VORWORT Demnächst wird der Gestapochef Anton Dunkern vor dem Metzer Militärgericht abgeurteilt werden. Diese Bro- schüre bringt viele Einzelheiten über die unheilvolle Tätig- keit dieses Mannes, der es vorzüglich verstanden hatte, mit äusserer Katzenfreundlichkeit, meist hinter den Kulissen, durch seine Agenten die Lothringer zu quälen. Die Ge- richtsverhandlung wird den Inhalt dieser Heimatbilder vollauf bestätigen. In meiner dritten Dachauer Broschüre stehen auf Seite 16 folgende Sätze:«In meinem Besitz befindet sich ein wertvoller Platinring, den ich fast zwei Jahre lang den Blicken der raubgierigen Nazi entziehen konnte und glück- lich nach Hause brachte. In dem Ring stehen in französi- scher Sprache die Worte eingraviert:«Henriette ä Pierre, 28 janvier 1936». Wem gehört dieser Ring? Leider werde ich gezwungen sein, Madame Henriette X. eine tieftraurige Nachricht über ihren Gemahl mitzuteilen.» Herr chanoine Jules Anneser, Direktor des«Lorrain», hat etwas Licht in diese mysteriöse Affäre gebracht. Er fand nämlich, die Adresse des Gatten von Henriette, die sich am 28. Januar 1956 verheiratet hatten. Der Besitzer des Platinringes heisst Pierre Le Tullier. Er ist der Sohn der Comtesse d’Aubigny und wohnte in Rennes, 21, rue Victor-Hugo. Aus der Ehe sind zwei Kinder entsprossen. Herr und Frau Le Tullier wurden als Mitglieder einer Resistanceorganisation im September 1943 von den Nazi verhaftet. Pierre kam nach Schirmeck, verliess dieses Lager am 1. September 1944 und wurde am 1. November 1944 auf dem Struthof erschossen, was der berüchtigte Gestanochef Gehrum von Strasbourg zugegeben hat. Madame Henriette Le Tullier wurde in Pforzheim eingesperrt und sollte dort am 28. November 1944 ebenfalls erschossen werden, konnte ober während eines Luftbombardements in der Nacht zuvor fliehen und sich ‚ bis zur Ankunft der Befreier verstecken. Wie kam der Ehering vom Struthof nach Dachau? Darüber kann nur mein Dachauer Kamerad Aufklärung bringen, der mir den Ehering gegeben hatte. Damals ver- weigerte er mir seine Adresse, weil wir beide ohne weiteres aufgeknüpft worden wären, wenn ein Nazi bei mir den Ring gefunden hätte. Heute besteht keine Gefahr mehr. Drum bitte ich meinen Dachauer Kameraden, mir weiteren Aufschluss über den Ring zu geben. Rech, im Januar 1948. Francois GOLDSCHMITT. DAS KAPUZINERKLOSTER VON BITCHE Am 13. September 1931 wurde das alte bischöfliche Kolleg Saint- Augustin von Bitche als Kapuzinerkloster eingeweiht. Von diesem Tage ab begann mit fünf Patres, 21 Philosophiestudenten und vier Brüdern das regelmässige Leben eines Kapuzinerklosters mit Chorgesang bei Tag und bei Nacht, Klausur usw. Bis zum Jahre 1939 herrschte ein reger Studienbetrieb im Kloster. Durchschnittlich lebten hier 45 bis 48 Kapuziner. 1. Die Kriegsmonate 1939-40. Schon im Herbst 1938 schlug der Kriegslärm auch hinter des Klosters stille Mauern. Einige Patres und Studenten tauschten die Kutte mit dem Soldatenrock. Doch schon im Oktober herrschte wiederum Ruhe in den Zellen. Am 1. September 1939 ertönte in Bitche, nachmittags drei Uhr, die Sturmglocke als Zeichen der sofortigen Evakuierung. Die meisten Patres und Studenten zogen abermals in die Kasernen, während sich der Guardian Pater Ildephonse, zwei andere Patres und die jüngeren Studenten in das Kloster von Sigolsheim begaben. Pater Benno, damals Administrator der Pfarrei Schweyen, wanderte mit seinen Pfarrkindern in die Charente Inférieure. Das Inventar der Sakristei sowie die Bibliothek wurden nach Sigolsheim und SaintBlaise verbracht. 2. Naziantichrist hebt das Kloster auf. Im Herbst 1940 kehrten die Kapuziner wieder in ihr Kloster zurück. Die Aufräumungsarbeiten dauerten wochenlang. Kaum hatten die Patres sich etwas eingerichtet, gingen die Nazi auf Raub aus. Sie vermuteten in den Klöstern Riesenreichtümer. Anfänglich bestand etwas Hoffnungsschimmer auf Rettung, da die Klostergebäude Eigentum des Metzer Bistums sind. Gauleiter Bürckel hatte auch die Versicherung abgegeben, dass er das Vermögen des Bistums nicht antasten werde. Doch alles nur leere Worte. Der Sturm brauste bald heran. Zu den Räumlichkeiten, die von den Kapuzinern verwaltet wurden, gehört auch ein grösseres Exerzitienhaus. Auf diese Gebäude hatten es die Nazi zuerst abgesehen. Die Frauenorganisation NSV beschlagnahmte schon im September 1940 dieses Exerzitienshaus. Doch die Wehrmacht besetzte es sofort und blieb hier bis zur Flucht im Frühjahr 1945. Die Räume aus denen bisher fromme Gebete zum Himmel gedrungen waren, verwandelten sich nun in Stuben einer Soldatenkaserne. Noch schlimmer erging es dem eigentlichen Klostergebäude. Am Freitag, den 13. Juni 1941, gerade am Fest des hl. Antonius von Padua, läuteten Kreisleiter Rieder von Metz - 6- und zwei Beamte des Stillhaltekommissars an der Klosterpforte und verlangten einen Herrn Klein zu sprechen, der hier wohne. Dieser Herr Klein war kein anderer als der Kapuzinerguardian Pater Ildephonse. Rieder gab folgende kurze, aber inhaltschwere Erklärung ab:« Gemäss der Verordnung des Gauleiters Bürckel ist das Kloster aufgelöst.» Herr Klein sollte nun angeben, wohin sich die Ordensleute begeben wollten. Deutschland käme nicht in Frage, da kein einziger Kapuziner Reichsdeutscher sei. Das Elsass dürfe auch nicht gewählt werden, weil dort sämtliche Klöster in kürzester Frist ihre Pforten ebenfalls schliessen müssten. Die Patres könnten jedoch im besetzten Frankreich Zuflucht, nehmen. Besser wäre es allerdings, das Kloster zu verlassen, den Beruf zu wechseln und in die Familien zurückzukehren. Die Herren sollten dann sofort beim Arbeitsamt vorsprechen. Die Antwort des Patres Guardian lautete: Jedem meiner Untergebenen steht es frei, einen beliebigen Entschluss zu fassn. Von Berufswechsel kann jedenfalls keine Rede sein. Der Kreisleiter erwiderte, er habe ja auch schon öfters den Beruf gewechselt. Man solle sein Beispiel nachahmen. Eine anderthalbstündige Aussprache verlief resultatlos. Die Beamten des Stillhaltekommissars kontrollierten die Einnahmen und die Ausgaben des Haushaltebuches und erklärten die Klosterkasse als beschlagnahmt. Die drei Reichsdeutsche verliessen sodann das Haus. Nach Rücksprache mit dem Provinzial beschloss man die Abreise in das unbesetzte Frankreich. Am 19. Juni 1941 kam während des Mittagessens Kreisleiter Rieder abermals ins Kloster von Bitche. Diesmal brachte er ausser den zwei Beamten des Stillhaltekommissars, wohl zur Einschüchterung, noch einen Gestapoagenten mit. Auf die Frage, ob bei einigen Herren Berufswechsel eingetreten wäre, versicherte Pater Guardian: Kein Kapuziner wird sein' geistliches Kleid ablegen. Kein einziger verlässt freiwillig sein ihm liebgewordenes Kloster. Unsere Ordensregel schreibt vor: Wenn die Brüder in einem Land nicht aufgenommen werden, sollen sie in ein anderes fliehen. Wenn die Deutschen uns wirklich vertreiben, dann lassen wir uns zwangsweise nach dem unbesetzten Frankreich abschieben. Pater Guardian Ildephonse wiederholte nochmals, dass die Klostergebäude Eigentum des Bistums wären, die nach einer Erklärung Bürckels doch unangetastet bleiben müssten. Kreisleiter Rieder fand auf diese Erwägungen überhaupt keine Antwort, nahm das Geld der Klosterkasse, im ganzen 2859 Mark, mit und verschwand mit seinen Begleitern. Der Chef des Arbeitsamtes von Pirmasens sprach einige Tage später ebenfalls im Kloster vor und verlangte die Namen der Ordensleute, die den Beruf zu wechseln gedachten. Auf die Erklärung des Patres Ildephonse, dass kein Kapuziner alljährlich, wie andere Herren, den Beruf umschalte, klappte der Arbeitseinsatzdirektor seine Mappe zu und ging fort. Generalvikar Louis von Metz gab mit Zustimmung des Provinzials folgenden Patres für die Kriegsdauer eine Pfarr - 7 stelle: Pater Benno in Guiderkirch- Erching. Pater FrançoisXavier in Marthille. Pater Marie- Joseph war zuerst Hilfssekretär im Bistum, dann Diözesanmissionar. Anfangs 1944 übernahm er die Pfarrstelle von Créhange. Pater Guardian Ildephonse erhielt vom Generalvikar die Ernennung zum Verwalter des bischöflichen Gutes in Bitche. In der Stadt Bitche und Umgebung hatte sich die Auflösung des Klosters bald herumgesprochen. Viele Leute erbaten von den Patres Andenken. Wohltäter der Kapuziner versteckten auch Mobiliar und Haushaltungsgegenstände in ihre Wohnungen, um dies nach dem Kriege wiederum zurückzuerstatten. Unsere Kapuziner hielten sich nun auf die baldige Vertreibung gefasst. Bereits am Herzjesufest, am 20. Juni 1941, brachte ein Autocar, morgens um sechs Uhr, sechs Ordensleute und tags drauf, gar schon um fünf Uhr morgens, die übrigen, im ganzen 26, nach Innerfrankreich. Sechs Tage später las ein Pater zum letztenmal die hl. Messe in der Klosterkirche. Das Gotteshaus blieb nun vier Monate geschlossen. Vom 19. Oktober 1941 ab bis zum Monat Dezember 1944 fand hier wiederum regelmässiger Gottesdienst statt. Obwohl Pater Guardian von Monseigneur Louis zum Verwalter des bischöflichen Eigentums, demnach des ganzen Klostergebäudes, ernannt worden war, konnte er sein Amt nie ausüben. Alles blieb beschlagnahmt. Von Strasbourg aus kam jedoch Pater Ildephonse jede Woche nach Bitche und versah den Gottesdienst in der Klosterkapelle. Die Nazi richteten im Kloster ein Kinder- Land- Verschickkungslager ein. Zur vollständigen Umwandlung wurde ein Teil des Inventars wie Pulte, Bettstellen usw. zu Kleinholz zerschlagen. Wohl zur Austreibung des bösen Klostergeistes überstrich man das ganze Klostergebäude zweimal recht gründlich mit Farbentünche. Die Glocke der Kirche, die erst 1937 gegossen worden war, verschwand bereits anfangs 1943. Die Belagerung von Bitche dauerte vom 5. Dezember 1944 bis zum 16. März 1945. Einige Volltreffer von Granaten und Fliegerbomben beschädigten das Kloster und die Kirche überaus schwer. 3. Die Kapuziner in der Verbannung Die 26 ausgewiesenen Kapuziner wurden mit wenig Gepäck, ohne Geld, in Nancy abgesetzt und blieben sich dort selbst überlassen. Sie fanden bei der französischen Staatsbehörde und bei Privatleuten allergrösstes Entgegenkommen. Die Philosophiestudenten setzten in Besançon, die Theologen in Bastia auf der Insel Korsika ihre Studien fort. Im Dezember 1943 wurden alle Studenten zum französischen Heeresdienst eingezogen und kämpften in der französischen Armee. Pater Alexandre erhielt schon am 23. Juni 1940 eine Zitation und eine zweite am 14. Juli 1945, dazu das Kriegskreuz, das Kreuz der Verwundeten und die Kolonialmedaille. Nach der Befreiung und Rückkehr aus dem Exil sind folgende Religiosen in Strasbourg zu Priestern geweiht worden: Pater Alexandre aus Montigny-les-Metz. Pater Marcel- lin aus Blodelsheim. Pater Paulin aus Selestat. Pater Diego aus PBergbieten. Pater Joachim aus Bilwisheim._Pater_ Aloyse aus Woerth-sur-Sauer. Pater Egide aus Strasbourg. Pater Emmanuel aus Nordhouse. Pater Modestus aus Mal- ling. Pater Jean-Berchmans aus Dauendorf. Pater Yves aus Strasbourg. Pater Jean-Damascene aus Nothalten. Pater Philippe aus Hangenbieten. Pater Denys aus Leutenheim, 4. Pater Augustin. Pater Augustin ist in Riedwihr geboren, gehört zu den ganz grossen Volkspredigern des Ordens und ist in Elsass- Lothringen überall bekannt. Am 25. August 1939 begleitete er 39 Kranke des Snitals von Bitche in die Charente, wo alle lothringischen Flüchtlinge der Gegend von Cognac an ihm einen stets bereiten Helfershelfer für leibliche und geistige Nöten fanden. Der arbeitsfreudige Ordensmann wohnte im Kapuzinerkloster Saint-Antoine der Stadt Cognac. Seine engen Beziehungen zum maire und Sous-prefet von Coznac sowie zum Bischof von Angoul&me, mehr noch seine auf- opferungsvolle Nächstenliebe heilten den umpgesiedelten Lothringern manch harte Wunden. Pater Augustin kehrte am 7. Oktober 1940 mit den Kranken wiederum nach Bitche zurück, wurde am 20. Juni 1941 ausgewiesen, liess sich aber- mals in Cognac nieder und betreute nun die vielen Elsässer und Lothringer, die freiwillig in der Charente verblieben waren. Ein Augen- und Ohrenzeuge schickte mir folgenden Bericht: Juli 1941. Die Hakenkreuzfahne weht seit Wochen in Griechenland, auf dem Olymp. Hitlers Soldaten stehen etli- che hundert Kilometer in Russland drinnen. An allen Ecken des europäischen Festlandes ist Feldgrau die beherrschende Farbe Auch in der Charente An sämtlichen Verkehrs- punkten stolziert der verhasste preussische Stiefel umher. Junkers- und Heinkelflugzeuge rattern über dem Flugplatz von Cognac. Den noch hier wohnenden Lothringern und Elsässern ist es nicht sonderlich wohl zu Mute. Kein Fünkchen Hoffnung mehr auf Friede und baldige Heim- kehr ins Elsasslothringerland, keine Nachrichten von da- heim, dazu schwere Nahrungssorgen, ja das Brot mangelt sogar. Butter und Fett werden mit Gold aufgewogen.... Besorgte Gesichter überall! Da plötzlich, mitten in dieser Trostlosigkeit hinein, geht es wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund: Pater Augustin ist wieder da, dieser gute Pater, der 1939-1940 so erfolgreich unter den Flüchtigen gewirkt hatte, der an alle und an alles dachte, der, ohne selbst etwas zu besitzen, überall herumbettelte um nur austeilen zu können, der, wenn überhaupt nichts mehr zu geben war, noch einen schelmischen Spass oder ein herzliches Lachen für die Unglücklichen übrig hatte. Ja, Pater Augustin ist wieder da. Hoffnungsvolle Freude leuchtet auf allen Gesich- tern, als er zum erstenmal seine Schäflein besucht, ist er ja, sofort bei seiner Ankunft, zum dornenvollen Amt als Flücht- lingspfarrer berufen worden. Nun wandert Pater Augustin 9 bis ins entlegenste Dorf hinein. Er hat eine Riesenpfarrei zu betreuen. So mancher Flüchtling ist mit dem Herrgott und der Welt in Konflikt geraten. Die Seelen müssen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Auch die materielle Not schreit um Abhilfe. Es fehlt das tägliche Brot, es fehlen die Kleider, Wäsche... Immer wieder springt der gute Pater ein, besorgt Küchengeschirr, Brot und Wäsche, oft Unterkunft und Arbeitsgelegenheit, auch Rosenkränze und Gebetbücher. Der brave Augustin gilt den Heimatlosen als ein Stück Vorsehung. Seine arme Kapuzinerkapelle in SaintAntoine der Stadt Cognac hat sich in eine Art Winkeladvokatenbüro umgewandelt. Da hättet ihr einmal den immer aufgeheiterten Pater bei seinen Flüchtlingen sehen sollen, wenn er die letzten Nachrichten des« Feindsenders>> verkündete, immer neue Hoffnungen ins betrübte Herz streute, auch oft gelungene Streiche erzählte, die er den Schwowen spielen konnte. Dies alles, mit Wohltatenspenden und seinem herzlichen Lachen verbunden, ist heller Sonnenschein für manch dunkles Gemüt. Unser Pater ist unbezahlbar, müssen wir immer wieder sagen. Wir klammern uns gleichsam an ihn, ist er ja unser 15. Nothelfer für materielle Sorgen und für die seelischen Bedürfnisse. Immer auf der Walz mit seinem unzertrennlichen Fahrrad, bei brennender Hitze oder den Stürmen des dortigen Atlantikklimas, legt Pater Augustin an manchen Tagen mehr als hundert km zurück, wollte er ja allen alles werden, um alle für Christus zu gewinnen. Sein Sprengel, der ursprünglich nur Cognac und die nähere Umgegend erfasste, hatte sich bald bis Saintes und Châteauneuf, ja auf die halbe Charente Maritime bis zur Gironde ausgedehnt. Von allen Seiten verlangte man den guten Pater. Regelmässig versieht er die Pfarrei Sigogne, wo früher Volmünster umgesiedelt war und jetzt noch viele Lothringer wohnten. Jeden Sonntag legte der Pater die 20 km nüchtern per Rad zurück. Gelegentlich wurde er telegraphisch zu einem Schwerkranken an die Grenze der Gironde gerufen. Da zögerte er keinen Augenblick, die 90 km per Rad « abzukloppen». Wohl jeden Sonntag zelebrierte er dreimal, kam erst gegen ein Uhr nachmittags in Cognac an, um dann gleich wieder aufs Rad zu steigen und gegen Abend den tröstenden Helfer bei andern Lothringern zu spielen. Kurz vor seiner Verhaftung las der Kapuziner Augustin an Weihnachten 1943 in Salles d'Angles die Mitternachtsmesse und sagte unter anderm in der Predigt:« Was ist ein Führer, was ein König? Doch nur Staub, doch ein Nichts. Unser Führer, unser König ist Christus in der Krippe, ewig, allmächtig, Gott.» Der herzensgute Pater kümmerte sich auch um lothringische Wehrmachtdeserteure, die sich in grosser Zahl hier versteckt hatten, ebenso auch um die französischen Männer und Jünglinge, die in Deutschland für den Feind keine Zwangsarbeit leisten wollten. Augustin vermittelte diesen von der Gestapo Gesuchten falsche Papiere, Lebensmittel und Arbeitsgelegenheit. Auf die Dauer konnte dies nicht geheim bleiben. 