INHALT 1. Das historische Vorfeld des deutschen Faschismus Kapitel 1_ Sozialistische Jugendträume 9 % Demokratie und Sozialismus in der Kaiserzeit 16 3 Die demokratische Republik im Kampf gegen | Reaktion und Krieg 27 4 Deutschlands Auslieferung an den Faschismus 50 5 Das System Himmler in seinen Anfängen 63 6 Das Konzentrationslager Heuberg 68 1I. Das Konzentrationslager Sachsenhausen 1944 1 Das Attentat vom 20. Juli und seine Auswirkung 89 2 Meine Verhaftung— Im Alex 96 3 Gespräche über die Judenfrage- Die Entjudung der Reichshaupitstadt 105 4 Schutzhäftling Nr. 93 909 114 5 Der erste Tag— Allgemeine Zustände— Mißhand- lungen und öffentliche Hinrichtungen 119 6 Die Selbstverwaltung der Häftlinge— Vorteile der Blockfunktionäre 137 7‘Der erste Besuch 145 8 Die Juden aus Radom- Das KZ. als Devisenbank 154 9 Der Zuchthäusler als Vorgesetzter- Im Arbeits- einsatz— Die wirtschaftliche Ausbeutung der „Häftlinge- Das Lagerbordell 162 10 Bunte Blockbilder 177 11 In memoriam Ernst Heinrich Bethge geb. 12. 10.1878, gest. 11. 11. 1944) 193 III. Das Ende 1 Berliner Zustände Ostern 1945 198 2 Die sozialistisch getarnte Reaktion 209 3 Die letzte Drohung der Gestapo— Der Dreißigjährige Krieg und der Hitler-Krieg- Gefechte auf der Autobahn 215 4 Der Nazismus im Reiche Sauckels und Goethes— Sein Untergang in der Kleinstadt—- Zusammen- schluß der antifaschistischen Kräfte 232 5 der Geschichte- Gericht und Götter- dämmerung 241 6 Die Schuld der Wehrmacht 253; 1. Das historische Vorfeld des deutschen Faschismus KAPITEL 1 Sozialistische Jugendträume Dieses Buch schreibe ich in der Heimat. Die Wege des Schicksals haben mich in ihren Schoß zurückgeführt und ich habe länger verweilt als jemals in den vier Jahrzehnten, seit ich sie verließ. Noch nie habe ich so stark empfunden, wie schön sie ist. Mitten im tiefsten Unglück quillt meine Liebe zu ihr aus meinem Herzen heißer empor, als in den Tagen der Jugend und des Glückes. Ein Kranz bewaldeter Hügel umschließt in einem weiten Rahmen das Land meiner Väter. Von der Hohen Warte aus gesehen liegt tief unten vor mir die kleine Stadt. Ihr altertümlicher Kern, in der Talsohle dem Auge fast verborgen, lagert sich um zwei breite Gassen, die zum Marktplatz aufwärts führen. Von dort grüßt der prachtvolle Nordgiebel des schönen, spätgotischen Rathauses herauf. Noch höher empor ragt die hundert Jahre früher begonnene Kirche. Die Häuser sind meist schmal und anspruchslos und doch immer irgendwie selbstbewußt; nicht selten verraten sie in der architektonischen Gestaltung den Wohlstand und Geschmack der Erbauer. Aber wie anderswo hat sich auch 9 hier in das geschlossene Bild des Alten hin und wieder ein Fremdkörper gedrängt, der von mangelnder Achtung vor der Überlieferung und von fehlender städtebaulicher Planung zeugt. Es sind die Früchte einer Erneuerungssucht, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die Menschen zu beherrschen beginnt und die zum Zerfall der gewachsenen Einheit und geschlossenen Ordnung geführt hat. Bis zur Gegenwart ist keiner anderen Form ein längerer Bestand beschieden gewesen. Von dem starken Einbruch in eine seit Jahrhunderten in ihren Grundlagen unverändert gebliebene Schichtung der Gesellschaft, sprechen die zahlreichen Schornsteine, die wie Riesenfinger in den Himmel ragen. Denn wie der Rauch der Fabrikschlote die klare Atmosphäre über uns zersetzt, so zersprengten die Kräfte, die ihn emporbliesen, das Gefüge der alten bäuerlichen, handwerklichen und kleinbürgerlichen Gemeinschaft. Am östlichen Ende der Stadt liegt der ehemals dörfliche Friedhof der heutigen Vorstadt, die aber bis jetzt noch ihren vorwiegend bäuerlichen Charakter bewahrt hat. Dort ruhen die Eltern von ihren Werken und ihrer Arbeit aus, ganz so, wie der Psalmist es besingt. Noch in der alten Welt und ihren Vorstellungen aufgewachsen, waren sie gleich tausenden anderen hineingerissen worden in den großen Strom, der die Grundmauern des Alten immer heftiger umbrandete. Die Mutter kam aus eines Webers Hause, das seine karge, aber stolze Selbständigkeit durch Jahrhunderte behauptet hatte. Des vaterlosen Vaters Begleiter war von frühester Jugend an die bitterste, kaum vorstellbare Armut. Nach fünfzehnjähriger Wanderschaft fand er bei seiner Rückkehr in die Heimat sein Handwerk von der Maschine verdrängt. Widerwillig nur trat er den Gang durch das Fabriktor an. Zwar band ihn seine Beschäftigung an 10 keine Maschine und kam so seiner Neigung zu freier Bewegung etwas entgegen, gleichwohl unterlag er den Gesetzen der neuen Gemeinschaft stärker als mancher andere. - - Außer seinem reinen Namen habe ich zwei Gegenstände von ihm geerbt: eine silberne Uhr und das Lohnbuch, in dem durch vierzig Jahre bis zum Tode des Inhabers jeder Zahltag vermerkt worden ist. Es fängt noch vor 1870 mit Florin an, dann folgen Taler und erst nach dem deutsch- französischen Krieg von 1870/71 wird der Wert des Lohnes in Markbeträgen ausgedrückt. Der Verdienst wurde jeweils am Ende des Monats bezahlt. Der Arbeiter war auf diese Art gezwungen dem Unternehmer einen monatlichen Kredit zu geben, der am Tage nach dem Zahltage mit Null begann und täglich um einen Tagelohn wuchs. Die Arbeitskraft des Arbeiters wurde also erst bezahlt, wenn sie verbraucht war. Nur die Miete, deren Beitreibung gesetzlich begünstigt war, wurde vierteljährlich nachträglich entrichtet. Die monatlichen Rücklagen dafür wurden vom Vater mit ungewöhnlicher Härte geschützt. Wehe der Mutter, wenn sie in ihrer Not einmal auf diese Reserve zurückgriff und sie nicht wieder ergänzen konnte, bevor der Vater es gewahrte! Zu Beginn seiner Tätigkeit betrug der Lohn meines Vaters monatlich 45. Mark. Im Laufe von vierzig Jahren war er auf nur 60. Mark gestiegen. Zehn bis zwölf, oft sogar vierzehn Stunden mußte täglich gearbeitet werden. Selbstverständlich gab es in jenen Zeiten nie Urlaub. Nur die kirchlichen Feiertage unterbrachen den strengen Arbeitsrhythmus, bei dem Woche sich an Woche hängte. Im 74. Lebensjahr traf den Vater der erste Schlag auf dem Arbeitsplatz nach Vollendung der 7. Arbeitsstunde des 30. Arbeitstages. Demgemäß lautet 11 der letzte Eintrag in das Lohnbuch: für 297/10 Arbeitstage 59.40 Mark. Man wollte damals den gelähmten Mann auf dem Schubkarren nach Hause fahren. Dagegen bäumte sich aber das Ehrgefühl der Kollegen auf, die eine Kutsche bestellten und aus ihrer Tasche bezahlten. Ein Kranz, von einem Angestellten ohne ein Wort der Teilnahme oder der Würdigung am Grabe niedergelegt, war die letzte Leistung des Unternehmens, dem der Vater vierzig Jahre lang in unbestechlicher Treue gedient hatte. So etwas fiel jedoch gar nicht weiter auf. Kaum hundert Jahre nach dem ergreifenden Hymnus Goethes auf den Tod des Tischlers Mieding in Weimar waren die Herzen im Kapitalismus schon so verhärtet worden. Die Bitterkeit dieses Erlebnisses habe ich in meinem Leben nie ganz verwunden. Wenn die ganze Familie sich einmal an einem Tisch hätte versammeln können, wären es neun Köpfe gewesen, doch waren die älteren Geschwister längst aus dem Hause, als ich, ein verspäteter Nachzügler, zur Welt kam. Aber auch fünf bis sechs Köpfe, die sich zuletzt auf vier verringerten, waren mit 50 bis 60 Mark im Monat nicht zu ernähren. Da mußte die Mutter zuerst mit Fabrikarbeit, später als Aufwarte- und Waschfrau und als Krankenpflegerin dazu verdienen. Oft arbeitete sie Tag und Nacht Jahre hindurch, bis die Hände zitterten und die Füße schwach wurden. Und auch so mußten sogar die Kinder für den Erwerb mit eingespannt werden. Zeitungen und Backwaren wurden ausgetragen und Holz und Beeren in den nahen Wäldern gesammelt, nur um wenigstens das Brot jeden Tag in genauest bemessener Zuteilung für den Einzelnen auf den Tisch zu bringen. Da half kein Vaterunser allein mit der Bitte ums tägliche Brot. Es war schwer, 12 : den Glauben an Gott nicht zu verlieren. Die Mutter hielt streng an ihm fest, der Vater verharrte in äußerlicher Gleichgültigkeit. Es konnte nicht ausbleiben, daß wir Kinder immer skeptischer wurden. Älter und singfähig geworden, zwang uns strengstes Schulgebot jeden Sonntag in die Kirche, aber die Reden der Männer, die droben auf der Kanzel im Namen des Zimmermannssohnes standen, ließen wenig von dem Geist seiner Bergpredigt spüren. Und aus welcher Fülle des Lebendigen hätten sie schöpfen, ihre Zungen befeuern und damit die Herzen der Armen im Sturme erobern können! Aber durften sie das überhaupt? Waren nicht Thron und Altar, waren nicht Staat und Kirche Zweckgemeinschaften geworden, in denen alles echt religiöse Leben ersterben mußte? Marx drückt es derb, aber sachlich nicht unrichtig aus, wenn er sagt, der Kapitalismus habe alles, auch die Geistlichen, zu seinen bezahlten Lohndienern erniedrigt. Das Kinderherz konnte noch nicht wissen, daß echte Religion eine ewige Quelle der Seele ist und daß sie, wie alle Werke göttlicher Herkunft, ganz zeitlos und im letzten unabhängig ist von ihren jeweiligen Repräsentanten und den äußeren Einrichtungen, die ihr dienen sollen. Damals war mehr Religion außerhalb als innerhalb der Kirche anzutreffen. Zu jener Zeit las ich viel, allerdings auch wahllos. Denn ich war auf das angewiesen, was ich kostenlos von irgendwem oder in der Leihbibliothek, die ein kleiner Geschäftsmann am Orte eröffnet hatte, gegen ein paar Pfennige in die Hand bekam. Zu eigenem Bücherkauf reichten die Mittel des Vaters nie. Der seufzte schon, wenn ich ihm alljährlich nach der Versetzung die Liste der neuen Lehrbücher vorlegte, obwohl er dafür im allgemeinen großes Verständnis hatte. Ich be13 kam die besten und neuesten Exemplare, auch wenn er sich das Geld dafür am Munde absparen mußte. Aber am Abend griff ich gierig zuerst nach der Zeitung. Für mich war Bismarck schon ein fester Begriff, und ich kannte auch die Namen seiner Nachfolger Hohen- lohe und Bülow. Ich las die Reichstagsberichte, die selbst in ihrer stark gekürzten Fassung noch eiwas von dem mitreißenden Glanz der Reden eines August Be- bel durchschimmern ließen. Auch hinter die Bedeu- tung der Namen Eugen Richter, Windhorst, Basser- mann, Kanitz und Kardorff suchte ich zu kommen. Niemand unterwies mich, aber ich lauschte gespannt allen Gesprächen, die politischen Charakter trugen. Der Vater sang Lieder auf den Tod des Volksmannes Robert Blum und erzählte viel von der Revolution von 1848, die er als Trommlerjunge bei der Bürgerwehr in Weimar miterlebt hatte. Die schon erwachsenen Brü- der bekamen Fühlung mit den jungen Gewerkschaften und erzählten zu Hause, was sie in den Versammlun- gen gehört hatten. Die moderne Arbeiterbewegung, schon vor 1878 ein Faktor, den Bismarck fürchtete, ent- wickelte sich rasch, nachdem erst einmal die Fesseln des Sozialistengesetzes gefallen waren. Nun stand der Arbeiter nicht mehr allein, da er in seinen Organisa- tionen einen Rückhalt bekam, dessen Stärke von Jahr zu Jahr wuchs. In den Parlamenten riefen die sozial- demokratischen Abgeordneten seine Not in alle Welt und forderten Rechte für ihn. Das alles hatte in meinem jugendlichen Gemüt eine ungeheure Wirkung. Der Boden war durch die sozia- len Verhältnisse wohl vorbereitet. Die ganz anderen Tendenzen von Schule, Kirche und Zeitung blieben demgegenüber wirkungslos. Langsam begannen sich in meinem jugendlichen Kopfe die politischen Begriffe 14 | | | _ zu ordnen. Demokratie und Sozialismus standen unter ihnen im Vordergrund. Meine nächsten Kameraden waren meist Söhne von Handwerkern, Geschäftsleuten, manchmal sogar von Fabrikanten. Das Leben in ihren Familien war einfach, aber doch schon um viele Grade reicher als das meiner Eltern. Hier war vielfach Grundbesitz. Da standen Klaviere, hingen gute Bilder an den Wänden, kleine Bibliotheken und kostbare Spielzeuge waren anzutreffen, manchmal auch schon eine Nähmaschine für die Hausfrau, ein Fahrrad für den Herrn, oft ein Hund als Kamerad und ein Schwein für das Schlachtfest im Winter. Für mich waren das alles unerfüllbare Wunschträume. Durch die Tätigkeit der Mutter gewann ich auch Einblick in reiche Häuser und in die Sphäre unserer sozialen Antipoden. Doch haben Neid oder gar Haß von meiner Seele nie Besitz ergreifen können, nur war ich schon früh erfüllt von der Erkenntnis, daß ein schweres Unrecht in der Welt waltet. Daraus erwuchs in mir der leidenschaftliche Wille, dieses Unrecht zu bekämpfen und seine Macht zu brechen. Als vollends ein Zufall dem Sechzehnjährigen die gesamte sozialistische Literatur aus der Zeit vor dem Sozialistengesetz in die Hände spielte, darunter die Schriften von Lassalle und das Kommunistische Manifest von Marx und Engels, da geriet die junge Seele in einen Aufruhr ohnegleichen. Alles, was das Proletarierkind erlebt und gesehen hatte, alles, was bisher nur in der Welt der Gefühle, der Sehnsüchte, der Hoffnungen lebte, hier fand es das wissenschaftliche Fundament, seinen mitreißenden Ausdruck und die klare Zielsetzung. Dieses Lehrgebäude hing auch nicht in der Luft, wies eine organische Entwicklung von unten nach oben auf und hatte die bewegenden Kräfte der Menschheitsgeschichte der Wirklichkeit abgelauscht. 15 Was immer man gegen den Marxismus im einzelnen einwenden mag, so zum Beispiel seine Unterschätzung des Einflusses der Ideologien oder seinen Mangel an konstruktiven Staatsgedanken, Sozialismus jedenfalls ist in keiner Form möglich, ohne einen Rückgriff auf das unvergängliche Gedankengut von Marx und Engels, der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Hier sah ich eine neue Welt vor mir, und die Hoffnung, sie mit verwirklichen zu können, erweckte ein unendliches Glücksgefühl. Das war der Weg, der herausführen sollte aus der Not, aus dem Elend des Volkes, aus dem Gebrechen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Alles, was mir von nun an begegnete, sah ich im Lichte der gewonnenen sozialistischen Erkenntnisse. Meine Gedanken waren von jetzt an in den Arbeitssälen, in denen es klapperte, in den Werkstätten, in denen es hämmerte, obwohl sich meine Berufsarbeit, der ich mich nach der Schulentlassung zu widmen hatte, im Bereich des Soll und Haben vollzog. Den Anschluß an sozialistische Organisationen fand ich aber erst in der Fremde, die ich früh aufsuchte. KAPITEL 2 Demokratie und Sozialismus in der Kaiserzeit Die Geburtsstunde des modernen Proletariats hatte geschlagen, als die Maschine ihre unheimliche, seelenlose Gewalt über den Menschen gewann. Aus Dunkelheit und Tiefe begann der Vormarsch der Arbeiterbewegung. Eine ununterbrochene Kette von Niederlagen 16 sind die Marksteine am Wege seiner Entwicklung. Und wenn einmal im Kampfe alles verloren war, so blieb, wie Karl Marx es lehrte, nichts anderes übrig, als immer wieder von neuem anzufangen. Unabänderlich aber war, daß die kapitalistische Entwicklung Kräfte entfesselt hatte, die nicht mehr zur Ruhe kamen und nicht eher zur Ruhe kommen werden, bis ihre Mission auf diesem Planeten erfüllt ist. Keine Macht der Erde wird das verhindern können. Die bewegenden Kräfte haben die Gewalt von Naturgesetzen. Der Weg von der Erde zum Himmel aber ist weit. Wie schwer der praktische Kampf um den Sozialismus war, erfuhr ich erst jetzt. Mann an Mann zu reihen, Zelle an Zelle zu gliedern, in die Breite zu gehen und zugleich in die Tiefe, die Massen mit jenem Geist unbedingter Hingabe zu erfüllen, die den Sieg verbürgt, das alles war eine Herkulesarbeit. Die sozialistische Bewegung in Deutschland hatte vor 1914 ihre adventistische Periode, in der aber der Streit um den rechten Glauben, der im Christentum erst lange nach der Ankunft des Erlösers einsetzte, schon vorweggenommen war. Der Sozialismus als Endziel lag in weiter Ferne, viel zu weit für viele der von Glauben und Erwartung bis zum Äußersten erfüllten Genossen, die das Nahen eines neuen tausendjährigen Reiches zu fühlen glaubten und schon darüber stritten, was am Tage nach der sozialen Revolution zu geschehen habe. Die Nüchternen allerdings empfanden, daß der Weg weit sein werde, weiter vielleicht als der Weg Israels von Ägypten durch die Wüste in das Gelobte Land. Umsturz oder Entwicklung, Demokratie oder Diktatur? waren die Schlagworte, von denen die Versammlungen der Partei und der Gewerkschaften widerhallten. Revolution ist stets ein vorübergehender Zustand. Ent17 wicklung ist immer. Man kann die eine nicht machen und die andere nicht aufhalten. Wird es dennoch versucht, so scheitert die erstere und die zweite mündet in eine revolutionäre Situation. Das klingt in der Theorie alles so einfach und war doch so schwer in der Praxis. Sozialismus ist nach Marx eine Verheißung, der nach den unabänderlichen Gesetzen der menschlichen Entwicklung die Erfüllung folgen muß. Das geht ihm so weit, daß er alle Exzesse, alle moralischen Verurteilungen, alle Superlative gegen die Träger des kapitalistischen Systems als ideologische Fehlgriffe ablehnt, da sie den Kern der Sache nicht berühren. Im marxistischen Gedankengebäude an sich schlummert eine unerhörte Sachlichkeit, Objektivität und Leidenschaftslosigkeit. Ihm sind die Repräsentanten des Kapitalismus nur Willensvollstrecker des Sinnes der Geschichte. Sie bedürfen zur Entwicklung ihres Systems der Freiheit auf allen Gebieten; denn ohne Freiheit gibt es in der Welt keine Entfaltung, keinen Fortschritt der Wissenschaft, der Technik, der Chemie, der allgemeinen Volksbildung. Vor allem ist ohne Freiheit keine politische Macht denkbar. Alles dessen bedurfte aber der Kapitalismus. Darum kämpfte er in seiner Jugend gegen den feudalen Staat und dessen verstaubte Bürokratie. Seine Ansprüche an den Durchschnitt der Menschen waren höher als die der feudalen Zeit. Der Kapitalismus konnte seine Maschinen nicht von Analphabeten bedienen lassen, seine Laboratorien und Kontore erforderten qualifizierte Menschen in wachsender Zahl. Indem er in seinem Kampf mit dem Feudalismus, den er abzulösen hatte, die Voraussetzungen seiner Existenz und Entwicklung schuf, war er zugleich gezwungen, die Massen, die er nicht entbehren konnte, mit zu entwickeln. Der Kapitalismus wurde wider Wil18 len sein eigener Totengräber, sagt Marx. Aus den Falten des dritten Standes, sagt es freundlicher Lassalle, entwickelte sich der vierte Stand, der der Fels der Erde sein wird. Aber auch die Massen unterliegen dem Zwang des Müssens. Der Sozialismus, auch wenn er ein unabwendbares Glied in der Entwicklung der Menschheit ist, fällt dennoch nicht als reife Frucht in den Schoß der Armen, er muß erarbeitet, erkämpft werden. In der Masse der Arbeitnehmer gibt es zudem große Differenzierungen. Zwischen der untersten Schicht des Proletariats und der obersten Gruppe der Gehaltsempfänger bestehen zunächst wenig Berührungspunkte. Die Angehörigen dieser Schicht fühlen sich den Besitzenden, denen sie vielfach selbst entstammen, näher als jenen, zu denen sie theoretisch gehören. Zwischen beiden lagerte das Mosaik von Gruppen mit zahllosen sozialen Abstufungen. Sie ergänzen sich zunächst vorwiegend aus Bürgertum und Beamtenschaft, im Zuge ihrer fortschreitenden Emanzipazion auch aus der eigentlichen Arbeiterschaft. Es gelingt dem Kapitalismus lange Zeit, diese Gruppen oder Teile von ihnen, denen überliefertes, bürgerlich- privatkapitalistisches Denken vielfach noch im Blute sitzt, gegeneinander oder insgesamt gegen die moderne Arbeiterbewegung auszuspielen und zu Hilfstruppen seiner politischen und wirtschaftlichen Machtentfaltung zu machen. Das alles aber bleibt nur Episode in der Haupthandlung. Diese besteht ausschließlich in der historischen Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus. In ihr werden, sobald die Zeit gekommen ist, alle diese Helfer des Kapitalismus ins sozialistische Lager stoßen. Das Heer der sozialistischen Masse wird dann reif sein, dem Sozialismus als der neuen Lebensgrundlage der Menschen 19 alle Kräfte zur Verfügung zu stellen, deren er bedarf: die durch Wissen, Einsicht und Ideal geläuterten Massen der arbeitenden Menschen, die Wissenschaftler, die Organisatoren, die Ingenieure, die Chemiker, die Techniker, sie alle, und zwar mit den besten geistigen Werkzeugen versehen, braucht der Sozialismus, um das große Werk der Produktion auf der Grundlage der Gemeinschaft zu höchster Leistung und Wirkung zu bringen. Das ist ein Prozeß, der nur langsam vor sich geht. In seinen Anfängen fällt er noch zusammen mit den Zielen der bürgerlichen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bleibt ein Jahrhundert lang die demokratische Devise, die das fortgeschrittene Bürgertum mit der, seiner historischen Mission bewußt gewordenen Arbeiterschaft im Kampf gegen den Feudalismus eint. Denn das Bürgertum bedurfte der Demokratie zur Entfaltung all seiner Möglichkeiten innerhalb des kapitalistischen Systems. Die Arbeiterschaft braucht die Demokratie, um sich überhaupt erst Geltung, langsam politisches Gewicht und politische Rechte zu verschaffen. Darum dreht sich ein halbes Jahrhundert lang in Deutschland alle politische Arbeit und aller Kampf um die Gestaltung des Wahlrechtes. Das gleiche Recht für Jedermann! Das ist ein durch und durch demokratischer Grundsatz. Seine Verwirklichung bot Gewähr, die Demokratie zur Lebensgrundlage des Volkes schlechthin zu machen, denn Demokratie ist nicht etwa nur eine politische Technik, deren man sich zur Führung politischer Kämpfe bedient. Sie ist vielmehr die Seele einer freien Gemeinschaft, der Inbegriff der geistigen Haltung, mit der der moderne Mensch allen Dingen des Lebens gegenübertritt. Demokratie ist in allem das Gegenteil von Diktatur, Absolutismus und Despotie. 20 Dem Deutschland von 1870 bis 1918 gewährte Bismarck das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht zum Reichstag. Ihm ging es dabei aber nicht um die Verwirklichung eines Grundsatzes der politischen Demokratie. Diese haßte er vielmehr wie nur je ein preuBischer Junker sie gehaẞt hat. Das freie Wahlrecht war ihm nur Klammer um das von ihm geschaffene Reich. Der große Realpolitiker glaubte mit ihm bei der Vielheit des politischen und wirtschaftlichen Lebens innerhalb des deutschen Partikularismus alle Schwierigkeiten beseitigen zu können. Wenn ihm aber keine andere Lösung blieb, so zeigt das deutlich, wie die Entwicklung auch in Deutschland der Demokratie einen Spalt geöffnet hatte, durch den sie hindurchschlüpfen konnte. Sonst aber blieben alle Bastionen der Reaktion, voran das preußische Dreiklassenwahlrecht, unangetastet. Kaisergewalt, Militarismus, Polizei und Bürokratie wirkten zusammen, um jeden frischen demokratischen Luftzug fernzuhalten. Kein Briefträger durfte Sozialdemokrat sein, viel weniger natürlich ein höherer staatlicher Funktionär. Es gab Zeiten, da auch liberale und demokratische Elemente die gleiche Ablehnung erfuhren. Das galt besonders für die preußische Bürokratie, die ihren streng konservativen Charakter mit großer Zähigkeit verteidigte. Ganz zu schweigen von dem Offizierskorps, dessen Exklusivität beinahe Weltruhm genoẞ. In ihm herrschte der Adel, weit über das Ende seiner historischen Mission hinaus. Die sozialistische Bewegung, die, von gelegentlichen Rückschlägen abgesehen, von Wahl zu Wahl lawinenhaft anschwoll, wurde zu einer oppositionellen Rolle verurteilt und damit zwangsläufig in die Verneinung gedrängt. Trotzdem blieb diese Opposition nicht ohne praktische Erfolge, auch wenn diese hinter den Möglichkeiten einer direk21 ten politischen Machtausübung zurückblieben. So ist die deutsche Sozialgesetzgebung, mit der man ihr den Wind aus den Segeln nehmen wollte, doch maßgebend von der Sozialdemokratie beeinflußt worden. Gleiche. Erfolge wurden sichtbar im kulturellen und wirtschaftlichen Sektor des Reiches, besonders als Ergebnis der Tätigkeit in den Parlamenten der Länder und in den Vertretungen der Gemeinden. Mit dem Vormarsch der politischen Bewegung ging parallel ein ununterbrochener Aufstieg der freien Gewerkschaften. Ihre Tätigkeit war zwar weniger alarmierend und aufrüttelnd als das öffentliche Auftreten der sozialistischen Abgeordneten im Parlament, in ihrer Wirkung auf die von ihr vertretenen Arbeitergruppen dafür um so unmittelbarer und folgenschwerer. Hier standen sich Unternehmertum und Arbeiterschaft direkt gegenüber. Der Kampf ging um Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung. Jeder Erfolg, den die Gewerkschaften errangen, wirkte sich sofort zugunsten einer Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterschaft aus; aber auch jeder Rückschlag war deprimierend und aufpeitschend zugleich. Hier war Krieg, hier war Klassenkampf! Seine Mittel waren Streik, Aussperrung und Maßregelung. Friede wurde im Tarifvertrag geschlossen, der kündbar war, weil das Wesen des Kapitalismus einen dauernden Arbeitsfrieden ausschloß. Auf den Gewerkschaftsführern lastete deshalb eine große Verantwortung. In den Kerngebieten des Kapitalismus, in seinen Generalstäben, waren darum auch die Gewerkschaften ungleich verhaẞter als die Sozialdemokratie, wie andererseits die Begriffe Scharfmacher und Großagrarier jederzeit eine Welle der Empörung in der organisierten Arbeiterschaft auslösen konnten. Staat und Wirtschaft gerieten in Deutsch22 land unter einen wachsenden Überdruck, dem das sichernde Ventil fehlte. Hier hätte die vollkommene Demokratie mit der unverhüllten Verantwortung der politischen und wirtschaftlichen Führung das wirksamste Regulativ sein können. Denn Demokratie bedeutet nicht, wie gehässige Feinde ihr nachsagen, Massen- oder Pöbelherrschaft, die zum Verfall, zur Anarchie, führt. Wir wissen auch, daß in modernen Staaten nicht die absolute Demokratie, bei der die Staatsangelegenheiten in der Versammlung des ganzen Volkes beraten und beschlossen werden, möglich ist. Die höchste Gewalt kann immer nur von einer Minderheit ausgeübt werden, die in der repräsentativen Demokratie in den Formen der Demokratie regiert. Sie ist damit Trägerin der höchsten Gewalt, in ihrer Tätigkeit jedoch einer ständigen Kontrolle der demokratischen Organe und der gesamten Öffentlichkeit unterworfen. Die Führung muß sich das Vertrauen, dem sie ihre Berufung in hohe Ämter verdankt, jeden Tag neu erwerben. Besitzen die Führenden das Vertrauen nicht mehr, so müssen sie weichen, auch wenn sie recht haben, aber im Kampfe um ihre bessere Erkenntnis unterlegen sind. In einem solchen Falle fällt die Verantwortung auf das Volk zurück, das die Folgen seiner Fehlentscheidung unmittelbar zu spüren bekommt. In dem ewigen Wechselspiel zwischen Führung und Geführten entsteht jene Atmosphäre, in der die Staatsbürger zu politischer Reife und staatsbürgerlichem Verantwortungsbewußtsein erzogen werden, die Fehlentscheidungen nach Möglichkeit verhüten. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsrecht, Freiheit der Wissenschaft und des Glaubens, sowie Schutz der Persönlichkeit vor administrativer Willkür sind unabdingbare Postulate dieser politi23 schen Lebensform. In der Demokratie kann darum auch der Staatsbürger die Verantwortung nicht von sich auf andere abschieben. Absolutismus bedeutet Würdelosigkeit und Schande, Demokratie die höchste Ehre des freien Staatsbürgers. Deutschland ging nicht den Weg der vollkommenen Demokratie, sondern den der Katastrophe. Zwar eroberte der demokratische Gedanke immer breitere Schichten der sozialistischen Arbeiterschaft, dafür schmolzen aber im Bürgertum die Vertreter der Demokratie von Jahr zu Jahr mehr zu einem hoffnungslosen Häuflein achtbarer Idealisten zusammen. Nur im südwestdeutschen Raum, der in seiner sozialen Struktur viel Ähnlichkeit mit französischen Verhältnissen hatte, blieben die Ideale von 1848 im Bürgertum noch längere Zeit lebendig und befruchteten im Zusammenwirken mit der Sozialdemokratie das politische Leben im demokratischen Sinne. Waren jedoch schon unter diesen Demokraten viele Anhänger einer reinen Formaldemokratie, die der Sozialdemokratie genau so skeptisch, ja häufig noch ablehnender gegenüberstanden als der schlimmste kapitalistische Scharfmacher, so traf dies erst recht zu bei dem norddeutschen Liberalismus und Freisinn, deren Grundhaltung Jahrzehnte hindurch vom Manchestertum mit seinem starren Laisser- faire und der strikten Verneinung jeder Einmischung des Staates in wirtschaftliche Dinge bestimmt wurde. Der typische Vertreter dieser Richtung war Eugen Richter, dessen Schrift ,, Irrlehren der Sozialdemokratie" lange Zeit das politische ABC des freisinnigen Bürgertums war. Friedrich Naumanns groBe Persönlichkeit, so glanzvoll und interessant sie als Einzelerscheinung im Rahmen der deutschen politischen Geschichte wirkte, kam zu spät, um innerhalb 24 - des Bürgertums noch tiefere soziale und demokratische Wirkungen auszulösen. Der politische Katholizismus hielt alle Kräfte- demokratische und konservative durch die unversiegbare Kraft des katholischen Glaubens in sich gebunden. Seine Stärke war zugleich seine Schwäche, er konnte seine Kräfte nicht eindeutig für eine demokratische Entwicklung einsetzen, weil sonst sein Gebäude mit Zerfall bedroht war. Der Opportunismus aus Prinzip war das Lebensgesetz des Zentrums, das es um seiner Selbsterhaltung willen unbedingt beachten mußte. Die Masse des Bürgertums, verängstigt durch die Märchen von der Bedrohung des Privateigentums durch den Sozialismus, von der Religions- und Vaterlandsfeindlichkeit der Sozialdemokratie, im Kern aber stark angefressen von dem materialistischen Geiste, der die deutschen Menschen im Reiche Bismarcks und Wilhelms II. immer stärker erfaßte, warf sich kritiklos in die Arme der politischen Reaktion. Eine kräftige Dosis Antisemitismus kam hinzu. Rückschauend ergreift uns ein Schauder darüber, in welchem Ausmaße törichte Schlagworte die Alltagspolitik im deutschen Reiche zu jener Zeit beherrschten. Hinter einem Nebel von dummen Phrasen und albernen Lügen betrieb die Reaktion ihre dunklen Geschäfte. Die Zäsur in der politischen Geschichte des deutschen Bürgertums machte der deutsch- französische Krieg von 1870/71. Bis dahin stand dem liberalen Bürger die Freiheit noch höher als die Einheit. Allmählich verfiel er der Anziehungskraft der nicht unrichtigen These: Ohne Einheit keine Freiheit! Als aber Bismarcks Erfolg auf den Schlachtfeldern nur die kleindeutsche Einheit brachte, wurde er in zunehmendem Maße von der Blut- und Eisenpolitik des säkularen junkerlichen Ge25 waltmenschen gefangengenommen. Die ideellen Güter der Nation und die Erinnerung an die freiheitliche Bewegung von 1848 wurden von materiellen Bedürfnissen und Wünschen verdrängt. Aus Freiheit wurde die Freiheit des Gewinnstrebens, aus Patriotismus machtpolitischer Nationalismus, aus der christlichen Religion ein Opferplatz für den Thron. Wer sich gegen diese Entwicklung stemmte, wurde mit dem Stigma der Vaterlandslosigkeit, Religionsfeindschaft und Staatsgefährlichkeit belegt. Schon 1878 glaubte Bismarck stark genug zu sein, mit Hilfe des„ Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" alle Widersacher seines Systems vernichten zu können. Zusammen mit dem sinnlosen Kulturkampf gegen die katholische Kirche war das Gesetz ein würdiger Vorläufer der nationalsozialistischen Vergottung des militaristischen Machtstaates. Beide begannen sie mit Attentaten, 1878 auf den Kaiser, 1933 mit dem Reichstagsbrand, bei dem das cui bono, wem nützt es, die geistige Urheberschaft unzweideutig anzeigte. Sozialistengesetz und deutscher Faschismus dauerten je zwölf Jahre. Es gab im Deutschen Reich eine Reihe von Grundrechten, die auch ihm den Charakter eines modernen Staatswesens gaben: das allgemeine Wahlrecht zum Reichstag und in einer Reihe von Bundesstaaten, die Unabhängigkeit der Rechtsprechung, die Presse- und Meinungsfreiheit, die Freiheit der Wissenschaft, das Koalitionsrecht. In einem Lande jedoch, in dem die reaktionären Strömungen immer wieder Oberwasser bekamen, und in dem führenden Staate mit seinem Dreiklassenwahlrecht, preußischem Militarismus, Junkertum und Schwerindustrie, einen starken Halt hatten, konnten diese Rechte nie zu voller Wirkung kommen. 26 Häufig genug wurden sie auch noch im Einzelfalle verletzt und im ganzen waren sie einer beständigen Bedrohung ausgesetzt. Unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg fühlte sich die Reaktion stark genug, einen neuen Schlag vorzubereiten, der mit der geplanten Aushöhlung des Koalitionsrechts zunächst den verhaßten Gewerkschaften den Todesstoß versetzen sollte. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges hat diese Pläne vereitelt. Seine Urheber waren dieselben Kräfte, die den Kampf, der als ein Krieg in Erfüllung der Bündnispflicht gegenüber einem überalterten und leichtfertigen Staate begann und vom Volke zunächst als ein reiner Verteidigungskrieg empfunden wurde, zu einer Auseinandersetzung mit imperialistischen und dynastischen Zielen ausweiteten und bis zum Weißbluten fortsetzten. KAPITEL 3 Die demokratische Republik im Kampf gegen Reaktion und Krieg Die ie Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg bedeutete auch das Ende des Bismarck- Reiches. Etwas anderes als die demokratische Republik mit dem Parlamentarismus war nach dem Zusammenbruch von 1918 nicht möglich. Jeder Versuch, die für den Krieg verantwortlichen Kräfte an der Regierung zu halten, um sie die Suppe auslöffeln zu lassen, die sie eingebrockt hatten, wäre nicht nur anachronistisch gewesen, sondern hätte mit höchster Wahrscheinlichkeit die sieg27 reichen Westmächte zur Besetzung ganz Deutschlands und zu verschärften Repressalien ermuntert. Die nationale Not und das wirtschaftliche Elend des deutschen Volkes wären dadurch noch furchtbarer geworden. Die Nationalisten haben später im Reichstag offen ausgesprochen, daß sie gerade das erreichen wollten, aber das ganze Volk hätte dann die Rechnung bezahlt. Welches Schicksal dem Versuch, eine Rätediktatur nach russischem Vorbild zu errichten, zuteil geworden wäre, hat die Unterstützung der weißrussischen Gegenrevolution durch die Entente, die selbst vor direkter militärischer Intervention nicht zurückschreckte, gezeigt. In der Geschichte ist nur das möglich, wozu die Vorbedingungen ausgereift und erfüllt sind. Trotz aller Not hätte die demokratische Republik von Weimar ein glücklicher Ausgangspunkt werden können, wenn die politische Einsicht des ganzen Volkes sie als die gegebene geschichtliche Plattform innerlich anerkannt hätte und wenn die Arbeiterklasse im Zeitpunkt ihrer geschichtlichen Wende politisch und ideologisch geeint gewesen wäre. Diese Einheit hätte zweifellos einer skrupellosen Minderheit von Schwerindustriellen, Großagrariern und Finanzmagnaten durch Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Kraftquellen für alle Zeiten die Möglichkeit nehmen können, Deutschland erneut und diesmal in das schwerste Unheil seiner Geschichte zu stürzen. Ohne jede Verletzung demokratischer Prinzipien wäre das zu erreichen gewesen. Die Schuldfrage soll hier nicht aufgeworfen werden. Sie würde aus der Situation vom November 1918 allein auch nicht beantwortet werden können. Die Suche nach einer gerechten Antwort müßte auf tiefere Quellen der Geschichte der Arbeiterbewegung zurückgreifen. Es genügt, die objektive Tatsache festzustellen, daß 28 damals nicht möglich war, was heute nach zwölfjähriger Faschistenherrschaft das selbstverständliche Gebot ist: Zusammenfassung aller antifaschistischen Kreise bis tief hinein in das Bürgertum zu einheitlicher Aktion, deren Ziel die Ausrottung jeder faschistischen Regung in Deutschland sein muß. Die unerfreulichen Geburtswehen der demokratischen Republik, die Tatsache, daß Millionen deutscher Staatsbürger den inneren Sinn der Demokratie nicht begriffen hatten und eine folgenschwere politische Unreife an den Tag legten, trugen ein Element innerpolitischer Schwäche in das republikanische Staatsgebäude, das außerdem an der Last des verlorenen Krieges schwer trug. Diese Schwäche, die zuzeiten in selbstmörderische Toleranz ausartete, hat es den reaktionären Kräften ermöglicht, ihr Haupt von neuem zu erheben. Die Stationen des Vormarsches der Reaktion sind rasch aufgezählt: Dolchstoßlegende, Freikorpsunfug, Novemberverbrechen, Kapp- Putsch, Ministermorde, Inflationsmache, Regierungskrise, Hindenburgwahl, Staatskrisen, Arbeitslosigkeit, Weltkrisen, Faschismus. Wie frivol wurde in allem die geschichtliche Wahrheit in ihr Gegenteil verwandelt! Es entstand eine politische Lüge von weltgeschichtlichem Ausmaße. Nach ihr hatten Monarchismus, Militarismus und Reaktion den ersten Weltkrieg nicht verloren. Das deutsche Heer, so wurde erklärt, sei unbesiegt geblieben und durch linksradikale Wühlereien zersetzt worden. Der Sieg der Demokratie sei kein revolutionäres Ereignis von Weltbedeutung, sondern das Werk von Verbrechern. Es rückgängig zu machen, wurde mit allen Mitteln angestrebt, legalen und illegalen, auch mit Fehmemorden, durch Rollkommandos der Schwarzen Reichswehr vollzogen. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg fielen. Schwarze 29 Reichswehr und Landknechtsorganisationen aller Art, ja sogar Teile der legalen Reichswehr selbst, wurden zu Sammelbecken beschäftigungslos gewordener, ehrgeiziger Offiziere und einer nationalistisch verhetzten Jugend, die regelmäßiger und friedlicher Beschäftigung im Kriege entwöhnt worden war. Zwar miẞlang 1920 der Versuch, durch den Kapp- Putsch die Demokratie zu entthronen, aber die Treibereien gingen weiter. Mit besonderem Haß wurden bürgerliche Repräsentanten der Republik verfolgt. Erzberger wurde niedergeknallt, Rathenau hingemordet. Politisch verdächtige Persönlichkeiten wie Ludendorff, Tirpitz, Hugenberg und Helfferich waren die Drahtzieher hinter den Kulissen. Eine wirklichkeitsfremde Befreiungsromantik wurde hochgezüchtet, jedes Verbrechen, das national getarnt war, mit dem Mantel christlicher Nächstenliebe zugedeckt. Der Haẞ regierte die Stunde, Ruhrkampf und Inflationsmache wurden zu Motoren der nationalistischen und reaktionären Renaissance. Den entscheidenden Erfolg aber errang die Reaktion mit der Ersetzung Friedrich Eberts durch Hindenburg in der Reichspräsidentschaft. Der alte Feldmarschall war der Inbegriff aller Hoffnungen der Reaktionäre, und er hat sie wahrlich nicht enttäuscht. Weniger durch aktive Handlungen als vielmehr durch die Tatsache, daß durch ihn und seine Umgebung maßgebende Führer der Feinde der Demokratie die ganze republikanische Staatsmaschine überwachen, kontrollieren und beeinflussen konnten. Das galt besonders für die Reichswehr, die unter der Präsidentschaft Hindenburgs ihren Gelüsten ungestört frönen konnte. Außenpolitisch kreisten die Gedanken um die Probleme, die der Versailler Vertrag aufgeworfen hatte: Kriegsschuld, Besetzung des linken Rheinufers, Repa30 rationen, internationale Abrüstung. Ihnen folgten im Abstand dem Range nach Danzig, Korridor und die übrigen Ostfragen. Es war darum bezeichnend, daß immer dann, wenn eine außenpolitische Entspannung in Sicht war, sich eine Erhöhung der nationalistischen Aktivität zeigte. Der Abbruch des Ruhrkampfes und das Abstoppen der Inflation mit Hilfe des Dawesplanes wurde mit dem Hitler- Putsch vom November 1923 und den nationalistischen Wahlen vom Frühjahr 1924 beantwortet. Die Reaktion bedurfte der internationalen Spannungen, um an ihnen das Feuer der nationalistischen Leidenschaften stets von neuem anzufachen. Trotzdem war es den republikanischen Bemühungen gelungen, die außenpolitische Atmosphäre allmählich zu entgiften. Die Zusammenkunft von Briand und Stresemann in Thoiry und die Konferenz von Locarno bereiteten den Weg Deutschlands in den Völkerbund. Das Verhältnis zu Frankreich besserte sich zusehends. Die Außenpolitik Stresemanns begann Früchte zu tragen. Auch in der Innenpolitik wehte eine frische Brise. Die Gewerkschaften aller Richtungen erstarkten. Die Tarifverträge hoben das Lohnniveau nicht unbeträchtlich und stärkten die Stellung der Arbeiter in den Betrieben. Achtstundentag und Urlaub wurden gesichert, die Selbstverwaltung der Sozialversicherung aufgebaut, ihre Einrichtungen verbessert, die sozialen Kriegsrenten erhöht, die Arbeitslosenversicherung auf reichsgesetzliche Grundlagen gestellt. Wie sehr das Siedlungswesen gefördert worden ist, zeigt jedes Dorf, jede Stadt noch heute. In Preußen entstand in den Jahren 1920 bis 1930 durchschnittlich in jeder Woche ein neues Dorf. Die deutsche Republik hat mit tatkräftiger Unterstützung der Arbeiterparteien in den Jahren von 1920 bis 1930 mehr soziale Arbeit geleistet, als 31 das Kaiserreich in den rund fünf Jahrzehnten seiner Existenz. Während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft sind diese Errungenschaften nur gefährdet, verwässert und entwertet, nicht aber um ein Jota grundsätzlich erweitert worden. Nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß der Nationalsozialismus durch die Zerschlagung der Gewerkschaften und den Raub des Koalitions- und Streikrechts die Arbeiterschaft waffenlos gemacht und ihr als Ersatz nichts anderes als leere Redensarten geboten hat. Wie sehr diese Entwicklung der nationalistischen Reaktion Abbruch tat, zeigte der Ausfall der Reichstagswahl von 1928. Die Nationalsozialisten blieben die unbedeutende Gruppe, die sie waren und auch die Deutschnationalen verloren eine Reihe von Mandaten. Gleichzeitig erhöhten die Sozialdemokraten und die Kommunisten ihre Stimmenzahlen erheblich. Zwei Jahre später war das Bild völlig verändert. Die bürgerlichen Parteien zeigten starke Auflösungserscheinungen zugunsten des Faschismus. Die Nationalsozialisten stiegen von 809 541 Stimmen auf 6 406 397 Stimmen und steigerten die Zahl ihrer Mandate von 13 auf 107. Waren das auch nur 22 Prozent der abgegebenen Stimmen und 20 Prozent der Mandate, so war doch diese gewaltige Veränderung zweifellos der Ausdruck einer gefahrdrohenden gegenrevolutionären Situation. Welche Ereignisse waren eingetreten, um sie auszulösen? Im Laufe des Jahres 1929 setzte eine allgemeine Weltwirtschaftskrise ein, die in allen Industriestaaten der Welt, vor allem aber in Deutschland in wachsendem Maße zu einer starken Arbeitslosigkeit führte. Dieses Unglück war Wasser auf die Mühle der deutschen Katastrophenpolitiker. Nationalistische Exzesse trugen dazu bei, diese Krise durch erneute Erschütterungen des 32 internationalen Vertrauens zu verschärfen. Die Reparationsverpflichtungen Deutschlands waren in dieser Zeit mit dem Youngplan in eine neue Form gebracht worden. In den Vorverhandlungen hatte der Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der sich seit langem zu einem politischen Intriganten erster Ordnung und zu einem Helfershelfer der reaktionären Hochfinanz entwickelt hatte, eine höchst zweideutige Rolle gespielt. Er hatte 1929 dem Youngplan zugestimmt, aber dem schwerkranken, von Madrid über Paris nach Hause fahrenden Stresemann zugeflüstert:„ Nun gilt es, die deutsche Zahlungsunfähigkeit zu organisieren!" Stresemann war entsetzt. Er hat aber das Ende der von Schacht und ähnlichen Ehrenmännern in Szene gesetzten Intrige nicht mehr erlebt, da er bald darauf gestorben ist. Mit dem Youngplan vollzog sich zugleich die Räumung der dritten Zone am Rhein. Das war ein ungeheurer Erfolg der von Stresemann geführten AuBenpolitik der demokratischen Republik. Frankreich hatte, von seinem Standpunkt aus gesehen, dem Frieden Europas ein großes Opfer gebracht. Statt darauf mit einer Welle der Sympathie zu antworten, um so die Voraussetzungen für eine weitere Auflockerung des Versailler Vertrages zu schaffen, antwortete der deutsche Nationalismus mit einem provozierenden Faustschlag. Er veranstaltete in Koblenz einen Stahlhelmtag und ließ in der entmilitarisierten Zone Zehntausende von ehemaligen Frontsoldaten in feldgrauer Uniform aufmarschieren. Die preußische Regierung, die eingreifen wollte, mußte vor Hindenburg, der Ehrenpräsident des Stahlhelms war, zurückweichen. Der Feldmarschall hatte nach einer der zahllosen Regierungskrisen der Republik ein sogenanntes Kabinett der Frontsoldaten berufen mit Dr. Brüning an der Spitze, das 33 mit wechselnden Mehrheiten zu regieren versuchte. Als es im Sommer 1930 in der Minderheit blieb, wurde der Reichstag aufgelöst. Die Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten. Die Wechselkurse sanken, Banken wurden geschlossen, die Freiheit des Devisenverkehrs aufgehoben, der deutsche Export fiel auf ein Minimum, während die Beschäftigungslosigkeit lawinenartig anwuchs, und die Konsumkraft der deutschen Bevölkerung ständig schrumpfte. Aber noch war nichts verloren, wenn auch die Notverordnungspolitik der Regierung Brüning der politischen Demagogie breite Angriffsflächen bot. Doch wurden selbst die unzulänglichen Maßnahmen der Regierung sabotiert. Generaldirektor Dr. Dorpmüller erklärte 1932, die Reichsbahn habe keine Mark für zusätzliche Arbeitsbeschaffung zur Verfügung, kaum ein Jahr später besaß sie jedoch Hunderte von Millionen für das Arbeitsbeschaffungsprogramm des Dritten Reiches. Das ist nur ein Beispiel für ungezählte Fälle dieser Art. Die Machthaber in Industrie und Finanz wollten die Massen immer tiefer in die Verzweiflung treiben, sie reif machen zu jeder Torheit, die Regierungskrisen durch eine Staatskrise ablösen, um bei deren Bereinigung die Macht in Deutschland für absehbare Zeit an sich zu reißen. Noch war es freilich nicht so weit. Die sozialen Einrichtungen der demokratischen Republik funktionierten und hielten die unmittelbarste Not fern. Der Arbeitslose von 1932 lebte im allgemeinen besser als der deutsche Durchschnittsmensch von 1944. Politische Disziplin der Massen, Klugheit, guter Wille und Tatkraft der verantwortlichen Regierungen hätten wohl vermocht, die Entwicklung wieder in normale, friedliche Bahnen zu lenken. In Deutschland war die Zeit von den Septemberwahlen von 1930 bis zum Sturz der Regierung Brü34 ning am 30. Mai 1932 ein dornenvoller und für die Demokratie opferreicher Weg zu diesem Ziel. In den ehemals feindlichen Ländern hatte man die Warnungssignale wohl erkannt, aber die befreiende Initiative lieẞ länger auf sich warten, als die Weltzustände es ertrugen. Eine Wiederherstellung des Vertrauens in der Welt war nur zu erreichen durch eine Bereinigung der internationalen Verschuldung, soweit sie aus dem Weltkriege erwachsen war, und durch die Herstellung einer wirksamen Sicherheit gegen den Ausbruch einer erneuten kriegerischen Katastrophe. Das internationale Schuldenproblem konnte nur mit Hilfe der Vereinigten Staaten gelöst werden. Frankreich und England machten jede Verständigung in der Reparationsfrage von einem amerikanischen Entgegenkommen ihnen gegenüber abhängig. Unter den heftigen Schlägen der Weltkrise schien sich jenseits des Ozeans eine Wendung vorzubereiten. Sie war aber in der entscheidenden Zeit von 1930 bis 1932 noch nicht vollendet. Wie merkwürdig tragisch und unerforschlich sind die Wege des Weltenschicksals! Der Beginn der Rooseveltschen Ära, in deren Verlauf die Isolationspolitik Amerikas allmählich abgebaut wurde, fällt zeitlich zusammen mit dem Beginn der Diktatur Hitlers in Deutschland. Zwölf Jahre laufen die beiden Männer auf der Weltbühne nebeneinander wie Licht und Schatten, um dann 1945 fast gleichzeitig aus dem Leben zu gehen. Aber während der eine abgerufen wurde wie Moses vom Berge Nebo, das leuchtende Land der Erfüllung in seinen brechenden Augen, gepriesen von seinem Volke und von der Welt, sank, von den Flüchen und Verwünschungen des ganzen Erdballs, einschließlich Deutschlands, begleitet, der elende Urheber millionenfachen Unheils hinab in den Orkus. Wie anders würde 35 wohl heute die Welt aussehen, wenn das deutsche Volk statt der Wege Hitlers die Roosevelts gegangen wäre, statt der Straße der Diktatur, der Gewalt und des Rechtsbruchs die Wege der Demokratie, der Freiheit, der Weltsicherheit und des Weltfriedens! Im Jahre 1932 stand das deutsche Volk vor dem zweiten Wege, Fausts Alternative vor Augen:„ Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte." Und wir wurden Knechte, weil wir in dem verzweifelten Wettlauf zwischen nationalistischer Gegenrevolution in Deutschland und dem mühevollen Ringen um eine Lösung der internationalen Schwierigkeiten auf die Rattenfängermethoden politischer Abenteurer und machthungriger Plutokraten hineingefallen sind. Atemberaubend und nervenverzehrend war für den Politiker dieser Wettlauf. In Frankreich bestand man hartnäckig auf der Verbindung von Reparationen mit alliierter Verschuldung. Eingeschüchtert durch die immer dringlicheren deutschen Rufe nach Abrüstung, war Frankreich erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach der Wiederkehr des Beistands, den es im Kriege gegen Deutschland von England und Amerika erfahren hatte. Das Unterlegenheitsgefühl gegenüber Deutschland, selbst in seinem abgerüsteten Zustande, war im französischen Volke trotz der Siegesfanfaren von Versailles geblieben. Wie berechtigt die Sorge war, den Deutschen nicht gewachsen zu sein, falls die dunklen Wege der internationalen Politik es einmal in die Lage versetzen sollten, einem kriegerischen Deutschland allein gegenübertreten zu müssen, hat die Entwicklung des folgenden Jahrzehnts gezeigt. Da stand nun Frankreich mit dem Gesetzbuch von Versailles in der Hand, dessen Revision den versöhnten Gegner schaffen und ihn zum Freunde ma36 1 chen sollte. Aber es wurde die Sorge nicht los, daß jede Stärkung Deutschlands für Frankreich gefährlich sein werde, auch die moralische Festigung eines demokratischen und republikanischen Deutschlands. In Frankreich ist das Bonmot entstanden, Hitler sei das illegitime Kind von Clemenceau und Poincaré. Die Alternative von Versailles war, entweder diesen Frieden bis zur letzten Konsequenz durchzuführen oder aber, wenn man das nicht wollte und konnte, den Weg zur Versöhnung rasch und folgerichtig zu gehen. Umsonst riefen wir den Franzosen zu:„ Alles was ihr uns gebt, gebt ihr dem Frieden! Alles was ihr uns verweigert, gebt ihr dem Kriege!" In der Tat hat Hitler wenige Jahre später frivol zerfetzt, was das demokratische Deutschland im Gefühl seiner Verantwortung für den Frieden nicht anzutasten wagte: die Pflicht zur Leistung internationaler Zahlungen, die Respektierung der entmilitarisierten Zone, die Abrüstungsverpflichtungen des Versailler Vertrags, das Verbot des Wiederaufbaus einer Luftwaffe, das Verbot des Anschlusses von Österreich. Schritt für Schritt wurde von Hitler das internationale Werk des Jahres 1932 zerstört. Dieses Werk begann in den Jahren 1931 und 1932 langsam zu reifen. Nach Überwindung unerhörter Schwierigkeiten, wobei England unter der Regierung MacDonalds sich mit einer wahren Eselsgeduld abmühte, gelang es, in Genf die Abrüstungskonferenz in Gang zu setzen und eine Reparationskonferenz nach Lausanne einzuberufen. Gleichlaufende Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten waren gesichert. Rußland, das nicht im Völkerbund vertreten war, beteiligte sich gleichwohl an der Abrüstungsdebatte, da es an der internationalen Sicherheit stark interessiert war. Es bewahrte in dem Kampfe Deutschlands um die Revision des Versailler 37 Vertrags eine vorurteilsfreie, nicht selten wohlwollend fördernde Haltung. Um so sinnloser waren die Tendenzen des späteren Antikominternpaktes, hinter dessen weltanschaulichem Schleier sich die nackte Gier nach Gut und Land der Sowjetunion verbarg. Sie hat schlieẞlich Hitler- Deutschland zu dem verbrecherischen Überfall auf Rußland verleitet, der die entscheidende Ursache seines Untergangs geworden ist. In beinahe majestätischer Ruhe und Zurückhaltung harrte Sowjetruẞland seiner Stunde. Sie schlug, als Hitler aus dem Völkerbund austrat und Rußland mit unerhörter politischer Elastizität die Lücke sofort ausfüllte. Abrüstungskonferenz und Reparationskonferenz waren synchronisiert. Unter undurchsichtigen innerpolitischen Aspekten ging Deutschland nach Lausanne und Genf. Brüning hatte erkannt, daß er sich an beiden Orten um Vertrauen und Wirkung brachte, wenn er nicht im Geiste der Demokratie und der Friedensliebe der deutschen Linken auftrat. Dazu mußte er in der Heimat auch einen Rückhalt haben. Er fand ihn durch die Tolerierung seiner Regierung, die nur dem Zwang entsprang, der Außenpolitik bis auf weiteres den Vorrang vor der Innenpolitik zu lassen. Trotzdem wurde sie zum Ausgangspunkt innerpolitischer Intrigen der Reaktion, von denen Hindenburg in zunehmendem Maße umsponnen wurde. Die Amtsperiode des Präsidenten lief im März 1932 ab. Die Erfolge, die sich in der Außenpolitik ankündigten, sollten durch innenpolitische Belastungen nicht gefährdet werden. Darum wurde versucht, die Amtszeit ohne Wahl zu verlängern, was miẞlang. Die Nationalsozialisten, die Deutschnationalen und der Stahlhelm, in der Habsburger Front vorübergehend politisch und persönlich einander näher gebracht, widersprachen, wobei ihre Sabotage weniger 38 der Person Hindenburgs galt, als seinem Kanzler Brüning, dessen Verschwinden eben mit allen Mitteln erzwungen werden sollte. Unter dem Aspekt solcher innerpolitischer Wühlereien fährt Brüning nach Genf und spricht am 9. Februar 1932 in der Abrüstungskonferenz die prophetischen Worte: ,, Die geschichtliche Größe dieser Aufgabe wird vielleicht erst später in ihrer wahren Tragweite erkannt werden, sowohl im Falle des Erfolgs, als auch des Miẞerfolgs. Kommt ein Miẞerfolg, was Gott verhüten möge, so würde die Menschheit zu spät in unerträglichem Leiden begreifen lernen, daß sie eine gute Stunde schuldhaft versäumt hat." Die Heimkehr führte Brüning sofort in den Kampf um die Wiederwahl Hindenburgs. Neben diesem kandidierten Hitler für die Nationalsozialisten, Thälmann für die Kommunistische Partei und Düsterberg für den Stahlhelm. Der Frontkämpferbund stand also gegen seinen Ehrenpräsidenten. Hitler wußte, daß er die Mehrheit der Wählerstimmen nie erhalten würde, für ihn war die Wahl nur Gradmesser für die nationalsozialistische Durchseuchung des Volkes. Um den Stahlhelm gruppierten sich die Kreise, denen es darum ging, über Hindenburg den Kanzler Brüning durch einen Miẞerfolg zu schädigen. Hindenburg siegte nicht im ersten Wahlgang, sondern mußte sich einem zweiten unterwerfen. Dabei erhielt er von 36 483 490 abgegebenen Stimmen 19 359 642. Hitler hatte 13 417 490 Stimmen, Thälmann 3 706 388 erhalten. Der Verlauf der Wahlbewegung offenbarte die ganze innen- und außenpolitische Gemeingefährlichkeit der NSDAP. Von den Verbänden der SA und SS waren ungezählte Gewaltakte gegen politische Gegner verübt worden. Da wagte Brüning eine Kraftprobe zur Rettung seines Werkes. Er setzte 