K.A.GROSS Zweitausend Tage Dachau Published under Military Government for Bavaria Information control Division Licence No. US- E- 110 Druck: R. Oldenbourg, München K. A. GROSS ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ERLEBNISSE EINES CHRISTENMENSCHEN UNTER HERRENMENSCHEN UND HERDENMENSCHEN BERICHTE UND TAGEBÜCHER DES HÄFTLINGS NR. 16921 N NEUBAU VERLAG V Urheberrechte, einschl. des Rechtes der Übersetzung und Verfilmung, vorbehalten. NEUBAU-VERLAG DEN OPFERN DER TODESLAGER GEWIDMET Z N Ei di D Die Welt ist mir ein Lachen Mit ihrem großen Zorn. Was will sie mir noch machen? Ihr Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht Mein Herz und Angesicht Das Unglück ist mein Glück, Die Nacht mein Sonnenblick D 934 li ER äl E B Paul Gerhard N Z a C a 7 IM ALEX Zwei Überzieher tauchen in der Tür auf und erweisen einem Nachthemd ihre Reverenz. Eine Inquisitionszelle fährt auf Gummirädern durch Berlin, doch die Berliner ahnen nichts. Das staatsgefährliche Pfarrhaus von St. Johannis. Der Herr mit den silbernen Schnüren. ,, Dahin kommen Sie nun." Eine Tür fällt krachend ins Schloß, und ich werde zum Volksliebling erklärt. Rechtecke sehen den Delinquenten mürrisch an, aber der Stubenälteste macht ein fröhliches Gesicht. Ein Richter spricht mich frei, aber die Gestapo holt mich ab. Ein Stubenältester landet im KZ, und ich komme nach. Mit dem 20. August des Jahres 1939 begann es. Der Tag wird mir immer unvergeßlich bleiben, denn er hob sich durch ziemlich merkwürdige Umstände von meinem übrigen Leben ab; er schloß eine Tür zu und öffnete eine andere, in welcher ich für 70 Monate verschwinden sollte. Aus dieser andern starrte mir nichts entgegen als das Dunkel der Nacht, einer undurchdringlichen Nacht. Ich lag noch zu Bette und träumte, da wurde ich in diesem angenehmen Zustand unterbrochen durch ein Klopfen, welches ziemlich heftig an der Tür dröhnte. Noch halb im Schlafe, schloß ich auf. Da sah ich einen jungen Herrn im Überzieher vor mir, der mir unbekannt schien, und von 8 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU dem ich mir nicht denken konnte, aus welchem Grund er meinen Schlaf so frühe störe. Als aber ein zweiter Überzieher hinter ihm erschien, begann mir ein Verdacht aufzusteigen über die Absicht, welche die beiden Gestalten an mein Bett geführt hatte, und sah ihn auch sogleich bestätigt. Denn kaum, daß ich, mit dem Wohlwollen, welches ich allen Menschen entgegenbringe, dem ersten einen guten Morgen gewünscht hatte, als er auch schon in die Nähe seiner Brusttasche griff und eine Blechmarke in Größe eines Fünfzigpfennigstückes hervorholte, das er mir vor die schlaftrunkenen Augen hielt. Ich hatte nicht Zeit, es zu studieren, brauchte es auch nicht; ich wußte auch ohne Studium Bescheid: ,, Gestapo!", welches aufregende Wort mir eine milde klingende Stimme zur Bestätigung ins Ohr raunte. Der Herr mit der Marke mußte etwas von der Verwirrung, die das Erscheinen, zweier Überzieher vor einem Nachthemde notwendig in diesem hervorruft, bemerkt haben, denn er fügte mit derselben milden Stimme hinzu: ,, Verzeihen Sie, daß wir Sie stören müssen, Herr Ekkehardt, aber kleiden Sie sich in aller Ruhe an!" Die Überlegenheit. des Überziehers über das Nachthemd ermöglichte es ihm, einen gleichgültigen Klang in seine Stimme zu legen. ,, In aller Ruhe!" War das nicht bei aller Geschmeidigkeit der Stimme doch eine Aufforderung, die eine starke Zumutung in sich schloß? Solche und ähnliche Besucher, welche Erkennungsmarken aus der Brust zogen, hatte ich schon mehr als einmal bei mir gesehen, so daß ich wußte, unter welch seltsamen Umständen die Besuche auszugehen pflegten; meist nahmen sie etwas mit, was ihnen nicht gehörte; wenn sie sich nicht sogar in der Aufforderung gefielen, sie auf dem Weg zum Chef zu begleiten, der mich dringend zu sprechen wünsche. War dies etwa beruhigend? Dazu konnte ich mich nicht rühmen, daß ich mir keiner Schuld bewußt sei; im Gegenteil, ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen, und ich k es er d Z d e S r S 1 3e- de )er die de IM ALEX 9 konnte mich nur insgeheim an die Hoffnung klammern, daß es ein harmloserer Anlaß wäre, aus welchem mir die Marke entgegengestarrt war. Aber das Kartenhaus brach schon nach der ersten Frage jäh zusammen, die der Inhaber des Über- ziehers an mich richtete, nachdem ich meine äußere Gestalt in eine Form gebracht hatte, wie sie den Gepflogenheiten der Berliner einigermaßen entsprach. „Sagen Sie, Herr Ekkehardt“, fuhr die milde Stimme mit einer unverkennbaren Beimischung von staatsanwaltlicher Schärfe in meine Überlegungen hinein,„haben Sie für Pfar- rer Niemöller etwas drucken lassen?‘— Niemöller! Mein schlechtes Gewissen! Die halbe Million Karten mit Niemöl- ‚lersprüchen— sie waren also dahintergekommen, was ja keineswegs verwunderlich, jetzt aber für mich etwas unan- genehm war. Das Verhängnis war im Anrollen. Ich machte einen unzulänglichen Versuch, es aufzuhalten, indem ich ausweichend antwortete: „Ja, das habe ich, vor zwei Jahren brachte ich seine Predigt heraus:„Glaube und Bekenntnis!“— „Nein, die meinen wir nicht. Wir meinen die Karten!“— „Die Karten?“ O, das Gewissen!— „Ja doch, die Karten mit den Sprüchen!“— „Sprüchen———“ „Tun Sie nicht so unwissend“, mahnte die milde Stimme mit einem noch schärferen Klang als vorher, es war schon der Gestapoklang, und holte nun zu dem Zuge aus, der mich schachmatt setzte: „Sie haben doch an Herrn Mader in Dresden laut Rech- nung des Verlages„Der Freie“, dessen Inhaber zu sn Sie wohl nicht leugnen, 97000 Stück Karten mit Niemöller- worten geliefert?“— Die Rechnung! Die Rechnung brachte es an den Tag! Sagt man nicht, daß jeder Verbrecher einen Fehler macht, mag er sonst alles noch so fein eingefädelt haben? Wozu IC ZWEITAUSEND TAGE DACHAU hatte ich eine Rechnung schreiben müssen, da ich auch sonst im Kampf mit dem übermächtigen Gegner es mit den Formalitäten nicht so genau nehmen durfte? Hatte ich ein Telefon? Hatte ich ein ordnungsmäßiges Büro mit Schikanen? Hatte ich Klubsessel? Hatte ich dies und das? Hatte ich auch nur eine Mitgliedskarte der Reichsschrifttumskammer? Warum verzichtete ich nicht auch auf die Rechnung? Es war zu spät, die Rechnung hatte es an den Tag gebracht; ich sah mich verraten, mußte mein Verbrechen bekennen und bekannte es offen: ,, Ach so, die Karten, ja allerdings..." ,, Dann folgen Sie uns, bitte, der Chef möchte über diese Karten noch einige persönliche Auskünfte", sagte, mir ins Wort fallend, die sanfte Stimme, die nun wieder den Unterton der Schärfe verloren hatte. Und ich verließ mit den Überziehern den Ort meiner Untaten, nicht ahnend, daß ich ihn nie wieder betreten sollte. Meine vorsichtige Frage, ob es geraten sei, Wäsche oder dergleichen mitzunehmen, beantwortete er leichthin mit einem„ Nein"; ich sollte das Nein als ein Zeichen dafür nehmen, daß der Sache höheren Ortes keine übertriebene Bedeutung beigelegt werde; auch meine Anregung, mich von meinen Nachbarinnen im Vorderhause zu verabschieden oder ihnen wenigstens Bescheid über meinen Verbleib zu geben, wurde höflich als überflüssig abgelehnt. Die Schlange speichelt ihr Opfer ein, daß sie es nachher um so bequemer verschlucken kann. Unten wartete bereits ein Auto, das ganz unschuldig dreinsah; nichts Amtliches, Drohendes, ein privater Anstrich. Keine Handschellen, beileibe! Nur kein Aufsehen! Zwei Herren im Überzieher fordern einen dritten ohne Überzieher mit höflicher Handbewegung auf, eine Limusine zu besteigen- kann es einen alltäglicheren, harmloseren Vorgang geben? Der Revolver bleibt unsichtbar im Hintergrund. Nur keine überflüssigen Herausforderungen! I han sen ind Zig qu der Ge sar da We sch Sp ter M K ge D an sp es IM ALEX Ir st Der Wagenschlag fiel ins Schloß. Es war die Tür zum Ver- t- handlungszimmer. Das Auto wandelte sich zu einem Ab- e- senker des Alex. Die Inquisition begann ihr Werk. Alles 2? indessen in Milde und Höflichkeit:„Wünschen Sie eine ch Zigarette?“„Nein danke, ich bin Nichtraucher.“— Der In- m quisitor bediente sich allein. Wir sausten durch das Gewühl It, der Weltstadt. Ahnten die Vorübergehenden etwas von dem ch Gestapozimmer, das auf sanften Rädern dahinrollte? Gleich-, te sam auf Katzenpfoten? ‚Nichts ahnten sie. Was sie sahen, das waren drei Männer in einem vertraulichen Gespräch; weiter nichts. se Die Neugierde des Inquisitors kannte keine Grenzen. Er 1S schien eine Verschwörung zu wittern, der es galt auf die N. Spur zu kommen. Ich beschloß auf dieses Feuerlein den kal- r= ten Wasserstrahl der rücksichtslosen‘Wahrheit zu richten. ın Mochten sie’s ruhig erfahren, die Hauptsache war, daß die es Karten weg waren und die halbe Million ihre Schuldigkeit t- getan hatte. Was nachher geschah, war weniger wichtig. in Dreimal hatte ich Deutschland im D-Zug durchsaust, um sie es an den Mann zu bringen. Als sie dahinterkamen, war es zu 1e spät. Das war blamabel für die Hüter des Staats, aber war se es meine Schuld? Br„Wie hoch war die Auflage?“ I-„Eine halbe Million.“ es„Hm, hm! und alles abgesetzt?“ „Alles.“—„Hm, hm!“— ig„Wer waren Ihre Auftraggeber?“ 1-„Niemand.“—„Hm, hm!“ 1!„Wer gab Ihnen das Geld?“ 1e„Niemand, ich bekam Druckerkredit.“ 1-„Em. Steckt nicht der Generalsuperintendent dahinter?“ n„Weder der General- noch ein anderer Superintendent.“ [=„Em, hm, hm.“— „Wußten Sie nicht, daß Niemöller im KZ sitzt?“ 12 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ,, Doch, ich wußte es."- ,, Hm, hm." Allmählich brannte das Feuerlein staatlicher Wißbegierde nieder, und ich ging meinerseits zum Fragen über. دو War es denn verboten, die Karten herauszubringen?" ,, Nein, der Chef wird es auch jetzt nicht verbieten; aber vorläufig sollen Sie den Verkauf einstellen." Das klang nicht gefährlich, nein. Nun, wir werden sehen, gleich mußten wir am Alex landen, wo der Chef mich zu sprechen wünschte. Ich warf einen Blick durch die Scheiben der vorläufigen Verhörszelle. Doch was war das: wir fuhren ja in einer ganz verkehrten Richtung; soeben tauchte ein Rathausturm auf, aber es war der von Steglitz. Wo brachten sie mich hin? Die Überzieher schwiegen. Ich wagte nicht zu fragen. Schon lenkte unsere fahrbare Inquisitionszelle zum Bahnhof Lichterfelde ein, und bald hielt sie an. War das nicht das Pfarrhaus zu St. Johannis? Gewiß ein Bau, welcher mit Staatsfeinden vollgepfropft war. Wo sollten sie sich verstecken, wenn nicht in den Pfarrhäusern? Doch nicht in den Büros der Gestapo! Das war doch die klarste Sache der Welt! Der Inquisitor verschwand im Pfarrhaus und kehrte in der Tat in Begleitung des Pfarrers von St. Johannis, Praetorius, zurück. Auch er, wurde in derselben höflichen Weise eingeladen, wie es mir geschehen war, Platz zu nehmen. ,, Ach, Sie auch hier?" rief er mir freudestrahlend zu, ohne daß ihm die geringste Beklemmung anzumerken gewesen wäre. Er schien mit der Einrichtung der fahrbaren Büros ganz vertraut zu sein. Doch wurde er des Frage- und Antwortspiels nicht gewürdigt. Es ging zurück nach Berlin, bald hielten wir am Alex; o, ein alter Bekannter, dieser unheimliche Eingang in der Grunerstraße! Wie manchmal war ich beklommenen Herzens hindurchgeschritten, um als Sieger wieder herauszukommen. Dreimal war es passiert, daß zwische lage Weg wu leid ent plö gem Mä feir auf ein aus daf ich los gen 70 ich wu Re See Ich de flü die sit au eig als ba an erde ber ang uẞhen or- in Catten zu um das her erden der in aeeise en. ne sen ros ntald m- ich ger viIM ALEX 13 schen dem Eingang und dem Ausgang Tage, ja Wochen lagen. Wie lange würde es diesmal dauern, bis dieser kurze Weg zurückgelegt wäre? Praetorius, der zuerst gerufen wurde, kam bald zurück. Er hatte Glück, denn so ganz leicht mochte es nicht gewesen sein, dem Maul des Tigers zu entrinnen. Er hatte über den Tod eines kurz zuvor im KZ plötzlich verstorbenen rheinischen Pfarrers eine Bemerkung gemacht, welche darauf schließen ließ, daß er ihn für einen Märtyrer halte. Das war ein deutliches Symptom für staatsfeindliche Gesinnung. Nur ein Staatsfeind war imstande, auf den Gedanken zu kommen, ein Sterben im KZ könne ein anderes als ein normales Sterben sein. Wie er den Hals aus der gefährlichen Schlinge zog, weiß ich nicht, sicher ist, daß er ihn unversehrt nach Lichterfelde zurückbrachte. Mit meinem Halse schien es keine solche Eile zu haben, ich war zu der Beschäftigung verurteilt, welche den endlosen Korridoren und labyrinthischen Gängen allein angemessen war, und die für die sich eng anschließenden 70 Monate den Hauptinhalt meines Lebens bilden sollte- ich mußte warten, warten, warten. Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, und ich wartete immer noch. Sooft sich eine Türe auftat in der majestätisch langen Reihe von Türen, senkte sich ein Hoffnungsstrahl in meine Seele, und sooft sie sich wieder schloß, erlosch er wieder. Ich war nicht gemeint. Nein. Es war eine Abteilung, auf der im allgemeinen die Katze auf Pfoten ging; geräuschlos, flüsternd wurden die Staatsfeinde hier abgehalftert. Es war die Abteilung für Glaube und Bekenntnis, und die Inquisition wußte wohl, daß hier mit Gewaltsamkeit nicht viel auszurichten sei. Milde und Nachsicht erreichte in diesen eigensinnigen Bezirken des anormalen Seelenlebens mehr als lautes Dreinschlagen. Nur gegen die ganz Unbelehrbaren, wie Bibelforscher und Bekenntniskirchler, mußten andere Saiten aufgezogen werden, aber das überließ man 14 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU jenen weltabgeschiedenen Stätten, aus deren elektrisch ge- ladenen Umfriedigung nicht so leicht ein Schrei an die Außenwelt drang. Wieder öffnet sich eine Tür; ein Mann in mittleres Jah- ren trat heraus, war es nicht der Chef? Der berüchtigte Assessor Chantreux, der zum Lohne dafür, daß er Niemöller ins KZ und die Kirche Gottes ans Kreuz geliefert hatte, den Titel eines Regierungsrates erlangte? Er war es. Ich kannte ihn von früheren Vernehmungen her, bei deren einer er, der Nachkomme einer Hugenotten- und Pfarrersfamilie, sich auch mit der Bibel bewaffnete. Er erkannte mich sofort, während mir der Aufzug, in dem er erschien, das Wieder- erkennen erschwerte. Er steckte in einer"rabenschwarzen Uniform, die ihn als SS-Führer kennzeichnete, die Brust mit silbernen Schnüren herrlich verziert. Er trat auf mich zu und tat ganz erstaunt, als ob ihm ‚nichts ferner gelegen hätte als die Erwartung, mir hier zu begegnen:„Was haben Sie denn wieder angestellt?“ fragte er mich, ohne daß er eine Antwort auf diese Frage erwartete. Daß sie nur rhetorisch gemeint war, bewies er, indem er mit einer zweiten fortfuhr: „Wissen Sie noch, womit wir Ihnen vor zwei Jahren drohten, falls Sie nicht parierten?— Dahin kommen Sie jetzt!“ Ohne ein Äußerung von mir abzuwarten und ohne Gruß verschwand er mit den hallenden Schritten des gebo- renen Herrenmenschen. Das war deutlich genug, so orakelhaft der Spruch auch für einen Nichteingeweihten klingen mochte!„Dahin kom- men Sie jetzt!“ Zwei Jahre zuvor, womit hatte mir damals die Inquisition Himmlers gedroht? Damals, als es mir ge- lungen war, die„3 Randbemerkungen zu einem Kapitel Rosen- berg“ des Generalsuperintendenten Dr. Dibelius in 250 000 Exemplaren hinauszuschleudern? Ums Haar hätte mir dieses Husarenstücklein einen Umschulungslehrgang in Sachsen- hau wie doc ‚auc we "ich bet ‚es dür »V des ic au: der saf IM ALEX IS ge- hausen eingetragen, dessen Notwendigkeit ohne Zweifel erdie wiesen war. Ich war noch einmal dran vorbeigekommen, doch mit der Maßgabe, daß ich, wenn ich inskünftig mir auch nur das Geringste zuschulden kommen lasse, ich unweigerlich mit KZ zu rechnen habe. ahgte ller den nte der sich Ort, erzen ust hm zu gte ete. mit ren Sie ne 50ch m- als geen-00 ses enDer casus belli war eingetreten. Es war offenkundig, daß ich nicht pariert hatte. Unter so ernstem Gesichtswinkel betrachtete der Herr mit den Schnüren die Sache. Da gab es kaum noch einen Zweifel. Der Weg zum Ausgang war weiter, als ich am Morgen noch vermeint hatte, hoffen zu dürfen. Noch einmal tat sich eine Tür auf nach einer kurzen ,, Vernehmung", bei welcher das Frage- und Antwortspiel des fahrbaren Stapo- Alex schriftlich niedergelegt wurde. Oder vielmehr, es war ein ganzes System von Türen: ich kannte mich allmählich in diesem unheimlichen Gewirr aus. Hinter einer verschwand ich. Krachend fiel sie hinter mir ins Schloß, in welchem sich der Schlüssel hörbar drehte. Kein Zweifel, sie war zu. Ich saß in der Falle, doch nicht allein. Sogleich sah ich mich umringt von einem halben Dutzend Gestalten, die mich mit Fragen bestürmten und von allen Seiten besichtigten und berochen. Sie schienen mich für einen wandelnden Automaten für Zigaretten, Schokolade und Neuigkeiten zu halten: ,, Hast du Tabak?" ,, Nee, aber Schokolade!" Und im Nu war die Tafel zerstückelt und verteilt, im Nu war ich zum Volksliebling geworden und zum Helden des Tages erklärt. Jeder Neuling schien nach ihrer Meinung eigens dazu verhaftet zu werden, um ihr eintöniges Dasein durch Lieferung von Tabak und andern Gaben angenehm zu unterbrechen. Als sie hörten, daß ich nicht ein Raubmörder oder Heiratsschwindler sei, sondern ein einfacherer Fall, flaute ihre Aufmerksamkeit etwas ab, und man machte mir Hoffnung, daß ich bald wieder verschwinden werde. 45 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Der einzige helle Fleck in dem Raume war das Fenster; doch wurde der freiheitliche Eindruck, den es in mir her- vorrief, erheblich gestört durch die Linien, die sich senk- recht von oben nach unten zogen und sich offenkundig dem Drang ins Freie entgegenstemmten. Die Aussicht, die das Fenster bot, war wenig ermutigend. Von der Moda- spitze in Konstantinopel zeigte sich mir einst auf die Prinzeninsel, wo die alten Byzantiner ihre Staatsfeinde" unterbrachten, ein reizenderes Bild. Durch das Rechteck fiel der Blick auf andere Rechtecke, die von ähnlichen Eisenstangen durchzogen waren, als ob sie die Aufgabe hätten, auch drüben gewissen unsicheren Kantonisten den Ausweg ins Freie zu verlegen. Die kleinen Rechtecke bil- deten Öffnungen in einem Riesenrechteck, dessen obere Linie sich von der einzigen farbenfrohen Fläche abhöb, dem blauen Himmel, der nicht Lust hatte, sich in ein lang- weiliges gelbgraues Rechteck einsperren zu lassen. Bald klapperte draußen ein Schlüsselbund, die Türe sprang auf, und eine Uniform rief meinen Namen. Elek- trisiert sprang ich auf, mich zu melden in der Hoffnung, ich dürfe wieder nach Hause. Aber, o weh! das Gegen- teil war der Fall. Der Wachtmeister kam, um mir Napf, Löffel und Handtuch zu bringen und meinen Strohsack mit Bettwäsche zu überziehen, ganz als handle es sich um einen Dauergast. Wurde es wirklich ernst? Ich sank auf das neugemachte Bett und schlief vor Erschöpfung bald ein, denn das Nichtstun des Wartens hatte mich müder gemacht als alle noch so anstrengende Tagesarbeit. Als ich erwachte, stand das Abendessen bereit. Mir war indes jede Eßlust vergangen, ich ließ den Blechnapf stehen, wagte aber auch nicht, meinen Teil den andern anzubieten. Ich fürchtete, sie könnten sich beleidigt fühlen, wenn ich ihnen offeriere, was ich stehen gelassen. Wie schlecht ich die Ge- fangenenseele kannte! Ich war sehr froh, als einer von un rennen IM ALEX 17 ter; mernkadig die da- den Leutchen, es schien eine Art Leithammel zu sein sich meiner SchüchternStubenältesten hießen sie ihn - heit und des Blechnapfes annahm, indem er fragte, ob er ihn ausessen dürfe? Von Stund an hatte ich mir seine Freundschaft erworben, denn er behauptete, Hunger zu haben wie ein Wolf und konnte seinen Magen überhaupt nicht sättigen. Obwohl er bereits von mehreren andern mit nde ihren Überbleibseln bedacht wurde, war es ihm ein Leichtes, auch mit meiner Schüssel fertig zu werden. die teck chen gabe den bilpere hob, angTüre lekung, genapf, Sack um auf bald ider ich jede agte Ich nen Gevon Die erste Nacht schlief ich wie ein Murmeltier, dem selbst die Wanzen, über welche die andern Zeter schrieen, nichts anhaben konnten. Das Erwachen war umso trauriger. Die Größe meines Unglücks kam mir jetzt so recht zum Bewußtsein. Ich wußte mich in den ersten Sekunden in meiner ungewohnten Umgebung nicht zurechtzufinden. Erst der Ruf: ,, Aufstehen!" brachte mich vollends zur Besinnung. Was mir so schwer auf die Seele fiel, war weniger die Verhaftung selber als die Folgen, die sie für meine Arbeit hatte. Ich war mitten aus einer reichen Tätigkeit gerissen; mein Verlag, unter sehr erschwerten Umständen ohne Mittel gegründet, war am Aufblühen. Ich war dabei, über den Berg zu kommen, und nun mitten im Laufe dieser jähe Abbruch! Mit einem Male drohten tausend Fäden rücksichtslos zerrissen, wichtige Pläne durchkreuzt, eine erfolgreiche Entwicklung gestört zu werden. Noch am Vorabend meiner Verhaftung hatte ich an Herrn Krause, einen Dresdner Drucker, die Korrekturbogen für ein Schriftchen von Pfarrer Vogel geschickt, welches unter dem Titel: Die offene Hand" zum Erntedankfest herauskommen sollte. Einhunderttausend Hefte sollten gedruckt werden, und der abgesandte Brief bedeutete für Herrn Krause das Zeichen: ,, Alles stimmt! Auf zum Druck!" In dem Augenblick, da ich mir dies überlegte, hatte er wohl das Signal schon in der Hand und war dabei, loszulegen. Zweitausend Tage Dachau 2 18 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Hunderttausend Hefte! Das war für den Mann kein Pappenstiel; es bedeutete für ihn einen bedeutenden Auftrag, denn es war nur ein kleiner Betrieb, den er besaß. Ein größerer Verlust aber konnte ihn an den Rand des Ruins bringen. Wenn er nun anfing zu drucken das Unheil war nicht auszudenken. Wie Bergeslast legte es sich mir auf die Seele. Es durfte nicht sein, nein, es durfte nicht! Wie aber ihm Kunde geben? Von meinen früheren Erfahrungen her wußte ich, wie schwer, fast unmöglich es war, sich von hier, der Mitte Berlins aus, der Außenwelt bemerklich zu machen. Aber versuchen mußte ich es, koste es, was es wolle. Und wie sollte ich die Firma Brügel unterrichten und die andern Druckereien, denen ich noch verpflichtet war? Spurlos verschwunden, wie weggeblasen war ich vom Erdboden! Nicht einmal den Nachbarinnen hatte ich Bescheid sagen können. Wie mochten sie zu Mittag auf mich gewartet haben und dann wieder zum Abendessen! Ungezählte Male mochten sie zum Fenster geeilt sein, um nachzusehen, ob sich im Verlag nichts rege. Nun, es war nicht das erste Mal, daß ihr Nachbar in der Versenkung verschwand; sie hatten eine ausgebreitete Erfahrung und kannten die Gepflogenheiten der Stapo; nicht umsonst hatten sie mich gerade in der letzten Zeit gewarnt, mich nicht zu weit aufs Eis zu wagen; und hatte ich der Nachbarin Rabbow der Alteren nicht erst kaum eine Woche zuvor einen jener Träume erzählt, welche den Besuchen der Gestapo vorauszugehen pflegten? Kein Geringerer als der Chef der Glaubensabteilung selber, Herr Chantreux, war bei mir eingetreten und hatte mir mit ernster Stimme eröffnet, daß er diesmal alles bis auf die Schriften beschlagnahmen werde. Sie mochten jetzt dieses Winkes gedenken, der mir, allerdings ohne Erfolg, gegeben worden war. Aber da war auch mein alter Vater, da war meine Schwester in der Ferne, da war ja da waren tause mein die I hatte Wir Pole gelie händ solle Frei des daf D die mir zich allg sich dur setts war E ohn kan Ha min je Üb Zal mei da es mic zuv ein aß. des gte IM ALEX 19 tausend Dinge, die meine Anwesenheit nötig machten und meine Abwesenheit zur Katastrophe; da waren besonders die Hunderttausende von Schriften, die ich noch auf Lager hatte, die Tausende von Büchern. Wer wird sie absetzen? Wird die Stapo die Hand darauf legen? Doch noch war Polen nicht verloren; ich hatte gehört, daß jedem Ein- gelieferten im Laufe von 24 Stunden ein Schein ausge- händigt werden müsse, falls die Verhaftung gesetzlich sein solle. Bis ‚jetzt ließ sich noch kein solcher Zettel sehen. Freilich stolperte die Stapo nicht über solche Zwirnsfäden des Rechts; und ob gesetzlich oder nicht, entscheidend war, daß ich eingesperrt war. Das Frühstück kam in Gestalt einer schwarzen Brühe, die ehrenhalber Kaffee hieß, dazu Brot und Gesälz. Da mir der Hunger immer noch nicht gekommen war, ver- zichtete ich zugunsten der Stube auf die Genüsse, was mit allgemeinem Wohlwollen vermerkt wurde. Sie. ließen es sich schmecken, meine Leidensgenossen, und schienen weder durch die widerliche Luft noch durch die Nähe des Klo- setts, das nur durch einen Wandschirm schlecht verhüllt war, in ihrem Appetit ernstlich gestört zu werden. Es wurde Mittag, es wurde Abend und wieder Morgen, ohne daß sich jemand um mich gekümmert hätte. Ich be- kam aber auch den roten Schein nicht, ohne welchen meine Haft nach 24 Stunden ungesetzlich geworden war. Das goß mir etwas Hoffnung ins Gemüt; doch bereute ich je länger je mehr, mich gutgläubig auf das Wort des Herrn ım Überzieher verlassen und mich nicht einmal mit einer Zahnbürste versehen zu haben. Am meisten vermißte ich meine Bibel. Im ganzen Raum war keine einzige zu finden, da ausnahmsweise die Bibelforscher fehlten, von denen es sonst hier gewimmelt hatte. Mit Wehmut erinnerte ich mich jenes gebildeten Christen, dem ich anderthalb Jahre zuvor in einem ähnlichen Gelaß begegnet war. Er nannte 20 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU die Bibel, die er in einem Versteck vor den Augen der Wärter verborgen hatte, sein ,, Schwert" und focht wacker mit dieser Waffe. Auch mir lieh er das Schwert für kostbare Augenblicke aus. Ein tapferer Kämpfer war er, der sich vor den Schergen nicht fürchtete, auch wenn sie den Namen von Kommissaren führten. So rief er einem solchen, als der bei einer Vernehmung verächtlich über ihren ,, Jehovah" spöttelte, zu:„ Herr Kommissar, Sie werden unsern Jehovah noch kennen lernen!" Ich habe seither manchesmal an dieses Wort des tapferen Bibelforschers denken müssen und vermutlich der Kommissar - auch. Ich beschloß, den Wärter um eine Bibel zu bitten, doch tat er, als ich mein Anliegen vorbrachte, als rede ich spanisch, und, nachdem ich mich bemüht hatte, jede schwäbische Tönung meiner Sprechweise zu vermeiden, gab er sich den Anschein, als ob ihm die Bibel ein ganz unbekanntes Buch sei. Er hörte von da an nicht auf, mich zu verhöhnen, so oft er uns aufsuchte. Ebenso wenig Erfolg brachte mir meine Bitte um Schreibgelegenheit. Ich hätte sie genau so gut dem Mann im Monde vortragen können. Jeden zweiten Donnerstag sei die Schreibreihe an uns, da könne ich es versuchen, cher nicht. Armer Drucker! Was fange ich nur an, dir die Hiobskunde zu melden, was fange ich an? Die andern konnten mir auch nicht helfen, so gerne sie es getan hätten; denn meine Fastenkur gefiel ihnen. Der Stubenälteste ließ sich ganz gut an, er schien ein wackerer Bursche zu sein. Weitgereist, konnte er sich gar nicht an den engen Käfig gewöhnen, in den sie ihn eingepfercht hatten gleich einem Schimpansen. Aus einem etwas gedunsenen Gesicht blickten ein paar graue Augen gutmütig in die Welt. Es war schwer zu glauben, daß er der verstockte Devisenschieber wäre, für den ihn die Stapo hielt. Man verlangte von ihm, daß er den Aufenthaltsort der Kiste angebe, welche einen Dollarschatz im Werte von ich glaube 500 exist and aus verr Zose zum gefü E ich imn ver neu Frei mu ein I Sch nat fro hei mei mö der die ste der rid zu gel gri hät eva Da IM ALEX 2 I der ker Ostder den men, ren den ther LenIch er, sch, che den uch SO cine em ersen, die sie Der rer an cht unin kte an ste be 50 000 Reichsmark enthielt. Doch behauptete er, der Schatz existiere lediglich in den Hirnen der Herren da drüben. Ein anderes Mitglied unseres Klubs hieß Lembeck und stammte aus Rastatt. Er war trotz seiner jungen Jahre des Hochverrats beschuldigt, den er als Matrosenspion für die Franzosen begangen haben sollte. Das Volksgericht hatte ihn zum Tode verurteilt. Doch wurde das Verdikt nicht ausgeführt. Er rechnete mit seiner Einlieferung in ein KZ. Etwa am fünften Tag nach meiner Verhaftung wurde ich herausgerufen. Was war das? Den Schein hatte ich immer noch nicht erhalten, gab daher das Spiel noch nicht verloren. Und so blitzte denn das Fünklein der Hoffnung neu auf: vielleicht... Es ging zwar noch nicht hinaus ins Freie, nein, das war verfrüht. Aber es ging zum Vernehmungsrichter. Gott sei Dank! Es rührte sich doch etwas! Im Vorzimmer, das wie alle andern Räume dieses Baues ein Wartezimmer war, traf ich Pfarrer von Rabenau. Schon wieder ein Geistlicher, als ob das Haus hier der natürlichste Aufenthalt für Pastoren wäre! Ich war aber froh, einen Bekannten zu treffen, da ich so eine Gelegenheit hatte, ohne Aufsehen einen mündlichen Kassiber an meinen Drucker in Dresden durchzugeben, des Inhalts, er möge mit dem Druck vorläufig aussetzen und den Gang der Dinge abwarten. Pfarrer von Rabenau versprach mir, die Vermittlung zu übernehmen, so daß mir ein Zentnerstein fast hörbar vom Herzen fiel. Nach etwa zwei Stunden Wartens kam ich an die Reihe. Der Vernehmungsrichter, ein älterer Herr von freundlichem Aussehen, schien zur alten Schule zu gehören und nicht in die neue Umgebung zu passen. Er suchte zunächst die Absichten zu ergründen, die mich bei der Herausgabe der Karten geleitet hätten. Ich gab offen zur Antwort, daß ich wünschte, als evangelischer Christ für Pastor Niemöller etwas zu tun. Das Beste, was ich für ihn tun konnte, war, die Christen 22 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU für ihn zum Gebet aufzurufen; und dieses Ziel hätte ich mit der Herausgabe der Karten zu erreichen gesucht. Sie sollten an Martin Niemöller erinnern und zugleich an unsere Pflicht, in der Fürbitte für ihn einzutreten. Eine politische Absicht habe mir ferngelegen. Der Inhalt der Worte, der meilenweit von Politik entfernt wäre, habe das bewiesen. Warum ich unterlassen hätte, Druckerei und Verlag auf den Karten zu nennen? Auf diese Frage erwiderte ich kurz, daß ich auf Grund des Pressegesetzes mich nicht dazu verpflichtet glaubte. Sie können gehen, ich spreche Sie frei!" war, soweit ich mich erinnere, sein letztes Wort. Ich atmete auf; ich war freigesprochen. Aber ich erlitt ähnlich wie andere, Zehntausende von Freigesprochenen, und ähnlich wie Martin Niemöller selber eine grausame Enttäuschung. Draußen wurde ich von einem Wachtmeister in Empfang genommen, der, statt mich in die Freiheit zu führen, mich wieder nach meiner alten Zelle zurückbrachte, wo der Herr mit dem Überzieher meiner wartete und mir milde die unverlangte Auskunft erteilte: ,, Sie haben sich jetzt der Staatspolizei zur Verfügung zu halten!" Was dieser orakelhafte Ausdruck bedeutete, war mir damals nicht klar, er entstammte den Einspeichelungskünsten der Schlange und war nichts anderes als ein verblümtes Todesurteil. Das ist mir aber erst nach Jahren deutlich geworden. Meine Mitgefangenen, als sie von dem Freispruch hörten, beglückwünschten mich und machten mir Hoffnung, daß ich nun bald hinauskäme. Meine Befürchtung, daß die Sache für mich in Sachsenhausen enden werde, nannten sie wahnwitzig. ,, Du wirst sehen", sagte der Stubenälteste zu mir ,,, daß du den Sonntag schon in der Turmstraße verlebst." Ich ließ mich gern trösten; welcher Mensch wäre solchem Zuspruch unzugänglich? Und war ich nicht wirklich freigesprochen? War das Urteil eines Richters ein Nichts? Kam ich jetzt heraus, so war es sogar noch möglich, die - ,, Off bring Hilfe einen Ta Neue gezäl Unte sehr, unser Gege eben lasse such das schn: setze hatt hatt dies nur Ged Kin gan run Lied hör ben end ich Sie ht eS= .n, aß lie sie zu r- lie ur BE rune EEE TESTSEITE er IM ALEX 23 2 „Offene Hand“ rechtzeitig zum Erntedankfest herauszu- bringen. Ich hatte mit Gott gerungen, sollte er mir nicht zu Hilfe eilen? Hatte er mich nicht schon drei Male oft ın einem Augenblick befreit, als ich es nicht mehr erwartete? Täglich bekamen wir Zuwachs,„Zugänge“, wie die Neuen genannt wurden, zu denen ich bereits nicht mehr gezählt wurde. Das war jedesmal eine hochwillkommene Unterbrechung unserer Langeweile. Unter dieser litten wir sehr, da wir nicht zur Arbeit herangezogen wurden. Für unsere Unterhaltung wurde nicht das Geringste getan, im Gegenteil: jedem Buche war der Zutritt streng verboten; ebensowenig durfte sich eine Zeitung unter uns blicken lassen aus Gründen, die kaum der Weise ahnen mag. Einige suchten diesem Mangel abzuhelfen, indem sie das Papier, das wir zu Reinlichkeitszwecken in kleine Rechtecke ge- schnitten geliefert bekamen, zu der Zeitung zusammenzu- setzen suchten, aus welcher sie"ursprünglich bestanden hatten. Ein anmutiges Geduldspiel, das nur den Nachteil hatte, daß die Neuigkeiten, die als Gewinn heraussprangen, diesen Namen kaum mehr verdienten. So kamen wir, um nur die kostbare Zeit totzuschlagen, auf die seltsamsten Gedanken, welche bewiesen, daß in jedes Mannes Brust ein Kind schlummert. Unter Anführung des Stubenältesten be- gannen wir, im Gänsemarsch durch die Stube zu stapfen, rund um den Tisch herum, wobei wir im Takte allerlei Lieder sangen, ernste und unsinnige; zu den letzteren ge- hörte jener Nonsens, den uns kein Geringerer als der Stu- benälteste selber beibrachte, und den wir mit Begeisterung endlos wiederholten: „In der Bucht von Kiau-tschau Rupft dem Kerl ein Bein aus, Rupft es aber nicht ganz aus— Laßt ihm einen kleinen Stumpen stehn, Daß er kann nach Hause gehn!“ 24 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Wahrhaftig, nach sechs Jahren ist mir die Reimblüte so geläufig wie am ersten Tag, woraus selbst mittelmäßige Charakterologen ernste Rückschlüsse auf eine gewisse menschliche Leichtfertigkeit ziehen mögen, wenn sie Lust und Neigung dazu haben. Als der Stubenälteste etwas vertrauter mit mir wurde auf Grund der anhaltenden Lieferung von Suppen und Brotüberresten, ließ er mich an seiner Vergangenheit teilnehmen, von welcher er 16 Monate im KZ. zugebracht hatte. 16 Monate! Schwindelnd lange, schreckliche Zeit! Wie hatte er das nur aushalten können! Schlimm genug war auch, was er zu berichten wußte, und keineswegs dazu angetan, zu einem längeren oder kürzeren Aufenthalt daselbst zu verlocken. Viel erzählte er vom Leben auf den Blöcken, wo der Tag des Morgens mit einem fürchterlichen Fluch begonnen werde, um des Abends mit einem noch fürchterlicheren zu enden. Es hänge alles vom Leiter des Blocks ab, der selbst ein Häftling sei und Blockältester geheißen werde. Der habe alles in der Hand, selbst Tod und Leben seiner Genossen. Sei er anständig, so lasse es sich aushalten, sei er ein Teufel, so mache er den Block zur Hölle. H Uns fröstelte bei diesen Berichten, noch mehr aber, als sich eines Tages die Tür auftat und einer von uns abgeholt wurde, nicht in die Freiheit, sondern nach Sachsenhausen. Es war der Matrose aus Rastatt; die Wärter verrieten es uns noch in der nächsten Stunde, wohin es mit dem armen Jungen gegangen war. So hermetisch wir abgeschlossen waren von der Welt, so schlug doch die Brandung der Ereignisse an unsern Nachen. Eines Morgens brachte ein Neuer die Nachricht mit, die uns alle erschütterte, den einen mehr, den andern weniger: ,,' s ist Krieg! Heute morgen um 4 Uhr hat Hitler seinen Soldaten den Befehl gegeben, in Polen einzumarschieren!" Es war der 2. September, auch ohne Kalender me tri De W1 Fa VO N D ac un be W m In d id W ü U Z W n f I f e so Bige visse Lust urde und teilacht Wie war anlbst xen, luch terocks Ben ben ten, sich molt sen. es men Felt, ern Ficht ern tler arder IM ALEX 25 merkten wir uns das Datum. ,, Nun kommen wir' raus!", triumphierten die meisten. Jetzt heißt's: ,, Alle Mann an Deck! Keinen können sie entbehren, keinen einzigen!" Wie wir uns enttäuscht sahen; gerade das Gegenteil war der Fall. Herein kamen sie statt hinaus. Der Alex barst fast vor Überfüllung. Die grünen Wagen, die bei Nacht und Nebel einliefen, spien die Verhafteten recht eigentlich aus. Der Hof stand voll von unsichern Kantonisten; wir beobachteten, wie sie vorgeladen und numeriert wurden, von unserer Scharte aus, welche jetzt stündlich von Schaulustigen belagert war, die sich den Platz streitig machten, bis der Wärter uns wieder auseinanderjagte. Es gelüstete mich nicht sonderlich, die neue Gattung menschlicher Würdenträger in Sachsenhausen zu studieren. Indessen schien es der Herr mit den silbernen Schnüren darauf angelegt zu haben, mich ,, dahin" zu bringen, wo ich diesem Studium obliegen konnte. Darauf deutete wenigstens ein roter Zettel hin, welcher mir eines Tages übergeben wurde. Es wurde ihm eine besondere Bedeutung beigemessen, denn ich hatte seinen Empfang durch meine Unterschrift zu bestätigen. Es war der Haftbefehl. Ich zuckte zusammen, als ich die scharfen Sätze las, welche mich wie Hundegebell aufuhren: Ekkehardt, hieß es da, habe sich nach den Ermittlungen der Staatspolizei ,, durch sein Eintreten für die sogenannte Bekenntnisfront und den inhaftierten Niemöller offen als Staatsfeind bekannt", und es sei kraft des Gesetzes zum Schutze von Volk und Staat über ihn die Haft zu verhängen. Wie Peitschenhiebe' trafen mich die Worte. Sie klangen nicht nach Versöhnlichkeit; der Verfasser nahm weder auf den Freispruch des Richters noch auf den Krieg Rücksicht. ,, Staatsfeind!" Ein Staatsfeind sollte ich sein! Ich, der ich von Jugend auf gelehrt worden war, der Obrigkeit untertan zu sein, und der ich mich auch bemüht hatte, diesem Gebote nachzuleben. Ausgerechnet auf 26 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mich mußte das Gesetz angewendet werden, welches Hin- denburg gegen die Unruhestörer erlassen hatte. Daß ich nicht lachte! Staatsfeind! Und warum log der rote Wisch so fürchterlich und verleumdete mich, ohne daß ich mich wehren konnte? Weil ich meinem Glauben gemäß lebte, der mich zum Bekennen aufforderte und von mir verlangte, ich sei wer ich sei, mich hinter die Männer zu stellen, die schuldlos angegriffen worden waren, und deren vater- ländische Ehre man bei Tag und Nacht in den Schmutz zog. Stand in den Schriften, die ich herausgegeben hatte, auch zur ein einziges Hetzwort? Scharf war die Feder, die der Generalsuperintendent geführt hatte, aber nicht aufrühre- risch oder maßlos. Jede seiner»3 Randbemerkungen zu einem Kapitel Rosenberg“ schloß mit dem Satze:„Das mag genügen.“ Und es genügte auch, so sehr, daß mich der Herr mit den Schnüren schon damals als den Ver- öffentlicher der Schrift 3 Wochen lang vor der angeblichen „Volkswut schützen“ mußte. Rosenberg hatte öffentlich gegen die Kirche geschrieben. War es aber. staatsfeindlich, wenn ihm Dr. Dibelius öffentlich antwortete? Was dem einen recht, ist dem andern billig. Und die Spruchkarten? Inwiefern waren diese Niemöllerworte staatsfeindlich? In- wiefern? Nicht der geringste Hauch von Politik lag doch darin, wenn es auf einer von ihnen etwa hieß:„Wir sind nicht Feldherren, sondern Gottes Soldaten. Wir haben nicht Befehle zu geben, sondern sie auszuführen!“ War es nicht meine einfache Christenpflicht, einen schuldlos Verleum- deten zu verteidigen, so gut oder so schlecht ich es ver- mochte? Aber das war es eben: die Christenpflicht— die sollte getroffen werden, die war der Staatsfeind Nr. ı trotz des feierlichen Eides in der Potsdamer Garnisonskirche, von Hitler selbst vor dem ganzen Reich abgelegt. Die Christenpflicht war der Revoler, den die Gründer des Dritten Reiches gegen seine Fundamente gerichtet wähnten, Er N nn HinBich Wisch mich e, der ngte, , die aterzog. auch = der ihren zu Das mich Verchen tlich lich, dem ten? InHoch sind icht icht umverdie otz che, Die des Cen, IM ALEX 27 und das mit Recht. Ein Feind des Staates, nein, du verlogener roter Wisch du! Ein Feind dieser Regierung, wohl, aber kein Staatsfeind! Fragt die Urkunden unseres Glaubens, die offen vor euch liegen, fragt das Buch unserer Geschichte, von dem jede Seite auf gut deutsch Antwort darauf gibt, ob die Christen die Staatsfeinde waren, als die sie Rosenberg verschrie, oder nicht vielmehr die Staatsfreunde, die sich gebunden wußten an die Magna Charta Römer im dreizehnten? Es gab nur ein Entweder- Oder: entweder die Potsdamer Versicherung war ernstgemeint- - dann dann hatte der rote Zettel unrecht; oder er hatte recht war jener Schwur ein Meineid, welcher die Kirche über die wahren Absichten Hitlers hinters Licht führen sollte. Ein drittes gab es nicht. - Ich beschloß, den Herrn mit den silbernen Schnüren auf diesen Widerspruch festzunageln, ließ mir Feder und Papier kommen und erbat meine Freilassung auf Grund des Potsdamer Manifests und der darin uns zugesicherten Glaubensfreiheit; zum Überfluß berief ich mich noch auf eine Erklärung Hitlers, die er, ich glaube im November 1934, abgegeben hatte, und in welcher den Kirchen das Recht verbrieft wurde, ihre Angelegenheiten in den eigenen Mauern ohne staatliche Einmischung zu regeln. Meine Stimme verhallte ungehört, der Chef hatte Wichtigeres zu tun, als auf Fragen eines KZ- Anwärters zu hören, die er nicht beantworten konnte. Inzwischen hatten wir unsere Stube räumen müssen. Wir wurden in alle Winde zerstreut. Der Grund war für ein gewöhnliches Menschenhirn unerforschlich, denn die neue Stube glich der alten wie ein Ei dem andern: dieselben üblen Düfte, dieselben Rechtecke als Fenstergitter; die gleichen Bettladen und Überzüge, dieselbe langweilige Aussicht auf dieselben Backstein rechtecke der Gegenseite, dieselben bleichen Gesichter und dieselbe Stimmung düsterer Hoffnungs 28 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU losigkeit. Aber kaum war ich drin, als ein Wunder geschah: Hand auf mich zu: ob ich das wolle? Als ich näher hinsah B) war es ein Buch, oder vielmehr das Buch, die Bibel! Woher. wußte er nur, daß ich das mit brennendem Herzen gesucht ‚hatte? Ein Wunder! Und, woher war das Buch an diesen Ort gekommen? Die erste Seite gab darauf Antwort:„Von Rabenau“ stand mit Tinte oder Bleistift darauf geschrieben, der Name des Berliner Bekenntnispfarrers, der einige Zeit hier zugebracht und wohl absichtlich das Buch hier zurück- gelassen hatte, damit es so einem armen Hascherl wie mir zum Trost werden könne. Als das Bleichgesicht sah, welche Freude es mir mit dem Rechteck gemacht, stürzte er sich auf ein Regal, um dort nach einem weiteren Rechteck zu grei- fen, mit welchem er mich wiederum beglückte; es war ein Gesangbuch der Brandenburgischen Kirche, aus dem Nach- laß desselben Geistlichen. Wer war froher als ich!„Mein Unglück war mein Glück“, ich machte dem Wärter mit der Bibelangst eine lange Nase und dem Teufel dazu und setzte mich gleich hinter die Bücher, die ich- so schwer vermißt, und die ich doch so nötig hatte, wie nur je ein Krieger. Schwert und Schild.— Noch im Laufe des Nachmittags stellte es sich heraus, ‚daß das Bleichgesicht das Amt des Stubenältesten inne hatte, obwohl er vielleicht der Stubenjüngste war. Er war Schneidergeselle, und ich freundete mich mit ihm im Laufe der paar Wochen, in denen wir dieselbe schlechte Alex-Luft einatmeten, sehr an. Die guten Beziehungen bahnten sich diesmal nicht auf Grund der Suppen- und Brotreste an, die ich fortfuhr, reichlich zu verteilen, sondern weil wir uns innerlich verstanden. Er war, wie ich bald merkte, ein Katholik, der, aus sehr ärmlichen Verhältnissen seiner ober- schlesischen Heimat stammend, erst in der Fremde der Weltstadt zum bewußten Glauben gekommen war. Seine’ Br ein ‚junges Bleichgesicht kam mit einem Rechteck in der Fl Ei h£ N St so fü nah: der sah, pher ucht esen Von ben, Zeit ckmir che auf reiein chein der zte ẞt, ger us, ne ar fe uft ch lie ns in r- er ne IM ALEX - 29 Überzeugung war es auch, die ihn in die Hände der Gestapo geführt hatte. Er war zur Polizeitruppe eingezogen worden, empfand aber einen ausgesprochenen Widerwillen gegen den Kriegsdienst. Dies merkten die Vorgesetzten, welche ihn der Gestapo übergaben, als er wegen seiner Hämorrhoiden den Dienst verweigerte. Abends, wenn wir nebeneinander auf unserer Pritsche lagen, erzählte er mir aus seinem Leben, von seiner harten Jugend, von den Männerwallfahrten, welche mehr als 100 000 Teilnehmer alljährlich auf den Annaberg führten zum eifersüchtigen Ärger der hitlerischen Machthaber; auch von seinem beruflichen Streben berichtete er mir, hatte es ihm doch sein Fleiß ermöglicht, mit einer Maschine zu arbeiten und ein Einkommen zu erzielen, das in manchen Monaten das eines höheren Beamten überstieg. Er wiederum nahm an meinen Nöten freundlichen Anteil, wie es seither nie wieder ein Stubenältester getan; er litt mit mir unter meinen Verlegersorgen und freute sich mit mir, als das erste Wäschepaket für mich abgegeben wurde. Ja, die treuen Nachbarinnen! Noch ehe ich mich ihnen recht bemerkbar machen konnte, hatten sie mein gedacht. Da es mir nicht möglich war, über den Grund meiner Verhaftung auch nur ein Wort dem Briefe beizufügen, den ich endlich absenden durfte, so hatte ich den Einfall, die Manschetten mit den nötigen Mitteilungen zu bekritzeln. Ich schickte sie mit der gebrauchten Wäsche zurück, als mir erlaubt wurde, der Überbringerin der frischen ein Paket mitzugeben. Ob sie die Geheimbotschaft aber je entdeckten, habe ich bis heute noch nicht erfahren können, da ein widriges Geschick mich immer noch von ihnen fernhält und es mir unmöglich macht, ihnen für die nachbarliche Hilfe, die sie mir fast 6 Jahre hindurch liehen, den Dank abzustatten, der ihnen gebührt. Eines Tages wurde Obermüller so hieß das Bleich 30 - ZWEITAUSEND TAGE DACHAU gesicht vorgerufen. Freudestrahlend kehrte er zurück, zwei große Tüten in der Hand, aus denen herrliche Dinge ragten, Birnen aus der einen, Streußelkuchen aus der andern. Er hatte Geburtstag, wie wir erst jetzt erfuhren, und sein Pflegemütterchen hatte ihn besuchen dürfen. Zum Abschied hatte sie ihm die Tüten ausgehändigt, deren Inhalt er sogleich mit der Stube teilte. Was ihm aber das schönste Geburtstagsgeschenk war: die Gute hatte ihm in einem unbewachten Augenblick, als der Gestapo- Sekretär sich just am Schrank zu schaffen machte, ins Ohr geraunt: ,, Freu dich! Du wirst bald frei. Noch vor Weihnachten kommst du heraus. Der Herr hat mir's soeben als sicher gesagt!"- Wir freuten uns mit ihm. Aber nicht lange dauerte unsere Freude. Schon nach wenigen Tagen wurde er wiederum hinausgerufen. Diesmal kehrte er mit einem Gesicht zurück, auf welchem sich tiefe Niedergeschlagenheit malte. Er war vom Arzt untersucht worden, was als untrügliches Zeichen dafür galt, daß einer fürs KZ bestimmt sei. Wirklich ertönte sein Name ein drittesmal, schon im Morgengrauen, als wir noch im Bett lagen:„ Obermüller, Sachen packen!" Schnell noch ein Händedruck es war der letzte in diesem Leben. Wir sollten einander nie wiedersehen. Und das Versprechen des Assistenten? Geheimnis der Stapo! Geheimnis der Katzenpfoten! - - Nicht lange danach wurde auch mein Name aufgerufen. Wohin ging's? In die Turmstraße oder....? Ärztliche Untersuchung! Also nach Sachsenhausen. Keine unzeitgemäßen Hoffnungen: die Untersuchung ist nur eine Formsache. Aber die Schulden, die Schriften! Nun, das Dankfest war ohne die ,, Offene Hand" vorübergegangen. Aber stand nicht in 2 Wochen das Reformationsfest bevor? Und lag da nicht im sicheren Versteck das ,, Buch der Menschheit", ein Schriftchen des berühmten Heim, das ich in mehr als 100 000 Stück hatte drucken lassen? Konnte Gott zugeben, daß die Kostbar brau nich geru sich und scha da hei des rüc KZ ere um ick, var 1en en, a1 ge em las m- IM ALEX 37 barkeit verdarb? Die Stapo wollte sie nicht, und Gott brauchte sie nicht. Er gebrauchte mich, aber er brauchte mich nicht. Es kam der dunkle Samstag, wieder wurde der Name gerufen,‘ nochmals eine kurze Regung der Hoffnung, die sich nicht bändigen läßt: als es hinunterging manche Stufe und wir im Aufnahmezimmer landeten, als uns unsere Bar- schaft ausgehändigt wurde und wir unterschreiben mußten, da flackerte der Gedanke auf: ob’s nicht doch in die Frei- heit gehe? Aber dann ging’s, o weh, in den dunklen Bauch des Wals, des Autos, und wo hätte es nach stundenlangem rücksichtslosem Geholper anders landen sollen als im— K2Z? 33 KZ- NOVIZE IN SACHSENHAUSEN Wir werden von Uniformen empfangen und in die Beichte genommen. ,, Es gibt einen Weg zur Freiheit." Wir kriegen rote Flecken, wissen aber noch nicht, was sie bedeuten. Wir lernen die ersten Lagereinrichtungen kennen und werden verschiedener Ansprachen gewürdigt. Wir dürfen nicht mehr ,, Heil Hitler" grüßen, und der Bettenliturg sieht schwarz für mich. Im Laufschritt geht's an die Loren, aber ich lande auf dem Gaurisankar. ,, Hic Rhodus, bic salta" oder: Wer leiht 10 Pfennige auf ein Rittergut? Das Wasser steigt, das Wasser schwoll.... mir stieg es bis ans Knie. Entweder sterben an Hunger oder an Strapazen ich entschied mich fürs erstere. Wir wurden nicht, wie es häufig vorkam, mit Schlägen empfangen, als wir uns aus dem Bauche des Wals herauswanden, sondern mit dem bewundernden Ausruf: ,, Au, guck! Des schöne lange Haar!" Eine Uniform machte diese Bemerkung, worauf ihre Nachbaruniformen in Gelächter ausbrachen. Es war ein Reich der Uniformen, in das wir einzuziehen im Begriffe waren. Selbst die Beichtväter trugen Uniformen. Denn auch Beichtväter gab es; wir wurden soZweitausend Tage Dachau 3 { 4 | | | 34 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU gleich priesterlich von ihnen begrüßt. Sagte ich es nicht immer, wenn ich das„Schwarze Korps“ gelesen hatte: die gehaben sich ganz als Priester. Daher ihr Haß gegen die Pfarrer der christlichen Kirche. Es war der Haß des Em- porkömmlings gegen den alten Konkurrenten. Der neue Gott hatte seinen Oberpriester und ein Heer von Pfaffen. Wozu auch sonst der feierliche Ernst der schwarzen Uni-' form? Etwas seltsam war die Zeremonie der ersten Beichte und immerhin unerwartet: als wir noch außerhalb-des eigentlichen Lagers vor einer Baracke hielten, taten sich gleichzeitig die Fenster auf, und es erschienen eine Reihe von schwarzen Uniformen, an deren Spitze je ein Kopf haftete, dessen Mund sich öffnete und— nicht nach un- serem Begehr, sondern nach unseren Missetaten fragte. Über den Weg herüber fragte der Mund, und über den Weg hin- über schollen unsere Antworten. Eine Ohrenbeichte war das wirklich nicht, in aller Offentlichkeit galt es, sein Sün-' denbekenntnis abzulegen. Furchtbare Abgründe der Ver- worfenheit taten sich da vor unseren Ohren auf; z. B. mußte einer die staatsfeindliche Schamlosigkeit enthüllen, daß er sich der Amtsanmaßung schuldig gemacht, vielleicht weil er sich eine Amtswalternadel in die Krawatte gesteckt hatte. Übrigens mußte er stehenden, Fußes den Beginn der wohlverdienten Strafe an sich erleben. Denn als das Ver- hör sich stundenlang hinzog, meldete sich bei ihm ein'ge- wisses natürliches Bedürfnis. Vergeblich bat er und flehte er„austreten“ zu dürfen. Der Posten verweigerte ihm dies von einem Amtsanmaßer unerhörte Begehren mit stand- hafter Grobheit, so daß der Arme sich plötzlich gezwungen sah, seiner Natur freien Lauf zu lassen. Dies Erlebnis gab uns so recht einen Vorgeschmack von dem Geiste, der hinter dem Stacheldraht auf uns wartete. Das Zwischenspiel hin- terließ jedoch keinen besonderen Eindruck auf die uns aus- horchenden Schwarzröcke. Selbst der einsetzende Regen hin. Pfli ein: ein! unc Sta sch die ein die licl tra de ve Al ıhı |———— KZ-NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 35 \icht hinderte sie nicht, in der gewissenhaften Ausübung ihrer die Pflichten als Beichtiger fortzufahren. Nur daß sie jetzt jeden die einzelnen in ihre Beichtstühle hineinriefen, um sich unsere Em- Gesichter noch näher anzusehen und unser Innenleben noch neue eingehender zu erforschen. Der Krieg war im Anrollen, fen. und es war ein Werk von militärischer Wichtigkeit, den Uni- Staat von allen zweideutigen Elementen zu säubern. Nur ichte drinnen hörten die außen Wartenden hin und wieder klat- des schende Geräusche und laute Schreie, ein Beweis dafür, daß sich die Priester der Religion Himmlers ihre Befugnisse mit 'eihe einer Gründlichkeit und auch körperlichem Nachdruck übten, opf wie wir es bei den lauen Dienern der Kirche weder bei un- dieser noch bei sonstiger Gelegenheit gewohnt waren. End- ber lich kam die Reihe auch an mich. Nicht ohne Herzklopfen hin- trat ich vor meinen Leib- und Seelsorger. Der, ein gestan- wat_dener Mann von etwa 20 Jahren, war in einige Blätter Sün- vertieft, welche ihm wohl zu, meiner Kennzeichnung vom Ver- Alex als Steckbriefe mitgesandt worden waren. Ich wollte . BB: ihm näherkommen, um ihm eine genauere Betrachtung sei- llen, nes Beichtkindes zu ermöglichen, doch gebot ein überraschen- eicht des„Halt! Nicht näher!