2 - 10- Am 28. Dezember 1943 führte ihn die Gestapo in das Gefängnis von Angoulême. Bisher hatte der Kapuziner von Bitche der Lothringern und Innerfranzosen geholfen, jetzt sprangen diejenigen für ihn ein, denen er so oft unter die Arme gegriffen hatte. Wackere Männer von Volmünster schleppten jeden Monat einen schweren Koffer mit Esswaren in das Gefängnis von Angoulême. Die meisten dieser Liebesgaben kamen in die Hände der Leidensgenossen, die noch ärmer waren als der Pater. Mitgefangene bezeugen, dass Augustin, trotz Hunger und Entbehrungen jeder Art, sein herrlich joviales Wesen auch im Kerker bewahrte und seinen Mitgefangenen das Evangelium zum Staunen aller vorlebte. Unser Kapuziner kam vom Gefängnis von Angoulême nach Poitiers und von hier nach Compiègne, von wo aus er zwei Briefe nach der Charente schmuggeln lassen konnte. Diese beiden Briefe zeigen die erhabene Seelengrösse des Ordensmannes. So lesen wir im Schreiben vom 29. Mai 1944, das an einen Freund gerichtet war, unter anderm:« Tue nichts zu meiner Rettung! Lass mich mit dem französischen Volk leiden! Auf hundert Gefangene kommen hier zwei Priester, die sehr geachtet sind und viel Gutes stiften können. Ich darf jetzt wieder zelebrieren. Schick mir schnell ein Paket. Ich habe Hunger, bin mager und alt geworden. Meine Haare sind jetzt weiss. Besonders schlimm ging es in Poitiers her. Doch alles ist vorbei. Ich bin glücklich. Schick besonders Brot, das man verteilen kann. Wenn ich sterben sollte, dann habt ihr, liebe Freunde, einen Vermittler im Himmel... Auf Wiedersehn in Cognac oder im Himmel. Am 3. Juni 1944 schrieb er: « Morgen werden wir zu 2500 als Arbeiter nach Deutschland geschickt. So viele konnte ich retten, jetzt gehe ich selbst dorthin. Sollte ich jemand weh getan haben, so bitte ich um Verzeihung... Niemand darf mich rächen Wenn ich sterben sollte, dann errichtet mir ein Kreuz auf einem Kirchhof im Elsass oder in Lothringen, jedenfalls auf dem Grab meiner guten Mama auf dem Kirchhof in Riedwihr... Vive la France!>> Anfangs Juni arbeitete Pater Augustin im Lager Wattenstedt- Braunschweig. Beim Herannahen der amerikanischen Truppen schob die Gestapo sämtliche Inhaftierten des Lagers nach Neuengamme ab. Unterwegs starb der vielbeschäftigte und hartgeprüfte Pater Augustin vor Hunger und Elend. Kameraden schaufelten ihm ein Grab am Rand des Bahndammes. Es war am 8. April 1945. R. I. P. - 11- Unterstützt die Kriegswaisen. Roger HEINTZ, 1934 geboren. Sein Bruder Jean HEINTZ, 1940 geboren, aus Rustroff. Der Vater dieser Kinder wurde bei einer Bombardierung in der Gegend von Sierck getötet. Renée BARBICHE und Simone BARBICHE aus Sarralbe. Der Vater starb in Dachau. - 13 NAZIANTICHRIST VERTREIBT 101 LOTHRINGISCHE GEISTLICHE. 1. Zur Einführung. In meinem verantwortungsvollen Amt als Archidiakon von Château- Salins fand ich anderthalb Jahre lang wesentliche Unterstützung sonderbarerweise bei einem Mann, der unser unglückliches Lothringerland in namenloses Elend gestürzt hat und schliesslich auch mir zur Katastrophe werden sollte. Dieser Mann heisst Anton Dunkern. Er war SS- Oberführer in der Westmark im Rang eines Generals. Wie kam ich mit diesem Gestapochef zusammen, und wie war es möglich, während 18 Monate mit einem Führer der Geheimpolizei fast reibungslos Hand in Hand zu arbeiten? Bis Ende Juli 1936 führten mich Verpflichtungen der katholischen Kolportage öfters nach Deutschland. Meine scharfe Kritik in Wort und Schrift am Nationalsozialismus brachte meinen Namen im dritten Reich ins schwarze Buch. Polizeikommissar Becker von Strasbourg warnte mich ernstlich vor weiterem Betreten deutschen Bodens, was übrigens im Sommer 1947 gelegentlich eines Prozesses vom Präsidenten des Gerichtshofes in Strasbourg Bestätigung fand. Trotzdem wagte ich noch einmal, die Einladung eines mir bekannten deutschen Zöllners anzunehmen, da im deutschen Grenzdorf Rilchingen zwei Herren über Bücherlieferungen mit mir verhandeln wollten. In einer Wirtschaft erwarteten mich. zwei Männer, aber keine Bücherreisende, sondern zwei Gestapoagenten, die Auskunft über einen Mann erbaten, der vor einiger Zeit bei mir in Sarralbe Freimarken für seine Sammlung kaufen wollte. Die Fragen der beiden mir Unbekannten setzten mich in eine nicht geringe Verlegenheit, da mir durch. die französische Polizei bekannt war, dass jener angebliche Sammler mehr Interesse für Spionage als für alte Freimarken hatte. Jedenfalls arbeitete dieser Spion für Frankreich. Da die beiden Herren von mir nur oberflächliche, nichtssagende Auskünfte erhielten, interessierten sie sich über die Gründe meiner ablehnenden Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber. Sie kannten meine Broschüre« Existieren im Elsass und in Lothringen Hitleragenten im Priesterkleid?>>, in der ich scharf gegen die Nazi losziehe. Auf meine Erklärungen hin baten mich die zwei Männer, sie gelegentlich in Saarbrücken besuchen zu wollen. Zum Schein lehnte ich nicht ab, um ja wieder heil nach Sarreguemines zurückkehren zu können; wo sofort bei der Polizei ein Bericht über das sonderbare Erlebnis abgegeben wurde. Seit diesem Tag hat mich Deutschland bis zu meiner Verhaftung im Jahre 1942 nicht mehr gesehen. Einer der beiden Herren, ein Mann in den Vierziger, spielte während der Besprechung den Wortführer. Er sprach lebhaft, besass politische, sogar religiöse Kenntnisse, die mich in Staunen setzten. Er machte den Eindruck, in der nationalsozialistischen Bewegung eine führende Rolle zu spielen, was sich auch später bestätigen sollte. 14 - Dieser Mann kreuzte nämlich im Jahre 1941 zum zweitenmal meinen Lebensweg. Als die Gestapo im Mai 1941 Pfarrer Kratz von Bourgaltroff einsperrte, oblag mir die Pflicht. gegen die Verhaftung meines Kollegen Protest einzulegen, da dessen Unschuld feststand. Die Sicherheitspolizei von Sarrebourg verwies mich an ihren Vorgesetzten, der in Metz in der Rue aux Ours wohnte. Zu meinem grössten Staunen erkannte ich dort in diesem Chef den SS- Oberführer Dunkern, der in unserer Rilchinger Besprechung das grosse Wort geführt hatte. Der Fall Kratz wurde im Laufe unserer Verhandlung nur nebensächlich erwähnt. Die Lage unseres Bistums aber kam während zweier Stunden zur Sprache. Da sich Dunkern sehr zuvorkommend zeigte, beklagte ich viele Missstände und machte auch der praktischen Vorschläge nicht wenige. Dunkern gab mir nun den Auftrag, alle zukünftigen Konflikte, die zwischen dem Klerus und der Staatsbehörde ausbrechen sollten, mit ihm persönlich zu regeln. Er wünsche ernstlich den vollen Frieden zwischen Staat und Kirche, sagte er mir. Seine Türe stünde mir zu jeder Zeit offen. Prälat Louis solle mir doch die nötigen Vollmachten fürs ganze Bistum und einen geeigneten Titel geben. Das Wort Archidiakon hätte einen zu fremdländischen Klang und beschränke sich ja nur auf den Kreis Château- Salins. Generalvikar Louis gab mir nun schriftlich die verlangten Vollmachten und den bei uns unbekannten Titel<< Bischöflicher Kommissar». Die Gestapo von Sarrebourg verwechselte aber in ihren Korrespondenzen mit mir nicht selten die Worte und redete mich mit« kommissarischem Bischof» an. In einer Dieuzer Versammlung begrüsste man mich gar mit« Herr Bischof.>> Der neugebackene bischöfliche Kommissar hatte mit dem Gestapochef Dunkern zahlreiche Besprechungen, was auch zu einem ausgedehnten Briefwechsel mit Dunkern und mit dessen Untergebenen Anlass gab. Darüber erfolgt nun ein nicht uninteressanter Bericht. 2. Meine persönlichen Erlebnisse. Seit Januar 1941 pflegten wir Geistlichen des Archidiakonats Château- Salins in der Kirche von Bénestroff Monatsexerzitien abzuhalten. Diese religiöse Uebung war für Montag, den 28. Juli 1941 wieder einmal angesagt. Morgens sieben Uhr drangen zwei Gestapoagenten in mein Büro und verlangten eine dringende Besprechung mit meinem Kaplan Alois Lang, der jedoch um diese Zeit die hl. Messe in einem Nachbardorf las. Das Gestapoauto sauste dorthin und brachte den Gesuchten zu mir nach Dieuze. Der junge Geistliche wurde aufgefordert, mit nach Sarrebourg zu fahren. Man versicherte uns, er käme nach einem kurzen Verhör sofort wieder zurück. Einer der Beamten flüsterte mir ins Ohr:« Ihr Kaplan soll Wäsche und Kleider mitnehmen.>> Abbé Lang packte schnell, fuhr ab und blieb bis zum Sommer 1945 von seiner lothringischen Heimat getrennt. 15— In begreiflicher Aufregung fuhr ich mit dem Zug nach Benestroff. Unterwegs erzählten mir einige Kollegen, die schon eingestiegen waren, dass auch andere Mitbrüder aus der Umgegend verhaftet worden wären. In Bönestroff erwar- tete mich meine Schwester. Ich erfuhr von ihr, dass Pfarrer Klein von Val-de-Gueblange ebenfalls von der Geheimpolizei abgeführt worden war. Mein Predigtthema passte zu diesem unvorhergesehenen Tagesereignis. Ein lothringischer Priesterheld der grossen Revolution soll uns gerade jetzt als Muster zur Nachahmung dienen. Während meiner Predigt rief mich jemand dringend ins Pfarrhaus. Es war ein Eilbote per Rad von Dieuze- ge- kommen, der mir mitteilte, die Sicherheitspolizei suche in Dieuze und. Umgegend den polnischen‘ Geistlichen Hypolite Grzadka, der um diese Zeit seinen Landsleuten Exerzitien hielt. Die Gestapo sei nach Algrange verwiesen worden, wo- hin der Pole am Morgen abgereist wäre. Unser polnischer Kollege sass aber in der Kirche von Bönestroff. Ich liess ihn holen und bot ihm an, von Rech aus über die Grenze zu fliehen, denn damals stand unsere Recher Passeurorganisa- tion bereits in hoher Blüte. Abbe Grzadka wollte aber von Montois-la-Montagne aus die Flucht ergreifen. Meine Schwester löste ihm eine Fahrkarte bis Metz. Der Pole stieg mit Hilfe eines Eisenbahnbeamten an einer verbotenen Stelle in den Zug. Vorsicht war nötig, da die Anwesenheit eines Gestapoagenten in BEnestroff gemeldet war. Am Mittwoch fuhr ich nach Metz. Hier waren durch Ge- heimboten Briefe einiger Verhafteten angekommen. Ich selbst brachte Nachrichten von imeinem Pfarrkind Guerner, der Kaplan Lang in Nancy gesehen hatte. Alle Ausgewiesenen waren auf freiem Fuss, ein Trost für uns, da wir befürchtet hatten, sie seien in ein Konzentrationslager gekommen. Donnerstags sprachen chanoine Herrig ‚und ich beim Ober- führer Dunkern vor, der uns die Ausweisung von rund hun- dert Priestern bestätigte. Wir legten energisch Protest ein und behaupteten, es läge kein genügender Grund für diese folgenschwere Zwangsmassnahmen vor. Nach zweistündiger Besprechung machte Dunkern folgende Zugeständnisse: 1. Pfarrer Goldschmitt ist ermächtigt, den Verbannten beilebig Kleider, Wäsche und religiöse Bücher persönlich nach Nancy zu bringen; 2. Pfarrer Goldschmitt erbringt eine Liste der Ausgewiesenen, die nach Lothringen zurückkehren wollen. Eine Ueberprüfung ihrer Akten würde erfolgen. 3.- Die Ver- bannten können über ihr Vermögen zugunsten ihrer' Ver- wandten verfügen. 4. Die Angehörigen der Vertriebenen, auch ihre Haushälterinnen dürften vorläufig in den Pfarrhäusern verbleiben. Dunkern verlangte von mir, die Bischöfe von Nancy und Saint-Die zu besuchen und ihnen im Auftrag der Gestapo bekannt zu geben, dass kein Ausgewiesener eine Pfarrstelle bekommen dürfe, die nicht mindestens zehn km von der Grenze entfernt liegst. Auch die neuen Adressen der Verbannten müssen angegeben werden. Da war mir eine peinliche Aufgabe übergeben worden. Im Interesse meiner schwergeprüften Kollegen, mehr noch aus 16 Liebe zu den unglücklichen Angehörigen sagte ich zu, selbstverständlich mit dem Hintergedanken, dieser verhassten Gestapo jeden möglichen Streich zu spielen. So hatten wir wenigstens das Privatvermögen der Vertriebenen gerettet.. Freitags morgens drangen wieder zwei Agenten der Si cherheitspolizei mit gewohnter Katzenfreundlichkeit in mein Büro.« Herr Kommissar, entschuldigen Sie uns», sagte einer. süss lächelnd.« Es handelt sich um eine geringfügige Kleinigkeit. Wir suchen den polnischen Geistlichen Grzadka der sein Gepäck in Ihr Pfarrhaus niedergelegt hat. Wir erbitten von diesem Herrn nur einen winzigen Dienst, die Adresse eines seiner Kollegen.>>« O die Heuchler», dachte ich und sagte:« Gedulden Sie sich noch einige Tage. Der Pole hat sich überarbeitet. Ich riet ihm Ferien an. Am Montag morgen ist er abgereist. Sobald er bei mir vorsprechen wird, um sein Gepäck zu holen, benachrichtige ich Sie telephonisch.>> Die Beamten sahen sich die paar Habseligkeiten des Polen an und verschwanden. Ein paar Tage später schrieb mir abbé Grzadka mit falscher Unterschrift, dass er in Jarny angelangt sei. Ich liess ihm durch einen Boten mitteilen, er möge sofort im unbesetzten Frankreich verschwinden. Erst 1947 erhielt ich über den seeleneifrigen polnischen Mitbrúder folgende Nachrichten. Hypolite Grzadka ist 1910 in Lublin ge boren, 1934 zum Priester geweiht, seit 1935 Aumônier der ausgewanderten Polen in Bastide und in Algrange, 1941 aus Frankreich geflohen, ein Jahr später in Innerfrankreich verhaftet und kam Ende Mai 1943 nach Oranienburg, am Vorabend des Abtransportes von Pfarrer Seelig nach Dachau. Er starb im April 1945, kurz vor der Befreiung, im Lager von Bergen- Belsen. Am Sonntag, den 3. August 1941 hörten meine Pfarrkinder von Dieuze folgende scharfe Ansprache, deren Text nach der Befreiung gefunden worden ist. Die Ausführung dieser Predigt zeigt uns so recht die aufgeregte Seelenstimmung, die damals alle Lothringer erfasst hatte. In der Einleitung wurde das Leben des Ordensgründers Liebermann kurz erzählt. Ich sagte dann wörtlich:« Ohne mich mit Liebermann vergleichen zu wollen, darf die Behauptung gewagt werden, dass ich zur Zahl der Vielbeschäftigten und Hartgeprüften gehöre. Am letzten Montag traf mich wieder ein harter Schlag. Die Gestapo führte unsern lieben Kaplan Lang nach Nancy. Ich schäme mich nicht der heissen Tränen, und auch Sie haben geweint. Abbé Lang ist ein eifriger Priester... Im Regen und im Schnee scheute er keinen Weg, um die Pfarreien Duss, Wirtzdorf, die beiden Linden, Medard, Burga'dorf, Bessingen, Biedersdorf, Geblingen und Dommenheim zu betreuen Ehre seinem Andenken! Viele unsinnige Gerüchte tuscheln sich von Ohr zu Ohr. Ein Wort der Aufklärung ist bitter nötig. 