnen wir mit hundertprozentiger, ich mõchte fast sagen traumwandlerischer Sicherheit auf den entschei- denden Sieg rechnen, bevor der nãchste Winter kommt.v Eine dem Brief peigelegte Photographie zeigte Kurt noch in Pelz und hohen Filzstiefeln. Er stand breitbeinig da, den Säbel mit dem deutlich erkennbaren Feldwebel- Portepee auf einen im Schnee liegenden Wolf gestützt. Unter das Bild hatte Kurt gekritzelt:«Halali! So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage. v Und mit einem Pfeil zu den Stiefeln hin: Das sind die berũhmten rus- sischen Walenki. Habe sie einer Partisanenbraut abge- knöpft, die nichts dergleichen mehr braucht. Kurts Oberlippe war geschürzt. Er mußte sich bei der Aufnahme kreuzfidel gefühlt haben. Mir schien fast, als hörte ich sein Lachen, hell und draufgängerisch, wie er es als Junge gelacht hatte, als er nur hinter Hummeln und Feldmãusen, aber noch nicht hinter Menschen hergewesen war. Poch wãhrend ich die Jãgerphotographie betrachtete, verschwand Kurt mit einemmal wie hinter einem Schleier, nein, es war kein Schleier, es war ein Nebel, oder auch kein Nebel, vielmehr ein Wald, ein sonderbar kahler, weißer Wald: Kreuz neben Kreuz neben Kreuz, alle von der gleichen Art, wie sie auf den zwei Bildern über Mut- ters Bett zu schen waren. Meine Hände wurden kalt. Hastig steckte ich Brief und Photographie in den Um- schlag zurück, aber sie blieben mir vor den Augen. 6 In der Kantine ging es hoch her. Es waren nicht nur die Leute von unserer Kompanie da, sondern auch ein paar Telephonisten vom Stab(wo sie immer schwarzen“ Schnaps in Mengen hatten) und eine größere Anzahl von Mädchen: Arbeitsdienst-Maiden, Kanzleikräfte, Hitlermã- 12 177 del von der Prager Deutschen Volksgruppe, und die zwei Posthelferinnen Gerda und Hulda. Zu den Klãngen des Orchestrions drehten sich mehrere paare im Walzertakt. Am Arm eines kurzgewachsenen Un- teroffiiers, der aussah wie ein ausgestopfter Bulldogg, kam Gerda vorbeigewirbelt. Sie quietschte laut, offenbar in der Absicht, meine Aufmerksamkeit zu erregen, wendete je- doch sofort den Kopf᷑ weg, als ich zu ihr hinblickte. Indem wurde ich von unserer Gruppe entdeckt, die am sogenann- ten Fürstentisch, ganz nahe der Theke saß. Klobocznik, der- hemdärmelig, dampfend, jeder Zoll ein Fachmann- dem Kantineur beim Ausschenken behilf- lich war, stellte einen stiefelfõrmigen Humpen mit Bier, in das er einen Protektionsschuß Schnaps getan hatte, vor mich hin. Ich setzte an und trank in einem Zug aus. Guter Kunde lv belobte mich Klobocznik und füllte nach. Wieder Stürzte ich den Humpen hinunter. Die Saugende Leere, die ich in mir gespürt hatte, wich. Eine warme Wolke hüllte mich ein und stieg mit mir in die Hõhe. Die Musik verstummte. Jemand schrie: Damenwahllv Gleich darauf᷑ begann das Orchestrion von neuem zu Spie- len, diesmal eine Polka. Gerda kam an unseren Tisch, um sich einen Tänzer zu polen. Sie musterte uns der Reihe nach. Ihre grauen Au- gen, in denen Tanz und Alkohol weiche Lichter angezün- det hatten, verweilten bei mir etwas lãnger als bei den an- dern. Doch nicht auf mich, sondern auf Dietz fiel Gerdas Wahl. Kichernd schlang sie ihren Arm um seine Schulter und zog ihn zur Tanzdiele. Nanu dv rief Klobocznik, cist sie denn nicht mehr scharf auf dich, Holler dv Ich fũhlte die warme Wolke, die mich eingehüllt und ge- hoben hatte, schwinden. So forsch wie nur möglich er- klärte ich: Ach, sie ist sowieso nicht mein Fall. Und Klah- des Partner mõchte ich ũberhaupt nicht werden.v 178 Und außerdem ist sie schwangerv, warf Seelke ein. Klobocznik fuhr sich tätschelnd über seine Glatze. Mensch, das ist doch wie'n gefundenes Fressen. Wenn eine schon schwanger ist, kann man ihr nicht mehr einen dicken Bauch machen. Keine Vorsicht nötig, keine Ver- antwortung zu befürchten, da geht das Amüsemang erst richtig los... Na, was ist, mein Engel?v wandte er sich an Gerda, die wieder herankam, aschieben wir'ne Runde? (Nicht zu machen, mein Süßerv, flõtete sie und blinzelte zu uns anderen hin, ada mußt du dich erst mal verjũngen lassen oder warten, bis Gerda Putz zwarnzig Jahre ãlter ist.v (Na, in punkto Jugendfrische und Manneskraft kann ich's mit deinem Klahde noch immer aufnehmen, gab Klobocznik pampig zurück. Gerda blies die weißblonde Strãhne, die ihr über die Au- gen gefallen war, aus der Stirn. Sie nahm ein Glas, das Klo- bocznik für sich gefüllt hatte, von der Theke und tat einen tiefen Zug. Och, wenn's einer nur gerade mit Edwin auf- nehmen kann, imponiert er mir herzlich wenig. Da gehö- ren Schon andere her.v VUnd das nennt sich nu Treuev seufate Seelke; sein Jun- gengesicht legte sich dabei in kummervolle Falten. Gerda trank wieder. Boshaft maß sie Seelke über den Rand ihres Glases hinweg. Seht euch mal diesen Duckmãu- ser an! Geht jede Woche fremd, betrügt seine Frieda und die Kinderchen nach Strich und Haden, und redet von Treue. Na ja, ihr seid mir überhaupt feine Hechte, alle miteinan- der. Gerda stemmte die Arme in die Hüften und schaute sich in der Runde um. Zum Beispiel der Herr Oberschütze Holler! Tut so, als kõnnte er kein Wãsserlein trüben, und inæwischen trauern ihm allerhand einsame Bettchen nach... nun, ich rede lieber nicht darũberꝰ, unterbrach sie sich mit verlegenem Lachen, caber sagt einmal, wo ist eigentlich euer Gefreiter, der aussicht wie ein Leutnant? Der Dunkle mit dem Baronsnamenꝰ 479 VWir merkten erst jetzt, daß Chabrun fehlte. Klobocznik wußte Bescheid:«Er ist eben hinausgerufen worden. Wohl eine Dienstsache. Ja, Gerdachen, du wirst doch mit einem von uns vorlieb nehmen müssen, und da pin ich immerhin nicht die schlechteste Wahl. Na, wie wär's? Erst noch einen Schluck, und dann losgeschoben?» Er füllte ein kleines Tulpenglas zur Hãlfte mit Schnaps. Nicht so knickeriglv Sagte Gerda, ergriff die Schnaps- flasche und goß das Glas voll. Dann trank sie schnell, bis zur Neige. Sack Zement! Du bringst deinen Kindern beizeiten das Saufen beiv, meinte Klobocznik in einem Ton, der zwi- schen Warnung und Bewunderung lag. Gerda schnitt ihm eine Grimasse.(Alter Quasselkopfl Na, komm, jetzt will ich endlich tanzen... oder nein, warte, da kommt ja euer schicker Gefreiter!v Sie ließ Klo- pocznik, der ihr schon den Arm um die Taille legen wollte, Stehen und lief Chabrun entgegen, der sich zwischen den Tanzpaaren hindurchschob. Marf ich bitten, Hert Gefrei- ter ꝰv Chabrun, in Gedanken versunken, schien Gerda gar nicht zu bemerken. Sie machte einen komischen Knicks und wiederholte ihre Aufforderung. Jetzt wurde Chabrun aufmerksam. Unter seinem niederhängenden Lid blinkte es auf. Bedaure. Bedaure schr. v Für einen Augenblick verschlug es ihr den Atem. Was dv rief sie dann, adas ist mir doch noch nicht pas- siert. Ich kriege einen Korb? Möchten Sie mir verraten, weshalb dv Chabrun fiel ihr ins Wort: cEs tut mir leid, daß ich Sie aus der Stimmung bringen muß. Eben ist durchgegeben worden, daß sich ein Unfall ereignet hat. Unteroffizier... v Er zgerte. Gerda war mit einem Mal blaß geworden. Mit einer fah- rigen Bewegung wischte sie die Schweißtropfen weg, die 180 ihr auf᷑ die Stirn traten. Was ist geschehen?v stieß sie her- vor. Doch nichts mit Edwin? Mit Klahde?v Und als Cha- brun schweigend nickte: Was ist geschehen? Iet er... ist so sagen Sie doch schon ein Wortlv Sie brach in ein kreischendes Weinen aus, das die Musik und die Gerãusche der Tanzenden übertõnte. Es wurde still. Nur die Polka lief noch einige Takte wei- ter, kam dann aber zu einem abrupten Halt. Jemand mußte das Orchestrion gestoppt haben. Ein dichter Kreis hatte sich um Chabrun und Gerda ge- bildet. Der Schatten hõser Erwartung legte sich auf᷑ die Ge- sichter. In die lastende Stille Sagte Chabrun, ein wenig durch die Nase, als erteile er eine dienstliche Weisung: Der Auto- bus, der mit einem Teil der Unteroffiziersdelegation vom Berliner Staatsbegrãbnis nach Prag zurückkchrte, ist un- weit von Melnik verunglũckt. Verschiedene Anzeichen las- sen darauf schließen, daß es sich dabei um einen Racheakt reichsfeindlicher tschechischer Hlemente handelt. Eine Un- tersuchung ist eingeleitet worden. Die Zahl der Todesop- fer steht noch nicht fest, da sich einige der Schwerverwun- deten in kritischem Zustande befinden und kaum mit dem Leben davonkommen dũrften.v Chabrun schwieg. Gerda fragte mit blauen Lippen: Und Klahde. Ist er... dv Chabrun hob das schwere Augenlid.«Jawohl. Unter den Toten. Sie můüssen... vEr machte einen raschen Schritt auf Serda zu, die ins Schwanken geraten war und nach einem Halt um sich griff; aber bevor er sie auffangen konnte, war sie, wie gefällt, zu Boden gestürzt. Klobocznik rief nach Wasser. aSchnell! Sie ist ohnmãch- tig geworden. v Aber Gerda war nicht ohnmächtig; sie stieß die Hand mit dem Wasserglas von sich und bãumte sich unter durch- dringendem Stõhnen und Röcheln auf. 181 gie stirbt ly heulte ihre Freundin Hulda und begann die Liegende zu rütteln. Seelke riß Hulda zurũck. Ruhev prüllte er,«das Mäãdel hat Geburtswehen, kõnnt ihr denn das nicht schen?Klobo, lauf zum Revier! Dietz, Holler, packt mit an! Wir kõönnen sie so nicht liegen lassen. Aus dem Weg, ihr andern! Na, glotzt nicht so, los, los 1 Verlaßt euch auf᷑ Vater Seelke, der kennt sich aus in solchen Sachen.v Wir trugen Gerda in einen Nebenraum. Als wir sie auf ein Sofa gebettet hatten, machte Dietz plõtzlich schlapp. Schlotternd ließ er sich auf einen Stuhl fallen. Unter Cha- pruns ironischem Blick raffte er sich jedoch zusammen und stand wieder auf. Donnerwetter?, stieß er nach einigem Räuspern und Würgen hervor, wer hãtte das gedacht mit Klahde. So schnell. Und in großer Kompanie ist er abgegangen. Ganz wie er wollte... leider nur mit den Falschen, hehe.»Pietz versuchte krampfhaft, zu lächeln, aber die Zähne schlugen ihm laut gegeneinander. Flobocznik kam zurück und berichtete, daß der Sani- tãtsgefreite auf dem Revier um ein Krankenhausauto tele- phoniert habe.(Er wollte zuerst nicht, der Saukerl. Mit einem Geburtsfall darf man dem Krankenhaus jetzt nicht kommen, hat er gesagt. Aber ich hab ilum gehörig Bescheid gestoßen. Mir ist's schließlich egal, ob er was für das Mã- del tut, hab ich ihm erklärt, von mir aus muß er für sie kei- nen Finger rühren, nur soll er sich nachher nicht wundern, wenn's von irgendwo oben nachher Anschiß gibt, weil die Kleine nãmlich nicht irgend eine ist. Na, daraufhin ist der Stiesel gleich anders geworden. Ihr hãttet hören sollen, wie er angegeben hat beim Telephonieren mit dem Kranken- haus: es handelt sich um eine Parteigenossin, um einen Fall, der höheren Orts als dringlich angeschen wird. Hãtte er noch eine Weile lãnger telephonieren mũssen, ich glaube, 182 die Gerda wäre dabei zur Reichsfrauenleiterin befõrdert worden.v Er lachte so heftig, daß seine falschen Zähne ins Rutschen gerieten. Prustend und spuckend hielt er inne. Praußen ertõnte das Hupensignal eines Ambulanzautos. Gleich darauf kamen zwei Sanitäter mit einer Tragbahre herein. Eine Schwester folgte. Sie verschwanden in dem Nebenraum, wo sich Gerda in der Obhut Huldas und der Frau des Kantineurs befand. Als man Gerda hinaustrug, hielt sie die Augen geschlos- Sen. Sie lag ganz ruhig da. Man hätte meinen können, sie schlafe. Wir hörten, wie die Tragbahre in das Auto geschoben wurde, wie der Motor ansprang und der Wagen davon- surrte. Klobocznik schlug sich auf die Schenkel.«Na, was Sagt ihr nu ꝰ Jetzt kann unser Postengel ein Kindchen krie- gen, piekfein, wie die Frau eines Oberbonzen. So, und nun kippen wir noch einen.v Er lud uns mit einer breiten Geste ein, an die Theke zu treten, und holte aus einem Versteck hinter leeren Gurken- und Heringsgläsern eine dicke Schnapsflasche hervor. Dabei fiel sein Blick auf Pietz, der immer noch ganz grün und zittrig dastand. Meine Fresse, Dietz, wie schaust denn du aus? Als ob du auch die Wehen kriegen wolltest. Hier, nimm mal einen Doppelkümmel, zwei Stock hoch; der stellt einen richtig auf die Beine. Auf das Wohl von unserem Jüngsten! Auf den Sohn von Gerda! Dietz nahm das große Glas aus Kloboczniks Hãnden und brachte es an die Lippen. Mit gewaltsamer Anstren- gung hielt er sich steif᷑ und schüttete den Schnaps in sich hinein. Dann schwenkte er das geleerte Glas und schrie: ¶Ex Kannst die Nagelprobe machen. vEr verschluckte sich und fügte schnell hinzu:«Ubrigens, wo nimmst du denn die Weisheit her, daß es ein Junge wird dv Aus der Erfahrung, mein Junge.» Klobocznik hatte den 183 Finger in eine kleine Bierlache getunkt und zeichnete eine nackte Frau auf das Blech der Theke; entzückt betrachtete er sein Werk, machte noch ein paar verdeutlichende Striche. ¶m letzten Krieg war das nãmlich auch so. Da hatten die Soldatenbrãute immerzu Jungen. Immerzu Jungen. Lau- ter Waldemare, ganz wie's im Liede heißt, ihr wißt doch: „Mein Sohn heißt Waldemar, weil es im Walde war, Anne- marie?. Hopplalv Er versuchte zu singen, bekam aber wie- der Schwierigkeiten mit scinem Kunstgebiß und mußte eine Weile daran herumhantieren, bis es richtig saß.«He, wer kennt die Melodie dv rief er und sah sich nach Gesell- Schaft um. Niemand?ꝰ Ihr seid mir aber Schlappschwänze. Na, dann geben wir also der Flasche hier den Rest. Da, Dietz, es reicht gerade noch zu je einem halbstõckigen für dich und mich. Prost! Es lebe unser Waldemar! An Klahdes Stelle ũbernahm die Fũhrung unserer Gruppe Unteroffier August Marofke, von Chabrun(wegen sei- ner Hãßlichkeit und seiner Vorliebe für das Wort quasi, das er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anwandte) Quasimodo getauft. Marofke hatte einen Zwie- belkopf mit verklebten roten Augen und schweren Hänge- backen. Er stapfte auf kurzen, dũnnen Beinen umher, die viel zu geprechlich schienen für die Last des mächtigen Bauches. Von Beruf war August Marofke Zimmermaler, worauf er sich nicht wenig zugute tat. ¶Aus unseren Reihen ist Deutschlands grõßter Mann hervorgegangen, erklärte er oft und gern, und das ist quasi kein Zufall. Merkt ihr was? Der Beruf᷑ hat es quasi in sich. Verstandeh-wuhdv Bei Aussprũchen dieser Art und pei der Ausgabe dienst- licher Weisungen stellte Marofke sich auf die Fußspitzen und vollfũhrte sonderbare kleine Armbewegungen; es sah aus, als versuche er zu fliegen. 184 Was dem einen seine Eule, ist dem andern seine Nachti- gall. Marofke hatte gerade hei einer Auskãmmung überzäh- liger Unteroffiziere seinen warmen Posten in der Kleider- kammer verloren und erwartete eine Abkommandierung in die Etappe oder gar an die Front, als ihm der Unfall, der Klahde das Leben kostete, eine unverhoffte Mõglichkeit bot, beim Wach und Sicherheitsbataillon zu pleiben. Und Marofke war ganz der Mann, eine solche Möglichkeit mit Klauen und Zãhnen festzuhalten. Er scharwenzelte bestän- dig um Oberleutnant Malzahn und den Kompaniefeld- webel herum, und er verfchlte es niemals, sich freiwillig zu besonderen Dienstleistungen anzubieten. Untergebene konnten es Marofke nie recht machen. Das bekamen wir gleich heim ersten Appell zu spüren. Unser Aufzug war, quasi unter aller Kanone“ und die Stuben- ordnung nicht viel besser. Dies hier widersprach den Dienstvorschriften, dort das wieder verriet einen heimli- chen Hang zur Schlamperei, und überhaupt schienen wir keinen richtigen Begriff davon zu haben, was nach Marof- kes Worten die Scele vom Kommiß war, nämlich„Diszi- plin und Vorschriftsmãßigkeit bis hinunter zum letzten Knopf. Und wer etwa glaubte, daß er sich gehen lassen und die Nase durch den Dreck schleifen lassen könne, der würde August Marofke von der sauren Seite her kennen lernen, verstandeh-wuhd ¶ch bin der beste Mensch auf der Weltv, schloß Quasi- modo seine erste Ansprache an uns, caber im Dienst kenne ich weder Vater noch Mutter. Keinen Pardon. Keine Gnade. Im Dienst bin ich ein Rabenvich. v Und er brummte Dietz wegen nicht genug glänzend geputzter Stiefel eine Woche Latrinendienst auf und drohte ihm mit dem drei- fachen Strafmaß, wenn beim nãchsten Appell das Leder- zeug nicht blitzen würde wie das Gold auf den Kreuzen der Potsdamer Garnisonkirche. 185 Na, der hat uns gerade noch gefehltv, schimpfte Pietz, als Marofke uns endlich hatte wegtreten lassen. Dabei kann er weich sein wie Butter. Ihr hättet ihn in der Kom- paniekanzlei schen sollen, ich war dort, als er den Schreib- stubenhengsten um den Bart kroch.v cJa, so sind diese Typenꝰ meinte Maurer, adie fertigen Radfahrer. Nach oben ziehen sie den Kopf ein, nach unten treten sie, was das Zeug hält. Aber eigentlich dũrftest du dich gat nicht darũber aufhalten, Pietꝰ.v Dietz brauste auf: Was? Wieso? Wieso ichꝰv Na, ich meine nur. Das ist doch im Grunde dein Fũh- rungs- und Gefolgschaftsprinzip. Oder nicht?v Pietz fxierte Maurer eine Weile. Der lãchelte kaum merk- lich und nur mit den Augen. Es war ein schwer deutbares Lächeln. Dietz wurde unsicher. Gedehnt fragte er: Was heißt das, ein Führungs- und Gefolgschaftsprinzip ꝰDer Arger, den er bisher verhalten hatte, brach plõtzlich aus ihm hervor:«Uberhaupt, was willst du mit diesen Bemer- kungen dv Maurer spuckte mit Genauigkeit in den zchn Schritt ent- fernten Napf. Nichts. Und ich würde dir raten, nicht im- mer wer weiß was aus unseren Worten rauszudeuten. Wir sind schließlich unter Kameraden. Da wird man hoffent- lich noch sagen dürfen, was einem so durch den Kopf geht.» Aber gewiß doch. Gestatte nur, daß auch ich dir einen Rat unter Kameraden gebe: du solltest mehr auf das auf- passen, was dir so durch den Kopf geht, Maurer. Sonst könntest du mal unverschens eins über diesen Kopf be- kommen. v Dietz feixte. Von seiner frũheren Unsicherheit war nichts mehr vorhanden. Die Art, in der er sprach und Maurer dabei aus den Augenwinkeln belauerte, hatte et- was Drohendes an sich. Mir kroch ein unangenchmes Ge- fühl über den Rücken, als kratze jemand hinter mir mit ei- nem Messer über Glas. 186 Was hältst du eigentlich von diesem Kerl, dem Mau- rer d fragte mich Dietz am gleichen Nachmittag. Wir stan- den vor dem Militãrkrankenhaus auf dem Karlsplatz und warteten auf Klobocznik und Seelke.(Sie waren in der Auf- nahmekanzlei, um herauszufinden, wo Gerda eigentlich steckte; offenbar hatte man sie gestern, gleich nach der Ein- lieferung, in ein anderes Krankenhaus überführt.) Wie findest du ihn d» Ich wich aus. aSchwer zu sagen. v Dietz brach von dem Jjasminbusch neben dem Portal ei- nen Zweig und klatschte damit gegen seine Stiefelschäfte, wie es Oberleutnant Malzahn mit der Reitpeitsche tat. Rich- tig. Schwer zu sagen, was für ein Bruder er eigentlich ist. Auf᷑ jeden Fall ein unsicherer. Man darf ihm nicht über den Weg trauen.v Wieder kratzte hinter meinem Rücken das Messer über Glas. Ein höchst unsicherer Kantonist, die- ser Maurer. Woher willst du denn das wissen?v Ich weiß es eben. Wozu habe ich denn meine Augen und Ohren? Vprigens gehört herzlich wenig dazu, um her- auszufinden, daß der Kerl nicht echt ist. Er hat sich zum Beispiel noch nie zu einem Himmelfahrtskommando ge- meldet, um nur eines zu erwähnen.» Dietz schielte zu mir hin, lauernd, triumphierend. Was führte er im Schilde? Ich verspũrte plõtzlich Lust, ihm in das schmale, niederträchtige Gesicht zu schlagen. Links und rechts, immer links und rechts... Ich sagte schnell: Das beweist noch lange nichts. Andere haben sich eben- sowenig gemeldet. Nimm nur Chabrun. v Dietz schwippte mit dem Zweig durch die Luft. Olala! Wenn Zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Chabrun han- delt so aus Hochmut. Aus einer altmodischen, aristokrati- schen Vorstellung von Soldatentum heraus. Natürlich, es wird einmal dazu kommen mũssen, daß dieses ganze, mit Verlaub zu sagen, Junkerpack abgeschafft wird. Aber bis ———————— 187 dahin kann man den Herrschaften doch insoweit trauen, als sie Haltung haben und Glauben, und bereit sind, sich für Deutschland bis zum Letzten zu schlagen. Na ja, also Chabrun ist auf seine Weise verläßlich, wenn auch be- schränkt, hehe. Etwas Stãrkeres als mein eigener Wille zwang mich, zu fragen:«Und wie ist es mit mir? Was hãltst du von mir? Du weißt doch, auch ich habe mich noch zu keinem H. K. gemeldet? Dietz antwortete erst nach einigem Zaudern. Aber nicht etwa aus Unsicherheit. Ich konnte ihm ansehen, daß er schon im voraus genoß, was er mir sagen wollte. Eine fimmernde Spannung ergriff mich. Wie von weit her hörte ich Dietz sprechen: Ach du? Du bist einfach= wie soll ich mich ausdrũcken? Nun ja, du bist trotz deiner Zugehörig- keit zur Bewegung und trotz deiner tadellosen Familie ge- wissermaßen etwas zurũckgeblieben. Oder wenn du willst: noch ein bißchen unentwickelt. v Er meckerte, daß ihm die Trãnen in die fahlen Augen kamen.«Unentwickelt, das ist das richtige Wort. Der junge Mann hat die Eierschalen der Empfindsamkeit noch nicht ganz abgestreift. Eine zartbe- Saitete Scele, hehe. Wahrscheinlich auch behaftet mit dem deutschen Drang nach Gründlichkeit, der oft von Ubel ist. Aber das gibt sich mit der Zeit. Pafür ist schon gesorgt, hehehe. v Die Spannung wich. Wieder spürte ich das Verlangen, Dietz ins Gesicht zu schlagen. Merkte er meine Wünsche? Ich wandte mich rasch ab, um mich nicht zu verraten. Dietz mißdeutete meine Bewegung. Er gab mir einen leichten Rippenstoß.«Na, nichts für ungut, Hans. Ich hab das alles nicht so tierisch gemeint. Das heißt: für den Mau- rer gebe ich tatsãchlich keinen falschen Kupferdreier. Der Bursche hat weder Haltung und Glauben wie Chabrun, noch hat er Sinn fürs Gehorchen wie du. Und nur darauf kommt's an: auf Haltung, Gehorchen und Glauben. Mles 133 andere ist für die Katz. Vor allem das Beiseitestehen, das Vernünfteln, das In-Frage-Zichen, das Bekritteln. Und ge- rade das Steckt in diesem Maurer, glaub mir, ich habe für so was eine Witterung wie ein Wünschelrutengãnger. Und ich werde dem Kerl noch hinter seine ekelhafte verschlos- sene Visage leuchten, oh ja.v Dietz hatte beim Sprechen wiederholt mit der Gerte durch die TLuft gehauen, als schlage er auf jemand ein. Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner rotgefleckten Stirn. In den Winkeln des schmalen Mundes nistete der Schaum. Seelke und Klobocznik kamen aus dem Portal. An der Art, wie sie gingen und lachten, erkannte ich sofort, daß etwas schiefgegangen war. Kein Waldemar lvriefKlobocz- nik denn auch, kaum daß er uns erblickt hatte. Es sei eine Totgeburt gewesen, berichtete er mit dũsterem Behagen. Das Kind, ein Zwitter, liege im Spiritus. Und Gerda dv fragte ich. Der haben sie eine Spritze gegeben, und heidi nach Hause.v Ich starrte ihn ungläubig an. (Jaja, mein Lieberv, fuhr Klobocznik fort,«die Kran- kenhausbonzen haben eben gleich rausgekriegt, daß Ger- das ganzes Vitamin B ein toter Unteroffizier ist, und da war sie natürlich unten durch. Aber auch sonst hãtte sie schwer- lich bleiben können. Es gibt nämlich nicht ein einziges freies Bett auf der Chirurgie. Und auf den andern Abtei- lungen auch nicht. Sogar die Korridore sind pelegt. Er senkte seine Stimme.«Lauter Verwundete von der Ost- front. Unter uns gesagt: dieses Sebastopol muß die reinste Schlachtbank sein. Mensch, da weiß man sich erst so ein Wach- und Sicherheitsbataillon in Prag richtig zu schät- zen. Kommt, Kinder, darauf müssen wir einen heben l» Er zog uns in die nãchste Kncipe und gab einige Runden 189 auf das sichere Leben beim WSB. zum besten. In aufge- kratzter Stimmung traten wir den Rückweg an. Im Quartier erwartete uns die Nachricht, daß die Ur- Sache des Autobusunglũcks, bei dem Klahde umgekom- men war, nunmehr feststehe. Die Untersuchungsbehörde habe unter den Trümmern des Wagens die Reste einer tschechischen Zeitbombe gefunden. Nach den Schuldigen werde noch gefahndet, doch sei eine Reihe von Geiseler- Schießungen bereits vollstreckt worden. VUnd das nennst du nun sicheres Lebenv, beklagte sich Seelke, ernũchtert und kleinlaut geworden, zu Klobocznik. Der machte im ersten Augenblick ein langes Gesicht, war aber schnell wieder obenauf. Mensch, wegen 80 was laß ich mir doch nicht den Regen in Herz und Kaldaunen laufen. Wir sitzen hier immer noch verdammt gemũtlich. v 8. Ich hatte die fatale Entdeckung schon vor mehreren Ta- gen gemacht, wat jedoch bisher vor dem Entschluß zu- rũckgeschreckt, mich zur ãrztlichen Untersuchung zu mel- den. Doch Chabrun mußte etwas gemerkt haben. Er nahm mich peiseite und sagte mir auf den Kopf zu, daß ich mit mir selbst Verstecken spiele. Ich solle die falsche Scham ũberwinden, ein Tripper sei, weiß Gott, keine Schande, Sondern höchstens ein Betriehsunfall und komme auch in den besten Familien vor. Wenn ich nicht freiwillig das Re- vier aufsuchte, und zwar schleunigst, würde er als Stuben- ältester dienstliche Maßnahmen ergreifen. So ging ich denn. Der Obergefreite auf dem Kompanierevier kannte mich ũchtig. Er kam von Leipꝛig, von meiner Vniversitãt. Port hatte er die jetzt üblichen drei Kriegssemester und einen 190 Schnellsiedekurs hinter sich gebracht, worauf er zur Truppe geschickt worden war, um einen voll ausgebildeten Heil- gehilfen für den Dienst im Felde freizusetzen. Nun Spielte er hier Arzt und verschrieb mit wichtiger Miene Rizinusöl und leichten Pienst, oder beantragte drei Tage Arrest we- gen Simulierens. Ich wurde von ihm mit lãrmender, etwas herablassender Jovialitãt empfangen. In der Vermutung, daß ich bloß ge- kommen war, um mich nach Gerda zu erkundigen(die vom Revier aus verkõstigt und betreut wurde), begann er so- fort, Witze über unsere Gruppe zu reißen, die ein so rüh- rendes Interesse für die Braut ihres verflossenen Unter- offiæiers— oder solle man sagen: füt die verflossene Braut des Unteroffiziers?— an den Tag lege. Im übrigen habe er eine Neuigkeit für uns: Gerda sci gar nicht mehr in Prag, Sondern befinde sich mit einem Rekonvaleszententransport auf der Fahrt ins Altreich. Ja, wer hätte das gedacht, was dv schloß er und blin- zelte mich, in seinen Sessel zurückgelehnt, aus halbge- schlossenen Augen an. Er erwartete offensichtlich, mich enttãuscht zu schen, und konnte nun, da ich gleichgültig blieb, seine eigene Enttäuschung nicht verbergen. Doch kaum dãmmerte ihm auf, was der eigentliche Zweck mei- nes Besuchs war, kehrte seine gute Laune auch schon zu- rück. Er zog die Untersuchung, soweit es nur ging, in die Länge; hantierte nachher noch eine ganze Weile stumm, die Brauen zusammengezogen, an den Probierglãsern her- um; wusch und trocknete sich die Hãnde mit den Bewe- gungen eines großen Chirurgen, der eben eine Meister- operation durchgeführt hat. Dann machte er sich endlich an die Beleuchtung meines Falles. Sein Gehaben half mir über alle peinlichen Gefühle hinweg und ließ mich die Si⸗ tuation nur noch grotesk empfinden. Ich tat ihm gern den Gefallen, aufmerksam zuzuhören, während er mir unter großem Aufwand wissenschaftlicher Ausdrücke die Vor- 191 teile einer neuen Blitzkur für Gonorrhöe und verwandte Geschlechts krankheiten auseinandersetꝰte. Ja, unsere deutsche Wissenschaft hat da wieder einmal sich selbst übertroffen l» rief er; mir war's, als hörte ich Onkel Helmut sprechen.«So ein Verfahren soll'n sie uns erst einmal anderswo nachmachen— schnell und verlãß- lich, ruck-zuck, wie eine Panzerdivision. Es bleibt halt im- mer das Alte: Germania docet. Wir sind ⁊war augenblick- lich etwas in der Klemme, weil wir nicht genügend Prä- parate bekommen, wegen der englischen Terrorangriffe auf unsere Fabriken im Rheinland, aber für dich richte ich Schon alles ein. v Er schricb einen Dienstzettel an die Kompaniekanzlei, daß ich den nächsten Vormittag freibekommen solle, um mich zwecks Bestãtigung der Diagnose und Empfang von Heilmitteln auf dem Bataillonsrevier zu melden. Wãhrend er genießerisch den Stempel auf das Papier drückte, fragte er: ¶Apropos: hast du das am Ende bei der Putz erwischt?ꝰ Ach so, ich vergaß, du warst doch auf Vrlaub, nicht wahrdv verbesserte er sich, agut amũsiert, was? Die Heimat ist ausgehungert nach richtigen Kerlen, jaja. Oder ist es am Ende, du entschuldigst schon, aber wir sind schließlich Jünglinge unter uns, ist es am Ende in der Familie pas- siert?... Nein? Na, dann ist ja alles in Butter, obwohl an- dernfalls das Unglück auch nicht so schrecklich gewesen wãre. Wir leben nun mal in einer Umbruchzeit, da gewöhnt man sich an das Ungewöhnliche. Ja, das hat schon unser Schiller gesagt, oder war es der Goethe? Na, einerlei, jeden- falls stimmt's: Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme?. v Er warf sich in die Brust, als sei er selbst der Autor des Zitats. Pann verabschiedete er mich. Wenn du willst, kannst du her- kommen, nachdem du auf dem Bataillonsrevier gewesen bist. Ich administriere dir gern die erste Spritze. Streng fachmãnnisch und ohne alle Unkosten. Gott, was tut man 192 nicht alles für einen alten Kommilitonen. Also, unbesorgt, bis zur nächsten Hochzeit ist das Gonorthöechen längst ausgeheilt. Heil Hitlerlv Wie oft ist mir spãter diese Szene wieder in Frinnerung gekommen! Wie oft mußte ich daran denken, daß der Heilgehilfe damals, freilich ohne es zu ahnen, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Ja, wir waren aus Gemeinem ge- macht, und die Gewohnheit ließ uns noch gemeiner werden. Ich war nur mit mir beschäftigt, wãhrend ich am nãch- sten Vormittag, nach der Untersuchung auf dem Bataillons- revier, durch die Straßen der Inneren Stadt zu unserem Quartier zurückschlenderte— vorbei an Anschlägen mit langen Namensreihen erschossener Geiseln; vorbei an Laut- sprechern, die eine letzte Aufforderung an die Prager Be- võlkerung richteten, das immer noch in Freiheit pefind- liche Attentãterpaar den deutschen Behörden auszuliefern, oder Maßnahmen von ãußerster Hãrte zu gewärtigen. Ich war nur mit mir beschäftigt, während ich so dahin- ging. Ich fühlte mich befreit und froh, weil die Untersu- chung so schnell und glatt vorübergegangen war.(Eine Kinderkrankheitv, hatte der Arzt gescherzt. aSie sind ein Kollege von Heilgehilfe Kretschmann? Kennen Sie sei- nen Vater auch, den Oberstabsarzt? Na, ich glaube, wir werden Sie in lãngstens zwei Wochen gesund schreiben kõnnen.*) Und ich war erfüllt von dem angenchmen Be- wußtsein, dienstfrei zu haben, während die Kompanie wieder einmal in feldmãßiger Ausrũstung an einer Groß- fahndung teilnehmen mußte. Ich dachte nur an mich. An das, was mit der Stadt und ihren Menschen geschah, dachte ich nicht. Sie werden sich an das Ungewohnte gewöhnt haben, sagte ich mir. Aber es war nicht so. Nur ich selbst war der Gewöhnung ver- fallen, war stumpf und taub gegen alles geworden, was mich nicht selbst anging. 13 193 Manchmal, wenn ich versuche, mich in mein damaliges Denken und Fũhlen zurckzuversetzen, erscheint mir alles: meine Gedanken, mein Tun, mein Lassen, nur wie ge- trãumt. Wie im Fieber geträãumt erscheint mir vor allem jener Abend, an dem Klobocznik mir zuriet, ich solle doch das Radio abstellen, es sci langweilig, diesen Bericht über ein tschechisches Porf anzuhören, das dem Boden gleich- gemacht worden war: und überhaupt, was liege schon an einem solchen NMest? Kein Hahn krähe danach. Und ich Stellte das Radio ab, ohne mir etwas dabei zu denken. Ich pehiclt den Namen des Dorfes keinen Tag, keine Stunde im Gedãchtnis. Es störte für eine lange Zeit nicht den Schlaf meiner Näãchte, dieses bõhmische Porf Lidice, des- sen erwachsene Einwohner erschossen, dessen Kinder ver- schickt, dessen Häuser niedergewalzt, dessen Namen und Andenken ausgelöscht worden waren, und das mittler- weile— wie ich jetzt weiß= durch die ganze Welt wanderte, sich vervielfãltigte, ⁊u einem furchtbaren, anklagenden, rä- chenden Leben auferstand. Wird man mir glauben, daß wenige Erinnerungen mir so unheimlich sind wie die an jenen Abend, da ich auf Kloboczniks Zuruf hin wurstig und gedankenlos den Knopf des Radioapparates nach links herumdrehte? War es ein Zufall? Oder ahnte meine Mutter etwas und wollte mir einen Weg zeigen? Ich weiß es nicht, sie gab mir weder damals noch spãter eine Erklärung, warum sie in einem ihrer üblichen Briefe, die immer nur von kon- kreten Dingen, von der Familie, von mir und von den An- gelegenheiten des tãglichen Lebens handelten, unvermit- telt und ohne jeden ersichtlichen Grund schrieb:«Unsere Zeit ist voller Unruhe. Wolken haben die Sterne verdeckt. Aber die Sterne sind da. Jetzt müssen wir die Augen offen halten, müssen mutig sein und dürfen uns nicht mit der Finsternis abfinden. v 194 Doch gerade das wollte ich nicht. Ich wollte die Augen nicht offenhalten. Ich wollte mich abfinden. Ich woilte weiterschwimmen mit dem Strom der Gewöhnung. Und das gelang mir auch. Nur hin und wieder ercignete sich etwas— zum Beispiel jenes kleine Erlebnis, das ich auf dem Weg vom Bataillonsrevier zum Quartier hatte, jener Vor- fall mit der alten Bäuerin an der Liebener Brücke; da wurde ich dann plõtↄlich aus dem Strom herausgeschleu- dert und mußte die Augen õffnen, und starrte in eine ab- gründige Tiefe. Die Alte stand auf der Verkehrsinsel gegenüber der Brücke, rundrũckig, weißhaarig, in einem weiten, dunklen Kleid und einem bãuerlichen Kopftuch. Auf einen Stock gestützt, wartete sie darauf, daß ihr jemand über den Fahr- damm helfen würde. Ich bot ihr meinen Arm und führte sie auf die andere Straßenseite. Panke, mein Söhnchen, Gott soll es dir lohnen?, Sagte sie in einem tschechisch, das ich nur schwer verstand, GSott segne dich! Ich sah erst jetzt, daß ihre großen hellen Iris blind wa- ren. Sie tastete mit ihren Händen über meinen Arm, be- rührte dabei die Uniformknöpfe, die Finger fühlten den Reichsadler und das Hoheitszcichen. Jãhlings verdunkelte sich das Greisinnengesicht, wurde starr vor Ekel und Ent- setzen. Mit einer zitternden Bewegung stieß sie mich von sich und schrie: ach habe einen Deutschen angerũhrt! Ich habe einen Deutschen angerührt! Es klang so, als würde sie sagen: aIch habe einen Aussätzigen angerührt!l Vorũbergehende blieben wie festgenagelt stehen, starr- ten herüber, eilten überstürzt weiter. Ein Mädchen kam herzugelaufen, nahm die Alte um die Schulter, flüsterte ihr etwas ins Ohr und führte sie weg. Ich stand plötzlich ganz allein da. Straßenpassanten machten einen Bogen um mich. Weit und bieit war keine deutsche Uniform zu schen. Das beunruhigte mich, war mir aber auch angenchm, denn in Anwesenheit eines An- gehörigen der Wehrmacht oder SS. hätte ich gegen die Alte einschreiten müssen. So konnte ich sie laufen lassen. Ich raffte mich zusammen und ging. Meine Füße schlepp- ten, aber ich zwang mich zu schnellem Ausschreiten. Ob- wohl mich niemand mehr zu beachten schien, war mir doch, als msse ich mich irgendwo verbergen und kõnne es nicht— als ziche ich eine unverlöschbare Spur hinter mir her. 9 Im Quartier langte ich keuchend an, wie nach einer wirk- lichen Flucht. Doch ebenso schnell wie die Angst mich ũberfallen hatte, wich sie auch wieder. Schon war der Vor- fall an der Brůcke in eine dãmmrige Ferne entrückt. Schon erschien er mir kaum mehr wahr, auf jeden Fall mehr ab- sonderlich als beängstigend. VWie absurd, sich von einer alten tschechischen Bäuerin in solchen Schrecken versetzen zu lassen! Wie lächerlich! Mit doppeltem Bchagen gab ich mich der seltenen Muße eines dienstfreien Tages hin, der Ruhe einer leeren Stube, dem Dösen, dem Rauchen der letzten sorgsam aufgespar- ten Rommel-Zigarre aus Onkel Helmuts Vorrat. Die andern kamen erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Fluchend, aber auch mit einer gewissen grimmigen Scha- denfreude über den Mißerfolg der SS. und der eigens zu dieser Aktion aus Berlin gekommenen Gestapokommis- Sare berichteten sie, daß wieder einmal alles ausgegangen sei wie das Hornberger Schießen. Das einzige Ergebnis der Großfahndung habe in der Auffindung eines Packens tschechischer Flugschriften bestanden, die noch aus der Zeit unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch in Prag stammten. 196 Der Berliner Kommissar, der die Flugblätter in der Sa- kristei einer kleinen Kirche an der Stadtperipherie gefun- den hatte, schien es Klobocznik und Seelke pesonders an- getan zu haben. Das ist eine Nummerv Sagte Scelke, den müßtest du mal schn, Holler: Lackstiefelchen, gelbe Le- derhandschuhe, und pomadisiert- ein ganzer Friseurladen stinkt nicht so wie der. Und diese Revolverschnauze, was, Klobo dv Der Dicke sekundierte: cJa, wär's nur auf die Schnauze angekommen, so hätte er gleich zwanzig Attentäter auf einen Hieb erwischt. Aber so stand er am Schluß ganz klein und häßlich da. Na, ich kann nur sagen, wenn die Herrschaften in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße nichts Besseres auf Lager haben...v Dietz, der in sprungbereiter Haltung daneben saß und auf᷑ die Tischplatte trommelte, konnte sich nicht länger be herrschen.«Entschuldige mal, Klobo, aber was die Ge- heime Staatspolizei leistet, entzieht sich võllig deiner Be- urteilung. Das kann überhaupt nur jemand peurteilen, der Einsicht in gewisse Dinge hat. Dem Außensciter erschei- nen natürlich viele Schachzüge sinnlos, weil er den Ge- Samtplan, der ihnen zugrundeliegt, nicht kennt.» Er be- merkte, wie Klobocznik und Seelke sich anstießen, und schwieg verachtungsvoll. Klobocznik lachte rauh.«Na, verheb dich nur nicht! Du weißt genau so viel wie wir alle, nãmlich...vEr spulte die Tippen und prachte einen unanstãndigen Ton hervor. Dummkopfꝰ, zischte Dietz. Klobocznik zuckte mit den Achseln und wandte sich ab, Marofke zu, der eben in die Stube kam, um sich einen von Seelke erfundenen Patentputzstock auszuleihen: aIst nach- her noch was groß herausgekommen, Hert Unteroffizier? Herr Unteroffizier waren doch pis zum Schluß dabei?v Marofkes Zwiebelkopf schien aufgequollen, die ver- klebten Augen waren rõter als gewöhnlich. Er mußte an- geheitert sein.(Nichts besonderesy, brummte er, adas heißt, die zwei Verhafteten, der Küster und der andere Mann aus dem Pfarrhaus, haben quasi einen Fluchtversuch unternommen. Sind übrigens nicht weit gekommen. Man hat kurzen Prozeß mit ihnen gemacht. Na, gute Nacht. v Er nahm den Putzstock und ging hinaus. VWir blieben in einer mit Unbehagen geladenen Stille zu- rũck. Klobocznik, der sich aus einem Zündholz einen Zahn- Stocher schnitt, bemerkte sachlich:«Tja, wo gehobelt wird, fallen Spãne. v Er stocherte mit dem Holz zwischen seinen Zähnen.«Na, wenigstens hat sich dein Gestapofritze sein Mütchen gekühlt, Dietz.v (Er ist genau so deiner wie meinerv, fauchte Dietz. Er hatte das Radio angedreht und stellte jetæt die Stimme der Front ein. Ein Kompanicherichter an der Sebastopoler Front war gerade dabei, einen gerade vor sich gehenden Angriff auf den inneren Festungsgũrtel ⁊u beschreiben. Er sprach in unnatürlich hoher Stimmlage und mit jener ge- übten Atemlosigkeit, die zu den Schlachtenschilderungen aus erster Hand nun schon gehört. Auch das unumgäng- liche Orgelkonzert der dumpf aufgehenden Wurfminen? war da, und das rasende Gehämmer der schweren MG.s, und die wilde Symphonie eines Stukageschwaders. Seelke, der vor kurzem die Nachricht erhalten hatte, daß ⁊wei sᷣeiner Schwãger und ein Neffe hei Sebastopol ge⸗ fallen waren, brüllte: So hõr doch auf damit! Ich kann das gar nicht mehr hõren! Daß du nie genug kriegst davon!* Aper Dietz ließ sich nicht stõren. Die, Stimme der Front? gehörte zu seinen Lieblingsprogrammen. Wir mußten sie uns auch diesmal pis zu Ende anhõren und bekamen nach- her von Dietz noch eine lange Tirade über die Triumphe neudeutscher Kriegsführung aufgetischt. Der gigantische Frontalangriff auf die Krimfestung zeigte wieder einmal 198 die Vberlegenheit unserer Führung, die sich mit einem kühnen Entschluß über alle graue Schulweisheit hinweg- gesetzt hatte. Chabrun, der es sich niemals versagen konnte, den Wind- hund bei solchen Reden aus dem Konzept zu bringen, be- nũtzte die erste Pause, die Dietz machte, um einzuwerfen: Du bist dir doch hoffentlich klar, daß die klassische deut- sche Kriegswissenschaft den F rontalangriff nicht schr hoch einschãtↄt. v Er ließ eine zu hart gestopfte Zigarette auf᷑ sei- ner Handflãche tanzen, bevor er fortfuhr: eSchlieffen zum Beispiel nennt ihn auch im Erfolgsfalle nur einen ordinãren Sieg.» Ach was, ordinär oder nicht, es kommt nur auf den Sieg an, und manchmal zeugt es gerade von Genialität, wenn man auf das Uberfeinerte verzichtet und das Ordi- näre wählt, wie du es zu nennen belichst. S0 was bringt freilich nur eine Kriegskunst zustande, die wirklich Kuns ist, also auf Schau und Eingebung beruht, wie die unsere heute. Ihr gegenüber muß sich die kalt verstandesmãßige Strategie des Gegners naturnotwendig unterlegen zeigen.» ch würde den Verstand doch nicht so radikal aus der Kriegswissenschaft eliminierenꝰ, sagte Chabrun; er be- schäftigte sich angelegentlich mit seiner Zigarette. Pietz entgegnete heftig: Wer will denn das? Ich gewiß nicht. Aber ich weiß, wir alle wissen, daß der Verstand, auch der tiefste und umfassendste, eben doch nur an der Oberflãche bleibt. Alles, was uns denkhar und verstãndlich erscheint, ist schließlich nur dünner Schnee auf den Gip- feln des Unbewußten. Unter dem Ansturm von Rausch und Schicksalsnãhe schmilzt die Schncedecke des Intel- lekts. Das haben wir Deutsche in den letzten Jahren bei- Spielhaft genug erfahren. Die Erweckung der Nation durch einen unbekannten Gefreiten des Weltkriegs; der Aufstieg Deutschlands unter Adolf Hitlers Führung aus dem Ab- grund der Niederlage zu den Höhen unserer gegenwärti- gen Machtstellung— das läßt sich nur durch die Einwir- kung von Kräften erklären, die über dem Verstandesmã- Bigen liegen. Mit der Vernunft ist so was nicht zu fassen. Das Wesentliche kann eben weder erlernt noch rein in- tellektuell begriffen werden; man muß sich von ihm er- greifen und durchglühen lassen. v Chabrun unterdrückte ein Gähnen. Philosophie, ge- schenkt, mein Jungelv Aber gestatte, du selbst hast damit angefangen. v Hier liegt eine kleine Verwechslung vor, mein Licher. ch habe mit dem Generalfeldmarschall in dir angebunden, und nicht mit dem Nietzsche oder Rosenberg. v Dein Hohn läßt mich kalt, Chabrun, umsomehr, als die Ideen, die du zu bespötteln geruhst, die deutschen Ideen Schlechthin sind. v Klopocznik polterte dazwischen, sie sollten doch diese Klugscheißerei endlich sein lassen. Chabrun atmete den Rauch seiner Zigarette tief ein. Was? Fãngst du auch schon an, Nerven 2u haben? Aber meinetwegen. Mein Bedarf an Diskussion ist gedeckt.v Er warf sich in den Schaukelstuhl und verschränkte die Arme hinter dem Nacken. Auf den Wangen von Dietz erschienen rote Flecken. Nein, so kommst du nicht weglv protestierte er. Warte mal... v Er sprach nicht weiter. Wir horchten alle auf. Die Blasmusik, die aus dem Ra- dio tõnte, war mitten in einem Militãrmarsch verstummt. Das Amt des Reichsprotektors kündigte an, daß in drei Minuten eine wichtige Mitteilung erfolgen werde. Gleich darauf wurde die Ankündigung nochmals durchgegeben. Wird schon ein richtiger Tineff sein!v meinte Klobocz- nik. Br erhob sich und ging zur Tür. Wahrscheinlich wollte er ein Fußbad nehmen; er trat mit seinen geschwollenen Plattfũßen vorsichtig auf, als schreite er ũber Sumpf boden. 200 Es war ein komischer Anblick, und Seelke rief ihm nach, es sei vielleicht besser, alle Viere zu benutzen. Indem er- tõnte das ũbliche Fanfarensignal, und gleich darauf ver- kündete der Sprecher des Protektoratsamtes, daß man die beiden Heydrich-Attentãter gefaßt habe.(Die Festnahme erfolgte durch Organe der Geheimen Staatspolizei, unmit- telbar nach Ablauf der letzten Frist, die der tschechischen Bevölkerung gestellt worden war, um die Täter namhaft zu machen.v Pietz stieß einen Juchzer aus. Hab ich's nicht gesagt? Er führte eine Art Schuhplattler auf. Mir flitzte dabei ein Bild aus dem Film, Sieg im Westen“, den man uns so oft gezeigt hatte, durch den Sinn: Hitlers Bocksprünge nach Empfang der franzõsischen Waffenstillstandsbitte. Ich blickte zu Chabrun hin. Poch er hielt die Augen gesenkt. Seelke lief zu Pietz, ergriff seine Hand, schüttelte sie: Mensch, also das ist ja großartig. Wie hast du das bloß riechen kõnnen?v Dietz plusterte sich auf. ¶Das ist keine Kunst. Wenn un- sere SS. mal Ernst macht, dann klappt's eben. Das hat sich schließlich schon rumgesprochen. Nur Meckerer, oder ge- wisse Herrschaften, die einen Knacks weghaben, können daran zweifeln.v Seelke wandte ein, daß jeder anständige Mensch sich ein- mal irren oder einen Zweifel haben könne. Er wurde je- doch in schneidendem Ton eines Besseren belchrt: Was Peutschland heute braucht, sind nicht anständige Men- schen, sondern deutsch fühlende, deutsch handelnde Volks- genossen. Ein neuerliches Fanfarensignal ließ Dietz verstummen. Der Sprecher des Reichsprotektoratsamtes meldete sich abermals und gab zusätzliche Einzelheiten über den Fang der Attentãter bekannt. Die beiden seien bei einer Groß- fahndung unter Leitung von Berliner und Prager Gestapo- stellen in einer Kirche an der Stadtperipherie aufgestõbert 201 und daselbst erschossen worden, da sie versucht hatten, Sich der Festnahme mit Waffengewalt zu widersetzen. Fanfaren und das HorstWessel Lied folgten der Verle- sung des im Stile der Heeresberichte abgefaßten Com- muniqueẽs. Wir starrten uns verdutzt an. Als erster fand Klobocznik die Sprache wieder. Er schleu- derte seine Mütze auf den Boden. Da bleibt einem ja die Spucke weg! Das Sind doch die beiden aus der Sakristei, von denen Marofke erzählt hat, daß sie unterwegs abge- knallt wurden. Na, so ein Schwindell (Aber, aber!lv ließ sich Chabrun vernehmen; er sprach langsam, ganz in den Anblick seiner Fingernägel versun- ken. Wer wird gleich so was annehmen? Frag doch Dietz, der weiß sicher eine Erklãrung. v Dietz biß sich auf die Lippen, blieb aber stumm. Scelke wurde auf einmal von einem Gedanken elektri- siert. Wartet mal, wollt ihr wetten, die Lackstiefelbonzen kriegen jetzt auch noch die zwanzig Millionen. Klar. Die kassieren den Preis ein l* Und wir kõnnen uns das Maul abwischen 1v Klobocz- nik fuhr sich mit dem Handrũcken über die Lippen. Da- pei haben wir diese sogenannten Attentäter genau s0 gut erwischt wie sonst jemand. Aber natürlich, wer den Preis pekommt, ist von den Herren in Berlin lange vorher aus- geknobelt worden. Da kommt unsereins nicht ran. Wir pleiben unser Lebtag lang kleine Gauner. v Na, hör mal, was heißt denn das? versetzte Scelke hit- zig. Wie kommst du dazu, uns Gauner zu nennen? 80 was Soll man nicht mal im Spaß sagen. Nein, nein!v Er war ernstlich erbost und schimpfte noch eine ganze Weile halb- laut vor sich hin. 202 10 ¶So. Da habt ihr jetzt den Schwindel schwarz auf weißv, rief Klobocznik und schwenkte den Võlkischen Beobach- ter, in dem er geblãttert hatte. Die wahre Rãubergeschichte. Da geht einem erst ein Licht auf darüber, was man er- lebt hat, wo man doch dabei war und nichts erlebt hat. Hört mal zu.v Er las uns einen blumigen Bericht über den Fang der Heydrich-Attentãter vor. Identität und Treiben der Haupttãter scien jetzt durch die unermũdliche Arbeit der Gestapo restlos geklärt. Es handle sich um zwei Offiziere der chemaligen tschechoslowakischen Armee; ein britisches Flugzcug habe sie über dem Protektoratsgebiet abgewor- fen, und tschechische reichsfeindliche Hlemente seien ih- nen bei der Ausführung ihres verbrecherischen Unterneh- mens an die Hand gegangen. Nach planmãßiger Verfol- gung gestellt, habe sich das Paar in einer Prager Kirche verbarrikadiert und sei dort, zusammen mit einigen an- deren Terroristen, in einer veritablen Schlacht getõtet worden. Klobocznik faltete die Zeitung zusammen und wandte sich an Dietz:«Mensch, daß sie dabei nicht an dich gedacht haben! Du hãttest doch einen prima Kriegsberichter über diese Schlacht abgegeben. v Dietz bekam eine starre Miene.«Es ist klar, daß es sich bei dem Zeitungsartikel um ein Tarnungsmanöver han- delt. v Seine vorstehenden Augen musterten uns der Reihe nach, blieben schließlich an Maurer haften, der trocken hü- stelte. Ein Tarnungsmanöverv, wiederholte Dietz streng. Hm, Tarnung ist gut*, meinte Maurer, fragt sich nur, was vor wem getarnt wirdꝰꝰ Vor unseren Feinden natürlich, besonders vor den Eng- lãndern. Wir werden ihnen doch nicht auf die Nase binden, ob und wie wir ein paar ihrer Agenten erwischt haben. Das ist doch... vDietz stutzte.