Univ.- Bibl. Giessen 27.025 536 ich g Lauf trati mehr gen Glüc Denk ich an Deutschland in der Nacht, auch Bilde bin ich um meinen Schlaf gebracht! fahr die nisse nicht HEINRICH HEINE leide Sens eines gewe unte Geda zu v ande Heili Kam denk unte der und Frei mein blieb lebe Kon VORWORT Drei Jahre sind vergangen seit meiner Befreiung. Drei Jahre habe ich gezögert, ehe ich mich entschloß, das niederzuschreiben, was ich im Laufe von fünf schweren Jahren in fünf Arbeitslagern und drei Konzentrationslagern erlebt habe. Vielleicht hat man den Eindruck, das KZ- Erlebnisse heute nicht mehr aktuell seien, daß die Zeit über diese Erlebnisse und die Erinnerungen der Männer und Frauen dahingegangen sei, die das unvorstellbare Glück hatten, die Hölle auf Erden zu überleben. Und daß die Zeit nun auch die Wunden verheilt, die Tränen getrocknet und die grauenhaften Bilder in unseren Herzen verwischt habe. Ich habe bewußt diese drei Jahre verstreichen lassen, auf die Gefahr hin, daß man mir alle diese Argumente entgegenhalten werde. Auf die Gefahr hin, daß viele andere vor mir mit den Berichten ihrer Erlebnisse an die Öffentlichkeit treten und das, was ich noch zu sagen habe, nicht mehr neu und sensationell sein werde. Ich habe diese Zeit verstreichen lassen, um meinen Leidensweg leidenschaftslos und ohne Haß niederschreiben zu können. Es sollte kein Sensationsbericht daraus werden, sondern die unmittelbare Schilderung eines Mannes, der ganz tief drinnen gesteckt hat in der Masse der Totgeweihten, das persönliche Erlebnis eines Mannes aus dem Volke, der unter normalen Umständen vielleicht niemals in seinem Leben auf den Gedanken gekommen wäre, die Feder in die Hand zu nehmen und andern zu vermitteln, was er erlebt und gedacht hat. Ich glaube nicht, daß die Zeit vorbei ist für das, was ich vorhabe: anderen Menschen erneut ins Gedächtnis zu rufen, daß das Leben etwas Heiliges ist, daß sich für das Recht auf das Leben jedes Einzelnen jeder Kampf und jedes Opfer lohnt. Ich möchte an dieser Stelle in Dankbarkeit unserer Befreier gedenken, den Soldaten der alliierten Armeen, die uns und die ganze Welt unter Einsatz ihres Lebens vor dem völligen Untergang bewahrt haben. Und in Ehrfurcht gedenke ich der vielen toten Leidensgenossen, der unbekannten Kämpfer in den Ghettos und Lagern, meinen Brüdern und Schwestern, denen nicht das Glück beschieden war, den Tag der Freiheit zu erleben. Ich gedenke in Liebe meiner drei Schwestern und ihrer Kinder, meiner Mutter, meiner Frau und meines Kindes, von denen nichts geblieben ist als das Gedächtnis und die tiefe Liebe eines einsam Überlebenden. Konstanz, Sommer 1948. Abraham Hochhäuser. Te'. Ein Auftakt im Jahre Neunzehnhunderfünfunddreißig Was ein politischer Gegner Hitlers bereits in den Jahren vor 1933, in der sogenannten Kampfzeit des Nationalsozialismus, in Deutschland zu erdulden hatte, sei hier nicht erwähnt. Ich habe nicht die Absicht, über die Juden in Deutschland im allgemeinen zu schreiben, wenn ich auch versuchen will, zu Beginn ein paar Worte über unsere damalige Situation zu sagen. Es ist unmöglich, einem, der in diesen Jahren nicht in Deutschland gelebt hat, das jüdische Schicksal in seiner Tragik vor Augen zu führen. Ich beschränke mich deshalb auf einen Bericht meiner persönlichen Erlebnisse. Ich glaube, daß nichts eindringlicher sein könnte als die bloßen Tatsachen. Von der Gestapo vorgeladen. Am 16. Oktober 1934 erhielt ich eine Vorladung ins Breslauer Polizeipräsidium. Man klopfte morgens in aller Frühe an meine Tür, und ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was mir bevorstand. ,, Gestapo, folgen Sie mir sofort!" Mir blieb kaum Zeit, mich ordentlich anzuziehen, viel weniger, mich von meinen Eltern zu verabschieden. ,, Unauffällig"- soviel Scham besaß man damals noch- mußte ich folgen. Nun ahnte ich Grauenvolles, und noch nie war mir früher ein Weg durch die Straßen meiner alten Heimatstadt schwerer geworden als an diesem Morgen. Im zweiten Stockwerk des riesigen Breslauer Polizeipräsidiums lag das Zimmer 275, an dessen Tür das verhängnisvolle Schild„ Geheime Staatspolizei" zu lesen war. Die Begrüßung drinnen entsprach dem Ruf, den sich diese neue Errungenschaft des Nazistaates bereits damals erworben hatte: man schlug mir, ehe noch ein Wort fiel, mit aller Gewalt ins Gesicht, und ich stürzte blutüberströmt auf den Fußboden. Das solcherart vor sich gehende ,,, Verhör" wurde vom Polizeikommissar Scholz geführt, einem Mann von riesenhafter Statur und einem entsprechenden Organ. ,, Sie haben den Führer beleidigt", brüllte er und beendete bald darauf die Vernehmung in der gleichen Weise wie er sie begonnen hatte. Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, war der Gefängniskeller in der Graupenstraße. Dort lag ich zunächst drei Tage lang mit fürchterlichen Schmerzen, die von den Schlägen und Fuẞtritten des Verhörs herrührten. Nach und nach erholte ich mich von diesen ersten Miẞhandlungen, aber die Hoffnung, jemals wieder aus den Krallen der Teufel befreit zu werden, schien mir bereits damals sehr gering. 5 Die ersten Wochen im Kerker— meine Zelle war nicht viel größer als ein Sarg— wurden schrecklich lang. Ich hatte mich noch nicht, wo- zu ich später freilich genug Gelegenheit bekam, an diese neue Lebensform gewöhnt. Zum Frühstück morgens, das aus einer Tasse schwarzen Kaffees und Brot bestand, gab es regelmäßig wieder ein paar Fußtritte. Das ging volle neun Wochen lang, bis zum 22. Dezember 1934. Dann wurde ich entlassen, weil man mir nichts hatte nachweisen können. * Doch dies war nur das Vorspiel. Man; gab mir meine Freiheit noch einmal zurück. Eine Freiheit allerdings, von. der sich nur derjenige ein Bild zu machen vermag, der das Dritte Reich Hitlers am eigenen Leibe erlebt hat. Diese Freiheit bestand für uns in tausend Schikanen und Repressalien, die man heute nur zu gerne vergessen möchte ‚ sie bestand in der Gefahr, daß man jeden Tag wieder geholt werden konnte, um schon in diesen Jahren in einem der Lager für immer zu verschwinden. Hitler wußte sehr gut, daß er sich nur durch brutalste Gewaltmethoden halten konnte, und seine Parteigänger hatten ein empfindliches Ohr für alles, was gerade in den Kreisen der Verfemten und Geächteten vorging. Jugenderinnerungen an das andere Deutschland Ich habe seit frühester Jugend in Deutschland gelebt. Breslau Ist zu meiner zweiten Heimatstadt geworden, in der ich den größten Teil meiner Kindheit und Jugend verbrachte, in der ich in die Schule ging, den Kaufmannsberuf lernte und mit Menschen aus allen Kreisen der Bevölkerung ein harmoni'sches und menschliches Verhältnis fand. Ich war, wie meine Eltern und Geschwister, polnischer Staatsbürger; meine Eltern waren mit vielen Tausenden gemeinsam über die Grenze ins west- liche Nachbarland gekommen und hatten als geachtete Handwerker seit langem Aufnahme gefunden. Deutschland bot uns in seinen guten Jahren ausreichenden Lebensunterhalt und günstige berufliche Entfaltungsmög- lichkeiten. Der Jude war, bevor Hitler und seine Partei im deutschen politi- schen Leben eine Rolle zu spielen begann, als Handwerker und Geschäfts- mann geachtet und geschätzt. Daran änderte auch ein gewisser Anti- semitismus nichts, der von jeher— und nicht allein in Deutschland— von einigen Kreisen verfochten wurde. Er war jedoch bei weitem nicht so stark, daß er unser Zusammenleben mit den Andersrassigen und-gläu- bigen hätte vergiften können. Schließlich galt während der liberalisti- schen Epoche, die bis an Hitlers Zeit heranreichte, der Grundsatz: Freie Bahn dem Tüchtigen. Die Leistung im wirtschaftlichen und kulturellen Leben war letzthin der Maßstab für die Wertung des Menschen im Staate. Religiöse, völkische und rassische Gesichtspunkte traten wohl, wie bereits erwähnt, auch damals hier und da schon auf, zeichneten sich aber erst kaum merklich am Hintergrunde ab. Jüdische Mitbürger haben in dieser Zeit-höchste Stellen im staatlichen und wirtschaftlichen Leben bekleidet, und was jüdische Künistler und Wissenschaftler innerhalb der deutschen Kultur damals geleistet haben, wird für immer der deutschen Geistesgeschichte angehören. Man muß sich einmal von den fürchterlichen Erfahrungen der zwölf nationalsozialistischen Jahre losmachen, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen wir oder unsere Eltern nach Deutschland gekom- men waren. Die große deutsche Kultur machte einen mächtigen Eindruck, besonders auf uns Jünigere. Unser geistiges Interesse fand hier ein gro- Bes Feld entscheidender Einflüsse; hier berührten wir uns mit vielen anderen jungen Menschen auf einer Ebene, auf der selten die Rede da- von war, ob man Jude oder Deutscher sei. Im kommerziellen Leben gab es im allgemeinen ebenso wenig Unterschiede. Man darf zwar nicht vergessen, das gewisse instinktive Regungen und Vorurteile immer unld überall auftauchten und von uns überwunden werden mußten. Dies war bereits lange bevor Hitler daraus politisches Kapital schlug, der diese— meist unbedachten— Vorurteile in Haß und Verachtung umbog, aus denen man später bedenkenlos und ohne eine menschliche Regung eine ganze Gruppe einstmals geachteter Mitbürger ausrottete, nur weil sie eben Juden waren. Man muß sich über diese Erscheinungen völlig klar zu werden ver- suchen: Hitlers Progrome waren; die barbarischsten und konsequen- testen der neueren Geschichte Antisemitismus ist kein Privileg des „Dritten Reiches“ gewesen, sondern ein geschichtliches Phänomen, daß früher einmal von religiösen Ursachen herkam. Noch als Lessing seinen „Nathan“ schrieb, war das Judenproblem in Deutschland und Mittel- europa rein religiöser Natur. Ein getaufter Jude galt als Christ, und kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, bei ihm nach der rassi- schen Herkunft seiner Vorfahren zu fragen. Diese jahrhundertealte Beeinflussung der Religionen dürfte an der sogenannten instinktiven Abneigung schuld gewesen sein, mit denen sich sehr viele Deutsche,— mitunter selbst die Bestgesinnten— auseinander- setzen mußten. Besonders bei primitiver veranlagten Menschen wurde diese Abneigung wirksam und verband sich mit dem Mißtrauen gegen das Fremde und Andersartige. Als man, viel später erst, Rassentheorien aufzustellen begann, fanden solche Instinkte nur eine andere Interpretation und führten dann zum Klomplex von der ,, Reinheit" der arischen, der nordischen Rasse. - Noch etwas spielte offensichtlich bei allen diesen Dingen eine bedeutende Rolle, und zwar ein soziologischer Gesichtspunkt auf Grund der religiösen Ächtung des Juden im Mittelalter wurde er auf das Gebiet des Handels verwiesen auf ein Gebiet also, das damals im Verhältnis zum Handwerker- und Bauernstand nicht die große Bedeutung hatte, die es' später mit der Industrialisierung gewann. Zwangsweise wurden die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten der jüdischen Menschen konzentriert und spezialisiert, und als später der Bauer und der Handwerker in den Hintergrund traten, der Kaufmann und der Industrielle dagegen ins Vordertreffen kamen, schnellte die soziale Stellung der vorher Geächteten rapid in die Höhe, und der arische Kleinbürger sah sich auf einmal lebensmäßig von dem viel leistungsfähigeren jüdischen Mitmenschen überrundet. Sozialer Neid und ein geschäftlicher Konkurrenzkampf waren die Folge, in dem der jüdische Partner vielfach der Überlegene war. Die Konsequenz dessen aber wiederum war eine Vertiefung der ursprünglich im Religiösen wurzelnden Abneigung gegen ,, die Juden" im allgemeinen. Mit dem Auftreten Hitlers und des Nationalsozialismus war es Deutschland, das als erstes Land den Antisemitismus zur Grundlage einer neuen staatlichen Ordnung machte. Hitler hat mit seinem judenfeindlichen Programm einen großen Teil seiner Stimmen geködert. Wahrscheinlich sind sich die meisten Deutschen, die auf solche Dinge damals ansprachen, nicht darüber klar gewesen, welche brutalen und sadistischen Konsequenzen später aus ihrem Antisemitismus gezogen wurden. Kein Deutscher wird damit von seiner Schuld freigesprochen. Ich wollte nur einen Versuch machen, zu erklären, wie es möglich war, daß wir uns vor 1933 als Juden in Deutschland wohlgefühlt haben. alle der die e 30. A tions Gash wäh eben den vom lebe ein batte zu k wie ich zieh zerr anty füh Fra und tägl Her nisc bere ergr Ich habe mit einer kurzen Episode begonnen mit einer Vorladung ins Breslauer Polizeipräsidium. Auf Grund einer Denunziation war ich wegen ,, Beleidigung des Führers" neun Wochen lang eingekerkert, ehe ich ,, mangels Beweisen" wieder freigelassen werden mußte. Ich hatte zu jener Zeit noch keine Ahnung davon, was Menschen anderen Menschen anzutun vermögen, sobald einmal die Bande des menschlichen Verstehens zerrissen sind. Hitler war es gelungen, diese Bande zu zerreißen, zuerst bei wenigen und dann bei vielen. Ob diese Bande nun für immer und schl erst schw Fre und inha daß 80 alle Zeiten zerrissen bleiben sollen, liegt an. jedem einzelnen von uns, an der Erfahrung, die er gemacht hat, im KZ, im Exil oder an den Verlusten, die er an seinen nächisten Angehörigen erlitten hat. Ich war von 1937 an auf der Flucht, von 1940 bis zur Befreiung am 30. April 1945 Insasse von fast einem Dutzend Arbeits- und Konzentra- tionslagern. Von meinen neun Geschwistern sind drei Schwestern in den Gaskammern umgebracht worden. Meine Brüder gingen ins Ausland, während ich meiner betagten Eltern wegen bleiben mußte. Ich konnte sie ebensowenig wie meine Frau und mein Kind davor bewahren, eines Tages den Gang zum Henker antreten zu müssen. Ich selbst habe, glaube ich, vom Bittersten erlebt, was man in diesen bitteren Jahren überhaupt er- leben konnte, und ich glaube deshalb mit diesem Bericht, der nichts als ein unumwunden knapper Tatsachenbericht sein soll, ein Wort zur De- batte über Deutschland, wie es in seinen finstersten Tagen war, beitragen zu können. Zugleich glaube ich aber auch ein Wort darüber sagen zu dürfen, wie ich dieses Deutschland von früher her in Erinnerung hatte und wie ich heute und in Zukunft zu ihm stehe: ob nämlich die menschlichen Be- ziehungen zu einem anderen Deutschland unwiderruflich und für ewig zerrissen bleiben sollen... Ich persönlich habe mich entschieden, diese Frage mit Nein zu be- antworten. Flucht in die„Freie Stadt" Nach meiner ersten Bekanntschaft mit der Breslauer GESTAPO fühlte ich mich nicht mehr sicher in Deutschland und floh mit meiner Frau in die damals noch sogenannte„Freie Stadt Danzig“, wo ich Ruhe und Arbeit zu finden hoffte. Aber auch dort schon war der Kampf ums tägliche Brot schwer. Die Nazis Hatten bereits an Feld gewonnen. Herr Forster, der drei Jahre nach Kriegsende von einem pol- nischen. Gerichtshof zum Tode verurteilt worden ist, praktizierte hier bereits die gleichen Methoden, wie man sie in Deutschland vor der Macht- ergreifung kennen gelernt hatte. Die Lage für die Juden in Danzig ver- schlechterte sich von Tag zu Tag. Der antisemitische Kampf wurde zu- erst von der Danziger Steuerbehörde geführt, während im Senat noch schwere Auseinandersetzungen mit den demokratischen Elementen der Freien Stadt im Gange waren. Das ging zunächst noch ganz inoffiziell und scheinbar legal vor sich: man sprach bei den jüdischen Geschäfts- inhabern vor, ließ sich die Bücher zur Revision vorlegen und stellte fest, daß sie„nicht in Ordnung“ waren. Das war dann; der Vorwand, um den Betrieb seinem rechtmäßigen Besitzer fortzunehmen und ihn auf diese Art und Weise zu arisieren. Ein Unternehmen nach dem anderen ging aus jüdischen in arische Hände über. Mit der Zeit jedoch trat der politische Kampf immer offener zu Tage. Die Presse stand bereits völlig unter dem Einfluß Forsters und machte Danzig für den Nationalsozialismus reif. Juden wurden nun am hellichten Tage und auf offener Straße überfallen und mißhandelt. Der Pöbel tobte und auf polizeilichen) Schutz war nicht zu rechnen. Ende Oktober 1938 kam die Nachricht, daß alle polnischen Juden aus Deutschland ausgewiesen worden waren. Als ich nach Danzig ging, waren meine Eltern in Breslau geblieben und ich mußte annehmen, daß auch sie nach Polen abgeschoben worden waren. Das war in der Tat so, und meine Mutter schilderte mir später, in welcher Form die Ausweisung vor sich gegangen war. Auch in Danzig brannte uns der Boden immer mehr unter den Füßen. Die nazistische Volksvergiftung hatte ihre üblen Früchte getra- gen, und die Parole„Heim ins Reich“ erregte die Gemüter heftig; man wollte angesichts der vermeintlichen Fortschritte im nationalsozialistischen Deutschland, von dem man sich hier phantastische Wunderdinge erzählte, nicht ins Hintertreffen geraten. So machte auch die berüchtigte„spontane“ Aufwallung des„Volksempfindens“ von 1938 nicht Halt vor den Toren der Stadt