Als ich mich zur Herausgabe meiner ,, Ketzergedanken" entschloß, da übersah ich noch nicht, in welchem Umfange das Werden der Demokratie in Deutschland behindert sein würde, wie weitverbreitet und tiefwurzelnd noch die Denkart ist, die auch früher schon der Entwicklung zur Demokratie im Wege stand, und die zum Nationalsozialismus führte. Die Widerlegung Hitlerscher Theorien und Methoden ist fast nebensächlich geworden angesichts der Argumente, die von neu zur Demokratie Bekehrten für ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus vorgetragen werden. Mit Schimpfkanonaden auf die Zustände in der Republik und den Versailler Vertrag leitet man nur Wasser auf die Mühlen der Nazis, und mit Hilferufen an unsere ehemaligen Feinde verstärkt man nur den leider ohnehin die Massen beherrschenden Irrtum, es sei böser Wille, was als Folgen des Krieges so bitterböse in Erscheinung tritt. Und mit Jammern über die Gottlosigkeit baut man die Scheidewände wieder auf, die in der gemeinsamen Not ihre Bedeutung bereits verloren hatten, die aber dem gemeinsamen Aufbau lebensgefährlich im Wege stehen würden. Ich wiederhole und unterstreiche einzelne Ketzergedanken; nicht, weil ich glaube, das Allheilmittel entdeckt zu haben, sondern weil ich mich verpflichtet fühle, nach bestem Können meinen Anteil beizutragen zum Aufräumen von Schutt mit dem Werkzeug, das ich noch zu handhaben vermag. Krefeld, im Mai 1946. Josef Radermacher. , Wissen Sie, was Demokratie ist?" Sehen Sie, da liegt schon ein ganz dicker Knüppel auf dem Wege zur Demokratie; man darf diese Frage kaum stellen, wenn man nicht eine grobe Antwort in Kauf nehmen will, oder auch ein hochmütiges Schweigen in der Bedeutung: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Das Wort Demokratie ist populär geworden in Deutschland, so populär, daß es als Beleidigung empfunden wird, wenn man fragt: ,, Wissen Sie, was Demokratie ist?" Das wirkt etwa so, wie ein Zweifel an der Kenntnis des kleinen Einmaleins. Leute, die am wenigsten von den einfachsten Dingen verstehen, die fühlen sich am meisten gereizt, wenn man sie danach fragt. Das ist begreiflich. Dumme Leute sind in der Regel auch eitel, und eitle Leute geben nicht gern zu, daß sie etwas nicht wissen. Klugen Menschen ist bekannt, daß uns auf viele Fragen noch die endgültige Antwort fehlt; sie scheuen deshalb nicht, einzugestehen, daß auch sie nicht alles wissen. Das Wort Demokratie ist sehr plötzlich populär geworden! Selten wohl in der Geschichte der Menschheit hat etwas über Nacht eine derartige Wandlung erfahren, wie die Beurteilung der Demokratie in Deutschland. Gestern noch war sie der Inbegriff allen Unheils, und heute will sich kaum noch jemand sagen lassen, er sei nicht Demokrat; gestern noch war es gefährlich, konnte Freiheit und Leben kosten, als Demokrat bezeichnet zu werden, und heute sucht man Schutz hinter der Beteuerung, daß man allzeit demokratisch gesinnt war. 7 Es ist nicht anzunehmen, daß ebenso plötzlich ein wirkliches Erkennen der Demokratie‘ über das deutsche Volk herein- gebrochen ist, daß die Demokratie ebenso plötzlich nicht nur erkannt, sondern auch anerkannt wurde, Viel wahrschein- licher ist: Die Wandlung der Konjunktur hat zu diesem allge- meinen Bekenntnis zur Demokratie geführt. Nachdem sich die Diktatur bis zu ihren letzten Konse- quenzen auswirken konnte, jetzt, da sich die Folgen dieser Diktatur so fürchterlich klar bemerkbar machen, da ihre Ver- wüstungen auf allen Gebieten lähmende Ratlosigkeit und bange Sorge hervorrufen, als schwere Belastung auf Gegenwart und Zukunft fallen, jetzt möchte jeder weit abrücken von der Ver- antwortung für dieses Elend. In der Diktatur liegt die Ursache des Grauens, das uns um- gibt; die Demokratie gilt als Gegenpol der Diktatur; man flüchtet zum Gegenpol, weil man das Verderben und die Schuld der Diktatur erkennt, weil man fürchtet, für diese Schuld mit- verantwortlich gemacht zu werden. Darauf führen wir es zurück, daß die Demokratie heute so viele laute Bekenner findet, wo sie gestern noch als Schreckmittel dienen konnte. Darin liegt eine Gefahr für Deutschland, eine Warnung zur Vorsicht für alle Demokraten. Es sind nicht gar viele Demokraten in Deutschland! Im Kaiserreich konnten sie nicht in Massen gedeihen, und die Republik bestand zu kurze Zeit, war auch zu sehr belastet, um diesen Zustand wesentlich bessern zu können. Was in der Republik zu keimen begonnen hatte, das zertrat und er- stickte dann gründlich der Diktator im Dritten Reich. Das Dritte Reich hat freilich auch einen grauenhaften Anschauungs- unterricht geboten gegen die Diktatur; viele wurden dadurch von ihrem Glauben an den Wundermann Hitler abgebracht; es wäre aber irrig und gefährlich, in denen, die auf diese Weise bekehrt wurden, jetzt schon Demokraten zu sehen. Damit, daß man die Nazis haßt und sich von ihnen abwendet, weil man durch sie in seinen Hoffnungen getäuscht wurde, damit. wird man noch nicht Demokrat. Die vielen, die nur deshalb die Nazis hassen, weil sie den Krieg entfesselt und ihn nicht gewonnen haben, die bedeuten auch für die Demokratie nur eine Gefahr. Daß der Krieg verloren wurde, das ist für die meisten ja erst der Grund, sich von der Diktatur Hitlers abzuwenden. Und nur von der Diktatur Hitlers, nicht von der Diktatur an sich. Hätte Hitler seine Versprechungen erfüllt, wäre Deutschland Sieger im zweiten Weltkrieg, dann dürfte unsere Stellung als Demokraten und Friedensfreundein Deutschland nicht beneidenswert sein; Schrecken und Greuel des Krieges gehörten für die Erinnerung gar zu vieler Deutscher schon der Vergangenheit an, wenn andere Völker die Folgen. zu tragen und die Kosten zu bezahlen hätten. Sichtbar und erkannt ist nur das Verderben, in welches uns die Diktatur gestürzt hat; daß dies im Wesen der Diktatur liegt, daß die Diktatur auch eine Schmach für ein Volk ist, wenn die äußeren Folgen nicht so unverkennbar in Erscheinung treten, von dieser Erkenntnis ist das deutsche Volk in seiner Mehrheit noch weit entfernt. Die Flucht zur Demokratie erfolgt jetzt in der Erwartung, die Demokratie soll die Wünsche erfüllen, welche vorher vergeblich an die Diktatur gerichtet waren; die Demokratie soll nun die Folgen der Diktatur abwenden. Wie sie das tun soll und ob das möglich ist, darüber denkt man ebensowenig nach, wie man dies tat, als man seinen Stimmzettel für die NSDAP. abgab, ebensowenig wie vorher, als man die gleichen Anforderungen an die Republik stellte. Unmögliches verlangte man von der Republik, und diese scheiterte daran, daß sie Unmögliches nicht möglich machen konnte. Unmögliches erwartet man auch jetzt wieder von der Demokratie, weil man von der Demokratie entweder gar keine, oder nur eine ganz verworrene Vorstellung hat. 9 Enttäuschung genügt nicht, Erkenntnisse zu begründen. Die Enttäuschung kann den Boden zu einer Erkenntnis vorbereiten. Die Massen, die durch die Diktatur enttäuscht wurden, werden einer Aufklärung über Demokratie leichter zugänglich sein. Darauf allein können wir einige Hoffnung aufbauen, aber das müssen wir auch unter allen Umständen berücksichtigen, wenn wir irrige Schlußfolgerungen. aus dem Bekenntnis zur Demo- kratie vermeiden wollen. Nur zugänglicher für Aufklärung über Demokratie finden wir das deutsche Volk, nicht fähig, schon demokratisch zu handeln. Wir dürfen nicht so tun, als sei die Demokratie schon da! Einen Vogel, der im Käfig auf- gewachsen ist, bringt man in Lebensgefahr, wenn man ihm plötzlich die Freiheit gibt. Demokratie ist nicht ein Allheilmittel, das man dem kranken Körper aufpinselt, um dann in Seelenruhe die gute Wirkung abzuwarten. Demokratie ist ein Weg zur Rettung, nach unserer Meinung sogar der einzige Weg. Nicht weil sie Demokratie heißt, sondern weil sie die Zusammenfassung aller Kräfte er- möglicht. Zusammenfassung aller Kräfte! Darauf kommt es an! Wir stehen vor einer Aufgabe, wie sie noch nie ein Volk vor sich gesehen hat. Wir haben zur Lösung dieser Aufgabe kein Vorbild, keinen Plan; nur soviel ist sicher, daß in Zu- sammenfassung aller Kräfte überlegt und gehandelt werden muß, und daß allgemeines Verständnis erforderlich ist darüber, was möglich und nicht möglich ist, und welche Opfer und Entbehrungen von allen unvermeidlich zu tragen sind. Für eine Gemeinschaft, in der es Vorrechte gibt, werden nicht alle Mitglieder dieser Gemeinschaft bereitwillig ihre vollen Kräfte einsetzen. Diejenigen, die sich minderen Rechtes fühlen, die halten in der Hergabe ihrer Kräfte zurück, wenn andere für sich besonderen Anteil an den Leistungen in Anspruch nehmen, oder wenn einzelne willkürlich verfügen über das, was andere geleistet und geschaffen haben. Er- 10 Re er zwungene Leistungen sind niemals Höchstleistungen. Wir brauchen aber Höchstleistungen, und solche werden nur in bereitwilliger Zusammenarbeit, im gemeinsamen Tragen aller Lasten, aber auch im Bewußtsein gemeinsamer Nutznießung und auch gemeinsamer Planung erreicht. Aus diesem Grunde, und nicht in Befolgung einer Doktrin, sehen wir in der Demokratie die für uns notwendige Form des Staates. In der Demokratie soll jedem Deutschen das Bewußtsein werden, daß es sein Vaterland, seine Heimat ist, an deren Wiederaufbau er mitarbeitet, als Gleichberechtigter und Gleichgeachteter in allen Fragen, die das Allgemeinwohl in seiner Heimat betreffen. Jeder Deutsche soll wissen, daß nicht nur seine Schaffenskraft und seine Opferbereitschaft verlangt wird, sondern auch sein Rat; daß seine Meinung, wie seine Weltanschauung in dieser, seiner Heimat geachtet wird und als gleichberechtigt gilt. Das darf sich nicht nur auf die Formen des öffentlichen Lebens beschränken, nicht nur auf die selbstverständliche Heranziehung aller Kreise zu leitender und beratender Tätigkeit; es muß eindringen auch in das Privatleben, in die Denkart jedes Deutschen; die Gleichbewertung auch der andern Ueberzeugung Es muß muß Allgemeingut und selbstverständlich werden. ein wirklich demokratisches Volk in die demokratischen Formen des neuen Deutschland hineinwachsen. Sehr weit sind wir noch von diesem Ziel entfernt; aber sehr dringlich ist es, daß wir dieses Ziel so bald wie möglich erreichen. Alles, was wir von der Zukunft erwarten, alles, was wir in die Zukunft hinein planen, ist ja abhängig von unserer Entwicklung zur Demokratie. Zu den Folgen der Naziherrschaft gehört, daß wir ausgestoßen sind aus der Gemeinschaft der Völker. Wir gelten nicht nur als eine Gefahr für den Frieden der Welt, man verweigert uns auch die Anerkennung als Kulturvolk. Das ist bitter für ein Volk, das als Volk der Dichter und Denker Ansehen in der Welt genoẞ. Leider wurden im Namen dieses Volkes Verbrechen verübt und Un11 heil in die Welt gebracht in einem Umfang und einer Art, die uns selbst mit Entsetzen und Abscheu erfüllt. Die Menschen außerhalb Deutschlands sehen uns nicht als einzelne, so wie wir sie nicht als einzelne sehen. Auch wir beurteilen im allgemeinen die Menschen als Franzosen, als Engländer, Russen, Amerikaner, und nicht als einzelne Angehörige dieser Nationen. Die Engländer sind so, die Franzosen lieben dies, die Amerikaner kennen das nicht, so urteilen die meisten Menschen auch in Deutschland. So wissen auch die Menschen im Ausland nur, daß es Deutsche waren, die sechs Millionen Juden verbrannten, die in den Konzentrationslagern mit unerhört scheußlichen Methoden Massen von Menschen zu Tode quälten, Tod und Verderben über die Menschheit gebracht haben. Im Namen des deutschen Volkes! Es kann uns nicht wundern, daß sie das deutsche Volk verachten und nicht unterscheiden zwischen den wirklichen Verbrechern und denen, die das nur geduldet oder gar nichts davon gewußt haben, oder die selber in tiefer Scham ohnmächtig gegen die Verbrecher waren. Es ist auch begreiflich, daß sie keiner Beteuerung von Unschuld glauben und die Menschheit nicht der Gefahr aussetzen wollen, noch einmal ähnliches zu erfahren. So beschämend es für uns ist, so, begreiflich ist es dennoch, daß man von uns den Beweis einer besseren Gesinnung verlangt, bevor man uns wieder die Freiheit des Handelns in unserer Heimat gibt, bevor man uns wieder Gleichberechtigung in der Völkergemeinschaft einräumt. Und für diejenigen, die das nicht begreifen, mag die Tatsache genügen, daß die Sieger die Macht haben, durchzuführen, was ihnen notwendig erscheint. Weil unsere Stellung in der Welt so demütigend unwürdig ist, deshalb ist auch unsere Entwicklung zu einer wahren Demokratie so dringlich. Es genügt dazu nicht die Einführung einer demokratischen Form der Regierung; diese ist sogar nebensächlich. Wir haben das in der Republík erlebt und dürften gewarnt sein. Den Beweis demokratischer Gesinnung 12 N r müssen wir erbringen; das verpflichtet uns, mehr als peinlich darauf zu achten, was die Entwicklung dazu verzögern oder hindern kann. Jede Verzögerung in dieser Entwicklung kann ja eine Verlängerung unserer Unfreiheit bedeuten, eine Ver- längerung der Zeit, in der wir nicht berechtigt sind, die Ver- hältnisse in unserer Heimat nach eigenem Ermessen zu gestalten. Wir haben Hemmungen zu überwinden, die in Jahrhun- derten gewachsen sind, und die deshalb feste Wurzeln haben in den Hirnen und Herzen der deutschen Menschen. Es ist viel weniger böser Wille, der uns entgegensteht, als vielmehr die Unfähigkeit, das Neue aufzunehmen, aufzugeben, was von Eltern und'Urureltern überliefert wurde. Unsere Vergangen- heit ist erfüllt von systematischer Verhinderung der Demo- kratie, von der gewöllten Erziehung zu politischer Unreife und politischem Unverstand, Daß Demokratie Volksherrschaft bedeutet, das haben schon mehr Leute begriffen; man kann das im Wörterbuch nach- schlagen, und außerdem entspricht es auch mehr den persön- lichen Wünschen. Daß in der Demokratie das gleiche Recht für alle gilt, daß jeder mit zubestimmen hat, damit ist man schon in weiterem Umfange einverstanden. Weniger bekannt und anerkannt ist, daß mit den, Rechten auch Pflichten ver- bunden sind, daß die Rechte ohne Anerkennung und Aus- “übung der Pflichten die Demokratie nur verächtlich machen können. Zu fest ist noch der Obrigkeitsstaat instinktmäßig verankert. Alles kam von oben. Die Obrigkeit befahl, wie man zu leben, was man zu tun habe; daraus ergab sich, daß auch die Obrigkeit für alles die Verantwortung trug. Nicht so, daß man bewußt die Obrigkeit verantwortlich gemacht. hätte, sondern man überließ instinktiv diese Verantwortlich- keit der Obrigkeit; in der gehorsamen Ausführung der Befehle lag die ganze Pflichterfüllung. Eigenes Nachdenken über die Folgen des eigenen Handelns war zwecklos, wenn dieses 13 Handeln den gegebenen Anweisungen entsprach; bessere Einsicht hätte ja nicht dazu führen können, anders zu handeln als vorgeschrieben war. So verließ man sich in allem auf die Weisheit da oben, nahm das Gute wie das Böse als unabwendbar hin. War man mit den Lebensverhältnissen zufrieden, dann bedeutete dies, daß man sie der Obrigkeit zu danken habe. Empfand man Grund zu klagen, dann murrte man wider die Obrigkeit, wußte aber, daß Widerstand dagegen zwecklos war. Zum Bewußtsein eigener Verantwortung konnte man unter solchen Umständen nicht kommen. Solange noch alle Menschen so leidlich ihre Nahrung fanden, war dieser Zustand für die Massen bequem und für die Obrigkeit vorteilhaft; die jeweiligen Machthaber richteten sich den Staat so ein, wie er ihren Interessen diente. Nachdem aber durch zwei Weltkriege keine Obrigkeit zu finden ist, welche der allgemeinen Not zu steuern vermag, muß das Volk jetzt in seiner Gesamtheit die Verantwortung übernehmen, muß selbst überlegen, und muß vorher überlegen, was in seinem Gesamtinteresse geschehen soll. Von diesem Bewußtsein muß das Mitbestimmungsrecht getragen sein, wenn sein Ergebnis zum Guten führen soll. Es muß sich also jeder, der mitbestimmt, vorher ein Urteil bilden, was möglich und was zweckmäßig ist; wo man etwas verlangt, da muß man auch nachweisen können, woher die Mittel dazu genommen werden sollen. Ein Volk in seiner Gesamtheit oder auch nur in seiner Mehrheit dahin zu bringen, ist schwer, wenn dieses Volk bisher zu kritikloser Gefolgschaft erzogen wurde und an gedankenlose Hinnahme der gegebenen Tatsachen gewöhnt ist. Auch die Republik war nur die neue Obrigkeit. Ein Unterschied lag nur darin, daß man in alles dreinreden durfte. Die Verantwortung wälzte man auch weiterhin auf diese Obrigkeit ab; denn dazu hatte man sie ja gewählt. Sogar in den Arbeiterorganisationen sah man im ,, Verband" nicht die Gemeinschaft 14 " T der Arbeiter. ,, Was tut denn jetzt der Verband für uns?", das vernahm man sehr häufig, wo Klagen auftauchten; auch der Verband erschien sehr vielen noch als Ersatz für die Obrigkeit; der Verband", das war der Gewerkschaftssekretär; dem durfte man zwar jetzt in der neuen Zeit seine Meinung recht deutlich sagen, aber für die Abstellung von Miẞständen zu sorgen, das war seine Sache; er war schuld daran, wenn die Löhne nicht erhöht wurden. Die schlimmste Folge dieser Entwicklung ist: Man wälzt die Verantwortung für die gegenwärtigen Verhältnisse auf die gegenwärtige Obrigkeit ab. Die Republik übernahm die durch den Krieg verursachten Trümmer des Kaiserreichs, aber verantwortlich machte die Masse die Regierung der Republik. Was jetzt an Schutt und Trümmern vor uns liegt, das ist das Werk der Nazis; aber daß es so ungeheuer schwer für uns ist, aus diesen Trümmern wieder herauszukommen, daß wir entbehren und hungern müssen, dafür schiebt man der jetzigen Obrigkeit die Schuld zu. Ziemlich offen redet man bereits von absichtlicher Schuld daran, von der Absicht, uns verhungern zu lassen. Zum Teil geschieht dies böswillig, zum weit größeren Teil wird es nachgeplappert und geglaubt, weil die Fähigkeit zu einem vernünftigen eigenen Urteil nicht vorhanden ist. Diese Unfähigkeit eigenen Urteils wird ausgenützt von denen, die keine Demokratie wollen, die keinen Frieden wollen. Es wird ausgenützt zu dem Versuch, die Politik der Nazis zu rechtfertigen, daß die Selbstvernichtung, wie Hitler sie befahl, richtig gewesen sei; der Tod sei besser gewesen als ein Leben, wie wir es jetzt ertragen müssen. Böser Wille und politischer Unverstand arbeiten hier Hand in Hand, um in die Trümmer des noch nicht beendeten Krieges schon den Haß zu tragen, aus dem ein neuer Krieg hervorgehen soll. Darin liegt für das deutsche Volk die größte Gefahr; es soll ja beweisen, daß es nicht nur die Demokratie will, 15 sondern sie auch zur Geltung gebracht hat, bevor es wieder ein freies Volk werden kann. Der Hinweis auf die Gefahren für die Demokratie kann also gar nicht. dringlich genug gestaltet werden. Uns zwingt die unabweisbare Pflicht, aber auch die Liebe zu unserer Heimat' und die bange Sorge um deren Zukunft und das Schicksal unserer Kinder, diese Hindernisse nicht nur da zu bekämpfen, wo sie bereits ihre Wirkung erkennen lassen, sondern solchen Hindernissen auch nachzuspüren, bevor sie öffentlich in Er- scheinung treten. Wir hatten in der Republik eine durchaus demokratische Verfassung, aber wir hatten kein Volk, das Demokratie kannte und dementsprechend zu schätzen wußte; darum konnte Hitler mit den Formen der Demokratie die Demokratie in Deutschland vernichten. Die erste deutsche Republik erstand nicht aus einem Volkswillen heraus, der zur Demokratie drängte, sondern als Notbehelf beim Zusammenbruch des Kaiserreichs. Der Wiederaufbau bot ungeheure Schwierigkeiten. Deshalb fanden sich die Kriegstreiber und Feinde der Demokratie vorläufig damit ab, dem Volke die Verantwortung zu überlassen. Sie zeigten keine Machtgelüste, solange noch die Trümmer rauchten als Anklage gegen Nationalismus und Militarismus; aber sie rechneten mit dem politischen Unverstand der Massen, und sie haben darin richtig geurteilt. Die politische Unreife des Volkes, die sie planmäßig gezüchtet hatten, konnten sie nur zu bald wieder in ihren Dienst stellen. Heute reden Schutt und Trümmer eine weit eindringlichere Sprache als 1918. Wenn wir heute von Wiederaufbau sprechen, dann erfüllen uns zaghafte Wünsche, aber kein durchdachter Plan. Wir wagen noch nicht, einen Plan zu durchdenken, weil wir nur Berge von Schwierigkeiten sehen, aber noch nicht einmal eine Richtung wissen, aus der uns ein Schimmer von Hoffnung kommen könnte. Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist. ungleich schwieriger als 1918, aber auch jetzt wieder sind die 16 Schuldigen unsichtbar. Ein Teil von ihnen ist öffentlich angeklagt, aber das sind ja nicht einmal die Hauptschuldigen. Kein Wort soll sie verteidigen, die als Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen werden; viele Deutsche bedauern sogar, daß sie nicht von ihresgleichen gerichtet werden; der Prozeß in Nürnberg hätte dann keine drei Tage gedauert. Aber auch das gehört zum geistigen Wiederaufbau, daß wir die Rachsucht der Gerechtigkeit unterordnen. und der Genugtuung darüber, daß nicht mehr das Nazirecht Geltung hat. Auch die Schuld dieser Kriegsverbrecher hat ihren Ursprung im Kriege, trifft diejenigen, die den Krieg gewollt und herbeigeführt haben. Alle diejenigen, die zur Verhinderung der Demokratie beitrugen, sind mitschuldig. Jetzt tarnen sie sich mit dem Bekenntnis zur Demokratie; sie sind gefährlicher als die offenen Feinde der Demokratie. In der Republik hat man diese Gefahren unterschätzt; Militarismus und Nationalismus konnten sich in der Republik zum Nationalsozialismus weiterentwickeln. Die Regierung sah zu, teils in einer übersteigerten Zubilligung demokratischer Freiheit, teils in Sympathie mit den Feinden dieser Freiheit. Die Freiheit muß in einem Volke, das noch nicht demokratisch ist, die Schranken haben, die zum Bestand der Demokratie erforderlich sind. Wer die demokratische Freiheit miẞbraucht, um Gewalt zu predigen, der soll die Freiheit haben, seine Gewalt zu erproben; dem soll Gewalt entgegengesetzt werden, solange es noch Zeit ist, Unheil zu verhüten. Das deutsche Volk in der Republik war nicht demokratisch, konnte nicht demokratisch sein, weil seine Geschichte antidemokratisch war. Sogar die Mehrzahl derer, die sich zur Demokratie bekannten, tat dies nur aus Opposition, so, wie auch heute noch viele ,, Demokraten" nur an die Stelle der Nazis treten wollen, nicht aber an dem System der Diktatur etwas ändern wollen. Der Ruf: Die Nazis müssen aus den 2 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie 17 Stellen heraus!’ bedeutet allzuoft nur:„Wir wollen in diese Stellen hinein!" Darum war auch das deutsche Volk nicht fähig, von sich aus den Nationalsozialismus zu überwinden. Wir mußten von außen her als Deutsche ohnmächtig gemacht werden, damit die Welt sich von dieser Seuche befreien konnte. Die Welt- mächte wachen heute darüber, daß der Nationalsozialismus nicht noch einmal zu einer Gefahr für die Menschheit wird. Sie sehen im deutschen Volk den Herd dieser Seuche. Erst dadurch, daß sie das deutsche Volk militärisch ohnmächtig machten, konnten sie den Nationalsozialismus niederschlagen; sie werden diese Ohnmacht so lange bestehen lassen, bis Be- weise ihnen das Vertrauen geben, daß die Gefahr beseitigt ist. Wer ihnen das Recht dazu bestreiten will, dem sei auch hier nochmals gesagt, daß ihre Macht ihnen die Durchführung ihrer Absicht garantiert. Besser für uns wäre freilich, wir würden die Macht nicht herausfordern. Nicht Furcht oder Feigheit läßt uns dies als besser erkennen, nicht etwa Liebedienerei vor den Siegern und Machthabern, sondern der heiße Wunsch, bald von fremder Herrschaft frei zu werden. Die Bedingung, die für uns daran geknüpft ist, der Beweis demokratischer Ge- sinnung, sollten wir gern und freudig anerkennen. Zu wahrer Demokratie zu gelangen, das ist ein erstrebenswertes Ziel, auch wenn es nicht als Bedingung für die Freiheit und Gleich- berechtigung der Deutschen als Volk gestellt ist; wir brauchen ja diese wahre Demokratie so lebensnotwendig für die innere Wiederherstellung unserer Heimat und für ein friedliches Zu- sammenleben in dieser Heimat; wir fördern unser eigenes Wohl, indem wir den Preis zahlen, der uns zur Erlangung unserer Freiheit gesetzt ist. Wer das erwägt, der muß anerkennen, daß auch Nadelstiche gegen die Demokratie fluchwürdige und verhängnisvolle Ver- brechen gegen das eigene Volk sind. Diese Anerkennung ver- 18 pflichtet zur Abwehr alles dessen, was die Demokratie hemmen kann. Es leben wahrhaftig noch Leute in Deutschland, die erklären: ,, Der Krieg mit allem Drum und Dran, den haben die Nazis gemacht; ich habe mich nie um Politik gekümmert, mich geht das Ganze nichts an." Schade, daß solche Leute zu kurzsichtig sind, oder zu dumm, sich selbst im Spiegel zu erkennen! Sie würden sonst einsehen müssen, daß gerade sie es gewesen sind, die dem Elend den Weg bereitet, die Hitler seine verderbliche Macht gegeben haben. Ihre Gleichgültigkeit gegen die öffentlichen Belange gehört mit zu den Fehlern der Vergangenheit und bedeutet eine wesentliche Gefahr für die Zukunft. Vielleicht haben solche Leute Glück, so daß sie auch in Zukunft das Ganze nichts angeht; vielleicht finden sie auch weiterhin Gelegenheit, ihren Bauch zu füllen und damit alle ihre Bedürfnisse zu befriedigen; aber das wird nur möglich sein, wenn genügend andere sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen, und wenn diese andern auch weiterhin so geduldig bleiben, für diese Drohnen mitzusorgen. Wie aber, wenn auch die andern so charakterlos handeln wie sie selbst? Dann dürfte es sie vielleicht doch noch einmal etwas angehen! Wem die andern so gleichgültig sind, der könnte auch den andern schließlich gleichgültig werden; in der harten Aufbauarbeit könnte man einmal nicht mehr dulden, daß auch Leute ernten, die nicht mit gesät haben. - Der Hinweis auf die Schuld der Nazis soll nicht einschlummern; aber wir dürfen uns darin nicht erschöpfen. Dieser Hinweis kann Warnung und Antrieb sein, aber er hilft uns nicht weiter, wenn wir nicht die Lehren daraus ziehen und danach handeln. Danach handeln heißt: Alles ausrotten, was zum Nationalsozialismus geführt hat und wieder dazu führen könnte. Die Ursachen beseitigen ist wichtiger, als die Wirkungen beklagen und verdammen. 2" 19 Es war einmal Es braucht nicht immer ein Märchen zu sein, was mit den Worten ,, es war einmal" beginnt. Leider ist es kein Märchen, sondern vergangene Wirklichkeit. Wir hoffen zuversichtlich, daß diese Wirklichkeit endgültig vergangen ist, aber sie wirft ihre Schatten auf unsere Gegenwart und behindert unsere Arbeit beim Aufbau der Zukunft; deshalb wollen wir sie kurz beleuchten. Was man bekämpfen will, das muß man kennen, nicht nur in seiner Erscheinungsform, sondern auch in seinem Werden. Soll ein Uebel mit der Wurzel ausgerottet werden, dann muẞ man den Wurzeln nachgraben. Es gibt Unkraut mit weitverzweigten Wurzeln, und wenn auch nur die Spitze eines Zweiges dieser Wurzel im Boden bleibt, dann geht daraus wieder neues Unkraut hervor. Wir können in diesem Zusammenhang nicht im einzelnen widerlegen, was alles in den deutschen Geschichtsunterricht hineingedichtet, nicht alles berichtigen, was umgelogen, und nicht alles ergänzen, was verschwiegen wurde. Das wäre nötig, aber es wird im wesentlichen Aufgabe der Schule sein, wird auch für die Erwachsenen in umfangreicheren Arbeiten und unter Heranziehung weiterer Kräfte nachgeholt werden müssen; hier muß vorläufig genügen, in groben Zügen dem vorherrschenden Gesamtbild seine Glaubwürdigkeit zu nehmen. Nicht um Tote zu schmähen, sondern um den Gedankengängen entgegenzutreten, die einer Gleichachtung anderer Menschen und Völker entgegenstehen, die Demokratie und Frieden behindern. 20 20 Ein Rückblick auf das Mittelalter berührt uns heute nicht mehr in der gleichen Weise wie bis zum Jahre 1933; die Naziherrschaft hat uns in unserem Verhältnis zum Staat um zweihundert Jahre zurückgeworfen. Besonders jüngere Leute mögen von einer Betrachtung mittelalterlicher Zustände nicht den gleichen Eindruck gewinnen wie diejenigen, die schon einmal einen Anlauf zur Demokratie miterlebt haben. Mittelalter, das bedeutete für uns bis zum Jahre 1933 die brutale Knebelung aller freien Geistestätigkeit, absolute UnterUm dies ordnung der Vernunft unter die Gewalt des Staates. zu betrachten, brauchen wir heute nicht mehr so weit zurückzuschauen; das Dritte Reich hat in dieser Beziehung das Mittelalter übertroffen. Dennoch erscheint es zweckmäßig, das Mittelalter einzubeziehen in den Kreis dieser Betrachtungen; wir wollen ja Hindernisse ausräumen, deren Wurzeln bis in das Mittelalter hineinreichen. Nationalismus und Militarismus sind nicht von heute auf morgen entstanden; sie haben außerdem die verfälschte Geschichtsdarstellung zur Grundlage; auch aus diesem Grunde ist es notwendig, das Werden der heutigen Hindernisse aufzuzeigen. Wir können hierbei nicht vermeiden, auch Gefühle zu verAber letzen, die heute noch vielen Menschen heilig sind. gerade daß diese Gefühle noch vielen Menschen heilig sind, behindert sie in der Anerkennung der Demokratie. Die Rücksicht auf überlieferte Gefühle darf keine Geltung haben, wenn diese schon so viel Unheil angerichtet haben und auch weiterhin einer Vermeidung solchen Unheils im Wege stehen würden. Die Ehrfurcht vor der Ueberlieferung ist der Todfeind der Demokratie, macht Demokratie unmöglich. Erst die Befreiung von der Macht der Tradition macht der Demokratie den Weg frei. Die Macht der Tradition hat Jahrhunderte lang die Vernunft ausgeschaltet; man fragte nicht und durfte nicht fragen, ob etwas zweckmäßig und vernünftig war, wenn es durch 221 Ueberlieferung seine Heiligung und Unantastbarkeit erhalten hatte Die Demokratie erkennt nichts an, weil es überliefert ist, und schaltet nichts aus, weil es überliefert ist; sie fragt in jedem Falle, ob es dem gesteckten Ziele dient, ob es vernünftig ist, so oder so zu handeln, dies oder das zu tun. Dies wird auch heute noch vielen Leuten schwer, auch solchen, die sich laut zur Demokratie bekennen. Unsere Vorfahren waren nicht samt und sonders Trottel! Man könnte zu einer solchen Beurteilung kommen, wenn’ man darüber nachdenkt, unter welchen Herrschaftsformen sie zeit- weise gelebt, welch unwürdige Behandlung sie ertragen haben. Auch das, was uns für die heutige Zeit unmöglich erscheint, hat einmal Sinn gehabt; es war vernünftig in der Zeit, in der es geschaffen wurde. Aber die Daseinsverhältnisse haben sich immer weiterentwickelt. Die Rechtsbegriffe entstanden jeweils aus den bestehenden Verhältnissen heraus; sie blieben dann zumeist bestehen, auch wenn die Verhältnisse lange schon ganz andere, geworden waren. „Es erben sich Gesetz und Rechte Wie eine ew’ge Krankheit fort; Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte Und rücken sacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; Weh dir, daß du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit uns geboren ist, Von dem ist, leider!, nie die Frage. Legt Goethe diese Worte auch dem Mephisto in den Mund, so drücken sie doch die Wahrheit aus. Aus Vernunft ist Unsinn geworden, und was als Wohltat gedacht war, hat sich vielfach zur Plage entwickelt, durch die Macht der Tradition, durch das Festhalten an Rechtsbegriffen, die einer anderen Zeit und anderen Daseinsbedingungen entstammten. Vernunft muß wieder zur Herrschaft kommen, nicht um auszurotten, 22, was wir ,, ererbt von unsern Vätern" haben, sondern um den Sinn wiederherzustellen, in dem unsere Väter Rechtsunterlagen schufen für ihre Zeit. Vernünftig auswählen wollen wir, was noch brauchbar ist für Gegenwart und Zukunft, aber ohne jede andere Bindung, als die vernünftige Frage nach der Brauchbarkeit. Im großen ganzen dürfen wir sagen, daß unsere Vergangenheit uns, wenig Anlaß gibt, an ihren Methoden festzuhalten; das Ergebnis unserer ganzen Vergangenheit ist Ruin. Was in den Ruin hineingeführt hat, ist wenig empfehlenswert, wieder daraus hinauszukommen. Der ganze Volkskörper ist krank; er hat nicht vermocht, das Gift des Nationalsozialismus ohne fremde Hilfe auszu scheiden. Das ist nicht der beste Arzt, der fürchtet, dem Patienten wehzutun. Voraussetzung für die Heilung ist, daß die Fäulnisstellen freigelegt und restlos bereinigt werden. So hilft auch dem kranken Volke kein Drumherumreden, keine Rücksichtnahme auf alte, irrige Anschauungen. Gewissenhafte Kritik muß alle treffen, die in der Vergangenheit Einfluß auf Niemand kann die Entwicklung zum Ruin gehabt haben. sagen: es war richtig, was ich getan habe! Das Ergebnis von allem ist Ruin; alle, die daran mitgewirkt haben, müssen sich der Kritik unterstellen, müssen umlernen und neue Wege gehen, neue Mittel anwenden. *** Als noch Platz genug auf der Erde war, da lebten die Menschen in natürlicher Gesellschaftsform, in der Familie zusammen. Sie brauchten noch keine geschriebenen Gesetze, konnten solche weder schreiben noch lesen. Der Gesetzgeber war der Vater. Er war dies nicht in Befolgung eines Gesetzes, sondern in seiner Eigenschaft als Ernährer der Familie, als derjenige, dem sowohl der Schutz der Seinen wie auch die Sorge um ihr Wohl oblag. Es war ganz selbstverständlich, daß für die seiner Sorge Anvertrauten auch sein Wille maßgebend war. 23 23 In den Familien wuchsen Kinder und Enkel heran, die wieder Familien gründeten; die Familie entwickelte sich zum Stamm; es blieb der Stammesälteste der natürliche Gebieter, immer jedoch auf Grund seiner Erfahrung und mit der Pflicht. der Sorge für seine Sippe. Der Raum wurde enger; es drängten sich viele Stämme in enger gewordenen Raum; es entstand Streit um die besten Weideplätze, den besten Ackerboden; es schlossen sich befreundete Stämme zu Stammesverbänden zusammen, sei es, ihr Gebiet zu verteidigen oder andere Stämme aus deren Gebiet zu vertreiben. Es muste aber zur gleichen Zeit auch die Arbeit geleistet werden, die zur Beschaffung von Nahrung, Wohnung und Kleidung diente. Da richteten die Menschen eine vernünftige Arbeitsteilung ein. Die Arbeitenden brauchten ständigen Schutz gegen räuberische Ueberfälle. Ein Teil der Stammesgenossen wurde zu diesem Schutz bestimmt. Sie wurden mit Waffen ausgerüstet, im Gebrauch der Waffen besonders geübt und mit Reittieren versehen. Ihr Anführer, der vor ihnen her zog, wurde Herzog. Natürlich mußten die andern für sie mitarbeiten, mußten ihnen geben, was sie zu ihrem Unterhalt brauchten. Damit einen Standesunterschied zu schaffen, lag diesen Menschen fern; sie waren doch Brüder und Vettern, bluts- oder stammverwandt, die Reiter mit den Bauern. Die Kämpfe um den Lebensraum wurden ernster und häufiger; damit stieg die Bedeutung der zum Schutz bestellten Reiter. Die Bauern waren auf sie angewiesen. Im Besitz dieser Waffen hatten die Reiter Macht über die Bauern erlangt, und sie nützten diese Macht aus. Was ihnen einmal als natürliche Gegenleistung für ihren Wachtdienst bewilligt worden war, das nahmen sie nun als Recht; der Herzog riß den Befehl über den Stamm oder Stammesverband an sich. Die Reiter entwickelten sich zu Rittern, das Stammesgebiet zum Herzogtum. 24 24 Diese Entwicklung erfolgte nicht innerhalb einer Generation. Die Bauern der dritten oder vierten Generation wußten gar nicht mehr, daß es ihre Väter oder Großväter waren, die den Rittern und dem Herzog diese Macht gegeben hatten. Ihre Dienstbarkeit gegen diese Herren, ihre Lieferungen zu deren Unterhalt galten bereits als überliefertes Recht. Und dieses Recht wurde weiter ausgebaut; es wurde erblich für die Nachkommen der Ritter. Nicht mehr der dem Stamme geleistete Gegendienst, der Schutz der Bauern nach außen hin, begründete das Recht, von der Arbeit der andern zu leben, sondern die Geburt als Sohn oder Tochter eines Ritters. Das hatten die Alten nicht gewollt, denn es war unvernünftig. Die, Alten hatten kein Vorrecht der Geburt schaffen wollen; es war doch das gleiche Blut, das in ihren Adern floẞ. Und die Nachkommen der ehemaligen Reiter eigneten sich weder nach geistigen noch nach körperlichen Eigenschaften alle zum Schutz ihrer Mitmenschen. Erst recht unsinnig wirkte sich die eigenmächtige Standeserhebung des Herzogs aus. Aus dem Stammesgebiet machte er sein persönliches und erbliches Eigentum. Sein ältester Sohn wurde sein Nachfolger, ohne Rücksicht darauf, ob er zur Regierung seines Herzogtums fähig war. Die Alten hatten die Führung dem Tüchtigsten anvertraut; nun mußten sich ihre Nachkommen auch den Befehlen eines Schwächlings unterordnen, nicht selten eines Krüppels oder Idioten. Die Macht der Ueberlieferung lieferte die Bauern der Willkür aus, machte sie zu rechtlosen Sklaven, wo sie ursprünglich gleichberechtigte Stammesgenossen waren; die Macht der Tradition schuf einen Standesunterschied, schuf geborene Herren und Knechte, deren Herkunft auf denselben Ahnen zurückführte. Durch Kämpfe untereinander unterwarfen sich einzelne Herzöge mehrere andere und wurden Könige. Die Könige bezahlten Ritter für ihre Dienste mit Grundbesitz, der vorher Allgemeingut gewesen war; nicht nur der Grundbesitz, sondern 25 25 auch die darauf wohnenden Bauern wurden Eigentum der Ritter. Je nach Größe des Besitzes und der Gunst des Königs oder mit dem Erwerben weiterer Macht entstanden Grafen, Barone, Freiherren, Fürsten usw. Das ist die ganze Legiti- mation des Adels; Ausnützung der Notlage und Mißbrauch der ihnen übertragenen Macht, Erpressung und Gewalt, wider- rechtliche Uebernahme dessen, was der Gesamtheit zu eigen war, damit haben sich die Schützer und Wächter ihrer Brüder und Vettern zu deren Gebietern gemacht. In bester Absicht haben unsere Vorfahren ihnen einmal die Mitte] zu dieser Machtentfaltung in die Hand gegeben; daß ein kleiner Teil der Menschen mit vielen Generationen ihrer Nachkommen von der Arbeit der anderen in Ueberfluß leben, prassen und schwelgen konnten, das war die Folge. Auf die in solcher Weise ‚erworbenen‘„Rechte‘, auf das geraubte Eigentum der Adeligen, der„hohen und höchsten Häuser nahm noch das Bürgerliche Gesetzbuch, das am 1. Januar 1900 in Kraft trat, weitestgehende Rücksicht. Im Ein- führungsgesetz zum BGB. lautet z. B. der Artikel 58: „In Ansehung der Familienverhältnisse und der Güter derjenigen Häuser, welche vormals reichsständisch ge- wesen und seit 1806 mittelbar geworden sind oder welche diesen Häusern bezüglich der Familienverhält- nisse und der Güter durch Beschluß der vormaligen deutschen Bundesversammlung oder vor dem Inkraft- treten des BGB. durch Landesgesetz gleichgestellt worden sind, bleiben die Vorschriften der Landesgesetze und nach Maßgabe der Landesgesetze die Vorschriften der Hausverfassungen unberührt. Das gleiche gilt zugunsten des vormaligen Reichsadels und derjenigen Familien des landsässigen Adels, welche vor dem Inkrafttreten des BGB. dem vormaligen Reichs- adel durch Landesgesetz gleichgestellt worden sind.” 26 „Vormals reichsständisch gewesen" sind die Familien, die vor 1806 den Reichsständen angehörten, d. h. auf den Reichs- tagen Sitz und Stimme hatten. Vorbedingung war dazu: ein reichsunmittelbarer Besitz, also ein Besitz, der keinem Landes- herrn, sondern nur direkt dem Kaiser unterstand; außerdem die Einwilligung des Kaisers und der Reichskollegien./ Reichskollegien waren die drei Abteilungen der Reichs- stände, aus denen sich der Reichstag zusammensetzte: 1. Das kurfürstliche Kollegium, die Fürsten, die das Recht hatten, den Kaiser zu wählen, zu küren, daher Kurfürsten. Es waren die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, der Pfalzgraf am Rhein, der Herzog von Sachsen, der Mark- graf von Brandenburg und der König von Böhmen. 2. Das fürstliche Kollegium, geteilt in die weltliche und die geistliche Bank. Weltliche Fürsten waren Herzöge, Markgrafen, Pfalzgrafen und einige Landgrafen; Erz- bischöfe, Bischöfe und Äbte die geistlichen Fürsten. 3. Das reichsstädtische Kollegium, die Vertreter der reichs- unmittelbaren Städte. Auch diese Vertreter der Städte mußten natürlich die Reichsstandschaft haben, d. h. reichsunmittelbaren Besitz, die Einwilligung des Kaisers und der Kollegien. Es war also alles dem Adel und dem Klerus unterstellt. 1806 wurden unter dem Protektorat Napoleons diese reichs- - unmittelbaren Stände mittelbar, d. h. sie wurden den Landes- herren unterstellt. Bis zum Jahre 1900 noch erfolgte die Gleich- stellung weiterer adeliger-„Häuser“ mit den„vormalig reichs- ständig gewesenen Häusern‘. Auch die Verfasser des Bürger-. lichen Gesetzbuchs berücksichtigten diese Vorrechte des Adels; am 18. August 1896 wurde das BGB. veröffentlicht, am 1. Januar 1900 trat es in Kraft; die Gesetzgeber von 1896 gaben mithin immer noch über drei Jahre Zeit, auch den landsässigen Adel, das sind diejenigen, die einem Landesherrn unterstellt waren, dem Reichsadel gleichzustellen; auch im zwanzigsten Jahr- 27 hundert noch blieben die Vorrechte des Adels bestehen ,,, in Ansehung ihrer Familienverhältnisse und ihrer Güter" galt. nicht das allgemeine bürgerliche Recht, sondern ihre eigenen ,, Hausverfassungen". Die Gegenleistung für diese Sonderrechte war, von einem Ahnen abzustammen, der sich einmal auf Kosten der Allgemeinheit Besitz verschafft hatte. Jahrhunderte hindurch haben die Nachkommen der Usurpatoren und Raubritter nur Rechte gekannt und keine Pflichten; nur Gott verantwortlich waren die Regierenden; wie sie sich Adel vor Gott verantworteten, das entschieden sie selbst. und Klerus gab die Gesetze, denen aber nicht sie selbst, sondern das Volk unterstellt wurde; Adel und Klerus setzte die Steuern fest, die das Volk zu bezahlen hatte; sie selbst waren von allen Steuern befreit, befreit durch die Gesetze, die sie selbst erließen, in denen sie ihren Raub als ihr Eigentum sanktionierten. Durch Ueberlieferung von Generation zu Generation erlangten diese Gesetze allgemeine Gültigkeit. Die Urenkel jener alten Deutschen, die eine ganz vernünftige Arbeitsteilung eingerichtet hatten, wußten nicht mehr, daß in ihren Adern dasselbe Blut floß, wie in den Adern derer von Gottes Gnaden; sie wußten nicht mehr, daß ihre Vorfahren etwas ganz anderes gewollt hatten, als sie zu Leibeigenen der Nachkommen derer zu machen, die ihre Brüder und Vettern waren: Die Macht der Tradition, die Ehrfurcht vor der Ueberlieferung wurde von den Machthabern bewußt gefördert; ihre Macht beruhte ja auf der Macht der Tradition. Die Vernunft mußte ausgeschaltet werden; sie hätte ja gefragt, wo die Gegenleistungen sind für die unbegrenzten Rechte; die Vernunft hätte die Erfüllung von Pflichten als Vorbedingung vor jedes Recht gestellt; die Vernunft hätte nach einem Beweis für das Gottesgnadentum geforscht. Noch heute kranken wir an den Rechtsbegriffen, die wir ererbt von unsern Vätern haben; noch heute ist die Ehrfurcht 28 vor dem Althergebrachten wirksam und behindert vernunftgemäßes Handeln, ist ein Knüppel auf dem Wege zur Demokratie. Die Hohenzollern Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich einmal einen alten Herrn, der mir sehr wohlgesinnt war, zum Weinen gebracht durch eine abfällige Bemerkung über ,, Wilhelm den Letzten". Der Herr war höherer Postbeamter. ,, Mein Großvater war Beamter", sagte er ,,, mein Vater war Beamter und ich bin Beamter; meine Familie hat immer nur Gutes durch den Kaiser erfahren; mir tut es weh, wenn Sie so verächtlich über ihn reden." Meine Bemerkung war vom Standpunkte eines kaiserlichen Beamten gesehen respektlos gewesen, aber ich habe nie den Kaiser persönlich für das Schicksal Deutschlands verantwortlich gemacht, habe ihn weder geachtet noch verachtet; er war für mich auch nur das Produkt seiner Herkunft und Erziehung. Mein alter Freund hatte zwölf Jahre als Soldat gedient, um den Zivilversorgungsschein zu erwerben, war mit diesem Zivilversorgungsschein in die Beamtenlaufbahn getreten, hatte es zum Postoberinspektor oder Oberpostinspektor gebracht und genoß nun seine Pension. Ebenso hatte sein Vater und sein Großvater als Militäranwärter Beamteneigenschaft und Pension erlangt. Zwölf Jahre Militärdienst und mehr als dreißig Jahre treue Pflichterfüllung hatten diese Leute geleistet; daß sie dafür ein verhältnismäßig sorgenfreies Leben hatten führen können, das betrachtete der alte Herr als eine besondere Gnade, die Seine Majestät seiner Familie habe zukommen lassen. Der Kaiser hat ganz sicher nichts davon gewußt, aber es leben 29 29 auch heute noch viele Menschen, die in solcher oder ähnlicher Weise sich ihren Landesherren, den Hohenzollern, zu Dank und Hochachtung verpflichtet fühlen. Der Charakter dieser Leute ist ohne Zweifel achtenswert; es würde mir leid tun, einen von ihnen zu verletzen; aber ihre Denkweise beruht doch auf einem überlieferten Irrtum, und dieser Irrtum behindert heute das vernünftige Urteil über die Demokratie. Ich halte es deshalb für meine Pflicht, diesem Irrtum entgegenzutreten, nicht um Tote zu schmähen, sondern weil dieser Irrtum, die Verherrlichung der Hohenzollern und der Landesväter überhaupt, ein Knüppel auf dem Wege zur Demokratie ist. Die Hohenzollern waren nicht schlechter und nicht besser als so viele andere ,, Herrscherhäuser"; sie sollen nur deshalb hier als Beispiel angeführt werden, weil sie mehr als fünfhundert Jahre hindurch mit der Geschichte Preußen- Deutschlands verbunden waren. Es war seit jeher üblich, die Herrscherhäuser so zu schildern, daß ihr Gottesgnadentum immer neu bestätigt werden sollte. Maler und Bildhauer stellten ihre Kunst in den Dienst dieser Absicht; auf der Siegesallee in Berlin standen elegante Reiterfiguren von Fürsten, die mit Mühe auf den Thron getragen werden mußten und niemals imstande gewesen sind, ein Pferd zu besteigen. Geschichtsschreiber erdichteten rührende Anekdoten und begeisternde Heldentaten, auch wenn der Held ihrer Geschichte ein Trottel oder Idiot war. Die höchsten Tugenden und die liebenswürdigsten Eigenschaften wurden auch den lasterhaftesten und brutalsten Despoten angedichtet, damit das einfache Volk zu ihnen aufschauen konnte als den von Gott bei der Erschaffung schon in jeder Hinsicht ausgezeichneten höheren Wesen. Das hat unstreitig zu seiner Zeit vielen das Ertragen und Gehorchen erleichtert; aber nun sind die Folgen davon hinderlich; von Eltern und Großeltern her lebt auch in der heutigen Generation noch der so gezüch30 tete Knechtsinn und wehrt sich gegen die Demokratie, der er die Gottgewolltheit bestreitet. Schon vor mehr als tausend Jahren waren die Vorfahren der Hohenzollern in Schwaben als Herzöge bekannt. Man sehe bitte darin aber ja nicht auch noch einen Vorzug, der den Adel begründet. Die lange Ahnenreihe haben andere Leute auch; sie stammen nur nicht alle ab von Familien, die immer von den andern ernährt wurden und deshalb Zeit und Gelegenheit hatten, ihren Stammbaum aufzeichnen zu lassen. Wirkliche Lücken bestehen in keiner Ahnenreihe, auch nicht in der Ahnenreihe des einfachen Bauern oder Arbeiters; es stammt jeder von seinem Vater ab und jeder Vater hatte einen Vater, auch wenn er ihn nicht gekannt hat und den Namen seiner Mutter weitervererbte. Wenn einzelne Männer Vater wurden, ohne einer gesetzlichen Formalität zu genügen, dann hatten zwar die Nachkommen davon gesetzliche Nachteile, aber sie wurden als Menschen nicht minderwertiger dadurch. Wollte man nach der sittlichen Reinheit urteilen, dann müßte mancher Adelige weit zurücktreten hinter manchen Bauer und Arbeiter; die Müßiggänger hatten ja viel mehr Zeit und Gelegenheit, ihre Sittenreinheit in Gefahr zu bringen; ihre Ehen wurden in der Regel nach Zweckmäßigkeit, Erbfolge und Besitzer weiterung oder politischen Gesichtspunkten geschlossen, so daß sich das eigentliche Liebesleben bei ihnen fast regelmäßig außerhalb der Ehe entwickelte. Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, schloß zwei Ehen zur rechten Hand und zwei zur linken Hand, morganatische Ehen.