1. Ein Wort über die ausgewiesenen Mitbrüder. Am letzten Montag erfuhr ich, dass 13 Geistliche der Umgegend aus ihren Pfarrhäusern entfernt wurden, drei aus unserm Kanton. Sofort erbat ich eine Audienz bei dem SS- Oberführer Dunkern und eine solche bei Herrn Gauleiter Bürckel... Herr Generalvikar - 17- Herrig und ich wurden von den Herren Dunkern und Foulé empfangen. Eine freundlich gehaltene Ansprache gab uns die Sicherheit, dass die Geistlichen nach Innerfrankreich abgeschoben worden sind... Wir hatten 1940 genau 893 Priester, wozu seit dem Krieg noch 70 bis 80 hinzugetreten sind. Es verbleiben uns nur mehr etwa 470... Das Los der Ausgewiesenen ist zwar hart, wir werden es aber nach Möglichkeit zu lindern suchen. 2. Das Los der Angehörigen unserer Verbannten. Heisse Tränen fliessen in unsern Pfarrhäusern. Da sehe ich im Geiste 80- jährige Priestermütter, die seit Jahrzehnten friedlich mit dem Priestersohn im stillen Pfarrhaus gelebt hatten, und jetzt ist die Mutter allein. O, das ist hart, sehr hart. Brave Priestermutter, du wirst vielleicht sterben müssen ohne den letzten Segen deines Priestersohnes. Du gleichst Maria unter dem Kreuz. Du weinst, aber du hältst aus. Gottergeben sprichst du: Herr, dein Wille geschehe! Ich sehe im Geiste Priesterschwestern, die aus Liebe zum Priesterbruder auf die Gründung einer Familie verzichtet hatten. Wie glücklich waren sie in der gottgewollten Priesterfamilie! Nun hat der Tod bei ihnen Einkehr gehalten. Die Priesterschwestern weinen und klagen. wie Maria und Martha:« Herr, wärest du hier gewesen, dann wäre der Bruder nicht gestorben.» Lazarus wird auferstehen. Auch ihr werdet euere Priesterbrüder wiedersehen. Ich sehe im Geiste viele Pfarrhaushälterinnen mit rotgeweinten Augen, mit quälender Bitterkeit im Herzen. Auch sie beten wie Pater Liebermann:« Ich verstehe die Vorsehung nicht, aber ich bete die Vorsehung an»... Und ich denke an die vielen Tausend Pfarrkinder, die nun keinen Seelsorger mehr haben. Die Glocken vieler Kirchen schweigen. Der Altar steht verwaist da wie am Karfreitag. Kein Priester mehr auf der Kanzel, im Beichtstuhl, auf dem Kirchhof, wenn die lieben Toten eingebettet werden. Mit Entrüstung weise ich den Satz zurück, der dieser Tage in Weisskirchen gefallen ist: Jetzt könnt ihr eure Toten ohne Pfarrer einscharren. 3. Wir zurückgebliebenen Priester. Die Ernte ist gross, aber der Arbeiter sind wenige. Jeder Priester, auch der altersgraue, auch der kranke, wird nun einspringen mit Mut, Vertrauen und Ausdauer. Am letzten Montag haben 40 Geistliche in Bensdorf vor dem ausgesetzten heiligen Sakrament versprochen, Missionare in Lothringen zu werden. Zählt auf uns! Wir werden auf euch zählen. Höret die Gottesdienstordnung für unsere Gegend!... Heute halte ich Gottesdienst in Duss, Wirtzdorf, Kerperich und Hesselsdorf. Kaplan Haller besorgt die Pfarreien Geblingen, Burgaltdorf, Bessingen, Biedesdorf, Dommenheim und Oberlinden. Kaplan Neu bedient Niederlinden, Gisselfingen, Güblingen, Weisskirchen und Milzingen. Jeder legt an die 30 km per Rad zurück. Wir tun es gerne. Ich schwöre vor dem Tabernakel, dass wir mit Gottes Gnade nicht wanken werden. Pater Liebermann dient uns zur Nachahmung. 4. Das Dothringische Volk. Betet für uns, wie wir für euch beten. Bleibt Jesus ,, der Kirche, und euren Priestern treu! Eltern, lehret euere Kinder nun selbst! In der Not muss manches Kind von euch selbst getauft werden, und ihr müsst die Sterbegebete am Kranken3 18. bett selbst verrichten. Gerade die christliche Mutter muss jetzt, mehr als früher, Priesterin in der Familie sein. Lasset euch darob nicht niederdrücken... Ja keine gegenseitige Verhetzungen, keine Rachegelüste. Wir Priester küssen die Hand desjenigen, der uns schlägt. Jesu Wort ist uns heilig: Tuet Gutes denen, die euch hassen.. Schluss. Der liebe Heiland möge mir verzeihen, wenn ich die Worte des heutigen Evangeliums etwas umstelle. Jesus weinte über Jerusalem. Auch ich weine über Lothringen. Armes Lothringen! Was musst du alles erdulden in diesem Krieg. Dörfer liegen in Trümmern. Lothringens Einwohner wandern auf Gottes weiter Erde, fern der lieben Heimat, fremd umher. Unsere lieben Bitscherländer haben schier alles verloren. Doch wir wollen nicht den Tadel verdienen, den Jesus über Jerusalem ausgesprochen hat, obwohl wir keine Heiligen sind. Wir wollen ausnahmslos die harte Prüfung bestehen. Im deutschsprechenden und im französischsprechenden Lothringen herrscht die Devise: Lorrains et catholiques toujours. Wir bleiben immer echte Lothringer und gute Katholiken. Wegen dieser Predigt erwartete ich ein paar Tage lang auch meine Ausweisung. Man wagte aber keine neue Aufregung im Volk, denn die Verbitterung gegen die Nazi hatte wegen der Priesterausweisungen überall in Lothringen den Höhepunkt erreicht. Nun setzte ich mich mit den Angehörigen aller Verbannten in Verbindung. Da manch Vertrauliches mitzuteilen war, lud ich sie ein, an bestimmten Tagen im Sekretariat des Bistums oder in den Pfarrhäusern von Rech oder Dieuze vorzusprechen. Hier wurde ihnen dann anbefohlen, Wäsche, Kleider und Bücher als Eilgut nach Dieuze zu schicken, Briefe und Geldbeträge aber mir persönlich auszuhändigen. Nach zwei Wochen waren über hundert Kisten in Dieuze angelangt. Dunkern wurde telegraphisch benachrichtigt, alles sei zum Abtransport bereit. Die Zollbeamten verweigerten aber das Absenden der Kisten, während die Bahnbehörde einen Waggon zur Verfügung stellte. Freitags kamen zwei Gestapobeamte zu mir. Sie hatten den Auftrag, in meiner Gegenwart und in Gegenwart eines Kaplans alle Kisten zu öffnen und eine genaue Kontrolle vorzunehmen. Sie sagten uns, dass Samstags der Waggon dem Personenzug, der nach Nancy fährt, angehängt werde und dass ich in Begleitung eines Geheimpolizisten nach Nancy mitfahren müsse. Die Zollbehörde habe überhaupt nichts hineinzuschwätzen. Die Gestapo war halt allmächtig. Kaplan Neu und ich begaben uns mit den zwei Agenten zum Bahnhof. Sämtliche Kisten mussten geöffnet werden. Während einiger Stunden zogen die Beamten einen Gegenstand nach dem andern aus den Kisten und suchten besonders nach Briefen und nach Geld. Zwei Schreibmaschinen, Photoapparate und Tabak wurden beschlagnahmt. Auf meinen Protest hin, konnten die Angehörigen diese Gegenstände wieder erhalten. Eine Schreibmaschine ist aber später nach meiner Verhaftung von der Gestapo gestohlen worden. Abbé Neu nagelte die Kisten wieder zu. Da die Kontrolleure nie 19 rückwärts schauten, schmuggelte er zahlreiche Briefe hinein. Einer der Beamten fand in zwei Kisten eine grössere Anzahl französischer Wertpapiere mit den Couponsscheinen, die zwischen den Kleidern versteckt waren. Der Mann schaute sich besonders die Zinsscheine an und fragte uns, was das denn sei. Kaltblütig lautete die Antwort:« So eine Art alter Freimarken. Die Kollegen sind wohl Sammler. Lassen Sie ihnen doch das wertlose Zeug und gönnen Sie ihnen das bisschen Pläsir. Sie haben ja schon des Leids übergenug.>> Der in Geldsachen unerfahrene Mann knurrte:« Meinetwegen!>> Da hatten wir wieder Glück. Wie hart wären die Angehörigen bestraft worden, weil sie diese Wertpapiere nicht abgegeben und obendrein noch Devisenschiebung betrieben hatten. Die Dummheit mancher Gestapobeamten ist uns nicht selten zum rettenden Blitzableiter geworden. Tags drauf hängte man den Waggon an den Personenzug und ich fuhr mit nach Nancy. Auf die Anweisung des Gestapobeamten, der mich begleitete, sollte der Waggon erst am Montag geöffnet werden. In Nancy stieg ich im Kloster der Jesuiten ab und traf dort einige ausgewiesene Kollegen. Wir beschlossen nun, während der Nacht die Kisten ins Kloster bringen zu lassen. Der Bahnhofsvorsteher flüsterte mir aber ins Ohr, dass die geheime Feldgendarmerie den Waggon abgesperrt und beschlagnahmt habe. Das war mir sehr peinlich. Wenn eine neue gründliche Untersuchung vorgenommen würde oder gar alles der Beschlagnahme anheimfiele, wird man die eingeschmuggelten Briefe und die Wertpapiere finden, vielleicht auch die vielen Tausend Franken, die in Soutanen eingenäht oder in Schuhabsätzen versteckt waren. Die Angehörigen hatten mir das Versteck angegeben, das ich den Besitzern zeigen wollte. In Dieuze waren Briefe für alle Ausgewiesenen vorbereitet worden, die ich noch Samstags bei der Post abgab. Meine Kollegen wurden darin aufgefordert, im Laufe der kommenden Woche ihre Sachen abzuholen. Während ich am Sonntag gegen sieben Uhr die hl. Messe las, kam ein Klosterdiener zum Altar und bat mich, gleich nach der Messe zu einem Auto zu kommen, das vor der Türe auf mich warte.« Verhaftet!» zuckte es mir durch das Gehirn. Wahrscheinlich hatte man den Waggon geöffnet und die Schmuggelwaren gefunden. Sorgenvoll schlich ich zum Auto. Zwei Gestapobeamte brachten mich ohne irgendwelche Aufklärungen nach Dieuze zurück. Ich solle die Stadt nicht verlassen, bis weitere Befehle aus Metz einliefen. Ich verbrachte ein paar bange Tage und musste immer wieder an die Briefe und an das Geld in dem beschlagnahmten Waggon denken. Erst am Samstag lief eine telegraphische Anordnung ein, ich solle nach Nacy fahren. Dort angekommen, fiel mir ein schwerer Stein vom Herzen. Tags zuvor waren die Kisten ohne neue Kontrolle abgeladen worden. Ich wollte nun 14 Tage bei den Kollegen bleiben, wurde aber schon am Montag morgen zum Bahnhof von Nancy gerufen. Mit gewohnter Gestapofreundlichkeit erhielt ich den Befehl, sofort nach Metz zu fahren und bei Dunkern vorzusprechen. Dort erhielt ich den Auftrag, abbé Willem zu verhören, in dessen Pfarrhaus Wein gestohlen wor 20 den war. Ich solle die Quantität und die Qualität dieses gestohlenen Weines angeben. Nun fuhr ich wieder nach Nancy zurück, wo an die fünfzig Kollegen angetroffen mir wurden. Viele gaben aber Aufträge mit, keiner stellte den ernsten Antrag wieder nach Lothringen zurückzukehren. Zweimal besuchte ich den Hochwürdigsten Herrn Bischof von Nancy und entledigte mich hier meines Auftrages. Auch in Epinal fand eine interessante Aussprache mit meinen Kollegen statt. Hier traf ich zufällig den Bischof von SaintDié. In Charmes beunruhigte mich eine aussergewöhnliche Müdigkeit mit hohem Fieber. Ich kehrte sofort nach Dieuze zurück, wo ich schwerkrank drei Wochen lang das Bett hüten musste. Dunkern erhielt erst nach meiner Genesung einen kurzgefassten Bericht. Er würdigte mich keiner Antwort Hiermit war meine delikate Mission beendet. Durch Vermittlung deutscher Bischöfe und anderer Wohltäter liefen namhafte Beträge ein, die manchen ausgewiesenen Geistlichen, besonders aber deren Angehörigen aus harter finanzieller Not retteten. Die Gestapo wollte von mir die Quelle der vielen Gelder erfahren. Die Pflicht des Berufsgeheimnisses galt als Vorwand meines energischen Schweigens. Gottlob erfuhr sie nur Ungenaues von den Summen, die per Post und durch die Bank verschickt worden waren. Was nach Innerfrankreich kam und wie die Mark in Franken gewechselt wurden, blieb ihr natürlich geheim, ansonsten wäre es mir wegen Devisenschiebung sehr schlecht ergangen. Jedenfalls hat die Ausweisungsaffäre der 101 Geistlichen mich reif für Dachau gemacht. 3. Die brutale Art der Ausweisung unserer 101 Geistlichen. Am 28. Juli 1941 standen morgens zwischen sechs und neun Uhr Autos, mit dem unheilverkündenden Wort« Pol>> neben der Wagennummer, vor vielen lothringischen Pfarrhäusern. Gestapoagenten in Zivil forderten die Geistlichen auf, in das Auto einzusteigen. Als Grund für die unerwartete Zwangsspazierfahrt galten verlogene Vorwände, wie kurzfristiges Verhör bei der Sicherheitspolizei, Teilnahme bei einer wichtigen Besprechung über religiöse Angelegenheiten, Zeugenaussagen über irgend ein unwichtiges Ereignis usw. Kleider und Wäsche brauchte man nicht mitzunehmen, meinten sie, höchstens Lebensmittel für einen Tag. Ausnahmsweise sagten aber einige wohlwollende Beamte vertraulich:« Packen Sie Kleider und Wäsche ein, denn sie kommen so schnell nicht zurück.» Manchmal betonten sehr gehässige Polizisten:<< Sie dürfen nur die Zahnbürste einstecken.» In den meisten Pfarrwohnungen erfolgten oberflächliche Haussuchungen, in einigen wenigen jedoch sehr gründliche. Das Verhör war meistens kurz und höflich. Es gab aber auch langatmige und grobkörnige Ausfragungen. Ein Pfarrer, der gerade sein Fahrrad reparierte, musste ohne Soutane und ohne irgend Gepäck in seinem sogenannten« Speckmantel»( schäbiger Ueberwurf) sofort in das Auto einsteigen. Die Geistlichen wurden in drei verschiedene Zentren gebracht. Im Hof des Schlosses Bertrange fanden sich 14 Prie 21 ster aus der Gegend von Thionville ein, in der Kaserne Tivoli bei Queuleu deren 47 aus der Gegend von Metz, Forbach und Boulay und schliesslich 38 vor einem Jagdschloss, mitten im Wald, unweit des Dorfes Héming. Zwei Geistliche folgten erst später. An diesen Sammelplätzen mussten alle Verhaftete ihr. deutsches Geld abgeben, und jeder bekam 2000 Francs. Ein Gestapochef hielt eine Ansprache und liess jedem die Wahl, nach dem Osten oder nach Innerfrankreich ausgewiesen zu werden. Sämtliche Herren protestierten gegen die Vertreibung, mehr noch gegen die brutale Art der Verhaftung und verlangten, im Bistum bleiben zu können, da sie nur mit Genehmigung der bischöflichen Behörde ihre Pfarreien verlassen dürften. Als man auf diese Erklärungen kaum eine Antwort gab, wählten selbstverständlich alle Priester Innerfrankreich als Verbannungsort. a) Die Gruppe von Bertrange. Kurz vor Mittag näherte sich in Bertrange ein SS- Chef in Uniform den Verhafteten. Ein Unteragent schrie:« Sich sofort der Grösse nach aufstellen! Die Arme hängen lassen! Hut in rechte Hand nehmen! Stramm stehen! Abzählen!»