Danzig. Was von den jüdischen Geschäften noch nicht arisiert war, fiel dem wohlorganisierten Volkszorn zum Opfer. Man zertrümmerte sinnlos in vandalischer Weise die Geschäftseinrichtungen und plünderte die Warenbestände der jüdischen Kaufleute. Die Langgasse, die Haupt- geschäftsstraße der Stadt, bot ein Bild sinnlosester Zerstörung. Pracht- volle Läden waren im Nu in ausgebrannte, traurige Ruinenhöhlen ver- wandelt. Zu Hunderten schwammen die zusammengeschlagenen Konfek- tionspuppen in der Mottlau. Auch vor den jüdischen Gotteshäusern hatte man keine Ehrfurcht, und die Synagogen der Stadt wurden ein Raub der Flammen. Die Steuerbehörden arbeiteten nun Hand in Hand mit der„Eisen- stange“(so hieß die Straße, in der sich das Danziger Gefängnis befand). Wer nicht gewillt war, sein Geschäft freiwillig aufzugeben, wurde ein- gesperrt und auf diese Weise bald weich gemacht. Ich selber habe auch eine kurze Zeit in der„Eisenstange“ verbringen müssen, sah nach zwei- tägiger Haft jedoch ein, daß es keinen Zweck mehr hatte, sich länger dem brutalen Druck der neuen Machthaber zu widersetzen. Ich unterschrieb ‘und überließ damit meine neuaufgebaute Existenz abermals den Herren der neuen Zeit. 10 / war inz\ aus den Mu lanı diese ging er zu = und n am Der uden ging, daẞ at so, sung den etraman schen ählte, tane" Coren isiert merte derte uptachtverfekhatte O der Danzig ist einst eine blühende Handels- und Hansestadt gewesen. Viele Juden und Polen, die hier nicht weit von ihrer Heimat entfernt waren, hatten sich angesiedelt und dem Geschäftsleben der Stadt das entscheidende Gepräge gegeben. Nun war das Zentrum der Stadt verwüstet und wie ausgestorben. Gauleiter Forster ließ das Volk wissen, daẞ Danzig nun eine deutsche Stadt sei und alles Fremde verschwinden müsse, und wenn das Gras in den Straßen der Stadt noch so hoch wachsen sollte. Die Worte dieses Mannes haben sich heute in grausiger Weise bewahrheitet, wenn auch anders, als sich Forster das damals gedacht haben mag. In Danzig wächst heute das Gras auf den Trümmern einer jahrhundertealten Baukultur. isenand). einauch weidem rieb rren Ich hatte nur kurze Zeit in Danzig verlebt und habe manche glückliche Stunde aus dieser Zeit im Gedächtnis. Ich fand viele Menschen, die die Stadt vor dem Untergang, der ihr durch die Vereinigung mit dem Reich bereitet werden mußte, retten wollten. Auch hier gab es einen Freiheitskampf, der aber, wie anderswo, vergebens war. Danzig fiel wie die meisten anderen deutschen Städte den Vabanque- Spielern zum Opfer, und ihre Einwohner aller Schichten haben dieses Spiel mit ihrem Hab und Gut und vielfach mit ihrem Leben bezahlen müssen. Ich floh aus Danzig, wie ich zwei Jahre vorher aus Breslau geflohen war. Das einzige, was ich mitnehmen konnte, waren meine Frau und das inzwischen zur Welt gekommene Kind. Fast zur gleichen Zeit wie der aus Deutschland kommende Transport der ausgewiesenen polnischen Juden trafen wir in unserer Heimat Polen ein. In Kattowitz sah ich meine Mutter wieder und hörte davon, was sich in der Zwischenzeit in Deutschland ereignet hatte. Die polnischen Juden müssen Deutschland verlassen In Kattowitz also traf ich mit meinen Angehörigen, die aus Deutschland kamen, zusammen, und meine Mutter erzählte mir, wie die große Ausweisungsaktion vor sich gegangen war. Sie berichtete: Wir wurden am 22. Oktober mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Wildes Klopfen, rohe Stimmen: ,, Polizei"... Das Leben der letzten Jahre hatte viel Nerven gekostet und es überlief uns kalt bei dem Gedanken, was uns nun draußen erwartete. Wie schwer schließt sich unter solchen Umständen eine Tür auf. Draußen standen zwei Polizisten. ,, Machen Sie sich sofort fertig, wir haben Befehl, Sie abzuführen." ,, Nehmen Sie nur das Nötigste mit." 11 Das Nötigste - was ist das Nötigste in solchen Augenblicken? Ein paar Sachen in der Eile zusammenlesen, dann schnell noch Abschied nehmen, denn wer weiß, wie lange sie uns beieinanderlassen werden. haben sie überhaupt mit uns vor? Tausend Fragen gibt es in solchen Augenblicken. Was Die beiden Uniformierten werden schnell unruhig. Rasch, das Nötigste, noch eine Umarmung. Dann stehen wir auf der Straße. Nichts deutete hier darauf hin, daß sich etwas Außergewöhnliches ereignet haben könnte. Der normale Großstadtverkehr zu später Stunde, noch im Glanz der Großstadtlichter. Ja, noch war Frieden. Frieden? Wie lange noch für uns? In unserem Innern kam das bleierne, dumpfe Gefühl wieder hoch, die Ahnung des großen Schreckens, der immer näher auf uns zukam. Für Wochen, Monate, Jahre..? Man brachte meine Angehörigen fürs erste in den großen Hof des Polizeipräsidiums, mit dem ich vor vier Jahren ebenfalls Bekanntschaft gemacht hatte. Dort erlebten sie das Dämmern des neuen Tages. Sie blieben nicht die einzigen. Bald füllte sich der weite Hof mit immer mehr eingeschüchterten, aus dem Schlaf aufgestörten Gestalten. Alle jüdischen Einwohner der Stadt, die polnischer Nationalität waren, hatte man aus ihren Häusern geholt und hier zusammengetrieben. Über dem Ganzen lag eine ungeheure Spannung. Allmählich begann ein Lärmen und Schreien. Meine hochbetagte Mutter vermochte sich kaum aufrecht zu halten, und alle waren furchtbar aufgeregt. Noch immer wußte niemand, was in den nächsten Stunden geschehen würde. Endlich geschah etwas große Lastautos rollten in den Hof und dann mußte alles sehr schnell gehen. ,, Herein mit Euch Gesindel." Wo das Aufsteigen nicht schnell genug vor sich ging, wurden die Leute einfach gepackt und ins Wageninnere hineingeschleudert, gleichgültig, ob Frau, Kind oder Greis. Dann nahmen die Autos Kurs auf den Verladebahnhof, wo endlos lange Züge bereitstanden. Und dann ging es nach Osten. Einen Tag und die ganze darauffolgende Nacht lang. Wie eine traurige Begleitmusik stieg von dem Menschentransport Geschrei der kleinen Kinder und das Weinen der Frauen empor. So kam man bis zur polnischen Grenze und über sie hinweg nach Kattowitz. Dies geschah zu der Zeit, als in Paris ein deutscher Legationsrat erschossen worden war, als in Deutschland und, wie schon geschildert, auch in der noch ,, freien" Stadt Danzig, tausende von jüdischen Geschäften sinnlos zertrümmert wurden. Die Nazis hatten die Rath- Affäre u. a. da12 | ge- nere Imen reit- auf- dem der hin- zu benutzt, sämtliche polnischen Juden bei Nacht und Nebel völlig mittel- los über die Grenze abzuschieben. Im Lande selbst war das Terrorregi- ment zum ersten Male offen und mit Unterstützung der Staatsgewalt zu Tage getreten. Asyl in Polen Die traurige Botschaft von der Zwangsevakuierung der Juden hatte sich rasch verbreitet, und als der Transport im Kattowitzer Bahnhof ein- fuhr, wußte man in Polen bereits, was sich ereignet hatte. Tausende von unlseren Brüdern und Schwestern umstürmten die Ankommenden und empfingen sie mit offenen Armen. Auf der Stelle wurden großzügige Hilfsmaßnahmen eingeleitet, die den völlig Erschöpften ihr Los nach besten Kräften erleichterten. Auch ich war mit meiner Frau und meinem Kinde in diesen Tagen aus Danzig in Polen eingetroffen, und es schien, als ob wir dem großen Grauen und dem schlimmsten Schicksal noch einmal entgangen waren. In den Wohnungen unserer Brüder und Schwestern wurden wir ‚gastlich aufgenommen, verpflegt und mit dem Nötigsten an Kleidungs- stücken versorgt. Hier, in Polen, fühlten wir zum letzten Male wahre menschliche Nächstenliebe, nicht nur Worte des Mitgefühls, sondern wirk- liche Hilfe. Man gab, was man konnte und linderte unsere schlimmste Not, so gut es nur ging. Wir fühlten uns beinahe noch einmal so, wie wir uns einst in Deutschland, bei uns zu Hause gefühlt hatten. Doch nicht sehr lange dauerte dieses Glück, noch einmal in einem freien Lande leben zu dürfen. Ein knappes Jahr später fielen die deut- schen Heere in Polen ein und von! neuem begann unsere Flucht, die große Wanderung, die für die meisten irgendwo im KZ, in den Öfen oder im Steinbruch endete. Der Vorabend... Um mich von den Strapazen der ersten Flucht mit meiner Familie „ zusammen zu erholen, mußte ich die längste Zeit dieses Jahres in Polen im Bett verbringen. Die geretteten Ersparnisse, die ich doch noch aus Danzig hatte herausbekommen können, reichten mit knapper Not zur Bestreitung des Lebenisunterhaltes. Es begann nun die Zeit, da täglich die nationalsozialistischen Greuel- meldungen aus dem Rundfunk zu uns hertönten: „Polen überfallen Deutsche in Zalendze— Deutsche in Kattowitz von Polen angefallen und schwer mißhandelt— Zwischenfälle an den 13 deutschen Grenzen. - - Polnische Soldaten übertreten die deutsche Grenze und überfallen deutschen Bauernhof Die deutsche Regierung greift zu Gegenmaßnahmen..." usw., usw. Und dann schließlich: Der Führer spricht: ,, Polen wird von Tag zu Tag frecher. Wir werden uns das nicht gefallen lassen- meine Geduld ist zu Ende..." und der Beginn des Krieges - Diese Nachrichten aus dem Äther übertönten einander, Nachrichten, die offensichtlich dazu dienen sollten, die gefährlichen Ziele der deutschen Aggressoren vorzubereiten. Und dann kam der schicksalsvolle 31. August 1939. Von allen Westgrenzen Polens her überfluteten die deutschen Armeen das Land. Meine letzten Habseligkeiten zusammenraffend, zog ich mit meiner Frau und dem mittlerweile ein Jahr alt gewordenen Kind ins Innere Polens. Der auf den Kriegsausbruch folgende Tag, der 1. September, wurde zu dem finstersten meines bisherigen Lebens. Voller Verzweiflung standen wir auf dem vollgepfropften Bahnhof von Sosnowitz. Nach vielen Mühen glückte es mir, mit meiner Familie aus dem hoffnungslosen Gedränge herauszukommen und mich zu dem zum Bersten vollen Zug durchzukämpfen. Es war der letzte, der überhaupt die Stadt verließ. Wie durch ein Wunder gelang es uns, mitgenommen zu werden. Und dann ging es abermals weiter nach Osten. Spät in der Nacht erreichten wir das Städtchen Brzesko. Dort ließ ich Frau und Kind, um selbst nochmals nach Sosnowitz zurückzukehren, wo ich nach meiner zurückgebliebenen Mutter sehen wollte. Ich kam aber nur bis Krakau. Hinter der Stadt waren alle Brücken gesprengt, deutsche Bomber erfüllten scharenweise die Luft mit ihrem drohenden Gebrumm. Die Stadt war inzwischen von den meisten Einwohnern verlassen worden und bot einen traurigen öden Anblick. Nach langem Suchen fand ich endlich in einem kleinen Vorstadthotel noch ein dürftiges Zimmer. Aber infolge der dauernden Bombenangriffe mußte man doch den größten Teil der Nacht im Keller zubringen. Das ging drei Tage und drei Nächte so weiter. Die Stadt war inzwischen so gut wie ausgestorben, alle Läden blieben geschlossen und der Verkehr war lahmgelegt. Auf den Straßen lagen viele Leichen, die nicht beerdigt werden konnten, umher. Als die Deutschen bis vor die Tore der Stadt vorgerückt waren, verbreitete sich diese Schreckensbotschaft wie ein Lauffeuer unter den wenigen Zurückgebliebenen. Nun, im letzten Augenblick, versuchte jeder aus der Stadt zu entkommen, um den deutschen Truppen zu entgehen. Eine Riesenprozession setzte sich in Bewegung; Jung und Alt, Mütter mit ihren Säuglingen, Kranke und Schwache, Priester und alte Rabbiner in vollem Ornat. 14 A Mit diesen Menschen zog ich 14 Tage und Nächte lang durch das von der Kriegsfurie heimgesuchte Land. Man kam kaum zum Essen und Schlafen. Tagsüber waren wir einer erbarmungslos brennenden Hitze aus- gesetzt und in der Nacht einer bitteren Kälte preisgegeben. Es war eine’ fürchterliche Strapaze, die alles vorher Erlebte in den Schatten stellte. Immerhin; kamen; wir auf solche Weise beinahe bis Lublin. Beinahe... Als wir nämlich im Begriff waren, in die Stadt einzuziehen, wurden wir von den vormarschierenden Deutschen eingeholt. Panikartig stob unser Zug in alle Winde auseinander. Dabei verlor ich auch wieder meinen Schwiegervater und meinen Schwager, die ich beide kurz zuvor aus Zu- fall auf dem Marsch getroffen hatte. Aber das kam mir gar nicht mehr sehr zu Bewußtsein; ich hatte nur noch den Gedanken, so schnell wie möglich zu meiner Frau und zu dem Kinde zu kommen, um die beiden wenigstens— wie ich glaubte— vor dem Schlimmsten: bewahren zu können. Am Rande eines Dorfes, durch das mein Weg führte, geriet ich al- lerdings in ein Abenteuer, das mir und meinen jüdischen Weggenossen beinahe das Leben gekostet hätte. Ein Trupp deutscher Soldaten schnitt uns den Weg ab und hielt uns an. Wir hätten den Polen den Weg ge- zeigt und würden deshalb auf der Stelle füsilier. Wir warfen uns auf die Knie und baten— unsere Unschuld beteuernd— um Gnade. Aber diesmal kam uns noch einmal ein anderes Wunder zü Hilfe.-Der Rest einer polnischen Division geriet mit den Deutschen in ein: Gefecht, in des- sen Verlauf es uns gelang, uns seitwärts in die Büsche zu schlagen, Wäh- rend die Soldaten noch im Gefecht waren, benutzten wir die Gelegenheit, zu entkommen und dem Tode, den wir bereits greifbar vor Augen wuß- ten, zu entgehen. In einem nahegelegenen Wald warteten wir den An- bruch der Dunkelheit ab und konnten sschließlich unser Leben für dieses Mal in Sicherheit bringen. Nun ging es im beschleunigten Tempo Tag und Nacht weiter. Über vom: Krieg aufgerissene Felder und Wiesen, durch granatenzerfetzte Wäl- der, an verbrannten Häusern und Dörfern vorbei, in denen Berge von Toten die einzigen Einwohner waren. Unterwegs begegnete man immer wieder neuen Leichengruppen; Tote, wohin man blickte. Es war eine grauenhafte Demonstration vom Schrecken des neuen Krieges, der erst seit wenigen Tagen losgebrochen war. In allen Dörfern und Städten, durch die wir zogen, hörten wir von neuen Greueln, aber auch mit eige- nen Augen sahen wir soviel Schrecken, wie sich mit Worten gar nicht beschreiben läßt. In dem kleinen Städtchen Mielce fanden wir die Syna- goge mit verbranniten Menschenleibern vollgepfropft.e. Auch die Kirche war niedergebrannt, und’um die Ruinen herum zeugten wieder hunderte von Leichen davon, was sich hier ereignet hatte. Die Sorge um meine 15 beiden schutzbedürftigten Angehörigen trieb mich schneller vorwärts, als es mir je unter normalen Umständen hätte möglich sein können. - - . Sokolow Janow( Lubelski)- Wieliczka; Bylgorelj Bochnia neue Stationen meines Weges, immer neue, grauenhafte Bilder von der unerbittlichen Härte des Krieges. Dies war geschehen im Zeitalter einer neuen europäischen ,, Kultur" epoche. Aber es war in Wirklichkeit ein Bild des Jammertales. Der Tod herrschte allenthalben im Lande,.. maẞlos, grenzenlos. Es war ein würdiger Auftakt dessen, was später folgte. Als ich nach vielen Tagen angestrengtester Wanderschaft, noch unter dem fürchterlichen Eindruck des Erlebten, von weitem die Silhouetten der ausgebrannten Häuser und gespenstisch aufragenden Kaminreste vor mir sah, die zu dem einst so freundlich- friedlichen Städtchen Brzesko gehörten, begann mein Herz schneller zu schlagen. In rasender Hast bewältigte ich die letzte Strecke des Weges und gelangte endlich zu dem Haus, in dem ich die Meinen zurückgelassen hatte. Der Keller war das Einzige, was glücklicherweise dem Sturm der Ereignisse standgehalten hatte, und dort fand ich auch meine Frau und mein Kind wohlbehalten wieder. Die Freude dieses Wiedersehens war unbeschreiblich. Wenig später, als ich mich einige Zeit ausgeruht hatte, nahm ich meine Frau und mein Kind mit mir und zog zurück nach Sosnowitz. 