Dr. EMIL MUHLER Der Christ in der Zeitenwende Der Verfasser fühlt sich verpflichtet, das Licht der ewigen Wahrheit hineinleuchten zu lassen in das Chaos unserer Zeit. Die Not der Gegenwart in den verschiedensten Bezirken des menschlichen Lebens umreißt er in nüchterner Klarheit, um so die große Verantwortung und Aufgabe des Christen herauszustellen. Die Schuld der Vergangenheit wird nach allen Seiten klargelegt, die eigenen Fehler nicht minder als die Fehler der anderen. Der Weg in die Zukunft führt über die Etappen: Christentum und Politik, Union oder Konfession, Demokratie und Sozialismus. Er versucht die Grenzen der alten Parteien und die erstarrten Fronten zu durchbrechen - und zu überwinden. ECHTER- VERLAG WÜRZBURG H Der Christ in der Zeitenwende Von Stadtpfarrer Dr. Emil Muhler München 19 MXECHIER WURZBURD 47 Echter Verlag- Würzburg Published 1947 under Military Government Information Control License Number US-E-136 Auflage 5000 Alle Rechte, auch die der Übersegung in fremde Sprachen, vorbehalten Hergestellt in den eigenen Verlagswerkstätten nd IE Bet De Das deutsche Volk ist zweimal zusammengebrochen innerhalb einer Generation. Das ist eine furchtbare Tatsache, vor der wir stehen, eine Tatsache, so furchtbar, daß die meisten Deutschen noch gar nicht die Kraft haben, dieser Tatsache mutig ins Angesicht zu schauen. Aber ebenso groß ist die Aufgabe, die uns gestellt ist: Aufbau eines neuen Staates, einer neuen Wirtschaft, einer neuen Sozialordnung. Zusammenbruch und Aufbau: in diesen beiden Worten liegt das Schicksal, das uns aufgegeben ist. Am Zusammenbruch läßt sich nichts mehr ändern. Kein Mensch, keine Partei, keine Religion kann den Zusammenbruch ungeschehen machen. Wir können nur eines: zusammenstehen, die Zähne aufeinander beißen und mit vereinten Kräften uns großhungern und durchkämpfen, bis auch unserem Volk wieder das Morgenrot einer besseren Zeit leuchtet. Aber der Aufbau! Wehe uns, wenn der Aufbau mißlingt, wenn die Weichen falsch gestellt werden, wenn wir auf einem brüchigen, falschen Fundament aufbauen. Alles kommt darauf an, daß wir ein festes, gesundes Fundament legen. Kommende Geschlechter werden uns segnen oder verdammen, je nachdem es uns gelingt, den Weg zu finden, der aus dem Chaos herausführt. Das ist die geschichtliche Mission, die wir heute haben. Eine Fülle von Problemen steigt da vor unserem Auge auf. Ich will versuchen, eine Übersicht über die Problematik unserer Zeit zu geben. Ich spreche daher: Von der Not der Gegenwart. Von der Schuld der Vergangenheit. Von dem Weg in die Zukunft. Die Not der Gegenwart Wer die Probleme meistern will, muß von Tatsachen ausgehen. Wir stehen vor vier Tatsachen. Wir haben zwei Kriege verloren, zwei Weltkriege, wie sie noch nie dagewesen, und zwar innerhalb einer Generation. Folge: ein Chaos materieller Art von ungeahntem Ausmaß. Wir haben zwei Revolutionen gehabt, die beide verunglückt sind: 1918 die rote Revolution, 1933 die braune Revolution. Folge: Chaos geistiger Art von ungeahntem Ausmaß. 3 Drei Systeme sind zusammengebrochen: Der Nationalismus, der Militarismus und der Imperialismus. Drei Systeme sind neu erwacht, die scheinbar tot waren: der Liberalismus, der Sozialismus und der Kommunismus. Und wir? Die christliche Weltanschauung? Wir stehen mitten drin. Was haben wir der Welt zu sagen? Das ist unsere Situation, in großen Strichen gezeichnet. Lassen Sie mich darüber noch Näheres sagen. Das materielle Chaos Die deutsche Situation läßt sich mit folgenden Stichworten umgrenzen: Bodenlos. Was der Klassiker des Föderalismus, Konstantin Frantz, vor mehr als achtzig Jahren vorausgesagt, ist heute buchstäblich eingetroffen. Das deutsche Volk ist bodenlos geworden, d. h. ein Viertel des deutschen Bodens ist endgültig verloren; die übrigen drei Viertel sind restlos von den Siegermächten besetzt, so daß ein Volk von mehr als sechzig Millionen keine Handbreit Boden hat, über die es frei verfügen kann. Das war noch nie da in der Geschichte. . Kopflos, um nicht zu sagen führerlos, weil dieses Wort bei uns einen anderen Klang hat. Wir haben keine Regierung, denn das, was heute Regierung sich nennt, ist nur der Schatten einer Regierung. Aber das Schlimmste ist, daß wir keine einheitliche Militärregierung haben. Vier Großmächte teilen sich in die Regierung des deutschen Volkes. Zur Zeit ist die Zoneneinteilung für unser Volk, besonders für unsere Wirtschaft, wohl das größte Übel. Obdachlos. Wohl mehr als zehn Millionen Deutsche haben kein Dach mehr über dem Kopf, in Bayern allein sind 37 000 Häuser mit 250 000 Wohnungen total zerstört, 15 000 Bauernhöfe vollständig vernichtet. Mittellos. Es fehlt uns am Notwendigsten, was der Mensch zum Leben braucht: Nahrung, Kleidung, Wohnung. Das deutsche Nationalvermögen, das vor dem Krieg auf etwa 400 Milliarden geschätzt wurde, ist ungefähr zur Hälfte vernichtet. Die Schulden, die Hitler hinterlassen, betragen etwa 600 Milliarden; dazu die Reparationsforderungen, davon Höhe noch unbekannt ist. Papst Pius XII. hat vor kurzem gesagt: Das Gespenst des Hungers geht in der Welt um. Ein Viertel aller Menschen hungert. Wenn es den Machthabern der Welt nicht gelingt, über dieses Gespenst Herr zu werden, dann wer-den in Bälde mehr Menschen durch Hunger umkommen, als der Krieg an Opfern verlangt hat. Richtungslos. Schon vor dem Krieg haben führende Menschen immer wieder darauf hingewiesen, daß die Welt von heute innerlich 4 r S h r r 1 r i S S g S t g t T t T 1 richtungslos geworden ist. Selbst Rosenberg hat die Richtigkeit dessen erkannt und geschrieben:„ Kein oberster Grundsatz, keine höchste Idee beherrscht unbestritten das Leben der Völker, Gruppe ringt gegen Gruppe, Partei gegen Partei." Falsch sind nur die Folgerungen, die er daraus gezogen hat. Auch Papst Pius XII. spricht in seiner Weihnachtsrundfunkansprache 1942,, von der innerlich richtungslos gewordenen Menschheit". Das ist also eine Krankheit der ganzen Menschheit; aber gerade das deutsche Volk hat sich schon immer besonders durch seine innere Zersplitterung ausgezeichnet. Das fühlt man sogar heute in unserer traurigen Situation. Man ist höchstens einig im Negativen, man spricht von der antifaschistischen Einheitsfront, aber eine positive Grundlinie läßt sich nicht finden. Sittenlos. Ich denke hier gar nicht in erster Linie an unsere lieben Frauen und Mädchen, die sich oft so weit vergessen; das ist vielleicht eine allgemeine Erscheinung überall, wo Soldaten erscheinen. Ich denke daran, daß z. B. auch das siebte Gebote in weiten Kreisen unseres Volkes, auch unter gläubigen Christen, heute nicht mehr lebendig im Bewußtsein lebt: jeder hält sich für berechtigt, zu nehmen, was er bekommen kann. Plünderungen, Schwarzhandel, Überpreise, zurückgehaltene Waren, das alles sind Zeichen, daß den Menschen nicht bloß das Gefühl von Mein und Dein vielfach abhanden gekommen, sondern daß sie auch gar kein Bewußtsein mehr haben von der sozialen Hypothek, die auf jedem Eigentum liegt. Oder ich erinnere an das 8. Gebot. Die Saat Hitlers geht auf. Zwölf Jahre wurden wir belogen und betrogen, und jetzt glaubt keiner mehr, daß er an die Wahrheit gebunden ist, daß er für die Wahrheit Opfer bringen muß, und die Ehre des andern ist keinem mehr heilig. Das Denunziantentum hat mit dem tausendjährigen Reich nicht aufgehört, es blüht weiter. Hitler hat nicht umsonst sechsundzwanzig Jahre gearbeitet. Aussichtslos. Das Schlimmste in der Not ist immer, wenn man keinen Ausweg sieht. Wir sehen heute noch keinen Schimmer einer Morgenröte. Trotzdem bin ich und bleibe ich Optimist; das deutsche Volk wird auch diese Krise überstehen, ein Sechzig- Millionen- Volk kann nicht so leicht zugrunde gehen. Machtlos. Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen. Man kann nur sagen, womit man sündigt, damit wird man bestraft. Wir haben die Macht angebetet, wir haben Macht angesammelt noch und noch, und nun wurde sie uns buchstäblich aus den Händen geschlagen, restlos, unwiederbringlich. Rechtlos. Wir haben nach dem Buchstaben des Gesetzes zur Zeit überhaupt kein Recht. Wir sind auf Gnade und Ungnade dem Sieger überliefert. Wir haben nicht einmal einen Waffenstillstandsvertrag, von einem Friedensvertrag sind wir noch weit entfernt. Das ver5 gessen oft die Leute, wenn sie sich beklagen über dies und das und sagen, das kann doch nicht recht sein. Ein positives Recht haben wir nicht. Freilich, es gibt ein ewiges Recht, ein ungeschriebenes Recht, jenes Recht, das mit uns geboren ist. Aber gerade dieses Recht, das sogenannte Naturrecht, hat ja das deutsche Volk und gerade auch die deutsche Rechtswissenschaft nicht mehr gelten lassen. Man hat uns Katholiken ausgelacht, weil wir von einem Naturrecht sprachen. Jetzt hat der Rechtspositivismus ein Fiasko erlitten und bekommt in Nürnberg die Quittung dafür, denn der Nürnberger Prozeß gründet auf dem Naturrecht. Ehrlos. Leider müssen wir auch sagen, wir sind ehrlos geworden. Der deutsche Name ist in der ganzen Welt gehaßt, verachtet, geschändet von Deutschen. Eine furchtbare Tragik! Der Nationalsozialismus ist ausgezogen, um die Ehre des deutschen Volkes wiederherzustellen, und das Resultat ist, daß die deutsche Ehre in den Schmutz gezogen wurde wie noch nie in der Geschichte. Das ist die Katastrophe, in die das deutsche Volk hineingestürzt ist. Noch greller wird unsere Not beleuchtet, wenn wir an die sieben Schmerzenskinder denken, die uns allen besonders am Herzen liegen. Unsere Soldaten. Noch immer schmachten Millionen von deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Ich glaube nicht, daß die Hälfte schon zu Hause ist und, was das Schlimmste ist: Von den meisten ist noch keine Nachricht eingetroffen. Die Angehörigen wissen nicht, ob sie noch leben und wie es ihnen geht. Das ist ein furchtbares Los. Ein Austausch der unschuldigen Soldaten gegen belastete Pgs. wäre nicht mehr als recht und billig. Es hat keinen Sinn, Hunderttausende bei uns in Lagern einzusperren, ohne daß sie etwas arbeiten. Man sagt, das ginge nicht, weil es gegen das Völkerrecht verstoße. Hier dürfte man einmal den Mut haben, im Interesse der Gerechtigkeit einen Vertrag oder ein Abkommen zu umgehen. Unsere Gefallenen. Die Zahl der Toten steht noch nicht fest. Nach vorsichtiger Schätzung müssen wir mit etwas zwei bis drei Millionen Toten an der Front und ein bis zwei Millionen Toten in der Heimat rechnen. Im ganzen also sicher vier Millionen, die nicht wiederkommen. Dazu kommen mindestens eine Million Schwerverletzte, die arbeitsunfähig bleiben, sowie die Hinterbliebenen, vor allem die Waisenkinder. Ferner gehören hierher die halbe Million Deutsche, die in den K.Z. gestorben sind oder gestorben worden sind, und außerdem sechshunderttausend Deutsche( die Zahl ist mir von kompetenter Seite mitgeteilt worden), die hingerichtet wurden, weil sie die Wahrheit sagten. Die Ausgebombten. Ihre Zahl dürfte auf zehn Millionen gehen, alles in allem. Dazu gehören auch die sogenannten Flüchtlinge, nach der 6 T t jetzigen amtlichen Sprache sind das jene, die vor den hereinflutenden Heeresmassen geflohen sind und ihren alten Wohnsitz verlassen haben, ebenso die Evakuierten, die schon früher wegen der Fliegergefahr vor allem die Städte und gewisse Gegenden verlassen haben und bis heute noch nicht heimkehren konnten. Die Ausgewiesenen. Das sind jene, die aus den Ostgebieten Schlesien, Polen, Sudetengau ausgewiesen wurden, was man also früher Flüchtlinge nannte. Man rechnet im ganzen mit zwölf Millionen, in Bayern mit mehr als zwei Millionen. K.Z. Sie haben uns viel Sorge gemacht und viel Kummer bereitet, namentlich in den ersten Monaten. Nun sind sie aber gesiebt worden und tragen einen offiziellen K.Z.- Paß. In Bayern sind es ungefähr fünfzehntausend. Auch wollen wir nicht übersehen, daß vier bis sechs Millionen Juden in den K.Z. verschwunden sind und außerdem vier Millionen Ausländer außer der bereits erwähnten halben Million Deutsche. Im ganzen haben die K.Z. über zehn Millionen Opfer gefordert, eine furchtbare Blutschuld, die Deutschland auf sich geladen. Pg. Von dem Säuberungsgesetz werden ca. zehn Millionen Deutsche betroffen ohne Angehörige. Was sollen wir mit ihnen tun? Schließlich müssen sie auch wieder einmal eingegliedert werden in die deutsche Volksgemeinschaft, wenn auch mit Vorsicht, und leben müssen sie auch. Ich stehe gewiß nicht im Verdacht, ein Freund der Nazi zu sein, aber wir könnten es nicht verantworten, zehn Millionen Menschen in die Verzweiflung zu treiben. Die Enttäuschten, die Entwurzelten, die seelisch Zerrissenen. Denken wir an so manchen jungen Menschen, der mit heiliger Begeisterung hinausgezogen ist in den Krieg in dem festen Glauben, daß er seinem Vaterland einen Dienst erweist. Jahrelang ist er vielleicht unter großen Opfern von Sieg zu Sieg geeilt, und nun plötzlich dieser Zusammenbruch. Da ist es begreiflich, daß viele Menschen enttäuscht sind, verbittert und vergrämt. Papst Pius XII. hat in seiner Weihnachtsbotschaft 1943 warme Worte gerade für die armen Menschen gefunden. Auch wollen wir nicht übersehen, daß mancher Mensch aus Idealismus zur Partei gestoßen ist, und jetzt diese Enttäuschung. Die seelische Not ist oft noch größer als die leibliche Not, und der seelischen Not ist schwerer beizukommen als der leiblichen. Hier gibt es nur eines: diesen Menschen ein neues Ideal zeigen, ein Ideal, nicht von Menschen gezeichnet, sondern in der Ewigkeit verankert. Die geistige Revolution Wir erleben heute eine ganz große Revolution, freilich keine blutige, Gott sei Dank. Das verdanken wir den Besatzungsmächten. Aber 7 I eine unblutige Revolution geht vor sich in ganz großem Ausmaß, und zwar auf allen Gebieten. Ein geistiger Umbruch vollzieht sich, den ich kurz skizzieren möchte. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaft brauche ich bloẞ das Wort Atombombe nennen und Sie ahnen schon, was hier vor sich geht. Wenn nur die Hälfte von dem sich bewahrheitet, was die Naturwissenschaftler uns in Aussicht stellen, dann wird die Atombombe ungeheure Umwälzungen auf allen Gebieten der Wissenschaft und der Technik, vor allem auch des Verkehrs, nach sich ziehen. Doch sei das hier nur kurz angedeutet. Auf politischem Gebiet: Außenpolitisch und innenpolitisch geht eine Umstellung vor sich. 1. Außenpolitisch. Wir werden eine neue Landkarte bekommen mit ganz neuen Grenzen. Das ist nichts Neues. Das bringt jeder Krieg mit sich; aber neue Prinzipien werden heute in der Weltpolitik verfolgt. Man will die Schwierigkeiten, die immer da sind und immer da sein werden, am Verhandlungstisch überwinden. Von den neunundneunzig Staaten, die es heute gibt, haben sich einundfünfzig zusammengeschlossen in der sogenannten UNO, vier weitere sind bereits als Mitglieder aufgenommen worden. Man spricht von drei Weltmächten, die aber alle drei nicht in Europa liegen, nämlich Amerika, Großbritannien und Rußland. Europa ist ausgeschaltet. Man spricht von vier Alliierten, wozu auch Frankreich gehört. Man. spricht von den großen Fünf, wozu noch China gehört. Der Führer der deutschen Sozialdemokratie, Dr. Kurt Schumacher, hat in seiner großangelegten Rede zu Hannover am 12. Mai 1946 ein treffendes Wort gesagt: ,, Wir haben schlimme Probleme in Deutschland, aber das schlimmste ist das Siegerproblem, daß nämlich die Sieger in ihrer Politik keinen gemeinsamen Generalnenner haben. Wir sind zwar nur das Objekt der Neuregelung, aber wir melden heute an, daß wir dabei Subjekt sein wollen. Von allen Siegerkrankheiten ist die Sicherheitskrankheit die schlimmste. Was soll werden, wenn sie uns jetzt vom Westen und vom Osten her gleichzeitig bedrängen? Ein Volk von Hungernden und Frierenden ist kein Sicherheitsfaktor, sondern ein Herd von Unruhe." Das Streben nach Sicherheit ist sicher berechtigt, aber es darf nicht so weit gehen, daß man den anderen zuerst umbringt, lebensunfähig macht, damit die eigene Sicherheit nicht mehr bedroht wird. Das ist keine Lösung des Problems. 