Diese Studie ist schon im April 1945 entstanden, unmittelbar nach dem Durchbruch der amerikanischen Truppen aus dem Brückenkopf von Remagen. Ich lebte damals im Westerwald, wo Graf Eduard Walderdorff dem unterstandslosen und geächteten Dachauer Häftling gastfreundliche Aufnahme gewährt und eine Scheinbeschäftigung: in der Rentmeisterei verschafft hatte. In den ersten Monaten nach meiner Rückkehr gab es keine Möglichkeit, die Arbeit zu veröffent- lichen. Alsbald machten sich auch die Anzeichen einer schweren Krankheit fühlbar, die mich monatelang ans Bett fesselte. So blieb das Manuskript in der Schublade. Was mich nun ermutigte, einer verspäteten Publikation zuzustimmen, ist vor allem die Tatsache, daß schon jetzt eine Propaganda von Mund zu Mund eifrigst bemüht ist, die bisher erschienenen Berichte aus den Konzentrationslagern als Tendenzlügen oder als maßlose Übertreibungen abzutun. Das sind Symptome einer wiedererwachen- den nationalistischen Gesinnung, der nicht rasch und scharf genug begegnet werden kann. Möge nationaler Stolz noch so berechtigt sein, er darf nicht dazu führen, die Greueltaten einer uniformierten Bande zu beschönigen oder zu bagatellisieren. Das Thema„Konzentrations- lager“ darf daher nicht zur Ruhe kommen, ehe Gewißheit besteht, daß der Geist der SS, die Lust an Massenmorden und an tausend- fältiger Schändung der Menschenwürde erstorben ist. Änderungen am ersten Entwurf des Manuskripts hielt ich— abge- sehen von unbedeutenden Einfügungen— nicht für notwendig, ob- wohl nun schon drei Jahre vergangen sind, seit ich aus dem Gehege des Stacheldrahtes herausgekommen bin. Ich glaube daher, daß ich die Dinge so objektiv gesehen habe, wie es bei einer Fülle subjektivsten Erlebens möglich war, aber ich will keineswegs bestreiten, daß man das bißchen Licht und den vielen Schatten auch anders verteilen kann. * Ich habe in meiner militärischen und zivilen Laufbahn bis zum Jahre‘ 1938 viel Glück gehabt und dreimal gute Karriere gemacht. Das Glück begann, als ich in eines der schönsten Regimenter der alten 3 kaiserlichen und königlichen Armee kam. Mit 26 Jahren erreichte ich den Generalstab. Auch im ersten Weltkrieg hatte ich viel Glück, unter anderem das Glück, eine Zeitlang in der nächsten Umgebung des Feldmarschalls Conrad zu dienen. Er war ein kleiner, zierlicher Feldmarschall und doch um einen guten Kopf größer als Hitlers Generalfeldmarschälle zusammengenommen und noch den Reichsmarschall dazu. Dann habe ich die Uniform abgelegt und nie wieder eine angezogen.. Ich habe mir einen Zivilberuf erwählt und hatte wieder Glück, denn ich brachte es zum Chefredakteur einer angesehenen Wiener Zeitung. Nach zehn Jahren wurde ich in den Staatsdienst zurückgerufen und ich wurde allerhand: Bundeskommissär mit Sitz im Ministerrat, Generalsekretär der ,, Vaterländischen Front", Mitglied des Staatsrates, Chef des Pressewesens. Über meine Leistungen in diesen Diensten ist. nichts Besonderes auszusagen. Nur eine negative Leistung muß ich erwähnen: ich habe nichts gestohlen. Als ich im März 1938 verhaftet. wurde, hatte ich weder eine Villa, noch ein Privatauto, nur ein Einlagebuch der österreichischen Postsparkasse, lautend auf ungefähr zweitausend Schilling. Ich erwähne das, weil mir die Wiener Polizei im Jahre 1938 einen Kommissär in das Münchner Gestapo- Gefängnis nachschickte mit der Einladung, ich möge gestehen, welche Vermögenswerte ich ins Ausland verschoben habe. Es scheint also, daß in nationalsozialistischen Gehirnen die Begriffe höherer Staatsdienst und Vermögensschiebung nahe beieinander wohnen. Meine Laufbahn endete am 12. März 1938 auf einem Haufen Stroh in einer improvisierten SS- Kaserne, Wien, I., Concordiaplatz, meine >> probeweise" Freilassung erfolgte am 15. Juli 1943. Von der Zeit. meiner Haft verbrachte ich vier Jahre und vier Monate im Konzentrationslager Dachau, fünf Monate im Konzentrationslager Flossenbürg, den Rest in Gefängnissen der Polizeidirektion Wien, im Gestapogefängnis in München, in der Strafanstalt Stadelheim bei München, im Gefängnis des Landesgerichtes I in Wien und in den Schubarresten der Polizeidirektionen München und Salzburg. Dann wurde ich aus Österreich ausgewiesen und unter Polizeiaufsicht: gestellt. Dabei blieb es bis zum 26. März 1945, 2 Uhr nachmittags. Um diese Stunde stand ich an einem Fenster der Westseite des Schlosses Molsberg und schaute auf das Dorf Wallmerod hinunter. 4 D F I N N n H П Da sah ich die letzten Trümmer deutscher Heeresabteilungen auf der Flucht, sah weiße Fahnen im Winde und bald darauf die ersten amerikanischen Panzer. Nun war es auch mit der Polizeiaufsicht vorbei. Noch einige Bemerkungen zur Sache. Meine Erlebnisse und Wahrnehmungen in Konzentrationslagern und Gefängnissen begannen im März 1938 noch im tiefsten Frieden. Die mit deutscher Gründlichkeit organisierten Greuel waren also ein Friedenswerk der NSDAP, nicht im geringsten beeinflußt durch Erfordernisse des Krieges oder durch einen Mangel an irgendwelchen materiellen Dingen. -- Weiters: Dachau war das„, Musterlager", es war äußerlich in allen Teilen auf Glanz und propagandistischen Betrug zugerichtet. Schon in Flossenbürg erkannten wir, daß es in anderen Lagern noch greulicher zugeht, wenn nicht im Wesen, so doch in der Form. Vom Jahre 1940 an erhielten wir von Kameraden, die aus Mauthausen lebend herausgekommen sind, wahrhaft aufreizende und aufregende Berichte über das Leben und Massensterben in dieser Hölle. Aus den Berichten über die Kriegsverbrecherprozesse konnte man schließlich entnehmen, daß die Höhepunkte der SS- Arbeit weder in Dachau, noch in Flossenbürg oder Mauthausen zu suchen sind, sondern bei Lublin und in den Gaskammern von Auschwitz. Wie sich die Verhältnisse in Dachau nach dem Sommer 1943 entwickelt haben, ist mir aus eigenem Erleben nicht bekannt. Wir haben im Lager oft erwogen, wie sich das Schicksal der Gefangenen vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches gestalten werde. Wird der Druck nachlassen, oder wird die entfesselte Mordbestie ihre letzten Orgien feiern? Die Geschichte der Konzentrationslager, soweit sie bisher bekannt geworden ist, hat diese Frage beantwortet. Der Hunger wurde immer größer, die sanitären Verhältnisse wurden immer trostloser, der Überbelag in den Baracken wurde immer unerträglicher und das Massensterben immer erschreckender. Aber die brutale Disziplin lockerte sich von Monat zu Monat. Dann aber, im letzten Akt der großen Tragödie, wurden in der allgemeinen Desorganisation des Staates und der Partei, unter dem Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden militärischen Katastrophe, die Massenschlächtereien zum letzten, verzweifelten Auskunftsmittel eines verendenden Systems. Die Schöpfung Himmlers ist buchstäblich in Blut und Dreck untergegangen. 5 Eine Reise von Wien nach Dachau Frühjahr 1938. Der erste Transport gefangener Österreicher geht von Wien nach Dachau ab, etwa 130 Mann, zumeist ältere Herren, hohe politische Funktionäre und Verwaltungsbeamte, leitende Polizeibeamte, Offiziere und Journalisten, auch dreißig Juden. Um 4 Uhr Nachmittag hatte man den Gefangenen eine dünne Wassersuppe gegeben, dann ließ man sie antreten, setzte sie in Autos der Wiener Polizei und führte sie auf den Westbahnhof. Dort erwartete eine Halbkompanie der Dachauer SS den Transport. Sie bildet zwischen den ankommenden Autos und den Waggons eine Gasse, durch die nun die Häftlinge mit Fausthieben und Kolbenschlägen durchgeschleust werden. In den Waggons warten andere SS- Männer auf ihre Opfer, treiben ihnen mit Faustschlägen die Hüte vom Kopf und stoßen sie in die Abteile. Kaum sind die Kupees gefüllt und die Namen verlesen, als truppweise SS- Unteroffiziere erscheinen, die die Gefangenen einzeln aufstehen lassen, sie nach Namen und Stand fragen und bei dieser Gelegenheit mit Ohrfeigen und Faustschlägen mißhandeln, unter einer Flut bayrischer Schimpfworte. Einige dieser Burschen sind schon betrunken und riechen nach Bier, andere sind damit beschäftigt, einen ausreichenden Biervorrat für die Reise herbeizuschaffen. Die Fenster der Kupees sind verhängt. Dennoch kann man durch einen Vorhangspalt den D- Zug sehen, der nebenan auf einem Geleise steht und an den später die zwei Waggons mit den Gefangenen angekoppelt wurden. Der Zug ist mit reichsdeutschen Offizieren und der dazugehörigen Weiblichkeit überfüllt. Man sieht ganze Berge von Koffern, Paketen und Schachteln die Ausplünderung Wiens hat begonnen. - Zum Abtransport waren wir schon im Gefängnis alphabetisch gruppiert worden und in dieser Ordnung sitzen wir jetzt in den Kupees, in strammer Haltung, die Hände flach auf den Knien, den Blick starr auf die grelle Deckenlampe gerichtet. Mein Nachbar ist der Schriftsteller Raoul Auernheimer ich war ihm früher nie auf den Wegen oder auch nur auf den Seitenpfaden der Politik begegnet und weiß bis heute nicht, warum dieser kultivierte alte Herr so staats6 - T ( 6 ( S N n W gefährlich schien, daß er gleich mit dem ersten Transport nach Dachau mußte. In einer Ecke beim Fenster sitzt ein braver junger Polizeikommissär. Er empfängt jetzt und auch später während der Fahrt viel mehr Ohrfeigen, Fausthiebe und Tritte als die anderen Kupeegenossen. Aus den Schimpfworten, die die Miẞhandlungen begleiten, erfahren wir den Grund: die SS- Leute halten den kleinen Polizeikommissär für den Polizeipräsidenten von Wien. Nun setzt sich der Zug in Bewegung, aber die Hoffnung, daß während der Fahrt die Quälereien aussetzen werden, erweist sich als töricht. Vor jeder Kupeetür bleibt ein Posten mit Stahlhelm und geladenem Gewehr, das bedeutet Ohrfeigen, Kolbenstöße und Fußtritte ohne Ende. Zwischendurch gibt es kurze politische Vorträge, die ungefähr mit der Anrede ,, Os verreckte Sauhund, ös verreckte" beginnen, dann zu einer Charakteristik der Österreicher als faules, verjudetes und verpfafftes Kaffeehausgesindel übergehen und in der Beschwerde gipfeln, daß die ,, System"-Regierung alle Deutschen gemartert, gefoltert und ermordet habe. ,, In den Straßen Wiens", berichtete uns ein bayrischer Unteroffizier ,,, liegen haufenweise die Leichen der Verhungerten. Jetzt kriegen die Wiener aus den deutschen Fahrküchen zu fressen, aber es wäre besser, wenn sie alle krepierten."( In der allgemeinen Charakteristik der Österreicher stimmten manche Häftlinge mit der SS überein.) Die Posten vor den Kupeetüren sind leider nicht unsere einzige Gesellschaft aus dem Reich. Immer wieder tauchen andere SS- Männer auf und jeder trägt mit Faust und Kolben seinen Teil zu unserer Umschulung bei. In St. Pölten ist Aufenthalt. Er bringt uns eine kleine Erheiterung. Die Vorhänge werden beiseite geschoben und wir sehen auf dem öden, nachtdunklen Perron etwa acht oder zehn Weiber, die beim Anblick der SS- Männer näher herankommen und. in kreischende Heil- Hitler- Rufe ausbrechen. Da dreht sich der Posten um und schleudert uns im schönsten Hochdeutsch, das einem Münchner Bierführer zu Gebote steht, die vorwurfsvollen Worte zu: ,, Da sechts es, wie das deutsche Volk über euch Drecksäue denkt." Nach dieser Kundgebung geht die Fahrt weiter- Amstetten, Linz es dauert schon Stunden, aber die SS wird nicht müde und die Prügel nehmen kein Ende. Bei manchem Gefangenen stellt sich die Notwendigkeit ein, einem natürlichen Bedürfnis Folge zu geben. Das bedeutet eine peinliche Verschärfung der Tortur. Hat nämlich der - 7 Posten bei der Kupeetür endlich die Erlaubnis erteilt, das Klosett auf- zusuchen, dann muß der Häftling die Postenreihe auf dem Korridor passieren und kann daher nur getreten und geohrfeigt sein Ziel er- reichen. Ist es nicht kleinlich, nach sieben Jahren ungeheuren Weltgeschehens über so geringfügige Szenen zu berichten? Ich glaube nicht. Die Männer, die mit wehrlosen Gefangenen ihren rohen Spaß getrieben oder mit Beifallsgejohle begleitet haben, waren die vornehmste Stütze „Großdeutschlands“, die Garde des Führers und der Stolz der NSDAP. Man soll sie auch in ihren kleinen Lebensäußerungen genau kennen, um die kulturelle Höhe des Dritten Reiches richtig einzuschätzen. Hinter Salzburg flaute die Stimmung der SS-Männer ein wenig ab. Angetrunken oder infolge der Nachtwache übermüdet, wollten sie ein wenig schlummern, um, dann die bevorstehenden Veranstaltungen in Dachau besser genießen zu können. In München gab es langen Aufenthalt. Es bestand ganz gewiß nicht die Gefahr, daß die 120 oder 130 österreichischen Herren die Haupt- stadt der Bewegung stürmen könnten, aber für alle Fälle hatte man doch eine Kompanie der Münchner Waffen-SS mit Maschinengewehren auf den Bahnhof beordert. Die SS-Männer der Eskorte aber wurden als heimkehrende Sieger begrüßt. Am 2. April 1938, um ı0 Uhr vormittag, kam der Transport endlich in Dachau an. Auf dem Bahnhof erwartete uns eine Abteilung der Totenkopf-SS mit einem Stab höherer Offiziere, darunter der Lager- kommandant in Person. Einige Lastautos mit improvisierten Sitz- bänken standen neben den Geleisen. Den Einsatz frischer, ausgeruhter SS-Reserven bekamen wir sogleich zu spüren. Wer nicht blitzschnell aus dem Waggon herauskam und auf ein Lastauto aufsprang, hatte einen Faustschlag im Genick oder einen Kolbenstoß in den Rippen. Mit Miene und Gesten eines Triumphators bestieg dann der Lager- kommandant seinen Wagen, um den Zug der gefangenen Österreicher persönlich anzuführen. Wenige Minuten später schloß sich das Lager- haupttor hinter unserem Transport. Das war die Reise von Wien nach Dachau. Einige Wochen lang meinten wir, daß es kaum möglich sei, noch unbequemer und unge- mütlicher zu reisen. Später mußten wir diese Meinung korrigieren. 8 Im ersten Österreichertransport wurde niemand unterwegs ermordet und auch die erlittenen Verletzungen waren zumeist leichter Natur. Später ging es nicht mehr so glimpflich ab. Man ließ die Gefangenen, vornehmlich die Wiener Juden, während der Fahrt ,, tiefe Kniebeuge" üben und stieß ihnen dabei ein Bajonett ins Gesäß, oder man befahl ihnen, ein Waggonfenster zu öffnen, und behandelte dann dieses Tun als Fluchtversuch. So brachte jeder spätere Transport auch Tote mit. Man getraute sich nicht, diese Fracht auf dem Ortsbahnhof in Dachau auszuladen, sondern ließ die Waggons auf einem Wirtschaftsgeleise in das Lager hineinschieben. Die Ermordeten wurden gleich verscharrt und eine aus älteren Lagerhäftlingen zusammengestellte Arbeitspartie mußte das Blut in den Waggons aufwaschen. So geschehen im tiefsten Frieden, im Frühjahr 1938, mit Wissen und unter Aufsicht der höchsten Lagerinstanzen. Nun stand unser Transport vor dem elektrisch geladenen Stacheldraht. Hunderte von beschäftigungslosen SS- Leuten aller Chargengrade lungerten im Halbkreis um uns herum, begafften und verhöhnten uns. Die erste offizielle Begrüßung auf deutschem Boden sprach der Lagerkommandant SS- Gruppenführer Loritz. Seine Rede in bayrisch gefärbtem preußischem Kasernhofton begann mit den Worten: ,, In diesem Lager herrscht die Prügelstrafe..." Es folgte eine Sturzflut von Drohungen und Beschimpfungen, dann wurde jeder Häftling einzeln vorgerufen und individuell beschimpft, und zwar auf Grund der Begleitpapiere, die die Wiener Gestapo mitgeschickt hatte. Die Prozedur nahm kein Ende. Niemand durfte sich setzen, wehe dem, der sich auch nur an eine Wand anlehnte, um nicht vor Hunger und Müdigkeit umzufallen. In den ersten Nachmittagsstunden begann die Gestapo zu amtieren: Personalien, Fingerabdruck, photographische Aufnahme. Dort erhielt auch jeder Häftling die Nummer, unter der er fortan lebte. Dann hatten wir die Zivilkleider abzuliefern und einen bunt geflickten Zwilchanzug anzulegen. In diesem Kostüm erst marschierten wir in kleinen Gruppen durch die Hindernisse in das engere Sträflingslager. Man kommt da über eine Brücke in den Torgang des Dienstgebäudes und an ein Gittertor, das in schönen, handgeschmiedeten Buchstaben die Inschrift trug: 9 - - - ,, Arbeit macht frei." In Wahrheit hatte die Arbeit der Häftlinge im Lager mit dem Freikommen oder Drinbleiben nicht das geringste zu tun darüber entschied ausschließlich die Gestapo nach geheimnisvollen Grundsätzen. Aber der Nationalsozialismus hatte ähnlich wie der Faschismus in Italien den unbezähmbaren Drang, überall seine kernigen Inschriften anzubringen, drohend oder moralisierend. Im Lager gab es an verschiedenen Stellen solche Sprüche, unter anderen stand einer, den der Herr Reichsführer Himmler selbst verfaßt hatte, in mannshohen Buchstaben auf dem Dach des Wirtschaftsgebäudes. Gleich hinter dem Stacheldraht erwarteten uns Gefangene mit der Haarschneidemaschine und dem Rasiermesser. Dort hörte ich den ersten menschlichen Gruß im Lager. Als ich nämlich den Kopf senkte, um mir die Haare schneiden zu lassen, sagte der als Haarschneider fungierende Gefangene ganz leise:„ Kopf hoch!" Ich nahm das wörtlich und hob den Kopf. Aber der Mann flüsterte: ,, Nein, so meine ich das nicht. Die Schweine wollen euch fertig machen, laßt euch nicht unterkriegen, Kopf hoch!" Stunden vergingen, es wurde Abend, noch immer standen wir in Reih und Glied, ohne Rast, ohne Verpflegung, ohne einen Tropfen Wasser, seit mehr als 24 Stunden herumgestoßen, angebrüllt, beschimpft und mißhandelt. Es war kein schöner Frühlingstag, obwohl die Sonne von früh bis spät so freundlich geschienen hatte. Endlich erhielten wir die neuen, eben erst eingeführten Sträflingskleider, dazu eine alte, verschmierte und verschwitzte Polizeimütze. In diesem Aufzug wurden wir in eine Baracke gejagt. Es gab ein Stück Brot und eine Andeutung von Käse als erste Mahlzeit nach all den Abenteuern. Aber die Erschöpfung war größer als der Hunger, die 120 Männer sanken dicht nebeneinander auf das Stroh und schliefen ein. Ein paar Stunden Schlaf, und nach neuen Ufern lockte ein neuer Tag. W B au ül d a $ 1 g A 2 Sa h a In ti W 10 PTE T E W u Das Lager Während des ersten Weltkrieges stand in einem Wald unweit der Bahnstation Dachau eine große Munitionsfabrik, die im Jahre 1919 auf Grund des Versailler Vertrages geschleift werden mußte. Einzelne übriggebliebene Objekte und Baracken bildeten den Grundstock zu dem berüchtigten Konzentrationslager Dachau. Von den alten Mauern sind aber kaum mehr Spuren zurückgeblieben. Das Häftlingslager, das. Lager der Totenkopf-SS, ein Truppenlager der Waffen-SS mit allen modernen Einrichtungen, eine Siedlungskolonie für verheiratete SS-Angehörige, Garagen, Werkstätten und Magazine wurden ganz neu aufgebaut und bildeten eine Stadt für sich. Erst knapp vor Kriegs- beginn waren alle Arbeiten vollendet. An Geld für Zwecke der SS wurde nie gespart, aber die Riesenarbeit, die da sechs Jahre geleistet wurde, war fast ausschließlich unbezahlte Häftlingsarbeit. Das alte, bierselige Landstädtchen Dachau liegt eine halbe Stunde vom Lagergelände entfernt. Die Bewohner hatten zwar vom Konzentra- tionslager einige materielle Vorteile, aber sie waren der SS nicht gerade freundlich gesinnt und sehr ungehalten, daß ihr Heimat- städtchen, einst ein Hauptsitz bayrischer Fröhlichkeit, nun in 2 ganzen Welt so schandvoll bekannt geworden war. Das eigentliche Häftlingslager befand sich im Ostteil der gesamten Anlage und bildete ein Rechteck von ungefähr 520 m Länge und 260 m Breite. Dieses Rechteck war von mehreren Hindernissen um- säumt: einem tiefen Graben, einem elektrisch geladenen Stacheldraht- hindernis und einer hohen Mauer. Im Westen, wo das Häftlingslager an das SS-Lager grenzte, war statt der Mauer ein breiter Wasserkanal. In‘diese Lagerumfassung waren sieben gemauerte, stockhohe Wach- türme mit eingebauten Maschinengewehren eingefügt. Die Türme waren so angelegt, daß jedes Plätzchen im Lager wenigstens von einem Turm aus bestrichen werden konnte. Die Wachen waren ver- pflichtet, auf jeden Häftling, der sich nachts zwischen Abpfeifen und Tagwache außerhalb der Barable aufhielt, ohne Anruf zu schießen. Ebenso hatten die Türme zu feuern, wenn ein Häftling den Versuch wagte, über die Hindernisse hinwegzukommen. Dies geschah selten und endete immer tödlich. 