«Sag mal, willst du mich durch 203 den Kakao zichen, oder was soll deine Bemerkung über- hauptꝰ Maurer, der aus Zündhölzchen einen Turm baute, hielt inne und betrachtete sein Werk. Die Schatten unter den hel⸗ len Augen gaben diesen etwas Sorgloses, Spõttisches. Er entgegnete gelassen: cBei Gesprãchen mit dir habe ich in der letzten Zeit immer den Eindruck, vor einem Untersu- chungsrichter zu stehen. v Dietz blãhte die Nüstern. aEs ist die Pflicht jedes Natio- nalsozialisten, über seine Umgebung und über sich selbst mit fanatischem Mißtrauen zu wachen.v Na, dann wach doch zuerst mal über dich selbstv, ver- Setzte Maurer; er hielt Dietzens zornigen Blick lãchelnd aus und machte sich wieder an seinen Turmbau. Seelke griff nach der Zeitung. eSteht was von dem Preis drinnen dv Nein v versetzte Klobocznik, cist ja auch ganz egal, wir kriegen ihn sowieso nicht. Na, ein Gutes hat die Sache aber doch: jetzt werden wenigstens diese verdammten ewigen Mlarme und Großfahndungen aufhören, wo sie die Täter ja amtlich gefangen haben. v (Abwartenꝰ, meinte Chabrun.«Erst mal abwarten. v Chabrun hatte recht. Beim nãchsten Appell verlas Unter- offizier Marofke einen Garnisonsbefehl, worin den Trup- pen der Dank für ihre Mitwirkung an den erfolgreichen Aktionen der Sicherheitsbehörden ausgesprochen wurde. Der Zustand erhöhter Alarmbereitschaft, so hieß es wei- ter, werde allerdings vorlãufig noch nicht aufgehoben, da auch nach der Unschädlichmachung des Attentäterpaares mit verbrecherischen Anschlägen britischer und bolsche- wistischer Fallschirmagenten und ihrer tschechischen Hel- fer gerechnet werden müsse. Immerhin kehrte der Dienst teilweise ins alte Geleise zu- rück. Es wurde von neuem viel Wache geschoben. Zwi- 204 schendurch gab es Exerzieren. Sogar die Erzichungsstun- den wurden wieder aufgenommen. Marofke trat auch hier die Nachfolge Klahdes an. Doch während Klahde es ge- liebt hatte, durch Fragen zu glänzen, bei deren Beantwor- tung wiederum Dietz auf seine Kosten gekommen war, hielt Marofke Monologe. Zumeist wandelte er Görings Ausspruch ab: adeien wir stolz darauf, wenn wir von außen verlacht werden als eine Nation von Kommißstiefeln; wir wissen, was dieser Kommißstiefel geleistet hat. Daran schloß sich unweigerlich die Mahnung, daß Erzichung nicht auf Vbermittlung von Wissen, sondern auf Ausrich- tung nach einem einzigen Führerwillen pedacht vein mũsse. und daß wir Deutsche uns pesonders vor Uberbildung hüten sollten. Eines steht nun mal festv, faßte Marofke dann wohl seine Lektion zusammen, cimmer noch hat die Feder quasi verdorben, was das Schwert gewann. Daraus müssen wir für die Zukunft lernen. Die deutsche Frage kann nur mit Blut und Eisen gelõst werden. Verstandeh-wuh?... Cha- brun, es wird nicht schaden, wenn Sie mehr aufpassen. Sie haben als Gefreiter und Studierter noch lange nicht alle Weisheit gepachtet.v 2 Anneliese schrieb mir, sie habe sich nach langer und Schmerzlicher Uberlegung zu der Erkenntnis durchgerun- gen, daß unser Ehebund doch nicht das Wahre sei; am be- sten lõsten wir ihn wohl in aller Freundschaft auf. Ees folg- ten noch ein paar salbungsvolle Sãtze über das Kind, um dessen Wohlergehen ich mich nicht zu sorgen brauche, da ein großherziger Freund? die notwendigen Mittel zur Ver- fügung stelle. Auch wegen der Familie mũsse ich mir keine Gedanken machen, es sei alles bereits besprochen und ein- verstãndlich geregelt. Und dann kamen, in knappster ge- Schãftsmãßiger Form, die Vorschläãge zur Durchführung 205 einer Scheidung im Schnellverfahren. Die erforderlichen Anträge lagen schon hei und bedurften nur noch meiner Unterschrift. Nicht einmal das frankierte Rückkuvert war vergessen. Ja, sichst duv, meinte Seelke, dem ich Annelieses Brief und meine Antwort darauf(mit der Einwilligung in die Scheidung und etwas schadenfrohen Wünschen für den Fall einer Wiederverheiratung) vorgelesen hatte, Ehe- frauen müssen immer spüren, daß der Herr im Hause ist; Sonst verwildern sie, wie die Blumen. v Er beugte sich über cinen der Fuchsienstõcke, den er in einen größeren Topf umpflanzte. Seine Hinger arbeiteten geschickt und mit viel Zärtlichkeit an dem Wurzelwerk herum.«Eine sichere Hand, das ist es, was sie vor allem prauchen...v Er verschluckte, was er noch hatte sagen wollen. Klobocz nik war in die Stube geplatzt und rief᷑ ihm zu: aHe, Mlois, zich die Hosen stramm. Deine Alte ist da. Sie sitzt in der Kompaniekanzlei. lv Seelke ließ den Blumentopf beinahe fallen. Er war wie verbrüht von Kloboczniks Mitteilung. Hastig fuhr er in seine Ausgangsjacke, kam mit dem Zuhaken des Kragens nicht zurecht, und begann auf die Frau zu schimpfen, die ihn von ihrem Kommen nicht benachrichtigt hatte. WVierundzwanzig Jahre sind wir jetzt miteinander ver- heiratet, aber glaubt ihr, ich habe der Frieda Disziplin und Ruhe beibringen können? Keine Spur! Bei ihr muß immer alles plõtzlich gehen, ganz ohne Vorbereitung, und mõg- lichst mit der Tür ins Haus.v Wahrscheinlich traut sie dir nicht ganz, du alte Mohr- rũbeꝰ, z0g Klobocznik ihn auf. Schnaufend beschrieb er uns die reifen Reize von Frau Seelke, deren ũppiger Busen es ihm besonders angetan hatte. Mensch, Mlois, wie bist du nur an so'ne Frau geraten, wo du selbst der reine Stummel bist? Er gab Scelke einen freundschaftlichen Klaps. 206 Nu, mach aber halblang!ly Aus Seelkes Stimme war deutlich Stolz, doch auch eine gewisse Verlegenheit her- auszuhören. Er kam endlich mit seinem Kragen zu Rande und lief hinaus. Klobocznik begleitete ihn mit den Blicken, rülpste tief und schüttelte den Kopf. ¶Also wirklich, ich sage euch, was der Alois für eine Madame hat! Richtig was zum An- fassen, verdammt und zugenäht... v Er wurde plõtzlich bõse und begann zu schimpfen: Da heißt's immer: Sol- datenleben, lustig Leben, die Puppen fliegen einem nur so zu. Ja, Hustekuchen! Was ich früher ploß für Erfolge bei den Weibern hatte! Und jetzt? Glaubt ihr, die Scelkesche hat auch nur ein Auge riskiert? Da merkt man erst, wie Schimmlig man beim Kommiß wird. Er rũlpste wieder und spuckte wütend in sein dunkelblaues Taschentuch. Lange und trũbselig betrachtete er die Spucke, bevor er das Tuch zusammenfaltete und einsteckte.«Es ist ein Unfug, daß sich alles so hinzichtꝰ, schloß er resigniert, das führt zu nichts Gutem.v Der gleichen Meinung war auch Frau Frieda Scelke. Sie hatte die Reise nach Prag gemacht, um eine Woche Urlaup für ihren Mann durchzusetzen. Er wurde daheim dringend benõtigt, um eine verwickelte Erbschaftsangelegenheit nach den gefallenen Schwägern in Ordnung zu bringen und überhaupt wieder einmal in der Familie nach dem Rechten zu schen. Du lieber Gott, es verwildert ja alles in so einem Haus, wo das Familienoberhaupt weg ist und nur eine schwache Frauenhand die Zügel führtv, beklagte sie sich in ihrer et- was angerauhten Baßstimme, als wir zu viert— das EHhepaar, Klobocznik und ich— pei einem von Klobocznik gespen- deten Willkommens-Schoppen in der Kantine saßen. Frau Frieda hatte einen dunklen Bartanflug auf der Ober- lippe. Ihr Schwarzseidenes wurde beinahe von der Fülle 207 des Busens gesprengt. Die glänzenden, an braune Glas- murmeln erinnernden Augen befanden sich in ständiger Bewegung. Ohne auf das warnende Geflüster Seelkes zu achten, legte sie los. Was wir wohl glaubten, wie es zu Hause aussche? Schãbig sei kein Wort dafũr. In ganz Berlin kriege man nichts Richtiges mehr zu kaufen, und wenn qoch mal was in den Geschäften ausliege, so heiße es fast immer: Nur für BG. Bezugsscheine. Aber wer die Bom- bengeschãdigten seien, die diese Bezugsscheine kriegten, wüßten die Götter. Schwester Klara aus Bremen, die als hundertprozentiger Bombenffüchtling bei Seelkes wohne, habe noch keinen solchen Schein zu Gesicht bekommen; dafür Sei ihr auf᷑ dem Bekleidungsamt gesagt worden: Flik- ken sind heutzutage ein deutsches Ehrenzeichen. v Es gehe eben nach der Bibel: Wer hat, dem wird gegebenv, und wer kein Vetterchen irgendwo oben hei der S8. oder in einem höheren Amt habe, der könnte in den Mond guk- ken. Ja, wenn Alois nicht ab und zu an seine Familie dãchte gcelke machte eine einschränkende Gebärde; er erhob sich halb, doch Frau Frieda drückte ihn mit sanfter Gewalt nieder. Nein, Alois, alles was recht ist, ein Herz hast du, ein goldenes Herz. v Die resolute Zärtlichkeit ihres Tones ließ keinen Widerspruch zu. Wenn du nur nicht so schüch- tern wärst! Andere Männer sind in der Zeit, die du hier in Prag pist, Schon dreimal auf Urlaub zu Hause gewesen, aber ich warte und warte, schaue mir die Augen aus, und kein Alois kommt. 80 was muß einem doch nachgerade an die Nieren gehen, nicht Wahr?ꝰ eSehr richtig!v rief Klobocznik und stellte sein Biersei- del scheppernd auf den Untersatz. Er plickte gebannt auf das goldene Herzchen, das in Frau Friedas tiefem Halsaus- schnitt hing und sich mit dem Busen hob und senkte. Frau Frieda jedoch war zu scht im Zuge, um auf Klobocz nik zu achten. Warte, stõr mich nicht immer, wenn ich mir 208 mal paar Worte vom Herzen wegreden will. v Sie bemerkte erst nachträglich ihren Irrtum und lächelte Klobocznik kurz an. Ach so, das sind Sie gewesen, na, Sie müssen schon entschuldigen, aber mein Mann macht mich manch- mal ganz verwirrt mit seinem Pazwischengeflüster. Also, was wollte ich sagen? Ach ja. Wenn man so als Frau die ganze Zeit alleine ist, und man gehört noch nicht ganz zum alten Hisen, da kann einem schon der Geduldfaden reißen. Schließlich heißt es doch auch in der Schrift: Was der Herr Zusammengegeben, soll der Mensch nicht trennen. Natür- lich, Krieg ist Krieg, das versteht man auch als Frau. Aber alles hat mal seine Grenze. Das muß doch jeder einsehen. Und wenn mal die Grenze erreicht ist.. Nun, kurz und gut, ich habe mich eben zusammengepackt und bin herge- kommen. Und ich fahre von hier nur weg, wenn ich den Mois auf Urlaub mitnehmen kann. Sonst rũhre ich mich einfach nicht fort von der Kompanie, oho! Das habe ich schon dem Herrn Feldwebel auseinandergesetzt, und ich gehe hinauf bis zum Herrn Oberleutnant oder Major oder wer sonst hier das oberste Kommando hat. Dazu bin ich fest entschlossen. Und wenn ich mir was vorgenommen habe, dann geschicht's auch, das kann euch der Alois hier bestãtigen. Ich kann sanft sein wie ein Lämmchen, aber wird mir mal was zu bunt, dann schlägt's dreizehn, und zwar heftig.* Klobocznik war von ihr hingerissen. Also, Frau Seelke, wenn ich nicht wüßte, daß Sie eine hochanständige Frau sind, und noch dazu die Gemahlin von meinem Freund und Kameraden, ich kõnnte mich glatt vergessen. Aber so Sage ich bloß: Sie kõnnen über Willi Klobocznik voll und ganz verfügen. Vbrigens, ein halbes Helles darf ich Ihnen doch noch anbieten, Sie gestatten ꝰ Frau Scelke gestattete und trank auch gleich Seelkes Hal- bes mit aus, ohne daß ihr nachher das Geringste anzumer- ken gewesen wäre. 14 209 Unteroffizier Marofke kam und verkündete, daß Ober- leutnant Malzahn sich bereit erklärt habe, Frau Seelke zu empfangen. Sich'ste wohl dy raunte sie ihrem Mann zu und bot dem Unteroffizier ihren Arm. Marofke stand steif da wie eine Auslagspuppe.Tich...v stotterte er, aiich bin quasi im Pienst.v (Klar, das meine ich ja auchꝰ, gab Frau Seelke zurũck und bemãchtigte sich dabei seiner baumwollbehandschuh- ten Rechten, eglauben Sie denn, ich würde mich sonst von Ihnen unterfassen lassen ꝰv Klobocznik sandte ihr einen bewundernden Blick nach, hob dann sein Glas Seelke entgegen und verkündete im Brustton der Uberzeugung: cDie schindet mindestens sie- ben Tage Urlaub für dich heraus, Alois, das ist mal tod- sicher. v Wider alles Erwarten gelang es Frau Seelke jedoch nicht, den Urlaub durchzudrücken. Hõhere Gewalten hatten eine unbedingte VUrlaubssperre angeordnet. Es war nichts zu machen. Immerhin erhielt Seelke sechsunddreißig Stunden dienstfrei, zwei Nãchte eingeschlossen. (MAlso, ich verstehe die Welt nicht mehrꝰ, erklärte Frau Frieda dũster, als sie von Malzahn zurückkam.(Aber ich habe es ihm gesagt. Herr Oberleutnant, habe ich ihm ge⸗ sagt, die sechsunddreißig Stunden sind ein Tropfen auf᷑ ei- nen heißen Stein, und es ist Ihnen doch hoffentlich klar, daß Sie vor den Ruinen einer deutschen Ehe stehen. v Klobocznik schnaufte ergriffen. Aber, Frau Seelke, Sie werden doch nicht... v Mensch, machen Sie mich nicht auch noch verrũckt! Schnitt ihm Frau Frieda das Wort ab. Ohne einen Blick mehr an Klobocznik oder sonst jemand von uns zu ver- schwenden, trieb sie ihren Mann zur Eile an:(Na, nu komm doch schon, Alcis, die Zeit steht nicht still.v 210 Wir Sahen dem Paar nach, wie es die Straße von unserem Quartier hinunter zur Haltestelle der Trampahn marschierte. Scelke nahm sich neben seiner mächtigen Frau wie ein verãngstigter Schuljunge aus, der vom Parkwãchter abge- führt wird. Sack Zement! Die hat Haare auf den Zähnenv, stieß Klobocznik hervor, der erst jetzt die Sprache wiederfand. Aber sie hat auch sonst noch was! Herrschaften, also wenn ich der Seelke wãre... v Er kniff die kleinen, schwimmen- den Augen zu und schmatzte. Ich lachte mit den andern über Seelke, aber seine Ehe- idylle, so grotesk und lãcherlich sie war, weckte in mir auch eine sentimentale Wehmut, eine unbestimmte Schnsucht, etwas Ahnliches, wie ich es als unglũcklich verliebter Gym- nasiast empfunden hatte. Ich versuchte, mich von dieser sonderbaren Gemütsver- fassung durch Spott zu befreien. War ich nicht schon zu alt, zu abgebrüht, um nach der blauen Blume einer roman- tischen Licbe zu suchen? Ich verscheuchte ein Bild, das sich mir aufdrãngen wollte,— bekannte, etwas bãuerliche Züge unter braunem Haar. Nein, ich wollte davon nichts wis- Sen. Es war Sinnlos und- gefãhrlich. Ich Spürte in meinem Innern den zitternden Stoß, der sich immer vor Unannehm- lichkeiten oder Gefahren, wirklichen und nur eingebilde- ten, einstellte. Das Bild verschwand. Der Stoß verzitterte. Aber ver- drängte Träume sind wie gestutzte Bäume; sie wachsen nachher nur um so kräftiger. Mir kam das Verlangen nach Gedichten. Chabrun saß auf seinem Bett und kritzelte eifrig in ein Notizbuch, als ich kam, um mir den Hõlderlinband von ihm auszuleihen. (Nein, bleib nurv, rief er, da ich Miene machte, mich wieder zu entfernen, cich bin schon fertig mit meinen Er- gießungen. v Ironisch lachend, steckte er das Notizbuch weg. Erstaunlich, wieviel Schreiber es unter uns Deut- Schen gibt, wasꝰ Ich wette, jeder zweite fũhrt Tagebuch oder dichtet heimlich Verse... Na, was führt dich zu mir? Den Hõlderlin willst du haben? Ist ja großartig! Was habe ich gesagt? Die Lyrik ist nun mal das unentbehrliche deutsche Hausmittel gegen Gemüts-Podagra und Herz-Wehweh.v Ach geh*, wehrte ich ab, du konsumierst von uns al- len am meisten Hõlderlin und hast dabei sicher nicht das geringste Herzleid.v Da hast du recht, mein Sohn versetzte Chabrun. Gleich darauf verschwand das Lãcheln von seinem dunklen Ge- sicht. Er suchte das Buch hervor und gab es mir. Ich sah, daß er zögerte, wohl weil er sich in einer mitteil- Samen Stimmung befand, und schlug vor: Machen wir einen kleinen Spaziergangꝰv chabrun nickte. Bevor wir gingen, kramte er noch eine altertũmliche Feldflasche aus Zinn und ein Glas aus Sei- nem Koffer. Wohin dv fragte ich, als Chabrun den Weg nach dem Hinterhof einschlug. Komm nur.v Er schwang sich auf die Hofmauer und gab mir ein Zeichen, ich solle mich neben ihn setzen. Die Aussicht, die sich uns von dem Platz auf der Mauer pot, war kärglich: ein unbebauter Streifen Land mit Gras und Schutt, die Rückseiten einiger Mietskasernen und ein Stück Flußufer mit verkrũppelten Weidenbãumen. Etwas Trauriges und Rũhrendes haftete dieser Landschaft an, die in ein weiches grau-rosa Apendlicht getaucht war. Ich weiß nicht warum, aber die Gegend hier erinnert mich manchmal an die Markv, sagte Chabrun, vielleicht weil Sic 8o kahl ist. Er schraubte den Verschluß von der Reldfasche. Ich sah, daß sie eine ãhnliche Gravierung trug 212 wie Chabruns Flõte. cja, die stammt auch aus der Zeit mei- nes friderizianischen Vorfahrenꝰ, antwortete er auf meine unausgesprochene Frage. aFechten, Trinken und Musik machen, darauf haben wir Chabruns uns immer verstan- den, und darauf, wie man einigermaßen nobel abgeht. v Er schenkte ein, ließ mich den ersten Schluck tun. Es war ein scharfes Getrãnk, Schnaps mit irgendwelchen Ge- würzen versetzt; mir kamen die Tränen. Ahja, franzõsischer Kognak ist's nichtv scufzte Chabrun und füllte für sich ein, vaber was kann man tun dy Er trank Schnell. Um Mund und Mase standen ihm grimmige Falten. Warum glaubst du eigentlich, daß ich kein Herzleid habe dv fragte er nach einer längeren Pause in seiner ab- rupten Weise. Er sprach sofort weiter; es war klar, daß er keine Antwort erwartete. Wohl weil ich das, was man ge- meinhin Herz nennt, nicht besitze, ãhd Daran mag was sein. Wir haben eben unser Herz zu schr an anderes ge- hängt, als daß noch Platz da wãre für Licbesschmerzen. Bei uns geht wirklich, ewig ins Ungebundene eine Sehnsucht? Dem Abenteuer nach. Der Gefahr nach. v Er Starrte zu den Weidenbãumen hinũber, fragte dann: aKennst du Dürers Kupferstich vom Ritter mit Tod und Teufeld Ja, natürlich... v Chabrun schüttelte heftig mit dem Kopf.(Nein, du kennst ihn nicht. Nicht so, wie ich meine. Sonst wüßtest du nãmlich besser Bescheid über mich und meinesgleichen. Denn sichst du, dieser Pürersche Ritter ist das beste Bild von uns. Da reitet er dahin, der wahre Soldat, träumt von der Burg hoch oben auf dem Berg und pleibt doch im Tal auf dem Weg der Pflicht, begleitet vom Teufel- der Schwãche- und vom Tod- dem Zweifel. Aber die Welt ist groß für ihn, weil er tapfer ist. Die Schõnheit lãchelt ihm wie allen Kühnen. Und das Leben liebt ihn wie eine Geliebte, weil er immer bereit ist, zu kämpfen, ohne lang zu fragen, und 213 weil er keinen Pardon verlangt. Du wirst das vielleicht Ein- Samkeit nennen. Meine Mutter, zum Beispiel, ist dieser An- Sicht. Sie schreibt mir: Da stehst du in der weiten Welt drau- ßen, mein Sohn, und hast keine rechte Heimat und mõchtest doch bestimmt auch mal irgendwohin richtig gehören! Aber sie irrt, die gute alte Pame. Nietzsche, den dieser Dietz stãndig im Munde führt, ohne ihn je zu verstehen, hat gesagt: Gelobt sei, was uns hart macht!“ Pas ist ein Wort für uns. Und so lobe ich mir die Hinsamkeit mit Tod und Teufel als Gesellschaft. Schließlich ist für den echten Soldaten wie für den Mõnch das ganze Leben nur eine Vor- bereitung für das gute Sterben, was aber beileibe nicht heißt, daß das Leben verachtet werden soll, Solange es vor- hält... Ma, was ist, noch einen Schnaps?* Chabrun Spielte mit der Flasche, blinzelte mich von der Seite her an.(Nein? Dann genehmige ich den Rest. Mir scheint, ich predige in der Wůste, was d Nein, widersprich nicht, Holler! Ich hab was für dich übrig, und wenn es nicht so wäre, daß man Breunde nur im Abenteuer oder in der Gefahr findet, so könnte ich mich mit dir dick befreunden.v Er hielt inne, klopfte leise gegen das Glas, versank in Nachgrübeln. u)a, du bist ein netter Jungev⸗ nahm er den Faden wieder auf, aaber da ist etwas in dir: Weichheit oder Gefühlsduselei, oder die Hoffnung, daß die Menschheit doch noch aus dem Schlamassel raus kommen und daß der Krieg zu Ende gehen wird, was natürlich Blõdsinn ist, zu- mindest für mich... doch ich merke schon, das ist Chine- sisch in deinen Ohren, he? Na, tut nichts. Aber denk an meine Worte: du wirst die Kunst, als echter Soldat zu sterben, niemals lernen. Du wirst es nicht mal soweit brin- gen, als Soldat zu leben. Weil du nãmlich die Uniform und alles, was dazu gehört, verleugnen wirst. Auch mich. Oh ja, das wirst du, noch bevor der Hahn dreimal gekräht hat, ganz so, wie's der Paulus getan hat. Oder war's der Judas? Aber das ist heute einerlei.v 214 Er schõpfte tief Atem, kippte den letzten Schluck hin- unter und schmiß das Glas in weitem Bogen gegen einen Stein. Es vergingen einige Sekunden. Chabrun riß ein Gras ab, das neben ihm aus einer Mauerritze hervorlugte. Er z0g den Halm durch die Zähne, zerkaute ihn. Seine Stimme klang wie aus dem Schlaf, als er wieder zu Sprechen anfing: Hm, ich gebe zu, wir alle sind etwas angestoßen, ich ein- geschlossen. Wie das alte Porzellan zu Hause bei meiner Mutter auf Gut Zastrow: gut anzuschauen, aber nicht mehr Schr viel wert. Immerhin, zu einem halbwegs anstãndigen Abgang wird's bei mir wohl noch reichen.v Er wurde all- mãhlich wacher. Jawohl, wenn am Tage des Gerichts zum Appell geblasen wird und jeder seine verstreuten Knochen vorzuweisen hat, dann hoffe ich, eine leidlich gute Figur zu machen, so daß der Erzengel vom Dienst kommandieren kann: rechts ran, Gefreiter Chabrun, oder vielleicht sogar Unteroffizier Chabrun, obwohl ich fürchte, daß meine lose Klappe mich auch um die letzte Chance bringen wird, die Achselstũcke zu kriegen.v Er sSchnippte mit den Fingern. So oder so, ich werde die Chose durchstehen, aber du, mein Freund, du bist nicht imstande, einsam zu sein. Du nicht. v Ehe ich mich dessen versah, war Chabrun von meiner Seite hinuntergeglitten und schritt davon; es sah aus, als ziche er den Kopf vor einem unsichtbaren Hagelschauer ein. Ich õffnete den Hõlderlinband aufs Geratewohl. Das Ge- dicht auf der Seite, die ich aufgeschlagen hatte, war ganz kurz. Der Titel klang trostreich und verheißungsvoll:, Der gute Glaube!“ Schönes Leben! du liegst krank, und das Herz ist mir Můd vom Weinen, und schon dãmmert die Furcht in mir; Doch, doch kann ich nicht glauben, Daß du sterbest, solang du Hebst. 215 Ich las die Zeilen mehrmals hintereinander. Ich wußte nicht, was von ihnen zu halten. Bald erschienen sie mir voller Hoffnung, pald wieder bestätigten sie meinc heim- lichen Angste. Jje õfter ich sie las, umso dunkler wurde ihr Sinn. Chabrun hatte recht, ich konnte die Einsamkeit nicht ertragen. Doch wie ihr entflichen? Mein Blick fiel auf die Scherben des von Chabrun weg- geschleuderten Glases. Sie glänzten wie Stũckchen eines zerbrochenen Regenbogens. Mir gefiel dieser Vergleich. Ich verlicbte mich in ihn, wie man sich zuweilen in eine Melodie verliebt, die einen dann nicht losläßt. Plõtzlich empfand ich Widerwillen. Was Sollte das alles? Ich wünschte mir, ich hätte mehr getrunken, viel mehr, bis zur Bewußt- losigkeit. Unten bei den Weidenbäumen stand Chabrun, eine schmale, vorgebeugte, schnsüchtige Gestalt. Ich sprang von der Mauer und lief zum Flußufer. Als ich herankam, sah ich, daß Chabrun Wasser abschlug. 13 Auf dem Gang vor der Stube stapfte Unteroffizier Ma- rofke hin und her. Er mußte sich in großer Aufregung be- finden. Wir konnten deutlich hören, wie er am Ende des Ganges, vor dem Kchrtmachen, jedesmal dem Sandeimer einen Tritt versetzte. Na, der tobt nicht schlechtv, sagte Diet⸗ zwischen wol- lůstigem Gãhnen. Er lag auf dem Rücken, hatte Uniform- jacke und Hemd aufgeknõpft, und rich sich liepevoll die bepelate Brust. Daß diese Astlõcher aber auch ausgerech- net jetzt weg sein müssen. v Die Astlöcher, das waren Klobocznik und Seelke. Sie hatten sich an diesem, aller Voraussicht nach võllig siche- ren Nachmittag(die eine Hãlfte der Gruppe schob Wache, die andere reinigte Gewehre) verkrümelt, um Frau Frieda 216 das Geleit zum Bahnhof zu geben. Sie hätten allerdings mit dem unbãndigen Diensteifer Marofkes rechnen mũs- sen. Der war eigens auf die Kompanickanzlei gegangen, um sich und die putzende Halbgruppe als freiwillige Ver- fügungstruppe für eine allfãllige Sonderunternchmung an- zumelden. Und nun, da eine solche Unternehmung tat- sãchlich stattfand, fehlten die zwei. Mlso ich bin nur froh, daß wir gerade auf Wache waren, Hollerv, Setzte Dietz seine Betrachtungen fort, ada kõnnen wir wenigstens nicht rangeholt werden.v Er hatte kaum geendet, als Chabrun den Kopf herein- steckte. Dietz, Holler, heda. Umschnallen. v Wir haben Ruhe nach der Wachev, gab Dietz zurück und wãlzte sich faul auf die andere Scite. Weiß ich, ntzt euch aber heute nichts. Ich habe Quasi- modo eben gesagt, ihr wollt für die zwei einspringen. Na, auf. auf. In fünf Minuten wird angetreten.v Er kam gefolgt von Maurer in die Stube, um uns beim Fertigmachen zu helfen. Pietz maulte: Einspringen wollen ist gut. Wie kommen wir denn dazu, für diese Prũckeberger Dienst zu über- nehmen d» Sie gehören zu unserer Gruppe, das genügt wohl d» Der Ton, in dem Chabrun sprach, Hieß keine Widerrede zu. Er hielt Dietz den Tornister hin. aHier, pack den Affen auf. v Pietz verzog angeckelt den Mund, fügte sich jedoch. Wãhrend er nach den Schnallen der Tragriemen angelte, fragte er:«Und was ist überhaupt los dv Chabrun wußte nur beilãufig Bescheid: eine Jagd nach weiteren Hauptbeteiligten am Heydrich-Attentat, also et- was ganz nach dem Geschmack von Dietz. Hat sich wasv, knurrte dieser, doch war ihm anzumer- ken, daß er sich mit dem Sonderdienst Schon halb versöhnt hatte.(Na, hoffentlich lohnt's diesmal. v 217 Mir hatte Maurer gerade mein Gewehr gebracht. Einen Herzschlag lang blickten wir uns von ganz nahe in die Augen. Obwohl die seinen weit offen waren, schienen sie mir völlig undurchdringlich, gleichsam verrammelt. Wie schon des õfteren, überkam mich auch jetzt das Verlangen, zu wissen, was sich hinter Maurers Verschlossenheit ver- barg. Er schien diesen Wunsch zu fühlen. Seine Lippen bewegten sich, schnell, aber ohne Laut. Ich glaubte, die Worte, Ja, so Schen wir aus?, von ihnen ablõsen zu können. Doch da sagte er, völlig gleichmütig: Nimm meine Pa- tronen. Ich will mal gehen und die Munition für dich und Dietz in Empfang nehmen. Schaut, daß ihr unterdessen hinunterkommt. Im letzten Augenblick, als der Schnellwagen, auf dem wir saßen, bereits aus dem Hoftor rollte, kam Klobocznik- die Ausrüstung unordentlich ũbergeworfen— herangerast und schwang sich hinten auf. Dietz hãtte jetzt abspringen und zurückbleiben können, aber er wollte nicht; seine Ruhe sei ohnehin gestört, nun wolle er wenigstens etwas Jagdvergnügen haben. Mensch, das hätt' ich wissen sollenꝰ, lispelte Klobocz- nik; er brachte sein verrutschtes Gebiß in Ordnung und leckte sich die Schweißtropfen von der Oberlippe, cich hab mir beinahe die Seele aus dem Leib gerannt, um zurecht- zukommen.» Unteroffiæier Marofke, der vorn saß und bisher die An- wesenheit Kloboczniks noch nicht bemerkt hatte, drehte sich um, stieß die Fäuste drohend in die Hõhe und brüllte: Wo haben sie gesteckt? Schweinerei das. Ich werde Ihnen die Hammelbeine langziehen.» Er schnappte nach Luft und schickte sich an, weiterzuschimpfen. Doch Klobocznik hatte für einen Blitzableiter gesorgt. Er z0g eine dicke Wurst hervor und reichte sie Pietz zum Weitergeben an Marofke. Vom Futterkommando Seelke- 218 Klobocznik, Herr Unteroffizierv, Sagte er mit einem brei- ten Grinsen. Marofke blich die Sprache weg. Er wurde sichtlich zwi- schen Uberraschung und Empõrung hin und her gerissen. Was fällt Ihnen ein d» stieß er endlich hervor, nahm aber die Wurst entgegen. Er wog sie in der Hand. Sein Gesicht glãttete sich. Gleich darauf schrie er jedoch von neuem los: So'ne Unverfrorenheit! Wollen Sie mich quasi auf᷑ diese Weise. 7 Was stellen Sie sich eigentlich vor, mir so was. 80 Was. v Klobocznik setzte eine Miene gekränkter Unschuld auf. Es ist eine echte ungarische Salami, Herr Unteroffiier. Das Beste, wo man hat. Aber wenn Herr Unteroffizier nicht wollen, ich nehme sie auch zurück.v Davon kann keine Rede seinv, versetzte Marofke wür- devoll, adie Wurst ist beschlagnahmt. Und Sie melden sich nachher mit Scelke bei mir wegen eigenwilliger Entfer- nung aus dem Kasernenbereich. Ich werde euch noch pei- bringen, was Dienstauffassung ist. v Er schop die Wurst in seinen Brotheutel, zöðgerte, konnte der Versuchung nicht widerstehen und schnupperte an seinen Fingern. Mit über- triebener Gleichgũltigkeit bemerkte er dann:« Ungarische? Also, das können Sie jemand anders erzählen. Wie käme man hier denn zu s0 was dv Klobocznik legte die Hand aufs Herz. ¶Auf mein Wirts- chrenwort. Es ist Eins A ungarische Salami. Ich selbst wollte zuerst meinen Augen nicht trauen, wie der ganze Metzgerladen unter dem Rock von der Seelkeschen her- vorgepurzelt kam... Ach so, ich bin da schon mittenmang in einer Geschichte, die wirklich zum Piepen ist. Und wenn Herr Unteroffizier nichts dagegen habend» (Na, erzählen Sie schonv, brummte Marofke, caber wenn Sie glauben, Sie können sich rausreden, sind Sie quasi auf dem Holzwege. Es bleibt dabei, Sie melden sich nachher. Hat ũbrigens jemand ein scharfes Taschenmesser? Wollen 219 doch mal nachprüfen, ob da keine Tãuschung in bezug auf die Qualitãt der Wurst vorliegt. v Schief schneiden, Herr Unteroffizierv, riet Klobocznik, cund dũnne Scheibchen, da schmeckt's am besten.v Marofke zog den scharfen Wurstgeruch tief ein und er- klärte gönnerhaft:«Keine Angst. Ich versteh mich aufs Wurstschneiden.v Er zerkaute langsam ein paar Salami- scheiben, wobei er verklärt grunzte. Ich sah, wie seine Schluckbewegungen von Dietz nachgemacht wurden, und ertappte mich dabei, daß auch ich gebannt dem Tanz von Marofkes Adamsapfel folgte. Mhm, wirklich nicht schlechtv, fuhr er mit vollem Munde fort, cjetzt noch ein Glas Pilsner, zwei Salzwecken mit Butter und die Sache wãre perfekt. v Er schnitt sich einige weitere Scheiben ab, wickelte die Wurst sorgfältig in ein Zeitungspapier und verstaute sie im Brotbeutel. (Mahlzeit?, wünschte Klobocznik.«Nun? Ist es echte Ungarische ꝰv Marofke hatte noch immer volle Backen. Mhm... Na, was ist? Warum schießen Sie nicht los mit Ihrer Ge- schichte dv Jawohl, Herr Unteroffizier lv Klobocznik wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, pumpte von Cha- brun eine Zigarette und begann zu erzählen. Er hatte dem Ehepaar Seelke geholfen, Frau Friedas Ge- pãck vom Hotel zum Zug zu schaffen. Schon die Zahl der Gepãckstũcke war ihm erstaunlich groß vorgekommen, noch mehr hatte ihn allerdings der Körperumfang von Frau Scelke überrascht. cch war einfach erschlagen bei ihrem Anblick. Glaubt ihr, sie hãtte abgenommen wie der Alois, den das plõtzliche Bheleben nicht schlecht hergenommen hat? Nein. Ganz im Gegenteil. Als ob sie dreißig Pfund zugenommen hätte. Und nichts mehr von den netten Einbuchtungen; die reine Tonne, sage ich euch. Na, dann kam ja des Rãtsels Lõsung. 220 Wir stchen gerade vor der Sperre, da heißt es auf einmal: Alle Passagiere links um in den Wartesaal zweiter Klasse, es findet eine Schleichhandelskontrolle statt. Mein Seelke wird ganz grůn, aber die Madame tut weiter munter, als ob gat nichts los wãre. Gleich beginnt sie, mit einem von den Beamten zu schäkern, und redet ihm richtig ein Loch in den Bauch: daß sie eine Soldatenfrau ist, Mutter von fünf unversorgten Kindern, und der Mann schon zwei Jahre weg von Zuhause, und so weiter. Darauf versteht sie sich ja, das muß ihr der Neid lassen. Und wirklich, der Kon- trolifritze wird weich, mein Friedachen windet sich auch schon um ihn herum— da passierts. Sic hatte nämlich was unter dem Kleid umgebunden, aber die Schnur muß aus Papier gewesen sein, oder die Sachen waren zu schwer, also es gibt auf einmal so ein komisches Gepolter, die Ma- dame magert rapide ab, und vor unseren Füßen liegt die ganze Bescherung: zwei Speckseiten, die Ungarische hier. noch drei oder vier andere Würste und ein kleiner Schin- ken. Weiß der Teufel, wo Alois das alles aufgetrichen hat, der Schlaue Fuchs! Na, um es kurz zu machen: Frau Frieda ist Schließlich abgedampft; die Rãucherwaren mußte sie zu- rücklassen, aber dafũr ist sic ohne Protokoll oder Anzeige weggekommen, und in dem Wirrwart haben die Brüder von der Kontrolle sogar vergessen, die zchn Schachteln und Koffer durchzuschauen. Wahrscheinlich wollten sie das Wurstzeug für sich behalten. Aber da dürften sie's nicht mit Alois zu tun haben. Der ist mit auf die Uber- wachungsstelle, und ich wette, er reißt ihnen dort den Fraß noch aus den Klauen.v Das kostet ihn dann aber mindestens eine Speckscite für die Gruppeꝰ rief Pietz in das losbrechende allgemeine Geläãchter, anicht wahr, Herr Un'off'zier?v (Klar, und eine Wurst extra für den Gruppenführer, ganz abgeschen von den disziplinarischen Folgen, die ihm natürlich nicht geschenkt werden. Nebenbei, Klobocznik: 221 wie sind denn Sie zu der Salami gekommen? Sagten Sie nicht, daß die gesamten Wurstwaren von der Kontrolle quasi mit Beschlag belegt wurden?v Klobocznik schmunzelte.«Jawohl, Herr Unteroffizier. Die gesamten Wurstwaren bis auf die Ungarische. Die ist mir bei der Verwirrung irgendwie unter den Stiefel ge- rutscht, und da hab ich sie aufgehoben, damit sie gottbe- hüte nicht zertreten wird.v Das Kreischen der Bremsen schnitt unser neuerliches Johlen ab. 14 Wir traten in einer kleinen Sandmulde neben der Land- straße an. Ringsum wellte sich Wiesen- und Waldgelände. Hãuser waren nicht zu schen. Doch mußte sich, dem leich- ten schwefeligen Rauch nach zu schließen, eine größere Industrie-Anlage in der Nãhe befinden. Die Sonne war untergegangen. Es blieb jedoch, wie im- mer in dieser sommerlichen Jahreszeit, auch nach Einbruch des Abends noch hell. Links und rechts hielten, in einiger Entfernung, andere Schnellwagen, von denen auch Soldaten abgestiegen wa- ren: das vertraute Bild einet beginnenden großen Fahn- dungsaktion. Marofke war mit den übrigen Gruppenführern zum Kommandeur gerufen worden. Als er zurückkam, stellte sich heraus, daß wir die Bewachung der leeren Schnell- wagen, die jetzt von allen Seiten herangerasselt kamen, zu übernehmen hatten, während die andern Gruppen abrück- ten. Klobocznik begann Dietz aufzuzichen:«Feines Jagdver- gnũgen das, auf alte Karren aufpassen! Fehlt nur noch, daß wir uns damit die ganze Nacht um die Ohren schlagen, und daß es zu regnen anfängt. Mensch, und zu s0 was hast du dich nu gedrängt. Also ich lach mir'n Ast. v 222 Dietz antwortete mit gereiztem Schimpfen. Klobocznik blieb ihm die Antwort nicht schuldig. Es fehlte wenig, und sie wãren handgemein geworden. Doch die Ankunft eines Motorrades mit dem Stabswimpel ãnderte die Situation. Ein kurzgewachsener Zivilist mit einem plühenden Furun- kel auf der Wange kletterte aus dem Beiwagen. Er trug die S8. Rune im Knopfloch, schwenkte ein wichtig ausschen- des Papier und erklärte dem herbeispringenden Marofke, daß er Gestapokommissar sei und durch ein Verschen um fünf᷑ Mann zu wenig habe, die er sich von unserer Gruppe ausleihen? wolle. Ob das mõglich sei? Selbstverstãndlich, Herr Kommissar. Ist quasi eine Kleinigkeit. Ich stehe persõnlich zur Verfũgung.» Marofke suchte noch vier Mann aus: Dietz, Klobocznik, einen Sol- daten von Stube 2 A, und mich. Der Rest der Mannschaft sollte unter Chabruns Kommando zurückbleiben. cFin- teilung getroffen, Hert Kommissarv meldete Marofke dem Kurzbeinigen. Der hatte die ganze Zeit über an seinem Furunkel her- umgefingert. Jetzt stõhnte er befriedigt auf. ¶Ausgezeich- net. Wir werden in zchn Minuten aufprechen. Geben Sie bis dahin alle noch notwendigen Anweisungen. vEr schickte den Motorradfahrer weg, setzte sich auf einen Meilenstein und begann von neuem an seinem Furunkel herumzu- fingern. Dietz, der ihn vom ersten Augenblick an mit allen Zei- chen freudiger Aufregung betrachtet hatte, baute sich vor ihm auf.«Gestatten eine Frage, Herr Kommissar: ist der werte Name nicht Brausewetter ꝰ Der Kommissar schielte Dietz über die Achsel an. Ohne sich in seiner Beschãftigung stõren zu lassen, warf er hin: Schon mal mit mir zu tun gehabt, ähd„ Jawohl, Herr Kommissar. Hatte die Ehre, Herrn Kom- missar im Hause meines Schwagers, Assessor Schäbernitz, vorgestellt zu werden.v 223 Der Kormmissar ließ endlich von seinem Furunkel ab. Er stand trãge auf und reckte sich.«So. Aha... Schäber- nitz? Schäãbernitz? War der nicht beim Volksgerichtshof irgendwo da... dv Sehr richtig, Hert Kommissar: beim Volksgerichtshof in Jũterbog.v eStimmt. Ein Riesenkerl. Mindestens zweihundertfünf- zig Pfund. Wo steckt der denn jetzt ꝰ (Beim Militärgericht Nancy, Herr Kommissar. Entfal- tet dort eine kolossale Tätigkeit zum Schutze unserer Be- Satzungsbehörden. Nancy ist ziemlich kitzliges Gebiet, wie Herr Kommissar sicher wissen. Wimmelt nur so von Sa- boteurs, Franktireurs und ãhnlichem Gesindel. v Jaja. Lothringen. Kennen wir. Den Mußjös dort muß man immer wieder mal ins Kreuz treten. Also der Schä- bernitz hat es verstanden, im Westen zu bleiben. Sich mal an, tüchtig, tüchtig. Wird nicht übel Kriegsbeute eintreiben, was? Und dann die Weiber, die französi- schen Weiber. Und der Wein. Ein Glückspilz... Na, und Sied» Dietz strahlte. Er schickte sich zu einer sicher sehr weit- schweifigen Antwort an, doch da z0g Marofke, der dem Gesprãch der beiden mit schlecht verhüllter Eifersucht ge- folgt war, seine dicke Zwiebeluhr und verkündete: Die zehn Minuten sind bereits um, Herr Kommissar. Wir marschierten ab. Als wir nach einiger Zeit halt mach- ten, war es schon ganz dunkel. Durch schattenhaft wahr- nehmbares Buschwerk leuchteten schwach die Fenster- vierecke mehrerer verstreuter Gebãude. Brausewetter be- deutete uns, zu warten, keinen Lärm zu machen und das Rauchen zu unterlassen. Er verschwand. Dietz, der sich unterwegs noch einmal an den Kommis- Sar herangemacht hatte, teilte uns in wichtigem Flüsterton mit, daß die erleuchteten Fenster zu den Beamtenhäusetn 224 einer Rũstungsfabrik gehörten, wo ein ganzes Verschwö- rernest festgestellt worden sei, an dessen Aushebung wir nun teilnehmen würden. Wer weiß, wen wir in die Finger bekommenꝰ, schloß er bedeutungsvoll. Das Pack hat nãmlich nicht nur sabotiert, sondern auch Waffen gestohlen, und es scheint jetæt festzustchen, daß die Heydrichmõrder von hier aus bewaffnet wurden. Was? Von hier aus dv lispelte Klobocznik, cich dachte immer, man hat pei ihnen ausschließlich englische Waffen gefunden?» aIch sage euch, was die neuesten Nachforschungen er- geben haben, wurde er von Dietz zurechtgewiesen, Brau- sewetter muß es schließlich wissen. v Ja, aber es hat doch geheißen...» (Unsinnꝰ, wetterte Dietz; er rãusperte sich und spuckte zornig aus. Unsinn. Bei einer so komplizierten Aktion wie es die Verfolgung dieses Mordkomplotts ist— man kann geradezu von einem Krieg im Dunkel sprechen, gibt es klarerweise eine Menge Wechselfälle und Finten auf bei- den Seiten. Man versucht zum Beispiel, den Gegner in fal- sche Sicherheit zu wiegen. v Was du nicht Sagst!* Willst du vielleicht einen Tatbestand in Frage zichen d Dietz hatte die Stimme erhoben. Marofke griff ein. Zum Ponnerwetter, still jetzt! Was fällt euch ein? Ubrigens, Dietz, was für eine Rangstufe bekleidet dieser Ihr Brause- wetter ꝰ Herr Kommissar Brausewetter gehört zu einer Spezial- abteilung der Geheimen Staatspolizei. Das ist für mich Grund genug, ihn nicht weiter nach Finzelheiten zu fra- gen, die notwendigerweise in den Bereich des Dienstge- heimnisses fallen. v Das Gesicht von Dietz war in der Dun- kelheit nicht zu schen; aber an der Art, wie er Sprach— als habe er einen Kloß in der Kehle— konnte man merken, daß er seine Innenseitermiene aufgesetzt hatte. 15 225 Marofke gab ihm sofort eins aufs Dach.«Eine Rang- stufe hat mit Dienstgeheimnis nichts zu tun. Das müßten Sie quasi als Intelligenzler schon wissen. Still jetzt lvschnitt er jede Entgegnung ab. Der Kommissar kam zurück. Die Aktion setzte ein. 15 Das Haus, zu dem Brausewetter uns führte, lag am Rande der Siedlung: eine kleine weiße Villa mit verglaster Veranda. Der Mann von Stube 2 A erhielt den Befehl, den Hinterausgang zu bewachen. Ich hatte vor der Veranda Posten zu beziehen. Die übrigen begaben sich zur Haupt- tũre. Finige Minuten verstrichen mit Warten. Aus dem Hause tõnte leise Radiomusik: eine Militärkapelle spielte Wagner. Brausewetter gab ein Zeichen. Marofke stieß mit dem Kolben gegen die Türe und brüllte: Aufmachenlv Das gleiche Gerãusch schmetternder Kolben und rauher Stimmen erschallte in zwanzigfacher Wiederholung rund um uns. Ich hörte Dietz entzückt ausrufen: Eine Organi- sation, Donnerwetter lv Von innen wurde jetzt offenbar gefragt, wer Einlaß ver- lange. Brausewetter schrie: Polizei. Sofort aufmachen! Marofke und Dietz sekundierten mit großem Stimmen- aufwand. Die Tür ging auf. Der Hochzeitsmarsch aus Lohengrin, von Hõrnern, Flõten und Tschinellen gespielt, flutete her- aus: Treulich geführt, zichet dahin.» Ein Mann in geblümtem Schlafrock erschien auf der Schwelle. Das Licht einer Flurampel beleuchtete sein gel- bes Gesicht, auf dem ein krampfhaftes Lächeln gegen Ver- störtheit ankämpfte. Er sagte in hartem Deutsch: Bitte sehr, meine Herren, bitte, was steht zu Diensten? Ich... Brausewetter schlug ihm hart und prãzis auf den Mund. 226 Der Mann taumelte zurũck. Blut floß ihm über das Kinn. Aber, bitte schr, das muß ein Irrtum sein, ich bin Mit- glied der Vlajkav, rief er entsetzt und zeigte auf das Ab- zeichen der Organisation reichstreuer Tschechen, das er angesteckt hatte, cich bin ein loyaler... v Kuschlv Brausewetter brachte den Mann durch einen Tritt gegen das Schienbein zu Fall. cIL.os, hinein l Erdran g⸗ gefolgt von Marofke, Dietz und Klobocznik, in das Haus. Die beiden letzteren packten den Hingestürzten an den Schultern und schleiften ihn mit sich. Eine Frau schric gel- lend auf. Der Mann versuchte nochmals, seine Unschuld zu beteuern, verstummte aber unter einem dumpf nach- hallenden Schlag. Duftender Raum, zur Liebe geschmückt, nehm euch nun auf, dem Glanze entrückt lv schmetterten die Hõrner und Tschinellen. Verrückte Weltv, dachte ich und schwamm damit über alle Regungen des Widerwillens und schlechten Gewissens hinweg, die von dem soeben Mitangeschenen aufgewirbelt worden waren, dalles ist verrũckt in dieser bodenlosen Zeit, da läßt sich nichts machen. v Die Tür fiel zu. Kein Geräusch drang mehr aus dem Haus. Auch der Lärm rundum war erstorpen. Nur die Lich- ter wurden überall groß angedreht, und hinter den Vor- hängen bewegten sich die Silhouetten von Uniformierten. Der Mann von Stube 2 A tauchte plõtzlich neben mir auf.«He, duv, flüsterte er mir zu, cläßt du mich auch was erben d» Ich verstand nicht. Er wurde ãrgerlich. Dõskopp! Ob was da ist, das man mitgehen lassen kann. Stell dich nicht so, als ob du noch nie bei So was dabei gewesen wãrestlv Neinv gab ich zurück, cdagegen bin ich entschieden. Er pfiff durch die Zähne.«Tsss. Menschenskind, uns 227 schenkt niemand was, da muß man sich schon dranhalten. Aber wenn du glaubst, es gcht dir die Vergoldung ab, dann schieb für mich Posten dort hinten, und ich küm- mere mich hier schon. v Ich wollte etwas entgegnen, da merkte ich, daß er fort- flitzte. Im gleichen Augenblick wurde die Haupttür wie- der geõffnet. Brausewetters Stimme war zu hören. Er sprach jetzt in völlig verändertem Ton. Derlei unvermeidliche Härten gibt's im Krieg immer, Herr... äh... Rubesch, nicht wahr? ja, Herr Rubesch, um so was läßt sich einfach nicht herumkommen. Das müssen Sie als loyaler Mitarbei- ter von uns ohne weiteres einsehen. Ist natürlich... äh.. kolossal peinlich, daß gerade Sie das Opfer eines solchen Mißverstãndnisses geworden sind, aber wie gesagt... Ich werde selbstverstãndlich beantragen, daß Sie eine Beschei- nigung von der Hauptstelle bekommen, mit ãh... völliger Klarstellung des Sachverhalts. Zum Glũck ist ja nichts Un- reparierbares geschehen, haha. Heutzutage muß eben jeder mal den Kopf für die gute Sache herhalten.v Er kam mit dem Hausherrn heraus. Der hielt sich ein Taschentuch vor den Mund. Seine Nase war zur Seite ge- drũckt und glich einem blutigen Schwamm. (Na, ist gut, Hert Rubesch. Machen Sie sich einen kalten Umschlag und legen Sie sich ins Bett!v Der Kommissar hob Salopp seinen Arm. Der andere erwiderte Brausewetters Hitlergruß mit Prã- zision.«Dürfte ich vielleicht bitten, Herr Kommissarv, stotterte er, cich möchte doch wenigstens etwas zum Schutze... Ich meine, könnte ich nicht etwas bekommen, damit einer Wiederholung vorgebeugt...» (Habe Ihnen schon gesagt, Sie bekommen von der Hauptstelle ein Papier. Das genügt.“ Die letzten Worte verrieten Ungeduld. (Bitte schrly Herr Rubesch knickte zusammen, hob nochmals den Arm und lief geduckt ins Haus zurück. 228 Marofke, Dietz und Klobocznik waren unterdessen her- ausgekommen. Brausewetter wandte sich an den Unteroffizier: Unsere Aufgabe ist zu Ende. Ich prauche Sie nicht mehr. Sie hät- ten übrigens den Mann gar nicht so scharf anpacken mũs- sen... Na, ist gut, ist gut. Heil Hitlerly Er steckte sich eine Zigarre zwischen die Zähne und begann in den Ta- schen nach Zündern zu suchen. Dietæ sprang hinzu und gab ihm Feucr. Parf man fra- gen, Herr Kommissar, was eigentlich passiert ist ꝰv (Ach, irgendeine idiotische Namensverwechslung. Es war gar nicht dieser Rubesch gemeint. Aber das ist nicht so wichtig. Kleiner Schõnheitsfehler bei einer Sonst enorm gelungenen Hauptaktion. Ich kann Ihnen nur sagen..» Der Rest ging in Paffen und Nuscheln verloren. Marofke, in dem es wieder siedete, pfift ungeduldig. Antreten lv brüllte er, Schütze Dietz, soll ich Ihnen Beine machen?... Mir nach, ohne Tritt, marsch!» Er führte uns von dannen, wobei er den Weg so wählte, daß wir nicht mehr an dem Kommiss ar vorbeikamen. 16 Als wir auf der Heimfahrt Chabrun die Geschichte von dem verwechselten Herrn Rubesch erzählten, schien er sie seltsamerweise gar nicht erstaunlich zu finden. (Na, hör malv, meinte Klobocznik, amir ist der Kerl ja vollkommen piepe, aber wenn ich mir vorstelle, er hãtte hops gehen können, weil er zufällig ãhnlich heißt wie ein anderer! (Na, und ꝰversetzte Chabrun, as0 was soll schon vorge- kommen sein. Erinnert euch bloß, wie im Juni vierund- dreißig in München ein Herr Müller mit erschossen wurde, weil er zufãllig im gleichen Hause wohnte wie ein Stan- dartenfũhrer Schmidt, der auf der Liste stand.v 229 Dietz, der neben mir saß und sich ungeduldig die wei- chen Hände rieb, rief:«Das sind ja Weibergeschichten, wenn nicht Argeres. Und überhaupt, es ist bezeichnend, daß Mller und Schmidt deiner Meinung rach verwechselt werden können... Nein, nein, ich weiß schonv, krakeelte er giftig,«der Hert Baron fühlen sich natürlich in seinem Adelsstolz hoch erhaben über den Plebs. Dabei sind es ge- rade die Müllers und Schmidts, die unbekannten Soldaten des Fũhrers. N Leg eine andere Platte einv, riet ihm Chabrun, adie hier wird nachgerade langweilig.v Oho, du kneifstlv Marofke unterbrach den Wortwechsel: Ruhe! Hört ihr nichts? Er legte die Hand hinters Ohr. Durch das Motorengedröhn und Rasseln hörten nun auch wir einen besonderen Klang— rauh, klagend und doch auch melodiõs. Ich brauchte einige Sekunden, um zu erkennen, daß es Gesang war und was gesungen wurde: das Kde domov muj'— die seit dem Heydrich-Attentat verbotene volksliedhafte Nationalhymne der Tschechen. Im gleichen Augenblick Sagte auch Dietz: Das sind die Verhafteten im vorletzten Wagen. Sie singen das Dreck- lied. Wie können die Begleitmannschaften 80 was zulas- sendv Was liegt schon daran? meinte Klobocznik, alaß sie doch singen. Morgen oder übermorgen machen sie sowie- So die K lappe nicht mehr auf.v Dietz widersprach heftig:«80 zu denken ist unzulãssig. Mitgefühl gegenüber einem Feind oder auch nur einer nie- deren Rasse wird zum Verbrechen am eigenen Volk.v Was heißt denn Mitgefühl? Wir verbinden den Scha- fen ja auch nicht das Maul, wenn sie zum Vichhof gefahren werden. Sollen die Kerle sich doch heute noch heiser brül- len, wenn's ihnen Vergnügen macht!v (Falsch, falsch, falsch!v krähte Dietz. In seinen Augen 230 flackerte ein trũbes Feuer. Es war klar, daß er weder Thea- ter spielte, noch auftrumpfen wollte, sondern aussprach, was er fühlte und woran er glaubte: Das sind altmodische Begriffe. Heutzutage genügt es nicht, dem Gegner jede Kraft ⁊um Widerstand zu nehmen. Wenn wir unseren Fühe rungsanspruch wirklich restlos anerkannt schen wollen- mũssen wir bei den andern auch die leiseste Hoffnung aus- rotten, daß es für sie eine Wahl gibt zwischen bedingungs- loser Unterwerfung und irgendeinem chrenvollen Unter- gang. Nein, sie müssen schen, daß es nichts gibt, bloß ab- solute Unterordnung unter den Willen der höheren Rasse, oder ruhmlose Insektenvertilgung. Das ist nicht Willkür, das ist Serechtigkeit. Das Recht des Stãrkeren ist auch das stärkere Recht. Und der Herrgott marschiert nun mal nur mit den stãrkeren Bataillonen. Er schwieg, ganz ausgepumpt. Niemand sonst Ssagte ein Wort. Die Nacht schien dichter und kãlter zu werden. Es gab einen Halt. Der Gesang stieg jetzt laut, orgelnd empor: Kde domov muj? Wo ist mein Heimatland? Doch es war nicht mehr eine sanfte Klage, es war eine Forderung, eine grimmige Verheißung. Neben unserem Wagen tauchte ein junger SS. Offizier auf und befahl: ¶Alles runter! Im Laufschritt nach hinten! Wãhrend wir unter der Fũhrung Marofkes, der noch ein paar hastigeWeisungen von dem SS. Offizier erhalten hatte, dahinrannten, schlug uns heiseres Gebrüll, das Krachen von Kolbenstõßen, Kchzen und Stöhnen, immer wieder vermischt mit Fetzen des, Kde domov muj⸗ entgegen. Ich fühlte eine dumpfe Aufregung in mir rumoren. Der Ge- danke, einen Fall vorzutäuschen und auf diese Weise zu- rückzubleiben, zuckte mir durch den Kopf. Aber Dietz hielt sich zu dicht an meiner Seite, als ahne er etwas, und da verließ mich der Mut. Auch wurde ich von einer uner- 231 bittlichen Gewalt weitergetrieben, einer Art dũsterer Neu- gierde nach dem Grauen, wie ich sie schon als Junge mancht mal beim Anblick des Messerstoffel, eines riesenstarken Halbidioten, verspürt hatte, der mit gezückter Garten- hippe hinter uns herstürzte, wenn wir ihm: Kille, killelv zuriefen. Die letzten Wagen der Kolonne hielten in der Nãhe eines Lehmbruchs, der von ihren Reflektoren beleuchtet wurde. Das scharfe, bläuliche Scheinwerferlicht gab der Land- Schaft etwas Mondkraterhaftes und ließ alle Bewegungen verzerrt erscheinen. Zuerst sah ich nur ein brodelndes Durcheinander von menschlichen Gestalten. Dann begann ich, prügelnde SS. Mãnner und geprũgelte Gefangene zu unterscheiden. Poch pevor sich die Eindrücke ordnen konnten, ertönte ein Trompetensignal. Die S8. z0g sich von den Gefangenen zurück, die nun— aneinandergedrängt wie eine Herde Schiffbrüchiger— allein in der Mitte des Lehmbruchs zu- rũckblieben. Sie hatten bisher immer noch versucht, ihr Lied weiterzusingen. Jetzt verstummten sie. Eine mit Dy- namit geladene Stille breitete sich aus. Mörder lv schrie plõtzlich einer der Gefangenen. Fast im gleichen Augenblick wurde von unseren Offizieren und Unteroffizieren Schießen ly kommandiert. Ich bekam von Marofke einen Rippenstoß. Neben mir feuerte Pietz schon. Auch die anderen feuerten wie rasend. Mir schlugen die Zähne aufeinander; ein roter Nebel verschleierte meine Augen; die Hãnde waren wie von Holz... aber sie hielten das Gewehr im Anschlag, sie drückten krampfhaft ab, sie luden nach und drũckten wieder ab, bis Feuer einstellen l* befohlen wurde. Von den Gefangenen stand kein einziger mehr da. Sie lagen wirr übereinander, ein gräßlicher Haufe regloser Kõrper. Aber mit einemmal sprang aus diesem Haufen eine Stimme auf, eine dũnne, beinahe kindliche Stimme. Rõ- 232 chelnd und offenbar mit dem Aufwand der letzten Kraft sang sic das, Kde domov muj? zu Ende. Schießen 1v prüllte ein SS.