> Der Unteragent trat vor seinen Chef und meldete:« Vierzehn Geistliche aus Diedenhofen zum Transport angetreten.» Der Offizier stellte sich vor seine Gefangene in Positur, schaute diese von oben herunter verächtlich an und hielt im Brüllton folgende Rede:« Vor Monaten schon hat Gauleiter Bürckel allen Lothringern Gelegenheit gegeben, nach Frankreich auszuwandern. Sie haben diese Gelegenheit nicht benutzt, im Gegenteil, Sie haben unsere Güte und unsere Hochherzigkeit nur missbraucht. Sie waren zu schlau, zu feige, zu hinterlistig. Sie haben Ihren Aufenthalt in Lothringen benutzt, um das Volk gegen uns aufzuhetzen, um geheim gegen uns zu arbeiten. Ein solches Verhalten verdient die Todesstrafe. Allerdings haben Sie Ihr Ehrenwort nicht gegeben. Sie werden aber selber einsehen, dass hier Ihr Bleibens nicht mehr ist. Heute noch, sofort, werden Sie Lothringen verlassen. Sie können den Osten Deutschlands wählen. Wie weit die Reise dorthin geht, weiss man heute noch nicht, bis zum Ural und vielleicht noch weiter. Sie können auch Frankreich wählen. Ein jeder marschiere jetzt an mir vorbei und wird mir sagen, wohin er ausgewiesen werden will. Wir lassen Sie nicht als Bettler fortgehen. Ein jeder bekommt hundert Mark Besatzungsgeld, das Sie drüben wechseln können. Abbé Michel Stenger aus Basse- Ham erbat höflich das Wort, was genehmigt wurde und sagte:« Ich weiss überhaupt nicht, was man mir vorwirft. Sollte ich für Sie ein Verbrecher sein, dann möchte ich mich verteidigen. Ist dies im neuen Reich nicht mehr gestattet?» Die Antwort lautete: « Nein!» Nachdem alle passiert waren und Innerfrankreich gewählt hatten, rief der Chef:« Von diesem Schloss ist 1918 de reichsdeutsche Besitzer verjagt worden. Auch Sie werden jezt vertrieben und zwar nach Nancy.( Eine Lüge). Die fran fösische Regierung ist von Ihrer Ankunft benachrichtigt.( Wieder eine Lüge). Den letzten Teil der Reise werden Sie in Zug - 22zurücklegen.( Nochmals eine Lüge). Alle einsteigen. Hut abnehmen. Die Plätze vorn, hinten und an den Fenstern dürfen nicht besetzt werden.>> Die 14 Verbannten stiegen ein, ebenso auch 12 Gestapoagenten, die ihre Plätze so wählten, dass man von Aussen keinen Geistlichen sehen konnte. Das Autokar fuhr über Illange, Thionville, Hayange, durchquerte Verdun und hielt, ein km von der Stadt entfernt, in einem kleinen Wäldchen. Ein Polizist rief:« Die Herren sind am Ziel angelangt. Sie sind jetzt frei und können hingehen, wohin es Ihnen beliebt. Kommt ja nicht mehr nach Lothringen oder Deutschland zurück, sonst werden Sie nicht mehr so nett und bequem wegbefördert werden, wie heute.>> Wortlos verliessen alle Priester den Wagen, atmeten leichten Herzens auf, gingen zum Bahnhof von Verdun, hatten gerade einen günstigen Zug und kamen gegen halb sechs Uhr in Nancy an, wo sie im Studentenheim der Jesuiten freundliche Aufnahme fanden. b) Die Gruppe der Tivolikaserne. Hier waren nach und nach 47 Priester eingeliefert worden, die gegen Mittag folgende Ansprache hörten:« Am 23. November 1940 sagte Gauleiter Bürckel, dass keine Ausweisungen mehr stattfänden. Jeder Lothringer müsse aber an der Gestaltung Grossdeutschlands mitarbeiten, auch aus Lothringen machen, helfen, was es sein wird. Sie haben Ihr Priesteramt missbraucht und sind Verräter am deutschen Volk geworden. Sie haben in Lothringen Uneinigkeit gestiftet. Sie haben es nicht begriffen, dass es eine Ehre und eine Gnade ist, Deutscher zu sein. Deshalb sind Sie nicht mehr würdig, das Amt als Pfarrer in Grossdeutschland auszuüben. Sie bleiben keine Stunde mehr in Lothringen. Geben Sie sofort all Ihr deutsches Geld ab! Dafür erhalten Sie 2000 Francs. Das deutsche Volk ist nobel. Es setzt Sie nicht mittellos in der Fremde ab..> Einer der Herren legte Protest ein und musste sich dafür, wie ein Schuljunge, in eine Ecke stellen. Sämtliche Herren stiegen in zwei Autobusse ein. Die Reise ging über Montigny, Novéant nach Nancy. Im Cours Léopold, vor dem Haupteingang des Kollegs Saint- Sigisbert, stiegen sie aus. Einer der Agenten sagte:« Sie können im besetzten Frankreich bleiben oder in das unbesetzte weiterreisen. Sie dürfen aber nie wieder nach Lothringen zurückkehren.» Die Geistlichen erwiderten lachend:« Auf Wiedersehen!»> Wortlos stiegen die Polizisten in die Wagen und fuhren ab. In der Nähe liegt das Studentenheim der Jesuiten, wo diese Nancyergruppe mit jener von Verdun vorläufig verblieb. Der Bischof von Nancy befand sich gerade bei den Exerzitien im Kloster vom Berge Sion, kam sofort nach Nancy, begrüsste die Verbannten herzlich und hab ihnen Anstellung als Seelsorger in seinem Bistum. Auch der Generalvikar von Nancy nahm sich der Heimatlosen liebevoll an. Der Préfet des Departements stellte ihnen freigebigst die materielle Hilfe der Organisation« Secours National» zur Verfügung, die von Privatleuten ergänzt wurde. Dieses allgemeine Entgegenkommen 23 - war lindernder Balsam für die schweren Wunden der grausamen Vertreibung aus der lieben Heimat. Abbé Georges Stenger, Pfarrverweser in Moyeuvre- Grande, wurde vom Hochwürdigsten Herrn Bischof von Nancy zum Vertreter aller im Bistum Nancy angestellten Flüchtlinge bezeichnet. c) Die Gruppe des Jagdschlosses von Héming. Stundenlang spazierten die Herren vor dem Schloss auf und ab. Warum wählte man diese stille Einsamkeit mitten im Walde?« Wir werden wohl hier erschossen?» tuschelte es sich von Ohr zu Ohr. Erst gegen zwei Uhr kommandierte ein Gestapobeamter:« Sich dem Alter nach aufstellen!» Als erster stand Pfarrer Albert von Kalhouse, schon 81 Jahre alt. Nun hub der Gestapochef, Lauer mit Namen, zu einer<< grossen»> Rede an, war aber, wie man es ihm ansah, sehr geniert, vor so vielen Geistlichen eine imponierende Rede halten zu müssen. Er begann:« Meine Herren! Sie hatten neun Monate Zeit, das Naziregime kennen zu lernen. Trotz der grossn Güte unseres Gauleiters Bürckel haben Sie sich als störender Faktor für den Wiederaufbau Lothringens erwiesen.» Abbé Demmerlé aus Zetting unterbrach;« Bitte, Tatsachen angeben zu wollen!>> Lauer, mit Ruhe, ohne sich beleidigt zu fühlen, aber mit donnernder Feldwebelstimme, sichtlich froh, an seiner schlecht vorbereiteten Rede so billig vorbeigekommen zu sein:« Kurz, wollen Sie nach Deutsch- Ost oder nach Frankreich?>> Die 38 Priester und viele Wachtmänner bestiegen zwei mit roher Leinwand umhangene Autocars. Unterwegs konnten die Geistlichen protestieren, sticheln, ja Witze reissen, ohne dass die sonst so ungeschliffene geheime Staatspolizei grob geantwortet hätte. Sie hatte bestimmt scharfe Anweisungen erhalten, sich korrekt zu verhalten. Aus den vielen eingelaufenen Berichten geben wir nur jenen des Pfarrers Julien Freund. Er schreibt:« Ich wurde nach meiner Messe mit einem recht lauten« Heil Hitler!» begrüsst, worauf ein herzliches « Grüss Gott!» folgte. Der Besucher hielt mir sein Ausweispapier mit der Inschrift unter die Nase:« Geheime Staatspolizei, Nr. 220.» Ein zweiter Agent meldete sich mit den Worten: « Wir müssen Sie nach Salzburgen bringen.» Das war eine Lüge. Im Waldschloss von Héming entwickelte sich folgendes Zwiegespräch, ein netter Beitrag zur Psychologie der Gestapo. Der Agent:« Haben Sie die Reden des Gauleiters gehört?»> Der Pfarrer:« Welche Rede? Jene vom Tage des Einzuges in Metz habe ich gehört und gelesen.»> Der Agent:« Die Reden, sage ich, nicht die Rede.>> Der Pfarrer:« Ja, ich habe etliche gehört.>> Der Agent:« Etliche... so... Na, da haben Sie auch gehört, dass der Gauleiter betonte, dass jedes hemmende Element beim Wiederaufbau von Lothringen nicht in diesem Land, bleiben darf. Ihr Benehmen dem deutschen Volk gegenüber war und ist eine Hemmung. Wollen Sie nach Polen oder nach Frankreich?»> Er DA Der Pfarrer:«Ich habe nicht zu wählen. Ich muss in Lothringen verbleiben. Was habe ‚ch verschuldet?» Der Agent:«Das nachzuweisen, würde zu lange dauern.. Scheren Sie sich weg! Sie kommen nach Frankreich.» Der Pfarrer:«Für all mein Hab und Gut, das ich zurück- lassen muss, zahlen Sie mir nur 2000 Fr. Und Sie sperren die Juden als Wucherer ein.» Es erfolgte keine Antwort. Die beiden Autokars langten spät nachmittags am Bahn- hof von Epinal an. Die 28 Verbannten waren hier buchstäb- lich aufs Pflaster gesetzt worden. Was anfangen? Wohin gehen? Keine Ausweispapiere! Keine Lebensmittelkarten! Keine Wäsche! Nur 2000 Fr.! Welch unsichere Zukunft! Die 38 Sou- tanen zogen naturgemäss die Aufmerksamkeit der Leute an. Fragen wurden gestellt. Da drang von der Stadt her eine Gruppe deutscher Feldgendarmen gegen den Bahnhof. Flugs zerstreuten sich die Vertriebenen. Ein Kaplan von Epinal ver- wies seine heimatlosen Mitbrüder in das Kolleg Saint-Joseph der Stadt. Hier wurden alle mit dem grössten Entgegenkommen aufgenommen. Sie waren jetzt wenigstens unter Dach. Hart, sehr hart- gestalteten sich die paar ersten Wochen, bis aus Lothringen Kleider und Wäsche ankamen. Der Hochwürdigste Herr Bischof von Saint-Die wies nach und nach allen lothrin- gischen Priestern Seelsorgerstellen an. Erzpriester Berthel von Sarreguemines war ihr Vertreter beim Bischof von Saint-Die. 4. Kurzberichte über die einzelnen Ausgewiesenen. 1.-Adam Fernand, Ordenspriester, Pfarrer in Abreschwäiler, fand Anstellung in Claudon und ist. heute wieder in seinem Oblatenkloster-/ 2, Adam Jean, 1884 in Etzling geboren, Pfarrer in Coche- ren, wirkte in Saizerais und Rosieres. Bei seiner Verhaftung in Cocheren sollte Adam, nach Ansicht der Gestapo, über den ergiebigen Fund ihrer so gross angelegten Haussuchung, statt spöttisch zu lächeln, eher am ganzen Leib wie Espenlaub er- zittern, denn die hohen Herren entdeckten zwei staatsgefähr- liche Geheimdokumente,. nämlich das bekannte Buch «Cathrein, der Sozialismus» sowie einen Zeitungsartikel der «Westmark», der besagt, Minister Hess sei in einem Augenblick voller Geistesumnachtung‘nach England geflogen. Der arme Cathrein musste unverzüglich dem Feuertod überliefert wer- den. Was die Gestapo mit dem in allen deutschen Zeitungen erschienenen Presseartikel vorhatte, entzieht sich unserer Kenntnis. Wusste denn die Geheimpolizei nicht, dass seit dem Flug des Ministers Hess nach England selbst Reichsdeutsche einen neuen Refrain zu dem bekannten Englandlied sangen. Nach den Worten:«Leb wohl, mein Schatz, denn wir fahren, ‘ denn wir fahren, denn wir fahren nach Engeland», folgte jetzt die Strophe:: «Und fährst du mal nach Engeland, dann bist du gleich ’verrückt genannt.» Wir fahren... wer immer so noch weiter- singt, kein Pardon gibt’s, Herr Himmler ihn nach Dachau bringt.» N ge Ren 3. Albert Jean, 1903 in Volmerange- Boulay geboren, Pfar- rer in Maizieres-les-Metz. Während der hl. Messe gründliche Haussuchung. Das alte Mütterlein und die Schwester waren während dieser Zeit in einem Zimmer eingesperrt. Nach dem Gottesdienst erklärte die Gestapo dem Pfarrer:«Sie be- nehmen sich wie ein wahrer Volksaufwiegler, betreiben deutsch- feindliche Wühlarbeit, haben sich an der Flucht junger Lothrin- ger beteiligt und beachten in keiner‘ Weise die Massnahmen der Behörde.» Durch die rastlosen Arbeiten im Pfarrerdienst und in der Widerstandsbewegung völlig erschöpft, war abbe Albert ein Jahr lang zur völligen Ruhe verurteilt, die er zum Teil im Kurort Bains-les-Bains verbrachte. Von hier floh er über Spanien nach Marokko und machte den Feldzug in Alge- rien, Italien, Deutschland und Oesterreich mit. Heute ist er Pfarrer in Porcelette. 4. Albert Michel, 1862 in Vahl-Ebersing geboren, Pfarrer in Kalhouse, wohnte bei seinem Neffen in Nancy und kehrte nach Kalhouse zurück, wo er am 14. Juni.1945 starb. 5. Allmang Joseph, Ordensmann, Pfarrer in Heming, wirkte anfänglich im Bistum Saint-Die, konnte nach Nord- afrika entkommen, wo er als Armeegeistlicher den Feldzug mitmachte. Heute ist er wieder in seinem Oblatenkloster. 6. Becker Joseph, 1908 in Welferding geboren, Kaplan in Bitche, wirkte in Plombieres und in Ruaux und ist jetzt Pfarrer in Thicourt. 7. Bentz Gerard, 1910 in Metz geboren, Pfarrer in Dornot, nach Saint-Maxe bei Nancy umgesiedelt, wo er am 8. Januar 1943 starb. 8. Berain Robert, 1905 in Lesse geboren, Kaplan in Thion- ville, wurde Domvikar in Nancy'ınd ist jetzt in Ibigny. 9. Berthel Eugene, 1888 in Haspelschied geboren, Erzprie- ster und Ehrendomherr in Sarreguemines, war Religionsleh- rer in Epinal, musste von hier fliehen, half an verschiedenen Stellen in der Seelsorge aus, wirkt heute wieder in Sarregue- mines und erhielt wegen seiner. Verdienste um die ausgewie- senen Kollegen den Titel Ehrendomherr von Saint-Die. 10. Berviller Emile, 1884 in Brettnach geboren, Pfarrer in Hoste-Haut, versah im Exil: einige Pfarreien und ist heute wieder in Hoste-Haut. 11. Bolzinger Louis, 1880 in Brettnach geboren, Pfarrer in Lutzelbourg, kam nach Hudiviller und starb im Exil am 25. September 1944. 12. Bour Joseph, 1895 in Saint-Avold geboren, Pfarrer in Petite-Rosselle, wirkte in Azerailles und ist wieder in Petite- Rosselle. 13. Brunagel Henri, 1896 in Reyersviller geboren, Pfarrer in Maizieres-Vic, versah zwei Pfarreien im Bistum Saint-Die und ist jetzt in Berviller. 14. Christ Nicolas, 1889 in SBetting-Waldwisse geboren, Pfarrer in Basse-Yutz, wurde nach Heudecourt umgesiedelt, war auch Professor| in Bar-le-Duc und ist wieder in der Hei- matpfarrei. 26 15. Clausse, Marcel, 1889 in Puttelange- Farschviller geboren, Pfarrer in Oberstinzel, wirkte als Hausgeistlicher in einem Spital, als Professor im bischöflichen Seminar und half als Seelsorger in verschiedenen Dörfern aus. Schlimme Tage erlebte er in La Houssière, wo von März 1944 ab bis zur Befreiung 50 Personen von den Deutschen erschossen wurden oder durch die Granaten der Amerikaner ums Leben kamen. Dankerfüllt spendet unser Flüchtling, wie übrigens alle vertriebenen Lothringer, den Einheimischen wohlverdientes Lob für die liebevolle Aufnahme. Abbé Clausse ist wieder in seiner Heimatpfarrei. 16. Gustave Cordonnier, 1900 in Lelling geboren, Pfarrer in Hauconcourt, verblieb bis anfangs September bei den Jesuiten in Nancy, siedelte in das Bistum Autun um, erhielt eine Stelle aus Hausgeistlicher in einem Spital in Chalon- sur- Saône und sollte dann eine Pfarrei verwalten, welche durch die Demarkationslinie in zwei Teile zerlegt war. Ein Lothringer konnte hier unmöglich wirken. Heimatlos und ohne Geld wanderte der Flüchtling nach Lyon, blieb eine Zeitlang hier Vikar und kam als Pfarrer in die Berge nach Vercors, das tausend Meter über dem Meeresspiegel liegt. Schwerkrank geworden, musste abbé Cordonnier in ein Spital nach Grenoble eingeliefert werden und erhielt nach der Genesung die Seelsorgestelle in einem kleinen Dorf. Mutterseelenallein schaute der viel Umhergehetzte oft mit brennendem Heimweh, aber auch mit hoffnungsfroher Zuversicht über die hohen Berge nach dem fernen Lothringen, wo er jetzt in Rimling angestellt ist. 17. Cuny Julien, 1904 in Solgne geboren, Pfarrer in Rezonville, war bis zur Befreiung in Ozerailles und ist heute wieder in seiner Heimatpfarrei. 18. Demmerlé Aloys, 1893 in Etting geboren, Pfarrer in Zetting, war in Frenelle und ist jetzt wieder in Zetting. Auch er betont mit Dankbarkeit die liebevolle Aufnahme während des Exils. 19. Dreydemy Robert aus Val- de- Guéblange, Pfarrer in Moyeuvre- Petite, wirkte in einigen Pfarreien, auch als Professor in Bar- le- Duc und wurde Militärgeistlicher in Nancy. Heute versieht er dasselbe Amt im besetzten Deutschland. 