39 das Verbot der SA und der SS durch, wobei er von Reichswehrminister Gröner unterstützt wurde. In der parlamentarischen Auseinandersetzung fällt Brünings berühmtes Wort: Ich werde doch 100 m vor dem Ziele die Nerven nicht verlieren." Die Nähe dieses Zieles war es gerade, welche die nationalistische Reaktion in ihrer Gesamtheit zu höchster Aktivität anspornte. Auf keinen Fall durfte Brüning an der Entwirrung der Weltkrise beteiligt sein. Diese mußte vielmehr genutzt werden, um Schwerindustrie, Hochfinanz und Agrariertum an die Macht zu bringen. Jetzt oder nie! Selbst wenn das auf Kosten des Reiches geschehen mußte. Eine intensive Bearbeitung des wiedergewählten Hindenburg erfolgt. Man benützt dazu den alten, verschlagenen Herrn v. OldenburgJanuschau, Gutsnachbar des Präsidenten, von dem das in der Kaiserzeit berühmt gewordene Wort stammt: ,, Der Kaiser muß jeden Moment imstande sein, einem Leutnant zu sagen:, Nehmen Sie zehn Mann, und schließen Sie den Reichstag!" Jetzt zeigte sich deutlich, welchen Streich die deutsche Wählerschaft im Jahre 1925 der Demokratie gespielt hatte, als sie, in Verkennung des Sinnes der Geschichte, Hindenburg, diesem Repräsentanten unverfälschter, altpreußischer und monarchistischer Gesinnung das höchste Amt der Republik anvertraute. Hindenburgs Popularität im ersten Weltkrieg als Sieger von Tannenberg war ungeheuer. Daß der Kaiser den Mann ,, mit dem Feldwebelgesicht" nicht leiden konnte, erhöhte sie noch. Beim Zusammenbruch im Jahre 1918 blieb der Feldmarschall im Lande und sorgte zusammen mit Gröner für eine geordnete Heimkehr der Fronttruppen. Das erhielt ihm die Popularität auch in Kreisen, die seinen politischen und geistigen Zuschnitt gering einschätzten. In Wirk40 lichkeit ist Hindenburg bei aller jahrelang vorgetäuschten Loyalität gegenüber der Verfassung der Republik und den sie tragenden Kräften eine ständige, stille Reserve der Reaktion gewesen, und zuletzt nicht der Retter, sondern einer der Verderber Deutschlands geworden. Wenn einmal ruhige Zeiten gekommen sein werden, und deutsche Historiker mit kritischem, aber objektivem Blick Archive und Memoiren wieder durchforschen dürfen, wird auch die Hindenburg- Legende aufgeklärt und ihr Held vermutlich als eine von der deutschen Phantasie erheblich verzeichnete Figur in der Geschichte erscheinen. Sicher ist der Anteil Ludendorffs, der bei aller Ablehnung seiner politischen Absonderheiten als militärischer Führer ungleich bedeutender war als sein Chef, an dem militärischen Ruhm des Feldmarschalls wesentlich stärker beteiligt gewesen, als man bisher im allgemeinen weiß. Ludendorff, Brüning und vor allem Gröner dürften manchen Beitrag zur Aufhellung der Hindenburglegende zu leisten haben. Gröner hat, wie ich bestimmt weiß, Lebenserinnerungen hinterlassen, die auf eine eigenartige Weise der Witwe des Generals entrissen wurden und entweder in die Hände der Gestapo oder des OKW. gefallen sind. Hoffentlich ist die Zweitschrift dieser Erinnerungen erhalten, die neben dem Original existierte. Von Gröner stammt das harte Wort: ,, Jetzt, wo er tot ist, darf man es sagen: Es hat kaum jemals einen treuloseren, hinterhältigeren Gesellen gegeben als diesen Mann." Mag in diesem Wort auch die Bitternis der letzten Erfahrungen mit Hindenburg nachzittern, das Gesicht des Mannes jedenfalls trug Züge, die zur Vorsicht mahnten. Der Präsident, dem das Wort zugeschrieben wird, die Treue sei das Mark der Ehre, ließ Brüning und sein Kabinett am 30. Mai 1932, wenige Wochen vor der 41 Entscheidung in Lausanne fallen. Kurz zuvor war am 3. Mai 1932 das Verbot der SA und SS aufgehoben und durch eine schwammige Verordnung über Militärverbände und Gottlosen- Organisationen ersetzt worden. Das plötzliche Verschwinden Brünings in der Versenkung war auch ein Schlag gegen die Volksvertretung. Der Reichstag hatte erst am 12. Mai einen Mißtrauensantrag mit 287 gegen 257 Stimmen abgelehnt. Die nationalistische Reaktion wollte also ohne und gegen den Reichstag regieren. Als Nachfolger Brünings tauchte jener Mann auf, der aus persönlichem Ehrgeiz und in dem Willen, seine Herrenschicht wieder zum alleinigen Träger der Staatsgewalt im Deutschen Reiche zu erheben, die Republik von der latenten Regierungskrise in die latente Staatskrise geführt hat. Er ist in erster Linie verantwortlich für die schließliche Verwirklichung des Faschismus in Deutschland. Für das deutsche Volk ist er mit dem ihm geistesverwandten Schacht eine der verwerflichsten politischen Figuren. Mit Papen ging es nun in der deutschen Innenpolitik im Herrenreitertempo weiter. Da das Kabinett Papen- Schleicher keine Aussicht hatte, im Reichstag eine Mehrheit zu erzielen, wurde dieser gar nicht erst gefragt, sondern einfach aufgelöst. Neuwahlen wurden für den 31. Juli 1932 festgesetzt. Für die dunklen Staatsstreichpläne, die man gegen Preußen als den stärksten Hort der Demokratie plante, bedurfte man eines parlamentslosen Zustandes. Der„ ,, loyale" Reichspräsident Hindenburg brachte es fertig, die Preußenregierung durch einen Reichskommissar außer Funktion zu setzen. Als Vorwand diente die an den Haaren herbeigezogene Beschuldigung, die preußische Regierung habe sich als unfähig erwiesen, gegenüber den politischen Ausschrei42 tungen im Lande die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten und der wachsenden kommunistischen Gefahr entsprechend zu begegnen. Diese Schlägereien waren vielfach erst verursacht worden, um einen Vorwand zum Staatsstreich zu schaffen. Hindenburg und Papen stellten die deutsche Demokratie mitten in einen Reichstags- Wahlkampf und angesichts bevorstehender Entscheidungen von Weltbedeutung vor die Wahl, entweder mit Generalstreik und bewaffnetem Aufstand zu antworten, oder die Verbrechen hinzunehmen in der Hoffnung, sie auf legalem Wege wieder beseitigen zu können. Es ist müßig, heute Betrachtungen darüber anzustellen, welchen Gang die Ereignisse im einzelnen genommen hätten, wenn es zu jener Zeit zum Bürgerkrieg gekommen wäre. Sicher weiß das niemand. Rückschauend darf man aber wohl sagen, daß Generalstreik und Bürgerkrieg bei der damaligen Kräfteverteilung mit hoher Wahrscheinlichkeit nur dazu geführt hätten, den Faschismus nach einem furchtbaren Blutbade einige Monate früher an die Macht zu bringen. In Lausanne erntete die Regierung Papen- SchleicherNeurath die Früchte der mühevollen Arbeit des demokratischen Deutschland. Von den sieben Milliarden, die Frankreich unter Führung Herriots als Abschlußzahlung nach dreijährigem Zahlungsaufschub forderte, waren zuletzt noch 2,6 Milliarden übrig geblieben, von denen 1,6 Milliarden sofort durch fünfprozentige Bonds gezahlt werden sollten, der Rest aber in Fortfall kommen sollte, falls er nicht innerhalb einer Frist von drei Jahren untergebracht werden konnte. Es waren heiße Wochen des Kampfes, dessen Endstadium ich miterleben durfte. Herr von Neurath hatte mich, als er von den Verbindungen hörte, die ich zu den einflußreichen französischen Kriegsteilnehmer- Organi43 sationen besaß, telegraphisch nach Lausanne gebeten, um meinen Einfluß im Sinne einer für Deutschland erträglichen Lösung der Reparationsfrage und der Abrüstung geltend zu machen. Ich unterbrach sofort den Wahlkampf und fuhr mit Zustimmung meines Fraktionsvorstandes nach Lausanne. Denn dort ging es ja nicht um die Regierung der Barone, gegen die im Innern der Wahlkampf tobte, sondern um Deutschland und um den Frieden. Da hatten persönliche und politische Empfindungen zu schweigen. In Lausanne beobachtete ich, wie sich Englands Ministerpräsident um das Zustandekommen eines Ergebnisses bis zur physischen Erschöpfung bemühte. Wiederholt sah ich MacDonald, der mir seit dem Internationalen Sozialisten- Kongreẞ in Stuttgart 1907 keine unbekannte Erscheinung war, mit Spuren tiefster Erregung und Sorge im Gesicht aus dem Konferenzzimmer eilen. Einmal, als alle seine Bemühungen zu scheitern drohten, hatte er sein Aktenbündel zornig auf den Verhandlungstisch geworfen und mit der Abreise gedroht. In jenen Tagen sekundierte Großbritannien Deutschland stärker als seinem ehemaligen Verbündeten Frankreich, so daß ich manchmal an das Wort Heines denken mußte, der von England, das er als Verehrer des Korsen nicht liebte, sagte: Es ist der kälteste Freund, aber der generöseste Feind. England wollte Deutschland von den als demütigend empfundenen Bestimmungen des Teils 8 des Versailler Vertrages befreien. Der deutsche Faschismus hat auch MacDonalds Friedenswerk zertrümmert. Wenn ich daran denke, welches internationale Gewicht Deutschland wenige Jahre nach Versailles trotz der Abrüstung besaß, so empfindet man zehnfach schmerzlich den tiefen Sturz, den es unter der wahnsinnigen Führung Hitlers erlit44 ten hat, der kurz vor Lausanne überheblich erklärt hatte, jeder Vorgang der zur Überwindung des heutigen Systems führe, sei ein außenpolitischer Gewinn! Frankreich hatte es schwerer als England. Dort hatte Herriot das Erbe Lavals angetreten, der öffentlich erklärt hatte, Frankreich werde niemals auf seine Rechte verzichten. Französische Gesinnungsfreunde waren gleichzeitig mit mir in Lausanne eingetroffen. Zusammen mit ihnen hatte ich eine Unterredung mit Herriot. Es war gerade an seinem 60. Geburtstage. Von dem französischen Ministerpräsidenten gewann ich den Eindruck einer Persönlichkeit von ursprünglichem demokratischem Temperament. Auch war er das Gegenteil eines chauvinistischen Deutschenfressers, hatte sich schon 1924 in Frankreich gegen die von Clemenceau und Poincaré hinterlassene Nachkriegspsychose durchgesetzt und die Wege zu einem besseren Verhältnis der beiden Nachbarländer geebnet. Auch er hatte erfahren müssen, in welchem Umfange kapitalistische Kräfte imstande sind, demokratische und friedliche Absichten zu durchkreuzen. Nun setzte er mir auseinander, wie schwer es ihm gefallen sei, die französischen Forderungen auf 3 Milliarden Reichsmark zu ermäßigen. Trotzdem hat er schließlich der weiteren Ermäßigung auf 2,6 Milliarden zugestimmt. Diesen Mann, der einen so erheblichen Beitrag zum Frieden geleistet hatte, hat Hitler während des zweiten Weltkrieges jahrelang in Deutschland eingesperrt, ohne jede völkerrechtliche Grundlage, nur weil er einen zuverlässigen Exponenten der Demokratie in Frankreich unschädlich machen wollte. Meine und meiner französischen Freunde Anwesenheit in Lausanne hatte noch einen anderen Zweck. In Genf bewegte sich die Abrüstungskonferenz dem toten 45 Punkte zu. Sie mußte wieder flott gemacht werden. Die Anfänge waren verheißend, kamen aber infolge der innerpolitischen Entwicklung in Deutschland nicht mehr zur Auswirkung. Nach dem Abschluß der Reparationsverhandlungen verkündete die Regierung Papen triumphierend das Ende der Reparationen. Das war zwar ein Schmuck mit fremden Federn, entsprach aber im Kerne den Tatsachen. Die demokratische Republik hatte Deutschland von den drückenden Bestimmungen des Versailler Vertrages befreit, der ihm als Folge der Niederlage des kaiserlichen Deutschland auferlegt worden war. Deutschland war frei von fremden Truppen, auch war es seiner politischen Verschuldung ledig. Nun konnte mit einer baldigen Belebung der Wirtschaft, mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Sanierung der öffentlichen Finanzen mit Zuversicht gerechnet werden. Die Krise war überwunden, der Genesungsprozeß konnte beginnen. Mit seinem Fortschreiten wäre bei Aufrechterhaltung der demokratischen Verfassung die nationalistische Reaktion von Hitler bis Hugenberg zusammengefallen wie ein Gasballon, dem die Zufuhr fehlte. Diese ,, Gefahr" hat der Nationalsozialismus erkannt und er hat darum seine Hetze verzehnfacht, wobei er seine nationalistischen Konkurrenten im Kampfe um die Macht besonders aufs Korn nahm. Durch seine heftigen Angriffe auf das Kabinett Papen und die Adelsclique erweckte er in dem leichtgläubigen Teil der Wählerschaft den Anschein, als ob es sich um einen echten Kampf gegen die Reaktion handelte. In den drei Reichstagswahlkämpfen, die Deutschland nun innerhalb acht Monaten auzukosten hatte, handelte es sich jedoch nur noch um einen Konkurrenzkampf zwischen dem plutokratischen und dem von 46 faschistischen Flügel des deutschen Nationalismus. Der letztere strebte nach der Zertrümmerung der Demokratie und der Verfassung, der erstere nach einem Umbau der Verfassung, bei dem soviel Sicherungen zugunsten der reaktionären politischen Kräfte eingebaut werden sollten, daß ihre Herrschaft nicht mehr ernstlich erschüttert werden konnte. In diesem Kampfe suchte die nationalistische Reaktion sich unter entsprechenden Konzessionen der nationalsozialistischen Bewegung zu bedienen. Das mußte aber zuletzt miẞlingen gegenüber einer Partei, die den Totalitätsanspruch zum obersten Prinzip erhoben hatte. Die Wahlerfolge hatten den Nationalsozialismus außerdem gröBenwahnsinnig gemacht. Am 31. 7. 1932 errang er 230 Mandate an Stelle von 107 im Jahre 1930, und 37,2 Prozent der Stimmen. 62,8 Prozent der Wähler stimmten gegen ihn. Der Totalitätsanspruch war also nicht gerechtfertigt. Zu einer Mitarbeit auf dem Boden der Verfassung und im Sinne und im Geiste der Verfassung war der Nationalsozialismus nicht bereit. Er konnte es auch nicht, da er sonst seine Natur aufgegeben hätte. Sein Ziel war, mit den Mitteln der Demokratie zur Macht zu kommen, dann aber die Demokratie zu vernichten. Am 11. 8. 1932 veranstaltete die Regierung von Papen zur allgemeinen Überraschung für ihre Vorgänger eine Verfassungsfeier. Es war die letzte. Die Rede des Reichsinnenministers von Gayl enthielt den aufsehenerregenden Satz:„ Man mag zur Weimarer Verfassung stehen wie man will, sie ist heute der einzige Grund, auf dem alle, unbeschadet ihrer weltanschaulichen Meinung, stehen müssen, die einen deutschen Staat überhaupt bejahen." Das war Wort für Wort richtig. Wem es mit dieser Einsicht aber ernst 47 war, der mußte alle Verhandlungen mit dem geschworenen Feind der Verfassung abbrechen und mit der Linken den Versuch unternehmen, die Staatskrise, in die Deutschland durch die Schuld der Reaktion geraten war, zu überwinden. Das wollte man aber nicht. Zu schön war der Gedanke, mit Hilfe des Nationalsozialismus die Macht der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie für immer zu brechen. Im Juli wird der Anspruch Hitlers auf die Kanzlerschaft noch abgelehnt. Von welchen menschlichen Qualitäten dieser Kanzlerkandidat war und was man von ihm zu gewärtigen hatte, falls er die Macht erlangte, beleuchtete ein Vorgang, den die Welt bis zu dieser Stunde noch nicht vergessen hat, weil er der Auftakt war für alle Scheußlichkeiten und Gewaltakte, die der Nationalsozialismus in seiner zwölfjährigen Herrschaft verübt hat. Die nationalsozialistische Terrorwelle gegen politisch Andersgläubige nahm von Woche zu Woche immer größere Ausmaße an. Kommunisten und Reichsbanner setzten sich zur Wehr. Die Regierung sah sich genötigt, eine scharfe Verordnung gegen den politischen Terror zu erlassen. In dieser Zeit geschah es, daß eine Gruppe von SA- Leuten aus Beuthen nach dem Ort Potempa fuhr, dort nachts zwischen 2 und 3 Uhr gewaltsam in die Wohnung des kommunistischen Arbeiters Konrad Pietrzuch eindrang, diesen in Gegenwart seiner alten Mutter aus dem Bett zog und zu Tode trampelte und gleichzeitig seinen Bruder schwer verletzte. Fünf der Angeklagten wurden wegen gemeinen Mordes zum Tode verurteilt. Am Tage nach ihrer Verurteilung erhalten sie von dem Kanzlerkandidaten Hitler das folgende Telegramm:„ Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit Euch in unbegrenzter Treue verbunden!" 48 - Ein Gefühl des Entsetzens ging durch die Reihen aller gesitteten Menschen in Deutschland. Der Kanzlerkandidat als Kamerad von Mördern und Banditen! Jeder saubere Mensch hätte von einem solchen Ungeheuer abrücken müssen. Fünf Monate später ernannte ihn Hindenburg zum Kanzler des Deutschen Reiches! In dem Vorgang von Potempa ist das ganze System der Konzentrationslager in Liliputformat ein halbes Jahr vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus dem deutschen Volke vorgeführt worden. Es war gewarnt, hat die Warnung aber überhört. Wenn in späteren Jahren die Kenntnis von unbegreiflichen Schändlichkeiten ins Volk drang, so konnte man oft die dumme Ausrede hören: ,, Das weiß der Führer nicht. Das würde er nicht billigen, wenn er es wüßte. Ihr kennt nicht den Führer, wie er wirklich ist." Das eine Wort Potempa offenbart die wahre seelische Verfassung des Mannes, der seinem Volke bald als Kinderfreund, bald als ergebener Diener der Vorsehung oder als Reiniger des öffentlichen Lebens, als pietätvoller Sohn seiner Eltern und sittlicher Erneuerer der Nation vorgeführt wurde. An diesem Manne war nichts echt außer der zynischen Brutalität, die aus seinem ganzen Wesen sprach. In den Konzentrationslagern haben die SA- und SS- Banditen gemartert und gemordet in dem sicheren Bewußtsein, dieselbe Billigung ihres Kameraden Hitler zu finden, wie einst die Mörder von Potempa! Eine der ersten Amtshandlungen des ,, Volkskanzlers Hitler" war die Freilassung der Mörder von Potempa. Die hartnäckige Weigerung der Nationalsozialisten mit dem Kabinett von Papen zusammenzuarbeiten, veranlaßte die Regierung am 13. 9. 1932 den kaum gewählten Reichstag wieder aufzulösen. Neuwahlen wurden auf den 7. November 1932 festgesetzt. Die Ver49 weigerung jeder praktischen Mitarbeit der Nazis, ihr aller Gesittung hohnsprechendes Auftreten in der Öffentlichkeit waren auf das Volk nicht ganz ohne Eindruck geblieben. Die Wahl vom 7. November endete darum mit einer erheblichen Schlappe der Nationalsozialisten. Ihre Stimmen gingen auf 11 713 785, ihre Mandate auf 195 zurück. Das Wahlergebnis zeigte, daß weite Schichten der Wählerschaft sich dem Faschismus noch nicht soweit verschrieben hatten, daß eine Rückbildung unmöglich gewesen wäre. In die festen Blocks der Sozialdemokraten und der Kommunisten gelangen ihm nur geringfügige Einbrüche. Die Schwankungen, denen diese Parteien unterlagen, waren im wesentlichen Wanderungsbewegungen zwischen ihnen selbst. KAPITEL 4 Deutschlands Auslieferung an den Faschismus Zwischen dem 7. November 1932 und dem 31. Januar 1933 hat eine Clique machthungriger Plutokraten und Intriganten Volk und Vaterland an den Faschismus verraten und verkauft. Der Totalitätsanspruch Hitlers war durch die Wahl vom 7. November noch weniger bestätigt worden als am 31. Juli. Die Forderung Hitlers nach der Kanzlerschaft wurde abgelehnt, führte aber gleichzeitig zum Sturze Papens und zur Berufung des Reichwehrministers General von Schleicher zum Reichskanzler. Gelegenheit vor das Parlament zu treten, fand dieser jedoch nicht. Dagegen haben die erfolglosen Verhandlungen Schleichers mit Gregor Strasser, 50 dem damals einflußreichsten Führer innerhalb der Nazipartei nach Hitler, ihm die unversöhnliche Feindschaft Hitlers eingetragen. Mit Strasser wurden von Schleicher und seine unschuldige Frau im Zusammenhang mit der Röhmrevolte am 30. Juni 1934 ermordet. Es bedarf wohl keines Beweises mehr, daß die geistige Urheberschaft für diese Schandtat, die bis heute noch keine Sühne gefunden hat, auf Hitler fällt. Der weitere Versuch Schleichers, Fühler zu den Gewerkschaften auszustrecken, hat ihm das tiefste Mißtrauen der Leute um Hugenberg eingetragen, die fürchteten, daß ihnen die Felle noch im letzten Augenblick davonschwimmen könnten. Am empfindlichsten in seinem Ehrgeiz und persönlichen Machtstreben aber fühlte sich Herr von Papen getroffen. Unmittelbar nach seinem Rücktritt nahm er erneut Fühlung mit Hitler auf. Am 6. Januar 1933 hatte ,, der Kavalier ohne Furcht und Tadel" eine Unterredung mit Hitler. Er verstand es, die von diesem ausgehenden Ströme des Hasses gegen Schleicher auf seine Mühlen zu lenken. Die Hitlerpartei war finanziell bankrott. Die meisten Zeitungsunternehmen der Partei standen vor dem Zusammenbruch. Die Wahlkämpfe hatten die Parteikassen geleert. Im richtigen Augenblick wurde die Zusammenkunft Hitlers mit Herrn von Schroeder, dem mächtigen Mann des Kölner Bankvereins arrangiert. Schacht erklärte sich öffentlich für Hitler. Die erste Belohnung für diesen schlimmsten Verrat an der Demokratie erhielt Schacht am 17. 3. 1933 mit seiner Wiederernennung zum Reichsbankpräsidenten. Nebenher ging eine intensive Beeinflussung des alten Reichspräsidenten Hindenburg zu ungunsten des Kabinetts von Schleicher. Die dunkle Rolle, die der Sohn Hindenburgs hierbei gespielt hat, bedarf noch der 51 geschichtlichen Aufhellung. Es mußte jedenfalls auffallen, daß die große Güterschenkung der Nation an Hindenburg erbschaftssteuerfrei auf den Sohn überging. Gegen Ende des Monats Januar hatten die Ränkeschmiede den Ring um Schleicher geschlossen. Hindenburg verweigerte ihm die Waffe der Reichstagsauflösung und zwang Schleicher zum Rücktritt vor dem Zusammentritt des Parlaments. Auf Vorschlag Papens ernannte der Reichspräsident Hitler zum Reichskanzler und Papen zum Vizekanzler. Die Vollmacht zur Reichstagsauflösung, die man Schleicher verweigert hatte, wurde ihm erteilt. In dem letzten Wahlkampf, der nun folgte, machte Hitler von seinen Machtmitteln den skrupellosesten Gebrauch. Am 10. Februar 1933 erklärte er in einer Kundgebung im Berliner Sportpalast: Unser erster und damit bester Programmpunkt heißt: ,, Wir wollen. nicht lügen und wir wollen nicht schwindeln!" Zwölf Jahre lang sollten das Volk und die Welt Gelegenheit haben, die grandiose Verlogenheit dieser Proklamation an den Tatsachen nachzuprüfen. Gleich mit dem Aufruf der Reichsregierung vom 2. Februar fing der Schwindel an: ,, Vierzehn Jahre sind vergangen seit dem unseligen Tage, da, von äußeren Versprechungen verblendet, das deutsche Volk der höchsten Güter der Vergangenheit vergaß und dabei alles verlor. Seit diesem Tage des Verrats hat der Allmächtige unserem Volke seinen Segen entzogen. Das Elend unseres Volkes aber ist entsetzlich. Dem arbeitslos gewordenen hungernden Millionen- Proletariat der Industrie folgt die Verelendung des gesamten Mittel- und Handwerkerstandes. Wenn sich dieser Verfall auch im deutschen Bauernstand vollendet, stehen wir in einer Katastrophe von unüber52 - - - - sehbarem Ausmaße. Vierzehn Jahre Marxismus haben Deutschland ruiniert. Ein Jahr Bolschewismus würde Deutschland vernichten. Das Erbe, das wir übernehmen, ist ein furchtbares. Die Aufgabe, die wir lösen müssen, ist die schwerste, die seit Menschengedenken deutschen Staatsmännern gestellt wurde. Die nationale Regierung wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen. Die Regierung ist erfüllt von der Größe der Pflicht, für die Erhaltung und Festigung des Friedens einzutreten, dessen die Welt heute mehr bedarf als je zuvor. So groß unsere Liebe zum Heere als Träger unserer Waffen und Symbole unserer großen Vergangenheit ist, so wären wir doch beglückt, wenn die Welt durch eine Beschränkung ihrer Rüstungen eine Vermehrung unserer eigenen Waffen niemals mehr erforderlich machen würde. Die Regierung ist entschlossen, in vier Jahren das Elend von vierzehn Jahren wieder gut zu machen. Die Parteien des Marxismus und seine Mitläufer haben vierzehn Jahre Zeit gehabt, ihr Können zu beweisen. Das Ergebnis ist ein Trümmerfeld! Nun deutsches Volk, gib uns vier Jahre und dann urteile und richte uns. Möge der allmächtige Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen richtig beurteilen, unsere Einsicht und uns mit - segnen dem Vertrauen unseres Volkes beglücken! Hitler, von Papen, von Neurath, Dr. Frick, Schwerin von Krosigk, Dr. Hugenberg, Seldte, Gürtner, von Blomberg, Eltz von Rübenach, Göring, Dr. Gereke." Die Namen der Männer, die es über sich brachten, ein derartiges Machwerk der Lüge und Entstellung als die Erklärung einer verantwortlichen Regierung zu unterzeichnen, gehören für alle Zeiten an den Schandpfahl 53 der Weltgeschichte! Der Name von Goebbels fehlt noch, da seine Ernennung zum Reichsminister für„, Propaganda und Volksaufklärung" erst später erfolgte. Den gleichen Geist nationalistischer Lüge und Verhetzung atmet der Aufruf, den Dr. Frick in seiner Eigenschaft als Reichsinnenminister am 28. Juni 1933, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles, an das deutsche Volk erließ. Hitler bedeutet den Krieg. Dieses einfache, klare und wahre Wort, stand im Mittelpunkt der Wahlkundgebungen der Linken. In bitterer Gegenwart, deren Verhängnis die Demokratie abwenden wollte, hat das deutsche Volk Gelegenheit, darüber nachzudenken, wer ein furchtbareres Erbe übernommen hat, wer die höchsten Güter der menschlichen Kultur und Zivilisation ruiniert, wer eine Katastrophe von unübersehbarem Ausmaße heraufbeschworen, wer die Welt in ein Chaos und Trümmerfeld verwandelt und das Elend des Volkes entsetzlich gemacht, wer alle Grundlagen des Christentums, der Moral und der Familie untergraben und wem schließlich der Allmächtige seinen Segen entzogen hat. Je größer der Irrtum, desto gewaltiger der Triumph der Wahrheit! In den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft ist oft die Frage an mich gerichtet worden: Verwerfen Sie auch das Gute, das der Nationalsozialismus geschaffen hat? Die Antwort konnte nur lauten: Auch das sogenannte Gute! Denn so wenig es eine Freiheit gibt, die auf Sklaverei aufgebaut ist, so wenig gibt es ein Gutes, das auf dem Prinzip des Bösen beruht. Der letzte Wahlkampf wurde sehr heftig, aber mit ungleichen Waffen geführt. Die Kommunistische Partei erhielt ein Demonstrationsverbot für ganz Preußen. Der Rundfunk wurde praktisch nur der Nazipropa54 ganda dienstbar gemacht. Hitler erklärte seinen demagogischen Verzicht auf das Reichskanzlergehalt. Warum er trotzdem in wenigen Jahren der reichste Mann Europas wurde, ist heute kein Geheimnis mehr. Die Anschläge auf Zeitungsbetriebe der Linken nehmen von Tag zu Tag zu. Polizeiliche Durchsuchung der Zimmer und Schubfächer der Abgeordneten im Reichstag werden veranstaltet. Der persönlichste Terror nimmt die krassesten Formen an. In der Zeit vom 1. bis 12. Februar 1933 werden 33 Tote und 178 Verwundete auf dem politischen Schlachtfeld gezählt. Zur Sicherung der Wahlfreiheit wird der Ausschuß des Reichstages zur Überwachung der Rechte der Volksvertretung von seinem Vorsitzenden, dem früheren Reichstagspräsidenten Löbe, einberufen. Ich selbst war Mitglied dieses Ausschusses und nahm an dieser Sitzung teil. Sie wurde durch tätliche Angriffe der nationalsozialistischen Abgeordneten auf den Vorsitzenden und andere Mitglieder gesprengt. Bei diesem Angriff taten sich besonders der verrückte Frank II und der moralische Lümmel Streicher hervor. Eine Untersuchung der Vorfälle erfolgte trotz eines entsprechenden Versprechens des Reichstagspräsidenten Göring nicht, auch eine Anrufung Hindenburgs blieb ohne Wirkung. Der Nationalsozialistischen Partei ging es im Wahlkampf um die absolute Mehrheit. Diese sollte ihr die Legimitation geben für alles, was sie an Gewalttaten vorhatte. Offenbar hatte sie aber das Gefühl, daß die bisherigen Einschüchterungsmethoden nicht ganz ausreichten und sie entschloß sich deshalb zu einem Finale, einem politischen Verbrechen von herostratischer Größe, einem modernen Tempelbrand. Als am Montag, dem 27. 2., fünf Tage vor dem Wahltermin, abends 55 9.00 Uhr das Reichstagsgebäude in Flammen aufging, war alle Welt davon überzeugt, daß die Nationalsozialisten es selbst angezündet hatten. Nur sie hatten Gewinn von der entsetzlichen politischen Verwirrung, die diese Tat in den Köpfen der deutschen Wähler hervorrufen mußte, und nur sie hatten auch die Möglichkeit, das Verbrechen für ihre wahltaktischen Absichten auszuwerten. Das geschah denn auch in einer kaum für möglich gehaltenen Weise. Zunächst wurde der Brand als der kommunistische Racheakt für die Besetzung des Karl- Liebknecht- Hauses in Berlin und als ein Fanal zum Bürgerkrieg bezeichnet. Es folgte das Verbot aller kommunistischen Zeitungen, Zeitschriften, Flugblätter und Plakate. Der Führer der kommunistischen Reichstagsfraktion, der Abgeordnete Torgler, wurde der Mittäterschaft bezichtigt. Gegen Plakate und Druckschriften der Sozialdemokratischen Partei wurde ein vierzehntägiges Verbot erlassen, was praktisch der Unmöglichkeit gleichkam, die Wähler durch das gedruckte Wort zu beeinflussen. Das ,, Vorwärts"- Gebäude in Berlin wurde besetzt. Eine Verordnung zum Schutze von Volk und Staat erging, welche die persönliche Freiheit, die Presse- und Versammlungsfreiheit beschnitt, Haussuchungen und Beschlagnahmungen erleichterte und die Todesstrafe auf eine Reihe von Verbrechen ausdehnte, für die sie bisher nicht angedroht war. Zahlreiche Haftbefehle gegen kommuninistische und sozialdemokratische Abgeordnete ergingen. Während die Opposition gegen den Faschismus in einer solchen Weise geknebelt wurde, offensichtlich um ihren Anhängern den Schreck in die Glieder zu jagen, genossen die Wahlredner der NSDAP. unter dem Schutze der SA und SS volle Terrorfreiheit. In wel56 chem Umfange Mord, Totschlag und Körperverletzungen an der Tagesordnung waren, beweist die Strafloserklärung von rund viertausend Nationalsozialisten durch die Amnestie vom 23. März 1933, weil sie ,, aus nationalen Beweggründen im Kampf um die nationale Erhebung vom Gesetz abgewichen seien. Der Patriotismus ist die letzte Zuflucht der Gauner. Dieses Wort eines französischen Schriftstellers, wie einleuchtend war es nun auch in Deutschland geworden! Trotz dieser geradezu teuflischen Anstrengungen hat die NSDAP. am 5. März 1933 ihr Ziel nicht erreicht. Zwar steigerte sie ihre Stimmen von 11 713 785 am 7.11.32 auf 17 265 823, die Zahl ihrer Abgeordneten von 195 auf 288, aber es waren und blieben nur 43,9% der abgegebenen Stimmen. Die Mehrheit des deutschen Volkes hat, solange es, selbst in einer so bedingten Freiheit wie am 5. März 1933 entscheiden konnte, nie faschistisch gewählt. Alle späteren Wahlakte im Dritten Reich sind demgegenüber belanglos, sie waren sinnlose, teils gefälschte, teils unter der stets lebendigen Furcht vor dem Terror erzwungene Abstimmungen, die an den von der Führung bereits geschaffenen Tatsachen nichts ändern konnten. Die Gruppe innerhalb der sogenannten nationalen Regierung, die sich seit dem Sturze Brünings Führungsanspruch anmaßte, erzielte unter der Sammelparole ,, Kampffront Schwarzweiß- rot" nur 53 Abgeordnete bei 3 132 595 Stimmen, was 7,8% aller abgegebenen Stimmen entsprach. Selbst mit dieser Hilfsgruppe verfügte Hitler also nur über 51,7% der abgegebenen Stimmen. Im Reichstag hätte eine Koalition Hitler- von Papen nur über die schwache Mehrheit von 16 Stimmen verfügt. Angesichts dieser Lage entschloß sich Hitler zu einem Gewaltstreich, der dem Märchen von der Legalität das 57 Lebenslicht ausblies. Die kommunistischen Reichstagsmandate wurden einfach für ungültig erklärt. Dadurch stieg die absolute Mehrheit der„, nationalen Front" auf 57 Stimmen. Die Sozialdemokratie hatte sich mit 7 156 505 Stimmen allem Terror zum Trotz behauptet und gegen den November nur 53 389 Stimmen eingebüßt. Auf den Kommunismus wirkten sich die Unterdrückungsmaßnahmen stärker aus. Die KPD. erzielte 4 845 379 Stimmen und 81 Mandate, verlor also 1127 830 Stimmen und 19 Mandate. Im ganzen waren aber die Kerntruppen des Antifaschismus durchaus intakt geblieben. Die zweifelsfrei antifaschistischen Gruppen( SPD., KPD., Zentrum, Bayrische Volkspartei und Staatspartei) verfügten zusammen über 18 485 530 Stimmen, also 1 217 707 Stimmen mehr als die NSDAP. Diese Tatsachen zeigen zweierlei: 1. Der Faschismus konnte in Deutschland nur siegen infolge der Uneinigkeit seiner Gegner. 2. Eine verantwortungsbewußte Staatsführung hätte sehr wohl noch die Möglichkeit gehabt, das Unglück abzuwenden, das Deutschland bedrohte. Papen, Hugenberg und Genossen hatten aber schon vor der Entscheidungsschlacht Hitler alle Waffen ausgeliefert, mit denen sie später selbst aus der Mitarbeit vertrieben worden sind. Papen und sein Kreis mögen sich eingebildet haben, die rohen Kräfte des Nationalsozialismus vor ihren eigenen Karren spannen zu können. Vor der Geschichte spricht sie ihr Irrtum nicht von der schweren Schuld frei, aus Machtgier und Ehrgeiz Volk und Vaterland einer Gruppe von politischen Sadisten ausgeliefert und damit alle Ansätze zu einer Befreiung aus Krisennot und internationaler Schwierigkeit leichtfertig zertreten zu haben. ,, Das ist mein Glaube: Es wird wiedererstehen ein 58 99 neues deutsches Reich der Ehre, der Kraft, der Herrlichkeit und Gerechtigkeit." So erklärte Hitler wörtlich in einer Wahlkundgebung im Februar 1933. Nach der theatralischen Komödie in der Garnisonskirche zu Potsdam war in der Krolloper zu Berlin gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Fraktion das Ermächtigungsgesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" angenommen worden. Die Verfassung und alle Garantien eines modernen Rechtsstaates wurden praktisch außer Kraft gesetzt. Das Reich der Gerechtigkeit begann damit, daß man eine größere Anzahl von Abgeordneten der SPD. in Schutzhaft setzte, um sie zusammen mit einer ganzen Fraktion von Kommunisten an der Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Rechte und Pflichten zu hindern. Das Reich der Ehre begann damit, daß man gegen ehrenhafte deutsche Männer eine Welle von Korruptionslügen verbreitete, die sich durchweg als haltlose, dreiste Erfindungen herausstellten. Nicht in einem einzigen Falle ist den frivol angegriffenen Männern eine öffentliche Genugtuung widerfahren. Das Reich der Kraft begann damit, daß man eine Anzahl von Persönlichkeiten feige aus dem Hinterhalt ermordete, ohne daß auch nur der leiseste Versuch gemacht worden wäre, der Täter habhaft zu werden, um sie der gerechten Strafe zuzuführen. Zu diesen Persönlichkeiten, die auf solche bestialische Weise ihr Leben für die Freiheit hingeben mußten, gehörte auch mein Freund Johannes Stelling aus dem Vorstand der SPD., Reichstagsabgeordneter und ehemaliger Ministerpräsident von Mecklenburg- Schwerin, ein untadeliger Mann, dessen Aufrichtigkeit und Geradheit alle Menschen gewann, die mit ihm in Berührung kamen. Auch diese Tat ist bis heute nicht gesühnt worden. Das Reich in faschistischem Geist umzugestalten, 59 wurde nun systematisch unternommen. Wie mir Ernst Nickisch, der über gute Informationen verfügte, im März 1933 mitteilte, war in Berlin eine Anzahl hoher italienischer Funktionäre eingetroffen, welche die nationalsozialistischen Chefs der einzelnen Verwaltungsressorts auf Grund ihrer italienischen Erfahrungen berieten. Es hatte den Anschein, als ob die nationalsozialistische Führung erst das Gelände abtasten wollte, um festzustellen, wie weit ihre Macht ging. In Deutschland wurden wohl deshalb nicht sofort und nicht im ganzen Reiche die Presse und die Organisationen der SPD. verboten, sondern erst nach und nach lahmgelegt. Schließlich wurde durch Besetzung der Druckereien und Redaktionen ohne förmliches Verbot jede publizistische Tätigkeit im Sinne der Opposition unmöglich gemacht. Bezeichnend ist für jene Periode auch die Anordnung, nach der die politischen Parteien ihre Vertretungen in den Landtagen und in den Gemeinden mit dem Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März gleichzuschalten hatten. Dafür wurde in den Länderministerien des Innern ein großer Apparat aufgeboten, der den Anschein erwecken sollte, als sei die Fortsetzung des öffentlichen Lebens in Anlehnung an die demokratische Tradition geplant. Wahrscheinlich waren das Verschleierungsabsichten gegenüber dem Teil der„, nationalen Regierung", der nicht faschistisch sein wollte. In jenen Tagen berichtete mir der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Paul Hertz von einer Unterredung mit dem Staatssekretär Prof. Dr. Popitz, einem Mann, der ebenso gelehrt, wie wendig war und der es die ganze Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft hindurch verstanden hat, im Amte zu bleiben, bis er 1944 im Zusammenhang mit den Vorgängen des 20. Juli hingerichtet wurde. Nach Dr. 60 Hertz erklärte Popitz, daß ein Verbot der SPD. nicht geplant sei, wohl aber ihre Beschränkung auf ein Mindestmaß durch entsprechende Gestaltung des Wahlrechts. Die Gewerkschaften sollten nach Popitz entpolitisiert und ihre Tätigkeit gesetzlich genau begrenzt werden. Die sozialdemokratische Presse sollte einer genauen Zensur unterworfen werden. Diese Äußerung hat wohl die politischen Absichten des deutschnationalen Flügels der Habsburger Front widergespiegelt. Um sie zu verwirklichen, haben sie ganz Deutschland dem Faschismus ausgeliefert. Die fortschreitende Gleichschaltung aller Organisationen und Vereine, vor allem der Schlag gegen die Gewerkschaften am 2. Mai 1933 hat allen Illusionen dieser Art ein Ende bereitet. Die Vernichtung der militanten Verbände, die keine Hilfsorganisationen der NSDAP. waren, war das nächste Ziel. Das Reichsbanner war bereits liquidiert. Ihm folgten der Stahlhelm und die deutschnationalen Kampfstaffeln; bei ihnen half man sich mit der Behauptung, zahlreiche Anhänger der aufgelösten marxistischen Organisationen hätten sich in sie eingeschlichen. Die letzte Reichstagssitzung alten Stils fand am 17. Mai 1933 statt. Am 23. Juni wurde die SPD. aufgelöst, am 1. Juli das Zentrum verboten. Die Deutschnationale Volkspartei erledigte sich durch Selbstauflösung. Hugenberg verließ die Reichsregierung. Fünf Monate nach dem Verrat Papens an Deutschlands friedlicher Zukunft hatte der Faschismus auf der ganzen Linie gesiegt. Deutschland versank in die Nacht der Barbarei. Die demokratischen Nationen standen Gewehr bei Fuß. Die Erschöpfung aus dem letzten Kriege war noch zu groß, die Erinnerung an seine furchtbare Wirklichkeit. noch zu lebendig, die Abneigung gegen neue Kriege 61 noch zu stark, um ihren Staatsmännern die notwendige Resonnanz für kriegerische Vorbereitungen zu geben. Das Denken in Friedensbegriffen hatte überall in der Welt, vor allem aber in England, die Gemüter der Menschen so ergriffen, daß es erst brutalster, nicht hinnehmbarer Verletzungen der internationalen Moral bedurfte, um den Boden für einen Umdenkungs- und Abwehrprozeß zu bereiten. Darum hatte Hitler in Deutschland Narrenfreiheit. Die Folge Hitlerischer Scheinerfolge aber war, daß der Nationalsozialismus immer verheerender Deutschland überflutete, und die letzten demokratischen Widerstandsnester zerstörte. Wie der Satan auf dem Berge flüsterte er dem Volke zu: ,, Dies alles will ich dir geben, wenn du vor mir niederkniest, und mich anbetest!" Und das Volk kniete nieder und betete an. Verwirrt und verdummt sah es nicht die Taten, die zur Hölle führten, sondern glaubte den falschen Worten vom Frieden, von denen der Mund des Lügners überfloß. Das Volk erhielt wieder Militärmärsche und Uniformen, Kasernen und Exerzierplätze, Flugzeuge und Schlachtschiffe, Panzer und Unterseeboote, es bekam Österreich, das Sudetenland, das Memelgebiet bis das Maß zum Überlaufen voll war. Als an einem Mittag im März 1939 der Rundfunk durchsagte, daß deutsche Truppen unter Bruch des Münchener Abkommens in Prag eingezogen seien, sah ich das Ende des Hitlertums mit voller Klarheit vor meinen Augen. - 62 KAPITEL 5 Das System Himmler in seinen Anfängen In zeitlichem Zusammentreffen mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes wurde in der deutschen Presse folgende Nachricht veröffentlicht:„, München 21. März. Nach einer Mitteilung des Münchner Polizeipräsidenten Himmler ist in der Nähe von Dachau bei München das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen von 5000 Menschen eröffnet worden. Kommunisten, Reichsbanner- und sonstige marxistische Funktionäre sollen dort untergebracht werden." Am 23. März wurden durch Amnestie 4000 nationalsozialistische Verbrecher freigelassen. Am gleichen Tage erschien in der Presse die folgende weitere Nachricht aus München: ,, Es steht jetzt fest, daß zunächst nur ein größeres Konzentrationslager für politische Gefangene eingerichtet wird und zwar bei Dachau, während daneben noch ein kleineres Lager auf dem Heuberg in Württemberg untergebracht wird." Das System Himmler hatte also seinen Anfang genommen. Wie in Italien zu Beginn der faschistischen Herrschaft, verschwanden nun auch in Deutschland immer mehr Menschen, die entweder nicht nach Hause zurückkehrten oder nach einiger Zeit im Konzentrationslager auftauchten. Haftbefehle gab es nicht, die Angehörigen wurden nicht benachrichtigt, die Seuche der Denunziation griff rasch um sich, die Menschenjagd nahm greuliche Formen an. Am Mittag des 23. Juni 1933, einem sehr heißen Tag, klingelte es an der Tür meiner Stuttgarter Wohnung. Draußen standen zwei verdächtige jüngere Individuen, 63 die ihrer Physiognomie nach soeben aus dem Zuchthaus entsprungen sein konnten. Mit vorgehaltenem Revolver erklärten sie, mich verhaften zu müssen. Es waren zwei jener dunklen Gestalten, die damals als Hilfspolizisten der ordentlichen Polizei aus den Reihen der SA zur Verfügung gestellt worden waren. Vielfach handelte es sich um Personen, die persönlichen Rachegefühlen nachgingen, wie es ja überhaupt in jener Zeit des Entstehens der Gestapo der Brauch war, die Häftlinge dem Rachedurst persönlicher Gegner auszusetzen. Diese beiden ,, Vorkämpfer für Deutschlands Reinheit und Ehre" durchsuchten zunächst meine Post. Einen Brief der Reichstagsfraktion konnte ich noch rechtzeitig ihrem Zugriff entziehen. Dann mußte ich mit. Beim Verlassen des Hauses empfing mich ein Pfeifkonzert, für das man einige Hitlerjungen beordert hatte. Am Abend brachte ein Naziquartett meiner Familie ein ,, Ständchen". An solche„ Spässe" waren wir allerdings gewöhnt. Schon lange vor der sogenannten Machtergreifung der Nazis war es an der Tagesordnung, das persönliche und familiäre Leben des politischen Gegners zu stören oder zu verunglimpfen. Ich bin in meinem Leben nie aus dem Rahmen herausgetreten, den ich mir nicht auf einer bescheidenen Rang. stufe des sozialen Lebens jederzeit hätte gestatten können. Aber ich war Direktor einer höheren Reichsbehörde, Vorsitzender der württembergischen Sozialdemokratie und deren Spitzenkandidat für den Reichstag. In diesen Eigenschaften mußte ich verdächtigt und verleumdet werden. Waren keine persönlichen Angriffsflächen da, so wurden sie einfach erfunden. In wenigen Minuten war ich im Polizeigefängnis der Stadt Stuttgart in der Büchsenstraße.„ Die Büchsenschmiere" hieß es der Volksmund. Zunächst wurde ich 64 zum ,, Klavierspielen" geführt, so nannten die Häftlinge das Fingerabdrucksystem, das die Kriminalpolizei zur Wiedererkennung von Verbrechern anwendet. Dann mußte ich mich entkleiden. Der Polizeibeamte, der meine Kleider nach verborgenen Gegenständen abtastete, blinzelte mir verständnisinnig zu. Es war zufällig ein ehemaliger Feldwebel, dem ich während des Krieges bei meiner Truppe begegnet war. Sprechen konnte er nicht mit mir, denn wir waren nicht allein im Raum, aber er übersah das Schreiben des Fraktionsbüros, das ich in das Futter meines Rockes versteckt hatte. In der Zelle konnte ich es zwischen den Fingern zerreiben und nach und nach in den Klosetteimer werfen. Dieser Eimer, der nur mit einem Holzdeckel verschlossen werden konnte, diente den Häftlingen zur Befriedigung ihrer Notdurft. Die Luft in dem engen heißen Raume, der tagsüber verschlossen blieb und nach außen nur eine Öffnung in der Größe von einem Viertel- Quadratmeter hatte, war fast unerträglich. Die NSDAP. hielt es damals noch für erforderlich, die Verhaftung von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit Scheingründen zu belegen. Am Tage nach meiner Verhaftung erschien daher in der Nazipresse ein gegen mich gerichteter Artikel, in dem es hieß, ich sei als ein übler Novemberverbrecher wegen unzulässiger Verbindungen mit pazifistischen Kreisen des Auslandes in Haft genommen und würde deshalb und wegen einer Reihe anderer Vergehen, deren ich dringend verdächtig sei, wohl auch der Staatsanwaltschaft noch Gelegenheit geben, sich mit mir zu beschäftigen. Meistens blieb es bei solchen Anschuldigungen. Ich wurde jedoch zweimal zur Vernehmung zu einer Dienststelle der in der Bildung begriffenen Gestapo geführt. Im November 1918 war ich allerdings an den revolutionä65 ren Vorgängen in Berlin beteiligt gewesen, da ich vom Arbeiter- und Soldatenrat den Auftrag erhalten hatte, das Wolff'sche Telegrafenbüro zu besetzen, den Nachrichtendienst dieses Büros zu überwachen und zu verhüten, daß irreführende Meldungen über den Verlauf der Revolution in die Presse gelangten. Von diesen Vorgängen muß der junge Mann von der Gestapo etwas gehört haben, denn er versuchte, mich protokollarisch darauf festzulegen, daß ich im November 1918. die Revolution mit- ,, gemacht" hätte. Ich bekam schon damals einen Vorgeschmack von den inquisitorischen Methoden, mit denen die Gestapo später versucht hat, ihre Opfer zu veranlassen, Protokolle zu unterschreiben, deren Inhalt sich wie Geständnisse und Selbstbeschuldigungen lasen. Ich ließ mich jedoch nicht verblüffen, sondern bestand darauf, daß meine Ansicht zu Protokoll kam, nach der Revolutionen überhaupt nicht gemacht" werden können, sondern ausbrechen, wenn die gesellschaftlichen, ökonomischen und geschichtlichen Vorbedingungen vorhanden sind. Die zweite Frage, die meiner Vernehmung zugrunde lag, war gefährlicher. In ihrem Mittelpunkt stand die pazifistische Tätigkeit des bekannten Stuttgarter Großindustriellen Robert Bosch, der im Jahre 1942 verstorben ist. Bosch hatte mit scharfem Blick erkannt, daß Frieden und Wiederbelebung der Weltwirtschaft entscheidend abhängig waren von einer günstigen Gestaltung des deutsch- französischen Verhältnisses und er hatte darum den Vorsitz der Deutsch- Französischen Gesellschaft übernommen. Er war willens, das Ziel einer weitestgehenden Aussöhnung mit dem Nachbarvolk mit seiner starken Energie und seinen großen persönlichen Mitteln zu fördern und unterhielt zu diesem Zwecke ein besonderes Sekretariat, dessen Kosten 66 er aus privaten Mitteln bestritt. Bei dieser Arbeit bediente er sich hin und wieder meines Rates, insbesondere bei der Wahl seines Sekretärs, die auf den Schriftsteller Karl Distelbarth fiel, einen vorzüglichen Kenner und Freund des französischen Volkes. Distelbarth hatte nun das Pech, daß ein von ihm Monate zuvor verfaßter Artikel über das Abrüstungsproblem in einer Pariser Zeitung erschien, als diese in der gleichen Nummer ein Bild veröffentlichte, das zeigte, wie ein jüdischer Geschäftsmann mit einem diffamierenden Plakat auf der Brust von einer johlenden Menge durch die Straßen Münchens getrieben wurde. Distelbarth floh nach Frankreich, sein Sekretariat wurde aufgelöst, Material wurde beschlagnahmt und die Privatpost Robert Boschs überwacht. Ich sollte nun bekunden, daß Distelbarth, der aus einer von Württemberg nach dem Sudetenland verpflanzten Familie stammte und den Krieg als österreichischer Offizier mitgemacht hatte, ein ,, tschechischer Spion" sei. Alles war deutlich darauf ange-. legt, ein Landesverratsverfahren aufzuziehen. Das waren also die unzulässigen Beziehungen zu pazifistischen Kreisen des Auslandes, für die sich nach der Nazipresse die Staatsanwaltschaft interessieren sollte. Ich habe von der Schutzhaft aus Herrn von Neurath, der ja Außenminister in der Regierung Hitlers geblieben war und die Zusammenhänge meiner Besprechungen in Lausanne genauestens kannte, auf diese Vorgänge aufmerksam gemacht und um sein Einschreiten ersucht. Eine Antwort habe ich nicht erhalten. In der Zelle des Stuttgarter Polizeigefängnisses blieb ich etwa zehn Tage. Eines Morgens wurde ich gerufen und ersucht, im Hofe einen großen Autobus zu besteigen. Dort fand ich den sozialdemokratischen Landtagspräsidenten Pflüger und den demokratischen Politiker 67 und Schriftsteller Johannes Fischer. Beide waren gleichzeitig mit mir verhaftet worden. Es war ein kalter, regnerischer Sommertag. Unsere Fahrt ging zum Hof der Akademie, jenes Gebäudes, in dem einst die Karlsschule untergebracht war und in dem Friedrich Schiller zum gewaltigen Freiheitsdichter heranwuchs. Auf dem Hofe wurden wir zunächst eine Stunde lang der SS zur Schau gestellt und ihren unflätigen Beschimpfungen ausgesetzt. Dann ging es weiter nach Eẞlingen, wo zwei Tage zuvor das beschlagnahmte Waldheim der Kommunisten abgebrannt war. Etwa sechzig Kommunisten wurden ungerechtfertigt wie sich später herausstellte als der Brandstiftung verdächtig, verhaf- - tet, und nun zusammen mit uns von der Kaserne der Landespolizei aus nach dem Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt verschleppt. KAPITEL 6 Das Konzentrationslager Heuberg Heuberg war neben Dachau damals das bekannteste Konzentrationslager in Deutschland. Der Heuberg ist eine Hochfläche im südwestlichen Teil der Schwäbischen Alb. Wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg war dort ein großer badisch- württembergischer Truppenübungsplatz entstanden, dessen Baulichkeiten jetzt zur Unterbringung von Schutzhäftlingen dienten. Erschöpft und fast erfroren kamen wir dort an. Der Empfang im Lager war rauh und brutal. Die sechzig Kommunisten wurden rasch abgefertigt und in ihre Quartiere geführt. Wir drei aus der Büchsenschmiere in Stuttgart blieben 68 zurück. Daß man mit uns etwas besonderes vorhatte, ahnten wir schon. Nach etwa einer Stunde wurden wir aus der Wachstube herausgerufen. Die gesamte SABewachungsmannschaft, etwa tausend Mann, war zu unserer Begrüßung angetreten und bildete auf dem etwa tausend Meter langen Wege zu den Quartieren Spalier. Der Durchgang mochte einen Meter breit sein. Der Landtagspräsident mußte vorangehen, ich folgte hinter ihm und zuletzt kam der Demokrat Fischer. Der Weg war durch tagelange Regenfälle aufgeweicht. Während des ganzen Marsches wurden wir von den SALeuten in der rüpelhaftesten Weise beschimpft, gestoBen und bespuckt. Gleichzeitig stampften die Burschen mit ihren Kommiẞstiefeln in den wässrigen, lehmigen Boden, so daß uns der Dreck von den Knöcheln bis ins Gesicht spritzte und kaum ein kleines Stück der Kleidung unbeschmutzt blieb. In dieser Stunde, die zu den schwersten meines Lebens zählt, hielt mich nur die Überzeugung aufrecht, daß ein solch entmenschtes Gesindel mit seinem Tun nur sich selbst beschmutze. Jeder von uns dreien, auch der Demokrat, hatte der Arbeiterschaft, der wir allesamt entstammten, treu und ohne persönliche Vorteile gedient. Die uns geschlagen, bespuckt, beschimpft und beschmutzt hatten, besaßen nicht einen Schimmer von dem Idealismus, der dazu gehörte, den harten Kampf für Freiheit, Recht und Menschenwürde zu führen und auf die Annehmlichkeiten eines bürgerlichen Daseins zu verzichten. Der Schmutz konnte unser Inneres nicht treffen. Die kleinen Backsteinbaracken, etwa fünfzig an der Zahl und Bauten genannt, enthielten in der Regel vier Stuben. Es waren richtige Mannschaftszimmer. Zwei Betten standen immer übereinander. Die Belegung schwankte zwischen dreißig und vierzig Mann. Die 69 Zahl der Häftlinge lag zwischen eintausendfünfhundert und zweitausend. Schon damals hatte man vereinzelt Asoziale unter die Häftlinge gemischt. Im Gegensatz zu den Verhältnissen, die ich elf Jahre später im Konzentrationslager Sachsenhausen antraf, handelte es sich bei den Insassen des Lagers aber in mindestens 95 Prozent der Fälle um wirklich politische Häftlinge. Zwei Drittel davon mögen Kommunisten, ein Drittel Sozialdemokraten gewesen sein. Unsere Ankunft im Lager war in sensationeller Weise angekündigt worden. Man hatte den Häftlingen, die schon zwei bis drei Monate im Lager waren, eingeredet, die Führer hätten sich der Verhaftung entzogen. Es wurden am Tage vor unserer Einlieferung förmliche Stubenversammlungen abgehalten, die den Zweck verfolgten, die Häftlinge, vor allem die kommunistischen, zu Demonstrationen und Tätlichkeiten gegen uns aufzustacheln. Gefangenen, die sich hierbei besonders hervortun würden, war die alsbaldige Entlassung in Aussicht gestellt worden. Wir wurden nun unseren Leidensgenossen durch den stellvertretenden Lagerkommandanten, einen aufgeblasenen arroganten Lümmel erster Ordnung, namens Kaufmann, vorgestellt. In den etwa dreißig Stuben, in die wir von Kaufmann geführt wurden, geschah die Vorstellung jedesmal mit den Worten:„, Hier sind eure Bonzen, der Landtagspräsident Pflüger, der Reichstagsabgeordnete und Direktor Roẞmann und der Schriftsteller Fischer, denen ihr es zu verdanken habt, daß ihr hier auf dem Heuberg sitzt. Für jeden von ihnen erhalten fünf von euch die Freiheit." Der erwartete Effekt blieb jedoch aus. Kalt und teilnahmslos wurden die Worte Kaufmanns entgegengenommen. Daß die Sozialdemokraten sich gegen uns als ihre Kameraden nicht aufhetzen ließen, war selbst70 und verständlich. Die Kommunisten hatten unter sich vereinbart, sich von einem SA- Banditen nicht gegen uns miẞbrauchen zu lassen. Nur ein einziges Subjekt brachte es fertig, einige Worte zu stammeln; sie blieben ihm aber im Munde stecken, als er die verächtlichen Blicke gewahrte, die sich auf ihn richteten. Nach dieser Prozedur, die etwa zwei Stunden gedauert haben mochte, wurden wir in eine Dachkammer geführt und mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt. So mußten wir eine Stunde stehen. Während dieser Zeit stießen hinter unserem Rücken zwei SA- Leute dauernd heftige Drohungen gegen uns aus, sprachen vom Erschießen und pochten auf ihre Revolvertaschen. Sie wollten offenbar Nervenzusammenbrüche Bitten um Schonung hervorrufen. Ihr Bemühen war ohne Erfolg. Nach einer kurzen Aufnahme der Personalien wurde ich mit einem Tritt in den Raum gestoßen, der mir zugewiesen war. Das Päckchen, das meine Habseligkeiten aus dem Polizeigefängnis Stuttgart enthielt, wurde in aufgelöstem Zustande hintendreingeworfen. Jeder von uns dreien kam in ein anderes Zimmer. Meines war mit dreißig Mann belegt, darunter zwei Sozialdemokraten. Doch ich sah manch alten Freund aus der Zeit vor der Spaltung der Arbeiterschaft wieder. Es war inzwischen 8 Uhr abends geworden. Seit vierzehn Stunden war ich auf den Beinen. Durchnäßt, von oben bis unten beschmutzt, zitternd vor Kälte und Hunger saß ich im Dämmerschein in der nüchternen Stube. Seit sechsundzwanzig Stunden war keine Mahlzeit verabreicht worden. Hier war das Nachtessen schon vorüber. Einen Augenblick wollten meine Nerven versagen. Ich war am Zusammenbrechen. Als die kommunistischen Kameraden es bemerkten, nahmen sie sich meiner mit rührender Fürsorge 71 an. Von den kärglichen Vorräten reichte mir der eine einen Schluck Kaffee, der andere ein Stück Brot, der dritte eine Messerspitze Butter, der vierte einen Rest Käse. Der Älteste von ihnen, ein Schreinergeselle aus Stuttgart, der mich noch aus der Zeit kannte, da ich, dreißig Jahre zuvor, als neunzehnjähriger in die Sozialdemokratie eingetreten war, hatte mir das Bett gerichtet. Ich bestieg es sofort. Vor dem Einschlafen mußte ich die feuchten Augen trocknen. Diese braven Arbeiter, die man um ihrer Ideale willen eingesperrt hatte, waren doch bessere Christen, als die Knechte jenes Mannes, der heuchlerisch verkündet hatte, das Christentum wieder zur Basis der gesamten Moral des deutschen Volkes zu machen! Die Namen der meisten Kameraden in dieser Stube habe ich vergessen. Unvergessen aber bleibt das reine Menschentum, das sie am Abend dieses schwersten Tages mir gegenüber offenbarten. Das Leben der Lagerinsassen war damals noch in keine so satanische Ordnung gebracht, wie ich es später in Sachsenhausen beobachten konnte. Doch war das System des Quälens, der Einschüchterung, der Demütigung, der körperlichen und seelischen Miẞßhandlung in seinen Anfängen schon stark ausgebildet. 