( ,, morganatica" heißt Morgengabe.) Frau und Kinder der Ehe zur rechten Hand sind an den Standesvorrechten des Mannes beteiligt, die der linken Hand nicht; die Kinder aus den Ehen zur linken Hand sind auch nicht zur Erbfolge berechtigt; derselbe König zeugte also in gesetzlichen Ehen ebenbürtige, hochadelige, und auch nichtebenbürtige Kinder, wobei nebenbei bemerkt sei, daß auch die morganatische Ehe ein Vorrecht der Regierenden 31 war; für gewöhnliche Sterbliche ist Bigamie strafbar. Außer den vier ‚rechtmäßigen‘ Frauen und vielen vorübergehenden Liebschaften unterhielt dieser König aus dem Hohenzollern- stamm auch noch eine ständige Geliebte, Wilhelmine Encke, die Tochter eines Musikers der Hofkapelle; sie war zum Schein mit dem Kammerdiener Ritz verheiratet. Später machte der König seine Geliebte zur Gräfin von Lichtenau. Die Kinder dieser Frau Ritz sind danach Graf und Gräfin von der Mark. Solche und ähnliche Grafen und Gräfinnen sind keine Einzelerscheinungen. Als uneheliche Kinder des Königs, natürliche Kinder nannte man das, genossen sie hohe Ehren, waren adelig, während man die unehelichen Kinder anderer Leute als ehrlos behandelte und die Ahnentafel noch bis zum Jahre 1945 nur soweit anerkannte, wie sie durch rechtmäßige Ehen begründet werden konnte. Auch die tausendjährige Ahnenreihe kann kein Vorrecht begründen und wurde doch mehr als tausend Jahre lang ganz allgemein"mit Ehrfurcht angestaunt, ein weiterer Beweis dafür, wie sehr. die Tradition überlebt ist, wie wenig sie jemals mit der Vernunft in Einklang zu bringen war. Daß die Vorfahren der Hohenzollern schon vor tausend Jahren in Schwaben als Herzöge bekannt waren, soll nur zeigen, daß sie vor tausend Jahren schon zu denen gehörten, die sich von andern ernähren ließen, die ihren Besitz durch Mißbrauch der Macht aus dem Allgemeingut an sich gebracht hatten. Nach dem deutschen Geschichtsunterricht haben die Hohen- zollern Preußen und das Deutsche Reich geschaffen. Die meisten Leute vermuten dahinter Fähigkeit und Leistung, die nur besonders Gottbegnadete vollbringen konnten. Auch diese Illusion muß zerstört werden, um der Vernunft, der Demokratie den Weg in die Hirne und Herzen freizumachen; es waren recht 32 . ’ 3 q primitiv-menschliche Eigenschaften und Mittel, mit denen die Hohenzollern ihren Ruhm und ihren Besitz erwarben. Eine reiche Erbin zu heiraten, dazu gehört noch nicht einmal immer besondere Schlauheit und Geschick; es gibt Fälle, in denen man die Nase rümpft über den Mann, der sich verkauft, der mit dem Reichtum seiner Frau recht üble Eigen- schaften mit in Kauf nimmt. Nicht immer ist das so, aber es kommt vor, und man kann einen Menschen deshalb allein, weil er vorteilhaft geheiratet hat, noch nicht als ein Genie betrachten. - Einer aus der Ahnenreihe der Hohenzollern heiratete die Tochter eines Burggrafen von Nürnberg. Daß dieser Burggraf keinen männlichen Erben hatte, daran war der Hohenzoller doch gewiß unschuldig, aber er wurde so ganz unschuldig zum Burggrafen von Nürnberg, zum Erben dessen, was die Burg- grafen von Nürnberg ebenfalls aus Allgemeingut an sich ge- bracht hatten. Ein Nachkomme dieses Hohenzollern in Nürnberg heiratete die Tochter des letzten Herzogs von Meran und Bayreuth; auch dessen Güter kamen zu denen der Hohenzollern und Nürnberger. Als Herren über Land und Leute in diesen Ge- bieten lebten sie da schon in ganz erträglichen Verhältnissen. Sie vermehrten ihren Besitz weiter auf eine Weise, die man vielfach jüdisch, aber keinesfalls fürstlich nannte; sie verliehen Geld an Leute, die verschuldet waren, und nahmen deren Güter als Pfand. Wer erst einmal so weit verschuldet ist, daß er seinen Besitz verpfändet, der kommt in den seltensten Fällen wieder in die Lage, diese Pfänder auszulösen. Das war auch früher schon so; und die Nürnberger Hohenzollern wußten das. Ein Nachbargut nach dem andern ging in das Eigentum der Burggrafen von Nürnberg über. Ganz nach Recht und Gesetz; aber Gottesgnadentum gehörte nicht dazu, in den Genuß dieser gesetzlichen Rechte zu kommen und auf diese Weise sein Land zu vergrößern, seinen Reichtum zu vermehren. 3 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie/ R 33 Wer viel besitzt, der hat auch starken Einfluß auf andere Leute, besonders dann, wenn er an diese Leute Geld verleiht. Den Rat seines Gläubigers befolgt mancher Schuldner auch dann, wenn er diesen Rat gar nicht für gut hält; er befolgt ihn nur, um nicht das Mißfallen seines Gläubigers zu erregen; der könnte ja plötzlich die Schuld einfordern. Der Einfluß des Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg trug viel dazu bei, daß Sigismund von Luxemburg im Jahre 1411 zum deutschen Kaiser gewählt wurde. Sigismund war Kurfürst von Brandenburg und durch Heirat König von Ungarn; als er Kaiser geworden war, verkaufte er dem Burggrafen von Nürnberg das Kurfürstentum Brandenburg für fünfhunderttausend Gulden. Wieder nur ein Geschäft ohne irgendeinen Anschein göttlicher Berufung. Kaiser und Kurfürst stehen da als ganz schlichte Handelsleute. Handel war in dieser Zeit der einzige Beruf, zu dem die Juden zugelassen waren, weil er als ehrlos galt. Wenn das Bestreben, Macht und Besitz zu vermehren, eine Herrschertugend ist, dann besaß der Hohenzoller, Burggraf Friedrich VI. von Nürnberg, nun Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg, diese Tugend in überreichem Maße. Er vertraute auch weiterhin auf das Mittel dazu, das sich in seiner Familie schon mehrfach bewährt hatte; er suchte nach einer geeigneten Schwiegertochter. Nachbar des Kurfürstentums Brandenburg war zu dieser Zeit das reiche und mächtige Königreich Polen. Der König von Polen hatte auch von seiner dritten Frau noch keinen Sohn; daher galt die Prinzessin Hedwig als Thronerbin. Die gottbegnadete Weisheit Friedrichs erspähte diese Gelegenheit und gedachte, sie für sein Haus auszuwerten. Mit Geld und guten Worten stellte er ein freundliches Verhältnis zu dem König von Polen her, und dann verlobte er seinen siebenjährigen Sohn mit der noch jüngeren Prinzessin von Polen. 34 Infolgedessen wuchs Friedrich II. am polnischen Königs- hofe auf und lernte polnische Sprache und polnische Sitten. Daß er ein deutscher Prinz war, das bedeutete in diesem Falle nichts für. den Hohenzoller; wäre der Plan seines deut- schen Vaters gelungen, dann wurde Brandenburg eine polnische Provinz und nicht der Grundstein zum Königreich Preußen. So weit war es her mit dem Deutschtum der Hohenzollern. Es geschah gegen Wunsch und Willen Friedrichs, daß Branden- burg ein deutsches Kurfürstentum blieb. Der König von Polen nahm eine vierte Frau, und diese schenkte ihm endlich den männlichen Thronerben, vernichtete die Hoffnung der Hohen- zollern auf den polnischen Königsthron und die Reichtümer Polens. Sollte das etwa eine Fügung Gottes gewesen sein, um die Hohenzollern den Deutschen zu erhalten? Das widerspricht wieder einer göttlichen Inspiration der Regierenden; diese müßten doch mehr mit den göttlichen Absichten vertraut sein, wenn sie berufen wären, als von Gott gesetzte Obrigkeit zu handeln; sie müßten ja dazu immer im voraus wissen, was Gott will. Die Hohenzollern haben das in diesem Falle ganz ohne Zweifel nicht gewußt; sie sahen in dem Scheitern ihres Plans ein Mißgeschick und nicht eine göttliche Fügung, die zu ihrem und des Volkes Wohl getroffen war. Das Königreich Polen galt ihnen mehr als das deutsche Kurfürstentum, und dieses hätten sie ja polnisch gemacht; sie ließen ja nicht die kindliche Braut nach Berlin kommen, damit sie deutsch erzogen werden könnte, sondern schickten den siebenjährigen Bräu- tigam nach Warschau. Es scheiterte nicht nur dieser eine Plan des ersten Hohen- zollern in Brandenburg; auch das heißeste Streben nach Macht und Besitz genügt nicht immer zur Verwirklichung; nach zehn Jahren war Friedrich I. so weit, daß er dahin zurückkehrte, woher er gekommen war. Die Verwaltung der Mark Branden- burg überließ er seinem Sohne, dem enttäuschten Anwärter 39 auf den polnischen Königsthron, der bei der Uebernahme dieser Verwaltung noch nicht dreizehn Jahre alt war. Vierzehn Jahre lang regierte er als Kurprinz, dann noch sechzehn Jahre als Kurfürst; im Alter von 56 Jahren überließ er die Verwaltung seinem Bruder Albrecht Achilles. Diesem gehörten bereits die Fürstentümer Ansbach und Bayreuth; in Prunk und Verschwendung leistete er Hervorragendes. Von ihm ist u. a. bekannt, daß er mit seiner Frau, im überladenen Schmuck von Perlen, Juwelen und Goldketten, in Begleitung von ein paar hundert Höflingen, auf mehr als tausend Pferden zu einer Hochzeitsfeier am herzoglichen Hof in Bayern zog. Das ist freilich nur ein Beispiel aus der üppigen Prachtentfaltung dieses Herrscherpaares, für welche aus dem Volke die Mittel herausgepreẞt wurden. Sechs Jahre lang versuchte Albrecht sein Glück in Brandenburg, dann überließ er es seinem Sohne Johann, das Kurfürstentum weiter zu regieren. Johann war 21 Jahre alt, als diese Last auf seine Schultern gelegt wurde; er erhielt später den Beinamen Cicero, weil er ein guter Lateiner war. Sein Los war nicht beneidenswert; er mußte wiederholt seine Hochzeit verschieben, weil die dazu notwendigen Bettlaken nicht zu beschaffen waren. Was aus Brandenburg herauszuholen war, das ging an den prunkvollen Hof seiner Eltern in Franken. Seines Vaters Großmannspolitik und Verschwendung verschlangen ungeheure Summen; er hatte auch 19 Kinder auszusteuern, und diese Aussteuer erfolgte nicht nach der Zahlungsfähigkeit des Landes, sondern nach den prunkgewöhnten Anforderungen Albrechts und seiner Gemahlin. Alles hatte das Volk zu bezahlen; für seine Familie hinterließ Albrecht trotz all seiner Verschwendung ein Vermögen von 400 000 Gulden und sicherte seinen Söhnen in Franken ein Jahreseinkommen von 70 000 Gulden, denen in Brandenburg ein solches von 50 000 Gulden, wie er selbst dem Kaiser berichtete. 36 Geldmangel und Geldgier waren auch die Triebkräfte der Söhne Johann Ciceros, obwohl sie ungeheure Summen verbrauchten. Der älteste war schon im Alter von sechzehn Jahren regierender Kurfürst in Brandenburg, Joachim I. Sein Bruder Albrecht wurde mit achtzehn Jahren Domherr in Mainz, mit 23 Jahren Erzbischof von Magdeburg und Halberstadt. Danach erst erhielt er die Priesterweihe und las seine erste Messe. Mit 24 Jahren wurde er Erzbischof und Kurfürst von Mainz, und mit 28 Jahren Kardinal; er war damit der höchste Kirchenfürst in Deutschland, der erste Fürst nächst dem Kaiser. Das hat riesige Summen an Bestechungsgeldern erfordert, und seine luxusüberladene Hofhaltung in Mainz verschlang weitere Riesensummen. Die Suche nach neuen Geldquellen brachte diesen Hohenzollern auf einen Weg, der ihn zum Förderer der Reformation werden ließ, freilich sehr gegen seinen Willen. Albrecht hatte bei Fugger in Augsburg, dem größten Geldgeschäft der Zeit, ein Darlehen von 30 000 Gulden aufnehmen müssen. Diese Schuld mußte getilgt werden; das Volk ertrug selbst nach Hohenzollernschen Begriffen eine weitere Belastung nicht mehr. Der vierundzwanzigjährige Erzbischof und Kurfürst von Mainz, Magdeburg und Halberstadt suchte und fand ein neues Mittel, das zwar ebenfalls nur eine weitere Ausbeutung des Volkes war, aber doch nicht ohne weiteres als Abgabe an den Staat zu erkennen war. Am 1. August 1514 ersuchte Albrecht den Papst, ihm den Vertrieb eines Ablasses in den durch ihn und seinen Bruder regierten Ländern zu genehmigen; die Einnahmen solle je zur Hälfte der Papst und der Erzbischof erhalten. Papst Leo X. ging auf dieses Geschäft ein, und der Hohenzoller beauftragte den Predigermönch Johannes Tetzel mit dem Verkauf der Ablaßzettel. Im Jahre 1517 machte Tetzel auch in Jüterbog, an der brandenburgisch- sächsischen Grenze, glänzende Geschäfte. Von hier aus gelangten auch Ablaßbriefe nach Wittenberg, 37 38 38 in die Hände von Martin Luther, dem Doktor der Philosophie und Theologie. Dieser war schon lange nicht mehr einverstanden mit den Bräuchen und Sitten innerhalb der katholischen Kirche; nun erfuhr er von den Predigten Tetzels. Die Gläubigen wurden darin belehrt, daß sie ihre Sündenschuld auch durch Geld tilgen könnten, ohne Beichte und Buße, ja sogar ohne Reue. Es waren sogar feste Preise für bestimmte Sünden festgesetzt; Hexerei kostete 6 Dukaten, Totschlag 7, Kirchenraub 9, Sodomiterei 12 Dukaten usw. Diese Nachrichten bedeuteten für Martin Luther die letzten Tropfen, die das Faß zum Ueberlaufen brachten; am 31. Oktober schlug er seine 95 Thesen an die Schloßkirche in Wittenberg an, die den Auftakt zur Reformation gaben. Die Reformation machte dem Geschäft mit dem Ablaß ein Ende. Der fanatische Haß der Hohenzollern richtete sich deshalb gegen Martin Luther; mehr noch der Haß des Brandenburger Kurfürsten als der des Mainzer Erzbischofs; es war nicht die Religion, es war der gestörte Ablaßhandel, der diesen Haẞ entfachte. Auf dem Reichstag in Worms, vor dem der Reformator sich zu verantworten hatte, trat ihm niemand so scharf und verständnislos entgegen, wie der brandenburgische Kurfürst Joachim I. Der Reichstag ächtete Martin Luther und verdammte die neue Lehre; der erste Mann des Reichstags, der Reichskanzler, war ja Albrecht von Hohenzollern kraft seines Amtes als Kurfürst von Mainz, und die Erzbischöfe von Trier und Köln saßen ebenfalls im ersten Kollegium dieses Reichstags, dessen zweites Kollegium auch neben der fürstlichen eine geistliche Bank hatte. Hätte sich aber der Wille Joachims I. durchsetzen können, dann würde Martin Luther diesen Reichstag in Worms nicht lebend verlassen haben; er wäre verbrannt worden wie hundert Jahre vorher Johannes Hus in Konstanz. Auch an der Verurteilung dieses Reformators war ein Hohenzoller beteiligt, der erste hohenzollernsche Kurfürst in Brandenburg, Friedrich I. Ueber seine Te Stellungnahme gegen Hus ist näheres nicht bekannt, aber Friedrich war der einflußreichste Ratgeber Kaiser Sigismunds, der Hus freies Geleit nach Konstanz zugesichert hatte und dessen Tod auf dem Scheiterhaufen verantwortete. Und in dem daran anschließenden Kampf gegen die Hussiten stand Friedrich I. als Reichsfeldherr an erster Stelle; der päpstliche Gesandte segnete ihn zum Hussitenkrieg ein, und die Bischöfe gürteten ihn mit dem Schwert; er hat allerdings keine Lor- beeren ‚geerntet. Die Verbrennung Martin Luthers konnte Joachim I. nicht erreichen, aber den Haß gegen den Mann, der das Geschäft mit dem Ablaßhandel verdorben hatte, bekundete der Kurfürst noch auf seinem’'Sterbebett; er ließ hier seine Söhne schwören, der katholischen Lehre treu zu bleiben. Sein Nachfolger, Joachim I., hielt diesen Schwur vier Jahre lang; ein jüngerer Bruder, Hans von Küstrin, brach ihn gleich nach dem Tode des Vaters und trat zur neuen Lehre über. Es war nicht nur das verdorbene Geschäft, wegen dessen der Hohenzoller den Reformator haßte; auch eine Liebes- geschichte brachte Joachim mit Luther in persönlichen Gegen- satz.[Maurenbrecher berichtet darüber in seiner„Hohen- zollernlegende“:„Im Jahre 1525 lernt der Kurfürst die junge Frau eines Bürgers, des Wolf Hornung, die Tochter eines Ber- liner Bürgermeisters, kennen und wird auf Despotenweise in sie verliebt. Seit einem Jahr war sie mit Wolf Hornung ver- heiratet und Mutter einer eben geborenen Tochter. Der Mann hatte zur Hofgesellschaft des Kurfürsten gehört und oft an seinen Gelagen sich freundschaftlichst beteiligt. Zunächst ist er ahnungslos; dann merkt er, wie es zwischen dem Fürsten und seiner Frau steht. Der Kurfürst versucht, ihn in Frieden dazu zu überreden, daß er der Frau erlaube, zum Kurfürsten zu gehen, sobald er nach ihr schicke. In diesem Gespräch fällt das charakteristische Wort:„wenns gleich nicht die wäre, dann wäre es eine andere; ihm hätte in 18 Jahren noch keine 39 gemangelt", ein Satz, der das Privatleben dieses Tyrannen blitzartig beleuchtet. In einem Augenblick furchtsamer Verwirrung gibt der Gatte nach, dann reut es ihn, in einer heftigen Szene mit seiner Frau kommt es zu Drohungen, zum Streit, zu Tätlichkeit. Sein Messer trifft die Frau, ohne sie ernstlich zu verletzen; sie entwindet sich ihm und entflieht. Diese Gelegenheit benutzt der Kurfürst, in dessen Gemächern sie sich versteckt hält. Er ruft den Hornung zu sich und gibt vor, die Familie seiner Frau habe eine Klage gegen ihn eingereicht; er droht ihm mit peinlichem Verhör und peinlicher Strafe. Der eingeschüchterte Bürger unterschreibt einen Zettel, durch den er sich verpflichtet, sofort das Land zu verlassen und fernzubleiben, bis der Kurfürst selbst ihm die Rückkehr gestatte. Zu seinem Eigentum durfte er nicht zurück. In ein Haus, das ihm bezeichnet wurde, brachte man ihm ein Pferd; da saß er auf und ritt davon. Von auswärts fragt er bei der Mutter seiner Frau an, warum sie ihn so bitter verklagt habe. Die Antwort lautet, sie wüßte nichts gegen ihn vorzubringen und hätte auch keine Klage getan. Nun selbstverständlich ein Gesuch an den Kurfürsten, das ihm sein Unrecht vorhält und um Wiederaufnahme im Lande bittet. Der aber lehnt es kurz und schneidend ab." Dieses betrogenen Ehemannes hat sich Luther mit Rat und Tat angenommen; er hat ihn unterstützt und zugleich Briefe für ihn an seine Frau und den Kurfürsten geschrieben. Diese Briefe fallen in die Zeit von Dezember 1527 bis zum Oktober 1528. Der Ton, in dem Luther an den Hohenzollern schreibt, wird immer erregter; schließlich droht er ihm ,,, da der Kurfürst genugsam verwarnt sei, dem kurfürstlichen Hut ins Futter zu greifen, daß die Haare emporstieben". Der Kurfürst hat sich durch diese Drohung nicht schrecken lassen, so daß Luther sich veranlaßt sah, das anstößige Treiben durch Flugschriften an den Pranger zu stellen. 40 Flugschriften gegen einen regierenden Fürsten, das war im Jahre 1528 etwas ganz Ungeheuerliches; war der Haß Joachims auch unberechtigt, so war er doch nicht unbegreiflich. Wegen seiner Habgier war dieser Hohenzoller weit über seine Landesgrenzen hinaus berüchtigt. Zur Befriedigung dieser Habgier benützte er auch seine Stimme im Kurfürstenkollegium, sein Mitbestimmungsrecht bei der Kaiserwahl. Fast ein Jahr vor dem Tode des Kaisers Maximilian bot er diesem seine Stimme für Karl, den Enkel des Kaisers an. Er verlangte dafür eine spanische Prinzessin für seinen zwölfjährigen Sohn. Diese wurde ihm bewilligt; Karl, der Enkel Maximilians, war König von Spanien. Joachim verhandelte aber zur gleichen Zeit auch mit dem König von Frankreich, der ebenfalls Kaiser von Deutschland werden wollte. Im August führten diese Verhandlungen zu einem festen Abkommen. Der Kurprinz, für den die spanische Prinzessin in Aussicht genommen war, verlobte sich nun mit einer französischen Prinzessin; für den standesgemäßen Unter- halt des zwölfjährigen Bräutigams zahlte der König von Frank- reich an Joachim I. jährlich 4000 Lire, und für Joachim selbst das Doppelte. Also 12000 Lire jährlich sollte der deutsche Kurfürst erhalten dafür, daß er bei der Kaiserwahl für den König von Frankreich stimmte, falls diese Stimme entscheidend sein sollte. Das erschien sehr wohl möglich, da für die Kaiser- wahl nur sieben Stimmen in Betracht kamen, und Albrecht, der Mainzer Kurfürst und Bruder des Brandenburgers, sich ebenfalls an diesem Handel beteiligte. Zur Gegenleistung für die Prinzessin und das Jahresgehalt von 12000 Lire gehörte allerdings auch, daß Frankreich das Recht erhielt, in Branden- burg Soldaten zu werben; der Kurfürst verkaufte also auch einen Teil seiner Landeskinder. Der Mainzer ließ sich einen namhaften Betrag als Kaufpreis° ‚für seine Stimme auszahlen, trat aber bald nachher von dem Vertrage zurück; das Geld behielt er. Der Kaiser hatte ihm ein 41 besseres Angebot gemacht:. Kaiser Maximilian erwirkte beim Papst, daß Albrecht Kardinal wurde, ohne die dafür festgesetzten Gebühren bezahlen zu müssen. Nachdem sein Bruder Kardinal geworden war, teilte Joachim seinem französischen Partner mit, die Aussichten für die Wahl seien gering, weil der Habsburger mehr geboten habe. Nur Geld könne helfen, und dieses Geld müsse schnell und reichlich übersandt werden. Die Antwort darauf wartete er nicht ab, sondern trat sofort wieder mit dem alten Kaiser in Verhandlungen ein. Der Kaiser äußerte sich zwar recht abfällig über die Habgier und Untreue des Hohenzollern; er wollte jedoch seinem Enkel die Kaiserwürde sichern, und dazu brauchte er die Stimme des Kurfürsten. Es kam also zu einem neuen Abkommen: Die Brandenburger gaben den Franzosen die Prinzessin zurück, behielten aber die 12 000 Lire, die sie für das erste Vertragsjahr bereits erhalten hatten. Der Kurprinz verlobte sich mit der spanischen Braut, wodurch er mit der Verwandtschaft des deutschen Kaisers und spanischen Königs in Verbindung trat; der Kaiser verpflichtete sich, für Ehegeld und Schmuck sofort 100 000 Gulden und später noch weitere 300 000 Gulden zu zahlen. Vor der Wahl kam es dann noch zu einem dritten Verkauf derselben Stimme für dieselbe Wahl: Der König von Frankreich erhöhte die Mitgift der Prinzessin auf 200 000 Taler; Joachim stellte das Verlöbnis seines Knaben mit der Französin wieder her. Als ,, den Vater aller Habgier" bezeichneten die spanischen Unterhändler für die Kaiserwahl den Kurfürsten von Brandenburg; es fällt hierbei aber auch ein Licht auf die Wahl an sich. Es waren ja nicht nur die Stimmen der beiden Hohenzollern käuflich; die deutsche Kaiserwürde wurde an den Meistbietenden verschachert. Und es muß sich doch wohl gelohnt haben, 42 so viel Bestechungsgelder dafür aufzuwenden. Auch die Kaiserwahl war ein Geschäft, Die ,, vaterländische Geschichte" stempelt auch die Erweiterung der Mark Brandenburg zum Königreich Preußen zu einem Beweis der besonderen Herrscherkunst der Hohenzollern. In der Vorstellung primitiver Untertanen sieht das etwa so aus, als hätten diese Regenten dem lieben Gott in die Erschaffung der Welt hineinverbessert, als hätten sie erst den Zwischenraum von Brandenburg bis über den Rhein ausgefüllt, als hätten sie ihn nachträglich erschaffen. Daß in diesen Gebieten auch vor der Herrschaft der Hohenzollern Jahrtausende hindurch Menschen gelebt und sich glücklich gefühlt hatten, das muß vielen Leuten erst noch gesagt werden, und es muß ihnen gesagt werden, daß die Vorfahren der allermeisten Preußen einmal recht unglücklich wurden, als sie unter die Herrschaft der Hohenzollern gerieten, als sie Preußen wurden. Preußen, oder Pruzzen, das war ein kleiner Volksstamm an der Ostsee, östlich der Weichsel; es waren nicht Deutsche, sondern Litauer. Vor siebenhundert Jahren wurde dieser Volksstamm vom Deutschen Orden ,, unterworfen" und ,, bekehrt", sagt die vaterländische Geschichte; sie sagt nicht, daß diese Menschen sich verzweifelt gewehrt haben, daß sie ihre Freiheit und den Glauben ihrer Väter verteidigt haben mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, und daß sie dann das gleiche Schicksal erlitten, wie es Hitler den Völkern Europas zugedacht hatte, daß sie mit Gewalt niedergehalten und gezwungen wurden, die Fremdherrschaft in ihrer Heimat, die Unterdrückung ihrer Religion durch die Ritter des Deutschen Ordens zu ertragen. Die vaterländische Geschichte sagt das zwar, aber sie sagt es nicht so, daß für den einfachen Untertanenverstand der Sinn erfaßt werden könnte; sie stellt die Vergewaltigung der eigentlichen Preußen als Heldentat des Deutschen Ordens dar. Weil die deutsche vaterländische Geschichte dies Jahrhunderte 43 hindurch so dargestellt hat, deshalb konnte auch Hitler noch für seine Pläne Gefolgschaft finden. Wenn man schon für sich die Achtung vor der eigenen Tradition in Anspruch nimmt, dann sollte man auch die Tradition der andern nicht verletzen; dann ist die Unterwerfung jedes Volkes und die Unterdrückung jedes Glaubens ein Gewaltakt, den die Menschheit nicht dulden dürfte. Wie kamen nun die Hohenzollern in den Besitz Preußens? Der Deutsche Orden" bestand aus katholischen Ordensleuten, die sich Ritter nannten und ihre Lebensaufgabe darin sahen, mit dem Schwert das Christentum zu verbreiten. Man wird hier unwillkürlich an ,, des Priors Lehrsprüche" in des katholischen Dichters Friedrich Wilhelm Webers ,, Dreizehnlinden" erinnert. Was er über Karl den Großen sagt, das trifft auch für diese bewaffneten Prediger des Christentums im Deutschen Orden zu: ,, Freiheit sei der Zweck des Zwanges, Wie man eine Rebe bindet, Daß sie, statt im Staub zu kriechen, Froh sich in die Lüfte windet. Beides schaffte Karl, der Franke, Liebenswertes, Hassenswertes; Hielt er fest am Kreuz der Kirche, Fester doch am Kreuz des Schwertes. Und mit rotgefärbten Händen Schwang er's gegen unsre Väter, Ein Apostel in der Brünne, Ein mit Blut bespritzter Beter. Uns uns selbst abzugewinnen Hat er todwund uns gehauen, Zeigend nach den Himmelsburgen Nahm er uns die Erdenauen. 