“ meinem Lauf Einhalt.„Du teckt scheinst ein gefährlicher Bursche zu sein!“ fuhr er fort, nach- der dem er die Imperative ausgestoßen und nochmals einen Ver- Blick auf die Papiere geworfen, denen er die Unter- .'ge- lagen für die intime Kenntnis meines Charakters entnahm. lehte„Wieso?“ fragte ich, hoffend, nähere Aufklärung über diese dies Frucht staatlicher Tiefenpsychologie zu erhalten.„Nun, die and- Bekenntnispfaffen haben dir wohl den Kopf ganz ver- ngen dreht“, fuhr er fort, die Basis seines Angriffs übers ganze gab Kirchengebiet verbreiternd, aber den Staatsfeind doch mit inter dem traulichen Du behandelnd.„Ich bin von meiner Kirche hin- von Jugend auf gelehrt worden, der Obrigkeit zu gehor- aus- chen—“—„Marsch, hau ab!“ fiel er mir ins Wort, die egen Aufnahmezeremonie barsch, aber doch ohne Ergänzung durch ar ZWEITAUSEND TAGE DACHAU 36 körperliche Einwirkungen beendigend. Am Tor wartete eine neue Überraschung auf uns: ein Gruß der Freiheit! ,, Arbeit macht frei!" lasen wir, mit großen Lettern in das Torgitter hineingeschmiedet. O, leichtgläubig Herz, daß du dich so schnell an einen Strohhalm klammerst! Wir glaubten dem kunstgeschmiedeten Versprechen so gerne, und es bedurfte der angestrengten Bemühungen manches Jahres, um uns von diesem Irrtum zu heilen. Kaum waren wir durch das Tor geschritten, als uns ein neues ,, Halt!" am Boden festnagelte. Neue Fragen, neue Bekenntnisse, neue Ausrufe des Staunens über solche schädlichen Auswüchse der Volksseele und neue Beteuerungen, mit diesen Auswüchsen fertig zu werden. Der das Examen diesmal abnahm, war ein Uniformierter, der, wie wir später hörten, den Beinamen ,, der eiserne Gustav" trug. Von Mütze und Kragenrand starrte uns ein Totenkopf entgegen, an dem wir vergeblich nach den blauen Augen und blonden Haaren der nordischen Rasse suchten. Er schien Wert auf die Ausbildung seiner Beine zu legen, denn nicht selten hob er wie ein scheues Roß den Fuß, um die Hufe dem einen oder anderen von uns in die Flanke zu stoßen, eine Art der Begrüßung, die uns bis dahin unbekannt geblieben war. Mir stellte er auf Grund meiner Vergangenheit in Aussicht, daß ich Pfarrer Niemöllers Bude fegen dürfe. Nachdem diese Zeremonie beendet war, trat ein weiterer Totenkopf auf uns zu, welchen sie den Kommandanten hießen. Er fand sich nicht für zu gut, um eine kleine Ansprache an uns zu richten, in welcher er uns zu unserem Troste versicherte, daß wir keine ordinären Sträflinge seien. Ganz und gar nicht! Wir seien Häftlinge und da sei ein Unterschied, der im Lager strengstens beachtet werde. Der Ton hier sei zwar militärisch rauh, aber sonst käme jeder auf seine Rechnung, der nicht gewöhnt sei, Ansprüche an. den Staat zu stellen. Nun, das hörte sich nicht gerade menS r k e: d h h Ja D d li a N g u K T d a W W d V U K Z W S to n eine , ArTordu aubdes ares, ein eue ädgen, men wir rug. entund ien icht ufe Sen, geengen ein anine em en. ein Der Her an. enKZ- NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 37 für Geschenfresserisch an, gewiß nicht, war auch in einem knarrend- väterlichen Ton gesprochen. Dazu grüßte uns ein Plakat, das schon wieder von der Freiheit redete:„ Es gibt einen Weg zur Freiheit! Seine Meilensteine heißen die Zahl und Reihenfolge verbürge ich mich nicht horsam, Fleiß, Sauberkeit, Nüchternheit, Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe, Opfersinn und Liebe zum Vaterland." Das klang ja, als ob wir Mitglieder eines Bundes für ethische Kultur werden sollten. Da konnte es nicht fehlen Ja, die Schlange, die ihre Opfer einspeichelt. Der erste Meilenstein trat in Sicht: wir wurden ins Bad geführt. Sie nahmen's gründlich. Unsere Kleider mußten wir fein hübsch auf Bänke ablegen, die herumstanden. Dann ging's unter die Brause. Noch war jene grausige Erfindung nicht gemacht, die aus den Trichtern statt des Wassers Giftgase strömen ließ; dagegen war für Massage gesorgt; wer sich nicht schnell genug drehte, bekam den Absatz des Totenkopfes ins Gesäß, der uns bewachte. Und dem Amtsanmaßer, dessen beschmierter Körper jetzt ans Tageslicht kam, wurden die schmutzigen Teile mit Knüppeln geknetet, daß er laut aufheulte. Auch den Juden, die mit uns gekommen, wurde Massage verabreicht, und zwar kostenlos. Das war der erste Meilenstein; wehe, wenn alle andern gleich umständlich zu erreichen das gab ein mühevolles Wandern! waren - Als wir zu den Bänken zurückkehrten, entdeckten wir, daß unsere Kleider samt allem, was wir mitgebracht hatten, verschwunden waren. Dafür lagen Uniformen bereit, die Uniformen nicht der Herren-, sondern der Herdenmenschen. Kaum konnte ich es über mich gewinnen, in das verrunzelte Zeug zu schlüpfen. Nichts war mir von jeher so widerwärtig, als fremde Kleidung anzulegen Wer mochte, in diesem Hemde schon gesteckt haben? Vielleicht ein Ermordeter? Doch es half nichts, ich mußte hinein; ei, ei, es ging nicht bis ans Knie, das reine Konfirmandenhemd. Die Ho 38 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU sen waren zebraartig mit blauen Streifen versehen; und die Jacke, die vom selben Muster war, was trug sie denn auf der linken Seite für einen roten Flecken in Form eines Dreiecks? Sollten das Krawatten sein? Auch den Hosen war ein solches Dreieck aufgenäht. Das meinige in Rot, doch das meines Nachbarn war grün; der Jude hatte ein gelbes, wieder ein anderer ein braunes oder violettes Dreieck. Wir hatten keine Ahnung davon, daß diese unscheinbaren bunten Flecke über unser Lagerschicksal mitentschieden. Wie wir bald erfuhren, war es gar nicht gleichgültig, von welcher Farbe solch ein Winkel war. Sie bezeichnete die Schublade, in welche die Stapo die einzelnen Häftlinge hineinstopfte; rot waren die sogenannten politischen Verbrecher, die eigentlichen Schutzhäftlinge und Staatsfeinde; grün die Berufsverbrecher, schwarz oder braun die Asozialen, violett die Bibelforscher, rosa die 175er und blau die Emigranten. - - nach Schon begannen also die Unterschiede: völlig gleich in unserer Nacktheit waren wir hereingekommen, eine Einheit in der Gleichgerichtetheit unseres Schicksals, und nun wurden wir schon wieder getrennt; die Ungleichheit, die unglückselige Spaltung begann ihr Werk im selben Augenblick, da wir unser Gewand anlegten, das doch Uniform hieẞ. Divide et impera ,, teile und herrsche!" diesem Grundsatz der alten Römer verfuhren sie im Lager. Die verschiedenen Farben sollten ihnen helfen, die willenlosen Häftlinge bequemer zu beherrschen; soviele Schubladen, soviele Richtungen, und soviele Richtungen, soviele Gründe zur Uneinigkeit! Sollte man's glauben? Die Häftlinge fielen prompt auf diese plumpe Falle herein; der Mensch hört nichts so gerne, als daß ein anderer schlechter ist als er selber und ergreift jede Gelegenheit, um einen Unterschied festzustellen, der es ihm erlaubt, eine Stufe höher zu stehen als der Nachbar. Die Rechnung der Stapo stimmte. Wer das Lagerleben kennt, weiß, daß die Farben zu de fel G H au au en W S10 W ob un se D da Fa ni K ih T ha ve m la na T Fa ge S1 B Z G KZ-NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 39 | die zu Mauern wurden, die die Gefangenen von einander schie- auf den und sie in Haufen einteilten, welche sich so stark be- Drei- ‚wie sich in Konstantinopel zu Justinians Zeiten die rein. Grünen und die Blauen je befehdet hatten. So nahmen die das Häftlinge die Losung der Totenköpfe nur allzu willfährig wie- auf. Mit welcher Verachtung sahen die roten„Politischen“ Wir auf die grünen Berufsverbrecher herunter, und diese wieder bAn-' entgalten dies mit Spott und Hohn in jener Grausamkeit, Wie welche den Unterlegenen zur Hyäne werden läßt, sobald wel- sich das Zünglein der Macht zu seinen Gunsten neigt. Es hub- war ein wahres Seilziehen. Das eine Mal waren die Roten rein- oben, das andere Mal die Grünen. Ganze Lager standen cher,_ unter der Vorherrschaft dieser oder jener Gruppe. In Sach- ı die- senhausen waren z. B. lange Zeit die Grünen die Herren; olett Dachau wiederum war eine Hochburg der Roten, welche ıten. das Feld auch fast bis zum Schluß behaupteten.— h in Das also bedeuteten die Winkel und ihre verschiedenen ıheit Farben. Doch hatten wir keine Ahnung davon, wir waren wur- nicht so unschuldig, aber so unwissend wie neugeborene un- Kinder. Nachdem uns auch die Haare geschoren waren, um gen- ihnen das Sichsträuben unmöglich zu machen— den jungen 'orm Tschechen, den eine so prächtige schwarze Tolle geschmückt nach hatte, erkannte ich kaum wieder—, und nachdem wir auf ger. verschiedenen Kanzleien noch rudelweise unseren werten Na- Ilen- men, Geburtstag und-ort samt anderem Zubehör hinter- hub- lassen hatten, waren die Hauptformalitäten unserer Auf- viele nahme beendet, und wir konnten uns als Vollbürger dieses Täf- Totenkopfstaates ansehen. Wir wurden nun je nach unserer der Farbe getrennt und in die für uns vorgesehenen Schubladen ab- hter geführt. Riesigen Kommoden oder Käfigen gleich standen inen sie da, die Baracken, in die wir nun einsortiert wurden. 'tufe Blöcke nannten sie sie, und es schien eine achtunggebietende tapo Zahl von ihnen zu geben, alle fein säuberlich ın Reih und sn Glied und fächerförmig geordnet. Jeder dieser Blöcke war 40 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU in zwei Teile geteilt, wovon der eine die nicht alltägliche Bezeichnung A und der andere die ebensowenig alltägliche Bezeichnung B trug. Nahm mich das poetische Fach A oder das romantische B auf?— Ich erinnere mich nicht mehr daran; sicher ist, daß wir von einem männlichen Individuum in Empfang genommen wurden, welches dasselbe gestreifte Gewand trug wie wir. Sie hießen ihn Blockältesten, obwohl er noch ein ziemlich jugendliches Aussehen hatte. Wie kam überhaupt dieser Titel ins KZ, da er doch aus der. Juden-| bibel stammte? Doch sollte dies nicht der einzige Wider- spruch in diesem an schrillen Widersprüchen so reichen Lande bleiben. Auch Tischälteste gab es, das waren die, welche bei Tisch die Aufsicht führten. Ich bekam meinen Platz ganz dicht neben diesem Würdenträger und muß mich noch heute wundern, mit welcher Unbekümmertheit ich als Neuling mit ihm umsprang. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ich ihm vertraulich auf die Schulter geklopft. Ich wußte eben nicht, mit welcher Größe ich es zu tun hatte: mit einem Freunde des Stubenältesten, der wieder ein Freund war des Blockältesten, und dieser ein Geschöpf des Lager- ältesten, allesamt große Moguls, Paschas und Pharaonen, die sich täglich rasieren ließen und Herr waren über Leben und Tod; mochten sie gewöhnliche Häftlinge sein, sie waren die von der SS eingesetzte Lagerregierung und als solche unantastbar und im Besitz aller Machtmittel. Daß sie zum größten Teil aus Verbrechern ausgesucht waren, bildete die nächste überraschende Entdeckung, die ich machte. Ich hätte es mir nie träumen lassen, daß Hitler, der die ganze Welt schulmeistern wollte, die Stätten seiner Umschulung in die Hände von Vorbestraften, Zuhältern und ähnlichen Leuchten der Erziehungskunst legen werde. Noch bevor wir uns an dieser denkwürdigen Stätte nie- derlegten, wurden wir mit der Einrichtung bekannt ge- macht, welche dem Lagerleben den Stempel aufdrückte und ” de lie te KZ-NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 41 liche! Appell“ geheißen wurde. Gegen Abend hörte ich dies be- liche deutungsschwere Fremdwort zum erstenmal.„Antreten zum "das! Appell!“ rief eine Stimme zum Fenster herein, und sofort ran; kam Leben in die Stube. Es war, als ob der Schaffner auf n in dem Bahnhof„Abfahren!“ gerufen hätte; in nervöser Hast eifte Jieß.man alles stehen, sprang man von den Bänken auf, wohl griff man nach den Mützen, rannte die andern fast um, die kam im Wege standen; kurz man gehabte sich wie Reisende, die den- fürchten, zu spät auf den Zug zu kommen. Draußen war der-'» bereits eine Völkerwanderung im Gange, und alle strömten chen sie zu dem freien Platz, der eben hiernach der Appellplatz die, genannt wurde. Hier fanden sich die einzelnen nach ihren inen Blöcken zusammen, und ich fürchtete, mich in diesem Durch- mich einander nie im Leben zurechtzufinden. Es mochten ro bis als 15 000 Mann gewesen sein, die da vorne zusammenström- [, so ten, eine Zahl, die der Einwohnerschaft meiner Heimatstadt Ich Schwäbisch-Hall gleichkam und hier auf einem kleinen Atte; Stück Erde Platz fand. Ein summender Haufe von Ameisen! und Hast und Nervosität liegt auf allen Gesichtern; endlich .ger- stehen die Gruppen, die Blockältesten zählen ab, zuerst für nen, sich, dann in Begleitung eines Totenkopfs; ein kleiner Mann, eben der Lagerschreiber, eilt springend hin und her, zuletzt aren springen die Blockältesten selbst nach vorn, wo der oberste Iche Totenkopf, der Kommandant, bereits wartet. Nun kommt zum der große Augenblick; der spannende: stimmt’s oder stimmt’s die nicht? Wehe, wenn’s nicht stimmt, auf jeden einzelnen jätte kommt es an; jeder ist so wert geachtet, daß auf ihn nicht Welt verzichtet werden kann; fehlt auch einer nur, so muß so- die lange gesucht werden, bis er gefunden ist, sei’s auf dem Pa- hten pier, sei’s auf dem Block. Lange, lange dauert so ein Appell. Wir standen eine halbe Stunde und noch war er nie- nicht zu Ende, immer wieder hin und herlaufende Uni- ge- formen; endlich geht eine kurze Bewegung durch die Rei- und hen:„Stillgestanden! Mützen— ab!“ Zehntausend Mützen m LEE TEE ET ET TEE Te 42 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - fliegen herunter, im Licht des Scheinwerfers leuchten zehntausend Glatzen wie Totenschädel ein gespenstischer Anblick. Das Lager wird dem Kommandanten als vollzählig übergeben vom Rapportführer, und nach einem: ,, Mützenauf!" ist die wichtige Zeremonie zu Ende, und wir kehren auf die Blöcke zurück. Vor dem Einschlafen hält der Blockpascha noch eine Ansprache an die Neuen, in welcher er sie kurz und abgehackt mit den Sitten und Bräuchen dieses Landes bekannt machte. Zuerst und zuletzt: Respekt vor den Totenköpfen, Respekt! Es gibt eine ganze Gradreihe der Hierarchie von ihnen, vom einfachen SS- Mann, Unterscharführer, Scharführer und Hauptscharführer über den Unter-, Haupt- und Obersturmführer bis zum Sturmbann-, Standarten-, Gruppen- und Obergruppenführer hinauf; jeder von ihnen ist stramm zu grüßen durch schneidiges Abnehmen der Mütze, drei Schritt vor und drei Schritte nach Auftauchen des Halbgottes, den Kopf zu ihm hinwenden, aber ja nicht den Blick! Ihn nicht ansehen, denn sie könnten das nicht leiden, die Herren, und wünschten uns lieber nicht zu sehen; es seien Halbgötter, die sich durch die Nähe von Staatsfeinden beschmutzt fühlten. Vor allem kein ,, Heil Hitler!" Streng verpönt sei es für uns, diesen Gruß zu benützen, wir hätten. dieses Vorrecht ein- für allemal verwirkt.( Wir wußten nicht, was wir lieber hörten!). Während der Arbeitszeit sei es Todsünde, gemächlich dahinzuwandeln; Laufschritt heiße das Lagertempo! Vollends sei das Rauchen während der Arbeitszeit streng verboten, auch nur ein Zündholz bei sich zu haben, koste unweigerlich 25! Aufstehen sei um vier Uhr, sonntags wie werktags, aber ohne Wecken.- Der Kaffee werde nicht ans Bett gebracht. Mit dieser Unsitte habe es hier aufgehört, verstanden! Sauberste Sauberkeit! Der Häftling wasche sich allmorgendlich mit entblößtem Oberkörper, wer den Waschraum auch nur mit dem Hemd betrete, mit diesem raus lens tun, wie daß eine Reg Bro gesc Un Kat Bes kein wer wer wie erw füh Gef sch auc ich Me lan ses mid ich ohr - wa und wa Wa KZ-NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 43 ehn-' sem Drecksack gehe es rund. Wir wollten alle wieder einmal An-| raus— nicht wahr?— Aber der Weg führe über den Mei- hlig' lenstein„Sauberkeit“! Jede Arbeit sei ohne Widerrede zu n— tun, den Stuben- und Tischältesten sei zu gehorchen, genau ıren wie den Totenköpfen, verstanden! Sonst gehts rund!— Und ock-' daß sich keiner einbilde, das KZ sei ein Sanatorium! Vor "sie einem Jahr melde sich keiner krank, keiner, verstanden! eses und Drückeberger dulden wir nicht!— Wer Brot stehle, sei ein Brotdieb, und ein Brotdieb werde tot- Re-| geschlagen, da beiße keine Maus’nen Faden ab, verstanden! von Und nun gute Nacht!“ Das waren so die Hauptpunkte des 1ar- Katechismus. Nun wußten wir also mit unseren Pflichten und Bescheid: Pflichten, denen keine Rechte gegenüberstanden, up-' kein einziges! Nun, ich ließ mir den Schlaf nicht rauben, so ist wenig wie im Alex und sonstwo; die erste Nacht war so tze, wenig schlaflos für mich wie die letzte; ich schnarchte also ılb- wie ein Murmeltier, und als ich zum ersten Male im KZ den' erwachte, war es— Reformationsfest. Einen Augenblick lang len, fühlte ich einen schmerzhaften Stich in meinem Innern, ein es Gefühl des Verlassenseins, der Heimatlosigkeit und des den schrecklichen Unglücks; aber im nächsten durchbrauste mich eng auch schon ein mächtiger Strom der Kraft und des Friedens, ten ich sprang auf und war in wenigen Minuten beim zweiten ten Meilenstein mit entblößtem Oberkörper gelandet. Monate- sei lang wiederholte sich dieses Erlebnis an jedem Morgen: die- iße ses Gefühl des Geborgenseins, das mich aufjauchzen ließ und Är- mich mit Freude durchpulste. Wie eingepackt in Watte fühlte zu ich mich, umgeben von der Liebe und Leutseligkeit Gottes; hr, ohne Anstrengung und Übung ruhte ich in den Vaterarmen Tee— eine der merkwürdigsten Erfahrungen meines Lebens. So ier ward ich spielend hinweggetragen über die Schwierigkeiten ng und Nöte des Anfangs. Ich konnte es im Glauben fassen, ver was ich auch in dem Ab und Auf der Jahre zuvor als mein ie- Wahlspruch bewährt hatte, Paul Gerhards kühnes: 44 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ,, Das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick." Das Reformationsfest mußte also ohne das ,, Buch der Menschheit" gefeiert werden. Die 100 000 Kugeln schlummerten in irgendeinem Keller als nutzlose Munition. Doch GOTT wußte, was ER tat; war ich denn überhaupt würdig, den Reformatoren auch nur Handlangerdienste zu leisten? Ganz und gar nicht. Ich hatte das Recht, ihr Schildträger zu sein, tausendmal verwirkt durch die aufrührerische Verkehrtheit, deren ich mich immer wieder gegen Gottes Willen schuldig machte. - War übrigens Gottesdienst? Ich wurde mit höchstem Staunen betrachtet, als ich diese Frage stellte, die aus einem vorweltlichen Denken zu stammen schien. Nein, dies war ein Land ohne Gott, ein Staat ohne Kirche, eine Stadt ohne Pfaffen. Chemisch rein von aller Muckerei war diese Luft, jawohl. Ich war gespannt zu sehen, wie weit sie es darin brächten mit ihrer fortgeschrittenen Lungenkultur. ,, Und du tust am besten," hieß es ,,, dir solche Bedürfnisse abzugewöhnen. Übrigens soll auf Block 6 ein Pfaffe sein, aber ein Gestreifter..." wurde ich mit groben Worten belehrt. ,, Und wie stehts mit den Büchern?" ,, Eine Bücherei ist da, aber nicht für dich; vor einem halben Jahr kannst du nicht dran denken, was zu bekommen, am allerwenigsten eine Bibel." Statt Festfeier Bettenbau. Es wurde eigens ein älterer Gestreifter dazu bestimmt, uns diese wichtige Kunst beizubringen, die zum ABC der Lagerkultur gehörte. Schon im Alex berichtete das Gerücht von dem Gipfel, den der Bettenbau in Sachsenhausen erklommen hatte. Dagegen konnte der Alex nicht landen. Ich bekam eine Gänsehaut, denn ich war trotz meiner akademischen Bildung nicht einmal den Anforderungen des Alex gewachsen gewesen. Was sollte das hier erst werden! Das hatten wir auf der Universität - nicht mußt es au KZ. H fall( ken, allem Virtu ihm z die l schmi strich an H xerei struie spens Sie n nicht aus mühs gelbr geris SO W unve wohl kom meis W Alle Grif Klan Auch ter u nage KZ- NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 45 nicht gelernt, weder in Tübingen noch in Berlin. Zackig mußte so ein Bett alias Falle daliegen. Zufriedenheit mußte es ausstrahlen mit der Welt, mit sich selber und mit dem sch- KZ. Kantig war seine Haupteigenschaft, kantig der Wassern in fall( so nannten sie das Kissen), kantig die Linien der DekOTT ken, deren Würfel eine Gerade zu bilden hatten. Kantig vor den allem der Strohsack. Unser Lehrmeister hatte es zu einer Ganz Virtuosität in diesen Dingen gebracht, daß es eine Lust war, sein, ihm zuzusehen. Obwohl er nur die rechte Hand benützte heit, die linke war aus Holz-, jonglierte er mit den Stoffen, ldig schmiß die Decken herum, als wären's Pfannkuchen, und tauvorein hne Luft, arin 1 du öhGeUnd aber ran -el." erer zuim tender ich mal llte ität - strich sie glatt- eins, zwei, drei, daß wir geneigt waren, an Hexerei zu glauben. Doch Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Dazu benützte er ein eigens für den Bettenbau konstruiertes Gestell, Bügel geheißen, mit welchem er die widerspenstige Materie in einer Art Zaubergebärde beschwor, daß sie nicht wagte, auch nur ein Fältchen zu werfen. War es nicht klar, daß wir von diesem Liturgen mehr lernten, als aus zehn Reformationsfeiern? Aber ich lernte nichts. Das mühsam zustandegebrachte Werk meiner Hände und des Bügelbrettes wurde als klägliche Stümperei sofort wieder eingerissen. ,, Ich sehe schwarz für dich, du Drecksack, wenn du so weitermachst." Diese Zensur des Meisters war gewiß nicht unverdient und schmerzt mich heute noch sehr. Ich ahnte wohl, daß ich es nie, nie zu einer solchen Stufe der Vollkommenheit bringen werde wie dieser unerreichbare Baumeister da vor uns. Was die Anrede betraf, so herrschte allenthalben das Du. Allein es war eine gestohlene Vertraulichkeit, ein vorzeitiger Griff nach des Nächsten Vertrauen, und hatte darum den Klang des Unechten, Gekünstelten, ja des direkt Falschen. Auch die Totenköpfe duzten uns. ,, Herren" gab es keine unter uns, dagegen wimmelte es von den Bewohnern der Menagerien, Hundehütten und Schweineställe. ,, Sauhund, Mist 46 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU sau, Saubär‘“ waren gute Wörter, denen die„Musel- und Weihnachtsmänner“,„Gipsköpfe“ und„Kretiner“ ebenbürtig zur Seite traten. Bald kam ein weiterer Meilenstein in Sicht. Schon in den nächsten Tagen wurden wir zur Arbeit eingeteilt. Der Amts- anmaßer war ganz aus unserem Gesichtskreis verschwunden. Wie wir hörten, hatten sie ihn in die sogenannte Strafkompag- nie gesteckt, wo er seinen Übermut damit büßen mußte, daß sie ihn zwangen, von morgens bis abends in Kniebeuge zu sitzen, sofern er sich nicht wie ein Kobold auf dem Blockhof auf- und abzuwälzen hatte, was als Sportübung galt und mit dem unscheinbaren Namen„Rollen“ nur unzureichend die Gefühle andeutete, die den sich Dahinwälzenden beseelten. Von den unglücklichen Bewohnern dieses Strafblocks verließ in jenen Zeiten selten einer lebend den Ort seiner Qualen. Die meisten von ihnen wurden von den Bütteln der SS, den Block- und Stubenältesten, mitleidlos zu Tode geschun- den. Wir andern wurden je nach unserm Beruf einem Kommando zugewiesen, womit eine Art Stellung angedeutet ward. Die geistigen Berufe kamen dabei natürlich schlecht weg, da es in diesem praktisch gerichteten Staat keine Ver- wendung für sie gab. Bäcker, Elektriker, Schuhmacher waren fein heraus, vor allem herrschte große Nachfrage nach der edlen Gilde der Haarkünstler, da jeder Block einen eigenen Blockfriseur mit mehreren Gehilfen hatte; wenn es sich auch weniger um das Frisieren als um das Beseitigen der Haar han- delte.„Ichkomme das nächsteMal als Friseur zur Welt“, seufzt neidisch mein Nachbar,„das weiß ich gewiß!“— Meine Tätig- keit als Verleger war dazu angetan, mir Verlegenheit zu berei- ten. In diesem Lande galten die Büchermenschen so wenig etwas wie die Bücher. Ich bekam deswegen eines Morgens einen Zettel, welcher mich nach dem Klinkerwerk wies. Es wat dies eine Ziegelei in der Nähe von Sachsenhausen. Wir rück- ten um sieben Uhr in der Frühe dorthin ab, ungefähr zwei- ENTER TE tau Sti Wi ter bie ich sic vie eit ha ge - und bürtig in den Amts- ınden. mpag- daß sie sitzen, f auf- (d mit ıd die eelten. verließ ualen. er SH schun- einem deutet chlecht e Ver- waren ch der igenen 'h auch ır han- ‚seufzt Tätig- ı berei- , etwas ‚ einen is war r rück- - zwei- KZ-NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 47 tausend Mann stark. An der Spitze stand ein Grüner, dessen Stimme bereits Furcht und schlimme Ahnungen erweckte. Wir wurden von einer Serie von Totenköpfen begleitet, lau- ter jungen, kräftigen Gestalten mit blauen Arieraugen und blonden Germanenschöpfen. Draußen angekommen, faßte ich die erste Ohrfeige— meines Lebens. Mein Vater hatte sich nie dieser rohen Züchtigung bedient. Während meines vierjährigen Kriegsdienstes von 1915-1919 war ich nicht ein einziges Mal körperlich oder sonst bestraft worden. Ich hatte aus Versehen, die gute Lehre des Blockmoguls ver- gessend, vor einem der mit dem Totenkopf geschmückten Posten die Mütze nicht abgenommen, sondern die Hand an sie angelegt. Wir Neuen wurden bestimmten Gruppen zu- geteilt. Die meinige trug die Nummer ı1. Im Laufschritt ging’s zur Arbeitsstelle, einem riesigen Sandhaufen, der eınem Gebirge mit vielen Spitzen glich.„An die Loren!“ kommandierte ein Häftling, der den Vorarbeiter spielte. Ich tat den ersten Spatenstich in Gottes Namen.„Na, du bist auch mit der Schaufel nicht zur Welt gekommen!“ rief mir mein Nebenmann bissig zu, welcher nur mit dem einen Auge schielte, weil das andere ausgeschlagen war. Aber furchtbare Blicke konnte er mit dem heilen Auge werfen und tat es auch, daß es mir durch und durch ging. Er entriß mir das Werkzeug, um mich über seine richtige Handhabung zu be- lehren. Doch konnte ich es ihm nicht recht machen. Er war ein Grüner und hatte es offenbar auf die Zigaretten abge- sehen, in deren Besitz er den Roten wähnte.„Flink, die Lore muß voll werden“, trieb er mich mit streitsüchtigem Klang in der Stimme an. Ich kam nicht zu Atem, dieser Arbeit völlig ungewohnt und die Vorteile nicht beherrschend, die sie zu einer Spielerei gemacht hätten., Einige Stunden waren so vergangen, ohne daß das Auge seinen wachsamen Blick von mir abgelassen hätte. Meine Brust keuchte, es wurde mir schwarz vor den Augen; ich drohte in den Sand 48 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU zu sinken. Da sah ich recht? winkte mir der Vor- - uns de we mö es zu VO tin me ma Ge Da zel me arbeiter zu sich. Ich folgte. ,, Na, du bist wohl so'n Muselmann?" fragte er gutmütig. ,, Laß die Schaufel hier und geh dorthin!" Ich war von den gefährlichen Loren und vom noch gefährlicheren Blick des Einauges gerettet und begann eine Kletterpartie zum Gaurisankar, wie sie einen der Sandgipfel nannten. Dort war es nicht reiner Jubel, mit dem ich aufgenommen wurde. Im Gegenteil. Sie standen sich hier gegenseitig im Weg und sahen jeden Neuling als Konkurren- Str ten an. Endlich erhielt ich eine Schaufel und konnte das jed Meinige tun, um den Gaurisankar mit abzutragen. In einem der Seitentäler arbeitete gemächlich ein junger Germane, der meine Aufmerksamkeit erregte. Er mochte ungefähr 30 Jahre zählen, hatte jedoch ein bedeutend jüngeres Aussehen. Wie war er hereingekommen? Nach seiner Erzählung war er längere Zeit in Shanghai gewesen und hatte dort eine nic deutsche Ortsgruppe gegründet. Wie alle freiheitliebenden Menschen machte er sich miẞliebig und landete auf dem Gaurisankar ganz in meiner Nähe. Er war schon Jahr und Tag hier, hatte es sogar bis zum Vorarbeiter gebracht, war aber Hals über Kopf wieder ins Nichts gestürzt, als sie ihn eines heißen Sommernachmittags schlafend fanden. Er schien aus einem guten Hause zu stammen, behauptete sogar, ein tausendmorgiges Rittergut in Ostpreußen zu be- WO sitzen. Doch hieß es hier: ,, Hic Rhodus, hic salta!" was hat nützen ihn die zwei- oder dreitausend Morgen hier? Er suchte krampfhaft eine Hypothek von zehn Pfennigen, aber niemand gab sie ihm. Auf sein ehrliches Gesicht, nicht auf das Rittergut hin, lieh ich ihm das Kapital. Denn ein solches war für mich das Groschenstück, da ein großer Mangel an Bargeld allenthalben herrschte. Es konnte keiner frei über Géld verfügen. Nackt waren wir alle herein- M gekommen, und was uns der Alex mitgegeben an Pfennigen, die wir zufällig bei der Verhaftung bei uns getragen, war sag zu Ich nic Ka Ka pa Es dar sch sur VO SO ja, Zw Muselnd geh d vom war er KZ- NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 49 r Vor- uns abgeknöpft und erst später wieder ausgehändigt worden. Wir konnten uns zwar Geld schicken lassen, falls wir welches zu Hause hatten, aber das wurde uns nur in homöopathischen Dosen von zwanzig Reichsmark ausgezahlt; begann es galt oft Wochen und Monate mit diesem Betrage haus- Sand- zuhalten. Während die älteren Semester berichteten, daß lem ich vor dem Kriege noch alles in Hülle und Fülle in der Kanch hier tine zu kaufen gewesen sei, was das Herz begehrte, war der Strom nun plötzlich am Versiegen. Immerhin gab es noch te das jede Woche Einkauf, und man konnte sich Zigaretten, Mareinem melade, ja selbst Zucker und Kaffeebrot ergattern, wenn ne, der Glück hatte. Nach einiger Zeit wollte ich, selbst ins Jahre Gedränge geraten, meine Hypothek wieder zurückziehen. n. Wie Da sich der Ostpreuße aber nicht mehr auf dem Gaurisankar zeigte, fragte ich nach ihm auf seinem Block. Doch er war -t eine nicht zu finden. Niemand wollte ihn kennen. ,, Ach, du benden meinst den blonden Ostpreußen? Der ist im Himmel!" f dem sagte endlich einer der um den Tisch Sitzenden. Ich hielt das zunächst für einen Scherz und fragte nochmals: ,, Wo ist er? Ich muß ihn dringend sprechen." ,, Na, den kannst du nicht mehr sprechen, ich sag dir doch, der ist durch den Kamin!" Ich erschrak im Innersten, er meinte den Kamin des Krematoriums. Wie war das möglich?„ Ja, woran ist er denn gestorben, ums Himmelswillen?" ,, Er hat Wasser in die Beine bekommen und da hat's ihn geer? Er packt; sie haben ihm den schwarzen Frack anmessen müssen." nigen, Es war kein Zweifel mehr möglich, der junge Mensch, der =, nicht damals seine blühende Farbe zeigte, war tot. Ich war ernn ein schüttert. So rasch ging das hier. ,, Media vita in morte großer sumus" mehr als sonst war man hier mitten im Leben vom Tode umfangen, das war sicher. Mochte die Luft des Morgens noch so würzig duften, mochten die Föhren noch so kräftig ihr Ozon ausströmen, es war eine Todesluft, ja, ich glaubte es mitunter fast körperlich zu empfinden, hr und at, war sie ihn en. Er ete sozu be-was keiner herein nigen, n, war - - Zweitausend Tage Dachau 4 - - Sc - ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - eine Mordluft. Unheimlich wurde es mir zumute. Ich spürte den blutgierigen, haßerfüllten Verfolger nach mir greifen, und da war nur Einer, der mich vor den Nachstellungen des unsichtbaren Totenkopfes retten konnte, Christus. Ihm befahl ich mein armes Leben und das meiner Leidensgenossen dazu. Als ich mich näher nach dieser finsteren Angelegenheit erkundigte, hörte ich, daß dies ,, Wasser" die allgemeine Lagerkrankheit sei. Es gab keinen, dessen Beine nicht angeschwollen wären vom Wasser. Das Revier verab reichte nichts dagegen als den guten Rat:„ Nichts trinken, weder Wasser noch Kaffee! Keine Suppe essen!" Wovon einer dann leben sollte, verrieten sie nicht! ,, Die Beine hochlegen!" Aufgenommen wurden die Ärmsten selbst dann nicht, wenn die Beine über die Knie anschwollen und zu Elefantenfüßen wurden. Erst wenn das Wasser den Bauch erreichte, dann hatte man einige Aussicht, aufgenommen zu werden und zu sterben. Eines Abends bemerkte ich, daß mein Schuh schwer vom Fuß zu ziehen war -: ,, Ich habe doch nicht...!" Ich wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken. Doch, ich hatte...! Die Dalle bewies es, die an den Waden zurückblieb, wenn ich mit dem Finger das Fleisch drückte; die Dalle bewies, daß ich Wasser hatte. ,, Herr, wie du willst, so schick' s mit mir!" Ich mußte indessen nach wie vor zum Gaurisankar, denn es hieß, Bewegung sei das beste Heilmittel. Noch waren meine Augen nicht angeschwollen, auch das aufgedunsene Gesicht, das die Krankheit verriet, hatte ich noch nicht bekommen. Als indessen auch ein andrer Arbeitsgenosse, ein Oldenburger, demselben Leiden zum Opfer gefallen war, benützte ich die erste Gelegenheit um mich von diesem Kommando abzumelden. Die Unbilden des Herbstes hatten begonnen, und es war keine einfache Sache, ohne Mantel mit der leichten Kleidung im Freien zu arbeiten, während der Regen ins Gesicht schlug und der Wind mit Kälte durch alle Löcher auf Ge bev unt zul sch hab ein wu det wa Hu kle als der ma ein paz Na seit blo KZ- NOVIZE IN SACHSENHAUSEN 51 spürte auf den Körper eindrang. Unterwegs sagte mir einst ein reifen, Gestreifter, als wir hinausmarschierten und einer einen unungen . Ihm idensm Anbewachten Augenblick benutzt hatte, um auszureißen, und unter Gewehrsalven im benachbarten Gehölz zusammenzubrechen: ,, Wer ins KZ kommt, muß mit dem Leben abschließen." Ich hielt es doch für ein wenig schwarzseherisch, " die habe aber im Laufe der Monate und Jahre immer mehr einsehen müssen, daß der Ausspruch nicht übertrieb. Beine verab inken, Wovon hochdann nd zu Bauch en zu daß habe Ende Hie an das hatte. te inAls nun anfangs Dezember die ,, Kretiner" herausgesucht wurden, welchen die Arbeit zu schwer geworden war, meldete ich mich ebenfalls. Zwar hatten mich einige davor gewarnt, weil ich auf diese Weise Gefahr laufe, in den Hungerblock zu kommen, wo die Portionen bedeutend kleiner seien. Aber ich nahm lieber den Hunger in Kauf, als daß ich die Qual einer Sklavenarbeit länger aushielt, der ich nicht gewachsen war. Der Kumpel hatte recht: man mußte mit dem Leben abgeschlossen haben; es gab nur eine Wahl: entweder am Hunger zu sterben oder an Strapazen, und dank meiner zur Kontemplation neigenden Natur entschied ich mich für das erstere. Ich mußte also die seither gewohnte Baracke verlassen, um auf den Hungerblock überzusiedeln. BeAugen as die Is inarger, e ich ab, und chten n ins öcher ** Vo W Wi D W A E Ic Fr In m E 234 درو Id Se st W d W W I d P 53 AUF DEM HUNGERBLOCK Von der Ordnung der Pharisäer und Schriftgelehrten. Wir erhalten im November Pullover, müssen sie aber im Dezember wieder abgeben. Der Kongreß der Nähmaschinen und Holzsägen, und was der Winter sonst noch brachte. Abteilung A und D: Geheimnisse der Katzenpfoten. Erste Weihnacht im KZ und die Armut, die sich offenbarte. Ich komme ins Leichenmagazin und entdecke den Sarg eines alten Freundes. In der Küche schälen wir Kartoffeln, und die Karotten vertreiben mein Wasser. Ein Stubenältester taucht auf und macht von sich reden. ,, Er hatte Knochen wie ein Gaul und eine freche Stirn." ,, In drei Tagen bist du' ne Leiche." Ich verliere einen alten Freund und gewinne einen neuen. Seine Unübertreffliche Gnaden halten eine Rede, und ich strecke statt des großen Zehs die Hand aus der Decke. Was die Verwechslung für Folgen hat: mein Name kommt auf die Liste und ist nicht mehr auszuradieren. Wir nehmen Abschied von Sachsenhausen, sind aber nicht sicher, wohin die Reise geht. Es war der Block 23; ich habe die Nummer trotz meines in den 70 Monaten der Gefangenschaft geschwächten Gedächtnisses wohl behalten, weil sie mich an den berühmten Psalm erinnerte, der sogar Kant durchs Leben begleitete. 54 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ,, Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln... Obe und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich." - Auf der vorher bezogenen Baracke hatte ich mich leidlich eingelebt. Meine aus dem Alex mitgebrachte Gewohnheit, von meinem Essen viel wegzuschenken, hatte ich noch wochenlang fortgesetzt einfach, weil es mir nicht schmeckte. Das brachte mir wiederum das Wohlwollen der ganzen Stube ein, denn ich ließ einen um den andern an meinem Überfluß teilnehmen. So wurde ein Auge zugedrückt, wenn mein Strohsack nicht Zufriedenheit ausstrahlte, oder mein ,, Wasserfall" sich nicht schnurgerade herabsenkte. Vielleicht half auch ein dankbares Wichtelmännchen nach. Auf dem Hungerblock überfiel mich indes gerade zur Unzeit jäh der Hunger wie ein gewappneter Mann; ich konnte meine großzügigen Lieferungen nicht mehr fortsetzen. Die Betten machten uns hier zwar keine Not mehr, weil es keine mehr gab, vielmehr mußten wir auf Strohsäcken schlafen, die am Boden lagen. Um so größerer Wert wurde von unserem Blockführer, der im Unterschied vom Blockältesten ein SS- Scharführer war, auf die Sauberhaltung der Spinde gelegt. Diese wurden zu richtigen Folterwerkzeugen in der Hand der Totenköpfe und ihrer Helfershelfer im Blockpersonal. Ein Hauch von Unordnung, eine Krume auf dem Brett oder ein Flecken am Napf wurde mit dem Gummiknüppel geahndet. Die Juden wollten sie ausrotten und wurden dabei selbst zu Pharisäern und Kleinigkeitskrämern. Sauberkeit und Ordnung galten als Meilensteine, aber es war die äußere Ordnung der Paragraphen, die in Unordnung umschlägt, weil sie die Nebensache zur Hauptsache macht und umgekehrt. Was nützte uns das Waschen des Dec nich Lun kra wie wie sie nun war auf schl dre nun der als por jun es SO de ed un No M lic no de ke erl nu eu dlich heit, noch nicht _der n an Lugehlte, nkte. mach. Unnnte Die eine fen, unsten inde der ockdem miund ern. es ordche des AUF DEM HUNGERBLOCK 55 Oberkörpers am Morgen, wenn wir abends nie die eigene Decke bekamen, sondern täglich eine andere, von der wir nicht sicher waren, ob sie nicht am Abend zuvor von einem Lungenleidenden bespien oder vom Eiter eines Phlegmonenkranken bedeckt worden war? War das nicht Unordnung, wie sie im Buch steht? Gewiß, unsere Hosen haten Taschen, wie es der Ordnung entsprach. Aber eines Tags mußten wir sie zunähen, und wehe, wer es versäumte. War das Ordnung, so die eines Narrenhauses! Wir hatten Spinde, das war in Ordnung; aber wehe uns, wenn wir etwas darin aufhoben außer dem Brot! Selbst Briefe verfielen der Beschlagnahme und dem Feuertod, wenn sie älter waren als drei Wochen. War das Ordnung oder nicht vielmehr Unordnung? Hitler brüstete sich damit, Ordnung zu schaffen in der ganzen Welt, und seht, in seinem eigenen Hause nichts als Schlamperei und Miẞwirtschaft! - Gleich am ersten Morgen vermißte ich meine Margarineportion. Ich wollte Krach schlagen, wurde aber von dem jungen Gestreiften, mit dem ich sie teilte, später waren es vier und fünf in einem Schrankbeschworen, es nicht so laut zu tun; das sei gefährlich. Am gescheitesten halte ich den Mund. Das tat ich denn auch, aber ich hatte den Gutedel im Verdacht, daß er pro domo, für sich selbst, spreche, und fand es auch später bestätigt. Pünktlich Anfang Dezember erhielten wir Wolljacken. Noch war es ziemlich mildes Wetter; aber als das Ende des Monats eisige Kälte brachte, warteten wir nicht nur vergeblich auf Mäntel und Handschuhe, vielmehr wurden uns auch noch die Wolljacken wieder weggenommen. Alles ging streng der Ordnung nach vor sich; kein Pullover blieb unnotiert, kein Name vergessen; und doch, wer leugnet, daß es der erbärmlichste Straßenraub war und die elendeste Unordnung? Nein, bleibt mir mit der Rede vom Leib, mit der ihr euren sogenannten Führer noch nachträglich schützen wollt: 56 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ,, Aber Ordnung hat er gehalten." Ja, ja: unter der Decke der äußeren Ordnung die Unordnung der Heuchler und Pharisäer. Das laßt euch gesagt sein, die ihr nicht zu unterscheiden wiẞt zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Nie herrschte in unserm armen Vaterlande ein solcher Sumpf der Verwahrlosung als während der Jahre, da es im Namen der europäischen Neuordnung von Analphabeten geschulmeistert wurde. Jener Winter war tödlich. Bald nach Weihnachten setzte die grimmige Kälte ein, die bis in den März hinein anhielt und im Verein mit dem Hunger Tausenden das Leben kostete. Den Juden war es von einem bestimmten Tage an überhaupt verboten, das Revier in Anspruch zu nehmen. Ein Jammer, ihre Elendsgestalten dahinschleichen zu sehen. Um zum Appellplatz zu kommen, der von ihrem Block aus in drei Minuten zu erreichen gewesen wäre, brachen ihre Invaliden bereits eine Stunde vorher auf; in müder, langsamer Prozession schneckengleich, einer auf den andern gestützt, humpelten sie zum Platze. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Ein Zug von lebenden Leichnamen! Doch auch für viele andere wurde der scharfe Frost zum Verhängnis. Die Appelle dauerten oft stundenlang. Es schien uns, als ob eine teuflische Absicht dabei walte und die Versammlungen sich nicht aus Zufall in die Länge zögen. Ich entsinne mich eines Morgens, an dem das Lager bei beißender Kälte zusammengerufen ward. Wir wurden gezwungen, die Tortur des endlosen Wartens über uns ergehen zu lassen, ohne den Zweck erkennen zu können, welcher uns in Eis und Schnee bannte. Bald glich das ganze Lager einem Kongreß von Nähmaschinen und Holzsägen; denn in der Verzweiflung, um dem Erfrieren zu wehren, ergriffen wir gegenseitig unsere Hände und zogen sie, Sägen gleich, hin und her; andere stießen abwechselnd mit dem einen Arm und dann mit dem andern die Luft zu Boden, was ihn ma ers gle der wa zu de me sta VO pe stu un un se no Be au an te di fo sa St la T ni m W Decke rund unter. Nie of der n der eistert setzte nhieu koge an amen. ehen. kaus ihre langn geh nie Doch Veruns, Ver. Ich bei gegehen lcher Lager n in -iffen leich, einen was AUF DEM HUNGERBLOCK 57 ihnen den Anschein gab, als wären sie lebende Nähmaschinen. Umsonst! Vielen erfroren die Zehen, Dutzende erstarrten zu Eis und kamen um; das Revier weigerte sich gleichwohl, die Toderschöpften aufzunehmen. Endlich wurde dem Unfug ein Ende gemacht. Nachdem eine große Zahl erfroren -man sprach von mehr als 100 Häftlingen - waren, wurden wir gnädig entlassen und auf unsere Blöcke zurückgeschickt. Der Schnee war eine rechte Plage, kein Zweifel, aber in der Hand der Herrenmenschen wurde er zum Folterinstrument. Sie verstanden meisterhaft, aus diesen zarten Kristallen, die engelsleicht vom Himmel fielen wie ein Gruß von oben, ein Marterwerkzeug zu machen, mit dem sie uns peinigten. Es beliebte ihnen, uns in unseren spärlichen Freistunden den Befehl zum ,, Rollen" zu geben, und wir mußten uns im Schnee der Lagerstraße oder des Appellplatzes in unserem dünnen Zeug dahinwälzen, vorwärts, rückwärts, seitwärts ein aparter Anblick für die blauen Augen der nordischen Herrengestalten. Sie meinten es so herzlich gut mit uns, sie wollten für Beschleunigung des Blutumlaufs sorgen, nur taten sie es so ausgiebig, daß mancher mit einem Herzschlag liegen blieb, andere aber den Sport mit Lungenentzündung büßen mußten. Auch zur Ausführung privater Todesurteile eignete sich die winterliche Landschaft gut. Die Übung wurde solange fortgesetzt, bis der Delinquent vor Frost und Schweiß zusammenbrach. Wir hatten einen jungen Menschen auf der Stube, der sich vom Hunger hatte verleiten lassen, Marmelade zu stehlen. Er mußte am ersten Tage rollen, am zweiten Tage auch; am dritten oder am vierten Tage brauchte er es nicht mehr, denn da war er tot. Waren wir nicht selbst wie Schnee in der Hand der Nordmänner? Sie formten uns zu Ballen, zerdrückten uns oder warfen uns weg nach jähem Belieben. Und da war niemand, 58 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - - der uns aus diesen Fäusten retten konnte. Wir waren ihnen völlig ausgeliefert wie das Eisen dem Hammer ausgeliefert ist, der in zermalmenden Schlägen auf den Amboẞ niedersaust. Bei den Mitgefangenen, den Block- oder Stubenältesten, suchten wir vergeblich Hilfe. Sie waren ja selbst große Herren, ließen sich täglich rasieren und lebten davon, daß sie uns drangsalierten. Eine schreckliche Stunde, als wir dahinterkamen, daß wir in den Klauen von reißenden Tigern waren, wohin wir immer blickten. ,, Laß mich nicht in Menschenhände fallen" diese Bitte und die Erfahrung, die ihr zugrunde lag, lernten wir täglich besser verstehen. Diese Wehrlosigkeit, Ehrlosigkeit und Rechtlosigkeit verwüsteten das Seelenleben. Die Hoffnungslosigkeit trat hinzu. Wie niederdrückend mußte es wirken, daß keinem der Zeitpunkt seiner Entlassung bekannt war. Am naivsten waren noch wir Neulinge mit gutem Grunde. Je länger die Gestreiften hinter dem Stacheldraht lebten, desto geringer war gegen alle Erwartung, aber auf Grund reicher Erfahrung- ihre Hoffnung, herauszukommen. Wer könnte bezweifeln, daß solche Unsicherheit die Seele nach und nach zermürben mußte; aber auch, daß dies gerade in der Absicht unserer Vögte lag? Vernichtungslager! Dieses Wort tauchte damals zuerst vor meinen Ohren auf mit seinem ganzen gräßlichen Klange. Vernichtet sollten wir werden, ausgetilgt. Der ich unter Christenmenschen gelebt hatte, mir wurde es schwer, an diese Absicht bei den Totenköpfen zu glauben. Sie ließen mir aber keine andere Wahl, sie drängten das Herz von Schritt zu Schritt in diese Erkenntnis hinein. Ganz unverkennbar war der Sinn der Lager( un) ordnung der, dem Menschen jeden inneren Halt zu rauben um ihn so dem verheerenden Wüten der Krankheiten zugänglich zu machen. Er sollte dem ersten besten äußeren Ansturm zum Opfer fallen. Stand es aber nicht im Widerspruch zum Meilenstein der Sauberkeit und so manchem anderen, was - dara gesch einm den Wide teilu gab. Erha denn Das Berl der mög Und hand beits gege Gen trag die dies Dies erte scha insa die zur des dan dab die jah Ist Tod hen efert .der- ben- elbst von, als ıden aicht ung, hen. ver- nzu, der sten nger ge- ‚cher ante nach sicht ‚chte ızen ilgt. ee ben. das ein. ung ihn 1 zu zum zum was AUF DEM HUNGERBLOCK s9 darauf hinzuweisen schien, daß das Leben der Häftlinge geschont werden solle? Das Bad, zu dem wir alle Wochen einmal geführt wurden, die Vorschriften zur Reinlichkeit in den Blöcken und dies und das? Hier lag in der Tat ein Widerspruch vor: es war der Gegensatz, der sich in den Ab- teilungen A und D des Berliner Verwaltungsgefüges kund- gab. Die Anordnungen der ersteren dienten scheinbar der Erhaltung der Arbeitskraft der Häftlinge; kein Wunder, denn diese sollten vor allem als Sklaven verwendet werden. Das riesige Gebilde der„Wirtschaftsbetriebe GmbH.“ in Berlin-Lichterfelde, Unter den Eichen 126, an dessen Spitze der Obergruppenführer Pohl stand, brauchte Sklaven, um möglichst hohe Gewinne aus dem Konzern herauszuschinden. Und in seinem Interesse lag eine gewisse menschliche Be- handlung der Gestreiften, namentlich, als der Krieg die Ar- beitskraft zur Mangelware machte. Die Abteilung D hin- gegen, welcher unter dem sogenannten Gruppenführer und Generalleutnant Glücks die eigentliche Leitung der KZ über- tragen war, diese Abteilung hatte die furchtbare Aufgabe, die Staatsfeinde zu vernichten, und aus ihr stammten die diesem Ziele entsprechenden häftlingsfeindlichen Befehle. Diese wurden freilich meist streng geheim und mündlich erteilt. Auch die Ausführung der unsichtbaren Orders ge- schah so unterirdisch und ungreifbar, daß selbst die Lager- insassen nur allmählich und in Form von Gerüchten hinter die Geheimnisse der Totenköpfe kamen. Alle Maßnahmen zur Ausmerzung wurden fernab der Öffentlichkeit, selbst des Lagers, bei Nacht und Nebel ausgeführt. Die Komman- danten hatten den verschwiegenen Befehl, die Häftlinge, die dabei mitwirkten, etwa die Pfleger in den Revieren oder die Hilfskräfte bei Gaszellen und Krematorien, jedes Viertel- jahr an einen anderen Ort zu bringen und dort zu töten. Ist es ein Wunder, wenn der panische Schrecken, der die Todesstätten umwitterte, jede Mitteilungsneigung lähmte 60 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU und dem Wissenden ein doppeltes Schloß vor den Mund Zweif hängte? Nun, pasch es die wurf noch Denk Abor Di und Wass flosse trieb Lunge Die Arbeitslosen ,,, Uneingeteilte" wurden sie genannt, sterbe stopfte man tagsüber in einen besonderen Block. Dieser war so überfüllt, daß es unmöglich war, sich zu bewegen. Zu einer Reise von Berlin nach Stuttgart brauchtest du nicht länger als von der einen Ecke dieser Stube zur anderen. Die Luft war dick und stinkend. Schon nach kurzer Zeit be kamen die drin Eingepferchten eine Gesichtsfarbe, die der eines Edamer Käses glich. Zu lesen war streng verboten, selbst Zeitungsstückchen waren verfemt. Wir hatten dennoch Unterhaltung. Für diese sorgte ein Gestreifter mit Namen sprun Böhm. Von koboldartiger Gestalt, beherrschte er mit zwei Marterwerkzeugen die 2000 Mann, die seiner ,, Obhut" anvertraut waren: mit seinem Prügel und mit seiner Zunge. Den ersteren trug er unterm Arm, die letztere hing ihm aus dem Mund heraus, beide gleich schlagfertig. Sein Podium waren die Spinde, auf welche er kletterte, als wären's Palmen und er ein Affe. Und von oben herab hielt er Volksreden, welche von Verhöhnungen, Drohungen und Morallehren nur so trieften. Mit der einen Waffe schrie, mit der andern schlug er uns tot. Manch einen armen Hungerleider hat er auf dem Gewissen. Eine Sehenswürdigkeit bildete das Gedränge, das jedemal beim Betreten und Verlassen der Baracke entstand: des Eishauches wegen, der draußen von Norden in die Nacken griff, wollte jeder zuerst drinnen und zuletzt draußen sein. Und man glaubt nicht, was solch eine eigensinnige Masse für eine Zähigkeit und Kraft des passiven Widerstands entfalten kann. Da ist der rabiateste Gummiknüppel machtlos.