1933 dominierten die SA- Leute in diesen Lagern. Sie wurden erst im Herbst jenes Jahres nach und nach durch die SS abgelöst. Himmler hatte es verstanden, die SS neben der SA zu entwickeln und zu seinem persönlichen Machtinstrument auszubauen. Diese Entwicklung entsprach dem faschistischen Prinzip, die eine Gruppe innerhalb der Bewegung immer durch eine andere zu überwachen und notfalls die eine gegen die andere auszuspielen. Dadurch ist die Niederwerfung der Röhm- Revolte im Juni 1934 ermöglicht worden. 72 Bei der SA, die die Häftlinge im Lager quälte, befanden sich ungwöhnlich rohe, brutale und manchmal vertierte Exemplare. Sie stellten gewissermaßen eine Musterauslese preußischer Soldatenschinder dar. Es waren darunter auch manche, denen das Gefühl für Kameradschaft, das sie sich im Weltkrieg erworben hatten, auch den Häftlingen gegenüber noch nicht ganz abhanden gekommen war, doch bildeten sie die Ausnahmen. Der Kommandant des Lagers war ein einbeiniger, kriegsbeschädigter Major, namens Buck aus Stuttgart- Degerloch, ein sturer, undurchsichtiger Geselle, der sich der unmittelbaren Berührung mit den Häftlingen nach Möglichkeit entzog. Unter seinem Kommando verlief das Lagerleben in streng militärischer Form. Um fünf Uhr morgens wurde geweckt, nach einer Stunde muẞten das Waschen, das bei jeder Witterung auf dem Kasernenhof zu erfolgen hatte, das Ordnen der Betten, die Säuberung der Stube, das Einholen des Kaffees aus der Lagerküche und der gemeinschaftliche Gang nach der Toilette erledigt sein. Alles ging im Eiltempo vor sich. Es gab drei Stufen von Häftlingen. Der ersten Stufe waren nur sozialdemokratische und kommunistische Funktionäre zugeteilt. Sie hatten im allgemeinen zunächst keine Aussicht auf Entlassung. Eine regelmäßige Arbeit wurde ihnen nicht zugewiesen. Zur Stufe zwei zählte die Masse der Häftlinge und solche, die sich nach Ansicht der Lagerleitung gebessert hatten und die deshalb aus der Stufe eins in die Stufe zwei versetzt worden waren. Sie wurden regelmäßig beschäftigt, zum Teil allerdings mit sehr schweren Arbeiten. In der Stufe drei befanden sich die Häftlinge, die Aussicht hatten, bald entlassen zu werden, die im übrigen aber genau so behandelt wurden wie die Angehörigen der Stufe zwei. Da die Stufen getrennt von73 einander untergebracht waren, gestattete die Einteilung gewisse Spekulationen über die Dauer des Aufenthalts im Lager. Ich befand mich in einem Bau der Stufe eins, in der die politischen ,, Schwerverbrecher" untergebracht waren. Wenn der diensttuende SA- Mann nach sechs Uhr morgens die Tür wieder schloß, waren wir unter uns. Dann spielten wir Karten und andere Spiele. Das war erlaubt, auch lesen durften wir, soweit der Buchvorrat reichte, den einzelne Kameraden von zu Hause mitgebracht hatten. Hinter manchem harmlosen Titel eines Buches verbarg sich ein Inhalt, der später nicht nur nicht zugelassen worden wäre, sondern die Besitzer der Bücher in verschärfte Schutzhaft gebracht hätte. So wußte unsere Aufsicht zum Beispiel mit den Werken Heinrich Heines gar nichts anzufangen. Ihrer literarischen Unwissenheit verdankten wir es, daß wir uns auch hier noch manchen geistigen Leckerbissen gestatten durften. Alle zwei Stunden wurden wir in militärischer Ordnung zur Bedürfnisanstalt geführt, nach dem alten Kommando: ,, In Gruppen links schwenkt, Marsch!" Wer vor Ablauf dieser Zeit ein Bedürfnis anmeldete, zog sich den Zorn des Wachthabenden zu. Mancher SAMann machte diesen Marsch zum Klosett auch zu einer nächtlichen Gewohnheit. Um einundzwanzig Uhr mußten die Häftlinge zu Bett, um in einem solchen Falle bereits um dreiundzwanzig Uhr wieder geweckt zu werden; unbekleidet hatten sie dann bei jeder Witterung auf dem Kasernenhof in militärischer Ordnung anzutreten, um zum Klosett geführt zu werden. Das wiederholte sich um ein Uhr und um drei Uhr. Um fünf Uhr mußte wieder aufgestanden werden. Am Tage wurden wir alle zwei Stunden fünfzehn Minuten lang im Gänsemarsch um den Hof herumgeführt, der zwischen un74 seren Bauten und dem gegenüberliegenden Gebäude lag. Die Häftlinge nannten diesen Spaziergang„ Dovesgang"; vielleicht stammt die Bezeichnung von dem Berliner Lokalausdruck ,, dof", was soviel heißen soll wie blöd. Der Hof war durch einen zwei Meter hohen Stacheldraht aufgeteilt worden. Dadurch sollte vermieten werden, daß die Häftlinge der verschiedenen Unterkünfte miteinander in Verbindung treten konnten. Ganz ließ sich das bei den Rundgängen jedoch nicht vermeiden. 99 Auf diese Weise konnte ich noch eine letzte Unterhaltung" mit meinem Kameraden und Reichstagskollegen Dr. Schumacher führen, der vier Wochen nach mir ins Lager gekommen war. Schumacher, eine hochintelligente Persönlichkeit, dem eine große politische Zukunft winkte, war elf Jahre jünger als ich und stammte aus Kulm an der Weichsel. Vom Gymnasium weg zog er als Achtzehnjähriger ins Feld, wurde mehrfach schwer verwundet und büßte den rechten Arm ein. In den Revolutionsmonaten von 1918/19 lernten wir uns in Berlin kennen. Im Jahre 1920 trat er, von mir als eine begabte jüngere Persönlichkeit empfohlen, in die Redaktion der ,, Schwäbischen Tagwacht" in Stuttgart ein. Seit 1930 gehörte er dem Reichstag an. Dort hatte er eine scharfe Rede gegen die Nationalsozialisten gehalten, in der er erklärte, die braune Pest sei schlimmer als die schwarze. Das entsprach der Wahrheit. Jetzt aber hatte er die braune Pest persönlich auf dem Halse. Die Nazipresse in Stuttgart hatte nach seiner Verhaftung angekündigt, man werde an ihm ein Exempel statuieren. Nun wurde er hier im Kasernenhof herumgejagt, mußẞte mit seinem linken Arm bei 30 Grad Hitze auf dem ausgedehnten Gelände des Lagers kleine Kieselsteinchen in einen Eimer sammeln oder gespal75 tenes Holz in Eimern in die Holzkammern tragen. Mein Freund Wilhelm Keil, früherer württembergi- scher Arbeitsminister und langjähriger Reichstagsab- geordneter, erhob eingehende schriftliche Vorstellun- «gen bei Göring zugunsten Schumachers, wobei er auf dessen. Verdienste um das Vaterland besonders auf- merksam machte. Diese Bemühungen blieben ebenso wie zahlreiche andere Versuche, die Leidenszeit dieses wertvollen Menschen abzukürzen, ohne Erfolg. Nach zehnjähriger Haft wurde Dr. Schumacher 1943 aus dem Lager Dachau entlassen. Erst Monate nach dem Zu- sammenbruch erfuhr ich, daß er noch einmal im Zuge der Aktion„Gitter“ ins Lager wandern mußte, aber erfreulicherweise alle Qualen und Strapazen einer zehnjährigen Freiheitsberaubung überstanden hatte und in der Lage war, seine ungewöhnlichen Gaben in den Dienst des Wiederaufbaus der Sozialdemokrati- schen Partei in der westlichen Zone zu stellen. Wenn wir auch zu regelmäßiger. Arbeit nicht einge- setzt wurden, so darf man sich das Leben in unserer Stube jedoch nicht als ein Idyll vorstellen. Der Entzug der Freiheit lastete schwer auf einem jeden. Demüti- gungen aller Art blieben uns nicht erspart. Wir waren eine„Bonzenstube“ und unsere Peiniger hatten es dar- um stets darauf abgesehen, die Stube im ganzen zu quälen oder einzelne von uns besonders aufs Korn zu nehmen. So mochten die Betten noch so gut gemacht sein, dennoch wurde häufig eine Anzahl immer wieder eingerissen und mußte neu gebaut werden. Das wie- derholte sich nicht selten zwei- bis dreimal, bis das Beitenbauen Gnade vor dem SA-Gewaltigen gefunden hatte. Verirrte sich ein kurzes Strohhälmchen einmal: in eine Ritze des Fußbodens, ohne daß es der Stuben- dienst bemerkte, dann wurden sämtliche Strohsäcke, 76 Decken und Bezüge von dem sich wie wahnsinnig gebärdenden SA- Mann auf den Boden geworfen, durcheinandergewühlt und zertrampelt; es folgte der Befehl: in zehn Minuten müssen alle Betten wieder stehen wie mit dem Lineal ausgerichtet. Ich hatte mir einmal erlaubt, die Kritik an meinem Bett mit der Bemerkung zurückzuweisen, ich sei schon vor zwanzig Jahren Unteroffizier gewesen, und wisse wohl, wie ein gut gebautes Bett aussehen müsse. Darauf brüllte der SA- Mann:„ Komm einmal heraus, du Hund, du Schwein, du verdammter SPD.- Bonze!" Er zog mich aus dem Zimmer in den Korridor und drohte ,, mir mit beiden Beinen in den Wanst zu springen", wenn ich ihm weiter bedeuten sollte, daß ich ebenso klug sei wie er. Die Tür zum Kasernenhof stand offen. Ich war entschlossen, mich auf den Hof zu wälzen, falls der Lümmel Miene machen sollte, mich anzugreifen. Ich wußte, daß damals noch Wert darauf gelegt wurde, die Miẞhandlung von Häftlingen möglichst ohne Zeugen zu vollziehen. Aus dem gegenüberliegenden Bau hatte sich kurz zuvor ein Häftling unter lautem Schreien den Quälereien eines SA- Mannes durch den Sturz aus dem Fenster des zweiten Stockes entzogen. Mit zerbrochenen Gliedern war er liegengeblieben. Von einem kommunistischen Kameraden aus Reutlingen, der in meiner Stube war, hatte man ein Geständnis über die Herkunft eines hektographierten Flugblattes, das nach dem Verbot der KPD. verbreitet worden war, erpressen wollen. Er wurde aus der Stube geholt und blieb drei Tage fort. Als er wiederkam, zeigte er uns seinen blutunterlaufenen Rücken. Er war in den Dunkelarrest gesperrt und mit Ruten auf den nackten Rücken geschlagen worden, bis ihm das Blut die Beine hinunterlief. Mein Konflikt mit dem SA77 Mann hatte zur Folge, daß ich drei Tage hintereinander die Bedürfnisanstalt gründlich zu reinigen und den Fliegendreck an den Flurfenstern mit Zeitungspapier zu beseitigen hatte. Dabei waren unsere Quäler vielfach noch so jung, daß sie unsere Söhne hätten sein können. Sofort nach unserem Eintreffen im Lager wurden wir wie Zuchthäusler frisiert. Der Bart verschwand, und der Kopf wurde kahl geschoren. Unter den Wasserdruckständern des Kasernenhofs wurde dann der Kopf gewaschen. Einmal, es war an einem heißen Julitag 1933, beobachtete ich, wie einem Gefangenen, einem älteren jüdischen Mann aus einem Ort in der Nähe von Heidelberg, auf der gegenüberliegenden Seite von einem SA- Mann der Kopf zwanzig bis dreißig Minuten lang gewaschen wurde. ,, Verstell dich nicht so, du jüdisches Dreckschwein!" brüllte der SA- Mann, als der Häftling stöhnte und jammerte. Dabei stieß er den Armen mit den Stiefeln in die Rippen. Markerschütternde Schreie tönten über den ganzen Platz. Man sah, wie der Häftling sich erbrach und zusammensackte. Am nächsten Morgen lag er tot im Revier. Der Fall hat seinerzeit im Lager ungeheures Aufsehen erregt. Das Morden und Totquälen war immerhin neu. Die Gemüter waren gegen diese Entmenschlichung noch nicht so abgestumpft wie später, wo man gelassen davon sprach, daß wieder einmal einer ,, durch den Schornstein abgegangen" sei. Ich habe mir den Namen dieses Mörders auf dem Heuberg gemerkt. Er reimte sich auf Flegel und lautete Schlegel. Wir drei, Pflüger, Fischer und ich, sollten vor den Augen zahlreicher Häftlinge ,, arbeiten lernen", da wir es nach der Ansicht der SA noch nicht konnten. Zu diesem Zwecke wurde ein großer Haufen Steine auf 78 dem Kasernenhof aufgeschichtet. Wir mußẞten die Steine aufschütten und später in die Schotterdecke des Hofes einwalzen. Mein guter Kamerad Fritz Ulrich aus Heilbronn, als Reichs- und Landtagsabgeordneter wohl die populärste Persönlichkeit des schwäbischen Unterlandes, der etwas schwerblütige Landtagsabgeordnete Karl Ruggaber aus Schwenningen und ich wurden zu diesem Zwecke vor eine Straßenwalze gepannt, die wir über Schotter und Kies hinwegzuziehen hatten. Wir waren also regelrechte Zugtiere geworden. Diese Kommandos hatten bei aller Nichtswürdigkeit des Zweckes, den die Lagerleitung damit verfolgte, das Gute, daß wir Führer der württembergischen Sozialdemokratie auf Stunden ohne unmittelbare Aufsicht zusammensein und unsere Zukunft besprechen konnten. Die sah bei den meisten von uns wenig rosig aus. Wir hatten daheim alle Familie und kleine oder in der Ausbildung begriffene Kinder. Die Ersparnisse waren beschlagnahmt, die Einkommensquellen sämtlich verstopft. Müßig denn echte Arbeit war das Tun nicht, das man uns aufzwang- saßen wir hier. Außerdem mußten wir für jeden Tag, den wir hier zubrachten, zwei Reichsmark Schutzhaftkosten an die Staatskasse bezahlen. Fritz Ulrichs unversiegbarer Humor mußte uns oft genug aus trüben Gedanken reißen. Weniger gut fand sich Ruggaber mit den Quälereien ab. Sie nagten an seinem Herzen. Kaum ein Jahr nach der Entlassung war er, vorher ein Hüne von Gestalt, ein toter Mann. Meinen Freund Fritz in Heilbronn hat man 1944 im Zuge der ,, Aktion Gitter" noch einmal geholt. Diesmal nach Dachau. Dann hat ihm das Dritte Reich den einzigen Sohn genommen und das Heim zerstört. ,, Trotz Sonnenschein und Frühlingswärme ist es kalt und dunkel in unseren Herzen 79 - und unserer Seele", schrieb er mir noch im März 1945, kurz vor dem Angriff der Alliierten auf seine geliebte Stadt Heilbronn. In Fritz Ulrich schlug das Herz eines guten Kameraden. Jeder Tag brachte irgendeine Sensation. Ein kommunistischer Stadtrat aus Eẞlingen galt als besonders widersetzlich. Zur Strafe mußte er häufig die Latrine leeren. Da ließ er sich seine hohen Kriegsauszeichnungen von zu Hause kommen, das EK I und die goldene Militärverdienstmedaille, die höchste württembergische Kriegsauszeichnung. Die Lagerleitung wagte nicht, sie ihm vorzuenthalten. Nun schmückten sie seine Brust beim Latrinenreinigen und beim„ Dovesgang". Der Kommandant war darüber so zornig, daß er dem Häftling androhte, ihn solange im Lager festzusetzen, bis er von dieser Demonstration lasse. Ich weiß nicht, wie lange man den tapferen Mann noch zurückgehalten hat. In jener Zeit schwebte gegen eine Anzahl von Kommunisten ein Dynamitprozeß, der vor dem Landgericht in Rottweil ausgetragen wurde. Einige unserer Kameraden waren teils als Zeugen, teils als Angeklagte in diesen Prozeß verwickelt. Nach Beendigung der Verhandlung kamen sie wieder zu uns ins Lager, wo sie ihre Überführung in die Zuchthäuser oder Gefängnisse abzuwarten hatten. Eines Tages wurde ein neuer Häftling in die Stube gebracht. Es handelte sich um keinen Geringeren, als um den Landgerichtsrat F., der als Richter den Prozeß in Rottweil geführt hatte. Der Mann war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei gewesen und hatte die Abgabe des Hitlergrußes verweigert. Infolgedessen wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager auf den Heuberg geschleppt. Eine seltene Tücke des Schicksals, vielleicht hatte die Lagerleitung es auch so geschoben, führte ihn nun in die Stube, in der einige 80 Häftlinge waren, die von seiner Strafkammer wenige Tage zuvor zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Wer beschreibt aber das Erstaunen dieses Mannes, als er bemerkte, wie rührend diese ,, Verbrecher" um sein persönliches Wohl besorgt waren. Jede Erleichterung, die innerhalb der Stube möglich war, wurde ihm gewährt. Er brauchte sein Bett nicht selber zu machen, man hielt seine Kleider und Stiefel in Ordnung, duldete nicht, daß er schwer trug und anderes mehr. Wiederholt hat mir Landgerichtsrat F., der übrigens ein wackerer und tapferer Mann war, versichert, wie tief ihn diese menschliche Haltung der einfachen Kameraden in der Stube gerührt habe. Mit Holzzerkleinern, Steinklopfen, Walzenziehen, StraBenkehren strichen die Tage dahin. Meine Kluft wurde immer weiter, denn das Essen war, ohne direkt schlecht zu sein, sehr fettlos und häufig knapp, vor allem das Brot. Mit den Suppen mußten wir die Hakenkreuze zu Hunderten schlucken, die an Stelle der Nudeln und Sternchen darin herumschwammen. Das war eine würdige Verwendung der nationalen Symbole des Dritten Reiches, die es wahrscheinlich verdienten, in das verwandelt zu werden, was die menschliche Verdauung passiert. Gegenseitige Besuche waren nicht erlaubt. Auch Besuche von außerhalb wurden nur in den allerseltensten Fällen zugelassen. In den Unterhaltungen mußte man sehr vorsichtig sein. In jeder Stube befanden sich ein bis zwei Spitzel, die in der Regel kommunistisch getarnt waren. Oft waren sie tatsächlich Mitglieder der KPD. gewesen. Die kommunistischen Kameraden, die wir aus der Gewerkschaftsbewegung oder den politischen Kämpfen kannten, machten uns selbst auf verdächtige Elemente aufmerksam. Mancher Häftling ist 81 auf die Leimrute dieser Leute gegangen und hat seine Unvorsichtigkeit mit langjähriger Haft büßen müssen. Als ich später aus der geschlossenen Gemeinschaft der marxistischen Funktionäre herauskam, begegnete ich hin und wieder auch einem Nationalsozialisten als Häftling im Lager. Hierbei handelte es sich in der Regel um Persönlichkeiten, die entweder ihrer Sehnsucht nach dem Besitz politischer Gegner oder ihrer Unzufriedenheit mit dem Gang der Ereignisse nach der Machtergreifung zu deutlich Ausdruck gegeben hatten. Es waren Vorboten des 30. Juni 1934. Allen diesen Erscheinungen gegenüber war höchste Vorsicht am Platze. Mittlerweile ging der herrliche Sommer 1933 vorüber. Bei klarem Wetter leuchteten die weißen Häupter der Schweizer Berge vom Süden herüber. Eine unbezwingbare Sehnsucht nach der freien demokratischen Schweiz ergriff uns alle. Sehnsucht ist die Qual der Qualen, das Absterben ohne Tod. Manchen hat sie zu einem Fluchtversuch verlockt. Die Sirenen und die Alarmschüsse, die in einem solchen Falle einsetzten, ertönten häufig. Unsere Gedanken und Gebete waren dann bei den Flüchtlingen. Immer wieder gelang es einigen, nach der Schweiz oder nach Österreich zu entkommen, wo sie sich in der Sehnsucht nach der alten Heimat verzehrten, die ihnen über ein Jahrzehnt verschlossen bleiben sollte, wenn sie den brutalen Exerziermeistern des Nazismus' nicht von neuem in die Hände fallen wollten. Viele haben ihre Liebe zur Freiheit mit dem Tode bezahlt. ,, Auf der Flucht erschossen". Diesen Tod fanden in Deutschland von 1933 bis 1945 Tausende von politischen Häftlingen, darunter zahllose, bei denen ein echter Fluchtversuch überhaupt nicht vorlag. Häufig genug wurde die günstige Gelegenheit, einen 82 unbequemen politischen Gegner oder einen Häftling, der zuviel wußte, aus dem Wege zu räumen, absichtlich herbeigeführt. Zahllose Fälle dieser Art hat mir später mein Freund Dr. Leber aus seinem Lagerleben erzählt. Da warf z. B. der Wachthabende seine Mütze über die dem Häftling unbekannte Demarkationslinie und befahl ihm, sie zu holen. Im nächsten Augenblick krachte der Schuß, denn das Überschreiten der Linie galt als Fluchtversuch. Kam der Häftling aber dem Befehl nicht nach, so erwarteten ihn die schwersten Miẞhandlungen. Dr. Leber war selbst Gegenstand eines solchen Experiments. Tote reden nicht, war die Meinung dieser dummen Teufel aus der SS. Von der Lehre der Geschichte, daß Tote zu den heftigsten Anklägern werden können, wußten sie nichts. Fluchtversuche waren damals leichter als in der späteren Zeit, in der das Lagerleben schon in straffere Formen gebracht worden war. Die Gefangenen trugen im allgemeinen noch ihre eigene Kleidung. Es gab weder Häftlingskleidung noch -nummern. Bei der Arbeit außerhalb des Lagers muẞte allerdings eine Hose getragen werden, die mit einem Ring aus roter Farbe gekennzeichnet war. Die Zivilhose konnte darunter jedoch leicht versteckt werden. Wer aber erwischt wurde, verfiel als Fluchtverdächtiger schwerer Lagerstrafe. Anfang September kam ich in den gegenüberliegenden Bau, avancierte also. Damit war keineswegs eine persönliche Erleichterung verbunden. Im Gegenteil, die körperliche Arbeit wurde regelmäßiger, anstrengender und härter. In langen Kolonnen zogen die Häftlinge zur anderthalb Stunden entfernten Arbeitsstelle. Aus einem Steinbruch wurden die Steine gewonnen, die zum Bau einer neuen Zufahrtsstraße zum Lager Verwendung fanden. Stundenlang gingen die schweren Stein83 brocken von Hand zu Hand und zum Schluß in die Karren der Feldbahnen. Keine Minute durfte pausiert werden. Derselbe anstrengende Fortgang des Arbeitsprozesses vollzog sich bei der Bedienung des Brechers, dessen Motor die Steine zerkleinerte und auf das laufende Band warf, von dem sie ohne Unterbrechung fortgeschaufelt werden mußten. Ob es sich um vorbereitende Arbeiten für den Straßenbau oder um die direkte Beteiligung an ihm handelte, keine auch noch so harte Arbeit blieb uns erspart. Dabei wurde nicht gefragt, ob wir die körperlichen Voraussetzungen dazu mitbrachten. Viele Kameraden haben sich bei dieser Arbeit einen Knacks für das ganze Leben geholt. Es waren die Anfänge jener schauderhaften Methode, mit der später in dem berüchtigten Lager Mauthausen in Österreich die kräftigsten Naturen zugrunde gerichtet wurden. In derselben Richtung lag das Kniebeugemachen. Da wurden die Mannschaften ganzer Stuben nackt auf den Kasernenhof getrieben, wo sie bis zu fünfzigmal hintereinander nach Kommando Kniebeugen machen mußten. Es ist vorgekommen, daß Herzleidende dabei tot umgefallen sind. In der ersten Oktoberhälfte erhielten etwa einhundert Gefangene, darunter auch ich, den Befehl, sich für den nächsten Morgen transportbereit zu halten. Die Hoffnung, freigelassen zu werden, erfüllte sich nicht. Wir kamen ins Militärgefängnis nach Ulm a. D. in die verschärfte Schutzhaft. Im Lager selbst hatten wir kurz zuvor noch die Übertragung des Erntedankfestes vom Bückeberg mitanhören und die Rede Hitlers durch das Radio entgegennehmen müssen, jene Rede, die den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und eine Neuwahl zum Reichstag ankündigte. Es war dies die erste Gelegenheit, die die Häftlinge des Lagers Heuberg im 84 ganzen zu einer Art Appell zusammenführte. Gnädig verteilte die Lagerverwaltung einige Zigarren und Zigaretten. Meine Kameraden, die niedergeschlagen im Ulmer Militärgefängnis landeten, suchte ich aufzumuntern. Die leitenden Männer der Naziregierung in Stuttgart, vor allem der damals formell für die Schutzhaft verantwortliche Innenminister Jonathan Schmid, hatten eine Heidenangst vor ihren eigenen Radikalinskis, vor der SA und der in der Entwicklung begriffenen Gestapo. Sie brauchten die verschärfte Schutzhaft als weitere Plage für die verhaßten marxistischen Funktionäre, um der niedrigen Rachsucht ihres Pöbels eine letzte Befriedigung zu verschaffen. Die Kommentare, mit denen die Nazipresse unsere Überführung nach Ulm begleitete, waren durchaus auf diesen Ton gestimmt. Ich behielt aber recht, die Entlassungen setzten bald nach unserer Überführung ein. Die Verschärfung der Schutzhaft bestand im Wesentlichen in der Einzelhaft. Die Zelle, die mir zugewiesen wurde, war etwa 6 qm groß. Ihre Ausstattung bestand aus einer eisernen Bettstelle, einem Strohsack, zwei Decken, einem Wasserkrug, einem Klosetteimer und einem Schemel. Für mich war das Alleinsein keine Verschärfung der Haft, im Gegenteil. Keine Minute war in den vergangenen Monaten verstrichen, die nur mir allein gehört hätte. Menschliche Seelen bedürfen jedoch von Zeit zu Zeit der Einsamkeit. Nun konnte ich die Erlebnisse der letzten Monate innerlich verarbeiten. Das Alleinsein wurde zudem sehr gemildert durch das Entgegenkommen des Gefängnisaufsehers, Gneidig war sein Name, der uns gestattete, vom Mittagessen, das schon um 11 Uhr vormittags zugeteilt wurde, bis zum Eintritt der Dunkelheit auf den Korridoren zusammen zu sein und uns die Zeit zu 85 vertreiben. Zu arbeiten brauchten wir nicht. Im Gegensatz zum Heuberg, wo es verboten war, durften wir Lebensmittelpakete empfangen, deren Inhalt gegenseitig ausgetauscht wurde. Künstliche Beleuchtung gab es nicht. Das Bedürfnis nach Ruhe, das die Monate anstrengender körperlicher Tätigkeit im Lager Heuberg erweckt hatte, war durch das erzwungene 12-14- stündige Liegen auf dem Strohsack bald befriedigt. Von 23 Uhr an hörte ich Stunde um Stunde die Schläge der nahen Münsteruhr. Der Aufseher, ein Beamter alten Stils, und ein außerordentlich gütiger Mann, hätte auch unser Dasein im Dunkeln gerne etwas abgekürzt und erleichtert. Da er aber das Gefängnis nach 13- bis 14stündiger Dienstzeit verließ, würde das bedeutet haben, daß er uns der Gewalt einer kleinen Anzahl junger SS- Leute überlassen hätte, die ihm neuerdings zur Hilfeleistung zugeteilt worden waren, und das wollte er nicht. Daher verschloß er die Zelle vor seinem Weggang und öffnete sie am nächsten Morgen persönlich. Den jungen SS- Anwärtern gestattete er während der Nacht keine andere Tätigkeit, als mit ihren Taschenlampen durch die Spione zu leuchten und sich von unserer lebendigen Gegenwart zu überzeugen. Wie wohl es tat, einmal einem Aufseher zu begegnen, der ein Mensch war und ein richtiges Herz in der Brust hatte, kann nur nachfühlen, wer es selbst erlebt hat. Am 24. Oktober 1933, nach dem Mittagessen, rief mich der Aufseher, um mir ein Schreiben des Ministeriums des Inneren vorzulesen, in dem es hieß, der Schutzhäftling Roßmann sei bis spätestens 15 Uhr zu entlassen. Gleichzeitig sei ihm zu eröffnen, daß er sich in Zukunft jeder gegen die nationale Regierung gerichteten Tätigkeit zu enthalten habe, widrigenfalls er mit seiner Verbringung in ein Konzentrationslager auf un86 absehbare Zeit zu rechnen habe. Ich mußte bestätigen, daß ich hiervon Kenntnis genommen. Dann erhielt ich meine Papiere zurück, jedoch nicht das Geld, das man mir bei der Verhaftung abgenommen hatte. Was nun? Die Schicksalsfrage, die einst Fritz Reuter bewegte, als er von der Festung Dönitz a. d. Elbe nach jahrelanger Gefangenschaft den Heimweg in seine mecklenburgische Heimat antrat, stand jetzt auch vor mir. Da war ich in den Straßen des alten, wohlbekannten Ulm, ohne einen Reichspfennig in der Tasche. Wie ein Wunder kam es mir vor, nach Monaten wieder Menschen zu sehen, Frauen, Kinder! Wie hatte ich mich gerade nach Kindern gesehnt, die mir auf allen Wegen des Lebens immer die liebsten Begleiter gewesen sind. Der Herbst hatte die Blätter der Bäume braunrot gefärbt. So hatte ich Ulm auch zweiundzwanzig Jahre zuvor angetroffen, als ich hier am 1. Oktober 1911 die Redaktion der neugegründeten sozialdemokratischen Tageszeitung übernahm. Wo waren die vielen politischen Freunde geblieben, die ich mir in den Jahren gemeinsamer Kämpfe erworben hatte! Alle verstreut. Drunten an der Bastei wohnte eine Geschäftsfrau, bei der wir die Lebensmittel eingekauft hatten, solange wir in Ulm wohnten. Sie weinte, als ich von meinem Schicksal erzählte und borgte mir zwanzig Reichsmark. Ohne die Hilfe der guten Frau hätte ich nicht einmal meinen Koffer auslösen können, den ich einstweilen im Handgepäck des Bahnhofs untergestellt hatte. Dann trug mich der Zug rasch in das geliebte Stuttgart, wo mich die Familie in freudiger Überraschung empfing. Was nun? Diese Frage begleitete mich Tag für Tag auf meinen Spaziergängen durch die Wälder des schönen, hochgelegenen Vororts, wo meine Familie im Hause des Schwagers Unterschlupf gefunden hatte. 87 Was nun? Man hatte mir Amt, Mandat und Wohnung genommen, die Einkünfte und Ersparnisse beschlagnahmt. Die Schutzhaftkosten mußte ich mit zwei Reichsmark pro Tag bezahlen. Jeden zweiten Tag mußte ich mich bei der Polizei melden. Inzwischen war ich fünfzig Jahre alt geworden. Sollte ich ins Ausland gehen? Möglichkeiten hierzu waren mir geboten. Viele Freunde hatten es getan, aber sie handelten unter dem Zwang, nur so ihr Leben retten zu können. In dieser unmittelbaren Gefahr fühlte ich mich nicht. Ich beschloß, im Vaterland zu bleiben, den Faschismus mitzuerleben und alle seine Taten zu beobachten, bis zum Tage seines Zusammenbruches, an dem ich zwölf Jahre hindurch keine Minute gezweifelt habe. 88 II. Das Konzentrationslager Sachsenhausen 1944 KAPITEL 1 Das Attentat vom 20. Juli und seine Auswirkung Am 20. Juli 1944 wurde die Welt von der sensationellen Nachricht überrascht, daß der Oberst von Stauffenberg auf Hitler ein mißglücktes Attentat unternommen hatte, wobei Stauffenberg im Auftrag einer ausgedehnten Verschwörung handelte, die sich militärisch um den Generalfeldmarschall von Witzleben und politisch um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Dr. Goerdeler gruppierte. Mit einer innerpolitischen Explosion dieser Art hatte ich immer gerechnet. Durch politische Freunde, deren Beziehungen bis in die nächste Umgebung der Verschwörer reichten, war ich über die Stimmung in gewissen Kreisen hoher Militärs ziemlich genau unterrichtet. Zu den Persönlichkeiten, denen solche Informationen zugänglich waren, gehörte mein Freund, Dr. Julius Leber. Wir waren 1924 gleichzeitig in den Reichstag eingetreten. Obwohl nur sieben Jahre jünger als ich, gehörte Leber nicht zu der Generation sozialdemokratischer Führer, die schon vor dem ersten Weltkrieg eine Rolle spielten. Er war bäuerlicher Herkunft und seine Wiege stand im Elsaß. Derb 89 und etwas grobschlächtig im Äußeren war er mit einem weichen und großen Herzen in der breiten Brust und mit einer Seele beschenkt, die zartesten Regungen und Empfindungen auf allen Gebieten zugänglich war, die das Leben des Menschen lebenswert machen. Er hatte die Dorfschule besucht und dann den Kaufmannsberuf erlernt. Seinem beweglichen Geiste genügte das jedoch nicht. Statt sich als Angestellter irgendwo zu verdingen, besuchte er nach der Lehre noch die Oberrealschule in Freiburg im Breisgau. Nach Beendigung des ersten Weltkrieges blieb er zunächst als Offizier bei der Reichswehr, aus der er aber anläßlich der Herabsetzung ihres Bestandes auf 100 000 Mann ausschied. Er ging zur Sozialdemokratie, promovierte 1920 in Freiburg und war seit 1921 Schriftleiter des ,, Lübecker Volksboten". Als Elsäßer hätte er es nach 1918 leicht gehabt, seinem Lebensweg, der so tragisch enden sollte, eine andere Wendung zu geben, aber er liebte Deutschland, hing an seiner Kultur, seiner Kunst und Literatur und an seiner Geschichte. Es lebte viel soldatischer Geist in ihm und er wollte ein demokratisches und sozialistisches Deutschland mit machtpolitischem Unterbau. Das Reichsbanner Schwarz- Rot- Gold war eine Schöpfung nach seinem Sinne. Nach einer Kundgebung, die er am 30. 1. 1933, am Tage von Hitlers Machtergreifung, in Lübeck abhielt, waren auf dem Heimwege ein paar Naziraudis, die ihn überfallen wollten, auf der Strecke geblieben. Notwehr lag vor. Tapfere Kameraden aus dem Reichsbanner wanderten in die Gefängnisse, viele Jahre lang. Leber selbst wurde vier Jahre in Konzentrationslagern festgehalten, die meiste Zeit verbrachte er in Sachsenhausen bei Oranienburg. Er ist furchtbar geschunden und gequält worden, aber seine harte Natur überstand alles. Ein höherer SS- Füh90 rer, ich glaube, es war Heydrich selbst, hatte ihm bei seiner Entlassung erklärt:„, Leute wie Sie sollte man nicht freilassen, sondern totschießen. Aber wir tun es nicht. Wahrscheinlich wird es sich eines Tages rächen." Leber ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Ein unbändiger Haß gegen das Nazisystem hatte ihn nach seiner Heimkehr erfaßt, die er seiner nimmermüden tapferen Frau verdankte. Eine leidenschaftliche politische Aktivität saẞ ihm im Blute, ein Hang zur Konspiration gegen das System trieb ihn. Seine militärische Vergangenheit sicherte ihm die Verbindung zu hohen militärischen Befehlsstellen, aus denen er eine intime Kenntnis der Vorgänge in der militärischen Führung und in der politischen Sphäre schöpfte. In gewissen Zeitabständen trafen wir uns in Gemeinschaft von zwei bis drei Gesinnungsfreunden in einem Berliner Lokal und schöpften Mut aus seinem Optimismus, auch wenn die anderen ihn nicht immer teilen konnten. Mehrfach winkte ihm das Schicksal, das ihn zuletzt ereilt hat. Am Rande war er auch schon in die Affäre Harnack verwickelt, die 1942 mit der Hinrichtung tapferer Antifaschisten liquidiert worden war. In den letzten Jahren neigte er zu einem engsten politischen Zusammengehen mit Sowjetrußland. Er warnte uns oft, bestimmte Namen auch nur auszusprechen, da es genügen könnte, unsere Verhaftung zu veranlassen. Für sich selbst schlug er jede Warnung in den Wind. Er wußte, daß er mit seinem Kopfe spielte und hat es mir gegenüber mehrfach ausgesprochen. In Sachsenhausen hörte ich von seinem Geschäftsteilhaber, daß er vom Sonderdienst verhaftet und in ein Sonderlager gebracht worden sei. ,, Die Torturen, denen er dort ausgesetzt ist, wird er aushalten," meinte Grille ,,, denn er ist hart wie Eisen; 91 aber ich fürchte, sie werden ihn erschießen." Die Mörderbande hat ihm die ehrliche Kugel nicht gegönnt. Sie haben ihn an den Galgen geschleppt, seine mutige Frau verhaftet und seine geliebten Kinder verschleppt. Leber war in irgendeiner Form, die noch der Aufklärung bedarf, an den Vorbereitungen zum Sturze Hitlers beteiligt. Nähere Anhaltspunkte, in wieweit politische Kreise, namentlich solche meiner Partei, direkt an der Aktion beteiligt waren, fehlten zunächst. Den offiziellen Mitteilungen über den Ablauf des Attentats, der Verhaftung und Selbstrichtung, die einige der Beteiligten vollzogen, war zunächst nichts zu entnehmen. Es lag auf der Hand, daß die Bewegung viel weitere Kreise umfaßte, als nur ein halbes Dutzend ,, wegen Unfähigkeit kaltgestellter Ehrgeizlinge", wie die offizielle Propaganda glauben machen wollte. Ich war mir auch bewußt, daß nach dem Miẞlingen des Planes alle oppositionellen Elemente in höchster Gefahr schwebten. Die Lage war eine ganz andere, als nach dem Attentat auf Hitler im November 1939 in München. Damals trugen die Ereignisse alle Merkmale einer gerissenen Mache, die Hitler in den Augen des Volkes als Opfer des englischen Geheimdienstes und im mystischen Glanze eines Lieblings der Vorsehung erscheinen lassen sollte. Einer solchen Wirkung zuliebe konnte ruhig auch das Leben von ein paar Dutzend einfachen Parteigenossen geopfert werden. In diesen Dingen war Himmler großzügig. Diesmal aber war es bitterer Ernst. Mit knapper Not entging der Despot dem Tode. Den Auguren wankte der Boden unter den Füßen, wie Goebbels in einem Anfall von Wahrheitsliebe bekannte. Die Revolte vom 20. Juli war der letzte Versuch, das fernere Schicksal Deutschlands von innen heraus zu 92 gestalten und in die Hände deutscher Menschen zu legen. Es wäre dem deutschen Volke sowohl, als auch seinen Kriegsgegnern, unendlich viel Leid erspart geblieben, Milliardenwerte würden vor der Vernichtung bewahrt worden sein, wenn der Versuch geglückt wäre. Die bedingungslose Kapitulation, die Besetzung Deutschlands durch fremde Militärmächte und einen harten Frieden hätten freilich auch die Männer des 20. Juli nicht mehr verhindern können. Der Krieg hatte bereits zu lange gedauert, und zu viele Länder und Völker des Erdballs waren schon vom Kriegsunheil erfaßt. Aber das von Hitler heraufbeschworene Unvermeidliche würde sich, angesichts einer ernsten Selbstwehr Deutschlands gegen die Fortsetzung des nazistischen Wahnsinns, in milderen und erträglicheren Formen vollzogen haben als im Mai 1945. Die Erkenntnis, daß es in Deutschland noch Männer gab, die bereit waren, ihr Leben gegen den Nationalsozialismus aufs Spiel zu setzen, ist dennoch nicht ohne tiefe Wirkung auf das Ausland geblieben. Das deutsche Volk hat daher allen Anlaß, den von ihresgleichen schamlos preisgegebenen, von den Mördern des Systems qualvoll zu Tode gemarterten Patrioten des 20. Juli 1944 einen Ehrenplatz in seiner Geschichte einzuräumen. Die Goebbels- Propaganda hat nachträglich den kläglichen Versuch gemacht, die Vorgänge des 20. Juli als den ,, Verrat" hinzustellen, auf dessen Konto alles folgende Unheil abgewälzt werden sollte. Diese Dolchstoẞlegende litt aber an noch schwereren Fehlern als die alte. Sie wurde schon durch die offizielle Bagatellisierung der Revolte und die Großsprechereien widerlegt, mit denen das Hitlerregime den Krieg fortsetzte. Im übrigen gibt es im Leben eines Volkes Situationen, in denen der Dolchstoẞ so notwendig wird 93 99 wie eine schwere Operation. Wenn keine Sozis mehr da sind, die einen Dolchstoß machen," erklärte mir ein alter Bauer, ,, dann müssen ihn eben Generalfeldmarschälle machen, aber gemacht werden muß er." Hitler selbst hat dieses Notwehrrecht mit folgenden Worten anerkannt: ,, Staatsautorität als Selbstzweck kann es nicht geben, da in diesem Falle jede Tyrannei auf dieser Welt unangreifbar und geheiligt wäre. Wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt ein Volkstum dem Untergang entgegengeführt wird, dann ist die Rebellion eines jeden Angehörigen eines solchen Volkes nicht nur Recht, sondern Pflicht."( Mein Kampf 447. Auflage, Seite 104). Ich will keine Geschichte des 20. Juli und der diesem Tag folgenden dramatischen Wochen schreiben, sondern nur mein persönliches Schicksal schildern, soweit es mit den Vorgängen nach dem Attentat in Verbindung steht. Für eine größere Öffentlichkeit wäre das ohne Interesse, wenn es sich nicht mit dem Schicksal von Zehntausenden meiner Gefährten deckte. Was ich erlebt habe, ist nicht so aufregend wie die Berichte, die vom Londoner und Luxemburger Rundfunk dem deutschen Volke über die Zustände in den Konzentrationslagern vermittelt worden sind. Die Wahrheit dieser Angaben wird von mir jedoch nicht angezweifelt. Sie gründen sich offenbar auf den Zustand, in welchem sich die Lager unmittelbar vor dem Eintreffen englischer, amerikanischer oder russischer Truppen befanden und auf die Zeugnisse von Insassen, die mehr erlebt und gesehen haben als ich. Mir selbst haben Kameraden, die mehrere Jahre in den verschiedensten Konzentrationslagern zubringen mußten, Schilderungen gegeben, bei denen mir das Blut in den Adern stockte. Ihre Aussagen blieben in nichts hinter den 94 ausländischen Funkberichten und den Feststellungen der englischen und amerikanischen Parlamentskommissionen zurück. Ich will dagegen nur berichten, was ich selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen habe. Nach dem 20. Juli war es ein Gebot der Vorsicht, sich einige Wochen von Berlin zu entfernen. Ich begab mich deshalb in ein kleines süddeutsches Dorf, wohin meine Familie evakuiert worden war. Dort wollte ich den weiteren Ablauf der Ereignisse abwarten. Geschäftliche Verpflichtungen riefen mich jedoch in der zweiten Augusthälfte 1944 nach Berlin zurück. Als ich in der Reichshauptstadt eintraf, war die abscheuliche Justizkomödie, die man gegen Witzleben und seine Mitverschworenen vor dem sogenannten Volksgerichtshof unter der Regie des erbärmlichen Freisler vollführt hatte, schon zu Ende und die Galgenknechte Himmlers hatten ihr trauriges Werk vollbracht. Der Prozeß gegen die Politiker, die an der Verschwörung beteiligt waren, stand bevor. Zum ersten Male erfuhr ich, daß auch Sozialdemokraten zu diesem Kreise gehörten. Der frühere hessische Innenminister Leuschner, dessen Name genannt wurde, hielt sich in Berlin versteckt. Man sammelte Lebensmittelkarten für ihn, woran ich mich beteiligte. Die Hoffnung, ihn in Berlin sicher zu wissen, hat sich leider nicht bestätigt, den Spürhunden der Gestapo gelang es, ihn aufzufinden. 95 95 KAPITEL 2 Meine Verhaftung- Im Alex In Berlin machte einmal eine kleine Erzählung die Runde, deren Pointe einem schweizerischen Diplomaten zugeschrieben wurde. Dieser war von Himmler zu einem Diner geladen, in dessen Verlaufe der Hausherr mit dem Gaste aus Bern in eine angeregte Unterhaltung über deutsche und schweizerische Lebensgewohnheiten geriet. Dabei äußerte Himmler die verblüffende Meinung, daß nennenswerte Unterschiede in den Lebensgewohnheiten der beiden Völker, wenigstens soweit der deutschsprechende Teil in der Schweiz in Betracht komme, überhaupt nicht beständen. Doch der kluge Schweizer schüttelte den Kopf und erklärte, es sei ein gewaltiger Unterschied. Auf die Frage, worin denn dieser bestehe, erhielt Himmler zur Antwort:„ Wenn es bei mir in Bern morgens zwischen 6 und 7 Uhr an der Korridortüre klingelt, dann weiß ich, daß nur mein Bäckerbub draußen steht." Diese witzige Geschichte schoß mir durch den Kopf, als ich am Freitag, dem 25. August, zwischen 6 und 7 Uhr morgens durch heftiges Klopfen an meiner Korridortüre geweckt wurde. Ich öffnete vorsichtig die Tür. Kein Bäckerbub, wohl aber zwei Menschenfänger der Gestapo standen vor mir und erklärten, mich festnehmen zu müssen. Auf meine Frage nach dem Grunde der Festnahme entgegneten mir die Sbirren der Gestapo, sie wüßten ihn nicht; wahrscheinlich hätte ich früher ein öffentliches Amt oder Mandat bekleidet. Aus dem Benehmen der beiden Beamten schloß ich, daß sie nicht zum Stammpersonal der Gestapo gehörten. Tatsächlich waren es alte Kriminalbeamte, die zu Hilfsdiensten bei ihr ab96 1 kommandiert waren und die offensichtlich nicht viel Freude an ihrer gegenwärtigen Arbeit hatten. Die beiden Beamten waren höflich und zuvorkommend, ich vergalt Höflichkeit mit Höflichkeit und lud sie ein, es sich in meiner Diele bequem zu machen. Dann bot ich ihnen Zigaretten, die sie nicht verschmähten. Bevor ich zur Toilette ging, um mich zu waschen, räumten sie alle Flaschen weg, da sie möglicherweise Gift enthalten könnten, mit dessen Genuß ich mich ihrem Zugriff zu entziehen vermöchte. Ich beruhigte sie mit der Versicherung, es sei nicht meine Gepflogenheit, wegen einer Bagatelle zum Frühstück Gift zu nehmen. Sie antworteten mit dem Hinweis auf ihre strenge Pflicht, mich unbedingt lebend abzuliefern. So viel Umstände hatte man 1933 nicht gemacht. ,, Ziehen Sie sich in aller Ruhe an," mahnte begütigend einer der beiden, als ich mich mit ihm in den Luftschutzkeller begab, um einen älteren Anzug und frische Wäsche zu holen. Mittlerweile führte der andere eine sehr milde, doch ergebnislose Haussuchung durch. ,, Nun machen Sie sich noch ein Frühstück, denn es wird etwas länger dauern, bis Sie wieder etwas zu sich nehmen können", erklärten sie mir entgegenkommend. ,, Da meine Familie evakuiert ist, nehme ich mein Frühstück erst im Büro ein, wo es meine Sekretärin für mich bereitet," erwiderte ich. Darauf schlugen sie mir vor, mich dorthin zu begleiten, denn sie hätten Zeit, und was mich anbelange, so käme ich immer noch früh genug dahin, wohin sie mich zu bringen hätten. Vor dem Verlassen des Hauses ermahnten sie mich sehr freundschaftlich, doch ja vernünftig zu sein und keine Dummheiten zu machen, da sie Weisung hätten, gegebenenfalls von der Schußwaffe rücksichtslos Gebrauch zu machen. 97 In mein Büro folgte mir nur einer der Beamten. Sein Kollege blieb auf der Straße zurück, angeblich um die Öffnung der Läden abzuwarten und Zigaretten einzukaufen, in Wahrheit aber wohl, um die beiden Ausgänge des Hauses zu bewachen, die einen Fluchtversuch erleichtern konnten. Da Mahlzeiten in Gesellschaft besser munden, lud ich meinen Begleiter ein, das Frühstück mit mir einzunehmen, was er nicht abschlug. Vor dem endgültigen Abschied gestattete er mir noch, in einem leeren Zimmer und in seiner Abwesenheit meiner Sekretärin und einem inzwischen erschienenen Angestellten Informationen zu geben, einige Briefe zu diktieren und Anweisungen für die Zeit meiner Abwesenheit zu erteilen. Von diesen Vorgängen wolle er aber dienstlich keine Kenntnis genommen haben. Ich konnte mich also über mangelndes Entgegenkommen nicht beklagen. Es gab damals schon viele Polizeibeamte und Angestellte der Gestapo, die von dem unvermeidlichen Zusammenbruch der Hitlertyrannei überzeugt waren und sich durch anständige Behandlung ihrer Opfer ein Alibi zu verschaffen suchten. Endlich, es war inzwischen 9 Uhr geworden, mußte ich mich trennen. Ein wunderbarer Augustmorgen kündigte einen heißen Tag an. Wir gingen zum Untergrundbahnhof Wittenbergplatz. Später erfuhr ich, daß meine Sekretärin uns gefolgt war, um festzustellen, wohin man mich gebracht hatte. Sie entwickelte von dieser Stunde an im Kampfe gegen die Skepsis eines Teils meiner Umgebung eine bewunderungswürdige Tätigkeit für meine Befreiung. In dem unheimlichen und geschmacklosen Backsteinbau am Alexanderplatz schlossen sich die eisernen Gitter hinter mir. Als einem politischen Menschen, dem die Geschichte kein unbekanntes Gebiet ist, fehlt es mir durchaus nicht 98 an Verständnis dafür, daß die Mächte, die den Staat beherrschen, einmal in die Lage kommen können, die führende Schicht ihrer Gegner aus Gründen der Staatssicherheit vorübergehend vom Volke zu isolieren. Das ist zwar immer ein Zeichen von Schwäche, aber es ist zu allen Zeiten und unter allen Regierungsformen vorgekommen und wird sich wohl auch in Zukunft nicht ganz vermeiden lassen. Auch Grausamkeiten und Formen des Massenterrors gegen politische und weltanschauliche Gegner sind an sich keine neue Erscheinung. Sie erfolgten bisher jedoch meistens im aufregenden Gewühl des Bürgerkriegs, auf den Höhepunkten des unmittelbaren Kampfes um die Macht, wenn die menschlichen Leidenschaften bis zur Siedehitze gestiegen waren. Ereignisse dieser Art sind aber einmalige, rasch abklingende Explosionen im Leben der Völker und können mit normalen moralischen Maßstäben nicht gemessen werden. Was wir aber im Dritten Reiche erlebten, ist damit überhaupt nicht zu vergleichen. Da wurden die menschliche Entwürdigung des Gegners, der Terror, der Mord und die grauenvolle Hinschlachtung von Millionen unschuldiger Menschen aus rassischen Gründen mit kaltblütiger Berechnung zu einer dauernden Staatseinrichtung erhoben, also geradezu zu einer Verfassungsgrundlage gemacht. Selbstverständlich entbehrte diese Methode jeder gesetzlichen Voraussetzung. Sie war einfach da als eine illegale Gewalt, die neben der legalen Gewalt und dem legalen Staatsapparat ihr Eigenleben führte und in jedem Falle stärker war als die legale Staatsgewalt. In zahllosen Fällen hat der Richter dem Angeklagten erklärt: ,, Vor dem Gefängnis konnte ich Sie retten, was aber die Gestapo mit Ihnen machen wird, steht nicht in meiner Hand." Zu was auch noch ein Prozeß! Davon war im Reiche 99 Himmlers schon gar nicht mehr die Rede. Man wurde einfach verhaftet, eingesperrt und meist nicht einmal vernommen. Über den Tag der Freilassung herrschte stets Ungewißheit. Da die legale und die illegale Gewalt ein und dieselbe Spitze hatten, so hätte man mit einer Beschwerde gegen die Übergriffe der illegalen Gewalt den Teufel Himmler nur bei seiner Großmutter Hitler verklagt. Im Dritten Reich bedurfte es überhaupt keines Vergehens, um auf unbestimmte Zeit lebendig begraben zu werden. Es genügte schon, daß man vor 1933 gegen den Nationalsozialismus gekämpft und nach seiner Machtergreifung nicht die Knie vor ihm gebeugt hatte oder überhaupt im Verdacht einer ,, staatsabträglichen" Gesinnung stand. Über die letztere Voraussetzung entschied irgendein obskures Mitglied des großen Heeres von Denunzianten und Spitzeln, die im Dienste des Nachrichtenwesens der Gestapo standen. In allen kultivierten Staaten werden politische Vergehen nicht als ehrenrührig angesehen. Der Strafvollzug geschieht deshalb auch in ehrenhaften, absolut erträglichen Formen. Mit den ,, veralteten" Methoden eines humanen Strafvollzuges gegen politische Häftlinge räumte das Dritte Reich selbstverständlich auf. Diese Gefangenen wurden nicht nur mit Schwerverbrechern auf eine Stufe gestellt, sondern ihnen noch vielfach untergeordnet. Im Polizeigefängnis am Alexanderplatz traf ich eine Anzahl Gesinnungsfreunde aus vergangenen Zeiten. Hier erfuhr ich auch, daß die Verhaftungen in Berlin und im ganzen Reiche einen großen Umfang angenommen hatten. Wir wurden zuerst in die Aufnahme geführt, wo ein entsetzlicher Betrieb herrschte. Es wimmelte von Menschen, die man eingefangen hatte, Schuldige und Unschuldige, dunkle Gestalten und Harm100 lose, alles bunt durcheinander. Auch viele Ausländer waren darunter. Nachdem wir unsere Wertsachen abgegeben hatten, mußten wir in einem Buche, in das die Namen der Häftlinge eingetragen waren, die Unterschrift leisten. In einer Rubrik waren die Straftaten verzeichnet. Neben den üblichen Delikten, wie Diebstahl, Einbruch, Körperverletzung, lasen wir Hoch- und Landesverrat und die Bezeichnung ,, Sonderaktion Gitter". Diese Worte standen vor unseren Namen. Im Vollzug einer Sonderaktion, die den Namen Gitter trug, sind im Monat August 1944 in Deutschland Zehntausende von Menschen verhaftet worden, die den ehemaligen Linksparteien oder dem Zentrum angehörten. Nachdem wir die peinliche Leibesvisitation, bei der wir uns bis aufs Hemd entkleiden mußten, hinter uns hatten, wurden wir in eine Zelle des ersten Stockwerks geschoben. Hier wurde ich mit großem Hallo begrüßt, da zahlreiche Bekannte bereits vor mir eingeliefert worden waren, darunter die früheren Reichstagsabgeordneten des Zentrums, Dr. Vocke, Dr. Krone und Dr. Respondeck. Sie hatten schon einige Tage lang das Vergnügen, hier über die Herrlichkeit des Daseins nachzudenken. Die Zelle mochte etwa fünfunddreißig bis vierzig Quadratmeter groß sein. Die eine Hälfte war von den zwölf eisernen Betten ausgefüllt, von denen je zwei übereinander standen. Jeder Inhaftierte hatte sein eigenes Bett. Man lag auf einem Strohsack und hatte als Zudeck eine Wolldecke. Beides war mit bunter sauberer Wäsche überzogen. Verglichen mit den Zuständen, die ich wenige Tage später im Konzentrationslager antraf, waren die Einrichtungen hier beinahe komfortabel zu nennen. Man darf dabei aber nicht übersehen, daß wir gewissermaßen nur Gäste der ordentlichen Polizei waren, die vorübergehend Räume bereitstellen mußte, 101 weil die der Gestapo zur Verfügung stehenden überfüllt waren. Man merkte auch, daß die Polizei uns bald loswerden wollte. Sie wußte offenbar nicht recht, was sie mit uns anfangen sollte. Ihre Umgangsformen waren auf Kriminelle abgestellt. Einige Aufseher bemühten sich zwar, eine etwas entgegenkommendere Haltung einzunehmen, andere wieder verkehrten mit uns, als ob sie die gewohnte„ Ware" vor sich hätten. Wenig angenehm war der Zwang, seine Notdurft in der Zelle und in Gegenwart der Mithäftlinge verrichten zu müssen. Zum Glück war ein Wasserklosett da, es rauschte Tag und Nacht. Jüngere Menschen gewöhnen sich leichter an solche Verhältnisse. Wir aber waren alles Leute über fünfzig Jahre und an Diskretion bei der Erfüllung solcher Lebensnotwendigkeiten gewöhnt. Sein Licht empfing der Raum aus zwei Fenstern, die, wie wohl in allen Gefängniszellen, unmittelbar unter der Decke die Mauer unterbrachen und einen spärlichen Ausblick gewährten. Wir sahen nur den blauen Himmel, der in diesen letzten Augusttagen in voller Reinheit erstrahlte, und nachts die ewigen Sterne, die droben hingen, unveräußerlich und unzerbrechlich, wie unser Schiller sang. Wir dachten an unsere Menschenrechte. Sie lagen zerbrochen am Boden, in den Staub getreten, geschändet und verachtet. Sogar das Recht jeder Kreatur, Schutz zu suchen vor höheren Gewalten wurde uns verwehrt. Es verging in dieser Zeit keine Nacht, in der nicht ein schwerer Luftangriff auf die Reichshauptstadt erfolgte. Dann blitzte und krachte es um uns, als ob die Hölle losgelassen wäre. Wir aber mußten in unseren Betten bleiben, denn das Aufsuchen des Luftschutzkellers war uns nicht gestattet. Tag und Nacht wanderten meine Gedanken durch die kleinen Fenster hinaus, über den Hof und die roten Gefängnis102 mauern hinweg in die Welt, aus der man uns gerissen hatte, hin zum Heim, zum Beruf, zur Familie und zu allen Menschen, die uns liebten und um unser Schicksal bangten. Diese Welt, aus der man uns entfernt hatte, war wahrlich keine Welt der Freiheit. Sie glich, je länger je mehr, einem Riesengefängnis. Uns hatte man nur in seine schlechtesten Gemächer gesteckt; aber wir wußten, daß hinter dem Dunkel eine neue Welt aufging. Diese Gewißheit hielt uns aufrecht. Sechs Uhr morgens mußten wir aufstehen. Die einzige Tätigkeit, die wir ausüben durften, war das Ordnen der Betten und das Reinigen der Zelle. Hierbei wurde die Tür höchstens fünf Minuten geöffnet, so daß ein Zug frischer Luft uns für kurze Zeit von der heißen und stickigen Atmosphäre befreite, die den Raum Tag und Nacht erfüllte. Den Korridor selbst durften wir nur betreten, wenn wir das Essen faßten. Dieses bestand morgens und abends in einer Schüssel schwarzen Ersatzkaffees, mittags einer mageren Gemüse-, Grieß-, Graupen- oder Sagosuppe. Dazu gab es die knappe, aber noch gerade ausreichende Brotration, etwas Margarine und einmal trockenen Käse. Die Zeit, zu der wir zu Bett gehen wollten, durften wir selbst bestimmen. Da die Zelle einer künstlichen Beleuchtung entbehrte, richtete sich dieser Zeitpunkt nach dem Tageslicht. In unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft von zehn Mann waren außer mir nur zwei Kameraden schon einmal in ihrem Leben zur Untätigkeit in einer Gefängniszelle verurteilt gewesen. Wir drei wußten, was das heißt und waren innerlich dagegen gewappnet. Die anderen mußten sich an ihren neuen Zustand erst gewöhnen. Die freie Natur des Menschen bäumt sich mit aller Macht auf, sobald die Tür ins Schloß der Gefängniszelle fällt und das unheimliche Geräusch des Schlüs103 sels ans Ohr dringt. Da wurden nun Menschen von anderen Menschen, die Gewalt über sie erlangt hatten, wie wilde Tiere in einen Käfig gesperrt und von der Außenwelt abgeschlossen. Und warum? Hatten sie gemordet, hatten sie gestohlen? Waren sie ihren Mitmenschen zu nahe getreten in Rede und Handlung? Nichts von alledem. Jeder von ihnen hatte nur auf seine Weise und nach seiner Überzeugung innerhalb des Volkes gewirkt, zu dem er gehörte. Dazu ist jeder verpflichtet, wenn das Leben überhaupt einen Sinn haben soll. Mochte der einzelne auch geirrt haben, sein Ziel wenigstens war immer das Gute gewesen. Das Gute nicht für sich, sondern für andere. Daß sein Wollen rein war, dafür trug er die Verantwortung vor dem Ewigen. So war es bei mir, so beim Kommunisten und gleichermaßen beim Katholiken. Das Göttliche war in allen und drängte nach Ausdruck, auch wenn sich der einzelne dessen nicht immer bewußt war. Wie aus weiter Ferne drang das Geräusch des Alexanderplatzes an unser Ohr, unendlich langsam verstrich die Zeit. Hie und da hörte man die Schläge einer Turmuhr; wie eine Ewigkeit dünkte die Folge von Viertelstunde zu Viertelstunde. In der Frühe war es frisch, aber mit dem fortschreitenden Tage drang die Gluthitze des August in unseren Raum und lähmte Geist und Körper. 