Der Verfasser, Julius Schätzle, ist am 19. November 1905 in Furt- wangen geboren. Er erlernte das Tischler-Handwerk und schloß sich im Jahre 1920 der Freien Deutschen Jugendbewegung an. Infolge seiner Einstellung und Tätigkeit in der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus war er während der Zeit der Hitler-Diktatur über 11 Jahre in deutschen Gefängnissen, Zuchthäusern und ver- schiedenen Konzentrationslagern inhaftiert. Nach dem Zusammenbruch stellte er sich sofort wieder für den Neuaufbau eines demokratischen Deutschlands zur Verfügung und ist jetzt Mitglied des ersten neu gewählten Landtags in Württemberg/Baden. Herausgegeben unter Zulassung US- W- 1001 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung. Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1946 by Kulturaufbau-Verlag Stuttgart, H. Zipperlen. Auflage 5000. XII. 1946. Druck: Buchdruckerei Fr. Späth, Waiblingen. Wir klagen an: die Zerstörer der deutschen Freiheit, die seit dem Jahre 1933 alle freiheitsliebenden Deutschen in die Zuchthäuser und Konzentrationslager warfen, die alle Parteien, Gewerkschaften, religiösen Vereinigungen und anderen Organisationen, die sich ihrem Diktat nicht unterwarfen, zerschlugen, damit sie ihr Verbrechen fortsetzen und vollenden konnten. Wir klagen an: die Schänder des deutschen Namens, die die einst auf der ganzen Welt angesehene deutsche Nation durch Meineid und Betrug, durch Raub und Mord zu dem verachtetsten Volk der Welt erniedrigten. Wir klagen an: die nationalsozialistischen Führer und ihre Hintermänner, die Krupp, Thyssen und die Militaristen, die das deutsche Volk in diesen wahnsinnigen Krieg getrieben, um ihre Profite zu erhöhen und ihre Machtgelüste zu befriedigen. Wir klagen an: die Kriegsverbrecher, die ganz Europa mit ihrer grausamen Kriegsführung überzogen und ihren Krieg trotz der hoffnungslosen Lage fortsetzten, bis unsere Städte in Schutt und Asche sanken und das deutsche Volk ausgeblutet am Boden lag. Wir klagen an: die Mörder Deutschlands! Wir fordern auf: alle anständigen Deutschen, Männer und Frauen, mitzuarbeiten am geistigen und materiellen Wiederaufbau Deutschlands, damit wir wieder eingereiht werden in die Gemeinschaft der sauberen und geachteten Nationen der Welt. 3 Die Führer sagten es selbst: „... In Deutschland geschieht nichts ohne meinen Willen und mein Wissen...“ Adolf Hitler. * „Ich habe keine Gerechtigkeit zu üben, sondern zu vernichten und auszurotten.“ Göring,„Voss. Zeitung“, 4. 3. 1939. * „Es ist nicht schlimm, wenn einige zehntausende marxistische Funktionäre zu Schaden kommen.“ Dr. Frick, 1933. * „Wir werden der Hanfindustrie zu verdienen geben.“ Stöhr, Vizepräsident des Reichstages. * „Wir werden die Marxisten und die Zentrumsleute am Galgen den Raben zum Fraße geben.“ Röver, Ministerpräsident von Oldenburg. * „Es gibt noch genug deutsche Eichen, um jeden daran aufzu- hängen, der sich uns entgegenstellt.“ Kommandant}4-Oberführer Eicke, Dachan. * „Es gilt die Gefangenen zu züchtigen.“ Kommandant Karl Buck, Konzentrationslager Welzheim. * „Bestrafung muß in einem Leiden bestehen. Totsein aber ist kein Leiden, also ist die Tötung auch keine Strafe...“ Professor Hoche, Universität Freiburg. Das Sterben der Republik Die Tatsache, daß in der Weimarer Republik den Kräften der Reaktion freier Spielraum gewährt wurde, ermöglichte ein Wiederaufleben des Militarismus und schuf dadurch die Voraussetzung des Sieges des Faschismus über das deutsche Volk. Überall konnte die SA., 44 und der Stahlhelm randalierend durch die Straßen ziehen. Antifaschistische Organisationen, Versammlungen und Zeitungen wurden verboten. Tausende von aktiven Antifaschisten wanderten 1932 in die Gefängnisse. Auch ich wurde im Juni 1932 von der Politischen Polizei in Stuttgart wegen einem Vergehen gegen das Pressegesetz verhaftet und nach monatelanger Untersuchungshaft im Januar 1933 in Leipzig vor dem V. Strafsenat zu 1½ Jahren Gefängnis verurteilt. Im Landesgefängnis Freiburg im Breisgau erfuhr ich die Berufung Adolf Hitlers durch Hindenburg zum Reichskanzler. Die Gefängnisbeamten, die sich alle als gute Demokraten und Republikaner deklarierten, kamen in heller Bestürzung in meine Zelle und fragten: ,, Was soll nun werden?" Aber während sie jammerten und wehklagten, holte ihr Direktor die schwarz- rot- goldene Fahne vom Turme herunter und hiẞte die schwarzweiß- rote, das Zeichen der deutschen Militaristen, die nun auf Gedeih und Verderb mit den Nationalsozialisten marschierten. Kurze Zeit nach meiner Überführung in die Strafanstalt Ulm a. D. eröffnete mir der dortige Gefängnisvorstand, Direktor Klaus, mit sichtlicher Freude, daß alle meine Vergünstigungen, die ich als politischer Überzeugungstäter auf Grund des Urteils des höchsten deutschen Gerichtes genoß, mit sofortiger Wirkung gestrichen seien. Durch die Verhängung der verschärften Einzelhaft wollte dieser Stahlhelmer den neuen Herren seine besondere Tüchtigkeit beweisen. Zum Dank und zur Anerkennung wurde er auch bald darauf zum Regierungsrat befördert. Auch die kleinsten Annehmlichkeiten, die jedem Strauchritter gewährt wurden, waren für mich verboten. Selbst das katholische Sonntagsblatt, das in allen Schlafsälen der Anstalt gelesen wurde, kam nicht in meine Zelle. Diese kleinlichen Schikanen waren sehr unangenehm, doch wurden sie als eine vorübergehende Erscheinung mit in Kauf genommen. Ich wußte, 5 daß ich 1½ Jahre Gefängnis zu verbüßen hatte und daß am 24. Dezember 1933 mein Entlassungstag war. Jeder Gefangene wartet mit Sehnsucht auf die Stunde seiner Freiheit. Zuerst zählt man die Monate, dann die Wochen und zum Schluß die Tage, bis zu dem Zeitpunkt, wo man wieder als Mensch unter Menschen leben kann. Von diesem Fieber bleibt niemand verschont. Zwei Tage vor meiner Entlassung, am 22. Dezember 1933, zu einer ungewohnten Tageszeit öffnete sich meine Zellentür, und der eintretende Beamte eröffnete mir: ,, Auf Grund Ihres politischen Vorlebens besteht die Befürchtung, daß Sie sich nach Ihrer Entlassung erneut in staatsfeindlicher Richtung betätigen und damit die Sicherheit von Volk und Staat gefährden. Die Geheime Staatspolizei in Stuttgart verhängte deshalb über Sie die Schutzhaft." Gnädig wurde mir noch erlaubt, meiner Frau davon Mitteilung zu machen. An Stelle eines frohen Wiedersehens erhielt sie nun diese traurige Botschaft. Während ich nach Verbüßung meiner Strafe am 24. Dezember gefesselt durch die Straßen von Ulm nach dem oberen Kuhberg geführt wurde, läuteten überall die Glocken zum friedlichen Weihnachtsfest. Für uns und unsere Familien gab es in diesem Jahr keine frohen Stunden, keine glücklichen Feiertage, keine gnadenbringende Weihnachtszeit. Für uns gab es nur Tränen und Blut. Erbarmungslos setzte die 4 und die SA. ihre Macht als Sieger den Besiegten gegenüber ein. Auf dem Kuhberg Mit finsterem Blick wurde ich von dem Kommandanten Buck empfangen und als„ Zugang" in die Aufnahmestufe geschickt. Das ganze Lager war untergebracht in den feuchten Kasematten des Forts Kuhberg. Die Neuzugänge kamen in ein Außenwerk, von den Häftlingen ,, Panzerkreuzer" getauft. Dieser Panzerkreuzer war ein einziger, in die Erde eingelassener Betonklotz und zu einem längeren menschlichen Aufenthalt unmöglich. Aber danach wurde im Dritten Reich nicht gefragt. Neuzugänge waren für die SA. auf dem Kuhberg immer die Zielscheiben ihrer Attacken. So ging es auch mir mit einigen anderen Kameraden in den Weihnachtstagen 1933. Ohne eine Minute Ruhe ging es im Eiltempo von früh bis spät mit Wassertragen, Essentragen, Saubermachen und vor allem Exerzieren. Dazu kamen die kleinlichen Schikanen, denen man sowohl während des Arbeitsdienstes, als auch beim Aufenthalt in den Bunkern unmittelbar ausgesetzt war. In der Neujahrsnacht gelang es einem Kameraden, seine Freiheit durch die Flucht zu erreichen. Mit einem tierischen Gebrüll stürzten sich die Wachleute nach der Entdeckung dieser Flucht auf die zurückgebliebenen Häftlinge. Mit Gewehrkolben und dem Gummiknüppel wurden wir halb6 angekleidet, einige sogar im Hemd, in die kalte Winternacht gejagt und in das eigentliche Fort zurückgetrieben. In den unterirdischen Kasematten dieser Feste mußten wir nun unser Leben verbringen. Die Räume waren alle feucht und kalt. Nur eine kleine Schießscharte gewährte Luft und Licht Zutritt. Der Boden war festgestampfter Lehm; bei längerer Regenzeit sickerte das Wasser durch die Decke, und unsere Räume verwandelten sich in einen Morast. Blieb der Regen aus, so gab es weder Trink- noch Waschwasser. Eine nutzbringende Beschäftigung konnte für uns nicht aufgebracht werden. Die Putz- und Flickstunde sorgte aber für eine dauernde Betätigung. Stundenlang mußte der halbverrostete Eẞnapf gefummelt werden, bis auch die letzte Stelle blankgerieben war. Oder es gab endlose Kleiderappelle, bei der immer ein Teil als unvorschriftsmäßig befunden wurde. Ein Sonntag ist mir noch in Erinnerung, da mußten wir siebenmal zum Kleiderappell antreten, und jedesmal dauerte er mindestens eine Stunde. Nur die hereinbrechende Nacht bewahrte uns an diesem Tag vor weiteren Schikanen. Die einzige Arbeit, die etwas Sinn hatte, war der Wegebau. Diese Wege waren zwar alle unnötig, aber diese Arbeit war uns doch angenehmer wie die verhaẞte Putz- und Flickstunde. Material zu einem Straßenbau gab es natürlich nicht. In Kolonnen zu acht Mann mit je zwei Posten wurden wir ausgesandt, um die nötigen Steine zu suchen. Dann wurde ein kleiner Wald durchgekämmt. Aber der Ertrag dieser Aktionen war sehr spärlich. Doch der Kommandant Buck schickte seine Posten mit uns immer wieder in die verschneite Winterlandschaft nach neuen Steinen. Wehe der Kolonne, die es gewagt hätte, leer zurückzukommen! Da aber absolut nichts mehr zu finden war, wurden wir zum staatlich sanktionierten Raub ausgeschickt. Markierungssteine wurden ausgerissen und zerschlagen. Einem Bauer, der zum Ausbau seines Feldweges Schottersteine angefahren hatte, wurde der größte Teil weggetragen. Angeblich überflüssige Mauern wurden niedergerissen und die Steine verwertet. Am Pfingstsamstag 1934 geschah das Unerwartete: Mit etwa 50 Kameraden wurde ich entlassen. Vor dem Fort mußten wir noch einmal antreten, damit Buck uns einen Revers vorlesen konnte, in dem uns zur Pflicht gemacht wurde, über alle Vorkommnisse im Lager zu schweigen, andernfalls wir einer schweren Bestrafung entgegengehen würden. Ohne ihn zu lesen, wurde der Name daruntergesetzt. Mit einem Polizeiauto kamen die Stuttgarter in einer schönen Fahrt über Geislingen nach Hause. Das Gefühl eines Heimkehrenden aus diesen unwürdigen Verhältnissen läßt sich schwer schildern. In meiner eigenen Wohnung, bei meiner Mutter war ich fremd geworden. Das Leben in einer sauberen hellen Wohnung war nach dem Aufenthalt in den dunklen, dreckigen Kasematten ungewohnt. Es konnte aber auch nie das Gefühl einer wirklichen Freiheit aufkommen. Der Arm der Gestapo hatte uns keineswegs freigelassen. Täglich mußten wir uns auf der Polizeiwache melden, und nie war man gewiß, ob man wieder nach Hause kam oder dort festgehalten würde. 7 Der Kampf im Dritten Reich Daß die nationalsozialistischen Führer geglaubt haben, durch ihre Methoden innerhalb oder außerhalb des Lagers einen Antifaschisten von seiner Überzeugung abzubringen, scheint mir nicht denkbar. Vielmehr bauten sie auf die Wirkung des Terrors. Sie hatten damit leider auch einige Erfolge. Namhafte Politiker der Weimarer Republik beugten sich ihrem Diktat, gaben Loyalitätserklärungen ab oder gaben den ganzen Machtapparat der Republik an die SA. ab mit der billigen Bemerkung: ,, Ich weiche nur der Gewalt!" Sie zogen sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurück. Still und bescheiden lebten sie nun von ihren Pensionen oder gingen ihrem Berufe nach und überließen das deutsche Volk seinem Schicksal. Andere, die diese Gefahr schon vor 1933 gesehen hatten und davor warnten, sahen, daß Deutschland durch die Faschisten immer rascher der Katastrophe eines imperialistischen Raubkrieges entgegentrieb. Kein Gefängnis und kein Konzentrationslager konnte sie von ihrer Pflicht abhalten, die warnende Stimme immer wieder zu erheben, um unsere Heimat vor dem Schlimmsten zu bewahren. Aber es waren zu wenige, die diesen Opfermut aufbrachten. Ihre Stimme wurde nicht genug gehört weder im Inland noch im Ausland. Der Machtapparat der Gestapo war schon zu stark. Das Versäumnis von 1932 ließ sich nicht mehr gutmachen. Im Sommer 1935 schien für die Gestapo die Zeit gekommen, um in einer neuen Verhaftungswelle den letzten Widerstand im deutschen Volke zu brechen und die Bahn für das geplante Kriegsabenteuer frei zu machen. Hunderte von Kommunisten wurden damals in Württemberg verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Durch Zuchthaus und Todesurteile hoffte man endlich jede freiheitliche Regung vernichten zu können. Bei dieser Aktion wurde ich am 5. Dezember 1935 verhaftet und kam zum zweitenmal unter die Fuchtel des berüchtigten Kommandanten Buck. In dem Gestapogefängnis in Welzheim glaubte man den richtigen Ort gefunden zu haben, um die erwünschten Geständnisse zu erpressen. In völlig licht- und luftlosen Zellen, die entweder überheizt wurden oder eisig kalt blieben, sollte jeder eigene Willen gebrochen werden. Zum Essen wurde gerade so viel gereicht, daß die Untersuchungsgefangenen nicht Hungers starben. Kriminalsekretär Mauch, der unsere Untersuchung führte, ließ kein Mittel unbenutzt, um die erwünschten Aussagen zu bekommen. Doch nur selten ist es ihm gelungen. Es war im Dritten Reich aber auch gar nicht mehr notwendig, daß man einen Angeklagten seiner Tat überführte. Dazu hatte man den berüchtigten Annahmeparagraphen geschaffen. Es genügte vollauf, wenn der Herr Kriminalsekretär annahm, daß ein Staatsbürger sich staatsfeindlich betätige, um den ganzen Kriminal- und Justizapparat ins Laufen zu bringen, damit der unliebsame Störer ihrer ,, Ruhe und Ordnung" zum Schweigen verdammt wurde. 8 So kam ich im Januar 1936 wieder in das Stuttgarter Untersuchungsgefängnis, das allen Stuttgartern unter dem Namen ,, Langer Bau" bekannt ist. Diese Bezeichnung entstand nicht, weil der Bau besonders lang ist, sondern weil es in der Regel lange dauert, bis man ihn wieder verlassen kann. Bei uns währte die Untersuchungshaft nahezu zwei Jahre. Die raffiniertesten und brutalsten Methoden der Gestapo brachten es fertig, Hunderte aktive Antifaschisten auf die Anklagebank zu bringen. Willfährige Richter, die ihr Urteil nicht nach Recht oder Unrecht bildeten, sondern nach dem Befehl der allmächtigen Partei und der Gestapo ausrichteten, verhängten Hunderte von Jahren an Gefängnis und Zuchthaus. Nicht genug damit, daß die Angeklagten nach den drakonischsten Gesetzen, die je geschaffen wurden, verurteilt waren, nein, darüber hinaus wurden sie nach ihrer Strafverbüßung nicht entlassen, sondern anschließend in Schutzhaft genommen und in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das Bild in meiner eigenen Gerichtsverhandlung veranschaulichte diese Justizkomödie besonders drastisch. Vor uns Angeklagten war in würdevoller Aufmachung der Gerichtshof aufgebaut. Hinter uns saß im großen Zuhörerraum ein kleiner Vertreter der Gestapo. Vor ihm zitterten und beugten sich die gelahrten Herren, und der kleine Mann revidierte ihr Urteil durch einen kleinen roten Schutzhaftbefehl. Die älteste Naziparole:„ Köpfe müssen rollen!" wurde von diesen ,, Rechtswahrern" in die Praxis umgesetzt. Die Moorsoldaten Als Strafgefangener kam ich ins Emsländer Moor. Eine öde Landschaft, die sich entlang der holländischen Grenze kilometerlang dahinzieht, sollte ursprünglich vom Arbeitsdienst kultiviert werden. Die Arbeit in dieser trostlosen, ungesunden Gegend kam unter dieser Führung nur schlecht vorwärts. Sehr bald verließ man den nationalsozialistischen Herrenstandpunkt, nach dem ein ,, Zuchthäusler" nicht würdig sei, deutschen Boden zu bearbeiten, und holte sich aus allen Strafanstalten die notwendigen Arbeitssklaven. In 15 Lagern, über das ganze Gebiet verstreut, wurden sie untergebracht und von 4½- und SA.