11 Der Eingang in das Häftlingslager führte durch eine Torhalle des Dienstgebäudes, das ungeachtet der sonst üblichen Deutschtümelei die Kommißbezeichnung„Jourhaus“ führte. Im Torgang des Jourhauses lag eine Wache der Totenkopf-SS, deren Hauptaufgabe es war, die aus- und einmarschierenden Häftlinge zu zählen und vorzumerken. (An normalen Arbeitstagen wurden die Häftlinge zwölf- bis drei- zehnmal gezählt!) Die dreißig Häftlingsbaracken,„Blöcke“ genannt, waren an der Längsachse des Lagers in zwei Reihen so angeordnet, daß in der Mitte eine breite Lagerhauptstraße freiblieb. Die Baracken waren Zwillingsbaracken mit zwei Eingängen und vier„Stuben“. Jede Stube bestand aus einem Tagraum und einem Schlafraum. Bei Überbelag entfiel aber die Teilung und es wurden auch im Tagraum Betten oder Pritschen aufgeschlagen. Bei dreistöckiger Anordnung der Betten faßte eine Stube 90 bis 100 Mann, bei Überbelag wurde auch das doppelte Quantum hineingestopft. Ein Klosett und ein Waschraum, gemeinsam für zwei Stuben, lagen gegenüber dem Eingang. Die Baracken waren gut und wären bei Normalbelag auch hygienisch entsprechend gewesen. Die Wände bestanden aus gepreßten, feuer- festen Platten und waren mit grüner Olfarbe gestrichen. Die Wohn- räume waren licht und gut heizbar— soferne Kohlen zur Verfügung standen. Vor den Baracken lag der Appellplatz, wo bei gedrängter Formation bis zu 20.000 Gefangene Aufstellung nehmen konnten. Dort wurde zur Arbeit angetreten und morgens und abends der:„Zählappell“ gehalten. In der Mitte des Platzes war an einem galgenförmigen Gerüst ein riesiger Lautsprecher montiert, durch den während des Krieges die Heeresberichte verlautbart wurden. Auch bei großen „Führerreden“ wurden die Gefangenen unter dem Lautsprecher ver- sammelt und wir nahmen es symbolisch, daß die Stimme Hitlers von einer Art Galgen zu uns heruntertönte. Da jeder, Fremde, der das ‚ Lager betrat, zuerst auf den Appellplatz kam, mußte diese weite Fläche besonders sauber gehalten werden. Eigene Arbeitskommandos, aus Invaliden zusammengesetzt, mußten frühmorgens in einer Linie tiefgebückt über den Platz schleichen und jedes Stückchen Papier, jedes weggeworfene Zündholz aufheben. Auf der anderen Seite des Appellplatzes, den Baracken gegenüber, stand das„Wirtschaftsgebäude“, ein sehr niedriger, ‚breit ausladender 12 Ziegelbau, in dessen Mitteltrakt die Häftlingsküche eingerichtet war. Rechts und links davon befanden sich die Waschanstalt, das Häftlingsbad, Werkstätten und Magazine sowie der ,, Schubraum", wo die Gefangenen bei ihrer Ankunft übernommen und bei ihrer Entlassung abgefertigt wurden. Hinter dem Wirtschaftsgebäude, gegen jede Sicht gedeckt und seitlich durch hohe Mauern abgeschlossen, lag in trostloser Einsamkeit die langgestreckte, fest gemauerte Arrestbaracke mit vielen kleinen Einzelzellen. Einige Häftlinge lebten dort jahrelang, ohne daß man sie zu Gesicht bekam. Nur manchmal unterbrach das Geschimpfe der SS oder das Schreien Gepeinigter die lähmende Stille, die über diesem Ort der Verdammnis lastete. Außerhalb des Stacheldrahtes schlossen sich an der Westseite des Häftlingslagers zunächst verschiedene Werkstätten, Magazine, Garagen und Dienstgebäude an, darunter die Kommandantur und eine Baracke für die Zweigstelle Dachau der Gestapo. Dann folgten große, mehrstöckige Kasernen der SS, zahlreiche Wohnbaracken der SS, ein Offizierskasino, die Pavillons eines SS- Spitals, eine Fernheizanlage, die Verbrennungsöfen, Exerzier-, Turn- und Sportplätze der SS, ein Schwimmbad, eine Schießstätte und sonstige Anlagen. An dieses SS- Lager grenzte die Siedlung der SS, lange Zeilen schmucker, kleiner Wohnhäuser mit Gärten, dazwischen, einige vornehme Villen für den Lagerkommandanten und sonstige höhere SSChargen. Dort stand auch das„ Gemeinschaftshaus", ein großer Bau mit einem Theatersaal und verschiedenen Gesellschaftsräumen. Die Hauptstraße dieser Siedlung, Straße der SS" benannt, trug Blumenschmuck und war mit einer Reitbahn ausgestattet. Sie mündete vor dem Lager in den„ Eicke- Platz", so benannt nach dem SS- Gruppenführer Eicke, dem ersten großen Schinder und Henker des Konzentrationslagers Dachau. So war von 1933 bis 1939 aus den Resten der einstigen Munitionsfabrik eine ganze SS- Stadt geworden, sauber und repräsentativ nach außen, der Schrecken vieler Zehntausender, die hinter dem Stacheldraht lebten und starben, der Stolz der SS, das ,, Musterlager" Himmlers. Die Pläne für die Zeit nach dem Siege des Dritten Reiches / gingen aber noch viel weiter, aus der SS- Stadt Dachau sollte eine Großstadt werden. Ich hatte Gelegenheit, einiges von diesen Plänen zu sehen. Auf weitem Gelände, im engsten Anschluß an das Häftlings13 lager, sollte die größte Textilfabrik der Welt erstehen, ein ganzer Komplex von Fabriken von der Spinnfaser. bis zur fertigen Uniform, dazu alle einschlägigen Hilfsbetriebe und ein Wohnbezirk für die Angestellten und Arbeiter. Der Bahnhof Dachau sollte verlegt und eine eigene Schnellbahn Dachau—München erbaut werden. Geplant und auch schon weitgehend vorbereitet war die Errichtung einer Gartenbauhochschule, eines Instituts für Nahrungsmittelchemie mit riesigen Laboratorien und die Großfabrikation von pflanzlichen Heil- stoffen und Gewürzen. Kostenlose Arbeitskräfte für alles das sollte auch in aller Zukunft das Konzentrationslager liefern. Und jetzt? Was wird, was soll nach dem Zusammenbruch des Hitlerschen Reiches und des Himmlerschen Mordsystems mit dem Lager Dachau und allem Drum und Dran geschehen? In der Übergangszeit wird es wohl unvermeidlich sein, die Kasernen, Siedlungshäuser und Baracken als Unterkünfte zu verwenden. Dann aber Schluß! Wenn man bedenkt, daß das Wort„KZ. Dachau“ zum Inbegriff einer zwölfjährigen Schreckensherrschaft. geworden ist, zu einem formelhaften Ausdruck für alle unfaßbaren Greueltaten in allen Konzentrationslagern von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, wenn man bedenkt, daß in Dachau jeder Stein, jede Baracke, jeder Weg und jeder Baum an das vergossene Blut un- schuldiger Gefangener mahnt, wenn man weiß, daß in die Erde von Dachau die verbrannten Knochen tausender Opfer des Systems wie Müll und Unrat hineingeschüttet worden sind, dann kann die würdigste Lösung nur diese sein: Das ganze Lager mit allen seinen Bauten und Anlagen soll in eine Trümmerstätte verwandelt, dann mit einem Drahthindernis umgeben werden und so als Wüstenei für alle Zeiten liegen bleiben, als Schandmal und als Erinnerung an die schmachvollste Zeit in der Geschichte des deutschen Volkes. Erinnerungen an die SS Die Gefangenen des Konzentrationslagers hatten mit zwei Kategorien der SS zu tun, mit den sogenannten„ Totenkopfverbänden" und mit der Waffen- SS. Die Totenkopfverbände stellten das Führungs-, Aufsichts- und Verwaltungspersonal, Abteilungen der Waffen- SS versahen den Wachdienst auf den Maschinengewehrtürmen rings um das Lager und stellten die Bewachungsmannschaft für die vielen Arbeitspartien, die außerhalb des Stacheldrahtes arbeiteten. Die Leute der Totenkopfverbände waren erprobte Parteigänger, viele hatten sich vor dem Jänner 1933 in Saalschlachten und bei ähnlichen Aktionen der Partei die Sporen verdient. Sie waren parteipolitisch gedrillt und fanatische Anhänger des Regimes. Ihre Schulbildung war sehr gering, es gab einen Lagerführer im Offiziersrang, der nur notdürftig schreiben konnte. Ihrem bürgerlichen Vorleben nach handelte es sich mit wenigen Ausnahmen um gescheiterte bürgerliche Existenzen, verkommene Halbintelligenz und arbeitsscheues Gesindel vom Lande. Ihre Umgangsformen und die Freiheit, mit jedem Häftling nach Willkür zu verfahren, machten das Lager auch in ruhigen Zeiten, wenn keine besonderen Exzesse vorkamen, zu einem Mittelding von Kaserne, Zuchthaus und Irrenanstalt. Der oberste Chef dieser straff militärisch organisierten Bande war der ,, Lagerkommandant" im Range eines Obersten oder Oberstleutnants. Ihm unterstanden zwei bis drei ,, Lagerführer", meist im Hauptmannsrang. Diese leiteten den gesamten inneren Dienst und übten das Strafrecht aus. Jeden„ Block"( Doppelbaracke) befehligte und überwachte ein ,, Blockführer". Andere SS- Unteroffiziere fungierten als Verwalter in den Magazinen, als Aufseher in den Werkstätten, Küchen, Wirtschaftsbetrieben Wirtschaftsbetrieben und Arresten, dann als Aufseher und Antreiber bei den Arbeitspartien. Den größten Teil der Verwaltungsarbeiten besorgten aber die Häftlinge selbst, oft mit recht großem Wirkungskreis, so daß das Heer der SS- Chargen im Grunde genommen ein Müßiggängerdasein führte. Die meisten SS- Männer der Totenkopfverbände waren Bayern; Preußen und Schwaben waren sehr wenig, Sachsen gar nicht vertreten. Es fehlen daher die Voraussetzungen für eine unterscheidende 15 Beurteilung der Leute nach ihrer Stammeszugehörigkeit. Was die Bayern betrifft, so drängte sich den Gefangenen sehr bald die Er- kenntnis auf, daß die vielberufene bayrische Grobheit keineswegs nur die rauhe Schale eines guten Kerns bedeutet, sondern auch mit Grausamkeit verbunden sein kann. Der roheste, von den Gefangenen am meisten gefürchtete Lagerführer war ein Bayer; er war ein hemmungsloser Trunkenbold, was aber weder seinem Offiziersrang, noch seiner Stellung schadete. Die Gefangenen mußten jedem SS-Mann, auch dem jüngsten Rekru- ten, respektvolle Ehrenbezeigungen erweisen. So durften sie nur mit abgezogener Mütze und in strammer Haltung an SS-Männern vor- übergehen, während eines Gespräches mit ihnen mußten sie stramm stehen und die Mütze in der Hand halten, auch bei strengster Kälte oder strömendem Regen. Vergaß ein Gefangener auf das Abziehen der Mütze oder zog sie nicht rasch genug, so durfte er mit ein paar Ohrfeigen rechnen. Wenn ein SS-Mann eine Häftlingsstube betrat, wurde„Achtung“ kommandiert; die Gefangenen hatten von den Sitzen aufzuspringen, stramme Haltung anzunehmen und weitere Befehle abzuwarten. Wenn das nicht klappte, kommandierte der SS-Mann das beliebte:„Hinlegen! Auf! Hinlegen!“, oft zwanzigmal hintereinander. Jede Beschimpfung und jede Mißhandlung von Häftlingen war den SS-Unteroffizieren gestattet, es gab praktisch nicht das geringste Be- schwerderecht. Wollte man alle die großen und kleinen Quälereien aufzählen, die solcherart täglich an einzelnen Gefangenen oder an ganzen Abteilungen verübt wurden, käme eine endlose Liste zustande. Es gab berühmte Ohrfeigenausteiler, die sich der Kunst rühmten, einen Gefangenen mit einer einzigen Ohrfeige umzulegen. Ein be- liebter Scherz war es, Häftlinge von rückwärts mit dem Fahrrad niederzufahren. Der Oberscharführer und spätere SS-Offizier Lütge- maier, einer der wenigen Preußen im Lager, liebte es, Häftlinge in das Revier zu rufen, um ihnen dort eine starke Dosis Rhizinusöl ein- zugeben oder ihnen von einem anderen Häftling einen gesunden Zahn reißen zu lassen. Ein österreichischer General, Träger hoher Tapfer- keitsauszeichnungen aus dem ersten Weltkrieg, mußte auf Befehl eines jungen SS-Buben vor hundert anderen Häftlingen auf einen Tisch steigen und dort Lieder singen. Ein anderer hoher Offizier wurde vor dem angetretenen Block mit dem Ausdrucke:„Ver- 16 dreckter Schlawiner, verdreckter!“ belegt, weil auf einer Briefadresse seine militärische Charge angegeben war. Ein junger polnischer Universitätsstudent wurde ertappt, daß er Briefe seiner abgöttisch verehrten Mutter bei sich trug; er wurde angezeigt und mit dem Pfahl bestraft, weil er„Unrat“ bei sich führte. Ein Wiener Zeitungs- herausgeber, ein harmloser älterer Herr, der das Unglück hatte, durch seinen beträchtlichen Leibesumfang aufzufallen, wurde gezwungen, mit nacktem Oberkörper schwere, scharfkantige Betonklötze zu schleppen. Er trug auf Rücken und Schultern viele Hautwunden davon und brach schließlich zusammen. Als er wieder imstande war, aufrecht zu gehen, beschaffte man einen zerbrochenen Nachttopf, stülpte ihn dem alten Mann auf den Kopf und ließ in so stundenlang auf und ab spazieren. Ich erzähle solche Episoden, nicht um aus den einzelnen Tatbeständen ein großes Wesen zu machen— es sind ja viel furchtbarere Ver- brechen verübt worden—, sondern zur Charakteristik der Geistes- verfassung der Lager-SS, denn von den Grausamkeiten und Schikanen, die noch im tiefsten Frieden an wehrlosen politischen Gefangenen verübt wurden, führt ein schnurgerader Weg zu den gigantischen Massengräbern in Lublin und Auschwitz. In den höheren Chargen der SS zeigte sich nicht selten der dem Emporkömmling eigentümliche Hang zu Luxus. Ein Lagerkomman- dant ließ sich in der großen Schreinerwerkstätte des Lagers von best- geschulten Häftlingen eine hölzerne Villa herstellen, mit eingebauten Möbeln und allem sonstigen Komfort. Fachleute schätzten den Holz- wert allein auf 50.000 Reichsmark. Diese Villa wurde in das öster- reichische Salzkammergut gebracht und von Häftlingen aufgestellt. Andere Häftlingskommandos, die ebenfalls von Dachau in das Salz- kammergut entsendet wurden, hatten die Installationsarbeiten zu besorgen und einen Garten ringsum anzulegen. Alle Arbeiten, auch die Überstunden bei Nacht, mußten von den Häftlingen kostenlos geleistet werden. Kaum war die Villa fertig, ließ derselbe Lager- kommandant in der zweiten Schreinerwerkstätte ein luxuriöses Weekendhaus für seine Schwiegereltern bauen! Auch sonst wurden in allen Werkstätten unbezahlte Privatarbeiten für SS-Offiziere und sogar für eine der SS nahestehende„Blutordens- trägerin“ geleistet. Ungezählte Möbelstücke, handgeschmiedete Be- leuchtungskörper, Ziergegenstände aller Art, ganze Berge von Kinder- 2 Nacht über Deutschland' 17 spielzeug und dergleichen mußten kostenlos von den Häftlingen her- gestellt werden, bestenfalls bekamen sie einmal eine Wurst oder ein paar Zigaretten als Trinkgeld. Ein hochqualifizierter Gießer hatte ungefähr zwanzig mächtige Briefbeschwerer aus Bronze anzufertigen, zu einer Zeit, wo dieses Metall schon zu einer Kostbarkeit geworden war. In der Münchner Privatwohnung der erwähnten Blutordens- trägerin hatte ein Möbeltischler monatelang zu arbeiten; er wurde täglich in einem Auto hin- und zurückgeführt, es gab genug Benzin für solche Zwecke. Der Hang zum Luxus auf Staatskosten kam auch in den Wohnungen der SS-Offiziere zum Ausdruck. So hatte der Lagerkommandant eine prächtige Villa zur Verfügung, mit sieben Wohnräumen und luxuri- ösen Nebenräumen, einem Wintergarten und einem großen Zier- und Nutzgarten. Die groben Arbeiten in diesem Haushalt wurden selbstverständlich auch von unbezahlten Gefangenen verrichtet. Mit der Waffen-SS kamen die Häftlinge nur während der Arbeits- zeit in Berührung. Beim Morgenappell marschierte die Bewachungs- kompanie in das Lager, übernahm partienweise die Arbeitsgruppen der Häftlinge und geleitete sie hinaus und zurück. Während der Arbeitszeit umstellten diese Leute den Arbeitsplatz mit einer Posten- kette. Wenn ein Häftling über die Postenkette hinausging, konnte er ohne vorherige Warnung erschossen werden, was sehr oft ge- schehen ist. Diese Kompanien der Waffen-SS bestanden durchwegs aus jungen Leuten, zum Teil nach kaum beendeter Rekrutenausbildung. Sie waren von ihren Vorgesetzten und von der Lager-SS wie Fanghunde auf die Häftlinge dressiert und wetteiferten mit ihren Totenkopf- kameraden im Schimpfen und in Roheitsakten. Der Ausdruck „Fanghunde“ ist nicht übelwollend erfunden. Wenn man diese jungen Burschen mit geladenem, schußfertigem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett schreiend, schimpfend und fluchend neben und hinter den Häftlingskolonnen einherlaufen sah, hatte man unwillkürlich den Eindruck, als begleiteten Fanghunde eine Herde. In den Gesprächen, die diese jungen Burschen— entgegen einem Lagerverbot— während der Arbeitszeit mit vielen Häftlingen führten, kam die Borniertheit der nationalsozialistischen Propaganda ebenso zum Ausdruck, wie ein 18 der N ! ud DE A=> ar ganz unglaublicher erotischer Zynismus. Die SS- Offiziere scheinen bei der Erziehung ihrer Mannschaften kein Mittel versäumt zu haben, um primitive, von Natur aus roh veranlagte Burschen zu verhetzen und für die Welt außerhalb des Dunstkreises der Partei blind zu machen, anderseits aber scheinen sie sich um die moralische Verfassung ihrer Truppe gar nicht gekümmert zu haben. Manche Anreden, die sich junge SS- Leute an alte, in Ehren grau gewordene Gefangene erlaubten, waren so abgründig schamlos, daß ich verzichte, ihren Inhalt auch nur anzudeuten. Ein paar Lichter dürfen diesem dunklen Gesamtbild immerhin aufgesetzt werden. Die Gerechtigkeit erfordert es, ausdrücklich festzustellen, daß es auch bei der SS rühmliche Ausnahmen gab, anständige Menschen, die aus Not oder von ungefähr zur SS gekommen waren, das Terrorregime gar nicht oder nur zum Scheine mitmachten, oft auch den Häftlingen Gutes erwiesen. Ihre Zahl war aber viel zu gering, um das Lagerleben im allgemeinen zu beeinflussen. Noch eine andere Kategorie der SS verdient eine besondere Erwähnung. Bald nach Kriegsbeginn gingen die jungen Leute der WaffenSS ins Feld ab und an ihre Stelle kamen alte Reservisten, die den Bewachungsdienst übernahmen. Diese Leute, die meisten schon Veteranen aus dem ersten Weltkrieg, hatten mit der übrigen SS wohl nur die Uniform gemeinsam. Sie waren für den Dienst im Lager auf listige Weise eingefangen worden. Man hatte nämlich die alten Jahrgänge aufgefordert, sich freiwillig für einen Polizeihilfsdienst zu melden. Diese Freiwilligen wurden gesammelt, dann ohne weiteres Befragen zur SS eingeteilt und nach Dachau, wahrscheinlich auch nach anderen Lagern geschickt. Viele unter ihnen haßten die SS, entsetzten sich über die Zustände im Häftlingslager und fraternisierten mit den Gefangenen. Angesichts der Zustände in den Konzentrationslagern drängt sich die Frage auf, ob auch bei einer anderen hochzivilisierten Nation unter bestimmten Voraussetzungen eine Einrichtung und eine Praxis ähnlich der deutschen Totenkopf- SS denkbar wäre. War das deutsche Volk allein imstande, eine so große Schar von Verbrechern hervorzubringen, oder gibt es auch bei den anderen Nationen eine potentielle Massenbestialität, die nur auf einen Wink von oben wartet, um wirksam zu werden? 2* 19 Ich glaube, daß es primär auf den Wink, richtiger gesagt auf den Befehl von oben ankommt. Gewalttäter gibt es allerorten, bei den zivilisierten Nationen kaum weniger als bei den unzivilisierten, eher mehr. Aber in einem geordneten Staatswesen und bei einer wahren öffentlichen Meinung kann sich der Verbrecher nur in sozusagen privaten Aktionen ausleben, während das, Dritte Reich einen nicht geringen Teil seiner Scharführer und Sturmführer und Gruppenführer aus diesem Milieu geholt hat. Von oberster Stelle und von vielen nachgeordneten Amtsstellen wurde die Brutalität zu einer nationalen Tugend gestempelt, auch wenn sie jedes Maß und Ziel überstieg. Hitler und Himmler, Göring, Kaltenbrunner und ein paar andere haben die Bestie in den Menschen entfesselt, die von Natur aus wahrscheinlich nicht schlechter und nicht besser waren als die Terroristen und Sadisten in aller Welt. Dazu kommen spezifische Wesensmerkmale vieler Deutscher, ohne Unterschied der Stammeszugehörigkeit: ein scharf ausgeprägter Antisemitismus, der unter dem Regime Hitler seine große Chance gekommen sah; ein durch ,, Forschheit" kompensiertes Minderwertigkeitsgefühl; starre Unduldsamkeit gegen Meinungen, die von einer gegebenen Generallinie abweichen; blinder Gehorsam, Mangel an Zivilcourage und ein gut entwickeltes Organisationstalent, das auch in unmenschlichen Einrichtungen noch zur Geltung kam. Schließlich mag in den letzten Monaten oder Wochen vor dem Zusammenbruch auch die instinktive Erwägung: ,, ich habe ohnehin nichts mehr zu verlieren" auf gewalttätige Naturen einen unheilvollen Einfluß ausgeübt haben. Alles das gab die Möglichkeit, ein Schreckensregiment aufzurichten, wie es in quantitativer Hinsicht und auf so lange Dauer nie zuvor in der Geschichte möglich war. Aber bei allen Versuchen, dieses Schreckensregiment nach Entstehung und Ursache zu deuten, wird immer ein unlösbarer Rest zurückbleiben, ein Unfaßbares, das jeder menschlichen Einsicht verschlossen bleibt. In ka = un ge دمة D V a е 6 b S I S I 20 Z e Ö a V Häftlinge aller Art In den Konzentrationslagern gab es sechs verschiedene Häftlings- kategorien, die durch verschiedenfarbige, auf der linken Brustseite und auf dem rechten Hosenbein'zu tragende Dreiecke kenntlich gemacht waren. Die politischen Häftlinge trugen ein rotes Dreieck, die Gewohnheits- verbrecher ein grünes, die„Asozialen“ ein braunes oder schwarzes, die Homosexuellen ein rosafarbiges, die Emigranten ein blaues und die Anhänger'der Sekte„Ernste Bibelforscher“ ein violettes. Die Drei- ecke der jüdischen Gefangenen waren mit einem gelben Dreieck unterlegt. Fluchtverdächtige trugen außerdem auf Rücken und Beinen eine kleine, rote, weiß unterlegte Kreisscheibe, die in Isolierbaracken gehaltenen Häftlinge eine ebensolche schwarze. Die Stuben- und Barackenältesten waren durch eine schwarze, die„Capos‘“(Vor- arbeiter) durch eine gelbe Armbinde gekennzeichnet. Über dem Drei- eck auf Brust und Hosen waren Leinenstreifen mit der Häftlings- nummer aufgenäht. Diese Abzeichen, ebenso wie die einheitlichen, blaugrau gestreiften Sträflingsuniformen wurden erst im Jahre 1938 allmählich eingeführt. Bis dahin trugen die Gefangenen alte Polizeiuniformen, feldgrau oder ‚bunt, mit farbigen Abzeichen, die man mit Olfarbe auf die Kleider schmierte! Im späteren Verlauf des Krieges konnte das Dritte Reich den Stoff für die Sträflingskleider nicht mehr aufbringen. Fast das ganze Lager Dachau wurde in Zivilkleider gesteckt, die man Ver- urteilten vor ihrer Hinrichtung und Juden vor ihrer Ermordung ab- genommen hatte. Mehrere tausend Garnituren waren erforderlich, — es waren mehr als genug vorhanden! Die zahlenmäßige Stärke dieser sechs Häftlingskategorien war zu ver- schiedenen Zeiten und in den verschiedenen Lagern sehr verschieden. In Dachau überwogen stets die„Roten“, ausgenommen vielleicht die Zeit, wo burgenländische Zigeuner in großen Massen als„Asoziale“ eingeliefert wurden. Andere Lager, zum Beispiel Mauthausen in Ober- österreich und Flossenbürg in der bayrischen Pfalz, waren lange Zeit ausschließlich für„Grüne“ bestimmt, später trat aber auch dort eine Vermischung ein. Blau, rosafarbig und violett waren selten, in späteren 21 Jahren waren diese Kategorien in Dachau überhaupt nicht mehr vertreten. Die Juden im Dachauer Lager waren als ,, Politische", also mit rotem Dreieck auf gelber Unterlage, gekennzeichnet. Ihre Zahl war anfangs gering, aber je weiter die Einlieferung der Österreicher fortschritt, desto mehr kamen auch Wiener Juden. Im November und Dezember 1938 setzte dann ein Massenzustrom an Juden ein, so daß sie zu 200 Mann in Stuben gepfropft wurden, die zur Not für 90 Mann Unterkunft boten. In der Lagersprache nannte man diese Schandunterkünfte ,, Kaninchenställe". Kaum war das Lager mit Juden überfüllt es erreichte damals einen Stand von 18.000 Häftlingen begannen auch schon die Abtransporte jener Juden, die eine Ausreisebewilligung erhalten hatten. So wurden an manchen Tagen bis zu 200 Mann entlassen. Mehrere tausend blieben zurück. Soweit sie nicht erschlagen oder fahrlässig getötet wurden, schickte man sie allmählich in andere Lager, so daß bis Ende 1942 fast alle aus Dachau entfernt waren. - Lu nis V al d D SO g T Die politischen Häftlinge aus dem Reich gehörten fast alle der kommunistischen Partei an, Sozialdemokraten gab es nur wenige, sonstige Parteiangehörige( Zentrum, Bayrische Königspartei, Deutschnationale und andere) vereinzelt. Dazu kamen noch die sogenannten Parteiverräter, das waren Nationalsozialisten, die mit einflußreichen Parteifunktionären in Konflikt geraten waren, oder deren Verschwinden aus weniger ehrenhaften Gründen erwünscht schien. Auch die ehemaligen Angehörigen der französischen Fremdenlegion waren als politische Häftlinge gekennzeichnet. Unter den reichsdeutschen Kommunisten konnten zwei Gruppen deutlich unterschieden werden. Die Mehrheit bestand aus klassenbewußten, parteimäßig geschulten und zu einem Teil sehr intelligenten Arbeitern verschiedenster Branchen. Sie hielten gut zusammen, bekannten sich offen zu ihrer Gesinnung und hatten eine geheime Führung im Lager. An viele dieser kommunistischen Häftlinge erinnere ich mich mit aufrichtiger Sympathie, an einige, die mir während meiner Erkrankung an Typhus hilfreich zur Seite gestanden sind, mit herzlicher Dankbarkeit. Daneben gab es eine andere Gruppe, die sich ebenfalls als kommunistisch bezeichnete, in Wahrheit aber ein 22 Lumpenproletariat vorstellte, das von den klassenbewußten Kommunisten abgelehnt wurde. Aus diesem Kreise holte sich die SS mit Vorliebe ihre gefährlichsten Mitarbeiter, nämlich jene Häftlinge, die als Vorarbeiter an ihren Mithäftlingen oft die gleichen Schinderdienste verrichteten wie die SS selbst. Die österreichischen politischen Häftlinge waren anfangs fast ausschließlich hohe Staatsfunktionäre, darunter mehrere Regierungsmitglieder, sowie politisch miẞliebige Intellektuelle aus verschiedenen Berufen und verschiedenen Altersstufen. Die Linke war in den ersten Transporten nur schwach vertreten und wurde erst nach Einlieferung der österreichischen Spanienkämpfer stärker. In der Tschechoslowakei erfolgten die Verhaftungen und Einlieferungen in das Konzentrationslager anscheinend nach anderen Grundsätzen als in Österreich, denn die deutschen