11 Für Juden und Hunde kein Platz" In Krakau angekommen, gelang es mir nur nach vielen Mühen und Umwegen, mich mit meiner Familie in einen der wenigen Züge hineinzuzwängen, die damals wieder verkehrten. Einen ganzen Tag lang muẞten wir es zunächst in einem der überfüllten Viehwaggons aushalten, ehe der Zug sich in Bewegung setzte. Dabei durfte um Gotteswillen niemand bemerken, daß wir Juden waren, denn an jedem der Waggons war ein großes Schild angeschlagen ,, Für Juden und Hunde ist hier kein Platz“. Wir verbargen uns, so gut es ging. Hätte man uns als Juden entdeckt, dann wäre es uns ebenso ergangen, wie jenen Unglücklichen, die man aufgespürt und bei voller Fahrt aus dem Zuge geworfen hat. Als wir in Sosnowitz ankamen, sahen wir zu unserem Schrecken die schwarzen SS- Uniformen auf dem Bahnhofsgelände auftauchen, und wir glaubten wieder einmal, unsere letzte Stunde habe geschlagen. ,, Juden beiseite treten" scholl es im brutalen Befehlston uns entgegen. Aber wir wurden nur durchsucht und bekamen alles, was wir bei uns trugen, abgenommen. Dann ließ man uns, nach vielen Schmähungen und Demütigungen, wieder laufen. Endlich, nach all diesen Aufregungen, fanden wir in unsere Wohnung zurück, die inzwischen ebenfalls völlig ausgeplündert worden war. ver wir vers Sch Ein auf erst Epi und ders nich ges beir und der leg dur zu die für sch An rei ka de ter die bei sal hir da 16 Ein ganzes Jahr ließ man uns„in Ruhe“, Das Allerletzte mußte verkauft werden, damit wir Leben konnten. Selbstverständlich wurden wir von: den neuen Behörden auch zu Arbeiten herangezogen. Und selbst- verständlich bestanden diese Arbeiten für uns, weil wir Juden waren, im Schmutzigsten, was aufzutreiben war. Welchem Beruf oder Stand der Einzelne angehörte, spielte gar keine Rolle. Allein dafür wäre ein ganzes Buch nötig, um all die Schandtaten aufzuzählen, die sich die„Helden“ des Dritten Reiches bereits in diesem ersten Jahr ihrer Besatzung Polens leisteten. Ich kann hier nur ein paar Episoden erwähnen, Episoden, die das Leben: in’ jenen Tagen begleiteten, und es geschah kaum, daß einem diese Ungeheuerlichkeiten: noch beson- ders auffielen. Menschen, die aus irgendeinem Grunde den Deutschen nicht gefielen, wurden mitten in der Stadt bei hellichtem Tage nieder- geschossen oder öffentlich aufgehängt. Wie oft kam es vor, daß man beim Brotholen plötzlich einen aus der Schlange herausriß und an Ort und Stelle exekutierte. Kein Bitten‘ und Flehen konnte vor der Willkür der Sieger schützen. Aber auch das war wiederum nur ein Auftakt zu dem groß ange- legten Vernichtungsprogramm, das man in den späteren Jahren in Polen durchführte. Es war der erste Akt, oder beinahe nur erst das Vorspiel zu der großen Tragödie. Noch waren wir mit unseren Frauen und Kindern zusammen. Daß dies später nicht mehr der Fall war, ist bei allem vielleicht noch ein Glück für uns gewesen. Wie hätten wir bei unseren eigenen furchtbaren physi- schen Leiden auch noch die seelischen Qualen ertragen sollen, die uns der Anblick unserer langsam zu Grunde gehenden Frauen und Kinder be- reitet hätte? Die erste Zeit im deutsch-besetzten Polen war hart genug, die Schi- kanen, die man uns täglich zufügte, ungeheuerlich und der Mangel’ an den dringendsten Notwendigkeiten des Lebens drückend. Immerhin leb- ten wir, wenn auch kümmerlich genug, und hatten ab und zu Stunden, die wir im Kreise der Familie verbringen konnten, und in denen wir beinahe vergaßen, wie furchtbar diese Gegenwart war; die enge Schick- salsgemeinschaft mit den Menschen, die wir liebten, hat uns über manches hinweggetröstet. Die„Neue Zeit" bricht an Das Jahr 1939 war vergangen und das neue Jahr brach an, ohne daß man eine Hoffnung auf Änderung dieser trostlosen Zustände sehen 7. konnte. Der militärischen Besatzung folgte die deutsche Zivilverwaltung, das„Generalgouvernement“. Die Deutschen hatten genügend Arbeitsmöglichkeiten für das polnische Volk und für die vielen Juden, die in Polen lebten. Das ganze Land war ein riesiges Reservoir von Ar- beitskräften, billigem Arbeitsmaterial, das man am besten ausnutzen zu können glaubte, indem man es in Form einer mittelalterlich anmutenden Fron in den gewaltigen Apparat der deutschen Kriegsindustrie einspannte. Man machte sich keinen Skrupel daraus, zu einer solchen von der abend- ländischen Entwicklung längst überwundenen primitiven Kulturstufe zu- rückzukehren. Im nationalsozialistischen Denken hatten die sogenannten „niederen“ Rassen und Völker keinen Platz, es sei denn eben als Sklaven. Das Leben der Unglücklichen, die dieser menschenunwürdigen Pseudo- kultur, die von einer zynischen„Philosophie“, einem„Mythos des XX. Jahrhunderts“ untermauert war, zum Opfer fielen, war Sklaverei, an deren Ende die physische Vernichtung ganzer Völker und Rassen stand. Diese Sklaverei wirkte sich in der Praxis noch grausamer aus als die der alten Zeit, weil damals der Mensch wenigstens noch einen Realwert als Arbeitskraft besaß, den man nicht so ohne weiteres zerstörte. Dieser Re- alwert war innerhalb der nazistischen Sklaverei nur zeitlich begrenzt und bot so dem einzelnen keinen Schutz vor der ihn dauernd bedrohenden Vernichtung. Auf Befehl der deutschen Zivilverwaltung wurde jeder, der in Po- len: lebte,„in den Arbeitsprozeß eingeschaltet“. Wir Juden wurden vor- erst noch zu Arbeiten in unserer Stadt herangezogen. Wir mußten im Auftrage der Stadtverwaltung von Sosnowitz schwere Erdarbeiten ver- richten und erhielten, bei zehnstündiger täglicher Arbeitszeit, einen Wo- chenlohn von 10.50 Reichsmark ausbezahlt. Davon konnte man weder leben noch sterben. Ich hatte eine Familie von insgesamt fünf Köpfen zu ernähren und mußte, um überhaupt existieren zu können, die Nacht über schwarzarbeiten und selbst meine 65 Jahre alte Mutter mit einspan- nen. Aber auch mit einem solchen Leben fand man sich schließlich ab und gewöhnte sich daran, weil einem einfach nichts anderes übrig blieb. Befehle auf Befehle' Am 24. Oktober 1940 kam ein neuer Befehl heraus, der arbeits- fähige Juden zum Transport nach Deutschland bestimmte. In Sosnowitz wurde ein großes Sammellager errichtet, in, dem der Abtransport in die verschiedenen Zweige der Kriegswirtschaft Deutschlands organisiert wur- de. Wer dem Befehl nicht gutwillig Folge leistete, wurde mit Gewalt in dieses Lager geschleppt. Mit einem der ersten Transporte ging ich nach Schlesien zurück. Meine Angehörigen blieben in Polen. 18 und nden | Po- vor- 1 im ver- Wo- eder pfen lacht pan- h ab ieb eits- witz ı die Nur- It in nach Für sie wurde das Leben ebenfalls von Tag zu Tag schwerer. So mußten bald darauf alle Juden ihre Photo- und Radioapparate abgeben, jeder Jude von sechs Jahren an wurde mit einer weißen Armbinde mit Stern bezeichnet, die später, als dies den Machthabern zur Brandmarkung der jüdischen: Bevölkerung nicht mehr ausreichend schien, durch einen großen, aus dem Stoff herausgeschnittenen Davidstern auf der linken Brustseite ersetzt wurde. Der gleiche Stern mußte außerdem in gelber Farbe auf dem Rücken getragen werden. Als nächstes mußten die Juden Pelzwerk und Schuhe abgeben. Außerdem hatte der von den Nazis ein- gerichtete„Judenrat“ alle 14 Tage 10 kg Gold und nach und nach sämt- liches Silber einzusammeln. Die Juden bekamen nun auch hier ihre Ge- schäfte abgenommen, die man„arisierte“. Zwischendurch wurden oben- drein noch, wenn die Zahl der nach Deutschland angeforderten jüdischen Arbeitskräfte auch erfüllt war, Treibjagden mit Autos veranstaltet, bei denen man weiteres Menschenmaterial für die deutsche Wirtschaft ein- fing. Ghettos und Zwangsarbeitslager Allmählich entstanden in verschiedenen polnischen Städten Kon- zentrationsläger, während in Deutschland, hauptsächlich im Osten, Zwangsarbeitsläger eingerichtet wurden, die mit aus Polen heraus- geschleppten Juden ständig frisch aufgefüllt wurden. Aber auch die pol- nische Bevölkerung wurde zum Teil als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Der Rest der jüdischen Familien hingegen, der noch in Po- lenı war, wurde in Ghettos kaserniert. Auch in Sosnowitz entstand am Stadtrand ein solches, von hohem Stacheldraht umgebenes Gelände, in das man unsere zurückgebliebenen Familien einsperrte. Diese Ghettos, ursprünglich eine Einrichtung mittelalterlicher Städte, wurden von außen scharf bewacht und die Frauen und Kinder, die tagsüber in den deutschen Fabriken arbeiten mußten, unter Bedeckung zu und von ihrem Arbeits- platz geleitet. In einem solchen Ghetto mußten fünf- bis zehntausend Menschen beieinander leben, in einem Zimmer, das vielleicht drei bis vier Meter im Quadrat maß, hausten 10 bis 12 Menschen. Man kann sich leicht vor- stellen, daß ein solches Leben; schnell zur Hölle werden konnte. Aber das war noch längst nicht das größte Elend, dem man unsere Brüder und Schwestern auslieferte. Der erste Vernichtungsbefehl Im Jahre darauf, am 22. Juli 1942, erließ die deutsche Zivilverwal- tung in Polen ihren ersten offiziellen Vernichtungsbefehl. Sämtliche 19 jüdischen Einwohner der Stadt mußten auf dem großen Sportplatz, der von der Gestapo und ihren Helfershelfern umzingelt war, antreten. Als die etwa 20000 Seelen zählende jüdische Gemeinde versammelt war, wurde die erste„Auswahl“ getroffen, d. h: man stellte fest, wer noch ge- eignet war, weiter für die Nazis zu arbeiten, und wer zur Vernichtung be- reits reif war. 48 Stunden lang stand die tausendköpfige Menge auf dem Platz. Inzwischen hatte ein schwerer Sturm eingesetzt, der von peit- schendem Regen begleitet war. Der große Sportplatz wurde zu einem einzigen See, in dem Hunderte von kleinen Kindern ertranken. Die Leute von der Gestapo selber begannen jedoch erst mit ihrer„Arbeit“, als das Wetter etwas besser geworden war. Von den 20 000 Uniglücklichen wurden 6000, zumeist Alte, Kranke und kleine Kinder, aussortiert, in Fünferreihen geordnet und in das nicht weit entfernt gelegene Städtchen Auschwitz zur Schlachtbank geführt. Dort waren bereits damals die Ver- nichtungsöfen aufgestellt und laufend in Betrieb. Bei dieser Musterung blieben meine Angehörigen noch einmal ver- schont. Meine alte Mutter konnte ihrem grauenhaften Schicksal für dies- mal jedoch nur dadurch entgehen, daß sie sich in ihrer Wohnung versteckt gehalten hatte. Von diesem Zeitpunkt an mußte der Judenrat jeden Mo- nat ein bestimmtes Kontingent für die Vernichtungsöfen bereitstellen und auch dieser selbst, ein Stab von Hunderten von Beamten, trat eines Tages den gleichen Weg an. Der Judenrat versuchte mit allen) Mitteln Zeit zu gewinnen: und, hauptsächlich durch Bestechung, den letzten Akt der Tra- gödie für möglichst viele zu verzögern— aufzuhalten war sie nicht mehr. Aber wenn auch eine der Forderungen der Herren von der Gestapo er- füllt war, wenn wieder 10 oder 20 kg Gold zusammengetrieben worden waren, und es schien, als ob für eine zeitlang Ruhe eintrete, folgten nach kurzer Zeit neue Erpressunigen; neue Kostbarkeiten mußten aufgetrieben werden, bis schließlich die Vorräte erschöpft waren. Das Ende jedenfalls war, daß die Bewohner des Ghettos bis auf den letzten Mann, die letzte Frau und das letzte Kind auf grauenhafte Weise umgebracht wurden. Dem Rest der Juden des Sosnowitzer Ghettos schlug die letzte Stunde am 31. August 1943. Bei diesem letzten Transport nach Auschwitz befand sich auch meine Familie. Im Zwangsarbeitsiager Brande bei Falkenberg Wir waren in den Lagern Deutschlands die meiste Zeit, die uns zur Besinnung blieb, mit den Gedanken bei unseren Lieben| zu Hause, deren ungewisses Los uns schwer bedrückte. Wir wußten, daß sie zu Tausenden und Abertausenden in engen Gassen und Häusern zusammengedrängt waren, daß sie täglich zu schwersten Arbeiten aus ihren Wohnungen ge- 20 ‚ der ‚Als War, 1 ge- - dem peit- inem Die Jeit“, Chen t, in chen Ver- ver- dies- teckt Mo- und 'ages it zu Tra- 1ehr, ) er- rden nach eben falls etzte N etzte witz 8 Ss zur jeren nden rängt 1 ge- schleppt wurden, und daß ein Teil von ihnen, der noch nicht mit den ersten Transporten nach Auschwitz abgegangen war, infolge der völlig unzureichenden Ernährung bei der schweren körperlichen Beanspruchung zu Grunde gegangen war. Im Verhältnis zu ihnen hatten wir in den Lagern es bedeutend besser, soweit man hier überhaupt von gut oder besser reden kann. Die Lager wurden mit der Zeit im großen Stile ausgebaut und mit hunderttausenden von Juden aus allen europäischen Ländern gefüllt. Während jedoch die polnischen Juden körperlich widerstandsfähig waren und die Strapazen in den Lägern wenigstens eine gewisse Zeit lang aus- halten konnten, starben die Juden aus den westeuropäischen Ländern, aus Frankreich, Holland, Belgien, bald nach ihrer Ankunft. Ich war seit dem 24. Oktober 1940 in dem neuerrichteten Lager Brande(Oberschlesien). Von starken Gestapo-Eskorten bewacht, waren wir auf Lastautos in das tief im Walde liegende, von Stacheldraht um- zäunte Barackendorf eingeliefert worden. Der von Sosnowitz mitgekom- mene Gestapo-Chef, Dreier, übergab uns dort dem Lagerführer Czaya, und wir richteten uns, so gut es ging, in unserer neuen Umgebung ein. Zunächst hatte es den Anschein, als meine es der Himmel bei allem noch gut mit uns. Zwei alte Schupos bildeten die Lagerwache. Sie machten einen gemütlichen Eindruck und bestätigten dies auch, wie sich bald herausstellte. Aber das Glück währte nicht lange. Als wir eines abends von der Holzarbeit aus dem Walde zurückkehrten, wurden wir von unse- ren neuen Herren begrüßt: SA-Männer, die sehr bald zeigten, daß sie uneingeschränkte Machtbefugnisse über uns besaßen. Der Lagerführer Czaya machte äußerlich den Eindruck eines sehr charmanten Mannes, der eher wie ein Schauspieler, aber nicht wie ein Massenmörder aussah. Aber darin täuschte uns der erste Eindruck bitter, wie sich bald herausstellte. Zunächst wurden wir einmal alle im großen Gemeinschaftissaal versam- melt, wo wir eine Rede des Lagerführers, der ganz das große Vorbild sei- nes„Führers“ zu kopieren versuchte, über uns ergehen lassen mußten: „Wenn Ihr für Deutschland arbeiten werdet, bekommt Ihr zu fres- sen und! werdet zu leben haben. Ihr werdet nloch froh sein, hier in den Arbeitslagern sein zu dürfen. Denen von Euch, die zu Hause geblieben sind, wird noch Hören und Sehen vergehen. Sie werden sich noch um- sehen. Die Juden werden eines Tages noch darum betteln, in ein Ar- beitslager zu kommen, aber dann ist es für sie zu spät.“ Soweit wir es noch nicht ahnten, wußten wir nach diesen wenig zartfühlenden Prophezeiungen, die in der Tat richtig waren, was unseren Familien, die wir in Polen hatten zurücklassen müssen, beschieden sein 21 mußte. Uns waren die Hände gebunden und das einzige, was uns blieb, war damals die Hoffnung, eines Tages heimzahlen zu können, was man uns und unseren Familien angetan hatte. Die neue Lebensweise im Lager Während der ersten Wochen mußten wir auf der bloßen Erde schla- fen. Aber es gab täglich eine Stunde„Sport“. Ein Sport allerdings, nach dessen Beendigung wir mehrere Male zwei oder drei von unseren Kame- raden zu Grabe tragen mußten. Besonders die Sonntage waren beliebt dafür, uns mehrere Stunden lang auf derart sportliche Weise über weite, schneebedeckte Felder zu jagen, bis einige auf der Strecke blieben. Alle vierzehn Tage durften wir eine Karte von zu Hause als Post empfangen. Die wenigen Lebensmittel, die sich unsere Angehörigen in Polen mit Mühe und Not vom Munde absparen konnten, und die uns als dringend notwendige zusätzliche Nahrung sehr willkommen waren, gin- gen jedoch meist bei der Post verloren, d. h. sie wurden von den Auf- sehern gestohlen, ohne daß eine Instanz da war, die derartige Diebstähle bestraft hätte. Nicht zu vergessen bleibe, daß wir auch einen Lohn empfingen. Ein Arbeiter, der eine Familie zu Hause hatte, bekam wöchentlich sage und schreibe 3,50 Mark. Die Gegenleistung dafür bestand darin, daß wir täglich um vier Uhr in der Frühe aufstehen mußten, um nach einer Stunde des beschriebenen Sports mit einem Liter schwarzen Kaffees und einem halben Pfund Brot im Magen den sieben Kilometer langen Marsch zur Arbeitsstätte anzutreten. Für den Bau einer Reichsautobahn mußten wir breite Waldsschneisen roden. Es nahm die ganze körperliche Kraft in An- spruch, wenn man bei 20 Grad Kälte die schweren Kreuzhaken in den gefrorenen Boden jagte, daß die Funken stoben, Wehe dem, dessen: Kräfte versagten. Die Posten standen mit ihren schweren Knüppeln bereit, oder, was mitunter noch schlimmer war, mit gezücktem Bleistift: Wer wegen mangelhafter Arbeitsleistung aufgeschrieben wurde, weil er nicht min- destens zehn Wurzeln pro Tag aus der Erde gehauen hatte, bekam abends im Lager 15 bis 25 Hiebe aufs nackte Gesäß. Daneben kam es aber auch vor, daß die Posten, wenn sie vielleicht schlecht geschlafen hatten und deshalb mißgestimmt waren, einen der Zwangsarbeiter beiseite nahmen, mit ihm in einem Gebüsch verschwanden, wo er„auf der Flucht“ erschos- sen: wurde. Diese Individuen, die uns bewachten, hatten mit Menschen nur den Namen gemeinsam. Ein menschliches Herz schien keiner von ihnen im Leibe zu haben. Aber es war noch besser, draußen auf der Ar- beitsstelle zu schuften, als sich krank zu melden: und im Lager zu bleiben. Die Kranken hatten erst recht die Hölle auf Erden. 