- Männern bewacht. Bei mangelhafter Kleidung und Unterkunft zogen die Moorsoldaten bei jeder Witterung hinaus, um die schwere und mühevolle Arbeit der Moorkultivierung durchzuführen. In dem ewigen Regen des Emslandes kamen sie durchnäßt und mit Dreck überzogen abends müde nach Hause, um am anderen Tage wieder in die feuchten Kleider zu schlüpfen, zu neuer Arbeit und neuer Qual. Zivilangestellte, die als Meister( im Emsland Kneiske genannt) die Arbeiten leiteten, waren die Antreiber, so wie sie von ihrem Auftraggebern gewünscht wurden. Überall wurden unter ihrem Kommando durch das öde Moor tiefe Wassergräben gezogen, neue Straßen gebaut und die 9 weiten Flächen einen bis anderthalb Meter tief umgegraben. Das unfruchtbare Moor kam nach unten und der anbaufähige Sandboden nach oben, um so ertragfähiges Land zu gewinnen. Diese an und für sich nutzbringende Kulturarbeit hätte unter anderen Bedingungen zum Segen des Landes werden können, so aber wurde sie zum Fluch der dahin Verbannten. Auch die Naziführung hatte dies begriffen. Niemals wurde in der Öffentlichkeit von dieser Sklavenarbeit berichtet. Vielmehr versuchte man hier, auf billige Art für den Arbeitsdienst unverdiente Lorbeeren zu ernten. Längst nachdem im Moor kein Arbeitsdienstmann mehr zu sehen war, berichtete die Presse immer noch von der ,, wertvollen Kulturarbeit des Arbeitsdienstes" im Emsländer Moor. Was jeder kriminelle Strafgefangene dem politischen Häftling voraus hatte, ist der bestimmte Tag der Entlassung. Dieses Bewußtsein läßt jede Härte leichter ertragen. Der politisch Verurteilte hatte diese Erleichterung nicht. Das Damoklesschwert des Konzentrationslagers schwebte immer sichtbar vor Augen. Je näher der Entlassungstag heranrückte, desto öfter wurde diese Frage unter Kameraden besprochen. Auch die Angehörigen zu Hause wurden von dieser Unsicherheit gepeinigt. Nun kam der Tag der Entlassung. Ohne vorherige Verständigung wurde ich beim Passieren des Lagertores zurückgehalten und mit der Erklärung in das Gefängnis nach Papenburg eingeliefert, daß ich nach Stuttgart überführt werde, um nach einer Belehrung durch die Stuttgarter Polizei entlassen zu werden. Strafkompanie Dachau Nach einer 14tägigen Fahrt mit dem Gefangenenwagen durch Deutschland kam ich in meiner Heimatstadt an, wurde aber ohne jedes weitere Verhör nach Welzheim weiterverschickt. Hier geschah ebenfalls nichts zur Untersuchung meiner Angelegenheit. Eines Tages wurde ich vor den Kommandanten Buck geführt. Dieser eröffnete mir einen Schutzhaftbefehl, unterschrieben von dem 44- Führer Heydrich. Tags darauf ging es wieder auf Transport nach dem berüchtigten Dachau. ,, Wer durch diese Pforte tritt, laß jede Hoffnung fahren!" Diese Worte Dantes, die er über den Eingang seiner Hölle setzt, hätten in ehernen Lettern über dem Eingangstor von Dachau stehen müssen. Doch wie zum Hohn stand hier geschrieben: ,, Arbeit macht frei!" Schon in der ersten Stunde wurde jedem Neuzugang zum Bewußtsein gebracht, daß es sich hier nicht darum handelte, die politischen Gegner umzuschulen, sondern um sie zu vernichten. Die Begrüßung und Belehrung des Lagerführers war kurz und überzeugend:„ Na, ihr Scheißvögel, was habt ihr ausgefressen, daß ihr verhaftet worden seid?... Eure 10 Entlassung erfolgt, wenn Kommißbrot Kuchen wird. Wißt ihr, wann das wird? Nie! Deswegen könnt ihr auch nie entlassen werden." Als ,, Rückfälliger", der es gewagt hatte, ein zweitesmal gegen den nationalsozialistischen Stachel zu löcken, kam ich sofort in die Strafkompagnie und mußte folgenden Brief nach Hause schreiben: ,, Da ich mich wiederholt gegen Volk und Staat vergangen habe, unterliege ich den verschärften Schutzhaftbestimmungen und kann im Vierteljahr nur einen Brief empfangen und absenden." Dies war die einzige Nachricht, die in den ersten drei Monaten aus dem Lager nach Hause ging. Nach den einsamen Jahren der Gefängniszelle und der Abgeschiedenheit im Moor lernte ich wieder die Bedeutung der Solidarität kennen. Ich fand hier nicht nur gute Kameraden, sondern auch einen von ihnen gedeckten Tisch. Ich war wieder Mitglied einer Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die mithalf, die Schrecken der Konzentrationslager zu überstehen, und den Glauben an eine bessere Zukunft nicht untergehen ließ. Ich lernte aber auch andere Menschen kennen, denen wir als Kommunisten vielleicht ohne diese Schule nur schwer nähergekommen wären. Schon an meinem zweiten Arbeitstag war ich mit einem Kumpel verbunden, der mir in all diesen schweren Jahren ein guter Kamerad blieb. Der Generalvikar Franz Ohnmacht aus Linz war es, mit dem ich hier in ein Verhältnis kam wie nur selten mit einem Menschen. Aber es waren noch viele andere da, die wert wären, hier genannt zu werden. Wenn die Arbeiter, und unter ihnen die Kommunisten, auch den größten Prozentsatz der Häftlinge stellten, so gab es doch keine Bevölkerungsschicht und keine politische Richtung, die nicht vertreten gewesen wäre. Vom Bettler der Landstraße, dem Arbeiter, Bauern, Handwerker, Künstler und Geistlichen bis zu den Herzögen und Fürsten war alles vertreten. Kinder von acht Jahren und achtzigjährige Greise mußten dieses Los mit uns teilen. Das Leben, das vor uns lag, war hart und grausam. Die jungen 44Männer des Totenkopfverbandes betrachteten uns nicht nur als Staatsverbrecher, die es auszurotten galt, sondern auch als ein beliebtes ,, Spielzeug". Wie die Katze mit der todwunden Maus spielt, so hatten auch sie ihre Freude an unserer Qual. Trost- und aussichtslos schien unsere Lage in jener Zeit. Als ,, verlorener Haufen" standen wir einem unerbittlichen Feind gegenüber, und oft wollte in uns die Meinung aufkommen, unsere Heimat und die ganze Welt habe uns vergessen, alles beuge sich diesem Tyrannen. Ein Raubzug nach dem anderen, eine Vergewaltigung nach der anderen gelang diesen Gangstern, und es schien in unserer Abgeschlossenheit, als gäbe es auf der ganzen Welt keine organisierte Kraft, die diesem Moloch Einhalt gebieten könnte. Nur der unerschütterliche Glaube an die Menschheit und das Wissen um eine bessere Zukunft halfen über diese trostlose Zeit hinweg. 11 99 Krieg , Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!", stand in allen Flugblättern und Aufrufen der Kommunisten. Trotzdem gab es am 6. November 1932 bei freien Reichstagswahlen elf Millionen deutsche Staatsbürger, die ihre Stimme der NSDAP. gaben und daher voll und ganz für die Weiterentwicklung Deutschlands zum Krieg mitverantwortlich sind. Der Kriegsausbruch am 1. September 1939 war nur die folgerichtige Fortführung der Politik der deutschen Reaktion in seiner ausgeprägtesten Form durch die NSDAP. Die aktiven Antifaschisten, die unter Einsatz ihres Lebens diesen Krieg verhindern wollten, die dem deutschen Volk diese Ströme von Blut und Tränen ersparen wollten, hielt man bereits sechs Jahre hinter Stacheldraht und brandmarkte sie als Volksverräter. Nun war dieser Krieg mit all seinen Schrecken zur Tatsache geworden. Wir waren uns im Lager alle bewußt, daß eine Reihe von schweren Jahren vor uns liegen werde. Wir waren aber auch davon überzeugt, daß dieser Krieg der Anfang vom Ende des Tausendjährigen Reiches sei. Deshalb konnte bei uns auch keine Trauer und keine niedergedrückte Stimmung aufkommen. Wohl war alles in einer fieberhaften Spannung, und die Frage unseres Schicksals und der weiteren politischen und militärischen Entwicklung wurde hundertmal erörtert. Eine Parole jagte die andere. Unsere schlimmsten Peiniger, die jungen 4- Männer des Totenkopfverbandes, waren abgerückt, um in den besetzten Ländern ihr Unwesen weiterzutreiben. Alte Landsturmmänner nahmen ihre Plätze ein. Wenige Tage nach Kriegsausbruch wurde bekannt, daß das Dachauer Lager als Konzentrationslager aufgelöst werde und zur Unterbringung von Truppen vorgesehen war. In raschem Tempo wurden die notwendigen Arbeiten erledigt und die Lagerinsassen in drei großen Transporten abgeschickt. Ein Trupp ging nach Buchenwald, ein zweiter nach Flossenbürg und der dritte nach Mauthausen. Zu letzterem kamen alle ,, Zweitmaligen", darunter auch ich. G d Z h b W S 1 b V S Mauthausen In gehobener Stimmung trafen wir die Reisevorbereitungen und marschierten am anderen Tage durch das Lagertor, als ging es in die Freiheit und nach Hause. Überall gab es nur eine Meinung: Dachau ist die Hölle auf Erden, etwas Schlimmeres kann es auf dieser Welt nicht geben. Langsam rollte unser Zug gegen Osten, über Linz nach Mauthausen. Was wußte man viel von diesem Lager? Das einzig Konkrete war, es gibt dort einen großen Steinbruch. Alles andere war leeres Gerede. Mit bangem 12 7 Ri mi 1 me Gefühl, doch immer noch guten Mutes verließen wir in nächtlicher Stunde die Fisenbahnwaggons, um bei hellem Mondenschein unseren Marsch an- zutreten. Das Neue und Ungewohnte einer solchen nächtlichen Wanderung hielt uns wach. Unvergeßlich bleibt der Anblick, der sich uns bot, als wir plötzlich durch eine enge Gasse den berüchtigten ‚Steinbruch„Wiener Graben“ betraten. Von dem fahlen Mondlicht gespensterhaft beleuchtet, bot das wilde Durcheinander von Felsen ein Bild, als wären wir auf dem Monde selbst angelangt. Zur linken Seite zog die lange Schlange der blauweiß gekleideten und kahl geschorenen Häftlinge über eine 152 Stufen hohe Treppe durch die kahlen Felswände in die Höhe. Unwillkürlich kam mir bei diesem Anblick ein Bild aus dem Film„Metropolis“ in Erinnerung, wie die Arbeitssklaven in müdem Schritt durch die unterirdische Fabrik- stadt zur Arbeit geführt werden. Ein wüstes Gebrüll weckte uns beim Einmarsch in das Lager aus unseren Träumereien:„Ihr roten Hunde, eure Zeit ist vorbei! Ihr seid nun nicht mehr in Dachau, sondern in Mauthausen, hier weht ein anderer Wind!“ Das war der Empfang. Aber nicht nur durch die#, sondern auch durch die von der#4-Führung eingesetzten sogenannten Berufsverbrecher, bestehend aus Dieben, Räubern, Zuhältern und Mördern. Diese wurden nach ihrem grünen Winkel„die Grünen“ genannt. Für die Nationalsozia- listen schienen das die geeigneten Elemente zu sein, um uns„umzu- schulen“. Für uns bedeutete es die größte Schmach, ausgerechnet von solchen Elementen belehrt zu werden über Sauberkeit, Ehrlichkeit, Wahr- haftigkeit usw. Zur Belehrung wurde uns am anderen Morgen die Mauthausener Er- ziehungsmethode vorgeführt. Ein Häftling, der aus Hunger irgendwo etwas Brot organisiert hatte, ging müden Schrittes durch die Lagerstraßen und trug ein Plakat, auf dem geschrieben stand:„Ich suche meinen Sara Ohne irgendwelche Formalitäten wurde dieser Unglückliche vom Lager- kommandanten zum Tode verurteilt. Tag für Tag mußte er nun sein Plakat von früh bis spät durch die Lagerstraßen tragen, und wenn er irgendwo vor Erschöpfung zusammenbrach, bekam er so lange Prügel, bis er seinen Weg fortsetzte. Des Nachts wurde er in eine enge Arrestzelle gesteckt. Essen oder Trinken gab es für ihn nicht mehr. Diese Tortur wurde fortgesetzt bis zu seinem Tode. Bald ging es in den Wiener Graben. Die Arbeit in einem Granitstein- bruch ist immer schwer, aber bei den hier waltenden Verhältnissen mußte jeder Mensch zugrunde gehen. Mit den primitivsten Mitteln mußten größte Leistungen erzielt werden. Das mörderische Kommando der Steinträger war besonders gefürchtet. Schwere Steine mußten auf den Schultern die berüchtigten 152 Stufen und darüber hinaus ins Lager getragen werden. Am: Fuße der Treppe stand der Kommandoführer,#/-Hauptscharführer Spatzenecker, und jeder, der seiner Meinung nach einen zu leichten Stein ausgesucht hatte, bekam nun von ihm einen besonders schweren zudiktiert. 13 Der Wille, alle Antifaschisten zu vernichten, kam in diesem ersten Kriegswinter besonders zum Ausdruck. Ende Dezember, bei der grimmigsten Kälte, wurden uns die Pullover ausgezogen. Das Essen war so schlecht und ungenießbar, daß es mit uns rapid bergab ging. Ohne Erbarmen mußten wir in unserer leichten Leinenkleidung bei klirrendem Frost in den Steinbruch marschieren. Nach starkem Schneefall war die Produktion gleich Null. Aber das war auch nicht das Entscheidende. Es kam darauf an, daß die Häftlinge nie zur Ruhe kamen und am Abend wieder einige ., abgeschrieben" werden konnten. Im Wiener Graben waren jeden Tag Tote zu beklagen. Um nur ein beliebiges Tagesbeispiel zu geben: mit 1000 Mann wurde ausgerückt, 200 mußten davon abends nach Hause getragen werden, weil sie nicht mehr fähig waren, auf ihren eigenen Füßen zu stehen, 25 wurden als Leichen nach Hause gebracht. Von den 200 Erschöpften, nach dem Lager Geschleppten, erblickten viele das Tageslicht am anderen Morgen nicht mehr. Der Rest wurde wieder zur Arbeit getrieben, und mancher, den beim neuen Anblick des Steinbruchs die Verzweiflung erfaßte, kürzte durch einen Sprung über die senkrechte Felswand sein Leiden ab. Das völlig unzureichende Essen, die grimmige Kälte, die schlechte Kleidung, die brutale Behandlung, alles half zusammen, um aus Mauthausen ein Todeslager im wahrsten Sinne des Wortes zu machen. In jeder Baracke wurden die Toten täglich im Waschraum aufgehäuft, und der einzige Gedankenaustausch, der jetzt noch möglich war, lautete: ,, Wann werde ich oder du hier liegen?" Viele bezichtigten sich selbst, einen noch unaufgeklärten Mord oder einen Einbruch begangen zu haben, um von hier weg in ein Gefängnis zu kommen. In unserer Baracke, in der die ,, Zweitmaligen" untergebracht waren, war die Solidarität noch am ausgeprägtesten erhalten. Am Weihnachtsabend wurde eine kleine Feier veranstaltet und zum Ausdruck gebracht, daß sich auch uns die Sonne wieder zuwenden werde. Von unserer kargen Brotzuteilung wurden für die völlig entkräfteten Kameraden 80 Brote gesammelt, um diese, unsere Schwächsten, vor dem Hungertode zu retten. Bei vollen Tischen von seinem Überfluß abzugeben, ist kein Opfer, sondern ein Almosen. Unter diesen Bedingungen auch nur eine Krume zu opfern, grenzte an Selbstaufgabe. Die Hölle von Dachau erschien uns damals als Paradies. Die bei Gefangenen immer wiederkehrende Frage: ,, Wann kommen wir nach Hause?" war verstummt. Man hörte nur noch: ,, Wann kommen wir zurück nach Dachau?" Wie der Ertrinkende an einen Strohhalm, so klammerten wir uns an die Parole: Der halbfertige Garagenbau für die 44Truppen in Dachau muß schnellstens beendigt werden, deswegen kommen wir wieder zurück. Dies wurde schließlich auch zur Tatsache. Aber von 147 Häftlingen aus der Strafkompagnie, die mit uns von Dachau kamen, konnten im 14 März 1940 nur noch 86 die Rückfahrt antreten. Alle anderen waren ent- weder tot oder so heruntergekommen, daß sie nicht mehr transportfähig waren.’ Wieder in Dachau Der Hölle von Mauthausen entronnen, marschierte an einem klaren Märzmorgen im Jahre 1940 ein kleiner Transport von ausgehungerten Schutzhäftlingen zurück in ihr Stammlager Dachau. So unglaublich es auch scheint, wir begrüßten die Türme des Dachauer Lagers, als ob wir nun zu Hause wären. Dieses Gefühl wurde noch gesteigert durch den warmen Empfang durch die bei der Räumung im Oktober 1939 zurück- gebliebenen Kameraden. Unter der Leitung des Lagerältesten Georg Scherer war für uns alles aufs beste vorbereitet. Eine warme Milchsuppe stand bereit, die Baracken waren zum Einzug sauber gemacht und geheizt, die Betten frisch über- zogen. Alles war getan, was unter den obwaltenden Umständen möglich war. Auch die Absicht des damaligen Lagerführers, unsere Arbeitskraft wieder auf die Höhe zu bringen, kam uns sehr zustatten. Eine Ansprache, in der er erklärte, daß die Strafkompagnie und die Prügelstrafe abge- schafft wären, vervollständigten das Bild. Die Geschichte der Konzen- trationslager trat in ein neues Stadium ein. Das Ziel der absoluten Ver- nichtung wurde zurückgestellt zugunsten der Erhaltung und Ausbeutung der Arbeitskraft. Nur wenige Tage der Ruhe blieben uns vergönnt. Der Arbeitsdienst erforderte wieder alle Kräfte. Als erstes mußte das Lager wieder auf- geräumt werden. Die#-Division, die während unserer Abwesenheit im Lager gewesen war, hinterließ nichts als Schmutz und Trümmer. Dann nahm das berüchtigte Kommando„Garagenbau“ die Arbeit wieder auf. Unter Führung des Oberkapos Karl Kapp aus Nürnberg konnten die alten Methoden noch einmal Triumphe feiern. So traurig das auch ist und so unverständlich es einem Außenstehenden erscheinen mag, so kann man an der Tatsache nicht vorbeigehen, daß sich immer wieder Häftlinge bereit fanden, um eines geringen Vorteiles willen die Interessen der# rücksichtslos zu vertreten. In dem Kommando Garagenbau wurde das Antreibersystem aufs Äußerste getrieben. Hier geschah es auch zum erstenmal wieder, daß sich- ein Häftling soweit vergaß, den andern zu prügeln. Doch zur Ehre vieler Kapos muß gesagt werden, daß sich nicht alle dem Dikatat Kapps und des#-Kommandoführers unterwarfen. In dem Gelände des Garagenbaus befand sich auch die#/-Metzgerei. Daß hier ieder Häftling, der die Möglichkeit dazu hatte, sich etwas „organisierte“, war selbstverständlich. In eine Kiste hinter dem Hause wurden die ausgekochten Knochen geschüttet. Die daran noch haftenden Fleischreste verdarben sehr rasch. Daß sich trotzdem vor Hunger haltlos 15 gewordene Menschen mit Gier über diese Reste stürzten, war vom gesundheitlichen Standpunkt nicht gut, aber es war erklärlich. Hunger tut weh. Die Bestrafung der Unglücklichen, die bei einer solchen Handlung erwischt wurden, war grausam. Zuerst gab es meist eine Tracht Prügel, von Kapp persönlich ausgeteilt. Dann wurde dem Häftling aus der Knochenkiste die Hirnschale eines geschlachteten Rindes samt Hörnern auf den Kopf gebunden. Mit dieser stinkenden Kriegstrophäe mußte nun der arme Kerl den ganzen Tag arbeiten, abends damit in das Lager marschieren und hier bis zur Schlafenszeit am Lagertor ohne Essen stehen bleiben. Lagerstrafen Mit der Ernennung von Hauptsturmführer Zill zum Lagerführer begann wieder eine harte Zeit. Nicht nur, daß alle abgeschafften Lagerstrafen wieder eingeführt wurden, nein, sie wurden auch verschärft. Die von der Reichsführung der verordneten 25 Stockhiebe wurden von Zill durch Einführung von Doppelhieben erhöht. Rechts und links des Deliquenten stellte sich je ein-Mann. Mit sadistischer Wollust wurden schon die Vorbereitungen in Ruhe genossen. Der Waffenrock wurde abgelegt, die Hemdsärmel hochgestülpt, die im Wasserbad eingeweichten Ochsenziemer fachmännisch auf ihre Tauglichkeit geprüft. Die Zwischenzeiten waren ausgefüllt mit Witzen über die zu erwartenden Schmerzensschreie. Dann folgten lange Verlesungen der Urteile. Diese endlose Wartezeit war für die Häftlinge eine besondere Nervenqual. Endlich mußte der erste vortreten. Das Hemd des Deliquenten wurde hochgezogen, die Unterhosen nach unten gestopft, so daß nur die dünne Leinenhose übrigblieb. Dann wurde er über einen Bock gezogen und festgeschnallt. Zum Überfluẞ setzte sich ihm noch ein-Mann ins Genick. Bei der eigentlichen Prügelei legte der„ Herr" 4- Hauptsturmführer Zill großen Wert darauf, daß die-Männer ihre ganze Kraft einsetzten. Aber es durfte nicht schnell gehen. Gemütlich seine Zigarette rauchend, wiederholte er immer wieder: ,, Langsam, langsam, er soll zu seinem vollen Genuß kommen!" Der arme, sich vor Schmerzen windende Tropf auf dem Bock war zu all dieser Pein noch verpflichtet, die Streiche laut und deutlich zu zählen. Wehe ihm, wenn ihn jetzt seine Nerven verließen und ihm ein Fehler unterlief. Sogleich ertönte der lakonische Ruf von Zill: ,, Falsch, von vorn beginnen!" Wurde er vor lauter Schmerzen bewußtlos, so wurde ein Kübel Wasser über ihn gegossen und gewartet, bis das Bewußtsein wiederkehrte, dann wurde die Prozedur fortgesetzt. Den zu ertragenden Schmerz kann ich nicht beschreiben. Es gibt hierzu keine Vergleiche. Durch die zwischen den einzelnen Hieben eingeschalteten Pausen, durch 16 das Warten auf den nächsten Streich waren die Nerven zum Zerplatzen angespannt. Die zweite, so häufig angewandte Lagerstrafe war das Hängen. Bei diesem Hängen, kurz„ Baum" genannt, wurden dem Verurteilten mit einer eisernen Kette die Hände nach hinten zusammengeschlossen. Dann mußte er einen drei Stufen hohen Tritt erklettern. Der Henker nahm das andere Kettenende, klinkte es in einem an einem Balken angebrachten Haken ein und zog den Tritt dem Daraufstehenden mit einem Ruck unter den Füßen weg. Dieser schwebte nun mit nach hinten gerissenen Armen ungefähr 20 Zentimeter über dem Boden. Im allgemeinen dauerte diese Prozedur eine Stunde. Das Hängen war aber auch eine sehr beliebte Methode zur Erpressung von Aussagen. In einem solchen Falle hing schon mancher über zwei Stunden. Mancher bis zu seinem Tode. In der Regel trat der Tod zwischen der zweiten und vierten Stunde ein. Fürchterliche Schmerzen in den Schultern und Handgelenke waren die Folgen dieser Behandlung. Nur mühsam konnte die Lunge mit dem nötigen Sauerstoff versorgt werden. Das Herz arbeitete in einem rasenden Tempo. Aus allen Poren drang der Schweiß. Aber auch nach der Stunde dieses Fegefeuers zeigten sich noch üble Folgen. Der Häftling war nicht mehr in der Lage, seine Hände und Arme zu benützen, alles war gelähmt. Oft war eine wochenlange Behandlung im Revier notwendig, um diese Folgen zu beseitigen. Deshalb wurde, um die wertvolle Arbeitskraft zu erhalten, diese Strafe im Jahre 1941 abgeschafft. Hauptsturmführer Zill war in der Befriedigung seines Sadismus unersättlich. Mit der Verbüßung obengenannter Strafe war es nicht immer getan. Oft kamen noch 42 Tage Arrest dazu. Dieser wurde in Dachau immer ohne Tageslicht durchgeführt. In der Frühe wurde zum Zellenreinigen das elektrische Licht zehn Minuten eingeschaltet. Etwas zu Essen gab es nur jeden dritten Tag. Haarschneiden und Rasieren waren in dieser Zeit überflüssiger Luxus. Wenn sich dem Unglücklichen das Glück wieder zuwandte, kam er nach sechs Wochen körperlich völlig gebrochen, wieder auf den Block( Baracke) zu seinen Kameraden, andernfalls kam er auf Monate oder gar Jahre in die Strafkompagnie. Häftlingstransporte Im Laufe der letzten Jahre ging man immer mehr zur Methode der Verschickung unliebsamer Häftlinge über. Nicht alle Lager hatten die gleichen Lebensbedingungen. Von den bekanntesten waren in Stufe I: Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen; Stufe II: Neuengamme, Natzweiler, Stutthof, Floßenbürg, Mittelbau; Stufe III: Mauthausen, Gusen, Lublin, Auschwitz und Riga. Stufe I galt als gut, Stufe III waren aus17 gesprochene Vernichtungslager. Gefürchtet waren auch die neuen, noch im Aufbau begriffenen Lager. Hier fehlte es an allem. Von der Unterbringung angefangen bis zur Kleidung und dem Essen war alles knapp. Aber auch ohne ersichtlichen Grund wurden große Transporte zusammengestellt. Ununterbrochen rollten die Züge von Norden nach Süden und von Süden nach Norden. Transportschwierigkeiten gab es für die 44 nicht. Nur ein Beispiel sei genannt. Im Jahre 1944 bekam Dachau einen großen Transport mit Juden von Riga. 14 Tage darauf wurden dieselben nach Auschwitz in Schlesien verfrachtet. Scheint das nicht planlos? O nein! Eine würdige Schar von Parteigenossen und Heimkrieger erwarben sich auf diese Art das Kriegsverdienstkreuz und bewirkten ihre weitere uk- Stellung. Den ,, Heldentod für Führer, Volk und Vaterland" überließ man gerne anderen. Diese Transporte wurden unter den schlimmsten Bedingungen ausgeführt. 60 bis 100 Häftlinge kamen in einen Waggon. Um die Bewachung zu erleichtern, wurden die Türen oft zugenagelt. Für die Notdurft war günstigenfalls ein alter Marmeladeeimer bereitgestellt. Die Transportverpflegung war so knapp bemessen, daß bei dem ständigen Hunger viele vor dem Besteigen des Waggons alles aufgegessen hatten. Wasser gab es nie. Die Verhältnisse in einem solchen Waggon gestalteten sich in wenigen Stunden so unmenschlich, daß ein Unbeteiligter sich dies kaum vorstellen kann. Der Gestank, der Mangel an Sauerstoff, die Unmöglichkeit, sich richtig zu setzen oder zu legen, Hunger und Durst brachten die Menschen zum Wahnsinn oder in den Tod. Es würde zu weit führen, alle begangenen Verbrechen dieser Art aufzuzählen; ich begnüge mich mit diesen wenigen Beispielen. In den Jahren 1941-1943 wurde Dachau zum Invalidenlager für alle Konzentrationslager erklärt. Von überall kamen die ausgemergelten und ausgehungerten Elendsgestalten zu uns, um hier zu sterben oder nach der Genesung wieder dem Moloch der Sklavenarbeit in den Rachen geworfen zu werden. So kam am 19. November 1942 ein Transport aus dem Lager Stutthof bei Danzig. Es waren ungefähr 1000 Mann. Sechs Tage und sechs Nächte waren diese Kameraden in ihren Waggons eingeschlossen gewesen. Niemand hatte sich um sie gekümmert. Daß von diesen kranken Menschen viele den Strapazen eines solchen Transportes erliegen mußten, daran waren wir gewöhnt. Aber was wir hier erlebten, war selbst für unsere abgestumpften Nerven zuviel. Hätte ich es nicht selbst mit eigenen Augen gesehen, ich würde es nie glauben. Zum Wahnsinn getriebene Menschen, bar jeder Vernunft und Zurechnungsfähigkeit, waren dem Kannibalismus verfallen. Drei Häftlinge waren von ihren miteingesperrten Kameraden angefressen worden. Dem einen fehlte am linken Oberschenkel das Fleisch bis auf die Knochen, dem zweiten am rechten Oberarm und dem dritten war der Geschlechtsteil abgebissen. Völlig entmenschte 4- Leute brachten es fertig, darüber noch ihre Glossen zu reißen. 18 1 S 1 1 1 1 1 1 1 Ein zweiter Transport, der mir ewig im Gedächtnis haften bleiben wird, kam im Juli 1944 aus dem Sammellager Compiégne. Über 1000 Franzosen wurden unter den denkbar schlechtesten Verhältnissen nach Dachau gebracht. Durch die immer wieder zerstörten Bahnlinien und die Verstopfung der wenigen noch befahrbaren Gleise durch die Militärtransporte wurde dieser Zug tagelang auf Nebengeleise abgeschoben. Auch hier kümmerte sich niemand um die in den Waggons eingeschlossenen Menschen. 483 Tote, zum Teil schon halb verwest, wurden in Dachau aus den Waggons geborgen, die anderen mußten alle im Revier aufgenommen werden. Viele konnten auch hier ihre Gesundheit nicht mehr erlangen. Ausländer Nach dem Polenfeldzug 1939 kamen die ersten Ausländer in Schutzhaft. Konform mit dem Vormarsch des deutschen Heeres in fremden Ländern, rückten die verschiedenen Nationen im Lager ein. Vertreter von über 28 Nationen aller Erdteile sammelten sich hier auf kleinstem Raum. Alle diejenigen, die sich weder dem Marschstiefel der deutschen 4 beugten, noch den Lockungen eines Quisling, Degrelle oder Wlassow folgten, wurden hier konzentriert. Bei der Ankunft der Polen war noch der alte Drill im Lager. Ihre erste ,, Arbeit" war deshalb, tagelang auf der Lagerstraße zu stehen, deutsche Lieder zu lernen und den Dachauer Gruß( Mützen ab- Mützen auf) zu üben. Schlimmer erging es den Russen. Die ersten Transporte russischer Kriegsgefangener erreichten das Lager überhaupt nicht. Auf dem Schießstand der Waffen- wurden sie zu Tausenden ermordet. Mit Blut besudelte Uniformen der Roten Armee kamen als einzige Zeugen dieser Schandtat ins Lager. Bei späteren Transporten wurden vom Schutzhaftlagerführer von 1000 Kriegsgefangenen 10 bis 20 Mann willkürlich ausgesucht und durften am Leben bleiben. Solche Ermordungen von Kriegsgefangenen brachen nie ab. Von vielen späteren Beispielen nur eines: Am 16. September 1944 wurden aus dem Lager 91 russische Offiziere in Gruppen zu 30 Mann zum Krematorium geführt. Auf Befehl des Schutzhaftlagerführers Campe mußten sie sich ausziehen und nackt zum Schießstand weitergehen. Hier wurden sie kniend durch einen Genickschuß von den-Schergen ermordet. Die Exekution war gegen 11 Uhr beendet. Um 1 Uhr wurde festgestellt, daß auf dem Haufen der Leichen nach drei Mann am Leben waren, so schlecht war die Henkersarbeit. An der Exekution nahmen teil: der Schutzhaftlagerführer Campe, die Rapportführer Kuhn und Böttcher, der Verwalter des Krematoriums, Bongarz, und andere-Männer. 19 Die russischen Kameraden wurden auch stets zu den schwersten und dreckigsten Arbeiten bestimmt. Als Facharbeiter waren sie in der Industrie zwar geschätzt, doch fürchtete man sie als Saboteure. Mitte August 1944 wurde ein russischer Fliegeroffizier öffentlich aufgehängt wegen Sabotage in dem Kommando Messerschmitt- Lager. Die anderen Nationen hatten nicht so viele Opfer zu bringen, doch sind auch hier Legionen zu beklagen. Vor den politischen Überzeugungstätern stand nun eine neue große Aufgabe. Dem Vernichtungswillen der Nazi gegen alles, was nicht deutsch war, galt es die internationale Solidarität entgegenzustellen. In Tausenden von Fällen ist es trotz alledem auch gelungen, unseren ausländischen Leidensgenossen zu helfen und gar manchen vor dem sicheren Tod zu retten. In dieser Zeit, in der sich auf den Schlachtfeldern Europas die Völker zerfleischten, bahnte sich hier eine internationale Gemeinschaft an, die auch über die Dauer des Lageraufenthaltes hinaus seine Auswirkungen haben wird. Alle Versuche der Lagerführung, diese Solidarität zu sprengen, scheiterte an dem Willen einer starken Gruppe politischer deutscher Funktionäre. Lieber im Lager sterben, als zum Henkersknecht des Faschismus zu werden, war die Parole. Ein Beispiel dieser Art: Der Bauarbeitercapo Karl Wagner aus Stuttgart- Feuerbach wurde einmal zu 25 Stockhieben verurteilt, weil er eine Meldung seines 4- Kommandoführers gegen einen polnischen Geistlichen nicht weitergegeben und diesen so vor der Strafe geschützt hatte. Ein andermal bekam er in Allach von dem Untersturmführer Jarolin den Befehl, einen französischen Häftling zu prügeln. Seine Weigerung brachte ihm aufs neue 25 Stockhiebe und anschließend sechs Wochen Arrest ein. Im Mai 1944 wurde er mit anderen kommunistischen Häftlingen in ein Komplott verwickelt und wegen Begünstigung von Ausländern nach Buchenwald strafversetzt. Ich will nicht verschweigen, daß es auch andere Capos gab, die nicht mehr den Mut und die Energie aufbrachten, die verbrecherischen Befehle der-Vorgesetzten zu hintergehen und damit ihre eigene Gesundheit und das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Diese Charakterschwäche zeigten Häftlinge aus allen Gesellschaftsschichten und allen Nationen. Dieser Krankheit verfielen alle, die ihre Weltanschauung und ihre Ideale, für die sie einst ins K.Z. kamen, begruben und an den Sieg des Nationalsozialismus glaubten. So kam es, daß ein Capo sich rühmte 100 Juden niedergeschlagen und in den Tod getrieben zu haben. Oder ein anderer, der sich dazu verleiten ließ, für die Interessen der BMW Allach und der Baufirma Dykerhoff in dem Arbeitskommando Allach mit Prügel und viel Geschrei das Arbeitstempo derart steigerte, daß fast jede Woche 50-100 Häftlinge krank und abgearbeitet ins Lager zurückkamen und durch andere gesunde ersetzt werden mußten. 