Gefangenen aus dem ,, Sudetengau" gehörten fast ausschließlich dem Arbeiterstande an und waren zu ungefähr 70 Prozent Kommunisten und 30 Prozent Sozialdemokraten. Die Tschechen aber, die nach der Besetzung Böhmens und Mährens ins Lager kamen, waren fast durchwegs wieder ,, Intellektuelle". Zu den politischen Häftlingen zählten selbstverständlich auch die Polen und die Ukrainer, die nach Kriegsbeginn in großen Sammeltransporten ankamen. Sie wurden als Paria behandelt, bei grober Arbeit und in überbelegten Unterkünften. Unter den gefangenen Polen waren wieder alle Klassen und Stände vertreten, viele Landarbeiter, Kleinbauern, Lehrer, Studenten, Professoren und auch Offiziere. In den späteren Kriegsjahren versammelte das Lager eine wahrhaft internationale Gesellschaft. Neben Deutschen, Österreichern und Slawen gab es Luxemburger, Holländer, Belgier, Franzosen, etliche Spanier und Italiener. Eines Tages wurden mehrere hundert russische Kinder eingeliefert, Knaben zwischen zehn und sechzehn Jahren, die in eigenen Baracken untergebracht wurden. Im Jahre 1943 bildeten die Reichsdeutschen im Lager nur mehr eine Minderheit. Die katholischen Priester waren in eigenen Baracken untergebracht, und zwar die Österreicher, die Deutschen und die Fremdnationalen, mit Ausnahme der Polen, sowie einige protestantische Seelsorger in der Baracke Nummer 26, die Polen, unter ihnen ein Bischof, in den Baracken Nummer 28 und 30. Die Behandlung der Priester war zu verschiedenen Zeiten sehr ver23 - - schieden. Manchmal wurden sie nicht viel besser gehalten als die Juden, dann genossen sie wieder kleine Begünstigungen, die man in Kreisen der Häftlinge als Folge einer Intervention des Papstes ansah. Im Jahre 1941 kam die Erlaubnis zum Abhalten von Gottesdiensten. Die Priester der Baracke 26 mußten enger zusammenrücken und der so gewonnene Schlafraum wurde als Kapelle eingerichtet, wo ein Priester immer derselbe frühmorgens die Messe lesen durfte. Den polnischen Priestern und anderen Häftlingen war die Teilnahme am Gottesdienst nicht erlaubt. Die polnischen Priester hatten auch sonst keinerlei Begünstigung, litten sehr unter dem enormen Überbelag der Stuben und wurden zu den schwersten Arbeiten verwendet. Anfangs haben die Priester nicht nur den Terror der SS, sondern auch die feindselige Gesinnung mancher Häftlinge zu spüren bekommen. Wohl hatte die Gemeinsamkeit des Leidens und Erduldens viele politische und weltanschauliche Gegensätze und Vorurteile unter den Häftlingen ausgeglichen und entgiftet eine Entwicklung, die verheißungsvoll in die Zukunft weist-, aber der Antisemitismus und der Haß gegen die Kirche waren in deutschen Landen auch vor dem Auftreten des Nationalsozialismus von verschiedenen Seiten her so lange und so demagogisch wirksam propagiert worden, daß sie auch im Lager fühlbar wurden und so paradox es klingen mag - an einigen brüchigen Stellen eine Brücke von Gefangenen zur SS schlugen. - - Die Priester haben Anfeindungen aus dem Kreise ihrer Mithäftlinge weder polemisch noch durch Zugeständnisse im Grundsätzlichen abgewehrt, sondern durch ihre Lebensführung. Standhaftigkeit und Bekennermut erzwangen ihnen Schritt für Schritt die Achtung der Mitgefangenen. Als dann vom Herbst 1942 an den Häftlingen Lebensmittelpakete geschickt werden durften, eröffnete sich auch der praktischen Nächstenliebe ein weites Feld der Betätigung. Anfangs erregte es einigen Neid, daß gerade die Priester sehr reichliche Sendungen aus ihren Gemeinden erhielten. Neid und Miẞgunst verstummten aber oder äußerten sich nur bei solchen Häftlingen, die ihrer Veranlagung nach zu solcher Charakterschwäche neigten, als man sah, daß der größere Teil der Lebensmittel verschenkt wurde,- so großzügig, daß die SS mehrmals die Ansammlung von Hungernden vor der Baracke der Priester beanstandete. Ich kann Priester nennen, die den geringsten Teil der für sie bestimmten Liebesgaben behielten und 24 fast Nä Ein ste H ve Ü Z in n $ 1 6 C b I b Z e fast alles verschenkten, nicht etwa an engere Freunde, sondern an die Nächstbesten, denen der Hunger aus den Augen sah. Eine seelsorgliche Tätigkeit war den gefangenen Priestern bei strengster Strafe verboten. Dennoch war ein Priester zur Stelle, wenn ein Häftling in schweren Stunden oder im Angesichte des Todes danach verlangte. Aufgedrängt hat sich keiner. Über die Sterblichkeit der Priester in Dachau sind mir in jüngster Zeit sprechende Zahlen zugekommen. Aus der Baracke 26 sind von insgesamt 900 Gefangenen 250 bis 300 gestorben. Viel furchtbarer noch erntete der Tod unter den polnischen Geistlichen; von 2800 sind nur 861 am Leben geblieben! Vielleicht werden sich Priester finden, die über ihr Leben in Dachau besser und ausführlicher berichten können. Ich hielt es für gut, bei dem Thema ein wenig stehenzubleiben, weil ich glaube, daß Priester und Laien im Häftlingskleid einiges gelernt haben, vielleicht nicht ohne Nutzen für den Neubau unseres politischen und sozialen Lebens. Wir müssen ja in allem neu beginnen, und dazu ist alles eher brauchbar als das Erbe an verstaubten Vorurteilen, das wir alle noch aus vergangenen Zeiten mitschleppen. - Mit den ,, Grünen", also den Berufsverbrechern, trat ich erst im Lager Flossenbürg in engere Berührung. Sie verbüßten in den Lagern nicht eine gerichtliche Strafe, sondern wurden nach ihrer Entlassung aus dem Zuchthaus nach Gutdünken und Willkür der Polizei zusammengefangen und in Konzentrationslager gesteckt, wo es ihnen- nach übereinstimmender Ansicht viel schlechter ging als früher im Zuchthaus. Man konnte unter ihnen die verschiedensten Typen unterscheiden: ruhige, gesittete Leute, deren Verhalten nicht im geringsten auf eine Verbrecherlaufbahn schließen ließ, daneben den letzten Auswurf der Großstädte. Durch lange Zeit waren meine engsten Arbeitsgefährten im Steinbruch zu Flossenbürg zwei Berliner Kassenschränker, die von früh bis spät in phantasievollen Schilderungen ihrer Einbrüche schwelgten. Die ,, Asozialen" waren zumeist Landstreicher, Arbeitsscheue, Berufsbettler und sonstige Existenzen aus dem traurigen Grenzbezirk zwischen Armut und Verbrechen. Aber auch in dieser Kategorie gab es Opfer stumpfer Polizeiwillkür. Mancher ,, Asoziale" hatte nichts 25 anderes begangen, als daß er die Zahlung von Alimenten verweigert oder ohne Erlaubnis einen Arbeitsplatz verlassen hatte. Anderseits gab es ausgesprochene Landstreicher und Berufsbettler, die von der Gestapo aus unerforschlichen Gründen in die Kategorie der politischen Gefangenen eingereiht worden waren. So hatte ich längere Zeit einen Bett- und Tischnachbar, der oft mit behaglichem Stolz erzählte, daß er in allen besseren Gemeindearresten zwischen Linz und München schon zu Gast gewesen ist; aus dem unerschöpflichen Erfahrungsschatz seiner fünfzigjährigen Bettlerpraxis gab er dann freundliche Winke, wie man es am besten anstellt, um hier einem Landwirt, dort einem Pfarrer und dort einem deutschnationalen Gemeindearzt ein möglichst hohes Almosen abzupressen. Der Gestapo blieb es vorbehalten, solche Typen als Politiker zu werten. Die Homosexuellen zählten zu den ruhigsten und harmlosesten Gefangenen. Sie wurden viel verspottet, aber sie führten sich gut, machten sich wenig bemerkbar und verschwanden 1940 ganz aus unserem Gesichtskreis. Echte Gesinnungsfanatiker waren die ,, Ernsten Bibelforscher". Sie wurden isoliert gehalten und auch sonst sehr schlecht behandelt, konnten aber freikommen, wenn sie mit einer schriftlichen Erklärung ihre Sekte verleugneten. Solche Erklärungen wurden nur in ganz vereinzelten Fällen gegeben. Später sind auch die Bibelforscher aus dem Lager verschwunden, ich weiß nicht, was mit ihnen geschehen ist. Keiner Häftlingskategorie ging es im Lager so schlecht wie den Juden. Ihr Dasein in der Baracke und auf dem Arbeitsplatz war ein ununterbrochenes Martyrium, sie waren Freiwild für die SS und auch für manchen Capo, der entweder selbst von einem blutrünstigen Antisemitismus besessen war oder sich bei der SS Liebkind machen wollte. Diese Zustände nahmen grauenhafte Formen an, als Ende 1938 der Massenzustrom an Juden einsetzte. Die Sterblichkeit wurde so groß, daß die Leichen schon damals wie eine Warenfracht aus dem Lager geführt wurden. Man verwendete hiezu einen Lastwagenanhänger, dessen Bordwände hinuntergeklappt wurden. Die vollkommen entkleideten Leichen wurden in einer Reihe dicht nebeneinander auf die Plattform gelegt, darüber kam eine zweite Reihe, mit den Köpfen beim Fußende der unteren, dann eine dritte und manchmal noch 26 ein gr go ZU SO E Z S ( I eine vierte Reihe. Eine Arbeitspartie von Häftlingen zog dann diese gräßlichen Leichenwagen, die nicht selten schon einen Verwesungsgeruch verbreiteten, über den Appellplatz zum Tor hinaus. Dabei ist zu bedenken, daß die Massenschlächterei der Juden nicht in Dachau, sondern in anderen Lagern besorgt wurde. Eine Gruppe für sich bildeten etliche Monate die burgenländischen Zigeuner. Seit den Zeiten der Kaiserin Maria Theresia hatte man sich in Österreich und in Ungarn bemüht, eine humane Lösung der Zigeunerfrage zu finden. Das Dritte Reich fand eine einfache, echt nationalsozialistische Lösung: Die Zigeuner wurden wie eine Herde zusammengefangen, Männer und Knaben kamen nach Dachau, was mit den Frauen und Mädchen geschehen ist, haben wir nicht erfahren. Die Zigeuner wurden ähnlich behandelt wie die Juden und auch unter ihnen war die Sterblichkeit sehr groß. Dann kamen sie in andere Lager und ich habe nichts mehr von ihnen gehört. Wie gestalteten sich nun die Beziehungen dieser Menschen zueinander, so verschiedenartiger Menschen, zusammengedrängt auf allerengstem Raum? Läẞt man das Zusammenleben der Häftlinge im Konzentrationslager in einzelnen Zügen, Ereignissen und Episoden in der Erinnerung auferstehen, dann kann man leicht in den Fehler geraten, das ganze zu hell oder zu dunkel zu sehen. Überschaut man es aber aus einiger zeitlicher Entfernung, ohne Liebe und ohne Haß und mit dem Wissen um Ewigmenschliches, dann kommt man zu einer einfachen, allgemeinen Feststellung: Die gleichen Tugenden, Schwächen und Fehler, die gleichen Neigungen und Leidenschaften, die gleichen Eigentümlichkeiten der Charaktere und Gemüter, die sonst in der Welt zu Gruppierungen der Gesellschaft führen, wirken auch im Lager und erzeugen dort dieselben Erscheinungen wie außerhalb des Stacheldrahtes, allerdings in gewissen Verzerrungen. Auch im Lager schichtete sich die Gesellschaft. Das Wort ,, Lageraristokratie" war allen Häftlingen geläufig. Den Hauptbestandteil dieser merkwürdigen Aristokratie bildeten jene Gefangenen, die nach der Lagerordnung als Vorgesetzte ihrer Mitgefangenen fungierten, nämlich der„, Lagerälteste" für das ganze Lager, ein„ Blockältester" für jede Baracke und ein„, Stubenältester" für jede Stube. Auf den 27 Arbeitsplätzen hatten die„Capos“ ein sehr weitgehendes Befehl- gebungsrecht über ihre Mannschaft. Ein Strafrecht war allen diesen Vorgesetzten nicht eingeräumt, inoffiziell konnten sie aber sehr empfindliche Ordnungsstrafen verhängen und sich manchen Roh- heitsakt erlauben. So gab es also eine gar nicht geringe Zahl von Gefangenen als Zwischenvorgesetzte zwischen der SS und der Masse der Lager- insassen. Man darf gleich hinzufügen, daß diese seltsame, den Laien befremdende Einrichtung gut funktionierte und den wichtigsten Bei- trag zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager lieferte. Dies fest- zustellen ist leicht. Viel schwieriger ist es, über die Zusammenarbeit von Häftlingen mit ihren Peinigern und geschworenen Feinden ein gerechtes Urteil auszusprechen. Es gab nämlich auf Seite der Häftlinge für die Bereitwilligkeit, mit der SS zusammenzuarbeiten, sehr verschiedenartige Motive, höchst anständige und sehr gemeine. So war es gewiß gut und anständig, wenn ein Gefangener einen Vorgesetztenposten übernahm, um seine Untergebenen gegen Übergriffe der SS zu decken und durch kamerad- schaftliche Führung gewisse Dinge durchzusetzen, die sonst mit brutaler Gewalt erzwungen worden wären. Leider haben aber etliche andere Gefangene ihre Stellung als Vorgesetzte benützt, um sich in Roheitsakten auszuleben oder Erpressungen zu verüben, ja es gab einzelne Subjekte, die sich willig als Henkersknechte gebrauchen ließen. Zwischen solchen Grenzfällen gab es aber noch viele kleine, menschliche Schwächen, die manchem Gefangenen das Amt eines Blockältesten oder Capo begehrenswert erscheinen ließ: die Lust, zu befehlen und herumzukommandieren, schulmeisterliche Instinkte, die Eitelkeit, mehr zu gelten als ein anderer, ja sogar der harmlose Stolz auf eine besondere Armbinde. Dazu kam der preußische Kaser- nendrill, der so vielen Deutschen ohne Unterschied der Parteizuge- hörigkeit in den Knochen steckt, und der Respekt vor einer schönen Uniform, der im Unterbewußtsein auch dann fortwirkt, wenn der Träger all der Litzen und Silberschnüre und Gradabzeichen als Lump erkannt ist. Am unteren Ende der lagersozialen Stufenleiter standen die Neuan- kömmlinge, zuerst die Österreicher, dann die Sudetendeutschen, dann 28 die Polen. Unsterblicher Kasernenhof: die alten Jahrgänge spielen große Herren, an den Rekruten wischt man sich ‚die Stiefel ab. In Lagern, wo die„Politischen“ in der"Mehrheit waren, galten die anderen, besonders die„Grünen“, als mindere Klasse. Als aber tausend Dachauer„Politische“ für fünf Monate nach Flossenbürg versetzt wurden, wo die„Grünen“ den Ton angaben, war es umgekehrt. Politischen Streit in ernsten Formen gab es wenig, auch ernst gemeinte Raufereien unter den Häftlingen ereigneten sich nur selten. Freund- schaftliche Beziehungen, aber auch Spannungen und Abneigungen bestanden ohne viel Rücksicht auf Partei, Stand und Nation. Er- freulicherweise war das Denunziantenwesen, das im Dritten Reich so üppig in die Halme geschossen war, im Lager nur wenig ent- wickelt. Mir ist nur ein krasser Fall in Erinnerung: Ein Häftling aus dem Saargebiet, ehemals Polizist, machte beim Lagerführer kurz nach seiner Einlieferung die Anzeige, daß 90 Prozent der„niederen Nummern“( das waren die Häftlinge mit sehr langer Haftzeit) wegen ihrer hochverräterischen Gesinnung und ihres Haßes gegen Führer und Partei an den Galgen gehören. Das war eine gefährliche Anzeige, die auf Tod und Leben ging, denn wir machten aus unseren Gedanken über die Partei und ihren Führer tatsächlich kein Hehl. Der Denun- ziant war aber zu kurz im Lager, um Namen nennen und konkrete Angaben machen zu können. Nachdem die Untersuchung versandet war, wurde er eines Nachmittags auf seinen Block zurückgeschickt und kurz darauf in der Lagergasse von Mithäftlingen mit bloßen Händen und Fäusten erschlagen. Diebstähle unter den Häftlingen ereigneten sich nicht selten. Zu- meist handelte es sich um das liebe Brot. Der Hunger, dem so viele Häftlinge oft durch lange Zeit ausgesetzt waren, konnte gewiß als ein beträchtlicher Milderungsgrund gelten, anderseits fiel aber ins Gewicht, daß auch die Bestohlenen arme Teufel waren und selbst hungern mußten, wenn sie bestohlen wurden. Es war also not- wendig, gegen die Brotdiebe mit aller Strenge vorzugehen, da sonst die Diebereien im. Lager unerträglich geworden wären. Brot- diebe erhielten auf jeden Fall die Prügelstrafe, mußten mit einer Tafel um den Hals Pranger stehen und kamen dann in die„Isolie- rung“. Meistens wurden sie auch von Mithäftlingen verprügelt. Während der Kameradschaftsdiebstahl unter allen Häftlingen als schmachvolle Handlung galt, wurde der Diebstahl aus Vorräten der SS oder an sonstigem öffentlichem Gut von den Häftlingen durchwegs gebilligt. Viel ist ja dabei nicht herausgekommen, aber es handelte sich doch ebenso wie bei kleinen Sabotageakten - Schädigung unserer Peiniger. - um eine V น Während ich diese Zeilen überdenke und niederschreibe, zieht das unübersehbare, traurige Heer meiner Mitgefangenen, hunderte, tausende, zehntausende, durch meine Erinnerung. Ich sehe sie alle wie leibhaftig vor mir, junge Burschen und vom Leben hart gezeichnete Männer, Kinder, Greise, Gesunde und Kranke und Krüppel, Lachende und Weinende und Verzweifelte, Zierden der Gesellschaft und Abschaum aus der Gosse, Heilige und Verbrecher. Welche Mannigfaltigkeit, welche Unterschiede! Aber ein Merkmal war allen gemeinsam, vom Prinzen aus kaiserlichem Geblüt bis zum Landstreicher: sie waren alle das Opfer der nationalsozialistischen Partei und ihrer Henkergarde und sie haben alle ein Recht auf Vergeltung. Wohin mag sie das Schicksal verweht haben, wie viele mögen noch am Leben sein? d a 30 30 Grauer Alltag Wenn von Konzentrationslagern die Rede ist, denkt man zunächst unwillkürlich an Mord, Totschlag und andere Gewalttaten, die hinter dem Stacheldraht zehntausendmal begangen wurden, an Verbrechen, die man aufzählen und genau schildern kann und deren Scheußlichkeit sogleich einleuchtet. Es waren aber keineswegs diese Verbrechen allein, die das Leben im Konzentrationslager zur Pein machten, sondern nicht minder der Alltag mit seinen kleinen Schikanen, seinem Lärm, seinem Schmutz, seiner kalten Trostlosigkeit. Es gab viele Gefangene, die den brutalen Terror psychisch besser ertrugen als diesen Alltag. - - Der gerichtlich abgeurteilte Sträfling im Zuchthaus hatte vor dem Gefangenen im Konzentrationslager viel voraus: er wußte, wie lange seine Strafe dauern wird, und konnte daher rechnen und zählen, noch zwei Jahre, noch ein Jahr, noch soundso viele Tage Der Häftling im Lager erfuhr nie, ob er auf Monate, Jahre oder lebenslänglich verdammt ist. Mancher Gefangene, der uns vom Standpunkt der nationalsozialistischen Partei schwer kompromittiert schien, wurde nach kurzer Frist entlassen, andere blieben aus unerfindlichen Gründen fünf Jahre, acht Jahre und länger. An dieser bestialischen Geheimtuerei, die den Zweck hatte, die Gefangenen seelisch zu zermürben, hat Himmlers Gestapo bis zum Ende festgehalten. Der Arbeitstag in Dachau begann mit Sonnenaufgang. Eine Stunde vorher, im Hochsommer um vier Uhr, manchmal sogar halb vier Uhr morgens, wurde geweckt. Augenblicklich fuhren die 90 Mann der Stube aus ihren in drei Stockwerken übereinander getürmten Betten. Wolken von Gestank durchzogen den Schlafraum, zugleich setzte ein unbändiger Lärm und hastig nervöses Getriebe ein, bei dem einer dem anderen im Weg stand. Binnen dreiviertel Stunden mußte der Häftling sein Bett tadellos gebaut" haben, tadellos nach den Begriffen preußischer Kasernhofidioten, sich waschen, ankleiden, das Frühstück ausfassen und einnehmen, das Geschirr waschen und an der Instandsetzung der Stuben mitarbeiten. War es soweit, dann wurden die Häftlinge bei jedem Wetter vor die Baracke gejagt, wo sic das Signal zum Antreten abzuwarten hatten. Oft war man durch31 froren und bis auf die Haut durchnäßt, ehe noch der Arbeitstag begonnen hatte. Auf ein Signal ließ der Blockälteste seine Mithäftlinge in Zehnerreihen antreten. Dann stapfte die breite Kolonne im Scheinwerferlicht auf den Appellplatz. Die diensthabenden SS- Unteroffiziere begannen mit dem Abzählen. Wenn die Rechnung auch nur um einen Mann nicht stimmte, mußte das ganze Lager stehenbleiben, bis der Fehler gefunden war. Dann erst wurde dem Lagerführer die Meldung erstattet. Es folgte der Befehl: ,, Arbeitskommandos formieren!" Augenblicklich stoben die Häftlinge auseinander, zehntausend und mehr bewegten sich unter dem Gebrüll der SS wie aufgestöberte Ameisen über den Appellplatz und nach wenigen Minuten standen die Massen nicht mehr barackenweise, sondern nach Arbeitskommandos geordnet. Wieder ein endloses Ausrichten, Aufdecken, Abzählen, Brüllen und Schimpfen, dann erfolgte der Abmarsch zur Arbeit. Die Mittagspause dauerte eineinhalb Stunden, die tatsächliche Rast war aber viel kürzer, weil nach dem Essen wieder das Geschirr gewaschen und die Stube in Ordnung gebracht werden mußte, meistens auch verschiedene kleine Dienstverrichtungen zu besorgen waren. Antreten und Abmarsch zur Nachmittagsarbeit erfolgten unter ähalichen Zeremonien wie am Morgen. Den Abschluß der Veranstaltungen bildete der Abendappell. Wieder wurde blockweise angetreten. Eine große Zahl leidenschaftlicher Feldwebelgemüter unter den Häftlingen und der SS stellten mit einem verschwenderischen Aufwand an Flüchen und Schimpfwörtern eine preußische Paradeaufstellung her. Dann wurde wieder gewartet. Es gab Lagerführer, die sich einen besonderen Spaß daraus machten, die Gefangenen am Ende des Arbeitstages noch eine Stunde und länger in Regen und Kälte stehen zu lassen. Nach dem Abendessen gab es gleich wieder viel zu tun: Geschirrwaschen, den Spind ordnen, Schuhe putzen, Betten machen und tausenderlei kleine Geschäftigkeiten. Um neun Uhr wurde abgepfiffen und gleich darauf das Licht verlöscht. In diesen äußeren Rahmen der Tagesordnung sind nun einige Bilder einzufügen. Das erwähnte ,, Betten bauen" spielte im Alltag eine so große Rolle, daß es einer näheren Schilderung wert ist. Es wurde von vielen Häft32 lin sta St el ka Z e B e S 11 T a es k lingen zu einer wahren Kunst entwickelt, war für alle ein Grund zu ständiger Angst und für viele auch Ursache schwerer Bestrafungen. Strohsack, Kopfpolster, Leintücher und Decke mußten in der Form eines flachliegenden, vierseitigen Prismas vollkommen eben, scharfkantig und glatt hingelegt sein. Die Ausmaße waren auf den Zentimeter genau vorgeschrieben, zum Glätten der Decken mußten eigene Bügelbretter verwendet werden. Aber nicht nur das einzelne Bett war mit geometrischer Präzision zu„ bauen“, sondern die Betten einer ganzen Längsreihe mußten vollkommen egalisiert sein. Der kleinste Fehler, etwa eine Falte im Leintuch, eine flache Mulde im Strohsack oder ein kleines Gefälle gegen die Horizontale genügte für eine Lagerstrafe, zumindest aber wurden die beanstandeten Betten zusammengerissen und mußten in der Freizeit wieder gebaut" werden. Dabei war dieser Triumph deutschen Kommißgeistes ekelerregend unhygienisch, denn die Betten wurden auf diese Weise nie gelüftet. Die durch und durch verstaubten Decken und die selten gewechselten Leintücher wurden im Gestank und im Gedränge des überfüllten Schlafraumes noch körperwarm zusammengelegt, zusammengebügelt und gepreßt, so daß kein Hauch frischer Luft an sie herankonnte. Außerlich glatt und in peinlichster Ordnung, innerlich verschmutzt so wurden die Betten zu einem Symbol des Systems. Eine ähnliche unsaubere Ordnung galt für die Handtücher. Sie mußten stets vollkommen rein und gebügelt im Spind hängen. Die Folge war, daß man sie wenig benützte und sich lieber mit einem Putzlappen abtrocknete. Das Geschirr aus Leichtmetall, bestehend aus einer Eßschüssel, einem Teller und einem Trinkbecher, konnte nur mit eiskaltem Wasser gewaschen werden, mußte aber stets spiegelblank geputzt und poliert