22 blieb ' man schla- nach ame- eliebt weite, Post en in Is als gin- Auf- tähle ngen, sage ß wir unde nem ı zur 1 wir , An- ı den räfte oder, regen min- jends auch ‚und men, chos- schen " von r Ar- ben. Der einzige Ausweg: Selbstmord Mancher unter uns sah keinen anderen Ausweg aus der Trostlosig- keit eines solchen„Lebens“ als den Tod. Ich erinnere mich noch gut an einen schlanken, schwächlichen Jungen, den Sohn eines Rabbiners aus Sosnowitz, der infolge der harten Arbeit krank geworden war, sich dann aber freiwillig zur Arbeitsstelle meldete, wo er sich unter eine fahrende Feldbahn-Lokomotive warf. Als er auf dem Friedhof in der nahegelege- nen Stadt beerdigt wurde, durften vier von seinen Kameraden ihm das letzte Geleit geben. Die schwersten Stunden standen uns jedoch bevor, wenn einer den Versuch gemacht hatte, aus dem Lager zu entfliehen. Ob es Sommer oder Winter war,— sämtliche Lagerinsassen wurden in einem solchen Falle zu einem Appell versammelt, der mitunter die ganze Nacht lang dauerte. Aber auch die geringsten Disziplinarvergehen wurden mit furchtbaren Schikanen bestraft. Wenn; nachts eine Postenkontrolle kam, hatte man ihm mit lauter Stimme entgegenzuschreien:„Achtung, Herr Wachtmeister, Stube 32, belegt mit 75 Juden“. Das gebot die Lagerordnung. Wenn dies nicht geschah, wurde die ganze Stube aus dem Schlaf gerissen, kaum be- kleidet auf den eisigen Hof gejagt und zwanzig oder dreißig Mal mit Hun- den durch Lager gehetzt. Bei dieser Gelegenheit brachte mancher schwere Biß- und Reißwunden mit. Auch vor den Kranken machten solche barbarischen Methoden nicht Halt. Während der 18 Monate, die ich im Lager Brande verbrachte, habe ich es häufig erlebt, daß der stellvertretende Lagerführer Thiem aus Dzieditz alle Kranken aus den Stuben zusammenkommen ließ, um sie anschließend, selbst bei 20 Grad Frost nur mit ihren Hemden bekleidet, im Hof herumzujagen. Es schien für ihn eine besondere Freude zu be- deuten, wenn: er sah, wie sich die leidenden Menschen vor Schmerzen wanden und krümmten. Dieser Mann war ein Sadist, wie man ihn sich nicht schlimmer vorstellen kanin. Der später angelegte, nicht weit vom Lager entfernte Friedhof mit den langen Reihen von Grabhügeln ist ein Zeugnis seiner Taten. Seine Trabanten, darunter vor allem der wach- habende SA-Scharführer Schelmak aus Oberschlesien, gingen ihm kräftig zur Hand und waren bei seinen Erfolgen auf diesem Gebiet maßgebend beteiligt. Was sonst die Posten noch zu ihrem Privatvergnügen: mit uns getrieben habeni, lohnt sich im Einzelnen nicht, zu erwähnen. Insgesamt war es ein Hohn auf Begriffe wie Gerechtigkeit und Menschenwürde. Um nur einiges noch am Rande zu erwähnen; mitunter machten sich die SA- Leute einen Spaß daraus, uns zu befehlen, daß wir uns gegenseitig ins Gesicht schlugen, bis einer der Partner des unmenschlichen Spieles zu- 23 sammenbrach. Ähnlich war es, wenn„Boxen“ auf dem Dienstplan stand. Die Bewachungsmannschaften fanden ein sadistisches Vergnügen daran, wenn einer von uns den anderen zusammenschlug. Besuch im Zwangsarbeitslager Als ich bereits im Lager war, hatte meine Mutter noch einmal Ge- legenheit, nach Breslau zurückzukehren, um ihre geschäftlichen Angele- genheiten in der früheren Heimatstadt zu regeln. Bei den jüdischen Ge- schäftsliquidationen war es nämlich so, daß man auf die fremde Staats- angehörigkeit noch einige Rücksicht nehmen mußte, sodaß die polnischen Juden bei den Enteignungen im allgemeinen besser wegkamen als die deutschen. Bis zur Besetzung Polens hatten noch Verhandlungen zwischen der deutschen und der polnischen Regierung geschwebt. Nun, nachdem es keine polnische Regierung mehr gab, wurden die Liquidationen. end- gültig durchgeführt und die Betriebe, darunter auch der meines inzwischen verstorbenen Vaters, arisiert. Während nun meine Mutter in dieser Angelegenheit in Breslau weilte, versuchte ich mit allen Mitteln, Kontakt mit ihr zu bekommen. Breslauer Arbeiter, die unser Lager mit Baumaterial belieferten, haben mir dabei große Hilfe geleistet. Durch diese hatte ich auch bereits früher außerhalb des unzuverlässigen Postweges Briefe und Lebensmittelpakete von meinen Angehörigen erhalten, die man mir während der Arbeit in die Hand schmuggelte. Ich bin diesen Arbeitern, die sich als wahre Menischenfreunde erwiesen, zu großem Dank verpflichtet. Durch sie hatte ich nun auch Gelegenheit, ein heimliches Zusammentreffen mit meiner Mutter zu arrangieren. Unser Treffen sollte auf der Baustelle stattfinden, wurde aber schließlich von! den Posten entdeckt, die uns beide ins Lager hineinführten. Auf das Flehen; meiner alten Mutter hin erwachte in dem Lagerführer doch noch so viel menschliches Gefühl, daß er uns erlaubte, uns eine Stunde lang ungestört zu sehen. Es war eine sehr glückliche Stunde für uns beide, und meine Leidensgenossen beneideten mich um das Glück, das mir hier vom Schicksal gewährt wurde. Normalerweise kam es sonst nicht vor, daß einer von uns Besuch empfangen durfte. Zum letzten Male umarmte ich dann meine Mutter, ehe sie das Lager wieder verließ und nach Sosnpwitz zurückkehrte. Drei Tage Heimaturlaub in Sosnowitz Und noch einmal meinte es das Schicksal gut mit mir. Eines Tages durften aus jedem Lager je sechs Männer und drei Frauen auf Urlaub nach Hause fahren. Man hatte uns zwar ursprünglich versprochen, daß wir uns nur für sechs Wochen nach Deutschland zu verpflichten brauch- 24 ten. Doch auch damit war es wie mit allen Zusagen der Nazis: Gehalten wurde nichts. Man versuchte gleichviel noch, uns mit vielen Begründun- gen plausibel zu machen, daß man es trotz allem'aufrichtig und ehrlich mit uns meine, aber als wir erst einmal ein halbes Jahr im Lager ge- schmachtet hatten, gaben wir allmählich alle Hoffnung auf, daß wir je- mals wieder frei werden; würden, es sei denn, daß ganze gegenwärtige Regime gehe zu Grunde. In dieser Situation war es selbstverständlich Glück, daß eines Tages eine Gelegenheit geboten wurde, nochmals, für drei Tage wenigstens, Frau und Kind wiederzusehen. Allerdings war die Zahl derer, die zu dieser Sondervergünstigung kamen, verschwindend gering. Daß ich dazu gehörte, verdankte ich der Tatsache, daß ich im Lager als guter Arbeiter galt. Ich trat meine Urlaubsreise am 1. Pfingst- tage des Jahres 1941 an. In einem Lastauto, das mit anderen Urlaubern aus mehreren La- gern vollgeladen war, ging es in schnellem Tempo durch Schlesien, und die Fahrt bis nach Sosnowitz dauerte nicht lange. Wo es sich bereits her- umgesprochen hatte, daß Urlauber aus den: deutschen Lagern zu erwarten waren, standen viele Tausende von Frauen und Kindern am Stadtrand zu unserem Empfang bereit. Sie alle.hofften, daß einer ihrer Angehörigen bei den wenigen Glücklichen: sein werde. Als wir ankamen, gingen der überwiegende Teil von ihnen enttäuscht und gebrochen in! ihre Häuser | zurück.) * Im Laufschritt eilte ich meiner Wohnung zu. Bald nach meiner Ankunft war das Haus, in dem meine Familie untergekommen. war, von einer dichten Menschenmenge umlagert. Weinende Mütter und Frauen stürmten mit besorgten Fragen auf mich ein, ob ich nicht diesen und jenen im Lager gesehen habe, ob ich nicht wüßte, was aus ihren Männern und Söhnen geworden sei. Nur sehr wenigen konnte ich eine Auskunft geben. Aber während aller drei Tage meines Urlaubs riß die Kette der Auskunftheischenden nicht ab. * Gottlob, ich war noch einmal wieder zu Hause. Als ich eintrat, brannten auf dem Tisch, zwei Kerzen zum Zeichen, daß der Sabbath an- gebrochen war. In dem leeren Raum, der nur mit einem Kinderbett aus- gestattet war, empfing mich meine Schwiegermutter, der vor Bewegung die Tränem über das Antlitz flossen. In diesem Augenblicke wachte das Kind auf, das in seinem Bett geschlafen hatte, und sie sagte nur mit trau- riger Stimme:„Sieh doch, mein Kind, dein Vater ist gekommen“. Wenige Minuten später stürzte meine Frau ins Zimmer, mit ihr aber wiederum eine ganze Schar von Nachbarinnen, in deren Mitte ich nun stand, mit 25 schwerer Beklommenheit im Herzen, weil ich ihnen nicht helfen konnte in ihrem Schmerze. Bald girigen sie traurig davon, sodaß ich endlich allein im Kreise der Meinen war. In der Freude des Wiedersehens, die wir empfanden, wich dennoch die Trauer nicht einen Augenblick von uns, weil wir wußten, daß die gemeinsamen Stunden gezählt waren. Meine Frau wollte mich nicht mehr fortlassen. Doch ich dachte daran, was meinen unglücklicheren Leidens- genossen im Lager geschähe, wenn ich nicht aus dem Urlaub zurückkehrte. So vergingen die drei Tage rasch und bald stand ich wieder vor der Tür. Es war eine schwere Stunde, in der ich von meinen geliebten Angehöri- gen, diesmal für immer, Abschied nahm. Mein Sohn war damals zwei Jahre alt. Als ich fortging, spielte er in der glücklichen Entrücktheit seiner kindlichen, unschuldigen Welt. Ich ließ ihn nicht merken, daß dies wohl das letztemal war, daß wir uns sahen, und ohne ihn in seinem Spiel zu stören, zog ich, ein Stück des Weges von meiner weinenden: Frau geleitet, fort. Als sich die Pforten des Sammellagers, von wo aus der Transport wieder abging, bereits hin- ter mir geschlossen hatten, sahen wir uns noch ein letztes Mal. Meine Frau reichte mir durch die Drähte des Zaunes die Hand zum Abschied. Dann rollten die Autos heran und der schöne kurze Traum des Wieder- sehens war vorüber. Noch in der gleichen Nacht schlief ich wieder hinter dem dichten Stacheldrahtverhau meines Lagers und hatte nur noch die Erinnerung an die drei Urlaubstage im Herzen, die für lange Zeit reichen mußten. Nach dem Eintreffen im Lager Brande war es ähnlich wie bei der Ankunft in Sosnowitz; scharenweise umdrängten: mich meine Brüder und Leidensgenossen, um Nachrichten von zu Hause, von ihren Angehörigen zu erfahren. Vor allem wollten sie wissen, wie die Lage der Daheim- gebliebenen sei. Diese war, wie ich mit eigenen Augen gesehen hatte, traurig genug, und ich habe sie an anderer Stelle bereits geschil- dert. Meinen Lagergenossen aber machte ich das Herz nicht unnötig schwer. Als einen schwachen Trost konnte ich ihnen den Gruß von zu Hause mitbringen und die Aufforderung; Haltet durch! Das Lager wird aufgelöst Die Arbeit und das ganze Leben des Lagers Brande umgab mich bald wieder wie vorher, aber bald traten neue Arbeiten und neue Leiden an uns heran. ı! Im Winter 1941 brauchten die Deutschen neue Arbeitskräfte für die inzwischen eroberten Gebiete Rußlands. Aus jedem Lager wurde ein Teil 26 der Mannschaft ausgesondert und zu einem Sammeltransport in die rus- sische Steppe zusammengestellt. Nur ein geringer Teil dieser Leute hat die neuen schweren Strapazen überstanden, die die harte Arbeit in der weiten russischen Steppe, zeitweise bei einer Kälte von 40 bis 50 Grad, mit sich brachten. Die besten meiner Kameraden sind auf diese Weise in Rußland gefallen ünd kehrten niemals mehr zu uns zurück. Für die anderen, die den Rußlandtransporten entgangen waren, kam in der gleichen Zeit ein neuer Befehl, nach dem wir in ein anderes Arbeitslager überführt wurden. Der Rest der Belegschaft des Lagers Brande, unter dem ich mich befand, wurde zur Neuerrichtung des Lagers Tarnowitz in Oberschlesien abkommandiert. Wir waren noch ca. 600 Mann. Im Zwangsarbeitslager Tarnowitz Die Stadt Tarnowitz liegt inmitten des Oberschlesischen Industrie- gebietes. Unter starker Bewachung durch SA rollte unser Zug mit den 600 Arbeitssklaven auf dem Bahnhof ein. Das Ausladen mußte, wie üb- lich, in raschem Tempo vor sich gehen. Auf dem Bahnsteig hatte sich eine schaulustige Menge angesammelt, die unseren Weg dicht umsäumte. Wir müssen einen sehr heruntergekommenen Eindruck gemacht haben, denn hinter uns lag eine 24stündige Reise im Viehwagen in: fürchterlich- sier Enge. Wieder wurden wir in Fünferreihen formiert, umständlich ab- gezählt und einer Abteilung junger SS-Männer übergeben. Der Weg ins neue Lager dauerte zwei Stunden. Als wir durch die Stadt marschierten, kamen wir an einer Schar junger Zivilisten vorüber, denen unser Anblick großes Vergnügen zu be- reiten schien. Aber wir begegneten) auf diesem Marsch durch die Stadt auch vielen anderen, meist älteren Leuten, die beschämt die Augen nie- derschlugen, als sie uns sahen. Ihnen begegnete ein solches Massenauf- gebot zusammengetriebener Juden nicht jeden Tag, und man hatte wohl auch einige Vorstellungen davon, was uns in dem Lager vor ihrer Stadt blühte. Um das Lager zu erreichen, mußte man, wie gesagt, von der Stadt Tarnowitz aus zwei Stunden zu Fuß laufen. Es war in) der Nähe eines Waldes gelegen und, bestand eigentlich aus drei verschiedenen Lagern, die jedoch gemeinsam hatten, daß sie alle sehr reichlich mit Stacheldraht umgeben waren. Als wir näher kamen, konnten wir aus dem äußeren Bild, das die Lager boten, schon erkennen, daß sie verschiedenen Zwecken dienten. Das nächstgelegene— es war nicht einmal das übelste— war für uns bestimmt. Ein zweites stach durch den verhältnismäßig guten 27 Zustand, in dem es sich befand, von den übrigen ab. Dort waren eng- lische Kriegsgefangene untergebracht. Das dritte, am weitesten zurück- gelegene, bot einen ganz traurigen Anblick: es diente russischen Gefan- genen zur Unterkunft. Gleich waren indessen die Wahrzeichen aller drei Lager: hohe, mit Maschinengewehren bestückte Wachtürme. Wir errichten ein neues Lager Das für uns bestimmte Lager bestand eigentlich erst in seinen äu- ßeren Umrissen. Es mußte von uns erst im Laufe der Zeit aufgebaut werden. Was wir vorfanden, war ein wüstes Durcheinander und kaum irgendwas an Einrichtungsgegenständen war vorhanden. Alles mußte mühsam von der Stadt aus herbeigeschleppt werden. Über dem Ganzen herrschte ein wildgewordener Wachhabender, der anscheinend mit der Errichtung des Lagers seine Meisterprüfung ablegen sollte. Seine Auf- geregtheit schien wenigstens darauf hin zu deuten. Er war der Situation überhaupt nicht gewachsen und wurde mit nichts fertig. Er tobte herum und schlug blindlings auf alle ein, die ihm irgendwie in den Weg kamen. An allem, was an seiner eigenen Unfähigkeit scheiterte, waren selbstver- ständlich die Juden schuld. Schließlich war es dann aber doch so weit, daß wir wenigstens in die neuen Unterkünfte einziehen konnten. In je einen Raum von 20 mal 30 Metern Größe wurden 150 Arbeiter einge- pferscht. Betten, oder wenigstens Decken, waren noch nicht vorhanden. Unter solchen Verhältnissen mußten wir die ersten Wochen) im Lager zubringen. Auch die Küche war noch nicht in Betrieb, sodaß wir kein warmes Essen fassen konnten. Nur mit trockenem Brot und schwarzem Kaffee im Magen ging es täglich— auch an den Sonntagen— zur schwe- ren Arbeit. Einige von den Kolonnen waren eingesetzt, Kohlen) und neue Baracken auf dem Bahnhof für das Lager auszuladen. Ich selber wurde einer Kolonne zugeteilt, die Eisenbahnschienen zu legen hatte. Während der Arbeit kamen wir zum erstenmale mit Gefangenen aus anderen Ländern in Berührung. Die Engländer waren in guter Ver- fassung, gut genährt und guten Mutes. Ihre Blicke und heimlich ab und zu zu uns herüberfliegende Zigaretten gaben uns ihre Sympathie zu ver- stehen. Während sie bei der Arbeit sangen und guter Laune waren, herrschte unter den Russen eine furchtbar niedergeschlagene Stimmung. Halbverhungert schoben sie mit letzten Kräften die schweren Erdloren vorwärts. Eine solche Last war durchschnittlich eine Tonne schwer, und jeweils zehn oder zwölf Menschen mühten sich ab, sie vorwärts zu schie- ben. Ich habe mit eigenen Augen beobachtet, wie beim Abladen der Lo- ren zuweilen einer von ihnen vor Erschöpfung zusammenbrach und von den niederprasselnden Sandmassen lebendig begraben wurde. Niemand störte sich daran. Die anderen hatten weder die Zeit noch die Kraft, 28 Ng- Ück- fan- drei ihren Kameraden freizuwühlen. Und wenig später war der Unglückliche, ohne noch einmal ans Tageslicht gekommen zu sein, einplaniert und so bei lebendigem Leibe beerdigt. Tag für Tag mußten wir bei sengender Sonne unserer Arbeit nach- gehen. Wie gesagt, war ich in einer Kolonine beschäftigt, die in der Nähe der Bahnlinie eingesetzt war. Dadurch hatten wir manchmal Gelegen- heit, wenn die Züge keine Einfahrt in die Stadt hatten und auf offener Strecke standen, mit den Eisenbahnern ins Gespräch zu kommen. Die hier vorbeikommenden Züge kamen aus Polen und so hörten wir ab und zu etwas an Nachrichten von zu Hause. Diese Nachrichten waren aller- dings nicht gut und verschlimmerten unsere schon niedergeschlagene Stimmung noch mehr. Die Eisenbahner erzählten, daß immer mehr von unseren Frauen und Kindern in die Vernichtungslager geschleppt worden seien. Wir sträubten uns, ihnen Glauben zu schenken, aber im Innern hatten wir selbst die furchtbare Ahnung, daß sie nur zu Recht hatten. Unter diesen Umständen, innerlich völlig gebrochen und von den gemeinen Vorarbeitern zur Arbeit gepeitscht, erfüllten wir unser täg- liches Arbeitspensum. Unter solchen Bedingungen konnte keine Hoffnung in uns bleiben, daß wir jemals eine Besserung unserer Lage erleben würden. Der Vorarbeiter Schezupak, ein Oberschlesier, der allem An- schein nach von Zivilberuf Henker gewesen sein mußte, lief mit einem Gummiknüppel und einem Thermometer bewaffnet zwischen uns umher. Er sonderte die„Kranken“ aus, um sie mit in den nahegelegenen Wald zu nehmen, wo er sie halbtot prügelte. Solche Burschen schikanierten uns furchtbar, und es schien, keine Macht der Welt zu geben, die ihnen bei der Befriedigung ihrer sadistischen Gelüste Einhalt gebot. Wenn es regnete und einer von uns den; Versuch machte, sich unterzustellen, um'sich vor der Nässe zu schützen, stand er gleich im Notizbuch und hatte für den Abend 50 Hiebe zu gewärtigen. Die meisten Posten, die uns bei der Ar- beit überwachten, hatten so gut wie