2. Innenpolitisch. Auch hier hat sich vieles geändert. Neue Parteien sind entstanden mit neuen Namen, und auch unter den alten Namen wirken neue Grundsätze und neue Methoden. Man kann wohl von einer Auflockerung der Fronten sprechen. Es ist nicht mehr so wie früher, daß man in jedem politischen Gegner, der eine andere 80 Meinung hat, einen Feind sieht, einen Volksschädling. Vielleicht könnten wir so sagen: man kämpft nicht mehr miteinander, sondern man ringt miteinander um das gleiche Ziel. Wir müssen gemeinsam den Kreuzweg gehen, der dem deutschen Volk auferlegt ist. Die Gegensätze und Unterschiede haben sich abgeschliffen. Man kann das begrüßen oder verurteilen, aber es hängt so etwas wie Unionsgeist in der Luft. Speziell wir Katholiken haben heute eine andere Stellung. Früher waren wir jahrzehntelang das Zünglein an der Waage zwischen rechts und links. Die Zeit ist vorbei. Wir haben nur die Wahl, entweder hundertprozentig in die Verantwortung zu gehen oder hundertprozentig in die Opposition. Für besonders wichtig und richtig halte ich den Grundsatz, der heute immer mehr an Boden gewinnt, daß man auch den Gegner in die Verantwortung mithereinnimmt, selbst wenn er in der Minderheit ist. Früher versuchte man, den Gegner auszuschalten, heute ihn einzuschalten. Es gibt viele Menschen, die für das Zweiparteiensystem schwärmen. Ich gehöre nicht zu diesen. Ich glaube nicht, daß man Methoden, die in anderen Ländern unter anderen Umständen sich eingebürgert haben, ohne weiteres in unsere Verhältnisse übernehmen kann und soll. Im Interesse der Klarheit würde ich am liebsten sehen, wenn es vier Parteien gäbe auf der Grundlage der vier Weltanschauungen. Das ist zur Zeit allerdings nicht möglich, nachdem diejenigen, die auf dem Boden der völkischen Weltanschauung stehen, keine Möglichkeit der politischen Betätigung haben. Tatsächlich nähern wir uns auch in Deutschland, besonders in Bayern, dem Zweiparteiensystem. und müssen wohl für längere Zeit damit rechnen. Sozialdemokratie und Union sind die beiden Blöcke, auf die sich die überwiegende Mehrheit des Volkes einstellen muß. Wir erleben eine soziale Umschichtung in weiten Kreisen des Volkes. Viele Menschen, die gestern noch in leitender Stellung sich befanden, müssen heute froh sein, wenn sie in einer untergeordneten ihr tägliches Brot finden. Und umgekehrt, viele, die bisher nur ausführende Arbeiten verrichteten, sind in leitende Stellungen gekommen. Hoffentlich wirkt sich das gut aus. Ganz groß aber ist die Umschichtung im Vermögen. Man kann wohl, roh gerechnet, sagen: ein Drittel unseres Volkes hat alles verloren, ein Drittel ist mehr oder minder geschädigt und ein Drittel hat so gut wie nichts verloren. Aber sie sollen sich nicht nur nicht zu früh freuen, sie werden schon noch geschröpft werden. Tatsächlich sind wir alle arm geworden. Wir nähern uns der klassenlosen Gesellschaft, ob wir wollen oder nicht; ob das ein Glück für unser Volk ist, ist erst eine Frage. Ein geistiger Umbruch geht vor sich, der freilich erst in seinen ersten Anzeichen bemerkbar ist. 9 1. Weltanschauungsgruppen verschieben sich. Der Faschismus ist ausgeschaltet. Der Liberalismus sucht ein Obdach und ist heute weithin die Weltanschauung des Sozialismus geworden. Wir Deutsche kommen nicht herum um die Weltanschauung, was das Ausland oft nicht versteht, das ist unsere Schwäche und unsere Stärke. Das Wort, das Lenin am Sterbebett gesagt haben soll, kommt mir unwillkürlich in den Sinn: In hundert Jahren gibt es nur noch zwei Weltanschauungen: den Bolschewismus und den Katholizismus. 2. In der Staatsauffassung hat sich viel geändert. Der totale Staat, die autoritäre Staatsführung hat an Kredit verloren. Demokratie ist die Losung unserer Zeit. Aber die Auffassungen über das Wesen der Demokratie gehen weit auseinander. Moskau versteht darunter etwas ganz anderes als Amerika oder England. Demokratie ist keine Staatsform, wie etwa Monarchie oder Republik, sondern ein Regierungsprinzip. Demokratie ist nur ein Gefäß, es kommt darauf an,"' was man dem Gefäß für einen Inhalt gibt. In einem Punkt scheinen sich alle einig zu sein, die Grundrechte der Menschen, die sogenannten allgemeinen Menschenrechte sollen die Grundlage und der Ausgangspunkt der Demokratie sein. Aber auch hier ist ein großer Unterschied. Die Menschenrechte müssen fundiert sein in der Ewigkeit, im Willen des Schöpfers, sonst hängen sie in der Luft. Als im Jahre 1776 der nordamerikanische Staat Virginia zum erstenmal die Menschenrechte proklamierte, da berief er sich ausdrücklich auf den Willen Gottes. Als dann 1789 die französische Revolution im Namen der Menschenrechte die alte Ordnung stürzte, ließ sie bewußt diese Begründung fallen, und doch sind die Menschenrechte entstanden im Kampf um die Rechte der religiösen Minderheiten. Sie sind also ursprünglich ein Produkt religiöser Kämpfe gewesen. Wenn Freimaurer und Liberale die Menschenrechte vor allem für sich mit Beschlag belegen, so muß uns das mit großem Mißtrauen erfüllen, weil auf ihrem Boden die Menschenrechte niemals eine rechte Verwurzelung finden können. 3. Die Rechtsauffassung hat eine ungeheure Wandlung durchgemacht. Wir haben es in den letzten Jahren erlebt, wohin ein Volk kommt, wenn seine Rechtsordnung ins Wanken gerät. Der Rechtspositivismus, der nur das geschriebene Gesetz gelten läßt, der Staatsabsolutismus, der im Staat die einzige Quelle des Rechtes sieht, die sogenannte völkische Rechtsauffassung, die in der Rasse die Wurzel des Rechtes sieht, hat Fiasko gemacht. Nur das ungeschriebene Gesetz, das Recht, das mit uns geboren wird, das Naturrecht, gibt den festen Boden für eine klare Rechtsordnung. Das hat man besonders bei uns in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr gelten lassen wollen. Man hat uns Katholiken verhöhnt, wenn wir uns auf das 10 Naturrecht beriefen. Die Entwicklung hat aber uns recht gegeben und in Nürnberg bekamen die Rechtspositivisten die Antwort. 4. Unsere Geschichtsauffassung bedarf dringend einer Revision. Sogenannte große Männer erscheinen uns heute vielfach als sehr klein. Unser gesamter Geschichtsunterricht muß auf einen neuen Boden gestellt werden. Nicht das sind die größten Staatsmänner, die große Siege erringen, sondern jene, die den Krieg vermeiden und ein Volk glücklich machen ohne Blutvergießen. 5. Die Pädagogik bedarf dringend einer Erweiterung oder Ergänzung. Es genügt nicht mehr, den werdenden Menschen zu erziehen, daß er ein anständiger Mensch wird; das ist gewiß notwendig und die erste Voraussetzung. Aber schon das Kind muß daraufhin erzogen werden, daß es den Blick fürs Ganze, für die Gesamtheit gewinnt. Wir brauchen nicht bloß Individualpädagogik, sondern Sozialpädagogik. Es war doch vielfach so, daß Menschen, wertvolle Menschen, verständige Menschen, sich etwas darauf zugute taten, daß sie um andere Menschen sich nicht kümmerten. Sie glaubten, das sei vornehm, wenn man möglichst abgeschlossen nur für sich lebe. Wenn heute gerade uns Christen oft der Vorwurf gemacht wird, daß wir nicht ernst machen mit dem Gebot der christlichen Nächstenliebe, dann liegt das vielfach darin begründet, daß unsere Pädagogik sich im allgemeinen damit begnügte, den Menschen für sich allein zu sehen und nicht im Zusammenhang mit der Allgemeinheit. Man denke nur an den zweifelhaften Nachruf, den man oft an Gräbern hören konnte, der Verstorbene habe sich nur um seine Familie gekümmert. Wenn das richtig ist, dann ist es sicher kein Lob, sondern eher das Gegenteil. Die Menschen müssen sich wieder bewußt werden, daß sie Glieder sind eines großen Ganzen, und daß jeder an seiner Stelle mitverantwortlich ist für das Wohl der Allgemeinheit. Diese geistige Umstellung in der Pädagogik halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. 6. Die Philosophie wird in dem geistigen Umbruch unserer Zeit auch viele Stellungen aufgeben müssen. Ich kann mir nicht denken, daß die sogenannte Lebensphilosophie oder auch die Existentialphilosophie ungeschoren aus dem Chaos unserer Zeit hervorgehen. Man konnte schon in letzter Zeit eine verheißungsvolle Begegnung von Naturwissenschaft und reiner Philosophie feststellen. Es war wie bei dem Bau eines Tunnels; von beiden Seiten wird gebohrt, man kommt sich immer näher, man hört schon die Klopftöne, man hofft täglich auf den Durchbruch. Die Naturwissenschaft hatte in den letzten Jahrzehnten durch den ungeheuren Fortschritt ihrer Forschungen, angefangen von der Entdeckung der Röntgenstrahlen 1895, von der Entdeckung des Radiums 1901 bis zur grandiosen Erfindung der 11 Atombombe immer mehr einsehen gelernt, daß die Materie, die doch früher als undurchsichtiger Stoff galt, eigentlich gar keine Materie ist, sondern eine ungeheure Zusammenballung von Kräften, also etwas Dynamisches, nicht etwas Statisches. Von der anderen Seite her hat die reine Philosophie immer mehr den Boden des sogenannten ,, Dinges an sich" verlassen und hat auch vom Standpunkt des Kritizismus aus den Weg zum Sein, zur Ontologie, gefunden. Was jahrhundertelang getrennt war, begegnet sich jetzt, und es kommt alles darauf an, ob es der philosophia perennis gelingt, diese Begegnung fruchtbar zu gestalten und vom natürlichen Sein aus den Durchbruch zum ewigen Sein zu finden. Hier eröffnen sich Perspektivén von gigantischem Ausmaß. So könnte der Umbruch doch ein Segen werden für die Menschen. Auch das religiöse Gebiet wird vom Umbruch der Zeit nicht unberührt bleiben. Die ewigen Wahrheiten bleiben zwar immer die gleichen, aber die Art und Weise, wie sie an den Menschen berangetragen werden, der Grad der Aufgeschlossenheit des Menschen kann sehr verschieden sein. Diese Spannung, die sich ergibt aus der unveränderlichen Statik des Ewigen und der stets veränderlichen Dynamik des zeitbedingten Menschen zeigt sich zunächst schon in der Seelsorge. Die ordentliche Seelsorge wird zwar nicht unberührt bleiben von den Auswirkungen des Umbruchs, kann aber doch wesentlich sich nicht ändern. Sie hat eben immer das ewige Wort Gottes hineinzupredigen in die Zeit, hineinzutragen in die aufgewühlten Herzen. Eine andere Frage ist es, ob die außerordentliche Zeit, in der wir leben, nicht außerordentliche Methoden oder Einrichtungen in der Seelsorge wünschenswert macht. Da liegt mir vor allem eines am Herzen, ein alter Lieblingsgedanke von mir: Wir brauchen eine systematische Erwachsenenbildung. Wir haben sehr viel geleistet in der Bildung des Kindes, aber die systematische Unterweisung der Erwachsenen ist dabei zu kurz gekommen. Die Sonntagspredigt allein genügt nicht zu systematischer Schulung. Da spielen zu viele liturgische, caritative und sonstige zeitbedingte Aufgaben herein. Ein Mitbruder hat einmal ausgerechnet, daß von den fünfundsechzig Sonn- und Feiertagen im Kirchenjahr eigentlich nur siebzehn frei sind für die Wahl eines beliebigen Themas. Alle anderen sind gebunden an gewisse, alle Jahre sich wiederholende Aufgaben. Mit siebzehn Sonntagspredigten, die sich noch dazu auf das ganze Jahr verteilen, läßt sich eine systematische Schulung nicht verwirklichen. Dazu kommt die bedauerliche Predigtflucht, vielfach auch im gläubigen Volk. Dabei wissen wir doch alle, wie wenig unser Volk in religiösen Dingen weiß. Hier muß Wandel geschaffen werden. Ich sehe keine andere Möglichkeit, als daß man regelmäßig jede Woche 12 einmal die ewigen Wahrheiten des Katechismus in lebendiger Sprache und im Zusammenhang dem Volk nahebringt. Die sogenannte Volkskatechese, wie sie sogar das kirchliche Gesetzbuch vorschreibt, ist ein dringendes Bedürfnis; ihre Bedeutung ist noch lange nicht allgemein erkannt. Freilich wäre es wünschenswert und notwendig, daß hier ganz bestimmte neuartige Methoden gefunden würden, um einerseits die Menschen auch anzuziehen und andererseits ihnen auch die Möglichkeit zu geben, das, was sie gehört haben, zu behalten. Sogenannte Merkblätter scheinen mir hier eine große Mission zu haben. Das Vereinsproblem ist nach wie vor ein ungelöstes Problem. Wir stehen vor folgender Tatsache: - Das katholische Vereinswesen war in Deutschland vor 1933 ungeheuer vielgestaltig und galt in der ganzen Welt als vorbildlich. Nicht umsonst wurden die katholischen Vereine vom Dritten Reich so gefürchtet und unter Druck gehalten. Mit großer Mühe ist es den Bischöfen gelungen mit Hilfe des Konkordats die Vereine wenigstens im Prinzip, auf dem Papier zu erhalten. Jetzt aber, wo die Vereinsfreiheit uns wieder gegeben ist, bemerken wir auf allen Seiten eine ungeheuere Vereinsmüdigkeit, ja geradezu eine Angst vor den Vereinen. Was sollen wir tun? Drei Linien zeichnen sich ab: Die einen wollen überhaupt keine Vereine; sie glauben in losen, kirchlichen Veranstaltungen, wie z. B. Männerabende oder Männerkreise, all das erreichen zu können, vielleicht sogar besser, was früher die Vereine wirkten. Besonders in der Jugendbewegung hat leider dieser Gedanke viel Anklang gefunden. Man glaubt auf diese Weise auch solche interessieren zu können, die jedem Verein abhold sind. Andere glauben, es wird nichts übrig bleiben, als mehr oder minder in der alten Form die Vereine wieder wachsen zu lassen, je nach den örtlichen Bedürfnissen, wenn auch mit neuen Methoden. Eine dritte Gruppe möchte das Vereinswesen vereinfachen. Nur eine oder höchstens einige wenige große Organisationen sollen geschaffen werden, etwa nach dem Vorbild des früheren katholischen Volksvereins. Wenn ich mich nicht täusche, scheint man an Oberhirtlicher Stelle zu der Ansicht zu neigen, die Dinge einmal wachsen zu lassen, wie es kommt. Vielleicht wird sich nach einigen Jahren doch etwas herauskristallisieren, das geeignet wäre, die große Idee der Katholischen Aktion in die Tat umzusetzen. Jedenfalls hat der Heilige Vater ausdrücklich bestimmt, daß katholische Arbeitervereine gegründet werden sollen. Grundsätzlich möchte ich folgendes noch dazu sagen: Für die Seelsorge brauchen wir überhaupt keine Vereine und auch keine Kongregationen; das soll der Pfarrer von der Kanzel aus oder in eigenen 13 Abenden, Standestreffen, Aussprachekreise usw. machen. Sonst hat er seinen Beruf verfehlt.- Vereine aber sind notwendig, wenn wir Priester im Geiste der letzten Päpste nicht nur ,, Gesinnungsreform" ( das ist Aufgabe der Seelsorge), sondern ,, Zuständereform" herbeiführen wollen und sollen. Dazu brauchen wir eine Macht", eine Massenbewegung, auf die wir uns stützen und berufen können, um etwas durchzusetzen. Und dazu brauchen wir Vereine. 