K. A. GROSS Fünf Minuten vor Zwölf Military Government Information Control Licence Number US-E-ı10 Druck: R. Oldenbourg, München K. A. GROSS FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen DACHAUER TAGEBÜCHER DES HÄFTLINGS NR. 16921 N NEUBAU VERLAG V Dieser Band bringt den Schluß der Dachauer Tagebücher, deren erster Teil in dem Buche„2000 Tage Dachau, Erlebnisse eines Christenmenschen unter Herren- menschen und Herdenmenschen‘ vom NEUBAU-VERLAG in München ver- öffentlicht worden ist. DEM FREUNDE DER GEFANGENEN HERRN PROPST HEINRICH GRÜBER IN BERLIN DER 48 HAFTLINGE AUS KONZENTRATIONSLAGERN BEFREITE IN DANKBARKEIT ER WEISS VIEL TAUSEND WEISEN, ZU RETTEN AUS DEM TOD. DIE ARMEN TUT ER SPEISEN ZUR ZEIT DER HUNGERSNOT, MACHT FRISCHE, ROTE WANGEN AUCH BEI GERINGEM MAHL, UND DIE DA SIND GEFANGEN, DIE REISST ER AUS DER QUAL. PAUL GERHARDT / LETZTE WEIHNACHT IM KZ. Traurige Weihnacht heuer! Die Post streikt und die Pakete bleiben ans. Der Generaldirektor hat Wünsche, kommt aber nicht auf seine Rechnung. Der Knabe Hiob, entdeckt eine Laus. Ist's eine Kattunlaus oder eine echte? Der Stubenälteste macht einen Baum, aber die Gestreiften stehen vor leeren”Spinden.‘ Kunstgenuß mit kalten Füßen. Kaiser, Wilhelm, zündet Kerzen an, hält eine Weihnachtsrede und gibt eine Weissagung ab. Hiob braucht nicht ins Lausebad und geht dafür zur Christvesper. Der Weihnachtssalat bleibt in der Vergangenheit stecken. Illegale Christvesper. Abendmahl unterm Lichterbaum. Blutcapo Stirnmann bei Hirten und Herden. Weihnachtssensation auf dem Pfarrerblock. Des Knaben Hiob unweihnachtliche Erinnerung. Spät kam er, doch er kam. Dachau im Schnee, aber wir sehen nichts davon. Der Knabe Hiob wird zum Schluß bestohlen, kriegt aber ein Silvesterpaket und steckt den Kameraden’was in den Mund, dagegen bedankt sich M., der Sterngucker, für einen Heiland aus “ Judas Stamm. 10 - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - 24. Dezember 1944. Traurige Weihnacht heuer! Keine Strümpfe, keine Handschuhe, keinen Mantel! Und dazu diese Hundekälte! Die Stuben sind überfüllt, daß sie bayerischen Schenken am Jahrmarkt gleichen, wo einer über die Füße des andern fällt. Auch die Gänge stehen bis auf den letzten Mann voll; die allgemeine Reizbarkeit, die diese fürchterliche Enge hervorruft, läßt den einen zum Teufel des andern werden. Und keine Pakete: ins Lager sind heute, am Heiligen Abend, ganze 46 gekommen statt der Tausende, die erwartet wurden. Wir führten diesen Ausfall darauf zurück, daß die Bahnhöfe ausgebombt worden wären bei dem letzten schweren Angriff auf München. Aber heute brachte die Post eine andere Lösung des Rätsels; die ,, Nachbarin" schrieb mir aus Berlin, daß für den Bezirk 13 a das ist eben der unsrige Postsperre verhängt worden sei; sie hätten vergeblich versucht, ein Paket aufzugeben. Das war ein Schlag! Da kann natürlich nichts kommen, wenn nichts abgesandt wird! Wenn der Bach schon an der Quelle verstopft wird, kann man sich da wundern, daß kein Tröpfchen die Durstenden erreicht? Und während vorher noch eine blasse Hoffnung darauf bestand, daß der Bombenhagel nicht unsere ganze Weihnachtsernte vernichtet hätte, so wurde nun auch dieser letzte barmherzige Funke unweihnachtlich ausgelöscht. So kommt der Brotlaib zu Ehren, den wir vom Porzellan samt einer Schachtel Zigaretten, in rotes Seidenpapier gehüllt, als ,, Christkind" bekommen hatten, wohl das einzige Kommando, das so ausgezeichnet worden war. Der ,, Generaldirektor" wollte sich zwar nicht damit zufrieden geben, denn auf Grund einer pfundigen Parole war er davon überzeugt, daß die Brotlaibe garniert würden mit Katoffeln, Nüssen, vielleicht sogar mit Äpfeln, und war enttäuscht, als es ,, nur" Brot gab. Man merkt ihm den Neuling doch auf Schritt und Tritt an; M., der alte Lagerhase, erzählt ihm LETZTE WEIHNACHT IM KZ I I zur Unterrichtung, dies sei das erstemal, bei der sechsten Lagerweihnacht, daß er überhaupt etwas bekomme. Der Knabe Hiob lebt in tausend Ängsten; der Teufel droht ihm einen argen Strich durch die Weihnachtsrechnung zu machen: bei der Lauserei haben sie gestern abend wahrhaftig eine Laus in seinem Hemd ausspioniert. Er behauptet zwar, es sei keine Laus, sondern nur ein Läusebastard aus Kattunwolle gewesen. Aber wer die Macht hat, hat auch das Recht, auch das Recht der Auslegung, ob ein Gebilde den echten oder den Bastardläusen zuzurechnen sei. Und so wird er denn in den sauren Apfel beißen und sich statt dem illegalen Zug zur Christvesper der legalen Prozession zum unfeierlichen Entlausungsbad anschließen müssen. Die Hygiene über alles, auch am Heiligen Abend, und wenn sie mit dem Opfer der Gesundheit erkauft werden müßte- das ist wohl klar; die klare Dachauer Logik in ihrer auf dem ganzen Erdball anerkannten Schärfe will es einmal so und kann auch am heutigen Abend keine unhygienische Ausnahme gestatten: wo kämen wir da hin? Meist dauert die wichtige Prozedur mit all ihren Schikanen vom Mittage des Sonntags bis zum andern Morgen. So winkt ihm die tröstliche Aussicht, die Heilige Nacht im Entlausungsbad zubringen zu müssen, wenn der nicht in die Speichen des Geschehens eingreift wie schon so oft, der in dieser Nacht seine Menschenfreundlichkeit in besonderer Weise aufleuchten ließ. Einen Baum hat der Stubenälteste gemacht, der sich sehen lassen kann. Er ist über und über bedeckt mit herrlichen Silberfäden, so daß vom Tannengrün nichts mehr zu sehen ist. Mit den Lichtern ist es indessen traurig bestellt: ein einzig bleichsüchtig Kerzlein hält die Wacht. Dafür prangen an vielen Ästen rote Papierrosen, die glänzenden Glaskugeln notdürftig ersetzend, in welchen sich ehedem der Schimmer der Kerzen so reizend und tausendfältig spiegelte. I2 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Der Nachmittag dehnt sich in die Länge. Die wenigsten wissen etwas mit ihrer Zeit anzufangen, die so furchtbar von der Fron der Sklaverei gepreßt sind. Wer es kann, flüchtet sich in die angenehme Unterhaltung des Essens. Wer es kann! Bei den meisten sind die Teller leer und die Spinde chemisch sogar von allen Brosamen rein, bieten also das längst erstrebte Bild der Vollkommenheit, bei dem jedem Stubenältesten das Herz im Leibe lachen muß... Etliche Einspänner, die sich um dieses Ideal der Ordnung nicht kümmern, sich aber trotzdem ganz glücklich fühlen auf der niedrigeren Stufe, die sie erreicht haben, treffen geheimnisvolle Vorbereitungen, als ob sie sich selbst zu Weihnachten überraschen wollten-wer weiß, vielleicht durch ein Festmall? Da wird, unklar ist's aus welchen Winkeln und unordentlichen Hintergründen, Margarine herbeigeschleppt, werden Kartoffeln geschält, da wird mit Mehl hantiert, mit Knochen jongliert, mit Eiern geprunkt, mit Zucker versüßt, und bald ist's nicht mehr zu verbergen: holde, süße Düfte dringen vom Ofen her an die Nasen der Zaungäste, die nur von den Gerüchen leben, und denen Tantalusqualen zu erdulden, am Heiligen Abend nicht erspart bleibt. Denn arm und reich stoßen hier viel unvermittelter aneinander als sonstwo in der Welt, und das in einer Gesellschaft, die doch ganz auf gleich und gleich aufgebaut ist, nachdem wir alle in sie im Baderaum mit Adams Kleidung eingetreten waren und alle Unebenheiten, die uns draußen einschließlich der hohen Titel und Orden noch anhaften mochten, mit dem Brausebad weggespült hatten. Oder wo sonst sind die Armen genötigt, mit den Reichen an einer Tafel zu sitzen und bei hungrigem Magen, gelüstigem Gaumen und gieriger Seele die Düfte einzusaugen, die von lecker bereiteten Pfannkuchen aufsteigen: dazu mit traurigem Lächeln anzusehen, wie die beati possidentes( die glücklichen Besitzer) einen fetten und süßen Bissen nach LETZTE WEIHNACHT IM KZ 13 dem andern in den Mund stecken, während es ihnen an einem Stückchen trockenen Brotes fehlt, den knurrenden Magen damit zu stillen? So flüchten sich viele in die Kunst. Im Baderaum ist Konzert angesagt, also den Hocker hoch und durch die Kälte zum Badehause marschiert, um auf den Wogen der Töne ins Land des Vergessens zu schwimmen. Mozart soll gegeben werden und sonst noch Gutes. Ich habe keine Lust- nicht, weil ich Mozart nicht für lagerfähig hielte, sondern weil ich das Gedränge fürchte. Denn es wird noch enger hergehen als auf dem Block, und noch liegt mir der Kinobesuch in den Gliedern vom letzten Sonntag: da ließen sie uns, um uns in der Beständigkeit zu prüfen, eine Stunde lang in der Kälte draußen warten; dann eine Stunde drinnen, um uns in der Geduld zu üben, und wer dann noch keine kalten Füße hatte, der besaß das Attest, daß er nicht nur ein kerngesunder Mann, sondern auch ein entbehrungsfreudiger Jünger der Kunst sei. Ich bin aus Verzweiflung auf Grund der kalten Füße davongelaufen, auf beide Atteste und den Film dazu verzichtend. In Erinnerung an diese Prüfungen ziehe ich es vor, auf dem Block zu bleiben und einem Kunstgenuß zu huldigen, den ich nicht mit einem Paar kalter Socken zu bezahlen brauche. Ich stürze, mich über eines meiner geliebten Bücher und vergesse in seiner Gesellschaft gar bald, ,, was mich quält, was mir fehlt", mit der jahrtausendealten Selbstsucht der Lesenden. Es ist dunkel geworden, und sie haben die Schlafdecken vor die Fenster gespannt, welche die Wärme im Zimmer halten und das Licht nach außen abdunkeln sollen. Die elektrischen Birnen sind angeknipst, ihrem Licht fehlt aber die strahlende Fülle eines Festfeuers. Es will keine rechte Stimmung aufkommen:" denn wo die Sache fehlt, verliert sich auch die Stimmung. Und die Sache, das ,, Gott mit uns" des Weihnachtswunders, haben wir die nicht schon längst 14 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF verloren? Drum laß nur die letzte Kerze unangezündet, Stubenältester, die rettet die Stimmung auch nicht, und vielleicht brauchst du sie noch im nächsten Jahr, wer weiß? Aber seht, was Kaiser, Wilhelm( der Künstler, nicht der Kaiser), tut! Er gibt sich nicht mit seiner dunklen Lage zufrieden, nein, er ist Künstler und hält poetische Möglichkeiten der Beleuchtung bereit. Was holt er da aus seinem Spinde hervor? Beim Schnurrbart des Führers: einen grünen Kranz aus Tannenreisig, einen richtigen Adventskranz. An ihm befestigt er vier Kerzen, die er zeremoniös anzündet. Und jetzt gewann die Stube einen traulichen Glanz.( Nachher soll's freilich noch schöner werden, da kommt der eigentliche Höhepunkt des Abends, auf welchen sich einige stille Menschen schon längst gefreut haben: die Christvesper auf dem geistlichen Block, zu welcher wir als Zaungäste eine illegale Einladung bekommen haben). Und hört, was Kaiser, Wilhelm, noch weiter tut zum Heil der Stube! Er gibt ein Zeichen, genau wie es draußen die Tischredner tun, wenn sie ihre Mitlebenden darauf aufmerksam machen wollen, daß sie bereit seien, eine Rede zu tun zum allgemeinen Besten. Ums Himmels willen, was ist in den Mann gefahren? Er wird doch nicht... das wäre unerhört und würde seiner ohnehin gemäßigten Popularität auf der Stube den Garaus machen( als Künstler ist er Intellektueller, und als Intellektueller steht er unter dem Scherbengericht). Aber er stand wirklich auf, wie es die zu tun pflegen, die eine Rede halten wollen zum allgemeinen Besten der Tischgäste, tat seinen Künstlermund auf und hielt folgende Ansprache an das atemlos lauschende Stubenvolk: ,, Freunde! Wir glauben wohl mit Recht, daß wir das letzte Mal Weihnachten feiern im KZ. Da drängt es uns, einen dreifachen Gruß zu richten an Menschen, die uns in dieser Stunde doppelt teuer sind: LETZTE WEIHNACHT IM KZ 15 Wir grüßen erstens die Kameraden, die zehn Jahre und länger hier sind zwischen dem elektrisch geladenen Draht. Wenn je von Helden gesprochen werden kann, so sind sie Helden des Duldens gewesen! Wir grüßen unsere Lieben zu Hause, von denen wir oft nicht wissen, ob sie noch am Leben sind. Wir grüßen unsere Kinder, denen unsere Hoffnung gilt, um deretwillen wir hier leiden und kämpfen. Wenn wir wieder hinauskommen, so haben wir keine leichte Zeit vor uns. Es gilt für uns, wieder aufzubauen, woran wir in Jahrzehnten gearbeitet haben, das friedliche Zusammenleben der einzelnen und der Völker, damit sich endlich erfülle, was uns in dieser Nacht zugerufen wurde aus himmlischen Höhen: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Der gute Mann! Solche oratorischen Fähigkeiten hätte ihm mancher nicht zugetraut. Freilich, er hätte tiefere Klänge aus der Engelsbotschaft anschlagen können. Aber immerhin, es hat der Stube wohlgetan, nach langer Pause endlich einmal ein Wort zu hören, das von Herzen kam und zu Herzen ging, ein menschlich Wort von Liebe und Frieden an Leute, die nur Worte des Hasses und der Miẞgunst zu hören gewohnt waren. Ob freilich die Prophezeiung in Erfüllung gehen wird wer weiß es? Noch jede Weihnacht von der ersten im Jahre 1939 an haben uns die Propheten versichert: ,, Es war die letzte Kriegsweihnacht, nächstes Jahr ist Friede!" Aber nichts glaubt der Mensch lieber als das, was er wünscht. Christfest, 25. Dezember 1944. Die menschenfreundliche Hand hat eingegriffen zugunsten des Knaben Hiob: er brauchte sich nicht mehr der unfeierlichen Prozession zur Entlausung anzuschließen. Das Unbegreifliche war Ereignis geworden: sie fiel aus. So konnte 16 - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF er zur Christvesper gehen, und das war, wenn auch das Verbotene oder gerade deswegen?, das weitaus Schönere. Er wird sie auch nicht so schnell vergessen, wenn alle Entlausungen schon längst vergessen sein werden. Stephanustag, 26. Dezember 1944. Vierzehn Grad Kälte und diese eisigen Füße! Dazu der Hunger! Der festliche Kartoffelsalat, der in den Vorjahren dem Ereignisse vorausgeeilt war, war in der Vergangenheit stecken geblieben und trotz aller aufgewandten glühenden Wünsche nicht in die Gegenwart herbeizuzerren, das Buch der Lagerparolen um ein leidiges Kapitel vermehrend. Ich hielt mich an die geistige Speise und las die ,, Heiligen Wasser" Heers zu Ende; die Wirkung setze ich gleich derjenigen, die ein guter Plumpudding auf einen Engländer oder eine aromatische Zigarette auf einen Deutschen hat. Wo alles übrigens versagt, wo auch die Kunst verstummen muß, weil die Gaben aus ihrem Füllhorn uns im Innersten leer lassen; wo uns die Kräfte der eigenen Seele verraten, weil sie der Öde nicht standhalten, mit der uns die Welt sinnlos anstarrt: ,, kommt mein Gott und hebt mir an, Sein Vermögen beizulegen" - - das Wort Gottes läßt uns nicht im Stich und beweist eine wunderbare Macht über unsere Herzen. Die Christvesper am Heiligen Abend war eine Oase in der Wüste dieses Wintertages. Die Kerzen, die lieblichen Klänge des Harmoniums, die alten Weihnachtslieder, die feierliche Liturgie alles leitete hin zu dem Höhepunkt: der Weihnachtsbotschaft, gedolmetscht uns modernen Lagermenschen durch Pfarrer Reger. Wie dankbar waren wir ihm, daß er sich nicht damit begnügte, uns in eine billige Stimmung zu versetzen. Jedes Wort eine Hand, die sich öffnete, uns mit reicher Gabe zu beschenken, jeder Gedanke ein ungewöhnliches LETZTE WEIHNACHT IM KZ 17 Licht, das angezündet wurde am Baum unserer Armut in dunkler Nacht. Als ich mich ein wenig umschaute, sah ich auch M. dasitzen, den Astrologen, den wie so viele andere Sterndeuter weder Mars noch. Jupiter,. weder Sonne noch Mond noch Neptun noch Uran vor dem Lager gewarnt hatten, und die mit ihrer hohen Wissenschaft nun schon jahrelang das Lager belehren und nicht aufhören, für ihre Orakel wackere Honorare zahlende Gläubige zu finden. Ich freute mich, einen so ausgeprägten Kopf bei den Hirten und Herden zu finden. Vielleicht, daß ıhn der Stern von'Beth- lehem endlich auf die rechte Spur leitete? Fehlgeschossen! Als er-mich gestern am Abend des Festes besuchte, übte er an Hirten und Herden eine hochtrabende Kritik. Ihm fraß es sich wie Hohn ins Herz, daß schon die Liturgie von „Abrahäms Samen“ redete. Er bedanke sich, sagte der blond- haarige, blauäugige Ostfriese mit Entrüstung, für eine solche Verwandtschaft. Da ihm auch die Geburtsgeschichte unseres HERRN nur ein Mythus ist, also ein besseres Märlein, so redeten wir uns immer weiter auseinander. Denn ich machte geltend, und das mit aller gebotenen Energie, der es öfter nur an der freundlichen Geduld fehlte— ich sagte also: „Wenn meine Sünde eine Tatsache ist, muß auch die Erlösung eine Tatsache sein; ein Gedankengespinst kann mich weder von der Macht der Sünde noch von der Realität der Schuld befreien. Der Jungfrauensohn ist, Gott sei Dank, keine bloße menschliche Idee, sondern’ eine geschichtliche Person, Gott und Mensch in einem.“ Er nannte dies weltfremdes Spinti- sieren: ein Heiland, der Jude sei, stehe von vornherein im Verdacht der Kurpfuscherei. Das setzte mich denn. doch in Harnisch. Ich suchte ihm auf den persönlichen Zahn zu fühlen;„Die Sache ist einfach die“, stellte ich rücksichtslos fest,„daß du deine Lage noch nicht richtig erkennst. Du weißt wohl nicht, daß du am Ertrinken bist, sonst würdest du nicht am Rettungsseil mäkeln, weil es nicht aus Hanf, Fünf Minuten vor Zwölf 2 18 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF sondern aus Bast gedreht ist." Ohne uns einigen zu können, nahmen wir voneinander Abschied, es stimmte mich traurig, daß meiner Weihnachtspredigt so wenig Erfolg beschieden war. - Die Predigt war am Christfest so gut besucht, daß nicht genug Platz geschafft werden konnte die meisten waren natürlich Nichtpfarrer aus dem Lager, Häftlinge, die etwas wagten, wenn sie kamen. Woher dieser Zuspruch? Mir kamen die Tränen. Welch eine Wendung seit jener Zeit, wo ich der einzige war, der den Mut aufbrachte, dem strengen Verbot zu trotzen! Bahnt sich vielleicht doch eine Umkehr an vor den wuchtigen Schlägen des Gerichtes? Viele nahmen unter den brennenden Kerzen am Heiligen Mahle teil. Der austeilende Liturg, von Preis, reichte die Heilige Speise den Polen in polnischer Sprache dar. Es war alles überaus ernst, würdig und feierlich, selbst wenn der Blick auf das Äußere der Gäste fiel, das gegen die festliche Umgebung in so schroffer Weise abstach: Jammergestalten mit bleichen Elendsgesichtern, angetan mit dem abgelegten Trödelkram aus Warschauer Ghettos und unförmliche Schuhe an den Füßen, die mit dicken Stricken zusammengebunden waren. Die Katholiken hatten wieder für festlichen Schmuck der Altäre gesorgt. Statt des Kruzifixes, das an der Seitenwand zwischen den Fenstern aufgerichtet worden war, zwischen den von Fugel stammenden Bildern der Kreuzstationen, prangte ein großes Originalgemälde, die Anbetung der Hirten darstellend. Das Gesicht des Schäfers, der ganz im Vordergrund kniete, wollte mich indes nicht loslassen. Es kam mir bekannt vor. Wo hatte ich ihn nur schon gesehen, diesen mächtigen Schädel mit der vorspringenden Stirn, den ausgebildeten Augenwülsten, der frischen Farbe der Wangen...? Ach so, du bist es, Capo Stirnmann! Wie kommst du unter die Hirten? Sie sagten doch, daß es dich zerrissen habe bei Salzburg, als du das schwere Sprengkommando führtest und die heimtückische Bombe zu frühzeitig losging? Freilich, du r i d 1 LETZTE WEIHNACHT IM KZ 19 hast nie viel vom Kind in der Krippe gehalten und hast auch keinen Hehl draus gemacht. Aber vielleicht durftest du noch im letzten Augenblick vor ihm klein werden, der um unsertwillen kleingeworden ist, wer weiß? Und das Kind hat zuweggebracht, was sonst niemand konnte, es hat die roten Blutflecken abgewaschen, die an deinen Händen klebten, und so ist Saul unter die Propheten gekommen und Capo Stirnmann unter die Hirten. Der geistliche Block hatte diesen Morgen seine Weihnachtssensation: es fehlten auf dem Appellplatz nicht weniger als -horribile auditu vier Pfarrer- Häftlinge mit Nummer und Winkel. Welch ein Malheur das gibt's ja gar nicht, am allerwenigsten am zweiten Weihnachtstag. Gräßliche Verlegenheit, vollends für einen Blockältesten, der es erst vor wenigen Wochen zu dieser hohen Würde gebracht hat, und zwar zum ersten Male als Geistlicher. Aber siehe, er zog seinen Kopf geschickt aus der Schlinge und rettete dem ganzen Block Ansehen und Mittagessen: Was tat er? Kurz entschlossen lieh er sich vier Häftlinge ohne Tonsur, aber numeriert und mit dem wahren Winkel versehen, vom Nachbarblock aus, hatte so seine volle Zahl und kam glücklich an einer Katastrophe vorbei. Das habe ich den Blockältesten selbst erzählen hören, es muß also wahr sein, obwohl man's nicht für möglich halten sollte es geht doch abwärts mit dem KZ! - Heute abend gab der Knabe Hiob eine wenig weihnachtliche Erinnerung aus der Zeit seines Aufenthaltes im KZ zu Sachsenhausen zum besten: Als er seinerzeit in Dachau ankam, fiel ihm der fast menschenfreundliche Ton auf, mit dem er empfangen wurde. So fragte der Kommandant die Ankömmlinge, ob sie etwas Warmes gegessen hätten? Auf eine solche Frage waren sie von Sachsenhausen aus nicht vorbereitet. Dort war der Knabe Hiob bei der Aufnahme grün und blau geschlagen worden, so daß er fürchten mußte, daß 24 20 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF sie ihn vollends zu Tode prügelten. Sogar mit den sogenannten Prominenten machten sie dort kurzen Prozeß, wenn sie sich aus irgendeinem Grunde unmöglich gemacht hatten. Es hatten dort, nebenbei erwähnt, die Grünen, das heißt die Kriminellen; das Heft in der Hand. Eines Abends, berichtete der Knabe Hiob, hieß es: ,, Der Capo des Klinkerwerks ist in die Stube gekommen." Er wurde mit hohen Ehren begrüßt, denn so ein Capo ist ein großer Herr; selbst wenn er abgesetzt ist, steht er noch turmhoch über den gewöhnlichen Lagerinsassen er hat so etwas wie einen character indelebilis. Freilich nur, so lange er noch lebt, und dieser Capo vom Klinkerwerk sollte nicht mehr lange leben: hört, was sie mit ihm machten. Nachdem er üppig gespeist und getränkt worden war, überreichte ihm der Stubenälteste einen Strick mit dem Auftrag, sich bis zum andern Morgen daran aufzuknüpfen. Der Knabe Hiob hielt das für einen Scherz und war nicht wenig erschrocken, als er am andern Morgen erfuhr, daß der Unselige wirklich die Hochzeit mit des Seilers Tochter in der Nacht gefeiert habe. - - 27. Dezember 1944. Und doch ist er noch gekommen, der Festkuchen- spät kam er, doch er kam! Er wird auch noch an Neujahr munden daran soll's nicht fehlen, beileibe nicht! Und woher kam er, der lukullische Gruß? Von den Nachbarinnen, den guten, treuen, zähen in Berlin. Die Berliner, die oft verkannten, mögen sie hoch leben samt ihren Berlinerinnen, den verheirateten und den ledigen! Hoch klingt das Lied von den braven Nachbarn, oder habt ihr eine rührendere Treue erlebt, als die beiden Frauen in der Turmstraße sie bewiesen einem Fremdling, den sie gewissermaßen vor ihrer Tür aufgelesen? Und Jahr um Jahr, ungeachtet aller Gefahren, die mit ihrem Eintreten verbunden waren, hielten S r n n n Le er e- n LETZTE WEIHNACHT IM KZ 21 sie an ihm fest, Mutter- und Schwesternstelle an ihm vertretend. Hoch klingt das Lied von den braven Nachbarn! Auch Angelika, die liebe Schwester, hat ein Päckchen angekündigt. Welche Mühe es freilich kostet, bis es zum Absenden kommen kann, davon machen wir uns hinter dem Stacheldraht keine Vorstellung: als sie glücklich die nötigen Apfel und Kuchen beisammen hatte und packen wollte, war im ganzen Städtchen weder Papier noch Schnur zu haben. Trotzdem wurde ein Paket draus; doch o weh, nun weigerte sich die Post, es abzunehmen. Ist es ein Wunder, daß da Tränen flossen? Ja, die draußen" haben auch ihre lieben Nöte, und manchmal will es mich bedünken, daß sie nicht kleiner wären als die unsrigen. Wir sind wenigstens die Sorge derer los, die stets mit einem Fuße im KZ stehen nein, diese Sorge ist unsereinem ein für alle Male abgenommen; wir stehen mit beiden Füßen drin! 29. Dezember 1944. Langsam, langsam sickert das letzte Blut aus den Adern des zu Ende gehenden Jahres. Lautlos fällt der Schnee auf unsere Dächer, reizend muß Dachau jetzt aussehen, das Hügelstädtchen, wenn seine Häuserchen, sein Schloß und seine Kirche mit einem weißen Mantel überzogen sind. Schade, daß unser Horizont so eng ist: nicht einmal Dachau kommt uns zu Gesicht, wenn wir unsern Weg zum Porzellan und zurück ins Lager marschieren -nichts als langweilige Kasernen und ein paar rechteckige Bauten statt in Barock im Barackenstil. Über den Knaben Hiob ist ein neues Unglück hereingebrochen: aus seinem Spind war sein Brot gestohlen worden, und sie wahrscheinlich die Diebe konnten es - - nicht erwarten, bis er die Entdeckung selber machte, sondern unkten ihm die Hiobskunde zu, als er kaum die Türe geöffnet hatte. Wirklich, die Stelle war leer, wo das Viertel ihm 22 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 2 entgegenwinken sollte, und da half kein Gucken und kein| Starren, sie blieb leer. Auch Kaiser, Wilhelm, der den Platz' mit Hiob im Spind teilt, machte dieselbe Entdeckung.‘ So werden in unserem Lande die Reden honoriert. Was hilft’s, daß er sich bei Stuben- und Blockältesten beschweren ge- gangen ist? Das heißt, sich bei den Hehlern. über die Diebe beschweren. Weiß er nicht, daß sie alle unter einer Decke stecken samt den Herren vom Jourhaus(SS) dazu? Übrigens,' was kommt bestenfalls dabei heraus, selbst wenn ein Brot- dieb erwischt wird? Die Strafe erscheint schrecklich, denn der Dieb wird halbtot geschlagen. Aber was nützt das dem Bestohlenen? Von den Prügeln kann er nichts herunternagen, noch sich daran sättigen. Warum zwingt ihr den Schurken' nicht, das gestohlene Brot wieder heraus zurücken oder es vom eigenen zu ersetzen? Das wäre für ihn die härteste Strafe. Silvester 1944. Die Langfinger haben gute Zeiten— je weniger Pakete ankommen, desto.mehr Brote liegen für sie in den Spinden, wenn auch in den fremden; denn was so ein richtiger Bruder Langfinger ist, so kennt der keine Hemmungen: ob das Spind sein ist oder mein und das Brot drin mein oder dein, das sind für ihn juristische Zwirnsfäden, über die er nicht zu stolpern und den Erfolg seines anstrengenden Geschäfts nicht zu gefährden gedenkt. So haben sie guten Mutes unser Nachbarspind aufs Korn genommen und auch gut abge- schnitten: ein ganzes halbes Brot ist zwischen ihren Spinnen- fingern hängengeblieben, im Vergleich zur, aufgewandten Mühe kein ganz schülermäßiges Ergebnis. Doch hat sich das ablaufende Jahr noch kurz vor seinem Ende zu einer wahr- haft guten Tat aufgerafft: dem Knaben Hiob hat es wider Erwarten, bereits in den letzten Zügen liegend, mit er- mattender Hand noch ein Paket ausgehändigt, das enthielt gar gute Dinge: eine Flasche Lebertran für die kränkelnde LETZTE WEIHNACHT IM KZ 23 Lunge, einen Wirrwarr sonstiger Mittel in Fläschchen, Tuben und Schächtelchen für den Buckel und das, was heilbar drunter ist— für das Leckermäulchen aber feinen Zucker, Kandisbrocken und die süßesten Brötchen, die je in Leipzig gebacken worden sind. Was tat aber Freund Hiob, der Lei- densreiche und Zuckerarme?© Schwester, die du deine Gaben mit soviel Mühe gehamstert, gebacken, gepackt und abge- schickt hast, schließe Augen und Ohren vor dem leichtsin- nigen Tun des Unverbesserlichen: so wie sie ihn hierher- brachten und in Sachsenhausen halbtot schlugen, weil er seine Brotmarken mit einem— ja es muß gesagt sein— Juden teilte, so steckte er noch während des Auspackens die besten Plätzchen und die größten Brocken den umstehenden Gaffern in den Mund, denn er kann nun einmal nicht leben, ohne den Mitmenschen etwas in den Mund zu stecken. Bis ich eine solche sich selbst vergessene Güte auch an den eigenen Herrn erinnerte und ıhr fast zornig zurief:„Nun hör aber auf und steck was in den eignen Mund!“ Was half’s? Er suchte mich zu bestechen und mir den Mund mit einem fein- duftenden Vanillebrötchen zu stopfen. Ich ließ es indessen nicht zu, sondern führte das unmoralische Geschenk zwi- schen seine eigenen Zähne, so daß es endlich an die rechte Stelle kam. 25 NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM. DAS NEUE JAHR. Konzert ist heute angesagt./ In Christus neu. Prophetenmantel oder Überzieher? Der Übermensch hat eine gute Nase, und ich habe Glück. ,, We's zwänga witt, su zwäng's!" Ich begegne Pfarrer Niemöller zum ersten Male. Wer hat meinen Lebertran gesoffen? ,, Eher hat das Weltmeer Mitleid..." Zehn Gänge beim SS- Festbankett. Abschied vom Häftlingsschrank. Sind sie mir auf den Fersen? Hiob kommt ins Revier, und Windgasse hat Vernehmung. Das Stoßgebet und seine Erhörung. Die Franzosen werden Hahn im Korb, und wir gucken durch die Röhre. Wieso sieht der Übermensch so melancholisch drein? Warum fällt uns das Sterben so schwer? Wie komme ich zu zwei Mänteln? Ich fürchte eine Entdeckung. ,, Aber sie haben größeren Hunger." Das rote Halstuch gibt warm, doch die verflixte Decke ist zu kurz! Die zwei feindlichen Haufen. Geheimnisse der Abteilung D. Der Schreiber stellt zu Kaisers Geburtstag einen Vergleich an. Der Übermensch setzt sich noch aufs hohe Roß, und wir kriegen keine Pakete mehr. 26 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF. Warum fürchtet Hiob das Revier? Mir träumt zum erstenmal von Freiheit. Der Mexikaner" flickt der SS am Zeug. Neujahr 1945. Im Bade. ,, Konzert ist heute angesagt." Der Knabe Hiob bat mich, ihn zu begleiten. Zuerst wollte ich nicht recht. Dann aber entschloß ich mich ihm zuliebe doch, einen der Schemel an einem seiner vier Beine zu ergreifen und mit ihm zusammen, der sich ebenfalls an einem Schemelbeine hielt, über den Appellplatz zum Bade zu stolpern, dem sehr geeigneten Orte für solche Veranstaltungen. Über unsern Köpfen hängt das verzweigte Gitterwerk der Wassertrichter. O weh, wenn die sich auf ihre wahre Bestimmung besännen und uns plötzlich überschütteten mit einer kalten Dusche! Eine Überraschung, des Ortes, an dem wir uns befinden, nicht ganz unwürdig. Vielleicht hält das neue Jahr für uns Stiefkinder des Schicksals einige solcher eiskalten Sturzbadsensationen bereit? Solch ein Wasserstrahl traf uns gleich in der Morgenfrühe als Neujahrsgruß auf dem Appellplatz: Strafstehen, während es von oben aus launischen Winterwolken tüchtig auf uns niederschneite. Kein Mensch wußte recht: warum und wieso? Das fängt gut an, dachte ich, und alte Zeiten aus Sachsenhausen tauchten in der Erinnerung auf von damals, wo wir stunden- und tagelang im Freien harren mußten, keiner wußte genau den Grund war einer getürmt, hatte ein Grüner die Küche unverschämt bestohlen, hatten sie eine Schlacht verloren? es wurde Nacht und Mitternacht, es wurde Morgen und wieder Mittag, es stürmte und regnete, und Tausende standen sich die Füße in den - - 45. ich, ber an m- ber ten ngt enn uns ine cht efsader -afken cht: alte auf arner len, und mte den Leib - NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 27 puh, nur daran zu denken, ist Pein genug! Aber Gott sei Dank, diese Zeiten sind vorbei, die Energien des Sadismus sind allmählich erschöpft. Schon nach einer Viertelstunde wurde das Zeichen zum Einrücken gegeben, und die unter den Gefangenen aufzuckende Erregung verebbte bald wieder. Es ist eine Spielpause eingetreten. Das„ Tochter Zion freue dich" aus dem Messias von Händel war herrlich und hat manchen gewiß nicht bloß zum Ohr, sondern auch zum Herzen gesprochen: ,, Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk! Gründe nun dein ewig Reich, Hosianna in der Höh!" Das alte Jahr hat sich recht unhöflich von uns verabschiedet: ärgerliche Szenen bei der samstäglichen Läusekontrolle, schlechte Luft in der überfüllten Spelunke, chokartige Abkühlung von den plötzlich geöffneten Fenstern her. Und als die Unlustgefühle gar noch verstärkt wurden durch den Knoblauchduft, der von des Nachbars Abendbrot ausging, da hielt ich es nicht länger aus, ich riẞ mich los von meinem Kriminalroman, schlug das Buch zu und verfügte mich in den schwarz ausgeschlagenen Kubus, Schlafraum geheißen, zog mir die dürftige Decke über die Ohren und überließ mich meinen Gedanken, die sich losmachten von den niedrigen Eindrücken der Außenwelt und hineilten zu dem, der es mir vergönnte, auch die sich anhäufenden Leiden aufzufassen als Zeichen seiner Liebe und das alte Jahr in seinem Frieden zu beschließen. Ja, Frieden und Freiheit finde ich in der herrlichen Wahrheit, daß ,, das Alte vergangen ist, und siehe, es ist alles neu geworden!" Mag auch das neue Jahr noch das Gewand des alten tragen und zu den Ringen des Alters noch einen neuen hinzufügen, so ist doch das Neue bereits ein Faktum: in Christus bin ich eine neue Schöpfung, der vollkommene 28 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Gottesmensch im SOHN, an dessen Wiege die Engel singen: ,, Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen!" Und so gehe ich denn im Glauben als neuer Mensch hinein ins neue Jahr, dessen gewiß, daß alles, was auch kommen mag, in Gottes. Kraft bewältigt wird. Es mag sein, was es will, Enttäuschung oder Erfüllung, Leben oder Tod, Freiheit oder Knechtdienst es muß mich alles meinem großen Ziele näherbringen. Wie glücklich und wie überlegen macht das, so glücklich und so überlegen, daß ich nicht anders konnte als dem Knaben Hiob heute morgen die Hand zu drücken und ihm zurufen: ,, Meinen Glückwunsch, daß du ein neuer Mensch geworden bist, denn wer in Christo ist, der ist eine neue Schöpfung!" - - Wir waten nun bereits in dem kalten Bade, 1945 geheißen. Wie werden wir es verlassen? Tot oder lebendig? 1945 wird es sein das Jahr des Sieges oder des Unterganges? Und wer wird siegen, wer wird untergehen? Der Prophet an der Spitze hat geweissagt, daß der Sieg auf seiner Seite sei: noch nie sei er davon so unerschütterlich überzeugt gewesen als jetzt. Aber sein Prophetenmantel, hat er sich nicht schon manchmal erwiesen als gewöhnlicher- Überzieher? Ich möchte auf dieses Wort kein Haus, geschweige denn ein Leben bauen. Überhaupt ist der Kurs dieser Versicherungsaktien sehr gesunken. Man erinnert sich wohl auch an das Wort jenes andern Propheten, der Meier heißen wollte, wenn ein feindliches Flugzeug unsere Grenzen überflöge. Fabischs Parolenmühle klappert zur Zeit nicht, wenigstens höre ich ihr Klappern nicht mehr, da es mir ohne Mantel zu kalt draußen ist, und von dem Strohfeuer der Parolen wird mir nicht warm. 3. Januar 1945. Was der Übermensch für einen Riecher hat, für einen wohlentwickelten! Kaum hatte ich die ersten Worte in dies 15. en ies NEUJAHR 1945, UND WAS NACHHER KAM 29 Heftlein geschrieben, da hatte er es auch beinahe schon zwi- schen seinen Fingern!— Freilich, ohne daß er es selber ahnte! Ich hatte den kleinen Schwerenöter, der so gefähr- lich werden kann für seinen Herrn, zwischen die Blätter eines Vorordners gesteckt und war just beim Ablegen der Post, nichts Böses ahnend, sondern eifrig in meine Ar- beit vertieft, da höre ich die übermenschliche Stimme fragen, wie weit ich mit meiner Arbeit sei. Und schon stand auch der Träger dieser Stimme hinter mir, seine Hand er- griff den Ordner und begann drin herumzublättern. Mir kroch es heiß den Rücken hinauf: was mochte er suchen? Hoffentlich fand er es recht bald, nämlich bevor er fand, was er nicht suchte, dich, du kleiner Schwerenöter. Blatt um Blatt wandte er um; jetzt, ja jetzt kamst du zum Vorschein, jetzt mußte er dich erblicken, und er erblickte dich auch, aber.... wie atmete ich auf: er sah dich nicht, denn seine Augen waren gehalten, er wandte um, wie mir schien, eines Augenblicks Länge zögernd, aber wirklich: eilig drehte er die übrigen Blätter um; du warst gerettet, und ich dazu! Von der Wand herab schien das Bild der ‚„Vorsehung“ einen wütenden Blick nach ihrem säumigen Werkzeug zu schicken, weil er einen so geringen Spürsinn bewiesen hatte. — Mir hatte er nur allzuviel Spürsinn gezeigt.— 4. Januar 1945. Die Zukunft Deutschlands wuchtet wie Zentnerlast auf der Seele.„Ist denn keine Salbe in Gilead, und ist kein Arzt nicht da?“ Sind wir wirklich dazu verurteilt, blind- lings in unser Verderben zu rennen, und kann’s niemand aufhalten? Freilich, wir nennen’s unsern Sieg!„Den Sieg werden wir erzwingen“, hieß es zu Neujahr. Mir fiel dabei jener Schweizer Bauer ein, den Gotthelf zu seiner eigen- sinnigen Frau sagen läßt:„We’s zwänge witt, su zwäng’s!“ (Wenn du’s zwingen willst, so zwing’s!) Nur, daß jetzt nicht ’ 30 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF ein Bauernhof auf dem Spiel steht, sondern ein ganzes Reich. - 6. Januar( Erscheinungsfest) 1945. Natürlich feiern sie heute kein Fest in diesem Lande, weder ,, Erscheinung" noch„, 3 Könige"; es ist ganz gewöhnlicher Arbeitstag für uns Sklaven wie für die Herren: ,, Alle Räder rollen für den Sieg!" Eine große Freude habe ich erlebt: gestern bin ich Pfarrer Niemöller begegnet. Wir waren gerade dabei, mit dem Kommando wieder zum Porzellan zurückzukehren, da entwarnt wurde, just als wir durchs Tor geschritten waren. Sofort machten wir kehrt; und da, kurz nachdem wir das Tor wieder verlassen hatten, sah ich ihn. Zunächst erblickte ich ein Gesicht, ohne mir etwas dabei zu denken. Im Unterbewußtsein kam es mir aber bekannt vor, und plötzlich blitzte es in meinem Innern auf: ,, Niemöller!" Schon drängte sich mir auch der Name auf die Zunge, ich wollte ihn rufen, doch seltsam, die Lippen gehorchten mir nicht, ich fühlte mich sonderbar gehemmt, es war, als ob ein Kobold mir den Mund zuhielte. War es, weil ich Niemöller in Begleitung eines SS- Postens erblickte, oder weil ich mich vor dem Kommando scheute, ich ließ den kostbaren Augenblick ungenützt; denn nur eines Augenblicks Länge währte die Gelegenheit; wir marschierten weiter und verloren die beiden völlig aus dem Gesichtsfeld. Nachher wollte ich mir die Haare ausraufen, aber es war zu spät, und es gewährte nur einen schlechten Trost, daß ich versuchte, den Generaldirektor an meinem Erlebnis teilnehmen zu lassen. Niemöller! Das war für ihn ein böhmisches Dorf; er wußte weder etwas vom Kirchenkapitän noch davon, welche Rolle er in meiner Haftgeschichte spielte, und daß sein Name auf meinem Schutzhaftschein prangte, weil die Gestapo es für ein Verbrechen hielt, des KZ würdig, daß ich es gewagt hatte, Worte dieses gefährlichen Mannes auf einer halben NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 31 Million Kunstkarten durch Deutschland zu wirbeln,— nota- bene, ohne daß sie rechtzeitig dahinter gekommen waren. Erscheinungsfest, 6. Jannar 1945. Gestern morgen holte der Knabe Hiob die heilkräftige Weihnachtsgabe aus dem Spinde, den Lebertran, der seinem armen Lünglein gut tun sollte. Doch was war das? Die Flasche war ja so leicht, und der Pfropfen saß so locker auf dem Hals— da war etwas nicht ganz geheuer! Eine böse Ahnung durchfuhr sein erschrecktes Gemüt— es wird doch nicht.... Nein, er konnte es nicht glauben. Doch als er die Flasche gegen das Licht hielt, wurde sein Verdacht be- stätigt: ein Drittel fehlte, und da nichts davon bekannt- geworden ist, daß vierbeinige Mäuse hinter die medizini- schen Wirkungen des Lebertrans gekommen sind, mußte angenommen werden, daß es zweibeinige waren, die sich der Flüssigkeit angenommen hatten, vielleicht in der Mei- nung, es handle sich um Pfefferminzlikör. Da hätten sie sich freilich grimmig enttäuscht gesehen, aber was half dies dem Knaben Hiob und seinem armen Lünglein? Gar nichts, ganz davon abgesehen, daß er nicht rachsüchtig ist und es seinem Geist verwehrte, sich an wohltuenden Rache- visionen schadlos zu halten, welche ihm die ernüchterten bern wollten. Nichts half es auch, daß er seinem Schmerz und seiner Empörung Luft machte und.in den morgendlichen Trubel seine Anklage hineinrief:„Mein Lebertran ist weg! Wer weiß etwas von meinem Lebertran?“ Niemand kümmerte sich um den Lebertran, jeder hatte genug mit sich selbst zu tun, mit seinem Kaffee und dem Morgenappell. Erst als er seiner Elegie einen Stich ins Kriminelle gab:„Der Strolch, der ihn gesoffen hat, wo steckt er?“ horchten einige von jenen auf, die immer gern Stoff für ihre Leidenschaft 'plötzliches Ende. ge 82 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF sammeln, dem andern eins ans Bein zu geben. Aber da es sich um Lebertran und nicht um Pfefferminzlikör oder Eier- kognak handelte, so hörten sie nur mit einem Ohr hin und begruben die Sache mit einigen weisen Bemerkungen, als ans Fenster geklopft wurde zum Zeichen, daß der Ernst| des Tages beginne; draußen-ertönten bereits die Pfeifen- signale, und drinnen machte der Ruf:„Auf geht’s zum Appell!“ allen Fahndungsversuchen des Knaben Hiob ein 7. Januar 1945. Sollte man’s für möglich halten? Fünf Jahre vergingen, ehe ich Pfarrer Niemöller zu Gesicht bekam— zum ersten| Male im Lager— und das war gestern. Aber kaum! 24 Stunden dauerte es, da sah ich ihn zum zweiten Male, nämlich heute nachmittag in einer ähnlichen Lage wie der, gestrigen. Nur daß mir heute das Wort nicht im Halse' stecken blieb. Ich rief ihm, alle Kraft zusammennehmend, die Lust und auch den Schmerz, zu:„Herr Pfarrer!“, und. nochmals:„Herr Pfarrer!“. Aber ich hatte wiederum kein Glück; Niemöller schien keine Ohren zu haben oder meine Stimme keinen Klang— er hörte meinen Anruf nicht; aufs neue entschwand die Möglichkeit, einen auch noch so kurzen Gruß mit dem verehrten Manne zu tauschen, unter den Händen, denn wir marschierten weiter; und eher hat, das Weltmeer Mitleid mit dem Heimweh des Schi iffsjungen, als daß der Capo ein Herz hätte für das Leiden eines Häftlings. 10. Januar 1945. Das neue Jahr schlägt einen ganz hübschen Galopp an, das muß man sagen; schon liegt mehr als die erste Woche hinter uns, und es scheint, als ob es noch größere Eile habe als das alte. Eine merkwürdige Erfahrung aller Gefange- nen, daß ihnen die Zeit wie im Nu entschwindet, eine un- es r- in n, st n- m ein 45. en, ten um ale, der alse nd, und zein eine cht; So nter hat gen, cines 945. an, Woche hab: ngeunNEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 33 beschreibliche Wohltat, ohne welche ihr Los nur schwer zu ertragen wäre. Sepp, der Kantinencapo, hat mir berichtet, daß der Kommandant an Silvester ein Bankett veranstaltet habe, an dem die SS- Führer teilnahmen. Nicht weniger als 10 Gänge hat es gegeben, der Champagner floß in Strömen, die Pfropfen flogen zur Decke. Nun, ist dieser Stil nicht der Umgebung recht angemessen, und kann man es diesen sogenannten Führern verargen, wenn sie jede Gelegenheit benützen, um sich für ihren schweren Dienst an Essen und Trinken ein wenig schadlos zu halten und angesichts einer dunklen Zukunft zum gegenwärtigen Augenblick zu sprechen: ,, Verweile doch, du bist zu schön!" - 11. Januar 1945. Nun hat er doch nachgeben müssen, der alte, behäbige Häftlingschrank in der Buchhaltung. Sind nicht seit Wochen unterirdische Machtkämpfe um ihn ausgefochten worden zwischen dem neuen Herrn der Buchhaltung, dem Ubermenschen, und den Häftlingen? Der Übermensch hatte bald nach seinem Amtsantritt keinen Zweifel darüber gelassen, daß die Düfte, die dem Kasten entströmten, und die im Zusammenhang standen mit dem Frühstück und dem Mittagessen der Häftlinge, im Widerspruch stünden zu den Wohlgerüchen, die seine Nase in Paris zu umschmeicheln nicht aufgehört hatten. Die Häftlinge wiederum fanden diese Gerüche sehr labend und konnten nicht genug von ihnen einatmen: stammten sie doch von dem guten Käse, den sie aus Magermilch kunstgerecht zubereiteten, den Puffern, die der Biblizist, solange der Kartoffelvorrat reichte, zum Frühstück buk, und von der Blutwurst, die von Dachau wöchentlich dreimal in Quaderstücken geliefert wurde. Sie übertrugen also etwas von der Vorliebe, die sie für diese Ausdünstungen immer seltener werdender Materie hatten, Fünf Minuten vor Zwölf 3 34 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF auf den Schrank, der sie barg, und hätten ihn ganz gern möglichst nahe bei ihrer körperlichen Gegenwart gesehen. Dazu barg er auch ihre Kleider und Mäntel, alles Stücke in dem edlen Zebrastile, welcher nur noch wenigen Lager- insassen zu eigen war, während er bei den meisten von den häßlichen Zivilkleidern abgelöst worden war. Freilich bedachten sie nicht, daß gerade die Ausdünstungen dieser Uniformen es waren, die dem Übermenschen in die Nase stachen und ihn zur Verzweiflung brachten, dieser Arme- leutegeruch, dieser unerträgliche! War es ein Wunder, wenn sie nicht selbst Hand anlegten, um das ehrwürdige Möbel in die unteren Regionen zu befördern, sondern in Seelen- ruhe abwarteten, bis es dem Obmann gefiel, die Beisetzung vorzunehmen? War es ihnen übelzunehmen, wenn sie sich insgeheim darüber freuten, daß es dieser nicht sehr eilig hatte, und daß sie mit stiller Wehmut die geächteten Düfte weiter einatmeten und es solange zu tun gedachten, als es der unterirdische Kampf nur immer zuließ? Aber heute hat er nun doch nachgeben müssen, der alte behäbige Schrank, und die Buchhaltung selbst nahm ihn wie einen ungeheuren Sarg auf die Achseln, schleppte ihn zu den Unterirdischen und setzte ihn in der Nähe des Riesenofens bei. Unsere Herzen waren noch schwerer als das gute alte Monstrum, aber die übermenschliche Nase hat nun Ruhe vor dem: Sklavenduft, und das ist die Hauptsache. Abends. Wladimir, der Polenkünstler, sitzt im Bunker, angeblich weil er einen Brief nach dem Mädchenblock„M 31“ ge- schmuggelt hat.„Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein!“ So sind jene Gewissen- losen mitschuldig an allen Giftgasen, die aus diesem Sumpf aufsteigen, jene sogenannten Lagerführer, die zu Verfüh- rern Ungezählter wurden, als sie den Block 3r mit jenen ersten unglückseligen Geschöpfen füllten.— NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 35 Sepp, der Bote, setzte mich gestern in nicht geringen Schrecken: er ist vom Direktor gewarnt worden, den Pragmatiker weiterhin aufzusuchen. Was hat das zu bedeuten? Sind sie mir auf den Fersen? Haben sie es spitz bekommen, daß Sepp der Zwischenträger für die geheimen Botschaften, Manuskripte, Aufzeichnungen, Marmeladegläser, Kartoffelsäcke, kurz für den ganzen unerlaubten Verkehr war, der sich zwischen dem ehemaligen Häftling und seinem nachmaligen Schützling vollzog? Schon dichte ich einen wahren Kriminalroman zusammen: warum antwortet Angelika solange nicht? Ist mein Brief an sie beim Pragmatiker gefunden worden? Oder haben sie die Tagebuchblätter aufgestöbert? Steht der Pragmatiker unter Postaufsicht? Warum haben sie aber noch nicht zugegriffen? Nun, vielleicht wollen sie noch mehr erfahren? usw. usw. - - 4 11. Januar 1945. Nun tastet Satan auch den Leib des Knaben Hiob an: er spürt plötzlich ein so ungestümes peinvolles Reißen im Ohr, daß er seine Scheu, das Revier aufzusuchen, überwand. Dort stellten sie fest, daß das Trommelfell des rechten Ohrs oder des linken? durchlöchert und das Mittelohr entzündet sei. Das arme Hascherl läuft jetzt mit einer Binde um den Kopf umher, so daß er eher einem alten Weiblein als einem 40jährigen Leipziger gleicht und so die Instinkte der Blockhysteriker herausfordert, die auf Nietzsches Kommando alles Schwache zur Zielscheibe ihrer Übergriffe machen, weil sie da am wenigsten mit unverhoffter Gegenwehr in Form eines Kinnhakens zu rechnen haben. Ich selber muß mir vorwerfen, daß mich die Wehrlosigkeit des Armsten förmlich einlädt, ihm durch zornige Ausfälle wehe zu tun; meine Gereiztheit wird täglich gröẞer, aber es ist keine Entschuldigung für mich, daß mich die 66 Lagermonate schwer mitgenommen haben und mein Herz zu einem Nervenbündel machen. 3* 36 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Windgasse, der Evangelist, hatte am Samstag ,, Vernehmung". Wenn er gehofft hatté, es handle sich um seine Entlassung, so sah er sich grimmig getäuscht. Für solche Überflüssigkeiten hat man im 6. Kriegsjahr keine Zeit, wahrlich nicht. Dagegen mußte der junge Mann, der ihn examinierte, eine halbe Stunde opfern, um den alten Mann wegen eines Briefes an seine Tochter zur Rede zu stellen. Es handelte sich dabei um die Dreistigkeit, mit der er sich unterfangen hatte, seine Tochter zu bitten, daß sie ihm Brot sende, und zwar gleich jede Woche einen ganzen Laib. Das hatte wenigstens der junge Mann aus dem Briefe des alten herausoder vielmehr hineingelesen, denn seine kostbare Zeit erlaubte es ihm nicht, einen solchen lausigen Brief genau zu lesen. Immerhin, Brot wollte Windgasse haben, das war unbestreitbar, aber der junge Mann wollte ihm weder die Berechtigung zum einen noch zum andern zugestehen und sah sich genötigt, seine äußerst kostbaren Minuten mit dem Versuch zu verschwenden, solch einen von Gelüsten geschüttelten Staatsfeind zu belehren. Wie gerädert kehrte der alte Mann von dem anstrengenden Unterricht, den ihm der junge erteilt hatte, zurück und bat mich zur Beruhigung seiner aufgeregten Nerven um eine Zigarette eine Bitte, die ich leider nicht erfüllen konnte, weil ich meinen Vorrat, um sie vor den allgegenwärtigen Dieben zu sichern, im Porzellan versteckt hatte. Man weiß sich gar nicht mehr zu retten vor den forschenden Blicken, die jeden Besitzer von Tabak oder Brot aufs schärfste beobachten; kaum haben sie ein Krümelchen dieser kostbaren Substanzen entdeckt, so ist weder Spind noch Tasche noch Paket sicher vor den Zugriffen der Beutelüsternen, die sich zu wahren Arbeitsgemeinschaften mit verteilten Rollen zusammengetan haben, um die Plutokraten auszuplündern. Sich gegen die Bande an das Block personal NEUJAHR 1945 UND: WAS NACHHER KAM 37 zu wenden, ist aussichtslos, da diese hohe Behörde oft genug mit den Langfingern unter einer Decke steckt. 12. Januar 1945. In einem Anfall von Hunger habe ich mein Sonntags- brot schon am Samstag gegessen und spielte unter den schnabulierenden Franzosen, die sich ihre Puddings, Nudel- und Sardinenbrote schmecken ließen, eine einsame Rolle. Obwohl ich an meiner gespannten Lage infolge der samstäglichen Verschwendung selber schuldig war, schickte ich doch einen Stoßseufzer zum Himmel, und siehe, nicht umsonst: am Nachmittag, als mein Nachbar einen saftigen Käse aus seiner Hülle schälte, bekam ich einen gewaltigen Appetit darauf; doch so groß mein Hunger, so aussichtslos war meine Lage, denn Betteln war noch nie meine Sache. Da höre ich meinen Namen aufrufen. Ein Paket sei da! Wie war es möglich, dazu am Sonntag?! Aber es war sogar wirklich, ein Paket zwar nicht, aber doch ein Päckchen, ‚dessen Adresse ‚die treuherzigen Züge der Nachbarinnen trug. Und was war drin? Zwischen drei süßen Lebkuchen und sechs herben Pumpernickeln ziehen meine zitternden Finger einen währschaften Backsteinkäse hervor. Innerhalb kürzester Frist war nichts als das Papier übrig, und auch dies wäre verschlungen worden, wäre es leichter verdaulich gewesen. Zu spät merkte ich, daß ich für den Knaben Hiob nichts aufgehoben hatte— ja, der hungrige Mann denkt an sich selbst zuerst. 13. Januar 1945. Die große Sensation des gestrigen Abends brachte der Paketzettel, der zur Linken der Stubentür aufgehängt wird, und der wie ein Magnet die Blicke jedes von der Arbeit Zurückkehrenden auf sich lenkt. Es waren nur Namen von Franzosen; die bekommen’s gleich haufenweise. Den Vogel schoß ein gewisser Miquel ab, der gleich eine Serie von zehn 38 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Paketen erhielt. Da blüht der gallische Weizen. Mit einem Schlage sind die Franzosen bei Stubenältestem und Stubendienst, die für solche Magnaten eine feine Witterung haben, Hahn im Korbe geworden, während wir Deutschen ,, in den Mond gucken". Wir müssen ihnen Platz machen, den Paketempfängern, mit groben Worten jagen uns unsere eigenen Landsleute vom Tische weg, kaum daß wir gegessen haben. Ich gönne übrigens den Jungen von Herzen die de Gaulleschen Leckerbissen, sie haben sie in langer Fastenzeit wohlverdient und teuer bezahlen müssen mit den furchtbaren Schrecken, die sie bei ihrem Hertransport ausgestanden haben. 14. Januar 1945. Warum der Übermensch gestern so melancholisch dreinsah? Immer wieder ließ er Zahlenreihen Zahlenreihen und Bilanz Bilanz sein und starrte zum Fenster hinaus, als ob er die wichtigen Zahlen vom Dach des jenseitigen Schuppens ablesen wollte. Das Radio hat's ans Licht gebracht: der Rückzug, der blamable Rückzug, die russische Walze! Man traut weder Augen noch Ohren: Orte werden genannt, die wir noch in tiefster Sicherheit glaubten: Gleiwitz, Brieg, Elbing usw. Kein Wunder, daß die Übermenschen melancholisch werden. Das ist zuviel auf einmal! Oder sollte es nur eine Kriegslist sein, um nach Art der Russen zu Beginn des Feldzugs den Gegner über die wirkliche Stärke zu täuschen? 19. Januar 1945 Warum fällt uns das Sterben so schwer? Hört doch im ,, anderen Leben" der furchtbare Widerspruch auf, der sich in unserer Welt unablässig gegen Gott richtet. Wenn wir Gott wirklich liebten, müßte uns dieser Zustand die Welt, in der das möglich ist, ein für alle mal vergällen. Warum sehnen wir uns so wenig nach dem neuen Bau, wo Gott alles sein wird in allen? Weil Gott doch nicht die allerwirk Lem enben, den xetnen ben. alleohlaren ben. 1945 reinund Is ob Opens : der Man t, die Brieg melanllte es Beginn ke zu r 1945 och im er sid n wit e Welt Warun o Got erwirk NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 39 lichste Wirklichkeit für uns ist. Sonst wäre uns das Sterben so willkommen wie dem Apostel, welcher sich danach sehnte, daheim zu sein bei dem Herrn, und dessen Brust sich der Stoßseufzer entringt: ,, Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein!" - Ich habe jetzt zwei Mäntel statt des einen. Nachdem sie uns ausgeräubert hatten, hieß es plötzlich eines Tages wieder: ,, Mäntel fassen!" So bekam ich einen zerrissenen vom Capo; von Wladimir, dem polnischen Bärenmaler, aber einen nagelneuen aus Holz. Der Herrenmensch liebt die Kälte. Jeden Morgen, kaum daß das Zimmer ein wenig warm geworden, müssen sämtliche Fenster sperrweit aufgerissen werden, bis auch die letzte Spur vom Duft der Häftlinge hinaus ist. O diese feine Nase! So bewundernswürdig ihre Empfindsamkeit, so versetzt sie mich doch täglich in neue Angst, von wegen meiner Blase. Er scheint immer noch nichts bemerkt zu haben. Sollt sein Riechorgan für diese Art von Aromata weniger empfindlich sein? Ich kann es nicht recht glauben und fürchte mich vor der Entdeckung, die eines Tages kommen muß, wenn alle Wohlgerüche Arabiens und die in Brand gesteckten Reislein das Übel nicht mehr werden überduften können. 20. Januar 1945. Morgen ist wieder Sonntag. Wie die Wochen entschwinden! Das neue Jahr hat es noch eiliger als das alte. Schon die dritte Woche! Aber immer noch das alte Lied: Krieg, Hunger, Blöße- daß Gott erbarm! Sonst wäre die Gegenwart eben noch erträglich. Beim Porzellan läßt sich's noch leben. Wir haben noch unsere Buttermilch und unsere Blutwurst. Gestern war sie so gut wie noch nie oder war unser Hunger so groß wie noch nie? Der Knabe Hiob verzehrte, was ich ihm mitbrachte, mit Heißhunger; kaum daß er sich die Mühe machte, sie aufs Brot zu streichen, mit der 40 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Haut schlang er sie beinahe hinunter. Dabei hat er immer noch was zum Verschenken. Er läßt sich nicht davon abhalten, er hätte das Zeug zu einem heiligen Franziskus. Sagen wir ihm: ,, Die andern bekommen auch nicht weniger als du", so entgegnet er, ohne mit der Wimper zu zucken: ,, Aber sie haben einen größeren Hunger." 21. Januar 1945. Wie das Wetter draußen so unschuldig tut! Da scheint die bleiche Wintersonne von einem bläßlich blauen Himmel herab. Die Föhren langen in die himmlische Glätte hinein, kaum daß ein Windhauch ihre Zweige bewegt, und das Dach des Schuppens leuchtet in reinem Weiß der Kinderunschuld, während die Sonnenstrahlen das schneeige Tuch in freundliche Wärme zu hüllen scheinen. Die Kälte hat aber noch nicht nachgelassen, beim Appell friert uns erbärmlich an allen Gliedern. Eine Wohltat, mein rotes Halstuch! Ob die Nachbarinnen ahnen, welchen täglich sich erneuernden Schatz sie mir damit geschenkt? Er hält mir Nacken und Hals warm; und Hals warm, all's warm! heißt es bei mir. Nachts merken wir so recht, was es heißt, gezwungen zu sein, sich nach der Decke zu strecken! Ziehe ich die meinige nach rechts, so wird mir im Nu der Rücken kalt, hole ich sie nach links, so friert's mich an der Brust. Kurz, sie ist eben zu kurz, und ich gerate in dieselben Nöte wie gewisse Schlachtenlenker, denen die Decke das eine Mal im Osten reicht, aber im Westen nicht, und das andere Mal wiederum im Westen, aber im Osten nicht. Diese verflixte kurze Decke! 22. Januar 1945. Wir werden immer vornehmer dank den Bemühungen des Übermenschen um die Innenausstattung der Porzellanbuchhaltung als würdigen Rahmens für sein eigen Bild. Wie es einer solchen geziemt, steigt seit heute früh auf dem Aktenschrank, dem rabenschwarz angestrichenen, ein Röẞlein in NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM - 44. die Höhe, schneeweiß glasiert, mit wehender Mähne, geöffnetem Maule, emporgerichtetem Schweife, ansetzend zu galoppierendem Tempo. Aber es bleibt beim Ansatze, vergeblich wartet die Vorsehung, neugierig hinter dem Zwicker vorlächelnd, auf den Sprung das Rößlein kommt nicht vom Fleck. Will es nicht? Kann es nicht? Das ist sein Geheimnis, denn es ist nicht umsonst ein Rößlein aus Porzellan, das seine eigenen Marotten und Absichten hat, wie je nur eines, welches aus Professor Kärners Händen hervorgegangen, und dessen Gemüt im Riesenbackofen bei 1200 Grad Hitze hartgeglüht worden ist. 23. Januar 1945. Eine ungeheure Spannung hält das Lager in Atem. Wie zwei feindliche Heerhaufen stehen wir einander gegenüber, die Herrenmenschen und die Herdenmenschen, in der Beurteilung dessen, was an den Fronten geschieht. Des einen sein Uhl ist des andern Nachtigall. Was die einen mit düsteren Ahnungen erfüllt, zieht wie ein frischer Windhauch durch die Brust der anderen. Was die SS ersehnt, verwünschen die Sklaven. Die Blöcke sind der Gerüchte voll, und je härter jede Äußerung bestraft wird, desto zäher halten sich die Parolen in unterirdischen Kanälen: niemand ist in der Lage, den heimlichen Strom zu dämmen oder gar zum Versiegen zu bringen. Jeder der beiden Gegner weiß genau, was der andere denkt. Es bemüht sich auch keiner, dem andern ein X für ein U vorzumachen. Die Fronherren sind im Bilde über die Stimmung der Häftlinge. Kaum ein einziger gibt sich der trügerischen Erwartung hin, daß die ,, Umschulung" ein anderes Ergebnis gezeitigt hätte als unüberwindliche Ablehnung, milde ausgedrückt. 24. Januar 1945. Die Nacht hat es mir von Saalbach geträumt. So lebhaft und deutlich träumte ich, daß ich beim Erwachen noch den 42 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF- ganzen Traum im Geiste vor mir sah. Jetzt ist mir das meiste wieder entschwunden. Ich weiß nur noch, daß wir bei Marie zu Besuch waren, eine Anzahl von Gestreiften; darunter auch Windgans, der Evangelist. Wie neulich in der Bibelstunde schob ich ihn in den Vordergrund und empfahl ihn als gewaltigen Redner, während ich mich bei mir selber vor Marie entschuldigte, von der ich wußte, daß sie lieber ihrem Vetter zugehört hätte, gleichsam wiederum in Er- innerung an den letzten Bibelabend, wo mir Pfarrer Kaiser nahelegte, doch selbst einmal eine Stunde zu übernehmen, was ich aber abschlug. Wir saßen als Gäste an einem Tisch und warteten wohl auf eine Speisung, wobei es sonderbar war, daß Windgans, der Evangelist, eine Blechdose in Ge- stalt einer Konservenbüchse mitgebracht hatte, welche ein unbestimmbares Etwas enthielt. Ich nahm es ihm ab, um&s auf dem Herde warm zu stellen, ganz wie wir es im Kom- mando tun, und tauschte mit Marie einen Blick des Einver- ständnisses, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, Immer war ich mir allerdings bewußt, daß ich. nur Gast wäre und wieder ins Lager zurückmüsse, was ich als schwere Last empfand— hervorgerufen wahrscheinlich durch star- ken Blasendruck, an welchem ich gleich darauf erwachte. 24. Januar 1945. Die Justizverwaltung wendet folgende Maßnahmen zur Steigerung der Gefangenenleistungen an(nach einem Brief des Amtes DI): „Das Aufsichtspersonal hat nicht nur für die Bewachung der Gefangenen zu sorgen, sondern sie auch zur Arbeit an- zuhalten. Leistungsprämien dürfen nicht schematisch gegeben werden, sondern individuell je nach Leistung. Beim Nach- lassen der Leistung müssen sie entzogen werden. Das System der Vorarbeiter sei zwar eingeführt, das Aufsichtspersond. habe jedoch Weisung, darauf zu achten, daß der Vorarbeiten LS r 1; er hl er er Erser en, sch bar Geein es Omveräre. Gast were star1945. a zur Brief chung it angeben Nach ystem Personal rbeiter NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 43. seine Kolonne nicht terrorisiert und auf diese Weise im Endergebnis das Gegenteil einer Leistungssteigerung erreiche..."*) ,, Diese Tatsachen sind dem Amt D II bekannt. Das Amt DII rechtfertigt hiermit sein Verlangen, die Sätze für die nicht in der Rüstungsindustrie eingesetzten Häftlinge weiter zu erhöhen. Mit der wiederholt von den Werkleitern vertretenen Auffassung, die Leistungen eines Gefangenen betrügen nur einen Prozentsatz von der eines Zivilisten, ist gegenüber dem Amt D II nichts auszurichten." Dieser Brief ist deswegen aufschlußreich, weil er beweist, daß die Leitung der Konzentrationslager, das Amt DII, sehr wohl im Bilde war über die Wirkungen der Capo( Vorarbeiter-) wirtschaft. Sie hat sie also bewußt in ihr System eingebaut. Wenn sie allerdings erwartete, trotz dieser der Leistungssteigerung hinderlichen Methode, dieselben Leistungen von den Häftlingen zu sehen wie die Justiz von ihren Sträflingen, so beweist dies einen ziemlich hohen Grad von Naivität oder Raffiniertheit. 27. Januar 1945. Des letzten deutschen Kaisers Geburtstag. Wie wenige werden dran denken Sic transit mundi gloria! Und doch auch hier schlagen einige Herzen in Dankbarkeit und gedenken der Zeit, da Deutschland noch eine Führung hatte, die sich vor Christus beugte. Weil er Christ war, hatte Wilhelm II. den Mut der Demut, sich seine Niederlage einzugestehen und abzutreten. Warum nur die Unsrigen sich weigern, die Entscheidung der Waffen anzuerkennen, die sie doch angerufen haben? Nur deswegen, weil sie gegen sie ausgefallen ist? Es fehlt ihnen der Mut zur Demut, welche die Wirklichkeit sieht, wie sie ist; und die uns als Gabe des Christus geschenkt worden ist. *) Soweit das Verfahren der Justizverwaltung, welche nichts mit den KZ zu tun hatte. 44 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 28. Januar 1945. Ich mußte den Übermenschen im Auftrag des Capos bitten, sein Bad so früh zu nehmen, daß auch die Häftlinge, die von der Arbeit kamen, noch baden könnten. Aber ich bekam schlechten Botenlohn: Sagen Sie mal dem Capo ( wir werden mit ,, Herr" und mit„, Sie" angeredet, unerhörte Neuerung!), ich bade, wann ich will!" Das trug er mir auf, indem er mich so bissig ansah, als ob ich das Ansinnen selbst an Seine Unberührbarkeit gerichtet hätte. ,, Na, der reitet noch auf hohem Roẞ", brummte der Generaldirektor und fügte hinter der hohlen Hand in spöttischem Tone hinzu: ,, Dabei sind zwei Armeen eingekesselt!" Die Flut steigt immer höher, bald wird sie Berlin erreicht haben, wenn es so weitergeht; dann gute Nacht, Pakete! Und was die armen Nachbarinnen anfangen? Schon wurde Schneidemühl genannt, und dies im deutschen Radio! Wie Stalin einst Hitler bis vor Moskau lockte, so hätte, tuschelte ein SS- Posten, Hitler jetzt Berlin an den Angelhaken gesteckt, um Stalin dranzukriegen. Aber wäre Berlin nicht ein allzu kostspieliger Köder, und: duobus facientibus non est idem! Soeben flüstert der Laibacher Nr. I hinter seinem Hauptbuch dem Laibacher Nr. 2 zu, die Russen hätten die Mark Brandenburg bereits erreicht und 400 000 deutsche Gefangene gemacht. Eine noch verzweifeltere Hiobspost für das Lager, das jeden Tag dringender auf Pakete wartet: es gibt ab sofort überhaupt keine Pakete und Briefe mehr, und zwar ist der Baum an der Wurzel abgehauen: die Post nimmt nichts mehr an. Von einem Tag zum andern stürzen wir Paketempfänger aus dem Stand der wohlhabenden Besitzer in die Kaste der Parias. N. sagt indessen mit Recht, dies sei der Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen müßten. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende wenn nur wirklich der Schrecken zu Ende ist. NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 45 Das Malheur mit den Paketen trifft viele deswegen besonders hart, weil mit den Paketen so mancher andere Vorteil wegschwimmt, der mit ihm verbunden war. Die Pakete waren gewissermaßen Eintrittskarten für einen gehobenen Stand, der allerlei Vorrechte bot; du wogst soviel, wie dein Paket wog, und je größer dein Paket, desto größer dein Ansehen bei den Stubenbehörden und Capos. Das fällt von Stund an alles weg, die Waagschale steigt, während die der Ausländer sinkt, da das Rote Kreuz nach wie vor seine Pakete befördern darf. - Trotz allem ich bin jetzt froher als je in meinem Leben, weil ich freier, ja recht frei bin: was der Knabe erträumte, der Jüngling vergebens ersehnte und der Mann in heißem Ringen zu erkämpfen suchte, ohne es zu erlangen, das ist mir jetzt aus Gnade in den Schoß gefallen: die innere Freiheit, der Sieg über meine Sünde. Mag auch mancher aufs Irdische gerichtete Wunsch unerfüllt bleiben, mag mir die Sehnsucht nach äußerer Freiheit nie mehr gestillt werden ein Meer von Friede durchströmt mein Gemüt, und der Glaube an den Sieg läßt auch das Schwerste getrost ertragen. - Neue Verlegereien aus einer Stube in die andere, vom einen Block zum andern machen unser Leben sauer. Diese ewige Unruhe! Kaum hast du dich irgendwo eingewöhnt und mit einigen angefreundet, so mußt du schon wieder das Bündel packen, und der alte Tanz fängt von neuem an. Aber das ist alles raffiniert ausgeklügelte Absicht. Wir sollen immer in Unruhe bleiben, es sollen sich keine festen Beziehungen bilden, mag auch die Arbeitskraft drunter leiden. Was nützen die kräfteschonenden Erlasse der Abteilung A, wenn die Geheimbefehle der Abteilung D das Gegenteil anordnen! Der Knabe Hiob wollte schon in die andere Welt übersiedeln, wo ihm der Buckel kein Beschwer mehr macht, 46 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF heute Nachmittag sei es ums Haar so weit gewesen, nachdem ihn der Hilfscapo wieder um das halbe Essen geprellt hatte und er einen Herzanfall bekam. Doch ins Revier ist er nicht zu bringen. Er fürchtet die allzu hilfsbereite Hand mancher Pfleger, die dem Freund Hein mit einer Spritze nachhelfen. Täglich sterben sie drüben wie die Fliegen, an Typhus sagt man, in Wahrheit an Erschöpfung. In einem Monat sind allein elf Pfarrer gestorben. Die Zeit, die paketlose schreckliche Zeit vom Jahre 1943 kehrt zurück und fordert ihre Opfer, Das Krematorium bewältigt kaum die Berge von Leichen, die auf Karren, welche Mistwagen gleichen, wie Holzscheite splitternackt geladen und durchs Tor gefahren werden, um ohne Gebet und Glockenklang den Gluten als Fraß zu dienen. Selbst die Barbarenvölker ließen sich solche Verachtung der Toten nicht zuschulden kommen. Kyrie eleison! Pfarrer Steil aus Westfalen tot! Freund Reger erzählte es mir heute in der Dämmerung auf der Blockstraße. Vor kurzem erst eingeliefert, kam er fieberkrank ins Revier. Reger hat ihn noch vor drei Tagen besucht. Da lag er still in seinen Decken, voll inneren Glücks: ,, Ich kann mich mit den Russen nicht verständigen", sagte er, aber ich fühle mich doch nicht allein. Mein Herz ruht ganz im Frieden Gottes." Das waren die letzten Worte, die Reger von ihm hörte. Als er den Besuch wiederholen wollte, mußte er erfahren, daß der Freund heimgegangen sei. Lux aeterna luceat ei! 29. Januar 1945. Jahrelang hat es mir überhaupt nicht von draußen geträumt. Erst in der letzten Zeit tauchen in meinen nächtlichen Phantasiebildern freiheitliche Vorstellungen auf. Meist spielt das Essen dabei eine angemessene Rolle, so daß ich entschädigt werde für das, was tagsüber nur Gegenstand unerfüllter Wünsche bleiben muß eine achtungswürdige - NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 47 Aufgabe, die das Bestehen dieser altertümlichen Einrichtung der menschlichen Natur wohl rechtfertigt. 30. Januar 1945. X., den wir den Mexikaner nennen, weil er einen Teil seines Lebens als sogenannter Kulturprofessor in Mexiko zugebracht hatte, wo er den Menschen und seinem eigenen Geldbeutel durch ein Licht- und Luftbad zu helfen suchte, ist aus dem Bunker zurückgekehrt, wohin er urplötzlich abge- führt worden war. Es verhielt sich, wie wir vermutet hatten: seine Schreiberei ist sein Unglück gewesen. Er hatte an den Lagerführer einen Brief geschrieben in der Absicht, ihn von der Haltlosigkeit der Hitlerei zu überzeugen. Als An- laß zur Bestrafung nahmen sie den Ausdruck„Unter- menschen“, den er unter anderen gebraucht hatte, allerdings nicht um die Übermenschen, sondern um uns Herden- menschen damit zu bezeichnen. Wie er zu diesem Worte käme?— Nun, weil die Häftlinge eine Behandlung er- führen, als ob sie nicht Menschen, sondern Untermenschen wären. Da war Feuer im Dach. Wieso das? Wie könne er das behaupten? Der Mexikaner kniff nicht, alle Achtung! Wenn man Menschen, führte er aus, aus ihren Berufen, darin sie Tüchtiges geleistet hatten, aus dem ihnen gemäßen Erdreich herausreiße und in einen Steinboden verpflanze, wo sie nichts nützten, sondern elend zugrunde gehen müßten, so habe man sie als Untermenschen behandelt statt als Menschen. Er habe viele Völker kennengelernt und unter ihnen ge- lebt, aber nirgends sei ihm widerfahren, was er hier erlebe und das von seinen Landsleuten.„Ich lasse Ihnen 25 auf den..... geben!“ fiel ihm wütend der Lagerführer ins Wort, der eine solche Sprache nicht gewöhnt war; doch, unglaublich, der Häftling hielt noch nicht den Mund, son- dern überschrie den Schreihals um ein Erkleckliches:„Da haben wirs ja, so springt man nur mit Untermenschen um.“ 48 - - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Weiter kam er nicht mehr; er wurde sofort in den Bunker abgeführt, wo er Zeit fand, über die Aussichten nachzudenken, die Bekehrungsversuche bei den Herrenmenschen haben, selbst wenn sie von Komplimenten begleitet sind.- Er konnte von Glück sagen, daß die angedrohten 25 nicht auf ihn niedersausten. Früher hätte ihn der titanische Versuch, als Nummer soundsoviel der Herrenkaste was am Zeug zu flicken, das Leben gekostet. Die alten Lagerhasen sagen ja, Dachau sei gegen früher das reine Sanatorium. Na, Sanatorium ich danke! Die alten Quälereien sind abgeschafft, aber neue sind an ihre Stelle getreten. Oder ist es nicht eine wahre Folter, Menschen wie Wollballen zusammenzustopfen, daß sie kaum mehr atmen können und halb verrückt werden von den gegenseitigen Übergriffen? Die SS schlägt nicht mehr, nein; dafür holt sie uns bei Nacht und Nebel fort zum Vergastwerden; und um sich vor der Welt die Hände nicht schmutzig zu machen, hat sie sich menschliche Automaten als Gummiknüppel abgerichtet, die uns mit Ohrfeigen, Fußtritten und Nierenstößen knockout zu schlagen wissen. - 49 ユー 1- en = 5 ne m en m. DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN. Der„ V.B." fordert Vereinfachung des Lebensstils. Dem Chronisten drohen 25 hintendrauf. Eine Fleischwurst gegen Zigaretten, und was bei dem Tausche herauskam. Wir werden gefilzt, und das rote Halstuch verrät mich. Ich werde verhört vom Lagerführer und vom Gummiknüppel dazu. nd ist Die russische Grammatik trägt mir eine Ohrfeige ein. u- nd n? bei ch sie et, en Der Blockmogul kanzelt mich ab vor versammelter Mannschaft. Kriegt der Biblizist seine 25 oder nicht? Ich gehe in die Höhle des Löwen. Der Mexikaner ist tot, und die Häftlinge machen sich Gedanken. Wir versammeln uns um die Bibel. Nicht wir schützen die Bibel, sondern die Bibel schützt uns! Woran denkt der Übermensch? Ist die rote Grammatik vergessen oder kommt noch etwas nach? Ich werde sicher und hoffe mit einem blauen Auge davonzukommen. Der Knabe Hiob behält recht, und ich werde abgeführt. Ich komme in den Stehbunker und entdecke den Gipfel der Vereinfachung. Wir kommen wieder ans Tageslicht, aber ich traue dem Frieden nicht ganz. Ich gehe spazieren, kriege aber eine schlechte Nachricht vom Laibacher Nr. 1. Die Sphinx läßt mich vor, verspricht mir etwas und hält es nicht. Ich stürze vom Turm, bleibe aber nicht liegen. Fünf Minuten vor Zwölf 4 50 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Wie ich einen Entschluß fasse, und was für Folgen er hat. Hubersepp, hilf! Hubersepp hat geholfen. Warum kümmert sich die Kirche nicht um Hiobs Leiden? Die Buchhaltung wird immer vornehmer. Ein Lutheraner hält früh eine Abschiedsrede, aber man soll, den Tag nicht vor dem Abend loben. Ein Sack voll Fragen und keine Antwort. Aschermittwochstimmung unter den Hochwürden. ,, Eines wünsch ich mir vor allem andern." Es wird dunkel vor den Augen, aber wozu sich absorgen? Mein Amtsgewand. Ein verflixt gefährlich Pulver! 1. Februar 1945. Der ,, V.B." brachte neulich einen Aufsatz, der die bezeichnende Überschrift trug: Entfeinerung und Vereinfachung". Die Forderung war darin aufgestellt, den Zu-schnitt des deutschen Lebens weit einfacher zu gestalten, als dies der Krieg bisher verlangt habe. Nun, es will uns scheinen, als ob man schon seit einem Dutzend von Jahren mit Eifer daran arbeite, den Lebensstil in Deutschland zu vereinfachen und zu entfeinern. Das Ideal wäre wohl der KZ- Stil, und doch haben auch wir noch nicht die, Spitze der Vollkommenheit erreicht. Es geht immer noch einfacher! Als wir durchs Tor hereingebracht wurden, der eine von seinem Bauernhof, auf dem er König war, der andre aus seiner Fünfzimmerwohnung mit Zentralheizung und Lift, 1, $ n u er ce ! n IS t, DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 51 .der dritte aus der Wohnküche eines Arbeiterheims, da dachten wir alle, mit einem Spind und einem Strohsack. den Gipfel der Genügsamkeit erklettert zu haben, aber wir wurden immer wieder eines besseren belehrt, es gab stets neue Vereinfachungskurse eine wahre Hochschule für Jünger der Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit. Das Spind mußten wir lernen, mit drei bis sechs anderen zu teilen und froh zu sein, wenn es uns überhaupt noch gelassen wurde; ins Bett wurden zwei weitere gequetscht samt den Quartiergästen, die jeder privat in seinem Hemd ohne Miete beherbergte, und die das allerschlimmste Gesindel waren. Nicht einmal das letzte Haus wurde uns gelassen, die sechs armseligen Bretter, der hölzerne Frack", wie die Lagersprache den Sarg heißt. Auch das war noch viel zu fein für uns unfeine Leute: ohne alles Drum und Dran einfach hinein in den Feuerofen, das war gut genug! Was Glockengeläute, was Leichenzug, Begräbnisfeier mit Pfarrer und Heilandswort alles überflüssiger Kram, Überreste aus einer Kultur, die zu unnützer Überfeinerung reizte. Briefe schreiben an wen und wann du Lust hast? Kommt gar nicht in Frage, ein solcher Luxus der Gefühle: alle vierzehn Tage einen Brief von vier Seiten zu je vierzehn Linien, das genügt, und wohlverstanden, stets an eine und dieselbe Person. Haben wir nicht das gute Recht zu denken, daß wir in der Sparwissenschaft mit einem guten Beispiel vorangegangen sind? Und doch besteht kein Grund, anzunehmen, daß es nicht noch höher hinauf in die Vollendung und tiefer hinunter in die Vereinfachung gehen könne. Jeder Tag mag neue Überraschungen bringen. Wir sind auf alles gefaßt. - - 2. Februar 1945. Fünfundzwanzig hintendrauf soll ich das auch noch auskosten, bevor alles zu Ende geht? Der Rapportführer hat sie mir angedroht; Windgasse, der Evangelist, meint 52 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF zwar, es bleibe bei der Drohung, während der Knabe Hiob, breitgeschlagen und ängstlich, wie er ist, Schlimmes befürchtet. Auf jeden Fall muß ich auf das Ärgste gefaßt sein und, wie mir vor zwei Jahren der Lagerführer befahl, meinen Buckel ,, hinrichten"! Damals verlief die Sache im Sande, ob auch diesmal, wer weiß? - Wäre er doch geblieben, wo der Pfeffer wächst, dieser eifrige Handelsmann mit seiner Fleischwurst! Aber geschehen ist geschehen, und im Grunde bin ich alleine schuldig, denn wer hieß mich den unglückseligen Tausch machen als mein eigen gelüstig Herz und mein allzeit in den drohendsten Tönen knurrender Magen? Streckt da einer am letzten Mittwoch kurz vor Feierabend der Übermensch hatte kurz vorher das Büro verlassen seinen Kopf zur Türe herein und mit ihm ein wahres Prachtexemplar von einer rotschimmernden Fleischwurst, einen ganzen Kringel. Wer die hätte, jetzt in dieser paketlosen, schrecklichen Zeit! Wo das Vesperbrot immer dünner und die Wurstportionen immer bescheidener werden. Doch horch, was des Versuchers Stimme verkündet: ein Gelegenheitstausch, das Prachtexemplar sei feil gegen eine Schachtel Zigaretten! War das nicht ein Wink des Schicksals? Zigaretten besaß ich, aber solange sie nicht eßbar waren, nützten sie mich nichts, rauchen tat ich sie nicht, und die Diebe hatten durch einen nächtlichen Besuch zart angedeutet, daß sie auch die Verstecke im Porzellan zu finden wüßten. Also weg damit! Und her mit der Wurst im nächsten Augenblick war ich glücklicher Besitzer des fleischernen Kunstwerks, das sollte dem Hunger für die nächsten Tage ein Ende machen. Noch am gleichen Abend wollte ich es mit ins Lager nehmen. Und obwohl der Generaldirektor noch am Vorabend gewarnt hatte, daß dicke Luft herrsche und gefilzt werde, so ließ ich doch, wie betört von meinem Vorteil, alle Vorsicht beiseite und schob die Wurst in die Tasche des inneren Mantels( seit einigen - t t r r 1 3. b n DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 53 Tagen hatte ich, nachdem ich in der ärgsten Kälte wochenlang ohne einen Mantel hatte herumlaufen müssen, auf einmal deren zweie). In die des äußeren schob ich aber die Blutwurst, die wir an diesem Tage von der Fabrik erhalten hatten, und die ich für den Knaben Hiob mitnahm; wer mich aber auf den Einfall brachte, auch noch die russische Grammatik zu mir zu stecken, wer mich auf diesen Gedanken brachte, weiß ich nicht, ich vermute in Anbetracht seiner Gescheitheit, daß ich es selber war. - - - Kurz, es kam, wie es kommen sollte: am Tor mußten wir Spießruten laufen durch eine Gasse von SS- Moguls, die auf uns warteten und nun ihre Opfer herausangelten. Ich hatte Glück, ich kam unbehelligt durch die Kette und wollte schon triumphieren, da hörte ich wie Donnergetöse eine Stimme brüllen: ,, Der mit dem roten Halstuch!" O, ihr Nachbarinnen, das rote Halstuch aus Berlin! Das war mein Steckbrief; ich versuchte aber die Lage als Vogel Strauß zu retten und nichts zu hören, sondern mit großen Schritten mutig ins Dunkel zu eilen was half's? Im nächsten Augenblick fühlte ich mich am Genick gefaßt und seitwärts gezogen. Ein rotes Halstuch das war von vorneherein verdächtig o, wenn sie erst an die rote Grammatik gerieten! Mir graute, doch hatte ich keine Zeit zum Überlegen. Ich hatte aufgehört Subjekt zu sein, war nur noch Objekt, leidendes, duldendes Objekt, mit dem fremde Willkür anfing, was sie wollte. Aha, eine Wurst! Es war noch nicht die wahre, denn der Capo bestätigte mir die Legalität des roten Quaderstücks, schon wollte die durchsuchende Gerechtigkeit mich ziehen lassen, und ich atmete auf, nachdem ich sämtliche Taschen umgekehrt hatte. Da geriet sie. zufällig an einen verdächtigen Wulsto, ein zweiter Mantel wie kommst du zu zwei Mänteln, sage an, Lieber! Du aber, warum kümmertest du dich nicht um mich, als ich keinen Mantel hatte und wie ein Schneider - - 54 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - - fror, sage an, Lieber! Und was steckt in der zweiten Tasche des zweiten Mantels? Eine zweite Wurst, und was für eine Wurst, weit entfernt von jenem ordinären roten Quaderstück ein richtiger Kringel, ohne Anfang und Ende! Woher hast du die, Freundchen? Eingetauscht? Daß ich nicht lache! Hosen runter! Wo das ist, ist noch mehr. Die Inquisition war ein Kinderspiel; unter freiem Himmel auf freiem Platz rissen sie mir die Kleider herunter, fanden das Kuhauge, wie ich meine Riesenlinse nannte, die mir beim Lesen half aber nicht die rote Grammatik; hier versagte die Vorsehung. Die trat wieder in Tätigkeit, als sie mich in kleinem Triumphzug durch die Torstube schleppten, wo bereits ihr Bild, von der Wand durch den Zwicker lächelnd, mein wartete, ferner Böttcher, der Rapportführer, Kuhn, der Lagerführer, und der Gummiknüppel. Dieser trat in Kraft, als offenbar wurde, daß ich nicht bereit war, der Neugier der Moguls befriedigende Antworten zu geben über die Herkunft der Wurst. Ich blieb dabei, sie sei eingetauscht. ,, Du hast sie gestohlen!" fuhr mich der Mogul an ,,, sie stammt aus der SS- Schlächterei!" ,, Ich habe sie eingetauscht" beharrte ich trotz der Ohrfeige, die mir die Wahrheit eingetragen. ,, So nenne den Namen!" Ich nannte ihn nicht, denn ich wußte ihn nicht; aber weil es wahr gewesen, glaubten sie mir wieder nicht. Hosen runter! Der Gummiknüppel mußte fragen, bekam aber die gleiche Antwort. ,, So bring ihn bei als Zeugen!" befahlen sie mir, und ich war bereits froh, entschlüpfen zu können, und bückte mich, um das rote Halstuch aufzuheben und die rote Grammatik, die ich druntergelegt, als Böttcher unzeitig hersah und für meine Bewegung ein Interesse zeigte, das er besser auf das Bild der Vorsehung verwendet hätte. ,, Was hast du denn da?" Mit der Frage stand er auch schon bei mir und entriẞ mir das Buch. ,, Ach, russisch!" rief er triumphierend, als ob er mich auf dem Verbrechen - DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN s5$ ertappt hätte, der SS einen Ochsen gestohlen zu haben.„Also Russisch lernt er auch! Das wird immer besser!“ Der ge- fürchtete Augenblick war gekommen. Ich wußte, der Besitz des Buches werde mir weit mehr verdacht werden als der der Wurst, und ich wartete nur auf die Frage:„Woher das Buch?“ Die fürchtete ich am meisten,— weil ich es auf illegale Weise vom Pragmatiker erhalten hatte und ihn. unter keinen Umständen in Verlegenheit bringen wollte. Die Frage kam nicht, sondern eine weltanschauliche Ohr- feige, worauf sie mich laufen ließen samt rotem Hals- tuch, aber ohne rote Grammatik. In kurzem hatte ich den Zeugen gefunden, der meine Aussagen bestätigte. Das Corpus delicti, die Wurst, lag in ihrer ganzen einladenden, verführerischen Unschuld auf dem Seitentischchen; o, hätte ich sie nie gesehen! Und ich sah sie auch zum letzten Male. Es ist wohl keine Beleidigung der Mogulswürde, anzuneh- men, daß sie in den Eingeweiden der Richter als Honorar für ihre Mühen landete. Sie war nicht gestohlen, nur ge- tauscht. Da es sich um Heeresgut handelte, rettete mich diese Aussage vielleicht vor dem Strick. Wenn sie auch bemüht waren, mir aus der roten Grammatik einen neuen zu drehen, es was nur ein papierner, den ich zu zerpflücken trachtete mit dem Hinweis, darauf, daß ich ein großer Sprachenfreund sei— sieben hätte ich bereits intus, ich sei nun dabei, die achte und die neunte zu lernen; die neunte, das sei eben die russische. Mogul und Obermogul ließen zunächst das T’hema, auf dem sie sich nicht ganz sicher zu fühlen schienen, fallen; wie ein gewandter Staatsanwalt strickte indessen der erstere eine Masche, in welcher er mich doch zu fangen gedachte:„Sag’ einmal, hast du ‚nicht gewußt, daß Tauschen verboten ist?“ fragte er mit der taschen- spielerischen Gewandtheit eines Winkeladvokaten.„Nein!“ antwortete ich schnell und ahnte nicht, in welche Falle ich gegangen war, welche Waffe ich damit dem Mogul in die 56 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Hände spielte. ,, Was, du hast's nicht gewußt? Habt ihr je einen solchen Lügner gesehen?" rief er in heller Verzweiflung die Wände und alles an, was sich zwischen ihnen befand, einschließlich des Bildes der Vorsehung, die sich in der Tat hinter ihrem Zwicker höchlich über das Maß einer solch verruchten Verstocktheit zu wundern schien, nur möglich bei dem Besitzer einer staatsfeindlichen roten Grammatik ,, Meiner Lebtag habe ich keinen Menschen getroffen, der mich so unverschämt angelogen und mir dabei noch so scheinheilig ins Gesicht gesehen hätte!" Ums Haar hätte ich noch eine Ohrfeige gefangen, doch mäßigte er sich redlich und entließ mich mit dem Auftrage, sofort den Blockältesten herzuschicken. Den wollte er angeblich zur Rede stellen darüber, daß er seinen Block so mittelalterlich unzulänglich über Tausch- und andere Verbote belehre, in Wirklichkeit aber scharf zu machen gegen den Burschen, der nicht bloß rote Würste tauschte, sondern noch dazu eine rote Grammatik bei sich führte und mit staatsfeindlichen Blicken um sich warf. Der Blockmogul, ein noch junger Mann mit Pausbacken und Stulpenstiefeln, rechtfertigte die in der Torstube auf ihn gesetzten Hoffnungen. Noch am selben Abend rief er mich beim Appell, der jetzt in der Blockstraße gehalten wird, heraus, um unter Anwendung gewaltiger Stimmittel und noch gewaltigerer Lügen mich als schwarzes Schaf zu brandmarken, das die hohe Autorität des Blockmonarchen in den Schmutz getreten und die Kameradschaft gefährdet habe. ,, Habe ich nicht jeden Tag gepredigt, daß Tauschgeschäfte verboten seien?" wagte er zu fragen; ein Glück, daß es nur eine rhetorische Frage war, auf die er gar keine Antwort erwartet. Sonst hätte er erfahren können, daß kein einziger die Paragraphen auf etwas anderes anwandte als auf das Lagerbrot und die Lagerportionen. Alles übrige war Gegenstand eines Tauschhandels, der so lebhaft war DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 57 wie jemals einer an irgendeinem Orte Deutschlands, wie die Zeitungen jeden Tag bewiesen. Und wenn die Blockmoguls samt den Stubendiensten eine Ausnahme machen sollten, dann nur deswegen, weil sie es nicht nötig hatten, sei es, daß sie im Überfluß schwammen oder auf Grund der Tribute, die ihnen freiwillig oder gezwungen in ihre Spinde geschüttet wurden. Das feindselige Schweigen, das seiner Rede folgte, bewies, daß der Block im Bilde war und dem Spruche des Moguls nicht zustimmte. Was diesen indessen nicht hindern wird, bei der nächsten besten Gelegenheit den ungeschriebenen Weisungen nachzukommen und sich als getreuen SS- Büttel den Herrenmenschen nützlich zu machen. 3. Februar 1945. Wird der Schreiber die 25 kriegen oder nicht? Diese Frage ist an der Tagesordnung im Kommando; einige gönnen mir mein Mißgeschick und verargen mir besonders, daß ich meinen Vordermann, das Handelsgenie, nicht durch eine Lüge gedeckt. Einer, natürlich ein Capo, wünscht mir in der liebenswürdigen Offenheit, die bei den Häftlingen. üblich ist, ich müßte 50 bekommen statt der 25; er würde mir die doppelte Tracht verschreiben- gewiß, denn er ist Mithäftling und Capo, das genügt zur Erläuterung dieser Freigebigkeit. Ich habe mich allerdings nicht an das Lagerdogma gekehrt, daß man ,, vorn" seinen Vordermann unter allen Umständen decken müsse. Aber da ich ein gutes Gewissen hatte und mich nicht schuldig fühlte, andererseits unter dem Verdacht der Entwendung von Heeresgut stand, so blieb mir nichts anderes übrig, als den einzigen Zeugen, den ich hatte, in Anspruch zu nehmen. Jenes Dogma ist übrigens erfunden von Leuten, die gern im Trüben fischen, Capos, Stubenältesten usw. Sie stellen allerlei an, was das Licht zu scheuen hat, bedienen sich ihrer Hörigen, aber 58 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF statt auch die Verantwortung für ihr Tun zu tragen, wälzen sie es auf den letzten ab, den die Hunde beißen, um fein hübsch im Hintergrund zu bleiben und das Spiel bei der nächsten Gelegenheit erneuern zu können. Ich bin zu lange im Lager, um dies nicht zu durchschauen. - - Übrigens brachte der gestrige Tag eine Überraschung: im Porzellan rührte und regte sich nichts. Ich hatte damit rechnen müssen, daß sie beim Direktor anläuteten, um mich madig zu machen, mir vielleicht das Kommando zu entziehen, aber nichts geschah. Am Nachmittag schrieb mir der Laibacher Nr. 2 einen Zettel und legte ihn mir auf den Tisch: ,, Bach der Kriminalist ist im Haus!" Das war bedenklich und schien zu beweisen, daß sie der Herkunft der Wurst auf den Grund gehen wollten. Doch löste sich die Wolke in Wohlgefallen auf: der Mann hatte eine Figur gekauft und war wieder verschwunden. Wenn ich nur im Porzellan bleiben kann! Der Verlust des Kommandos wäre die schlimmste Strafe, härter als die 25, weit härter, weil er noch manchen andern Verlust nach sich zöge: Keine Milch mehr( mag es auch Magermilch sein), keine Wurst mehr, und wenn es nur rote Quaderstücke sind; dazu droht der Transport nach auswärts, der unter Umständen einem Todesurteil gleichkommt und deswegen von allen ängstlich gemieden wird. Ich beschloß deswegen in die Höhle des Löwen zu gehen und meldete mich in aller Frühe beim Direktor im Privatkabinett. Der Zerberus, die Privatsekretärin, versperrte noch nicht den Zutritt, so daß ich ungehindert vordrang. Der melancholische Mann, der übrigens immer anständig war gegen die Häftlinge und manchen Brief zu unseren Gunsten unterzeichnet hat, hörte mich mit Schwermut im Blicke an und erklärte mir mit der Rätselhaftigkeit einer Sphinx, daß sein Eintreten mir nur Schaden bringen könne: ,, Sie sind ja nun schon über ein Jahr im Porzellan" fügte er hinzu; ließ mich aber im unklaren DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 59 darüber, ob sich dies zu meinem Vorteil oder Nachteil aus- wirken werde.© Pragmatiker, wo steckst du? 4. Februar 1945- Der Mexikaner tot! Wie ein Lauffeuer geht diese Kunde durch den Block. Er war doch-das Bild der Gesundheit selbst, wenn seine Wangen auch etwas abmagerten. Vor einigen Tagen kam er ins Revier; angeblich ist er dort an Flecktyphus gestorben. Viele schütteln den Kopf; wir sehen uns ungläubig an; was er aber im Innersten denkt, wagt keiner auszusprechen. Ja, man soll der Stapo nichts am Zeug flicken, es ist lebensgefährlich. 5. Februar 1945. Schon den zweiten Sonntag konnten wir uns nicht zur Predigt pirschen, weil der immer mehr um sich greifende Typhus zu einer allgemeinen Blocksperre geführt hat. Wir ließen es uns indessen nicht nehmen, uns wieder einmal wie früher im Freien zu treffen, diesmal im Bereich des Hubersepp, an der Kantine— ja, sieh nur recht überrascht von der Wand her durch deinen Zwicker, o Vorsehung! Im vollen Licht der Lageröffentlichkeit scharten wir uns um die Bibel,- während die Gestreiften um den Radiomast kreisten und den Nachrichten lauschten, die dem Trichter von Zeit zu Zeit entquollen. Es sei freilich nicht verschwie- gen, daß der eine oder andere zuweilen etwas ängstliche Seitenblicke auf die um uns herflutende Menge warf, um zu erkunden, ob die Luft sauber sei, denn wir mußten stets mit Verrätern rechnen, die uns in des Teufels Küche bringen konnten. Der Biblizist hat allerdings mit seiner Zuversicht recht behalten, die ihn zu dem kühnen Ausspruch veran- laßte:„Nicht wir schützen die Bibel, sondern die Bibel schützt uns!“ Der Knabe Hiob war auch dabei und tat diesmal ganz gegen seine Gewohnheit in der Aussprache lebhaft mit. 60 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Einige Bewohner des geistlichen Blocks, zu deren Ohren die Kunde vom allgemeinen Priestertum ihrer Kirche und von der Zeugenpflicht jedes Christen noch nicht gedrungen zu sein scheint, hatten durchblicken lassen, daß sie unsere Zusammenkünfte für überflüssig hielten. Dies war dem Knaben Hiob zu Ohren gekommen und brachte ihn nicht wenig in Harnisch, so daß wir uns über die Lebhaftigkeit des sonst so stillen Mannes nicht genug wundern konnten. 5. Februar 1945. Woran mag er denken, der Übermensch? An die Tage von Paris, die er als Herrenmensch mit Herrenmenschen in Saus und Braus genoß, oder an die Eltern, die, rumänische Volksdeutsche, bereits auf eiliger Flucht begriffen sein mögen? Untergangsstimmung! Vorbei, vorbei ist der kurze Traum vom Herrenmenschentum, aufgebaut auf den verheißungsvollen, doch trügerischen Melodien des Rattenfängers von Berchtesgaden. - Dienstag, 6. Februar 1945. Auch heute ist's still geblieben. Ob sie die rote Grammatik wirklich verwinden? Das Jourhaus hüllt sich in Schweigen, vielleicht geht alles nochmal gnädig ab. ,, Die haben jetzt schwerere Sorgen" meint Windgasse, der Evangelist; während der Knabe Hiob den Kopf schüttelt, mich daran erinnernd, wie sie ihn erst Wochen nach der Meldung holten, und zwar vom Kommando weg in den Bunker, ohne daß er überhaupt zur Vernehmung gerufen worden wäre. Lagerjustiz! Dabei hatte der Kommandoführer dem Parolenmüller auf mein Dazwischentreten feierlich versichert, daß er die Sache nicht verfolgt habe es handelte sich um das staatsfeindliche Vergehen, daß er sich aus einem herumliegenden Autoreifen zum Schutze gegen den Schmutz - DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 51 eine Art Schürze gemacht und sie während der Arbeit umgebunden hatte. Und wenige Wochen später war es gar ein Glied des hochachtbaren Stubendienstes, Schuster, der ihm aus einem nichtigen Grund eine Meldung schrieb, ohne dazu überhaupt berechtigt zu sein. Die Meldung tat indessen ihre Wirkung; es wurde ihm, der ohnehin am Hungertuche nagte, auf 10 Tage die Brotzeit, d. h. das Frühstück, entzogen. Auf Grund solcher Erlebnisse glaubt er seine Pappenheimer zu kennen und leidet an unheilbarer Schwermut im Blick auf die neue Gerechtigkeit.- Mittwoch, 7. Februar 1945. Ich werde allmählich sicher und denke kaum mehr an das Damoklesschwert, das über meinem Haupte schwebt. Die rote Grammatik scheint endgültig vergessen zu sein, sonst hätten sie schon zugegriffen. Sonntagnachmittag, 11. Februar 1945. Der Knabe Hiob hat nun doch recht behalten, wenigstens teilweise. Als ich am Mittwochabend in den Block zurückkehrte, empfing mich schon an der Türe der Stubenmogul und bedeutete mir mit verdächtiger Zurückhaltung, daß ich sogleich zur Lagerschreibstube müsse. Mehr verriet er nicht, aber mir war klar, daß es sich um die Wurst handle. Es fiel mir also gar nicht ein, mich ohne Aufenthalt zu melden, wie er von mir verlangt hatte; vielmehr ging ich zunächst einmal auf den Block ungesehen vom Stubenmogul, der mich aus reiner Schikane sogleich hinüberjagen wollte. Ich machte mein Testament, packte alles schnell zusammen, was gefährlich oder verdächtig oder wertvoll war in meinem Spind, so mein Tagebüchlein, steckte mein Brot ein und gab Löbig, dem getreuen Berliner aus Spanien, den Auftrag, als Ausdruck meines letzten Willens dem Knaben Hiob meinen Brei auszuhändigen. Die Reliquien übergab ich, M., - 62 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF dem Sterngucker. Erst dann fand ich mich auf der Lagerschreibstube ein und wurde mit einigen andern Delinquenten zum Bunker geführt. Gott sei Dank, Glück im Unglück! Bunker, also keine 25! Der Schreiber, der uns begleitete, verriet es uns. Ein Zentnerstein fiel von meinem Herzen. Ich hatte nicht eben große Sehnsucht, mit Hilfe des Gummiknüppels unter die Märtyrer zu kommen. Immerhin die rote Grammatik, das dicke Ende, konnte noch nachkommen. Vielleicht machten sie das leichtere Vergehen zuerst ab, um mich für das schwerere zum Schluß noch aufzuhängen. Wer stak darin? Niemand!- - Der Bunker war ein sogenannter Stehbunker, der dernier cri, die letzte Neuheit der Lagerstrafen. Ich hatte schon oft von ihm sprechen hören, seit er vor zwei Jahren als neueste Errungenschaft eingerichtet wurde. Die letzte Schilderung hatte mir der Knabe Hiob aus eigener Erfahrung gebracht; nichtsdestoweniger konnte ich mir keine rechte Vorstellung von diesem neumodischen Modell der Vereinfachung machen, und ich war denn auch einigermaßen erstaunt, als ich vor ihm stand. Er überraschte mich durch die Schlichtheit seiner Formen; es schien in diesem Gelaß die Forderung des ,, V.B." nach Vereinfachung und Entfeinerung ihre Erfüllung gefunden zu haben, noch weit vollkommener als auf den Blocks. Auf wenigen Quadratmetern hatte man 4 Zellen zusammengedrängt, zu welchen je eine Tür führte, und die sich von innen wie Kamine ausnahmen. In unerreichbarer Höhe war ein Loch angebracht, welches die Stelle eines Fensters andeuten sollte. Es hätte des Halses eines Kamels bedurft, um es zu erreichen. Welch überflüssigen Luxus wurde auf den Blocks noch mit den großen Fenstern getrieben! Das Loch im Kamin, das war die Urform des Fensters, also zurück zu den Anfängen! Und wozu ein Bett? Auch ein Strohsack hat noch etwas Kompliziertes, der Stehbunker zeigt's: es geht ohne Bett, - DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 63 ohne Strohsack, ohne Keil und ohne Decke. Selbst das Liegen läßt sich vereinfachen, das zeigt der Stehbunker: du liegst nicht, du kniest nicht, du schwebst nicht, du bleibst einfach stehen Stunde für Stunde, Nacht und Tag. Welche Einfachheit des Lebensstils, würdig der Säulenheiligen, von denen uns alte Legenden berichten; eine wahrhaft ,, einmalige" Einrichtung von europäischem Zuschnitt! Auch das Essen wies denselben Grundzug zur Einfachheit auf. Wozu das verwirrende Vielerlei der Speisen, wo wir es doch mit dem universalen Kommißbrot einfacher haben, und wozu die häufige Wiederholung desselben langweiligen Vorgangs der Mahlzeiten einmal am Tag ein Drittel, das genügt. Hat nicht Kneipp schon Ähnliches gelehrt? Und es genügte auch uns, aber fragt mich nur nicht: wie? Doch was blieb uns anderes übrig, als diesen Kursus in bescheidener Lebensführung durchzumachen. Wie lange es dauern würde, hatte man uns menschlicherweise nicht verraten, sowenig wie die Dauer des ganzen Lageraufenthaltes, der sich auf diese Weise für das Bewußtsein zu lebenslänglicher Haft ausdehnt. Meine beiden Gefährten schienen von dem Wert dieses Anschauungsunterrichtes nicht sehr überzeugt zu sein. Sie schimpften wie die Rohrspatzen über die Tortur, die ihnen die unbequeme Lage mitbrachte. Hatten sie denn gedacht, daß sie zu ihrer persönlichen Bequemlichkeit an diese Universität der Wissenschaft von der Vereinfachung gekommen seien? Kann man denn von einem Ding alles verlangen? Das wäre doch unbillig und ungerecht. Sie trieben es in ihrem Hang nach Komfort sogar soweit, daß sie abends. die Eẞpause dazu benutzten, um ihre Türen offen zu lassen und so ihren Füßen die Möglichkeit zu geben, sich auszustrecken, indem sie diese über die Schwellen hinweg in den gegenüberliegenden Käfig schoben. Die Tatsache, daß sie sich um alle heilsamen Wirkungen des anschaulichen Unterrichts brachten, schien ihnen ebensowenig Schmerzen zu machen wie 64 - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF das Fehlen jeglichen Symbols der neueuropäischen Zeit, eines Hakenkreuzes oder eines Bildes der Vorsehung. Der eine, ein hochgewachsener Lothringer, machte seinem gepreßten Herzen sehr deutlich Luft; er war wegen angeblichen Widerstandes gegen die Staatsgewalt hereingekommen, weil er es gewagt hatte, dem Blockpharao zu widersprechen, statt sich wort- und widerspruchlos abkanzeln und ohrfeigen zu lassen. Es war derselbe Pharao, der frisch und mutig erklärt hatte, und wenn die Russen in München ständen, werde er doch noch fortfahren, seine Ohrfeigen auszuteilen. Sind diese Leute mit Blindheit geschlagen, daß sie ihr Treiben fortsetzen bis zum letzten Augenblick? Oder wissen sie nicht, daß es 5 Minuten vor 12 Uhr ist? Wehe ihnen, wenn die Stunde kommt, auf die wir alle warten! Denn ihnen wird sie nicht die Freiheit bringen, sondern die Vergeltung samt denen, welchen sie als Lautverstärker gedient haben. Daß diese Stunde kommen werde, ist uns allen gewiß, aber wann? Es wäre höchste Zeit, und doch können wir uns kein Bild machen von dem Wie? Manche tuscheln etwas von einer Fallschirmlandung in aller Bälde; nun, wir hätten nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn die Fallschirme noch in dieser Nacht unserm einfachen Lebensstil eine Ende gemacht hätten. Aber sie kamen nicht, es galt weitere 24 Stunden auszuhalten bis zum zweiten Drittel des Kommißbrots wie gut schmeckte es! Doch als noch einmal 24 Stunden vergangen waren, und weder ein Fallschirm kam noch der Wärter noch das dritte Drittel, da wurde es uns lange und bange: denn wir hatten mit 3 Tagen gerechsollte der Bunker 5 Tage dauern oder gar noch länger? Die rote Grammatik begann wieder im Kopfe herumzuspuken. Ein Glück, daß endlich doch die Türe aufging und der Befreier erschien, wenn auch nicht als Fallschirmjäger, sondern nur als gewöhnlicher SS- Mann. Ich glaubte an mein Glück indessen noch nicht recht noch waren net - DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 65 wir nicht auf dem Block. Beim Herausgehen sah ich mich um, ob ich nicht mit einem Auge jenen andern Häftling erhaschen konnte, der nun schon im achten Jahr auf die Befreiungsstunde harrt, den Kirchenkapitän Niemöller: hier, fast Wand an Wand mit uns, haust er im ,, Ehrenbunker" mit einigen andern ,, Ehrenhäftlingen" zusammen. Am Tage zuvor hatte ich das Glück gehabt, durch die Türspalte einen Blick auf seinen Rücken zu werfen, war aber von dieser Aussicht und Ansicht nicht besonders befriedigt gewesen. Diesmal hatte ich noch weniger Glück; ohne viel Federlesens wurden wir hinausbugsiert. Zunächst mußten wir uns am Tor aufstellen eine nochmalige Gelegenheit, uns trübe Bilder vor die Seele zu zaubern, so das jenes Russen, den sie nach 3 Tagen Stehbunker zum Tor hinausgeführt hatten, um ihn zu erhängen ich hatte zwar nicht wie er gestohlen, aber ich war im Besitz einer roten Grammatik gefunden worden, und das war weit schlimmer! Aber, Gott sei Dank, der Ungewißheit machte der Lagerschreiber ein Ende, der zu uns trat und uns erlaubte, zu verschwinden und auf den Block zurückzukehren, wo mich der Knabe Hiob mit einem Freudenruf erwartete und versuchte, mir einen guten Bissen in den Mund zu stecken. - Auch der Humoronkel, der die beste Kritik übt, die des Humors ,, Lächerlichkeit tötet", war zur Stelle, diesmal nicht mit einem Witz, sondern mit einem mächtigen Käsebrot. Ich tat nicht zimperlich, sondern biß optimistisch hinein, froh wieder ,, zu Hause" zu sein, meine Füße auf dem Strohsack komfortabel ausstrecken und durch luxuriöse Fenster ins Freie sehen zu können, wenn auch noch nicht in die Freiheit. So hatte ich in dreitätigem Kurse hochschätzen gelernt, was ich vorher geringgeschätzt, und mußte die Regierungsweisheit bewundern, die eine solche Wandlung zur Zufriedenheit durch das einfache Mittel zuwege bringt, die Menschen erst einmal in Verhältnisse zu Fünf Minuten vor Zwölf s 66 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF stürzen, die dreimal schlimmer sind als die, welche man ihnen zugedacht hat. So werden sie mit Schwarzbrot zufrieden sein, wenn sie einen Monat lang überhaupt ohne Brot auskommen mußten. Probatum est: das Rezept ist allen Hitlern ernstlich zu empfehlen, die es darauf abgesehen hätten, in kürzester Zeit über einen Friedhof zu regieren. Über eines war ich froh: ich hatte wenigstens mein Kommando noch; und im Porzellan, da gedachte ich alle die widrigen Erlebnisse der letzten Zeit in Bälde zu vergessen. Es war doch gut, daß ich mich in die Höhle des Löwen gewagt und den Mann mit dem sphinxhaften Antlitz auf den Stehbunker vorbereitet hatte. Sonntagabend. Mein hoffnungsvoller Ausblick, mit dem ich den Eintrag gestern abschloß, war leider verfrüht: als ich gestern morgen gutes Mutes auf der Bolckstraße spazieren ging, um zu sehen, ob meine Bekannten noch alle am Leben seien, und ihre Glückwünsche entgegenzunehmen, daß ich das meinige noch behalten, traf ich auch Hartmann, den Laibacher Nr. 1, von der Porzellanbuchhaltung. Wir begrüßten einander mit Hallo, doch ehe wir unsern Weg fortsetzten, teilte er mit, daß ich ,, abgestellt" sei, das heißt, daß ich mein Kommando verloren hätte und nicht mehr zurückkehren dürfe. Es war mir, als träfe mich ein Schlag. Das war mir eine große Enttäuschung, ein wahres Unglück! Und da ich nicht annehmen konnte, daß der durch und durch ehrliche Laibacher Nr. 1, der mir zum Freund geworden ist, Scherz treibe, mußte ich ihm wohl oder übel glauben und nun sehen, was weitergeschieht. Ich werde auf jeden Fall morgen noch einmal hinausgehen; denn ich muß meinen Hausrat, Rasierzeug, Tabak; Manuskripte usw. holen. Dabei bietet sich vielleicht Gelegenheit, mit der Sphinx noch ein Wörtlein zu reden und das Ärgste abzuwenden. DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 67 Das sollte der Pragmatiker wissen! Aber er hat sich schon lange nicht mehr gezeigt; wäre er hier gewesen, ich wäre Einstweilen halte ich mich an meinen nicht geflogen". Wahlspruch: ,, Das Unglück ist mein Glück, Die Nacht mein Sonnenblick!" Montagabend. Die Sphinx ließ mich vor, hörte mich mit Schwermut in der Miene an und gab mir die Zusicherung, ich könne noch einige Tage bleiben, bis ich eine neue Stelle gefunden; doch nur so halb und halb, in rätselhaftem Orakelstil, wie es die Art der Sphinxen nun einmal ist. Ich schöpfte also wieder Hoffnung. Nach dem Appell hörte ich aber vom Capo, daß mir endgültig gekündigt sei. Ich war froh, daß ich wenigstens meine Siebensachen gerettet hatte, und überließ es einer höheren Deutekunst, die Zusage der Sphinx mit dem Kündigungsbrief in Übereinstimmung zu bringen. Die Manuskripte hatte ich noch draußen gelassen, es wäre zu gefährlich gewesen, sie durchs Tor zu schleusen. Ich muß dafür auf eine spätere Gelegenheit warten. Ich komme mir wie betäubt vor, als ob ich von einem Turm herabgestürzt wäre und nun mit zerschmetterten Gliedmaßen am Boden läge. Aber ich darf nicht liegen bleiben, ich muß die Gliedmaßen wieder sammeln, zu einem Ganzen vereinen, einem Leib, der den Kampf wieder aufnimmt, nun da es gilt, zum Endspurt anzutreten. Meine Lage ist trostlos, meine Seele kraftlos, aber: mein Unglück ist mein Glück! Daran mich zu halten, bedarf keiner Kraft, das gibt Kraft im Verzweifeln. Nach 66 Monaten Lagerleben hat die Widerstandsfähigkeit des Willens sehr gelitten; es ist ja alles hier auf Zermürbung des Geistes angelegt. Wenn die Zitadelle wankt, ist die Festung dahin. Der 54 68 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Kampf ums Dasein ist hinter dem Stacheldraht so erbittert wie draußen, nur daß er noch heimtückischer geführt wird. Man sollte meinen, wer am Boden liege, könne nicht noch tiefer stürzen, doch hier ist dies der Fall. Der Grund, auf den wir gekommen zu sein glaubten, als wir im Lager landeten, hat nachgegeben, so daß sich ein Souterrain gebildet hat mit allen sozialen Schattierungen und vielen Abstufungen vom Proleten bis zum Plutokraten. Nur daß du hier den Feind tagaus tagein auf dem Hals hast und die winzigste Kleinigkeit dich sofort in die Katastrophe zerren kann. Mein Sturz trifft mich empfindlich. Es ist ja nicht nur der Verlust des Kommandos, welches eines der besten und mit guten Pfründen gespickt war; nein, auch die Folgen, die sich möglicherweise einstellen, sind unabsehbar. Du gleichst als ,, Uneingeteilter" dem Treibholz, bist ein Gegenstand der Laune für alle Blockpiraten; in Gefahr, jederzeit auf Transport zu kommen und im Niemandsland zu verschwinden. Sollte sich der Blockpharao die Gelegenheit entgehen lassen, jetzt mit mir abzurechnen? Die Gefahr ist groß, es gilt zu handeln. Ich muß seinen Ränken zuvorkommen. Wollen sehen, wer zuerst am Ziel ist, Gott oder der Teufel! Wie schrieb mir Professor Heim vor zwei Jahren von der ,, Hand des Unsichtbaren, der uns führt"? Nach ihr greife ich. - Vielleicht landen die Fallschirmjäger inzwischen? Doch darf ich mich nicht auf sie verlassen; der Parolenmüller will zwar auf geheimem Wege gute Nachrichten erhalten haben, allein: sicher ist sicher. Ich halte mich einmal an meine Freunde und werde Joos, den ehemaligen Zentrumsabgeordneten, in Bewegung setzen und vor allem den Vielgetreuen, der mich schon aus so mancher Patsche herausgefischt hat, Hubersepp, den Kantinencapo einen der wenigen, die Menschen geblieben sind in diesem unmenschlichen Klima. - DAS. ERSTE WETTERLEUCHTEN 69 Später. Freund Joos konnte mir keine große Hoffnung auf einen Posten im Revier machen, als nach welchem ich schon lange trachtete, weniger als Pfleger, denn als Schreiber. Meine jüngste Vergangenheit wirft ihre Schatten. Der leitende Arzt, Sturmbannführer X., nimmt keine Sklaven auf, die eine Lagerstrafe haben, und nun habe ich deren schon zwei. Dagegen hat mir Hubersepp versprochen, sein Möglichstes zu tun, um mir schnell eine gute Stelle zu verschaffen. Bei dem großen Einfluß, den der kleine Mann allenthalben hat, darf ich damit rechnen, daß meine Not bald ein Ende haben wird. O Gott hilf ihm, damit auch mir geholfen sei! Dienstag, 13. Februar 1945. Hubersepp hat geholfen! Der Kapitalkerl! Morgen trete ich bereits meine neue Stelle an, es ist eines der besten Kommandos, wie geschaffen für mich. Vor allem werde ich sonntags frei haben. Darauf lege ich den größten Wert, um, wenn auch verbotenerweise, an den Gottesdiensten teil- nehmen zu können. Der Leiter des Arbeitseinsatzes, Schnabel, hat sich persönlich zu mir auf die Stube bemüht, ein Vorzug, der die Hochschätzung beweist, die Hubersepp genießt. Der Stubenpharao machte große Augen, als er mich rufen mußte. Freund Schnabel erkundigte sich bei mir, ob ich auf der Schreibmaschine und in der Kurzschrift geübt sei. Als ich dies bejahte, fragte er mich in sehr freundlicher Weise, ob ich bereit sei, eine Stelle bei der SS-Besoldungsstelle zu übernehmen. Ich wußte nicht, was’ich lieber tat, und so ist denn.das kurze Zwischenspiel schnell beendigt; das schwache Unsichtbare hat das starke Sichtbare überflügelt und den Wettlauf gewonnen. Ihm sei Dank für die wunderbare Hilfe!— Und jetzt hätte ich nur den Wunsch, daß sich auch für den Knaben Hiob etwas Gescheites fände. Sie plagen 70 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF ihn in der Kabelzerlegung halb zu tode, auch friert ihn mörderisch; doch waren bis jetzt alle meine Bemühungen, ihm zu helfen, umsonst. Im letzten Augenblick schlug es immer fehl, sei es, daß ihm sein Feind ein Bein stellte, sei es, daß der Capo zurückbebte. Denn solch ein buckliger Mann gilt in diesem Lande nichts, wo nur die Auslese der Tüchtigsten herrscht, und wo die Kraft des Geistes eher ein Hindernis ist, während Körperstärke, Maulgeschwindigkeit, List und Kriecherei hoch im Kurse stehen. Daß ich es nicht vergesse: Bakschisch- und Vetterleswirtschaft sind zwei weitere Schlüssel, die manche verschlossene Tür aufklinken. Aber die anzuwenden, scheut sich der Knabe Hiob. Einstweilen hört er die Stimme des Unsichtbaren, die ihn tröstet: دو Wann die Stunden sind gefunden, Bricht die Hilf mit Macht herein. Um dein Grämen zu beschämen, Wird es unversehens sein!" Sein Kampf ist schwer. Er leidet auch darunter, daß die Nachrichten von seinen Lieben, an denen er sehr hängt, so wie sie an ihm hängen, immer spärlicher einlaufen. Das Mütterlein, das ihm ein und alles war, ist während seiner Haftzeit heimgegangen. Er wird es hienieden nie wiedersehen, selbst wenn ihn Gott wieder in die Heimat zurückkehren läßt. Sie starb an gebrochenem Herzen, welches das Unglück des Lieblingssohnes nicht hat verwinden können. Eigenartig ist, daß die Kirche keinen Weg in seine Einsamkeit fand; ist er doch einer der seltenen Häftlinge, von denen es feststeht, daß sie um der Betätigung ihres Glaubens willen hierhergekommen sind. Da wäre ein Grüẞlein vielleicht doch möglich gewesen und hätte für den Verlassenen die stärkende Gewißheit vertieft, daß er nicht ganz verlassen sei. DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 71 1. März 1945. Mein Blasenleiden macht mir viel zu schaffen. Bereits zu Beginn des Winters konnte ich das Wasser nicht mehr halten; ich mußte des Nachts fünf- bis zehnmal heraus. Die Erkältung, die ich mir dabei zuzog, verschlimmerte die Beschwerden noch mehr; an warmen Decken fehlt es mir ebenfalls, denn der Stubenpharao hält es für notwendiger, daß seine Lieblinge, die von Gesundheit, strotzen, nicht krank werden, als daß ein altes Haus noch einmal gesund. wird; das ist ohnehin zum Abbau reif. So kommt zusammen, was zusammengehört: die dicken Wänste zu den dicken Decken und umgekehrt die dünnen Decken zu den dünnen Backen. Ich suche mir seit Wochen selber zu helfen, indem ich es abends vergesse, die Hosen auszuziehen, und mir so einen Wärmespender verschaffe. Das hilft wenigstens ein bißchen. Hoffentlich kommen sie nicht dahinter! Ich bin so gezwungen, zwischen Scilla und Charybdis hindurchzuschiffen: entweder gibt es bei der Entdeckung auf dem Block eine Katastrophe, oder ich komme um mein Kommando, weil sie die Düfte nicht aushalten mögen. 2. März 1945. Ich bin also wieder in einem Büro gelandet oder vielmehr in einem wahren Karussell von Büros! Hätte ich es mir träumen lassen, als wir im letzten Sommer an dem von den Bomben in zwei Teile zerrissenen Bau der Besoldungsstelle vorbeimarschierten, daß ich eines Tages selbst in dieser Herzkammer landen werde, die für den Blutumlauf sorgt und die Löhnung dieser überflüssigsten aller Soldaten bis in die äußersten Adern pumpt. Eigentlich ein nicht sehr sympathischer Gedanke, mit dieser ganzen Geschichte etwas zu tun zu haben und gar für sie zu arbeiten. Aber ich muß froh sein, hier untergekommen zu sein, denn es sah ziemlich gefährlich für mich aus, und es war keineswegs sicher, 72 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF ob mich die Wut des Rapportführers nicht doch noch auf einen Transport bringen werde. Und wenn es auch an den Pfründen fehlt, die das Porzellan so wertvoll machten, so ist es doch eine Kanzlei, und zwar eine sehr große mit langen Gängen, endlosen Türreihen, Stübchen im echten Bürostil mit langweiligen Regalen, trockener Büroluft und dem Wichtigsten, was es für ein modernes Büro geben kann: dem Bilde der Vorsehung mit dem Zwicker, die auch hier mit ihrem kalten Lächeln den Besucher begrüßt. Durch die Fenster hindurch fällt der Blick zweckmäßig auf jenen Vogel, der das Portal zu bewachen scheint, und den X. etwas despektierlich den Pleitegeier nennt, in Wirklichkeit ein unverkennbarer Aar mit ausgebreiteten Fittichen und einem Kreuz, mit dessen Haken er so wenig anzufangen weiß wie wir. Die Flügel läßt er vernehmlich rauschen, ohne daß es ihm aber gelänge, den Aktenstaub wegzublasen, der sich im eben ablaufenden ersten Jahrtausend der SS- Geschichte in der Besoldung angesammelt hat. An Uniformen ist hier kein Mangel, die Uniformierten sind unsere Vögte: Bürovorsteher, Abteilungschefs und wie die Mitglieder der bürokratischen Hierarchie sonst noch heißen mögen. Es ist eine wunderbare Kombination vom soldatischen Geiste Potsdams und vom Bremer Handelsgeist, eine Kreuzung, die vielleicht im nächsten Jahreine besonders aparte Rasse entstehen zu lassen -V tausend verspricht. 5. März 1945. Ich werde allmählich alt, oder vielmehr: ich werde es plötzlich. Im Laufe des letzten Vierteljahres muß ich erschreckend abgenommen haben. Wahrscheinlich war es die gesundheitschädigende Luft im Porzellan, welche mir zugesetzt hat. Vollends nach den drei Tagen und den drei Nächten im Fischbauch des Stehbunkers höre ich es von allen Bekannten und Freunden: ,, Wie siehst du aus?" DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 73. ,, Bist du krank?" ,, Was fehlt dir?" ,, Du siesch jo aus wies Kätzle am Bauch!" Was mir fehlt? Das Wichtigste, das fehlt mir, ihr lieben Freunde, das Vitamin der Freiheit! Sechsundsechzig Monate KZ- kein Wunder, daß sich bewahrheitet, was ich vor einem Jahre im Krankenhaus geschrieben: Runen graben sich in Wang und Stirn, gestern jung, sind heute wir die Alten. Überhaupt, es geht mir merkwürdig mit meinen Versen: es ist, als ob ich sie zu meinem eigenen Trost und zu meiner eigenen Aufrichtung hätte schreiben müssen. Immer wieder komme ich in Lagen, wo mir der eine oder andere Reim einfällt und Licht wirft ins Dunkel meines Weges, ihn auf Augenblicke aufhellend. Und die Nacht, sie wird von Stunde zu Stunde finsterer, die Sterne erlöschen einer nach dem andern. Die menschlichen, die lieben Beziehungen, soweit sie noch geblieben sind, auch sie zerreißen, das Bild der Freunde erscheint immer undeutlicher, die Lebenszeichen werden immer seltener, von den ,, Nachbarinnen" ist aus Berlin seit Wochen keine Nachricht mehr angelangt. Von Angelika kam gestern ein Brieflein hereingeflogen, auf Moll gestimmt. Sie scheint meine beiden Schreiben, durch den Pragmatiker hinausgeschmuggelt, nicht erhalten zu haben, sonst hätte sie die kostbaren Weißbrotmarken ihrem Brief nicht beigelegt. Von diesen war keine Spur mehr da, dafür hatte die Zensur gesorgt, die selber ein Bedürfnis nach solchen Papierchen haben mag. 6. März 1945. Windgasse, der Evangelist, hat alles verloren beim letzten Luftangriff auf Wiesbaden. Das Weib im Irrenhaus von der Stapo mit gesunden Sinnen hineingesteckt!- das Vermögen am Zerrinnen, die Gesundheit untergraben- ein wahres Duldergeschick, wie es sich freilich alltäglich tau 74 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF sendfältig vor unsern Augen erfüllt! Auch Kaiser, der Pfarrer, auch der Knabe Hiob erwarten stündlich die Botschaft aus Dresden und aus Leipzig, die ihnen das Liebste raubt die Lieben. - Gestern habe ich zum zweiten Male das Pfarrerbrot bekommen. Das ist ja großartig! Reger, der gute Freund, vermittelte es. Er meinte, sie dürften es nicht dulden, daß ich noch kurz vor dem Ende durch den Kamin müsse. Das ist Hilfe von unerwarteter Art, eine Gabe der Liebe für evangelische Pfarrer von evangelischen Gemeinden, durch das Evangelische Landeskirchenamt in München weitergeleitet, bestehend aus einem ganzen Laib Schwarz- oder Weißbrot, einem Stück Butter und Wurst, also Dingen, die einen unschätzbaren Wert haben und manchen vor dem Verhungern retten. So wird es wieder einmal wahr: Er weiß vieltausend Weisen, zu retten aus dem Tod; die Armen tut er speisen zur Zeit der Hungersnot; macht frische rote Wangen auch bei geringem Mahl, und, die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual. - Die katholischen Auch die Verheißung, in welcher der Vers ausklingt, kann ER wahr machen. Möge ER's bald tun! Priester wurden ebenfalls regelmäßig von den Raben des Elias besucht. Ein Wunder, daß die da vorn die Raben durchs Tor lassen! 12. März 1945. Ein Glück, daß die ,, Vereinfachung" beim Essen Halt gemacht hat! Wahrscheinlich verdanken wir es der Seuche, die in doppelter Gestalt immer bedrohlichere Formen im Lager دو DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 75 annimmt, als Fleck- und als Hungertyphus. So sind die Suppen statt dünner eher kräftiger geworden, eine Entwicklung, gegen die wir ungeachtet der Mahnungen des ,, V.B." nichts einzuwenden haben. Die Kartoffelschalen, welche wir seit einiger Zeit nicht zu unserm Vergnügen als wesentlichen Bestandteil des Mittagsmahls feststellen mußten, sind wieder daraus verschwunden. Kartoffelschalen! Früher, wenn der Gestreiften einer aus Hunger sie hinunterfraß, fielen sie alle über ihn her, nannten ihn ein Schwein und drohten ihm, fünfundzwanzig mit dem Gummiknüppel zu geben, weil er das ganze Lager in Seuchengefahr bringe. Plötzlich hieß es, die Schalen seien das eigentlich Nahrhafte an der ganzen Kartoffel, und man servierte sie uns haufenweise verkocht beim Mittagessen. Jetzt sind sie als gesundheitsschädlich wieder abgetan. Angeblich soll der Lagerarzt die Verantwortung abgelehnt haben, falls die Schalen in Zukunft weiter verwendet würden. Über die paketlose, die traurige Zeit, die hoffentlich ein Interim ist, helfe ich mir hinweg, indem ich zum Z'nüni spanische Konjugationen aufs Brot streiche. Nach dem Mittagessen hat ein ,, Thème" die Stelle des Puddings zu vertreten, während in aller Frühe statt Kaffee und Kuchen die russische Grammatik auftritt und die nötigen Vitamine ins Blut liefert. Verschwinden davon auch meine Runzeln nicht, auf die ich schon vor Jahresfrist ohne Erfolg dichterisch einzuwirken versuchte, so mag sich wenigstens das Fett eines wissenschaftlichen Magazins ansetzen, das zu seiner Zeit gute Dienste tun wird. Bei Iwan, dem noch Grausameren, aber bekomme ich einen Stein ins Brett, hält er doch meine angestrengten Versuche mit den ,, Tausend Worten Russisch". für eine Verbeugung vor Mütterchen Rußland, eine Auffassung, die zu zerstören ich keinen Anlaß habe. Der Hauptgrund ist allerdings ein anderer. Ich möchte mich mit den Söhnen besagten Mütterchens eines Tages soweit ver 76 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF ständigen, daß ich ihnen das Beste, das es in der deutschen Sprache gibt, zu dolmetschen vermag: die Bibel. 20. März 1945. Ich bin trotz der Ohrfeige fleißig hinter dem Russischen her, nulla dies sine linea. Es kann nicht mehr lange dauern, so sitzt die. Grammatik. Ob der Krieg noch vorher zu Ende geht? Der Parolenmüller meint es unbedingt. In vierzehn Tagen sei alles zu Ende, meint er. Aber das sagt er schon, so lange ich ihn kenne... Wäre es nach ihm gegangen, so hätten wir Weihnachten 1942 schon ,, unbedingt" zu Hause feiern müssen, so wie er im letzten Oktober seinen Geburtstag ,, unbedingt" bereits bei seiner Tochter verleben wollte. In der Fernschau seiner Prognose hat er wohl recht und wird recht behalten, aber mit der Nahsicht, da hapert's. Was der Mensch aus der Geschichte lernt, ist ja bekanntlich, daß er nichts aus der Geschichte lernt; das gilt für die kleinen Herren Geschichtsschreiber nicht weniger als für die großen. Mit der Breikost habe ich kein Glück. Es scheint, daß diese letzte Säule, die von der verschwundenen Pracht im ,, Porzellan" zeugte, auch vollends bersten muß. Der Arzt rückte endlich klar mit der Sprache heraus, als ich ihn anhieb und ihm sagte, daß ich mich in der Nacht mehrmals habe erbrechen müssen. ,, Es geht nicht", lautete der Bescheid. Ich trat den Rückzug an, wagte aber doch, noch im Augenblick des Rückzuges die Frage aufzuwerfen, ob er mich, wie er versprochen, wegen der Blasengeschichte einmal untersuchen werde? ,, Es geht nicht!" antwortete die starke Stimme eine Oktave höher, diesmal von Ungeduld und Ärger geladen. Das ist nur ein Häftling. Was ist zwischen ihm und den Uniformierten für ein Unterschied? Der muß mit der Brille gesucht werden: dieselbe Überheblichkeit, dieselbe Grausamkeit und Unerbittlichkeit, derselbe Dünkel, derselbe DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN Herrenmensch! Herrenmenschen - 77 Herdenmenschen, das sind die Pole des Menschentums unserer Tage, und der Christenmensch? Stirbt der aus? - 20. März 1945. Die Seuche, Flecktyphus genannt, schleicht im Finstern und verdirbt am hellen Mittag. Einer nach dem andern verschwindet hinter dem Vorhang und kehrt nicht mehr zurück. Nur zufällig erfährt man die Namen derer, die gestorben sind; ja, es ist reiner Zufall. Sonst kräht kein Hahn nach den Todesopfern. So entmenscht leben wir hier. Nur zufällig hörte ich auch, daß Bertl, der ehemalige Lagerältetse, nicht mehr unter uns weilt. Ein Frösteln befiel mich, als ich es hörte. Denn in Allach war er Sachverständiger für das Gesundheitswesen, und hier Sanitätsobmann: er hatte also alle Möglichkeiten, sich zu schützen, und doch war's umsonst. Auch der Plagegeist, der den Knaben Hiob bis aufs Blut quälte, mußte daran glauben, obwohl er ein Hüne von Gestalt gewesen. Hiob raunt freilich etwas von Ermordung, doch das gibt ihm vielleicht seine überhitzte Phantasie ein. Das Lager macht Anstrengungen zur Bekämpfung. Eine dreimalige Impfung mich nahm es das erste Mal dergestalt mit, daß ich für die beiden andern genug hatte und mich zu drücken verstand. Ein Verfahren, in welchem ich es im Lauf der Jahre doch zu einem kleinen Erfolg brachte. Reinlichkeit wird anempfohlen, aber wie sie halten, da wir seit sechs Wochen keine frische Wäsche mehr bekommen haben. Und wenn wir sie erhalten, wie sieht sie aus? In den Nähten lesen wir die Läuse und ihre Brut auf. Was hift's unter solchen Umständen, daß auf jedem Block ein Plakat aufgehängt ist, auf welchem eine sprachkundige Riesenlaus in nicht weniger als zehn Zungen droht: ,, Eine Laus dein Tod!" - Seit gestern ist es uns auch strengstens verboten, uns die Hände zu reichen, eine sehr sinnvolle Maßnahme, während 78 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF die verschärfte Läusekontrolle nur Gelegenheit geben wird, einigen Günstlingen des Pharaos eine ertragreiche Pfründe zu verschaffen, die sie zum Empfang doppelten Nachschlags berechtigt und ihnen die ausübende Gerichtsbarkeit an die Hand gibt mit dem Recht, ihre schlechte Laune an wehrlosen Geschöpfen wie dem Knaben Hiob auszulassen. Das beste Heilmittel wäre ein halbes Brot am Tag, aber da dies ein Märchen aus vergangenen Tagen ist, und da es auch an den üblichen Medikamenten fehlt, so ist es am einfachsten, die Kranken sterben eines friedlichen Todes: das tun sie denn auch in einem so ausgiebigen Maße, daß der Leichenwagen Hochbetrieb hat. Was schrieb ich: ,, Leichenwagen?" Etwas ungenau! Mit der Förmlichkeit einer feierlichen Bestattung gaben wir uns schon in jenen ruhigen Zeiten nicht ab, wo normal gestorben wurde; aber wenigstens wahrten wir den Zusammenhang mit der übrigen Kulturwelt durch den schwarzen Sarg, in welchem die armen Leichen zum Verbrennen weggeführt wurden. Jetzt erspart man sich auch diesen letzten Rest eines andeutungsweisen Respekts vor dem Tode. ,, Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen", und kann er sich nicht mehr im Sterbehemde verabschieden, so tue er es in jenem Gewand, in welchem er überflüssigerweise in diese Welt eintrat; und ist's nicht ein schwarzer Wagen mit Rossen, auf den man unter den Tränen der Angehörigen den Sarg schiebt, kranzbehangen, so tut's auch ein alter Karren, mit dem sie einst den Dünger fuhren aufs Feld, und auf welchen sie jetzt die Skelette werfen, als wären es gedörrte Heringe. Sie haben ja, die Herren vom Studendienst, soviel Übung in diesem traurigen Geschäft, das aber nicht zu traurig ist, um nicht noch fette Diäten in Form von Erbschaften abzuwerfen. Mich packte gestern ein Grausen, als ich einen Lichtblick benutzte, um ein wenig auf der Lagerstraße auf und ab zu gehen. Ein Windstoß hatte die sackartige Decke zur Seite 6 DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 79 geweht, welche die Gasse der Isolierbaracke den Blicken entziehen sollte, und durch die entstandene Lücke, was gewahrte ich da? Ganz dort hinten, was war das? Meinen eigenen Augen nicht trauend, fragte ich einen Dabeistehenden: ,, Du, was ist denn das? Dort hinten auf dem Karren?" - Er sah mich zur Antwort mit einem höhnischen Lächeln an, so daß ich fortfuhr, mir selber die Antwort gebend: ,, Das sind ja Leichen!" ,, Ja, was denn sonst", bestätigte jetzt meinen Ausruf der arme Mitbruder, der wohl seinen eigenen Schrecken, seine eigene Scham über das, was Menschen an Menschen sündigten, unter einem scheinbar gefühllosen Zynismus zu verbergen suchte. Mich fror, aber nicht von der Kälte, die der eisige Nordwest mir durch den Körper jagte. Es waren also Menschen, diese Scheiter, die auf dem Karren getürmt dalagen, starr und steif, und fahl wie der Schnee. Grauenvolles Geheimnis, das herüberwehte und mich tief erfaßte: Vor wenigen Stunden hatten sie noch geatmet, waren mir gleich und sehnten sich nach der Stunde der Befreiung. Denn mochten sie ihre Zwingherren wie ein Stück Vieh behandeln und noch schlechter: es waren Geschöpfe, aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, daß sie frei seien, und vom Erlöser erkauft, daß sie wieder frei würden. Welche Faust hatte sie beim Wipfel gepackt und an diesen Ort geschleudert, wo sie fern von Vater, Mutter und Geschwistern ein Sklavenleben führen sollten und einen Tod finden, der einem Hunde nicht zugedacht wird? 21. März 1945. Endlich ist er mir gelungen, der Abstecher ins ,, Porzellan", das ich bereits einen Monat verlassen habe. Aber es lag mir schon lange am Herzen, noch einmal dort vorzusprechen, denn im Bunker hatte ich noch einige Aufzeichnungen versteckt, die galt es zu holen und sonst noch dies und das. Vielleicht gelang es mir auch, eine Teekanne 8.0 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF zu erobern, das sollte als Lohn für meinen einjährigen Sklavendienst wohl nicht zu unbescheiden sein. Ich erreichte auch glücklich, was ich wollte, selbst die Teekanne. Nur daß die Sphinx, mit Schwermut in den Augen und Rätselspiel in den Worten, meine Bitte ablehnte, während der gestreifte Generaldirektor in Eile mit mir auf die Suche ging und in der Tat noch eine Porzellankanne für mich ergatterte. Nur einen Katzensprung ist das Porzellan von der Besoldung entfernt, und doch, welche Umstände hat es gemacht, bis es soweit mit der Reise war. Ich durfte sie ja unter keinen Umständen ohne die Begleitung einer Kindsmagd mit Gewehr machen. Übrigens war es höchste Zeit, denn heute sagte mir der Generaldirektor, er habe Wind bekommen, daß nun auch die drei Laibacher Nummern mir in den Orkus folgen müßten. Auch das Lieblingskind der ,, Vorsehung" baut ab. Das läßt tief blicken!