20. Emel Jean, 1870 in Bérig- Vintrange geboren, Erzpriester in Réchicourt, war aumônier in einem Spital, ist heute wieder in der Heimatpfarrei und Ehrendomherr unseres Bistums. 21. Etzlinger Lucien, 1913 in Sarreguemines geboren, Pfarrer in Mécleuves, war Kaplan in Nancy. 22. Fabing Auguste, 1888 in Rolbing geboren, Hausgeistlicher im Asyl von Lorquin. Die Gestapo hatte ihn bereits sechsmal mit ihrem« hohen» Besuch beehrt. Nun lebte er in Ruhe als Spitalgeistlicher in Lamarche, auch als Pfarrer in. zwei Dörfern. Heute ist er in Lengelsheim. 23. Foedit Joseph, 1880 in Metz geboren, Priestersakristan in Metz, ward Pfarrer in Thorey, versieht heute wieder sein Amt und erhielt den Titel Ehrendomherr unseres Bistums. 27— 24. Frantzen Joseph, Redemptoristenpater, übte die Seel- sorge in Jouy-aux-Arches aus, wanderte von Nancy nach dem Bistum Langres und ist jetzt wieder in seinem Kloster. 25. Frechein Maurice, 1913 in Knutange geboren, Kaplan in Rombas, war Vikar in Maxeville und ist heute in Moyeuvre- Petite. 26. Freund Joseph, 1887 in Lutzelbourg geboren, Pfarrer in Vilsberg, fand Anstellung in Rehaupal und ist wieder in Vils- berg. 27. Freund Julien, 1910 in Lutzelbourg geboren, Pfarrer in Lucy, kam als Kaplan in die Pfarrei Val d’Anjol, wo er mit grossem Erfolg in der Widerstandsbewegung arbeitete Er wagte eine geheime Rückkehr nach Lutzelbourg, entwich wie- der nach Innerfrankreich, schmachtete zwei Monate im Ge- fängnis von Besancon und kam schliesslich nach Paris, wo er unter dem falschen Namen Rene Lang blieb, wurde aber steck- brieflich gegen eine Belohnung von 50.000 Francs gesucht, konnte jedoch ungestört in Paris vom 23. August 1944 ab, Bar- rikadenarbeiten besorgen und ist heute in Schoeneck. 28. Frey Emile, 1916 in Conthil geboren, Kaplan in Nil- vange, war Vikar in Lune&ville und Pfarrer in Maubec(Tarn- et-Garonne) und ist heute in Chambrey. 29. Frommholz Pierre, Ordensmann, war in Fontoy an- gestellt, fand Unterkunft in Margency(S.-et-O.) und befindet sich wieder in seinem Kloster. 30. Guldner Jean, 1910 in Merten geboren, Pfarrer in Sere- mange. Er wurde in seiner innerfranzösischen Pfarrei Ban-de- Sept mit feierlichem Glockengeläute empfangen, drei Wochen lang kostenlos in einem Restaurant trefflich verpflegt und in einem behaglich möblierten Haus untergebracht. Die Gestapo verhaftete hier seine Schwester, deren grausiges Schicksal an anderer Stelle zur Sprache kommen wird. Abbe Guldner ist heute in Lagarde. 31. Hanne Joseph, 1914 in Beauregard geboren, Pfarrer in Saint-Julien, erhielt eine Anstellung in Velaine und ist in Heining. 32. Harter Jean, 1896 in Ham-sous-Varsberg geboren, Pfar- rer in Nilvange, blieb eine Zeitlang im Bistum Nancy, war Seelsorger in der Vienne und ist jetzt Erzpriester in Vic. 33. Hellard Leon, 1913 in Buhl geboren, Kaplan in Al- grange, im Exil Vikar in-Nancy, wurde hier am 7. Oktober 1943 verhaftet, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, im April 1945 durch die Russen befreit und kehrte nach Algrange zurück. 34. Holzer Henri, 1902 in Nilvange geboren, Pfarrer- in'Chä- teau-Rouge, floh bis zur Grenze von Spanien, wo er in der Seel- sorge blieb. Heute ist er wieder in seiner ehemaligen Pfarrei. 35. Humbert Jules, 1893 in Ottange geboren, Pfarrer in Loudrefing, kam schwerkrank in Epinal an, wirkte in Saint- Jean, starb aber schon in Epinal am 20. September 1941. 36. Ichtertz Louis, 1911 in Bettviller geboren, Kaplan in Stiring-Wendel, war zuerst Kaplan in Nancy, wanderte dann in die Haute-Savoie, wo er sich besonders in Megere um Werke a or der katholischen Jugendorganisation viele Verdienste erwarb. Er ist heute Pfarrer in Hilsprich. 37. Jacobs Adolphe, 1913 in Petite-Rosselle geboren, Kaplan» in Uckange, wurde Pfarrer in Sandaucourt und ist jetzt in Marienau. 38. Jaeger Joseph, 1899 in Walscheid geboren, Pfarrer in L’Höpital, war bei Pont-a-Mousson angestellt und ist jetzt in Dabo. 7 39. Jeannaire Andre, 1913 in Metz geboren, Kaplan in Al- grange, versah bis Oktober eine Kaplanstelle in Nancy und sollte mit seinem Kollegen Hellard verhaftet werden. Er befand sich aber gerade in den Exerzitien, floh unter falschem Namen in ein Trappistenkloster der Orne, wo er bis zur Befreiung blıeb. Heute ist er in Lemoncourt. 40. Kapps Lucien, Ordensmann der Väter vom hl. Geist, half in Phalsbourg aus, kam als Kaplan nach Charmes und ist jetzt wieder in seinem Kloster. 41! Karleskind Jean-Baptiste, 1882 in Langatte geboren, Pfarrer in Brouderdorff, war in Ser&court und ist heute wieder in seiner Heimatpfarrei. 42. Karp Jean-Pierre, 1889 in Diebling geboren, Pfarrer in Kerprich, war in Thiefosse und ist jetzt in Ormerswviller. 43. Kenel Pierre, 1883 in Bettborn geboren, Pfarrer in Mit- tersheim, wirkte in Dombasle und ist wieder in Mittersheim. 44. Kieffer Nicolas. 1883 in Creutzwald geboren, war in Jezainville und ist jetzt in Aboncourt. 45. Kiffer Philinpe, 1913 in Kuntzig geboren, Pfarrer in Retonfey, kam in die Vienne und in die Rhöne und ist jetzt in Hunting. 46. Kihl‘ Victor, 1913 in Henriville geboren, Kaplan in Hayange, wurde. Vikar jin Jarny und Pfarrer bei Verdun und ist heute in Malaucourt. 47. Klein Alphonse, 1912 in Breidenbach geboren, Pfarrer in Woippy, erfuhr von einem Gestapoagenten, dass er aus gewiesen werde, durfte zwei Koffer mit Wäsche mitnehmen, war Professor in Marseille und ist heute Professor in Bitche. 48. Klein Georges, 1905 in Spicheren geboren, Pfarrer in Val-de-Gueblange, bekam von der Sicherheitspolizei die freund- liche Einladung zu einer zweitägigen Reise auf Staatskosten, blieb bis zur Befreiung Professor in Epinal und ist heute zum Erzpriester von Saint-Avold avanciert. Mit kühnem Mut gelang ihm während des Exils ein Besuch in Val-de-Gueblange. Heer) Koch Alfred, 1908 in Farebersviller geboren, Pfarrer in Viviers, wirkte in Domevre und ist heute in Torcheville. ‚50. Kohler Georges, 1912: in Algrange geboren, Kaplan in Maizieres-les-Metz, sollte schon 1940 ausgewiesen werden, war aber damals abwesend. Er konnte in Tivoli hurtig 400 Mark verstecken, wirkte in Nancy als Professor, sammelte dort als Passfälscher für französische Kriegsgefangene und lothringi- sche Wehrmachtdeserteure viele Verdienste und ist heute Professor im Kolleg von Bitche. 29 51. Kratz Lucien, 1892 in Egueishardt geboren, Pfarrer in Bourgaltroff, wurde im Mai 1941 eingesperrt und vor Gericht freigesprochen. Er war Pfarrer in Millery und starb in Eting am 6. August 1946. 52. Kreicher Julien, 1902 in Rochonvillers geboren, Pfarrer in Hayange, war Professor in Nancy und in Paris und ist heute Aumônier im Metzer Lyzeum. 53. Krebs Jean, Herzjesupater, wurde als Kaplan von Amnéville ausgewiesen, blieb in Nancy und ist jetzt Pfarrer in Innerfrankreich. 4. Kremer Jean, 1882 in Haling geboren, Pfarrer in Adelange, blieb vorübergehend in Nancy, kam über Angers in das Bistum Langres, wo er in Cirey glückliche Jahre verlebte. In seinem Kanton, der 17 Pfarreien zählt, waren nur vier Geistliche und ein 82jähriger Erzpriester. Da fehlte es nicht an Arbeit. Heute ist abbé Kremer wieder in Adelange. 55. Krummenacker Charles, 1903 in Arzviller geboren, Pfarrer in Aspenhübel, durfte bei der Verhaftung nicht einmal eine angesagte Ehe einsegnen. Die Gestapo versicherte ihm, er könne dies noch am selbigen Tag tun, blieb aber bis zum 19. September 1945 in einigen Pfarreien des Kantons Badonviller und schliesslich in Vézelise. Da hätte das Brautpaar lange warten müssen! Heute ist abbé Krummenacker Pfarrer in L'Hôpital. 56. Lagrange Jean, 1883 in Helstroff geboren, Pfarrer in Courcelles- sur- Nied, wirkte in Briey, kehrte in seine Heimatpfarrei zurück, wo er am 17. April 1946 starb. 57. Lagrange Auguste, 1904 in Lixing- lès- Saint- Avold geboren, Pfarrer in Hagondange- Ville, war durch einen glücklichen Zufall am Tage der Ausweisung im Elsass. Die Gestapo nahm in seiner Wohnung eine gründliche Haussuchung vor, und einer ihrer Agenten schrie beim Fortgehen:«< Den werden wir dennoch kriegen!» Für die Nazi war abbé Lagrange ein schlimmer Störenfried, weil er französischer Offizier ist und mit den Kindern französisch sprach. Lagrange konnte nun nicht mehr in Lothringen bleiben. Mit Erlaubnis der bischöflichen Behörde floh er nach Tunesien, wo er sich als Aumônier der elsass- lothringischen Flüchtlinge viele Verdienste erwarb. Der Erzbischof von Karthago übertrug ihm auch das Amt des Generalaumôniers der französischen Scouts in Nordafrika. Nach der deutschen Landung in Tunesien flohen sämtliche Elsässer und Lothringer nach Algerien. Die Wehrpflichtigen traten in die Armee de Gaulles ein. Abbé Lagrange machte als Capitaine- Chef den Feldzug in Algerien, Korsika, Italien und Frankreich mit. Heute ist er wieder in seiner Heimatpfarrei. 58. Lang Alois, 1913 in Brettnach geboren, Kaplan in Dieuze, war Pfarrer in Thuillières, wo die berühmte Tänzerin und Büsserin Eve Lavallières lebte und auch gestorben ist. Heute ist abbé Lang in Lutzelbourg. 59. Langenfeld Jean- Pierre, 1902 in Erbsenthal, geboren, Pfarrer in Hultehouse, war Kaplan in Saint- Dié und ist jetzt in Audun- le- Tiche. BEN a 60.-Leichtnam Nicolas, 1906 in Breidenbach geboren, Pfar- rer in Bechy, war in Laitre angestellt und ist heute in Sanry. 61. Lenz Jean, 1908 in Algrange geboren, Pfarrer in El- vange, war in Igney und Baslieux und ist heute wieder in Elvange.} 62. Losson Ernest, 1899 in Longeville-les-Saint-Avold ge- boren, Pfarrer in Creutzwald. kam nach Flirey und ist jetzt wieder in seiner Heimatpfarrei.’ 63. Mathis Francois, 1907 in Niedwelling geboren, Pfarrer in Freistroff, wirkte in Saint-Etienne und in anderen Dörfern, wo sich die Einwohner äusserst vornehm gegen ihn zeigten Heute ist er wieder in Freistroff. 64. Mathis Joseph, 1913 in Hundling geboren, Pfarrer in Norroy, blieb bis August 1943 Kaplan in Nancy, wo die loth- ringischen Deserteure in ihm einen treuen Helfershelfer fan- den. Als die Gestapo nach ihm fahndete, gelang die Flucht ins unbesetzte Gebiet. Später wurde er Professor in Epinal, musste abermals das Heil durch die Flucht suchen und ist jetzt Pfarrer in Arraincourt.- 65. Martinel Amede, 1882 in Landroff geboren, Pfarrer in Vibersviller, wirkte in verschiedenen Dörfern eines reizend sehönen Tals, die zu den drei Bistümern Besancon, Saint-Die und Nancy gehören. Hier herrscht in der Bevölkerung noch echt katholischer Geist und christliches Zusammengehörig- keitsgefühl, was unser Verbannter doppelt angenehm empfand, ist ja seine Heimatpfarrei zu zwei Drittel protestantisch. Wäh- rend fast vier Jahren war abb&e Martinel recht glücklich, ver- standen es ja seine Pfarrkinder, ıhm den Balsam des Trostes und steter Hilfsbereitschaft ins heimwehkranke Herz zu träufeln. 66. Mayer, Henri, Ordenspriester, Pfarrer in Cuvry, wirkte in Paris und ist jetzt wieder in seinem Kloster. 67. Mersdorf Pierre, 1912 in Petite-Rosselle geboren, Pfar- rer in Gelucourt, wurde Seelsorger in La Houssiere und ist heute in Saint-Jean-Kourzerode. 68. Meyer Alphonse, 1898 in Langatte geboren, Erzpriester in Bouzonville, war’ Klostergeistlicher in den Basses-Pyrenees und übt heute dasselbe Amt im Mutterhaus der Schwestern von Peltre. 69. Moll Henri, 1901 in Oberdorff geboren, Pfarrer in Ma- range-Silvange, war Seelsorger in Hatrize und ist jetzt in Algrange. 70. Monnard Gustave, 1885 in CEting geboren, Pfarrer in Mittelbronn, wirkte bei Audun-le-Roman, Kehrte heim und starb in Herange am 26. Dezember 1946. 71. Mourer Victor, Ordenspriester, Pfarrer in Benestroff, kam nach Attigeville, schmachtete sechs Monate im Gefängnis von Nancy und kehrte in sein Kloster zurück. 72. Muckensturm Joseph, der bekannte Schlappenpater, 1900 in Mertzviller geboren, von seinem Kloster Zinswald ver- trieben, Kam nach Thaon, wurde hier verhaftet und ist jetzt_ wieder in Zinswald. el 73. Müller Louis, 1891 in Sarralbe geboren, Pfarrer in Orny, verwaltete die Gemeinde Valhey und ist jetzt wieder in Orny 74. Nassoy Georges, 1909 in Louvigny geboren, Pfarrer in Noveant, war Aumönier in der Isere und in der Haute-Savoie. Heute ist er Religionslehrer in Metz. 75. Noblet Joseph, 1908 in Mittelbronn geboren, Pfarrer in Pierrevillers, wurde verhaftet, als er zu einer Schwerkranken eilen wollte. Die Gestapo verbot ihm die Ausübung seiner hei- liesten Pflicht am Krankenbett mit den rohen Worten:« Die kann ohne Priester sterben.» Abb& Noblet versah die Gemein- den Trieux und Bettainvillers. Er ist heute wieder in seiner Heimatpfarrei. 76. Noirel Edouard, 1899 in Malancourt geboren, Pfarrer in Sainte-Marie-aux-Chenes, versah die Dörfer Manginne, Pillon und Villers in der Meuse. Heute ist er Pfarrer in Saint-Martin Metz. 77. Parmentier Hubert, 1877 in Hochfelden geboren, pen- sionierter Pfarrer in Xovaxange, wohnte in Blämont und ist wieder im Ruhestand in Xouaxange. 78. Pennerath Justin, 1902 in Barst geboren, Oblatenpater Pfarrer in Lettenbach bei Raon-l’Etappe angestellt, hier ver- haftet und am 25. November 1944 im Wald von Gaggenau er- schossen. 79. Pinck Leon, 1892 in Lemberg geboren, Pfarrer in Clou- ange, wirkte bei Longwy und ist wieder in Clouange. 80. Regler Joseph, 1912 in Saint-Jean-Kourtzerode geboren, Pfarrer in Avricourt, war Professor in Bosserville und versieht heute dasselbe Amt im Seminar von Montigny. 81. Reesch Casimir, Redemptorist, Kaplan in Seremange, war Pfarrer in der Haute-Marne und ist wieder in seinem Kloster. 82. Roth Joseph, 1911 in Roppeviller ‚geboren, Pfarrer in * Marthille, ward Professor in Epinal, wurde von der Gestapo geschnappt und am 25. November 1944 im Wald von Gaggenau erschossen. 83. Schaeffler Pierre, 1910 in Haute-Yutz geboren, Pfarrer in Ennery, kam als Seelsorger nach Menil und Bouvron. Trotz scharfer Ueberwachung blieb er Leiter der katholischen Ak- tion für den Kanton Toul. Heute ist abb&e Schaeffler Aumönier der christlichen Landjugend. 84. Scheffer Dominique, 1910 in Sarraltroff geboren, Pfar- rer in Failly, war Kaplan in Nancy und ist heute in Kerbach. 85. Schieser Valerius, 1914 in Biberkirch geboren, Pfarrer in Landange, verwaltete die Dörfer Hadigny und Rehaincourt. Letzteres wurde von den Deutschen angezündet, nachdem fast alle Männer nach Deutschland abgeschoben worden waren, wo die meisten ums Leben kamen. Heute ist abb& Schieser Pfarrer in Fribourg. 86. Schittly Georges, 1911 in Diane-Capelle geboren, Pfar- rer in Ranguevaux, wanderte von Nancy nach der Aube, wohnte lange in Castelnaudary, wurde Pfarrer in Lalande und ist heute in Marspich, a : 87. Schmitt Lucien, 1915 in Kirschnaumen geboren, Pfarrer in S&court, war bei Luneville angestellt und ist jetzt in Malling. 88. Schmitt Robert, 1883 in Fenetrange geboren, Pfarrer in Rombas. Am Tage der Ausweisung wollte er eine Beerdigung vornehmen und erhielt. die feste Versicherung, bestimmt um 11 Uhr zurück zu sein, verblieb jedoch vier Jahre Spitalgeist- licher in Nancy und ist wieder in Rombas. 