99. Wir können und müssen folgende Vereinsaufgaben unterscheiden: Eine kirchenpolitische. Die Vereine sollen für die Kirche und die kirchlichen Interessen in der Öffentlichkeit eintreten. Solche Interessen können sich namentlich dann ergeben, wenn die Kirche in der Öffentlichkeit angegriffen wird, womit in nächster Zeit zu rechnen ist, nachdem bereits Freimaurerlogen, Monistenbund, Freidenkervereine und ähnliche Organisationen wieder erstanden sind. Eine kulturpolitische zur Förderung des katholischen Pressewesens, der katholischen Literatur, des katholischen Bibliothekwesens, der christlichen Kunst usw. Eine Bildungs- und Erziehungsaufgabe, indem sie die Katholiken ohne Unterschied des Standes aufklären sollen über wichtige kirchliche Fragen. Eine besondere Aufgabe sehe ich darin, die Päpstlichen Enzykliken systematisch dem katholischen Volk nahe zu bringen. Das läßt sich in der Kirche allein nicht machen. Eine standes- politische. Hier zeigt sich besonders die Mission der Arbeitervereine und der übrigen Standesvereine. Eine gesellschaftliche Aufgabe, indem die Vereine die Katholiken nebst ihren Familien außerhalb der Kirche näher bringen. Diese Auf-. gabe darf nicht. unterschätzt werden, namentlich auch für die Anbahnung katholischer Ehen. Eine caritative, das ist die Mission der verschiedenen caritativen Vereine. Eine apostolische, das sind Missionsvereine. Spezielle Aufgaben haben dann bestimmte Vereine, wie Kirchenbauvereine, christliche Baugenossenschaften, Korbiniansverein usw. Die ganze Vereinsfrage hängt aber in erster und letzter Linie davon ab, ob wir Priester haben, die nicht nur ihre Aufgabe darin sehen, die einzelne unsterbliche Seele zu retten, sondern die ganze Schöpfung heimzuholen zum Vater. Gebt uns Priester, die geschult sind im Geiste von Quadragesimo anno- und das Vereinsproblem ist gelöst. Auch die heilige Theologie steht heute vor neuen Aufgaben oder vielleicht besser gesagt, sie ist gezwungen, alte Probleme wieder neu durchzudenken. Ich denke da vor allem an die christliche Staatsphilosophie, überhaupt allgemein an die christliche Sozialphilosophie. 14 Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, hat uns doch wohl allen gezeigt, daß auf diesem Gebiet noch lange nicht das letzte Wort gefunden ist. Man hat bisher gesagt, der Katholik muß jeder legalen Regierung Gehorsam und Achtung erweisen. Eine Regierung ist legal, wenn sie auf legalem Wege in den Besitz der Macht kommt. Eine illegale Opposition galt allgemein als unvereinbar mit dem christlichen Gewissen. Beweis: Röm 13. Hier gilt es nun neu einzusetzen. Es ergeben sich folgende Fragen: Hängt die Legalität einer Regierung einzig und allein von der Legalität der Machtergreifung ab? Kann eine legale Regierung nicht illegal werden, wenn sie gegen den Willen Gottes regiert, wenn sie das bonum commune verletzt? Und wenn eine legale Opposition verboten ist, kann es da nicht Pflicht sein, illegale Opposition zu machen, wenn die legale Regierung illegal handelt? Ist Hitler überhaupt legal zur Regierung gekommen? Was ist mit dem Fahneneid? Ist das ein Eid? Was ist mit dem Beamteneid, wenn er einem aufgezwungen wird gegen seine Überzeugung? Das alte Problem des Tyrannenmordes taucht wieder auf, und gar erst der Formalismus im vierten Gebot, die berühmte preußische Pflichtauffassung. Wenn ein Unteroffizier einem Soldaten den Befehl gibt, zehn unschuldige Frauen und Kinder zu erschießen, ist der Untergebene dazu verpflichtet im Gewissen? Darf er das überhaupt tun? Man hat in katholischen Moralbüchern manchmal lesen können, wenn der Befehl von einem rechtmäßigen Obern gegeben ist, dann braucht der Untergebene nicht erst untersuchen, ob der Inhalt des Befehls einwandfrei ist; ja, er darf es vielleicht gar nicht. Man hat uns das im Ausland übel genommen. Ich habe als junger Priester, als ich in Berlin studierte und meinen Doktor ,, baute", mich viel mit französischer Literatur beschäftigen müssen. Da ist mir oft ein Satz aufgefallen, in dem den deutschen Katholiken zum Vorwurf gemacht wurde, daß sie sich von der preuBischen Gehorsamsauffassung und der Kant'schen Pflichtethik hätten verführen lassen. Ich habe das damals nicht verstanden. Heute verstehe ich es. Ist es nicht vielleicht doch so, wie einmal Förster schrieb: ,, Bismarck ist nach Canossa gegangen, und die deutschen Katholiken nach Potsdam." Das alles sind schwere Fragen von großer Tragweite. Kann man diese Fragen überhaupt auf Grund des Evangeliums beantworten? Damit stehen wir vor einem zweiten großen Problem, das heute der Theologie aufgegeben ist. Ist es nicht vielleicht doch so, daß wir unter einem gewissen Einfluß des deutschen Protestantismus uns etwas zu einseitig auf den Standpunkt der Bibel stellten? Wir 15 nannten uns oft mit einem gewissen Stolz ,, Prediger des Evangeliums", aber wir sollten doch die ganze göttliche Offenbarung predigen. Professor Schmaus hat recht, wenn er einmal schreibt: ,, Wir Priester haben kein Recht, dem Volk auch nur eine einzige Wahrheit vorzuenthalten, die uns geoffenbart ist." Es ist aber uralte katholische Auffassung, daß es eine zweifache Offenbarung gibt, eine natürliche Offenbarung, die sich vor allem im Naturrecht, in der sittlichen Weltordnung zeigt, und eine übernatürliche Offenbarung. Zu dieser letzteren gehört aber nicht nur das Evangelium und nicht nur das Neue Testament, sondern auch das Alte Testament; ja noch mehr, die übernatürliche Offenbarung ist uns nicht nur schriftlich übergeben, sondern auch, und sogar in erster Linie, mündlich, im Lehramt der Kirche. Praktisch genommen bedeutet das, daß die Verlautbarungen des kirchlichen Lehramts, und das sind in heutiger Zeit die päpstlichen Weltrundschreiben, die päpstlichen Rundfunkansprachen und Rundfunkbotschaften, auch irgendwie zur göttlichen Offenbarung gehören. Gewiß, sie können nicht auf eine Stufe mit der Bibel und mit dem Naturrecht gestellt werden. Aber praktisch und faktisch sind sie der autoritative Weg, auf dem Gott zu den Menschen der Gegenwart über die Probleme der Gegenwart spricht. Sind vielleicht doch bei uns von der goldenen Kette der Offenbarungen das Anfangsstück, das Naturrecht, und das Endglied, die päpstlichen Enzykliken, zu kurz gekommen? Wer kennt überhaupt die päpstlichen Enzykliken alle, die seit hundert Jahren ergangen sind? Wer hat sie überhaupt? Leider müssen wir feststellen, daß ein großer Teil von ihnen, namentlich die letzten Rundfunkansprachen, noch gar nicht in deutscher Sprache erschienen sind. Pater Muckermann hat einmal gesagt, was uns abgeht, sind Lehrstühle an den Universitäten zur Exegese der päpstlichen Enzykliken. Erst dann, wenn wir die ganze Offenbarung überschauen und ausschöpfen, sind wir in der Lage, auf all die brennenden Fragen der Gegenwart eine Antwort zu geben, die allseits befriedigt. Ein drittes Problem meldet sich heute ungestüm zum Wort. Es ist eigentlich gar kein Problem, es ist eine uralte katholische Weisheit, die aber vielfach in Vergessenheit geraten ist, und die uns vielleicht den Schlüssel geben könnte für die großen sozialen Probleme unserer Zeit. Das ist der Ordnungsgedanke. Mit Recht hat Hans Maier in seinem großen Werk über Thomas von Aquin den Gedanken des ordo in den Mittelpunkt des Thomismus gerückt. Auch Steinbüchel ist ihm darin gefolgt, und die moderne Wertphilosophie verlangt geradezu den Ordnungsgedanken. Auch die päpstlichen Enzykliken, insbesondere Quadragesimo anno, fußen auf diesem Grund16 t " t S gedanken. Es gibt eine von Menschen unabhängige, vom Schöpfer selbst in die Welt hineingelegte Ordnung. Gott hat die Welt als Kosmos erschaffen, nicht als Chaos. Es gibt daher eine natürliche Gesellschaftsordnung. Diese Ordnung ist freilich durch die Erbsünde oder, besser gesagt, durch die Ursünde in Unordnung geraten. Wir haben es also nach einem feinsinnigen Wort von Theodor Haecker mit einer ,, in Unordnung geratenen Ordnung" zu tun. Und es ist unsere Aufgabe, das eigentliche Wesen der christlichen Politik, die in Unordnung geratene Ordnung wieder in Ordnung zu bringen. Darum sagt auch Pius XII.( Weihnachten 1945): ,, Es gibt nur eine Lösung: Zurück zu der vom Schöpfer in die Welt hineingelegten Ordnung!" Auch das Wort und der Begriff ,, sozial" bedarf dringend einer Neubesinnung. Es ist so abgeschliffen, ja nicht selten falsch gefaßt worden. Sozial bedeutet vielfach nichts anderes als caritativ, also Rücksicht auf den kleinen Mann, auf die zu kurz Gekommenen. Diese Begriffsauffassung ist viel zu eng, um nicht zu sagen falsch. Sozial bedeutet Bezugnahme auf die Gemeinschaft, nicht nur auf den einzelnen. Am klarsten kommt uns das zum Bewußtsein, wenn wir das Gegenstück ins Auge fassen. Der asoziale Mensch ist ein Mensch, der dahinlebt, als wenn er allein auf der Welt wäre, als wenn es keine Gemeinschaft, keine Gesamtheit gäbe. Asozial ist nicht bloß der Mensch, der stiehlt oder nichts arbeiten will, asozial ist nicht bloß der Arbeitgeber, der seine Arbeiter ausbeutet, sondern auch der Arbeiter, der dem Arbeitgeber seinen Betrieb nehmen möchte, wenn er nur könnte, oder der seine Pflicht nicht tut oder nur so weit, daß er mit knapper Not seinen Lohn verdient. Asozial ist der Priester, der bloß an seine eigene unsterbliche Seele denkt, vielleicht noch an die unsterbliche Seele der ihm Anvertrauten, dem aber der Blick für die Totalität der Menschheit fehlt. Das bekannte Wort ,, Rette deine Seele!" kann sich sehr asozial auswirken. Roosevelt hat in seiner letzten Rede, einen Tag vor seinem Tod, gesagt: ,, Wir brauchen eine neue Wissenschaft, die Wissenschaft vom Zusammenleben der Menschen"; und Pius XI. hat in der Enzyklika Quadragesimo anno gesprochen von der ,, ardua humanae consortionis causa", d. h. von der schwierigen Frage der menschlichen Schicksalsgemeinschaft. Unsere Zeit schreit nicht bloß nach einer Sozialethik, wie wir bereits gesehen haben, nach einer Sozialpädagogik, sondern auch nach einer Sozialtheologie. Ansätze hiezu finden wir schon in dem großen Geheimni vom Corpus Christi Mysticum. Religion ist ja, wie man schon wiederholt gesagt hat, nicht nur das Verhältnis von ich und Gott, sondern von wir und Gott. Wir Menschen sind nun einmal eine Sozietät, sonst wäre ja die Erbsünde gar nicht zu begreifen. Daher der Ruf nach der justitia socialis, worunter man die Pflichten versteht, die der einzelne 2 17 F hat in Bezug auf das bonum commune. Wir alle stecken noch tief drin im Individualismus, ohne es zu merken. Das sind so einige desideria, die’ der Sozialphilosoph, um nicht zu sagen der Politiker, an die Theologie zu stellen hätte. Zweifellos sind verheißungsvolle Ansätze vorhanden. Es gilt jetzt nur weiterzu- bauen; die Not der Zeit drängt. Aber auch das Beispiel der Päpste deutet darauf hin, daß wir vor einer Wende stehen. Von Pius IX. zu Pius XI. ist ein weiter Weg. Heuer sind es hundert Jahre, daß Pius IX. zum erstenmal in einer Enzyklika auf den Sozialismus zu sprechen kam. Damals hat er Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und Nihilismus in einen Topf geworfen und hundertprozentig verdammt. Das war der erste, ich möchte sagen instinktive Protest gegen den modernen Sozialis- mus, der im kommunistischen Manifest 1848 die Welt erbeben machte. Dazu kam-der alte Kampf der Kirche gegen den Liberalis- mus. Inzwischen hat sich vieles geändert, hüben und drüben. Auch der Sozialismus hat eine große Wandlung durchgemacht. Es ist ein weiter Weg von Karl Marx bis zu Kurt Schumacher. oder Wilhelm Högner. Dementsprechend hat sich auch die Stellung der Kirche zum -Sozialismus gewandelt. Leo XIH. war der erste, der 1891 in seiner großen Arbeiter-Enzyklika ein offenes Ja sagte zur modernen Arbei- terbewegung, wenn er auch mit Recht den Liberalismus und den So- 'zialismus als Irrwege verurteilte. Es war ein Ereignis von welt- geschichtlicher Bedeutung, daß der Papst als erster in der bürger- lichen Welt, wenn ich so sagen därf, die Berechtigung der Arbeiter- bewegung anerkannte. Pius XI. ging noch einen Schritt weiter. Er sprach ein offenes Nein zum modernen Kapitalismus in einer Schärfe, über die man sich weithin wunderte. Aber er sagte nicht bloß Nein zum Kapitalismus, er sprach auch ein Ja zu dem Gedanken einer Neuordnung der sozialen Welt. Er anerkannte also bis zu einem gewissen Grad die Kritik des Sozialismus an der bestehenden Ord- nung. Die Diagnose von Karl Marx war richtig, aber falsch war sein Weg. Pius XII. tat dann den letzten Schritt, indem er bei seiner An- sprache am 1. Juni 1941 zum fünfzigsten Jubiläum von„Rerum novarım“ auch die Sozialisierung innerhalb gewisser Grenzen und unter gewissen Voraussetzungen als möglich und tragbar erklärte. Damit sind alle Hindernisse beseitigt, die einer Verständigung zwi- schen der modernen Arbeiterbewegung und der katholischen Sozial- ordnung im Wege standen, natürlich immer unter der Voraussetzung, daß die unglückliche Ehe, die Karl Marx mit dem Freidenkertum einging, gelöst wird. Bedenken wir ferner, daß Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft 1944 ein offenes Ja zur Demokratie gesagt hat, so sehen wir, wie aufgeschlossen das Papsttum den Problemen unse; 18 rer Zeit gegenübersteht. Damit hat der Papst das berechtigte Korn chen Wahrheit des alten Liberalismus anerkannt und das Tor zur Verständigung auch nach dieser Seite aufgemacht. Ich habe das, Ge- fühl, daß die meisten Menschen, auch die meisten Priester, noch gar nicht merken, was das bedeutet. Es ist wirklich so: der Gedanke der Union liegt heute m der Luft. Die Schuld der Vergangenheit Es wird ‚heute sehr viel über die Schuld des deutschen Volkes ge- sprochen. Die Gerechtigkeit verlangt, daß man hier sehr vorsichtig ist. Auf evangelischer Seite redet man viel von Kollektivschuld. Theologisch gesehen, ist das nicht falsch, aber man müßte dann von der Kollektivschuld der Menschheit sprechen; denn Papst Pius XI. hat sicher recht, wenn er in seiner Weihnachtsbotschaft 1943 sagt: „Wer hätte das Recht, sich für ganz schuldlos zu halten? Es geziemt sich, daß auch die Christenheit den Teil der Verantwortung sich vor Augen halte, der auf sie fällt; oder haben vielleicht nicht auch viele Christen Zugeständnisse gemacht an jene falschen, vom kirchlichen Lehramt so oft verworfenen Ideen und Weltanschauungen? Jede Lauigkeit und jedes vorschnelle Liebäugeln mit Menschenrücksichten, jeder Kleinmut und jedes Schwanken zwischen gut und böse in der christlichen Lebensführung, in der Kindererziehung und in der Lei- tung der Familie; jede geheime oder offene Sünde; all dies und was man noch mehr hinzufügen könnte, war und ist ein beklagenswerter Beitrag zu dem Unheil, das heute die ganze Welt erschüttert.“ Ein anderes Gesicht bekommt die Schuldfrage, wenn wir sie unter dem politischen Gesichtspunkt ansehen. Hier-gilt zunächst das Wort aus Dreizehnlinden: „Und da sich die neuen Tage aus dem Schutt der alten bauen, kann ein ungetrübtes Auge rückwärtsblickend vorwärts schauen.“ Darüber kann kein Zweifel sein, daß der Löwenanteil an der Schuld den Nationalsozialismus und alle, die ihn stützten und förder- ten, trifft. Hier kann man leider mit vollem Recht sagen:„Das alles verdanken wir dem Führer.