-Offizier. Apber diesmal feuer- ten nur die Schwarzen. Die weitere Fahrt verschlief ich. Klobocznik rüttelte mich wach, als wir vor unserem Quartier anlangten. Wir gingen nicht auf die Stube, sondern setzten uns gleich in die Kantine. Auf Dietzens Rechnung wurde Schnaps her- angeschafft. Ich trank und trank, eine ganze Flasche. Es gelang mir nicht, wie ich wollte, sinnlos petrunken zu wer- den; aber ich ersãufte das Bild des Lehmbruchs und ich er- sãufte das Lied, das Sanfte und doch fürchterliche Lied. Wenn sich in der Folge die Erinnerung daran meldete, redete ich mir ein, daß keiner meiner Schüsse getroffen habe. Und bald glaubte ich es auch. 233 VERRTER TEIL. — Saß am Tisch, die Schultern hochgezogen und die Arme schlaff herunterhängend. Er starrte auf seine Stahlbrille, die er vor sich hingelegt hatte. Sein Gesicht wirkte nackt und hilflos; es gemahnte an einen schrumpelig gewordenen Bauernapfel. Zuerst wollte Scelke nicht mit der Sprache heraus, doch Kloboczniks Hecheleien lõsten ihm schließlich die Zunge. Er begann zu raunzen. Es war ihm nicht gelungen, die be- Schlagnahmten Wurstwaren zurückzuerlangen, wie er ge- hofft hatte. Der Leiter des Uberwachungsamtes mußte, nach Scelkes Parstellung, auf Soldaten besonders schlecht 2u sprechen sein; er hatte nicht nur die Herausgabe der Konterbande glatt verweigert, sondern war Scelke auch mit allerhand Drohungen gekommen. Auch schien sich zu allem Uberfluß die Polizei in die Sache einmischen zu wol- len. Kurz, der Karren war heillos verfahren, und die Aus- sichten, ihn aus dem Dreck zu zichen, schienen miserapel. Und weil Pech niemals allein kommt, hatte Seelke auch noch einen Brief von seiner jüngsten Schwester Kathrin, aus Hannover, gekriegt, mit der Mitteilung vom Tod ihres Mannes, der erst vor kurzem aus Belgien nach dem Osten geschickt worden war. Zusammen mit den vor Sebastopol GSofallenen machte das nun vier Heldentode in knapp zwei Monaten etwas happig für eine mittelgroßße Hamilie, selbst in Blitzkriegszeiten. 237 Seelke verzog bei dieser Bemerkung sein Gesicht zu ei- nem trübseligen Grinsen; es sah aus, als verbeiße er ein Zahnweh. ¶Ja, und nun verlangt die Kathrin auch noch, ich soll die Traueranzeige für ihren Hermann aufsetzen?, fuhr Seelke in seiner Jeremiade fort, adabei hab ich den Menschen nie verknusen kõnnen. Aber so ist sie nun mal, die Kathrin, im- mer brockt sie mir was ein. Pas fing schon ganz früh an, als sie noch im Wagen lag und ich auf sie aufpassen mußte; da schmiß sie regelmãßig die Flasche hinaus, sowie ich nur wegschaute, und ich kriegte nachher natürlich die Senge. Na, und spãter in der Schule! Immerzu mußte ich zum Di- rektor und für Kathrin um Gnade betteln, weil sie ja doch eine elternlose Waise war. Aber das richtige dicke Ende kam doch erst vor ihrer Heirat. Der Hermann hatte sie verführt, aber wie er sie dann ehelichen sollte, erklärte er plõtzlich: Iot ja ganz außer Frage, ich führe nur eine unbe- eckte Jungfrau heim. Da lacht ihr, was? Aber ich kann euch sagen, mir war nicht zum Lachen. Damals hatten es die Mãdchen nicht so leicht wie heute, wo sie einfach ein Staatskind zur Welt bringen, und niemand fragt nach dem Vater, ja es gibt womöglich noch eine Prãmie von wegen der võlkischen Rassenpolitik. Ja, das gab es nicht, und der Hermann konnte von mir noch tausend Mark erpressen, glatt erpressen, der saubere Hecht; und das Schönste dar- an War, daß die Kathrin ihn nicht einmal mehr mochte. Aber das Kind mußte ja doch einen ehelichen Vater krie- gen; s0 hab ich eben die Zãhne zusammengebissen und ge- blecht. Meine ganzen Ersparnisse sind draufgegangen und dreihundert hab ich noch bei der Vorschußkasse borgen müssen. Dabei war's nachher dann eine Totgeburt. Und wißt ihr, was der Kerl von meinen tausend Märkern ge- kauft hat? Eine Herrenzimmereinrichtung, türkisch, mit Rauchtisch und orientalischen Polstern. Na, die Herrlich- keit hat nicht lang gedauert. Schon nach einem Dreivier- 233 teljahr ließ der Hauswirt meinen Hermann wegen Miets- rũckstand exmittieren, und das Türkenzimmer stand im kRegen auf der Straße. Aber so war er nu mal, der Her- mann, immer hoch hinaus. Auch jetzt wieder. Einfach er- Schossen hätte ihm nicht genügt. Nein, er muß auf ein er- beutetes Pferd klettern, der Gaul haut ab, mitten in ein rus- sisches Minenfeld. Tja, was soll ich euch sagen? Von Roß und Reiter ist nicht soviel übriggeblieben, wie unter einen Fingernagel geht. v Scelke seufzte, setzte sich die Brille auf und nahm den Brief der Schwester nochmals vor.«Und nun soll ich die Traueranzeige für den Hannoverschen Ku- rier zusammenstellen! Was Würdiges und Rührendes und Vaterlãndisches will sie haben. Drei Wochen lang kann ich mir's überlegen, weil die Zeitungen jetzt nur zehn solche Anzeigen pro Tag pringen drfen, und da kommt ihr Her- mann frühestens Mitte August dran.v Er seufzte wieder und schüttelte sich. Drei Wochen lang immerzu an den Hermann denken, nein, danke!v Seelke stand hastig auf, holte aus seinem Spind Feder, Tinte und einen Schreibblock, riß ein Blatt ab, linierte es, malte auf die oberste Linie das Wort„Traueranzeige“ und z0g darum einen genau gezeichneten Schnörkel. Dann be- gann er an seinem Federhalter zu nagen. Mehrere Male Sctzte er zum Schreiben an, steckte den Federhalter jedoch immer wieder, ohne einen einzigen Strich getan zu haben, zwischen die Zähne zurück. Schließlich schob er das Schreibzeug mit einer Gebärde des Ekels von sich.(Nein, hol mich der Teufel, ich bringe das nicht zuwegelv Er fuhr sich mit beiden Hãnden in die graue Igeffrisur. Sein Blick suchte Pietz, der sich ihm neugierig gegenüberge- setzt hatte, jetzt jedoch den Uninteressierten mimte.«Hör mal, Windhund, du könntest mir da eigentlich helfen. Dir macht so'ne Schreiberei doch nichts aus, du bist sowieso ein halber Schriftsteller.v So sichste aus!y gab Dietz in hochnäsigem Ton zu- 239 rück, anein, mein Lieber, dafür bin ich mir denn doch zu gut.» Klobocznik, der mit einem großen Messer die Nãgel an seinen zusammengedrückten platten Zehen beschnitt, un- terbrach sich in dieser Beschäftigung und rief:«Na, laß dich nicht so bitten. Um Klahdes Nachruf hast du dich ge- rissen.v Das war auch ganz was anderes. Da ging es um eine höhere Sache. v Parauf wußte Klobocznik nichts zu erwidern. Krgerlich fuchtelte er mit dem Messer herum. Da mischte sich Chabrun ein.«Geht's denn hier nicht auch um was Hõöheres d» fragte er gedehnt. cIch verstehe wirklich nicht, wie du Seelke deine Hilfe verweigern kannst, wo die obersten Parteistellen immer wieder beto- nen, wie entscheidend richtig abgefaßte Traueranzeigen den Zustand der Moral im Hinterland beeinflussen kõnnen.v cIch weigere mich ja nichtv, versicherte Dietz eilig. Er ãugte scharf zu Chabrun hinüber, wohl um herauszufinden, ob dieser im ernst oder ironisch gesprochen hatte. Aber Chabruns Miene verriet nichts. So fuhr Dietz schnell fort: ¶ch meine nur, nachgerade mũßte jeder Volksgenosse und besonders jeder Wehrmachtsangehörige imstande sein, mit ein paar schlichten Worten auszudrücken, was unsereins bei der Mitteilung eines Soldatentodes zu empfinden hat... Na, aber gib her, Seelke! Ich will dir ein Konzept machen. v Er ließ sich den Brief geben, las ihn durch, strich mit einem Bleistift mehrere Stellen an und fragte dann in wichtig- keitsgeladenem Ton, als nehme er ein Protokoll auf:«Dein Schwager war Stabsgefreiter dv (Jalv ¶Nationalsozialist ꝰv Das will ich meinen. Blockwart in der Partei, und bis zum Krieg auch SA.-Mann, und Zahlstellenleiter im Reichshandwerksbund. v 240 Irgendwelche Auszeichnungen dv ¶Ja. Duldsamkeitsorden und natürlich die Frostmedaille, von meht weiß ich nicht.v Na, das genũgt auch. Wollen mal sehnv Dietz prachte einige Zeilen zu Papier, überflog sie mit selbstgefälligem Lächeln, wandte sich schließlich wieder zu Seelke: cSo, da hätten wir die Sache.v Scelke wollte nach dem Papier greifen, aber Dietz gab es nicht her. Laß nur, ich will's erst mal vorlesen.v Er rãusperte sich. Hem, also: Traueranzeige. In heldenhaf- tem Pinsatz für Führer und Reich fiel in den siegreichen Verfolgungskãmpfen im Osten der Vater meiner Sõhne, mein Gatte, Parteigenosse Hermann Paulicke, Stabsgefrei- ter in einer Minensuchkompanie, Träger der vierjãhrigen Dienstauszeichnung und der Ostmedaille usw.... Sein Name leuchtet in unvergãnglichen Lettern auf dem Ehren- Schild Großdeutschlands. In stolzer Trauer: Katharine Paulicke, geborene Seelke, samt Söhnen Adolf Eberhard und Horst Hermann. v Pietz blickte von dem Schreibblock auf. Nun, wie fin- dest du'sd... Halt, da fällt mir gerade noch was ein! Hast du nicht gesagt, daß deine Schwester in der Kriegsopfer- fürsorge arbeitet? Da můßte sie eigentlich noch was Ker- niges zum Schluß hinzufügen. Und ich hab's auch schon. Wie alt sind die ⁊wei Jungen?v do fünf und vier Jahre. Die Buben sind spãt gekommen. v Fünf᷑ und vier. Das paßt ausgezeichnet. v Pietz kritzelte noch etwas unter das bereits Geschriebene. ¶Ja, es heißt jetzt also: in stolzer Trauer usw., folgen die Namen, und dann: Schlaf wohl, mein Hermann, die Jungen spielen Schon Soldat. Na?v Scelke nahm das Papier entgegen; holte aus seinem Bril- lenfutteral ein Lederlãppchen, mit dem er sorgfãltig die Glã- ser blank rich; und las mit bekümmert prüũfendem Aus- druck, was Dietz geschrieben hatte. 16 241 Naa d» wiederholte dieser ungeduldig. Scelke õffnete zõgernd die zusammengekniffenen Lip- pen. ¶Ich danke dir schr. Ich glaube schon, daß es der Kath- rin recht Sein wird.v Der Kathrin? der Kathrin! Wie es dir gefällt, will ich wissen lv Seelke trat von einem Bein aufs andere. Natürlich, na- tũrlich. Wie soll mir's gefallen? Schr gut.v Maurer, der wieder einmal seine Türmchen aus Streich- hölzern baute, brach in lautes Lachen aus. aIch würde dir schon raten, Seelke, ein bißchen mehr Begeisterung zu zeigen. Sonst ruft Dietz am Ende seinen Kommissar von der Gestapo an. v Pietz wollte gereizt entgegnen, besann sich jedoch. In seine Augen schlich sich ein tückisches Glimmen. aKeine schlechte Idee, Maurer, bin dir dafür enorm verbundenꝰ, schnarrte er mit seinem fatalen Lächeln. Er ergriff den Fe- derhalter und führte damit eine Art Fechterbewegung ge- gen Maurer aus. Wirklich keine schlechte Idee, das mit dem Anrufen. Werde dieser Anregung zu gegebener Zcit dankbarst Folge leisten.v Was heißt denn das wieder?» murrte Klobocznik, der mit dem Nägelschneiden fertig war und das Messer am Hosenboden abwischte, dimmer diese Spitzfindigkeiten. Man kommt sich vor wie in einer Talmudschule. Ist es nicht so, Hollerd... Ja, sag mal, warum hörst du immer nur zu, redest nie ein Wort? Das geht doch nicht. Was denkst du dir eigentlich dv Alle blickten mich an. Ich Spürte, wie mir das Blut in die Wangen und Ohren schoß. Meine erste Regung war:«Hin- auswinden, irgendwie hinauswinden!v Ich hörte mich sa- gen: Meiner Meinung nach müssen wir vor allem einig sein. Ein Volk, eine Führung. Ich bin sicher, das ist auch die Uberzeugung von Dietz und von Maurer, nicht wahrꝰ Ich erhielt keine Antwort. Mir war's, als müsse ich ver- 242 gchen, doch da wurde ich durch den Gefreiten vom Dienst gerettet, der draußen rief: Oberschütze Holler, sofort in die Kompaniekanzlei l Oje, Junge, was hast du nur ausgefressen dv greinte Seelke. Wieso denn ausgefressen dv versetzte Klobocznik. (Paßt auf, der Holler hat wieder Hamilienzuwachs gekriegt und fãhrt auf Heimaturlaub.v Aber Seelke fuhr fort zu unken: c)a, mach nur deine Witzchen, Klobo. Ich fühl's richtig in meinen Knochen, daß was verdammt Unangenchmes in der Luft liegt.v Oberschütze Hollerlv wurde draußen von neuem ge- schrien. Jawohlv, meldete ich mich und riß mein Koppel vom Haken, aschon auf dem Wege!lv Der Feldwebel in der Kanzlei Ssagte mir, ich solle mich Sputen, im Zimmer des Kompanieführers sei ein Leut- nant, der dringend nach mir verlangt habe. Von unserem Bataillon, Herr Feldwebel?v (Nein. Und fragen Sie nicht so viel. Nehmen Sie die Beine in die Hand.v Wãhrend ich vor der Tür des Kommandeurzimmers meinen Uniformrock strammzog, merkte ich, wie sich die unangenchm bekannte, saugende Leere in meinem Innern ausbreitete. Der Schweiß brach mir aus. Ich war mir keines Vergehens bewußt und doch empfand ich in diesem Au- genblick ein ungewisses Schuldgefühl. Seelkes Schwarz- scherei, seine Voraussage, daß etwas verdammt Unange- nehmes in der Luft liege, erschien mir nicht mehr lãcher- lich, vielmehr völlig begreiflich und berechtigt. Wenn ich jetzt darũber nachdenke, so wird mir klar, daß ich dieses ungewisse Schuldgefühl, diese Erwartung eines 243 strafenden Schicksalsschlages eigentlich immer in mir trug- immer seit dem Tage meiner Finzichung zum Mili- tär, nein, schon seit meinem Fintritt in den Nationalsozia- listischen Studentenbund. Ich versuchte nie, seinen Wur- zeln nachzuspũren oder sein Wesen aufzuklären; ich nahm es als gegeben hin in einer ähnlichen Weise, wie ich als Schüler beständig darauf gefaßt war, daß etwas in meinem Tun oder Blick oder Pasein den Zorn von Herrn Ober- lchrer Zemlitschka erregen und seinen spanischen Rohr- stock in Bewegung setzen konnte. Erst jetzt weiß ich, daß dieses allgemeine Schuldgefühl in uns mit Absicht erregt und wachgehalten wurde, als Teil eines ausgetüftelten Systems, das ich Kraft durch Furcht? nennen mõchte. Ja, genau so wie sie uns aneinander und an das verruchte System ketteten durch die Untaten, die wir mitbegingen oder mitans ahen und nicht verhinderten,— genau so zwan- gen sie uns zu Gehorsam, Ausrichtung und Disziplin durch jenes immerwährende Gefühl einer Schuld, durch jene ewige Furcht vor einer unberechenbaren strafenden Ge- walt, durch jenen Zustand nie endender Unsicherheit, wie ihn das Führerprinzip mit seiner Willkür und seiner For- derung nach blindem Gehorsam hervorbringt. Als ich eintrat, war der Kompanieführer, Oberleutnant Malzahn, nicht im Zimmer. Auf dem Fensterbrett saß mit abgewandtem Gesicht ein hochgewachsener, hagerer Offi- zier in eleganter Felduniform. Auf meine Eintrittsmeldung hin wandte er sich um und sprang zu Boden. Sein Gesicht blieb im Schatten, auch war die Mtze tief in die Stirn ge⸗ rũckt. Etwas Unbeholfenes lag in seinen Bewegungen; er hatte einen steifen Arm. Rühren lv sagte er leise, und nun erst erkannte ich ihn. Er lachte über meine Verwirrung. Rühren, Oberschütze Holler. Na, das nenn ich aber Abhandensein von jedem 244 Familieninstinkt. Oder hab ich mich so sehr verändert, seit- dem wir uns zuletzt geschen haben?» Es war Gerhard, mein ältester Bruder. Wir hatten uns nie schr nahegestanden. Der Alters- unterschied war zu groß; auch hielt er sich immer zu Lutz, der nur um ein Jahr jünger war, während ich zu den Klei- nen, zu Kurt und Barbara, gchörte und mit ihnen aufwuchs. Gerhard hatte von uns allen die härteste Jugend. Er wollte Bauingenieur werden, aber er konnte nicht zu Ende studieren, weil die Exportfirma unseres Vormunds gerade damals in Schwierigkeiten geriet. Gerhard brachte sich nachher als Bauzeichner, Reisender für Ziegeleien, Turn- lehrer und Kollektor von Abschlagszahlungen fort. Zwi- schendurch war er viele Monate lang erwerbslos, lebte von Gelegenheitsarbeiten oder lag Kameraden auf der Tasche. Seit ich denken konnte, steckte Gerhard, wenn immer es ihm möglich war, in irgendeiner Uniform: in Pfadfin- der- oder Turnertracht, später in der Ordnerkluft mit Windjacke und Bãrenstiefeln, noch spãter im Braunhemd der SA. und schließlich in Feldgrau. Nach seiner schweren Verwundung vor Antwerpen, zu Anfang des Krieges, sah es beinahe so aus, als würde Ger- hard(mit den Leutnants-Achselstücken als Vergoldung) nach Haus geschickt werden. Aber es gelang ihm, bei der Truppe zu bleiben. Für einige Zeit bildete er in einer Hin- terlandsgarnison Rekruten aus, schließlich wurde seinem Gesuch um Versetzung an die Front stattgegeben; er kam zu einer Pak-Batterie in Finnland. Dort vermutete ich ihn auch jetzt, da er so unerwartet vor mir stand. Auf den ersten Blick erschien er mir nur etwas hagerer, als ich ihn vor unserem letzten Zusammen- treffen in R..., knapp vor meinem Abgang zur Balkan- front, in Erinnerung hatte. Bei näherem Zuschen gewahrte ich freilich, daß mit seinem langen knochigen Gesicht eine 24 wesentliche Verãnderung vor sich gegangen war. Früher hatte es eigentlich nur zwei Ausdrucksmõglichkeiten be- sessen: eine Dienst- und eine Außerdienstmiene, grim- mige Entschlossenheit und leichtes, võllig unverbindliches Lächeln. Jjetzt war in seine Züge, die härter geprägt schie- nen, zugleich auch etwas Bewegliches, etwas Unstetes und Wechselvolles gekommen. Lag das an dem dunstigen Leuchten der vorher so matten graugrünen Augen? Oder an den vielen Krähenfüßen, die früher nicht dagewesen waren d Oder an den Falten, die sich von der Nase zu den tief gesenkten Mundwinkeln zogen? Wie dem auch sein mochte, ich sah einen andern Ger- hard vor mir, als ich ihn bisher gekannt hatte, und dieser Eindruck verstärkte sich noch, nach unserem Beisammen- sein, beim Frinnern und Uberdenken. Gerhard setzte mich kurz davon in Kenntnis, daß er sich aut᷑ einer Pienstreise hefand. Er hatte für seinen Truppen- teil Pferde aus Ungarn übernommen und war nun auf dem Rückweg zur Front. Tags zuvor hatte er einen kleinen Ab- stecher nach R... machen können. Nun blieben ihm bis zum Abgang des Berliner Schnellæzuges, mit dem er seinen Pferdetransport einzuholen gedachte, noch drei Stunden, und diese Zeit wollte er mit mir verbringen: bei einem passablen Essen, für das er einige Rohstoffe in seiner un- fõrmig geschwollenen Kartentasche mit sich führte, und bei einem guten Schluck Wein, der sich hoffentlich in die- ser schönen, aber verteufelt abweisenden Stadt würde auf- treiben lassen. Mein Kompanieführer habe mir freund- licherweise bis zur abendlichen Befehlsausgabe dienstfrei gewährt. Also mach dich fertig lv rief Gerhard, nachdem er mich noch schnell einer Musterung unterworfen und ziemlich stramm herausgemacht“ befunden hatte, wir haben nicht viel Zeit, und ich fühle eine leise Regung von gewaltigem 246 Hunger. Laß dir deinen Dienstfrei-Zettel stempeln, und heidil Gerhard fand, ohne lange zu suchen, in der Nähe des alten Pulverturms ein Gastlokal nach seinem Geschmack. Der Oberkellner, ein Deutscher, wurde schnell zugänglich, sowie er ein Pãckchern Tabak von Gerhard zugesteckt be- kam. Er versprach, den Paprikaspeck aus der Kartentasche zur Zubereitung eines zünftigen Rostbratens zu verwen- den und auch eine Flasche echten franzõsischen Wein auf den Tisch zu stellen; ja, er brachte sogar zwei kleine Hum- mer-Konserven— ,kartenfrei, aber überhaupt nicht mehr auf dem Markt zu haben“— zum Vorschein. Der Preis, den er nannte, erschien mir sündhaft hoch, doch Gerhard zi- tierte unseren Onkel Helmut:, Hãätten wir's nicht, so tãten wir's nicht!“ und ließ die Konserven öffnen. (Tja, das Verschwenden gewöhnt man sich draußen im Feld anv, meinte er lachend, und auch die Liebe fürs Fut- tern, fürs exquisite Futtern. Man weiß ja nie, wie oft man noch die Gelegenheit haben wird, zu süffeln und zu prassen, auch wenn man nicht gerade ans kühle Grab denkt. v An der Türe des Lokals hing eine Tafel mit der Inschrift „Nur für Volks- und Reichsdeutsche. Wehrmachtsange- hörige vom Feldwebel aufwärts“. Ich bemerkte sie erst jetzt, als wir uns an einem der kleinen Nischentische nieder- ließen. Gerhard folgte meinem Blick, erhob sich, stelzte zur Türe hin und drehte die Tafel um. Ja, auch das sind Aüren, die man sich erst als altes Frontschwein beibiegtv, erklärte er, noch vor einem Jahr hätte ich so was schwerlich gemacht. Aber heute... Na, lassen wir das. Da kommt auch schon der Braten. Duftet nicht übel! Und da ist der Wein, schau mal an, ein wirk- licher Beaujolais. Bonjour, Mussjöh, wir haben schon frü- her Bekanntschaft gemacht, jaja, das waren noch Tage, anno vierzig, im Hotel Esplanade, unten in Biarritz! Wo 247 — sind die hin, o jerum! Aber was vergangen ist, ist ver- gangen. Los, greif zu, Hans, sonst kommmst du zu kurz! 3 Wãhrend des Essens erzählte Gerhard von seiner Reise durch Ungarn, wo es immer noch ganz weißes Gebäck und viele junge Männer im Hinterland gab und wo man dem deutschen Bundesgenossen offensichtlich nicht gerade un- gemischte Liebe und Treue entgegenbrachte. Darauf wandte sich unser Gespräch R... zu. Gerhard hatte Mutter etwas hinfällig gefunden. Auch Onkel Hel- muts Munterkeit war ihm nicht ganz geheuer erschienen. Es steckt so was Fiebriges, Hektisches dahinterv, meinte er,(vielleicht irre ich mich aber, und der Schüttelfrost sitzt mir in den Knochen, nicht ihm. Na, schön. v Von Anneliese hatte Gerhard nichts geschen, dafür um so mehr gehört, und nicht eben das Beste. Aber da sie ja nicht mehr meine Frau sei, könne man zu einem andern Thema übergehen. Das andere Thema war— Rffi. Serhard schenkte sich ein frisches Glas Beaujolais ein und schnalzte leise, als er die Bemerkung machte, das Mãd- chen habe sich kolossal herausgemacht; ihre Beine seien gefährlich fesch: die reinen Tankfallen, und wenn er nicht bloß einen halben Tag in R... gewesen wäre... Ich beschäftigte mich bei diesen Worten angelegentlich mit einem Knochen, hatte aber die Empfindung, daß Ger- hard mir etwas anmerken müsse, doch er war schon bei Bruder Kurts letzten Briefen, die man ihm daheim gezeigt hatte. Mir schreibt er ja hõchstens mal einen Geburtstags- brief oder er schickt ein Telegramm, aus dem man nichts erfährt. Aber wie ich jetzt seine Briefe an Mutter las, war ich platt. Der scheint ja wirklich noch immer in der glei- chen Hurra-Stimmung zu sein wie in den schönen Frank- reichtagen, ganz fest überzeugt, daß es mit ihm und daß es 248 ¹ ũberhaupt nicht schief gehen kann. Also mir ist so was schleierhaft. Oder flunkert er nur so in seinen Briefen? Aber es sicht mir nicht danach aus. Was meinst du, Hans dv Wir hatten gerade das Dessert, einen rosafarbenen dũnnen Flammeri, hinter uns und er holte aus seiner unerschöpf- lichen Kartentasche eine Flasche und Zigaretten hervor. Die Flasche enthielt ungarischen Pflaumenschnaps, glas- hell und scharf; die Zigaretten mußten vom Balkan her- stammen, der Tabak war süß, stark. Wir tranken und rauch- ten. Gerhard nickte, als ich ihm bestätigte, daß Kurts Briefe allem Anschein nach tatsächlich seine wahre Stim- mung ausdrückten. Ja, der Junge ist mir ein Rãtselv, Sagte Gerhard. Er zer- drũckte seine Zigarette, lehnte sich zurck und schloß die Augen. Ich sah, daß die Schatten unter ihnen in tiefen Hõh- len lagen. Was für ein müdes, vorzeitig gealtertes, ent- täãuschtes, verbrauchtes Gesicht! Es war ein erschreckender Anblick, gemildert nur durch einen neuen— einen mensch- lichen— Zug von Kummer und Vergrübelung. Gerhard schlug die Lider auf, fixierte mich scharf und fragte übergangslos:«Na, wie ist das bei euch hier? Wie scht ihr denn die Aussichten für das Kriegsende? Aber bitte keine Phrasen! Er kniff die Lippen zusammen und faltete die Stirn in starker Konzentration, doch sein Blick ging über mich hinweg. Ich antwortete, daß man sich darüber im Kreise meiner Kameraden eigentlich wenig Gedanken mache. Zumin- desten lasse man wenig darũber verlauten. Natũrlich würde jeder lieber heute als morgen das Ende schen wollen. Aber im übrigen schiebe man eben seinen Dienst und halte die Ohren steif. Also im übrigen hält man die Ohren steif, sosov, wie- derholte Gerhard meine letzten Worte, wohl um zu zeigen, daß er mir aufmerksam gefolgt war. Doch an der Art, wie 249 er es tat, erkannte ich, daß er sich in Gedanken ganz an- derswo befand. Gerhard schwieg eine Weile. Als er von neuem zu spre- chen anfing, fand ich meine Vermutung, daß er mir gar nicht zugehört hatte, bestätigt. Aber nicht nur das. Es wurde mir klar, daß Gerhard weit entfernt war von allem, worũber wir bisher gesprochen hatten; weit entfernt auch von dem, was er selbst frũher gedacht haben mochte. Ich hatte Gerhard immer nur als einen nüchternen, zu- rũckhaltenden, beinahe starren Menschen gekannt, in dem ein fanatischer Glaube an den Fũhrer und an die siegreiche Zukunft des Nationalsozialismus brannte. Ich werde wohl nie vergessen, mit welchem Ausdruck von Hingabe, Ver- bissenheit und Inbrunst Gerhard das Sturmlied sang, als er nach der behördlichen Auflösung der Ordnertruppen, in den bewegten Frũhlingstagen des Jahres achtunddreißig seine Kluft wegpackte; er war zutiefst überzeugt, daß sich die Versprechung des Liedes erfüllen, daß ihm und seinen Kameraden„heute Deutschland und morgen die ganze Welt' gehören werde. Und selbst als sich nach dem ersten Rußlandwinter in seine Feldpostbriefe eine grimme Note einschlich, blieb doch der Unterton unerschütterlichen Glaubens an den deutschen Sieg da, ,auch wenn wir, um ihn zu erringen, durch einen neuen Dreißigjãhrigen Krieg hindurch müßten. Der Gerhard, den ich jetzt mir gegenüber fand, war selt- sam unausgeglichen, eruptiv, voller innerer Gegensätze. Bisweilen schien es mir, als Spreche aus ihm Chabrun. Dann wieder war es der Fabrikant Posselt aus R..., und plõtz- lich hatte er sich in den alten Gerhard zurückverwandelt, in den von keinerlei Zweifeln heimgesuchten, fanatischen Alten Kämpfer. Auch in der Redeweise zeigte sich diese Zerrissenheit: bald sprudelte er die Sätze hervor, ohne sie recht zu beenden, bald wieder war es, als halte er einen abgewogenen, sorgfãltig vorbereiteten Vortrag. 250 Er begann mit Andeutungen über die Wirkungen des Winterfeldæugs. Seiner eigenen Batterie war es verhãltnis- mäßig wohl ergangen: die finnische Front hatte keine Ver- ãnderungen erfahren, man war im geräumigen Keller eines großen Bauernhauses vor der Kälte und den russischen Granaten gut geschützt gewesen. Aber Gerhard hatte auf einer Fahrt zum Heeresgruppenkommando von Bock ei- nen Teil des Rückzugs vor Moskau geschen, und im Früh- jahr war bei der Batterie Ersatz eingetroffen, der vorher an anderen Frontabschnitten gestanden hatte. Gerhards persõnliche Beobachtungen und das, was die Neuankõmm- linge erzählten, hatten ihm ein genügend klares Bild von den Schrecken der weißen Hölle gegeben. Doch was Ger- hard offenbar beunruhigte, tief beunruhigte und aufwühlte, war nicht die Tatsache des Fehlschlags vor Moskau und des darauf folgenden fürchterlichen Rückzugs in Fis und Schnee(die deutsche Wehrmacht hatte schließlich auch ohne Vorbereitung und trotz den scheinbar unũbersteig- baren Schwierigkeiten die Lage wieder ins Gleichgewicht gebracht), nein, das Unfaßbare war, daß die Führung einen Winterfeldzug ũberhaupt nicht vorgeschen hatte. Wie ist s0 was nur mõglich dv Gerhard wiederholte diese Frage mindestens ein halbes dutzendmal.«Also das über- steigt meinen Verstand.v Und da gab es noch einen anderen wunden Punkt. Seit diesem Winter war mit der Armee, ja mit dem ganzen Krieg irgend etwas vorgegangen, etwas wie eine, nun ja, eine Verhexung. (Nimm diese Leute vom Ersatzv, führte Gerhard seine Betrachtungen weiter aus; er hatte eine Papierserviette er- griffen und begann sie zu zerfasern, asie sind an eine ruhige Front gekommen, zu einer noblen Waffe. Na, und wenn ich auch ein hundsmäßig scharfer Vorgesetzter bin, s0 habe ich doch auch ein Herz für die Mannschaft. Aber die Kerle schleichen immer so herum wie... dabei meckern 251 sie nicht etwa, sie sind bloß so vertrackt still. Doch das nur so nebenbei. Worauf mir's ankommt, ist das hier: frü- her war unser ganzes Dasein genau geregelt, auch im Krieg, nimm nur die Feldzüge der ersten zwei Jahre, da ging alles wie nach dem Fahrplan. Die Züge flitzten nur 8o ab und kamen an, pünktlich, streng vorschriftsmãßig. Dann, in diesem letzten Winter, gab es einen Knacks, und seither ist alles irgendwie aus den Fugen. Auf nichts kannst du dich mehr verlassen. Alles ist durcheinander: die Ge- Schwindigkeiten, die Fahrzeiten und die Richtungen. Gott- verdammich, man hat immerzu das Gefühl, in einem von diesen Zügen ins Blaue? zu sitzen, wie man sie früher zu Weihnachten und Ostern hatte,— nur ist es kein Vergnü- gungsunternehmen mehr; das Blau sicht verdammt nach Schwarz aus, und überhaupt könnte man an einen Expreß ohne Bremsen und ohne Endstation denken. Das heißt, nur wir Passagiere haben keine Ahnung, wohin die Reise geht.» Gerhard unterbrach sich, sichtlich erschreckt von seinen eigenen Worten. Es mochte das erste Mal sein, daß er halbe Gedanken zu Ende gedacht und formuliert hatte. Er zer- knüllte die Reste der Papierserviette, schenkte für sich und mich neu ein. (Ubrigens, wenn du vielleicht glaubst, ich sei nicht mehr mit Leib und Seele bei der Sache, dann hast du dich ge- schnittenv, sagte er nach einem schrägen Blick über sein Schnapsglas hinweg; cich bin immer noch der Alte. Und im Vertrauen, Hans, es gibt nichts Größeres, als Offizier der Großdeutschen Wehrmacht zu sein, eine Truppe zu führen, eine kriegsstarke Batterie zum Beispiel. Nein, es gibt nichts Größeres als deutscher Offizier zu sein, seinen Mannschaften vorzuleben und, wenn nõtig, vorzusterben, aber davon wollen wir nicht reden. Und natürlich gilt im- mer noch das Wort vom Mlten Fritz, daß der Geist einer Armee in ihren Offzieren sitzt, und daß die Unteroffiziere 252 das Knochengerüst sind. Ja, und gottverdammich, der Geist und das Knochengerüst haben noch ihre eiserne Kon- stitution, auch wenn ihnen das letzte blutige Jahr tüchtig zugesetzt hat. Mit den Soldaten mag es zum Teil anders ausschauen, das gebe ich zu. Unter uns gesagt, ich bin da- von sogar überzeugt. Vbrigens weißt du das selbst so gut wie ich, Hans. Aber die Soldaten werden nichts tun. Sie kõnnen ruhig die Nase voll haben und sich wünschen, daß es bald vorbei sein soll,— sie werden trotzdem weiter kämpfen, ganz verbissen, und zähe, so wie es von ihnen verlangt und erwartet wird. Die Welt macht sich ja keinen Begriff davon, wieviel Disziplin und Geduld in unserem deutschen Soldaten stecken. Und dann glaube ich, daß nach allem, was geschehen ist, auch in den dumpfesten Schãdeln die Gewißheit sitzt: wir müssen durch zum Sieg, oder wir haben allesamt elendiglich zu verratzen. Nein, sichst du, der Gedanke an einen neuen Winterfeldzug, oder auch zwei und drei, schreckt mich nicht. Was mich seit einer Weile beschäftigt und gewissermaßen drückt wie ein, haha, schlecht sitzender Stiefel, ist was anderes. Ich habe jetzt manchmal so einen komischen Traum. Man soll an Träume nicht glauben. Gewiß, aber... naja, also ich sche da immer wieder eine Sache, die ich mal in Wirklichkeit beobachtet habe: bei einem Gewitter ist ein Bach aus seinen Ufern ge- treten und hat einen großen Ameisenhaufen über- schwemmt. Im Traum sehe ich nun die Ameisen ins Was- ser marschieren und wegtreiben, immerzu ins Wasser mar- chieren und wegtreiben. Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich denke, daß sie Passagiere ins Blaue sind, oder ins Schwarze. Aber das Verrückte daran ist, daß ich solche Ge⸗ danken kriege. Als Offizier und Nationalsozialist steht na- tũrlich alles ganz klar und eindeutig vor mir. Wenn nötig, wird eben ein Befehl gegeben, und wir führen den Befchl aus, einerlei, was mit uns persönlich geschicht. Das hat seine stählerne Logik. Aber dann, auf einmal, erwischt 253 mich so ein eigentümliches Gefühl am Wickel, und mir ist, als wäre ich eben nicht nur Offizier und Nationalsozia- list. Und dann frage ich mich zum Beispiel, ob wir noch den Himmel stũrmen wie früher oder nur noch vorwärts- getrieben werden, weil es kein Aus noch Ein mehr gibt. Ich habe mal auf der Hochschule in einem von diesen jů- dischen Büchern etwas über Bewußtseinsspaltung gelesen, und gottverdammich, ich bin manchmal versucht... So was ist natürlich unmõglich, glatterdings unmöglich für einen Leutnant und Parteigenossen von der Alten Garde... Aber unmõglich oder nicht, sie ist da, diese idiotische Spal- tung. v Er versank in Schweigen. Es verging eine Viertelstunde, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Ich sah plõtzlich, daß die Ränder der Narbe an Gerhards Kopf rot hervor- traten, wãhrend sie vorher kaum sichtbar gewesen waren. Ja, er war alt. Als merke er etwas von meinen Betrachtungen, wischte Serhard sich mit der Hand ũber die Stirn und begann von neuem: aIch habe da bei meiner Batterie einen Unteroffi- zier, einen ãlteren Mann, von Beruf Geigenbauer. So einen Stillen im Lande, der sich gewissermaßen einspinnt in seine Sonderbaren Gedanken. Im vergangenen Winter, wenn wir eingeschneit waren, hat er ab und zu was aus den Bũchern vorgelesen, die er immer mit sich herumschleppt. Da war eine Stelle aus Hamlet darunter... Shakespeare gehört schließlich zur germanischen Literatur... also die Stelle hat auf uns alle einen besonderen Eindruck gemacht. Wir haben noch oft darũber gesprochen. Sie geht ungefähr so: „Von der Tafel der Erinnerung will ich weglöschen alle tõrichten Geschichten, aus Büchern alle Sprüche, alle Bil- der; die Spuren des Vergangenen, welche die Jugend da eingeschrieben, und Beobachtungen!“ Ah was, Dummhei- ten, Dummheiten. Es ist selbstverständlich nur der Gra- 24 natsplitter von Antwerpen, der mich manchmal spinnen läßt. Wenn man eine Silberplatte im Schädel trägt, muß man schließlich dem Hirn ein paar kleine außerdienstliche Sprünge erlauben, nicht wahr? Denn im Dienst, Herr, bin ich hart und kalt und verdammt zurechnungsfähig wie ei- nes von unseren Siehen-fünfzehntel-Pak-Geschützen. Da kannst du dich pei meinen Kanonieren erkundigen, Freund- chen.» Gerhard hatte bei den letzten Worten einen Blick auf seine Uhr geworfen und schnellte auf. Er winkte den Kellner heran, zahlte, ließ einen Zehnmarkschein als Trink- geld zurück und wandte sich zum Gehen.«Komm, Hans. Und vergiß, was ich da vorhin geschwefelt habe. Lauter verrücktes Zeug. Oder vielleicht war's der Zwetschgen- schnaps. Nächstens, wenn wir zusammenkommen, bring ich echten russischen Wodka mit, aus Moskau oder Tiflis. Apropos Tiflis, dort dürfte Kurt mir wohl zuvorkom- men, der ist zur Armeegruppe Manstein versetzt worden, das ist die Kaukasus-Armee. Habe ganz vergessen, dir das zu erzählen. Von Kurt weiß ich's auch, daß Tiflis eine Art Klein-Paris ist, in bezug auf das Alkoholische und auch das ewig Weibliche, haha. Na, auf Wiedersehn, mein Junge. Ich glaube, du mußt zurück ins Quartier, und überhaupt, ich habe Bahnhofsbegleitung nicht gern. Heil Hitler, Sieg- heil!v Er hatte mir die Hand gedrückt, war dann mit einem Ruck völlig offiziell geworden. Ich salutierte. Er dankte zackig. Ich schaute ihm nach, wie er mit den schnellen, wippen- den Leutnantsschritten die Treppe vor dem Lokal hinun- terschritt. Aut᷑ dem Gehsteig trat ein rundlicher Mann in Lodenan- zug, mit dem Hakenkreuzabzeichen der Volksdeutschen, auf Gerhard zu, hob den Arm und schlug die Hacken zusam- men. Aus seinen Gesten und der Art seines Dienerns schloß 255 ich, daß er zu jenen geschäftstüchtigen Volksgenossen ge- hörte, die Schleichhandelsgeschäfte mit Urlaubern von der Front machen. Wahrscheinlich bot er Gerhard Prager Schinken gegen Tabak oder etwas Ahnliches an. Gerhard schien zuerst nicht zu begreifen, was der Mann wollte. Pann wurde er steif. Sein mageres Gesicht ver- dunkelte sich. Er legte die Rechte auf seine Revolver- tasche und knarrte:«Unerhörte Zumutung, das! Sind wohl ganz verrückt geworden, Mann? In einer Zeit wie in dieser.. Werde Sie abführen lassen. v Doch der feiste Mann war unterdessen schon mit einer Geschwindigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, um die nächste Ecke verschwunden. Gerhard lachte ärgerlich, rũckte die Revolvertasche zurecht und marschierte ab— gerade, schlank, sauber wie ein frisch gegossener Zinnsol- dat. Ich hatte ein leichtes Schwindelgefühl. Aber das war der Schnaps, nur der Schnaps, ader ungarische Pflaumen- Schnaps, aus süßen Zwetschgen und nicht aus Raps.v Ich wiederholte den albernen Singsangvers so lange, bis mein Kopf leer war, ganz ausgefegt wie nach einem Rausch. 4 Ich kam eine gute halbe Stunde vor der Befehlsausgabe ins Quartier zurũck. Auf der Kohlenkiste neben der Türe zur Kompanie- kanzlei hockte mit rundem Rücken Seelke, und drehte die Daumen ineinander. Er schaute erst auf, als ich vor ihm stehen blieb. Hinter den ovalen, stahlgefaßten Brillenglã- sern, die ganz gegen alles Herkommen von Schmutz und Staub beschlagen waren, flackerten die kurzsichtigen Au- gen stumpf᷑ und hoffnungslos wie Totenkerzen. Ich mußte an Beowulf denken, den fetten traurigen Hamster, den Kurt einmal in den Schuſferien gefangen und mehrere Wo- 256 chen lang in einer vergitterten Eierkiste eingesperrt gehal- ten hatte, um ihn zu zähmen und abzurichten. Das Tier war schließlich durch das Gitter entwischt— zur Genug- tuung Barbaras, die übrigens an dem Entweichen nicht ganz unbeteiligt sein mochte, und zum großen Arger von Kurt, in dessen Augen die Flucht Beowulfs und das Ver- halten Barbaras nichts anderes als schnõde Undankbarkeit und Treulosigkeit darstellten. Bei der Erinnerung daran kam mir das Lachen. Um auch Seelke etwas aufzuheitern, fragte ich ihn scherzend, ob er Schon gute Nachrichten von seinen beschlagnahmten Wür- sten habe. Er stierte mich zuerst verständnislos an und machte, als ich meine Frage wiederholte, eine Handbewegung, als wolle er ein lãstiges Insekt verscheuchen. Es war klar, er hatte keine Lust zu einer Unterhaltung. Schon wollte ich weitergehen, als Scelke mit einemmal aus seiner Apathie erwachte und mich am Krmel festhielt. Warte mal, Holler, bleib. Setz dich doch her zu mir!» Er vergewisserte sich mit einer ängstlich lauernden Miene, daß sonst niemand auf᷑ dem Korridor war, und fuhr in ge- dãmpftem Stimmfall fort: Es ist nãmlich so, ich muß mich mit jemand aussprechen, aber es bleibt unter vier Augen, dein Wort darauflv Seelkes Gehaben, besonders die pathetische Betonung, die er Seinen letzten Worten gab, stachelte meine Neugier an, schien es doch wieder einmal sein zweites Ich offenba- ren zu wollen: den Nachtigallentriller in der Unterbeam- tenseele, das Veilchen in der Lõwengrube. Auch versprach ein Herzenserguß Seelkes Ablenkung von den zudringli- chen Gedanken über das Zusammensein mit Gerhard und über mich selbst=- und Ablenkung war das Heilmittel, das ich damals immer suchte, wenn ich die Fragen, die sich mir aufdrãngten, nicht in einer harmlosen, leichten Weise 15- sen konnte. Nicht umsonst fand sich unter meinen Tage- 1 257 buchaufzeichnungen aus jener Zeit ein von mir verfaßtes Gedicht, worin es hieß: Von dem, was kommt, werd' dir die Wang' nicht blaß, Von dem, was war, werd' dir das Aug' nicht naß! Was suchst du immer? Ist es eine Melodie? Ist es die Liebe, die Gewißheit, oder nur die Ruhd Das Beste ist, du machst die Lider zu Und schlãfst. Dann schlãft auch sie, Die große Unrast der Gedanken, ein. Ja, schlaf und lach und trink, Und laß das Denken sein... Ich gab Seelke bereitwillig mein Wort, alles geheimzu- halten, was er mir anvertrauen würde. Er nahm mein Ver- sprechen mit ernsthaftem Nicken entgegen, verzog sein Jungengesicht, dessen Apfelbacken in den letzten Tagen ihre rosige Farbe eingebüßt hatten, zu einer wehleidigen Grimasse und ũberraschte mich mit der Frage, ob ich wisse, was ein Pochen im Weisheitszahn bedeute. Ich sprach die Vermutung aus, daß es Zahnweh an- kündige. Seelke ging auf meinen Ton nicht ein. Sein Weisheits- zahn sei ganz gesund und deshalb habe es mit dem Pochen eine besondere Bewandtnis. Es sei für ihn eine Warnung vor bevorstehendem Unglück. Jjetzt glaubst du vielleicht, ich kohle dir was vorv, schloß er, Caber ich kann dir nur sagen, ich habe da meine Erfahrungen, zum Beispiel wie Lindchen damals den schweren Scharlach kriegte oder wie meiner Frau die Erbschaft nach ihrer Tante weggeschwom- men ist.v Und wie war es neulich mit der Bahnhofskontrolle? Hat dich da dein Weisheitszahn auch vorher gewarnt?v Wieder ũberhörte Seelke meinen Spott. Seine Finger, die nie unbeschäftigt sein konnten, knüpften an einem Bind- fadenende herum. Eine eigensinnige Falte erschien zwi- 258 schen seinen borstigen Brauen, die im Gegensatz zu der ergrauten Igelfrisur noch ganz dunkel waren. Ohne den Blick von seiner Knüpferei zu heben, fragte er: Du hast doch studiert, Holler, was? Philosophie, nicht wahrd» Ich erklärte ihm, daß ich zwar in meinem ersten Seme- ster ein philosophisches Kolleg besucht hatte, daß aber nach Finführung der neuen Studienordnung für Lehramts- kandidaten anstelle der Philosophie Deutschkunde und Eu- genik eingeführt worden seien. Aber wahrscheinlich meine er unter Philosophie ohnchin etwas aus dem Gebiet der nationalsozialistischen Lehre, und da sei wohl Dietz der gegebene Mann. Scelke schüttelte den Kopf; seine Brauen zuckten; die Falte zwischen ihnen vertiefte sich.(Nein, mit Dietz will ich da nichts zu tun habenv, erklärte er mit Nachdruck, (und ich habe auch das... nu, eben das Höhere im Auge, die Philosophie... zum Beispiel, wenn die Frage entsteht, was nun das richtige Recht ist, im Falle, daß nãmlich zwei verschiedene Rechte aneinander geraten... Herrgott, ich wollte, ich hätte deine akademische Bildung, bei mir hat's leider nur zur Mittelschule gereicht, immerhin hat auch un- sereins das gewisse höhere Streben, ach ja. v Er schwieg, rief dann plõtzlich aus: ¶Aber du, du mußt das doch ver- stehn! Er hob seine Augen und schaute mich durchdrin- gend an. Sein Gesicht war start vor Anspannung. In sei- ner Stimme schwang vorwurfsvolle Verzweiflung. Seelke tat mir leid, und zugleich fand ich ihn komisch. Ich antwortete: Du mußt dich schon etwas genauer aus- drũcken.v In einer plõtzlichen Eingebung fügte ich hinzu: WVielleicht gibst du mir ein Beispiel dafũr, was du mit dem Zusammenstoßen von verschiedenen Rechten meinst.v Seelke seufate resigniert. Wãhrend er das Knotengewirr zu entfitzen begann, erläuterte er stockend: Ja, sichst du, wenn wir hier zum Beispiel in Prag unseren Reichsprotek- tor sitzen haben, dann ist das doch deshalb, weil unser 259 Recht das höhere ist, höher als das Recht der Tschechen. Oder wenn das Finanzamt eine Steuererklãrung zu niedrig findet, und dann stellt sich heraus, der Mann hat wen ganz oben in der Partei. Oder wenn... Also, wie ist das nun, wenn ein Familienvater für seine Familie sorgt(und das muß er doch, das will sogar der Führer so haben und die Bewegung, und überhaupt gehört das doch zur Ordnung, nicht*), und noch dazu, wenn so ein Mann darauf sieht, daß niemand Bedürftiger zu Schaden kommt, sondern nur die ranhalten müssen, die's wirklich im Uberfluß haben und denen so'n kleiner Aderlaß nicht schadet... Ich meine, wenn nun denen ihre Rechte und vielleicht auch der Buch- stabe des Gesetzes, wenn die also zusammenstoßen mit dem Recht von diesem Mann und von seiner Familie, ja, was ist denn das hõhere?„ Von neuem richtete Seelke sei- nen ungeduldigen, kummervollen Blick auf mich. Mir begann etwas zu schwanen. Aber das war doch nicht möglich? Ich hatte keine Zeit mehr zu überlegen oder Seelke näher auszufragen. Die Kanzleitüre wurde aufge- rissen, und der Feldwebel schrie heraus:«Seelke! Zum Herrn Oberleutnant, dalli, dalli lv Seelke sprang schwerfällig auf. Es sah aus, als müsse er sich von seinem Sitz losreißen. Bevor er über die Schwelle trat, drehte er sich nochmals nach mir um.«Halt mir den Daumen lv sagte er hastig, mit einem hifflosen Lächeln. Ich bemerkte auf seinem Armel einen großen Gifleck. So etwas wãre unter gewöhnlichen Umständen bei Seelke unworstellbar gewesen. Seine Uniform war immer sauber gebürstet und aufs beste instandgehalten. Wãhrend ich in einer sonderbaren Spannung auf diesen Olfleck blickte, erschien er mir plõtzlich wie das erste braune Mal auf einer Frucht, deren blanke Schale anson- sten nichts von der Fäulnis verrät, die ihr Inneres schon aufgefressen hat. 260 Bei der Befehlsausgabe war weder Oberleutnant Mal- zahn noch der Kompaniefeldwebel anwesend. Auch Seelke fehlte. Wollen wir wetten, daß der jetzt Kattun bezieht von wegen den Würstenꝰ, flũsterte mir Klobocznik zu. Bevor ich antworten konnte, schnarrte Unteroffizier Ma- rofke, der als Rangältester das Kommando führte, sein eStillgestanden v Er holte zwei Zettel aus seinem dicken Notizbuch. Von dem ersten las er die ũbliche Diensteintei- lung für den nãchsten Tag ab; als er den zweiten vornahm, rãusperte er sich bedeutsam, wölbte die Brust noch um ei- niges mehr vor und stellte sich auf die Fußspitzen; dann trompetete er: ¶Alles mal herhõren 1 Soeben ist der folgende Sonderbericht aus dem Führerhauptquartier durchgegeben worden! Der Bericht verzeichnete entscheidende deutsche Siege in Nordafrika und Rußland. Feldmarschall Rommels Afri- kakorps habe Marsah Matruh, die letzte ãgyptische Feste auf dem Weg zum Suezkanal gestürmt. Im Osten sei der Kampf᷑ um Sebastopol endgũltig abgeschlossen, der letzte Rest der Besatzung vernichtet worden. Weiter nõrdlich wurden deutsche Truppen schon jenseits des Don gemel- det, in unaufhaltsamem Vormarsch gegen die Wolga, die einzige noch übriggebliebene Lebenslinie des Sowjetrei- ches,— was Marofke durch besondere Betonung hervor- hob. Er schloß daran seine eigenen Betrachtungen über die Auswirkung der eben gemeldeten Siege. Das Kriegsende zu Weihnachten sei nunmehr sicher. Daran werde auch die von unseren Feinden großmäulig angesagte amerikani- sche Hilfe nichts mehr ändern. Die Geschichte von 1918 wiederhole sich nicht. Diesmal stehe ein nationalsozialisti- sches Deutschland der verjudeten Feindeswelt gegenüber 261 und damit sei quasi die Entscheidung schon von vornher- ein gegeben. Zum Schluß verkündete Marofke, daß zur Feier des Ta- ges eine Extraration Gulasch und Rum ausgegeben und der Zapfenstreich auf Mitternacht verschoben werde. Er war stockheiser, als er endlich das Siegheil auf den Führer als obersten Befehlshaber der Wehrmacht ausbrachte. Das Gulasch war zähe und der Rum verdnnt, doch das konnte unmõglich der Grund von Chabruns Appetitlosig- keit und Schweigsamkeit sein. Dietz schielte wãhrend des Essens mehrmals zu Chabrun hin. Als dieser seine zweite Fleischportion Klobocznik überließ, hielt Dietz es nicht länger aus. Was ist los, Cha- brun? Bei diesen kolossalen Siegen machst du ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter?» Chabrun drückte eine Zigarette sorgfältig zusammen, daß sie die von ihm bevorzugte flache Form erhielt.