überhaupt kein menschliches Ver- ständnis für unsere qualvolle Lage. Es kam,häufig genug vor, daß wir am Abend beim Rückmarsch vom Arbeitsplatz tote Kameraden mitschlep- pen mußten, die die Strapazen des Tages umgebracht hatte. Eigens für den Lagerbedarf war ein; Friedhof angelegt worden, auf dem mit der Zeit immer'mehr Grabhügel aufgeworfen werden mußten Ohne Sarg und ohne geistlichen Segen wurden die mitten während der Arbeit tot zusammengebrochenen Juden in die Grube geworfen. Diejenigen aber, die noch nicht ganz tot waren, die als„Kranke“ im Revier behandelt wurden, kamen buchstäblich im Dreck dieses Kran- kenreviers um. Sie warteten auf den Tod, der für sie eine Erlösung war. Von einer Belegschaft von) ca. 1200 Mann starben unter diesen Bedingun- 29 gen täglich im Durchschnitt zehn bis zwölf vor Schwäche und Unterernäh- rung. Später kam endlich die Lagerküche in Gang. Nun bekamen wir nach 12stündiger Arbeitszeit wenigstens einen Teller voll neuer Kartof- feln, die jedoch kaum größer als Walnüsse waren. Der Hunger brannte in unseren Eingeweiden. Die Organisation klappte dagegen mit der Zeit großartig: die täglichen Abgänge wurden laufend durch neu ins Lager kommende Unglückliche wettgemacht. Die Gestapo-Hauptzentrale in Sos- nowitz arbeitete auf Hochtouren. Durch Menischenjagden und immer neue Ausmusterungen schöpften sie unaufhörlich aus dem großen Menschen- reservoir neue Sklaven. Platz für die Neueingänge war, wie schon ge- schildert, laufend vorhanden. Aber mitunter brachten auch die frischen Transporte schon Halbtote ins Lager, die nur wenige Wochen aushalten konnten, bis sie völlig zu Grunde gerichtet waren und auf dem Lager- friedhof beerdigt werden mußten. Diese bei der ökonomisch berechneten Organisation der modernen Sklavenhaltung erstaunlich anmutende Tatsache, daß nämlich schon von vorneherein Arbeitsunfähige in die deutschen Arbeitslager und nicht gleich in die Gasöfen geschickt wurden, läßt ssich folgendermaßen erklären: die hohen Herren von der Sosnowitzer Gestapo liebten nicht nur die Ideale ihres großen„Führers“, sondern auch die materiellen Güter dieser Erde. Sie hatten eine offene Hand für die Kostbarkeiten, die sich vielfach noch im Besitz der einst in guten Verhältnissen lebenden, aus ganz Deutschland nach Polen verschleppten jüdischen Familien befanden. Kurz gesagt, sie waren bestechlich. So konnte es vorkommen, daß bei den zusammen- gestellten Transporten Reiche losgekauft wurden; damit die Zahl stimmte, nahm man dann wahllos Ersatzleute aus der armen Bevölkerung, die normalerweise für den Arbeitseinsatz in; Deutschland gar nicht mehr in Frage gekommen wären. Junge und Gesunde, die reich genug waren, konnten sich'so auf Kosten von: kranken und schwachen Armen für eine gewisse Zeit vor dem Arbeitslager retten. Eine Hand wusch die andere, aber am Ende ist dann doch niemand seinem fürchterlichen Schicksal ent- gangen. Wenn die Reichtümer zu Ende waren und man den Erpressun- gen der Gestapo-Leute nicht mehr standhalten konnte, mußte jeder seinen Weg antreten. Zum Schluß gab es nur noch arme Juden, deren Güter in die Hände der„Repräsentanten“ des Neuen Reiches übergegangen waren. Was ich sonst noch alles während des halben Jahres erlebt habe, das ich im Lager Tarnowitz verbrachte, läßt sich gar nicht mit Worten schildern. Manchmal war ein kleiner Trost der Anblick unserer jüdischen Mädchen, die in einem getrennten Lager untergebracht waren. Ausihren Blicken, die durch die Maschen des Lagerzaunes zu uns herüberdrangen, 30 konnten wir die Liebe und Sorge von Mitmenschen lesen, die uns ein lang entbehrtes Gefühl, das Mitgefühl nämlich mit unserem Schicksal, spüren ließen. Nach dem, was wir beobachten konnten, wurden sie nicht ganz so schlecht wie wir behandelt. Dennoch habe ich bis heute keines von diesen Mädchen aus dem Lager Tarnowitz wiedergefunden, obwohl ich auf der hoffnungslosen Suche nach meinen Angehörigen mit vielen jüdischen Menschen, die in den Lagern gewesen sind, zusammengetroffen bin. Angeklagt wegen Sabotage Eines Tages stand ich als Angeklagter wegen Sabotage vor Ober- wachtmeister Piffke, einem Breslauer, dem solche Gelegenheiten anschei- nend recht kamen, seine Brutalität ungehemmt auszutoben.„Sie haben die Leute bei der Arbeit aufgewiegelt,‘“ brüllte er mir zu, als ich ihm vorgeführt wurde. Im gleichen Augenblick, in dem ich Anstalten machte, mich zu verteidigen, hatte ich seine harten Fäuste im Gesicht und sank wenig später, ohne selber ein Wort sagen zu können, zu Boden. Die Bei- sitzer dieses merkwürdigen Gerichtshofes halfen ihrem Anführer mit schweren Knlüüppeln. Damit ich bei Bewußtsein blieb und von diesem so rasch gefällten und vollstreckten Urteil genügend Gewinn hatte, übergoß man mich zeitweise mit einem Kübel kalten Wassers. Nach diesem Ver- hör wurde ich wieder fortgeschickt, und ich schleppte mich, so gut es eben ging, in meine Baracke zurück. Außer diesem Delikt der„Sabotage“ gab es noch genügend! andere Gelegenheiten für das Wachpersonal,„Bestrafungen“ an den Arbeitern vorzunehmen. Mitunter kam es vor, daß sich einzelne Arbeiter nachts aus der Baracke fortschlichen, um im Kartoffelkeller einzubrechen und ihren Hunger an den rohen, ungeschälten Erdäpfeln zu stillen. Meist wurden diese Verzweifelten, die es vor Hunger einfach nicht mehr aus- gehalten hatten, jedoch ertappt, und dann: brach wieder ein unmenschlich hartes Strafgericht, das mit der Größe des Vergehens in keiner Beziehung stand, über die Unglücklichen los. Meist mußten die„Einbrecher“ ihre Tat mit dem Leben bezahlen. Bestrafunggen erfolgten jedoch nicht nur vom Wachpersonal aus. Wir hatten im Lager auch einen Judenältesten, der die Interessen der Juden der Lagerleitung gegenüber zu vertreten hatte. Wenn der Juden- älteste aber, beim Versuch irgendetwas für uns zu erreichen oder aus anderen Gründen von der Lagerführung eine Tracht Prügel an Stelle einer Zusage bezogen hatte, gab er diese, nachdem er wieder zu Bewußt- sein gekommen war, später an seine Schutzbefohlenen weiter. Dieses „Führerprinzip“ zog sich bis in die untersten Stellungen. Hatte der Stu- 31 benälteste Prügel bekommen, erhielten auch wir anderen selbstverständ- lich unseren Anteil davon. So schlug jeder jeden; es war ein völliges Chaos der Gefühle. Einige hatten versucht, dieser Hölle dadurch zu entgehen, daß sie sich Injektionen beibrachten, weil sie die Hoffnung hatten, als Kranke nach Sosnowitz zurückgeschickt zu werden. Meist endete ein solcher Ver- such jedoch in Auschwitz, in den: Öfen, und nur wenigen gelang es, auf dem vorhin geschilderten Wege der Bestechung für kurze Zeit freizu- kommen. Durch Vorarbeiter, die zuweilen im Ghetto von Sosnowitz zu arbei- ten hatten, bekamen wir einige Male Nachrichten von unseren Angehöri- gen zugestellt. Aus ihren traurigen Botschaften entnahmen wir, daß wir im: Verhältnis zu ihrer Lage noch paradiesisch zu leben schienen. Die Frauen mußten ihre Kinder beim täglichen Ausmarsch aus dem Ghetto heimlich mit sich schmuggeln, denn es war vielfach geschehen, daß die. Kinder, während die Mütter in den| deutschen Fabriken arbeiteten, von den Menschenjägern gefangen und zum Transport in die Öfen entführt worden waren. So gingen bereits die Kleinen und Kleinsten, die in ein solches Leben zum Teil hineingeboren worden waren, den Weg, den ihre Väter und Mütter bereits geschritten waren oder später gegangen sind. Unser eigenes Schicksal im Lager trat eines Tages in eine neue Etappe. Ein Befehl verlegte uns von Tarnowitz nach Markstädt. Von einer kleineren Hölle kamen wir in eine größere. Aber, auch Markstädt war gewissermaßen erst eine„Vorhölle“ zu dem, was ich'später noch in den Konzentrationslägern erlebt habe. Arbeitslager Markstädt Wieder wurden wir in aller Eile verladen. Wieder mußten wir uns in die bereitstehenden Viehwagen drängen. Aber, gottlob, diesmal dauerte die Reise nicht lange und war zu ertragen. Das neue Lager in Markstädt war nicht weit von Tarnowitz entfernt. Das Städtchen hatte früher ein- mal Laskowitz-Beckern geheißen, aber dieser Name schien: den neuen Herren nicht deutsch genug geklungen zu haben. Wir waren hier nicht weit von Breslau, meiner einstigen Heimatstadt in glücklicheren Tagen, entfernt. Die Lageranlagen waren bereits fertig und zu unserem Empfang bereit. Weit öffneten sich die Tore, als die riesige Sklavenkarawane über die frischangelegte Aschenstraße ins Lager Einmarsch hielt. Links und rechts die Baracken, die uns für die nächsten Monate als Heime dienen sollten. Sie waren zum Teil schon bevölkert. Bereits vor uns waren Transporte mit einigen Tausenden anderer eingetroffen. In einem Seiten- lager auch hier wieder Frauen. 32 Herr des Lagers schien der Judenälteste Baruch Meister zu sein. Er empfing uns mit„brüderlichen Grüßen“ und dem Rat, unsere„Pflicht“ zu tun. Diese Pflicht bestand darin, auf einer fünf oder sieben Kilometer entfernt gelegenen Baustelle große Fabrikhallen für die Firma Krupp- Essen aufzustellen. An die 100 Kolonnenschieber(Vorarbeiter) trieben uns in Tag- und Nachtschichten, mit Tausenden von Zwangsarbeitern aus allen europäischen Ländern, zur Arbeit an. Laufend trafen neue Trans- porte aus ganz Europa ein. Als die Hallen fertig waren, wurden wir ein- gesetzt, die Maschinen aufzustellen, mit denen dann die Waffen herge- stellt wurden, die gegen uns selber gerichtet waren. Die Zahl der im Lager eingetroffenen Juden war inzwischen auf etwa 3 000 angestiegen. Bei einer Verpflegung, die auch hier sehr viel zu wünschen übrig ließ, war es schwer, die zwölfstündige Arbeit am Tag durchzuhalten. Der Judenälteste hatte einen guten Einfluß bei der La- gerführung und es gelang ihm gelegentlich, etwas zur Verbesserung un- serer Lage zu tun. Da die Lagerführung häufig wechselte und jeder Neue bestrebt war, neue Methoden anzuwenden, durch die die Sklaven am besten ausgenutzt werden konnten, war es für Meister möglich, mitunter allerhand Vorteile für uns zu erreichen. Es war für uns zwar eine feste Lebensmittelration vorgesehen, doch wurden uns große Mengen davon: vorenthalten, die abgezweigt wurden und den Familien der Lagerführung zuflossen. Was kümmerte es die Herren, daß wir tagtäglich schwere Zementsäcke'schleppen mußten oder im schnellen Tempo Sand- und Lehmloren zu entladen hatten? Unter einer solchen Arbeit wurde ein einziger Tag manchmal zu einem ganzen Jahr. Um vier Uhr in der Frühe war Wecken, dann folgte der mehrere Kilometer lange Marsch zur Arbeitsstätte, von der aus wir erst wieder am Abend gegen acht ins Lager zurückgebracht wurden. Die Vorarbeiter versuchten zum Teil durch eine Scheibe Brot oder ein paar Kartoffeln die Arbeitsleistung der Sklaven anzuspornen. Aber auch das geschah letzten Endes immer auf Kosten unserer Gesundheit, weil diese Prämie an Lebensmitteln in keinem Verhältnis zu der gefor- derten Mehrleistung stand. Mancher Unglückliche, der seinem Vorarbei- ter durch hohe Arbeitsleistung imponieren wollte, grub sich damit selber sein Grab. Dieses System wurde vor allem für die schwächeren zum Ver- hängnis. Sie waren einem noch intensiveren gesteigerten Arbeitstempo überhaupt nicht mehr gewachsen. Dabei kam es dann mitunter auch noch vor, daß beim Einmarsch ins Lager eine Leibesvisitation durchgeführt wurde, und dann wehe denjenigen, die ein Stück Brot oder einige Kar- toffeln bei sich hatten. Nach dem Einmarsch der Kolonnen im Lager am Abend'meldete 33 der Wachhabende, Polizeioberwachtmeister Krause aus Breslau, dem Ju- denältesten, wer seine Arbeitspflicht auf der Baustelle nicht erfüllt hatte. Anschließend fanden die Exekutionen statt. Die drei Henker des Lagers, mit Namen Fonie, Mächtiger und Bossak, walteten in einem tagsüber als Schneiderstube verwendeten Lokal ihres Amtes. Die Bestrafung für De- likte wie Unsauberkeit in den Baracken, Schlafen beim Nachtdienst in den Stuben, Diebstahl von einer Handvoll Kartoffeln u. a., führten sie mit Hilfe eines Gummiknüppels durch, mit dem sie mörderisch auf den De- linquenten einschlugen. Die Henkersknechte zeigten bei ihrer Arbeit nicht einen Funken Mitgefühl mit ihren Opfern; manch einer blieb unter der Wucht ihrer unmenschlicheni Schläge tot liegen. Die Lagerkost war, wie schon erwähnt, völlig unzureichend:!/» kg Brot,'/» lt. schwarzer Kaffee, auf der Baustelle eine dünne Suppe und zum Mittagessen eine Schüssel voll grüner Blätter, die Gemüse genannt wurden, und: Kartoffeln. An Sonn- und Feiertagen gab es 20 gr Zucker, ebensoviel Margarine, Kartoffeln mit Sauerkraut und ein kleines Stück Fleisch. Von solchen Rationen konnte kein Mensch leben. Durchzukom- men war deshalb nur, wenn man: geschickt genug war, auf irgendeinem Wege seinen Vorarbeiter zu bestechen, daß dieser einen mit Brot und Kartoffeln zusätzlich versorgte. Wer das nicht konnte, war dem Hunger- tode unerbittlich ausgeliefert. Neben dem Hunger herrschten Krankheiten im Lager, die einen hohen Prozentsatz an Opfern forderten! In diesem Zusammenhang möchte ich eines Mannes gedenken, der wirklich einmal von seiner rohen Um- gebung abstach: es war der Sanitäter Bergmann aus Beunsburg(Bend- zin), der zu seinen Kranken wie ein Vater war. Da der Weg von Markstädt zum nächsten Krematorium weit war, wurde es uns gestattet, unsere Toten auf einem kleinen Acker mit jüdi- schen) Riten zu bestatten. Die Namen der Toten durften jedoch nicht auf die Gräber geschrieben werden. Wir haben so viele von unseren Freun- den zur Ruhe gebettet, namenlos und ohne daß ein) einziger von. ihren Angehörigen dabei war, sie zu betrauern. Für Religionsübungen ließ man uns in Markstädt eine gewisse Frei- heit. Am Abend durfte in den Baracken gebetet und an den Feiertag&n sogar in: verschiedenen Stuben ein provisorischer Gottesdienst abgehalten werden. An Sonn- und Feiertagen verzichteten viele der frommen Juden auf ihre nicht koschere Fleischration und tauschten sie bei Kameraden gegen ein Stück Brot um. Am Jon. Kippur, am Versöhnungsfest, fasteten alle. Mit tiefer Hingabe wurden die Gebete verrichtet und die Hilfe der Vorsehung für unsere Unglücklichen zu Hause herabgefleht. Baruch Mei- ster, der Judenälteste, ermöglichte es zu Ostern sogar, daß eine koschere 34 N 2 - S, S Et t r d t X d ב Küche geführt wurde und erfüllte damit vielen frommen Juden des Lagers einen großen Wunsch. Zu Purim wurde in vielen Stuben die Megilla, die Erzählung über den Inhalt des Purimfestes, vorgelesen. Auch hier wurden die Verstorbenen laufend durch neue Transporte, die von der Gestapo- Zentrale Sosnowitz zusammengestellt waren, ersetzt. Die neu ins Lager Kommenden brachten entsetzliche Nachrichten von zu Hause mit. Sie erzählten, daß unsere Daheimgebliebenen nach und nach alle in den Gasöfen geendet seien. Dennoch gab man die Hoffnung im Herzen noch nicht ganz auf. Bevor wir erfuhren, daß am 22. August 1943 der letzte Transport vom Sosnowitzer Ghetto nach Auschwitz abgegangen war, lief noch einmal eine vermeintliche Freudenbotschaft durch unser Lager, die sich aber nur zu bald als Phantasiegebilde herausstellte. Es. hieẞ nämlich, die Hitlerregierung habe die Judenvernichtung eingestellt. Die Unglücklichen wurden von einem wahren Freudentaumel ergriffen, und es waren nur wenige, die sich nicht davon mitreißen ließen. In dieser Nacht lag ich in tiefer Trauer schlaflos auf meiner Pritsche. Ich wußte aus meinen eigenen Erfahrungen, daß es seit der Herrschaft Hitlers nicht ein einziges Versprechen gegeben hatte, das man für bare Münze nehmen konnte. Hatte es nicht, als wir zuerst nach Deutschland deportiert wurden, geheißen, es sei nur für sechs Wochen, und waren daraus inzwischen nicht schon beinahe drei Jahre geworden? So war es mit allem, es gab einfach kein Entkommen aus den Krallen der unmenschlichen Machthaber. Das dumpfe Gefühl einer bösen Ahnung in mir war leider nur zu berechtigt am 31. August 1943 wurde der letzte Rest der Einwohner des Sosnowitzer Ghettos in Auschwitz verbrannt. Damit war alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Meinen ausgelöscht. Das einzige, was einem zu tun blieb, war dem unerbittlichen Zwang zur Arbeit zu folgen. Inzwischen hatte man unserem Lager gegenüber ein Konzentrationslager eingerichtet, und mit der ,, Freiheit", die wir bis jetzt genossen hatten, war es nun zu Ende. Wieder ging ein Gerücht bei uns um, der Krieg gehe seinem Ende zu. Aber es war wieder eine Täuschung, die Ausgeburt eines verzweifelten Gehirns vielleicht, die uns genarrt und für ein paar Stunden in einen Taumel des Glücks versetzte. Wir erwachten in diesem Frühling noch einmal zu neuem Leben, feierten am anderen Ende des Lagers, Abessinien genannt, ein kleines Fest, zusammen mit Baruch Meister. Für ein paar Stunden vergaßen wir beinahe unsere traurige Lage noch einmal. Die Posten hinderten uns nicht, sie zuckten die Achseln und dachten lassen wir den Narren die Freude, sie gehen ja doch bald vor die Hunde. 