- Heute hat mich ein Unglück ereilt: sie haben endlich die lange gesuchte Laus bei mir gefunden. Obendrein ist gerade heute wieder die lange Läusenacht, da blüht es mir, bis zum frühen Morgen im Bad nackt zu frieren. Noch schlimmer: der Schwefel, nach dem die Kleider nach vollbrachter Prozedur stinken werden! Das wird ein Naserümpfen bei SS und bei Gestreiften im Kommando geben! Ich laufe wahrlich Gefahr, die Stelle wieder zu verlieren: kleine Ursachen, große Wirkungen! 22. März 1945. Schon schreiben wir heute den 22. März, und in ein paar Tagen ist es bereits einen Monat her, daß ich das Porzellan mit der Besoldung vertauscht habe. Was liegt aber seit dieser Zeit nicht alles hinter mir? Schrecklich, nur daran zu denken! Gut, daß es wirklich hinter mir liegt, dieser tolle Wirbel wie wir das in der Lagersprache heißen-- von Unglück, Verhängnis, Hohn und Beschimpfung, ein - $ DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN - 81 Progrom im kleinen, kurz Passionszeit! Die Kette von Miẞhelligkeiten will nicht abreißen. Meine sogenannten Nerven leiden sehr darunter: ich bin überreizt und drohe dem Satan zum Opfer zu fallen. Fuhr ich gestern abend, als der Knabe Hiob meine Geduld nur auf eine leichte Probe stellte, sein Duldergesicht nicht an: ,, Noch einmal so und ich haue dir eine runter"? Soweit ist es mit mir gekommen! Diesen Ton schlage ich an! Dieser echte Dachauer Miẞklang fuhr plötzlich aus mir heraus, ohne daß ich es wollte. Aber das entschuldigt mich nicht, vielmehr verriet diese unwillkürliche Außerung nach Schopenhauer gerade mein tiefstes Innere. Unsern wahren Charakter lernen wir ja erst durch die Erfahrung kennen. Also ein solcher Zornickel bin ich in Wirklichkeit, der ich mich für einen besonders sanftmütigen Menschen gehalten hatte! So kann man sich, täuschen, und so täuschte ich mich. Womit hatte er denn meinen Unwillen herausgefordert? Es war, genau besehen, dieses Aufwands an Erregung nicht wert. Ich hatte ihm angeboten, dann und wann einen Teller meiner Breikost gegen einen Teller Suppe mit ihm zu tauschen. Da er aber zu stolz war, einen Vorteil ein solcher ist einzuheimsen, lehnte er ab, wollte mir aber einen Teller seiner Suppe umsonst abtreten. Das fehlte noch! Ihn, der vor Entbehrung täglich elender wird, noch um seine Suppe bringen! Wie konnte er mir eine solche Herzlosigkeit zutrauen! Auf einen ehrlichen Tausch wollte er sich nicht einlassen, aber gleichzeitig seinen Freund dazu verführen, als ein Selbstsüchtling an ihm zu handeln. Das war es, was mich aufgebracht hatte. Ein Glück, daß er nicht im geringsten empfindlich ist. Nachher setzte er sich friedlich neben mich, um mir Winkel und Nummer an die Hose zu nähen; zuvor hatte er sich an einem Teller meines Breies gestärkt, der diejenige Eigenschaft aufwies, nach welcher im Lager am meisten gefragt wird: daß der Löffel drin stecken - Fünf Minuten vor Zwölf 6 - wenn es 82 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF bleibt, ein Maßstab, der mir von Jugend an fremd war, da ich als Sohn eines Konditors auf den Gaumen sehe und nicht frage: wie dick? sondern: wie gut? - I T e W S S e n wahrf A Den Winkel habe ich nötig, weil ich mich neu einkleiden lassen muß. In der Besoldung trägt man ,, Zivil"! Das riecht ja nach halber Freiheit; kein Zebrarock mehr, sondern.... Indessen fürchtete ich nichts so sehr als diese Zivilistenkleider. Denn wir hatten sie stark im Verdacht, daß sie Menschen gehört hatten, die vielleicht in ihnen umgebracht oder sonst unglücklich gemacht worden waren scheinlich französischen Juden. Freiwillig hätte mich keine Macht der Welt dazu bringen können, in ein solches Paar Hosen zu schlüpfen, und wären sie aus feinstem Kammgarn und mit Bügelfalten verziert gewesen. Aber nun. gab es solcher eleganten Stücke nur ganz wenige. Was die SS übriggelassen, das fischten gewissenhaft die Lagergünstlinge heraus, die Leute, die am wenigsten zu arbeiten hatten und darum auch am schonendsten mit dem Gewand umgehen konnten nichts war zweckmäßiger als das! Gewiß doch! Seit meinem Aufenthalt im Stehbunker bin ich sozusagen Freiwild, das jeder jagen kann, der Lust und das nötige Jägertalent dazu hat. Die Jäger machen auch ausgiebigen Gebrauch von ihrem vermeintlichen Recht, geht ihnen doch der Blockpharao mit gutem Beispiel voran. Den Abortdienst, der mir strafweise aufgehängt wurde, habe ich gestern unter starker Beteiligung des Publikums angetreten. Keiner wollte es sich entgehen lassen, das Schauspiel, wie ein alter Lagerhase und ehemaliger Blockhilfsschreiber Strafdienst tut. Sogar mein Blockältester von anno dazumal, Hax, konnte es sich nicht verkneifen, dem Schauspiel, auf einem der Throne sitzend, welche als natürliche Sperrsitze und Lauben an diesem Orte zur Verfügung stehen, beizuwohnen. Doch unterdrückte er, zu seiner Ehre sei's gesagt, jede Bemerkung seiner Capo- Zunge, die ebenso - I S S go e W S 19 11 V b go V t a I I U I DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 83 lang wie spottlustig ist. Heute muß ich nun den zweiten Teil der Strafe erledigen, ich muß zur Entlausung. Nicht etwa, weil ich Läuse hätte, sondern zur Strafe. Die Folge wird sein, daß ich Läuse mitbringe, statt umgekehrt. Freiwild bin ich. Die Diebe lassen es sich nicht zweimal sagen, daß jeder, der es wünscht und der dabei sein Wohlsein hat, mich ohrfeigen dürfe, wie der Pharao feierlich erklärt hat. Sie übersetzen's in ihr Deutsch und bestehlen mich hinten und vorn, brauchen sie doch keinen Richter zu fürchten. Seit Sonntag fehlt mir das Barett, das mir das Aussehen eines Staatsanwalts gab, und um deswillen mich Iwan, der noch Grausamere, Pope oder Popka nannte, spurlos verschwunden! Alles Suchen hat keinen Wert, so sehr ich mir beim Appell die Augen nach der Mütze ausgucke, für welche ich einem Russen nicht weniger als ein ganzes Brot als Macherlohn zahlte, damals, als ich noch ein paketvermögender Mann war und mir so etwas leisten konnte. Die Mangelware Tabak kann ich verstecken wo ich will, in den Spind oder ins Bett oder in den Mantel sie stöbern's überall auf. Und weniger der Verlust selber ist das Ärgerliche dabei, obwohl auch er nicht leicht wiegt in einer Zeit, wo eine Zigarette ein Vermögenswert ist, als vielmehr dieses zehrende Gefühl der Demütigung, das dich beschleicht, wenn dir klar wird, daß du aufs neue hereingefallen bist und im Kampf mit den Unterirdischen, die vielleicht nicht einmal, das ABC können, noch viel weniger das Einmaleins, den kürzeren gezogen hast. -O Ja, sie wissen, wie sie einen zu quälen haben. Die direkten Foltern, wie z. B. das Aufhängen, sind abgeschafft, aber was besagt das? Der Sadist zaubert aus der Wohltat Plage! Aus dem harmlosen, der Gesundheit dienenden Läusebad wird ein furchtbares Marterinstrument im Handumdrehen. Und wer handhabt's und handhabt's mit Lust? Die Gestreiften selber. Ich möchte wissen, mit welchem 6* 84 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Rechte sie sich über ihre Peiniger aufregen, wenn sie selber noch viel bösere Hornissen werden, sobald sich Gelegenheit dazu bietet. Dabei sind sie die Schlimmeren, denn die SS kann nicht wissen, wie einem Häftling zu Mute ist, aber ein Häftling kann es wissen, denn er steckt in den gleichen Schuhen. Doch was predige ich andern statt mir selber? Gestern erst ließ ich mich wieder zu einem Ausbruch voll Heftigkeiten gegen den Knaben Hiob hinreißen, dem ich Verschrobenheit vorwarf. Soviel Geduld nehme ich in Anspruch, und so wenig Geduld übe ich! Die Freundschaft war zerrissen, wurde aber heute morgen wieder frisch geklebt. Dennoch ist es mir Glaubenssache, daß ER meine volle Heiligung ist. Wer betet da so mächtig für mich, daß mich dieser Strom des Friedens und der Zuversicht durchströmt, und daß mich eine geheime Kraft wie mit Flügeln vorwärts trägt?- 23. März 1945. Es ist gnädig abgelaufen: der Abend ging vorüber, ohne daß ich durch einen Aufruf meines Namens erschreckt worden wäre. So konnte ich die Nacht statt im Lausebad auf dem Strohsack zubringen. Der Morgen war wieder recht kalt. Wer aber glaubte, den Mantel anziehen zu können, der irrte sich. Wir mußten die Mäntel auf den Betten liegen lassen wo waren sie auch besser aufgehoben? Die echte Lagernarretei. Nun hätten wir endlich Mäntel, aber wir dürfen sie nicht anziehen so wie wir in Sachsenhausen die Taschen, die wir besaßen, zunähen mußten. Wie betitelt doch Dostojewski seine Erinnerungen aus dem sibirischen Gefängnis. Ich glaube ,, Memoiren aus einem Totenhause". Unsereiner könnte ein Werk schreiben ,, Aus einem tollen Hause". 24. März 1945. Seit ein paar Tagen ist der Brei recht schön dick, und die Wursträder sind doppelt so breit als sonst. Allgemeines DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 85 Staunen: Was ist denn los? Des Rätsels Lösung: das Rote Kreuz aus Schweden ist da und holt die Norweger ab, von denen 500 im Lager sind, und die ausgetauscht werden sollen. Und um dieses Kreuzes willen, das doch kein Hakenkreuz ist, ein solcher Umstand? Beileibe nicht, aber aus Furcht vor den prüfenden Schwedenaugen im Zeichen dieses Kreuzes deswegen die zahlreichen, aufsehenerregenden dicken Knochen in der Suppe, die doppelte Wurst, der Brei, in welchem der Löffel endlich steht. Im übrigen könnte ihnen ja das ganze Rote Kreuz gestohlen werden, dieses internationale Gewächs, das mit dem Löffel schwächlichen Mitleids im Völkerbrei rührt und den Rassenmischmasch fördert. - Welcher Haß gegen dieses Kreuz in den Herzen der Herrenmenschen lodert, dafür liefert die Lagerpraxis einen anschaulichen Beweis: einige Gefangene hatten sich nichts anderes zuschulden kommen lassen, als daß sie sich brieflich durch ihre Angehörigen um Sendungen des Internationalen Roten Kreuzes beworben hatten. Da sie aber Deutsche waren, wurde ihnen das als Charakterlosigkeit angekreidet, und sie flogen in den Bunker, wo sie sechs Wochen schmachteten. 27. März 1945. - Mit Riesenschritten geht es dem Ende zu. Die Stunde unserer Befreiung ist nahe, der Gongschlag kann jeden Tag ertönen 5 Minuten vor zwölf. Ein Glück, daß ihre Uhr nachgeht sie hoffen immer noch auf ein Wunder sonst wären unsere Tage gezählt. Gestern schrieb ich nach Aschaffenburg an einen ehemaligen Häftling, der dort eine Brot- Großbäckerei hat, und heute kann ich den Brief schon nicht mehr absenden: denn Aschaffenburg ist amerikanisch! Vielleicht ist Liebenzell französisch, so daß der Brief, den ich gestern an Angelika schrieb, sie gar nicht mehr erreicht. - 86 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Wie Zunder scheinen die Linien der Front zu reißen. Wir horchten auf, als wir von Fallschirmtruppen hören, die gelandet sein sollen, denn mit ihnen verbindet sich für uns die Vorstellung unserer Rettung seit gemunkelt wurde, daß das Lager in Auschwitz, das fluchbeladene, durch sie befreit worden sei. Der Parolenmüller, der kaum mehr laut zu reden wagt von wegen dem Aufgehängt werden, flüstert etwas von 3000 Seglern. Der Eindruck muẞ niederschmetternd gewesen sein. Die SS ist im Alarmzustande. Unsere Kanzleimoguls, die das Gewehr mit aufs Büro bringen, halten Meetings zur Besprechung der Lage. Einen hörte ich, ins Zimmer eintretend, gerade noch beschwichtigend sagen:„ Na, es wird wohl wieder vorübergehen!" Nein, mein hoher Gebieter, hoffentlich geht es nicht mehr vorüber! Unsere Standpunkte sind freilich unversönlich. Wat den enen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall. Auch in dem Millionenbetrieb der Ausrüstungswerkstätten hatten sie vier große Konferenzen, später sah man Scharführer mit vollem Gepäck abziehen, und Hals über Kopf sollen die Unabkömmlichen abgekommen sein. Das Vaterland ist in Gefahr! Da hilft kein Alibi mehr, die hintersten Ecken werden ausgekratzt, die Verteidiger der neuen Orthodoxie dahin geschickt, wo sie ihre überschüssige Kraft, bisher an dem Freiwild der Gestreiften ausprobiert, anwenden können. Aber im ,, V.B." wird gerade zur unrechten Stunde ein müder Klang der Resignation laut das erstemal, soviel ich weiß, nachdem. der Gauleiter am Samstag noch scharf gemacht hatte. Überschrieben war der Artikel: ,, Kampfende ohne Illusionen", und er gipfelte in dem schwermütigen Eingeständnis: ,, Wenn es uns nicht gelingt, den Sturm in Ost und West in den nächsten Wochen und Monaten zum Stehen zu bringen, wird auch der Heroismus des Einzelkämpfers und der rechte Weg in die Zukunft nichts mehr nützen." Also wird - DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 87 die Geschichte, wie Dr. Goebbels neulich( im ,, Reich") andeutete, doch zur Hure. Man beginnt die Götzen, die man sich selbst gezimmert, die aber nicht helfen wollen, mit Peitschenhieben zu behandeln, um sie kirre zu machen, wie die Chinesen zu tun pflegen, wenn der erbetene Regen ausbleibt. ,, Baal, erhöre uns!"- Wie, du erhörst uns nicht? dann hörst du wohl überhaupt nicht, und wir schneiden dir, einen Augenblick, die nutzlosen Ohren ab, du unnützer Geselle. Später. Die ersten revolutionären Auswirkungen stellen sich ein: Willi, der sonst so ängstliche Pedant und Schulmeister, ordnet an, daß der Boden nur gespritzt wird, zu fegen brauchen wir nur noch jeden andern Tag. Sonst fehlt es indessen noch sehr an fühlbaren Folgen der Erneuerung. Oder ließ der Capo Deutsch nicht jeden Schwung zur Umkehr vermissen, als er dem wehrlosen Knaben Hiob eine Ohrfeige aufklebte aus dem einzigen Grunde, weil der ihn gehormsamst gebeten hatte ,,, austreten" zu dürfen. - 28. März 1945. Die Erregung über die stündlich erwarteten FallschirmAmerikaner flaut merklich ab. Nachdem wir heute morgen erwacht waren, ohne daß sich irgend etwas geändert hätte ( daß wir etwa als amerikanische Staatsbürger aufstünden), beruhigten sich allmählich die Gemüter wieder, ja, es hat sie sogar eine gewisse Ernüchterung ergriffen, wie man es immer beobachten kann, wenn hochgespannte Erwartungen zögern, sich zu erfüllen. Fabischs Parolenmühle gibt kein Mehl mehr ab, dagegen die Losung aus: ,, Speak easy, speak easy! Denn sonst kostets dich deinen Kopf!" Was ich hörte, hörte ich denn nur im Geflüster ins eigene Ohr, aber es genügte, um mir FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 88 freie Sicht zu geben. So oft ich in der Nacht aufstand, durchwogte mich das Gefühl der nahen Freiheit. Es geht vorwärts! Vorwärts! Die andern meinen: rückwärts! Sind wir Fremdlinge, meinen wir es nicht gut mit unserem Vaterlande, wir Ausgestoßenen? In 5 Sprachen ist uns gestern vom Blockpascha das Ver- bot verkündet worden, über den Krieg oder auch die Lage nur ein Wort zu sprechen. Schwere Strafen werden den Übertretern angedroht. Si tacuisses, prudens fuisses: das Verbot verrät uns über die„Lage“ mehr als irgendein Parolenmüller. Übrigens tut es vorläufig seine Wirkung. Die Gespräche sind verstummt. Jeder nimmt sich zusam- men, denn keiner möchte aufgehängt werden für nichts und wieder nichts:„Mancher kommt zu großem Unglück durch sein eigen Maul“, wie es in den Sprüchen Salomonis heißt. Wir müssen uns ja nicht nur vor den Uniformierten in acht nehmen, sondern auch vor ihren Helfershelfern im gestreiften Gewand. Wir wissen aus sicherer Quelle, daß Spitzel genug darunter sind. Ehe sich’s mancher versehen hatte, hing, er am Baum, weil er auf der Lagerstraße ein Wort hatte fallen lassen, das besser ungesagt geblieben wäre. Vorn hat man’s ihm vorgehalten, und zu seinem Ärger erfuhr er, daß er einem Verräter in die Hände gefallen war. Zugleich wurde dem Lager: die Trauerbotschaft eröffnet, daß bei der diesjährigen Bestandsaufnahme Gegenstände im Werte von nicht weniger als 150000 RM fehlen. Wir sollen nun die verschwundenen Löffel, Messer, Näpfe, Dek- ken umgehend zur reuigen Rückkehr veranlassen, widrigen- falls wir für ihre Abwesenheit haftbar gemacht werden und den Schaden tragen sollen. Cui bono? fragen manche Ad- vokatengemüter und scheuen sich nicht, einen gräßlichen Verdacht gegen die Herrenmenschen auszusprechen.„Sie haben’s auf unsere Konten abgesehen und suchen eine Handhabe, um sie zu beschlagnahmen. Ihr werdet sehen, DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 89 wir werden aus dieser Räuberhöhle keinen Pfennig herausbringen." Wir vermissen den Besuch unseres Beraters aus München, des ,, V.B.". Angeblich soll er das Lager nicht mehr betreten, da man sich von seinem Einfluß auf uns nichts Gutes mehr verspricht. Schade! Wer liefert uns nun das Papier für Zwecke der Reinlichkeit in Zukunft? Die äußere Hygiene ist sichtlich bedroht. Die innere wird desto mehr gewinnen, hoffen wir. Auf einen Sitz sind gestern 5 Pfarrer entlassen worden und heute weitere 40. Gestern waren es nur katholische Priester, unter den heute Entlassenen sollen auch einige evangelische Geistliche sein, man spricht von Reger und Schivelbein. Ich war diesen Morgen in der Andacht, bin geschwind hereingewischt. Das Kreuz war nach katholischem Brauch als in der Karwoche verhängt, dagegen war Marias Bild wieder enthüllt. Der Hunger steigt im gleichen Verhältnis, wie die Aussicht auf Sieg fällt. Von heute an nur noch ein Achtel Brot im Tag. Mit Windgasse, dem Evangelisten, hatte ich soeben eine Unterredung über die biblische Einleitung, welche ich gestern über Hebräer 10 im Laienkreis hielt. Der Grundgedanke war: ,, Unsere Heiligung allein durch den Glauben! Christus ist auch unsere Heiligung." Ich freute mich, daß W. vollkommen einig mit mir war. Ich schreibe dies übrigens doppelt illegal im Pfarrerblock. Ich atme immer auf, wenn ich einmal ein Viertelstündchen in dieser Ecke verträumen kann. Es herrscht doch eine ganz andere Luft hier, trotz der herben Selbstkritik, die manche der geistlichen Herren an den confratribus üben. - - 90 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF - Am Mittwoch vor Ostern. Auf dem Pfarrerblock herrschte Hochstimmung, so daß es ein leichtes war, den Torwächter zu überrumpeln und in das Weihtum einzudringen. Ein Wunder ist geschehen: ganz überraschend sind 20 Pfarrer entlassen worden und weitere 20 sollen folgen. So ist es kein Wunder, daß der Pförtner aus dem Häuschen war und, beide Augen zudrückend, mich nicht zu bemerken geruhte. Ich wischte also bis zur 3. Stube, in welcher die reformierten und lutherischen Herren zusammengepfercht lagen, deren Äußeres übrigens mitunter sehr bunt und wenig dem geistlichen Stande angemessen war o ihr Pfarrfrauen, was machtet ihr für Augen, sähet ihr eure Hochwürden in solchem Fastnachtsaufzug! Meinen Freund Reger konnte ich in dem froherregten Schwarm leider nicht entdecken und mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen. Für den Fall, daß er unter den Beglückten wäre, hätte ich ihn bitten wollen, in München etwas für mich zu tun von wegen der Brotmarken, auch dafür zu sorgen, daß mein Anteil an der Speisung aufrecht erhalten bleibe aus Gnad und Barmherzigkeit natürlich. Übrigens hatte auch Pfarrer Kaiser aus Dresden einen Wink bekommen, daß er auf der glücklichen Liste stehe. Ich ging gerade vorüber, als er sich von dem Knaben Hiob, seinem Landsmann, herzlich verabschiedete unter Anfügung eines herzbewegenden Carmens aus dem Stegreif. - Später, bei einem zweiten Einfall in Block 26, der mir unter Ausnützung der ungewöhnlichen Umstände ebenfalls gelang, traf ich Pfarrer Reger in jugendlichfrischer Stimmung an und fand für mein Anliegen geneigtes Gehör. Er meinte, am Fest, wenn die übliche Zahl von Broten aus München einlaufe, während doch die meisten Anwärter bereits abgereist seien, müsse ja auf den einzelnen ein sehr großer Anteil fallen, was, falls die Voraussetzungen zutreffen, allerdings unbestreitbar wäre. DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 91 28. März 1945. Die grande nation zeigt sich großzügig ihren gefangenen Kindern gegenüber: gestern sollen weitere 8 Waggons gestopft voll mit Päckchen angekommen sein. Da kommen, wie ein Mathematikus ausgerechnet hat, auf den einzelnen Franzmann so Pakete. Schon bemächtigt sich die Einbildungskraft dieser Wagen: zu Ostern, heißt es, werden diese Kollis auf alle verteilt, so daß jeder ohne Unterschied ein Osterei auf französische Staatskosten erhielte. Das nenne ich eine Parole! Süß wie die Dattelfruchtpaste aus Afrika! Nur, daß das bittere Ende nachkommen wird: die Lagerleitung wird es niemals zugeben, daß sich die reichsdeutschen Häftlinge würdelos von einer internationalen Vereinigung, wie es das Rote Kreuz ist, füttern lassen, mögen sie noch so sehr Hunger leiden.- Hunger leiden- müssen das die Häftlinge? Niemals, solange sie von einer deutschen Gestapo betreut sind! Und wenn sie es müßten, so wäre es besser, als sich von Bettelsuppen ernähren! Na ja, jeder nach seinem Gusto, der point d'honneur gewinnt bei knurrendem Magen übrigens ein eigenartiges Aussehen, und ich habe erlebt, daß mancher vom Thron seiner gesellschaftlichen Vorurteile herabgestiegen ist, um vor dem Hunger zu kapitulieren. Aus dem Herrn Regierungsrat wurde ein gewöhnlicher Bettelsack. Fürs Betteln stimme ich schon deswegen nicht, weil mir das Psalmwort immer wieder durchs Herz geht: ,, Ich habe noch nie den Gerechten betteln sehen noch seinen Samen nach Brot gehen." Aber ein Stück Brot annehmen, das dir ein Freund anbietet oder ihn um Aushilfe bitten, wenn du in Verlegenheit bist, das ist nicht gegen Gottes Gebot und auch nicht gegen die Ehre. Daß aus dem verhungernden Frankreich alle diese Schätze kommen sollen höchst sonderbar! Aber wer dürfte daran zweifeln, da wir es mit eigenen Augen sehen und die Scho- 92 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF kolade, die Biskuits und die Fruchtschnitten sogar mit unseren Nasen riechen! Andererseits, wer zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Beobachtungen des ,, Völkischen Beobachters"? Wer kann, wer darf an ihnen zweifeln? Schwellhas, der Schönfärber, weiß einen Ausweg: Es ist alles nur Schaufensterdekoration, französische Propaganda! Ausgezeichnet! Na, dann ist es jedenfalls eine sehr schmackhafte und nahrhafte Propaganda, und wirksam dazu- Hut ab vor dem, der sie ausgeheckt! Von ihm könnte vielleicht sogar Herr Dr. Goebbels noch etwas lernen, aus dessen Küche weniger nahrhafte Gerichte und Gerüchte kommen sie lassen uns mit hungrigem Magen zurück. - Jetzt wäre im Lager mancher gern Franzose, der ihnen im letzen Sommer, als sie der Leichengeruch ihres Viehwagentransportes umduftete, zehn Schritte aus dem Wege ging. - 29. März 1945. - Der ,, V.B." kommt wirklich nicht mehr, obwohl wir ihn bezahlt haben. Sie haben wohl die Uhr abstellen wollen. Was macht's? Wir brauchen nicht mehr auf die Uhr zu sehen, wir wissen doch, wieviel es geschlagen hat. Die Amerikaner sind schon bei Nürnberg, dem Kleinod Altdeutschlands. Wie konnte das verkalkte Generalshirn Eisenhowers nur solch einen phantastischen Plan aushecken und ausführen, wo ihn doch die deutsche Zensur auf das Altenteil der unschöpferischen, phantasielosen Militärs gesetzt hat, die nichts Neues mehr hervorbringen? Schweres Rätsel für den ,, V.B."! - - Gründonnerstag 1945. In aller Frühe machte ich mich auf den Weg nach Block 26, um die Andacht mitzufeiern, die zugleich als eine Art Abschiedsstunde für die Entlassenen gedacht war. Windgasse, der Evangelist, hielt die Ansprache über ein Wort aus der Leidensgeschichte, worin er sich auch als Meister der Form DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 93 zeigte: kurz, gut und tief. Dann trat Pfarrer Walter aus Danzig an das einfache Pult. Nicht im Talar wie sonst, sondern im gewöhnlichen, fadenscheinigen Lagerüberzieher wandte er sich an die Anwesenden. Da für eine Anzahl von Brüdern die Befreiungsstunde gekommen sei, wolle man sich ein letztes Mal um das Wort versammeln. Wir dürften Gott danken für alles, was wir im Lager an Durchhilfe erfuhren. Auf die Frage: ,, Habt ihr auch je Mangel gehabt?" steige wie damals bei den Jüngern des Meisters trotz vielfach erlebter Nöte dankbar die Antwort empor: Herr, nie keinen."„ Auch damals, als wir die Kapelle noch nicht hatten, wurde uns das Maß der Aufrichtung zuteil, das wir brauchten. Gott sei Dank für alles!" so lauteten seine Schlußworte. Darauf verlas er noch den 103. Psalm, und ein gemeinsames, von Herzen kommendes Vaterunser machte den Beschluß der Feier, die unser aller Herzen mit Wehmut und Freude füllte. Es pfiff schon zum Appell. ,, Antreten!" schrie die Stimme der Blockmoguls, und ich war schon dabei, hinauszustürzen, um mich nicht zu verspäten, da trat mir Pfarrer Dittmer in den Weg und bat mich, schnell noch mit ihm auf die Stube zu kommen. So eilig ich es auch hatte, tat ich ihm in Anbetracht der Abschiedsstunde den Gefallen. Er wollte ein Schlatterbuch, das er nicht mitnehmen konnte, doch auch nicht einfach im Lager zurücklassen und schenkte es deswegen mir. Schnell verbarg ich es unter dem Mantel und erreichte mit Mühe just noch den Block 4, aus welchem die Häftlinge bereits im Morgendunkel abmarschierten, um am Appell teilzunehmen, der für einige unserer Pfarrerfreunde der letzte sein sollte hoffentlich! Wann kommt er für uns, der letzte Appell? Was den guten Reger angeht, so ist seine Entlassung ein Musterbeispiel dafür, was heutzutage ein Manneswort gilt. Ich erinnere mich noch wohl daran, wie hoffnungs 94 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF froh er uns, dem Parolenmüller und mir, nach seiner Einlieferung ins KZ erzählt hatte, er rechne mit seiner baldigen Entlassung. Die Stapo habe seiner Frau mitgeteilt, daß er spätestens am 1. Oktober wieder zu Hause sei. Wir beglückwünschten ihn zu dieser guten Aussicht, machten aber beide ein Fragezeichen hinter die Zuversicht, mit welcher der Gutgläubige dem 1. Oktober entgegensah. Der Verlauf gab unserm Zweifel recht: letztes Jahr hat sich der 1. Oktober zum drittenmal gejährt, aber auch das unerfüllte Versprechen jenes pommerschen Stapomannes. ,, Gebrochenes Versprechen: gesprochenes Verbrechen." Vormittags. Einige Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte: Wird meine Rasierseife den Krieg noch aushalten? Wie viele Hochwürden werden heute abend noch da sein? Wer wird entlassen? Wer nicht? Werden die Münchner zum Fest an uns denken?- Wird es auch zu einem Laibe für uns Zaungäste reichen, auch für den Knaben Hiob? Hat Angelika meinen Brief erhalten und schickt sie die Brotmarken nun nach München ein? Ist sie überhaupt noch - - - - - in Liebenzell oder ist das Lazarett bereits amerikanisch?- Wird das Lager nun vom Roten Kreuz übernommen oder nicht? Wenn ja, mit oder ohne Deutsche? Wann trifft der Brief der Nachbarinnen ein, und was werden sie mir schreiben über meine Ausbombung? Sind sie selbst auch ausgebombt? Wohin werden sie dann gehen? Hoffentlich endlich ins Fränkische, ja so, das ist ja nun amerikanisch! Habe ich wieder Läuse, oder was bedeutet sonst das unausstehliche Jucken, das ich an den verschiedensten Stellen spüre? Wenn ja: Woher kommen diese Gäste denn schon wieder? War ich nicht die ganze Sonntagnacht im Lausebad und hoffte, durch ein genügend Opfer an Kälte und Gestank mir die Freiheit erkauft zu - DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN - 95 haben? Ganz umsonst? Werde ich endlich ins Revier aufgenommen oder wie wird das Ringen zwischen dem Doktor und mir noch enden? Genehmigt er wenigstens - - die Breikost? Bleibe ich im Komplikationshauptamt oder verschafft mir der Hubersepp ein Freßkommando? Werden die Fallschirmjäger noch früher da sein und alle diese Fragen mit einem Schlage gegenstandslos machen, wie Optimisten annehmen, so der Hubersepp und der ewig rosenrot schauende Inhaber der Parolenmühle? Wie bringe ich das Paket ins Lager, welches ich glücklich auf dem bloßen Leibe ins Komplikationshauptamt gerettet samt den Aufzeichnungen, die es enthält? Werden wir bald wieder Margarine bekommen oder verschwindet sie endgültig? Woher nehme ich Schnüre als Ersatz für die fehlenden Schuhnestel? - - Karfreitag, März 1945. Wir arbeiten heute, am höchsten Festtag unserer Kirche. Das gehört sich so; dem Endsieg, dem nahen, müssen alle Vorurteile geopfert werden. Der geistliche Block hat eine große Enttäuschung erlebt, wenigstens der protestantische Teil. Gestern nachmittag eilte ich, nachdem ich meinen Brei mit Heißhunger hineingeschlungen hatte, hinunter, um mich selbst von dem frohen Ereignis zu überzeugen und zu erfahren, ob alle weg wären, wie es geheißen hatte, oder nur einige, und wer die Bevorzugten gewesen seien? Die Auskunft, die mir zuteil wurde, war echt lagermäßig. Windgasse, der Evangelist, gab sie mir. Ich traf ihn vor dem Tore; schon von weitem leuchtete in der Sonne die weiße Papierbinde, die ihm die medizinische Weisheit des Reviers, die Verein fachungsregel des ,, V.B." anwendend, zur Heilung seiner Geschwüre um den Kopf gewunden hatte. ,, Na, sind sie fort?" fragte ich voll Spannung, als ich bei ihm stand, 96 - FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF -WO - kaum daß ich ihn begrüßt hatte( übrigens ohne Handschlag, des Typhus wegen). ,, Wer denn?" war seine lakonische Gegenfrage. Sie machte mich stutzig: wie konnte er nur so unwissend tun, um wen konnte es sich denn nur handeln? ,, Nun, die Schoßkinder des Glücks, die Entlassenen?" ,, Entlassen ist gar keiner. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, auch nicht in der Andacht." Nur einige katholische Priester sind heute gegangen, und vor nächsten Dienstag kommt niemand mehr heraus. Das war ein Schlag! Die reine Aschermittwoch- Stimmung herrscht unter den Hochwürden. Die Enttäuschung war zu grausam. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, das gilt auf Grund hundertfältiger Erfahrung mehr als für das übrige Welttheater für das Theater unsres Lagers. Nächsten Dienstag bis dahin, kann die Welt untergehen. Man kennt die Lagerbürokratie, die man im Verdacht hat und das wohl mit Recht, daß sie alles, was ihr gegen den Strich geht, durch stillen Widerstand zu vereiteln sucht, vor allem die lästigen Entlassungen. Bis nächsten Dienstag! Da können wir amerikanisch sein na ja, sagt M., das wäre noch besser als Entlassung. Der Parolenmüller ist so eingebildet, zu verkünden, daß es zur Zeit besser sei hinter dem Stacheldraht zu leben als davor. Behauptet er doch, daß kein Geringerer als Churchill die KZ für exterritoriales englisches Gebiet erklärt habe, auf welches keine Bombe fallen dürfe. Tatsächlich wird das Firmament jedesmal genau über dem Lager von den Erkundungsfliegern im Umfang des Stacheldrahtes abgesteckt. Nützen tut das freilich nur den Gestreiften, die während des Angriffs im Lager anwesend sind, und das sind nur wenige, während die meisten andern gerade in den gefährdeten Stellen des SSLagers, in dessen Mitte das unsre liegt, auf Kommandos arbeiten. - Aus dem Schlatterbuch schreibe ich folgende Stelle ab: DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 97 ,, Kennen wir Jesus? Wenn uns seine Kenntnis entschwindet, kennen wir uns selbst nicht mehr. Denn in der Reihe der Ahnen ist er in unvergleichlicher Kraft der Wirkende; was bedeutet gegen ihn. ein mit seinem Schwert verwachsener Hildebrand oder eine in rasender Leidenschaft brennende Krimhild? In der Art unseres inwendigen Lebens und in der Gestaltung unserer geschichtlichen Gemeinschaft wird überall sichtbar, daß das, was Jesus in die Welt hereingebracht hat, unter uns vorhanden und wirksam ist. Das wird auch durch die zahlreichen Antichristen unter uns nicht verdunkelt, denn ihr Denken und Wollen erhält gerade dann, wenn sie mit glühendem Zorn die Erinnerung an Jesus verdrängen wollen, unvermeidlich seine Richtung durch den, den sie als ihren Feind bekämpfen." Karfreitag 1945, abends. Auf dem Altar loderte das Feuer roter Tulipanen zum Gekreuzigten empor, dessen Bild nach katholischer Sitte verhüllt war, während Marias Statue auf dem linken Seitenaltar noch ersetzt war durch ein leeres Kreuz, um dessen Querbalken ein weißes Tuch sich schlang. Weil am Morgen, ja den ganzen hohen Festtag über, gearbeitet wurde zugunsten des Hitlersieges, wurde der Gottesdienst erst am Abend gehalten. Fast alle Pfarrer waren da, dagegen hatten von den übrigen Blöcken nur wenige kommen können, da sie zu spät von der Arbeit zurückgekehrt waren. Ich trat ein, als soeben Knapps ergreifendes Passionslied angestimmt worden war: ,, Eines wünsch ich mir vor allem andern" mit der unvergeßlichen Strophe: ,, Ewig soll ER mir vor Augen stehen, wie ER als ein stilles Lamm dort so blutig und so bleich zu sehen hängend an des Kreuzes Stamm; Fünf Minuten vor Zwölf 7 98 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF wie ER dürstend rang um meine Seele, daß sie ihm zu seinem Lohn nicht fehle, und dann auch an mich gedacht, als ER rief: ,, Es ist vollbracht!" Welches andere Lied wäre besser imstande, die Gefühle der Gefangenen zu treffen, als dies von Gethsemane und Golgatha? Oder scheint es nicht ihre eigene Lage zu sein, die es schildert? Knieten sie nicht selber an ihrem Ölberg, nun schon lange Zeit, der eine Monate, der andere Jahre? Und hatte nicht jeder den Becher an den Lippen, den bitteren Trank auszuleeren, ihr schweres Geschick, das auszudeuten niemand sich unterfangen kann, es sei denn, daß Paulus recht hätte, der uns erlaubt, unser Leiden eins zusetzen mit dem des Messias, wenn anders wir ihm glauben, eine Einheit mit IHM bilden? Nur daß er als Erlöser leidet und wir als die Erlösten. Der junge Holländer, der die Predigt hielt, konnte sie zwar beginnen, aber nicht beenden. Die Sirenen machten ihr vorzeitig ein Ende. ,, Lichter aus!" schrie die Sicherheitspolizei und gab sich nicht eher zufrieden, als bis auch das letzte Licht auf dem Altar ausgelöscht war. Traurig verließen wir die finster gewordene Kapelle, um mit eiligen Schritten durch das bereits in Nacht gehüllte lichtlose Lager zu unserm Block zu eilen und auf hartem Strohsack unsern Golgathakampf fortzusetzen. 31. März 1945. M. bringt die Parole mit, daß es vom Ende der Osterwoche nur noch ein Achtel Brot für den Tag geben werde. Da sie für uns ungünstig ist, wird sie sich wohl als wahr erweisen. Aber wozu sich absorgen? Je weniger wir sehen, desto besser können wir glauben. Wenn die Nacht so dunkel wird, daß wir die Hand nicht mehr vor den Augen DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN 99 sehen, so sind wir in der rechten Lage: wir merken, daß nur noch Gott helfen kann mit seinem Licht. Und das müssen wir lernen, dieses nackte Vertrauen auf ihn allein. Wozu sich also absorgen? Vor drei Jahren um die Osterzeit waren wir auch so weit. Brot war fast keines mehr zu sehen. Aber ich hielt mich an das Wort: ,, Mein Vater siehet tausend Wege, wo die Vernunft nicht einen weiß!" Und was geschah? In wenigen Tagen schwamm ich im Fett, denn ich kam ins Kommando Wülfert, in die Konservenfabrik, und das Wort Hunger mußte aus meinem Wörterbuch verschwinden. Ja, als eines Tages Hunderttausende von Hühnern aus Serbien und Ungarn ankamen, die wir in Büchsen füllen sollten, da wurde auch unser Magen zur Büchse, in welcher mancher Hühnerschlegel verschwand- denn nicht umsonst steht geschrieben: ,, Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden!" Danach richtete ich mich. So half ich mir mit Hühnerfleisch über die Hungerzeit hinweg, und was wird's diesmal für ein Wunder geben? Karsamstag 1945. Das griesgrämige Karfreitagsgrau hat einem von Sonnenlicht strahlendem Morgenhimmel das Feld geräumt: das niedergedrückte Gemüt lebt wieder auf, und selbst die blutige Katastrophe draußen erscheint in einem milderen, nicht mehr so hoffnungslosem Licht. دو In ein Amtsgewand haben sie mich um meines neuen Kommandos in der Besoldungstelle willen gesteckt, das der Originalität nicht entbehrt. Wenn es auch der neulich geforderten Vereinfachung" nicht entspricht, so ist doch die ,, Entfeinerung" um so besser zu ihrem Recht gekommen: eine Hose, tief offiziell schwarz mit einer leutselig schmalen roten Litze zu beiden Seiten, welch' letztere für die einen der Anlaß ist, mich zu den Eisenbahnern zu rechnen, für 7" 100 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF die andern, mich als Anwärter für den Generalstab zu betrachten. Militärisch ist auch das grüne Grau einer über Gebühr langen Weste, in welche sich ein Bäuchlein von der doppelten Rundlichkeit des meinigen bergen könnte. Ich bin aber froh, daß ihr soldatischer Glanz verdeckt wird durch eine gewöhnliche Jacke, welche sich von anderen Schneidergebilden gewöhnlichen Charakters nur durch eine Unmenge aparter Falten unterscheidet, die mit Bügelfalten nichts als das Wort gemeinsam haben, sonst aber ihr Dasein einem unerforschlichen Ratschlusse verdanken und am besten bald wieder verschwinden würden. Über dem Ganzen schwebt ein Tuchrest von unbestimmbarer Farbe, der sich durch eine dachartige Verlängerung als Schildmütze ausweist und dem Inhaber den Anspruch auf das Aussehen eines besseren Räuberhauptmanns verleiht nehmt alles nur in allem und rechnet auf der linken Brust die Nummer 16921, den in schönem Krawattenrot prangenden ,, Winkel", auf dem Rücken das mächtige Häftlingssymbol, das aus Tuchstreifen aufgenähte Kreuz, hinzu, und ihr habt das getreue Bild einer Tracht, die aus dem neuen europäischen Willen zur Kultur geboren und ihrem Geiste auch vollständig angemessen ist. Jetzt wird gleich Schluß gemacht; es ist bald elf Uhr; unsere Vorgesetzten werden sich ihre Gewehre und Gasmasken umhängen, um zu exerzieren eine wundervolle Kombination bürgerlichen und soldatischen Lebens, ein Beispiel, wie herrlich weit wir es gebracht, während wir ins Lager zurückmarschieren um nicht wiederzukommen vor Montag oder Dienstag früh: ob über die Feiertage gearbeitet wird oder nicht, ist noch ein unenthülltes Denkmal DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN a Osterfest. - Walter hielt eine gewaltige Predigt, die wert gewesen wäre, daß sie das ganze Lager gehört hätte. Es ist ein Jammer, daß sie das Evangelium einsperren. Es muß doch ein verflixt gefährliches Pulver sein!——— Die Ent- lassung der Hochwürden soll am Dienstag weiter gehen. Viele trauen der Sache immer‘ noch nicht recht, so der Knabe Hiob, der fürchtet, daß sie zwar nach Hause reisen. aber ganz wo anders landen werden als zu Hause. 103 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Dachau die letzte Zuflucht! - Wir hören das erste Brummen. Pimpfe mit Gewehr. Das Ausland staunt. Das Komplikationshauptamt muß frieren. Hiob leidet an Ressentiment, und ich setze ihm den Kopf zurecht. Wir werden aus dem Schlaf aufgeschreckt und gefilzt, aber sie kommen nicht hinter meine Geheimnisse. Ein Schulmeister tut Aussprüche, läßt sie aber nicht aufschreiben. Der Parolenmüller mahlt ein nahrhaftes Korn. Die Spannung wächst. Viele sterben darüber. Erinnerungen steigen auf an vergangene Zeiten. Wie ein Vogel verscheucht." Ich bin auf geradem Wege, ein Mogul zu werden. Auf dem Pfarrerblock geht es stürmisch zu, und ich mache eine Erbschaft. So gehn sie mit uns Sklaven um! ,, Ich bin schon wieder da!" Heiliger Götz von Berlichingen, sei nicht beleidigt! Hiob wird schwächer, und seine Quälgeister ereilt ihr Schicksal. Ein gräflicher Professor magert ab, wird Posthelfer und kriegt eine Zebrauniform. Ich komme um meine Stellung und obendrein um den Tabak. Ein Holländer hält eine kräftige Predigt, und ein Hohenzollernprinz taucht in der Tür auf. Wir haben Visionen des Hungers, und ich lese einen Hunger- Roman. 104 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF O sanctificatus peccator! Das Radio schweigt, aber wir wissen dennoch Bescheid. Unser Weizen fängt zu blühen an. Nur keine Rachepläne, aber wehe den Quälgeistern! Die Herrenmenschen rüsten heimlich zur Abreise. ,, Der Hunger siegt diesmal und die Kirche." Auf Block 4 herrscht Jahrmarkttreiben und Zigeunermusik. Alle Türen sind zugeschlagen, aber von München öffnet sich ein Fenster. Hiob fürchtet die Stelle zu verlieren. ,, Heiliger Baal des Himmels...!" Statt fluchen beten! -- Schreckliches Geschick der Gestreiften: tatenlos sind wir dem Unheil ausgeliefert. - die letzte Zuflucht! - 2. April 1945. Dachau Dachau als letzte Zitadelle Himmlers! Alle Anzeichen deuten darauf, daß unser rühmlich bekannter Ort als letzter Hort der rechtgläubigen Hitleristen in die Geschichte eingehen wird. Ein Transport nach dem andern trifft ein, größtenteils zu Fuß. Gestern kamen 3000 Gestreifte aus Neckarelz oder Leonberg an, Jammergestalten, ausgemergelt, halb verhungert und ganz abgerissen, wie Landstreicher und verlorene Söhne. Weitere 30 000 Heimkehrer sind aus unserer Konkurrenzstadt Buchenwalde bei Weimar angemeldet, ferner, daß das Haus voll werde, 180 000 Kriegsgefangene. Lagerdämmerung! Wo sie mit dieser Völkerwanderung hin wollen, wissen FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 105 sie wohl selbst nicht, sonst würden sie die einzig richtige Folgerung aus diesem Unsinn ziehen: Schluß machen, und zwar sofort! Ist's nicht wie ein Symbol: Dachau die einzige Hoffnung, der Turm, der gehalten wird und verteidigt bis zum letzten Blutstropfen, wenn das Reich schon dem Feinde gehört. Und was wird aus uns bei diesem Massenansturm der Roten, Grünen, Schwarzen, Gelben? Nun, da läßt man sich keine grauen Haare wachsen wenn das die größte Sorge wäre! Je mehr ihrer werden, die sich in die Suppe teilen müssen, desto dünner wird sie, und wenn sie selbst dabei dünn und dünner werden, desto besser: wir stehen ja auf dem Aussterbeetat, und vielleicht läßt sich der natürlichen Entwicklung noch ein wenig künstlich oder gewaltsam nachhelfen? Überglücklich bin ich, daß ich das ABC nun doch kann. Mein hoher Vorgesetzter, der Schulmeister aus Lothringen, hatte ja zu Anfang verschiedene Male angedeutet, daß er eine völlige Beherrschung dieser Grundtafel europäischer Bildung bei mir bezweifeln müsse. Es seien Fälle vorgekommen, bedauerliche Fälle, daß Bäbele vor Abele gekommen sei und das sei gegen das ABC, nach welchem das A vor dem B zu rangieren die Ehre habe. Ich wehrte mich zwar mit dem Hinweis darauf, daß ich dabei sei, gerade das neunte oder zehnte ABC zu erlernen, es wäre doch ein Armutszeugnis, wenn ein solcher Sprachdoktor just das eigene ABC nicht könne: wo bliebe da der sittigende Einfluß der Wissenschaft? Nun bin ich glücklich, daß sich die Wolken zerstreuten und ich nicht mehr auf einer Bank mit den ABC- Schützen sitzen muß. Der Schulmeister selbst hat es heute durchblicken lassen, meine Fortschritte seien bemerkenswert und berechtigten zu der Hoffnung, daß ich mich bei Kriegsende dem kleinen Einmaleins zuwenden könne. 106 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 3. April 1945. Das große ,, D", seit mehr als einem Jahr meinen Namen auf dem Spindtäfelein angefügt, ist verschwunden, was auf einen größeren Verlust hindeutet, als wenn ich den Doktortitel verloren hätte. Den konnte ich nicht verlieren, denn ich habe ihn nie gehabt. Und jetzt, was hülfe er mich auch viel? Mehr nützte mir das ,, D", das der Stubenpharao nun ausgelöscht hat, und welches ,, Diät" bedeutete und mich auswies als einen Gestreiften, dem das Revier Breikost zu liefern hatte. Ich verdanke diesen unschätzbaren Vorzug dem Pragmatiker aus der Zeit des Porzellans; nun ist also auch die letzte Porzellansäule geborsten. Aus mit der Herrlichkeit! Nein, noch gebe ich mich nicht geschlagen. Der Arzt hat mich mit einem Bescheid abgespeist, der eine halbe Zusage und eine halbe Absage war. Nun steige ich hinter Lichi, den neuen Schreiber, einen Sudetendeutschen, den ich seit jener Zeit kenne, da wir miteinander als Hilfsschreiber debutierten. Weil er einen Brief hinausgeschmuggelt hatte, war er nach dem scheußlichen Natzweiler auf Transport gekommen, hat's aber überlebt und kehrte vor einigen Monaten hierher zurück, um gleich eines der besten Kommandos zu schnappen. Und der ist ein alter Freund von mir und grüßt mich auch nach seinem jähen Aufstieg immer sehr herzlich. Nun also, wozu hat man die Beziehungen? Im Lager ruht alles auf Beziehungen wie übrigens auch sonst in der Welt. Ich veranlaßte ihn also, dem Arzt nochmals meinetwegen auf den Leib zu rücken, was er denn auch mit dem Erfolg tat, daß dieser alle seine Taschen umkehrte und nach dem Zettel suchte, der es an den Tag bringen sollte. Aber er konnte ihn nicht finden oder wollte ihn nicht finden, und so kam nichts an den Tag. Unter Zuhilfenahme einer Spende von drei kostbaren Zigaretten konnte ich indessen meinen Sturmbock zu einem letzten Versuch bewegen, auf des Doktors gestörtes Seelen FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF leben einzuwirken warten. - - 107 mit welchem Erfolge, bleibt abzu4. April 1945. Das Unwahrscheinliche, hier ward's Ereignis: die Pfarrer sind nicht bloß entlassen, unter ihnen zehn Evangelische; nein, noch mehr: sie sind bereits weg. Abgereist auf Nimmerwiedersehen. Daran ist nicht zu tippen und zu deuteln, so gern man's täte, aus der alten Dachauer Zweifelssucht heraus. Es ist ein Faktum, es ist Vergangenheit, ein Geschehnis, eine vollendete Tatsache. Wir können nur aufatmen und Gott danken und für uns alle das Beste erhoffen. Walter hat Sonntag die letzte seiner geistvollen Predigten gehalten. Er ist nicht mehr da. Auch unser lieber Reger, dessen Predigten zu dem Besten gehörten, was geboten wurde, voller Anschaulichkeit und Tiefe. Freund Dittmer ist glücklicherweise nicht unter den Glücklichen. Es wäre für uns Zurückbleibende zu schwer gewesen, wenn wir alle auf einmal verloren hätten. Und Pfarrer Dittmer war derjenige, der unserem Laienkreis durchgeholfen hat, als wir nach des treuen Grübers Entlassung verwaist in unserer Ecke stunden. Dagegen ist Windgassens, des Evangelisten, Schicksal noch ungewiß, da er nicht eigentlicher studierter Theologe ist er war ursprünglich Schauspieler, was ihn freilich nicht hindert, sachlich mehr von der Theologie zu verstehen, als so mancher, der sie an der Universität studiert hat. - Wie wird es mit unsern Gottesdiensten werden? Niemand weiß es. Wir merken jetzt erst, was wir an ihnen hatten. Aber wir Laien werden auf keinen Fall auf unsere Zusammenkünfte verzichten. Wenn es sein muß, werden wir wieder in unsere Ecken zurückkehren, aus denen wir gekommen sind, und ohne Harmonium und Gesang Gottes Wort hören und betrachten. 108 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Bei Mergentheim wird gekämpft! Spricht das nicht Bände? Marie, Fritz, Georg, Rösle, sie hören jetzt wohl schon den Donner der Kanonen. Vielleicht sind sie bereits amerikanisch? Welche Erinnerungen an unvergeßliche Studentenferien tauchen auf! Was haben sie alles dem werdenden Manne Gutes getan! Gott schütze sie und vergelte ihnen die Wohltaten besser als ich Undankbarer das tat! Hubersepp behauptet, daß man auch hier schon das Brummen von Geschützen hören könne. Sie können also nicht weiter als 150 Kilometer von Dachau entfernt sein. Allerhand! Nun, wir werden sehen. Alles atmet erleichtert auf. Wenn ich mich nicht täusche, beginnt die Nervosität zu weichen auf unserer Seite ist der Sieg! - . 6. April 1945. Alles wundert sich über die Entlassung der Pfarrer. Kein Block war ,, vorn" so verhaßt wie der sechsundzwanziger, niemand wurde so schikaniert wie die katholischen Priester, es sei denn das Häuflein der lutherischen und reformierten Prediger, die ihnen vielleicht noch unleidlicher erschienen, weil ihre an dem biblischen Wirklichkeitssinn geschulte Nüchternheit unüberbietbar war und die Menschen instand setzte, den blauen Dunst zu durchschauen, den gewisse Leute der Welt vormachen möchten. Es gab auch Zeiten, in denen der Block unversehens zu Ehren kam, wie vor drei Jahren, als die Parias von heute auf morgen zu Bevorzugten wurden, welchen Kakao, Bier, Wein und Sonderkost gereicht wurde und die nichts zu arbeiten brauchten, sondern noch eine mittägliche Bettruhe verordnet bekamen. Aber dies hatte seine besonderen Gründe es soll eine Stiftung des Vatikans vorgelegen haben--, und bald sank die schöne Flamme wieder in sich selbst zusammen: die alte Leier der Drangsalierung und Beschimpfung wurde von neuem gespielt. FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 109 Ich besuchte heute morgen die Andacht. Pfarrer Dittmer hielt sie und sprach in kräftiger Weise über die unvergleichliche Bedeutung des SOHNES nach einem Wort aus dem Hebräerbrief. .. ,, Der Krieg ist jetzt wie ein schlechtgespieltes Drama, wo man nur noch auf das Ende wartet!" Dieses Bonmot stammt vom Schulmeister, dem Lothringer. Ob es aber die genaue Fassung des Ausspruches ist, kann ich nicht beschwören, denn eine Wiederholung lehnte er entsetzt ab, als er meinen gezückten Bleistift sah. ,, Nein, nein! Notizen sind gefährlich, das lasse nur bleiben!" Und damit mußte ich mich begnügen. Um einen der hilfreichsten und liebenswürdigsten Männer trauern wir sehr, obwohl wir es ihm von Herzen gönnen, daß er diese unwirtliche Stätte verlassen durfte: Pfarrer Siefer. Er hat es sich nicht verdrießen lassen, sich zu unserm kleinen Kreis zu halten, hat uns manches stärkende Wort gesagt, ja sogar unsere Abende, als wir sie in der Kapelle halten durften, mit Windgasse, dem Evangelisten, zusammen durch ein Duett bereichert. Er ist einer der Ausländer gewesen, die tief in ihre Pakete griffen, um ihre Schätze mit den mehr und mehr verarmenden Deutschen zu teilen, eine Freigebigkeit, die man nicht jedem von ihnen nachrühmen konnte. So habe auch ich einen sehr nahrhaften Denkzettel zum Abschied bekommen, einen ganzen Arm voll: Honiglebkuchen, Ölsardinen, Fruchtpaste und Tabak, gegen welchen ich mir ungeachtet einer drohenden Wiederholung des Aufenthalts im Fischbauch Brot einzutauschen gedenke. - 6. April 1945. Der Postradius wird in unserm Komplikationshauptamt täglich kleiner. Die Bestimmungsorte sind über Nacht englisch, amerikanisch oder russisch geworden. Ganze Provinzen fallen aus, und der Postmensch wird halb geistes I IO FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF krank. So spiegelt sich bei uns im kleinen wider, was draußen im großen geschieht, und es spiegelt sich deutlich auch in den Mienen unserer uniformierten Vögte wider. So mancher von ihnen gibt klein bei und hält es offen oder versteckt mit den Häftlingen, bereit, lieber heute als morgen seine Uniform mit unsern Fetzen einzutauschen, denn diesen Fetzen, denen gehört die Zukunft. Schon wird im Bericht Eisenach erwähnt. Ob auf der Wartburg bereits das Sternenbanner weht? Lieber sähen wir es immer noch als das Hakenkreuz, welches vor einigen Jahren das Christenkreuz ersetzen sollte. So wurde mir damals vom Direktor der ,, Glocke" in Eisenach erzählt, kurz nachdem es sich ereignete: schon hatte der Gauleiter unter festlichem Gepränge das Kreuz vom Turme entfernen und das Hakenkreuz an seine Stelle setzen lassen, indem er versicherte, daß es ewig da oben über Thüringens Wälder hinleuchten werde. Die Ewigkeit war nach drei Tagen zu Ende: die Großherzogin von Sachsen- Weimar- Eisenach sandte als Schutzherrin der Wartburgstiftung eine Protestdepesche an Hitler. Da gab der als Antwort durch den Draht den Befehl, das Kreuz wieder an seine alte Stelle zu setzen, was auch umgehend geschehen ist. Beim Einrücken sahen wir ein erschütterndes Bild: eine Gruppe von Kindern marschierten an uns vorüber, Pimpfe, die kaum dem Knabenalter entwachsen waren. Doch wie! Sie haben ja schon Uniformen an, diese Dreikäsehochs! Und seht nein, es ist nicht möglich und doch, wir täuschen uns nicht: um die Schultern hängt jedem von ihnen ein Gewehr, ein richtiges Schießgewehr, keins zum Spielen! Die Serben, können sich nicht halten vor Lachen und geben unbekümmert um den Posten, der uns begleitet, ihrem Spott Ausdruck. Mir aber wird es wind und weh ums Herz. Wie ein Blitz erhellt mir dieses Bild die wahre Lage unseres Volkes. Ich mußte an die verstiegenen Worte FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF III denken, die der V.B. an die deutsche Jugend gerichtet hat, und an die Phantastereien, in welchen sich die Artikelschreiber gefallen. Die Fünfzehnjährigen Deutschlands letzte Hoffnung das ist das Ende. - ,, Das Ausland staunt über die Zähigkeit des deutschen Widerstandes. London schlägt psychologische Offensive vor!" Das erhasche ich aus den ,, Münchener Neuesten" von den Schlagzeilen der heutigen Nummer( wir bekommen seit einiger Zeit keine Zeitung mehr ins Lager was uns mehr sagt als ein ganzer Presseberg). Die Welt staunt. Seht nur, wie sie staunt! Aber wohl nicht über unsern Widerstand sie kommt ja den rückwärts fliehenden Deutschen und den vorwärtseilenden Tommys kaum mehr mit der Feder nach - wohl aber über die Offenbarung einer Großmannssucht, die noch im Augenblick des Sterbens in den Spiegel sieht und den Umstehenden zuruft: ,, Habe ich meine Rolle gut gespielt? Klatscht mir Beifall! Welch ein Feldherr stirbt in mir!" 7. April 1945. Wir sitzen vom frühen Morgen an, wenn wir um 6 Uhr ins Büro kommen, im ungeheizten Saal und frieren, uns nicht anders zu helfen wissend, als daß wir unsere Mäntel wieder von den Nägeln nehmen und sie über uns werfen. Auch ein Zeichen der Zeit: der wichtigsten Behörde fehlt es an Kohlen. Wir werden arm, das Komplikationshauptamt muß frieren. Die Welt geht unter, es ist Matthäi am letzten. Für nächste Woche erwarten wir bereits den Besuch des Onkels aus Amerika. Die Gefangenen freuen sich darauf und hoffen, daß er ihnen ein schönes Reisegeschenk mitbringen werde: die Freiheit! Einige erörtern schon die Frage, ob uns eine Entschädigung wird und erinnern sich, daß Churchill vor Jahren schon die Zusage gemacht habe, wir sollten für die unschuldig erlittene Haft schadlos gehalten werden. Das wäre auch nur eine Forderung der I12 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Gerechtigkeit. Die meisten von uns sind Opfer eines fürch- terlichen Justizverbrechens geworden, sind sie doch ohne alles Urteil, ja gegen den Freispruch der Gerichte hier. Es muß ein für allemal dafür gesorgt werden, daß sich ein solcher Frevel nicht so schnell wiederholt. Den übermütigen Bürokraten muß es ins Wachs gedrückt werden, daß nicht die Menschen für sie, sondern daß sie für die Menschen da sind— falls sie es je wieder vergessen sollten. Bringt“mir da der Knabe Hiob auf einem Zinnteller seine Wurstportion, um Majoran dagegen einzutauschen. Ich erkläre öffentlich:„Das nehme ich nicht, den Majoran bekommst du auch so!“ Er dagegen:„Ich will aber nichts geschenkt haben!“ Ich wieder:„Die Wurst will ich keines- falls, iß sie selbst!“— Er:„Dann schenke ich sie dem!“ So zog er denn mit der Wurst wieder ab. Später, als ich ihm den Vorwurf der Verstiegenheit machte, verteidigte er sich: der Schurke von einem Stubenältesten habe ihm, wie er ihn um den Nachschlag brachte, auch wieder die kleinste Portion zugeteilt, da habe er beschlossen, sie ihm zum Possen nicht zu essen, sondern zu verschenken. Und außer- dem: er wisse, daß er geizig sei(!), und so habe er auch seinem Geiz einen Streich spielen wollen. Ich empfand dies als Künsteleien und sagte ihm auf den Kopf zu, daß er an Ressentiment leide. Ja, ist der Knabe Hiob nicht auch einer von denen, die den Kampf gegen die Sünde selber führen wollen und dabei zu scheitern gehen? Verbogen und un- natürlich erscheinen mir die Kunststücke eines Heiligungs- strebens, das echt idealistisch ist, aber mit dem Neuen Testament nichts zu tun hat. Ob es mir gelingt, ihn von dem Irrtum zu überzeugen? Schwerlich, denn dieser Wahn, blutschwitzend Arbeit an sich selbst treiben zu müssen, ist so allgemein verbreitet, daß es mit gewöhnlichen Mitteln nicht möglich ist, das Dickicht des moralischen Vorurteils zu brechen. Aber bei Christus handelt es sich nicht um FUNF MINUTEN VOR ZWÖLF FI3 Moral, sondern um Evangelium. Statt die Freigebigkeit Christi„anzuziehen“, indem du Christus"selbst annimmst, unterfängst du dich, lieber Freund, deiner eigenen Natur die Knochen zu brechen. Das muß ein Unglück geben, du mußt dir dabei Rückgrat und Seele verkrümmen! Heute habe ich mir wieder mal Heims„Glauben und Denken“ aus der Bücherei geholt, um es— wohl zum , zehnten Male— durchzulesen. Zu einem wahren Vademecum wurde mir dieses bahnbrechende Werk. Es ist doch ein hoher Vorzug, den Gedankengängen des Tübinger Meisters folgen zu dürfen. Selbst wenn ich mir die Freiheit damit erkaufen könnte, möchte ich nichts von den kostbaren Erkenntnissen hergeben, die ich diesem Buch verdanke. Es strömt eine Kraft aus, die wahrhaft befreiend wirkt, und wenn mir die Gnade geworden ist, meinen jahrzehntelang geführten Kampf um die innere Freiheit zum siegreichen Ende zu führen, so deswegen, weil mir der herrliche Lehrer die Augen geöffnet hat für das eigentliche Wesen des Christen- tums als eines nackten Glaubens ohne jegliches Schauen. Schade, daß so viele zurückbeben vor den Schwierigkeiten, die das Studium dieses überlegenen Werkes zu einer mühe- vollen Bergbesteigung machen. Sie bringen sich um den köstlichen Lohn, der denjenigen zuteil wird, die nicht ruhen, bis sie den Gipfel erreicht haben, der sonnbeschienen als Ziel vor ihnen lag.— Aber einigen hat das Buch doch wertvolle Führerdienste leisten dürfen, so Kotter, dem jun- gen Karlsruher Ingenieur, der mit Heißhunger darüber herfiel und schon am ersten Abend mehr als fünfzig Seiten durchflog. Er ruhte nicht eher, bis er auf dem letzten Blatt angekommen war. Wir hatten bereits zwei Stunden die Decke über die Ohren gezogen, womit wir andeuteten, daß wir der schlech- testen aller Welten„Gute Nacht“ sagen und von keinem Blockmogul mehr gestört sein wollten in den kurzen Stun- Fünf Minuten vor Zwölf 8 114 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF den, die uns ganz zu eigen gehörten. Längst vorbei waren ja die Zeiten, wo wir fast allnächtlich darauf gefaßt sein mußten, mitten aus dem Schlaf heraus aufgeweckt und uns in die allerunmöglichsten Situationen verwickelt zu sehen, die sich von den verwirrenden Träumen der Nacht nicht viel unterschieden. Da ertönt schrill und scharf der Befehl einer Stimme, der uns in jene alten Zeiten zurückzuwerfen scheint:„Sofort aufstehen und auf der Blockstraße an- treten!“„Na, das war eine kurze Nacht!“ brummt Merker in der Meinung, es sei das gewöhnliche Wecken.„Mensch, das war noch gar keine Nacht! Merkst du nichts?“ schreit ihn, unaufgeforderte Aufklärung spendend, in der üblichen Lagerhöflichkeit Werker an, der jeden Braten schon von weitem riecht.„Die Amerikaner kommen!“ Auch mein erster Gedanke war dies, ich verwarf ihn jedoch wieder als allzu phantastisch, aber vielleicht wurden wir evakuiert, wie schon lange eine Parole umgegangen war? So gerne wir diesen Ort mit irgendeinem andern auf einem der fünf Erdteile vertauschten, so käme uns der Luftwechsel unter dieser Führung doch reichlich unerwünscht. Die meisten würden sich lieber vom Amerikaner befreien lassen. Indes wir hatten nicht lange Zeit zum Überlegen. Der Stuben- pharao trieb zur Eile an; nachdem die Knäuel von Armen, Füßen und Köpfen wieder entwirrt und wir in den Tagesraum gestürzt waren, sahen wir dort, daß die Uhr kaum ıı zeigte, und entdeckten zwei Posten, in die der Kuckuck gefahren zu sein schien. Mit ihren treiberischen Rufen vermehrten sie nur den allgemeinen Tumult, der ein ordentliches Ankleiden sehr erschwerte. Befehle durch- schnitten die Luft:„Alles’raus!“—„Seid ihr noch nicht bald draußen?“—„Wer ein verschlossenes Spind hat, macht es auf!“ Aha, da merkten wir, wohin der Hase lief. Blockkontrolle, allgemeine Filzerei!! Mich: durchfuhr ein Schrecken. Ich hatte schon wieder ein schlechtes Gewissen, FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 115 hatte ich doch just am Vortage meine Aufzeichnungen aus dem Porzellan auf dem nackten. Leibe hereingeschmuggelt! Wenn sie die erwischten! Sie paßten höllisch gut auf. Es war unmöglich, unbeobachtet auf das Paketgebirge zu kler- tern und die ominöse Schachtel zu leeren. Ich befahl sie im ‚Stoßseufzer dem Hirten Israels, hatte aber noch die Geistes- gegenwart, schnell zum Bett zu eilen, wo ich etwas ganz Verdächtiges versteckt hatte: eine russische Grammatik, welche ich mir, ein gebranntes Kind, das das Feuer nicht scheute, nach dem Verlust der ersten unbußfertig in der Bücherei geholt hatte. Ich wollte mein sprachliches Bildungs- ‘streben nicht noch einmal durch eine Ohrfeige bescheinigt sehen. Vor allem fiel mir siedendheiß ein, daß sie mir auch als diebessicherer Kassenschrank diente, denn zwischen Deckel und Schutzumschlag hatte ich meine illegalen Geld- scheine geschoben in der sicheren Erwartung, daß weder ‚die Spürnase der Langfinger noch die der Moguls sie so rasch hier aufstöbern werde. Wie üblich erspähte mich der Pharao auf meinem Pirschzug durch die sich drängenden Leibermassen, und seine Stimme suchte mich im Löwenton zurückzuhalten.„Ekkehart, zurückbleiben!“ Aber es stand zuviel auf dem Spiel, und mein Vorhaben gelang trotz der Mißachtung der offiziellen Stimme. Draußen nahmen wir auf den ersten Blick wahr, daß auch die Nebenblöcke Licht hatten und dieselben Besucher. Sie erkletterten die Bettgestelle, lupften die Strohsäcke, beguckten mißtrauisch Papiere, warfen sie wieder weg und schleuderten alle den Hausrat, für welchen uns die Betten als allgemeine Hehl- und Schlupfwinkel dienen müssen, in weitem Flug zu Bo- den, denn sie schienen sich heute für solche Kleinigkeiten, die sonst die Sicherheit des Reiches gefährdeten, nicht zu interessieren.„Sie suchen nach Waffen!“ flüsterte Merker. „Hast du dein MG auch gut unter dem Kissen verstaut?“ spottete der Humoronkel. Ich atmete erleichtert auf: das gr 116 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF war nicht mein Artikel. Aber nun machten sie sich ans Paketgebirge, o weh! Das wurde schon schlimmer für mich. Doch da sie sich nur um die caissons der Franzosen kümmerten, ging die Gefahr auch hier vorüber. Wir durften einrücken, das Reich war aus einer schweren Gefahr gerettet. Und wir auch! Ein Stein fiel mir vom Herzen, und ich dankte für die Bewahrung. Aus den Schuhen, wohin ich sie in der Eile gesteckt hatte, zog ich die kleinen Notizbücher und die Geldscheine, um die letzteren wieder dem ,, Kassenschrank" anzuvertrauen, wo sie doch am sichersten aufgehoben sind. Dann gings wieder in die Betten, deren zweie immer dreie von uns aufnehmen mußten, und wir zogen die Decken wieder soweit als möglich über die Ohren, um im Traume die unvollkommenste aller Welten möglichst vollkommen zu vergessen. 