- Später wurden diese Räume als zu konfortabel für uns Nichtstuer erachtet; wir kamen auf unsere Blöcke zurück, wo uns ein Platz in den Aborten und Waschräumen angewiesen wurde. Sie eigneten sich mit ihren Steinböden ohne der das sind für glüc war fein im bot auch die und stän dick heit lich mu kon . Zu AUF DEM HUNGERBLOCK 61 Mund Zweifel am besten dazu, den Schädlingen unauffällig eine Lungenentzündung beizubringen und sie eines legalen Todes annt sterben zu lassen. Wozu hatten wir aber einen Tagesraum? war Nun, war da nicht der verdienstvolle Mann, der Stubenpascha mit seinem Hofstaat, dem Stubendienst? Konnte man es diesen vornehmen Würdenträgern zumuten, mit dem AusDie wurf zusammenzuatmen und womöglich seinen Schmutz t be noch hinauszufegen? Nein, das konnte ihnen kein billig e der Denkender zumuten, und darum blieben wir auf unserem Abort und sie in ihrer guten Stube. nicht oten, noch amen с zwei anunge. aus dium PalFolksoralt der eider e das der von nnen solch des teste uns rück, angeohne Die beiden Ströme, aus den Abteilungen A und D entsprungen, bestimmten den Charakter der ungezählten Lager und das Schicksal der einzelnen Häftlinge. Je nachdem. Die Wasser liefen nicht einfach nebeneinander her, sondern flossen ineinander über und je nach der Stelle, wohin es dich trieb, hattest du Glück oder Unglück: Glück, wenn du in der Fahrrinne eines guten Kommandos schwimmen durftest, das geschützt war durch die Anweisung A: ,, Die Häftlinge sind zu schonen; Menschenkraft ist Mangelware! Es ist auch für Ergänzung der Lagerkost Sorge zu tragen usw." Unglück, wenn dich der Wirbel erfaßte aus Abteilung D, dann war dein Leben einen Pfifferling wert. Du warst Staatsfeind und als solcher zu vernichten. Die Gasanstalt drohte im Hintergrund, aber sie nicht allein, denn das Lagerleben bot tausend Möglichkeiten, dich aus der Welt zu schaffen auch ohne gewaltsamen Tod. Die täglichen Drangsalierungen, die Unsicherheit der Entlassung, das Bewußtsein, ein wehrund rechtloser Paria zu sein, das waren die Mäuse, die ständig an der Wurzel deines Lebensbaumes fraßen und dich widerstandslos machten gegen die Stürme der Krankheiten und Seuchen, welche die Lager entvölkerten. Natürlich war kein einziger sicher, daß ihn nicht die wilde Strömung D ergriff und in ihren Strudel zog; jeden Augenblick konnte das geschehen; alles war darauf angelegt, dich aus 62 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU dem ruhigen Fahrwasser, in dem du gerade dahintriebst, herauszureißen und in den tödlichen Wirbel D zu zerren. Nirgends in der Welt drehte sich das Rad der Fortuna so blitzschnell wie hier, wo wir es täglich vor Augen hatten, was das Volkslied klagt: ,, Gestern noch auf stolzen Rossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab." Lichtblicke waren in dieser trotslosen Zeit des Anfänger tums die Briefe meiner beiden Nachbarinnen, die mir zu Freundinnen geworden waren, und die alle Drangsalierungen der Stapo mit mir getragen hatten: die Witwe Marie Rabbow und ihre Tochter Charlotte. Undenkbar, daß ich ohne ihre tätige Anteilnahme meine Aufgabe einst hätte lösen können. Charlotte Rabbow hatte sich nicht gescheut, selbst Hand an das gefährliche Werk zu legen und die von mir herausgebrachten Flugschriften persönlich an Kirchentüren und sonstwo zu verbreiten. Wenn mich die Stapo in ,, Obhut nahm", schrieb sie mir verwegene Briefe, deren Kratzbürstigkeit der Stapo das Fell aufreißen sollte. Sie war sich dessen wohl bewußt, daß sie im Dritten Reich mit diesem Tun keine Lorbeeren ernten konnte; allein dessen ungeachtet zeigte das Kätzlein dem Tiger weiterhin die Krallen. Einmal wurde sie sogar in den Alex geschleppt, und mußte um der Blätter willen einen Tag im Käfig schmachten. Die Stapo sorgte getreulich dafür, daß diese Maßregelung ihren Vorgesetzten zufällig zu Ohren kam, wodurch sie manche Ungelegenheiten hatte. Die beiden Frauen hätten nun allen Anlaß gehabt, sich rückwärts zu retirieren, aber sie taten dies nicht. Nein, sie taten dies wirklich nicht. Sobald es irgend ging, sandten sie den ersten Brief und begannen mit ihm ein Christenwerk, das sie über fünf Jahre lang fortsetzten. In durch feine zeich uns e Wort mand Küns sucht Kun Zeit und Mitt liche Lied wur auf S nach sie rich Auc Na uns wei etw bar Ar fris ges lich tag Di AUF DEM HUNGERBLOCK 63 >bst, In das Dunkel des Stollens, in dem ich begraben lag, drang ren) durch diese Brieflein, so selten sie auch eintrafen, doch ein 40 feiner Lichtstrahl. Ich selbst konnte mich nur durch Klopf- ten„eichen bemerkbar machen. Nur alle vierzehn Tage war es uns erlaubt, einen Brief zu schreiben, doch durfte nicht ein Wort vom Lager drin stehen. Das Schreiben wurde dadurch manchen zur größten Pein, während andere durch allerlei Künste, Decknamen und sonstige literarische Knifle ver- Re. suchten, das Verbot zu umgehen und von ihrem Schicksal Kunde zu geben. Doch kam die Überwachung von Zeit zu i zu..... un.) Zeit hinter die angewandten Schliche der Geheimsprache ar und wehe den überführten Verfassern; sie mußten ihren Eu Mitteilungsdrang mit oft harten Strafen büßen. Den Geist- lichen, welchen es gelungen war, geeignete Bibelstellen oder atte jeut, Liederverse zur Kennzeichnung ihrer Lage anzuführen, von wurde eines Tages streng untersagt, Bibel und Gesangbuch \en- auf solche hinterhältige Weise zu mißbrauchen. 9 in So kam das Christfest herbei. Es war die traurigste Weih- »ren nacht, die ich je erlebt hatte. Auf dem freien Platz hatten Sie sie zwar vor der Küche einen großen Tannenbaum er- mit richtet, dessen elektrische Birnen die Kerzen ersetzen sollten. ssen Auch strahlten sie in der Tat am Heiligen Abend in die die. Nacht des Lagers hinein, aber es war ein kaltes Licht, das ppt, uns nicht erwärmte; und von der Botschaft der Engel war äfig, weit und breit kein Wort zu hören. Auf der Stube ging liese etwas vor, was sie eine Feier zu heißen wagten, doch offen- am,. barten die zweideutigen Scherze aufs krasseste die innere ‚den Armut unseres Stubensultans und seines Veziers, des Block- ; zu friseurs. Die Einsamkeit, in die so viele von uns hinein- dies gestoßen waren, kam uns an diesem Abend um so schmerz- sten licher zum Bewußtsein. Selbst die Hoffnung, daß die Fest- iber tage durch ein besseres Mahl ausgezeichnet werden, trog. Diese christlichen Feste, an deren Einstampfung die Herren- 64 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU menschen eifrig arbeiteten, durften nicht durch irgendeine Auszeichnung dem Volke wieder anziehend gemacht werden. So gab's auch über die Festtage das gewohnte Einerlei der Steckrübenbrühe. Erst zum Neujahr wurden Erbsen serviert, die in der Tat gut zubereitet waren und nach mehr schmeckten. Ja, einsam war ich mitten im Gewühl der Mitgefangenen. Fast täglich erhöhte sich ihre Zahl. Noch im Laufe des Winters kamen sie sogar nach Tausenden: tschechische Studenten, denen ein Aufstandsversuch zur Last gelegt war. Da Himmler ihre Hochschulen für immer geschlossen, so schien es keine geeignetere Studienstätte für sie zu geben als das KZ. In der Tat! In Menschenkunde konnte es gründlichere Vorlesungen an keiner Universität der Welt geben als hier. Auch die Polen tauchten auf. In dem Umfange mehrten sich die Viehwagen, die sie ausspien, als der hitleristische Vormarsch im Osten die Wege der Stapo ebnete und es ihren Schergen ermöglichte, deutsche Kultur zu verbreiten und Menschen mit dem Lasso zum Sklavendienst einzufangen. Während die Studenten eine verhältnismäßig anständige Behandlung erfuhren und das Vorrecht genossen, sogar Pakete von zu Hause zu empfangen, erhielten die Polen das Vorrecht, die Lagerparias zu sein. Eine monatelang dauernde Quarantäne wurde über sie verhängt, das hieß aber auf gut deutsch nur eine verschleierte Massenhinrichtung. Davon legten die Särge, die aus diesem Block ins Sargmagazin getragen wurden, ein beredtes Zeugnis ab. Ich selber machte an diesem düsteren Ort meine Erfahrungen. Ich war ungeachtet oder vielleicht gerade wegen meiner Ungeeignetheit zum Sargträger bestimmt worden. Als ich in den scheunenartigen Schuppen trat, wo ich meine Arbeit verrichten sollte, fand ich ihn bis an die Decke mit Särgen gefüllt. Sie glichen eher schwarz angestrichenen Koffern; denn sie hatten an beiden Seiten Henkel, damit man sie b verb Stum 100 seien an d nem war stäb and lette Plat Nan die trac ich Fre es! der SOW kan daf es wir sag qui T Ge fes des mi po da Zw Heine den. E der viert, mehr enen. Winnten, mmn es KZ. VorAuch à die arsch Ergen chen dige Padas rnde E gut avon ge-fahegen den. heine - mit Kofman AUF DEM HUNGERBLOCK 65 sie besser schleppen konnte. Natürlich wurden sie nicht mitverbrannt, sondern immer aufs neue wieder verwendet. Stumm sahen die Särge mich an, es mochten ihrer etwa 100 gewesen sein. Ich dachte nicht anders, als daß sie leer seien und des Gebrauches harrten. Aber wie kam es, daß sie an der Kopfseite kleine Zettel trugen mit Namen? Zu meinem Entsetzen erfuhr ich, daß es die Namen von Leichen waren. Die Särge waren also voll; voll in des Wortes buchstäblicher Bedeutung, denn meist barg der Sarg übereinandergelegt 2 Leichen statt einer! Die abgemagerten Skelette, die nackt hineingeworfen worden waren, hatten genug Platz noch zu zweien in dem engen Häuschen. Viele dieser Namen waren polnisch. Es war eine Prozession von Särgen, die vom Quarantäneblock herüberwankte. Eines Tages betrachtete ich zufällig eines der Zettelchen. ,, Obermüller" las ich da. Erinnerungen stiegen auf! Das wird doch nicht mein Freund sein, der Stubenälteste aus dem Alex? Doch, er war es! Entsetzen durchpulste mich. Der Geburtstag stimmte: der 12. Oktober. So haben sie also nicht geruht, bis sie dich soweit hatten, die blutdürstigen Katzen! Der Nachmittag kam mir in den Sinn, wo er uns freudestrahlend berichtete, daß er noch vor Weihnachten herausdürfe. Der Beamte habe es dem Pflegemütterchen selbst ins Ohr gesagt. Nun, er war wirklich zu Hause; nicht eingegangen, wie sie im Lager sagten, sondern heimgegangen, wie die Christen sagen. Requiescat in pace! Unter den polnischen Häftlingen befanden sich auch der Generalsuperintendent D. Bursche und sein Bruder, der Professor der Theologie D. Edmund Bursche, sowie der Enkel des ersteren, der Warschauer Vikar Wegener. Dieser erzählte mir später folgendes von den Erlebnissen, welche ihr Transport hinter sich hatte, ehe er in Sachsenhausen landete: ,, Aus einem Warschauer Gefängnis waren etwa 1200 Polen, darunter eine größere Anzahl von Juden, auf den WestZweitausend Tage Dachau 5 66 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU in d gem Seit dies Stic nur bahnhof der polnischen Hauptstadt befördert worden. Beim Aussteigen bekam der Professor Bursche ein paar Schläge bis mit dem Stock auf den Kopf, so daß er blutete; vermutlich, weil ihn der blondhaarige und blauäugige Ariersohn wegen seines Vollbarts für einen Juden gehalten hatte. Wir sollten die Sitten und Gebräuche der Herrenrasse beizeiten kennenlernen. Darauf wurden wir alle in Viehwagen hineingestopft. Diese wurden indessen nach einer Weile wieder geöffnet. Der Ruf ertönte: ,, Juden und Geistliche heraus!" Sie wurden alle in einen besonderen Wagen zusammengepfercht. Wie sich später herausstellte, war dieser, ob absichtlich oder nicht, mit einer chemischen Flüssigkeit präpariert. Denn viele der Juden, welche zufällig die Wände berührten, bekamen Wunden an den Händen. Nun wurden die Geistlichen wieder herausgeholt. Es gab ein Hallo, als wir unter den SS- Posten erschienen. Einer der Führer gab uns ,, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" den Befehl: ,, Marsch, nehmt die Kübel und stellt sie in den Wagen, damit ihr auch mal was Nützliches tut!" Unter dem Hohngelächter der andern und befördert durch etliche Fußtritte führten wir den Befehl aus. Jetzt zitierten sie auch die Juden heraus, worauf Juden und Christen gemeinsam ,, Sport" zu machen hatten, d. h. gesundheitsfördernde Kniebeugen, Hüpfen, das den Blutkreislauf beschleunigt, und gelenkigmachendes Rollen. Die letztere Übung, die sich auf dem Erdboden vollzog, auf dem wir unsere Leiber durch Schmutzlachen und über jedes Hindernis wegwälzen mußten, war uns zurückgebliebenen Ostvölkern ganz unbekannt. Wir stellten uns daher etwas ungeschickt an und nahmen die Geduld unserer Lehrmeister in unverzeihlicher Weise in Anspruch. Kein Wunder, daß sie sich dafür durch ein kleines Schauspiel schadlos zu halten suchten. Der Weg in den Wagen führte uns nämlich durch eine Gasse von germanischen Jünglingen, deren jeder einen Stock mit Ku eine W دو La fall win un lic für Ve ho ein sic fri In ge de tra SC W ni st SC SC de a. Beim chläge atlich wegen ollten nneneingeer geaus!" menb ab▪räpaVände Es gab Einer es und Kübel Nützd be1 aus. n und esundeislauf tztere m wir dernis ölkern schickt nvere sich suchh eine Stock دو AUF DEM HUNGERBLOCK 67 in der Faust hatte. Wir kamen nicht eher in den Wagen, als bis unser Rücken mit diesen Stöcken genügend Bekanntschaft gemacht hatte. Darauf wurde die Türe geschlossen. Auch die Seitenluken machten sie zu. Ausdrücklich verboten sie uns, diese zu öffnen. Einem von uns wurde in der entstehenden Stickluft schlecht. Er rief nach Wasser. Die draußen schienen nur darauf gewartet zu haben, denn die Wache antwortete mit Schüssen, die durch die Wände krachten. Die von den Kugeln Getroffenen schrien auf, worauf sich die Posten einen solchen Zorn einbildeten, daß sie drohend hereinriefen: , Wenn ihr mit dem Bellen nicht aufhört, gibt's noch' ne Ladung!" Einige der Verwundeten waren in Ohnmacht gefallen und stöhnten weiter. Es nützte natürlich nichts, daß wir sie angstvoll zur Stille ermahnten. Wir saßen im Dunkel und erwarteten jeden Augenblick eine weitere Salve, wahrlich kein angenehmes Gefühl. Und wirklich ging unsere Befürchtung in Erfüllung. Es krachten neue Schüsse mit neuen Verwundeten. Die ganze Nacht standen wir auf dem Bahnhof. In der Frühe des andern Morgens ging der Zug ab, um einen Tag und eine Nacht zu fahren. Unterwegs entspannen sich Kämpfe um den Zutritt zu den Ritzen, durch welche frische Luft einströmte. Nicht einmal Wasser bekamen wir. Infolge der Schüsse starben unterwegs drei unserer ,, Reisegenossen"; einen traf ein Herzschlag. Zum erstenmal wurde der Wagen geöffnet, als wir in einer Berliner Vorstadt eintrafen. Die Posten spazierten draußen auf und ab, mitunter schauten sie neugierig hinein, als wenn es eine Menagerie wilder Tiere zu besichtigen gäbe. So schlimm war es ja nun nicht, es waren nur Menschen, die aus dem wilden Osten stammten und eben erst im Begriff waren, das ABC deutscher Kultur kennenzulernen. Kinder tauchten auf und schrien herein: ,, Mörder, Mörder!" Sie hatten sich wohl in der Richtung geirrt. Eine Gruppe von Geistlichen stand auf, als der Wagen hielt und geöffnet wurde. Als man die Türe 5* 68 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU schloß, setzten sie sich wieder. Einen Augenblick später er- schütterte eine Salve den Raum, Holzlatten fielen uns auf die Häupter; hätten wir uns nicht niedergesetzt, so wären statt der Holzlatten unsere Köpfe getroffen worden. Die Schützen hatten nicht damit gerechnet, daß wir gleich in die Hocke gehen würden. Als wir in Sachsenhausen angekommen waren und aus- geladen wurden, lächelten sich zwei arme Freunde gegen- seitig an, um. sich gewissermassen Mut zu machen. Kaum hatte einer der SS-Posten dies gesehen, als er auf sie zu- schritt, ihre Namen verlangte, sie aufschrieb und ihnen zu- rief:„Was habt ihr zu lachen? Euch kommt die ganze Sache wohl lächerlich vor? Ihr werdet das Lachen verlernen, wartet!“ Und wirklich, sie verlernten das Lachen bald; zwei Tage später waren sie Leichen. Der Blockälteste hatte sie im| Auftrage der Verwalter höherer Kultur solange mit den Absätzen bearbeitet, bis ihnen Atem und Lachen für immer vergangen war. Auch uns wurde Anschauungsunterricht i in den Anfangs- gründen nordischer Gesittung ohne Schulgeld erteilt: in Knie- beugen hatten wir die uns allein zukommende Haltung den Wotanssöhnen gegenüber zu.üben, während Stockschläge auf unsere Häupter einwirkten, das ordentliche Nachdenken frei- lich eher verwirrend als klärend. Bei Professor D. Bursche brachten sie einen besonderen Schnörkel ihrer Erziehungs- kunst an. Sie stopften ihn vor unsern Augen in ein Spind und wälzten dies wie ein Faß samt seinem Inhalt unter all- gemeinem Gelächter auf dem Boden umher.“ Erbebte nicht der deutsche Boden? Wankte nicht der Köl- ner Dom? Verhüllte nicht St. Michael sein Antlitz, er, der Zeuge war all der Wohltaten, die Deutschland in tausend Jahren und mehr von Christus empfangen? Waren das die Früchte? Ja, sie haben IHN hinauskomplimentiert, den Guten Hirten. Und dies hier war eine Stätte ohne IHN, ohne -erauf Eiren Die die ausgenaum zuzuache nen, zwei e im den mer ngsnieden auf freische ngspind allKölder send = die uten Ohne AUF DEM HUNGERBLOCK 69 Kirche, ohne Hirten. Das Ziel war hier erreicht, die Schwarzröcke waren verschwunden, kein einziger war mehr zu sehen, es sei denn im Zebrakleid. Ist's nun besser, ihr Herren, da ihr euren Willen habt, die Stadt ohne Gott? Ist's besser so? Ihr antwortet nicht. Ihr habt noch nie auf eine andere Stimme gehört als auf die eurer Selbstverliebtheit. Aber Europa, ja der Globus antwortet für euch, die ganze Menschheit steht gegen euch auf, die ihr euch nicht mehr Christen nennt, sondern Idealisten, aber dabei zu Bestien geworden seid. Denn wir können's hier mit Händen greifen: Idealismus ohne Christus wird zum Dämonismus und zum Satanismus. Vom Sargmagazin kam ich, meinen Beruf wechselnd, in Meine Füße die Kartoffelküche. Das war mein Glück. schwollen immer mehr an. Ich vermochte mich nur mit Mühe vorwärts zu schleppen, treppauf mußte ich mich am Geländer hochziehen. Meine Stimme bekam einen hohlen Klang, und wenn die Leidensgenossen beim Baden meine abgemagerten Schenkel betrachteten, tuschelten sie sich etwas zu, was wie ,, eingehen" klang. Ja, bald sagten mir's einige mit der Grausamkeit, die hier als Offenheit galt, ins Gesicht: ,, Nicht mehr lang und du gehst durch das Kamin!" Aber ich ging nicht durchs Kamin, GOTT hatte es anders beschlossen. Die Kartoffelküche wurde meine Rettung. Dort wurden von 400 Häftlingen nicht allein Kartoffeln geschält, sondern auch saftige Gemüse geputzt; so kamen eines Tages Körbe voll gelber Karotten. Wir fielen über sie her, um sie zu schaben und zu essen. Von Stund an besserten sich meine Füße. Die Geschwulst ging langsam, aber sicher zurück, und ich dankte Gott von Herzen; denn ich machte ihm keine Vorschriften, durch welches Mittel er mich zu heilen habe; es mußte nicht ein Engel, es konnten auch Karotten sein. Bei vielen Befallenen wurde das Übel indessen schlimmer. Die verschwollenen Augen führten eine beredte Sprache. 70 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Einer nach dem andern verschwand im Revier und kehrte nie mehr zurück. Der Hunger, der Hunger, das war der emsige Mitarbeiter der Gestapo. Täglich starben sie nach Dutzenden, das machte 80% im Jahre! Und niemand gebot Einhalt. Wir wurden in den Strudel D hineingewirbelt, und nur wenige konnten sich in das ruhige Gewässer A retten. Wir suchten uns zu helfen, aber zu welch kindlichen Mittelchen nahmen wir unsere Zuflucht! Wir legten etwa die dünnen Brotscheiben auf den Ofen, um sie zu rösten, als ob sie dadurch nahrhafter würden. Auch ich versuchte mein Heil. Doch war es schwer, an den stets umlagerten Ofen heranzukommen und ein freies Plätzchen zu erwischen. Die Herren vom Stubendienst hatten den Vorrang. Einer von ihnen, Arnold mit Namen, tat sich durch besondere Herrenallüren hervor. Er hatte gegen mich eine grundlose, aber um so gründlichere Abneigung gefaßt und übertrug diese auch auf meine armen Brotschnitten. Er trieb mich eines Abends von meinem bescheidenen Eckchen weg und verbot mir gehässig jeden weiteren Annäherungsversuch. Ich ließ mich indessen nicht einschüchtern, denn ich war der Ansicht, daß meine Dynastie so alt wäre wie die seinige und fuhr an den nächsten Abenden unbekümmert fort, mein Brot zu rösten. Als er meine Unbotmäßigkeit gewahrte, schoß er Blicke voll Grimms nach mir, die mich indessen in meinem Entschluß, mein Recht auf den Ofen zu behaupten, nicht wankend machten. Das sollte ich büßen. Als der seitherige Stubenälteste wegkam, wurde kein anderer als er sein Nachfolger. Ich erschrak, und dies mit Recht. Und doch hatte ich noch keinen Begriff von der Flamme des Hasses, die in dem neuen Mogul gegen mich loderte. Er hätte das Zeug zu einem Dschinghis Khan in sich gehabt, kein Zweifel. Einstweilen mußte er sich mit dem Amt eines Stubenältesten begnügen, für welches er ja die nötigen Eigenschaften mitbrad gatt We fei der An ein de sei sp M dr Fa lie di S1 A ih e S V d F , ehrte der nach gebot und etten. litteldünob sie Heil eranHerren hnen, llüren am so ch auf S von hässig Hessen meine nächn. Als e voll chluß, nkend cubenFolger. noch dem ug zu Einsttesten m mitAUF DEM HUNGERBLOCK 71 brachte: eine derbe Faust und Hemmungslosigkeit im Ergattern von Vorteilen: ,, Er hatte Knochen wie ein Gaul Und eine freche Stirn Und ein entsetzlich großes Maul Und nur ein kleines Hirn. Gab jedem einen Rippenstoß Und flunkerte und prahlte groß." P Wer hätte sich besser für den Dienst geeignet, hundert Staatsfeinde in hundert Leichen zu verwandeln, als er? Er begann denn seine Aufgabe alsbald mit breiten Fäusten anzugreifen. An den Schwächsten probierte er ihre Kraft aus. Da war ein schmächtiger, einäugiger Bursche aus dem Ruhrgebiet mit der fahlen Gesichtsfarbe der Bergleute. Er hatte sich von seinem Hunger verführen lassen, dem Brot im Nachbarspinde näher zu treten, als ihm zukam. Als er ein zweites Mal dabei ertappt wurde, war sein Schicksal besiegelt. ,, In drei Tagen bist du' ne Leiche" wurde ihm eröffnet. Die Fäuste wurden präpariert; was sie noch an Leben übrig ließen, wurde mit Wasser behandelt; solange mußte er unter die Brause, bis er zusammenbrach. Auf dem Thron im Abort sitzend, starb er unter den Hohnworten des Paschas. Der Anfang war gemacht. Drohreden deuteten darauf hin, daß ihm der Appetit mit dem Essen kam. Ein Unglücksrabe ließ einen der schweren Eẞkübel fallen, weil ihn seine Kraft im Stiche gelassen hatte. ,, In drei Tagen bist du' ne Leiche!" Wir atmeten auf, als die drei Tage vorübergingen, ohne daß der Spruch ausgeführt worden wäre. Sein Schutzengel hatte Fittiche über ihn gebreitet. Doch war der Spruch gefallen; ,, es rast' der See und wollt' sein Opfer haben". So mußte ein anderer daran glauben. Es war ein Russe, ein kranker Mann, dem ein Ventil am Halse angebracht war. Es hin 72 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU derte ihn, deutlich zu reden; nur mit Mühe brachte er heisere Laute hervor. Aus irgendeinem ziemlich harmlosen Anlaß mußte er hören, daß er in drei Tagen eine Leiche sei. Als die drei Tage um waren, war er nicht mehr am Leben. Sie schleppten seine Leiche nach dem Revier, wo sie ohne umständliches Nachfragen nach der Todesursache auf den groBen Haufen der Stillgewordenen geworfen ward. Die Stube erstarrte in Grausen. Wer wird der nächste sein? Niemand wagte dem Wüterich entgegenzutreten. Warum schwiegen wir? Warum schwieg ich? Nun, wir waren nicht darauf gefaßt, daß er wirklich Ernst machen werde, und als es geschehen, war es zu spät. Er mußte übrigens ja selber genau wissen, was er tat, und daß Morden ein schreckliches Verbrechen war. Vor Menschen mögen diese Entschuldigungen gelten. Das unbestechliche Gottesauge dringt aber bis auf den Grund. Die Stimme des Gewissens läßt sich nicht beschwichtigen, die leise mahnte: du hättest ihm eben doch in den Arm fallen müssen, ohne Rücksicht auf die Folgen. Mea culpa, mea maxima culpa! So werde ich selbst aus einem Anklänger zum Angeklagten. Und muß mit Scham erkennen, daß mein eigener Name mit hineingewebt ist in den Teppich von Sünde und Gesamtschuld, unauflöslich, unauslöschlich.- Gewiß, durch mich hätte sich das Ungetüm nicht von seinem Wüten zurückhalten lassen, denn ich stand selbst auf dem Aussterbeetat. Mir fiel auf, daß mich die Augen der Mithäftlinge so sonderbar betrachteten. Es war eine gewisse. Scheu in ihrem Blick; sie wichen mir allmählich aus; es bildete sich eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen und mir. Ich fühlte mich äußerst unglücklich darüber, denn ich konnte einen wirklichen Grund zu diesem veränderten Verhalten nicht erkennen, suchte die Schuld bei mir und fand sie nicht. Selbst zwei Landsleute, die ich inzwischen etwas näher kennengelernt, taten fremd. Den einen von ihnen, den Kirchenmaler Reeb aus Ellwangen, behandelten die Fäuste SO n blau Schr führ land stric Pfaf byz hätt vor bad sah. tret gege nen Ja, sold wie Kle heu lich trü ein and Na kal ich Bul eisere \nlaß ; Als 2. Sie - um- gro- ichste arum - es ge- 1 wis- echen Das! . Die ‚die allen mea zum mein von von t auf der wisse bil- mir. nnte ılten icht. äher den ‚uste AUF DEM HUNGERBLOCK 73 so nachdrücklich, daß sein bleiches Gesicht wochenlang mit blauen Mälern bedeckt war. Er mochte selbst in Angst und Schrecken leben, ob er nicht der„nächste“ sei? Der andere führte deswegen Klage über mich, weil ich ihm zwar öfters landsmannschaftlich ein Brot strich, aber es nicht dick genug strich.,.Und der Tischälteste? Dieses Herrchen, das ein feistes Pfaffengesicht hatte, ohne einer zu sein, entwickelte sich zum byzantinischen Speichellecker. Doppelt so alt wie der Pascha hätte er dessen Vater sein können, erstarb aber in Ehrfurcht vor ihm; des Abends nahm er prustend und nackt ein Brause- bad, nur um Arnold zu gefallen, den er ein Gleiches tun sah. Es war offenkundig, daß er ganz auf seine Seite ge- treten war. So ließ er sich immer mehr zu Ungerechtigkeiten gegen mich hinreißen; bald galt, was Körner von dem klei- nen Gottlieb singt: „Drum mocht auch geschehen, was immer wollte, So mußte es Gottlieb gewesen sein, Und, daß er sogleich gestehen sollte, War’s üblich, ihn kräftiglich durchzubläun.“ Ja, die Ohrfeigen fielen hageldicht; fast kein Tag ohne ein solches oder ähnliches Zeichen väterlicher Erziehungskunst wie Fußtritte, Rippenstöße und Nierenschläge. Die geringste Kleinigkeit gab Anlaß dazu. Mit Schauder erinnere ich mich heute noch einer Maßregelung, die mir einen der unglück- lichsten Augenblicke meines Lagerlebens brachte: das un- trügliche Auge des Stubenpaschas hatte in meinem Spinde ein Brosämlein entdeckt. Zur Sühne dafür mußte ich mit andern Verbrechern derselben Gattung unter die Brause. Nachdem wir— es war noch im Winter— aus dem eis- kalten Wasser wieder herausgestürzt waren, fand es sich, daß ich mein Handtuch nicht bei mir hatte. Da zwang mich der Bulle, in die Stube zurückzukehren, um es zu holen. Sie 74 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU dara einer SO SC mora Maso Er v Freu tat ohne mich erbi saßen gerade beim Essen, und splitternackt mußte ich Spieß. ruten laufen, hin und zurück, bis die Türe sich wieder hinter mir schloß. Es waren Qualen der Demütigung, die ich ausgestanden hatte. Ich war im besten Zug, in den Strudel aus Abteilung D hineingerissen zu werden. Die Helfershelfer Über waren eifrig am Werke, mich in den vernichtenden Wirbel zu zerren. Rings um mich her rangen sie mit den Wellen, Mau und einen Unglücklichen nach dem andern sah ich versinken. So jenen armen Christen, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte, und der langsam dahinsiechte. Ich durfte ihm öfters Absi ein aufmunterndes Wort sagen oder eine Bibelstelle ins Gedächtnis rufen. Eines Morgens flüsterte ich ihm das Jesaja- deut Wort ins Ohr: ,, Die Knaben werden müde, und die Jünglinge fallen, aber die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht müde werden, daß sie wandeln und nicht matt werden." Seine Augen leuchteten auf, und er drückte mir dankbar die Hand. Es war für ihn die Wegzehrung zur letzten Reise; gegen zehn Uhr entschlief er. Der Blockmogul wurde gerufen. Es war ein Fall unter vielen, er machte nicht große Umstände, konnte sich aber, ehe er die Leiche hinaustragen ließ, nicht entbrechen, ihr einen feierlichen Nachruf zu halten: ,, Jetzt hast du Ruhe", redete er auf die tauben Ohren ein; ,, nun brauchst du keinen Nachschlag mehr". Mit diesen Worten voll Trostes geleitete er ihn ins Reich der Toten, in dem allerdings ,, der Nachschlag", der Inbegriff unserer Lebenshoffnung, keine Rolle mehr spielte. Nachschlag nannten wir die zweite Kelle, die vom Rest der Mahlzeit jedem zugeteilt wurde, so lange der Vorrat reichte. Verdächtig schien mir auch zu sein, daß sich mir mit schmeichlerischer Zutunlichkeit ein Gestreifter näherte, der schielte und ob seiner Erpresserkünste berüchtigt war. Er reiste dara diese melt rief: zert Aug vor moc ein? Tod Leb GO Ich bein stär Bod ein I wir pieß. inter aus el aus helfer Wirbel ellen, nken. erregt 5 Ge neue ß sie nicht - AUF DEM HUNGERBLOCK 75 darauf, seine Margarine Interessenten um das Nasenwasser einer Zigarette aufzudrängen. Schlossen sie den Handel ab, so schlug er unter allen Zeichen höchster Entrüstung einen moralischen Krach, indem er sie der Ausbeutung und der Übervorteilung bezichtigte. Die meisten fielen auf diese Masche herein und opferten, um nur sein unverschämtes Maul zu stopfen, einen Mehrwert der überkommenen Ware. Er war gleiche Brüder, gleiche Kappen- ein intimer Freund des Stubenmoguls und in dessen Geheimnisse und Sfters Absichten eingeweiht. Dieses Gespenst von einem Menschen tat plötzlich sehr zutraulich mit mir und ließ dunkle Anesaja- deutungen fallen, daß ich der nächste" sein werde, nicht Jüngohne den Hinweis, es sei ihm vielleicht möglich, etwas für mich zu tun. Ich machte von diesem hochherzigen Anerbieten keinen Gebrauch, zog aber die nötigen Schlüsse daraus auf die Absichten des Paschas. Bald darauf bestätigte dieser selber meinen Verdacht, indem er mir vor versammelter Stube, alle Vorsicht und Überlegung vergessend, zurief: ,, Du bist der nächste, daß du es weißt; ich werde dich zertreten wie einen Käfer." Das war deutlich; allein in dem Augenblick dieser Kriegserklärung fiel alle Angst, die mich vordem in der Luft der Unsicherheit beschlichen haben mochte, von mir ab. Was bildete sich dieser junge Mann ein? Dachte er im Ernst, daß er es sei, der über Leben und Tod zu entscheiden habe? Da täuschte er sich gewaltig! Mein Leben stand in einer ganz andern Hand, und nur wenn GOTT es wollte, hatte der Menschen Faust Macht über mich. Ich wurde völlig ruhig, und das Siegesbewußtsein, das mich beim Aufwachen im Glauben an Christus durchströmte, war stärker als je. Der Käfer kroch in der Tat seinen Weg den Boden entlang fort, ohne daß ihm ein menschlicher Fußtritt ein Leid zufügen durfte. ückte g zur mogul machte Leiche lichen af die Schlag on ins der Sielte. Rest Vorr mit e, der reiste Die Zeit eilte weiter; ein Termin nach dem andern, den wir uns stellten, verfloẞ, ohne daß er uns Freiheit gebracht 76 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Mann tert, u aber a talent er sic durste Mazd hätte. So das Fest der Machtübernahme, Hitlers Geburts tag, und wie die neumodischen Feiern alle heißen mochten Zum Geburtstag des obersten aller Moguls kamen allerding etwa zweihundert von uns ins Freie; unter ihnen auch Kurt Eberle, ein junger evangelischer Geistlicher vom Hunsrück mögli mit dem ich mich angefreundet hatte. Er hatte Glück; nur wenige Monate war er dagewesen, und schon schlüpfte er wieder durch die Maschen des Netzes. Wie mochte sich die Pfarrfrau freuen, die ihm in der Zwischenzeit ein Knäblein geboren hatte! Irgendeine Predigt, vom Schullehrer mißver standen und angeschwärzt, hatte ihn mit der Gestapo in Widerspruch gebracht. Ich gönnte ihm sein Glück von Her zen, bedauerte aber dennoch seinen Weggang, weil mir die Gemeinschaft mit ihm Halt und Stärkung geboten hatte in den widrigen Stürmen, die mir gerade um die Ohren brausten. Bald danach fand ich Ersatz. Es wurde mir die Genug tuung, einen Mann im Zebrakleid kennenzulernen, der mir ein treuer Begleiter geworden ist durch all die Jahre, die es noch galt, in diesem fremden Lande zu verbringen. Es war Fabisch, ein Zivilingenieur aus dem Riesengebirge. Er redete eine Sprache, die ich wohl verstand, und die mich in sein Inneres sehen ließ; wie ich auch aus dem meinigen keine Mördergrube machte. Ist es doch die größte Wohltat für den Menschen, Echo zu finden bei einem andern Du. Ein Erlebnis von befreiender Wirkung. Wie sangen wir als Studenten mit Simon Dach? ,, Die Red' ist uns gegeben, damit wir nicht allein Für uns nur sollen leben und fern von Leuten sein. Wir sollen uns befragen und sehn auf guten Rat, Das Leid einander klagen, so uns betreten hat." Fabisch war noch voll von dem großen Erlebnis, das ihm im Gefängnis geworden. Er hatte GOTT gefunden. Ein Anthr Stern ihm, Er m Gott holte verdä gar r Zelle seiner Hohl In di Gotte sich a ließ es au Herz Lehr läßt Schw burts chten rdings Kurt srück k; nur fte er ch die iblein ißver po in Her ir die tte in Ohren Genuger mir e, die en. Es e. d die meigrößte manangen s ihm 1. Ein AUF DEM HUNGERBLOCK 77 Mann von Welt, war er draußen von Blüte zu Blüte geflattert, um den süßen Honig des Friedens daraus zu saugen; aber all die bunte Abwechslung, die ihm sein Organisationstalent und das daraus entspringende große Einkommen ermöglichte, hatte ihn leer gelassen. Wie Augustinus einst hatte er sich in der Verzweiflung seines ungestillten Wahrheitsdurstes in die Arme moderner Heilslehren geworfen, hatte Mazdaznan in weißen Gewändern geübt, Neugeist und Anthroposophie konsultiert, er hatte sein Vertrauen den Sterndeutern geschenkt alles vergeblich. Es galt von ihm, was Eleonore, die Fürstin von Reuß, einst schrieb: - ,, Sie suchen, was sie nicht finden, in Liebe und Ehre und Glück, und kommen, beladen mit Sünden, und unbefriedigt zurück." Er mußte zuerst alles verlieren, um alles zu gewinnen. Gott riß ihn heraus aus dem bunten Falterflug. Die Gestapo holte sich den Mann, der ihr wegen seiner großen Reisen verdächtig schien, deren eine ihn nach Amerika, die andere gar nach Rußland geführt hatte. In der Einsamkeit der Zelle überfiel ihn zunächst die Erkenntnis, daß er bei all seiner Weltgewandtheit ein bankrotter Mensch sei. Die Hohlheit seines seitherigen Lebens erfüllte ihn mit Ekel. In die Hölle der Selbstanklagen wurde er hinabgestoßen, Gottes Gericht wühlte ihn im Innersten auf. Er erkannte sich als Rebell ohne Hilfe und Aussicht auf Rettung. Da ließ er sich die Bibel kommen, und wie ein Lichtstrahl fiel es aus dem so vernachlässigten Buch in sein Zellen- und Herzensdunkel. Hatte er sich seither von der nordischen Lehre anstecken lassen, die Christus als veraltet links liegen läßt und in der Weisheit des Jahrhunderts die Lösung der Schwierigkeiten sucht, so fiel es ihm jetzt ohne An- 78 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - leitung von außen wie Schuppen von den Augen, daß sie Jesum erblickten und Jesum allein; die IHN sahen als den Christus Gottes, der auch dem modernen Menschen das lösende Wort zu sagen hat. Er ergriff IHN und fand die Freiheit, die er draußen vergeblich gesucht. Ein Mann von sprudelnder Lebendigkeit war er, der mit strahlendem Blid es jedem ohne Unterschied sagte: ,, Ich bin der glücklichste Mensch geworden. Gott sei Dank auch für das KZ!" Und während ich mich immer aufs neue durchringen mußte, um die Hand zu fassen ,, des Unsichtbaren, der uns führt", schien es bei ihm keiner solchen Anstrengungen zu bedürfen. Es war ein feiertägiger Himmel, der über ihm lachte und auch die Widrigkeiten und Niedrigkeiten mit Gold bestrahlte. dieses daran aufta Au zwar an, V hatte Wi ware den besich ersch Herr wurd trat mun Schw wah Wän war Lage word muß Doch sollten wir bald wieder auseinandergerissen werden. Es ging das Gerücht, daß das Lager aufgelöst werde. In der habe Tat wurden in der Folge große Gruppen zusammengestellt, die man Transporte hieß, und die in andere Lager über führt wurden. Auch der Ingenieur wurde eines Tages ausgesucht, und wir mußten uns verabschieden. Wir waren ja willenlose Werkzeuge, die eine unsichtbare Faust hin- und herschob nach ihrem Gutdünken, ohne im geringsten auf die Wünsche der einzelnen Rücksicht zu nehmen. Freunde, selbst Brüder, wurden erbarmungslos auseinandergezerrt; und es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß Vater und Sohn nicht im gleichen Kommando, kaum auf derselben Stube beisammen sein sollten. Was jenes Gerücht betraf, so muß ich rückschauend feststellen, daß es absichtlich unter die Häftlinge gestreut wurde, um in ihnen von vornherein die Neigung zum Widerstand zu lähmen. Denn wenn ihnen der Glaube beigebracht wurde, das Lager werde in näch ster Zukunft aufgelöst, so fanden sie es wohl nicht der Mühe wert, sich an die gewohnten Stätten festzuklammern, und die Lagerleitung hatte leichtes Spiel. Es gehörte dürf Arbe Besc Mot die Der noch spar gew ten daf En als n das d die Von Blick ichste Und e, um ihrt", ärfen. = und und been. Es n der stellt, überausen ja - und AUF DEM HUNGERBLOCK 79 dieses Vorgehen zu den Einspeichelungskünsten der Schlange, daran erkenntlich, daß das Gerücht mit Regelmäßigkeit auftauchte, sooft ein Transport vorgesehen war. Auch meine Tage in Sachsenhausen waren gezählt. Und zwar biß ich mit meinesgleichen an einen anderen Köder an, welchen ungesehene Angler an ihrer Schnur befestigt hatten, um harmlose Fischlein zu fangen. Wir hatten uns schon auf unsere Strohsäcke gelegt und waren eben im Begriff, unsere bloßen Füße gehorsam zu den Decken herauszustrecken, damit sie der Stubenpascha besichtige und die nötigen Strafen verhängen könne. Da erschienen Seine Unübertreffliche Gnaden selbsten, der Herr Blockmogul, im Türrahmen. Die Schweißvisite wurde sogleich abgebrochen, eine respektvolle Stille trat ein, denn, hört, hört, Seine Unübertreffliche Gnaden haben das Wort. Und so tat sich denn der höchste Blockmund auf zu einer Rede, die war süßer als Honig. An die Schwachen, Kranken und Invaliden richtete sie sich; eine wahre Heilsbotschaft, wie sie noch nie zwischen diesen Wänden gehört worden war. O, der honigsüße Mund! Es war da an irgendeiner dieser gemeinnützigen Stätten, Lager geheißen, eine wohltätige Einrichtung geschaffen worden für alle, die aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden mußten und sich nach einem ruhigen Lebensabend sehnten. Arbeit kam keine mehr in Frage, höchstens,- ,, sitzende selben Beschäftigung" ein Ausdruck, der für Häftlingsohren ein Motiv bildete wie aus Beethovens neunter Symphonie. Ja, die Angler wußten, welche Köder bei ihren Fischlein zogen! Der Name des menschenfreundlichen Ortes wurde zunächst noch verschwiegen; mit Namen gingen sie immer äußerst sparsam um, als ob Geographie eine Geheimwissenschaft gewesen wäre. In eigenen Gelassen sollten die Ausgedienten wohnen und bei guter Verpflegung ihre Tage beschließen dürfen. Man müsse nicht just ein Greis sein, der dem Grabe auf unde, zerrt; - und af, so unter herein ihnen näch t der klamehörte - 80 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Es gi und d aufge sie n Dacha zuwankte, nein, auch das mittlere Alter werde berücksich da un tigt, selbst jüngere Jahrgänge seien nicht ausgeschlossen, Tagen sofern sie nicht mehr voll arbeitsfähig wären. Eine Heilsbotschaft für die sonst so scheel angesehenen Körperschwachen! Das ließ sich hören! Großes Überlegen war da nicht am Platze, das Eisen wurde geschmiedet, solange es warm war. Seine Gnaden hatten eine Liste mit sich gebracht, in die er die Namen der Anwärter auf das Paradies gleich eintrug. Soll ich oder soll ich nicht? Mein Nachbar war begeistert. ,, Mann, da tu ich mit!" rief er ,,, das wird so schnell nicht wieder geboten!" Er ließ sich eintragen, und, angesteckt von seiner Begeisterung, streckte ich meine Hand aus der Decke, statt programmgemäß den Fuß. Doch konnte ich mich eines leisen Gefühls des Unbehagens nicht erwehren. Das verstärkte sich, je mehr ich in der Nacht über die Sache nachdachte. Seit wann waren denn die Herrenmenschen Freunde der Schwachen geworden? Wie sie bisher mit den Arbeitsunfähigen umgesprungen waren, das warf ein zweideutiges Licht auf ihre Humanität. Nietzschemoral, nicht das Allerweltsmitleid der Christen! Nein, da mußte etwas anderes dahinterstecken; die Sache kam mir höchst verdächtig vor. Geheimnis der Katzenpfoten! Ich beschloß, meine Meldung rückgängig zu machen. Doch, wer je im Lager war, weiß, welch eine heilige Sache eine Liste ist! Tabu! ,, Quod scripsi, scripsi- was ich geschrieben, das habe ich geschrieben!" Keine Macht der Überredung war imstande, den Namen wieder auszuradieren, der einmal da stand. Ich überwand meine Scheu und ging zum Blockmogul. Man glaubt nicht, wie ohnmächtig der sonst so Mächtige war. Ich versuchte es beim Lagerschreiber, auch der war das Unvermögen zu Roß; und erst der Lagerälteste wie ich es wagte, als Grünschnabel die höchste Spitze anzurufen, verstehe ich heute nicht mehr- der Lagermogul, auch er konnte nichts. Der Name stand Zwei AUF DEM HUNGERBLOCK 81 sich da und blieb' da, wie in Erz gegossen. Und in wenigen ssen, Tagen wurde er aufgerufen. Sachsenhausen lag hinter mir. Ceils- Es ging fort. Im Viehwagen ging's fort; das halbe Brot wa- und das Stück Leberwurst war schon auf dem Appellplatz nicht aufgezehrt. Wehe, wenn die Reise tagelang dauerte. Wohin sie nur ging! Sie dauerte 24 Stunden und ging nach arm , in leich war d so und, Dachau. Hand Doch nicht Tacht die Wie aren, ität. sten! Sache Izenchen. Sache geder adieund chtig agererst 1 die r - tand Zweitausend Tage Dachau 6 83 ALS ANFÄNGER IN DACHAU Von einem Stubenältesten, der ein Mensch war und einem Todeskandidaten, der die Treppe hinauffiel. Achtung, Achtung, Radio Dachau! Ich gewinne neue Freunde, den Polen Swida und den Juden Moses Katz. Können Meilensteine Blüten treiben? Schutzhäftling Gotthelf Ekkehardt bittet gehorsamst.... Was wir auf dem Krätzeblock erlebten. Der erste Vergasungstransport wird zusammengestellt, und ein Pfarrer büßt seine Menschenfreundlichkeit mit dem Tode. Ein Blockmogul schlägt das Kreuz, aber ich werde dennoch Hilfsschreiber. Von verbotenen Pfaden, auf welchen sich Block- und Hilfsschreiber treffen. Ich besuche verstohlen den ersten Gottesdienst und entdecke einen alten Freund. ,, Er hat viel tausend Weisen zu retten von dem Tod" oder eine Hungersnot wird von Fleischtöpfen abgelöst. Wie Martin, der Stubenpascha, durch eine Schmalzlerdus'n gestürzt wird, und wie sein Nachfolger der Dus'n und ihren Freunden Feindschaft schwört. Mein Blasenleiden verschlimmert sich und macht mich reif zur Vergasung. Dachau! Der Name schon machte, daß wir eine Gänsehaut bekamen. Er war ein Programm. Dieses Lager war berüchtigt und galt als das schlimmste von allen, und die Gestreiften erzählten sich böse Dinge von den Quälereien, 6* : 84 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU denen dort die Häftlinge ausgesetzt waren; es stand im Ruf eines Vernichtungslagers. Verdächtig war, daß viele Juden bei uns waren; mit denen hatten sie bestimmt nichts Gutes vor! Meine bösen Ahnungen! Sie verdichteten sich; ich konnte mich nur dem Schutze Michaels befehlen, des starken Recken. Doch wartete zunächst eine angenehme Enttäuschung auf uns. Es war ein Herbsttag, der zweite September, in dessen Mittagsstunden wir ankamen, tausend Mann stark, von denen einige den Strapazen der Reise in den Särgen gleich geschlossenen Viehwagen erlegen waren. Da standen wir auf dem Appellplatz des neuen Lagers; er übertraf bedeutend den des alten an Größe. Auch die Baracken waren breiter und höher als die Blöcke in Sachsenhausen. Sie standen, in zwei Reihen formiert, vor uns, und der Raum zwischen ihnen bildete eine Straße, die rechts und links mit besenartigen Pappeln bepflanzt war. Die Musterung zog sich stundenlang hin. Doch seht, was bringen sie da? Kisten mit runden Öffnungen; an Stangen tragen sie sie her. Der Sinn dieser sonderbaren Möbel ging mir erst auf, als ich endlich wahrnahm, daß sich Prozessionen aus den Reihen der Ankömmlinge bildeten, von denen sich einer nach dem andern auf der Öffnung niederließ. Ach so! Das war's! In Erinnerung an jenen Unglücksraben von Amtsanmaßer, dem bei der Aufnahme in Sachsenhausen keine Gelegenheit geboten ward, sich zu helfen, berührte mich diese einfache und so selbstverständliche Handreichung wie ein Werk edler Menschlichkeit. Das waren wir nicht gewohnt, daß auf unsere besonderen Bedürfnisse solche individuelle Rücksicht genommen wurde! Mochte das eine gute Vorbedeutung sein! Das Dachauer Klima, so rauh es auch war, war es nicht doch gegen die Kältewellen Sachsenhausens von bemerkenswerter Milde? Statt uns dem gefürch entfe Zv Dach wahr bis z lenst auf Lüge zur mens die der zen Ic Jung Back rote selbe mali sung Mei als I ben, bisc Hal ich kan legi Wie C mei ting Hit im iele chts ich; des ung in ark, gen den traf cken sen. der und astesie sie erst aus sich so! von usen hrte mung nicht olche eine h es SachgeALS ANFANGER IN DACHAU 85 fürchteten Strudel zu nähern, schienen wir uns von ihm zu entfernen. Zwar mit den traulichen Einzelzimmern war es nichts. Dachau als die Hochburg der hitleristischen Orthodoxie wahrte strengstens den Lagerstil von den bunten Winkeln bis zu den Block paschas und Stubenmoguls. Selbst die Meilensteine fehlten nicht. Nur daß sie hier in weißer Farbe auf dem Küchendach prangten und in Riesenbuchstaben die Lüge in den Himmel hineinschrien:„ Es gibt einen Weg zur Freiheit!" Aber es schien ein Ton zu herrschen, der menschlicher war als in Sachsenhausen. Oder war es nur die Oberfläche, die ruhig schien? Wirbelten die Strudel in der Tiefe noch gefährlicher als sonstwo? Schlichen die Katzen auf unhörbaren Pfoten? Ich hatte das große Los gezogen: der Stubenälteste, ein junger Mann am Ende der zwanziger Jahre mit roten Backen und grauen Haaren, war ein Schwabe. Er trug einen roten Winkel, über welchem ein schmaler Streifen derselben Farbe genäht war; das bedeutete, daß er ein ,, Zweitmaliger" war, d. h. daß er nach früher erfolgter Entlassung als Rückfälliger ein zweites Mal hereingekommen war. Mein Dialekt verriet mich ihm gleich beim ersten Worte als Landsmann; er sonderte mich mit einem weiteren Schwaben, der sogar ein Oberschwabe war und auf den schwäbischen Namen Ibele hörte, aus und machte mich wie ihn Hals über Kopf zum Tischältesten. Ich wußte nicht, wachte ich oder träumte ich: aus einem Verfemten, einem Todeskandidaten, war ich plötzlich ein Angehöriger der privilegierten Stände geworden! Mein Unglück war mein Glück! Wie danke ich Gott für diese Wendung! --Obendrein war der Stubenälteste nomen est omen mein Namensvetter. Er hieß Werner und stammte aus Nürtingen. Eines Prokuristen Sohn, hatte ér sich einst dem Hitlerismus zugewandt, fühlte sich aber bald von der inne 86 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ren Verwahrlosung, die er vorfand, abgestoßen. Er wurde Kommunist und geriet als solcher etwa dreiundzwanzigjährig in die Fänge der Gestapo. Gegen fünf Jahre hatte er nun schon hinter dem Stacheldraht zugebracht. Was mir besonders an ihm gefiel, war ein großer Bildungshunger, er las unglaublich viel und rasch; in einer Nacht einen Roman auszulesen, war für ihn eine Kleinigkeit. Sein Blockschreiber, ebenfalls ein Schwabe mit Namen Karl Hauff, stand ihm zur Seite und sorgte dafür, daß ein menschlicher Ton auf dem Blocke herrschte. Ich fühlte mich zum erstenmal ein wenig geborgen in der Nähe dieser treuen Menschen; durch sie lernte ich auch einen dritten Häftling kennen, den mir unvergeßlich gebliebenen Dr. Mattheyka aus Wien, gewöhnlich Viktor geheißen. Er war Altester der ersten Stube, ein Mann im besten Alter, etwa vierzig Jahre mochte er zählen. Aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung stammend, war er ebenfalls schon einige Jahre in Dachau. Die Tatsache, daß er führender Referent war, hatte genügt, um ihn der Staatspolizei in Wien als unsichern Kantonisten erscheinen zu lassen und ihn zur Strafe in tägliche Todesgefahr zu bringen. Er nahm sich meiner schon in den ersten Wochen brüderlich an und scheute sich nicht, dem tief unter ihm Stehenden höchst persönlich fast täglich einen Napf mit Kartoffeln oder Gemüse, öfters auch ein Stück Brotes herüberzubringen. Immer heiter, war er die Hilfsbereitschaft in Person; das Lager verdankte ihm und seinem kämpferischen Eintreten für das Wohl der Gefangenen unendlich viel. Nach allen Seiten hin streute der auch künstlerisch hochgebildete Mann Anregungen, ohne im geringsten müde zu werden. Durchaus kein Byzantiner, verstand er es doch, auch die SS stark zu beeinflussen, und er tat es zugunsten seiner Mithäftlinge. Mir ist er bis zu seiner Entlassung ein treuer Freund geblieben, den Gott oft benützt hat, mich aus schweren Ge fahren etwa wahrh schont war e ermü unzäh geben stattl es ha von I Büche word Da ware das I schw zuvo hause Faust Beide wie ware Dach neue und müh. endl nen den die kehr sie, "haus k zu inge. | ge ALS ANFÄNGER IN DACHAU 87 fahren zu retten. Ich war erschüttert, als ich hörte, daß er etwa ein Jahr zuvor am Baum hatte hängen müssen, eine wahrhaft bestialische Strafe. Wenn solche Leute nicht ge- schont wurden!— Als ich ihm zum ersten Male begegnete, war er just dabei, die Lagerbücherei aufzubauen. Mit un- ermüdlichem Eifer hat er sich dieser Sache angenommen, unzählige Sammlungen veranstaltet und Ratschläge ge- geben. Und wenn die Dachauer Bücherei allmählich zum stattlichen Bestand von 8ooo Bänden anwuchs, so hatte sie es hauptsächlich Dr. Mattheyka zu verdanken, der freilich von Dank nichts wissen wollte, so sehr es feststeht, daß die Bücherei vielen-Gestreiften eine Quelle der Erholung ge- worden ist. Das nenne ich Stubenälteste; die wußten, für wen sie da waren, für ihre Mithäftlinge und nicht für die SS. Da war das Leben auf dem Block nicht doppelt, sondern halb so schwer. Sie hatten harte Zeiten hinter sich. Wenige Wochen zuvor waren sie von dem Lager Flossenbürg und Maut- hausen zurückgekommen. Dorthin hatte sie die unsichtbare Faust von Dachau aus unerfindlichen Gründen verpflanzt. Beide Orte galten als ausgesprochene Vernichtungslager, wie denn Mauthausen allgemein„Mordhausen“ hieß. Sie waren dort ihren Todfeinden ‚ausgeliefert, denn während Dachau die Domäne der Roten war, regierten an den neuen Orten die Grünen. Hei,.da ging es zu! Betrug, Mord und Totschlag! Der Steinbruch war eine‘wahre Menschen- mühle. Aus der Tiefe heraus mußten zentnerschwere Steine endlose Stufen heraufgeschleppt werden, während die grü- nen Capos den Säumigen mit,Prügeln und Absätzen auf den Buckeln herumhantierten. Und abends, wenn sie auf die Blocks hundemüde zurückkehrten— falls sie zurück- kehrten— warteten wohl die blauen Kübel mit Suppe auf sie, doch nur, um oft genug voll wieder weggetragen zu 88 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU werden. Die grünen Kollegen warteten schon auf einen Nachschlag! Ein Glück nur, daß dieses Zwischenspiel von einem Inferno nicht lange dauerte. Die Faust packte die Figuren und schob sie wieder um einige Felder nach Dachau zurück Seither hatten die Grünen hier nichts mehr zu lachen!- Wir waren auf unserem Block streng abgeschlossen; er galt als Invalidenblock und hatte seine Geheimnisse, ähnlich wie die Blocks der Juden und der Bibelforscher. Nicht einmal zum Appell durften wir heraus. Daß ich dennoch endlich, endlich Verbindung mit meinen besten Freunden, den Büchern, bekam, verdankte ich dem Bücherfreunde Viktor. Unter seinem Beistand durfte ich es wagen, zur Bücherei zu schreiten. Nicht wenig war ich verwundert, in welchem Tone der Büchercapo, ein etwas vertrocknetes Männchen mit dem Zunamen Mickymaus, mit meinem Viktor umsprang. Mit den Büchern hatte er höchstens den Einband gemeinsam, denn in seiner mumienhaft gelben Haut glich er aufs Haar einem alten Schmöker, in Perga ment gebunden. Vergeblich sann ich dem Rätsel nach, warum die Weisheit der Lagerleitung ihn und nicht Viktor zum Vorstand der Bücherei gemacht hatte, und ich denke noch heute angestrengt aber vergeblich über diese Frage nach... Wie war das möglich, und wie war es möglich, daß Viktor vor ihm stramm stand und sehr zahm war, er, der so mutige Mann vom Rang eines Stubenmoguls? Nun, das Geheimnis war das: der eine war Capo und der andere nicht, und da gab es nur ein Parieren, sonst nichts, selbst für einen Wiener Doktor der Philosophie vom Schlage Viktors - Die Hauptsache war, daß ich meinen Freund bekam, ja, es war eine Freundin, Enrika von Handel- Mazetti, die kennenzulernen mir eines der wenigen Vergnügen war, welche mir das Lagerleben verschafft hat. Ich schämte mich ordentlich, daß ich von diesem Genius der Erzäh lungs Die B reiche versä drauf mir i überl war drun ause A nur Bitte Ohr einer was Ich Stur lich Rad auc met gro dies B ken Tis der Vor bel Rei Sei Di ve ınen In ure rück, 1,€ ähn-| Nicht .nod den, und: zu t, in net& Vik- den elben erga:) arum zum noch ilktor! er 9 s Ge nicht, t für) ktors. m, ja, i, die wat, hämte 89 lungskunst bis dahin nichts gekannt hatte als den Namen. Die Bücher dieser herrlichen Frau’haben mir manche genuß- reiche Stunden hinter dem Stacheldraht verschafft, und ich versäumte nicht, eine ganze Anzahl, soweit man sie noch draußen haben konnte, zu stiften. Zum ersten Male trat mir in diesen Werken der Katholizismus in einer wirklich überlegenen modernen Vertreterin gegenüber,— und das war für mich ein Erlebnis, da ich mich von Jugend an ge- drungen fühlte, mich innerlich mit der Weltkirche Roms auseinanderzusetzen. Auch Zeitungen gab’s. Aber eine neue Nummer hatte nur der Stubenälteste; eines Tages wagte ich schüchtern die Bitte, sie mir zu leihen, und siehe, ich erntete nicht eine Ohrfeige von ihm, sondern die Zeitung. Sofort war ich von einer Horde umringt, die vollkommen ausgepumpt waren, was Neuigkeiten betraf. Es waren meist Juden und Polen. Ich gebot ihnen, sich zu lagern und las ihnen vor. Von Stund an ersetzte ich ihnen den Radiomast, der ihnen täg- lich die letzten Sensationen durchgab.