44 Statt zu einen Deutschlands Stämme, Warf er fremde zueinander,\ Stark und groß, nur nicht so gütig, Wie der Grieche Alexander. Dreiundfünfzig Jahre lang wehrten sich die Preußen gegen das fremde Joch und das fremde Evangelium; weitere hundert Jahre wehrten sich die Litauer gegen das gleiche Los, und dann siegten am 15. Juli 1410 die katholischen Polen über die christlichen Ritter; das Ordensland Preußen kam unter pol- nische Lehnshoheit; die Deutschritter mußten nun dem König von Polen den Treueid leisten, wenn sie ihr Ordensland weiter regieren wollten. Damit begann ihr Niedergang. In dieser Notlage wählten sie den Prinzen Albrecht von Hohenzollern zum Ordensmeister. Zwanzig Jahre alt war dieser Prinz, und die Ritter des Deutschen Ordens wählten ihn nicht wegen seiner persönlichen Fähigkeiten; aber er war der Vetter des Kurfürsten von Brandenburg, der Vetter des Kurfürsten von Mainz, der auch Kardinal und Erzbischof von Magdeburg und Halberstadt war; mit der Macht der Hohen- zollern in Deutschland wollte sich der Deutsche Orden ver- binden durch die Wahl des zwanzigjährigen Hochmeisters; man erwartete davon einen stärkeren Schutz gegen Polen. Der Hohenzoller erfüllte nicht nur diese Hoffnung nicht, sondern tat das Gegenteil; er trat zur neuen Lehre über, verwandelte das geistliche Ordensland in ein weltliches Herzogtum, leistete dem König von Polen den Treueid und erhielt dafür das Her- zogtum Preußen als erbliches Lehen; was bis dahin Eigentum des Ordens gewesen, das gehörte ihm nun persönlich und ver- erbte sich in seiner Familie. Statt geistlicher Vorgesetzter war er nun weltlicher Fürst; die Ritter legten ebenfalls ihre Ordens- tracht ab, wurden Großgrundbesitzer und heirateten. Um die Erbfolge Albrechts war es freilich schlecht bestellt; sein Sohn war blödsinnig. Aber der Brandenburger Hohen- 45 zoller, Joachim II., hatte zu seiner zweiten Frau eine Tochter des Königs von Polen; er setzte bei seinem Schwiegervater durch, daß seine Familie in die Erbfolge des Herzogtums Preußen mit einbezogen wurde. Es genügte dazu allerdings nicht allein die verwandtschaftliche Beziehung als Schwiegersohn; Joachim mußte auch ansehnliche Summen als Bestechungsgelder für die polnischen Höflinge aufwenden und hohe Tributzahlungen an den König von Polen leisten; aber diese Aufwendungen wurden ja aus dem Volke herausgepreẞt; bei der Vermehrung des hohenzollernschen Hausbesitzes war immer wieder das Volk, das bezahlen mußte, ob es kriegerische Eroberungen waren oder friedliche Kaufverträge. An Schulden wurden unter Joachims Regierung von den ,, Ständen" bewilligt, aber vom Volke bezahlt: 5 Millionen Taler, und trotzdem waren am Ende dieser Regierung weitere zweieinhalb Millionen Taler Schulden vorhanden. es Als der blödsinnige Sohn Albrechts nach dessen Tode den Thron bestieg, regierten seine Höflinge. Diese mußten unter anderem auch Gewalt anwenden, den blödsinnigen Herzog zu zwingen, den Willen seines Vaters zu erfüllen. Albrecht hatte ihm nämlich eine klevische Prinzessin zur Frau bestimmt, um die Hohenzollern auch in die Erbfolge des Herzogtums JülichKleve einzureihen. Mit Gewaltanwendung durch die Hofleute wurde diese Ehe zustande gebracht. Dieser Ehe entsproß kein Sohn, aber zwei Töchter. Ihr geisteskranker Vater war gewiß keine Empfehlung für sie als Gattinnen und Mütter kommender Geschlechter; aber das bedeutete den Hohenzollern weniger, als die Vermehrung ihrer Macht und ihres Besitzes. Diese preußischen Prinzessinnen erbten den Anspruch auf die Herzogtümer Preußen und JülichKleve, waren also für politische Abenteurer begehrenswert. Die brandenburgischen Hohenzollern sicherten sich deshalb in der bei ihnen üblichen Weise gegen die Gefahr, es könnten diese beiden Herzogtümer ihrer Familie verloren gehen. Der 46 Kurprinz Joachim Friedrich verheiratete seinen Sohn Johann Sigismund mit der ältesten dieser Prinzessinnen, und als er selbst Witwer wurde, heiratete er zur größeren Sicherheit die jüngere Schwester seiner Schwiegertochter, die dadurch seine Schwägerin und die Schwiegermutter ihrer älteren Schwester wurde. Der Kurfürst war der Schwager seines Sohnes und der Vormund seines Schwiegervaters, des geisteskranken Herzogs. Man braucht nicht Anhänger einer radikalen Rassentheorie zu sein, um Mißtrauen zu hegen gegen die Produkte einer derart konzentrierten Inzucht; diese gehörte aber zu der so viel gefeierten Leistung der Hohenzollern, die Mark Brandenburg zum Königreich Preußen zu erweitern. 1614 erbten sie JülichKleve, und 1618 das Herzogtum Preußen. Ueber Johann Sigismund regierte seine Frau, die Tochter des blödsinnigen Herzogs. Er war ein kränklicher und schwerfälliger Mann, ein Faulenzer und Trinker, der lieber seinen Bauch pflegte, als über Staatsgeschäfte nachdachte. Seine Frau war der eigentliche Regent, im Hause, am Hofe und im Lande. Widersetzte er sich einmal, dann blieb sie nicht bei Drohungen, sondern ging auch zur Tat über; das Tafelgeschirr, das ihm an den Kopf flog, unterstützte nicht selten ihre Argumente. Die beiden gaben das Musterbild einer politischen Ehe. Und daraus erwuchs Georg Wilhelm, der Fürst, den die. Berliner auf der Siegesallee als elegante Reiterfigur bewundern konnten, der aber in einer Sänfte auf den Thron getragen werden mußte. Seine Mutter, die schon den Vater beherrscht hatte, griff auch ihrem Sohn recht energisch in die Regierungszügel, die er ohnehin nicht fest in seinen schwachen Händen. hielt. Dafür nur ein Beispiel, das des Raummangels wegen genügen muß: Beim Regierungsantritt mußte der jeweilige Kurfürst von Brandenburg in Warschau vor dem polnischen König erscheinen, um für das ehemalige Ordensland und nunmehrige Herzogtum Preußen den Lehnseid zu leisten. Dieses Land war ja 47 vorläufig noch ein Lehen und unterstand der Oberhoheit des Königs von Polen. Der Kurfürst mußte dem König kniend ge- loben,„treu und gehorsam zu sein von dieser Stunde bis zum letzten Tage seines Lebens, niemals einem Rate beizuwohnen oder bei einer Tat zu helfen, durch die der polnische König sein Leben oder ein Glied verliert, überhaupt ihm und dem polnischen Reich gegen den eindringenden Feind Hilfe zu leisten. Es mag wohl heute noch für manchen Deutschen unvorstellbar sein, wie die Vertreter ihres„angestammten Herrscherhauses” sich kniend vor dem König von Polen, und diesen Schwur leistend, in Warschau präsentierten. Sie haben damit nicht etwa ihren Untertanen gedient, sondern einzig und allein ihrer Macht- und Habgier. Während Georg Wilhelm zur Erfüllung dieser unwürdigen Zeremonie nach Warschau reiste, verlobte seine Mutter in Berlin die Schwester des Kurfürsten mit dem ärgsten Feind Polens, dem Schwedenkönig Gustav Adolf. Als der König von Polen dies erfuhr, durfte er wohl mit Recht Zweifel hegen an der Zuverlässigkeit eines hohenzollernschen Eidschwurs. Friedrich Wilhelm, der„Große Kurfürst“, war im Gegensatz zu seinen Vorgängern ein unternehmungslustiger Mann, aber was man als deutsche Tugend bezeichnet, das finden wir auch in seinen Handlungen nicht.. Auch er hat bei seinem Re- gierungsantritt vor dem polnischen König gekniet und ihm seine Treue beschworen; das hinderte ihn aber nicht, sich mit Schweden gegen Polen zu verbünden. Seinem Volke brachte dies nur Leid, und ihm selbst eine neue Demütigung; er mußte sich nun dem König von Schweden in der gleichen Weise zum Gehorsam verpflichten, wie vorher dem Polen. Sein Land war bis dahin vom Dreißigjährigen Krieg verschont geblieben; nun lernte es alle Beschwerden dieses Krieges kennen. Durch sein Bündnis mit Schweden brach der Große Kurfürst aber auch gleichzeitig ein solches mit den Niederlanden, für welches er viel Geld angenommen hatte. Nur so viel über seine Treue. 48 Sein Deutschtum zeigte er in seinen Verträgen mit Ludwig XIV. von Frankreich gegen den deutschen Kaiser. In seinem Vertrage vom 25. Oktober 1679 wurde der Große Kurfürst faktisch zu einem Beamten des Königs von Frankreich und Brandenburg zu einer französischen Kolonie. Durchzugsrecht für die französischen Truppen und deren Aufnahme in die brandenburgischen Festungen, wenn die Kriegslage dies erfordern sollte, das bewilligte den Franzosen der Große Kurfürst, der die Oberhoheit des deutschen Kaisers über sich nicht anerkennen wollte. Im Artikel 13 dieses Vertrages heißt es: ,, Stirbt der Kaiser, ohne daß ein Nachfolger gewählt ist, so stimmt und wirbt der Kurfürst wieder in erster Linie für den König von Frankreich, da er ihn vermöge seiner hohen und heroischen Tugenden und seiner Macht für fähiger als jeden andern hält, die Kaiserkrone zu tragen." Hunderttausend Lire jährlich waren der Preis, mit dem sich der Hohenzoller diese gute Meinung über den König von Frankreich bezahlen ließ. Dieser Betrag wurde verdreifacht, als der Kurfürst am 11. Januar 1681 gelobte ,,, Recht oder Unrecht eines französischen Gesuchs um Waffenhilfe nicht zu untersuchen". Also auch bei offenkundigem Unrecht den Franzosen zu helfen, verpflichtete sich dieser deutsche Fürst 1684 erhielt er gegen einen Sold von 300 000 Lire im Jahr. eine weitere Zulage; der König von Frankreich erhöhte die jährlichen Zahlungen an den Großen Kurfürsten um weitere 200 000 Lire, also auf eine halbe Million Lire, als Friedrich Wilhelm sich verpflichtete, einen Reichskrieg gegen Frankreich zu verhindern. Nicht die Freundschaft mit Ludwig XIV., nicht die Verhinderung des Kriegs soll hier an den Pranger gestellt sein, sondern die bezahlte Freundschaft und die Gründe, aus denen der Krieg verhindert wurde, und es soll daran erinnert werden, wieviel Blut geflossen ist infolge der planmäßigen Schürung des Hasses gegen den Erbfeind. Wo es in die Pläne 4 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie 49 der Hohenzollern zu Macht- und Gelderwerb paßte, da gab es für sie keinen Erbfeind; der war nur für das Volk da, um es für die Interessen der Hohenzollern in Tod und Verderben zu treiben.- Die deutschen Fürsten, und zu seiner Zeit an ihrer Spitze Friedrich Wilhelm I. von Hohenzollern, sie wollten keine Zentralgewalt in Deutschland, keine Zusammenfassung der Deutschen als Nation unter der Herrschaft eines deutschen Kaisers. Der so verderbliche Partikularismus war die Form, in der die Beherrscher der vielen Kleinstaaten willkürlich regieren und sich bereichern konnten. Und weil auch Frank- reich ein starkes Deutschland nicht wünschte, deshalb verband sich der Große Kurfürst mit Ludwig XIV. zum Landesverrat und ließ sich diesen Verrat gut bezahlen. Dem deutschen Volke wäre im Dreißigjährigen Krieg schon und seit dem Dreißigjährigen Krieg viel Blutvergießen erspart geblieben, wenn nicht der Große Kurfürst seine persönlichen Interessen und die seiner Familie den Interessen des Volkes vorangestellt hätte. Sein Sohn machte Brandenburg zum Königreich Preußen. Auch das lebt in der Vorstellung des Durchschnittsdeutschen so, als seien sie dadurch den Hohenzollern zu ganz besonderem Dank verpflichtet. Wieso der Untertan eines Königs irgendwie besser gestellt ist als der eines Kurfürsten, das weiß kein Mensch zu sagen, und es ist auch nirgendwo verzeichnet, welchen Nutzen das Volk durch die Umwandlung des Kur- fürstentum in ein Königreich erfahren hätte. Aber dem Sohne des Großen Kurfürsten genügte der Titel Kurfürst nicht mehr; auch seine Frau drängte zu noch größerer Prachtentfaltung, als sie ohnehin schon am kurfürstlichen Hofe betrieben wurde. Zehntausend Söhne des Brandenburger Landes wurden ihren Familien entrissen und dem Kaiser als Soldaten zur Verfügung gestellt; das war der Preis, mit dem Friedrich seinen Königs- titel bezahlte. Zehntausend Brandenburger mußten ihre Heimat s0 verlassen und in fremden Ländern kämpfen, bluten und sterben, damit ihr Kurfürst sich fortan König nennen dürfe. Der Kanzler Friedrichs, Freiherr von Danckelmann, war so ehrlich oder unvorsichtig, den König wissen zu lassen, er halte diesen Preis für den Königstitel zu hoch. Zur Strafe dafür entließ ihn Friedrich aus seinem Amt. Der Kurfürstin genügte diese Entlassung als Strafe nicht; auf ihr Betreiben wurde Danckelmann verhaftet und in den Kerker geworfen. Erst nach ihrem Tode war es möglich, ihm im Gefängnis eine etwas bessere Behandlung zuteil werden zu lassen; seine Freiheit erlangte er erst wieder durch Friedrichs Nachfolger. Der Nachfolger Danckelmanns, der Reichsgraf von Wartenberg, verstand es besser, seinen Herrn zufriedenzustellen. Daß sein Vorgänger im Kerker schmachtete, erinnerte ihn ja jederzeit daran, wie man es nicht machen darf. Seine Frau, die Reichsgräfin, war zugleich die Mätresse des Königs und der eigentliche Regent des Landes, denn sie setzte bei Friedrich in allen Dingen, sowohl bei Hofe wie in der Regierung, ihren Willen durch; nach ihrem Willen wurde der Prunk bei den Festen entfaltet, und sie war es, die ihren Günstlingen die Ämter und Orden beschaffte. Und Johann Casimir, ihr gehörnter reichsgräflicher Gemahl, nutzte dies in schamlosester Weise aus. Er brachte es bald zu einem Jahresgehalt von 123 000 Talern für seine nutzlosen Dienste und verschaffte sich außerdem Macht und Geld durch Vereinigung mehrerer Ämter in seiner Hand. Millionen Taler nahm er mit, und seine Frau für eine halbe Million Taler Diamanten, als die Günstlingswirtschaft zu Ende ging und sie ihren Wohnsitz nach Frankfurt verlegten. Allein daraus schon kann man sich ein Bild machen von den Zuständen am Hofe des ersten Königs von Preußen. Wo mehrere Millionen Taler in die Tasche eines einzelnen verschwinden können, da muß das Geld ziemlich reichlich rollen; wo eine Mätresse zu dem Luxusleben noch für eine halbe Mil51 554 lion Taler Diamanten sammeln kann, da mag die Heiligkeit der Ehe sonderbar gebettet sein, und wo die Ehrlichkeit be- straft wird, da haben diese beiden ganz'gewiß nicht als einzige Reichtum gesammelt. Und alles bezahlte das Volk. Die Hohenzollern blieben trotz aller Verschwendung und aller Prachtentfaltung schwerreiche Leute. König Friedrich I. bezahlte nicht, nur seinen Königs- titel mit Leib und Leben seiner Untertanen; er verkaufte sie auf. alle Kriegsschauplätze Europas; vierzehn Millionen Taler soll er während seiner Regierungszeit aus solchen Verkäufen erworben haben. Und solche Geschäfte machten in dieser Zeit nicht nur die Hohenzollern. Ferdinand Freiligrath sagt über die derzeitigen Untertanen: „Sie sind.in ihrer Herren Dienst so hündisch treu! Sie lassen willig sich zum Mississippi und Ohiostrom, nach Kanada und an den Mohrenfels verkaufen. Stirbt der Sklav’, so streicht der Herr den Sold ein, doch die Witwe darbt; 1 die Waisen zieh'n den Pflug und hungern. Dürfen wir geringschätzig herabsehen auf die Menschen, die so hündisch treu waren? Wir, die wir im zwanzigsten Jahrhundert noch zwölf Jahre lang das Joch des National- sozialismus getragen haben! Wir haben heute dazu kein Recht mehr! Bis zum Jahre 1933 konnte uns immerhin Mitleid mit jenen Menschen bewegen. Sie waren ja hineingeboren in diese Rechtsordnung, die ihre totale Rechtlosigkeit war. Von Ahnen! und Urahnen war ihnen die Meinung überliefert, diese Landes- herren seien die ihnen von Gott gesetzte Obrigkeit, diese Rechtlosigkeit sei ihnen von Gott bestimmt. Sie konnten noch nicht lesen und schreiben; es gab noch keine Zeitungen, keine Eisenbahnen, keine Flugzeuge und keinen Rundfunk. Die Menschen konnten noch nicht mit anderen Menschen über die 52| engen Landesgrenzen hinweg in Verbindung treten und ihre Gedanken über Recht und Unrecht austauschen; sie erfuhren noch nicht, daß nicht alle Menschen als Eigentum ihrer Landes- herren betrachtet und behandelt wurden. Die einzige Stelle, von der aus sie unterrichtet wurden, war die Kanzel in der Kirche, und hier wurde ihnen das Gottesgnadentum ihrer Despoten bestätigt; in vielen Ländern war ja der Erzbischof auch der weltliche Landesherr, der Klosterabt der weltliche Gebieter, der Klostervogt der von allen gefürchtete Mann. Es lebten freilich zu allen Zeiten auch. Menschen, die nicht einverstanden waren mit dieser Karikatur von Recht und Ge- rechtigkeit, die sich auflehnten gegen die Meinung, dieses offenbare Unrecht sei von Gott gewollt, sei unabänderlich. Es kam auch gelegentlich zu offenem Widerstand gegen die Will- kür’der Herren; es kam zu Versuchen, das Joch der Sklaverei abzuschütteln. Nachdem Martin Luther auf geistlichem Gebiet der Macht der Kirche den Kampf angesagt hatte, da regte sich bald hier und bald da auch der Widerstand gegen die weltliche Obrigkeit. Aber dies führte noch immer dazu, die Ketten fester zu schmieden. Die Machthaber hatten die Gesetze auf ihrer Seite; die Gesetze, die sie selbst zu ihrem Schutze, zur Sicherung ihres Eigentums und zur Aufrechterhaltung ihrer Macht erlassen hatten. Diese Gesetze waren nicht Recht, aber sie galten als Recht. Das Volk war dazu erzogen, sie für Recht zu halten. Die Macht der Despoten war in Hirnen- und Herzen der Untertanen fest verankert; die Tradition hatte sanktioniert, was unrecht war und das Unrecht schützte. Wer eintrat für das Recht, der verletzte die Gesetze, lehnte sich auf gegen‘die Tradition. Es war den Herrschaften von Gottes Gnaden leicht gemacht, diejenigen zu vernichten, die Recht verlangten und sich für das Recht einsetzten. Wir können das heute wieder leichter verstehen, nachdem wir es noch einmal erlebt haben; nachdem wieder einmal ein Despot dem deut- schen Volke seinen Willen als Gesetz aufgezwungen hat. Auch 53 das hat die Ueberlieferung unrechter Rechtsbegriffe möglich gemacht. So wie Hitler, so erklärten auch damals schon die Despoten jeden Kämpfer für das Recht als Verbrecher, weil er gegen die Gesetze handelte. Und dann fanden sie jedesmal in den Reihen der Sklaven die Henker, welche die Freiheits- kämpfer niederschlugen. Immer wieder waren es die Geknech- teten selbst, die ihre Befreiung verhinderten, die auf Befehl ihrer Tyrannen einschlugen auf diejenigen, deren Ziel die Ueberwindung der Tyrannei war. „Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen? Die wenigen, die was davon erkannt, Die töricht g’nug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.” So läßt Goethe den Faust sprechen und kennzeichnet damit erschütternd wahr das Schicksal derer, die auch in jenen dunklen Tagen das Recht erkannten und dem Recht die Bahn freizumachen versuchten. Weil sie durch die Gesetze zu Ver- brechern gestempelt wurden, weil im Bewußtsein der Massen die Gesetze als von Gott gegeben geachtet wurden, deshalb wurden diejenigen verbrannt und gekreuzigt und geköpft und gehangen, die Recht und Wahrheit erkannten und verteidigten; die Tyrannen hätten das nie gekonnt, wenn ihnen nicht eine zum Unverstand dressierte Masse dienstbar gewesen wäre. Auch Hitler fand noch eine solche Masse, fand auch im zwan- zigsten Jahrhundert noch die traurigen Folgen der Tradition. Aber die Entwicklung der tatsächlichen Lebensverhältnisse ließ sich nicht aufhalten, und stärker trat in Erscheinung, wie sehr die Rechtsbegriffe der Vergangenheit in Widerspruch standen zum wirklichen Leben. Um die Mitte des 18. Jahr- hunderts lebten nicht mehr die Menschen in Sippen und Stammesverbänden, die den Schutz der Ritter gegen Raubtiere und räuberische Nachbarn brauchten; Herrschaft und Vor- rechte des Adels standen völlig ohne den Anschein einer 54 Gegenleistung für ihre Vorrechte da. Was das Volk zum Lebensbedarf brauchte, das schaffte ein rühriges und tüchtiges Bürgertum. Mancherlei Naturkräfte waren entdeckt, neue Arbeitsmethoden erfunden; einem hochentwickelten Handwerk kam bereits die Dampfkraft, die Maschine zu Hilfe; in großen Städten blühten Handel und Gewerbe; das Reich der Sterne über uns hatte dem Menschengeist seine Geheimnisse lüften müssen; aus den Reihen des nichtadeligen Volkes waren so viele Kräfte und so viele Leistungen in den Dienst der Allgemeinheit übergegangen, daß für die Vernunft auch nicht der geringste Anlaß mehr bestand, dem sogenannten Adel der Geburt irgendwelche Vorrechte einzuräumen. Im Gegenteil: Die Sprossen der sogenannten alten Geschlechter hatte Inzucht und Drohnendasein degeneriert; fast allerorten kannte man lächerliche Figuren, die ihr von" zum Gespött der Leute machten. Es wuchs die Zahl derer, die nur noch zähneknirschend ertrugen, daß Adel und Klerus herrschte, daß diese die Steuern festsetzten und verpraßten, die andere zu bezahlen hatten. " 1 König Friedrich II. machte bereits Konzessionen an den aufkommenden Geist der Kritik und vernünftigen Beurteilung. der Verhältnisse. Er erklärte mit Worten, der König sei des Staates Erster Diener. In seiner Praxis machte er damit nur die höchsten Beamten zu Dienern des Ersten Dieners, denn auch er duldete keinen Widerspruch gegen seinen Willen. Vergleicht man ihn mit seinen Vorgängern und Nachfolgern, dann verdient Friedrich II. seinen Beinamen ,, der Große", aber der Kult, den man auch noch im Dritten Reich mit diesem Namen getrieben hat, war maßlose Uebertreibung. Ganz besonders den Tatsachen widersprechend war es ,,, Fridericus Rex" für den Auftrieb des Nationalismus in den Vordergrund zu schieben und Gegensätze zwischen ihm und Frankreich zu konstruieren. Friedrich war französich erzogen; er sprach, schrieb und dichtete in französischer Sprache; die französischen 55 55 Sein Schriftsteller Maupertuis, La Mettrie und Voltaire lebten an seinem Hofe. Sein Vater hatte versucht, die Rechte des Adels zu beschneiden; Friedrich erweiterte diese Vorrechte. Vater hatte Wert auf tüchtige Beamte gelegt; Friedrich zerstörte das Verantwortungsgefühl seiner Beamten, indem er alles von seinem Willen abhängig machte. Seine Kriege führte er leichtfertig und gewann sie nur durch äußere Umstände, die nicht sein Verdienst waren. Aber er war ein ,, aufgeklärter Despot" und verachtete selbst diejenigen, die sich ihm so willenlos unterstellten. Ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: ,, Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen". Der Stammvater der Nachfolger Friedrichs II. war sein jüngerer Bruder August Wilhelm. Zu ihm sagte der König während des Siebenjährigen Krieges im Jahre 1757 einmal: ,, Kommandieren Sie einen Harem, wenn's beliebt; aber solange ich lebe, werde ich Ihnen das Kommando nicht über 10 Mann mehr anvertrauen!" Friedrich hatte keinen Sohn. Hätte der jüngere Bruder länger gelebt als er, dann wäre dieser sein Nachfolger geworden, der Mann, dem der König nicht das Kommando über zehn Mann anvertrauen wollte. Recht und Gesetz hätten diesen Mann zum unbeschränkten Herrscher über ein ganzes Volk gemacht. Das müßte allein genügen, den Widersinn der erblichen Macht zu beweisen. August Wilhelm starb, bevor er weiteres Unheil anrichten konnte, aber sein Sohn Friedrich Wilhelm II., der dadurch den Thron Friedrichs des Großen erbte, hätte noch mehr als sein Vater verdient, davongejagt zu werden. Er richtete tatsächlich in Berlin den größten Harem der Hohenzollerngeschichte ein. Schon in seiner Jugend lautete die Auskunft eines seiner Vertrauten über ihn: ,, Er hat alles mit den Mädchen durchgebracht; er hat unter andern eine, die ihn 30 000 Taler im Jahr kostet. Das Geld, welches er braucht, um die Spione seines 56 Onkels( des Königs Friedrich II.) zu bestechen, beläuft sich auf ebensoviel. Sie glauben nicht, wie viele Male ich mir die Freiheit genommen habe, ihm zu sagen, wie wenig sich seine Lebensweise für einen großen Fürsten schicke, aber sein Hang zum Vergnügen ist zu entschieden; er wird davon niemals zurückkommen; er wird täglich toller." Es wurde sogar viel toller, als dieser Hohenzoller nicht mehr die Spione des königlichen Onkels zu bestechen brauchte, als er ohne jede Einschränkung seinen Gelüsten nachgehen und die Mittel dazu aus der Staatskasse entnehmen konnte. 