8. April 1945. Ob Pfarrer Zippel sein Eisenach erreicht hat? Und wie fand Kaiser sein ehemals so schönes Dresden vor? Ob sie heute noch an uns denken, sich vielleicht nach uns zurücksehnen? Diese Befürchtung spricht der Knabe Hiob aus, der in seinem zum Argwohn neigendem Gemüt geneigt ist, der Stapo wie man es ja eigentlich muß alles Schlechte zuzutrauen und bei der ganzen Entlasserei an eine Falle zu denken, deren romanhafte Ausgestaltung er unserer Phantasie überläßt. Er deutet seine düsteren Vermutungen über das von ihm befürchtete Schicksal der Priester und Prädikanten in der sogenannten Freiheit nur in unbestimmten Worten an. Man kann nur wünschen, daß er zu schwarz sehe, und doch ist sein mißtrauisches ,, Trau schau wem!" angesichts unserer Erfahrungen durchaus nicht unangebracht. Der Parolenmüller hat heute ein recht nahrhaftes Korn gemahlen: die Kommandanten hätten die Anweisung von FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF II7 oben erhalten, die Lager zu übergeben". So angenehm. das freilich den Ohren der Häftlinge klingen mag, so ist es beinahe zu schön, um wahr zu sein. Der Parolenmüller machte eine wichtige Sache draus, beschwor mich, kein Wörtchen zu verraten, es koste ihn den Hals, da es nur eine Quelle gäbe und er sonst verraten sei. Doch hörte ich dessen ungeachtet heute im Kommando ohne mein Zutun dieselbe Parole, sie scheint also nicht so ganz konkurrenzlos zu sein, wie sich's der Inhaber von Fabischs Parolenmühle im übertriebenen Bewußtsein des Alleinverkäufers eingebildet hatte. Wie stimmt diese Nachricht übrigens mit dem Bericht von anderen Häftlingen, welche erzählen, daß sie Dachau bereits befestigen, daß Straßen aufgerissen und Pallisaden angelegt werden, überein? Die beste Lösung wäre es jedenfalls, aber wann hätten Verblendete jemals die beste Lösung ausgesucht? Hungerhalluzinationen? Und nun sei willkommen, Hunger; willkommen sei, notvolles Fasten! Vom Montag ab wird der Brotkorb höher gehängt: sie sagen viermal ein Sechstel Brot, zweimal ein Achtel, einmal ein Fünftel. Das sind gar kleine Stückchen gegen den großen Hunger. Jetzt schon wiederholen sich die Sachsenhauser Zeiten, wo ich mich vor Elend nur mit Mühe die Stufen der Treppe emporziehen konnte. Ich bin vollständig ausgepowert, dazu kommt das Versagen von Blase und Darm, das mich jede Nacht 5 bis 1omal in die Kälte hinausjagt. Dieser Porzellanstaub! Er soll sehr schädlich sein und hat mir den Treff gegeben. Vielleicht war es hohe Zeit, daß ich wegkam ,, mein Unglück war mein Glück". Die Ärzte lehnen eine Untersuchung ab. Wenn du nicht ein Blockpascha oder ein schöner Polenjüngling bist oder ein Franzose, der in jeder Hand ein Paket trägt, dann fehlt es dir an den nötigen Ausweispapieren, es sei denn, du hast 40° Fieber, sagt M., der Schimpfer. Das ist zwar übertrieben, aber ein Korn Wahrheit steckt drin. 118 - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 9. April 1945. Die Spannung wächst von Tag zu Tag. Gestern, am Sonntag, glich die pappelumsäumte Lagerstraße einem summenden Bienenkorb. Überall bildeten sich Gruppen von Russen, Franzosen, Serben, Österreichern, Belgiern, Holländern, kurz von allen jenen Nationalitäten, die sich hier zusammengefunden, welche sich mehr oder weniger leise, aber mit lebhaften Gesten miteinander unterhielten, um sich bei Annäherung eines Postens schnell wieder zu zerstreuen oder harmlose Themen anzuschlagen. Spürbar beginnt der schwere Druck zu weichen, der jahrelang auf den Unglücklichen gelegen hatte. Es ist, als ob in einem eiserstarrten Leibe das Blut allmählich wieder zu kreisen begänne. Die Wangen röten sich, er schlägt die Augen wieder auf, der Arme, dessen Bewegungslosigkeit den nahen Tod anzukündigen schien. Gerinnung des Nerves, des Herzbluts das ist die Wirkung, die von der Tatsache ausgeht, daß die Dauer unserer Haft unbestimmt ist. So wirkt sie wie lebenslängliches Zuchthaus in ihrer lähmenden Hoffnungslosigkeit. Raffiniert haben sie das ausgeklügelt, unsre Kerkermeister, denen nichts an der Unterhaltung des Lebens der von ihnen ,, Betreuten" liegt, die vielmehr bewußt darauf ausgehen, es allmählich zum Ersterben und Erliegen zu bringen- es sei denn in einer Zeit wie der unsrigen, welche Menschenkraft zu einer Mangelware werden läßt, mit welcher es im eigenen Interesse gilt schonend umzugehen. Dieses versteckte ,, Lebenslänglich" gleicht einem eisernen Vorhang, der im Augenblick des ,, Eingenähtwerdens" herabgelassen wurde und die Gegenwart scharf trennt von der Vergangenheit, von dem, was ,, dein einst war"; von der Geltung scheidet er dich, die du als Geschäftsmann hattest oder als Beamter genossest, von dem Ansehen, das dich als Mann des öffentlichen Lebens auszeichnete, von der Achtung und Liebe deiner Angehörigen FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 119 nicht weniger als von der Befriedigung, welche dir die liebgewordene Tätigkeit in deinem Berufsleben verschaffte. Geltung hat nur, sucht dir dieser Vorhang weiszumachen, was jetzt ist, was sich als Wirklichkeit vor deinen Augen "ausbreitet und deinen Ohren aufdrängt. Was vorher war, ist. ein für allemal ausgelöscht und hat nicht nur aufzu- hören, Gegenstand deiner Gedanken, sondern auch deiner Gefühle zu sein. Selbst aus der Erinnerung hat es zu ver- schwinden, damit ihre sänftigenden Bilder nicht zum ge- heimen Quell werden, der das mühsam festgehaltene Leben mit unkontrollierbaren Kräften speist. Merke dir, du bist nur, was du in unsern Augen bist; was du einmal gewesen, was du dir einbildest, heute noch in den Herzen von Weib und Kind zu sein— verbanne es aus deinem Innern, es hat hier kein Heimatrecht! Hier sind deine Brüder, deine Freunde, hier ist dein Gott, was hier nicht ist, ist über- haupt für dich nicht! Nur wer die aus dem Glauben gezeugte Kraft hat, ein Doppelleben zu führen, wer die Fähigkeit des Widerspruchs aufbringt und täglich"mit der übermächtigen Wirklichkeit, die allbezwingend auf ihn einstürmt, ringt, wer sich immer wieder aufrafft zum Nein:„Das bin ich nicht, wozu sie mich hier machen; ich bin nicht der Strolch, dessen Fetzen sie mir umhängen, der ohne Recht und ohne Halt von Almosen in der Fremde lebt! Das ist nur ein Scheinleben, "mir aufgezwungen von Feinden; mein wahres Leben lebe ich draußen, dort, wo meine Lieben sind“,— nur der vermag sich im Innersten gesund zu erhalten auf den Tag, dessen wir alle warten, und dem Tropfen zu trotzen, der den Stein der Unversehrtheit höhlt. Und seht, dieser Tag nähert sich. Wir empfinden es alle, als ob die Berges- last leiblicher und geistiger Knebelung, die einem Grab- stein gleich auf unsere Gruft getürmt wurde, sich allmäh- I20 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF lich hebe, und schon dringt ins Dunkel der lebendig Begrabenen der erste Schein vom Licht der oberen Welt. Wohl dem, der die Kraft hat auszuharren, bis sie soweit sind, die den Stollen zur Befreiung der Eingeschlossenen graben. Aber viele sterben darüber. Die Leichenkarren sprechen eine stumme und doch deutliche Sprache. Es sollen täglich immer noch 50 bis 60 Tote sein, welche die Seuche fordert, obwohl sie im Abnehmen begriffen ist. Immer aufs neue empört mich der Anblick dieser Karren, welche so ziemlich der Gipfelpunkt dessen sind, was sich der Mensch an zynischer Verachtung des Menschen je geleistet hat. Zuerst pressen sie die Leiber aus bis zum letzten Tropfen in jahrelanger Sklavenarbeit, um sie zum Schluß, abgemagerte Knochengerüste, den Wirkungen einer Spritze zu überlassen und nach dem Ende wie einen Korb fauler Apfel auf den Misthaufen zu leeren. Montag früh. Die hysterischen Klagerufe der Sirenen durchschneiden weinerlich jammernd die sonndurchschienene Morgenluft und wischen die etwas banalen Tonstücke hinweg, die von soeben vorübermarschierenden SS- Truppen scheinbar sieghaft an die Wolken gehängt wurden. ,, Bald sind sie da! Bald sind sie da!" Täuscht sich das Ohr, von der Voreingenommenheit des Herzens verführt, wenn es den Dissonanzen einen ganz neuen Klang der bewillkommnenden Erwartung unterzuschieben wagt? Und nun hat die Hungerzeit begonnen. Die Parole ist zur Wahrheit geworden. Die Brotpreise sind auf das Doppelte hinaufgeschnellt. Von 20 auf 40 Zigaretten. Die Delikatessen aus den Rotkreuzpaketen sind fast unerschwinglich: für ein einziges Päckchen Kakaopulver mußte ich 18 Zigaretten opfern und froh sein, daß ich es überhaupt erhielt, denn Tabak bekommen die Franzosen von Herrn de Gaulle massenhaft. Die Diebereien nehmen sprung FUNF MINUTEN VOR ZWÖLF I2I haft zu. Am glockenhellen Tag hat mir dieser Tage ein Landsmann, der Teufelsanbeter, meinen Zucker wegstibitzt; ich hatte ihn von einem Freund als Gegenleistung bekommen, ein ganzes Pfund, und glaubte die Kostbarkeit sicher verwahrt in einer Schachtel, und die Schachtel wieder unter einer Decke, und Decke mit Schachtel im Bett doch was kümmert sich ein Mensch, der zum Teufel in so guten Beziehungen steht, um Bett, um Decke, um Schachtel und andere Stümpereien, wenn er nur den Zucker hat, und den bekam er dank der Beziehungen schon recht bald; denn als ich nach einer Stunde zurückkehrte, war das Werk schon geschehen und der Zucker weg. Und nicht genug damit: ich muß damit rechnen, daß die Sache eine Anzeige einträgt: mir, nicht dem Dieb! Denn als ich vor mich hinmurmelte, da ich den Diebstahl entdeckte: ,, Wo steckt denn mein Zucker?" trat ich dem Herrn Landsmann auf die Zehen. Er schrie auf und behauptete, ich hätte ihn bezichtigt. Ich erwiderte: ,, Nein, das habe ich nicht; warum ziehst du aber die Jacke an, die dir nicht paẞt?" Er drohte mit einer Anzeige beim Blockmogul, weil ich ihm keine, Ruhe lasse, und da er weiß, daß ich dort als angenagtes Obst Unrecht bekomme, wird er es wohl ausführen. Und das, obwohl seine Weste nicht sauber, da er neulich von den Franzosen des Diebstahls überführt worden ist. Aber die Teufelsanbeter dürfen sich mausig machen in einer Welt, in der der Teufel regiert und alles auf den Kopf stellt. Unsere Suppe ist so, wie sie ist: besser als ihr Ruf und schlechter als sie sein könnte; für den Gaumen gerade noch recht, aber für den Schlund eines Häftlings, der einem Sack ohne Boden gleicht, allzu wenig. Nach einigen Löffeln siehst du dich erstaunt um: wo ist die Suppe geblieben? Dabei soll sie auch noch die anderen Teile eines rechtschaffenen Menüs vertreten, die unser Koch redlich vergißt: die Gemüseplatte, den Rinderbraten und die süße I22 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - Na, Nachspeise in Form eines Schokoladepuddings. alter Adam, hättest wohl nicht geglaubt, daß das Fasten so wenig bekömmlich sei? Schadet aber nichts für Leute, die doch auf dem Aussterbe- Etat stehen, und zu denen gehörst du ja wohl auch! Verstanden! Die Amerikaner südlich Crailsheim! Ich traue meinen Augen nicht. Und Saalbach, Streichental, Neubronn- all die Orte bei Rothenburg, mit so schönen Erinnerungen verbunden, tauchen vor dem inneren Blick auf und mit ihnen die unvergeßlichen Gesichter, der Fritz und der Georg, die stillen Marien, Rösle, das gute, und Pauline und Frieda- sind sie noch am Leben? Wie haben sie die vorübersausende wilde Jagd eines modernen Krieges überstanden, die erleben zu müssen in ihrem schönen fränkischen Ländle ihnen nie eingefallen wäre!- Die bankrotten SS- Jungens: wie begossene Pudel sehen sie aus, wenn sie vom Radio- Empfang zurückkommen. Eine ganze Anzahl von ihnen wäre lieber, wo der Pfeffer wächst, denn viele sind gegen ihren Willen zu dieser Truppe gezogen oder gar aus der Wehrmacht versetzt worden. - Später. ,, Du hast ja wahrhaftig auch ausgesehen wie eine Wachspuppe, Alterchen, weißt du noch, bei deinem Transport damals? Aber gegen die armen Tröpfe von heute morgen wart ihr fette Mastochsen! So was war noch nie da: abgemagert bis auf die Knochen, die reinen Spazierstöcke!" Diese Ansprache hörte ich heute morgen auf dem Appellplatz mit an, und nun sahen wir selbst durchs Fenster der Kanzlei den Elendszug von der Bahnstation, wo er als Transport angekommen war, zum Lager schleichen. Wahrhaftig! Ihnen gegenüber waren wir die reinen Fettgänse. Spindeldürr wie Spazierstöcke zogen sie an uns vorüber, FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 123 von ihren gestreiften Fetzen umschlottert, so daß ihrer drei darin Platz gefunden hätten. - 10. April 1945. Soeben las ich verstohlen den Wehrmachtsbericht. Schon bei den ersten Sätzen stockte mir das Blut: südlich Mergentheim haben heftige Kämpfe stattgefunden! In der Tauberach, wo die Höfe meiner fränkischen Vetgegend also tern liegen. Das Unwetter wird doch nicht gerade sie getroffen haben! Das verhüte Gott. Ist es nicht genug, daß ihren Vetter der Blitz getroffen hat, sollen auch sie unstet werden und flüchtig? Seit Jahrhunderten haben diese stillen Fluren des Krieges grelle Fackel nicht flammen sehen, die ihren fahlen Schein nun über die entlegensten Weiler wirft. Eine grausige Vision taucht mir vor der Seele auf und will mich nicht loslassen: das liebe alte Bauernhaus, drin die Mutter geboren, eine Ruine; Kühe und Schafe, Ochsen und Schweine fortgetrieben, geflüchtet die arme Marie samt ihrem Fritz, dem noch im Alter Rührigen! Da fällt mein Blick noch einmal auf die schwarzen, rotunterstrichenen Lettern der Überschrift:„ ,, Kämpfe südwestlich Mergentheim." Südwestlich, das gibt eine kleine Hoffnung, denn die drei Höfe liegen östlich der Straße, welche die Heere von Mergentheim nach Crailsheim zogen. O Gott, halte du um des Gekreuzigten willen deine Hand über ihnen, die des Häftlings gedachten in seiner Verlassenheit! Ich atme auf. Vielleicht wird mir der bitterste Tropfen des Kelches erspart, vielleicht finde ich sie unversehrt wieder, die Lieben! Und bei ihnen die letzte Zufluchtsstätte samt der paar Habseligkeiten, die sie ihnen aus Berlin gesandt, daß sie hindurchgerettet würden mit den Aufzeichnungen, Gedichten und Tagebüchern. Schon hatte ich manchen Freund eingeladen, nach der Befreiung einige Wochen mitzukommen, um sich in der Weltabgeschiedenheit dieser hohenloheschen Winkel unfern Rothen- 124 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF burgs von der Lagermühsal zu erholen: Fabisch, den Parolenmüller, den Knaben Hiob und Hubersepp, den Kantinencapo; nun ist durch diese Zukunftspläne ein dicker Strich gemacht worden.- Nachmittags. Südöstlich Mergentheim, dort liegt in der Nähe Stuppachs mit seinem berühmten Altarbild der Maria eine andere Stätte, an die mich teure Erinnerungen aus der Jugendzeit knüpfen: Wachbach, das häufige Ziel sonntäglicher Wanderungen in Gemeinschaft mit Paul, dem Bäckergesellen. Sie endigten immer im Schulhause, wo ein väterlicher Freund amtierte, Lehrer Ebert, ein hilfsbereiter Erzieher von jener männlichen Sanftmut, der wir bei reifen Christen oft begegnen. An den Sonntagvormittagen spielte er die Orgel zu den Gottesdiensten und tat dies jahrzehntelang mit großer Treue, obgleich ihm der Dienst vom Pfarrherrn nicht mit gleicher Münze belohnt ward. Er war dem Lehrer gram darüber, daß er sich nicht damit begnügte, die Predigt musikalisch zu umrahmen, sondern daß er sonntagsnachmittags selbst die Bibel ergriff, um sie den Bauern auszulegen nun aber nicht in der Kirche, sondern im Schulhause, in des Lehrers Wohnstube; nicht von einer majestätischen Kanzel aus, sondern im einfachen Sessel des Schulmeisters. Auf diesem Stuhl legte er Gottes Wort so - gut aus, als er konnte und er konnte es gut. Denn eine Johannesnatur, das war er, dem der Friede der Ewigkeit auf dem Gesicht geschrieben stand, und aus dessen Auge selbstlose Liebe leuchtete. So zog es uns mächtig hinauf ins kleine Dorf; nach der Stunde der geistlichen Speisung sorgte die freundliche Gattin dafür, daß wir auch leiblich geatzt wurden, es fuhr ein Vesper auf mit Apfelmost, Butterbrot und Wurst, das uns stärken sollte für den weitern Rückweg. Nachher griff der Gastgeber noch in die Tasten des Klaviers, und herrlich war es, wenn wir manches Lied er FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 125 schallen ließen, das mir bis dahin unbekannt gewesen, so das aus England stammende: ,, Ich blicke voll Beugung und Staunen hinein in das Meer seiner Gnad", oder jenes andere, dessen erste Strophe mir bis heute unvergeßlich geblieben ist und mir im Lagerelend gar manchmal eine dunkle Stunde erhellt hat, wenn ich seine liebliche Weise vor mich hinsang: ,, Wie ein Vogel verscheucht fern vom Nest ruhlos fleugt, so verirrt ich mich, Heiland von dir. Doch du riefest so treu an dein Herz mich aufs neu, gabst ein seliges Willkommen mir. Wunder so groß, kostbares Los, dir Jesu, willkommen zu sein! Nun ruh ich aus, mein Heim, mein Zuhaus ist, Herr, deine Liebe allein!" Gar zu gern hätten wir es gehört, wenn uns die beiden Töchterlein mit ihren zarten Stimmen begleitet hätten; doch war der Lehrer hier unerbittlich; sie verschwanden im Nebenstüble. So blieb es bei einer Liebe zur jüngeren aus der Ferne, von der ich nicht einmal zu erfahren bekam, ob sie vielleicht von dem Mädchen ebenfalls aus der Ferne erwidert wurde. Professor Heim erzählt einmal in einer seiner Predigten von gebildeten Leuten, die in der Inflationszeit den ganzen Tag von nichts anderem redeten und an nichts anderes dachten als ans Essen. Ich muß bekennen, daß ich im besten Zuge bin, es ihnen gleich zu tun. Der Gedanke ans Essen nimmt einen um so breiteren Raum in meinen Gedanken ein, je weniger zum Essen da ist. Das ist leider eine Tat 126 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF sache, die mir zeigt, daß, wie Luther sagt, der alte Mensch schwimmen kann, so daß es ihm immer wieder gelingt, an die Oberfläche zu kommen und wir wieder von vorn im ABC beginnen müssen. Aber ich verzage nicht! Auch dies Gebiet muß unter die Aufsicht des Heiligen Geistes gestellt werden. Ein Strom von Freude durchdringt mich in der Gewißheit des Glaubens: Das neue Herz Christi wird auch in diesem Stück den Sieg über die Triebe des alten davontragen. - Der geringste Widerstand, den ich von außen erfahre, versetzt mich in heftige Erregung, die einer veritablen Wut so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. Ich bin auf dem geraden Wege, ein Mogul, Pharao und Pascha zu werden und meine besten Freunde vor den Kopf zu stoßen durch wahre Eruptionen von Gereiztheit. Darf ich mich, wie viele es tun, auf den entschuldigenden Standpunkt stellen, es sei eben die unvermeidliche Folge des Lagerlebens mit seiner unerträglichen, immer drückender werdenden Enge und nervenaufpeitschenden Ungerechtigkeit? Gewiß nicht! Darf ich mit hilflosem Achselzucken sagen: nervöse Überreiztheit, Lagerkoller, Haftpsyhose? Nein, auch das nicht! Ich muß dagegen angehen, freilich nicht wie ein Moralist mit jenen berüchtigten guten Vorsätzen, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist, sondern als Christ, der da glaubt, daß das Herz Christi mit seiner Sanftmut und Geduld sein Eigentum ist, das als sein neues Lebenszentrum das alte mit seiner unduldsamen Unbeherrschtheit verdrängt. Der arme Knabe Hiob! Was hat er schon unter meinen Ausbrüchen zu leiden gehabt! Und er ist die Geduld selber, drückt mir noch in dem Augenblick eines kränkenden Ausfalles die Hand und tut den ersten Schritt zur Aussöhnung, wenn sie nötig wäre. - Tausende alter Gefangener im Lager leiden an diesem Zustand. Er ist wohl auf eine Art seelischen Schutzbedürf FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 127 nisses zurückzuführen. Die Wehrlosigkeit, mit welcher wir jedem feindlichen Angriff der Außenwelt ausgesetzt sind, die Rechtlosigkeit gegenüber der SS und ihren Helfershelfern, Blockbehörde und Stubendienst, zwingen die Seele gleichsam, eine Art Schutzwall. um sich herum aufzuwerfen, um jede weitere Bedrohung möglichst vor vornherein fernzuhalten und sie schon abzubremsen, bevor sie überhaupt wirksam wird. Daher der siebenfache Stacheldraht, mit dem wir uns umgeben, den Generaldirektoren großer Konzerne gleich, die niemand an sich heranlassen als die Vertrautesten, und jeden unerwünschten Besuch durch die Privatsekretärin abwimmeln. Die Rolle einer solchen Privatsekretärin lassen wir unsere asoziale Haltung spielen, unsere Einsilbigkeit, Unzugänglichkeit und Verschlossenheit,. die sich darin äußert, daß uns selbst harmlose Fragen ein Mißbehagen verursachen. Wehe, wer uns auch nur mit einer einzigen behelligt! Die Ungefälligkeit, Grobheit, Unhöflichkeit, das Gegenteil von christlichem Wohlwollen, das wir im Verkehr beweisen, hat wohl zur eigentlichen Wurzel dies Bedürfnis nach Selbstschutz. Es ist allerdings nur ein vermeintlicher Schutz. Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es wider: das Gesetz des Echos bewirkt, daß wir unsere brutale Selbstabschnürung durch furchtbare Einsamkeit büßen müssen, und wie ein Bumerang fallen all die Lieblosigkeiten, zornigen Worte, rücksichtslosen Stöße auf uns selber zurück. Helfen kann uns nur Gott, der uns Kraft gibt zum Dienst am andern, in dem wir unseren leidenden Mitbruder sehen dürfen. Wer es mit ihm versucht, wird zu seinem Erstaunen feststellen, daß hier eine Kraftquelle sprudelt gegen alle Nervosität. Das Gesetz des Echos und des Bumerangs ist abgelöst von dem Gesetz des geistlichen Verhältnisses, das Jesus so ausdrückt: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es finden! 128 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Wunderbares Evangelium, das selbst in einer so widerstrebenden und widerspruchsvollen Welt wie es das KZ 1st, sich bewährt und seine Siege feiert! Der Sirenen miẞtöniger, aufreizender Erinnyenchor leitet den Nachmittag ein. Unmutig stellt der Schulmeister aus Lothringen, der auf Pausen und Ferien so erpicht ist wie nur je ein Schulmeister aus Lothringen oder sonst woher, fest, daß es nur Entwarnung sei, und wir andern, bei denen gleichfalls die Arbeitsstunden weniger beliebt sind als die Pausen drin, empfinden die Enttäuschung lebhaft mit. ,, Seit einem Monat warte ich jetzt auf eine Gehaltsüberweisung an mein Sparkonto. Sagen Sie, wie stellen Sie sich das vor: Soll ich mit meinen Kindern nur von der Dörrwalder Sandluft leben? Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe, aber schließlich hat doch alles einmal ein Ende, auch die längste Geduld. Erfolgt nicht umgehend eine Überweisung, wende ich mich an den Reichsführer. Vielleicht arbeitet dann Ihre Dienststelle etwas schneller. Heil Hitler! Y. Z." Solche Verzweiflungsbriefe laufen nicht ganz selten von den Frauen der SS- Männer ein, denen ein doppeltes Unrecht angetan wurde: Einmal sind sie, oft genug gegen ihren Willen, von der Wehrmacht zur SS versetzt worden, und dann hat man sie wegen des Gestrüppes, des unentwirrbaren, von Instanz- und Kompetenzsträuchern, monate- und jahrelang auf den verdienten Sold warten lassen. Besoldungsstelle, so schreibt sich unsere Firma( lucus a non lucendo). Würde sie aber nicht besser von Charles Dickens in ,, Komplikationshauptamt" umgetauft werden? Der Pförtner vom geistlichen Block war sehr abweisend. FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 129 ,, Bist du Pfarrer?" fragte er streitsüchtig. ,, Ich bin Theologe" belehrte ich ihn in der Hoffnung, er sei dieser Belehrung zugänglich und lasse Gnade für Recht ergehen. Oder wollte er auch den Lautverstärker spielen? Miẞtrauisch beäugte er mich. Schon wollte er mich einlassen. Da fiel ihm eine rettende Prüfmethode ein: ,, Die Losung!" O, nun war ich geliefert. Ich war zwar Theologe, aber kein Blockbewohner, und die Losung wußte ich nicht. Ich mußte erblassen und verstummte.„ Na, siehst du, dann verschwinde!" Und ich verschwand, aber nur um die Ecke. Da herrschte auf der Gasse zwischen polnischem und deutschem Pfarrerblock ein ungeheurer Betrieb. Die gespannten Beziehungen zwischen beiden Sphären schienen plötzlich von einer innigen Verbindung abgelöst worden zu sein. Denn seht, was ging da vor? Die Türen genügten nicht mehr, um den Verkehr zwischen den Stiefbrüdern zu bewältigen; zu den Fenstern sah man sie hineinsteigen, als ob sie nicht rasch genug ins andere Lager gelangen könnten. Was war los? Nun, eine Verlegung, mit überraschender Plötzlichkeit im letzten Augenblick erst angeordnet, so daß alles in der üblichen überstürzten Hast vor sich gehen mußte: der Auszug der Deutschen und der Einzug der Polen. Ja, man staune: die Polen wurden in den deutschen Block verlegt oder vielmehr gestopft geht die Welt unter? Die deutschen Geistlichen mußten zum großen Teil in der Kapelle unterzukommen suchen, aus welcher wiederum die ,, Spazierstöcke zu weichen hatten. Diese waren erst am Nachmittag in den Kirchenraum einquartiert worden, man sah durch die Fenster ihre abgemagerten Gesichter, traurig darüber, daß sie das Nest schon wieder verlassen sollten, in welchem sie sich häuslich niederzulassen gedachten. Auf die Weihe des Ortes nahm man so wenig Rücksicht wie jene türkischen Askers, die im Weltkrieg in der altehrwürdigen Sophienmoschee kampierten und deren Inneres aus Fünf Minuten vor Zwölf 9 130 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF einem Tempel Allahs in ein Soldatenlager zu verwandeln verstanden. Zwischen beide Gruppen eingekeilt, hatten die ehemaligen Herren des Blocks in fieberhafter Eile mit Sack und Pack auf die Blockgasse stürzen müssen, um nur einigermaßen ungerupft aus- und einziehen zu können. Fehlte nur, daß es in Strömen geregnet oder aprilmäßig geschneit hätte, und die Lagermisere wäre voll gewesen. Ein Glück, daß andern Tags eine weitere Zahl entlassen werden sollte, so daß in Erwartung dieses außergewöhnlichen Ereignisses die Herzen unempfindlich für die Nöte der Gegenwart waren. So schwang ich mich denn ebenfalls durch ein Fenster und suchte mich durch dies jahrmarktähnliche Gewühl an meine Freunde heranzupirschen, die Pfarrer Frischke und Lackmann, denen ich für den Fall, daß sie auch unter den für die Freiheit Erkorenen wären, einige Anschriften mitgeben wollte.( Holla, da mischt sich die hysterische Sirene drein die fangen ja beizeiten an noch haben wir nicht einmal mit unserer Arbeit begonnen und sollen schon wieder aufhören? ,, Sie nähern sich! Sie nähern sich!" ein Zeichen, daß uns der Feind auf die Nähte rückt, aber auch davon, daß unsere Befreiung naht!) - Ich finde die Pfarrherren, mich durchs Gedränge durchschlagend, an einem Tisch beschäftigt. Es ist nicht ganz klar: packen sie ein oder aus? Ein dritter, Pfarrer Rackwitz aus Neukölln, erst vor kurzem zu uns gestoßen, packt offenkundig ein. Er vesperte mit sichtlichem Appetit und ließ sich die Münchener Wurst gut schmecken. Lackmann war guter Laune, seinem jugendlichen Alter entsprechend, während Frischke keineswegs jene frische Stimmung erkennen ließ, die seinem Namen und der Stunde der Entlassung angemessen gewesen wäre. Auf meinen freudigen Hinweis, daß der Augenblick nun da sei, auf den er so manches Jahr gewartet, erwiderte er mit schmerzlichem Lächeln: ,, Ja frei FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF IZI lich, aber wir hatten es uns doch anders gedacht". Ich verstand ihn vollkommen, denn keiner von uns legte einen übertriebenen Wert darauf, jetzt hinauszukommen in dieses Tohuwabohu hinein, vielleicht als Kanonenfutter beim Volkssturm. Diesen Händen möchten wir unsere Freiheit nicht zu verdanken haben, nein, wahrlich nicht! Währenddessen fiel beim Packen manch wertvoller Brocken als Erbschaft für mich ab, ein herrliches Milchpulver und in einer schimmelduftenden Tüte von Lackmann, dem Lutheraner, eine Kollektion süßer Brötchen, die nicht nach Schimmel dufteten. 11. April 1945. Für das neue Schanzkommando, das gestern nach München abgerückt ist unter Aufsicht der ,, Organisation Todt", und dessen Abzug wir vom Fenster aus beobachteten, gilt das Wort: ,, Es kann vor Abend anders werden, als es am frühen Morgen war; solang ich leb auf dieser Erden, schweb ich in steter Todsgefahr." Die armen Jungen, sie haben bei ihren Aufräumungsarbeiten einen furchtbaren Blutzoll entrichten müssen: nicht viele von ihnen sind lebend ins Lager zurückgekommen. Als Fliegeralarm gegeben wurde, wollten sie sich in Sicherheit bringen, wurden aber von den Posten daran gehindert, welche auf die Gefangenen mir nichts dir nichts schossen. So mußten die Unglücklichen den Angriff ohne Schutz über sich ergehen lassen. Es scheint, daß sie gerade an einer sehr gefährdeten Stelle arbeiteten, denn es heißt, daß über 200 Mann tot auf der Stelle geblieben sind. Wer diese waren, ist nicht zu erfahren, denn nie wird eine Liste von Gestorbenen oder Getöteten bei uns veröffentlicht. Das wäre zuviel der Ehre für Staatsfeinde. Aber ihr Leben für diesen 9+ 132 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Staat in die Schanze zu schlagen, dafür werden sie offenbar für gut genug erachtet. - Unter den Sklaven der Besoldung herrscht helle Empörung über das Verhalten der Posten, die die Schuld an diesem Unglück tragen. Es entsteht auf der Kanzlei ein wahrer Tumult, als die Einzelheiten bekannt werden. Die Jugoslawen äußern sich in sehr freier Weise, wie man es noch vor kurzem in der Gegenwart der Herrenmenschen nicht für möglich gehalten hätte, ohne daß sofort Abführungen und Todesurteile gefolgt wären. Die SS läßt sich sogar auf eine Auseinandersetzung ein, macht aber geltend, daß die Gestreiften selbst schuld seien an der rücksichtslosen Handhabung der Schießvorschriften, weil man die Erfahrung gemacht habe, daß einige Häftlinge solche Angriffe benützten, um das Weite zu suchen. Kotter, der Karlsruher Architekt, meint aber, das sei ihr gutes Recht, und in der Tat ist es unverständlich, mit welcher grausamen Wut man Ausreißer peinigt, wenn sie wieder eingefangen und ins Lager zurückgebracht werden. Die Behandlung, die sie erfahren, steht in gar keinem Verhältnis zu der Geringfügigkeit ihres Vergehens, das menschlich so wohl verständlich ist, und deutet darauf hin, daß sich unsere Quälgeister hier an einer besonders empfindlichen Stelle getroffen fühlen. Die wieder Eingelieferten werden nicht allein barbarisch hart bestraft, so daß sie oft genug ihr Leben dabei einbüßen: sie werden meist in die Strafkompagnie versetzt und müssen einen roten Fluchtpunkt auf dem Rücken tragen, welcher gewissermaßen die Zielscheibe bildet bei etwaigen neuerlichen Versuchen zu fliehen. Nein, man gibt sie darüber hinaus auch noch der Verachtung und dem Spott des ganzen Lagers preis, indem man sie geflissentlich in jeder Weise lächerlich macht, was bei der Geisteshaltung der Häftlinge keine Schwierigkeiten bietet; geben wir uns doch nur allzu bereitwillig dazu her, als Schallverstärker für dieses höllische FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 133 Hohngelächter zu wirken und mitzulachen. So kommen wir beinahe täglich bei unserm Einrücken an armen Tropfen am Tore vorbei, welchen ein großes Plakat auf die Brust gehängt ist mit der Inschrift: ,, Ich bin schon wieder da!" Noch vor Jahresfrist wurde sogar eine von den Gefangenen bezahlte Kapelle in Bewegung gesetzt, welche mit lustigen Weisen um das zum Appell versammelte Lager herumzog. An der Spitze der Prozession ging oder hinkte der Ausreißer, welcher außer dem Plakat noch mit einer Papierkrone geziert, des Gespöttes seiner Kameraden sicher war. Diese waren gegen den Flüchtigen heftig aufgebracht, weil man sie gezwungen hatte, so lange auf dem Appellplatz zu stehen, bis er wieder eingeliefert war, und wenn dies Tage und Nächte hindurch dauerte. Aber das war es ja gerade, was man erreichen wollte. Natürlich sollen diese Strafen eine abschreckende Wirkung haben. Aber warum fürchtet ihr euch denn so sehr vor jedem einzelnen eurer sonst so verachteten Sklaven, dem es gelingt, ohne eure Zustimmung in die Außenwelt zu entwischen? Habt ihr vielleicht schwerwiegende Gründe zu fürchten, sie könnten ihren Frauen, Müttern und Vätern mehr von den Geheimnissen eurer deutschen Umschulung erzählen, als eurem Rufe als Allerweltsschulmeister zuträglich ist? Mittags. Auch den Frauen der Herrenmenschen in Hannover, Celle und Stade können wir nicht mehr auf ihre Brandbriefe antworten; sie sind wie so manche andere Stadt mit alten, berühmten Namen herausgeschnitten aus dem Leibe des Vaterlandes, edlen Gliedern gleich, die blutige Narben hinterlassen, ein dauernd Denkmal des Unglücks und der Torheit, der Sünde und des Wahnwitzes, eine bleibende Warnung, daß auch der größte Idealismus Verbrechertaten aus 134 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF sich gebiert, wenn er sich nicht von Gottes heiligem Geist neugebären und leiten läßt. 11. April 1945. Im Komplikationshauptamt wird fieberhaft gearbeitet. Die letzten Spuren des Bombenangriffs sollen beseitigt werden, damit das Amt wieder einziehen kann in sein altes Haus, das freilich um ein Stockwerk kürzer geworden ist. So strömt es denn in die fertig gewordenen Räume herein, die Bilder der Vorsehung mit dem Zwicker voraus, bewehrte Männer mit Brillen und Gasmasken; unbewehrte Individuen ohne Gasmasken und Brillen hintendrein. Die letzteren erwecken die hohe Neugier der Gestreiften, denn sie gehören jener Abteilung des Menschengeschlechts an, die im Lager nicht geduldet ist, weil sie lange Haare trägt. Es sind zwar nicht Wesen von sylphenhafter Zartheit, eher tragen sie die groben Züge bayerischer Holzfäller im Stile des Mannweibs oder des Zerberus. Indessen sind die Gefangenen nicht wählerisch. Die Feststellung des Vorhandenseins eines reichen Haarschmucks genügte als Ausweis erstrebenswerter Annäherung, wenn die unschönen Schönen nicht selbst so wählerisch wären. Aber sie haben schon gewählt, und ihre Wahl ist nicht auf einen jener Männer gefallen, die statt der Bügelfalten Runzeln in den Hosen haben, und statt einer hübschen blauen Krawatte einen häßlichen roten, schwarzen, grünen, gelben oder violetten Fleck an der linken Brustseite. Auch riechen sie nicht so angenehm nach Eau de Cologne oder ,, Rosen von Schiras", sondern eher nach Windeln aus armer Leute kindergefüllten Stuben. Ganz am Schwanz, wie es sich für die nutzlosesten Geschöpfe der Welt gehört, kommen die Gestreiften selber, wiewohl wir die ersten auf dem Plane waren. Denn wer anders hätte das Komplikationshauptamt wieder instand setzen, die Kanzleien wieder wohnlich machen, die Fenster FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 135 wieder säubern sollen, wenn nicht die überflüssigsten aller Geschöpfe? Da wurde nicht lange gefragt:„ Bist du im Fensterputzen geeicht oder hast du im Bodenschrubben Übung?" Und die Gegenrede:„ Wir sind zu Büroarbeiten angestellt und nicht zum Putzen gedingt", hätte der Capo mit einer Ohrfeige beantwortet, weil hier nicht Verträge abgeschlossen und gehalten oder gebrochen wurden mit nachfolgenden Prozessen, sondern weil es eben Staatssklaven waren, deren Verwendungsfähigkeit so variabel sein mußte wie die eines Marmelade- Eimers. Und so mochte denn mancher im stillen grollend fragen: wozu denn Maschinenschreiben, Stenographie und Buchführung für dies Kommando von ihm verlangt worden sei, wenn er doch Aktenschränke schleppen und Zimmer fegen sollte? Es nützte nichts, wir sind Staatssklaven, deren Hirnen nichts schädlicher ist, als allzuviel nachzudenken. Abends. Wir vereinfachen uns zusehends und entfeinern uns im Laufschritt. Vorgestern abend haben wir die ersten Rationen im neuen Stil bekommen, je kürzer sie waren, desto länger wurden unsere Gesichter. Und da soll der Mensch noch arbeiten, mehr arbeiten, schwer arbeiten! Alte Parolen feiern neue Urständ; jeder Block soll infolge der sich mehrenden Zahl von Schiffbrüchigen aus allen Lagern auf 1800 Mann gebracht werden, da wären mehr als 400 Mann auf einer Stube, die für 60 Mann gedacht war. Und wir meinen, bei einer Belegschaft von 250 Mann bereits ersticken und das Kreuz schlagen zu müssen vor den Zuständen im Aufnahmeblock, wo sie gar 500 Seelen zusammenquetschen. Das wahre Ideal vom Standpunkt der Vereinfachung aus: auch Spinde, Tische, Schemel werden hinausgeschmettert, selbst die Bettgestelle müssen verschwinden. Nun sind wir doch nahe bei der höchsten Stufe angelangt, beim Säulenheiligen. 136 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Im Komplikationshauptamt eifern sie ebenfalls dem Ideal nach, allerdings gezwungen: die Adressenliste schrumpft weiter zusammen Hildesheim, Verden, Bremen müssen gestrichen werden. - Heiliger Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand und ebensolche Ritter Franz, Frundsberg und Prinz Eugen warum tragt ihr es so nach, daß das ,, Porzellan" nicht rechtzeitig eure Bilder fertigstellte? Warum so unerbittlich? Oder gebt ihr so gar nichts drauf, daß sie euch der Ehre der Altäre in einem rein nordischen Göttertempel würdigen? So tut doch einen Zug und gebietet den rückflutenden Bewegungen am Rheine Einhalt!- 12. April 1945. Eine entscheidende Vereinfachung steht in Aussicht, die manchem Schwachen, der ohnehin auf dem letzten Loch pfeift, das Todesurteil bedeuten wird: von Montag ab soll die Brotzeit wegfallen. Und da die Brotzeit in diesem Lande gleichbedeutend ist mit dem lieben Brot selber, das wir zum Frühstück bekommen, so hätte das Gerücht, wenn es sich bewahrheitete, nicht bloß platonische Folgen. Doch kann bis Montag noch manches passieren: ,, Da kann der Krieg aus sein", meint der Optimist von einem Hubersepp, und mein Nachbar an der Schreibmaschine, der Holländer, ein wackerer Graukopf mit einem guten Schuß Christentums, beruft sich auf die Barmherzigkeit des HerrnBefehls: ,, Sorget nicht für den andern Morgen!" Und dabei mag es sein Bewenden haben. Die Angst vor dem Kommenden ist immer schlimmer als das Kommende selber. Wie oft habe ich das erfahren! Aber selbst wenn wir den Riemen noch enger schnallen müssen das Fasten hat mir bisher nicht geschadet, im Gegenteil, ich hätte vielleicht draußen gut getan, das Jesuswort genauer zu erwägen: ,, Diese Art fährt nicht aus als durch Fasten und Beten!" - FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 137 Wer weiß, ob mir nicht manch bittere Erfahrung erspart geblieben wäre. Der Knabe Hiob klagt über zunehmende Kraftlosigkeit in den Knien; er konnte sich gestern nur noch mit Mühe vorwärtsbewegen. Da werden die Lezithinsilberpillen wohl nicht viel helfen, die ich ihm aus der geistlichen Erbschaft schenkte zusamt den Dörrkarotten und den Graupen. Da muß ein anderer eingreifen, wie ER es schon oft getan hat gerade im rechten Augenblick. So hat auch den vierten oder fünften der Quälgeister sein Geschick ereilt: seinen Stubenpascha, der für ihn mit großer Pünklichkeit und * Ausdauer. stets das kleinste Stück Brot oder Wurst aus- suchte und zum. Ausgleich nicht sparte mit großen Worten voll Hohns und bittrer Galle. Dieses Muster eines Moguls ist plötzlich abgebaut und in die Strafkompagnie ver- pflanzt worden, weil er einem französischen Paket gegen- über die Bedeutung des 7. Gebots vergessen hatte. Dem lieben Trossch, dem professoralen Grafen und gräf- lichen: Professor, Mitbesitzer mehrerer Schlösser, so uralt wie sein Adel, bin ich zu meiner Freude nach langer Zeit wieder auf der Lagerstraße begegnet. Nicht zu ‚meiner Freude sah er sehr elend aus, vollends, da sie ihn ihrer Gepflogenheit gemäß in richtigen Gaunerlumpen aus dem Revier entlassen hatten. Er ist gewissermaßen von den Toten auferstanden, hat er doch beide Typhusarten durch- gemacht und ist so heruntergekommen, daß er nur noch 45 kg wiegt. Bei seiner erklecklichen Leibeslänge fehlen ihm wenigstens 80 Pfund! Leider kann ich ihm nicht so helfen, wie ich gerne möchte. Es ist ein Jammer, daß wir nur die Wahl haben, einen einzigen recht zu unterstützen oder mehrere schlecht. Ich ziehe das erstere vor. Doch hörte ich inzwischen, daß er ein gutes Kommando bekommen hat: als Postschreiber. Da fällt manches ab aus zerrissenen und beschädigten Rotkreuzpaketen. Ist die Stelle auch we- 138 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF der einem Professor angemessen noch einem Grafen, so ist sie doch eines der einträglichsten Lagerämter, und das ist die Hauptsache. Was nützen den Guten seine bosnischen Burgen, wenn er hier nichts zu beißen hat, was hilft ihm Rang und Ahnenreihe, wenn es ihm hier nur Titel einträgt, wie sie in Menagerien und Schweineställen vergeben werden. Er strahlt denn auch übers magere, blasse Gesicht, daß ihn das Rad der Fortuna wieder nach oben gerissen und ihn zum augenscheinlichen Beweis der neuen Wendung in eine richtige schicke, nagelneue Uniform mit originalen Zebrastreifen gesteckt hat, worum ich ihn am meisten beneide. GODWAY Sonntag, 15. April 1945. Abgebaut ,,, abgestellt" im Komplikationshauptamt! Aber ich habe einen guten Tausch gemacht, ich führe das reinste Schlaraffenleben: schlafen, auf der Blockstraße Parolen sammeln und lesen! Ein Transport droht wohl nicht mehr, so fühle ich mich schon halb in der Freiheit. Ich wundere mich, daß ich die Sache am ersten Tag ein bißchen tragisch nahm. Freilich, das Unglück ist nicht allein gekommen, und das zweite nahm mich mehr mit als das erste: ich mußte entdecken, daß sich einer allzu liebreich meiner Zigaretten und meines Tabaks angenommen hatte. Der ganze Vorrat, den ich mir seit Monaten mit Mühe angesammelt und in immer wieder neuen Verstecken dem Lichte der Öffentlichkeit entzogen hatte- ist verschwunden. Zuletzt hatte ich ihn in einer Schachtel untergebracht, die in irgendeiner Schlucht des Paketgebirges ein Veilchendasein führen sollte, von niemand beachtet und von niemand entdeckt. Ich war höchst betroffen, als ich das Veilchen nun selbst nicht finden konnte. Es war weg und blieb weg. Da half kein Sinnieren, kein Suchen und kein noch so scharfsinniges Kombinieren. Ums Haar hätte es einen Zwist gegeben mit einem Belgier, der für seine Kiste fürchtete, welche die Spitze FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 139 des Gebirges bildete, und der mir verbieten wollte, die Grundlagen des Massivs allzusehr zu unterhöhlen. Ehe es indessen zu internationalen Verwicklungen kam, erblickte ich von weitem auf dem Fenstergesims ein Etwas, das meiner Schachtel auffallend ähnlich sah. Und sie war es, sie war es auch, wie ich, vom Gebirge eilends herunterkletternd, begeistert feststellte. Sie war es, und auch der Inhalt war es bis auf, ja bis auf die Zigaretten, die fehlten samt dem Tabak, wie ich nach einigen Minuten trostlosen Suchens, wenig begeistert, feststellte. Was nützte es, daß sie in zarter Rücksichtnahme die Schachtel dringelassen hatten? Sie war leer, und das genügte. Ich lief umher wie ein begossener Pudel, denn mich traf der Verlust wie ein Schlag, ärger als die Nachricht, daß meine Wohnung ausgebombt sei, von den Nachbarinnen mir auf einer ,, Blitzkarte" mitgeteilt. Denn es traf mich unmittelbarer. Der Tabak war mein Barvermögen, mein Zehrpfennig und Notgroschen, auf den ich mich für den äußersten Notfall in dem undurchdringlichen Dickicht verlassen hatte, das die Zukunft für uns bildet. Vielleicht konnte man so etwas eines Tages notwendig brauchen, wenn es galt, einen Posten sich geneigt zu machen und durch den Stacheldraht ein Loch zu bohren. Allein vielleicht hatte ich mich gerade allzusehr auf diesen Schatz verlassen, und der unsichtbare Erzieher wollte mich an jenes Wort der Bergpredigt erinnern, daß wir uns ,, nicht Schätze sammeln sollten auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen, und da die Diebe nachgraben und stehlen?" Noch peinigender als der Verlust selber ist das Gefühl des Geprelltseins, der Niederlage gegenüber einem unsichtbaren Gegner, dem es gelang, mich zu überlisten. Viele Monate behauptete ich mein Eigentum seinen Nachstellungen gegenüber, um ihm jetzt doch noch anheimzufallen. Ein Peitschenhieb hätte mich nicht empfindlicher treffen 140 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF können als dies Gefühl der Unterlegenheit: zu guter Letzt hast du dich doch noch übers Ohr hauen lassen, und irgendwo in einer Ecke sitzt der Dieb, raucht deinen Tabak und macht dir noch obendrein eine lange Nase. Meine Stimmung, die auf den Nullpunkt gesunken war, hat sich inzwischen wieder etwas gehoben: der Kantinencapo, mein Freund Sepp, versprach mir, nachdem ich ihm mein Herz ausgeschüttet hatte, aus dem letzten Vorrat der im Sterben liegenden Kantine wenigstens ein Päckchen als Pflaster auf meine Wunde zu legen. So ist der Grund zu einer neuen Kapitalsbildung gelegt, die Milch hat begonnen, ein Häutchen zu bekommen. Ein Glück, daß München nicht versagt hat: gestern erhielt ich durch den treuen Thurmann ein ganzes Brot ausgehändigt, das durch ein stattlich ,, Ende" Hartwurst garniert war und es mir ersparte, am Sonntag Hunger zu leiden: Ein Zeichen der Großmut dessen,' der mich meinen Sorgengeist nicht entgelten lassen will. Da hat mir der Bücherhengst einen Roman aufgehängt, der zunächst durch den Titel bestach: Es ist wohl der kürzeste Romantitel der ganzen Weltliteratur: ,, C", er stammt von Maurice Baring und schildert die Entwicklungsgeschichte eines jungen englischen Literaten. Ich bin sehr bald gefesselt worden durch die Liebenswürdigkeit der Darstellung. Das Christentum kommt nicht besonders gut weg, doch wird wohl mehr die verkalkte Schale eines veralteten Kirchentums getroffen werden sollen als das ewig junge Evangelium Christi selber. Es ist der erste Roman, den ich auf englisch lese, so daß ich verwundert bin, trotz meiner geringen Übung fast alles glatt und ohne Wörterbuch lesen und verstehen zu können. Den Hertog hat wieder eine seiner tiefgründigen Predigten gehalten: echt paulinisch über einen petrinischen Text, geladen mit den Paradoxien des Evangeliums. Schade, daß der Luftalarm uns zwang, vorzeitig aufzubrechen und FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 141 in die Blocks zu rennen. Ich versäumte aber nicht, dem Prediger nachmittags, als ich ihn lesend vor dem Pfarrerblock antraf, die Hände zu schütteln und ihm zu danken für den guten Dienst, den er uns getan. Ich sagte ihm, er habe uns den archimedischen Punkt gezeigt, den wichtigen Punkt, von dem es heißt: ,, Dos moi pou sto... СС Von da aus können wir die Welt aus den Angeln heben: von da aus allein, aber von da aus auch ganz. Er freute sich sichtlich über meine Anerkennung. Es ist keine schädliche Schmeichelei, sondern der Ausdruck eines Bedürfnisses, wenn wir denen, die uns das Evangelium wirksam sagen, unsern Dank bezeugen. Sie brauchen es notwendig zur Ausübung ihres herrlichen, aber schweren Amtes, da sie nur selten ein wirklich freudiges Echo finden, während der Widerspruch dank der satanischen Ränke und des Unverstandes unseres alten Menschen sich sehr nachdrücklich zum Worte meldet. Der Grundgedanke der Predigt war der: Ostern ist keine bloße Erinnerung, denn die Auferstehung erschöpft sich nicht in einem Geschehen, das einmal wirklich war, um dann der Vergangenheit anheimzufallen, die Auferstehung ist zugleich lebendige Gegenwart, während von Ostern aus umgekehrt unsere Not, unsere Sünde und unser Tod ewig vergangen sind und uns so wenig angehen wie etwas, was ein für allemal hinter uns liegt. Diese Haltung ist dem Charakter des Glaubens allein angemessen und macht ihn zu der kühnsten und ungeheuersten, zu der einzigartigen Angelegenheit unserer Seele.( ,, Ihr waret wie die Schafe, nun aber seid ihr bekehrt.") Ich sprach mit meinem Freunde Meuren, der, soviel ich weiß, katholisch ist, mit dem ich aber in regem Austausch stehe, über das gehörte Wort. Er fand es ebenfalls fein und meinte, es erinnere an Heim. ,, Richtig!" so rief ich erfreut darüber, daß er das herausgefunden ,,, es ist die reinste Dimensionaltheologie". Gleich 142 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF zeitig freute ich mich darüber, daß bei ihm noch soviel von der Lektüre des Heimschen Werkes:„Glauben und Denken“ hängengeblieben war, das ich ihm vor Jahresfrist empfohlen hatte, kurz nachdem ich es in die Lagerbücherei geschmuggelt hatte. Vor Jahresfrist— ist es denn schon so lange her, daß wir uns kennen? Wahrhaftig! Am Oster- montag vorigen Jahres war es, daß ich ihn ebenfalls in eine Predigt von den Hertog geschleppt hatte. Und doch ist es mir, als ob es erst dieses Jahr gewesen wäre. Soeben traf ich Windgasse, den Evangelisten, auf der Lagerstraße. Unser erstes Wort galt der Predigt von heute morgen. Auch er ist noch voll von dem unverwischbaren Eindruck, den sie auf ihn gemacht. Kein Wunder, entsprach sie doch seiner eigenen Grunderkenntnis, die wiederum, ohne daß er etwas von ihnen gehört hätte, von den großen Lehrern der Kirche neu entdeckt und der akademischen Jugend in der Kraft des Geistes und hinreißender Bered- samkeit gelehrt wurde. Wir lernten erst von ihnen wieder, was es für etwas Befreiendes um das Evangelium von der Auferstehung ist. Beseligende Leichtigkeit strömt von ihm aus, alles eigene Wirken fällt von selbst dahin. Wo bleibt auch nur die Möglichkeit, die Gnade zu verdienen oder mit ihr zu wirken, wenn unsere Sünden der Vergangenheit angehören? Ein Gestreifter taucht im Türrahmen auf, ein Häftling wie jeder andere auch. Doch mein Nachbar zur Linken ruft seinem Freunde in bedeutungsvollem Tone mit verhal- tener Stimme zu:„Was denkst du wohl, wer das ist?“ Der bekennt seine Unwissenheit: er findet gleich mir keinen Unterschied zwischen ihm und jedem andern beliebigen von uns, nur daß er vielleicht ein wenig wohlgenährter aus- schaut. Aber die paketgeschwollenen Belgier und Franzosen sehen noch wohlgenährter aus als er.„Das ist der zukünf- FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 143 tige Lagerkommandant", flüstert der Nachbar, der es nicht mehr erwarten kann, mit seiner Weisheit solange zurückzuhalten, bis wir mit unserer langen Leitung ihr auf die Spur kämen. So fährt er noch geheimnisvoller fort: ein preußischer Prinz sei es, der dritte Sohn des Kronprinzen, der vielleicht Kaiser geworden wäre. Na, Kaiser wäre er als dritter wohl nicht geworden", warf ich ein, als alter Verehrer des Kaiserhauses entsetzt über die Unwissenheit, die in modernen Hirnen über eine so wichtige Frage Platz greifen konnte. Immerhin war ich überrascht von der Eröffnung und sehr befriedigt, denn schon lange wußte ich von der Anwesenheit eines Hohenzollernprinzen und sonstiger hochgeborener Haftgenossen. Nie war es mir indessen gelungen, einem davon zu begegnen, was in Anbetracht der hohen Einwohnerzahl in unserer Stadt etwa 30 000 kein Wunder ist. Ich sah mir den Prinzen daraufhin etwas näher an, aber wirklich, da war kein Unterschied zu entdecken zwischen dem Hochgeborenen und den andern, höchstens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem hohenzollerschen Schnitt des Gesichts; auch diese stellte ich freilich erst fest, nachdem ich über die vorliegenden verwandtschaftlichen Beziehungen zum Kaiserhause bereits unterrichtet war. - zur Zeit Heut, am Sonntag, begann ich mit der Lektüre des Roeines Buches, mans ,, Hunger" aus Knut Hamsuns Feder das zu Beginn der verschärften Hungerzeit wohl sehr nützlich und gut zu lesen sein dürfte. Von morgen ab soll es ja statt eines Siebentels nur noch ein Achtel Brotes geben, und das Essen soll um ein Zehntel gekürzt werden; ein Jammer, daß der Magen das Bruchrechnen noch schlechter lernen will als der Kopf. Ein bemerkenswert großer Schritt auf der Vollkommenheitsleiter zur Vereinfachung und Entfeinerung! Der„ V.B." kann seine helle Freude daran haben, 144 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF wie hoch wir klettern. Nur: wovon soll der Knabe Hiob noch leben, arbeiten, stehen und gehen? Wo er jetzt schon nur mühsam im Schneckentempo dahinkriecht. Ein Glück für sein Mütterchen, daß sie das Elend nicht mitansehen muß, es möchte ihr das Herz noch einmal brechen! Ich habe W. für ihn gebeten, daß er an der Münchener Speisung beteiligt werde. Es sei, meinte ich, doch sicher nicht die Absicht der edlen Spender, die sogenannten Laien ganz von der Nutznießung auszuschließen. Er hörte jedoch auf dem christlichen Ohr nicht gut und äußerte ohnehin seine Unzufriedenheit darüber, daß die Holländer nun auch an die Leitung angeschlossen seien. Es lohne sich jetzt nicht mehr, stöhnte er, überhaupt noch auszuteilen. Na, so ganz ernst kann ihm das nicht gewesen sein, hat er doch vier Prachtstücke von Wurst in seine Tüte geschoben, dazu ein Drittelpäckchen Butter. Aber freilich der Hunger, die Halluzinationen des Mangels, die Visionen der Entbehrung, die uns alles, was wir haben, kleiner erscheinen lassen und größer das, was der andere hat; und umgekehrt unsere Not größer und die des Nächsten geringer. Ach, niemand kann aus seiner selbstischen Haut heraus, auch nicht einer, und da sind wir uns alle einander gleich, Christ und Jude, arm und reich. Ja, dieser Hamsun, der kann erzählen, der hat ein Fabuliertalent, um das ich ihn beneide. Diese üppige Phantasie, diese Erfindungsgabe! Hätte ich doch nur ein Fünkchen von dieser fast göttlich zu nennenden Kunst! Ach, zeitlebens wird er mir versagt bleiben, dieser Wunsch, den ich seit den Tagen meiner Jugend in mir brennen fühlte, etwas Ahnliches zu schaffen. Was nützt da das klägliche ,, Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas!" der Lateiner? Nein, nicht auf den sogenannten guten Willen kommt es an, sondern auf die Tat: das siehst du auch an Hitler und seinem FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 145 furchtbaren Versagen. Den guten Willen, Deutschland zu nützen, hat er wohl gehabt, aber nicht die Leitung des Geistes zur echten Erkenntnis und zur fruchtschaffenden Tat. Daran scheitert alles. Nicht, daß ich etwas tue, ist entscheidend, sondern was ich tue. Es ist doch sonderbar, gerade wenn die Vorräte zu Ende gehen, ist der Hunger am größten und die Neigung zum Fasten am geringsten. Du setzt dich an dein Siebentel, beginnst zu essen, zu beißen, zu kauen und zu fletschern und kannst nicht mehr aufhören, obwohl du dir heilig vorgenommen, bei einem Siebentel des Siebentels halt zu machen: es geht nicht, es geht einfach nicht, ihr mögt es glauben oder nicht. Wie Automaten schnurren die Kau-, Eẞ- und Schluckbewegungen ab, ohne Aufenthalt, bis der letzte Brosame im unersättlichen Schlunde verschwunden ist. Und dann siehst du dich erstaunt um auf dem Tisch und fragst dich und die andern: Ja, ist es denn schon aus? Es muß eine Täuschung sein, ich habe ja eben erst begonnen, es war kaum der Mühe wert anzufangen! - Ein Wunder, daß ich heute wirklich aufhören konnte, als ein Siebentel des Siebentels noch übrig war hat das die Predigt des Holländers bewirkt? Unsere Heiligkeit können wir ja so wenig sehen wie unsere Gerechtigkeit, wie Luther sagt: sie stehe allein im Wort. Das wird mir, obwohl ich es seit Jahren weiß, erlebnismäßig deutlich. Christus meine Heiligkeit, ich habe sie im Glauben, aber im Glauben habe ich sie. Das ist herrlich. Dann ist ja wirklich alles in Ordnung, und nichts bleibt mehr im Rest, während ich bisher immer unter dem schlechten Gewissen litt des Ja Aber: Ja, gerechtfertigt, aber sieh, wie weit ist noch der Abstand in der Heiligkeit des Lebens. Jetzt sage ich: Berufen, erwählt, gerecht gemacht und geheiligt alles in Christus, vollendet in Christus! O - Fünf Minuten vor Zwölf IO 146 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF beata culpa, o sanctificatus peccator, o felix iustificatus, o immensitas pulchritudoque redemptionis omnipotentiae! Seht, wie manche noch schlemmen an ihren Tischen, mit ihren Autostraßen im Haar! Nun sogar die Franzosen die Waffen haben strecken müssen, weil die Hand des Kommandanten schwer auf ihren Collis wuchtet, die er aus irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Gründen beschlagnahmt hat, sind es diese jungen Burschen allein noch, die über vollen Töpfen sitzen. Woher sie sie wohl bezogen haben, die Konservenbüchsen voll Fett und corned beef, die Würfel mit Margarine, die sie auf ihre Brote fingerdick streichen? Eine Ehrenzulage des Kommandanten sind sie gewiß nicht! Der Knabe Hiob muß hungern, aber ,, ehrlich währt am längsten", und es wird ein Tag kommen, wo er sich an den vollen Tisch setzen und sich laben wird an herrlichen Schüsseln, und das mit gutem Gewissen; denn wer zuletzt lacht, der lacht am besten. Das Radio schweigt, ob auch die Gefangenen noch so aufgeregt um den Mast herumschwirren, das Radio schweigt, wie der ,, V.B."; aber habt gute Ruhe, wir wissen dennoch Bescheid: Naumburg ist genommen, so daß sich der Onkel Sam und der Russe bald werden die Hände reichen können. Nichtsdestoweniger gibt es Gescheite, die mit Eisenhower noch nicht zufrieden sind: ,, Aber in München sind sie noch nicht", heulen sie und wollen fast umkommen vor Verzweiflung, wo es doch soweit ist, daß wir den Kopf durchs Loch stecken und in die Freiheit gucken können. \ 247 DAS TOHUWABOHU. Die Ereignisse überstürzen sich.& Der Prominentenblock wird geleert. Verwesungsgeruch über dem Lager. Ein Neffe Kaiser Wilhelms muß sich fertig machen. Ungarische Juden als„Ehren-Eskorte“ der SS. Wohin geht es mit den Geiseln? Die Vorratslager werden geräumt. Hunderte von Eisenbahnwagen nehmen sie mit, aber ihrem Schicksal entgehen sie nicht. Der Biblizist fordert Gerechtigkeit. Die Alliierten vor München. Leopold, Prinz von Hohenzollern, nimmt von unsrer Stube Ab- schied und wünscht den Elsäßern„une bonne chance“. Dr. Meiser kündigt das letzte Paket an, und Windgasse, der Evangelist, fürchtet den Hungertod. „Er weiß vieltausend Weisen...“ „Panzerspitzen vor Augsburg“, aber der Legionär verzweifelt. Auf dem Appellplatz wimmelt’s vonElendsgestalten. In der Morgensonne glänzen Flugzeuge auf, und in der Stube 2 frieren sie. Ist es mit dem Tode aus? Nein, antwortet der Biblizist,da geht es ‚erst an. Ich verschlafe eine Glücksstunde und bekomme Goethes„Italien- reise“ wieder zurück. 148 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 16. April 1945. Durch die allmählich erwachenden Sinne der Gestreiften beginnt neues Leben zu kreisen, ein Strom von unterdrücktem Daseinsmut will die ausgedörrten Fluren der Seelen befruchten. Machtvoll bricht aus unterirdischen Tiefen hervor die jähe Freude des Verlierers, der über Nacht zum Gewinner wird. Nicht, daß sich die Genugtuung über die unaufhaltsame Entwicklung der Dinge schon in lauten Außerungen hervorwagte. Aber jedem steht auf dem Gesicht geschrieben: unser Weizen fängt an zu blühen, und nur noch eine Frage weniger Monate oder Wochen oder gar Tage ist's, und die Ernte ist da. Jeder weiß vom andern, was ihn für Gefühle verhaltener Erwartung bewegen, so daß leise Andeutungen genügen, um zu verraten, was in seinem Innersten vorgeht. ,, Wir stecken schon den Kopf durchs Guckloch ins Freie" sagt der eine, und die Pfarrer singen zur Gitarre den Kehrreim: ,, Geht alles wie genudelt, wie geleckt". Unsere Gegenspieler wissen genau, welche Hoffnungen uns bewegen, und daß sie im umgekehrten Verhältnis zu ihren Befürchtungen stehen. Sehen sie in uns bereits die Sieger von morgen, die ihren Untergang nach Stunden vorausberechnen? Wer ermißt die Befriedigung, welche die lange gequälte und tyrannisierte Lagerseele empfindet, die Pläne, die sie hegt? Wer zählt die Fragen, die sie aufwirft in bezug auf die Befreiung: wann? wie? wo? Wen sollte wundern, daß sich in das reine Hell des Siegesbewußtseins das feuerfarbene Rot der Rachgier mischt, wenn die Macht des Hasses aus Urgründen des Seins hervorbricht und Pläne reif zu machen droht, die bisher noch keine feste Gestalt angenommen hatten, aber um so lebhafter Traum und Einbildungskraft im stillen beschäftigten? ,, Wehe, wenn sie losgelassen!" Die angestaute Flut möchte alles überschwemmen, was an Dämmen noch vorhanden, und auch vor den eigenen Reihen nicht haltmachen. Gott DAS TOHUWABOHU 149 verhüte in Gnaden, daß wir uns von der blinden Leidenschaft nicht hinreißen lassen, und daß wir das gute Recht, die Verbrecher vor die Schranken der Vergeltung zu fordern, verwandeln in das bittere Unrecht, daß wir uns gegenseitig vernichten. Könnte Gott unsere Sehnsucht nach Freiheit erfüllen, wenn wir fest entschlossen waren, ihre erste Stunde dazu zu mißbrauchen, sein heiliges Gebot zu übertreten, indem einer die Hand gegen den andern erhöbe? Gewiß, diejenigen unter uns, die jahrelang ihre Brüder mißhandelten, um aus ihren Rücken die Stufen zu hauen, auf denen sie zu guten Posten kommen wollten, sie müssen genau so zur Verantwortung gezogen werden wie ihre Auftraggeber. Aber das Gericht sei maßvoll und nicht dem Einfall des Augenblicks überlassen, nicht wende sich Schwarz gegen Rot und Rot gegen Grün, Franzosen gegen Russen, Russen gegen Polen und alle zusammen gegen die Deutschen! Die Stunde der Freiheit finde uns bereit als ein einig Volk von Brüdern, denen in langen Jahren des Fegfeuers furchtbarer Leiden eine köstliche Frucht gereift ist: das Mitleid mit allen Unterdrückten und Schwachen; und die fähig sind, mit kräftigen Händen am Neubau einer Gesellschaft zu arbeiten, welche nichts so notwendig braucht als Menschen, die im Innersten erneuert worden sind. Die SS soll sich, heißt es, bereits heimlich rüsten, das Lager zu verlassen. Die Verwaltung werde dem Volkssturm übergeben. Schon stehen die Lastautos bereit, um sie aufzunehmen und für immer wegzuführen. Der ehemalige Kommandant, Weiß, habe die Leitung bereits übernommen, ein Mann, der sich das Vertrauen der Gestreiften zu gewinnen wußte durch die Neuerungen, die er während seiner Amtsführung durchgesetzt hatte. Doch sind das alles nur ,, Parolen". Wir müssen bei der Hinterhältigkeit gewisser Leute damit rechnen, daß unter der Maske der Nachgiebigkeit ein 150 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF schändliches Spiel der Täuschung getrieben wird, aus dem statt unserer Befreiung unser Verderben herauswächst. Vor allem gilt es sehr mißtrauisch zu sein gegen alle Andeutungen und Gerüchte, die von den Herrenmenschen selber und gerade ihren Führern ausgehen. Was da und dort aufgeschnappt wird von Häftlingen an Äußerungen über Auflösung des Lagers, seine Übergabe ans Rote Kreuz und ähnliche musikalische Schnörkel, die unsern Ohren sehr annehmbar klingen mögen- ist es glaubhaft, daß die SS ihre geheimsten Pläne ausgerechnet den verachteten und verhaßten Staatsfeinden verraten werde? Oder ist nicht mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß solche Äußerungen gerade absichtlich vor den Ohren der Gefangenen getan werden, um sie irre zu führen? 18. April 1945.. Ein herrliches Wetter! Der April scheint seine angestammte Launenhaftigkeit vergessen zu haben. Er will es an Wärme und Lieblichkeit seinem confrater und Kalendernachbar Mai gleichtun, was ihm auf die Dauer wohl nicht gelingen wird, denn April bleibt April und Mai bleibt Mai. Aber wir rauhen Dachauer, die vom Wetter nicht gerade verwöhnt sind, profitieren gerne von den frühlinghaften Anwandlungen eines launischen Herrschers, feiern die Feste, wie sie fallen und halten uns möglichst außerhalb der zum Bersten gefüllten Blöcke auf. Ich benütze jeden freien Augenblick, um draußen zu lesen, ja sogar zu essen. Der 26er Block zumal, wo sie durch die Einquartierung der polnischen Klerisei gezwungen wurden, die Kapelle tags in einen Fabriksaal und nachts in einen Schlafraum zu verwandeln, leidet über die Maßen an Überfüllung. Lobhausen, dem feinsinnigen Priester aus Köln, unsrem alten Sigambrer, geht diese Verwandlung der Kapelle sehr nahe, er nennt sie mit einem Seufzer einen an ,, Lästerung" gren DAS TOHUWABOHU I5I zenden Mißbrauch des Heiligtums, während dem Puritanismus der calvinischen Holländer diese Seite der Sache keine Beschwerden verursacht; unter der Enge leiden alle: Lutheraner, Reformierte, Katholiken und Orthodoxe. Zu allem Unglück ist die Entlassung der Geistlichen plötzlich abgebremst worden. Zur Tortur der getretenen Hühneraugen tritt also noch die Bedrängnis enttäuschter Hoffnung, vor allem leiden Lackmann, der marianische Lutheraner, und Dittmer sehr darunter. Von den Entlassenen sind bereits Lebenszeichen vorhanden, ein erleichtern der Beweis, daß es sich um eine echte Freilassung und nicht bloß um eine betrügerische Attrappe handelt. Einer von ihnen, ein katholischer Priester, hat sich kürzlich heimlicherweise in der Plantage eingeschlichen, wahren Speck und andere sinnenfällige Zeichen seiner wiedererlangten Freiheit verteilt und erzählt, daß sie alle in der Erzdiözese München- Freising von Kardinal Faulhaber untergebracht worden seien und schon ihres Amtes walteten. Die Franzosen leben wieder wie die Vögel im Hanfsamen: die Sperre ihrer collis ist aufgehoben, so daß sie sich wieder an allem Süßen und Sauren gütlich tun. Diesmal ist es mir gelungen, mir auch einen Anteil an ihren Gütern zu verschaffen: unter Anwendung meines Handelstalentes gelang es mir, einem von ihnen jene gestreifte Zebramütze aufzutreiben, nach welcher sein ganzes Verlangen stand, die aber so schwer zu bekommen ist wie die lombardische Kaiserkrone. Dafür wurde mir der extraordinäre Genuß, den mir seit meinen Jugendtagen eine Schokoladenrippe verschaffte, und ein Stück Honiglebkuchen von Nürnberger Qualität. Das Abendessen war heute besonders ärmlich. Und doch bin ich satt geworden. War es der Schnittlauch oder der Majoran, den ich aufs trockene Brot fingerdick streute, war es der russisch- englische Aufstrich-- wozu das Grübeln? J52 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Der Schlüssel zum Geheimnis liegt in der verborgen segnenden Hand dessen, ,, der weiß viel tausend Weisen zu retten vor dem Tod". ,, Der Hunger siegt diesmal und die Kirche!" Diese philosophische Zukunftsschau verdanken wir dem schwäbischen Legionär, der öfter solch zugespitzte Wortspiele von sich gibt, denen man nicht bestreiten kann, daß sie Hand und Fuß haben, weil sie von einem Manne stammen, der etwas von der Welt gesehen hat. ,, Du wirst sehen," fährt er fort, ,, die Pfarrer gewinnen das Spiel; das Volk sieht ein, daß es ohne Glauben nicht auskommt!" Der Biblizist macht gerade von der Bibel her ein Fragezeichen; er ist nicht so ohne weiteres überzeugt davon, weil der Kirche auf Erden kein äußerer Sieg, sondern eine Niederlage in Aussicht gestellt ist am Ende der Tage; sie wird vollständig in die Vereinsamung gedrängt werden, bis ER selber wiederkommt, seine Feinde bezwingt und sein Reich sichtbar für alle aufrichtet. Was sich heute freilich vor aller Augen enthüllt, ist dies: über Hitler hat sie gesiegt; er muß mit dem Wort Julians des Abtrünnigen von der Bühne abtreten: Tandem vicisti, Galilaee! ,, So hast du doch gesiegt, Galiläer!" 