55 35 Vom Arbeitslager ins K.Z. Dem Judenältesten Baruch Meister gelang es im letzten Augenblick, aus dem Arbeitslager Markstädt in ein anderes Lager versetzt zu werden. Er hatte die hohen Herren bestochen und entging auf solche Weise zu- sammen mit 50 Auserwählten dem K.Z. Nachdem Meister uns dem Schicksal überlassen hatte, trat Fonie an seine Stelle und herrschte über uns nach seinen Methoden. Die Folge davon war, daß es täglich unerträglicher wurde. Bald funktionierte auch die Küche nicht mehr, und es kam vor, daß wir tagelang kein warmes Essen mehr bekamen. Die Sterblichkeit stieg rapid an, und wie wir hör- ten, hatten auch die jüdischen Frauen, die getrennt von uns untergebracht waren, Fürchterliches durchzumachen. Alle vierzehn Tage fanden Selektionlen statt, nach denen mancher Kranke und allzu Schwache seinen letzten Weg antreten mußte; aus den Ghettos waren keine Menschen mehr zu verbrennen, und die Öfen woll- ten ihre Opfer. In der letzten Frist, die uns vor dem K.Z. noch im Arbeitslager blieb, machte mancher seinem Leben freiwillig ein Ende. Andere versuch- ten, zu entfliehen, sie wurden indessen fast ohne Ausnahme wieder ein- gefangen und wie tolle Hunde totgeschlagen. So kosteten die letzten Wochen in Markstädt noch vielen das Leben. Vor der Überführung ins K.Z. vernichteten wir alle Zivilsachen, die wir noch besaßen, weil wir wußten, daß wir im K.Z. doch alles abgeben mußten. Nur mit dem Nötigsten bekleidet, verließen wir unter schwerer Be- deckung durch die SS das Lager und traten unseren Weg nach Fünftei- chen an, wo das neue K. Z. errichtet war. Konzentrationslager Fünfteichen Herbst 1943 Der Herbst hielt seinen Einzug, und schwere Gewitter zogen über das Land. Peitschende Regengüsse durchnäßten die verfaulten und ver- wanzten Baracken. Am Morgen des 22. November 1943 kam ein SS-Sturm ins Lager Markstädt. Während ein schweres Schneegestöber über das Land fegte, mußten wir alle auf dem großen Appellplatz antreten und uns vollstän- dig nackt den SS-Leuten präsentieren. Wir waren etwa 3 000.Mann. An- schließend mußten wir wieder in die Baracken zurück, wo eine Unter- suchung im Einzelnen erfolgte. Jeder mußte einen: Lauf um das Lager 36 e ge ch es . nt er n 7- er - I n s r er er e, コー コー er herum machen, und wer dabei zusammenbrach, erhielt mit Kopierstift ein Zeichen auf die Brust, das bedeutete, daß er arbeitsunfähig war. Es kam einem Todesurteil gleich. Die Gesunden wurden in Kolonnen formiert und für die Kranken trafen Lastautos ein, in die sie hineingeworfen und dann abgefahren wurden. Die jüdischen Frauen des Lagers mußten dies alles mitansehen und der SS sogar noch bei den Schreibarbeiten behilflich sein. Alles geschah, wie immer ,,, in der bewährten, korrekten Ordnung". Wir, die Gesunden, marschierten truppweise den sechs Kilometer langen Weg bis nach Fünfteichen zu Fuß. Am Eingang des Lagers empfing uns eine Musikkapelle, die Militärmärsche spielte. Eine Gruppe vollgefressener Häftlings- Blockältester bemächtigte sich unser, während die SS selbst uns vorerst nur mit ihren tödlichkalten Blicken abmaẞ. Auf einem großen Appellplatz wurden wir abgezählt und in einzelne Blocks eingeteilt. Vom trüben Himmel ging der Schnee pausenlos auf uns hernieder. Die Blockältesten nahmen jeweils an der Spitze ihrer Leute Aufstellung. Darauf gab der Rapportführer Schramml uns die ,, Hausordnung" bekannt. Bis dahin hatten wir noch unsere Zivilsachen getragen. Nachdem wir einzeln durch die Schreibstube geschleust worden wären, wo ein Häftlingsarzt, der Lagerführer Otto und Rapportführer Schramml uns musterten, bekamen wir eine Erkennungsnummer um den Hals gehängt. Man bemerkte gleich dazu, wenn wir sie verlören, bekämen wir fünfzig auf den Hintern gezählt. Außerdem erhielt jeder zwei weitere Nummern aus Stoff und ein Dreieck in roter Farbe. Dies bedeutete politischer Verbrecher. Da wir zudem noch Juden waren, gab es als Zugabe einen gelben Streifen. Wir waren also doppelt und dreifach gebrandmarkt. Als man uns gegen Abend auf die neuen Behausungen entließ, mußten wir diese Verzierungen eigenhändig an unseren Häftlingskleidern annähen, bekamen aber keine Nähnadeln, auch kein Garn. Wir mußten zur Kurze Zeit später erschallten dann wieder Pfiffe. Musterung in unserem neuen Aufzug heraustreten. In dieser späten Stunde war der Appellplatz von Scheinwerfern taghell erleuchtet. Man machte ,, Sport" mit uns, denn man wollte nur Gesunde, um sie später dann doch auf irgend einem Wege zu Tode zu quälen. Eine halbe Stunde mußten wir in der Kniebeuge unsere Mützen auf und ab nehmen, das Als wir war der ,, Sport". Mancher brach gleich zu Beginn zusammen. dann auf die Baracken wegtreten durften, erwartete uns dort abermals ein neuer Empfang. Jeder Barackenblock war ungefähr 30 Meter lang und in drei Teile eingeteilt. Links und rechts, jeweils auf einer Fläche von ca. 7 zu 4 Me37 tern, hausten die Häftlinige: jeweils 150 Mann. Der Mittelteil der Baracke war für den Blockältesten vorbehalten, der hier in einem weißen Bett auf weichen Federn schlief. Zur Bewältigung seiner„Arbeit“ hatte er noch zwei; Helfer bei sich. Außerdem hielten sich viele einen sogenann- ten„Feifuß“, einen jungen Häftling, der auch den sexuellen Bedürfnissen des Blockältesten entgegenkam. Diese Blockältesten und ihre Trabanten, die„Prominenten“, wurden abends häufig von der SS-Lagerführung zu- sammengetrommelt. Dann wurden neue„Erziehungsmethoden“ für die Häftlinge beraten. Wir Neuen wurden zunächst aber einmal entlaust. Dazu mußten wir Block für Block draußen vor der Waschbaracke antreten und uns vollständig ausziehen. Jeweils 300 Mann wurden in die Waschbaracke, die bedeutend kleiner als ein Wohnblock war, eingesperrt. Die ausgemer- gelten Körper wurden drinnen von einer heißen Dusche übergossen. Man- chem brachte ein solches Bad eine Erkältung, die sich in: seiner körper- lichen Verfassung verheerend auswirkte und die vielen das Leben kostete, Im Laufschritt ging es dann zu den Baracken zurück, wo wir unser erstes sogenanntes Abendessen erhielten. Es war eine Tasse roter Rüben mit heißem Wasser. Aber auch ein solcher Fraß war schnell verschlun- gen. Als man uns am nächsten Morgen um vier Uhr weckte, gab es zu- nächst wieder eine Suppe, die diesmal aus Wasser mit grünen Blättern bestand. Dann mußten die Baracken gereinigt werden. Jeweils 50 Leute blieben zu diesem Zweck in den Blocks zurück, der Rest mußte bis zum Appell auf der Latrine warten. Um 5 Uhr kam Befehl zum Antreten. Wir mußten in Reih und Glied Aufstellung nehmen, und der Blockälteste verlas erneut die Lagerordnung und) die Anordnungen über das Verhal- ten auf der Baustelle. Das dauerte etwa eine weitere Stunde lang, und wir mußten die ganze Zeit über in Achtungstellung verharren. Die Schwächeren drohten fortwährend umzukippen und wir mußten sie un- auffällig stützen, damit sie nicht schon vor Beginn: des Ausmarsches zu- sammenbrachen. Endlich kam der Befehl zum Abmarsch, der uns eine regelrechte Erlösung schien nach dieser Prozedur. Endlich durften wir uns bewegen. Und wie wir uns bewegen durften! Im Takt der Musik hieß es Mützen auf, Mützen ab. Die wilde SS-Horde tat ein Übriges, indem sie den Takt des Marsches mit den Fäusten auf unseren Körpern mittrommelten. Der Knüppel sauste dau- ernd in unsere Reihen hinein. Trotzdem wurde uns etwas leichter zu Mute, als wir das Lager endlich hinter uns hatten und uns der Arbeits- stelle näherten. Man hoffte auch immer, daß auf diesem Weg einmal ein Wunder geschehen würde, das die Freiheit bringen könnte. Ein solches Wunder aber geschah nie. * 38 Ce It r 1, ב S }, Viele von unseren besten Kameraden verloren abermals vor Hunger und Schwäche und durch die schwere Arbeit zerbrechend, ihr Leben. Wir Überlebenden betrogen uns mit einer schwachen Hoffnung, zu Hause könne vielleicht doch noch einer mit dem Leben davongekommen sein. Aber in Wirklichkeit wußten wir ja längst, daß unsere Lieben tot waren und daß unser ganzes Leben hier gar keinen Sinn mehr hatte. Wir lieBen uns zur Arbeit treiben wie Vieh und vergaßen darüber wenigstens manchmal das trostlose Denken und selbst das unsinnige Hoffen. Wir wurden wie Vieh, und schlimmer noch, behandelt. Aber wir hatten noch ein menschliches Hirn und deshalb konnten wir die quälenden Gedanken nie völlig in uns abtöten. Der auffallend weite Bauplatz, auf dem viele Tausende von Arbeitssklaven aus ganz Europa beschäftigt waren, bot ein buntes Bild internationaler Prägung. Wenn wir überhaupt noch zu irgendeiner geistigen Aufnahme bereit gewesen wären, hätte man hier Gelegenheit gehabt, die Sprachen der halben Welt zu erlernen. Die Arbeit, die gefährlich war ,. wurde häufig von Unfällen gefährdet. So mußten wir auf dem Heimmarsch oftmals außer denen, die vor Hunger und Entkräftung gestorben waren, Verletzte mitschleppen, die an den Maschinen Unfälle erlitten hatten. In einem Sinne waren sich diese toten Maschinen mit den Machthabern des Dritten Reiches gleich sie hatten beide kein Herz und forderten beide Opfer. So wurden viele Häftlinge zu Krüppeln und mußten das Los derer teilen, die für das Regime keinen Wert mehr besaßen. Der Arbeitstag dauerte zwölf Stunden. Während der Arbeit selber war es den Posten verboten, die Baustelle zu betreten. Dadurch kamen wir in die glückliche Lage, daß wir durch unsere bessergestellten Kameraden aus anderen europäischen Ländern gelegentlich etwas Brot oder andere Nahrungsmittel zugesteckt bekamen. Der tägliche Ausmarsch war immer von den gleichen Wünschen und Gedanken begleitet hoffentlich ist der Polier, der Vorarbeiter bei guter Laune, hoffentlich ist das Wetter nicht zu schlecht, hoffentlich macht niemand einen Fluchtversuch. Der letzte Wunsch war der innigste. Denn wenn tatsächlich wieder irgendeiner versucht hatte, dieses Leben abzustreifen und irgendwohin zu entkommen, wo er sich verbergen konnte, ging es uns Zurückbleibenden schlecht. In solchen Fällen mußten wir abends nach der Zählung stundenlang in strammer Haltung, selbst bei bitterster Kälte und scheußlichstem Regen ohne Kopfbedeckung, stehen, bis der Ausreißer gefaßt war. Wenn dies nicht gelungen war, ließen die SS- Leute ihre Wut an uns aus und wir hatten weitere bittere Stunden vor uns. 39 Es genügte aber auch schon, daß man bei der abendlichen Leibesvisitation ein paar Kartoffeln oder ein Stück Brot bei uns fand, die von einem der französischen, holländischen oder belgischen Mitgefangenen stammten.( Diese standen im ,, freien" Arbeitseinsatz und hatten deshalb etwas bessere Lebensverhältnisse als die KZ- Häftlinge.) Am schlimmsten war es, wenn diese Ereignisse beide zusammentrafen. Ich erinnere mich besonders eines Abends, an dem festgestellt worden war, daß der Hauptkapo, dem wir für kurze Zeit eine Verbesserung unserer Lage zu verdanken gehabt hatten, nicht mehr da war. Eine Horde wildgewordener Bestien, Menschen und vierbeinige Bluthunde, nahm die Verfolgung nach allen Richtungen auf. Die ganze Baustelle, eine Fläche von wohl 40 000 qm, wurde durchgekämmt. Der Kapo blieb aber trotz allem Aufwand verschwunden. Die Reaktion auf dieses negative Ergebnis hatten wir über uns ergehen zu lassen. SS- Leute und Hunde wetteiferten miteinander, uns zu massakrieren. Viele Verletzte lagen bald hilflos am Boden. Dann ging es zurück ins Lager. - Wir Bei der Ankunft wurde eine Leibesvisitation durchgeführt. mußten die Hände im Nacken zusammenlegen und wurden durchsucht. Schon bei unserer Ankunft hatten wir lange Tische bereitstehen gesehen, die zur Bestrafung der Sünder dienen sollten. Der Unglückliche, bei dem man etwas gefunden hatte, wurde gepackt, ein Blockältester setzte sich ihm auf den Nacken und zwei vollgefressene Henker sie waren selbst Häftlinge!- prügelten bis zur Bewußtlosigkeit auf ihn ein. Der Erfolg dieser Exekutionen waren viele Tote. Da es bei uns im Lager selbst keine Verbrennungsöfen gab, wurden die Leichen in die Latrine geschleppt, wo sie jeweils Mittwoch und Samstag in große Särge zu acht bis zehn gelegt wurden. Diese Leichenkisten wurden dann nach dem traurig- berühmten K. Z. Großrosen transportiert, wo ein Verbrennungsofen zur Verfügung stand. Bei diesen Transporten gingen häufig auch lebende Häftlinge mit, darunter viele Deutsche, deren Verbrechen darin bestand, daß sie sich zur Arbeit am Westwall oder sonstwo geweigert hatten. In Großrosen gab es außer den Öfen ein sogenanntes heimliches Gericht, das diese Leute wegen Kriegssabotage zu Tode verurteilte. Die Liquidation konnte dann gleich an Ort und Stelle erfolgen. Durch diese Umstände kam ich mit manchem Einwohner meiner früheren Heimatstadt Breslau in Berührung. Diese Deutschen wurden zwar etwas besser als wir Juden behandelt, endeten aber auch ebenso in den meisten Fällen auf die eben beschriebene Weise. Um zu jenem Tage zurückzukommen, an dem unser Hauptkapo verschwunden war: Nach dem Einmarsch ins Lager und dem eben beschriebenen ersten Akt der Bestrafung wurde wieder Sport gemacht. Wir Wa te te m W U St SO fi u E es D id id S e S t V а A D 40 wälzten: uns wie die Schweine im Dreck, und unsere Peiniger maltraitier- ten uns dabei nach besten Kräften mit ihren Füßen. Solche Szenen dauer- ten bis nachts 11 Uhr. Endlich hieß es:„Auf die Blocks weggetreten, marsch, marsch!“ Zu Tode erschöpft fielen wir auf unsere Lager nieder und schliefen wie erschlagen ein. Aber die Ruhe dauerte nicht sehr lange. Gegen zwei Uhr bekamen wir ganz hohen Besuch: der Lagerälteste Otto mit seinem Stabe und die ganze Wachmannschaft samt den Hunlden. Ein wildes Ge- schrei riß uns aus dem Schlaf. Wir sprangen aus den Betten und schon fielen unsere Peiniger über uns her. Auch hier war das Resultat nicht unbedeutend; die Sanitäter hatten abermals alle Hände voll zu tun. Die Erschlagenen wurden: zu den übrigen Leichen auf die Latrine geschleift; es war ein grauenvoller Berg, der sich an diesem Tage dort anhäufte. Dies war der finisterste Tag, den ich je erlebt und überlebt habe. Woher ich die Kräfte nahm, überhaupt mit dem Leben davonzukommen, weiß ich heute noch nicht. Ich verbrachte insgesamt ein Jahr und einen Monat im K.Z. Fünf- teichen. Eine lange Zeit, wenn man: bedenkt, daß die eben geschilderten Ereignisse, wenn auch nicht täglich, so doch oft genug vorkamen. Zwi- schendurch gab es allerdings auch wieder ruhigere Perioden. Dann näm- lich, wenn es wieder mal gelungen war, die SS-Leute zu bestechen, die eine Vorliebe für Gold und andere Kostbarkeiten hatten. Diese Be- stechung war allerdings nur dadurch möglich, daß das letzte Gold, das tote und lebende Häftlinge im Munde trugen, herhalten mußte, damit wir wenigstens für kurze Zeit etwas aufatmen konnten. Andere Vorteile hatten die Bewachungsmannschaften dadurch, daß unter uns viele gute Schneider waren, die sowohl für die SS als auch für die prominenten Häftlinge erstklassige Maßkleidung anfertigen mußten. Auch Schuhmacher waren zu diesem Zweck eingesetzt. Ab und zu fiel dann etwas von dem Überfluß an Essen oder Genußmitteln für sie ab. Im Lager hausten 6000 Menschen in fürchterlicher Enge beieinan- der. Das fortgesetzte Zusammenischrumpfen unseres Bestandes und die laufenden Neueingänge ließen uns nie vergessen, daß jeder einzelne von uns nur eine Nummer war, die eines Tages durch eine neue Nummer er- setzt werden konnte. Zur Zerstreuung fanden ab und zu Theatervor- führungen statt. Von jedem Block aus durften ein paar von uns teil- nehmen. Die Darsteller waren selbst Häftlinge. Auch von uns stand einer auf dieser Bühne, um seinen Leidensgenossen durch seine Kunst wenigstens für ganz kurze Zeit eine Entspannung zu bieten. Ich denke da besonders an unseren geliebten Freund Klagsbald, einst Oberkantor in Wien und Bendzin. Er sang uns jüdische Lieder:„Eli, Eli“, schrie er 4l in unserer eigenen Sprache zu Gott, und die, die ihn hörten, waren erschüttert von der Gewalt seines künstlerischen Vortrags. Ich gedenke seiner in Ehren. Klagsbald war ein edler Mensch. Er fiel auf dem Marsch in ein anderes Lager und ist in meinen Armen verstorben. Weihnachtsfeier in Fünfteichen Als das Weihnachtsfest herankam, wurden auch bei uns Vorbereitungen getroffen. Am Festtag selbst versammelten sich in einer der Baracken die Prominenten mit der Wachmannschaft an der Spitze. Jeder Blockälteste saß dort mit seinem Piepel( seiner männlichen Braut in Frauenkleidern) an einem runden weißgedeckten Tisch. Auch unter den Prominenten, die ja, wie man nicht vergessen darf, selber Häftlinge waren, hatte der nazistische Geist seine Wirkung nicht verfehlt. Unsere Henker hatten sich die Goebbels'sche Art zu reden zu eigen gemacht und hielten schwungvolle, lauttönende Reden über den deutschen Endsieg. So führte der Lagerälteste Otto bei dieser Weihnachtsfeier in Fünfteichen aus:, Wenn die deutschen Heere den Sieg über Europa und die ganze Welt errungen haben werden und Europa durch die deutsche Kultur neu befruchtet sein wird, dann werden auch wir Häftlinge unseren Gewinn davon haben. Wenn aber der Sieg nicht unser wäre, dann wiẞt Ihr, besonders Ihr Juden, was mit Euch geschehen wird." Wir standen draußen und hörten diese Reden als Zaungäste an. Nach diesem Auftakt zog Otto einen Dolch aus der Seitentasche und schlug, auf den Tisch: ,, Nun, Freunde, laßt uns Weihnachten feiern und auf den Sieg anstoßen!" " Anschließend begann eine abscheuliche Sauferei. Außer Wotka floẞ Wein verschiedener Sorten in Strömen. Dazu wurde massenhaft Kuchen verzehrt, der selbst für den tiefsten Frieden gut genug gewesen wäre. Schließlich nahm man noch ein warmes Essen ein, und die Weihnachtsfeier endete in einer Orgie, bei der politische Witze, ekelhafte Zoten und gemeine Aktbilder zum Besten gegeben wurden. Das Fest dieser Herren klang in Lärm, Schimpfen und fürchterlichem Randalieren aus, aber auch wir bekamen einen Anteil an den Genüssen. Als alles in sehr gehobener Stimmung war, zeigten sich manche der Prominenten einmal von einer guten Seite und warfen Hände voller Zigaretten in die Blocks. * Am 20. Januar 1945 erfuhren wir, daß nun auch die Tage in Fünfteichen sich ihrem Ende zuneigten. Inzwischen hatte sich die große Schlacht von Stalingrad entschieden und die Deutschen mußten bis auf polnisches Territorium zurückgehen.