30 000 Taler waren Bagatellen, als er mit vier Frauen und zahlreichen Liebschaften schwelgte, als er seine Kupplerin zur Gräfin und deren uneheliche Kinder zu Grafen und Gräfinnen machte. Auch diese von ihm gemachten Grafen galten ja als adelig und wurden von den Steuern des Volkes ,, standesgemäß" unterhalten. In die Regierungszeit dieses ,, Königs" drang von Frankreich her die Verkündung der Menschenrechte. ,, Die Menschen werden frei und mit gleichen Rechten geboren und bleiben. es auch", so beginnt diese Verkündung. Der Ursprung jeder unumschränkten Herrschaft ruht wesentlich in der Nation. Keine Körperschaft und kein Individuum kann eine Autorität ausüben, die nicht ausdrücklich von ihr ausgeht." - Das war eine frohe Botschaft für die Geknechteten, aber eine gefährliche Wahrheit für die Machthaber. Für frohe Botschaften wie für gefährliche Wahrheit war aber noch die schnellste Uebermittlerin die Postkutsche, und nur wenige Menschen fanden in der Postkutsche Platz. Den Fürsten standen Extraposten zur Verfügung; sie erfuhren schneller von der Gefahr als das Volk von der frohen Botschaft. Sie begriffen auch schneller die Bedeutung der französichen Revolution; was ihre Macht bedrohte, das wußten sie allezeit zu beurteilen. Und was entscheidend war: Die Machthaber in 57 Deutschland begruben sofort alle Streiterei, die sie untereinander hatten; gegen die Revolution schlossen sie sich einmütig zusammen. Manche üble Begleiterscheinung der Revolution entstand erst durch den Kampf der deutschen Fürsten gegen das revolutionäre Frankreich. Der Beistand von außen her verstärkte Dieser Widerstand den Widerstand der Reaktion im Lande. der Reaktion zwang die Führer der Revolution zu schärferen Maßnahmen, lieferte so viele an die Guillotine, die der ReakDie wirklichen Reaktion überführt oder verdächtig waren. tionäre hätten sich wahrscheinlich mehr zurückgehalten oder schneller mit den Tatsachen abgefunden, wenn sie nicht auf die Hilfe der deutschen Fürsten vertrauten; es wären nicht so viel Verdächtige hingerichtet worden ohne die Versteifung und Verlängerung des Widerstandes von Deutschland her. Mit den Greueln, die so ganz wesentlich das Werk der deutschen Fürsten waren, konnte man hundertfünfzig Jahre lang in Deutschland Furcht und Abscheu gegen die französische Revolution, und damit auch gegen jede Revolution, aufrecht halten. Auch das wirkt sich heute noch aus; auch heute noch bedeuten die Namen Danton und Robespierre für viele Deutsche den Inbegriff aller Scheußlichkeit. Und die Republik fand Massen von Feinden, deren Feindschaft nur auf den in dieser Weise geschürten Haß gegen die Revolution aufgebaut war. Friedrich Wilhelm II. war der erste, der gegen die Menschenrechte zu Felde zog; er war auch der erste, der mit der Revolution Frieden schließen mußte. Die unter seiner liederlichen Regierung vernachlässigte preußische Armee versagte völlig im Kampf gegen das Volksheer der Revolution. Das linke Rheinufer als neue Ostgrenze Frankreichs war der Erfolg des Preußenkönigs. Außerdem leitete er damit die nun folgenden Unglücksjahre für Preußen ein; sein Nachfolger wurde durch Napoleon bis in den nordwestlichsten Zipfel seiner Lande getrieben. In Tilsit mußte Friedrich Wilhelm II. die Hälfte 58 Preußens abtreten, um in dem verengten Gebiet noch König bleiben zu können. Daß dann die Volkskraft mobil gemacht und Napoleons Macht in Deutschland gebrochen werden konnte, das verdanken wir nicht einem Hohenzollern, sondern dem Nassauer Freiherrn vom Stein und dem Hannoveraner Freiherrn von Hardenberg. Daß Friedrich Wilhelm III. diese Männer schalten und walten ließ, das verdanken wir Napoleon, der ihn so klein gemacht hatte, beileibe nicht der besseren Einsicht dieses geschlagenen Königs. Auch Karl August von Hardenberg gehörte durch seine Geburt zu den bevorrechteten Ständen; er war Freiherr und wurde Fürst; aber er hatte Verstand und Gerechtigkeitssinn. Er hatte die Feste am Hofe Ludwig XVI. mitgefeiert und kannte die Zustände, die zur französichen Revolution führten; er warnte vor dem Kampf gegen diese Revolution. In seiner Denkschrift zur Reorganisation Preußens vom 12. September 1807 sagt er u. a.: - - ,, Die französiche Revolution gab den Franzosen unter Blutvergießen und Stürmen einen ganz neuen Schwung. Alle schlafenden Kräfte wurden geweckt, das Elende und Schwache, veraltete Vorurteile und Gebrechen wurden- freilich zugleich Imit manchem Guten zerstört. Die Benachbarten und Ueberwundenen wurden mit dem Strome fortgerissen. Der Wahn, daß man der Revolution am besten durch Festhalten am Alten und durch strenge Verfolgung der durch solche geltend gemachten Grundsätze entgegentreten könne, hat besonders dazu beigetragen, die Revolution zu fördern und ihr eine stets wachsende Ausdehnung zu geben. Die Gewalt dieser Grundsätze ist so groß, sie sind so allgemein anerkannt und verbreitet, daß der Staat, der sie nicht annimmt, entweder seinem Untergang oder der erzwungenen Annahme derselben entgegensehen muß." 59 Mit Hardenberg versuchte auch Gneisenau und Freiherr vom Stein, die Grundsätze der französischen Revolution in Preußen einzuführen, freiwillig einzuführen, damit sie nicht erst durch eine Revolution erzwungen werden müßten. Diese Männer haben freilich die Macht der Tradition in Deutschland unterschätzt; es hat noch mehr als hundert Jahre lang gedauert, bis die Revolution auch uns die Menschenrechte brachte, und selbst dann noch bedurfte es einer militärischen Katastrophe, um die Revolution in den Sattel zu heben. In den Jahren nach dem schmachvollen Frieden zu Tilsit duldete König Friedrich Wilhelm III. die Reformen v. Steins und Hardenbergs. Aufhebung der Adelsvorrechte und Steuerbefreiungen, Befreiung der Bauern aus ihrer Hörigkeit, Gewerbefreiheit, Religionsfreiheit und Toleranz waren das Ziel dieser Reformen. Heranziehung des Rates des Rates der Bürger zu öffentlichen Angelegenheiten, Mitarbeit in der Verwaltung der Gemeinden usw. dienten dazu, das Volk mit dem Staat zu verbinden, im Volke das Gefühl zu wecken, es sei sein Vaterland, für das es opfere und schaffe. So wurde es möglich, die Volkskraft zusammenzufassen zu den Opfern und Leistungen in dem drei Jahre währenden deutschen Freiheitskrieg. Leider brachte er die Freiheit nur den deutschen Despoten! Die Hoffnungen der deutschen Menschen auf Freiheit wurden schmählich enttäuscht, eben durch ihre Despoten, die ihnen Freiheit versprochen hatten, um sie zur Hergabe ihres Letzten für das Vaterland zu gewinnen. Kaum fühlten diese Despoten sich frei von der Macht Napoleons, von der das Volk sie freigemacht hatte, da benützten sie diese Freiheit zur erneuten schrankenlosen Unterjochung dieses Volkes, das so viel Tapferkeit und so viel Opfer für diese Freiheit aufgebracht hatte für die Freiheit seiner Tyrannen! - Aus war es mit den Reformen Hardenbergs und Steins; das Volk hatte mit Napoleon auch seine eigenen Rechte nieder60 00 geschlagen. In einer Kabinettsorder vom 22. Mai 1815 hatte der preußische König die Einführung einer Repräsentation des Volkes versprochen; bald darauf wurde in Wien in der Bundes- akte die Einführung einer landesständischen Verfassung fest- gesetzt; sobald Napoleon aus dem Lande war, dachte keiner der deutschen Fürsten mehr daran, sich von irgendeiner Volks- vertretung oder irgendeiner Verfassung mit Volksrechten in ihre Geschäfte dreinreden zu lassen. Es war nicht viel, diese Repräsentation des Volkes und diese landesständische Verfassung; es blieb auch die Repräsen- tation des Volkes auf die Stände, auf den Adel und Klerus beschränkt; es gab auch die Verfassung nur den Ständen, dem Adel und Klerus, einige Rechte; aber es war doch ein kleiner Fortschritt gegenüber der absoluten Willkür. Friedrich Wilhelm war schon beim Erlaß seiner Kabinetts- order so vorsichtig oder so hinterhältig gewesen, daß er keinen Zeitpunkt für ihr Inkrafttreten festsetzte. Als die Bürgermeister von Trier, Köln und Koblenz, sowie die Stände der Grafschaft Mark den König alleruntertänigst an sein Versprechen er- innerten, antwortete er durch Kabinettsschreiben vom 21. März 1818: „Weder in dem Edikte vom 22. Mai 1815, noch in dem Artikel 13 der Bundesakte ist eine Zeit bestimmt, wann die landständische Verfassung eintreten soll. Nicht jede Zeit ist die rechte, eine Veränderung in der Staatsverfassung einzu- führen. Wer den Landesherrn, der diese Zusicherung aus ganz freier Entschließung gab, daran erinnert, zweifelt freventlich an der Unverbrüchlichkeit seiner Zusage und greift seinem Urteile über die rechte Zeit der Einführung dieser Verfassung vor. Der Untertanen Pflicht ist es, den Zeitpunkt abzuwarten, den Ich, von der Uebersicht‘ des Ganzen geleitet, zu ihrer Er- füllung geeignet finden werde.” Noch 22 Jahre lang haben die braven Untertanen gewartet 61 auf die Einlösung des Königswortes, an dessen Unverbrüch- lichkeit zu zweifeln Frevel war! Dann starb Friedrich; er hat den Zeitpunkt für die Ein- führung der Verfassung nicht festgesetzt, so daß auch sein Sohn und Nachfolger diese Einführung weiterhin verbieten konnte. Friedrich Wilhelm III. geriet eben nicht mehr in eine Not- lage, in der er„Zusicherungen” an das Volk„aus ganz freier Entschließung‘ hätte geben müssen. Von der Mach"Napoleons befreit, trat er ein in die„Heilige Allianz’ mit den Beherrschern Rußlands und Oesterreichs. Die Aufgabe dieser„Heiligen Allianz war das gemeinsame Niederschlagen alles ‚dessen, was den Menschen heilig war, ihre Freiheit und jegliche Re- gung freien Denkens. Julius Mosen klagt in seinem Gedicht„Die Völkerschlacht”: „Es wollten viel treue Gesellen Sich kaufen ein Vaterland; Zu Leipzig mit eisernen Ellen Ein freies Vaterland. Bei Leipzig ruhet begraben So mancher Mutter Kind; Ihr Grablied sangen die Raben, Die dort geflogen sind. Was fraget ihr, Todesgenossen, Die ihr da unten ruht; Was half es, daß geflossen, So viel von rotem Blut. Und dennoch: Die Menschenrechte ließen sich in Deutsch- land noch unterdrücken, aber sie gewannen Raum in den Herzen und Hirnen der Menschheit. Im Westen des Reiches hatte man einen Hauch der Revolution verspürt; die Herr- schaft Napoleons war vom Geiste der Revolution durchweht. 62 Die Fremdherrschaft" hatte den Menschen Rechte gegeben, von denen sie unter der Sorge ihrer Landesväter nicht einmal träumen durften. Der König wagte ja auch nicht, diese Rechte restlos zu beseitigen; wir behielten im Rheinland noch einiges davon bis zur Einführung des BGB. im Jahre 1900. Und die wirtschaftliche Entwicklung stand nicht still; die wirtschaftlichen Beziehungen überbrückten die politischen Grenzen; der politisch so völlig rechtlose dritte Stand gelangte zu bedeutender wirtschaftlicher Macht, und diese wirtschaftliche Macht des dritten Standes stempelte die ,, Stände" als Träger der politischen Vorrechte zur Karikatur. Und mit der wirtschaftlichen Macht wuchs auch das Selbstbewußtsein des dritten Standes, des Bürgertums. Mehr und mehr Bürger wurden es, die erkannten, daß sie es waren, die dem Staatskörper Blut und Leben gaben, daß sie es waren, von deren Leistungen Adel und Klerus zehrten, und kleinlauter wurden auch die Adeligen, die durch ihr ,, standesgemäßes Dasein" in Schulden bei den wirtschaftstüchtigen Bürgern gerieten. Die Vernünftigen aus den Ständen wandten sich bürgerlichen Berufen zu; das wurde zwar anfangs noch als Standesverrat und eines Edelmannes unwürdig bezeichnet, aber gleichzeitig erregte die Lebenshaltung so manches Kaufmanns und Fabrikherrn den Neid derer ,, von und zu". Es half ihnen vielfach noch die Ueberschätzung dieses ,, von" innerhalb der Bürgerschaft, aber auch um diese Hilfe zu erlangen, mußten sie ein Standesvorurteil aufgeben; sie heirateten Bürgerliche, schlossen. ,, Mesallianzen". So oder so, die Adeligen mischten sich unter das Volk, und es entstanden Geldfürsten, vor die auch der Landesherr keine Scheidewand mehr zu stellen wagte. Eisenbahn und Telegraph, Handel und Verkehr brachten die Menschen einander näher, machten es möglich, Gedanken und Erfahrungen auszutauschen; die Menschen in Deutschland, die zu denken fähig waren, erkannten die Schmach ihrer politischen Rechtlosigkeit. 63 63 Als im Februar 1848 in Paris erneut die Revolution aufflammte, da gingen auch die deutschen Demokraten zur Tat über; am 18. März mußte auch ein Hohenzoller, König Friedrich Wilhelm IV., den Hut ziehen vor einer siegreichen deutschen Revolution. Mit einer schwarzrotgoldenen Armbinde ritt der König durch Berlin, um dem Volke seine Anerkennung der Menschenrechte zu zeigen. Er tat dies freilich knirschend vor Wut, weil es seinen Soldaten und Kanonen nicht gelungen war, die Barrikaden des Volkes in Berlin zu überwinden. Da war wieder einmal ein Hohenzoller in Not und machte dem Volke Versprechungen; er eröffnete sogar eine Nationalversammlung mit dem Auftrage, eine Verfassung zu schaffen. Gleichzeitig tagte auch in Frankfurt eine deutsche Nationalversammlung, die dem Reich eine demokratische Verfassung geben sollte. Es sah so aus, als ginge nun endlich auch für Deutschland die Sonne der Freiheit auf. Nur ein Teil des Volkes hatte energisch seinen Willen kundgetan; das genügte, um alle die Throne und Thrönchen zum Wackeln zu bringen. In den deutschen Kleinstaaten retteten die Fürsten ihre Herrschaft, indem sie dem Volkswillen teilweise entgegenkamen und der Demokratie in beschränktem Umfange Eintritt gewährten; nur den Hohenzollern und den Habsburgern, Preußen und Oesterreich gelang es noch einmal, ihre unbeschränkte Macht wiederherzustellen. 64 re Die Bourgeoisie Was die bereits siegreiche Revolution von 1848 zum Schei- tern brachte, verdient besonders beachtet zu werden, weil es heute noch eine dringliche Warnung für uns bedeutet. Auf den Barrikaden in Berlin hatten mit den bürgerlichen Demokraten die Arbeiter gekämpft; neun Zehntel der Todes- opfer waren Arbeiter; der Sieg wurde nur dank dieser Mit- hilfe errungen. Als nun aber auch die Arbeiter ihre Forderun- gen an die Revolution stellten, als auch sie"Rechte im Staat verlangten, da zeigte sich die politische Unreife auch der deutschen bürgerlichen Demokraten. Für sich, für den dritten Stand, wollten sie die Gleichberech- tigung mit Adel und Klerus; daß aber auch die Arbeiter, der vierte Stand, mit ihnen gleichberechtigt sein sollte, davor er- schraken sie wie vor einem Weltuntergang. Die Bürgerwehr stellte sich dem König zur Verfügung, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Dagegen wäre nichts einzuwenden; die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung liegt jederzeit im allgemeinen Interesse, und der König hatte ja auch zugestan- den, die Forderungen der Demokraten zu erfüllen. Bezeich- nend für die Haltung des Bürgertums ist aber der Handwerker- kongreß, der nach Frankfurt einberufen wurde Zu diesem Kongreß hatten auch die Gesellen Delegierte gewählt; die Handwerksmeister verweigerten diesen Gesellen die Teilnahme ‚am Kongreß. Erst nach langem Widerstreben erklärten die Meister sich bereit, die Gesellenvertreter zu den Verhand- lungen zuzulassen, aber nur mit beratender Stimme. Das lehnten die Gesellen ab und veranstalteten einen eigenen 5 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie 65 Kongreß. Dabei waren die Gegensätze zwischen Handwerksmeistern und Gesellen gar nicht so erheblich; die Meister waren überdies in der Mehrzahl; 457 000 Handwersbetriebe beschäftigten 385 000 Gesellen; die Mehrzahl der Gesellen gedachten, in absehbarer Zeit selbst Meister zu werden und legten keinen besonderen Wert darauf, den Gesellen allzuviel Rechte einzuräumen; auch die Forderungen der Meister waren alles andere als revolutionär. Dennoch lehnte der Volkswirtschaftliche Ausschuß der Nationalversammlung die Eingabe der Handwerksmeister ab. Nationalversammlung und Volkswirtschaftlicher Ausschuß waren liberal, wie auch die Handwerksmeister; weder hier noch da kam man über den Streit um Kleinigkeiten hinaus; Beschlüsse, die etwas grundsätzlich ändern sollten, kamen auch in der Nationalversammlung nicht zustande. Inzwischen hatte der König Zeit, seine Pläne vorzubereiten. Am 9. November löste er die preußische Nationalversammlung auf, die er am 22. Mai eröffnet hatte. Die Nationalversammlung folgte dieser Auflösung nicht sofort; am 10. November trieb General Wrangel sie auseinander. Ein Bericht darüber lautet: ,, Nachdem General v. Wrangel zu den Truppen in der Mohrenstraße zurückgekehrt war, stieg er ab und setzte sich auf einen Stuhl, der aus einem Hause gebracht wurde. Bald erschien der Kommandeur der Bürgerwehr ,, mit unbedecktem Haupte, rechts von seinem Stabschef Duncker, links von seinem Adjutanten geführt, und erklärte: Die Bürgerwehr sei entschlossen, die Freiheit des Volkes, die Würde der Nationalversammlung zu schützen, und sie würde nur der Gewalt weichen. Ruhig und freundlich erwiderte der General: Sagen Sie der Bürgerwehr, die Gewalt wäre nun da, ich werde nun mit den Truppen für die Ordnung einstehen; die Nationalversammlung wird binnen 15 Minuten den Sitzungssaal verlassen, und dann wird auch die Bürgerwehr abziehen.' 66 Major Rimpler kehrte zur Bürgerwehr am Schauspielhause zurück. Noch war die bestimmte Zeit nicht abgelaufen, als die Abgeordneten paarweise die Freitreppe des Schauspielhauses hinabstiegen und, von Zurufen des Volkes begleitet, in Prozession nach der Taubenstraße zogen und verschwanden." Und dem König, der dies veranlaßt hatte, bot nachher noch die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt die deutsche Kaiserkrone an! Wir können wahrhaftig nicht stolz sein auf unsere Vorfahren von 1848. Eher noch empfindet man Sympathie für den König, der diese Kaiserkrone ablehnte und sie als ,, einen Reif aus Dreck und Letten gebacken" bezeichnete. Diese Unfähigkeit des deutschen Bürgertums, sich zu einem großen politischen Ziel zu vereinen, ist erklärlich aus dem durch viele Jahrhunderte überlieferten Knechtsdasein; sie hatte zur Folge, daß auch nach 1848 noch trotz aller wirtschaftlichen Gegebenheiten die politische Entrechtung bestehen. blieb, daß alle Kämpfer für Freiheit und Einigkeit des Reiches niedergemetzelt, aus dem Lande vertrieben oder eingekerkert wurden. Und auch die Republik scheiterte an diesem Geist. Es ist nicht vornehmlich böser Wille, der einen vernünftigen Fortschritt behindert. Gegen bösen Willen würde leichter aufzukommen sein. Es ist in der Hauptsache ehrliche Ueberzeugung, die am Alten klebt und sich wehrt gegen alles, was an die Stelle des Ueberlieferten treten könnte. Daß die alte Ordnung zerstört und dennoch wieder Ordnung an ihre Stelle treten sollte, das will ihnen nicht in den Sinn; zu fest ist in ihrem Bewußtsein der Begriff Ordnung mit dem alten Staat verwachsen. Mit dem Staat, der 1918 zusammenbrach, mit dem Staat, an dessen Spitze der Kaiser stand. Im Elternhaus, in Kirche und Schule, in den Krieger-, Turn- und Sportvereinen, in Büchern und Zeitungen wurde dieser Staat als das Werk 5° 67 der Hohenzollern verherrlicht; alles, was ihr Dasein beeinflußte, kam nach ihrer Meinung von Gott, von der ihnen von Gott Freiheit kannten sie gesetzten Obrigkeit, den Hohenzollern. nicht, sie haben infolgedessen auch die Freiheit nicht entbehrt. Die materiellen Daseinsbedingungen waren zur Zeit der Hohenzollern, so weit sich die heute lebenden Menschen derer erinnern, tatsächlich besser als heute, auch als sie seitdem gewesen sind. Nicht alle Menschen denken so. Mehrere Millionen Arbeiter wurden durch die Organisation erfaßt und unterrichtet über die wahren Zusammenhänge. Wir leben seit dem Abtreten der Hohenzollern unter den Folgen des ersten Weltkrieges, den ja die Hohenzollern noch herbeigeführt und verloren haben. Und ehe wir diese Folgen ganz überwinden konnten, zerschlugen die Nationalsozialisten unsern Aufbau wieder, und auch der Nationalsozialismus als Auswuchs von Nationalismus und Militarismus hat seine Wurzeln im Kaiserreich, Königreich und Kurfürstentum. Aber auch bei weitem noch nicht alle Arbeiter haben das begriffen; sie hören und lesen es, aber es dringt nicht in ihr Bewußtsein. Was sie erleben, jetzt erleben, körperlich empfinden, dagegen ist mit Vernunftgründen nicht anzukommen. Sie haben früher besser gelebt, lebten sogar unter der Naziherrschaft im Kriege besser als heute; in den Hirnen, die der Obrigkeitsstaat geformt hat, verbindet sich mit diesen Tatsachen keine Logik, kein Ueberlegen über das Warum, nur das instinktive Gefühl: Die Regierung ist schuld! Man gerät in Verzweiflung, wenn man nur bei einem einzelnen versucht, diesen Instinkt zu widerlegen; erst recht schwer ist es, Massen davon zu bekehren, solange die Daseinsbedingungen schwer sind, solange diese Massen entbehren und darben müssen. Und zur Katastrophe muß das führen, wenn nicht alles mögliche geschieht, denen das Handwerk zu legen, die böswillig diese Verfassung unseres Volkes für schlimme Zwecke aus68 89 werten, die böswillig die Auffassung bestärken, die jetzige Obrigkeit sei verantwortlich für den Zustand, der doch nur das Werk derer ist, die zu der Not des ersten Weltkrieges noch das Verderben eines zweiten Weltkrieges gefügt haben. Die Verbrecher am Volke gehen ja noch weiter; sie flüstern den leidenden und deshalb verbitterten Menschen zu, man lasse sie absichtlich leiden, man wolle sie ausrotten. Wenn unsere ehemaligen Feinde uns ausrotten wollten, dann brauchten sie nichts weiter zu tun als abzurücken; das Ausrotten würden in diesem Falle die Verzweifelten unter sich besorgen unter Anleitung derer, welche uns die Selbstvernichtung aufzwingen wollten und dies durchgeführt haben bis auf den Zustand, in dem wir uns heute befinden. Welche Demokratie? Auch das ist ein dicker Knüppel auf dem Wege zur Demokratie, daß wir Veranlassung zu der Frage haben: Welche Demokratie? Es ist freilich ein Symptom derselben Krankheit, der politischen Unreife, deren Herkunft wir bereits beleuchtet haben. Die Vielzahl der Parteien verhinderte in der Republik die Zusammenfassung der Kräfte; wir sind jetzt auf dem besten Wege, wieder zu der gleichen Zahl von Parteien zu kommen; eine Zahl kann man jetzt noch nicht nennen; man weiß ja nicht, wie hoch diese Zahl sein wird, wenn diese Schrift gedruckt ist. Müßte nicht jede Parteigründung von der Militärregierung genehmigt werden, dann wäre die Auswahl jetzt schon nicht mehr zu übersehen. Wir Deutsche, wenn wir völlig 69 69 frei handeln dürften, wir hätten der Welt schon wieder in noch vollständigerer Weise unsere politische Unreife zur Schau gestellt, als wir es bis jetzt schon getan haben. Es gibt verschiedene Beweggründe, aus denen heraus sich eine Partei zusammenfindet. Verschiedene Meinungen über die rechten Mittel und Wege zur Förderung des Gesamtwohls sollten in der Demokratie die einzig berechtigten Gründe sein. Solche Meinungsverschiedenheiten erklären aber keineswegs die Zahl der jetzt schon bestehenden Parteien. Unsere Zukunft ist vorläufig noch so dunkel, daß noch nicht ein einziges Programm für sich in Anspruch nehmen kann, klar durchdacht und von Ueberzeugung getragen zu sein. Um einen Plan oder ein Programm aufzustellen, von dessen Vortrefflichkeit man überzeugt sein kann, muß man wissen, welche Mittel zur Durchführung dieses Programms oder Plans vorhanden sind. Das weiß aber noch niemand in Deutschland, mithin kann auch noch kein Programm eine Gefolgschaft um sich sammeln, die von der Güte desselben begeistert wäre. In dieser Betrachtung scheiden natürlich die Parteien aus, die ein altes Programm mit weitgestecktem Ziel haben. Es soll hier keine Werbung für irgendeine Partei Platz haben, aber ganz streng objektiv betrachtet, besteht in diesem Sinne nur noch die Sozialdemokratische Partei. Ihr Programm besteht in seinen Grundzügen seit 83 Jahren und erstrebt den Sozialismus. Das ist ein Ziel, das unstreitig nicht für eine Sondergruppe, sondern für das ganze Volk erstrebt wird, es rechtfertigt also die Bildung einer politischen Partei, und es ist nicht an die jeweilige Staatsform gebunden; es wurde im Königreich, wie im Kaiserreich und in der Republik vertreten und hat konsequent zur Grundlage die Demokratie, die Verwirklichung mit friedlichen Mitteln. Das Programm gestattete der SPD. jederzeit die innere Fortentwicklung und bedarf also auch heute keiner Aenderung, da es die Stellungnahme zu den Tagesfragen frei läßt. 70 70 Wenn sich nun noch diejenigen zu je einer Partei zusammenschließen, die Demokratie, aber keinen Sozialismus wollen, und diejenigen, welche Demokratie ablehnen, dann wäre damit die Reihe der berechtigten politischen Parteien erschöpft. Alle anderen Parteien und Gruppen vertreten Sonderinteressen, die innerhalb der großen Parteien zu behandeln wären, die aber nicht die Bildung einer besonderen politischen Partei rechtfertigen, die im Gegenteil die gedeihliche Arbeit einer Demokratie nur stören können. Das Zentrum hatte schon in der Republik keine Daseinsberechtigung mehr. Die Zentrumspartei war notwendig, als Bismarck die katholische Kirche unterdrückte, im Kulturkampf. In