sein. Ein trüber Fleck auf dem Metall oder eine Spur von Feuchtigkeit unter den angeschraubten Griffen genügte für eine Lagerstrafe. Der Spind durfte auf der Innenseite nicht die leiseste Spur einer Benützung zeigen, daher mußten die Holzflächen mindestens einmal in der Woche mit Glaspapier abgerieben werden. Für die Aufbeein paar wahrung der armen, kleinen Habseligkeiten des Häftlings Taschentücher, eine Pfeife oder ein Päckchen Tabak, der Rasierapparat, das Papier für den nächsten Brief und dergleichen es genaue Vorschriften, deren Nichteinhaltung leicht am Pfahl enden konnte. Ein Häftlingsspind war ungefähr 30 Zentimeter breit und - - gab 3 Nacht über Deutschland 33 mußte für zwei bis drei Häftlinge genügen - eine Quelle für Streit und Miẞhelligkeiten ohne Ende. Und auch da war die äußere Ordnung wieder mit einer ekelhaften Unsauberkeit verbunden: in dem engen Spind, in welchem auch das Brot aufbewahrt wurde, mußten über Nacht die verschmierten Kleider von zwei oder drei Häftlingen hineingegestopft werden! Die Stube durfte nie mit Schuhen betreten werden. Ob Sommer oder Winter, ob Kot oder Schnee oder Staub, die Gefangenen hatten bei der Türe stehenzubleiben, die Schuhe auszuziehen und auf den Socken das Zimmer zu betreten. Hausschuhe wurden nicht ausgegeben, man behalf sich mit unappetitlichen Improvisationen und fügte sich darein, daß die Socken alsbald eine Kruste ansetzten. Das Verbot, im Wohnraum die Schuhe anzubehalten, erklärt sich aus einer dem ,, Bettenbau" fast ebenbürtigen Schikane: der hölzerne Fußboden mußte spiegeln und glänzen. Die Mittel dazu wurden nicht vom Lager beigestellt, sondern ihre Beschaffung um eigenes Geld wurde von den Häftlingen erpreẞt. - Das Klosett befand sich neben der Wohnstube, sieben Sitze nebeneinander, ohne trennende Wände, und mit einer oft sehr schlecht funktionierenden Wasserspülung. ... Die Bekleidung der Häftlinge war in der kalten Jahreszeit ganz unzureichend. Dünne, ungefütterte Mäntel und leichte Pullover wurden erst bei großer Kälte ausgegeben. Als in den Kriegsjahren die Überfüllung des Lagers chronisch wurde, mußten ganze Blocks auf Mäntel überhaupt verzichten und bei strenger Kälte dünne Zwilchuniformen tragen. Kleidungs- oder Wäschestücke zum Wechseln gab es überhaupt nicht. Wurden die Gefangenen durchnäẞt im Dachauer Moor regnete es an 80 von 100 Tagen-, so mußten sie ihre Sachen am Leib trocknen lassen oder es wurden in der Wohnstube die 90 nassen Garnituren rund um den Ofen auf die Sitzschemel gelegt. Skandalös war in späteren Kriegsjahren die Fußbekleidung. Die Socken wurden abgeschafft und die Lederschuhe durch unförmige Holzschuhe oder holländische Holzpantoffel ersetzt. Solcher Fußbekleidung ungewohnt und dabei den ganzen Tag auf den Beinen, gab es hunderte von Fußmaroden. Jeder Häftling mußte sich wöchentlich einmal die Haare auf einen Millimeter schneiden lassen, auch im strengsten Winter. Chronische Erkältungen in großer Zahl waren die Folge. Im Jahre 1942 kam man 34 au Fi Z le W S S T 4 S C 6 S e S a 3* auf den Gedanken, die Haare der Gefangenen zur Herstellung von Filz zu verwerten und zu diesem Zweck sechs Wochen lang wachsen zu lassen. Die SS erhob Einspruch, weil lange Haare eine Flucht erleichtern könnten. Man verfiel auf den Ausweg, die Haare wohl wachsen zu lassen, aber allwöchentlich mitten über den Kopf, von der Stirne bis zum Nacken, einen vier Zentimeter breiten Streifen tonsurartig herauszuschneiden. Diese Büberei, die dem Gefangenen das Aussehen eines Clowns gab, konnte nicht lange geübt werden, weil sich Zivilpersonen, die auf einigen Arbeitsplätzen mit Häftlingen in Berührung kamen, skandalisierten. Außer einem Taschentuch durfte der Häftling nichts in der Tasche haben. Oft wurden ganze Arbeitskommandos beim Ausmarsch oder bei der Heimkehr vom Arbeitsplatz überfallsartig von SS- Leuten umringt und durchsucht. Wer unerlaubte Dinge, zum Beispiel Brot, Tabak oder Geld, bei sich hatte, kam an den Pfahl. Im ganzen Häftlingslager durfte keine Bank aufgestellt werden. Die Folge war, daß sich die von der Tagesarbeit übermüdeten Häftlinge, wenn sie während der Pausen aus den Baracken gejagt wurden, damit die Sauberkeit nicht leide, auf die Rinnsteine setzten oder in den Staub der Lagergassen legten, was aber verboten war. Im Lager gab es eine Häftlingskantine, die bis zum Kriegsausbruch gut beliefert war. Man bekam dort Zigaretten und Tabak, weiters in begrenzten Mengen ein gutes Brot, manchmal Selchfleisch und Fischkonserven, Kunsthonig und verschiedene Süßigkeiten. Der begehrteste Artikel war, neben den Rauchwaren, ein dünner Bohnenkaffee, der während der Mittagspause ausgeschenkt wurde und stehend getrunken werden mußte. Nach Kriegsausbruch verschwand aber eine Kantinenware nach der anderen und nach unserer Rückkehr aus Flossenbürg im Jahre 1940 gab es fast nichts mehr zu kaufen. Vom sozialen Standpunkte war die Kantine eine bedenkliche Einrichtung. Sie gab zwar vielen Häftlingen die Möglichkeit einer Kostaufbesserung, aber viele andere, die von ihren Angehörigen keine oder nur eine ganz geringfügige Zulage erhielten, hatten das Nachsehen, soweit sie sich nicht durch mehr oder weniger freiwillig gegebene Spenden ein Einkommen zu verschaffen wußten. Die größte Summe, die ein Schutzhäftling empfangen durfte, betrug 50 Reichsmark monatlich, aber die 50- Reichsmark- Empfänger galten als Großkapitalisten und 3* 35 mußten in ihrem Budget die erklärliche und durchaus entschuldbare Begehrlichkeit mancher Unbemittelter in Rechnung stellen. Eine schwere Belästigung bedeuteten die Lagerbesuche. Alle erdenk- lichen Parteifunktionäre, SS und SA, Hitlerjungen, Wehrmachtsan- gehörige, Ärzte, Quislinge aus verschiedenen Ländern usw., einmal sogar eine Schauspielertruppe, durften das Lager besuchen. Zeitweise gab es jeden zweiten oder dritten Tag einen solchen Besuch unter Führung eines der Lagerführer. Das Programm war fast immer das- selbe: eine freche Augenauswischerei. Man führte die Besucher stets den gleichen Weg, zuerst durch das Wirtschaftsgebäude, dann durch die vorderste, schr modern eingerichtete Spitalsbaracke, dann in die Häftlingsbaracke Nummer 1,\später Nummer 2, die in der Lager- sprache fast offiiziell die Bezeichnung„Besuchsblöcke“ führten und stets in besonderem Glanz gehalten werden mußten, dann etwa noch die Lagerhauptstraße entlang in den Nutzgarten, wo es eine Zucht von Angora-Kaninchen zu bewundern gab, und auf dem Rückweg in das sogenannte Museum. Die Besucher hatten keine Gelegenheit, eigene Wege zu gehen oder gar mit Häftlingen in Fühlung zu treten. Als sich aber zum Ärger der SS solche Begegnungen doch ereigneten und einzelne Besucher auf neugierige Fragen unerwünschte Aus- künfte bekamen, fand man eine einfache Abhilfe: Man sperrte die Häftlinge während der Zeit der Besuche, meistens in der Mittags- pause, in den rückwärtigen Baracken ein und hielt sie dort so lange versteckt, bis die Gäste wieder draußen waren. Ein kleines Beispiel, wie treuherzig fremde Besucher von der S$ ange- logen wurden, erfuhren einige österreichische Herren von Rang, die in einem Büro der„Plantage“ arbeiteten. Eine aus Gartenmeistern und Gärtnerinnen bestehende Besuchergruppe besichtigte einmal dieses Büro. Die braven Leute gaben ihrem Staunen und ihrer Aner- kennung über die Einrichtungen und die Organisation Ausdruck und eines der Mädchen stellte die Frage, wer denn alle diese Arbeiten verrichte. Da wies ein begleitender SS-Offizier mit strenger Miene auf die österreichischen Herren und sagte dazu nur zwei Worte: „Lauter Verbrecher.“ Um die Gefangenen einer andauernden seelischen Belastung auszu- setzen, war dafür gesorgt, daß die Verbindung mit ihren Familien möglichst lose bleibe. Besuche von Angehörigen im Lager waren ver- beten. Erst im späteren Verlauf des Krieges gestattete man in meh- 36 reren Fällen den Besuch von Frontsoldaten. Die meisten Gefangenen haben während der ganzen, oft vieljährigen Dauer ihrer Haft ihre nächsten Verwandten nicht ein einziges Mal sehen dürfen. Als ich im November 1940 für einen Monat in das Gefängnis des Landesgerichtes in Wien überstellt war, erhielten zwei Familienmitglieder die Erlaubnis, je fünf Minuten mit mir zu sprechen. Diese Erlaubnis mußte von Wien im Wege über Dachau beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin eingeholt werden! Ein junger Gestapobeamter von dreistem Benehmen war bei diesen Besuchen zugegen, stand auf einen Schritt vor mir und kontrollierte jedes Wort. Monatlich durfte der Gefangene zwei Briefe schreiben und zwei empfangen. Diese Briefe mußten stets an eine und dieselbe Adresse gerichtet sein, waren auf 45 Zeilen beschränkt und einer strengen Zensur unterworfen. Die Zensur übte ein Unterofffzier aus. Wenn ihm ein Brief nicht paßte, warf er ihn weg oder zerschnitt ihn. Jedwede Mitteilung über das Lager, über die Arbeiten und über das Tun und Treiben des Schreibers überhaupt war verboten, auch über sein Befinden durfte er nur berichten, daß es gut sei. So konnten meine Angehörigen von meiner Erkrankung an Typhus erst nach längerer Zeit und auf Umwegen erfahren, von meiner Erkrankung an Ruhr im Jahre 1939 erst nach meiner Entlassung im Jahre 1943. Genug dieser Bilder aus dem Dachauer Alltag. Man wird begreifen, daß viele Häftlinge mit langer Zuchthauserfahrung immer wieder versicherten: Lieber drei Jahre Zuchthaus unter der früheren Regierung als ein Jahr Lager. Aus eigenster Erfahrung kann ich hinzufügen, daß ich während meiner Haft einen längeren Aufenthalt im Gestapogefängnis zu München und 1940 eine einmonatige Einzelhaft im Wiener Landesgericht fast wie eine Erholung empfunden habe. In der ersten Zeit nach der Einlieferung in das Lager glaubt man, in einem wüsten Traum befangen zu sein, aus dem man bald erwachen werde. Dann kommt die Gewöhnung. Erlebnisse, die einem noch vor wenigen Monaten grotesk, unmöglich, undenkbar erschienen wären, werden alltäglich und kaum mehr registriert. Die Welt draußen wird trotz aller Sehnsucht und allen Heimwehs immer ferner und unwirklicher. Der Blick geht über die Lagermauer und über 37 die Sperrkette der Posten hinaus und haftet irgendwo an einem Haus, einer Wiese, cinem Feldstreifen, zum Greifen nahe und doch so unerreichbar wie der Gipfel des Himalaja. An klaren Tagen leuchten am Horizont die Türme der Münchner Frauenkirche, unfaẞbar, daß dort drüben das Leben einer Großstadt pulsiert, wie man es selbst jahrzehntelang gelebt hat. Die Symptome der berüchtigten ,, Stacheldrahtkrankheit" machen sich bemerkbar. Die einen versinken in Schwermut, andere retten sich in einen verkrampften Galgenhumor, andere spinnen unsinnige Fluchtpläne. Selbstmordgedanken regen sich, mancher greift wirklich zum Strick oder geht über die Postenkette oder stürzt sich in das Starkstromhindernis. Allgemeine Nervosität, allgemeine Reizbarkeit greifen um sich, ein geringfügiger Anlaß genügt schon für einen Temperamentsausbruch. Verstand, Wille, Energie haben schließlich nur das eine Ziel, an all den Quälereien und Schikanen so gut wie möglich vorbeizukommen, alle Wünsche, alle Hoffnungen richten sich nur mehr auf den einen großen, in nebelhafter Ferne liegenden Tag der Entlassung. st ASSES fa fa V SC F re be SO R k Se 38 es u n H Zwangsarbeit Arbeitszwang für politische Häftlinge, die gegen kein Gesetz verstoßen haben, ist unsittlich. Daher ist es sittliche Pflicht solcher Gefangener, die ihnen aufgetragenen Arbeiten, denen sie sich keinesfalls entziehen können, nach besten Kräften zu sabotieren. Fleiß und voller Einsatz sind nur dort moralisch gerechtfertigt, wo es gilt, schwächere Mitgefangene zu decken oder zu entlasten, dann in solchen Fällen, wo sich der Häftling durch zufriedenstellende Erfüllung einer relativ bequemen Arbeit gegen die Verwendung zu gefährlichen und beschwerlichen Arbeiten schützen kann. Der Leiter des GestapoGefängnisses in München hat gelegentlich einmal einem österreichischen Gefangenen erklärt:„ Der Schutzhäftling hat überhaupt keine Rechte." Diesem Grundsatz, der ja in der Praxis voll zur Geltung kam, mußte der Gefangene einen anderen entgegenstellen, wenn er seine Lage richtig auffaßte:„ Der Schutzhäftling hat keine Pflichten", außer gegen sich selbst und seine Mitgefangenen. Dennoch kam es nicht selten vor, daß Häftlinge über den Zwang hinaus sehr fleißige und oft auch sehr wertvolle Arbeit leisteten. Es wirkten da nicht nur das niedrige Motiv der Liebedienerei, sondern auch Ehrgeiz im Handwerk, Langweile und ein falsch konstruiertes Pflichtgefühl. Man konnte die Häftlingsarbeiten in zwei Hauptkategorien einteilen: Arbeiten unter Dach und Fach und Arbeiten unter freiem Himmel. Von einem anderen Gesichtspunkte aus konnte auch diese Einteilung gelten: Nutzarbeiten und Arbeiten zur Schinderei der Gefangenen. Die zweite Art wurde fast nur im Freien geübt, in Reinkultur oder mit einem Nutzen als Nebenzweck. Die Arbeiten unter Dach und Fach waren die gesuchtesten, denn sie schützten vor den im Dachauer Moor sehr üblen Witterungsunbilden und boten in vielen Fällen sogar einen geheizten Arbeitsraum während der Wintermonate. Es handelte sich da entweder um Büro- und Verwaltungsarbeit oder um Werkstättenarbeit. Dazu kamen noch Küchenarbeiten, Krankenpflege und ähnliche Dienste. Bei dem sehr geringen Intelligenzgrad und der notorischen Trägheit der SS- Chargen war die Zahl der in Büros beschäftigten Gefangenen verhältnismäßig groß und als vom Jahre 1942 an das Lager mit fremdnationalen Ge39 fangenen überfüllt wurde, fiel es den Österreichern und den Deut- schen nicht schwer, auf einem Schreiberposten unterzukommen. Werkstättenarbeit wurde vor allem in den„Wirtschaftsbetrieben“ und in der„Sicherheitswerkstätte“ geleistet. Die Wirtschaftsbetriebe waren ein privatwirtschaftlich aufgezogenes Unternehmen der SS. In erster Linie wurden Kasernenmöbel und andere Einrichtungsgegen- stände serienweise mit dem modernsten Maschinenpark erzeugt. Dazu kamen eine Schlosserei und Schmiede, eine Schneiderwerkstätte für die Bedürfnisse(der SS, eine Schuhmacherwerkstätte und anderes mehr. Die„Sicherheitswerkstätte‘“ befand sich innerhalb des Stacheldrahtes und hatte alle handwerklichen Arbeiten im Lager zu besorgen. Sie gliederte sich demgemäß in eine Schreinerei, Schmiede, Schlosserei, Elektrowerkstätte, Glaserei und Anstreicherei. Ein anderer, auf Gewinn berechneter Großbetrieb der SS war das „Werk Dachau der Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung“, in der Lagersprache kurzweg„Plantage“ genannt. Auf einem Areal von rund 100 Hektar, vom Häftlingslager nur durch Mauer und Stacheldraht getrennt, wurde in großem Stil der Anbau von Heil- und Gewürzkräutern betrieben. Das einträgliche Haupt- produkt dieses Unternehmens war der„Deutsche Pfeffer“, ein Ge- menge von Paprika, Bohnenkraut, Basilikum und Thymian. Außer- dem wurden verschiedene Drogen hergestellt und aus Gladiolen- blättern Vitamin C gewonnen. Da es sich hauptsächlich um saison- gebundene Feldarbeiten handelte, schwankte der Stand der auf der Plantage beschäftigten Gefangenen je nach der Jahreszeit zwischen 200 und 1200. Große Arbeitsgruppen arbeiteten in rein privaten Betrieben im Ort Dachau, so in der Schraubenfabrik„Präzifix“ und in einer Konserven- fabrik, die lange Zeit an die Truppen in Afrika lieferte. Die Privat- firmen mußten der SS für jeden Häftling einen bestimmten Taglohn bezahlen, der Häftling selbst bekam nichts. Die SS hat also die Häft- lingsarbeit nicht nur für ihre eigenen Zwecke ausgebeutet, sondern auch Geldgeschäfte damit getätigt, eine Schamlosigkeit, die ganz offen betrieben und anscheinend nicht einmal empfunden wurde. Je tiefer das Dritte Reich in den Krieg hineingeriet und je knapper die Arbeitskräfte wurden, desto größere Bedeutung erlangten die Arbeiten in den Betrieben und Werkstätten. Im Jahre 1943 war es schon so weit, das ganze Häftlingskommandos in andere Städte ent- 40 san Er los far abı pri sch auı na Li sandt wurden und nur monatlich oder fallweise für kurze Zeit ins Lager zurückkamen. Vor dem Kriege aber überwogen weitaus die Erd- und Bauarbeiten zum Aufbau des Häftlingslagers, des Lagers der SS mit allen seinen militärischen Einrichtungen und der ausgedehnten Siedlung für SS- Offiziere und SS- Unteroffiziere. Alle diese Erd- und Bauarbeiten waren ausnahmslos eine Kombination von Nutzarbeit und planmäßiger Häftlingsschinderei. Die Quälerei der Häftlinge bei den Arbeiten im Freien ergab sich schon daraus, daß sie jahraus jahrein bis zu 14 Stunden im Tag schutzlos allen Witterungsunbilden preisgegeben waren. An den endlosen Dachauer Regentagen im Frühjahr und im Herbst wurden die Gefangenen schon bei Tagesanbruch durch und durch naß und erst abends, wenn sie sich ins Bett legten, wieder trocken. Abmarsch und Rückmarsch vollzogen sich unter den bekannten Schikanen des preußischen Kasernenhofes und unter den dort üblichen, ins Bayrische übersetzten Schimpforgien. Während des Marsches mußte ununterbrochen gesungen werden, auch wenn die Gefangenen nach zehnstündiger Schwerarbeit todmüde nach Hause wankten. Alle jene dummen und klebrig sentimentalen Lieder, die in der deutschen Wehrmacht so geschätzt waren, mußten gebrüllt nicht gesungen, sondern gebrüllt werden, denn es kam den begleitenden SS- Chargen vor allem auf Lautstärke, auf das ,, Maul aufreißen" an. - - - Auf dem Arbeitsplatz wurde noch einmal abgezählt, dann erscholl das Kommando: An die Arbeit marsch, marsch!" Im Sturmschritt hatten sich die Häftlinge auf die Werkzeugkisten zu stürzen und das Arbeitsgerät auszufassen, wieder unter einem Orkan von Flüchen und Beschimpfungen. Ein Schwarm von SS- Unteroffizieren verteilte sich dann auf dem Arbeitsplatz, während die Bewachungsmannschaft eine Postenkette rundum bildete. Wollte ein Häftling austreten, so mußte er einen dieser jungen Burschen mit einer genau vorgeschriebenen Formel ,, gehorsamst" um Erlaubnis bitten und dann wieder die Rückkehr gehorsamst" melden. Arbeitsparende Maschinen gab es nicht, auch große Erdbewegungen mußten mit Schaufel, Pickel und primitiven, einrädrigen Schubkarren bewältigt werden. Nur zeitweilig stand eine alte, kaum mehr brauchbare Feldbahn in Verwendung, deren Wägelchen von Gefangenen 41 gezogen wurden, immer im Laufschritt. Auch leere Schubkarren mußten im Laufschritt geschoben werden, volle hoch über den Rand beladen sein. Bei Schaufelarbeiten mußten die Schaufeln übervoll genommen werden, bei einem Arbeitstempo, das selbst junge, geübte Erdarbeiter nicht lange durchhalten konnten. Atempausen waren verpönt, nur bei größter Hitze wurde in Gießkannen Trinkwasser gereicht. Von den österreichischen Gefangenen, die 1938 eingeliefert wurden, hatte nach ein bis zwei Wochen fast jeder seine größeren oder kleineren Verletzungen weg, blutig aufgeschundene Hände, Kontusionen, Wunden an den Füßen infolge schlechter Beschuhung und dergleichen mehr. Im Lagerbereich gab es weder Lastkraftwagen noch Pferdefuhrwerk, der Fuhrendienst wurde ausschließlich durch Menschenzug besorgt. Für diesen Zweck dienten alte, ausrangierte Anhängerwagen, die mit einer primitiven Deichsel und mit Zugseilen rechts und links ausgestattet waren. In der Lagersprache nannte man diese Fuhrwerke ,, MoorExpreß". Die Degradierung des Menschen zum Arbeitstier kam hier kraß zum Ausdruck, obwohl die Arbeit an sich leichter war als bei manchen anderen Gruppen. Die zwölf oder vierzehn Gefangenen, die, in ihre Zugseile eingespannt, mit krummem Rücken alle erdenklichen Lasten zogen, boten ein trauriges, menschenunwürdiges Bild. Zu Arbeiten, die als Haupt- oder Nebenzweck die Schinderei der Häftlinge hatten, verwendete die SS ausgesucht rohe Gefangene als Capos( Vorarbeiter), mit der Befugnis und oft mit dem strikten Auftrag, ihre Mithäftlinge zu mißhandeln. Etliche Bestien in Menschengestalt haben sich solcher Art jahrelang ausgetobt. Zwei unter ihnen verdienen ein besonderes Blatt der Erinnerung: Capo Sterzer und Capo Sock. Den Capo Sterzer, eine der gefürchtetsten Figuren im Lager Dachau, konnte man im ,, Lagermuseum" kennenlernen. Das war ein Barackenraum, wo Photographien von bemerkenswerten Häftlingen, Gipsmoulagen, Hilfsgeräte bei Fluchtversuchen und dergleichen ausgestellt waren. Dort hing ein lebensgroßes Kopfbild des Capo Sterzer mit folgender Bezeichnung: " Wiederholt vorbestraft wegen Blutschande, Einbruch, Öffentlicher Gewalttätigkeit, Hochverrat. - Einer der gefährlichsten Verbrecher Deutschlands." De sch de gr Ei od Ha W ein Ge au in St W in SC C di ge fa gr J W S W e C 42 T Derselbe Sterzer, ein kleiner, 55 bis 60 Jahre alter Mann mit typischem Verbrechergesicht, war erklärter Günstling und Vertrauensmann der SS und kommandierte Arbeiterpartien zur Aushebung von Kiesgruben, Anlage von Kanalschächten und zu ähnlichen Arbeiten. Die Einteilung zu seinem Kommando konnte nicht selten ein Todesurteil oder die Verurteilung zu einer schweren Körperverletzung bedeuten. Häftlinge, die man ohne amtliche Formalitäten beseitigen wollte, wurden einfach ,, dem Sterzer" überantwortet. Dieser erschien mit einem festen Knüppel, einer alten Schaufel oder einem ähnlichen Gerät auf dem Arbeitsplatz und schlug je nach Laune und Auftrag auf seine Mitgefangenen los. Viele wurden so getötet, viele wurden invalid. Zeitweise ereigneten sich solche Exekutionen täglich, bis Sterzer plötzlich und ohne erkennbare Ursache in Ungnade fiel. Er wurde vom politischen Gefangenen zum Berufsverbrecher umgefärbt, in das Lager Mauthausen versetzt und dort von Mithäftlingen erschlagen. Capo Sock, ein junger Mann von anrüchiger Herkunft, gehörte in die gleiche Kategorie wie Sterzer, mit dem Unterschied, daß er intelligenter, raffinierter und bestechlich war. Gegen die Leistung von ungefähr fünf Reichsmark wöchentlich konnte man sich wenigstens von gröbsten Mißhandlungen loskaufen. Capo Sock war der berüchtigste Judenschinder; wenn sein Kommando vom Arbeitsplatz einrückte, wurden fast immer zwei bis drei zusammengeschlagene Juden im Schubkarren der Kolonne nachgeführt. Als er, aus dem Lager entlassen wurde, bekam er von der SS zum Dank für seine treuen Henkerdienste einen schönen, neuen Zivilanzug geschenkt. Ein anderer berüchtigter Judenschinder, Capo Knoll, wurde von einem amerikanischen Gericht zum Tode verurteilt und in Dachau hingerichtet. Wie viele Gefangene lediglich infolge der barbarischen Arbeitsmethoden im Lager den Tod gefunden haben oder invalid geworden sind, wird nie festzustellen sein. Die amtliche Sterbestatistik war gefälscht, sie würde daher, auch wenn sie noch vorhanden wäre, nur ungenaue Schlüsse gestatten. Ich glaube aber, daß man nicht viele Aufzeichnungen finden wird. Schon Ende 1943, als die Prügelstrafe erheblich eingeschränkt wurde, hat man Strafakten aus früheren Jahren haufenweise verbrannt. Es ist daher anzunehmen, daß in den letzten Wochen 43 oder Monaten des Krieges auch viele andere Dokumente der Schande vernichtet worden sind. Bleibt die Frage, wie es möglich war, daß eine immerhin sehr große Zahl von Gefangenen die Tortur der Schwerarbeit heil überstanden hat, darunter viele Männer in vorgerückten Jahren, die in ihrem frü- heren Leben niemals körperliche Schwerarbeit zu leisten hatten. Die Antwort liegt in der Formel: List stand gegen Gewalt. Freilich, einen sicheren Weg, an den Gefahren der ersten Arbeitsjahre glücklich vorbeizukommen, gab es nicht und oft bedeutete die Anwendung klei- ner Tricks und Listen zugleich eine Erhöhung der Gefahr, denn wer erwischt wurde, hatte es schwer zu büßen. Aber keine Aufsicht, auch wenn sie von geübten Sklavenwächtern gehandhabt wird, ist lücken- los, besonders dann, wenn eine ganze Gruppe von Arbeitssklaven kameradschaftlich zusammenhält. Einige Beispiele können das am besten erklären. Einer der ersten Capos der Österreicher im Jahre 1938 war ein Rechtsanwalt aus dem Rhein- land, ein kultivierter Mensch mit guten Umgangsformen. Wir hatten unter seinem Kommando tagelang eine sehr grobe und unangenehme Schaufelarbeit zu verrichten, bewacht von SS-Unteroffizieren, die uns zum schärfsten Arbeitstempo antrieben. Zeitweise entfernten sie sich aber in die Kantine oder zu einer Bummelei durch das Lager. Sobald sie abzogen, begann unser braver Capo laut und wild zu schimpfen. Das bedeutete das Zeichen, daß wir das Tempo mäßigen können. Und eine neue Schimpfwelle avisierte uns die Rückkehr der Aufscher. Die erste Belehrung, die der Neuangekommene in Dachau von erfahre- nen Mithäftlingen erhielt, lautete so:„Ihr müßt mehr mit den Augen als mit den Händen arbeiten.