19. April 1945. Puh! wie kalt! Das war ein kurzer Lichtblick. Ein unbehagliches Klima das, diese Dachauer Wetterstürze! Ein Glück, daß wir die Mäntel noch haben; ich ziehe den meinen den ganzen Tag nicht aus, selbst in der Stube nicht, trotz der wütenden Blicke, die der Pascha nach ihm schickt. Warum sagt er nichts? Traut er dem Wetter nicht mehr? Er war doch sonst nicht so zimperlich. Mich fröstelt so recht von innen heraus. Die Kälte, die zu allen Ritzen des Blocks DAS TOHUWABOHU 153 und durch alle Poren der Haut auf uns eindringt, sie ist ein unsichtbarer, mächtiger Gegner von uns Gestreiften. Und dennoch; wir triumphieren auch über diesen Feind: der Winter liegt hinter uns, wir haben ihn überstanden, wir sind die Sieger geblieben. - 20. April 1945. Jahrmarkttreiben und Meßgewühl hat sicher etwas Schönes, vielleicht sogar Poetisches an sich einmal im Jahr. Aber im Trubel aufstehen und im Meßgewühl schlafen gehen, und beim Essen nicht wissen, wohin mit dem Napf, da hört die Gemütlichkeit auf, und auch von Poesie bleibt keine Spur mehr. Zu einem solchen Herdenheringsleben ist der Mensch nicht geschaffen, wenn wir irgendeine Ahnung von den Absichten des Schöpfers haben; gewiß nicht. Lieber Hax, was haben sie aus deinem sauberen Musterblock gemacht von anno dazumal! Gedenkst du noch der alten Zeiten, wo du den Wirt sozusagen einer Tiroler Bauernschenke spieltest, die Kumpels als deine Gäste betrachtend, die du gerne mit einer Tischkegelrunde unterhieltest. Martin, der Nürnberger, spielte als Stubenpharao den weiblichen Gegenpol, der mit seinem ,, Guat Nacht jetz und Ruah is!" manche Schärfe vor dem Einschlafen wieder ausglich. Und diese Exklusivität! Ja, ihr habt etwas gehalten auf Ordnung und Auswahl, da konnte sich manches Studentenkorps ein Beispiel dran nehmen. Nur Reichsdeutsche hatten Zutritt zu eurem Klub, und in die erste Stube durften nur Capos rein und vielleicht noch dieser oder jener schöne Bube. Ja, was haben sie aus deinem Block gemacht: eine internationale Spelunke, darin sogar Grüne und Schwarze Aufnahme finden pfui doch! und Zigeuner. Und doch, was wahr ist, muß wahr bleiben, es sind diese Zigeuner noch gesittete Herren im Vergleich mit manchen Reichsdeutschen, die jetzt unter uns das große Wort führen, und die ihr Deutschtum damit dokumentieren, daß sie sich an Landsleuten wie dem - 154 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLP Knaben Hiob vergreifen, den gestern einer von ihnen betätschelte, daß er im hohen Bogen an die Ofenecke flog. Heute abend geht's bunt zu in der Stube: Zigeunermusik. Der schwarze Oskar spielt die Zither, daß es eine Art hat. Wer merkt ihm an, daß er erst zu Beginn der Woche zurückgekehrt ist vom Katastrophenkommando, einer Art von Sprengkommando, nachdem es erst das Kommando gesprengt hat statt der Ruinen. Reich mit Beute beladen ist er angekommen, mit einem Zigeunersack voll Brotkrusten, Konserven und Rauchspeck. Das sind Ausweise, die bei uns für den Zutritt zu den höchsten Gesellschaftskreisen vollkommen genügen. Später. Freund Thurmann lud mich ein, morgen nach der Predigt zu ihm zu kommen: gewiß haben die Münchner wieder etwas geschickt, und ich darf das Teil des Zaungastes abholen. Gott ist gütiger gegen mich, als ich es verdiene. Nun, da alle Türen zugeschlagen werden, tut ER unerwartet seine geheimnisvolle Hand auf und reicht uns das Notwendige dar, unser täglich Brot und sogar noch etwas Gutes drauf! Wahrlich, Almosen armet nicht: reichlich vergilt ER mir den armseligen Dienst, den ich dem einen oder andern in den guten Zeiten tun durfte. - ,, Tübingen amerikanisch und dein Heim dazu!" Mit dieser Post überraschte mich vorhin der Knabe Hiob. Er weiß wohl, was der Ort und der Mann für mein Leben bedeuteten. Der Freund war heute übrigens in Gefahr, seine Stelle zu verlieren. Zwar machen sie alle das Kreuz vor der Kabelzerlegung, weil dort sehr schmutzige und anstrengende Arbeit verlangt wird. Vor allem friert es die armen Kerls in der kalten Jahreszeit wie die Schneider. Nichtsdestoweniger zittert Hiob schon bei dem Gedanken, die Arbeit dort verlieren zu können, denn dies hieße so viel wie die DAS TOHUWABOHU 155. Brotzeit und am Ende das Leben verlieren. Einer seiner Plagegeister, der Polizeimensch, wie er ihn nennt, hatte ihm mit der Entfernung gedroht unter dem völlig nichtigen Grunde, daß seine Arbeit nichts tauge. Ums Haar wäre ihm der Anschlag gelungen. Nur das Dazwischentreten Fabischs, des Inhabers der Parolenmühle, hat das Unglück verhütet. Endlich hat er doch einen Zug getan und ist nicht in allgemeiner Menschenliebe hängen geblieben, und endlich ist es mir einmal gelungen, für den Vielgequälten etwas zu erreichen, während es bisher immer nur beim guten Willen blieb, weil alle Türen, die ich zu seinen Gunsten zu öffnen versuchte, hermetisch verschlossen waren; eine Erfahrung, die mich tief niederdrückte. Der gute Freund hat es mir freilich nicht angerechnet, mir vielmehr immer in seiner Vornehmheit versichert, daß für ihn schon die Absicht, ihm zu helfen, den Wert eines stärkenden Beistandes habe. Die übrigen Pfarrer warten immer noch, wahrscheinlich vergeblich, da die Liste der Entlassenen schon beim Z angelangt ist, woraus hervorgeht, daß sie abgeschlossen ist.- ,, Ich sage dir, du heiliger Baal des Himmels, du lebst nicht. Aber wenn du lebtest, würde ich dir so fluchen, daß dein Himmel vom Feuer der Hölle erbeben würde. Ich sage dir, ich habe dir meine Dienste angeboten, und du hast sie abgewiesen, du hast mich verstoßen, und ich wende dir für ewig den Rücken... Ich sage dir, ich weiß, daß ich sterben muß, und ich spotte deiner trotzdem mit dem Tode vor Augen, du himmlischer Apis!" Dieser in ein Gebet gekleidete Fluch, den der Hungernde bei Hamsun ausstößt, ist ein gräßlicher Ausdruck des Trotzes, der in der Stunde der Heimsuchung noch die Faust rebellisch gegen den Unsichtbaren erhebt, als wäre er der Schuldige, der uns hungern läßt. Möchte sich Gott erbarmen, daß uns 156 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF die Tage der Entbehrung, die jetzt mehr als je über uns hereingebrochen sind, zum inneren Gewinn werden. Das kann er geben, bei dem alle Dinge möglich sind. So darf die Zunge, die sich schon spitzen wollte zum Fluch, am Ende bekennen: ,, Mein Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick", und die Hände, die sich gegen die Schickung des Ewigen ausrecken wollten, falten sich statt zum Fluche zum Gebet. - Eine weitere Stelle finde ich in den Bekenntnissen des Unglücklichen, die wir alle nachzufühlen vermögen. Ich will sie ebenfalls hier wiedergeben. Sie lautet: ,, Wie es nunmehr für mich aussah! Ich weinte nicht, ich war zu müde. Bis zum Außersten gepeinigt saß ich da, ohne mir irgend etwas vorzunehmen, saß unbeweglich und hungerte. Die Brust war gewiß entzündet, es brannte so merkwürdig da drin. Auch das Spänekauen wollte nicht mehr nützen, meine Kiefer waren die fruchtlose Arbeit müde, und ich ließ sie rasten. Ich ergab mich. Obendrein hatte ein Stück brauner Apfelsinenschale, das ich auf der Straße gefunden und zu benagen begonnen hatte, mir Würgen verursacht." Ach nur zu genau kennen die Gestreiften diesen Zustand des allmählichen Verebbens der Kräfte. Aber während dem Dulder in Hamsuns Roman doch noch die Möglichkeit bleibt, hinzugehen und mit seinem Geschick zu kämpfen, sind wir von einer übermächtigen Faust zwischen die Stacheldrähte gebannt, ohne im geringsten etwas zur Änderung unseres Geschicks beitragen zu können. Wir gleichen jenem Reisenden, von dem ich einmal gelesen: er hatte seinen Fuß in ein Bahngeleise geklemmt in dem Augenblick, als ein D- Zug daherbrauste. Unfähig, den Fuß herauszuziehen, mußte er den Zug über sich hinrasen und DAS TOHUWABOHU 157 seinen Leib von den Rädern der Lokomotive zermalmen lassen. Windgasse, der Evangelist, behauptet gelesen zu haben, und zwar im Wehrmachtsbericht, der ihm auf illegale Weise zugänglich gewesen, daß Liebenzell von Amerika besetzt sei: es habe sogar eine Schlacht um das Schwarzwaldstädtchen getobt. Mein erster Gedanke gilt Angelika. O Gott, schütze du sie und sei, wie du versprochen, ihr Vater, der sie aufnimmt um des Gekreuzigten willen. Die Ereignisse überstürzen sich. Das Gesetz der Lawine tritt immer mehr in Kraft und beherrscht die Lage, die von Menschen schon längst nicht mehr gemeistert wird. Wir sind immer noch nicht vom Roten Kreuz übernommen. Da hat der Hubersepp bis jetzt nicht recht behalten; aber, sagt er, was nicht ist, kann noch werden. Jeder hat jetzt Parolen auf Lager und brennt darauf, sie loszuwerden; wehe dir, wenn du ihre Echtheit in Zweifel ziehst und andern glaubst! Ein junger Franzose war es, der mir vor einer halben Stunde zuflüsterte: seine Landsleute seien bei Ulm durchgebrochen und drängten in rasender Eile nach München vor. - Die SS trifft die letzten Vorbereitungen, abzukratzen, nachdem sie schon tagelang die Koffer gepackt hatte. Der Prominentenblock das frühere Hurenhaus wird im Schnellzugstempo geleert. Schacht, von Richthofen, verschiedene andere Feldmarschälle und ein Bischof, sowie eine Anzahl staatlicher Würdenträger werden in den Schubraum gebracht. Von deren Anwesenheit hatte ich übrigens keine Ahnung. Man atmet die Auflösung förmlich ein, sie liegt in der Luft, breitet sich als Verwesungsgeruch übers ganze Lager aus. Wie ich Hubersepp in der Kantine sprechen 158 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF wollte, um ihn mit einer meiner ungezählten Fragen in Verzweiflung zu bringen, erschien just vor dem Schalter ein Scharführer, der den Prinzen von Preußen, Leopold, rufen ließ. Dies ist ein Neffe, nicht ein Enkel Wilhelms II. Er war gleich zur Stelle, und der Scharführer befahl ihm, auf dessen Gesicht sich eine gewisse ängstliche Erregung widerzuspiegeln schien, sich mit seinem ganzen Gepäck fertig zu machen; auch sein Sekretär, Baron von Cerini(?), sollte mitkommen. Auf dem Appellplatz müssen sich sämtliche Juden versammeln, um offenbar ebenfalls abtransportiert zu werden: als Ehreneskorte der SS, wie ein Kumpel spöttisch bemerkt. Wohin die Reise gehen wird? Niemand weiß es gewiß; die Gerüchte lauten seit Wochen: nach Tirol, in die Ötztaler Alpen. Dorthin sind schon längst die Vorräte aus dem sogenannten HWL, dem Hauptwirtschaftslager, in Dutzenden, ja Hunderten von Eisenbahnwagen verschleppt worden. Käufer, der ziemlich genau darüber unterrichtet ist, berichtet uns, daß sie gestern allein sieben Waggons mit feinstem Mehl weggeschickt hätten, außerdem vorher schon jede Art von Lebens- und Genußmittel vom Kakao bis zum russischen Kaviar in ungeheuren Mengen, von denen das ganze Lager monatelang hätte zehren können. Eine ganze Anzahl von D- Zügen stehen bereit, um auch die Herrenmenschen zum Schluß selbst aufzunehmen und ins Gebirge zu entführen hoffentlich auf Nimmerwiedersehen! Keiner von uns möchte in ihren Schuhen stecken, die knirschenden Reitstiefel sinken im Kurs, gefragt sind jetzt die ungefügen Holzschuhe, in welchen den Menschen wohler zumute ist. Nein, ihrem Schicksal entgehen sie nicht. Selbst der Biblizist, der die Rachsucht verurteilt, verlangt um der Gerechtigkeit willen, daß jeder einzelne vor ein ordentliches Gericht gestellt und abgeurteilt werden muß, sofern er sich DAS TOHUW ABOHU 159 eines Verbrechens schuldig gemacht hat, es sei durch Anstiftung oder Ausführung. Aufgeregte Gerüchte gehen um hinsichtlich der Eile, mit der sich die Alliierten München nähern. Sie sollen nur noch 40 Kilometer von der ,, Hauptstadt der Bewegung" entfernt sein, welchen Titel, so teuer er sie zu stehen kam, sie in Kürze wird ablegen müssen.- Soeben taucht Leopold, der Prinz von Preußen, in der Stube auf. Er ruft den Elsässer, den er wohl näher kennengelernt hatte, zu sich, um Abschied von ihm zu nehmen. Die Besorgnis, die ihm der Verlauf der Dinge einflößt, kann er nicht ganz verbergen. Meine Frage, ob er mit dieser plötzlichen Wendung gerechnet, verneint er und wendet sich noch mit einigen Worten zu dem Elsässer, wobei er den Namen des Generals Garibaldi erwähnt. Darauf verabschiedet er sich höflich- herzlich von uns allen, indem er seinem Bekannten noch eine ,, bonne chance" wünscht. Also auch ein ehemals verbündeter italienischer General ist unter den Geiseln. Ich kenne ihn nicht, aber einen andern um so besser, dessen Name geflüstert wird als auch auf der schwarzen Liste stehend: unsern lieben Joos, den ehemaligen Zentrumsabgeordneten, manches Jahr schon hier; zuerst in der Strafkompagnie, erleichterte sich sein Los durch Vermittlung Kührs, des Blockschreibers, der ihm eine Stelle als Registrator im Revier verschaffte; ich bin erschüttert, daß wir diesen Mann hergeben sollen, der zu den edelsten Gestalten im Lager gehörte. Ich setzte sofort den Hubersepp in Bewegung; ganz der Regel vergessend, daß man seine guten Beziehungen nur mäßig benützen solle; damit er mir helfe, sein Nachfolger im Revier zu werden. Nach einigem Hin und Her erklärt er sich bereit, mit dem Capo zu reden, verspricht sich aber FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 160 nichts mehr davon auf Grund seiner Theorie, daß doch bald alles zu Ende sei. Nun, wir werden sehen. Der Münchener Landesbischof soll in einem Begleitbrief zum samstäglichen Brotpaket angedeutet haben, daß dies wohl die letzte Sendung sei, da die nötigen Lebensmittel- marken aus dem Reich nicht mehr einträfen. O weh, der Hunger! 5 Windgasse, der Evangelist, ist niedergeschlagen. Ich ver- suche, ihm Mut zuzusprechen; er ist ja ein kranker Mann und durch den Zucker geschwächt, was sich auch geistig auswirkt.„Es dauert nicht mehr allzulange“, sage ich.„Ach, nur ein paar Wochen noch, und wir sind erledigt“, entgegnete er hoffnungslos.„Nun dann ist’s um so besser; es geht nicht hinab, sondern ein Stockwerk höher hinauf, wo aller Hunger ein Ende hat. Da winkt uns die Freiheit, und das genügt.“ So gab ich mir Mühe, den gebrochenen Mann aufzurichten. Zum Schluß raunte ich ihm noch meinen alten Trostvers ins Ohr: „Er weiß vieltausend Weisen, zu retten von dem Tod; die Armen will er speisen zur Zeit der Hungersnot; macht frische, rote Wangen auch bei geringem Mahl, und, die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.“ Doch schien es auch.diesem Lichtlein nicht möglich zu sein, durch die Wolkenschicht zu dringen, die sein ver- düstertes Gemüt ganz eingehüllt hatte.— Weitere Namen von europäischem Klang solcher Männer, die mit nach Tirol entführt werden sollen, werden uns von Leuten mitgeteilt, die es wissen können. Es ist Daladier, DAS TOHUWABOHU 161 Schuschnigg, Niemöller und der Oberbürgermeister von Wien, Schmitz. Verpflegung für fünf Tage hat man ihnen mitgegeben. Bange Erwartung malt sich auf allen Gesichtern. - - ,, Panzerspitzen in Augsburg!" lautet der letzte Fernspruch aber die Häftlinge verzweifeln, es dauert allzulange, die Kraft droht ihnen auszugehen. ,, Da sind sie noch weit von München!" stöhnt der Legionär, die Rosen der Schwindsucht auf den hohlen Wangen.„ Ja," sage ich ,,, als sie am Atlantik standen, fabeltet ihr, der Krieg sei in drei Wochen aus; nun sie in Augsburg sind und in Ingolstadt, murmelt ihr: das kann noch Jahr und Tag gehen. O ihr .Hysteriker!" Wir sind in einem tollen Haus, das muß jeder Beobachter nach dem ersten Gespräch feststellen.- Der Appellplatz wimmelt von Gestreiften, wahren Elendsgestalten, einem Kongreß von Landstreichern und Viehtreibern ähnlich. Ihre Näpfe und Decken haben sie bei sich, es geht für sie zu Ende. Wohin? Niemand weiß es; es sind vornehmlich ungarische Juden, die aus irgendeinem menschenfreundlichen Grund nicht in die Hände der grausamen Alliierten fallen sollen und deswegen wohl mit in die Räuberhöhle verschleppt werden. Am Himmel, dessen Wolkendecke von einem kalten Nordwind beiseite geschoben worden ist, erscheinen Flieger, aufglänzend im kühlen Licht der Morgensonne. Die Fenster werden aufgerissen: man muß doch sehen, was los ist. Hu, was für ein frostiger Luftstrom in die ohnehin nur mäßig geheizte Stube einbricht. ,, Fenster zu!" Schnatternd vor Kälte brüllen's ein paar Kranke, die um den Ofen kauern und lesen oder sinnieren oder streiten, je nach Veranlagung und Gelegenheit, so der vom Wasser bös aufgeschwollene holländische Reisende in Bäckereiartikeln, der schwindsüchtige Legionär aus Stuttgart und der Biblizist. der den Fünf Minuten vor Zwölf II 162 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF ganzen Tag im Mantel umherläuft, auch immer ein Buch vor der Nase, wohl schon wieder einmal seinen geliebten Heim. Allein ihr Protest wird nicht beachtet; sind sie doch in der Minderzahl, und„ Mehrzahl gilt!" hier wie anderswo. - Das Gespräch kommt auf den Luftangriff, den die ,, Hauptstadt der Bewegung" wieder erlitten hat, das arme München. Viele Menschen sollen wieder unter den Trümmern begraben liegen, und niemand ist imstande, ihnen Hilfe zu bringen. Schreckliche Vorstellung, daß sie einem langsamen Tod des Verhungerns ausgesetzt sind, während sich die Sekunden zu Ewigkeiten ausdehnen und doch keine Hilfe bringen. ,, Wenn mich schon eine Bombe trifft, dann gleich hin sein auf einmal! Nur nicht so halb und halb und für das ganze Leben herumlaufen als Krüppel!" sagt der Legionär.- Er scheint ungeteilten Beifall mit dieser Einstellung zu flnden, bis der Biblizist die überraschende Frage stellt:„ Ja, weißt du denn, ob es dann wirklich aus ist?" ,, Natürlich ist es aus. Weißt du das ganz ge,, Na also! Aber du muẞt wiẞ?" - - دو ઃઃ ,, Nee, woher denn?" - دو - es ganz gewiß wissen, denn solche Frage duldet keine Unsicherheit. Die Christen wissen gewiß, daß es nicht aus ist. Das Wichtigste kommt erst noch: Himmel oder Hölle." ,, Haha, hihi, haha! Himmel und Hölle, damit habe ich schon längst aufgeräumt. Die Hauptsache,' s ist gleich aus, dann ist es ganz aus!" ,, Niemand weiß etwas Genaues über das Wie, das nachher kommt. Aber soviel ist sicher: Das Bewußtsein erlischt nicht mit dem Tode, denn nicht der Leib baut die Seele, sondern der Wille den Leib." - Jeder blieb bei seiner Meinung, aber eine leise Ahnung, daß das Geheimnisvolle uns nahe ist, und daß sein Flügelrauschen unsern Geist berührt, scheint doch wachgeworden zu sein. DAS TOHUWABOHU 163 Später. „Heute Nachmittag um’ halb drei Uhr!“ fährt es mir durch den Sinn, kaum daß ich in der Frühe erwacht bin, und ich streiche zärtlich die Ziffer auf der Uhr, die ich im Geiste vor mir sehe. Halb drei Uhr, das ist die Stunde, auf welcher ich zum Stelldichein bestellt bin von Rößler, dem Diätkoch. Um halb drei Uhr, da will er mir was schenken als Gegengabe für Goethes italienische Reise, die ich ihm in drei reizenden Bändchen am Vortage verehrte. Ich bin ihm viel Dank schuldig für den Dienst, den er mir vor mehr als Jahresfrist getan, da er mich, als ich halb- verhungert vom Bauplatz in Allach wieder in Dachau lan- dete, mit ganzen Näpfen voll süßen Breis zurechtpäppelte. Da ich weiß, welche Vorliebe er den Büchern entgegen- bringt, hoffte ich ihm eine Freude zu machen mit den entzückenden rotgebundenen Büchlein, die mir der Prag- matiker aus München verschafft hatte. Und siehe, ich hatte seinen Geschmack erraten, und heute soll ich ihn in seiner Küche aufsuchen, diesem von den süßesten Düften um- witterten Ort, in welchem die feinsten Speisen des Lagers verteilt werden. Zum Diätkoch kommen! Das bedeutet mehr als zu einer Audienz bei einem regierenden Fürsten geladen zu sein. Und mir winkt dieses&venement, doppelt bedeutsam in einer Zeit. da das Essen und alles, was zum Essen führt, höher geschätzt wird als alle noch so geschmack- vollen Goethe-Ausgaben der Welt.%3 Uhr.„Eilet, ihr Stunden!“...... Hoffentlich verschlaf’ ich nicht, denn ich will mich nach dem Essen ein bißchen aufs Ohr legen, ein Vorrecht, dessen wir erst seit kurzem genießen, während es früher 25 hintendrauf gegeben hätte, wäre es einem ein- gefallen, sich am hellen Tage auf den Strohsack zu legen.— „Ja, wenn’s drei oder vier Däg nix z’fressat gibt, da ver- recket mir ja alle!“ jammert mich der Stuttgarter Legionär an.„Wie lang kann’s der Mensch ohne Essa aushalta?“ Lir 164 - FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF will er wissen. ,, Ich weiß es nicht", antworte ich lakonisch, im Geist immer noch auf das imaginäre Zifferblatt starrend, und erinnere ihn daran, daß es die hinduistischen Hungerkünstler 30 Tage und länger aushielten ohne die geringste Nahrung. Aber er ist kein Hungerkünstler, mein Landsmann, nein, auf gut Essen und Trinken hat er in Paris immer Wert gelegt. Wozu hat er 15 Jahre lang in der Legion gedient und ist mit einer guten Pfründe verabschiedet worden doch nicht, um am Hungertuch zu nagen? Und jetzt wollen sie ihn in diesem verruchten und verfluchten Nest dazu bringen und zwingen, dieser nagenden Beschäftigung nachzugehen. Ich versuche, dem armen Tropfen zu helfen, der mich aus seinen fiebrigen blauen Augen so flehend anschaut. Ich sage ihm: ,, Es heißt:, Der Mensch lebt nicht vom Brot allein..., und daran halte ich mich; das genügt mir." Doch er weicht aus: ,, Ja, das ischt scho recht: Du. Aber i fang nix mit solche Faxa an! Die meischde sind bereits ausg'mergelt, weischt, die so käsweiße G'sichter habet, dia müaẞet alle dra glaube!" Ach, Herr Eisenhower, können Sie sich nicht ein wenig beeilen? Der Schritt vom Atlantik nach Augsburg war so groß, und der von Augsburg nach München ist, so klein- warum dauert es so lange? Die Kumpels sind keine gesunden Menschen, bedenken Sie das, sondern einer wie der andere seelisch zermürbt. Wann geben Sie Ihren Fallschirmen den Befehl, unserem Hunger ein Ende zu machen und unsere Narretei zu heilen? O weh! die Glücksstunde, ich habe sie richtig verschlafen. Und dann kam es, wie es kommen mußte: mein Gefühl sagte es mir. Siegreich drang ich noch durch die Kette der Zerberusse hindurch, welche auf dem Weg zum Paradies der Diätküche Spalier stehen, und da stand er auch, der Koch, in einem Prachtstück von Pullover, bei dessen An DAS TOHUWABOHU 165 blick es dir schon warm wird. Nun aber begann mein Stern zu weichen. ,, Na, wie geht's?" fragte ich zur Begrüßung ( Das ,, Heil Hitler" ist und Gestreiften verboten, Gott sei Dank!"). Nicht zum besten!" war die Antwort, deren Klang schon eine gewisse Verlegenheit verriet. Und da griff er auch schon nach der ,, Italienreise", um mir sie zurückzugeben. Es geniere ihn, sie zu behalten, solang er sich nicht erkenntlich erweisen könne, meinte er. ,, Behalt sie ruhig, ' s ist für das Vergangene!" Nein, widersprach er, es hingen so viele an ihm, er fühle sich doch verpflichtet und sei doch nicht in der Lage, es gut zu machen. Ich merkte seine Verlegenheit und wagte nicht, weiter in ihn zu dringen. Jede Art von Kneterei ist mir verhaßt. Ich lasse mich nicht kneten und knete auch niemanden. Und so zog ich denn ab, ungetröstet durch Goethes Reisegesellschaft, die mir keinen Ersatz bot für das entgangene Viertel Brotes. 23 Uhr die Glücksstunde ist endgültig versäumt. Und dennoch fühle ich mich nicht unglücklich, denn es muß wahr bleiben, was mir zugesagt ist: - ,, Mein Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick!" - VORALARM. 167 Märtyrerluft bei der Morgenmesse. ,, Unter dem Krummstab ist gut wohnen", darum flüchtet einer auf den Pfarrerblock. - Ein holländischer Pater und ein deutscher Luthereraner tauschen ihre Güter aus. Voralarm - Vollalarm - Entwarnung!- - Die Geiseln bleiben vorläufig auf dem Bahnhof stecken. Die Sklavenhalter haben immer weniger zu sagen und bald gar nichts mehr! Letzte Zuckungen im SS- Milliardenkonzern. Ein Vampyr am deutschen Wirtschaftskörper. ,, Ade, ihr Seydlitzkürassiere!" Die Großmetzgerei Wülfert macht Schluß. ,, Wir kommen bald wir kommen bald". - Vorsicht beim Tagebuchschreiben! Der Blockpascha erklärt mich für vogelfrei. Ich will eine Mütze, aber der Kammeronkel drückt mir ein Priesterbarett in die Stirn. Vikar Wegener greift ein: er spendiert eine nagelneue Sportmütze. 168 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF 25. April 1945. Die Morgenmesse ist so gut besucht, daß die Kapelle überfüllt ist. Vergeblich versuchen die am Ausgang Stehenden die Tür zu schließen. Sie öffnet sich immer aufs neue, und jedesmal flutet ein Strom kalter Morgenluft von drauBen herein, die Nacken der betenden Priester wie mit frostigen Händen begreifend. Doch keiner sieht, in Andacht versunken, zurück. Die Litanei zu Ehren des heiligen Markus, dessen Fest heute gefeiert wird, gleicht einem Streifzug durch die Zeit der alten und ältesten Christenheit; ergreifend klingt sie immer wieder auf, die Anrufung der apostolischen Kämpen und Märtyrer: ,, Sancte Petre, Sancte Paule, ora pro nobis!" Märtyrerluft! Die Kette der Blutzeugen reißt nicht ab, und auch dieser Boden hat schon das Blut derer getrunken, die um des Glaubens willen ihr Leben opferten, ohne großes Aufsehen davon zu machen. - - - Die Kommunion! Ein feierlicher Augenblick! Sie lassen sich alle in Ehrfurcht auf die Knie nieder, um das Sakrament zu empfangen. Tief verneigt sich jeder, wenn ihm der durch die Reihen wandelnde Priester das geweihte Brot reicht. Danach wiederum ein Anblick von herzbewegender Tiefsinnigkeit umarmen sie sich und geben sich gegenseitig den Bruderkuß. Bei aller Schlichtheit greift dir diese edle Form tief ans Herz. Die Kommunion dauert lange, da so gut wie alle Priester daran teilnehmen. Welch ein Unterschied: diese katholische Treue gegenüber der Gleichgültigkeit unserer Evangelischen! Es gibt sogar eine Anzahl von Pastoren, die es nicht für der Mühe wert halten, die Predigten und Andachten regelmäßig zu besuchen. So klein das Häuflein, es wird noch kleiner bei den Gottesdiensten. Wie mancher, sogenannte Laie gäbe das halbe Leben darum, ungehindert zu Wort und Sakrament zu dürfen; wie kann ein Protestant nur die kostbare Gelegenheit ungenützt lassen? Gibt es etwas Gewaltigeręs als das Wort, den Hammer, VORALARM 169 - Das der die Felsen zerschmeißt, den Schlüssel, der die Herzen öffnet, das Licht das ins Dunkel dringt, die Hand, die uns zum Sohne zieht, das Tor, das zum Leben führt. Ereignis der Ereignisse ist eine rechte Auslegung, und ich gebe trotz meines Sinnes für herrliche Formen und anschauliche Symbolsprache diesen ganzen unbestreitbaren Reichtum her für ein einziges Lied von Paul Gerhard, wie wir es gestern morgen in der Andacht gesungen: ,, Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens! In Ihm ruht aller Freuden Fülle, ohn Ihn mühst du dich vergebens. Er ist dein Quell und deine Sonne, scheint täglich hell zu deiner Wonne. Gib dich zufrieden! Er ist voll Lichtes, Trosts und Gnaden, ungefärbten, treuen Herzens, wo Er steht, tut dir keinen Schaden auch die Pein des größten Schmerzens; Kreuz, Angst und Not kann Er bald wenden, ja auch den Tod hat Er in Händen. Gib dich zufrieden! - Wenn gar kein Ein'ger mehr auf Erden, dessen Treue du darfst trauen, alsdann will Er dein Treuster werden und zu deinem Besten schauen. Er weiß dein Leid und heimlich Grämen, auck weiß Er Zeit dir's zu benehmen. Gib dich zufrieden! 170 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Später. Die grimmige Kälte, die in den Frühstunden noch unsere Glieder erstarren machte, ist einer wohltuenden Wärme gewichen. Von einem wolkenlos blauen Dachauer Himmel flutet sie übers Lager hin, dringt durch Blöcke und Stuben und läßt die frostgebundenen Glieder wieder auftauen. Mir wird bald allzu warm, so daß ich die dicke Elefantenhaut, den Wintermantel, abzustreifen mich gezwungen sehe. Ich bin wieder n' Mal bei meinen Freunden zu Besuch, den geistlichen Herren, zu denen ich mich geflüchtet habe, um den Grobheiten des Blockmoguls zu entgehen. Es herrscht doch eine bessere Luft in der Nähe der Kapelle, das ist unverkennbar: ,, Unter dem Krummstab ist gut wohnen", hieß es im Mittelalter. Und merkwürdig, das scheinen auch solche Leute zu empfinden, die sonst die Kirchenluft nicht gut ertragen können. So manchem begegne ich im Hofe von Block 26, der auf der Stube gar abfällige Bemerkungen über die Pfaffen von sich gab. Und das Tor ist umlagert von einer Unzahl Russen, die mit sehnsüchtigen Blicken durch das Gitter hineingucken, auf die geistlichen Hände wartend, die sich auftun sollen. Stünde auch nur eine einzige dieser Gestalten noch da, wenn sie mit ihren guten Hoffnungen eine schlechte Erfahrung gemacht hätten? So habe ich denn nach der Andacht einen Hocker ergattert, um unter den menschenfreundlichen Männern ein bißchen aufatmen, lesen, meinen Gedanken nachhängen und schreiben zu können natürlich im Hofe, im Freien, denn ihnen in der Beschränktheit ihrer Stuben noch Platz wegnehmen, das hieße, die Gastfreundschaft mißbrauchen. Einer von ihnen trat zu mir, dem man es an dem schäbigen Anzug, den er trägt ausgefranste Ärmel, gebeulte Hosen voller Runzeln! den Pater nicht ansehen würde, noch weniger einen Sekretär des ehemaligen Generalvikars des Franziskanerordens und Doktor der Philosophie. Und doch - - VORALARM 171 ist es einer, sogar der Freund des Kardinalerzbischofes Michael von Faulhaber in München, er ist ein holländischer Mönch, Sprachwissenschaftler, und hat das Alte Testament ins Holländische übersetzt. Das erfuhr ich, als ich ihn vor 2 Jahren im Revier kennenlernte, wo er fuẞkrank darniederlag. Wir hatten uns gegenseitig schätzen gelernt, tauschten miteinander aus, was wir hatten: Bibeldeutsch gegen Brevierlatein, deutsche Gedichte gegen holländische Lieder, Kartoffelpuffer gegen kondensierte Süßmilch, und was es sonst zwischen zwei Theologen zu handeln und verhandeln geben mag. Und heute machten wir weiter, als ob seither nicht fast zwei Jahre über uns hingebraust wären. Er hatte in einem Anfall von Ängstlichkeit und Verfolgungswahn zwar alle seine schönen Lieder verbrannt( mit eigenen Händen: das ist, als ob eine Mutter ihre Kindlein selbst erwürgen müßte); aber einige hatte ihm seine Muse inzwischen wieder geboren; die las er mir vor, und ich bemühte mich, sie schön zu finden, obwohl ich, des Holländischen unkundig, sie nicht recht verstand. Aber ich, was sollte ich in Tausch geben? Ich stand mit leeren Händen da und hatte nichts, nicht einen Vers, denn meine Leier war völlig verstummt. Und doch war dafür gesorgt, daß ich nicht ganz zahlungsunfähig war, der Pater selbst mußte mir helfen: ihm fiel ein Wort ein aus einem Büchlein, das ihm gut gefallen hatte. Er las es mir vor, und siehe da, es stammte aus dem Lutherbüchlein:„ Der Sprung über den Abgrund"; das war von einem gewissen Gotthelf Ekkehardt geschrieben und das war- meine Wenigkeit! Der gute Pater staunte nicht wenig, als ich mein Incognito lüftete; das hätte er nicht hinter meinem einfältigen Gesicht gesucht. Aber er mußte es gelten lassen, daß ich dem Tausche nichts schuldig geblieben, sondern mein Teil geliefert hatte, wie es sich gehörte. Den ganzen Tag reißt heute das schrille Stöhnen der 172 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Sirene nicht ab: Voralarm! Vollalarm! Entwarnung! um gleich darauf wieder mit Voralarm zu beginnen«und mit Entwarnung zu enden und das Lager mit der ganzen Un- ruhe zu erfüllen, die diese die Luft und die Ohren\durch- schneidenden Schreie hervorbringen. Denn jeder Vollalarm holt die Gestreiften von der Arbeit zurück, die sie eilends abbrechen, um im Laufschritt auf die Blöcke zu eilen. Bun- ker gibt es für uns nicht; nur einige Kommandos, die nicht einrücken dürfen, haben sich Gräben ausgeschachtet, die jedoch keinen wirklichen Schutz gewähren, es sei denn, daß Michael selber sie unter seine Flügel nimmt.— Gestern abend sind die„Geiseln“ in einem Auto ver- laden worden und durchs Tor abgefahren. Auch Niemöller, der Kirchenkapitän, war dabei. Indessen sind sie, wie man hört, nicht weit gekommen. In Dachau sind sie bereits wie- der angehalten worden. Dort sollen sie auch jetzt noch sein, zusammen. mit den Juden, die ebenfalls steckengeblieben sind— aber nicht im Schnee. Ja, die Sklavenhalter, sie müssen sich nun zu der Erkenntnis durchringen, da sie be- reits nicht mehr Herren der Lage sind. Sie haben immer weniger zu sagen— und bald gar nichts mehr. Es sind die letzten Zuckungen eines ungeheuren Todes- kampfes, was sich in diesen Tagen vor unsern Augen ab- spielt. Ein Betrieb nach dem andern. macht Schluß. Sie gehören alle jenem Wuchergebilde von größtem Ausmaß an, dem SS-Konzern der Wirtschaftsbetriebe, der sich über ganz Europa hinzog und eine Wirtschaft in der Wirtschaft bildete, so wie die Waffen-SS ein Heer im Heer und die Gesamt-SS ein Staat im Staate war. Wie ein Vampyr schmarotzte dieses Ungetüm, das sich von Sklavenschweiß nährte, an des deut- schen Volkes Wirtschaftskörper und hätte ihn über kurz oder lang mit tödlicher Sicherheit ausgesogen, so wie eine Spinne das Blut ihres Opfers aussaugt. Ein Stück nach dem In-% rm nds icht die & aß ler, han ie- ein, ben sie be- mer des- Sie an, anz ete, -55 eses all= urz ine lem VORALARM 173 andern ist nun aus dem Riesenkörper herausgeschnitten worden; wir sind davon Zeugen, wie auch der abgeschnürte Rumpf vollends zerstört wird.— Ob wohl das deutsche Volk eine Ahnung davon hat, von welcher Gefahr es be- freit wird in dem Augenblick, da diese Wucherung ausge- brannt wird? Hartmann, der Laibacher Nr. ı, erzählte mir, daß heute das Porzellan seine letzten Figuren einpackt. Ade, ihr Seyd- litzkürassiere, ade, ihr Fahnenträger, Hitlerbüsten und Bären, ihr Lebensleuchter, Kannen und Tassen und sonstigen Ge- bilde aus feiner Tonerde, gehabt euch wohl samt dem Übermenschen, dem Mannweib und dem Zerberus, unter deren Assistenz ihr in den neuen Räuberhöhlen Tirols euer gebrechliches Dasein weiterführen mögt. Und der unwiderlegliche Beweis dafür, daß mit Dachau Schluß gemacht wird: Wülfert G.m.b.H., die Großmetz- gerei und Konservenfabrik, schließt auch ihr Pforten. 300 Sklaven waren hier beschäftigt, um ganze Herden von Ochsen, Kühen, Schweinen und die Hühner nach Hundert- tausenden zu Büchsenfleisch zu verarbeiten und Herrn W.. zu einem Millionär zu machen. Wie gewonnen, so zerronnen — das Ende ist da, die Sklavenarbeit brachte keinen Segen! Auch die Außenkommandos kehren aus den 4 Himmels- richtungen, wo sie gearbeitet hatten, hierher zurück, um nicht wieder auszurücken. Kumpels, die wir jahrelang nicht mehr gesehen hatten, weil sie weit fort von Dachau be- schäftigt wurden, tauchen auf einmal wieder auf und wer- den mit Hallo begrüßt, wie Geheb, der Pfälzer, und man- cher andere. So manche sind nicht unter den Zurückgekehrten: wer weiß, wo sie ihr Grab gefunden haben? Daß Gutmann, der ehemalige Lagerälteste, in Friedrichshafen von einer Bombe mit vielen andern Gestreiften tödlich getroffen worden ist, bestätigt sich jetzt aus vieler Munde. Requiescat-in pace! 174 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Auch Julius Schätzle haben wir nicht mehr gesehen. Nicolai, der Student der Medizin aus Kiew wo bleibst du, guter Freund? Haben dich vielleicht deine Landsleute schon aus Tyrannenhänden befreit? Und durftest du Wiedersehen feiern mit Vater, Mutter und Geschwistern? Möge dir in der Heimat die Wahrheit des Wortes aufgehen, das du von deinem Freunde mehr als einmal mit Verwunderung gehört haben magst: ,, Das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick!" Ohne Arbeit, das heißt ohne Brotzeit- dies ist die Kehrseite der Medaille. Viele müssen jetzt hungern. Indessen, das kostet die Freiheit, und den Preis bezahlen wir! Horch! Dumpfes Gebrüll erschüttert die Luft, von Westen her brummt es: ,, Wir kommen bald, wir kommen bald!" Für die Gefangenen eine erwünschte Botschaft. Wer trägt die Verantwortung dafür, daß die Kinder des Landes die Feinde des Landes als ihre Retter herbeisehnen müssen? Wer trägt die Verantwortung dafür? Nicht einmal Stubendienst brauche ich zu machen. Ich drängte mich nicht hinzu, froh darüber, daß mich niemand dingte. Sind nicht genügend Kräfte da, die jüngere Knochen haben, die gesund sind und vor allem solche, denen der zweimalige Nachschlag beim Essen eine heiß erstrebte Belohnung für freiwillige Dienste ist? Mir nicht. Meine Ungebundenheit schätze ich höher als einen vollen Magen, vor allem freue ich mich, ungestört meine Aufzeichnungen machen zu können. Vorsicht ist freilich jetzt mehr geboten als je, sie sind vorn gegen jede Notiz jetzt doppelt miẞtrauisch und jäten mit„ kämpferischer Härte" alles aus, was als Unkraut zwischen dem Weizen aufwachsen will. VORALARM 175 Der Blockpascha hat mich wieder einmal vor versammelter Mannschaft für vogelfrei erklärt. Jeder, der will, kann mir ungestraft eine runter hauen. Warum? Er kam soeben dazu, als ich im Glied beim Appell einem andern Platz gemacht, dabei aber selbst meinen Platz eingebüßt hatte. Mein neuer Nebenmann wollte mich nicht dulden und stieß mich hinweg. Der Pascha rief indessen nicht ihn, sondern mich zur Ordnung und verbot mir den Mund, als ich die Sache richtigstellen wollte; log, nicht der hätte mich, nein, ich hätte ihn gestoßen und fügte als Schlußstein des gerechten Spruchs die Aufforderung bei, die der ganze Block hören konnte: ,, Haut ihn doch krumm und lahm, den Hund, ich erlaub's, daß er genug hat!" Sein Auge bohrte sich voll Hasses in das meine, ich aber hielt stand und gab den Blick ohne Haß, aber mit Festigkeit und ruhiger Bestimmtheit zurück. Später. Es ist doch bezeichnend für den Geist dieses SS- Milliardenkonzerns, den Raubbau, den er mit der Menschenkraft treibt, daß er zwar die Sklaven auspreßt bis zum letzten Blutstropfen, aber für ihr Wohl nur sehr mäßig besorgt ist. Wozu auch, es sind Schädlinge, deren Vernichtung den Arierstaat nur von einem Auswuchs befreit. So kommt es, daß der Sklave, wenn er durchhalten will, in unablässigem Ringen um jede Kleinigkeit steht. Wir müssen um alles kämpfen, was wir an und in uns haben vom Schuhnestel bis zum Eẞlöffel: um den Strohsack und den Platz am Tisch, um Kantinenwurst und die Feder zum Schreiben, um Strumpf und Schuhe, um Hose und Jacke.( Hosenträger und Taschentücher werden überhaupt nicht geliefert), um Decken und Kopfkeil, um Hemd und Unterhose nur den Günstlingen ist alles so zugänglich, daß sie anständig daherkommen; etliche haben's sogar zum Lagergigerl mit 176 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Bügelfalten und sorgfältig gestickter Häftlingsnummer ge- bracht. Wir andern vom Plebs, wenn wir nicht ganz ver- lumpen wollen, müssen um jedes Stück einen erbitterten Krieg führen, denn auch hier machen Kleider Leute. Seit ich mein Barett& la Staatsanwalt eingebüßt habe— es ist immer noch nicht aufgetaucht und wird es wohl auch nicht mehr tun— habe ich Pech mit meiner Kopfbedeckung. Die Kammer weigert sich, mit etwas Ordentlichem herauszu- rücken: Zebramützen sind um keinen Preis zu haben. Und der Rest ist Lumpenzeug. Alles mögliche drückten sie mir in die Stirn: sogar ein Priesterbarett, das ich sogleich, er- zürnt über den Unfug, herabriß. Sie sind mit allem ver- sehen, was jemals seit Christi Geburt den Laden eines Hut- und Mützenmachers verlassen hat. Zuletzt, um nicht ganz unverrichteter Dinge wieder hinauszugehen, ließ ich mir einen Filz aufsetzen, gebleicht und ausgelaugt, als ob ihn ein Weltenbummler schon ıo Jahre lang in Regen und Sonnenschein getragen hätte. Auf dem Blocke ergriff ich die erste beste Schere und beschnitt die Halbkugel mit kühnen Fingern, um zu guter Letzt ein reizend Tellerlein in der Hand zu halten, das ich mir nach Art der Kardinäle — oder sagen wir bescheidener der Kapuziner— auf den Scheitel drückte an die Stelle, welche durch einen aller Welt bekannteri Vorgang eine Art natürlicher Tonsur aufwies. Der character'indelebilis muß immer wieder durchschim- mern, es ist merkwürdig! Indessen erfreute sich mein Haupt dieses Schmuckes nicht lange; nach 2 Tagen war er dem Richterbarett gefolgt, und ich stünde heute noch ohne ihn da, hätte sich nicht mein alter Freund, der polnische Vikar aus Warschau mit dem deutschen Namen Wegener, meiner Haare gebührend angenommen. Eine Mütze, wie ich sie noch nie getragen, nagelneu, elegant, übergab er mir mit einer Nonchalance, als ob es ein Nichts wäre: eine Sport- mütze— ein Nichts! Der ganze Block staunte, als ich zum und ich mit rlein| näle den Welt wies.| him-| aupt dem ihn /ıkar einer h sie mit port-. zum VORALARM 177 Morgenappell mit ihr erschien; sogar der rote Strich fehlte ıhr nicht. Ich spürte, wie das Zünglein meines Ansehens ruckartig nach oben schnellte, es war eine Sensation: die neue Sportmütze polierte mein beschädigtes Ansehen neu auf, und es war unwahrscheinlich, daß inskünftig einer wagen würde, den Spruch des Blockmoguls an mir zu ‚erfüllen. Fünf Minuten ser Zwölf 12° 179 DER VERNICHTUNGSTRANSPORT. Der Hubersepp ist voll rosiger Hoffnungen, und Vikar Wegener gedenkt alter Suppen. 400 Leichen treffen ein. Wir dachten, wir hätten's geschafft, erwachen aber wieder nur als gewöhnliche Häftlinge. ,, Sofort alles packen!" Ich renne nach einer Geheimparole, finde eine Schachtel mit Schnüren und handle unterwegs einen Rucksack ein. Das Reibeisen nicht vergessen! Das Henkersmahl! ,, Alles antreten! Reichsdeutsche heraus!" Der Knabe Hiob stützt sich auf eine Bohnenstange. Wir spielen die Schwerenöter und pirschen auf den Block zurück. ,, Wir sind über dem Berg", aber bei Hiob will keine Freude zum Durchbruch kommen. Ist's wirklich eine Minute vor 12? Swida der Pole, anwortet: ,, Ja, natürlich!" 8000 Reichsdeutsche marschieren durchs Tor. Ich weigere mich, die SS als Obrigkeit anzuerkennen. 25. April 1945 abends. Seit einiger Zeit verspüre ich eine gewisse Müdigkeit in den Füßen, ähnlich wie in der Hungerszeit in Sachsenhausen, als meine Beine vom Wasser zu schwellen begannen. Die schlimmste Art von Sterben wäre es ja nicht, dieses 13* 180 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF allmähliche Dahinschwinden der Kräfte, dieses leichtgelöste Einschlafen in ,, des guten Hirten Arm und Schoẞ".. Hubersepp, der Kantinencapo, ist voll rosiger Hoffnungen. Morgen, spätestens übermorgen, sind ,, sie" da. Eine Kommission des Schweizer Roten Kreuzes ist bereits angelangt mit 7 Wagen, die vor den Toren stehen. Ihre Landsleute, die 7 Schweizer, haben sie schon herausgefischt und befreit. Wir kommen auch dran nur ruhig Blut! Oder ist er wieder einmal der geborene Optimist, der zu rosig sieht? Gott gebe, daß er recht behalte! Des Warschauer Vikars Wegeners Erbsen waren eine Niete, ohne seine Schuld. Morgen aber gibt's einen Volltreffer: ,, Hast du Hunger?" fragte mich der Gute. ,, Mehr als Brot", war meine Antwort, die gewiß der Wahrheit so nahe kam wie möglich. ,, Gut, du sollst was bekommen, was ihm abhilft!" ,, Du - ,, Du hast ja selber nichts übrig!"- ,, Da sorge du dich nicht drum. Ich hab' aus guten Zeiten noch Zwieback, den bekommst du." ,, Wie soll ich's wieder wettmachen, mein Lieber?"- ,, Ist schon lange wettgemacht, denkst du nicht mehr an die Suppen von Block 4, als du fett warst und ich mager? Also bis morgen!" - sanatos Ein neuer Transport von Häftlingen ist eingetroffen aus dem KZ in Flossenburg, einem der berüchtigtsten deutschen Lagersümpfe. Es waren wiederum die reinen„ ,, Spazierstöcke"; 400 von ihnen kamen als Leichen an. Das ,, Rote Kreuz" erschien just zur rechten Zeit, allerdings nicht, um sie wieder aufzuerwecken, aber wenigstens, um diese Blüte am Baume deutscher Kultur zu betrachten und sie einzureihen in das Linnésystem der giftigen Sumpfpflanzen. Donnerstag, 26. April 1945. Nun dachten wir, wir hätten's geschafft. Aber wir sehen uns schwer enttäuscht. Am gestrigen Morgen, statt daß wir in den linden Armen des Roten Kreuzes, des Christen - DER VERNICHTUNGSTRANSPORT -- 181 der kreuzes, erwacht wären, wie wir erwartet hatten Inhaber der Parolenmühle hätte einen heiligen Eid darauf abgelegt, daß alles in Butter wäre statt dessen waren wir als die ordinären Häftlinge, welche wir bisher gewesen, erwacht, und nichts hatte sich geändert, nichts. Im Gegenteil, hört nur, was geschah: um 19 Uhr kehrte der Stubenpascha aufgeregt von vorn zurück und gab der Stube verstört einen Befehl bekannt, den niemand zunächst fassen konnte, weil er alle unsere Träume grausam zerstörte:„ Sofort alles packen! Bis 12 Uhr steht das gesamte Lager auf dem Appellplatz!" Unsere Hoffnung stürzte jäh zusammen wie eine vom Blitz getroffene Eiche. Kein Zweifel: wir sollten weg, ausgesiedelt werden, evakuiert, wie man so schön sagt. Wie war es denn möglich? Alle Autoritäten, der Parolenmüller und der Kantinencapo voran, wankten. Auf wen war noch Verlaß? Doch gab ich angesichts ihrer mit soviel Überzeugtheit abgegebenen Parolen die Hoffnung auf eine günstige Wendung nicht auf. Zunächst galt es zu packen. Nichts war vorbereitet, nicht einmal eine Schachtel war zur Stelle, geschweige denn die nötigen Schnüre. Schnell zum Hubersepp! Vielleicht daß er noch eine rettende Geheimparole auf Lager hatte. Ich finde ihn nicht, dagegen lädt mich die gesuchte Schachtel samt den nötigen Schnüren laut ein, sie mitzunehmen, was ich mir nicht zweimal sagen lasse. Unterwegs sehe ich einen Russen mit Lausestraße auf dem Kopf und mächtigem Rucksack auf dem Buckel. Der Rucksack war leer; er hatte ihn, brauchte ihn aber nicht, ich aber brauchte ihn und hatte ihn nicht. Tausch! Wozu hatte ich meine Spargroschen, alias Zigaretten und Tabak? Ich war entschlossen, einen ,, Feinschnitt" zu opfern, hielt ein Päckchen dem Besitzer der Autostraße und Inhaber des Rucksackes mit entsprechender hinweisenden Gebärde unter die Nase, fand ein Tauschtalent von gleichem Rang in ihm und zog im nächsten Augenblick, froh über mein Glück im 182 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - Unglück, ab. Ich stopfte hinein, was das Zeug hielt, vor allem meinen Heim ,, Glaubensgewißheit" und ,, Glauben und Denken", zweite und vierte Auflage, dazu die Tagebücher; das war mir wichtiger als Essen und Trinken. Auch das Reibeisen und die spanische Grammatik des Pragmatikers packte ich ein. Wie dürfte ich es wagen, ihm jemals unter die Augen zu treten ohne diese für sein Wohlsein so wichtigen Stücke seines geistigen und fleischlichen Hausrats? Etwas da zu lassen, weigerte ich mich: wegzuwerfen, dazu war unterwegs noch Zeit. Gott verhüte, daß es das Gedruckte und Geschriebene sein mußte! Gut, daß ich mir noch Zeit nahm, auf den Pfarrerblock zu laufen. Es ging dort zu wie in einem Ameisenhaufen, auch sie hatten um 12 Uhr gepackt vorn zu stehen. Doch ,, kehrt zur rechten Stunde der Wanderer hier ein", denn ich kam gerade recht, um meinen Anteil an der Münchener Atzung in Empfang zu nehmen, einen Laib Brotes und eine ganze, wahrhaftig eine ganze Büchse mit Fleischkonserven. Ja, und ein guter Tiroler geistlicher Herr, ein Freund des ,, Schwäbischen Studenten", beschenkte mich mir nichts dir nichts in der spendemilden Laune des Abschieds von allen irdischen Gütern mit einem respektablen Ranken Kommißbrot, nicht so respektabel freilich, daß ich ihn nicht sogleich meinem Hunger in den Rachen geworfen hätte. Auch auf dem Block triumphierte die Freigebigkeit der Auflösung. Eine Bohnensuppe gab's endlich hatten sie ihren Säcken den Bauch aufgeschlitzt, eine Bohnensuppe, die das Ideal einer Suppe erreichte, wie sie im Lager sein soll: der Löffel stand drin, aufrecht stand er drin! Und sogar Nachschlag wurde serviert, Nachschlag auch für die ,, Kretiner", für alle! Das ging nicht mit rechten Dingen zu, sah aus wie ein Henkersmahl! Mitten ins betroffene Nachdenken der Philosophen hinein pfiff es: ,, Alles antreten!" Was blieb anderes übrig als folgen, den Rucksack umhängen, das Paket - - DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 183 in die Hand und zum Platz vorstürzen, wo die Blocks bereits aufmarschierten. Noch immer waren wir einigermaßen guter Dinge, weil von den Parolen narkotisiert und den teuren Schwüren der weisen Orakelpriester. Wir fielen daher aus allen Wolken, als es hieß: ,, Reichsdeutsche heraus!" Ein Glück, daß wir zufällig gehört hatten, wer sich krank fühle und marschunfähig, könne sich melden. So ging ich denn mit dem Knaben Hiob, der mich begleitete, hinterdrein in der Absicht, uns nicht an die Spitze zu drängen, sondern uns bescheiden an den Schwanz zu halten, der uns ja auch sonst als der geometrische Ort unsres Aufenthaltes im Lager angewiesen war. Der Knabe Hiob hatte sich zum Zeichen seiner Hinfälligkeit, die übrigens wirklich nicht geheuchelt war, einen großen Stab in doppelter Länge seiner selbst verschafft, auf den gestützt er dahinschritt. Sofort wurde er freilich von einigen schallverstärkenden Gouvernanten gemahnt: ,, Den wird man dir wegnehmen. Weg damit! Er sieht wie eine Waffe aus!" Mein Freund ließ sich jedoch nicht einschüchtern, wozu er in Begleitung einer überlebensgroßen Stange auch nicht den geringsten Anlaß hatte. Wir ernteten denn auch den Lohn für unsere Schwerenöterei und unser Beharrungsvermögen: wir kamen zurück. Der Stubenmogul von Stube 1, den der Knabe Hiob der Sicherheit wegen noch einmal anhieb, erklärte ihm: ,, Was, krank seid ihr? Was tut ihr hier? Ihr hättet auf dem Block bleiben müssen. Marsch, ab!" Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Gern hätte ich auch Fabisch, den Parolenmüller, mitgenommen. Er stand auch unter den Deutschen, hätte sich aber leicht unter Berufung auf sein Alter zurückschlängeln können. Er meinte indessen, er bleibe, wo er sei, es sei der große Haufen, zu dem halte er: dabei blieb er, so daß ich ihn mit schwerem Herzen zurücklassen mußte. Denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Auch Lobhausen, der Priester aus Köln, und Fähnerich Stahl, die beiden Freunde 184 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF aus dem ,, Porzellan", hatten sich zu dem großen Haufen geschlagen; es mochten so gegen 80 bis 90 Pfarrer drunter gewesen sein. Wir drückten uns bewegt die Hand. Werden wir uns je wiedersehen? Wie? Wann? Wo? Unter der imponierenden Schirmherrschaft der Bohnenstange gelang es uns, ohne aufgehalten zu werden, an der SS vorüber und durch die Gestreiften hindurch auf den Block zu kommen. Ungerupft und unangefochten das reine Wunder! Enttäuschung aber malte sich auf den Gesichtern in der Stube, als wir uns wieder einfanden. Seht, die guten Freunde, sie hatten es verstanden, zurückzubleiben. Man muß nur den Papst zum Vetter haben! Ja, uns hätten sie gerne losgehabt! Nicht umsonst war von den Alten und Kranken nichts gesagt worden oder so hinter der Hand, daß nur die nächsten etwas hörten. Aber nun waren wir wieder da. ,, Wir sind über den Berg!" triumphierte ich, war goldfroh und dankte Gott von Herzen für die Erhörung unserer stillen Bitten. Beim Knaben Hiob wollte keine rechte Freude zum Durchbruch kommen. Er ist mit seiner Kraft völlig am Ende und bat mich, was er sonst noch nie getan, bei den Hochwürden etwas Brot gegen Tabak einzuhandeln. Dies glückte nicht, und so nahm ich ein Drittel von dem meinen und tauschte es gegen einen halben Feinschnitt". Es war mein letztes Brot; aber ich wurde auch so satt. - Etwas später. Die Pfarrer des Transportes sollen entlassen worden sein, die andern Gruppen stehen marschbereit noch am Tor. Nachher hörten wir folgende Version: Die Pfarrer beiderlei Bekenntnisses sollen gefragt worden sein, wohin sie wollten? Sie seien frei. Als sich herausstellte, daß sie über der Antwort in Verlegenheit gerieten, weil keiner so recht wußte, was mit der Freiheit anfangen, da die meisten bereits abgeschnitten waren von ihrer Heimat, soll der Lager DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 185 führer erklärt haben, dann müßten sie eben mit den andern. Warum wüßten sie sich so wenig zu helfen? Wenn's nicht wahr, so ist's gut erfunden und für die Haltung unsrer Zwingherren bezeichnend; dem Gesetz, nachdem sie angetreten, bleiben sie treu bis zur letzten Stunde. Am Abend. Mir waren wieder. Zweifel gekommen, ob's wirklich eine Minute vor zwölf Uhr wäre? Allein Swida, der polnische Journalist, einer von den Echten, beruhigte mich. Noch in dieser Nacht, sagte er im überlegenen Ton des wohlunterrichteten Zeitungsmannes, noch in dieser Nacht rücke die SS ab. Das sei absolut sicher, er wisse genauestens Bescheid. Morgens( 27. April 1945). Auf diesem Kissen wäre gut schlafen gewesen, wenn wir nicht schon gegen 9 Uhr wieder aufgeschreckt worden wären durch die garstige Einladung: ,, Bereit sein zum Appell!" Im Hof sollte dieser noch eine Stunde später stattfinden. Was war das nun wieder? Wir erhoben uns denn widerwillig und warfen uns in die Mäntel, waren jedoch nicht über den Gang hinaus, als die ersten bereits zurückkehrten mit der Nachricht, die Anordnung sei zurückgenommen worden. Zwischen halb neun und zehn Uhr waren die zum Abtransport bestimmten Reichsdeutschen durchs Tor abmarschiert; es mochten 8000 Mann gewesen sein. Vielleicht hing der blinde Alarm damit zusammen, daß daran gedacht war, nun auch alle übrigen folgen zu lassen, daß man aber zum Glück für uns wieder davon abkam. Wie mag es den Kumpels ergehen? Was hat man mit ihnen vor? Jeder von uns ist froh, dem Troß entronnen zu sein, denn ein Vogel in der Hand ist besser als zehn auf dem Dach. Es ist immerhin eine Galgenfrist: vielleicht, vielleicht... Auf keinen Fall ist die SS noch als Obrigkeit anzusehen, nach deren Befehlen wir uns zu richten hätten, sondern als 186 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF unser Feind, dessen Absichten zu durchkreuzen wir das volle Recht haben. Ich glaube bestimmt, es vor Gott verantworten zu können, wenn ich mich unter dieses schändliche Sklavereisystem nicht wie unter seine eigene Hand beuge und mich nicht willenlos in alles füge, was die Bullen sich aussinnen zur Tyrannisierung der Menschen. Nicht als ob dieser Weg so einfach wäre. Im Gegenteil, es bedarf einer gewissen inneren Unabhängigkeit und des Mutes, der aus ihr entspringt, um sich von dem bezwingenden Eindruck der Machtfülle loszumachen, den sie hervorzurufen suchen, und der jeden zu ersticken droht, der sich nicht mit innerer Besonnenheit dagegen auflehnt. Es hat in der Nacht geregnet. Die 8000 Gefangenen sind abgezogen, und der Platz ist leer, wenigstens von Menschen; aber übersät wie nach einem Biwak von ungezählten Häftlingskleidern, Hosen, Zebrajacken, Schuhen, Kochgeschirren und Abfällen jeder Art, die in ganzen Haufen umherliegen, und seit dem frühen Morgen der Wallfahrtsort jener an Leichenfledderer erinnernden Gestalten, welche ihr Beuteinstinkt magnetisch auf die Schlacht- und Trümmerfelder zieht, um ungeahnte Schätze aus Kehrrichthaufen zu bergen. Auf dem Blockhof macht sich einer nach dem andern daran, von den brennbaren Überbleibseln ein Feuerlein anzufachen, um ihren Sonderkaffee daran zu kochen. Auch Bücher, deren eine ganze Menge herumlagen, mußten es sich gefallen lassen, zur höheren Ehre der Morgensuppe wie wehrlose Märtyrer verbrannt zu werden. Lieber Dr. Mattheyka, was würdest du zu dem Anblick sagen, sähest du deine mit soviel Mühe für die Bücherei gesammelten Lieblinge ein solches Ende nehmen? Sic transit mundi gloria! Ängstliche Gemüter fürchten bereits den Hungertod. Ein Buchhändler aus Günzburg unkt unter dem Einfluß seiner rebellischen Eingeweide: ,, Mittagessen gibt es nicht mehr, auch keinen Kaffee, denn die Küche streikt. Doch strafen DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 187 ihn gleich darauf die großen blauen Kübel Lügen, die hereingetragen werden und in der Lage sind, jeden möglichen Kaffeedurst zu löschen. Da kein Kommando mehr ausrückt, stehen die meisten untätig in Gruppen umher und überlassen ihrer Zunge die Hauptlast der Beschäftigung, an der die massenweise auftauchenden Parolen keinen Mangel aufkommen lassen. Die Hunger- Halluzinationen tun das Ihrige, um den Gesprächen Lebhaftigkeit und den Vorstellungen den Schwung der Phantasie zu geben. Unversehens werden die Gestikulierenden auseinandergescheucht durch den Ruf, der wie ein Pistolenschuß kracht: ,, Alles antreten mit Gepäck!" Das war heiter! Was hatten sie nun wieder ausgeheckt? Ich greife schnell zu Schachtel und Rucksack, an welchem ich herzlich froh war, denn er zeigte sich seines Kaufpreises wert. Der Knabe Hiob war wieder mit seinem Pilgerstabe da, aber mitgenommen und bei jeder Kleinigkeit empfindlich. Ich bin ein allzugrober Klotz, das ist wahr, und meine Reizbarkeit kennt keine Grenzen. Aber auch die seine treibt Blüten von exotischer Fremdartigkeit. Ich hatte mich gefreut, als ich ihm von meiner Suppe und meinem Brot einen Bissen abtreten konnte. Ich suchte ihn und fand ihn in der Stube, versäumte es indessen, ihn zartfühlend beiseite zu nehmen und ihm erst unter vier Augen das Zugedachte zuzustecken. Diese Vernachlässigung höfischer Etikette scheint ihm den Appetit verdorben zu haben, denn er hielt mir, der ich wie aus den Wolken gestürzt war, eine regelrechte Standpauke. Ich versprach, mich gründlich zu bessern und stellte eine Lösung der Miẞtöne für die Zeit nach dem Krieg in Aussicht. Aber was wahr ist, muß wahr bleiben: ich malträtiere den Schonungsbedürftigen nicht schlecht. Unser Lebensrhythmus ist zu verschieden; sagt er hüst, so sage ich hott und umgekehrt.- Ohne ersichtlichen Grund trat auf einmal die Masse in 188 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Bewegung. Die Blöcke bröckelten allmählich ab. Irgendwer soll den Ruf ausgestoßen haben: ,, Auf die Blöcke zurück!", dem sich jeder gerne fügte. Im Handumdrehen ist der Platz halb geleert, nur die ausgesprochenen Sklavenseelen, die sich vom herrischen Blick der Schlange so lange faszinieren lassen, bis sie in den aufgesperrten Rachen scheinbar freiwillig gesprungen sind, können sich nicht losmachen. Die Davoneilenden trifft der spöttische Vorwurf eines Spaßvogels: ,, Nanu, früher wollte doch keiner von euch herein, und jetzt will keiner mehr heraus. Verkehrte Welt, das." Allein das Geheimnis war, daß der verkehrte Sack gerade dabei war, sich wieder umzukehren. Gewisse Capos und Blockmoguls sollen übrigens gerannt sein, als es gestern abend hieß, abmarschieren, mit Karren und Wagen, um sich und ihr zusammengeräubertes Gut in Sicherheit zu bringen. Es sind die Leute, denen ihr schlechtes Gewissen dringend zur Abreise riet, um sich der rächenden Nemesis ihrer Mithäftlinge zu entziehen. Da horcht! Was gibt es dort unten? Bei den Seuchenblocks erhebt sich ein wahrer Tumult. Was schreien sie in einem Dutzend von Sprachen? Einige springen in die Höhe wie fliegende Fische, als ob sie nicht wüßten, wohin mit der Freud, oder als ob sie Gespenster sähen am hellichten Tag. Endlich unterscheide ich die Laute: ,, Panzerspitzen bei Dachau!" geht's in begeistertem Schreien durcheinander. Panzerspitzen bei Dachau-- ja, darauf warten wir, nun unsere Not aufs Höchste gestiegen ist. ,, Wenn die Not am größten ist Gottes Hilf am nächsten!" Es ist wieder ruhig geworden mit den Panzerspitzen, dafür sind neue Gerüchte am Umherschwirren. Wieder einmal sollen die Deutschen vollends entfernt werden, aber DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 189 nicht ohne vorherige Untersuchung. Die Pfarrer, von denen wohl der größere Teil noch da ist— wer kann im Lager von sich rühmen, er sei gesund?— sie sandten eine Art Abordnung an den Kommandanten, um endlich klar zu er; fahren, wessen sie sich zu versehen hätten. Der Mann empfing sie freundlich(ein Zeichen der Zeit!) und ver- sicherte ihnen feierlich, daß für die deutschen Geistlichen, "soweit sie nicht marschfähig seien, ein Abtransport nicht in Betracht komme. Die„Untersuchung“ gibt mir zu denken. Ich weiß, wie oberflächlich vorgegangen wird, meist ist’s nur eine Form- sache„ut aliquid fieri videatur“*). Wer könnte da mir hel- fen? An wen wende ich mich? Hennig, Mazaryks Sekretär und mein alter Freund, fällt mir ein. Er hat großen Einfluß auf die böhmischen Ärzte. Ihn bitte ich, einen tschechischen Doktor dazu zu bewegen, daß er mich vorher unter die medizinische Lupe nehme, damit ich selber einmal klar sehe, da mir die Untersuchung des Häftlingsarztes seinerzeit reich- lich vom Zweckoptimismus bestimmt zu sein dünkte. Hennig bringt es sogar zuwege, daß einer der ersten Doktoren, eine Lagerberühmtheit, zusagte, die Sache zu machen. Der be- stellt mich wirklich, nur leider erst auf fünf Uhr. Bis da- hin kann die Katze aber schon den Baum hinauf sein. Was fange ich nur an? Eine Reihe von Prominenten findet nach altem Brauch im Revier eine Zuflucht. Sie verschwin- den einfach, gelten als krank und sind gerettet. Aber ich gehöre halt nicht zu den Prominenten. Um elf Uhr läßt es mir keine Ruhe mehr. Ich entschließe mich, den Doktor jetzt schon aufzusuchen, koste es, was es wolle. Versäume ich den Appell, so versäume ich ihn— wer hat mir noch etwas vorzuwerfen? Ich schleppe den Knaben Hiob mit, um ihn auch zu retten, kann ihn aber nicht hindern, auf den Block *) Damit es scheine, als geschehe etwas. 