104 KAPITEL 3 Gespräche über die Judenfrage Die Entjudung der Reichshauptstadt Wir verfielen auf das Gespräch. War hier nicht eine wundervolle Gelegenheit, seinen Zauber zu entwickeln, der in Deutschland so selten geworden war? Draußen, in der vom Nationalsozialismus verpesteten Welt, war ein echtes Gespräch unter zufällig zusammengekommenen Menschen unmöglich geworden. Hier waren wir nun unter uns. Wir kannten uns gegenseitig so gut, daß jede Rücksicht fallen konnte. Zu den vielen Dingen, über die wir im Kampfe mit der bleiernen Langweile des dahinschleichenden Tages debattierten, gehörte die Judenfrage. Daß wir in unserer Zelle die Juden als verfolgte Brüder empfanden, war selbstverständlich. Der Antisemitismus ist immer eine Gefahr für die geistige Gesundheit der Völker. In Deutschland hat man ihn früher bagatellisiert, bewitzelt und totgeglaubt, nachdem selbst der Kaiser aus seiner Freundschaft für bedeutende Juden kein Hehl gemacht hatte, und Walter Rathenau und Albert Einstein neben vielen anderen am geistigen Himmel der Nation als Sterne erster Größe leuchteten, von der Dynastie der Mendelssohn im Reiche der Philosophie und Musik ganz zu schweigen. Die Zeiten eines Jud Süß schienen endgültig vorbei zu sein. Der geschichtliche Hintergrund dieser Erscheinung war von Feuchtwanger und anderen mit klarer Deutlichkeit aufgehellt worden. Aber man irrte sich, der Antisemitismus lebte weiter, wie ein im Gelenk eingekapselter Streptokokkenherd, der eines Tages virulent werden und die seelische Gesundheit der ganzen Nation zugrunde richten sollte. Seine Quartiere 105 waren das Offizierkorps, die im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband organisierte Angestelltenschaft und gewisse Kreise des Handels und des Bauerntums. Paul de Lagarde lieferte für den Antisemitismus eine Grundlage, die noch das geistige Gesicht wahrte; aber in den Händen der Fritsch, Hitler, Goebbels, Rosenberg und Streicher sank der Antisemitismus immer tiefer in den Schlamm einer stinkenden Kloake. Oft legte ich mir die Frage vor, warum ich selbst kein Antisemit geworden war, obwohl die Judenfeindschaft in dem Berufe, den ich in der Jugend erwählt hatte, infolge der Agitation des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes erheblich an Boden gewann. Ich fand, daß dem Elternhaus und der Schule das Verdienst gebühre, mich immun gegen den gefährlichen Krankheitsstoff gemacht zu haben. Nie haben Vater oder Mutter gehässig über die Juden gesprochen, und zur Ehre der Schule, in der ich heranwuchs, muß ich sagen, daß Toleranz ein selbstverständlicher Grundsatz für Leitung und Lehrerschaft war. Niemals freilich hörte ich auch eine Verteidigung des Judentums. Vielleicht war das psychologisch gerade wichtig, denn so blieb die Seele des Kindes rein, die Natürlichkeit des menschlichen Empfindens ungetrübt. Jetzt sind die Seelen aller Kinder, die zwischen 1933 und 1945 geboren wurden, oder in dieser Zeit ihre erste geistige Formung empfingen, vergiftet und in Gefahr. Wir sehen also, wo der Hebel zur Heilung anzusetzen ist. Es war manchmal schwer, das Judentum zu verteidigen, aber die besten Juden wußte ich dann in der Kritik von Fehlgriffen, Irrwegen oder Taktlosigkeiten immer auf meiner Seite. Philosemit war ich nicht. Aber den Menschen vor alles andere zu stellen, entsprach einem Bedürfnis meiner Natur. 106 - Ist es heute nicht auch schwer, das Deutschtum zu verteidigen? Gleicht nicht unser Schicksal gegenwärtig in vieler Beziehung dem der Juden? Droht der Welt nicht die Gefahr, Opfer eines Antisemitismus mit umgekehrten Vorzeichen zu werden? Aber wir Deutschen dürfen selbst nie vergessen: Die Schandtaten, die man im Talmud oder in den ,, Weisen von Zion" vergeblich gesucht oder nur mit Hilfe grober Fälschungen entdeckt hat, die haben der Verleger Fritsch, Rosenberg, Goebbels und Streicher geistig vorbereitet und Hitler und Himmler haben sie in grauenvoller Weise in Vernichtungslagern an den Juden praktiziert.„, Der Jude wird verbrannt!" Dies oft gedankenlos hingewor-. fene Wort im Dritten Reich war es entsetzliche Wirklichkeit geworden. Das Wort riecht nach Mittelalter und Hexenprozessen. Das Mittelalter war aber viel besser als sein Ruf, und die Hexenprozesse sind im Dritten Reich millionenfach übertrumpft worden. Die Leichtgläubigkeit, mit der weiteste Kreise des deutschen Volkes die Schwindeleien raffinierter Betrüger hinnahmen, die alles Unheil auf die Wirksamkeit des Judentums zurückführten, glich dem mittelalterlichen Hexenglauben und-wahn wie ein Ei dem anderen. Die Folgen einer systematischen, zwölfjährigen Hetze und die Vernichtung aller Voraussetzungen selbständigen Denkens offenbarten sich da in einer erschreckenden Weise. Man braucht kein Philosemit zu sein, aber der Antisemitismus ist ein geistiger Rubikon, nach dessen Überschreiten uns die Barbarei angrinst, die Seele und Gesicht des Menschen so verändert, daß der Bruder den Bruder nicht mehr erkennt. ,, Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht", hatte ich in den Wahlverwandtschaften gelesen ,,, soll in uns das Gefühl des Göttlichen stören, das uns überall hin 107 begleiten und jede Stätte zu einem Tempel weihen kann." Bald sollte ich Gelegenheit haben, mich noch stärker an diese Mahnung zu klammern. Wir wurden plötzlich getrennt. Die Sozialdemokraten und Kommunisten wurden gerufen, die Zentrumsleute blieben zurück. Wir sechs Mann würden entlassen, hieß es. Ich mißtraute dieser Parole, die von dem diensttuenden Polizeibeamten ausging, und tatsächlich hatte man uns nur zum Objekt eines frivolen Scherzes gemacht. Wir wurden entlassen, aber nur aus der Obhut der regulären Berliner Polizei. Von ihr gerieten wir unmittelbar in die Hände der SS. Durch Zuwachs aus anderen Zellen, erhöhte sich unsere Zahl wieder auf ,, neun Figuren", wie die kleinen Knechte der SS uns nun regelmäßig und verächtlich titulierten. Wir mußten zu Fuß über den Alexanderplatz nach der kleinen Hamburger Straße wandern, wo wir in einem Gebäude verschwanden, in dem die Gestapo ihre Häftlinge für kürzeren oder längeren Aufenthalt verstaute. Dies ist der einzig richtige Ausdruck für die hier beliebte Art der Unterbringung. Die neun Figuren wurden in ein Zimmer von etwa zwanzig Quadratmeter Größe geschoben. Weder Tisch noch Stuhl war vorhanden, nackt und leer der abgewohnte Raum. Es wurde keinerlei Eẞgeschirr zur Verfügung gestellt. Das Abendessen bestand darin, daß man uns eine Waschschüssel voll Ersatzkaffee hereinbrachte; sie wurde wie der Kelch beim Abendmahl von Mund zu Mund gereicht. Jeder nahm den ihm zustehenden Schluck und aẞ dazu den Kanten trockenen Brotes, den er erhalten hatte. Der einzige Vorteil, den die neue Unterkunft gegenüber der Zelle am Alexanderplatz bot, bestand darin, daß die Zimmertüre nicht verriegelt wurde; abgeschlossen war nur der langgestreckte Korridor am Ausgang zum 108 Treppenhaus. Auf ihm befanden sich auch die Klosettanlagen. Die Überwachung des Korridors war mäßig, was eine etwas freiere Bewegung gestattete; gelegentlich konnten auf ihm sogar kleinere Spaziergänge gewagt werden. Dabei entdeckte ich, welcher Bestimmung das Gebäude früher gedient hatte. Es war das ehemalige jüdische Altersheim. Von ihm hatte ich noch vor ein bis zwei Jahren die entsetzlichsten Dinge gehört. Zunächst wurden da die alten Juden, soweit sie bei der„, Entjudung von Berlin", wie man die Massenexmission der jüdischen Bevölkerung aus der Reichshauptstadt geschmackvoll nannte, zurückbleiben muẞten, in einer so qualvoll fürchterlichen Enge zusammengepreßt und so mangelhaft ernährt, daß sie binnen kurzem zugrunde gingen. Als dann die Entjudung Berlins immer weitere Kreise zog, diente dieses Altersheim zusammen mit anderen Gebäuden der jüdischen Gemeinde als Sammelstelle für Juden aller Altersklassen, deren Ausbürgerung und Verschickung nach Auschwitz oder Theresienstadt vorbereitet wurde. Getreu der Feststellung im ,, Faust", daß auch die Hölle ihre Gesetze hat, war die Gestapo im Zusammenwirken mit der SS dazu übergegangen, außerhalb des normalen Zivil- und Strafrechts ein besonderes Regulativ für die Behandlung der jüdischen Bevölkerung aufzustellen. Die Juden wurden ausgebürgert". Das ging sehr einfach vor sich. Die Gestapo holte die Juden aus den Wohnungen ab und schleppte sie in die erwähnten Sammelstellen. Dabei durften sie nur Gegenstände des notwendigsten Bedarfs mit sich führen. Gleichzeitig verloren sie alle Rechte in Deutchland. Ihr Eigentum ging in den Besitz des Reiches, besser gesagt der SS und Gestapo über. Wie diese das geraubte und gestohlene Gut denn anders läßt sich dieser Akt doch wohl nicht - 109 - gut bezeichnen in ihrem und im Interesse ihrer Günstlinge verwerteten, das wird zu gegebener Zeit, in besonderen Veröffentlichungen ans Tageslicht gebracht werden. Hier bedarf noch eine Schuld von ungeheuerlichem Ausmaße der gerechten Sühne. Die teuflische Methodik, die allen Handlungen der Gestapo zu eigen war, wirkte sich auch hier aus. Man holte sich die Opfer nach und nach. Wohlhabende Juden ließ man oft längere Zeit noch auf freiem Fuße, um sie zappeln zu lassen, und nährte dadurch die Hoffnung in ihnen, vielleicht doch noch einen Paẞ ins Ausland bekommen zu können. Manchmal gelang das. Millionen an Bestechungsgeldern mußten zur Erlangung dieses Zieles geopfert werden. Wenn aber diese Juden dazu übergingen, ihren Besitz, vor allem ihren Grundbesitz, zu veräußern, so bedurfte es dazu der Zustimmung einer bei der Devisenstelle eingesetzten Instanz, die wiederum die geheime Anweisung hatte, von allen Verträgen, die ihr zur Genehmigung vorgelegt wurden, der Gestapo Mitteilung zu machen. Sofort nach Eingang einer solchen Meldung bei der Gestapo erfolgte die Ausbürgerung. An die Stelle des Juden trat als Vertragskontrahent das durch die Geheime Staatspolizei vertretene Reich, das den Verkauf aber nur dann genehmigte, wenn der Käufer ,, staatspolitisch einwandfrei" war. Dieses Genehmigungsverfahren lag bei späteren Verkäufen, die das Reich oder die Haupttreuhandstelle Ost aus konfisziertem jüdischen Vermögen tätigte, wobei die Vermittlung nur zuverlässigen" Maklern anvertraut wurde, in den Händen des Gauwirtschaftsberaters der NSDAP. Dieser begründete seine Ablehnungen nie anders als mit den Worten: ,, Die Genehmigung kann aus wirtschaftspolitischen Gründen nicht erteilt werden." Das bedeutete immer, 110 daß der Käufer staatspolitisch unerwünscht war, und der fette Bissen irgendeinem Günstling der NSDAP. in den Rachen geschoben werden sollte. Auf diese Weise wurden Verkäufe jüdischen Eigentums an sogenannte Staatsfeinde, an jüdische Mischlinge oder jüdisch Versippte unterbunden. Das jüdische Eigentum sollte in die ,, richtigen Hände" kommen. Die Preisstelle für Grundstücke arbeitete in derselben Weise. Es gab verschiedene Grundsätze in der Preisbemessung, je nachdem es sich um jüdische oder arische Grundstücke handelte. Die jüdischen Grundstücke wurden grundsätzlich niedriger bewertet. Auch mußte der jüdische Verkäufer, selbst wenn er Ausländer war, den von der Preisstelle festgesetzten Preis annehmen, wenn der Verkauf vor einem Notar abgeschlossen worden war. Ich habe Fälle erlebt, in denen der Preis um mehrere Hunderttausend Mark im Preisgenehmigungsverfahren herabgesetzt wurde, weil man dem Käufer oder irgendwelchen Mittelspersonen unangemessene Gewinne zuschanzen oder die sogenannte Entjudungsabgabe an das Reich recht hoch bemessen wollte. Im Anfang wußten die Juden nichts von der Gefahr, die sie liefen, wenn sie ein Grundstück zum Verkauf anboten. Die Bestimmung über die Meldung bei der Gestapo war ihnen nicht bekannt. Da ich mich damals beruflich mit Grundstücksverkäufen befaßte, war ich in der Lage, manchen jüdischen Eigentümer zu warnen, so daß er nicht ahnungslos in die gestellte Falle lief. In dem Altersheim, in dem ich mich jetzt befand, hatten sich im Zusammenhang mit dem Verzicht auf jüdisches Vermögen dramatische Szenen abgespielt. Die von einer Verzweiflung in die andere gestürzten Juden wurden dort gezwungen, die Abtretung ihres Besitzes an 111 das Reich in einer notariellen Urkunde zu vollziehen. Bei Errichtung dieser Urkunde, deren Text wie eine vorgedruckte Hypothekenurkunde festgelegt war, stand ihnen der Vertrauensnotar der jüdischen Gemeinde zur Verfügung. Mein Sohn hat mehrfach das zweifelhafte Vergnügen gehabt, als Vertreter des Notars solche Abtretungen beurkunden zu müssen. Durch ihn erhielt ich auch Kenntnis von der unerhörten seelischen Brutalität, die die Gestapo in diesem Hause verübt hat. Es gab Juden, die sich mit Recht auf große Verdienste um das Reich berufen konnten. Auch sie wurden nicht geschont. In einem Falle hatte die Witwe eines einflußreichen Juden eine Empfehlung des Herzogs von Mecklenburg in der Hand, aus der die großen Verdienste des Verstorbenen um die deutschen Kolonien hervorgingen. Das Dokument bewirkte lediglich einen Aufschub. Den bedauernswerten Opfern blieb nur die Wahl, entweder zu unterzeichnen in der Hoffnung, dann wenigstens ,, nur" nach Theresienstadt zu kommen, oder im Falle der Weigerung nach Auschwitz überführt zu werden. Was das, nach allem was nach dem Sturz der Nazis über diese beiden Plätze des Irrsinns und Verbrechens bekannt geworden ist, für eine Wahl war, liegt jetzt klar zutage. Wir neun Figuren waren fast die einzige männliche Belegung des Stockwerks. In den übrigen Zimmern wimmelte es von Frauen aller Lebensalter und Gesellschaftsklassen. Gestalten von hübscher und häßlicher, von ehrlicher und von zweifelhafter Erscheinung tänzelten über den Korridor. Wir sahen sie auf und ab gehen, voller Neugier auf den männlichen Zuwachs, kokettierend oder voll ernster Sorge, oft nur mit einem Nachthemd von delikater Farbe bekleidet. Man hielt sie hier Tage, Wochen und Monate gefangen, weil sie 112 unvorsichtig in ihren Äußerungen waren, Verstöße gegen die Arbeitspflicht und die Arbeitsdisziplin begangen hatten oder bei kleinen Schiebungen und Hamstereien mit Lebensmitteln ertappt worden waren. Häufig genug handelte es sich auch nur um Opfer von Denunzianten. Von den vergitterten Fenstern unseres Raumes aus sah man auf eine kleine Grünanlage, die zum Hause gehörte. Ihr schloß sich ein jüdischer Friedhof an. Ich beneidete die Toten, die dort unter dem grünen Rasen friedlich ruhten und das Elend verschlafen durften, das uns quälte. Zuerst hatte es den Anschein, als ob wir diese Nacht auf dem Fußboden verbringen müßten. Schließlich warf man uns aber doch ein paar alte, verbrauchte Matratzen herein, an denen die Spuren früherer Verunreinigungen noch deutlich sichtbar waren. Dann legten wir uns unausgekleidet nieder. Das Licht, das die Stacheldrähte beleuchtete, die um Haus und Anlage gezogen waren, drang bis in unseren Raum. Draußen brach ein starkes Gewitter die Schwüle der Nacht, die letzte in Berlin. Am Morgen des 29. August mußten die neun Figuren frühzeitig antreten, aber warten, bis die zeitraubenden Formalitäten der Kanzlei erledigt, Transportmittel und Begleitmannschaften zur Stelle waren. Über das Ziel unserer Fahrt waren wir nicht mehr im Zweifel. Der Wagen fuhr in Richtung Oranienburg. Es war kühl geworden. Der Wind pfiff uns in dem offenen Lastwagen mächtig um die Ohren. Unsere Begleitmannschaft bestand aus zwei Reservewachtmeistern, im Zivilleben kleine Krämer, gutmütige aber beschränkte Menschen, die einen unglaublichen politischen Unsinn erzählten. In Paris, sagten sie, seien die Franzosen eingezogen, sie hätten sich aber gegenseitig gewaltig in den Haaren 113 und zerstörten jetzt die Stadt, die die Deutschen großmütig unversehrt gelassen hätten. Wenn sie einander aufgefressen, sei unsere Zeit wieder gekommen. Kurz nach zehn Uhr standen wir vor dem Tore, über dem die Inschrift steht: Konzentrationslager Sachsenhausen. KAPITEL 4 Schutzhäftling Nr. 93 909 Sachsenhausen bei Oranienburg gehörte neben Buchenwald und Dachau zu den ältesten und berüchtigtsten Konzentrationslagern in Deutschland. 1933 hatte die Naziregierung ein provisorisches Lager in einer Brauerei in Oranienburg errichtet. Über die Zustände, die damals in diesem Lager herrschten, hat mein früherer Fraktionskollege Gerhard Seeger nach seiner gelungenen Flucht ins Ausland eine Broschüre veröffentlicht, deren Inhalt das Gewissen der Welt zum ersten Male aufgerüttelt hat. Später wurde dieses Lager nach Sachsenhausen verlegt, wo durch Ausrodung einer ausgedehnten Waldfläche der erforderliche Platz geschaffen worden war. Er war landschaftlich reizlos und paẞte in seiner nüchternen Kulturlosigkeit zu dem Schicksal, das dort im Laufe der Jahre mehr als 100 000 Menschen bereitet worden ist. Vor dem Tore des Lagers und um die Lagermauer herum sah es ganz freundlich aus. In hübschen Anlagen standen die für die SS- Bonzen errichteten netten Einund Zweifamilienhäuser, die Baracken der SS- Mannschaften und die Baracken mit den Geschäftszimmern 114 der politischen Abteilung und der Kriminalstelle. Etwas abseits, aber noch im Zuge der niedlichen Bonzenvillen, standen außerhalb der Lagermauer zwei bis drei einfache Holzhäuser, in denen nach einer unter den Häftlingen verbreiteten Meinung mein alter Freund Dr. Breitscheid, ferner der frühere österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, und der tapfere Pastor Niemöller mit ihren Familien als ,, Ehrenhäftlinge Hitlers" wohnen sollten. Das war keine reine Sage. Niemöller mag wohl vorübergehend dort untergebracht gewesen sein. Aus den Kreisen der Bekenntnischristen, zu denen ich in Berlin Verbindung hatte, wußte ich jedoch, daß er längst nach Dachau verschleppt worden war. Auch für Schuschnigg mag ein kurzer Aufenthalt zutreffen. Bei Breitscheid hatte ich allen Grund zu der Annahme, daß er sich in Sachsenhausen befand. Der frühere Reichsfinanzminster Dr. Dietrich hatte mir zu Beginn des Jahres 1942 berichtet, daß Breitscheid 1940 in Paris mit Hilferding zusammen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet worden war. Hilferding verübte auf dem Transport nach Deutschland angeblich Selbstmord. Gegen Breitscheid wurde eine Untersuchung wegen Hoch- und Landesverrats eingeleitet, die aber ergebnislos verlief. Es konnte ihm nicht nachgewiesen werden, daß er während seiner Pariser Emigrantenzeit gegen die Interessen seines Vaterlandes gehandelt hätte. Infolge dieses Ergebnisses soll Hitler Breitscheid großmütig ,, Ehrenschutzhaft" im Konzentrationslager zugebilligt haben. Dr. Dietrich sammelte damals für ihn eine Reihe von Gegenständen, deren er zur Führung eines kleinen Haushalts bedurfte. Mir fiel die Beschaffung eines elektrischen Kochapparates und einer kleinen Bücherei zu. Mit Genehmigung der Gestapo wurden die gesammelten Gegenstände von 115 einer Dame, die mit der Familie Breitscheid befreundet war, nach Sachsenhausen verbracht. Breitscheid muẞ aber Ende August 1944 bereits nicht mehr dort gewesen sein, denn um diese Zeit hörte man von einem Bombenabwurf auf das Lager Buchenwald, bei dem er und Thälmann den Tod gefunden haben sollten. Die Nachricht war richtig, soweit sie sich auf die Persönlichkeit Breitscheids bezog. An Thälmanns Tod im Zusammenhang mit diesem Angriff glaubte in Sachsenhausen kein Häftling. Dort nahm man vielmehr an, daß man ihn bei dieser Gelegenheit, lange nach seinem tatsächlichen Tode, angesichts einer so einleuchtenden Todesursache nun auch offiziell sterben ließ. Elf Jahre lang hatte man den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands durch die Gefängnisse und Lager geschleppt, um ihm Gesundheit und Lebenskraft zu brechen. Breitscheid, ein glänzender Redner und liebenswürdiger, selbstloser Charakter, der stets nur seiner Überzeugung folgte, und in keinem Falle an persönliche Interessen dachte, ist einsam im einundsiebzigsten Lebensjahr in der Gefangenschaft gestorben. Als wir durch das Lagertor schritten, lag vor uns der Appellplatz, der an einen riesigen Kasernenhof erinnerte. Seine nordöstliche Grenze bildete eine lange asphaltierte Lagerstraße. Im Toreingang befand sich die Wache, über der die Räume des Lagerkommandanten lagen, der von hier aus den Appellplatz und seine Zwingburg übersehen konnte. Das ausgedehnte Lager war von einer starken, etwa zwei Meter hohen Mauer umgeben, an der sich Stacheldrähte emporrankten, die mit Starkstrom geladen waren. Viele Häftlinge, die in ihrer Verzweiflung nicht mehr ein noch aus wußten, haben im Laufe der Jahre durch einen Sprung in den Draht ihrem Leben ein rasches Ende bereitet. Die 116 Mauer war bei Nacht durch Scheinwerferlampen hell erleuchtet. Zwischen ihr und der Platzgrenze zog sich ein Rasenstreifen von reichlich einem Meter Breite. Das war die sogenannte neutrale Zone. Ihr Betreten war mit sofortigem Erschießen bedroht. Die Türme der Lagermauer waren so errichtet, daß von ihnen aus die neutrale Zone und die Barackenstraße jeden Augenblick mit Maschinengewehrfeuer belegt werden konnten. Das Schicksal, das den Häftling beim Betreten der neutralen Zone bedrohte, war durch Totenkopfplakate angedeutet, die in einem Abstand von fünf zu fünf Metern aufgestellt waren. Eine Stunde lang mußten wir nach unserem Eintritt auf die unheimlichen Sicherungsvorrichtungen des Lagers starren, ehe man über unser weiteres Schicksal entschied. In dieser Zeit beobachteten wir zum ersten Male, wie eine Gruppe von etwa einhundert bis einhundertzwanzig Häftlingen singend um den großen Platz marschierte. Die Gefangenen hatten schweres Gepäck auf dem Rücken und ihr Marsch nahm kein Ende. Es handelte sich um die sogenannte Strafabteilung, der solche Häftlinge zugewiesen wurden, die sich durch wiederholte ,, Insubordinationen" unbeliebt gemacht hatten. Es gehörte unter Umständen nur eine Kleinigkeit und die Laune eines Vorgesetzten dazu, der Marter dieser Einrichtung ausgesetzt zu werden. Die Häftlinge mußten jeden Tag vierzig Kilometer in einem solchen Rundmarsch auf dem Appellplatz singend zurücklegen. Dabei wurden sie mit Gepäck im Gewicht von zwanzig Kilogramm belastet. Den Marsch hatten sie in neuen Militärstiefeln zurückzulegen, die in der Schuhfabrik des Lagers hergestellt wurden. Um ihn besonders qualvoll zu gestalten, wurde der Weg an einzelnen Stellen aufgeweicht, an anderen mit spitzigen 117 Granitsteinen beworfen. Zwei Aufseher, die selbst Häftlinge waren, kommandierten diesen sonderbaren Trauermarsch, der für zahllose bisher gesunde und starke Menschen ein Marsch in den Tod geworden ist. Nur ganz kräftige Naturen überstanden diese Tortur ohne bleibenden Schaden für ihre Gesundheit. Vom Appellplatz aus, dem Eingangstor gegenüber, liefen die Barackenstraßen fächerartig aus, sodaß der Platz in dieser Richtung von den Seitenwänden einer Barackenreihe begrenzt wurde. Die Baracken, Blocks genannt, waren grün angestrichen. An den Giebelseiten trugen sie weiße Inschriften, die zusammen eine moralisierende Mahnung an die Häftlinge darstellten: Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heiBen: Gehorsam, Fleiß, Sauberkeit, Wahrheitsliebe, Ordnung, Disziplin, Treue und Liebe zum Vaterlande. Es ist möglich, daß ich eine Phrase vergessen habe, denn leere Worte waren es, deren echter Sinn mit dem Treiben der Nazis im schroffsten Widerspruch stand. Waren doch zum Beispiel hier Tausende von Bürgern fremder Länder lediglich wegen der Liebe zu ihrem Vaterlande eingesperrt. Nach langem Warten wurden wir in die Barackenstadt abgeführt. Die erste Station war die Entlausung. Selbstverständlich hatten wir keine Läuse. Trotzdem wurden wir pro forma durch die Anlage geschleust, da in ihr zugleich die erste Aufnahme der Personalien für die Lagerkartothek und die Nummerierung der Häftlinge erfolgte. Die Art, wie die Prozedur an uns vollzogen wurde, trug alle Formen bewußter Demütigung und Herabwürdigung. Wir mußten uns ausziehen. Geld und Wertsachen waren abzugeben. Die Zivilkleider kamen in einem Sack in die Effektenkammer. Dann trat ein grobschlächtiger polnischer Häftling an uns heran, um 118 uns die Haare abzuschneiden. Dabei machte er sich den Spaß, mit seiner Maschine bald über den Kopf, bald über die Schamteile zu fahren, bis alle behaarten Körperteile glattgeschoren waren. Eine wirkliche Untersuchung auf Läuse erfolgte nicht. Nachdem man den Körper im Duschraum gesäubert hatte, empfing man die Häftlingskleidung und-nummer. Meine Nummer war 93 909. Die Kleidung bestand für mich in einer Hose, die derart verbraucht war, daß im Vergleich zu ihr die Arbeitshose des ärmsten Steinklopfers noch ein wahres Staatsstück darstellte, weiter in einem verwaschenen blauweiß gestreiften Rock Zebra nannten ihn die Häftlinge und in einem Papierhemd aus braunem, packpapierähnlichem Stoffe. Das Hemd, das sich in ein bis zwei Tagen auftrug, zogen die meisten Häftlinge erst gar nicht an, sondern benutzten es als Klosettpapier, an dem größter Mangel herrschte. Unterhemden, Strümpfe oder Schuhe gab es nicht. Nur mit Hose und Rock bekleidet wurden wir barfuß in den Block 68 abgeführt. Zum Glück war an diesem und an den folgenden Tagen sehr warmes Wetter. Die Nächte und die Morgenstunden waren dagegen schon empfindlich kühl. - - KAPITEL 5 Der erste Tag- Allgemeine Zustände Miẞhandlungen und öffentliche Hinrichtungen Im Block wimmelte es von Häftlingen. Es zeigte sich, daß wir ein kleiner Trupp von Nachzüglern waren, denn vor uns waren alte Gesinnungsfreunde schon zu Hunderten angekommen. Weitere Hunderte folgten 119 uns aber noch nach. Insgesamt mögen im Zuge der ,, Aktion Gitter" zweitausend bis dreitausend Personen in das Lager Sachsenhausen eingeliefert worden sein. Das Alter dieser Männer lag durchweg zwischen fünfundvierzig und siebzig Jahren. Ich selbst stand im einundsechzigsten Lebensjahr. In der Hauptsache handelte es sich um Sozialdemokraten, Kommunisten, vereinzelt auch um Demokraten und Zentrumsleute. Wahllos hatte man sie in Berlin, in der Mark Brandenburg, in Sachsen, in der Provinz Sachsen, in Pommern, Hessen- Nassau, Westfalen und im Rheinland aufgegriffen. Von einer Anzahl von Reichs- und Landtagsabgeordneten abgesehen, bestand die Masse der Verhafteten aus ehemaligen Funktionären mittleren und schlichteren Grades. Stadträte, Dezernenten der kommunalen Selbstverwaltung und vor allem eine große Zahl früherer Stadtverordneter waren darunter. Ich habe sogar alte Gesinnungsgenossen getroffen, die seit 1922 keinerlei Mandat oder politische Funktion mehr ausgeübt, ja solche, die ihrer Partei Jahre vor der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus den Rücken gekehrt und sich vollständig vom politischen Leben zurückgezogen hatten. Aus Haus, Hof, Beruf, Familie und kriegswichtiger Arbeitsstätte hatte man sie rücksichtslos herausgerissen, nur weil sie keine Nationalsozialisten waren. Natürlich hatten alle, von ganz verschwindenden Ausnahmen abgesehen, keinen inneren Frieden mit den Nazis geschlossen. Die alten demokratischen und sozialistischen Ideale waren zu tief in ihnen verwurzelt, als daß sie jemals hätten vergessen können, was das Dritte Reich für sie und das Land bedeutete. Eine akute Bedrohung waren die meisten von ihnen jedoch für das Regime nicht. Dieses sah aber die Gefahr in der bloßen Existenz dieser Menschen und 120 - - in der im Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli nicht ganz mit Unrecht gewitterten Möglichkeit, daß die alten Wurzeln wieder ausschlagen und sich um sie örtliche Gefahrenherde entwickeln könnten. Tatsächlich konnte denn auch der antifaschistische Geist in Deutschland nur lebendig erhalten werden in kleinen Zirkeln, die alte politische Freunde und Bekannte in loser Form umschlossen. Unter diesen neuen Insassen des Lagers übrigens auch unter den alten befanden sich viele Familienväter, denen der Krieg schwere und schwerste Blutopfer auferlegt hatte. Es gab auch jüngere Häftlinge darunter, die nicht nur den ersten Weltkrieg, sondern auch den zweiten jahrelang an der Front mitgemacht hatten und Träger hoher Auszeichnungen waren. Die Behandlung, die diese Menschen im Lager erfuhren, stand in schreiendem Gegensatz zu der offiziellen Glorifizierung als ,, Ehrenbürger der Nation". Ich habe später Fälle beobachtet, in denen solche Menschen von Zuchthäuslern und Zuhältern, die als Häftlinge Vertrauensposten im Lager innehatten, wegen Kleinigkeiten und Miẞverständnissen so geohrfeigt wurden, daß ihnen das Blut aus Mund und Nase spritzte. In dem Block 68, dem wir zugewiesen wurden, herrschte eine qualvolle Überfüllung. In einem Raum, der normalerweise für einhundertfünfzig bis einhundertsechzig Insassen vorgesehen war, mußten jetzt vierhundertfünfzig bis fünfhundert Häftlinge untergebracht werden. Mindestens die Hälfte der Belegschaft war genötigt, das karge Mahl im Stehen einzunehmen. Der sitzende Teil mußte für sie die Kartoffeln mitschälen. die in die wässerige Gemüsesuppe gebrockt wurden. Zwei bis drei Mann hatten sich nachts in ein Bett zu teilen. Es bestand aus einer schmalen Holzpritsche, auf 121 der ein mit Holzwolle oder mit Stroh gefüllter Sack lag. Darauf war eine primitive Wolldecke, die schon Generationen von Häftlingen als Unterlage gedient hatte, ohne jemals gründlich gereinigt worden zu sein. Bettbezüge gab es nicht. Eine Wolldecke mußte für zwei Personen zum Zudecken ausreichen. In der Regel genügte sie nicht, die Glieder der Schlafenden ganz zu bedecken. Es war verboten, in Hose und Rock ins Bett zu gehen. So blieb, wenn man eine Bestrafung vermeiden wollte, nichts anderes übrig, als sich nackt ins Bett zu legen, da ja die wenigsten ein Hemd hatten. Der kalte Nachtwind fuhr durch den Schlafraum. Man mußte sich am warmen Leibe des Kameraden erwärmen, den der Zufall einem zum Bettgenossen gemacht hatte. Trotzdem fror man entsetzlich. 4 Uhr morgens wurde geweckt. Ab 5 Uhr stand man stundenlang, ohne sich vom Fleck rühren zu dürfen, frierend und am ganzen Leib zitternd, ohne Schuhe, ohne Unterhose, ohne Hemd, ohne Strümpfe auf der ausgekühlten Erde. Zertreten, niedergetrampelt, geschändet, auch ohne unmittelbare körperliche Mißhandlung, wurden Ehrgefühl und Persönlichkeitsbewußtsein unbescholtener, ehrenhafter Menschen. Das Lager bestand aus einer großen Anzahl von Baracken. Vor jeder von ihnen befand sich ein kleiner Vorgarten, der mit Tomaten und Blumen bepflanzt war. In den Räumen zwischen den Barackenstraßen wurden alle Sorten von Blätterkohl gezogen, der in der Lagerküche Verwendung fand. Außer den Wohnblocks für die Häftlinge gab es Blocks für die verschiedenen Zweige der Lagerverwaltung, für die Postausgabe, für die Kantine, die zu meiner Zeit so gut wie still lag, für das Krankenrevier, die Effektenverwaltung und die Kleiderkammer. Es gab eine zentral ge122 legene Küche, eine Badeanstalt und selbstverständlich fehlte auch nicht das Krematorium mit dem großen Schornstein, durch den im Laufe der Jahre Tausende von Häftlingen entlassen" wurden. Jeder Block zerfiel in zwei Flügel, jeder Flügel in einen Tages- und einen Schlafraum mit rund einhundertvierzig Betten. Diese bestanden aus dreifach übereinandergebauten Holzgerüsten einfachster Konstruktion. Der Raum zwischen den Betten betrug kaum fünfundsiebzig Zentimeter. Es war unmöglich, aufrecht im Bett zu sitzen. Ich habe mir in der ersten Zeit häufig den Kopf heftig angeschlagen, wenn ich mich, schlaftrunken oder halb im Traume, aufzurichten versuchte. Nach der Seite hatten die Betten keine Zwischenräume, so daß es möglich war, die Häftlinge wie die Heringe nebeneinander, und wenn es not tat, auch übereinander zu schichten. Ein Bettenblock im Schlafraum war immer zweireihig. In diesem Falle lagen die Schlafenden Kopf an Kopf. Ein weiterer Bettenblock war einreihig. Die Betten an den Seitenwänden des Raumes wurden nur bevorzugten oder langjährigen Lagerinsassen zugewiesen. Sie waren besser zugänglich und konnten kaum mit mehr als einem Häftling belegt werden. Zwischen den Bettenblocks waren schmale Gänge von höchstens achtzig Zentimeter Breite. Alles war auf knappste Raumbemessung abgestellt. Wollte ein Häftling sein Bett verlassen, so konnte er, wenn er nicht das Glück hatte, in bevorzugter Lage zu liegen, dies nur tun, indem er liegend nach vorne kroch und in den Zwischenraum hinabkletterte. Es gehörte für den Anfänger eine gewisse Übung dazu, in der Nacht seine Lagerstatt wiederzufinden, wenn er sie verlassen hatte. Zur Entlüftung der Räume wurden die Fenster geöffnet. Da dies meist auf beiden Seiten geschah, lagen die Häftlinge in der Zug123 luft der kühlen Nächte. Heizbar war der Schlafraum nicht. Um ihn einigermaßen warm zu halten, wurden die Fenster während der kalten Jahreszeit verschlossen gehalten. Von der Luft, die dann in dem Raume herrschte, kann man sich schwer einen richtigen Begriff machen. Der Tagesraum war etwa halb so groß, wie der Schlafraum. An den Wänden standen die schmalen, zirka fünfzig Zentimeter breiten Spinde. Ursprünglich für zwei bis drei Häftlinge eingerichtet, mußten sie zu meiner Zeit ausreichen, sechs bis acht zur Unterbringung des Handtuchs, des Eßgeschirrs und der privaten Utensilien und Vorräte zu dienen. Fünf langgestreckte Holztische, einige Bänke und eine Anzahl Hocker, das war die ganze Einrichtung. In einer Ecke des Raumes hatte sich in der Regel der Block- oder der Stubenälteste einen Verschlag eingerichtet, in dem ein Bett stand und in dem der Blockschreiber sein bescheidenes Büro unterhielt. Im Tagesraum hatten bestenfalls achtzig bis einhundert Personen notdürftig Platz. Zwischen den beiden Flügeln des Blocks lagen der Waschraum und, getrennt von letzterem, der Klosettraum. Im ersteren standen tiefliegende mit glasierten Steinen ausgemauerte Waschbecken und in der Mitte eine kleine Waschfontäne. Im Klosettraum waren auf der einen Seite die Pissoire angebracht, jedoch ohne Holzroste. Die Häftlinge, die nachts austreten mußten, waren, da sie nicht alle glückliche Besitzer von Holzpantoffeln oder Hausschuhen waren, vielfach gezwungen, den kalten, nassen und schmutzigen, mit Fliesen ausgelegten Boden barfuß zu betreten und mit nassen unsauberen Füßen über den Tagesraum ins Bett zurückzukriechen. Welche Gefahren, selbst bei allgemeiner Wahrung der Sauberkeit da entstehen mußten, bedarf 124 keiner Unterstreichung. Die Klosettbecken standen frei nebeneinander. Die Notdurft konnte immer nur vor den Augen und in Anwesenheit dritter Personen verrichtet werden. Die Mahlzeiten waren knapp und sehr primitiv, besonders im Hinblick auf die lange Zeit, die der Häftling tagsüber auf den Beinen zu sein hatte. Nach dem Fortfall der Sommerzeit mußten die Häftlinge aus Gründen des Arbeitseinsatzes und wegen der besseren Überwachung beim Heimtransport von den Arbeitsstätten bereits um 3 Uhr morgens aufstehen und spätestens um 20 Uhr zu Bett gehen. Schutz gegen Luftangriffe gab es nicht. Die Häftlinge mußten in ihren Betten bleiben. Zum Frühstück gab es Ersatzkaffee oder Tee oder eine Suppe, zu Mittag Kohlsuppe mit Pellkartoffeln schlechtester Qualität, am Abend dasselbe oder wieder Kaffee oder Tee. An Brot wurden dreihundert Gramm pro Tag, an zwei Tagen in der Woche fünfzig Gramm weniger, an Margarine zuerst nicht weniger als in der Freiheit, aber nach drei bis vier Wochen erheblich geringere Mengen zugeteilt. Einen um den anderen Tag gab es einen Klecks Marmelade oder ein Stückchen Käse, an Sonntagen eine dünne Scheibe Wurst von zweifelhafter Qualität und zu Mittag eine Art Gulaschsuppe, in der kleine Fleischstückchen von alten Rindern oder von Euterfleisch schwammen. Dazu wie immer Pellkartoffeln. Manchmal wurde Kartoffelsalat, hin und wieder auch Magermilch und Weiẞkäse in kleinsten Portionen verabreicht. Wer im Arbeitseinsatz stand, erhielt Zulagen. So war die Kost im ganzen gerade ausreichend, die Funktionen des Körpers aufrecht zu erhalten, keineswegs jedoch genügend, um einem allmählichen Verfall der Substanz vorzubeugen. Dabei erklärten uns die alten Häftlinge immer wieder, 125 daß das Lager zur Zeit unseres Eintreffens hinsichtlich der Ernährung, der allgemeinen Zustände und der Behandlung, verglichen mit der Zeit von 1941, geradezu einem ,, Sanatorium" gleichkomme. Das Lager sei, so erklärten sie uns, damals eine reine Vernichtungsanstalt gewesen, jetzt sei es ein Arbeitslager geworden. Das war wohl auch der Grund für die etwas bessere Verpflegung, denn um überhaupt arbeiten zu können, bedarf es eines Minimums an Kalorien und einer gewissen Freizeit. Die Zahl der Häftlinge bewegte sich in der Zeit von August bis Oktober 1944 zwischen dreißigtausend und zweiundvierzigtausend Mann. Es war die Zeit der Rückzüge im Osten und Westen. Hals über Kopf mußten die großen Konzentrationslager in Polen, Frankreich, Holland, Belgien und Westdeutschland aufgelöst werden. Unter den entsetzlichsten Transportbedingungen wurden die Häftlinge in die mitteldeutschen Lager verschleppt. Oft trafen täglich eintausend bis eintausendfünfhundert neue Insassen ein: Polen, Russen, Ukrainer, Franzosen, Belgier, Holländer. Dazu kamen wir, die Opfer der Aktion Gitter. Der Lagerkommandant von Sachsenhausen soll sich wiederholt geweigert haben, neue Transporte anzunehmen. Es ist in dieser Zeit vorgekommen, daß lange Transportzüge voller Gefangenen, die eine Reise von Tagen stehend und eng zusammengepfercht zurückgelegt hatten, auf dem Bahnhofe Oranienburg über Nacht stehenblieben und am anderen Tage nach einem anderen Lager im Reich umdirigiert wurden. Diese Menschen hatten keine Möglichkeit, den Wagen auch nur für Augenblicke zu verlassen. Kann sich jemand vorstellen, was sie zu erdulden hatten? Dantes Höllenvisionen verblassen dagegen. Infolge der wachsenden Überfüllung wurden die an 126 sich schon auf den tiefsten Stand heruntergedrückten Lebensverhältnisse des Lagers mehr und mehr zu einer unerträglichen Qual. Alles vollzog sich in einem Gewimmel, als ob ein Knäuel von Würmern durcheinanderkröche. Dazu hörte man alle Sprachen Europas. Vor meiner Einweisung in ein solches Lager hätte ich nie geglaubt, daß es ein Mensch länger als ein paar Tage in derartigen Verhältnissen aushalten würde. Der Wahnsinn grinste uns aus allen Ecken an. Ich habe die Auflösung des Lagers nicht mit erlebt, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich die Zustände in allen deutschen Lagern zu jener einmaligen Schweinerei entwickelt haben, die englische, amerikanische und russische Truppen bei ihrem Vormarsch vorfanden. Solange Post und Eisenbahn noch einigermaßen funktionierten, konnte die Lage der Gefangenen von außen her etwas erleichtert werden. Die Annahme von Lebensmittelpaketen in jeder Zahl und zu jeder Zeit war erlaubt. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, kam der Empfänger auch tatsächlich in den Besitz seiner Pakete. Einige Ausländergruppen, zum Beispiel die Norweger und die Tschechen, empfingen Liebesgaben in so reichlicher Weise, daß sie sich von der Lagerkost weitgehend unabhängig machen konnten. Auch die Pakete des Roten Kreuzes, von denen viele ältere deutsche Häftlinge reichlich abbekamen, hatten eine wohltätige Wirkung. Trotz der wachsenden Lebensmittelknappheit im Reiche hatten auch die Angehörigen der deutschen Gefangenen für ihre unglücklichen Väter und Brüder immer noch etwas übrig. Ja, ganz fremde Menschen haben, wie ich es persönlich erlebte, oft in einer rührenden Weise durch Spenden ihre Sympathie mit den Opfern des Nazisystems zum Ausdruck gebracht und sich innerlich von der Schande losgesagt, die das Dritte 127 Reich über Deutschland gebracht hatte. Dieser Zuschuẞ von außen dürfte fortgefallen sein, als der Paketverkehr aufhörte und die Privatreisen rücksichtslos gedrosselt wurden. Von da an waren die Häftlinge ausschließlich auf die Lagerkost angewiesen. Die Rationen im Lager selbst wurden außerdem von Woche zu Woche kleiner, denn der Spielraum, der der deutschen Verwaltung zur Verfügung stand, verengte sich infolge des Vorrückens der gegnerischen Armeen von Tag zu Tag. Die bedrohten Lager wurden aufgelöst, die Insassen auf die wenigen noch verbleibenden Lager wie Buchenwald und Dachau verteilt. Die Folgen waren der Tod von Tausenden auf dem Transport, Krankheiten und Seuchen, wahnwitzige Überfüllung, Hungertod infolge steter Reduzierung der Rationen und des Versagens jeder Organisation in der Versorgung der überfüllten Lager. Die ohnehin bestehende Absicht, sich der überlebenden Gefangenen einfach durch Massenmord zu entledigen, fand Nahrung durch diese Entwicklung. Man wußte nicht mehr wohin mit den lebenden Leichnamen, zu denen man Hunderttausende von Menschen gemacht hatte. Die Nazihenker wurden die Gefangenen ihrer eigenen Verbrechen. Schon im Herbst 1944 ahnten wir in Sachsenhausen die kommende Katastrophe. Wir witterten, was mit uns gespielt werden sollte. Die Angst vor der letzten Minute saß schon damals jedem in den Knochen. Die Häftlinge in Sachsenhausen setzten sich aus allen europäischen Nationen, allen Berufen und Gesellschaftskreisen zusammen. Neben den besten Vertretern der europäischen Intelligenz waren da der einfache russische Arbeiter aus Leningrad oder Kiew, ein Bauer aus russisch Zentralasien neben einem Juden aus Polen oder einem Neger aus USA., Mitglieder 128 des Institut de France, Professoren der Sorbonne, ehemalige Staatspräsidenten, Minister und hohe Richter neben russischen Generälen, deutschen Gelehrten, Bank- und Industriedirektoren und braven Arbeitern, aber auch Zuchthäusler und Asoziale befanden sich darunter. Nur sechstausend waren von den rund vierzigtausend Häftlingen Reichsdeutsche. Ein großes Kontingent stellten die östlichen Völker: Polen, Russen, Ukrainer, Serben. Es waren Zivilarbeiter und Kriegsgefangene, die aus den verschiedensten Gründen ins Konzentrationslager verbracht worden waren, sei es, daß sie wilden Urlaub genommen, sich an einer kleinen Schiebung beteiligt, an deutschen Frauen und an deutschem Eigentum vergriffen, oder durch disziplinwidriges Verhalten den Unwillen auf sich gezogen hatten. Viele von ihnen waren natürlich auch aus politischen Gründen inhaftiert, namentlich Polen, die sich der deutschen Besatzungsmacht widersetzt oder am Warschauer Aufstand beteiligt hatten. Neben den östlichen Völkern waren vor allem die Norweger, Holländer und Belgier und in geringerem Umfange auch die Dänen vertreten. In der letzten Zeit hatte das Lager einen starken Zuwachs aus Frankreich erfahren, wo nicht nur die Lager infolge des Vormarsches der Alliierten geräumt worden waren, sondern auch aus den Kreisen der wachsenden Widerstandsbewegung eine immer größer werdende Zahl von Häftlingen einströmte. Eines Tages wurde ich im Hofe eines Sonderlagers Zeuge einer unmenschlichen Barbarei, die an solchen französischen Häftlingen begangen wurde. An dem Septembermorgen, an dem ich meine Beobachtungen machte, war es bitter kalt, die Häftlinge waren nur notdürftig gekleidet. Barfuß, zitternd, dicht aufge129 schlossen wurden sie auf den kalten Kieselsteinen hinund hergetrieben. Sie machten dabei Bewegungen wie Hühner, die über glühende Asche laufen müssen. Es war ein Bild des Jammers. Der nahe Tod hatte bereits seine Furchen in die angsterfüllten Gesichter gezogen. Uns wollte man weismachen, es seien in Frankreich aufgegriffene Mörder. Wenn dem wirklich so gewesen wäre, so hätten sie nicht hierher, sondern vor ein Gericht zur Aburteilung gehört. Selbst Mörder durfte man nicht so quälen, wie es hier geschah. Menschen, die so etwas tun, sinken unter die Stufe von Mördern. Einigen von ihnen hatte man die eine Gesichtshälfte mit roter Farbe angestrichen, das bedeutete, daß sie bereits zum Tode verurteilt waren und nur noch auf die Bestätigung des Spruches zu warten hatten. Bis dahin ließ man sie so herumlaufen, wie ich es gesehen habe. Allen war auf den Rücken ,, T" gemalt, was nach den einen wahrscheinlich Terrorist, nach anderen Tod bedeutete, vielleicht auch beides zugleich. Wenn ich tausend Jahre alt werden sollte, so werde ich dieses Bild so wenig vergessen, wie den Zorn gegen die Frevler, die zur Schande unseres Volkes seine Urheber waren. Die Gesamtheit der Häftlinge zerfiel in drei große Gruppen: die politischen Häftlinge, die Asozialen und die Berufsverbrecher. Jeder hatte auf der Brust seines Rockes und an einem Hosenbein seine Häftlingsnummer aufgenäht zu tragen. Vor der Nummer war ein Winkel angebracht, aus dessen Farbe man die Zugehörigkeit zu einer der drei Hauptgruppen erkennen konnte. So trug der politische Häftling einen roten Winkel, der Aso, so wurde der Asoziale genannt, einen schwarzen, der Bevauer( Berufsverbrecher) einen grünen Winkel. Innerhalb der Hauptgruppen gab es noch 130 Untergruppen. So erkannte man z. B. den Wehrmachtsangehörigen, der es zum KZ.- Häftling gebracht hatte, daran, daß bei ihm der Winkel gleich einer auf den Kopf gestellten Pyramide mit der Spitze nach unten zeigte. Ausländer, die übrigens meist als Politische liefen, trugen im roten Winkel noch den Anfangsbuchstaben ihrer Nationalitätsbezeichnung in Schwarz. Fluchtverdächtige wurden mit einem großen roten Punkt gekennzeichnet. In der Person des einzelnen Häftlings flossen die Grenzen der Kategorien nicht selten durcheinander. Es gab eine Mischung von Politischen und Kriminellen, von Asozialen und reinen Berufsverbrechern. Der rein politische Häftling, wie ich ihn im Konzentrationslager von 1933 kennengelernt hatte, war bis zum Zuwachs aus der Aktion Gitter in Sachsenhausen nur noch in einer kleinen Minderzahl anzutreffen. Daß auch Mitglieder der NSDAP., der SA und SS im Lager als politische Häftlinge vertreten waren, sei nur nebenher erwähnt. In der Regel waren sie mit großer Vorsicht zu genießen. In Sachsenhausen hatten wir sogar einen Ritterkreuzträger. Er kommandierte die Strafabteilung und trug wegen Fluchtverdachts einen roten Kreis auf der Häftlingskleidung. Politisch im eigentlichen Sinne waren nur die alten Kommunisten und Sozialdemokraten, von denen viele schon jahrelang hinter den Mauern des Lagers auf den Tag der Freiheit harrten, ferner die tapfere Gruppe von Geistlichen, von Katholiken und sonstigen, nicht in einen bestimmten Parteirahmen gespannten Einzelpersonen, die an der Stelle, die ihnen im Leben anvertraut war, ohne Konzessionen an den Despotismus ihre Pflicht erfüllt hatten. Für die schamlose Perfidie des Systems ist kaum etwas kennzeichnender, als die Tatsache, daß man die politischen Häftlinge zu einer Le131 bensgemeinschaft mit Berufsverbrechern und Asozialen zwang. Mit dieser Feststellung will ich aber keineswegs in falschem Stolz mein Haupt über diese Kategorie von Menschen erheben. Alle sind wir eine Mischung, deren Pole Gott und Teufel sind, sind die Ausgeburten zweier Welten also und es ist nicht immer das ausschließliche Verdienst des einzelnen, wenn sich sein Leben vorwiegend in der helleren der beiden Welten abspielt. Ich sehe auch davon ab, daß die Nationalsozialisten sehr leichtfertig mit den Bezeichnungen asozial und Berufsverbrecher umgingen. Oft genügte ein geringfügiges Vergehen gegen die Ordnungen des Dritten Reiches, um einem sonst durchaus einwandfreien Menschen ein solches Stigma aufzudrücken. Was aber die Masse der wirklichen Brecher der Ordnung innerhalb der Gemeinschaft der Menschen anlangt, so hatten auch sie einen Anspruch darauf, nach den Gesetzen eines zivilisierten Staates behandelt zu werden. Ist der Mensch schuldig geworden, so sind Strafe und Sühne unvermeidlich. Nicht minder notwendig aber ist die Gelegenheit zur Besserung und Rehabilitierung. Diesen Zwecken haben Gefängnis, Zuchthaus und Sicherheitsverwahrung zu dienen. Das Verfahren gegen die Gestrauchelten muß sich auf dem Boden einer vom Geiste fortschrittlichen Strafvollzugs getragenen Rechtsordnung vollziehen, die stets von neuem der psychologischen, kriminellen und pädagogischen Erfahrung anzupassen ist. Von alledem war im Dritten Reich nicht die Rede. Ganz nach Willkür verfügte das Kriminalamt über Personen, die ihre Strafe in Zuchthäusern und Gefängnissen abgedient hatten, und Polizei- oder Parteiorganen aus irgendeinem Grunde unbequem geworden waren. Es war eine einfache, aber brutale Lösung, sie ohne jedes Verfahren ins Konzentrationslager 132 zu sperren, um sie dort der Ungewißheit über ihr Schicksal zu überlassen. - Das also waren Organisation und Inhalt der Anstalt des Dritten Reiches, die ich vom 29. August bis zum 23. Oktober 1944 in den Augen der alten Lagerhasen, die uns nicht unzutreffend Sonntagsjäger nannten, eine sehr kurze Zeit zu durchlaufen hatte. Aber diese Zeit wuchs mit den fünf Monaten zusammen, die ich schon im Jahre 1933 in Gefängnissen und im Konzentrationslager zugebracht hatte. Dazwischen lag wie ein wüster blutiger Traum das nationalsozialistische Reich, dessen Ende sich nun unter den Schlägen des Weltgerichts unmiẞverständlich ankündigte. Ich dachte viel an meine Kameraden von 1933 und zog Vergleiche zwischen jenem Anfang und diesem Ende. Ich fand, daß in den Konzentrationslagern von 1933 doch schon alle Züge der heutigen Systematik der Menschenquälerei eingezeichnet waren, ja, daß es im einzelnen damals schwerer war als heute. Dieses Heute aber war in seiner mitleidslosen Konsequenz im ganzen härter und grausamer, es war die Dynamik der Hölle, die ihre Knechte, einmal von ihr erfaßt, rasch von Stufe zu Stufe bis zur sadistischen Freude an den Qualen der Opfer sinken ließ. Schuld aber hatte nicht nur das Nazisystem, sondern wir alle. Auch wir, die wir hier eingesperrt und den Schlägen eines brutalen Despotismus ausgesetzt waren. Zu wenig hatten wir die Worte Ulrich von Huttens beherzigt: ,, Mich reut die Stunde, die nicht Harnisch trug, Mich reut der Tag, der keine Wunden schlug. Mich reut, ich sag es mit zerknirschtem Sinn, Daß ich nicht dreifach kühn gewesen bin!" Schuld erheischt Opfer. Es ist das Schicksal jeder Krea133 tur auf Erden, daß ein Neues nur werden kann durch Opfer. So suchte ich mich innerlich mit meinem Schicksal auseinanderzusetzen und abzufinden. Es war schwer, sich in dieser Umgebung zu behaupten und Mensch zu bleiben. Manchen Häftling packte von Zeit zu Zeit der Lagerkoller und er wußte dann nicht mehr, was er tat. So hatten wir in dem Flügel unseres Blocks 68 einen Blockschreiber mit dem Rufnamen Eduard, der eine ungewöhnliche Personal- und Sachkenntnis auf dem Gebiete der internationalen Arbeiterbewegung besaß. Er stammte aus Luxemburg und war seit dem Einmarsch der deutschen Truppen in seinem Lande im Lager. Er behauptete Journalist und Mitarbeiter sozialistischer Zeitungen in Paris gewesen zu sein. Jedenfalls war er in beruhigter Stimmung und bei normalem Umgang ein guter Kamerad voll sozialistischer Gedanken und vernünftiger politischer Ideen. Wenn er aber einen Häftling bei einem Verstoß gegen die Blockordnung ertappte, dann bekam er einen förmlichen Wutanfall, schlug besinnungslos mit den Fäusten auf den Magen, in das Gesicht oder in den Nacken des Häftlings, daß dieser heulend und schreiend und oft genug blutend davonlief. Der Blockälteste besaß eine ähnliche Veranlagung. Seine Belehrungen waren nie ohne politisch kritische Seitenhiebe auf die Lagerleitung und das Nazisystem, was mich wunderte, aber auch miẞtrauisch machte. Er behandelte die Häftlinge im allgemeinen nicht schlecht, brachte es aber auch fertig, an ehrenhafte Männer wegen eines Mißverständnisses Ohrfeigen auszuteilen, bis ihnen das Blut aus Mund und Nase lief, oder den ganzen Block eine Stunde barfuß auf dem kalten Fußboden stehen zu lassen, weil irgendein kleines Vergehen erfolgt war. Mir war entsetzlich, einen Menschen einen anderen 134 wehrlosen Menschen schlagen zu sehen. Meine Augen wollten sich zuerst gar nicht daran gewöhnen. Später freilich mußten sie noch ganz andere Dinge mit ansehen. Von Eduard sagte man, er habe nach seinen Anfällen manchmal geweint. Er hatte verlernt, sich zu beherrschen. Die Lagerpsychose hatte seine Seele ruiniert. Eine Beschwerde gegen solche Ausschreitungen wäre sinnlos gewesen. Die Lagerfunktionäre bekamen vom Lagerältesten und der Lagerleitung immer recht. Die nächste Folge wäre die Versetzung in einen Erziehungs- oder Strafblock gewesen, wo der Empfang darin bestand, daß dem Häftling zunächst einmal zehn Stockhiebe auf den unteren Teil des Rückens versetzt wurden. In ernsteren Fällen drohte der Abtransport nach Mordhausen. Das war der Name, den die Häftlinge dem berüchtigten Lager Mauthausen beigelegt hatten. Dort wurden solche Methoden der Behandlung und der Arbeitsweise praktiziert, daß der Unglückliche binnen kurzem ein toter Mann war. In unserem Lager selbst wurden häufig öffentliche Hinrichtungen vollzogen. Ich habe diese Prozedur während meines Aufenthalts einige Male mit ansehen müssen. Für einen Menschen mit Kulturbewußtsein waren das immer entsetzliche Augenblicke. Zwanzig Minuten mußten wir stehen und warten, bis der arme Teufel sicher ausgelitten hatte. Vor der Hinrichtung wurde das vom Oberhenker Himmler bestätigte Urteil in drei oder vier Sprachen verlesen. Die Opfer benahmen sich in der Regel sehr würdig. Sie legten sich den Strick selbst um den Hals. Manche warteten nicht, bis ihnen der Henker das Brett unter den Füßen fortzog, sondern sprangen von selbst in die Tiefe. Bei den Verurteilten handelte es sich meist um Häftlinge, die einen miẞglückten Fluchtversuch hinter sich hatten. 