20 a —[u Besonders toll getrieben wurde es von einigen Lagerältesten und im Revier Beschäftigten. Der Schutzhaftlagerführer Zill verlangte z.B. von seinem Lagerältesten täglich 30-40 Strafmeldungen, die dann auch ge- liefert wurden. Für eine solche Strafmeldung genügte ein nicht zuge- knöpfter Rock, eine schlecht angenähte Häftlingsnummer, ein schlechter Bettenbau, oder eine ähnliche Kleinigkeit. Die Strafe dafür war 25 Stock- hiebe oder eine Stunde Baum. Arbeitsdienst Wie schwer hatten es doch die Sklavenhalter früherer Zeiten! Damals waren die Sklaven teuer und mußten deswegen gut genährt werden. Im Dritten Reich waren sie billiger. Die Gestapo sorgte ja für Nachschub. In der ersten Zeit der Konzentrationslager, im Jahre 1933, wußten die Nazi noch nicht, was sie mit den vielen Schutzhäftlingen machen sollten. Nur in einem Punkt waren sie sich klar: zur Ruhe kommen dürfen diese „roten Hunde“ nicht. Also ging man dazu über, Arbeit zu„erfinden“. Daß man dabei auf die ausgefallensten Ideen kam, nimmt bei der Ideologie dieser Menschen nicht wunder. Die Grashalme einzeln aus dem Boden zu ziehen oder Steine von Feldwegen und Exerzierplätzen aufzu- lesen, um Lagerstraßen zu bauen, Erdhaufen von einer Ecke zur anderen zu karren und am nächsten Tage wieder zurück, waren solche Beschäfti- gungen. Bei bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterließ man keinen Versuch, sie besonders zu demütigen. Unter vielen anderen fallen in diese Rubrik die zwei Fürsten Hohen- berg. Diese mußten die Aborte leeren. Aber nicht, wie das normalerweise geschieht, sondern sie wurden gezwungen, zuerst mit den Händen das Dicke herauszufischen und dann erst durfte der Schöpfer benützt werden. Solche und ähnliche Arbeiten wurden jahrelang durchgeführt. Nur langsam kamen die Bauarbeiten in den Vordergrund. Im Rahmen der Auf- rüstung wurden die Schutzhäftlinge immer mehr eingesetzt zum Bau von Kasernen, Exerzier- und Flugplätzen. Daneben ließen sich die Herren der 44 an vielen Orten durch ihre Arbeitssklaven schöne Villen bauen. Trotz der zur Verfügung stehenden primitiven Mittel wurden die größten Lei- stungen herausgepreßt. Bagger- oder Betonmaschinen waren lange un- bekannt. Alles mußte von Hand erledigt werden. Vor eine schwere Straßenwalze wurden, wie zu Pharaos Zeiten, 50 Menschen gespannt, um damit Straßen und Plätze glatt zu walzen. Aus alten Autos wurden große Transportwagen gebaut, Moorexpreß genannt. Zu jedem Wagen wurden zwölf Häftlinge gestellt und damit alle Lasten befördert. In der Vorkriegs- zeit war das Arbeitstempo besonders toll. Schubkarren fahren, Lasten tragen oder den Rollwagen schieben wurde den ganzen Tag im Lauf- schritt erledigt. Die jungen##-Angehörigen des Totenkopfverbandes hatten ar. ihre besondere Freude daran, mit dem aufgepflanzten Bajonett die Häftlinge bis zum Umfallen zu quälen. Im Jahre 1938 war ich einmal bei einer Kolonne am Rollwagen. Wir mußten hinter der-Kaserne einen riesigen Erdhaufen etwa 800 Meter weit transportieren. Die 4 stellte ein Spalier mit 20 Meter Abstand und hier durch wurden wir von morgens bis abends gejagt. Zu der Arbeit des Auf- und Abladens legten wir jeden Tag 50 bis 60 Kilometer über unebenes Baugelände zurück. Auf demselben Bauplatz ereignete sich um dieselbe Zeit Folgendes: Ein österreichischer Richter, der unter der Regierung Dollfuß einen Prozeß gegen österreichische Nationalsozialisten geführt hatte und gemäß den Gesetzen und seiner Pflicht dieselben verurteilte, wurde nach dem deutschen Einmarsch verhaftet und kam nach Dachau in den Arrest. Erst Monate später wurde er daraus entlassen und kam zu uns in die Strafkompagnie nach Block 17. Bei der Arbeit am anderen Tag bekam er ,, Sonderbehandlung", das heißt, er mußte Schubkarren fahren, und ein-Mann war sein ständiger Begleiter. Brach er vor Erschöpfung zusammen, so brachte ihn ein Fußtritt wieder in die Höhe. Ging er mit dem Schubkarren zu langsam, so bekam er von hinten einen Stoß und flog über seinen Karren hinweg. Ohne eine Sekunde Ruhe ging es so den ganzen Tag. Gegen Abend war er vom Kopf bis zum Fuß mit Dreck und Blut überzogen. Alles Treten und Prügeln half nichts mehr, er blieb erschöpft am Boden liegen. Da packte ihn der-Mann, warf ihn in den Schubkarren und führte ihn zu einer alten Kiesgrube, deren Sohle mit faulendem, stinkendem Wasser gefüllt war. Hier kippte er den Karren um, und der Häftling rollte über die Böschung hinunter ins Wasser. Nur mit.knapper Not vermochte er sich noch daraus zu retten. In derselben Nacht ging er freiwillig in den Tod, um vor seinen Peinigern Ruhe zu haben. Daß die-Führung und höheren Parteigenossen neben ihren komfortablen Wohnungen noch ihre Sommervillen hatten, ist bekannt. Daß sie die Baumaterialien hiezu samt den Bauarbeitern in Dachau unentgeltlich ,, organisierten", dürfte für viele neu sein. Für die Bauten der Zentralbauleitung der Waffen-% mußten die Materialien meistens zweimal bestellt werden. In Berlin wurden Rechnungen vorgelegt für Zement zur Betonierung des Lager- Appellplatzes und der Lagerstraßen. Diese Arbeiten wurden aber nie durchgeführt, weil die Herren Kommandanten Loritz und v. Baranovsky und Konsorten damit ihre Villen bauten. Die kleineren Herren befahlen den Häftlingen, das zu bringen oder anzufertigen, was sie nötig hatten. Vom Schuhnagel angefangen, über den Herren- oder Damenmantel, bis zum kompletten Schlafzimmer. Alles wurde auf diese Art zusammengehamstert. Einen solchen Auftrag abzulehnen, war meistens unmöglich, weil sonst der-Mann dem Häftling das Leben zur Hölle machen konnte. Wurde man jedoch bei einer derartigen 22 Organisationstour von einem anderen 14- Mann erwischt, so ging man der sicheren Bestrafung entgegen. Den Auftraggeber anzugeben, wäre nicht nur zwecklos gewesen, sondern hätte die Strafe noch erhöht. Wenn nun alle Zufälligkeiten zusammentrafen, so konnte man noch erleben, daß man von dem 14- Mann, für den man eine Schwarzarbeit ausführte, 25 Stockhiebe übergezogen bekam. Jahre des Grauens und des Elends vergingen so hinter dem Stacheldraht. Der deutsche Faschismus marschierte von Sieg zu Sieg. Es schien, als gäbe es auf der ganzen Welt nichts, was diesem Vormarsch Einhalt gebieten könnte. Alles, was nicht Nazi war, wurde niedergetreten. In den Steinbrüchen von Mauthausen und Flossenbürg ließ man im Winter 1939/40 junge deutsche Männer zu Tausenden verhungern und erfrieren. Man fühlte sich so stark, daß man glaubte, auf diese Arbeits- und Wehrkraft verzichten zu können. Zu Beginn des zweiten Kriegsjahres trat jedoch die erste Ernüchterung ein. Es wurde klar, daß der Blitzkrieg den gewünschten Sieg nicht gebracht hatte. Man mußte sich auf lange und harte Jahre umstellen. Die Mobilisierung aller Arbeitskräfte machte auch vor den Toren der Konzentrationslager nicht halt. Die neue Klassifizierung der Häftlinge lautete auf arbeitsfähig und nichtarbeitsfähig. Der Nichtarbeitsfähige wurde als unnützer Esser betrachtet und mußte zugunsten des brauchbaren Arbeitssklaven zurückstehen. Der Unterschied begann schon in der Unterbringung. In den Blocks der Arbeitsfähigen kamen auf eine Stube, die einst für 48 Mann gebaut wurde, 100 bis 150 Häftlinge, in den sogenannten Invalidenblocks 250 Mann pro Stube. Auch in der Versorgung mit Wäsche und Kleidern waren die unbrauchbaren Invaliden viel schlechter gestellt. An Stelle der planlosen und unwichtigen Arbeiten trat die Arbeit in der Rüstungsindustrie immer mehr in den Vordergrund. Die für Lagerzwecke eingesetzten Häftlinge wurden auf Befehl des Reichsführers 44 immer mehr reduziert; zuletzt durften nur noch fünf Prozent von den in Arbeit befindlichen dafür eingesetzt werden. Neben den 44- eigenen Betrieben wurden nun die bedeutendsten Rüstungsbetriebe mit Arbeitskräften versorgt. Daraus wurden für die 44 wie auch für die Rüstungsindustriellen neue Profite freigemacht. Für den Spottpreis von täglich RM. 4.- für den Hilfsarbeiter und RM. 6.- für den Facharbeiter wurden die modernen Arbeitssklaven an die Industrie verkauft. Durch dieses famose Geschäft hatte das Lager Dachau ein Monatseinkommen von über 2 Millionen Mark. Es gab jedoch viele Konzentrationslager, die auf Grund ihrer größerer Belegschaft noch höhere Einnahmen hatten wie Dachau. Diesen enormen Einnahmen standen als tägliche Ausgaben für den Unterhalt des einzelnen Häftlings RM. 1.- bis RM. 1.50 gegenüber. 23 Die#-Führer verstanden es aber, immer neue Finanzquellen zu er- schließen. Der Reichsführer der 74 und der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, der Kraft seines Amtes die Aufgabe hatte, den Gesetzen und Bestimmungen der Regierung Rückhalt zu geben, setzte sich über alles hinweg, wenn es galt, seine eigenen Interessen zu vertreten. Die Produktion von Luxusgegenständen wurde zugunsten der Rüstung immer mehr gedrosselt und war zuletzt ganz verboten. Für den„Reichs- heini“ galt das nicht. In seinen Porzellanfabriken in München-Allach und Dachau wurden nach wie vor die feinsten Porzellanfiguren und Vasen hergestellt. Um seinen Profithunger zu stillen, wurden für die in diesen Fabriken beschäftigten Häftlinge nicht wie üblich RM. 4.— und RM. 6.— verrechnet, sondern nur 20 Pfennig täglich. In der Industrie wurden die Häftlinge zu den schwersten und gefähr- lichsten Arbeiten eingesetzt. Als bei Messerschmitt in Augsburg während der schweren Bombenangriffe die Zivilarbeiter die Fabrik verließen, wurden die Häftlinge mit dem Ochsenziemer und der Drohung mit den Maschinengewehren zur Arbeit getrieben. Wegen Arbeitsverweigerung wurden viele Kameraden aufgehängt. Nach den ersten Bombenangriffen wurde unter Vorspiegelung der Entlassung nach 20 Einsätzen Freiwillige gesucht zur Bergung von Blind- gängern. Entlassen wurde niemand. Dagegen fanden viele den Tod bei dieser Arbeit. Nachdem auch auf die schönsten Versprechungen hin sich niemand mehr dazu meldete, wurden die Kommandos einfach bestimmt. So wurde der Einsatz der K.Z.-Häftlinge ein immer schwerwiegen- derer Faktor in der gesamten Rüstungsindustrie. Herabgemindert wurde der Wert dieser Arbeit durch die Unzuverlässigkeit der Gefangenen als Arbeiter und die dadurch erforderliche Verstärkung der Kontrollen im Arbeitsprozeß durch die notwendige Bereitstellung der unproduktiven Wachmannschaften und durch die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen durch- geführten Sabotageakte. Sabotiert wurde sowohl in der Produktion, als auch im Einsatz der Arbeitskräfte. Durch den von Häftlingen geleiteten Arbeitseinsatz wurden täglich Hunderte von Arbeitskräften zurückgehalten und wichtige Facharbeiter zu nebensächlichen Arbeiten verwendet. An dieser stillen Front gab es keine Kreuze zu verdienen, kein Heeres- bericht gab davon Meldung. Hier gab es nur Blut und Tränen, Prügel und Verschickungen. Still und bescheiden tat man seine Pflicht. Von manchem erfuhr man seine mutige Tat erst, als er unter dem Galgen stand. Ob Russe oder Franzose, Tscheche oder Deutscher, hier standen alle Nationen in einer Front gegen die Kriegsverbrecher der Achsenmächte. „Kriegsverlängerer!“ war das neueste Schimpfwort. Wer es aufge- bracht hatte, wußte niemand. 1943 tauchte es zum erstenmal in den Messer- schmittwerken in Augsburg auf und verbreitete sich rasch über alle Fabriken, in denen Häftlinge beschäftigt waren. Je offensichtlicher die nationalsozialistische Niederlage wurde, desto mehr schwand die Arbeits- disziplin und der aktive Widerstand griff immer mehr um sich. 24 Spiele statt Brot Gebt dem Volke Spiele und Brot, damit die Freude an der Arbeit geweckt und die Leistungen gesteigert werden! Das war die Gegenparole der Reichsführung". Da man mit Brot nicht viel aufwarten konnte, war man mit Spielen um so freigebiger. Diese Ideen waren zwar nichts Neues, standen aber in der Form, wie sie in den Lagern durchgeführt wurden, einzig da. Der Steigerung der Arbeitskraft zuliebe wurde ab 1942 erlaubt, daß die Angehörigen Pakete ins Lager schicken konnten. Von der kargen Lebensmittelzuteilung konnte zwar nicht viel erübrigt werden, aber es war doch ein Mittel, nicht nur die inhaftierten Nazigegner, sondern darüber hinaus auch noch ihre Angehörigen auszubeuten. Lange Zeit gab es für die geleistete Arbeit überhaupt keine Entschädigung. Dieses Recht stand jedem Räuber und Mörder im Zuchthaus zu, nicht aber den politischen Gefangenen. Erst im Laufe des Krieges wurden als neuer Arbeitsanreiz Prämien eingeführt. Die Sätze waren wöchentlich 50 Pfennig bis RM. 4.-. Viel Propaganda wurde mit den in den Lagern erlaubten Fußballspielen gemacht. Die Mannschaften der einzelnen Blocks, Arbeitskommandos und auch der verschiedenen Nationen traten hier im Wettbewerb gegeneinander auf. Künstler von namhaftem Ruf, Laienspieler und leidenschaftlich musizierende Geistliche bildeten ein großes und gutes Orchester. Die an den Sonntagen gegebenen Konzerte standen durchweg auf einem hohen Niveau und waren stark besucht. Mit dem Theaterleben stand es schlechter. Stücke mit nationalsozialistischer Tendenz wollten wir nicht aufführen, andere geeignete Sachen waren wenig vorhanden. Besser stand es mit der Bücherei. Etwa 10 000 Bände füllten die Regale dieses Raumes. Manches Buch, das dem Zensor verfallen war, fristete hier noch ein verborgenes Dasein. Doch fehlte die Zeit und die Ruhe, um produktiv lesen zu können. Filmvorführungen waren selten. Insgesamt wurden etwa acht Filme gezeigt. Hemmungslos, wie überall, war die 4 auch in Bezug auf die Aufpeitschung der sexuellen Triebe. Was kein Schutzhäftling je erwartete geschah im Jahre 1943: im Lager Dachau wurde ein Bordell errichtet. Man baute eine sogenannte Sonderbaracke zu diesem Zweck. Aus dem Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück wurden zwölf Frauen mit dem Versprechen, nach sechs Monaten entlassen zu werden, nach Dachau geschickt. Eine wochenlange Diskussion auf der Lagerstraße über Für oder Gegen ging der Eröffnung voraus. Unter den überzeugten politischen Häftlingen gab es nur eine Meinung: wegbleiben, das ist nichts für uns! Nur ganz wenige Abtrünnige waren später zu verzeichnen. 