190 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF zurückzukehren, als ihm klar wurde, daß er unter Umständen auf das Mittagsmahl verzichten müsse. Ich halte noch eine und eine halbe Stunde aus, der Diätkoch speist mich inzwischen mit Brot und Wurst. Lesend verbringe ich die Zeit auf den Bänken, die in dem langen Gange stehen. Ich wundere mich nicht wenig darüber, daß die Wärter, die jetzt alle eine Binde des Roten Kreuzes am Arm tragen, gegen ihre Gewohnheit mich nicht unduldsam verscheuchen. Daran ist sicher die Binde schuld, mit deren Symbol ein neuer Geist der Menschlichkeit in ihnen eingezogen zu sein scheint. Endlich wage ich den Schritt und interviewe Dr. Blacha. Ich überrasche ihn beim Sonnenbad im schönsten Röstzustande, braun wie eine Kaffeebohne. Statt mich, wie er müßte, zu schassen, läßt er mich geduldig meine Beschwerden berichten und stellt zweckpessimistisch eine wahrscheinliche Nierenentzündung fest. Da müssen sie dich mindestens untersuchen. Das können sie aber des Urins wegen vor morgen früh nicht tun, und du bist über den toten Punkt hinweg." Vorsichtig versuchte ich noch auf eine weitere Taste zu tippen: ich fragte, ob er nicht veranlassen könne, daß ich im Revier Aufnahme finde? Aber ich bin nun einmal kein Prominenter, und seine landsmannschaftliche Gefälligkeit hat ihre Grenzen. Freundlich lehnt er ab, das gehe über seine Zuständigkeit hinaus. Nun, ich bin ihm dennoch zu Dank verpflichtet und kehre auf den Block zurück, verwundert darüber, wie oft ich es schon in diesem Äon erleben darf: ,, Ihre Werke folgen ihnen nach." Von M. dem Sterngucker höre ich, die Generäle hätten um Waffenstillstand nachgesucht. Von den Sternen hat er dies nicht, deswegen braucht es aber doch nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Übrigens scheint er seiner Lieferfirma Mars, Jupiter& Co. nicht mehr recht zu trauen. Woher käme es sonst, daß er in dem Augenblick, da ich ihn hier abknipse, seinem Freund und Postkollegen, dem gräf än- och auf lere ine ist eist Ich DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 191 lichen Professor, die Rechte hinhält, um aus deren Linien- gewirre sich den Wirrwarr der nächsten Zukunft entwirren zu lassen? Daß wir mit einem Kompromißfrieden abschnei- den werden, an dieser höchst dunklen Sternenbotschaft, die er seinen Anhängern seit dem letzten November verkündet, hält er allerdings auch jetzt noch standhaft fest. Woraus hervorgeht, daß der Köhlerglaube des Mittelalters barm- herzig war in seinen Anforderungen an den Verstand des Menschen im Vergleich zu den Akrobatenstückchen, die mo- derne Propheten ihren Anhängern zumuten. Nachts. Ums Haar hätte uns heute der Riemen der Todestrans- mission erfaßt. Aber es ist noch einmal gnädig abgelaufen, Gott sei Lob und Dank dafür. Den klugen Gedanken, Dr. Blachas Urteil anzurufen, muß Er selber mit eingegeben ha- ben, denn er war meine Rettung. Um drei Uhr gab’s nämlich neue Verwirrung, der Blockmogul rief die letzten Deutschen zusammen und befahl'ihnen, auf den Appellplatz zu mar- schieren, die Gesunden wie die Kranken. Uns kam dies selt- sam vor, da alle andern Blöcke die Kranken ausgeschieden hatten. Den Knaben Hiob mit dem Aaronsstab nahm er besonders aufs Korn, auch auf mich hatte er es abgesehen, denn als ich aus irgendeinem Grunde noch zu zögern schien, mich der auserlesenen Schar anzuschließen, fuhr er mich scharf an und nahm mich in besondere Obhut. Es mußte ihm viel daran gelegen sein, daß wir ja vollzählig wegkamen. Denn er führte uns höchstselbst nach vorn, wo wir am Fußballtor-Gitter abgeladen wurden. Häußermann, der Hochdeutsche, rebellierte: wir seien ja noch nicht mal untersucht; das gehe nicht mit rechten Dingen zu, und suchte Gelegenheit, abzuschweben, um aus dem Revier einen Arzt zu Hilfe zu holen. Denn so ohne weiteres hatte er nicht Lust, sich abschlachten zu lassen. Doch so lange der 192 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Blockbulle in der Nähe war, durfte er nichts wagen. Endlich war dieser uns aus dem Gesichtskreis geschwunden. Da schlich sich der hochdeutsche Häußermann auf die Seite, ich hinter ihm her, obwohl ich die verräterischen Stimmen der Schallverstärker ins Ohr dröhnen hörte:„ Ekkehardt, dableiben! Dableiben, Ekkehardt!" Wir sahen nicht zurück, durften es nicht, wenn wir nicht Lots Weib gleich wollten zur Şalzsäule verwandelt werden. Ein paar Schritte noch, und wir hatten's geschafft. Wir verschwanden in der schützenden Bucht des Reviers. Freilich, es war zehn gegen eins zu wetten nach uralter Lagererfahrung, daß wir den maßgeblichen Mann nicht antreffen würden. Nein, er war nicht zu finden, so gut hatte er sich versteckt. Dagegen gelang es mir, den Reviercapo aufzustöbern; wie eine Erscheinung standen Seine Herrlichkeit unversehens vor mir und hatten die Gnade, anzuhören, was ich mit fliegendem Atem vorzubringen hatte. ,, Der Doktor Blacha hält's also für a Nieraentzündung?" so forschte er auf wienerisch. ,, Ja und ihr solltet mi morga früah g'nau untersuacha!" antwortete ich auf schwäbisch. Die Verbindung war hergestellt. ,, Auf da Block z'rück!" befahl er mir. ,, Ja, aber wenn der Blockäldeschde..." ,, Der hat garnix z' sag'n, sag' i hab's g'sagt...!" Und damit war die Audienz zu Ende. Ich war gerettet. Aber mein Rucksack! Den hatte ich am Torgitter abgesetzt. Ich mußte ihn unbedingt haben; ich lief hin, mitten im Lauf wurde ich indessen gehemmt durch eines ausländischen Postens Anruf, der mich mit schußbereiter Waffe zurücktrieb. Dort stand mein Rucksack, ich konnte ihn genau erkennen, nicht viele Schritte waren es, und ich war dort, aber der Cherub mit dem bloßen hauenden Schwert behielt mich im Auge. Es war lebensgefährlich, aber ich, ich mußte ihn haben, den Rucksack, der meine Bibel enthielt, mein Heim DER VERNICHTUNGSTRANSPORT - 193 Vademecum, meine Tagebücher und des Pragmatikers Reibeisen. Nein, ich konnte das alles nicht im Stich lassen, es war mir mehr wert als das Leben. Ich schaute umher, mein Blick fiel auf die weiße Binde eines der neugebackenen Hilfspolizisten. Er war ein Pole, ein alter Bekannter aus dem Revier. Er mußte helfen, denn er hatte kraft seines um den Arm geschlungenen weißen Talismanes das Recht, die Sperrzone zu überschreiten und selbst einem der sogenannten volksdeutschen Auslandsposten mit seinem Schießgewehr zu trotzen. Er nahm das Amt des Trotzens gegen das Gelübde einer Belohnung mit echtem Feinschnitt an, und in wenigen Minuten hatte ich meinen Rückenkoloẞ und er seinen Feinschnitt. Wer war froher als ich? Wieder einmal waren alle Sorgen zerstoben vor dem Hauch dessen, der mir schon so oft hindurchgeholfen! Wie sagte ich es aber nun meinem Blockbullen, ohne daß er stößig wurde? Mit der Berufung auf den Capo war es wahrscheinlich nicht getan: Autorität gegen Autorität das wirkt, wie man weiß, oft wie ein rotes Tuch auf den spanischen Stier. Meine Überlegungen erwiesen sich als überflüssig. Auf der Stube starrten sie mich an, wie einen, der von den Toten auferstanden, besonders der Elsässer vom Stubendienst; denn sie hatten wohl erfaßt, worum es sich gehandelt hatte, um einen Anschlag auf die miẞliebigen Elemente. Zu sagen getraute sich keiner etwas; selbst nicht der Stubenpharao und der Blockmogul. - - Gleich darauf stellten sich auch die andern wieder ein. Häußermanns hochdeutscher Einspruch hatte gewirkt; es eilten zwei Ärzte herbei, welche die meisten für marschunfähig erklärten. Zu meinem Schrecken hatten sie freilich dem Knaben Hiob trotz seines Stabes dieses adiectivum nicht zugebilligt. Er wurde zu den ja soll ich sagen Schafen oder Böcken gestellt, und was aus ihm wird, ist in Dunkel gehüllt. Ach, das Mittagessen kommt ihm teuer zu Fünf Minuten vor Zwölf 13. 194 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF stehen. Aber was opfert der Mensch nicht alles für seinen Hunger. Wer wollte mit ihm rechten? Etwas später. Auch der Knabe Hiob hat sich in den Schoß des Blocks zurückgefunden. Er empfing mit den andern Marschverpflegung, worauf sie alle weggeschickt wurden. Das Weitere überlassen wir Ihm, der für den Morgen sorgt. 28. April 1945. Sie flüstern von einem Schreckenszug, der auf dem Dachauer Bahnhof eingetroffen sei. Fünfzig Wagen voller Häftlinge, voll toter Häftlinge! Der Gestank soll furchtbar sein, der durch die Ritzen der verschlossenen Wagen dringt. Doch weigert sich die SS sie zu öffnen. Später. ,, Panzeralarm!" Die Sirenen heulen uns fürchterlich die Ohren voll, als hätten sie vor, uns das Fünklein Lebensmut, das gerade aufglimmte, wieder auszublasen. ,, Panzeralarm!" Was das bedeutet, weiß ich eigentlich selbst nicht recht. Bedeutet es wohl, daß Panzer von Uncle Sam gesichtet worden sind? Auf jeden Fall etwas Gutes. Die Gestreiften beglückwünschen sich, denn ihre Spannung war ins Unerträgliche gestiegen. Gott sei Dank, jetzt wird's richtig! Noch am Morgen schien alles in Frage gestellt. Um fünf Uhr früh waren wir herausgetrieben worden zum Blockappell. Gleich darauf, hieß es, werden wir auf dem Lagerplatz zusammengerufen. Die Evakuierung sei unwiderruflich beschlossen. Wer kam da noch draus? ,, Rut ut die Kartoffeln, rin in die Kartoffeln!" schilt der Blockfriseur; Schnellohr, der Schönfärber, aber meint, es sei wohl gut so, so wüßten wir wenigstens, wo wir dran sind, worauf sein Gegenpart höhnt: ,, Gut so", murmelte der Regenwurm, als ihn das Huhn entzwei hackte ,,, ich weiß jetzt wenigstens, wo ich inen äter. locks verWei1945. dem oller ntbar ingt. Säter. smut, zernicht geGewar wird's DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 195 dran bin!" Käufer, der Kommunist, will den Befehl von Himmlers Stellvertreter selbst gelesen haben. Wirklich, hört: ,, Reichsdeutsche antreten!" Ein Schauer durchfährt jeden. Doch die Erläuterung läßt die meisten erleichtert aufatmen: ,, Die nur, die Marschverpflegung erhalten haben." Das geht mich also nicht an; aber leider, es gibt mir einen Stich durchs Herz, den Knaben Hiob. Er kommt mit Aaronsstab und ,, Kriegskasse" angehinkt, und zum soundsovielten Male nahmen wir voneinander Abschied. Ich suchte sein umdüstert Gemüt aufzuhellen. Größer als unsere Zwistigkeiten war unsere Gemeinschaft in Ihm; wir fanden uns stets wieder zueinander, an keinem Abend gingen wir unversöhnt zur Ruhe. - ,, O Freiheit, wie bist du so fein!" singt M., der Legionär, in allen Tonarten: ,, Sie sein da?" wird er von einem Belgier a die gefragt:„ Jo, naddierlich!" singt's begeistert zurück. Allein, wer weiß, wir sind unangenehme Überraschungen gewöhnt; so heute morgen, als wir betroffen feststellen mußten, daß die SS immer noch da ist. Sie klebt fest wie die Fliege auf dem Leim. Ich fliehe zu den Hochwürden. Vielleicht ist Andacht; da kann der HERR sein stärkend Wort ins Herz hineinsagen. Auch der Zuspruch der Brüder tut wohl. Zuerst frage ich ich kann jetzt ohne nach Windgasse, dem Evangelisten Gefahr den richtigen Namen schreiben. ,, Er ist weg, Gott sei Dank", gibt mir ein Deutschpole Bescheid. Der Dankseufzer ist mir rätselhaft, doch sogleich soll mir Aufklärung werden. Ich frage nach den deutschen Pastoren, stutzig darüber, daß ich keinen von ihnen beim Harmonium sehe, wo sie sich zur Andacht zu versammeln pflegen. ,, Die sind doch fort!" Ein böhmischer Prediger scheint über meine geringe Fassungsgabe erstaunt zu sein. Ich fahre indessen fort, verständnislos um mich zu blicken und falle aus den Wolken, als er meiner Unwissenheit erleuchtend zu Hilfe kommt und ergänzt:„ ,, Vorn auf dem Platz, die Reichsdeutschen fünf -lockplatz beffeln, lohr, iẞten mpart a das o ich 13" 196 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF mußten doch antreten - auch die Kranken; für sie, - wurde versichert, stünden Wagen bereit."- ,, Und das Wort des Kommandanten?" stottere ich. ,, Ist das Wort des Kommandanten!" werde ich unbarmherzig im Orakelstil zu Ende belehrt. Jetzt schlägt's dreizehn! Ich bin bestürzt. Offenbar kann nur eine großartige Anarchie der Befehle und Anweisungen einen solchen Wirrwarr anrichten. Man sollte doch denken, daß das, was in der einen Ecke gilt, auch für die andre gilt. Doch scheint bereits alles drunter und drüber zu gehen. Das Gesetz der sich überstürzenden Bewegung wirkt sich aus. Den Hertog, der Holländer, begleitet am Harmonium unsern Gesang. Guillaume, sein sympathischer Landsmann, hält eine tiefgrabende Andacht ganz im Stile Karl Heims. Wenn dieser auch keine Schule hat, so macht er doch Schule und wird sie noch viel mehr machen. Wir sind eben beim Schlußgesang, da erscheint Dittmer ,, Na, das ist doch auch ein Deutscher und doch hier!" fährt es mir durch den Kopf ,,, da werde ein Schwabe klug daraus!" Ich bin dabei, am Sinn der Dinge zu verzweifeln, bis ich erfahre, daß die Versammelten bereits wieder vom Platz zurückgekehrt seien. Ein unleidlicher Regen hätte eingesetzt, und da hätten sie in eigener Verantwortung Reißaus genommen. Man wird an ein Gefährt erinnert, mit dem die Pferde durchgegangen, und das auf der abschüssigen Ebene niemand aufhalten kann. Das bestätigt auch Hennig, der Prager Journalist, dem ich auf dem Rückweg begegne: ,, Wohin, Gehasi? Was gibt's? die sind ja immer noch da!" ,, Tut nichts", gibt er im Vorbeihasten von sich ,,, die andern sind schon in Freising". Ich glaub's mit Vorbehalt. Nachprüfen kann ich's nicht. Aber der Panzeralarm", der nun eingesetzt hat, scheint der Parole einen ernsten Hintergrund zu geben. Woher eigentlich der Ausdruck? sie, Wort t des DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 197 Inzwischen sind nun alle in ihre Blöcke zurückgekehrt, und der Platz gleicht einem Schlachtfeld, auf dem in trostloser Unordnung, während das Grau der Wolken endlose Fäden herabregnen läßt, die Leichen der weggeworfenen Uniformen in eigenbrötlerischer Einsamkeit umherliegen- artige ein Bild Deutschlands, wie es sich dem kummervollen Blick til zu Wirr n der ereits sich -nium mann, Heims. Schule seiner Kinder am Ende des furchtbaren Gewitters darbieten wird, das über seine Fluren niedergegangen ist. - Das reine Kaleidoskop: jeder Augenblick bringt neue Verfügungen, Bestimmungen und Befehle, ein Durcheinander schaffend, in welchem sich kein Mensch mehr zurechtfindet. Auch die ,, da vorn und da oben" werden bald nicht mehr wissen, was sie sollen, wollen, wollen sollen und sollen wollen. Da schaut! ,, Brot fassen!" Der Brotwagen mit den zu tmer einem Gebirge aufgetürmten Laiben fährt durch die Pappelfährt allee, als ob nichts geschehen, kein Amerikaner in der Nähe dar wäre und es ewig so weitergehen sollte. ,, Brot fassen!" Ann, bis genehm klingt der Brummbaß in den Ohren, er kündet Platz einen der seltenen Fälle, daß sich eine den Gestreiften günesetzt, stige Parole verwirklicht. Ist es übrigens nicht schnöder Undank gegen die Lagerparolen, so verächtlich von ihnen zu die reden? Jeder schimpft zwar über sie, keiner möchte sie aber Ebene entbehren. Waren welche da, war es schlimm, fehlten sie, nomwar es noch schlimmer, und jeder hielt die seinigen für die dem besten. Und wer spricht von ihrer Unzuverlässigkeit? Per ibt's? saldo, wie die Kaufleute sagen, beginnen sie sich zu verVor wirklichen, eine nach der andern, in unübersehbarer Reihensing" folge, was man von ihren hochnäsigen Verwandten in Münnicht. chen nicht sagen kann, den Parolen des ,, V.B." cheint Woher Und wer kommt denn da die Gasse entlanggependelt? Ist das nicht ein Aaronsstab? Ja, das ist ein Aaronsstab! 198 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Eine lange Stange, wahrhaftig, die eine kurze Gestalt mit sich führt, den Knaben Hiob mit roten Bäcklein und blauen Augen! Willkommen auf dem Block, du Mann mit dem Pilgerstab! Willkommen! Endgültig gerettet! Nachmittags. Die Transporte scheinen in der Tat endgültig abgeblasen zu sein. Das gibt eine gute Stimmung, die dem schlechten Regenwetter wohl standhält, das dem Wettersturz jäh folgte. Ich sitze auf einer Bank im Gang des Reviers, wo ich auf den Capo warte. Er soll mir helfen gegen die Nierenentzündung, deren Anzeichen der Arzt gestern festgestellt hat; man soll nach einer alten Kriegsregel seinen Sieg ausnützen, sonst verwandelt er sich in letzter Minute ins Gegenteil, und so will ich's versuchen, sei es, daß sie mich aufnehmen, sei es, daß sie mir Breikost verschaffen. Fritzle, des Generaldirektors Sohn, der es als 17jähriger alle Achtung! weiter gebracht hat als ich, nämlich bis zum Vertrauten des Capos, dieses Fritzle tut zwar alles, um mich abzuschrecken: zwei liegen schon in einem Bett; ob ich das wolle? Als ob's auf den Blöcken nicht noch schlimmer wäre! Und mein Freund, der Hubersepp, berichtet, daß die Diät abgeschafft sei, weil sie nichts mehr haben. Aber ich verstehe auf dem linken Ohr nicht recht und bin überhaupt ein Mensch, schwer von Begriff. Soeben treffe ich Swida, den alten Freund aus Olims Zeiten. Ich spreche ihn an und höre allerdings bekräftigt, was ich den beiden Autoriäten nicht glauben wollte. Es gibt nur noch Einheitskost( siehe ,, V.B.", Artikel Vereinfachung), Brot von morgen aber vielleicht überhaupt nicht mehr. Doch nur ruhig Blut! tröstete Swida, der polnisch- russische Dolmetscher. Die Hauptsache ist, daß sonst alles gut steht". Wieso, was ist los?" ,, Hast du denn keine Ohren?" ,, Gewiß doch, du siehst ja, eins auf jeder Seite." ,, Also dann mach sie auf! Mehr sage ich dir nicht." Er kann - دو دو DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 199 sich aber doch nicht enthalten, mir das Allerneueste zu ver- raten: die SS türmt in vollen Zügen; den Polizeicapo haben sie wegen Dieberei fast gelyncht; er hat sich deswegen der SS angeschlossen. Drei, nach andern fünf Capos aus Buchen- wald haben sie nicht fast, sondern ganz gelyncht, nämlich aufgehängt wegen Häftlingsdrangsalierung. Gesehen habe ich es nicht, aber auf Swidas glaubwürdiges Gesicht hin - schreibe ich es auf: schon das Gerücht spricht Bände. Hunger- visionen? Wohl möglich, denn heute lautete der Morgengruß des Stubenpharaos sehr tröstlich:„Brot gibts heute nicht.“— Dessen ungeachtet esse ich die kümmerlichen Überreste des meinigen-in einem Anfall von Verschwendungssucht auf, desgleichen die Fruchtpaste, die mir Guy Ebrard geschenkt hatte, ein protestantischer Medizinstudent aus Lyon, den ich einmal, als ich mehr hatte als er, bedachte. Verpflegung ist nur für zwei Tage da; es gilt daher den Riemen noch enger zu schnallen als seither. Höchste Zeit ist es also, daß sie kommen. In andern ‚Lagern, die von ihnen befreit wurden, haben sie eine halbe Stunde nach ihrem “ Eintreffen bereits Lebensmittel für drei Divisionen aus der Luft abgeworfen. Wir müssen immerhin mit einer Fastenzeit rechnen; das ist der Preis, den wir für unsere Freiheit gern zahlen. Gerne? Einige äußern die- Ansicht, daß das ständige Hin und Her nicht ganz zufällig sei. Sie führen es auf eine bewußte Taktik der Lagerleitung zurück, welche, so sagen. sie, mit, einem scheinbaren Eifer sich nach oben zu decken sucht, während sie in Wirklichkeit schon längst zur Übergabe be- reit ist,— eine Annahme, die etwas für sich hat; denn so in der Wolle gefärbt sind nur wenige, daß sie nicht im letzten Augenblick das tun, was ihnen erlaubt, die eigene Haut ins trockene zu bringen. Eines ist auf jeden Fall merkwürdig und stimmt mich zum Dank gegen Gott: daß ich, seitdem die Hungerkur 200 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF eingesetzt hat, weniger über Hunger zu klagen habe als je zuvor. ,, Mein Vater siehet tausend Wege, wo die Vernunft nicht einen weiß." Schöpfte mir doch heute Wegener, der Warschauer Vikar, unter dem Laubhüttendach aus einer umfangreichen Schüssel einen Brei aus Haferflocken heraus, eine Art Pudding. Der schmeckte so gut, wie mir nur je einer gemundet hat in meinem an Puddinggenüssen ziemlich reichen Leben. Sonst muß der geistige Aufstrich herhalten, das Ragout der russischen Deklinationen und die spanische Konjugationsmarmelade. Die Sammlung, die für solche Genüsse nötig, will freilich mitunter versagen. Die allgemeine Nervosität schlägt über den Nachen und füllt auch mein Boot mit dem Gischt innerster Erschütterung. Die Armbinden mit dem Aufdruck ,, H.P."( Hilfspolizei) vermehren sich wie die Karnickel und erfüllen die Seele ihrer Träger mit einem amtlichen Bewußtsein von Würde, das sich auf ihrem Antlitz widerspiegelt. Immer mehr Arme sieht man durch sie in Ellenbogen der Obrigkeit verwandelt. Sie scheinen zugleich den Inhabern als Amulett einen Schutz gegen den bösen Blick der unangenehmen Überraschungen zu gewähren. Ich möchte indes nicht untersuchen, wieviele in einer verschwiegenen Ecke selbst geschneidert und ohne lange Rückfragen bei hoher und höchster Stelle über den Ärmel gestreift worden sind. Wer wagt, gewinnt! Auch der Hubersepp tritt neuestens mit einem solchen Zauberring auf. Als ich aber die überflüssige Frage an ihn richtete, ob und wie ich mich auch mit einem solchen Amtsstempel unter die Offiziösen aufnehmen lassen solle, winkt er schon von weitem ab. Natürlich, denn: Quod licet Jovi, non licet bovi."*) So sitze ich denn wieder einmal im langen Wandelgang des Reviers, lese, schreibe und wundere mich wiederum, daß mich keiner der gestreiften Nutznießer des süßen Kran*) ,, Was erlaubt ist dem Jupiter, ist nicht auch erlaubt dem Ochsen." DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 201 kenbreis aufschreckt. Ich erfreue mich jener idealen Nichtbeachtung, die so förderlich ist für das stille Nachdenken und den Fortschritt geistiger Arbeit. Sie scheinen kein Auge mehr für den Fremdkörper zu haben, der sich hier breit macht, oder keine Lust, ihn zu entfernen. Ist dies der Schatten, den das große Ereignis in die Gegenwart vorauswirft, und der eine so lagerwidrige Erscheinung wie die meinige mit milder Duldung zudeckt? Seit heute mittag haben die Gestreiften das Heft in der Hand, die Leitung ist gänzlich an sie übergegangen. Das mag versöhnend wirken und ausgleichend. Inzwischen äuge ich, daß dies festgestellt sei, zuviel nach der Türe der Breiküche, ob nicht mein Wohltäter erscheine und mich wie in alten Zeiten mit einer Kostprobe erquicke; eine Hoffnung, deren Verwirklichung bei dem mageren Stande der Dinge nicht viel Aussicht auf Verwirklichung hat. Es ist ja kaum 24 Stunden her, daß mich der Wackere auf ein Wurstrad von bemerkenswertem Umfang gesetzt hat. - Ich bin so froh, daß die Pastoren wieder zurückgekehrt sind; und das auch aus sehr selbstischen Gründen. Ich merkte erst jetzt, wieviel ich dem Märtyrerblock verdanke an Aufrichtung, oft nur unbewußt, aber desto wirksamer. Die Einsamkeit wäre eine große Last für mich gewesen, die Einsamkeit mitten im Gewühl der ,, Vielzuvielen". - - Es hat doch eine eigenartige Bewandtnis mit den christlichen Theologen. Sie sind Sünder wie andre auch, das ist wahr und wird auch im Märtyrerblock nicht widerlegt; sie sind die letzten, die es leugneten. Aber trotzdem oder gerade deswegen? umwittert sie ein Hauch so hoher Menschlichkeit, daß man geneigt ist, sie als eine besonders liebenswerte Abart des homo sapiens anzusehen. Die Nüchternheit und Unbestechlichkeit ihres Urteils, die ihnen den Haß der Herrenmenschen eingetragen hat, welche nur urteilslose Herdenmenschen brauchen können; die Milde ihres 202 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - von der Vergebung lebenden Sinnes, der Geduld trägt mit den Schwachen; die Unbeugsamkeit ihres Bekenntnisses und die weltoffene Heiterkeit ihres, Gemütes. das alles macht sie zu Menschen von umgänglicherem Wesen, in deren Nähe uns wohl wird, und von deren zentraler Lebenskraft wahre Heilwellen ausgehen. ,, Jetzt wird's Dag!" ruft der schwäbische Legionär aus; ,, d'r Zweierblock wird in de Vierer' neig'sch dopft, da kommet auf ei einzige Schdub' 300 Mann!" Na, das sind noch keine 500, wie wir's auch schon erlebt haben, und außerdem: wir sehen das Ende. - ,, Nicht mehr lang, nicht mehr lang währt die Prüfungszeit." Das läßt alle Widrigkeiten in einem milderen Licht erscheinen als früher, wo man der Folter kein Ende absehen konnte. Jetzt strecken wir schon den Kopf durch den Kamin, wie lange wird es noch dauern, und wir sind ganz draußen! - In dem Zweierblock, seit den ältesten Zeiten die Domäne der Deutschen, die Hochburg der Prominenten, Elite- und Musterblock, sind die Tschechen eingezogen. Die letzten werden die ersten sein und die ersten die letzten. Beginnt die Vergeltung? Mächtige Rauchsäulen steigen in der Gegend des Reviers auf. Eine Bewegung geht durchs Lager, als die Ursache bekannt wird: sie verbrennen die letzten Dokumente und Akten. Schlußẞ in Dachau das ist das Ende. - Pahzerspitzen waren bis nach Dachau vorgedrungen, sogenannte Spähwagen. Allein sie haben sich wieder zurückgezogen. Stündlich erwarten wir ihr Wiedererscheinen. Käufer, der Kommunist, will unmittelbar nach ihrer Ankunft nach DER VERNICHTUNGSTRANSPORT 203 vorne spritzen, um den maßgebenden Leuten das rechte Licht über das Lagerleben und vor allem über die korrupte Bonzokratie anzustecken. In dieser Absicht kann man ihn nur bestärken. Ob er Glück haben wird? Es gilt, manchen alten Posten zurechtzurücken. Siehe den Knaben Hiob! Es ist vieles gutzumachen. Später. Der Regen will nicht aufhören, aus grauen Wolken niederzuströmen. Die Armsten, die jetzt unverwegs sind! Hoffentlich müssen sie nicht unter freiem Himmel kampieren! Wer wird sich indessen um die Bequemlichkeit von Staatssklaven kümmern. Wie man hört, ist der traurige Zug vor München steckengeblieben. Die Straßen sind verstopft von Soldaten und ausgesiedelten Flüchtlingen. Ich spüre deutlich, daß ich dem Knaben Hiob besser unter die Arme greifen sollte, statt es ihm als Luxus anzukreiden, wenn er an noch Ärmere weitergibt, was dem Armen zugeschoben war! 127 Uhr. Bedeutsamer Augenblick voller Spannung und Aufregung! Sämtliche Lagerführer flattern flügelschlagend und gackernd zwischen den Pappeln umher: die ersten Wagen vom Roten Kreuz treffen ein. Es sind Lastwagen von gewöhnlicher Größe, weiß, mit dem mächtigen Kreuz in Purpur, nicht dem Kreuz, das Haken hat, nein, das andere, das unsrem Blick von Jugend auf vertraut ist. Im Nu umflattern die besagten Hennen die Erscheinung aus einer lichten Welt wie Vorboten des kommenden Tages, der im Anbrechen ist. Aber auch die weißen Armbinden sind da, die Lagerhähne, und wozu anders, als um einen Kordon zu bilden und auf die aufrührerischen Hennen mit geschwelltem Kamme loszufliegen und sie krähend auseinanderzutreiben. Selbst die Vögte sind noch da, wenn auch nur in einigen Vertretern der untersten Stufe, die wohl fühlen, daß sie im Zeichen 204 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF des untergehenden Mondes der Sonne weichen müssen, die aufgeht in ihrer Pracht. Sie machen einen fast schüchternen Eindruck, wie sie herumstehen, nichts mit ihren Händen anzufangen wissen und zu guter Letzt ihre Verlegenheit zu verbergen suchen, indem sie die Chauffeure um Feuer bitten für die ausgegangenen Zigaretten. 205 ZWOLF UHR! Die weiße Fahne flattert über dem Lager, aber die Nacht der langen Messer" bleibt aus. „ Die Kämpfe nähern sich", doch wir lassen uns nicht im Vespern stören. ,, Die Ameriganer san scho do!" ruft ein Österreicher, und auf dem Türmchen flattert die Trikolore. Ein Zeitungsmann wird auf den Schultern durch die Straße getragen und von seinem Schulkameraden wiedererkannt. Die ersten Küsse auf Block 10. ,, God save America!" Der erste Mai im Schnee und das Lager ein Flaggenmeer. Ein amerikanischer Feld prediger reicht uns die Bruderhand, und die Polen richten das Kreuz auf. Gottes Mühlen mahlen langsam. ,, Ich bin schon wieder da!" Wir fühlen uns allmählich wieder als Menschen. Von einer Rede, die gehalten, und einer Nach- Rede, die nicht gehalten wurde. ,, Beräubert die Räuber!" ..Wann dürfen wir heraus?" Erinnerungen an alte Lagerzeiten werden wach. Gefangene und doch frei! Warum dem Biblizisten die Zunge aus dem Munde gerissen werden soll. Wir geraten in ein Entdeckungsfieber, und ein geistlicher Herr entdeckt die Restkirche. 206 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Vom feierlichen Requiem in der Dachauer Kirche und von der Kaffeestunde im Dachauer Pfarrhaus. ,, Mein Unglück ist mein Glück". Eine violette Limousine trägt sieben Mann ins Freie! Hurra, hurra! Sonntag, 29. April 1945, morgens. t Die weiße Fahn' ist da! Die weiße Fahn' ist da, hurra, hurra! Wieder einen Schritt weiter! Aus allen Blöcken strömt es zum Appellplatz, um das kleine Stück weißen Tuches zu bestaunen, das auf dem First des Bekleidungslagers, als Wimpel gehiẞt, im Morgenwinde flatterte. Die weiße Fahne das heißt, daß das Alte abgelebt ist, abgewirtschaftet hat, sich gezwungen sieht, dem Neuen Platz zu machen. Möge nun auch unter uns ein neuer Geist erwachen, der Geist der Einmütigkeit und Liebe, welcher den alten des Hasses und der Entzweiung vertreibt. Windgasse, der Evangelist, mußte zu seiner Empörung und Trauer feststellen, daß seine Strümpfe abhanden gekommen, und das auf Block 26! ,, So das geschieht am grünen Holz..." Der Umschwung der Gesinnung hat also noch einen weiten Weg, ehe er uns erreicht hat. Er kommt nicht durch äußere Umwälzungen, sondern umgekehrt; der Geist von oben allein vermag ihn zu schaffen.- Der tote Punkt ist übrigens wohl überwunden. Die ,, Nacht der langen Messer" ist gefahrlos vorübergegangen. Wir haben's nicht verdient. Keine Hand hat sich gegen uns gekehrt, um die Rachepläne gegenseitiger I 3. ! S ' 1 r ZWOLF UHR 207 Vernichtung auszuführen, die von langer Hand her gegen die Deutschen geschmiedet waren. Gott sei Dank, Er hat es den Elementen der Zerstörung nicht erlaubt, die Schleusen zu öffnen und den Segen der bevorstehenden Befreiung in den Fluch der gegenseitigen Zerfleischung zu verwandeln. Die Übergabemannschaft befindet sich bereits am Tor, Mann stark( 2 SS- und 1 Wehrmachtsoldat), um die Ankunft des Uncle Sam noch im Laufe des heutigen Tages zu erwarten. ,, Sehr gute Botschaft"! ruft Pfarrer Kreuzberger; ,, der Arbeitseinsatz strahlt; jede Minute erwarten sie die Befreier". 3 O, der herrliche blaue Himmel, von welchem eine goldene Sonntagssonne. strahlt! Die Wärme kommt jedoch nicht zur Wirkung, weil von Westen her ein kalter Wind miẞgünstig weht und die für milde Luft so empfängliche Haut ungemütlich abkühlt. - Auf unsere Stube zerrten sie einen merkwürdigen Gestreiften herein. Sie hatten ihn aufgestöbert und trotz seiner Zebrakleidung als falschen Hasen erkannt. Noch gestern war er SS- Mann und Kommandoführer im Kesselhaus. Die gestreiften Kleider steigen im Kurs- Umwertung aller Werte. In Flossenbürg boten amerikanische Soldaten 500 Dollars für ein Häftlingsgewand, original notabene, mit echtem Winkel und Nummernstreifen. Die Geschichte läßt mir gleichwohl einen bitteren Geschmack im Munde zurück. Der arme Tropf hatte gewissermaßen, indem er in unsere Uniform schlüpfte, uns als Sieger anerkannt und um Gnade gebeten. Ich will nichts von der zähnefletschenden Engstirnigkeit wissen, die, von jeder Großmut verlassen, den am Boden liegenden Feind zertritt, statt ihn aufzuheben. Die Predigt hielt heute Pfarrer Rackwitz aus Neukölln. Mitten ins Abendmahl hinein krachte es plötzlich wie von einer heftigen Explosion, daß die Wände zitterten und die 208 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Fenster klirrten. Wir hatten nicht Muße, uns Gedanken zu machen, denn wir waren bei Christus zu Gaste, und das Wunder des Altars nahm Herz und Sinne gefangen. Keinen Augenblick zauderte unser Bruder, Pfarrer Rackwitz, die Feier fortzusetzen, noch war in seiner Stimme ein ängstliches Vibrieren zu bemerken. Im Unterbewußtsein mag freilich manchem die Frage aufgestiegen sein: Was geht vor? Ist er schon wieder von kalten Stürmen bedroht, der junge Keim der Freiheit? Was ist geschehen? Sind Bomben gefallen? Sind Kämpfe aufgeflammt? Wie nachher gesagt wurde, traf nichts zu von alledem. Nein, unsere Vögte hatten Sprengungen vorgenommen, um die letzten Spuren ihres Hierseins zu tilgen in weiser Voraussicht des Kladderadatsch. Den Hauptteil der Archive hatten sie schon 14 Tage zuvor dem ewigen Schweigen des Feuertodes überantwortet. Nach dem Mittagessen fange ich Bruchstücke eines Gesprächs auf, aus dem ich nicht klug werde, das mir aber doch im Zusammenhang mit unserer Lage zu stehen scheint. ,, Dörr ist tot.... der und der ist ebenfalls tot...." Als der Angeredete Näheres wissen will, erklärt der Berichterstatter mit einem argwöhnischen Blick auf mich, den ich nicht verdient habe: ,, Darüber redet man nicht", fügt indessen noch hinzu: ,, Das Rathaus von Dachau haben sie gestern besetzt, ein Obersturmführer..... Mehr konnte ich nicht verstehen, denn die Rede erstarb im Geflüster. 66 Abends 5 Uhr. Kurz nach der Austeilung der Brotzeit gab der Blockpascha folgende Befehle durch: ,, Die Kämpfe nähern sich dem Lager. Sobald geschossen wird, alles auf die Blöcke! Niederlegen!" ZWÖLF UHR 209 Wir ließen uns nicht aus der Ruhe bringen, sondern fuhren fort, unser Vesper einzunehmen und unsern Tee dazu zu winken. Horch! Es beginnt zu schießen. Das Donnergrollen der Artillerie scheint sich uns zu nähern. Auf einmal Schreie und Gebrüll:„O, o, o, o, o!“ wie von Willkommrufen. Aus der Ferne rauscht es wie der Frühlingsregen eines tausendfältigen Viktorias.„Bravo, bravo!“ echot es im Schlafraum:„Sei doch ruhig, wir wollen auch was hören!“ „Still, sei kein Kind!“ Die Windsbraut lärmenden Jubels setzt sich draußen fort, ohne daß einzelne.Worte oder Töne zu unterscheiden wären.© Gott, ist es die Stunde der Freiheit? Mach uns ihrer würdig, mach uns dankbar unser Lebenlang! Reiß den Haß heraus aus unsern Herzen!“ „Die Ameriganer san scho da!“ ruft ein Österreicher;„dia kommet grad recht zum erschde Mai“ ein Schwabe, der Legionär aus Stuttgart, der mit dem Kalender auf gutem Fuß steht. 6 Uhr 10. Wahrhaftig! Auf dem Türmchen weht über dem Tor das Sternenbanner neben einer Fahne, welche die Farben rot- gelb-schwarz und als Inschrift die Buchstaben RF aufweist Auf dem Pfarrerblock- wird ein belgischer Pressevertreter enthusiastisch begrüßt. Er war der amerikanischen VII. Ar- mee attachiert. Kaum war er durchs Tor hereingekommen, als ihn die Gestreiften jubelnd auf die Schultern nahmen. Auch für Überraschung ist gesorgt: einer der Häftlinge stürzte auf ihn los, drückte seine Hände, indem ihm die Tränen über die Backen liefen und er unter Lachen und Weinen rief:„Andre, kennst du mich nicht mehr, deinen alten Schulkameraden aus Brüssel?“ Und wahrhaftig, Andre erkannte ihn wieder, den alten Schulfreund aus Brüssel, an dem Ort, wo er ihn am wenigsten gesucht hätte; und die beiden feierten ein bewegtes, ungewöhnliches Wiedersehen, der Befreier und der Befreite. Fünf Minuten vor Zwölf 14 210 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Er wurde von tausend Fragen bestürmt, die er auf französisch beantwortete; ich konnte vieles nur notdürftig verstehen: so, daß Hitler nur noch 48 Stunden zu leben und Himmler bedingungslose Kapitulation zugestanden habe mit der Bedingung, daß die Russen ausgeschaltet werden sollten, was aber nicht angenommen worden sei. Der Widerstand, den sie gefunden, sei nicht groß, sie müßten aber sachte vorgehen. Gestern habe der Dachauer Volkssturm den Versuch gemacht, uns zu befreien, sei aber von der SS abgewiesen worden. Das geschah wohl in dem Augenblick, als Panzeralarm gemeldet wurde. SS und Wehrmacht sollen sich dabei in die Haare geraten sein und sich gegenseitig beschossen haben. Vom Balkon des Jourhauses hielt ein amerikanischer Offizier eine Ansprache, die dadurch mehr als vorübergehende Bedeutung gewann, daß zum ersten Male in der Lagergeschichte der Name Gottes an diesem Ort der Gott- Losigkeit öffentlich in Ehrfurcht genannt wurde. Die atemlos lauschenden Häftlinge forderte er auf zum Gebet, indem er ihnen, seine Hände ineinander schlingend und heftig schüttelnd, zurief: ,, God is your friend!"*) Das Zeugnis, das für viele in dieser Stunde unerwartet gekommen sein mochte, übte einen um so nachhaltigeren Eindruck auf die Zuhörer aus. ,, Ce sont des Français, pas d'Américains!**) behauptete ein Franzose, der diese Geschichtsfälschung der gloire seines Volks schuldig zu sein glaubte. Die Wache auf dem westlichen Turm ist bereits überwältigt. Wir hören wiederum das Knallen von Schüssen einzelne Posten scheinen die Lage noch retten zu wollen, vergeblich! Immerhin haben die Salven genügt, die Gefangenen, die eigentlich schon Befreite sind, auf ihre Blöcke zurückzujagen. *) ,, Gott ist euer Freund": **) ,, Das sind Franzosen, keine Amerikaner!" sie ver ber hr- ich fli- 1de ‚er- ig- los eie nes star um die ben ZWÖLF UHR 211 Hier wird das aufwühlende Ereignis in allen möglichen Sprachen und Stimmungsgraden besprochen, berufen, be- schrien, besungen und mit Tee begossen. Daneben wird dem Limburger Käse zugesprochen, der zum, Vesper ausgeteilt worden ist, und dessen Winzigkeit der festlichen Gelegen- “heit keineswegs angemessen ist.„Vor Freude sind mir die Tränen gekommen“, bekennt unumwunden ein sentimentales Gemüt:„Schäm dich ihrer nicht, sie sind wohl geweint“, bestärkt ihn ein anderer.„Die Freud’ wär überstanda“, läßt sich ein dritter hören, der Legionär aus Stuttgart. Ich eile auf die Gasse und höre, es seien doch Ameri- kaner, nein Engländer!— nun, mag es sein, wer es will: Wir sind frei! Und es waren doch Amerikaner! Sie haben auch Tote— für uns! Auf Block 6, dem Russenblock, weht die erste rotweiße Fahne. Woher sie nur das fortschrittliche Tuch bezogen haben? Gleich darauf bekomme ich von Hartmann, dem Laibacher Nr. ı, die ersten Glückwünsche, als ob ich es wäre, der’s geschafft:„Ich gratuliere!“ Ich weiß in des Augenblicks Drängen nichts Gescheiteres zu erwidern als: „Ich auch!“ Horch! Wieder Geböller,‘ woher? Immer neue Freuden- schreie aus der Gegend des Westturms. Ich muß doch selber nachsehen, was es gibt. Bei den Slawen sind die Außerungen der Begeisterung besonders lebhaft. Die ersten Küsse werden im Vorraum des 10. Blocks getauscht; ganz zufällig werden ein paar Schwabenaugen Zeugen dieses historischen Ereignisses. Und plötzlich fühle ich mich gleichfalls von einer unbekannten Macht in den Arm genommen, und ein Mund drückt mir einen symbolischen Kuß auf die Wange.— Swida ist’s, der Pole, was blieb mir anders übrig, als ihn aus einem von ‘Jubel überwallenden Herzen freudig zu erwidern? Also 14° 212 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Gott sei Dank: Freudentränen, kein Haß! Dank! Das Gefühl der Zusammengehörigkeit regiert die Gemüter und läßt der Rachsucht keinen Platz. Unsre Gebete sind erhört. Ihm sei Dank in der Höhe! Im Herrnhuter Losungsbüchlein lasen wir diesen Morgen für den heutigen bedeutungsschweren Tag folgende Worte: ,, Alles Fleisch sei stille vor dem Herrn, denn er hat sich aufgemacht aus seiner heiligen Stätte." Zions Stille soll sich breiten Sacharja 2, 17. auf mein Sorgen, meine Pein, denn die Stimmen Gottes läuten Frieden, ew'gen Frieden ein!" Und als Lehrwort: ,, Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Joh. 20, 19. Der Wochenspruch lautete auf den heutigen Sonntag Cantate: ,, Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!" Psalm 98, 1. Montagmorgen Ich habe mir nachträglich die Herrnhuter Losung angesehen und eilte, sie samt dem sogenannten Lehrtext und dem Wochenspruch abzuschreiben, so, wie die wundersamen Worte von Pfarrer Rackwitz gestern morgen, als wir noch keine Ahnung von der Wucht der sich überstürzenden Ereignisse und der Bedeutung dieses Sonntags Cantate hatten, zu Beginn des Gottesdienstes vorgelesen wurden. ,, Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!" Das war ZWÖLF UHR 213 ja auch das Wort, das der Knabe Hiob in der letzten Woche immer wieder anführte, als seine Sache so schlecht stand, daß keine Hilfe mehr möglich war. Zweimal war er für den Transport ausgesucht worden; selbst der Arzt hatte seiner Wegschickung zugestimmt, nichts schien ihn mehr retten zu können als ein Wunder, und das Wunder geschah. Er ist noch unter uns und kann das Fest der Befreiung mitfeiern. Eine unvergeßliche Erfahrung der Treue dessen, der auch dem Ungetreuen die Treue hält. Warum denn nun aufs neue so gedrückt, o Knabe Hiob? Warum diese Miene eines Leichenbitters am Tage, da die Freudentränen rinnen? Ach, so gerne möchte er sich von Herzen freuen, aber Trauer überwältigt ihn, wenn er an sein Vaterland denkt, das zur gleichen Stunde am Boden liegt. Doch wie? Darf nicht auch Deutschland dieses Sieges Früchte mitgenießen? Ganz gewiß, man muß den Dingen nur auf den Grund sehen. Hätten die gesiegt, die jetzt vollends zerschmettert werden, wäre das nicht das größte Unglück, ja eine furchtbare Niederlage für Deutschland gewesen? Denn der Abfall hätte sich im Siege vollendet. Unser Übermut hätte unsern endgültigen Fall besiegelt. Indem uns Gott aber im Zorn entgegentrat, bewies ER seine Güte an uns, die uns noch einmal Raum zur Buẞe schenken wollte. ER gab uns teil am Sieg derer, die uns besiegten. Konnte sich das Feldherrntum Christi überlegener vor aller Welt erweisen? Darum Kopf hoch, mein Bruder, du darfst weinen mit den Weinenden, aber zugleich lachen mit den Siegern als Mitsieger- übe dich darinnen, Knabe Hiob, das ist der Künste köstlichste! - Ein rauher Tag, an welchem die Winde unwirsch dahinstürmen und uns auch im Innersten frösteln und frieren machen. Aber es sind die Wegbereiter des Frühlings, die Stürme, die das Alte wegfegen, daß es dem Neuen Raum mache. Seht, wie es sich mit Macht durchsetzt gegen Wolken und Finsternis. ‚ FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF „Süßes Licht, süßes Licht, Sonne, die durch Wolken bricht!“ Die ungeheure Erregung, die gestern abend einen Höhe- punkt erreichte und sich im Absingen der Marseillaise Luft machte, ist im Abklingen begriffen. Sie drängt desto leb- hafter nach außen, indem sie sich in Symbolen Raum zu| schaffen sucht; in äußeren Abzeichen dessen, was das Innerste mit Unruhe und Bewegung, mit Freude und Hofl- nung erfüllt. Fast auf jedem Dach sieht man eine Fahne; auf Block 8 weht das Sternenbanner:| „God bless America, land that I love Stand beside her and guide her 'Thru the night with a light from above, From the mountains to the prairies To the oceans white with foam. God save America, My home, sweet home!“ Der zweite Block hat sich mit dem jugoslawischen Banner geschmückt. Unter dem violetten Kirchenkreuz segelt das Pfarrerschiff, von dessen Mast, der neuergrünten Block- pappel, der Aprilwind einen Wimpel in den päpstlichen Farben gelb-weiß siegesfroh flattern läßt. Eine Welle nationaler Begeisterung geht durch viele hin- durch, sonderbar genug und doch nicht unverständlich in dem Augenblick, wo die völkischen Übergriffe Deutschlands ihre Rächer zu finden anfangen. An ihren Mützen haben viele die Farben ihres Landes, einige den Sowjetstern be- festigt, wie sich auch auf der Spitze des Küchentürmchens die rote russische Flagge gewaltig bläht, mit Hammer und Sichel symbolisch geziert. Die Glückwünsche stehen noch in Blüte; auch ich empfing wieder einige Verbrüderungsküsse von meinem alten treuen Freunde Hennig, dem Journalisten aus Prag, und Popowitsch, dem Professor aus Belgrad; wie ZWÖLF UHR 215 lange schon hatten wir uns miteinander auf diesen Augenblick gefreut! Mittagessen gab es noch nicht, der Dampf fehlt, weil die Kesselhausanlagen von der SS im Abziehen schwer beschädigt worden sind; sie versäumten in sorgfältiger Überlegung nicht, uns ein Andenken zu hinterlassen, das uns sinnenfällig beweisen sollte, was alles wir mit ihrer betreuenden Fürsorge verlören. Zugleich war wohl an die menschenfreundliche Nebenwirkung gedacht worden, das Löschen zu verhindern, wenn das Lager, beim endgültigen Abzug in Brand gesetzt, in Flammen aufging. Dies soll als letzte Abschiedsallegorie unserer Vögte, ihr Werk krönend und zugleich vernichtend, festgestellt worden sein. Wir brauchen gleichwohl nicht zu hungern. Im Gegenteil, so üppig hat uns der Fleischtopf noch nie gelacht wie heute. Es war fast zuviel des Guten und läßt ernste Besorgnisse um die Unversehrtheit unserer Verdauungswerkzeuge aufkommen, dieser jähe Wechsel von bitterer Not zum feenhaften Überfluß. Zu einem Viertel Brotes wurde eine große, zwei Pfund schwere Büchse mit herrlichem Konservenfleisch aus Wülferts Laden verteilt, die wir kaum zu zweien zu bewältigen vermochten. Das war ein Leben! Und die Schale süßen Kaffees in Wegeners, des Warschauer Theologen, Laubhütte eingenommen, bildete einen würdigen Abschluß des Mahles. Kein schlechter Anfang, nein, kein schlechter Anfang! Wie heißt es in der heutigen Losung der Brüdergemeinde? ,, Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist!" Auch der Gaumen soll Zeuge sein der zarten Fürsorge unseres Vaters im Himmel! Später. welcher die wir Die weißen Binden haben Rivalen bekommen, eine wahre Musterauslese, nun aber nicht mehr als Amulette böse Blick könnte uns denn noch etwas anhaben -> 6, FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF „sehn das Sternenbanner wehen und im Land der Freiheit stehen!“ Die Binde mit dem Roten Kreuz, die zuerst im Kranken- bau aufkam, wo sie von rechtswegen hingehörte, sieht man jetzt allenthalben die Oberarme zieren, auf den Baracken, in der Lagerstraße und sonst, wo ihr Auftauchen etwas rätselhaft wirkt. Dann seit heute früh, von den Franzosen aufgebracht, eine Armbinde mit der pompösen Aufschrift: „Comit® International des prisonniers, Internationales Häftlingskomitee.“ Die deutsche Sprache ist, wenn nicht ganz verschwunden, so doch an den Schwanz gerückt. Das ist etwas ungewohnt für die seither der Herrenklasse und Edelrasse angehörigen Deutschen— fast hätte ich gesagt— Häftlinge. Aus den ersten sind die letzten geworden; und, die als etwas Selbstverständ- liches den obersten Platz am Tische beanspruchten(selbst im Lager), mußten einer harten Stimme Aufforderung vernehmen: „Freund, rücke hinab!“ Keine Phrasen! Wir müssen, unter uns'gesagt, froh sein, daß sie uns nicht den Schädel einge- schlagen haben; haben nicht die verschiedenen Sorten von Paschas, Moguls, Pharaonen, Capos und Stubendienst alles getan, um den Irrtum entstehen zu lassen, es sei unter den Deutschen kein Unterschied, ob SS-Führer oder Häftling, sie seien alle dieselben eichenen Klötze und gehörten sämtlich zur Familie der Stiere? Denn unsre Paschas waren ja bis in die letzte Zeit hinein fast nur aus den Deutschen genommen; und haben sie irgend etwas getan, um jene Meinung zu zerstören? Gewiß, die SS ist dadurch nicht im geringsten entlastet; im Gegenteil, es zeugt von der Abgefeimtheit, mit der sie vorgingen, als sie seit einigen Jahren die direkten Mißhandlungen mehr und mehr ablösen ließen durch die Quälereien der Gestreiften untereinander, so die menschliche Schwachheit und Bosheit in ihr System ein- bauend. Sie wußten wohl, daß ein Mensch zu allem fähig a u er ZWÖLF UHR 217 ist, wenn man ihm nur einen Futtertrog für den Magen und einen Stern am Kragen verspricht. Abends. Endlich kann ich doch ohne Heimlichkeiten und ohne das hebräische ABC zu Hilfe zu nehmen, meine Eintragungen machen. Ich war sogar dazu übergegangen, durch jeden Eintrag einen kräftigen Strich zu ziehen, um ja den Eindruck zu erwecken, es handle sich um etwas Abgetanes, Unwichtiges, Erledigtes. Windgasse, der Evangelist, berichtet mir, daß die Leichen der getöteten SS- Posten beim westlichen Wachtturm noch unbestattet umherlägen. Ich entschloß mich, hinzugehen und mich persönlich von der Richtigkeit der Mitteilung zu überzeugen. Es stimmte. Da lagen sie noch in den Uniformen, die nun schon einem vergangenen Zeitalter angehören. Arme Verführte! Auch um euch weinen sich zwei Augenpaare wund! Die eigentlichen Schuldigen seid ihr nicht, die haben sich aus dem Staub gemacht. Schnee am ersten Mai! 1. Mai 1945, früh. Fahnen am ersten Mai! Auf dem großen Platz Flaggen in allen Farben mit und ohne Aufdrucke. Auf rote und weiße Riesentücher werden in Riesenbuchstaben Riesensprüche gemalt. Am Vormittag. ,, Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" Man kennt. das Lager nicht wieder, weder nach innen noch nach außen. Aus den Gefangenen sind Freie geworden. Auf dem großen Platz wehen Fahnen vieler Völker, statt des Appells Ansprachen in 15 Zungen; vom Englischen des neuen Kommandanten bis zum Slowenischen des einfachen Balkanbauern. Woher sie nur den Stoff für all die Banner, Flaggen, Wimpel und Spruchtücher bezogen haben? Der Legionär macht sich Kopfzerbrechen über diese schwierige Frage. N., 218 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF sein Freund, findet sie nicht so schwierig. ,, Der Stoff", belehrt er ihn ,,, war die geringste Sorge. Kilometerweise lag er hier, in allen Farben. Sie hatten ihn doch für einen sehr wichtigen Zweck gebraucht, für die Winkel; die roten, die grünen, die blauen, die gelben, die violetten, die rosa, die schwarzen Winkel. Hunderte von Ballen lagen aufgestapelt da. Nichts leichter, als sie in die flatternden Zeichen unserer Freiheit umzuschneidern, die vorher dazu hatten dienen müssen, unserer Knechtschaft Symbole darzustellen." - Und die Inschriften, die Aufschriften, die Über- und die Unterschriften bald werde ich die Abschriften hier zu stehen haben. Im Laufe von zwei Tagen diese Wandlung! Noch vorgestern ein Heer von 25000 Sklaven, die nach Nummern gezählt wurden, aber sonst keine Nummer hatten, und die nichts halten durften als den Mund, und heute eine Armee von Befreiten, die in eigener Rede sagten, was sie bewegte, und die ihren Befreiern auf einer Tribüne den Dank zum Ausdruck brachten, der ihnen aus dem Herzen quoll. Redefreiheit! Und jedesmal, wenn sich einer von den american boys in ihren einfachen, aber schmucken Uniformen zeigt, ist er umringt von einem Dutzend von dankbaren Gemütern, die lustig mit ihm radebrechen, und deren Begeisterung ins Ungemessene schwillt, wenn er die Zigarettenschachtel herauszieht und in großmütiger Freigebigkeit das unersetzliche Kraut an die sich um ihn Drängenden verteilt. - - Den Dank gegen Gott haben wir ihn vergessen? Zuerst waren die Katholiken auf dem Plan mit einem Tedeum, das noch am Abend des Befreiungssonntags in der Kapelle zelebriert wurde der erste Gottesdienst, zu dem auch die ehemaligen Häftlinge ungehindert Zutritt hatten. Glaubensfreiheit nicht bloß ein hohles Versprechen! Die Evangelischen ließen sich bis heute Zeit, und Windgasse, der Evangelist, wollte sogar noch heute morgen die Segel ZWÖLF UHR i 219 streichen:„Wir müssen uns jetzt fügen; wer weiß, ob wir überhaupt in der Kapelle zugelassen werden?“„So“, wehrte ich mich, zornig ob solcher Kleinmütigkeit,„ist das unser Dank, daß wir des Dankes vergessen? Da wird nichts draus! Güt, wir gehen ins Freie, bekommen wir die Kapelle nicht! Aber unsern Gottesdienst halten wir nach wie vor.“ Doch siehe, die Sorge war überflüssig. Wir hielten unsere Dankes- andacht vor dem Altar wie immer. Und heute nachmittag hatten die Holländer sogar ihre eigene Feier über Psalm 124: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Strick des Voglers, der Strick’ ist zerrissen und wir sind frei!“ Guillaume, der Prediger, gab eine Auslegung, die aus tief- stem Herzen kam. Vieles konnte ich, obschon des Hollän- dischen völlig unkundig, verstehen, und den Rest verdeut- lichte„der Heilige Gheest“. Ihre alten holländischen Psal- men klangen wunderbar kräftig. Schade, daß sich manche nicht zu einer freudigen Sieges- stimmung aufschwingen können. Sie stoßen Unkenrufe aus, ‘ die der herrlichen Gotteshilfe nicht gerecht werden. Selbst Deutschlands Niederlage kann den Sieg nicht verdüstern, den die Gerechtigkeit errungen hat, denn Hitlers Sieg wäre ‘in Wahrheit Deutschlands Niederlage geworden. Daß wir im Lager nicht mehr die erste Geige spielen, was schadet’s? Ich habe Grund zu fürchten, daß bei einigen Kopfhängern die Ursache ihrer Niedergeschlagenheit daher rührt, daß ihnen das Spiel auf diesem angenehmen Instrument ins- künftig verwehrt ist. So trug jede Volksgruppe ihre Fahne voraus, sogar die Österreicher hatten ihre eigene Farbe, nur das Häuflein der übriggebliebenen Deutschen blieb ohne sammelndes Zeichen. Hart, hart, aber nicht unverdient.. Vom Transport der 8000 trifft schlimme Kunde ein. Die Spitze des Zuges soll nicht mehr leben, nach einigen sogar überhaupt keiner mehr. Armer Parolenmüller, warum folg- test du mir nicht? 220 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Mittwoch, 2. Mai 1945. Statt der linden Hand der Maiensonne lag heute morgen ein Chemisettechen von weißem Schnee auf den Dächern, gleichsam, als wenn der Winter sagen wollte: ,, Denkt nur nicht, daß ihr mich so schnell los werdet! Ich gebiete noch über Machtmittel, daß ihr staunt, und meine Bundesgenossen sind eure eigenen Herzen mit ihrer Finsternis und eisigen Kälte." - Hitler tot! Das Radio · jeder Block hat jetzt sein eigenes meldete es heute morgen, gerade als ich auf Block 19 den jungen Franzosen aus der Normandie aufsuchen wollte, mit dem ich zusammen auf dem Allacher Bauplatz arbeitete, und der jetzt plötzlich hier auftauchte. Zum Nachfolger, fuhr der zahnlose unsichtbare Mund fort, habe er Großadmiral Dönitz bestimmt. Leute, die das Gras wachsen hören, und zu denen zähle ich mich selbst in schwachen Stunden, horchen auf und wollen die Mär nicht recht glauben. Die einen sagen: ,, Er ist schon lange tot, nämlich seit dem 20. Juli 1944, und jetzt wird das endlich zugegeben"; die andern: ,, Er ist selbst jetzt noch nicht. tot. Er will sich in diesem Sarg als Führer begraben lassen, um als Räuberhauptmann wieder aufzuerstehen." Eine neue Art von Armbinden: die Pfarrersbinde. Sie gestattet den Angehörigen von Block 26 von heute ab den jederzeitigen Zutritt zum Revier, um an den Kranken Seelsorgedienst zu tun und den Sterbenden die letzte Wegzehrung zu geben. Glaubensfreiheit! Wir atmen auf. Endlich wird diesen Männern eine Rehabilitation zuteil; vorbei sind die Zeiten, da sie nur im geheimen Beichte hören und das Abendmahl austeilen konnten und die Gefangenen sich nur verstohlen und einen Fuß im Grabe sich zur Predigt schlichen, als ob es kein todeswürdigeres Verbrechen gäbe, als das Wort Gottes zu hören. ZWÖLF UHR 221 - In der Kapelle. Draußen hält das Auto des amerikanischen Kaplans. Hier drinnen haben sich einzelne Gruppen gebildet, die im Flüsterton miteinander reden. Noch sind die Spuren nicht ganz getilgt aus der Zeit, wo der Raum gleichzeitig als Fabriksaal dienen mußte.' Am Altar kniet ein Mann in Häftlingskleidung Häftlinge gibt's jetzt nicht mehr- dem ein anderer, ebenfalls im Häftlingsgewand, aber um Hals und Schultern die Stola geschlungen, die Beichte abnimmt, lang Versäumtes nachholend; während nebendran zwei Amerikaner sich von Pfarrern Bericht erstatten lassen. Der eine wird durch eine Schulteretikette als Kriegskorrespondent ausgewiesen. Windgasse, der Evangelist, unterhält sich in gedämpftem Tone mit einem Engländer im Alter von 28 Jahren, einem ehemaligen Kriegsgefangenen, der, aus Salzburg entflohen, sich 8 Tage in München versteckt hielt, bis ihm seine Landsleute die Möglichkeit gaben, sich hervorzuwagen. Er steht ganz unter dem Eindruck dessen, was er an diesem Ort hören und sehen muß, am meisten wie alle andern von den Scheußlichkeiten niedergeworfen, die im Krematorium ans Tageslicht kamen. Dort fanden die eindringenden Amerikaner wahre Berge von Leichen, teils schon in verwesendem Zustand, weil die Kohlen zur Verbrennung gefehlt hatten. Außerdem jenen fluchwürdigen Raum, der mit der harmlosen Aufschrift ,, Brausebad" die Eintretenden täuschte, als ginge es zum Bad, während drin schon die Trichter darauf warteten, über die Ahnungslosen das Giftgas in heimtückischen Schwaden ausströmen zu lassen, um sie in wenigen Minuten zu Leichen zu machen. Die Kammer dagegen, in welcher die Reinigung der verlausten Decken vorgenommen wurde, trug in Riesenbuchstaben zwischen zwei Totenköpfen die Warnung: ,, Vorsicht! Lebensgefahr! Gift!" Sie wußten also genau, was sie ihren Nebenmenschen schuldig 222 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF waren. Um so schwerer ist die Anklage der Hunderttausende, die sie in den Tod schickten durch die Tür mit der harmlosen Einladung: ,, Zum Brausebad." Ein furchtbares Gerücht geht um, zunächst unsicher im Flüsterton von wenigen nur geglaubt, jetzt aber immer bestimmtere Formen annehmend: der ganze Zug, der am Donnerstag abmarschierten Deutschen soll in der Nacht zum Sonntag umgebracht worden sein. Gott gebe, daß sich's nicht bewahrheitet! In schwerer Gefahr schweben sie, das steht fest, denn ihre Hüter sind ihre Feinde. Unsere Kost verbessert sich von Tag zu Tag. Morgens gibt es Milchkaffee mit französichem Zwieback, und alles so reichlich, daß wir kaum Herr drüber werden. Zum Mittag lieferten sie uns ,, Stacheldraht"; doch es war mehr Fleisch als Draht, und der Löffel stand darin, das Ideal war also erreicht. Wir hatten gedacht, verhungern zu müssen, aber: ,, Er hat vieltausend Weisen zu retten vor dem Tod." Unser Glück vermögen wir noch nicht zu fassen. Wir gleichen Genesenden, welchen es nur langsam gelingt, wieder auf die Füße zu kommen, und die Schritt um Schritt das Gehen wieder lernen müssen, kleinen Kindern gleich. Wir beginnen auch, uns gegenseitig mit menschlichen Blicken zu betrachten, nachdem wir uns jahrelang voreinander fürchten mußten wie ein Wolf vor dem andern. Vielen ist es unmöglich, sich rasch umzustellen auf die neue Lage, die eine Schwenkung um 180° bedeutet; wir sind keine Gefangenen mehr, nein wirklich nicht, sondern freie Leute. Aber die alte Umgebung, die alten Uniformen, die Kreuze auf dem Rücken, die Winkel und die Nummern auf der Brust, die kurzen Haare: diese Zeichen des Alten sind noch da, dazu die Blockpaschas und Stubenmoguls, die uns drunten hielten, auch sie sind noch nicht fort und ZWÖLF UHR 223 wirken mächtiger unter dem Einfluß jahrelanger Gewohnheit als die Gegenwart, die erst zwei Tage alt ist. Einige versuchten, die Tuchkreuze zu entfernen. Vergebliche Mühe! Die Kreuze bleiben als Vertiefungen, denn der Stoff ist den Balken entlang völlig ausgeschnitten. Ist's nicht mit dem Kreuz überhaupt so: wenn wir es entfernen wollen, gräbt sich's um so tiefer ein. Ei der Tausend, eine Lagerzeitung ist im Erscheinen begriffen. Pressefreiheit! Doch merkwürdigerweise nicht n der Sprache der Befreier, sondern französisch. Das katholische Pfarramt Dachau hat, das steht unbedingt fest, den Pfarrerblock gebeten, einige Geistliche zur Agnoszierung von Leichen hinauszuschicken, von denen man vermutet, daß es Priester seien, die bei dem verhängnisvollen Transport ums Leben gekommen sind. Sobald ich Näheres von bestimmtem Charakter erfahre, werde ich weitere Eintragungen über die Dinge machen, die jetzt als Gerücht von Mund zu Mund gehen. - 2. Mai 1945, abends 26 Uhr. Ein lutherischer Kaplan der 7. amerikanischen Armee- unsere Befreierin hatte einen Besuch angesagt und wollte zu seinen Glaubensgenossen sprechen. Schnell mußte ich noch einige ,, Laien" zusammentrommeln, den Knaben Hiob, M., den Sterngucker, und andere. Unglücklicherweise wurde gerade das Vesper ausgegeben, ein halbes Brot, Tee, Käse und Margarine; und da das Essen von jeher den Rang einer sakralen Handlung bei uns hatte, so war es schwer, jemand loszueisen außer dem Knaben Hiob. Nach einem zweiten Wecken haben sich doch einige zum Mitkommen entschlossen. Als wir eintreten, sind sie schon versammelt und singen jubelnd das alte Preislied unserer Kirche, daß es ist, als 224 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF ob die Dämme zerrissen seien und die Ströme des Dankes überfluteten die Ufer: „Lobe den Herrn, den mächtigen. König der Ehren, Stimme, du Seele, mit ein zu den himmlischen Chören! Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf! Lasset den Lobgesang hören! Am einfachen Rednerpult steht ein einfacher Mann in grüngelber Uniform. Um die Schultern hängt ihm ein stola- ähnlicher schwarzer Streifen mit aufgeprägten Goldkreuzen, mit welchem wohl ein vereinfachter Talar angedeutet wer- den soll. Er liest auf englisch das herrlich-feierliche Gebet des Großen Hohepriesters aus dem 17. Kapitel des Johan- nesevangeliums, betet aus freiem Herzen und gedenkt für- bittend auch Deutschlands, was von dem böhmischen Über- setzer übrigens unterschlagen wird. Dann richtet er folgende Ansprache an uns: „Meine lieben Brüder! Ich wollte, daß ich das Evange- lium unseres Gottes in deutscher Sprache predigen könnte, aber mein Deutsch ist nicht geläufig genug, und so muß ich englisch sprechen; mein Bruder hier wird es alsdann in eure Sprache übersetzen. Ihr habt gebeten, ich möchte einige Worte an euch richten, und ich will nun folgendes ‚sagen: Ich erinnere mich, daß ein deutscher Pfarrer, Martin Nie- möller, rühmte und bekannte:„Gott ist mein Schild!“ und das rühme und bekenne ich auch. Ich kann euch nicht gut predigen, denn ich weiß, ihr habt viel gelitten, was ich nicht erlitt. Aus diesem Grunde will ich euch etwas mit- teilen von dem Glauben, den wir alle miteinander gemein- sam haben. Ihr seid alle mutig eingestanden für die Über- zeugung, die ich habe, und die wir in Amerika haben. Der Feind hatte gedroht, unsere Ideale zu vernichten. Da haben wir uns dagegen gewehrt. Amerika sah, daß nichts anderes ZWÖLF UHR 225 zu machen wäre, als der Macht des Feindes wieder mit Macht zu begegnen. Ich hoffe aber, daß wir nie dem Irrtum verfallen, als ob wir die Welt gerettet hätten. Ihr mit eurem Glauben, wir mit unsern Waffen und Gott mit seiner starken Hand hat Europa die Freiheit gebracht... Für uns in Amerika ist Freiheit ein Bestand unseres Christenglaubens. Wir haben das gelernt von unsern Vätern, die aus Europa kamen. Aus vielen Ländern dieses Erdteils, besonders aus Holland, kamen die Menschen, die die Freiheit liebten, an die Küste von Amerika. Ihr waret so lieb und habt gewünscht, dieser Gottesdienst solle auch eine Gedenkstunde für die Soldaten sein, die aus dem amerikanischen Heere für die Freiheit gefallen sind. Vor allem sollen aber die nicht vergessen sein, die in diesem Lager für die Sache der Freiheit gestorben sind. Ich möchte, daß wir alle an die Worte unseres Hohenpriesters denken, die wir verlesen haben, und die wir mit gesenktem Haupt noch einmal hören wollen. Zu Hause singen wir ein Lied mit unsren Soldaten, das beginnt: ,, Vorwärts, Christi Streiter Marschieret auf, zum Sieg!" Wir sind nicht getrennt voneinander, nein, wir alle sind ein Leib, wir sind alle einig in der Hoffnung, in der Lehre und in der Liebe. Mein Glaube ist vertieft worden seit dem Augenblick, da ich euren Glauben und euch kennenlernen durfte. Es mag schwer sein für euch zu glauben, daß nicht ihr Christus, sondern Christus euch erwählt hat; aber es ist so, denn wir haben einen sehr ernsten Glauben. Wenn wir mit Christus leben, ist keine Despotie und keine Tyrannei imstande, seine Sache zu zerstören." Nachdem er noch seiner Freude darüber Ausdruck gegeben, daß wir das alte Lutherlied: ,, Ein feste Burg ist Fünf Minuten vor Zwölf 15 226 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF unser Gott" gesungen hatten, spendete er uns mit feierlich ausgebreiteten Händen den Segen. Wir waren alle sehr gerührt von der schlichten, aber echten Rede des Kaplans, so daß der tschechische Dolmetscher, Pfarrer X., in unser aller Namen sprach, als er ihm aus bewegter Seele dankte für diesen Gruß aus Amerika, der ein Zeugnis war für die kostbare Wahrheit von der Einheit der Kirche in Christus. Eine letzte Versicherung der Verbundenheit: ,, I was very happy to see you here", und die Feier endete mit dem gewaltigen: ,, Nun danket alle Gott!" Draußen wartete eine große Überraschung auf uns. Wir waren schon dabei, auf unsere weltlichen Blöcke abzuziehen, um Freund und Feind von dem bedeutsamen Augenblick Kunde zu geben, da wurden wir durch einen hellen Ruf zurückgehalten:„ Dableiben, wir werden geknipst!" Und wahrhaftig, wir wurden geknipst; wie lange haben wir die Kulturhandlung vermissen müssen, die in der ganzen Welt einheitlich mit einem ,, Bitte, recht freundlich", eingeleitet wird? Am aufregendsten wirkt aber doch auf mich, daß das Tor zum Kirchenblock jetzt offen und der Weg frei ist zu Kapelle, Kanzel, Altar und Gottes Wort. Das ist doch das Größte, und das verdanken wir Amerika! Wir selber hätten's nicht geschafft; nie soll es euch vergessen werden, die ihr das Tor aufbrachet und euer Leben hergabt für unsere Freiheit! Donnerstag, 3. Mai 1945. Das Kreuz im KZ! Das Christenkreuz! Wachen oder träumen wir? Nein, wir träumen nicht, wir haben unsere Augen ausgerieben und wachen. Da steht es, das Kreuz, ZWÖLF UHR 227 mitten auf dem Platz der Flüche, da steht es in stiller Majestät, weist gen Himmel und reckt seine mächtigen Arme aus nach Osten und Westen: ,, Ave sancta crux, spes unica nostra!" Das Christuskreuz, über Nacht ist es wie aus dem Boden gewachsen, ein Menetekel für die Ungläubigen: ,, Tandem vicisti, Galilaee!" Das ist einer der bewegendsten Augenblicke meines Lebens, der sich würdig anreiht an die Feier des ersten Abendmahles in St. Michael, und das größte Lagererlebnis, größer als die Stunde der Befreiung! Wie weggeblasen ohne Spur das Hakenkreuz! Und ohne daß wir einen Finger gerührt hätten, ragt es übers ganze Lager, das Kreuz. Nie, nie werde ich es euch vergessen, ihr Polen, ihr glaubendes Volk mit großer, aber leidensschwerer Vergangenheit, daß ihr den Mut hattet, einer ganzen Welt zum Trotz das Kreuz aufzurichten. Mir trat das Wasser in die Augen, Tränen des Dankes und der innersten Bewegung liefen mir über die Wangen, als ich des in seiner Einfachheit grandiosen Zeichens ansichtig wurde, das, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns stand. Das Kreuz hat gesiegt! Die Polen hatten es noch in der Nacht aufgerichtet für einen Altar von ungeheurer Größe, an dem sie zu ihrem heutigen Nationalfest die Messe zelebrieren wollten. Das Fest soll die Erinnerung an den Tag der Konstitution von 1791 frisch erhalten. Es soll ferner von diesem Altar aus auch ein allgemeiner Gedächtnisgottesdienst für die im Lager Gestorbenen gefeiert werden; wann? ist noch unsicher. Wird auch das Häuflein der Evangelischen gewürdigt werden, das Evangelium an dieser Stätte vor aller Welt zu bezeugen? Wie mir Janek sagt, ist das Kreuz 12 m hoch und 4 m breit. Er hat selbst mitgeholfen bei der Aufrichtung. Gottes Segen über ihm! 238"FUNF MINUTEN VOR ZWOLF Abends. Ein lieber Freund kann sich gleich dem Knaben Hiob nicht zu ungehemmter Dankbarkeit für die wunderbare Befreiung aufschwingen. Es droht ihm nach seiner Meinung Gefahr von einigen Übereifrigen, die schon seit einiger Zeit Wind davon bekommen haben, daß er in seinen Studien- jahren Mitglied der SA gewesen ist. Sie machen ihm darob ordentlich die Hölle heiß. Ich suche ihm die Angst vor den gefürchteten Folgen auszureden,-sage ihm, daß sich die Sache doch recht harmlos ansehe. Wer werde im Ernst eine Suppe aufwärmen, die vor einem Vierteljahrhundert an- gerührt worden ist? Indessen findet er immer neue Gründe der Selbstquälerei. So entdeckt er zu seiner Bestürzung, daß die Fragebögen, die uns vorgelegt werden, unter andern neugierigen Fragen auch die sehr heikle aufwerfen, ob er zu irgendeiner Zeit seines Lebens Mitglied der„Bewegung“ gewesen sei. Er ist fest davon überzeugt, daß ihm das seine Haft um Jahre verlängere. Ich lachte ihn ob dieses Aber- glaubens tüchtig aus, doch nur mit geringem Erfolg. Das wäre ja noch schöner, wenn wir mit einer Neuauflage dieser jetzt veralteten Einrichtung rechnen müßten! Da hätte ja Hitler doch gesiegt. . Der Feldgottesdienst für die gefallenen Polen ist unter großer Beteiligung vor dem gewaltigen Altar gehalten worden. Rechts und links wurde das Kreuz flankiert von riesigen Fahnentüchern in den polnischen Farben. Den Ab- schluß bildete je ein Sternenbanner. Die schnell aufgebaute Kanzel ist mit dem vatikanischen Gelb-Weiß ausgeschlagen. Auch sonst haben sich die Polen in rührendem Eifer ange- strengt, die Bedeutung des Tages dem ganzen Lager sichtbar zu machen. Unter Leerung eines Magazins von weiß-roten Geweben sind Block 6 und 8 tapeziert und mit dem pol- nischen Aar geschmückt worden, der sieghaft seine Schwin- gen der Sonne zu breitet. Kunstvoll gemalte Inschriften ZWÖLF UHR 229 wallen auf weißen Tüchern dem Beschauer entgegen und rufen ihn auf, sich mitzufreuen: „Pamieci zamordowanych braci!