“ Ohne Hitler wäre der Krieg nicht ge- kommen, ohne Hitler kein Luftkrieg, keine zerstörten Städte, ohne Hitler kein Chaos. Ich habe ein Recht so zu sprechen, denn ich habe seit dreiundzwanzig Jahren den Nationalsozialismus als Häresie und als ein Unglück für unser Volk bezeichnet und bekämpft, auch zu einer Zeit, wo es gefährlich war, das zu sagen. Gerade deswegen rede ich heute nicht gern davon, heute, wo es nichts mehr kostet und wo es geradezu Mode geworden ist, über die Nazi zu schimpfen. Wenn wir die Schuldfrage erschöpfend behandeln wollen, müssen wir zunächst von den Fehlern des Nationalsozialismus sprechen. Aber 19 dann wollen wir offen und ehrlich auch die Fehler der anderen sehen und unsere eigenen dabei nicht übersehen. Ich spreche daher von den braunen Fehlern, von den roten Fehlern, von den schwarzen Fehlern, von den deutschen Fehlern, von den Fehlern der anderen. “ Nur so können wir hoffen, ein objektives Urteil über die Schuldfrage zu, finden. Braune Fehler. Die meisten von denen, die heute über die Nazi schimpfen, schimp- fen nur deswegen, weil es schief gegangen ist; wenn es nicht schief gegangen wäre, würden neunzig Prozent von denen, die heute den Nationalismus in Grund und Boden verurteilen,„‚Heil Hitler‘ rufen. Darin sehe ich eine große Gefahr. Es sind noch lange nicht allen Men- schen die Augen aufgegangen. Der Nationalsozialismus ist in sich falsch und verderblich, unabhängig davon, ob er Erfolg oder Miß- erfolg hat. Der Nationalsozialismus ist eine Häresie, denn falsch ist seine Weltanschauung, falsch seine Staatsauffassung und falsch sein Menschenbild. Weltanschauung Ausgangspunkt: Blut und Boden. Ziel: Der absolute Staat. Wes: Gewalt, Haß und Hochmut. Staatsauffassung. Staatsomnipotenz= der Staat kann alles. Staatsabsolutismus— der Staat darf alles. Totaler Staat= der Staat macht alles. Dazu kommt noch das Einparteiensystem, das noch schlimmer ist als das Vielparteiensystem. Keine Möglichkeit der Kritik und der Kon- trolle, keine Möglichkeit der Opposition, keine Achtung vor der Würde des Menschen, keine Rücksicht auf die Kirche, keine Ehr- furcht vor Gott. Selbst Lüge und Betrug können erlaubt sein, wenn sie für den Staat nützlich sind. Das ganze ist ein Rückfall ins krasseste Heidentum. n Das Menschenbild Man beachte die drei Sätze: der Mensch ist Gott gleich, nicht Gott ähnlich; das Blut ist der Höchstwert, nicht die Seele, nicht der Geist; der einzelne ist nichts, die Gemeinschaft alles. de) t ב T n e Es ist furchtbar, wie sehr das Bild des Menschen verzerrt wird in den verschiedenen Häresien. Er ist nur Arbeitsware dann Atom der Masse dann ein Rädchen an der Maschine schließlich ein Sklave des Staates nur Kanonenfutter ein Stück Vieh, von Ort zu Ort, von Stall zu Stall getrieben ein Tier ein Gott im Kapitalismus, im Materialismus, im Kommunismus, im Absolutismus, im Militarismus, im Imperialismus, im Darwinismus, im Liberalismus. Das ist die Tragik des Menschen im Irrtum der Jahrhunderte. Diese grundsätzliche Beurteilung des Nationalsozialismus kann nicht klar und deutlich genug der Menschheit zum Bewußtsein gebracht werden. Im einzelnen könnte man drei Todsünden des Nationalsozialismus besonders herausstellen, drei Grundfehler, die wir immer wieder den Menschen, auch unseren Kindern, einhämmern sollten als warnendes Beispiel, wie man es nicht machen darf. Der Hochmut. Sie kennen ja den berühmten Satz vom ,, größten Feldherrn aller Zeiten". Darüber könnte man lachen. Schlimmer ist schon das andere Worte: ,, Das deutsche Volk ist ein Herrenvolk, die übrigen Völker nur Kulturdünger"; ein gefährlicher Satz und zugleich falsch und unrichtig. Am schlimmsten aber war es, wenn selbst die Jugend, die kleinen Pimpfe auf der Straße, sangen: ,,, Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt." Dieser Hochmut, diese Herrenvolkideologie, mußte ins Chaos führen. Hier gilt das alte Wort ,, Hochmut kommt vor den Fall". 99 Der Haß. Noch in den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch, im April 1945, hat der ,, Völkische Beobachter" in großen Lettern die Schlagzeile gebracht: ,, Haß ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei." Mit Schaudern denken wir noch an den Aufsatz, den Goebbels einst im ,, Reich" veröffentlicht hat unter dem Titel: Wir müssen hassen lernen." Ein Auszug von diesem fürchterlichen Machwerk wurde als Merkzettel auch unserer Jugend in der Schule gegeben. Ich kann mich noch gut erinnern, einmal auf dem Katheder meines Klassenzimmers einen Stoß solcher Merkzettel gesehen zu haben, der ausgeteilt werden sollte. Ich gestehe offen, ich habe diesen Pack mitgenommen, denn ich wollte nicht, daß meine Kinder hassen lernen. Unwillkürlich werden wir hier auch erinnert, daß dieser Hymnus auf den Haß durchaus nicht dem Nationalsozialismus allein zu eigen ist. Lunatschewsky, ein bolschewistischer Schriftsteller, schreibt: 21 „Die christliche Liebe ist die Fußfessel für den Fortschritt. Was uns rettet, ist der Haß. Wir müssen hassen lernen; das allein ist der Preis, mit dem wir die Welt erobern.“ Dem gegenüber erinnern wir uns an das Wort des hl. Johannes: ‚‚Jeder, der seinen Bruder hasset, ist ein Menschenmörder“(1 Joh 3, 15). Diktatur. Hochmut und Haß führen naturnotwendig zur Diktatur. Abscheu und Ekel vor der Diktatur sollte allen Menschen von Jugend an eingeimpft werden.+ Diktatur heißt nicht bloß über andere regieren, Diktatur heißt, den anderen zwingen, gegen seine Überzeugung zu handeln, gegen seine Überzeugung in die Partei einzutreten, gegen seine Überzeugung„Heil Hitler“ zu rufen, gegen seine Überzeugung andere Menschen umzubringen. Diktatur sieht in jedem Menschen, der eine andere Meinung hat, einen Staatsfeind, einen Volksschäd- ling, einen Menschen, der kein Recht hat, dem man die Freiheit, die Ehre, ja das Leben nehmen kann und muß. Diktatur bedeutet Ver- achtung der Menschenwürde, Verachtung Gottes, der den Menschen gemacht, bedeutet nicht zuletzt aber auch eigene Unsicherheit, weil man in ständiger Angst lebt, es könnten andere Menschen sehen oder sagen, was man selber falsch macht. Jede Diktatur ist von Übel, auch wenn der Diktator ein besserer. Mensch wäre, als Hitler gewesen ist. Wir wollen keine Diktatur, weder eine braune noch eine rote, auch keine Diktatur einer Partei oder einer Kirche. Die Diktatur widerspricht dem Willen des Schöpfers. Einer hätte das Recht zu diktieren, der Allmächtige, der absolute Herr, Gott, und gerade Gott hat auf die Diktatur verzichtet und dem Menschen die Freiheit gelassen, auch auf die Gefahr hin, daß der Mensch die Freiheit mißbraucht. Es ist das ein großes Geheimnis, das wir Men- schen nie ganz begreifen werden, das wir aber auch nicht übersehen dürfen. Ein moderner Schriftsteller schreibt:„„Das größte Geheimnis für mich ist der Respekt Gottes vor der Freiheit des Menschen.“ Gott will nicht Puppen, die blindlings folgen, sondern freie Men- schen, die bewußt ja sagen. Letzten Endes ist das auch eine psycho- logisch-pädagogische Frage. Man muß den werdenden Menschen eine Zeitlang führen, wenn nötig auch mit Zwang nachhelfen, aber der Augenblick darf nicht übersehen werden, zur rechten Zeit den Men- schen an die Freiheit zu gewöhnen, denn„Freiheit ist der Zweck des Zwanges“.: Rote Fehler Hitler trägt die Hauptschuld. Darin sind wir uns alle einig; aber damit ist die Schuldfrage nicht erschöpft. Jetzt kommt die Frage, 22 wer hat denn Hitler die Macht gegeben? Es hat immer Menschen gegeben und wird immer Menschen geben, die im Irrtum befangen sind. Auch Verbrecher und Wahnsinnige werden nie aussterben. Aber daß man einem solchen Menschen die Macht in die Hand gibt, das ist die große Schuld. Und wer hat sie ihm gegeben? Nicht das deutsche Volk in seiner Gesamtheit. In der letzten Wahl, die noch frei war, im November 1932 hat Hitler nur 32 Prozent der Stimmen bekommen. Selbst in der entscheidenden Wahl im März 1933, die aber nicht mehr ganz frei war und vor allem unter dem Eindruck des sogenannten Reichstagsbrandes stattfand, erhielt er 44 Prozent. Niemals hat das deutsche Volk in seiner Mehrheit Hitler gewählt, als es wählen konnte. Aber gerade deswegen müssen wir uns fragen, wie war es möglich, daß die anderen Parteien, die zusammen die Mehrheit hatten, die Machtergreifung Hitlers nicht verhindert haben. Alle Parteien haben hier Fehler begangen. Zunächst die roten Parteien. Die Kommunisten haben selbst in ihrem Aufruf vom 11. Juni 1945 ihre Fehler zugegeben. Durch ihren Kampf gegen den Parlamentarismus haben sie eine Zusammenarbeit von vornherein unmöglich gemacht. Ihr ewiges Geschimpfe über die Demokratie war für Hitler Wasser auf seine Mühle. Dazu kommen aber die allgemeinen roten Fehler, die in gleicher Weise die Kommunisten und Sozialdemokraten begangen haben. Wir müssen darüber reden im Interesse der historischen Wahrheit, aber wir wissen, daß sich im Sozialismus viel geändert hat. Der Sozialismus von heute ist nicht mehr der alte Sozialismus. Es ist ein weiter Weg vom Kommunistischen Manifest 1848 bis zum Aufruf der Sozialistischen Partei 1945. Es waren vor allem vier Gedankengänge, die eine Zusammenarbeit mit den Sozialisten in der Vergangenheit unmöglich machten. 22 Der unglückliche Angriff auf das Eigentumsrecht. Wir denken an das unglückselige Wort Eigentum ist Diebstahl". Es war klar, daß gegen diese Einstellung alle protestieren mußten, die noch an die zehn Gebote Gottes glaubten. Heute glaubt kein Sozialist mehr an dieses Wort. Aber es ist notwendig, daran zu erinnern, um zu begreifen, warum eine Zusammenarbeit früher einfach ein Ding der Unmöglichkeit war. Der unglückliche Traum der Gleichheit aller Menschen. Es ist doch merkwürdig, welche Veränderungen man erleben muß. In meiner Jugendzeit wurde der katholischen Kirche immer vorgeworfen, daß sie die Ungleichheit der Menschen lehre, während doch in der Bibel geschrieben stünde, die Menschen sind gleich, wobei man allerdings immer vergessen hat, zu beachten, daß es ausdrücklich heißt, 23 gleich vor Gott, also nicht in dieser Welt. Später zur Zeit des Nationalsozialismus wurde der katholischen Kirche vorgeworfen, daß sie die Gleichheit aller Menschen lehre, den Gleichheitsbrei der Menschheit fördere, daß sie kein Verständnis dafür habe, daß die Menschen ungleich seien und die Rassen und die Nationen doch nach einem bekannten Wort von Lagarde ,, Gedanken Gottes" wären. Das kommt davon, wenn man seine eigenen Ideen in die Bibel hineinträgt. Tatsächlich sind alle Menschen gleich vor Gott, d. h. alle haben eine unsterbliche Seele, alle sind Kinder Gottes und Brüder Christi und alle haben das gleiche Ziel, die Gemeinschaft mit Gott. Aber die Talente sind verschieden verteilt. Auch das steht in der Bibel, und die Menschen sind eben nicht gleich auf dieser Welt. Sie haben wohl die gleichen Chancen für die Ewigkeit, aber nicht die gleichen Talente für die Welt. Es wäre ja auch furchtbar langweilig, wenn alle Menschen gleich wären, wenn alle das gleiche Gesicht hätten. Es ist geradezu ein Naturgesetz, daß nur durch die Verbindung von Ungleichem neues Leben entsteht, nur durch die Verbindung von Mann und Frau. Auch hier sehen wir wieder, daß es unmöglich war, bei solchen irrigen Ansichten zusammenzuarbeiten. Das unglückliche Spielen mit Klassen haẞ, Klassenkampf und Klassen diktatur. Ich gestehe offen, ich begreife es nicht, daß es Menschen gibt, die sich nicht genugtun können in der Verurteilung der braunen Diktatur und dabei den Tag nicht erwarten können, wo die rote Diktatur kommt. Diktatur ist Diktatur! Wir wollen keine Diktatur des Kapitalismus, aber auch keine Diktatur des Proletariats. Wir wollen die Gegensätze nicht verwischen, aber auch nicht verewigen, sondern überbrücken. Union im tiefsten Sinn des Wortes, das ist die Aufgabe und die Mission unserer Zeit. Die unglückliche Ehe von Freidenkertum und Sozialismus. Ich habe bereits davon gesprochen, das war der größte Fehler, den, Karl Marx begangen hat, und seitdem klafft diese Kluft und zieht sich durch alle Länder hindurch. Der gläubige Christ konnte früher nicht mit Kommunisten oder Sozialisten zusammenarbeiten, wenigstens in Deutschland nicht. Das sollte man einsehen auf der anderen Seite. Wir sind bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, aber unsere Weltanschauung darf nicht angegriffen werden. Ich glaube bestimmt, sagen zu können, daß es heute in dieser Beziehung schon viel besser geworden ist. Aber früher war es anders. Schwarze Fehler Wir wollen nicht bloß die Fehler der anderen sehen, wir wollen auch reumütig an die eigene Brust klopfen. Zunächst darf allgemein 24 folgendes gesagt werden: Der gläubige Mensch, zumal der katholische Mensch weiß, daß er die Wahrheit hat. Wir sind überzeugt, daß wir den richtigen Weg gehen, nicht weil wir besser sind oder intelligenter als die anderen, sondern weil unsere Grundlage unfehlbar ist, nämlich die christliche Weltanschauung. Sie gründet nicht in menschlicher Weisheit, sondern ist aufgebaut auf dem Felsenfundament der göttlichen Offenbarung. Wir haben die Wahrheit, das ist unsere Stärke und unsere Schwäche. Unsere Stärke, weil wir unbesiegbar und unüberwindlich sind; unsere Schwäche, weil wir uns sicher und geborgen fühlen, aber dieses Bewußtsein beruhigt oft mehr als gut ist. Daher finden wir in unseren Reihen oft einen Mangel an Dynamik, an Aktivität, an Spannkraft. Der fromme Mensch ist im allgemeinen ein unpolitischer Mensch. Er hat zu wenig Interesse für Politik. Das ist unser erster Fehler. Er lebt gleichsam in einer anderen Welt, und die Dinge dieser Welt interessieren ihn nicht. Ich begreife das sehr wohl; ich kann hier aus Erfahrung sprechen. Wenn man gewohnt ist, aus den Quellen des ewigen Lebens zu schöpfen, wenn man die Schönheit der Bibel oder den Höhenflug theologischer Spekulation erlebt hat, dann fühlt. man sich nicht mehr wohl in der staubigen Arena des politischen Lebens. Man kommt sich vor wie ein verirrter Vogel, und ich verstehe es sehr wohl, wenn so mancher Priester zu mir sagt, wie kannst du dich nur um solche Dinge kümmern? Ja, es ist richtig, es ist schöner, die Bibel zu lesen oder ein mystisches Buch als das Kommunnistische Manifest. Es ist schöner, erbauliche Gespräche zu führen, als den politischen Kampf mitzuführen. Aber schließlich handelt es sich nicht darum, was schöner ist, sondern was heute in der Zeit, in der wir leben, entscheidend ist für die Zukunft unseres Volkes. Dazu kommt zweitens, daß wir als Christen zu wenig Klarheit haben über die Frage, was wollen wir nun eigentlich in der Politik? Wollen wir nur das Feuer löschen, wenn es irgendwo brennt? Wollen wir nur kirchliche Interessen verteidigen, die sogenannten kulturpolitischen Belange? Wollen wir nur Bedrängten helfen; oder haben wir einen eigenen politischen Willen? Was wollen wir eigentlich? Wollen wir die Macht oder lehnen wir die Macht grundsätzlich ab? Gibt es eine christliche Staatsidee? eine christliche Wirtschaftsordnung? ein christliches Gesellschaftsbild? 99 - Der Jesuitenpater Delp, der auch ein Opfer des Faschismus geworden ist, sagte einmal zu mir: Wir brauchen eine katholische Phänomenologie der Macht." Wir haben noch keine katholische Auseinandersetzung mit Hegel. Da herrscht noch viel Unklarheit. 25 Drittens: Wir sind zu weich, zu anständig, wir lieben den Kampf nicht. Wir möchten den Frieden ,,, unsere Ruhe". Das war unser Fehler 1921 bis 1933. Wir haben damals Hitler nicht ernst genommen. Viele hatten im stillen gehofft, Hitler würde jetzt den roten Terror mit braunem Terror brechen, und wir könnten uns zurückziehen in unser stilles Kämmerlein. Wir wollten wieder einmal den Teufel mit Beelzebub austreiben. Es liegt eine merkwürdige Tragik über der Geschichte des politischen Katholizismus. Das gläubige Volk wird erst lebendig, wenn die Kirche angegriffen wird, vorher schläft es. So war es zur Zeit Bismarcks. Die Katholiken hatten weithin die Weltpolitik Bismarcks geschluckt. Erst als Bismarck den Kulturkampf eröffnete und die Bischöfe und Priester verhaften ließ, wurden sie lebendig und haben gesiegt. Selbst ein Bismarck hat sich an der Kirche die Zähne ausgebissen. - Auch den Kampf gegen den Nationalsozialismus nahm das Volk -- und nicht bloß das Volk solange nicht tragisch, als Hitler nicht offen die Kirche angriff. Als er dann gar 1933 ein Konkordat mit der Kirche abschloß, wurde er in weiten christlichen Kreisen als ungefährlich angesehen. Das war mir in meiner ersten Gefangenschaft 1933/34 die größte Sorge, der Gedanke, es könnte Hitler gelingen, selbst dem katholischen Volk Sand in die Augen zu streuen, Und das war meine größte Freude, als ich im Mai 1934 das Gefängnis verließ und feststellen konnte, die katholische Front steht wieder, Hitler ist erkannt. Hitler hat wohl das Konkordat geschlossen, aber er denkt nicht daran, es zu halten. Das wäre das größte Unglück für uns gewesen, wenn Hitler das Konkordat gehalten hätte. Dann wären die meisten Katholiken geblendet worden. Das ist unser Fehler, daß wir den Irrtum immer erst erkennen, wenn die Kirche unmittelbar angegriffen wird, nicht aber schon vorher, wenn die christliche Gesellschaftsordnung, d. h. die Ordnung, die der Schöpfer in die Welt hineingelegt hat, mit Füßen getreten wird. - Wir haben uns zu wenig um Politik gekümmert,- nicht zuviel, wie man uns oft vorwirft, und meist zu spät. So begreifen, vielleicht auch die Sozialisten, warum sie von der Kirche immer heftiger angegriffen wurden als die Rechtskreise, obwohl der Sozialismus nicht mehr dem christlichen Geist widerspricht als der Kapitalismus. Aber der Kapitalismus hat die Kirche nicht angegriffen, wohl aber der Sozialismus; dadurch wurde der Kapitalismus so lange von der Kirche schonend behandelt. Unser Fehler war es, die letzten politischen und soziologischen Grundideen nicht rechtzeitig erkannt zu haben. 