“ Es war wichtig, einen Arbeitsplatz mit Rückendeckung und guter Aussicht auf das Vorfeld zu gewinnen oder eine Gruppe zu bilden und diese durch Beobachter nach allen Himmels- richtungen zu sichern. Dann konnte man bei genügender Vorsicht und Aufmerksamkeit zeitweise eine Atempause einlegen oder sonst lässiger arbeiten. Eine volle Sicherheit gab das natürlich nicht. So hatte der Lagerführer Grünewald die Gepflogenheit, sich mit einem scharfen Fernrohr auf einem der Maschinengewehrtürme zu verstecken und von dort aus weit enffernte Arbeitsgruppen zu kontrollieren, die von dieser Art der Bewachung keine Ahnung hatten. Beim Schaufeln ist lebhafte, taktmäßige Bewegung des Oberkörpers 44 arh un H: me un Te Ge lin die zu ler sch an und der Arme notwendig, da ein Stillhalten noch auf sehr große Entfernung deutlich erkennbar ist; aber wenn sich kein Aufsichtsorgan in unmittelbarer Nähe befindet, kann man sich viel Mühe sparen, wenn man die Schaufel wenig oder gar nicht belastet. Ich habe manche Viertelstunde mit ganz leerer Schaufel intensiv geschaufelt. Um bei Erdarbeiten einen günstigen Arbeitsplatz möglichst lange zu behaupten, konnte man in einem geeigneten Augenblick die geleistete Arbeit wieder zurückschaufeln und dann von vorne beginnen. Bei dem so mühevollen Fahren mit dem Schubkarren lockerte ich einen Nagel am Karren, suchte mir einen Platz mit Rückendeckung, legte mir einen großen Stein zurecht und hockte untätig daneben. Näherte sich ein Aufsichtsorgan, so schlug ich schimpfend und fluchend auf den gelockerten Nagel unvermeidliche Reparaturarbeit! Eine Woche lang hatte ich mit drei anderen Gefangenen große, braunglasierte Tonröhren mauerartig zu schlichten. Die erste Mauer, die wir bauten, legten wir so an, daß sie uns gegen jede Sicht Deckung bot; dann konnte sich abwechselnd einer von uns vieren verstecken und rasten. Solche Tricks gab es unzählige. Wer sie verstand und dabei Glück. hatte, konnte sich manche Erleichterung schaffen, wer Pech hatte, büßte es am Pfahl. - Je höher sich eine Arbeit über die Leistungen eines ungelernten Hilfsarbeiters erhob, desto unsicherer wurde die Kontrolle durch die SS. Schon in den Werkstätten konnten die SS- Unteroffiziere den qualifizierten Facharbeiter nur disziplinär belästigen, vor dem Reißbrett aber und vor Büroarbeiten überhaupt hatten sie einen mit Verachtung und Haß untermischten Respekt. Die erste Erfahrung auf diesem Gebiete machte ich schon im Jahre 1939. Ein prominenter Wiener Journalist und ich hatten die Pläne und Linienbücher für das gesamte Dachauer Telephonkabelnetz anzulegen. Ein Obermonteur der Firma Mix und Genest, der uns bei dieser Arbeit anzuweisen hatte, hielt mit uns Häftlingen, unterstützte uns und belehrte die SS mit finsteren Blicken über die Wichtigkeit und Schwierigkeit unserer Arbeit. So brachten wir es zuwege, drei Monate bei einer verhältnismäßig bequemen Arbeit zu vertrödeln, die wir leicht in drei Wochen fertiggebracht hätten. Die letzten eineinhalb Jahre arbeitete ich mit einigen anderen österreichischen Herren im Büro der ,, Plantage". Da die Arbeit keine körperliche Anstrengung erforderte, machten wir sie gut, aber wir legten es darauf an, die Kartotheken, Inventare, Standesmeldungen usw. möglichst 45 | kompliziert zu führen, so däß sich allenfalls noch der Werkleiter aus- kannte, aber sonst niemand dreinreden konnte. Mit sölchen Mitteln kämpfte List gegen Gewalt. Der Erfolg hätte größer sein können, als er tatsächlich war, wenn sich nicht manche Häftlinge auf dem Arbeitsplatz mehr mit der SS als mit ihren Schick salsgefährten solidarisch gefühlt hätten. Im hä Pf dei K y : Lagerstrafen Im Lager gab es hauptsächlich drei Strafarten, die in aller Form ver- hängt und vollzogen wurden: die Prügelstrafe, das Anbinden an einen Pfahl und Arrest. Geringere Strafen, wie Fasten, Stillstehen während der Arbeitspausen und dergleichen, wurden seltener und zeitweise gar nicht verhängt. Die Prügelstrafe wurde in der Weise vollzogen, daß der Häftling über einen hölzernen Bock gelegt und dann von zwei ausgesucht kräftigen SS-Unteroffizieren mit Ochsenziemern auf das Gesäß und die Lenden- gegend geschlagen wurde. Zumeist wurden 25 Schläge zudiktiert, aber so, daß jeder der zwei SS-Männer fünfundzwanzigmal zu schlagen hatte, der Häftling also nicht weniger als fünfzig Hiebe empfing. Die Schläge wurden mit äußerster Wucht geführt, so daß der Verurteilte sogleich Haut- und Fleischwunden, manchmal auch innere Verletzun- gen davon trug. Mancher Verurteilte ist an den Folgen der Exekution gestorben, darunter ein holländischer Priester. Nach der Exekution wurde der Häftling für acht Tage bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt, so daß er keine Gelegenheit hatte, seine Verletzungen zu pflegen. Zu Beginn des Jahres 1938 wurde die Prügelstrafe noch unter be- sonderen Formalitäten vollzogen. Das Lager hatte anzutreten, ein Zug SS marschierte auf, das Urteil wurde feierlich verlesen. Später, als die Anwendung der Prügelstrafe immer häufiger wurde, verzichtete man auf alle Formalitäten und prügelte reihenweise im Hof der Arrest- baracke oder im Baderaum. An den Vollzug einer Prügelstrafe zu Weihnachten 1940 erinnere ich mich ganz besonders. Vor dem Wirt- schaftsgebäude hatten Häftlinge eine hohe Tanne aufgestellt und mit elektrischen Lampen besteckt. Unter diesem Weihnachtsbaum ließ der Lagerführer den Bock aufstellen und drei Gefangene'mit den Ochsen- ziemern bearbeiten. Einer von ihnen mußte auf einer Bahre in den Arrest getragen werden. Seit diesem Tage ist mir die Stimmung unter einem deutschen Weihnachtsbaum vergällt. Beim Anbinden an den Pfahl wurden dem Häftling die Handgelenke über dem Rücken mit einer dünnen Kette straff zusammengefesselt. An dieser Kette wurde er dann hochgezogen und auf einem im Pfahl 47 befestigten Haken frei aufgehängt, wodurch die Arme in den Schulter- gelenken ausgedreht wurden, während die Handfesseln mit dem ganzen Körpergewicht auf die Gelenke drückten. Unter entsetzlichen Schmer- zen blieb der Verurteilte ein bis zwei Stunden hängen. Wurde er ohn- mächtig, so wurde er abgehängt, gelabt und dann wieder aufgehängt. Auch von dieser Strafart ist manchem Gefangenen ein Gebrechen zurückgeblieben. Bei Verhängung dieser Strafen gab es keine Norm. Fluchtversuche, Selbstmordversuche, Diebstahl, Unbotmäßigkeit gegen einen SS-Mann und ähnliche Delikte wurden unbedingt mit Prügelstrafe geahndet. Aber auch ganz geringfügige Verstöße gegen die Lagerordnung, die äußerstenfalls einen Tadel hätten begründen können, verfielen der gleichen Strafe, wenn der Lagerführer übel gelaunt war. Ich weiß zahlreiche Fälle, wo Gefangene jämmerlich zugerichtet wurden, weil ihre Bettdecke nicht schön genug gespannt war oder ihr Eßgeschirr einer Fleck hatte. Die Strafe des Anbindens an den Pfahl wurde so häufig verhängt, daß die Pfähle im Arresthof nicht mehr ausreichten. Man schritt daher zu einer Rationalisierung der Methode, befestigte Querbalken an der Decke des Baderaumes und ließ etwa zwanzig Mauerhaken in diese Querbalken ein. Nun konnten ganze Gruppen von Häftlingen gleich- zeitig aufgehängt werden. Prügel und Anbinden waren auch ein alltägliches Mittel zur Erpressung von„Geständnissen“. Im Geiste mittelalterlicher Justiz wurde der Ge- fangene so lange mit dem Ochsenziemer bearbeitet oder aufgehängt, bis er gestand, was der Lagerführer wollte. Oft wurden dabei die hängenden Häftlinge durch Fußtritte in eine Schaukelbewegung ver- setzt, was die Schmerzen verdoppelte. Wie leicht man mit solchen Mitteln Geständnisse jeder Art haben kann, ist in der Geschichte der Hexenprozesse nachzulesen. Die Arreste befanden sich in einer gemauerten Baracke am Südrand des Lagers, durch das Wirtschaftsgebäude gegen Sicht gedeckt und auch sonst vom übrigen Lager streng geschieden. Die Zellen waren sehr schmal, die Einrichtung bestand nur aus einer Pritsche, Strohsack oder Decken durften nicht mitgenommen werden. Die kleinen Fenster konnten durch Läden lichtdicht geschlossen werden, denn sehr oft wurden Gefangene tagelang in Dunkelhaft gehalten. Für die Dauer der Haft gab es keine Norm, manchmal betrug sie nur eine Woche, 48 ma lin; Zu nol Brı sch te Di manchmal ein paar Monate. In den wenigsten Fällen wurde dem Häftling die Dauer der Strafe mitgeteilt, er wußte also nicht, ob er für Wochen oder Monate verschollen sein würde. Zu Beginn der Haft bekam der Gefangene nur jeden dritten Tag die normale Häftlingskost, an den übrigen Tagen nichts als ein Stück Brot. Er durfte weder lesen noch schreiben oder sich sonstwie beschäftigen, es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als vom Morgengrauen bis abends vor sich hinzustarren. Die Aufsicht in den Arresten führten SS- Unteroffiziere von bewährter Grobheit. Die Hauptperson im Arrest gehörte aber nicht der SS an, sondern war ein sehr alter, grauhaariger Häftling, der im Lager eine Art Gnadenbrot hatte. Über Wesen und Herkunft dieser seltsamen Gestalt, die von E.T.A. Hoffmann hätte erfunden sein können, habe ich nie Authentisches erfahren. Man erzählte im Lager, der ,, BunkerBernhard" habe vor vielen Jahren ein schweres Blutverbrechen begangen und den größten Teil seines Lebens im Zuchthaus verbracht. Aus dem Konzentrationslager hätte er längst entlassen werden können, er habe aber gebeten, bis an sein Lebensende bleiben zu dürfen, weil er von der Welt draußen nichts mehr wissen wolle. ,, Bunker- Bernhard" bewohnte allein eine besser eingerichtete Zelle und hatte auch sonst allerlei Begünstigungen. Ein Affe und ein halbwilder, schwarzer Hund begleiteten ihn, wenn er wie ein Gespenst im Lager herumschlich. Er war es, der die eigentliche Aufsicht über den Arrest führte und mit merklichem Vergnügen bei Prügelstrafen, Pfahl und anderen Martereien assistierte. Jedenfalls verdient er eine besondere Erwähnung, denn unter den vielen tausend Häftlingen, die mir untergekommen sind, war er der einzige, der gerne und freiwillig hinter dem Stacheldraht lebte. Ein Mittelding zwischen Arrest und Lagerbaracke bildete die ,, Isolierung" in besonderen, gegen das Lager streng abgesperrten Wohnbaracken. Viele Häftlinge kamen strafweise ,, in die Isolierung", andere ohne erkennbaren Grund. Durch lange Zeit war es auch üblich, alle neu eintreffenden Gefangenen für einige Zeit zu isolieren. Die Isolierbaracken waren alle überbelegt, statt 90 ungefähr 120 bis 150 Mann in einer Stube. Die dort untergebrachten Häftlinge, gekennzeichnet durch einen schwarzen Punkt auf Bluse und Hose, durften mit den anderen Gefangenen weder in der Freizeit noch während der Arbeit in Berührung kommen, wurden nur zu gröbsten Schwerarbeiten verwendet, hatten Rauch-, Kantinen- und Briefverbot, mußten in der -4 Nacht über Deutschland 49 Freizeit sehr oft strafweise stehen oder exerzieren und wurden auch sonst als Auswurf behandelt. Neben den offiziellen Strafen gab es noch viele andere, die nicht ordnungsmäßig verhängt und vollzogen, sondern von jedem beliebigen SS- Mann nach blinder Willkür angewendet wurden. Die Schilderung dieser Quälereien könnte ein eigenes Buch füllen. Hier nur ein paar Beispiele aus tausenden: - - Am 20. Jänner 1939 entfloh ein Häftling aus Dachau. Daraufhin mußte das ganze Lager in der Winterkälte etwa 10.000 Mann antreten, ohne Mantel, ohne Mütze, ohne Handschuhe, also nur mit dem Hemd und einer ganz dünnen Bluse bekleidet. Es wurde ,, Stillgestanden" befohlen und dann fuhren SS- Unteroffiziere zu Rad hinter der Front auf und ab und schlugen jeden nieder, der sich im geringsten rührte. Ich selbst erhielt zum Beispiel einen Kopfhieb, der mich zu Boden streckte, weil sich mein Vordermann die Hände gerieben hatte. So standen wir in dieser unvergeßlichen Winternacht, in unmittelbarem Anschluß an die Schwerarbeit des Nachmittags, ohne Pause und ohne einen Bissen Brot von fünf Uhr nachmittags bis sechs Uhr morgens, dann nach einer halbstündigen Unterbrechung wieder bis Mittag. Viele Häftlinge wurden ohnmächtig. Sie wurden mit Fußtritten bearbeitet, und wenn sie sich dann auch nicht erheben konnten, ließ man sie die ganze Nacht auf dem naẞkalten Boden hinter der Front liegen. Einige Gefangene starben auf dem Appellplatze. Man zerrte sie heraus und ließ sie ebenfalls liegen. Fast zwanzig Stunden dauerte diese Exekution, ohne daß auch nur ein einziger der zehntausend Gefangenen an der Flucht des einen irgendwie schuldig gewesen wäre. Auf einem Arbeitsplatz befand sich ein mit Beton ausgekleidetes Wasserbassin. Immer wieder, auch bei eisigem Wetter, wurden Häftlinge gezwungen, in dem Bassin unterzutauchen und dann in den triefnaßen Kleidern weiterzuarbeiten. Täglich ereignete es sich, daß Häftlingen eine Arbeit aufgetragen wurde, unter der sie physisch zusammenbrechen mußten, zum Beispiel Tragen übermäßiger Lasten, Laufschritt mit einem Schubkarren, pausenloses Schaufeln im schnellsten Tempo und dergleichen. Brach nun der Mann zusammen oder schaltete er eine Atempause ein, dann wurde er wegen Faulheit oder gar wegen ,, Arbeitsverweigerung" entweder an Ort und Stelle niedergeschlagen oder in der oben geschilderten Weise bestraft. Fluchtverdächtige Häftlinge sie waren durch rote Punkte auf den 50 - Kle Ta imm stre fan Un ges tra geh Ar die ger der get In Flu seh WU pla Po nu gle Sch ihr ko M di ic In Sc ge sä ab la de Zu de B Kleidern gekennzeichnet- mußten zeitweilig bis zu zehn Stunden im Tag einen etwa zwanzig Kilogramm schweren Stein hin und her tragen, immer auf der gleichen, von SS- Unteroffizieren scharf bewachten Wegstrecke. Dabei genügte irgendeine harmlose Bemerkung, um einen Gefangenen fluchtverdächtig zu machen. Ungezählte Male ereigneten sich ,, Erschießungen auf der Flucht". Dies geschah in der Weise, daß Häftlinge auf ihrem Arbeitsplatz den Auftrag erhielten, über die Sperrkette der Bewachungsposten hinauszugehen. Taten sie es, dann wurden sie niedergeknallt. Auf meinem Arbeitsplatz wurden einmal binnen sechs Wochen etwa 42 Juden auf diese Weise ermordet. Das Überschreiten der Postenkette war übrigens auch eine Methode des Selbstmordes für Leute, die man während der Arbeit durch Mißhandlungen und Schikanen zur Verzweiflung getrieben hatte. In Flossenbürg habe ich einmal eine solche ,, Erschießung auf der Flucht" auf eine Entfernung von höchstens fünfzig Metern mitangesehen. Einem Gefangenen, der aus dem Lager zum Steinbruch geführt wurde, wurde mit einem Wink bedeutet, er solle nicht zum Arbeitsplatz abbiegen, sondern geradeaus weitergehen. Dadurch hatte er die Postenkette überschritten. Der begleitende SS- Unteroffizier gab ihm nun sofort zwei Schüsse in den Rücken. Der Unglückliche schlug nicht gleich hin, sondern taumelte mit grotesken Bewegungen weiter, zur schallenden Heiterkeit seiner Henker. Erst ein dritter Schuß streckte ihn zu Boden. Wenige Minuten später erschien bereits die Lagerkommission unter Führung des SS- Hauptsturmführers Aumaier,- der Mord muß also vom Lagerführer bestellt gewesen sein. Die Herren dieser Kommission unterhielten sich vor der Leiche so vortrefflich, daß ich ihr Gelächter bis zu meinem Arbeitsplatz hören konnte. Im Steinbruch zu Flossenbürg gab es eine besondere Strafe, deren Scheußlichkeit wohl nur der ganz erfassen kann, der sie selbst mitgemacht hat. Auf einem sehr steilen, morastigen, mit Steinblöcken besäten Hang war ein Kreis von ungefähr zwanzig Metern Durchmesser abgesteckt. Um diesen Kreis mußten die verurteilten Gefangenen, beladen mit einem schweren Stein, herumgehen, hinauf, hinunter, stundenlang, von Tagesanbruch bis zur Mittagspause und dann wieder bis zum Einbruch der Dunkelheit, ohne Rast, ohne Pause. In der Mitte des Kreises stand ein Häftling, ein Berufsverbrecher und williger Bundesgenosse der SS. Er war mit einem schweren Prügel bewaffnet 51 und hieb auf seine Mitgefangenen ein, wenn sie nicht schnell genug im Kreis marschierten. Etwa halbstündig wurde„Hinlegen! Rollen!“ kommandiert. Dann mußten die Verurteilten durch den Morast durch- rollen, so daß sie buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle mit Kot beschmiert waren. Kleinigkeiten genügten, um zu dieser Qual ver- dammt zu werden. So weiß ich Leidensgefährten, die tagelang auf der „Scheibe“ marschierten, weil sie zur Arbeit bei strengster Kälte die Fäustlinge angezogen hatten. Ich mußte nur eine Stunde lang auf der „Scheibe“ gehen, und zwar— wie der SS-Unteroffizier bemerkte— zur Warnung für die anderen aus Dachau nach Flossenbürg versetzten Gefangenen. In dieser einen Stunde habe ich begriffen, warum es sich so oft ereignete, daß Häftlinge von der„Scheibe“ weg über die Posten- kette liefen, um erschossen zu werden. Eine andere Massenstrafe, die ich in Flossenbürg mitmachte, erlebte ich im Jänner 1940. Der Lagerälteste, ein besonderer Vertrauensmann der SS, von Beruf ein berüchtigter Zuhälter aus Stuttgart, war mit einigen Spießgesellen spät abends in meine Baracke eingedrungen und hatte eine Anzahl Häftlinge ohne jeden Grund schwer mißhandelt. Einer von diesen, der dabei verletzt worden war, äußerte nach dem Überfall die Absicht, am nächsten Tage zum Arzt zu gehen und eine Anzeige tzu erstatten, was die übrigen Häftlinge der Stube zustimmend zur Kennt- nis nahmen. Der Lagerälteste erfuhr davon und erstattete eine Anzeige wegen„Meuterei“. In der Mittagspause wurden wir alarmiert, so eilig, daß viele nicht mehr Zeit fanden, Schuhe anzuziehen. Und nun mußten wir bei zwanzig Grad Kälte und scharf vereistem Boden eine Stunde lang„strafexerzieren“. Dieses Exerzieren bestand in einem Dauerlauf, unterbrochen durch„Hinlegen! Rollen!“. Wie ein Gespensterzug wankte nach einer Stunde die bestrafte Abteilung— mehr als 300 Mann —_ in die Baracke zurück, schweißüberströmt, dabei mit Erfrierungen an. Fingern und Zehen, auch mannigfachen Verletzungen. Ich selbst hatte mir an dem scharfkantigen Eis das rechte Handgelenk aufgeschnitten und mich ganz mit Blut besudelt. Diese Beispiele wollen das Terrorregime der SS keineswegs erschöpfend schildern, sondern nur andeuten. Jeder Häftling, der längere Zeit im Lager gelebt hat, kann ähnliche und andere Dinge berichten. Die un- glaublichen Roheitsakte, die in den Gründungsjahren der Lager, etwa von 1933 bis 1935, verübt wurden, kenne ich nur aus den Berichten älterer Häftlinge, die sich wohl! selbst zu Wort melden werden. 