„Achtung, Achtung, Radio Dachau!“ Da ich nicht nur das Schwarze, sondern auch das Weiße zu lesen verstand und es entsprechend dol- metschte, so erfreuten sich diese Sendungen bei allen Nationen großer Beliebtheit. Ein Wunder, daß die Gestapo nicht hinter diesen Geheimsender kam. Bei dieser Gelegenheit lernte ich einige wackere Menschen kennen unter Juden und Polen. Moses Katz, der meinem Tische zugeteilt war, entsprach keineswegs dem Bilde, das der„Stürmer“ von der mosaischen Rasse zeichnete Klein von Gestalt, hatte er etwas Großzügiges im Wesen, das ihn beliebt machte. Kein Wort der Erbitterung gegen das Dritte Reich, das ihm so sehr ‚zusetzte, kam über seine Lippen. Sein Gerechtigkeitsgefühl machte es ihm möglich, sogar für Dinge Verständnis aufzubringen, die wir Deutschen erbittert verurteilten. Es tut mir heute noch leid, daß ich ihn bald ALS ANFÄNGER IN DACH AU 90 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - aus den Augen verlor. Die Israeliten wurden nach einigen Wochen von uns getrennt, kamen auf einen eigenen Block ( 15) und sind bald darauf überhaupt aus dem Lager verschwunden wahrscheinlich um in den Gaskammern von Auschwitz ihren Tod zu finden. Unter den Polen lernte ich zwei Häftlinge schätzen, die mir rechte Freunde geworden sind: Major S. aus Warschau und seinen Landsmann Swida. Der letztere war in einem Kaffeehause verhaftet und, ohne sich seinen Angehörigen bemerkbar machen zu können, nach Deutschland verschleppt worden. Von Beruf Journalist, hatte er die ganze Welt kennengelernt. Er stammte aus einer uralten adligen Familie, und es klang mir wie aus einem Roman Dostojewskis, wenn er von dem behäbigbreiten Leben erzählte, das der polnische Landadel noch zur Zeit seiner Jugend führte. Eine großartige Gastfreundschaft, von seinem Großvater gepflegt, führte nicht selten sechzig bis siebzig Gäste wochenlang auf dem Edelsitz zusammen. Auch Napoleon weilte einst auf dem Gute, das in der Nähe von Witebsk lag. Von ihm wurde auch ein Ausspruch in der Familie bewahrt, der sehr lehrreich ist, weil er einen Blick in die Seele Bonapartes tun läßt: ,, Witebsk", sagte er, als die Rede davon war, hier zu über, was ist Witebsk?" Er wählte Moskau und damit wintern, seinen Untergang. دو Können Meilensteine Blüten treiben? Die Doktoren der Naturwissenschaft antworten mit einem prüfenden Blick auf den Frager: Nein, sie haben's nie getan und werden's nie tun. Und doch tun sie's! Der Meilenstein ,, Sauberkeit" auf dem Wege zur Freiheit allhier in Dachau trieb absonderliche Blüten, dafür gibt es Zehntausende von Zeugen. Oder war es nicht eine recht farbenschöne Blüte, das Reinlichkeitsdelirium, das bei den Stubenmoguls ausbrach und ihren Blick auf den Boden heftete? Auf den Stubenboden! Der mußte glänzen wie Parkett in einem Grafenpalais! Mogul Hausfr den sch Die SS sündha garine den. U ward nicht r schuhe hatten mußte nach d herunt löcher toffel gar n räume dies n stein wir h Duft Ich Filzso wäre sten. Land stieß. brief ,, Schu Guns dürf schre von nte or am ftet zu ruf Er ang| lem del ast- icht del- das ein ist, ißt: ber- ‚mit| der| jlick| en’s| . eit der- das rach ben- ALS ANFÄNGER IN DACHAU gI palais! Spiegeln mußtest du dich können drin! Und jeder Mogul suchte den andern zu übertreffen wie närrische Hausfrauen, die darin wetteifern, welche den glättesten, den schönsten Stubenboden hätte? Woher das Bohnerwachs? Die SS liefert es nicht, es mußte organisiert werden mit sindhaft teurem Geld, nämlich mit Brotlaiben und Mar- garinewürfeln, die wiederum den Häftlingen entzogen wur- den. Und dann kam es, wie es kommen mußte: Vernunft ward Wahnsinn, Wohltat Plage. Das glatte Parkett paßte nicht mehr zu den rohen Gestreiften; zu ihren groben Holz- schuhen und den schmutzigen Lappen, die sie‘am Leibe hatten; nein, dazu paßten die Spiegelböden nicht. Wer_ mußte sich nach wem richten? Natürlich nicht die Böden nach den Mistbären, sondern umgekehrt, das war klar! Also herunter mit den Schuhen, selbst im eisigsten Winter in löcherigen Strümpfen auf dem kalten Boden! Denn Pan- toffeln hatten nur wenige. Am.besten, man ließ die Horde gar nicht in das vornehme Zimmer, hinein in die Schlaf- räume oder sonst ein Loch, nur nicht aufs Parkett.— War dies nicht eine herrliche Blüte, und trieb sie nicht der Meilen- stein Sauberkeit? Ja, gewiß, aber uns wäre wohler gewesen, wir hätten sie nie gesehn. Denn es war eine Giftblüte, deren Duft uns den Atem nahm und das Leben verekelte.— Ich erinnerte mich, daß mir die Nachbarinnen meine Filzschuhe in den Alex gesandt hatten. Wenn sie noch da wären? Sie konnten meinen kalten Füßen gute Dienste lei- sten. Also holen: das war aber nicht so einfach in diesem Lande, wo jeder Schritt auf Stacheldraht und Fußangeln stieß. Da mußte ich zuerst einen sogenannten„Rapport- brief“ schreiben an die allerhöchste Lagerbehörde, worin der „Schutzhäftling Gotthelf Ekkehart gehorsamst“ um die Gunst flehte, seine„Pantoffeln sich aushändigen lassen zu dürfen“. Bis dies Gesuch den Instanzenweg über den Block- schreiber und die Lagerschreiber zum Lagerführer geschlichen 92 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ohnmä unsere einen r andern vierte gattert. sich au in den Krätze Polen, begann Versuc mit de tägige zogen und zurückgeschlichen war, konnte die Katze den Baum spüren, hinauf, das heißt der Winter dahin sein und die große Zehe aus, geg erfroren. Es ging diesmal rascher, und ich war froh über die nachbarliche Fürsorge und Vorsorge, die einen so ver wickelten Fall schien vorausgesehen zu haben. Das größte Wunder aber war, daß die Pantoffeln noch da waren: wahr haftig, man holte sie aus der unförmigen Papiertüte, Effekten sack geheißen, heraus. So hatten sie also die Reise von Sachsenhausen durch Diebe und sonstige Fährlichkeiten glücklich überstanden. Sie bildeten lange Zeit einen ängst lich gehüteten Schatz, den ich bei den ungezählten Verle gungen nicht aus den Augen ließ, bis ihn mir ein Pascha als ,, Läusefänger" brutal wegnahm und elend verbrannte.- Da wir sonst in Ruhe gelassen wurden, gefiel es uns um Werner herum so gut, daß wir uns sträubten, uns für die Arbeitsblöcke anheuern zu lassen. Das geschah von Weih nachten ab regelmäßig alle Woche einmal. Wir Toren, die wir uns allzurasch hatten in Sicherheit wiegen lassen, weil wir eine halbe Meile gefahren waren, ohne daß ein Strudel sichtbar geworden wäre! Wir wußten nicht, welcher Gefahr wir uns aussetzten, indem wir uns auf dem Invalidenblock anzusiedeln gedachten! Die folgende Zeit hat es uns gelehrt. Wer weiß, was mit mir geschehen wäre, hätte mich die geheimnisvolle Hand nicht der Faust entrissen, die bereits nach mir zu greifen im Begriffe war. Ob wir wollten oder nicht, viele von uns wurden gezwungen, den Block zu ver lassen. Es war nämlich eine Hautkrankheit unter uns ausgebrochen, deren Ursachen nicht genau feststehen. Vermut lich waren wir die Opfer eines Experiments geworden, wel ches die sogenannte Gesellschaft zur Ernährung und Verpflegung mit den Häftlingen vornahm. Sie waren dabei, allerlei Rezepte für Kriegsfett auszuprobieren, und die Ver suchskaninchen waren wir. Es ging mit rasender Geschwin Mitgl digkeit. Einer nach dem andern begann das. Jucken zu auch d kleiste weise hatten den, f zu hel einen dem E drückt wuchs fünfta zu. E Der E flogen Haar sie m e. ver ALS ANFANGER IN DACHAU 93 aum spüren, ein Ausschlag breitete sich über den ganzen Körper Zehe aus, gegen welche sich alle Mittel, die wir anwandten, als über ohnmächtig erwiesen. Und was gab uns unsere Armut und unsere Verzweiflung nicht alles für Hausmittelchen ein: die ößte einen rieben sich mit dem Schaum ihrer Rasierseife ein, die ahr andern mit Zahnpasta, wieder andere mischten beides, und ten vierte hatten vom Revier eine übelriechende Teersalbe ervon gattert. Nur wenige blieben verschont. Eines Tages ließen eiten sich auch meine Flecken nicht mehr verleugnen, so daß ich ngst in den sauren Apfel beißen und den Block mit einem der erle Krätzeblöcke vertauschen mußte. Ich tat es mit Swida, dem a als Polen, zusammen. Es war eine grauenvolle Zeit, die nun begann. Wahrscheinlich verwandten sie uns aufs neue als 5 um Versuchstiere, denn sie fuhren mit ihren Mitteln herum wie die mit der Stange im Nebel. Die ersten mußten eine achtWeih tägige Hungerkur mitmachen, wo ihnen sogar das Brot entdie zogen wurde. Der Aussatz verschwand davon wirklich, aber weil auch die Patienten, nämlich im Krematorium. Dann überrudel kleisterten sie uns mit Schwefelschmiere, die sie uns kübelefahr weise lieferten; alles umsonst. Weder Decken noch Kleider block hatten wir, und da des Nachts die Fenster aufgerissen wurlehrt. den, fror uns erbärmlich und Swida wußte sich nicht anders e ge zu helfen, als indem er einen der schweren Strohsäcke wie ereits einen Grabstein auf sich wälzte; ich machte das nach mit oder dem Erfolg, daß ich zwar nicht mehr fror, aber dafür fast erdrückt wurde und erstickt wäre. Die Zahl der Kranken wuchs mit jedem Tage; sie war allmählich auf vier- bis fünftausend angewachsen; das ging nicht mit rechten Dingen zu. Eines Tages wurden wir auf einen andern Block verlegt.. Der Empfang bestand darin, daß wir im Bogen in die Stube Habei, flogen, von liebenden Fußtritten in Bewegung gesetzt. Ums Ver Haar hätte ich meine Pantoffeln dabei eingebüẞt; denn ein Mitglied des hochachtbaren Vereins vom Stubendienst hatte sie mir bereits entrissen, angeblich um sie in den Ofen zu verausmut welVerwin n zu 94 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU verbu dernf Da das e unbel aufer Stim grüß merk bilde sein. sich Es w verr dem werfen; in Wirklichkeit um sie selbst für sich zu requirieren Da kam mein ehemaliger Stubenältester zur Türe herein mit seiner Hilfe gelang es mir, die Kostbarkeit den Flam men wieder zu entreißen. Ja, es war eine gräßliche Zeit und erinnerte an die schwarzen Tage von Sachsenhausen. Die Grünen und Schwarzen hatten das Heft in der Hand. Sie quetschten uns aus wie Zitronen. Brückenzoll wurde erhoben in Form von Zigaretten für jeden Atemzug. Für jede Klan Plätzchen und jeden Kissenteil mußte berappt werden. Wer es nicht tat, dem lagen die Ohrfeigen näher als das Brot messer. Bis der Spuk plötzlich aufhörte; an einem schönen Nachmittag tauchte unversehens der Racheengel auf in Gestalt des roten Blockmoguls Weber. Zuerst wurden den Grünen die Matratzen umgedreht und, als darunter ein wahres Diebeslager zum Vorschein kam, auch die Hosen Darauf wurde aus dem Nebenraum ein Geräusch gehört wi von klatschenden Hieben und ein Winseln wie von heulen den Hunden, und die Gerichtskatastrophe war zu Ende. Id habe aber nie in einem Leben Gesichter von solcher Ver dutztheit gesehen wie damals, noch ein solch befreiendes Gefühl der Erleichterung empfunden. Denn nichts erhebt den ungerechten Menschen so bis in den Himmel, als wenn er Augenzeuge wird vom Walten der Gerechtigkeit.- Das Walten der Ungerechtigkeit bekamen wir Aussätzigen noch genug zu spüren. So, wenn wir hohen, höchsten und allerhöchsten Besuch aus SS- Kreisen erhielten. Da mußten wir auf unseren Strohsäcken stramm stehen vor den Herren, die sich selbst nur mit Mühe aufrecht halten konnten. Ihr Krankenbesuch war denn auch nur von kurzer Dauer. Die Schuld an unsern ekelhaften Leiden schoben sie uns selbst zu, den Dreckbären; es wurde uns angedeutet, daß der Ausschlag nur eine Folge unserer Verwahrlosung sei, und den Schluß machte der Befehl, endlich gesund zu werden, sche Isra brac ware liche Plän Näh am Jahr die eine eine es w gebi Din alle ALS ANFÄNGER IN DACHAU 95 rieren verbunden mit der Drohung, wir hätten uns die Folgen anherein dernfalls selbst zuzuschreiben. Flam it und n. Die n. We chönen auf in en den cer ein Das Osterfest ,, feierte" ich auf dem Krätzeblock. Es war das erstemal, daß ich es im Lager erlebte. - ,, Christ ist erstanden!" mit dem Ruf weckte uns eine nd. Si unbekannte Stimme in aller Osterfrühe. ,, Er ist wahrhaftig thob auferstanden, Halleluja!" antworteten ihr mit frohem jedes Klange aus verschiedenen Ecken des Schlafraumes andere Stimmen. Wie schön sich diese Katholiken gegenseitig beBrot grüßen, fuhr es mir durch den Sinn. Am Vormittag bemerkte ich einen Gestreiften, um den sich eine Gruppe gebildet hatte. Sie schienen in ein eifriges Gespräch vertieft zu sein. Ich trat näher und merkte, daß es Juden waren, die sich mit einem Pfarrer über die Auferstehung unterhielten. Es war der evangelische Pastor Gabriel aus Halle, und er verriet mir, daß er es gewesen, der uns in der Frühe mit dem Ostergruß geweckt hatte. Dank ihm für sein ungescheutes Grüßen! Dank ihm auch dafür, daß er den Söhnen de. Id Israels den Messias als Auferstandenen so brüderlich nahe r Verbrachte! Ahnte er, daß es die letzte Stunde war für sie? Sie waren umwittert von einem Hauch der Tragik, Unheimerhebt liches schien sich gegen sie vorzubereiten, Abteilung D spann Pläne gegen sie, horch das Gurgeln des Wirbels in aller Nähe! Gut, daß sie noch etwas vom Lebensfürsten hörten ätzigen am letzten Passah, das sie hienieden erlebten- ,, Übers Hosen Ort wi meulen eiendes s wenn en und Jahr in Jerusalem!" - - - Ja, in Jerusalem, das droben ist, mußten die ist unser aller Mutter! Unter ihnen gewahrte ich Herren, einen Mann in vorgeschrittenen Jahren, mit dem Antlitz en. Ihr eines Gebildeten. Wie ein Millionär sah er nicht aus. Aber er. Die es war ein Millionär, ein Großindustrieller aus dem Ruhrgebiet. Stahl war sein Name. Seine überlegene Art, die Dinge zu sehen, machte Eindruck auf mich. Auch bei ihm. stieß ich auf die maßvolle Beurteilung des Hitlertums ohne alles auffallende Wesen. Es mußte ein Menschenfreund sein, = selbst aß der ei, und verden, 96 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU wie man sie in seinem Volke immer wieder trifft. Tiefes Mitgefühl überkam mich, wenn ich ihn betrachtete. Als ich ihm von meinen Plänen, Professor Heims Werke in der angelsächsischen Welt bekannt zu machen, erzählte, trug er mir Grüße an seinen Verwandten in Newyork, den Inhaber des Bankhauses Warburg, auf. Ich habe ihn so wenig wie seine Landsleute nie wieder gesehen. Sie sind ihren Vorgängern nach Auschwitz gefolgt, darüber kann kaum ein Zweifel bestehen. Der Aufenthalt auf dem Krätzeblock schloß mit einem Kuriosum ab, dessen ich noch gedenken möchte. Nach einem Bade waren wir an den wachsamen Augen des Capos vor übergezogen, der uns entweder zur Rechten oder zur Linken stellte, je nachdem, ob er uns zu den noch aussätzigen Böcken oder zu den stubenreinen Schafen weisen wollte. Als abge zählt wurde, fehlte bei den Schafen einer, und was stellte sich zum allgemeinen Staunen heraus? Ein Geheilter hatte sich wieder zu den Kranken zurückgeschlichen, und dieser sonderbare Vogel war ein Entlassener! Wirklich, er war entlassen! Konnte aber seiner Krätze wegen noch nicht hinauskommen. Ob es ein halber Narr war oder ein ganzer? Auf jeden Fall glaubte er, als der Bruder von der Landstraße, der er war, hinter dem Stacheldraht im Dritten Reich mehr Freiheit zu genießen als davor. den S den s waren Wohl unbar ihm! bis be rollte den B So ein A omina auf d gehei Reise Pfarr wille gesun Katze Grüb Todes sagter aus B stapo Nach Ange das b rücht Daß wir nicht mehr auf den Block 21 zurückkehrten, bedauerten zwar manche, aber es war sichtlich die Fügung der unsichtbaren Hand. Denn es zeigte sich jetzt, wie mich meine Ahnung keineswegs betrogen hatte, als sie mich mit be klemmenden Gefühlen erfüllte in Hinsicht auf die SS- Ver- zur heißungen. Jetzt begannen sie die berüchtigten Transporte gefül zusammenzustellen von Invaliden, Kranken und Körper schwachen, von denen man nie wieder etwas erfahren hat Die Abteilung D war am Werk, die Wasser fingen an zu kochen. Wehe den Alten, den Einarmigen, den Buckligen brach sicken ein I sich Zweita ALS ANFÄNGER IN DACHAU 97 iefes den Schwindsüchtigen, wehe! Sie wurden herausgeholt aus sich den schützenden Buchten der Kommandos, wer sie auch der waren, und wie lange sie auch immer im Lager weilten. g er Wohl dem, der einen Freund hatte, welcher ihn vor dem aber unbarmherzigen Zugriff schützte! Wer keinen hatte - - wehe wie ihm! Die Listenschreiber hatten Tag für Tag zu tippen, bis bei Nacht und Nebel der erste dieser Unheilszüge abrollte; sogar aus dem Revier hatten sie sie in letzter Minute den Betten entrissen und auf Tragbahren mitgeschleppt. n ein vor- - einem So mancher indessen, dem weder ein Arm fehlte noch einem ein Auge noch ein Fuß, wurde nichtsdestoweniger auf die ominöse Liste gesetzt Geheimnis der Katzenpfoten! Die inken auf dem Aussterbe- Etat Stehenden, die Miẞliebigen, die insöcken geheim zum Tode Verurteilten, sie wurden alle mit auf die abge Reise genommen, auf die Reise ins Jenseits. So jener stellte Pfarrer X. aus Berlin, der um eines leichten Ausschlags hatte willen ins Revier kam warum mußte er mit? Ein kerndieser gesunder Mann in den vierziger Jahren? Geheimnis der r war Katzenpfoten! Er war Sekretär des Hilfswerks von Pfarrer nicht Grüber für nichtarische Christen war das vielleicht die anzer? Todesursache? Nämlich nach etlichen Wochen traf bei beLand- sagtem Geistlichen, der auch im Lager war, die Nachricht Dritten aus Berlin ein, daß sein Sekretär laut Mitteilung der Ge- - - von den stapo an Herzschlag gestorben sei. Solche und ähnliche en, be- Nachrichten erhielten auch andere Häftlinge ng der Angehörigen Unglücklicher, die sie zufällig kannten. Und meine das bestätigte den Verdacht, der sich auf Grund von Geit be rüchten im Lager gebildet hatte. Mit der Zeit wurde es uns S- Ver zur Gewißheit, daß hier ein fürchterlicher Mordplan ausgeführt werde; selbst der Name des unheimlichen Ortes asporte sickerte durch, wo den Ärmsten der Garaus gemacht wurde: ein Lager bei Linz sei es, und die Invaliden, flüsterte man sich gegenseitig zu, würden in Gaskammern ums Leben gebracht. Sie bekämen Handtuch und Seife in die Hand geCörper en hat an zu kligen. Zweitausend Tage Dachau 7 98 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU drückt, als ob's zum Bade ging, und in der Tat stehe über der Türe der Zelle harmlos ,, Brausebad". Aber sie verließen sie nur als Leichen, ein heimtückisches Giftgas habe sie erstickt. über rann die H ihn n beinal es sch Büche traff ein S alle einigt Wie furchtbar sind unsere Ahnungen und diese Gerüchte bestätigt worden!- Von Mauthausen wurde sogar berichtet, daß dort die ankommenden Häftlinge das am Bahn- desser dem hof wartende Auto lebend bestiegen, aber das Lager nur als Tote erreichten: eine kunstvoll nach der Anweisung des Arztes Kreuz ins Auto eingebaute Vorrichtung ließ Gas entströmen, in welchem den Passagieren der Atem für immer ausging. Ermißt irgendein Menschenherz die Ängste, in welchen so eine arme Kreatur schwebte, welche an irgendeinem Übel litt? Ein polnischer Gestreifter, der mir seit langem bekannt war, und der, im Weltkrieg auf deutscher Seite kämpfend, ein Bein verloren hatte, erzählte mir, er sei achtmal zu seinem eigenen Begräbnis gegangen. Er wollte damit das bleiche Grauen andeuten, das ihn jedesmal befiel, wenn ein Transport angekündigt wurde. Nicht weniger als acht Male war er ausgesucht worden und stand sein Name bereits auf dem Verzeichnis. Nur der treuen Kameradschaft seiner deutschen Leidensgenossen hatte er es zu verdanken, daß er jedesmal im letzten Augenblick aus dem Wirbel wieder herausgezerrt wurde. Und da selbst der Gesundeste von heute auf morgen zum Krüppel werden konnte, so lebten wir alle auf einem Vulkan und waren in Todesgefahr, selbst wenn der Boden fest zu sein schien. Die geringste Bagatelle konnte zur Katastrophe ausarten, die dich in die Tiefen hinunterzog. Der Gefahr unter Michaels Fittichen glücklich entronnen, gondelte mein Schifflein zunächst in ruhiges Fahrwasser hinein. Zwar hatte auf dem neuen Block 9, welcher mich aufnahm, ein Wiener Stubenmogul nicht übel Lust gezeigt, mir Erpresser auf den Hals zu laden und auf dem Umweg gange genar schick sich Er schre von und losop schaf schen Vorg war entst Unr Häls Kör Bod bert. verw eßen e sie ahnrztes n, in g. en so Übel xannt d, ein einem ALS ANFÄNGER IN DACHAU - 99 über über die Bettfolter Veilchenaugen zu machen, aber ich entrann seinen menschenfreundlichen Absichten, als ich unter die Hilfsschreiber eingereiht wurde. Ein Aufstieg, wie ich ihn mir nicht hätte träumen lassen! Ums Haar wäre ich ichte beinahe zum Blockschreiber vorgerückt; Freund Hauff hatte bees schon eingeleitet und die Kammer mich umgekleidet. Indessen beglückwünschten sie mich zu früh: der Blockpascha, dem ich an die Seite gestellt werden sollte, machte ein Kreuz vor folgenden 4 Menschensorten: vor Unternehmern, Büchermenschen, Christenmenschen und Schwaben! Ihn traf fast der Schlag, als er zufällig davon hörte, daß ihm ein Schreiber auf den Hals geschickt werden solle, welcher alle vier schlimmen Eigenschaften in einer Person vereinigte. Das wäre über seine Fassungs- und Tragkraft gegangen, versteht sich. Die maßgebende Behörde, der sogenannte Arbeitseinsatz, hatte denn ein Einsehen und schickte mich zwar hin, aber nur als Hilfsschreiber; womit sich dann Hax- so hieß der Mogul zufrieden gab. Er mußte es freilich erleben, daß ihm alsbald ein Blockschreiber präsentiert wurde, welcher immerhin zwei der von ihm verabscheuten Eigenschaften aufwies: der Bücherund Christenmensch Fritz Kühr, weiland Doktor der Philosophie und hoher Beamter der katholischen Gewerkschaftsbewegung Österreichs. Ich konnte mich beglückwünschen, daß dieser überlegene Mann ein halbes Jahr mein Vorgesetzter wurde. Unter seltsamen Begleiterscheinungen war er in meinen Gesichtskreis getreten. Eines Morgens entstand in der Nähe des Judenblocks beim Appell eine Unruhe; die Zahl wollte nicht stimmen, und als wir unsere Hälse reckten, um zu sehen, was vor sich ging, flog eben der Körper eines kleineren Mannes in hohem Bogen auf den Boden, vom Fußtritt eines Herrenmenschen dahin gezaubert. Er hatte ihn wohl aus Versehen mit einem Fußball verwechselt. Es war aber kein Fußball, sondern ein leibleiche Transe war f dem tschen Hesmal gezerrt n zum Vulkan Fest zu trophe onnen, wasser er mich gezeigt, Umweg - 7* IOC ZWEITAUSEND TAGE DACHAU trug die P wie e polni versa eigen eine Gegen Rolle einen des unter fernz haftiger Doktor der Philosophie, Fritz Kühr, der als Blockschreiber bei den Juden amtete, während der Capo Knoll, der berüchtigte Judenmörder, den Blockmogul machte.- Dr. Kühr, schwer an Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen leidend, war einer von den Alten, die den Auszug nach Flossenbürg mitgemacht hatten, und stand in hohem Ansehen bei Freund und Feind. Mit Geduld nahm er sich des neugebackenen Schreiberleins an, gab ihm in der Kartei Beschäftigung und drückte beide Augen zu, wenn er bemerkte, daß sein Lehrling sich öfters auf die Seite schlich, um geheime Aufzeichnungen zu machen. Dies hatte ich schon in der Sachsenhauser Zeit getan, mußte beim Weggang aber lins die Papiere vernichten. Kaum hatte ich jedoch in Dachau eine Gelegenheit ergattert, so begann ich meine illegale Beschäftigung wieder aufzunehmen, wohl wissend, daß ich dabei mit einem Fuße im Grabe stand. Er selbst beschränkte sich darauf, sich zahlreiche Notizen aus Büchern zu machen, die er, hinter dem Ofen versteckt, las. Mir schien dies etwas sehr ängstlich zu sein. So hatte er mir einst auch einen lateinischen Prunksatz aus der Liturgie des Christkönigsfestes aufgeschrieben, damit ich ihn auswendig lerne. Er war entsetzt, als er das Blättchen nach einiger Zeit noch bei mir entdeckte und beschwor mich, es unverzüglich in den Ofen zu werfen. Nun, er hatte seine Erfahrungen hinter sich, während die meinigen noch nicht ausreichten, um ihn voll zu verstehen. Je länger ein Gestreifter im Lager war, desto vorsichtiger wurde er. Erst allmählich enthüllten sich uns die Abgründe, an denen sich unser Fuß täglich, ja stündlich entlangtastete. Mit Fritz Kühr verband mich ein Geheimnis. Wir gingen beide streng verbotene Pfade zu einem streng verbotenen Ziel, dem Pfarrerblock. Diese Einrichtung gab es in der Tat, und zwar in doppelter Ausfertigung: einen für die polnischen und einen für die deutschen Geistlichen. Dieser der H unter Und direk ladu das! hielt einen zum Zutr verb tung als, 1 küns sich, ihne hart W eine Mich 1oll, nach twas inen nigs- SER noch ch in| ngen hten, r im ‚hlich Fuß! ingen tenen ı der r die Jieser ALS ANFÄNGER IN DACHAU 101 trug die Nummer 26, jener die Nummer 28. Früher waren die Pfarrerhäftlinge unter die übrigen hineingesät worden, wie es sich gehörte. Mit dem Ende des Jahres 1940, als der polnische Klerus, soweit nicht tot, fast vollzählig in Dachau versammelt war, lohnte es sich, für die geistlichen Herren eigene Blocks zu eröffnen. Nicht als ob man ihnen ırgend- eine Vorzugsstellung eingeräumt hätte— beileibe! Im Gegenteil, sie waren die Lagerparias, die Polen in dieser Rolle ablösend. Die Absonderung der Kirchenmänner hatte einen anderen Grund. Sie ging auf eine Anordnung Ber- lins zurück. Die Geheime Staatspolizei hielt den Einfluß des Christentums für- so gefährlich, daß sie die Pfarrer unter allen Umständen von den übrigen Lagerbewohnerr - fernzuhalten wünschte. Glich doch nach der Überzeugung der Herrenmenschen das Evangelium einer Dynamitbombe unter dem Fundament ihres„tausendjährigen“ Reiches. Und in jedes Boten Hand sahen sie eine Zündschnur, welche direkt zu diesem Pulverfaß hinleitete und es zur Ent- ladung zu bringen vermochte. So gefährliche Burschen waren das! Kein Wunder, daß man sie wie Aussätzige gesondert hielt und ihre Leiber innerhalb des Stacheldrahts noch mit einem weiteren Draht umgab. Das Tor, das durch diesen zum Block führte, war Tag und Nacht geschlossen und der Zutritt für die Insassen der anderen Baracken strengstens verboten. So gestattete.man ihnen zwar sogar die Einrich- tung einer Kapelle; die erste Stube des Blocks 26 durfte als, Kirchenraum benutzt werden. Aber war es nicht ein künstliches Gebilde? Es fehlte die Gemeinde! Sie mochten sich, die Hochwürden, gegenseitig anpredigen, soviel es ihnen beliebte; aber den übrigen Häftlingen war es bei harten Strafen verwehrt, sich daran zu beteiligen. Wer es sich verwehren ließ! Fritz Kühr kümmerte sich einen Pfifferling um die Verbotstafel, was ging ihn die an! Mich ebensowenig— und als wir uns das erstemal auf dem 102 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU eine schlag Ein hause Kirchenboden ertappten, sahen wir uns gegenseitig vielsagend an und lächelten. Ein jeder wußte nun, was er vom andern zu halten hatte, und solch ein Geheimnis kittet zusammen. Wir sangen zwar aus verschiedenen Gesangbüchern, aber es war doch eine Gemeinsamkeit, die uns vereinigte geko Etwas von der Wirklichkeit der Una Sancta war es, was wir im Innersten verspürten. Eins der nachhaltigsten Erlebnisse bedeutete für mich der erste Gottesdienst: der erste Choral, den ich seit langem mitsang, das erste Bibelwort, die erste Predigt- ich war bewegter, als ich es zu sagen vermag. Als ich zum ersten Male Bekenntnis und Vaterunser im Kreise der Brüder mitbeten durfte, zitterte mir die Stimme. ,, Ich glaube an eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen!" und etwas von diesem Glauben durfte ich in diesem einfachen Raume erleben unter den so ärmlich gekleideten Männern mit den vom Leiden gezeichneten bleichen Gesichtern. - Warum uns die Herrenmenschen die Aufrichtung nicht gönnten, die in solchen Stunden lag? Vielleicht hätte Abteilung A zugestimmt; die Arbeitswilligkeit wurde gefördert. Aber das Dynamit, die Zündschnur- das war's! Die Sicherheit des Reiches war gefährdet, also weg damit! Die Männer, die uns die heimliche Gastfreundschaft gewährten, begaben sich selbst in des Teufels Küche. Sie mußten, sobald einer entdeckt wurde, damit rechnen, daß sie ihnen die Kapelle sperrten. Aber sie kümmerten sich so wenig um die Drohungen wie wir. Bis zum letzten Sonntag Cantate breitete Michael seine Flügel über uns, daß Luzifers Anschläge ohne Erfolg blieben trotz aller Spitzelund Judasgestalten, die er gegen unsere Gottesdienste gedingt hatte. Ganz im Gegenteil; er mußte zusehen, daß es mir gelang, ränk griff Kom der S zufül wede Es w ladu trage besa wir hatte und ich Tage die So I gene ausg tun er r Die und geh der sein dies Me seie viel- vom ZU- ern, igte, was ı der gem war rsten mit- eine ein- Jeten nicht Ab- ‚eför- ! Die ge) muß- B sie ch so Sonn- ‚ dah jitzel- te ge- ALS ANFÄNGER IN DACHAU 103 eine ordentliche Bresche in das Bollwerk seiner Festung zu schlagen. Das ging so zu: Eines Tages entdeckte ich den alten Freund aus Sachsen- hausen, Fabisch. Er war zunächst an den Rand des Grabes gekommen, hatte auch allerlei zu erdulden gehabt von ränkesüchtigen Gestreiften. Bis die unsichtbare Hand ein- griff und ihm in den Ausrüstungswerkstätten ein gutes Kommando verschaffte. Ihm fehlte aber die Verbindung mit der Schrift, weswegen er mich bat, ihn ins Gotteswort ein- zuführen. Da war guter Rat teuer, denn Bibeln gab es nicht, weder besaß ich eine, noch gab die Bücherei welche aus. Es war ein allzugefährliches Buch— mehr eine Spreng- ladung als ein Buch. Jetzt begann ein Kapital Zinsen zu tragen, welches jahrelang ein toter Besitz gewesen war: ich besann mich auf die Worte der Schrift und die Lieder, die wir einst in Schule und Haus unserm Gedächtnis eingeprägt hatten. Ein Stern um den andern begann aufzuleuchten und auf den nächtlichen Weg sein Licht zu werfen, wenn ich des Morgens, da es noch dunkelte, meinem Freund den Tagesspruch sagte. Wie wir uns dran hielten und wie sich die Worte bewährten! Bald gesellten sich weitere zu uns, so Ludwig Hennych, der Sekretär Mazaryks aus Prag, We- gener, der Warschauer Vikar und mancher andere Arme mit ausgelaugter Seele. Wer war froher als ich, diesen Dienst tun zu dürfen! So bescheiden er war, so köstlich dünkte er mich, denn kein anderer konnte ihn tun. Den amtlichen Dienern der Kirche war der Zutritt zum Lager verwehrt, und die Häftlingspfarrer wurden künstlich von uns fern- gehalten— aber da war einer, der lebte unter ihnen, und der konnte„nicht sehen des Knaben Sterben“. Und wenn sein Weg ins Lager den einzigen Zweck gehabt hätte, in diesen Morgenstunden ein paar von aller Welt verlassenen Menschen zu bezeugen, daß sie von Gott nicht verlassen seien— wäre das nicht Lohnes genug gewesen? Vielleicht 104 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mußte ich eigens hierherkommen, um den einen oder anderen der Ausgestoßenen die gute Botschaft zu bringen, die einzige, welche der Mühe wert ist, daß sie gebracht wird. Und wenn das so war, so konnte kein Preis hoch genug sein und kein Opfer zu schwer, um die Himmelsgrüße auszurichten. Hatte ich nicht in meiner Jugendzeit zu den Chinesen ziehen wollen oder gar zu den Menschenfressern, um ihnen vom Guten Hirten zu erzählen, der sie suchte? Nun wohlan, China war hier und die Insel der Menschenfresser auch, und so ging der Wunsch meiner Knabenjahre noch spät in Erfüllung, wenn auch etwas anders, als ich es mir erträumt hatte. Siehe, auch Luzifer war auf dem Plan. Ich hatte seine Kreise gestört; ich hatte Minen gelegt, die konnte er nicht ohne Gegenminen lassen. Er hatte einen ihm ergebenen Diener zum Lagerschreiber gemacht, der brachte mich um meine Stellung als Hilfsschreiber. Schlau hatte er es angegriffen: er erwirkte ein Fetwah, wonach alle Hilfsschreiberstellen eingezogen wurden. Der Blockmogul kündigte mir schleunigst, froh, mich endlich los zu sein; aber ich war der einzige, der wirklich abgebaut wurde; alle andern blieben. Den Sack schlug man, aber den Esel meinte man, und der Esel war meine Wenigkeit. Luzifer hatte gewonnen; aber Michael verließ mich nicht. Es drohten wiederum Transporte, als Stellenloser kam ich bedenklich in die Nähe des Wirbels; da brachte mich Fritz Kühr, der Wackere, eiligst bei der Gilde der Strumpfstopfer unter, bis etwas Besseres gefunden wäre. So hatte ich einen Unterstand, welcher mir Gelegenheit gab, während das Gewitter niederbrach, jene vielversprechende Kunst zu erlernen, die wir sonst bereitwillig unsern Hausfrauen zu überlassen pflegen. Nachdem ich mich vier Wochen lang mit Löchern beschäftigt hatte, die die Holzschuhe in unsere Strümpfe rissen, holte mich Fabisch, der Ingenieur, in die Ausbildungs Kom sind ruht und ' men, Stoff Wort Mir Noti und a zu e die Ei wort leich Losu das ange dank M nich Rach Gest und war dem ihm auc läss spie hock erso hab h es lan. die inen der hlau nach ock- s zu ırde; Esel zifer hten ch in der| nter, ter“ ritter „ die assen \ be mpfe ısbil- ALS ANFÄNGER IN DACHAU 105 dungswerkstätte. Steil gings da hinauf, es war das beste Kommando, mit zwei Brotzeiten dotiert.„Beziehungen sind alles“, hatte Viktor immer gesagt;„auf Beziehungen zuht das ganze Lager!“— Ich kam in die Zeichenstube und mußte Lichtpausen machen. Ein Pole, Woino mit Na- ‘men, führte mich in den Umgang mit dem kriegsraren Stoffe Papier ein. Als Arbeitsregel gab er mir' das kostbare Wort auf den Weg mit:„Langsam Arbeit, immer Arbeit.“ Mir war die Hauptsache, daß ich wieder Gelegenheit hatte, Notizen zu machen. Papier war in Hülle und Fülle da, und auch Verstecke,gab’s, die Tagebücher neugierigen Blicken zu entziehen. Eines Tags kam mir der Einfall, die schmalen Streifen, die von den Zeichnungen beim Pausen abfielen, mit Bibel- worten zu beschreiben. Für jeden Tag ein besonderes, viel- leicht auch einen Liedervers dazu nach Art der Herrnhuter Losungen. Ich faltete sie hübsch zusammen, steckte sie in das Futter meiner Mütze und brachte auf diese Weise un- angefochten das Dynamit ins Lager, wo ich allwöchentlich dankbare Abnehmer dafür fand. Michael schützte mich davor, daß mich der Explosivstoff nicht selbst zerriß, doch Luzifer spann als Antwort einen Racheplan, der ihm gelang. Er bediente sich dazu eines Gestreiften, der etwas schielte. Er schielte nach der Mystik und schielte nach dem Hitlerismus; in seinen Knabenjahren war er ein Schulfreund Hitlers gewesen und hatte ihm als dem Rädelsführer bei allen Spielen gehorsamt. Davon schien ihm der schielende Blick geblieben zu sein. So schielte er auch nach meinen Aufzeichnungen, bis ihm meine Nach- lässigkeit eines Mittags eines der losen Blätter in die Hände spielte, welche ich bekritzelt hatte. Die Folge war, daß ich hoch im Bogen aus dem Kommando flog. Sie waren zu Tode erschrocken, solch einen gefährlichen Burschen unter sich zu haben.„Der bringt uns alle an den Baum mit seiner Schrei- 106 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU berei" lallten die Herdenmenschen. Ich mußte meine Blätter verbrennen, denn es war nahe daran, daß auch die Herrenmenschen dahintergekommen wären. Es gab ja immer Prachtexemplare im Zebrakleid, die keine befriedigendere Beschäftigung kannten als die, ihre Brüder bei den Herrenmenschen anzuschwärzen. Doch mein Unglück war mein Glück ein Meisterzug Michaels! - Es war eine Hungerszeit angebrochen. Die Unkenrufe, die seit Wochen vom Wegfall der Brotzeit und anderen Kürzungen gemunkelt hatten, bewahrheiteten sich. Wir mußten den ohnehin nicht zu weiten Riemen enger schnallen. Ich hielt zwar daran fest: ,, Er hat vieltausend Weisen, zu retten von dem Tod, die Armen will er speisen zur Zeit der Hungersnot", aber zunächst ging's immer noch tiefer hinab. Ich war wieder einmal Uneingeteilter und hatte mit einem Schlag das Ansehen auf dem Block eingebüßt, das die Nutznießer eines guten Kommandos wie mit einem Heiligenschein umgibt. Der Glückliche hat recht, der Arme unrecht; selbst seine Ansichten und Meinungen sinken im Kurs; er gilt soviel, als sein Beutel gilt. Kennt ihr nicht auch diese und alle andern bittern Folgen des Unglücks? Parialos! Läuft ein Reicher im geflickten Rock herum, wird's ihm zur Ehre angerechnet: ,, Seht den bescheidenen, sparsamen Mann!" heißt's da. Tut es ein Armer, weil er's muß, so sinkt sein Ansehen nur noch mehr. Das ist der Lauf der Welt; und Welt, Welt, das war auch unsere Lagerwelt! Nun hatte ich auch eine treue Stütze verloren. Der Stubenpascha, der Nürnberger Martin, war von seinem Thron gestürzt; ganz unvermutet hatte ihn seine Passion für den Schnupftabak Amt und Würde gekostet. Noch vierzehn Tage zuvor hatten sie ihm zum Geburtstag ein Bild gemalt, auf welch einer schwe zu fi jense Schm zur ein S hatte De ande gesch umg konn treib verra sie forts zeig des hatt tine den selb nen nöt viel deu mer lan Un die itter renachtBerenmein rufe, Leren 1, C , Wir nalwiedas eines gibt. = An, als dern eicher hnet: 5 da. , nur das StuChron r den ALS ANFANGER IN DACHAU 107 welchem eine echte bayerische ,, Schnupftabaksdus'n", von einer Gloriole umgeben, vom Himmel herab auf ihn zuschwebte. Aber sie brachte ihm Unheil, die Dus'n. Um sie zu füllen, hatte er sich auf Handelsgeschäfte mit der Welt jenseits des Drahtes eingelassen. Eine Filzung brachte den Schmalzler an den Tag und den Martin in den Bunker und zur Strafarbeit; mich aber um seine Gunst, die mich wie ein Schirm vor den Übergriffen des Blockmoguls geschützt. hatte. Dieser Schirm war nun weggezogen. Der neue Stubenpascha hielt es in allem grundsätzlich anders als der alte. Er hatte dem Schnupftabak Feindschaft geschworen samt allen, mit denen die ,, Dus'n" freundlich umgegangen war. Zu ihnen gehörte ich; von Stund an konnte ich mich als toten Mann betrachten. Ein Kesseltreiben setzte ein; was mir nicht gestohlen wurde, wurde verräumt. Drehte ich meiner Eßschale den Rücken, so war sie weg, wie von einer geheimnisvollen Zentrifugalkraft fortgezogen zu unbekannten Zielen; dieselbe Naturanomalie zeigten Löffel, Messer, Wischtücher, kurz der ganze Inhalt des Spinds. Da jedes Fehlen gemeldet werden mußte, so hatte der junge Pascha wundervolle Gelegenheit, den Kretiner des Schwachsinns zu überführen und ihn als reif für den Invalidenblock zu erklären. Der Blockmogul tutete ins selbe Horn, er faßte, als mir eines Morgens mein beginnendes Blasenleiden einen Streich gespielt und ich das unnötigerweise gebeichtet hatte, sein Urteil zusammen in dem vielsagenden Trommelklang: ,, Invalidentransport" deutsch: Vergasung. Beide steckten unter einer Decke, ich merkte es wohl. Der Wirbel rauschte vernehmlich, Arme langten aus den Wassern und suchten mich hinunterzuziehen. Und sie hätten's getan da griff eine andere Hand ein, die Hand des Unsichtbaren, der uns führt. - - zu Tage , auf 109 BEIM KOMMANDO WÜLFERT Das Unglück ist mein Glück ein Meisterzug Michaels. --Wie mir der Kartoffelcapo eine Dynamitbombe in den Leib wünscht, und wie es kam, daß er mich an Weihnachten zum Kartoffelkönig machte. Von Veilchenaugen, einem falschen Schluck und anderen Ränken des Teufels. Wie sich zwei ehrliche Häute kennenlernen, einander in Verlegenheit bringen und als Stückchen Mist tituliert werden. - Den Koch der Wülfert- Konserven hörte ich eines Abends begeistert von dem Schlaraffenland erzählen, seinem Kommando in Dachau. Da gab's am hellichten Tag Fleisch, oft sogar Reisbrei und sonstige Leckerbissen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. ,, Könnt ihr mich auch brauchen?" ,, Natürlich, als Kartoffelschäler!" Gut, da bin ich vorgebildet, ich melde mich. Was kann das schlechte Leben nützen? Ich zog den Blockschreiber ins Vertrauen, Hubersepp, den kleinen Mann mit dem großen Herzen, der Fritz Kühr abgelöst hatte. Er wußte wohl, wo mich der Schuh drückte und rüstete sich, mir den ersten der zahlreichen Freundschaftsdienste zu tun, die im Laufe der Jahre noch gefolgt sind. Richtig, ich wurde dem Rapportführer mit anderen vorgestellt. ,, Was bist du?"- ,, Verleger!"- Ein verlegenes Schweigen. ,, Ab!"- Ich war durchgefallen, die Metzgerburschen hatten über den Büchermenschen wie billig gesiegt. Der ,, Dus'n- Martin" hatte es geschafft, er war angenommen. Schon nach acht Tagen war auch ich bei den Metzgern: ein Autounfall hatte Martin samt der„, Dus'n" IIO ZWEITAUSEND TAGE DACHAU außer Gefecht gesetzt und ein Dutzend andere dazu. Diesmal hatte ich dank der Nachhilfe durch den Hubersépp Glück. Ehe sich's der Blockmogul versah, war ich bei den Konserven- Schlaraffen und damit seinem Machtbereich entzogen, denn noch am gleichen Abend packte ich meine Siebensachen und zog nach Block 13. Das war der Block für Küchen- und ähnliche Bullen. Ich war gerettet, machte dem Mogul eine lange Nase und Luzifer dazu. Was rauschte da so bedeutsam in meinen Ohren? Waren es die Wasser der abziehenden Todesfluten, oder war's das Rauschen der Flügel Michaels, des Gottesrecken? Daß die Mitglieder der Büchergilde den Übergang zu den Fleischern naserümpfend als Abfall vom Geiste belächelten, belächelte ich meinerseits. Sie hatten gut spötteln. Sie saßen warm in ihrem Geistestempel und genossen die nahrhafte Breikost, die der Bücherei vom Revier in Eimern geliefert wurde.- - Die Hungerleiderei hatte nun ein Ende. Das war ein Leben! Mit den Würsten wurde Ball gespielt, ich sperrte Mund und Nase auf. Nicht die Hälfte hatten sie mir gesagt. Mit dem Reisbrei, das stimmte, er war sogar süß! Und das Gulasch und das Fett und dies und das! Später aßen wir uns sogar an feinem Hühnerfleisch satt. Wer denn? Die Herrenmenschen? Nein, die Herdenmenschen! Damals, als Hunderttausende von tiefgekühlten Leibern dieser nützlichen Vögel aus Serbien und Ungarn von uns zu Konserven verarbeitet wurden. Nun, geschenkt wurde uns nichts. Die Fleischer, unter ihnen viele Polen, mußten daran glauben. Sie schwitzten mitten im Winter bei ihrem Mordhandwerk; denn ununterbrochen strömten ganze Herden von Kälbern, Kühen und Ochsen in die Schlachthalle. Und was uns Kartoffelschäler betraf, so waren es oft sonderbare Kartoffeln, mit denen wir es zu tun hatten. Sie hatten an einem Tag die Gestalt von R sehen Alter Ab zwan warte arme verge Fleis aus. Vorr chem auch sem kurz Vatik die war an E tik, dem ging lich verb vor in e über auso I half DiesБерр den enteine lock chte schte - der ügel Szu beteln. I die mern - ein errte gesüß! päter Wer DaHieser Konunter tzten nterund chäler lenen estalt BEIM KOMMANDO WULFERT III von Riesenfässern, die wir zu wälzen, am andern das Aussehen von Ochsenvierteln, die wir zu schleppen hatten. Nach Alter und Vorbildung wurde nicht gefragt. Abends, wenn wir todmüde ins Lager zurückkehrten, zwangsweise das ergreifende Lied auf den Lippen: ,, Wir lagen vor Madagaskar Und hatten die Pest an Bord", warteten vor den Blocks bereits in hellen Haufen unsere armen Verwandten. Sie riefen unsere Gutmütigkeit nicht vergeblich an. Die Lagerkost, die uns neben den Dachauer Fleischtöpfen noch zustand, teilten wir mit vollen Händen aus. Hei, das war ein Vergnügen! Gibt es ein herrlicheres Vorrecht, als Hungrige zu speisen? Ich freute mich, so manchem guten Kerl helfen zu können, so Swida, dem Polen, auch manchem Bewohner des Pfarrerblocks. Denn auf diesem war Schmalhans Küchenmeister geworden. Nach einer kurzen Periode des Überflusses( angeblich auf Grund einer Vatikanischen Stiftung war Kakao und Wein dargereicht, die Brotration erhöht und das Essen verbessert worden), war so bittere Not eingekehrt, daß einer nach dem andern an Entkräftung entschlief. Es war die reine Heiß- Kalt- Politik, die mit diesem Block getrieben wurde. Daß sie auf dem Aussterbe- Etat standen, die unglücklichen Bewohner, ging daraus hervor, daß ihnen alle Kommandos unzugänglich gemacht wurden, die mit dem Genuß einer Brotzeit verbunden waren. Und in diesem Augenblick, als es ihnen vorne zugetragen wurde, daß vom Block der Küchenbullen in einem geheimen Kanal Suppen- und sonstige Ströme. hinübergeleitet wurden, kam ein Lagerbefehl heraus, der es ausdrücklich verbot, Überreste an andere zu verteilen. Der Sack wurde geschlagen, der Esel war gemeint. Wir halfen uns aus der Klemme, indem wir unsere Kartoffeln II 2 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU auf den Rasen fallen ließen. Wenn sie ein Pfarrer auflas, so hatte er sie eben gefunden und dem bissigen Paragraphenhund war ein Maulkorb umgehängt. Nach der Ansicht meines hintergründigen Widersachers ging es mir jetzt viel zu gut. Er sorgte dafür, daß meine Bäume nicht in den Himmel wuchsen. Wir bekamen einen neuen Kartoffelcapo. Eine Hüne von Gestalt, trug er zwar einen roten Winkel, war jedoch um einer Bluttat willen nach Abbüßung seiner Zuchthausstrafe ins Lager gekommen. Wegen der vorspringenden Stirn seines wuchtigen Schädels nennen wir ihn Stirnmann. Er war geborener Münchner und wie die meisten Oberbayern von einem urwüchsigen Humor. Das machte ihn mir sehr sympathisch, und nichts wäre einem guten Verhältnis von mir aus im Wege gestanden. Aber so ein Capo ist ein großer Herr, und große Herren haben ihre Launen. Vom ersten Augenblick an, ich spürte das wohl, hatte ich es mit ihm verdorben; er mochte mich nicht riechen und brachte das zum Ausdruck, als er ohne ersichtlichen Grund mir offen seine Abneigung erklärte und den Wunsch beifügte, daß mir eine Dynamitbombe möglichst bald den Leib zerrisse. Statt Kartoffeln zu schälen, ließ er mich Kartoffelsäcke schleppen und schalt mich, wenn mir die Kräfte versagten, vor dem ganzen Haufen aus, als ob ich nur Theater spiele, um mich zu drücken. Allmählich ergriff das ganze Kommando eine Stimmung gegen den Büchermenschen. Die Herrenmenschen, die SSPosten, wurden gegen mich aufgehetzt, den Kommandoführer hatten sie schon längst auf ihrer Seite. Pilatus und Herodes. wurden auf den Tag Freunde miteinander. Ich merkte die Inspirationen Luzifers wohl und sprach mit Luther: ,, Laß dir, o Satan, den Hintern aufdecken!" Vorläufig fuhr er fort, gegen mich Sturm zu laufen. Auch den Stubenältesten brachte er gegen mich auf. Ich sollte, so wurde ich bei ihm verklagt, mich nicht waschen; eine Lüge, SO un bracht ist!" Einer davon Blockf gekon du di Jahre lehren nicht sinnes Abort Un sorgt, Wie i Komm keiner fuhr am B gepfe auf d dacht gesetz lings licher tiger, Wahr tiefer Blase Eheb W mich nicht Zweita re BEIM KOMMANDO WÜLFERT 113 so unverschämt wie je nur eine erfunden worden ist. Ich brachte mein Handtuch zum Beweis.„Sieh, wie naß es mie—„Na, das hast du wohl nachträglich bespritzt!“ Einer steigerte den andern hinein; als der Kartoffelcapo davon hörte, machte er sogleich eine Meldung an den SS- Blockführer, der— angeblich zufällig— ins Kommando gekommen war. Ich wurde herausgerufen.„Warum wäscht du dich nicht, Dreckbär?“— Der Dreckbär:„Ich bin drei Jahre im Lager. Mich braucht niemand das Waschen zu ‚lehren.“—„Marsch ins Bad!“ Ein Wunder, daß sie mich nicht ertränkten! Zur weiteren Übung meines Reinlichkeits- sinnes mußte ich vom nächsten Tag an jeden Morgen den Abort putzen. Und erst der Blockmogul: Luzifer hatte wohl dafür ge- sorgt, daß er von meinen Besuchen auf Block 26 erfuhr. Wie ich mich nun eines Morgens erst einfand, als sich das Kommando bereits aufgestellt hatte, tat er seinen Gefühlen keinen Zwang an.„Warst schon wieder bei den Pfaffen?“ fuhr er auf mich los, und im nächsten Augenblick lag ich am Boden, von einer Anzahl wuchtiger Ohrfeigen nieder- gepfeffert. Der Verdacht war grundlos, denn ich hatte mich auf der Lagerstraße aufgehalten; aber schon der bloße Ver- dacht genügte. Lebten wir nicht in der Zeit des Annahme- 'gesetzes?„Man nimmt an, daß...“ und verurteilt blind- lings darauflos. Wer rief lauter Zeter über diesen unmensch- lihen Paragraphen als die Häftlinge? Und wer war geschäf- tiger, ihn auf Häftlinge anzuwenden, als die Mithäftlinge? Wahrlich, es liegt nicht an der Uniform, der Schaden sitzt tiefer: es liegt am Menschenherzen! Aus ihm steigen die Blasen auf, die der Herzenskündiger einst aufzählte:„Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung.“ Wochenlang lief ich mit Veilchenaugen herum; ich konnte mich kaum sehen lassen; schämte ich mich doch fast zu Tode, nicht für den armen Geschlagenen, sondern für den ärmeren Zweitausend Tage Dachau 8 II4 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Schläger. Dazu mußte ich Strafdienst tun. Jeden Morgen gleich nach dem Wecken hatte ich mich laut Allerhöchstem Befehl auf die Mogulstube zu verfügen und den Staub von den Spinden zu wischen. Die Würste und das Gulasch und den Reisbrei in Ehren aber ich mußte doch einen recht teuren Preis dafür zahlen! War er nicht etwas zu hoch? Ich war des' Treibens müde und versuchte, das Kommando zu wechseln. Es gelang mir nicht. Ich mußte aushalten, bis ich gelernt, was zu lernen war in dieser Lektion. Noch tiefer hinab ging es, wenn es möglich gewesen wäre. Sie spielten sich den Ball gegenseitig zu. Gestern war er in den Fäusten des Moguls, heute flog er dem Capo vor die Füße, und der stieß ihn morgen dem Herrn Posten ans Knie. Keine Frage, sie machten ihre Sache gut, und der eigentliche Spieler, der sich im Hintergrund hielt, konnte mit seinen Marionetten zufrieden sein. Ja, das konnte er. Wo blieb Michael? Er war da und flüsterte mir ins Herz: ,, Wann die Stunden sich gefunden, Bricht die Hilf mit Macht herein. Um dein Grämen zu beschämen, Wird es unversehens sein. War er es, der mir auf des Geistes Geheiß eingab: ,, Bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen?" O seht! Ich begann plötzlich die Verfolger mit anderen Augen zu betrachten. Ich erkannte in ihnen die Opfer Luzifers und fühlte Mitleid mit ihrem Los. Ich fing an, für sie zu beten; einen nach dem andern nannte ich dem großen Hohepriester mit Namen, damit ER ihre Not aufs Herz nehme, die noch furchtbarer war als die meine, weil sie diese ohne IHN Wer konnte sich ausdenken, allein. ganz tragen mußten, wie groß der Jammer dieser Verführten war?- Doch noch kam die Hilfe nicht; es ging noch eine Stufe tiefer hinab: Der traf se „ Ran schiebe wie di Limon an der dem e war e feigen konnt zu tri reines Das k daraus der m Lager berich mir a kam's Sie du der A pascha das B auf das m: Ein konnt darin deine Gefa vorhe größt Denk rgen stem n von len! und nicht. ar in Sglich Szu. og er dem Sache grund , das e mir Bittet t! Ich zu bes und beten; riester e noch IHN enken, h noch hinab: BEIM KOMMANDO WULFERT دو IIS Der Ball war vom Mogul zum Capo geflogen, und der traf seine Maßnahmen. Ich mußte von den Kartoffeln weg. „ Ran an den Karren!" In Wülferts Garten galt es Erde zu schieben. Mein Schubkarren wurde doppelt so hoch beladen wie die übrigen. Nur keine Schonung! Zu Mittag gab es Limonade. Ich ergriff eine Flasche, öffnete sie und setzte sie an den Mund. Das war doch Bier! Weg damit! Schon nach dem ersten Schluck stellte ich die Flasche ab. Zu spät. Es war ein teurer Schluck. Er kostete mich vier gesalzene Ohrfeigen, vom Vorarbeiter meinem Kopf verabreicht. Wie konnte ich mich des Übermutes schuldig machen, das Bier zu trinken, das für den SS- Posten bestimmt war?