89. Schumacher Jean-Pierre, 1887 in Freyming geboren, Pfarrer in Veschheim, kam indie Gemeinde Trieux und ist wieder in Veschheim. 90. Seelig Jean, 1904 in Merlebach geboren, Pfarrer in Am- neville, war Seelsorger in Hussigny, wo er im November 1941 wieder verhaftet wurde und über viele Gefängnisse den Weg nach Dachau fand. Heute ist er Pfarrer in Beauregard. 91. Soutter Joseph, 1909 in Schneckenbusch geboren, Pfar- rer in Vigy, wirkte in Bertrichamps und versieht jetzt Scy. 99. Steichen Nicolas, 1911 in Zoufftgen geboren, Kaplan in Audun-le-Tiche, bekam verschiedene Stellen im Bistum Nancy, schliesslich die Pfarrei Blainville, wo er als Kommunist(sic) verhaftet wurde,«da er den Führer und die deutsche Armee angegriffen hätte». Zuerst sass Steichen 14 Tage lang in Nancy hinter Schloss und Riegel, sodann bis zum 28. Oktober 1943 im Gefängnis von Chälons-sur-Marne, wo sich die französi- schen Wärter sehr vornehm zeigten. Nach einer sechsmona- tigen Haft kehrte er nach Blainville zurück und ist heute in Remeling. 93. Stenger Georges, 1897 in Sarreinsberg geboren, Pfarrer in Moyeuvre-Grande, erhielt die Pfarrei Maxeville, wurde hier am 19. März 1943 verhaftet, kam am 4. September 1943 nach Buchenwald und am 7. Januar.1945 nach Dachau. Heute ist er Direktor ‚der Katholischen. Aktion sowie Ehrendomherr unseres Bistums und der Diözese Nancy. 94. Stenger Michel, 1892 in Troisfontaines geboren, Pfarrer in Basse-Ham, versah bei Baccarat zwei Pfarreien, erlebte schwere Tage, als die Deutschen Dörfer anzündeten, Männer Ele und in Lager verschleppten. Heute,ist er. in Henri- orff. . 95. Stricher Jules, Redemptorist, Pfarrer in Sorbey. Unser Pater war im Buch der Nazi sehr schwarz angeschrieben. In einer Annexe verblieb nach der Ausweisung des Jahres 1940 nur der Landwirt Fournier. Am 24. Juli 1941 wurde auch dieser Patriot in das Metzer Gefängnis eingesperrt und verstarb dort nach drei Monaten. Die Lehrerin zerriss vor den Kindern in der Schule das Hitlerbild und floh. Die Kinder sangen und beteten nur in lateinischer Sprache. Pater Stricher hielt den Katechismusunterricht stets französisch. Statt« Heil Hitler» lautete der Gruss:« Gelobt sei Jesus Christus!» Sämtliche Wehrmachtpflichtige hatten Reissaus genommen. Bei der Ver- haftung konnte Stricher noch schnell einige Passeurbriefe ver- stecken, warf auch die Sonntagskollekte lieber in den Abort als das Geld den Naziräubern zu geben. Als in Nancy ein Erz- priester aus der Haute-Marne ausgewiesene lothringische Priester suchte, meldete sich Stricher und versah dort neun 33 Pfarreien im Umkreis von elf Kilometern. Vieles Gute konnte zustandekcmmen. Durch persönlichen Kontakt, Hausbesuche und Exerzitien ist das religiöse Leben auch bei der Männerwelt geweckt worden. Eine Jacistengruppe entstand. Die rastlosen Arbeiten und das freundliche Verhältnis zu den Pfarrkindern waren für den Flüchtling eine stets sprudelnde Quelle des Trostes. Pater Stricher verliess den liebgewonnenen Zufluchts- ort erst am 22. Juni 1945 und ist wieder in seinem Kloster. ı 96. Thiry Joseph, 1908 in Cappel geboren, Kaplan in Bit- che, Ordensmann, blieb bei seinen Kollegen Becker in Ruaux, schlich sich anfangs 1945 durch die Frontlinie nach Bitche, wurde hier verhaftet, sah Dachau und ist heute wieder in seinem Kloster. 5 97. Wagner Eustache, 1890 in Bettviller geboren, Pfarrer in Vigny, versah verschiedene Pfarreien in priesterarmen Ge- genden, zelebrierte jeden Sonntag dreimal und ist heute in Liocourt.- 98. Weber Jean-Pierre, 1883 in Wiesviller geboren, Pfarrer in Lengelsheim, war Spitalgeistlicher in Bruy£res, ist heute im Ruhestand, Generalrat, Officier d’Academie und Officier de l’Instruction publique. 99. Weber Louis, 1869 in Boulay geboren, Pfarrer in Rening und Ehrendemherr, war bereits am 20. Februar 1915 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden, stand demnach auf der schwarzen Liste. Bei seiner Verhaftung am 28. Juli 1941 flun- kerte d’e Gestapo von einem Verhör in Sarrebourg, weshalb Domherr Weber gleich mitging, obwohl er seit zwölf Stunden nichts gegessen hatte. Auf die höfliche Bemerkung des Pfar- rers, der Chauffeur habe einen falschen Weg eineeschlagen, folgte die Antwort im Schnauzton:« Maul halten!» Als der 72jährige Priestergreis in Epinal ankam, war er seit 24 Stunden nüchtern und hatte nicht die geringste Wäsche bei sich. Durch einen Arbeiter erhielt er tags darauf ein Hemd und ein Taschentuch. Chanoine Weber war zehn Monate lang Aumö- nier in Charmes, verlangte am 20. November 1941 brieflich von Bürckel den Grund seiner Ausweisung, worauf am 15. Sen- tember die Antwort erfolgte, in der Schulchronik von Rening wäre unter dem Datum des 17. November 1918 der Satz ein- getragen:«Die letzten Deutschen haben unser Gebiet ver- lassen, Vive Ja France!» Die Rückantwort lautete, dass der Lehrer die Schulchronik und der Pfarrer die Pfarrchronik ver- fasse. Erst am 16. April 1942 lief von der Sicherheitspolizei der Entscheid ein:« Rückkehr nicht gestattet!» Am 5. Mai kam jedoch ein eingeschriebener Brief an, diesmal von Bürckel, des Inhaltes:« Rückkehr genehmigt!» Am 5. Juni 1942 verbot ihm die Gestapo von Chambrey das Ueberschreiten der Grenze, obwohl alle Papiere in Ordnung waren. Nach telephonischer Rücksprache des Pfarrers mit der Metzer Gauleitung langte nach einer halben Stunde der Befehl ein:« Der Herr ist sofort nach der Heimat zu entlassen!» Mir sagte gelegentlich Ober- führer Dunkern:«Reden Sie mir nie wieder von Ludwig Weber. Er ist unser Erzfeind.» Dunkern besass nämlich die im Jahre 1917 gedruckten Akten des für ein deutsches Kriegs- gericht beschämenden Urteils vom 20. Februar 1915, Der. Fall 34 des Pfarrers von Réning ist ein interessanter Beitrag zur Psychologie der Nazigeheim polizei. 100. Welferinger Joseph, 1915 in Contz- les- Bains geboren, Kaplan in Morhange, versah eine Kaplanstelle in Lunéville, war vom 1. Oktober 1944 bis April 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern und ist heute Aumônier de l'Enfance in Metz. 101. Willem Alex, 1899 in Insming geboren, Pfarrer in Scy. Die Gestapo verhaftete ihn in der Sakristei, stahl ihm 500 Mark und« schenkte» ihm dafür 2.000 Francs. Er wirkte zuerst in Herbéville und seit Oktober 1941 in Verdenal. Hier tobten die Kämpfe zwischen den Deutschen und den Amerikanern zwei volle Monate lang. In den Kellern erduldeten die armen Leute Unsägliches. Vier Männer wurden von der Feldgendarmerie festgenommen und kamen ums Leben. In die Gegend von Sarrebourg vertrieben, fanden die Flüchtlinge freundliche Aufnahme. Nach der Befreiung kehrte Willem nach Verdenal zurück und verblieb hièr bis zum August 1945. Heute ist er Aumônier im Sainte- Chrétienne- Kloster, Metz. 5. Die Nazipresse und die Ausweisung der 101 Geistlichen. Die Massenausweisung lothringischer Geistlichen löste im Volk eine sehr scharfe Verbitterung aus. Ueberall hörte man furchtlose öffentliche Proteste. Man sprach von der Deportation aller Lothringer nach dem Osten. Die Erntearbeit stockte. Vereinzelte Sabotageakte kamen vor. Wehrmachtpflichtige flohen rudelweise über die Grenze, selbst ältere Leute und ganze Familien. Man wollte lieber Haus, Hof, Acker, Mobiliar und die liebe Heimat im Stich lassen, als das zentnerschwere Nazijoch noch weiter zu tragen. Zur Beschwichtung und Einschüchterung der aufgeregten Gemüter liess Gauleiter Bürckel bereits drei Tage nach der Verschleppung unserer Geistlichen am 31. Juli 1941 im Metzer Bergbausaal wieder eine« grosse»> Rede los. Wie gewöhnlich waren fast nur Reichsdeutsche und einige lothringische Feiglinge anwesend. Bürckels Ansprache, die Pressekommentare und des Gauleiters Erlass wimmeln von Schmeicheleien für die Kollaborateure, von Drohungen gegen die Widerspenstigen und von grobkörnigen Lügen. Bürckel gab sich besonders Mühe, die Arbeiter und die Bauern gegen den Klerus aufzuhetzen. Einige Auszüge zeigen uns die hässliche Nazifratze: Ich habe mich stets als guten Kameraden gezeigt, meinte Bürckel, mache nur Säuberungsarbeit gegen hartnäckige Sonderlinge, gegen die Wühlmäuse, die sich durch Hetzereien und Gerüchtemachen ausserhalb der lothringischen Volksgemeinschaft stellen. Mein Appell geht an jene, die guten Willen haben, sich einzuordnen. Ich werde mit aller Sturheit das Deutschtum verteidigen. Dieser Gau muss und wird ein kerndeutscher Gau werden. Wer in Zukunft Opposition macht, wird nach Osten abgeschoben. Die Hetzer sind ein kleiner Klüngel Saboteure, eine unbelehrbare Klique, rücksichtslose Menschen aus den« besseren» Kreisen. Arbeiter und Bauern fügen sich. Mit den andern werden wir schon fertig... 35- Ueber diese Pfarrerklique ging nun Bürckel scharf ins Gericht, indem er unter anderm sagte: Ich erinnere an die aufwieglerische Tätigkeit gewisser Pfarrer, die ihr seelsorgliches Amt zur politischen Hetzarbeit missbrauchen, was zur Staatsfeindlichkeit und zur offenen Anarchie führt. Geistliche zeigen hasserfüllte Abneigung gegen die Deutschen. Der Pfarrer von Neuburg( Novéant) predigte bewusst französisch und sang gar in der Kirche:« Herr, rette Frankreich!» Der Pfarrer von Kalhouse sah auf der Kanzel ein Mädchen mit einem deutschen Hakenkreuzabzeichen auf den Kleidern. Da unterbrach der Pfarrer seine Predigt und rief dem Mädchen zu:« Weg mit dem Abzeichen!»> Und er setzte erst seine Predigt fort, als das Abzeichen verschwunden war. In Deutsch- Oth kam ein Kind in den Katechismusunterricht und grüsste mit« Heil Hitler!>> Der Kaplan schrie das Kind an:« Stell deinen Hitler in die Ecke, setz dich und bete.» Bürckel schrie in den Saal hinein: « Ich werfe hier die Frage auf, ob ein Pfarrer, der französisch predigt, oder der, um nicht deutsch predigen zu müssen, lateinisch predigt, hier an der Grenze noch möglich ist?>> Die Versammlung rief:« Nein, nein!>> Das Schwindelmanöver Bürckels gegen den Klerus soll an einem Beispiel besonders in helles Licht gesetzt werden. In einem Pressekommentar der« Metzer Zeitung am Abend>> schrieb ein J. H. einen Artikel mit der Ueberschrift:« Saubere Reihen» unter anderm folgendes:« In Hochschloss( Ennery) entwickelte sich eine Prozession( die Zensur hat ein Wort gestrichen, wohl« katholisch») in eine de Gaullekundgebung mit Absingen französischer Lieder. Mit dieser Lügenmeldung wollten die Nazi das Wegschleppen des Pfarrers Schaeffler von Ennery begründen. Was war geschehen? Die angedeutete Kundgebung fand in einer Wirtschaft des Dorfes Ay statt, wo junge Leute von Ennery die Anrempelung eines Nazi mit dem Absingen der« Madelon» und der« Marseillaise» beantworteten, worauf alle Manifestanten festgenommen, nach Metz geführt und mit ihren Angehörigen nach Innerfrankreich umgesiedelt wurden. Abbé Schaeffler hat mit der Kundgebung von Ay gar nichts zu tun. Allerdings beruht eine andere Behauptung gegen den Geistlichen auf Wahrheit:<< Sie sind in der Gegend das Rückgrat der Opposition», denn abbé Schaeffler war für die zurückgebliebenen Einheimischen aller Dörfer zwischen Metz und Guénange monatelang der einzige Seelsorger und wirkte besonders im Kanton Vigy, wo er mit den Lothringern französisch sprach. Warum nicht diesen wahren Grund angeben und mit Verleumdungen gegen den Klerus hetzen? Der Naziantichrist wütete halt besonders gegen den katholischen Klerus. Blinder Religionshass war die Haupttriebfeder der Ausweisung gewesen. Unsere Dachauer Kameraden des Münchener Kommandos« Freimann» sahen oft genug folgenden Vers in grossen Buchstaben: << Wann wird der Menschheit Heil geschaffen? Wann wird die Welt zum Licht geführt? Wenn mit dem Darm des letzten Pfaffen Der letzte Jud erdrosselt wird!>> 36 Als der hl. Chrysostomus verbannt wurde, schrieb er folgende beherzigenswerte Worte:« Viele Wogen, furchtbare Stürme! Aber wir fürchten nicht, dass wir zugrunde gehen; denn wir stehen auf einem Felsen. Das Meer mag toben: diesen Felsen wird es nicht zerstören. Der Sturm mag heulen: Christi Schiff wird nicht versenkt werden. Was sollen wir fürchten den Tod? Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn. Die Verbannung:. Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt. Der Verlust der Güter? Wir haben nichts in die Welt gebracht, wir werden auch nichts aus ihr hinausnehmen, O Sterblicher, der du die Kirche bekämpfst, strecke deine Waffen, damit du nicht deine eigene Kraft vernichtest. Was du tust, das heisst gegen den Himmel anstürmen. Mögen die Wogen heranbrausen, mag das ganze Meer sich mir entgegenstürmen, mag der Zorn der Herrscher entbrennen: das alles fürchte ich weniger als Spinnengewebe.>> Der Elsässer und der Lothringer, ob Geistlicher oder Laie, hat die Waffen im Kampf gegen die Nazi nicht gestreckt und dem<< Heil>> zugerufen, der ein Fluch für die Welt geworden ist. Priester und Volk hatten nicht das Hakenkreuz statt Christi Kreuz getragen und sind lieber in die Verbannung gezogen, wie die Hunderte Priester Ende 1940 und die 101 Priester am 28. Juli 1941. Sie hatten ihre Knie nicht vor dem Naziantichristen gebeugt, und so sind sie Sieger geworden. « Es steht das Kreuz, so lange die Erde sich bewegt.» Heute müssen die Nazi die jahrtausendalte Erfahrung auch machen, dass sie am Kampf gegen Gott zugrundegegangen sind. - 37 DER BISCHOEFLICHE KOMMISSAR. Nach der Vertreibung der 101 lothringischen Geistlichen am 28. Juli 1941 setzte sich der Kampf des Naziunterdrückers gegen die Lothringer unvermindert fort. Einige interessante Fälle mögen der Nachwelt überliefert werden. 1. Kühne Taten. - In der Kirche von Rech stehen die Statuen der hl. Jeanne d'Arc und des hl. Königs Louis. Einst liess ein Beamter des Wiederaufbaus in meiner Abwesenheit meine Schwester in die Kirche kommen und schrie sie an:« Die hier kenne ich, die Jungfrau von Orléans. Die muss hinaus. Was ist denn das für ein König dort, ihr gegenüber?» Spöttisch antwortete meine Schwester:« Das wird wohl der Mann von der Jungfrau von Orléans sein.» Nun brüllte der Nazi noch lauter: « Dann muss er auch hinaus, und zwar sofort.» Am andern Tag kam es zwischen diesem Bilderstürmer und mir zu einem scharfen Zusammenstoss. Beide Statuen blieben unberührt. Vor der Kirche von Rech steht eine Lourdesgrotte aus Beton. Eines Tages wurden vom Wiederaufbau einige lothringischen Arbeiter mit einer Bohrmaschine zu diesem Denkmal geschickt. Mir gab der reichsdeutsche Chef der Arbeiter den Befehl, die Statuen zu entfernen, denn die Grotte würde dem Erdboden gleichgemacht werden. Da stellte ich mich auf die erste Stufe der Grotte und rief:«< Die Bohrmaschine geht zuerst durch meinen Leib, dann erst durch die Grotte. Wer von Euch Lothringern wagt es, das Heiligtum zu vernichten?