«Er- stens v, hob er an und pausierte dann, um nach dem Feuer- zeug zu angeln, derstens bin ich leider nicht dort dabei, wo diese Siege erfochten werden, sondern stecke immer noch in der dreckigsten aller Hinterlandsgarnisonen... Ver- zeihung, es liegt mir total fern, der Ehre einer Wehrmachts- garnison nahezutreten. Das Wort dreckig“ hat bloß auf meine persõnliche Lage Bezug.v Er unterbrach sich aber- mals und ließ das Feuerzeug aufschnappen. Dann erst fuhr er fort: Und zweitens habe ich gerade erfahren, daß mir wieder mal eine vorzeitige Erbschaft zugefallen ist.v Klobocznik, der seinen Teller mit einem Stück Brot auswischte, von dem er die Soßetropfen schmatzend ab- schleckte, rief: Mensch, sei doch froh, daß du ũberhaupt was erbst. Mir hat noch mein Lebtag lang niemand einen Knopf vermacht. v Er tat einen letzten Wischer, Schlang das Brot hinunter und leckte sich die fransigen Enden seines rot- blonden Schnurrbarts. Oder ist mit der Erbschaft was faulꝰ 262 Unter dem schweren Augenlid Chabruns glänzte es auf. War es Spott oder eine Träne? Er sagte näselnd, in den Rauch der Zigarette hinein, die er wãhrend des Sprechens im Mundwinkel behielt: Fauld? Nein. Zumindest nicht daß ich's wüßte. Und es liegt auch gar nichts daran, weil ich doch wohl keine Gelegenheit haben werde, diese Erb- schaft anzutreten. Irgendeinmal muß es mir ja schließlich gelingen, wieder ins Feld zu kommen. Trotz den Verbin- dungen von meiner Frau Mama, die ihren Einzigen natür- lich beschũtzen und behalten mõchte,— was übrigens auch abscits von den mütterlichen Gefühlen zu begreifen ist, wenn man sicht, wie unsere preußischen Adelsfamilien dies- mal herhalten. Da, schaut euch nur den Zastrower Anzei- ger an, den mir meine alte Dame geschickt hat! In der gan- zen Spalte Familiennachrichten? nichts als: gefallen, gefal- len, gefallen. Drei Grafen Platen, zwei Twardowskis, zwei Flotows, siebzehn und achtzehn, ein Hagenow, vier Pritt- witze, dann ein neunzehnjähriger Puttkammer und noch ein Dutzend solcher Namen. Das ganze brandenburgische Adelsregister. Auch mein Vetter Isko ist darunter, der letæ- te mãnnliche Verwandte, den ich noch hatte. Ja, die alten Familien scheinen sich samt und sonders ein Rendezvous in der ukrainischen Erde gegeben zu haben; die Bauern dort unten werden spãter mal ein stupendes Korn zichen, und wenn ich gar an die Kartoffeln von diesen hocharisto- kratisch gedüngten Feldern denke... vChabrun nahm den winzigen Rest, der von der Zigarette übriggeblieben war, aus dem Mund; interessiert betrachtete er den Stummel wie einen seltenen Fund. AMls er weitersprach, hatte er wieder einmal in seiner abrupten Art den Ton gewechselt: Diese ganze Betrachtungsweise ist naturellement das Produkt sen- timentaler Gehirnerweichung. Denn wo gehört der alte preußische Adel schließlich hin, wenn nicht auf die Felder der EHhre? Und was hat das Meditieren ũberhaupt für ei- nen Zweck? Kommt, geh'n wir in die Kantine. Ich zahle 263 drei Runden à conto der Erbschaft nach meinem Vetter ISkO. Und zur Feier der deutschen Siege in Afrika und an der Ostfront doch hoffentlich auch? krähte Dietz. Klobocznik hich ihm auf den Rücken.«Hauptsache, es gibt was zu Saufen, Windhund. Der Anlaß ist lange nicht 80 wichtig.v 6 Vor der Küche trafen wir Maurer, der auf einem Dienst- gang gewesen war und sich jetzt erst sein Essen holte. Er rief uns zu, wenn ihn nicht alles tãusche, so habe er Gerda Putz gerade unten um die Ecke biegen schen. Dietz und Klobocznik stũrmten los und kamen tatsäãch- lich eine Weile spãter mit Gerda zurũck. Sie hielt sich schr aufrecht, lachte und war überhaupt bemüht, den Anschein ũberstrõmender Gesundheit zu erwecken. Aber die BDM.- Uniform, die ihr frũher gesessen hatte wie angegossen, bil- dete jetzt ũberall Falten. Auf den hervortretenden Backen- knochen blühten verdãchtige rote Flecken, und die Augen leuchteten in einem fiebrigen Glanz. Ja, unser Gerdakindchen hat's zu Hause nicht länger ausgehaltenꝰ, rief uns Klobocznik entgegen.«Und da ha- ben wir sie nu wieder. Sack Zement, Mã'chen, bist du aber von der rauhen Sorte! Er ⁊og die Hand, auf᷑ die ihn Gerda mit dem Koppelriemen geschlagen hatte, von ihrer Hüfte zurück.«Haste denn gar keine weicheren Gefühle? Ich wußte nicht, daß ihr Hitlermãdel so zimperlich seid.v Zimperlich ist gutv ertõnte es hinter Kloboczniks Rük- ken, und Gerdas mausgesichtige Freundin Hulda tauchte auf. Mach du erst mal eine Fehlgeburt mit wie die Gerda, ohne jede Narkose, und was dann noch alles nach- kam. v Klobocznik nahm die Mütze ab und tãtschelte zärtlich seine himbeerfarbene Glatze. Kann ich leider nicht, teures 264 Kind. v Er prustete. Sein Gepiß machte ihm zu schaffen. Er geriet ins Lispeln. Für so was bin ich, im Vertrauen ge- sagt, körperlich nicht eingerichtet. Und wenn du mir nicht glaubst... vEr pegleitete seine Worte mit einer obszõnen Bewegung. Nein, danke für Obst, du Scheusal lv kreischte Hulda kichernd. Tatatata. Mit mir haben sich schon ganz andere Damen vergnügt.» Der Wortwechsel wurde von Chabrun abgeschnitten, der dem Dicken anheimstellte, zwischen Zoten und Trinken zu wãhlen. Klobocznik schwieg widerwillig. Nun wandte Cha- prun sich an die Mãdchen mit der Frage, ob sie bei der klei- nen Kneiperei, die wir vorhatten, mithalten wollten. Hulda gab zu bedenken, daß ihre Freundin nach ärzt- licher Vorschrift rauchige Lokale und Akoholgenuß mei- den und mõglichst frũh zu Bett gehen solle; doch sie ließ sich von Gerda leicht berzeugen, daß einmal keinmal sei und erst recht bei einer solchen Gelegenheit. (Hert Gefreiter, es ist uns ein Vergnügenv, flõtete Gerda chabrun zu und bedachte ihn mit einem garnz großen Au- genaufschlag. Dabei peobachtete sie mich aus den Win- keln. Erst jetzt sah ich, wie müde und verkniffen ihr Mund war, und wie welk die Haut am Hals und unter den Augen. Chabrun verncigte sich militãtisch, was ihm gestattete, ihren Blick unerwidert zu lassen und zugleich der Bewe- gung auszuweichen, mit der Gerda ihren Arm in den sei- nen legen wollte. Also, dann darf ich bitten: mir nachlv Er schritt auf die Kantine zu. Gerda schien im ersten Augenblick von Chabruns Ver- halten verwirrt, doch dann warf sie lachend ihren Kopf zu- rũck und hãngte sich in Dietz ein, wãhrend Hulda meinen Arm ergriff. So betraten wir den Schankraum. 265 Das Orchestrion spielte Ade nun, zur guten Nacht!“; es klang noch verstimmter als gewõhnlich. Wir bemerkten zu erst gar nicht, daß im Halbdunkel hinter dem Musikkasten Seelke Saß. Er mußte schwer getrunken haben und befand sich nun anscheinend in einem melancholischen Rausch. Unsere Einladung, aus sciner Ecke hervorzukommen, lehnte er mit einem kläglichen Gebrumm ab. Kaum war das Instrument verstummt, als Scelke eine neue Münze einwarf und das gleiche Lied nochmals spiclen ließ. cIst das aber ein Trauerkloß lv rief Gerda aus. Was ist denn nu in den gefahren?v Sie griff nach dem Glas, das Dietz ihr brachte, und trank mit ihm Schmollis, wobei er sorgsam darauf achtgab, daß sie ihn nur auf die Wangen küßte. Klobocznik ging zu Seelke hinüber und versuchte, ihn zu bewegen, sich doch zu uns zu setzen, aber Scelke schüt- telte nur in trüber Hartnãckigkeit den Kopf. Schlicßlich gab es Klobocznik auf, weiter in Seelke hineinzureden, und kehrte zu uns zurück. Das heulende Elend, erklärte er, ada ist nichts zu machen. Und er wird sowieso gleich zu Schnarchen anfangen. v Aber als wolle er das Gegenteil beweisen, ließ Seelke ei- nen neuen Nickel springen, und das Gutenachtlied ertõnte zum drittenmal. Serda protestierte: Das soll eine Feier sein? Warum setzt ihr den Kerl nicht einfach vor die Türdv Indem brachte Klobocznik, der mit dem Kantineur ver- handelt hatte, eine große Flasche Wacholderschnaps an den Tisch. Er wollte Gerda nur ein kleines Glas einschenken, doch sie bestand darauf, ein gleich großes zu bekommen wie alle anderen, und Dietz unterstũtzte sie dabei lãrmend. Gerda schmiegte sich an ihn und begann, mit schriller Stimme von einem Besuch im, Heim für werdende Mütter⸗ ihrer Heimatstadt zu erzählen. Eine Schwester und eine 266 Kusine seien dort untergebracht und erwarteten Staats- kinder; auch sie selbst hoffe, das nächste Mal im gleichen Heim Aufnahme zu finden. Oho, hast du nicht von dem letzten Mal noch genugꝰv gröhlte Dietz. Gerda rũckte von ihm weg. ¶Für was hãltst du uns Hit- lermãdchen eigentlich? Mir scheint, du glaubst gar, wir haben Angst vor dem, was die erste Aufgabe jeder deut- schen Frau ist! Weißt du, was ich meiner Schwester beim Abschied gewünscht habe? Schmerzen, tüchtige Schmer- zen bei der Geburt. Und sie hat mich gleich verstanden. Ja- wohl', hat sie gesagt, ich hoffe, ich werde es richtig spü- ren, daß ich ein Opfer bringe für Peutschland und den Führer“. Heillv schrie Dietz. Er ließ sich neu einschenken und schwenkte sein Glas.«Unsere deutschen Frauen sollen le- ben lv In seiner Ecke gab Seelke dem Orchestrion abermals eine Münze zů schlucken. Mũde krãchzend kam es aus dem In- strument: Nun wird der Schluß gemacht, daß ich muß scheiden... Da hört sich aber alle Gemũtlichkeit auflvzetterte Gerda. cJetzt schau ich mal selber zu, daß dieses Geklöhne auf- hört, wenn keiner von euch Männern Mumm genug hatlv Sic war aufgesprungen und wollte zu dem Orchestrion hinüber, doch Dietz kam ihr zuvor. Scelke erhob sich taumelnd und versuchte, Dietz daran zu hindern, den Abstellhebel des Instruments zu ergreifen; er greinte dabei wie ein aus dem Schlaf gewecktes Kind. Dietz fluchte. Sie rangen miteinander, wobei Seelke unge- Schickt hin und her taumelte, aber doch eine ũberraschende Kraft und Geschicklichkeit zeigte. Endlich gelang es Dietz, den Hebel zu fassen; er warf ihn mit aller Macht herum. 267 Es gab einen klirrenden Ton, als sei etwas im Innern des Orchestrions zerbrochen. Die Musik stockte einen Takt lang, hob dann in seltsam rõchelnder Weise wieder an. Wie ein lebendes Wesen kãmpfte der Kasten gegen einen Br. stickungsanfall. Nach einigen Sekunden setzte die Melodie endgũltig aus; nur ein mißtõniges Kratzen und Scharren blieb übrig. Scelke war zurũckgetaumelt und auf seinen Sitz nieder- gesunken. Jetzt erhob er sich ãchkend. Er schlug die Hände vor das Gesicht. Zwischen seinen fleischigen Fingern ka- men dicke Trãnen hervorgequollen. Es war ein zwiespãlti- ger Anblick, bedrückend und zum Lachen reizend. Die Mãdchen brachen in hohes Gekicher aus. Dietz ahmte Scelke feinend nach. Klobocznik wollte Scelke ein Glas Wachol- der einflõßen, kam damit aber nicht zu Rande und ver- schüttete den Schnaps. So eine Sündel* knurrte er. Alois, du bist wirklich nicht bei Trost!v Er ließ Scelke stehen und zog sich mit Hulda hinter die Theke zurück. Seelke nahm mit einemmal die Hãnde vom Gesicht und glotzte uns aus leeren Augen an. Das kreischende, krat- zende Geräusch aus dem Orchestrion stoppte. Scelke Schauerte zusammen, wackelte mit dem Kopf und sagte hohl: Nee, also warum habt ihr mir das jetzt noch ange- tan ꝰv Er drehte sich ziellos um sich selbst und torkelte zur Tür hinaus. Gerda schnitt eine Grimasse hinter ihm her.« Na, der hat ja keinen schlechten sitzen! Klobo, hast du noch einen Trop- fen dv Klobocznik tauchte erhitzt hinter der Thelke auf. Daß man nie ungestõrt sein kann! Also gut, wird gemacht. Er brachte frischen Wacholderschnaps und wollte allen eingießen, doch Gerda nahm ihm die Flasche weg, setzte sie an und trank. Hustend reichte sie die Flasche dann an Dietz weiter. Da, Hans, jetzt kormmnst du an die Reihelv 268 Ich sah, daß Dietz zögerte. Verstohlen wischte er mit dem Finger ũber den Flaschenmund, bevor er Gerdas Bei- spiel folgte. Noch einmal, unsere deutschen Frauen sollen leben lv gurgelte er hervor. Klobocznik stimmte in das Hoch ein. Er erwischte die mausgesichtige Hulda und hob sie hoch, daß ihre Röcke flogen. Hulda quietschte wollstig. Mitten in den Lärm platzte Chabruns scharfes: Macht tung!v Unteroffizier Marofke war eingetreten. Er winkte jovial ab. Scine breite Nase hob sich schnuppernd. Das riecht ja hier quasi nach... sapperment nochmal, nach was riecht's denn hier ꝰv Wacholderweinbrand, Herr Un'offxier. v Pietz klappte mit den Hacken. Würden Herr Un'off'zier uns die Bhre geben dv Er machte Klobocznik ein Zeichen und der Dicke sprang mit einem frischen Glas heran. Marofke tauchte seine Zungenspitze in den Schnaps, ließ einen grunzenden Laut des Entzückens hören, stürzte den Inhalt des Glases hinunter. Da kann ich nur sagen: alle Achtungv Pamit setzte er sich zwischen Hulda und Gerda an den Tisch. Dietz füllte Marofkes Glas nach. Darf ich Herrn Vnter- offuier mit einem Speziellen auf das Unteroffierskorps der Wehrmacht kommenꝰv Komme nachꝰ, knarrte Marofke geschmeichelt und tat Dietz mit gespreiztem kleinem Finger Bescheid. „Nanu, wo steckt denn der Seelke d» fragte Marofke. Hat wohl seine Versetzung in den Frontsoldatenstand et- was zu stürmisch gefeiert?v Dietz gab der allgemeinen Verblüffung, die durch diese Worte verursacht wurde, Ausdruck: alst nicht mõglichl 269 Wir wissen von keiner solchen Versetzung, Herr Unꝰoff?- zier. Was d Er hat euch nichts davon gesagt? Na, das ist ja gediegen, haha. v Marofke genoß unsere Uberraschung, be vor er fortfuhr: Natürlich, die Umstände, unter denen seine chrenvolle Versetzung erfolgt, sind auch soso. Aber schließlich und endlich, die Hauptsache bleibt ja doch: er bewährt sich im Felde. Alles andere waren dann quasi Lappalien.v Der Unteroffizier vertiefte sich in sein Glas. Dietz drang in ihn, uns doch Nãheres über die so uner- wartet gekommene Abkommandierung Seelkes mitzutei- len,— vorausgesetzt, daß es sich um nichts Geheimes handle. Marofke ⁊winkerte mit seinen verklebten roten Augen. Nein, an der Sache Seelke sei jetzt nichts Geheimes mehr. Er schmunzelte. Es war klar, daß er sich noch eine Weile bitten lassen wollte. Wãhrend Pietz dies mit Hingabe besorgte, flüsterte mir Klobocznik zu:(Da haben ihn doch richtig diese ver- dammten Würste in die Bredullje gebracht. Chabrun, der Kloboczniks Bemerkung aufgefangen hatte, warf ein: Mich hat wohl was gestochen! So einfach mõcht ich's auch haben wollen! Wieso denn? Wenn ich dir Sage...v Der Meinungsaustausch konnte nicht zu Ende geführt werden. Marofke erklärte gõnnerhaft:«Na, meinetwegen, ich will euch bezüglich der Hintergründe im Falle Scelke nicht längei aut᷑ die Folter spannen. Aber dicht halten. Ver- standeh-wuhd» Es stellte sich heraus, daß Kloboczniks Vermutun grich- tig gewesen war. Die beschlagnahmten Wurstwaren hatten tatsãchlich die Abkommandierung Scelkes verursacht. Aber damit war die Geschichte noch lange nicht zu Ende; ihr wahrhaft verzwickter und grotesker Teil begann erst. Die Beschlagnahrme hatte nämlich zu der Entdeckung ge- 270 führt, daß die Würste aus den Vorratskammern mehrerer hoher Beamter der Protektoratsverwaltung und der Bewe- gung stammten, deren Villen von einem besonders ge- schickt zu Werke gehenden Einbrecher besucht worden waren. Das Nachtgespenstv, entfuhr es Chabrun. Marofke nickte. ¶Erraten! Das Nachtgespenst, von dem die Zeitungen eine ganze Menge geschrieben habenlv Er mußte warten, bis unser Gelãchter abgeebbt war.«Jaja, das Nachtgespenst. Scelke hat ein volles Geständnis abgelegt. Sogar beim persõnlichen Sicherheitskommissar des Reichs- protektors ist er auf Besuch gewesen, aber dort hat man nachher quasi gar nicht gemerkt, daß etwas von den Vor- räten fehlt. v Und dann erfuhren wir noch, wie Seelke seine Besuche an den— angeblich der strammen Sãchsin gewidmeten— dienstfreien Abenden ausgeführt hatte, ganz ungeniert, weil doch niemand auf den Gedanken kommen konnte, einen Mann in Uniform anzuhalten; und wie er aus den Speisekammern immer nur solide, nahrhafte Dinge entwen- det, dagegen Kaviar, Lachs, Wein und andere Luxuswaren unangerũhrt gelassen, auch nichts an Geld oder Wertge- genstãnden mitgenommen, dagegen es nie versãumt hatte, Unordnung in Schränken und auf Regalen zu beseitigen. Unter diesen Umstãnden ließ es die Rücksicht auf das Pre- stige der Geschädigten und auf den guten Ruf der Besat- zungstruppen geraten erscheinen, die Geschichte nicht preitzutreten, und das wãre pei einer Gerichtsverhandlung unvermeidbar gewesen. Seelkes Geständnis, seine Motive als Familienvater und seine pisher tadellose Führungsliste poten weitere Milderungsgrũnde, und so hatten die vor- gesetzten Stellen entschieden, daß von einer Strafverfol- gung abgeschen werden könne, falls Scelke sich freiwillig zum Dienst an der Front melde,— was er denn auch getan hatte. 271 Es dauerte mehrere Minuten, bevor sich unser neuer- liches Gelãchter legte. Chabrun war der einzige, der von der allgemeinen Hei- terkeit nicht ganz ergriffen schien. Unter dem schweren Augenlid gewitterte es. Grimmig knurrte er: Also jetzt weiß ich endlich, wie man es anstellt, schnell zur Front zu kommen, und es ist doch wieder nichts für mich! Seine Bemerkung trieb uns nochmals die Lachtränen in die Augen. Klobocznik wurde abgesandt, nach Seelke zu suchen, aber er kehrte unverrichteter Dinge zurück. Dafür brachte er(woher, blieb sein Geheimnis) einen ganzen Arm voll Schnapsflaschen mit. Er nahm den großen zinnernen Stie- fel von der Theke, füllte ihn halb mit Bier, halb mit Schnaps, und goß das Gemisch, ohne auch nur einmal ab- zusetzen, hinter die Binde. Klobocznik, damit kõnnen Sie sich quasi schen lassen! lobte ihn Marofke. Dietz trumpfte auf. In seinen Studentenzeiten habe er regelmãßig zwei bis drei Stiefel hintereinander ex getrun- ken, nur sei der Stoff natürlich besser gewesen. Ach, der Schnaps ist gar nicht so übelv, versetzte Cha- brun. So d Warum trinkst du dann nicht auch mal einen Stiefel vollv, erkundigte sich Dietz herausfordernd. Chabrun schnippte mit den langen schmalen Fingern. Oh, das finde er nicht amüsant genug. Aber ob uns mal was von der schõnen Sitte des Metertrinkens zu Ohren ge- kommen seid Nicht? Nun, dann wolle er sie uns vor- demonstrieren, so wie man sie bei den Ziethen-Husaren nach der Schlacht bei Kolin eingeführt habe. Er ließ sich vom Kantineur eine grõßere Anzahl Schnaps- glãser geben, die er dann auf dem Tisch, entlang der Kante aufstellte, bis die Gläserreihe genau einen Meter maß. Er füllte mit Bewegungen, die etwas Sakrales an sich hatten, 272 die Gläser bis zum Rande; bat um einen Brotkanten und eine saure Gurke; begann schließlich, ein Glas nach dem anderen zu leeren, wobei er zwischendurch nur so lange innehielt, als er brauchte, um abwechselnd an der Gurke und am Brot zu riechen. Nach dem letzten Glas biß er von der Gurke ab, schluckte ein Stückchen Brot nach und wischte sich mit seinem seidenen Taschentuch die Lippen. Dann lud er Dietz ein, nachzusehen, ob sich in den Glã- sern noch ein Trõpfchen befinde.«Unsere Vorvãter haben freilich zum Schluß immer noch einige Gläser verspeist, Sozusagen als Nachtisch. Aber sie waren eben aus hãrterem Holz geschnitzt. Ich kriege gerade noch meinen Meter hin- unter, das ist alles. Nachher reicht es bloß zu Brot und Gurke. Immerhin, den Meter mach ich mit Anstand, comme il faut, und wenn sich irgendwo auch nur ein Trop- fen übrig findet, dann will ich mein Lebtag keinen Schnaps mehr anrũhren. Na, geh schon und schau nach, Dietz!v Gerda schloß sich Dietz an.«Zickezacke lv begeisterte sie sich, adas ist mal ein Mann, euer Gefreiter l* Bevor Cha- brun dagegen etwas tun konnte, hing sie an seinem Hals und versuchte, ihn zu küssen. Chabrun wurde stocksteif; man konnte fõrmlich sehen, wie Kälte von ihm ausstrahlte. Enttãuscht ließ Gerda von ihm ab und machte sich wieder an Dietz heran. (Ahav, knurrte der, chat dich der Hert Baron abfahren lassen? Recht geschicht dir. Was gibst du dich auch ab mit ihm? Weißt du denn nicht, daß wir alle nur Schweine- futter sind in seinen Augen? Aber es kommt auch noch der Tag für diese Herrchen, für dieses ganze Junker- pack.. Jawohl, Junkerpack lv schrie er, als Gerda ihm den Mund zuhalten wollte, beruhigte sich jedoch schnell und kniff sie in den Busen. Gerda wies Dietz zurecht:«aHusch! Du solltest ihm lie- ber zeigen, daß du's gerade so gut kannst wie er.v Was dv 18 273 Das Metertrinken.v ¶Aber klar. Wärꝰ ja gelacht. v Dietz sprang auf, griff nach einer vollen Flasche, füllte die Glãser und begann mit dem Trinken. Marofke trat neugierig hinzu und prüfte die geleerten Gläser. In der Mitte des„Meters' angekommen, machte Dietz eine Pause, reckte sich und tupfte umstãndlich die Schweiß- tropfen ab, die ihm auf die Stirn getreten waren. Hulda, die auf Kloboczniks Schoß saß, quietschte: aIch hab's doch gewußt, es geht ihm die Puste aus.v (Ach, halt doch die Klappe l* wurde sie von Gerda an- gefahren. (Laß sie nur, Gerdachen 1v Dietz tat Huldas Verdãchti- gung mit einer weitausholenden Gebärde ab. Dabei stieß er ein paar Glãser um. Marofke erhielt einen großen Sprit- zer auf Uniformjacke und Hose. Dietz stotterte: Werzei- hung, Herr Un'off'zier. War ganz gegen meine Absicht... dũrfte ich vielleicht... dv ¶Geschehen ist geschehenv, erklärte Marofke großzügig, (machen Sie weiter, Schütze Dietz. v Damit verschwand er hinter der kleinen Türe, die zu den Aborten führte. Chabrun, der still neben mir gesessen und mit einem Bieruntersatz gespielt hatte, auf dem zwei gekreuzte Reichs- kriegsflaggen und die erste Strophe des LiedesWir fahren gegen Engelland' aufgemalt waren, sagte, scheinbar völlig aus dem Blauen heraus: cJa, mir ist es wohl bestimmt, so was wie ein letztes Kettenglied zu sein. Nach mir ist es aus mit den Chabruns. Fortsetzung folgt nicht. Schluß. Parin ist das Schicksal von einer grotes ken Konsequenz. Die Bräute, die meine alte Dame für mich aussuchen wollte, sind nichts für mich gewesen. Die Braut, die ich mir selbst ausgesucht habe, ist gestorben. Und mit dem Kind stimmt's auch nicht. Das Wurm muß jetzt an die vier Jahre alt sein. v 274 Chabrun legte den Untersatz weg, blinkte mich an. (Kannst dir was einbilden auf diese Beichte, Holler! Meine alte Dame weiß da weniger als du. Gar nichts weiß sie von dem Enkelkind in Neu-Ruppin. Mein Vater, ja, der hätte da- von wissen dũrfen. Der sagte immer:, Jeder junge Mensch rutscht einmal aus, oder auch zweimal. Nut hängenbleiben ist ausgeschlossen. Eine Magd wird nicht geheiratet, heißt es schon in der Schrift. Aber die alte Dame, die hatte nie- mals solche Ansichten. Für die ist schon ein Ausrutschen unverzeihlich. Nom de Dieu, der würde schwarz vor den Augen, wenn sie ihren Joachim bloß in der Gesellschaft von unseren beiden Postengeln hier sähe. Und erst ein Kind von einer Gutsmamsell des Grafen Pahlen! Nein, das würde die alte Dame nie verwinden. Doch davon wollte ich ja gar nicht reden, sondern... ach ja, jetzt weiß ich's wieder: das Kind hätte ein Junge sein kõnnen, nicht wahr, aber nein, das Schicksal will egalweg nicht, daß der Man- nesstamm derer von Chabrun fortgesetzt wird. Nicht ein- mal illegitim. Was übrigens totalement schnuppe ist, weil wir nämlich, im Vertrauen gesagt, doch bloß glühende Schlacke sind.v Er machte eine Pause, trommelte leise ein paar Takte des Prãsentiermarsches auf die Tischplatte. a, wir brennen noch, und was mit uns in Berührung kommt, geht in Flammen auf. Aber eines Tages ist alles aus. Fin- fach aus. Herrgott, was stierst du mich so an, Holler? Ich bin vollkommen zurechnungsfähig, wenn auch genügend besãuselt, um mehr zu reden als notwendig...v Er un- terbrach sich, jãhlings ernüchtert.«Oho, was ist denn da l0s dv Marofke hatte den Schankraum wieder betreten. Sein verfärbtes Gesicht war von der Blässe eines Kartoffel- keims. Aus den weit gerundeten Augen sprach ein namen- loser Schrecken. Er setzte mehrere Male an, bevor er etwas Verständ- 275 liches hervorbrachte: Der... der... Seelke hat sich... auf der Latrine... erhängt!v Hulda kreischte auf wie eine überfahrene Katze. Ihr Wimmern und Heulen wollte kein Ende nehmen. Gerda suchte die Freundin zur Ruhe zu bringen, wurde aber von einem heftigen Hustenanfall gepackt, und lief vom Tisch weg. Auf dem Taschentuch, das sie sich vor den Mund hielt, erschienen rote Flecken. Der Husten hörte endlich auf, kehrte jedoch gleich darauf mit verstärkter Ge- walt zurũck. Gerdas Kõrper flog wie im Krampf. Erschõpft lehnte sie sich an das Orchestrion. Plõtzlich begann das Instrument wieder zu spielen. Eine geisterhaft entstellte, rõchelnde Blechstimme sang: Im Winter, da schneit der Schnee, Im Sommer, da wächst der Klee, Dann kehr ich wie-hieder... Dietz wollte sich auf den Musikkasten stürzen, doch Chabrun riß ihn zurück. Indem verstummte auch das Instrument. Chabrun ergriff eines der vollen Gläser, hob es zuerst gegen das Orchestrion, dann gegen die kleine Tür. Rüh- ren, Finanzunterkontrolleur Seelkelv sagte er mit leicht ironischer Feierlichkeit. (Na, erlaube mal, was soll das?» ereiferte sich Dietz. Man kann doch auf einen Soldaten, der so was anstellt und dann noch Hand an sich legt, anstatt seine Schuld an der Front gutzumachen, unmöglich trinken?v Uber Chabruns Gesicht lief ein nachsichtiges Lächeln und verlor sich in den hochmütig hinuntergekrümmten Mundwinkeln. eErstensv, entgegnete er, asind wir alle etwas alkoholisiert und angebrõckelt. Zweitens trinke ich ja gar nicht auf ihn, sondern gebe ihm nur eine letzte Order. Und drittens ist der Finanzunterkontrolleur und Familienvater Seelke als Soldat ein einziger Irrtum ge- 276 wesen. Prost, Herr Unteroffizier! Prost meine Damen! Prost meine Herrenlv 8 Seelke hing, nur mit Hemd und Unterhose bekleidet, in einer Schlinge am Fensterkreuz des Waschraumes vor den Aborten. Neben ihm, auf einem Schemel, lag seine proper zusam- mengefaltete Uniform. Parunter standen die Stiefel, genau nach Vorschrift: die Absätze in Fũhlung und die Spitzen eine Fußbreite auseinander. Ein kleines Bündel, aus einem Sauberen, blaurot karierten Taschentuch geknotet, enthielt Scelkes Erkennungsmarke, Uhr, Schlüsselbund und Bril- lenfutteral. In dem Futteral steckte ein Zettel. Er war sorgfältig liniert. Uber die erste Linie hatte Seelke mit vielen Schnör- keln die Worte, Mein Abschiedsgruß' gemalt. Es folgten ein paar Zeilen in steiler Schönschrift: cBitte zusammen mit meinen persõnlichen Habseligkeiten an meine Gattin, Frau Frieda Seelke, Berlin-Schmargendorf, zu schicken. Geld fũr Postzustellungsgebũhr(eingeschrieben) liegt bei.v Der Abschiedsgruß selbst lautete: Empfangt hiemit meine letzten Wünsche. Es war zuviel. Ich hätte euch gerne in Frieden und Glũck wiedergesehen, aber es hat nicht sol- len sein. Die Brille und Reservegläser kann man sicher an Optiker Sonnewald in der Grenadierstraße verkaufen. Auch die Uhr soll verkauft werden. Das silberne Fünf- markstück mit Ose ist für Lindchen. Grüßt alle Lieben, seid innigst umarmt und urteilt nicht zu streng ũber Euren treuen, unglũcklichen Gatten, Vater und Großvater Alois Seelke. NS.: Ich hoffe, das Finanzamt wird die Witwen- pension ohne Abzug zur Auszahlung bringen. Heil Hit- ler! Das Ganze sah aus wie die Fleißaufgabe eines braven Schülers. Nur die zwei letzten Worte fielen etwas aus dem 77 1 Rahmen; sie lagen schief, waren wohl erst nachträglich und in Hast hinzugefügt worden, wobei Seelke sich verschrie- ben hatte. Marofke setzte ein Protokoll auf und ging dann, um den Feldwebel oder Oberleutnant Malzahn von dem Vorgefal- lenen zu verständigen. Uns trug er auf, den Leichnam in das Hinterzimmer der Kantine zu schaffen und zu warten, bis eine Ambulanz vom Bataillonsrevier kãme. Der Kantineur wollte die Schlinge durchschneiden, doch Klobocznik ließ das nicht zu. Nur ein ganzer Selbstmör- derstrick bringt nämlich richtig Glückv, erklärte er mit Sachkenntnis, rollte den Strick umstãndlich zusammen und verwahrte ihn in seiner Hosentasche. Seelke bot keinen guten Anblick mit den hervorgequol- lenen trũbweißen Augen undder dickgeschwollenen blauen Zunge, die zwischen den gefletschten Zähnen hervorhing. Ich deckte ihn schnell mit einem Tuch zu. Gerade als wir im Begriff waren, das Hinterzimmer zu verlassen, rollte der Leichnam von der Bank hinunter, auf die wir ihn gelegt hatten. Mir gab es einen Stich. Ich sah, daß auch Klobocznik zusammenzuckte und daß Dietz, plõtzlich grün geworden, die Hände gegen den Magen preßte. Nur Chabrun war nichts anzumerken. (Jetzt muß ich ihm doch wahrhaftig noch einmal, Still- gestanden! kommandierenv, nãselte er kopfschũttelnd und gab Klobocznik ein Zeichen, mitanzupacken und Seelke auf die Bank zurückzuheben. Im Schankraum, angesichts der Mädchen, die uns ver- stört entgegenstarrten, gewann Dietz seine Uberstramm- heit wieder. Er bestellte eine Runde Fallschirme, große Kelche mit einem Gemisch aus drei verschiedenen Schnäp- sen, von denen einer so scharf und bitter schmeckte wie denaturierter Spiritus- und wahrscheinlich auch nichts an- deres war. 278 Achtunglv krähte Dietz nach einem mißlungenen Ver- such, Chabruns salopp elegantes Hackenklappen nachzu- ahmen. aIch schlage vor, wir bringen diese Runde unseren Siegern in Süd und Ost. Aber zünftig, wenn ich bitten darf! Klobocznik, beim zünftigen Prosten hat das Glas in der Höhe des zweiten Waffenrock-Knopfes gehalten zu werden! Ich mache den Vorbeter. Du, Holler, führst den Chor, das mußt du doch noch kennen, vom Studentenbund her. Also aufgepaßt l* Er begann, im Singsangton eines der studentischen Schnapsgebete herzusagen, wobei er den Text der Gelegenheit anpaßte: Haut sie, daß die Lappen fliegen, Daß sie all' die Kränke kriegen In das klappernde Gebein! Daß sie, ohne zu verschnaufen, Bis Suez und weiter laufen, Rommel immer hinterdrein. Und die Russen... hepp... Er war während des Singens abermals ganz grün ge- worden und kãmpfte mit einem heftigen Schluckauf. Oha, jemand denkt an mich!v rief er aus, als er wieder sprechen konnte. In seine vorstehenden Hundeaugen kam ein süß- lich weicher Ausdruck. Kann schon sein, daß er sich an dich erinnert hatv, ver- setzte Klobocznik und zeigte grinsend mit dem Daumen nach der Hinterzimmertür. Dietz riß den Mund auf, lallte etwas und fiel jãhlings, wie von einem Schuß gefällt, unter den Tisch. (Sack Zement!v lispelte der erschrockene Klobocznik; er bemühte sich verzweifelt, sein verrutschtes Gebiß in die richtige Lage zurückzubringen. Wenn den jetzt nicht der Schlag getroffen hat...» Hulda zeterte in hohen Tönen los. Dem Kantineur glitt ein Tablett aus der Hand. Ich selbst spürte einen schnũren- 279 den Griff an der Kehle. Doch, da hörten wir schon, wie Dietz sich unter dem Tisch erbrach und dazu erleichtert grunzte. Eine wilde Ausgelassenheit ergriff von uns Besitz. War es nur der Rausch von den Fallschirmrunden, die wir in rascher Folge hinunterstürzten? Oder war es das entfes- selte Lebensgefühl— der Gedanke, noch am Leben zu sein, wãhrend wenige Schritte entfernt einer von uns tot dalag? Vir fragten nicht danach. Wir tranken. Wir faßten uns an den Hãnden, alle, auch Chabrun, dem der giftige Spiritus am wenigsten anzuhaben vermochte und der auch in der Betrunkenheit noch seine Haltung bewahrte. Wir tanzten in einer Bockspolonaise durch den Schankraum und gröhl- ten dazu, geführt von Kloboczniks Bierbaß, die, Weise von der allerschönsten Saufkormpanie“: So leben wir, so leben wir, So leben wir alle Tage. Des Morgens bei dem Branntewein... Gerda, deren zuschends hohler gewordene Wangen wie im Scharlach brannten, ging mit einemmal in das Deutschland- lied über. Wir andern folgten ihrer etwas heiseren Stimme: Des Morgens bei dem Branntewein, Des Mittags bei dem Bier. Deutschland, Deutschland über alles, Uber alles in der Welt... c... brüderlich zusammenhältlv ertõnte es plõtzlich un- ter dem Tisch, und Dietz kroch auf allen Vieren hervor. Von Beifall und Hãndeklatschen angefeuert, richtete er sich auf und verlangte nach einem unvermischten Schnaps. Da ging die Haupttũre auf. Zugleich mit der Sanitãtspatrouille vom Bataillonsrevier kam Marofke herein und gab bekannt, daß unsere Kom- panie alarmiert sei und in einer halben Stunde abzu- 280 marschieren habe, um einen Sonderwachdienst auf dem Frachtenbahnhof zu übernehmen. 2 Mein Schädel brummte, als wir zum Frachtenbahnhof marschierten; er drõhnte, als ich auf der Bahnhofswachstube nach zwei Stunden bleiernen Schlafs geweckt wurde, um Klobocznik auf Posten abzulösen; er dröhnte auch noch bei der zweiten Wache und auf dem Rückweg ins Quartier am nãchsten Vormittag. Er dröhnte, aber er war leer, wun- derbar leer. Ausgekehrt, weggeblasen, untergegangen im dumpfen Gedrõhn waren alle beunruhigenden Gedanken an den Leichnam in der Schlinge, an die tieferen Ursachen, die einen Menschen wie Seelke zum Selbstmord getrieben hatten, und auch an das, was mir selbst noch bevorstehen mochte. Dankbar genoß ich die Ruhe, die mir das Dahin- tappen in einem Nebel von Mdigkeit und Nachrausch gab. Ahnlich erging es den anderen Mitgliedern unserer Stu- benbelegschaft, die sich in jenen Tagen wohl auch deshalb enger zusammenschloß, weil sie nur vier Mann zählte.(Ei- nen Ersatz für Scelke hatten wir noch nicht bekommen, und Maurer befand sich auf einem zehntägigen Urlaub in seiner rheinischen Heimat, um die Angelegenheiten seiner Familie zu ordnen, die bei einem der letzten großen Flug- angriffe bis auf eine Stiefschwester võllig ausgerottet wor- den war.) Ja, ähnlich erging es sicher auch den anderen, so ver- chieden sie untereinander und von mit waren. Warum sonst verhockten wir vier jede freie Stunde in der Kantine bei Schwerem Trinken und lärmendem Geplärt von Schnaps- gebeten und Liedern? Warum sonst unterließ Klobocznik seine üblichen Schimpfereien über den Nachtdienst und lobte ihn diesmal sogar für das schöne dõsige Gefühl der Ubermüdung, das die Bierschwere so gut ergänzte? War- um sonst ereiferte sich Chabrun, als ich ihn einmal wãhrend der Wachebereitschaft über ein Medaillon mit dem Bild des landflũchtigen hugenottischen Chevaliers de Chabrun, eines bärtigen Mannes in Federbarett und Harnisch, ge- beugt fand: Zum Teufel nochmal, Holler, wo ist nur das Erbe unserer verehrten Herren Vorfahren hingekommen? Ich meine nicht die Schlõsser in der Champagne, sondern das andere, das sogenannte Seelische. Uns ist weder ihre Weisheit geblieben, noch ihr inneres Gleichgewicht, noch ihr aufständischer Trotz. Nichts von all dem. Wir haben bloß Unruhe und ein bestãndiges schlechtes Gewissen und das Verlangen, es soll alles beim alten pleiben, solange wir noch herumkrauchen. Ach, mein Freund, wie weit entfernt sind wir von dem Hõlderlinschen Das gibt erst dem Men- schen seine Jugend, daß er seine Fesseln kühn zerreißt; das erst rettet ihn, daß er sich aufmacht und die Natter zertritt, das kriechende Jahrhundert, das alle schöne Natur im Keim vergiftet'. Inzwischen kriechen wir selber wie die Nattern. v Er blinzelte mich unter dem schweren Augenlid prüfend an und fuhr, plötzlich den spöttischen Ton aufgebend, ernst, beinahe schwermütig fort: aIch muß immer an die Ringelspieljungen in Neu-Ruppin denken. Ich war dort als Schüler, in den Osterferien, bei meiner Tante und meinem Vetter Isko. Das Ringelspiel gehörte irgendeinem unter- nehmenden Kleinstädter, der anstelle eines Pferdes oder Motors ein paar Kãtnerjungen als Triebkraft benutzte. Die Jungen hatten auch das Kassieren zu besorgen. Sie liefen immerzu im Kreise, sprangen auf die wirbelnde Scheibe, Setzten über die leeren Pferdchen hinweg, ganz sicher, ohne jemals schwindlig zu werden. Nur wenn das Ringelspiel hielt, und sie die ersten Schritte geradeaus auf festem Bo- den machen sollten, gerieten sie ins Straucheln und fielen nicht selten auf die Nase.v Chabrun schwieg. Dann schloß er, wieder in seinem iro- 282 nischen Ton:«Und die Moral von der Geschicht?- meide den festen Boden und sieh zu, daß dein Kopf nicht auf- hört, sich zu drehen, sonst schlägst du lang hin und be- schãdigst dir deine Nase, wenn nicht gar edlere Teile deiner werten Person.v Ja, so war es. Wir wollten nicht aus unserem Dreh- und Schwindelzustand hinaus. Die Hamletworte vom Verges- sen, die auf meinen Bruder Gerhard einen so tiefen Ein- druck gemacht hatten, sie hätten auf unser Tun und Wol- len gemünzt sein kõnnen. So stürmisch war unser Verlangen nach der Umarmung mit dem Stumpfsinn; so stark war der Griff, mit dem er uns an sich zog, daß ich die Spuren davon auch heute noch fühle, wenn ich darangehe, die Vorgänge aus jener Prager Zeit wieder wachzurufen. Wie anders wãre es mir gelungen, die nãchtliche Erschießungsszene, an der ich teilgenommen, so vollständig aus meinem Gedächtnis zu verdrängen? Wie anders ließe sich's erklären, daß ich im Laufe meiner Geschichte nur die ersten zwei oder drei Himmelffahrts- kommandos erwähnt habe, an denen sich Klobocznik, Dietz und Seelke beteiligten, nicht aber die vielen folgen- den? Es ist wahr, die Teilnehmer machten mit der Zeit im- mer weniger Wesens von diesen Unternehmungen; ja sie unterließen es schlicßlich ganz, darũber zu sprechen. Un- auffällig verschwanden sie, unauffällig kehrten sie zu- rũck— es fiel mir nicht schwer, wenig oder gar nichts da- von zur Kenntnis zu nehmen. Aber es war doch vor allem mein eigener Wunsch, von dem dũsteren Geschäft der Himmelfahrtskommandos nichts zu sehen, nichts zu hö- ren und nichts zu wissen,— es war dieser Wunsch, der ihre Existenz einfach aus meinem Bewußtsein tilgte, und es ist dieser Wunsch von damals, der bis in das Heute hinein- greift und die Beobachtungen wegwischt von der Tafel der Brinnerung. 283 10 Wãhrend meiner Leipziger Studienjahre hatte ich, wie jedes neue Mitglied des Studentenbundes, einer jener klei- neren Bücherverbrennungen beizuwohnen, die regelmäßig zwei- oder dreimal im Jahre veranstaltet wurden, um den akademischen Nachwuchs in das Wesen des Kampfes ge- gen die Intelligenzbestie' einzuführen. Die Privatbibliothek, deren viele, schön gehaltene Le- derbãnde wir auf einen Ochsenkarren verluden und zum Verbrennungsplatz vor der Universitãt fuhren, gehörte ei- nem ins Konzentrationslager gesteckten jüdischen Do- zenten für vergleichende Literaturgeschichte. Jeder von uns Neulingen mußte einen Arm voll Bücher den Flam- men übergeben und dazu eine kurze Rede halten.(Ich be- kam von meinem politischen Stoßtruppleiter als Therma das Goebbels-Wort zugewiesen: ,Wir Deutschen haben in der Vergangenheit zuviel gedacht. Das hat uns den In- stinkt für die Politik genommen.) Eines der Bücher, die ich auf den Scheiterhaufen warf, rollte herunter und verkohlte nur langsam. Ich sah es wäh- rend der ganzen langen Zeremonie glühen, sich gleich- sam vergeblich gegen das Feuer zur Wehr setzen, bis es schließlich zerfiel. Ich kannte seinen Inhalt nicht. Erst viel Spãter erfuhr ich, daß es zu den großen Werken der Welt- literatur gehört. Aber sein Titel,Die Toten Scelen' prãgte sich mir schon damals tief ein; er beschäftigte oft meine Phantasie und nistete in meinen Träumen. Wann immer ich in der Zeit nach Seelkes Selbstmord aus der Starre von Stumpfsinn und Taumel emportauchte und ũber uns nach- dachte, erschien es mir, als seien wir so etwas wie tote See- len. Eines Tages vertraute ich diese Vorstellung meinem Ta- gebuch an. Ich verzeichnete darin für gewöhnlich nichts als dürre Tatsachen; nur selten berührte ich, was in mir 284 selbst vorging, und dann bloß in Anspielungen oder Bil- dern, denn ich wußte ja nie, wer das Heft in die Hãnde be- kommen konnte. Ich hatte gerade geschrieben: Wenn ich mein Leben, die Welt und die Zukunft so darstellen möchte, wie ich sie heute sche, so würde ich ein blaues Gebirge am Horizont malen— fern, ungreifbar, starr, eingehüllt in Nebelschwa- denꝰ, da wurde ich gewahr, daß Chabrun mir über die Schulter blickte. Er entschuldigte sich, er habe geglaubt, ich sei beim Reinschreiben des Wacherapports. Nach einem längeren Zöõgern setzte er hinzu: Das ist der Krieg, mein Lieber. Der gibt unserer Zeit das starre, ungreifbare Gesicht. An einem Krieg teilnehmen, heißt sich im Kraterbereich eines feuerspeienden Berges aufhalten. Und in den Tiefen des Kraters erhält alles— die Welt, das Leben und der Mensch — einen Sinn, den keine Rechenkunst erklären kann und der nur vom geborenen Soldaten richtig gedeutet wird. Für die andern ist es einfach Spuk.v Wir hatten gar nicht darauf geachtet, daß Dietz heran- gekommen war. Jetzt machte er sich durch ein hãmisches Gelächter bemerkbar.«Ach, die zwei schönen Seelenv, rief er, Menschenskinder, daß ihr euch noch immer nicht den VWeltschmerz und die ganzen übrigen Sentimentalitãten ab- gewöhnen könnt! S0 was hat in unserer Epoche nichts mehr zu suchen. Heute gilt nur noch eins: der blutvolle, unbedingte, fanatische Glaube. Alles andere ist Mist und gehört in die Mistgrube.v Er plusterte sich in Erwartung einer Entgegnung streitlustig auf, aber Chabrun schwieg und auch ich verspũrte keine Lust zu einem Wortgefecht. Enttäuscht drehte sich Dietz von uns weg. Chabrun machte eine angeckelte Geste hinter ihm her und pfif leise durch die Zãhne. Das Vertrackte dabei istv, Sagte er nach einer Weile, cich habe eigentlich die gleiche Meinung. v Er sah mich forschend an, doch sein Blick ging 285 „ durch mich hindurch irgendwohin in die Ferne. Das dunkle Gesicht wurde von einem melancholischen Lächeln er- nellt.«Ja, man müßte gläubig sein können, mon amiv, meinte er dann, und es klang, als beende er ein längeres stummes Selbstgespräch, adas müßte man, nur leider, sichst du, ich verstehe mich nicht aufs Heucheln und ich pin auch wieder nicht bescheiden genug, weder geistig noch anderweitig. v Er z0g die Braue über dem schweren Augen- lid hoch. In seiner Stimme schwang der vertraute ironi- sche Unterton mit, als er schloß: Da sagen sie immer,Das, wofür wir uns halten in unserem Herzen, ist und bleibt des Soldaten höchster Besitz“. Aber wofür halten wir uns nun eigentlich? Na, was ist deine Meinung, Holler? Für Nar- ren? Oder Komõdianten? Oder gemeingefãhrliche zerset- zende Elemente? Oder... Museumsstücke dv Ohne mir Zeit zu einer Erwiderung zu geben, drehte er sich auf dem Absatz um und ging davon. Ich fand ihn spãter, auf᷑ der Hofmauer sitzend, den Blick nach dem Flußufer mit den Weidenbäumen gerichtet. Er Spielte Flõte. Suite in Es-durv, erklärte er mir, als er das Instrument nach einem letzten schrillen Schnõrkel absetzte. Kompo- niert von Herrn Hofmusikus Quantz und gewidmet mei- nem Ururgroßvater, dem Rittmeister Ernst Louis Ferdi- nand von Chabrun. Eine tolle Nummer übrigens, dieser Herr Rittmeister. Konnte sein loses Maul absolut nicht hal- ten. Micht mal bei der Hoftafel in Potsdam. Es gibt darũ- per eine verbürgte Anekdote. Der alte Frit war bekannt- lich ein leidenschaftlicher Schnupfer und nicht schr appe- titlich. Sogar beim Bratenvorschneiden mußte er seine Prise nehmen. Na, und als dabei die Portion für meinen Urur- großvater etwas abbekam, soll der bemerkt haben: Wir Chabruns sind immer schon für unsere kulinarischen Ex- travaganzen bekannt gewesen. Aber ich bin sicher der erste 286 in der Familie, der seinen Braten von einer Majestãt ge- pfeffert bekommt“, was ihm ein kõnigliches Lachen und die Strafversetzung nach Klein-Bützow eingetragen hat, wo er dann versauert ist. Ja, mein Licher, so verflucht kompliziert und unberechenbar war schon immer das Le- ben.v Wir Saßen noch eine Weile nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen. Dann mußten wir zum Essenempfang und nachher marschierten wir auf Wache— und eigentlich wãre über diese ganze Episode gar nichts zu sagen, hätte nicht gerade sic mich zum ersten Mal wieder aus der grauen Apathie gerissen und mit einer zwar nur kurz anhaltenden, aber wütend unzuftiedenen, schwer zu beschreibenden Un- ruhe erfüllt. 77 Wenn uns auch in der Folge die meisten Tage durch die Finger glitten wie Erbsen beim Auslesen, gleichförmig, fast nicht voneinander zu unterscheiden- Kantine, Schlaf, Appell, nãchtlicher Wachdienst auf dem Frachtenbahnhof- So gab es doch einige Vorkommnisse, die jene kurze, wü- tende Unruhe von neuem aufflackern ließen. Zumeist hatten wir Vich und Getreidetransporte zu be- wachen; sie kamen aus den landwirtschaftlichen Bezirken des Protektorats, manchmal auch aus den besetzten Bal- kanlãndern, und wurden hier umgeladen, um nach dem Altreich oder in den Frontbereich dirigiert zu werden. Frũher war die Umladearbeit immer bei Tageslicht vor sich gegangen. Aber seit einiger Zeit wurde sie nur noch wäh- rend der Nachtstunden verrichtet; um der Möglichkeit feindlicher Beobachtung vorzubeugen, wie es offiziell hieß, in Wahrheit jedoch wegen der Tschechen, die nicht schen sollten, wieviel aus ihrem Land weggeschafft wurde. Sie wußten es trotzdem; das bewiesen die stets von neuem auf- tauchenden Inschriften und Kreidezeichnungen auf den 287 Waggons und Lagerhäusern- die Kreuze, die Galgen, die verstũmmelten Hakenkreuze mit der mahnenden Jahres- zahl r918. Die Täter wurden nie erwischt. Einmal schoß Dietz ei- nen Mann in Eisenbahneruniform an, den er scheinbar auf frischer Tat ertappte. Es stellte sich jedoch heraus, daß der Verwundete gar kein Tscheche, sondern ein Sudetendeut- scher und noch dazu ein Alter Kämpfer war, der im Auf- trage der Gcheimen Staatspolizei Saboteure unter der tschechischen Arbeiterschaft dingfest zu machen versucht und zu diesem Zweck nachgemachte reichsfeindliche Flug- zettel an das Tor eines Kohlenschuppens geklebt hatte. Die Angelegenheit wurde schnell und geräuschlos in die Versenkung befõrdert, hinterließ aber einen Nachge- Schmack von Lächerlichkeit und Fatalitãt. Mitunter mußten wir Verwundetenzũge aus Rußland von jeder Berũhrung mit der Stadt absperren. Auchdiese Züge kamen nachts an und wurden noch vor Tagesan- bruch umrangiert und weiterbefõrdert. Es war ein unangenehmer Dienst. Vielfach wollten Ver- wundete, die ihre Betten verlassen konnten, nach Prag hin- ein; wir durften sie nicht durchlassen und wurden dafũr wüst beschimpft. Binmal sickerte auch die Nachricht von der Ankunft ei- nes solchen Zuges in die Stadt durch. Zahlreiche Frauen und alte Mãnner, die von ihren Angehörigen im Felde schon längere Zeit nichts gehört hatten, versammelten sich vor dem Frachtenbahnhof, in der Hoffnung, unter den Ver- wundeten Kameraden ihrer Sõhne und Mãnner zu finden. Sie versuchten, unsere Sperrkette zu durchbrechen. Pabei kam es zu stürmischen Auftritten. Eine S8. Bereitschaft grift ein und sãuberte das Bahnhofsgelände von Zivilisten. Es setzte Hiebe und Verhaftungen. Die Weggetriebenen, Niedergeschlagenen und Verhafteten waren durchwegs 238 Volksgenossen, zum grõßten Teil Sudetendeutsche, engere Landsleute von mir. Ich konnte sie mir gut vorstellen, wie sie— gleich Onkel Helmut und Anneliese— ihren ,Helden- jungen' zugejubelt hatten, als diese in den damals noch so bunt und frõhlich ausschenden Waffentanz zogen. Und mir schien es, als hörte ich die Worte meiner Mutter wie- der:«Sie wollen euch einreden, daß das Sterben das Grõßte auf der Welt ist; glaub ihnen nicht, glaub mir: das Leben ist heilig. ih Ich glaubte ihr. Oh, ich glaubte ihr schon lange— nur fühlte ich zugleich, daß dies allein nicht genügte. Man mußte auch handeln. Doch um handeln zu können, mußte man wissen, was man wollte; nicht bloß erkennen, was man nicht wollte. Eines Abends bewachten wir einen kroatischen Trup- pentransport, der sich auf᷑ der Fahrt nach der Ostfront be- fand: viele Vichwagen voller junger Burschen in schmut- ziggrünen Uniformen. Sie waren waffenlos, nur die Offi- ziere und Unteroffiziere trugen Handmaschinengewehre und Pistolen. Die Soldaten sangen ihre schwermütigen slawischen Lieder, die ganz unvermutet einen rebellischen Klang an- nehmen konnten und nachher ebenso plõtzlich wieder in Trauer zurũcksanken. Finer der Kroaten holte Wasser von der Pumpe. Dabei wechselte er ein paar Worte mit einem tschechischen Strek- kenarbeiter. EFin junger Offizier, fast noch ein Knabe, sprang— mit seiner Reitpeitsche fuchtelnd— hinzu und stellte den Soldaten zur Rede. Der hob seinen freien Arm, wohl in der Absicht, sich vor einem Schlag zu schützen. Doch der Offizier faßte diese Bewegung als Drohung auf. Ein Pfiff. Mehrere Unteroffiziere stũrzten sich auf den Sol- daten. Er wurde wenige Minuten nachher vor versammel- ter Mannschaft mit einem Ochsenziemer ausgepeitscht. 