„ Planmäßige Absatzbewegungen vom Feinde" hieß es täglich im Wehrmachtsbericht. Für uns war es ein 42 I 0 ( e h r 1 e 1 e J ב ב כ , 3 1 ב r r e f ב ב Grund zum Hoffen und zum Fürchten zugleich. Eines Tages hieß es, wir würden alle vernichtet, dann wieder, das Lager werde evakuiert und wir müßten in ein weiter landeinwärts gelegenes K.Z. zurückmarschieren. Die Vorarbeiter auf der Baustelle waren schon nicht mehr recht bei der Sache. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und überboten einander in phantastischen Gaukeleien. Einer von ihnen, der Vorarbeiter Gerlach von der Firma Gebr. Heß in Breslau, wußte von Zehntausenden von japanischen Flugzeugen zu berichten, die zum Einsatz für Deutschland bereitstünden. Diese Leute wußten gewiß selbst, wie nötig sie es hatten, sich Mut zuzureden. Insbesonders Gerlach war im Lager wegen seiner Niedertracht berühmt geworden. Seine Spezialität hatte darin bestanden, die Häftlinge erst arbeitsunfähig zu schlagen und sie dann wegen schlechter Arbeitsleistungen anzuschwärzen. Wenn man in seiner Gruppe arbeiten mußte, kam man sehr häufig anstatt um sieben Uhr, erst gegen neun nach Hause, und das bedeutete in unserer Verfassung viel, wenn es in solchen Fällen auch eine Zulage in Form des üblichen Fraßes gab. Am 20. Januar kam die Entscheidung Fünfteichen mußte geräumt werden. Laut einem Befehl der Lagerleitung sollte kein Häftling in die Hände des Feindes fallen. Vor der Auflösung des Lagers wurden die Bestände den Häftlingen freigegeben. Die russischen Häftlinge drangen in die Küche ein und warfen alles Eßbare in den Hof des Lagers. Dort entstand ein gewaltiger Tumult. Wer Glück hatte, errang eine Stange Wurst und ein paar Brote, wer Pech hatte, eine Kugel, die ab und zu von den Posten auf dem Turm in die Menge gefeuert wurde. Ins Lager selbst trauten sich die Posten nicht mehr herein; es war das erste Mal, daß ich eine regelrechte revolutionäre Stimmung in einem Lager erlebte. Am nächsten Morgen wurden aus unserem Block 30 Mann kommandiert, die am Ende des Lagers ein großes Grab schaufeln mußten Eine dichte Frostschicht lag wie eine Glasglocke über der Erde; es war eine schwere Arbeit mit Spitzhacke und Spaten. Wir ahnten wieder Fürchterliches, hofften jedoch, daß die Zeit für eine größere Massenhinrichtung nicht mehr ausreichend sein werde. In der Tat marschierten wir dann auch am Nachmittag gegen vier Uhr ab. Bald hörten wir in unserem Rücken eine heftige Schießerei und es bemächtigte sich unser eine große Freude: wir glaubten, daß der ,, Feind" vom Lager Besitz ergriffen hätte. Aber unsere Freude wurde mit einem Schlage wieder in eine tiefe Trauer umgewandelt, als wir später erfuhren, woher das Schießen rührte: man hatte die zurückgebliebenen 1200 Kranken des Reviers umgebracht und sie in dem Massengrab, das wir mitgeschaufelt hatten, eingescharrt. 43 Konzentrationslager Gross-Rosen Nun ging es rasch dem Ende zu, wenn es auch bis zur Befreiung uns noch über ein knappes halbes Jahr und viele tausende neue Tote kostete. In einer langen Kolonne zogen wir dem Westen zu. Hinter uns versank das Lager Fünfteichen langsam im Schnee, und je weiter wir nach dem Inneren Deutschlands kamen, umso tiefer sank- auch unsere Hoffnung auf eine baldige Befreiung. Unser Weg war tief verschneit und die schweren Holzpantinen, die wir trugen, wuchsen mit jedem Schritt zu hohen Schneestelzen und wurden immer schwerer. Um überhaupt von der Stelle zu kommen, mußte man bei jedem Schritt die Füße aneinander schlagen und die Schneeklumpen wegschleudern. Das war eine zusätz- liche Strapaze, die uns alle Kräfte raubte. Nachdem wir die ersten vierzig Kilometer des Marsches hinter uns hatten, trieb man uns, es war gegen zwei Uhr in der Nacht, in einem Dorf in einem großen Hof zusammen, Wir waren noch schätzungsweise 5000 Mann. Während die Prominenten, die sich mit gutem und reich- lichem Proviant versehen hatten, in einem Pferdestall unterkamen, muß- ten wir die Nacht über bei zwanzig Grad Kälte in diesem Hof zubringen. Um, fünf Uhr in der Frühe ging es wieder weiter. Wir bekamen weder Wasser noch warmes Essen, und der Hunger'machte sich allmählich schrecklich bemerkbar. In der nächsten Nacht brauchten wir nicht mehr im Freien zu kampieren. Zu je 2000 Mann wurden wir in eine große Scheune getrieben, in der sich die Menschen stellenweise zu Dreien über- einander schichteten. Ein jämmerliches Geschrei drang durch die dörf- liche Stille der Nacht. Es war fürchterlich, Die Scheune schien zu einem Massengrab lebendiger Menschen geworden zu sein. Wenn man nicht ersticken und totgedrückt werden wollte, mußte man sich mit allen Kräf- ten, die einem nloch zu Gebote standen, brutal gegen die Leidensgenossen zur Wehr setzen. Es entbrannten verzweifelte Kämpfe unter den Un- glücklichen. Einer zertrampelte den anderen, um ein wenig Platz für seine müden Knochen zu finden. Doch sobald der Sieger einschlief, wurde er schier von der über ihn stürzenden Masse erstickt und zu Tode ge- quetscht. Unser innigster Wunsch war, daß der Morgen| bald hereinbräche und daß diese Quälerei aufhöre. Wir wollten lieber vor Erschöpfung auf dem Todesmarsch fallen, als auf solche Weise ersticken. Der Morgen er- schien uns wie eine Erlösung. Ohne ein Auge zugetan zu haben, ging es wieder auf den Weitermarsch nach Westen. Wir marschierten ohne Pause. Wer nicht mehr weiterkonnte, fiel einfach aus den Fünferreihen heraus und blieb am‘Wegesrand liegen. 44 Wer aber hoffte, so auf der guten, kalten Erde seine Seele aushauchen zu können, hatte sich noch ein letztes Mal bitter getäuscht. Der Todesengel erschien bei ihm in SS-Uniform und: gab ihm eine Gnadenkugel. Dressierte Hunde zerrten den Leichnam dann von der Fahrbahn, damit die toten Körper kein Verkehrshindernis für die Späterkommenden bildeten. Das Blut der Umgebrachten hinterließ auf unserem Wege eine rote Spur. Vier Tage marschierten wir. Ein einziges Mal auf diesem ganzen Marsch erhielten wir ein Kilogramm Brot als Proviant. Den Durst muß- ten wir mit frischgefallenem Schnee löschen. Wer aus der Reihe ging, um rasch ein paar Schlucke aus einem Dorfbach zu schlürfen, wurde auf der Stelle von den aufmerksamen! Posten niedergeschossen. Wohin führte unser Weg? Wir hatten keine Ahnung, wohin man uns zu bringen gedachte. Bis wir auf einmal an einer Wegkreuzung ein Schild erblickten:„Nach Groß-Rosen 22 km“. Nun wußten wir Bescheid. Die traurige Berühmtheit dieses Lagers mit seinen Verbrennungsöfen war bis zu uns nach Fünfteichen gedrungen. Bereits ehe wir dort an- kamen: war unsere Kolonne merklich zusammengeschrumpft. Von 5.000 waren wir auf 4000 und schließlich auf 3000 Häftlinge zusammengeschmol- zen. Nun ging es bergauf dem Glatzer Bergland zu und bald sahen wir vor uns das Schild mit dem schrecklichen Namen: Konzentrationslager Groß-Rosen. Auf einem großen Schneefeld vor den Toren des Lagers durften wir Rast machen. Anscheinend hatte man den Ehrgeiz plötzlich, uns in eini- germaßen ordentlicher Verfassung im Lager abzuliefern. Nach einiger Zeit wurde dann wieder Antreten befohlen und diejenigen, die sich noch weiterschleppen konnten, standen auf und formierten sich zum Einmarsch ins Lager. Viele blieben auch hier entkräftet im Schnee liegen, bis ihnen dann der Garaus gemacht wurde. Die Baracken dieses Lagers waren aus Steinquadern zusammen- gesetzt, ein Zeichen, daß es auch hier in der Nähe einen Steinbruch gab, der sich bisher ja immer sehr gut bewährt hatte, um Menschen ins Jen- seits zu befördern. Dem Lager ging der Ruf voraus, daß von hier aus fast niemand lebendig die Freiheit wiedergesehen hatte. Jeder von uns stellte sich nun die bange Frage, ob dies auch für-ihn die letzte irdische Station sein werde. Wir hatten aber doch noch die unsinnige Hoffnung in uns, daß die Größe der Tragödie den Himmel selbst aus seiner Ruhe aufstöre, daß doch irgendein Wunder geschehen werde, das uns retten könnte. Die riesigen Scheinwerfer des Lagers empfingen uns mit ihren viel- tausendkerzigen Lichtbränden und bohrten sich wie Feuer in unsere 45 übermüdeten Augen.„Vorwärts, vorwärts!“ schrie es von hinten und von vorne und von allen Seiten. Eine Musikkapelle erwartet uns am Lagereingang. Mützen ab! Wir stehen auf einmal inmitten einer der fürchterlichsten Höllen des schönen schlesischen Landes, wo der Dichter Gerhard Hauptmann seine Werke schrieb, seine„Weber“, die dem Kampf für Freiheit und Ge- rechtigkeit galten! Unsere Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt. Die einge- sesseneny Häftlinge des Lagers riefen uns zu:„Gebt uns Euer Brot und Eure Wertsachen. Ihr kommt ja doch bald in den Ofen.“ Damit Ihr dem lieben Gott ohne Gold und ohne Sünden übergeben werden könnt, be- kommt Ihr vorher alles abgenommen. Gebt lieber uns, was Ihr noch habt!“ Wir gaben ihnen! dennoch nichts, denn wir hatten nichts mehr zu geben als unsere zerschlagenen, müden Knochen. Es war ja alles gleich. Nur schnell sterben, Furcht konnte uns nicht mehr schrecken. Aber wir wurden zuerst doch noch entlaust, bekamen dann noch verlaustere und ältere Klamotten zurück als unsere alten, und, sonderbar, sonst tat man uns nichts. Man prügelte uns sogar nicht einmal. Immer 2000 von uns mußten eine Baracke beziehen, die nicht viel größer war als eine von denen, in denen wir in Fünfteichen zu 300 Mann gehaust hatten. Unter- einander wurde sich um ein kleines Stückchen Platz geprügelt. Das Jammern hatte kein Ende. Es fällt mir schwer, alles zu erzählen, was Groß-Rosen uns bot. Bald ging die gewohnte Quälerei wieder los. Wenn wir in die Baracken abtreten durften, mußten wir auf allen Vieren kriechen. Die Baracken waren auf einem Berg gelegen und beim mühseligen: Aufstieg blieben wir dauernd mit den Pantinen im zähen Lehm stecken. Manchem gingen dabei die Kräfte aus, doch niemand besaß selbst noch genügend Kräfte, um einem Sterbenden helfen zu können. Man beneidete höchstens den, der schon soweit war. Hier bekam niemand mehr eine Gnadenkugel. Jeder verreckte für sich allein im Schlamm. Mittagessen gab es mitten in. der Nacht. Das heißt, es gab es nur für solche, die noch Kraft genug hatten, sich bis zur Küche durchzuschla- gen. Wer zu spät kam, mußte abermals 24 Stunden auf ein warmes Essen warten. Neben diesem warmen Essen, das gegen zwei:Uhr nachts ausgegeben wurde, bekamen wir Brot und sogar einen Löffel Marmelade, Bei den Appellen mußten wir mitunter drei bis vier Stunden stehen, bis es diesen Geisteshelden. gelang, unsere Anzahl festzustellen und zusam- menzurechnen. Alle acht bis vierzehn Tage konnten wir uns waschen. 46 a| Aber nach Möglichkeit umging man es ganz, weil es einem passieren konnte, daß man, auf dem Wege zur Waschbaracke aufgegriffen und zum Leichentransport herangezogen wurde. Dazu fehlte einem einfach die Kraft und außerdem war die Luft in der Nähe des Krematoriums uner- träglich. Nur sechs Wochen verbrachten wir in Groß-Rosen. Aber sie ge- nügten uns. Länger hätten wir dieses Lager gewiß nicht mehr überlebt. Eines Tages gingen auch hier Gerüchte um, daß der Feind sich nähere. Der Evakuierungsbefehl ließ nicht mehr lange auf sich warten. Eines Tages trafen die Leute aus Auschwitz und anderen Lägern ein, die eben- falls nach Westen transportiert werden sollten. Wir trafen hier auch Frauen, die wieder für sich untergebracht waren, und konnten ihnen beim Vorbeimarschieren unsere Wünsche auf baldige Freiheit zurufen. Als wir aufbrechen sollten, erhielten wir als Marschverpflegung s/a kg Brot und 50 g Wurst. Plötzlich kam wieder eine unerklärliche Kraft und eine ungeheure Freude über uns. Ich weiß nicht, woher uns das so plötzlich überkam. Die Rationen verschlangen wir natürlich so- fort. Dann ging es zum Bahnhof und wir wurden zu je 80 Mann in einem Wagen ins Innere Deutschlands gefahren. Sechs Tage und sechs Nächte fuhren wir; durch zertrümmerte Städte und an Tausenden von Ruinen vorbei, vielfach kamen uns Züge mit deutschen Soldaten aller Waffengattungen entgegen. In Erfurt er- fuhren wir, daß wir nach Buchenwald kommen sollten. Buchenwald war ein Begriff für Deutschland wie für das Ausland. Nicht weit entfernt lag Weimar, die Stadt, in der die deutsche Republik einst geboren wurde. Hier hatte der deutsche Dichter Goethe seine Stimme für die menschlichen Werte der Wahrheit und Liebe erhoben. Trotz meinkr unglücklichen Si- tuation ließen mich meine Gedanken für kurze Augenblicke in eine glück- liche, längst vergangene Zeit in Deutschland zurückversinken, eine Zeit der menschlichen Eintracht, erfüllt mit großen Ideen und geistigen Taten. Als die Wagen entladen wurden, sanken wieder viele Leidens- genossen zur Erde nieder, die hier von zahllosen Bombentrichtern aufge- rissen war. Der Bahnhof bot einen grauenvollen Anblick, die Gleise ragten wie:zu einer stummen, erschütternden Anklage in den Himmel. Zu einer Anklage für all das Schweigen zu den begangenen Untaten. Buchenwald In Weimar erlebten wir zum erstenmal Angriffe der alliierten Luft- waffe. Als die Bomben fielen, liefen unsere Posten davon und suchten in den Unterständen Schutz. Viele der Häftlinge wünschten sich eine 47 der Bomben herab, damit ihr Leiden endlich ein rasches und schmerzloses Ende fände. Der Zug, der uns nach Buchenwald bringen sollte, rollte auf einem Nebengeleis ein und bald war der jämmerliche Transport Halbverhungerter unterwegs. Das Wetter war trübe, der Himmel voller Wolken und unsere Stimmung sehr niedergeschlagen. Nach zweistündiger Fahrt kamen wir an's Ziel, d. h. ein letztes Stück des Weges mußten wir zu Fuß gehen. Wir kamen an einem Bild vorüber, das man hier aufgestellt hatte: Vier bergaufkeuchende Häftlinge. Unterschrift: ,, Es geht mit Karacho". An der Lagerpforte lasen wir ein neues Mahnmal: ,, Recht oder Unrecht mein Vaterland", und ein drittes im Lager selbst ,, Jedem das Seine". Als wir im Lager standen, waren wir völlig entkräftet und totmüde. Der Hunger war kaum noch zu ertragen, und die bittere Kälte machte unsere Verzweiflung voll. Wir hofften, nun endlich ein Lager für unsere müden Körper zu finden. Zu Zehntausenden standen wir auf dem großen Appellplatz, eine ganze Stadt des Jammers. Buchenwald beherbergte damals etwa 60 000 Menschen und es war unmöglich, daß die Zahl mit einem Schlage verdoppelt wurde. Wir mußten warten und warten, ohne daß irgendetwas für unsere Lage getan wurde. Zunächst dauerte es drei Tage, bis wir zur Entlausung kamen, die die Lagerordnung jedem Neuankömmling auferlegte. Wir erhielten weder Essen noch Trinken, und täglich gingen Tausende zugrunde. Die Sanitäter hatten unaufhörlich zu tun, und auch das Krematorium arbeitete ohne Pause. Zu Bergen türmten sich die Leichen. Manchem kostete der Kampf, schneller entlaust und damit in die Lagergemeinschaft aufgenommen zu werden, das Leben. Mir gelang es endlich nach drei Tagen. Wir wurden in große Badewannen gesteckt, die mit Lauge gefüllt waren. Vorher hatte man uns sämtliche Körperhaare abrasiert. Manchem brachte ein solches Bad den Tod, andere aber auch wieder wurden erfrischt davon. Die Schmerzen, die an den vielen wunden Stellen des Körpers brannten, sobald sie mit dem heißen Seifenwasser in Berührung kamen, waren fürchterlich. Nach