“ Dann auf englisch eine Verbeugung vor den Amerikanern: „Ihe Polish salute their Liberaters!“ Am Abend des 3. Mai 19345. Großer Auflauf der Gestreiften; alles rennt zum Platz nach vorn, ganze Blöcke rücken an. Am Ende des geist- lichen Blocks marschiert Windgasse, der Evangelist.„Was ist denn los?“ frage ich.—„Wir müssen antreten— ihr nicht? Böttcher wird hingerichtet!“ anwortet er. Ich schließe mich an, wenn auch widerwillig. Der Platz ist schwarz von Neugierigen; ich werde an ein Bild erinnert, das ich in meiner Jugendzeit von Savonarolas Hinrichtung gesehen. Auf das Dach der Kantine waren sie geklettert, am Radio- mast hingen sie als Trauben in halsbrecherischer Stellung, die fürchten ließ, daß sie noch vor dem Delinquenten das Zeitliche segnen müßten. Man gierte danach, den Mann zu sehen, dessen Anblick noch vor einer Woche manchen er- zittern machte.„Wo ist er denn, der Verbrecher?“— ‚Dort! Siehst du ihn nicht auf dem Balkon? Der mit dem Plakat!“ „Ach, haben sie ihm selber eins umgehängt? Geschieht ihm recht! Mag er selbst einmal auslöffeln, was er den Aus- reißern eingebrockt!“—„Ich glaube, es steht auch was drauf?“—„Natürlich, was er uns immer draufschrieb: Ich bin schon wieder da!“ Alles bricht in Lachen aus.„War er denn durchgebrannt?“„Mensch, du weißt ja gar nichts! Natürlich! Verkleidet hatte er sich als bayerischer Bauer, da entdeckten ihn zwei Tschechen und entlarvten ihn!“ Ja, der Bumerang, den der Unselige, ach, wie oft in die Lüfte schleuderte, jetzt kehrt er zurück und trifft ihn mit unbarmherziger Wucht.© Gott, wie gerecht sind deine Wege! 230 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF ,, Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein. Was mit Langmut ER versäumte, holt mit Schärf ER wieder ein." وو Doch seht, die Tragödie der Vergeltung geht weiter. ,, Was macht er denn jetzt für Faxen?"- ,, Siehst du nichts? Er streckt seine Hand aus!" Wozu das?" ,, Du merkst aber auch gar nichts, hast du' ne lange Leitung! Den Hitlergruß muß er in strammer Haltung geben mit erhobener Rechten!" Wahrhaftig, du hast recht, ich meine, ich höre ihn Heil Hitler' rufen."- ,, Mit Heil Hitler ist's ihn, Heil aus, jetzt heißt's ,, Heul Hitler!" Wieder schallendes Gelächter der Umstehenden. ,, Na, zum Lachen ist das nicht, der hat mit, Heil Hitler!' und einem Genickschuß über 100 Gefangene ins Jenseits befördert, er soll's selber gestanden haben." ,, Und wieviel er durch Plackerei zu Tode gequält, das steht in keiner Statistik; es war höchste Zeit, daß sie der Orgie ein Ende machten, sonst wären wir alle noch drangekommen."- ,, Natürlich! Hast du gehört, daß beschlossen war, das Lager am Sonntag um 8 Uhr durch Flammenwerfer samt Insassen das waren wir zu vernichten?" ,, Au, um 26 Uhr kam die VII. Armee, das war höchste Zeit!" Mittlerweile war die Szene auf dem Balkon zu Ende gegangen. Fast geisterhaft hatte sie gewirkt, wie eine Pantomime; wir sahen die Bewegungen, konnten aber der weiten Entfernung wegen nichts hören von den Spottreden, die sie begleiteten. Aber immerhin, was wir sahen, war so deutlich, daß es keiner Auslegung bedurfte. Der Vorhang fiel, der Angeklagte verschwand. ,, Na, ist das alles?- Ich dachte, er werde aufgehängt!" ,, Wird schon noch kommen, wenn heute nicht, dann morgen; werden noch allerlei Geständnisse aus ihm herauspressen wollen." - - ZWÖLF UHR ,, Na, gute Nacht denn!" - ,, Auf Wiedersehen." 231 Die Menge zerstreute sich, teils froh, das Schlimmste nicht mitansehen zu müssen, einen Galgen, an dem ein betrogener Betrüger baumelt; teils unmutig, daß ihnen ein Schauspiel entgangen war, welches ihrem Vergeltungsverlangen Rechnung getragen hätte. Mich befiel auf dem Rückweg ein Schrecken, als ich erwog, was für ein abgrundtiefes Geheimnis es ist um unsere Entscheidung für oder gegen Gott. Verhärtung oder Umkehr, beides lag noch vor wenigen Wochen im Bereich seines Willens. Vor mir tauchte das Bild einer Wachtstube auf, in der ein grauhaariger Mann ein sonderbares Verhör geleitet hatte. Zum Schluß entdeckte er bei dem Delinquenten ein Buch in dem Augenblick, als dieser es vom Boden aufheben und möglichst ungesehen im Gefangenenrock verbergen wollte. Es war eine russische Grammatik. Der Besitz kostete den Häftling eine Ohrfeige. Doch beim Blick in das Buch fällt dem ungerechten Richter ein Lesezeichen in die Hände, ein einfaches Blättchen, auf welchem das Gebet eines berühmten Theologen, Adolf Schlatters, gedruckt stand. Der Mann stutzte. War's nicht ein völlig fremder Klang, der an sein Ohr drang, eine Stimme aus der Ewigkeit? War's nicht wie ein Ruf, ein letzter Ruf, innezuhalten im Rennen auf den Abgrund zu? Willst du ihn hören, ungerechter Richter, den Ruf des gerechten Richters? Noch ist es Zeit, aber wie lange noch? ,, Wie kommt das dahinein?" Der Gefangene wollte antworten: ,, Zufällig." Nein, nicht Zufall war's: zwei Monate noch, und du stehst am selben Ort, doch nicht mehr als Richter, sondern als Angeklagter!- Die Entscheidung fiel, sie fiel gegen die Gerechtigkeit. ,, Mit den Muckern werden wir auch aufräumen, und zwar bald", sprudelt es verächtlich aus ihm heraus. Statt der Wendung- Verblendung! - O Ernst der Entscheidung, abgrundtiefer Ernst! Ob sich dem Verblendeten, wenn ihm kurz vor dem Ende sein 232 - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - Leben wie ein mit Blitzesschnelle abrollender Film erscheint, auch dieses Augenblickes Ewigkeitsbedeutung dartun wird? Mit Genugtuung wird vernommen, daß auch die Tyrannen in Häftlingskleidung vors Tribunal geladen werden, damit durch ordentlichen Richterspruch der amerikanischen Behörde ein gerechtes Urteil über ihre Untaten gefällt wird. Der Polizeicapo, der ehemalige Lagerälteste, ein Armenier, einige Capos( auch der Plaggeist des Knaben Hiob ist darunter mit dem bezeichnenden Namen Deutsch) und einige Blockälteste sind dingfest gemacht worden; unter den letzteren auch der Pascha von Block 4. Ebenso ist der 75jährige Malariaforscher, Professor Schilling, verhaftet worden. Ihn wird sein weißes Haar nicht vor dem Strange schützen, sowenig es ihn schützte vor den zahlreichen Bestialitäten, die er angeblich im Dienste der deutschen Rasseforschung verübte, indem er wehrlose Häftlinge zwang, sich ihm zur Vivisektion und für sonstige, ebenso grausame als schändliche Experimente zur Verfügung zu stellen. Eine Anzahl ist diesen Versuchen erlegen; Dutzende laborieren heute noch an den Folgen der künstlich bei ihnen erregten Malaria und werden das Fieber nicht los. Noch gut erinnere ich mich der Erregung, die durch unsere Reihen ging, als jener andere Versuch von Block zu Block geflüstert wurde, der an Ordinärheit und Verworfenheit einen Tiefpunkt darstellen mag und ein Licht auf die grenzenlose Verachtung wirft, mit der die arische Lichtrasse Angehörige derselben Lichtrasse behandelte. Man wollte zu Flugzwecken feststellen, welchen Kältegrad ein Mensch auszuhalten vermöge, ohne die Empfindung zu verlieren. Zu diesem Behufe wurden die Versuchstiere die Häftlinge in ein Wannenbad gelegt und dort sehr starken Kälteeinwirkungen solange ausgesetzt, bis sie erstarrten; darauf, die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben, legte man schöne Mädchen an ihre Seite, weil die Herren der Wissenschaft so am - - ZWÖLF UHR 233 ehesten glaubten erfahren zu können, bis zu welchem Grad das Gefühl bereits abgestorben oder im Wiederkehren begriffen sei. Solcher Art waren die wissenschaftlichen Versuche der Herren Experimentatoren, welchen zum Lohn für ihre Bemühungen hohe hitleristische Titel wie Obersturmbannführer oder Obergruppenführer verliehen wurden. Der Domkapitular von Aachen antwortete mir auf meine Frage, was man von dem ,, Vernichtungstransport" eigentlich Zuverlässiges wisse? ,, Zuverlässiges gar nichts, vorläufig ist alles Gerücht", erwiderte er. Dagegen schnappte ich von anderer Seite auf, daß ein Jesuitenpater, der neulich entlassen worden sei, und der von dem Zug der Unglücklichen gehört habe, den Häftlingen mit seinem Auto nachgefahren sei und sie mit Brot und Zivilkleidern versehen habe. Den meisten Pfarrern sei es gelungen, die Flucht zu ergreifen, eine Nachricht, von der man nur wünschen kann, daß sie der Wahrheit nahekomme, so legendär sie auch klingen mag. Der Hunger läßt nach; das Magenknurren hört in dem Maße auf, wie sich das Magendrücken einstellt, hervorgerufen durch den übergroßen Appetit, mit dem wir dem uns reichlich zugemessenen fetten Essen zusprechen: vorgestern eine halbe Fleischbüchse, heute morgen eine Achteldose Blutwurst, zum Mittagessen schmackhaftes Essen. Der neue Herr Kommandant läßt sich gut an. Nun, es ist nicht schwer, Leute, die so wenig verwöhnt sind wie Dachauer ehemalige! Häftlinge, zufriedenzustellen. - - Später. Janek kam heute ganz verstört von einem Gang zurück; er sagt, was er dabei geschaut, werde er sein Lebtag nie wieder vergessen. Er hatte Tannenreiser geholt zur Schmückung des Riesenaltars, und der Rückweg führte ihn an einem Zuge vorüber, dessen endlos scheinenden Wagen ein furchtbarer Gestank entströmte. Die Türen waren zum Teil zurück 234 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF geschoben. Was er darin sah, ließ das Blut in seinen Adern erstarren. Übereinandergeschichtet lagen sie drin, Menschen in der gestreiften Kleidung der Häftlinge, aber regungslos, starr, tot, mit verzerrten Gesichtern. So war es also doch kein bloßes Phantasiegebilde, das Gerücht, das durch das Lager ging und von einem Unglückszuge wissen wollte, in welchem Gefangene aus Buchenwald angekommen seien; die meisten als Leichen. Janek lief den Zug entlang, 50 Wagen zählend und in jeden hineinspähend, um festzustellen, ob nicht Landsleute von ihm dabei wären. Vielleicht, daß einer noch lebte und er ihm Hilfe bringen konnte. Als die Amerikaner den Zug entdeckten und die Wagen öffneten, standen sie dem Schrecknis fassungslos gegenüber. Es ergriff sie eine solche Empörung, daß der Kommandant befahl, keinem SS- Mann Pardon zu geben und Dachau dem Erdboden gleichzumachen. Ein Fußfall des katholischen Stadtpfarrers und des Bürgermeisters allein rettete, wie man hört, dem Städtchen das verwirkte Leben. Ach, aber ihr toten Brüder, ihr seid nicht mehr zum Leben zu erwecken! Zu spät kam die Hilfe, die uns noch im letzten Augenblick von dem Rand desselben Abgrundes zurückriẞ, in welchen ihr gestürzt seid, eine Minute vor zwölf! Wollte Gott, ihr wäret die letzten Opfer jenes Ausbruchs der Hölle! - Die Bergeslast, die auf unsere Schultern drückte, und die uns über kurz oder lang zum Erliegen gebracht hätte, wie eine Flaumfeder ist sie über Nacht weggeblasen worden. Erlöst atmen wir auf, heben das Haupt in die Höhe, das zu Boden gewandt war, und richten die hellgewordenen Blicke ins Freie, in das Licht der Sonne, in welchem wir die ganze Schöpfung neu schauen, bereit, wie Brüder zu umarmen alle, von denen wir bisher getrennt waren. Zwar gibt es kleingläubige Gemüter, die es noch immer nicht lassen können, ins Dunkel zu starren, zu hassen, zu sorgen ZWÖLF UHR 235 und zu zweifeln; aber zu denen möchte ich nicht gehören, wahrlich nicht. Ich ströme über von Dankbarkeit, ich richte den gebeugten Rücken auf, ich könnte alle an die Brust nehmen wie Freunde. Es ist mir so leicht ums Herz, und ich lasse es mir so gerne wohl sein. Muß ich es mir nicht zuschwören: niemals, niemals mehr will ich sorgen. Denn der an mir das Wunder getan, mich mitten in der Gefangenschaft von der allerschwersten Fessel zu befreien, und der dann auch den äußerlichen Kerker in einem Augenblick geöffnet hat, als ihn der Feind für immer schließen wollte, der hat Anspruch auf mein unbedingtes Vertrauen für alle Zukunft. Der mir das Große und Größte gegeben, für ihn ist es ein Leichtes, mir auch das Kleinere darzureichen. Also weg mit euch, ihr kleinmütigen Gedanken! Weg mit dir, du Undank, der du immer noch nicht zufrieden sein willst mit den Beweisen der Freundlichkeit und Leutseligkeit meines Gottes! Alles ist gut, denn Er hat alles gut gemacht. Bürge ist dafür Christus, der meine Sünde hinweggenommen hat, so daß ich strahle, reiner als Michael! Er weiß auch, wie er mich weiterbringen wird. Er kennt den Dienst schon, den Er mir zuweist. Im Verlag? In der Verkündigung? Er weiß es, und mir ist es recht, es mag sein ,, ein Liebes oder Leides, ich bin getrost, daß beides aus seinen Händen quillt!" Donnerstag, 4. Mai 1945. Der großzügige Uncle Sam! Kaum war er hier, so klapperte auch schon auf jeder Stube jeden Blocks eine Schreibmaschine! Sie steht den Delegierten der verschiedenen Völkergruppen zur Verfügung. Diese Delegierten bilden, das Internationale Komitee der ehemaligen Häftlinge, das wiederum dem neuen Kommandanten unter 236 - FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF steht unsere neue Lagerregierung. Ein Radio speit alle Augenblicke Nachrichten in Deutsch und Englisch unter die Menge der Aufhorchenden, abwechselnd mit angenehmer Musik. Das läßt sich hören! So allmählich fühlen wir uns wieder als Menschen, als gleichberechtigt mit den andern, während uns in langen Jahren das Gefühl der Wertlosigkeit und des Ausgestoßenseins beigebracht wurde und wir uns in die Rolle von Parias hineingedrängt sahen, bis wir selbst glaubten, daß wir es seien. Die voreilig angekündigte Hinrichtung des ehemaligen Rapportführers Böttcher hat immer noch nicht stattgefunden. Man will ihn noch weiter zum ,, Reden bringen". Schon soll er 80 Genickschüsse zugegeben haben, die er russischen Offizieren beibrachte. Seine Morde an russischen Soldaten sollen in die Hunderte gehen. Hinter der Fassade eines Biedermannes, den er seinerzeit in der Poststelle spielte, welch ein Abgrund! - Böttchers Geständnisse lassen ein Licht fallen auf das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen, die vor mehreren Jahren( 1941/1942) hier eingeliefert wurden. Sie bestätigen unsere bangen Ahnungen und die schlimmen Gerüchte, die damals unter uns umgingen, und die den Tag und Nacht rauchenden Schlot des Krematoriums mit ihrem Ende in Verbindung bringen wollten. Im Sommer 1942 war es auch, daß immer wieder der Ruf ertönte: ,, Besuch kommt!" Dann durfte sich kein Häftling mehr auf den Stuben sehen lassen; wer zufällig als schonungsbedürftig oder aus sonst einem Grunde da war, hatte zu verschwinden; sie wurden alle, die Überflüssigen, in einem bestimmten Block zusammengepfercht, wo sie, auf dem Boden hockend, einander auf die Hühneraugen stießen und sich sonst das Leben schwer machten. Dieser Zustand dauerte immer mehrere Stunden lang. Ein Besuch zeigte sich selten, dagegen hörten wir regelmäßig Schüsse knallen, und zwar aus der Richtung des ZWOLF UHR 237 Wirtschaftsgebäudes. Von den Küchenbullen und solchen, die in der Nähe arbeiteten, hörten wir, daß Erschießungen von russischen Soldaten stattgefunden hätten, was bestätigt wurde durch eine Unmenge von Uniformen, die jedesmal aus Wagen abgeladen werden mußten. Wahrhaftig, unsern Anspruch, unter die Kulturvölker gerechnet zu werden, haben wir angesichts solcher Teufeleien verloren. Wir dürfen ihn erst wieder erheben, wenn wir in Sack und Asche Buße getan haben, indem wir zurückkehren zu der Wurzel aller Gesittung, dem Kreuze des Christus. Davon läßt sich nichts abmarkten. Wie es ein Gesamtschicksal gibt, so gibt es auch eine Gesamtschuld, wie Dostojewski in den ,, Brüdern Karamasow" verkündigt, wo er Aljoscha sagen läßt: ,, Alle sind an allem schuld." ― - Möchten die andern aus diesem Falle lernen: ,, So jemand sich läßt dünken, er stehe, der sehe wohl zu, daß er nicht falle!" Aber es mehren sich die Anzeichen dafür, daß sie in Gefahr sind, dem schlimmen Beispiel zu folgen. So werden im Lager bei Polen, Tschechen, Franzosen, Serben, Russen und anderen Stimmen laut, die erkennen lassen, daß der Übereifer, der uns Deutschen den Untergang gebracht hat, bei ihnen selbst Eingang hält. Welche Gefahr für uns alle: sehen sie nicht, daß sie damit Hitler zum Lehrmeister wählen! Dagegen müssen wir uns mit aller Macht anstemmen, so wie gegen das Gelüst einer uferlosen Befriedigung der Rache und der ungezügelten Vergeltung. Sind wir nicht dazu in die KZ gegangen, damit die KZ aufhören? Die Verbrecher müssen bestraft werden und die Verbrechen gesühnt, aber vor einem ordentlichen Gericht und auf Grund gerechten Richterspruchs. Die KZ aber steckt eines nach dem andern an allen vier Enden an, und verbrennt sie, daß nur die Asche übrigbleibt. Und bittet Gott, daß er auch den Geist, der diese Blocks und Stuben baute und den Stacheldraht drum herumzog, aus unsern Herzen vertreibe, 238 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF damit die Giftpflanze mit der Wurzel ausgerauft sei und nie mehr solche Blüten treibe. ,, Sanctus Sanctus Sanctus Est Dominus Sabaoth..." Abends. Gottesdienst bei den Polen, die einen leistungsfähigen Magen für langdauernde religiöse Feiern haben. Es handelt sich wohl um ein Requiem für Gefallene. Die Musik, welche die Gesänge begleitet, schmeichelt sich in sanften Harmonien in Ohr und Herz. Man überhört darüber die brüchige Stimme eines alten Priesters, der mit großer Andacht, aber geringer Kunst das„ Requiescant in pace" anstimmt. Mit großer Treue haben sie diese Kleinodien durch die Zeit der Verbannung bewahrt, um sie aus den Verstecken wieder hervorzuholen, sobald es ihnen die Umstände erlaubten. Die Zeit der Katakomben, sie ist zu Ende; wir können unsern Befreiern nicht genug dafür danken, daß auch die Schranke gefallen ist, die uns vom Heiligsten trennen wollte... War es uns doch noch vor einer Woche bei Strafe von 25 Hieben mit dem Gummiknüppel verboten, auch nur den Pfarrerblock, geschweige die Kapelle zu betreten! Zum ersten Male seit langer Zeit habe ich wieder das Gefühl, nicht nur voll, sondern satt zu sein. Das ist eine Wohltat und des Dankes wert, wert auch eines Eintrages an dieser Stelle. Wir haben es zur Genüge erfahren, wie eng Leib und Seele zusammenhängen, ja, wie sie gewissermaßen nur verschiedene Seiten derselben Sache, unseres Willens, sind. Schon machen sich die wohltätigen Folgen bemerkbar. Die hysterische Reizbarkeit, die verrückte sinnlose Hast, die unersättliche Gier, die jähen Ausbrüche und die menschenfeindlichen Ergüsse all das nimmt bereits ein wenig ab. Schüchtern wagen sich Versuche zu höflichen Grüßen hervor, ohne auf herzlose Zurückweisung zu stoßen. Der Sinn für Humor beginnt sich wieder zu melden, ein - ZWÖLF UHR 239 Gast, der so gut wie ganz verbannt war im Gebiet der Stacheldrähte. Wenn der Biblizist zwei Zankhähnen, die sich in den Haaren liegen, halb lachend halb drohend den Rat gibt: ,, Fallt euch lieber um den Hals und küẞt euch wie die Polen!", so wird die Aufforderung glücklicherweise zwar nicht wörtlich befolgt, aber doch mit einem Lächeln beantwortet und nicht wie früher mit einem Granatenschuß. Das ist ein bedeutender Fortschritt zur Entspannung, wie jeder Professor der Seelenkunde bestätigen wird. Ein wichtiges Dokument macht die Runde durchs Lager. Es ist der Geheimbefehl Himmlers, der sich mit dem endgültigen Geschick der Häftlinge beschäftigt und ziemlich deutlich die Richtlinien zeichnet für den Fall eines Falles. Und zwar gab die Vorsehung mit dem Zwicker" am 14. April 1945 folgende Anweisung an ihre ausführenden Organe: دو ,, Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes kommen. Die Häftlinge haben sich grauenhaft gegen die Zivilbevölkerung von Buchenwald benommen. gez.: Heinrich Himmler." Wir schwebten demnach in der allergrößten Gefahr, denn über die wahre Bedeutung der besagten Anordnung, keiner von uns dürfe lebend in die Hände der Feinde fallen, kann kein Zweifel bestehen. Auch darüber nicht, daß die Lagerleitung das Richtige getroffen hätte im Sinne ihres allerhöchsten Auftraggebers, wenn sie das Lager durch Flammenwerfer in Brand setzen wollte, eine Absicht, deren Ausführung nur das unerwartet schnelle Vorrücken des Sternenbanners vereitelte. Man sagt, daß die amerikanische Eile folgendem Umstand zu verdanken sei: Der Dachauer Volks 240 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF sturm hatte am Samstag geplant, 120 Mann stark das KZ zu befreien. Er stieß indessen auf den Widerstand unserer Vögte. Als die VII. Armee davon hörte, beschloß sie ihrerseits, einzugreifen und den auf den übernächsten Tag festgesetzten Sturm aufs Lager schon am Sonntag zu wagen. So blieb keine Zeit mehr, Himmlers Geheimbefehl zu gehorchen. Dank sei Michael, dem mächtig schützenden Freund des deutschen Volks, daß er dem verlassenen Haufen von Dachau so sichtbar geholfen! - Abends. Der Hubersepp erzählte mir heute folgende Einzelheit aus dem letzten Lagerwirrwarr: Am letzten Tage, dem 28. April, rüstete die Frau des Kommandanten zum Aufbruch. Zur Reise bekam sie noch von der Dachauer Molkerei einige Päckchen Butter geschenkt, welche ihr die Buchhalterin der Molkerei, Frau Maria Bolz, bringen mußte. Dabei hatte diese ganz und gar gegen Hitler aufgebrachte Frau Gelegenheit, durch die Kommandantin über die eigentliche Situation des Lagers, vor allem über das Verhältnis der SS zu den Häftlingen, die Wahrheit zu erfahren. Die Kommandantin verriet ihr, daß ein Geheimbefehl Hitlers vorliege, wonach vor Eintreffen des Feindes sämtliche Häftlinge durch Flammenwerfer umgebracht werden sollten. Unsere Freundin, Frau Bolz, fuhr noch am selben Abend mit ihrem Rad in die Plantage, um den Müllermeister Filipisch, der auch auf unsrer Seite war, davon zu unterrichten. Durch ihn erfuhr es noch der Häftlingscapo Janik kurz vor dem Einrücken, der seinerseits in aller Eile den Hubersepp benachrichtigte, so daß wenigstens die Prominenten in den Stand gesetzt wurden, sich von der hohen Gefahr ein Bild zu machen, die dem Lager drohte. ZWÖLF UHR 241 6. Mai 1945, Sonntag Rogate. Die Hochflut der Gefühle, die uns auf majestätische Gipfel schleuderte, weicht fast unvermittelt einer körperlichen und geistigen Erschlaffung. Der geringen Fassungskraft unserer Seele ist durch die Wucht der Ereignisse mehr zugemutet worden, als sie verkraften konnte. Völlig erschöpft und zerschlagen schleppe ich mich zum Pfarrerblock, um in der milden Luft dieser gemäßigten Zone menschlichen Empfindungslebens ein wenig Erholung zu suchen. Bei uns sind alle Teufel losgelassen; wieder einmal stehen unsere Blöcke unter dem Wetterleuchten der altlateinischen Menschenkenntnis: ,, Homo homini lupus"... der Mensch ist für den Menschen ein Wolf. Es ist, als ob sich über Nacht wieder alle Hunde der Leidenschaft von den Ketten losgerissen hätten, an die wir sie bereits gefesselt glaubten, und die überfüllten Stuben zum Schauplatz ihrer Dämonien machen wollten wie in Zeiten, die noch nicht sehr lange hinter uns liegen. Es brodelt wieder auf im Hexenkessel der Lagerseele wie ein Kampf aller gegen alle, so daß der Biblizist Anlaß hat, unter die keifenden Weibern gleich sich gebärdenden Freiheitskücken mit beschwörender Gebärde zu treten und ihnen zuzurufen: ,, Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Ist das der Dank für eure Befreiung? Fallt euch um den Hals, marsch, statt ihn euch umzudrehen!" So ist aus dem Glutrausch des ersten Erlebens das Auf und Ab und das Ab und Auf des Meeres der Alltäglichkeit geworden. Das Gold des unmittelbaren Empfindens beginnt zu erbleichen. Gestern mittag hat es Drahtverhau gegeben( von der allerbesten Güte; es war gewiß nicht das Geringste an ihm auszusetzen, noch vor acht Tagen hätten wir uns die Finger danach geleckt). ,, Schon wieder Drahtverhau!" hieß es. ,, Was, Drahtverhau den mag ich Fünf Minuten vor Zwölf 16 - 242 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - nicht!" Man hatte mit einer steigenden Leiter der Speisegenüsse gerechnet, die wer weiß in welchem fürstlichen Gedeck enden werde, und nun Drahtverhau! Was tut der Mensch nicht alless, um sich der lästigen Pflicht des Dankens zu entschlagen! Im Handumdrehen haben wir einen Grund gedrechselt, der es uns erlaubt, uns von dieser anstrengenden Beschäftigung zu dispensieren. Der Knabe Hiob gehört nicht zu diesen kalten Naturen. Er lobt seinen Schöpfer, indem er sich's schmecken läßt, und hat nichts dagegen einzuwenden, wenn sie ihm ausnahmsweise einen Nachschlag zubilligen vom Drahtverhau. - In der Schneiderei wollten sich heute abend die Deutschen versammeln, um ihre Lage zu besprechen, die darin besteht, daß sie überall an den Schwanz kommen. Unter Tuchlappen, Nähmaschinen und allen Zeichen jenes Handwerks, das aus, den Ruinen neues Leben aufblühen läßt, nahmen wir Platz. Punkt halb neun Uhr ergriff ein ziemlich junger Mann mit dem Buckelkreuz das Wort, nachdem er mit angenehm energischer Stimme Ruhe geboten hatte. Er stellte fest, daß der Lagerälteste, der die Versammlung einberufen hatte, noch nicht da sei. Da es aber die Kürze der Zeit gebiete, daß pünktlich angefangen werde, so tue er es. Ein anderes jüngeres Semester, angeblicher Professor von Köln, ebenfalls mit dem Kreuz auf dem Buckel, löste ihn ab und legte die Gründe in langer sympathischer Rede dar, warum es nötig sei, ein deutsches Komitee zu bilden, nämlich aus dem einfachen Grunde, weil wir sonst unter den Schlitten kämen. Sie, die Redner, hätten nun, weil es höchste Zeit gewesen, wenn sich die Nacht der langen Messer nicht nachträglich doch noch einstellen solle, die Initiative ergriffen mit dem Erfolge, daß bereits andern Tags eine Kanzlei könne eröffnet werden; es fehle nur noch Rundfunkgerät und Schreibmaschine( die nötigen Polstersessel scheinen also schon re ZWÖLF UHR 243 quiriert zu sein). Diese beiden Reden waren indessen nur Vorreden. Die Rede selber hielt der Lagerälteste, der In- haber des höchsten Lageramts, der inzwischen erschienen war. Es war ein Mann im mittleren Alter mit schneidigen Zügen und ebensolcher Stimme. Oskar nennt ihn die Lager- seele mit der falschen Vertraulichkeit unseres Zeremoniells. Ursprünglich Lagerältester-Stellvertreter, ist er in die Nach- folge des hingerichteten Armeniers eingetreten, gebe der Himmel nur in der amtlichen Eigenschaft. Er ließ in längerer, im Tone des Befehlshabers vorgetragener Aus- führung die Katze aus dem Sack, nämlich einen Aufruf zur Sammlung aller Antifaschisten, die, in Dachau entstanden, in ganz Deutschland verbreitet werden solle. Mir wollte es an der ganzen Sache nicht gefallen, daß alles so rein negativ gehalten war. Wenn wir uns nur im Nein einig sind, so ist. es gefehlt: wir müssen zum Ja des Neuaufbaus vordringen. Das Ja allein gewinnt den Sieg. Kurz und gut, zum Schluß - brachte der Punkt„Wahl des Komitees“ die erleichternde Erleuchtung, daß gar nicht gewählt zu werden brauchte, weil die Erwählten schon da waren in der Person der drei Redner. Da sie die Initiative ergriffen hatten zu dem ohne Zweifel notwendigen Werk, waren sie gewiß auch dazu ge- eignet, es durchzuführen. Allerdings hätte ich gern unsern alten verdienten Hubersepp in Vorschlag gebracht, doch war die Zeit vorüber, und nicht einmal eine Aussprache war mehr möglich. Sonst hätte ich Lust gehabt, einige teils ein- schränkenden, teils ergänzenden Randbemerkungen zu ma- chen. Gern hätte ich darauf hingewiesen, daß wir Reichs- deutschen überrascht seien von dem Eifer, mit dem uns plötzlich die Fürsorge unserer Landsleute angeboten werde, von welcher die große Mehrzahl derselben all die Jahre hindurch herzlich wenig gemerkt hätten. Und was die Stimmung der Ausländer gegen uns betreffe, so sei sie doch - nicht ganz unerklärlich, wenn man bedenke, daß ihnen ein 16* 244 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF großer Teil ihrer Leiden von Reichsdeutschen, und zwar von Häftlingen, zugefügt worden sei. Denn es sei ja offenes Geheimnis, daß sich die SS bei ihren Zermürbungsund Vernichtungsabsichten in den letzten Jahren hauptsächlich auf die Blockpaschas, die Stubenmoguls und Capos gestützt hätte, und aus wem bestünden diese großenteils, ja früher ausschließlich? Etwa aus Chinesen? Es sei deshalb, wenn wir überhaupt mit Aussicht die Mäßigung und den guten Willen der ausländischen KZ- Genossen anriefen, vor allem notwendig, dies zuzugeben und ihnen Abbitte zu leisten für die furchtbaren Leiden, die sie von dieser Sorte Deutscher zu erdulden gehabt hätten. Wir seien eine Einheit, einem Leibe gleich, und könnten die Verantwortung für sie, die freiwillig als Lautverstärker und Büttel in SS- Diensten gewirkt hätten, nicht einfach ablehnen oder sie mit Stillschweigen übergehen. Wir dürften aber überzeugt sein, daß in dem Augenblick, wo wir ohne falsche Prestigescham den Polen, Serben, Russen, Franzosen und anderen unser Verständnis für den wahren Kern ihres Anliegens zeigten, daß sie alsdann ihrerseits von selbst einen Trennungsstrich zögen zwischen den unanständigen und den anständigen Deutschen, ihren Leidensgenossen, und mit diesen in jeder Art zusammenzuarbeiten gewillt sein werden. * Eine Lagerzeitung haben wir nun auch; genau wie die Franzosen, Russen und die übrigen Leutchen.„ Der Antifaschist" nennt sie sich, um im Untertitel zu behaupten, sie sei die ,, Stimme der Deutschen aus Dachau". Zwei wichtige Nachrichten stehen vornedran: ,, Kapitulation in Oberbayern. Heute, am 6. Mai um zwölf Uhr mittags wurden alle Feindseligkeiten zwischen der deutschen I. und IX. Armee, sowie der Heeresgruppe G und der XII. amerikanischen Armee, deren Verbände das Lager Dachau befreit haben, eingestellt." Und daneben: ZWÖLF UHR ,, Beim Sturm auf Dachau fielen am 27. April die Kameraden Fritz Dürr, Maxel Grünfelder, Erich Hubmann. 245 Ihr Opfer, das 32 000 Häftlingen das Leben rettete, bleibt unvergessen." Endlich eine zuverlässige Nachricht über das Schicksal der abmarschierten Kameraden: ,, Am Freitag wurde der Treck in Starnberg gesichtet. Dort wurde Muhler, Stadtpfarrer von München, befreit. Der Treck marschierte alsdann weiter." Abends auf dem Pfarrerblock. Immer noch die Umgebung von Viehtreibern, das Kreuz auf dem Buckel, die geflickten Hosen und verrunzelten Kittel; und doch, welche Wendung, welch ein Umschwung in der Stimmung! Nicht mehr lange, dann werden wir alles hinter uns haben, dann geht es endgültig durchs Tor in die Freiheit! ,, Beräubert die Räuber!" Das ist jetzt große Mode im Lager. Wer es irgend kann, macht sich auf, um auf Beute auszuziehen. Wir haben den Krieg gewonnen, ist's da nicht in Ordnung, daß wir Beute machen? Haben uns unsere Feinde nicht ein Schlachtfeld hinterlassen, das voll von Trophäen ist? Sie mußten doch noch so manchen Batzen dalassen, der in den Augen der von ihnen bis aufs Hemd Ausgeplünderten noch eine Kostbarkeit ist. Und so ziehen sie denn aus ins feindliche Lager, vor dem Uncle Sam getarnt als Aufräumungskommando nun, das Kind muß einen Namen haben, und war man nicht ehrlich willens, aufzuräumen und zwar gründlich? Und des Abends kehren sie zurück und schleppen die Früchte ihrer Aufräumung in - 246 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Säcken und Päcken, in Kisten, Tornistern und Schachteln auf den Block, um den Inhalt in Strohsäcken und sonstigen ähnlich geeigneten Behältern zu verstauen. Da ist jedes volkswirtschaftliche Gut vertreten vom Nähzeug bis zur Schreibmaschine. Es ist, als ob in viele ein Kobold gefahren wäre, der sie gierig machte, mit einem Mal zu erraffen, was ihnen so lange vorenthalten worden war, den Parias, den Untermenschen, den sogenannten Verbrechern. Nur, wo ist der Möbelwagen, der bereitsteht, den ganzen Hausrat hinauszuschaffen? Das Ganze ist eine Transportfrage; wer sie löst, ist Millionär, wer nicht, ist Museumswärter. Wir der Knabe Hiob und sein Freund, der Grobschmied behalten daher ruhig Blut und lassen uns nicht anwerben zum modernsten Kommando. Aber während der Knabe Hiob um des Nachschlags willen einen Schreiberdienst angenommen hat, verzichte ich auf alles, denn mir ist eine Stunde Schlaf lieber als sämtliche Ehrenämter und Nachschläge sämtlicher KZ der Welt.- - Wie mag es den Freunden gehen, die mit dem Transport gingen, Fabisch, dem Parolenmüller, Lobhausen, dem edlen Priester, und so manchem Guten, Treuen, den wir vermissen, und mit dem wir so gerne die schönen Tage gefeiert hätten? ,, Wann werden wir endgültig frei? Wann dürfen wir ' raus?" Das ist die brennende Frage, die jetzt in aller Munde ist. Die meisten hatten sich die Befreiung anders vorgestellt, nämlich so, daß wir schon am zweiten Tage in nicht endendem Zuge durchs Tor stürmten. Nein, so schnell schießen auch die Amerikaner nicht. Im Gegenteil, sie lassen sich Zeit, denn sie haben Zeit. Zunächst ist eine sogenannte Quarantäne verhängt von mindestens 14 Tagen, und was dann kommt, werden wir sehen. Warum gleich schwarz sehen? Manche sehen nun vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, tun, als ob die Hauptsache nicht hinter uns läge. ,, Mir kommet nimmer raus, nia meh!" murrt der Legionär und S 2 1 I f 1 ZWÖLF UHR 247 steckt die halbe Stube an. Als ob es auf zwei Wochen oder zwei Monate noch ankäme! Nachts. Nachricht von europäischer, ja globaler Bedeutung: „Die Kapitulation sämtlicher deutscher Streitkräfte ist heute nacht um zwei Uhr von General Jodl angeboten und von den Alliierten angenommen worden.“ Deutschland hat den Krieg verloren. Konnte es anders sein? Durfte es anders sein, wenn es ihn gewinnen wollte? Dieser Sieg der Feinde ist sein eigener Sieg; der Sieg des Deutschlands unserer Väter'über das Deutschland der Über- fremdung. Fassen wir es im Glauben und halten es blind- lings für die Zeiten der’ Prüfung und des Wiederaufbaus | fest: auch für dieses Volksunglück gilt es, was der Biblizist _ über seine Lagerzeit geschrieben hatte, die kühne Paradoxie _ Paul Gerhardts: „Das Unglück ist mein Glück, Die Nacht mein Sonnenblick!“ Auf dem Block wurde die Nachricht durch eine andere , die zwar keine europäische Bedeutung hat, aber desto wichtiger für uns ist: daß es heute Erbsen mit Salz- kartoffeln zu Mittag gibt; und da sie sich bewahrheitete wie selten eine Parole, so waren die Gemüter bald so stark da- mit beschäftigt, die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Stufen dieser Erbsenkapitulation zu richten und die Kau- werkzeuge so stark mit der Vernichtung dieses Gegners zu beschäftigen, daß kein Atom von Zeit mehr übrig blieb für die erregende Mitteilung, die aus des Radio zahnlosem Munde kam.— „And ere Frank returned to Germany, he had satiated his soul with all the wonders of that wondrous land.“*) Charles Kingsley. ‘)„Und als Frank zurückkehrte nach Deutschland, sättigte er seine Seele mit all den Wundern dieses wundervollen Landes. 248 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Dieses Lob Deutschlands als eines wundervollen Landes aus dem Munde Kingsleys finde ich auf Seite 23 seines ,, Westward Ho!" Wie erfüllt es mich mit wehmütiger Dankbarkeit, aber auch mit brennendem Weh; es hat einmal eine Zeit gegeben, da haben Engländer so freundschaftlich und herzlich von unserm Vaterland gesprochen. O daß es uns vergönnt wäre, in dieser Stunde der Demütigung, die uns auf die Knie zwingt, und der Buße, die es uns verbietet, andere anzuklagen außer uns selber, der Hoffnung zu leben, daß in ferner Zukunft unsere Nachbarn wieder mit Liebe auf uns blicken, weil sie sich reich beschenkt fühlen von all den ,, Wundern eines so wundervollen Landes!" - 8. Mai 1945. Musik klingt auf es ist doch nicht schon wieder Sonntag? O ja, Sonntag feiern wir jetzt alle Tage! Nach der Sklavenfron, die auch den Sonntag zum Werktag machte, wird uns jeder Tag, den Gott uns in Freiheit schenkt, zum Sonntag. Wir sind auf den Appellplatz gerufen, der jetzt keine Appelle mehr sieht. Heute gilt es einer Siegesfeier, bei welcher ein amerikanischer Botschafter auftreten soll, ich glaube: Bullit. So wandern wir wiederum hinter Tuchrechtecken her, die mit neuen Inschriften an ein neues Innenleben appellieren: دو , Wir deutschen Antifaschisten begrüßen unsere Befreier." Nebendran leistet das rotspanische Spruchband in immerwährender Druckerschwärze dem Ideal der Demokratie den Schwur unablässiger Treue. Wohlgefällig flattert die spanische Trikolore ihren rot- gelb- violetten Beifall. Wir halten. Windgasses, des Evangelisten, Stimme kommandiert aus dem Stegreif: ,, Aufrücken, los!", daß ich mich im stillen wundere: N ZWÖLF UHR 249 „Woher hast du denn, mein lieber Sohn, den wunderbaren Kasernenton“, bei mir selbst den bekannten Reim eines Ulmer Prälaten abändernd. Die mächtige Kanzel gähnt uns mit ihrer Leere an. Die Hitze beginnt zu drücken, denn der Wald von Fahnen und Wimpeln, der wie ein Hain von Schachtelhalmen in wenigen Minuten aufgeschossen ist, ist ohne Schatten und bietet keine noch so bescheidene Zuflucht vor des Phöbus stechenden Pfeilen. Eine Wohltat bist du mir jetzt, du Sportmütze mit dem’ schützenden Vordach! „Long live the Allied nations!“*) ruft in Siegeszeichen die Ehrenpforte dem heiß erwarteten Manne zu, dessen Uhr wohl einen Hitzschlag bekommen hat, denn schon ist’s fast eine Stunde nach der anberaumten Fröffnungszeit, und immer noch nicht haben wir das Ver- gnügen, ihn zu sichten. Über mangelnde Neugier, auch seine äußere Gestalt zu schauen, wird er sich nicht zu beklagen haben. Denn sogar die Dächer haben sich in Sperrsitze ver- . wandelt, ja auf der Kanzel, die ihres weiß-gelben Schmuckes entledigt ist, hat sich ein amerikanischer Berichterstatter mit Kamera Platz verschafft und mit ihm ein halb Dutzend dienstbeflissener Helfer, die doch nicht zu helfen wissen.— Windgasse, der Evangelist, ist bereits des Wartens müde, er hat eine schlaflose Nacht hinter sich und ist im Begriff, sich zu entfernen, nicht ohne seiner sittlichen Entrüstung in einer kurzen dreiteiligen Predigt über die steigende Verwahr- losung des Ordnungssinnes Ausdruck gegeben zu haben. Seht! Hatten sie nicht sogar das Fußballtor erobert und flegelten auf seinem gebrechlichen Dach herum, als wäre es ein Diwan? Ich suche ihn zu beruhigen:„Bald wird hier nicht mehr gespielt noch geflegelt werden. Gib dich zufrie- *) Hoch leben die Vereinigten Nationen! 250 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF - den, alter Kämpe!" Doch er gibt sich nicht zufrieden; nein, wie schade um das talentierte Gitter! Mich überfällt jäh die Erinnerung an jene qualvolle Stunde, die wir zwei beide, mein Rucksack und ich, in dieses Gitters Nähe durchlebten. Wie lange war das schon her?- Zehn Jahre, meine ich o nein: kaum zehn Tage. - - - Abends. Der ehemalige Lagerkommandant Weiß soll erschossen worden sein.*) So hat wenigstens sein Mörder, der frühere Lagerführer Rupert, eingestanden. Grund: Weiß hätte sich der Ausführung des Himmlerschen Geheimbefehls widersetzt, und darauf habe er ihn kurzerhand niedergeschossen. Nicht viele wissen etwas mit der Nachricht anzufangen, die alte Lagerhähne mit einem Gefühl des Bedauerns erfüllt. Es ist ja bereits zwei Jahre her, daß Weiß, seinen Vorgänger Piorkowski ablösend, Lagerkommandant wurde und als solcher eine Art reformatorischer Rolle spielte; man sagt, unter dem Einfluß seiner schönen, kaum zwanzigjährigen Frau. Mit dem Aufhängen machte er Schluß, wie er überhaupt der zur Manie gewordenen Straferei entgegentrat; war es doch an der Tagesordnung, daß die Strafliste Hunderte von Namen aufwies, und in den meisten Fällen sind wahre Bagatellen der Grund gewesen. Fanden sie nur einen Zigarettenrest ,,, Kippe" geheißen, zufällig in der Tasche, so erfolgte unweigerlich eine Meldung mit Vernehmung und nachfolgender Strafe, die mindestens in 25 Peitschenhieben oder gar Aufhängen am Baume bestand. Damit räumte Weiß auf. Erholungsspiele wurden erlaubt wie Fußball, Orchestermusik, Theater, Kino und anderes mehr; so daß sich die Gestreiften, so bescheiden die Lockerungen auch sein mochten, fast nicht mehr kannten und ihr Lager auch nicht. Unvergeßlich ist mir die Bewegung, die durch die Blöcke *) Dieses Gerücht entsprach den Tatsachen nicht. ZWÖLF UHR 251 ging, als er nach einer Zeit des schwersten Darbens das Verbot aufhob, Pakete zu empfangen. Ich erinnere mich noch genau, wie unglaublich diese Parole klang, wie jeder darüber lachte und sie nicht ernst nahm. Tausenden ist das Leben dadurch gerettet worden. Insbesondere lebte der Kirchenblock 26, wo vom Sommer 1943 ein unaufhaltsames Dahinsiechen und Sterben eingesetzt hatte, in buchstäblichem Sinne wieder auf. Die Pakete flogen, von den dankbaren Gemeinden abgesandt, massenweise herein: mit einem Schlag war die Not zu Ende. Dem herzkranken Pfarrer Grüber, dessen Sekretär auf einem Invalidentransport bereits umgebracht worden war, und dem selber die Aufnahme ins Revier von den Mithäftlingen verweigert worden war mit der einleuchtenden Begründung, weil er ein Pfaffe wäre,- er blieb am Leben, und vielen gab er durch seine hilfreiche Hand Anlaß, Gott dafür zu danken. Es ist doch Frühling geworden. Die leuchtende Maiensonne bringt uns in immer neuen Wärmewellen den überzeugenden Beweis, indem sie uns mit sanfter Gewalt zwingt, die bisher argwöhnisch festgehaltenen Mäntel auszuziehen und sogar mit entblößtem Oberkörper herumzulaufen. Frühling soll's auch werden in der Menschenwelt; die Waffen schweigen von der Nacht ab, die dem heutigen Tage folgt. O, Gott, pflanze du das Reis des Lebens Christi in den zerrissenen Boden der Menschheit! Nicht taugt der Mensch des alten Äons etwas zur Erneuerung der Welt. Pflüge du das frühlingsmäßig Neue, gib uns das neue Herz, Christi Herz, sonst ist das beste Tun umsonst! Das Radio behauptet, der bayerische Gauleiter Giesler habe noch einige Tage nach unserer Befreiung die Absicht gehabt, unser Lager durch Bomben zu vernichten. Die Piloten hätten sich geweigert, den Befehl auszuführen. Ums. Haar hätte sich also die schreckliche Vision Lobhausens, des Kölner Priesters, bewahrheitet, der schon vor Jahr und 252 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Tag unsere Blöcke in Alpträumen von der Luft aus beharkt ‚und vernichtet sah. Vorgestern ein Viertel Brot, gestern ein Drittel, heute gar ein halbes— wenn es so fortgeht, wird jeder unserer so brotmageren Spinde bald in einen Bäckerladen verwan- delt sein. An der Lagerbörse herrscht eine wahre Baisse, ein ruckartiger Preissturz für das Brot. Nur noch Süßig- keiten sind gefragt, Zucker, Schokolade, Fruchtpasten. Auch Tabak ist begehrt. Schade, daß meine Vorräte so sehr zu- sammengeschmolzen sind. Die Diebereien hatten das größte Loch hineingerissen; und dann der Rucksack. Aber das war lebensnotwendig, und ich kann den Handel nicht bereuen. Der Knabe Hiob hat für diese nüchternen alltäglichen Dinge keinen Sinn. Ich hätte gern einen Tausch mit ihm gemacht, aber er verachtet, ob er gleich selbst dem Han- delsstande angehört, den Tausch und zieht die Rolle des Wohltäters vor. Ich aber bin der Meinung, daß es uns in unserer Lage, wo jeder kaum das zum Leben Notwendige und keiner etwas zuviel hat, genügen muß, miteinander einen Handel abzuschließen, der darin die Probe der Ehr- lichkeit besteht, daß jeder dabei auf seine Rechnung kommt. Ein großzügiges Wohltun, so herrlich es auch wäre, gehört für arme Bettler zum Luxus, den sie sich nicht leisten können. Das klingt nicht sehr poetisch, ist dafür aber echt lutherisch nüchtern. Luther hat sich immer wieder gegen die Werke gewandt, die nach außen viel scheinen, aber aus einem verkehrten Trieb aufs Außerordentliche hervorgehen. Wenn ich nichts habe, kann ich nichts geben; aber vor Gott ist ein freundlich Wort oder ein mitleidender Gedanke so hoch angesehen wie eine Geldgabe. Sonst wären die Armen von der köstlichen Freude ausgeschlossen, vom Glück, das im Wohltun liegt. Eine recht eigentliche Pestbeule war am Lagerleib das Revier, und zwar in vieler Hinsicht. Man ist just dabei, ZWÖLF UHR - 253 sie aufzustechen, wobei ein ungewöhnlich Rüchlein von Korruption den Prüfenden in die Nase sticht. Das Revier galt als Zufluchtsstätte dunkler Machenschaften. Es steht fest, daß es mittels gewisser, scheinbar harmloser Spritzen die getarnte Hinrichtungsstätte der SS war. Wie man hört, sind fast alle sogenannten Pfleger( die ihre Aufgabe, die Kranken zu Tode zu pflegen, treu erfüllten) und der größte Teil der Hilfskräfte entlassen worden. Notabene: die Periode, während welcher bereits früher einmal etwa ein Jahr lang Pastoren das Heft in der Hand hatten, war die eigentlich humane Zeit, nach der sich die Kranken alle zurücksehnten. Von Heidensepp, dem ehemaligen Reviercapo, der auf Grund seiner Verdienste um die Gesundung seiner Mithäftlinge vor etwa einem Jahr entlassen worden ist, gehen Geschichten um, welche auf besagte Verdienste ein sonderbares Licht werfen. So wird von Benzinspritzen gemunkelt, die er gewissen Kranken mit dem verblüffenden Erfolg persönlich verabreichte, daß sie gleich vom Leben und damit auch von ihrem Leiden innerhalb weniger Minuten erlöst wurden. Der Pole Mustafowitsch erzählte mir als Augenzeuge folgendes: Es war ungeschriebenes Gesetz, daß ,, Achtung!" gerufen wurde, wenn der Heidensepp in die Krankenstube trat. Jeder hatte dann strammzustehen; selbst die Bettlägerigen mußten dem hohen Besuch durch gerade Haltung Rechnung tragen und dies zeigen, indem sie die Arme auf der Decke forsch an die Seite legten. So kam der Gewaltige eines Tages herein, ,, Achtung!" wurde gebrüllt, alles stand oder lag stramm bis auf einen schwerkranken polnischen Pfarrer, der den Befehl offenbar überhört hatte oder ihm aus Schwäche nicht nachkam oder überhaupt noch nicht in die Etikette eingeweiht war. Heidensepp wurde der Nachlässigkeit sofort inne, trat zu dem Kranken und fragte ihn nach Namen und Volk. Beides fiel 254 - FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF zu seiner Zufriedenheit aus, denn er schien ein faible für die Polen zu haben. Dagegen haßte er nach Kräften die geistlichen Herren. Er fragte also weiter: ,, Und was bist du von Beruf?" ,, Katholischer Priester" lautete die Antwort. Heidensepp verzog keine Miene, ergriff vielmehr die Hand des Pfarrers, betastete seinen Puls und sagte: ,, Der Mann ist schwer krank, er muß eine Spritze haben"; ging hinaus, kam mit dem Instrument zurück, jagte die Nadel mit der Flüssigkeit in die Haut, zog seine Uhr heraus und behielt den Patienten scharf im Auge, bis der wie erschöpft zurückfiel. ,, Pfleger! Den Mann sogleich wegschaffen!" kommandierte er mit einem triumphierenden Unterton in der Stimme: er hatte seine Rache gekühlt, der Mann war tot. Eine Benzinspritze hatte in kurzer Zeit seinem Leben ein Ende gemacht. Abends. Die Belgier sind auch nur Menschen und den Regungen der Eitelkeit nicht weniger unterworfen als andere Sterbliche, zwischen denen sie wohnen. Und so sind sie denn seit dem letzten Sonntag eifrig damit beschäftigt, sich von der großen Textiltorte, die sie erbeutet, ein währschaft appetitlich Stück abzuschneiden und es an die werte Landsmannschaft auszuteilen. Eine respektables Stückchen ist es in der Tat! Das haben sie geschickt ausgekundschaftet. Mehr als alle seitherigen Erkennungsmarken wie Nummern und Winkel ist es dazu geeignet, die Unteranen des Königs der Belgier von allen andern Sorten von Menschen zu unterscheiden. Sie haben einen erklecklichen Vorrat von rabenschwarzen Uniformen der SS- Panzertruppen entdeckt.- Wie und wo? ist ihr königlich belgisches Geheimnis. Da sie nun finden, daß ihrer männlichen Gestalt nichts so reizend steht wie solch eine Uniform in schwarz mag sie nun stammen von wem sie will so haben sie an dem genannten Sonntag damit begonnen und fahren seither mit - ZWÖLF UHR 255 Beharrlichkeit fort, die sämtlichen Untertanen des Königs der Belgier in das malerische Schwarz einzukleiden. Da ist ja nun nichts weiter Verwunderliches dran; denn es tut nur dar, daß die Belgier nicht weniger der Eitelkeit unterworfen sind als andere Sterbliche, zwischen denen sie wohnen. Als Kuriosum muß aber vermerkt werden, daß ein so be- 'schenkter ehemaliger Gestreifter den Einfall hatte, auf. seine nagelneue Panzerweste mit Mühe und Seidenfaden seinen roten Winkel samt der Nummer draufzunähen und damit das signum captivitatis(Zeichen der Gefangenschaft) in das neue saeculum libertatis(Zeitalter der Freiheit) mit hinüberzuschleppen. Hätte das einer den sonst so ge- scheiten Unteranen des Königs Leopold(heißt er, glaube ich) zugetraut? Ist auch nur ein einziger gewesen und damit für das ganze Volk nicht beweisend. Aber als menschliche Merkwürdigkeit sei es festgehalten mit einem höflichen venia sit historiae, ihr lieben belgischen Lager- und Lei- densgenossen!— Donnerstag, 9. Mai 1945. In aller Frühe erlebe ich schon eine Überraschung. Auf einem Schemel liegt ein Büchlein, dessen Titel im vollen Maiensonnenschein golden glänzt und mich mit magnetischer Gewalt anspricht: „NEW TESTAMENT PROTESTANT VERSION PRESENTED Bing THE ARMY OF THE UNITED STATES.“ Und das merkwürdige Büchlein enthielt auf der ersten Seite eine merkwürdige Widmung, welche so lautete: 256 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF The White House Washington March 6. 1941. To the Members of the Army. As Commander in Chief I take pleasure in commen- ding the.reading of the Bible to all who serve in the armed forces of the United States. Throughout the centuries men of many faiths and diverse origins have found in the sacred book words of wisdom, counsel and inspiration. It is a fountain of strength and now, as always, an aid in attaining the highest aspirations of human soul. Very sincerely yours D. Roosevelt. „Jandem vicisti, Galilaee!“ fährt es mir durch den Sinn, als ich bewegten Herzens das Büchlein weglegte. Wer hätte denken können, daß dieses kleine Büchlein ohne Wehr und Waffen den Kampf auf- nehmen und das Spiel gewinnen werde gegen jenen an- spruchsvollen Band, den sie schon zwischen Kerzen auf die Altäre gelegt hatten, und der dahergesaust kam auf Kano- penpanzern und eingeführt ward durch die Propaganda- eines modernen Brotmessias! Tandem vicisti, Galilaee! In der Kapelle. Thurmann, der Kalvinist, gewissermaßen der Lagerälteste der evangelischen Pfarrer, sieht ungeduldig zum Fenster der Kapelle hinein und dann wieder auf seine Uhr: ist’s noch nicht so weit? Gleich schlägt’s 9 Uhr; die Evangelischen wollen zur Andacht, aber drinnen machen die hochwür- digen Konfratres noch keine Miene zu weichen. Im Gegen- teil, es herrscht Hochbetrieb drinnen, wenn man diesen profanen Ausdruck gebrauchen darf, der nur das äußere Erscheinungsbild zeichnen, nicht aber den Geist der heiligen Handlungen charakterisieren soll. Zwei Notaltäre waren in der Eile errichtet worden, an welchem drei Priester in ZWÖLF UHR 257 gestickten Seidengewändern die Messe lasen und Kommunion austeilten, um die beiden an Haupt- und Seitenaltären Amtierenden zu unterstützen. Die Aufspaltung in Nationen hat diese Hochflut von Gottesdiensten mit sich gebracht. Man kann sich ja nur darüber freuen, daß die unablässige Bedrohung derer, die sich den Glauben nicht nehmen ließen, aufgehört hat.- ,, Bitte die Kapelle zu verlassen", mahnt die Stimme des Sigristen: ,, Protestantischer Gottesdienst!" Und Thurmann, der verzweifeln wollte, kommt nun auch an die Reihe. - Wollen sie uns denn als Weihnachtsgänse mästen? Fast scheint es so, wenn wir den täglichen Speisezettel studieren, der jedermann zugänglich zwischen den Pappeln angeschlagen ist, und der von früh bis spät umlagert ist von solchen, die gerne zum voraus im klaren sind über die Genüsse, die in der nahen Zukunft auf sie warten. Nebenbei wird es mit Genugtuung aufgenommen, daß wir eine Regierung über uns haben, die uns für voll nimmt und es nicht für unter ihrer Würde hält, in der Öffentlichkeit, und wäre es auch nur die des Lagers, Rechenschaft abzulegen über ihr Tun und Lassen. Wir werden als Menschen geachtet und betrachtet, denen gegenüber Verantwortlichkeit empfunden wird das stärkt und fördert den Blutumlauf des eingeschlafenen Selbstbewußtseins wie eine Massage von kräftiger Hand. - - Freitag, 11. Mai 1945, in der Morgenfrühe. Köstliches Gefühl, diesen Blutstrom der Freiheit durch die Adern rinnen zu spüren! Auf alle mögliche Weise verschafft er sich Ausdruck; denn viele müssen es sozusagen sich und andern beweisen, daß sie wirklich und wahrhaftig frei sind. Allem Herkömmlichen wird ein Schnippchen geschlagen, auf daß keiner über den Tatbestand im unklaren Fünf Minuten vor Zwölf 17 258 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF sei. War es früher bei der Gefahr, von einer Kugel getroffen zu werden, verboten, sich nach dem Abpfeifen noch außerhalb des Blocks sehen zu lassen jetzt beweisen wir jedermann aufs eindrücklichste, daß wir zu übernachten verstehen, wo es uns beliebt, und wenn wir unsern Strohsack auf das Blockdach hinaufschleppen müssen. Uns soll kein Mogul und kein Pascha mehr was in die äußeren oder inneren Bezirke unsres Lebens hineinreden. Und so haben sie heute nacht auf dem Dach und unter dem Dach geschlafen, auf Karren und Wagen und darunter oder daneben, ganz wie es der Laune des Augenblicks einfiel oder sich der Hitze wegen empfahl, welche das Frühjahr ohne Übergang in den Hochsommer verwandelt hatte. -- Abends. Die Holländer sind es, die das Lager als erste verlassen werden. Sie kommen fort noch nicht in die Heimat, noch nicht einmal nach Dachau, nein, vorläufig nur über den Bach ins SS- Lager, das auf dem andern Ufer liegt. Es ist nur der erste Schritt, aber doch wenigstens ein Schritt, in die volle Freiheit. Das ganze Denken und Fühlen der Kumpels kreist jetzt, nachdem die ersten Eindrücke des großen Erlebnisses der Befreiung verebbt sind, verständlich genug um die Heimat. Nichts als hinaus aus dieser Stadt der Qual, dieser Dachau- Gehenna! Die Unruhe wächst, kein Plätzlein ist sicher genug, um eine symbolische Vertretung des Heimatbodens auch nur andeuten zu können. Kein Zuspruch will mehr verfangen: ,, Hab' Geduld! Hast du's schon so lange ausgehalten, so kommt es auf ein paar Wochen auch nicht mehr an!" Den Knaben Hiob und mit ihm Ungezählte bewegt die Frage: Sind sie noch am Leben, der alte Vater, die unermüdliche Schwester, die Neffen und Nichten, an denen sein Herz mehr hängt als mancher Vater an seinen Kindern? Wo stecken sie? Sind sie verschleppt ZWÖLF UHR - 259 und wohin? ,, Ach", klagt er beweglich ,,, ihr könnt mich in einen Fettnapf stecken, könnt mich mit Ovomaltine anstreichen und mir mit Brei den Magen pflastern ich möchte heim!" Dittmer, der Hüne, melancholisch fürchtet er, daß er das Pfarrhaus ohne die Pfarrfrau antreffe, wenn überhaupt das Pfarrhaus noch steht. So trägt jeder die Last der Ungewißheit mit sich herum und wünscht den Tag herbei, an welchem er sie los werden wird. Mit dem Legionär aus Stuttgart führe ich wahre Streitgespräche in dieser Sache. ,, Ha, mir sind doch net frei! Guck doch, mir sind erschd frei, wenn mir da Stacheldraht hinter uns habet!" hält er mir entgegen, wenn ich den Standpunkt verfechte, daß wir seit dem denkwürdigen Sonntag, dem 29. April, um 26 Uhr des Abends, keine Gefangenen mehr seien. Und viele halten's mit dem Legionär, dessen handfeste Beweisführung allerdings den Schein der Wahrheit für sich hat. Wer, wie der Biblizist, Tag und Nacht in der Luft des Glaubens lebt, welcher am Unsichtbaren festhält, als sähe er es, wer sich täglich darin übt, den ewigen Dingen, die er nicht schaut, eine größere Wirklichkeit zuzuschreiben als den irdischen, die er sieht, für den hat es nichts sonderlich Befremdendes zu sagen: ,, Ich bin frei, selbst wenn mich der Stacheldraht noch umfängt." Für die andern ist es eine allzugroße Zumutung, sich von den übermächtigen Eindrücken des Augenblicks freizumachen und den Widerspruch zu ertragen: gefangen und doch frei! Dem Biblizisten soll die Zunge aus dem Schwabenmund gerissen werden! Das ist wenigstens die Forderung, die ein sehr würdiger Gestreifter kurz und bündig zu stellen geruht. Und was ist der Grund, aus welchem der Ärmste dieses wertvollen Gliedes so grausam beraubt werden soll? Etwa, weil sich diese Zunge für die Grausamkeit, nein, weil sie sich für die Milde des Mitleids ausgesprochen hatte; ja noch mehr, weil er das Erbarmen auch auf die SS aus17* 260 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF gedehnt wissen will, auf ihre jüngsten Glieder, die, sagte er, meist zwangsweise in diesen Orden hineingepreẞt worden sind. Er war, als schon alles zur Ruhe gegangen war, noch einmal vor die Blocktür getreten. Im Lager herrschte Ruhe, nur ein Schuß krachte noch da und dort, die nächtliche Stille zerreißend, und eine angenehme Kühle taute herab vom Firmament, dran die flimmernden Sterne hingen. Er gesellte sich zu einigen dunklen Gestalten, welche eben dabei waren, Zukunftsgarn zu spinnen. Der das Wort führte, war einer der verwegenen Gesellen, die nicht ganz selten sind unter uns, und die schlecht Widerspruch ertragen können. Er war von Saarbrücken und bekundete seine Absicht, gleich nach seiner Freilassung sich dorthin auf den Weg zu machen. Denn das dortige KZ bedürfe dringend seiner Anwesenheit. Es werde ja jetzt gefüllt sein mit jenen, welche uns hereingebracht haben; und er werde darum bitten, daß man ihn zu ihrem Kommandanten mache. ,, Was meint ihr", rief er aus, erfüllt von der Rolle, die er dann zu spielen gedachte ,,, was meint ihr, wie es da aufgehen wird mit Stockhieben, mit Ochsenziemer, mit Hungerleiden und allen Schikanen, die wir hier kennengelernt!" Der Biblizist, so sehr er die blutrünstigen Bilder dieser Zukunftsschau gewöhnt war, konnte sich doch nicht enthalten, als der Redefluß einen Augenblick aufhörte zu wallen, darauf hinzuweisen, daß dieses Faẞ doch ein gehörig Löchlein habe, aus dem der Wein immer rascher auslaufen müsse. In die Stille der nächtlichen Pause hinein, die entstand, fragte er: ,, Was hätte sich denn dann geändert? Wenn doch alles beim alten bleiben soll, wozu haben wir uns dann hier einsperren lassen? Ein Rad wird das andere treiben, und das letzte wird schlimmer sein als das erste!" Der Capo, ein solcher war der Vorredner gewiß, war zunächst sprachlos über die Offenbarung einer solchen weltfremden, unzeitgemäßen Seelenstimmung. Als er sich ZWÖLF UHR 261 von seinem Erstaunen erholt hatte, machte er seiner allerdings zeitgemäßen Seelenstimmung Luft, indem er den armen Biblizisten andonnerte:„ Die Zunge gehört dir herausgerissen!" ein Urteil, das diesen nicht weiter befremdete. Wenigstens vermochte es nicht den herrlichen Schlaf zu stören, der ihn umfing, nachdem er sich von der Gruppe der Scharfrichter zurückgezogen und sich wieder auf seinen Strohsack geworfen hatte. دو Seit heute nehme ich eine Schlüsselstellung ein, und zwar gleich die wichtigste: ich bin als Hilfskraft des Hilfssanitäters Herr über die Breikostkübel. Jeder, der im Lager auch nur eine Woche zugebracht, kennt die Bedeutung dieses Amts, ähnlich jener, die laut Felix Dahn am byzantinischen Hof mit dem Titel eines Oberpurpurdeckelschneckenintendanten" ausgezeichnet war. Bereits geht eine Umwertung aller Werte betreffs der Qualitäten meiner Person in den Augen der Mitlebenden vor. Man bedenke, welche Fülle von Ansehen allein der Titel in sich schließt: ,, Herr über den Nachschlag." Das hätte der Blockpascha noch erleben sollen; ich glaube, er hätte sich die blauen Augen rot geweint. Erinnerungen werden allmählich wach an vergangene KZZeiten, an die furchtbaren Perioden des Judenhasses, den nur die älteren Lagerhähne mitgemacht haben. Wie schauerlich sich dies alles jetzt anhört! So berichtet mir Karl Merz, der Naturdoktor vom Bodensee, folgendes: ,, Es war auf dem 27. Block. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Da kommt der große Judenhasser, der Capo im Revier, Heidensepp genannt, daher. Die Juden in der Stube zittern schon, und als er auf der Blockstraße vor der Stube steht, kommt der Befehl: ,, Alle Juden heraus!" Die Juden überspringen einer den andern aus Furcht und Angst im Galopp, stellen sich in Reih und Glied auf( denn Ordnung muß sein), um eine Predigt anzuhören mit Ausdrücken, 262 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF die selbst Abraham a Santa Clara zu stark gefunden hätte. Nach Beendigung des Sermons fuhr er auf die unterernährten Skelette los und verprügelte sie. Vor Angst macht einer in die Hosen. Als dies der Sepp sah, entrüstete er sich haushoch, sprang auf den Verbrecher zu, packte ihn mit seinen moralischen Fäusten und prügelte ihn halbtot." Was das Kaninchen noch unter den hypnotisierenden Blicken der Hyäne tun mußte, hat mir zwar Merz mit realistischer Deutlichkeit auch erzählt, meine Feder weigert sich aber, mit den wüsten Einzelheiten dies saubere Papier zu beschmutzen, und so unterlasse ich es denn. Ein Bild ruft das andere: es ,, In der Plantage, Freiland 2', dem Besitze Himmlers, arbeitete ein anständiger, gebildeter Jude an meiner Seite beim Umspaten der Erde. Nach einer Stunde kam war noch ziemlich früh am Morgen- ein junger SS- Posten, stellte sich vor uns beide hin und sah unserer Arbeit zu. Nach 5 Minuten wandte er sich dem Juden zu und musterte ihn mit scharfem Blicke. Ich schrak zusammen: was hat er mit ihm vor? Was ich befürchtete, trat ein. Er nahm dem Juden die Mütze vom Kopf und warf sie 3-4 m weit über die Postenkette hinaus. Dann entfernte er sich, ohne etwas zu sagen. Meinen jüdischen Freund aber ließ er in einem furchtbaren Kampf und mich in einem Zustand heftiger Beklemmung zurück. Wir beide wußten genau, daß ein Todesurteil wortlos ausgesprochen war. Denn wenn der Jude seine Mütze wiederhaben wollte, und er mußte sie wieder haben, sonst prügelten sie ihn auf dem Block zu Tode, so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Postenkette zu passieren. Da drohte ihm aber ebenfalls der Tod, denn wer sie überschritt, den traf eine wohlgezielte Kugel. Er hatte also zwischen Szylla und Charybdis zu wählen. Was wird er tun? Ich wagte kaum, ihn zu beobachten, so sehr nahm mich das Grauen gefangen vor dem, was ich kommen ZWÖLF UHR 263 1 S r 5, e ES 1, 3. e n it e 1 3 B er e u e n Er as S r - sah. Ich atmete aber auf, als ich bemerkte, daß er die Linie ungefährdet überquerte. Nur noch ein Schritt, und er war bei der Mütze! Da päng! ein Schuß, und der Unglückliche überkugelte sich, kurz vor dem Ziele zu Tode getroffen. Er hatte es nicht erreicht, wohl aber das Land, in welchem er keine Mütze mehr brauchte. Dies war das erstemal, daß ich selbst Augenzeuge davon wurde, wie ein beliebtes Mittel, Staatsfeinde zu beseitigen, angewandt ward. An jenem Tage kehrten 7 Häftlinge, die mit uns morgens zur Arbeit ausgezogen waren, nicht mehr lebend auf den Block zurück; ihnen allen war der Verlust ihrer Mütze zum Verhängnis geworden. In die Akten schrieben sie den lakonischen Vermerk:, Beim Fluchtversuch erschossen!" Unheimlich ging es auch an jenem schönen Frühlingsmorgen zu, dessen Datum ich mir, freilich aus einem besonderen Grunde, lange gemerkt, nun aber infolge der allgemeinen Lager- Gedächtnisschwäche doch wieder vergessen habe: nicht weniger als 60 Gestreifte waren bei strahlendem Sonnenschein unter harmlosem Vogelgezwitscher und im Duft von Heilkräutern über die Postenkette gejagt und auf diese Weise hingerichtet worden im Namen des nichtsahnenden deutschen Volkes und zu Ehren seines sogenannten Führers. Wir waren infolge der großen Anzahl der Leichen gezwungen, den, Moorexpreß zu benutzen, ein Vehikel, das auf Autorädern läuft, aber von Menschen-( lies: Gefangenen-) hunden geschoben wurde. Wir hatten alle Todesangst ausgestanden, denn keiner war sicher gewesen, ob ihm nicht im nächsten Augenblick die schwere Aufgabe gestellt wurde, seine Mütze oder seine Harke von jenseits der Todeslinie zu holen und dabei selbst im Jenseits liegen zu bleiben." 12. Mai 1945. Sie haben nun alle ihr schwarzes Brett an der Lageren straße, nur wir Deutschen suchen vergeblich nach dem uns 264 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF rigen. Die Österreicher haben sich ein besonderes Plakat geleistet, das in einem eigens dafür errichteten Schaukasten die Landsleute aufruft: ,, Frei! Selbständig, Einig!" Das Brett der Rotspanier zeigt ihre Flagge und auf sie aufgemalt die Worte: ,, Reconquiesta de Espana." Das Blatt der Holländer führt den Titel: ,, De Stern der Lage Landen, Organ der Nederlanders in Dachau"; die Serben nennen das ihrige: ,, Dahavske Porocevales", die Polen wählen sich die Überschrift: Glos Polski", Organ Komitetu Polskiego v Dachau", die italienische Zeitung segelte unter der Flagge: ,, Gli Italiani in Dachau", und die Ungarn schreiben sich kurzerhand in rotweißgrünem Gewand: ,, Magyar Hirado!" Nach Böttchers, des ehemaligen Rapportführers, Aussagen war folgendes Vorgehen gegen die Häftlinge geplant: - Am Sonntag, den 29. April, um 9 Uhr abends sollten alle auf dem Appellplatz antreten. Dann sollten sie mit dem Maschinengewehr niedergeschossen und das Lager durch Flammenwerfer verbrannt werden. Das rechtzeitige Erscheinen unserer Befreier verdanken wir der Entschlossenheit eines politischen Gefangenen. Dieser, von der drohenden Gefahr unterrichtet, sah die einzige Möglichkeit, ihr zu entgehen, darin, daß die Amerikaner ihr Kommen beschleunigten. So kappte er ein Auto, belud es mit leeren Rotkreuzkisten und fuhr zum Tor hinaus. Als ihm dies ungehindert geglückt, nahm er den Weg in der Richtung nach Pfaffenhofen, wo das Sternenbanner schon wehen sollte. Er erreichte es glücklich und setzte den Kommandanten in Kenntnis von unserer gefährlichen Lage. Der versprach sofortige Hilfe, konnte aber nur 60 Mann zur Verfügung stellen. Diese 60 sind es dann gewesen, die, einige Späh ıt tt 1e %; ıch ng ZWÖLF UHR 265 wagen an der Spitze, uns aus der Höhle des Löwen be- freit haben.\ Von dem Vernichtungstransport ist es ganz still gewor- den. Ein tiefes Schweigen ruht über dieser Angelegenheit. Wer weiß, ob das Dunkel jemals gelüftet wird, das sie bedeckt? Sonntag Exandi, 13. Mai 1945. Gestern traf überraschend Eisenhowers Befehl ein, von einem General des Hauptquartiers überbracht, daß das Lager innerhalb einer Woche geräumt sein müsse; am Pfingst- montag sei es den Flammen zu übergeben, zu welchem Schlußakt sich der Oberkommandierende selber einfinden werde. Die ehemaligen Bewohner dieser Stätte des Grauens können zu diesem Plane nur Beifall klatschen. Möge die Asche in alle Winde zerstreut werden, damit die Erinne- tung an all die Untaten, die hier geschehen, möglichst bald mit ihren Atomen aus unserm Gedächtnis getilgt seil— Sonderbar, nun es ernst wird und der seit Jahren her- beigeschnte Augenblick in seiner ganzen Schönheit vor uns steht, will es uns doch ein wenig unsicher zumute wer- den. Es geht uns wie einem Seereisenden, der nach langer Schiffahrt zum ersten Male wieder das feste Land betreten muß. Er taumelt zunächst und hat sich erst wieder an den Boden mit seiner Festigkeit zu gewöhnen. So auch wir. Vor allem macht uns die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse zu schaffen, die draußen auf uns warten. Gewiß, wir sind bereit, unser Schicksal zu schmieden. Aber wie sollen wir schmieden, wenn weit und breit weder Amboß noch Ham- mer noch Eisen zu erblicken sind? Wie werden wir. unsre ‚Lieben treffen und wo? Was ist’s mit unsrem Beruf? Mit unsrem Geld? Da wir die auf unsre Konten eingezahlten Beträge bis heute noch nicht zurückerhielten, so stehen wir vollständig ohne Mittel da. Kurz, hundert Fragen und 266 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF keine Antwort. Da kann es dir schon ein wenig ungemütlich auf den Beinen werden. Aber gut! Der HERR ruft uns aufs Wasser. Uns geht die Frage nichts an: wird es auch tragen den unsicher tastenden Fuß? Es wird uns tragen, wenn wir nicht aufs Wasser blicken, sondern auf IHN, der uns ruft. Das ist das Gute an der heillosen Lage, in die wir hineingestoßen waren: wir lagen am Boden, und wer am Boden liegt, kann nicht mehr tiefer fallen. Exaudi! Erhöre uns, Christe, wenn wir, mit den Wellen ringend, den Blick richten auf dich! Kyrie eleison! Nach dem Sturme fahren wir sicher durch die Wellen. Dann soll, großer Schöpfer, dir unser Lob erschallen. Loben dich mit Herz und Mund, loben dich zu jeder Stund! Christ Kyrie, ja, dir gehorcht die See! Himmelfahrt 1945. Den Sinn des heutigen Festes umriẞ Pfarrer Rackwitz in seiner Predigt als„, Thronbesteigung des Christus". Wir können die irdischen Machtverschiebungen, sagte er, seit der Himmelfahrt nicht mehr so ernst nehmen, wie es die Kinder der Welt tun; so gewiß wir ihnen nicht gleichgültig gegenüberstehen, sondern uns unsrer Verantwortung bewußt sind. Und als Deutsche sprechen wir es in dieser Stunde unumwunden aus: wir fürchten uns vor den schweren Folgen dieses Krieges nicht, nein, wir bejahen sie im Gegenteil und glauben fest, daß die Allmacht auch dieses dunkle Geschehen zur Verherrlichung des Christus dienen läßt. 14. Mai 1945. Den ersten Erfolg als Nachschlagshilfshelfer verbuche ich hiermit gewissenhaft: die langen Nasen und Gesichter, die trockenen Gaumen und leeren Näpfe der Günstlinge. Ich hatte geflissentlich darauf gesehen, daß alles genau der 6 1 1 e ի ZWÖLF UHR 267 Reihe nach ging, so daß die berufsmäßigen Schmarotzer an den Schwanz kamen und trotz ihrer wütenden Blicke ohne Nachschlag abziehen mußten. Taugte ich nicht zum Reformator? SS- Lager, 15. Mai 1945. Endlich sind wir soweit: wir sehen das Leben von der andern Seite. Wir haben den Bach überschritten. Gestern noch sahen wir das SS- Lager vom Häftlingslager aus, heute schon ist's umgekehrt, wir blicken voll Stolz durch den Stacheldraht auf die Blöcke herab, die das KZ genannt wurden, lang, lang ist's her. Dazwischen ist unser Auszug aus dem Ägypten unserer Knechtschaft, die nun ein für allemal hinter uns liegt. Die Franzosen, Belgier, Holländer waren uns vorangegangen beim Überschreiten des Bachs. Polen, Tschechen und einige andere Völkerschaften sind noch drüben zurückgeblieben und haben nun das Heft allein in der Hand. Zwar wollte ich anfangs Männchen machen und drüben bleiben, denn ich bin des Wechsels so müde, so müde. Vor allem lag mir daran, von Kotter, dem Karlsruher Architekten, Heims Buch ,, Glaube und Denken" vorher zurückzubekommen; denn abgesehen von seinem unersetzlichen Eigenwert enthielt es auch wichtige Manuskripte über das letzte Kapitel von Dachau. Aber ich fand den Guten nicht; er war nirgends zu entdecken, rein nicht! Niemand wußte etwas von seinem Verbleib, ein Rätsel, gewissermaßen das achte Welträtsel. Die Appelle taugten also doch etwas, zu ihrer Zeit wäre ein solches Verschwinden unmöglich gewesen. Wenn ich nicht ein gar so verstockter Verächter dieser Einrichtung wäre, so müßte mir eigentlich ihre Notwendigkeit jetzt einleuchten, nicht wahr? Und so schloß ich mich den Ausziehenden an. Der Auszug nahm einen recht kläglichen Verlauf. Er war das reine Tohuwabohu. Zum Schluß fing ich wahrhaftig noch eine Ohrfeige; ehe ich mich's versah, hatte ich sie ge 268 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF fangen und wußte nicht, warum. Endlich klärte sich der Fall auf, als der Überbringer der explosiven Botschaft mit allen Anzeichen einer inneren Bewegung auf meine Schuhe deutete: jaso, jetzt fiel mir ein, daß ich im letzten Augenblick in eines der vielen herrenlos herumstehenden Paare geschlüpft war. Es hatte aber, wie es jetzt herauskam, doch seinen Herrn( wenn auch wohl erst seit gestern), und der stand nun wie ein zürnender Engel vor mir und verlangte Rücktausch gegen ein anderes Paar, das nun allerdings weder ihm noch mir gehörte. Ich weigerte mich nicht, und so war der ursprüngliche Rechtsstand ohne Advokaten wieder hergestellt. Die Ohrfeige nahm mir aber kein Armenier mehr ab. Vom Dienstag ab haben wir es nicht mehr nötig, unsere Wäsche selbst zu waschen. Das besorgen die SS- Frauen. Die Pfarrer brauchen die schweren Kisten und Kasten nicht mehr zu schleppen, diese Last wird ihnen zur Sühne von den Parteigenossen abgenommen. Vom Bürgermeister wurde ein halbes Faẞ bayrisches Bier gestiftet. Für mich ist nicht einmal ein halbes Maß übriggeblieben, doch weine ich ihm keine Zähre nach. Und so blicken wir denn vom SS- Lager, das wir jetzt bewohnen, hinüber aufs alte Häftlingslager. So mag es den Seligen zumute sein, welche aus dem Jenseits ins alte Diesseits blicken, gewißlich triumphierend wie wir und mit dem Wunsche: ,, Nie mehr zurück!" Abends beim Sonnenuntergang. Und nun liege ich unter den dürftigen Fichten und Andeutungen von Eichen, die wie verwunschen um die Baracken herumstehen. Ich schaue dem Spiel der Dachauer Wolken zu, die uns heute abend durch eine ihrer berühmten Tönungen erfreuen: zarte in rosa Licht getauchte weiße ZWÖLF UHR 269 Schäflein schwimmen in einem Himmelssee von lieblicher Bläue. Ich bin ja so frei, und niemand darf mir vorschreiben, ob ich auf dem Rücken liegen soll oder auf dem Bauch, ob ich träumen soll oder grübeln, ob ich dichten soll oder denken. Schwarz heben sich jetzt die Tannen gegen den abendlich lichtblauen Himmel ab, breiten die langen Arme gegeneinander aus, als ob sie sich die Hand zum Reigen reichen wollten, und über ihnen hat sich ein duftiger, rosiger Schleier gebreitet. Was wiegt ihr so traurig die Wipfel, und der Mond, was sieht er so schwermütig durchs Geäst, als ob er so recht von Herzen verstünde, was euch bewegt? Ja, ich begreife, ihr verließet noch diesen Augenblick die Stätte, darauf ihr steht, über die ihr eure Häupter schüttelt, wäret ihr nicht so unbeweglich ins Erdreich verwurzelt. Denn wenige Schritte von euch weg haben sich schreckliche Dinge abgespielt. In das schüchterne Lispeln eurer Wipfel mischten sich die Seufzer von Sterbenden; Tausende blühender Leiber, deren Schönheit den Bau eures Wuchses an Herrlichkeit weit übertraf, haben unter dem Dach, das ihr beschattet, das Ende gefunden und sind in ekelerregender Häßlichkeit zugrunde gegangen, aufgefressen vom gierigen Maule der Flammen. Die Geheimnisse der ,, Baracke X", euch waren sie offenkundig genug, sie, um welche die Mitternacht den Mantel der Verschwiegenheit breiten sollte. Aber es kommt der Tag, der euch den stummen Mund öffnen wird, und an dem ihr Zeugnis abzulegen habt von dem, was sich heimlich vor der Welt in eurer Nähe zugetragen. 16. Mai 1945. Dies Heft hat mir heute der Knabe Hiob verehrt. So sei es gleich einem angemessenen Zweck gewidmet; es diene der Chronik seines Freundes, und der erste Eintrag sei seinem Gedenken geweiht. 270 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF - Nachmittags. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sich ergehen zu können ohne die Kindsmagd mit dem Gewehr zur Seite; ohne Beaufsichtigung, wie alle andern ehrlichen Leut' auch. Schon ist die Grenze unserer einstweiligen Abgeschlossenheit bedeutend erweitert: innerhalb des ganzen SS- Lagers dürfen wir uns frei bewegen. Einer meiner ersten Gänge galt dem Porzellan. Wie werde ich die Manufaktur vorfinden? war die Frage, die mich bewegte. Es war mir sonderbar zumute, als ich so ungehindert dahinschritt, zum Bach, über die Brücke, aufs Kasino zu! Nicht lange ist es her, daß ich eine Kugel riskierte, wenn ich mich ohne Begleitung da sehen ließ. Es schien mir jetzt, ein Leben sei seither verflossen, und doch, sollte ich es glauben: wenn ich nachrechnete, ging ich noch im März hier an aber was für ein Viertelder Kette; kaum ein Vierteljahr jahr! - Ich lenkte meine Schritte an der Holländerhalle vorüber. Einst wimmelte es hier von unsern Vögten, jeden Augenblick galt es, die Mütze abzunehmen, drei Schritt vorher und drei Schritt nachher. Auch heute sah ich einen Zug SSMänner vorbeimarschieren, Männer jeden Alters. Aber welch ein Unterschied: sie waren die Gefangenen, bewacht von american boys, und der Gefangene von einst war frei. Da war ich auch schon an der Porzellanmanufaktur. Ich trat ein und stand erschüttert vor dem Anblick still, der sich mir bot. Wie sah es da aus? Ausgestorben! Leergebrannt die drei Riesenöfen! Kein Capo mehr und kein Gestreifter, kein Direktor mehr und kein Obmann, kein Cerberus und kein Mannweib! Hier, das kleine Atelier, in dem Josef Sobczak, der polnische Student, einst seine finnischen und anderen Bären bemalte, dieser hübsche kleine Raum hübsch, ja das war einmal. Jetzt, ein Trümmerin Scherben, feld von Bruchstücken: der große Friedrich der Malachowski- Husar - - ZWÖLF UHR 271 ein Mann ohne Kopf, der Seydlitzkürassier ein Reiter ohne Beine. Das Ganze eine eindringliche Ansprache über das Wort: ,, Sic transit mundi gloria!" Die Buchhaltung, die ehemalige Wirkungsstätte des Pragmatikers und des Übermenschen, zeigte ein nicht minder trostloses Bild. Der Boden war übersät mit Papieren, den Ort der Ordnung in ein unordentliches Chaos verwandelnd. Das Lager, wo die feinen Gebilde aus Porzellan zu Tausenden aufbewahrt standen, ein Museum von Splittern; was nicht mitgenommen werden konnte, war zerschlagen worden; nur die Teekannen, die in großen Kisten verlassen herumstanden, waren unversehrt geblieben. Ins Zimmer des Direktors konnte ohne vorherige Anmeldung eindringen, wer wollte; nur daß mit dem Cerberus der sphinxhafte Mann selbst verschwunden war. Wo er wohl steckte? Hatte er mit seinen schwermütigen Augen schon vorausgesehen, daß von seiner Tätigkeit nichts übrigbleiben werde als ein Scherbenhaufen? Abends. Die Hochwürden tauschen Erinnerungen aus an die Zeiten, wo sie auf Block 26 saßen. Einem von ihnen stieg folgende Wiederholung der Passion vor dem innern Blick auf: Am Karfreitag 1943 nahm ein Untersturmführer den Pfarrer X, vor. Er fragte ihn: ,, Weißt du, daß Christus heute sterben mußte?" Ja, das weiß ich." ,, Also auf die Knie!" Der Pfarrer gehorchte und ließ sich auf die Knie nieder. , Weißt du, daß er gegeißelt worden ist?" „ Ja." دو ,, Also das Hemd herunter!" Der Juden- und Christenfeind ließ sich nun ein Stück Stacheldraht holen und hieb damit wie mit einer Geißel auf den vor ihm Knieenden ein, bis das Blut vom aufgerissenen 272 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF Rücken strömte. Er bog nun den Draht zu einem Kranz um, nachdem er das Verhör weiter führte: وو , Wanden sie ihm nicht auch eine Dornenkrone ums Haupt?" ,, Ja." ,, So kriegst auch du einen schönen Kranz!" Mit dieser Hohnrede drückte der vom Christenhaẞ Verblendete ihm den Stacheldraht auf den Kopf, daß das Blut heraussprang und die Stirn blutig färbte. Es wurde nicht berichtet, wie der Priester dies Martyrium überstand. Soviel ist indes sicher, daß er in seinem stillen Dulden eine eindringlichere Karfreitagsrede hielt, als er es mit lauter Stimme hätte tun können. Oder wirft nicht diese düstere Stunde, da die Sonne ihren Schein verlor, ein helles Licht auf den dunklen Sinn unseres Lagerschicksals, ja, das Leiden der Christen überhaupt? Warum waren wir hier, warum mußten viele sterben? Weil wir mit Christus leben, dürfen wir mit Christus leiden, bluten, sterben. Sein Geschick ist das unsere, unsere Leiden sind die seinigen, denn wir sind ,, ein Geist mit ihm". Pfarrer Rieser berichtete, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein lebender Häftling in die Betonmaschine hineingestoßen und mit dem Zement zermahlen worden sei. Freitag, 17. Mai 1945. - jeden Tag Wir leben im Zeitalter der Entdeckungen eine neue. Und zwar sind es Verstecke, die wir zu entdecken fortfahren. Vorgestern gerieten sie hinter das Bekleidungslager und hatten es fast leer geschleppt, ehe Uncle Sam noch recht dahinter gekommen war. Er scheint ein gewisses Beuterecht den Nutznießern seines Sieges zuzuerkennen, denn er verlangte zwar die Ablieferung der eroberten Tuchkolosse, bestand aber nicht darauf, sein Fetwah auch durchzusetzen. Gestern früh waren es Zigeuner, deren findige ZWOLF UHR 273 Nasen ein weiteres Schlaraffenland entdeckten. Einen nach dem andern sah man, mächtige Ballen auf den Schultern und einige Tuchpacken gleich Weihnachtsgänsen unter den Armen, gebeugten Hauptes durch die Landschaft streichen. Schnell sprach es sich herum, und eine wahre Karawane zog zu und von dem lockenden Tuchparadies. In den Aus- 1 rüstungswerken lag in einem Souterrain ein ganzes Magazin von Anzugstoffen verstaut. Die Beuteprozession begann am frühen Morgen und dauerte bis in den Abend hinein; als ich mich aber heute morgen aufmachte, um die bedeutsame Stätte zu besehen in der Annahme, sie leergeplündert zu finden, staunte ich nicht wenig; denn siehe, da lagen sie immer noch zu Hunderten, die Tuchballen, als ob nicht ganze Wagenladungen bereits weggeschleppt worden wären! - Und nun wurde heute ein weiteres ungeheures Bergwerk ausfindig gemacht, aus welchem ganz München mit allen möglichen Gütern versorgt werden könnte. Ganze Stollen von Gesichtscreme, ganze Bäche von Hautwassern, lange Adern von Zahnpasten. Du weißt nicht, wohin du zuerst greifen sollst; gierig fahren die Finger in die aufgestapelten Schätze, und es ist den Entdeckern zumute wie Sindbad dem Seefahrer in der Felsenschlucht, deren Grund er mit Perlen und Rubinen, Smaragden und Saphiren bedeckt fand. Hier Batterien von Dosen mit guter Schuhcreme welche Seltenheit! Da Chlorodont in silberglänzenden Tuben hieß es nicht, wir müßten um der Entfeinerung willen zur Schlemmkreide greifen? Und hier tritt der Fuß achtlos auf die aufkreischenden Tuben. Aber halt, laß sehn, dort wälzt sich eine Welle feinster Creme von Pariser Herkunft in mondänen Gläsern daher, ausreichend für Urahne, Großmutter, Mutter und Kind! Schnell eingepackt, was die Mappe hält! Sie hält nicht mehr viel, und doch, drüben wartet noch ein fast unangetastetes Revier von Dingen, die Goldes wert sind, feinste Papiere die Hülle - - Fünf Minuten vor Zwölf 18 - 274 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF und Fülle! Umschläge entquellen haufenweise aufgebroche- nen Schachteln, herrliche Briefblocks warten ungeduldig darauf, daß du dich ihrer annimmst, ehe sie von Vandalen- füßen zertreten werden; also flink, nur flink! Schon liegen, den Leibern Erschlagener gleich, Tausende von Bleistiften zertreten mit aufgespaltenem Eingeweide auf dem wirt- schaftlichen Schlachtfelde. Eines ist sonderbar: etwas wirklich Praktisches, was du unmittelbar brauchen könntest, suchst du vergeblich, etwa eine Rasierklinge oder ein Taschenmesser, ein Handspiege- lein oder einen Kamm. Das sind für uns Kulturgüter von unvorstellbarem Wert: Kamm und Spiegel! Das wichtigste Kennzeichen der wiedererlangten Freiheit ist es ja, daß dir die Haare wieder wachsen dürfen so lange sie wollen. Indessen jedermann weiß: um sie im Zaum zu halten, braucht es des wichtigen Werkzeuges der Kulturmenschheit, des Kammes, wollen wir nicht, wie ich es einst bei Zigeu- nern gesehen, mit geringem Erfolg uns des fünfzähnigen Rechens unserer Rechten bedienen. Pfingstfest 1945. Zum ersten Male seit 70 Monaten trage ich bürgerliche Kleidung; wirklich, ohne roten Krawattenersatz, ohne Nummern und Andreaskreuz und sonstige hitlerische Schnörkel. Aber in den Kelch fiel ein Tropfen Wermut. Es sind nicht meine eigenen Kleider; auf die hatte ich mich umsonst so gefreut, den weichen Velourhut, die schwarze Samtjacke, die blauen Kammgarnhosen und die braunen „Schühlich“.’s ist mir alles verbrannt an jenem Samstag- morgen, als eine Brandbombe den Schubraum in Asche legte. So müssen wir uns damit begnügen, was von Ver- storbenen oder Umgebrachten hinterlassen war. Abgelegte Kleider! Fängt so die Freiheit an? Nichts ist mir widerlicher! Mögen sie noch so elegant sein, ich mag sie nicht. Ich hatte eine ER“ ZWÖLF UHR 275 unüberwindliche Abneigung gegen sie von Anfang an, und sie ist mir durch sechs Jahre hindurch treu geblieben. Immerhin hatte ich mehr Glück als Verstand; obwohl ich mich nur mäßig bemühte, erbte ich zu einer sehenswerten schwarzen Jacke ein Paar gestreifte Hosen, die zu ihr und zu mir ganz leidlich passen: andre waren vom Erbschicksal weniger begünstigt, so der Herr Domkapitular, von dessen Kammgarnhose sich im Lichte des Pfingstmorgens herausstellte, daß sie vollkommen von Motten zerfressen war. - Rackwitz, der Bescheidene, taucht in Hosen auf, die mei-. nen ehemaligen Eisenbahnern ähnlich sehen wie ein Ei dem andern. Sollten sie es gar selber sein? Er hätte auf etwas Besseres Anspruch gehabt, er, der Tag und Nacht an der Schreibmaschine sitzt und die amerikanischen Fragebogen bearbeitet, die eilends fertiggestellt werden sollen. Bevor sie nämlich alle von A bis Z beantwortet sind, dürfen wir nicht weg, hat uns Burckhardt im Auftrage des Kommandanten feierlich erklärt. Und erst der Knabe Hiob! Er hat es wahrlich nicht verdient, daß er immer unter den Schlitten kommt. Aber es scheint, als ob die Bullen auch in der neuen Zeit.den gleichen Trieb an den Tag legen, die Schwachen und Buckligen auszunützen, um sie dann wegzuwerfen wie ausgepreßte Zitronen, weil sie ihre Wehrlosigkeit kennen. Kaum war er hier, der Knabe Hiob, als der Tanz wieder von neuem losging. Nur unwillig gönnten sie ihm einen Strohsack, aber das hielt ihn nicht ab, sich zum Kübeltragen zu melden. Und so hielt er denn seine paar Knöchelchen über Gebühr in Atem, schleppte auch die Säcke mit herbei, die die Erbschaft enthielten, welche zur Verteilung kam. Zum Dank lassen sie ihn herumlaufen wie einen Harlekin: in ein paar Hiasl- Hosen stecken seine Hiobsbeinchen, daß einen fröstelt, sieht man sie bei unfreundlichem Dachauer Himmel. Er klagt auch Stein und Bein über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren, doch 18* 27 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF finden wir, daß die Sache in eine andere Schublade einge- packt werden müßte.— Pfingstmontag. Das Leben in der Freiheit bietet seine Überraschungen: Windgasse, der Evangelist, ist Lagerschreiber geworden. Wir staunen alle, denn ist’s auch nur ein Liliputlager, so ist's doch kein Liliputtitel, vielmehr bezeichnet er das zweithöchste Amt, das die Lagerhierarchie zu vergeben hat. Es zeigt sich, daß das bekannte Sprichwort vom Amt und dem Verstand auch in seiner Umkehrung richtig ist: „Wem Gott den Verstand gegeben hat, dem gibt er auch ein Amt.“ Er macht seine Sache gut, das bezeugt ihm Rom nicht weniger als Wittenberg. Wären die beiden in allem so einig wie hier, es gäbe keine Spaltung mehr. Den Po- len, die angeblich zehn Kübel Fleisch versiebt hatten (Polen ist Herr des alten Lagers und damit auch Herr der Küche), hat er bereits eine Meldung geschrieben. Diese erste Amtshandlung trägt ihm die Achtung aller recht- denkenden Geister ein. Freilich auch die Wut jener Klique, die fürchtet, daß bei dieser Gelegenheit auch ihre Unregel- mäßigkeit an den Tag kommt. Später. Das allgemeine Denken, Fühlen und Reden dreht sich um die endgültige Entlassung. Es geht allen viel zu lang- sam, ja man hält es mit der Auffassung von der Fixigkeit des Uncle Sam nicht für vereinbar, daß nicht. ein jeder bereits jetzt unter seinem heimischen Feigenbaum sitzen darf. Aber die Quarantäne! Ja, weiß man denn nicht, daß die Quarantäne eine wächserne Nase ist, die man drehen kann, wie man will? Die Pfarrer, unter denen ich mich'nun endgültig einge- nistet, brauchen keine Angst zu haben. Für sie rühren sich ZWOLF UHR - 277 draußen Hände, Füße, Federn und Autos. Ein erzbischöflicher Lastkraftwagen ist vorgestern hier eingetroffen und hat sie alle auf einmal abholen wollen, aber - die Quarantäne! Immerhin haben sie das tröstliche Wissen, daß auf der andern Seite des Stollens gebohrt wird, und eines Tages wird man zusammenkommen. Die Leute von Wittenberg, sieben an der Zahl, fühlen sich bei diesen Aussichten ihrer Brüder mit der Tonsur etwas verlassen, denn um sie schien sich niemand zu kümmern. Schien! es war eine große Täuschung; denn seht, gestern kam es an den Tag, daß auch die evangelische Bruderliebe brennt, gebrannt hatte schon in dem Augenblick, da der Kleinmut ihr Dasein zu bezweifeln geruhte. Heute tauchte unter einem breitkrempigen schwarzen Hut ein Herr auf, dessen Arm jenes ,, Sesam tu dich auf" trug, das alle Türen öffnet, die Rotekreuzbinde. Es stellte sich heraus, daß es ein Mann war, der uns schon lange kannte, nur daẞ wir ihn nicht kannten. Sein Name war uns freilich wohlvertraut als der des Absenders jener geheimnisvollen sonntäglichen Kisten ,, die dazu geholfen hatten, so manchen von uns in der Zeit der mageren Küche über Wasser zu halten: Dr. Daumillers, des Oberkirchenrats in München. Er hatte sogar einen Kraftwagen mitgebracht, welcher die Restkirche mit wegführen sollte, die babylonische Gefangenschaft endgültig beendend. Nur, daß dies Vorhaben nicht gelang, weil der abwesende Captain nicht erreicht werden konnte. Auch für mich blitzt ein Hoffnungslichtlein auf: Freund Thurmann stellte mich ihm vor als Zaungast und Nutznießer geistlicher Pfründen, und so sagte er in großzügiger Weise zu, für mich zu tun, was in seiner Macht stehe; das galt wohl weniger dem Magister theologiae als dem Schildhalter Pfarrer Niemöllers. Ein hoffnungsvolles Zeichen: das Lager wird mehr und mehr geräumt. Heute ist ein Teil der Tschechen abgezogen, 278 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF auch von den Holländern sind einige weg, unter ihnen der treue den Hertog. 23. Mai 1945. Ein leuchtendes Abendrot flammt über den Föhren, ein festliches Frühlingsfeuerwerk. Der Schlot des Krematoriums hebt sich wie ein ungefüger Riese von den lohenden Fackeln ab. ,, Das kann kein Landschaftsmaler so treffen", bemerkt ein alter Mann, der neben mir sitzt, und Kreuzberger erzählt, es sei der Vater von Christian Morgenstern gewesen, der den Dachauer Himmel mit seiner Farbenpracht entdeckt habe. Das orientalische Irisieren der Farben hänge mit den Dünsten zusammen, die aus den Mooren der Umgebung aufsteigen. 24. Mai 1945. Gestern erschien der katholische Stadtpfarrer von Dachau, Geistlicher Rat Y. unter uns, um seine Freunde darüber zu beruhigen, daß ihrer weiter angestrengt gedacht werde, der Stollen sei schon in Reichweite vorwärts getrieben, so daß der Durchbruch jeden Augenblick erfolgen könne. Der würdige Herr wirkte wie ein frischer Luftzug in der schwülen Atmosphäre unserer Stube; bot doch sein gütiges Antlitz das Bild blühender Gesundheit. Seinen confratribus stand er ohne die bei uns übliche Galligkeit Rede und Antwort auf die zahlreichen Fragen, mit welchen sie seine hünenhafte Gestalt bombardierten. Aber was das Beste: er war in der Lage, ihnen Aufschluß zu geben über die bestimmten und wohltätigen Absichten Seiner Eminenz, des Herrn Kardinalerzbischofs, welche eine Lösung der Kardinalfrage zuließen, die er allen von den geschlossenen Lippen abzulesen verstand: Wann? Wann?" ,, Ihr. werdet am nächsten Montag entlassen, und am nächsten Mittwoch fahrt ihr ab. Das ist sicher. Und zwar kommt ihr zunächst noch in das Jesuitenkolleg zur Vollendung der Quarantäne. Dort werdet ihr gut verpflegt دو دو , ZWÖLF UHR 279 und dann entlassen." Mit fühlbarer Erleichterung hörten die Hochwürden aus beiden Lagern dieses solemne Versprechen an, und niemand wagte es zu bezweifeln. Auch die Protestanten sahen nämlich ins Freie durch das Gucklöchlein, denn der geistliche Mund war weitherzig genug, um auch ihnen die jesuitische Gastfreundschaft anzubieten. 24. Mai 1945. Dittmer, der Hüne, wagt das Bild von einem Wettlauf der Konfessionen, der eingesetzt habe, um der pastoralen Insel von Dachau zum Beistand zu eilen. Und in der Tat, kaum ist das Wort gefallen, kaum haben sich die Lutheraner entschlossen, sich demjenigen Kirchenauto zur Hilfe auszuliefern, das zuerst komme, da taucht schon das Gerücht auf( lateinisch überbracht), daß wiederum ein geistlicher Würdenträger aus München eingetroffen sei höchstwahrscheinlich, wurde angedeutet, der Oberkirchenrat, der bereits einmal hier gewesen, eine Erscheinung mit Armbinde, Bischofskreuz, doch statt der Bischofsmithra einen breitkrempigen Hut tragend. Das war unverkennbar das Signalement von Herrn Dr. Daumiller. Und wirklich, er war es. Mit zwei leeren Autos war er gekommen, mit zwei vollen wollte er wieder zurückfahren. Leider fuhr er wieder mit zwei leeren ab, denn der Colonel Joice ging streng partitätisch vor und gab Wittenberg nicht frei, solange er Rom noch verwahren mußte. Da half keine Beschwörung seiner Milde und kein Hinweis darauf, daß die Unterkunft, die man bereits in einem Münchener Krankenhaus mit Mühe und Not freibekommen habe, wieder verloren gehen könnte. Wittenberg mußte warten, nicht länger als Rom, aber auch nicht kürzer, eben bis zum Montag, zum Ende der Quarantäne. Unter dem Eindruck dieser hochherzigen Hilfsbereitschaft nahmen wir Abstand von dem Beschluß der Verzweiflung, uns dem ersten besten Auto in die Arme zu 280 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF werfen, vielmehr entschlossen wir uns, uns bei dem endgültigen Finale der Befreiung ganz der violetten Limousine aus der Arcisstraße zu überlassen; was von jedem Standpunkt aus das Richtige war. Lackmann setzt uns gestern davon in Kenntnis, daß die Fragebogen endlich, endlich zur Zufriedenheit beantwortet sind. So ist also auch dieser Stein aus dem Wege geräumt, und das Auto findet uns bereit. 25. Mai 1945. Auch der gestrige Tag hatte seine Sensation. Riesige Mühlräder schleppten sie auf den Achseln, unter ihrer Last keuchend, daher. Und diesmal lohnte sich die Entdeckung auch für die Eingeweide, es waren nahrhafte Mühlräder: sie bestanden aus getrockneten Zwiebeln, einer Substanz, die nach unserer Erinnerung ziemlich viel Vitamine enthält. Das war ein einträglicheres Schatzgraben als bei dem Hamsternest der Stoffballen, die nicht eine Spur von Eẞbarkeit aufwiesen. Das Auffinden war entsprechend schwer und erforderte Talent und Unerschrockenheit nebst einer Wünschelruten- Nase. Tief unter dem Erdreich verborgen lagen die Zwiebelräder, ein Labyrinth von dunklen Gängen führte den Tastenden in die nahrhafte Kammer; wer Glück hatte, kam mit einer Zentnerlast wieder ans Tageslicht, und wer keines hatte, dem wurde das Mühlrad wieder von den Posten abgenommen, die inzwischen Lunte gerochen hatten und an der Türe lauerten. Ich kann mich rühmen, Glück gehabt zu haben, aber ob es mir treu bleiben wird, wenn es gilt, das Mühlrad mit durch die Postenkette in die Freiheit zu lotsen, das steht auf einem andern Blatt! - 26. Mai 1945. Wie schwer es doch die Prominenten haben, die Maßgebenden, die Verantwortlichen, die Würdenträger! Zuerst welche Mühe, bis sie nur zu ihren Ämtern gelangt sind, ZWÖLF UHR - 281 bis sie es durch lebensgefährliche Kunstgriffe dahin brachten, daß man ihnen aufnötigte, was sie selbst im Herzensgrund so gern gehabt hätten! Und dann, kaum, daß sie es haben, beginnt eine Kette von Leiden. Nach kurzem hört man sie seufzen und stöhnen unter der Bürde, die ihnen ihr Amt auferlegt, über die Opfer an Schlaf, Bequemlichkeit und Freiheit, die es täglich und nächtlich von ihnen heischt, und überhaupt... Jedermann muß Mitleid mit den geplagten Chamals der Verantwortung haben. Und doch wären sie die traurigsten Menschen, wenn man sie beim Wort und die schwere Last von ihren Schultern nähme. Da ginge ihr Unglück erst an. - 27. Mai 1945. Morgen ziehen die Belgier und Holländer vollends ab.. Die Franzosen fliegen fort; es heißt, daß die französische Regierung ihre verlorenen Schäflein nicht schnell genug bei sich haben könne und sie mit Flugzeugen heimhole. Wann kommen wir Deutschen dran? Die Ungeduld wächst. Es gibt Talente unter uns, die brennen darauf, möglichst rasch nach Hause zu kommen, weil sie heilig davon überzeugt sind, daß die Heimat nach ihnen ruft und ihnen Ehrenposten bereit hält, die niemand ausfüllen kann als sie. Käufer wird es unter einem Ministerposten kaum tun; bei seiner anormal großen politischen Begabung hätte er alles Anrecht auf das Amt eines Präsidenten. Schade um jede Minute, die die Bannerträger der Zukunft hinter dem Stacheldraht vertrödeln. - Montag, 28. Mai 1945. ,, Bist du's oder bist du's nicht?" fragte mich Windgasse, der Evangelist, als ich diesen Morgen über den Rasenplatz wankte ,,, du siehst ja aus wie dein eigen Gespenst, so graugrün und durchsichtig!" Ja, es hat mich gründlich gepackt. Wer oder was? ist mir selbst ein Rätsel. Der ganze Leib schmerzt mich, allem voran der Hals so, als ob ihn eine es FÜNF MINUTEN VOR. ZWÖLF gierige Knochenhand würgte, um mir das Lebenslicht aus- zublasen. Ich erinnere mich aus der ganzen Lagerzeit nicht, mich jemals so elend gefühlt zu haben. Und kaum läßt der Griff nach und ich denke, ich sei wieder frei und könne aufatmen, da liege ich bereits wieder am Boden. - Was ist’s? Wer ist’s? Ist’s der, der uns nach Luther Tag und Nacht nachstellt, um uns zeitlich und ewig zu verderben? Gönnt er mir die Freiheit nicht; will er mich niederwerfen, kurz bevor die violette Limousine uns ins Freie entführt? Der amerikanische Doktor verschrieb einige Pillen, gab sich aber weiter keine Mühe, die Sache ernst zu finden. Besteht ein internationales Komplott. der Ärzte gegen den (ehemaligen) Häftling Nr. 16921? Nun, es ist ja um so besser, wenn es sich nur um„ein Wölkchen handelt, das vorübergeht“. Denn morgen sollen die Pfarrer endgültig abziehen; unwiderruflich zum letzten Male ist’s angekündigt, und zwar in zwei ordnungsmäßig nach Rom und Wittenberg aufgestellten Haufen. Seiner Eminenz, dem Herrn Kardinalerzbischof Michael von Faul- haber ist heute morgen in einem von Thurmann, dem Re- formierten, aufgesetzten und von Kreuzberger, dem Unier- ten, redigierten Schreiben für sein hoch- und weitherziges Anerbieten geziemend gedankt worden. Zugleich wurde das Bedauern der Briefschreiber ausgesprochen, von der wohlwollenden Einladung keinen Gebrauch machen zu können, weil bereits ein andersfarbiges Auto unser Finale übernehme.— Eine Wünschelrute ist uns gestern schon ausgehändigt worden in Gestalt eines Lebensmittelscheines, das heißt des Antrags unsers Komitees, den Inhaber mit einer Erhöhung der Rationen zu beglücken, weil er infolge des jahrelangen Aufenthaltes in dem Vernichtungslager Dachau schweren Schaden an der Gesundheit erlitten habe. Heute nun wurde das letzte Vermächtnis in unsere Hände gelegt, eine Art ZWÖLF UHR 283. Reisepaß, der uns schwarz auf rosa allen einschlägigen irdischen Gewalten zu freundlicher Aufmerksamkeit und Bedienung empfahl. Da darf ich doch nicht krank werden, „und wenn auch alle Teufel hie sollten widerstehn!“ Zwei bittere’Iropfen des Abschiedschmerzes fallen in den Kelch der Abschiedsfreude: Windgasse bleibt hier. Warum? ist mir eigentlich unerfindlich, da er das neuer- worbene Amt bei aller Pomposität unmöglich höher schätzen kann als die Erlebnisgemeinschaft, die ihn mit lockender Kraft zum violetten Häuflein ziehen müßte. Wahrschein- lich winkt ihm eine Gelegenheit, in kürzester Frist per Luft- post nach Wiesbaden befördert zu werden, dem Ziel seiner Wünsche, seiner Heimatstadt. Wozu dann den Umweg über München nehmen? Und auch den Knaben Hiob muß ich hier lassen; die Limousine wird für ihn keinen Platz lassen; den habe ich ihm weggenommen, ich Selbstsüchtling.— Ich muß nun noch eines Ereignisses gedenken, das An- spruch darauf hat, daß es nie aus dem Gedächtnis eines alten Häftlings ausgelöscht werde. Gestern, am Sonntag- nachmittag, ist in der Dachauer Kirche ein Gedenkgottes- dienst für die im Lager Gestorbenen und Hingemordeten gefeiert worden. Von uns sollte eine Abordnung in Stärke von 5o Mann daran teilnehmen. Im letzten Augenblick wurde auch ich, als Lückenbüßer, herausgerufen und freute mich der Ehre nicht wenig. Zum ersten Male als freier Mensch nach Dachau! Ich fühlte mich wie elektrisiert. Un- willkürlich trat mir jenes Jahr vor das innere Auge, da ich täglich in der Gefangenenkolonne des Kommandos Wülfert in das Städtchen marschierte. Welch ein Unterschied: damals und heute! Die Gefühle, die mich bewegten, vermag nur ein Mensch zu ermessen, der in ähnlicher Lage war. Wie oft blickten wir damals sehnsüchtig über die Amper: wer 284 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF drüben wäre am andern Ufer! Dort lachte die Ungebundenheit! Und heute, heute waren wir so weit! O Stunde des Glücks und des Dankės, o lachender Sonnenschein, o ihr sattgrünen Wiesen und ihr Menschenbrüder alle, die ihr uns jetzt als Gleichberechtigten begegnet! Hört ihr die Glocken? Diesmal rufen sie uns nicht vergeblich, die Heimwehkranken spüren Heimatluft. Wir kommen, wir kommen, o seid gesegnet, die ihr uns ruft zu Gottes Altar! - Die Gedenkstunde hielt der Geistliche Rat, Stadtpfarrer Y. von Dachau, ab. Es war eine eindrucksvolle Feier, dieses Requiem für 200 000 Tote. Von fünf Diakonen umgeben, amtierte er am lichterschimmernden Altar; die Tumba, das Massengrab versinnbildlichend, umstanden von langen brennenden Kerzen, wurde rührend bewacht von einer Schar lieblicher Mädchen, die ebenfalls Lichter in den Händen hielten und in ihrem wichtigen Amt verharrten bis zum erwünschten Schlusse. Ein Chor von edler Stimmgewalt gab die Responsorien unter Begleitung durch die Orgel, während sich die Gemeinde auf die Rolle der Hörenden beschränkt sah. Dem als Ehrengast erschienenen amerikanischen Kommandanten war ein Sitz in der Nähe des Hochaltars errichtet, indessen den übrigen ausgezeichneten Teilnehmern, den ehemaligen Gefangenen, die Bänke der vordersten Reihen vorbehalten worden waren. Eine Anzahl von ihnen war draußen geblieben aus Miẞmut darüber, daß die in Aussicht genommene weltliche Feier nicht genehmigt worden war.- Die Weihrauchwolken steigen empor, die Musik bricht sich an den edlen Säulen, die das Gewölbe tragen und den Raum zugleich zieren; die Worte des Geistlichen Rats. dringen an die Herzen feierlich ernst, die Verbrechen. schonungslos Verbrechen nennend, der Toten und ihrer maẞlosen Leiden gedenkend und für die Dachauer Bevölkerung, deren Unschuld er hervorhob, gleichwohl um Mitleid und Verzeihung bittend - ZWOLF UHR 285 kurz, alles war von großer Eindruckskraft, so insbesondere der Eid, den er bei seinem Priestertum daraufhin ablegte, daß er in voller Unwissenheit war über den Umfang und den Grad der Greuel, die in allernächster Nähe verübt worden waren. Mir trat blitzartig die zynische Perfidie vor die Seele, mit der drüben bis zuletzt die abgeschiedenen Unglücklichen behandelt worden waren. Selbst angesichts des Todes verletzte man in himmelschreiendem Übermut die Gesetze, die jedem Lebenden als Achtung vor dem Elementar- Menschlichen ins Herz geschrieben sind. Und hier: nichts als Liebe und Dank: ,, Ave verum corpus!" Die tausendfache Last des Unrechts, welche die Verachtung der Herrenmenschen jahrelang an meinen Brüdern begangen, deren bleiche Angesichter vor meinem Blick auftauchten, legte sich mir mit solcher Gewalt auf die Seele, daß ich meinen Kopf in den Armen barg, um ungesehen meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Nachher trafen sich Bekannte vor der Kirche; alte Häftlinge, die sich lange nicht mehr gesehen hatten, hier begegneten sie sich und schüttelten sich enthusiastisch die Hände. Daß man diesen Augenblick erleben durfte! So traf ich den wackeren Schwaben Karl Hauff, der jahrelang als Schreiber tätig war, und Max, den Koch beim Konservenwülfert. Ganz Beherzte scheinen sich in Dachau bereits niedergelassen zu haben, als ob es keinen trauteren Boden zur Familiengründung gäbe als in der Nähe dieses fluchwürdigen Bodens, der das Blut Unschuldiger getrunken. Für den Rest des Nachmittags ließen wir, Rackwitz und ich, die Pfarrköchin sorgen. Als wir die Unsern nicht mehr fanden, folgten wir einer Eingebung unserer Kühnheit, daß sie sich vielleicht im Stadtpfarrhause ihr Leben zu erleichtern unternommen hätten. Und richtig: es war, als ob Dittmer die Wünschelruten, die ihm anstatt der Hände 286 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF - gewachsen waren, an uns abgetreten hätte; ohne Paß und Parole tat sich die Tür auf, und wir traten in ein Zimmer ein, das sich wesentlich von denjenigen unterschied, zwischen deren Wänden sich unser Leben in langen Jahren abgespielt. Zwischen Fenstern, die Vorhänge schmückten, hingen wunderfeine Ölbilder. Und fast leer war der schöne Raum: nicht 200 oder 300, nein, kaum mehr als 20 Personen saßen drin an einem weißgedeckten langen Tisch und waren mit einer ungewohnt komfortablen Sache beschäftigt, nämlich große Kannen Kaffees und reichlich mit Kuchen bedeckte Platten zu leeren. Was den Kaffee betrifft übrigens aus echten Bohnen hergestellt, so brauchten sie ihn offenbar nicht einmal selbst einzuschenken, vielmehr wurde ihnen diese zeitraubende Bewegung von einem weiblichen Wesen abgenommen, welches, adrett und doch würdig gekleidet, nichts anderes zu tun zu haben schien, als hin- und herzueilen, die leergewordenen Kannen zu füllen und die Tassen neu einzugießen. Als wir eingetreten waren und uns ein bißchen verlegen umsahen, sprang nicht etwa ein losgewordener Kettenhund von einem Stubenpascha auf uns zu, um uns mit griesgrämigen Worten hinauszuweisen, nein, im Gegenteil, der Lagerälteste, der höchstselbst anwesend war, eilte auf uns zu, um uns in herzlichem Willkommensgruß einzuladen, Platz zu nehmen. ,, Bitte(, bitte! sagte er wirklich!), rückt ein wenig zusammen", und das geschah denn auch, und das Volksgemurmel, das entstand, hatte nicht das Geringste mehr zu tun mit jenem asozialen Murren, das uns von den Blockbegrüßungen so gut in Erinnerung war, sondern umsomehr von dem freudigen Empfangsbravo, welches bei gesitteten Gastmählern Europas der Brauch ist. Wir gründeten also, wohlaufgenommen, eine eigene Niederlassung für Kaffeekonsum und bequemten uns gewissenhaft und schnell den neuen Lebensbedingungen an. Kaum ZWÖLF UHR 287 hatte ich mein Täßchen geleert, als die würdige Matrone bereits wieder hinter mir stand, um ein neues einzuschenken, und sie tat es nicht anders, bis ich endlich meine Tasse umkehrte, um anzudeuten, daß es beim besten Willen nicht mehr so weiter gehe. - Zum Schluß machte uns der Geistliche Rat als brillantes Festfeuerwerk die Mitteilung, daß das katholische Stadtpfarramt 3000 Reichsmark stifte für abreisende Deutsche; und noch im Laufe des Gesprächs erhöhte er die Summe auf 5000 Reichsmark. Das war manchem eine willkommene Botschaft, denn wir stehen alle infolge des Raubes unseres Geldes völlig ohne Barmittel da. Als zum Schluß das Gästebuch herumgereicht wurde, daß jeder eine letzte Spur seines Hierseins hinterlasse, trug ich mit dankbarer Feder Paul Gerhardts Vers ein: ,, Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn, was mag sie mir noch machen? All Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht. Das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick!" München, Mittwoch, 30. Mai 1945. Krankenhaus Schwabing. Frei, ganz frei! Wie herrlich ist das! Wir können's noch kaum fassen; es ist uns, als ob wir träumten, und wir fürchten, im nächsten Augenblick unsanft aus dem Schlaf aufgeschreckt zu werden und drei Stock hoch im Schlafraum von Stube 2 aufzuwachen. Wir schlafen in weißüberzogenen Betten, jeder in seinem eigenen, und wir brauchen keine Angst mehr davor zu haben, daß morgens ein träumerisches Bein unversehens um unsere Nase baumelt. 288 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Wir sind wieder unter Menschen! Nicht Herrenmenschen, nicht Herdenmenschen, Christenmenschen umgeben uns; linde Hände von Schwestern in mächtigen Holländer Flügelhauben umschweben uns, ein vollbesetzter Tisch lud uns gestern ein, uns an Kuchen und Kaffee zu erlaben, während unsere Befreier, die Oberkirchenräte Daumiller und Bogner allen voran, sich gütig um unser Wohl kümmerten und dafür sorgten, daß der Kaffeestrom an die richtigen Stellen geleitet wurde. Eine Fessel nach der andern fällt vollends von uns ab. Wir haben aufgehört, uns einander anzubrüllen, weil wir wieder die Brüder und nicht die Konkurrenten ineinander sehen. Vom Kreuze her, das in der Ecke hängt, grüßt uns das Bild des großen Befreiers. - Seit Dienstag sind wir hier wie die Zeit vergeht! Der D- Zug der Zeit trägt uns von dannen, in immer blasser werdenden Farben lassen wir die Welt der Toten zurück, die uns solange in ihren Bann geschlagen. Und das haben wir dem violetten Auto zu verdanken, das pünktlich, wie erwartet, gekommen war und unter Leitung Dr. Breits Wittenberg in sich aufnahm, sechs Vollbürger und einen Zaungast. Und dann war der Wagen davongebraust, und nichts hielt ihn mehr auf. Wir ließen das eine Tor hinter uns zurück, und ein anderes öffnete sich vor uns. O, wie atmeten wir auf, als wir uns erhoben, um auszusteigen, denn seht, die Stunde war da, die lang erträumte, wir waren FREI! 289 ANHANG Kurzer Bericht eines Augenzeugen, des ehemaligen Dachauer Häftlings Werner Groß aus Nürtingen, über den Todesmarsch in die Berge. - Eine unheimliche Atmosphäre schwebte seit den letzten Aprilwochen über dem Konzentrationslager Dachau. Die bange Frage: Was wird mit uns geschehen? drängte sich jedem politischen Gefangenen unbarmherzig auf.- Nachdem die amerikanischen Armeen die Donau zwischen Dillingen und Donauwörth überschritten hatten und in den Raum von Augsburg drückten, zu gleicher Zeit sich vom Süden her über Kempten und Memmingen starke Panzerverbände vorschoben, waren in Tagen und Nächten hindurch die Akten und Karteien sämtlicher Schutzhäftlinge auf der politischen Abteilung sowie den zahlreichen anderen Dienststellen der SS verbrannt worden, und ein ununterbrochener Regen von verkohlten Papierstücken ging kilometerweise im Umkreis nieder. Das verhieß nichts Gutes, und nervenanspannende Stunden waren die Einmärsche von der täglichen Arbeit ins Lager zurück. Dort zirkulierten unzählige Parolen und Auffassungen; Meinungen und Gegenmeinungen prallten auf den überfüllten Blocks und Stuben aufeinander, auf der Lagerstraße diskutierten erregte Gruppen von Menschen aller Nationen über die Möglichkeit und Unmöglichkeit einer Verschleppung. Das Internationale Rote Kreuz soll das Lager übernehmen, heißt es, aber nur die Ausländer... Was wird dann aber mit uns Deutschen geschehen, ist die Frage, und warum sind dann alle Häftlingsakten verbrannt worden? Noch rückt das große Arbeitskommando täglich aus, dessen Antreiber den Panzergraben gegen unsere näherrückenden Befreier weit um Dachau ziehen lassen. Über allem Elend und Not scheint die warme FrühFünf Minuten vor Zwölf 19 - 290 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF jahrssonne, im Lager das einzige, über das der SS- Reichsführer Himmler keine Gewalt hatte... Weiß leuchtet der riesige Appellplatz, von unzähligen kurzlebigen Häftlingsgenerationen festgetreten... - - Der 26. April kam, und kein Arbeitskommando durfte mehr das Lager verlassen. Schwarz gedrängt stehen die Menschen in den Blockstraßen, Bestürzung, Enttäuschung. Angst und Wut malen sich in den vom Hunger abgezehrten Gesichtern. Tiefflieger stoßen herunter in das naheliegende SS- Lager und suchen sich lohnende Ziele. Als die Morgensonne in das Zeichen des Mittags stieg, kam vom Jourhaus vorne das Kommando: ,, Reichsdeutsche antreten!" Die letzten, die noch an Vernunft und Menschlichkeit im zusammenbrechenden Nazi- System geglaubt hatten, packen hastig ihre Habseligkeiten, und dann marschiert unser Block als erster auf dem Appellplatz auf. Vielmals wird ausgerichtet und abgezählt, dann wird eine Marschverpflegung ausgeteilt. Die ausgehungerten Menschen essen sie im Stehen auf einen Sitz auf auch die brüllende und tobende SS kann dem Hunger nicht gebieten! In der Zwischenzeit hatte sich der Appellplatz gefüllt, die Russen und die Juden müssen ebenfalls marschbereit sein. Insgesamt sollen wir mit 9000 Mann marschieren. Wir stehen angetreten und warten... Um 12 Uhr waren wir aufmarschiert, wir stehen ununterbrochen neun Stunden wartend auf demselben Fleck. Etwa um 4 Uhr nachmittags wurde die Lagerprominenz aus dem Kommandanturarrest heraus an uns vorbeigeführt, um in bereitstehenden Autos verschleppt zu werden. Es waren dies die sogenannten Ehrenhäftlinge. Man bemerkte darunter rumänische, ungarische und andere Generäle, ferner Pastor Niemöller, den mutigen Vorkämpfer für Glaubensfreiheit, Schuschnigg, Léon Blum, den jetzigen französischen Regierungschef, Prinz Leopold von Preußen und seinen Sekretär, Thyssen und Dr. Schacht, Prinz von Bourbon- Parma u. a., - ANHANG 291 teilweise mit Frauen und kleinen Kindern... Eine Parole geht durch die Reihen der müden Konzentrationäre, der Marsch sollte verschoben werden, heißt es— aber die Zu- gänge zum Lager waren abgesperrt, niemand durfte den Platz verlassen. Unheimlich drohen die maschinengewehr- gespickten Wachtürme herüber auf die zusammengedrängten Menschenmassen.— Als es später Abend wurde, sickerte es durch: Es wird doch marschiert. Endziel ist das Ötztal bei der deutsch-italienischen Grenze... Um 9.15 Uhr abends marschierten wir zum letztenmal durch das Tor des Jourhauses, das mit seiner Inschrift:„Ar- beit macht frei“ uns täglich die Lüge eines verdorbenen Systems neu vor Augen führte.— In Wirklichkeit war es nur der Tod, der frei machte!— Das Mordgeschäft ver- standen die Herrenmenschen aufs beste und hatten aus den Konzentrationslagern, die dem Volk und den Inhaftierten gegenüber zur„Umschulung“ dienen sollten, Menschen- Vernichtungsanstalten von grotesken Ausmaßen geschaffen. — Inzwischen hatte sich die schwer bewaffnete SS zu bei- den Seiten unseres Zuges aufgestellt. Der dramatische Schluß- akt des Dramas„Dachau“ begann. Zum letztenmal der Marsch auf der„Straße der SS“, die uns täglich durch Jahre hindurch zu einer Sklavenarbeit hinausführte. Dort reihten sich die Villen der SS-Führer, die in den Jahren, wo das deutsche Volk gezwungen war, zu darben, unter keinerlei Beschränkungen zu leiden hatten— denn für sie war alles da, sie lebten ja aus dem großen Reservoir der Schutzhäft- linge ihr gewohntes gutes Leben weiter.— Im Gegensatz dazu, an der Peripherie von Dachau, säumte die ärmere Bevölkerung der Stadt die Straße, denn manche Bekannt- schaft mit guten Menschen war in langen Jahren geknüpft, erprobt und erhärtet-worden. Traurige und mitfühlende Zurufe, Entrüstung über die neue Schande der SS flogen in unsere Reihen... Unaufhaltsam, in tiefem Schweigen 19a 292 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF ziehen die Kolonnen weiter. Für viele unserer Kameraden sind es seit Jahren überhaupt die ersten Schritte jenseits des elektrischen Stacheldrahtes.— Vor uns der Marsch in das Ungewisse, ‚hinter uns das Lager mit seinen Hungerqualen und seiner schaurigen Sterblichkeitsziffer, aber so oder so— hier gibt es keinerlei freundliche Perspektiven... Vorbei geht der Zug an der Rotschweige, die benachbarten Juden- und Frauenlager bleiben hinter uns. Vom ı3jährigen Kind bis zum 73jährigen Greis sind in der Marschkolonne alle Altersstufen vertreten. Schon fallen die ersten Erschöpften und Kranken zusammen und schleppen sich an den Rand der Straße, um nicht zertreten zu werden, denn ohne Auf- enthalt und Rast geht der Marsch.— Der Mond ist auf- gekommen und wirft sein silbernes Licht auf die aus- gemergelten Gestalten in den graublau gestreiften Häftlings- uniformen. Kuriere und Motorräder, Autos und Fahrräder jagen vorüber, um das organisierte Elend„sicher“ zu ge- leiten.— Hinüber geht es in die nächtlichen Vorstädte von München, die ersten Panzersperren tauchen auf, vergeblich- tragikomische Versuche, die bestausgerüsteten Armeen der Welt aufzuhalten. Bald werden auch die ersten Zerstörungen sichtbar, ausgebrannte Fabriken und Wohnruinen strecken ihre nackten Mauern und Kamine zum Himmel. Durst und Durst kommt immer mehr auf, der scharfe Marsch mit dem Gepäck macht warm, doch läßt die rechts und links flan- kierende SS nicht zum Trinken aus der Reihe, wenn einmal ein Brunnen oder Bach fließt. Nun liegt der Außengürtel Münchens mit seinen toten Straßen in unserem Rücken, und in den nächsten Dörfern stehen nur wenige Bewohner am Zaun und blicken scheu auf den Elendszug. Der Mittag des nächsten Tages sieht uns vor dem Starnberger See, und unsere Peiniger müssen auch um ihretwillen einige Rast- stunden einlegen. Im Tal fließt ein Bach, und wie Tiere fallen Halbverdurstete auf die Knie und trinken, trinken. ANHANG 293 Mancher hat für ewig getrunken und steht nimmer auf... Dann wird die Postenkette eingezogen und abends um 9 Uhr weitermarschiert. Vor und in Starnberg sind es schon Hunderte von Kameraden, die, den Strapazen nicht gewachsen, links und rechts die Straßenränder säumen. Sie werden dann wie Bündel Holz auf Haufen zusammengetragen und von abgestellten Posten bewacht. Erst später erfahren wir, daß die ursprüngliche Absicht, rechts des Starnberger Sees zu gehen, fallen gelassen wurde, weil die amerikanischen Truppen bereits gegen Mittenwald vorstoßen. So marschieren wir gegen Bad Tölz zu. - - - Die ganze Nacht fahren in fast ununterbrochener Reihe deutsche Wehrmachtsfahrzeuge, die ins Gebirge zurückgehen, die verstopften Hauptstraßen müssen von uns umgangen werden, und so geht es über Feldwege und Seitensträßchen, eine günstige Gelegenheit für die SS- Mordbanditen, die Zusammengebrochenen und erschöpft Liegengebliebenen serienweise abzuknallen, damit sie nicht als Bewachung zurückbleiben müssen, denn auch sie sind ja Gejagte... Peng aus vorbei!... Menschenleben sind ja im Dritten Reich so billig! Ab und zu, wenn zu viele umfallen, gibt es dann für ein paar Minuten Aufenthalt, wie ein Stein fällt der müde Konzentrationär auf die harte Straße und möchte nichts als liegenbleiben und schlafen. Doch das bedeutet Tod, denn immer wieder ist die schaurige Marschmusik der Pistolenknall zu hören, einmal näher, einmal weiter entfernt. Immer wieder gibt es Vertröstungen auf eine längere Rast, kein Wasser ist da, die Verpflegung längst zu Ende. Die glühende Sonne brennt herab, und noch immer marschieren die Dachauer Häftlinge. Unsere Folterknechte kennen kein Erbarmen, und die letzten bestialischen Auswüchse eines bestialischen Systems feiern weiter ihre Triumphe. Nachdem das Städtchen Wolfratshausen passiert wurde, wo die Bevölkerung, insbesondere die französischen 19a* 294 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF - Kriegsgefangenen, ihrem Abscheu laut Ausdruck geben, scheint es den Transportführern geraten, einen längeren Halt zu machen. In einem ausgedehnten Waldstück wird die Postenkette gestellt und die Häftlinge wie das Vieh hineingetrieben. Viele fallen um, wie sie gerade gehen und stehen in einen todähnlichen Schlaf. Das Wetter hat sich in der Zwischenzeit verschlechtert, und ein kalter Wind, mit Regengüssen vermischt, geht auf uns nieder. Nachts wacht man immer wieder auf der Hunger wühlt in den Gedärmen. Am anderen Morgen treffe ich einen uns gutgesinnten Posten, einen kriegsverletzten Unteroffizier der Wehrmacht, der, wie viele seiner Kameraden, noch in den letzten Monaten gegen seinen Willen in die verhaßte SS gesteckt wurde. Von ihm erfahre ich die neuesten Nachrichten, das Interessanteste ist mir der Zusammenbruch der Südfront: das bedeutet, daß damit unser Marschziel illusorisch geworden ist nicht mehr und nicht weniger. Doch man ist zu stumpf, um sich darüber noch freuen zu können. Der Posten erzählt mir weiter, daß unser Transport in der ersten Nacht 16 Tote gehabt hat, während in der zweiten Nacht 1050 Häftlinge zusammengebrochen seien; viele davon wurden erschossen. Weiterhin seien viele. von der Zwangs- SS auf dem Marsch bereits desertiert und ebenfalls viele Häftlinge geflohen. Ein mit ihm daraufhin geplanter Fluchtversuch scheiterte an nicht vorhergesehenen Umständen. In diesem Wald lagerten wir dann 2½ Tage, es begann kalt zu werden und zu schneien, und ich wurde mit vielen anderen, durch Nässe und Kälte, sowie durch Trinken von nicht einwandfreiem Wasser krank. Mit Entsetzen stellte ich fest, wie sich in der kurzen Zeit die vertrauten Gesichter meiner Kameraden in hohläugige, abgezehrte, bleiche Masken verwandelt haben. Erschütternd die Veteranen, die paar Dutzend noch, die von Zehntausenden Übriggebliebenen; hatten sie doch die Entwicklungsge- - ANHANG 295 schichte des Lagers Dachau, in all ihren traurigen Stadien, als wenige überlebt. Soll es wirklich keine Rettung mehr für uns geben? Sollen wir noch alle systematisch zu Tode gehetzt werden? In der vergangenen Nacht, sowie jetzt am Tage, hat der Kanonendonner zugenommen, vor und hinter uns ballert es dumpf, teilweise hört man in der Ferne Gefechtslärm. Dicht neben uns greifen amerikanische Tiefflieger mehrmals die Bahnlinie an.... Am Mittag des 30. April geht es weiter, ich bin zu elend und will erst mit zwei guten, auch erkrankten Kameraden liegenbleiben, doch die Hoffnung auf die Befreiung oder eine Fluchtmöglichkeit reißt uns nochmals aus unserer Apathie. An diesem Tag marschieren wir drei am Schluß, und wir sehen Bilder, die wir niemals vergessen können. Dieser Tag hat dem Todesmarsch eine historische Bedeutung gegeben! Der neben mir gehende SS- U'scha sagt immer wieder in seinem gebrochenen Deutsch: ,, Wer bei mir umfallt, schieß ich kaputt!" - Nach einer kurzen Strecke sind die Straßen, die wir ja am Schluß passieren, besät mit Toten und Sterbenden. Die hinter uns unmittelbar gehende Hundestaffel hetzte ihre Hunde auf diese unglücklichen, wehrlosen Menschen was nicht zerfleischt wird, fällt unter den Gewehrkolben und Pistolenkugeln diesser SS- Sadisten. Meistens war am Schluß des Zuges ukrainische, litauische und ungarische SS. Wird denn nicht auch den Stupidesten unter ihnen klar, daß diese Menschenjäger von heute das Wild von morgen sein werden? Oder ist ihnen dié verfluchte, sogenannte ,, HimmlerDisziplin" so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie nur noch stoßende, tretende, schlagende und Genickschüsse gebende Nazi- Maschinen sind? Ist es die Angst vor dem unausbleiblichen Ende? Oder die Wut, zwischen zwei Fronten marschieren zu müssen? Wer kann dieses barbarische Gemetzel jemals rechtfertigen?- Im Gegensatz zu diesen - 296 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF Schreckensbildern leuchten die nahen bayerischen Alpen mit ihren schnee- und eisbedeckten Gipfeln in erhabener Schönheit zu uns herüber. Welcher Kontrast! Doch kein Auge hebt sich, um dieses einzige durch die Abendsonne beleuchtete Panorama aufzunehmen... Die Brücken, über die wir marschieren, sind mit Sprengstoffkisten vollgebaut, und kaum sind wir über die letzte Loisachbrücke, so fliegt auch diese hinter uns mit gewaltiger Detonation in die Luft. Es wird Abend, und immer weiter zieht sich der Zug auseinander. Der Gefechtslärm kommt näher, und in der schnell hereingebrochenen Nacht blitzen die Mündungsfeuer der Kanonen jenseits der Isar in schneller Folge auf, deutlich hört man jetzt auch MG.- Feuer. Unsere Transportbegleiter treiben uns schneller, und nun kurz vor dem Zusammenbrechen wird uns klar, daß wir unsere allerletzten Kräfte für die Flucht benützen müssen, wenn wir nicht in letzter Minute noch das Schicksal unserer Kameraden teilen wollen. Eine durch auffahrende deutsche Artillerie hervorgerufene Verkehrsstockung benützend, springen wir zu dritt von der Straße in den Wald und klettern auf allen vieren den steilen Hang hinauf... Es ist nachts um 10 Uhr, ein Schneesturm tobt seit einer Stunde schon, und man sieht kaum die Hand vor den Augen. Im Hochwald halten wir an und lauschen gespannt, außer dem Toben des Sturmes und unseren klopfenden Herzen ist nichts zu hören Flucht blieb unbemerkt. Zunächst sind wir frei, aber der Tod schleicht in dieser Nacht um uns, denn oftmals hören wir den trockenen Knall der Pistolen... Mit dem aufziehenden Morgen überqueren wir vorsichtig die Tölzer Straße und haben dabei ein trauriges Erlebnis. Im Straßengraben liegt ein mir bekannter politischer Gefangener und Landsmann mit dem kreisrunden Loch im Nacken. Gestern stand er noch teilnehmend bei mir; Familienvater, seine beiden Söhne im Kriege gefallen. Und nach 7 Jahren - unsere ANHANG 297 Dachau erlebt er selbst dieses Ende... Doch die Zeit drängt, leb' wohl, toter Kamerad! Wortlos nahmen wir unsere Mützen wieder auf und flüchteten stundenlang über das tief verschneite Hochmoor abseits der Straßen in Nordostrichtung. - Als wir erschöpft am Ufer der Isar rasteten, um einen Übergang auszufinden, wurden wir dort von einem Bauern entdeckt. Sein Begleiter war zu meinem Erstaunen ein Bekannter aus meiner Heimatstadt und erkannte mich. Die beiden erklärten sich sofort bereit, uns zu dem in der Nähe liegenden Bauernhof mizunehmen. Das war unsere Rettung, denn mit Macht kam nun die Krankheit und die Erschöpfung zum Ausbruch. Nur die Energie und ein eiserner Wille hatten uns so weit führen können. Auf dem Hof wurden wir von der Familie gut aufgenommen, der Bauer gab uns Zivilsachen und versteckte uns, denn einige Male kam die Mord- SS in die Umgebung und den Hof selbst. Anfangs Mai besetzten die Amerikaner das am Fuße des Hofes gelegene Königsdorf, und erst jetzt fühlten wir uns mit vollem Bewußtsein frei. Drei politische Gefangene, mit zusammen 28 Jahren Haft im Dritten Reich, waren wieder dem Leben zurückgegeben... Nach Wochen der. Krankheit und Genesung kehrte ich von dort am 4. Juni nach Nürtingen zurück, das ich als Gefangener der Gestapo im Mai 1935 verlassen hatte. - Werner Groß, Gef.-Nr. 84- KZ Dachau. ven KETTE ne."