>> Kein Mensch bediente die Bohrmaschine. Mit der Drohung meiner baldigen Verhaftung wegen Aufwiegelung zum Generalstreik verschwand der Nazi. Die Lourdesgrotte steht heute noch an ihrer Stelle. Allerdings rissen die Nazi das Schutzdach weg. Durch Regen und Schnee haben die Statuen sehr gelitten, sind jetzt aber auch wieder in Ordnung. Der gewissenlose Kreisleiter von Château- Salins, Gauweiler mit Namen, liess anfangs 1941 die Geldschränke aus den Pfarrhäusern der im Herbst 1940 vertriebenen Pfarrer öffnen, sogar wegschleppen. Das Geld der Kirchenfabriken, erwiesenermassen auch Messtipendien, war bald verschwunden. Immer und immer wieder forderte ich die Zurückerstattung dieser Gelder und drohte sogar mit Anzeige beim Vatikan. Der endlosen Reklamationen müde, erklärte mir der Stadtkommissar von Dieuze, sichtlich beschämt:« Das Geld ist abhanden gekommen.» Er übergab mir nur etwas Kleingeld, das nach seiner Aussage noch vorgefunden worden wäre. Alles übrige ist verprasst worden. Gauweiler hatte in einem Hotel der Stadt Château- Salins mit seinen Gesinnungsgenossen« Fress- und Saufabende» organisiert, was mir der Verwalter des Hotels selbst erzählte. Gauweiler ist Ende Februar 1941 spurlos verschwunden. Gerüchteweise soll er erschossen worden sein. Jedenfalls hat das unnachgiebige Verhalten der Lothringer in Sachen der Coffres- forts zum Sturz des verhassten Gauweiler beigetragen. 38 Nach einer strengen Vorschrift mussten die Speicher entrümpelt werden. Wehe, wenn dort ein Kontrolleur auch nur einige Fetzen Papier fand! Aus heillosem Respekt vor meinem Gönner, SS- Oberführer Dunkern, wagte es aber kein Mensch ,. in Dieuze unter das Dach meines Pfarrhauses hinaufzusteigen. So war es möglich, die vielen hundert Bände der Dieuzer Pfarrbibliothek unter die Ziegel zu verstecken. Auch die äusserst wertvollen Archive der Stadt Dieuze standen auf dem Aussterbeetat. Diesen« französischen Plunder» hatte man bereits zum Teil in Körben kunterbunt zusammengetragen. Die Herren Rouzet und Henri Scherrer von Dieuze, auch Fräulein Demange, Angestellte im Rathaus, halfen mit, diese bedrohten Archive zu retten. Die flüchtig ningeworfene Drohung eines Berichtes an Dunkern bewog den Dieuzer Stadtkommissar Spilger, all den« französischen Plunder» unangetastet zu lassen. Als einmal der Oberförster von Dieuze die zum Luftschutzdienst angetretenen Lothringer wegen schlechter Haltung beim Appell mit« Saubaufen» anredete, meinte dieser gehässige Nazi auf meinen Protest hin, die Ausdrücke mit« Sau» trügen keinen beleidigenden Charakter. Das mag stimmen, denn der Deutsche hat« saumässig» viele Redensarten, die an das weibliche Borstentier erinnern. Der Deutsche bezeichnet nämlich seine grossen Erfolge mit« Sauglück», sein Pech mit dem Ausruf:« Das ist unter aller Sau!», unterhält sich auch mal schwitzt << säuisch»>, beschimpft seine Gegner mit<< Saukerle», wie eine<< Sau», schreit wie eine« gestochene Sau»>, liebt das geflügelte Wort« kannibalisch wie 500 Säue fressen»; und mancher Professor wird beim Lesen dieses lang geratenen Satzes« sauwild» ausrufen:« Stilistisch betrachtet, ist das ganze eine<< Sauerei>>. Anfangs 1941 wurde in der Kirche von Dieuze vor der eigentlichen Predigt folgendes« Hors- d'œuvre» aufgetischt, auf die unsere Lothringer jeden Sonntag gespannt waren. Die Ansprache begann:« Gestatten Sie mir eine ernste Bemerkung über ein bedauerliches Vorkommnis, das in jedem Kulturmenschen die tiefste Entrüstung auslösen sollte. Dieser Tage kam ich zufällig auf unsern Judenkirchhof und sah mit Entsetzen, dass Denkmäler umgestürzt, Grabsteine weggerissen, ja sogar zum Teil zerschlagen worden sind. Unser gemütvolle Dichter Uhland singt so schön:« Am Ruheplatz der Toten, da pflegt es still zu sein. Man hört nur leises Beten bei Kreuz und Leichenstein.» Es widerstrebt mir die Annahme, dass eine solche abscheuliche Grabschändung auf das Konto der kulturell so hochstehenden Deutschen gesetzt werden könnte. Uebrigens sieht das deutsche Strafgesetzbuch für Grabschändung Gefängnis ver. Als Urheber der Schandtat kommen wohl nur Ausländer in Betracht. Sollte ein Zuhörer die Grabschänder kennen, möge man mir vertraulich die Namen angeben, damit die Gestapo sofort energisch eingreifen kann.» Jedermann wusste, dass die Gestapo diesen Vandalismus selbst angeordnet hatte. Ich fuhr in meiner Ansprache fort:« Bedauerlicherweise hat ein fataler Kurzschluss in der Synagoge dieses schöne Gotteshaus zerstört. Ist es Zufall oder von der Vorsehung 39 gewollt, dass der Stein mit den eingemeisselten zehn Geboten Gottes unversehrt auf der Vordermauer stehen geblieben ist? Jedenfalls ruft uns die Ruine die Worte des Meisters zu: << Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.>> Nach dem Gottesdienst sagte mir ein Arbeiter aus Köln: « Wenn in Deutschland ein Pfarrer eine solche Bemerkung über die Judenverfolgungen gewagt hätte, wäre er sofort nach Dachau gekommen. Doch Sie sind halt bei der Gestapo Hahn im Korb. Recht haben Sie. Nur feste druff!>> Der Metzer Bischof Heriman schenkte im Jahre 1086 der Abtei Vergaville das Dorf Arlange mit einer Wallfahrtskapelle. Dorf und Kapelle sind durch Kriegsereignisse des 14. Jahrhunderts in Schutt und Asche gesunken. Nur das Gotteshaus und ein Hof entstanden wiederum aus den Ruinen. Bereits vor 800 Jahren zog dieses Waldheiligtum grosse Menschenmassen an, und auch jetzt noch nimmt es alljährlich am Pfingstmontag viele Pilger auf. In den beiden Kriegsjahren 1941 und 1942 versammelten sich am Pfingstmontag über 500 französischsprechende Einheimische und auch mindestens 200 Bitscherländer in Arlange, wo eine feierliche Messe gesungen und Predigten in beiden Sprachen gehalten wurden. Der 65jährige apostolische Vikar Monseigneur Disse hatte sich fast zwei Jahre lang mir als Kaplan zur Verfügung gestellt und arbeitete in aller Demut mit heiligem Eifer wie ein junger Vikar. Im Krieg steht oft alles auf dem Kopf. Ein apostolischer Vikar in violetter Soutane war Hilfskaplan geworden und fuhr Sonntags, wie auch an den Werktagen, auf dem Fahrrad von Dorf zu Dorf. Prälat Disse ist ein geborener Musiker. In Arlange leitete er den Gesang. Welch ein Trost für die franzö sischsprechende Bevölkerung, hier in der Waldeinsamkeit, fern der Nazispitzel, französische Ansprachen, französische Lieder und französische Gebete zu hören! Da fühlten wir alle, mehr als sonst, Lorrains, Français, catholiques toujours zu sein. Heute noch erinnern mich einstige Wallfahrer von Arlange an die schön verlebten Stunden. Vor einiger Zeit sagte mir ein Bitscherländer:« Wissen Sie noch, Herr Pfarrer, wie Sie mal in Arlange uns so recht aufgemuntert hatten, als sie in den Wald heineinriefen: Nur den Mut nicht sinken lassen, liebe Bitscherländer! Der Führer sorgt für Euch. Hitler weiss ja alles, wie die Zeitungen es so oft behaupten. Vor kurzem noch betonte er ganz energisch, dass nach dem baldigen Endsieg das tausendjährige Nazifriedensreich beginnen wird. Also tausend Jahre lang gibt es keinen Krieg mehr. Da man Euch jetzt aus Eurer Heimat entfernt hat, um in Euern Dörfern einen riesengrossen Exerzierplatz zu schaffen, ist dieses Manövergelände nach dem Endsieg ganz und gar überflüssig. Was soll man denn damit anfangen, weil es tausend Jahre lang keinen Krieg mehr gibt? Da brauchen wir keine Soldaten mehr und auch keinen Exerzierplatz. Ihr kommt also alle wieder heim. Der Führer hat's gesagt, und dabei bleibt es.>> Gelegentlich des Fronleichnamsfestes wurde bei einem Altar deutsch und bei dem andern französisch gepredigt. Manch einer wischte sich eine Träne ab, als die Worte zu ihren 40 Ohren drangen:« Wir wollen jetzt beten für Ihre Landsleute; die in Südfrankreich wohnen und heute mit besonderem Heimweh ihre Gedanken nach Dieuze richten. Sie denken an uns, und wir denken an sie. Wir werden uns wiedersehen. Das ist unsere feste Hoffnung. Sie werden wiederkommen.>> .:) Bischof Sebastian von Speyer weilte im Mai 1941 drei Tage bei uns in Dieuze. Wir bereiteten ihm einen glänzenden Empfang. In beiden Sprachen wurde ihm zugejubelt. Auf der Kanzel bedauerte er, nicht französisch predigen zu können und bat mich, an seiner Stelle, den französischsprechenden Katholiken seinen Dank zum Ausdruck zu bringen. Wir waren alle ergriffen, als unser Künstler Jean Scherrer auf der Emporbühne Melodien französischer Lieder der Orgel entlockte. Ohne darauf vorbereitet zu sein, begannen zuerst die Kinder diese Lieder zu singen, und bald durchbrausten die begeisternden französischen Gesänge unsere altehrwürdige Kirche. Die Dieuzer erlebten wieder eine schöne Stunde, wie es früher vor dem Krieg gewesen war. Offiziell reklamierte niemand. SSOberführer Dunkern war ungewollt unser Retter, da ja ein strenges Verbot den Gebrauch der französischen Sprache untersagte. Die Gemahlin eines reichsdeutschen Professors schien ob der französischen Predigten, mehr noch wegen der französischen Gesänge Krämpfe bekommen zu haben. Sie << Wie protestierte einmal bei mir gegen diesen« Unfug». lange wollen Sie denn noch französisch predigen?» fragte sie. In aller Ruhe bekam sie die Antwort:« Unsere Einheimischen geben sich Mühe, deutsch zu lernen. Doch Lessing hat schon gesagt:« Deutsche Sprack, schwere Sprack.» Die Erfahrung lehrt, dass drei Generationen verschwinden müssen, bis die Muttersprache endlich verschwunden ist. In hundert Jahren hören Sie kein französisch mehr in Duss. Gedulden Sie sich bis dorthin<>> Jean- Martin Moye, in Cutting am 27. Januar 1730 geboren, bis 1783 Missionar in China, ist der Ordensgründer der Schwestern der göttlichen Vorsehung von Portieux, die ihr lothrin-, gisches Mutterhaus in Saint- Jean- Bassel haben. Seine Schwester schenkte ihm ein grösseres Anwesen in Cutting, in dem abbé Moye ein Noviziat einrichtete. Die Revolutionswirren vertrieben den eifrigen Priester nach Trier, wo er am 4. Mai 1793 im Rufe der Heiligkeit starb. Dieses Noviziat überlebte die stürmischen Revolutionszeiten. Das Klostergebäude wurde 1870 umgebaut und im Jahre 1925 neu restauriert. Das Geburtshaus des ehrwürdigen abbé Moye dient als Kapelle. Bis zum Einmarsch der Nazi in Lothringen wirkten hier drei, vier Schwestern. Sie leiteten die Mädchenschule des Ortes und waren Krankenpflegerinnen für Cutting und Umgegend. Gauleiter Bürckel hob 1941 die lothringischen Klöster auf. Da aber Cutting so weit von jeder Stadt entfernt liegt, schienen die Nazi das Schwesternhaus von Cutting vergessen zu haben. So wäre es wohl auch geblieben, wenn nicht durch Zufall der Führer des Nazifrauenbundes von Château- Salins, Wentz mit Namen, in seinem Auto durch das Dorf gefahren wäre und bei der Besichtigung des Hauses im Garten herrliche Mirabellen in überaus grosser Menge festgestellt hätte. Ohne viel 41- Federlesens sagte er den Schwestern, sie sollten sich eine andere Wohnung suchen oder abreisen. Haus und Gärten würden der Beschlagnahmung anheimfallen, um hier ein Heim für ausgebomte Reichsdeutsche einzurichten. Ein paar Tage spä ter fuhr dieser vorlaute Wentz abermals mit einem Auto ins Schwesternheim und zwar mit zwei Frauen. Ohne weiteres luden sie ein grösseres Quantum der nach seiner Ansicht schon beschlagnahmten Mirabellen auf. Die Oberin sprach nun bei mir vor und erhielt die Aufforderung, ihr Kloster nicht freiwillig zu verlassen. Sie solle auf meine Verantwortung hin, nur der Gewalt weichen, ja, sich und die Mitschwestern auf die Strasse hinauszerren lassen. Die energische Oberin nahm diesen Vorschlag begeistert an und sagte es dem Nazichef Wentz. Zur Verhütung eines Skandals, mehr noch aus Angst vor meinem« Beschützer» Dunkern, musste nun dieser gehässige Wentz an mich heranrücken, wagte aber nicht einmal, persönlich vorzusprechen, sondern wollte mich am Telephon mit seiner Grosschnautze einzuschüchtern suchen. Da kam er aber schlecht an. Ehrendomherr Bolzinger, Pfarrer in Cutting, weilte zufällig gerade bei mir zu Besuch und wohnte als Zeuge meiner ferndrahtlichen Erklärung bei. Ein Glück für den Nazi, dass kein Fernsehapparat nebenan stand, sonst hätte dieser Wentz durch unser spöttisches Lachen noch mehr Herzklopfen bekommen. Ich sagte: Es sei mir mitgeteilt worden, dass ein Beamter der NSV- Organisation von Salzburgen mit einem Auto, in dem zwei Frauen sassen, also ausserhalb des Dienstes, Obst in Cutting weggenommen hätte. Wentz solle den Namen dieses Untergebenen feststellen lassen. Der Garten sei doch Privateigentum. Uebrigens dürfe nach ausdrücklicher Vorschrift Obst nur für Wehrmachtszwecke beschlagnahmt werden. Es wäre meine Pflicht, nachzuforschen, ob tatsächlich die Mirabellen die gesetzliche Verwendung gefunden hätten. Herr SS- Oberführer Dunkern wäre so zuvorkommend gewesen, mich zu bitten, ihm sämtliche Misstände und Verfehlungen der Unterbeamten sofort dienstlich zu melden. Das gute Verhältnis zwischen Staat und Kirche dürfte nicht durch die Schuld einiger untergeordneter Beamte leichtfertig getrübt werden. Inbetreff der Ausweisung der Krankenpflegerinnen aus dem Heim und der Beschlagnahmung des Gebäudes würde ich durch den Kreisleiter einen Bericht an das Berliner Innenministerium richten, falls man sich an dem Kloster von Cutting vergreifen sollte. Was musste Wentz am Telephon ein dummes Gesicht gemacht haben, denn er selbst hatte das Obst gestohlen und bangte um meinen Bericht an den gefürchteten Gestapochef Dunkern. Er wurde am Telephon ganz kleinlaut und versprach mir eine baldige mündliche Besprechung im Pfarrhaus von Dieuze. Wie vorausgeahnt, liess sich Wentz nie sehen. Unterdessen ging an den Kreisleiter von Château- Salins ein Brief mit folgendem Inhalt ab: das Schwesternhaus von Cutting gehört zu den historisch berühmten Gebäuden Lothringens. Es ist das Geburtshaus des weltbekannten Missionars Moye, über den viele Bücher verfasst worden sind, unter anderm ein klassisches Werk von Georges Goyau, Mit 42 glied der französischen Akademie, das zu übersetzen ich den festen Willen habe. Abbé Moye wird voraussichtlich in Bälde selig gesprochen werden. Die Weltpresse wird von ihm und seinem Geburtsort reden, und es werden auch bestimmt Wallfahrten nach Cutting organisiert werden. Deshalb muss in jedem Fall das Noviziat des ehrwürdigen Missionars Moye und sein Geburtszimmer, das als Kapelle dient, erhalten bleiben. geErfreulicherweise bringt der Nationalsozialismus den schichtlichen Gebäuden stets grosses Interesse entgegen. Der Herr Kreisleiter möge daher seinen grossen Einfluss geltend machen, damit die Entweihung dieses uns katholischen Lothringern hoch verehrten Hauses für immer unterbleibe. Ich trage die volle Ueberzeugung, dass mir das Berliner Innenministerium im äussersten Fall einen wohlwollenden Entscheid zukommen lassen wird, denn das Haus steht ja den Bombengeschädigten zur Verfügung. Die Schwestern pflegen auch die kranken und verletzten Ausgebombten und können im Dorf und Umgebung weiterhin ihr hehres Amt als Krankenpflegerinnen ausüben, was schliesslich der Anordnung des Gauleiters Bürckel entspricht, der ausdrücklich vorgeschrieben hat, dass krankenpflegende Ordensschwestern nicht ausgewiesen werden dürften. Der Kreisleiter von Château- Salins gab keine Antwort. Das Schwesternhaus blieb aber gerettet. Nach meiner Verhaftung schwoll der Kamm des Nazifrauenchefs Wentz wieder. Während der zwei letzten Kriegsjahre wollte er öfters die Kapelle sowie das ganze Haus zu unwürdigen Zwecken umgestalten. Er fand jedoch Widerstand bei der bischöflichen Behörde und auch bei der Klosterverwaltung in Saint- Jean- Bassel. Die damalige Generalsekretärin und nunmehrige Generaloberin der Kongregation, Schwester Elisabeth, setzte den heimtückischen Intriguen des NSV- Helden Wentz einen ebenso klugen wie energischen Widerstand entgegen. Ein Umbau unterblieb. Den Schwestern wurde kurz vor Kriegsschluss eine anständige Wohnung zugewiesen. Das Kloster ist mit der Kapelle genau so erhalten, wie es 1939 gewesen war. Wie immer wieder auch die gewöhnlichen Bauernführer dem Klerus Schwierigkeiten zu bereiten suchten, zeigt folgende Antwort des Kreisleiters von Château- Salins an mich: « Salzburgen, den 30. Januar 1942. Ich habe Veranlassung genommen, die mir gemeldeten Misstände in Bortenach( Bourdonnay) und Eschen( Fresnes- en- Saulnois) bezüglich der Bepflanzung von Kircheneigentum durch die Bauernsiedlung und auch des Verbotes durch den Ortsbauernführer von Baldershofen( Baudrecourt) die Glocken zu läuten, zu beheben. Ich hoffe, dass diese Dinge umgehend eine Regelung erfahren Heil Hitler. gez. Graf.