135 Dieser allein hätte sie vermutlich nicht an den Galgen gebracht. Sie hatten aber in einem solchen Falle innerhalb kurzer Frist ein Dutzend Delikte am Halse, von denen nach den Grundsätzen der Blutjustiz des Dritten Reiches jedes einzelne hinreichte, den Täter an den Galgen zu bringen. Der entflohene Häftling bedurfte zunächst einer anderen Kleidung. Er brach daher meist in irgend einen Luftschutzraum ein, um sich den notwendigen Anzug aus einem Koffer zu holen. Dann mußte er sich Lebensmittelkarten und Geld verschaffen, was ebenfalls nur unter Verletzung zahlreicher strenger Strafbestimmungen möglich war. Ihr laẞt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein! Am Tage nach der ersten Hinrichtung, der ich beiwohnen mußte, wurde ein Mann nach dem Appell auf einen Bock geschnallt. Der Apparat war so gebaut, daß er dem Zwecke, dem er zu dienen hatte, in jeder Weise gerecht wurde. Kopf und Hände des Häftlings wurden auf der einen Seite angeschnallt, die Füße auf der anderen. Auf diese Weise kam das Gesäß in eine Lage, die dem Auspeitscher ein bequemes und sicheres Ziel bot. Mit unheimlichem Rhythmus sauste in Abständen von zwei bis drei Sekunden der Stock fünfundzwanzigmal erbarmungslos auf sein Opfer. Gellende, markerschütternde Schreie ertönten bei den ersten fünf bis sechs Hieben, dann ein leises Wimmern und schließlich Totenstille. Ein blutender Klumpen wurde zuletzt in den Block geschleppt. Was hatte der Mann verbrochen? Als am Vortage der Henker seine Arbeit verrichtet hatte, empörte sich der kaum eingelieferte Häftling so, daß er unvorsichtig äußerte, das öffentliche Hängen sei eine Kulturschande; eine Kanaille hatte ihn gehört und verraten. Der Lagerkommandant sprach sofort das Urteil. Ich konnte diese Nacht kein Auge zumachen. 136 KAPITEL 6 Die Selbstverwaltung der Häftlinge Vorteile der Blockfunktionäre Die Verwaltung eines so großen Lagers mit der gewaltigen Zahl angeschlossener Betriebe und Kommandos wirtschaftlichen Charakters erforderte natürlich eine erhebliche Zahl von qualifizierten Menschen, die fähig waren, verantwortliche Funktionen aller Art vorzunehmen. Häftlinge, die diesen Anforderungen entsprachen, waren in ausreichender Zahl vorhanden. Sie wurden in Sachsenhausen, wie wohl in allen anderen Lagern auch in die Funktionen von Betriebs-, Abteilungsleitern, Kassenvorstehern, Material- und Effektenverwaltern, Büroleitern und ähnlichem eingesetzt. Im Krankenrevier waren ebenfalls Häftlinge tätig, die selbst Ärzte waren. Sprachkundige verwendete man als Dolmetscher, qualifizierte oder wenigstens brauchbare Arbeiter als Vorarbeiter. Nominell lag aber die Führung und Verantwortung stets bei irgendeinem SS- Angehörigen. So wurde das Revier von einem Lagerarzt geführt oder von seinem Stellvertreter, die beide zugleich gehobene SS- Führer waren. Die große Masse der Häftlinge kam mit diesen solcherart aus ihren Reihen herausgehobenen Funktionären im allgemeinen nur wenig in Berührung, dagegen war für sie die Besetzung der Funktionärstellen im Block selbst viel wichtiger. Mit den Trägern dieser Stellen lebten sie täglich und stündlich zusammen. Es waren zwar ihre Kameraden, zugleich aber auch ihre Vorgesetzten, denen sie in jeder Beziehung nachgeordnet waren. Formell war der Blockleiter immer ein SS- Mann, meist ein Schar- oder Unterscharführer. Praktisch küm137 merte sich dieser jedoch wenig um seinen Block, er nahm am Morgen und Abend den Appell ab, kam bestenfalls einmal täglich, oft auch nur ein- oder zweimal in der Woche selbst in den Block. Die Verantwortung für die Disziplin und die Ordnung im Block sowie die Verantwortung gegenüber der Lagerleitung lag damit in den Händen des Blockältesten. Ihm war ein Blockschreiber zugesellt, der in der Regel im gleichen Flügel wohnte. Dem zweiten Flügel stand ein Stubenältester vor. Diese drei Funktionäre wurden in Sachsenhausen fast ausschließlich, eine Anzahl von Blockschreibern ausgenommen, den Reihen der Berufsverbrecher und Asozialen entnommen. Auch das dürfte für alle Konzentrationslager typisch gewesen sein. Selbst die Spitze dieses ganzen Systems, der Lagerälteste und sein Stellvertreter, die beide ungewöhnlich weitgehende Befugnisse hatten und die unmittelbaren Gehilfen des Lagerkommandanten waren, ging gleichfalls aus den Reihen der Berufsverbrecher hervor. Die Machtbefugnisse dieser Leute gegenüber ihren Kameraden war beinahe unbegrenzt. Sie mußten nach den strengen Weisungen und barbarischen Grundsätzen der Lagerleitung arbeiten, die ihrerseits die Direktiven von der obersten SS- Führung empfing. Wenn sie sich behaupten wollten, so ging es ohne Rücksichtslosigkeit, ohne Brutalität und ohne Mißẞhandlungen nicht ab. Natürlich gab es Unterschiede, die sich aus der Veranlagung des einzelnen Block- und Stubenältesten ergaben. Mancher war darunter, der nicht vergessen hatte, was er den Gesetzen der Menschlichkeit schuldig war. Viele jedoch waren verbrecherische Naturen. Sie gerieten bei der Ausübung ihrer Funktionen in eine Hemmungslosigkeit und Unbeherrschtheit, die für die Häftlinge schlimmere Folgen haben konnten, als die Auf138 führung mancher SS- Leute. Wiederholt haben mir Kameraden, namentlich ausländische, gesagt, sie seien während ihres jahrlangen Aufenthaltes von einem SSMann noch nie geschlagen worden, hätten hingegen die schlimmsten Mißhandlungen von deutschen Blockältesten und Vorarbeitern zu erdulden gehabt. Was sollte man von Zuchthäuslern, von Zuhältern, denen die Lagerleitung vorzugsweise solche Positionen anvertraute, anderes erwarten? Von Hause aus rohe Naturen, fühlten sie sich in dieser Atmosphäre wohl. Andere, die keine sicheren Hemmungen in sich trugen, liefen Gefahr, dem schauderhaften Milieu zu erliegen. So war in Block 51 der Blockälteste ein Berliner Zuhälter. Er galt als unberechenbar, undurchsichtig, jähzornig und eitel. Alle diese Eigenschaften fand ich in den wenigen Tagen, die ich in diesem Block zubringen mußte, in dem Verhalten des Blockältesten bestätigt. Mir persönlich ist er nie zu nahe getreten. Um so mehr hatte ich Anlaß, über die Behandlung meiner Kameraden ungehalten zu sein. In plötzlichen Anfällen von Jähzorn konnte er sich auf den Häftling stürzen, von dem er sich gereizt fühlte. Das geschah schon, wenn die von ihm geliebte Ruhe im Block nicht vollkommen war. Er hatte, wie alle feigen Naturen, Angst vor seinen Opfern. Unter einem nichtigen Vorwand nahm er eines Tages allen Häftlingen die Taschenmesser fort. Im Anschluß hieran veranstaltete er eine Leibesvisitation. Er suchte nach nicht abgegebenen Messern, nach Decken oder Überresten von solchen, die sich die Häftlinge zum Schutz gegen die Kälte um den Leib und um die Schuhe gebunden haben könnten. Bei einem früheren sächsischen Stadtverordneten, einem grundanständigen Kameraden, der den gegenwärtigen Krieg als Feldwebel mit Auszeichnungen mitgemacht hatte, fand 139 er einen alten Wollappen, der einmal Bestandteil einer Wolldecke gewesen sein konnte. Der Kamerad hatte den traurigen Fetzen als Fuẞlappen von einem entlassenen Kameraden geerbt und wußte nicht, woher er stammte. Ohne eine Erklärung abzuwarten, stürzte sich der Blockälteste auf ihn, schlug ihn blutig und schrie, der Mann habe Sabotage begangen, er werde darüber eine Meldung machen. Was aber auf Sabotage stehe, das werde man wohl wissen. Auf Sabotage stand die Todesstrafe. Wenn im vorliegenden Falle wohl kaum mit einem so schlimmen Ausgang zu rechnen war, so drohte dem Kameraden doch die Versetzung in einen Strafblock oder zu einer Strafabteilung. Erst einem anderen Blockältesten, den ich um Vermittlung gebeten hatte, gelang es, den Tobsüchtigen zu beruhigen und von einer Meldung abzubringen. Gegenüber dem Verhalten solcher Funktionäre sind die Ausnahmen um so rühmenswerter, denen ich im Lager nicht selten begegnet bin. Auch in der Brust manches asozialen Berufsverbrechers schlug noch ein menschliches Herz. Nicht alle waren schwarze Seelen. Die Verantwortung für all diese Dinge trägt jedoch allein das System, an dessen Spitze Himmler selbst stand. Diese ,, Selbstverwaltung" war ein raffinierter und auch zum Teil geglückter Versuch, den Groll und den Haß der Häftlinge von den wirklichen Drahtziehern abzulenken auf eine vorübergehend bevorzugte und begünstigte Schicht von Häftlingen, die man aber ebenso rücksichtslos fallen ließ, wenn die Umstände es erforderten. So ist während meiner Lagerzeit der Lagerälteste, ein schwer vorbestrafter, aufgeblasener Bursche namens Beyer, ganz plötzlich von seiner Höhe in eine schwindelnde Tiefe gestürzt. Der Mann hatte große Machtbefugnisse. Bei ihm liefen die Fäden der 140 Lagerverwaltung zusammen. Auf seinen Vorschlag wurden die Funktionäre aus den Kreisen der Häftlinge bestellt. Auch hatte er eine Art Oberaufsicht über alle Einrichtungen des Lagers und er verfügte über die Belegung der Blocks, die Versetzung von Häftlingen in Erziehungsblocks, die Strafabteilung oder nach Mauthausen. Seine Abneigung und Voreingenommenheit gegen die politischen Gefangenen war allgemein bekannt. Es war die Einstellung des Unsauberen gegen die Sauberen. Es hieß von ihm, er stünde mit dem Kommandanten auf Du und Du. Eines Tages lief wie ein Lauffeuer durch das Lager die aufsehenerregende Nachricht, der Lagerälteste sei abgesetzt worden. Der Kommandant habe ihm persönlich fünfzig Stockhiebe in zwei Raten zu fünfundzwanzig Stück über das nackte Hinterteil verpaßt und ihn daraufhin nach Mauthausen abtransportieren lassen. Wenn das letztere wirklich geschehen ist, dann wird er heute wohl nicht mehr leben. Weich von Natur, brachte ich in diesem Falle doch kein Mitleid auf. Ich sah immer noch den prächtigen jungen Tschechen vor mir, der auf sein Betreiben wenige Tage zuvor wegen einer Kleinigkeit nach Mauthausen verbracht worden war. Die Ursache für den Sturz dieses Funktionärs soll die Aufdeckung einer umfangreichen Korruption gewesen sein, deren sich der Lagerälteste schuldig gemacht hatte. Bei seiner Festnahme traf man ihn bei einem üppigen Mahle an, das auf einen Mißbrauch der Lebensmittelbestände des Lagers schließen ließ. Es ist sehr wohl möglich, daß die geschilderten Vorkommnisse der Lagerleitung nur Vorwand waren, sich einer ihr unbequem gewordenen Kreatur zu entledigen. Wenn sie den Augiasstall wirklich reinigen wollte, hätte sie zu ganz anderen Maßnahmen greifen müssen. Die Beseitigung eines einzel141 nen Banditen änderte an dem System nichts, außerdem mußten Häftlinge, die zuviel wußten, früher oder später sowieso eingehen. Sie waren ohne jede Hoffnung auf Freilassung. Zu den Unglücklichen, die alle Hoffnung fahren lassen mußten, gehörten die alten Lagerhasen, und unter ihnen vor allem die Bibelforscher, Parzivale, reine Toren im besten menschlichen Sinn des Wortes. Zuverlässig und verschwiegen, wurden sie für Tätigkeiten eingesetzt, die besondere Einblicke in die Lagerverhältnisse gestatteten. Zum Dank dafür sollten sie mit ewiger Einsperrung bestraft werden. Das jahrelange Festhalten dieser wertvollen Menschen in einer aussichtslosen Gefangenschaft ist ein besonders schändliches Kapitel im Schuldbuche der Naziherrschaft. Die Blockfunktionäre genossen manche Erleichterung. Sie hatten ihr eigenes Bett, der Blockälteste und der Stubenälteste sogar eine Art eigenen Zimmers, das sie nach ihren Wünschen und den vorhandenen Möglichkeiten behaglich ausstatten konnten. Sie waren besser gekleidet und in dieser Beziehung überhaupt mit allem Nötigen aus den Vorräten gut versehen, die sich aus der Hinterlassenschaft durch den Schornstein entlassener Häftlinge oder aus dem Gute ausgeraubter Juden und wohlhabender Ausländer angesammelt hatten. Sie konnten auch für sich zusätzlich allerlei Nahrungsmittel besorgen, Speisen und Getränke auf einem Elektroapparat oder einem eisernen Ofen bereiten und sich weitgehend von der Lagerkost unabhängig machen. Von den Häftlingen, die Lebensmittelpakete erhielten, erwartete man, daß sie ihren Obolus unter mehr oder weniger sanftem Druck in erster Linie an die Blockfunktionäre entrichteten. Wenn man bei einem beobachtete, daß er öfter als der Durchschnitt seiner Ka142 meraden Liebesgaben von draußen erhielt, so suchte man ihn möglichst im Block zu halten und vor Versetzung zu schützen. Kameraden, die entlassen wurden, bewog man mit Erfolg, auf den Inhalt nachträglich eingehender Pakete zugunsten der Block- oder Stubenältesten zu verzichten. Solche Spender wurden meist relativ gut behandelt und gewannen manchmal einen gewissen Einfluß auf die Blockgewaltigen, den sie in manchen Fällen zum Vorteil ihrer Kameraden ausüben konnten. Ich hatte selbst Gelegenheit, auf diesem Gebiete persönliche Erfahrungen zu sammeln. Das war alles menschlich erklärlich und vollzog sich in der Regel auch in freundschaftlichen Formen. 99 Etwa zehn Tage blieben wir im Block 68, ohne uns weiter von ihm entfernen zu können, als die schmale Straße reichte, die Blockreihe von Blockreihe trennte. Es war Quarantäne" über uns verhängt. Äußerlich mit sanitären Erwägungen begründet, war sie weiter nichts als eine Schikane, mit der das Lagerleben des Häftlings begann. Das einzige Mittel, mit der Welt der älteren Häftlinge in Verbindung zu kommen, bestand während dieser Zeit darin, das Essen in der Küche zu holen und die Gefäße dort wieder abzuliefern. Vor der Küche hatte sich seit langem schon eine Börse der öffentlichen Meinung gebildet. Unsere Essenträger brachten von dort die neuesten Nachrichten mit, die damals einen besonders aufregenden Charakter hatten. Die Heere der Westmächte stießen in raschem Tempo durch Frankreich vor. Die Rote Armee sammelte ihre Kraft zu neuen Vorstößen gegen die Streitkräfte Hitlers. Die Häftlinge, die nicht mehr in Quarantäne waren, hatten Gelegenheit, jeden Tag um 20 Uhr die beiden Lautsprecher zu hören, die an zwei Stellen des Lagers errichtet waren. Wir selbst konnten damals 143 schon durch das Entgegenkommen unseres Stubenältesten aus den im Block aufliegenden Nazizeitungen wenigstens die deutschen Wehrmachtsberichte zur Kenntnis nehmen. Die Informationen unserer Essenträger reichten jedoch viel weiter als die deutschen Nachrichten. SS- Leute in gewissen bevorzugten Stellungen durften sich offenbar den Luxus erlauben, ausländische Sender abzuhören. Da sie auf die Bedienung durch Häftlinge nicht verzichten konnten, hatten diese Gelegenheit, die eine oder die andere Nachricht aufzuschnappen, die dann wie ein Lauffeuer durchs Lager ging. War auch manche Latrinenparole darunter, so wirkte doch dieser ganze Nachrichtenapparat in unserer Abgeschlossenheit wie ein belebendes Element. Viele Nachrichten erweckten auch Hoffnungen auf ein rasches Ende der Leiden, die sich leider nicht erfüllten. Es waren heiße Augusttage. In der Nacht und am Morgen war es kalt. Die meiste Zeit verging mit Warten und Stehen. In der Frühe standen wir stundenlang auf dem kalten Boden. Dann brannte uns gegen Mittag die Augusthitze auf die Füße und den kahlgeschorenen Schädel. Wir debattierten, spekulierten, phantasierten. Unsere Gedanken kreisten immer nur um den einen Punkt: Heraus mit uns und allen Kameraden aus diesem furchtbaren Lager! Es begann ein Wettlauf zwischen zwei Hoffnungen. Die eine konzentrierte sich auf den Erfolg der Bemühungen von Freunden, Familienangehörigen oder einflußreichen wirtschaftlichen Kreisen, uns frei zu bekommen, die andere gründete sich auf eine baldige Beendigung des Krieges durch eine Niederlage Nazideutschlands. In welchen ungeheuerlichen seelischen Zwiespalt hatte dieses System Deutsche gebracht, in deren heiße Vaterlandsliebe kein Zweifel erlaubt war! Sie mußten jetzt die Niederlage 144 des durch die Nazionalsozialisten vertretenen Vaterlandes der Fortdauer der herrschenden Tyrannei vorziehen. Zwar gelang es der Wehrmachtführung noch einmal, dem vordringenden Gegner westlich des Rheins einen Aufschub aufzuzwingen; daß es nur eine Gnadenfrist und keine Wende sein werde, war uns keinen Augenblick zweifelhaft. Dagegen erfüllte sich die Hoffnung vieler Häftlinge der Aktion Gitter, weil diese rasch abgeblasen wurde und ein erheblicher Teil der von ihr Betroffenen bereits nach zwei bis drei Wochen wieder die Freiheit gewann. Zu diesen vom Glücke begünstigten Häftlingen gehörte ich nicht. Ich mußte mich noch mit Geduld wappnen. KAPITEL 7 Der erste Besuch In n unser Gefangenendasein kam allmählich System. Mit einigen Kameraden war ich dem Flügel des Blocks zugewiesen worden, der dem Blockältesten nicht unmittelbar unterstand, sondern dem Stubenältesten. Es war ein Asozialer, ein gutmütiger Rheinländer, den es nach Bremen verschlagen hatte. Er wurde Hermann genannt. Hermann war in seinem Block, wie überhaupt im Lager, wegen seiner Kameradschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft allgemein beliebt. In der einschmeichelnden Mundart des Rheinländers habe ich ihn immer nur mahnen, höchstens räsonieren, nie aber schimpfen hören. Kein häßliches Wort kam über seine Lippen und niemals hat er einen Häftling geschlagen. Ein körper145 liches Gebrechen zwang ihn, an zwei Stöcken zu gehen. Er hat mir einmal seine ganze Geschichte erzählt und mir Einblick in die Akten gewährt, die er bei sich hatte. Mit Reibereien im politisch- kommunistischen Sektor fing es an, mit dem Verdacht auf gewerbsmäBiges Glücksspiel und unerlaubte Gewerbeausübung setzte es sich fort; so geriet er allmählich in einen ständigen Kleinkrieg mit der Polizei. Soviel ich nachzuprüfen vermochte, war er jedoch in keinem Falle überführt und er war auch nie bestraft worden. Trotzdem saß er hier schon sechs Jahre mit einer Unterbrechung. Es war eine reine Vorbeugungshaft, von der Polizei ohne Richterspruch und ohne richterliche Überprüfung verhängt. Ähnliche Fälle gab es im Lager viele. An meinem Tische war Dr. Gustav Leiẞner aus Chemnitz. In den zwanziger Jahren war er Oberbürgermeister einer mittleren sächsischen Industriestadt gewesen und dann bis 1933 besoldeter Stadtrat in Breslau. Jahre der Verfolgung und Entbehrung folgten, die ihn aber nicht zu beugen vermochten. Seine Fürsorge für die Kameraden war rührend. Da waren die Häftlingsnummern zu drucken und anzunähen und ein Wust von Formularen für die Neuangekommenen auszufüllen. Die Fragen waren nicht immer leicht zu beantworten. Manche wirkten wie Fallen, besonders solche, die auf krankhafte Erbanlagen hindeuteten, hinter ihnen lauerten Entmannung und üble wissenschaftliche Experimente. Da galt es zu verhüten, daß die Kameraden durch allzu große Ehrlichkeit ihr eigenes Grab schaufelten. Hier half Gustav. Ich wiederum half ihm bei dieser Arbeit, und wir wurden bald Freunde. Über Gustav gewann ich wiederum das Herz Hermanns. Dieser organisierte schon am dritten Tage ein baumwollenes Lagerhemd für mich und schob mich in eine Bettreihe, 146 in der ich etwas bequemer liegen konnte. Das waren unschätzbare Errungenschaften. Am vierten Tage ereignete sich im Block eine Sensation. Ein ,, Läufer", so hießen die Boten der Lagerleitung und der Abteilungen, deren sie sich innerhalb des Lagers in Ermangelung telefonischer Anschlüsse bedienten, kam, um mich in die politische Abteilung zu holen. Wahrscheinlich, so fügte er hinzu, sei hoher Besuch da, denn er habe Weisung, mich unter keinen Umständen barfuß vorzuführen. Zu diesem Zweck müsse er mich zunächst in die Bekleidungskammer bringen, wo ich ein Paar Schuhe bekäme, die ich aber bei der Rückkehr in den Block wieder abzugeben hätte. So unbedeutend der Vorgang war, gemessen an anderen schlimmen Dingen, die sich seit Jahren hinter den Mauern des Lagers vollzogen, beleuchtete er doch blitzartig die Sorge und die Angst der Gestapo, es könnte von der schauderhaften Wirklichkeit durch objektive Zeugen etwas in die Öffentlichkeit dringen. Im Büro der politischen Abteilung fand ich meine Sekretärin. Von alten Häftlingen wußte ich, wie schwer es war, eine Sprecherlaubnis zu erlangen. Manche waren jahrelang eingesperrt, ohne daß ihnen jemals Gelegenheit gegeben wurde, einen Besuch von draußen zu empfangen. Grundsätzlich war hierfür das Reichssicherungshauptamt zuständig. Fräulein B. aber war es über die Lagerwache und durch das Entgegenkommen der politischen Abteilung gelungen, eine Sprecherlaubnis von einer knappen Stunde zu erwirken. Sie hatte Akten mitgebracht und erklärt, daß nur ich in der Lage sei, hierüber zu disponieren, da sonst wichtige Interessen Dritter gefährdet würden. Auf diese Weise gelang es ihr überraschenderweise, mehrere Male bis zu mir vorzudringen. Meinen Sohn und meine Schwieger147 - tochter, die gleichfalls versuchten, einen Besuch bei mir durchzusetzen, hat die Lagerwache abgewiesen. Dagegen hat das Reichssicherungshauptamt meiner Schwiegertochter einmal einen Besuch bewilligt. Meine Sekretärin hatte allerdings noch etwas mitgebracht, das mindestens ebenso stark zog wie das wichtigste Aktenmaterial. Das waren Zigarren und Zigaretten, auserlesene Früchte und andere schöne Dinge, die selten geworden waren. Zigaretten entpuppten sich im Lager als wahre Wunderstäbchen, als ein Sesam öffne dich. Vor ihnen kapitulierte erst die Lagerwache und dann auch der Leiter der politischen Abteilung, im Zivilberuf ein simpler Kriminalsekretär, der sich hier im Lager aber als große Kanone aufspielte. Auch Obst wurde nicht verschmäht. Meine Sekretärin war über mein Aussehen entsetzt und darüber, was die Gestapo innerhalb einer Woche aus einem leidlich kultivierten Menschen gemacht hatte. Die Unterhaltung dauerte 40 Minuten. Fräulein B. konnte mir noch Post zustecken, die ich über die Lagerzensur gar nicht oder nur mit großer Verspätung erhalten hätte. Da ich das vorgelegte Arbeitspensum in den 40 Minuten, die für die Rücksprache gestattet wurden, nicht erledigen konnte, bot mir der Leiter der politischen Abteilung, Erdmann, an, mir am nächsten Tage in seiner Abteilung ein Zimmer für zwei bis drei Stunden zur Verfügung zu stellen, damit ich die geschäftlichen Dinge in Ruhe erledigen könne. Bevor ich mich von ihm verabschiedete, fragte ich, noch in Anwesenheit meines Besuches, ob ich den Läufer richtig verstanden hätte und jetzt die Schuhe wieder abgeben müsse. Erdmann errötete und sagte verlegen: Selbstverständlich können Sie die Schuhe behalten." So hatte ich dank dieser List nach vier Tagen Schuhe 22 148 erhalten und brauchte nicht mehr barfuß zu gehen. Das erregte im Block größtes Aufsehen. Später erhielt ich ein Paar Holzpantoffeln, die ein sorglicher Freund gestiftet hatte, überließ sie aber einem alten Kameraden. Auch die Hausschuhe, die dem ersten Paket beilagen, schenkte ich einem frierenden Kameraden, und da ich nun im Besitze eigener Wäsche war, konnte ich das von Hermann gestiftete Hemd einem gegen die Kälte des Morgens besonders empfindlichen Häftling geben. Man kann sich in der Freiheit kaum eine Vorstellung davon machen, welchen Wert in einer so erbärmlichen Lage wie der unsrigen die unscheinbarsten Gegenstände, die im normalen Leben schon als verbraucht beiseite gelegt worden waren, wiedergewinnen können. Etwas Bindfaden, mit dem sich der Häftling ein Holzbrettchen oder ein Stück Pappe am Fuße befestigen konnte, um sich auf diese Weise wenigstens etwas vor der Bodenkälte zu schützen, machten ihn glücklich. Meine armen Kameraden wohnten meist nicht in Berlin. Ihre Pakete konnten nicht einfach am Tore des Lagers abgegeben werden und ihre Angehörigen erfuhren oft erst nach Wochen ihren gegenwärtigen Aufenthalt. Daher trafen die für sie bestimmten Pakete meist mit großer Verspätung ein. Ihnen gegenüber war ich nun reich geworden. Ich hatte Zigarren und Zigaretten und war selbst Nichtraucher. Ich hatte Wurst, Obst, Kuchen, Büchsenmilch, Marmelade, Honig und das wichtigste für das Lager: Brot! Brot! Brot! Das Mitleid und die Liebe der Menschen, die von meinem Schicksal erfuhren, trieb mir schon von Anfang an die Pakete in rascher Folge zu. Ich konnte spenden und ich tat's. Bald hatte ich auch eine bessere Hose, und mancher Kamerad gewann durch meine Vermittlung kleine Vorteile und Erleichterungen. 149 Der niederschmetternde Eindruck, den meine äußere Erscheinung bei meiner Sekretärin hinterlassen hatte, ließ in ihr den Entschluß noch stärker reifen, mit allen Mitteln meine Befreiung aus dieser Hölle zu erwirken. Unermüdlich war sie für mich tätig und es gelang ihr sogar, Ratschläge von SS- Leuten zu erhalten, die beim Reichssicherungshauptamt tätig waren, sowie den Beamten zu gewinnen, der meine Akten bei der Gestapo bearbeitete. Es war erstaunlich, in welchem Umfange er Andeutungen über den Inhalt dieser Akten machte. Danach hatte man nach meiner Verhaftung allerlei Material gegen mich zusammengetragen, um die Verbringung in ein Konzentrationslager nachträglich zu rechtfertigen. Ich konnte zwar wohl vermuten, aus welchen Quellen es floß, aber sichere Anhaltspunkte, die es heute ermöglichen würden, die Denunzianten und Verräter zu fassen, ließen sich nicht gewinnen. Eine niederträchtige Rolle hat aber bestimmt der Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Wiking in Berlin gespielt, der Angaben gemacht haben muß, von deren Lügenhaftigkeit und Sinnlosigkeit er hätte überzeugt sein müssen. Für mich war damals vor allem wichtig, daß die Gestapo keine Anhaltspunkte für meine Verbindung mit Dr. Leber und meine Beteiligung an der Versorgung mit Lebensmitteln für den versteckt gehaltenen Parteifreund Leuschner erhielt. Beide haben ihre Aktivität gegen den Faschismus mit dem Leben bezahlt, aber nichts ist vor ihrem bitteren Ende über ihre Lippen gekommen, das einen ihrer Gesinnungsfreunde hätte belasten können. Das deutsche Volk hat allen Anlaß, solchen Helden ein Denkmal zu errichten. Die Verbindungen, die meine Sekretärin anknüpfte, erwiesen sich auch nach meiner Entlassung als sehr wert150 voll. Mit ihrer Hilfe konnte ich neuen Bedrohungen rechtzeitig ausweichen. Welche Motive einzelne SSLeute oder Beamte der Gestapo leiteten, wenn sie das Los eines politischen Gefangenen zu erleichtern versuchten, bleibe dahingestellt. Manche ahnten wohl das Ende und hielten rechtzeitig Ausschau nach einem Alibi. Es sind Fälle bekannt geworden, in denen SS- Führer unmittelbar vor dem Anmarsch der alliierten Truppen politische Gefangene aus Gefängnissen mit der Bemerkung entließen:„ Eigentlich habe ich den Auftrag, Sie noch in ein anderes Gefängnis zu bringen, aber ich lasse Sie auf eigene Verantwortung laufen. Ich bin aus Zwang bei der Gesellschaft gewesen. Hier haben Sie meine Adresse, vielleicht können Sie gelegentlich etwas für mich tun." Es waren Ausnahmen, denen die Angst vor der Vergeltung in die Knochen gefahren war. Es soll damit nicht in Abrede gestellt werden, daß es auch andere gab, in denen die Stimme des Gewissens noch nicht erstorben war. Unkritisch waren sie den Verlockungen des Systems erlegen und hatten nicht rechtzeitig erkannt, wo der furchtbare Weg endete, auf den sie geführt worden waren. Sie fanden zur Umkehr nicht den Mut und nicht die Möglichkeit. Als ich vom ersten Besuch zum Block 68 zurückkehrte, war der Weg zur Heimkehr noch weit. Die wiederholten Vorführungen zur politischen Abteilung gefielen dem Blockältesten nicht. Er meinte, wenn das früher geschehen sei, hätte es meinen Tod bedeutet; denn Häftlinge, für die man sich draußen zu sehr interessierte, habe man gerne als lästige Zeitgenossen liquidiert. Der Mann verfügte über eine immerhin achtjährige Erfahrung. Offenbar war es ihm auch nicht sehr angenehm, wenn seine Häftlinge zu oft unmittelbar mit Vorgesetzten in Berührung kamen. Als ich am 151 nächsten Tage, 8 Uhr morgens, zur politischen Abteilung gehen wollte, um von der Erlaubnis Gebrauch zu machen, zwei wichtige geschäftliche Arbeiten zu erledigen, verlangte er, daß ich von dort eine Bescheinigung über Zeit und Dauer meiner Beschäftigung mitbringe. Als ich mich von Erdmann verabschiedete und die vom Blockältesten geforderte Bescheinigung erbat, empfing ich eine Kostprobe von dem Umgangston, dessen sich höhere Lagerinstanzen im Verkehr mit den Blockfunktionären zu bedienen pflegten. Erdmann, ein offenkundiger Choleriker, fuhr mich mit rollenden Augen an: ,, Was will dieses Scheißhaus von Blockältestem! Eine Bescheinigung?! Von mir?! Wenn ich den Roßmann hierher bestelle, so muß es dem Arschloch genügen, wenn nicht, soll er selbst hierherkommen, damit ich ihm eine in die Fresse hauen kann. Bestellen Sie ihm das! Diese Bande von Blockältesten und Stubenältesten wird überhaupt immer frecher, man sollte sie alle mal ordentlich durchprügeln, damit sie sich wieder erinnern, wer sie sind!" Natürlich habe ich mich gehütet, diese höfliche Botschaft meinem Blockältesten wörtlich zu überbringen, denn ich weiß nicht, was mir sonst widerfahren wäre. Inzwischen war ein Teil meiner Blockkameraden dem Arbeitseinsatzleiter vorgestellt worden. Mancher drängte sich nach der Arbeit, weil er in ihr Abwechslung erhoffte, außerdem bekam er in diesem Augenblick Schuhe an die Füße, erhielt eine kleine Nahrungszulage, hatte Hoffnung auf etwas bessere Kleidung und kam durch Versetzung in einen anderen Block aus der Quarantäne. Mir eilte es nicht. Ich besaß Erfahrungen mit dieser Arbeit aus den Jahren 1933. Außerdem hatte mich Hermann gewarnt und durch allerlei Manöver meine Beorderung zum Arbeitseinsatz verzögert. Gu152 stav Leiẞner jedoch kam bald in Arbeit und verabschiedete sich von uns. In dieser Zeit geschah der seltene Fall, daß ein Häftling Urlaub nach Hause bekam. Es war Hermann, der in Bremen ausgebombt und dessen Frau verschüttet worden war. Durch Befürwortung der Lagerleitung erlangte er vom Reichskriminalamt einen Urlaub für zwei Wochen, der später auf vier Wochen verlängert wurde. Hermann machte in Berlin Station, spürte mein Büro auf und gab meiner Sekretärin wertvolle Hinweise für die Zustellung von Nachrichten, die unter Umgehung der Zensur an mich gelangen sollten. Solche Mitteilungen, die mich über den Stand der Entlassungsbemühungen unterrichteten, gingen mir denn auch in der Folgezeit häufig zu. Auf diese Weise verlor ich auch den Kontakt mit der Außenwelt nicht vollständig. Freilich war es kein ganz ungefährliches Spiel. Einmal fiel eine solche Mitteilung in die Hände des SS- Blockführers, der aber ein Auge zudrückte und mir gestattete, sie zu lesen und das Schriftstück vor seinen Augen zu vernichten. Als Hermann vom Urlaub zurückkehrte, war er voller Hoffnung auf eine baldige Entlassung. Doch glaube ich nicht, daß sie sich erfüllt hat. Möge er wenigstens dem Auflösungschaos lebend entronnen sein! Er war, was immer seine Vergangenheit gewesen sein mag, im Lager ein guter, hilfsbereiter Kamerad. 153 KAPITEL 8 Die Juden aus Radom- Das KZ. als Devisenbank Meines Bleibens im Block 68 war nicht mehr lange. Hermann wollte mich zwar halten, und im Block selbst beschäftigen, aber der Blockälteste war dagegen. Ich kam mit einer kleinen Anzahl meiner Kameraden nach Block 51. Was mich den kurzen Aufenthalt in diesem Block nicht vergessen lassen wird, ist ein besonderes Ereignis. Eines Tages wurden etwa zweihundert Häftlinge aus Polen eingeliefert, die Mehrzahl von ihnen Juden. Sie kamen alle aus Radom, wo sie in der größten Pulverfabrik Europas unter entsetzlichen Bedingungen gearbeitet hatten. Der rasche Vormarsch der Russen zwang die Deutschen, die Pulverfabrik Hals über Kopf zu räumen. Die Maschinen wurden abmontiert und nach Deutschland verbracht. Als die meist jüdischen Arbeiter diese letzte Pflicht erfüllt hatten, wurden sie von ihren Frauen und Kindern getrennt und ins Konzentrationslager geschleppt. Wohin ihre Angehörigen verbracht worden waren, wußten sie nicht. Vermutlich nach Belsen. Ein intelligenter und sympathischer junger Jude, der als Sohn eines Schwerkriegsbeschädigten in Berlin noch das Gymnasium hatte besuchen dürfen, und dort das Abitur gemacht hatte, erzählte mir diese Tragödie. Die anfängliche Rücksichtnahme gegen seinen Vater fiel im Jahre 1938 fort. Bis zu diesem Zeitpunkt übte das Nazisystem mit Rücksicht auf das Ausland in der Behandlung der Juden noch eine gewisse Vorsicht. Als es sich stark genug fühlte, ließ es auch die letzte Maske fallen. Mit dem 10. November 1938- die Juden bezeichneten die Vorgänge, 154 - die sich an diesem Tage im Zusammenhang mit der Ermordung des Gesandtschaftsbeamten vom Rath ereigneten, kurz aber drastisch als ,, Schillers Geburtstag" setzte der totale Vernichtungskrieg gegen die Juden ein. Die beiden Eltern meines neuen Kameraden sind in diesem Kriege umgekommen. Ich konnte ihm über das Schicksal einzelner jüdischer Familien in Berlin Auskunft geben, auch über das Gesamtschicksal der Juden dieser Stadt. Das meiste wußte er schon, er hatte jede Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens und allen Glauben an die Zukunft verloren. Dabei zeigte er Haltung und eine große Sehnsucht nach seiner Frau. Kinder hatte das Ehepaar nicht. Ich versuchte, ihn zu trösten und aufzurichten, aber er erzählte mir die grauenvollsten Geschichten aus Theresienstadt, aus Auschwitz, und aus dem berüchtigten Vernichtungslager bei Krakau. Zum zweiten Male in meinem Leben vernahm ich diese Schilderung, die sich wie eine Perversion der Hölle anhört. Zum ersten Male hatte ich sie vor zwei Jahren vernommen aus dem Munde einer Dame, über deren Glaubwürdigkeit es keinen Zweifel geben konnte. Sie war die Gattin eines SS- Arztes, der hin und wieder in dem Lager bei Krakau dienstlich zu tun hatte. 1942 hatte er seine Frau einige Wochen nach Krakau kommen lassen. Nach ihrer Rückkehr erzählte sie mir von dem Treiben in der Stadt und von dem berüchtigten Lager, von dem ich bis dahin noch nichts gehört hatte. Ich wiederhole das Gespräch mit ihr aus dem Gedächtnis: ,, Ja, wissen Sie denn nicht, Herr Roßmann, daß dort das größte Vernichtungslager Europas aufgebaut ist!?" ,, Nein", entgegnete ich ,,, woher soll ich das wissen? Was ist denn ein Vernichtungslager?" ,, Da kommen täglich Eisenbahnzüge an, vollgestopft 155 mit Juden beiderlei Geschlechts, von jedem Alter und jeder sozialen Stufe aus allen Ländern Europas. Man sieht bestens gekleidete junge Jüdinnen aus Paris oder Brüssel, neben armen notdürftig gekleideten Glaubensgenossen aus Österreich, der Tschechei oder anderen Ländern." ,, Und was geschieht mit ihnen, wenn sie angekommen sind?" 99 ,, Da werden sie zunächst auf ihre Arbeitsfähigkeit untersucht. Diejenigen, die arbeiten können, werden dem Arbeitseinsatz zugeführt." ,, Und was geschieht mit den anderen," forschte ich weiter. ,, Die anderen kommen in ein großes Gebäude mit vielen Schlafgelegenheiten. Der Schlafsaal ist einer Vergasungsanlage angeschlossen. Sobald die arbeitsunfähigen Juden eingeschlafen sind, erfolgt die Vergasung. Sie schlummern vom Leben zum Tode, ohne etwas davon zu merken." ,, Man behandelt also Menschen wie Wanzen, die man vergast? Und was geschieht mit den Toten?" ,, Die Vergasungsanstalt besitzt einen Gleisanschluß nach einem großen Krematorium. Die Leichen werden morgens auf die bereitstehenden Wagen geworfen, nach dem Ofen gefahren und dort verbrannt. Es kommt aber vor, daß das Krematorium mit seiner Arbeit nicht nachkommt. Für diesen Fall sind tiefe Erdfurchen ausgehoben, in die schon zuvor Tausende von Polen und Juden geworfen worden sind. Eine neue Chlorkalkschicht 66 Ich springe auf und rufe: ,, Frau Doktor, was erzählen Sie mir? Glauben Sie nicht auch, wenn es einen Gott im Himmel gibt und eine strafende Gerechtigkeit auf Erden, daß unser Volk für ein so ruchloses und ab156 scheuliches Verbrechen einst hart büßen muß? Juden sind wie wir Geschöpfe Gottes, kein Mensch hat das Recht, sich in dieser Weise an ihnen zu vergreifen. Wie stehen Sie selbst dazu?" ,, Ich habe Sie immer bewundert, Herr Roßmann, daß Sie noch einen solchen Glauben haben, ich für meinen Teil glaube nicht mehr an eine Gerechtigkeit auf Erden, ich glaube, heute sind die Juden dran und morgen kommen wir selbst an die Reihe." Ich habe dieses Gespräch unter der gebotenen Vorsichtsmaßregel vielen Deutschen erzählt und begegnete nur Abscheu und Entsetzen, in vielen Fällen aber auch wenig Glauben. Heute steht fest, daß mir die Wahrheit gesagt worden war. Die Juden aus Radom hatten uns die jüngsten Häftlinge zugeführt. Es waren drei Knaben im Alter von vierzehn, fünfzehn und sechzehn Jahren. Sie hatten schon seit Jahren in der erwähnten Pulverfabrik arbeiten müssen. Der Jüngste genoß den Ruf eines besonders fleißigen Arbeiters. Seine Eltern waren auf die übliche Weise zugrunde gegangen. Er war ein munterer, aufgeweckter Junge, wurde rasch der allgemeine Liebling des Blocks und der auserwählte Günstling des Blockältesten, zu dessen Lob ich sagen muß, daß er die Juden sehr anständig behandelte. Dem Kleinen ließ er von jüdischen Handwerkern einen schönen blauen Anzug bauen, der wie angegossen war, und stattete ihn auch sonst gut aus. Im übrigen hielt er ihn etwa so wie ein Schah seinen Privatmohren; wie ein flinkes Hündchen war der Junge immer an seiner Seite, um kleine Handreichungen für seinen großen Herrn zu vollziehen. Beim Appell vor dem Block war er linker Flügelmann, unser Schah ließ ihn kleine Kommandos sprechen. Das Ende durfte er mit einer Trompete an157 kündigen. In der Rolle eines asiatischen Despoten fühlte sich unser Blockgewaltiger überhaupt sehr wohl. Mehrere Male konnte er am Tage die Kleidung wechseln, die ihm aus jüdischen Beständen offenbar reichlich zu Gebote stand. Täglich ließ er sich von einem Häftling rasieren, wobei er gravitätisch im Stuhle lehnte, sich mit wohlriechenden Wässern abwaschen, einpudern und abfächeln. Bei aller Brutalität war der Kerl von einer wirklich weibischen Eitelkeit. Unter den Juden befanden sich einige ausgezeichnete Geigenspieler. Aus ihnen bildete unser Schah gewissermaßen eine Hofkapelle. Häufig mußten sie vor ihm spielen, aber er konnte auch großmütig sein und den Gefangenen gleichfalls den Genuß der Musik gönnen. Wenn wir abends schon im ersten Schlummer lagen, ließ er manchmal auf der Schwelle zwischen Tagesund Schlafraum die Musikanten zum Spiel antreten. Wehmütige Weisen ertönten dann über das nüchterne hölzerne Gitterwerk der Bettgestelle, in denen die Häftlinge, Christen neben Juden, Deutsche neben Ausländern, zusammengepfercht lagen. Musik ist wohl die intimste und zugleich stärkste Leistung menschlicher Kunstbetätigung. Sie ist ein göttlicher Anruf der menschlichen Seele von unberechenbarer und grenzenloser Wirkung. Sie kann Wunden heilen und aufreißen, sie bringt uns zum Weinen und zum Lachen, sie lockt uns zum kindlichen Spiel und zu heldischer Tat, sie stimmt uns zu befreiender Glückseligkeit und zu zerknirschter Reue. Wie immer auch ihre Wirkung im einzelnen ist, im ganzen weckt sie in unserem Innern eine unbändige Sehnsucht nach der Heimat unserer Seele, nach Vereinigung mit Gott im Zeichen einer vollendeten Harmonie. Auch die Poesie, gut vorgetragen, ist im Grunde nur gesprochene Musik. Darum wirken nach 158 Tausenden von Jahren noch die Psalmen Davids und Salomons auf die Menschen. Noch nach Äonen werden die Sterblichen die Stimmung in Goethes Abendlied nachempfinden, weil ewige Urgefühle der menschlichen Seele aus ihr sprechen. Aber Musik anzuhören in Lebensverhältnissen, die das teuflische Gegenstück aller göttlichen Harmonie sind, war eine Qual, die schmerzlicher sein konnte, als körperliche Mißhandlung. Manchen Kameraden hörte ich in seinem Bette leise weinen. Vielleicht wird einmal die Zeit kommen, in der ein Gott einem Menschen gibt zu sagen, wie sie litten. Jetzt galt es in seiner Qual zu verstummen. Ich war noch immer nicht dem Arbeitseinsatzleiter vorgestellt. Diesen Vorzug teilte ich mit einigen anderen. Bei ihnen war es verständlich, denn sie wurden bald entlassen. Untätig waren wir trotzdem nicht. Wir wurden im Büro der Effektenkammer eingesetzt, die in diesen Tagen zu einer wahren Notenanstalt geworden war. Ganze Kisten voll polnischer Banknoten standen vor uns. Dicke Bündel von 50-, 100-, 500- und 1000Zloty- Scheinen, die frisch aus der Notendruckerei gekommen zu sein schienen, lagen neben schmutzigen Scheinen höheren und ganz geringen Wertes. Man hatte sie den Polen abgenommen, die bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes gefangen genommen worden waren und jetzt täglich zu Hunderten in Sachsenhausen eintrafen. Das wiederholte sich einige Tage später bei den zahlreichen Holländern, die das Lager aufnehmen mußte. Da sie vielfach bereits aus anderen Lagern, z. B. Herzogenbusch kamen, waren sie mit Geldwerten nicht so üppig ausgestattet wie die Polen. Einer dieser Holländer wurde übrigens bei der Aufnahme in der Entlausungsanstalt plötzlich von allen Seiten beglückwünscht. Zunächst wußte er nicht, wieso 159 er zu dieser Aufmerksamkeit kam, bis er erfuhr, daß er die Häftlingsnummer Einhunderttausend zu tragen habe. Um sechstausend war also die Belegung des Lagers in den zwei bis drei Wochen seit meiner Einlieferung erhöht worden. Vier bis fünf Tage zählten wir polnische Noten und bündelten sie, ein Geschäft, das gewissenhaft ausgeführt werden mußte, aber doch so langweilig war, daß ich wiederholt eingeschlafen wäre, wenn nicht mein lieber Freund Reinhold aus Müggelheim mit einem guten Witz die Lebensgeister immer wieder aufgefrischt hätte. Wir zählten 2 Millionen Zloty. Ich dachte manchmal: wenn diese Noten erzählen könnten! Wie waren die Menschen, bei denen es sich zumeist um arme Leute handelte, in ihren Besitz gekommen? Wie viele verfrühte Hoffnungen hatten sich wohl an diese Geldscheine geknüpft! Stille, aber gute Kameraden waren die beiden Norweger, die uns beim Zählen halfen. Als sie merkten, wen sie vor sich hatten, gingen sie mehr aus sich heraus. Sie charakterisierten Quisling als einen ehrgeizigen Lumpen. Ich brachte das Gespräch auf Knut Hamsun. Guter Dichter, aber schlechter Politiker und ein alter Mann, der nicht mehr begreift, was in Deutschland tatsächlich vor sich geht, lautete ihr mildes Urteil. Wie berechtigt die Zurückhaltung manchem Häftling gegenüber war, erfuhr ich gerade während meiner Tätigkeit als Geldzähler. Mit uns waren zwei Holländer beschäftigt, in denen durch die Ironie des Schicksals in Vorwegnahme einer späteren Gerechtigkeit einmal die Richtigen ins Lager gebracht worden waren. Sie hatten als holländische SS- Männer im Polizeidienst gegen eigene Landsleute Verwendung gefunden. Wegen Annahme von kleinen Geschenken waren sie, wie sie 160 sagten, in einem holländischen Gefängnis einige Tage in ,, Ehrenhaft" und sollten in Kürze entlassen werden. Aber Gottes unerforschlicher Ratschluß hatte anderes mit ihnen vor. Infolge des raschen Vorrückens der Alliierten mußte das Gefängnis schnell geräumt werden. Zusammen mit vielen anderen Gefangenen, die keine ,, Ehrenhäftlinge" waren, wurden sie verfrachtet, und landeten in Sachsenhausen. Ihre Papiere, ihre wertvollen SS- Ausweise waren zurückgeblieben und wahrscheinlich abhanden gekommen. Würde der Kommandant ihren Erzählungen Glauben schenken? Da saßen sie nun und hatten Gelegenheit, über die Wandelbarkeit menschlichen Glückes nachzudenken. Die paar Tage im Büro der Effektenkammer verschafften mir manchen Einblick in die Geheimnisse des Lagers, die der Allgemeinheit der Häftlinge verborgen blieben. Der formelle Leiter des Büros, ein SS- Unterscharführer, saß in meiner nächsten Nähe. Aus seinen Telefongesprächen gewann ich manche Anhaltspunkte zur Beurteilung des Lagerlebens. Unser Vorarbeiter, ein alter Häftling, Bankbeamter seines Zeichens, politisch aber undurchsichtig, erzählte mir, die Effektenkammer in Sachsenhausen sei gegenwärtig die größte Devisenbank Deutschlands. Kunststück, wenn man nach der Methode mittelalterlicher Raubritter die Werte an sich brachte, statt in ehrlicher Arbeit und in friedlichem Zusammenwirken mit anderen Völkern. Zu den wirtschaftlichen Betrieben, die zum Lager gehörten, zählte auch eine Schuhfabrik. Die Tätigkeit in einigen Zweigen dieser Fabrik unterlag einer strengen Kontrolle und Beaufsichtigung. Hier wurden die Schuhe der hingemordeten Juden sorgfältig auseinandergenommen. Die Unglücklichen hatten in sie häufig Gold, Silber, Edelsteine und Banknoten von hohem 161 Wert hineingearbeitet. Es war eine reiche Beute, die den blutigen Schatzgräbern der Gestapo mit diesen Gegenständen in die Hände fiel. Mein Mithäftling August Christ aus Frankfurt am Main könnte noch über weitere üble Quellen dieses Reichtums berichten, denn er war in einer Dienststelle des Lagers beschäftigt, in der die von der Gestapo in ganz Europa gestohlenen Wertsachen zusammenflossen. Sie wurden dort gesichtet und weiter verwertet. Ein biederer Pole erzählte mir eines Abends im Block, daß er an diesem Tage eine Fuhre im Gewicht von siebenundeinhalb Zentner in Gold, Silber, Edelsteinen und anderen Werten zur Reichsbank nach Berlin gefahren habe. Blut, Tränen und Flüche klebten daran. Es war Nibelungengold, das den Besitzern nur Unheil bringt. Das deutsche Volk aber ist es, das für all das büßen muß, was ihm die Naziverbrecher eingebrockt haben. KAPITEL 9 Der Zuchthäusler als Vorgesetzter Im Arbeitseinsatz - Die wirtschaftliche Ausbeutung der Häftlinge Das Lagerbordell Gegen Mitte September wurde ich zum Block 26 versetzt, wo ich bis zu meiner Entlassung blieb. Damit kam ich aus der Quarantäne, konnte mich im Lager nach Feierabend frei bewegen und Verbindungen mit anderen Häftlingen anknüpfen. Fast jeder Block des Lagers hatte seine eigene Note. So war auch die Atmo162 C C sphäre in 26 eine ganz andere wie in 51 und 68. Neben der Zusammensetzung der Belegschaft waren Blockältester, Blockschreiber und Stubenältester ausschlaggebend für den Charakter des Blockes. Mein jetziger war bisher vorwiegend ein Tschechenblock gewesen. Die Tschechen waren aber in einem anderen Block zusammengelegt worden. Einige Prominente jedoch, gleich wertvoll als Menschen wie als Kameraden, waren vom Blockältesten zurückgehalten worden, darunter der Polizeipräsident Bata aus Mährisch- Ostrau, ein tschechischer Landrat, dessen Namen mir entfallen ist, und vor allem der tüchtige und in jeder Hinsicht ehrenwerte Blockschreiber Clemens Böhm aus MährischOstrau, früher Bezirkstagsabgeordneter der tschechischen Sozialdemokratie. Sie schmachteten seit Jahren im Lager und hatten in dieser Zeit Grauenvolles erlebt. Sie mußten zusehen, wie die Blüte der akademischen Jugend ihres Volkstums dahinsank oder verkümmerte und sie waren Zeugen gewesen, wie tschechische Intellektuelle aus Verzweiflung in den elektrisch geladenen Mauerdraht sprangen, um das qualvoll und unerträglich gewordene Leben zu beenden. Sie hatten erlebt, wie ein Dutzend junge polnische Geistliche katholischer Konfession, die ihre Blockkameraden waren, eines Morgens freudestrahlend die Nachricht empfingen, sie würden entlassen. In Wirklichkeit jedoch wurden sie in Einzelzellen geführt, bei deren Betreten eine automatisch geführte Schußwaffe nach der Art eines umgekehrten Lukas ein Geschoß auf ihren Kopf niedersausen ließ. Binnen kurzem waren sie alle durch den Schornstein entlassen. Die drei Tschechen hatte der Blockälteste nicht um ihrer schönen Augen willen in seinem Block behalten. Sie hatten gute Beziehungen zur Heimat, die ihnen 163 reichliche und vorzügliche Lebensmittel zuführte. Die Wohltat, Lebensmittel von draußen empfangen zu dürfen, genossen die Häftlinge übrigens nicht von Anfang an. Dieses Zugeständnis machte die Lagerleitung erst im Laufe des Krieges. Anfänglich haben manche SS- Leute, in deren Händen die Ausgabe der Pakete lag, diese so lange zurückgehalten, bis der Inhalt verdorben und ungenießbar geworden war. An einem Weihnachtsabend hat ein SS- Mann die für die Häftlinge angekommenen Liebesgaben so durcheinandergeschüttelt, daß sie zerbröckelten und verdarben, wie die Freude, die sie den Empfängern bereiten sollten. Solche Ausschreitungen kamen jetzt nicht mehr vor oder waren doch selten geworden. Clemens Böhm war ein guter Koch, was allerdings Otto, der Blockälteste, nicht wahrhaben wollte. Er behauptete, ein besserer Schüler des Lukullus zu sein als Clemens. Er hatte seine Kochkunst im Zuchthaus erlernt, das er vier- bis fünfmal erfolglos absolvierte, und er war stolz auf seine Taten, die er mir alle haarklein erzählte. Wenn ich manchmal ungläubig den Kopf schüttelte, holte er einen Kronzeugen aus einem anderen Block, der mir seinen Ruhm bestätigen mußte. Ja, er bedeutete schon etwas in seinem Fache, mein neuer Vorgesetzter. Während des ganzen ersten Weltkrieges saß er im Zuchthaus, in einer Zeit also, in der viele der Häftlinge die er jetzt stolz kommandieren durfte, ihre Gesundheit und ihr Gut dem Vaterlande opferten. Mit zwei Komplizen hatte er als blutjunger Mensch nachts in der Elisabethenkirche zu Marburg an der Lahn den Sarkophag der heiligen Elisabeth erbrochen, Gold, Juwelen und Altargeräte, kulturhistorische Gegenstände von höchstem Werte, an sich genommen und unter seine verbrecherischen Helfer verteilt. 164 Der Fall hat seinerzeit großes Aufsehen erregt und es schien lange Zeit, als ob die Suche der Kriminalpolizei nach den Verbrechern ergebnislos bleiben sollte. Als aber einer der Täter nach Amerika auswandern und seine Beute in Sicherheit bringen wollte, wurde er in Bremen von der Kriminalpolizei gefaßt. ,, Und der Schafskopf", so meinte Otto, ,, hat mich dann verraten." Otto war noch zwei- bis dreimal im Zuchthaus bis der jugendliche Wagemut sich bei ihm etwas verflüchtigt hatte. Er wandte sich danach einer ruhigeren, bürgerlichen Beschäftigung, wie er sie verstand, zu. Sie muß recht einträglich gewesen sein, denn er besaß in Frankfurt mehrere Häuser, lebte auf großem Fuße und pflegte sich als reicher Herr aufzuspielen, der Autos besitzt, schöne Kurorte besucht, in den ersten Hotels wohnt und mit dem Gelde um sich wirft, als ob es Dreck sei. Die Quelle seines Wohlstandes waren zwei öffentliche Häuser in Frankfurt am Main. ,, Sie waren prachtvoll und modern eingerichtet, glaab mer's, Erich," versicherte er mir in seinem gemütvollen pfälzischen Dialekt. ,, Sie hatten alle gesonderte Ein- und Ausgänge, damit der Herr Staatsanwalt nicht dem Herrn Rechtsanwalt begegnete, deswege habe sie mich auch alle respektiert." Er erzählte mir in allen Einzelheiten, wie er zu diesem einträglichen Geschäft gekommen war. Als er wieder einmal aus dem Zuchthause entlassen worden war, hat ihn eine elegante Halbweltdame, die gerade ihren Beschützer wechseln wollte, in einer Frankfurter Spelunke entdeckt. Otto war ein schlanker, hochgewachsener, sehniger Junge mit dunklem Haar und braunen Augen, einer von den Typen also, die auf blonde Bestien nicht ohne Eindruck bleiben. Die Dame lohnte ihn fürstlich. Materielle Nöte gab es. 165 für ihn von diesem Augenblick an nicht mehr. Seelische schien er manchmal noch zu haben. Oft seufzte er: ,, Ich war ein böser Bursch, glaab mer's, Erich, ich hab dem Herrgott viel abzubitte." Im letzten Abschnitt seines freien Daseins betrieb Otto neben Gelegenheitsgeschäften einen Autoschlachthof, eine Reparaturwerkstätte und einen Handel mit alten Autos. Zum Westwallbau stellte er einen Lastwagen, an dem er viel verdient haben will. Seit 1941 war er im Lager. Die Polizei habe sich seiner auf diese bequeme Weise entledigt, da er zuviel gewußt habe. Nun war er hier Blockältester, verantwortlich für vierhundertundfünfzig Menschen, herrschte über den guten Clemens, über mich und den Polizeipräsidenten von Mährisch- Ostrau. Der Mann, der mir den ferneren Aufenthalt im Lager so erträglich gestaltete, wie es die Umstände nur gestatteten, war Clemens Böhm. Ich bleibe ewig in seiner Schuld. Seine Hilfe war völlig selbstlos. Ottos Sympathien für mich hatten zwar nicht ausschließlich, aber doch vorwiegend materielle Wurzeln. Er war auch bei mir Teilhaber der Güter, die draußen für mich organisiert wurden. Zigarren und Zigaretten standen bei ihm im Vordergrund, auch auf Kuchen war er ungewöhnlich scharf. Clemens war wie ich Nichtraucher. Otto betrachtete alle Rauchwaren, die in meinen Paketen auftauchten, von vornherein als sein Eigentum. Manchmal nahm er sie bei der Öffnung gleich fort und nur mit Mühe konnte ich davon etwas für andere Kameraden reservieren. Natürlich revanchierte sich Otto häufig mit anderen Dingen. Auch durfte ich mich an den Mahlzeiten beteiligen, die er und Clemens sich im Block bereiteten. Dadurch wurde ich von der Lagerküche weitgehend unabhängig und konnte meine Rationen an andere Kameraden abtreten, deren Hunger 166 = = nie ganz gestillt werden konnte. Aber ich mußte Ottos Kochkunst immer wieder loben und durfte auch die Reste nicht verschmähen, die er manchmal für mich in seiner Schüssel zurückließ. Wenn ich Clemens mit einem Geschenk erfreute, mit einer guten Birne oder mit ein paar Trauben, dann lag im nächsten Augenblick eine viel wertvollere Gegengabe auf meinem Platze. Als ich in den Block kam, herrschte dort eine furchtbare Überfüllung, die sich ständig steigerte und die den Aufenthalt bei Tag und Nacht zur Qual machte. Ich fiel Clemens sofort auf; er fragte, wer ich sei, worauf ich ihm meine Geschichte erzählte: ,, Da muß man Dir etwas helfen," sagte er gutmütig. Er gab mir ein Bett, dessen eine Seite nach außen lag und damit ein bequemeres Ruhen gestattete. Und er versorgte mich mit anständigen Schuhen und warmen Kleidern, über die der Stubenälteste des Nachbarflügels verfügte. Der Arbeitseinsatz hatte mich inzwischen endlich entdeckt. Ich mußte mich vorstellen, nicht allein natürlich, sondern zusammen mit zweihundert bis dreihundert Kameraden. Erst nach zweimaligem stundenlangem Warten kam ich zum Aufruf. Der Arbeitseinsatzleiter war ein alter SS- Nazi, der nach Schema F arbeitete. Handwerker, vor allem Metallarbeiter, waren leicht in einem der zahlreichen für die Rüstung tätigen Betriebe einzugliedern, die zum Lager gehörten. Häftlingen gegenüber, mit denen er nichts anzufangen wußte, wie etwa mit mir, war er anmaßend, grob und ungerecht. Er schob sie ohne nähere Prüfung irgendwohin ab. Ich kam zu Speer, einem verrufenen Kommando, verrufen weniger wegen der Arbeit, die den Häftling dort erwartete, als vielmehr wegen der Qual, die der Marsch dorthin verursachte. Das Kommando lag vier 167 Kilometer vom Lager entfernt, jenseits des Oderkanals, der nördlich von Oranienburg die Gegend durchschneidet. Der schlechte, mit holperigen Steinen gepflasterte, streckenweise auch ungepflasterte Weg mußte im Eiltempo in etwas mehr als einer halben Stunde von zirka 3000 Mann täglich zurückgelegt werden. Es war ein Zug von Sklaven, links und rechts von Hunden der SS gehetzt. Man schwitzte, keuchte, stolperte, war fast beständig in eine schmutzige Staubwolke gehüllt und buchstäblich fertig, sobald das Ziel erreicht war. Das ging auch Kameraden so, die wesentlich jünger waren als ich. Ich hatte Herzbeschwerden, litt an hohem Blutdruck und zeitweiliger Atemnot bei rascher Vorwärtsbewegung. Mehrfach mußte ich meine ganze Energie zusammennehmen, um während des Marsches nicht zusammenzubrechen. Wir arbeiteten in acht bis zehn riesigen Hallen mit Gleisanschluß. Kabel in allen Größen lagen hier in großen Mengen aufgestapelt. Es schien Beutegut zu sein. In meiner Halle mußten wir dünne Kupfer-, Aluminium- oder Zinkkabel aus ihrer Papier- oder Gewebeisolierung lösen und bündeln. Es war eine leichte Arbeit, an die sich aber die Fingerspitzen und die Nägel, die anfänglich recht schmerzhaft reagierten, erst langsam gewöhnen mußten. Den An- und Abmarsch hätte ich sicher nicht lange ausgehalten. Da bot sich, wie oft in einer aussichtslos erscheinenden Lage, die plötzliche Möglichkeit, mich von diesem Kommando wieder zu erlösen. Eines Tages wurde von der politischen Abteilung ein SS- Mann zu meiner Arbeitsstelle geschickt, der dort verkündete, ich müsse sofort aufhören, da ich entlassen würde. Ich traute dem Frieden nicht, und in der Tat wollte man mich, wie schon einmal im Alex, nur narren. In der 168 politischen Abteilung harrte meine Sekretärin, die wieder einmal eine Sprecherlaubnis durchgesetzt hatte. Das Spiel, das man mit mir treiben wollte, hatte für mich jedoch eine gute Folge. Der Vorarbeiter beim Kommando strich mich von seiner Liste. Es fiel ihm darum nicht auf, wenn ich nicht mehr zur Arbeit erschien. Der Arbeitseinsatz vermiẞte mich auch nicht, denn bei ihm wurde ich weiterhin als„, zu Speer kommandiert" geführt. Die Streichung auf der Kartothek des Einsatzes wäre bei meiner Entlassung von der Zentralkartei veranlaßt worden. Der Vorarbeiter hatte in dieser Beziehung nichts zu unternehmen. So kam mir eine Lücke in der sonst bis ins kleinste ausgetüfftelten Organisation im KZ zustatten. Der Hin- und Rückmarsch zu Speer hatte meine Füße durch die neuen und für diese Gewaltexperimente ungeeigneten Schuhe arg zerschunden. Auf den Zehen und über den Knöcheln hatten sich schmerzhafte Wunden gebildet. Clemens verlangte, daß ich ins Revier ginge. Das mußte am nächsten Morgen vor dem Appell geschehen, also zwischen 4 und 5 Uhr. Diese Regelung sollte verhüten, daß ein Häftling, der bei der Untersuchung nicht als schonungsbedürftig befunden wurde, auch nur einen Tag von der Arbeit fernblieb. Ich ging also ins Revier, wo sich gewissermaßen noch zu nachtschlafender Zeit ein ungeheurer Betrieb entwickelte. Der behandlungsbedürftigen Häftlinge waren viele und sie mußten deshalb möglichst rasch vor der Beendigung des Morgenappells abgefertigt werden. Die Organisation war in dieser Beziehung von einer wunderbaren Präzision, das mußte der Lagerleitung der Neid lassen. Das Revier machte einen guten Eindruck. Ärzte waren in ausreichender Zahl vorhanden; sie waren selbst deutsche oder ausländische Häftlinge, die uns kamerad169 schaftlich mit Du anredeten. Ihre Befunde mußten allerdings vom Lagerarzt bestätigt werden. Unter ihnen befanden sich Kapazitäten, von der Sorbonne in Paris und von anderen berühmten medizinischen Akademien Europas. Ich wurde Zeuge eines interessanten Gesprächs, das mein Vordermann mit einem deutschen Arzte führte, einer schon älteren, sympathischen Persönlichkeit. Mein Kamerad wollte den Arzt zur Ausstellung einer Bescheinigung bewegen, die wohl durch den Befund nicht ganz gerechtfertigt war.