einer Demokratie besteht für einen politischen Zusammenschluß auf Grund der Religion keine Veranlassung; auch ein solcher Zusammenschluß kann nur als Hindernis der Demokratie wirken. Für jeden Demokraten ist die Freiheit des Religionsbekennt- nisses selbstverständlich; es bedeutet also bereits ein Miẞtrauen gegen die Demokratie, wenn die Gründung einer politischen Partei aus religiösen Gründen erfolgt, wenn sich Staatsbürger als Vertreter einer Weltanschauung in die Politik einmischen. Indem sie als Vertreter einer Weltanschauung auftreten, bekennen sie, daß sie nicht Demokraten sind. Bedeutet ihr Auftreten ein Mißtrauen gegen die Demokratie, dann rechtfertigt es noch mehr das Mißtrauen gegen sie selbst. Den politischen Körperschaften stehen nur Maßnahmen zu, die das Wohl der Gesamtheit betreffen; der Staat hat nur die Angelegenheiten zu regeln, die das Volk in seiner Gesamtheit berühren. Innerhalb des so vom Staat gezogenen Rahmens hat jeder einzelne und jede Gruppe die Freiheit, aber auch die Pflicht, die eigenen Angelegenheiten selbst zu ordnen. Wer kein Vertrauen zur Demokratie hat, der soll das offen bekennen; er hat im demokratischen Staat nicht nur das Recht dazu, sondern er sollte es als anständiger Mensch auch für 71 seine Pflicht halten. Sein Platz ist dann aber in einer anti-. demokratischen Partei, ganz gleich, wie sie sich nennen mag, nur darf diese Partei nicht den Anschein erwecken, als sei sie demokratisch. Das ist ein unehrlicher Kampf gegen die Demokratie, und dagegen sollte der demokratische Staat sich schützen. Die Wähler, die einer solchen Partei ihre Stimme und politische Macht geben, die tun das in der gleichen Unwissenheit, wie die ehemaligen Wähler der NSDAP. Getarnte Feinde sind immer gefährlicher als offene Feinde. Einen offenen und ehrlichen Meinungsgegner kann man bekämpfen und dennoch achten, den hinterhältig getarnten nicht. Der Hauptteil des ehemaligen Zentrums tarnt sich jetzt als christliche Demokraten. Indem man neben die Demokratie eine christliche Demokratie stellt, macht man die Demokratie den Christen gegenüber minderwertig. Ein vernünftiger Grund für diese Parteibildung ist unerfindlich; man wird also, auch ohne dies zu wollen, veranlaßt, nach dem wahren Grund zu forschen. Die berechtigten politischen Interessen der Christen sind identisch mit denen aller anderen Bürger des demokratischen Staates. Die Christen haben das Recht und die Pflicht, diese allgemeinen Interessen zu fördern, sich politisch zu betätigen; aber sie haben dieses Recht und diese Pflicht als Staatsbürger, nicht als Christen. Was sie als Christen besonders zu erledigen haben, das ist Angelegenheit der Kirche, die ja in der Regelung ihrer Aufgaben ebenso frei ist, wie jede andere Korporation. Freilich auch nur ebenso frei. Sonderrechte stehen auch der Kirche nicht zu; durch Sonderrechte für die Kirche würde die Demokratie zerstört. Die Freiheit jedes Staatsbürgers hat da ihre Grenze, wo sein Handeln mit den Interessen eines andern, oder mit der Allgemeinheit in Berührung kommt. Genau so muß die Freiheit jeder Korporation, also auch der Kirche, sich da bescheiden, wo es sich um Aufgaben des Staates handelt. Eine 72 72 besondere Vertretung der Kirche in der Politik ist also weder erforderlich noch zulässig, wenn vollkommene Demo- kratie herrschen soll. Chritliche Demokratie ist in sich ein Widerspruch. Christentum kann sich in einem demokratischen Staat frei ent- falten; Demokratie aber ist innerhalb des Christentums nicht möglich. Voraussetzung für die Demokratie ist die Ausschal- tung der Tradition als bestimmender Faktor; die Vernunft muß in jedem Falle entscheiden, was zu geschehen hat. Vernunft wird immer die Erfahrung zur Urteilsbildung heranziehen; sie wird von dem Ueberlieferten nur das beibehalten, was sich als gut erwiesen hat; sie wird nichts deshalb ausschalten, weil es überliefert ist, aber‘sie wird auch nichts beibehalten, weil es überliefert ist; sie wird neue Wege einschlagen und neue Mittel anwenden, wenn diese nach vernünftiger Prüfung Aus- sicht auf Erfolg bieten.: Auf dem Gebiet der Religion gibt es keine Erfahrung, sondern nur Ueberlieferung. An die Stelle der Vernunft tritt in der Religion der Glaube. Der Glaube ist auch da geboten, wo die Vernunft widersprechen möchte; der Glaube steht höher als die Vernunft, der Glaube an das, was nach‘der Ueber- lieferung gelehrt wird. Die Kirche vermittelt den, Gläubigen diese Ueberlieferung; sie hat für ihre Lehre keine andere Grundlage, als die Ueber- lieferung, sie kann also keinesfalls verzichten auf ihre Autori- tät in der Ausdeutung dieser Ueberlieferung. Die Autorität der Kirche ist das Fundament, auf dem sie steht; ohne diese Autorität wäre der Bestand der Kirche nicht möglich. In der Kirche ist also keine Demokratie denkbar. Woher soll dem- nach die christliche Demokratie kommen? Was kann man sich unter christlicher Demokratie vorstellen? Auch ehrlichste An- erkennung der politischen Demokratie seitens der Kirche schafft keine christliche Demokratie, läßt innerhalb der Kirche keine Demokratie zu. Die Kirche kann ihren Gläubigen nicht 73 anheimstellen, mit darüber zu urteilen, was von der Ueberlieferung wahr und was nicht wahr ist, was sie glauben oder nicht glauben müssen. Das wäre Selbstvernichtung der Kirche, und die erwartet niemand von ihr. Erst recht im demokratischen Staat genießt sie vollen Schutz in allem, was die Verbreitung und Vertiefung ihrer Lehre betrifft, in allen Dingen, die Bezug auf das Weiterleben nach dem Tode haben. Die Zahl ihrer Gläubigen, die ja wie alle andern Staatsbürger ihre politischen Rechte haben, garantiert der Kirche ja auch innerhalb der eigentlich politischen und politisch berechtigten Parteien ihre ausreichende Vertretung. Warum also eine ,, Christlich Demokratische Union"? Ohne Grund wird sie nicht da sein! Aber der Grund ist getarnt; man darf ihn vermuten, weil er nicht vernünftig zu erkennen ist. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Vertreter der Kirche die Demokratie anerkennen. In ihrem Bereich müssen sie unter allen Umständen die unbedingte Autorität aufrecht halten. Sie können eine Gefahr für die Kirche darin sehen, wenn im Staatsleben die Vernunft an die Stelle der Tradition tritt; ihre Gläubigen könnten, wenn sie in weltlichen Dingen ihre Vernunft gebrauchen, auch in Kirchenangelegenheiten zu einer kritischen Einstellung kommen; sie könnten, wenn sie die Ehrfurcht vor der Tradition im weltlichen Geschehen verlieren, auch zu Zweifeln an der Tradition überhaupt gebracht werden. Außerdem haben die Kirchenfürsten mehr als tausend Jahre zu den ,, Ständen" gehört, haben die Macht der Fürsten mitgestaltet und mit gefördert, waren vielfach gleichzeitig Träger der weltlichen Macht. Die Einführung der Demokratie schließt sie von dieser Machtstellung aus. Vielfach waren sie schon dem Nationalsozialismus nur deshalb gram, weil dieser die Rechte der Kirche antastete. Das sind Gründe genug zu der Annahme, die Kirche wolle auch weiterhin in irgendeiner Form 74 t e t 1 ב ג e t e I t e I in die Politik dreinreden. Darin läge die Erklärung für das Bestehen des Zentrums und auch der christlichen Demokraten als politische Parteien. Dem Zentrum, das sich wenigstens in seiner Bezeichnung nicht auf die Demokratie beruft, kann man in diesem Sinne die Daseinsberechtigung nicht bestreiten; es würde zu den Gegnern der Demokratie zu zählen sein. Aber in den Reihen der Katholiken und auch der Protestanten sind viele, die keine Einmischung der Kirche in die Politik wünschen, daß die Religion in den politischen Kampf hineingezogen wird, daß die Seelsorger gleichzeitig politische Kämpfer sind. Diese religiösen Christen, die politisch Demokraten sind, zu sammeln und gegen die Demokratie zu gebrauchen, das erscheint nach alledem als die Aufgabe der christlichen Demokraten. Ohne sie brauchten sich die Demokraten nicht freie Demokraten zu nennen, denn das heißt so viel wie weißer Schimmel oder schwarzer Rappe; Demokraten sind freie Menschen oder doch Menschen, die Freiheit wollen; zu ihrer Bezeichnung genügt das Wort Demokraten. Demokraten, deren Ziel individualistisch ist; Sozialdemokraten, die den Sozialismus erstreben; Antidemokraten, die zurückwollen in Monarchie oder Diktatur; diese Auswahl würde genügen, um die deutschen Wähler bei kommenden Wahlen vor eine klare Entscheidung zu stellen, und sie würde ermöglichen, einer kommenden Regierung klare Richtlinien zu geben. Freilich bedarf es dazu vorher noch einer intensiven Aufklärung, die durch den jetzt herrschenden Papiermangel stark gehemmt ist. Träte aber nur eine beschränkte Anzahl von Parteien mit klar umrissenen Gemeinschaftszielen vor die Wähler, so würde das auch diese Schwierigkeit auf ein Mindestmaß herabdrücken. Der Wähler, dem von vielen Parteien in den Grundzügen das gleiche gesagt wird, vermag schwerlich, zu einer Entscheidung zu kommen. So entstehen falsche Hoffnungen, die enttäuscht werden 15 75 müssen, so entsteht das Wandern von Partei zu Partei, so entstehen weitere Parteien, so wird das Uebel vergrößert, das die Ursache des Mißerfolges war. Es sollte keine Parteibildung gestattet sein, die lediglich populäre, aber politisch unvernünftige Forderungen aufstellt, nicht aber die Wege aufzeigt, wie diese Forderungen erfüllt werden können. Auch das ganze Volk einmütig in einer Partei hinter einer unvernünftigen Forderung kann nicht möglich machen, was der Natur nach unmöglich ist. Individualismus, oder das Herausstellen großer Persönlichkeiten als der schöpferischen Kräfte. Sozialismus, das Vertrauen auf die Gemeinschaftsidee? Diese Frage trennt die Demokraten von den Sozialdemokraten. Diese Frage muß innerhalb der Demokratie durch das Volk entschieden werden; sie rechtfertigt mithin das Bestehen zweier demokratischer Parteien. Die Kommunistische Partei bekennt sich heute auch zur Demokratie und hatte den Sozialismus zum Ziel; für ihr Bestehen neben der Sozialdemokratischen Partei ist also kein Grund ersichtlich. Allenfalls könnten die Gegner der Demokratie sich dann noch trennen in Anhänger der Monarchie und solche der Diktatur. Mit vier Parteien wäre also unbedingt erfüllt, was nötig, und auch was zulässig sein sollte. Zusammenschluß als Rheinländer, Niedersachsen, Hausbesitzer, Mittelstand, Kriegsbeschädigte, Mieter, Sparer, Briefmarkensammler, Brieftaubenzüchter, Nichtraucher usw. ist Unfug, ebenso wie die Trennung als Juden und Christen, als Gottgläubige und Freidenker Unfug ist. Als Interessengemeinschaften für Sonderinteressen mögen solche Zusammenschlüsse tragbar sein, aber die allgemeinen Interessen als Staatsbürger sollten den wirklich politischen Parteien übertragen werden. Der Staat hat nur allgemeine Interessen zu regeln. 76 6 Nur!? Innerhalb der Demokratie sollte es ein„Nur!” nicht geben. _ Wenn Menschen gemeinsam Mittel und Wege suchen, um aus einer gemeinsamen Not herauszukommen, dann ist es für jeden schwer zu ertragen, daß einer sagt:„Nur ich habe das richtige Rezept!“ Daß er es für richtg hält, das glauben ihm die andern auch ohne eine solche Behauptung, und sie nehmen ihm das gewiß nicht übel; sie erwarten sogar mit Recht von ihm, daß er nur das vorschlägt, was er für richtig hält. Ob es aber wirklich richtig ist, das kann er nicht wissen, und die andern wissen, daß er es nicht wissen kann. Angenehmer diskutiert man jedenfalls mit Leuten, die ihre Meinung als ihre Meinung vortragen und nicht als die allein berechtigte Meinung. Wir haben für die vor uns liegenden Aufgaben kein fertiges Rezept! Wir haben noch nie vor einer derartigen Aufgabe gestanden; noch niemand hat eine solche Aufgabe gelöst; niemand hat also eine Erfahrung, die ihn berechtigen könnte, seine Ansicht oder seinen Plan als allein richtig zu betrachten. Trotzdem hören oder lesen wir fast täglich:„Nur die Rück- kehr zu Gott kann uns retten!”» Es soll gewiß niemanden das Recht bestritten werden, Abtrünnige zur Rückkehr zu Gott zu mahnen, aber das sollte man tun unter Berufung auf das Seelenheil dieser Menschen, nicht unter Heranziehung politischer Verhältnisse. Meist wird es ja gedankenlos dahergeplappert oder geschrieben, und es wird auch zumeist aufgenommen ohne einen ernsthaften Ge- Fer danken; aber dann ist es doch auch vollkommen sinnlos und kann keine Wirkung haben. Wer jedoch darüber nachdenkt und es gar gläubig aufnimmt, der gelangt zu verrückten Schlußfolgerungen. Zur Rechtfertigung der nachstehenden Betrachtung sei vor- ausgeschickt, daß die Masse der konfessionell gebundenen Menschen als Abkehr von Gott ansieht, die Gebote der Kirche nicht zu erfüllen; gottlos ist für diese Masse jeder, der nicht zur Kirche geht, nicht zur Beichte oder Abendmahlsfeier kommt. Für die eine Konfession gilt in der Regel sogar die Zugehörigkeit zu einer andern Konfession als Irrglaube, also ebenfalls als eine Abkehr von Gott./ Diese Menschen hören und lesen nun: Nur die Rückkehr zu Gott kann uns retten! Retten aus der wirtschaftlichen Not, in der wir uns befinden; retten aus dem furchtbaren Elend, unter dem wir leiden. Wenn das wahr ist, daß die Rückkehr zu Gott uns aus dieser. Not befreien kann, wenn es sogar wahr sein sollte, daß n u* die Rückkehr zu Gott der einzige Weg zur Rettung ist, dann liegt das Weiterbestehen dieser Not ja einzig in dem Willen Gottes! Dann ist ja auch diese Not gekommen einzig und allein durch den Willen Gottes! Und wenn die Rückkehr zu Gott. diesen Willen Gottes zu wandeln vermag, wenn nur die Rück- kehr zu Gott das vermag, dann sind ja alle anderen An- strengungen, alles andere Ueberlegen und Planen zwecklos! Dann ist jede Verwaltung und Regierung überflüssig, es sei denn, daß die Regierung nichts weiter tut, als die Rückkehr zu Gott zum einzigen Gesetz zu machen. "Zu Gott zurückkehren heißt, die Gebote der Kirche befolgen! Der Staat muß sich also der Kirche unterstellen; die Regierung muß bei der Kirche anfragen, was sie zu tun habe. Es bleibt nur die Frage, bei welcher Kirche? Nicht wahr, das ist Unsinn! Aber es ist nicht Unsinn, wenn das Wort:„Nur die Rückkehr zu Gott kann uns retten!” Sinn 78 haben soll; Unsinn ist die einzig mögliche Schlußfolgerung aus dieser Behauptung. Es geht nämlich noch gröberer Unsinn daraus hervor: Liegt die Rettung ganz und gar im Willen Gottes und ist sie abhängig von der Rückkehr zu Gott, dann ist die Not eine Strafe Gottes für die Abkehr von Gott. Die Schuldigen sind dann diejenigen, die sich von Gott abgewandt haben. Und solange sich nun nicht die Freidenker und Andersgläubigen den Geboten der einen Kirche unterstellen, solange gelten sie bei den Gläubigen dieser einen Kirche als die Schuldigen daran, daß die Not immer noch nicht von uns genommen wird; für die Katholiken zählen dann zu diesen Schuldigen auch die Protestanten, und für die Protestanten auch die Katholiken. Hitler und seine Horden waren nach dieser Darstellung Werkzeuge Gottes; sie haben nur den Willen Gottes vollstreckt! So sagte auch Goebbels; wir haben dies seinerzeit als eine ungeheuerliche Gotteslästerung aufgenommen; nun vernehmen wir die Rechtfertigung des Propagandaministers aus den Reihen derer, die für sich in Anspruch nehmen, Gott näher zu stehen, über Gottes Willen ganz intern unterrichtet zu sein. Selbstverständlich nehmen wir nicht an, diese Leute wollten wirklich dasselbe sagen, was Goebbels behauptet hat; aber was sie sagen, bedeutet im Grunde dasselbe; eine unsinnige Behauptung läßt eben nur unsinnige Konsequenzen zutage treten, wenn man sie auf ihren Wert untersucht. Es ist trotz- alledem nötig, den ganzen Unsinn aufzuzeigen;„Nur die Rück- kehr zu Gott kann uns retten!” ist ja nicht die gelegentliche Entgleisung eines einzelnen Agitators, sondern wird ganz all- gemein verkündet von den Stellen, die für einen großen Teil des Volkes Autorität bedeuten. Hinter ihnen steht die Be- rufung auf Gott! Es ist ein Mißbrauch der Religion im poli- tischen Kampf, im Werben für eine politische Partei und poli- tische Ziele. Es wird durch diese unsinnige Phrase aus dem politischen Geschehen eine religiöse Angelegenheit gemacht. 29 Die Macht Hitlers im Staate war eine politische Angelegenheit. Die Frage ,, Diktatur oder Demokratie?" betrifft die Politik und nicht die Religion. Den Krieg haben politische Maßnahmen herbeigeführt, und die Folgen des Krieges zu überwinden erfordert eine vernünftige Politik, erfordert insbesondere die Zusammenfassung aller aufbauwilligen Kräfte, auch die Kräfte derer, die nicht einer Konfession angehören, die in ihrer Meinung über ein Leben nach dem Tode verschiedener Meinung sind. Auch eine Wiederholung des Krieges zu verhindern, ist Aufgabe der Politik. Wir sind durchaus berechtigt zu der Feststellung, daß der zweite Weltkrieg als entscheidende UrEinem sache die Uneinigkeit des deutschen Volkes hatte. einigen Volke gegenüber hätte kein Hitler aufkommen können. An dieser Uneinigkeit trug wesentlich auch die Trennung der Menschen nach Konfessionen bei, und daß sich diese Trennung auch in der Politik auswirkte, daß die Religion in den politischen Streit gezerrt wurde. Als Folge dessen sehen wir heute den Ruin, das Elend des ganzen Volkes, unter dem die Juden wie die Christen, die Rechtgläubigen wie die Irr- und Ungläubigen zu leiden haben. Aus dem Elend herauszukommen, wie auch eine Wiederholung zu verhindern, müssen demnach die Ursachen ausgerottet werden. Dazu gehört nicht irgendeine Rechthaberei, nicht eine Abneigung gegen diese oder jene Konfession, sondern dazu verpflichtet die Sorge um das ganze Volk. Politik mit Religion zu verquicken hat sich als Unheil erwiesen, gehört mit zu den Ursachen unserer gemeinsamen materiellen Not. Ueberwindung dieser Not und Abwehr ihrer Wiederholung ist nötig für uns alle, und wir bedürfen dazu die bereitwillige Mitarbeit aller. Wird der Aufbau gestört durch die gleichen Ursachen, die auch zum Ruin beigetragen haben, dann besteht doppelte Veranlassung, gegen diese Ursachen den Kampf aufzunehmen. Schon Johann Hus und Martin Luther haben erfahren, daß eine Kritik an den Leuten, welche die Kirche repräsentieren, 80 den Schrei auslöst: ,, Die Religion ist in Gefahr!" Hus wurde im Namen Christi verbrannt, so wie Christus selbst gekreuzigt wurde. Martin Luther entging nur mit knapper Not dem gleichen Schicksal, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden im Namen dessen, der geboten hat: ,, Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" ,, Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die linke dar!" Tuet Gutes denen, die euch hassen!" Nicht nur Johann Hus wurde wirklich verbrannt, nicht nur Martin Luther kam mit knapper Not am Scheiterhaufen vorbei; aber es waren Menschen, die so unmenschlich handelten, so unmenschlich und erst recht unchristlich; kein denkender Katholik wird heute behaupten oder glauben, daß diese Menschen den Willen Gottes ausführten. Aber wenn diese Menschen als Repräsentanten der Kirche irrten oder logen, dann berechtigt das auch zu einer Kritik an den Handlungen der Menschen, die jetzt die Repräsentanten der Kirche sind. Die Religion kann dabei nur dann in Gefahr kommen, wenn die Vertreter der Kirche sie in den politischen Streit hineinziehen, wenn sie die Religion zu politischen Zwecken mißbrauchen. Auch wir können uns auf Christus berufen, der gesagt hat: ,, Mein Reich ist nicht von dieser Welt!" Was uns die Vernunft sagt, das können wir auch aus diesem Christuswort herleiten, eine deutliche' Abgrenzung der Aufgabengebiete: Alles, was uns alle als Staatsbürger hier auf der Erde angeht, das hat der Staat zu regeln, das ist politisches Gebiet! Alles, was das Seelenheil, das Leben nach dem Tode, das Jenseits betrifft, das ist Sache der Kirchen, da hat der Staat nicht dreinzureden. So, wie wir nicht glauben sollen, die Verbrennung der Ketzer und Hexen sei gottgewollt gewesen, so kann auch kein 6 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie 81 vernünftiger Mensch glauben, Gott habe die Scheußlichkeiten der Nazis gewöllt oder gar befohlen,; so vernunftwidrig wie ein solcher Glaube ist aber die Agitationsphrase„Nur die Rückkehr zu Gott kann uns retten!” Vernunftwidrig und dennoch von prominenten Leuten zu beweisen versucht. Ein Pfarrer aus Düsseldorf nahm sich nicht erst die Mühe, sein„Nur!' mit der Demokratie in Verbindung zu bringen; er lehnt die Demokratie ab, wenn auch, wohl mit Rücksicht auf die allgemeine Stimmung, unter einem Deck- mantel, und wieder dem Deckmantel der Religion. „Dienen muß der faltenreiche Kirchenmantel hundert Zwecken: Ehrsucht, Habsucht, Machtgelüste, Haß und Rache muß er decken. sagt der Prior in Friedrich Webers„Dreizehnlinden‘. Und der Mann bekehrte einen Heiden zur katholischen Religion! Man darf also auch als gläubiger Katholik den Mantel eines Pfarrers etwas lüften. Dr. L. überschrieb seine Gedanken zum geistigen Wieder- aufbau:„Autorität oder Anarchie?; er schaltet damit die Demokratie von vornherein aus und gibt der Diktatur eine Be- zeichnung, die noch nicht so allgemein berüchtigt ist. Er meint allerdings auch nicht nur die Diktatur Hitlers mit dem Worte Anarchie, er schließt darin auch die Republik, die Demokratie mit ein, faßt Naziherrschaft und Demokratie in einen Begriff zusammen. ‚Wir kommen her von einer politischen und sittlichen Anarchie, d. h. von einer Auflösung aller Grundlagen, die ein Staatswesen und ein Gemeinschaftsleben tragen.” so leitet er ein und läßt dann im weiteren Verlauf durch- blicken, was er unter Anarchie verstanden wissen will. „Dadurch wird der Mensch zum Widersacher Gottes, der sein will wie Gott. Goethe hat im Faust die Versuch- lichkeit des Menschen in der uralten Lockung ge- r sehen: Eritis sicut deus" ,,, ihr werdet sein wie Gott". Dieses unausrottbare Verlangen des Menschen ist seine religiöse Anarchie, die die sittliche Anarchie unweigerlich nach sich zieht; d. h. den Anspruch, selbst zu bestimmen, was gut und böse ist." Selbst bestimmen wollen, was gut und böse ist, das ist Demokratie! Nicht in der Bibel und in keinem Evangelium findet sich eine Stelle, die das verbietet. ,, Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbilde." Das kann nur bezogen werden auf den Menschengeist, denn dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier, und körperlich kann der Mensch nicht Ebenbild Gottes sein, da Gott nur Geist ist. Wie kann es demnach Sünde sein, zu streben, dem Ebenbild gleich zu werden, nach dem man erschaffen ist? Und Gott gab dem Menschen Verstand und freien Willen! Was soll der Mensch mit dem Verstand, wenn er nicht beurteilen dürfte, was gut und böse ist? Wenn das sogar Sünde wäre! Im Evangelium lesen wir sogar, daß Christus den Menschen tadelt, der sein Talent vergraben hat. Nein, die ihm von Gott gegebenen Talente nicht zu gebrauchen, das kann nicht der Wille des Schöpfers sein. Gott wäre nicht allgütig und nicht allweise, Gott wäre nicht Gott, wenn er in den Menschen ein ,, unausrottbares Verlangen" gelegt hätte, das nur zum Verderben dienen kann. Man muß es sogar für mehr als unwahrscheinlich halten, daß dies die ehrliche Meinung des Pfarrers Dr. L. ist; es drängt sich hier fast zwingend die Vermutung auf, der Herr Pfarrer handle hier nicht als Seelsorger, sondern als Gegner der Demokratie. Gott wird durch seine Darstellung nicht ehrwürdiger und auch nicht liebenswerter durch die Behauptung, er habe dem Menschen Verstand und freien Willen nur als Fallstrick, nur als Versuchung seines Gehorsams gegeben. Gott als groß und liebenswert erkennen zu lassen, dürfte aber doch eher als die Aufgabe eines Pfarrers anzusehen. sein, als sein Kampf gegen die Demokratie. 