32 We we her lin; die Spi zei dal hin um Be: Vvei die Vom Kranksein und Sterben Wenn ich rückschauend versuche, für die Handhabung des Sanitätswesens in den Konzentrationslagern einen allgemeinen Grundsatz. herauszufinden, so kann ich nur den einen feststellen: Je mehr Häftlinge umkommen, desto besser. Hierzu kam in Dachau das Bestreben, die harte Praxis zu tarnen, und zwar mit einer modernst eingerichteten Spitalsbaracke. Sie wurde allen auswärtigen Besuchern des Lagers gezeigt und es muß sich daher in diesen Kreisen herumgesprochen haben, daß in Dachau für kranke Häftlinge mustergültig gesorgt sei. Daß sich hinter dieser Fassade Tag für Tag Dinge abspielten, die allein genügen, um das Lagerregime als einen Kulturskandal zu bezeichnen, blieb den Besuchern verborgen. In anderen Lagern hat man auch auf die Fassade verzichtet. An diesen Zuständen ist den diensttuenden Ärzten in niederen Chargen die geringste Schuld beizumessen. Die wenigen Lagerärzte, die ich selbst kennenlernte, haben für ihre Person keine verbrecherischen Handlungen begangen und sind nur insoferne mitschuldig, als sie das System im ganzen genau gekannt, mitgemacht und nichts dagegen unternommen haben. Für den Häftling, der nicht der Lageraristokratie" angehörte, war es schwer, zu einer ärztlichen Untersuchung überhaupt zugelassen zu werden. Die Entscheidung darüber traf der diensthabende Lagerführer oder ein SS- Unteroffizier in dessen Vertretung. Die Gefangenen, die sich krank fühlten und zum Arzt wollten, hatten nach dem Abendappell in Reih und Glied anzutreten, Verletzte mußten dabei ihre Verbände abnehmen. Die Kranken zitterten vor dieser Voruntersuchung, denn sie ging mit Gebrüll und Beschimpfungen, oft auch mit Fußtritten und Ohrfeigen einher. Lagerführer Aumeier in Flossenbürg ordinierte überhaupt nur auf diese Weise. Auch für schwere Fälle gab es keine Erleichterung. So sah man täglich das traurige Bild, daß Schwerkranke, auf ein oder zwei Kameraden gestützt, mühselig zum Appell wankten, um dort abzuwarten, ob sie von einem lümmelhaften SS- Offizier für krank befunden oder davongejagt werden. Die wenigsten der angetretenen Kranken wurden zum Arzt zugelassen. Fieber unter 39 Grad, Fleischwunden, die noch nicht eitern, und innere 53 - - Krankheiten, die von einem Laien nicht ohne weiteres erkennbar sind, wurden grundsätzlich nicht anerkannt. Ich kann als Beispiel für tausend andere Fälle eine kleine persönliche Erinnerung einfügen. Im Frühjahr 1940 litt ich nach überstandener Ruhr an Herzschwäche und allgemeiner Körperschwäche, meine Füße waren angeschwollen, mein Körpergewicht, das normal 80 Kilogramm betragen hatte, war auf 51 Kilogramm gesunken. Als ich mich zum Arzt meldete, brüllte mir SS- Hauptsturmführer Zill als Lagerführer folgenden Bescheid zu: ,, Herzschwäche? Herzschwäche? Habe ich auch einmal gehabt! Habe Sport getrieben und viel Zigaretten geraucht und gut war es! Abhauen!" Die zum Arzt zugelassenen Kranken wurden nach dem Abendappell ins Spital geführt und dort für die Untersuchung am nächsten Morgen vorgemerkt. Wenn sie dann endlich vor den Arzt kamen, wurden die Schwerstkranken in das Spital aufgenommen, andere der ambulatorischen Behandlung überwiesen, viele ganz weggeschickt oder für kurze Zeit vom Arbeitszwang befreit. Bei dieser Methode war es unvermeidlich, daß kleine Verletzungen, wie sie bei Schwerarbeiten fast täglich vorkommen, ohne sachgemäße Behandlung blieben und daher nicht selten böse Formen annahmen. Innere Erkrankungen, Fieber, Erkältungen und so weiter mußten die Häftlinge meist ohne Hilfe überwinden, bis sie entweder von selbst gesund wurden oder zusammenbrachen. Das erste österreichische Opfer dieser Art war Baron Remiz. Er hatte das Unglück, am Fuschlsee bei Salzburg ein schön gelegenes Schloß zu besitzen, das der Reichsaußenminister von Ribbentrop haben wollte und auch bekam. Der rechtmäßige Besitzer wäre in Freiheit unbequem gewesen, man sperrte ihn daher wegen monarchistischer Gesinnung nach Dachau. Er erkrankte an Lungenentzündung, kam viel zu spät in Behandlung und starb. In einem Bett ober mir kämpfte anfangs 1939 der frühere Landeshauptmann des Burgenlandes, Ingenieur Sylvester, seinen Todeskampf. Er hatte sich eine Gehirnhautentzündung zugezogen, wurde aber nicht ins Spital aufgenommen und lag einige Tage fieberglühend und ohne Pflege in der überfüllten Stube. Eines Nachts begann er zu delirieren, wurde nun von Häftlingen auf ihre Verantwortung doch ins Spital geschafft und ist dort nach einigen Stunden gestorben. Die Spitalszimmer unterschieden sich von den anderen Häftlingsräumen nur dadurch, daß die Betten in zwei, statt in drei Stockwerken auf54 geb füg haf per Als Pra Ch Ka wa im un So sta bil me D W po el gl W di g A d g 80 e e gebaut waren. Bessere' Betten standen nur in geringer Zahl zur Verfügung und dienten zumeist nur solchen Kranken, die eine lange Lagerhaft hinter sich hatten und in guten Beziehungen zum Verwaltungspersonal standen. Als Pfleger fungierten ausschließlich Häftlinge. Einige hatten mehr Praxis und Erfahrung als die jungen Ärzte und waren auch nach ihrer Charakteranlage für den Dienst an Kranken hervorragend geeignet. Katholische Priester haben sich in der Krankenpflege rühmlich bewährt. Daneben gab es allerdings auch rohe Burschen, die den Dienst im Spital nur gesucht hatten, um einer schwereren Arbeit zu entgehen und kleine Verpflegungszubußen zu bekommen. * So ging es vor dem Kriege. Vom Frühjahr 1940 an wurden die Zustände immer ärger. Nach einer vorübergehenden Räumung für Ausbildungszwecke der Waffen- SS füllte sich das Lager Dachau immer mehr mit Häftlingen aus anderen Lagern, die zur„, Erholung" nach Dachau versetzt wurden. Krüppel und Kranke aller Art, viele wie wandelnde Skelette anzusehen, kamen in großen und kleinen Transporten und wurden nach wenigen Tagen in die Arbeitskommandos eingeteilt. Bei jedem Antreten, morgens und mittags, sah man jetzt die gleichen Bilder: Ohnmächtige und Sterbende, die sich im Straßenstaub wälzten. SS- Unteroffiziere unternahmen Wiederbelebungsversuche durch Fußtritte in die Weichen, mit der laut hinausgeschimpften Begründung ,,, der elendige Hund, der elendige" oder„, das verdreckte Aas, das verdreckte" wolle sich nur von der Arbeit drücken. Halfen die Fußtritte nicht, wurde der Kranke aus einer Gießkanne triefnaẞ mit Wasser begossen. Manchmal hörte man auch die fröhliche Diagnose: ,, Der Kerl ist eh schon hin". Einmal sah ich zu, wie ein Kranker von einem SS- Unteroffizier bei der Brust gepackt, aufgerichtet und an eine Barackenwand gelehnt wurde. Seine Augen waren schon gebrochen, ein dünner Blutstreifen rann ihm aus dem Mund, er verlor das Gleichgewicht und taumelte. Aber sooft er umzusinken schien, rückte ihn der SS- Mann wieder gerade. Endlich sank er doch zu Boden und hatte ausgelitten für immer. Solche und ähnliche Szenen ereigneten sich im Frühjahr 1940 in den rückwärtigen Lagergassen täglich. Dabei handelte es sich nicht um Gefangene, die sich irgendwie straffällig gemacht oder sonst den Zorn 55 der SS erregt hatten, sondern ganz einfach um Kranke, die zusammen- gebrochen waren. Wir sollten aber noch viel ärgere Szenen zu sehen bekommen. Das Häftlingsspital wurde durch Einbeziehung von Wohnbaracken immer mehr erweitert und eine Baracke am Ende der Reihe wurde als„Inva- lidenbaracke‘“ bestimmt. Dann kamen in längeren Zeitabständen die Invalidentransporte aus anderen Lagern, aus Mauthausen, Flossenbürg, Groß-Rosen und anderen. Die Bilder, die sich jetzt vor den Augen aller Häftlinge entrollten, wird keine Feder und kein Pinsel je in ihrer ganzen Greulichkeit festhalten können. Unter den Häftlingen, die da in Transporten von ı00 oder 15so Mann ankamen, konnten nur wenige ohne fremde Hilfe gehen. Sie wurden ın Lastautos bis zum Eingang des Baderaumes gebracht, vom Pflege- personal des Häftlingsspitals abgeladen und sortiert: in lebende, ster- bende und tote. Die Toten wurden beiseite gelegt, die Sterbenden auf Tragbahren in das Spital getragen, die Lebenden in das Bad geführt und gereinigt. Die zwei- oder dreihundert Schritte bis zu ihrer Baracke konnten sie nicht zu Fuß zurücklegen. Sie wurden wieder auf Last- anhänger verladen, die von gesunden Sträflingen gezogen wurden. Wagen auf Wagen rollte an uns vorüber, ein Gespensterzug von haut- überzogenen Skeletten mit wackelnden Köpfen, schlenkernden Armen, Gesichtern, die mehr an einen Totenschädel als an ein Menschenantlitz erinnerten. Vielen fehlte ein Fuß, ein Bein, ein Arm, viele waren mit schwärenden Wunden bedeckt. Solche Fracht hatte die SS in Vieh- waggons gepfropft, ohne Wärter, ohne Sanitätspersonal, und hunderte Kilometer transportiert! Die Überlebenden wurden in der„Invalidenbaracke“ isoliert gehalten, bekamen normale Verpflegung und brauchten nicht zu arbeiten. Sobald sie sich aber erholt hatten, wurden sie unter geheimnisvollen Umstän- den wieder abtransportiert und nach ganz kurzer Zeit kamen Wäsche und Kleider wieder nach Dachau zurück. Aus unvorsichtigen Äuße- rungen eines SS-Unteroffiziers konnten wir für mindestens einen dieser Transporte erfahren, daß er nach Oberösterreich gegangen war und daß die Invaliden dort vergiftet und verbrannt worden sind. Den Höhepunkt dieser Greuel erlebten wir bei der Ankunft eines Inva- lidentransportes aus einem Lager bei Danzig. Gleich bei der Übernahme der Toten stellten die Pfleger fest, daß einige Leichen frische Wunden trugen und ganze Stücke Fleisch aus Armen oder Schenkeln heraus- 36 Fü geschnitten waren. Bei näherer Untersuchung fand man im Mund ande- rer Toten angekautes Menschenfleisch... Überlebende sagten aus, sie seien schon in halbverhungertem Zustand einwaggoniert worden. Die Waggons seien ohne Aufsicht geblieben, einfach mit Vorhangschlössern abgesperrt. Der Transport sei dann drei Tage und drei Nächte bis Dachau gerollt und während dieser Zeit erhielten die Häftlinge weder einen Bissen Brot noch einen Schluck Wasser. Die Notdurft hatten sie in den dichtgefüllten Waggons zu erledigen. In den Stationen habe man den Transport auf entfernte Abstellgeleise geschoben, damit nicht auf den Bahnhöfen die Jammerrufe der Gepeinigten gehört werden. Für die kranken Häftlinge war es ein Glück, daß das Regime im Spital in den weiteren Kriegsjahren immer mehr und mehr in die Selbstver- . waltung durch Gefangene glitt. Die Aufsicht der SS wurde lockerer und hörte nach Ausbruch einer Typhusepidemie im Jahre 1943 fast ganz auf. Auch die Ärzte der SS kamen immer weniger zur Geltung. Neben dem Chefarzt, der hauptsächlich mit administrativen Aufgaben beschäftigt war, gab es nur einen einzigen Assistenzarzt, der kaum seine Studien beendet hatte, aber auch bei größter Erfahrung und Praxis nicht imstande gewesen wäre, tausend und mehr Kranke wirk- lich zu betreuen. Gefangene Ärzte— es gab deren mehrere— durften keine ärztliche Tätigkeit ausüben, taten es aber heimlich und auf eigene Gefahr, zum Segen für ihre Mitgefangenen. Ich habe unter anderen einen hervorragenden tschechischen Arzt kennengelernt, der die SS- Arzte an Wissen und Erfahrung turmhoch überragte, aber nur als Ge- hilfe in der Prosektur verwendet werden durfte. Er hat vielen Kranken Gutes erwiesen und sich seiner Landsleute liebevoll angenommen. Im Januar 1943 brach in Dachau eine Typhusepidemie aus, die unge- fähr 250 Opfer forderte. Der Aufenthalt in den überfüllten Typhus- baracken gestaltete sich zu einer besonderen Qual. Die Betten standen zweistöckig übereinander. Es gab kein Stroh mehr für Strohsäcke. Ich lag mehr als drei Monate mit hohem Fieber auf einem bretterharten Holzwollsack. Rekonvaleszente, Kranke und Sterbende lagen dicht nebeneinander. Ich habe— selbst in Fieber glühend— den Todes- kampf eines Gefangenen, knapp neben mir, zwei Tage und zwei Nächte lang schaudernd miterlebt. Zur Verrichtung der natürlichen Bedürf- nisse mußten die Fiebernden im tiefsten Winter aufstehen und ein stinkendes Klosett aufsuchen, das bei der Türe lag und daher eiskalt war. In einer eiskalten Waschkammer hatten sie sich zu waschen. Den 57 Hauptbestandteil der Ernährung bildeten Breie aus aufgekochter Trockenmilch, die nach wenigen Tagen Ekel erregten. So lag ich, zweimal totgesagt, von Januar bis Ende April. Erst als die Infektions- gefahr vorüber war, kam ich in einen bevorzugten Krankenraum, wo, es mir gut ging. Ich habe diesem persönlichen Bericht beizufügen, daß ich damals schon zur„Lageraristokratie‘“ gehörte und Dank der Freundschaft mit ande- ren Gefangenen, insbesondere mit meinen getreuen österreichischen Kameraden, manche'Erleichterung genoß. Daraus möge man schließen, wie es den anderen Typhuskranken gegangen ist. Und noch eine zweite Feststellung: die sanitären Verhältnisse in Dachau waren trotz allem besser als in vielen anderen Lagern. Was ich auf diesem Gebiete in Flossenbürg gesehen und erlebt habe, berichte ich gesondert. Für die ungeheuerlichen Zustände im Lager Mauthausen bin ich nicht Augen- zeuge, aber ich weiß, daß andere Gefangene eine furchtbare Anklage erheben werden. Hatte ein Gefangener in Dachau seinen Erdenweg beendet, so war er lageramtlich an Lungenentzündung, Herzschwäche oder sonst einer unverfänglichen Krankheit gestorben. Mochte er den übelsten Miß- handlungen erlegen sein,— keine Zeile im Akt verriet es. Vor dem Kriege wurden die Angehörigen telegraphisch benachrichtigt, so daß sie bei günstigen Zugsverbindungen noch imstande waren, den Toten zu sehen. Einer der ersten verstorbenen Österreicher, Hochschulprofes- sor Baron Zeßner-Spitzenberg, konnte in die Heimat über- führt werden, ebenso Landeshauptmann Ing. Sylvester und Gene- ralsekretär Staud des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Wenn Angehörige des Toten eintrafen, wurde die Leiche in einen außerhalb des Stacheldrahtzaunes gelegenen Aufbahrungsraum ge- bracht, mit einem Papierhemd bekleidet und in einen anständigen Sarg gelegt, der durch Glaswände von den Besuchern abgetrennt war. So war es den Angehörigen unmöglich, etwa vorhandene Ver- letzungen oder Spuren von Mißhandlungen festzustellen. Überdies war ein SS-Unteroffizier bei diesem letzten Abschied zugegen. Dann kam die Leiche in einen primitiven Brettersarg und wurde eingegraben oder verbrannt, selbstverständlich ohne Einsegnung. Der gute Sarg aber war für die Aufnahme des nächsten Toten bereit. 58 Solche Reste der Pietät wurden in späteren Jahren nicht mehr geübt. Die Toten, oft zwanzig und mehr an einem Tag, wurden frühmorgens in ein Leintuch gewickelt und in die Prosektur getragen, wo auch eine der oben erwähnten Todesursachen amtlich festgestellt wurde. Dann kamen sie in Dauersärge und wurden partieweise auf einem Lastanhänger- von Häftlingen gezogen zum Verbrennungsofen geführt. Die entleerten Särge wurden in die Prosektur zurückgebracht und am nächsten Tage wieder verwendet. Konnte man vermuten, daß Angehörige die Asche des Verbrannten verlangen werden, dann füllte man eben ein wenig Asche in eine Blechdose. Andernfalls wurden die verbrannten Knochen in eine Grube geschüttet. - Ich schließe diesen Bericht über das Sterben in Dachau mit einer Erinnerung an den ersten Österreicher, der in Dachau aus dem Leben gegangen ist: Vizegouverneur der Österreichischen Postsparkasse, Sektionschef Dr. Robert Hecht. Er wurde am letzten Nachmittag seines Lebens in der Nähe meines Arbeitsplatzes gepeinigt und ich weiß daher um sein Ende. Er mußte gemeinsam mit einem anderen Häftling cine zerbrochene eiserne Pumpe hin- und herschleppen, deren Gewicht so groß war, daß er wiederholt in die Knie einsank und schließlich erschöpft liegen blieb. Als er sich wieder aufraffen konnte, rief ihn der beaufsichtigende SS- Unteroffizier zu sich und ließ ihn unter wüsten Beschimpfungen und Drohungen viele Male die tiefe Kniebeuge machen. Dann ging es neuerdings an die zerbrochene Pumpe. Als die unglückselige Arbeitspartie abends ins Lager zurückkehrte, konnte Dr. Hecht nicht mehr im Schritt mitgehen. Er taumelte wie ein Trunkener hinter der kleinen Kclonne einher, den Kopf tief in die Brust gepreẞt, den Rücken wie im Schmerz gekrümmt. Ich versuchte, ihn mit einem Blick zu grüßen, aber er erkannte mich nicht. Am nächsten Morgen fand man ihn erhängt in der Baracke. 59 Tierversuche an Menschen Die Tatsachen, von denen hier die Rede ist, bedeuten einen Schandfleck auf der deutschen medizinischen Wissenschaft und Forschung. Es handelt sich um Greueltaten, für welche prominente Münchner Ärzte als Veranstalter und Mitwisser die volle Verantwortung tragen. Die SS in Dachau leistete hier nur Handlangerdienste. Der Skandal begann mit der Erprobung von neuen Heilmitteln für Malaria. Ein Teil einer Spitalsbaracke wurde für diesen Zweck reserviert und eingerichtet. Dann wurden junge, kräftige Häftlinge nach einer genauen ärztlichen Untersuchung dazu verurteilt, als Versuchstiere zu dienen. Manche erhielten Injektionen, die hohes Fieber verursachten, andere mußten sich an Armen und Beinen von infizierten Mücken stechen lassen. So entstand eine kleine, künstlich gezüchtete Malariaepidemie, die manches Todesopfer forderte. Welche Heilmittel oder Heilmethoden angewendet wurden, kann ich nicht angeben. Fast alle Gefangenen, die die Experimente überstanden hatten, waren vollkommen entkräftet, viele mit schweren Folgekrankheiten behaftet. Der Skandal wurde monatelang betrieben. Alle paar Tage kam ein Professor aus München, manchmal in Begleitung eines ärztlichen Stabes, um sich über den Verlauf der Experimente zu unterrichten und neue Anordnungen zu geben. Die Namen dieser Schufte der deutschen Medizin konnte ich nicht erfahren. Einer von ihnen, Professor Dr. Schilling, wurde von den Häftlingen mit dem Spottnamen Dr. Anopheles bezeichnet. Die Versuche mit Malaria waren aber nur ein Anfang. Es sollten bald viel ärgere Scheuẞßlichkeiten kommen. Eines Tages mußte in aller Eile eine kleine Holzbrücke über den Lagergraben verstärkt werden. Kaum war die Arbeit vollendet, rollte ein mächtiges, mit seltsamen Maschinen ausgestattetes Lastauto ins Lager, und zwar zu einer Spitalsbaracke, die vorher strengstens isoliert und abgesperrt worden war. Wieder wurden besonders kräftige Gefangene ausgesucht und im Spital eingesperrt. Nun konnte die Forscherarbeit beginnen. Die Häftlinge wurden in luftdichte Zellen eingeschlossen. Dann wurde die Luft mit den herangeführten Maschinen ausgepumpt, das heißt, entsprechend den atmosphärischen Verhältnissen in großen Höhen ver60 dü 어 pe D HORANCA au Z st m W W bi u] S St W W I h U T dünnt. Manchmal wurde die Verdünnung so weit getrieben, daß die Opfer in der Zelle erstickten. Vermutlich wurden im Zuge dieser Experimente auch verschiedene Sauerstoffapparate ausprobiert. Dann wurde die Reaktion der menschlichen Organe bei einem Absturz aus großer Höhe studiert. Die ausgepumpe Zelle wurde zu diesem Zweck plötzlich geöffnet, um den normalen Luftdruck wieder herzustellen. Auch bei diesen Versuchen gab es Todesopfer. Andere Experimente erstreckten sich auf das Verhalten der Versuchsmenschen bei längerem Aufenthalt in eiskaltem Wasser. Die Häftlinge wurden in besondere Fliegeranzüge gesteckt und in ein kleines, mit Eiswasser gefülltes Becken geworfen. Dort wurden sie so lange belassen, bis sie kein Lebenszeichen mehr gaben. Dann wurden sie herausgeholt und Wiederbelebungsversuchen unterworfen. Schließlich wurden beide Experimente kombiniert. Es sollte der Absturz eines Fliegers aus großer Höhe in kaltes Meerwasser dargestellt werden. Der Mann kam also zuerst unter die Luftpumpe und dann wurde er plötzlich in das Eiswasser geworfen. Ich weiß, daß diese Angaben lückenhaft sind und ich kann auch über die genauere Anordnung dieser Versuche nicht berichten, weil es im höchsten Grade lebensgefährlich war, im Lager auch nur ein Wort über diese Dinge zu verlieren. So kam es, daß auch die geretteten Opfer der deutschen Wissenschaft nur selten und dann mit aller Zurückhaltung von ihren Erlebnissen erzählten. Ein braver, alter Häftling, der als Blockältester fungierte, kam einmal auf einem Dienstgang zu der isolierten Baracke und warf einen Blick durch das Fenster. Er wurde sofort hineingeholt und ist bald darauf als Leiche hinausgetragen worden. Glaubwürdige Häftlinge, die besser als ich informiert sein konnten, behaupteten, die deutsche Heeresleitung habe festgestellt, daß abgestürzte englische Flieger den Aufenhalt in den Polargewässern besser und länger ertrügen als die deutschen und daher mit einer besonderen Ausrüstung versehen sein dürften. Absicht der deutschen Ärzte sei es gewesen, diesen Dingen auf den Grund zu kommen. Bald nach dem Beginn der Versuche mit dem Eiswasser kamen einige weibliche Gefangene aus dem Konzentrationslager Ravensbrück nach Dachau, wo sie in Arrestzellen untergebracht wurden. Manchmal wurden nun zwei dieser Frauen, begleitet von einem weiblichen SS- Unteroffizier, aus dem Arrest in die Versuchsbaracke geführt, wo sie einige 61 Stunden verblieben. Das habe ich selbst beobachtet. Über ihre Tätig- keit dort kann ich aber nur Äußerungen anderer Gefangener wieder- geben. Diese behaupteten, daß zur Wiederbelebung der aus dem Was- ser gezogenen Häftlinge die Verwendung animalischer Wärme versucht wurde, so zwar, daß der Bewußtlose zwischen zwei Frauen gelegt wurde, die in einem Bette lagen. Eigenartige Experimente machte man in einigen Fällen mit der Haut verstorbener Häftlinge, die ausgedehnte Tätowierungen aufwiesen. Man ließ diese Häute trocknen und schickte sie dann nach München, wo Versuche unternommen wurden, die Tätowierung zu entfernen. So ängstlich das Geheimnis aller dieser Versuche gehütet wurde, so bekannt dürften sie in bestimmten Kreisen der Münchner Ärzteschaft geworden sein, denn es verging kaum eine Woche ohne Arztebesuche von auswärts. Auch der sogenannte„Reichsärzteführer“ Dr. Conti, hat die Anlagen im Dachauer Häftlingsspital wiederholt inspiziert. Im der Eir V i> te 2 te Hinrichtungen Im Lager Dachau wurden während meines Aufenthaltes dort, insbesondere in den Jahren 1941/42, sehr oft Massenhinrichtungen durchgeführt. Eine ziffernmäßige Angabe kann ich nicht machen, aber die Zahl geht auf jeden Fall in die Tausende. Vom Jahre 1943 an weiß ich nichts auszusagen, da ich an Typhus erkrankt und isoliert war, dann aber entlassen wurde. Die Opfer waren durchwegs Personen, die von auswärts eingeliefert und sofort oder am nächsten Morgen erschossen wurden. Häftlinge wurden nicht hingerichtet. Wenn es galt, solche zu beseitigen, wurden sie erschlagen oder„, auf der Flucht" niedergeschossen. Die Ermordung von 12 bis 14 österreichischen Politikern, höheren Beamten und Offizieren hat nicht in Dachau, sondern im Lager Buchenwald bei Weimar stattgefunden. Vor dem Kriege waren die Hinrichtungen selten und es handelte sich immer nur um Einzelpersonen oder kleine Gruppen. Die Gefangenen konnten das genau kontrollieren, weil die Lagerschreinerei die Särge beizustellen hatte. Die Exekutionen wurden im Hof des Lagerarrestes durchgeführt, an dessen Stirnseite ein kleiner Kugelfang errichtet war. Die Erschießung besorgten einige Unteroffiziere der SS. Unmittelbar vorher wurden die Lagerhäftlinge in ihre Baracken gesperrt und erst wieder ausgelassen, wenn die Leichen hinausgeschafft waren. Gleich nach dem Beginn des Kriegs wurde der Kugelfang im Arresthof vergrößert und bald darauf sollte dort die erste Massenhinrichtung stattfinden. Es handelte sich um ungefähr 50 Polen verschiedener Altersstufen. Ich kann diese Zahl ziemlich genau angeben, weil ich die Verurteilten selbst gesehen habe und weil die Lagerschreinerei in größter Eile die Särge anzufertigen hatte, die dann nachts von Häftlingen zur Hinrichtungsstätte getragen wurden. Den Einzug der Opfer konnte ich heimlich von einer Dachluke aus, auf geringe Entfernung beobachten. Ich werde diesen Zug mißhandelter, zum Teil schwerverletzter Männer, Knaben und Greise, deren Gesichter von überstandenen Schrecknissen und von Todesangst gezeichnet waren, mein Lebtag nicht vergessen. Nachdem alle Vorbereitungen zur Exekution getroffen waren, 63 wurden die Verurteilten am nächsten Morgen wieder abgeführt. Ich weiß nicht wohin und welchem Schicksal entgegen. Die Massenhinrichtungen setzten Ende 1940 oder anfangs 1941 ein. Der Arresthof genügte jetzt nicht mehr, man verlegte die Blutarbeit auf die Schießstätte der SS, knapp neben dem Lager und machte keine großen Geheimnisse mehr. Die im Lager eingerichtete und von Häft- lingen bediente Wäscherei hatte für jede Exekution zwei Kübel heißen Wassers, Seife, Schürzen, Wollhandschuhe und Handtücher bereitzu- stellen. Kam der entsprechende Auftrag, so wußte das ganze Lager, daß am nächsten Morgen eine Hinrichtung stattfinden wird. Die auf- gezählten Gegenstände wurden von den als Scharfrichter fungierenden SS-Leuten benötigt, damit sie sich beim Wegschaffen der blutenden Leichen nicht beschmutzten und damit sie sich nach vollbrachter Arbeit an Ort und Stelle reinigen konnten. Die Opfer wurden manchmal unmittelbar aus München herangeführt, manchmal nächtigten sie in Dachau in einer ausgeräumten Maschinen- halle. Am frühen Morgen wurden sie auf große, gedeckte Lastwagen verladen und auf die Schießstätte geführt. Manchmal genügte ein sol- ches Auto, manchmal sah man deren drei bis vier. Von den Szenen, die sich auf der Schießstätte abspielten, habe ich wohl oft erzählen gehört, aber ich habe keine mitangesehen. Immerhin kann ich verläßlich aussagen, daß die Todesopfer splittergackt ausgezogen und in dieser Verfassung füsiliert wurden. Die Wäsche und die Kleider der Toten kamen nämlich unversehrt und ohne Blutspuren in das Lager zurück, wurden dort gereinigt, sortiert und für eine neue Ver- wendung bereitgelegt. Die Kleider waren teils Zivilanzüge, teils Uni- formen, vereinzelt auch Frauenkleider. Von den Uniformen mußten eiligst alle Hoheitszeichen entfernt werden, doch konnten jugoslawische und belgische Uniformen von den Häftlingen einwandfrei agnosziert werden. Auf der Schießstätte wurden die Leichen von SS-Unteroffizieren auf offene Holzkarren geworfen, zum Verbrennungsofen geführt und dort aufgestapelt. Diese Anlage war bald nach Kriegsbeginn wesentlich er- weitert und modernisiert worden und wurde von jüdischen Häftlingen bedient, die in besonderen Arrestzellen untergebracht waren, verhält- nismäßig gut genährt und behandelt, nach einer gewissen Zeit aber selbst verbrannt und durch andere ersetzt wurden. Die Verbrennungs- anlage war trotz der vielen Erfahrungen, die im Dritten Reich gerade 64 auf diesem Gebiete gemacht worden waren, so schlecht angelegt, daß bei Westwetter das ganze Häftlingslager oft stundenlang nach ver- branntem Fleisch stank. Die Weiterverwendung der letzten armen Habseligkeiten der Hin- gerichteten ist gewiß eine ungeheuerliche und kaum glaubhafte Scheuß- lichkeit. Ich stehe aber voll für die Richtigkeit dieser Angabe ein. Nicht nur die Kleider der Hingerichteten, sondern ebenso die Kleider der vielen tausend vergifteten, erschlagenen, erschossenen oder sonst elend verstorbenen Juden wurden im Konzentrationslager Dachau sorgfältig gesammelt und im Frühjahr 1943 zur Bekleidung der Gefangenen ver- ‚wendet, weil Himmlers Blutregime viel mehr Menschen einsperrte, als es ernähren und bekleiden konnte. 