19 289 SS. Leute vom Bahnhofskommando genossen aufgekratzt das Schauspiel und gaben sachverständige Ratschläge. Ich hatte in der Nãhe zu tun und konnte beobachten, wie in den Blicken, mit denen die Kroaten zu der schwarzen Gruppe hinũberschielten, die gleiche dũstere Feindseligkeit aufflackerte, die ich von tschechischen Augen her kannte. Unwillkürlich griff ich mir an die Kehle. Dietz, der neben mir stand, krähte: Ach, diese Empfind- samkeit! Du kannst es wohl nicht mit anschaun, wenn ei- nem von diesem Gesindel die Haut gegerbt wird?v Ich fragte Dietz spãter, auf der Wachstube, ob er nicht das Schwelen in den Augen der Kroaten geschen habe. ¶Und wenn schonv, lautete seine Antwort. Er spuckte in weitem Bogen zum Fenster hinaus. Dann gab er mir eine gedrängte Lektion ũber das minderwertige Wesen der Sla- wen. aAlles in allem ein Irrtum der Geschichtev, faßte er seine Ansichten schließlich zusammen, aganz niedriges Rassengemisch, gerade noch als Kulturdũnger zu gebrau- chen. v Ich wandte ein, dies kõnne doch nicht gut für die Kroa- ten gelten, von denen ich erst vor kurzem im Võlkischen Beobachter gelesen hatte, daß sie wegen ihres gotischen Ahnenteils unsere natürlichen rassischen Bundesgenossen seien. (Ach, du liebe Einfalt!* kreischte Dietz; er wurde von heftigem Lachen geschüttelt. Wirklich, der Streicher hat recht: das Arge mit uns Deutschen ist, wir sind zu chrlich. Er genoß, immer noch prustend, meine Verblüffung und klãrte mich schließlich auf: Diese Sache mit den gotischen Ahnen ist nur ein Notbehelf. Erlaubte nordische List So- zusagen. Wir können jetzt, solange die Neuordnung Eu- ropas noch im Fluß ist, auf gewisse Bündnisse Schlechter- dings nicht verzichten. Dafür zahlen wir unter anderem mit... hehe... rassischer Beförderung, ad interim, selbst- verstãndlich, nur ad interim, hehehe. Aber es wirkt.» Er 290 zeigte zum Fenster hinaus nach dem kroatischen Zug.«Hör nur, sie singen schon wieder, ganz friedlich und manier- lich. v Sie sangen in der Tat wieder. Nichts von Trotz oder Auf- lehnung war in ihrem Gesang, nur Trauer, nur Schwer- mut. Aber mir war es auf einmal, als verschmelze er mit einem andern Lied, einem gleich klagenden und schnsüch- tigen, das dennoch voller Zuversicht und drohender Ver- heißung war,— mit dem, Kde domov mujꝰ?, wie ich es in dem Lehmbruch auf der Rückfahrt von jener mißglückten Haussuchung bei dem falschen Herrn Rubesch gehört hatte. Der Gedanke machte mich frieren. Ich stopfte mir die Ohren zu, ich suchte die Wãrme des Vergessens. Poch tief im Innern flickerte eine Ahnung, und heute weiß ich's: die- ses von zerschlagenen, wehrlosen Gefangenen vor den Läãu- fen unserer Gewehre gesungene Lied wird mich nie wieder verlassen. Es gehört zu jenen Begebnissen, von denen man erst viel später merkt, daß sie gewissermaßen einen Kor- ken haben, an dem sie emporgetragen werden aus der Tiefe der Vergangenheit— unsinkbar, unverscharrbar, solange man atmet. Einmal stand ich Posten vor einem Zug, der etwas außer- halb des Bahnhofs hielt. Es war ein Gefangenentransport. Aus zwei Waggons trug man unterwegs Gestorbene; sie sahen dürftig aus, gleich Kinderleichen. Als die Eskorte Brot verteilte— wie Futter in Tierkãfige wurden ein paar Laibe in jeden Wagen geworfen=, erhob sich ein unmensch- liches Hungergebrüll. Ich sah weg. Ich hörte weg. Aber auch dieses Gebrüll, auch diese Leichen haben ihre Kor- ken. Einer der Wagen war mit einer gelben Tafel verschen, auf᷑ der Militãr-Strãflinge stand. Es war ein sogenannter Schubwagen mit vergitterten Fenstern. Seine Insassen Sprachen Deutsch. Sie waren von Feldgerichten wegen De- 291 sertation, Selbstverstũmmelung oder ãhnlicher Vergehen zu langen Zuchthausstrafen verurteilt worden und wurden nun nach dem Balkan geschafft, um dort Zwangsarbeit in Bergwerken zu leisten. Ich erfuhr das von einem der Gefangenen, der mich um Zigaretten und Brot anbettelte. Ich hatte nichts Rauchba- res bei mir. Aber ich war bereit, ihm einen Brotkanten zu schenken, nur ließ sich das nicht sofort bewerkstelligen, weil der aus irgendeinem Grund erboste Marofke(der mich schon auf der Wachstube wegen mangelnder preußi- scher Strammheit als Sudetenwaschlappen beschimpft hatte) lauernd in der Nähe herumstrich. Doch bevor ich das dem Gefangenen zu verstehen geben konnte, begann er schon in breitem Bayrisch zu lästern. Du Sauspund, damischerv, schrie er, chältst dich wohl für was Besseres als wir? Wart nur, bis sie dich auch an die Front spediert haben, nachher wirst schon dahinter- kommen, daß zehn Jahre im Loch immer noch schöner sind als wie eine Woche an der Russenfront! Ich nahm ihm das alles zunächst nicht krumm, ja ich warf sogar, als Marofke weggerufen wurde, den Brotkan- ten durch das Gitter. Der Bayer rief: Danke. Ein Saupreuß bleibst aber doch. Gute Reise ins Massengrablv Der Teufel mag wissen, warum mir das Wort Saupreuß einen solchen Stich versetzte. Wahrscheinlich war es nicht so schr Arger über den Bayern wie ein Gefühl eigener Schuld, was mich plõtzlich dazu trieb, den Gefangenen an- zuschnauzen, er solle sogleich vom Fenster verschwinden. Der Bayer blieb mir nichts schuldig. Mit einemmal stürzte Marofke herzu. Was mir einfalle, mit einem Kriegsverbrecher auch nur ein Wort zuwechseln, krakeelte er. Ob ich nicht wisse, wie ein Posten auf eine Wachebeleidigung zu antworten habe. Wozu gibt man Ihnen eine Knarre? prüllte er und tanzte vor mir auf᷑ und 292 ab. Genau genommen müßte ich Sie jetzt wegen Dienst- verletzung anzeigen.v Herr Unteroffizier werden das nicht tunꝰ, sagte ich in einem Ton der Ergebenheit, für den ich mich im nãchsten Augenblick hätte ohrfeigen mögen. Das Verlangen, Ma- rofke mein Gewehr vor die Füße zu werfen, übermannte mich beinahe. Etwas davon mußte sich wohl in meinem Mienenspiel zeigen. Marofke musterte mich alarmiert. Na, werden schenv, bellte er schließlich, wegtreten!v Jetzt ihm eins hinten hineinpulvern können lv dachte ich inbrünstig, schlug aber die Hacken zusammen und trat vorschriftsmãßig ab. ¶Ach was, Dietz hat Recht. Alles ist Mist, und nur auf diese Weise wird man damit fertig.v Wieder fand ich mich ab. Wie lange, wie schändlich lange dauert es doch, bevor in unsereinem Verstimmung, Scham und Schuld so uner- träglich geworden sind, daß er die Trãgheit seines Herzens ũberwindet? Paß er verwandelt wird und ãndern will? Ein Erlebnis wühlte mich in jener Zeit mehr auf als alles andere. Es war die Begegnung mit dem tschechischen Mãdchen. Was sich dabei tatsächlich zutrug, wäre kaum der Erwãhnung wert. Aber es gibt Bedeutungen hinter den Dingen, und es gibt das stille Wachsen von Erlebnissen in unserem Innern, lange nachdem sie sich in der Wirklich- keit ereignet haben. Ich wurde von Marofke mit einem Befchl des Bahnhof- kommandos zu dem leitenden Ingenieur der Reparatur- werkstãtte geschickt. Der Ingenieur war nicht in seinem Büro, und ich erhielt die Auskunft, er inspiziere frisch in- standgesetzte Waggons hinter den Werkstätten; dort würde ich ihn finden. Von den Mitgliedern einer Scheuer- kolonne wurde ich nach einem Personenwaggon garz am Ende der langen Garnitur gewiesen. Doch als ich dort an- 6 langte, war der Gesuchte schon wieder weitergeeilt. Die Frau im blauen Arbeitskittel, von der ich diese Auskunft erhielt, trug eben Eimer und Besen aus dem Wagen. Eine zweite wischte noch über die vielfach geflickten Fenster- Scheiben. Sie blickte nicht auf, als ich an ihr vorũberkam. Auch ich schenkte ihr keine weitere Beachtung. Schon wollte ich das Abteil verlassen, da wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Fleck an der Wand erregt. Ich trat näher und bemerkte, daß in das Holz ein paar tschechische Worte eingeritzt waren. Nur mit Mühe ent- zifferte ich die krummen, unbeholfenen Schriftzeichen. Ich verstand nicht alles, aber der allgemeine Sinn war mir klar. Die Worte besagten etwa: Wir Tschechen waren und wer- den sein. Alle von uns könnt ihr ja doch nicht fertig ma- chen. Und nur der letzte Sieg gilt. v Als ich mich umwandte, trafen sich meine Blicke mit denen der Frau am Fenster. Jetzt erst Sah ich, daß sie schr jung war, wohl kaum ãlter als Sechzchn Jahre. Fine dunkel- plonde Strãhne kam unter dem Kopftuch hervor; die Wan- gen waren schmal, die Augen schr hell und schon etwas můüde- ein Prager Arbeitermãdel wie tausend andere. Ihre Augen verdunkelten sich und ihre Lippen begannen zu zittern. Trotzdem schien sie ganz ruhig, als sie auf die Schrift an der Wand zeigte und leise sagte: Das haben Geiseln geschrieben. Unsere Leute. Für euch. v Sie schwieg; mir schien, als sei sie ũber ihre eigenen Worte erschrocken, doch ein innerer Zwang trieb sie wohl zum Weiterspre- chen. Was habt ihr aus unserem Land gemacht? Nicht einmal der Himmel ist mehr so blau wie früher.v Sie schluchzte auf, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Wa- rum verhaften Sie mich nicht ꝰ rief sie nach einer Weile. Ich winkte ihr, zu gehen. Sie zögerte ungläubig, nahm dann ihr Putzzeug und verließ den Waggon. Abscheu und tõdliche Feindschaft strahlten von ihr aus— so stark, daß ich sie kõrperlich empfand. 294 Nicht einmal der Himmel ist mehr so blau wie frũher.v Die Worte blieben in mir stecken, als hätten sie einen Wi- derhaken. Und sie sind es wohl, die das Bild des unbekann- ten jungen Mädchens und das Lidkas zu eins werden ließen, so daß ich sie heute überhaupt nicht mehr aus- einanderhalten kann. Ja, es müssen diese Worte sein... diese Worte, die so seltsam anklangen an etwas, das Lidka einmal zu mir ge- sagt hatte, bei einem unserer Ausflüge. Wir saßen auf einer Hügelkuppe und sahen über das sanft rollende bõhmische Land hin. Es war Sommer. Die Pflaumenbãume bogen sich unter der Fülle dunkler Frũchte. Das Korn stand in schlanken Garben auf den schmalen, sauber abgeernteten Feldern. In der Weite kräu- selte sich der Rauch der ersten Kartoffelfeuer. Vor den Hãusern eines kleinen Porfes lagen Leintücher ausgebrei- tet, betupft mit Kirmeskuchen, die von den Bäuerinnen zum Auskühlen ins Freie getragen worden waren. Alles war friedlich, einfach, ruhig, und von einer bescheidenen Lieblichkeit. Lidka ließ sich ins Gras sinken; sie wickelte einen Halm um den Finger, wie es die Kinder gerne tun, und sagte: (Ach, unser Himmel, unser böhmischer Himmel! Wie ein Sonntagskleid ist er von einem kleinen Bauernmãdel. Blau, mit weißen, frisch gebügelten und gestärkten Rüschen und Bändern. Unschuldig und anmutig. Und vor allem sanft. Wenn du ihn richtig sichst, dann verstehst du das Herz des Landes hier. Unser Herz.v An diese Worte Lidkas mußte ich jetzt denken. Der Himmel war nicht mehr wie früher. Wir hatten ihm die Bläue, die Ruhe und den Frieden geraubt. Wir hatten das Herz des Landes mit schwarzem Haß geladen. Mich schauderte. Ich lief aus dem Wagen. Der Himmel, zu dem ich hinaufblickte, war dunkel.«Aber es ist ja Nachtv, redete ich mir zu, awas für eine Dummheit! In der Macht kann der Himmel doch nicht blau sein!v Allein der Trost war schwach. Etwas wie eine heimliche Wunde blieb. Es war an einem der letzten Augusttage, und wir hatten nun schon zwei Wochen lang Nacht für Nacht Posten auf dem Frachtenbahnhof geschoben, als Marofke mit der Nachricht kam, daß am nãchsten Abend eine andere Truppe die Bahnhofswache übernehmen werde und daß uns jetzt wieder der übliche Tagesdienst bevorstehe. Wir wurden durch Marofkes Ankündigung in übermi- tige Stimmung versetzt, denn wenn auch im Anfang die nãchtlichen Wachen mit ihrem so schön dõsig machenden? Müdigkeitsgefühl ganz angenehm gewesen waren, aut᷑ die Dauer bekam man sie doch über— oder, wie Klobocznik es ausdrückte: Was zuviel ist, ist zuviel, und sogar Eisbein mit Sauerkraut kann einem zum Hals heraushängen, wenn man's jeden Tag kriegt. v Die sogenannte Hundewache, knapp vor Morgengrauen, war am wenigsten belicbt; es gab da immer viel Bewegung auf dem Bahnhof, man mußte scharf aufpassen, auch mach- ten gerade dann die Inspizierenden mit Vorliebe ihre Stich- proben. Klobocznik, der sich sonst, wann immer es ging, von dieser Wache drückte, bat sie sich diesmal eigens aus. Man hat nachher den doppelten Genuß davon; man kann sich sagen:, So, jetzt gibt's mal für eine ganze Weile keine Hundewache mehr?.* Das Vergnügen könntest du aber billiger habenv, meinte Dietz. Hier irrt Goethev, verwies ihn Klobocznik, wobei sein aufgeschwemmtes Gesicht in einem schlauen Grinsen aus- einanderging. Da hab ich mal einen Stammgast gehabt, 296 der verzchrte nie was, hõchstens einen von diesen Stangen- käsen, die sich Leichenfinger nennen. Sonst trank er im- mer nur zwei bis drei kleine Mollen. Aber einen Zahn- stocherverbrauch hatte der Mann wie'ne Hochzeitsgesell- chaft bei Kempinski. Na, ich hab mir das eine Weile lang geduldig mitangeschen, aber schließlich fragte ich ihn doch auf den Kopf zu:, Nu verraten Sie mir mal, Herr Knichtel, sind Sie von der Zahnstocherindustrie angestellt oder ha- ben Sie einen Zahnarzt in der Familie, daß Sie immerzu wie'n Wilder zwischen den Zähnen fummeln müssen d“ Und was gibt mir der Mensch doch zur Antwort? Er pohrt da rum, bis es richtig weh tut, weil's nachher so schön ist, wenn der Schmerz nachlãßt. Und ich kann euch sagen, der Mann war gar nicht s0 doof.v Marofke meckerte laut auf.«Na, nach dieser Theorie müßte man Ihnen ja quasi allerhand dicke Luft wünschen, wenn Sie auf Posten gehnl» Nein, danke. Mir genügt eine ganz gewöhnliche, fried- liche Hundewachev, entgegnete Klobocznik. Er zog aus seiner Brusttasche zwei in Zeitungspapier gewickelte Vir- ginia-Zigarren, deren eine er Marofke anbot. Per steckte sich die Virginia an und schmauchte genie- Berisch. Hm, nicht schlecht. Wo haben Sie dieses Kraut wieder aufgegabelt?v Er drehte die Spitzen seines Kater- bartes in die Hõhe; die roten, verklebten Kuglein funkel- ten. Bitte um friedlichen Wacheverlauf wird unter diesen Umstãnden befürwortend an den Herrn der Heerscharen weitergeleitet.v Aber es sollte anders kommen. Klobocznik patrouillierte gerade einen einlaufenden slo- wabischen Getreidezug ab, als vom hintersten Wagen zwei Mãnner in Soldatenuniform absprangen und auf die Koh- lenhalden am Ende der Verladerampe zusteuerten. Ge- stellt, pflaumten sie Klobocznik in reinstem Berlinerisch an, wie alte Bekannte. Bevor er noch richtig Verdacht schõpfen konnte, hatten sie ihm das Gewehr aus den Hãn- den geschlagen und waren hinter den Halden verschwun- den. Unglũcklicherweise wurde der Vorfall von ⁊wei Leuten der SS. Bahnhofsbereitschaft beobachtet, mit der wir nicht gerade im besten Einvernehmen standen. Die zwei stürzten sich sofort auf unsern Dicken und führten ihn wegen Fluchtbegünstigung von Deserteuren ab. Marofke alar- mierte Oberleutnant Malzahn, und dieser erschien gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, daß Klobocznik nach dem Gestapo-Gefãngnis abgeschoben wurde. Doch be- durfte es einer Intervention unseres Bataillonsstabs, um den Festgehaltenen freizubekommen. Die Sache ist damit keineswegs aus der Welt geschafft*, verhieß der SS.Kommandeur, als er endlich Befehl gab, Klobocznik an Malzahn auszuliefern.«Es wird sich noch ein Mittel finden, um so ein faules Etappenschwein irgend- wohin befõrdern zu lassen, wo's weniger gemütlich zu- geht als hier. v Malzahn wurde noch steifer, als er schon gewesen; er zischte durch seine langen, gelben Zähne: Werturteile über Angehörige der Wehrmacht mõchten wir uns selbst vorbehalten. Wer ein Ftappenschwein ist, entscheiden wir.v Na, das wird sich noch zeigenv, gab der Schwarze mit einem hãmischen Grinsen zurück. Abwarten und Tee trin- kenl» Worauf Malzahn nichts mehr erwiderte, sondern Ma- rofke anwies, das Protokoll zu unterzeichnen und Klo- pocznik zu übernehmen.«Der Mann kriegt am nächsten Sonntag Strafwache. Weil er sich hat abführen lassen. Er- ledigt. v Obwohl also alles schr glimpflich abgelaufen war, zↄeigte Sich Klobocznik doch verdrossen und bedrückt. Auf dem Heimweg ins Quartier blieb er, der Sonst immer sang oder 293 Witze riß, verbissen stumm. Als ich ihn wegen seiner Kopfhängerei aufzog, gab er mir zur Antwort:«Mensch, bei diesem Ringkampf zwischen Wehrmacht und S8. bleib doch nur ich auf᷑ der Strecke.v Er warf mit einer resignier- ten Gebãrde seine halb gerauchte Zigarre weg. cPaß auf., der Schwarze Hund macht Seine Drohung wahr und bringt mich an die Front. v Dietz, der vor uns marschierte, bemerkte über die Schul- ter, daß Klobocznik gut daran tãte, in etwas gemãßigteren Ausdrũcken von der S8. zu sprechen; sie sci schließlich das Mark der Partei. Im übrigen habe jemand mit solchen Plattfülen wie der Dicke eine Abkommandierung nicht zu fürchten, ganz zu schweigen von den falschen Zähnen. Hast du'ne Ahnung, wen sie jetzt alles felddienst- fähig erklärenꝰ, versetzte Klobocznik. Wenn du nur zwei Hãnde, ⁊wei Füße und eine Birne hast, ist das schon genug. Uperhaupt, bei dieser wissenschaftlichen Kriegsführung werden sicher Krüppel an der Front gesund.v Er spielte damit auf einen von Dietz seit neuestem gern zitierten Goebbelsartikel an, in dem es geheißen hatte, die deutschen Verluste seien dank den besonderen wissenschaftlichen Angriffsmethoden geradezu wunderbar gering. Kalbskopfv, knurrte Dietz. Klobocznik reagierte nicht darauf. Er seufzte galgen- humorig. Sack Zement, da habe ich mir immer gedacht: Vater und Großvater sind beide hinter der Theke gestor- ben, das ist auch der richtige Platz für Willi, wenn's mal soweit kommt. Ja, Schnecken! Hen stillet Heldenjrab auf õder Heide, wer hätte det jeahnt?y Er hatte die letzten Worte mit angedeuteter Singstimme, im Tone einer Ber- liner Schauerballade gesprochen und brach am Schluß in ein gezwungenes Geläãchter aus. Mir kam plõtzlich Seelke in den Sinn, wie ich ihn an sei- nem letzten Tag auf dem Kohlenkasten vor der Kom- paniekanzlei hatte sitzen sehen. Als ich nachher im Gespräch mit Chabrun eine An- deutung in dieser Richtung machte, fertigte er mich zuerst ab: a wo, Gespensterscherei! Klobo ist aus anderem Hol⸗ gemacht.v Poch nach einigem Uberlegen fügte er hinzu, und das so charakteristische Lächeln, voller Eigensinn und melancholischer Ironie, tanzte um seinen Mund:«Hm, eigentlich weiß man nie genau, was in einem Menschen drinsteckt. Und erst in uns Deutschen. Man sagt immer, wir halten unbeschreiblich viel aus, und das stimmt auch in einer gewissen Weise, aber dann, urplõtzlich, reißen bei uns alle Stricke. Nimm nur, zum Beispiel, den letzten Krieg. Mit einemmal war's aus; was gestern aus Granit schien, fiel heute zusammen wie nasser Pappkarton. Ja, s0 ist es; weil wir so viel in uns hineinfressen können, explo- dieren wir dann mit solcher Vehemenz, oder verflüchtigen uns mit einem„pfft' wie angestochene Luftballons... Trotzdem gehe ich jede Wette ein, daß Klobocznik mor- gen früh, nach einer im Bett und mit der nötigen Bier- Schwere verbrachten Nacht, wieder kreuzfidel ist.v Der nãchste Tag ließ sich gut an. Es gab keinen Außen- dienst, nur ein bißchen Reinemachen und Schule, und nachher Gewehrputzen. Klobocznik ausgenommen, fan- den wir alle die neue Diensteinteilung nahezu paradiesisch. Der Dicke allerdings schien mit sich und der Welt zer- fallen. Er war, entgegen der Voraussage Chabruns, mür- risch aufgewacht und hatte gleich beim Kaffecholen Streit mit dem Gefreiten vom Dienst bekommen. Mittags fand er eine Schabe in seinem Kohl und schließlich zerbrach ihm auch noch sein Putzstock. Zornig schleuderte er die Bruchstũcke weg, sank in sich zusammen und starrte dũ- ster zum Fenster hinaus, über die Fuchsienstõcke hin, die Seit Scelkes Tod verkümmerten, da sich ihrer niemand mehr richtig annahm. Dietz verscheuchte mit seinem Lachen die gãnschäutige Stimmung, die ich herannahen fühlte.(Schaut euch nur 300 den Klobo anꝰ, meckerte er, wahrhaftig, der spielt Kan- didaten für die Pahldorfer Irrenanstalt! Der Dicke schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt.«Ach, du! Stell wenigstens die Lärmkiste ab. v Er schielte bõse nach dem Radio hin, aus dem eines jener von Dietz bevorzugten Schlachten-Hörspiele pras- selte.«st ja nicht mehr zum Aushalten.» Dietz feixte. Was habe ich gesagt? Reif für Dahldorf... Aber da ist Pelius vEr legte den Zeigefinger an die Lippen. Das Hörspiel hatte mit einem grellen Tusch geendet. Der Ansager kündigte den geopolitischen Sachverständi- gen der Prager Deutschen Funkstunde, Hauptmann a. D. von Pelius an. Gleich darauf begann eine zackige Stimme zu dozieren:(Der im neuesten Wehrmachtsbericht ge- nannte Ort Elista, der von beweglichen Kräften unserer Infanterie in überraschendem Vorstoß gegen das Wolga- delta genommen wurde, ist Hauptstadt des Kalmücken- gebiets. Vom Standpunkt der Geopolitik aus läßt sich ũber dieses Steppenland eine Menge sagen.v Es folgte eine langatmige Beschreibung von Landschaft, Bevölkerung, Tier- und Pflanzenwelt. Abschließend stellte der Haupt- mann in leicht vorwurfsvollem Tone fest, daß ein außer- ordentlich trockenes Klima die Oberflächengewässer des neu eroberten Gebietes allzu starker Verdunstung aus- Setze, was sie salzig und zu landwirtschaftlicher Nutzung ungeeignet mache. Das Steppengras sei von geringem Füt- terungswert und komme höchstens für Schafhaltung in Betracht. Damit ging Hauptmann von Delius ab, während eine Pfeiferkapelle den Alten Preußischen Jägermarsch into- nierte. Klobocznik knurrte:«Na, das hat gelohnt. Kalmücken- steppel Schon verratzt. Was? Wieso schon verratzt dv wollte Dietz wissen. Was ist dir nun wieder nicht recht, alter Rettich?» 301 (Das will ich dir gleich auseinanderposamentieren. Da heißt es immer: jetzt haben wir alles Gl und alle Kohle und allen Raum... aber trotzdem gibt's keine Ruhe und keinen Frieden. Sack Zement! Zu was brauchen wir diese Kalmũckensteppe ꝰ Hast ja gehört, was es dort gibt: Schafs- gras. Damit kann nicht mal der Hitler etwas...v Dietz fuhr spitz dazwischen: Bitte schr, es heißt ja doch wohl: der Führerlv Klobocznik wurde durch den Zwischenruf aus dem Ge⸗ leise geworfen. cKlar... was denn...v lispelte er und schob hastig sein herausrutschendes Gebiß zurück, cach, es ist alles eine einzige Scheiße. Dieser verdammte Traum macht mich dãmlich wie sieben Affen. v Kchzend und kopf- schüttelnd ging er daran, die verstreuten Teile des Putz- Stocks aufzusammeln.(Also, was man da manchmal zu- sammentrãumt...v Und er erzählte verworten von einer Schwanzlosen grauen Katze, die ihn im Traum verfolgt und sich schließlich in seine Wade festgebissen hatte. Das Vieh war nicht mehr loszukriegen, selbst als ich's erwürgt hatte. Es hing an mir wie angewachsen. Pfuil* Mir fiel das gestrige Gespräch mit Chabrun ein. Ich suchte seinen Blick. Er zwinkerte spöttisch.«Mit einem Wort: Wadenkrampf. v Dietz protestierte: Komm uns bitte nicht mit solchen materialistischen Erklärungen! Wo bleibt dann das Ver- gnügen an gruseligen Trãumen?v Und er begann mit wol- lüstiger Ausführlichkeit dem Dicken zu beschreiben, wie der Katzenkadaver nach mehrtägigem Hängen an der Wade aussehen würde. Klobocznik hörte gequält und fasziniert zu. Chabrun, eine senkrechte Falte zwischen den zusammen- gezogenen Brauen, bemerkte beißend höflich: Ach, nun weiß ich erst, welche Art Kenntnisse du aus deinen Ex- perimenten ziehst... Ich bin Dietz nãmlich neulich darauf gekommen, daß er in der Gewchrkammer einen allerlich- 302 sten kleinen Galgen hat, an dem er junge Katzen henkt, wandte Chabrun sich erlãuternd an Klobocznik und mich, cund da erklãrte er mir, daß er das nur aus wissenschaft- lichen Gründen tut.v Dietz war rotfleckig geworden. Er rief jetzt in überheb- lichem, aber nicht ganz selbstsicherem Ton, wie ein Junge, der erwartet, verprũgelt zu werden, jedoch von vornherein zeigen will, daß ihm das nichts ausmacht: Deine Stiche- leien, Chabrun, lassen mich total kalt. Ich finde es nur gro- tesk, daß jemand, der sich auf sein Edelmannstum so viel einbildet wie du, ausgerechnet die Eigenschaft vermissen läßt, auf die's dabei hauptsãchlich ankommt; ich meine die Diskretion. v Chabrun streichelte scinen scidigen Schnurrbart. Nã- selnd warf er hin:«Zur Diskretion gehören Gentlemen auf beiden Seiten.v Pietz schnellte von seinem Sitz hoch. Die Flecken auf seinen gelblichen Wangen traten scharfↄackig hervor. Was du nicht sagst? Gentlemen, Gentlemen! Erãffte Chabruns Aussprache des fremden Wortes nach. Haben der Herr Baron vielleicht noch andere pritische Prãdilcktionen ꝰ Gewiß. Whisky mit Soda zum Beispiel. Meiner be- Scheidenen Meinung nach die genialste Erfindung auf dem Gebiet des Getränkewesens. Eine eminente Leistung un- serer feindlichen Vettern.v Dietz riß an seinen dicken Fingern, daß die Gelenke knackten.«So. Ist ja hochinteressant. Also du findest... aber unter solchen Umständen erũbrigt sich jede Dis kus- sion. Unsere beiderseitigen Standpunkte sind augenschein- lich viel zu weit voneinander entfernt.v Das läßt sich kaum in Abrede stellen.v Chabrun holte ein Zigarettenpapier hervor. Dietz verschluckte eine Bemerkung. Ich glaubte, die Worte ,verdammtes Junkerpack' von seinen zuckenden Lippen ablesen zu kõnnen. Sich gewaltsam zur Ruhe zwin- 303 gend, preßte er hervor: Immerhin wirst du gut daran tun, deinen Standpunkt zu revidieren, denn als deutsch kann er wohl schwerlich bezeichnet werden. v Chabrun rollte seine Zigarette bedãchtig zu Ende, preßte sie flach, verschwendete eine übermäßig lange Zeit auf das Anzünden. aIch weiß nicht recht... v begann er, konnte den Satz jedoch nicht beenden. Auf᷑ dem Korridor vor der Stube war es laut geworden. Gleich darauf polterte Maurer herein. Er war unrasiert, schmutzig, hohlwangig. In seinen großen blauen Augen flackerte ein trũbes Feuer. Wir starrten ihn verdutzt an. Maurer knurrte einen Gruß, machte sich dann stumm ans Abschnallen. Mir war's, als sei er gar nicht mehr der alte, obwohl ich eigentlich nie recht gewußt hatte, wie es wirklich in ihm aussah. Den andern mußte es ãhnlich ergehen. Klobocznik gab diesem Gefühl als erster Ausdruck.«Na, Maurer, alter Rollmops, was ist los mit dir ꝰ» Gerade genug, mein Jungev, erwiderte Maurer und diß sich auf die Lippen. Er war jetzt ãußerlich võllig ruhig und undurchdringlich, aber mir schien es doch, als kõnne ich unter seiner Ruhe die Wut brodeln hören. 13 Ich wurde von Marofke aus der Stube gerufen und nach der Kantine beordert.«Sie werden dort dringend verlangt. Ich weiß nicht, um was es geht. Der Bescheid ist von der Kanzlei gekommen.v Als ich, etwas außer Atem, den Schankraum betrat, winkte mich der Kantineur ungeduldig zu sich heran. Dal- li, dalli! Es ist ein Ferngespräch für dich da, Holler. Ich kann das Amt kaum noch an der Strippe halten. Hier!v Er hielt mit den Telephonhörer entgegen. 304 Auf mein Hallo lv hin meldete sich eine Stimme im har- ten Pialekt meiner Heimat: aHier R... Ist dort Herr Oberschütze Holler?... Hans Holler?... Das hiesige Bürgermeisteramt will Sie sprechen. Eine Sckunde! Ich verbinde.v Das Bürgermeisteramt? Wohl Onkel Helmut. Was be- deutete das? War mit Mutter etwas geschehen? Ich Spürte den bekannten Stoß im Innern, gefolgt von dem Gefühl der sich plõtzlich ausbreitenden saugenden Leere. Doch da hörte ich mich schon beim Namen gerufen: Hans! Hans dv Es gab mir einen zweiten heftigen Stoß. Das war doch Effi, wenn auch ihre Stimme seltsam, düũnn und mũde geklungen hatte. aHans? Ich bin's. Effi. v Ich sagte schnell:«Hallo Effi. Wie geht es Mutter? Ganz gut. Ein bißchen Rheuma wie immer, natürlich. v Ich fühlte eine große Erleichterung. Aber gleich darauf ergriff mich ein Unbehagen anderer Art— etwas wie Platz- angst vor einer Fortsetzung der Bezichung zu Effi. Ich war erst vor wenigen Tagen vom Bataillonsrevier für võllig ge⸗ heilt erklärt worden und wollte damit das Kapitel Eff end- gültig abgeschlossen haben. Am lichsten hätte ich abge- hängt. Merkte sie etwas? Sie rief:«Hallo! Hans! Bist du über- haupt noch dortꝰv In meiner Verwirrung fiel mir nichts Besseres ein als zu fragen: Ja, wie kommst du denn aufs Bürgermeisteramt?ꝰ? Effis Stimme nahm jetzt den gewohnten kessen Ton an: Pirekt durch die Talstraße. Zu Fuß... Ob ich an Vaters Stelle Vizebürgermeister geworden bin? Gott sei Dank, nein. Es ist selbst für jemand, der so gern stempelt und unterschreibt wie Vater, kein reines Vergnügen mehr. Nein, ich dachte mir bloß, von hier aus erreiche ich dich schneller. Aber wo hast du dich so lang herumgetrieben? Eine ganze Ewigkeit habe ich gewartet. v ch mußte doch erst geholt werden. Und es ist der reine 20 305 Zufall, daß wit heute im Quartiet sind. Du hast wirklich Glück gehabt. v (Das sowieso.v In dieser Weise plãtscherte das Gesprãch noch eine Weile weiter. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, warf von Zeit zu Zeit ein Ahav oder aSosov ein, wãhrend ich mir den Kopf darũber zerbrach, was sie denn eigentlich von mir wollte. Plötzlich meldete sich die Telephonistin von der Zen- trale in R... wieder: Die drei Minuten sind abgelaufen. Ein privates Ferngespräch von längerer Pauer ist unzu- lãssig. v (Um Gottes willen, Fräulein lv hörte ich Effi ausrufen. Es klang hastig, beinahe verzweifelt. Bitte geben Sie noch eine Minute zu. Eine Minute! Es handelt sich um eine ganz wichtige Angelegenheit.» Die Telephonistin entgegnete: Tut mir leid. Wir haben strenge Anweisung. Im Interesse der Wehrwirtschaft. v Aber wenn ich Ihnen sage, Fräulein... Es handelt sich um eine Todesnachricht... Ach, Hans, bist du noch dort? Es ist schrecklich. Ein Telegramm. Wegen Kurt. Wir ha- pen deiner Mutter nichts davon gesagt, also erwãhne auch du vorlãufig nichts in den Briefen.v Ich begriff nicht. Was? Kurt auch? Gefallen?v Ja. Wir wissen noch nichts Nãheres. Nur daß es bei ei- nem Verhör von russischen Gefangenen geschehen ist. v Die Telephonistin mahnte: ach kann das nicht länger hingehen lassen. Bitte machen Sie Schluß. Es ist ganz strenge Weisung.v ¶Jaja, gut, Frãulein. Es war Schr lich von Ihnen. Dankev, gab Effi zurück. Nur noch ein Wort... Hans, hörst du mich? Resi, Vater und überhaupt wir alle meinen, es wãre gut, wenn du auf einen Tag nach Hause kãmest. Geht das ꝰv Ausgeschlossen. Jetzt, wo ich epen dort warꝰv Kannst du's nicht doch versuchen, Hans? Es wãre gut.v Leider... Ich glaube kaum.v 306 Effi blieb stumm. Aber die Telephonistin hatte die Ver- bindung noch nicht unterbrochen. Plötzlich war Effis Stimme wieder da:«Hans ꝰv Ja. v Es entstand eine kurze Pause, dann hörte ich mich Sprechen:«Und wie geht es dir?v Mir? Effi zögerte. Endlich kam es fragend, betreten: Wie soll es mir gehend» Ich stand noch eine Weile und hielt den Hõrer ans Ohr. Aber Effi schwieg. Die Telephonistin wurde ungeduldig:(Bitte abhängen! Abhängen. Hören Sie michdv Hans?» flũsterte Effi ängstlich. Und nun zärtlich noch einmal: Hans!* Ich fühlte kein Mitleid, nur Abwehr, nur Kälte. Ich hängte schnell ein. (Da, trink mal!» Der Kantineur schob mir ein Glas Bier hin. Schlechte Nachrichten?» Neinꝰ, erwiderte ich in Gedanken, adas heißt, ja. v Erst jetzt wurde mir bewußt, daß Kurt gefallen war. Ich holte sein Jägerphoto aus der Brieftasche. Da stand er noch, breitbeinig, mit geschürzter Oberlippe, seinen Sãbel auf den erlegten Wolf gestützt, als wollte er sagen: die ganze Welt ist mein Jjagdrevier. (Ein Bruderdv fragte der Kantineur, der mir über die Schulter sah. Ja. Der zweite Gefallene schon, und bei beiden ist es dieses Jahr passiert. v Hm, es hat verdammt viele erwischt, in der letzten Zeitv, brummte der Kantineur, aund es wird noch manchen mehr erwischen, bevor wir durch sind. v Er griff nach einem Lap- pen und machte sich unter leisem Gefluche an das Blank- putzen der Bierhähne, die aus Ersatzmetall waren und nie richtig glänzen wollten. 307 14 Es war mir schr recht, bei der Rückkehr auf die Stube die andern so vertieft in Sprechen und Zuhören zu finden, daß sie bei meinem Eintritt gar nicht aufschauten. Sie hock- ten alle in der Ecke, wo Maurers Bett stand. Maurer, frisch rasiert und mit nacktem Oberkõrper, hatte ein sauberes Hemd auf seinen Knien ausgebreitet, an dem er herumnähte. Seine Stimme beherrschte das Ge- spräch; er redete ungewöhnlich schnell und viel, wenn auch in jener für ihn so charakteristischen tiefen Tonlage, die seine Sprache selbst in der Erregung noch ũberlegt und beherrscht erscheinen ließ. Dietz, Klobocznik und Chabrun warfen nur Fragen ein, vor allem Dietz, in dessen Organ die Blechtõne ũberwogen, — ein untrügliches Zeichen dafür, daß er sich in gereizter Stimmung befand. Ich hörte nicht hin. In mir war nur der eine Wunsch le- bendig: einen Raum, einen Winkel für mich allein zu ha- pen. Ich ging rasch und so leise wie mõglich auf meinen Spind zu, õffnete seine Tür und wollte mich dahinter set- zen, als Chabrun sich umdrehte und mich erblickte. Fra- gend zog sich die Braue über seinerm schweren Lid in die Hõhe. Ich gab ihm durch eine Gebärde zu verstehen, daß ich allein gelassen werden wollte. Er blinzelte mich noch einmal prfend an, z0g den Rücken krumm und wandte sich wieder den andern zu. Ich nahm die Schachtel, in der ich verschiedene Papiere verwahrte, aus dem Spind und begann, nach Kurts letztem Brief zu suchen. Er war nicht da.(Und nun erinnerte ich mich auch, ihn nach Hause zurückgeschickt zu haben.) Es war überhaupt kein einziger Brief von Kurt da, nur eine Photopostkarte aus den Tagen des fröhlichen Vormar- sches in Nordfrankreich, eine von jenen Aufnahmen, wie 308 sie von Schnellphotographen auf Jahrmärkten gemacht werden, hart und schon ein wenig verblaßt. Sie zeigte Kurt in der Gesellschaft einiger Kameraden vor der Frei- treppe eines Empireschlõßchens. Zwei von den Soldaten trugen eine Latte, an der mehrere Gänse und Hühner pau- melten. Zwei andere wiegten Ferkel in ihren Armen. Die übrigen hatten lange franzõsische Weißbrote geschultert, oder schwenkten Flaschen über ihren Köpfen. Kurt, Mit- telpunkt der ganzen Gruppe, saß rittlings auf einem Fãßchen und hielt eine Riesenwurst wie einen Sãbel in der Faust. Auf der Rũckseite stand in Kurts steifer gotischer Schrift mit den dem Oberlehrer Zemlitschka abgeguckten energie- geladenen T-Querstrichen: aChateau de..., hundert Kilo- meter von Paris. Rasttag nach glãnzendem Sieg in noch nie dagewesener Durchbruchsschlacht. Das HK II schmückt bereits die Heldenbrust Eures Windbeutels. Wir begeben uns gerade zur Sieges- und Auszeichnungsfeier. In allen Quartieren geht's hoch her. Es wird gebacken, gebraten und geschmaust, was das Zeug hãlt. Wir haben ein halbes Dutzend Kühe gefangen genommen. Zum Nachtisch gibt's herrlichen Kakao mit echt-echter Sahne. Und natürlich Champagner! Der gewünschte Kognak für Onkel Helmut geht mit dem nãchsten Paket ab, wahrscheinlich schon von Paris, wo wir bei dem jetzigen Tempo in Spãtestens drei Tagen sein dũrften. Das EK I holen wir uns dort oder ein paar Wochen nachher vor London. Siegheil!* Ich drehte die Karte um und betrachtete von neuem die Aufnahme, legte das Jãgerphoto daneben und blickte von einem Bild zum andern. Ja, das war Kurt. Großmäulig, draufgãngerisch, voller Räuberlust, vor der nichts sicher war, vom Weinfaß bis zum Rittergut. Ich hörte sein Lachen, sein ũbermũtiges Prahlen, unschuldig und lustig zuerst, dann unertrãglich. Ach, wie hatte man sich auseinandergelebt! Wie fremd war man sich geworden! Und doch, bei dem Gedanken, daß 305 Kurt jetat tot und stumm war, wurde er mir plõtzlich wie- der zum Gefäãhrten der Knabenjahre... Ich bemühte mich, seine Jungenstimme aus der Vergangenheit zurũckzurufen, aber es waren Mutters Worte, die mir statt dessen zuflogen: Als ob es so einfach wãre. Nein, nein, besser ohne Hemd als im Totenhemd.» Und gleichzeitig erinnerte ich mich, wie mir damals, beim ersten Betrachten der Jãgerphotogra- phie, Kurt hinter dem Wald von kahlen weißen Kreuzen verschwunden war. Eine jãhe Furcht legte mir ihre Knochenhand aufs Herz. Ich stand auf, Sperrte die Bilder weg. Das Gesprãch der anderen war fast im gleichen Augen- plick ins Stocken geraten. Eine Frage Chabruns hallte noch nach:«Und was will das also heißen dv Maurer, an den sie gerichtet war, antwortete nicht gleich. Er hatte seine Flickarbeit beendet und streifte eben das Hemd über. Als sein Kopfaus dem Halsausschnitt des Hem- des emportauchte, fand ich mich wieder einmal überrascht von dem Gegensatz zwischen der Helligkeit seiner Augen und der dunklen Starre des Gesichts. Die Augen lãchelten, doch auch im Lãcheln bũßten sie nichts von ihrem harten Glanz ein, der jeden fremden Blick zu brechen schien. Langsam knũpfte Maurer das Hemd zu. ach glaube, das muß jeder Selbst deuten kõnnenv entgegnete er schließlich. Er schwieg, nachdem er bei den letzten Worten noch die Stimme gehoben hatte. Mit einer prãzisen Bewegung 20g er den Hosenriemen fest. War es die Art, in der er seine Rede abgebrochen hatte, oder war es die Bewegung des Riemenzusammenzichens, oder ein Zucken des Mundes, als Sei er im Besitz einer wichtigen Wahrheit, die wir ande- ren nicht begreifen konnten oder wollten... was es auch war, ich hatte zum erstenmal das Gefühl, ich würde einen Blick hinter Maurers undurchdringliche Maske tun kön- nen. 310 Indem fuht er auch schon fort:«Aber gut, es ist schließ- lich einerlei.v Er schien nochmals zu überlegen, warf dann mit einem Ruck den Kopf in den Nacken. Die Dinge lie- gen einfach so. Für die Heimatfront ist der Krieg nichts als ein Haufen Preck. So steht's wenigstens im Rheinland. Aber anderswo wird es nicht sehr verschieden sein. Ein Haufen Dreckꝰ, wiederholte er und hieb mit der flachen Hand durch die Luft, Dreck, Angst, Langeweile, Hunger, Schinderei, aber hauptsächlich Angst. Und niemand weiß, was noch nachkommt... Nein, jetzt halt den Mund, Dietz, jetzt laß mich erst mal ausreden; nachher kannst du meinet- wegen lostoben.v Er steckte die Hãnde in die Hosenta- schen und begann, mit großen Schritten vor uns auf- und abzugchen. aIch war in Düsseldorf am Tage der Massen- versammlung, in der Goebbels zu den Bombengeschäãdig- ten sprach. Seine Rede wurde durch Lautsprecher in der ganzen Stadt verbreitet; die Luftschutzwarte hatten An- weisung, dafür zu sorgen, daß die Leute überall zuhörten. Ihr hättet schen sollen, wie sie dastanden, als Goebbels Sagte, daß der beste Trost für die Pũsseldorfer die Ehre ist, zu den ersten Soldaten der Bombenfront zu gehören. Und wie sie nachher auseinandergingen: ohne ein Wort und mit Gesichtern, mit Gesichtern, sage ich euch... v Er blieh stehen. Ich hatte, obwohl er sie nicht weiter be- schrieb, diese Menschen vor mir. Einer glich dem anderen, und alle glichen sie Maurer. Unbestimmt fühlte ich, daß sich in diesen Menschen etwas zusammenbraute: eine dunkle, zornige Kraft, die eines Tages losbrechen würde wie aufgestautes Wasser hei einem Dammbruch. Maurer sprach unterdessen weiter. aIch war nachher in einer Kneipe an unserer Ecke. Nebenbei das einzige heil- gebliebene Gebãude in der ganzen Straße. Dort kam ein Apothekergehilfe hinein, einer von den ältesten SA.- Män- nern in unserem Bezirk. Einen Kerl wie den muß es be- sonders hart getroffen haben, daß die SA. jetzt nur noch 311 zwei- oder dreimal im Jahr die braune Kluft anzichen darf und nichts ist als ein besserer Veteranenverein. Na, an die- sem Tag durfte sie's wieder einmal, und das machte den Bruder wohl gesprächig. Er fing an, mit dem Wirt Erin- nerungen auszutauschen. Ob der sich noch an das glor- reiche Treuegelõbnis der SA., dreiunddreißig im Berliner Lustgarten, erinnerte.„Klar', sagte der Wirt,, das waren noch Zeiten“. Und der Apotheker drauf:, Ganz recht, wo sind die hin? Weißt du noch, bei der Totenehrung, wie sie die Namen der dreiundvierzig aufgerufen haben? Horst Wessel, Max KHirschmann, Herbert Lorkus und die ande- ren... und hunderttausend haben geantwortet: Hier! Aber heute? Wenn wir rufen, dann antworten vielleicht dreiund- vierzig für hunderttausend. So schn wir aus. Wer hãtte das gedacht?“ Ja, wer hätte das gedacht? Maurer schwieg. Der harte Glanz seiner Augen ließ et- was nach. Fin grimmiges Lächeln stahl sich hinein. Wenn ihr übrigens genau wissen wollt, wie die Stimmung im Rheinland ist, müßt ihr euch bloß mal nach den neuen Stãdtenamen erkundigen. Elberfeld heißt im Volksmund nur noch Jammerfeld, Barmen nennt sich Erbarmen, und statt Köln am Rhein sagt man überall Köln am Arsch... Köln am Arsch, das drückt die wahre Stimmung aus.v Ich fing einen Blick von Dietz auf und erschrak: für Maurer, aber auch für uns übrige. Denn vor diesem Blick waren wir alle Verbrecher— Maurer, weil er solche Reden führte, und wir andern, weil wir sie mitanhörten. Ich wurde von dem Wunsch, mich vor Dietz weißzuwaschen, und von der Scham über diesen Wunsch hin- und hergerissen. Ich empfand Sympathie für Maurer, doch zugleich erschien mir sein Verhalten wahnwitzig. Es muß ein Alibi geschaf- fen werden, ein Alibi oder eine Ablenkungꝰ, überlegte ich; mein Gehirn arbeitete rasend, aber zwecklos wie ein im Schlamm festgefahrenes Autorad.«Eine Ablenkung, eine Ablenkung, dachte ich, dein Königreich für eine Ablen- 312 kung.v Plötzlich hörte ich mich sagen: Trotzdem, die Front bringt die grõßeren Opfer, das dũrfen wir nicht ver- gessen. Ich habe eben vom Tod meines Bruders Kurt er- fahren. Das ist der zweite in unserer Familie, der draußen für Deutschland gefallen ist... v Meine Worte hatten eine ganz andere Wirkung als beab- sichtigt. Maurer, die Arme verschränkt und die Brauen zu- Sammengezogen, grollte:«a, es wird gefallen, es wird ge- fallen, draußen und drinnen. Das ist bald das einzige, was sie dem Volk noch erlauben. Mit grõßter Freigebigkcit so- gar, haha. v Er hatte sich im Kreise umgeschaut und maß nun ruhig, aber abwehrbereit Dietz, der heftig schnaufte. EFin paar Pulsschlãge lang geschah nichts. Dann stampfte Dietz auf. Du weißt, was du da tust, Maurer? flüsterte er heiser. Seine weißen, schwammigen Hände zuckten. Du weißt, was du da tust ꝰv Ich glaube schon. v Pann weißit du also auch, daß du mit dem Feuer Spielst?? Das läßt sich in Zeiten wie diesen schwer vermeiden. Wir spielen alle mit dem Feuer, ob wir's wollen oder nicht.v Na, dann gib nur acht, daß du nicht verbrennst! Nach diesen Worten, die gleichsam ausgespuckt wurden, drehte Pietz sich scharf um und stapfte hinaus. Scine Augen wa- ren verschleiert wie die eines tollwütigen Hundes. Das Sonst s0 glatte Haar stand in feuchten Büscheln von dem schmalen Schädel ab. Klobocznik erhob sich schwerfällig, ging zum Radio und knipste an. Eine pausbackige Tenorstimme sang, von Mandolinen- geklimper begleitet: Wie eiskalt ist dein Hãndchen, erlaub mir, daß ich's wärm'lv Fluchend drehte Klobocznik ab.«Sack Zement! Mau- rer, was hast du das nõtig gehabt?» Nötig gehabt d»fuhr Maurer auf, besann sich aber an- ders und schüttelte den Kopf. Die Schatten der Verschlos- 3¹3 senheit lagen nun wieder auf seinen Zügen. Er holte sein Gewehr, z0g den Verschluß heraus und machte sich ans Finfetten. Auf dem Korridor vor der Stube wurden scharfe Schritte laut. Mein Herzschlag setzte aus. Ich starrte zu Maurer hin. Er saß da wie zuvor. Nichts in seiner Haltung verriet die geringste Unruhe. Nur sein Kopf beugte sich etwas tiefer über das Gewehr, als er jetzt den Verschluß wieder ein- schob. Sah ich recht? War nicht eine Patrone eingelegt? Die Tür wurde aufgerissen. Unteroffizier Marofke stand auf der Schwelle. Er winkte uns zu, sitzen zu bleiben. Es werden drei Mann für ein Zugsbegleitkommando benõtigt. Chabrun, Holler, Mau- rer: in einer halben Stunde feldmarschmäßig antreten. Mu- nition und Extrarationen werden von mir empfangen.v Er zog sein Dienstbuch hervor und machte eine Eintragung. Leichter Dienst, Jungens, quasi eine Vergnũgungsreise. Er marschierte davon. Ich spürte die Erregung aus mir rinnen, durch die Füße hinunter in den Boden, so daß ich ganz ausgehöhlt zurück- blieb. Maurer erhob sich ohne Hast und stellte das Gewehr an die Wand. Gleich wieder Dienstv, sagte er. Der richtige Empfang... Vergnügungsreise! Kenn ich. Da wechsle ich auf᷑ alle Fãlle vorher noch die Fußlappen. v Er ging zZu sei- nem Spind und zog sich die Stiefel aus. 15 Wir saßen in dem kahlen, zur Hälfte mit Werkzeugen und Kisten angefüllten Dienstwagen des langen Güterzu- ges, der einen Schweinetransport nach dem Reich brachte, und spielten Karten. Draußen schaukelte das wellige böh- mische Kartoffelland vorbei. Der Waggon schlingerte. Zu- 314 weilen bekam er eine solche Schlagseite, daß wir das Spiel unterbrechen mußten, um die Einsätze und Stiche auf der als Kartentisch dienenden Kiste festzuhalten. Maurer un- terbrach dann das Summen des Loreleiliedes, von dessen Melodie er schon seit Beginn der Fahrt verfolgt zu sein schien, und sagte jedesmal:«Na, wenn das mit dieser alten Postkutsche nur gut ausgeht!* Der plõtzliche ruckartige Halt auf offener Strecke warf uns beinahe von den Sitzen. Karten und Geld fielen zu Bo- den. Auf das grelle Kreischen der Bremsen und das Klirren der Puffer folgte ein Augenblick der Stille. Dann ertönte vielstimmiges Quietschen, vermischt mit dem scharfen Zischton ausstrõmenden Dampfes. Chabrun schnellte hoch, griff nach seiner automatischen Pistole und rief᷑ uns zu: Los, raus!v Maurer blieb sitzen. Er rieb sich den Ellenbogen, mit dem er bei dem jãhen Ruck gegen die Waggonwand ge- prallt war. aImmer langsam voran! Er bückte sich, um die Geldstũcke vom Boden aufzulesen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Chabrun hatte sich mit unerwarte- ter Heftigkeit umgedreht. Unter seinem gewitternden Blick stand Maurer zõgernd auf. Wir haben es doch nicht so ei- lig, ein paar Kugeln in den Bauch zu kriegenv, brummte er, wenn das nãmlich Sabotage ist, meine ich.v Eine drohend ungeduldige Kopfbewegung Chabruns ließ ihn verstummen und das Gewehr schultern. Chabrun sprang aus dem Wagen. Wir andern folgten. Von der Lokomotive her kam der Zugführer auf uns zu. Was passiert dv fragte Chabrun mit hochgeschraubter Stimme. (Nein, nichts besonderes. v (Na, warum denn das Getõse? Und was ist das über- haupt für eine Art, wegen nichts und wieder nichts auf of- fener Strecke zu halten dv Der Zugführer hätte Chabruns Großvater sein können; 3¹5 seine Augen wanderten müde und feindselig über uns hin, als wollten sie sagen: Ach, ihr Schnösel ihr!v Aber die Worte, die dem Blick folgten, klangen ungereizt, fast gleich- gültig: Wir sind im Krieg, meine Herren, und müssen mit den schlechtesten Maschinen fahren. Dazu fünfundzwan- zig Prozent mehr Last, kein richtiges Gl, und nur die Hãlfte vom notwendigen Personal. Wenn da mal was an den Kesselringen kaputt geht, darf man sich nicht wundern. Es ist sowieso kaum glaublich, daß sich diese Kaffeemühlen ũberhaupt noch zusammenflicken lassen.v Chabruns Stimme verriet nichts mehr von Arger oder Nervositãt, als er sich nun, sehr höflich, erkundigte:«Und wie lange wird es wohl dauern ꝰ Der Zugführer konsultierte eine unfõrmige Taschenuhr. (Unter anderthalb Stunden dũrfte es kaum zu machen sein. Ich muß zum nächsten Wächterhaus, telegraphieren, daß der Siebenuhr-Zug von Turnau aufgehalten wird. Stellen Sie doch eine Wache aus, Herr Gefreiter, auf alle Fãlle. v Er legte zwei Finger an das brüchige Schild seiner Eisenbah- nermũtze und stelzte vorsichtig auf seinen gichtigen Bei- nen davon. Chabrun wandte sich zu Maurer. Obwohl er leise sprach, wirkte das, was er sagte, wie ein Hieb:«Hõr mal an, Mau- rer. Ich mõchte dir was in aller Deutlichkeit auseinander- setzen. Wie du mit Dietz wegen deiner Düsseldorfer Ge- schichte zusammengerasselt bist, hab ich geschwiegen, ob- wohl sich ein Mann in Uniform solche Kußerungen gar nicht anhören dürfte. Besonders nicht von einem andern Mann in Uniform. Die Gestapo nennt so was Zersetzung, und streng genommen, ist es auch genau das. Na, aber da- von will ich nicht reden. Worauf es mit ankommt, ist dies... v Er spielte mit seiner Pistole. Der Ton, in dem er fortfuhr, war hell und hart. Also kurz, mich interessiert nicht, was dich zu einem solchen Verhalten bewegt. Deine Ansichten sind mir egal. Auch deine Absichten. Was mich 316 aber brennend interessiert, ist die Frage, ob du dir klar bist, daß wir uns auf einer Dienstreise befinden. Auf dieser Pienstreise fũhre ich das Kommando. Ich trage die Verant- wortung. Und ich bin nicht gewillt, die geringste Pflicht- verletzung zu dulden. Bei mir nicht und bei niemand sonst. Das vorhin, im Wagen, war ein Befehl. Ich mõchte mir die strikteste und schnellste Ausführung jedes Befehls ausge- beten haben. Andernfalls müßte ich durchgreifen. Gna- denlos durchgreifen. Ist das unmißverstãndlich genug? Jawohl. vMaurer stand straff da, mit einem Gesicht, das ausdruckslos und unzugãnglich war wie ein heruntergelas- sener Rolladen. Auch Chabruns Gesicht hatte seinen Ausdruck verloren. Es erschien mir versteint, uralt. Ich mußte an die Spottbil- der von Fridericus Rex denken, als Soldatenschinder, mit Rute und Stock. War das noch Chabrun? Nein, das konnte er nicht sein. Dieser Chabrun würde nicht zögern, Maurer niederzuknallen, und nicht nur Maurer... Oder hatte ich am Ende den wahren Chabrun noch gar nicht kennen ge- lernt? Ich dachte nicht weiter. Mir war, als mũsse ich beim Weiterdenken allen Halt verlieren, abstürzen. Ich stotterte hastig: Menschenskinder, laßt doch den tierischen Ernst.v Es kam so falsch heraus, daß mir die Kehle zusammen- wuchs. Maurer streifte als erster die Erstarrung ab. Er schoh das Gewehr zurũck. Na, dann gehe ich auf Wache, ja dv Chabrun nickte.