6" 88 83 Dr. L. läßt keinen Zweifel daran bestehen, daß ,, Anarchie" die Demokratie meint: ' er mit ,, Diese doppelte Anarchie hat ihre Zusammenfassung in jener Geisteshaltung, die seit 200 Jahren als materialistische und mechanistische Weltanschauung tief in das Denken und Leben der abendländischen Völker eingedrungen ist und jedes Verantwortungsgefühl vor Gott und vor den Mitmenschen zu ersticken droht." " 1 Diese Geisteshaltung" ist es allerdings, welche die Entwicklung zu Liberalismus und Demokratie ermöglicht hat. Eine Erinnerung daran ist wenig rühmlich für die Kirche; halten wir also fest, daß der Angriff eines Pfarrers gegen die Demokratie, seine Einmischung in die Politik unter Berufung auf die Religion, dazu den Anlaß gegeben hat. Ueber Ursprung und Beschaffenheit der Welt haben schon die Gelehrten des Altertums lange vor Christi Geburt verschiedenerlei Meinungen begründet, und noch in jüngster Zeit hat Einstein allen vorherigen Anschauungen eine neue entgegengestellt. Sicheres wissen wir weder über die Beschaffenheit noch über das Wesen des Weltalls, und solange dies der Fall ist, bleibt jede Weltanschauung gleich berechtigt. Das eine steht allerdings fest: Die Weltanschauung, welche die Kirche fast zweitausend Jahre hindurch und mit Anwendung von Gewalt vertreten hat, diese Weltanschauung war irrig! Die biblische Schöpfungsgeschichte stellt die Erde in den Mittelpunkt des Weltalls. Gott erschuf Sonne, Mond und Sterne nur so als Beiwerk für die Erde, die Sonne zur Beleuchtung des Tages, den Mond zur Beleuchtung der Nacht; alles drehte sich um die Erde. Das war das Weltbild, wie es vor 1800 Jahren der Astronom Die und Mathematiker Ptolemäus in Alexandrien aufstellte. Menschen, welche die Schöpfungsgeschichte schrieben, haben es nicht besser gewußt; sie waren also nicht von Gott direkt inspiriert, sonst hätte ihnen ein solcher Irrtum nicht unter84 5 e g ! 1 S m e n t I- laufen können. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann wußte er auch vor achtzehnhundert Jahren schon, wie das aussieht, was er erschaffen hat. Daß die Erde nur ein ganz winziges Bestandteilchen der Schöpfung und nicht deren Mittelpunkt ist, kann man doch gewiß nicht als nebensächlich abtun. Wenn in dieser Schöpfung unzählige gleiche, ähnliche und tausendfach größere Gebilde einbegriffen sind, dann ergeben sich daraus weitere Fragen. Ist die Erde der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, dann ist auch die besondere Fürsorge Gottes für diese Erde ohne weiteres verständlich, dann ist auch die Erschaffung des Menschen, so wie die Bibel sie darstellt, begreiflich. Paradies, Erbsünde, Erlösung durch den Sohn Gottes usw. hat dann einen klaren Sinn und kann ohne Zweifel geglaubt werden. Bestehen aber unzählige und tausendfach bedeutungsvollere Sterne, und sind die Planeten, von denen die Erde einer der mittleren ist, in Art und Entstehen der Erde gleich, dann verändert sich damit auch die Stellung der Lebewesen auf der Erde. Venus ist etwa gleich der Erde, Uranus. und Neptun 70mal so groß, Saturn 800mal und Jupiter 1500mal so groß als die Erde; nur Merkur und Mars sind kleiner. Das sind die acht Planeten, die um die Sonne kreisen; mit ihnen bewegen sich um diese Sonne über 900 Planetoiden; bei allen diesen WeltIn körpern nimmt man den gleichen Ursprung an, die Sonne. der Sonne würde die Erde 1 297 000mal Platz finden. Um die Erde dreht sich nur der Mond; ein Mond dreht sich auch um den Neptun, zwei um den Mars, vier um den Uranus, sieben um Jupiter, zehn um Saturn. Das alles gehört zu dem Fixstern Sonne, die nicht eine Laterne für die Erde ist, sondern Ursprung und Zentrale für diese Planeten, Planetoiden und deren Satelliten. Fixsterne gleichartig der Sonne, mit großen und kleinen Planeten und Satelliten, sind mit bloßem Auge über 5000 sichtbar. Das Licht bewegt sich in einer Sekunde 300 000 km weit; 85 von der Sonne bis zur Erde braucht es 8 Minuten 8,5 Sekunden. Das Licht vom Sirius bis zur Erde braucht 8,8 Lichtjahre; die Entfernung bis zum Sirius ist also so oft mal 300 000 km, wie 8,8 Jahre Sekunden haben. Weil man diese Entfernungen in Kilometern nicht begreiflich machen kann, teilt man sie in Lichtjahre ein; ein Lichtjahr gleich neuneinhalb Billionen km. Die Anstronomie nimmt an, daß 20 Millionen Lichtjahre von der Sonne entfernt auch noch Fixsterne stehen. Das Alter der Sonne schätzt man auf drei Milliarden Jahre. Diese Tatsachen und Zahlen geben der Erde und auch den Menschen eine ganz andere Bedeutung, als die biblische Schöpfungsgeschichte. Wir stehen da als Erdbewohner im Weltall ungefähr so, wie die Nazis auf der Erde, da sie die Deutschen als zur Führung berufen ansahen. Auch daß die Erde der Mittelpunkt des Weltalls sei, war eine Anmaßung mit noch viel weniger Berechtigung, denn die Erde ist im Weltall, milliardenfach winziger noch, als die Deutschen innerhalb der Erdbewohner. Die so grundstürzend veränderte Anschauung über die Be- deutung der Erde führte ganz selbstverständlich auch zum Nachdenken über das Woher und Wohin der Menschen. Die alte Anschauung und Lehre über Gestalt und Wesen der Welt erwies sich als ganz gewaltiger Irrtum; kein Wunder, daß sich Zweifel einstellten auch über alle anderen Lehren aus der gleichen Quelle. Wohl darum auch mußte die weltliche Macht der Kirche überwunden werden, bevor die Astronomen ihre Erkenntnisse bekanntgeben durften. Schon im Jahre 1500 hat Kopernikus in Rom erklärt, die Erde drehe sich um die Sonne. Hundert Jahre später verteidigte der Professor Galilei diese Lehre. Er ging im Jahre 1615 freiwillig nach Rom, um die Inquisition von der Richtigkeit seiner Lehre zu überzeugen. Am\23. Februar 1616 entschied das„Heilige Offizium‘, diese Lehre sei philo- sophisch absurd und ketzerisch. Bei Kerkerstrafe wurde dem 86 Professor befohlen, die Kopernikanische Lehre aufzugeben, und mindestens sie nicht weiter zu verbreiten. Galilei fügte sich vorläufig diesem Gebot, schrieb aber ein weiteres Buch ,, Dialogo", in dem er noch viel eingehender und überzeugender die Lehre des Kopernikus begründete. Er wurde nach Rom vor die Inquisition befohlen, sein Buch verboten, und er selbst, 68 Jahre alt, zehn Jahre lang, bis zu seinem Tode im Jahre 1642, in Haft gehalten. Erst im Jahre 1835 durfte das Buch erscheinen. Bis dahin also wußte die höchste Instanz der Kirche nicht oder wollte nicht wissen, welch ungeheure Ausmaße die Schöpfung Gottes hatte, wie winzig die Erde, wie winzig der. Mensch in dieser Schöpfung ist. Ist es angesichts dessen so schwer begreiflich, daß auch Menschen zweifeln an den direkten Beziehungen der Kirche zu Gott, dem Schöpfer der Welt? Kann man nicht zu der Frage veranlaßt werden, warum denn Gott die Vertreter der Kirche mehr als tausend Jahre lang in einem Irrtum ließ, der so ganz und gar außerhalb der Wirklichkeit liegt? Warum die Kirche verbot, das Wesen und die Gestaltung der Schöpfung zu ergründen? Diese Fragen zu stellen, das ist ,, jene Geisteshaltung, die seit 200 Jahren tief in das Denken und Leben der abendländischen Völker eingedrungen ist"; wieso sie aber jedes Verantwortungsgefühl vor Gott und unseren Mitmenschen zu ersticken droht", das mag wohl ein Geheimnis des Herrn Pfarrers sein. Es sind zahlreiche sittlich hochstehende und voll verantwortungsbewußte Menschen, die sich der Naturkunde gewidmet, und die aus der Naturwissenschaft neue Schlüsse gezogen haben. Weder zu Gott noch zu ihren Mitmenschen Die Ehrfurcht vor ergibt sich daraus ein anderes Verhältnis. Gott kann im Erkennen der Größe seiner Schöpfung nur steigen, und die Mitmenschen bleiben im Verhältnis zueinander dasselbe, ob sie insgesamt im Mittelpunkt der Schöpfung stehen oder nur einen kleinen Teil dieser Schöpfung darstellen. Ver87 88 88 ändert wird nur die Autorität derer, die ein Fortschreiten im Naturerkennen so lange verhindert haben. Daraus wird auch begreiflich, warum sie es verhindert haben, solange sie die Macht dazu hatten. Ihre Berufung auf Gott hat sich als unrechtmäßig herausgestellt; sie lehrten ja, was Gott keinesfalls hätte lehren können; es ist bewiesen, daß sie Gottes Schöpfung nicht gekannt haben. Darf man da nicht fragen, ob sie über Gottes Willen besser informiert sind? - ,, Rettung unseres Volkes aber auch aller anderen Völker von dieser uns umklammernden dämonischen Macht gibt es auf keinem anderen Wege als dem der entschlossenen Abkehr von der menschlichen Anarchie und der Hinwendung zur göttlichen Autorität, d. h. durch die Anerkennung des unser Leben schaffenden und gestaltenden göttlichen Willens." ,, Auf keinem anderen Wege!" Darin liegt die unzulässige, weil durch nichts begründete Anmaßung. Wir halten die Demokratie für den geeigneten Weg, das, was Dr. L. die dämonische Macht, die Anarchie nennt. Wir sehen ringsumher die Folgen der Diktatur, die der Herr Pfarrer als Autorität umschreibt. Er nennt sie göttliche Autorität. Dieser göttlichen Autorität würden wir uns gern beugen, wenn wir sie zuverlässig ergründen könnten. In Bibel und Evangelien finden wir nichts, was auf unsere heutige Lage angewandt werden könnte. Wir wären also auf die Auslegung der Kirche angewiesen, die sich allein für berechtigt hält, den Willen Gottes zu verkünden. An die Stelle Hitlers würde also die Kirche treten. Von der Anarchie zur Autorität" bedeutet demnach: Von der Demokratie zur Diktatur der Kirche! Auch Dr. L. kann nicht im Zweifel darüber sein, daß die Frage so gestellt allgemeine Ablehnung erfahren würde, darum nennt er die Demokratie Anarchie und die Diktatur göttliche Autorität. Das kann nur als bewußte Irreführung aufgefaßt werden; es ist ein hinterhältiger Kampf gegen die Demokratie, eine Zersplitterung der Kräfte, ohne 11 d S u G d g น j Z S 6 deren Zusammenfassung die Demokratie ihre ungeheuer schwere Aufgabe nicht erfüllen kann. Ständen wir nicht erst in der Entwicklung zur Demokratie, und ständen wir nicht vor der schwierigsten Aufgabe unserer Geschichte, hinge nicht Sein oder Nichtsein als freies Volk davon ab, daß wir bald zu einer vollkommenen Demokratie gelangen, daß keine falschen Vorstellungen von Demokratie unser Volk weiterhin vergiften, dann verschwendeten wir keine Zeile darüber, wie der eine oder der andere sich den Weg in die Zukunft denkt. Wir brauchen aber zum Aufbau auch diejenigen, die noch nicht von sich aus in der Lage sind, Winkelzüge zu durchschauen und Verdrehungen zu entwirren. Anarchie ist im Volksempfinden allgemein verächtlich, und göttliche Autorität allgemein verehrungswürdig. Auch wir sind gegen Anarchie und für göttliche Autorität; aber wir sehen in der Demokratie keine Anarchie und in der Diktatur der Kirche keine göttliche Autorität. Wir halten die Autorität einer vom ganzen Volke gewählten Regierung für mehr der Vernunft, und damit auch für mehr dem Willen Gottes entsprechend, als jede irgendwie bezeichnete Diktatur, auch die Diktatur der Kirche. ,, Fragt man uns aber, was der Wille Gottes sei, und wo wir ihn finden, so weisen wir auf die zehn Gebote. Wir kennen sie, und es ist notwendig, daß wir uns wieder bedingungslos zu ihnen bekennen. Denn sie enthalten in gedrängter Kürze und in göttlicher Prägung alles das, worauf unsere Existenz und unser Gedeihen als einzelnen, als Gliedern unseres Volkes und als Mitgliedern der einen großen Völkerfamilie ruht". sagt Dr. L. Eindeutig ist hier, daß es nicht Jenseitsfragen, Fragen der Religion sind, um die er sich bemüht, sondern unsere Existenz als Glieder unseres Volkes, also Politik. Der Legende nach entstanden die zehn Gebote vor dreitausend Jahren. Schrift und Sprache waren um diese Zeit 89 noch recht primitiv. Es ist sinnlos, heute um die Bedeutung der wenigen Worte zu streiten, die einmal in die Steintafeln des Moses eingeritzt wurden. Wie zuverlässig die Ueber- setzungen sind, kann man daran ermessen, daß rund 60000 Lesarten oder Varianten über Bibelstellen vorhanden sind. Die zehn Gebote wurden einem Nomadenvolk gegeben; man hat mit ihnen das patriarchalische Regiment, den Absolutismus, die Monarchie und auch die Republik, die Demokratie sank- _tioniert. In jeder Lage hat sich die Kirche mit einer entsprechen- den Auslegung der zehn Gebote anzupassen gewußt. Der wahre Sinn dieser Gebote kann nicht heute so und morgen so gewesen sein; es ist immer die Meinung der Menschen in der Führung der Kirche gewesen, die je nach Bedarf diesen Sinn gedeutet hat. Die zehn Gebote selbst entbinden uns heute nicht davon, selbst zu entscheiden, was gut und böse ist, wenn wir das nicht der Kirche anvertrauen, uns ganz und gar der Diktatur der Kirche unterstellen, wollen. Das nicht zu wollen haben wir berechtigten Grund, nachdem die Kirche Jahr- hunderte hindurch unser Erkennen der Natur verhindert und uns mit Zwang in einem fundamentalen Irrtum gehalten hat. „Bedingungslos‘ sollen wir uns zu den zehn Geboten be- kennen! Werfen wir einen flüchtigen Blick darauf und fragen uns, was wir davon heute noch verwenden, wozu wir uns be- dingungslos bekennen könnten. „Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben; du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten!" Vor dreitausend Jahren hatte das Sinn, aber heute? Wem sagt man das heute? „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" O ja, das müßte auch heute noch den Menschen gesagt werden; aber wenn die Kirche es auslegt, dann wird darunter alles möglich. Tausende ihrer Mitmenschen hat die Kirche als Hexen und Ketzer verbrannt, ohne durch das Gebot der Nächstenliebe daran gehindert zu werden. 90 d ,, Du sollst den Namen Gottes, deines Herrn, nicht vergeblich führen." Das könnte nur noch für die Leute Geltung haben, die sich im Namen Gottes in die Politik einmischen. ,, Gedenke, daß du den Sabbath heiligst!" Die Sonntagsruhe hat auch noch andere Gründe, als das dritte Gebot Gottes, und sie würde beachtet, wenn es nicht mehr zu einem Kriege kommt. Im Krieg aber hat die Kirche auch dieses Gebot den gegebenen Tatsachen angepaẞt. ,, Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden." Es sind nicht die edelsten Menschen, die ihre Eltern ehren, damit es ihnen wohlergehe und sie lange leben; edle Menschen haben dafür andere Gründe. Und es ist auch nicht recht, die Ehrung der Eltern in jedem Falle zu gebieten; die Eltern sollen sich Ehre und Liebe ihrer Kinder erwerben. ,, Du sollst nicht töten!" Gewaltig ist die Zahl derer, die getötet wurden auf Befehl der Kirche und mit Waffen, welche die Kirche gesegnet hat. ,, Du sollst nicht ehebrechen!" Wir wollen schweigen bis man uns fragt, welchen Erfolg dieses Gebot selbst auf dem heiligen Stuhl hatte. ,, Du sollst nicht stehlen!" Um wieviel wurde die Menschheit bestohlen, ohne daß die Diebe die von der Kirche sanktionierten Gesetze verletzten. ,, Du sollst nicht falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten!" Wenn die Verkünder dieses Gebotes dasselbe beachteten, dann brauchten wir nicht anzukämpfen gegen das Umlügen der Demokratie zur Anarchie und der Diktatur in göttliche Autorität. ,, Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!" Das dreitausendjährige Bestehen dieses Gebotes hat nicht verhindert und wird auch in Zukunft nicht verhindern, daß viele Menschen gerade das begehren, was zu besitzen ihnen verwehrt ist. 91 ,, Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochs, Esel, noch alles was sein ist!" Erweckt es nicht ein Gefühl des Grauens, wenn man in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch ein Kind diese Worte plappern hört? Knecht und Magd mitten in einer Reihe zwischen Haus, Acker, Ochs und Esel! Ja, vor dreitausend Jahren, da gehörten Knecht und Magd zu dem, ,, was sein ist". Knecht und Magd, das waren keine ,, Nächsten", sondern Eigentum des Nächsten. Und das damalige Knecht und Magd entspricht dem heutigen Worte Arbeiter! Sie wurden noch nicht zu den Menschen gezählt, sondern zum Inventar der Eigentümer; an sie wandte sich der Gesetzgeber noch nicht als Subjekte, sondern behandelte sie als Objekt, als einen Teil der Habe, so wie Haus und Acker, Ochs und Esel. Dazu sollen wir uns wieder bedingungslos bekennen?! Nein, die zehn Gebote selbst geben uns heute nichts, das wir nicht schon hätten; wie aber das auszulegen ist, was noch brauchbar wäre, das wollen wir lieber einer vom Volk gewählten Regierung überlassen, als der Diktatur der Kirche. Da Gott den Menschen Verstand und freien Willen gegeben hat, kommen wir damit wahrscheinlich auch dem Willen Gottes näher als diejenigen, deren Herrschaft uns ins Elend geführt hat, die unser Volk in Absolutismus und Nationalismus und Militarismus unfähig gemacht haben, den Nationalsozialismus zu überwinden. 92 92 t S Konfessionelle Schule? Uneinigkeit, Spaltung in 35 Parteien und in ungezählte und unzählbare Gruppen innerhalb und außerhalb dieser Parteien, Streitereien um kleine und kleinlichste Fragen verhinderten das deutsche Volk, ein großes Ziel gemeinsam zu verwirklichen, in der größten Gefahr gemeinsam in Abwehr zu treten, seinen politischen und wirtschaftlichen Ruin aufzuhalten. Jeder Deutsche wurde im Alter von sechs Jahren schon eingereiht in eine Gruppe, die ihn von andern Gruppen trennte. Jede dieser Gruppen nahm für sich in Anspruch, den allein richtigen Weg ins Leben und für das Leben zu zeigen; jede Gruppe erklärte den Weg der andern für falsch oder irrig. Nachbarskinder, die vorher friedlich miteinander gespielt hatten, erfuhren nun voneinander, daß nur sie den rechten Glauben hatten, daß die andern ungläubig oder irrgläubig waren. Je nach Veranlagung der Lehrer lernten die Kinder, die andern bemitleiden oder verachten; in jedem Falle entstand eine Ueberheblichkeit aus dem Bewußtsein, den allein rechten Glauben zu haben, allein zur ewigen Seligkeit berufen zu sein. Man kann dabei ganz außer Betracht lassen, daß fanatische Lehrer die Gefühle der Kinder gegen Andersgläubige und Ungläubige zum Haß steigerten, einzig das Bestehen der verschiedenen Schulen schaffte die Gegensätze unter Kindern, die doch nicht beurteilen können, was an diesen Gegensätzen berechtigt ist, die in Frieden und Freundschaft miteinander spielen und lernen würden, wenn man nicht künstliche Scheidewände zwischen ihnen errichtet hätte. Bäh, die Schwarzen!" ,, Bäh, 93 die Blauen!" ,, Bäh, die Roten!" das wird zu Kampfrufen und verursacht Zank und Streit, wo harmlose Fröhlichkeit ihre Stätte haben sollte und auch haben würde, wenn man der Schule nur die eigentliche Aufgabe der Schule zugewiesen hätte. Die künstlich in die Erziehung der Kinder hineingetragenen Gegensätze lassen sich bei den meisten Menschen im ganzen Leben nicht mehr überbrücken. Der Schwarze betrachtet den Blauen als minderwertig, und der Blaue den Schwarzen; beide sehen in dem Roten ihren Feind, und dieser reagiert darauf, indem er seine übelsten Seiten gegen Schwarze und Blaue herauskehrt. Ein wirklicher Grund dazu liegt nicht vor; alle haben das eigentliche Dasein gemeinsam; sie schaffen gemeinsam und unter den gleichen Bedingungen in Fabrik und Werkstatt, im Kaufhaus und im Büro; sie haben gemeinsam die gleichen Bedürfnisse an Nahrung und Kleidung, wie auch an Unterhaltung und Vergnügen; nichts trennt sie in der Ausbildung für ihren Beruf, nichts steht zwischen ihrer Auffassung der Dienst- und Arbeitsverhältnisse; nichts unterscheidet sie in ihren Fähigkeiten, in ihren Erwartungen, Wünschen und Aussichten in diesem irdischen Leben; nur über das, was nach diesem Leben sein wird, haben sie verschiedene Meinungen. Was nach diesem Leben sein wird, das weiß niemand; wir alle können darüber nur glauben und hoffen. Ist es wirklich so schwer, das anzuerkennen? Das Leben auf der Erde würde von so vielem Unangenehmen, Unschönen und vielfach Häßlichen frei, wenn man es jedem Menschen selbst überließe, sein Verhältnis zu dem Leben nach dem Tode nach seinem Glauben zu gestalten, aber auch anerkennen würde, daß wir alle dabei auf den Glauben angewiesen sind und niemand den Beweis erbringen kann, sein Glaube sei allein richtig. Schon in der Schule wurde der Grund dazu gelegt, daß man selbst die Anerkennung guter Eigenschaften bei dem Andersdenkenden mit dem Zusatz versieht: ,, Schade, daß der Mensch 94 n I 6 nicht in die Kirche geht!" oder ,, Schade, daß er nicht in die richtige Kirche geht!" oder ,, Man sollte nicht glauben, daß er Jude ist!" Mehr noch führt eine solche Denkweise dazu, demjenigen, der einer andern oder keiner Konfession angehört, alles Schlechte zuzutrauen, nicht aus bösem Willen, sondern ganz ehrlich als Folge der in der Schule erfolgten Einteilung in Rechtgläubige, Irrgläubige und Ungläubige. ZuDem bösen Willen blieb dabei ein weites Feld zur Betätigung offen. Wer nicht an Gott glaubt, wer seine religiösen Pflichten nicht erfüllt, dem kann man unbedenklich auch jede böse Eigenschaft und Handlung andichten, den kann man in Verdacht bringen, wo irgendeine Gemeinheit nicht aufgeklärt werden kann. So erwuchs ein gegenseitiges Mißtrauen. sammenhalt und Solidarität erschien nur innerhalb der einzelnen Gruppen und nur im Streit der Gruppen gegeneinander möglich. Dem Andersdenkenden beizustehen, das wurde als. Verrat an der eigenen Gruppe aufgefaßt. Wie dürfte man sich bei einem Streit zwischen einem Protestanten und einem Katholiken auf die Seite des Protestanten stellen, wenn man Katholik ist! Auch wenn ein Gottloser im Recht ist, so darf ein gläubiger Christ das doch nicht anerkennen, falls es sein Glaubensgenosse ist, der dieses Recht bestreitet! Die Ueberheblichkeit als Zugehöriger zu der alleinseligmachenden Konfession führte auch zur Ueberheblichkeit der allein daseinsberechtigten Nation; das Vorhandensein von Gruppen, die sich von andern bevorzugt hielten, legte auch den Gedanken nahe, daß wir als Deutsche vor andern Völkern bevorzugt seien. Und das ermöglichte die Kriege! Wir brauchen eine andere Erziehung der Menschen, wenn wir friedlich in unserm Lande und in Frieden auf der Erde leben wollen; wir brauchen Demokratie, nicht nur in äußeren Formen, sondern im allgemeinen Denken. Die andere Nation, 95 die andere Weltanschauung muß allen Menschen gleichberechtigt gelten. Die Erziehung, so wie sie war, hat dieses Ziel nicht erreichen können. Wir müssen aber dieses Ziel erreichen, wenn Deutschlands Zukunft wieder von einer Hoffnung belebt werden soll. Wir brauchen demokratische Gesinnung, nicht im Interesse einer Partei oder Konfession oder sonstigen Gruppe, sondern als Rettung für das ganze Volk; mithin müssen wir in der Erziehung mit unserer Jugend beginnen, müssen vermeiden, was sich als schädlich erwiesen hat, und das ist die Trennung der Kinder in verschiedene Lager. Weil die Erziehung zu demokratischer Gesinnung im Interesse aller Deutschen liegt, ist sie eine Aufgabe, und zwar in dieser Lage eine dringliche Aufgabe des Staates und nicht einer einzelnen Körperschaft im Staate. Das Recht des einzelnen und auch das Recht jeder Körperschaft im Staate hat seine Grenze da, wo es in die Interessen anderer eingreift. Was für alle notwendig ist, darf durch einzelne nicht gefährdet werden. Man beruft sich in der Forderung der konfessionellen Schule auf das Recht der Eltern. Wenn diese Eltern einmal Demokraten geworden sind, wenn sie einmal gelernt haben, Verantwortung zu tragen für das Schicksal des ganzen Volkes, wenn sie einmal in ihrer Gesamtheit fähig sind, die Ursachen unserer Not und die Wege zu ihrer Ueberwindung zu beurteilen, dann mag niemand ihnen das Recht bestreiten, ihre Kinder nach ihrem Willen zu erziehen. Aber auch dann noch werden sie sich unterordnen müssen, oder, wenn sie wirklich demokratisch denken gelernt haben, werden sie das freiwillig tun, ihren Willen und ihre Wünsche einfügen in die Anforderungen, welche die Allgemeinheit an sie zu stellen berechtigt ist. Die Zukunft, für welche diese Kinder erzogen werden sollen, ist nicht Sache der Eltern allein, sondern der Allgemeinheit, des Staates. k 9 D T t H 96 In den Ländern mit gefestigter und bodenständiger Demo- kratie mag man wohl in dieser Stellungnahme einen Verstoß gegen die Demokratie sehen. Wir haben aber noch keine Demokratie und dürfen nicht so handeln, als ob wir sie hätten. Tun wir das, dann zerstören wir die Aussicht auf ein demokra- tisches Deutschland. In England kann man sich z. B. eine Gegnerschaft der Kirche gegen die Arbeiterpartei wohl kaum vorstellen; in Deutschland hat aber die Kirche seit jeher und bis zum Zusammenbruch stets einen scharfen Kampf gegen die einzige wirklich demo- kratische Partei geführt. In England würde man wahrschein- lich nicht glauben, daß mir einmal eine katholische Lehrerin ganz wohlmeinend sagte:„Sie sind doch gar kein Sozialdemo- krat; Sie sind ein ganz anständiger Mensch!” Daß man Sozialdemokrat und gleichzeitig auch ein anständiger Mensch sein könne, das war dieser Lehrerin durchaus unvorstellbar. Und so urteilt heute noch der größte Teil der