26 Unser Grundsatz müßte heißen: Überall, wo Christus angegriffen wird, da müssen wir da sein und kämpfen. Christus wird aber nicht erst angegriffen in dem Augen- blick, wo die Kirche angegriffen wird. Christus wird angegriffen, wenn Gerechtigkeit und Liebe in Wirtschaft und Politik verletzt werden, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wenn Freiheit und Recht nicht mehr geachtet werden. Nicht aus Angst um die Kirche, sondern aus Angst um unser Volk sind wir Christen verpflichtet, Politik zu treiben. Es ist begreiflich, wenn heute immer wieder gefragt wird, warum das Zentrum und die Bayerische Volkspartei, die doch bewußt auf dem Standpunkt der christlichen Weltanschauung standen, im Jahre 1933.dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt haben. Die Sozialisten werfen uns das immer wieder vor, leider nicht mit Unrecht. Erinnern wir uns kurz an die Situation von damals. Hitler hatte in der März- wahl 1933 44 Prozent der Stimmen bekommen. Dazu kamen noch 8 Prozent, die auf die Deutschnationale Volkspartei und auf die Deutsche Volkspartei, die sogenannte Harzburger Front, fielen, zu- sammen also 52 Prozent und damit die Mehrheit. Nun wollte Hitler die Ermächtigung bekommen, daß er für vier Jahre schalten und walten konnte nach seinem„‚genialen‘“ Willen, ohne Befragen des Reichstags. Das war eine Verfassungsänderung und-dazu brauchte er zwei Drittel Stimmen, also 67 Prozent. Daher war er gezwungen, das ‚Zentrum und die Bayerische Volkspartei aufzufordern, ihm diese Ermächtigung zu erteilen. Nur so konnte er die notwendigen Stim- men erhalten. Nach langem Hin und Her haben sich diese beiden Parteien in letzter Stunde entschlossen, ja zu sagen. Ich habe das immer für einen großen Fehler angesehen und habe auch bereits damals, acht Tage nach der Abstimmung, meine Meinung offen aus- gesprochen. Ich habe daher ein Recht, heute darüber zu sprechen, und habe auch ein Recht, die Männer, die damals ja sagten, nicht zu verteidigen— das kann ich nicht— aber doch zu verstehen und zu entschuldigen. Stellen Sie sich einmal einen Mann vor. der vierzehn Jahre lang aus innerster Überzeugung gegen Hitler gekämpft hat, weil er im Nationalsozialismus ein Unglück für unser Volk sah. Nun kommt der März 1933. Hitler hat mit Hilfe der Deutschnationalen die Mehrheit. Was soll der besagte Mann jetzt tun? Nach wie vor ist er der Über- zeugung, daß der Nationalsozialismus ein Unglück ist. Aber was kann er jetzt tun? Es gibt vier Möglichkeiten. Erste Möglichkeit: Der Mann denkt sich, jetzt ist mir alles gleich, ich gehe ins Ausland. Das haben manche getan; vielleicht mußten es 2% manche tun, die besonders exponiert waren im Kampf, denn sie wußten, daß ihr Leben auf dem Spiel stand. Ich möchte keinem dieser Männer einen Vorwurf daraus machen; aber ich wehre mich dagegen, wenn ein solcher Mann jetzt nach zwölf Jahren zu uns kommt und uns, die wir zwölf Jahre in der Hölle ausgehalten haben, Vorwürfe macht, weil wir nicht so gehandelt hätten, wie er es sich im Ausland vorstellte. Der Mann hat zwölf Jahre geschwiegen, der soll jetzt auch schweigen. Zweite Möglichkeit. Der Mann, von dem wir sprechen, zieht sich zurück ins Privatleben und sagt sich, ich kann nicht mitarbeiten. Man will meine Mitarbeit gar nicht im Dritten Reich, also lebe ich still und ruhig für meine Familie. Das ist gerade nicht heroisch, aber man kann deswegen niemand einen Vorwurf machen. Den meisten Menschen blieb gar nichts anderes übrig. Dritte Möglichkeit. Der Mann geht in die illegale Opposition. Es war ja jede Opposition im Dritten Reich verboten. Das war ein gefährlicher Weg. Der Mann mußte sich sagen, daß er mit seinem Kopf spielt, und tatsächlich haben die meisten diesen Weg mit ihrem Leben bezahlt. Wer aber bewußt diesen Weg gegangen ist, hat zweifellos heroisch gehandelt. Vierte Möglichkeit. Das ist der Weg, den die katholische Kirche gegangen ist, auch die evangelische, auch die Bayerische Volkspartei und das Zentrum. Das ist der Weg, den man vielleicht mit folgendem Gleichnis erklären kann: Was soll man tun, wenn zwei Pferde durchsind? Man läuft ein Stückchen mit und versucht noch einen gegangen Zügel zu erhaschen, um vielleicht das Unglück zu verhindern, ehe es zu spät ist. So hat Papst Pius XI. gehandelt, als er im Jahre 1934 das Konkordat abschloß mit Hitler, um dann freilich im Jahre 1937 in seiner berühmten Enzyklika ,, Mit brennender Sorge" der ganzen Welt sagen zu müssen, daß mit dem Nationalsozialismus nichts zu machen sei. Aber wer möchte dem Papst einen Vorwurf daraus machen, daß er diesen letzten Versuch gewagt? Und so hat auch das Zentrum und die Bayerische Volkspartei geglaubt, diesen letzten Versuch machen zu müssen; freilich umsonst. Ich war schon immer davon überzeugt, daß am Nationalsozialismus nichts zu retten ist. Ich habe das auch immer gesagt und bin deswegen oft in Ungnade gefallen. Aber niemand hat nach meiner Auffassung das Recht, dem anderen einen Vorwurf zu machen, weil er einen anderen Weg gegangen ist. Im Prinzip waren wir uns alle einig. Dabei dürfen wir eines nicht übersehen, Hitler wäre seinen Weg gegangen, auch wenn er damals keine Zweidrittel- Mehrheit im Reichstag bekommen hätte. Hitler hatte die Macht, die hatte ihm Hindenburg vorher schon gegeben, und er war entschlossen, die 28 Macht rücksichtslos zu gebrauchen. Es ist eine ungeheure Geschichtsverdrehung, wenn man heute sagt, die beiden Parteien oder gar die Kirche wären mit daran schuld, daß Hitler zur Macht gekommen ist. Deutsche Fehler Wir müssen aber noch tiefer graben. Daß Hitler zur Macht kommen konnte, ist kein Zufall. Hitler ist nicht vom Himmel herabgefallen, sondern ist gewachsen auf deutschem Boden und in deutschem Geist. Die Hauptangeklagten im Weltprozeß von Nürnberg sind nicht die zweiundzwanzig Männer, die auf der Anklagebank saßen, die Hauptangeklagten sind jene Geistesmänner, die seit Jahrhunderten diesen Geist im deutschen Volk vorbereiteten. Es ist ein langer Entwicklungsprozeß, den wir hier beobachten können und der in seinen ersten Anfängen zurückgeht auf den Italiener Machiavelli, der bereits um 1500 die Trennung von Politik und Moral predigte. Dann kam die Zeit der Aufklärung, die jeden Einfluß des Übernatürlichen auf das Natürliche leugnete und infolgedessen auch die Politik loslöste von jeder übernatürlichen Verantwortung. Auch der Einfluß des großen deutschen Philosophen K ant auf die ganze Denkungsart des Nationalsozialismus und noch mehr auf den preußischen Militarismus ist unverkennbar. Die reine Formalethik, die nicht frägt, ob das, was man tun soll, recht oder unrecht ist, die nur frägt nach dem Motiv, nach der formalen Pflicht, hat die geistige Grundlage geschaffen zu dem rein äußerlich formalen Gehorsam, wie er in der preußischen Disziplin seinen klassischen Ausdruck fand. Mit Berufung auf den Fahneneid oder auf den Befehl von oben kann man nach Kant alles, auch die größten Verbrechen rechtfertigen. Was wir Katholiken immer gesagt haben und weswegen wir oft als rückständig angesehen wurden, bewahrheitete sich in einer geradezu tragischen Weise in Nürnberg. Mit der formalen Ethik läßt sich alles rechtfertigen. Schließlich kam dann Hegel, der im Staat die höchste Manifestation des göttlichen Geistes sah und daher die Staatsomnipotenz predigte, ein unmittelbarer Vorläufer der totalen Staatsidee. Staatsvergötzung und Staatsabsolutismus haben hier ihre philosophische Rechtfertigung gefunden. Aber auch Karl Marx, der Begründer des Kommunismus und Sozialismus, muß hier als Ahne Hitlers genannt werden. Er hat nicht bloß den Sozialismus gepredigt, den auch Hitler in seine Firma aufnahm, er hat Klassenkampf, Klassenhaß und Klassendiktatur 29 als heilige Aufgabe den Massen eingeimpft. Von hier war nur ein kleiner Schritt zum Rassenhaß, Rassenkampf und zur Rassendiktatur. Es ist geradezu grotesk, wenn heute fanatische Anhänger der Klassendiktatur zu Gericht sitzen über fanatische Anhänger der Rassendiktatur. Den Schlußstein in dieser geistigen Entwicklung bildete Nietzsche, der gut schlecht und schlecht gut nannte, und der den Übermenschen predigte und den Willen zur Macht, der sich selbst als Dynamit, ja als Gott bezeichnete. Es ist kein Zufall, daß Hitler' Mussolini zu seinem sechzigsten Geburtstag eine Prachtausgabe der Werke von Nietzsche schenkte. Das ist die deutsche Philosophie, die seit Jahrhunderten an der Unterhöhlung aller Moralbegriffe und aller übernatürlich verankerten Ethik arbeitete. Das soll keine Entschuldigung für die Angeklagten in Nürnberg sein, aber eine Erklärung. Es ist nicht gerecht, die Schüler zu verurteilen und die Lehrer vielleicht gar als Geistesheroen zu preisen. Dazu kommen die großen Praktiker jener Ideen, die von Hitler selbst als seine Ahnen bezeichnet und geehrt wurden, Friedrich der Große, Napoleon, Bismarck und Mussolini. Friderizianismus, Militarismus, Imperialismus, Faschismus, sie alle haben im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt erreicht und gehören auf die Anklagebank in Nürnberg. Daß diese Entwicklung besonders bei uns in Deutschland so viele Schüler und fanatische Anhänger finden konnte, liegt ferner begründet in gewissen geistigen Anlagen des deutschen Volkes, die man schon oft als die Schwächen Deutschlands bezeichnet hat. Man denke zunächst einmal an das berühmte Wort..Volk der Denker und Dichter". Das ist unsere Stärke und unsere Schwäche. Wir sind gewohnt, alle Gedanken, auch die falschen, bis zu den letzten Konsequenzen durchzudenken und nicht selten künstlerisch zu verherrlichen. Während andere Völker aus einem gesunden Empfinden heraus instinktiv vor den letzten Konsequenzen zurückschrecken, fühlen wir uns verpflichtet, alle Schranken fallen zu lassen, um ja konsequent zu sein. Diese Schwäche, die zugleich unser Ruhm ist, führte dann zu einem zweiten Fehler, der sich schon öfters in der deutschen Geschichte als sehr unheilvoll auswirkte, zu einer allgemeinen Zersplitterung. Wenn vor 1933 mehr als sechsunddreißig Parteien im Wahlkampf miteinander stritten, so liegt das auf der gleichen Linie, wie wenn vor zweihundert Jahren noch mehr als hundertfünfzig Könige, Für30 J Z sten und Grafen um die Herrschaft im deutschen Raum kämpften. Jeder beruft sich auf ein angestammtes Recht oder auf eine gute Idee. Eine weitere Konsequenz davon ist es, wenn schließlich ein gewaltiger Staatsmann sich berufen fühlt, all die verschiedenen Parteien, Gruppen und Grüppchen mit Gewalt auf einen Nenner zu bringen. Auf den ersten Blick scheint ein solches Beginnen viel Berechtigung zu haben. Dabei ist das deutsche Volk bis heute im Grunde genommen ein unpolitisches Volk. Es hat keinen Blick für seine wirkliche Lage. Nur so ist es begreiflich, daß immer wieder Phantasten oder Betrüger einen großen Teil des deutschen Volkes blenden können. Diese Verkennung unserer wirklichen Lage ist die dritte große Schwäche des deutschen Volkes. Wenn nicht alles täuscht, scheint dieser Fehler auch heute wieder seine verhängnisvollen Wirkungen auszuüben, und diese Schwäche war es auch, die das deutsche Volk massenhaft in die Arme eines Hitlers trieb. Es gibt so wenig deutsche Menschen, die die Lage des deutschen Volkes in seiner realen Wirklichkeit sehen, unsere geographische Lage, unsere wirtschaftliche Lage und unsere völkische Mission. Geographisch ist Deutschland das Land der Mitte zwischen Ost und West, zwischen Süd und Nord. Wirtschaftlich sind wir ein Volk von Habenichtsen im wahren Sinn des Wortes. Wir gehören zu jenen wenigen Völkern, die nicht nur dazu verurteilt sind, auf engem Raum dicht beieinander zu wohnen, sondern die einfach nicht in der Lage sind, aus ihren eigenen Mitteln zu leben. Autarkie ist für uns einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man aber angewiesen ist auf die Hilfe anderer, dann hat man allen Grund, kurz zu treten und bescheiden zu sein. Gerade aber das widerspricht dem preußischen Größenwahn, der immer den Herrn spielen will. Unsere Mission ist, Brücke zu sein, Brücke zwischen östlicher und westlicher Kultur, zwischen westlicher Intelligenz und östlichem Gemüt, zwischen Liberalismus und Bolschewismus, zwischen Demokratie und Diktatur. Wir sollen anderen dienen, nicht über andere herrschen wollen. Das ist der alte Reichsgedanke: Deutschland soll Klammer sein, Synthese, Brücke. Nichts widerspricht unserem Schicksal und unserer Mission mehr als der Gedanke eines Nationalstaates, der nur an sich denkt und sich 31 durchsetzen will, wenn es sein muß auf Kosten anderer. Das war der große Fehler Bismarcks. Es ist eine große Frage, die mich seit Jahren beschäftigt, ob ein Hitler auch in einem anderen Land möglich wäre, ob der National- sozialismus auch in einem anderen Land die Massen blenden könnte. Ich glaube ja, nur müßte er dort ein anderes Gesicht haben. Jedes Volk hat seine Fehler und seine Schwächen, genau so gut wie seine Tugenden und seine Vorzüge. Damit soll: Hitler nicht entschuldigt werden, aber erklärt. Fehler der anderen Die Gerechtigkeit verlangt, daß wir bei der Frage nach der Schuld auch die Fehler nicht übersehen, die außerhalb Deutschlands began- gen wurden und die mit dazu beigetragen haben, daß ein Hitler mög- lich wurde. Die Diktatur, die heute Hitler vorgeworfen wird, war vorgebildet im Osten. Der neuheidnische Staat, die achristliche und antichristliche Kultur ward vorher im Osten gepredigt worden, und die Gestapo erinnert bis in die kleinsten Einzelheiten hinein an die G.P.U. Andererseits darf nicht vergessen werden, daß Hitler nicht möglich gewesen wäre ohne den Friedensvertrag von Versailles. Wir wären heute in Deutschland froh, wenn wir diesen Friedensver- trag wieder bekämen. Er war nicht so schlecht, wie man es uns oft vorsagte; aber er war wahrhaftig kein politisches Meisterstück und wirtschaftlich unklug. Am wenigsten aber haben wir es verstanden, daß man im Ausland jahrelang zusah, wie Hitler das deutsche Volk unterdrückte, ohne daß es einen Finger rührte. Wir konnten unseren Ohren nicht trauen, als wir hörten, daß die diplomatischen Vertreter auch der West- mächte Hitler und seine Regierung anerkannten und mit ihm_ver- handelten. Zu einer Zeit, da wir uns bereits vollständig klar waren, daß mit Hitler nichts zu machen sei, daß jeder in den Abgrund ge- stürzt wird, der ihm die Hand gibt, da hat das Ausland noch immer geglaubt, die diplomatischen Beziehungen mit Hitler nicht abbrechen zu dürfen. Auswärtige Minister, wie z.B. Eden, haben ihn besucht, Chamberlain ist eigens nach Berchtesgaden geflogen, und selbst Stalin hat einen Vertrag mit ihm abgeschlossen. Dann darf man es einem kleinen Pg. nicht allzu übelnehmen, der geglaubt hat, im Interesse seiner Familie und seiner Existenz ebenfalls mit Hitler verhandeln und mit ihm einen Vertrag eingehen zu können. Ich stehe gewiß nicht im Verdacht, jemals mit dem Nationalsozialismus geliebäugelt zu 32 27 1 3 9 T n 1 1 e n t u haben; aber man muß gerecht sein, und dann wird man begreifen, daß man wahrhaftig kein Verbrecher sein mußte, um auf Hitler hereinzufallen. Und wenn heute immer wieder uns die Frage gestellt wird: Habt ihr denn nichts gewußt von den Greueltaten in den K.Z., es ist doch unmöglich, daß das alles geschehen konnte, ohne daß ihr es gewußt habt? Warum habt ihr nichts dagegen getan? so verlangt wiederum die Gerechtigkeit, darauf hinzuweisen, daß der erste authentische Bericht über die Greueltaten in den K.Z. 1935 in der Schweiz erschienen ist. Das Buch betitelt ,, Die Moorsoldaten" war bei uns in Deutschland vollständig unbekannt, konnte gar nicht bekannt werden. Das Ausland aber hat dieses und andere Bücher, deren noch mehrere erschienen sind, gekannt und nichts gegen die Greueltaten in den K.Z. unternommen. Es ist nicht richtig, wenn heute oft gesagt wird, das deutsche Volk hat nichts gewußt. Wir hatten alle eine Ahnung; aber das Ausland war besser unterrichtet als wir. Man hat aber nichts getan, ebenso wenig wie damals, wo, in Mexiko oder in Rußland die großen Christenverfolgungen stattfanden und der Papst die ganze Welt zur Hilfe aufrief. Alles hat geschwiegen. Das sind große Fehler, die begangen worden sind, nicht nur auf deutscher Seite. Wahrhaftig, es gibt eine Kollektivschuld, aber nicht eine Kollektivschuld des deutschen Volkes, sondern der ganzen Menschheit. Der Weg in die Zukunft Die Fehler der Vergangenheit und die Lehren der Gegenwart zeigen uns die Pflichten für die Zukunft. Was wollen wir? Oder besser gesagt, was brauchen wir? Welches ist der Weg, den wir gehen müssen, damit unser Volk wieder gesund wird? Wir haben heute eine Aufgabe zu leisten, wie sie nur selten einem Volk gestellt ist. Wir sollen unseren Staat und unsere Gesellschaft von Grund auf neu bauen. Materielle Mittel fehlen uns fast vollständig. Politisch sind wir abhängig und unfrei, wohl auf Jahre hinaus, wenn nicht auf Jahrzehnte. Nur eines ist uns geblieben, wir können den Geist und die Richtung dieses Aufbaues bestimmen. Voraussetzung aber ist dabei, daß wir uns selbst klar sind über die letzten Zusammenhänge. Wir können uns den Luxus nicht erlauben, ins Blaue hinein zu wirtschaften und zu politisieren. Wir müssen zum mindesten erst einmal die Frage aufwerfen, gibt es so etwas wie ewige Baugesetze, die der Mensch nicht ungestraft übertreten und außer acht lassen darf? Damit stehen wir vor der Grundlage jeder Gesellschaftsphilosophie. 