25 25 In den ersten Tagen war der Besuch so schwach, das die 44- Führung sich mit dem Gedanken befaßte, das Ganze wieder aufzulösen. Um jedoch diese Niederlage nicht eingestehen zu müssen, ging man lieber dazu über, die Besucher mit Lastwagen aus den Außenkommandos zu holen. Asoziale Elemente suchten in diesen Räumen ihr eigenes Elend zu vergessen. Aber das meiste Ergötzen fand bei dieser Affäre wohl der Herr Schutzhaftlagerführer Campe selbst. Zur Kontrolle" war er fast jeden Abend anwesend und kontrollierte durch den in jeder Tür angebrachten Spion den ,, Betrieb". In jedem rechtsmäßigen Bordell bekommt die Bordellmutter einen Teil der Einnahmen. So kassierte auch hier die Reichsführung der 4 und Polizei ihren Teil. Die Geistlichen Kein Problem war in den letzten zwölf Jahren so zweispältig wie die. Stellung der Nazi zur Kirche. Der totale Anspruch der Partei auf allen Gebieten warf immer neue Differenzen auf. Es war ein ständiger Kampf zwischen dem Versuch, sich diese Kräfte unterzuordnen oder sie zu vernichten. Ein Spiegelbild dafür war auch die Stellung der Geistlichen in den Konzentrationslagern. In den ersten Jahren versuchte man noch, das christliche Gesicht zu wahren. Die Häftlinge wurden gezwungen, religiöse Feiern am Radio mitanzuhören oder am Gottesdienste teilzunehmen. Von der 4 wurde dies jedoch in einer Art und Weise durchgeführt, daß jeder, der Freidenker wie der Gläubige, abgestoßen wurde. Der An- und Abmarsch zu diesen Gottesdiensten war ausgefüllt mit Gebrüll und Geprügel. Am Platze selbst wurde jede Stimmung vertrieben durch Strammstehen, Ausrichten usw. Mit Beschimpfungen und Verhöhnung wurde ebenfalls nicht gespart. In der Zeit, als in Dachau der katholische Ortspfarrer noch das Recht hatte, das Lager zu besuchen, wurde er immer mit Schadenfreude erwartet. Näherte er sich dem Lagertor, dann legten die-Männer eine Schallplatte auf, und es ertönte durch den Lautsprecher über das ganze Lager:„ Du schwarzer Zigeuner komm, spiel mir was vor!" Nach der Eingliederung Österreichs kamen Geistliche in größerer Anzahl in Schutzhaft. Ein Teil wurde zu schwerster Arbeit in der Strafkompagnie herangezogen. Viele konnten diese ihnen ungewohnte Arbeit nicht bewältigen und gingen daran zugrunde. Andere konnten sich durch die Unterstützung der schon seit 1933 Inhaftierten auch über diese schwere Zeit hinwegretten. Manche Freundschaft zwischen den als gottlos verfemten Kommunisten und den Geistlichen wurde hier fürs ganze Leben geschmiedet. 26 Eine Wendung trat erst ein, als es mit den Blitzkriegen zu Ende war und die Naziregierung der Volksstimmung mehr Rechnung tragen mußte. Die inhaftierten Geistlichen aus dem ganzen Reich wurden nun in Dachau konzentriert und in einem besonderen Block untergebracht. 400 bis 500 deutsche Geistliche aller Konfessionen und etwa 2000 ausländische, vor allem Polen, kamen hier zusammen. In ihrem Block wurde ein Raum zur Verfügung gestellt und darin eine Kapelle zur Abhaltung von Gottesdiensten eingerichtet. Alle Geistlichen wurden von der Arbeit befreit und durften sogar nachmittags zwei Stunden zu Bett gehen. Auch in der Verpflegung gab es eine radikale Änderung. Unabhängig vom übrigen Lager bekamen die Geistlichen eine besondere, bessere Kost. Es ging zeitweise so weit, daß nachmittags Wein ausgeschenkt wurde. Dieser ganzen Herrlichkeit brachten die Häftlinge aber sehr wenig Vertrauen entgegen. Die Art und Weise, mit der die"-Führung diese Vergünstigungen durchführte, ließ erkennen, daß man nur einem momentanen Druck folgend den Geistlichen diese Sonderstellung einräumte und man alle Mittel versuchen würde, diese bald wieder aufzuheben. Wir hatten uns nicht getäuscht. Es begann mit den polnischen Geistlichen, denen alle Vergünstigungen, einschließlich des Besuches der Kapelle, gestrichen wurden. Aber auch den deutschen wurde eine Vergünstigung nach der anderen genommen, und die Pfarrer wurden wieder behandelt wie gewöhnliche Häftlinge. Eine kleine Anzahl sogenannter ,, Prominenter", darunter auch der Herr Pastor Niemöller, waren noch die einzigen, die eine bevorzugte Stellung einnahmen. Diese Gruppe war vom übrigen Lager gesondert untergebracht. Die Verpflegung war dieselbe wie die der 1½- Truppen. Sie waren von der Arbeit befreit, konnten ihre eigene Kleidung tragen und in Begleitung Spaziergänge in der Nähe des Lagers unternehmen. Dazwischen kam wieder einmal ein Befehl von Berlin, daß die Geistlichen nur zu leichten Schreibarbeiten verwendet werden dürfen. Ein von einem jungen katholischen Theologen mit der 4- Post aus dem Lager geschmuggelter Brief brachte auch das wieder zu Fall. Auf einen neuen Befehl hin durfte kein Geistlicher mehr in einer Schreibstube arbeiten. So ging das hin und her. Nach alter Methode versuchte man immer eine Gruppe von Häftlingen auf die andere zu hetzen, um sie gegeneinander auszuspielen. Manchmal wurde ich als Leiter des Arbeitseinsatzes in das Jourhaus gerufen und mit dem Vorwurf empfangen:„ Warum haben Sie als alter Kommunist wieder einem von der schwarzen Brut so eine gute Arbeitsstelle verschafft? Sie müssen uns doch helfen, diese Pest auszurotten.' 66 Besonders eifrig waren in dieser Linie der Arbeitsdienstführer 44Hauptscharführer Welter und der zweite Schutzhaftlagerführer-Hauptscharführer Trenkle. In demselben Atemzug ließen diese Ehrenmänner einen Geistlichen 27 rufen, um ihm beizubringen, daß es für jeden frommen Mann die heiligste Pflicht sei, die bösen Bolschewiken auszurotten. Zur ergötzlichen Unterhaltung trafen wir uns dann abends, um unsere Geheimaufträge auszutauschen. Der erste Schutzhaftlagerführer, 4- Hauptsturmführer v. Redwitz, glaubte es besonders schlau anzustellen, um die Machenschaften der ,, KPD.- Brüder", wie er sich auszudrücken beliebte, zu brechen. In allen verantwortlichen Stellen wurden als Gegengewicht einige Geistliche eingesetzt. In den Arbeitseinsatz kamen vier, darunter der von den Nazi in Metz eingesetzte Bischof Franz Goldschmied. Dieser Kamerad hatte es abgelehnt, seine Würde aus solch unberufenen und blutbeschmutzten Händen entgegenzunehmen. Lieber ging er als Mensch mit anständigem Charakter ins Konzentrationslager. Aber auch hier gab es für solche Menschen neue Aufgaben. Gerade hier, wo der faschistische Terror, wo auch die Bespitzelung auf das Äußerste getrieben war, bildete sich die erste Phalanx der antifaschistischen Kräfte in einer Einheitsfront von Kommunisten, Geistlichen, Intellektuellen und Vertretern des entschiedenen Bürgertums. Alle Machenschaften und Intrigen scheiterten an dieser gemeinsamen Abwehrfront. Nur wenige Renegaten des antifaschistischen Blocks hielten es für wichtiger, ihr armseliges Leben durch immerwährendes Dienern zu erhalten. Diese Ewiggestrigen konnten es nie lassen, ihre eigene Suppe zu kochen, selbst dann nicht, wenn es auf Kosten der Allgemeinheit ging. Die Krankenbehandlung Eine der dunkelsten Seiten des Dachauer Lagers war das Revier. Im allgemeinen stellt man sich unter einem Krankenhaus, in Verbindung mit dem Arzt, einen Ort vor, der dazu geschaffen ist, der notleidenden Menschheit zu helfen. Hier war es anders. Es gab Zeiten, in denen kranke Häftlinge lieber bei ihren Kameraden den Tod erwarteten, als sich dem Revier anzuvertrauen. Lange Zeit war es verboten, einen Häftling, der medizinische Kenntnisse hatte, im Revier zu beschäftigen. Nur Laien war es gestattet, neben den-Ärzten zu stehen. Aber auch diese 4- Ärzte waren fast ausschließlich Neulinge und betrachteten die kranken Häftlinge nur als willkommene Objekte für ihre sadistischen Studien. Mancher ging mit Angina ins Revier und wurde am Blinddarm operiert, weil der diensttuende 44- Arzt gerade daran seinen Spaß hatte. Ein anderer Arzt wollte unter allen Umständen Kropfspezialist werden, und alle Häftlinge, die für ihn geeignet waren, kamen bei ihm unters Messer. Erst später, als der Häftling als Arbeitssklave gewertet wurde, trat eine Besserung ein. Neben dem 14- Arzt stand nun der Häftlingsarzt. Viele Fälle, die früher als hoffnungslos aufgegeben wurden, konnten nun trotz dem Mangel an Medikamenten mit Erfolg behandelt werden. In aufopfernder 28 Arbeit setzten sich diese Ärzte für ihre Kameraden ein. Auch bei den Pflegern hatte sich manches gebessert. Durch die Überfüllung des Lagers traten aber für das Revier neue Schwierigkeiten auf. Selbst die Schwerstkranken mußten zu zweit oder dritt in einem Bett liegen, und mancher Patient erwachte morgens neben einem toten Kameraden in seinem Bett. Eines der scheinheiligsten Gesetze der NSDAP. war ihr Tierschutzgesetz. Ein Menschenschutzgesetz zu machen, hatten sie vergessen. Wer erinnert sich nicht mehr der Proteste früherer Tierschutz- und Frauenvereine, wenn ernsthafte Forscher Kaninchen oder Meerschweinchen für ihre Versuchsarbeiten benützten? Zur ewigen Schmach und Schande der nationalsozialistischen Ärzteschaft sei es gesagt, daß sich Vertreter aus ihrem Stande dazu hergaben, gesunde Menschen als Versuchskarnickel zu benützen. Professor Schilling aus der Stadt Dachau, ein hochbetagter Mann, hatte es sich in den Kopf gesetzt, ein neues Mittel gegen Malaria zu entdecken. Sein spezieller Freund Himmler gab ihm die Erlaubnis, im Dachauer Lager eine Versuchsstation einzurichten und die dortigen Häftlinge als Versuchsobjekte zu gebrauchen. Dem menschlichen Versuchskarnickel wurden malariaverseuchte Fliegen auf das Bein gesetzt, um ihn dadurch mit dieser fürchterlichen Tropenkrankheit zu infizieren. Die Folgen traten in Gestalt des bekannten Malariafiebers sehr rasch und heftig auf. Die von Professor Schilling benutzten Mittel wurden nun an diesen Menschen ausprobiert. Viele starben dabei. Andere überstanden die Behandlung, ob durch diese Präparate oder trotz derselben, weiß ich nicht. Aber alle hatten noch jahrelang darunter zu leiden. In der Auswahl der Menschen für seine Zwecke kannte Professor Schilling keine Skrupel. Als erste mußten alle Grünen( Berufsverbrecher), die er für geeignet fand, durch seine Station gehen. Als zweite Gruppe kamen die polnischen Geistlichen an die Reihe. Im letzten Jahr hatte er immer noch das Recht, monatlich 30 Häftlinge nach seinem Belieben auszusuchen. Mehr als anderthalbtausend Menschen gingen so durch diese Versuchsabteilung. Eine weitere Versuchsstation wurde durch die Luftwaffe unter Leitung des Hauptmanns Dr. Rascher eingerichtet. Es kam ein besonders konstruierter Spezialwagen zur Aufstellung, in dem eine Unterdruckkammer eingebaut war. Durch Luftentzug wurden darin Verhältnisse geschaffen, wie sie der Flugzeugführer in großen Höhen antrifft. Besondere Instrumente und ein Fenster ließen die Vorgänge in der Unterdruckkammer überprüfen. Der zu diesem Experiment vorgesehene Häftling setzte sich in dieser Kammer an einen Tisch und mußte zur Überprüfung seines Bewußtseins und der Wirkung der veränderten Luftverhältnisse eine Zahlenkolonne von einhundert rückwärts niederschreiben. Nach Eintritt der Bewußtlosigkeit wurde in der Kammer der normale Luftdruck rasch wiederhergestellt, um so die Bedingungen des Sturzfluges nachzuahmen. Bei 29 eingetretenem Tod, was sehr oft vorkam, wurde die Leiche sofort in den Sezierraum gebracht. Ein weiterer Versuch Dr. Raschers war, festzustellen, wie lange ein Mensch mit den vorhandenen Schutzmitteln im kalten Meerwasser lebend treiben kann und welche Wiederbelebungsversuche am geeignetsten seien. Das für diesen Zweck im Revier gebaute, zwei Meter tiefe Bassin wurde mit Wasser gefüllt und durch Hinzusetzen von Eis auf die gewünschte Temperatur gebracht. Der Häftling wurde in eine vollständige Fliegerkombination gesteckt, die mit allen auszuprobierenden Schutzmitteln gegen Wasser und Kälte versehen war, und kam so in das eiskalte Wasser. Unter ständiger Kontrolle von Temperatur und Puls blieb er in dieser Lage bis zur völligen Erstarrung. Bei den Wiederbelebungsversuchen wurden alle alten bekannten Verfahren angewandt und darüber hinaus neue Mittel erprobt. Nach nationalsozialistischer Methode schreckte man auch hier vor keinem Hindernis zurück. Neben dem Verfahren mit Kaffee, Alkohol usw. wurden sechs junge Frauen zu diesem Experiment herangezogen. In völlig nacktem Zustande mußten sie sich zu den bewußtlosen, steifgefrorenen Männern ins Bett legen. Dr. Rascher versuchte dann die Reaktion dieser Methode festzustellen. In Neuengamme wurden zehn jüdische Kinder verschiedenen Alters, Buben und Mädels, mit Tuberkulosebazillen infiziert und neue Präparate an ihnen ausprobiert. Solche und ähnliche Fälle hörte man aus allen Lagern; auch in Dachau gab es mehrere. Aber ich will nur das anführen, was ich selbst gesehen habe. Welche praktischen Resultate bei diesen Versuchen herauskamen, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur eines, daß Hunderte dabei ihr Leben lassen mußten, daß Tausende junge, gesunde Menschen durch kalte Berechnung solcher Ärzte" zu dauerndem Siechtum verdammt wurden. Was diese Opfer an seelischen Qualen auszustehen hatten, läßt sich nicht in Worten ausdrücken. Meistens waren sie durch Unterernährung so schwach, daß sie erst einige Zeit durch kräftige Nahrung auf dieser Station zu vollwertigen Versuchsobjekten durchgefüttert werden mußten. Dabei sahen und hörten sie viel über das ihnen zugedachte Schicksal, so daß sie Tag und Nacht von dem Gedanken gequält wurden, werde ich die Unterdruckkammer lebend verlassen, werde ich aus der todesähnlichen Erstarrung wiedererwachen? Leichenschändung Die grenzenlose Habgier der Nationalsozialisten begnügte sich aber nicht mit der Ausbeutung ihrer lebenden Sklaven. Im buchstäblichen Sinne des Wortes haben sie noch ihre Haut und Knochen zu Markte getragen. Selbst am toten Gegner wurde noch profitiert. 