„ Du weißt doch, Kamerad, was geschieht. Der Lagerarzt stellt fest, daß mein Befund nicht stimmt, ich erhalte fünfundzwanzig auf den A..., dann erhältst du fünfundzwanzig auf den A..., was ist uns beiden damit geholfen?" Der Kamerad mußte sich in die Ablehnung fügen. Mir verordnete der Arzt drei Tage Schonung, nach deren Ablauf er neue Vorstellung forderte. Der Lagerarzt bestätigte den Befund, Geschwüre, wie sie sich an meinen Beinen gebildet hatten, wurden im Revier immer als ernst angesehen. Infolge der wässrigen und fettlosen Lagerkost entwickelten sie sich rasch und zogen Wasser. Eine größere Anzahl von Häftlingen war im Laufe der Jahre an solchen Erscheinungen zugrunde gegangen. Nach Ablauf meiner Schonzeit verordnete mir der Arzt nach genauer Untersuchung wegen Herzmuskelschwäche für vier Wochen leichte Arbeit im Block. Dies bedeutete nicht etwa, daß ich in meinem Block arbeiten durfte, es hieß nur, daß ich während dieser Zeit keinem Kommando außerhalb des Lagers zugewiesen werden durfte, sondern in einer Arbeitsstelle innerhalb verwendet werden mußte. Auch diese Arbeit hatte der Arbeitseinsatz zu vermitteln. Es handelte sich dabei beispielsweise um das Sortieren von 170 Schrauben und das Stopfen von Strümpfen. Beides wurde unter der Aufsicht von Vorarbeitern in einem bestimmten Block innerhalb des Lagers verrichtet. Für Häftlinge, die dauernd arbeitsunfähig waren, ohne im engeren Sinne krank zu sein, gab es den sogenannten Schonungsblock. Er wurde von Häftlingen, die noch über einen Rest von Lebenskraft verfügten, nach Möglichkeit gemieden, weil man Kranke grundsätzlich nicht entließ. Insassen des Schonungsblocks konnten also nicht mit ihrer Entlassung rechnen. Sie galten vielmehr als Anwärter für die Entlassung durch den Schornstein. Clemens erklärte mir, er werde mich dem Arbeitseinsatz überhaupt nicht melden, sondern zu seiner Entlastung im Block beschäftigen. Dazu war lediglich erforderlich, daß er mich jeden Morgen vom Appellplatz durch die Wachen hindurchschmuggelte, weil diese streng darauf achteten, daß nur Häftlinge mit bestimmten Ausweisen in den Block zurückkehrten. Dem klugen Clemens gelang dieses Manöver jedesmal. Während der Blockälteste in der Regel ein recht bequemes Leben führte, lastete auf dem gewissenhaften Blockschreiber eine ziemliche Arbeit. Durch seine Hände ging gewissermaßen das Schicksal jedes einzelnen der 400 bis 450 Häftlinge des Blocks. Da er jederzeit im Stande sein mußte, über einen Häftling Angaben zu machen, ja da er sogar wissen mußte, in welchem Bett er schlief und welchem Tisch er zugeteilt war, ließ es sich nicht umgehen, Karteien, Blockbücher, Register und Listen unter den verschiedensten Gesichtspunkten aufzustellen und auf dem laufenden zu halten. Die Appelltafel, die die Grundlage der Appelle war, mußte zuverlässigen Aufschluß über den Verbleib jedes Häftlings geben. Die Schlußzahl hatte stets mit 171 der Zahl der tatsächlich zum Block gehörigen Häftlinge übereinzustimmen. Diese täglichen Rapporte waren auch die Grundlage für die Zuteilung der Lebensmittelrationen, vor allem an Brot, Margarine, Marmelade, Wurst oder Käse. Da in jener Zeit die Zu- und Abgänge sich in rascher Folge und in großem Umfange vollzogen, war es eine Riesenarbeit die geschilderten Einrichtungen in Ordnung zu halten. Hier setzte meine Entlastung für Clemens ein, für den ich mit Zustimmung des Blockältesten die gesamte Blockregistratur und die Konten der Häftlinge neu anlegte. Ich gewann damit einen tiefen Einblick in die Zusammensetzung der Belegschaft und die persönlichen Verhältnisse der Häftlinge. Von den rund 40 000 Häftlingen, die der Kommandantur des Lagers Sachsenhausen unterstanden, war nur etwa die Hälfte im Lager selbst untergebracht. Diese arbeiteten in Betrieben und Werkstätten aller Art, die in mehr oder weniger großer Nähe des Lagers entstanden und entwickelt worden waren. Es gab etwa siebzig bis achtzig verschiedene Kommandos. Die andere Hälfte der Häftlinge war in einer Reihe von Nebenlagern untergebracht, die in der Regel im Zusammenhang mit Rüstungsbetrieben errichtet worden waren. Zu den Kommandos zählten auch Beschäftigungen, die mit einer Betriebstätigkeit im engeren Sinne nichts zu tun hatten, wie die Schuttaufräumungs- Kommandos und die berüchtigten Bombensucher- Kommandos für GroßBerlin, für die sich Häftlinge in genügender Zahl meldeten. Nach den Mitteilungen, die mir vor einem seit zehn Jahren eingesperrten Kameraden zugegangen sind, der aus seiner früheren Zeit bedeutende Erfahrungen im Genossenschaftswesen gesammelt hatte und jetzt als Betriebsleiter im Lager tätig sein mußte, waren die Be172 triebe um das Lager Sachsenhausen auf genossenschaftlicher Grundlage aufgebaut. Da gab es Schuhfabriken, Waffenfabriken, Reparaturwerkstätten, ein Werk Heinkel- Speer, ein Werk Speer und eine Menge andere. Anteilseigner waren hohe SS- Führer. Die Betriebe, auch diejenigen, die dem Genossenschaftssystem der Lagerbetriebe nicht angeschlossen waren, mußten pro Kopf und Tag des beschäftigten Häftlings durchschnittlich 4 Reichsmark an die Lagerkasse abführen. Das sollte der Beitrag sein für die Kosten, die der Lagerleitung für die Beköstigung, Bekleidung und Unterbringung der Häftlinge erwuchsen. Der Häftling selbst erhielt für seine Arbeit eine Entlohnung, die zwischen 50 Reichspfennig und 4 Reichsmark pro Woche lag. Selbst wenn man annimmt, daß nur fünfzehntausend Häftlinge täglich im Arbeitseinsatz standen, so bedeutete das für die Lagerverwaltung eine tägliche Einnahme von 60 000 Reichsmark. Die Beköstigung war sehr primitiv. Die Bekleidung wurde zu einem erheblichen Teil aus hinterlassenem oder geraubtem Gut bestritten. Für die Unterbringung der Häftlinge waren nach den einmaligen Anschaffungskosten für die leichtgebauten Blockhütten und dürftigen Einrichtungsgegenstände, Unterhaltungs- und Erneuerungskosten nur im bescheidenen Umfange erforderlich. Es dürfte daher ein Unkostensatz von einer Reichsmark pro Häftling und Tag eher zu hoch als zu niedrig gegriffen sein. Unter der angenommenen Voraussetzung machte die Lagerleitung also ein tägliches Plus von 45 000 Reichsmark. Wie diese Überschüsse Verwendung gefunden haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Bestimmte Verdachtsmomente liegen aber sehr nahe; denn es ist Tatsache, daß eine Reihe hoher SS- Offiziere als Anteilseigner der genossenschaft173 lichen Betriebe erhebliche Gewinne in die Privatkasse gesteckt haben. Aus der Sklavenarbeit der Häftlinge haben also gewinnsüchtige Edelarier eine lukrative Einnahme gemacht. Daraus erklärt sich wohl auch das Bestreben, die Zahl der Sklaven möglichst hoch zu halten. Die arbeitenden Häftlinge waren täglich fünfzehn bis siebzehn Stunden auf den Beinen, wovon zehn bis zwölf Stunden auf die eigentliche Arbeit entfielen. Auch an den Sonntagen mußte bis 13 Uhr gearbeitet werden. Zwischen dem Abendappell und dem Schlafengehen lag eine wirkliche Freizeit von kaum mehr als eineinhalb, an Sonntagen von sechs bis sieben Stunden. In dieser Zeit durften ein paar Spaziergänge im Lager gemacht, konnte eine Zigarette geraucht, der Rundfunk gehört oder an Sonntagen den Fußball- Wettspielen zugesehen werden, die auf dem Appellplatz vonstatten gingen. Das Lager verfügte über eine umfangreiche Bibliothek, zum größten Teil wahrscheinlich Raubgut aus jüdischen Privatbibliotheken, aber die kläglichen Verhältnisse, in denen das Leben des Durchschnittshäftlings abrollte, ermöglichte es nur wenigen, diese Einrichtungen zu benutzen. Nazizeitungen und -Zeitschriften lagen auf jedem Block in reichlichem Ausmaße aus. Sie mußten von den Häftlingen selbst bezahlt werden. Kartenspiele, überhaupt Spiele, waren grundsätzlich verboten. Der Verkehr mit der Außenwelt war streng rationiert. Der normale Häftling konnte jeden Monat zwei Briefe absenden, die nicht mehr als sechzehn Zeilen auf Oktavformat enthalten durften. Fremdarbeitern war alle drei Monate ein Brief erlaubt, Bibelforschern nur fünf Zeilen monatlich. Nicht selten kamen diese„ Vergünstigungen" durch Schreibverbote überhaupt in Fortfall. Empfangen konnte der Häftling zwei Briefe oder 174 Postkarten, die aber nicht mehr als vier Seiten zu fünfzehn Zeilen enthalten durften. Briefe, die diesen Voraussetzungen nicht entsprachen, wurden einfach vernichtet. Diese infame Drosselung des schriftlichen Verkehrs mit der Außenwelt wurde von einer ganzen Schwadron von Helferinnen aus dem BDM und der Frauenschaft anhand einer umfangreichen Kartothek peinlichst überwacht. Jede nicht ganz vorsichtig abgewogene Bemerkung bewirkte, daß der Brief zerrissen oder durchgestrichen an den Absender zurückgegeben wurde. Er wurde ihm aber trotzdem angerechnet. So also sah die Fürsorge für den schwerarbeitenden Häftling aus. Seinen kärglichen Lohn bekam dieser nicht in bar, sondern in Form eines Gutscheines, den er beim Blockschreiber abgab, damit dieser eine entsprechende Gutschrift auf dem Konto des Häftlings bewirkte. Der Block lieferte die Gutscheine gesammelt der Kantine ab, bei der dann für ihn ein entsprechendes Guthaben entstand. Alle Einkäufe mußten in der Kantine getätigt werden, wobei der Blockschreiber die Bestellungen im ganzen für seinen Block machte. Es gab damals noch Briefpapier, Briefmarken, Salz, hier und da einmal Kartoffelsalat, oder, wenn der Block Glück hatte, ein Faß Braunbier. Auch Zigarren, Zigaretten, Rauch- und Kautabak konnte man kaufen, jedoch in immer schlechter werdender Qualität und in von Woche zu Woche verminderter Menge. Nach meiner Entlassung kamen alle Rauchwaren in Fortfall. Der Häftling machte seine Bestellungen beim Tischältesten, der sie gesammelt an den Blockschreiber weitergab. Nach dem Kauf wurde das Konto des Häftlings entsprechend belastet. Bier und Salz wurden nach Kopfzahl umgelegt. Es gab reiche Blocks, denen wohlhabende Häftlinge, die entlassen worden waren, größere Stiftungen gemacht hatten. Auch 175 manchen Juden wird man bei solchen Gelegenheiten geschröpft haben. In diesem Zusammenhang muß ich eine Einrichtung erwähnen, die während meines Aufenthalts im Konzentrationslager Sachsenhausen geschaffen worden ist. Sie wirft ein bezeichnendes Licht auf den kulturellen Tiefstand des ganzen Systems. Eines Tages flüsterte mir Otto, bewährter Sachverständiger in diesen Angelegenheiten zu: ,, Höre mal, Erich, ist es nicht eine Schande, mir macht man einen Vorwurf daraus, daß ich in Frankfurt zwei Puffs habe und jetzt errichtet man im Lager selbst ein offizielles Bordell." Dann erzählte er mir, der Kommandant habe die Einrichtung einer solchen Anstalt veranlaßt. Einem weiblichen Konzentrationslager habe man zehn deutsche und fünf polnische Frauen entnommen, die letzteren seien für polnische und russische Häftlinge reserviert. Die Mädchen seien gut gekleidet und in einem neben dem Revier liegenden Block untergebracht, den man für diesen Zweck hübsch anheimelnd und stilvoll hergerichtet habe. Zur Einweihung habe der Kommandant, der persönlich anwesend sein werde, die Blockältesten eingeladen. Bei Musik und Bier, Zigarren und Zigaretten sollten sie sich mit dieser Attraktion des Lagers und ihren schönen Repräsentantinnen bekannt machen. Otto ließ sich von dem immer hilfsbereiten Wilhelm Blöding, Meisterfriseur aus Torgau, rasieren, parfümieren und das Haar stilvoll schneiden und frisieren und schwirrte in das neue Lagerlusthaus ab. Er kam sehr enttäuscht zurück, erzählte, er habe sich mit seiner Dame ganz gut unterhalten, ihren Lockungen jedoch widerstanden, denn er sei von Frankfurt her etwas Besseres gewöhnt. Bald nach den Einweihungsfeierlichkeiten kam der Betrieb richtig in Gang. Sobald ein Häftling einen Besuch 176 plante, mußte er zum Arzt, der ihm nach entsprechender Untersuchung einen Unbedenklichkeitsschein ausstellte, der auch Tag und Nummer seiner Zulassung in den Berg der Venus enthielt. Dann ging er zum Blockschreiber und veranlaßte die Belastung seines Kontos mit 1 Reichsmark. Alles andere nahm dann seinen Fortgang unter der unmittelbaren Aufsicht des Lagerkommandanten. August Christ, mit dem ich die Angelegenheit besprach, sagte entsetzt: ,, Glaube mir, lieber Roßmann, wenn wir draußen unseren Freunden und Angehörigen diese Geschichte erzählen, glauben sie es nicht, und dennoch ist es schamlose Wirklichkeit." Ich konnte ihm nur beipflichten. KAPITEL 10 Bunte Blockbilder Alle Zugänge im Block kamen jetzt zu meiner Kenntnis. Eines Tages traf eine kleine Gruppe neuer Häftlinge ein, alles Leute im Alter zwischen sechzig und siebzig Jahren, Männer mit ehrlichen aber abgehärmten Gesichtern und verarbeiteten schwieligen Händen. Es handelte sich um Bauern, Handwerker und Grubenarbeiter aus Lothringen. Sie waren bedauernswerte Opfer einer letzten Hundsfötterei, die der Gauleiter Bürkel auf dem Gewissen hatte. In diesem Stadium des Krieges war es in elsäßischen oder lothringischen Familien an der Tagesordnung, daß Söhne von ihrem Urlaub nicht mehr zur Truppe zurückkehrten. Sie gingen entweder in die Schweiz oder nach Frankreich. Die 177 Verantwortung für diese Erscheinung fällt auf das Hitler- Regime zurück, das im Widerspruch zu allen völkerrechtlichen Überlieferungen die Söhne eines Landes in den Kriegsdienst gepreẞt hatte, das bei Ausbruch des Krieges zum Gebiet des Gegners gehörte. Bürkel hatte nun angeordnet, daß von jeder Familie, in der sich ein solcher Fall ereignete, ein Familienmitglied als Geisel verhaftet werden mußte. Man hatte die Wahl zwischen dem Vater, der Mutter oder einer Schwester des Fahnenflüchtigen. Da war es selbstverständlich immer der Vater, der den schweren Gang antrat, der für viele in den Tod führte. Die alten Männer hatten eine entsetzliche Fahrt hinter sich. Ausgehungert und zu Tode erschöpft, kamen sie an. Ein biederer breitschultriger Bauer namens Grusem wurde mein Bettnachbar. Vor dem Einschlafen erzählte er mir sein Schicksal. Als strenggläubiger Katholik sprach er morgens und abends sein Vaterunser. Wenn er das nicht mehr könnte, sagte er zu mir, würde er dieses Leben nicht aushalten. Er störe mich doch hoffentlich mit seinem Geflüster nicht. ,, Nein, lieber Kamerad", entgegnete ich ,,, sprich ruhig dein Vaterunser. Ich freue mich, wenn du Trost darin findest." ,, Stört es auch den Berliner Kommunisten nicht, der an meiner rechten Seite liegt?" ,, Sei versichert, den stört es auch nicht. Glaube mir, daß auch er Achtung vor deinen Gefühlen hat, wenn seine eigenen auch von ganz anderer Art sind. Wir sind alle tolerant geworden gegen die Gefühle und Überzeugungen unserer Leidensgenossen." Nach meiner Entlassung konnte ich einen Berliner Verwandten Grusems ermuntern, ihm Nahrungsmittel ins Lager zu senden. Dieser hatte keine Ahnung, daß sein Onkel aus dem Elsaß ins Lager Sachsenhausen verschleppt worden war. Leicht war es nicht, 178 den Kameraden solche Liebesdienste zu erweisen, da sie verboten waren. Das hätte mich nicht gestört, aber man durfte nichts Schriftliches aus dem Lager herausnehmen. Bei der Entlassung wurde alles gründlich durchsucht. Deshalb mußte man alle Adressen und Telefonnummern im Kopfe behalten. Hier zog das Gedächtnis eine natürliche Grenze. Ein anderer dieser Lothringer, ein achtundsechzigjähriger Grubenarbeiter, war vollständig arbeitsunfähig. Wie ein kranker Sperling im Vogelkäfig saß er da. Da zeigte sich auch Otto von der menschenfreundlichsten Seite. Er hielt ihn im Block, um zu verhüten, daß er in den berüchtigten Schonungsblock abgeschoben wurde, und deckte ihn vor der Kontrolle. Otto, Clemens und ich selbst versuchten, ihn mit unseren zusätzlichen Nahrungsmitteln langsam wieder aufzupäppeln. Als ich das Lager verließ, lebte er noch, aber ich bezweifle, ob er die Strapazen des ungewohnten Aufenthalts überstanden hat. Einige seiner Kameraden sind bald nach ihrer Einlieferung gestorben. Mein Leben im Block vollzog sich jetzt in einem bestimmten Rhythmus. Die bunt zusammengewürfelte Mannschaft bot der Nationalität nach ein Abbild des Lagers im Kleinen. Unter den Insassen befanden sich etwa hundert Reichsdeutsche, davon aber höchstens ein Drittel wirklich politische Häftlinge. Von ihnen saßen manche Kameraden schon acht und zehn Jahre im Lager. Viele junge Russen waren da, die durch gutes Aussehen, Intelligenz und Wiẞbegier auffielen. Wenn ich eine schriftliche Arbeit am Tische machte, so suchten sie immer, hinter den Zweck und die Absicht meines Tuns zu kommen, ohne dabei aufdringlich zu werden. Sie waren heiter, fröhlich und guter Dinge und von großer Dankbarkeit, wenn man ihnen, die nie ganz 179 satt wurden, etwas von den eigenen Liebesgaben ablieẞ. Sie duldeten dann nicht, daß ich die vielen kleinen Tätigkeiten, wie das Abwaschen des Geschirrs, das Forttragen der Kessel, selbst ausführte. Bei den Russen war ich nur der Stary. Ein blutjunger russischer Häftling begrüßte mich jeden Morgen mit der Frage: ,, Wie du geschlafen, Stary? Du nicht ärgern, sonst noch mehr weiße Haare. Du viel zu alt für diese Lager." Ich hatte das Kerlchen in mein Herz geschlossen, wie wenn es mein eigener Sohn wäre. In politischen Dingen waren sie alle sehr zurückhaltend, doch unverkennbar überzeugte Bolschewisten. Clemens hielt den ganzen slawischen Laden zusammen. Sein Tschechisch wußte er gewandt in Polnisch und Russisch abzuwandeln. Er ließ seine slawischen Brüder manchmal hart an, aber sie liebten ihn alle, weil er gerecht war. Nach meiner Überzeugung war er in dieser Umgebung ganz unentbehrlich. Aber Otto schien das nicht einzusehen, dauernd rieb er sich an Clemens, was den wackeren Mann, der unter der Sehnsucht nach seiner Familie und vor allem nach seinen beiden Enkeln, die er noch nicht gesehen hatte, schwer litt, stets von neuem kränkte. Wiederholt drohte es zum Bruch zu kommen; bald nach meinem Weggang ist das dann auch geschehen. In unserem Block wurde nicht aus Prinzip geschlagen. Es kam vor, daß junge Russen und Ukrainer einander prügelten, wenn sie glaubten, vom anderen übervorteilt worden zu sein. In einem solchen Fall konnten sie kräftig gegeneinander ausholen und manchmal gab es auch Blut, aber zum Schluß folgte immer eine Versöhnungszene. Otto drohte wohl manchmal mit dem Schlagen, doch blieb es in der Regel bei der Drohung. Kam es doch einmal so weit, dann geschah es als Antwort auf die Unart irgendeines Häftlings, etwa so wie 180 ein Meister den Lehrling ohrfeigt. Otto reagierte seine dämonischen Regungen durch ununterbrochenes Räsonieren ab. Sein Block galt darum als human und es schien, als ob Otto darauf stolz sei. In dieser Einstellung suchte ich ihn nach Möglichkeit zu unterstützen. Der Zuchthäusler war nicht in jeder Hinsicht eine schwarze Seele, aber er war jähzornig, rechthaberisch und geltungsbedürftig, ehrgeizig und unberechenbar wie ein Blindgänger, von dem man nie weiß, nach welcher Seite er losgeht. Es war gefährlich, seiner äußerlichen Biederkeit allzusehr zu vertrauen und sich in Sorglosigkeit zu wiegen. Die Bestie im Menschen konnte dann nur zu leicht in ihm erwachen und Unheil anrichten. Durch Clemens Freundschaft und Ottos Duldung war ich wider Erwarten schnell in den ,, Führerkreis" des Blocks aufgestiegen. Ich konnte meine Tagesstunden einteilen, wie es mir beliebte. Zwar mußte ich wie alle anderen morgens um 3 Uhr aufstehen, aber ich konnte, wenn ich das Bedürfnis hatte, nach dem Appell noch einmal eine Stunde liegen und auch nach dem Mittagessen etwas ruhen. Man brachte mir Vertrauen entgegen, wodurch mir manche Beobachtung möglich war, die anderen versagt blieb. Ottos Stübchen war tagsüber und nach Feierabend, wenn die Mannschaft zu Bett gegangen war, der Treffpunkt einer gewissen Kategorie alter Häftlinge, an denen man interessante psychologische Studien machen konnte. Als Block-, Stubenälteste oder Vorarbeiter genossen sie eine gewisse Freizügigkeit im Lager. Da war zunächst die Schicht, die Otto mit Recht als seinesgleichen empfinden konnte: Alte Schwerverbrecher, echte Asoziale und Elemente, die in einem ewigen Widerstreit mit aller Ordnung leben. Wenn sie ihre Erfahrungen und Ansichten untereinan181 der austauschten, lief es mir manchmal eiskalt den Rücken hinunter. Ihre Parole war: Betrug ist nicht unsere Sache. Wir brechen nur ein und nehmen was der andere zuviel hat. Wer uns dabei in die Quere kommt, muß auf der Hut sein. Einmal schilderte ein alter Zuchthäusler sein Debüt im Zuchthaus. Der Direktor, von der Mutter des Verurteilten beeinflußt, empfängt ihn freundlich: ,, Sie können es bei uns gut oder schlecht haben. Die Wahl liegt ganz bei Ihnen. Wenn Sie sich der Ordnung in diesem Hause fügen, arbeitsam und zuverlässig sind, werden Sie leicht über Ihre Strafzeit hinwegkommen. Sie können aber auch das Gegenteil erreichen, wenn Sie etwa auch hier in allem in dem Geiste handeln, der Sie hierhergeführt hat. Nun mein Sohn, wofür wollen Sie sich entscheiden?" ,, Du kannst mich am A.... lecken!" habe er dem Direktor als Antwort ins Gesicht gebrüllt. Ein Klingelzeichen! Darauf habe es mit zwei starken Wärtern eine furchtbare Schlägerei gegeben. Man habe einige Zeit gebraucht, um ihn zu überwältigen. Die Wärter schleppten ihn dann in eine Kellerzelle und unterzogen ihn einer langandauernden Kaltwasserkur, die sich einige Zeit täglich wiederholte. Er habe die Zähne zusammengebissen und den festen Willen gehabt, sich nicht klein kriegen zu lassen, aber diese Behandlung, mehrere Tage kein Essen und anschlieBend lange Zeit hindurch nur Wasser und Brot mache zuletzt auch den wildesten Vogel so zahm, daß er aus der Hand fresse. Mit einem gewissen Stolz ließ unser Held durchblicken, daß er im Grunde immer noch der schwere Junge sei, wie in seiner Sünden Maienblüte. Er hatte einen unvorstellbar rohen und gewöhnlichen Gesichtsausdruck. Das moralische Irresein war das Kennzeichen dieser Gruppe von Häftlingen, von der 182 unser Bravo ein Prototyp war. Heute war er Ottos Freund und Kollege und wie dieser Blockältester im Lager Sachsenhausen. Dann waren da die Häftlinge, die wie jene Berufsverbrecher mit Welt und Gesellschaft ewig auf dem Kriegsfuẞe lebten, aber doch von ganz anderen seelischen Kräften getrieben wurden als diese. Das Denken, Fühlen und Wollen dieser Menschen lief immer neben und gegen das Bestehende. Sie hatten in manchem, oft in vielem recht, aber ihr Ausgangspunkt war in der Regel falsch. Moderne Michael- Kohlhaas- Figuren, konnten sie nicht begreifen, daß das subjektive Recht zu einem schweren Unrecht werden kann, wenn es auf eigene Faust und nicht durch die Organe der Gesellschaft verwirklicht wird. Sie waren aus dem Holze geschnitzt, aus dem, wie Nietzsche sagt, die großen Brecher der Ordnung am Tafelwerk der Geschichte wachsen, die die Umwertung aller Werte mit Gewalt erstreben. Gelangen sie zu Einfluß auf die Masse, so sind sie immer gefährlich, im Guten wie im Schlimmen. An ihr Ziel gelangen sie nur, wenn ihr Streben sich mit dem GroBen und Notwendigen deckt und im Einklang steht mit der Entwicklung der Welt. Kommen sie vorübergehend zur Macht, ohne daß diese Voraussetzung erfüllt ist, so wird das Unheil, das sie anrichten, um so größer, je länger sie sich behaupten. Auch Hitler gehörte im gewissen Sinne zu ihnen. Die deutsche Geschichte kennt eine Reihe von Episoden, in denen Menschen von solcher Prägung den Mittelpunkt bildeten: im Bundschuh am Main, im Armen Konrad in Württemberg, in den Bauernunruhen von Thomas Münzer, in den Kursächsischen Umtrieben des Kohlhaas. Im Zusammenhang mit den Ereignissen im November 1918 waren einige Leute dieser Art zu staatlichen Funktionen und zu ho183 hem Rang gekommen, Eintagsfliegen in diesem Bereich, die bald ihre gewohnte Straße schritten, die von Hochverratsverfahren zu Festungshaft, Gefängnis und Konzentrationslager führte. Oft zeichneten sie mit scharfem Verstand die Umrisse des Kommenden, in dem sie auf ihre Stunde hofften. War es aber da, dann zeichneten sie wieder. Im Lager hatte sich bei einigen alten Freunden meine Anwesenheit herumgesprochen. Zu ihnen gehörte Clemens Hoegg aus Augsburg. Wir lernten uns vor dreiunddreißig Jahren kennen. Ich übernahm damals die Redaktion der neugegründeten sozialdemokratischen Tageszeitung in Ulm an der Donau. Hoegg war ein junger Schmied in Neu- Ulm, ein kraftvoller und beweglicher Bursche, auf den man in der Partei bereits aufmerksam geworden war. Nach dem Weltkrieg war er Parteisekretär in Augsburg und bayrischer Landtagsabgeordneter geworden. Seinem Wesen nach war er Schmied geblieben. Eines Tages kehrt er von einer Werbereise zurück und sieht in dem Wagen der Parteidruckerei vor dem Parteihause in Augsburg einen bekannten SS- Mann dieser Stadt sitzen. Als er den Geschäftsführer der Druckerei zur Rede stellt, sagt ihm der: ,, Der SS- Mann ist ein Schulfreund von mir, ein ganz harmloser Mensch, ein Narr, den man nicht ernst zu nehmen braucht. Er ist arbeitslos und möchte etwas verdienen. Da habe ich ihm erlaubt, die ,, Volkszeitung" in die Landorte zu fahren. Er tut es für 2 Reichsmark pro Tag." Da hat es den Schmied aber gepackt:„ ,, Du bist ein Rindvieh!" erwidert er dem Geschäftsführer. ,, Unsere Parteigenossen schlagen uns tot, wenn sie dahinter kommen. Draußen prügeln wir uns mit der Gesellschaft herum und hier setzen sie sich an das Steuer unseres Wagens. Der Mann muß sofort weg." Hoegg 66 184 eröffnete dann selbst dem SS- Mann deutlich aber höflich, daß er als Pg. und SS- Mann die Unmöglichkeit der Situation selbst einsehen müsse. Ein Jahr später erhält dieser Mann, ich habe leider seinen Namen vergessen, als SS- Führer eine herausgehobene Stellung im Konzentrationslager Dachau. Dorthin war auch Hoegg verbracht worden. Nun nimmt der SS- Mann niedrigste Privatrache an dem Mann, der ein Jahr zuvor nur getan hatte, was seine Pflicht war. Er läßt Hoegg kommen und sagt ihm: ,, Du weißt doch, Freundchen, was Du mir angetan hast. Wir haben zusammen noch ein Hühnchen zu rupfen und Du wirst an mich denken." Und Hoegg hatte wahrlich Gelegenheit an diesen Halunken zu denken. Er wurde geplagt, geschunden, miẞhandelt, daß es nur so eine Art war. Aber im Laufe des Jahres 1934 wurde er entlassen, weil sein Peiniger versetzt worden war. Nun hatte Hoegg einige Jahre seine Ruhe, soweit ein Antifaschist im Dritten Reiche von Ruhe reden konnte. Im Frühjahr 1940 wird er plötzlich ohne den geringsten Anlaß von neuem verhaftet, zu seiner Verwunderung aber nicht in das Lager Dachau verbracht, das für ihn als Bayer zuständig war, sondern nach Sachsenhausen. Durch Zufall kam er hinter dieses Geheimnis. Sein Feind, der SS- Sadist aus Augsburg, hatte die Würde eines Lagerführers in diesem KZ. erklommen und es zu schieben gewußt, daß Hoegg verhaftet und ihm ausgeliefert wurde. Nun ging der Tanz von neuem los. Hoegg sollte langsam zu Tode gequält werden. Das war eine schwere Arbeit, denn der Schmied war hart auch gegen sich selbst. Eineinhalb Jahre lang wird er in den Bunker gesperrt, das heißt, er kam in ein kellerartiges Zementgewölbe, in dem man nicht aufrecht stehen und gehen, sondern nur hokken und liegen konnte. Selbstverständlich war kein 185 Stuhl da, kein Tisch und nicht einmal ein Bett. Man mußte auf dem bloßen Zementboden liegen mit ein paar Decken zum Einwickeln. Die Nahrung bestand häufig nur aus Wasser und Brot. Hoegg mußte allen ,, Sport" des Lagers, so nannte man die Menschenquälerei, in den verschiedenen Abstufungen, durchmachen. Erst als die Nachricht von dem Feldtode seines einzigen Sohnes im Lager eintrifft, wird er aus der Isolierung frei. Jetzt durfte er mit den Kameraden im Block wohnen, aber die Nachwirkungen der seelischen und körperlichen Behandlung blieben nicht aus. Schwere Krankheit brachte ihn fast ein Jahr lang ins Revier. Rippen müssen herausgenommmen, ein Bein muß lange behandelt werden. Inzwischen hatte der Schuft aus Augsburg seinen Posten verlassen. Auch hatte sich die Behandlungsmethode des Lagers etwas gebessert, weil man die Menschen für die Arbeit brauchte. Hoegg kommt auf ein Kommando, ist aber häufig krank. Das Schlimmste hat er überstanden, körperlich zwar schwer angeschlagen, aber geistig ungebrochen, stand er vor mir, als er seine Geschichte erzählte. ,, Es gibt im Leben keine Nacht, die nicht noch ihren Schimmer hätte." Trotz des Elends und des Grauens, das mir im Konzentrationslager auf Schritt und Tritt entgegentrat, behielt Gottfried Keller mit diesem Satz auch hier recht. Unmittelbar nach meiner Aufnahme im Block 26 sagte Clemens zu mir: ,, Wenn du in der deutschen Kriegsversorgung tätig warst, müßtest du eigentlich auch den Ministerialrat Nedoma kennen, der im Sozialministerium der tschechisch- slowakischen Republik die Führung der Opfer des Krieges unter sich hatte." Tatsächlich hatte ich ihn bei einer Konferenz in Prag anläßlich eines Bankettes, bei dem er die Regierung vertrat, kennengelernt. Clemens sagte mir nun, 186 daß Nedoma seit vier Jahren im Lager weile und früher zum Block 26 gehört habe. Er trug seinen Namen jetzt mit recht, denn Nedoma heißt auf deutsch: Nichtzu- Hause. Clemens rief ihn herbei, denn Nedoma arbeitete in einem benachbarten Block als Strumpfstopfer. Die Überraschung und die Freude über dies unverhoffte und eigenartige Wiedersehen war auf beiden Seiten gleich groß. Am nächsten Nachmittag bereitete ich in meinem Block einen Imbiß, den ich aus den Schätzen meines Vorrates und unter gütiger Mithilfe von Clemens verhältnismäßig reichlich gestalten konnte. Dann rief ich Nedoma und hielt folgende Ansprache: ,, Lieber Herr Ministerialrat, es hat mich schon immer bedrückt, daß ich bisher nie Gelegenheit gehabt habe, mich für das Bankett der tschechisch- slowakischen Regierung, das mir aus dem Jahre 1931 in so angenehmer Erinnerung ist, zu revanchieren. Ich begrüße es daher, daß ich jetzt, wenn auch in wenig angenehmer Umgebung, und unter tragisch veränderten Umständen, sowie mit großer Verspätung in der Lage bin, mich dafür erkenntlich zu zeigen. Nehmen Sie bitte Platz und genießen Sie hier das wenige, das ich Ihnen bieten kann." Nedomas Augen wurden feucht. Wir plauderten eine halbe Stunde über vergangene Tage. Inzwischen waren wir beide alt und grau geworden, aber in unseren Herzen lebte noch immer die Sehnsucht nach der Freiheit und der Wille, mitzuhelfen, daß unsere beiden Völker sich gegenseitig verstehen lernten. Nedoma litt sehr unter der langen Dauer der Haft. So oft ich ihm in der Folge begegnete, suchte ich ihn aufzurichten. Das Heimweh nach Prag, nach der Familie packte ilm immer wieder. Besonders nachdem er die Hoffnung schwinden sah, daß der Krieg noch im Herbst zu Ende gehen werde und er Weihnachten im 187 Kreise seiner Familie feiern könne. Er hatte Angst vor dem Winter und fürchtete, ihn nicht zu überleben. Hoffentlich ist diese Befürchtung grundlos gewesen. Aus Dankbarkeit für meine Aufmerksamkeit hat mir der Ministerialrat aus Prag zwei Paar Strümpfe gestopft, gewissenhaft und kunstgerecht, wie er es in Sachsenhausen hatte lernen müssen. Tagsüber gab es im Block manche stille Stunde. Die Belegschaft war bei der Arbeit, und Otto schlief hin und wieder. Da geschah es manchmal, daß der Stubenälteste Franz Müller aus dem Nachbarflügel für eine Viertelstunde herüberkam und einige ergreifende Weisen auf seinem Schifferklavier spielte. Diese Musik konnte ich ertragen, der Nachklang war ein anderer wie im Block 26. Manchmal freilich mußte ich mich in den Schlafsaal flüchten, um vor den Kameraden die seelische Erschütterung zu bewahren, die die Töne in mir bewirkten. Aber ich war für die Abwechslung dankbar und gewann den Spieler lieb. Franz Müller, eine große Erscheinung, war seit dem 5. Juli 1941 im Lager. Beim Appell maß er den Block mit der Grandezza eines österreichischen Feldmarschalls, wobei ihn die großen scharfen Augen wirksam unterstützten. Er war ins Lager gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Vor dem Kriege war er selbständiger Handelsvertreter und als solcher suchte er sich auch im Kriege zu behaupten, indem er sich dem zwangsweisen Arbeitseinsatz entzog. Zehntausenden war das gelungen, ihm nicht. Kleine Verstöße gegen die Gewerbeordnung kamen hinzu, doch handelte es sich um Lappalien, die normalerweise nie dazu führen durften, einen Menschen jahrelang der Freiheit zu berauben, und ihm das Stigma des Asozialen aufzudrücken. Politisch konnte man ihm nichts vorwerfen. Freilich war er einmal in 188 einem Prozeß, durch dessen Ausgang sich einige NaziBonzen kompromittiert fühlten, als Zeuge aufgetreten. Vielleicht war dies der wahre Grund für seine Verschickung ins Lager. Franz sorgte gut für seine Kameraden, hatte Einfälle, besaß Phantasie und entwickelte Initiative. Das weckte Ottos Eifersucht, der gegen die ,, Flügelpolitik" meckerte. Ich fürchte, es ist auf die Dauer auch mit Otto und Franz nicht gut gegangen. Aus deutschen Häftlingen seines Flügels hatte Franz ein Quartett zusammengestellt, das nach Feierabend, namentlich an Samstagen, schöne deutsche Volkslieder sang. Dazu wurde ich jeweils eingeladen, denn Franz brachte mir in steigendem Maße seine Freundschaft entgegen und vertraute mir seine geschäftlichen und persönlichen Sorgen an. Nach meiner Entlassung erhielt ich zu meiner Überraschung einen Brief von seiner Mutter aus Wien. Er mußte es also verstanden haben, einen Brief mit meiner Adresse unter Umgehung der Zensur aus dem Lager zu schmuggeln. Es folgte ein Briefwechsel zwischen mir und der um das Schicksal ihres Sohnes besorgten Frau, den ich solange fortsetzte, bis Gründe der Vorsicht mir nahelegten, ihn im Interesse aller Beteiligten einzustellen. Die Briefe der Mutter sind ein erschütterndes Dokument der Sorge und der Qual, in die die Angehörigen infolge der Ungewißheit über das Schicksal der Häftlinge versetzt wurden. Bei Franz traf ich einmal einen Häftling, der sich als Verweyen, Professor der Psychologie an der Universität Bonn vorstellte. Er war im Lager Sprachlehrer. So etwas gab es nämlich. Er lehrte Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. Häftlinge, deren Arbeitseinsatz es zulieẞ, konnten an Sprachkursen teilnehmen. Hierfür kam selbstverständlich nur eine geringe Zahl in 189 Betracht, die, wie die Blockältesten und andere Funktionäre, mit ihrer Arbeit nicht an bestimmte Tagesstunden gebunden waren. Der Sprachlehrer suchte seine Zöglinge, zu denen auch Franz gehörte, im Block auf. Der Unterricht, der zwei- bis dreimal in der Woche stattfand, dauerte immer nur zwanzig bis dreißig Minuten. Einige Male nahm ich auch daran teil, um meine Kenntnisse der französischen und englischen Sprache etwas aufzufrischen. Die meiste Zeit verbrachten wir jedoch mit Diskussionen, die auf ganz anderem Gebiete lagen. Professor Verweyen war im Zusammenhang mit dem Flug von Rudolf Heẞ nach England im Mai 1941 ins Konzentrationslager gebracht worden. Ob er persönliche Beziehungen zu Heß hatte und von diesem Flug wußte oder ob er zum Kreise der Wahrsager und Hellseher um den Stellvertreter Hitlers gehörte, weiß ich nicht. Ich habe Verweyen darüber nicht befragt, zumal er sich in diesen Dingen große Zurückhaltung auferlegte. Im Lager nahm man allgemein an, daß Verweyen Heẞ das schlimme Ende des Krieges vorausgesagt und ihn dadurch zur Flucht bewogen habe. In Wirklichkeit war Heß im Einverständnis mit Hitler nach England geflogen, um dort mit gewissen Kreisen, die zu Churchill in Opposition standen, Verbindung aufzunehmen und nach Möglichkeit für Deutschland einen Frieden zu erwirken auf der Basis der freien Hand im Osten. Um das katastrophale Ende dieses Krieges vorauszusagen, hätte es allerdings nicht so sehr der Kunst bedurft, in den Sternen lesen und mit übersinnlichen Mächten korrespondieren zu können, als vielmehr der nüchternen Kenntnis der politischen Konstellationen und machtpolitischen Kräfteverteilung der Welt und einer gehörigen Dosis gesunden Menschenverstandes. Es war aber damals 190 kennzeichnend für den geistigen Zustand vieler Deutschen, daß sie ihr Bedürfnis nach Gewißheit weniger durch eigenes kritisches Nachdenken als durch Botschaften aus dem Bereich des Übersinnlichen zu befriedigen suchten. Dieser Hang zur Mystik war eine Folge der nationalsozialistischen Verdummungspolitik, die sich in diesem Falle aber gegen ihre eigenen Urheber richtete. Fast alle Prophezeiungen der Wahrsager kleineren und größeren Formats richteten sich gegen das Hitlersystem und sagten seinen Untergang voraus. Die Verbreiter wurden darum als Zersetzer der Volksstimmung isoliert und in die Konzentrationslager verbracht. Ihr Schicksal glich dem der Ernsten Bibelforscher. Sie galten als politische Häftlinge, obwohl ihr Tun mit zweckbewußtem politischem Handeln wenig oder nichts zu tun hatte. Ein Häftling, der zu dieser Kategorie gehörte, war Rudi H. aus Berlin- Charlottenburg, ein kleiner, beweglicher Herr mit lebhaften Augen. Er war im Nachbarflügel beschäftigt und besuchte uns oft tagsüber. Sein heiteres Wesen, seine unbedingte Nazifeindschaft und die Eifrigkeit, mit der er alle Neuigkeiten im Lager verbreitete, machten ihn zu einem beliebten Kameraden. Er war Chiromant und Astrologe, doch konnte er sich, da es ihm an einschlägigem Handwerkszeug fehlte, in der letzteren Eigenschaft weniger betätigen. Dagegen hat er oft Proben seiner Handlesekunst gegeben. Dabei gab es manchen heiteren Zwischenfall. Nicht selten traf er das Richtige. Selbst mein skeptischer Freund Bethge fand, daß Rudi manchmal Erstaunliches leiste. Rudi wollte auf Veranlassung eines Generalstabsoffiziers verhaftet worden sein, weil er den Zusammenbruch bei Stalingrad sechs Monate im voraus prophezeit habe. Seinen Ruhm hat jedoch die Tatsache be191 99 gründet, daß er Pfingsten 1944 vorausgesagt hatte, daß am 20. Juli des gleichen Jahres sich in Deutschland etwas ereignen werde, das in der ganzen Welt eine Sensation hervorrufen werde. Diesem Treffer standen aber Fehlspekulationen gegenüber, wie die Vorhersage des deutschen Zusammenbruchs für Mitte November 1944. Sie beeinträchtigten den Glauben an Rudis Unfehlbarkeit wieder stark. Gleich zu Beginn meiner Bekanntschaft mit Verweyen fragte ich diesen, was er von Rudi halte. Der Kleine kann viel", antwortete er ,,, und hat erhebliche Kräfte in sich".„ Halten Sie überhaupt etwas von diesen Dingen", fragte ich ihn weiter. ,, Gewiß, sehr viel", erwiderte er ,,, sie gehören ja zu meinem wissenschaftlichen Tätigkeitsgebiet, auf dem ich mich mit dem Spiritismus und verwandten Erscheinungen auseinandersetzen muß." Prof. Verweyen war ein unbedingter Anhänger des Spiritismus. Seine Heranziehung als wissenschaftlicher Sachverständiger zu vielen Prozessen, die sich um die Glaubwürdigkeit von spiritistischen Medien drehten, war für ihn Anlaß geworden, sich mit dem Problem des Spiritismus besonders zu beschäftigen. Statt die Medien als Betrüger zu entlarven, gelang es vielen von ihnen, ihn von der Tatsache und Wahrheit eines Verkehrs mit den Seelen Verstorbener zu überzeugen. Verweyen hat mir bei dieser Gelegenheit erstaunliche Fälle, die man sich nicht erklären kann, berichtet. Es waren Geschichten, die der Phantasie E.T.A. Hoffmanns entsprungen sein konnten, nur mit dem Unterschied, daß das, was bei diesem romantischen Erzähler von vornherein als Märchen erscheint, hier als Wirklichkeit behauptet wurde. Trotzdem blieb ich skeptisch, denn ich stehe in diesen Dingen noch da, wo Goethe vor einhundert Jahren aufgehört hat. Am 10. Februar 1830 schrieb er an Friedrich von Müller: 192 ,, Ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur parallel an mir vorüberlaufen lassen. Zwar bezweifle ich nicht, daß diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen, aber er ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den ich nicht berufen bin. Ich habe nie eine Somnambule sehen mögen." Wie ich später erfahren habe, ist Prof. Verweyen im März 1945 im Konzentrationslager in Belsen, wohin er nach meinem Weggang offenbar verbracht worden sein muß, verschieden. Weihnachten 1944 noch schrieb er in einem Brief:„ Die Wochen und Monate fliegen dahin im Wirbel der Ereignisse. Wohl denen, die einen ewigen, ruhenden Pol in sich tragen. Ich verbringe diese Jahre der Verbannung in unentwegter Heiterkeit und Gelassenheit des Gemüts und beklage vom inneren Leben aus wirklich keine verlorene Zeit. Im Gegenteil: Die Ernte ist riesengroß, die Bilanz positiver und aktiver denn je, also Glück genug." KAPITEL 11 In memoriam Ernst Heinrich Bethge ( geb. 12. 10. 1878, gest. 11. 11. 1944) Wir lernten uns im Block 26 kennen. Zwei bis drei Wochen waren wir achtlos aneinander vorbeigegangen. Von Haus aus war Ernst Pädagoge, aber einer, der das ganze pädagogische Blendwerk von heute als nutzlosen Plunder ablehnte. Er hielt es für ein ganz ungeeignetes Mittel, die Jugend zum Idealismus und 193 zu edler Hingabe für die Gesamtheit zu entwickeln. In vielem sah er nur ein Mittel, die Fähigkeit auszubilden, materielle Güter zu erwerben oder zu erhalten, kurz, Geld und Reichtum anzuhäufen. Dahinter aber lauerte nach seiner Ansicht die Verderbtheit der Seele. Ihm war aber die Jugend das Höchste, sie war sein Himmelreich. Auch für sich träumte er von ewiger Jugend. Und wirklich war sein Denken und Tun selten jugendlich. ,, Lieber Erich, ich fühle mich noch gar nicht alt. Die meisten Menschen um mich herum kommen mir alle viel älter vor als ich selbst, auch wenn sie den Jahren nach viel jünger sind." Das beteuerte er mir wiederholt. ,, Ich habe noch viel zu tun," meinte er ein andermal ,,, mir steckt der Kopf voller Gedanken über das, was ich jetzt erlebe." So paradox es klingt: Zunächst war Bethge nicht ungern im Lager. Er betrachtete die ersten Wochen seines Aufenthaltes etwa so, wie der Forscher eine Exkursion in eine unbekannte Wildnis oder besser, wie einen Ausflug in die Hölle. Da gab es allerdings viel zu sehen, zu hören, in sich aufzunehmen, auch wenn man sich selbst den Gesetzen dieser verrückten Lebensgemeinschaft beugen mußte. ,, Ich bin geradezu froh," sagte er mir ,,, daß mich das Schicksal noch hierher geführt hat. Wie hätte ich sonst diese Zustände, diese unerhörten Qualen, die schamlose Erniedrigung, überhaupt diesen unbegreiflichen Irrsinn verstehen können, wenn ich dies nicht alles selbst gesehen und erlebt hätte." Er wollte die Geschehnisse, die hier vor ihm abrollten, dichterisch für Film und Bühne verarbeiten. Früher als alle seine Kameraden legte er sich am Abend auf das armselige Lager. Im Schlafraum grübelte und dichtete er. Es war nicht möglich, etwas aufzuschreiben.„ Das macht nichts," erklärte er mir ,,, ich habe jetzt alles im Kopf, 194 das ganze Werk über das Lager ist fertig. Allerdings wäre es nun an der Zeit, aus dem Bunker herauszukommen, nur heraus, nur heraus!" Warum er überhaupt hineingekommen war, wußte er so wenig, wie Tausend andere. Unmittelbar vor 1933 war er weder Mitglied der Kommunistischen noch der Sozialdemokratischen Partei gewesen. Aus der SPD. war er bereits im Jahre 1923 ausgeschieden, wegen eines schulpolitischen Konflikts in Frankfurt a. M., wo die Tradition an der Simultanschule festhielt, während er kompromiẞlos die weltliche Schule forderte. Parteipolitische Tätigkeit lag ihm nicht, dagegen gehörte er pazifistischen Organisationen an wie der Liga der Menschenrechte. Das wird auch wahrscheinlich in seinen Gestapoakten angestrichen gewesen sein. Für Schule und Film hatte er eine ungewöhnliche literarische Tätigkeit entwickelt. Die meisten Lehrer kannten seinen Namen. Schüler, die das Glück hatten, durch seine Hände zu gehen, hegten eine schwärmerische Verehrung für ihn. 1933 hatte man ihn aus der Schule gejagt. Seit dieser Zeit lebte er als Bühnenschriftsteller und schrieb Texte für Opern, Operetten und Singspiele. Auch an eigenen kleinen Kompositionen versuchte er sich. Später habe ich Textbücher von ihm gelesen. Aus ihnen spricht ein heiteres glückliches Wesen und eine lautere Liebe zur Heimat und zu seinem Volk. Ernst war nicht leicht zu gewinnen. Nur langsam glichen sich unsere Seelen aneinander an. Er lehnte alle Tradition ab, wollte nur aus Zeit und Wirklichkeit schöpfen, also einen neuen modernen Realismus auf allen Gebieten der Kunst verwirklichen. Sein Blick war nach Osten gerichtet. Der nach Rußland emigrierte deutsche Dichter Weinert war sein Freund. Er liebte russische Musik, russischen Gesang und die russische 195 Dichtung, von der er behauptete, sie sei deshalb besonders zu schätzen, weil sie mit der Antike nicht belastet sei. Von ihr erwartete er viel für die innere Bereicherung der Menschheit. Darum stellte er auch Dostojewski über Goethe. In der Ablehnung von Antike und Tradition ging ich mit ihm aber nicht einig, doch hat dieser Gegensatz unsere zahlreichen Unterhaltungen über alle möglichen geistigen Probleme nur fruchtbarer und für beide Teile genußreich gemacht. Aus den Blockakten kannte ich seine Personalien und wußte, daß er am 12. Oktober sein sechsundsechzigstes Lebensjahr vollendete. Mit Unterstützung von Clemens wollte ich ihn überraschen. Ein junger, künstlerisch veranlagter Russe zeichnete ein Gedenkblatt mit stilisierten Ornamenten, auf denen ein Orchester von Engeln saß, das Amor von der Höhe aus dirigierte. Mit unendlicher Geduld und Sorgfalt hatte der Russe meine deutschen poetischen Glückwünsche auf das Blatt gemalt. Alle Freunde setzten ihren Namen unter die Geburtstagsadresse. Clemens stiftete einen besonderen Beitrag, indem er aus der Kantine eine neue Schüssel aus Steingut beschaffte, die unser Russe auf der einen Seite mit dem Lorbeerkranz zierte, in dessen Mitte unter den Daten der Geburt und des heutigen Geburtstages der Name des Gefeierten erschien, während auf der anderen Seite Violinschlüssel und Noten den musischen Charakter Bethges andeuteten. Wertvoller als alle Symbolik war es jedoch, daß Clemens die Schüssel mit begehrten Erzeugnissen seiner Kochkunst füllte. Auf dem schlichten Holztische prangten Blumen, letzte Boten des Herbstes. Ernst konnte vor Rührung kaum ein Wort hervorbringen. Am Nachmittag durfte er der Arbeit fernbleiben, denn Otto und Clemens deckten das Versäumnis gegenüber dem Vorarbeiter- es gibt 196 im Leben keine Nacht, die nicht noch ihren Schimmer hätte. Daß der Arbeitseinsatz des Lagers mit einem solchen Manne nichts anzufangen wußte, ist fast verständlich. Kurze Zeit arbeitete er im Büro eines großen Lagerwerkes, dann mußte er wenige Tage vor seinem Geburtstag den Arbeitsplatz wechseln und Schrauben sortieren. Neunzig Russen, alte Kriegsgefangene aus dem Jahre 1941, waren seine Arbeitskameraden. Sie liebten ihn sehr und begrüßten sein Erscheinen stets mit einem russischen Volkslied. Das war für ihn jedesmal ein Erlebnis, und seine Augen strahlten glücklich, wenn er mir nach Feierabend davon erzählte. Das Schraubensortieren war, keine schwere Arbeit, jedoch können zarte Künstlerhände dabei leicht Schaden nehmen. Fingerspitzen und Nägel werden wund, sodaẞ Rost eindringen kann. Phlegmone, Allgemeinvergiftung, ist die Folge. Am 11. November, zwanzig Tage nach meiner Entlassung, lag Ernst Musikus, so hieß er im Block nach seinem Geburtstag nur noch, tot in einem der armseligen Betten des Reviers. ,, Seine Asche" wurde den Angehörigen„ kostenfrei" zugestellt. Am 30. Dezember 1944 sind die sterblichen Überreste von Ernst Heinrich Bethge in Naumburg zur Ruhe gebracht worden. Nun verschläfst Du, lieber Freund, die Zeit, in der Du Dich von den Ketten befreit hofftest, in die man Dein künstlerisches Wollen geschlagen hatte. An Dir und allen Kameraden, die Dir im Sterben im Lager vorausgegangen oder nachgefolgt sind, wird sich das Wort Virgils erfüllen:„ Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor! Erstehen wird aus eurem Staube ein Rächer!" 26.1 197 III. Das Ende KAPITEL 1 Berliner Zustände Ostern 1945. Nach meiner Entlassung fand ich zu Hause nicht die Ruhe, die ich erhofft hatte. Auf Schritt und Tritt fühlte ich mich von der Gestapo verfolgt. Wollte ich Berlin verlassen, mußte ich mich bei ihr vorher abmelden. Neue Verhaftungen und neue Hinrichtungen von Freunden kamen zu meiner Kenntnis. Wenn es am frühen Morgen an der Korridortüre klingelte oder klopfte, mußte ich draußen die Häscher vermuten. Manche Nacht schlief ich bei Freunden und Bekannten, um dieser ständigen Belastung des Nervensystems zu begegnen. Der bedrohliche Anmarsch der Russen verschärfte noch die Gefahr. Immer stärker wurde die Sehnsucht, wenigstens noch einige Tage die unglückliche Reichshauptstadt zu verlassen. Freudig nahm ich daher die Gelegenheit wahr, nach Eberswalde und Biesenthal zu fahren. Sonnenschein wechselte mit Wind und Regen. Zwar erinnerten in der schönen Stadt am Rande der Höhenzüge des linken Oderufers Barrikaden an den Zugangswegen und in der Umgebung an die unheimliche Nähe der Ostfront. Häufige Luftalarme beunruhigten die Bevölkerung noch mehr, als es das Herannahen der Kampfhandlungen 198 schon tat. Die Stadt war noch so gut wie unversehrt, aber in den Gesichtern ihrer Bewohner spiegelte sich die bange Frage um das Morgen und das schließliche Schicksal ihrer Heimat in diesem Kriege. Wir selbst atmeten für wenige Stunden auf, denn unsere Augen ruhten nicht mehr wie in dem grausam zerfetzten Berlin bei jedem Schritt auf dem Schutt und den Trümmern zerstörter Häuser, Wohn- und Kulturstätten. Das Gemüt fühlte sich für kurze Zeit etwas entlastet von der Schwere des Leids, der Not und der Verzweiflung, die fremdes und eigenes Schicksal ihm täglich aufbürdete. Noch einmal prägte sich in die Erinnerung ein Bild dessen, was gestern war, die glückliche Unversehrtheit, die heute noch ist und die vielleicht in Minuten schon für immer zerstört sein kann. Bis zum Nachmittag des Ostersonntags blieben wir in Eberswalde, dann fuhren wir nach Biesenthal, wo wir für den Rest der Feiertage Gäste von Helene Plottke waren. Sie war die Witwe meines alten Freundes Paul Plottke, den man 1933 monatelang ins Lager Oranienburg gesperrt hatte. In Biesenthal war sie Besitzerin eines ausgedehnten Anwesens in geradezu idyllischer Lage. Auf der Höhe, im Mittelpunkt des Besitztums, erhebt sich das schöne geräumige Landhaus, das zur Zeit unseres Eintreffens außer der Besitzerin ein Kommando der Feldjägerei unter der Führung eines Hauptmanns beherbergte. Diese Einquartierung verriet gleichfalls die Nähe der Front. Der Auffangapparat der Armee war reichlich beschäftigt. Schon vor Wochen hieß es, in Berlin drückten sich etwa dreißigtausend bis viertigtausend Deserteure in Zivilkleidern herum. Vielfach haben die verdoppelten und verdreifachten Streifen junge Leute in Frauenkleidern festgenommen. Plakatanschläge verkündeten 199 die standrechtliche Erschießung von Fahnenflüchtigen, darunter auch von Offizieren. Selbst diese Bekanntmachungen zeugten von der Verlogenheit der propagandistischen Methoden des Dritten Reiches. In den Anschlägen hieß es, diese Urteile würden auch im Namen der Frauen und Mütter vollzogen, deren Männer und Söhne in treuer Pflichterfüllung gefallen seien. Als ob die um ihr Lebensglück betrogenen Witwen und Kriegereltern darauf versessen gewesen wären, daß auch anderen kurz vor dem Ende des kriegerischen Dramas das gleiche grausame Schicksal beschieden sein möchte wie ihnen selbst. Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Zu allen Zeiten haben die Herrschenden, denen das Schicksal winkte, ihren überfälligen Thron zu verlassen, ihr Ohr nicht mehr am Herzen und die Hand nicht mehr am Pulse des Volkes gehabt. Das Volk dachte längst schon ganz anders als die offizielle Propaganda in Zeitungen, Rundfunk und Film der Welt glauben machen wollte. Wer hellhörig war, vernahm, wie es mit allen Gefühlen und mit all seinem Empfinden hinausschrie: Laẞt genug sein des grausamen Spiels! Das Spiel ist verloren, die Gewalthaber, die es in verbrecherischem Leichtsinn begonnen haben, wissen es und wollen es dennoch nicht wahr haben. An einem Deutschland, das nicht ihr Deutschland ist, haben sie kein Interesse. Unter einem Volke, das sie nicht tyrannisieren und schänden können, fühlen sie sich nicht wohl. Sie wissen, daß das Ende zugleich der Abschluß ihres physischen Daseins ist. Darum suchen sie die Frist immer wieder zu verlängern. Der Weg zum Ende aber ist gekennzeichnet von den Leichen armer Söhne unseres Landes, von den Flammen seiner brennenden Dörfer und Städte, von dem Leidenszug der Krüppel und Verwundeten, von 200 der Furcht der Bevölkerung vor dem jüngsten Tage, von den Tränen, von dem Wehegeschrei und den Flüchen eines tausendfach betrogenen, um jede Illusion gebrachten Volkes. In der Reichstagsrede, die Hitler nach der Niederwerfung Frankreichs am 19. Juli 1940 hielt, findet sich folgende Stelle:" Als Marschall Pétain die Waffenstrekkung Frankreichs anbot, hatte er nicht eine ihm noch verbliebene Waffe niedergelegt, sondern eine für das Auge jedes Soldaten gänzlich unhaltbare Situation beendet. Nur der blutige Dilettantismus eines Herrn Churchill vermag dies entweder nicht zu begreifen oder wider besseres Wissen wegzulügen." Die nationalsozialistischen Tyrannen jedoch, die Deutschland in eine hundertfach schlimmere Lage gebracht haben, als diejenige war, in der sich Frankreich im Sommer 1940 befand, verleugneten jetzt ihre eigenen Einsichten. Woher sollten auch sie, die die Ehre Deutschlands bildlich und tatsächlich ans Kreuz geschlagen und an den Galgen geschleppt hatten, die zwei Jahrzehnte lang nur von der Lüge lebten, und sie zur Groteske steigerten, den moralischen Mut nehmen, der Wahrheit, der letzten grausamen Wahrheit ins Auge zu schauen. Hätten sie Volk und Vaterland tatsächlich geliebt, so hätten sie es vielleicht vermocht, aber sie waren die teuflischsten Egoisten, die der Rachen der Hölle jemals auf diesen Planeten gespieen hat. Sie wunderten sich, daß die Moral der Truppen zerfiel, sie glaubten mit einer Blutjustiz, die ihresgleichen in der Geschichte sucht, noch zusammenhalten zu können, was nach Gottes Willen zerfallen mußte. Nur die Unwiderruflichkeit dieses Zusammenbruchs erklärt das Aufbäumen von Tausenden, die ihre Pflicht willig erfüllten, als sie noch glaubten. Sich in letzter Minute einem wahnsinnigen Hero201 stratentum opfern zu lassen, waren sie nicht mehr bereit. ,, Je größer der Irrtum, desto gewaltiger der Triumph der Wahrheit!" Dieses Wort von Friedrich Schiller wurde in diesen Tagen wieder wahr. Dieser Triumph wird dem deutschen Volke noch bitter weh und in mancher Beziehung auch unrecht tun, aber er wird es schließlich von einer schweren Krankheit heilen. An diesem Gesundungsprozeß konnte keine Feldjägerei etwas ändern. Die Abteilung, die in Biesenthal lag, war sonst recht sympathisch, der Hauptmann zeigte sich im Gespräch sehr vernünftig, und auch die Kommandierten, meist Angehörige des Unteroffiziersstandes, waren voll kritischer Einsicht in die wirkliche Lage und ersehnten alle ein rasches Ende. Den Menschenfang betrieben sie ungern und nicht ohne Mitleid für die Ertappten, die sich bei Nacht und Nebel, hungrig, durstig und abgerissen über Feld und Wald von Dorf zu Dorf schlichen. In die glücklichen äußeren Verhältnisse meines Osterbesuches bei Helene Plottke mischte sich ein Tropfen Wermut. Unmittelbar nach meiner Ankunft machte sie mir die Mitteilung, daß der sogenannte deutsche Soldatensender die Nachricht von umfangreichen Verhaftungen ehemaliger früherer Mitglieder der Sozialdemokratie, des Zentrums und der Kommunisten in Österreich und Bayern verbreitet habe. Die Nachrichten dieses Senders hatten sich meist als zuverlässig erwiesen. Die jetzige Meldung begegnete zudem meinen eigenen Befürchtungen. Auch die ,, Aktion Gitter" hatte im August 1944 zuerst in Süddeutschland und Sachsen eingesetzt und sich erst im Verlaufe einer Woche auf Norddeutschland und Berlin ausgebreitet. Zahlreiche linksgerichtete Politiker, die im Spätsommer 1944 von dieser Aktion erfaßt worden waren, befanden sich noch 202 immer in den Konzentrationslagern. Das Schicksal ehrenwerter und tapferer Männer lag im Dunkeln. Ich selbst war gewissermaßen auf jederzeitigen Widerruf entlassen. Ich fühlte mich überwacht, meine Telefongespräche wurden abgehört, jederzeit mußte ich mit meiner Wiederverhaftung rechnen, um so mehr, als das herannahende Ende des Krieges die Gefahren für das Nazisystem und seine regierende Verbrecherclique unvermeidlich von Tag zu Tag steigern und damit ihren verschärften Terror hervorrufen mußte. Mit zynischer Offenheit haben führende Mitglieder der SS und der Gestapo wiederholt geäußert, daß die„, Abknallung" wenn nicht sämtlicher Lagerinsassen, so zumindest doch der politischen Gefangenen eine beschlossene Tatsache sei, wenn der Krieg für Deutschland unglücklich enden sollte. Daß es sich hier nicht etwa nur um eine leere Drohung handelte, bewiesen die erschütternden Berichte, die mir über die Liquidierung der Lager in den Ostgebieten zu Ohren gekommen waren. Ich wußte also wohl, welches Schicksal mir bevorstand, wenn ich erneut in die Klauen dieser sadistischen Mörderbanden geriet. Die Vernichtung aller Persönlichkeiten, denen man die Fähigkeit zutraute, zu organisieren, zu fühVernichtung vor ren, zu verwalten und zu regieren dem eigenen Untergang gehörte zu dem Programm dieser entmenschten Gesellschaft. Diese Absicht paẞte auch durchaus in das Bild der materiellen Vernichtung und stimmte überein mit der Politik der brennenden Erde, die das Naziregime über Deutschland heraufbeschworen hatte. - Verzweifelt hielten die Menschen Ausschau nach dem Wunder, Ausschau auch zu Gott, an dessen Stelle sie seit zwölf Jahren einen Götzen gesetzt hatten. Das äußere Bild Berlins war entsetzlich, trotzdem war noch 203 viel zu retten. In Groß- Berlin wohnten nach meiner Schätzung immerhin noch mindestens drei Millionen Menschen. Zehntausende von Ostevakuierten waren im Zuge des russischen Einbruchs ins Reich nach Berlin zurückgekehrt, das damit von einer Welle des Elends erfaßt wurde. Beängstigend war die Anwesenheit so vieler Kinder, die man seit dem Sommer 1943 evakuiert hatte, die aber jetzt wieder zum Teil zurückgeführt wurden. In den sechzig Grundstücken, die ich verwaltete, wohnten in normalen Zeiten rund eintausendfünfhundert Mieter mit ihren Familien. Zwanzig dieser Grundstücke waren bis Ende März 1945 total zerstört, der Rest mehr oder weniger stark mitgenommen. Trotzdem boten sie noch Wohnraum für eintausendeinhundert bis eintausendzweihundert Mieter. Mit ihren Familien und der großen Zahl von eingewiesenen Bombengeschädigten entsprachen diese Mieter einer Bevölkerung von siebentausend bis achttausend Köpfen. Da die meiner Obhut anvertrauten Häuser über das ganze Stadtgebiet verstreut waren, dürften meine Ermittlungen für die Verhältnisse in der ganzen Stadt typisch sein. Gewiß gab es Quartiere, in denen es trostlos aussah. So waren im Hansaviertel und in Moabit, wo ich selbst wohnte, 90 Prozent der Häuser zerstört. Diesen Gebieten standen aber andere gegenüber, die verhältnismäßig wenig beschädigt waren. Der große Kranz von Siedlungen aller Art, der die weite Umrandung von Berlin bildet, hatte schmerzliche Wunden erlitten, stand aber vielfach noch oder war im Frieden leicht wieder herzustellen. Das gleiche galt für zahlreiche Wohnungen, die oft wegen geringfügiger Beschädigungen am Dach oder infolge von Zerstörungen der Heizanlagen, Fensterkreuze, Treppenhäuser, ganz oder teilweise unbewohnbar geworden waren. Die Bau204 büros, denen die behelfsmäßige Wiederherstellung oblag, arbeiteten recht gut, solange die Beschädigungen sich in erträglichen Grenzen hielten. Seit den katastrophenartigen Angriffen am 22./23. November 1943, die sich in den darauffolgenden Monaten mit unheimlicher Regelmäßigkeit wiederholten, versagten sie jedoch in zunehmendem Maße. Die Bevorzugung gewisser Kreise der Nazipartei, die auf allen Gebieten festzustellen war, und den steigenden Unwillen der Bevölkerung erregte, machte sich auch bei den Wiederherstellungsarbeiten bemerkbar. Die Ernährung der Bevölkerung erfuhr eine merkliche Verschlechterung unmittelbar nach dem Russeneinbruch. Die Ostgebiete fielen für die Versorgung aus. Die an eine totale Lähmung grenzende Verkehrsbeschränkung der Reichsbahn tat ein übriges. Das alles machte sich besonders bei der Verpflegung in Gasthäusern und Speiseanstalten empfindlich bemerkbar. Die Portionen wurden kleiner und schlechter bei gleichbleibenden Preisen. Im privaten Haushalt mußten die bescheidenen Vorräte gestreckt werden. Die Zuschüsse von Freunden und Verwandten aus entfernteren ländlichen Gebieten blieben wegen der Verkehrssperre aus. Der Briefverkehr kam ins Stocken, Post aus Mitteldeutschland brauchte acht bis zehn Tage, aus dem Süden zwei bis drei Wochen und länger. Das kulturelle Leben lag in der Agonie. Die meisten Kirchen sanken in Trümmer. Die Theater hatten, soweit sie überhaupt noch standen, ihre Pforten seit langem geschlossen, ebenso die Konzertsäle. Der Kinobetrieb erlahmte und lebte fast nur von veralteten, neu hervorgesuchten Filmen. Häufig erfolgte mitten im Spiel der Abbruch wegen Stromsperre oder Fliegeralarm. Die Wochenschau, vom Berliner Volksmund seit langem Lügen205 IN schau genannt, sank vollends zu einer lächerlichen Karrikatur der Wirklichkeit herab. Das Publikum mied sie oder begleitete sie nicht selten mit unmißver- ständlichen spöttischen und kritischen Glossen. Die Zeitungen erschienen im Liliputformat. Die Freizeit der Bevölkerung war ausgefüllt mit Schanzarbeiten und Barrikadenbau, zu denen Greise, Frauen, ja selbst Kinder gepreßt wurden. Die Luftschutzwarte, Block- und Zellenwarte und wie die kleinen und großen Zucht- hausaufseher des Dritten Reiches alle hießen, holten sie zu diesem Zwecke an den Sonntagen schon beim Morgengrauen aus den Häusern. Gewiß, viele dieser Funktionäre waren einwandfrei und selbst zu diesen Diensten gepreßt worden, ein großer Teil von ihnen terrorisierte jedoch die Bevölkerung mit der Geschäf- tigkeit kleiner Teufel, die kein größeres Vergnügen kennen, als das Feuer der Hölle zu schüren. Das alles trug das Berliner Volk neben einer zwölf- bis vierzehnstündigen Arbeitszeit, die häufig auch noch in der Nacht lag. Diese Opfer waren durchweg er- preßt, abgenötigt von der unsichtbaren, aber stets gegenwärtigen Drohung mit der materiellen und phy- sischen Vernichtung des widerspenstigen Einzelmen- schen. Sie war das wirksame Machtmittel und der un- ausrottbare Wesenszug der nationalsozialistischen Po- litik. Die Opfer selbst blieben ohne Segen, denn sie waren falschen Göttern dargebracht. Der antike Herois- mus, von dem die Goebbelspropaganda faselte, bestand nur in den großsprecherischen Redensarten eben dieser Propaganda. Jede tiefere moralische Antriebskraft fehlte. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hatte die Nutz- und Sinnlosigkeit dieses Beginnens längst erkannt. Im Rachen des totalen Krieges war alles persönliche Glück verschwunden. Die Lebensum- i 206 stände der Reichshauptstadt sanken von Tag zu Tag tiefer in die Primitivität, aber von einer Auslöschung aller Lebensgrundlagen waren sie noch weit entfernt. Die Rückkehr zu normalen Zuständen blieb offen, wenn die Stadt vor dem Wahnsinn einer unverantwortlichen und verbrecherischen Führung gerettet wurde, die Berlin als Festung verteidigen und Millionen von wehrunfähigen Männern, Greisen, Frauen und Kindern einer wahren Hölle ausliefern wollte. Seit vielen Monaten war es mir klar, daß nur zwei Möglichkeiten verblieben, die Stadt vor dem Untergang zu bewahren: Entweder durch einen Aufstand der Massen gegen den politischen und militärischen Wahnsinn des Regimes oder durch eine blitzschnelle Eroberung durch den Feind. Das Volk seufzte, knurrte und murrte in Bunkern und Luftschutzkellern, auf Straßen und Plätzen. Es gab Fälle, in denen es seiner Empörung offen Ausdruck gab. In der Woche nach Ostern kam es an einigen Stellen der Stadt zu den ersten Lebensmittelkrawallen. Brotwagen wurden umgestürzt und ihres Inhalts beraubt. Zu einer echten Erhebung reichte es freilich nicht, auch der Hunger und alle anderen schaurigen Begleiter der apokalyptischen Reiter vermochten nicht das Volk auf dem Wege weiterzutreiben, der in die reinigende Erhebung hätte münden können. Der einzelne war machtlos. An eine organisatorische Zusammenfassung unter fester Führung war nicht zu denken. Die herrschende Clique hatte die polizeiliche und militärische Gewalt noch so weit in den Händen, daß sie jeden Ansatz dieser Art im Keime ersticken konnte. Die ihr ergebenen SS- Schurken waren in einem solchen Falle jederzeit bereit, nicht nur die Führer zu liquidieren, sondern auch jeden anderen auszutilgen, der nur 207 entfernt mit der Führung in Verbindung gebracht werden konnte. Die Ereignisse des 20. Juli hatten dies bewiesen und darum auch zunächst sehr einschüchternd gewirkt. Zwar bestand eine verbreitete unterirdische Propaganda. Es bildeten sich zahlreiche Gruppen und Grüppchen, die unabhängig voneinander gegen den Krieg und das Nazisystem arbeiteten. Sie hätten jedoch nur in Verbindung mit rebellierenden Truppenteilen Bedeutung erlangen können. Als solche waren aber die zahlreichen Deserteure nicht anzusehen, die sich zu Tausenden in Berlin herumtrieben. Sie waren, kriegsmüde, der Gefahr ausgewichen und in der Regel nicht gewillt, sich neuen Schwierigkeiten auszusetzen und aktiv die Waffen gegen das System zu erheben. Die Auflösung des deutschen Heeres vollzog sich 1945 in ganz anderen Formen als 1918. Damals gab es noch einen Zusammenhalt der Verbände, einen geordneten Rückmarsch in die Heimat, einen Einzug in die Garnison, einen Willkommengruß der Bevölkerung. Jetzt waren die Verbände zersprengt, zerrissen, vom Feinde gehetzt, der mit seiner Übermacht in einem atemberaubenden Tempo durch Deutschland stieß. Zu Zehntausenden wurden Soldaten nach vieljähriger treuester Pflichterfüllung ihrem Schicksal überlassen und mußten sich hungrig und bettelnd bei Nacht durch die Landschaft nach Hause schleichen, stets auf der Suche nach einer Gelegenheit, das Feldkleid mit einem schäbigen Anzug zu vertauschen, um auf diese Weise der in letzter Minute noch drohenden Gefangenschaft zu entgehen. 208 KAPITEL 2 Die sozialistisch getarnte Reaktion Wenn man nach den Gründen dafür sucht, warum es in diesem Stadium des Krieges nicht zu einer Massenerhebung gekommen ist, so muß man die ganze Entwicklung im letzten Jahrzehnt berücksichtigen, die das Volk in seinem Wesen weitgehend verändert hatte. Die Abgestumpftheit und die Gleichgültigkeit breitester Volksschichten, bei denen es höchstens zu einer unfruchtbaren Nörgelei kam, waren die trostlose Folge eines schmerzlichen Herumexperimentierens an der politischen, geistigen und seelischen Verfassung der Nation. Das Bismarcksche Reich in seiner wilhelminischen Prägung war 1918 nur scheinbar untergegangen. Sein Geist spukte in der Weimarer Republik weiter und verwirrte Millionen, die dadurch als politische Kraftquelle der demokratischen Republik verloren gingen. 1918 war es zu einem Zusammenbruch gekommen, wenn er auch wesentlich milder gewesen ist als die Katastrophe von 1945. Die Kräfte der Novemberrevolution waren aber nicht stark genug, um die Wiederkehr des Alten, gleichviel in welcher Form, unmöglich zu machen. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, auf welche Ursachen dieses verhängnisvolle Ergebnis zurückzuführen war. Die Wiederkehr des Alten erfolgte schließlich in der sogenannten nationalen Revolution der Nazis. Dieses Alte, das Bismarcksche Reich, hatte als Grundlage seiner Existenz das preußische Heer als zuverlässiges Machtinstrument. Zwar war die Monarchie 1918 in Deutschland eine historische Angelegenheit geworden, aber das, 209 was man in der ganzen Welt als preußischen Militarismus empfindet und instinktiv ablehnt, lebte weiter, nicht zuletzt deshalb, weil die demokratische Republik nicht die Kraft fand, ihn mit Stumpf und Stiel auszurotten. Hitler hatte es verstanden, alle mit der Republik und der Demokratie unzufriedenen Kräfte des Militarismus in seinen Privatarmeen und militanten politischen Organisationen zu sammeln und zu beschäftigen und durch sie auch die offiziellen Organe der Republik, vor allem die Reichswehr und Teile der Polizei, zu zersetzen. Dieser preußische Militarismus wurde untermauert mit einer wirklichkeitsfremden, völkischnationalistischen Ideologie, die ihre Quellen bis auf Hermann den Cherusker und den Sachsenkönig Widukind zurückverlegte. Namentlich in der Jugend wurde gleichzeitig der verhängnisvolle Wahn von der Auserwähltheit des deutschen Volkes als höhere Rasse und seiner Berufung zur Führung und Neuordnung der Welt genährt. Nationalsozialismus und Rassenwahnsinn haben in Millionen von deutschen Seelen alles zerstört, was dort als Erbteil bester deutscher Überlieferung lebte und seinen Ursprung vom echten Christentum, wahren Sozialismus und den Ideen der Humanität ableitete. In dieser nationalsozialistischen Welt kannte man nicht mehr den Menschen, den Gott nach seinem Bilde geschaffen und mit gleichen natürlichen Rechten ausgestattet hat, sondern nur den weltanschaulich ausgerichteten, nationalistisch hochgezüchteten Arier, der es als selbstverständlich ansah, alles zu beherrschen, was nicht als seinesgleichen galt, und alles zu vernichten, was den Mut aufbrachte, ihm entgegenzutreten. Aus diesem Geist sind die unaussprechlichen Scheuẞlichkeiten in den deutschen Konzentrationslagern geboren, die Grauen und Entsetzen, Abscheu und Ver210 achtung in der ganzen Welt hervorgerufen und den deutschen Namen mit widerlicher Schande bedeckt haben. Was heute den Juden angetan wurde, widerfuhr aus dem gleichen Geiste sündiger Mordlust und Gewalt morgen den Katholiken oder den bekenntnistreuen Protestanten und Bibelforschern, wie es gestern Kommunisten und Sozialdemokraten begegnete und schließlich auch Kreise der Wirtschaft, der Intelektuellen und des Adels erfaßte, sobald sie Anspruch auf humanitäre Haltung und menschenwürdige Führung erhoben. Das deutsche Volk wußte von diesen Verbrechen wenig oder nichts. Mit den schärfsten Mitteln hat der Henker Himmler die Verbreitung der Wahrheit in Deutschland unterdrückt. Die Erzählungen, die von entlassenen Lagerinsassen stammten, wurden nur engsten Kreisen bekannt oder als Übertreibungen empfunden. Viele Deutsche meinten, solche Dinge seien ja im 20. Jahrhundert einfach unmöglich und könnten deshalb nicht stimmen. Jetzt hat sich herausgestellt, daß alles, was entlassene Häftlinge über ihre Erfahrungen erzählten, nicht nur der Wahrheit entsprach, sondern noch weit hinter der grauenvollen Wirklichkeit zurückblieb. Das ganze Volk ist von diesen Enthüllungen im Tiefsten gepackt und geschüttelt worden und von einem seelischen Katzenjammer ohnegleichen erfüllt. Aus diesem Zustand muß aber der unbeugsame Entschluß wachsen, eine radikale Selbstreinigung vorzunehmen, ohne die eine Wiederherstellung des deutschen Namens und des Ansehens unseres Volkes in der Welt unmöglich erscheint. Das Dritte Reich besaß keine geschriebene Verfassung. Die tatsächliche Verfassung waren die SS, die SA, die von widerspenstigen Elementen nach und nach ge211 säuberte Wehrmacht, die Schutzhaft und die Konzentrationslager. Vor der Machtergreifung wurde allen alles und jedes vorgegaukelt: Der Kirche die Glaubens- und Lehrfreiheit, der Industrie die Befreiung vom Druck der unbequemen Gewerkschaften, dem Handwerker die Rückkehr zum goldenen Boden, dem Handel die Erlösung von der Konkurrenz der Warenhäuser und Konsumvereine, der Landwirtschaft neue Blüte. Die natürlichen Gegensätze, die das Leben eines Volkes frisch erhalten, wenn sie nicht demagogischen Zwecken dienstbar gemacht werden, wurden mit einer ebenso formalen wie brutalen Gleichschalterei unterdrückt oder auf Abwege gedrängt, an deren Rändern die Korruption ins Kraut schoß. Der nationale Sozialismus, mit dem die Arbeiter beschwichtigt werden sollten, entpuppte sich bald als ein Bettel- und Klingelbeutelsozialismus, als eine verlogene Schaumschlägerei, von der nichts übrig blieb, als der gute Name für eine miserable Sache. Mit dem Schlagwort: Die Frau gehört ins Haus, fing es an, mit der verantwortungslosen Ausbeutung der Arbeitskraft von Männern und Frauen und Kindern in zwölf- bis vierzehnstündiger Arbeitszeit bei gleich gebliebenen Löhnen, aber stetig sinkender Kaufkraft der nationalsozialistischen Schwindelwährung hörte es auf. Volkswagen wurden versprochen, aber ein ruiniertes Verkehrssystem hinterlassen, mit der Hoffnung auf eine Drei- Zimmer- Normalwohnung mit allem Komfort und Gartenland zu 32 Reichsmark im Monat hat Dr. Ley die Arbeiter betört, mit der Zerstörung von Millionen Heimstätten samt Einrichtung und Hausrat endete die fluchwürdige Laufbahn dieses nichtswürdigen Menschen. Autobahnen wurden gebaut, der Bau von Wohnungen aber vernachlässigt. Gleichzeitig sanken, einem Erneuerungswahnsinn zuliebe, in 212 5 den Großstädten des Reiches ausgedehnte Wohn- und Geschäftsviertel in Trümmer, womit die Wohnungsnot vorbereitet wurde, die der Krieg mit seinen Bombenangriffen schließlich zu grauenvollem Ausmaß steigerte. Die Rebellion der Betrogenen gegen die berufsmäßigen Betrüger wurde niedergehalten mit der allgegenwärtigen Drohung mit Schutzhaft, Konzentrationslager, Gefängnis, Zuchthaus und Galgen bei gleichzeitiger Vernichtung aller Garantien eines modernen Rechtsstaats. Unterstützt wurden die Henkersknechte des Dritten Reiches von einem Angeber-, Überwachungsund Spitzelsystem, das unter dem Mantel nationalsozialistischer Rechtgläubigkeit seinen Vorteil suchte und das Gift einer moralischen Verlumpung in weite Kreise des Volkes schleppte. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Nationalsozialismus in seiner wahren Natur nichts weiter war, als die sozialistisch getarnte Reaktion, in der alle Elemente der Macht, die das alte Reich zusammenhielten, aber auch alle destruktiven Tendenzen und Erscheinungen, die sich in ihm ausleben konnten und es schließlich im ersten Weltkrieg zum Bersten brachten, in tausendfach vergrößerter und dazu brutalisierter Form ihre Wiederauferstehung feierten. An die Stelle des Kaiserreiches mit seinem Scheinkonstitutionalismus war der nationalsozialistische Despotismus getreten, dessen Krönung Hitler war, den eine ebenso geschickte wie skrupellose Agitation zum unfehlbaren, mit göttlichen Kräften begabten politischen und militärischen Papst aller Deutschen emporschwindelte. Nun ist der wüste Traum zu Ende. Als eine Spottgeburt aus Dreck und Feuer, als die größte Verirrung des deutschen Geistes wird der Nationalsozialismus in der Geschichte weiterleben. Als sein Opfer aber liegt 213 das deutsche Volk am Boden, elend und krank, verarmt und niedergebrochen, entehrt und enttäuscht. Jeder Rückfall in eine schwere Krankheit vervielfacht ihre Symptome und bedroht das Leben des Patienten. In drei Jahrzehnten mit allen Methoden des politischen Lebens behandelt, lehnt der Kranke zunächst alle Medizin ab und vegetiert in einem nationalen und politischen Dämmerzustand dahin. Das ist die gegenwärtige Verfassung eines Volkes, das trotz allem zweifellos zu den wertvollsten Völkern gehört, die unser Planet beherbergt. Weil dem so ist, kam es in Versuchung, sich über alle anderen erheben zu wollen. Weil dem so ist, ist die Tragik auch um so größer, die über Deutschland hereingebrochen ist. Die Frage nach der Schuld an seinem tiefen Sturze wird innerhalb des deutschen Volkes immer von neuem aufgeworfen werden. Alle gegenwärtigen Urteile greifen jedoch der Geschichtsschreibung vor, die nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu erforschen hat. Wir sind den Ereignissen noch viel zu nah, um uns schon jetzt zur Höhe einer rein historischen Betrachtung und damit zur historischen Wahrheit erheben zu können. Außer allem Zweifel steht indessen schon heute die ungeheuerliche Schuld des Faschismus. Weil das deutsche Volk sich dem Faschismus verschrieben und nicht die Kraft aufgebracht hatte, sich rechtzeitig von ihm zu lösen, als der Weg zur Katastrophe für jeden erkennbar war, ist es an dem eigenen Unglück und an dem Unheil, das der Krieg anderen Völkern zugefügt hat, selbst und allein schuld. ,, Keine Wiederholung von 1918!" Das war eine der dümmsten nationalistischen Phrasen. Man ließ es zu, daß die Warner ins Konzentrationslager kamen oder an den Galgen geknüpft wurden und beschwor damit die Tra214 gödie von 1945 herauf. In diesem negativen Sinne behielten dann freilich die Nazis recht, wenn sie immer wieder behaupteten, daß ein 1918 nicht wiederkehre. Es ist schlimmer gekommen, als die größten Pessimisten es sich vorgestellt haben. Aber eines Tages wird auch Deutschland wieder sich gesund und erlöst erheben und in glücklichster Entfaltung seiner wertvollen Gaben, mit denen es der Welt schon so viel gegeben hat, in friedlichem Wettstreit mit allen anderen Nationen an dem Fortschritt der Menschheit arbeiten. KAPITEL 3 Die letzte Drohung der Gestapo Der Dreißigjährige Krieg und der Hitler- Krieg Gefechte auf der Autobahn Das waren meine Gedanken in der Nacht vom ersten zum zweiten Osterfeiertag 1945. Was war zu tun angesichts der erneuten Bedrohung meiner Freiheit und meines Lebens? Jede Besprechung, die ich mit alten Freunden führte, hatte immer das gleiche Ergebnis: die moralischen Kräfte des Volkes waren zu verbraucht, um es für eine Massenerhebung fähig zu machen. Die alten Führer, soweit sie nicht in die Emigration gegangen waren, standen unter einer ständigen, unsichtbaren Überwachung. Um einem plötzlichen Zugriff der Gestapo zu entgehen, schien es mir geraten, mich in angemessener Entfernung von Berlin zu halten und zunächst in Biesenthal zu bleiben, in ländlicher Abgeschiedenheit meine Entschlüsse zu 215 fassen und ihre Ausführung vorzubereiten. Meine Sekretärin sandte ich mit Aufträgen an Freunde und Helfer nach Berlin. Dem Büro wurde eine plötzlich notwendig gewordene Reise nach Stettin vorgetäuscht. Mein längeres Fernbleiben konnte mit den Verkehrsschwierigkeiten erklärt werden. Die Oberaufsicht über das Büro legte ich mit entsprechenden Vollmachten in die Hände eines befreundeten Mannes, der wegen seiner Stellung im Volkssturm in Berlin bleiben mußte. Längst schon hatte mich der Gedanke gequält, Berlin ganz verlassen zu müssen. Die Fliegerangriffe und die unausdenkbaren Zustände, die bei einer Belagerung und Beschießung der Millionenstadt eintreten würden, hätten mich allein nicht veranlaßt, einen solchen Plan auszuführen. Vor den Feinden fürchtete ich mich nicht. Dagegen bestand alle Veranlassung, vor den heimtückischen Nazimördern auf der Hut zu sein. Mein Leben gegen ihren Zugriff zu sichern, war mein fester Entschluß. Hierfür galt es den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Das war nicht leicht. Ich konnte die mir anvertrauten Interessen erst dann aufgeben, wenn die Notwendigkeit hierzu absolut zwingend geworden war. Dazu mußte ich alles zurücklassen, was das Ergebnis einer Arbeit von Jahrzehnten war. Was ich davon nach der Rückkehr wiederfinden würde, war mehr als fraglich. Diese Überlegungen beschäftigten mich, während meine Sekretärin in Berlin das Gelände sondierte. Ich hatte gute Verbindungen, die bis in die Nähe des Büros Bormann und der Zimmer der Geheimen Staatspolizei reichten. Am 5. April kam meine Sekretärin zurück mit dem Bescheid, daß eine unmittelbare Gefahr zwar nicht drohe, jedoch höchste Vorsicht am Platze sei. Noch schwankte ich und verschob meine Entscheidung 216 bis auf das Ende der Woche. Am Freitag, dem 6. April, kam mir plötzlich der Gedanke, noch einmal nach Eberswalde zu fahren, um dort einen Einkauf zu tätigen, mit dem ich Frau Helene eine Freude machen konnte. Bei der Durchführung dieser Absicht begegnete mir, was Friedrich der Große Seine Majestät den Zufall nannte. Als ich eine Stunde später der Stopstelle zuschritt, kam von Bernau her in Richtung Eberswalde ein Lastwagen gefahren, auf den ich atemlos, gewissermaßen während der Fahrt noch aufspringen konnte. Es handelte sich um den Wagen eines Polizeikommandos zur besonderen Verwendung, das Herrn Himmler unmittelbar unterstand. Das Gefährt kam aus Suhl in Thüringen. Mit den Beifahrern tastete ich mich vorsichtig ins Gespräch. Es waren zwei aufgeschlossene Berliner, die seit Jahren im Dienst bei der Polizei eingesetzt waren. Der Krieg und der Polizeidienst hing ihnen, wie ich bald merkte, zum Halse heraus. Sie machten ihrem Unwillen wegen des sinnlosen Fortganges des Krieges in drastischen Äußerungen Luft. Die Behandlung durch ihre oberste Befehlsstelle sei so miserabel gewesen, daß der beste Nationalsozialist binnen kurzem in einen radikalen Kommunisten verwandelt worden sei. In Suhl, wo man große Verteidigungsvorbereitungen getroffen hatte, die sich alsbald als nutzlos erwiesen hätten, habe man gerade noch Zeit gehabt, vor den Amis zu verschwinden. Die beiden Reservepolizisten verrieten mir, daß sie zu ihrem Leidwesen noch einen Transport auszuführen hätten, den letzten hoffentlich, bevor der Schwindel zusammenbreche. Das Ziel war ihnen noch nicht bekannt, aber, erklärten sie, es liege vermutlich weiter östlich von der bisherigen Ortsunterkunft der Polizeistelle. Mir kamen diese Offenbarungen wie ein Wink des 217 Schicksals vor. Ich faßte Mut, einen der beiden zu fragen, ob es wohl möglich wäre, mich und meine Sekretärin und etwas umfangreiches Gepäck mitzunehmen. Ich bot für diese Gefälligkeit eine nicht unbedeutende Summe als Geschenk und als Erquickung für die Reise Wein, Schnaps, Rauchwaren und gutes Essen. Kleine Vorräte dieser Art hatte ich mir für einen solchen Fall seit langem am Munde abgespart. Darüber werde sich reden lassen, meinten meine neuen Freunde, aber es sei damit zu rechnen, daß ich den Wagen in Bad Kösen verlassen müsse, da die dienstliche Fahrt vermutlich nach Apolda gehen werde. Damit erklärte ich mich einverstanden. Sorge machte mir noch die Kontrolle, aber man wußte mich in dieser Beziehung zu beruhigen, ebenso hinsichtlich der Haltung des den Transport begleitenden Oberleutnants, der die Nase ebenso voll habe und genau so denke, wie seine Untergebenen. In Eberswalde gab ich beim Abschied unbedenklich meine Biesenthaler Adresse und Telefonnummer. Schon am nächsten Vormittag erschien dort mein Oberwachtmeister K., um mir mitzuteilen, daß meiner Mitnahme nichts im Wege stehe. Die Fahrt gehe nach Hof in Bayern. Apolda war also schon aufgegeben. Soweit es die Luftlage gestatte, werde die Reichsautobahn benutzt. Die Abfahrt von Berlin erfolge am 9. April zwischen 14 und 17 Uhr. Ich bestellte den Wagen vor das Haus eines Freundes, um die Mitbewohner meines Hauses nicht auf meine Abreise aufmerksam zu machen. Bald nach der getroffenen Vereinbarung erschien meine Sekretärin, die ich zur Berichterstattung auf das Wochenende nach Biesenthal gebeten hatte. Ich erlebte noch einmal die Qual einer harten Entscheidung. Wieder einmal wurde ich mir bewußt, wie weit 218 doch häufig der Weg vom Gedanken zur Tat sein kann. Am Morgen des 8. April nahmen wir Abschied vom Haus Plottke und von der teilnehmenden Frau Helene, die uns noch einmal mit der ganzen Fülle ihrer gro- Ben Güte beschenkt hatte. Es war mir weh ums Herz, als ich diese tapfere kleine Frau ihrem Schicksal überlassen mußte. Eine dunkle Ahnung beschlich unsere Herzen. Sie trog nicht. Wir sollten Helene Plottke nicht wiedersehen. Die Stürme, die am 22. April über Biesenthal hinweggebraust sind, haben ihr kleines Paradies und ihren unverwüstlichen Optimismus zerstört. Helene Plottke ging freiwillig aus dem Leben. Unter einer Tanne ihres schönen Gartens begrub man sie, ohne Sarg, ohne Gedenkworte. Ich darf aber hoffen, daß die Gemeinde Biesenthal in- zwischen ihre letzte Ruhestätte würdig ausgestaltet hat. Es ist mir ein Bedürfnis, dieser ungewöhnlichen Frau an dieser Stelle ein Denkmal zu setzen. Die in Plottke-Allee umbenannte Bismarck-Allee hält in dem schönen märkischen Flecken vor den Toren Berlins die Erinnerung an das tapfere antifaschistische Ehe- paar wach. Das tragische Ende hat meinem Herzen eine Wunde geschlagen, die nicht völlig vernarben wird, solange es schlägt. Ein Lastwagen der Wehrmacht brachte uns von Biesenthal direkt zum Bahnhof Wedding. Zwischen 22 Uhr und Mitternacht erlebte ich noch einen schweren, für mich letzten Luftangriff auf die Reichshauptstadt. Zum ersten Male mußte ich mich, da mich der Angriff auf dem Bahnhof Zoologi- scher Garten überraschte, in den sogenannten Zoo- bunker flüchten. Alle übrigen Angriffe— es mögen etwa fünfhundert gewesen sein— habe ich in Luft- schutzkellern überstanden. Es kam die Nacht vom 8. zum 9. April, die ich nie vergessen werde. Noch einmal 219 stieg vor mir das Bild meines Lebens und seiner Erfolge auf. Aber am Morgen war aller Trennungsschmerz überwunden. Zur vereinbarten Stunde stand der Wagen an der angegebenen Stelle und erlöste uns von den aufgekommenen Zweifeln. Denn wir hatten weder Dienststelle noch Namen unserer Fahrer notiert und wären machtlos gewesen, wenn man uns versetzt hätte. Unser Wagen fuhr sehr langsam, fast nicht schneller als ein guter Radfahrer; er leistete im besten Falle in der Stunde fünfundzwanzig Kilometer. Erst jetzt gewahrten wir, was für einem fragwürdigen Vehikel wir uns anvertraut hatten. Den Treibstoff lieferte ein mit Preß- und Holzkohlen gespeister Generator. Die Anlage versagte häufig. Nach jeder Pause nahm das Wiederanlaufen stets längere Zeit in Anspruch und spannte unsere Geduld jeweils auf eine harte Folter. Der Wagen hatte eine Ladung Benzin für die Polizei von Berlin nach Hof zu bringen. Für den Stand unseres Transportwesens und unserer Kriegswirtschaft war dieser Auftrag sehr aufschlußreich. Um etwa eintausend Liter Treibstoff der Bedarfsstelle zuzuführen, mußten ein Oberleutnant und zwei Wachtmeister dreihundertundfünfzig Kilometer fahren und sechsunddreißig bis achtundvierzig Stunden mit einem zweifelhaften Transportmittel unterwegs sein. Langsam schlich der Wagen auf der Reichsautobahn Berlin- Leipzig- Nürnberg das grüne märkische Vorland der Hauptstadt entlang, über die sanften Berge des Fläming hinweg. Hin und wieder wurde gehalten, aus Notwendigkeit oder weil der Wagen bockte. Ein Gläschen Schnaps, ein Imbiẞ oder eine Zigarette frischten dann die Lebensgeister wieder auf. Die Sonne sank. Der Abend brach herein. Träumerisch hing mein Blick an der wechselnden Pracht der Farben, die das sin220 kende Tagesgestirn über Fluren, Wälder, Häuser, Kirchtürme warf. ,, Untergehend sogar ist's immer noch dieselbige Sonne." An dieses Wort des alten Goethe wurde ich erinnert. Wie oft war ich in den Jahren 1936 bis 1939 mit meinem Wagen diese Bahn gefahren, wobei ich bei allem Genuß, den mir die Fahrten gewährten, nie recht froh wurde, weil ich den Beginn des Dramas und sein Ende, das wir heute deutlich fühlten, längst vorausahnte. Es war eine milde, sternenklare Nacht. Wiederholt wurde der Himmel von sogenannten Christbäumen erleuchtet, die aus großer Höhe sehr langsam zu Boden gingen und dort verlöschten. Wir versuchten zu schlafen, was aber nur unvollkommen gelang. Benzingeruch und Schmutz hatten allmählich Kleider, Haut und Haare durchsetzt. Für meinen Teil wurde ich für alle Unbequemlichkeiten und Strapazen reichlich entschädigt durch den prachtvollen Sonnenaufgang, der sich zwischen Lützen und Weißenfels- Naumburg vor meinen Augen vollzog. Die Farbenlehre Goethes wurde in natura vorgeführt. Man hat an dieser Stelle noch einen weiten Blick in die Ebene. Vergebens forschten meine Augen nach dem Denkmal Gustav Adolfs, das sich über dem Schlachtfeld von Lützen erhebt. Ich wurde erinnert an den Dreißigjährigen Krieg, an die größte Tragödie Deutschlands an der Pforte einer neuen Zeit, die das Mittelalter abschloß, und an den Westfälischen Frieden, im Jahre 1648. Schon 1940, nach dem Rückzug der englischen Truppen auf die Insel, hatte ich im scheinbaren Widerspruch zu den damaligen Machtverhältnissen in Freundeskreisen erklärt: der Krieg dauert bis 1945 und endet mit einem zweiten Westfälischen Frieden! Wahrheitsgemäß muß ich bekennen, daß ich nicht den Ruhm beanspruchen darf, diese Erkenntnis von selbst gewonnen zu haben. 221 Am 24. Juli 1940 hatte ich Gelegenheit, mich mit Professor Richter in Ludwigsburg in Württemberg über den Zeitpunkt zu unterhalten, zu dem möglicherweise dieser Krieg sein Ende finden könnte. Das Ergebnis seines Nachdenkens brachte er auf die mitgeteilte Formel. Die Sicherheit, mit der Richter, dessen Spezialfach die Geschichtswissenschaften sind, seine Ansicht aussprach, regte mich zu eigenen Überlegungen an. Mir waren noch sehr gut die Faktoren vertraut, die im ersten Weltkrieg dessen Dauer bestimmten und ich kannte auch die Gründe, die zur damaligen Niederlage Deutschlands führten. Nachdem in dem gegenwärtigen Kriege offenkundig geworden war, in welchem Umfange er unter geschickter Benutzung der Erfahrungen des ersten Weltkrieges vorbereitet worden war, und zwar nicht nur militärisch, sondern auf allen Lebensgebieten, vor allem in der Ernährung und in der Frage des Arbeitseinsatzes, war es wahrscheinlich, daß Deutschland die Abwehr diesmal länger würde durchführen können, als im verflossenen Kriege. 1914 bis 1918 wirkten die Parteien als kontrollierender Faktor gegenüber der Staatsführung. Auch die Presse, obwohl durch die Zensur stark geknebelt, war immerhin noch ein beachtliches, wenigstens auf eine gewisse Selbständigkeit bedachtes Instrument der öffentlichen Meinung, das die kaiserliche Regierung nicht mit einer Handbewegung einfach abtun konnte. Diese für die Regierung zwar lästigen, für die Allgemeinheit aber umso nützlicheren Hemmschuhe im gesellschaftlichen und staatlichen Aufbau, hatte Hitler total beseitigt. Er bedrohte außerdem von Anfang an die leiseste Kritik an der Kriegspolitik seines Systems mit der Todesstrafe. Alles das mußte auf das Ende des Krieges verzögernd wirken, hatte allerdings die Aussicht 222 auf einen erheblich verschlechterten Ausgang für Deutschland zur Folge. Der vollendeten Vorbereitung Hitler- Deutschlands auf den Krieg stand eine ganz ungenügende Rüstung auf der Gegenseite gegenüber. Man mag Englands Anteil an der Entfesselung europäischer Kriege in der Vergangenheit groß oder gering einschätzen, den Krieg von 1939 bis 1945 hat es jedenfalls weder gewollt, noch war es auf ihn wirtschaftlich und militärisch vorbereitet. In keinem Lande Europas hatten der Völkerbundsgedanke und die Idee einer internationalen Abrüstung tiefere Wurzeln geschlagen wie in England. Man wollte dort den Frieden und glaubte im Schutze der Völkerbundsidee so sehr an ihn, daß man die eigene Sicherheit vernachlässigte. Dadurch trat ein lang dauernder Zustand englischer Schwäche ein, bei der in der Welt und besonders in Europa manches möglich wurde, was man bisher nicht erwartet hatte. So konnte Japan als erstes Land mit seinen Überfällen auf chinesisches Hoheitsgebiet die Autorität des Genfer Völkerbundes erschüttern. Ihm folgte Mussolini mit der Vergewaltigung Abessiniens, Albaniens und seiner Einmischung in den spanischen Bürgerkrieg. In die gleichen Bahnen lenkte Hitler das Dritte Reich mit dem Einmarsch in Österreich und in die Tschechoslowakei. Die Urheber dieser Unruhe in der ganzen Welt, die an die Stelle der auch von ihnen unterschriebenen internationalen Friedenspakte ein nationalsozialistisches Faustrecht setzten, glaubten ihr Gewissen genügend entlastet zu haben, wenn sie die Mitgliedschaft ihrer Staaten zum Völkerbund aufkündigten. Sogar noch nach dem Münchner Abkommen klammerte sich Englands Ministerpräsident Chamberlain mit aller Kraft an die Idee des Friedens. ,, Frieden für unsere Zeit" war die Parole, die 223 er im Unterhaus verkündete und zu deren Verwirk- lichung er sogar mit der Vorbereitung eines Abkom- mens mit Hitler-Deutschland beschäftigt war. Der na- tionalsozialistische Einmarsch in Prag untergrub seine politische Stellung in England, obwohl die Gefühle des englischen Volkes auf seiner Seite waren. Bis zu die- sen Ereignissen war Churchills Einfluß noch gering gewesen. Seinen Wiederaufstieg zur Macht verdankte dieser dem Umstand, daß er die internationale Gefahr des mit dem Faschismus verbündeten Nationalsozialis- mus früher und besser erkannte, als die meisten seiner Landsleute. An diesen Feststellungen ändert die for- male Tatsache nichts, daß es England war, das uns als erstes Land den Krieg erklärte. Ribbentrop hatte die englische Kriegserklärung nicht für möglich gehalten und auf dieser Erwartung seinen scharfen außenpoliti- schen Kurs aufgebaut. Zweifellos war es im September 1939 für die englische Regierung ein sehr gewagter Schritt, sich, bevor die Aufrüstung vollzogen war, in einen Krieg einzulassen. Aber diese Haltung war not- wendig und unvermeidlich geworden, denn es gibt im Leben einer Nation Augenblicke, in ‚denen sie dem Ruf des Schicksals nicht ausweichen kann. Die Welt hatte, von dem gefährlichen Wagemut Hitlers verblüfft, schon angefangen, den Glauben an England zu ver- lieren. Die Mobilisierung der englischen Abwehrkräfte hatte eben längere Zeit in Anspruch genommen und sie war auch im Herbst 1939 noch nicht vollendet. Rußland hatte in der beginnenden Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem nationalsozialistischen Deutschland eine besonders günstige Stellung bezogen. Stalin wollte den Krieg nicht, da er alles, was Ruß- land brauchte, mit Mitteln erreichen konnte, die auch bei äußerster Anspannung der internationalen Lage 224 immer noch friedliche waren. Die kriegerische Auseinandersetzung im Westen Europas vollends bot ihm die besten Möglichkeiten. Wenn er sie nutzte, handelte er nur als russischer Patriot. Von Anfang an war ich mir darüber klar, daß das deutsch- russische Abkommen von 1939 nur von kurzer Dauer sein würde. Die ganze Mentalität des Nazismus, seine Ostromantik und Bolschewistenhetze, mit der das Verlangen nach Land und Bodenschätzen getarnt wurde, trieb nach meiner Überzeugung im Zusammenhang mit dem einmal entfesselten Krieg früher oder später auch zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Rußland. Daß sie nicht von heute auf morgen erfolgen würde, war bei der zurückhaltenden und klugen Politik Stalins gegenüber dem deutschen Marktschreier wahrscheinlich. Daß auch die Vereinigten Staaten sich aus dem Krieg nicht würden heraushalten können, war schon 1940 sicher geworden. Das war allein schon aus dem Verhältnis dieses mächtigen Staates zum nationalsozialistischen Deutschland in den letzten Vorkriegsjahren offensichtlich geworden. Man mußte sich allerdings darüber klar sein, daß die innere Vorbereitung der im Grunde absolut kriegsfeindlichen amerikanischen Massen auf den Krieg ebenso lange dauern würde wie die materielle Vorbereitung der eigentlichen Rüstung und die Ausbildung von Millionen von Amerikanern zu brauchbaren Soldaten. In der Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten haben der Größenwahn und der Übermut des Hitlerregimes wohl ihren Höhepunkt erreicht. Auf Grund solcher Überlegungen kam ich gerade in den Tagen der höchsten deutschen Triumphe zu der Überzeugung, daß der Krieg sehr wohl bis 1945 dauern könne, daß er dann aber auch mit der Zerstückelung 225 Deutschlands enden werde. Freilich lief man in jener Zeit der raschen Triumphe in Frankreich Gefahr, für verrückt gehalten zu werden, wenn man selbst im vertrautesten Kreise eine solche Ansicht äußerte. War man in der Wahl seiner Zuhörer dazu noch zu unvorsichtig, so drohte unter Umständen auch der Galgen. Nur einmal bin ich in meiner Überzeugung vorübergehend wankend geworden. Es war in der Zeit des italienischen Zusammenbruchs im Sommer 1943, als ich das Ende auch für Deutschland näher glaubte. Das alles ging mir bei Lützen durch die Erinnerung. Waren nicht die Religions- und Revolutionskriege zu allen Zeiten die schlimmsten aller Kriege gewesen? Trug nicht auch dieser zweite Weltkrieg in mancher Beziehung die Züge eines Religionskrieges? Der globalen kriegerischen Auseinandersetzung von 1939 bis 1945 lagen gewiß in erster Linie, wie in fast allen Kriegen der in den Konflikt hineingezogenen Mächtegruppen, die Schaffung, Erweiterung und Verteidigung imperialistischer Interessensphären zugrunde. Die ideologische Grundlage, auf welcher der Kampf ausgefochten wurde, trug, im Gegensatz zu den meisten Kriegen der neueren Geschichte wieder einmal stark weltanschauliche Züge, die zuweilen geradezu in religiösen Fanatismus ausarteten. Der Faschismus, dessen agressivste Form der deutsche Nationalsozialismus war, hatte die ganze Welt herausgefordert. Er wollte sie nicht nur neu verteilen, sondern ihr zugleich auch eine andere Form der Herrschaft aufzwingen, durch die alle Ideale bedroht wurden, die seit der Französischen Revolution und der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung unveräußerlicher Besitz oder Traum der Völker moderner Staaten geworden waren. Zu diesen Idealen gehört alles, was die Würde des Menschen ausmacht: die 226 Achtung vor der Heiligkeit des Lebens, das Recht der menschlichen Persönlichkeit auf Gleichheit vor dem Gesetz, auf Schutz des unabhängigen Richters vor polizeilicher oder administrativer Willkür, Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, Freiheit der Lehre auf Kanzel, Lehrstuhl und Bühne, das Recht auf Arbeit und menschenwürdiges Dasein. An sich sind diese Dinge in dem Begriff Demokratie keineswegs enthalten. Aber die politische Demokratie ist die einzige und wirkliche Garantie für ihre Erhaltung. Den Angriff auf die Demokratie haben daher die freiheitsliebenden Völker des Westens als einen Angriff auf ihre Lebensgrundlagen schlechthin empfunden und sie haben sich in einer gewaltigen Anstrengung dem Würgegriff des Faschismus entzogen. Der Angriff der Nazis galt aber zugleich einer Macht, die erst im Zusammenhang mit der kriegerischen Auseinandersetzung von 1914-18 ins Dasein getreten war: dem Bolschewismus. Hinter der Gegnerschaft gegen dieses System verbarg sich, wie aus den Reden der führenden Männer des Dritten Reiches häufig genug nur zu deutlich hervorging, die nackte Gier nach den Schätzen östlicher Länder. Der Anspruch des Faschismus, die höhere Synthese von Nationalismus und sozialen Sehnsüchten der unter demokratischem oder bolschewistischem Szepter lebenden Massen zu sein, war nur eine erkünstelte Konstruktion, die bei dem Zusammenprall mit der rauhen Wirklichkeit versagen mußte. Der Bolschewismus, ungleich klüger geführt als der Faschismus, genoẞ infolge der politischen Torheiten des Dritten Reiches die Gunst einer geschichtlich beispiellosen Lage. Zwei an sich wesensfremde politische Mächte wurden durch die verbohrte politische Doktrin des Nationalsozialismus förmlich zu einer Front gegen Deutschland 227 zusammengepreßt. Zugleich wurde das Reich durch das politische System des Nationalsozialismus und vor allem durch seine außenpolitische Aggressivität nach beiden Seiten bündnisunfähig gemacht. Damit hatte Hitler es erreicht, daß in diesem Krieg System gegen System stand, so wie früher Glaubensbekenntnis gegen Glaubensbekenntnis. Wenn es aber einmal um den Glauben geht, dann gibt es weder Gnade noch Kompromiß. In einem solchen Falle werden alle politischen und militärischen Spielregeln außer Kurs gesetzt. Da wird allein um des Kampfes willen gekämpft, auch wenn für die Einsichtigen die Sinnlosigkeit und Unfruchtbarkeit der Auseinandersetzung längst auf der Hand liegt. Fanatismus und Intoleranz in Reinkultur toben sich dabei gegen die Feinde und in fast noch härterer Form gegen die Widersacher im eigenen Lande aus. Wir haben es erfahren, wie die Gegner des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern lebendig begraben wurden oder ihr Leben am Galgen lassen mußten. Im deutschen Nazitum und in den von ihm narkotisierten Volksmassen waren alle Kräfte eines religiösen Massenwahnsinns entfesselt worden. Es gab vor, das Gute zu wollen, hat aber in allem das Gegenteil erreicht: die Besessenheit, die jede Vernunft tötet, die Unduldsamkeit, die die ganze Skala der Inquisition, von der leichten Erpressung bis zum qualvollen Tode gegen jedermann in Bewegung setzte, der in dem Verdacht stand, den Unglauben zu nähren, nicht zuletzt aber hat er zu einem Fanatismus geführt, der nach der Methode indischer Fakire die auf geistiges Mittelmaẞ dressierten Massen zu politisch- religiösen Veitstänzen hinriẞ. Die billigen Triumphe des Anfangs erzeugten eine geradezu krankhafte Überheblichkeit und eine eitle Selbstzufriedenheit, die auch dann noch zur Schau 228 getragen wurden, als weniger verblendeten Anhängern und Mitläufern des Systems der Untergang längst vor Augen stand. Der Nationalsozialismus phantasierte von einem tausendjährigen Dritten Reich der Deutschen. Es ist hier nicht die Stelle zu untersuchen, wie lange sich der Nationalsozialismus wohl am Ruder gehalten haben würde, wenn er den Krieg vermieden und sich auf das beschränkt hätte, was mit friedlichen Mitteln erreichbar war. Die Frage ist an sich schon unlogisch, denn die Dynamik des Nationalsozialismus und die verbrecherische Natur seiner Urheber trieben automatisch zum Kriege. Daß unter solchen Umständen die Entzauberung der nationalsozialistischen Massen nur mit den allerstärksten Mitteln möglich sein würde, war mir immer schon klar. Es war deshalb auch nur folgerichtig, daß der 20. Juli 1944, der wie ein Wetterleuchten die militärische und politische Situation des Nazireiches erhellte, bei den eingefleischten Nazis zunächst zu einer Verhärtung des Fanatismus geführt hat, die zehntausenden tapferer Männer Freiheit und Leben kostete. Denn der sinnlos gewordene Krieg ging weiter, Millionen Soldaten mußten noch sterben, die Zeugen deutschen Wohlstandes in Trümmer gehen, Heimatlosigkeit, Wurzellosigkeit und die Aufhebung fast jeder Existenzmöglichkeit jeden einzelnen angrinsen, bis die Entzauberung aller und der totale Zusammenbruch zeitlich zusammenfielen. Dreißigjähriger Krieg und Hitler- Krieg! Wie verwandt sind sie im Wesen und in den Folgen. Vor dem Dreißigjährigen Krieg war Deutschland ein blühendes Land. Verwüstet und zerstampft von den Heeren aller Länder, machtlos, national und konfessionell zerrissen, ein Spielball fremder Mächte lag es an seinem Ende da. Auch heute haben sich die furchtbaren Tatsachen der 229 Niederlage in hundertfach gesteigerter Schwere auf uns gesenkt. Damals wurde Deutschland für fast zweihundert Jahre aus der Weltpolitik ausgeschaltet. Während wir uns in unserem Lande im Streit um den rechten Glauben für eine lange Zeit bis zur Ohnmacht schwächten, wurde die Welt ohne unsere Beteiligung immer von neuem verteilt. Das Schwergewicht der politischen Kräfte verschob sich nach Westen, nach Frankreich und England, um sich schließlich fast ein Jahrhundert lang auf die englische Insel zu konzentrieren, der erst in unserer Generation durch den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Amerikas in steigendem Maße ein Konkurrent entstanden ist. Diese Tendenzen hatten sich seit langem in der Weltgeschichte angekündigt. Die Machthaber Deutschlands, das sich nur langsam von seinem tiefen Fall erholte, unter preußischer Führung im neunzehnten Jahrhundert immerhin wieder zu einer europäischen Großmacht geworden war, hätten sie rechtzeitig erkennen müssen. Es gab mehrmals eine Möglichkeit, Anschluß an die Weltentwicklung zu finden. Doch die glänzenden Gelegenheiten verstrichen alle ungenützt. In Deutschland triumphierten immer von neuem Bismarckscher Geist und preußischer Militarismus über Demokratie und politischen Fortschritt. Von hier aus führt eine gerade Linie über die Hohlheit und den Scharlatanismus des wilhelminischen Systems, über den ersten Weltkrieg zu Hitler und von ihm zu dem neuen noch furchtbareren Sturz Deutschlands. Nur eine Umkehr von Geist und Methode, die aber bereits mit dem ersten Stein zutage treten muß, der beim Neubau angesetzt wird, kann unser Volk vor dem Versinken in die Nacht der Geschichtslosigkeit retten. Inzwischen rollte unser Wagen langsam weiter. Die 230 $ Sonne stieg höher. Die ostthüringischen Waldgebiete näherten sich. Wie eine Warnung vor akuter Gefahr wirkten die angeschossenen und ausgebrannten Wagen, die zu Dutzenden in beiden Richtungen der Fahrbahn herumlagen. Hinter Eisenberg wollten wir die Raststelle beim Hermsdorfer Kreuz anfahren, um dort unser Frühstück einzunehmen. Wir wurden jedoch sofort zur Weiterfahrt aufgefordert, da Beschuß drohe. Tatsächlich ging schon nach kurzer Zeit das Geknatter der Bordwaffen los. In großer Hast wurden die zahlreichen Gepäckstücke ins Gebüsch oder in den Wald geworfen. Ein einziger Treffer in unsere Benzinladung hätte eine gewaltige Explosion hervorgerufen und alles im näheren Umkreis des Wagens in Mitleidenschaft gezogen. Dicht über unseren Häupten kreisten die Flieger. Dem ersten Angriff folgte eine scheinbare Ruhe, die uns zum Weiterfahren verlockte, doch bald setzten ein zweiter und ein dritter Angriff ein. Erst zwischen elf und zwölf Uhr ließen die Angriffe endlich nach. Auf der kurzen Strecke bis zur Ausfahrt Triptis zählten wir nicht weniger als sechs zerschossene Wagen, deren Insassen im Wald Schutz gesucht und so mit dem Leben davongekommen waren. Es gelang mir, den Offizier zu bewegen, uns bis Pößneck zu fahren, da alle dorthin führenden Strecken der Reichsbahn durch Feindeinwirkung bereits unbefahrbar geworden waren. Nach zweiundzwanzigstündiger Fahrt hielten wir in meiner Geburtsstadt vor der Wohnung meines Neffen. Eine seltsame Ironie des Schicksals hatte es gewollt, daß mich die Polizei Himmlers vor ihr in Sicherheit brachte. 