«Gut. Geh nach vorn zur Maschine. v Er schien ebenso bereit wie Maurer, den Zwischenfall zu be- graben.«Holler und ich organisieren unterdessen paar Kar- toffel. v ch hoffe, ihr wißt, wie man sie richtig prãt.v Keine Sorge. Wir sind auch mal Jungen gewesen. In einer Stunde wirst du abgelõst.v Gemacht.v Schon schritt Maurer den Zug entlang. Er schlenkerte nachlässig mit dem freien Arm. Wir hörten ihn 317 wieder das Loreleilied singen, diesmal mit dem neuen Text, den er vom Urlaub mitgebracht hatte: Wir leben in gro- Ben Zeiten, doch klein ist unser Gewinn..„ Eine Weile spãter lagen Chabrun und ich im Gras neben der Bahnböschung. Der Rauch eines niedrigen Kartoffel- feuers beizte die Luft. Es war still. Vom Zug her kamen nur vereinzelte, halb gedämpfte Geräusche: ein Hammer- schlag, ein metallisches Knirschen, oder das Grunzen eines durstigen Schweines. Die Sonne war im Untergehen. Ein leichter Wind trieb Schwärme von weißen Wolken über den blassen Nachsommerhimmel; man konnte an Gänse denken, die abends über den Porfteich schwimmen. Chabrun zupfte langsam ein Blatt nach dem andern von einer verspãteten Kamillenblũte.«Nein, mein Lieberv Sagte er schr bestimmt, awas in diesem Maurer rumort, hat mit dem einfachen Die- Nase pläng-haben nur nebenbei zu tun. Maurer ist kein in die Uniform gesteckter Zivilist, dem ei- nes Tages alles über wird und der nur einen Gedanken kennt: raus aus dem Feldgrau und zu Muttern, vergessen, saufen, fressen und schlafen. v Chabrun zerrieb den Blüten- rest zwischen seinen Fingern und sog mit Behagen den Duft ein.«Nein, verlaß dich drauf, in diesem Maurer gärt ganz was anderes. v ¶Ja, was denn ꝰv Aut᷑ diese Frage gab Chabrun keine Antwort. Aber ich drang nicht weiter in ihn. Mich umfing mit einemmal eine seltsame traumwandlerische Stimmung— einschläfernd, schnsüchtig und beunruhigend zu gleicher Zeit. So liegen bleiben kõnnen, dachte ich(oder nein, es war nicht so schr Denken wie vielmehr Dahindriften auf Wün- schen und Gefühlen), so liegen bleiben können, lange, im- merzu, nichts tun, nur atmen, in den verblassenden Him- mel starren, leben, einfach leben, nichts zu schaffen haben mit einem Zugsbegleitkommando, mit dem Kommiß über- 318 haupt, mit Onkel Helmut und Effi, mit dem Lehrerbund, mit dem Bezirkskommando, mit den Auskämmungskom- missionen, mit Pietz und Chabrun und Maurer, mit dem immerwãhrenden Bewußtsein, überwacht zu sein und be- wachen zu müssen; festen Boden unter den Füßen haben, in einer unkomplizierten Ordnung leben, keine Angst vor dem Morgen haben müssen.., ach, sich abschließen kön- nen von dem Wissen, daß die Zeit verrinnt, daß der Au- genblick verfliegt, daß schon in der nächsten Minute die Pfeife der Lokomotive uns aufscheuchen kann! Chabrun fragte: Heinmwch nach dem Unerfüllbaren, ähd» Was? Wieso kommst du darauf? Und warum glaubst du, daß es etwas Unerfüllbares ist? Chabrun, der bisher gleich mir auf dem Rücken gelegen hatte, richtete sich halb auf, z0g aus dem Feuer einen glü- henden Stengel und zündete sich eine Zigarette an. Der Feuerschein fiel auf sein scharfes, dunkles Gesicht, daß es aussah wie aus Metall geprãgt. Er hielt mir Tabak und Zigarettenpapier hin. Auch eine dv Und nachdem er mir Feuer gegeben hatte: cJa, an diesen milden Nachsommertagen mit ihrem geradezu raf- finierten Friedenszauber(Schau nur, die Sonne dort, sie rollt hinter den Hügel wie eine rote Mãrchenfrucht), da ge- deihen die tõrichten, die absolut hoffnungslosen Hoffnun- gen, die Luftschlõsser im luftleeren Raum.» Ich Sah die niedergehende Sonne, ich roch das Kartoffel- feuer und den Wind, der aus der Ferne den Duft von frisch gemãhtem Gras herübertrug. Es war wie ein leichter Rausch. Ich hörte mich sagen:«Töricht, hoffnungslos. Warum soll nicht nach einer bodenlosen Zeit eine Zeit der Ruhe kom- men? Warum soll es das nicht geben kõnnen dv Chabrun schwieg. Als ich schon sicher war, daß er die Frage überhört hatte oder überhören wollte, fing er zu sprechen an, schleppend, als scien es seine eigenen, eben 622 erdachten Worte und nicht die Verse seines Lieblingsdich- ters: ja, warum? Pas erfuhrst du eben nicht in frohen Ta- gen, daß so ferne dir die Heimat liegt... Armes Herz, du wirst sie nie erfragen, wenn dir nicht ein Traum von ihr genũgt.v Er hatte den glühenden Stengel in der Hand be- halten und verkohlen lassen. Jetzt warf er ihn weg. Mit der ihm eigenen Abruptheit wechselte er Ton und Ge- sprãchstoff.«Um übrigens auf Maurer zurũckzukommen, ich glaube nicht, daß wir noch lange das Vetgnũgen sci- ner Gesellschaft haben werden.v Ich fuhr in die Hõhe. Chabrun sprach hier einen Gedan- ken aus, den ich vorher schon unklar gehabt, aber niemals zu Ende gedacht hatte. Ich fragte zögernd: Du meinst also, er.„ cIch meine, Dietz wird dafür sorgenv, versetzte Cha- brun, aich bin sogar überzeugt, er hat schon Anzeige er- stattet.“ Chabrun zog aufs neue ein Hölzchen aus dem Feuer. Er hielt es zuerst an dem noch nicht brennenden, dann an dem bereits verkohlten Ende fest und beobachtete aufmerksam den Prozeß des Verglimmens.«Bis zum letz- ten Endchen lv stellte er befriedigt fest. Als Jungen haben wir das mit grõßeren Zweigen so gemacht. Und wenn die Hitze uns auch Blasen in die Hände brannte, der Zweig durfte nicht losgelassen werden, das war Ehrensache. v Er lachte lautlos. Dann, als habe er eine Regung von mir er- raten, kehrte er zu dem früheren Thema zurück: aIn der Sache selbst ist der Dietz im Recht. Denn ob einer deser- tiert, weil er sich vor dem Sterben fürchtet, oder ob er re- belliert, weil er einen philosophischen Kopf besitzt oder sich sonstwie über das Prinzip von Pflicht und Dienst er- haben fühlt,— das ist vor dem Gesetz des Soldatischen ganz gleich. v Er zerbrõselte spielerisch das verglũhte Hölzchen in der hohlen Hand. Meine Anwesenheit schien er vergessen zu haben. Sein Blick war in sich gekehrt und sein Ausdruck 320 der eines Trãumenden, als er fortfuhr: Freilich, freilich, man kann sich nicht genug vorsehen beim Gebrauch sol- cher großer Worte wie Pienst und Pflicht. Wie oft sind sie blolß Kulissen, und dahinter ist nichts, oder, noch ärger, irgendeine Gemeinheit. Was wiederum eine total abwegige, verrottete und dekadente Ansicht ist! Denn was sonst als das preußische Prinzip von Pflicht und Pienst bildet die Grundlage unserer ganzen Haltung? Unseres Stils? Unse- rer Existenz schlechthin? Wie anders könnten wir diese Uniform tragen? Diesen Krieg führen? Und deshalbv, er tauchte gleichsam mit einem Sprung aus seiner Versunken- heit empor, adeshalb, mein Freund, müßte ich eigentlich selber diesen Maurer anzeigen... Oh, bitte, er hat wahr- Scheinlich etwas Analoges zu dem, was bei unsereinem Haltung ist, aber wo kãme man hin, wenn man solchen Menschen das Recht gãbe, sich über das Gesetz von Zucht und Einordnung hinwegzusetzen? Na, glücklicherweise beendet Herr Pietz alle unsere Dilemmas. Ja, ich kann nicht umhin, zu gestehen, daß mir dieser Akt des wenig angench- men Herrn Pietz recht angenehm ist, denn ich bin bekannt- lich etwas angestoßen, und das verursacht eine gewisse, äh, Sensibilitãt, die mir ein eigenes Einschreiten in diesem Falle erheblich vergällen würde. Er blies das Aschenhäuf- chen von seiner Hand, starrte nach dem Hügelsaum hin- über, hinter dem die Sonne soeben verschwunden war. Im Spiel der violetten Halbschatten, die der herankommen- den Dãmmerung voranliefen, fiel es mir schwer, zu erken- nen, was das Lãcheln um Chabiuns schmale Lippen pedeu- tete, ja, ob er überhaupt lächelte. Võllig ũberraschend ertõnte neben uns die Stimme Mau- rers: Ach, ihr Dõsköppe! Ich wußte es ja. Jetzt habt ihr doch richtig die Kartoffeln verkommen lassen. Auf zwei- hundert Schritt hin kann man's riechen. Ubrigens, meine Stunde ist um, Chabrun, und der Lokomotivfritze hat den 1 327 Schaden auch schon behoben, in paar Minuten wird losge- fahren.» Er hockte sich nieder und begann, mit dem Bajo- nett in der Glut herumzustochern. Hm, natürlich, die Hãlfte võllig hin. Da, gerade noch drei pro Mann sind ge⸗ blieben!v Er spießte die noch genießbaren Kartoffeln aus dem Feuer; schob jedem von uns die auf᷑ ihn entfallenden drei Stũck zu(wobei er streng darauf sah, daß die großen und kleinen gleich verteilt wurden) und machte sich sofort daran, seine Portion aufzuessen. 16 Chabrun kam über die Dächer der Viehwaggons nach vorn zum Tender geturnt, um mich abzulõsen. (Gib achtv, rief er mir nach, als ich mich auf demselben Wege, den er gekommen war, nach dem Dienstwagen auf- machte, cich wãre vorhin beinah runtergepurzelt, wie ich einer Sternschnuppe nachgestarrt hab. Die fallen heute nacht wie überreife Kpfel im Wind.v Der Weg ber die Waggondäãcher erforderte in der Tat Vorsicht und Geschicklichkeit. Der Zug schien noch ärger zu schlingern als am Tage. Die Wächterhäuser und Ort- schaften an der Strecke lagen verdunkelt da. Das flim- mernde Sternenlicht war trũgerisch und ließ die Finsternis nur noch dichter erscheinen. Ich war froh, als ich endlich vom letzten Dach auf die Plattform des Dienstwagens hin- unterkletterte. Aufatmend lehnte ich mich gegen die Waggontũr. Durch das unverglaste Türenfenster konnte ich Maurer und den al- ten Zugführer lebhaft aufeinander einreden hören, doch waren bei dem drõhnenden Rattern des Zugs nur einzelne Worte und Satzfetzen zu verstehen: ¶Klar, und nachher, Inflation, das letzte Mal haben sie's genau so gemacht... erst fünfundzwanzig wieder richtige Butter auf dem Tisch 322 Gewerkschaften...» Das Gespräch sank zu fast unhörbarem Geflüster nie- der, aus dem sich mit einemmal die Stimme des Zugfüh- rers laut und schneidend erhob: Ach, Schiet, den Krieg anfangen, das haben vie können, aber Schluß machen kann nur das Volk. Das mũßt ihr Soldaten endlich pegreifen, ihr gchört doch zu uns, möchte man meinen. v Maurer entgegnete ebenso laut: ¶Mir brauchst du so was nicht zu Sagen. Es ist nur so, in Uniform werden diese Kerle einfach zu was anderem. Wie wenn du ihnen Korsettstan- gen einziehst. v Und wieder der Ate:«Na, wenn sie nicht bald zusehen, daß sie die Korsettstangen loswerden... v Er brach ab und kam auf die Tür zu. Ich õffnete rasch und trat ein. Der Zugführer trat von einem Fuß auf den andern. Sein mißtrauischer Blick tastete zuerst mich ab, suchte dann Verstãndigung mit Maurer. Der ließ sich durch mein Erscheinen nicht aus der Ruhe bringen. Gelassen hob er sein Kochgeschirt von einem Spirituskocher.«Ah, Holler, du kommmnst gerade recht! Kannst gleich mit uns trinken.v Er wischte seinen Feld- becher aus, fragte den Alten:«Wo ist nur Ihre Tasse hin?v Danke. Ich mag jetzt nichtv, erwiderte der Zugführer. Er schaute auf seine Uhr.«Es ist Zeit, daß ich wieder zur Maschine gehe. vEr winkte Maurer zu und verließ den Wag- gon; im Vorbeigehen streifte mich nochmals ein Blick un- verhehlten Argwohns. Ich Sah ihm nach. Hinter mir hõrte ich Maurer mit schlür- fenden Schlucken trinken. (Na, Holler, was ist?v rief er und schenkte sich frisch ein. Wenn du dich nicht dranhältst, sauf ich den ganzen Topf noch allein aus.v 52½ nee nee... Organisation, Mensch, die Arbeiter... die Bin schon dav, gab ich zurück und ließ mir von ihm eingießen. Wir tranken schweigend. Der Tee schmeckte süß. Wo hast du den Zucker aufgetriehen dv fragte ich, nur um das Schweigen zu unterbrechen. st noch von Düsseldorfv, gab Maurer zurũck, adas ein- zig Brauchhare, was vom Haushalt meiner Schwester üb- riggebliehen ist. v Er verstummte. Die Ellenbogen aufge- stützt, das Kinn in die Hände geschmiegt, die Augen wie zielend auf mich gerichtet, saß er mir gegenüber. So sehr ich mich anstrengte, ich fand nichts mehr, wor- ũber ich hãtte vprechen kõnnen. Das Schweigen wuchs wie eine Wetterwolke. Ich begann, mich nicht geheuer zu füh- len. Spürte Maurer meine Unruhe? Woran dachte er? Die Vermutung, daß er erlauscht haben konnte, was Chabrun und ich über ihn am Kartoffelfeuer gesprochen hatten, plitzte plõtzlich in mir auf. Ich versuchte, einen An- haltspunkt dafür zu finden; ich forschte in seiner Miene. Doch er neigte sich, zufällig oder mit Absicht, gerade in diesem Augenblick über das Kochgeschirr. Noch für jeden ein Becher drin bemerkte er, den Kopf hebend. In den schmal zusammengekniffenen Augen saß jetzt wieder jenes besondere wissende Lächeln, das anzu- deuten schien, daß er sich im Besitze einer mir nicht zu- gänglichen Wahrheit befand,— ein Lächeln, das mich võl⸗ lig unsicher machte. Ob ich ihn vor Dietz warnen sollte? Aber wenn er unser Gespräch belauscht hatte, wußte er ohnehin Bescheid. Doch ob er es wußte oder nicht, blieb schließlich unwich- tig. Er sollte schen, daß ich nicht so war, wie er vielleicht meinte, daß ich nicht aufgehört hatte, ein anständiger Mensch zu sein. Ja, ich wollte offen mit ihm sprechen, ich 324 wollte ihn warnen. Allein, was war mit einer solchen War- nung schon getan? Er konnte sich ja doch nicht der Unter- suchung entzichen, die ihn nach einer Anzeige von Dietz wohl erwartete. Entzog er sich ihr aber dennoch, und stellte es sich dann heraus, daß meine Warnung ihn dazu veranlaßt hatte, so waren die Folgen für mich unabschbar. Und was, wenn Maurer wirklich ein gefährliches Ele- ment, ein versteckter Staatsfeind war, oder auch nur ein Tollkopf᷑, der glaubte, gegen den Strom schwimmen zu köõnnen? Hatten dann die Behörden nicht die Pflicht, ihn unschãdlich zu machen? Und mußte ich ihnen dabei nicht behilflich sein? Freilich, was heute noch Verbrechen und Unrecht genannt wurde, konnte morgen schon Recht und Gesetz sein, und was heute richtig und gesetzlich war... Das Gefühl der saugenden Leere überkam mich so stark, daß mir schwindlig wurde. Was für ein Gestrũpp von ver- wirrenden, bedrohlichen Gedanken! Wenn man sich darin verirrte, konnte das den Kopf kosten. So viel war mir die- ser Maurer nicht wert. Maurer nicht und überhaupt nie- mand. Nein, das Klügste war, abseits bleiben, sich nichts wissen machen. Doch das hieß vielleicht, jemand an den Strick liefern? Jemand, der mir nie etwas Bõses getan hatte und für den ich sogar eine stille Hochachtung empfand, weil er so viel von dem besaß, was erst wirklich einen gu- ten Deutschen ausmachte und was den meisten von uns abging: Geradheit, Festigkeit und Charakterstärke. Ja- wohl, das hieß Maurer an den Strick liefern! Denn Dietz ging über Leichen, und die Gestapo erst recht. Doch, warum sollte gerade ich für Maurer eintreten? Chabrun zum Beispiel, dem es in jeder Bezichung leichter gefallen wäre, rũhrte keinen Finger für ihn. Im Gegenteil. Alerdings, Chabruns Haltung war von einer Uberzeugung diktiert, auf᷑ der er notfalls gegen Tod und Teufel beharren würde; von einem halsstarrigen Prinzip, und nicht, wie mein Verhalten, von Unentschlossenheit, von Feigheit. 325 Feigheit, das war es, was zutiefst in mir wohnte; was mich jetzt bestimmte; was mich immer schon gelenkt und gebeutelt hatte. Ich sah mich wieder als Junge schreiend von der Straße ins Haus stũrzen und bei Mutter ũber meine Spielgefãhrten Klage führen, die mir meine Murmeln weg- genommen hatten und mich auch noch zu verprũgelndroh- ten. Und ich hörte Mutter sagen:«Man muß Mut haben, Hans, wenn man im Recht ist. Man muß sich wehren, auch wenn man der Schwächere ist. Du kannst dich nicht im- mer unter meiner Schürze verstecken. Aber Mutter hatte gut reden. Das war es doch: ich wollte mich nicht gegen ein Unrecht wehren, das stärker schien als ich,— damals nicht und auch jetzt nicht. Ach, das alles war ja blanker Unsinn! Wen bedrohte denn ein Unrecht? Mich doch nicht. Und vielleicht nicht einmal Maurer. Wenn aber doch? Wenn aber doch? Als ich endlich aufblickte, sah ich, daß Maurer noch in der gleichen Haltung dasaß wie vorher— das preite Kinn in die Hãnde geschmiegt, die hellen Augen gleichsam zie- lend zusammengekniffen und auch im Lächeln noch von einem nur schwer ertrãglichen harten Glanz. Na, ich leg mich jetzt hin und schlafe eine Weilev, sagte ich und wollte aufstehen. Maurer hielt mich durch eine Geste zurück. aSchlafen, hm, das ist immer das Einfachste. Die Augen zumachen und Fünf gerade sein lassen, was d Er nahm die Hände vom Kinn, beugte sich mir entgegen. Aus seinem Gesicht war das Lächeln wie weggewischt. Er fragte:«Und was hältst du von Deutschland, Hollerdv Mles andere hãtte ich eher erwartet. Von Deutschland? Stotterte ich verdutzt. Was ich von Deutschland... ja, wie kommst du daraufꝰ 326 (Nun, ich meine, allmählich muß sich doch jeder von uns seine Gedanken darũber machen, was aus Deutschland wird. Und wenn mich nicht alles täãuscht, hast auch du so deine Zweifel und Bauchschmerzen. v (Nein, also wieso denn? Das verstehe ich nicht», ant- wortete ich ausweichend; ich fühlte, wie mir die Rõte in die Wangen stieg.«Ja, und ũberhaupt.. vich wollte hinzuset- zen, daß unser einziger Gedanke jetzt,Sieg“ heißen müsse, aber zu meinem eigenen Erstaunen kam es anders her- aus:(Zuerst einmal muß dieser Krieg überstanden wer- den. v cJa, so sichste aus. Uberstanden. Und wer's nicht über- steht, hat eben Pech gehabt, nicht wahrd Und wer's über- steht, für den wird sich nachher schon alles irgendwie ein- renken, wie ꝰv Maurer machte eine Pause, betrachtete nach- denklich seine großen Hände, die er mit den Flãchen nach oben vor sich hinhielt. Als er weitersprach, konnte man meinen, er lese die Worte von den Runzeln und Schwielen ab: Nein, mein Junge, so einfach ist die Sache nicht. Und das weißt du natürlich im Grunde selber. Aber du bist wie die meisten Landser. Keiner von euch glaubt mehr, daß dieser Krieg gewonnen werden kann. Aber wenn ihr euch vorstellen sollt, was nachher kommt, seht ihr nichts als ei- nen Abgrund, ein großes schwarzes Loch. Und da kommt euch das Gruseln. Da sperrt ihr Augen und Ohren zu und pariert nach wie vor. Es ist zu spät', sagt ihr wohl, es nützt nichts mehr; an dem Tag, an dem wir die Waffen weglegen, schlachten uns die andern ab; wir stehen halt unter einem Fluch'. Auf diese Weise bleibt ihr gehorsam weiter im Geschirr. Schlagt weiter um euch wie von Sin- nen. Richtet immer mehr Unheil an in der Welt und erregt immer furchtbareren Haß gegen Deutschland. Und wofür das alles? Damit die ⁊wei oder drei Millionen kleinen und großen Bonzen, die allein in der neuen Ordnung bequem sitzen, erst recht ans Fettnãpfchen rankommen, wãhrend 327 die andern siebzig oder achtzig Millionen kalte Füße krie- gen. v cIch will das nicht hörenv, unterbtach ich ihn schroff, Spürte dabei aber schon die Schwãche und Aussichtslosig- keit meines Einspruchs.«Das führt nur zu Konflikten mit dem Gesetz und bringt einen ins Unglũck.v Maurer verzog die Lippen, als ob er ausspucken wolle. (Ach, Mensch, wenn du im Recht bist und das Gesetz im Unrecht, und du kuscht trotzdem, dann verdienst du nichts anderes als vor die Hunde zu gehen, s0 oder so.v Er hielt inne, wie erschõpft. Vielleicht erwartete er auch eine Antwort. Aber ich brachte kein Wort hervor. Mau- rer hatte mich mit meinen eigenen Gedanken geschlagen. Wieder schoß mir das Blut ins Gesicht. Doch Maurer chien nicht darauf᷑ zu achten. Leise, aber mit einem hämmernden Nachdruck, begann er von neuem: Warum sage ich dir das alles, Hollerd Du hast ja doch nicht Courage genug. Ja, sichst du, das ist der wahre Jammer mit euch: aus lauter Angst, ihr könntet euch beim Rausarbeiten aus dem Sumpf einen Bruch holen, bleibt ihr lieber drinnen stecken. Ich weiß schr gut, du wirst jetzt nicht das tun, was notwendig wäre. Aber du wirst vielleicht anfangen, nachzudenken. Und das ist der erste Schritt. Du bist schließlich kein Dietz.(Für den und seinesgleichen bleibt tatsächlich nur das schwarze Loch übrig.) Und du bist auch kein Chabrun, bei dem die Cou- rage nur dazu reicht, mit Schick in die Grube zu fahren— und andere mitfahren zu lassen. Nein, für dich ist noch ein Weg ins Leben offen. Freilich mußt du den selber gehen. Niemand anders kann das für dich tun. Und du selbst wirst dazu nur imstande sein, wenn du erkannt hast, daß es was Größeres gibt als die sogenannten võlkischen Tugenden, die doch nur aufs Strammstehn von der Wiege bis zur Bahre hinauslaufen. Etwas viel Größeres, Holler, nämlich anstãndig und menschenwürdig leben. Wenn man das her- 328 ausgefunden hat, dann findet man auch die Kraft, um sich freizumachen von der Angst vor dem Denken und Han- deln. v Maurer hatte seine kleine Pfeife aus dem Stiefelschaft ge- zogen. Er klopfte sie bedãchtig aus. Wãhrend er sie stopfte, Sprach er weiter: aIch habe nicht studiert wie du, und ich weiß nicht viel von dem Urich von Hutten, aber eins weiß ich. Er hat verdammt recht gehabt mit seinem Ich hab's gewagt!“ Wagen muß man. Dann tut man das Notwendige rechtzeitig und nicht erst, wenn einem die Breignisse wie Wellen ũber dem Kopf᷑ zusammenschlagen. v Er setzte den Tabak in Brand, stülpte vorsichtig den Pfeifendeckel dar- über.«S0, und jetzt geh ich den Chabrun ablösen.v In der Tür drehte er sich nochmals um; betrachtete mich eindringlich; zwinkerte und verschwand. Ich blicb in einer zerrissenen Stimmung zurück. Ich wollte Maurers Reden und meine klägliche Zuhörerrolle vergessen, schnell und völlig vergessen. Aber das ging nicht. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu Maurer zurück. Kein Zweifel, er wußte, was ihm von Dietz her drohte. Was würde er nun tun? Denn daß er etwas tun würde, war außer Zweifel. Eine mit Bangigkeit vermischte Neugierde ergriff mich. Plõtzlich wurde mir klar, daß Maurers Worte nichts ande- res gewesen sein konnten als ein Abschiedsgruß. So offen Sprach nur jemand, der zum Letzten entschlossen war: zur Auflehnung, zur Desertion. Ich sprang auf, rannte hinaus, ohne Uberlegung, als be- folge ich ein Kommando. Chabrun! Chabrun lvschrie ich und hastete über die Dã- cher der Waggons zum Tender hin. Der Wind trieb mir eine Funkengarbe von der Lokomo- tive entgegen. Ich machte halt. Das Herz saß ganz oben in der Kehle. Es war mir, als würde ich plõtzlich nüchtern nach einem schweren Rausch. Was tat ich da? In was 329 mischte ich mich ein? Vergaß ich meine eigene Lehre, daß es das Klügste war, abseits zu bleiben, von nichts zu wis- sen? Ich setzte mich nieder, wo ich mich gerade befand, in der Mitte eines Waggondachs, und schaute zu den Sternen auf. Wie fern sie waren. Wie unwirklich. Wie kalt und flim- mernd. Fin Meer von Sternen. Zu denken, daß jeder Stern eine Welt war, und daß vielleicht auf hundert oder tausend von ihnen Maurers und Hollers und Chabruns und Dietze sich mit ihren Problemen herumschlagen mußten. Ach, es machte schwindlig, daran zu denken. Trotz dem Rollen und Achzen des Zuges war es still. Die Stille, das Dunkel, eine schwere, unförmige Last schien sich auf mich herunterzusenken. Die Lider wurden mir schwer. Nur nicht hier einschlafen, sagte ich mir, nur nicht hier einschlafen... Im Fallen wachte ich auf, fühlte den rasenden Schmerz des Aufpralls und verlor das Bewußtsein. 339 FUNFTER TEII. I Wie war's denn heute, Holler?» rief mir Klobocznik entgegen, unterbrach sich jedoch im gleichen Atemzug. (warte! Eine Minute. Ich bin gerade am Gewinnen. Er Spielte wie gewöhnlich mit Sadowski, dem dritten In- Sassen unseres Krankenhauszimmers, Mariage. Sie trugen beide den rechten Arm in der Binde und hatten nur die Linke frei, aber das behinderte sie nicht weiter, denn Sa- dowski war es gelungen, zwei Drahtgestelle zum Halten der Karten zu bauen, die an den bandagierten Armen ange- macht wurden und nach einem Wort ihres Erfinders bei- nahe besser waren als Naturhände. Trumpf! Und Trumpf! Und nochmals Trumpf! Klo- bocznik hieb die Karten klatschend auf den Tisch.«Sticht alle Asse mit Stiel und Stumpf. Das nãchste Mal besser auf- gepaßt, Meister Sadowski!lv Er strich unter lautem Lachen den Gewinn in Gestalt mehrerer Streichhölzer, ein; be- deutete seinem Partner, frisch zu mischen; und wandte sich, ohne den Mischenden aus dem Auge zu lassen, nun wie- der zu mir: Mlso erzãhl, Holler lvIch mußte haargenau be- richten, wie es bei der elektrischen Massage und bei der Durchleuchtung zugegangen war. ¶Und was hat nachher die Oberschwester gesagt?vwollte Klobocznik wissen.«Und wie war's beim Rõntgenfritzen; hast du was von ihm erfahren? Es war seit mehr als zwei Wochen immer die gleiche Ge- 333 schichte, die ich von meinen nachmittäglichen Besuchen in der Orthopãdischen Abteilung zurückbrachte: das Bein ließ sich noch nicht richtig strecken, aber der doppelt ge- brochene Knochen wuchs gerade zusammen; der Rönt- gengefreite war zufrieden, die Oberschwester(eine ehema- lige NSDAP.-Frauenleiterin, der keine Heilung schnell ge- nug gehen konnte) war es weniger, und ihre neue Massage- methode schmerzte meht als die alte, ohne vorlãufig bessere Ergebnisse zu zeitigen. Als ich mit meinem Bericht zu Ende war, bemerkte Klo- bocznik: Sack Zement! Das wickelt sich ja im Filtempo ab, Junge. Ich sehe dich schon felddienstfãhig und abtrans- portiert, Richtung Rußland. Du weißt, seit der letzten Aus- kämmungs-Verordnung wird das alles klipp-klapp erle- digt, wie geölt. v Klobocznik seufzte und beklopfte mit scheinheilig be- kümmerter Miene seinen verletzten Arm, dessen Wunde so gar nicht im Eiltempo heilen wollte, sondern immer wieder aufbrach und von frischem zu eitern begann. Dann holte er seinen Rasierspiegel— ein leicht abgenütztes Prachtsstũck, harfenförmig, in rosa Emaillerahmen— aus der Nachttischlade und unterzog sein Gesicht einer länge- ren Prüfung. Zuerst wurden die Wangen befingert, die nach dem Verschwinden der blühenden Fettpolster in sSchlaffen Falten herunterhingen. Eine Besichtigung des weitaufgesperrten zahnlosen Mundes folgte(das künst- liche Gebiß lag jetzt den größten Teil des Tages über im Wasserglas und wurde nur bei den Mahlzeiten benutzt). Zum Schluß kam der ausgefranste Schnurrbart an die Reihe, dessen gelblich-weiße Greisenfarbe von Klobocznik, wie ich einmal zufãllig entdeckt hatte, mit Hilfe von Was- serstoffsuperoxyd erzeugt wurde. Nee, neev, schloß er zwischen Ekel und Befriedigung hin- und herschwankend, wãr ja alles schõn und gut, aber wel- ches Weibsbild wird sich mit mir noch abgeben wollen d» 334 Als hãtte sie nur auf das Stichwort gewartet, erschien in diesem Augenblick Schwester Gertrud, von uns Korporals- stock genannt, eine lange, fischäugige Ostpreußin, die für Patienten vom Unteroffizier abwãrts nichts als hochnãsige Verachtung übrig hatte. Klobocznik, Einlaufl» kommandierte sie,«Hosen run- ter, ins Bett l Sie stieß Klobocznik die Klistierspritze in den After, rasch und mitleidslos, als steche sie mit der Tranchiergabel in ein gebratenes Huhn. Klobocznik gur- gelte einen halben Fluch hervor.«Huch, das will Soldat sein lv fuhr Schwester Gertrud ihm über den Mund.«Na, Ihnen wird ein bißchen Abhärtung im Schützengraben richtig gut tun.» Damit marschierte sie ab. Klobocznik hielt sich den Bauch. Was hab ich gesagt?» ãchzte er, wenn sich schon ein Weibsbild mit mir abgibt, dann ist es so'n Korporalsstock. Also die ist glatt imstande und durchlõchert einem mit der Spritze die Eingeweide. Er zupfte trübselig an seinen borstigen Nasenhaaren. Heutzutage weiß man wirklich nicht mehr, was besser ist: krank sein, oder...»Mitten im Satz turnte er aus dem Bett und griff nach dem Nachtgeschirr. Klobocznik war ins Militärkrankenhaus eingeliefert worden, gerade als ich nach ũberstandener leichter Gehirn- erschütterung auf die Allgemeine Chirurgie überführt wurde; und er hatte es sofort zuwege gebracht, in das glei- che Zimmer wie ich gelegt zu werden. Klobocznik behauptete, er sei auf Wache vor einem Heeresmagazin von reichsfeindlichen Elementen überfal- len und ins Handgelenk geschossen worden. Htwas anders prãsentierte sich sein Fall in der Parstellung von Gerda Putz, die mich einmal besuchte und bei dieser Gelegenheit mit dem neuesten Bataillonsklatsch bekannt machte. Wenn man ihr glaubte, war Klobocznik nur mit knapper Not um eine Untersuchung wegen Selbstverstümmelung herumge- 335 rutscht— hauptsächlich wohl deshalb, weil sich damals so viele verwirrende Vorgãnge auf einmal ereignet hatten. Da war mein Zugsunfall gewesen. Und die Desertion Mau- rers. Und Chabruns strafweise Abkommandierung ins Reld.(Ja, der Umstand, daß ihm als Führer des Begleit- kommandos ein Mann desertiert und ein anderer vom Zug gefallen war, hatte bewirkt, was vorher kein Gesuch zu be- wirken imstande gewesen.) Und die Versetzung von Pietz zur SS., die übrigens auch irgendwie mit der Sache Mau- rer zusammenzuhängen schien, obschon Gerda sich über die nãheren Umstände nicht aussprechen wollte. Schließ- lich die Verhaftung Marofkes, der bei dem Versuch, sich eine ansteckende Augenkrankheit zu kaufen, und auf᷑ diese Weise der Auskämmung zu entgehen, an einen Lockspit- zel der Gestapo geraten war. Und zu all dem noch ein irr- tũmlich an das Bataillon gelangter und erst im letzten Au- genblick widerrufener Marschbefehl... Bei einem solchen Tohuwabohu, so hatte Gerda ge- meint, sei es ohne weiteres erklärlich, daß man in der Kom- panickanzlei vergessen habe, den Fall Klobocznik unter die Lupe zu nehmen. Klobocznik selbst erwãhnte nie etwas, aber ich hatte zu- weilen den Eindruck, als werde er insgeheim von der Angst- vorstellung geplagt, daß die Untersuchung gegen ihn doch noch aufleben kõnne, oder gar unterirdisch bercits vor sich gehe. Dann brach er in ũbertrieben lautes Wehklagen über seine Verwundung aus. So geschah es auch jetzt. Schwester Gertruds rauher Eingriff und ihre Bemerkung über den Schũtzengraben hatten offenbar Kloboczniks ge- heime Kngste aufgewühlt. Er begann zu jammern, daß ihm nichts als das Aufhängen übrigbleibe, wenn das durch- schossene Handgelenk nicht bald Vernunft annchme. Denn was fange ein Schankwirt im Berliner Norden mit nur ei- 336 ner Hand an(noch dazu mit der linken), wo doch oft zwei gesunde Flossen nicht ausreichten, um hinter der Theke ge hörig Ordnung zu schaffen. Der phlegmatische Sadowski, der sich anschickte, die Karten für eine neue Mariagepartie auszuteilen, wurde an- geschrien, er mõge sich zum Teufel scheren. Und als aus dem Radio, das er daraufhin andrehte, ein Kompanie- Kriegsberichter mit hohler Stimme von den beispiellosen Leistungen und Entbehrungen der deutschen Soldaten in der /Teufelsstadt Stalingrad zu sprechen begann, bekam Klobocznik geradezu einen Tobsuchtsanfall. Er schleu- derte seine Pantoffeln gegen den Apparat und verlangte krei- Schend, Sadowski solle dem Kerl das Maul stopfen, oder es setze ein Unglück. Im übrigen legte sich, wie schon bei frũheren Gelegen- heiten, auch diesmal die Aufregung sehr schnell. Klobocz- nik mußte über sich selbst lachen. Er verg⸗wisserte sich durch einen kurzen Patrouillengang vor dem Zimmer, daß keine Inspektion drohte; kramte dann aus einem Versteck in seinem Strohsack eine Flasche hervor(er wußte sich auch im Krankenhaus immer Schnaps zu verschaffen) und traktierte uns in freigebiger Weise. Nach ein paar Runden begann Sadowski von seinem Ftablissement' irgendwo im Magdeburgischen zu schwär- men. Er betrieb sommers eine Fluß-Badeanstalt mit Boots- verleih, winters einen Eislaufplatz und das ganze Jahr hin- durch eine wilde Ehe mit seiner Kassiererin Laura. Bei der Schilderung von Lauras Reizen schloß Sadowski die Au- gen, Spitzte schnsüchtig die Lippen und beschrieb mit der heilen Linken einen weiten Kreis:«Und so'n Hinterdeck, Sage ich euch! Klobocznik hatte für Sadowskis Paradies nur ein Achsel- zucken übrig. Er trãumte von seinem eigenen. Nach dem Kriege wollte er sich einen Bierpalast in Berlin-Gesund- brunnen einrichten: Mit Spiegeln und Marmortischchen 22 337 und einer elektrischen Glãserspũlmaschine. Durst gibt's im- mer nach so'ner großen Zeit, und die Brauereien rücken mit den Krediten auch leichter raus. Und besonders in einer Bahnhofsgegend. Ich hab mir den Platz schon vor Jahren ausgesucht. Die ideale Gasthausecke. Wenn man sich da richtig reinkniet, kann man das Geld nur so einscheffeln.v Klobocznik schwamm auf seinem Traum davon. Und auch ich verdãmmerte in eine angenehme, wolkige Ferne. 2 Wir hatten uns auf den Betten ausgestreckt, rauchten, dõsten. Mit einemmal richtete Sadowski sich auf; sein leber- fleckiges Gesicht mit der langen Schimpansenlippe hatte einen dũmmlich gespannten Ausdruck, als lausche er einer inneren Stimme. Wieder einmal erinnerte ich mich pei sei- nem Anblick an Seelke, obwohl die beiden sowohl dem Außeren wie dem Temperament nach võllig vetschieden zu sein schienen. Aber da war ein Wesenszug, den sie ge- meinsam hatten: jene seltsame Mischung von Sentimenta- litãt und Wildheit= die Tigernatur in Filæpantoffeln. Seinen Achsel- und Unterarmbruch hatte Sadowski sich bei dem Versuch zugezogen, eine Puppe zu retten, die spielenden Kindern ins Wasser gefallen war. Er berichtete davon linkisch und leicht beschämt, so wie Seelke etwa von einem unter besonderen Schwierigkeiten ergatterten Geschenk für Lindchen, seine Lieblingstochter, gespro- chen hatte. Aber Sadowski konnte auch, ganz unbewegt und sichtlich von der Wichtigkeit und Richtigkeit eines solchen Tuns überzeugt, davon erzählen, wie er auf Wei- sung seines Blockwarts an der Niederbrennung der Syna- goge in seiner Heimatstadt teilgenommen und den jüdi- schen Kantor mit Weib und Kindern adirektemang aus den Betten und zur Stadt hinaus» gejagt hatte. Sie waren gute 338 Kunden des, Etablissements? gewesen, im Sommer und im Winter. Aber da nützt eben nichtsv, verfehlte er niemals hinzuzufügen, aPflicht bleibt Pflicht. Und wenn's um die Pflicht geht, dann kenn ich nicht mal Vater und Mutter.v Zwei Bilder schmückten die Innenscite des Deckels an seinem Soldatenkoffer: eine kolorierte Photographie, die Sadowski im Ritterkostũm als Schauspieler bei einer Lieb- haberaufführung zeigte, und die Querschnittzeichnung ei- nes Vibrations-Fuß-Erfrischungs-Automaten, den er knapp vor Kriegsbeginn für sein Etablissement bestellt, aber nicht mehr geliefert erhalten hatte. Es war eine perfekte Zusammenstellung: für die Ritterromantik wie für das neueste Modell der Automatentechnik schlug Sadowskis Herz mit gleicher Hingabe. Und versteckt unter seinem ruhigen, Scheinbar ganz un- komplizierten Wesen, trug Schütze Sadowski etwas Un- greif bares in sich. War es ein philosophischer Stich? Ein Tropfen Vertracktheit? Gerade jetzt kam es wieder zum Vorschein. Da habe ich immer geglaubtv, begann er vor sich hin- zuspintisieren, ader ganze Witz im Leben ist, man muß sich den Umstãnden anpassen, ohne daß man sich selber auf- gibt. Nicht wild drauflosrudern, bis man Blasen kriegt und bis einem die Puste ausgeht, sondern hübsch kommod im Boot sitzen und nur nach und nach Richtung geben. Aber merkste was? Heutzutage geht das einfach nicht mehr... Achv, schloß er in einer überraschenden Aufwal- lung von Krger, aes ist alles eine einzige Scheiße.v Dir sind wohl Motten ins Gemüt gekommen d» Klo- bocznik rãkelte sich faul. xch weiß gar nicht, was du hast? Geht es dir nicht prima? Sitzt du hier nicht großartig hin- term Winddv Sadowski fingerte bekümmert an seiner langen, hängen- den Nase. aIch weiß nicht mehr, wo der Kahn hingeht. Das ist es. Und das gibt einem verdammt zu denken.» 339 (Denken ist Glückssachev, bemerkte Klobocznik weis- heitsgeschwollen, cund man soll's ieber nicht erst probie- ren, hat mein Großvater immer gesagt, es bringt einen nur in Schlamastiken. Da, trink noch! Nach einem guten Schluck wird alles einfach. v Er brachte eine ⁊weite Flasche zum Vorschein und ließ sie herumgehen. Sadowski knurrte und brummte und schüttelte den Kopf, aber er trank, beruhigte sich, versank in Dõsen und Träumen. Wir alle versanken darin. Der Schnaps war unser großer Trõster. Denn im Grunde hatte jeder von uns den philosophischen Stich, wurde je- der ab und zu rappelig wie Sadowski; und im Grunde war es wohl weder Rappel, noch Vertracktheit, noch philo- Sophische Veranlagung, sondern Unruhe, bõses Gewissen. Aber der Schnaps schwemmte das alles hinweg. Auf sei- nem Wellenrücken schaukelte das Leben dahin wie Sa- dowskis kommodes Boot. Man ließ sich treiben. Der Kran- kenhausaufenthalt dehnte sich aus, ohne EHnde. Und nach ihm, wenn er doch zu Ende gehen sollte, wartete schon das Wunder— ein Druckposten, ein Urlaub, der Friede, das Schlaraffenland. Weit entrũckt lag die Erinnerung an Mau- rers letzte Worte, lag das Wissen um den nie schlafenden Haß der Tschechen, lag die Furcht vor der ins Uferlose treibenden Ostfront, in deren Strudel schon Lutz und Kurt verschwunden waren. 3 Von Bruder Gerhard kam ein kurzer Brief in entstellter, zittriger Handschrift. Er liege wieder einmal im Lazarett und kõnne kaum ein Glied bewegen. Aber das rũhre nicht etwa von einer neuen chrenvollen Verwundung her, sondern von hundsordinä- rem Rheumatismus. Das Ganze ist mehr lãstig als tragischv, hieß es am Ende, 340 und vor allem so unendlich fade, daß ich ernstlich be- fürchte, vor Langeweile das Zcitliche zu segnen. Was Ver- nünftiges zu lesen gibt's auch nicht mehr in diesem Kaff, und so ergeht an Dich der dringende SOS.-Ruf, mir die paar Bücher, deren Titel Du auf inliegender Liste findest, zu besorgen. PS.: Ich habe eine Kiste mit den hinterlassenen Hab- seligkeiten von Kurt bekommen, und auch einen in seiner Mappe gefundenen Brief, den er nicht mehr zu Ende ge- schrieben hat. Die Kiste geht nach Hause ab. Mutter soll die Verteilung vornehmen. Die Existenz des Briefes habe ich ihr unterschlagen. Ein kurioses letztes Lebenszeichen, kann ich Dir sagen. Handelt fast nur davon, wie sie bei seinem Eskortenkommando mit renitenten Gefangenen umgegangen sind. Htwas starker Tabak, selbst für mich alten Fronthengst, aber in diesem Krieg ist das Wörtchen „Pardon? verdammt unbekannt, das hat der gute Kurt am eigenen Leib erfahren müssen. Ja, heute noch auf stolzen Rossen... Da bittet er mich noch, ich soll ihm ein oder zwei Dutzend Pariser organisieren, damit er sich in Tiflis mit den kaukasischen Schönheiten ungestraft vergnügen kann, und das ist der Schluß. PPS.: Vergiß das Lesefutter nicht. v Aus der Bücherliste wurde ich nicht recht klug. Daß Gerhard eine russische Konversations-Grammatik haben wollte, schien mir nicht weiter verwunderlich. Aber wozu brauchte er zwei Werke über neue Bautechnik und ein ma- thematisches Lehrbuch? War es denkbar, daß ein Typ wie er, der niemals einen richtigen Beruf gehabt und immer nur für die Vniform, die Bewegung gelebt hatte, jetzt auf einmal daran dachte, ein längst an den Nagel gehängtes Fachstudium wieder aufzunehmen? Doch warum bestellte er sich dann auch noch den Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann und andere Schriften von Ernst 341 Moritz Arndt? Ich kannte das Buch nicht, aber es war vermutlich ein altdeutscher Schinken von der Art, wie sie Oberlehrer Zemlitschka-Zeckendörffer liebte, denn ich er- innerte mich noch aus meiner Schulzeit, die Büste des Au- tors neben einem Gipskopf von Turnvater Jahn auf dem Bücherbrett in der Lehrerswohnung geschen zu haben. Nein, man wurde aus Gerhard nicht schlau. Etwas war wohl schon an dieser Bewußtseinsspaltung, von der er bei unserem letzten Zusammensein gesprochen hatte. Der Zufall fügte es, daß ich gerade an diesem Tage zum erstenmal seit meiner Finlieferung in das Krankenhaus Stadtausgang erhielt. Ich hatte nichts besonderes vor, und so beschloß ich, die Bücher für Gerhard gleich heute zu besorgen. Wãhrend ich an meinen Krücken durch die Straßen der Innenstadt humpelte, fielen mir große Rudel deutschspre- chender Frauen und Kinder auf, die in ihrem Ausschen und Gehaben von den üũblichen Kraft-durch-Freude-Touristen aus derm Altreich merklich abstachen. Sie sahen ungepflegt aus und machten einen mißmutigen Eindruck; viele von ihnen schienen gehetzt, verzweifelt, hysterisch. Die Ein- heimischen beachteten diese seltsamen Gäste entweder überhaupt nicht, oder legten ihnen gegenüber eine ab- wehrende, aus kalter Neugierde und mitleidloser Befriedi- gung gemischte Haltung an den Tag. Wie mir ein aufge- fangener Gesprächsfetzen verriet, handelte es sich um Evakuierte aus den bombardierten westdeutschen Gebie- ten. Mein Bein begann zu schmerzen, und ich beschloß, mich auf einer Bank im Pärkchen vor dem Hauptbahnhof aus- zuruhen. Ich saß noch keine fünf Minuten, als sich eine verschwitzte, dicke Frau neben mir niederließ. Auch ohne das Abzeichen der Bombengeschädigten, das sie an ihrem Strohhut befestigt hatte, wäre ihr anzumerken gewesen, 342 daß sie zu den Evakuierten gehörte. Sie holte eine Marga- rinestulle und einen Apfel aus ihrer Handtasche und aß mit hemmungsloser Gier. Nachdem sie den ersten Hunger ge- stillt hatte, wandte sie sich mir zu. (Ja, das ist ein Jammer, so in der Fremde, nicht wahr?» begann sie weinerlich.«Jeder Schritt wird einem schwer gemacht. Keiner von diesen Tschechen will Deutsch ver- stehen. Und wie sie einen anschauen, ach du meine Güte, es kann einem dabei ganz unheimlich werden. Man hat hier ja beinahe dasselbe Gefühl wie zu Hause in Köln. Dort weiß man nie, ob die Tommies nicht plõtzlich zu bomben anfangen, na und hier weiß man auch nicht, was sich zu- sammenbraut, so was Unbekanntes, Schleichendes, das man nicht zu fassen kriegt. v Sie schüttelte sich.«Und die eige- nen Volksgenossen sind auch nicht erfreut über den Zu- wachs. Man kommt sich vor wie Auswurf, wenn man s0 im Stadion wohnen muß, zu hundert in einem Schlafsaal, und ohne richtige Betten. Dabei hatte ich ein Eigenheim in Köln-Deutz mit einem Gärtchen hinten hinaus. Und jetzt muß ich warten, bis eine tschechische Judenwohnung freigemacht wird. v Zwei gutgekleidete Mädchen, sonnengebräunt, mit ko- kett angesteckten Rotkreuz-Kokarden, kamen heran und schwenkten rasselnd ihre Sammelbüchsen. aReichsblu- menspende! Jedem Soldaten des Führers eine Blume als Gruß der Heimat. Nur zwanzig Pfennig, Volksgenos- sin!* Die Frau maß die Mädchen mit unverhülltem Arger. Nimmt denn das gar kein Ende? Ich habe genug geopfert. Ich bin auch Soldat. Von der Bombenfront. Aus drei ver- schiedenen Wohnungen gebombt. Ich glaube, das genũgt.* Sie erhob sich und verließ uns. Die zwei Mädchen standen zuerst sprachlos da. Pann, mit einem schnellen Seitenblick zu mir hin, krähte die grö- ßere von ihnen: aIst ja unerhört! Die glaubt wohl, sie 343 kann sich alles leisten, nur weil sie das BG.-Abzeichen hat.» Ihre Kameradin sekundierte:«Natürlich. Die ist nicht bei Troste. Und das alles vor einem Frontsoldaten. v Sie strahlte mich an.«Mein Bruder ist auch Oberschütze und verwundet. Er hat beim Sturm auf Rostow einen Gra- natsplitter abgekriegt. Waren Sie vielleicht auch gerade dort ꝰv Ich murmelte:«Nein, dort nicht.» Ich haßte mich für diese Antwort, ließ es aber dabei bewenden, und griff nach meinen Krücken. An den Litfaßsäulen klebten große schwarz-weiß-rote Plakate. Sie verglichen den Stand der deutschen Schlacht- fronten von 1917 und 1942, und wetterten gegen Mecke- rer, Miesmacher und feindliche Agenten, die mit gifti- ger Verleumdung die deutschen Siege zu verkleinern such- ten. Die Passanten gingen achtlos daran vorbei. Die Lautsprecher an den Laternenpfãhlen waren stumm, verkũndeten nicht mehr Verhaftungen und Erschießungen. Aber da gab es neben den regenverwaschenen alten auch neue grellrote Anschlãge des Reichssondergerichts, mit lan- gen Namenskolonnen und dem Vermerk:Das Todesurteil wurde vollstreckt. Um diese Verlautbarungen machten viele einen Bogen, und in einer stillen Gasse sah ich unter einem der grellroten Plakate einen Immortellenkranz lie- gen. Auf den Gesichtern der Tschechen und in ihren schwe- lenden Augen fand ich noch den gleichen Ausdruck von Haß, Verbitterung und Entsetzen wie früher; doch war eine neue Note hinzugekommen, etwas wie Erwartung oder Vorbereitung. Dieses Neue blitzte bisweilen auf, wenn ein unbewachter Blick meine Krücken streifte; es war mir dann, als könne ich die Gedanken hinter diesem 344 Blick lesen: aSieh da, deutscher Soldat, hat es dich er- wischt? Gut so! Aber noch lange nicht gut genug. Warte nur, warte, die Stunde kommt für dich und alle deine Ka- meraden in der verfluchten Uniformlv Ja, die Frau auf der Parkbank hatte recht: es konnte einem unheimlich werden. Von den Türmen der Altstãdter Kirchen schlug es ein Uhr, als ich den großen Buchladen auf dem Graben betrat. EHs war Mittagspause. Kein Käufer im Laden. Nur eine einzige Verkäuferin hantierte im Hintergrund zwischen den Regalen herum. Erst nach einer Weile kam sie nach vorn und fragte nach meinen Wünschen. Sie war alt, hatte ein strenges, blasses Gesicht; ihre Stimme klang gleich- gültig und mũde. Von den zwei technischen Büchern war das eine nicht mehr im Handel, das andere im Augenblick ausverkauft. Die Konversations-Grammatik mußte in Leipzig bestellt werden. Das mathematische Lehrbuch fand sich nach lãn- gerem Suchen unter den antiquarischen Bänden. Als ich zum Schluß den„Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann? verlangte, bemerkte ich zu meiner Ver- wunderung, wie sich das Gesicht der Alten lächelnd auf- schloß. Ja, dieses Buch wird jetzt von vielen verlangt, die gerade von der Front kommen.v Sie blickte auf meine Krücken und unterdrũckte einen Seufzer.«Ich hab einen Neffen gehabt, ungefähr in Ihrem Alter. Unteroffizier bei den Pionieren. Mein einziger Verwandter. Er ist im Winter bei Smolensk gefallen. Ach ja. Wie viele sind schon hin- gegangen in diesem Krieg! Und wieviel Blut muß noch fließen, bevor wir wieder Frieden haben d» Eine schwarzgekleidete Dame kam in den Laden und fragte nach einem Atlas. Die Verkäuferin bat sie, sich einen Augenblick zu gedulden, und packte schnell meine Bücher ein. 345 (Alles Gutev, sagte die Verkäuferin, akommen Sie nur wieder, wenn Sie s0 was wie den Katechismus brauchen.v Es war noch zu früh, um ins Krankenhaus zurückzu- kehren. Ich sah durch die tiefe Torfahrt des Deutschen Ka- sinos die Kaffeetische im Gastgarten, und ging hinein. Un- ter den alten Kastanienbäumen hatte ich als Student oft mit meinen Universitätskollegen gesessen. Der gleiche Stimmenlärm vieler, laut plaudernder deutscher Tischge- sellschaften empfing mich auch jetzt. Aber der Duft von Gulasch und Karlsbader Melange, der wie eine leckere Wolke dem Eintretenden entgegengeschwommen war, hatte schalen Ersatzgerũchen Platz gemacht; und unter den Gãsten überwogen jetzt Frauen mit den Beuteln des Sol- datenstrickwerks und ältere Herren, die alle eine gewisse Ahnlichkeit mit Onkel Helmut aufwiesen. Ich stand unschlüssig am Fingang und wãäre vielleicht wieder umgekehrt, hätte mich nicht eines der Mädchen, die an Stelle der Kellner aufwarteten, ohne erst viel zu fragen, untergefaßt und zu einem freien Tisch geleitet. Gleich darauf brachte sie, wieder ohne zu fragen, eine Tasse Malzkaffee und ein kleines Stück Linzertorte. Die letzte Portion. Glũck gehabt, Herr Oberschützelv Ich aß und trank, ließ mich dann— die Augen halb ge- schlossen— von der Sonne wärmen, deren Strahlen durch das Laub der Kastanien angenehm gedämpft wurden. Eine einschlãfernde, gemütliche Ruhe umfing mich. Die Kellnerin kam wieder und legte ein paar Zeitungen auf den Tisch. Die Witzblãtter und Illustrierten sind leider im Augenblick vergebenv Sagte sie verstãndnisvoll, als ich keine Miene machte, nach den Zeitungen zu greifen, caber ich passe auf, und wenn was frei wird, sollen Sie's gleich haben.v (Danke, Fräulein, ich hab schon was zu lesen. v Ganz in Gedanken hatte ich das Buchpaket aufgemacht und den Arndt-Band herausgeholt. Ein verschnittenes Seiteneck 346 ragte hervor. Ich schlug das Buch dort auf, um den über- schüssigen Papierrand zu stutzen. Dabei blieben meine Augen an einer Stelle haften: (Oh, über diese preußischen Bauern, die nie einen männ- lichen Zorn, nie eine stolze Liebe, nie einen Eigenwillen hatten, die sich wie die Schafe verkaufen, vertauschen, ver- schenken, abtreten lassen...v Die gemũtliche Ruhe war mit einem Schlage dahin. Ich wollte das Buch weglegen, aber ein innerer Zwang er- laubte mir das nicht. Ich blätterte ein paar Seiten um, las wieder, in steigender Verwirrung: Sie meinen, wenn sie zur Fahne eines Kõnigs oder Für- sten geschworen haben, müssen sie blind alles tun, was er ihnen gebietet. Sie achten sich also nicht als Menschen, die einen freien Willen von Gott erhalten haben, sondern als dumme Tiere, die sich treiben lassen. Und diesen tierischen Zustand und diesen blinden Gehorsam gegen ihre Herren nennen sie ihre Soldatenehre und meinen, Soldatenehre sei ein anderes Ding als Bürgerchre und Menschenchre. Das ist aber nicht wahr. Das ist die wahre Soldatenehre, daß keine Gewalt noch Herrschaft den edlen und freien Mann zwingen kann, das Schändliche oder Unrechte zu tun oder tun zu helfen. v In meinem Kopf drehte sich alles. Warum bestellte sich Gerhard dieses Buch? War auch das eine bloße Marotte wie die Reden, die er mir in dem alten Gastlokal hinter dem Pulverturm gehalten hatte? Eine Marotte, die nur dem Pflaumenschnaps oder der Silberplatte im Schãdel ihre Ge- burt verdankte, oder etwas ganz anderes? Mich ergriff eine Art Panik. Die Sätze, die ich eben gelesen hatte, klangen nach, und auf einmal schien mir, als spreche hier nicht ein alter, längst vermoderter Schriftsteller, sondern jemand, der heute lebte und den ich kannte; jemand mit zusammen- gekniffenen hellen Augen in einem breiten, undurchdring- lichen, wie aus Holz geschnittenen Gesicht. 