30 Am laufenden Band wurden im Sezierraum des Reviers Totenschädel präpariert und kistenweise aus dem Lager geschafft. Das Mäntelchen der Wissenschaft konnte dieses Geschäft nur schlecht verdecken. Noch brutaler stand es mit der Goldaktion der 4. Sollte ein Kamerad seinen Ehering bis zum Tode durchgeschmuggelt haben, so verfiel er jetzt seinen Henkern. Darüber hinaus wurden jeder Leiche die Goldzähne ausgebrochen und eingeschmolzen. In welche Privatschatulle diese Beute geflossen ist, läßt sich heute schwer feststellen. Weniger zum Gelderwerb als zur Befriedigung nationalsozialistischen Führertriumphes diente ein dritter Zweig. Dieser degenerierte Auswurf der Menschheit kam in seiner Perversität auf immer neue Ideen. In dem Drange nach Besitz von Raritäten schreckte man vor den altertümlichsten Methoden nicht zurück und scheute sich auch nicht, seinem toten Feinde die Haut vom Leibe zu ziehen, um sie präparieren und verarbeiten zu lassen. Welch herrliche nationalsozialistische ,, Kunstgegenstände" ließen sich doch aus diesem Rohmaterial verfertigen! Lampenschirme, Bucheinbände, ganze Sammlungen von Tätowierungen, Hausschuhe, Briefmappen, Damentaschen waren die Produkte dieses ,, Kunstgewerbes" des Dritten Reiches. Was für ein erhebendes Gefühl mag es doch für einen solchen-Mann in seinem Heim gewesen sein, im trauten Scheine einer Lampe zu sitzen, deren Schirm aus der Brust eines holländischen Matrosen geschnitten war. Die Füße der blondgelockten Gattin in weichen Hausschuhen aus echtem russischem Muschik- Rücken hergestellt. Welch herrliches Bild, wenn ihre Hände liebkosend über ihr rotgefärbtes Täschchen streichelten, das aus der Haut eines berühmten französischen Gelehrten gegerbt war. Wie schön ließ es sich hier in dem Album blättern und plaudern über die Tätowierungen von Kaiser Wilhelm und anderen berühmten Männern, fliegenden Adlern und vor allem über die dargestellten nackten Frauen, die einst die Brüste von Matrosen aus allen Nationen schmückten! Wie schön muß es doch gewesen sein, in solcher Stimmung von der kommenden Weltherrschaft zu träumen... Diese unglaublichen Scheußlichkeiten geschahen nicht auf Grund der Initiative von kleinen 4- Leuten, sondern waren von der Reichsführung der angeordnet. Der Reichsärzteführer Dr. Conti war Großabnehmer und erhielt u. a. eine ganze Sammlung von Tötowierungen. Das große Sterben Wenn die Überlebenden nach zwölf Jahren Gefängnis und Konzentrationslager einen Rückblick halten, scheint es jedem wie ein Wunder, alle Klippen dieser planmäßigen Menschenvernichtung glücklich umschifft zu haben. Nach den noch vorhandenen Unterlagen sind allein in den Jahren 1940 bis 1945 25 000 Menschen in Dachau ums Leben gekommen. Diese Zahl 31 ist aber unvollständig, weil das Material von 1933 bis 1940 fehlt und weil Tausende im Lager gar nicht registriert wurden, sondern sofort auf dem Schießplatz ihren Tod fanden. Die Todesursachen hatten vielerlei Gründe. Der kleinste Prozentsatz davon ist der natürliche, durch Krankheit verursachte. In den Jahren 1933 bis 1939 gab es viele„ Opfer der Arbeit", d. h. sie wurden bei der Arbeit einfach erschlagen. Der größte Teil der ,, auf der Flucht Erschossenen" fällt ebenfalls in jene Zeit, in der die jungen-Männer des Totenkopfverbandes noch im Lager wüteten. Die Zahl der durch langjährige Unterernährung geschwächten Häftlinge, die die Unbilden der Witterung, der Ansteckungsgefahr durch Seuchen, den Strapazen des Lagerlebens nicht mehr gewachsen waren, geht in die Legionen. Aber auch diejenigen, die in der Blüte ihres Lebens auf dem Schießstand oder unter dem Galgen ihr Leben aushauchten, waren Tausend und Abertausende. In den Lagern des Ostens waren es die gefürchteten Gaskammern,' wo die Menschenvernichtung mit allen Schikanen fabrikmäßig durchgeführt wurde. In den seltensten Fällen wurde den Angehörigen die wahre Todesursache mitgeteilt. Mit allgemeiner Herzschwäche oder ähnlichem wurden diese Verbrechen umschrieben. Nur mit Grauen kann man daran denken, was sich hinter den nüchternen Worten ,, auf der Flucht erschossen" verbirgt. Kein Augenzeuge kann berichten, was sich im K.A.( Kommandantur- Arrest) alles ereignet hat. Nur einfache Todesmeldungen künden davon. Doch hat sich in aller Öffentlichkeit so viel zugetragen, daß es genügt, darüber zu erzählen. Ein teuflisches Gehirn ersann die Verordnung, daß jeder 14- Mann, der die Flucht eines Häftlings durch Erschießen verhinderte, mit RM. 20.und acht Tagen Urlaub belohnt wurde. Viele, die nicht mehr die Widerstandskraft aufbrachten, ihr schweres Schicksal weiter zu ertragen, suchten den Freitod, indem sie über die um die Arbeitskommandos gestellten Postenketten hinausgingen. Von niemand zurückgehalten, ohne Warnruf, wurde dann durch gut gezielte Kugeln ihr Leben ausgelöscht. Manche wurden aber auch durch List auf diese Art erledigt. Der 1½Posten nahm dem Häftling die Mütze ab, warf sie über die Postenkette hinaus und befahl ihm, sie wieder zu holen, oder es war nur ein Stück Papier, das dort aufgelesen werden sollte. Es genügte, einen Schritt über die umgrenzte Linie zu gehen, schon krachte ein Schuß, und ein junger 44- Mann hatte sich ein Taschengeld und acht Tage Urlaub verdient. Ganz groß angelegt war im Jahre 1942 die Beseitigung der für das Dritte Reich unnützen Esser. Große Regierungskommissionen mit dicken Bäuchen und wichtigen Mienen versuchten hier an einer für sie ungefährlichen Front das Kriegsverdienstkreuz zu verdienen. Alle Lagerinsassen mußten nackt in einer Reihe an ihnen vorbeidefilieren. Der erhobene Daumen des Kommissionsführers neigte sich bald nach rechts, bald nach 32 32 links und bedeutete Tod oder Leben. Ein Blick von einer Sekunde war die ganze Untersuchung. Die Kranken, Schwachen und Invaliden, darunter Kriegsinvaliden aus dem ersten Weltkrieg, wurden sofort mit Namen und Gefangenennummer notiert. Niemand wußte zuerst, zu welchem Zwecke diese Aktion durchgeführt wurde. Wie immer in solchen Fällen, gab es darüber Parolen genug. Erst nach Wochen brachte der Lagerführer zu später Abendstunde die erste Liste, alphabetisch von A bis E geordnet, in die Lagerschreibstube mit dem Befehl, diese Häftlinge sofort im Bad zu einem Transport zusammenzustellen. Die meisten mußten aus den Betten geholt werden und wurden noch in derselben Nacht mit Autos weggeschafft. Kurze Zeit darauf erhielten die Angehörigen eine kurze Nachricht von dem Ableben dieser Unglücklichen. Das waren die ersten Opfer der berüchtigten Gaskammern. Liste folgte nun auf Liste, und ein Transport nach dem anderen rollte aus dem Lager. Dadurch, daß die Dachauer Gaskammern nie fertiggestellt wurden, waren die Hinrichtungen durch Genickschuß und Erhängen eine tägliche Erscheinung. Viele Menschen, Männer und Frauen, wurden auch von außerhalb des Lagers mit Autos gebracht und verschwanden im Krematorium. Weder Namen, noch die Anzahl dieser Ermordeten sind bekannt. Zur Beseitigung jeden Beweises ihrer Schuld ließ die 4 überall Krematorien bauen. Das in Dachau zuerst aufgebaute war bald nicht mehr leistungsfähig genug und wurde durch ein zweites, größeres ersetzt. Aber auch hier mußten, um Öl zu sparen, immer einige Leichen zusammen verbrannt werden. Die Asche kam in eine Grube und wurde dort nach Bedarf wieder geholt und in Urnen abgefüllt. Die vier jüdischen Häftlinge, die hier als Arbeiter beschäftigt waren, wurden streng vom übrigen Lager getrennt. Mit der Zeit wurden sie aber trotzdem als unbequeme Mitwisser lästig. Von allen Vieren kam eines Tages die Todesmeldung aus dem Arrest. Das zweite Kommando von vier Russen währte nur drei Tage, und vier Todesmeldungen gaben uns die Nachricht von einem neuen Verbrechen. Später fanden sich vier Berufsverbrecher, die sich für diese Arbeit besser eigneten und zur vollen Zufriedenheit ihrer Auftraggeber arbeiteten. Ihre Tätigkeit beschränkte sich bald nicht mehr auf die Verbrennung von Leichen, sondern sie wurden auch die neuen Henker. Den einzigen Lohn, den sie dafür bekamen, waren einige Zigaretten. Die Widerstandsbewegung Das Leben der Schutzhäftlinge war hart und grausam. Es war ein ewiges Spiel zwischen Tod und Leben, aber auch ein Kampf gegen die überall herrschende Niedertracht und Gemeinheit, ein Aufbäumen gegen 33 die geistige Vergewaltigung. Viele waren zu schwach, um ihr Schicksal selbst zu meistern. Sie wurden zu Verrätern an ihrer eigenen Gesinnung und sanken von Stufe zu Stufe. Als Lakaien ihrer Herren, als Antreiber bei der Arbeit, als Denunzianten oder Totschläger und berufsmäßige Henker wurden sie die Schergen der 1. Aber überall waren auch überzeugte politische Funktionäre am Werk, die weder durch ein Zuckerbrot, noch durch die Peitsche sich von der Verpflichtung zur internationalen Solidarität abhalten ließen. Die besten und aktivsten antifaschistischen Kämpfer standen auch hier in vorderster Front gegen den Terror der-Bestien. Wenn es auch nicht möglich war, dem Blutrausch der Einhalt zu gebieten, so wurde es doch zur Tatsache, daß kraft der geschaffenen Einheitsfront viele Opfer den Klauen des Todes entrissen werden konnten. Nichts fürchteten unsere Quälgeister mehr, als diese Solidarität zwischen den Häftlingen. Man versuchte deshalb, eine Gruppe gegen die andere auszuspielen: die Grünen( Berufsverbrecher) gegen die Roten ( politische Häftlinge), die Geistlichen gegen die Kommunisten, die Deutschen gegen die Ausländer, die Polen gegen die Russen und umgekehrt. Mit den dreckigsten und brutalsten Mitteln, durch Spitzel und Denunzianten ist es ihnen zeitweise gelungen diese Arbeit zu stören, es ist ihnen aber nie gelungen, sie zu zerschlagen. Der Schutzhaftlagerführer Campe glaubte anfangs Mai 1944 einen besonderen Schlag gegen die politischen Funktionäre ausführen zu müssen. Seine Helfershelfer hatten ihm anscheinend genügend Berichte geliefert, um eine kommunistische Verschwörung" konstruieren zu können. Sechs der bekanntesten Kommunisten wurden sofort in den Arrest gesteckt, andere in der Strafkompagnie isoliert. Diese Häftlinge wurden so von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Briefe durften nicht mehr geschrieben werden, und ankommende gingen ohne Bemerkung an die Absender zurück. Für Campe waren wir bereits tot. Der Vernehmungsführer, 44- Oberscharführer Bach, bemühte sich gemeinsam mit Campe und seinen Rapportführern, dem Galgen neues Futter zu bringen. Ein russischer Arzt und ein jugoslawischer Pfleger wurden im Zimmer von Bach halbtot geschlagen, um die gewünschten Aussagen zu erhalten, andere wurden tagelang in den Stehbunker gesteckt. Aber alles blieb vergebens. Alte Schutzhäftlinge ließen sich nicht mehr so leicht erschüttern, und die elende Brut der Zuträger war zu feige, um offen gegen die im Lager beliebten Häftlinge aufzutreten. Diese ganz groß angelegte Aktion schrumpfte so immer mehr und mehr zusammen. Zum Schluß blieb nichts übrig als in aller Lageröffentlichkeit bekannte Tatsachen. In dem an die Reichsführung der 44 gerichteten Bericht hieß es: ,, Im Lager Dachau ist eine ganze Gruppe von kommunistischen Funktionären, die trotz zehn- und elfjähriger Haft in Zuchthäusern und Konzentrationslagern ihre alte Gesinnung nicht aufgegeben haben. Organisatorische Vor34 bereitungen einer Revolte können zwar nicht festgestellt werden, doch ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß durch sie über die von ihnen besetzten Lagerfunktionen, wie Arbeitseinsatz, Schreibstube, Capos, Blockpersonal und Revierpersonal ein zersetzender Einfluß ausgeübt wird. Eine allgemeine Lockerung der Disziplin, das Fernbleiben von der Arbeitsstelle und die sich immer mehr häufenden Sabotageakte in der Rüstungsindustrie sind die Folgen. Ihr freundschaftliches Verhältnis den Ausländern gegenüber und der Zusammenhalt der politischen deutschen Häftlinge unter sich gibt zur Befürchtung Anlaß, daß die Ruhe und Ordnung im Lager nicht mehr gewährleistet ist. Ich beantrage deshalb...“ In der Antwort kam zwar nicht das gewünschte Urteil, aber doch der Befehl, diese Unverbesserlichen in Gruppen von acht Häftlingen in andere Lager zu verschicken. Das bedeutete für uns nicht nur ein Zerreißen alter Kameradschaften, sondern auch eine wesentliche Verschlechterung der Lebensbedingungen in neuen, unbekannten Lagern. Für viele war es der Tod. Im Dachauer Lager bedeutete die Absetzung und Verschickung dieser etwa 100 Aktivisten einen spürbaren Kurswechsel. Alle die von ihnen innegehabten Funktionen wurden nun mit willfährigen Werkzeugen besetzt. Nach langjähriger Unterbrechung gab es zum erstenmal wieder Berufsverbrecher als Blockälteste und Capos. Den Unterschied zwischen diesen und den politischen Überzeugungstätern mußte nun mancher ihnen Unterstellte am eigenen Körper spüren. Nach sechs Wochen Arrest kam ich mit meinen fünf anderen Kameraden in die Strafkompagnie. Um unsere völlige Isolierung zu gewährleisten, wurde das rote Personal auf diesem Block einen Tag vorher durch Grüne ersetzt. Rings um den ganzen Block wurde ein zweiter Stacheldraht gezogen. Das half aber alles nichts, der Geist der internationalen Solidarität war stärker. Diesmal waren es vor allem Russen und Franzosen, die uns unter großer Gefahr Lebensmittel, Zeitungen und andere notwendige Bedarfsgegenstände hereinschmuggelten. Ebenso zeigten die Geistlichen in jenen Tagen, daß sie uns auch in der Stunde der Not nicht vergessen hatten. Nicht nur wir, die wir nun in der Strafkompagnie versammelt waren, sondern darüber hinaus auch solche Kameraden, die noch im Lager waren, wurden jetzt in kleine Gruppen verfrachtet und nach allen Richtungen verschickt. So kam auch ich mit anderen im Oktober 1944 nach Neuengamme bei Hamburg. Im Lager Neuengamme Über dieses Lager gibt es nicht viel Neues zu berichten. Die Verhältnisse entsprachen denen von Dachau. Nur war hier alles noch dreckiger und korrupter. Das Essen, die Unterkünfte, alles war wesentlich schlechter. 35 Auch die Lagerleitung der Häftlinge war nicht so gut politisch ausgerichtet. Die Grünen hatten einen zu starken Einfluß auf das gesamte Lagerleben, und auch mancher, der den roten Winkel auf der Brust trug, unterlag diesen Auswirkungen. Um so höher ist die aufrechte Haltung einer, wenn auch kleinen Gruppe von politischen Funktionären einzuschätzen, die auch in diesem Sumpf nicht untergingen. In dem Schutzhaftlagerführer, 1½- Hauptsturmführer Thumann, und dem Rapportführer, ½½- Oberscharführer Dreimann, hatte sich ein Gespann zusammengefunden, wie man es selbst bei den verantwortlichen-Führern nur selten antraf. Wenn Thumann das Lager betrat, ging es wie ein Lauffeuer durch alle Blocks, und jeder versuchte in den äußersten Winkel zu fliehen, um diesem Menschen nicht zu begegnen. Denn ohne einige Häftlinge eigenhändig zu verprügeln, verließ er nie das Lager. Das Gefährliche dabei war, daß er meistens in Begleitung seines Hundes kam. Mancher wurde nach einer solchen Begegnung mit den schwersten Biẞwunden ins Revier gebracht. Zur Charakterisierung des Rapportführers Dreimann genügt ein einziger Ausspruch dieses Sadisten. Bei der Exekution von vier Frauen, die vorher gezwungen wurden, sich zu entkleiden, schnauzte er sie mit folgenden Worten an: ,, Macht etwas schneller, ihr könntet schon lange kalt sein!" Um die Jahreswende 1944/45 bahnte sich in der Behandlung der Dänen und Norweger ein neuer Kurs an. Das Schwedische Rote Kreuz war berechtigt, diese mit Paketen zu versorgen. Zur Vereinfachung der Betreuung kamen die Häftlinge dieser Nationen aus ganz Deutschland nach Neuengamme. Unter der Führung des schwedischen Prinzen Bernadotte wurden die Skandinavier so reichhaltig verpflegt, daß darüber hinaus das ganze Lager vor dem schlimmsten Hunger bewahrt blieb. Die Hilfebereitschaft dieser Kameraden aus dem Norden wird in uns das Gefühl des Dankes stets lebendig erhalten. Evakuierung Meine Bleibe in Neuengamme sollte nicht mehr lange dauern. Der unaufhaltsame Vormarsch der alliierten Truppen in Ost und West zwangen die 4- Führung, ein Lager nach dem andern zu räumen. Lublin und Auschwitz im Osten und Natzweiler im Westen machten den Anfang. In der zweiten Aprilhälfte 1945 stand das Problem der Evakuierung auch vor Neuengamme. In überstürztem Tempo wurde versucht, alle Beweise der von der 44 begangenen Schandtaten zu beseitigen. Zuerst wurde ein Heer von 44Helferinnen beauftragt, aus der Personalkartei der Politischen Abteilung die dort eingetragenen Lagerstrafen auszuradieren. Nach einigen Tagen 36 kam man aber zur Erkenntnis, daß die alliierten Panzer schneller waren als die Radierung dieser Maiden. Man griff deshalb zu einem abgekürzten Verfahren und beförderte diese Karteiblätter mit anderem belastendem Material, wie Akten, Pläne, Befehle, sowie die Karteien des Reviers und des Arbeitseinsatzes in den Ofen des Krematoriums. Die Tischlerei bekam den Auftrag, den transportablen Galgen zu zersägen und zu verbrennen. Ein besonderes Arbeitskommando wurde zusammengestellt, um den Aschenhaufen des Krematoriums nach nicht