„ Ein reines Versehen!"- ,, Halts Maul, wirst sehen, was folgt. Das kostet 25!" Wahrhaftig, sie machten eine Staatsaktion daraus, eine wahre Seeschlange. Den Posten steiften sie auf. der meldete es dem Kommandoführer, der wieder dem Lagerführer noch am selben Abend. Der Vorarbeiter wieder berichtete es dem Capo, welcher mich zärtlich beiseite nahm, mir aber statt eines Kusses eine Backpfeife klebte. Dann kam's vor den Stuben- und zuletzt vor den Blockmogul. Sie durcheilte mit Windeseile die Räume, die Nachricht von der Ausschweifung, die ich begangen hatte, und der Stubenpascha sah schwarz für meine Zukunft. Dem Herrn Posten das Bier wegstehlen, unerhört! Die Meldung lief, und zwar auf ,, verbotenen Alkoholgenuẞ". Fünfundzwanzig waren das mindeste, was meiner wartete, wenn nicht sogar Bunker. Ein Glück, daß ich Freunde hatte! Sie standen zu mir, konnten freilich nichts tun als mich anhören. Allein schon darin liegt eine Wohltat, daß du ein Ohr findest, dem du deine Not klagen darfst. Pfarrer Grüber, der Freund der Gefangenen, war mir eine solche Hilfe. Noch nicht lange vorher hatte ich ihn kennen gelernt. Wir sahen mit der größten Ehrerbietung an ihm hinauf, denn er hätte ein Denkmal verdient um das, was er für die Gestreiften getan 8* 116 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU und gelitten. Ein Hilfswerk hatte er in Berlin ins Leben gerufen; für die Armsten der Armen setzte er sich ein, die nichtarischen Christen, welchen niemand helfen wollte, weil die Juden sie zu den Christen rechneten und die Christen zu den Juden. Dies Hilfswerk verbreitete sich schnell über ganz Deutschland. Großzügig griff er seine Sache an; halb Europa durcheilte er im Flugzeug und hatte mit Ministerpräsidenten Konferenzen. So war es ihm denn auch gelungen, nicht weniger als achtundvierzig Häftlinge dem Rachen des Tigers zu entreißen. Er verschaffte ihnen Auslandspässe, und die Lagerkommandanten sahen sich zähneknirschend gezwungen, die Sklaven wieder freizugeben. Das trieb er solange, bis ihn die Gestapo selber ins Lager brachte. Es hatte sie Mühe genug gekostet: als er nach Sachsenhausen kam, fand er dort einen der Regierungsräte im Zebrakostüm vor, die ihn einst zu überwachen hatten. Der duzte ihn jetzt und berichtete dem ehemaligen Schutzbefohlenen: ,, Drei Schränke voll Schallplatten hatte ich gesammelt von deinen Gesprächen, die wir am Fernsprecher überwacht hatten." Himmler selbst, diejenige Instanz, die Hitler in Wirklichkeit meinte, wenn er von der ,, VorHimmler hatte sich seine Entlassung sehung" sprach persönlich vorbehalten ein Beweis, wie sehr er sich von dem unbequemen Pastor auf die Zehen getreten fühlte. So ein Kaliber war er. Gehörte ihm nicht ein Denkmal? Und ich hatte den Vorzug, ihm mein Leid klagen zu dürfen. Obwohl selbst schwer leidend, hatte er doch für jeden ein Ohr. In jenen Tagen ist er mir, wie so manchem anderen Herzen, das seine Last nicht mehr allein zu bewältigen Auf merkwürdige vermochte, zum Bruder geworden. Weise gefiel es der unsichtbaren Hand, mein Geschick zu wenden: Stirnmann hatte' n Mal wieder einen seiner Witze gerissen, der war so unbezahlbar, daß ich ungeachtet meines Elends laut auflachte. Dieses Lachen brach das Eis. Es hatte - - - eine doch nahm mähli herüb nacht Karto wäre vereh habt Un katho zur H sich mich Tages versö Sonn streif KZ Pfun ber, sprac um zu l stert M W Fehl zur bote schw Ver Beg eben , die weil -isten über halb isterelunachen andsknirDas achte. hsente im . Der chutzch gerecher z, die ,, Vorassung ch von te. So Und lürfen. en ein nderen Fältigen ürdige ick zu Witze meines hatte BEIM KOMMANDO WULFERT - II7 eine verwandte Saite bei ihm berührt. Der Mucker schien doch auch Mensch zu sein. Er hatte Sinn für Humor. Er nahm einen Witz auch vom Widersacher ab. So ganz allmählich spannen sich Fäden des tastenden Verständnisses herüber und hinüber, Zigaretten halfen nach- kurz, Weihnachten war es so weit, daß er den Bibelmenschen zum Kartoffelkönig erhob, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihm ein Szepter in Gestalt eines goldenen Schälers verehrt worden, nämlich, wenn wir Gold so reichlich gehabt hätten wie Kartoffelschalen, Und mit dem Ohrwatschenmogul, der abwechselnd einen katholischen Priester oder einen lutherischen Prädikanten zur Brotzeit vesperte, wie ging's mit dem? Auch er legte sich zahmere Bräuche zu. Ich brachte ihn dahin, daß er mich in Frieden anhörte. Als Seine Mogulsgnaden eines Tages zum Blockfenster hinausschauten, benutzte ich die versöhnliche Stimmung, die auch einen Watschen- Mogul beim Sonnenuntergang zu packen pflegt, um ihm von einem Gestreiften zu erzählen, der achtundvierzig Häftlinge aus dem KZ befreit habe. Er horchte, auf: ,, Und wer ist dieser Pfundskerl?" fragte er neugierig. ,, Das ist der Pastor Grüber, wohnhaft zur Zeit Block 26, Stube 3; guten Abend!" sprach's und schwebte in der Richtung des Pfarrersblocks ab, um dem Pfundskerl die Kartoffeln aus der Tasche fallen zu lassen, die ich für seine verhungernden Brüder gehamstert hatte. - Michael war Sieger geblieben. Wochen vergingen. Ich hoffte bereits, daß der lächerliche Fehlschluck vergessen worden sei. Da mußte ich plötzlich zur Vernehmung. Weil nun alles, was nicht erlaubt, verboten war, schwebte über allen stets irgend ein Damoklesschwert, und so beschlich jeden bei jeder Ankündigung einer Vernehmung das sehr unbehagliche Gefühl, daß es jetzt im Begriff sei, herabzustürzen man wußte nur nicht recht, 1.18 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU دو So wa derhol allem ins La sie du teilen. hande gekon warer der S richte hin einig Da tungch anzu mir welches? So lastete auch auf mir an jenem Morgen die besagte Unsicherheit. Der Stubenpascha freilich war sich der Sache sicher und wußte auch schon den Ausgang: 25 hintendrauf! Es dauerte lange, ehe ich Gewißheit bekam: von früh sechs Uhr an mußte ich im Sonnenbrand vor dem Tore stehen, und abends um sechs Uhr wartete ich immer noch. Erst am nächsten Mittag hatten Seine allermächtigste Unüberwindlichkeit, der Herr Lagerführer, die Gnade, mich vorzulassen. Wirklich, es handelte sich um den Schluck! Auf Strümpfen stehend, durch deren Löcher die Zehen neugierig hervorlugten, hörte ich die Verlesung der Anklage an, welche auf verbotenen Alkoholgenuß lautete. Ich hatte nicht Gelegenheit, den Hergang genau zu schildern, um des Schluckes Harmlosigkeit zu beweisen: ,, Es war nur ein Versehen..." Das war alles, was ich hervorbringen konnte: ,, Hau ab!" wurde mir die Verteidigung gleich bei Beginn abgeschnitten. Doch glaubte ich beobachtet zu haben, daß über die Züge des Tyrannen ein Lächeln huschte. Der Stubenpascha hatte falsch prophezeit, mit den 25 wurde es nichts; straflos ging ich freilich auch nicht aus, ich wurde zu vier Sonntagen Zwangsarbeit ver urteilt. Die härteste Buße lag allerdings hinter mir: das 18stündige Schmachten im Dachauer Sonnenbrand. Nun kam aber die Reihe an meine Peiniger. Es war eine Sache, die im ganzen Lager Aufsehen erregte. Das Kommando war in Gefahr, abgelöst zu werden. Ein Häuptling drän nach dem andern verschwand im Bunker, der Stein zog immer weitere Kreise. Schon war wohl die Hälfte eingesperrt. Einer verriet den andern, wenige blieben standhaft, unter ihnen Güntermann, der Westfale. Was war geschehen? Nun, es war nicht unerlaubt, sich bei der Arbeit etwas in den Mund zu stecken von den fleischernen Genüssen. Nur sollte es nicht gerade Zungen wurst sein; denn da jedes Schwein bedauerlicherweise nur eine einzige Zunge hatte, hätte lassen wide währ gege bei d denn - U bei mir N der herv Räd war stän ' e be1 der hinvon dem mmer tigste nade, den r die der nuß genau bewas Verte ich en ein ezeit, auch I verBEIM KOMMANDO WULFERT 119 so war das eine Mangelware. Herr Wülfert hatte uns wiederholt um Verständnis für seine Notlage angefleht. Vor allem war aber streng untersagt, die Wurst haufenweise mit ins Lager zu schleppen oder sich Magazine anzulegen und sie durch irgendwelche Zivilisten an die Dachauer zu verteilen. Das war verpönt, sogar bei Todesstrafe; denn es handelte sich um Heeresgut. Und nun war es an den Tag gekommen, daß alle diese Verbote übertreten worden waren, und Hinz verriet den Kunz, um sich den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Einige sollten sogar. bereits hingerichtet sein, hieß es. Doch war dies nicht der Fall, immerhin war das Kommando gesäubert worden, wobei auch einige Herrenmenschen mit hinausflogen. Daß ich nicht nur mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hatte, sondern mich auch hütete, irgendeinen Namen anzugeben, verstand sich für mich zwar von selbst, wurde mir aber gleichwohl hoch angerechnet. Ihr böses Gewissen hätte es einigen meiner Gegner als sehr plausibel erscheinen lassen, daß ich die Gelegenheit ergreifen und mich für die widerfahrene Unbill rächen werde. Ich hatte es mir aber während meiner ganzen Lagerzeit zum Grundsatz gemacht, gegen keinen meiner Mithäftlinge Klage zu erheben, weder bei den Stubenpaschas noch bei den Blockmoguls, geschweige denn bei unsern gemeinsamen Feinden, den Lagerführern. - Und so habe ich denn auch in den Zeiten größter Beptling drängnis Hilfe nicht bei den Menschen gesucht, sondern n zog bei Gott allein. Er machte immer wieder Herzen willig, mir beizustehen. : das r eine Komeingedhaft, mehen? was in . Nur jedes hatte, Nicht lange vorher hatte ich Beziehungen angeknüpft zu der Weltmacht Schweinhausen oder vielmehr zu einem ihrer hervorragendsten Vertreter, dem Häftling Nr. 16..., Georg Rädelsführer, weiland Bücherrevisor und Steuerberater. Es war im Baderaum, als ich ihn unter ungewöhnlichen Umständen kennenlernte und er mich. Ich war gerade dabei, I20 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Somich zu bücken, um meine Schuhe abzuziehen; da sah ich auf dem nassen Boden einige zerknitterte Papiere liegen, und als ich sie aufhob, waren es Geldscheine. Und dort- lag da nicht nochmal só ein Päckchen? Natürlich! gleich rief ich den Fund aus; da meldete sich denn auch im Adamskostüm eine umnebelte Gestalt, die sich als den Eigentümer des Schatzes vorstellte. Das Gesicht war das einer so ehrlichen Haut, daß ich ihm ohne Ausweis und Formalitäten die Scheine aushändigte, und damit war eine Freundschaft geschlossen, die manche Probe bestanden hat. Waren Häute ohnehin eine Seltenheit im Lager und außerhalb, ehrliche Häute waren's noch mehr, so daß es weiter nicht verwunderlich erscheint, daß sich zwei Exemplare diesés Fundamentalartikels zu fruchtbarer Ergänzung zusammenschlossen. Er stammte von einem grundbraven, aus dem Schwäbischen gebürtigen Bäckermeister ab, was ihm Anlaß zu immer wiederkehrenden Seitenhieben auf meine Herkunft aus der gehobenen Backstube eines Konditors bot. Sehr gewandt, fleißig und belesen, arbeitete er sich zum selbständigen Bücherrevisor empor, der sich durch Tüchtig. keit ein Vermögen erwarb, das ihm erlaubt hätte, seinen gelehrten Neigungen zu leben. Er war nämlich nicht allein ein Revisor, sondern auch ein Liebhaber der Bücher, ja, ein Büchernarr, der mich als Verleger weit in den Schatten stellte, denn er wußte bei den ungezählten Werken, die er gelesen, nicht allein Titel und Verfasser auswendig, sondern erinnerte sich meist auch noch des Verlages des Erscheinungsjahres und des Formats. Kurz, an ihm war ein Verleger, wenn nicht ein Gelehrter verloren gegangen. Beim Antreten hielten wir uns zueinander, wobei er mir die Lebensläufe merkwürdiger Menschen erzählte, die er am Abend zuvor gelesen. Wir kürzten auf solche Weise die endlosen Stunden ab, die wir auf diesem Stück Erde vertröde seine N ande moch mon leugr das sein, an d HER was war es, c Nach Ster taug ten, vora Ant D Schw liebt Lage eine an d väte kon zu und näch Rais gest aus hich egen, rtSoch im den das und eine hat. ußerweiter = diesams dem Anlaß Herpot. - zum chtig. seinen allein a, ein atten die er ndern scheiVerBeim Er die er am se die e verBEIM KOMMANDO WULFERT 121 trödeln mußten, bis endlich der große Augenblick kam mit seinem: ,, Mützen - ab! Mützen - - - auf!" Nur in einem Punkt gingen unsere Ansichten auseinander: er hielt mir zu große Stücke auf den Vollmond. Es mochte geschehen, was immer wollte, so mußt' es der Vollmond gewesen sein. Ich war weit entfernt davon zu leugnen, daß Sonne, Mond und Sterne unsere Erde und das Leben darauf stark beeinflussen. Man müßte ein Narr sein, wenn man das nicht sähe. Aber ich hielt mich lieber an den Schöpfer des Mondes in der Gewißheit, bei dem HERRN besser aufgehoben zu sein als beim Knecht. Und was insbesondere die Deutekunst der Astrologen betraf, so war da eine Frage, über die ich viel nachdachte: wie kam es, daß wir so viele Jünger dieser Kunst unter uns hatten? Nach dem Heẞ- Putsch bekamen wir eine Invasion von Sterndeutern. Wenn ihre Fernrohre auch nur ein wenig taugten, mit denen sie in die Zukunft anderer Leute schauten, wie war es dann möglich, daß sie ihre eigene so wenig voraussahen? Auf diese Frage hat mir kein einziger eine Antwort geben können.- Das war also der Staatsverbrecher, der die Weltmacht Schweinhausen, wie er öfter seine Vaterstadt zu nennen beliebte, an den Rand des Ruins brachte, so daß sie ihn ins Lager schickte. Die Sonne des tausendjährigen Reiches hatte eine solche Fülle von hohen Begabungen und ehrlichen Häuten an den Ufern des Mains hervorsprießen lassen, daß die Stadtväter auf einen Mann wie Rädelsführer wohl verzichten konnten. Da sein ausgeprägter Sinn für Redlichkeit ihn öfter zu deutlichen Ausführungen hinriß, wurde er unbequem, und die ehrliche Haut, der Oberbürgermeister, ergriff die nächste Gelegenheit beim Schopf, um sich des unbequemen Raisonneurs zu entledigen. Die bot sich, als der Revisor sich gestattete, einige Luftschutzübungen zu schwänzen, weil er auswärts zu tun hatte. Zwar hatte es ihm die ehrliche Haut, I22 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - spek mehr Das nur noch hole so nannte er schw ter a den der Major, ausdrücklich erlaubt; aber da er es nur mündlich getan, so kniff die ehrliche Haut, der Major, bei der entscheidenden Sitzung, und der Staatsfeind wurde verurteilt. Nach Abbüßung der Gefängnisstrafe sorgte die ehrliche Haut, der Herr Oberbürgermeister, dafür, daß Rädelsführer noch ein Umschulungskurs in Dachau bewilligt wurde. Die Bücherleidenschaft des Pragmatikers sich selbst wegen seiner Beziehungen zum nüchtern- praghätte ihn einst beinahe in eine unmatischen Vollmond angenehme Lage gebracht und mich mit. Er ließ durch Beauftragte allenthalben nach seltenen Werken fahnden und geriet dabei auch an mich; ich sollte durch einen Rapportbrief in Leipzig einige seiner Lieblinge erwerben. Gerne willigte ich ein, erschrak aber nicht wenig, als er mit einem Wunschzettel anrückte, der dem Verzeichnis einer Lotterie nicht unähnlich sah. Was war denn das! Der Unselige war hinter eine Liste der Tauchnitzbändchen geraten und hatte sie abgeschrieben, zwei Seiten lang! Wenn das nicht schief ging! Die Rapportbriefe unterlagen einer besonders strengen Prüfung, so daß man nicht hoffen konnte, durchzuschlüpfen. Doch ich hatte zugesagt und wollte mein Wort nicht brechen. Aber die Gefahr war groß, daß sie hinter den Zahlen eine Geheimschrift witterten. Richtig! Es verflossen kaum 8 Tage, da wurde ich vorgerufen. Meine Ahnung trog nicht, es handelte sich um die Ziffern. Es hatte gewaltige Aufregung hervorgebracht. Ich wurde mit einer Ohrfeige begrüßt, vom Obermogul selbst als Gründonnerstagsgruß mir verabreicht. Die Erklärung der Sache als Bücherliste war viel zu harmlos, man sah ihr die Ausrede auf der Stirne an. Nein, da steckte was anderes dahinter. ,, Aber der Verlagszettel ist doch da!"- ,, So bring ihn und den Revisor mit!" Spornstreichs lief ich auf den Block, um ihn zu holen, doch er war noch auf dem Kommando. Als er endlich zurückkehrte, vermehrte sich die Not: er hatte den ProOber Mist Bode Kom Un lüge دو sollt rauf schie noch auf Turn den tage rufe rück ansa D des wog Mist Wor wer mo hat BEIM KOMMANDO WÜLFERT 123 spekt draußen gelassen, und da sie vor den Feiertagen nicht mehr ausriickten, war es ganz unmöglich, ihn beizubringen. Das war Wasser auf die Verdachtsmühle. Wie sollten wir nur die Sache plausibel machen? Wir wurden gegen Abend nochmals hinübergerufen. Der Blockmogul selbst hatte uns holen müssen und ließ uns den Triumph fühlen, in dem er schwelgte, als er zwei Büchermenschen auf einmal dem Rich- ter ausliefern durfte. In Strümpfen traten wir an und wur- den dem Zeremoniale dieses Raumes entsprechend vom Obermogul mit dem Ausrufe empfangen:„Die Stückchen Mist, zzzz‘...“ Dabei spuckte er— z!z!z!z!— auf den Boden.„Na, wo ist die Liste?“—„Ich hab’ sie auf dem Kommando gelassen.“ Spöttisches Gelächter beim Mogul. „Und das soll ich euch glauben? Da müßt ihr schon feiner lügen.“— Er wollte sogleich nachforschen lassen, und wir sollten unsere„Hintersten hin richten“, nämlich für 25 da- rauf.„Marsch ab!“ Damit waren wir entlassen. Die Sache schien bedrohlich, doch als wir uns zu Beginn der Nacht nochmals begegneten, sprachen wir einander Mut zu: er mir auf Grund des Mondwechsels, ich ihm, weil ich von der Turmstraße gerade an diesem Abend ein Kraftwort aus den Psalmen bekommen hatte. Und in der Tat— die Feier- tage verliefen und weitere Wochen dazu, ohne daß wir ge- rufen worden wären. Meinen Brief bekam ich freilich zu- rück, und drin lag die Nummernliste, der man den Zorn ansah, welcher sie in zwei Stücke zerrissen hatte. Der Direktor der Porzellanfabrik war ein guter Freund des Lagerführers, zugleich aber auch dem Pragmatiker ge- wogen. Aus diesem Grunde waren die beiden„Stückchen Mist“ noch einmal allergnädigst vor dem Schicksal bewahrt worden, von den Absätzen der Herrenstiefel zertreten zu werden. Wer war aber der geheime spiritus rector, der Voll- mond oder der, dem auch er in seiner Bahn zu gehorchen hat? 124 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Die beiden Ströme nahmen mittlerweile ihren ihnen vorgezeichneten Lauf. Das reißende Gewässer brachte in immer neuen Invalidenverschickungen die Lagerseele zum Kochen, ohne daß sie sich entladen konnte. Es war uns allmählich zur Gewißheit geworden, daß die Gaszellen in Hartheim keine Ausgeburt der Phantasie wären, sondern nüchterne, grausame Wirklichkeit. Auch waren Geistliche ins Lager eingeliefert worden, z. B. Pfarrer Hillmes, weil sie gegen die Ermordung von Krüppeln und erblich Belasteten Verwahrung eingelegt oder an Gräbern den Mund zu weit aufgetan hatten. Daraus schlossen wir mit Recht, daß die Vergasung der überflüssigen Lagerinsassen nur ein besonderer Fall einer allgemeinen Maßnahme und der Ausfluß der neuen Weltanschauung war. Wer ermißt die Leiden all derer, die sich am Ende ihrer Kräfte fühlten, und die täglich damit zu rechnen hatten, daß ihnen eine Gemeinschaft sogenannter Menschen ein für allemal den Stuhl vor die Türe setzte? Waren sie, ja, waren wir nicht alle dazu verurteilt, täglich den Kopf unter die Guillotine zu legen? Und aus welchem Grunde, zu welchem Ziel? Wer entsetzte sich aber auch nicht über die unglaubliche Torheit derer, die solche Grundsätze verwirklichten? Sägten sie nicht den Ast ab, auf dem sie saßen? Wer konnte sich inskünftig noch einer Arbeit hingeben, wenn er vor Augen hatte, wie die Staatsführung mit denen umsprang, die das Opfer ihres Berufes geworden waren? Daneben plätscherte aber auch das Bächlein aus Abteilung A weiter. Ja, seine Wellen begannen recht anmutig zu murmeln. Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht, daß ein Ukas aus der Reichskanzlei eingetroffen sei vom Allerobersten Mogul unterzeichnet, der vorsehe, daß alle nichtkriminellen Häftlinge freigelassen werden sollten, um in der Rüstung zu arbeiten. Sogar die genauen Daten waren genannt: Bis zum 1. September sollten die ersten Vollzugsmeld tion Das zune Ukas Nach Also zwei schal Stell Uka ihn besch nenn Uka Und in Kon trete Häf zugl näh zuw die stor " Wa bra hiel atm bei, auc I ket also wormer hen, lich meim erne, ager egen VeraufVerHerer der erer, dasogeTüre -teilt, aus aber olche t ab, einer aatserufes Abteicig zu F, daß Allernichtum in waren lzugs BEIM KOMMANDO WULFERT - 125 meldungen gemacht und am 1. November die ganze Aktion abgeschlossen sein. Die Lagerseele geriet in Wallung. Das war eine Parole! Nein, nicht bloß' ne Parole! Ernstzunehmende Gestreifte, wie Swida, der Pole, hatten den Ukas mit Augen gesehen. Und aus Sachsenhausen lag die Nachricht vor, daß das halbe Lager bereits entlassen sei. Also! Massenentlassungen wurden erwartet und wehe, wer zweifelte! Aber der erste September verging und nichts geschah, und der erste November sah uns alle noch auf der Stelle treten. Waren wir zu Narren gehalten worden? Der Ukas lag wahrscheinlich vor, aber die Abteilung A hatte ihn umgebogen. Die Häftlinge sollten in Rüstungsbetrieben beschäftigt werden, gut, richten wir selbst welche ein, nennen wir uns um aus KZ in ,, Arbeitslager", und dem Ukas ist Genüge getan, ohne daß uns wehe getan wäre. Und so kam es denn auch. Dazu rückte Abteilung A mehr in den Vordergrund, indem die dem Lager einen neuen Kommandanten gab, Weiß. Er sollte als Reformator auftreten und tat es auch; vor allem gestattete er, daß die Häftlinge sich Pakete schicken lassen durften. Das kam ja zugleich auch den Sklavenhaltern zugute, die nun die Ernährung der Arbeitstiere immer mehr auf diese selbst abzuwälzen vermochten. Schwester Pia, die Freundin Hitlers, die noch kurz vorher, als sie die Zahl der im Revier verstorbenen Geistlichen hörte, bedauernd ausgerufen hatte: dieses Vorbild einer ,, Was, mehr sind nicht verreckt?" braunen Schwester handelte plötzlich in Menschenliebe und hielt auf dem geistlichen Block Reden, die Versöhnlichkeit atmeten. Das Trauerspiel von Stalingrad war gerade dabei, die Volksseele aufzuwühlen und die Siegeszuversicht auch bei den Herrenmenschen insgeheim zu erschüttern. - - Pfarrer Grüber war einer der ersten, bei denen ein Paket eintraf. Es ging ein Aufatmen durch unsere Reihen: also doch keine haltlose Parole! Wie üblich, verteilte er die 126 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Hauptsache unter die, von denen er glaubte, daß sie noch schlimmer dran seien als er. Aber wie bedürftig war er selber des Traubenzuckers und des Brots, das er ausgepackt! Es war die elfte Stunde für seine Not, als die Hilfe ein- traf. Er nahm sich übrigens auch der kleinen Schar an, die - an der Zaunecke dahinten bei der Gärtnerei zusammen- kam. Wir hatten angefangen, uns auch sonntags zu ver- sammeln und waren dankbar, daß sich ein Geistlicher bereit fand, unserer Armut aufzuhelfen und uns das ewige Brot zu brechen. Wieder waren einige im Begriffe zu uns zu stoßen. Aus Sachsenhausen war einer hergekommen, ein Leipziger mit guter Gesichtsfarbe und blauen Augen. Der Geheimen Staatspolizei war er draußen verschiedene Male unangenehm aufgefallen; so, wie er einem’ Juden eine Brotmarke schenkte. Aber dem Faß schlug es den Boden aus, als er dazu überging, an trauernde Menschen eine Osterpredigt von Professor Heim auf seine eigenen Kosten zu übersenden und selbst vor den Türen von Blockwaltern und Sturmführern nicht halt machte. Lange Zeit hatte man vergeblich nach dem Missetäter gefahndet, dem der christ- liche Wagemut den Kopf schien verdreht zu haben. Als sie ihn endlich entdeckten, war sein Urteil besiegelt. Er selbst bezeichnete sich öfters scherzhaft als Knaben, woraus der Schreiber in Betrachtung seines ungewöhnlich schweren Lagergeschicks den„Knaben Hiob“ machte. Ja, der war einer von den Menschen, bei welchen es fast hörbar wird, daß ihnen Tod und Teufel im Galopp nachsetzen. Erreichen durften sie ihn freilich nicht, nein, er erlebte den Tag, da er über sie triumphierte,— den erlebte er.— Es wurde ein harter Winter. Bei Wülfert herrschte Hoch- betrieb. Die Tage reichten nicht mehr aus, wir mußten die Nächte zu Hilfe nehmen, wenn auch oft gemunkelt wurde, daß wir, wenn nicht für die Katze arbeiteten, so doch für die Haie des Mittelmeers, wenn die Schiffsladungen ver- senkt förde: desser Die Essen der/ ten Z zu sc eintra Eine wurd ausrü der e dopp flusse mich eben! jetzt, Nun Buch begaı fing: dem an d „Ich zwis neun verg weil wov D der uns vom Jch- die de, für BEIM KOMMANDO WÜULFERT 127 senkt wurden, die unsere Hühnerbüchsen nach Afrika be- förderten, oder für den Tommy, wenn sie beim Rückzug in dessen Hände fielen.| 8 Diese Nachtarbeit ging über meine Kraft. Mochte das Essen noch so fett und noch so schmackhaft sein, es fehlte der Appetit, da es uns mitten in der Nacht zur ungewohn- ten Zeit vorgesetzt wurde. Meine Füße begannen wieder zu schwellen. Ich war deswegen froh, als eine lange Pause eintrat, mochte diese auch einen traurigen Anlaß haben. Eine Typhusepidemie brach aus, und für deren Dauer wurde strenge Lagersperre verhängt, so daß wir nicht mehr ausrücken durften. Sofort schlug das Pendel wieder nach der entgegengesetzten Seite aus: Der Hunger meldete sich| doppelt empfindlich nach den Zeiten des üppigen Über- flusses, die wir hinter uns hatten. Fast noch schlimmer traf mich die geistige Entbehrung. Die Bücherei schloß ihre Tore ebenfalls, so daß kein Buch mehr ausgeliehen wurde, gerade jetzt, wo wir eine Menge Zeit gehabt hätten zum Lesen. Nun machte ich aus der Not eine Tugend:„Wenn ich kein Buch lesen kann, werde ich eines schreiben“; sprach’s und Mi: be begann auch gleich zu schreiben. Ich setzte mich hin und| fing an mit dem ersten Kapitel meiner Jugenderinnerungen, dem ich die verheißungsvolle Überschrift gab(in Anlehnung an den humoristischen Anfang von„David Copperfield“): „Ich bin geboren in der Gelbingergasse zu Schwäbisch-Hall zwischen Engelhard& Hornung“. Diesem Kapitel folgten neununddreißig weitere, doch wird es ihnen leider nicht vergönnt sein, die Welt der Lesenden in Atem zu halten, weil mir die Handschrift später abhanden gekommen ist, wovon noch traurig zu berichten sein wird. Die Seuche raffte täglich Dutzende von uns dahin. Auch der Pragmatiker wurde von ihr ergriffen. Lange bangte uns um sein Leben. Wir hörten nichts mehr von ihm, wie vom Erdboden verschwunden war er. Einmal hieß es so- 128 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU gar, er sei ebenfalls gestorben, doch glücklicherweise bewahrheitete sich diese Nachricht nicht. Und da totgesagte Kinder lange leben sollen, so war aus dem Gerücht nur ein günstiger Schluß auf die Zähigkeit zu ziehen, mit der er den Einflüssen des Vollmonds trotzen würde. - Endlich war der Höhepunkt überschritten; die Seuche hatte ihre Schuldigkeit getan. Gewisse Parolen behaupteten nämlich, sie hätte einen dreifachen Zweck zu erfüllen gehabt: einmal eine genügende Menge an Staatsfeinden unauffällig zu vernichten, sodann die Entlassung einer größeren Anzahl von Häftlingen auf Grund des Ukas zu hintertreiben, und endlich die Herrenmenschen zu schützen vor den Aushebungen zur Front, die seit Stalingrad in beängstigendem Ausmaß in Aussicht standen. Wozu ein solches Massensterben nicht alles gut sein kann! Es nahm plötzlich ein Ende, wie es gekommen war, und die Kommandos rückten wieder aus. Die Wurstleute auch, und zwar wurden wir nun endgültig ausgesiedelt. Wir bekamen innerhalb der Fabrik unsere Strohsäcke zugewiesen und rückten von da an nicht mehr ins Lager ein. Von den meisten wurde dies freudig begrüßt, während es mir schwer fiel, von meinen Freunden im Lager Abschied zu nehmen. Ich vermiẞßte vor allem auch die Predigten, die ich heimlich besucht hatte, und die Bücherei. Ich war deshalb des Berufs als Kartoffelmetzger etwas überdrüssig und war froh, als sich die Gelegenheit bot, eine Pause einzulegen und ins Revier zu wischen. Vorher hatte ich indessen noch ein Erlebnis, welches mir wie wenige die Ränke des Satans aufzeigte. Aus Sehnsucht, eine Bibel zu besitzen, hatte ich es gewagt, den Nachbarinnen meinen Wunsch in einem Briefe verblümt zu verstehen zu geben. Ich hatte zwar gehört, daß der Druck der Heiligen Schrift unter dem Vorwand der Papiernot eingestellt worden und das unnütze Buch kaum mehr rische gescha Hühn Was Pake eins herau als d Doch heil. einen Der den V Sack den bitter Aufl die I auch zu b sünd um unse noch gekü Mor sich rech sein ande das Zwei begte ein rer che eten geunSẞetervor besolund uch, Wir esen den wer men. mlich erufs , als ins Eratans wagt, verdaß der Kaum BEIM KOMMANDO WULFERT 129 mehr aufzutreiben sei. Aber vielleicht fand ihre erfinderische Liebe doch einen Ausweg. Und in der Tat, hört, was geschah: eines Morgens, ich war beim Ausnehmen eines Hühnermagens, wurde ich zum Kommandoführer gerufen. Was er sonst nie getan, er teilte heute die angekommenen Pakete selbst aus. Auch ich war unter den Glücklichen, die eins erhielten. Er öffnete es und was zog er als erstes heraus? Eine Bibel! Und als zweites? Ein Gesangbuch! Und' als drittes? Ein Losungsbüchlein! Mir klopfte das Herz. Doch wagte ich es nicht, mich zu freuen. Mir schwante Unheil. Ich ahnte, daß der Teufel um den Weg sei, um mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und richtig! Der Mann legte kurzerhand die drei Bücher zur Seite mit den Worten: ,, Die bekommst du nicht; die werden in deinen Sack gebracht." Ich war tiefenttäuscht und wollte schon den Mund öffnen und um die Herausgabe der Kleinode bitten. Da gewahrte ich in seinen Augen ein höhnisches Aufleuchten, das aus Höllentiefen kam. Das schnürte mir die Kehle zu. Ich brachte kein Wort heraus und wollte es auch nicht ich war zu stolz, den Teufel um eine Bibel zu bitten. Oder hätte ich es doch tun sollen? War der Stolz sündhafter Hochmut? Ich weiß es nicht; aber daß es sich um ein Schnippchen handelte, das der abgefeimte Feind unserer Seele mir schlug, das weiß ich. Denn weder vorher noch nachher hatte sich der Uniformierte um unsere Pakete gekümmert. Wie kam es, daß er es ausgerechnet an dem Morgen tat, da Gott mir die Bibel schickte? Erkläre es sich natürlich, wer will: mir ist es gewiß, daß es nicht mit rechten Dingen zugegangen war, sondern daß der Diabolos sein Hand im Spiele hatte, der Geist, der alles durcheinanderbringt und uns nichts Gutes gönnt, am allerwenigsten das Wort Gottes. - Zweitausend Tage Dachau 9 IZI IN DEN LÄUSE-, WANZEN-, FLOHE- UND PFERDESTÄLLEN VON ALLACH Ich komme ins Revier und fange an, stark zu dichten, und der Teufel nimmt mich stark beim Wort. ,, Ist auch ein Hindernis, das ich nicht nehme?" Von einem Kommando führer, der die Hunde auf die Sklaven hetzt; von Hunden, die uns in die Waden beißen, von einem Capo, der mich Gleise verlegen heißt und einem Zivilisten, der auf uns flucht. Wie ich Hilfscapo werde, aber mich gänzlich ungeeignet für das Amt erweise. Ich soll umgebracht werden, aber Gott erlöst mich von dem Übel! Amen. Das Aufschneiden der Hühner- und Entenmägen war nicht für diese, aber für mich sehr schmerzhaft. Die Ränder meiner Fingernägel drückten sich solchermaßen ins Fleisch, daß ich bei jedem Schnitt hätte aufschreien mögen. Dazu bildete sich zwischen den Fingern ein Ausschlag. Der Sanitäter sah mich tiefsinnig an, indem er murmelte: ,, Hühnerkrätze!" Ich mußte sogleich ins Revier. Grämte mich indessen nicht eben sehr darüber. Im Gegenteil, ich fühlte den lebhaften Wunsch, einige Ferientage dort zu verbringen. Der wurde mir erfüllt. Es war unter den geistlichen Herren, die gerade die Krankenbaracken regierten, eine Zeit der Humanität angebrochen. Da sich höchst selten eine Uniform drin sehen ließ, so fühlten wir uns halb in der Freiheit. An 9* ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Arzneien und sonstigen Heilmitteln herrschte freilich ein sehr empfindlicher Mangel, so daß vielen Patienten nicht geholfen werden konnte. Den Pragmatiker fand ich dort vor, der noch an den letzten Auswirkungen des Flecktyphus litt. Er verriet mir ein Geheimnis: der Direktor der Por- zellan-Manufaktur, welcher ihn seiner Tüchtigkeit wegen sehr schätzte, hatte Schritte zu seiner Entlassung getan, und er glaubte bald mit dieser rechnen zu dürfen. Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Nur in ganz seltenen Fällen gab Himmler einen frei. Sollte der Porzellandirektor einen solchen Einfluß haben? Auch Pfarrer Grüber nährte eine| stille Hoffnung. Die Pfarrfrau ließ der Gestapo keine Ruhe. Kein Tag verging, ohne daß sie die ob solcher Zähig- keit verzweifelnden Beamten in der Prinz-Albrecht-Straße nicht einmal an den Mann in Dachau erinnert hätte. Aber hatte nicht Himmler, Hitlers liebe Vorsehung, selbst sich seine Entlassung vorbehalten? Gewiß. Doch die wackere Frau, eine Berlinerin, Tochter des Dompredigers D. Virs, hatte auch da Rat geschaffen: es war ihr gelungen, einen hohen Herrenmenschen im Rang eines Gruppenführers an ihren Wagen zu spannen. Freilich war eine Gegenmine gelegt worden, so daß das Flämmlein wieder bedenklic flackerte in mein von Freude und Schmerz gezeichnetes Ge- sicht hinein. Aber nun war das Unglaubliche geschehen. Wahr geworden war, was er so oft gesungen und gesagt: „Wann die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf mit Macht herein, um dein Grämen zu beschämen wird es unversehens sein.“ Freude empfand ich für den Freund, dem ich die Frei| heit gönnte, Schmerz für uns Zurückgebliebene, die durch unter hielt, seine bare fülle Bibel ein nicht dort phus Poregen und telte gab einen eine xeine ähigCraße Aber sich ckere Vits, einen rs an mine IN DEN LAUSESTÄLLEN VON ALLACH 133 sein Weggehen einen schweren Verlust erlitten hatten. Ich mußte mir meinen freudekarrierten Gram von der Seele schreiben und tat es in einigen Versen, die das zum Ausdruck brachten, was uns alle bewegte, und die mit der Klage begannen: ,, Ach, wir haben viel verloren, da du weggegangen bist, Doch wir blieben hinter Toren, da kein Licht der Hoffnung ist." Nun fehlte nur noch, daß auch des Pragmatikers Traum sich erfüllte, und ich war nahe am Ruin. Wirklich! Eines Morgens war auch er weg. Doch konnte sich hier das Abschiedsweh leichter trösten lassen, weil er vorläufig auf dem alten Posten blieb, wenn auch in Zivil. Er hatte mir versprochen, mich bald als Mitarbeiter zu holen, um mich später vielleicht ganz aus dem Lager loszueisen. Doch hatte ich mit wenig Begeisterung davon gehört; ich wußte zur Genüge, wie hoffnungslos mein Fall sei, und fühlte mich in Gottes Sorge am sichersten. Wenn ER nicht wollte, so wollte ich auch nicht; wollte ER aber, dann würde ER noch heute klich die Faust aufbrechen, die die Klinke zuhielt. So hatte ich s Ge- auch Grüber für den Fall, daß er hinauskäme, nicht mit der Bitte bestürmt, sich doch für mich zu verwenden; wenn er mir einen Gefallen tun wolle, sagte ich ihm, so möge er mir eine Bibel schicken, das genüge. Als nach einigen Wochen ein Paket der Nachbarinnen aus Berlin eintraf, das unter Brot und Butter versteckt ein Neues Testament enthielt, da wußte ich, daß der Freund mein gedacht und seinen Wohltaten die Krone aufgesetzt hatte. Die unsichtbare Hand hatte ihn dazu benützt, mir die Bitte zu erfüllen, die ich kurz zuvor in einem Sehnsuchtlied auf die Bibel betend geäußert hatte: ehen. gt: Freidurch ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Komm wieder, liebe Bibel, Der Gottesweisheit Fibel, Strahl aus der Ewigkeit! © kommt, ihr heil’gen Blätter, Zeugt mir von meinem Retter, Wie seid ihr doch so fern, so weit! Du lenkst der Fürsten Herzen, Läßt nimmer mit dir scherzen Bei deinem hohen Fluch. Entwinde ihren Fäusten, Den gierigen und dreisten, Den Raub, das liebe Bibelbuch.*) Die Revierblöcke erschienen mir wie riesige Apotheken, in welchen die Betten als Kommodenschubladen, in zwei Stockwerken übereinandergeschichtet, lagen. Die Kurven- blätter hingen gleich Etiketten am Fußende; sie spielten in- sofern eine wichtige Rolle, als sie es waren, welche die mager verordneten Arzneien, Pillen, Bestrahlungen und Massagen bekamen. Wir waren of baß erstaunt, wenn wit nachträglich lasen, was uns nicht alles an Heilmitteln ver- abreicht worden war im Laufe der Woche. Nun, genügte& nicht, daß es ordnungsgemäß auf der Kurve stand? Aud die Zick-Zackstriche waren höchst ordentlich, anschaulic und farbig draufgemalt; nur, daß die Pfleger meist ver gaßen, uns den Puls zu befühlen; es waren Erzeugnis ihrer Phantasie. Die Hauptsache war, daß die Statistik *) Das ‚ganze Lied wird abgedruckt in:„Sterne in der Nacht.“ Lieder en“ Ausgestoßenen. Neubau-Verlag, München. übe ha heken, zwei urventen inche die n und nn wir in verügte es 2 Auch Chaulich st verugnisse tatistik eder eines IN DEN LAUSEST ALLEN VON ALLACH - 135 stimmte, und daß man Atrappen hatte fürs Schaufenster der Apotheke. Auch hier gab es eine Paradebaracke für etwaige Besuche von auswärts. Da lagen die Prominenten drin, die alles in Hülle und Fülle hatten, während Plebs und Parias in die hintern Schubladen gestopft wurden und sehen konnten, wie sie zurechtkamen. Was die Küche lieferte, waren vier Kostarten: Vollkost, worunter die gewöhnliche Lagerkost verstanden wurde, Diät, Breikost und Nulldiät. Es war wichtig, daß das Revierpersonal auf der Höhe blieb, und so versorgten sich die Ober- und Unterpfleger und das Heer der Stubendienste zunächst einmal selbst und zwar mit allen Kostarten, die Nulldiät ausgenommen, denn die bestand aus Nullen. Was noch übrig blieb, mußte für die Kranken ausreichen, dafür hatten sie keine Arbeit und keinen Appetit, versteht sich. Sie mußten ja doch sterben. Sterben? Nein, sie starben nicht, sie ,, gingen ein", wie der Revierausdruck wohllautend sagte. Nummern sterben nicht, Nummern verschwinden spurlos, und eine andere Nummer rückt an die Stelle der alten. Auch die Kranken selbst schienen den Respekt vor dem Tode verloren zu haben. Nichts wirkt so ansteckend wie die Fahrlässigkeit gegenüber dem Ewigen. Und so mußtest du denn im Gewühl der Lärmenden und Gleichgültigen deinen letzten Gang antreten. Nicht einmal die heiligste und ernsteste der Stunden gehört dir allein. Was sie mit deinem zum Skelett abgemagerten Leib begannen, nachdem du die Augen geschlossen hattest, darüber wollen wir lieber den Schleier des Schweigens breiten... Da ich in eine Schublade eingereiht worden war, welche die Aufschrift trug: ,, Achtung vor Ansteckung!" hatten meine Freunde keinen Zutritt zu mir. Selbst die geliebten Bücher mußten vor der Türe bleiben. Ein poetischer Notschrei, an Viktor durchgeschmuggelt, der endlich seinen Platz in der Bücherei gefunden, verhallte ungehört: 136 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Cito, Citius, Citissime! An Dr. Viktor Matteyka. Lieber! Hier liege ich bei Kranken und wälze ohne Schranken verworrene Gedanken. Ich suche und ich suche die Pfei Pari In fünf wor hint scha mir mir und dem Pfühl zum Fluche - gen nach einem Lesebuche Brie mir Und kann es weder hinten reiß noch vorn noch sonsten finden, ich mag zu Tod mich schinden. Sem Ku das gen So schwenk ich meine Fahne Freund und Feind und mahne: Schickt Bildung, schickt Romane! kau geg Fing lebe Schon zwingt mich Langeweile, daß ich Poeme feile Ein kon and hat drum eile, eile, eile! Da er zwischen den Regalen des Geistestempels hängen blieb, so führte ich die Drohung aus und griff zur Feile. Ein russischer Student, Nikolaj Longwijenko mit Namen, war es, der jeweils die ersten Proben erhielt, gewissermaßen die Brötchen, die warm aus dem Ofen kamen. Er stammte aus Kiew, wo sich sein Vater als Arzt niedergelassen hatte. Sein Großvater war Klostervogt und unterrichtete ihn in den Kinderjähren im Christentum, nachdem er dem Kindlein einst selbst die heilige Taufe gespendet hatte. Ins Lager war er als einer der zahlreichen Ukrainer gekommen, welche als lack den mir Lü ver leit alle ein ein ingen Feile. amen, maßen mmte hatte. hn in KindLager welche IN DEN LAUSEST ALLEN VON ALLACH 137 die Gestapo züchtigen wollte, weil sie nicht nach ihrer Pfeife getanzt hatten. Sie spielten jetzt die Rolle der Parias, indem sie den Geistlichen diese Bürde abnahmen. In diesen Sommertagen jährte sich meine Verhaftung zum fünften Male. Ich war mittlerweile ein alter Lagerhase geworden und hatte Grund zur Annahme, daß das Gröbste hinter mir liege, nachdem der Wind mir manchmal recht scharf um die Ohren gepfiffen hatte. Eine schwere Last war mir zudem im Laufe der letzten Jahre von den Schultern genommen worden: Von Zeit zu Zeit waren aus Leipzig Briefe eingelaufen, in welchem das Verlagshaus Wallmann mir mitteilte, daß die noch vorrätigen Bücherschriften reißenden Absatz fänden. Sie gingen weg wie warme Semmeln. Das ,, Buch der Menschheit", das mir solchen Kummer bereitet hatte, war bereits vergriffen; so war auch das letzte der 160 000 Heftchen ,, Wiederkunft Christi" verkauft. Wie wunderbar hatte die unsichtbare Hand eingegriffen und alles zum besten gefügt. Ohne daß ich einen Finger rührte, ja mit gebundenen Händen, durfte ich erleben, wie der Sorgenberg abgetragen ward, der mir die Einlieferung ins Lager so schwer gemacht hatte. Nun konnte ich meine Schulden zahlen, ein Lieferant nach dem andern wurde befriedigt. Was tat ich lieber als dies! Wie hatte Gott mein Harren belohnt! Mein Name war wieder als der eines ehrlichen Kaufmanns hergestellt. Der Sommer lachte mich an; nein, so schlimm konnte es nicht mehr werden. Dazu hatte ich die Genugtuung zu sehen, daß die von mir, dem gefangenen ,, Freien", hinausgestreuten Blätter eine Lücke ausfüllten zu einer Zeit, als längst alles Christliche verpönt war. War es nicht der Geist selbst, der mich geleitet hatte? Wie reich und glücklich machte mich dies bei aller Armut. Mein Unglück war mein Glück! Ich plätscherte einigermaßen beruhigt im ruhigen Fahrwasser A. Doch wie ein Blitz aus heiterm Himmel schreckte mich der jähe 138 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Wettersturz auf, der in Kürze folgen sollte. Wie in einer Vorahnung hatte ich als letztes Lied in mein Büchlein eingetragen: Ist auch ein Hindernis, das ich nicht nehme in deiner Kraft, o Jesu Zebaoth, ein wildes Roß, das ich nicht zähme, Erniedrigung, der ich mich schäme? In dir besiege ich den Tod. Mit Gott will ich selbst über Mauern springen und fürchte mich vor ihrer Höhe nicht. Der Burgen Zinnen will ich zwingen, erobernd in das Bollwerk dringen, da ER mir den Triumph zuspricht. Unter die Wölfe schickst du deine Schafe, kommt her, ihr Wölfe, ihr zerreißt mich nicht, der ich inmitten eurer Höhlen schlafe; zur Überwindung, nicht zur Strafe trifft mich der Erdennot Gericht. Wer hatte mir diese merkwürdigen Verse ins Ohr geflüstert? In kurzem sollten sie sich wörtlich erfüllen. Klang es nicht etwas verwegen: ,, Ist auch ein Hindernis, das ich nicht nehme...?" Fühlte er sich herausgefordert, der allzeit , Groß Macht und geschäftige Geist aus dem Abgrund? Das wußten die viel List sein grausam Rüstung ist." - - دو Alten gut, und auch ich sollte es aufs neue wieder erfahren. Die schönen Tage von Aranjuez waren vorüber. Schon die äußeren Umstände, wie wir aus dem Revier entlassen wurden, waren von schlechter Vorbedeutung. Wir wurden Hals über Kopf herausgeworfen, und in welchem Aufzug mußten wir auf unsern Block zurück! Reinen Harlekinen sahe Wär wie sie ma geh bast Auf bein ich geb setz ihn Aus nic lass Erf Sie Wa wid mü ich St. Wi Bib ver die kü sch ma fes sch ih zu einer einr geKlang as ich allzeit t und En die ahren. Schon Classen urden ufzug ekinen 139 IN DEN LAUSEST ALLEN VON ALLACH sahen wir ähnlich in den zerbeulten Hosen und löcherichten Wämsern. Unglücklicherweise zogen die Herrenmenschen just wieder einmal auf Menschenfang aus; mit dem Lasso holten sie uns, daß ich so sage. Auch ich war dabei. Vergeblich machte ich geltend, daß ich noch zum Kommando Wülfert gehöre. Es nützte nichts, ich stand auf der Liste und damit basta. Noch im letzten Augenblick versuchte ich das Außerste, ich überwand meinen Abscheu und ließ mich beim Lagerführer melden. Ich lüftete mein Inkognito, da ich wußte, daß für Theologen Lagersperre bestand. Vergeblich! ,, Hau ab! Mit gehst!" Um zwei Uhr nachmittags setzte sich ein Zug von 1000 Mann in Bewegung und mit ihnen auch ich. Wohin sollte es gehen? Bis zum letzten Augenblick war es geheim gehalten worden. Wir hatten. nicht die leiseste Ahnung. Gleich nachdem wir das Tor verlassen hatten, fielen einige zu Boden. Ihr Theaterspiel hatte Erfolg. Zwar mußten sie einige Fußtritte einheimsen, aber sie durften wieder zurück. Unsere Schachteln führte ein Wagen mit, der von Häftlingen geschoben wurde. Meine wichtigsten Habseligkeiten hatte ich aber zurücklassen müssen: das Manuskript meiner Jugenderinnerungen, denen ich bereits einen Titel gegeben:„ Unter dem Schatten von St. Michael", verschiedene Aufzeichnungen und Wäsche. Bei Wülfert ruhte alles sanft in einer Kiste; ich hatte sie einem Bibelforscher in Obhut gegeben. Ob er sie zu bewachen verstand? Wer wußte es? Meine dringenden Bitten, mich die Kiste holen zu lassen, hatten nichts gefruchtet. Was kümmert sich eine regierende Person, wie es solch ein Blockschreiber ist, um die Nichtigkeiten eines Häftlings? Ich marschierte also fein hübsch mit in Reih und Glied. Aber fest war ich entschlossen, den Lassowerfern wieder zu entschlüpfen, koste es, was es wolle. Diesmal sollten sie sich ihres Fanges nicht freuen, nein. Einstweilen ging es weiter zu Fuß. Das war kein ungünstiges Zeichen, denn es deutete 140 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU darauf hin, daß wir nicht als Transport fortkämen, sondern auf eines der zahlreichen Außenkommandos, welche als Pflanzstätten in enger Verbindung mit dem Mutterboden Dachau blieben. So hatte ich doch Aussicht, eines Tages wieder zu meiner Kiste zu kommen. Es ging auf einer pappelumsäumten Landstraße entlang. Da die meisten von uns nicht einmal mit der nächsten Umgebung vertraut waren, so kannten wir uns nicht aus, doch verrieten uns die gelben Wegweiser, daß wir nach München kämen, wenn wir fortführen, geradeaus zu pilgern. Wir taten's indessen nicht, sondern bogen seitwärts ein; endlich tauchte ein Gebilde auf, dessen Aussehen uns, Gott sei's geklagt, nicht fremd war: Stacheldraht umgab, von turmartigen Bauten unterbrochen, eine Anzahl von Baracken. Es war das ,, Arbeitslager" Allach. Wir marschierten durch die Tore( unter ,, Mützen ab!"). Nicht als Sieger, nein, als Besiegte fühlten wir uns. Denn was wir da vor uns sahen, gab einen trostlosen Anblick ab. Puh, schmutzig grau starrten uns die Hütten entgegen, die sich bei näherem Zusehen als Pferdeställe entpuppten, ohne Fenster, nur mit lückenartigen Öffnungen versehen, die unterhalb des Daches angebracht waren. Uns fröstelte. Dachau war, obwohl Konzentrationslager, eine saubere Stadt gegenüber dieser Sammlung von Ställen, die sich ,, Arbeitslager" hieß. Auf den Namen kam es demnach nicht an. Gab's keine Möglichkeit zu entrinnen? Vorläufig nicht. Listen und Namensaufrufe mit dem ganzen bürokratischen Drum und Dran! Es wurde mir übel zu Mute. Da klopfte mir einer vertraulich auf die Schulter: der erste Bekannte, der Leiter des Arbeitseinsatzes auch diese Behörde gab es hier. ,, Na, mach nur kein solch grimmiges Gesicht. Wir fressen dich nicht!" sprach er mir zu. Und da der alte getreue Eckart, der Hubersepp, auch er tauchte auf. Er war hier Capo und versprach mir, mich nicht allein zu lassen. Das war höchst notwendig, denn - in das die wig gest Dec die spra von Und Ho war V Win kein Vers Das jun übe mic Box ein auf noc " Ja mu A frie zun „ Ic Son lers feir Zu dern als oden Tages ang. Umdoch chen Wir dlich sei's urmcken. urch -, als hen, tarrehen ckenanKonmmNait zu emit urde f die atzes kein ch er sepp, mir, denn 141 IN DEN LAUSEST ALLEN VON ALLACH in den Pferdeställen sah es trostlos aus. Das Halbdunkel, das hier herrschte, breitete einen barmherzigen Schleier über die Verwahrlosung, welche das Innere zu einem Zigeunerwigwam machte. Von Spinden keine Spur; in den Lattengestellen, auf denen dürftige Strohsäcke mit schmutzigen Decken lagen, hatten sich schon vor uns Gäste einquartiert, die uns des Nachts das Leben schwer zu machen versprachen: Läuse, Wanzen und sogar das Geschlecht der Flöhe, von dem es geheißen hatte, es sei in Europa am Aussterben. Und alles im fünften Lagerjahr! Kaum daß ich der Hoffnung Raum gegeben, das Gröbste liege hinter mir. Wie war das möglich! Wie um die Blocks, so pfiff auch um die Seelen ein rauher Wind. ,, Ihr meint wohl, ihr seid noch in Dachau? Allach ist kein Sanatorium!" belehrten uns die Eingesessenen. Aus Versehen war ich in den Schlafraum einiger Capos geraten. Das war ein unverzeihlicher Fehltritt. Sogleich stürzte ein junger Arier im Zebrakleid auf mich zu, und eh' ich mir überlegen konnte, was seine vor Wut trunkene Stimme auf mich eingeschrieen hatte, lag ich unter der Wucht einiger Boxerschläge am Boden. Mühsam erhob ich mich; wohl mit einer zürnenden Frage im Blick, denn ich lag bereits wieder auf der Erde, nachdem er mir zugerufen: ,, Du willst wohl noch' was' raushaben", und ich darauf gewagt hatte, mit Ja!" zu antworten. Auch auf den Blocks ging es ziemlich stürmisch zu. Zwar mußte unser Block pascha sich aus früheren Zeiten eine friedliche Insel im Innern bewahrt haben, denn er blies zum Zapfenstreich in einschmeichelnden Klängen das Lied: ,, Ich bete an die Macht der Liebe" in den Abendwind. Sonst gehabte er sich indessen als Charakterdarsteller Himmlers mit Fußtritten, Kopfnüssen und Rippenstößen von der feinsten bis zur gröbsten Sorte. Um den Mund trug er einen Zug, als ob er gegen alle Welt beständig Protest einlegen 142 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU wolle. Als er mich zum ersten Male erblickte, sah er mich an, wie wenn er mich beim Kirschenstehlen ertappt hätte. Er erkor mich denn auch keineswegs zu seinem Liebling. Im Gegenteil. Es vergingen keine 14 Tage, da rief er mir vor versammeltem Block zu: ,, Wenn du glaubst, du könntest mich reinlegen, irrst du dich. Bevor ich über die Klinge springe, springst du darüber!" Ich war nicht wenig erstaunt über diese Kriegserklärung, war ich mir doch nicht bewußt, zu ihr irgendeinen Anlaß gegeben zu haben. Das böse Gewissen selbst hatte ihn offenbar zu diesem Ausbruch getrieben. Mir aber fiel plötzlich die Strophe ein, mit der ich nicht lange vorher mein Lied geschlossen hatte: ,, Unter die Wölfe schickst du deine Schafe, Kommt her, ihr Wölfe, ihr zerreißt mich nicht, Der ich inmitten eurer Höhle schlafe! Zur Überwindung, nicht zur Strafe Trifft mich der Erdennot Gericht." Auch sonst schien mich der Feind beim Wort packen zu wollen. Wie hatte ich mich gerühmt: ,, Ist auch ein Hindernis, das ich nicht nehme In deiner Kraft, o Jesu Zebaoth? Erniedrigung, der ich mich schäme...? In dir besiege ich den Tod!" Ich bekam reichlich Gelegenheit, mich an diese hochgemuten Worte zu erinnern und sie zu bewähren. Wohl die Hälfte der etwa 5000 Allacher Gefangenen arbeiteten in den Bayerischen Motorenwerken. Es waren meistens junge Ukrainer, welchen wir Reichsdeutschen als Kontrolleure vorgesetzt waren. Die Aufsicht führten Zivilisten, die meistens aus München oder dessen Umgebung stam hiel ten. Von führ richt Von ihm gege Man zwa Arb gest Beha ein. um den die in e klar wur mit Nic Die Mep mich nun Spu muf war die A tete hoff an, . Er . Im vor ntest linge aunt rußt, etrie- r ich n zu hoc- genen waren en als Zive ‚ebung IN DEN LÄAUSESTÄLLEN VON ALLACH 143 stammten, und die es zum Teil innerlich mit den Gestreiften hielten, zum Teil uns aber auch als Staatsfeinde behandel- ten. Ich fiel einem Vertreter der letzteren Art in die Hände. Von seinem zutunlichen Wesen irregeführt, ließ ich mich ver- führen, ihm etwas über den Grund meiner Haft zu be- sichten, als er mich scheinbar teilnehmend danach fragte. Von diesem Augenblick an freilich hatte ich es auch bei ihm verspielt. Schon am nächsten Tage begann er Ränke gegen mich zu schmieden und mich zu beobachten. Der Mangel an Material war bereits damals schon spürbar und zwang das Werk, kurz zu treten. So standen wir oft ohne Arbeit herum, und, wie ich dies die andern tun sah, so gestattete auch ich mir, mich auf einen der umherliegenden Behälter niederzulassen. Dies trug mir den ersten Verweis ein. Gegen Feierabend sah ich nach meinem müden Fuß, um eine Wunde zu verbinden. Zweiter Verweis. Wurde ich denn beobachtet? Als ich aber vollends am nächsten Tage die Dreistigkeit besaß— Gott verzeih mir die Sünde!