3 33 Gibt es eine bestimmte Gesellschaftsordnung? Wo finden wir sie? Welche Gesellschaftsordnung gibt uns Gewähr, daß sie nicht wieder in Bälde in das Chaos führt? e Die gegenwärtige Katastrophe zeigt uns in sehr eindrucksvoller und spürbarer Art, daß da etwas nicht gestimmt hat, daß etwas nicht in Ordnung ist. Instinktiv glaubt der normale Mensch, daß es eine Ordnung geben muß und geben kann, daß solche Katastrophen ver- mieden werden’können. Alles hängt davon ab, daß wir die richtige Ordnung finden, den richtigen Weg einschlagen. Der Liberalismus hat gesagt, es gibt überhaupt keine Ordnung. Man solle jedem einzelnen die Freiheit lassen, dann würde sich von selbst mit der Zeit eine gewisse Harmonie herausbilden. Das Fiasko dieser Gesellschaftsauf- fassung haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt. Mit Recht hat der Sozialismus hier mit der Kritik eingesetzt und gesagt, wir brau- chen eine Planwirtschaft. Wir brauchen eine Massenbewegung, welche die geselischaftliche Entwicklung nach einer bestimmten Richtung vorwärtstreibt. Der Mensch kommt aber nicht herum um die Frage: Ist nun die sozialistische Ordnung die Ordnung, oder gibt es noch eine andere Ordnung, die vom Schöpfer in die Welt hineingelegt ist? Diese natürliche Gesellschaftsordnung, die der Mensch aus der Natur der Dinge herauslesen kann, allerdings unter Anleitung der gött- lichen Offenbarung, nennt man gewöhnlich die christliche Gesell- schaftsordnung. So spitzt sich tatsächlich heute die Situation zu auf die Frage: Sozialistische oder christliche Gesellschaftsordnung? Auch Pius XI. hat in der Enzyklika Quadragesimo anno als letzten Trennungsgrund des Christentums vom Sozialismus„die dem Sozialis- mus eigene Gesellschaftsauffassung“ erwähnt. Das ist also die erste Station auf dem Weg in die Zukunft: christlie h, nicht sozia- listisch. Damit stehen wir von selbst auch vor dem schwierigen Problem Religion und Politik. Es liegt eine Tragik über diesen beiden. Sie können sich nicht finden und können auch nicht: voneinander lassen. Wieviel Unklarheit herrscht doch auf diesem Gebiet! Eine Auseinandersetzung dieser ganzen Problematik ist ein.Gebot der Stunde, eine notwendige Station auf unserem Weg in die Zukunft. Eine dritte eindringliche Lehre hat. uns der Nationalsozialismus gegeben; nicht Diktatur, nicht absoluter Staat, nicht totaler Staat, sondern Demokratie; und so heißt die dritte Aufgabe, die uns bevorsteht, Auseinandersetzung mit dem Wesen der modernen De- mokratie. Wir bejahen die Demokratie, nicht nur weil die Sieger es 34 t r f 0 e 1. r e Er S S t, wünschen, sondern weil wir glauben, daß es für die nächste Zukunft gar keinen anderen Weg geben kann. Als gläubige Christen aber müssen wir fragen, was entspricht dem Willen des Schöpfers mehr: Diktatur oder Demokratie? Auch hier werden wir einen Zugang zur Demokratie finden. Hierin sehe ich drei Hauptetappen auf dem Weg in die Zukunft: Christliche Gesellschaftsordnung, Christliche Politik, Demokratische Politik, das Ganze überwölbt und überhöht von dem großen Gedanken der der Union, der Solidarität. Nicht gegeneinander, sondern miteinander wollen wir den Kreuzweg gehen, der dem deutschen Volk auferlegt ist. Christliche Gesellschaftsordnung Pius XII. hat in seiner Weihnachtsansprache 1945 gesagt, es gibt nur eine Lösung, nur ein Heilmittel: ,, Zurück zu der von Gott eingesetzten Ordnung!" Kardinal Faulhaber hat in seiner Silvesterpredigt 1935 gesagt: ,, Christliche Weltanschauung ist Glaube an die Weltordnung." Der hl. Paulus sagt: ,, Alles, was von Gott ist, ist geordnet"( Röm 13 1): Der erste Satz, von dem wir ausgehen, heißt also, wir glauben an ewige Baugesetze. Gott hat die Welt nicht bloß erschaffen als Weltenbaumeister, wie die Freimaurer meinen, er sorgt auch dafür, daß die Welt den Weg geht, den sie gehen muß, wenn sie ihr Ziel erreichen will. Der Schöpfer hat seiner Schöpfung daher zwei Arten von Gesetzen tief eingeschrieben. Die einen Gesetze, das sind die Naturgesetze, die wirken automatisch, da kann der Mensch nichts ändern. Die anderen Gesetze, das sogenannte natürliche Sittengesetz, kann der Mensch bejahen oder verneinen. Es ist sein Unlgück, wenn er nein sagt; aber er hat die Möglichkeit dazu. Das ist die Stärke und die Schwäche des Menschen. Er darf mitbauen an seinem Glück, er kann aber auch sein Glück verscherzen und dem Chaos entgegentreiben. Diese natürlichen Sittengesetze bilden die sittliche Weltordnung. Wir glauben, daß Gott die Welt erschaffen hat als Kosmos, als Ordnungseinheit, nicht als Chaos. Wir müssen aber die Ordnung, die Gott in die Welt hineingelegt hat, zuerst erkennen, d. h. suchen in der Hoffnung, daß wir sie dann auch finden werden. Der Weg, auf dem wir die Ordnung finden können, ist uns bereits bekannt: das Naturrecht und die Bibel, unter Führung der päpstlichen Verlautbarungen. Nun gilt es aber, den Inhalt, die Struktur dieser vom Schöpfer in die Welt hineingelegten Ordnung kurz aufzuzeichnen. es 3* 35 Was heißt überhaupt Ordnung? Der heilige Thomas beschreibt das Wesen der Ordnung mit den Worten: ,, Einheit in wohlgegliederter Vielheit". Damit unterscheidet sich die Ordnung zunächst einmal von der Einerleiheit. Wo alles gleich ist, da kann von einer Ordnung nicht die Rede sein. Millionen Sandkörner mögen auf einen Haufen geschüttet sein; wo die einzelnen Körner zu liegen kommen, ist vollkommen gleichgültig, weil sie eben alle einander gleich sind. Kein Mensch kann eine sinnvolle Ordnung in diesen Haufen hineinbringen. Die bloße Gleichheit und Einerleiheit reicht an den hohen Begriff der Ordnung nicht heran. 22. Einheit in wohlgegliederter Vielheit" besagt aber nicht nur eine Mehrheit von Verschiedenem, sondern zugleich eine Gliederung, eine sinnvolle Gliederung dieser Vielheit. Daraus ergibt sich, daß der atomistische Individualismus und der dementsprechende Zentralismus ein Feind der Ordnung sind. Alles ist hier Masse, formlose Masse. Der Ordnungsbegriff schließt also vier Komponenten in sich: Das Prinzip der Einheit. Das Prinzip der Verschiedenheit. Das Prinzip der Vielheit. Das Prinzip der Gliederung. Dementsprechend ergeben sich nunmehr die Grundlagen der christlichen Gesellschaftsordnung. Einheitsprinzip ist hier das absolute, nicht irgend ein relatives Sein, ein relatives Gut. Es ist immer falsch, wenn man ein relatives Ding zum absoluten Maßstab macht.' Das ist der große Fehler des Nationalsozialismus gewesen, daß er das relative Gut von Nation und Staat zum absoluten Zentrum erhob. Den gleichen Fehler hatte aber auch der Liberalismus begangen, der das Individuum, den einzelnen Menschen, zum absoluten Maßstab gemacht hatte; und der Sozialismus erweist sich hier als folgsamer Sohn des Liberalismus, wenn er entweder in der Form des Kommunismus die Materie zum absoluten Zentrum dekretiert oder in der Form des modernen Sozialismus die Gesellschaft oder die Klasse der Proletarier auf den Thron èrhebt, von dem aus sie dann der ganzen Menschheit diktieren kann. Nein, nur einer ist der Herr, so lautet schon das erste Gebot; nur einer hat das Recht zu diktieren, der absolute Herr, der Schöpfer. Er ist Alpha und Omega, Anfang und Ende. Das gilt für das öffentliche Leben genau so wie für das Privatleben, für das soziale Leben nicht minder wie für das individuelle Leben. Wie Gott das Zentrum ist, so sehen wir, um im Bild des Kreises zu bleiben, an der Peripherie die Verschiedenheit der einzel36 S nen Menschen. An zweiter Stelle in der christlichen Gesellschaftsordnung steht also der Mensch. Er ist die Krone der Schöpfung, der Herr der Welt. Der Mensch ist älter als der Staat, hat eigene Rechte, Wert und Würde, vom Schöpfer verliehen, die ihn niemand nehmen darf, auch der Staat nicht. Hier wurzeln die viel genannten„ ,, Grundrechte der Menschen", die allgemeinen Menschenrechte. Das christliche Menschenbild erhebt sich hier in seiner gigantischen Größe. Der Mensch, von Gott erschaffen, besteht aus Leib und Seele. Er ist Knecht Gottes und Kind Gottes, Herr der Welt und Diener seiner Brüder. Er ist geschwächt durch die Erbsünde, erlöst durch Christus, berufen durch die Gnade zur Gemeinschaft in Gott. Nur eine Gesellschaft, die die ganze Ausstattung des Menschen, die ihm vom Schöpfer in die Wiege gelegt wurde, anerkennt und respektiert, kann hoffen, daß Ordnung bleibt und der Kosmos nicht zum Chaos wird. Das Prinzip der Vielheit. Die Gesamtheit der einzelnen Individuen bildet die Gesellschaft, die Vielheit. Aber diese Vielheit ist keine Masse, sondern eine Gesellschaft, die zur Gemeinschaft berufen ist von ihrem Schöpfer. In der Gesellschaft kommt das Ganze zu kurz, in der Masse kommt der einzelne zu kurz, nur in der Gemeinschaft haben beide ihre vollen Rechte gewahrt. Auch hier tut sich ein Abgrund auf zwischen christlicher und sozialistischer Gesellschaftsauffassung. Das schwierige Problem von Individuum und Gemeinschaft läßt sich nur lösen auf dem Hintergrund der theistischen Schöpfungsordnung. Das Prinzip der Gliederung. Nun lassen sich allmählich die Grundlagen der natürlichen, vom Schöpfer gewollten Glieder erkennen. Im Zentrum steht Gott, ihm gegenüber der Mensch. Dann kommt drittens die Gesellschaft, und dann folgen vier Gliedgemeinschaften, d. h. Gemeinschaften, die vom Schöpfer gewollt sind, weil sie einem natürlichen Bedürfnis des einzelnen entsprechen; Gemeinschaften, die daher ursprünglichen Rechts sind, weder von Menschen erfunden oder gestiftet, noch auch von Menschen oder etwa vom Staat abhängig, so daß sie etwa eines Tages aufgelöst werden könnten, wie man einen Verein auflöst. Das ist ein sehr wichtiges und beachtenswertes Kapitel, das in seiner ganzen Bedeutung nur selten erkannt wird. Diese Gliedgemeinschaften entsprechen zunächst dem doppelten Trieb des Menschen, dem Gattungstrieb und dem Erhaltungstrieb. Der Mensch soll nach dem Willen des Schöpfers das Leben, das er empfangen, weitergeben. Nachdem der Mensch nach christlicher Auffassung ein doppeltes Leben hat, das natürliche und das übernatürliche Leben, soll eine zweifache Gliedgemeinschaft dafür sorgen, daß 37 dieses Leben weitergegeben wird. Die Familie soll das natürliche Leben, die Kirche das übernatürliche Leben weitergeben. Familie und Kirche sind also vom Schöpfer gewollte, von der Natur des Menschen geforderte Gliedgemeinschaften. Mit dem Gattungstrieb korrespondiert der Erhaltungstrieb; das Leben des Menschen würde absterben, wenn nicht für seine Erhaltung gesorgt wird. Dazu benötigt der Mensch auf der einen Seite gewisse Lebensgüter, wie Nahrung, Kleidung und Wohnung, auf der anderen Seite braucht er Ruhe und Recht, um den Frieden mit seinen Mitmenschen leben zu können und nicht ständig von Raub und Mord bedroht zu sein. Für diese doppelte Aufgabe sorgen nach dem Willen des Schöpfers zwei weitere Gliedgemeinschaften: die Wirtschaft, d. h. die planmäßige Unterhaltsvorsorge in der Form des Berufsstandes, und der Staat, der für Recht und Ruhe und Frieden zu sorgen hat. Stand und Staat sind also zwei ursprüngliche Gliedgemeinschaften, von der Willkür des Menschen unabhängig. Jetzt ist das Bild der christlichen Gesellschaftsordnung fertig. Entsprechend den vier Komponenten, die zu jeder Ordnung gehören, haben wir also folgende Struktur: Gott( Einheitsprinzip), Mensch( Prinzip der Verschiedenheit), Gesellschaft( Prinzip der Vielheit), Familie Kirche ( Prinzip der Gliederung) Stand Staat Hoffentlich ist es Ihnen jetzt nicht schwindelig geworden bei unserer Wanderung durch die Tiefen und Höhen der Gesellschaftsphilosophie; aber es ist dringend notwendig, daß der Mensch in der Entscheidung, in der wir nun einmal stehen, sich Gedanken macht über die letzten Zusammenhänge. Wir dürfen nicht wieder blindlings dem Verderben entgegengehen. Wir sehen aber auch jetzt hier den gewaltigen Unterschied zwischen christlicher und sozialistischer Gesellschaftsordnung, von der liberalen Ordnung, die ja keine Ordnung, sondern eine Unordnung aus Prinzip ist, und von der faschistischen Ordnung, die Ausfluß reiner Willkür ist, ganz zu schweigen. Die erste Station auf dem Weg in die deutsche Zukunft kann also nur heißen: christliche Gesellschaftsordnung. Religion und Politik Hoffentlich stoßen Sie sich nicht an dem Wort., christliche Gesellschaftsordnung". Streng genommen, gibt es keine christliche Gesell38 schaftsordnung, so wenig, wie es eine christliche Politik oder eine christliche Philosophie gibt. Christlich in diesem Sinne heißt nur: gemäß dem Willen des Schöpfers. Dieser Grundsatz könnte auch außerhalb des Christentums verwirklicht werden: aber die Geschichte hat gezeigt, daß die Menschheit immer in die Irre gegangen, wenn sie sich nicht von Christus hat führen lassen. Es geht nicht ohne Christus. Christus führt uns zum Vater und damit zum Schöpfer und damit zur Natur und zur Wirklichkeit; alles andere ist Phantasie, wenn nicht gar böser Wille. Damit haben wir bereits die Basis gefunden zur Diskussion über das heikle Thema Religion und Politik. Immer wieder kann man Stimmen hören, und es sind wahrhaftig nicht die schlechtesten hüben und drüben, die eine Verquickung von Religion und Politik als Unheil bezeichnen. Freilich muß gleich hier gesagt werden, gerade die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns wieder eindringlich gezeigt, daß diejenigen, die vor der Machtergreifung nicht genug wettern können gegen diese