völlig verbrannten menschlichen Knochenresten umzuwühlen, damit diese noch einmal dem Feuer übergeben werden konnten. Der Versuch, die menschlichen Zeugen des Nazischreckens zu beseitigen, begann mit der Verschleppung der zehn jüdischen Kinder aus der TBC- Versuchsstation des Reviers. Das Reiseziel sowie das weitere Schicksal dieser Unglücklichen ist unbekannt. Am Sonntag, den 15. April 1945, wurden aus dem Revier 1500 Kranke nach Bergen- Belsen gebracht. Dieser Transportzug erreichte sein Ziel aber nicht, sondern fuhr einige Tage später wieder in den Bahnhof von Neuengamme ein, um neue Lebensmittel zu fassen. Dann wurde der Zug wieder mit unbekanntem Ziel in Marsch gesetzt. Der nächste Transport ging am Sonntag, den 22. April 1945, mit 400 gesunden Häftlingen. Nach dem Mittagsappell übernahm Rapportführer Dreimann persönlich die Auslese. Etwa 350 Mann wurden auf Grund ihres guten körperlichen Zustandes für diesen Transport tauglich befunden. Den Rest hatten sich Dreimann und der Schutzhaftlagerführer Thumann bereits auf einer besonderen Liste vorgemerkt. Nach einem Ausspruch von Dreimann waren das solche Elemente, die auf keinen Fall dem Feind lebend in die Hände fallen sollten. Auf dieser Liste waren die Häftlinge, die in der Politischen Abteilung, im Arbeitseinsatz und bei der Post beschäftigt waren, ferner die Ärzte und Pfleger des Reviers. Das waren lauter Leute, die auf Grund ihrer Positionen einen zu tiefen Einblick in das Lagerleben bekommen hatten. Nur die Häftlinge, die für den Verwaltungsapparat dringend benötigt wurden, hielt man noch zurück. Von diesen ausgesuchten 400 Mann durfte von mittags 12 Uhr an keiner mehr den Appellplatz verlassen. Nur die wenigsten konnten sich ihre paar Habseligkeiten von anderen Kameraden noch zustecken lassen. Erst in später Abendstunde begann der Abtransport und das Verladen in Güterwagen. Als Reiseziel war Kaldenkirchen, ein Außenkommando von Neuengamme, befohlen. Dies war nun als Auffanglager für weitere Evakuierte gedacht. In Hamburg- Eidelstädt wurde unser Zug angehalten und blieb den ganzen Tag liegen. Abends erreichte uns ein Gegenbefehl, in dem als neues Ziel Lübeck angegeben war. Die Verhältnisse in den engen Waggons wurden nahezu unerträglich. Vor allem machte sich der Mangel an Wasser bemerkbar. Es gab für uns keine Möglichkeit, auch nur einen Tropfen zu organisieren. Die Frage, 37 was nun aus uns werden sollte, was sie mit uns vorhatten, was wir da- gegen tun könnten, wurde der Inhalt langer Diskussionen, die in den Wagenecken mit flüsternder Stimme gepflogen wurden. Die Stimmung wurde immer gedrückter. So erreichten wir nach stundenlangem Stehen auf Nebengeleisen, nach vielem Rangieren und Verschieben, nach glück- lichem Überstehen von einigen Luftangriffen den Hafen von Lübeck. Bei einem dieser unfreiwilligen Aufenthalte kamen wir mit einem Transport gefangener englischer Offiziere in Verbindung. Wir konnten unsere Waggons zwar nicht verlassen, aber bei ihnen war die Disziplin lockerer, und sie konnten zwischen den Geleisen auf und ab gehen. Unser zwar schlechtes Englisch reichte gerade aus, uns zu verständigen und ihnen zu sagen, wer wir wären, wohin unsere Reise voraussichtlich gehen sollte und daß wir nichts Gutes ahnten. Sie machten uns neuen Mut, indem sie uns erklärten, daß die faschistische Front überall zusammen- gebrochen sei und der Sieg und unsere Befreiung nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Durch das Einschreiten der Wachmannschaften war es nicht möglich, uns länger zu unterhalten. Doch retteten uns diese englischen Kameraden noch vor einem weiteren Luftangriff. Beim Nahen von alliierten Flugzeugen erkletterten sie die Eisenbahnwaggons und winkten ihren Kameraden aus der Luft zu. Diese umkreisten uns mehr- mals und flogen dann ab. i Die Fracht der„Athen“ Noch wußten wir nichts von dem Befehl des Reichsführers der##, Himmler, der besagte, daß kein Häftling lebend dem Feind in die Hände fallen dürfe. Aber wir kannten die Nazis zur Genüge, um zu wissen, daß sie hemmungslos waren in der Beseitigung unliebsamer Gegner. Wir waren deshalb von Anfang an auf das Schlimmste gefaßt. Doch durchschauerte es jeden eiskalt bei dem Bild, das sich uns im Lübecker Hafen bot. Da lag das 8000 Tonnen große Frachtschiff„Athen“, beladen mit ebenso dreckigen, zerlumpten und ausgehungerten Menschen wie wir. Eine endlose Schlange von neuen Elendsgestalten stieg die Fall- reep empor. Nahezu 2000 Kameraden aus unserem Lager waren es, die wir hier trafen und die mit uns auf dieses Schiff verladen wurden. Abseits im Straßengraben lag eine lange Reihe von toten Kameraden, die die Strapazen des Eisenbahntransportes nicht mehr überstanden hatten. An Bord erwartete uns ein neuer Schrecken. Wir durften nicht auf dem Oberdeck die frische Luft genießen, die wir in den engen Eisenbahn- waggons so lange entbehrten. Über eine senkrechte eiserne Leiter ging es in einer halsbrecherischen Kletterei in den Bauch des Schiffes. Ein tschechischer und ein deutscher Kamerad stürzten dabei rücklings etwa acht Meter in die Tiefe und starben an den erlittenen inneren Verletzun- 38 gen. Öde, lichtlose Laderäume wurden unser neues Quartier. Nirgends waren auch nur die geringsten Vorbereitungen getroffen worden, um Menschen unterbringen zu können. Es gab weder zu essen noch zu trinken. Die Beleuchtung war äußerst mangelhaft. Nichts, gar nichts war hier vorhanden. Als Liegestatt diente zum größten Teil das blanke Eisen des Schiffsrumpfes. Dabei waren schon vor der Einschiffung zwei Drittel der Häftlinge schwer erkrankt. Die meisten waren von Dysenterie befallen und auf dem ganzen Schiff war für uns keine Möglichkeit, die Notdurft zu verrichten. Nur mit schwerer Mühe gelang es uns, bei der Schiffsbesatzung zwei Eimer für diesen Zweck zu organisieren. Das Schiff war noch lange nicht seeklar. Die Lübecker Werftarbeiter waren überall damit beschäftigt, die Spuren eines Luftangriffes zu beseitigen. Trotz zwölfjährigem Naziterror war unter diesen Arbeitern der Geist der proletarischen Solidarität nicht ausgestorben. Zwei von ihnen nahmen die Verbindung mit uns sofort auf und waren bereit, für einige Mann die Flucht vorzubereiten. Doch fühlten wir uns für alle Kameraden verantwortlich und wollten ihr Schicksal teilen. Ohne ihre Arbeit vollenden zu können, mußten diese Arbeiter gegen Abend von Bord, und der Dampfer lichtete die Anker. Die Fahrt ins Ungewisse begann. Jeder Häftling war sich bewußt, daß wir sie nicht zu einer Vergnügungsreise antraten. In kleinen Gruppen standen und lagen sie umher und diskutierten über die Fragen: Wohin werden sie uns bringen? Was werden sie mit uns tun? Immer mehr verbreitete sich das Gerücht, daß wir auf hohe See gefahren würden, um dort abzusaufen wie junge Katzen. Nur selten kam die Meinung auf, vielleicht fahren wir nach Dänemark oder Norwegen. Die Schwachen und Ängstlichen klammerten sich an diese Parole wie an einen Strohhalm. Andere, die noch etwas Lebensenergie in sich spürten, stellten die Frage des Widerstandes. Eine Gruppe von russischen Offizieren, einige Jugoslawen und Franzosen erklärten sich bereit, mit den wenigen deutschen politischen Häftlingen auf hoher See zu revoltieren und das Schiff unter eigenem Kommando in einen von der Roten Armee besetzten Hafen zu bringen. Wenn die erste Nacht in dem Schiffsleib unseres Frachters auch ohne besondere Vorkommnisse verlief, so wurde sie doch zu einer Nacht des Grauens. Nur langsam senkte sich die Ruhe über uns. Die Augen fielen vor Erschöpfung zu und der Mund verstummte, aber das Hirn arbeitete weiter und der erfrischende Schlaf wollte sich nicht einstellen. Die eisige Kälte, Hunger und Durst und vor allem die innere Unruhe trieben uns bald wieder auf die Beine. Mit Staunen sahen wir am anderen Morgen auf der Reede von Neustadt ein großes Passagierschiff neben uns liegen. Wir lagen Seite an Seite verankert neben der 27560 Tonnen großen ,, Cap Arcona". Durch unsere Verbindung mit der Schiffsbesatzung der ,, Athen" erfuhren wir bald, daß wir auf dieses Schiff verladen werden sollten. Doch die Regierungsgewalt schien schon ziemlich fragwürdig, denn der Kapitän lehnte 39 es rundweg ab, die verlausten und verdreckten Schutzhäftlinge in seine Luxuskabinen aufzunehmen. Die Verhandlungen zwischen unserem Kommandoführer, 44- Hauptsturmführer Thümmel, und dem Kapitän zogen sich endlos in die Länge, ohne zu einem Erfolg zu führen. Unverrichteter Dinge mußte die ,, Athen" wieder nach Lübeck zurückkehren. Sofort nach unserer Ankunft im Hafen verließ Thümmel in großer Aufregung das Schiff, um erst gegen Abend wieder zurückzukehren. Über den Stand der geführten Verhandlungen konnten wir nichts erfahren, doch hatten all diese Vorkommnisse dazu beigetragen, unser Miẞtrauen zu steigern. Ohne besondere Merkmale fuhr unser Schiff bei einbrechender Dunkelheit ein zweitesmal die Trave abwärts, um am anderen Morgen wieder an der Seite der„, Cap Arcona" vor Anker zu gehen. In der Zwischenzeit wurden die Verhältnisse in unseren Laderäumen geradezu unerträglich. Überall herrschte ein bestialischer Gestank. Alle Versuche, das Schiff rein zu halten, scheiterten an dem völligen Fehlen von Besen, Schrubbern und anderen Putzmitteln. Die zwei aufgestellten Kübel waren völlig unzulänglich für die 2000 Menschen. Nur der kleinste Teil davon war noch gesund. Beinahe alle waren jetzt von Dysenterie befallen. Der Durst quälte uns bis zum Wahnsinn. Alles wurde geopfert, nur um einen Schluck Wasser zu bekommen. Viele von uns hatten noch Zigaretten, die als Tauschobjekt bei der Bewachungsmannschaft begehrt waren. Aber dies kostbare Naß ging auf dem Schiff bald zur Neige. In ihrer Sucht nach Nikotin scheute sich die Wachmannschaft nicht, die Durstigen an Stelle von Trinkwasser mit Salzwasser zu betrügen. Aber auch das schmutzige Meerwasser wurde dann getrunken und die Qualen wurden dadurch noch mehr gesteigert. Am 26. April 1945 kam endlich der Befehl zur Verschiffung auf die ,, Cap Arcona". Hoffnungsvoll betraten wir das stolze Schiff der Hamburg- Südamerika- Linie. 69 Kameraden konnten uns nicht mehr begleiten; die Entbehrungen und Strapazen auf der ,, Athen" waren für sie zu groß gewesen. In den kühlen Fluten der Ostsee fanden sie ihr Grab. ,, Cap Arcona" ,, Cap Arcona"! Was versprach dieser klingende Name früher den Passagieren! Wer denkt beim Erwähnen dieses Schiffes nicht an heitere Vergnügungsreisen, an große Bälle mit festlich gekleideten Menschen, an luxuriös ausgebaute Tanzsäle, an Schwimmbad und Tennisplatz und vor allem an vollbeladene Tische mit den auserlesensten Speisen und Getränken? Wir Elendsgestalten aus Neuengamme, die wir, halbverhungert, dem Verdursten nahe, von unserem Frachtdampfer nach dem Luxusdampfer verladen wurden, wir dachten auch daran. Doch nur wenig von dieser Herrlichkeit blieb für uns übrig. 40 Auf der„, Cap Arcona" herrschten nicht mehr die dienstbeflissenen Stewards und Stewardessen, sondern der Geist des Dritten Reiches. 44- Hauptsturmführer Thümmel und sein Rapportführer Brinkmann waren entschlossen, auf dieser ihnen noch verbliebenen Bastion bis zur letzten Minute ihrem Führerprinzip Geltung zu verschaffen. In den kleinen Kabinen, für zwei Personen bestimmt, wurden zwölf Häftlinge untergebracht. Trotz dieser erdrückenden Enge hatten wir das Gefühl, als wären wir im Paradies. Vor allem gab es Wasser. Man konnte sich wieder einmal waschen, und der schlimmste Durst konnte gelöscht werden. Schlafen mußte man zwar am Boden, aber in den Kabinen war es wenigstens warm. Nicht alle Kameraden sollten unter diesen Verhältnissen untergebracht werden. Thümmel gab als ersten Befehl die Anweisung: alle Russen kommen in den Bananenkeller. In diesem Raum wurde die Lage noch schlechter wie auf der ,, Athen". Es gab kein Tageslicht, die einzige Luftzufuhr kam durch einen Ventilator, der aber nur zeitweise zu gebrauchen war. Dabei war der ganze Raum knapp zwei Meter hoch. Irgendeine sanitäre Einrichtung gab es nicht. Der Boden war mit schmalen Latten beschlagen, so daß es fast unmöglich war, sich auch nur kurze Zeit zu legen. Nach zwei Stunden lagen die Kameraden schon dutzendweise bewußtlos am Boden. Der Mangel an Sauerstoff bedrohte alle mit dem Erstickungstod. Eine Intervention der drei verantwortlichen Häftlinge bei dem-Hauptsturmführer Thümmel war ergebnislos. Er erklärte kurzerhand: ,, Das ist mir ganz egal, von mir aus können alle Russen verrecken. Und wem das nicht paßt, der wird selbst zu ihnen gesteckt!" Ohne ihn noch einmal zu fragen griffen wir zur Selbsthilfe. Mit Unterstützung der Häftlingsärzte wurden die Kabinen des D- Decks freigemacht und als Revier erklärt. Mehr als hundert der schwächsten Kameraden wurden aus ihrem Keller befreit und hier untergebracht. Damit war das Übel zwar nicht beseitigt, aber es wurde doch etwas erträglicher. Auch den Gepäckraum ließ Thümmel mit Häftlingen belegen. Wenn dieser Raum auch nicht gerade geeignet war, Menschen zu beherbergen, so war es doch etwas besser als im Bananenkeller. Zwei Tage nach unserer Verladung auf die ,, Cap Arcona" erschien die ,, Athen" wieder an unserer Seite, beladen mit 4000 neuen Häftlingen. Nun waren wir über 6000 Kameraden und 500 Mann Bewachung an Bord. Dieser Überfülle war das Schiff nicht gewachsen. Bald mangelte es auch hier an Trinkwasser. Die Küche, in der einst die herrlichsten Speisen zubereitet wurden, war nicht in der Lage, diese Menschenmenge mit dem Nötigsten zu versorgen. Es wurde zwar gekocht von morgens früh bis spät in die Nacht, aber auf den Einzelnen entfiel so wenig, daß keiner satt wurde. Wenn ein Schutzhäftling vom Glück begünstigt war, bekam er pro Tag einen Viertelliter Kaffe und einen halben Liter in purem Wasser halbgargekochte Steckrüben. Oft reichte auch diese karge Ration nicht für alle. Die„ Athen" hatte für uns in Lübeck 1500 Brote 41 empfangen. Diese wurden an Deck aufgestapelt, mit einer Plane zugedeckt und von vier 4- Posten bewacht. Bei dem Empfang auf der„, Cap Arcona" zählte man noch 1004. Aber selbst dieser Rest wurde nicht unter den Häftlingen aufgeteilt, sondern unter der Wachmannschaft. In dieser ganzen Periode gab es für uns nur einmal für zehn Mann ein Brot. Bei dieser Kost wären wir zu Hunderten verhungert, wenn wir nicht das einmalige, unvorstellbare Glück gehabt hätten, bei unserem Ausmarsch aus Neuengamme amerikanische Rote- Kreuz- Pakete zu empfangen. Wohl waren unsere ausgemergelten Körper nicht mehr in der Lage, die in diesen Paketen enthaltene kräftige Nahrung voll aufzunehmen, und mancher wurde durch den gierigen Genuß von fetter Konservenwurst ohne das nötige Brot auf das Krankenlager geworfen, aber der größte Teil der Kameraden hielt sich durch eine weise Einteilung über Wasser. Anfangs mußten wir täglich ,, nur" 15 bis 30 tote Kameraden aus den Kabinen tragen, aber alle Vorsichtsmaßnahmen, die von den verantwortlichen Häftlingsärzten ergriffen wurden, konnten bei einem derart engen Zusammenleben nicht verhindern, daß die Krankheits- und Todesfälle rapid in die Höhe schnellten. Am vierten Tag nach unserer Verladung stellte unser tschechischer Arzt Gottlieb die ersten Typhusfälle fest. Bei einem längeren Aufenthalt hätte es für uns unter diesen Bedingungen keine Rettung mehr gegeben. Wir waren auf einem Totenschiff. Das Äußerste riskierend, wurden wir bei unserem neuen Kommandoführer, Hauptsturmführer Klingenberg, noch einmal vorstellig und verlangten schnellste Abhilfe. Vor wenigen Tagen noch hätte ein derartiges Auftreten einem-Führer gegenüber für die Häftlinge den sicheren Tod bedeutet. Nun dämmerte es auch dem rabiatesten 14- Mann, daß es mit ihrer Herrlichkeit zu Ende ging. Auch Klingenberg ließ nun mit sich handeln und verlegte wieder 2000 Mann zurück auf die ,, Athen". Nur ungern verließen diese 2000 Kameraden die„, Cap Arcona"; und doch bedeutete es für sie die Rettung vor Schlimmerem. Mit dem zweiten Häftlingstransport kam als Sonderbeauftragter der 44- Oberscharführer Viehagen an Bord. Er kam mit dem bestimmten Auftrag, die reichsdeutschen Häftlinge für die Bewährungseinheit der 4 unter General Dirlewanger auszumustern. Die militärische Entwicklung vollzog sich schneller, und wir blieben so von dieser letzten Demütigung, eine 44Uniform zu tragen, verschont. Anders erging es dem im Lager Neuengamme verbliebenen Rest von 400 Deutschen, die auch diese Schmach noch auskosten mußten und nach zwölfjähriger Schutzhaft in die Uniform ihrer Peiniger gesteckt wurden. Allerdings dauerte dieser Spuk kaum 48 Stunden. Bei dem ersten nächtlichen Marsch durch einen Wald ergriffen diese Kameraden das Weite und überließen Thumann mit seiner. Soldateska ihrem Schicksal. 