231 KAPITEL 4 Der Nazismus im Reiche Sauckels und Goethes Sein Untergang in der Kleinstadt Zusammenschluß der antifaschistischen Kräfte Meine Absicht, in Pößneck nur vorübergehend Halt zu machen und rasch in der Einsamkeit zu verschwinden, schlug fehl. Die Kriegslage hatte sich im oberen Saaletal so verschärft, daß es nicht ratsam schien, weiter zu fahren. Es fand sich auch kein Wagen, der bereit gewesen wäre, uns mitzunehmen. So mußten wir in Pößneck bleiben und dort das Ende des Krieges abwarten. Die wirtschaftliche Struktur der Stadt meiner Jugend hatte während des Krieges einige bedeutsame Veränderungen erfahren. Die alteingesessene Textilindustrie war zum größten Teil stillgelegt worden. Die Maschinen hatte man gelagert, bis der Frieden sie zu neuem Leben erwecken würde. Die freigewordenen Räume dienten kriegswichtigen Fertigungen. Rüstungsfirmen waren aus luftgefährdeten Gebieten hierher verlagert worden. Angesichts dieser Verhältnisse war es kein Wunder, daß die Bedrohung der Stadt durch Luftangriffe in den letzten Monaten dieses Krieges immer stärker wurde. Als ich am Nachmittag des 10. April in Pößneck eintraf, zitterte in der Bevölkerung noch die heftige Erregung nach, in die sie durch zwei schwere Bombenangriffe am 8. April, einem Sonntag, versetzt worden war. Die Zerstörungen durch diese Angriffe waren schwer und empfindlich. Die Front war sehr nahe gerückt. Der Alarm riß nicht ab. Kampfflugzeuge und Tiefflieger überflogen fast ununterbrochen das Stadtgebiet. Deutsche Truppen lagen in der Stadt und in 232 den benachbarten Dörfern. Versprengte in großer Zahl, müde, matt, heruntergerissen und ausgehungert, in der Mehrzahl ohne Waffen, suchten meist vergeblich die befohlenen Anschlüsse. Jeder Zusammenhang schien verloren gegangen zu sein. Fast ausnahmslos hatte diese Soldaten eine hoffnungslose Stimmung erfaßt. Die meisten machten ihrer Empörung über die verbrecherische Fortsetzung des Krieges Luft. Keinen traf ich, der willens gewesen wäre, dem offenkundigen Wahnsinn in letzter Minute noch Gesundheit und Leben zu opfern. Die Betriebe waren geschlossen. Trotzdem waren die Straßen und Gassen der Stadt menschenleer, denn die Bewohner verkrochen sich in Keller und Bunker oder flüchteten in die nahen Wälder, die ihnen Schutz vor den Fliegern zu bieten schienen. Politisch war die lebhafte Kleinstadt bis 1933 in zwei fast gleiche Teile zerfallen: in einen bürgerlichen, in dem zuletzt die Nationalsozialisten dominierten, und einen kommunistisch- sozialdemokratischen, in dem die beiden Linksparteien einander ziemlich die Waage hielten. Während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft ging die große Mehrheit der Bevölkerung mehr oder weniger willig mit dem System. Das trat, wie überhaupt in Thüringen, in einer besonderen Stilart auf, die sich aus der Enge und Kleinheit aller Verhältnisse erklärt, die dem sonst so liebenswürdigen Ländchen und seiner Bevölkerung eigentümlich sind. Nach außen wurde, wenn es im Innern auch häufig genug ganz anders aussah, in Haltung und Phrase eine besondere Nazitreue, die auf Fremde oft lächerlich wirkte, zur Schau getragen. Der Hitlergruß hatte jede andere Form der Begrüßung verdrängt. In alten Häusern, auf gleichen Fluren miteinander wohnend, nur von offenen Treppen, dünnen Wänden oder schmalen 233 Gassen voneinander getrennt, lebte die Bevölkerung zusammen. Jeder kannte jeden, einer wußte vom anderen und viele miẞtrauten sich gegenseitig. Dieser Zerfall der nachbarlichen Treue und des Vertrauens, die zu den wertvollsten seelischen Kräften des kleinstädtischen und dörflichen Lebens gehörten, ist auch eine besondere Seite im Schuldbuch des Hitlertums. So war es nach meiner Beobachtung in ganz Thüringen, das ja auch als nationalsozialistisches Probierund Musterländchen vorbelastet war. Hier fand 1926 nach der Neugründung der Partei der erste Parteitag statt. Von hier aus provozierte Dr. Frick als erster nationalsozialistischer Minister seine politischen Gegner, und in Thüringen entstand 1932, sechs Monate vor der sogenannten Machtergreifung im Reich die erste rein nationalsozialistische Landesregierung in Deutschland. Diese besondere Note des Nationalsozialismus in Thüringen wurde unterstrichen durch die komische Figur des Gauleiters Sauckel Sauleiter Gauckel nannte ihn der Volkswitz von dem zu Beginn seiner Herrschaft als Reichsstatthalter die tollsten Geschichten kursierten. Er galt als einer der ältesten Gefolgsleute Hitlers, von dessen Gnadensonne erwärmt, er sich zu besonderen Leistungen berufen fühlte, für die er weder mit Verstand noch mit Phantasie ausreichend ausgestattet war. Alle seine Reden und Kundgebungen strömten ein besonderes Maß von Dummheit aus. Gleich zu Beginn seiner Laufbahn als Reichsstatthalter hatte er ein großes thüringisches Werk, das einer jüdischen Familie gehörte, in Widerspruch mit allem geltenden Privatrecht, an sich gerissen und unter dem Namen Sauckel- Werke zusammen mit anderen Unternehmungen zu einem sogenannten Musterbetrieb gemacht. Sich mit fremden Federn schmücken, war ja - 234 - Bun TRETEN RT Te schon immer nationalsozialistischer Grundsatz gewesen. Die zweite Großtat dieses Gernegroß war die Zerstö- rung des historischen Weimar, das im Herzen eines jeden Deutschen als Heiligtum lebte. Dieser„Kultur- friedhof“, wie die Nazis es nannten, müßte selbstver- ständlich im Geiste Hitlers umgeformt werden. Rück- sichtslos wurde der Museumsplatz niedergerissen. und die Talsenke ausgefüllt, um Raum zu schaffen für einen Platz, der dem Götzen Hitler gewidmet sein sollte. Auf ihm wurden Protzenbauten aus Zement begonnen, die jedoch bei Kriegsausbruch unfertig stehen blieben. Das dritte Glanzstück im Wirken dieses Mannes war die systematische Anwerbung von ausländischen Arbeitern, die das Elend der deutschen Bevölkerung jetzt in qual- voller Weise vermehrten und die Versklavung verstärk- ten, die Sauckel in seiner Eigenschaft als Generalbevoll- mächtigter für den Arbeitseinsatz für Millionen deut- sche Männer und Frauen zum System erhob. Unauslöschlich aber ist der Name Sauckel mit der Schande verbunden, die der Begriff Buchenwald über Deutschland gebracht hat. Zwischen Weimar und der Eitersburg liegt die Stätte, über deren Eingang un- sichtbar die Worte stehen, die Dante über das Tor der Hölle setzt:„Die Ihr hier eintretet, lasset. alle Hoff- nung fahren!“ Was bedeuteten für Millionen Deutsche die Namen Weimar, Jena, Belvedere, Tiefurt, Etiers- burg! Was das ganze thüringische Land, das Goethe als das Land seiner väterlichen Ahnen so innig liebte, daß es ihn zu jenen dichterischen Leistungen beflügelte, die seine Erscheinung zur höchsten Blüte der Nation erhoben! Unvergänglich sind seine Worte:„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“ Was war in einem unerklärlichen Rückfall in längst überwunden 233 a geglaubte Methoden der Barbarei an die Stelle dieser Goetheschen Bestimmung des Menschen getreten! Es war, als ob die Finsternis in ihrem Kampfe gegen das Licht bis zu dem leuchtendsten Gestirn deutschen Geistes und deutscher Humanität vorgedrungen sei, als ob sie inmitten des heiligen Herzens unseres Vaterlandes neben den hellsten Punkt unserer Geschichte seinen dunkelsten gesetzt hätte. Möge jetzt die Zeit kommen, da die Deutschen ihre Seele völlig lösen von der blutigen Schmach, die in dem Namen Buchenwald ihren deutlichsten Ausdruck findet! Mögen sie zurückkehren zu der Reinheit und Klarheit des Geistes Goethes und sich den Wahlspruch Friedrich Schillers, des anderen großen Deutschen des klassischen Weimar, wieder zu eigen machen:„ Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben. Bewahret sie!" Zur Ehre meiner kleinen Vaterstadt muß ich feststellen, daß in ihr trotz dem allgemeinen Kotau vor dem Nazisystem viele tapfere Männer anzutreffen waren, die aufrecht und innerlich ungebrochen durch die zwölf Jahre nationalsozialistischer Tyrannei geschritten sind. Zu ihnen gehören in erster Linie die lokalen Führer der sozialdemokratischen und kommunistischen Partei, die, zum Teil wiederholt, durch die Gefängnisse und Konzentrationslager geschleppt worden sind. Aber auch im Bürgertum, unter den Bauern und in der Beamtenschaft traf man Persönlichkeiten, die, beseelt von den alten deutschen Begriffen von Wahrheit, Freiheit, Recht und Ehre, nicht zu bewegen waren, vor dem Terror des Nationalsozialismus den Nacken zu beugen. Da ihr unsichtbarer Einfluß auf die Bevölkerung stark war, kam ihrem Vorhandensein eine gröBere Bedeutung zu als sich in ihrer Zahl ausdrückte. Alle diese Männer stammten aus den verschiedensten 236 politischen Lagern der Vergangenheit. Das Menschliche in ihnen war unter dem Schutz des Systems nicht zugrunde gegangen. Die unbestechliche Gegnerschaft zum Hitlerismus und ein Band gegenseitiger Achtung hielt sie zusammen. So hatten sie alle, von der äußersten Linken bis hinein in die früheren Rechtsparteien, durch ihre Haltung sich das Ansehen ihrer Mitbürger bewahrt und den Geist des Widerstandes in weitere Kreise der Bevölkerung getragen. Um sie gruppierte sich rasch die jetzt führerlos gewordene Masse. Als ich in Pößneck eintraf, war ich erstaunt über die vollständige Umwälzung, die sich in der Stimmung der Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit vollzogen hatte. Die selbstmörderische Politik von Regierung und Oberkommando der Wehrmacht hatte die Menschen aufgerüttelt. Wilde Flüche und Verwünschungen gegen die wankenden Götzen waren an der Tagesordnung. Dazu kam der Zorn über die von allen Seiten eintref-, fenden Nachrichten von der sinnlosen Zerstörung der Städte, Brücken, Verkehrswege und Vorratslager. Die Opfer innerhalb der Stadt wirkten wie eine flammende Anklage gegen das verbrecherische Regime. Die Sorge um Haus und Wohnung kam überall laut zum Ausdruck. Die Partei, formell noch an der Macht, wurde von niemandem mehr gefürchtet. Die Entscheidung, ob die Stadt verteidigt oder aufgegeben werden solle, hing an des Messers Schneide. Hitzköpfe in der Hitler- Jugend, vor allem deren Führer, schienen zu kindischen Dummheiten geneigt, wurden aber von dem entschlossenen Willen der Bürgerschaft niedergehalten. Die Entscheidung lag in den Händen des deutschen Kommandanten und des Kreisleiters der NSDAP. Zum Glück hatte dieser in erster Linie seine persönliche Sicherheit im Auge und kümmerte sich wenig um das 237 Schicksal der Stadt. Der Ortsgruppenleiter machte in der Nacht vom 13. zum 14. April seinem Leben durch Erschießen ein Ende, da er an dem Zwiespalt zwischen den Parolen von oben und dem Druck des Volkes von unten zerbrochen ist. Auch seine Familie ging mit ihm in den Tod. So vollzog sich in der kleinen Stadt die gleiche Tragödie, die vorher und nachher so viele Führer der NSDAP. erreicht hat und schließlich auch den Kopf des ganzen Systems auslöschte. Man soll auf die Toten, auch wenn sie im Leben unsere Gegner waren, nicht mit Steinen werfen. Aber das Unglück, das sie durch ihre Taten angerichtet haben, ist zu groß. Es gestattet nicht, sich aus lauter Ehrfurcht vor der Majestät des Todes in Schweigen zu hüllen. Wenn man ein Volk durch seine Taten in das furchtbarste Elend seiner Geschichte gestürzt hat, sich selbst aber der Verantwortung durch Selbstmord entzieht, so ist das ein Akt der Feigheit, der nicht mehr überboten werden kann. Inzwischen war eine Verteidigung der Stadt vom militärischen Standpunkt aus immer sinnloser geworden. Das hat auch der letzte Kommandant, ein Major, eingesehen; er verschwand unter Zurücklassung seiner Achselstücke. Nun stand der Übergabe nichts mehr im Wege. Nächte hindurch hatte die Bevölkerung den Donner der Geschütze vernommen. Die Tage von Saalfeld und Saalburg, an denen diese schöne Gegend zum letzten Mal feindliche Heere und schwere Kämpfe auf ihrem Boden erlebt hat, lagen rund 140 Jahre zurück. Seit 130 Jahren hatte Deutschland keine feindliche Invasion erlebt. Der Nationalsozialismus mußte kommen, um ein Unglück über das Vaterland heraufzubeschwören, das man nicht mehr für möglich gehalten hatte. Die ersten amerikanischen Panzer zogen am Sonntag, dem 15. April, zwischen neun und zehn Uhr in die Stadt 238 ein. Rasch war das Rathaus besetzt; der Bürgermeister wurde von den Amerikanern aus der Wohnung geholt. Bald erschienen auch die ersten Anordnungen. Fast ununterbrochen rollten Panzer auf Panzer, Kraftwagen auf Kraftwagen in östlicher Richtung. Doch schon nach wenigen Tagen wurde es stiller. Die als Besatzung zurückgebliebene Truppe wurde kleiner und unsichtbarer. Die alten Gewalten waren zusammengebrochen. Das schwere Unglück, das über Land und Volk gekommen war, verlangte nach einer neuen politischen Führung. Um diesem Bedürfnis zu entsprechen, hatte sich ohne mein Zutun eine Arbeiterpartei gebildet, in der sich im wesentlichen frühere Sozialdemokraten und Kommunisten zusammengefunden hatten. Aus dieser Tatsache sprach die Sehnsucht der Arbeiter nach einer großen einheitlichen deutschen Arbeiterbewegung. Als ich um Rat gebeten wurde, setzte ich meinen Freunden auseinander, wie falsch es wäre, jetzt einfach da fortfahren zu wollen, wo man 1933 aufgehört hatte. Wie viel war über Deutschland hinweggegangen! Die Klassengrenzen waren verschoben. Das ganze Volk befand sich in einem geistigen Gärungs- und Umformungsprozeßẞ. Da mußte etwas Neues kommen, bei dem man sich die alten Wahrheiten zunutze machte und aus den Fehlern und Vorurteilen der Vergangenheit lernte. Auf Bitten meiner Freunde entwarf ich ein provisorisches Programm, das, obwohl gewissermaßen aus dem Handgelenk entstanden, einstimmige Annahme fand. Die Organisation sollte nur lokalen Charakter haben. Die ideologische Fundierung blieb offen. Sofort ging es an die Arbeit. Sie stieß jedoch auf Schwierigkeiten, die ich wohl vorausgesehen hatte, an die aber einige Stürmer und Dränger nicht glauben wollten. Die Bildung von politischen Parteien war zunächst grund239 sätzlich verboten. Der Kontakt mit der Bevölkerung konnte nur von Mund zu Mund hergestellt werden. Die örtlich zuständige Militärregierung ließ außerdem lange auf sich warten. Die Kommandanten wechselten in der ersten Zeit fast täglich. Es war ein Übergangszustand, von dem man nicht wußte, wie lange er dauern würde. Daran änderte sich zunächst auch nichts, als nach seiner vorzeitigen Entlassung aus Buchenwald der mit den lokalen Verhältnissen bestens vertraute kommunistische Führer Alfred Bochert die Leitung der antifaschistischen Kreise in die Hand nahm. Der Postbetrieb war stillgelegt, es gab keinen telefonischen Verkehr, die Stromversorgung versagte schon tagelang. Die Folge war, daß auch der Rundfunk, der als alleinige Informationsquelle diente, nunmehr verstummte. Die Isolierung von der Außenwelt war vollkommen. Bruchstückweise und unzuverlässig nur erfuhr man, was sich auf den Kriegsschauplätzen und in der hohen Politik ereignete. Die Informationen gingen von Mund zu Mund. Dabei wiederholten sich im Kleinen die Erfahrungen, die ich schon 1920 anläßlich des KappPutsches in Berlin gemacht hatte. Schon damals beobachtete ich, welche tiefgreifenden psychologischen Veränderungen eintreten, sobald die Zeitungen oder andere Nachrichtenquellen versagen, hinter denen wenigstens irgendeine greifbare Autorität vermutet wird. Da wird dann alles behauptet und alles geglaubt. Ob die Gerüchte sich widersprechen oder nicht, ist der aufgeregten und urteilslosen Masse gleichgültig. In Pößneck ist das nicht anders gewesen, wie damals in Berlin. Eine wilde Flut von Gerüchten ging durch die Stadt, da jede Nachprüfung unmöglich geworden war. Es hat einige Zeit gebraucht, bis die aufgeregten Gemüter sich wieder beruhigt hatten. 240 KAPITEL 5 Paradetag der Geschichte Gericht und Götterdämmerung ..We enn die Geschichte ihre Paradetage hat und hundertprozentig auftritt, dann wehe den Menschen!" Vor Jahren hatte ich dieses Wort irgendwo gelesen. Jeden Tag wurde ich jetzt an seine Wahrheit erinnert. Welches stürmische Tempo hatte die Weltgeschichte angenommen seit dem 23. März 1945, an dem amerikanische und englische Verbände am Niederrhein und südlich Mainz über den Strom gegangen waren und jede Offensivkraft gegen Osten gelähmt hatten, sofern eine solche überhaupt noch vorhanden war. Am 1. April war das Ruhrgebiet eingekesselt, am 9. April Königsberg gefallen, am 10. Hannover und Hessen, am 12. überschritten amerikanische Truppen die Elbe, am 13. fiel Wien, und am 14. wurden die deutschen Truppen an der Nordsee und in Holland von jeder Landverbindung abgeschnitten. Am 16. April beginnt der russische Angriff auf Berlin, am 19. geht der Kampf im nördlichen und am 24. im südlichen Ruhrgebiet zu Ende. Nürnberg und Leipzig kapitulieren am 20. April, am 24. wird das zerstörte Bremen genommen, und am gleichen Tage entkleidet Hitler den Reichsmarschall Göring seiner sämtlichen Ämter. Am 25. April ist Berlin vollkommen eingekesselt und am 26. erfolgt die erste Vereinigung amerikanischer und russischer Truppen bei Torgau an der Elbe. In den gleichen Tagen bricht der Widerstand der deutschen und italienischfaschistischen Truppen in Italien zusammen. Mussolini wird am 24. April bei dem Versuch, über die Schweizer 241 Grenze zu entkommen, verhaftet und mit 17 seiner Anhänger hingerichtet. Seine Leiche wird in Mailand zur Schau gestellt. In Deutschland trifft sich Himmler am 29. April mit dem Grafen Bernadotte, einem Neffen des schwedischen Königs, und bietet über ihn den Amerikanern und Engländern die bedingungslose Kapitulation an. Da sie nicht zugleich auch Rußland gegenüber erklärt wird, lehnen London und Washington ab. Daß es jetzt endgültig aus war, mußte nach diesem Kapitulationsangebot dem letzten Bürger und dem letzten Soldaten in Deutschland klar sein. Trotzdem verkündet der Großadmiral Dönitz am 1. Mai die Fortsetzung des Kampfes gegen die Russen, aber auch gegen Engländer und Amerikaner, sofern diese ihn an der Abwehr gegen Rußland hindern sollten. Er hatte sich nach dem Selbstmorde Hitlers, von dem zwar behauptet worden war, daß er im Kampfe gefallen sei, zum Nachfolger erklärt. Es war eine törichte und sinnlose Erklärung, die auf das weitere Geschehen ohne den geringsten Einfluß geblieben ist, denn am 2. Mai wird Berlin von der Roten Armee erobert, am 3. Mai Hamburg von den Engländern besetzt. Damit bricht der gesamte deutsche Widerstand in Nordwestdeutschland zusammen. Am 4. Mai fallen Innsbruck, Salzburg, Berchtesgaden, Dänemark, Holland und die Friesischen Inseln. Am 5. Mai kapitulieren alle zwischen dem Rhein und Linz an der Donau im süddeutschen Raum noch vorhandenen deutschen Truppen. Am 6. Mai zieht Benesch an der Spitze der tschechischen Exilregierung in Prag ein. Endlich hat Dönitz eingesehen, daß jeder weitere Widerstand nicht nur sinnlos, sondern eine Groteske wäre, und er erklärt deshalb die bedingungslose Kapitulation gegenüber allen drei Großmächten. Im Hauptquartier des Generals Eisenhower, einem 242 kleinen Schulhaus in Reims, wird am 7. Mai morgens 2.41 Uhr von Generaloberst Jodl, dem Chef des Wehrmachtführungsstabes, und Admiral Friedeburg die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Knapp vierundzwanzig Stunden später wird sie in dem zertrümmerten Berlin von den gleichen Persönlichkeiten und dem Generalfeldmarschall Keitel vor dem russischen Marschall Schukow ratifiziert. Eine Minute nach Mitternacht, also am 9. Mai 0.01 Uhr erfolgt die offizielle Einstellung der Kampfhandlungen an allen Fronten. Der zweite Weltkrieg hatte in Europa sein Ende gefunden. London, Washington, Paris, Moskau, Amsterdam, Kopenhagen, Brüssel und Oslo ertrinken in einem wahren Rausch des Sieges. Überall feiert man den überwältigenden Sieg über Deutschland, das zu Lande, zur See und in der Luft vernichtend geschlagen worden ist. Diese Tatsachenreihe, umrahmt von dem Selbstmord einer Reihe von Naziführern, darunter Goebbels, erschütternd in ihrem dramatischen Ablauf, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wirkt aber trotzdem als Folie eines ebenso beispiellosen wie schmachvollen Zusammenbruchs: Wenn etwas zum Fallen neigt, dann wird es von allem, was es umgibt ins Unglück gezogen. Kleine und große Zufälle verbinden sich, um es zu vernichten." Die gewaltige Fülle der historischen Geschehnisse, vom Übergang über den Rhein bis zur Kapitulation in Reims und Berlin in knapp fünf bis sechs Wochen zusammengedrängt, hat die Wahrheit dieser Beobachtung erneut bestätigt. Wie konnte ein solches Unglück über Deutschland kommen? Diese Frage legen sich heute täglich Millionen von Deutschen vor. Und sie wird von der Geschichtsschreibung auch in Zukunft immer neu gestellt werden. Sie ist nicht leicht zu beantworten. Vieles erklärt 99 243 sich aus der Natur und dem Charakter der Deutschen in Verbindung mit ihrer harten wechselvollen Geschichte und der geographischen Lage des Landes. Rom hat sie vor zweitausend Jahren aus ihrer Abgeschiedenheit aufgescheucht. Im Herzen Europas zu Hohem berufen und Großes leistend, waren sie mit ihrem heiligen römischen Reich deutscher Nation im Mittelalter die Klammer, welche die abendländische Kulturwelt zusammenhielt, bis das religiöse Schisma die Einheit ihres Weltbildes zerstörte und wie ein Hausschwamm alles zersetzte und auseinander trieb. Auf den Trümmern dieses Reiches gediehen Zerrissenheit, Entfremdung untereinander und der Partikularismus, der die Fähigkeit verkümmern ließ, in großen politischen Entwürfen zu denken, die Vorgänge in der Welt zu verstehen und Nutzen daraus zu ziehen. Die politische Ohnmacht kam über Deutschland zu einer Zeit, in der der größte Teil der heutigen Welt erst neu entdeckt wurde. Deutschland geriet in die Rolle des Dichters, der bei der Verteilung der Welt zu kurz gekommen war, den Gott dafür aber einlud in seinem Himmel Platz zu nehmen, so oft er das Bedürfnis hierzu habe. Von nun an schlugen die Deutschen ihre Schlachten im Reiche des Geistes und gewannen viele. Aber: ,, während die Deutschen sich mit der Auflösung philosophischer Probleme quälen" sagte Goethe 1829 zu Eckermann, ,, lachen uns die Engländer mit ihrem großen, praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt!" Demselben gegenüber hatte er sich schon einige Jahre früher darüber beklagt, daß die philosophische Spekulation dem Deutschen im ganzen hinderlich sei und ihn in Nachteil versetze gegenüber den Geschäfts- und Erfolgsmenschen, die nur aufs Praktische gingen. Für uns Deutsche gilt in besonderem 244 Maße das Wort des großen Weisen von Weimar, daß wir, indem wir unsere Tugenden entwickeln, unsere Fehler zugleich mitanbauen. ,, Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und fehlen ein wie das andere Mal; in uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind." Der Größe unserer Tugenden und der Höhe unserer Leistungen entspricht die Gefährlichkeit unserer Fehler, wenn sie sich ohne Hemmung austoben können. In uns schlummern noch die Urkräfte des germanischen Heidentums, die vom Christentum nicht vernichtet, sondern nur in das Unterbewußtsein des nationalen Seelenlebens gedrängt worden sind. Sie sind an sich weder gut noch böse und können, um mit Schiller zu reden, eine wohltätige Macht werden, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht. Über tausend Jahre hat sich in Deutschland das Christentum darum bemüht, und in der Tat haben diese lebendigen Kräfte der deutschen Seele auf allen Gebieten menschlicher Kultur und Zivilisation wahrhafte Wunder vollbracht. Die gotischen Dome und die deutschen Städte des Mittelalters, das Barock und die Renaissance geben davon Zeugnis. Durch die deutsche Landschaft, vom deutschen Volk gestaltet und geformt in ewig wechselnder Schönheit und Klarheit, sind sie alle geschritten, in deren Seele der göttliche Funke gefallen war, die großen Kanzelredner und weisen Mönche, die Denker und Politiker, die Erfinder und die Forscher. In den Urgründen deutscher Seele waren sie alle verankert: Meister Ekkehardt und Walter von der Vogelweide, Paracelsus und Erasmus von Rotterdam, Martin Luther und Jakob Böhme, Lessing und Herder, Kant und Schopenhauer, Kopernikus und Kepler, Marx und Engels, Lassalle und Bebel, List und Benz, Liebig und Planck. Auch die großen Feldherren der deutschen 245 Geschichte, von Karl dem Großen bis zu Hellmut von Moltke, waren vom göttlichen Talisman so geschützt, daß ,, die Macht, die nur feil ist um den Preis der Schuld" ( Reinhold Schneider: Das Inselreich), durch sie das deutsche Volk nicht in eine Katastrophe führte. Was immer die Zeitgenossen an der jeweiligen deutschen Führung auszusetzen hatten, so hemmungslos und gewissenlos war keine, daß sie den zerstörerischen Instinkten des Nationalcharakters freien Lauf ließ und alles und letztes frivol aufs Spiel setzte. Das blieb jener Clique von Sadisten, Verbrechern und Wahnsinnigen vorbehalten, die mit Unterstützung gewissenloser Helfer 1933 an die Macht gelangten. Schon Heinrich Heine hat in seinem Buch über Deutschland vor hundert Jahren gezeigt, daß in dem Augenblick, da der Talismann, das christliche Kreuz, zerbricht, und seine zähmende Wirkung verliert, aufs Neue die germanische Wildheit, die Gewalttätigkeit, die Maßlosigkeit, der Trotz, die Besessenheit und die Berserkerwut hervorbrechen würden. Das sind in der Tat die Dämonen, die in der deutschen Seele schlummern und ihre Träger zu der Selbstvernichtung in der Götterdämmerung treiben, sobald sie geweckt oder gar zur Grundlage eines neuen nordisch- germanischen Kults gemacht wurden. Es gibt keine Sage, in der diese Veranlagung sinnfälliger zum Ausdruck kommt, als im Nibelungenlied, dem Heldenepos der Deutschen. Was sich da an Bruder- und Verwandtenmord, an Verrat, Tücke, Hinterlist und Zwietracht begibt, ist beispiellos. Wegen eines abstrakten heldischen Begriffs von Ehre, Treue und Recht, geschehen die grausigsten Gewalttaten, die mit einem höheren Begriff von diesen Tugenden nichts mehr gemein haben. Da fließen Ströme von Blut, da geht alles Herrliche in Flammen auf und 246 da rast sich die Unbedingtheit und Voraussetzungslosigkeit der deutschen Natur aus. In der Sage ist schon vorweg genommen, was Goebbels für den„, unmöglichen Fall" angedroht hatte, daß die Nazigewalthaber je von der Weltbühne abtreten müßten:„ Dann werden wir die Tür hinter uns so zuschlagen, daß der ganze Erdball erzittern wird!" In uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind, sagte Goethe. Natürlich leiden nicht nur die Deutschen unter diesem Rätsel, aber Gott hat weniger Hemmungen in ihre Dynamik gebaut. Sonst stehen alle Völker unter der Wechselwirkung von Licht und Schatten, von Dämonen und Genien, niemand hat deshalb das Recht, sich pharisäisch über andere zu erheben. Alle sind vielmehr bedroht und deshalb alle zur Wachsamkeit verpflichtet. Der Faschismus ist nicht auf deutschem Boden gewachsen. Lange vor 1933 habe ich sein Wesen und seine Taten beobachtet und mit vielen gleichgesinnten Freunden in Hunderten von öffentlichen Kundgebungen vor ihm gewarnt. Eigene Beobachtungen in Italien, die Untersuchungen deutscher Gelehrter, die ihn ohne Mythus zeigten, und die kleine aber ausgezeichnete Schrift Pietro Nennis ,, Der Todeskampf der Freiheit" dienten dabei als Unterlage. Da mein politisches Tätigkeitsgebiet an Bayern grenzte, verspürte ich auch frühzeitig die terroristischen Methoden des deutschen Nationalsozialismus am eigenen Leibe. Viele horchten auf, aber im allgemeinen predigte man bis tief in das Jahr 1930 hinein überall in Deutschland tauben Ohren. Man hielt es einfach für unmöglich, daß ein solches Gewächs in deutschem Boden ernsthaft Wurzeln schlagen könnte. Diese Ansicht begegnete mir vor allem in Berlin, wo der Nationalsozialismus noch keine große Rolle spielte. 247 Ich war nicht nur vom Gegenteil überzeugt, sondern auch von der Gewißheit erfüllt, daß der Faschismus, einmal in Deutschland heimisch geworden, sich in unserem Lande bei der Gründlichkeit, mit der die Deutschen alles zu tun pflegen, in zehnfach verschlimmerter Form austoben werde. Als die Septemberwahlen 1930 die Gefahr in voller Größe offenbarten, war es zur wirksamen Gegenwehr bereits zu spät geworden. Das Schicksal nahm seinen unabwendbaren Lauf. Grau ist alle Theorie. Der Mensch erkennt nichts gründlich, ehe er es nicht am eigenen Leibe verspürt. Völker, die den Faschismus nicht praktisch erlebt haben, können sich keine Vorstellung von seiner Wirkung und den Formen machen, unter denen er sich durchsetzt und behauptet. In Italien kam er durch Gewalt und in offenem Aufstand zur Regierung. In Deutschland erreichte er sein Ziel mit einer Mischung von Gewalt und scheinbarer Legalität, was viel schlimmer und gefährlicher war, weil es ihm nach innen den Schein von Rechtmäßigkeit verlieh und nach außen den Eindruck weckte, er werde durch die Mehrheit des deutschen Volkes gebilligt. In Wirklichkeit hat der Nazismus nie die Mehrheit gehabt, solange das Volk noch die Möglichkeit besaß, in freier und unbeeinflußter geheimer Wahl seinen politischen Willen zu bekennen. Dummköpfe und Halunken im Adel, im Bürgertum, in Hochfinanz und Agrariertum haben ihm die Steigbügel gehalten, mit deren Hilfe er sich in den Sattel schwang. In blindem Haß gegen alles Demokratische fühlten sie nicht, daß sie mit der demokratischen Verfassung zugleich den Ast absägten, auf dem sie selbst saßen. ,, Den Teufel merkt das Völkchen nie, selbst wenn er es beim Kragen hätte!" Die politische Zersplitterung der Arbeiterschaft und die historisch überkommene, aber unglück248 liche staatsrechtliche Konstruktion des deutschen Reiches sind dem Nazismus bei seinem Kampf um die Macht zustatten gekommen. Auch hatte die Arbeitslosigkeit den politischen Sinn von Millionen verwirrt. Trotzdem dachte vor 1933 die Masse der deutschen Menschen noch durchaus in den Spielregeln der Demokratie. Darum konnte man immer wieder hören: Laẞt sie nur einmal ran! Sie werden bald abgewirtschaftet haben und für immer verschwinden. Daß es sich aber um einen teuflischen Versuch handelte, mit den Mitteln der Demokratie zur Macht zu kommen, um diese und ihren ganzen Apparat nach erreichtem Ziel zu vernichten, das sahen nur wenige in voller Klarheit. ,, Die Deutschen wissen nie deutlich, ob sie volle Weizengarben oder Strohbündel einfahren", schreibt Goethe einmal an Zelter. Hinterher haben diese Deutschen, die durch ihre Dummheit Hitler zur Macht geholfen haben, den Betrug bald gemerkt. In die staatspolitisch dümmste aller Phrasen:„ hätte ich das gewußt!" mündeten die Seufzer von Millionen. ,, Wir konnten doch nicht wissen, daß alles, was diese Verbrecher sagten, verlogen war," bekannten andere. Diese Einsichten kamen alle zu spät. Längst hatten die Verbrecher die Hand an der Maschine, die von den dunkelsten Dämonen des deutschen Wesens getrieben wurde. Der Krieg und der Sieg der Gegner Deutschlands haben Maschine, Führung, Bedienungsmannschaften und Handlanger jetzt vollständig zusammengeschlagen. Was General von Falkenhorst, Oberkommandierender der deutschen Streitkräfte in Norwegen bis Dezember 1944 bei seiner Gefangennahme erklärte, entspricht durchaus den heutigen Gefühlen der meisten Deutschen: ,, Die Alliierten haben Deutschland von einer Verbrecherbande befreit, die uns Deutsche unmenschlich unterdrückt hat. Wir 249 konnten uns nicht selbst befreien. Daß dies geschehen konnte, ist eine Schande für Deutschland." Dieser Falkenhorst freilich hatte tapfer dabei mitgeholfen. Unsere Gegner beurteilen uns nicht richtig, wenn sie alle Deutschen, mit Ausnahme der ausgesprochen antifaschistischen Kreise, in einen Topf werfen und ihnen mißtrauen. Von dem allerdings großen Heere der direkten und indirekten Nutznießer des gestürzten Systems abgesehen, deren Unschädlichmachung Leben und Ehre der Nation erfordert, abgesehen auch von einem wesentlichen Teile, der seit 1933 herangewachsenen, schamlos irregeleiteten Jugend, ist die Mehrheit des Volkes in Wahrheit nie faschistisch gewesen. Die Massen waren, nachdem die neuen Gewalthaber im Verlaufe der Jahre 1933 und 1934 die alten politischen und wirtschaftlichen Organisationen zerstört und den totalen Nazistaat errichtet hatten, führerlos geworden. Sie wurden in die neue Form gepreßt, wobei alle Methoden der Gewaltandrohung, sichtbare und unsichtbare, mit wahrhaft teuflischem Sachverständnis zur Anwendung gelangten. ,, Erfinder des freiwilligen Zwanges" war der Beiname, den der Volksmund Hitler gab. Viele fürchteten bei vollständiger Nichtbeachtung des neuen Staatsgebildes ohne praktische Tätigkeit und Wirkung zu bleiben. Das war je nach der Stelle, die sie im wirtschaftlichen Leben bekleideten, nicht immer unrichtig. Aus diesem Grunde machte man Konzessionen und wurde wenigstens Karteimitglied, wie der Witz diejenigen Mitglieder der NSDAP. betitelte, die sich das Hakenkreuzzeichen nur ansteckten, um unter seinem Schutze ungestört arbeiten zu können. So etwas ist auch in früheren Zeiten vorgekommen z. B. beim Übergang von einer Religion oder Konfession zur anderen. Unter diesen ,, Karteimit250 gliedern" gab es viele, die ihre schützende Hand über Verfolgte hielten, die ohne diese Hilfe zugrunde gegangen wären. Natürlich haben auch die nicht gefehlt, bei denen die Charakterlosigkeit Prinzip war, und andere, die ohne sicheres weltanschauliches Fundament waren, sind dem Blendwerk der Agitation und der Aufmachung zum Opfer gefallen und sie sind häufig zu recht komischen Anwälten des Neuen geworden. Die Heiligen und die Helden sind in solchen Zeiten immer in der Minderheit. Selbst in der Katholischen Kirche, deren Gleichschaltung unmöglich war, noch mehr in der protestantischen, die sich nur mit teilweisem Erfolg der versuchten Ausrichtung auf den Nationalsozialismus widersetzte, waren schwankende Gestalten anzutreffen. Einflußreiche Kreise der protestantischen Kirche haben sogar ein erhebliches Maß von Schuld dadurch auf sich geladen, daß sie den Nationalsozialismus vor der Machtergreifung in unbegreiflicher Weise weitestgehend förderten. Im ganzen gesehen fühlten sich aber die deutschen Menschen vom Nationalsozialismus vergewaltigt und unterdrückt. Wie eine faule Frucht sind denn auch die Partei, ihre Einrichtungen, ihre Zeremonien und ihre Begrüßungsformeln vom Körper des Volkes abgefallen. Nichts von alledem war in die Tiefe gegangen. Das Volk fühlt sich jetzt erleichtert und freier und es würde aufatmen, wenn nicht Trümmer und Trauer wären, wenn nicht die Sorge wie ein Alpdruck auf ihm lastete. Gewiß, Leid ist notwendig als Folge der Schuld, die gesühnt werden muß. Aber Leid ist nicht ewig, es muß durch den magischen Akt der Liebe getilgt werden. Erlöse uns von dem Übel, vergib uns unsere Schuld, flehen die Menschen in allen Zungen zu Gott. Schuld kann aber nicht durch neue Schuld ausgelöscht und gesühnt werden. ,, Schuld 251 bleibt immer Schuld, auch wenn sie an einem Schuldigen geschieht."( Reinhold Schneider: Das Inselreich). Im deutschen Volke ist Reue lebendig und ein tiefes Bedürfnis nach Vergeltung an den Urhebern seiner Schande. Laßt es nur tun und handeln nach seinem Sinn, dann werdet Ihr erleben, daß seine Vergeltung gründlicher sein wird, als Eure. Zwingt ihm auch keine politische Form auf, die seinem Kern und eigenem Bedürfnis nicht entspricht. Laßt das deutsche Volk auf seine Weise wieder ein politisch freies Volk werden. Das deutsche Volk braucht sich nur immer dafl Opfer vor Augen zu halten, das sein größter politischer Irrtum von ihm gefordert hat, um zu erkennen, was ihm nottut. Wenn es nicht aus sich heraus zu dieser Erkenntnis kommt, dann nützen ihm auch die besten fremden Medikamente nicht. Dann wäre es aber auch zum geschichtlichen Tode verurteilt und Goebbels würde nachträglich recht behalten mit seiner Prophezeihung, daß er im sogenannten ehrenvollen Sterben nur vorausgehen werde, die Mehrzahl der Deutschen ihm aber hierin nachfolgen würde. Auch dem Versuch, den Untergang der nationalsozialistischen Herostraten noch zu einer Art deutscher Legende, zu einem neuen Nibelungenlied umzufälschen, an das sich die Hoffnungen von Schwarmgeistern und Phantasten klammern könnten, muß von vornherein und mit allen Mitteln entgegengetreten werden. In der ganzen Geschichte des Nazismus kann nichts einer solchen Legende eine echte Nahrung geben. Er ist nichts weiter, als ein großer, noch dazu schlechter Kriminalroman. Mit Lüge, Gewalt, Brand und Mord fing die Herrschaft an. Mit der Gefahr der Auslöschung eines großen Kulturvolkes hörte sie auf. Der ,, Führerstaat", mit dem Deutschland zwölf Jahre lang beglückt wurde, hat die 252 gesunden Lebenskräfte der Nation langsam abgetötet. Sein Gebäude ruhte auf den Prätorianergarden der SS und SA, die sich eifersüchtig und miẞtrauisch gegenseitig überwachten. Alles wurde schließlich in Deutschland auf die zwei Augen des„ Führers" abgestellt, eine für moderne Staaten geradezu unmögliche staatsrechtliche Konstrucktion. Nach allen Erfahrungen der Geschichte mußte sie die größten Gefahren heraufbeschwören. KAPITEL 6 Die Schuld der Wehrmacht In seinem unvermeidlichen Sturz hat das nationalsozialistische System auch die Armee in einer Weise hineingerissen, die das Unglück Deutschlands erst richtig zur Katastrophe werden ließ. Die alte Reichswehr hatte viel Schuld daran, daß Deutschland auf die abschüssige Bahn des Hitlerismus geriet. Sie war schon vor 1933 zu einer politisierenden Armee geworden. Ihre Führerschaft erhob Anspruch auf die offene und stille Ausübung der höchsten Macht im Staate, auf eine Art kaiserlicher Zentralgewalt in der Republik. Gegen sie konnte, namentlich seit Hindenburg Reichspräsident geworden war, in Deutschland nicht regiert werden. Statt sich darauf zu beschränken, ein Machtinstrument der Staatsgewalt zu sein, war die Reichswehr weitgehend Selbstzweck geworden. Alle militärischen Organisationen, sogar die illegalen, betrachtete sie als mögliche Ergänzung ihres auf hunderttausend Mann beschränkten Bestandes. Aus diesem Grunde waren sie 253 unantastbar. Das galt für den Stahlhelm, die SA und SS, nicht dagegen für das Reichsbanner Schwarz- RotGold, dessen demokratische Grundlage unerwünscht war. Die Reichswehrkreise ließen sich blenden von dem militanten Geist in allen nationalsozialistischen Organisationen, von denen sie sich eine Wiedergeburt der Machtstellung der Armee und ihres Offizierkorps verhießen. Es gab rühmliche und bedeutende Ausnahmen in der höheren Führung der Reichswehr, aber eben doch nur Ausnahmen, die die Regel bestätigten. Daran änderte auch das manchmal feindselige Nebeneinander nichts, das nach 1933 zwischen SA und SS einerseits und der aus der Reichswehr hervorgegangenen neuen Wehrmacht andererseits zu beobachten war. Der Instinkt für die Gefahr, die aus einer mit der legalen Wehrmacht konkurrierenden Parteimiliz erwachsen mußte, war jedenfalls in weitem Umfange abhanden gekommen. Immerhin war die Wehrmacht bis wenige Jahre vor Ausbruch des Krieges ein straffes, einheitliches Instrument. Mit der Schaffung und der Entwicklung der Waffen- SS und mit dem stets stärker werdenden Eindringen von Offizieren, die der Partei genehm waren, in führende Stellungen, wurde der Spaltpilz in dieses Instrument getragen. Die Wehrmacht hatte dem Staate zu dienen. Die SS war eine Prätorianergarde der Partei und dazu noch eine umso gefährlichere Waffe in der Hand eines Menschen mit den Verbrecherinstinkten eines Himmlers. Er war entschlossen mit dieser ,, weltanschaulich bis ins Letzte" ausgerüsteten Truppe alles zu vernichten, was sich dem sturen Machtwillen der Partei in den Weg zu stellen suchte, auch die Wehrmacht selbst, falls es ihm notwendig erscheinen sollte. Die Aufspaltung der Wehrmacht, die bereits unter dem Hitler geradezu hörigen Reichswehrminister Blomberg 254 - begonnen und seit 1941 immer größere Fortschritte gemacht hatte, ist das größte Verbrechen, das an der Nation begangen worden ist. Die Geschichte kennt kaum ein Beispiel, nach dem einem großen Volke in ähnlicher Weise aus seinen eigenen Reihen mitgespielt worden wäre. Ich behaupte nicht, daß der Krieg bei Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit der Wehrmacht nicht gekommen oder gar gewonnen worden wäre. Nach meiner Überzeugung ist er schon verloren gewesen, ehe er begonnen hatte. Der zweite Weltkrieg stand, als er ruchlos entfesselt worden war, unter dem Gesetz, daß sein Ende für Deutschland mit jedem Tage, den er dauerte, schlimmer werden, und daß es zusammenfallen müßte mit dem Untergang seiner nichtswürdigen Urheber. Aber der Weg in Schmach und Schande war nicht zuletzt die Folge der verbrecherischen Zersplitterung der Armee. Clemenceau soll im Verlaufe eines Konfliktes mit Marschall Foch einmal gesagt haben, der Krieg sei eine viel zu ernste Angelegenheit, als daß man ihn allein den Generälen überlassen könnte. Ein anderes Mal hat er Foch, als dieser sich in die politische Regelung der Rheinlandfrage einmischen wollte, barsch zur Antwort gegeben:„ Bleiben Sie bei Ihrem Metier! Sie sind für den Krieg da und nicht für den Frieden." In diesen beiden Anekdoten ist das schwierige Problem erschöpfend beantwortet, wann die Armee als Instrument der Politik in Aktion zu treten und wann diese Aktion ihr Ende zu finden hat. Sicher gab es große Persönlichkeiten, die in beiden Sphären ihre Meisterschaft bewiesen haben, obwohl auch ihr Wirken nicht immer glücklich für ihre Völker geendet hat. Napoleon gehörte zu ihnen. Von Hitler und Mussolini wurde es jahrelang behauptet. Das war aber wie alles, was von diesen beiden Zerstörern Europas ausging, 255 nichts als Bluff, Reklame und Schwindel. Für den Normalfall wird man beim Politiker, nicht aber beim Feldherrn den sicheren Instinkt dafür voraussetzen, ob die Ziele der Staatsführung mit kriegerischen Mitteln verfolgt werden sollen, wenn die friedlichen versagt haben. Dieser Instinkt muß angeboren sein; er kann nicht erworben werden. Hat der Krieg einmal begonnen, so kommt in seinem Verlaufe mit unausweichlicher Gewißheit der Zeitpunkt, da die Frage entschieden werden muß, ob man mit dem militärischen Latein zu Ende und deshalb die Beendigung des Krieges mit politischen Mitteln anzustreben ist, d. h. das politische Ziel, für das man das Risiko des Krieges einging, kann mit militärischen Mitteln nicht mehr erreicht werden. Der Krieg erfährt, wenn überhaupt, eine moralische Rechtfertigung nur in Verbindung mit den politischen Zielen, für die er geführt wurde. Jede Fortsetzung eines Krieges nur um des Krieges Willen, ist Barbarei, politischer Wahnsinn, Landsknechtsunfug und staatlicher Selbstmord. Durch sein Wissen und Gewissen muß ein höherer Armeeführer beurteilen können, wann es Zeit ist, einen Krieg aufzugeben. Da kommt es, um ein Wort von Stegemann zu gebrauchen, auf die geistige Größe des Feldherrn an, der mehr sein muß, als ein glücklicher Soldat. Große, ausgezeichnete Feldherren beschränkten Geistes hat es aber noch nie gegeben. Schon Ludendorff und Hindenburg haben 1918 ihre Entscheidung zu spät getroffen. Immerhin konnte man bei ihnen wenigstens bis nach den letzten Offensiv- Versuchen, den guten Glauben voraussetzen, mit militärischen Mitteln zu einem tragbaren Frieden kommen zu können. Für den zweiten Weltkrieg kann man nach El Alamein, Stalingrad, nach dem Zusammenbruch Italiens, oder gar nach 256 der geglückten Invasion im Westen eine solche Entschuldigung, mit einer gewissen Berechtigung den Kampf weitergeführt zu haben, nicht mehr geben. Hat nun etwa die deutsche Armee 1939 bis 1945 nicht über Feldherren verfügt, welche in der Lage waren, die militärische Lage richtig zu beurteilen? Soweit die Führer aus der Schule der alten Wehrmacht kamen und die Unbestechlichkeit ihres Wissens vor der Vergiftung mit der nationalsozialistischen Doktrin zu bewahren wuẞten, hat ihnen das Rüstzeug zur kritischen Beurteilung des Geschehens nicht gefehlt. Sie hatten sicher alle ihren Clausewitz gelesen und mußten deshalb schon seit zwei Jahren wissen, daß der Krieg mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr zu gewinnen war. Von diesen Heerführern wird, soweit sie nicht von unseren ehemaligen Gegnern sowieso zur Rechenschaft gezogen werden, vom deutschen Volke darüber Aufschluß gefordert werden müssen, was sie getan haben, um im Sinne ihrer Erkenntnis bei der politischen Führung des Reiches auf die Beendigung des Krieges hinzuwirken. Man wird sie vor die Frage stellen, ob sie überhaupt Ratschläge erteilt haben und wie diese von Hitler aufgenommen worden sind. Selbst wenn man den deutschen Generälen etwa zugute halten wollte, daß sie überzeugt gewesen waren, jeder Versuch, dem wahnsinnigen Treiben ihres obersten Heerführers Einhalt zu gebieten, hätte zum Bürgerkrieg führen müssen, so ist das doch keine Entschuldigung. Wenn der Kampf im Innern vielleicht noch schlimmer gewesen wäre als die bitterste absolute militärische Niederlage, so mußten sie sich doch klar darüber sein, daß nicht nur aus außenpolitischen Gründen jeder Akt der ,, Selbstreinigung" unsere Lage nur erleichtern konnte, sondern, daß er auch um unserer selbst und unseres Gewissens 257 willen längst zu einer Notwendigkeit geworden war. Dazu war der Kampf gegen eine Führung, die unwiderlegliche militärische Gründe für die Beendigung des Krieges ablehnte, ja die sogar selbst dem geringsten Rat unzugänglich blieb, ein Gebot der militärischen Ehre und vaterländischen Pflicht. Die Männer des 20. Juli 1944 haben einen solchen Versuch gemacht. Sie sind jedoch nicht nur von ihresgleichen im Stiche gelassen worden, sondern Hitler- Marschälle haben sie auch noch ausgestoßen, verfemt und wie gewöhnliche Verbrecher den Blutknechten Hitlers und Himmlers überliefert. Man wird heute schon als gewiß annehmen dürfen, daß die Kraft zu einem militärischen Veto gegen die sinnlose Fortsetzung des Krieges gebrochen war durch die Aufspaltung der Wehrmacht, gegen die ein wirksamer Widerstand nach außen nicht sichtbar geworden ist. Mit dem Verlust der Einheit war der Wehrmacht das Rückgrat gebrochen worden. Die Furcht vor den Meuchelmördern der Gestapo, vor den Galgen- und Hinrichtungskommandos der SS, wahrscheinlich sogar schon allein das Bedenken, persönliche Ungelegenheiten und eine Benachteiligung in der Karriere zu erleiden, haben bei den höchsten Offizieren jede bessere Einsicht und alle guten Vorsätze wirkungslos sein lassen. So konnte es geschehen, daß die geistig und organisatorisch in zwei Teile zerbrochene Armee Dinge hinnehmen mußte, die man als Deutscher nicht erwähnen kann, ohne vor Scham in den Erdboden zu versinken. Da war zum Beispiel die erniedrigende Tatsache, daß die Richtlinien für die Fortsetzung des Kampfes von einem Manne wie Goebbels formuliert werden durften, der eine Begabung für das Demagogische und Lügenhafte besaß, die ans Groteske grenzte und in des258 sen Seele sich von Beginn seines öffentlichen Wirkens an pathologische Züge offenbarten. Zivilisten und Soldaten, die draußen und daheim mit mehr Gehorsam als Vaterlandsliebe und politischem Verstand ihre Pflicht erfüllten, wurden von dem Glauben an immer neue Wunderwaffen hingehalten und von einer Flüsterpropaganda machiavellistischen Charakters in gewissenloser Weise von einer Illusion in die andere gestürzt, bis alle Hoffnungen samt dem Führerstaat wie eine riesige Seifenblase zerplatzten. Und wie steht es mit der schweren Verletzung von Vorschriften des internationalen Kriegsrechts? Da wurden ganze Dörfer und Städte ausgerottet, die Männer hingemordet, die Frauen und Kinder verschleppt, Kriegsgefangene mißhandelt und getötet, da wurden ehrbare Männer aus besetzten Gebieten als Geiseln zu Tausenden erschossen, Millionen von Bürgern fremder Länder zwangsweise auf den Sklavenmarkt verschickt, den Sauckel als getreuer Knecht seines Herrn in Deutschland errichtet hatte. Die Wehrmacht, die während des Krieges Inhaber der tatsächlichen Gewalt ist, kann bei all diesen Fragen, die auch vom ganzen deutschen Volk eine Stellungnahme verlangen, nicht Pilatus spielen und ihre Hände in Unschuld waschen. Eine Armee, die innerlich ungebrochen gewesen wäre, hätte solche Grausamkeiten und Völkerrechtsbrüche einfach nicht ruhig hingenommen, sondern sie hätte sich mindestens davon in irgendeiner Form distanziert. Es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Als die Führer der Wehrmacht 1934 versäumten, den Sieg, den sie am 30. Juni über den Stabschef der SA Röhm errungen hatten, im Sinne einer stärkeren Unabhängigkeit der Wehrmacht von der Partei und ihren verhängnisvollen Einflüssen auszunützen, haben sie die 259 Grundlage für alles Kommende, besonders aber für die Untergrabung ihrer eigenen Stellung gelegt. Hitler hat die damalige Haltung der Armee nie vergessen, sondern von diesem Augenblick an systematisch ihre Durchsetzung mit nationalsozialistischen Elementen vorangetrieben, um ihr so jede Möglichkeit einer einheitlichen Opposition gegen die Partei zu nehmen. Es kam dadurch schließlich auch in der Wehrmacht so weit, wie es im ganzen Volke schon längst war: keiner konnte mehr dem anderen trauen. Alles, was bisher über die Vorgeschichte und die Vorgänge des 20. Juli 1944 bekannt geworden ist, zeigt, wie schwer es die Verschwörer infolge der allgemeinen Bespitzelung auch in der Wehrmacht hatten, zu einer wirksamen Aktion schreiten zu können. Die Notwendigkeit, mit Rücksicht auf die Verseuchung der Armee durch nazistische Elemente den Kreis der Mitwisser denkbar klein zu halten, hat jedes größere Unternehmen von Anfang an unmöglich gemacht und die aktiven Gegner Hitlers gezwungen, alle Hoffnung auf das Gelingen des Attentates zu setzen, das dann die Mehrheit der rechtlich und vernünftig denkenden Offiziere auf ihre Seite hätte bringen sollen. Die Wehrmacht hat sich dadurch, daß sie sich der Vorherrschaft der Partei zu keiner Zeit widersetzte, der Möglichkeit selbst beraubt, aus eigenem Willen und eigener Einsicht heraus selbständig handelnd in das Geschehen einzugreifen. Darum konnte zuletzt auch das Ende nicht anders sein: führerlos, herrenlos und direktionslos taumelte die Armee des Dritten Reiches in die Auflösung, ins Chaos. Alle Möglichkeiten für eine erträgliche Beendigung des Krieges, für eine geordnete Demobilisierung und Rückführung der Millionen deutscher Menschen in Heimat und friedliche Tätigkeit waren verspielt worden zugunsten von Wahnideen einer 260 Führergruppe von Verrückten und Selbstmördern. Selbst das letzte Soldatenglück, das Schiller in Wallenstein den Kämpfern des Dreißigjährigen Krieges verheißt, nämlich heimkehren zu dürfen in den Frieden, in die Menschlichkeit, blieb den deutschen Soldaten dieses Krieges verwehrt. Zu Millionen gerieten sie inmitten der Heimat in Gefangenschaft, dem Hunger, der Erschöpfung, der vollkommenen Unsicherheit überlassen, ohne Nachricht vom Schicksal der Angehörigen und ohne Möglichkeit, diesen ein Lebenszeichen zu geben. Der eine Kommandant kapitulierte, der andere leistete Widerstand. Von der Einstellung des einzelnen Befehlshabers hing es ab, ob die Kämpfenden in die Gefangenschaft gerieten, oder ob sie ihre Wohnstätten und Arbeitsplätze mehr oder weniger unversehrt, oder als jämmerliche Trümmerhaufen, ihre Angehörigen lebend oder tot wiederfinden sollten. Das war das Ende des Führerstaates. Hätte ein Veto des Generalstabs den Krieg abgebrochen, als er nach allen Gesetzen der Kriegswissenschaft als verloren gelten mußte, so hätten sich auch die Zerstörungen in Deutschland noch in erträglichen Grenzen gehalten; denn die ganze Wucht der feindlichen Luftoffensive ist erst in den Jahren 1943-45 über uns hinweggebraust. Eine Regierung, die unfähig war, Land und Volk vor solchem Unheil zu schützen, erklärte damit vor aller Welt offen ihren Bankerott. Der einzige Dienst, den sie dem Lande noch hätte leisten können, wäre der Rücktritt gewesen. So aber konnte es geschehen, daß das Antlitz des Vaterlandes in einer schmerzvollen Weise bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurde. Wie haben wir dieses Antlitz geliebt und als ein köstliches, wohlbehütetes Gut von Generation zu Generation vererbt! Wie eine Symphonie des deut261 schen Wesens, wie ein bald heiterer, bald ernster Zusammenklang aller Leistungen deutscher Phantasie, deutscher Kunst und deutschen Handwerks durch alle Epochen unserer bewegten Geschichte hindurch sprachen uns unsere Städte an. Überall waren wir heimisch, überall froh, überall ernst, besinnlich und nachdenklich. Sitte und Volk, Lied und Sprache ergriffen in den Mauern unserer Städte unsere Herzen. Was die sinnliche Welt darbot, war wie ein Echo in unserem Innern. Heute ist jeder Gang durch unsere Städte eine endlose via dolorosa. Und untergegangen ist der ganze in mühevoller Arbeit der Ahnen angesammelte Reichtum. Die Brücken über Täler und Flüsse sind zerbrochen, Häfen und Handelsflotte ruiniert, das Eisenbahnnetz, einst das beste Europas, ist samt allem rollenden Material verwüstet, der Luftverkehr unmöglich gemacht. Die Straßen sind verbraucht, Fabriken und Werkstätten dezimiert oder für längere Zeit untauglich zur Aufnahme der Friedensproduktion. Die Landwirtschaft ist in einem Zustand äußerster Erschöpfung und ohne ausreichende Arbeitskräfte. Alle Güter des zivilen Bedarfs sind verbraucht, Finanzen und Währung liegen auf toten Gleisen, die Verwaltung ist zerstückelt und entbehrt der zentralen Führung. Mangel und Not, geistig und leiblich, bedrohen Millionen deutscher Menschen. Noch ist das Volk von einem starren Entsetzen gepackt und blickt nach den Urhebern und Verantwortlichen seines Elends, die sich einer nach dem anderen durch Selbstmord der Gerechtigkeit entzogen. Jämmerlich war die Verwirrung der Auguren in der Stunde des Zusammenbruchs. Keiner verblieb in männlicher Haltung auf dem Posten, den er sich zurecht gemacht oder mit Gewalt und Terror ergattert hatte. Soweit diese Repräsentanten des 262 Führerstaats im Stadium jeglicher Führerlosigkeit nicht zur Schußwaffe oder zum Gifte Zuflucht nahmen, haben sie sich feige versteckt und verleugnet und bei ihrer Gefangennahme von ihren Spießgesellen zu distanzieren versucht. In dieser Beziehung hat wohl der verflossene Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches den Vogel abgeschossen, wenn er bei seiner Gefangennahme erklärte, Hitler sei beschränkt, Heß ein Phantast und Ribbentrop ein Schuft gewesen. Solche Haltung beweist nur, wie die„hehren Gestalten des Dritten Reiches“ sich zur Täuschung des Volkes zwölf Jahre lang beweihräucherten und im Grunde doch nichts anderes waren als Ritter von der traurigen Gestalt. Ihr ganzes Reich war nichts anderes, als der Zusammenprall einer blutigen und verbrecherischen Romantik mit der Wirklichkeit. Gestern noch war der Führer ein Geschenk der Vorsehung an die deutsche Nation, heute ist er ein beschränkter Mensch, der keine Ahnung von den Kräften des Auslandes hatte. So ver- geht die Herrlichkeit der Welt. Pfingsten 1945