der Entlausung wurden wir eingekleidet: Holzpantinen mit Fuẞlappen, ein Hemd, Leinenhose und eine gestreifte Leinenjacke. Da es Februar und noch immer bitter kalt war, bot diese Kleidung uns kaum einen Schutz vor der Witterung. Im Stillen flehten wir auch hier wieder zu Gott, er möge sich doch endlich unser erbarmen und uns durch den Tod, in dem wir die einzige Rettung sahen, von unseren Leiden erlösen. doch Esser wenn Ansp kräft Kraf die F Verh gesch aufg ähnl Lieg nich bode Schu abri ten ten der nen mein Mac Leu zu der Gel bau gen ten Bur me sch auc 48 zun * Wenn vielen dieser Wunsch auch erfüllt wurde, so blieben manche doch am Leben. Endlich bekamen wir die langersehnte erste Portion Essen im Lager Buchenwald. Hier gab es eine wirklich ordentliche Küche, wenn die Portionen auch klein waren. Aber wir stellten keine großen Ansprüche nach allem, was wir bisher erlebt hatten. Uns, die wir noch kräftig genug waren, das Essen in Empfang zu nehmen, gab es neue Kraft. Andere waren selbst dazu zu schwach und starben, ehe sie an die Reihe kamen. Am Morgen lagen vor jeder Baracke die Leichen der Verhungerten, die dann von den„Himmelsspediteuren“ ins Krematorium geschafft wurden. In unseren) Stuben gab es hier keine Pritschen, sondern regalartig aufgebaute Fächer, die ann ein Warenlager erinnerten. Decken oder ähnliches waren völlig unbekannt. Aber selbst eine solche primitive Liegestatt zu bekommen war nicht ganz.einfach. Wer nach dem Appell nicht rechtzeitig im Block war, mußte die Nacht auf dem bloßen Fuß- boden oder an die Wand gelehnt verbringen. Außer Häftlingsbaracken gab es in Buchenwald eine große SS- Schule und eine Hunde-Dressuranstalt, in der man die Vierbeiner darauf abrichtete, Menschen zu zerfleischen. Diese Tiere leisteten) den SS-Leu- ten gute Dienste bei ihrer Arbeit. Die höheren Dienstgrade der SS wohn- ten am Ende des Lagers in modern eingerichteten Villen. In diesem Teil der großen Lagerstadt waren auch die prominenten politischen Gefange- nen aus aller Herren Länder untergebracht, deren Namen für die ge- meinen Vernichtungsmethoden in der Welt zu bekannt waren. Die SS- Machthaber lebten in Saus und Braus; wahrscheinlich war für diese Leute Buchenwald die schönste Zeit ihres Lebens, während es für uns zu dem Schrecklichsten: gehörte, was wir durchmachen mußten. In einer der Villen tobte die Frau des Lagerführers Koch ihre pervers-sadistischen Gelüste aus. Für diese Leute mußten die Häftlinge tiefe Bunker in die Erde bauen, damit die Massenmörder ihr armseliges Leben in; Sicherheit brin- gen konnten, wenn Gefahr von oben drohte. Tage- und nächtelang muß- ten Tausende'von Sklaven aus einem tiefen Schacht die Steine für die Bunker heranschleppen. Ein Teil der Weimarer Altstadt lag in jenen Tagen bereits in Trüm- mern. Das K.?. hatte Aufräumungskommandos zu stellen, um die Er- schlagenen aus den Trümmern zu bergen. Bei dieser Gelegenheit fiel auch mancher aus unseren Reihen einer Bombe oder einem Spätzünder zum Opfer. 49 Komfort in Buchenwald Buchenwald hatte sogar einen gewissen Komfort. In der Nähe der Küche stand eine große, von einem Hof umgebene braune Baracke, die das Lagerbordell beherbergte. Dort konnten sich die bessergestellten Häftlinge, die Prominenten, die SS-Leute nach ihrer Arbeit amüsieren. Ferner gab es, wie überall, ein Krankenrevier, in dem allerdings nur die politischen Häftlinge von internationalem Rang eine gute Aufnahme und Behandlung fanden. Für diese standen Aerzte und Medikamente zur Verfügung, während für den gewöhnlichen Häftling Krankheit meist gleichbedeutend mit dem Tode war. Buchenwald war ein kleines Paradies für die Bessergestellten, für die große Masse aber eine Hölle auf Erden. Das Leben war immer wie- der von Appellen unterbrochen, bei denen die allzu sehr Geschwächten aussortiert und in den Tod geschickt wurden. Ein solcher Appell war an sich schon eine ungeheure Strapaze. Täglich kamen aus dem Osten neue Menschen für die damals noch laufende Kriegsmaschinerie der Deutschen. Mein Aufenthalt in dem be- rüchtigten Lager datiert von den letzten Monaten des Krieges. Nach einer später aufgefundenen Lagerkartei starben in jener Zeit, im Januar i 1945:6 400, im Februar: 5614 und im März: 5479 Menschen, meist an Hunger oder Flecktyphus. Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten, zwi- schen dem 7. und 11. April, wurden außerdem noch 6 000 Häftlinge er- schossen. Die einrückenden Truppen fanden Hunderte von Leichen und bis aufs Skelett abgemagerte Sterbende. So hatte z. B. von 700 norwe- gischen Juden, die seit 1942 im Lager Buchenwald waren, ein einziger nur die Befreiung erlebt. Bei den anderen Nationalitäten; war das Verhältnis der Überlebenden ähnlich, die meisten Opfer brachten die polnischen Ju- den. Ich selber entging diesem Schicksal, weil ich eines Tages, kurz vor Toresschluß noch, zum Abtranspor: in ein anderes Lager aussortiert wurde. Konzentrationslager Büsingen in Hohenzollern Nachdem im großen Kino von Buchenwald Tausende von gesunden Häftlingen zum Abtransport ausgesucht worden waren, wurden wir wie- der zu je 80 Mann in Waggons verladen und nach Süddeutschland ge- schickt. Die Reise dauerte wiederum vier Tage und vier Nächte, Unser\ Ziel war das Lager Büsingen: in’ Hohenzollern, das inmitten von anmuti- gen Tälern in einer landschaftlich sehr reizvollen Umgebung gelegen war. Von Ferne sah manl das Stammschloß der Hohenzollern. Das Lager war j erst vor zwei Jahren errichtet worden und bestand aus zehn großen, pferdestallähnlichen Baracken, in denen 1500 Häftlinge hausen mußten. 50 Als wir ankamen, waren jedoch nur etwa 300 Mann im Lager. Wir be- zogen die neuen Quartiere mit einigermaßen neuen Kräften und vor allem mit neuen; Hoffnungen, denn das Ende des Krieges mußte nahe sein. Aber das Leben war auch hier nicht leicht. Das Lager hatte eine sehr ungünstige Lage, es stand auf sumpfigem Gelände, und man mußte, um von der einen Baracke in die andere zu kommen, hölzerne Gehstege benutzen. Unsere Vorgänger waren fast alle einer Bauchtyphus-Epide- mie zum Opfer gefallen. Zu unserem Glück brauchte man in der dama- ligen Zeit jede nur verfügbare Arbeitskraft dringend nötig, und wir bekamen aus diesem Grunde ein einigermaßen gutes Essen und konnten zunächst einmal eine ganze Woche lang auf unseren mit Sägemehl ge- füllten Pritschen ausruhen, bis wir zu einer neuen Arbeit eingesetzt wurden. Immerhin hatten! wir auch hier einen großen Friedhof vor Augen, auf dem 1500 Häftlinge lagen, die früher in Büsingen oder in anderen Lagern der Umgebung gestorben waren. Nach dem Kriege sind diese Toten von der französischen Militärregierung in würdiger Weise auf einem Ehrenfriedhof in Dautmergen beigesetzt worden. Die Baustelle, auf der wir arbeiten mußten, war nicht weit vom Lager entfernt gelegen. Doch bevor wir zum Einsatz kamen, hielt uns der Lagerführer eine Rede, die in der Drohung gipfelte:„Wer es wagen sollte, von hier aus zu fliehen, den hänge ich eigenhändig auf. Ich habe in so!chen Dingen eine lange und gute Erfahrung hinter mir. Ich habe schon Tausende aufgehängt und mit Euch Banditen werde ich auch noch fertig werden.“ Im Übrigen war hier das Wachpersonal nicht mehr so einheitlich wie in anderen Lägern. Es waren meist Soldaten, die aus allen Wehrmachtteilen zusammenigewürfelt waren. Es gab viele unter ihnen, die uns anständig behandelten, aber auch Bestien in Menschen- gestalt, wie überall in den Lagern. Von solchen Elementen hatten wir auch in Büsingen, wenige Wochen vor Ende des Krieges, noch manches auszustehen. Einmal machten drei Häftlinge einen) Fluchtversuch, der aber scheiterte. Die drei wurden, nachdem man sie ergriffen hatte, so- lange geprügelt, bis sie nicht mehr aufstanden. Die Arbeit war schwer. Ich war bei der Firma Lenz und Co. ein- gesetzt und mußte den ganzen Tag lang schwere Eisenbahngeleise schlep- pen. Wer dazu nicht imstande war, wurde geprügelt, bis er zusammen- brach. Wir standen hier unter dem Kommando der Organisation Todt. Doch die Tage in Büsingen waren| gezählt. Tägliche Bombarde- ments kündigten an, daß die Alliierten nicht mehr weit entfernt sein konnten. Das Lager wurde eines Tages evakuiert, und ich kam mit einem Transport in ein Nebenlager von Dachau, nach Allach. sl Lager Allach bei Dachau Der April 1945 war von günstiger Witterung. Für die Reise von Büsingen nach Dachau brauchten wir unter den damaligen Verhältnissen acht Tage. Unterwegs waren wir in München- Karlshof umgeladen worden. Wir hatten schrecklichen Hunger und ich entsinne mich scheußlicher Szenen, die sich aus diesem Grunde auf dem Bahnhof dort abspielten. Die Häftlinge stürzten sich wie Tiere auf das frische grüne Gras, um den Hunger einigermaßen zu stillen. Ein Teil der Gefangenen war mit dem Ausladen der Lebensmittelwagen beschäftigt. Andere, durch den Hunger zum letzten entschlossen, fielen über sie her und raubten Brot und andere Nahrungsmittel. Die Posten schossen in den Haufen der vor Hunger halbwahnsinnigen Menschen, sodaß es auch hier nochmal einige Schwerverletzte gab. Irgendwo war ein Eimer Marmelade ausgeschüttet worden und im Nu stürzten sich Dutzende auf die süße Lache, die mit Sand und Dreck vermischt, gierig geschlürft wurde und binnen kurzem verschwunden war. Von München aus marschierten wir zu Fuß nach Allach. Dort war eine ehemalige Irrenanstalt in ein K. Z. verwandelt worden. Tausende von Häftlingen aller Nationen, darunter auch Frauen, die von weiblichen SS- Posten bewacht wurden, waren hier untergebracht. Die SS- Wächterinnen trugen lange Reitstiefel und, dazu passend, Reitpeitschen; von weitem hörten wir häufig das Schreien der Frauen, wenn die entmenschten Weiber auf sie einschlugen. Die Tränen traten uns in die Augen, als wir hier zum erstenmal so nahe Frauen in der großen Todesmühle sahen. Wir brauchten in Allach nicht mehr zu arbeiten. Unsere einzige Beschäftigung bestand darin, die Tausenden von Toten auf Rollwagen zu laden, mit denen sie dann nach Dachau geführt und dort im Krematorium zu Asche verbrannt wurden. Die ganze Organisation war aus den Fugen. Mittags bekamen wir einen Liter Wasser mit zwei Kartoffeln, und bei der Ausgabe dieses jämmerlichen Fraßes gab es Mord und Totschlag unter den Häftlingen. Ich sah, wie Häftlinge, die noch Goldzähne im Munde hatten, sich diese mit den eigenen Händen ausrissen, um für das Edelmetall ein paar Scheiben Brot einzuhandeln. Einmal ist es mir selber gelungen, ein solches ,, Geschäft" zu vermitteln, und ich ei hielt als Provision den sechsten Teil der Brotration. Die meisten Häftlinge waren bereits so schwach, daß sie nur noch auf der Erde liegen konnten. Bei der Entlausung hatte man uns auch hier wieder unsere Kleider abgenommen und uns neue Lumpen gegeben. Mancher lief buchstäblich nackt herum. le m g Z m d D go M V V a P А ( I 52 52 ° von issen Wor- 7 licher elten, N den dem Inger ] an- Inger Iwer- orden | und Wun- b war. sende ichen chte- Es schien keine Aussicht zu sein, diese letzte Station noch zu über- leben. Und doch kam eines Tages noch einmal der Befehl zum Weiter- marsch; wir wurden abermals verladen und nach Süden in Bewegung gesetzt. Die Befreiung Unser Zug war acht Tage lang /urlterwegs, das heißt, die meiste Zeit standen wir irgendwo auf den Geleisen und warteten auf die kom- menden Ereignisse, immer noch in der furchtbaren Angst, daß man in der letzten Minute die Zeugen schrecklicher Taten umbringen könnte. Dazu grassierte der Hungertod in unvorstellbarem Maße unter den aus- gemergelten Häftlingen, Alles deutete darauf hin, daß das furchtbare Morden bald zu Ende sein werde. Wenn der Zug anhielt, sprangen die Menichen rudelweise aus den Wagen und stürzten ungeachtet der Postenschüsse auf die Wiesen, um Frösche und anderes Getier zu suchen. Um diese scheußliche Beute ent- stand dann unter den, Verzweifelten ein wilder Kampf. Am 29. April 1945 hatten wir bereits drei Tage auf derselben Stelle stillgestanden und bemerkten nun auf einmal durch die Ritzen in den Wänden unserer Waggons, daß draußen etwas geschah. Von Weitem waren Schüsse zu vernehmen, und auf einmal war unsere Bewachung wie vom Erdboden verschluckt. Sterbende hielten sich mit letzter Kraft noch aufrecht, um den nächsten Tag zu erleben. Am nächsten Tag tauchten plötzlich am Bahnkörper Tausende von Frauen in Häftlingskleidern; auf: es waren weibliche Gefangene aus Ungarn. Wir waren frei. Rote-Kreuz-Autos fuhren heran und luden Pakete ab, die vom Amerikanischen Roten Kreuz stammten. Die Ausgehungerten stürzten sich in besinnungsloser Gier über diese lang entbehrten Genüsse. Man- cher von ihnen mußte diese nur zu verständliche Unbesonnenheit nun noch mit dem Leben bezahlen, weil der beinahe abgestorbene Organis- mus die plötzliche Überladung einfach nicht ertragen konnte. Aber noch ein letztes Mal drohte uns Gefahr: plötzlich bekamen wir von irgendwo her Feuer. Es waren wahrscheinlich unsere Befreier selbst, die:glaubten, ihre Feinde vor sich zu haben. Wir zogen eine weiße Flagge auf und winkten mit allem, was wir zur Verfügung hatten, den alliierten Soldaten; zu. Unsere Befreier waren eine französische Ein- heit, die innerhalb der amerikanischen Armee kämpfte. Eine große Er- griffenheit bemächtiste sich unser in diesem Augenblick, den wir seit vielen Jahren so sehnlich erwartet hatten. Herzliche Grüße einer war- men, brüderlichen Menschlichkeit wurden uns von den französischen Soldaten zuteil, die uns mit der Rettung vor dem Hungertod, der uns 53 54 54 schon in seinen Krallen gehabt hatte, die Rückkehr zu einem menschlichen Leben brachten; die uns das, was man uns jahrelang vorenthalten hatte, wiederschenkten: Menschenwürde. In diesem Augenblicke aber auch spürten wir, was uns verloren war das Liebste und Teuerste, was wir einstmals besaßen auf Erden: die Frau und das Kind, Mutter, Vater und Geschwister. Was wir verloren haben, ist unersetzlich und unwiederbringlich. Erst jetzt, in dieser Stunde der Befreiung, da wir wieder zu atmen und neu zu leben begannen, kam uns die Bürde dieses Verlustes zum Bewußtsein. - Wenn es auch lange dauerte einmal sind die schweren Wunden, die wir an unserem Körper trugen, verheilt. Dereinst wird vielleicht die Menschheit daraus gelernt haben, was sich in unseren Reihen in diesen schweren Jahren der Vergangenheit ereignet hat: daß die Achtung vor dem Nächsten über alles geht. Auf dem großen Massengrab der vielen unbekannten politischen Häftlinge, auf den Gräbern von Millionen von Frauen, Männern und Kindern möge die Liebe unter den Menschen zu neuem Leben erwachen. Z E g n al D h S a D M es n Ende. e g e e S U S S A ZWOLF JAHRE gelang es diesen Verbrechern, in fast ganz Europa die Flammen; anzuzünden. Sie haben Millionen Menschen in das größte Unglück gestürzt, Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder vernichtet. Sie bauten unzählige Baracken, die für Millionen zum Grab wurden. Sie brachten ein Elend, wie es die Welt bis dahin noch nicht sah. Sie zerrissen Familien und ließen nur einen Teil von ihnen als unglückliche Menschen) zurück. Man schleppte über alle Straßen Deutschlands Wracks von Menschen— und dies soll keiner gesehen haben? Man verbrannte bei Tag und Nacht die Opfer— und keiner soll das bemerkt haben? Nicht nur die SS hat uns gepeinigt, sondern auch biedere Soldaten der Wehrmacht. Überall in den Städten, in den Dörfern wurden Vernichtungslager gebaut. Meine Erlebnisse gab ich ohrie Haß wieder und ich schrieb sie heute, weil es mir Bedürfnis ist, diese Tragödie allen ins Gewissen zu rufen, die nichts mehr davon zu wissen vorgeben und die nichts mehr davon hören möchten. Schon’vor dem Jahre 1933 bekam man in Deutschland eine Ahnung von dem Kommenden, schon vor der„Machtübernahme“ gaben sie unglücklichen Menschen deshalb, weil sie Juden waren, ihre Kraft zu spüren. Mehrere Male wurde ich auf den Straßen überfallen und miß- "handelt, und dennoch glaubte ich unentwegt, daß die Vernunft in sie ein- kehren werde. Aber ich hatte mich getäuscht. Ich wurde verschleppt und verlor alles was ich; besaß, ich verlor aber vor allem das Teuerste: meine Angehörigen. Und was mich heute besonders berührt, ist die Schändung jüdischer Friedhöfe. Ich glaube, daß es wieder dieselben Ele- mente sind, die bereits wieder ihren Kopf heben und von neuem ihr grausiges Spiel versuchen. Die Menschheit muß sich dieses Unheils noch einmal zutiefst bewußt werden; in jedem aber, der sein Gewissen nicht erneut belasten will, muß der Rechtsgedanke lebendig werden. Aus die- sem Unglück gilt es zu lernen, daß der Mensch etwas Heiliges ist. Ich litt unter dem gelben Stern, ich trug ihn und werde ihn immer tragen — nicht in der Farbe, die sie uns aufgezwungen haben, sondern als Zeichen eines freiheitliebenden Menschen und Juden.