— in ein Büchlein schnell einen Vers einzutragen, da war es klar, daß ich für das Werk nicht tragbar sein konnte. Ich wurde meiner Kontrolleurswürde entkleidet und hatte mich mit dem Besen in der Hand um den Schmutz zu kümmern. Nicht genug damit: der Capo war auch hier der getreue Diener seiner Herren, des sichtbaren und des unsichtbaren _ Mephisto; er nahm mir den Besen aus der Hand und führte mih zum Raum Nr.o mit dem Bedeuten, daß dies von nun an meine Arbeitsstätte sei. Er sorgte durch reichliches Spucken dafür, daß sich der Sklave genugsam bücken mußte.„Erniedrigung, der ich mich schäme?“ O nein, ich war guten Muts und wußte:„Mein Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick!“ Am Freitag erhielt ich meine Kündigung. Man verzich- tete auf meine Dienste. Ich atmete auf, denn im stillen hoffte ich, nun nach Dachau zurückgeschickt zu werden. 144 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Doch ich kannte den Teufel schlecht, wenn ich glaubte, so leichten Kaufes davonzukommen. - Beim Appell( alles war hier wie im Mutter- und Musterlager, nur en miniature, abgesehen von den Ohrfeigen, die in natürlicher Größe verabfolgt wurden), beim Appell also höre ich plötzlich meinen Namen rufen. Ich fahre zusammen wie immer, denn etwas Gutes kam selten dabei heraus. So auch diesmal nicht. Vor versammelter Mannschaft wurde mir eröffnet, daß ich wegen Faulheit und Unfähigkeit von den Bayerischen Motorenwerken ,, abgestellt" worden sei. ,, Stimmt das?" fragte der Lagerführer.„ Nein." ,, Wieso ,, Halts Maul! nicht?" ,, Faul bin ich nicht gewesen!" Du meldest dich auf der Schreibstube zum Strafkommando." Ich mußte auf den Bauplatz! Es war nichts zu machen. Auch Hubersepp war machtlos. Keiner wagte einen Befehl, der von oben kam, zu trotzen. Dyckerhoff& Widmann erstellte für die Motorenwerke mit Sklavenhilfe zwei große Hallen. Es war eine Art Todeskommando, eine versteckte Hinrichtung. ,, Kommt her, ihr Wölfe, ihr zerreißt mich nicht!" Der Capo Rohr, ein ehemaliger Legionär, war ein berüchtigter Schläger. Nur gut, daß der Arbeitseinsatz ein Wort für mich einlegen wollte. - Am andern Morgen rückte ich in der Tat mit aus, im 60. Monat, auf ein Vernichtungskommando! Wir hatten eine halbe Stunde zu marschieren. Unterwegs grüßte aus einem Garten des Sommers letzte Rose mit dem blutigen Rot des was hatte es zu bedeuten? Rubins. Meine Lieblingsfarbe War es das Feuer des Lebens oder die Farbe des Todes? Die Arbeitsstätte lag auf einem freien Platz, welcher rings von Tannen umgeben war. Als wir uns der Umfriedung näherten, wurde Laufschritt befohlen ganz im Stile Sachsenhausens, an das mich quälende Erinnerungen überfielen. Da wir in dem schlammigen Wege nicht rasch genug vorwärtskamen, hetzte der Kommandoführer seine Hunde - auf für gen and ihr, Fra Bur lan sie ried gef schä ich der du hus wie ver zu I unt dies deu und alle Bo Ma we bü faf un hab 2 foh Zw e, so uster, die also sameraus. vurde I von n sei. Wieso Maul! ndo." achen. efehl, mann große teckte mich ar ein tz ein us, im en eine einem Lot des euten? Todes? r rings iedung Stile übergenug Hunde - IN DEN LAUSEST ALLEN VON ALLACH 145 auf unsere Waden, einen der angenehmsten Tummelplätze für ihre Zähne. Diese Szene wiederholte sich fast allmorgendlich. Die Arbeitsgruppen wurden eingeteilt. Mit einigen andern Neuen blieb ich übrig, und welcher Dienst, denkt ihr, wurde mir als erster anvertraut? ,, Du gehst mit dem Franzosen da" der Capo zeigte auf einen schmächtigen Burschen ,, und leerst die Abtrittskübel." Die waren an langen Stangen rings um den großen Platz aufgestellt, und sie zu leeren war keine sehr schwere, aber wenig wohlriechende Aufgabe; so ziemlich das Niedrigste, was herausgefunden werden konnte. ,, Erniedrigung, der ich mich schämte?" Mit nichten! Schon am nächsten Tag wurde ich abgelöst. ,, Was bist du denn von Beruf?" fragte mich der Capo. ,, Verleger!" ,, Verleger? Gut, dann kannst du Gleise verlegen", und ein Aufleuchten über seinen Witz huschte über das Gesicht Mephistos. So landete ich denn wieder im Berufe der Verleger, doch manchmal war ich verlegen im Nachsinnen darüber, was schwerer sei, Bücher zu verlegen oder Geleise. - - - Die Geleise hatten ein ordentliches Gewicht; wir keuchten unter der Last. Was ich bei dieser Gelegenheit lernte, war dies, was die Gemeinschaftsarbeit vermag! Ganz unmöglich deuchte es mich, solch eine eherne Schlange aufzuheben und von ihrem Orte wegzubringen. Faßte sie meine Hand allein, so rührte sie sich nicht einen Millimeter, wie in den Boden gewachsen blieb sie liegen. Nichts schien über sie Macht zu haben, aller Anstrengungen spottete sie. Doch wenn wir uns gemeinsam vor sie stellten, uns nach ihr bückten und auf das Kommando ,, Hau ruck!" die Träger faßten, ruck! ging's in die Höhe, als wär's ein Strohhalm, und binnen kurzem lag das Ungetüm, wo unser Wille es haben wollte. Zur Abwechslung wurden wir auch an die Loren befohlen. Die Loren, denen ich auf dem Klinkerwerk in Zweitausend Tage Dachau 10 146 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Sachsenhausen glücklich entronnen war, hier streckten sie ihre Arme nach mir aus. Hatte ich damals meine Lektion nicht gründlich gelernt? Mußte ich nachholen? Meine unglücklichsten Stunden verlebte ich an den Loren. Unser Hilfscapo war ein Grüner, dessen Roheit ich nur durch Zigaretten bestechen konnte. Der Zivilvorarbeiter aber, ein kleines Männchen, war unbestechlich. Er fluchte, wie je nur ein bayrischer Holzfäller geflucht hat. Die Loren hatten. ihre eigenen Rufe:„ Bum, bum!" wenn unsere Hämmer an die Wände schlugen und ,, Musik, Musik", wenn wir die Schalen durch Hin- und Herziehen zu bewegen versuchten. Die ausländischen Arbeiter, die die Mehrzahl bildeten- verstanden schlecht Russen, Holländer und Franzosen Deutsch, geschweige Bayrisch, was nun der Kleine gar nicht begreifen wollte. Und so zog er denn das Register seiner Flüche, daß ich eine Gänsehaut bekam. Ich erinnere mich noch wohl des Vormittags, als es angefangen hatte zu regnen. Bald schüttete es in Strömen, aber wir durften nicht unterstehen. Waren wir nicht schon naẞ bis auf die Haut? Er ließ nicht locker, der Platzhalter Luzifers. Nichts Unbehaglicheres kann dem Menschen passieren, als daß ihm das Wasser vom Nacken in den Rücken hinunterläuft. Aber wenn dabei noch das Kläffen der Flüche und das altweibische Keifen zorniger Befehle auf dich eindringt, das ist ein Vorgeschmack der Hölle! - Dieses schlechte Wetter, wenn es Flüche regnete aus des Bayern Munde und Tropfen aus den Wolken überm Wald, das war dazu angetan, das Leben zu verbittern. Wir fürchtéten daher auch nichts so sehr als jene kleinen Wölklein, die eine Handbreit am Horizonte auftauchten. Mochte auch der Kirchenvater einst trösten: ,, Nubicula est, transibit" ' s ist ein Wölklein nur, das geht vorüber, wir wußten aus Erfahrung, wessen so ein Wölklein fähig, bevor es vorübergegangen. BANDWAG U unse daf Trop wür er f einri füllt wir's D eines Hau gieri auf woll Gott doch Lipp D terg eine Häf Tro gew schl verk nich muf tret rats fluf älte erw anz sie tion un- nser urch ‚ ein ersje ıtten ran die ten. a lecht nicht einer mich 2 zu nicht laut? Un- ihm Aber twei- - das s des Wald, ürch- slein, auch (13 we 1 aus vor- IN DEN LÄUSESTÄLLEN VON ALLACH 147 Und so knüpften sich an jede Stufe der Entwicklung unsere Hoffnungen und Befürchtungen: war’s ein Wölklein, daß es nicht zur Wolke werde; war’s’ne Wolke, daß kein Tropfen käme; kamen Tropfen, daß sie nicht zum Regen würden; wurden sie zum Regen, daß er bald aufhöre; fuhr er fort, daß es nicht zum Gießen käme; goß es, daß wir einrücken durften; welcher Wunsch in dem Augenblick er- füllt wurde, da wir nicht mehr naß werden konnten, weil wir’s schon waren bis auf die Haut. Dem Hagel der Flüche suchte ich zu steuern. Als es mir uines Tages zu bunt wurde, sagte ich zu ihm:„In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.“—„Wieso?“ fragte er neu- gierig zurück.—„Weil ich es nicht verantworten möchte, so auf die armen Kreaturen hineinzufluchen!“—„Ach, Sie wollen mir Angst machen— vor wem denn?“—„Vor Gott!“ gab ich ernst zurück. Da schlug er eine Lache auf, doch kam den ganzen Tag kein Fluch mehr über seine Lippen. Die Ohrwatsch’n des Lagercapos hatten inzwischen wei- tergewirkt. Ich mußte der Schmerzen wegen ins Revier, eine Baracke, in der es nach Menschenfleisch roch. Der Häftlingsdoktor stellte Mittelohrentzündung fest. Und das Trommelfell sei durchlöchert. Das war doch der Mühe wert gewesen. Ich hielt im stillen immer noch an meinem Ent- shlusse fest, dem Allacher Netz zu entrinnen. Vielleicht verhalfen mir die Ohrfeigen zum Gelingen. Doch war es Nichts damit. Ich bekam nicht einmal Schonung, sondern mußte nach wie vor zur Arbeit an Geleisen und Loren an- treten. Doch versprach mir der Hubersepp Abhilfe. Er be- tatschlagte mit seinem Freunde Bertl, der wiederum Ein- fuß aufs Revier hatte. Als der nun eines Tages sogar Lager- ältester geworden war, wollte er mir eine besondere Gunst ‚weisen, rief mich zu sich und schlug mir vor, einen Posten anzunehmen, der nicht viel Arbeit erfordere und ganz 10* 148 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU passabel sei. Ich war gespannt. ,, Unser Abort", fuhr er fort, ,, liegt im argen. Ich will Abhilfe schaffen, und du sollst mir dabei helfen. Du sollst so' ne Art( er zögerte sichtlich)... Abortdirektor werden." Ich mußte ernst bleiben, um mir des Mannes Gunst nicht zu verscherzen, denn er hatte es gut mit mir gemeint. Aber ums Haar hätte ich mich durch ein schallend Gelächter verraten. ,, Nachtigall, ich hör' dich laufen!" Wie kam er nur auf diesen Gedanken? Ja, wie kamen sie alle auf diese Eingebung, die doch nichts voneinander wußten, der Kommandoführer bei Wülfert, der Capo hier, der Capo dort und nun zu guter Letzt Bertl, der es doch so gut mit mir meinte? Woher diese Einheit? Zufall? Nun, mit diesem Allerweltsschlüssel bringt man solche Schlösser nicht auf. Denkt, was ihr wollt, aber ich sehe Luzifer am Werk, der es nicht dulden will, daß wir ihm Widerpart halten. Gewiß wollte er mir den Reim ins Wachs drücken, der ihn ärgerte: ,, Erniedrigung, der ich mich schäme, Ein wildes Roß, das ich nicht zähme?" - Auf dem Arbeitsplatz hatten sich inzwischen merkwür dige Dinge zugetragen. Der Grüne war krank geworden, und wer mußte an seine Stelle treten und als Hilfscapo amten? Kein anderer als ich, ihr mögt es glauben oder nicht. Das Glück war freilich mein Unglück: die Herrlichkeit meiner Regierung überdauerte den Zeitraum einer Woche nicht. Ich hatte eine Gruppe von Russen übernehmen müssen, die Ziegel schleppten. Schon, daß der neue Hilfscapo, statt sie anzufeuern, dem einen oder andern mit der Frage nahe trat, ob er nicht zuviel aufgeladen und den Turm höchst eigenhändig um einen Ziegel erleichterte, erregte unliebsames Aufsehen. Das sei dem Ansehen der Kollegen nicht zuträglich; das Solidaritätsgefühl leide darunter, und was dergleichen faule Redensarten mehr waren, die sie sich gegenseitig zutuschelten. Aber eines Morgens geschah etwas, was dem Faß den Boden ausschlug. Ich hatte einem der mi Au Sie Zie che wa Zu WO Mi uns VO wa ma „ Ja Er hät beg arg Sar aus am me dur sta füh mi du Ein ant Lag Ka WO der er en IN DEN LAÄUSESTÄLLEN VON ALLACH 149 der Russen erlaubt, sein wundes Bein zu verbinden, und mich zu ihm gestellt, die Hände in den Taschen. In diesem Augenblick höre ich eine wütende Stimme hinter mir:„Und Sie wollen Capo sein! Marsch: Sie schleppen jetzt selber die Ziegel.“ Der Kommandoführer war’s, der mir nachgeschli- chen war. Das war das Ende meiner kurzen Regierung. Ich war abgesetzt. Ich mußte nun selber die Ziegel schleppen. Zu meinem Nachfolger war ein junger Franzose bestimmt worden, der allerdings zu diesem Amt besser taugte als ich. Mit seinem„Vite! Vite!“(Schnell! Schnell!) machte er uns das Leben sauer. Als sein Vorgesetzter, ein Landsmann von mir, mir erlauben wollte, die Ziegel aufzuschichten, was leichter gewesen wäre als das Schleppen, trat der Kom- mandoführer auf ihn zu, verbot es ihm streng und schalt: „Ja keine Schonung mit dem Professor! Das gibt’s nicht!“ Er vertraute mir später an, daß er den Auftrag erhalten hätte, den„Professor“ zum Erliegen zu bringen. Die Wirbel begannen wieder einmal zu strudeln. Aber den Plänen des argen Geistes der Wasser ward Einhalt geboten. Noch einen Samstag lang durfte er mich schinden, daß mir der Atem ausging und der Schweiß aus den Poren brach. Aber schon am Anfang der neuen Woche war ich dem Machtbereich meines Peinigers entrückt. Als wir nämlich— es war noch dunkel— in der Montagfrühe schon zum Ausrücken bereit- standen, hörte ich plötzlich meinen Namen. Der Lager- führer selber war ‚es, der mich rief. Was mochte der von mir wollen? Ich sprang vor und meldete mich.„sag, bist du’n Lump?“ Ich wußte nicht, was mit dieser feierlichen Einleitung anfangen, da fiel eine andere Stimme, für mich antwortend, ein:„’s ist’n ganz anständiger Kerl, Herr Lagerführer!“—„So. Dann gehst du von jetzt ab zur Kammer anstatt des A..... jungen. Verstanden!“—„Ja- wohl, Herr Lagerführer.“— Und damit hatte ich eines der besten Kommandos„geschnappt“. Der Capo der Kam- 150 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mer hatte am Abend zuvor mit Einverständnis desselben Lagerführers einen jungen Russen einstellen wollen; doch über Nacht war diesem eine Laus über die Leber gekrochen; er hatte geglaubt, Unrat wittern zu müssen, und streng verboten, daß der Junge den Dienst antrete. Statt seiner war ich erkoren worden, ich weiß nicht aus welchen unerforschlichen Gründen. Als ich aber später mein neues Amt antrat und in die Kammer einzog, wer hatte da mit mir gleichzeitig den Dienst angetreten?- Der schöne Russenjunge!- Der günstigen Wendung der Dinge ungeachtet, war ich nach wie vor entschlossen, dem Wanzen- und Räubernest den Rücken zu kehren. Ein Erlebnis, das ich in der Dämmerung eines Herbstmorgens machen mußte, bestärkte mich in meinem Entschluß aufs neue. Es war beim Appell ruchbar geworden, daß ein Grieche namens Xeinos auf eigene Faust sein Kommando verlassen hatte. Hatte man ihn dazu aus Griechenland geholt? Er sollte erfahren, wie solch unziemlicher Drang nach Selbständigkeit im Reich der Freien geahndet wird. Er sollte es erfahren. Deutsche Fäuste lehrten es ihn, gleichgültig, ob Herren- oder Capofäuste. Dieser Morgenstunde sollten noch seine Enkel gedenken. Einer reichte ihn dem andern zur Bearbeitung weiter: der Arbeitsleiter, ein Gestreifter, dem Capo, einem Gestreiften; dieser dem Lagerältesten, einem Gestreiften, und der dem Blockpascha, ebenfalls einem Häftling; der endlich dem SS- Lagerführer; die Ohrfeigen fielen hageldicht. Es hatte die Derwische der Moral eine sittliche Raserei ergriffen, so daß sie kein Ende finden konnten, weder mit den Schlägen noch mit den Enrüstungsrufen. Es war ein Phänomen! Zum Schluß nahm ihn der Lagerführer noch in einen Block hinein, wo ein heiseres Heulen ankündigte, daß er jetzt erst die eigentliche Strafe erleide. Nein, es war nicht auszuhalten, am liebsten wäre ich sogleich auf und davon gelaufen. Und am meisten traf es mich, daß so gar kein U m ge m W SS di be Sc mi W ku ein S16 bl da er de las Er un au nu di als Re de no te ich ni hi me elben doch chen; verwar Orschntrat leichge!- r ich ernest Däm= mich rucheigene dazu ch unFreien e lehrDieser Einer er Areiften: r dem dem hatte fen, so chlägen nomen! Block r jetzt nt auson ger kein IN DEN LAUSESTÄLLEN VON ALLACH 151 Unterschied war zwischen der Herrenrasse und den Herdenmenschen. Sobald den Sklaven die geringste Gelegenheit geboten wurde, vom Giftbecher der Macht zu nippen, taumelten sie und wurden vom gleichen Machtrausch erfaßt wie je nur ein mittelalterlicher Despot oder ein moderner SS- Mogul. Wo blieb die Hoffnung auf Besserung, wenn es die Antipoden noch schlimmer machten, als die, die sie bekämpften? Das Revier versagte. Trotz des Dazwischentretens meines Schutzpatrons, des Hubersepp, machten sie keine Miene, mich zur Behandlung meiner Ohren nach Dachau zu überweisen. Ich mußte aber fort von diesem Ort des Machtkultes. Wie griff ich es, nur an? Endlich fiel mir ein Ausweg ein: meine Kiste! Sie mußte mich retten. Ich brauche sie; sie enthielt meine Wäsche; und da niemand über ihren Verbleib Bescheid wußte außer mir, so war es gerechtfertigt, daß ich sie selbst holen ging. Heikel war an dem Plan, daß er mich nötigte, vor den Kommandanten selbst zu treten; denn nur er konnte die Erlaubnis geben, das Lager zu verlassen. Ich wagte es mit Gott, und siehe, es gelang; wider Erwarten hatte der gefürchtete Jarolin eine gute Stunde und ließ mich ziehen, natürlich nicht ohne Bewachung. Nur auf zwei Tage bekam ich Urlaub; aber ich war guter Hoffnung, sie bis auf den St.- Nimmerlestag auszudehnen. Auch dieser Anschlag glückte. Kaum war ich im Lager zu Dachau, als ich meinen Freund, den Zentrumsabgeordneten Joos, im Revier aufsuchte. Ich hatte nicht Mühe, ihm lange zu verdeutlichen, was mich herführe. Mein Aussehen gab ihm die nötige Auskunft von selbst. Er versprach mir, für eine Untersuchung beim Ohrenarzt zu sorgen. Einstweilen wollte ich mich um meine Kiste kümmern. Die bekam ich ja nun nicht mehr; der Bibelforscher sei wahnsinnig geworden, hieß es, und habe bald darauf das Zeitliche gesegnet. Von meinem Schatze wollte niemand etwas wissen. Das war ZWEITAUSEND TAGE DACHAU 152 bitter, kam aber nicht unerwartet. Dafür trog die Hoft- nung auf Joos nicht. Der Arzt, ein junger Pole, der später tödlich verunglückte, versagte zwar, aber ich kam dennoch hinein; schon am andern Morgen war ich in eine der Schub- laden eingereiht, und die Etikette lautete auf:„Dilatatio cordis, enteritis pollakisuria und hypertrophia hypostasis.“ "Ich muß es den Medizinern überlassen zu beurteilen, ob das ‚Faclatein stimmte; es war auf jeden Fall die geeignete Zauberformel, die mich für zwei Monate an diesen Ort bannte. Nach Allach kehrte ich nie mehr zurück. Ich hatte den Lassofängern ein Schnippchen geschlagen, und dies freut mich heute noch. Was sich weiterhin begab, findet sich in meinen Tage- büchern. aufgezeichnet, die ich weiterführte, wenn auch mit einem Fuße im Grabe. Wenn ich die früheren verbrennen mußte und andere, spätere Blätter verlorengegangen sind auf ihrer gefahrvollen Reise über den Stacheldraht, so konnten doch ihrer so viele gerettet werden, daß sich ein lückenloses Bild der weiteren Schicksale des Verfassers bis zum großen Lager-Kladderadatsch ergibt. Sollten die Leser finden, daß diese Aufzeichnungen die Mühe lohnten, sie zu lesen, so mögen sie sich dafür bei der ehrlichen Haut, dem Pragmatiker, bedanken, der sie unter Gefahr seines Lebens hindurchgeschmuggelt und dem Schrei- ber damit einen Freundschafts-, dem Leser aber— hoffent- lich— einen Liebesdienst'erwiesen hat. Ei äter noch hub- atio sis.“ , das ‚nete Ort hatte freut Tage- ı mit nnen sind t, so h ein s bis n. die ei der unter chrei- ffent- IM„PORZELLAN“ ZWISCHENSPIEL IM REVIER Vom Pragmatiker, der den Gefangenen wohl, sich aber wehe tut und einen Seiltanz aufführt. Vom reinen Denker, Sigambrer, Biblizisten und den Laibachern Nr. 1—3, vom langen Dünnen und kurzen Dicken. Ein Zebra bıennt durch, ein Holländer predigt über Gottes Lachen, und was sich sonst im ‚Lager ereignete. Der Pragmatiker ist wieder da, hurra! Heilmittel KZ. „Jeder muß sich selbst austrinken wie einen Kelch.“ Kontrolleure fliehen vor den Bomben und die Buchhaltung vor den Kontrolleuren. Die Baracke der Schönen wird gemieden, aber nicht das Erzeugnis des Pufferbäckers. Von Gestreiften, die Unkraut, von Priestern, die Würmer fraßen und von einem: Pintscher. Ein Capo tut seine Wünsche kund, und ein wackerer Schwabe lernt einen wackeren Polen kennen. Abteilung A verbietet den Polen das Schlagen, aber Abteilung D schützt die Capos, die es tun! Hitler wird zum allwissenden Gott erklärt, und der lange Dünne beschäftigt zu viele Sklaven. Der reine Denker läßt sich graue Haare wachsen, aber Bopp nicht. Der Sack wird geschlagen, aber den Esel meint man. 154 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Die kleinen Diebe müssen hangen, die großen mit güldenen Ketten, prangen. Die Buchhaltung wird zum Verschwörernest, und den Biblizisten übermannt sein Zorn. General Eisenhower ist in Verlegenheit, und der lange Dünne lächelt über V 1. Vom kranken Grafen und der Hilfe des Pragmatikers und von der spinozistischen Liebe des reinen Denkers. Ein Topf mit Holzwürmern und die Schinken der Geistlichkeit. Ein Russe wird totgeschlagen, und der Graf bekommt Lebertran. Gedankenflug nach Berlin und eine Unterschrift des reinen Denkers. Bopp lacht sich einen Ast und baut goldene Brücken. Die Kartoffelschäler streiken, aber die Bunker gehören der SS. Ein Umschwung kündigt sich an, doch 489 Franzosen ersticken auf dem Transport. ,, Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen", sagt die SS und läßt uns trottend aus dem Lager ,, flüchten". Ein verhängnisvoller Autoreifen und die Rettung durch den Parolenmüller. Der kurze Dicke jauchzt himmelhoch, indes ist die Kräuselnase zu Tode betrübt. Hiob ist verschwunden, und die Großen streiten sich. So pünktlich zur Sekunde trifft keine Uhr nicht ein als unser kurzer Dicker zur Arbeit, uns zur Pein. Hunger ist der beste Koch und ein Artikel des ,, V.B." Nicolai kommt in Gefahr, wird aber wieder aus ihr errettet. D g D b D E H S M E L ( S B W H se li K S A n d b etten. zisten )ünne ] von eit. rtran. nkers. S. n auf S und n Pa- elnase unser IM„PORZELLAN“ ss Der reine Denker wird entlassen, doch die Puffer werden weiter gebacken. Der lange Dünne muß viel schlucken, aber die Glaubenden haben heimlichen Trost. Die Stapo kann den Leuten das Leben schwer machen, aber keinen Ersatz für den langen Dünnen finden. Häftlinge werden SS-Männer, Kleider machen Leute. SS verhaftet SS, die Eiche fallt. Musterknaben werden eingekleidet. Ein neuer Buchhaltungschef. Lange Nas’ und spitzes Kinn, da sitzt der Satan leibhaft drin. (Schnuppernase am Werk.) Block 26 geht mit gutem Beispiel voran. Wirbel rauschen auf in Sachsenhausen und in Dachau. Hiob wird vom Wirbel erfaßt, und auch der Biblizist gerät in ‘seine Nähe. Aber über dem Dunkel leuchtet der Adventstern. Im Revier, 2. November 1943 Jeden schönen Tag müssen wir hier mit drei schlechten büßen. Diesmal wird es nachgerade eine Woche. Der freund- lichen Sonnenwärme des letzten Samstag ist eine solche Kälte gefolgt, daß wir Tag und Nacht frieren müssen. Stundenlang werde ich die kalten Füße nicht los; auch das Asthma, das ich längst überwunden glaubte, peinigt mich nächtens, so daß ich mehrmals erwachte. Geträumt hat mir die Nacht ein heller Unsinn: Fritz Geruhlich hat mich hier besucht, aber das Lager befand sich im„Weiler“ meiner 165 6 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Heimatstadt Schwäbisch-Hall. Angedeutet war es durch eine Art Nachtschicht bei Wülfert. Plötzlich gesellte sich eine sehr dicke Jungfrau zu uns. Sie kam mir bekannt vor, so daß ich mich nicht enthalten konnte, sie zu fragen, wo ich sie wohl schon gesehen? Sie antwortete:„Vielleicht in Karls- bad“, wobei ich die Gewißheit hatte, daß ihre Üppigkeit es war, die ihren Aufenthalt daselbst nötig gemacht haben mochte. Ich verneinte entschieden, es war jedoch überflüs- sig, da sie im selben Augenblick mitsamt ihrer Fülle in nichts zerfloß. Unversehens befand ich mich darauf außer- halb des Lagers, irgendwie noch von Fritz begleitet. Als auch er mit einem Male verschwand, ohne daß es mir eigentlich aufgefallen wäre, wollte ich wieder zurück. Doch wehe! Ich fand das Lager nicht mehr! Wie heftig suchte ich es,-und welche Angst stand ich aus, ich könnte es nicht mehr finden! Das mag der Augenblick gewesen sein, in dem: ich an einem Alpdruck erwachte. Und da war ich nun nicht sehr froh, als ich mich an der altbekannten Stätte vor- fand.— ’ i 3. November „Und du hast das Maul zu halten, wenn ich mit dir rede!“ donnerte der Hilfspfleger mit krachender Stimme einen Gestreiften an, der, soeben in Ungnade gefallen, von seinem Posten als Stubendienst mit Nachschlagsberechti- gung enthoben wurde.; Hier also, im Block 9, habe ich einen Logenplatz im zweiten Stock, ganz nahe an der Decke bekommen. Von hier aus betrachte ich das Schauspiel, das sich da unten in der Tiefe vor mir entfaltet. Ach,’s ist— wie könnte es auf dieser Bühne anders sein— ein Trauerspiel. Die Donner- stimme des Cäsaren grollt nach den Ecken und in die Höhe, ruft Namen, unaussprechlich für die deutsche Zunge. Und ihre Träger schälen sich. aus ihren Decken heraus, klettern herunter von ihren Tribünen, Logen, Lauben und Sperr- be ro au eine eine , so h sie arlsit es aben flüse in BerAls mir Doch eich mehr ich nicht vor-mber I dir mme von echtiz im Von en in s auf nnerHöhe, Und ettern -perrIM ,, PORZELLAN" 157 sitzen. Sie versammeln sich auf der Bühne, um weitere Befehle der Donnerstimme zu vernehmen. Sie entblößen sich ganz, indem sie nun auch den letzten Fetzen abwerfen, Hemd geheißen, und ihren Körper zeigen. Und was für einen Körper zeigen sie: Mögen sie noch so verschieden sein nach Alter, Volk und Herkunft, in einem sind sie völlig gleich, in einer fürchterlichen Abgemagertheit! Ein Anblick zum Weinen: ,, Nichts als Haut und Knochen"- das ist hier aus einer Redensart zur knochen dürren Wahrheit geworden. Die Herrlichkeit des Menschenleibs, wie ist sie hier verwandelt in abstoßende Häßlichkeit, daß du den Blick abwenden mußt. Ein Glück, daß ihr nicht hersehen könnt, ihr Mütter, Frauen und Schwestern. Euer Herz müßte still stehen vor Entsetzen und Zorn. Und es würde auch eurer Brust sich der Schrei entringen, den jene Mutter einst in Sachsenhausen ausstieß, als sie ihren Sohn im Sarg anstarrte: ,, Das ist mein Sohn ja nicht! Was habt ihr aus meinem Sohn gemacht!" Am Montag nach dem 3. Advent 1943 Gestern abend hat Arnold, der Meister über den Stubendienst, den Adventskranz angezündet, vier richtige, rote Kerzen. Woher er sie nur bezogen hatte? Wahrscheinlich aus dem Priesterblock. Kaum brannten sie, als auch schon Pater Lätitii Stimme zu hören war: ,, Es ist ein Ros' entsprungen." Laut und vernehmlich scholl es durch die Stube, und niemand erhob Widerspruch; allerdings, niemand spendete auch Beifall, als er geendet hatte. Das hinderte ihn aber nicht ,,, Adeste fideles", den alten prachtvollen Weihnachtshymnus anzustimmen, den wir in unserer Jugend in der deutschen Übersetzung ,, Herbei, o ihr Gläubigen" sangen, 158 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU und dessen feierlich hoheitsvolle Weise den Knaben immer an die Pracht schwerer, knisternder Seide gemahnte. Ich versuchte mitzusingen, doch konnte meine Stimme sich nicht zu der des Paters finden, da ich jenseits unter dem Fenster lag. Ob's wohl zu einem Baume heuer reicht? Vier Christabende habe ich nun schon ohne Kerzen, Lieder und Gemeinde feiern müssen. Wie wird's am fünften werden? Gut, daß der Christsegen nicht von diesen Bräuchen abhängt, die, mögen sie uns noch so schön anmuten, doch nur Außerlichkeiten sind. Wie gut, daß unsere Kirche von Anfang an unseren Blick auf die Hauptsache gerichtet hat, auf das Kindlein, und uns gelehrt, die Windlein nicht Wir müssen froh sein, wenn uns so wichtig zu nehmen. der Heilige Abend nicht mit Bomben verhagelt wird. Mit Bangen nur kann ich an meine Berliner denken, welche schwere Tage und Nächte hinter sich haben, und an Fritz, dessen schönes Stuttgart auch traurig aussehen soll. Will der Friedensengel nicht bald erscheinen? Soll Deutschland zu einer einzigen Ruine werden? - Neulich, als die Nachtampel rot angestrichen worden war, hüllte sie die ganze Stube in bengalisches Licht. Bolle, der Berliner Grüne vom Stubendienst, rief aus, das sei ja ganz pervers( womit er ein hohes Lob hatte spenden wollen); doch der bucklige Geiger aus Karlsruhe, Architekt von Beruf, setzte mit zarten Strichen seine Violine an. Da schwebte eine seltsame Rührung über allen; es waren Weihnachtslieder, die er spielte. Einer um den andern summte mit, bis zuletzt ein allgemeiner Gesang draus wurde. Wie aus Urtiefen war es hervorgebrochen und herausgequollen. Ich fühlte mich so erschüttert von der Erinnerung an vergangene Zeiten, daß ich in Schluchzen ausbrach und mir Gewalt antun mußte, meine Rührung unter der Decke zu verbergen. der sch hie neu Er VOI rein Pfl hat 1st Die das zuf sein von hat bei gen der Mö dur Asy We ZW Es I eine zog I der kei mer Ich sich dem ristGeHen? abdoch von chtet nicht uns Mit elche Fritz, Will land orden Bolle, sei ja enden Archihe an. waren ndern draus und n der chzen hrung IM ,, PORZELLAN 159 Am Freitag vor dem 4. Advent Draußen hat eine heftige Kälte eingesetzt. Jetzt auf dem Bauplatz in Allach sein und Geleise verlegen! Mir schaudert beim bloßen Drandenken die Haut. Aber auch hier weht seit einigen Tagen ein kaltes Lüftchen, denn der neue SS- Arzt will seine Fähigkeiten an den Tag legen. Er hat erklärt, er werde dafür sorgen, daß die Zeiten von 1938 wiederkehrten. So beginnt ein großes Kesselreinigen und Aufräumen im Revier unter Kranken und Pflegern. Auch Arnold, der hinkende, der sich so lange hat durchhinken können, soll kaltgestellt sein. Nach außen ist es allerdings wenig sichtbar: er tut nach wie vor seinen Dienst. Stube 3 wäre ohne ihn kaum denkbar, er macht das Mädchen für alles. Im ganzen kann man mit ihm sehr zufrieden sein. Daß er öfters einmal zu groben Ausdrücken seine Zuflucht nimmt, ist bei einer solchen Vereinigung von Hysterikern und Halbnarren, wie er sie zu versorgen hat, nicht zu verwundern. Seine Stimme nimmt aber selbst bei großer Schärfe nie den brutalen Ton an, der so unangenehm auf den Nerven geigt, und der das Kommandieren der Lagerhierarchen zu einer solchen Prüfung macht. Möchte er sich halten können! Welche Ängste mag er durchmachen, wenn ihm jetzt die Entlassung aus dem Asyle droht! Die Gasanstalt wirft ihre Schatten auf den Weg der Armsten; das gibt ein kaltes Weihnachten! - Ich bin dem Arzt vorgestellt worden, nun schon zum zweiten Male im Laufe einer Woche. Wer hat geschürt? Es scheint aber, daß der Zustand meines Herzens doch einen Strich durch die unterirdischen Machenschaften gezogen hat. - 4. Advent Der Weihnachtskuchen ist eingetroffen natürlich aus der Turmstraße! So brauche ich über die Feiertage doch keinen Hunger zu leiden! Fast gleichzeitig kam die Nach ZWEITAUSEND TAGE DACHAU richt, daß es in Berlin wieder Bomben gehagelt habe. Ich muß ihnen nun doch schreiben, daß sie ihrem Wohltun Zügel anlegen. Es geht nicht an, daß sie den Fremdling versorgen, während sie selbst Hunger leiden. 3:: BE Jeden Tag erfahre ich ein weiteres Stückchen aus des Paters Laetitii Leben. Von seiner Taufe berichtete er mir halben Stunde seines heute: Er ist schon in der ersten Lebens getauft worden. Anders tat es seine Mutter bei keinem ihrer Kinder. Ein Heidenkind wollte sie nicht ans Herz nehmen, nicht einmal sehen. So wurden die Neu- geborenen Hals über Kopf zur Kirche geschickt. Wenn sie aber als getaufte Christen zurückkamen, war die Freude der Mutter überschwenglich. Sie drückte sie an die Brust und küßte sie, unaufhörlich rufend:„Gottwillkommen, du liebes Gotteskindlein du!“ Ist es da ein Wunder, daß Kindlein später ein Pater wurde, der die d des Kardi- 160 aus einem dieser Bibel ins Holländische übersetzte, ein Freun - nals Faulhaber und ums Haar der Gründer einer Juden- te?— Und mission, wenn das letztere der Papst erlaubt hät — daß es eines Tages im KZ lande? 26. Dezember Heute ist Stephanstag; es dunkelt schon, Weihnachten 1943 ist bald vorüber. Draußen im Lager ist schon allent- halben gearbeitet worden. Ja, war denn überhaupt Weih- nacht? Einige Anzeichen sprechen dafür, so die schlanke Tanne, die wie ein Paradiesengel die Türe bewacht zu um serer Stube, welche allerdings nichts von einem Paradies an sich hat. Die glänzenden Kugeln in den herrlich satten roten, blauen, gelben und grünen Farben fehlen vollständig. Auch Weihnachtsglocken ließen sich nicht hören, weder fern noch nah. Einige Fetzchen aus Krippenliedern, von einer schätternden Mundharfe gespielt, hingen zuweilen in der Luft. Die Deutschen, kaum ein Dutzend in der Stube, ver sammelten sich am Ofen und stimmten ihr„Stille Nacht“ \ ar he hs IM ,, PORZELLAN" 161 Ich ltun dling des mir eines - bei t ans Neun sie reude Brust men, daß er die Cardiuden- Und zember achten allentWeihlanke zu unradiese satten ändig. er fern einer in der e, verNacht" an und ,, O du fröhliche". Über die Weihnachtsbotschaft herrschte tödliches Schweigen. Gut, daß ich jetzt eine Bibel habe, da tut sich das Wunder kund: ,, Gottheit und Menschheit vereinen sich beide, Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!" Aus ihr lebt auch Pater Laetitius. Er hat ein kräftig Christliedlein gemacht, und heute eines auf St. Stephan. Ja, ich bin jetzt reich: außer dem goldgeschnittenen Neuen Testament aus Pfarrer Grübers Hand besitze ich seit einigen Wochen zwei Bibeln. Die eine habe ich von Ludwig Henych bekommen. Er hatte sie aus der SSBücherei gerettet, welche er zu verwalten hat. Eine tschechische Bibel eroberte er dort für sich selbst und brachte sie, um sie vor dem Feuertod zu bewahren, auf den Tschechenblock. Dort erregte sie größtes Aufsehen und ging von Hand zu Hand: eine Bibel in der Muttersprache, das war für die meisten katholischen Böhmen etwas Unerhörtes. Die zweite Bibel hatte mir mein Fräulein Walker in einem Paket geschickt, aus welchem sie diesmal kein inspiriertes Werkzeug Luzifers herausstehlen durfte. Ich gab sie Nikolai, der sie dankbar annahm. Inzwischen ist sie doch der Ranküne des Satans zum Opfer gefallen: der Blockälteste fand das Buch in Nikolais Spind, nahm es heraus und warf es in den Ofen. Ich hätte aufschreien mögen vor Schmerz und Abscheu, als ich davon hörte, wie ein Häftling wiederum die SS übertrumpfte an Grausamkeit, Gottes- und Menschenhaẞ. 10. Januar 1944 Die Tage in der Krankenstube sind jetzt zu Ende. Schade, es war ein solch ruhiges Leben! Aber ich muß dem Idyll selber ein Ende machen. Der Pragmatiker hat mir über den Drahtzaun eine gute Botschaft gesandt, daß er Zweitausend Tage Dachau II 162 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mich in diesen Tagen anfordern werde für einen Posten in der Porzellanmanufaktur, kurz ,, das Porzellan" genannt. Sie brauchen einen Mann für die Registratur, nachdem sie den seitherigen von einem Tage auf den andern weggeschickt haben. Da gilt es zuzugreifen mit beiden Händen. Seit den Tagen auf dem Bauplatz weiß ich wieder, was ein gutes Kommando wert ist: das halbe Leben! Dazu hätte ich als Vorgesetzten einen Freund mir da noch an den Wimpern klimpern? - wer dürfte Aber ich bin so unsicher geworden und fürchte Querschläger aus allen Ecken. Da ist vor allem der Arbeitseinsatz. Wenn mir nur die Herren da drüben keinen Strich durch die Rechnung machen. In ihrem Geltungstrieb hassen sie nichts so sehr, als wenn sie sich umgangen wähnen; jede noch so geringe Regung von Selbständigkeit wird mit Feuer und Schwert bekämpft; und tragen doch dieselbe gestreifte Jacke wie wir alle! Nun, ich sandte ihnen durch Joos die Nachricht, daß ich am Dienstag aus dem Revier entlassen werde, mit der Bitte, so lange zu warten. Ob siedas tun, werde ich ja sehen. Viel Hoffnung habe ich nicht: ich hoffe nur auf Gott; aber auf ihn hoffe ich ganz! 12. Februar 1944 S n h Die letzte Wochenstunde im Büro der Porzellanbuchhaltung, eigentlich die letzte Vierteltsunde. Nur die drei s Gestreiften sind noch da: der Pragmatiker ist gar nicht gekommen, der ehemalige Gestreifte; und der ,, lange Dünne", der halbtaube und kurzsichtige SS- Oberscharführer, der unserer Buchhaltung vorsteht, hat sich mit seinem Wochenendgruß ,, Holiday!" schon empfohlen. Von den Gestreiften sind zwei am Schlafen: Kurt, der Schulmeister, vom Pragmatiker der ,, reine Denker" genannt, weil er sich mehr, als gut ist, mit Spinoza beschäftigt, und Peter Lobhausen, der sanftmütige Priester aus dem Rheinland, der Z W S1 ei I Osten genachdern eiden eder, eben! ürfte QuerbeitsStrich Lassen hnen; dmit eselbe durch Levier Ob sie nicht: 1944 buche drei Eht geinne", , der Fochenstreif, vom er sich r Lobd, der IM ,, PORZELLAN" 163 den Beinamen ,, der Sigambrer" führt. Was den Schreiber betrifft, so ist er auch da, ansonsten er dies nicht schreiben könnte. Er ist vom Pragmatiker wegen eines Bibelliedes, das er verfaßt hat, mit ,, Biblizist" benamst worden. Ich muß mich in acht nehmen, denn ich möchte wegen der verrückten Notizen nicht Kommando und Leben aufs Spiel setzen. Der Obmann hat die unangenehme Gewohnheit, aufzutauchen; und da er dies tut, ohne sich durch Anklopfen anzumelden, so hat er uns schon manchmal auf verbotenen Pfaden ertappt, zum Beispiel, wenn dem reinen Denker eine seiner geliebten Zigaretten im Munde steckte, oder wenn der Sigambrer einen Privatbrief auf der Maschine schrieb. Wer weiß, ob er sich nicht insgeheim Notizen über solche Befunde macht. Möglich ist in diesem merkwürdigen Lande alles; ,, denn", sagt der reine Denker ,,, unmöglich ist nichts, möglich alles, hier ist alles dran!" Mäuschenstille ist's zwischen unsern weißgestrichenen Wänden. Nur von ferne dringt ein undeutliches Läuten ans Ohr, und die Tanne, die schwerbeladen durch die Quadrate unserer Fenster hereinblickt, steht wie ein Detektiv unbeweglich auf Posten. Also ich bin nun tatsächlich im Porzellanladen gelandet und täglich in Gefahr, Porzellan zu zerschlagen. Der Pragmatiker hat mich hereingelotst, und schon sind es sieben Wochen, daß ich hier bin. Bis zum letzten Augenblick zweifelte ich an meinem Glück, mißtrauisch geworden durch all die Schläge, die mich getroffen. Als wir in Gaunerkleidern aus dem Revier herauskamen, schien das Mißgeschick bereits seinen Anfang zu nehmen. Es durchfuhr mich ein Schrecken, denn wir wurden zum Platz geführt; was hatten sie vor: stellten sie uns zu einem Transport zusammen? Aber es war nur eine neue Mode, wie sie alle paar Monate eine aufbringen. Ich landete glücklich auf dem Block; und der Schreiber, 11* 164 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU vor dessen Quertreiberei ich Anlaß hatte Angst zu haben, er war versetzt worden, so daß alles glatt ging. Und jetzt bin ich das feudale Kommando bereits so gewöhnt, daß ich mir nicht einmal mehr vorstellen kann, wie es war, als es noch nicht war; als mir die Namen noch Schall und Rauch waren, die mir jetzt so leicht über die Lippen gehen: der Direktor mit dem schwermütigen Sphinxantlitz; die Sekretärin, Cerberus geheißen, die vor seiner Kanzlei Wache hält; die Lageristin oder das Mannweib, weil fast so breit wie lang. Und zwischen diesen Personen aus Fleisch und Blut und den Figuren aus Porzellan wandle ich umher, ordne die Ordner und registriere als Registrator Ordentliches und Unordentliches, wie es kommt. Doch da nähern sich Schritte. Ist es der Obmann? Der mitleidige Pragmatiker findet immer wieder ein paar Fettmarken, die er uns zusteckt, und mit denen wir Essen kaufen können wenn auch keine Koteletts, so doch Kartoffelbrei und Kraut mit Soße; Dinge, die unsere Gaumen drüben alle Schaltjahr einmal zu kosten bekommen. Und jeden zweiten Tag gibt's Buttermilch; die verschmähe ich allerdings, außer wenn sie zu Käse ver arbeitet ist. Dazwischen wird eine Art Blutwurst verteilt. Sie findet besonderen Beifall beim Knaben Hiob, welcher sie heißhungrig hinunterißt, und dem ich sie darum ins Lager mitnehme. Rechne ich noch hinzu, daß der Pragmatiker mein Vorgesetzter ist, und daß wir von Samstagmittag bis Montag früh frei haben, so ist begreiflich, daß ich das Glück an einem Zipfel erhascht habe, worum mich Fabisch und Henych stark beneiden." Wieder nähern sich Schritte. Kommt der Obmann? Schnell das Papier weg und Schluß gemacht! Der Pragmatiker macht uns seit einiger Zeit Sorge. Uns, den Bewohnern der Buchhaltung, dem reinen Denker, dem Sigambrer und dem Biblizisten. Vor unsern Augen führt S S n h B a haben, d jetzt aß ich ar, als 11 und Lippen antlitz; Kanzlei eil fast en aus wandle egistra. Doch der ein en wir etts, so unsere en bech; die se ver. verteilt. welcher um ins - Pragamstagch, daß m mich Schnell e. Uns, er, dem n führt IM ,, PORZELLAN" 165 er einen Seiltanz auf, daß es die Zuschauer schwindelt. Der reine Denker spricht unser aller Befürchtung aus, wenn er meint, daß der Tänzer da oben jeden Augenblick abstürzen könne. ,, Der dumme Kerl", sagt er ,,, was muß er gegen den Stachel löken? Er soll froh sein, daß er aus dem KZ heraus ist, und im übrigen: kusch! kusch! kusch!" Nun so ganz einfach, wie es sich der reine Denker denkt, ist die Sache für den Pragmatiker nicht. Er hat ein kaufmännisches Gewissen, und gegen das Gewissen handeln, ist nicht gut, es mag ein kaufmännisches sein oder sonst ein Gewissen. Aber es ist wahr: der gute Mann wagt sich hoch hinauf, seine Lage als ehemaliger Häftling, das heißt aber als ehemaliges Stückchen Mist, vollständig verkennend. Er mag recht haben, wenn er sagt, das sei keine Porzellanfabrik, sondern ein Schweinestall, tausendmal mag er recht haben mit dieser düsteren Behauptung. Aber muß gerade er den Herkules spielen, der den Stall mistet? Und wenn sie keinen Export treiben wollen, so sollen sie es bleiben lassen. Aber nein, spricht der Pragmatiker, Export muẞ sein; Export ist des Kaufmanns halbes Leben. Export verlangt das Vaterland. Weiß er nicht, daß Vaterland Hekuba ist für die SS, die nur sich selber kennt? Deutschland, das ist die SS, und die SS, das ist nur eine dünne Oberschicht von Herrenmenschen, die gesonnen sind, den Rahm abzuschöpfen. Die breite Basis, das Gros, besteht wiederum aus Sklaven, für die die Magermilch gut genug ist, und die nicht viel besser dran sind als wir: als Marionetten in maiorem Himmleri gloriam( zur höheren Ehre Himmlers) hin- und hergezogen. Weiß er das nicht? 23. Februar 1944 Alles fiebert von Nervosität. Der lange Dünne war in Brandenburg und bringt eine ganze Portion von Berichten aus Berlin mit. Er trägt einen rosenroten Zweckoptimismus 166 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU zur Schau:' s ist alles nicht so schlimm in Berlin. Seinem SS- Bruder, dem Unterscharführer Erhard, will er den Marsch blasen wegen seiner düsteren Schilderung. Er erinnert sich, wie es scheint, nicht mehr, daß seine eigene seine Meinung genau so hoffnungsarm war, bevor er- neue Instruktion aus der Propagandaküche bekommen hat! Der Pragmatiker wird von seinen Nerven im Stich gelassen, was darauf hindeutet, daß er sich auf seinem Seil gefährdeter glaubt, als er zugeben will. Seine oft erprobte Geduld läßt ihn gegenüber dem reinen Denker in Stich; er heißt ihn wütend einen Spinozisten. Und der Sigambrer heißt er einen Priester des Baal. Die ganze Nacht habe ich mich mit ihm beschäftigt und mit seiner Seiltänzerei. So oft ich erwachte, sah ich ihn vor mir, wie er ganze Viertelstunden trübsinnig vor sich hinstarrte. Das war gestern. Heute hat er sich wieder gefaßt. Der Besuch der beiden SS- Offiziere scheint seinen Befürchtungen keine weitere Nahrung gegeben zu haben. Die Buchhaltung aber bleibt nach wie vor skeptisch. Draußen herrscht eine Hundekälte. Ich bin ein schlechter Wetterprophet gewesen, als ich vor 14 Tagen auf dem Heimmarsch erklärte, das Schlimmste hätten wir jetzt wohl überstanden. Kaum hatte ich ausgeredet, als es anfing zu schneien und zu frieren. Ich mußte an die armen Sklaven denken auf dem Bauplatz in Allach. Sie mögen jetzt in ihren dürftigen Fetzen erleben, was es heißt, den deutschen Winter zum Feind zu haben! Ein Glück, daß wir in einem Hause arbeiten, in welchem drei Öfen von der Größe einer Hütte Tag und Nacht brennen. W D d in a da m Bi in ni Z VO zu ja H Ic se ga sic W H ve fes an VO bre mi des ehe trä 25. Februar 1944 Un Unser Pragmatiker richtete die merkwürdige Frage an die Buchhaltung, was er tun solle: ob er in die Partei eintreten solle oder nicht? Wie muß er sich verfolgt fühlen, sch hab nem den ergene seine hat! geSeil obte Stich; gamNacht Seilie er Das esuch keine aber echter dem jetzt neien enken ihren Wineinem einer 1944 ge an ei einühlen, IM ,, PORZELLAN" 167 wenn sich ihm eine solche Frage auf die Lippen drängt! Die Stapo ist ihm wieder auf den Fersen, das spürt er deutlich. Alle Qualen eines gehetzten Wildes spiegeln sich in seinem geängstigten Blick wider. Als ihm niemand gleich antwortete( denn jeder fühlte sich überfragt), meinte er, da sehe man den Verstand des reinen Denkers oder vielmehr, man sehe ihn nicht, und wo sei die Sicherheit des Biblizisten? Und er wiederholte seine Frage dringlicher, indem er in nachdenklichem Ton hinzufügte: ,, Wäre es nicht gut, um eine etwa drohende Gefahr abzuwenden?" Zum ersten Male gab er hier zu erkennen, daß er etwas von dem Gewitter ahnt, welches sich über seinem Haupte zusammenzieht. Der Sigambrer antwortete dann endlich, ja, unter den gegebenen Umständen könne es ihm eine Hilfe sein, eine Art Schutzdach. Ich hingegen riet ihm ab. Ich wies darauf hin, daß es ein doppelschneidiges Schwert sei angesichts der Verantwortung, die die Partei vor der ganzen Welt auf sich geladen habe. Aber darauf hatte er sich wieder vollkommen in der Hand und machte seine Witze. Nichts deutete darauf hin, daß in der Tiefe seines Herzens Angst und Weh die Wache hielten. Er muß Nerven haben wie Batzenstränge. Der reine Denker ist der festen Überzeugung, daß sich Fräulein Stapo bereits sehr angelegentlich mit ihm beschäftige, und daß ihn nichts mehr vor der Rückholung ins Lager retten könne. Der Sigambrer sagt, es sei nur schlimm, daß wir an seinem Untergang mitarbeiten mußten.„ Wieso?" fragte der reine Denker, dessen Gewissen nicht so fein zu sein scheint wie das des ehemaligen Priesters. ,, Nuñ, die Arbeiten, die er uns aufträgt, beschleunigen ja sein Verderben", antwortete dieser. Und er hat recht. Vor allem ich bin seit Tagen damit beschäftigt, eine Mine zu legen gegen die Hauptfestung. Ich habe von ihm den Auftrag, eine Lagerkartei anzulegen, 168 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU aus der er seinen Verdacht bestätigt zu sehen hofft, daß große Betrügereien verübt worden sind. Seit ein Uhr Fliegeralarm. Der ganze Betrieb ruht, nur die übereifrige Buchhaltung nicht. Ich bin wütend auf die beiden Gestreiften, die nur aus Angstlichkeit weiterschuften. Wenn ich mit diesem Eintrag fertig bin, gehe ich an meine Puffer, die ich bis zum Vesper fertig backen will. Der Pragmatiker ist heute nach München gefahren. Er hat sich vom langen Dünnen freigeben lassen. Was er drin wohl macht? Irrt er umher, ein neuer Raskolnikow, mit Beharrlichkeit an seiner Entdeckung und Auslieferung arbeitend und den Kampfruf auf den Lippen:„, Allah ist groß! Entweder siegen oder sterben!" Oder sitzt er im Kaffeehaus, die letzten Stunden der Freiheit genießend, bevor sie ihn in den Sklavendienst des Blocks zurückholen? Oder macht er die Antiquariate unsicher? Immer wieder muß ich an ihn denken, voll Mitgefühls; immer wieder steigt aus meinem Herzen die Bitte für ihn empor, daß die Drangsal nicht spurlos an ihm vorübergehe und er Den erkennen möge, der ihn in diesem Jahr schon zweimal aus hoher Not befreit hat, für den er sich aber doch nicht mit ganzer Wendung entscheiden will. 26. Februar 1944 Heute herrscht plötzlich wieder Friede, Aufatmen und der Geist der Harmlosigkeit in der Buchhaltung. Der Pragmatiker ist von München zurückgekehrt. Bis um halb drei Uhr hat er im Keller zubringen müssen, weil Alarm einsetzte, kaum, daß er angekommen war. Nachher inspizierte er einige Antiquariate und entriß ihnen, was sie noch an Kostbarkeiten bargen: so einen astronomischen Kalender, der seiner astrologischen Naseweisheit dienen soll. Ich weiß nicht, was geschehen ist, daß die Wolken, die seit einigen Tagen den Himmel der Buchhaltung so umdüstert hatten, wieder vertrieben worden sind. Eigentlich ist ZV ist bu ist te fü ge geg mi Au an Eis erl er sei sch wa sei. sen mel die ner hab ihn Sic I hat Wü mit Schi daß nur die ten. ‚eine . Er drin mit ala ı ist im end, ‚len? wie- eder daß Den aus mit 1944 IM„PORZELLAN“ ist nichts Neues oder Besonderes eingetreten, die Spannung zwischen der Kanzlei des Direktors und der Buchhaltung ist so stark wie je. Erlkönig, der Spitzel, soll nach Salz- burg fahren, sobald die Sphinx aus ihrem Urlaub zurück ist.„Gut Nacht und Glück zur Reise!“— Der Pragmatiker hat mir aufgetragen, bei dem Gestreif- ‚ten Mehlhase, seinem Hofastrologen, anzufragen, was es für ihn bedeute, daß Mars am 7. März am Saturn vorüber- gehe und der Mond dem gleichen Saturn am 29. März be- gegne?— Der Angstmeier! Jeder Vollmond erfüllt ihn: mit. Furcht vor seiner'Tücke, andrerseits ist es in seinen Augen eine genügende Erklärung eines Unglücks, daß es an Vollmond geschehen. 28. Februar 1944 Von heute auf morgen ist mildes Wetter eingetreten. Die Eisblumen an den Fenstern sind verschwunden. Wir atmen erlöst auf: der Winter hat einen Stoß erhalten, von dem er sich wohl nicht wieder erholen wird. Viele meinen, das sei der letzte Winter im KZ gewesen. Aber das meinen sie schon seit fünf Jahren. Jedesmal, wenn die Kälte einsetzte, war man davon überzeugt, daß es das letztemal gewesen sei. So ist es schon im ersten Kriegswinter 1939/40 gewe- sen. Da hieß es: einen solchen Winter machen wir nicht mehr durch; und nun ist es bereits das fünfte Mal. Aber die falschen Propheten scheuen sich nicht, ihre abgestande- nen Weissagungen stets aufs neue zu wiederholen; und sie haben Glück, denn sie finden immer wieder Gläubige, die ihnen lauschen, wenn sie ihre Sprüche nur mit der nötigen Sicherheit vorbringen. Der Pragmatiker ist heute erst um Mittag gekommen; er hatte Flakdienst.„Allah ist groß! Jacta est alea!“—„Die Würfel sind gefallen!“— begrüßte er uns. Aber was er da- mit sagen wollte, weiß ich nicht. Den verhängnisvollen Schritt hat er nun nicht getan. Da war er recht geleitet, -kunden. Hornochs wandte sich denn auch ohne Aufenthalt 170 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU weniger vom Jupiter als vom Geist'der Klugheit und Ehr- lichkeit. 29. Februar 1944 Gestern, während Hornochs auf dem Block meine Puffer buk, ertönte plötzlich der Ruf:„Antreten!