katholischen und auch protestantischen Lehrer und Lehrerinnen. Es wäre ein Unglück für Deutschland, die heutige Jugend wieder in diesem Geiste zu erziehen.. Nicht wegen der Achtung vor Sozial- demokraten, sondern wegen der Achtung vor jeder andern Ueberzeugung. Die heutigen Eltern haben den Nationalsozialismus werden und wüten lassen; ihre Erziehung hat unbestreitbar den An- forderungen an eine gesunde Zukunft des Volkes nicht genügt; sie sind also auch nicht fähig, den Wert einer neuen Erziehung zu beurteilen. Eine Regierung, die diese Erziehung heute schon einem Mehrheitsbeschluß dieser Eltern unterstellen wollte, die leistet der Demokratie einen üblen Dienst. Wenn eine Demokratie werden soll, dann darf eine Re- gierung nicht so tun, als sei die Demokratie schon da. Wer den Mehrheitsbeschluß einer politisch unreifen Masse als Ge- setz betrachtet in einer so lebenswichtigen Frage, wie es die Erziehung unserer Jugend ist, der begeht ein Verbrechen an 97 7 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie der Demokratie und am deutschen Volk. Ergebnisse einer solchen Regierungsweise können der Demokratie nur im Zufall Achtung erwerben; es ist Zufallserscheinung und nicht Vernunft, die einem solchen Mehrheitsbeschluß Wert verleihen würde. Nur eine Mehrheit von urteilsfähigen Menschen kann einer Regierung das Recht geben, ihre Verantwortung auf diese Mehrheit abzuwälzen. Solange die Menschen die Tragweite ihrer Beschlüsse noch nicht abzuschätzen vermögen, muß die Regierung den Mut haben, diese Verantwortung selbst zu tragen. So wenig die Eltern in der häuslichen Erziehung ihre Kinder entscheiden lassen, so wenig sollte auch die Regierung die politischen Kinder um die Form ihrer Erziehung befragen. Der Vorwurf trifft nicht die Eltern, welche die Frage nach der konfessionellen Schule mit Ja beantwortet haben, sondern die Regierungsstelle, welche ihnen diese Frage vorgelegt hat. Die Befürworter der konfessionellen Schule aus den Reihen der Eltern handeln nicht aus vernünftiger Erwägung heraus, sondern unter dem Zwang der Tradition. Sie selbst sind durch die konfessionelle Schule'erzogen worden, und es ist begreiflich, daß sie sich selbst als Produkte dieser Erziehung für vortrefflich halten. Außerdem sagt ihnen ihr Seelsorger mit der Autorität der Stellvertretung Gottes, daß es ihre Pflicht ist, für die konfessionelle Schule zu stimmen. Die Stimmen für die konfessionelle Schule sind nach bestem Wissen und Gewissen abgegeben, aber sie wurden abgegeben unter dem Eindruck irriger Vorstellungen, nicht in vernunftmäßiger Erwägung der Folgen, ohne Kenntnis dessen, was mit dieser Stimme abgelehnt wurde. Die Seelsorger haben den Eltern die Gemeinschaftsschule als religionsfeindlich erklärt, als eine Gefahr für das Seelenheil ihrer Kinder. Auch die Seelsorger stehen unter dem Zwang der Tradition und handeln nicht ihrer Vernunft entsprechend. Auch sie konnten ja gar nicht abwägen, ob für die Zukunft Deutschlands die Gemeinschaftsschule das Bessere ist; 98 ב 1 r I r e m t- e ti sie kennen ja die Gemeinschaftsschule im demokratischen Staat nicht; sie stützen sich auf ihre Erfahrungen mit der weltlichen Schule in der Zeit des allgemeinen Streitens. Die bisherigen weltlichen Schulen bestanden im Gegensatz zu den konfessionellen Schulen. Wie diese, so waren auch sie in Kampfstellung gedrängt; sie waren extrem nach der einen, wie jene nach der andern Seite; Fanatismus wurde hier wie dort betätigt und gezüchtet. Die weltliche Schule im gleichzeitigen Bestehen mit konfessionellen Schulen ist in ihrem Wert den konfessionellen Schulen weder vorzuziehen noch unterzuordnen; als Extreme sind sie gleich gefährlich. Wir schätzen die Pfaffen des Atheismus nicht höher als die andern Pfaffen und erwarten von christlichen Eltern nicht, daß sie ihre Kinder in eine religionsfeindliche Schule schicken. Die Gemeinschaftsschule im demokratischen Staat muß die alleinige und allgemeine Schulform sein; ihre Einführung je nach Wahl wäre sinnlos für den Zweck, den sie erreichen soll. Wird die Trennung der Kinder nach Religionsbekenntnissen, nicht verhindert, nicht allgemein verhindert, dann müssen wir die Hoffnung auf ein einiges deutsches Volk mit demokratischer Gesinnung begraben, begraben alle Hoffnung auf das, was ein solches Volk zu werden und zu leisten berufen sein könnte. Die wahlweise Einführung konfessioneller Schulen führt in vielen Fällen zu bitterem Unrecht. Es wird sehr häufig nicht möglich sein, neben der konfessionellen Schule auch eine weltliche Schule zu unterhalten. Die Kinder der Freidenker müssen dann in die konfessionelle Schule gehen. Der konfessionell gebundene Lehrer betrachtet diese Kinder aus seiner Ueberzeugung heraus als minderwertig oder bemitleidenswert. In jedem Falle wird ein Zwiespalt zwischen Eltern und Kindern geschaffen. Die Kinder der Freidenker lernen in der konfessionellen Schule, daß ihre Eltern nicht in den Himmel, sondern in die Hölle kommen werden, daß sie Gott schwer be7" 99 99 leidigen. Bei oberflächlichen Naturen untergräbt dies die Autorität der Eltern, behindert damit auch den Lehrer, der auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen ist. Das Ziel der Schule zu erreichen wird also hier in Frage gestellt, auch wenn die Begabung der Freidenkerkinder an sich dazu genügen würde. Ihre Gottlosigkeit" wird ihre religiösen Mitschüler beeinflussen und ihnen ihre Schulzeit, ihre Kindheit zur Qual machen. Ist das schon bei oberflächlichen Kindern so, wie erst dann bei zarter besaiteten! Sie lieben und verehren ihre Eltern, und der Lehrer sagt, sie seien schlecht; sie werden von Gott verdammt und in der Hölle ewige Qualen leiden müssen! Was man diesen Kindern antut, das verträgt sich auch nicht mit Christentum. Einem jahrelangen Martyrium setzt man sie aus. Die Liebe zu den Eltern liegt in Streit mit der Autorität des Lehrers; unbeschreiblich ist die Angst und Qual, wenn die Hölle geschildert wird und ihre Vorstellung diesen Kindern ihre Eltern in dieser Höllenpein zeigt. ,, Kann denn ein Kind im Himmel selig sein, dessen Eltern in der Hölle sind?" fragte Wer sich ein Freidenkerkind seinen katholischen Lehrer. hineinzudenken versucht in diese Kindesseele, wer darüber nachdenkt, aus wieviel Grübeln in Angst und kindlicher Sorge diese Frage hervorgegangen war, der kann kein wahrer Christ sein, wenn er noch die konfessionelle Schule verlangt. Die Gemeinschaftsschule darf weder religionsfeindlich noch religionsfreundlich, sie muß demokratisch sein. Sie soll den Kindern das geben, was sie für ihr irdisches Dasein brauchen. Dazu gehört die volle Entwicklung aller geistigen Kräfte, die Heranbildung der Fähigkeit, nach freiem Ermessen zu entscheiden, was gut und was schlecht ist. Wahrheitsgemäße Einführung in die Geschichte ist dazu erforderlich, denn die kommenden Generationen müssen in der Lage sein, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen; aber sie müssen dies mit kritischem Verstand tun, nicht um nachzuahmen, was die Väter t U f i 100 taten, sondern um die Folgen deren Handelns kennenzulernen und da gewarnt zu sein, wo diese Folgen für die Zukunft ver- mieden werden müssen. Dabei braucht die Achtung der Vor- fahren nicht verletzt zu werden; die Erkenntnis, daß jede Zeit ihre eigenen Gesetze braucht, genügt, um das zu verhindern. In allen Fragen der Ethik und Moral ist das zu pflegen, was wir gemeinsam als Menschen haben, was zum friedlichen Leben innerhalb der Nation und inmitten der Nationen erforderlich ist. Als Wissen soll die Schule geben, was die Wissenschaft als wirklich und wahr erkannt hat; was umstritten ist, bleibe dem Urteil des einzelnen überlassen; es darf den jungen Menschen nur als umstritten bekanntgemacht werden; sie müssen wissen, daß darüber jede Meinung eben nur Meinung und als-solche gleichberechtigt ist. Hierzu ist auch die Reli- gionsgeschichte zu zählen. Kenntnis der Geschichte der ver- schiedenen Religionen bewahrt vor Fanatismus in der eigenen Religion, und solcher Fanatismus muß im Interesse der Einig- keit des ganzen Volkes ausgeschaltet werden. Es wäre ein Armutszeugnis, ja eine Bankrotterklärung jeder Kirche, wenn sie bestreiten wollte, durch eine solche Gemein- schaftsschule in ihrem Religionsunterricht behindert zu werden. Wenn die objektive Kenntnis der Geschichte und der Zusam- menhänge des Lebens in der menschlichen Gesellschaft die Religion beeinträchtigen kann, dann ist die Religion nicht daseinsberechtigt. Steht die Lehre einer Kirche in Wider- spruch zum wirklichen Leben, dann verdient auch ihre Theorie über das Leben nach dem Tode keinen Glauben. Die Kirche selbst muß solche Widersprüche vermeiden oder überwinden; für den Staat ist die konfessionelle Schule eine Gefahr. Der Staat braucht die Gemeinschaftsschule; sie ist für ihn ein Gebot der Selbsterhaltung. Den Religionsunterricht darf der Staat nicht hemmen und nicht fördern, wenn er zur Demokratie gelangen will. Die jungen Menschen Bis zum Alter von 30 Jahren stehen die heutigen Menschen zum größten Teil ganz unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Erziehung. Auch die letzten Jahre vor der ,, Machtübernahme" waren nicht geeignet, in werdenden Menschen eine Grundlage zu schaffen, die sie widerstandsfähig gemacht hätte gegen das Gift, das ihnen eingegeben wurde. Von allen Stellen, die ihnen Autorität sein mußten, vernahmen sie die Lehren Hitlers, wurde ihnen Hitler als Ideal, seine Ziele und Pläne als höchste Weisheit erklärt. Mit raffiniert ausgeklügelten Mitteln spannte man sie ganz und gar in den körperlichen und seelischen Drill des Nationalsozialismus ein; sie konnten gar nicht anders, als diesen Geist in sich aufnehmen, sich von ihm durchdringen lassen. Niemand kann ihnen verdenken, daß sie der Gegenwart ohne Verständnis gegenüberstehen. Viele von ihnen wurden in den letzten Jahren des Krieges schon enttäuscht und mißtrauisch, die meisten aber erst beim endgültigen Zusammenbruch. Ob aber allmählich oder plötzlich, in jedem Falle war die Enttäuschung nur Zerstörung in ihnen. Für einen Aufbau mag dadurch der Platz freigeworden sein, aber das Fundament dieses Aufbaus soll erst noch geschaffen werden. Und nun sind diese jungen Menschen umgeben von Not und Jammer. Zu Hunger und Obdachlosigkeit kommt die seelische Not, die zerbrochenen Ideale, die Sorge um eine Stellung zum Aufbau ihrer persönlichen Zukunft und um ihre Zukunft als Volk. 102 t e • Hier stehen wir vor einem Problem, das unlösbar scheint, vielleicht unlösbar ist! Und die Dringlichkeit dieses Problems. wächst mit jedem Tage, wird bedrohlich, wenn die Millionen heimkehren, die jetzt noch in Gefangenschaft auf diese Heimkehr warten. Denn auch die ältere Generation ist ja nur in einer verschwindenden Minderheit demokratisch! Uns fehlen ja in erschreckendem Maße die Kräfte, die Demokratie lehren, die Demokratie vorleben könnten. Auch die wenigen, die durchdrungen sind von der Notwendigkeit der Demokratie und die damit auch das Höchstmaß pädagogischen Geschicks vereinen, sie stehen dennoch ohnmächtig vor einer unglücklichen, verbitterten Jugend. Sie können ihr ja nur Worte geben, Worte, hinter denen auch bei zwingender Logik keine Beweise stehen; wir alle wollen ja erst in eine demokratische Praxis hinein; was wir als Erfahrung bei unsern bisherigen Versuchen mit unzureichenden Mitteln, in einer Republik ohne Republikaner, aufzuweisen haben, damit können wir noch nichts beweisen. Menschen in Not sind nicht aufnahmefähig für theoretische Beweisführung. Vorbedingung für jede Belehrung der jungenLeute wäre die Beseitigung der Not. Geben wir ihnen einen Wirkungskreis, nehmen wir von ihnen die Frage, was aus ihnen persönlich werden soll, dann machen wir in ihren Köpfen die Zellen frei, durch die Vertrauen zu uns und unseren Worten eindringen möchte. Aber diese Vorbedingung zu schaffen ist unmöglich. Wo der Schutt noch liegt, da kann man kein Haus bauen; wo Not und Sorge die Gedanken lähmt, da findet auch die beste Lehre keinen Eingang. Hier stehen wir vor einem Trümmerfeld, dessen Aufräumung schwieriger sein wird als die Beseitigung aller Schutthaufen, die an den Straßen liegen. Eine Hoffnung, dieses Trümmerfeld in den Köpfen unserer Jugend bald bereinigen zu können, würde uns nur Enttäuschung bringen können. 103 Sollen wir deshalb nichts tun? Wissen, wie schwer die Aufgabe ist, bedeutet schon einen Gewinn! Dieses Wissen verleiht uns die Geduld, die hier besonders erforderlich ist. Wir wissen, daß die Jugend unsern Worten nicht glauben kann! Es liegt dies nicht in ihrem Wollen, sondern in ihrem Werden begründet. Erwarten wir also nicht zuviel von aller Belehrung. Unsere Jugend ist nicht mitschuldig an dem Ruin Deutschlands; sie trägt das Erbe ihrer Väter; sie ist Opfer dessen, was die Vergangenheit geschaffen hat und werden ließ; sie hat auf das Werden des Dritten Reichs keinen Einfluß gehabt; sie gehört restlos zu den Wiedergutmachungsberechtigten. Die Zeuger dieser Jugend haben für deren Dasein die Grundlage zerstört oder zerstören lassen; sie sind verpflichtet, gutzumachen, soviel in ihren Kräften steht. Schütteln wir nicht verständnislos den Kopf, wenn wir unsinnigen Einwendungen seitens der Jugend begegnen. Dieser Unsinn ist systematisch eingetrieben und läßt sich nicht dadurch ausrotten, daß man ihn als Unsinn und unbegreiflich bezeichnet. Bedenken wir, daß ja auch der Christ den Freidenker, der Katholik den Protestanten nicht begreift, ihn nicht begreifen kann, weil seine Ueberzeugung in der Erziehung ihre Wurzel hat. Bedenken wir, daß die Mehrzahl der Jugendlichen auch bei den älteren Leuten in ihrer Familie und näheren Umgebung keine Kenntnis der Demokratie findet, daß sie vielfach noch von Feinden der Demokratie in ihren Irrtümern sowohl wie in ihrer Verbitterung bestärkt wird. Daß wir dies alles wissen, davon müssen wir die Jugend überzeugen. Mit Worten wird uns dies nicht gelingen, unser Tun und Handeln muß diese Ueberzeugung vermitteln. Die Jugend darf sich vor allen Dingen nicht ausgestoßen fühlen, darf nicht hoffnungslos gelassen werden, in ihrer Hoffnungslosigkeit nicht zur Verzweiflung kommen. 104 S Daß sie Nazis waren, das darf nirgendwo die Begründung sein, sie zurückzuweisen. Wir brauchen die Mitarbeit der ge- samten Jugend! Ist der Jugendliche für eine verantwortliche Tätigkeit heute noch nicht reif, dann wird er es nicht dadurch, daß man ihm verwehrt, sich einzuarbeiten. Anderseits darf die Jugend nichts Unmögliches verlangen. Ganz gleich, wer die Schuld trägt an den heutigen Verhält- nissen, von diesen Verhältnissen ist es in jedem Falle ab- hängig, was an Hilfe geleistet werden kann. Auch das weit- gehendste Verständnis für die schwierige Lage der Jugend kann Tatsachen nicht ungeschehen machen und ihre Folgen nicht ohne weiteres verschwinden lassen. So, wie die Lage des ganzen Volkes, wird auch die Lage der Jugendlichen noch lange schwierig bleiben. Solange dürfen die Jugendlichen nicht tatlos beiseite stehen. Sie haben über die Wirkung ihrer Ideale einen Anschauungsunterricht, der überzeugen kann. Diese Ideale aufzugeben, mag schmerzlich für sie sein; aber Bedenken in der Beurteilung dieser Ideale dürften doch wenig bedeuten. Vielfach begegnet man noch der hartnäckigen Behauptung, die Generale haben die Befehle Hitlers sabotiert. Insgesamt haben die Generale das ganz sicher nicht. getan; die lange Dauer des Krieges spricht.allein schon überzeugend dagegen. Wenn sich wirklich einzelne Generale und andere Soldaten noch soviel Verantwortungsgefühl bewahrt. haben,: daß sie sabotierten, was offenkundig nicht nur aussichtslos, sondern verderblich war, so haben sie doch damit nur die restlose Selbstvernichtung verhindert, zu der Hitler entschlossen war; sie haben dann nichts weiter getan, als ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um das Leben der ihnen unterstellten Leute zu erhalten. Selbst dann, wenn es noch möglich gewesen wäre, bessere Friedensbedingungen zu erkämpfen, was sehr unwahrscheinlich ist, dann hätte das doch nur den Gra d unserer Not in etwa verändern können, aber nichts würde dadurch geändert an der 105 Scheußlichkeit der Verbrechen gegen das eigene Volk schon vor dem Kriege, und nichts an dem Wahnsinn der Idee, die ganze Welt gegen Deutschland herauszufordern, nichts an der Scheußlichkeit der Mittel, mit denen Hitler seinen Willen der Welt aufzuzwingen versuchte. Nicht, daß wir den Krieg verloren haben, ist doch unsere Schmach in der Welt, sondern daß wir ihn heraufbeschworen und geführt haben in einer Weise, zu deren gebührender Kennzeichnung in der deutschen Sprache die Worte fehlen. Wenn alle Generale alle Befehle Hitlers gehorsam ausgeführt hätten, wäre damit die Schmach getilgt, welche die Konzentrationslager auf Deutschland gewälzt haben? Wäre damit rechtfertigt, sechs Millionen Juden verbrannt zu haben? Wer der Meinung ist, im Falle eines Endsieges hätten wir trotz solcher Taten der Verachtung der Welt Trotz bieten können, ein Endsieg Hitlers hätte die Verbrechen der Nazis sanktionieren können, für den wird hoffentlich kein Verständnis im deutschen Volke zu finden sein; denen wird hoffentlich keine Hilfe in irgendeiner Form geleistet werden. Ein scharfes Auge sollten auch die anständigen Jugendlichen auf diese ihre Kameraden haben. Diese Denkweise stammt zwar auch von Hitler, aber sie ist so gefährlich, daß man diejenigen nicht schonen darf, die ihr heute noch anhängen. Wo der Nationalsozialismus die Moral derart vernichtet hat, daß auch heute noch, da alle Verbrechen aufgedeckt sind, kein Schamgefühl mehr aufkommt; daß heute noch nur der Verlust des Krieges bedauert wird und nicht die Art, in der er geführt wurde, da wäre jede Rücksichtnahme Verbrechen gegen das Volk; für solche Leute kann das Schicksal, das sie persönlich zu tragen haben, gar nicht schwer genug sein. Leider sind es nicht nur einzelne, aber hoffentlich sind es doch nur wenige, die so schamlos denken. Innerhalb der Jugend und nicht nur der Jugend wirken sich solche Gedanken 106 а immer noch aus, wenn auch nicht zu der vollen Schamlosigkeit, die im bewußten Durchdenken der Konsequenzen liegt. Es haben uns Jugendliche erklärt, sie fühlen sich durch ein Parteiprogramm betrogen und stehen nun jedem Parteiprogramm mißtrauisch und ablehnend gegenüber; sie verhalten sich vorläufig abwartend und wollen zuerst einmal sehen, was die Alten erreichen. Edel ist das nicht gedacht, und auch nicht klug! Die Vielheit der Parteien gibt zwar der Abneigung gegen Aber verdie Parteien einen Anschein von Berechtigung. achtet man die Menschen, weil es auch schlechte Menschen gibt? Wer für sich in Anspruch nimmt, wieder einen Platz in der menschlichen Gesellschaft einzunehmen, der muß sich auch zutrauen, zu beurteilen, was ihm vorgelegt wird. Parteienbildung ist mit der Demokratie verbunden. Hierbei sei nochmals betont: Parteien, nicht Gruppen und Grüppchen! Es ist praktisch nicht durchführbar, daß jeder einzelne seinen Willen und seinen Plan bekannt gibt, und daß dann irgend jemand aus vierzig oder fünfzig Millionen Plänen einen richtigen aussucht. Auch wenn jeder einzelne seine Vorschläge für eine Regierung in die Wahlurne werfen würde, käme keine Mehrheit des Volkswillens zum Ausdruck; es könnte sein, daß sich die Stimmen auf Hunderttausende Vorschläge verteilen; die höchste Stimmenzahl könnte weniger als ein Tausendstel der abgegebenen Stimmen sein. Mit der so gewählten Regierung wären also 999 Tausendstel der Wähler nicht einverstanden, obwohl sie die höchste Stimmenzahl erhalten hat. Das kann niemand wollen, und deshalb ist Parteibildung unentbehrlich. In den Parteien schließen sich Gleichgesinnte zusammen, formen aus vielen Einzelwünschen und Meinungen klar umrissene Forderungen und Vorschläge, auf welche sich eine Vielzahl bereits geeinigt hat. Je konzentrierter diese Vorschläge 107 sind, und je weniger Vorschläge der endgültigen Abstimmung unterbreitet werden, um so leichter läßt sie die Mehrheit feststellen. Sind demnach die Parteien unentbehrlich, dann ist eine Abneigung gegen wirklich politische Parteien kindisch. Die jungen Menschen stehen heute verständnislos vor Tatsachen, an deren Werden sie nicht mitbeteiligt waren; beharren sie jetzt im Abwarten, was die Alten erreichen, dann werden sie auch vor neuen Tatsachen wieder verständnislos stehen. Woran man nicht mitgearbeitet hat, das kann man nicht beurteilen. Man kann wohl sagen, ob es einem gefällt oder nicht; aber man weiß nicht, ob das, was fehlerhaft scheint, anders sein könnte. Vielleicht gefällt es auch denen nicht, die es geschaffen haben; aber sie haben vergeblich versucht, das noch Fehlende hineinzubringen. Vielleicht Vielleicht hätte derjenige, der abseits gestanden hat, den Rat dazu geben können; vielleicht hätte auch sein Rat den Fehler nicht beseitigt; aber in jedem Falle hätte ihm seine Mitarbeit gezeigt, was möglich und nicht möglich war; er stände dem Erreichten nicht verständnislos gegenüber, wäre zufrieden, wo er jetzt nur fruchtlos nörgelt. Verlangen die jungen Menschen Verständnis, dann müssen sie diesem Verständnis auch entgegenkommen; wollen sie mitarbeiten, dann müssen sie auch zeigen, was sie können. Daß sie umlernen müssen, ist keine Schande für sie; aber nicht umlernen wollen, das würde ihre Unfähigkeit beweisen, am Aufbau mitbeteiligt und im Neubau mitberechtigt zu sein. Wurden sie auch im Dritten Reich irregeleitet, und sind wir gerne bereit, dies in vollem Umfange zu berücksichtigen, so wurden sie doch im Dritten Reich nicht so zart behandelt, daß ihnen nun alle Bissen vorgekaut werden müßten. Auf beiden Seiten Verständnis für das, was der Aufbau erfordert, und gemeinsam heran an diesen Aufbau, dann läßt sich für die Jungen wie für uns Alte immer noch eine Hoff108 I S S 1 t 1 ב t t 5 ב nung schaffen, auch dann, wenn es für die Jungen noch ein Leben für die kommende Generation sein muß. Auch ein Schaffen in solcher Hoffnung ist menschenwürdiger, als das Schaffen für die Vernichtung, zu der die jungen Menschen dressiert wurden. Nur der Zweifel am eigenen Können, oder das Festhalten an ihren falschen Lehren kann den jungen Menschen Anlaß geben, zu verzweifeln. Zusammengefaßt: Der bewilligte Raum ist überschritten; wir können nicht im einzelnen auf so manches eingehen, was noch als Knüppel auf dem Wege zur Demokratie liegt. Auch Kämpfer gegen den Nationalsozialismus finden wir darunter, auch Hasser Adolf Hitlers! Wenn man Hitler haßt, weil er den Krieg nicht gewonnen hat, und gleichzeitig die Revolution und die Republik in Grund und Boden schlägt, dann wirft man auch damit der Demokratie nur Knüppel auf den Weg. Wer den einzigen Weg zur Rettung weiß, der verärgert die andern, auf deren Mitarbeit er doch nicht verzichten kann. Wer in der Republik gemeckert hat und heute auch noch meckert, den ehrt es nicht, wenn er auch im Dritten Reich gemeckert hat und dafür gefaßt wurde. Wer im Dritten Reich zu allem geschwiegen hat und heute sein Maul aufreißt, damit die gebratenen Tauben da hineinfliegen sollen, für den müßte man wieder eine Zelle einrichten. Wenn ein Karren im Dreck festsitzt, dann trägt die Schuld daran derjenige, der ihn hineingefahren hat. Und wenn sich ein anderer vergeblich abrackert, den Karren wieder heraus109 zuziehen, bleibt die Schuld immer noch bei dem, der ihn hin- eingefahren und Zugstränge wie alles Räum- und Hebewerk vernichtet hat. Wer die junge‘Saat vernichtete, darf den Müller nicht ver- urteilen, der kein Mehl liefern kann; wer sich aber dennoch über den Müller beklagt, beweist damit, daß er ein Dummkopf oder ein Flegel ist. Der Konkursverwalter wird zu unrecht für den Bankrott verantwortlich gemacht. Beiseitestehen und kritisieren ist bequemer, aber nicht ehrenwerter, als mitarbeiten und bessermachen. Durch Schimpfen wird nichts gebessert. „Nazis'raus, denn ich will'rein!'" beweist keinen Anti- faschismus. ‚Wenn einer deit, wat hei daun kann, kann hei nich mihr daun, als hei deit!“ 1- k. - h of it nt i- r Inhalts Uebersicht Wissen Sie, was Demokratie ist?. Es war einmal Die Hohenzollern Die Bourgeoisie Welche Demokratie? ,, Nur!?" Konfessionelle Schule? Die jungen Menschen Zusammengefaßt Seite 7 20 20 29 11 65 " T 69 " 1 77 93 " 102 11 109 " 111