42 Zur Aktion bereit Über die militärische Lage waren wir nur schlecht unterrichtet. Die wildesten Gerüchte und Nachrichten überstürzten sich. Ein Deckoffizier der Schiffsbesatzung, mit dem wir seit dem ersten Tage Verbindung hatten, brachte uns den Bericht über den Tod Hitlers. Von ihm erfuhren wir auch, daß im Schiffsraum Sprengladungen angebracht waren und der Befehl vorlag, beim Nahen der Roten Armee das Schiff in die Luft zu sprengen. Wie vordem auf der ,, Athen" scharten sich auch jetzt wieder die entschlossensten Antifaschisten zusammen, um ein solches Verbrechen zu verhindern. An unserer Seite stand der größte Teil der Schiffsbesatzung zum Widerstand bereit. Durch ihre Nachrichtenübermittlung waren wir über die Verhältnisse auf dem Schiff bestens informiert. Darüber hinaus wären sie aber auch bereit gewesen, aktiv mit uns um das Schiff gegen die-Führung zu kämpfen. Dieser antifaschistischen Front stand eine kleine Gruppe von-Angehörigen gegenüber, die zum letzten Verbrechen bereit waren, um ihr Leben noch einige Tage zu verlängern. Dazu kam ein Teil der schwankenden und unentschlossenen Bewachungstruppen. Viele dieser zwangsweise in die Uniform gepreßten alten Männer gaben zu verstehen, daß sie die Waffen nicht gegen uns erheben würden. Ein Aktionsausschuß von drei deutschen Genossen übernahm nun die weiteren notwendigen Maßnahmen zu unserer Befreiung. Als nächste Aufgaben wurden gestellt. 1. Alle deutschen politischen Häftlinge nehmen persönliche Verbindung mit Wachmannschaften auf, um ihnen ihre hoffnungslose Lage klar zu machen und ihnen als einzigen Ausweg zu zeigen, gemeinsam mit den Häftlingen gegen die Naziführer um das Schiff zu kämpfen. 2. Die heranrückenden alliierten Truppen über unsere Lage und Absichten schnellstens zu unterrichten. 3. Von jeder Nation ein Aktionskomitee zu bilden, mit der Aufgabe, die Häftlinge ihrer Sprache zum Widerstand gegen die 4 vorzubereiten und zu führen. Diese Arbeiten wurden sofort in Angriff genommen. Durch die Enge und Unübersichtlichkeit des Schiffes begünstigt, konnte die Verbindung mit den Wachmannschaften mit gutem Erfolg aufgenommen werden. Die 44- Führung verlor jeden Überblick, insbesondere nachdem sie sich aus Angst vor der Ansteckung durch Typhus nicht mehr in den Häftlingsräumen sehen ließ. Dadurch blieben ihr alle unsere Vorbereitungen verborgen. 43 Zur Aufnahme der Verbindung mit den alliierten Truppen stellten sich sofort sieben russische Kriegsgefangene zur Verfügung. In der Nacht vom 29. zum 30. April 1945 verließen sie durch ein Bullauge das Schiff. An einem heruntergelassenen Seil verschwanden sie, mit Schwimmwesten versehen, in den dunklen kalten Fluten der Ostsee. Mit unseren heißesten Glückwünschen versehen, verließen uns diese Tapferen. All unser Hoffen klammerte sich an den Erfolg der kühnen Tat dieser Kameraden. Am anderen Morgen wurde der Zählappell gefälscht an den Rapportführer Brinkmann abgegeben, und die Flucht blieb vorläufig unbemerkt. Aber bald sahen wir ein Boot von dem etwa 2000 Meter von uns entfernt liegenden Zielschiff der Kriegsmarine sich unserem Schiff nähern. Sie brachten einen unserer Flüchtlinge. In dem kalten Wasser bewußtlos treibend, hatten sie ihn aufgefischt. Noch ahnte die 44- Führung nichts und behandelte diesen Russen als gewöhnlichen Flüchtling. Am anderen Morgen fuhr wieder ein Boot längsseits. Diesmal kam es vom Lande und brachte drei angeschwemmte Leichen in Häftlingskleidern. Der eisigen Kälte waren unsere Kundschafter nicht mehr gewachsen gewesen. Sie gaben ihr Leben, um Tausende Leidensgenossen zu retten. Die restlichen drei Kameraden blieben verschollen. Wahrscheinlich mußten auch sie ihren Opfergang mit dem Leben bezahlen. Am Morgen des 2. Mai 1945 sahen wir durch unser Bullauge die Lübecker Bucht voll Kriegsschiffe. Die deutsche Flotte schien sich hier noch einmal ein Stelldichein zu geben. In unmittelbarer Nähe von uns wimmelte es von U- Booten. Weiter entfernt lagen Schiffe aller Größen. Der 3. Mai 1945 zeigte wieder ein anderes Bild. Alle Kriegsschiffe waren in der Nacht ausgefahren. So weit das Auge reichte, war von ihnen nichts mehr zu sehen. Außer der ,, Cap Arcona" waren noch hier: die ,, Athen" mit 2000 Häftlingen, das Frachtschiff Tillbeck" mit 2000 bis 3000 Häftlingen und einige Kilometer weiter die ,, Deutschland", ebenfalls mit Häftlingen beladen. Dazwischen schaukelten noch einige offene große Schutten mit Transporten aus dem Lager Stutthof bei Danzig. 99 Auf der ,, Cap Arcona" war an diesem Morgen reger Verkehr. Gegen 10 Uhr kam ein Transport mit 205 Häftlingen aus dem Lager ,, Mittelbau". Im Gepäckraum sollten sie vorübergehend untergebracht werden. Dann kam ein Schwarm von 4- Helferinnen, die auf unserem Schiff vor den heranrückenden Engländern Schutz suchten. Die Barkasse pendelte den ganzen Vormittag zwischen Ufer und Schiff. 44 Das Schiff in Flammen Unsere neuesten Nachrichten lauteten: Englische Panzerspitzen haben Neustadt erreicht. Sofort tagte der Aktionsausschuß und beschloß höchste Alarmbereitschaft. Gegen 2 Uhr gingen wir auseinander, um die Nationalkomitees zu verständigen. Doch das Schicksal nahm ungehemmt seinen Lauf. Die apokalyptischen Reiter jagten in voller Stärke über die Lübecker Bucht und hielten reiche Ernte. Die Maschinerie des totalen Krieges vernichtete alles, ob Freund oder Feind. Als erstes Schiff fiel die 300 Meter von uns entfernt liegende„ Tillbeck" einem Bombenhagel zum Opfer. Dieses Schiff legte sich sehr schnell auf die Seite und versank. Von den 2000 bis 3000 Häftlingen haben höchIstens 50 das Ufer lebend erreicht. Am 3. Mai 1945, nachmittags 3 Uhr, waren laut Rapport 4207 Häftlinge aller Nationen an Bord der ,, Cap Arcona". Darüber hinaus 15 bis 20-Führer, 20 44- Helferinnen, 500 Mann Besatzung, Marinetruppen und eine kleine Anzahl der Schiffsbesatzung. Wenige Minuten nach 23 Uhr fielen die ersten Bomben hart Steuerbord neben uns ins Wasser. Der zweite Wurf war ein Volltreffer. Ich selbst befand mich in diesem Moment in dem früheren Rauchsalon. Mitten in einem Gespräch mit dem langjährigen Kameraden Longinius v. Novara ereilte uns das Schicksal. Krachend detonierten drei kleine Bomben in unserem Raum. Rauch und Dreck, Stühle und Tische, alles wirbelte wild durcheinander. Sekundenlange Stille folgte diesem wilden Inferno. Rasch verzog sich der Qualm. In der Bordwand und der Decke klafften riesige Löcher. Leises Stöhnen und Hilferufe waren die ersten Unterbrechungen der Stille. Überall lagen zwischen den Trümmern der Schiffseinrichtung die toten und verwundeten Kameraden. Auch ich war getroffen. Die rechte Gesäßhälfte war von einem Splitter durchschlagen und hinterließ eine im Durchmesser fünf Zentimeter große Wunde. Wieder einmal hatte ich Glück im Unglück; ich konnte noch stehen und gehen. Eine weitere Erschütterung des Schiffes zeigte an, daß auch in anderen Schiffsteilen die Bomben ihr Ziel gefunden hatten. Mein Freund Longinius versuchte auf der Verbandsstation für mich Hilfe zu holen und ist von dieser Minute an nicht mehr gesehen worden. Das ganze Schiff stand sofort in Flammen. Jede Ordnung und Disziplin löste sich auf. Die einzige noch geltende Parole war: ,, Rette sich, wer kann!" Wenige-Männer besetzten die Treppen und versuchten mit Waffengewalt, die Häftlinge in das Feuer zurückzujagen. Aber der Nimbus ihrer Allmacht war vorbei. Wie überflüssige Spreu wurden sie weggefegt, und die Massen strömten nach oben. Unbeschreibliche Szenen spielten sich in den engen Gängen des Schiffes ab. Lebenden Fackeln gleich irrten die Menschen durch das Schiff. Über Tote und Verwundete stolpernd suchten sie einen Weg in die Freiheit. Doch nur Wenigen gelang dies. Die meisten stürzten in einer Ecke 45 zusammen und starben den gräßlichsten Tod, den Tod durch Verbrennen. Der Geruch von versengtem Menschenfleisch, die Schmerzensschreie der bis zum Wahnsinn gepeinigten Opfer waren auch für die stärksten Nerven nicht mehr tragbar. Nun wurde es auch den fanatischsten 4- Männern klar, daß ihre Uhr abgelaufen sei und sie versuchten ihr Heil in der Flucht. Es gab keine Bewachung und keine Bewachten mehr, es gab nur noch Schiffbrüchige. Mancher 4- Mann stürzte sich in voller Uniform über Bord und ertrank. Mancher versuchte noch einmal sein Herrenrecht zur Geltung zu bringen und starb. Den 4- Führern gelang es rechtzeitig in der Barkasse zu entkommen. Diese stolzen Kavaliere ließen in der Stunde der Gefahr ihre geliebten-Helferinnen schnöde im Stich. Einfache Soldaten nahmen sich dieser Mädels an und versuchten mit einem Rettungsboot ihr Glück. Aber beim Herablassen des Bootes verfingen sich die Taue und das Boot kenterte. Alle stürzten ins Wasser und ertranken. Hunderte von Häftlingen gingen über Bord und versuchten schwimmend und mit Hilfe von Brettern, Bänken und Flößen das Land zu erreichen. Auch ich stürzte nach dem Oberdeck. Beim Anblick des grausigen Schauspiels stand ich einen Augenblick zögernd an der Reeling. In zwölfjähriger Haft des Schwimmens entwöhnt, dazu mit der Verwundung schien es fast aussichtslos, durch vier Kilometer eiskalten Wassers an das rettende Ufer zu gelangen. Aber um mich loderten die Flammen des todgeweihten Schiffes, die Hitze steigerte sich zur Unerträglichkeit blieb mir keine andere Wahl, ich mußte über Bord! - Mein erstes Bestreben war, möglichst rasch vom Schiff wegzukommen, um nicht in den Strudel gezogen zu werden. Rückblickend auf die ,, Cap Arcona" zeigte sich an deren Mast die weiße Flagge. Sie wurde zu spät gezeigt. Weit draußen lag die„ ,, Deutschland", nun auch in Rauch und Flammen eingehüllt. Überall um mich waren Menschen mit verzweifelten Gesichtern, die unter Aufbietung ihrer letzten Kraft um ihr Leben kämpften. Bald mußte ich verspüren, daß meine Kräfte nicht ausreichen würden, das rettende Land schwimmend zu erreichen. Nur der eiserne Wille, in dieser letzten Stunde nicht zugrunde zu gehen, und das Bewußtsein, in der Heimat erwartet zu werden, weckten immer wieder neue Energien in mir. Doch alles hätte nichts genützt, wenn es mir nicht gelungen wäre, mich an einem Floẞ anzuklammern. Dieses war zwar nur für vier Mann berechnet, aber mit zwölf Menschen beladen. Durch den Seegang und die gesteigerte Unruhe dieses kleinen Häufchens Menschen kippte es immer wieder um und begrub uns alle unter sich. Und jedesmal waren es einige Unglückliche, die diesem Kampf unterlagen. Neuer Lebensmut beseelte uns wieder, als sich am Horizont fünf große Dampfboote zeigten. Unsere Rettung schien gesichert. Doch bald verwandelte sich unsere Freude in Entsetzen. Nachdem die Besatzung dieser Boote festgestellt hatte, daß es sich um KZ.- Häftlinge handelte, 46 f 1 die hier um ihr Leben kämpften, wurde jede Bergung abgelehnt. Auf Schiffbrüchige, die sich an herunterhängende Taue klammerten, wurde. das Feuer eröffnet. Mancher Kamerad versank, von einer Kugel dieser Mörder durchbohrt, in den Wellen. Nur ein Boot machte eine ruhmvolle Ausnahme und nahm so viele Menschen an Bord, als es nur irgendwie zu fassen vermochte. Als ob Tod und Teufel sich verschworen hätten, uns alle zu vernichten, prasselte gegen Abend ein eisiger Hagelschauer über die ganze Bucht, und ein aufkommender Wind peitschte das Wasser zu hohen Wellen. Um unser kleines Floẞ wurde es immer einsamer. Einer nach dem andern versank noch angesichts des nahen Ufers stumm und ruhig. Nur der nach oben, nach dem Lichte gerichtete Blick klagte zum letzen Male: ,, Warum...?" Doch selbst jetzt war unser Elend noch nicht zu Ende. Auf die Wenigen, die den Kampf mit den Elementen glücklich überstanden hatten und das Ufer mehr tot als lebend erreichten, wartete neuer Schrecken: sie wurden von Mitgliedern der U- Bootschule Neustadt und vom Volkssturm mit Revolverschüssen empfangen. Gar mancher Kamerad wurde von diesen erbärmlichen Kreaturen hier noch wie ein räudiger Hund niedergeschossen. Jetzt galt nur noch eins: so rasch wie möglich unter den Schutz der alliierten Truppen zu kommen! Nur mit Hemd und Unterhose bekleidet, viele auch splitternackt, so wie wir den Fluten entstiegen waren, machten wir uns auf den Weg nach Neustadt. Zu Fuß oder mit Wagen, wie es das Glück ergab. Nach zwölf Jahren frei Unbeschreiblich war unser Jubel und die Begeisterung, als wir vor Neustadt den ersten englischen Tank erreichten. Die Soldaten wurden buchstäblich von ihren Sitzen gerissen und vor Freude umhalst. Wir waren endlich frei! Frei vom Terror der entmenschten! Zu Ende waren alle Grausamkeiten und Folterungen, alle Not und Unterdrückung. Zwölf lange Jahre waren wir nur eine Nummer. Jetzt durften wir wieder Menschen werden. In später Abendstunde fuhr auf englische Anordnung noch einmal ein Dampfboot zu der ausgebrannten„, Cap Arcona", um zu retten, was noch am Leben war. Durch die geringe Tiefe der Lübecker Bucht war die ,, Cap Arcona" nicht untergegangen, sondern hatte sich nur auf die Seite gelegt. Viele, die nicht mehr die Kraft und den Mut gehabt hatten, sich dem Wasser anzuvertrauen, flüchteten sich auf die heißen Bordwände und konnten so zum Teil noch geborgen werden. Mit Brandwunden überzogen wurden sie zurückgebracht. 47 48 18 Unter dem Schutze der englischen Armee wurden alle Häftlinge in der ehemaligen U- Bootschule Neustadt und in dem Landeskrankenhaus untergebracht. Drei volle Monate war ich hier ans Bett gefesselt, um meine Verwundung auszuheilen. Zu unserer Freude über die Befreiung gesellte sich bald tiefe Trauer um unsere Toten. Nur 400 bis 500 Überlebende hatten sich bei dieser Katastrophe zu retten vermocht. 8000 bis 10000 Kameraden, die alle Gefahren und Strapazen der Konzentrationslager überstanden hatten, fanden in der Stunde der Befreiung den Tod. Diesen Toten aller Nationen Europas, Asiens, Afrikas und Amerikas gelobten wir in jener Stunde, dafür zu sorgen, daß sich solches nicht wiederhole.