“ Niemand wußte, wozu? Hornochs mußte mit dem Backen aufhören, und schnell schlang ich die bereits fertigen Kuchen hinunter. Aber was war geschehen? Niemand wußte Bescheid. War einer durchgegangen? Mußten wir mit der zweiten Hälfte der Puffer warten bis morgen früh? Wir eilten nach vorn, formierten uns am Block bei der ersten Stube. Kaum hatten wir uns ausgerichtet, als auch schon der Blockälteste seine Stimme in einer Ansprache hören ließ, die uns Antwort gab auf unsere stille Frage. In Augsburg waren bei der furchtbaren Bombenkatastrophe, die ein Gerücht bereits gemeldet, 250 unserer Brüder umgekommen. Wir waren nun zu einer Gedenkminute herausgerufen worden. Eine Minute nahmen wir unsere Mützen ab in traurigem Schwei- gen und stillem Gedenken an die Opfer des Unglücks. Zum ersten Male in der Lagergeschichte ist es geschehen, daß toten Häftlingen öffentlich diese Ehrung erwiesen wurde. Wir erfahren. ja nie etwas vom Tode unserer Leidens- genossen, von der skandalös pietätlosen Behandlung der Leichname ganz zu schweigen. Immerhin waren wir froh, daß die Feierlichkeit nur eine Minute dauerte und nicht eine Stunde, denn die Freizeit ist unser knappster Artikel, und wir geizen mit den Se- | } | | wieder zum Ofen und buk die zweite Last der Reibekuchen fertig. Der Pragmatiker ist bei guter Laune. Seine Gedrückt- heit ist völlig verschwunden. Hat ihn der Stand des» Mars beruhigt? Dem Sigambrer erzählt der reine Denker, daß es ihm eir da zic fin de ınr un gli we Ehr1944 iffer ßte, und nter. War ilfte orn, atten Feine wort der reits aren Eine weiZum daß arde. lensder eine izeit Sechalt chen icktMars ihm IM ,, PORZELLAN" 171 heute Nacht geträumt, er sei in einer katholischen Kirche gewesen, habe aber unterlassen, das Kreuz zu schlagen. Dann fährt er fort und lobt die Katholiken über den grünen Klee. So ein Hochamt, das sei etwas Großartiges, das müsse jedem imponieren.„ Da seid ihr doch nichts dagegen, ihr Biblizisten", wandte er sich an mich ,,, da seid ihr die reinen Bettler." Er sagte dies aber weniger um mich zu kränken, als um dem Sigambrer ein wenig wohl zu tun. So antwortete ich ohne Aufregung: ,, Ja, wir sind arm, wir Biblizisten, wir haben nur die Bibel. Aber das genügt uns." 2. März 1944 Der Mann aus Schweinhausen ist soeben beim wiedergekommenen Direktor. ,, Allah ist groß, entweder siegen oder sterben!" Mit diesem Ruf wappnete er sich für die Unterredung, die mehr einem Duell gleichen sollte als einem Zwiegespräch. Er will durchaus heraus aus dieser Hütte und hofft, auch uns mit sich zu ziehen. Aber der reine Denker zieht seine Denkerstirne in Falten und gibt den tiefsinnigen Wunsch kund: ,, Wenn sie ihm nur nicht vorher einen Strich durch die Rechnung ziehen!" Gestern morgen wunderbare Bewahrung: ich schrieb, kaum eingetreten, auf der Maschine mein Lied ab: ,, Würdig ist das Lamm." Erlkönig huscht herein und lauert herum, zieht sich aber wieder zurück, als er, was er sucht, nicht findet. Ein gelinder Schreck läßt mich zusammenfahren, denn hätte er mir über die Schultern gesehen, so wäre es mir nicht gut gegangen. Ich schreibe weiter gegen eine innere Mahnung, aufzuhören. Er konnte ja wiederkommen, und dann lief die Sache wahrscheinlich nicht mehr so glimpflich ab: man hat meist nur einmal Glück. Ich schrieb weiter, und richtig! die Tür tut sich sachte auf, und im Rahmen erscheint- der Erlkönig. Ich habe die Geistesgegenwart, - 172 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU nicht sofort abzubrechen, wozu mich ein erster Impuls bewegen will, vielmehr schreibe ich ruhig weiter und komme bis zu der Zeile: ,, Deutsches Heldentum zerbricht." Inzwischen ist der Erlkönig an mir vorbei zum Schreibtisch gegangen, wo er etwas holt, und verschwindet zu meiner Erleichterung bereits wieder in der Richtung auf die Türe zu. Da wendet er sich noch einmal um, sieht auf mein Blatt und fragt: ,, Was schreiben denn Sie da?" ,, Ein Gedicht!" antwortete ich, gleichzeitig ein Stoßgebet empor richtend, daß mir Hilfe werde. Denn wenn er las und zu Ende las, was dann kommen mußte, malte ich mir nicht aus. Gott schlug ihn mit Blindheit, denn er las nicht oder las nicht weiter. Vielmehr wandte er sich zum Gehen, und als er hinaushuschte, rief er mir noch zu: ,, Das sollten Sie aber in der Freizeit erledigen. Die Geschäftszeit ist zu anderem da." Mir klang diese Rüge wie Nachtigallenschlag. Und gewiß hat sie Michael ihm eingegeben, um mich vor größerem Unheil zu bewahren. Zunächst war es totenstill in der Buchhaltung. Man hätte eine Nadel fallen hören. Dann stürzten die beiden Freunde auf mich los, der reine Denker und der Sigambrer, und beglückwünschten mich. Sie wuẞten wohl, was auf dem Spiele stand, und waren wie auf Kohlen dagesessen. ,, Du hast Glück gehabt!" jubelten sie. Ich entgegnete froh: ,, Das war mehr als Glück, das war Bewahrung!" - Ba fül W ein ge Di VO ma ga ma ges trä hat uns Sch hat pfif noc har von Ga ner nich ihre unt soll hat Spin 7. März 1944 Heute soll ein wichtiges Treffen stattfinden: nach des Pragmatikers Sternenbotschaft begegnen sich heute Mars und Jupiter. Das macht ihn neugierig, denn heute ist Mummentherz, der Alte aus Berlin, den die Buchhaltung respektlos Mummi oder den Mummelgreis nennt, bei uns eingekehrt. Er weilt zur Zeit in seiner Alpenjagdhütte bei her also zwe auf schi halt beme isch iner .. üre latt t!" end, las, Gott icht ser ber rem Und 5ẞeder ann ker -ußauf sie. war 944 des Mars ist ung uns bei IM ,, PORZELLAN" 173 Bayrischzell und will einmal nach seinem und des Reichsführers Lieblingskind, dem Porzellan, sehen, noch mehr will er aber den Berliner Bomben entwischen. So hat er einen Abstecher hierher gemacht. Der Pragmatiker hat ausgekundschaftet, daß auch sein Name wie der des langen Dünnen auf dem Programmzettel des Gewaltigen steht, der von Berlin aus das Amt W1 und mit ihm die Porzellanmanufaktur nebst anderen wirtschaftlichen Gebilden über ganz Europa leitet. Er ist halb Amtsschimmel, halb Kaufmann. Seit heute morgen wartet daher unsere Buchhaltung gespannt darauf, daß sich die Tür auftue und der Würdenträger ordengeschmückt eintrete, doch nichts dergleichen hat sich bis jetzt ereignet. Fast schade! Denn hatten wir uns nicht in angemessener Weise auf den Besuch vorbereitet? Schon in aller Frühe, kaum daß wir unser Gelaß betreten hatten, brachten wir, denen ein Mäuslein was ins Ohr gepfiffen, unsere illegalen Habseligkeiten aus den sicheren in noch sicherere Schlupfwinkel. Meine Verse hatten in einem harmlosen Bett aus Zeitungspapier geschlafen, das wieder von gleichgültigen Pappdeckeln bewacht ward, und das Ganze führte neben einer unübersehbaren Reihe von Ordnern ein unbeachtetes Stilleben. Aber es schien mir doch nicht sicher genug, und so riß ich meine Würmlein aus ihrem Himmelbett und stopfte sie in einen Kasten, der unter dem untersten Brett des Regals dahinträumte. Hier sollten sie ihren Dornröschenschlaf weiterträumen. Kaum hatten sie indessen den Anfang damit gemacht, als die Spinnenfinger des langen Dünnen gefährlich in ihrer Nähe herumhantierten. Das war von schlechter Vorbedeutung; also heraus aus der Tiefe, hinauf auf die Höhe! Mein verzweifelter Blick war auf einige leeren Laden gefallen, die auf einem Schrank in mönchischer Einsamkeit thronten. Das schien mir der geeignete Ort für den endgültigen Aufenthalt zu sein. 174 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Bis jetzt sind sie auch noch nicht entdeckt worden, was weiter nicht seltsam ist, denn Mummi hat sich immer noch nicht gezeigt. 8. März 1944 Gestern ist der Mars laut sicherer Nachricht in einer Entfernung von 3° 25' am Saturn vorübergegangen. Kein Wunder, sagt der Schweinhausener Sternenfreund, daß der reine Denker bei seiner Vernehmung gestern aus Versehen angab, er habe bei Verdun gekämpft, wo er Verdun doch nie gesehen hatte. Nun ist nächsten Freitag früh um ein Uhr Vollmond: der Pragmatiker erwartet Zusammenstöße ernster Natur in der Buchhaltung und an der Front. na dra glü me sein sch Sei Au tän Ta I geb geli 10. März 1944 und An Was dieser Winter für Manieren hat! Beim Aufstehen fanden wir heute morgen die Fenster vollkommen bedeckt mit Eisblumen. Vor und auf dem Platz fror es uns wie an den kältesten Tagen. Die Ohrenschützer wurden wieder vorgesucht, und die Mützen flogen bei ,, Mützen ab!" nur sehr unwillig herunter von wegen des zu befürchtenden Haarspitzenkatarrhs. Aber unbarmherzig mußten sie noch zweimal herunter, als das Porzellan durch die Hauptwache und durch das Seitentor schritt. Denn überall da stehen herrenmenschliche Posten, und die wollen ästimiert sein. gelangt im Porzellan umfing uns wohltuende Wärme, die den Riesenöfen entströmt. O, das tat gut! - - AnDer Pragmatiker hat gestern einen großen Sieg errungen: was er seit langem erstrebte, er hat's erreicht: er ist hinausgeworfen worden. Dagegen dauert sein Dienstverhältnis weiter, und diesen Umstand will er dazu benützen, seine anderen Pläne durchzusetzen, nämlich den Export in die Hand zu bekommen und dann( das behält er für sich, versteht sich) in Schweden zu verschwinden. Zunächst ist er einmal in Urlaub gefahren und wird sich vor Ende des Mo- wü ver wir Wo har S stre wie kon er a von A Voll ode ihre und was och 944 ner Zein der -hen Hoch ond: r in 1944 ehen eckt e an eder nur aarweiund renAndie gen: ausltnis seine die verst er MoIM ,, PORZELLAN" 175 nats nicht mehr blicken lassen. Mit Kopf und Hals sei er draußen, meint er, nun hofft er auch noch mit dem Rumpfe glücklich nachzukommen.„ Der Mensch hat Glück", bemerkt der reine Denker bewundernd, und das muß wahr sein. Mehr noch hat er aber Mut bewiesen oder ist's schon Verwegenheit? als er vor unsern Augen auf dem Seil dahintänzelte und uns bange darum war, ihn jeden Augenblick in die Tiefe stürzen zu sehen. Nun, hoffentlich tänzelt er wohlbehalten nach Schweinhausen und eines Tags nach Schweden. - - Ich habe ihm noch ein paar knusperige Abschiedspuffer gebacken und ein Schreiben an den Engel Schwester Angelika aufgehängt. In dem Brief befanden sich fünf weitere und außerdem noch Aufzeichnungen. Ich habe also allen Anlaß, dem Pragmatiker die Reisebegleitung Michaels zu wünschen. Und jetzt, da er fort ist, fühlen wir uns recht verlassen und der Willkür der Moguls preisgegeben. Und wird nicht bald Schmalhans unser Küchenmeister sein? Wovon soll ich die Küchle backen, wenn der getreue Ekkehart uns nicht mehr die Kartoffeln liefert? - Montag, 13. März 1944 Schneegestöber beim Appell. Neuer Lagerführer; er zieht strenge Saiten auf. Viele verkünden sein vorzeitiges Ende auch ein Zeichen der Zeit! Die alten Schikanen sollen wieder eingeführt werden; vor allem Bett- und Spindkontrolle. Hornochs prophezeit naseweis: ,, Wartet nur, bis er auch die Steckrüben reformiert, dann lebt ihr nur noch von Linsen und Bohnen!" Als der Mann aus Schweinhausen abreiste, war es gerade Vollmond. Hatte das nun etwas Günstiges zu bedeuten oder etwas Ungünstiges? Die Buchhaltung trauert ja um ihren Pragmatiker. Schade, daß sie seine Schnurren, Späße und Ansprachen vermissen muß. Es war so unterhaltsam 176 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU und ließ den strengen Dienst ganz vergessen. Und erst die leiblichen Benefizien, die uns abgehen, da er weg ist! Wer wird uns die Fettmarken geben für die Eßkarten in der Zivilküche? Ja, wer wird sie uns geben? Der reine Denker zieht die Denkerstirne in Falten, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Es war doch ein reiner Unglückstag, als der Pragmatiker von uns schied! Es hieß zwar, er komme wieder, wenn nicht als Angestellter, so doch als freier Kaufmann, als Vertreter. Aber wer weiß? ,, Vielleicht ist Fräulein Gestapo schneller", unkt der reine Denker, und der Sigambrer, er unkt mit. Ich bin froh, daß es wieder Bücher gibt. Acht Tage lang war Büchersperre, während welcher wir unsere Lieblinge bitter entbehrten. Ja, wahre Lieblinge seid ihr uns geworden, ihr Tröster unserer Einsamkeit! Ihr einzigen Besucher, denen es erlaubt ist, sich zu den Verarmten und Verfemten zu gesellen, und die nicht müde werden, uns Worte voll Ermutigung, Kraft und Beherztheit ins Ohr zu flüstern! Ihr neigt euch zu den Tiefen unserer Verlassenheit herunter und zögert nicht, uns in die Höhen eures Lichts hinaufzuheben. Nur zögernd, voller Abschiedskummer, hatte ich mich von meinem ,, Heim" getrennt. Nun holte ich mir Thiels Lutherbiographie und lese sie wie einen spannenden Roman. In den kurzen Pausen nehme ich Usteris ,, De Vikari" vor. Der Pragmatiker hatte es mir geschenkt. Ich labe mich entzückt an seiner behaglichen Breite, die mich an den angeschmachteten Gotthelf, und an dem anheimelnden Züridütsch, welches mich an Basler Zeiten erinnert. O, die Vergangenheit, wie sie zuweilen hereinbricht mit ihren leuchtenden Farben ins trübe Grau der Gegenwart! Ist sie denn überhaupt wirklich gewesen, jene idyllische Zeit im Missionshaus, da die Schwaben mit den Schweizern, die Hessen mit den Franzosen und die Australier mit den Thüringern ein D VO En ze zu Bi ha de ge mo au im WO stra Pos soll sein bet der sold an, schi Rev Ent mif Dra sein Zwei erst ist! n in eine nem rag- der, ann, ‚am- IM„PORZELLAN“ 177 eine ungekünstelt wundersame Einheit bildeten? Da wir Deutschen wohlgelitten in der Mitte der Basler wohnten, von manchen leutselig auf unsern Spazierwegen gegrüßt? Erkannten sie doch die Missionsbrüadra an ihrem schwar- zen Krawättli schon von weitem und daran, daß sie immer zu zweien miteinander gingen, wie im Evangelio geboten! Bin wirklich ich es gewesen, der diese schönen Tage erlebt hat, der Häftling Nr. 16921, dessen Seele verwittert und dessen Haupt dazu verurteilt ist, täglich auf den Block gelegt zu werden? O wie liegt so weit, OÖ wie liegt so weit, "Was mein einst war! 14. März 1944 Über dem geistlichen Block hängt wieder’mal ein Da- moklesschwert. Schlimme Dinge sind ans Licht gekommen, auch Freund Reger ist mit hineinverwickelt. Er sitzt noch im Bunker, während die Stiefbrüder auf freien Fuß gesetzt worden sind. Dafür drohen ihnen schwere Vergeltungs- strafen. Gerüchte wollen wissen, daß sie von ihrem guten Posten weggenommen und durch andere ersetzt werden sollen, wahrscheinlich durch ihre Gegenspieler, die ihnen seinerzeit haben weichen müssen. Der Sigambrer ist sehr betrübt darüber, ein Kollege von ihm, der Fähnrich Stahl, der auch hier arbeitet, schilt zornig:„Warum machen sie solche Sachen? Was geht es den Vatikan oder die Londoner an, was hier im Revier an Krüppeln und Kranken ge- schieht?“— Darum handelte es sich. Ein Geistlicher, der im Revier gelegen war und Tagebuch geführt hatte über die Entmenschtheit, mit der hier Häftlinge als Versuchstiere mißbraucht wurden, hatte seine Aufzeichnungen über den° Drahtzaun hinausschmuggeln können. Draußen hatte sie seine Schwester weitergegeben, so daß binnen kurzem die Zweitausend Tage Dachau 12 178 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Abteilung D in Berlin mit Ingrimm über den Londoner und Vatikanischen Sender von den Scheußlichkeiten erfuhr, die in ihrem Auftrag in Dachau angezettelt worden waren. Eine Haussuchung bei der Schwester des Pfarrers ergab belastendes Material, und die Folge war, daß der ganze Block in des Teufels Küche kam. Wenn auch einige wehleidig die Schwänze einziehen, wie oben vermeldeter ,, Fähnrich" ( übrigens auch ein Farbfleck, der aus des Pragmatikers Palette stammt), so ist doch das ganze Lager voll Lobes über den wackeren Schreiber, der sein Leben mit seinen Notizen aufs Spiel setzte. Er wurde mit andern stehenden Fußes ins Loch geworfen, ist aber inzwischen wieder herausgekommen. Bei Christian Reger handelte es sich um eine weniger staatsgefährliche, aber doch keineswegs harmlose Geschichte. Seit einiger Zeit hatte er sich gestattet, seine legale Post durch Sonderbotschaften zu ergänzen, welche er einer Dachauer Putzfrau anvertraute. Diese hatte er in der Besoldungsstelle kennengelernt, und sie nahm mutig die Vermittlerrolle auf sich. Die Gestapo hatte seit längerer Zeit seine Pakete überwachen lassen und war hinter das Geheimnis gekommen. Aber wie es das Unheil Pragmatiker würde sagen: der Vollmond- will, er mußte seinen Feinden den krönenden Beweis selber in die Hände liefern. Er wurde eines Tages zur Vernehmung gerufen. Nichts ahnend, wählte er die günstigste Auslegung und nahm gutes Mutes an, es handle sich um seine Entlassung. Von der üblichen Vorsichtsmaßnahme, die Taschen vor jedem Ruf nach vorn sorgfältig umzukehren, ob sie nichts Verfängliches enthielten, nahm er Abstand, aber nicht die Gestapo. Die visitierte sogleich den ganzen Mann, und was kam ans Tageslicht? O Sonne, verhülle dich: zwei Briefe ohne Stempel der Zensur! Das war kein Glückstag für ihn. Sofort wurde er abgeführt, und bis zum heutigen Tag schmachtet er noch im Bunker. Uns allen geht sein Geschick - der sehr wen keit an s Fün bloc Lage diese einer erta halte zwis allen werd U glück Han schlä W unser sei e zu w könn für Schnu rede, kam, ten s weck Zu des m für d Herr, schral 12 IM„PORZELLAN“ 179 sehr nahe, denn wir müssen das Schlimmste befürchten. Vor wenigen Tagen beging er nämlich eine neue Unvorsichtig- keit. Er versuchte, durch den Bunkerfriseur einen Kassiber an seine Freunde durchzuschleusen; aber es war ein falscher Fünfziger, ein Verräter, der den Zettel anstatt im Pfarrers- block versehentlich im Jourhaus abgab. So mag sich seine Lage noch wesentlich verschärft haben, denn nichts nehmen diese an gaunerhaften Verschlagenheit so gewandten Herren einem Gestreiften mehr übel, als wenn sie ihn bei einer List ertappen. Bewies er damit nicht, daß er sich für klüger ge- halten hatte als sie? Einer solchen Auffassung muß jedoch zwischen dem Stacheldraht um der Autorität willen mit allen gebotenen und ungebotenen Mitteln entgegengetreten werden.— Und daher können wir nicht umhin, für unsern un- glücklichen Freund Sorge zu fühlen. Möchte die unsichtbare Hand sich schützend über ihm ausrecken, daß er den An- ‚schlägen seiner Feinde nicht wehrlos zum Opfer falle! Wir gedenken täglich des Pragmatikers. Der lange Dünne, unser halbtauber und kurzsichtiger Bürochef, behauptet, er sei endgültig abgesägt. Das macht uns traurig. Wir haben zu wenig echte Freunde, um auch nur einen entbehren zu können. Dazu einen von solchem Schlage! Wer sorgt nun für meine Breikost? Wer besorgt meine Briefe? Seine Schnurren fehlen mir sehr. Die waren kein geistloses Ge- tede, o nein! Wenn der Fähnrich Kopfweh von ihnen be- kam, so war er eben nichts Gutes gewöhnt. Auf mich wirk- ten sie immer wie kleine Liköre, die die Lebensgeister auf- wecken!— Zufällig warf ich vorhin einen Blik auf die Losung des morgigen Tags im Büchlein der Herrrnhuter. Sie lautet für den 15. März:„Herr, ich bin in Not, lindre mirs... Herr, siehe, den du lieb hast, der liegt krank!“ Ich er- ihrak: was hatte das zu bedeuten? Was steht bevor, daß 10% 180 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ein solcher Trost nötig wird? Der Himmel ist ja wolkenlos, der Blitz müßte aus heiterm Himmel kommen. Oder ist's ein Weh der Freunde, für das die Stärkung bereit liegt? 16. März 1944 Ich hatte mich nicht getäuscht. Aus heiterm Himmel fuhr der Blitz herab. Gestern war's. Beim Antreten des Porzellans flüsterte mir der Fähnrich zu, der Capo sei auf den Arbeitseinsatz gerufen worden wegen der Ablösung der Pfarrer in der Porzellanmanufaktur. Es war mir leid, das zu hören, denn nur ungern verlöre ich die beiden. Doch war ich noch ahnungslos, bis er mir geradeheraus sagte, daß ich auch genannt worden sei. Auch ich müsse gehen. Das schlug bei mir ein. Sofort faßte ich die mir drohende Gefahr ins Auge. Aus dieser Richtung pfiff der Wind. ,, Laß dir, o Satan, den Hintern aufdecken!" Im Sommer, da hatte der Theologe nichts gegolten, als sie mich nach Allach schaffen wollten. Da es zu meinen Gunsten war, hörten sie schlecht. Jetzt wollen sie es zu meinen Ungunsten verwerten. Nachdem die Buchhaltung die Hiobsbotschaft erfahren, setzte sie sich zur gemeinsamen Beratung zusammen. Der reine Denker führte, wie es sich gebührte, den Vorsitz. Er zeigte sich als guter Kamerad und war bereit, sofort mit dem langen Dünnen zu reden. Kaum hatte dieser die Türe nach seiner Gewohnheit krachend ins Schloß geworfen, da schreit er ihm die schlimme Mär. ins halbtaube Ohr und rückte sie gleich in die zugkräftigste Beleuchtung:„ Drei Kräfte auf einmal verlieren wo kommen wir da hin, jetzt vor der Bilanz?" tutete er ihm mit Posaunenstärke aufs Trommelfell. ,, Der Sigambrer ist in die Rechnungen eingearbeitet, von der Statistik versteht nur er etwas. Und der Registrator hat sich jetzt glücklich mit den Ordnera vertraut gemacht; soll die alte Sucherei von geh SO die Fed ,, N Un zu, Dir Hof gele war Gef zusa das gebr als aber Das gelö Sph dam Ekk war den den nich Wär viele arbe Sp such Wir kunf neuem los Fabr enlos, -ist's liegt? 1944 fuhr Porf den der , das Doch , daß Das e Ge,, Laf er, da Allach mörten verahren, . Der tz. Er rt mit e Türe en, da r und ,, Drei la hin, stärke mungen 5. Und rdnern m los IM ,, PORZELLAN" 181 gehen? Er redete wie ein Advokat und machte seine Sache so gut als nur möglich. Der lange Dünne bekam denn auch die entsprechende Gänsehaut und rief so laut, daß fast die Federhalter zu hüpfen begannen, in reinstem Sächsisch: ,, Nee, das geht naddierlich nich, da muß' was g'schäh'n!" Und damit schmiß er auch schon die Tür wieder hinter sich zu, daß es den Kalk von der Wand riß. Er hastete zum Direktor. Angstvoll harrte die Buchhaltung des Bescheids. Hoffentlich hatte er nicht mehr Porzellan zerschlagen als geleimt! Unsere Befürchtungen trafen zu. Zurückgekehrt war er ziemlich einsilbig, wie erschlafft nach einem heftigen Gefecht. Er sei, erfuhren wir stückweise, mit der Sphinx zusammengeraten, nachdem er ihr ins Ohr geschrien, was das für ein S.. stall sei? Er solle um sein ganzes Personal gebracht werden und das jetzt, vor der Bilanz! ,, Sie tun, als ob ich daran schuldig sei", habe die Sphinx geantwortet, aber sich dann doch herbeigelassen, das Lager anzurufen. Das Gerücht stimmte: die Pfarrer sollten tatsächlich abgelöst werden. ,, Aber doch nicht sofort!" verlangte die Sphinx ,,, Sie müssen uns mindestens acht Tage Zeit lassen, damit die neuen Leute sich einarbeiten können. Und der Ekkehardt, das ist ja ein Verleger, den lassen Sie uns!" Das war der Bescheid, den der lange Dünne hervorhastete, und den wir mit gemischten Gefühlen vernahmen. Wir hörten den Wirbel rauschen aus Abteilung D, da war in der Tat nicht viel zu machen. Nun, Zeit gewonnen, alles gewonnen! Wäre nur der Pragmatiker hier, der Hexenmeister brächte vieles fertig, woran sich unsere Stümperei vergeblich abarbeitet! Später ließ der reine Denker den Obmann kommen. Der suchte uns zu beruhigen: die Gefahr sei so gut wie gebannt. Wir sollten tun, als wäre nichts geschehen, und niemand Auskunft geben, wo wir arbeiteten, ob im Büro oder in der Fabrik. Denn die Geistlichen sollten nur aus den Schreiber 182 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU stellen verschwinden. Die Stimmung hob sich zusehends. Mit sichtlichem Appetit ließen wir uns die Puffer schmecken, die meine Kochkunst unter Zuhilfenahme des Fettes aus des Sigambrers Paket und der Zwiebel aus des Fähnrichs Garten gebacken hatte. Montag, 20. März 1944 - Die Seelenforscher behaupten, der Mensch hege in sich einen Trieb zum Selbstverrat. Es muß etwas Wahres daran sein, denn soeben hätte ich mich selbst ums Haar wieder einmal ans Messer geliefert: dieses Blatt war es, das ich ganz offen auf meinem Schreibtisch liegen ließ, als ich abgerufen wurde. Für einen Augenblick nur. Schnell war ich wieder da, aber wer beschreibt meinen Schrecken, als ich die Sphinx an der Registratur herumhantieren sah hinter ihr die verräterischen Blätter! Ein Glück, daß das Rätselwesen die Augen nicht im Hinterkopf hatte. So gelang es mir, die Papiere rasch noch seinen Blicken zu entziehen, indem ich sie unter den Haufen von Briefen stopfte, die zum Ablegen aufgeschichtet waren, und denen sie sich in einer Art Mimikry vollständig anpaßten. Sonstwer weiß! Tücke des Objekts oder Nachstellungen des Satans? Glück im Unglück, oder ist's der Engel gewesen, dessen Hand die Augen des Direktors mit Blindheit schlug? - ka R St fa b G ge la tr tr W er Ib دوو R na SO au m 21. März 1944 SO di W k da Al ka nach dem Kalender. Unsere Fenster Frühlingsanfang strafen den Kalender Lügen: Draußen wirbeln die Flocken daf in wildem Tanze durcheinander und vergessen ganz, sie eigentlich Abschied nehmen sollten. Ein echter Dachauer dekla Winter! Und wenn der reine Denker heute morgen mierte: ,, Der Frühling naht mit Brausen, er rüstet sich zur Tat", so fuhren ihm bald darauf Blitz und Donner in die Rede. Der Bauernspruch, den ich von mir gab in Erinnerung an alte Saalbacher Zeiten:„ Gewitter überm So de IM ,, PORZELLAN" 183 ends. kahlen Wald ecken, S aus nrichs - - Wird es gewiß noch einmal kalt" diese Regel prophezeit alles andere eher als den vor der Tür stehenden Einzug des Lenzes. - 1944 sich daran wieder as ich ch abar ich ls ich ah - ẞ das So ge u entcopfte, ie sich wer atans? Hand Z 1944 Fenster " locken , daß chauer dekla Ich zur in die in Er überm 22. März 1944 Der Bauernkalender hat recht behalten. Beim Aufstehen fanden wir die Fenster über und über bedeckt mit Eisblumen vor. Huh, wie war das Wasser so kalt, das aus den Gießern der Fontänen auf unsere Brust rieselte! Der reine Denker ist unter die ,, Angorahäftlinge" aufgenommen worden, das heißt, er hat die großmütige Erlaubnis bekommen, lange Haare zu tragen. - Gestern sind zwei Pakete eingetroffen: das eine von Gertrud, der Base am Bodensee, und das andere von den getreuen Nachbarinnen. Das ist das zweite Mal in dieser Woche, daß sich gleich eine ganze Garnitur einstellt: die erste kam aus Köslin( von Annemarie?) und von Hans Ibele, dem Oberschwaben und ehemaligen Haftgenossen. ,, Du mußt einen besonderen Gott haben", hat es schon im Revier geheißen im Blick auf meine Paketpost. Ich gebe natürlich immer etwas ab an ,, arme Verwandte", die keine solchen reichen Verwandten haben. Aber es sind halt Tropfen auf einen heißen Stein; es gibt derer allzuviele, und wie man's macht, ist's falsch. Hältst du dich an einen einzelnen, so kannst du zwar ordentliche Stücke austeilen; indessen die andern gehen leer aus, und es tut wehe, so viele abweisen zu müssen. Zieht man den Kreis aber weiter, so kommen auf den einzelnen nur so zwerghaft kleine Stücke, daß es sich kaum verlohnt. Ach,' s ist eine schreckliche Welt! Alexanders Beispiel ist doch auch aus der Not geboren und kaum nachahmenswert! Wenn wir uns in Sicherheit gewiegt hatten über das Schicksal unserer Gefährten von der Buchhaltung, so wurden wir heute früh jäh aufgeschreckt. Der Arbeitseinsatz ist 184 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU eifrig am Werk, uns jetzt schon Ersatz zu schicken. Heute morgen hatten sich uns bereits zwei neue Gesichter angeschlossen. , Da es der Capo ausnahmsweise einmal mit der Buchhaltung hälter fühlt sich in seinem Geltungstrieb zurückgesetzt so waren die beiden um zehn Uhr bereits wieder abgehängt und zurückgeschickt. Ich wollte triumphieren, aber nun hatte ich doch wieder Mitleid mit den beiden Kumpels. Droht ihnen nicht, daß sie mit dem gefährlichen Transport weggeschickt würden, der nach Mordhausen gehen soll? Ich stellte mir vor, wie ihre am Morgen aufgekeimten Hoffnungen schon am Vormittag verwelkt waren. Und doch mußte ich Partei ergreifen für die zwei Freunde; die Hilfe für die zwei neuen wäre ja nur möglich gewesen auf Kosten der alten! Gilt es denn immer nur dieses peinigende Entweder Oder? Wird es uns nie gelingen, zum befreienden Sowohl- Als auch vorzudringen? mit we die zu wir and I den der bish es s 24. März 1944 Der Es ist das reinste Seilziehen zwischen der hohen Behörde des Arbeitseinsatzes( übrigens aus Häftlingen bestehend) und dem Porzellan- Capo. Unser Kommando erfreut sich des besten Rufes, und für einen Ausscheidenden sind 10 Bewerber da. So sollte schon wieder ein Karnickel mit uns ausrücken als Ersatz für die ,, Pastöre". Es wurde ihm aber bereits auf dem Platz kühl bedeutet, daß kein Raum für seine Arbeitskraft da sei. Später erzählte uns der Capo von seinen Bemühungen, die Attacken auf die geistlichen Mitglieder unseres Kollegiums unwirksam zu machen. Wir staunten: was war in den Capo gefahren, der neulich selbst den geistlichen Wagen abzuhängen sich verschwor? Woher dieser Feuereifer, der ihn jetzt wieder anhängen will? Mit einer Bekehrung hat er gewiß nichts zu tun. Eher mag der reine Denker recht haben, der ihn in Zusammenhang bringt dem satz hab gehe Dün hini wie daß müß um hätt mac dem ") 1944 ;rde und des aus- aber für von Mit- Wır |bst oher Mit der IM„PORZELLAN“ mit den Puffern, die ich ihm zu heimlichen Schmaus zu- "weilen zugesteckt. Ja, ja: „Schmiera ond Salba Hilft allenthalba!“ 24. März 1944 Die einzigen Blumen, die uns der Frühling gebracht, sind die Eisblumen an unserem Fenster; und der einzige Reigen, zu dem er uns aufspielt, ist der Tanz der Schneeflocken, die wir durch die Vierecke unserer Gitterscheiben durcein- : anderwirbeln schen.‘ 27. März 1944 Der Einsatz siegt. Und die Buchhaltung verliert samt dem Capo auf der ganzen Linie. Diesen Morgen tauchten in der Türe plötzlich 2 Gesichter auf, die keiner von uns bisher gesehen hatte, ein altes und ein junges. Bald stellte es sich heraus, daß sie die beiden Kleriker ablösen sollten. Der Capo selbst hatte sie hier heraufgebracht; wie sie aus dem Lager'hierhergekommen, wissen wir nicht. Der Ein- satz scheint sie zur Vorsicht mit Sonderpost geschickt zu haben. Die Sache sei nicht mehr rückgängig zu machen, sie gehe von Berlin aus. Roma locuta, causa finita!*) Der lange Dünne schrie zwar verzweifelt auf und stürzte zur Sphinx hinüber, schien aber. so gut auf Granit gebissen zu haben wie das erstemal. Denn er sprach kleinlaut nur noch davon, daß die beiden mindestens noch eine Woche dableiben müßten, um die Neuen einzuarbeiten. O Pragmatiker, war- um bist du nicht dagewesen? Dein Mut und deine Klugheit hätten vielleicht das Unglück noch zurückgebogen! Die Neuen machen keinen schlechten Eindruck. Der eine, ein Serbe, mit dem deutschen Namen Hartmann, scheint ein weicher Mann °*) Rom hat gesprochen, die Sache ist entschieden. 186 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU zu sein. Der andere, ein blonder Jüngling von 20 Jahren, ist Luxemburger. Heu me miserum Germanum! Weh mir armen Deutschen! Wir Deutschen verlieren überall, das ist das Ganze, was bei der Rüffelung der Priester herauskommt. An uns geht es hinaus. Aber bei wem sollen wir uns be- klagen außer bei GOTT; wir, die wir jetzt schon von unsern eigenen Führern als Abschaum behandelt werden! Ich selber werde wohl im Porzellanhaus bleiben, obwohl ich spüre, daß mir der Teufel auf den Fersen ist. Der gute Pomeranus(Reger) ist aus dem Bunker heraus- kommen. Ich traf ihn kurz vor der Predigt, und da erzählte er mir in kurzen Zügen von seinen Erlebnissen. Es ist ihm nicht so schlecht ergangen, wie wir befürchtet hatten; we- nigstens ist er nicht geschlagen worden. 28. März 1944 Der Obmann Kratzbürste hat noch keine Stelle ausfindig machen können für die beiden Abschiedskandidaten, um sie im Porzellan an ungefährdeter Stelle unterzubringen. Schade, schade! Und wo bleibst du, o Pragmatiker? Heute solltest du wieder zurück sein, und noch hast du dich nicht sehen lassen. Hat dich am Ende die Stapo wieder geholt? Mittlerweile geht ein Tag nach dem andern dahin; der heutige ist schon wieder zu Ende, und bald wird die kurze Galgenfrist vor- über sein, die unseren Freunden gewährt ist. Wir waren s0 recht ein Kleeblatt geworden, ein vierblättriges, in der kur- zen Zeit, die wir hier zusammen waren. Sonderlich unsern Peppi oder Pepperich, wie wir den Sigambrer auch hießen, meinen wir nicht entbehren zu können, weil er eine® liebliche Flöte gespielt hat in unserm Quartett.„Was fange ich ohne Peppi an“, jammert jetzt schon der reine Denker auf Vorschuß. Die Stunden, sie eilen, und die Frage wird wach: was wird nachher mit ihnen? Es rast der See und hren, mir as ist mmt. s bensern elber püre, rausählte t ihm ; we1944 findig m sie chade, st du assen. rweile schon t vorren so rkurnsern ießen, ine so fange Denker e wird e und IM ,, PORZELLAN" 187 will sein Opfer haben. Will man sich an allen rächen, weil einer den Mut hatte, mutig zu sein? Sollen sie entfernt werden auf Nimmerwiedersehen? Vorläufig sind sie noch da und geben sich viel Mühe sich überflüssig zu machen, indem sie ihre Nachfolger in die Geheimnisse ihres Dienstes einführen. Diese entpuppen sich als ordentliche Typen, mitteilsam und Paketempfänger, also dem sozial gehobenen Stand angehörend. Der weiche Hartmann hat uns heute angenehm überrascht, indem er für unsere gemeinsame Küche ein Säckchen Reis und 2 Fleischbüchsen stiftete. Das trug wesentlich dazu bei, daß ihm die Chance des Bleibens zugebilligt wurde, namentlich nachdem sich die Ingredienzien unter des Kochs Zauberhänden in das Gericht eines üppigen serbischen Reisfleisches verwandelt hatten. Ich weiß nicht, woher mir diese Küchenfertigkeit kommt; aber nach dem einhelligen Urteil der Buchhaltung war diese Erstlingsmahlzeit dazu angetan, höheren Ansprüchen als denen eines ordinären Häftlingsgaumens Genüge zu tun. Sie sagen, ich sei erblich belastet vom Vater her, und in der Tat hat dieser sich nicht nur als Konditor, sondern auch als Koch einen Namen gemacht. 29. März 1944 Die Buchhaltung ist heute durchflutet vom Sonnenlicht. Der Frühling ist eingezogen. Unser Glaube ist nicht enttäuscht worden. Spurlos verschwunden ist der Schnee, des Eises gedenken wir nicht mehr, die Kälte haben wir vergessen. Schon stimmen die Vögel ihre Lieder an, ihre Freiheitslieder, dem Frühling zu Ehren! Ach, sie schwingen sich in die Luft, frei, wohin ihre Lust sie treibt! Auch die Gefangenen möchten es ihnen gleichtun. Das Gemüt, von frohen Ahnungen erfüllt, drängt uns, die Enge der Stube und die Gebundenheit des Raumes zu verlassen und hinauszustürmen ins Freie. Ach ins Freie! Das Freie ist nicht da 188 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU für Gefangene. Und doch lockt dort in der Ferne der Anblick der Alpen, sonnenüberglänzt: dort hinauf! Ja, wer könnte! Der Sigambrer lud mich begeistert ein, einen Ausflug mit ihm zu machen, hinaus in die Wälder, über die Bahn hinüber zu den blauen Höhen und den rosafarbenen Schleiern. Wie willfuhr ich dem Rufe der Fata morgana, die sein gerne Wort vor den inneren Blick zauberte, und wir überboten uns in der Ausmalung aller der Freuden, die uns auf der Wanderung erwarten sollten, bis ja, bis mit einem Male das Kartenhaus zusammenstürzte und wir uns halb lachend, halb wehmütig daran erinnerten, daß es ja Posten mit Gewehr, daß es einen Drahtzaun gab, elektrisch geladen und einen Bezirk unbarmherzig abschließend, in welchem Freiheit nur eine Hoffnung ist, die, einem schwachen Lichtlein gleich, jederzeit erlöschen kann, um uns in stockdunkler Nacht zurückzulassen. Aber wohl uns, daß uns im Unsichtbaren gegeben ist, was uns die sichtbare Welt verwehrt. In Christus gleichen wir dem Flieger, der im Flugzeug sich in die Luft erhebt, frei von der Erdenschwere. In sich selbst ein Gefesselter, ist er im ,, Luftschiff" frei. So sind wir zwar in uns selbst im irdischen Kerker, aber ,, in Christus" frei von allen Fesseln, sie mögen Schmerz heißen oder Tod, Sünde oder Schuld. ha Ia de ha D ru L in er ha be Se fr za W ho ihr SC Za Sc in ko eir 30. März 1944 ha ist Das war ein kurzer Lenz: es schneit, was es vom Himmel herunter nur schneien kann. Die ,, Pastöre" sind eifrig dabei, die neuen Lehrlinge einzuführen. Der reine Denker und der Sigambrer verspotten sich gegenseitig zum Abschied. Die Stimmung ist also, wie es sich für echte Häftlinge geziemt. Nur der Biblizist macht aus seinem Katzenjammer kein Hehl und verwünscht das ganze Jourhaus. Er ist auch dem reinen Denker gram, weil dieser nur mit halbem Ohre hindie W1 na ha ver US- ‚hn ein ten der ale nd, ge- ınd rei- ein ler was wir frei er di- sie 944 mel bei, der Die mt. sein jem M„PORZELLAN“ hörte, als er ihm aus Fritz Reuters„Ollen Kamellen“ ein Ia Zitat vorlesen wollte. Der lange Dünne stürzt herein und schimpft weidlich über den zurückgekehrten Winter, wo er doch schon begonnen habe, auf den Einzug des Frühlings Gedichte zu machen. Das nächste ist, daß er wie gewöhnlich nach dem„Weibe“ ruft, daß es ihm Kaffee hole. Das„Weib“, übrigens ein Lehrmädchen von 14 Jahren, ist noch nicht da, so daß ich in die Malerei geschickt werde, um es an seine Pflicht zu erinnern. Ich tue es gerne, weil es mir das Kind angetan hat, das so hübsch und unschuldig dreinschaut und doch schon beginnt, die männlichen Namen in den Bann zu schlagen. Das„Weib“ ist hier, um die Porzellanmalerei zu erlernen. Selber ein niedliches Figürchen wie aus Porzellan mit ihrem frischen Wesen, hat sie die Herzen der insgesamt 200 Jahre ‚zählenden Buchhaltung im Fluge erobert. Der reine Denker wird quicklebendig, wenn sie eintritt, um die Kanne zu holen. Und der Biblizist bildet sich‘gar ein, daß sie mit ihm lieber als mit anderen schäkert und spricht, so daß es schon deren Neid erregt hat.— Und nun ist der Abschied über uns gekommen wie der Zahnarzt über den Zahn. Während du dich noch vor den Schmerzen fürchtest, zeigt er dir schon den Delinquenten in der Zange gefangen. So ist der Abschied über uns ge- kommen, noch. ehe wir’s uns versahen. Wir sind jetzt aus- einander und doch noch beieinander: sie sind aus der Buch- haltung, nicht aber aus dem Betrieb. Denn der Sigambrer. ist zu den Schleifern gekommen und der Fähnrich Stahl in die Schreinerei. So bleiben sie da, und der Abschied geht wie im Schlaf. 31. März 1944 Die Luft ist wieder voll\von Parolen. Obwohl sie einen nahen Frühling verheißen, hören sich doch die alten Lager- hasen diese Töne mit äußerster Zurückhaltung an. So sollen 190 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU wieder einmal die Gestreiften entlassen werden, die über ein halbes Jahr im Lager sind. An Hitlers Geburtstag werde der Anfang gemacht, es seien 600 Entlassungen vorgesehen. Wie oft haben wir das schon gehört ,,, alle Jahre wieder!" Wir sind abgebrüht gegen diese heißen Güsse. 1. April 1944 halt zutr D heif Liebe Anneliese! Dein Brieflein freute mich gar sehr, Und Dein Paketlein noch viel mehr Mit seinen zuckersüßen Und wurstnahrhaften Grüßen. Wie soll ich würdig danken Den feinen und den schlanken, Den lieben Mädchenfingerlein, Dem wohltätigen Herzelein? Am liebsten flöge ich nach Köslin Und tät dem Stacheldraht entfliehn, Dem bitterbösen Stacheldraht, Der uns auf dem Gewissen hat, Und der mich hindert, leider, Daß ich Dir gar nichts weiter Schicken kann als diese Papiernen Schwabengrüße. Ach nein, es ist nicht mehr viel los Mit Deinem ,, Vetter" Adolf Groß ,, Vetter" ist gut! Ich habe das Mägdlein noch nie gesehen, das mir seit Weihnachten alle Monate ein Päckchen mit guten Sachen schickt. Aber wenn sie sich unterzeichnet als mein Bäschen, möchte ich ja wohl ihr Vetterlein sein. Ich bin gespannt auf erste Treffen in der Freizeit. Da wäre es Tisch mit selbe broc And mir, gefa per de en. r!" 944 IM ,, PORZELLAN" 191 halt gut, wenn irgendeine dieser unnützen Parolen einmal zuträfe. - 2. April 1944 Das war eine Überraschung, als mir gestern Bopp, so heißt der junge Luxemburger, ein Blättchen Papier auf den Tisch legte. Als ich es mir näher ansah, war es beschrieben mit einem Gedicht. Ich ahnte sofort, es stamme von ihm selber, und es stimmte. Er gestand freimütig, das Poem verbrochen zu haben. Es spricht viel Gutes daraus und gilt dem Andenken seiner jüngst verblichenen Mutter. So gut gefällt es mir, daß ich es hier einfüge; es ist in englischer Sprache abgefaßt und lautet: men, mit als Ich e es TO MY MOTHER When at the age of nineteen ' The destiny forced me, dear Mother To leave you, my home and my brother I's young and still rather green. Abroad I knew what you were to me, That life, to be lived must be learnt, That the weathercock by the wind is turnt, For at Home, strange was the misery. When I left all that to me was dear On some splendid September day, Tell me someone to me could say That my Mother's voice I never will hear. And to- day had gone many years; I got richer of experiences, But forgot more and more the happiness, For never I met a motherheart like yours. ZWEITAUSEND TAGE DACHAU You troubled for me when I’s a child; All your cares and pains were for me When your eyes could’nt see me Amongst the men and in the world so wild. You lived a life full of trouble and care, But your are exhausted in an other world Near my father, who like you died not old. All my wishes that you may be happy there. Die letzte halbe Stunde der Woche. Wir schlemmen bei\ Blutwurst, die der Koch der Buchhaltung gebacken, und bei Kaffee, den er gebraut. Der reine Denker rast, daß ihm eine der größten Raritäten der Lagerwirtschaft verdarb: sein Taschentuch, das er an den Ofen hängte. Er rast und will sich nicht trösten lassen mit dem Hinweis, daß es nur ein paar Flecken sind, die der Denkernase keinen Eintrag tun. Der lange Dünne weilt heute nicht unter uns. Schon ge- stern hat er sich verabschiedet mit seinem Schlachtruf: „Holiday!“, den er nur ausstößt, wenn er guter Laune ist. Det jüngste Sproß, Bopp, hatte die für uns Alte unerhörte Kühnheit, Seine Magnifizenz, nach dem Sinn. von dero Ausruf zu fragen, erhielt jedoch keine Auskunft, die uns befriedigt hätte. 3. April 1944 Alles fragt nach dem Pragmatiker: auch heute ist er nicht gekommen. Wo er wohl steckt? Die Geschichte fängt an, ungemütlich zu werden. Dem reinen Denker schwant Un- heil: ob er nicht schon längst wieder in einem Lager sitzt? Aber zu ungünstigeren Bedingungen als im Porzellan. Der Biblizist hält eine einfache Erklärung bereit, die auch dem Grundsatz des Pragmatikers entspräche:„Man muß alles probieren bis zum sechsten Male!“ Nämlich, daß er sich seinen Urlaub verlängert habe bis nach den Feiertagen. jei n bei d bei eine sein will r ein tun. n ge atruf: e ist. hörte dero e uns 1944 nicht gt an, Unsitzt? . Der dem alles r sich tagen. IM ,, PORZELLAN" 193 Übrigens jährt sich übermorgen der Gründonnerstag zum zweiten Male, an dem wir beide, der Pragmatiker und ich, jenes ungemütliche Stelldichein beim Lagermogul hatten. Glücklicherweise ging die Sache aus wie das Hornberger Schießen, von der Backpfeife abgesehen, die mir kein Armenier mehr abnahm. 5. April 1944 Das Porzellan muß am Karfreitag arbeiten. Leider! Die Katze geht weg, aber die Mäuslein müssen dableiben. Sogar am Ostermontag sollen wir kommen. Unsere kriegswichtigen Kaffeekannen, Suppenschüsseln, Seydlitzkürassiere, Finnischen Bären und Göringbüsten müssen fertig werden. Nichts notwendiger als das! Nun, unsere Arbeit. wird nicht so wild werden. Wir werden uns vor Schweiß zu schützen wissen. Der reine Denker will seinen Spinoza lesen, ich werde die Bibel aus ihrem Verstecke holen und Bopp wird einige lyrische Verse dichten. Er hat etwas los darin, der junge Mann. - Gründonnerstag Und wir müssen tatsächlich morgen arbeiten! Der reine Denker trauert nicht darüber. Ihm ist das Leben auf dem Blocke verleidet, wie den meisten andern auch. Diese Miẞwirtschaft und Seelenquälerei! Viel herauskommen wird nicht bei der Feiertagsschändung. Wir haben alle keine große Lust mehr. Der lange Dünne ist abgereist, um seine hübschen Jungen und seine Ehefrau zu sehen, ehe die nächsten Bomben fallen. Er hat neulich Bopp, für den er etwas übrig zu haben scheint, einige Bilder gezeigt, die von einem glücklichen Familienleben Zeugnis ablegen. Die Kräuselnase, wie der Pragmatiker das Schreibfräulein der Kanzlei nannte, feiert hier, der Cerberus desgleichen, so daß nur der Direktor selbst anwesend sein wird, um nach den Gestreiften zu sehen, die man doch nicht ohne Beaufsichtigung lassen darf. Von Angelika traf ein Bukett von Osterkätzchen ein, die Zweitausend Tage Dachau 13 194 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU allerliebst, aber nicht eßbar waren. Der vielgetreue Karl Leibfritz schickte von den Höhen der Alb sechs herrliche Äpfel, vorzüglichen Osterkuchen und ein halbes Pfund feine Butter. Die Äpfel verteilte ich an Fabisch, Nicolai und einige andre. Der Rest gab das Rückgrat für Apfelküchle, die der Konditorsprößling der Buchhaltung als Feiertagsschmaus auf den Tisch stellte. Mit dem reinen Denker heute nachmittag disputiert über die Frage, ob unser Denken die göttliche Welt erfassen könne? Er behauptete, ich leugnete es. Um zu Gott vorzudringen, bedarf es der Offenbarung. Von uns aus sind wir nicht in der Lage, auch nur das Geringste mit Gewißheit über die unsichtbare Welt zu sagen. Nur wenn Gott aus seiner Verborgenheit heraustritt und Sein WORT an uns richtet, kann eine Verbindung hergestellt werden zwischen Diesseits und Jenseits. Aber Ihm sei Dank, ER hat gesprochen, und sein Wort heißt JESUS CHRISTUS! Bopp, der Luxemburger, erzählte, als er den Namen Dachau hörte, als den Ort seines zukünftigen, von der Stapo ihm zugewiesenen Aufenthalts, sei es wie ein Schrecken in ihn gefahren. Erst später habe er erfahren, daß es sich gebessert habe, so daß es zu den„, guten" Lagern zu rechnen sei. Der gute Junge, der ungestraft mit dem Tiger spielt! Freilich ist es besser geworden seit der Reformation des Kommandanten Weiß. Er hätte voriges Jahr noch versuchen sollen, mit einem Herrenmenschen umzuspringen, wie er es mit dem langen Dünnen tat! Dieses junge Gemüse hat das Zittern fast ganz verlernt. Aber triumphieren wir nicht zu früh. Katzencharakter- heimtückischer Charakter! Ich lese zur Zeit ,, Ut mine Festungstid" von Fritz Reuter und schreibe mir einige Stellen ab, die wir aus unserm Häftlingsleben ohne weiteres unterschreiben können: ,,.•••••• So'n Gefangener ist gar zu zag, und 3 Tage Wasser und Brot, das Liegen auf dem Fußboden und die bitter glaub darü gespr dies gibt davo langs لود freun hat, allein gotts ein st WOR richti وو I sind, es ni zutre von( De stark wenn einma der v Dacha Da relati empfi kann. Freih luft d Wie R 13 EG arl 1en ıpo in ge- sel. ei- m- nen es das zul ter ift- age die IM„PORZELLAN“ 195 bittere Kälte machen grade auch nicht viel Kurasch— ich glaubte, er rede die Wahrheit, und ich erregte mich sehr darüber, viel mehr als damals, als sie mir mein Todesurteil gesprochen hatten. Das war eines Augenblicks Sache, und. dies hier war eine lange, lange, allmähliche Totquälerei.’s gibt nicht viele Menschen in der Welt, die einen Begriff davon haben, was es heißt, wenn einer auf Staatskosten langsam zu Tode gequält wird.“ „ne Bibel im Gefängnis, das ist eine schöne, menschen- freundliche Sache, und der Mann, der zuerst dafür gesorgt hat, gehörte zu jenen auserwählten Menschen, die nicht allein das schwache Menschenherz, nein, auch unsres Herr- gotts allbarmherzige Absichten verstanden haben. Manch ein steinern Herz mag weich geworden sein vor GOTTES WORT. Und manch ein Verbrecher mag dadurch zu der | fichtigen Einsicht und zu Gott gekommen sein. „Ich sche aus Ihren Papieren, daß Sie ordentliche Leute sind, und Sie sollen’s hier gut haben; denn meine Sache ist es nicht, Leute, die im Unglück sind, noch mehr hinunter- zutreten.“ Worte des Generals von T., des Kommandanten von Graudenz. Der reine Denker meint allerdings, Reuter habe ziemlich stark„angegeben“; so schlimm habe er es gar nicht gehabt, wenn man ‚unsern KZ-Maßstab dranlege. Man dürfe nur einmal die ehemaligen Zuchthäusler hören, die immer wie- der versicherten:‘„Lieber ro Jahre Zuchthaus als ein Jahr Dachau!“ Das ist wahr. Aber er vergißt, daß Schmerz und Freude telative Werte sind, und daß, was der eine nur als Flohstich empfindet, für den andern ein Meer von Weh bedeuten kann. Manche Naturen finden sich mit dem Entzug der Freiheit ziemlich rasch ab, während andere in der Kerker- luft dahinsiechen, selbst wenn der Käfig vergoldet sein sollte. Wie Reuter an einer andern Stelle sagt, die ich gestern las: 13% 196 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ,, Was hilft das alles, wenn uns die Gefangenschaft die Sehne Besc der Seele durchschnitten hat?" Von heute abend an tagt unser Bibelkreis in der Kapelle. Kaiser, der treue Pfarrer aus Dresden, hat es durchgesetzt. Das ist fein. Wir werden also jetzt singen können und sogar vom Harmonium begleitet sein. recht soll Reih Einb vier war Blan Windgasse, der Evangelist, hat allerdings das Versprechen von mir haben wollen, mich für einen Besuch von 15 bis ist e 20 Leuten zu verbürgen. Aber wie kann ich das? Es ist mir ohnedies zuwider, bei Gottesdiensten mit Zahlen zu ope- gelin rieren, als wäre das Reich Gottes ein Rechenexempel, wo es doch nach dem Worte geht: ,, Sie sind allzumal EINER IN Fluc CHRISTO! es, v geren erhal chen aber Von Cleve hörten wir, daß nach der Beschießung 5000 Einwohner übriggeblieben seien von 22 000. Ein furchtbarer Totentanz! Die Reihe ist an uns. Die meisten horchen bei solchen Nachrichten einen Augenblick auf; aber nur einen Mim Augenblick. Dann fallen sie wieder in ihren geliebten Schlaf zurück und mästen sich an dem Fett ihrer üppigen Phantasien und Phantastereien. bleib Schla der Ostermontag drück Zeit: lang reiße stand Heute tun wir noch weniger als am Samstag und Karfrei Und tag, wo wir uns auch bereits möglichst wenig anstrengten. Gelin Die Drohung der SS, die Pfarrer in die Plantage zu stehe schicken, ist noch nicht wahrgemacht worden. Noch hängt die Unheilswolke über ihnen, aus welcher jeden Augenblick der vernichtende Blitz zucken kann. Bis in die Reihen der SS hat die Sache ihre Kreise gezogen: der Lagerführer von Redwitz mußte gehen. Aber nun ist seinem NachfolgerReformator noch etwas viel Schlimmeres passiert: ein wahrer Eulenspiegelstreich ist ruchbar geworden und hält das ganze Lager in Atem. Der Eulenspiegel war ein Gefangener, der griffe durchbrannte; und diesmal ein gewöhnlicher, nicht einer zen. der geistlichen Herren. Aber wiederum einer, der im Revier gewa D Expo esetzt. nd sorechen 5 bis st mir IM PORZELLAN" 197 Sehne Bescheid wußte, besser als jeder andere, denn es war die rechte Hand des SS- Arztes, Dr. Raschers, selber. Und er pelle. soll nicht allein geflohen sein, sondern in Gesellschaft einer Reihe von Akten und Dokumenten, die einen genauen Einblick vermitteln in das Treiben dieser Mörderhöhle, Revier geheißen. Unbegreifliches hat sich zugetragen: 2 Tage war der Mann schon fort, als man erst dahinter kam. Die Blamage! Da er angeblich mit viel Geld versehen war, so ist es wohl möglich, daß sein tollkühnes Reiterstückchen à ope- gelingt und er unversehrt die Schweiz erreicht, wo er, heißt wo es es, von seiner Frau erwartet wird. Durchführbar war die CR IN Flucht nur infolge des Umstandes, daß der Mann seit längerer Zeit große Freiheit genoß; so soll er die Erlaubnis 5000 erhalten haben, in Zivil nach Dachau zu gehen, nach Müntbarer chen zu fahren usw. Wieso? entzieht sich meiner Kenntnis; en bei aber es gibt ja Menschen, die sich vermöge einer natürlichen einen Mimikry ihrer Umgebung restlos anpassen und die doch Schlaf bleiben, was sie sind. Da ist über die Schlauen ein noch hanta Schlauerer gekommen, und es gibt wohl keinen Gestreiften, der nicht aus vollem Halse darüber lachte, daß die Untermontag drücker übertölpelt worden sind, und zwar vollkommen. arfrei Und niemand ist unter uns, der dem Abenteurer nicht gutes engten. Gelingen wünschte, sind wir doch bis jetzt sogar vom Strafeage zu stehen verschont geblieben. Übrigens auch ein Zeichen der hängt Zeit: vor zwei Jahren hätten wir noch tage- und nächteenblick lang unsere Füße in den Leib stehen dürfen, bis der Ausen der reißer mit dem berüchtigten Plakat wieder unterm Tor er von stand: ,, Ich bin schon wieder da!" folger11. April 1944 wahrer Der Pragmatiker ist wieder da, hurra! Nun blühe, ganze Export! Fräulein Stapo hat also bis jetzt noch nicht zugeder griffen. Ein Zentnerstein fällt der Buchhaltung vom Hereiner zen. Dagegen rumort die Kanzlei in Gestalt des Cerberus Revier gewaltig: ,, Warum ist er wieder da? Er tut, als wäre er er, 198 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Alleinherrscher!" Und der Direktor ermahnt ihn freundlich, doch ja seinen Starrsinn abzulegen. So bekam er eine Bewährungsfrist von acht Tagen. Er wird sich wohl so lange halten, um nachher mit neuem Wagemut aufs Seil zu steigen. Aus der ,, Brüsseler Zeitung" las uns der Pragmatiker ein Wort von Christian Morgenstern vor: ,, Es gibt für Unzählige nur ein Heilmittel die Katastrophe". Er meint dazu, das passe gut auf uns fünfe in der Buchhaltung, die wir alle die Riesenkatastrophe des KZ hinter uns hätten. Das KZ als Heilmittel Fabisch, der Zivilingenieur, wäre damit einverstanden und der Biblizist auch. ,, Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen, nämlich zum ewigen Heile. - - - Am Ostermontag arbeiteten wir was wir so arbeiten hießen. Abends besuchte ich mit dem Knaben Hiob heimlich die Osterpredigt, die uns ein holländischer Geistlicher hielt namens den Hertog. Sie war so gewaltig, daß mein Begleiter meinte, so ein Kaliber habe er seiner Lebtag nod nicht schießen hören auf einer Kanzel, und dazu müsse man ins KZ kommen! Sie schloß erschütternd mit dem Rufe: Amen! Jesus Christus! Hallelujah! in welchen Fanfarenstoß der junge Geistliche noch einmal den ganzen Osterernst und Osterjubel hineinlegte, der die Predigt durchklungen hatte. - di U K gi da le da W d ke el ar da ge ic m W Ve ke u sa la ku A ti ba 13. April 1944 re Ein herrlicher Frühlingstag! Aus einem blauen Himmel strömen goldene Strahlen auf die duftende Erde nieder, von fernher im Süden grüßen hinter leichten Nebelschleiern de ur de reunder eine ohl so Seil zu xer ein r Unmeint ng, die hätten. , wäre en, die nämrbeiten heimstlicher mein g noch müsse it dem einmal der die ril 1944 Himmel nieder, chleiern IM ,, PORZELLAN" 199 die Alpen. Gleichzeitig fallen todbringende Bomben herab und jagen die schutzsuchenden Menschen in die dunklen Keller ihrer Zufluchtsstätten. Der Angriff ist vorüber. Neugierige sahen mehr als 50 Bomber über ihren Häuptern dahinfliegen. Ein Glück, daß keiner uns bedacht hat mit den lebensfeindlichen Geschenken. In der Ferne aber dröhnte das getroffene Erdreich von den Einschlägen. Die Häftlinge waren in den Eßraum gestürzt, der uns als Bunker dient, doch dürfte er wenig Schutz bieten. Die Stimmung war keineswegs ängstlich, nicht so, wie es sich geziemte, wenn eine so furchtbare Majestät in der Nähe ist. Ich setzte mich an den Tisch und zog ein Liliputbändchen aus der Tasche, das mir der Pragmatiker als Reisegeschenk mitgebracht: die geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola. Drin begann ich zu lesen, bis mich der Schlaf überwältigte und ich auf meinen eigenen Armen einnickte. Als ich wieder erwachte, war alles schon vorbei, so daß ich nur vom Hörensagen vernahm, was sich inzwischen ereignet hatte. Porzellan war keines zerschlagen worden, aber ,, rund um uns, rund um uns her" hat es Splitter und Späne genug gegeben. Die Flieger schwirren wie wild draußen herum. ,, Und da sagt man, wir hätten die Luftüberlegenheit", bemerkte der lange Dünne nachdenklich, und er überläßt es unserer Deutekunst zu erraten, wie er's meine: im Ernst oder im Scherz. 