347 Ich steckte das Buch ein und winkte der Kellnerin.«Zah- len, Fräulein lv Der Himmel hatte sich bedeckt. Ein Schauer ging nie- der. Mein Bein begann wieder zu schmerzen. Ich stieg in die nãchste Straßenbahn. Kein Sitzplatz war frei. Ein bockbärtiger Luftschutzwart, der gleich mir im Mit- telgang stand, fragte laut, in schnarrend preußischem Ton- fall:(Na, los, wer läßt den Verwundeten hier sich nieder- setzen?» Die Passagiere auf den Bãnken links und rechts starrten in die Luft. Es waren Tschechen. Hinter ihrer scheinbaren Gleichgũltigkeit lauerte das Unfaßbare. Der Bockbärtige mußte es ebenso spũren wie ich. Er lief bläulich an, krächzte mir zu:«Hier wird man auch noch mal ausfegen mũssen, mit eisernem Besen.» Der Straßenbahnwagen hielt unvermittelt zwischen zwei Haltestellen. Ein Blick auf᷑ die Straße hinaus zeigte mir, daß der ganze Verkehr stockte, um einen Trupp junger Burschen und Mädchen in H].-Kluft passieren zu lassen. Da marschier- ten sie durch die eroberte Stadt mit herausfordernd pras- selnden Schritten. Die Runenwimpel flatterten über ihnen. In der aufklaffenden Stille klangen ihre Stimmen doppelt laut. Sie sangen: Wenn vor dem Feind wir stehen, Die Brust von Mut geschwellt, Muß alles in Scherben gehen, Bis uns gehört die Weltl Das Unfaßbare schwoll an. Es war wie ein schlagendes Wetter vor der Entzũndung. Ich hielt die Spannung nicht länger aus und verließ den Wagen. Der Trupp Hitlerjugend war vorbeimarschiert. Die Stra- Benbahnen und Wagen setzten sich von neuem in Bewe- 34 gung. Im aufbrodelnden Lärm schallte der Liedrefrain noch einmal auf und versank dann: Für Hakenkreuz auf blutig Rot Gehn wir mit Freuden in den Tod. Der Regen hatte etwas nachgelassen. Ich humpelte durch Seitengassen dem Krankenhaus zu. Fin plötzlich wieder los brechender Guß trieb mich in ein Haustor. An der Mauer gegenüber klebte ein Plakat. Mechanisch heftete sich mein Blick an die fettgedruckte Uberschrift: Gesucht— lebend oder tot ly Ein Steckbrief der Geheimen Staatspolizei. Das Bild der gesuchten Person war fast un- kenntlich. Jemand hatte einen Streifen des Plakats weg- gerissen, so daß nur eine Gesichtshälfte übrig geblieben war: eine breite Stirn unter welligem Frauenhaar, ein zar- ter, fester Mund. Die Regentropfen auf der Wange nah- men sich wie Trãnen aus. Aber diese Tränen waren nicht Zeichen von Schwäche oder Angst; sie sprachen vielmehr von Trotz, von Zorn und von unerbittlichem Vergeltungs- willen. Und sie sprachen zu mir. Das Herz erzitterte, als habe sich eine Schlinge darum gelegt und ziche sich nun jählings zusammen. Ich mußte mich anlehnen, ich schloß die Augen. Aber durch die ge- schlossenen Lider hindurch sah ich das Bild auf dem Steck- brief. Es war Lidkas Bild. Ich tappte davon, von Entsetzen gepackt, wie ein Fie- bernder. Im Rauschen des Regens hörte ich ununterbro- chen die Worte: Gesucht. Tot oder lebendig. Von der Ge- stapo gesucht. Von eurer Gestapo gesucht. Von deiner Ge- stapo gesucht... v Ich atmete erst wieder auf, als ich unser Krankenhaus- zimmer betrat. Klobocznik, der mit Sadowski die übliche Nachmittags-Mariagepartie spielte, schaute finster von den Karten auf und nuschelte:«Daß du ausgerechnet heute 349 hast ausgehen müssen! Dietz war da, um dich zu besu- chen.» (Na, und? Da hab ich doch nicht so viel versãumt. v (Nein, versäumt hast du nichts. Aber mir hättest du was ersparen kõnnen. Wie der einen lõchert mit seinen Fragen. Mensch, den haben sie bei den Schwarzen gerade noch ge- praucht.v Er unterbrach sich. Werflucht und zugenäht, da hab ich doch den Eichelkönig und nicht den Ober ausge- Spielt. Jetzt verlier ich noch die Partie lv Er warf wütend die Karten hin. 4 Klobocznik kehrte von einem Stadtausgang zurück. Wãhrend er unter dem Mantel ein Paket mit Hamsterwa- ren hervorholte und in seinem Strohsack verstaute, infor- mierte er mich, daß die Torwache soeben bei der Schwester vom Dienst angerufen habe, um sich zu erkundigen, ob ich auf dem Zimmer sei. Eine Dame will dich besuchen, Holler. Wetten, es ist wieder die Gerda, das verliebte Lu- der? Die hat's immer noch auf dich abgesehen wie die Maus auf den Speck.? Er leckte sich grinsend die fransigen Schnurrbartenden.«Sack Zement! So'n unwerdientes Glück bei den Weibern mõcht ich auch mal im Leben ha- ben wollen 1* Sadowski, der eben dabei war, einen Schlangenring zu polieren, den er in tagelanger, mũhevoller Arbeit aus ei- nem Suppenknochen geschnitzt hatte, spulte geringschät- zig seine lange Oberlippe. Gerda? Ist das die Lange von eurer Bataillonspost? Nicht viel los mit der. Lauter Haut und Knochen. Menschenskinder, wenn ich da an meine Laura denke... vEr beschrieb den bewußten weiten Kreis. Klobocznik folgte der Handbewegung des Magdebur- gers mit zwinkernden Augen. aIch würde an deiner Stelle den Mund nicht so vollnehmen, Sadov, riet er mit der Ge- wichtigkeit eines Vielerfahrenen. 350 Was? Wie d Versteh ich nicht. Da mußt du dich schon klarer ausdrũcken.v Klobocznik zog ein schmutziges Taschentuch hervor, zwirbelte einen Zipfel zusammen und fuhr damit erst in das eine, hierauf in das andere Ohr. Dann, scheinbar ganz in die Betrachtung des Taschentuchzipfels versunken, sagte er: (Na, ich meine nur, es soll schon vorgekommen sein, daß einer aus dem Krieg heimkehrte und konnte seine Alte nicht wieder erkennen, sodũrr und schãbig war sie unterdessen ge- worden, das heißt, wenn sie ũberhaupt noch Jeine Alte war.v Es dauerte einen Augenblick, bis Sadowski den vollen Sinn von Kloboczniks Worten erfaßt hatte. Er machte eine zornig abwehrende Geste. Nee, Klobo, nee. So was tut mir die Laura nicht an. Die weiß viel zu gut, was sie an mir hat.v Klobocznik plieb skeptisch. Weiber sind wie Geld, mein Junge. Man weiß nie, wie lange sie vorhalten. Und gerade, wenn man es am wenigsten erwartet, sind sie plõtzlich futsch.» Nicht meine Laurav, ereiferte sich Sadowski. Er begann, wütend den Ring mit Sandpapier zu bearbeiten. Sein Ge- sicht verdunkelte sich so, daß die einzelnen Leberflecken verschwanden.«Das kommt bei Laura nicht in Frage. So 'ne Gemeinheit lv (Na, na, na, deswegen mußt du dich nicht gleich derar- tig aufregenv, beschwichtigte ihn Klobocznik, dich hab's ja auch gewissermaßen nicht persõnlich gemeint. Ich denke mir bloß, deine Laura ist schließlich auch nur ein Mensch, und jeden Menschen juckt mal seine Natur. v (Juckt mal seine Natur. Wie du das wieder sagst! S0 was kannst du von dieser Gerda behaupten, aber nicht von meiner.» ¶Also, dann ist deine Laura eben ein Engelꝰ, fiel ihm Klo- bocznik in die Rede. cIst sie auchv, beharrte Sadowski starrkòpfig, cist sie auch.v 357 (Gut, gut.» Klobocznik zwinkerte mir zu.«Aber was nützt unsereinem schon ein Engel in Magdeburg, noch da- zu in festen Händen? Hab ich recht, Holler? Das ist ja nicht mal eine Taube auf'm Dach! Nee, Herrschaften, da zicht Klobo schon ein Luder wie die Gerda hier im Bett vor.v Er prustete geil durch die Nase. Indem wurde an die Tür geklopft. Herein lvschrie Klobocznik, cimmer rein mit dem Betthäschen! Wir...» Er schlug sich auf den Mund. In der geõffneten Tür stand nicht Gerda, sondern— mei- ne Mutter. Ich wollte vom Bett, auf dem ich hockte, aufspringen, um Mutter entgegenzueilen, aber sie war schneller als ich. Schon stand sie neben mir und küßte mich mehrmals auf Stirn und Augen. Dann erst schien ihr die Anwesenheit der zwei anderen bewußt zu werden; unsicher trat sie einen Schritt zurück. Sadowski erwies sich als Mann von Welt. vJja, da lassen wir Sie und Hans wohl am besten allein, Frau Hollerv, er- klärte er mit einer Art Kratzfuß, ckomm, Klobo, wir wol- len nicht stõren, was glotzt du denn noch?v Er gab dem kopfschũttelnd dastehenden Klobocznik einen sanften Stoß und bugsierte ihn aus dem Zimmer. Mutter setzte sich zu mir auf das Bett und nahm ihren Hut ab, einen jener Schwarzen Strohhüte mit steifer Krempe und breitem Taffetband, die— solange ich zurũckdenken konnte— zu ihrer sommerlichen Sonntagstoilette gehört hatten. In Mutters Bewegungen offenbarte sich die gleiche ũberraschende Flinkheit wie je, und doch kam mir ihr Ge- sicht schmaler, ihre ganze Gestalt kleiner und zerbrechli- cher vor als bei meinem letzten Urlaub. Du siehst gut aus, Mutterꝰ, Sagte ich schnell. (Geh, geh. Aber du schaust gut aus, Hansl. Besser als ich's erwartet habe. vMutter suchte nach etwas Hölzernem, um daran zu klopfen. Es waren nur meine Krücken da. Sie 32 zögerte einen Augenblick, dann klopfte sie doch darauf. Ja, heutzutage muß eine Mutter noch froh und dankbar sein, wenn sie ihren Sohn auf Krücken trifft. Immer noch besser so, als... v Sie verstummte und senkte die Stirn. Si- cher dachte sie an Kurt und Lutz. Nein, also daß du die Reise hierher gemacht hastv, rief ich, um sie auf andere Gedanken zu bringen. War's denn nicht schr anstrengend?v Sie hob den Kopf. Die Augen blickten ruhig, um den Mund huschte jetzt sogar ein halbes Lächeln. Was ist denn Schon groß dabei? Du tust ja gerade so, als ob R... aus der Welt wãre. Und ganz zum alten Eisen gehöre ich auch noch nicht. Nein, nein, ich halte eine Reise schon aus, und bes onders so eine Reise. v Sie streichelte mich, erinnerte sich plõtzlich an etwas, kramte in ihrer Reisetasche herum und fõrderte einen Pappkarton hervor. Da, ein Mitbringsel. Mach's nur gleich auflv Mutters Augen glänzten, als sie mir zusah, wie ich die Verschnürung lõste und den Karton öffnete. Zum Vor- schein kam ein Gugelhupf, wie ich ihn als Junge zu Ge- burtstagen immer bekommen hatte. Mutter bestand dar- auf, daß ich mir gleich zum Verkosten ein Stück von dem Kuchen abschnitt. Er schmeckte in der Tat nach Geburts- tag. Ich sagte es ihr. Sie lachte leise. Ach wo, da fehlt viel! Ich wollte wenig- stens paar Rosinen hineintun, aber sie waren einfach nicht aufzutreiben, nicht mal gegen Tabak. Na, pack den Gugel- hupf hübsch wieder in die Schachtel, sonst, wenn er so offen dasteht... aber nein, das kannst du ja doch nicht tun. Mußt deinen Kameraden schon was abgeben, sonst mißgönnen sie dir's noch, und das schlägt zum Schlechten aus. So, und jetzt erzãhl mal, ganz von Anfang an, wie du vom Zug ge- fallen hist. Aus Briefen kann man sich ja doch keine richtige Vorstellung machen. Ach, ist mir damals der Schreck in die Glieder gefahren, als die Nachricht kam. Nun, erzähle lv 23 353 Aber kaum hatte ich zum Sprechen angesetzt, als sie mich noch einmal zurũckhielt. Mein Gott, dir fehlen ja gleich zwei Knõpfe! Und wie steht's mit deinen Socken? Wenn ich schon hier bin, kann ich gleich mal nach dem Rechten schen, du hast doch ein Nähzeug, nicht wahr, Kindꝰ Den Kopf über die Flickarbeit gebeugt, Saß Mutter dann da, ganz wie daheim an ihrem Nähtischchen, wãhrend ich von meinem Fisenbahnunfall berichtete, vom Leben im Krankenhaus und von den Verãnderungen, die sich in der Zwischenzeit bei meinem Bataillon zugetragen hatten. Von Zeit zu Zeit aufblickend, schob sie die weit vorge- rutschte Brille zurück, nickte aufmunternd oder tat eine schnelle Zwischenfrage. Doch erst ganz zum Schluß sprach sie aus, woran sie schon vom Anfang an gedacht haben mußte: Was glaubst du, wie lange wirst du hier im Kran- kenhaus noch bleiben können? Und was werden sie denn nachher mit dir machen?» ¶Ja, das wissen die Krzte wohl selber noch nicht, Mutter. Es kann sehr schnell gehen mit der Heilung, hat der Rönt- genmann gestern gesagt, es kann sich aber auch noch eine hübsche Weile hinziehen. Und nachher d» Ich versuchte zu scherzen.«Schließlich ist ja noch Onkel Helmut da. Jetzt, als geschäftsführender Bürgermeister, muß er doch bis ganz hoch hinauf Bezichungen haben.» (Ach, damit ist es nicht so weit her, leider. Und über- haupt, er wollte ja schon zweimal zurücktreten. Aber das ging nicht. Die Partei erlaubt's nicht. Sie haben auch nie- mand, der das Amt übernehmen mõchte, besonders seit der Geschichte mit den Verlustlisten.v Sie äugte schnell zur Türe hin und senkte die Stimme zum Flüstern. Wir ha- ben dir darũber nicht schreiben kõnnen. Die Sache mußte streng geheim bleiben. Magistratsrat Hanisch ist doch aus dem Fenster gesprungen. Er hat es einfach nicht mehr aus- gehalten. Immerzu waren die Frauen und Mütter von Sol- 354 daten hinter ihm her: er soll ihnen Auskunft geben, ob ihre Angehörigen auf den Verlustlisten stehen. Und er durfte doch hõchstens zchn Namen in der Woche bekanntgeben. Schließlich ist er davon verrückt geworden. Auf der gan- zen Fahrt zur Unfallstation hat er noch geschrien:„Das kann man nicht von mir verlangen. Soll'n sie sich selber den Tod rationieren l? bis man ihn mit einer Spritze still ge⸗ macht hat. v Mutter schwieg und ließ die Nadel für einen Augen- blick ruhen; sie ordnete wohl in Gedanken die Ereig- nisse, von denen sie gesprochen hatte und noch sprechen wollte. Ach ja, das sei ein arges Theater gewesen, fuhr sie fort, und natürlich habe der geschäftsführende Bürgermeister das meiste von dem õffentlichen Krger und den Scherereien abgekriegt. Und zu dem ganzen amtlichen Ungemach, zu den Plackercien mit der städtischen Lebensmittelversor- gung und zu einem Skandal in der Kriegsopferfürsorge (pei dem Onkel Helmuts guter Freund Prokesch in der Ver- senkung verschwunden sei), zu all dem komme auch noch die Kalamitãt mit den ⁊zwei Töõchtern. An denen erlebe der gute Helmut wahrhaftig keine Freuden! Die eine— das war Anneliese, deren Namen Mutter auch diesmal nicht in den Mund nahm— lasse sich zu Hause fast überhaupt nicht blicken, sondern kutschiere immerzu herum, angeblich im Auftrage von hohen Parteistellen und auf Wunsch ihres neuen Verlobten, des Herrn Eckersberger,— aber ganz R... sei voll von Klatschgeschichten über diese Dienstrei- sen mit dem Adjutanten des Sonderbeauftragten, einem jungen Baron aus dem Reichswirtschaftsministerium. Hier konnte es sich Mutter nicht versagen, ein kleines Dankge- bet dafür, daß Anneliese nicht mehr meine Frau war, ein- zuflechten, bevor sie in ihren Betrachtungen fortfuhr. Ja, so stehe es also um die eine Tochter. Und die andere, Effi Hier machte Mutter wieder eine Pause, beugte sich tie- 355 fer über die Arbeit, so daß ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Effi ist leider auch nicht auf dem rechten Wege. In den letzten Wochen geht das Mädel ein wie die böh- mische Leinwand. Mit ihren achtzehn Jahren sicht sie, weiß Gott, aus, als hãtte sie das ganze Leben schon hinter sich. Jetzt muß sie auch noch in ein Sanatorium. Mir hat man ja nicht gesagt, was ihr fehlt, aber wenn ich so sche, wie die Resi in einem fort mit der Lysolflasche herum- lãuft und alles desinfiziert, dann denke ich mir schon mein Teil, nicht wahrd» Ein heißer Propfen stieg mir in der Kehle hoch. Wußte Mutter von dem, was zwischen Effi und mir vorgefallen ward Ahnte sie etwas? Ich beschloß, mich einfach nichts- wissend zu stellen, wenn sie bei mir auf᷑ den Busch klopfen sollte. Doch Mutter blieb stumm. Sie faltete die zuletzt geflick- ten Strũmpfe pedachtsam zusammen, hob aber noch im- mer nicht den Blick. Vom Korridor her schlug die Uhr vier. Mein Gott, so spãt schon 1 Mutter stand bestürzt auf. jetzt muß ich mich aber sputen!y Was denn? Du gehst doch nicht schon, Mutterꝰv Doch, Kind. Ich muß. Uber Nacht kann ich hier in Prag nicht bleiben. Auch fãhrt Effi morgen schon in aller Herr- gottsfrũhe weg. Und dann... vSie fingerte an den Mantel- knõpfen herum. Ihre Wangen färbten sich leicht rot. Eine ungekannte Verlegenheit trat in ihrem Benchmen zutage, als Sie stockend weitersprach: aIch bin nãmlich... noch in einer andeten Sache... Ich habe einen Gang zu tun... Doch davon wollte ich gar nicht reden.v Sie schüttelte sanft, aber bestimmt den Kopf, als ich sie bestürmte, mir mehr über ihr geheimnisvolles Geschäft zu verraten. Nein, das hat keinen Zweck, Hansl; glaub mir, es ist besser, du weißt von nichts. Nächstens, wenn wir wieder beisammen sind, kann ich dir sicher alles sagen. 356 Und wir sehen uns doch, nicht wahr, auf jeden Fall schen wir uns doch, auch wenn du, ich meine, auch wenn sie dich nachher.. dv ¶Auf jeden Fall, Mutter!lv Sie küßte mich. Ich wollte nochmals in sie dringen, doch da kamen Sa- dowski und Klobocznik ins Zimmer gestürzt: Nachmit- tagsvisitelv Gleich darauf ergoß sich die Welle weißer Irztemäntel und Schwesterntrachten in den Raum. Als sie wieder ab- flutete, war Mutter verschwunden. Einige Tage darauf stieß ich beim Zeitunglesen zufällig auf eine zwischen Berichten über verhaftete Obstschleich- händler und Gerüchtemacher versteckte Notiz: Schand- weiber vor dem Sondergericht?. EHine Anzahl ehrvergessener deutscher Frauen, so hieß es, Seien in einem Prozeß gegen tschechische Hochverräter, die kriegsgefangenen feindlichen Soldaten zur Flucht ver- holfen hatten, wegen Irreführung der Behörden und akti- ver Beihilfe zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Unter den Namen der Verurteilten fand ich auch den mei- ner Schwester Barbara. Mutter hatte, wie sie mich spãter wissen ließ, von dem bevorstehenden Prozeß Kenntnis gehabt und versucht, sich als Leumundszeugin für ihre Tochter zu melden. Das wäre ihr um ein Haar übel bekommen. Man hatte sie so- fort nach R... zurückspediert, und von der Anklage war nur mit Rũcksicht auf die vier Sõhne im Waffenrock- be⸗ sonders auf die zwei gefallenen— Abstand genommen worden. (Nun weiß ich wenigstensv, schloß Mutter ihre bittere Mitteilung, wozu ich euch Jungen geboren habe. v 557 Wir waren in den letzten jahren weit auseinanderge- raten, Barbara und ich; wir waren einander sehr fremd ge- worden. Was wußte ich noch von ihr d Was hatte sie noch mit meinem, was hatte ich mit ihrem Leben zu tun? Wann dachte ich ũberhaupt noch an sie? Und doch, trotz aller Entfernung und Entfremdung stand Barbara mir unter meinen Geschwistern am näch- sten; am nächsten, weil die ũbrigen mir noch ferner standen. So hätte mich zu jeder anderen Zeit eine Nachricht wie die von ihrer Verurteilung in einen Wirbel widerspruchs- voller Gefühle gestürzt; in brüderliche Sorge, Hilfsbereit- schaft und— Angst, besonders in Angst, panische Angst vor der Vorstellung, ich kõnnte mit Barbaras Angelegen- heiten irgendwie in Verbindung gebracht werden. Und zu jeder anderen Zeit wãre ich durch diesen Wirbel aus dem Geleise geworfen worden. Zu jeder anderen Zeit. Doch warum jetzt nicht? War- um war der Schock, den ich beim Lesen der Zeitungsno- tiz empfing, so schwach, gleichsam gepolstert? Warum war er abgeglitten, verebbt, versickert, ohne ein Nachzit- tern, ja, ohne eine Erinnerung zu hinterlassen? Kam diese Gefühllosigkeit von den starken Injektionen, die ich jetzt ⁊weimal tãglich erhielt, damit mein steifes Bein schneller geschmeidig werde? Oder war es vor allem die ahnungsvolle Empfindung, in einem allgemeinen Prozeß des Abgleitens begriffen zu sein,— war es diese Empfin- dung, die mich so sonderbar paralysierte? Als halbwüchsiger Junge war ich einmal bei einer Ski- tour im Riesengebirge von schwerem Nebel überrascht worden. Ich verlor meine Gefährten. Ich kam vom Wege ab. Die Dunkelheit wuchs und mit ihr meine Müdigkeit, mein Verlangen nach einer Rast. Dabei wußte ich ganz ge- 358 nau, daß Haltmachen und Niedersetzen soviel bedeutete wie Einschlafen und Erfrieren. Und doch zog mich der schneebedeckte Boden mit teuflischer Gewalt an. Ich fühlte mich niedersinken, lange bevor ich tatsãchlich hinstürzte (ũbrigens so glücklich, daß ich mir die Nase an einem Felsbrocken blutig stieß, was mich wachrũttelte und ret- tete). Das gleiche Vorgefũhl des Stürzens hatte ich auch jetzt wieder. Aber diesmal spũrte ich nicht nur meinen eigenen Sturz voraus. Diesmal war mir's, als lockerten sich rundum alle Bindungen, als müßten die Menschen, die Dinge und Zustãnde ins Gleiten geraten— unaufhaltsam wie bei einem gewaltigen Erdrutsch. Was lag unter solchen Umstãnden noch an einem Hinzel- schicksal? Am eigenen oder an dem einer schon lange aus den Augen und aus dem Sinn verlorenen Schwester? Was war ũberhaupt noch von Wichtigkeit? Was behielt noch Wert, Sinn, Zweck? 6 Es gibt Geschoßverletzungen, die so rasch, ohne alle üblen Nachwirkungen, ohne merkliche Narben verheilen, daß man versucht ist, sie võllig zu vergessen. Aber in der Wunde, die sich so schnell geschlossen hat, ist ein Metall- Splitter zurückgeblieben, und dieser Splitter tritt eine ge- heime Wanderung an. Eines Tages bleibt er irgendwo, weit entfernt von der ursprũnglichen Wundstelle, stecken und ruft eine Eiterung hervor. So tritt die vergessene Ver- letzung plõtzlich schmerzhaft wieder in Erscheinung. Eine ähnliche Erfahrung machte ich jetzt: der gepol- sterte Schock war nur scheinbar gepolstert gewesen, nur scheinbar spurlos verebbt und versickert. In Wirklichkeit hatte er eine unsichtbare Wunde zurückgelassen, einen heimlich wandernden Geschoßsplitter, der sich an einer 359 unerwarteten Stelle und zu einer unerwarteten Zeit in Er- innerung brachte. Ich tauchte aus dem Halbschlat auf, in den mich die nach- mittägliche Injektion versenkt hatte. Es wurde schon Abend, sanft und langsam, wie es an warmen September- tagen in Prag Abend wird. Zuerst wußte ich mit dem Durcheinander von anschwel- lenden und wieder abreißenden, einander überblendenden Stimmen, Pfeiftõnen und Akkordfetzen nichts Rechtes an- zufangen, doch im nächsten Augenblick wurde mir klar, daß jemand am Radio herumdrehte. Ich hob den Kopf und sah nun den Schattenriß Klobocz- niks gegen das helle Scheibenviereck abgezeichnet. An der Art, wie er zusammengekrümmt und mit zuckenden Schultern auf dem Fensterbrett hockte, erkannte ich, daß er schlechter Laune war. Er fischte offenbar nach einem Unterhaltungsprogramm, hatte aber kein Glück: der Ather war von Heeresberichten und vaterländischen Vorträgen erfüllt. Der Stadtname Stalingrad und Satzfetzen wie ,Bei- Spiellos erbitterte Kãmpfe... selbstmõrderischer bolsche- wistischer Widerstand... Frage nach der Länge der Kriegs- dauer nebensächlich, klangen in verschiedenen Abwand- lungen immer wieder auf. Dann brach eine überlaute Stimme, die des Prager Polizeifunks, durch: 4.. alle Vor- genannten zum Tode durch Erhängen wegen unbefugten Waffenbesitzes und reichsfeindlicher Tätigkeit im Zusam- menhang mit dem Komplott zur Verbergung der Atten- täter. v Klobocznik knipste ab. Einige Sekunden lang blieb er noch auf dem Fensterbrett sitzen, rieb sich die Glatze, hü- stelte und brummte vor sich hin. Schließlich stand er auf und kam an mein Bett heran. In der nun schneller vor- schreitenden Dãmmerung flackerten seine fragend auf mich gerichteten Augen in einem trüben Glanz. 360 (Na, was gibt's, Klobo dy Er wandte den Kopf lauschend zur Türe hin, machte eine einleitende Gebärde, blieb aber stumm. Ich richtete mich auf. Ja, was ist denn l0s mit dir, Klobo dv Klobocznik schwieg unzufrieden, kaute an seinem fran- sigen Bart.«Es ist nur sov, begann er schließlich in hasti- gem Flüsterton, als wolle er mir etwas Besonderes anver- trauen, adieses Herumfaulenzen taugt mir nicht mehr. Man kommt dabei nur auf dumme Gedanken. vEr zog die Stirne kraus, hich mit der flachen Hand durch die Luft.«Zum Beispiel dieser Dietz*, fuhr er fort, awas hat der Kerl ei- gentlich in unserem Krankenhaus zu suchen? Er soll heute schon wieder hier gewesen sein.» (Na, undd» Sack Zement, merkst du denn gar nichts? Er kommt her, aber zu schen kriegen wir ihn nicht mehr. Um unser Zimmer macht er einen Bogen. v Was ist dabei? Ich denke, du stehst gar nicht um ihnlv Gestohlen kann er mir werden 1 Klobocznik rãusperte sich bõse und begann zu schimpfen: ast das jetzt ein Le⸗ ben! Zum Aufhängen, sag ich dir! (Na, was ist denn nun wieder dv Er beugte sich zu mir herunter. Ich konnte schen, wie es in seinen dickgeschwollenen Schläfenadern arbeitete. Weißt du, Holler, ich denke mir manchmal, wenn ich so höre, wie wir jetzt Häuserblocks erobern, Hãuserblocks, wo wir's doch frũher nicht unter ganzen Ländern gemacht haben. Nee, nee, also mir scheint, wir werden uns zum Schluß bloß unter die Erde gesiegt haben. Und das bißchen Hinterlandsleben, das man vielleicht noch vor sich hat, wird einem auch vergãllt von solchen Schnüfflern. Dabei sollten sie lieber zuschaun, daß sie endlich diese Heydrich- Attentãter fassen; das ist ja nachgerade ein blutiger Witz. Na, ich kann dit nur verraten...v 361 Eine Weile verstrich in Stille. Ich fragte schließlich, was er noch hatte sagen wollen. Klobocznik zerknüllte eine Zigarette, die er sich eben erst angezündet hatte. Ach, nichts. Die ganze Welt kann mich am Arsch lecken 1* Er drehte mir den Rücken, ging zur Türe. Wstenkollerv, fuhr es mir durch den Kopf, während ich dem verwehenden Schall seiner über den Kachelboden des Korridors hinschlurfenden Strohpantoffeln nachlauschte. Der Abend war voll hereingebrochen. Vom Fenster her kam eine kũhle Schwade. Ich zog die Decke ũber mich und schloß die Augen. Das Wohlgefühl der Minute vor dem Rinschlafen umfing mich wie ein warmes Bad. Indem wurde ich aufgestõrt. Und du?v hörte ich eine Stimme in mir,«wie steht es um dich? Kotzt dich nicht auch schon alles an? Dieses Warten(worauf eigentlich ²), dieses Herumkommandiertwerden, dieses gedankenlose Parieren, dieses Ausharren bei einer verruchten und ver- ratzten Sache d Ich wußte, daß es eine Halluzination war, aber ich mußte trotzdem weiter zuhören. Warum wagst du nichts, wo doch andere so viel wagen? Andere, Schwä- chere, sogar Frauen, deine Schwester zum Beispiellv Es war die Stimme von Maurer, jetzt erkannte ich sie. Ich wollte mich verkriechen, aufwachen, der Stimme ir- gendwie ausweichen, allein dann tat ich doch nichts der- gleichen. Nach ein paar Minuten begann ich sogar zu ant- worten, mit Maurer zu dis kutieren,= stolz darauf, daß Bar- bara etwas getan hatte, was seinen Beifall finden und also auch mich in seinen Augen höher setzen mußte, aber zu- gleich geschüttelt von dem erbãrmlichen Angstwunsch, in Ruhe, nur in Ruhe gelassen zu werden. Gewißv sagte ich, gewiß, wie kann man als denkender Mensch noch an ein gutes Kriegsende für Deutschland glauben? Und wie kann man, obwohl man das weiß, auch 362 weiterhin schweigend mittun d Aber das ist es ja eben: den Weg vom Denken zum Umdenken kann man heimlich gehen, in seinem Innern; den weiteren Schritt, zum Han- deln, muß man außerhalb seiner selbst tun, und dazu fehlt vielen die Kraft. Mir fehlt sie jedenfalls. Bei dir ist es etwas anderes, Maurer. Du kommst aus einem Milieu, in dem der Entschluß zur Auflehnung natürlich ist. Dir wurde der Mut dazu sozusagen mit der Muttermilch eingeflõßt, oder du bist ihm zumindest von Jugend auf bei deinen Leuten begegnet. Und auch bei Barbara ist es etwas anderes. Weil sie sich nämlich geweigert hat, den ersten Schritt in die höllische Tretmühle zu tun. Aber wer einmal drin ist wie ich, der muß mitstampfen oder er wird zerstampft. Und was ist schließlich damit vollbracht, daß man aus der Reihe tanzt wie Barbara? Was ist schon damit erreicht, daß sie jetzt im Zuchthaus sitztd Ja, ja, gewiß, ich weiß, man geht unaufhaltsam zugrunde, wenn man sich nicht aufrafft. Und doch, warum soll gerade ich den Anfang machen? Warum Soll gerade ich ein Beispiel geben? Gestorben ist gestorben, und wenn's für die schönste Freiheit ist. Nein, nein, nein. Ah, verdammt, was ist das?v Ich kam auf. Jemand rüttelte mich. Das Licht einer schirmlosen Glüh- birne fiel gerade auf mein Gesicht. Grüne und orangene Kreise wirbelten mir vor den Augen. Was istꝰv Sadowski nahm die Hand von meiner Schulter und Sagte: Menschenskind, dir haben sie wohl heute eine dop- pelte Spritze gegeben? So zu brüllen! Ich hab schon ge- glaubt, ich kriege dich überhaupt nicht mehr wach. v Er setzte sich auf den Schemel neben meinem Bett, gähnte verschlafen, rieb mit dem Handrũcken über seine stoppeli- gen Wangen. Wo ist eigentlich der Klobo? Hast du'ne Ahnung, wo der Kerl steckt? Er soll in die Kanzlei kom- men. Sie haben schon zweimal nach ihm geschickt. 363 7 ¶Obers chütze Hans Holler wird ersucht, sich heute nach- mittags, 4 Uhr 30, bei Frau von Egloffstein, Unter den Kastanien Nr. 87, einzufinden. Ich drehte das Telephonogramm, das mir zugleich mit einer Ausgangserlaubnis von Schwester Gertrud, der fisch- äugigen Ostpreußin, gebracht worden war, verwundert hin und her. Wer war Frau von Egloffstein? Was sollte ich bei ihr? (Na, machen Sie sich nur gleich fertig, Hollerchenv, zwitscherte der Korporalsstock mit einer võllig verzucker- ten Stimme und blinzelte mich dabei kokett-unterkietig an. Sie sind also mit den Egloffsteins bekannt? Ich kenn sie nãmlich auch. Freilich wird die Frau Baronin sich kaum an mich erinnern. Ich war von vierunddreißig bis siebenund- dreißig jeden Sommer bei meinem Onkel, Oberförster Stopfhuchen, in Pillkallen, wo die Egloffsteins begütert sind. Was für ein vornehmer Mann, der Freiherr! Ich hatte schon gelesen, daß er jetzt hier, auf dem Protektoratsamt, tãtig ist... Nein, aber so was! Da kennen Sie sicher auch die beiden Komtessen und den jungen Freiherrn, der jetzt im Auswärtigen Dienst sein soll? Ach, eine interessante Familie! Darüber mũssen wir uns einmal ausführlich un- terhalten. Aber jetzt machen Sie sich fertig, Kindchen. Wo haben Sie ihre Ausgangsuniform? Geben Sie die Hosen her, ich will sie Ihnen aufbügeln. Inzwischen können Sie sich anderweitig verschönen.v Kaum hatte sich die Türe hinter Schwester Gertrud ge- schlossen, als Klobocznik mir das Telephonogramm aus der Hand riß. Mensch, da muß ja was ganz Besonderes drinstehen, wenn dir dieses Aas plötzlich mit der süßen Tour kommt. Laß mal schen! Mit gerunzelter Stirn studierte er den Text. 364 Sadowski, der ihm über die Schulter schielte, ließ einen leisen Pfiff hõren.«Menschenskind, Holler, ich wußte gar nicht, daß du so noble Bekannte hast. v cIch auch nichtꝰ, gab ich zurück. Was? Mach keine Witzel» Ehrenwort! Wenn ich dir sage, ich höre den Namen Egloffstein heute zum ersten Mal. v Nicht mõglich v Sadowski faßte sich an seine herunter- hängende Nase.«Ja, was soll dann aber die Einladung hier bedeuten ꝰv Ich zuckte mit den Achseln. Klobocznik faltete das Telephonogramm zusammen und Sagte streng: Da schaut nichts raus als Scheiße lv Er war, seitdem man ihn plõtzlich wieder wegen der nãheren Um- stãnde bei seiner Verwundung verhört hatte, in streitsũch- tiger Stimmung und erging sich ständig in dũsteren Pro- phezeiungen. Wenn ich höre, daß irgendwelche Herr- chaften hoch oben anfangen, sich um unsereinen zu küm- mern, steigt mir gleich der Einsegnungskaffee hoch. Die haben es ja doch bloß auf unser Fell abgeschen. Das wirst du bei deinem Herrn Baron aus dem Reichsprotektorats- amt auch noch erleben!* Ist ja lãcherlichꝰ, fand Sadowski. Wie kann eine solche Binladung Schlechtes bedeuten? Uberhaupt von einer Frau. Daß du immer den Teufel an die Wand malen mußt, Klobo! Das wahre Klageweib.v (Der Mensch ist zum Meckern geboren.» In einem krampfigen Versuch, scherzhaft zu erscheinen, entblößte Klobocznik seine bläulichen, zahnlosen Kiefer. Doch schon in der nächsten Sekunde sackte seine Laune wieder ab. Na, wir werden ja sehen, ob ich recht habe oder nicht.* Sadowski wehte verachtungsvoll mit der Hand. Recht haben? Du? Kommt ja gar nicht in Fragel* Freudig auf- geregt half er mir beim Knõpfeputzen. Dabei ging ihm der Mund ohne Unterbrechung. Er malte mir ein herrliches 36 Leben aus, nicht mehr als Soldat, sondern als Beamter, re- klamiert vom Reichsprotektoratsamt. Und er wußte sein Phantasiegebãude so solid mit Namen und Daten, garan- tiert echter“ Reklamierungsfälle zu unterbauen, daß sogar Klobocznik von seiner Hoffnungsfreude angesteckt wurde. (Sack Zement!l» rief Klobocznik aus, adann denk aber auch an deine alten Kameraden, Holler, und leg für sie ein gutes Wörtchen ein 1v Er erbot sich, mir seine Extramütze zu leihen, und drang in Sadowski, mit einem Tiegel Haar- pomade herauszurũcken, den der Magdeburger für seinen nãchsten Heimaturlaub in Bereitschaft hielt. Deine Laura nimmt dich auch ohne eingefettete Schmachtlockev, argu- mentierte er, aaber det Holler hier muß nach was aussehen, wenn ihn seine Baronin protegieren soll.* Schließlich be- sorgte er auch noch zwei elegante Bambuskrücken von einem Musiker, der im Nebenzimmer lag. Ich brauchte zwar neuerdings nur noch einen Stock als Stũtze beim Ge⸗ hen, aber ein Stock, so meinte Klobocznik, noch dazu ein ganz ordinärer Lazarettstock, schinde nicht genug Fin- druck bei einem Besuch, wie ich ihn vorhatte. (Stimmt auffallendꝰ, pflichtete ihm Sadowski bei, gein Soldat auf᷑ Krũcken macht viel mehr her hei einer Dame. v Sie gaben mir beide das Geleite bis zur Torwache und winkten mir zärtlich nach, wie einem Besuch, der Grüße und Liebesgaben von daheim gebracht hat— und bald wie- derkommen soll. Die Straße ,Unter den Kastanien' läuft quer durch das alte Villenviertel oberhalb des Baumgartens. In den geräumigen Häusern, auf deren grauweißen und ockergelben Fassaden die Patina eines gediegenen Luxus liegt, haben nach Austreibung der frũheren nichtdeutschen Bewohner viele der in Prag tätigen hohen Reichsbeamten und Offiziere ihre Dienstwohnungen zugewiesen erhalten. 366 Die Gehstcige sind blank gefegt, die Rasenflächen und Gartenhecken sauber beschnitten, die Laternen alle intakt. Es ist ruhig hier, der Straßenlärm klingt sordiniert. Das Leben scheint auf Gummireifen dahinzurollen. Mur die großen dunklen Schnellwagen der Geheimen Staatspolizei, deren Prager Hauptquartier sich in dieser Gegend befindet, verleihen der soliden Vornehmheit und Stille eine etwas makabre Note. Das Tor des Hauses Nr. 37— eines Gebäudes im Jugend- stil, mit vielen Säulchen, Erkern und Altanen— trug ein Porzellanschild mit der Aufschrift in gotischen Goldlet- tern: Fitel Friedrich Freiherr von Egloffstein, Rittmei- ster a. D., beim Stabe des Reichsnährstandsbeauftragten RPA. Mut᷑ mein Lãuten hin öffnete ein knochiges Dienstmäd- chen in weißem Hãubchen das Tor. Ich wurde kritisch ge- mustert, Zweimal nach meinem Namen gefragt, schließlich in ein Zimmer neben dem Vestibũl geführt und dort allein gelassen. Das Zimmer hatte fünf hohe Fenster, doch waren alle Jalousien heruntergelassen, so daß eine unbestimmte Dãm- merung herrschte, an die sich meine Augen erst gewöhnen mußten. Eine der Jalousien schloß nicht ganz. Durch den handbreiten Spalt, den sie freiließ, war ein Stũckchen Gar- ten mit leuchtenden Asternbeeten zu schen; in dem herein- fallenden Lichtband wirbelte eine Kavalkade von Staub- kõrnern. Ich blickte mich um. Die Zimmereinrichtung entsprach nicht im geringsten der üppigen Fassade des Hauses; sie war vielmehr von preußischer Nũchternheit und Strenge.«Pillkallen in Prag lv ging es mir beim Anblick der schweren Fichentische durch den Kopf, beim Anblick der steifen geschnitzten Stühle, der engbrüstigen Schubladenschränke, der schmalgerahm- ten Schattenrisse, der plũschenen Portieren und der Wand- 367 verzierungen aus gekreuzten Kavalleriesãbeln und Haffter- pistolen. Ja, sie mußten das ganze Zeug geradenwegs aus dem Herrenhaus in Pillkallen hierhergebtacht haben, zu- sammen mit dem herben ostelbischen Parfüm von Pfeifen- tabak, Juchtenfett und Aktenstaub. Der Gedanke daran, was Schwester Gertrud wohl dar- um geben würde, an meiner Stelle hier zu sein, ließ mich auflachen. Da hörte ich, wie hinter mir eine Portiere zu- rũckgeschlagen wurde. Ich griff in aller Hile nach den Krücken, die ich an die Wand gelehnt hatte, und drehte mich um. Eine lange, hagere Dame stand im Zimmer. Sie trug eine Art Jagdkostüm aus derbem flaschengrünem Stoff, wozu eine graue Tüllbluse mit hohem Fischbeinkragen nicht recht passen wollte. Ihre Bewegungen waren eckig und schienen bisweilen unkontrolliert, wie im Schlaf. Sie mochte eine Sechzigerin sein, aber vielleicht war sie auch zehn oder fünfzchn Jahre älter. Ihr dunkles Gesicht hatte viele Falten und Sprünge, wirkte aber trotzdem nicht ver- wittert, wahrscheinlich weil die Augen ein starkes, unruhi- ges Feuer ausstrõmten. Ich wußte, daß ich sie noch nie ge⸗ schen hatte, und doch kam sie mir eigentũmlich bekannt vor. Der Gesamteindruck war verwirrend, ohne daß ich den genauen Grund dafũr herauszufinden vermochte. Ganz von selbst fuhren meine Hände an die Hosennaht, klappten meine Hacken zusammen. Frau von Egloffstein ꝰv Die Dame hatte meinen Gruß durch ein stummes Kopf- neigen peantwortet. Nun trat sie an eines der Fenster und zog die Jalousie in die Hõhe. Parauf ging sie zum Mittel- tisch, setzte sich(wobei sie mir zuwinkte, ihr gegenüber Platz zu nehmen) und legte ein schwarzes Kästchen von antikem Aussehen, das sie bisher unter dem Arm gehalten hatte, vor sich hin. Ich folgte ihrem Wink. Das Gefühl der Unsicherheit und Verblüffung, das sich in mir schon beim EHmpfang der Ein- 368 ladung eingenistet hatte, meldete sich verstãrkt; es brannte wie ein Nesselausschlag. Jetzt erst brach die Dame ihr Schweigen. cIch danke Ihnen für Ihr Kommen, Herr Hollerꝰ, sagte sie mit einer tiefen Stimme, classen Sie mich zunächst ein offenbares Mißverstãndnis aufklären. Ich bin nicht Frau von Egloff- stein, ich habe nur für die Dauer meines Prager Aufent- haltes die Gastfreundschaft der Egloffsteins in Anspruch genommen. Aber zur Sache. Ich bin... Noch bevor sie ihren Namen nannte, wußte ich, wer sie war: erkannte ich die dunkle Stimme, das scharfgeschnit- tene Profil, die schmalen Hände. Nur mit halbem Ohr hörte ich auf das, was sie weiter Sagte: daß sie seine Mutter, Chabruns Mutter sei. Doch was war das d Warum stockte sie jetzt? Warum schlug sie, als müsse sie sich sammeln, die Augen nieder? Warum sprach sie von ihrem Sohn so, als ob... Fine Ahnung durchzuckte mich. Verstört starrte ich Frau von Chabrun an. Sie nickte, wies auf ihren Krmel. Ich hatte den Trauerflor daran bisher nicht bemerkt. Er ist doch nicht... v stieß ich hervor, Chabrun, Joachim ist doch nicht... d» Sie nickte wieder. Ihre Stimme war leicht belegt, sonst aber ruhig wie zuvor, als sie mir erklärte: Joachim ist ge- fallen. Vor zwei Wochen. In der Kubansteppe. Ich habe die Nachricht ausnahrmsweise so früh erhalten, weil sein Oberst mit meinem verstorbenen Gatten zusammen auf der Kadettenanstalt war. Auch Joachims letzte Aufzeich- nungen sind mir zugekommen. v Sie zeigte auf das Käst- chen. Deswegen wollte ich mit Ihnen sprechen, Herr Hol- ler. Aber, einen Augenblick lv Sie schellte. Das Dienstmädchen kam und brachte ein Tablett mit Gläsern und einer Flasche Chartreuse. 24 369 Frau von Chabrun schenkte ein. Auf Joachims Anden- ken l* Sie trank, wie er getrunken hatte: mit salopper Ele- ganz, auf einen Zug.«So. Und nun, wenn es Ihnen recht ist, möchte ich Ihnen etwas zeigen. v In dem weißgepolsterten Kästchen, dessen Deckel Frau von Chabrun hochgehoben hatte, lag Joachims abgegriffe- nes Notizbuch wie ein prächtig aufgebahrtes Armeleute- kind. Frau von Chabrun faßte das Buch mit spitzen Fingern, unendlich zart, und schlug es auf. Ich bemerkte, daß eine dunkle, längst eingetrocknete Flũssigkeit den Leinenband und die Mehrzahl der Sciten durchtränkt und zu einer fe- sten, bräunlichen Masse zusammengebacken hatte. War das Blut, sein Blut? Ich blickte weg. Da sagte Frau von Chabrun mit ihrer ruhigen, leicht be- legten Stimme: Der Oberst hat mir geschrieben, daß Jo- achims Notizbuch aus einem verschlammten Granattrich- ter gefischt wurde, als die Sanitäter nach Bergung des Leichnams auch Helm und Pistole herausholen wollten. Wie Sie schen, sind nur wenige Seiten soweit unverschrt geblieben, daß man die Schrift darauf noch entziffern kann. Durch einen skurrilen, oder wenn sie wollen, wunderbaren Zufall, findet sich gerade auf einer von diesen Seiten Ihr Name, Herr Holler. Noch dazu im Zusammenhang mit einer Angelegenheit, die— in meiner heutigen Lage— für mich von grõßter Wichtigkeit ist und in die wahrscheinlich nur Sie einiges Licht bringen kõnnen. Hier ist die Stelle lv Mein Name wurde erwãhnt! Was mochte Joachim über mich geschrieben haben? Mir wurde der Uniformkragen zu eng. Frau von Chabrun hatte unterdessen ein Monokel, das an einer dünnen Goldkette hing, aus der Brusttasche ihres 370 Jagdjacketts gezogen. Sie klemmte es nun vor das rechte Auge, begann vorzulesen: Erbschaft nach Vetter Isko ge- feiert, zugleich mit etlichen Siegen. Ziemlich schwer ge- trunken. Dabei einer sentimentalen Schwachheit nachge- geben und zu Holler, für den ich ein gewisses faible habe, über meine Tochter gesprochen. Gedanken daran einer- seits peinlich, andrerseits ganz wohltuend, alles in allem: halb s0 wild.v Sie klappte das Buch zu, schwieg einen Au- genblick. Halb so wild- dasselbe dachte auch ich und lehnte mich zurück. Ja, das wäre also die Sache?, hob Frau von Chabrun wieder an. aSie mũssen wissen, Herr Holler, ich hatte bis- her keine Ahnung von der Existenz eines solchen... eines Kindes von Joachim. Was kõnnen Sie mir darũber sagen? Wo befindet es sich? Wer ist die Mutter? Bitte, seien Sie ganz offen! Es ist mir klar, daß dieses Kind einer unstan- des... also einer Verbindung entstammt, die in unseren Kreisen...vSie ließ das Monokel in die hohle Hand fallen, behauchte das Glas, rieb es am Krmel sauber; ihre Finger zitterten. Immerhin, es ist Joachims Kindv, fuhr sie mit wiedergewonnener Beherrschung fort, cund jetzt, da er tot ist... Jedenfalls mõchte ich alles ũber das Kind erfahren. Sie wissen sich doch noch an das, was Joachim Ihnen da- mals gesagt hat, zu erinnern? Oder... aber nein... Sie werden es doch nicht etwa vergessen habend» Vergessen? Wie hãtte ich jenen Abend vergessen kön- nen, von dem die eben vorgelesene Stelle aus Chabruns Aufzeichnungen handelte? Pas war doch der Abend ge- wesen, an dem Seelke Schluß gemacht hatte! Greif᷑ bar nahe stand alles wieder vor mir: die Theke und das bockige Orchestrion und der Tisch mit dem, Gläser- meter und die Schnapsflecken auf Marofkes Uniform und der Bieruntersatz in der Hand von Chabrun, der sarka- 377 stisch über sein Schicksal rãsonierte. Uber sein Schicksal, das egalweg nicht wollte, daß der Chabrunsche Mannes- stamm fortgesetzt werde, was aber im Grunde totalement schnuppe war, weil man sich, im Vertrauen gesagt, doch nur als glũhende Schlacke fühlte; ah ja, und die alte Dame wußte natürlich von gar nichts, nom de Dieu; der würde schwarz vor den Augen, wenn sie ihren Joachim in der Gesellschaft von solchen Mädchen wie Hulda und Gerda sah; und erst ein Kind von einer Gutsmamsell der Grafen Pfuhl, oder hießen sie Platen, nun einerlei, die alte Dame kõnnte es auf keinen Fall verwinden... Ich spürte Frau von Chabruns fragenden Blick auf mich gerichtet. Das ist nicht ganz einfach, sagte ich zõgernd. Ich war völlig im unklaren, was zu tun. Durfte ich denn etwas preisgeben, was Joachim absichtlich vor seiner Mut- ter verborgen hatte? Aber sie kannte das Geheimnis im Grunde schon. Und für das Kind konnte es nur von Nut- zen sein— oder vielleicht nicht? Frau von Chabrun wandte den Blick von mir ab. Sie hob das Monokel, hielt es gegen das Licht und betrachtete es ge- Spannt.«Schen Sie, Herr Hollerv, sie holte tief, wie er- schöpft, Atem, fuhr aber dann in hastigem Ton fort, anoch vor kurzem hãtte ich mit dieser Angelegenheit nichts zu tun haben wollen, nichts von diesem Kind wissen wollen. Aber ich habe mit Joachim zu viel verloren, um auf ein noch so zweifelhaftes Andenken verzichten zu können. Ich habe zu viel verloren. Nicht allein den einzigen Sohn, son- dern auch das Bild, das ich von ihm hatte,— die ganze Vor- stellung von seinem Denken und Handeln. Wieder richtete Frau von Chabrun ihren Blick auf mich, noch prũfender als zuvor. Dann streckte sie in einem plõtz- lichen Entschluß die Hand nach dem Notizbuch aus. War- um soll ich nicht zu Ihnen davon sprechen? Warum sollen Sie nicht erfahren, was er zuletzt gedacht hat? Sie sind ihm 372 ja wohl unter allen Kameraden am nächsten gestanden.» Ihr gefurchtes Gesicht nahm einen Ausdruck grüblerischer und peinvoller Sammlung an, als sie das Buch nun õffnete und die unverschrten Seiten überflog. Wie ist das nur mõg- lich ꝰvmurmelte sie und nahm dabei Joachims Art des hal- ben Selbstgesprãchs an. aEr war es doch immer, der ge⸗ Sagt hat:„Ein Soldat stirbt nicht, Mutter, ein Soldat fällt. Und das ist etwas Grundverschiedenes; das heißt, daß er in Erfüllung einer Pflicht, im Glauben an seine Mission ab- geht, daß er das Gesetz erfüllt, nach dem er angetreten ist! Damit konnte ich mich abfinden, nicht leicht— aber, nun ja, das war eine Sprache, die ich verstehe; die mir vertraut ist von Jugend an. Doch hier, in seinen letzten Aufzeich- nungen, kommt etwas ganz anderes zum Vorschein, etwas Unbegreifliches, etwas so Nüchternes, Verzweifeltes und Angeekeltes. Da, hier zum Beispiel, es dreht sich einem das Herz um beim Lesen.v Sie deckte die Hand über die Augen. Nur einen Atem- zug lang, dann straffte sie sich und las mit erzwungenem Gleichmut: Man hat uns immer gelehrt, daß Heldentum die Haltung eines Menschen ist, der ein Ziel erstrebt, ge- gen das gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. Aber wo ist dieses Ziel heute hingeraten? Wir sind uns dar- über bestenfalls im Zweifel. Unser Kompaß ist verloren gegangen, und die Sterne, nach denen wir uns richten kõnn⸗ ten, sind verblaßt. Bisher habe ich über diese Dinge hin- weggedacht. Aus Feigheit? Aus Bequemlichkeit? Aus Ignoranz? Einerlei! Das war einmal. Das gilt nicht mehr, hier in diesem Trichter, in dem ich seit sechsunddreißig Stunden verwundet liege. Der Russe mit dem Bauchschuß, der sich auch hierher verkrochen hatte, ist vor Sonnenauf- gang gestorben. Er konnte etwas Franzõsisch. Er war nach unserer Vorstellung kein Held, er hing am Leben. Und wie er daran hing! Trotzdem hatte er ganz allein mit einem un- serer Panzerwagen angebunden. Aber als ich ihm klarzu- 373 machen versuchte, daß ein guter Soldat vor allem ver- stehen muß, tadellos zu sterben, lachte er mich aus. Er meinte, es lohne sich nur, das Leben herzugeben, wenn man es mit allen Fasern liebe, und wir werfen es angeblich weg, wie man schmutziges Wasser fortschüttet. je länger ich darüber nachdenke, desto unerbittlicher dämmert mir die Gewißheit, daß es tatsãchlich so ist. Wir, der preußische Adel, die ersten Soldaten der Nation, was sind wir heute anderes als Spülwasser, das fortgeschüttet wird? Wir ha- ben in der Vergangenheit ein paar gehörige Niederlagen einstecken mũssen, aber wir sind uns doch immer treu ge- blieben; das war nach jena so und in der achtundvierziger Revolution und 1918. Aber vor zehn Jahren und immer seither, in der ganzen Neuen Ordnung, haben wir versagt. Wir haben geschwiegen und sind zu so was wie Hehlern ge- worden. Darüber helfen keine heimlichen Vorbehalte, keine Naserũmpfereien hinweg. Wir waren einmal die Re- prãsentanten von Tradition, Ordnung, Religion, Pflicht. Heute stehen wir oder fallen wir für Hysterie, Willkür, Heidentum und Demagogie. Das kommt davon, wenn man soldatische Tugenden mit zivilen Dummheiten und Lastern bezahlt. Wir sind foutu, wie immer die Partie aus- geht. Und wohin haben wir Deutschland durch unser Tun gebracht, und mehr noch durch unser Nichttun? Wenn ich mir denke, daß es vielleicht in zwei oder drei Stunden mit mir aus ist, falls nicht noch unerwartete Hilfe kommt; und wenn ich mit einer solchen Perspektive vor Augen ver- suche, ein Fazit zu ziehen, so bleibt von meinem ganzen Leben nichts zurück, als ein niederträchtig fauliger Ge- Schmack wie nach einer Besãufnis mit billigstem Fusel. Ach, jetzt erst verstehe ich meinen Hölderlin recht:„Der Knechtsdienst tõtet, und nur gerechter Krieg macht jede Scele lebendig“. v Es mußte eine ganze Weile verstrichen sein, seitdem Frau von Chabrun verstummt war. Aber auch als sie von 374 neuem zu sprechen begann, hörte ich nicht sie, sondern im- mer noch Joachims letzte Worte, die in mir nachtõnten und meine eigenen geheimen Kngste und Zweifel wachlãute- ten. War es eine nachdrũcklicher betonte Frage, oder das leise Klopfen des Monokels gegen die Tischplatte, oder was sonst war es, das mich aus meiner brũtenden Taubheit riß? Mit dem gleichen Gefühl des Ertapptseins wie einst in der Schule beim überraschenden Ruf zur Tafel, stieß ich hervor: Wie, bitte d» Doch ich war gar nicht, aufgerufen“ worden. Frau von Chabruns Fragen galten, wie ich mit Erleichterung fest- stellte, nicht mir. Sah sie mich überhaupt? War ich für sie noch da? Ihr Blick unter den zusammengezogenen Brauen ging ins Leere, ihre Stimme senkte sich, wurde fast unverständ- lich: Was ist das nun? Eine Krankheit der Seele d Ein all- gemeiner Ermattungszustand infolge der unerhörten An- strengungen? Die Zermürbung durch diesen Krieg ohne Ende d Oder haben wir unsere Söhne am Ende falsch er- ꝛogen dv Sie zog das Jackett wie frõstelnd zusammen, stand auf. Nun, was immer es sein mag, Joachim ist tot, und was bleibt... v Jetzt erst trat ich wieder in das Feld ihrer Aufmerksamkeit. Sie sind mir immer noch eine Auskunft schuldig, Herr Holler, über das Kind. (Oh bitte, ich will Ihnen gern alles sagen, was ich weiß. Leider ist es nicht viel. Joachim hat mir nur das eine Mal davon erzãhlt. Die Kleine soll an die vier Jahre alt sein. Sie lebt in Neu-Ruppin, vermutlich bei ihrer Mutter, die Guts- mamsell bei einem Grafen Platen oder Pahlen ist. Kann das stimmen ꝰ Ja d Pann ist das alles, Frau von Chabrun.v Ihr dunkles Gesicht schien zusammenzuschrumpfen. Die Finger zupften an der Monokelkette. Wie? Eine Guts- mamsell? Darauf war ich allerdings nicht gefaßt.v Sie preßte die Schmal und fahl gewordenen Lippen aufeinan- 5 der. Wenn sich die Sache so verhält, werde ich wohl vor- erst durch einen Mittelsmann recherchieren lassen. Da ist man besser vorsichtig. Bei solchen Leuten kann man nie wissen. v Mich packte ein kalter Zorn. Ich kam mir wie ein Ver- rãter vor(was hatte ich dem Kind angetan), aber zugleich fühlte ich mich mißbraucht. Ich verneigte mich.