5 Nacht über Deutschland Fluchtversuche In München kursierte einmal ein Witz über Dachau: das Lager sei eine’ merkwürdige Festung, es gäbe ringsum Wachen über Wachen, Mauern, Stacheldraht, Gräben und Starkstromhindernisse, und doch komme man so leicht hinein. Nun, um so schwerer kam man heraus. Eine Flucht aus dem Häftlings- lager selbst war so gut wie ausgeschlossen und Versuche, die sich dann und wann ereigneten, hatten in allen mir bekannten Fällen tödlichen Ausgang. Um die Hindernisse, besonders das Hochspannungshindernis, mit heiler Haut zu überwinden, hätte es besonderer Vorbereitung be- durft, da man sogleich in das Feuer der Maschinengewehrtürme geraten wäre. Auch die Nacht bot keine Deckung, denn die Hinderniszone war hell beleuchtet, sogar zu einer Zeit, wo schon strenge Verdunke- lungsvorschriften galten. So wurden Fluchtversuche unmittelbar aus dem Lager nur in selbstmörderischer Absicht oder in Sinnesverwirrung unternommen. i Etwas günstigere Aussichten boten einige Arbeitsstätten außerhalb des Stacheldrahtes. War es aber hier einem Häftling gelungen, mit List, Kaltblütigkeit und Glück zu entwischen, so geriet er alsbald in das Netz der Polizei. Ohne Unterstand, ohne Ausweispapiere, ohne Geld, ‚ohne: Verpflegung und meistens auch ohne brauchbare Zivilkleider, von der SS, Polizei und Gendarmerie gejagt, mußte er unfehlbar wieder gefaßt werden. Nur eine geschickte und kühne Organisation von Hel- fern außerhalb des Lagers hätte die Möglichkeit geboten, einen Flücht- ling über die Grenze zu bringen. Aber selbst bei Bestehen einer solchen Organisation wäre es unendlich schwer gewesen, vor der Flucht den notwendigen Kontakt mit ihr herzustellen. Ein Beispiel für das Funktionieren des Himmler’schen Polizisten- und Denunziantenapparates erfuhren Angehörige von mir, die mich vor dem Kriege, im Frühjahr 1939— in Unkenntnis der Lagerverhältnisse— wenigstens von Ferne sehen wollten, weil Besuche nicht erlaubt waren. Sie unternahmen zu diesem Zweck eine Autotour von Österreich nach München und fuhren von dort über Dachau nahe an die Lagermauer heran. An Ort und Stelle erkannten sie die Aussichtslosigkeit ihres Vor- habens, kehrten um und fuhren nach Österreich zurück. Kaum wieder 66 dal Ihr des une Bei vor Arl ges der Sir Ss Ab fur pl: zu w pl: di \) daheim, wurden sie zur Gestapo vorgeladen und umständlich verhört. Ihre Anwesenheit beim Lager, wahrscheinlich nach der Kennummer des Autos festgestellt, war der Gestapo in Österreich schon auf Stunde und Minute bekannt! Bei einem Fluchtversuch vom Arbeitsplatz weg hatte der Gefangene vor allem für einen gehörigen Zeitvorsprung zu sorgen. Spätestens bei Arbeitsschluß, wenn die Arbeitspartie vor dem Rückmarsch ins Lager_ gesammelt und abgezählt wurde, mußte das Fehlen eines Mannes ent- deckt werden. Um diese Zeit mußte der Flüchtling das Lager schon weit hinter sich haben oder unauffindbar versteckt sein, um dann unter dem Schutz der Nacht hinauszuschleichen. Wenn der Abgang eines Häftlings festgestellt war, heulten die Alarm- sirenen, die Gefangenen traten auf dem Appellplatz an, die Totenkopf- SS bewaffnete sich bis an die Zähne und setzte den Stahlhelm auf, Abteilungen der Waffen-SS, begleitet von Fanghunden, schwärmten nach allen Richtungen kilometerweit aus, eine eigene Radiostation funkte das Signalement.des Flüchtlings. Im Lager und auf dem Arbeits- platz hatten ausgesuchte Häftlinge und SS-Leute das Unterste zu oberst zu kehren, jeden Bretterhaufen, jedes Erdloch, jeden Kanal immer wieder zu durchsuchen. Die Gefangenen aber mußten auf dem Appell- platz solange ohne Rast und ohne Verpflegung„Stillgestanden!“ stehen bleiben, bis der Flüchtling gefunden wurde oder bis jede Aussicht ge- schwunden war, ihn mit den Mitteln und dem Personal des Lagers zu ergreifen. Die wenigen Flüchtlinge, die allen Verfolgungen entrinnen konnten, wurden fast ohne Ausnahme schon nach einigen Tagen von den Be- hörden gefaßt und in das Lager zurückgeführt. Mir sind nur zwei Fälle erinnerlich, wo Gefangene für immer verschwanden. Ob ihnen die Flucht endgültig gelungen war oder ob sie ums Leben gekommen sind, erfuhren wir nicht. Einen interessanten Fluchtversuch, der um ein Haar gelungen wäre, unternahm anfangs 1939 ein Nationalsozialist aus dem Stabe Röhms. Er behauptete, im Range eines SA.-Gruppenführers Chefpilot bei Röhm gewesen zu sein und war im Jahre 1934 anläßlich der Reichsmord- woche ins Lager gekommen. Dieser Mann schaffte sich eine lange Unterhose und eine Wolljacke auf den Arbeitsplatz und schwärzte sie mit Ofenruß, dann konstruierte er sich aus zusammengestohlenen Be- 5" 67 standteilen eine Rauchfangbürste, wie sie von Kaminfegern über der Schulter getragen wird. Mit diesen Requisiten kostümierte er sich in seinem Versteck als Kaminfeger, beschmierte sich auch das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit mit Ofenruß und spazierte unbefangen und pfeifend an SS- Posten vorbei, gegen ein äußeres Lagertor. Unterwegs sah er ein Motorrad, das der rechtmäßige Fahrer an einen Baum gelehnt hatte. Rasch entschlossen sprang er auf das Rad, knatterte davon und winkte noch der äußeren Torwache einen freundlichen Gruß zu. Eine halbe Stunde später war er in München. Er genoß aber die Freiheit nur wenige Tage. Durch eine Ungeschicklichkeit, nach anderer Lesart durch Verrat, fiel er der Gestapo in die Hände, wurde nach Dachau zurückgebracht und fand später in dem Lager Flossenbürg ein düsteres Ende. Die Rückkehr eines geflüchteten Häftlings wurde von der SS mit grotesken und widerlichen Zeremonien gefeiert. Die Gefangenen hatten auf dem Appellplatz anzutreten, auch die Offiziere und Unteroffiziere der Lager- SS sammelten sich dort in fröhlicher Erwartung eines Schauspiels. Beim äußeren Lagertor, noch weit außerhalb des Stacheldrahtes, wurde dem Flüchtling eine große Trommel über den Bauch gehängt. Dann formierte sich ein Festzug: voran in einer Reihe der diensthabende Lagerführer mit einigen Unteroffizieren, dahinter ein Häftling, der an einer Stange eine Tafel mit der Aufschrift ,, Ich bin wieder da!" zu tragen hatte, dann der eingeholte Flüchtling mit der großen Trommel und zum Abschluß manchmal noch eine kleine, aus Häftlingen zusammengestellte Musikkapelle. Der Zug setzte sich in Bewegung und der Flüchtling, der sich vor Erschöpfung und Angst vor den kommenden Dingen kaum auf den Beinen halten konnte, mußte im Marschtakt bei jedem zweiten Schritt die Trommel schlagen. So defilierte dieser Zug ein- oder zweimal an den langen Reihen der Häftlinge vorbei und nahm dann vor der Mitte der Front Aufstellung. Aus dem Arrest war inzwischen der hölzerne Prügelbock herbeigeschafft worden, das eingefangene Opfer wurde darüber gelegt, zwei kraftstrotzende SSUnteroffiziere zogen sich die Röcke aus, streiften die Hemdärmel auf und schlugen nun weitausholend los je 25, zusammen so fürchterliche Hiebe. Fröhliche Soldatenlieder singend marschierte das Lager in die Baracken zurück, während der zusammengeschlagene Delinquent als ein Häuflein Elend in den Arrest geschafft wurde. Dort blieb er mindestens ein Monat, erhielt neuerlich eine Prügelstrafe zudiktiert, 68 - bekan abgeg Viel ganz selten blieb. mal Zum nis b net. statt. Schei Die und bilde T bekam den ,, Fluchtpunkt" und wurde endlich in die Isolierbaracke abgegeben oder in ein anderes Lager versetzt. Viel öfter als vorbedachte Fluchtversuche ereigneten sich improvisierte, ganz offen vom Arbeitsplatz weg. Die Motive einer solchen Tat waren selten mit Sicherheit festzustellen, weil der Täter meistens tot am Platze blieb. Manchmal handelte es sich offenkundig um Selbstmord, manchmal um eine Affekthandlung nach schweren Miẞhandlungen. Zum Schluß eine Beobachtung, die kein an sich bemerkenswertes Ereignis betrifft, aber die sittliche Verfassung der Totenkopf- SS kennzeichnet. Im Jahre 1940 oder 1941 fand einmal ein Preisschießen der SS statt. Ein Häftling, der ein wenig malen konnte, hatte die kreisrunden Scheiben zu malen, wie sie bei ländlichen Schützenfesten üblich sind. Die Preisscheibe zeigte einen politischen Gefangenen auf der Flucht, und der ,, Fluchtpunkt", das Abzeichen fluchtverdächtiger Häftlinge, bildete das Zentrum. 69 Fünf Monate im Lager Flossenbürg Von der kleinen Industriestadt Weiden in der bayrischen Pfalz, an der Hauptstrecke Regensburg—Eger, führt eine Lokalbahn in der Rich- tung auf die böhmische Grenze. Sie geht in. ihrem letzten Teil in ein Industriegeleise über, das nach vielen Windungen bei dem kleinen Berg- dorf Flossenbürg sein Ende findet. Auf einer steilen, schlecht erhaltenen Fahrstraße steigt man zum Dorf hinauf, ein paar armselige Häuser mit dem Wirtshaus„Zur Steinpfalz“ als repräsentativstem Gebäude. Über dem Dörfchen steht wie eine mächtige, gezackte Krone die Ruine der Flossenburg. Einst sollen sehr stolze und mächtige Herren von diesen Mauern aus das Land ringsum beherrscht haben, bis die Hussiten aus Böhmen herüberkamen und Dorf und Burg umlegten. Die Straße wird immer steiler und schlechter, man könnte glauben, sie werde sich in Tann und Stein bald ganz verlieren. Aber nach einer letzten Biegung steht man vor der seltsamsten Siedlung, die je in deutschen Waldbergen zu sehen war. Da stehen rechts und links an den steilen Hängen eines kleinen Tal- kessels dunkelgrün gestrichene Baracken in Terrassen übereinander. Auf der Sohle des Talkessels ist ein kleiner„Appellplatz“ ausgespart, davor stehen noch einige primitive Holzbuden und alte Holzbaracken. Rings- um läuft steil bergauf, bergab ein mehrfaches Stacheldrahthindernis, dazwischen auf hohen Pfählen die Hütten für die Wachposten, von' der Ferne wie große Vogelkäfige anzuschauen. Unmittelbar neben den Baracken steigt vom Appeilplatz weg, noch innerhalb des Stachel- drahts, ein Granitsteinbruch empor, etwa hundert Meter hoch und so steil, daß man ihn nur über Stufen erklimmen kann. Wie kam der Herr Reichsführer der SS auf den Gedanken, in diesera letzten verlorenen Winkel des Deutschen Reiches, in 800 Meter See- höhe, ein Konzentrationslager anzulegen? Es gibt dafür drei Gründe, die jedermann einleuchten müssen. Erstens ist keine Arbeit so wie die Steinbrucharbeit geeignet, planvolle Häftlingsschinderei mit einem nützlichen Zweck zu verbinden. Zweitens brauchte das Dritte Reich für seine Prachtbauten in Nürnberg, Berlin, München und anderwärts viele Bausteine aus Granit, die bekanntlich sehr billig sind, wenn sie mit unbezahlter Häftlingsarbeit gebrochen werden; die großen Summen 70 e 1 S e aber, die im Ganzen dabei herauskommen, fließen in die Taschen der SS, getarnt unter der Firmenbezeichnung eines privaten Unternehmens. Und drittens können da oben, in der verborgensten Schlucht der Steinpfalz, Tag für Tag Greueltaten jeder Art verübt werden, ohne Gefahr, daß ein unberufenes Auge zusieht oder daß einmal ein unerwünschter Besuch eintrifft. Bleibt nur die Sorge um das Wohlergehen der SSOffiziere in dieser Einsamkeit. Nun, in entzückenden kleinen Villen auf besonntem Hang, inmitten einer Blumenanlage, mit dem Blick auf die stolze Burg und die Wälder der in der Ferne blauenden böhmischen Berge, mit, einem Dienstauto und einem Reitpferd und mit unzähligen Häftlingen als dienende Sklaven ließ es sich ganz erträglich leben. Ein zerrissener und zerfahrener Weg bergauf führte vom Lager in die Granitwüste der Steinbrüche. Der eine, zerfurcht und mit zyklopischen Blöcken übersät, war schon lange im Betrieb; auf zwei anderen waren noch die vorbereitenden Arbeiten zu tun, das Bloßlegen des abbauwürdigen Gesteins, der sogenannte ,, Abraum". Diese Steinbrüche waren, ähnlich wie das Lager, mit Stacheldraht eingezäunt und über dem Stacheldraht saßen auch hier die Posten in ihren käfigartigen Hütten. Das war das Lager Flossenbürg. Wer Dachau eine Hölle nennt, hat für Flossenbürg keinen Ausdruck mehr. - - Bis zum Herbst 1939 diente Flossenbürg ausschließlich zur Verwahrung von Verbrechern nach Abbüßung ihrer Zuchthausstrafe. Diese Kategorie hatte auch alle Vorgesetztenstellen inne, die von Häftlingen bekleidet wurden, sie stellten also den ,, Lagerältesten", die ,, Block- und Stubenältesten", die Vorarbeiter und die verschiedenen Schreiber und Verdem gemeinen waltungsgehilfen, die wie es nun schon einmal geht Häftling gegenüber den Vorgesetzten spielen. Der„ Lagerälteste" war neben dem Lagerführer die wichtigste und gefürchtetste Persönlichkeit, sein Einfluß, seine Rechte und seine Roheit waren größer als die mancher SS- Chargen. Er besaß mehrere Sträflingsuniformen, die ihm. ein vorzüglicher Schneider auf den Leib geschnitten hatte, bewohnte einen eigenen Raum und wurde von der SS so reichlich verpflegt, dass ihm die Haut zu eng wurde. Von Beruf war er Zuhälter in Stuttgart. Einer der Blockältesten war Gattenmörder, ein anderer, ausgezeichnet durch Sprachkenntnisse, reiches Wissen und gute Manieren, war Post71 räuber. Einer der Vorarbeiter hatte einmal zwei Polizisten ermordet, war dann viele Jahre in Zuchthäusern, kam später in ein Irrenhaus, flüchtete von dort und wurde schließlich in das Lager Flossenbürg ge- bracht. Besonders stark war die Gilde der Kassenschränker vertreten, darunter wahre Spezialisten dieses Faches. In dieses Lager und in diesen Kameradenkreis wurden Ende September 1939 ungefähr 1000 politische Gefangene aus Dachau überstellt, weil die Dachauer Baracken für Ausbildungszwecke der SS benötigt wurden. Man hatte uns zugesagt, daß wir im Lager Flossenbürg eine eigene Dachauer Kolonie bilden und mit den„Grünen“ kaum in Berührung treten würden. Die Dauer der Verlegung war anfangs mit zehn Wochen befristet. So ließen wir uns guten Mutes in Viehwaggons stopfen, um die Reise über Regensburg und Weiden anzutreten. Um ıı Uhr nachts, bei strahlendem Mondlicht, hielt der Zug in Flossenbürg. Die SS hatte sich’s nicht nehmen lassen, uns einen fest- lichen Empfang zu bereiten. Ehe wir den Flossenbürger Boden recht unter den Füßen hatten, gab es die ersten Ohrfeigen, Fußtritte und Kolbenstöße. Um Mitternacht standen wir abmarschbereit: in der Mitte der Fahrstraße die Häftlingskolonne, rechts und links ein Spalier der SS und zum Abschluß ein Auto mit einem Maschinengewehr und einem eingebauten Scheinwerfer, der die ganze Kolonne grell überstrahlte. Und damit die Sicherheit vollkommen sei, stand an jeder Wegabzwei- gung eine Wache mit schußfertigem Gewehr. Im Lager wurden uns zunächst unter vielen Beschimpfungen und Drohungen die„Grünen“ als Vorgesetzte vorgestellt, dann nahm man uns das bißchen Geld ab und trieb uns in die Baracken. Schon vom ersten Augenblick an zeigte sich die Tendenz, die politi- schen Gefangenen zu demütigen und ihnen klarzumachen, daß sie weit gefährlicher und verwerflicher seien als die Berufsverbrecher. Am gründlichsten besorgte das ein SS-Obersturmführer, der zeitweilig die Aufsicht über die Steinbrucharbeiten führte, mit den„Grünen“ ver- hältnismäßig schonend umging, die politischen Gefangenen aber nie ‚anders als mit Schwein oder Hund anredete. An einem regnerischen Herbstmorgen, bald nach unserem Eintreffen in Flossenbürg, zog die Kolonne der„Roten“ auf der von Schmutzbächen überrieselten Fahr- straße bergauf zum Steinbruch. Plötzlich kommandierte der Herr Sturmführer:„Hinlegen!“ Die Gefangenen hatten sich flach ausge- streckt auf den Boden zu legen, die Arme vorgeschoben, die Gesichter 72 ei Go AJ a> vom ne on im Straßenkot. Dann kletterte er über die Körper der Häftlinge wie über eine Treppe zum Eingang in den Steinbruch hinauf. Oben versammelte er die durchnäßte, über und über mit Kot beschmierte Kolonne und hielt ungefähr folgende Ansprache:„ Verdammte Schweinehunde! Jeder Schwerverbrecher ist ein besserer Mensch als ihr Politischen. Die Verbrecher haben nur einzelnen Menschen etwas angetan, aber ihr seid Verbrecher am ganzen deutschen Volke. Euch Ungeziefer muß man vertilgen. Hinlegen! Auf! Hinlegen!" Dann setzte er seine Ansprache fort: ,, Keiner von euch ist die fünf Pfennig für eine Patrone wert, aber die SS wird trotzdem von ihrer Munition etwas opfern, damit wir mit euch aufräumen. Hinlegen! Auf! Hinlegen! An die Arbeit marsch, marsch!" - Es ist menschlich zu begreifen, daß die Disqualifizierung der politischen Häftlinge bei den Berufsverbrechern sympathisch aufgenommen wurde und daß wiederholt kleine Zwischenfälle provoziert wurden, die den Beweis erbringen sollten, daß die ,, Roten" schlechter seien als die ,, Grünen". - In den Baracken- primitiven Holzbaracken wurden wir zu 160 Mann in eine Stube gepfercht. Im Wohnraum saßen und standen die Gefangenen Kopf an Kopf; es war unmöglich, auch nur wenige Schritte zu tun, ohne anzustoßen. Wie sich unter solchen Verhältnissen das Zusammenleben von Menschen mit überreizten Nerven gestaltete, kann man sich leicht ausmalen. Waschgelegenheiten und Klosett hätten nicht einmal für die Hälfte des Belages ausgereicht. Nachts durfte sich immer nur ein Mann einer Stube auf dem Klosett aufhalten, die anderen hatten auch bei größter Kälte im Schlafraum anzutreten und zu warten, bis der Vordermann zurückkommt. Das Betreten der Lagergassen war bei strengster Strafe verboten, sogar der Aufenthalt vor der Baracke war auf einen engen Raum begrenzt, wo sich wieder alles stieß und drängte. Die Tagesverpflegung bestand im wesentlichen aus drei, ungefähr fingerdicken Scheiben Brot, einer Andeutung von Margarine oder Leberwurst, einer dünnen Kraut- oder Rübensuppe und einigen Pellkartoffeln. Zubußen aus der Kantine gab es nicht. Schon in den ersten Tagen stellte sich ein bohrender, schmerzender Hunger ein, der uns fünf Monate lang nicht verließ, widerliche moralische Erscheinungen zur Folge hatte und schließlich zu einer katastrophalen Massenerkrankung führte. Kartoffelschalen, rohe Kartoffel und Rüben, aber 73 auch allerlei Unrat wurden gierig verschlungen, selbst Mülleimer nach Speiseresten durchsucht. Manchmal schüttete die SS Abfälle von ihrer Verpflegung in einen Kübel und ließ ihn vor eine Häftlingsbaracke stellen, wo sich dann wilde Raufszenen um einen Happen Fleisch oder ein Stück Brot entwickelten. Sogar der Lagerarzt, ein junger Bursche, der sich nicht recht zu helfen wußte, sah schon Ende Oktober eine Hungerkatastrophe voraus, aber er hat nichts dagegen getan oder tun können. Verpflegungsvorräte waren damals noch in Hülle und Fülle vorhanden, man gab uns vorsätzlich dem Hunger preis. Die unzulängliche Nahrung wurde so ausgeteilt, daß an eine ruhige Mahlzeit nicht zu denken war. Die Suppenkübel wurden im Freien aufgestellt, entweder vor der Baracke oder im Steinbruch. Dann hatte man entweder in der Stube in einem Gedränge von 160 Mann oder im Freien zu essen, oft in eisigem Regen oder Schneesturm. Am Morgen nach unserer Ankunft hielt der Lagerkommandant hoch zu Roß einen Begrüßungsappell. Er war ein junger Mann, der wahrscheinlich von der Schulbank weg zur SS gekommen war. Seine Haltung zu Pferd bot den einzigen heiteren Anblick, den Flossenbürg zu bieten hatte. Seine Ansprache war eine plumpe Verhöhnung der Gefangenen: Wir sollen Gott danken, in eine Station mit so vorzüglicher Höhenluft und so ausgezeichneter und reichlicher Verpflegung gekommen zu sein. Er habe auch für ein bißchen Arbeit gesorgt, damit uns die Langeweile nicht allzusehr plage. Nach dieser Rede gab er seinem Pferd die Sporen, verlor das Gleichgewicht und ritt im Zotteltrab davon. Wir haben ihn später nur mehr selten gesehen. Um so öfter sahen wir den Lagerführer, den sangesfrohen SS- Hauptsturmführer Aumeier. Seine Sangesfreude äußerte sich darin, daß er die Häftlinge abends nach dem Appell in Kälte und Regen stehen und Marschlieder, singen ließ, oft das ganze Repertoire blöder Soldatenlieder, zehn oder fünfzehn hintereinander. Ein grüner" Berufsmusiker mußte in der Mitte des Appellplatzes auf ein Podium steigen und den Takt angeben, SS- Unteroffiziere gingen die Reihen auf und ab und sorgten mit Ohrfeigen und Faustschlägen, daß jeder Gefangene gehörig ,, das Maul aufreiße". Obligatorisch und besonders wichtig war der Gesang an jedem Freitag nach Arbeitsschluß, wenn in der Baracke Nummer I die im Laufe der Woche verhängten Prügelstrafen vollzogen wurden. Wir mußten dann pausenlos die Soldatenlieder brüllen, damit man das Schreien der Gemarterten nicht hören 74 k P könne. Ich weiß nicht, ob Aumeier die Gefangenen jemals anders als mit ,, Dreckhammel" ,,, Drecksau" und ähnlichen Ausdrücken angesprochen hat, gehört habe ich aus seinem Munde nur diese. Seine besondere Wut galt den Kranken, die sich beim Abendappell zur ärztlichen Untersuchung meldeten. Als im Dezember der Krankenstand rapid anschwoll, drohte er, daß er diese Sauhunde nach seiner Methode kurieren werde. Es kam nicht mehr dazu, denn noch am gleichen Tage wurde der Ausbruch einer Ruhrepidemie festgestellt und der Lagerführer ließ sich bis zum Erlöschen jeder Ansteckungsgefahr nicht mehr blicken. 