>> In Novéant räuberten einige junge Leute des Arbeitsdienstes im Pfarrgarten, rissen Weinstöcke aus und verrichteten ihre menschliche Bedürfnisse auf den Schreibtisch des Pfarrers. Die Antwort auf mein Protestschreiben lautete: Den Lausbuben wurden wohlverdiente Hiebe auf den Köperteil verabreicht, der keinen anständigen Namen trägt. - 43 - Die Vandalen des Arbeitsdienstes plünderten auch das Schloss von Saint- Médard, schlugen kostbare Möbel in Stücke und zerrissen wertvolle Bücher sowie lokalhistorische wichtige Familiendokumente. Auf meine Beschwerde hin fand eine Besichtigung durch Mitarbeiter des Metzer Archivdirektors statt. Diese Herren nahmen mich gar als Mitglied in die Kommission zur Rettung historischer Werke auf. So war es mir möglich, manche Bibliothek der ausgewiesenen Pfarrer zu retten. Lobende Erwähnung verdient der Saarländer Alfons Kogler, der von März 1941 bis Ende Februar 1942 Stadtkommissar in Château- Salins gewesen war. Den Befehl,« hinaus mit dem französischen Plunder» führte er nicht aus, sondern suchte zu retten, was zu retten war. Ihm verdanken wir die Erhaltung der schönen Bibliothek des Bitscher Professors Humbert und anderer wertvoller Bücher. Die Schwester des ausgewiesenen abbé Willem, damals Pfarrverweser in Scy, meldete mir einen Diebstahl in der Kirche und den Raub des Weines im Pfarrhaus der Gemeinde Scy. Dunkern schickte mich mit einem Gestapoauto, in Begleitung eines Kriminalisten, nach Scy. Scharfe Massnahmen wurden nach unserer Berichterstattung gegen den Bürgermeister von Moulins, der am Raub beteiligt war und gegen den Metzer Stadtkommissar Kleemann ergriffen, der auch fleissig mithalf, die Flaschen des gestohlenen Weins zu leeren. Dunkern verhörte sogar persönlich die Schwester des Pfarrers Willem, handelte aber zweifelsohne, wie später bekannt wurde, weniger aus Gerechtigkeitssinn zur Sühne des Diebstahls als aus persönlicher Feindschaft gegen Kleemann, der bei einer anderen Gelegenheit noch näher unter die Lupe genommen wird. Mein unausgesetztes Pochen auf die« Freundschaft>> mit Dunkern ermöglichte mir, allsonntags in vielen Kirchen französisch zu predigen, was in der damaligen so freudearmen und leidensreichen Epoche gewiss zum Trost der französischsprechenden Bevölkerung nicht wenig beitrug. Später wurden mir allerdings meine Predigten in der verhassten welschen Sprache als Hauptverhaftungsgrund ins Gesicht geschleudert. b) Scharfe Briefe. Ehrendomherr Emel, Erzpriester in Réchicourt, wurde am 28. Juli 1941 ausgewiesen. Wegen der Vertreibung dieses ehrwürdigen Priestergreises herrschte in der ganzen Gegend eine wahre Empörung, die durch das Verhalten des deutschen Bürgermeisters von Réchicourt nach der Ausweisung noch erhöht wurde. Der Bürgermeister verweigerte die Freigabe der Kleider, Wäsche und Bücher, die ich meinem Kollegen Emel bringen wollte. Er erhielt von mir folgenden Brief:<< Duss, den 12. August 1941. An Herrn Bürgermeister in Rixingen. In Sachen der ausgewiesenen Pfarrer hat Herr SS- Oberführer Dunkern mich ermächtigt, den Verwandten und Haushälterinnen der ausgewiesenen Pfarrer mitzuteilen:( Es folgen die bekannten Zugeständnisse). Sie haben die 77jährige Haushälterin aus dem Pfarrhaus verwiesen. Sie haben den Damen Prevot und - 44 Schumacher verboten, Kleider etc. einzupacken, obwohl diese Damen von der Haushälterin bevollmächtigt waren. Als Kollege und Vorgesetzter( pardon, monsieur le chanoine, zum Angstmachen musste ich meinen Archidiakonstitel scharf zum Ausdruck bringen.) des Herrn Erzpriesters Emel bevollmächtige ich hiermit die Damen Prevot und Schumacher aus Rixingen, mir die Gegenstände zuzusenden, die ich ihnen angegeben habe und zwar sofort, da der Abtransport am kommenden Freitag bestätigt wird. Ich ersuche Sie auch, die be jahrte Haushälterin wieder in das Pfarrhaus einzulassen. Ihr Fall ist um so peinlicher, da ein naher Verwandter unseres ( sic) Führers Adolf Hitler wohlwollende Beziehungen mit Herrn Pfarrer Emel gemacht hat und sich um dessen Wohlbefinden interessiert.( Der Neffe Hitlers soll eine Zeitlang im Pfarrhaus von Réchicourt einquartiert gewesen sein.) In Sachen der ausgewiesenen Pfarrer haben nur Sie und zwei andere Herren die Zugeständnisse des Herrn SS- Oberführers ignoriert. Ich sah mich deshalb gezwungen, Herrn SS- Oberführer und den Herrn Kreisleiter Graf von Salzburgen über Ihr Verhalten zu verständigen.>> Schon tags darauf brachten mir die Damen von Réchicourt die paar Habseligkeiten des Erzpriesters Emel. Später meldete mir jemand aus Réchicourt, dass die Haushälterin immer noch ausserhalb des Pfarrhauses wohne und dass der Bürgermeister nachts gegen elf Uhr aus dem Pfarrkeller einen Bidon mit Schnaps und Wein in Flaschen herausgetragen hatte. Dieser freche Mensch, der auch andere Geistliche sehr drangsalierte, bekam von mir einen energischen Brief. Der Bürgermeister schickte den Brief zurück und schrieb folgende Bemerkung darauf:« Ihre Schreibart ist eines echten deutschen Mannes unwürdig, weshalb ich es verweigere, Heil Hitler.» Nun erhielt Dunkern diesen Brief mit einem passenden Begleitschreiben. Schon nach einigen Tagen sprachen zwei Gestapoagenten aus Metz bei mir vor und gaben mir die Antwort des Bürgermeisters. Er habe nur Kartoffeln aus dem Keller entfernt erklärte er, um diese vor dem Verfaulen zu retten. Meine Antwort fiel spottriefend aus: Warum in der Dunkelheit, nachts elf Uhr, Kartoffeln aus dem Keller tragen? Bei uns in Lothringen herrsche der Gebrauch, Kartoffeln nicht in Schnapskrügen, sondern in Körben zu transportieren etc. Wie die Gestapo nachher mit dem Bürgermeister von Réchicourt umsprang, entzieht sich meiner Kenntnis. Pfarrer Jules Humbert von Loudrefing und der dortige Ortsgruppenverbandsleiter lagen sich oft in den Haaren. Gelegentlich erhielt der Pfarrer von seinem Bürgermeister einen Brief, der statt mit dem vorgeschriebenen« Heil Hitler>> mit « Heil Humbert» endete. Obwohl zweifelsohne ein Schreibfehler vorlag, wollte ich diese Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen, ohne dem Pfaffenfresser von Loudrefing eins übers Ohr zu hauen. Am 10. Juli 1941 tippte meine Schreibmaschine folgenden Brief:« Als Bischöflicher Kommissar ordnete ich an, dass die Herren Pfarrer ihre Beschwerden mir mitzuteilen haben und im Auftrag des Bistums Metz suche ich, alle Missverständnisse mit dem Herrn Kreisleiter von Salzburgen zu regeln. - 45- Dieses praktische Verfahren hat bisher viel zur Befriedigung beigetragen. Ausnahmsweise wende ich mich heute direkt an Sie, um Aufklärung über einen Zwischenfall zu verlangen. Sie schrieben am 9. Juli 1941 an Herrn Pfarrer von Lauterfingen und endeten Ihren Brief mit den Worten« Heil Humbert>> statt« Heil Hitler». Wohlwollend nehme ich einen Schreibfehler an. Falls dies der Fall sein sollte, erbitte ich kurze Bestätigung.>> Postwendend lief die Antwort ein, dass Pfarrer Humbert nicht verspottet werden sollte, sondern es läge tatsächlich nur ein Schreibfehler vor. Der Herr Ortsgruppenverbandsleiter bat untertänigst den Herrn Archidiakon um Entschuldigung, sicher mehr aus Angst vor Dunkern als aus Respekt gegenüber dem Erpriesterersatz der Stadt Dieuze. Genau zehn Tage später ist Pfarrer Humbert ausgewiesen worden. Mein früherer Bitscher Professor, Herr chanoine Joseph Bolzinger, übernahm nun die Seelsorge in Loudrefing. Der Ortsgruppenverbandsleiter știess auch bald mit diesem ehrwürdigen Priestergreis zusammen. Diesmal ging mein Protestschreiben direkt an den Kreisleiter von Château- Salins. Es lautet: Duss, den 11. August 1941. Gelegentlich zweier Besprechungen mit dem Herrn SS- Oberführer Dunkern in Sachen der ausgewiesenen Geistlichen erhielt ich folgende Zusagen:( sie werden aufgezählt). Nun erfahre ich, dass der Herr Bürgermeister von Lauterfingen die Schlüssel des Geldschrankes der Kirchenfabrik beschlagnahmt hat, obwohl diese dem Pfarrverweser Ehrendomherr Bolzinger von Küttingen zu Händen bleiben mussten. Gerüchtweise verlautet, dass dieser Bürgermeister den beiden Haushälterinnen die zwangsweise Ausweisung aus dem Pfarrhaus angedroht haben soll. Herr Oberführer Dunkern bat mich, ihm alle Zwischenfälle in Sachen der ausgewiesenen Pfarrer und der Pfarrhäuser persönlich zu melden. Ich sehe davon ab, weiss ich ja, mit welcher Gewissenhaftigkeit Sie derartige Fälle regeln. Herr Oberführer Dunkern bat mich auch, ihm persönlich etwaige Uebergriffe der Bauernführer gegen die Geistlichkeit zu melden. Ich sehe auch in folgendem Fall davon ab und benachrichtige Sie mit der Bitte, auch diesen Fall regeln zu wollen. Am 5. August verliess Pfarrer Dauendorffer von Baldershofen( Baudrecourt) die Kirche von Morsweiler. Der Bauernführer des Ortes hielt den Pfarrer an und forderte ihn auf, seine Handtasche zu öffnen, um den Inhalt festzustellen. Lag Verdacht vor, dass der Pfarrer in seiner Kirche gestohlen hatte? Um einen Skandal zu vermeiden, zeigte der Pfarrer den Inhalt der Handtasche es war Leibwäsche. Wir sehen in der Handlungsweise dieses Bauernführers einen Uebergriff seiner Rechte und eine Beleidigung des Klerus.>> - Der Kreisleiter antwortete mir schriftlich, dass der Ortsgruppenverbandsleiter von Loudrefing und der Bauernführer von Baudrecourt ernstlich verwarnt werden. Anfangs August 1941 hielt der Gendarmerieoberwachtmeister von Karpfendorf( Donnelay) eine gehässige Rede gegen den lothringischen Klerus. Prinzipiell wollte ich nichts un - 46- gesühnt durchgehen lassen und glaubte, bis zum Aeussersten gehen zu können, da mir Dunkern stets gewogen war. Der Gesetzeshüter bekam von mir einen etwas lang geratenen Brief, der gekürzt wiedergegeben wird, da einige Angaben für Uneingeweihte weitschweifige Erklärungen fordern würden. Die scharfe Antwort an den Gendarmerieoberwachtmeister von Donnelay lautet:« Duss, den 15. August 1941. Einer Ihrer Gendarmen hat am 10. August in Karpfendorf gelegentlich einer Versammlung der Volksgemeinschaft vor 60 Personen folgende Worte gesprochen:« Die Pastoren sind schwarze Kater, denen die Lothringer nachlaufen..., die müsst ihr meiden..., die werden verschwinden...» Das ist eine taktlose Beschimpfung, zu der ich... Stellung zu nehmen gezwungen bin. Sie wollen Der Kater ist also Jagd auf diese schwarze Kater machen. nach allen Fachbiichern die männliche Katze. Im übertragenen Sinn kennt« unsere»( sic) Literatur die Wendungen: Einen Kater haben. Der gestiefelte Kater. Der Kater Hidigeigei dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Verliebt sein wie ein Kater usw... Dass man Geistliche mit dem Ausdruck« Kater» beschimpft, ist mir neu. Sie können das Patent für Ihre Erfindung erfolgverheissend anmelden...( Es folgen längere Zitaten von Hitler und Bürckel, die auch mal wohlwollend von Geistlichen sprachen.) Und Sie beschimpfen uns restlos als Kater. Ihre Zuhärer gaben Ihnen die einzig richtige Antwort. Die Lothringer Wut. Ein Reichsdeutscher schwiegen in unterdrückter Sie machen Jagd - - klatschte, und die andern schämten sich. auf die schwarzen Kater. Ihnen wird die Beute gewiss nicht munden. Die Worte« unseres»( sic) grossen Goethe passen auf Sie:«< Die Katze, die der Jäger schoss, macht nie der Koch zum Hasen.» Ein Volkssprichwort wird sich an Ihnen bewahrheiten: Der Kater leckt oft vorne und kratzt von hinten. Aus Pflichtgefühl kratze ich Sie ich, ein alter Kater von 60 Jahren. Wir haben im Bistum Metz bereits 423 Priester verloren. Seltengewordenes Wild verdient Schonung. Drum. bitte ich die Behörde, Ihnen den Jagdschein für die Katerjagd sofort zu entziehen. So wird die beleidigende Katerrede für Sie zur Katzenmusik, nicht für uns und endet hoffentlich für Sie mit beschämendem Katzenjammer. Schefer sagt in seinem Laienbrevier:« Wer mit der Katze spielt, mit dem ja spielt die Katze auch.» Dieser Brief ist der Ausdruck des Spiels.- Wenn Sie trotzdem ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, wie Nimrod, bleiben wollen, dann wählen Sie kein Jagdrevier harmloser Kater, sondern treten Sie in unsere gemeinsame Jagdgesellschaft zur Erledigung des roten Tigers, der da heisst Bolschewismus. Die Karpfendorfer Katergeschichte hat übrigens ein interessantes geschichtliches Vorspiel, das sich Gazette>> auch gerade im Kanton Wich abgespielt hatte. Die schrieb am 7. Januar 1632:« Gestern hielt König Ludwig XIII. mit Herzog Karl von Lothringen vor den Mauern der Stadt Wich eine Truppenschau ab. Da sprang ein wilder Kater... in den Reihen der Soldaten hin und her und stürzte sich schliesslich gerade zwischen die Beine Seiner Majestät. Der König tötete... mit einem Schlag seines Kommandostabes den bösen Kater. Möchten auch die Karpfendorfer Katergeschichte 47 und alle ähnlichen Herausforderungen zur Befriedigung aller Volksgenossen in Lothringen endlich restlos niedergeschmettert werden.>> Dieser allzukühne Brief wurde mit einem Begleitschreiben auch an SS- Oberführer Dunkern nach Metz und an Kreisleiter Graf von Château- Salins geschickt. Einige Tage lang lebte ich in Sorge, ausgewiesen zu werden. Diese blöddummen Menschen hatten aber den Hohn nicht verstanden, denn Kreisleiter Graf antwortete mir wörtlich:« Der betreffende Gendarmeriebeamte wird entsprechend belehrt und gebührend verwarnt werden.» Er ist übrigens sofort nach Ostpreussen versetzt worden. Der Sieg war wieder an meine Fahne geheftet, aber der Hass der Unterbeamten stieg gegen mich von Tag zu Tag, bis die Gestapo mich im Herbst 1942 einsperrte. Oberführer Dunkern sitzt heute im Metzer Gefängnis. Er wird vor den Schranken des Metzer Gerichtes Rechenschaft ablegen müssen. Auf seinem Gewissen lasten viele Verbrechen, wie Ausweisungen, Inhaftierungen, besonders aber die Schandtaten der Lager von Queuleu, Woippy und der Goldenen Bremm.