«Es ist jetzt Zeit für mich, zu gehen, Frau von Chabrun. v Sie schien über die Plõtzlichkeit meines Aufbruchs nicht weiter erstaunt. Was sie wissen wollte, wußte sie. Ich selbst interessierte sie nicht. Ich konnte gehen. Sie entließ mich mit einem steifen:«Haben Sie Dank, Herr Holler. Viel Glücklv Gereckt, schmal und eckig stand sie da und schaute mir nach. Das Kästchen mit Joachims Notizbuch hatte sie an die Hüfte gepreßt wie ein Reiteroffizier seine Parade- Tschapka. Dietzens Wort vom Junkerpack flog mir durch den Kopf. Daß ich ihm recht geben mußte, füllte mich mit Hkel, mit Ubelkeit. Ach, was, die kõnnen mich alle... vdachte ich laut, wãh- rend ich an dem Dienstmãdchen im Vestibũl vorbeistapfte. Ihre entgeisterte Miene bereitete mir Befriedigung. Auf dem ganzen Heimweg wiederholte ich: Die kõnnen mich alle, alle, alle.» 10 Der Torposten, dem ich bei der Rückkeht meinen Aus- gangsschein übergab, hob die Augen gleich wieder von dem Papier. Etwas in seinem Ausdruck mißfiel mir. Indem Sagte er: Gehen Sie mal gleich auf die Wachstube. Sie sol- len sich dort melden. Mir war es, als werde in meinem Innern ein Kontakt be- rührt, ein Strom eingeschaltet: der saugende Strom jenes immer vorhandenen, nur bisweilen schlummernden Unbe- 376 hagens voller Schuldbewußtsein, voller Erwartung eines strafenden Schicksalsschlages. Auf die Wachstubed Ja, warum denn d fragte ich. Wie soll denn ich das wissen dv gab der Posten unwirsch zurück, setzte dann aber in kameradschaftlicherem Tone hinzu:«Na, geh schon, den Kopf wird's nicht kosten.v Er hatte recht: es konnte den Kopf nicht kosten? Ex? Was? Lag denn ũberhaupt etwas gegen mich vor? Wie lã- cherlich, an eine solche Möglichkeit auch nur im Traum zu denken! Der saugende Strom setzte aus. Ich klopfte an die Türe der Wachstube. Es kam keine Antwort. Doch wer von uns konnte schon mit absoluter Sicherheit behaupten, daß nichts gegen ihn vorliege? Daß sich nichts gegen ihn zu- sammenbraue ꝰ Der Strom schaltete sich von neuem ein. Ich õffnete und trat in das Wachzimmer. Es war niemand da. Aber hinter einer angelehnten Türe mit der Aufschrift„Eintritt außerdienstlich verboten! wurde ein Sesselknarren laut, und eine herrische Stimme rief: Wer ist draußen d» (Oberschütze Holler. v (Reinkommen! An einem Schreibtisch, flankiert von mächtigen Karto- thekschränken saß ein bulliger Mann in der Uniform eines SS.-Sturmführers. Seine Nase war plattgedrückt, als sei eine Walze darũber gerollt; das Kinn stand vor wie bei ei⸗ nem Preis boxer. Er hatte ein Seidel Bier und ein fettiges Stullenpapier mit einer dicken Scheibe Fleischsũlze vor sich. Ohne mir auch nur einen Blick zu schenken, schnitt er die Sülze mit seinem Taschenmesser in regelmäßige Würfel, holte dann aus einer Schublade hinter Stempelkissen und Waschsa- chen eine Zwiebel hervor, die er fachkundig schälte und 3 zerkleinerte. Das Wasser rann ihm dabei aus den rotum- rãnderten Augen, aber er sang munter, unter genießeri- schem Grimassieren: Ich jag' den Hirsch im wilden Forst, Tralalala, hmhmhm... Bei den letzten Takten spießte er mit dem Messer einen Sülzewürfel auf, tunkte ihn in die Zwiebelschnitzel, und schob den Bissen in den Mund. Kauend sang er weiter: Und dennoch hab ich starker Mann Der Liebe Macht verspürt... Er beendete das Lied auf võllig ũberraschende Weise, in- dem er die Faust mit dem Messerknauf krachend auf den Tisch fallen ließ und mich anbrüllte: Was sollen die Krk- ken, he? Nichts anderes im Kopf als Drůckebergerei! Aber uns von der SS. kann man mit so was nicht hinters Licht führen. Uns nicht, verstanden dv Also um die Krücken handelte es sich! Und ich hatte schon an irgendwelche Verwicklungen mit Maurer ge- dacht, oder mit Barbara. Mun, wenn er glaubte, mich auf diese Weise einschüchtern zu können, so sollte er sich ver- rechnen. Ich drückte die Brust vorschriftsmäßig heraus und schnurrte los: aLiegt mir vollständig fern, Herr Sturmführer. Ich war in die Wohnung des Herrn Rittmei- sters von Egloffstein vom Reichsprotektoratsamt, hinter dem Statthalterschloß, bestellt und habe die Krücken nur benutzt, um in mõglichst guter Form dort anzukommen. Daß ich jetzt zu Herrn Sturmführer befohlen werde, konnte ich ja gar nicht wissen. v Der Schwarze winkte mit gelangweilter Geste ab.«Ge- schenkt! Interessiert mich gar nicht, wo Sie waren. v Et zer- kaute einige Sülzewürfel, trank einen Schluck Bier nach und begann, zwischen den Zähnen zu stochern. Plõtzlich nahm er das Messer aus dem Mund und richtete es zielend auf mich. 378 (Also wie war das, Hollerv, überfiel er mich mit einem vieldeutigen Unterton von Drohung in der gesenkten Stimme, cerzählen Sie mir mal ganz genau, was Ihnen Klo- bocznik ũber seine Selbstverstmmelung gesagt hat. Wie ist er auf᷑ den Gedanken gekommen, sich durch einen Brot- laib anzuschießen? Wer hat ihm das Rezept gegeben? Heh? Sagen Sie mir nicht, daß Sie von all dem keinen Dunst ha- ben. In einem Fall wie diesem gibt's keine Kameradschaft. Wer so'nen Kerl zu decken versucht, vergeht sich gegen die Volksgemeinschaft und wird straffãllig. Ist das klard... Ubrigens brauchen wir Ihre Aussage nur so zur Abrun- dung. Der Klobocznik hat nãmlich sowieso schon ein Ge- ständnis abgelegt. Hätte ihm auch gar nichts genützt, zu leugnen. Wir wissen über jeden Bescheid. v Er zcigte mit dem Daumen auf die Kartothekschränke. Wir kennen je- den. Von der Wiege bis zum Grabe. Inwendig und aus- wendig. Vielleicht besser als irgendeiner von euch sich selber kennt. Kapiert? Na, und jetzt packen Sie aus, Hol- lerlv Ach, das war es! Kloboczniks fragwürdige Handverlet- zung. Ich war froh, daß ich darũber nichts wußte, nichts aussagen konnte. Im letzten Augenblick, als ich schon zum Sprechen ansetzte, Sah ich plõtzlich Klobocznik wieder vor mir, wie er, beim Weißfärben seines Schnurrbarts ũber- rascht, die Flasche mit Wasserstoffsuperoxyd hatte ver- Schwinden lassen. Aber wohin kam man, wenn man erst anfing, sich an solche Sachen zu erinnern? Ich beteuerte: Herr Sturmführer können mir auf Ehre und Gewissen glauben, daß ich von der ganzen Angelegenheit keine Ah- nung habe. Sie ist passiert, wie ich schon mit Gehirner- Schütterung im Krankenhaus war. Und Klobocznik selbst hat mir gegenũber nie eine Andeutung gemacht. v Hm. Es liegt aber die Aussage von Sadowski vor, daß Klobocznik seine Stubenkameraden ins Vertrauen gezo- gen hat. Na, was sagen Sie nudv 379 Die rotumrãnderten Augen saugten sich an den meinen fest. Nur jetzt nicht zwinkernv, dachte ich, anur jetzt nicht die Lider niederschlagen. So viel wie er vorgibt, weiß er ja doch nicht.v Ich hörte mich sagen: cSadowski kann nur für sich sel- ber gesprochen haben, Herr Sturmführer.» Meine Stimme wurde brüchig. Das durfte nicht sein. Ich raffte mich zu- sammen. Andernfalls würde ich um Gegenũberstellung bitten. v Noch eine Sekunde lang hatte ich den starren Blick aus- zuhalten. Dann wandte sich der SS. Mann wieder dem Es- sen zu. Die letzten Sülzewürfel verschwanden in seinem Mund. Gegenüberstellen ist gut!v Er gröhlte mit vollen Backen. Seine Heiterkeit ging mir durch Mark und Bein. Pürfte ziemlich schwer sein, die zwei nach der kleinen Abreibung, die sie gekriegt haben, jemandem gegenüber- zu Vellen. v Er wischte das Messer ab und klappte es zu. Dann stand er auf, kam hinter dem Schreibtisch hervor. Im Sitzen war er mir viel grõßer erschienen als jetzt, da er sich reckte und in Positur warf. Aus dem plattnasigen Gesicht war auch der letzte Rest schauriger Frõhlichkeit verschwunden, und in der Stimme saß wieder die vieldeutige Drohung: aSie kõnnen von Glück reden, Holler, daß die Sache mit den zweien verhältnismãßig einfach ist. Ich sage einfach, aber das heißt nicht: leichtzunchmen.? Bei diesen Worten steckte er sich einen Stumpen an, warf das Zündholz aber nicht weg, Ssondern behielt es brennend in der Hand.«Das heißt nur, daß es bei diesem Klobocznik, der natürlich vors Militãrsondergericht kommt, ohne große Fisimatenten ab- gehen wird. v Er blies das Zündholz aus.«)a, Sie kõnnen von Glück reden, Holler, denn eigentlich haben Sie ein grobes Versãumnis gegen Ihre Wachsamkeitspflicht be- gangen. Sie sind doch Parteimitglied seit siebenunddrei- Big, wenn ich nicht irre? 380 Mit einem Schritt war er bei der Kartothek, zog ein Fach heraus und entnahm ihm einige zusammengeklam- merte Karten, die er brummend überflog: aStimmt schon, gute Familie.. Vormund und drei Brůder alte Kãmpfer der Bewegung... zwei von ihnen auf dem Felde der Ehre Schwester allerdings võllig aus der Art geschlagen und verkommen, staatsgefãhrliches Subjekt...» Der Schwarze ließ die Karten sinken und trat mit vor- gerecktem Boxerkinn dicht auf mich zu. Sein nach Zwiebel stinkender Atem schlug mir ins Gesicht. Ich biß die Zähne zusammen, hielt die Luft zurück und ertrug seinen bohren- den Blick. Er tippte mir an die Brust. Wenn man so ein wurmstichiges Glied in der Familie hat, muß man doppelt aut᷑ sich selber aufpassen, junger Mann! Ich habe hier einen Bericht aus Ihrem Kameradenkreis...» Er schielte noch- mals auf eine der Karten. Ich glaubte, den Namen Dietz darauf zu erkennen, doch da fuhr der Sturmführer schon fort: a, also, da wird berichtet, daß Sie oftmals an Hu- manitãtsdusel leiden. Das hat natürlich aufzuhören! In dieser eisenharten Zeit müssen wir selbst eisenhart sein. Nacken steif halten und durch den schwärzesten Tunnel marschieren, egal, ob's einen Ausgang gibt oder nicht. Das ist die Parole. Die wahre Treue zum Führer beginnt erst, wenn man nicht weiß, wohin der Weg geht, wohlge- merkt! Und noch eins: heutzutage hat jeder Pg. neben sei- nen andern Pflichten auch noch die Aufgabe, Augen und Ohren offen zu halten, damit er die zuständigen Stellen rechtzeitig auf versteckte Gefahrenherde aufmerksam ma- chen kann. Wir müssen unnachsichtlich sein. Auch auf das Risiko hin, mal dem einen oder andern Unschuldigen menschlich wehe zu tun und eventuell bei vielen Wohl- meinenden als unbeherrschte Rohlinge verschrien zu wer- den. Wenn wir nãmlich den Kürzeren zichen, weil wir zu objektiv waren, wird man uns trotzdem keine mildernden Umstãnde zubilligen. Ein Zuviel an Hinsatzbereitschaft 381 und fanatischem Willen gibt's also gar nicht. Und Nichts- bemerkthaben ist keine Entschuldigung. Kapiert? (Jawohl, Hert Sturmführer. (Na, dann ist ja gut. v Er machte eine Pause. Hin hämi- Sches Feixen zog sein ohnehin breites Gesicht noch mehr auseinander. aSic werden übrigens Gelegenheit haben, Ihre schönen Vorsätze vor dem Feind unter Beweis zu stellen... Sie sind felddienstfähig geschrieben... Weg- treten lv 1I Ich verließ die Wachstube in einem Zustand, den ich heute nur noch schwer zu beschreiben vermag. Fine klin- gende Leere war in mir; sie wuchs, sie schwoll. Es schien mir, als habe ich den Boden unter den Füßen, zugleich aber auch mein eigenes Gewicht verloren. Wie es einem oft vor einer Abreise, von der es keine Rückkehr gibt, vor einer großen Veränderung ergeht, prägten sich mir kleine Beobachtungen unverlierbar ein. Auf dem Hof strich ein alter Sanitäter den Opferstock der Winterhilfe an; mit grellgelber Farbe, der Teufel allein mochte wissen, warum. Aus einem geõffneten Fenster des Verwaltungsgebãudes kamen Flügelhorntöne. Jemand blies ungeschickt die ersten drei Noten der Tonleiter, immer wieder von neuem: c-d-e, c-d-e. Im Treppen- haus der Allgemeinen Chirurgie roch es nach Karbol, Vrin und angebrannter Bohnensuppe. Die mittlere Lampe auf unserem Korridor war zerbrochen; der Wasserhahn tropfte. Alles war noch Gegenwart, und doch schon ver- gangen. Später einmal, so nahm ich mir vor, würde ich ein Ge- dicht über die Wasserhähne schreiben, die fortfuhren zu tropfen, auch wenn die Welt in Scherben ging,— aber wahr- scheinlich würde ich gar nicht mehr dazu kommen, Ge- dichte zu schreiben. 382 Ich trat in unser Zimmer, drehte das Licht an. Es gab mir einen Stich. Bis zum letzten Augenblick hatte ich- gegen alle Logik, gegen alles bessere Wissen— erwar- tet, Klobocznik und Sadowski doch noch hier vorzufinden. Aber ihre Betten waren schon abgezogen, ihre Namens- schilder entfernt, ihre Nachttische leer. Ein dunkler Fleck an der Wand, von Sadowskis Haar- pomade herrũhrend, erinnerte noch an den Magdeburger, der dort bei unzähligen Kartenpartien seinen Kopf ange- lehnt hatte,, um über ein Ssaumãßiges Blatt' nachzudenken. Auf dem Boden lag Kloboczniks harfenförmiger Spiegel mit dem abgeblätterten rosa EHmaillerahmen. Ein Spin- nennetz von Sprüngen überzog das Glas. Vermutlich war jemand darauf getreten. Wieviele verschiedene Gesichter Kloboczniks hatte dieser Spiegel geschen: schlaue und sie- gesgewisse, ängstliche und enttäuschte, und vielleicht auch das letzte, entsetzte, beim Abgeholtwerden. Ich schaute weg. Aber der Spiegel blieb vor meinen Au- gen. In seiner zersprungenen Scheibe spiegelte sich jetzt nicht nur Klobocznik. Hinter ihm tauchte ein ganzer Zug auf. Da waren Lutz und Kurt, der eine im Kampf mit rus- sischen Partisanen gefallen, der andere beim Verhör von Kriegsgefangenen erschlagen. Und Unteroffizier Klahde, den eine tschechische Zeithombe erledigt hatte. Dann Seelke in seiner Selbstmörderschlinge, Chabrun mit dem bluti- gen Notizbuch, Marofke verhaftet und verschollen, Effi von der Krankheit zerstört. Und Lidka, fast unkenntlich, ein flüchtiger Schatten. Ganz zum Schluß Barbara und Maurer. Mit einem Schlage wurde mir bewußt, daß sie sich alle auf die eine oder andere Weise— von mir entfernt hatten; daß ich allein, mehr als allein: daß ich verlassen war; und daß nun die Reihe an mich kam. Die Reihe an mich.. Wofür? Wozu? Hier bockten meine Gedanken, prallten zurück, begannen sich?u verwirren. 383 Schwester Gertrud riß mich aus meinem Brüten.(Ach, da sind Sie ja, Hollerchen lv schnatterte sie und tãnzelte auf mich zu.«Na, das war eine schõne Bescherung mit den zwei andern! Und Sie sollen uns nun auch verlassen, wie ich höre, was? Wie war's übrigens bei den Egloffsteins? Er- zählen Sie mall» Sie legte mir die Hand auf die Schulter, wollte sich an mich lehnen. Unter dem süßen Veilchenparfũm, das sie in ũberreichem Maße verwendet haben mußte, kam ein schar- fer Schweißgeruch hervor. Ich trat brüsk zurück.«Lassen Sie mich doch in Ruhe! Schen Sie nicht, wie zuwider Sie mir sind?» Die Worte ent- fuhren mir, ohne daß ich wußte, wie. Auf Schwester Gertruds jählings käsig gewordener Stirn nahmen sich die Sommersprossen aus wie Tinten- spritzer. Sie zeterte:«Unerhört! Was denken Sie denn von mir? Ich werde mich beschweren. Ich werde... v Sie fuhr zurück. Ich hatte ihr heftig in die Rede fallen wollen, sagte jetzt aber nur leise durch die Zähne:«Können Sie. Meinetwe- gen. Ist mir alles scheiſiegal. Jawohl, scheißegal. Und jetzt: raus lv Ihr quollen die Augen vor, aber sie sagte kein Wort mehr. Rũckwãrtsgehend verschwand sie eilig aus dem Zim- mer. Ich spürte, wie die klingende Leere in mir platzte. Furcht überkam mich wie ein Schüttelfrost, aber auch ein Gefühl von Entspannung und Wurstigkeit, von großer, lauer, grauer Wurstigkeit. 334 AUSKLANG I. HIN, Schwester Marussja, es geht nicht. Ich kann in meiner Geschichte nicht fortfahren. Ich bringe es nicht zuwege, klar und zusammenhängend über das zu sprechen, was sich in den ⁊wei Wochen zugetragen hat, die zwischen meiner Abfahrt von Prag und meiner Gefangennahme la- gen; in jenen spukhaften vierzehn Tagen, durch die ich wie betãubt dahingetappt bin, wie benebelt von Furcht und Wurstigkeit und Ermattung. Nein, Schwester Marussja, ich bringe das nicht zuwege. Jetzt glauben Sie sicher, daß ich auskneifen will... Ja, ja, das glauben Sie, Schwester Marussja, und ich kann es Ihnen auch gar nicht verdenken. Habe ich Ihnen nicht selber gesagt, daß ich immer zum Flugsand gehörte, daß ich die Wege des geringsten Wider- standes liebte? Hat Ihnen nicht meine ganze Geschichte gezeigt, daß ich vor jedem selbstãndigen Entschluß, vor jeder verpflich- tenden Erkenntnis, vor dem Nachdenken und Zu-Ende- Denken zurückschreckte wie ein wasserscheues Kind vor dem Absprung ins Wasser? War es nicht eine Flucht vor mir selber, daß ich in jenen vierzehn Tagen nichts in mein Tagebuch einschrieb? (Nichts außer ein paar Zeilen am Vorabend meiner Ver- wundung, eine halbe Stunde bevor mir der Oberfeldwebel 387 bei einer Rucksackdurchsuchung das schwarz-weiß kar- rierte Heft wegnahm.) Und was anders als Ausflucht und Versteckenspiel wa- ren sogar diese letzten Zeilen? Wenn mir etwas zustõßt, und Du, Mutter, bekommst meine Tagebuchaufzeichnun- gen in die Hand, dann sollst du eines von mir wissen: ich habe immer ein anständiger Mensch sein wollen. Gewalt- tätigkeit war mir stets in der Seele verhaßt. Ich hätte nie- mals aus freien Stücker jemand ein Leid angetan. Ich bin nicht schlecht. Aber das Schicksal ist gegen mich. Das Le- ben in seiner unberechenbaren Grausamkeit hat mir nicht erlaubt, anständig zu bleiben. Es hat mich zur Gewöhnung an die Gemeinheit gezwungen. Es hat mich mit Stumpf- sinn und Gleichgũltigkeit geschlagen. Es hat mich zur Teil- nahme an Schweinercien gepreßt. v Und trotzdem, Schwester Marussja, will ich diesmal nicht kneifen. Ich will nicht meht ausweichen. Nicht die Verant- wortung von mir weg auf ein unberechenbares, grausames Schicksal schieben. Ich will sprechen, Schwester Marussja. Ich muß sprechen. Ich bin durch eine Hölle hindurchgegangen. Ich denke jetzt nicht an den Schuß ins Gesicht, sondern an die Pinge vorher— die schrecklichen Dinge, die ich geschen habe. Und nicht nur geschen. Ich habe auch... ich habe auch daran teilgenommen, Schwester Marussja. Ja, ich habe an schrecklichen Dingen teilgenommen. Ich muß Ihnen sagen, wie das alles war. Auch wenn es mir so schwerfällt, wie mir noch nichts auf der Welt schwergefal- len ist. Ich muß, was immer die Folgen für mich sein mõgen. Ich muß. Weil es nãmlich anders nicht auszuhalten ist. Weil man das nãmlich nicht allein mit sich herumtragen kann. 388 Schon auf der Fahrt durch Polen fing es an. Jede halbe Stunde eine geschwärzte Häuserruine nahe genug am Bahndamm, daß man im Vorübergleiten die deutsch-pol- nische Inschrift auf der großen Tafel davor lesen konnte: Strafweise niedergebrannt! Die Stãdte und Dörfer dũster, zumeist wie ausgestorben. Die Menschen auf den Statio- nen so zerlumpt! So verhungert. So haßerfüllt, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. Und immer wieder Galgen. Galgen auf freiem Feld. Gal- gen auf Marktplätzen. Galgen neben Bahnschranken. Oft mit einer ganzen Reihe Gehenkter nebeneinander, an einer Stange. Alte Männer darunter, deren lange, gelblich- weiße Bärte im Winde wehten wie verwitternder Birkenbast; Frauen mit gespenstisch aufgedunsenen Körpern; einmal auch ein Kind, ein Junge in hellblauem Ruderleibchen und kurzen Hosen. Uber den Galgen Schwärmme von gemãste- ten Raben. (Tja, wir lassen die Herrschaften immer eine ganze Weile so baumelnv, erklärte uns der SS.Wachtmeister, der irgendwo hinter Krakau in unser Abteil einstieg und bis zur nãchsten grõßeren Stadt mitfuhr,«das ist die beste Er- ziehungsmethode für die Bevölkerung. Viel besser als alles Reden und Schreiben. Da sieht das Pack wenigstens greif- bar vor sich, was ihm blũht, wenn es aufmuckt. vEr grinste. Es schlug ihm keiner von uns in die Fresse. Die meisten hörten gleichgültig zu. Ein paar lachten. Ich tat so, als ob ich schlafe. Noch heute kann ich Wort für Wort wieder- holen, was er über die unverbesserliche Aufsässigkeit des slawischen Packs sagte: aIm Grunde sind sie natũrlich nicht zu erziehen, und man müßte sie samt und sonders ausradie- ren, diese ganzen Polen, Weißrussen, Ukrainer und wie sie heißen. Die gehören nicht anders hehandelt als die Juden. Und von denen wird ja, Gott sei Dank, nach dem Krieg nichts mehr übrig sein. Der Führer hält sein Wort.» Und er peschrieb die fahrbaren Gaskammern, die von der SS. eben 389 ausprobiert würden: aSchen aus wie die Bankwagen, in denen Geld und Wertgegenstände transportiert werden. Es gehen da bequem Stücker fünfzig Jũdchen hinein, aber wenn's sein muß, lassen sich auch sechzig reinquetschen. Man kutschiert sie dann direktemang zu der Stelle, wo sie nachher sanft ruhen sollen. Unterwegs wird das Gas ange- dreht, und bei der Ankunft ist die ganze Fracht beerdi- gungsreif. Der Kerl, der das erfunden hat, ist ein Genic. v Nein, es schlug ihm keiner von uns in die Fratze. Nur Reichardt, der Alteste in unserer Nachschubgruppe, ein ruhiger süddeutscher Bauer, der schon den letzten Krieg mitgemacht hatte, stand totenblaß auf und verließ das Ab- teil. Ich fand ihn spãter, das knochige, vierkantige Gesicht immer noch kalkweiß, auf der hinteren Wagenplattform hocken und kopfschüttelnd in seiner alten Bibel lesen, die er in einem bunt ausgenähten Lederbeutel mit sich führte. Er blickte kurz auf und machte mir ein Zeichen, ich solle mich neben ihn setzen. Ohne weitere Einladung begann er vorzulesen:«Das Volk im Lande übt Gewalt, sie rau- ben getrost und schinden die Armen und Hlenden und tun den Fremdlingen Gewalt und Unrecht. Ich suchte unter ih- nen, ob jemand sich zur Mauer machte und wider den Riß stünde vor mir für das Land, daß ich's nicht verderbte; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich mit ihnen ein Ende.» Reichardt steckte die Bibel ein und Sagte: Wir sind zu Viechern geworden. Könnten wir sonst so lange alles mitansehn? Aber so ist es: je mehr man sich an das Grauen gewöhnt, um so weniger Mitleid und Ab- Scheu fühlt man.v Wie oft habe ich seither an Reichardts Worte denken müssen. Er hatte recht, er hatte furchtbar recht. Die Ge- wöhnung an das Grauen tõtet das Mitleid. Nur das Mit- leid? Sie tõtet mehr, viel mehr. Deshalb wird sie ja auch 390 in der Hitlerarmee planmäßig betrieben. Die Menschen werden dadurch võllig ausgehöhlt, daß sie nur noch taube Schalen sind. So ging es auch uns. Aber es war nicht nur das, Schwester Marussja. Nicht genug damit, daß wir selbst innerlich abgestorben waren, lebende Leichname sozusagen; nein, nicht genug damit: von uns ging ein Pesthauch aus. Die Wehrmacht, Hitler- deutschland, jeder einzelne deutsche Soldat hinterließ eine Todesspur! Das wurde mir zur schrecklichen Gewißheit, als unsere Truppe in der Vkraine auswaggoniert wurde und den Weg zur Front auf Lastwagen und zu Fuß fortsetzte. Wie sah das Land aus! Verwüstete, ausgeplünderte Stãdte, dem Boden gleichgemachte Dörfer, entvõlkerte Be- zirke. Uberall Tote, niedergemetzelte Einwohner, an Weg- weisern Aufgeknüpfte, in Sandgruben und auf Porfplãtzen reihenweise Erschossene, in Kirchen, Schulen und Ge- meindehãusern Verbrannte. Haufen von Toten. Das Auge konnte ihnen nicht ausweichen, die Nase konnte ihnen nicht entflichen. Sie stanken zum Himmel. Die Erde war Schwarz von ihrem Blut. Und die verelendeten Menschenmassen beim Bau von Militãrstraßen! Die langen Züge erschõpfter Frauen, halb- wüchsiger Burschen, ganz junger Mädchen, die nach dem Westen, zur Arbeit im Reich getrieben wurden. Die Wach- mannschaften mit den Hühnern am Koppel, mit den zum Bersten vollgestopften Rucksãcken; benebelt vom Schnaps oder auch nur vom Leichen- und Brandgeruch; immer be- reit, einen zusammengebrochenen Gefangenen fertigzu- machen, wenn er nicht durch Bajonettstiche, hochzukit- zeln' war. Und wir selbst stãndig auf Requirierung aus. Mit dem Revolver einkaufenv, nannte es der Führer unseres Trans- ports, Oberfeldwebel Haddenhorst, im Zivilberuf Redak- teur einer Berliner Tierschutz-Zeitung. Die letzte Kuh, das 39¹ letzte Ferkel wurde aus dem Stall geholt, und wenn eine Bãuerin zu schr jammerte, dann kriegte sie eins mit dem Kolben über den Kopf, weil wir das nicht ertragen konn- ten... Ja, die Scheuklappen der Gewöhnung hielten nicht immer dicht. Wir hatten kein Herz mehr; der Anblick ver- wesender Leichen und gebrandschatzter Siedlungen war uns zu etwas Alltäglichem geworden; aber das Jammern einer verzweifelten Bãuerin ging uns auf die verlorenen Nerven. Besonders Haddenhorst war da empfindlich, be- sonders er, und dann sein Liebling, ein finniger Stabsge- freiter, dessen Name mir entfallen ist. Die beiden haben un- zählige Morde auf dem Gewissen. Aber sie sind nicht die einzigen Schuldigen. Und wenn nach dem Krieg Gericht gehalten wird, dann gehören nicht nur die hohen und nie- drigen Mordbrenner, die Hitler und Haddenhorst auf die Anklagebank, sondern auch die Hollers. Hõren Sie, Schwe- ster Marussja, auch die Hollers. Ja, auch ich bin schuldig. Auch ich. Pafür, daß ich so viele Schurkereien schweigend mitan- schen konnte. Dafür, daß ich mich von den Finkãufen mit dem Revolver nicht fernhielt. Dafür, daß ich mitging in das verfluchte Militãrbordell in Sytschewka, wo sie die Wei- ber an die Betten geschnallt hatten, Frauen und halbe Kin- der, so wie sie eben auf dem Markt zusammengefangen worden waren. Und dafũr, daß ich Nein sagte, als Rei- chardt mir das Flugblatt zu lesen gab, worin der Weg in die Gefangenschaft, der einfachste anständige Ausweg, be- schrieben war. Und daß ich hündisch ergeben grinste, als mir von dem plõtzlich bei unserem Transport aufgetauch- ten Pietz erõffnet wurde, er kõnne meine Versetzung zu dem SS.Streifkommando bewerkstelligen, bei dem er es bereits zum Rottenführer gebracht hatte. Es kam nicht so weit. 396 Ich blieb davor bewahrt, auch noch ein SS.-Mann zu werden, einer von denen, die das Verbrechen nicht nur dulden oder mitausführen, sondern organisieren und ver- teidigen. Aber das war nicht mein Verdienst. Es kam bloß deshalb nicht so weit, weil sich die Sache in Glubokaja er- eignete. Die entsetzliche Sache in Glubokaja. 2 Glubokaja, ein stattliches Kollektivdorf mit vielen neuen Wohnhäusern und Stallungen und einer schönen Schule, lag damals noch an die fünfzig Kilometer hinter der deut- schen Front. Die meisten Gebãude befanden sich in gutem Zustand, da sie auf besonderen Befehl als Heeresmagazine und Quartiere für Truppennachschũbe geschont werden mußten. Ein großer Teil der Bevölkerung hatte sich vor der Be- setzung des Ortes in die umliegenden Wälder geflüchtet. Als Vergeltungsmaßnahme für einige Brückensprengun- gen in der Umgegend war dann die Hãlfte der zurückge- pliebenen Finwohnerschaft an die Wand gestellt worden. Zu den Erschossenen gehörten auch zwei Lehrerinnen und neunzehn Kinder, deren Leichen noch auf dem Spielplatz hinter der Schule lagen, als wir in Glubokaja eintrafen. Wir waren nicht in der besten Verfassung. Unser Trans- port hatte wãhrend der letzten Tage fast ein Viertel seines Bestandes durch Partisanenũberfälle verloren. Es war ein unheimlicher Krieg, den wir da führen, oder besser gesagt: erleiden mußten. Der Feind— unsichtbar, kaum zu fassen und tõdlich wie Gas— stahl uns unsere Nãchte und ließ uns auch tagsũber nie lange in Ruhe. Dazu kam der zermür- bende Anblick zahlloser deutscher Soldatengräber. Weiße Holzkreuze, wohin man blickte. Sie winkten von den Hũ- geln, sie standen an Bachufern und Waldrändern, sie he- gleiteten die Straßen— nur selten einzeln, viel õfter in Rei- 393 hen oder dichten Karrees. Man konnte ihnen so wenig ent- gehen wie den Brandruinen und Galgen. Wie viele unserer Kameraden, wie viele Regimenter, nein Pivisionen, lagen schon unter der russischen Erde? Und wieviel würden ihnen noch folgen? Diese Frage drãngte sich jedem Hinzelnen von uns auf; sie wurde zu einem Albdruck, als wir knapp vor Glubokaja ⁊wei Stunden aufgehalten wurden, um eine Ambulanzkolonne von der Front passieren zu lassen. Wenn die schier endlose Reihe der Wagen mit dem roten Kreuz für eine kurze Weile ins Stocken geriet, erhob sich über dem abebbenden Motorenlãrm ein dumpfes, verworrenes Stõhnen, das die Luft mit einer beklemmenden Schwüle zu erfüllen schien. Wãhrend einer dieser Stockungen wurde ich aus dem uns zunächst haltenden Ambulanzwagen angerufen. Ne- ben dem Fahrer saß ein weiſhaariger Mann mit irren roten Augen in einem eingefallenen Gesicht. Die blut- und lehm- beschmutzte Uniform schlotterte um seinen Körper. Kennst du mich denn nicht mehr, Holler?» fragte er. Seine Stimme klang hohl, als komme sie aus einem Keller- gewölbe. Ich z0g verneinend die Achseln hoch. Und ich wieder- holte fassungslos diese Bewegung auch dann noch, als er mir seinen Namen genannt hatte und als ich nicht mehr daran zweifeln konnte, daß dieses Häufchen Elend— Un- teroffier Marofke war, Marofke mit dem üppigen Bauch und dem plũhenden Birnenschädel. ¶Ja, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sichv, meinte er mit einem verzerrten Grinsen, dcaber warte nur, Freundchen, bis du selber ausgekostet hast, was Stalingrad heißt... quasi eine Zerkleinerungsmaschine, jawohl. v Ma- rofkes Unterkiefer sackte plõtzlich ab. Der ganze Körper wurde von einem krampfhaften Zittern geschüttelt. aIch bin kaputt, Hollerꝰ, krächzte er. Die Tränen liefen ihm ũber die mit weißen Stoppeln bedeckten Wangen; er weinte 394 haltlos wie ein Kind, awir alle werden zermahlen in dieser Fleischmaschine.v Der Fahrer neben ihm gab mir mit den Augen einen Wink und tippte sich an die Stirn. Marofke Sah das, Sank erschreckt und hilflos zusammen. Indem setzten sich die Wagen weiter vorn von neuem in Bewegung. Der Fahrer gab Gas. Marofke fuhr auf und beugte sich noch einmal heraus. Holler lv rief er, Holler lv Der Wind riß ihm die Worte vom Mund, und das Motorengebrũll ratterte ũber sie hin- weg. Da rollte er davon, zerbrochen, zermalmt. Wohin? In ein Lazarett? In ein Irrenhaus? Auf einen Soldatenfried- hof? Ich starrte ihm verstõrt nach. Jemand berũhrte mich an der Schulter. Es war Reichardt. Sein vierkantiges Bauern- gesicht hatte die gleiche kalkige Starre wie damals im Zug. Er machte eine vage Kopfbewegung nach dem entschwin- denden Ambulanzwagen hin und flüsterte: Klar. Alles muß hier kaputt gehen. In die Heimat kehrt keiner mehr s0 zurück, wie er sie verlassen hat. Und die Heimat selbst Da höre ich von zu Hause, daß unser Dorf schon ganz ausgekãmmt ist. Kein Vich, keine Vorrãte, das Werkzeug heruntergewirtschaftet, die Kleider in Lumpen, und nichts Neues zu kaufen. Und die Mãnner fast alle schon tot. Mein Stiefbruder auch, dabei sagte der immer:, Wenn's alle er- wischt, mich erwischt's nicht!“ Hin ist er. Und die Mãdel müssen alle in die Fabrik. Meine Tochter Lotte schreibt mir: Es ist doch nicht mõglich, daß eine Welt so sein soll. Wer braucht eine solche Welt? Ich wünsche mir direkt einen Fliegeralarm, aber 80, daß ich früh nicht mehr da wãre. Dabei wird sie zu Ostern erst achtzehn. v Seine Stim- me ertrank in einem heiseren Schluchzen. Ich redete ihm zu, sich zusammenzureißen, es werde 395 Schon alles gut ausgehen,— aber dabei spürte ich, wie in mir selbst die Angst saß gleich einem hösen, gierig wu- chernden und fressenden Geschwür. In uns allen wucherte und fraß die Angst. Sie war es, die uns vollends gegen fremde Leiden und eigene Roheiten abstumpfte. Wie viele, nein wie wenige von uns wandten auch nur die Augen weg, als wir an den toten Kindern auf dem Spielplatz von Glubokaja vorbeimarschierten? Reichardt war der einzige, der sich aufbãumte. Er lief aus dem Glied und schrie, so was sei glatter Mord. Binem Kriegsgericht entging Reichardt wohl nur des- halb, weil Oberfeldwebel Haddenhorst seine Truppe nicht auch noch auf diese Weise verringert schen wollte. Die Strafe lautete deshalb auf drei Stunden anbinden. Rei- chardt wãre dabei um ein Haar draufgegangen; man mußte ihn nachher schleunigst ins Lazarett schaffen.(Von dort haute er übrigens, wie ich spãter erfuhr, rechtzeitig ab und desertierte herüber; er soll in einem Kriegsgefangenen- lager im VUral sein.) Am gleichen Abend schlichen sich Partisanen in das Porf ein, steckten das Gebäude an, in dem sich die Ortskom- mandantur befand, zerstõrten den großen Benzintank und warfen eine geballte Ladung Handgranaten ins Offiziers- kasino, wo gerade eine Befõrderungsfeier stattfand. Meh- rere Ordonnanzen und Offiziere, darunter auch der Leut- nant vom SS.-Streifkommando, blieben sofort auf der Strecke. Bei der folgenden wilden Schießerei in den dunk- len Porfgassen hatten wir noch einige Tote und Verwun- dete. Die Angreifer entwischten bis auf einen Alten, der Schwerverletzt zurckblich und sich selbst eine Kugeldurch den Kopt jagte, nachdem er vorher zwei S8. Leute erledigt hatte. Von einer Verfolgung der Partisanen durch die Wãlder, 396 noch dazu in der Finsternis, konnte keine Rede sein. Doch wurden wir in der Nacht wiederholt durch Maschinenge- wehrfeuer aufgestõrt, das aus der Richtung des Schulhauses kam, wo die SS. Geiseln erschoß. Dietz, der an Stelle seines getõteten Leutnants provisorisch den Befehl über das Streif- kommando ũbernommen hatte, leitete die Hinrichtungen. Ich bekam ihn kurz zu Gesicht, als ich die Mitternachts- wache vor Haddenhorsts Quartier bezog. Dietz kam, um mit dem Oberfeldwebel etwas zu besprechen. Er bewegte sich wie in Trance, seine Augen hafteten am Boden, das Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Schon glaubte ich, er habe mich gar nicht bemerkt, als er unerwartet den Kopf hob und auf mich zutrat. (Na, was ist los, Holler? Keine Lust zu Schießübungen? Mir scheint, du leidest immer noch an deinem Butterher- zen. v Dietz rieb sich die Hände. Im Schein des Windlichts, vor dem wir standen, sah ich, daß er an seinen schwammi- gen Fingern jetzt mehrere Ringe trug, darunter einen mit der SS.-Rune. Mir war es bisher immer noch gelungen, in einer Be- zichung zu lavieren: ich hatte die unmittelbare Teilnahme an Mordtaten vermeiden kõnnen. Das gab mir Beruhigung und Trost, bestärkte mich aber auch in meiner Passivitãt, in meiner Feigheit.(An die nächtliche Erschießungs-Szene im Lehmbruch bei Prag erinnerte ich mich kaum jemals, und wenn ich mich daran erinnerte, so war ich sicher, daß damals keiner meiner Schüsse getroffen hatte.) Dietz schien mich zu durchschauen.«Höchste Zeit, Mann, daß du dir das abgewöhnst!* Er lachte hart. Mir wurde kalt dabei. Was mochte er im Schilde führen? Ich sollte es nicht erfahren. Der Oberfeldwebel erschien auf der Schwelle des Hauses und erklärte, er sei zum Ortskom- mandanten befohlen, und wenn Dietz etwas von ihm wolle, mũsse er mitkommen. Sie verschwanden mit langen Schrit- ten im Dunkel. 397 Am nãchsten Morgen wurde Rum ausgegeben. Das war kein gutes Zeichen. Ein Spaßvogel meinte zwar, es sei mõglich, daß wir, ohne es zu wissen, den Krieg gewonnen hatten, aber er wurde ärgerlich niedergeschrien. Die all- gemeine Ansicht ging dahin, daß uns eine gefährliche Par- tisanenjagd bevorstehe. Es herrschte große Flaute. Als der Befehl zum Abmarsch erfolgte, waren wir alle angetrunken. Uberraschenderweise ging es jedoch nicht zum Dorf hinaus. Wir nahmen vielmehr auf der Platz vor der nieder- gebrannten Kommandantur Aufstellung. Dieser Platz war über Nacht in eine Richtstãtte verwandelt worden, mit ei- nem großen Doppelgalgen, neben dem ein spitzer Birken- pfahl aufragte, dessen Bestimmung mir vorläufig unklar blieb. Mit uns zugleich war die Besatzungskompanie von Glubokaja angetreten. Zusammen bildeten unsere Reihen drei Seiten eines Quadrats, in dessen Mitte sich der Galgen erhob. Das Quadrat wurde geschlossen, als die SS. Leute unter Pietzens Kommando einige dreißig Frauen und Kin- der— alles, was von der Bevõlkerung des Porfes und einer Nachbargemeinde noch am Leben war— wie eine Herde herantrieben. Viele waren im bloßen Hemd, alle bar- füßig. Wahrscheinlich hatte man ihnen nicht nur die Filz- stiefel, deren Besitz seit neuestem für russische Zivilisten unter Todesstrafe verboten war, sondern überhaupt alles Schuhwerk weggenommen. Sie froren im kalten Früh- novemberwind, aber nicht einmal die Kinder ließen eine laute Klage hören. Hinter mir im zweiten Glied fragte jemand leise, oh es wahr sei, daß man zwei deutsche Deserteure hängen werde, die zu den Partisanen überlaufen wollten. Ich hatte nicht Zeit, mich umzublicken. Es wurde„Achtung, die Augen rechts!“ befohlen. Der Ortskommandant, ein fettleibiger Oberleutnant, er- schien und schritt unsere Front ab. Hierauf winkte er Pietz 398 zu. Der trat vor, wart seinen rechten Arm in die Hõhe und gab mit einer vor Ubereifer brüchigen Stimme bekannt, daß die nach dem gestrigen Uberfall eingeleitete Gegen- aktion bereits zu den ersten Erfolgen geführt habe. Es sei den Sicherheitsorganen gelungen, in schlagartigem Zugriff drei Verbindungsleute der Heckenschützen zu fassen. Eine exemplarische Bestrafung dieser Kreaturen liege in unser aller nationalem und persõnlichem Interesse. Jedes Zeichen von Menschlichkeit, jede Milde würde von der Bevölke- rung nur als Schwãche ausgelegt. Deutschland aber sei stark und werde die geringste Unbotmäßigkeit erbarmungslos ausmerzen. Die letzten Worte wurden von einem Dolmetsch für die Frauen und Kinder ins Russische ühersetzt. Nichts rũhrte sich in den Gesichtern. Dietz wartete noch eine Sekunde, seine Finger zuckten nervõs an den grellgelben Hand- schuhen, die er wãhrend der Rede ausgezogen hatte; dann bellte er einen Befehl zu dem SS.-Kommando hinüber. Drei gefesselte Gestalten wurden zur Richtstãtte geführt: ein Mann und zwei Mãdchen. Die Kleider hingen ihnen in Fetzen hinunter, ihre Gesichter waren verschwollen und blau von Schlãgen. Die Reihe der Frauen und Kinder wurde bei ihrem Anblick von einer zitternden Bewegung durch- laufen, von einem dumpfen Laut, der wie ein unterdrũck- ter, tiefer Seufzer klang; doch gleich darauf fiel sie wieder in ihre Stummheit zurück. Dietz begann von neuem zu sprechen. Er verkündete, daß die ⁊wei Mãdchen wegen Verbindung mit dem Feinde und Aussageverweigerung gehängt würden. Bei dem Manne hingegen liege die Sache anders. Er sei Lehrer, noch dazu Jude, und für einen solchen Bazillenträger der bolschewi- stisch-plutokratischen Pestilenz komme natürlich ein so schneller und einfacher Tod nicht in Frage. Deshalb würde in seinem Fall die altdeutsche Strafe des Pfählens in An- wendung gebracht werden, es sei denn, daß der Kerl noch 399 im letzten Augenblick sein verstocktes Schweigen aufgebe und brauchbare Angaben über die Partisanenbanden in der Nachbarschaft mache. Während der Ansprache von Dietz mußte ich immer wieder den Lehrer anschen, einen kleinen, schmächtigen Mann, dessen qualvoll verzerrtes und doch standhaftes Mãrtyrergesicht mich an gewisse Bilder von Hieronymus Bosch erinnerte. Er schien heftige Schmerzen zu leiden; das linke Auge war nur mehr ein aus der Hõhle hängender blutiger Klumpen; die Schultern zogen sich immer wieder wie im Krampf zusammen; aber er bewahrte in seiner gan⸗ zen Haltung eine unbeschreibliche Würde. Mit einemmal fiel er dem DPolmetsch, der ihm auf Dietzens Weisung den Vorgang des Pfãhlens zu beschreiben hatte, ins Wort. Ich kann die Rede des Lehrer nur dem Sinn nach wieder- geben. Er sprach Jiddisch, manche seiner Ausdrücke plie- ben mir unklar; auch war ich aufgewühlt von widerspre- chenden Empfindungen, und der Rum rauschte mir noch in den Ohren— aber was er meinte, ist tief in mich hinein- gesunken, ich trage es mit mir, unverlierbar, solange ich noch lebe. Er Sagte etwa: ach habe schon verstanden, ihr müßt mir nichts weiter erklären, ich weiß, wozu ihr im- stande seid. Ich bin kein Riese, aber ich will lieber alles auf mich nehmen, was ihr an Quãlerei ausgedacht habt, als daß ich ein Verrãter werde. Keinen von uns könnt ihr auf die Knie zwingen, wir sind gewohnt, aufrecht zu gehen und in Freiheit zu atmen. Ihr mõgt uns zertrampeln, mich und die Frauen hier, und noch tausend und abertausend andere. Ihr mõgt alle Dörfer und Stãdte bis zur Wolga und vicl- leicht noch weiter erobern. Aber gewinnen werdet ihr da- bei nichts. Keinen Menschen. Keine Bleibe. Kein Gut. Rure Sache ist schlecht und schwach. Eure Zeit ist schon geressen. Ihr werdet weggefegt werden wie Unrat und zertreten wie Geziefer, und nichts wird von euch übrig blei- ben als die Erinnerung an eure Schande. v 400 Ich weiß nicht, wie es kam, daß er solange ungehindert Sprechen konnte. Wir alle befanden uns unter einem Bann. Dietz brüllte dann plõtzlich los:«Schluß machen l* Der Schaum stand ihm vor dem Munde.«Schluß machen mit dem Judenschwein lv MAlles weitere spielte sich in rasender Geschwindigkeit, in rasendem Durcheinander ab. Bevor ich richtig erfaßte, was geschah, waren die zwei Mãdchen schon gehenkt, war der Lehrer von mehreren Schwarzen gepackt und mit aller Wucht auf den Pfahl gespießt worden. Er schlug um sich, er stöhnte.. ach, es ist nicht zu beschreiben, Schwester Marussja.. nein, es ist nicht zu beschreiben. Ich dachte, ich würde irrsinnig werden. Aber ich wurde nicht irrsin- nig. Ich blieb selbst dann noch bei Verstand(wenn man das Verstand nennen kann), als Dietz nach kurzer Beratung mit Haddenhorst mir und meinen beiden Nebenmännern auf- trug, Holz zu einem Feuerzusammenzutragen unddie Eisen- bãnder zu erhitzen,— die Eisenbänder, mit denen die kleine Tochter des Lehrers gesprächig gemacht werden sollte. Ja, Schwester Marussja, so tief kann man sinken. So un- Sagbar tief. Meine Hand zitterte, als ich das Eisen ins Feuer schob, aber ich schob es hinein. Ich schob es hinein, ich Sah es rotglũhend werden, und ich bin nicht sicher, ob ich es nicht auch noch dem Kind um den Kopf gelegt hätte, wie Dietzens Befehl lautete, wãre nicht der plõtzliche Par- tis anenangriff erfolgt, bei dem das ganze Porf in Flammen aufging. Unsere Truppe und die Besatzungskompanie wurden nur durch das Eingreifen deutscher Panzer vor võlliger Vernichtung bewahrt. Unter den Toten, die wir nachher auflasen, befand sich auch Dietz. Der kopflose, von Handgranaten zerfetzte Kõrper war bloß an einem Fin- ger mit dem SS.-Runen-Ring zu erkennen. Was soll ich noch, was kann ich noch hinzufügen? Zwei Tage darauf wurde ich verwundet, als unser zu- 26 401 sammengeschmolzener Transport mit anderen, hastig ge- sammelten Truppen in ein Loch derwankenden Stalingrad- front geworfen wurde. Das Letzte, was ich vor meiner Verwundung Sah, waren fallende und flũchtende deutsche Soldaten, unter ihnen Oberfeldwebel Haddenhorst, der um Gnade schreiend die Arme hob. Ihre jämmerlichen Schat- tenrisse zeichneten sich schwarz ab gegen den Feuerschein der unbezwingbaren Stadt. Da begriff ich in aller Klarheit, daß wir uns aus Jãgern und Treibern in Gehetzte verwan- delt hatten. Da begriff ich, daß die kleinen Lehrer, die nicht auf den Knien leben wollten; und die Frauen, denen keine Marter ein Wort entreißen konnte; und die Bauernpartisa- nen, gegen die unsere stolze Wehrmacht nichts auszurich- ten vermochte; und die Geiseln, die im Angesicht des To- des ihr trauriges und doch siegverkündendes Lied sangen, — daß sie und ihresgleichen die Stärkeren waren, nicht wir. Ja, da begriff ich: unsere Sache war schlecht, war verloren. Und wer das nicht Sah; wer das Sah, aber trotzdem feige bei der Stange blieb, der verdiente nichts Besseres, als zertre- ten zu werden wie Ungeziefer. Ich sprang auf, um mich zu ergeben. Da traf mich der Schuß ins Gesicht. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Schwester Marussja... und ich frage mich selbst immer wieder: was ist eine Er- kenntnis wert, wenn sie so spät kommt wie in meinem Fall? Wo liegt die Gewãhr für die Annahme, daß die Hol- lers, die noch auf der andern Seite sind, fortab schneller be⸗ greifen und schneller Schluß machen werden? Und kann man ihnen, kann man uns überhaupt noch jemals Vertrauen Schenken? Alles, was ich darauf zu antworten vermag, ist dies: ein- mal kommt die Zeit, da das Maß voll wird und überlãuft auch für die Hollers, und ich glaube, die Zeit ist jetzt da. Die Zeit des Erkennens, des Erwachens aus Stumpfsinn und Feigheit, und die Zeit des Handelns. Das soll nun nicht 402 heißen, daß uns nachher einfach alles vergeben und verges- sen wird. Ich habe schon erklärt: ich gehöre vor ein Ge- richt, und ich bitte Sie, Schwester Marussja, die Behörden davon zu verstãndigen. Ich will mich nicht der Strafe ent- zichen. Doch darũber hinaus mõchte ich gutzumachen ver- suchen— schon damit mein Leben noch einen Sinn he- kommt. Auch wenn... auch wenn ich das Augenlicht nicht wiedererlangen sollte. Ich mõchte denen vom Flugsand zeigen, wie sie nicht sein sollen. Ich mõchte mithelfen dũr- fen beim großen Augenöffnen, das jetzt beginnt. Ja, es beginnt unter den Schlägen der Niederlage, Schwe- ster Marussja, es beginnt das Augenõffnen und das Roden und das Jãten. Und so ist noch Hoffnung da für uns Peut- sche, neue Hoffnung, zumal es drüben auch die andern gibt: die unverrohten Herzens geblieben sind wie Reichardt und meine Mutter, und dann die Barbaras, die Maurers, die Standhaften, die Träger der Flamme. 403 NACHBEMERKUNG Dieses Buch ist ein Roman. Der Autor erfand die Gestal- ten und den ãußeren Ablauf ihrer Erlebnisse; den Stoff, aus dem sie gemacht sind, gab ihm unsere Zeit. Von den Greu- eln, die erwähnt sind, ist kein einziger der Phantasie ent- sprungen. Mit Befehl Nr. 142241 ordnete ein Divisions- kommandeur der Wehrmacht, Generalleutnant Beyer, an: (Alle bei der russischen Zivilbevölkerung vorhandenen Filæstiefel, Filæstiefel für Kinder eingeschlossen, sind un- verzũglich zu requirieren. Der Besitz von Filastiefeln wird verboten und ist mit dem Tode zu bestrafen wie die unbe- fugte Führung von Waffen.v Eine Wagenladung tschechi- scher Geiseln wurde im Sommer 1942, auf dem Wege von Kladno nach Prag, niedergemacht; die Opfer sangen dabei das Kde domov muj'. Einen russischen Lehrer mit Na- men Agejew pfählten die Nazis im Winter 1941, weil er sich weigerte, zum Verrãter zu werden. Fahrbare Gaskam- mern fanden zum erstenmal bei der Austilgung der Juden von Czenstochowa durch die SS. Verwendung; spãter wur- den diese„Seelenverkäufer-Omnibusse“ zu Hunderten in der Ukraine eingesetzt. Und einem elfjährigen Mädchen, Nadja Dubonossowa aus Orechovo, legten deutsche Sol- daten bei einem Verhör ein glühendes Eisenband um den Kopf. 404 Doch nniel ich ele, wird ihre Vrunnei die Idngſus Zeit gduuert haben, und wenm mich nicht alle zrigt, huld vrnichue Jein. Denn gelagt it hereits, ja gelagt ipt an der Bdume Wurzel die Aoet, umd augerotien vird jeder Baum, der nicht gute Frichs hringt, umd den Horrn Weinberg gereinigs werden. Da Jollet ihr nicht mebr hoßen, vondenn ndchylen mit Augen ſehen. Denn durgebrochen ß endlich merden, dungebructen. E lebe die Freiteit B HIXIMELFAHRTS⸗ KOMMANDO