angebliche Verquickung von Religion und Politik, die doch auf verschiedenen Ebenen liegen, wie sie sagen, nach der Machtergreifung keine Gelegenheit vorübergehen lassen und keine politische Rede schließen ohne Seitenhiebe gegen die Religion und ihre Vertreter oder gar ohne merkwürdig anmutende Anrufung des Allerhöchsten. Auch hier müssen wir verschiedene Fragen unterscheiden, um die letzten Zusammenhänge zu begreifen. Sollen wir uns überhaupt als Katholiken um Politik kümmern oder wollen wir uns zurückziehen auf das rein Religiöse, auf den Raum des Übernatürlichen, auf die Arbeit für das Reich Gottes? Sollen wir uns einer Partei anschließen oder ist Politik ohne Partei möglich, vielleicht gar das Ideal? Ist eine konfessionelle Partei wünschenswert? Sollen und können wir da weiterarbeiten, wo wir 1933 aufgehört haben? Sollen wir etwa auf eine eigene Partei verzichten und in anderen Parteien quer hindurch Einfluß zu gewinnen suchen nach englischem Vorbild? - - Was ist eigentlich christliche Politik? Beschränkt sich diese auf Verteidigung der sogenannten kulturpolitischen Belange? Sollen sich auch Priester am politischen Leben beteiligen oder sollen sie nur die letzten Grundsätze herausstellen und Laien schulen, die praktische Arbeit in der staubigen Arena der Politik aber den Laien überlassen? Grundsätzlich können und müssen wir wohl sagen: Es ist ein weltfremder überstiegener Idealismus und Spiritualismus zu meinen, man könne Reich Gottes bauen ohne irdische Unter39 lagen, gleichsam im luftleeren Raum. Das wäre Flucht vor der von Gott gewollten Situation. Der Schöpfer hat uns hineingestellt in diese Welt; hier in dieser Welt müssen wir bauen am Reich Gottes, also auch mitarbeiten in dieser Welt, auch in der Politik als der großen und schweren Kunst, das Zusammenleben der Menschen in dieser Welt nach dem Willen Gottes zu gestalten. Es gibt keinen ,, rein religiösen" Raum. Religion an sich ist nur ein Begriff, eine Idee. In der Wirklichkeit gibt es weder ein Ding an sich, noch Religion an sich, noch Politik an sich, sondern der Mensch in seiner realen Existenz muß mit all diesen Dingen fertig werden. Im existentiellen Menschen kreuzen sich Religion, Politik, Wirtschaft. Der Mensch ist nicht zusammengeleimt aus ein Drittel Weltanschauung, ein Drittel Politik und ein Drittel Wirtschaft. Der Mensch ist ein organisches Ganzes; Natur und Übernatur gehören nach dem Willen Gottes zusammen, sie sind nicht zwei Stockwerke, von denen wir uns eines nach Belieben wählen können, sie greifen organisch ineinander. Es ist eine Krankheit unserer Zeit, eine Erbschaft des Liberalismus und Rationalismus, daß man sie künstlich trennen will. Es wäre an der Zeit, daß wir Katholiken endlich einmal die alten Schlager begraben. Es ist tief bedauerlich, daß auch heute noch Katholiken und Protestanten, die es gut meinen, vor allem Jugendliche, sich immer wieder blenden lassen von dem alten Schlagwort: Religion und Politik haben nichts miteinander zu tun. Vielleicht wäre es schön, wenn es so wäre, aber die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Was Gott verbunden hat, das soll und kann der Mensch nicht trennen. Die Antwort auf die erste Frage kann also nur lauten: Wir wollen, ja wir müssen versuchen, auch die Welt, auch den Raum des Politischen zu taufen und nach dem Willen Gottes zu gestalten. Das ist Gewissensspflicht, ist christliches Verantwortungsbewußtsein vor Gott und vor der Welt. Sind Parteien notwendig? Ich glaube ja; ich kann mir keine Politik in einem demokratischen Staat vorstellen ohne klar umrissene Gebilde, in denen die politischen Ideen sich kristallisieren und nach außen zu wirken versuchen. Wie viele Parteien? Das läßt sich nicht von oben diktieren, auch nicht grundsätzlich entscheiden. Parteien sollen wachsen, nicht gemacht werden. Was ungesund ist, wird von selbst wieder vergehen. Auch hier habe ich manchmal den Eindruck, daß wir alle zuviel angesteckt sind von dem hysterischen Geschrei der vergangenen Zeit über das Unglück der Parteienwirtschaft. Das war doch von Anfang an ein unehrliches Manöver von Menschen, die nichts erstrebten als Diktatur einer einzigen Partei. Das war Parteiwirtschaft schlimmster Sorte, was wir in den zwölf Jahren des Hitlerregimes erlebten. Man 40 kann eher umgekehrt sagen, je mehr Parteien, desto schärfer die gegeseitige Kontrolle, desto- weniger die Möglichkeit der Parteiwirtschaft im üblen Sinn des Wortes. Übrigens gibt es genug Möglichkeiten in der Verfassung, dafür zu sorgen, daß allzu kleine Parteigruppen unberücksichtigt bleiben, wodurch sie sich dann von selbst erledigen. Grundsätzlich bin ich heute noch der Auffassung, die ich in meinem Büchlein ,, Die christliche Weltanschauung im Kampf der Geister" dargelegt habe, daß es nur vier Weltanschauungen gibt und geben kann. Die Folge davon ist, daß es mindestens vier Parteien geben muß, vorausgesetzt, daß man nicht eine mit Gewalt unterdrücken will. Es ist wohl damit zu rechnen, daß in der nächsten Zukunft eine völkische Partei entsprechend der völkischen Weltanschauung von der Besatzungsbehörde nicht zugelassen wird, worüber sich diese Herren nicht beklagen dürfen, nachdem sie ja selbst im Jahre 1933 die kommunistische Partei mit Gewalt unterdrückt haben und später die anderen Parteien zur ,, Selbstauflösung" zwangen. Konfessionelle Partei? Eine schwierige Frage. Die Antwort hängt wesentlich ab von der Stellung, die man zu der anderen Frage einnimmt: Gibt es ein christliches Staatsbild? Gibt es eine christliche Wirtschaftsauffassung? Gibt es eine christliche Gesellschaftsordnung? Wenn nein, dann hat auch eine christliche Partei keine Daseinsberechtigung. Es kann aber seit den Enzykliken von Leo XIII. und Pius XI. keinen Zweifel mehr geben, daß die katholische Kirche an eine christliche Gesellschaftsordnung glaubt. Pius XII. hat in seiner Radiobotschaft Weihnachten 1944 klipp und klar erklärt: ,, Es gibt nur eine Lösung, nur ein Heilmittel: zurück zur gottgewollten Ordnung, auch in den Beziehungen zwischen den Staaten und Völkern; zurück zu einem wahren Christentum im Staat und unter den Staaten. Man sage nicht, das sei keine Realpolitik. Die Erfahrung sollte allen gezeigt haben, daß die nach den ewigen Wahrheiten und den göttlichen Gesetzen ausgerichtete Politik die realste und wirklichkeitsnächste Politik ist. Die ,, Realpolitiker", die anders denken, schaffen nichts als Ruinen." Wer aber das Ziel will, muß auch den Weg wollen. Das ist ein alter Grundsatz. Wer überzeugt ist, daß nur die von Gott gesetzte Ordnung wieder Ordnung bringt in die Unordnung unserer Zeit, der muß dann auch den Mut zur Konsequenz haben und eine Partei wollen, die grundsätzlich christlich eingestellt ist. Eine andere Frage ist es, ob das Zentrum bzw. die Bayerische Volkspartei vor 1933 in diesem Sinne gearbeitet haben. Im großen 41 und ganzen glaube ich, daß auch diese Frage bejaht werden muß, trotz aller Fehler, die gemacht wurden. Wir müssen eben nur dafür sorgen, daß diese Fehler in der Zukunft vermieden werden. Das geschieht aber nicht dadurch, daß wir uns zurückhalten, sondern gerade die Besten und Fähigsten aus uns sollten ihre Kraft in den Dienst der Politik stellen. Zwei Gedanken sind es, wenn ich recht sehe, die gegen diese Auffassung zu sprechen scheinen: Diejenigen, die heute so sehr geneigt sind, eine christliche Partei von der christlichen Perspektive aus abzulehnen, spüren etwas Richtiges, wenn sie darauf hinweisen, daß die Intention, in der das Zentrum gegründet wurde, nämlich die Verteidigung der damals schwer angegriffenen katholischen Religion, zeitbedingt war. Diese Aufgabe wurde damals vom Zentrum gelöst, und zwar glücklich gelöst, aber, so sagt man, damit hätte das Zentrum oder überhaupt eine konfessionelle Partei die Daseinsberechtigung verloren. Die Kirche wird ja heute als solche von Parteien- hoffentlich nicht mehr angegriffen. Eine Partei hat aber in erster Linie die Aufgabe, für den Staat zu sorgen und nicht für die Kirche. Ich halte diesen Gedanken für richtig, nur ziehe ich eine andere Konsequenz daraus. Eine konfessionelle Partei in dem Sinne, daß sie primär oder gar ausschließlich die Verteidigung der kirchlichen Interessen, die sogenannten kulturpolitischen Belange, zu vertreten hätte, kann grundsätzlich abgelehnt werden, könnte höchstens aus der Not der Zeit heraus wieder einmal vorübergehend berechtigt sein. - Ganz anders aber, wenn man unter einer konfessionellen oder, besser gesagt, christlichen Partei eine Gruppe von gläubigen Christen versteht, die aus ihrem Gewissen heraus sich verpflichtet fühlen, an der Verwirklichung der christlichen Gesellschaftsordnung mitzuarbeiten. Darauf kann kein überzeugter Christ verzichten: Mit welchem Recht könnte man gläubigen Katholiken gegenüber, die sich verantwortlich fühlen für das Schicksal ihres Volkes, sagen: Ihr dürft euch nicht zusammenschließen, das widerspricht dem Willen Gottes. Das kann doch niemand im Ernst behaupten wollen. Hier spukt nun vielfach heute, wie man sagt, das englische Vorbild in manchen Köpfen und bringt Verwirrung. Es gibt nämlich nicht wenige unter uns, die meinen, es wäre für die Religion und auch für die Verwirklichung der christlichen Staatsauffassung vorteilhaft, wenn gläubige Christen in allen Parteien unterzukommen und mitzuarbeiten versuchen. So ähnlich soll es in England sein. Ich weiß nicht, ob das ganz richtig ist; ich weiß auch nicht, ob man ohne weiteres die Tradition eines Landes in ein anderes verpflanzen kann. Ich hätte an sich praktisch nichts dagegen, ja ich würde es geradezu wünschen, wenn recht viele gläubige Christen auch in anderen Parteien 42 1 1 tätig wären und sich durchsetzen könnten. Aber grundsätzlich muß ich immer wieder sagen, ich glaube bestimmt, daß es der Wille des Schöpfers ist, daß Menschen bewußt und systematisch versuchen, Ernst zu machen mit der christlichen Ordnung auch im Raum des Politischen und Wirtschaftlichen, und dazu braucht man eben eine Partei. Ich zweifle auch sehr stark, ob die anderen Parteien in dem Augenblick noch ein Interesse haben, die Gefühle gläubiger Christen zu schonen, wenn keine Partei mehr da ist, die grundsätzlich die christliche Auffassung vertritt und also den anderen Parteien Konkurrenz bietet. Es ist bemerkenswert, welch ein Zartgefühl zur Zeit, wie es scheint, in allen Lagern gegenüber christlichen Auffassungen bekundet wird. Selbst die Kommunisten sagen, sie wollen den Kampf gegen die Kirche liquidieren. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es ihnen ernst ist, denn die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß ein Kampf gegen die Kirche unrentabel ist; aber ich zweifle, daß die Parteien, wenn sie an der Macht sind, darauf Rücksicht nehmen können, wenn sie nicht gezwungen werden durch eine christliche Partei. Wie man eine solche Partei nennt, ist Nebensache, ist nur eine Frage der Massenpsychologie. Ob es besser ist, sich offen christlich zu nennen oder nicht, ist diskutabel. Es kommt nicht darauf an, ob in einer Verfassung oder in einem Programm das Wort Gott vorkommt, es kommt nur darauf an, daß die Grundlinien dem Willen des Schöpfers entsprechen. Es war nicht ganz richtig, als gewisse kirchliche Kreise die Weimarer Verfassung deshalb ablehnten ,,, weil der Name Gott nicht in ihr vorkommt". Es handelt sich bei unserer Frage nicht primär um Verteidigung und Vertretung christlicher Belange. Das wäre Kirchenpolitik oder konfessionelle Politik, die auch einmal notwendig sein kann, aber nur ein Ausschnitt aus dem großen Gebiet des Politischen ist. Eine Partei, die in Deutschland Macht zu gewinnen sucht, muß deutsche Staatspolitik treiben und sonst nichts, andernfalls wirkt sie wie ein Fremdkörper und wird vom Standpunkt des Staates aus nicht mit Unrecht abgelehnt werden. Man hat auf der anderen Seite das immer betont; daher der Vorwurf des Ultramontanismus. Gut, einverstanden! Wir wollen nichts als deutsche Politik treiben; aber man kann deutsche Politik nach christlichen Grundsätzen und deutsche Politik nach heidnischen Grundsätzen, nach liberalen, nach marxistischen, nach völkischen Grundsätzen gestalten. Das ist ein großer Unterschied. Als gläubige Christen glauben wir, daß nur eine deutsche Politik, die nach christlichen Grundsätzen ausgerichtet ist, gesund ist, d. h. dem deutschen Volk Segen und Heil bringt, weil nur eine solche 43 Politik dem Willen des Schöpfers entspricht, also der Schöpfungsordnung, der Urwirklichkeit. Wir wollen die deutsche Politik christlich gestalten, nicht aus Angst um das Christentum, sondern aus Angst um den Staat, um das deutsche Volk, das gerade in der letzten Generation dreimal ins Unglück gestürzt wurde. Warum? Weil weder die liberale Politik vor 1918, noch die rote Politik nach 1918, noch die braune Politik nach 1933 christlich orientiert war. Wir haben gegen den Nationalsozialismus, gegen den Liberalismus und gegen den Marxismus gekämpft, nicht in erster Linie aus Angst um die Kirche, weil ,, die Religion Gefahr war das haben unsere Gegner uns angedichtet; wir haben dagegen gekämpft aus der klaren Erkenntnis heraus, daß eine deutsche Politik nach anderen als christlichen Grundsätzen das deutsche Volk ins Unglück führen muß und wir haben leider Gottes- recht bekommen. Man denke an 1918, 1933 und 1945. 66 - Damit ist auch die grundsätzliche Frage schon beantwortet: Was ist eigentlich christliche Politik? Wir müssen uns zuerst von der vulgären Auffassung freimachen, daß Politik nichts anderes ist als Streit und Zank um die alltäglichen Sorgen der Wirtschaft und der Tagesaufgaben. Politik ist etwas Großes, fast möchte ich sagen etwas Heiliges. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß Politik die Wissenschaft und die Kunst ist vom Zusammenleben der Menschen. Es gibt auf der Welt mehr als zwei Milliarden Menschen, und diese sollen in Ruhe und Ordnung zusammenleben, ohne daß sie immer wieder in jeder Generation in einen blutigen Bruderkampf gestürzt werden. Ist das nicht eine große und heilige Aufgabe, dieses Zusammenleben der Menschen so zu ordnen, daß es eben eine Ordnung ist und nicht ein Chaos wird? Wir haben auch bereits gesehen, daß es nur eine Ordnung gibt, die eine gewisse Garantie wenigstens in sich trägt, den Menschen das große Glück des Friedens zu gewähren. Nicht eine Ordnung, die von Menschen erdacht, konstruiert ist, sondern nur die Ordnung, die vom Schöpfer hineingelegt ist, bietet in sich die Gewähr, daß sie richtig ist, und das ist eben christliche Politik, das Zusammenleben der Menschen nach dem Willen des Schöpfers zu formen und zu gestalten. Es hat etwas Bestechendes an sich, wenn immer wieder gesagt wird, diese grundsätzlich, wenn ich so sagen darf, philosophische Politik bejahen wir, aber wir wollen nicht in die praktische Politik, in die technische Seite der Politik eingreifen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe darin eine Inkonsequenz, die man vor dem Gewissen nicht verantworten kann, und manchmal habe ich den Eindruck, daß die Angst vor der Tagespolitik größer ist als die Sorge für den Willen. 