46 Die Arbeit, die den meisten politischen Gefangenen im Steinbruch zufiel, war der ,, Abraum". Zwei Steilhänge, wo später Granit gebrochen werden sollte, mußten von uns abgeräumt" werden, das heißt, wir hatten zuerst den Waldboden, dann eine oft mehrere Meter starke, mit Steinblöcken durchsetzte Lehm- und Sandschichte und schließlich noch eine Schichte mürben Gesteins abzutragen, bis der brauchbare Granit bloßlag. Dieser ,, Abraum" mußte ausschließlich mit Schaufel und Pickel, und zwar mit altem, kaum mehr brauchbarem Werkzeug durchgeführt werden. Es gab nicht die geringsten maschinellen Einrichtungen. Zwei kleine Seilschwebebahnen zum Abtransport der Schuttmassen in die Tiefe wurden wohl mit einem gewaltigen Aufwand an Geschrei und Arbeitskräften gebaut, funktionierten aber nur einige Tage und waren dann unbrauchbar. So standen wir also in mehreren Reihen übereinander auf den Steilhängen, hoben das Erdreich und schaufelten es über die Hänge hinunter. Erdschollen, Steine, Wurzeln und manchmal ganze Granitblöcke setzten sich in Bewegung, kollerten über den Hang und fielen den unteren Arbeitspartien auf die Köpfe. Die Schimpfworte, die von unten nach oben und natürlich von oben zurück geschleudert wurden, übertönten das Geschrei der Vorarbeiter und der SS- Chargen. Das ohrenbetäubende Knattern der Preßluftbohrer und die schrillen Pfiffe vom Hebekran im alten Steinbruch vollendeten diese Symphonie der Sklavenarbeit. Früh kam ein winterlicher Herbst und der Steinbruch war allen Stürmen ausgesetzt. Wir hatten noch keine Mäntel, nur einen zerschlissenen Pullover unter der dünnen Bluse. Auch das war der Lagerführung noch zu viel. Eines Abends, nach dem Appell, mußten wir in 75 Reih und Glied die Pullover ausziehen und abliefern. Angeblich wurden sie von der Wehrmacht benötigt, tatsächlich sollen sie in einem Magazin auf einem Haufen liegen geblieben sein. Zur Mittagspause und zum Antreten am Abend heulte im Steinbruch die Sirene. Im Marsch- Marsch- Tempo stürmten die Häftlinge den Steilhang hinunter, um sich das Eßgeschirr zu holen, dann auf einer anderen Seite den Hang hinauf bis zum höchsten Punkt der Werkstraße, wo mittags das Essen ausgeteilt, abends zum Abmarsch angetreten wurde. Diese Hetzjagd über Stock und Stein, hinauf, hinunter, riẞ den älteren Gefangenen an der Herzmuskulatur. Ich war 54 Jahre alt, als ich sie durch zwei Monate täglich mitmachen mußte und habe davon ein Andenken fürs restliche Leben. Wer nicht rasch genug den Berg hinaufkam, wurde von den SS- Chargen mit der Pistole ermuntert oder mit Steinen beworfen. Ein SS- Obersturmführer, der später im Lager Buchenwald eine Rolle spielte, stellte sich gerne zu einer mannshohen Steinstufe und schlug die Gefangenen, die hier passieren mußten, mit einer Eisenstange ins Kreuz. Bis zum Abend war täglich eine Anzahl Häftlinge ,, fertig gemacht", das heißt, durch Steinschlag verletzt oder bei der Arbeit zusammengebrochen. Sie durften keinesfalls vorzeitig den Arbeitsplatz verlassen, sondern blieben bis zum Abmarsch irgendwo liegen und wurden erst dann von Mithäftlingen bei den Händen und Füßen gepackt und ins Lager mehr gezerrt als getragen. Tote und Schwerverletzte wurden auf einer kleinen Steintrage transportiert, über die sie quer hinunterhingen. د, An den Sonntagen gab es Strafarbeit. Schauplatz dieser Veranstaltung war der kleine Steinbruch im Lager selbst, der in der Lagersprache Olberg" hieß. Die Zahl der Straffälligen wurde vom Lagerführer im vorhinein festgesetzt, meistens 250 bis 300 Mann. Die Vorarbeiter und Blockältesten hatten nun dafür zu sorgen, daß auf jeden Fall so viele Straffälle gemeldet werden. Die Arbeit bestand darin, schwere Steinblöcke vom oberen Rand des Bruches über ungefähr hundert elende Stufen bis zum Appellplatz hinunterzutragen, pausenlos von früh bis zum Eintritt der Dunkelheit. Eine Gruppe ,, grüner" Vorarbeiter wachte darüber, daß genügend schwere Blöcke aufgenommen wurden, eine andere Gruppe verteilte sich längs der Stiege und sorgte für ein gehöriges Eiltempo. I a h K n 76 - In der ersten Dezemberhälfte traten die ersten Erkrankungen an Ruhr auf. Der Lagerarzt erkannte sie nicht oder wußte sich aus Unerfahrenheit nicht zu helfen und traf keine Gegenmaßnahmen, ja die ersten Kranken wurden überhaupt nicht anerkannt. Ich selbst habe die Ruhr der Arzt hatte mich im wesentlichen im Steinbruch überstanden, mit einigen Portionen Tierkohle abgefertigt. So stand ich im Sturm und Schnee dieses Dezembers 1939 fiebernd an der Schaufel, kaum mehr fähig, sie zu heben und dabei jeden Augenblick in Sorge, bei„, Faulheit" ertappt zu werden. Bei jeder lebhaften Bewegung entleerte der Darm eine schleimige Flüssigkeit in die Hose. Zwei oder drei Mitgefangene versteckten mich dann und wann hinter einem Felsen und deckten mich mit ihren Körpern gegen Sicht, um mir so eine Atempause zu verschaffen. Schon traten zeitweise Trübungen des Bewußtseins ein, ich erwartete von einer Stunde zur anderen das Ende. Da keine Möglichkeit bestand, den Körper zu reinigen und die beschmutzte Wäsche zu wechseln, ekelte' mich vor mir selber bis zum wie viele andere Gefangene Erbrechen. Zu all dem hatte ich mir- - sehr schmerzhafte Erfrierungen an den Füßen zugezogen. In dieser Verfassung blieb ich bis kurz vor Weihnachten im Steinbruch. Nur der härteste Wille zum Leben, der brennende Wunsch, einen Tag der Vergeltung zu erleben, hielt mich aufrecht. Indessen machte die Seuche rasche Fortschritte. Viele Leute, auch weit jüngere als ich, brachen zusammen und starben. Dabei gab es kaum ein Medikament und zu essen nichts als Krautsuppe, Rübensuppe, Pellkartoffeln und etwas Kommißbrot. Ein Seuchentod von katastrophalem Ausmaß schien unabwendbar. Da wurde der österreichische Arzt Doktor Hittmaier, ehemals Primarius am Krankenhaus in Wels, zum Retter seiner Mitgefangenen. Hittmaier durfte zunächst, wie alle gefangenen Ärzte, keinerlei ärztlichen Dienst versehen. Als aber die Ruhr immer weiter um sich griff, entschloß sich der junge SS- Arzt, den erfahrenen Praktiker zu Rate zu ziehen und ihn als Krankenwärter in das Häftlingsspital zu kommandieren. Dank seiner fachlichen und menschlichen Überlegenheit hatte er alsbald die Seuchenbekämpfung in die Hand bekommen. Vor allem gelang es ihm, der SS klar zu machen, daß auch für sie akute Ansteckungsgefahr bestehe und daher eine vollkommene Absperrung der Häftlinge von der SS notwendig sei. Das wirkte. Augenblicklich hörte jeder Kontakt zwischen den Häftlingen und ihren Peinigern 77 auf. Die Arbeiten wurden sofort eingestellt, die Gefangenen durften: die Baracken nicht mehr verlassen, der Stacheldraht schloß sich hinter uns so dicht, daß selbst das Brot nicht mehr ins Lager geführt, sondern über den Stacheldraht geworfen wurde. Die Qual des Steinbruchs war zu Ende, auch der Frost dieses harten Winters: 1939/40 konnte uns nicht mehr tödlich anfassen und von der SS sahen wir wochenlang überhaupt nichts mehr. Der Arbeitstag Hittmaiers aber zählte jetzt 24 Stunden. Tagsüber ordinierte er von früh bis spät im Häftlingsspital oder in den Baracken, nachts stand er als Helfer und Tröster unter den Schwerkranken, Ver- zweifelten und Sterbenden. Die Sterblichkeit blieb immer noch groß, aber eine Katastrophe von dem Ausmaß, wie sie sich zur gleichen Zeit in Mauthausen ereignete, blieb abgewehrt. Während so viele deutsche Ärzte ihre Wissenschaft für Henker- und Schlächterdienste zur Ver- fügung stellten, hat Doktor Hittmaier, im Kleid und mit der Nummer eines Sträflings, die Würde seines Berufes in den Bezirk edelster Mensch- lichkeit emporgehoben. Nun blieben wir wochenlang in dem stinkenden Pferch der Baracken. Geschirr putzen, Spind schmirgeln, Betten„bauen“, Marschlieder ein- üben, Schule über Lagerdisziplin und Lagerordnung, hauptsächlich aber stundenlanges Vorsichhinstarren in einem Gedränge Kopf an Kopf, das füllte den Tag aus. Die Lebensbedingungen wurden immer ‚ekliger, wir hatten seit September nicht gebadet, kaum einmal die Wäsche gewechselt und oft gab es zu wenig Wasser, um auch nur die: Hände abzuspülen. Die Klosette durften wegen der Gefahr einer Seuchenverbreitung nicht benützt werden. Als Ersatz dienten für fast 400 Häftlinge zwei in Holzkisten eingelassene Kübel, die zeit- weise in einem Winkel des Lagers entleert wurden. Das gebrauchte Klosettpapier wurde in eine Kiste geworfen. Wenn die Kiste voll war wurde sie in die Wohnstube getragen und dort wurde der appetitliche Inhalt stückweise verbrannt! Der Kohlenvorrat ging zu Ende, man heizte schon mit Stroh aus den Strohsäcken der Ruhrver- dächtigen. In den Schlafsälen konnte überhaupt nicht geheizt werden, auch nicht bei minus dreißig Grad. Als eine Wohnbaracke für Spitals- zwecke freigemacht werden mußte, trat ein solcher Überbelag ein, daß die meisten Häftlinge auf dem Boden schliefen. Als ich eines morgens. erwachte, konnte ich nicht gleich aufstehen, denn ich war mit meinem Mantel an die Barackenwand angefroren. 78 Mitte Februar 1940 war die Seuche erloschen, die Kontumaz wurde gelockert und verschiedene Anzeichen berechtigten zu der Hoffnung, daß unsere Tage in Flossenbürg gezählt seien. Damals wurden wir zum erstenmal gebadet. Dieses Ereignis war für den Lagerbetrieb so charakteristisch, daß es einer kurzen Schilderung wert ist. Das Kommando über das Bad führte der berüchtigte Lagerälteste persönlich, unterstützt von einigen seiner Komplicen. Wir hatten in Gruppen zu 25 bis 30 Mann anzutreten und uns in einem eisigen Vor- raum zu entkleiden. Dann betraten wir ohne Seife und Handtuch den Baderaum. Der Lagerälteste kommandierte zunächst einige Male„Hin- legen! Auf! Hinlegen!“ und achtete darauf, daß wir uns mit vollem Schwung auf die Steinfließen warfen. Dann wurden für wenige Minu- wen die Brausen aufgedreht. Während sich dies im Baderaum abspielte, stürzten sich die Komplicen des Lagerältesten im Vorraum auf unsere Kleider, warfen sie durcheinander und raubten alle kleinen Habselig- keiten, die der eine oder der andere in den Taschen hatte. Nun wurden wir triefnaß in den Vorraum zurückgejagt und mußten unter Püffen und Schlägen binnen fünf Minuten geräumt haben. Keiner fand in der Eile unter den durchwühlten Sachen seine Kleider und Wäschestücke, keiner hatte Zeit, sich anzukleiden. In Hemd und Unterhosen, mit rasch zusammengerafften Kleidern in der Hand, mußten wir bei schneidendem Frost in die Baracke zurückmarschieren. So wurde in Flossenbürg gebadet. i Ende Februar ging es noch einmal in den Steinbruch. Der Schnee lag einen Meter hoch, alle die Granittrümmer, Risse und Löcher waren einförmig zugeweht, ein unvorsichtiger Schritt genügte, um bis zu den Hüften einzusinken oder gefährlich auszugleiten. Wieder blieben wir vem Morgen bis zur Abenddämmerung an der Schaufel, wieder waren wir durchnäßt und durchfroren, wieder gab es Verletzungen die Menge, aber wir waren guter Dinge, denn wir wußten daß die Stunde des Ab- schieds aus der Hölle geschlagen hat. Am ı. März 1940 rückten wir aus Flossenbürg ab. Die Zusammen- arbeit der SS mit einer Gruppe dienstwilliger„Grüner“ erreichte an diesem Morgen ihren Höhepunkt. Wir hatten blockweise aus dem Lager auf den Bahnhof zu marschieren. Vorher wurden wir aber in eine halbfertige Baracke geführt, dort unter den Augen der beifällig lachenden SS überfallsartig von„Grünen“ splitternackt ausgezogen, nach unerlaubten Gegenständen, insbesondere Notizblättern, durch- 79 sucht und bei dieser Gelegenheit endgültig und restlos ausgeraubt, bis auf die Taschentücher und das letzte Stäubchen Tabak... Es gibt gewiß viel ärgere Verbrechen als dieses, aber ein organisierter Raub- überfall auf wehrlose Gefangene, die ohnedies nichts mehr haben als Schmutz und Hunger, bedeutet doch einen nicht mehr zu überbieten- den Akt menschlicher Gemeinheit. Und gerade dieser Akt vollzog sich unter Aufsicht des Lagerführers und der SS. Die Fahrt über Weiden—Regensburg— München dauerte zwölf Stun- den. Gegen Mitternacht trafen wir auf dem Bahnhof Dachau ein. Nach kurzem Tauwetter hatte wieder scharfer Frost eingesetzt, die Straßen waren spiegelglatt wie eine Eisbahn, wir mußten uns reihenweise unter den Armen fassen, um schrittweise vorwärts zu kommen. So rutschten und taumelten wir nach fünfmonatiger Abwesenheit in unser Stamm- lager zurück. Mit dem Gefühle, einer Hölle entronnen zu sein, waren wir in all den Jahren deutscher Schmach wohl die ersten, die sich freu- ten, die Maschinengewehrtürme des KZ. Dachau wiederzusehen. Een a uk m H D u d Sc Schuld und Sühne Zur Feststellung und Bestrafung der Personen, die für die Greueltaten in den Konzentrationslagern verantwortlich sind, ist jetzt ein langwieriges, aber im Grunde doch sehr einfaches Verfahren notwendig. Die Tatbestände sind ja längst kein Geheimnis mehr und es stehen mehr Zeugen zur Verfügung, als man jemals vernehmen kann. Kritik an der langen Dauer der Prozesse ist durchaus unbegründet. Die Kritiker mögen bedenken, daß unter ihrem Regime Hunderttausende jahrelang ohne Anklage und Urteil hinter dem Stacheldraht gesessen sind. Zu der Frage, nach welchen Grundsätzen die Strafen verhängt und vollzogen werden sollen, möchte ich mich aus einem bestimmten Grund, über den gleich zu sprechen sein wird, auf die Ansicht eines hohen deutschen Verwaltungsbeamten und Juristen berufen: ,, Alle Verbrechen, die die Nationalsozialisten begangen haben, müssen- in entsprechender Analogie nach jenen Gesetzen, allgemeinen Rechtsnormen und Modalitäten des Strafvollzuges gesühnt werden, die zur Zeit der Tat in Kraft standen, nicht aber nach den humanen Gesetzen und Methoden, die nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches zur Geltung kommen werden." - Ich berufe mich auf diese Meinung, denn sie ist ein Vermächtnis eines sehr verehrungswürdigen Mannes, dem es nicht mehr vergönnt war, den Zusammenbruch des Dritten Reiches zu erleben. Er äußerte sie wenige Wochen vor dem 20. Juli 1944, als wir uns in der Verborgenheit eines kleinen Dorfes im Westerwald über vergangene und kommende Dinge unterhielten. Bald darauf endete er auf einem Galgen Hitlers, der Reichskommissar und Oberbürgermeister von Leipzig, Doktor Goerdeler. Er hat sein Volk leidenschaftlich geliebt und an der deutschen Schmach schmerzvoll gelitten. Sein Einsatz, über dessen Höhe er sich keinem Zweifel hingab, war vergeblich, das deutsche Volk muẞte den Kelch bis zur letzten Neige leeren, aber er ist als Held für sein Volk gefallen. Dies der Grund, warum ich seine Meinung über Sühne und Strafvollzug hier festhalte. 6 Nacht über Deutschland 81 Die Anklage, die oft zu hören ist, geht über die Gestapo, die SS und die Partei hinaus, bis zu der Generalanklage: Das ganze deutsche Volk ist schuldig. Mit dieser Formulierung ist die Gefahr gegeben, daß die sittliche Forderung nach Gerechtigkeit auf die Rutschbahn der Politik gerate, „Volk“ schlechtweg bezeichnet ja nicht mehr als eine amorphe Masse von Einzelindividuen. Erst die politischen, sozialen und militärischen Organisationen machen aus dem Volk einen lebendigen, willens- und handlungsfähigen Organismus. Nachdem es dem Nationalsozialismus im Jahre 1933 gelungen war, alle ihm nicht zusagenden Organisationen, von den großen Parteien und Gewerkschaften bis zum letzten Gesangs- verein, zu zerschlagen, blieb außerhalb der Partei nichts anderes übrig als die amorphe, unorganisierte und unorganisierbare Masse, ausge- liefert einem bis zur letzten Konsequenz gesteigerten Terror und ohne alle Möglichkeit und Mittel, einen Willen zur Geltung zu bringen. Ob dieses gestaltlos gemachte Volk außerhalb der braunen Partei von den Zuständen in den Konzentrationslagern viel oder wenig gewußt hat, ist eine Frage zweiter Ordnung. Ich habe nach meiner Entlassung aus der Haft feststellen können, daß viele Leute sehr genau informiert waren, andere wenig oder nur gerüchteweise. Wie dem auch sein mag, für eine wirksame Reaktion gegen den Terror hätte es einer über- legenen Waffengewalt bedurft. Proteste im Namen des Rechtes und der Menschlichkeit waren zwecklos, und wo sie doch ausgesprochen wurden, haben sie nur die Zahl der Häftlinge und der Todesopfer vermehrt. Man kann eben eine tobsüchtig gewordene Staatsgewalt nicht mit Argumenten zur Vernunft bringen, ausgenommen jene Argu- mente, die die alliierten Armeen von Stalingrad bis Berlin, von El Alamein bis zu den Alpen und von der Normandie bis über die Elbe zur Geltung gebracht haben. Eine Organisation außerhalb der braunen Partei war allerdings er- halten geblieben: Die Wehrmacht zu Lande, zur See und in der Luft. Sie-war lange Zeit die Hoffnung des gesitteten Deutschland und hat diese Hoffnung bitter enttäuscht. Die wenigen Generale in führenden Stellungen, die nach Intelligenz und Charakter befähigt gewesen wären, der braunen Flut ‚rechtzeitig einen Damm entgegenzusetzen, wurden umgelegt oder: beseitigt. Es gab viele brauchbare General- stäbler und gut ausgebildete Kriegshandwerker aller Zweige, tapfere Soldaten, tüchtige Organisatoren, aber keine überragenden Köpfe und 82 di keine Führerpersönlichkeiten mit Zivilcourage und Rückgrat. Die Generale und hohen Offiziere, die in Haltung und Auftreten noch immer die preußisch- deutsche Soldatentradition verkörpern wollten, beugten sich vor einem Parteiführer mit anrüchiger Vergangenheit, nahmen Orden und Marschallstäbe aus seiner Hand entgegen und ließen sich als willige Werkzeuge einer Gewaltpolitik gebrauchen, die mehr den Begriffen der Gangstermoral als der Soldatenehre entsprach. Manche dieser Herren verachteten die Partei und alle die Zwielichtexistenzen, die sie über Nacht an die Oberfläche der Nation geschwemmt hatte, aber die Aussicht auf totale Wiederaufrüstung mit allen ihren sachlichen und persönlichen Chancen und die Hoffnung auf einen billigen Sieg überwogen alle Bedenken. - So sah sich der Deutsche außerhalb der Partei ohne jeden Rückhalt im auch eigenen Lande und auch ohne Rückhalt in aller Welt. Jawohl, in aller Welt. Das ist freimütig auszusprechen, wenn von Schuld die Rede ist. Vom Jahre 1933 bis zum Jahre 1939 ergab sich der zwingende Eindruck, daß die internationale Stellung der braunen Regierung fester und stärker sei als die jeder anderen deutschen Regierung zuvor. Was immer sich Hitler auf dem Boden der europäischen Politik erlaubte, er fand keinen ernsten Widerstand. So konnte er im Februar 1938, bei der Begegnung in Berchtesgaden, dem österreichischen Bundeskanzler hochmütig erklären, eine gewaltsame Besetzung Österreichs wäre für ihn viel weniger riskant als seinerzeit die Remilitarisierung des Rheinlandes. Er hat recht behalten. Auf den Raubzug gegen Österreich und die sudetendeutschen Gebiete folgte die Konferenz zu München, die als internationale Sanktionierung der Gewaltpolitik aufgefaßt werden mußte, und auf die Konferenz zu München folgte unter den Augen eines zwar nicht schweigenden, aber passiven Europa der Gewaltstreich gegen die Tschechoslowakei. Alles das war für eine innerdeutsche Opposition höchst entmutigend und legte dem parteipolitisch neutralen und um das liebe Brot besorgten Staatsbürger den Gedanken nahe, daß das Regime wahrscheinlich sehr lange dauern werde und es daher zweckmäßig sei, sich mit ihm abzufinden. Dennoch kann man das deutsche Volk in seiner Gesamtheit verantwortlich machen, aber die Schuldfrage darf sich dann nicht auf den engen Zeitraum von 1933 bis 1945 oder auf das Faktum Konzentrationslager im besonderen beschränken, sondern muß vielmehr im weiten Raum der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts die 6* 83 geschichtsphilosophische Formulierung erhalten, wie es denn möglich war, daß ein so großes, tüchtiges und arbeitsfrohes Volk, das nicht nur die erste Militärmacht der Welt war, sondern der Welt auch unvergängliche kulturelle Werte jeder Art und Fülle gegeben hat, in die Hände von Verbrechern und Abenteurern geraten konnte, die es in Schmach und Untergang geführt haben. Die Antwort auf diese Frage kann nicht so leicht gegeben werden wie auf die einfache Frage nach den Schuldigen an den Greueltaten von 1933 bis 1945. Hier sind Schuld und Schuldlosigkeit, Recht und Unrecht unentwirrbar verflochten, der Ankläger kann aus den Ereignissen und Zuständen im Deutschen Reich unserer Epoche ebensoviele begründete Argumente holen wie der Verteidiger. Aber die Resultierende aus allen Kräften des Guten und des Bösen war eben diese: das Verbrechen konnte sich auf den Thron setzen und fand Millionen begeisterter Anhänger, Männer und Frauen, nicht nur in der Hefe des Volkes, sondern in allen Schichten und Ständen bis hinauf zum Hause Hohenzollern. So zeichnet sich gewiß eine Schuld ab, die auf die ganze Nation fällt. Aber es ist eine tragische Schuld, eine echte tragische Schuld von erschütterndem Ausmaße, über die nicht der ewig irrende und fehlende Mensch, sondern Gott allein zu richten hat, gerichtet hat. - Ein Da Er H G Z La V T H Fl F S 84 Inhaltsverzeichnis: Eine Reise von Wien nach Dachau. Das Lager. Erinnerungen an die SS 6 I I IS Häftlinge aller Art. Grauer Alltag. Zwangsarbeit Lagerstrafen. • Vom Kranksein und Sterben. Tierversuche an Menschen Hinrichtungen • Fluchtversuche. Fünf Monate im Lager Flossenbürg Schuld und Sühne. 21 31 39 47 53 60 63 66 70 81 85 Todesfälle 27/2 1947 Ein Ritter ohne Furcht und ohne Tadel Am 27. Februar verschied in einem Innsbrucier Sanatorium der ehemalige Bundeskommissär für Propaganda, Oberst a. D. Walter Adam. Langjährige K3.- Haft hatte seine Gesundheit untergraben. Mit Oberst Adam ist ein echter österreicher und Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle von uns geschieden. Es war ergreifend, das Martyrium dieses ritterlichen Menschen in dem Inferno von Dachau und in der Hölle des Flossenbürger Steinbruches mitzuerleben. Inmitten einer Atmosphäre des Hasses und der Gemeinheit kündete weiter jedes seiner Worte und jede seiner Gesten Vornehmheir und edelste Gesinnung. Noch sehe ich in seinen Augen den Glanz, wenn er mir von alter und ruhmvoller Zeit zu erzählen wußte und ich habe ihn verehrt als Repräsentanten jenes Menschentumes, fern von dem, nach dem Dichterwort ,,, in wefenlosem Scheine das Gemeine lag". Aber Dachau war nicht das Ende feines Lebens, es war seine letzte Bewährung. Aus dem alten Offizier wurde nun der standhafte Miles Christi, der tapfere Soldat Gottes. Nun danken wir dir, lieber Kamerad daß du uns allen in schweren Jahren Vorbild gewesen bist. So oft find wir an jedem Morgen hinausgewandert in einer Reihe, in den trüben Tag des Dachauer Moores. Jeder Morgen dieser ermuti gende Händedruck von dir, wie eine ausgesprochene Bitte: Komm. geh mit mir gemeinsam die Via Crucis! Nun hast du deinen Lauf tapfer vollendet. Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nit! Ludwig Stratmann.