44 Gottes. Was liegt auch daran, wenn man in diesem Kampf unangenehmen Angriffen und Mißverständnissen ausgesetzt wird, wenn nur der Wille Gottes geschieht; das müßte für den gläubigen Christen eine Selbstverständlichkeit sein. Aber soll nicht wenigstens der Priester aus diesem Kampf herausgehalten werden? Für viele, und nicht für die schlechtesten unter den Christen, verdichtet sich das ganze Problem zu der einen Frage: Priester und Politik. Zunächst wäre da zu sagen, daß das gar keine grundsätzliche Frage ist, sondern eine reine Zweckmäßigkeitsfrage. Grundsätzlich ist nämlich nicht einzusehen, warum ein Priester nicht das gleiche Recht haben sollte wie jeder Staatsbürger. Man kann also nur sagen: Ist es nicht ein Gebot der Klugheit, daß Laien den politischen Kampf führen, der Priester aber verschont bleibt? Diese Frage kann man ruhig bejahen. Man soll Priester nur dann in die politische Arena schicken, wenn besondere Gründe dafür sprechen, z. B. Mangel an geeigneten Laien oder besondere Eignung einzelner Priester. Aber in diesem Fall ist dann wirklich nicht einzusehen, warum nicht auch ein Priester die christlichen Grundsätze im Raum des Politischen vertreten soll. Man braucht auch gar nicht allzu ängstlich sein. Innerhalb und außerhalb der kirchlichen Mauern, diesseits und jenseits der Politik, wird der Priester immer den Angriffen der Kirchenfeinde ausgesetzt sein, ganz gleich, ob er persönlich Politik treibt oder nicht. Eines allerdings würde auch ich unter allen Umständen ablehnen: Politik auf der Kanzel. Auf der Kanzel soll nicht Politik getrieben werden, wenigstens keine Parteipolitik. Aber für falsch halte ich es, wenn gesagt wird, der Priester soll die Grundsätze, die sich aus christlicher Haltung heraus für die Politik ergeben, zwar ausarbeiten und Laien schulen, aber dem eigentlichen Kampf aus dem Weg gehen. Darin sehe ich geradezu ein Stück Feigheit. Warum sollen nur die Laien den Kopf hinhalten und die Priester sich im Hintergrund halten? Ich verstehe es, wenn die katholische Aktion als solche sich nicht in die Tagespolitik einmischen will; wenn aber der Priester grundsätzlich ,, verschont" bleiben soll von dem Kampf, dann hätten wieder einmal unsere Gegner recht, wenn sie uns ,, jesuitische Heuchelei" vorwerfen. Nein, wir Priester müssen Bannerträger sein, dafür sind wir geweiht; Bannerträger der Wahrheit und des Rechts, auch dort und gerade dort, wo sie angegriffen werden, also auch im Raum des Politischen. Wenn genügend fähige Laien vorhanden sind, gut; aber grundsätzlich dürfen wir uns nicht ausschließen. Demokratische Politik Das Fundament, auf dem wir aufbauen müssen, haben wir jetzt kennen gelernt: christliche Gesellschaftsordnung, christliche Politik. 45 Welche Form sollen wir unserer Arbeit im politischen Raum geben? Soll der neue Staat, den wir bauen dürfen und bauen müssen, im Geiste der Diktatur oder im Geiste der Demokratie gestaltet werden? Es handelt sich hier nicht um die Staatsform, sondern um die Regierungsform. Staatsformen sind Monarchie und Republik. Diese Frage ist vom christlichen Standpunkt aus unwesentlich. Es kommt auf den Geist an, in dem regiert wird. Es gibt demokratische Monarchien, z. B. England, und es gibt diktatorische Republiken, z. B. Ruẞland. Auch die Regierungsform ist zunächst eine Zweckmäßigkeitsfrage und als solche nicht grundsätzlich zu beantworten. Wohl aber können wir die Frage so stellen: Entspricht die autoritäre oder die demokratische Form mehr dem Willen Gottes? Man könnte viele Gründe anführen, warum heute unter den gegebenen Verhältnissen die Demokratie die einzig mögliche Form ist, in der wir unseren Staat bauen können. Ich möchte aber auch hier versuchen, diese Frage grundsätzlich zu beleuchten. Es ist meine klare Überzeugung, daß die demokratische Form dem Willen des Schöpfers besser entspricht. Um das näher zu erklären, wollen wir jetzt das Wesen der Demokratie näher untersuchen. Was heißt überhaupt Demokratie? Es ist ein griechisches Wort und bedeutet wortwörtlich genommen Volksherrschaft. Aber was heißt Herrschaft des Volkes? Will etwa das ganze Volk, die große Masse herrschen? Nein, das ist unmöglich und wäre sicherlich ein Unglück. Darüber sollten sich eigentlich alle einig sein. Herrschen sollen die Fähigsten. Die Frage ist nur, wer bestimmt nun diejenigen, die fähig sind? Wie findet man die Fähigsten? Die Griechen wollten mit Demokratie nur sagen: Nicht einer allein soll bestimmen. Insofern ist Demokratie bei den Griechen das Gegenstück zur Monarchie gewesen oder, besser gesagt, zur Tyrannis. Heute ist dieser Gegensatz überholt. Heute bedeutet Demokratie praktisch und faktisch jene Regierungsform, die bestimmt wird durch die ,, Allgemeinen Menschenrechte" oder„, Grundrechte der Menschen". Die Wurzeln der modernen Demokratie sind: Rousseau, der französische Sozialphilosoph( 1712-1778). Er hat die philosophische Grundlegung gegeben mit seinen vier Grundgedanken: Der Mensch ist von Natur gut( Leugnung der Erbsünde). Der Mensch ist ein Produkt seiner Umgebung. Alle Gewalt geht vom Volk aus( Absolute Volkssouveränität). Der Staat beruht auf einem Vertrag, den die Menschen abgeschlossen haben. 46 Das englische Vorbild, speziell die englischen Grundgesetze von 1689, genannt bill of rights, das in 13 Artikeln Bürgschaften gegen Mißbräuche der königlichen Gewalt gibt. Die Verfassung der USA vom 17. September 1787, speziell„Die Erklärung der Unabhängigkeit“ vom 4. Juli 1776 und die Verfassung des amerikanischen Staates Virginia von 1776. „Die Erklärung der Menschenrechte“ in der französischen Revo- lution 1789. Wehn wir die Entstehungsgeschichte der modernen Demokratie uns ansehen, dann ist es wohl begreiflich, daß die katholische Kirche zunächst diesem neuen Gebilde mit großem Mißtrauen begegnete. Sind doch alle vier Grundgedanken von Rousseau vom Standpunkt der Offenbarung aus abzulehnen. Anderseits darf aber auch nicht übersehen werden, daß das demokratische Denken, in Amerika we- nigstens, zum Teil aus religiösen Bewegungen herausgewachsen ist. Dazu kam noch der Umstand, daß die Vertreter der modernen De- mokratie sich vielfach mit der Revolution verbündeten und ihre Ideen mit Gewalt durchzusetzen versuchten ohne Rücksicht auf Recht oder Unrecht. So kam es, daß die Kirche, die seit ihrem Bestehen den absoluten Staat stets abgelehnt hat, oft unter großen Opfern, die auch im Mittelalter nicht selten die Demokratie als Bundesgenosse gegen kaiserliche Autokratie gesucht hat, jetzt in der Neuzeit nur sehr schwer den Weg fand zur Demokratie; aber sie hat ihn gefunden. Leo XII. hat in seinen großen staatsphilosophischen Enzykliken die Staatsform als unwesentlich erklärt und damit die Möglichkeit offen gelassen, an Stelle der traditionellen Monarchie eine andere Form zu finden. Auch Pius XI. hat in seiner weitschauenden Weihnachts- botschaft 1944 die Demokratie zwar nicht als die einzige und beste Form gepriesen, aber mit ihr als einer Tatsache gerechnet und hat versucht, die Voraussetzungen herauszustellen, die gegeben sein müs- sen, um das Leben in einer Demokratie menschenwürdig zu gestalten. Die Grundgedanken der Demokratie sind: Der Mensch ist nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt. Nicht einer allein, sondern alle miteinander und füreinander. Nicht du o der ich, sonder du und ich. Jeder Mensch wird ernst genommen, auch der Gegner, der eine an- dere Meinung hat, auch die Minderheit. Die Staatsgewalt wird vom Volk übertragen, nicht von einem einzelnen, sei es ein Monarch oder ein„Führer“ oder ein Tyrann. 'Fraglich ist nur, ob das Volk die letzte Quelle der Staatsgewalt ist, wie der Liberalismus sagt, oder ob das Volk seinerseits wiederum die Gewalt dem Schöpfer, also Gott, verdankt, der nun einmal die 47 menschliche Natur so geschaffen, daß eine Staatsgewalt notwendig ist. Diese letztere Auffassung entspricht der christlichen Staatsidee. Man spricht daher von einer absoluten Volkssouveränität, wie der Liberalismus meint, und einer relativen Volkssouveränität, die schon seit Jahrhunderten in der Kirche anerkannt ist. Das Wesen der Demokratie besteht also nicht darin, daß das Volk selbst die Herrschaft ausübt im Sinne der Volksherrschaft, sondern darin, daß das Volk die Staatsgewalt überträgt und unter Umständen auch wieder zurückfordert. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten: wem das Volk die Gewalt überträgt, auf wie lange und ob das Volk sich selbst bei der Ausübung der Staatsgewalt einschaltet wie im Parlamentarismus oder nicht. Das sind reine Zweckmäßigkeitsfragen, die mit der Weltanschauung zunächst nichts zu tun haben. Anders steht es mit der Frage, wie die Staatsgewalt gehandhabt wird und was die Staatsgewalt den Staatsbürgern zumutet. Demokratie ist zunächst nur eine Regierungsform, nur ein Gefäß, noch kein Inhalt. Wert und Berechtigung der Demokratie hängen von dem Inhalt ab. Wir haben es in Deutschland in den letzten Jahren erlebt, daß man mit der Form der Demokratie auch die Diktatur errichten kann, und Karl Marx hat offen gesagt, daß die Demokratie nur ein Mittel sei, um einmal die Diktatur des Proletariats aufzurichten. Wir können also mindesten vier verschiedene Demokratien unterscheiden: Kommunistische Demokratie( Moskau). Faschistische Demokratie( Potsdam) Liberale Demokratie( Weimar). Christliche Demokratie. Die ersten beiden streben die Diktatur an, d. h. sie lassen die Grundrechte der Menschen nur gelten, solange sie ihrem Zweck dienen. Die liberale und die christliche Demokratie dagegen fußen auf den sogenannten Grundrechten der Menschen, die freilich von den beiden verschieden begründet werden. Der Liberale sieht in den allgemeinen Menschenrechten einfach eine Tatsache, die unter allen Umständen verteidigt werden muß, der Christ aber sieht in ihnen eine vom Schöpfer den Menschen gegebene Würde, ein Recht, das niemand antasten darf. Die Grundrechte der Menschen sind: Freiheit: persönliche Freiheit, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, 48 Erziehungs- und Unterrichtsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Gewerbefreiheit, Vereinsfreiheit. Gleichheit: an Rechten, ohne Unterschied der Religion, der Rasse oder des Geschlechtes. Sicherheit: Schutz des Eigentums, Rechtsschutz, Schutz gegen den Staat. Widerstand gegen Unterdrückung, das Recht der Opposition. Gefahren der Demokratie: 1. Mehrheitsbeschlüsse können mißbraucht werden zur Diktatur. Man denke an Hitler, der ,, legal" zur Macht gekommen ist. 2. Unterdrückung der Minderheit, 3. Herrschaft der Masse und des Schlagwortes. Grenzen der Demokratie: 1. Ursprung der Gewalt: Gott, nicht das Volk. 2. Ziel: das Gemeinwohl, nicht der Wille der Mehrheit. 3. Grundlage: Recht und Würde des Menschen, aber auch die Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit des Menschen( Erbsünde). Ein schwacher Punkt in allen demokratischen Kundgebungen liegt immer darin, daß zwar von den Rechten der Menschen gesprochen wird, aber nicht von ihren Pflichten. Was entspricht dem Willen Gottes mehr: Demokratie oder Autokratie? Das ist für uns Christen die entscheidende Frage. Es wäre falsch, in dem einen oder in dem anderen das fehlerlose Ideal zu sehen. Jede Staatsform und jede Regierungsform hat ihre Vorteile und Nachteile. Es wäre auch zu wenig, wenn man nur deswegen die Demokratie bejahen wollte, weil heute die Verhältnisse sie fordern. Ich glaube, wir müssen tiefer schürfen und uns einmal ganz ernst fragen: welche Regierungsform entspricht mehr dem Willen des Schöpfers? Kein Mensch, hat das Recht, dem andern Menschen etwas zu diktieren. Diktieren ist ja viel mehr als regieren; diktieren heißt, dem andern vorschreiben, was er denken, was er tun, was er glauben soll; diktieren heißt, den andern zwingen, gegen seine Überzeugung zu handeln, gegen seine Überzeugung andere zu töten. 4 49 Kein Mensch hat dieses Recht. Gott allein, der Schöpfer der Menschen, könnte dieses Recht für sich beanspruchen. Aber gerade Gott hat für das Diesseits darauf verzichtet und hat den Menschen die Freiheit gelassen, auch auf die Gefahr hin, daß der Mensch die Freiheit miẞbraucht. Gott will eben keine Puppen, die blindlings folgen, sondern freie Menschen, die bewußt ja sagen. Es liegt ein tiefer Sinn in dieser göttlichen Pädagogik. Das Grundproblem jeder Sozialphilosophie lautet: Wer schafft an? Welches ist die Quelle der Autorität? Noch schwieriger aber ist die andere Frage, von der das gesunde Zusammenleben der Milliarden von Menschen nicht weniger abhängt: Wie können die verschiedenen und verschiedenartigen Glieder zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit gebracht werden? Oder, wie das Volk so gern sagt: Wie kann man die verschiedenen Köpfe unter einen Hut bringen? Aus all dem, was wir über christliche Gesellschafts- Auffassung gehört haben, ergibt sich zunächst ein zweifaches: Untragbar ist es, ungesund und unvereinbar mit den ewigen Gesetzen der Natur, wenn jeder einzelne nur an sich denkt und keine Rücksicht nimmt auf die Gesamtheit. Das ist Atomismus, Auflösung jeglicher Ordnung, Anarchismus, Separatismus, Partikularismus. Das gleiche gilt aber auch von dem anderen Extrem, wenn jedes Eigenleben und jede Eigenart erdrückt und erstickt wird, wenn alles nur als unterschiedslose Masse, als farbloser Brei genommen wird. Das ist Tyrannei, Diktatur, Universalismus, Zentralismus. Wo finden wir die Brücke, die Synthese, die Klammer? Es gibt nur einen gesunden Ausgleich. Man läßt die beiden Pole ihr Eigenleben und verbindet sie in einer lebendigen Spannungseinheit. Also: Einigkeit nicht Einheit, Verbindung nicht Trennung, - Gleichberechtigte Bundesgenossen, mit einem Wort: Föderalismus und das heißt Union. Das ist die letzte und tiefste Konsequenz einer christlichen, einer organischen, einer naturgemäßen Gesellschaftsordnung. Wenn wir nun versuchen, den Schlußstrich unter das Ganze zu machen, nachdem wir nunmehr auch die Stationen kennengelernt haben, die auf dem Weg in die Zukunft uns Richtung geben müssen, so drängt sich uns als Lehre und Mahnung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ein Hauptgedanke auf, das ist der Gedanke der Union, der Einigung. Wir müssen den Mut haben, alte Gräben zu überspringen, alte Fronten einzureißen, und uns die Hände zu reichen, um gemeinsam den Weg 50 50 gehen zu können, der uns allen Schicksal geworden ist. Gerade der christliche Weltanschauungspolitiker ist dazu in erster Linie berufen und auch in der Lage. Er hat seinen festen Standpunkt, er wurzelt in der Ewigkeit. Er hat einen festen Boden unter den Füßen, aber dann kann er, wie kein anderer, das Herz öffnen und die Hände reichen hinüber über die Grenzen seiner eigenen Weltanschauung, allen, die guten Willens sind. Es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Zeit, daß die alten politischen Fronten aufgelockert sind. Die Zeit muß endgültig vorbei sein, wo man in jedem Andersdenkenden einen Staatsfeind oder Volksschädling gesehen hat. Hüten wir uns vor jedem Extrem! Weder rechts noch links liegt unser Heil, sondern in der Mitte. Weder Potsdam noch Moskau kann uns retten, sondern Golgatha. Nicht Trennung Nicht Rechtspartei und - sondern Einigung. sondern Mittelpartei. nicht Linkspartei Nicht Standespartei, nicht Arbeiterpartei, nicht Bauernpartei, nicht bürgerliche Partei, Nicht Zentralismus und nicht Partikularismus, nicht Unitarismus und nicht Separatismus, Nicht Diktatur Nicht Klassenkampf Nicht Rassenkampf Nicht gegen Christus und nicht ohne Christus Nicht Masse sondern Volkspartei. sondern Föderalismus, d. h. ein starkes Bayern in einem einigen Deutschland ohne jede Vorherrschaft. sondern Demokratie. sondern soziale Verständigung. sondern Völkerversöhnung. sondern mit Christus. sondern Union. Es war ein weiter Weg, den ich Sie geführt, eine Wüste voll von Problemen. Trotzdem möchte ich mit Pius XI. sagen:„ Ich danke Gott, daß ich in dieser Zeit geboren bin", und ich schließe mit einem Wort Pius XII.: ,, Nicht klagen, sondern handeln, ist das Gebot der Stunde. Ans Werk also und an die Arbeit! Schließt Eure Reihen! Euer Mut darf nicht sinken. Bleibt nicht untätig inmitten der Ruinen! Heraus zum Aufbau einer sozialen Welt für Christus!" 4* 51 Stadtpfarrer Dr. Emil Muhler, G. R., ist am 21. April 1892 zu München geboren.