14. April 1944 Jeder muß sich selbst austrinken wie einen Kelch." Auch dieses Wort stammt von Christian Morgenstern. Wie tief ist es empfunden! Der Kelch meines Lebens, ist er nun bald geleert, habe ich ,, mich" nun ausgetrunken? Ein bitterer Trunk ist es, wahrlich, und ich will froh sein, wenn ich den letzten Schluck tun darf. O gesegneter Kelch, in dem uns der Trank des neuen Lebens gereicht wird, der Becher des Heils, aus dem wir das Blut Jesu Christi trinken und in 200 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ihm das neue Ich. O gesegneter Becher, o fleckenloses Leben, o Gotteswein voll herbstlicher Süße, o Weinstock, eingepflanzt zu bleibender Frucht statt der wilden Distel meines zerrinnenden Weltsinns! Ich habe angefangen, Russisch zu lernen. Das hat mir die Zuneigung mancher Leute eingetragen, die mich seither hochmütig übersehen, ja verachtet hatten. Mögen sie mich hochschätzen oder gering- und mögen sie drin sehen, was sie wollen: mir geht es nicht darum, mich vor irgendeinem Capo oder Mogul zu verbeugen, sondern darum, zum Herzen meiner russischen Mitgefangenen reden zu können. Darum geht es mir und sonst um nichts. Der Pragmatiker liest uns unter lebhaften Bewegungen lustige Geschichten vor. Es ist ein Büchlein, das er heute morgen aus München mitgebracht, und das den Titel trägt: ,, Kleine Geschichten aus Frankreich". Ein Glück ist's, daß der lange Dünne taub ist und nichts hört, wenn der Biblizist seine Lachsalven abfeuert. Der reine Denker kämmt sein Haar und putzt seine Nägel, vielleicht verachtet er, der Tieferes gewöhnt ist, solche oberflächliche Lektüre. Der Luxemburger arbeitet weiter und auch Hartmann, der Weiche, läßt sich nicht stören. Wie er mir verriet, hat der Vertreter der Weltmacht Schweinhausen ein Rettungsseil für mich ausgeworfen. Zur Ausführung hat er sich hinter die Nachbarin in Berlin gemacht, die er neulich besuchte, und welcher er die nötigen Anweisungen gab. Sie soll ein Gesuch bei der Wehrmacht für mich einreichen. Zur Flak wollen sie mich bringen, um mich aus dem Lager herauszuziehen. Die Nachbarin hat geantwortet, sie habe bereits alle nötigen Schritte getan; aber ob es nicht besser sei, eine Zivildienstverpflichtung für mich zu erstreben, da sonst doch nur ein Zwang durch den andern abgelöst werde. Damit hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen, denn es sagt mir wenig zu, die Zebrauniform mit der mein ist n D aber ben das ohne und abre G Hes Rüh und unte zu d Wah gesc Tot liche zu ken Aus V geko ein der troll Abn läßt kast hera en, einstel die ochochSie nem Herhen. gen eute Eigt: daẞ iblimmt der Der der acht Zur geigen acht um I ger ob zu dern gemit IM ,, PORZELLAN" 201 der des Soldaten zu vertauschen. Am liebsten verdankte ich meine Befreiung GOTT allein. Was mache ich nur? Der Brief ist nicht nur schon geschrieben, sondern auch befolgt. Der Pragmatiker ist inzwischen gegangen. Er hat Feierabend gemacht, während die Gestreiften erst in einer halben Stunde schließen. Ein langer Arbeitstag: zwölf Stunden, das Stehen auf dem Appellplatz ungerechnet. Wir könnten's ohne die Pakete nicht aushalten. Was hülfe die magere Milch und die dürre Blutwurst, selbst wenn sie in Klötzen verabreicht wird? Gestern nachmittag hielt uns um vier Uhr Moderator Hesse am Zaun an der Gartenhecke eine kurze Bibelstunde. Rührend, daß er, der Mann mit dem bekannten Namen und führenden Kopf in der Bekenntniskirche, es nicht für unter seiner Würde hielt, ein paar armseligen Hungerleidern zu dienen. Was ich behalten habe, ist die ungeheuer große Wahrheit, daß unsere Wiedergeburt schon vor 1900 Jahren geschehen sei in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Was für ganz andere Töne schlagen jetzt die Geistlichen an als zur Zeit unserer Jugend, wo sie nichts Besseres zu tun hatten, als eiligst die Gluten der göttlichen Erkenntnisse mit dem Wasser ihres Verstandes zu bespritzen. Auslöschen konnten sie sie ja nicht! Sie brennen heller als je. 18. April 1944 Von Berlin ist ein Beamter der Revision ins Porzellan gekommen, um den Stand der Buchhaltung zu prüfen. Auch ein SS- Führer in voller Uniform mit hohen Stiefeln, einer der zahlreichen Kontrolleure, die die Kontrolleure zu kontrollieren haben. Der lange Dünne, der eine unbegreifliche Abneigung gegen Kontrollen und Kontrolleure durchblicken läßt, ist schlechter Laune. Er wird gehörig in den Schwitzkasten genommen, daß ihm das Wasser zu allen Poren herausrinnt. 202 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Der Pragmatiker hat sich beizeiten empfohlen, erklärte er doch, daß er in keinem kontrollierbaren Verhältnis mehr zum Porzellan stehe. So entwischte er der Kontrolle de Kontrolleurs, den er durch ein abgefeimtes Manöver für sich köderte: er versprach ihm, bis morgen ein von diesem gewünschtes italienisches Werk herbeizuschaffen und es dem Gewaltigen persönlich zu verehren. Der Köder wirkte, der Hecht biß an, und der Angler liel ihn zappeln, das heißt, er verschwand und blieb bis auf diese Nachmittagsstunde, nahe am Feierabend, verschwun- den. Fräulein Kräuselnase war nicht so glücklich; ihre zarte Anfrage nach einem Stück Berliner Schokolade aus SS-Be- ständen wurde ungalant zurückgewiesen. Der lange Dünne ist der Kontrolle nun auch entflohen. Er bestellte sich einen Anruf aus dem Lager und erklärte um halb fünf Uhr, schleunigst dorthin eilen zu müssen. Der reine Denker, ungeachtet des Anschnauzers, den er sich vom Kontrolleur hatte gefallen lassen müssen, weil er anzu- deuten gewagt, er habe für irgendeine Buchung keine Zeit — dieser reine Denker hielt sich schadlos, indem er eine Pause dazu benützte, um mit ungwöhnlichem Pathos die Einleitung zu Goethes Faust vorzulesen, nein, was sage ich: vorzutragen: „Die Sonne tönt nach alter Weise In Brudersphären Wettgesang, Und ihre vorgeschriebne Reise Vollendet sie mit Donnergang.“ Mit einer Betonung, die nicht nur die im Seminat empfangene Kunst des Deklamierens ahnen läßt, sondern in welcher auch die Weiterbildung in der Dornacher Schule der Eurythmie unter Frau Steiners Leitung widerklingt, rollen die Verse über uns hin, und es ist betrüblich, daß sie in der Buchhaltung kein anderes Echo wecken als das IM ,, PORZELLAN" 203 klärte mehr le des er für Hiesem s dem er ließ is auf wunCzarte SS- BeFlohen. te um . Der vom anzuLe Zeit r eine os die ge ich: eminar lern in ule der rollen aß sie Is das spöttische Zitat aus eines Ulmer Prälaten humoristischen Liedlein: دو Woher hast du denn, mein lieber Sohn, Den wunderbaren Kanzelton?" womit der Biblizist, den dichterischen Schwung und die deklamatorische Leistung schnöde verkennend, die Künstlergabe quittierte. Ein Glück, daß der reine Denker nicht im geringsten empfindlich ist, sondern in anthroposophischer Sanftmut den Spott überhört. Aber ich muß schließen. Längst sitzt der Kontrolleur wieder an seinem Tische und kontrolliert. Wehe mir, wenn es ihm einfallen sollte, auch dieses Geschreibsel zu kontrollieren, das ihn ganz und gar nichts angeht! ,, Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell." Heißt es nicht so? Ich will noch flinker sein und, dem Unheil zuvorkommend, das Blatt in der geheimnisvoll unordentlichen Tiefe meines Ordners verschwinden lassen, wo es noch unauffindbarer sein dürfte für Kontrollorgane als in der Tiefe des Meeres. 20. April 1944 Wieder einmal haben wir vergeblich gehofft auf den Geburtstag des großmütigsten aller Führer. Der Appell ging vorüber, und keiner wurde herausgerufen. Meine Erwartung war ohnehin auf den Nullpunkt herabgesunken: zu häufig war ich enttäuscht worden. Hornochs versuchte am Sonntag, den toten Leichnam nochmals zu galvanisieren: drei Millionen Soldaten wollte Hitler auf die Beine stellen. Dazu brauche er vor allem die Häftlinge. Ich erwiderte: ,, Glaube es, wer will! Ich habe den Glauben verloren, den Köhlerglauben, den Glauben an Menschen. Ich bin grundsätzlicher Zweifler." Darauf tat er auch sehr skeptisch, aber ich merkte, daß es ihm wehe getan, sein schönes Wunschbild zerstört zu 204 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU schen. Obwohl nun doch die Zweifler recht behielten, hoff- ten die Unentwegten weiter: die Amnestie wirke sich erst später aus. So ist ihre Parole gerettet und ihre Hoffnung dazu.{ Das Lager wird um zwei unheimliche Stätten bereichert, die beide dem Tode dienen. Von der einen ist unter dem Namen„Baracke X“ schon seit langem geflüstert worden. Fabisch, wegen der zahlreichen Neuigkeiten, die er meist aus guter Quelle weiß, der„Parolenmüller“ geheißen, sprach mir schon vor Jahresfrist von diesem Bau. Angeblich ward seine Verwendung durch Materialmangel hinausgezögert. Wäre er doch mitsamt seinen Architekten von einer Bombe getroffen worden! Er wird nämlich die Gaszelle enthalten, jene fluchwürdige Einrichtung, die Mauthausen zum Mord- hausen gemacht und aus dem Auschwitzer Lager eine Todes- mühle. Sie ermöglicht der Abteilung D ihr schauerliches Handwerk zur Massenfabrik auszudehnen. Tennen sind das, auf welchen der Tod den Tänzern nach Tausenden, Hundert- tausenden und Millionen aufspielt. Die andere Filiale der Hölle dient ebenfalls dem Tode mehr als dem Leben: der sogenannte Mädchenblock. Er soll in dieser Woche„eröffnet“ worden sein. Die unglücklichen Bewohnerinnen sind weibliche Häftlinge aus dem Frauen- lager Ravensbrück. Traurig, daß ich dies hier nieder- schreiben muß. Ich wehrte mich immer, dem Gerücht zu glauben, obwohl mich die Erfahrung schon längst hätte lehren können, daß es keine Gemeinheit gibt, der sich diese Konsorten der Dämonen nicht schuldig machten— alles ın maiorem Germaniae gloriam. Nun ist’s soweit. Unser Capo vom Porzellan, gewiß alles andre als ein Frömmler, sprach in heftigen Worten von dieser neuesten Errungenschaft, die diesmal in der Abteilung A ausgebrütet worden sein mag: Häftlingswohl!(Zum Steuer der Knabenliebe, die sich an- geblich die jungen Russen zum Opfer ausgesucht habe). Es sei die Offerst ung ert, lem len. eist ach ard ert. nbe ten, rddesches das, ertode soll Chen enderzu Fitte iese sin apo ach die mag: an- Es IM ,, PORZELLAN" 205 sei ein Danaergeschenk, meint der Capo, wenn es überhaupt ein Geschenk sei. In anderen Lagern sei es vorgekommen, daß die Ehefrauen von dem Besuch auf dem Mädchenblock benachrichtigt wurden mit der Aufforderung, sich scheiden zu lassen. Deswegen müsse der Block boykottiert werden, und er werde es auch. Ich bin nicht wenig erstaunt über diesen Willen zum Widerstand, fürchte aber, daß der Boykott nicht allzulange anhalten wird. Der arme Priester, Sigambrer geheißen, ehemals Mitglied der Buchhaltung, hat es jetzt schwer. Er muß die riesigen Gipsformen schleppen, in welchen die Großen Friedriche, die Malachowski- Husaren, die Foxl und Lebensleuchter gebrannt werden. Die Arbeit geht weit über seine Kräfte, zu allen Poren treibt es ihm den Schweiß heraus. Der Fähnrich Stahl hat es besser getroffen, er ist oben in der Gipserei, wo er den Kaffeekannen die unentbehrlichen Henkel einsetzt. Das ist ein Geschäft, bei dem er wenigstens sitzen darf. Ich hätte es dem Sigambrer eher gegönnt, denn er ist der Schwächere von beiden. Aber er verfügt nicht über die nötige Rücksichtslosigkeit. Die Weltordnung des Ellenbogens setzt sich bis in die entlegensten Eckchen des Alls durch. - 21. April 1944 Der Sigambrer ist seine Formen los, er sitzt wieder in der Buchhaltung! Wie ging das zu? Wer brachte das Wunder zuwege? Der Mann aus Schweinhausen. Er konnte das Elend nicht mit ansehen, lief spornstreichs zum Direktor und legte ein gutes Wort für den Gefangenen ein. Die Sphinx machte ein schwermütig Gesicht, seufzte und sagte, das sei alles schön und gut, aber wie er wisse, dürften die Pfarrer nicht mehr als Schreiber beschäftigt werden. Kratzbürste, der Obmann, wurde angerufen, aber er behauptete, eine leichtere Arbeit wisse er nicht. 206 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Da war guter Rat teuer, aber zum Glück wußte der Pragmatiker einen: ihm fielen in der Not seiner Liebe zu den Sklaven die Albums ein, die das Amt WI mit den Photos der Foxl, Großen Friedriche, Finnischen Bären und allem beklebt sehen wollte, was die Öfen gebrannt hatten. Er machte der Sphinx weis, daß sich zu diesem Klebeposten niemand so gut eigne als der Priester Lobhausen aus Köln, der Sigambrer. Und so sitzt er nun hier, klebt und klebt nichts. Denn die Bildchen sind nach einer besonderen Anweisung zusammenzustellen und die können wir nicht finden. Die Hauptsache ist aber, daß er von den Glutöfen weg ist und sich unter den heißen Formen nicht mehr totzuschleppen braucht.- - Der lange Dünne, übrigens ein Sachse, zeigte gestern Bopp, dem Luxemburger, einige Jugendbildnisse. Ich durfte sie auch beschauen und war überrascht von dem Schmelz, der über den Zügen des Abiturienten lag. Wenn ich aber auf das Gesicht blickte, welches einst diese durchgeistigten, jugendfrischen Züge getragen, konnte ich einer tiefen Erschütterung nicht wehren. O grausame Umwandlung des Alterns! Von dem glanzvollen Prachtbau war kaum ein Stein auf dem andern geblieben. War es nicht ein völlig anderer Mensch, der uns hinter den dicken Brillengläsern anlugte, als der war, der diese jünglingshafte Anmut in die Welt strahlte? Um halb sieben Uhr streckte der„, Spion" den Kopf zur Türe herein, der Bote, der seit einiger Zeit zwischen den Figuren herumgeistert, um Ausgänge zu besorgen und- Spitzeldienste zu tun. So wenigstens behaupten einige, deren Wahrheitsliebe nicht in Zweifel gezogen werden kann. wurd durch „ Der unser der I gier riskie Mein Wieso ander nahm Bei wurd Hund All gescho bei u welch raschu mung lassen Die Das U Fast konnt Pioni der er Spott bis sie freilic Schuld 24. April 1944 gescho es sich Ein duftiger Frühlingstag folgte dem andern. ,, Frühlingsluft! Freiheitsluft!" rief Hartmann wohlig aus. Aber bald aus ınd In- wir ut- ehr ern -fte 2]z, ber en, Er- des ein an- ern die zuf den ren 944 1g5- IM„PORZELLAN“ 207 wurde die Lenzesstimmung gestört durch die Botschaft, durch die die Kleine die Buchhaltung unsicher machte: \„Der Kuckuck ruft!“ Wir stürzen hinab, teils die Köpfe mit unsern Eßnäpfen bedeckend. Die Luft war voll vom Surren der Propeller. Nur wenige ließen sich nicht von der. Neu- gier verleiten, ihre Nase nicht hinauszustrecken und zu ‚ riskieren, eines drauf zu bekommen. Das ist ja immer die Meinung der Gedankenlosen:„Uns wird es nicht treffen.“ Wieso nicht? Weil gerade wir Ausnahmen sind? Und die andern, die getroffen werden? Dachten nicht auch die, Aus- nahmemenschen zu sein?— Bei dem jüngsten Angriff, der auf Augsburg niedersauste, wurden im dortigen Lager, einem Ableger des unsrigen, Hunderte unserer Brüder getroffen. Allerdings kursiert ein Wort Churchills:„Die KZ werden geschont, sie sind englisches Territorium.“ So herrscht jetzt bei uns ein Ton, der an die fieberhafte Erregung erinnert, welche wir bei Menschen beobachten, wenn sie großer Über- taschungen gewärtig sind, oder auch an die labile Stim- mung, die Betrunkene zu ihren Ausschreitungen veran- Iassen.— 26. April 1944 Die Baracke der Schönen hat ein eigenartiges Geschick. Das Unwahrscheinliche ist eingetreten: sie wurde gemieden. Fast das ganze Lager hat sich ferngehalten, nur wenige konnten der Versuchung nicht widerstehen, und diese Pioniere des Abfalls mußten Spießruten laufen, als sie wie- der erschienen. Ausgepfiffen sind sie worden von einer Meute Spottlustiger, die ihnen anhingen wie Kletten am Kleide, bis sie den Block erreichten. Für die Pfarrer hatte die Sache freilich ein Nachspiel. Ihnen wurde vom Lagerführer die Schuld an dieser furchtbaren Unbotsmäßigkeit in die Schuhe tschoben. Sie sollten die jungen Russen— um solche hat sich hauptsächlich gehandelt— durch Überredung an- 208 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU gestiftet und durch Brotgeschenke gedungen haben, die Besucher des Mädchenblocks zu belästigen und so ein für allemal die Lust an weiteren Ausschweifungen zu vertreiben. Nicolai meinte, dieser Verdacht gereichte den Pfarrherren nur zur Ehre, und sie sollten sich ihn auch zur Ehre anrechnen. دو , VB" 27. April 1944 München soll trostlos aussehen: die Altstadt fast vollständig in Trümmern, der Frauendom zerstört, der eine Ruine( was uns am wenigsten zu Herzen geht); die Pinakothek ein Scherbenhaufen. Eine großzügige Verpfle gungsaktion setzte ein. Auch das Lager sandte seinen Beitrag: einige Dutzend Kübel mit Nudelsuppe, auf der das Fett propagandistisch fingerdick schwamm. Sie brachten aber fast die ganze Ladung wieder zurück. Die fromme Legende berichtet, daß sich die Münchner weigerten, von den Nudeln der Häftlinge etwas zu essen. Die hätten selber nichts, sollen sie unwillig erklärt haben. Ob's stimmt, weiß ich nicht. - Manche Wir fühlen uns alle sehr müde, wie abgeschlagen. Sind es die Wellen, die aus dem Meer herzzerreißenden Jammers von München her an unser Inneres branden? gibt es freilich, die sind nicht geneigt, Barmherzigkeit zu üben. Die eigene Not hat sie nicht weich, sondern hart gemacht. ,, Die sind selbst schuld an ihrem Elend", heißt es, ,, warum haben sie...", und so dispensiert man sich vom Gebot der Liebe und vom Glauben. Meine Kochkunst macht Fortschritte, und da uns Bopp, der Luxemburger, Zwiebel und Boris Hartmann serbisches Fett liefert, so ist es nicht schwer, etwas Rechtes auf den Tisch zu stellen. Für nichts nächst der Schmeichelei ist der Mensch so empfänglich als für ein gutes Mittagessen, und so bildet jeder Puffer ein neues Glied in der Kette, mit welcher der Buchhaltungskoch die Mägen seiner Umgebung an sich geri der nich SO Aut kön zus I cher han zur was Hä Uh mit ero zu wer in blei den zig scho sie unv Am es Blo Zwe ie Ber alle-eiben. herren re anEl 1944 voll,, VB" =); die erpflen Bei n NuIM ,, PORZELLAN" 209 sich kettet. Und das ist für einen hilflosen KZ- Sklaven kein geringer Vorteil; wahrlich nicht. Sogar der Capo kann sich der Werbung eines kräftig duftenden Kartoffelküchleins nicht entziehen. Auch manchem gewöhnlichen Gestreiften, so besonders Iwan, dem noch Grausameren, mit seiner Autostraße im Haar, habe ich schon eine Freude machen können, indem ich ihm am Herde einen heißen Puffer zuschob. 29. April 1944 Der Pragmatiker ist wieder abgereist. Nachdem er München in seinem desolaten Zustand besichtigt und die Buchhandlungen ausgeplündert hatte, um mit Trophäen beladen er das zurückzukehren, wollte er sich persönlich davon überzeugen, n aber was in Schweinhausen bei dem letzten Angriff von seinem egende Häuschen übriggeblieben sei. So ist er heute früh um sechs Uhr abgefahren. Ob er auch nach Berlin kommt? Er will mit aller Gewalt den Export an sich reißen und Schweden erobern um dort zu bleiben( das letztere fährt er fort zu verschweigen). Für mich will er dabei ein Befreiungswerk unternehmen. Natürlich kann er nicht dabei selber in Erscheinung treten. Er muß als Ageur im Hintergrund bleiben. Die Spieler, die er in Bewegung setzt, sind die beiden Nachbarinnen, Heinrich Grüber und Angelika. nichts, eiß ich Sind es mmers Manche keit zu art ge eißt es, ch vom Bopp, rbisches Luf den ist der und so it welung an 2. Mai 1944 Es sind wieder furchtbare Angriffe auf Berlin und Leipzig gemeldet worden. Der arme Wallmann: möglich, daß er schon wieder ausgebombt ist! Nein, sie mögen sagen, was sie wollen: auf die Dauer wirken diese Bomben tödlich. Ein unwiderstehliches Kriegsmittel: die Elefanten des Hannibal. Am 1. Mai war, frei: er wurde gefeiert und mit Recht; ist es nicht ein höheres Fest als der Freitag des Gehenkten? Gleich am Samstagnachmittag, kaum daß ich auf dem Block war, legte ich meinen Kopf auf den Arm und tat Zweitausend Tage Dachau 14 210 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU dem Abe aufh land V eine tiefen Schlaf, von dem ich erst zur Vesperzeit wieder erwachte. Und dies wiederholte sich an jedem der beiden folgenden Tage. Der Sigambrer wundert sich darüber, daß ich in einem solchen Bienenkorbe noch Ruhe zum Schlafen finde und preist mich eine glückliche Natur. Und bin ich nicht glücklich zu preisen? In meinem ganzen Leben erinnere ich mich nicht, eine einzige schlaflose Nacht gehabt zu haben, ist j selbst nicht im KZ. Ich konnte in jeder Lage einschlafen, wenn ich mich müde fühlte, es mochte nun im Eisenbahnabteil sein oder im Kölner Dom oder in der Sofienmoschee zu Konstantinopel. rein tage der viele 4. Mai 1944 wör Zwe Freund Reger ist endlich aus dem Bunker entlassen worden; 4 Wochen war er dringesessen, 2 Tage dunkel und einen Tag hell ohne Decken; sein Aussehen ist nicht schlechter als sonst. Pakete durfte er bekommen. Den Kirchencaptain Niemöller sah er flüchtig bei der Aufnahme; er grüßte ihn von weitem und ein bißchen zurückhaltend. in M nach ins grin „ Po sich W Arb Ich habe mich allmählich eingearbeitet in meinem neuen Posten. Am Anfang schwirrte es mir nur so vor meinen Augen glau mit Ämtern, Hauptämtern, Wirtschaftsverwaltungshauptämtern, Führungshauptämtern, Verwaltungsamtshäuptern, Hauptverwaltungsämtern usw. In diesem Gestrüpp kennen sich sogar gewitzigte Köpfe von Leuten noch nicht aus, die schon jahrelang durch den Urwald wandern. Der lange Dünne beginnt, die Häftlinge um gut Wetter zu bitten; jeden Gestreiften, der hereinkommt, fragte er heute nachmittag, warum er im Lager sei usw. Er geizte nicht mit den Beteuerungen seines Mitgefühls und äußerte offen die Ansicht, daß es wohl am Platze wäre, wenn diese alten Lagerhasen endlich frei kämen. Und wenn er es zu tun hätte, kämen sie frei. Es scheint, daß manche aus gear aus. die als der D er t in d Unt Mo war D vieder beiden F, daß lafen in ich innere lafen, bahnoschee 1944 IM ,, PORZELLAN** 211 dem Taumel erwachen, der sie jahrelang gefangen hielt. Aber zu spät. Die Lawine rollt und läßt sich nicht mehr aufhalten. Sie wird uns alle unter sich begraben. Deutschland, armes Deutschland! 5. Mai 1944 Von Block 28, wo die polnischen Geistlichen ,, wohnen", haben, ist jeder zweite gestorben, von Block 26 jeder vierte. Der reine Denker erzählt von vergangenen Tagen in der Plantage, dem Sklavengarten Himmlers: von den Schikanen, der Kälte, den Unbilden des Wetters, dem knappen Essen: viele sind an Entkräftung gestorben.„ Sie fraßen“, sagte er wörtlich ,,, alles hinein, selbst Sauerampfer und Unkraut!" Zwei polnische Theologen sah man sogar Würmer, die sie einen in Marmelade- Eimern aufzulesen hatten, verstohlene Blicke Cer als nach seitwärts werfend, verschlingen. Wenn sie einen tot ins Lager schleppten, standen die Herrenmenschen da und grinsten. Da kam für Kurt die Erlösung: sie holten ihn ins ,, Porzellan"; da gab es ein weiteres Fünftel Brot, er konnte sich satt essen und war gerettet. woraptain te ihn neuen Wir stehen von heute ab um ½ Stunde früher auf, ich Augen glaube um 25 Uhr. Um ½ 6 Uhr ist Appell, um 6 Uhr naupt- Arbeitsbeginn. Als ob mehr gearbeitet würde, weil länger ptern, gearbeitet wird! Im Gegenteil! Weniger kommt dabei heraus. Das hat schon der Weltkrieg gelehrt, freilich nur die, die lernen wollten. Diese Leute lernen ja nichts, weil sie es als Arier nicht nötig haben. ennen 1s, die Wetter gte er geizte Berte diese er es ne aus Der lange Dünne ist heute in sich gekehrt und still. Wie der reine Denker meint, sei das eine Art Katzenjammer, er tue Buße für seine gestrige Schwäche. Mag sein; es geht in der Tat gegen den Ehrenkodex der Übermenschen, vor Untermenschen sein Herz zu leeren. Fast wäre er diesen Morgen abgereist. Ein Porzellanpintscher( oder was es sonst war) sollte nach Coburg befördert werden. Die Sache eilte, weil der Pintscher morgen noch recht14* 212 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU zeitig eintreffen sollte, um die Hochzeit eines Sturmführers, wenn auch ohne Gekläff, zu verschönen: Grund genug, daß ein so kriegswichtiges Geschäft einem Eilkurier anvertraut wurde. Der lange Dünne sollte diesen Dienst tun, und die Buchhaltung redete ihm gut zu als die Maus, die nichts lieber sieht, als daß die Katze verschwindet. Aber er besann sich eines anderen und ist bei der Maus geblieben. Es üblic an I zen H venst Wan in el festst wir ich m Als ich dem reinen Denker heute morgen verstohlen ein spräc Lied hinschob, das ich aus meinem Notizbuch abgeschrieben, bemerkte es der lange Dünne trotz seiner Kurzsichtigkeit, Jaw trat her, zog es unter der Kasse vor, unter die ich es versteckt hatte, und las es. Er hielt es aber nicht lange aus. Es trug die unsympathische Überschrift ,, Buße". Und so legte er das Blatt schnell wieder weg. Ein Glück, daß es nicht der Erlkönig, sondern der lange Dünne war. Jener wäre mit dem Schreiber anders umgesprungen, kein Zweifel! Indessen der Puffer, den ich dem Haupt der Buchhaltung jeden Morgen umsonst liefere, tut seine Wirkung. Wie sagte Ibele war aus Hasenweiler? ,, Schmiera ond Salba Hilft allenthalba; Hilft's net bei da Härra, So hilft's bei da Kärra, Hilft's net bei da Mädla, So hilft's bei da Rädla!" den ist ei Welt bald Da gestr reich zusa und Mäd Dutz der s zum in ei vere Immerhin, es sind nicht bloß die Puffer; er behandelt uns auch sonst recht gutmütig, gibt uns die Hand und betitelt schei uns mit ,, Herren"( unerhört für Sklaven!). So läßt er uns vom offiziellen Herrenmenschentum wenig fühlen, außer wenn ihn die Lust anwandelt, mit aller Macht die Tür zuzuwerfen, daß wir zusammenfahren und der Speis von der Wand fällt, oder wenn er mit der Stimme eines Löwen ganz gleichgültige Anordnungen gibt. als o den der der IM ,, PORZELLAN" ührers, genug, anver, und nichts Desann rieben, e igkeit, ja 213 7. Mai 1944 Es ist Montagmorgen. Nach dem Appell sind wir wie üblich zum Porzellan marschiert, an den Wachen vorbei, an Lagerführer und Kommandant vorüber, durch Pfützen hindurch, bei kalter Witterung und in montägiger Sklavenstimmung. Alles wie an jedem Tag. Auch dieselben Gespräche wurden geführt: Geht der Krieg bald zu Ende? Wann werden wir entlassen? Länger als dieses Jahr wird es wohl nicht mehr dauern; warten wir die Invasion ab; in einem Monat sehen wir weiter. Wenn ich mit meinem feststehenden Spruch komme:„ Ein Jahr oder zwei müssen wir wohl noch warten", steinigen sie mich beinahe, obwohl ich mit ihm seit Jahren recht behalten habe. Und der Trost, den ich beizufügen pflege, will nicht recht verfangen: ,, Was ist ein Jährchen heutzutage? Gar nichts! Bei einer solchen Weltkatastrophe spielt ein Jahr keine Rolle. Denkt, kaum jeden Ibele war Weihnacht; und schon ist auch Ostern vorbei, und wie bald wird es Herbst sein und wieder Weihnacht!" S vere aus. legte nicht wäre el! Inlt uns Dann werden die Sonntagsevènements des Lagerlebens gestreift: das Konzert, das im Baderaum vor einem zahlreichen internationalen Publikum von Zebras gegeben wurde, zusammengeholt aus allen Gegenden zwischen Bordeaux und Wladiwostok. Vor allem der Propagandamarsch zum Mädchenblock: schon waren es gestern um 26 Uhr zwei Dutzend Anwärter, begleitet von einem Unterscharführer, der sich des Teufelsdienstes nicht schämte. Der Widerstand etitelt scheint allmählich abzubröckeln, sind doch die Bedingungen zum Zutritt erleichtert worden: es ist nicht mehr nötig, sich in eine Liste eintragen zu lassen. Der Geschäftsbrauch ist vereinfacht worden, so daß der Eindruck verwischt wird, als ob dem Mann aus dem Handel ein Strick gedreht werden solle. So, so ist die Ordnung in unserm famosen Reich: der Gang zum Mädchenhaus wird gefördert und gefordert, der Besuch zum Gotteshaus erschwert, ja mit harten Strafen er uns außer ir zuon der ganz 214 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU bedroht. Alle Räder rollen für den Sieg. Heil unserm großen Führer! دو trage über 9. Mai 1944 eine ewig aus seine frem Nach harre Dil tig v diesn Vo leben eine ich m mit Mit Nicolai habe ich gestern abend begonnen, Heims , Glauben und Denken" fortlaufend. zu lesen. Wir haben beim Anfang angefangen, bei der Einleitung. Ich bin froh, daß es soweit gekommen ist. Es bedrückt mich, daß Nicolai so zurückhaltend geworden ist in Dingen des Glaubens; seitdem es an der Ostfront vorangeht, geht es hier zurück. Noch nie ist es mir gelungen, ihn zur Predigt mitzunehmen. Er schützt vor, daß er als Russe nicht auf Block 26 dürfe. Aber zum Brotholen kommen die Ukrainer doch haufenweise ans Tor! Ich will mich indessen in acht nehmen, daß ich ihn nicht in irgendeiner Weise nötige. Manchmal fühle ich mich in der scheinbar harmlosen Weise versucht, es zu tun, indem ich die Äpfel, Würste und sonstigen Leckerbissen, die ich ihm zustecke, als Köder benutzen möchte, Pries um ihn damit zu Gott zu locken. Oder es wandelt mich umgekehrt die Lust an, mit diesen Geschenken aufzuhören, um einen gelinden Druck auf ihn auszuüben. Doch wird es mir immer klarer, daß dies nicht der rechte Weg sei, um ihn zu gewinnen. Ich werde ihm vielmehr ganz ohne Rücksicht darauf, ob er zum Gottesdienst kommt oder nicht, in äußeren Dingen helfen, so gut ich kann, und es Gott überlassen, ob ER ihm Lust und Kraft gibt, das Zeugnis der Bibel zu hören und sich zu Christus zu bekennen. Wie es mir scheint, bemühen sich auch Gottesleugner, alte Lagerhasen, um den begabten Studenten. Soll ich es wehren? Doch gewiß nicht. Ich kann es gar nicht, habe ich doch weder Recht noch Macht dazu. Um so mehr beglückt es mich, daß er sich bereitgefunden hat, Heims Buch mit mir zu lesen. Er las gespannt mit. Das zeigte sich daran, daß er wünschte, eine Stelle nochmals zu lesen. Es war da die Rede davon, daß die Menschen ein Unglück nur dann kers. uns g haltu dient Block verso könn verm schlie nicht und sicher gen fristl die roßen 1944 Heims IM ,, PORZELLAN" 215 tragen können, wenn es nicht wie ein sinnloses Schicksal über uns kommt; sondern wenn wir wissen dürfen, daß eine heilige Macht es über uns verhängt hat zu unserm ewigen Besten. Das wollte er nochmals hören. Es war ihm aus dem Herzen gesprochen, denn es warf ein Licht auf seinen eigenen schweren Weg, er, der schon jahrelang in fremdem Lande fern vom Elternhause leben und ohne jede bens; Nachricht aus der Heimat in feindlicher Umgebung ausrück. harren muß. aben froh, icolai uneh-ck 26 doch hmen, ei, um ohne oder Die Verkündiger der Gottesleugnung schauten eifersüchtig von ihrer Missionsstation auf uns her, doch hatten sie diesmal das Nachsehen. - 10. Mai 1944 chmal Von heute ab sollen wir also ohne unsern Sigambrer cht, es leben. Ich werde ihn sehr vermissen; er verbreitete immer ecker- eine solch gelassene Ruhe um sich. Obwohl überzeugter öchte, Priester, ließ er sich auf Streitgespräche nie ein, und wenn mich ich mich noch so sehr ereiferte in einer Auseinandersetzung hören, mit den anthroposophischen Bizarrerien des reinen Denird es kers. Ohne Glockenklang und Abschiedspredigt ist er von uns gegangen; auch ohne Dankeswort, obschon er der Buchhaltung fast ein Jahr lang mit großer Pünktlichkeit gedient hat. Sklavenlos! Die Luft auf dem geistlichen ind es Block ist immer noch nicht sauber. Noch ist die Wolke nicht Zeug verschwunden, aus der jeden Augenblick neue Blitze zucken ennen. können. Die Rachsucht des geprellten Feindes mag sich unvermutet in einer unheimlichen Maßnahme entladen. Aber schließlich ist das unser aller Los. Keiner ist sicher, daß ihn nicht das Schwert erschlägt, das über seinem Haupte hängt, und betreffs des Ausgangs unseres Lagerdaseins im Falle des sicher unglücklichen Kriegsendes haben viele düstere Ahnun1, daß genwohl mit Recht! Zugedacht ist uns gewiß nicht die da die fristlose Entlassung nach draußen, sondern nach drunten, dann die Christen sagen: nach droben! Der Sigambrer rechnet r, alte ehren? à doch ckt es it mir 216 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU damit, daß eines Tages einige Stukas dem Lagerleben ein Ende machen werden; allerdings nicht von heute auf mor- gen: dazu sind wir’ ihnen noch zu unentbehrlich. Denn ein trefflicheres Alıbi für den Frontdienst als so einen Lager-| posten gibt es nicht. Die Überwachung der Staatsfeinde ist jetzt notwendiger als je, und wer damit beschäftigt, ist unabkömmlich! So werden sie mit den Stukas warten bis zum letzten Augenblick. Und das ist, menschlich gesprochen, unsere Hoffnung: da ihre Uhr nachgeht, werden sie viel- leicht zu spät kommen— das gebe Gott! Verdient haben wir es freilich nicht, wir, die wir uns gegenseitig auffressen in Haß, Neid und Streit, und die wir für die Zeit nach der Befreiung bereits Rachepläne schmieden, um unsere Leidens- genossen zu vernichten. . 15. Mai 1944 Warum schreibt mir der liebe Heim nicht mehr? Warum nicht mehr Fritz Geruhlich? Das wird mir fast zur An- fechtung. Steckt Fräulein Stapo dahinter? Hat sie die Niederlage ausgenutzt, die schreckliche, die sie mir in jenem Frühling beibrachte? Sie verschmäht bekanntlich keine Mittel, um die einen gegen die andern aufzubringen und ihre Opfer völlig zu vereinsamen. Wie viele Ehescheidungen hat sie auf dem Gewissen, da ihre Assistenten den Frauen der Häftlinge solange mit Lockungen und Drohungen zu- setzen, bis sie klein beigeben und den Scheidungsantrag stellen. Zermürbungstaktik! Ich werde es nie vergessen, wie es mit jenem gepreßten Mannesherzen bergab ging, da et den Absagebrief seines Weibes in der Hand hielt. Frau und Kind waren ihm sein alles gewesen. Der Gedanke an sie hatte ihn die sechs schweren Gefängnisjahre überstehen lassen. Er hatte allen Drangsalen der Haft im Lager mutig Trotz geboten, von welchem seine Zahnlücken und seine zerbrochene Brille Zeugnis ablegten. Aber als jene Hiobs- post eintraf— da war der Ruin da. Der Schlag saß. Der u 5 da. we da haı jet: n ein mor- n en ‚ager- de ist en st .n bis ochen, viel- haben ressen h der idens- i 1944 Yarum r An- e die jenem keine n und ungen rauen n Zu antrag n, wie da et u und an sie stehen mutig| seine -iobs-| %, Der IM„PORZELLAN“ 217 Nerv seines Lebens war durchschnitten. Nicht lange machte er es mehr; einige Monate noch siechte er dahin, und eines Tages war er unsern Augen endgültig entschwunden. Dieser Fall ist einer unter Tausenden. Abteilung D zieht die Seelen- kunde zu Rat und betreibt ihr Metier mit wissenschaft- licher Gründlichkeit. Ein echter Maiensonntag gestern! Ich verbrachte ihn im Freien, indem ich auf der Blockstraße auf- und abpendelte und in Heims„Glauben und Denken‘ las. Immer aufs neue packt mich helle Bewunderung für den Scharfsinn, den der kühne Theologe und noch kühnere Philosoph an den Tag legt. Das Buch ist so grundstürzend und stellt unser landläufiges Denken so auf den Kopf, daß man immer neue Anläufe machen muß, um sich in seine revolutionären Gedanken und Offenbarungen einzuleben. Allmählich habe ich es mir doch soweit einverleibt, daß mir die„Dimen- sionen“ und ihre Anwendung auf die geistige Welt geläufig sind. Auch die Einzelheiten werden immer klarer. Nur noch wenig Ecken sind es, die noch nicht erhellt sind von dem Licht, das sich aus dem Geist des Ganzen wie von einem Mittelpunkt her nach allen Seiten verbreitet. Zeitweilig herrscht ein wahrer Jahrmarktstrubel auf der pappelumsäumten Lagerstraße, besonders wenn nach einem Appell die Tausende in ihre Hütten zurückströmen, oder wenn sie zum Fußballmatch oder zum Konzert eilen, beide- mal mit ihren Hockern bewaffnet. Was für eine Wandlung gegen die Vorzeit! Noch vor 2 Jahren spotteten wir über das Gerücht, daß Fußball, Theater und Film eingerichtet werden sollten. Jetzt gehört das zum Lagerleben wie früher das Hängen. Allerdings, der jüngste Wind aus Abteilung D hat uns einiges wieder entrissen, so Film und Schauspiele; der jetzige Lagerführer hält es für angemessener, den Gestreiften Gelegenheit zum Besuch des Mädchenblocks zu geben.— 218 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU 18. Mai 1944 Eine ganz internationale Gesellschaft sind wir allmählich geworden. Mit dem Fortschreiten des Krieges hat sich ein Reis nach dem andern an das Lagergeäst angesetzt. Den äußersten Zweig bilden die Italiener. Im nächsten Monat ist mit Zuzug aus Ungarn zu rechnen; den Italienern voraus sind Franzosen, Belgier, Holländer, Dänen, Russen, Ukrainer und so manche andere Völkerschaften gegangen, denen hier die Errungenschaften neudeutscher Kultur vor Augen geführt werden sollen. 20. Mai 1944 Soeben habe ich mit Ludwig Henych, Masaryks Mitarbeiter, gesprochen. Ich traf ihn an dem Rain, wo er unbeweglich wie in Andacht versunken stand in der Haltung, in welcher er mir vor 3 Jahren unterm morgendlichen Sternenhimmel zum erstenmal aufgefallen war. Er hatte ein sehr fein gebundenes Buch in den Händen, ein Werk des Spaniers Unamuno, wie ich auf dem Titelblatt las. Ich hatte es mir nicht verkneifen können, nach dem Buch zu langen, der Büchernarr, der ich bin. Indes ist er wohl noch ein größerer als ich und hat es in seinem Kommando ausgezeichnet getroffen. Es hieß auch bei ihm: ,, Wann die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf' mit Macht herein." Nach jahrelangem, verzweifeltem Suchen ist er Bücherwart in der SS- Bibliothek geworden. Er leidet schwer unter seinem Geschick. Ursprünglich ein Germanophile, hat ihm die Gestapo jegliche Neigung zum Deutschtum völlig verleidet. Nicht bloß haben sie ihm sein Zeiẞfernrohr gestohlen, das er sich von seinen Ersparnissen erworben, son-. dern sie brachten ihn obendrein noch hierher, wo er für seine Deutschfreundlichkeit büßt. Seine Schwester hat sich in der Verzweiflung das Leben genommen, seine Frau weiß nicht aus noch ein, von den Wohltaten der Angehörigen lebend. Aber auch unter diesen wütete die Mordlust der Her Na von I Art eine es s Pro den hal Gal mei ein une daf Ver ist sog unt De I von Sie end gla ges alle stär irge zuh uns um 1944 lich ein Den ynat raus rai- nen igen 1944 Mit- ung, ster- ein des atte gen, ein sge- tun- in.“ her- nter ihm ver- ge- son-. für sich veiß igen IM„PORZELLAN“ 219 Herrenrasse: neulich erhielt er zu seiner Erbitterung die Nachricht, daß einer seiner Verwandten, ein Bürgermeister, von Himmlers Schergen hingerichtet worden sei.— 23. Mai 1944 Die Herrenmenschen haben schwere Tage. Sie sind einer Art Verschwörung auf die Spur gekommen, die sich zu ‘einem Skandal auswächst. Fabischs Parolenmühle klappert: es seien bei Häftlingen Verzeichnisse gefunden worden, wahre Proskriptionslisten, auf welchen die Namen aller derer stan- den, mit denen bei dem erwarteten Umsturz Abrechnung ge- halten werden sollte, und zwar durch den Strick. Solche Galgenanwärter waren natürlich vor allem unsere Kerker- meister. Aber keineswegs diese allein; vielmehr soll auch eine nicht kleine Anzahl von Gestreiften auf der Liste.der unerwünschten Zeitgenossen geprangt haben— hoffen wir, daß es die Lagerwanzen waren, die sich als SS-Büttel hohe Verdienste um Himmlers Staat erworben haben. Freilich ist es bei der Abneigung, die in manchen Köpfen gegen die sogenannten Intellektuellen spukt, wohl möglich, daß auch unter ihnen aufgeräumt werden sollte. So ist es dem reinen Denker gewiß, daß er unter die Galgenanwärter gehörte. Ich bin übrigens überzeugt, daß das Jourhaus schon lange von diesen Plänen wußte, auch ihre Zirkel beobachten ließ. Sie haben aber erst jetzt zugegriffen und werden mit der endgültigen Abrechnung noch geraume Zeit warten. Man glaubt, daß die armen Verschwörer, die jetzt schon ein- gesperrt sind, nichts zu lachen haben werden; ja, daß man alle Kunstgriffe modern-barbarischer Folterung und Ge- ständniserpressung anwenden wird, um sie alsdann in irgendein anderes Lager zu verschleppen und sie dort auf- zuhängen; so wie wir es oft erleben, daß ganze Gruppen unserer Leidensgenossen aus fernen Lagern hierherkommen, um alsbald an einem gewissen Ort erschossen, vergiftet oder 220 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU sonstwie vom Leben zum Tode befördert zu werden. Nicht wenige unter uns glauben, daß überhaupt keine Häftlinge mehr lebend den Drahtzaun verlassen werden. Bld gew wa VoI 26. Mai 1944 hie arb Als wir gestern ,, nach Hause" kamen, wie wir es wohllautend nennen, wenn wir zum Block zurückkehren, erwartete uns eine sehr unangenehme Überraschung; wie denn die Überraschungen in diesem Lande samt und sonders unangenehmer Natur zu sein pflegen. Schon an der Tür kam uns Moiren, der Kölner, entgegen, mit dem ich mich in der letzten Zeit sehr angefreundet habe. Er trug seine beiden Schlafdecken und einiges Gepäck in der Hand und erklärte mir, er müsse umziehen; wahrscheinlich ich auch. Es fänden viele Verlegungen statt, weil die 4. Stube 60 Russen aufnehmen müsse. Und in der Tat: an meinem Spinde erfahre ich von meinem seitherigen Spindkumpel, daß ich räumen müsse. Ob aber nur das Spind oder auch die Stube, wisse er nicht. Der Stubenpascha schenkt mir reinen Wein ein: ja, auch die Stube. Was ich also im Herbst gerade noch hatte hintertreiben können, trat jetzt ein: ich kam nach Stube 3, wo Malzzucker, ein sogenannter Totschläger, Stubenältester war. Vergeblich suche ich meinen Pascha zu bewegen, mich dazulassen. Wie ein Bürokrat oder Diplomat nur je den Wagen kalten Gesichts aufs Gleis der behördlichen Anordnungen schiebt, erklärte er, nicht anders zu können, die Listen seien bereits fertig. So blieb mir nichts anderes übrig als zu tun, was ich viele andere in der üblichen nervösen Hast bereits tun sah: das Spind zu leeren und möglichst wenig zu vergessen. Schon standen die Ukrainer mit ihren Autostraßen im Haar in langer Reihe an der Fensterscheibe und konnte nicht erwarten, bis sie einziehen durften: wat den inen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall. Sie fühlten sich mächtig, daß sie auf einen deutschen Ver Gra we und I sein Wu kon bei Pfü 5. J kon unt wes tige hatt dies auch A Ma Erd ren heit lieb dem bere Nas pert Wicht inge 1944 -ohlerdenn unkam der iden lärte nden aufahre men wisse ein: noch nach StubeOmat örds zu ichts der eeren kraider Lehen chtischen IM ,, PORZELLAN" 221 Block durften. Es ist das erstemal, daß ihnen das Vorrecht gewährt wird. Nun, ich gönne es von Herzen den verwaisten Hascherln, die vielleicht die Unglücklichsten sind von uns allen. Meist sind es blutjunge Burschen, die wir hier haben; also keine Kriegsgefangene, sondern Zivilarbeiter, die nach Deutschland gelockt wurden unter großen Versprechungen. Aus irgendeinem Grunde landeten sie im Graus der KZ häufig deswegen, weil sie sich aus Heimweh und übergroßem Freiheitsdrang auf die Socken gemacht und französischen Abschied genommen hatten. Der Pascha von Stube 3 ließ sich nicht so schlecht an, wie sein Ruf hatte befürchten lassen. Sofort erfüllte er meinen Wunsch, einen Strohsack in der Nähe des Fensters zu bekommen, was als ein wahres Wunder von Entgegenkommen bei einem Stubenmogul anzusehen ist. Allerdings lag mein Pfühl im 2. Stockwerk unter der Decke. Aber selbst im 5. Jahr habe ich kaum mehr als einen Wunsch frei, und so konnte ich die Bitte, etwas niedriger gelegt zu werden ,. unter keinen Umständen wagen. Es wäre zu gefährlich gewesen und hätte mich um die gute Stimmung des Gewaltigen bringen können, der sich doch so wacker angelassen hatte: ,, Nicht zuviel auf einmal!" Es empfahl sich sehr, diese Klugheitsregel der Alten zu beherzigen. Sie mochte auch in der 3. Stube des 6. Blocks Gültigkeit haben. Als Spindgesellen bekam ich sage und schreibe einen Mann mit gelber Armbinde, einen von den Großen der Erde, nämlich einen Capo. Da mich in der Nähe des höheren Adels zeitlebens ein unbehagliches Gefühl der Unsicherheit beschlichen, wäre mir ein Sterblicher ohne Armbinde lieber gewesen. Aber Dekret bleibt Dekret. Der Mann mit dem gelben Zeichen begann mich denn in der ersten Minute bereits seine Überlegenheit fühlen zu lassen. Mit scharfer Nase hatte er wohl den Büchermenschen in mir erschnuppert. Er hieß mich meine Blechbüchse öffnen und Rede und 222 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Antwort über ihren Inhalt stehen; mit gerunzelter Stirn untersuchte er die Innenwände, ob sie rein seien; denn er war als Amtsträger ein unbedingter Verehrer des Meilensteins Sauberkeit. Und schon sah ich ein Ungewitter in seinen Blicken heraufziehen; ein Glas von der Saalbächer Marie, einst mit Himbeergesälz gefüllt, fand durchaus seine Billigung nicht. Er ließ durchblicken, daß die oberste Behörde dieser Stube gegen leere Gläser sei, und daß er infolgedessen als Regierungsglied für die Zukunft des Glases schwarz sehe. Da erhellte sich indessen der Blick des Gestrengen, denn er war auf ein Päckchen Zigaretten gefallen, welches angebrochen in einer Tasse ruhte. Als ich gar, nach 6omonatiger Lagererfahrung nicht unwissend betreffs des Specks, mit dem man Mäuse fängt, ihm das Päckchen anbot zur gefälligen Bedienung, da hatte ich gewonnen, denn nun war er das Entgegenkommen selber. Er ließ mich zwar nicht im unklaren darüber, daß ich noch nie ein Spind getroffen, das so blütenweiß gewesen sei wie dasjenige, in welchem ich soeben meinen Einzug gehalten; auch rügte er mein Handtuch, weil es die Spuren des Gebrauches an sich trug, aber dies waren nur milde erzieherische Nasenstüber, die nichts zu tun hatten mit der nach Betätigung lüsternen Hand seiner Kollegen. Heute morgen hörte ich ihn sogar mit duldsamer Stimme bekennen, daß ihn das Himbeerglas nicht im geringsten störe; was mich denn ja nun auch recht erfreute. Das Klima im Hochgebirge des zweiten Stocks war recht tropisch, immerhin hatte ich die Annehmlichkeit, durch das geöffnete Fenster hin und wieder von einer kühlen Brise erfrischt zu werden. Was meine Unterlage bilden sollte, war weniger ein Stroh- als ein Wollsack, dessen Inhalt sich dergestalt zu Klumpen geballt hatte, daß sich eine Gebirgskette bildete mit idyllischen Bergen und Tälern. Da ich aber in Geographie von Kindesbeinen an ein Stümper war, so kon we Gel mic aus WO H eine Sch Vol ein ihre das ein Hol kein Und sche mat sche den. an in d geri Pole Dien anst der fang die mäß schw Vers Stirn nn er eilener in -ächer seine e Beer inGlases. s Geallen, nach Es des anbot n nun Zwar d gege, in gte er n sich tüber, Cernen sogar erglas recht -recht ch das Brise e, war h derskette ber in ar, so IM ,, PORZELLAN" 223 konnte ich mit dieser mondbeschienenen Hügellandschaft wenig Wissenschaftliches anfangen, vielleicht daß sich einst Gelegenheit gibt, sie dichterisch zu besingen. Ein Glück, daß mich meine Blase nicht wie vorgestern Nacht sechsmal hinausjagte, es wäre der Kletterkünste doch wohl zuviel geworden. 27. Mai 1944 Hinzpaintner, ein wackerer Schwabe, rückte heute mit einem merkwürdigen Geständnis heraus.. Ihm geht das Schicksal der Polen sehr zu Herzen, sowohl das des ganzen Volkes wie der einzelnen hier in Dachau. Es sei, sagte er, ein hochbegabtes Volk und von edler Art. ,, Schau dir nur ihre Gesichter an. Du denkst, es sei ein Grafenkopf oder das durchgeistigte Antlitz eines Studenten, und sieh',' s ist ein Bauernsohn oder ein Arbeiter. Soviel Ausdruck und Hoheit liegt in den Zügen des polnischen Gesichts, wie es kein anderes Volk aufzuweisen hat außer dem deutschen Und der Stempel einer jahrhundertelangen Leidensgeschichte scheint ihnen allen aufgeprägt zu sein." Ihm geht die Heimatlosigkeit der armen Menschen nahe, die als Korn zwischen den Mühlsteinen zweier Großmächte zerrieben werden. So fühlt sich sein Christenherz getrieben, zu tun was an ihm ist, um die Not zu lindern und ein Tröpfchen Ol in die Wunde fallen zu lassen, die von uns Deutschen aufgerissen wurde. Seit einiger Zeit beobachtet er einen jungen Polen, Jan mit Vornamen, der in den Ausrüstungsstätten Dienst als Schreiber tut. Es soll ein ebenso gescheiter wie anständiger Junge sein, der mit 19 Jahren in die Hände der Gestapo geriet, nachdem er vorher von den Russen gefangen gehalten worden war. Ihm will er ein wenig unter die Arme greifen mit dem, was ihm seine Eltern in regelmäßig einlaufenden Paketen senden. Doch fiel es ihm sehr schwer, sich Jan zu nähern. Heute nun glückte ihm der Versuch. Um die Feierabendzeit machte er einen Abstecher 224 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU aller hatt taub wied lebn gebr er s Leid unte ins auf die Lagerstraße in der Hoffnung, den Polen zu sichten. Und siehe: nicht umsonst. Es war gerade die Zeit, wo die 2000 Mann von Jans Kommando ins Lager zurückfluteten. Ehe er sich's versah, stand er vor Jan, der ihn aus seinen blauen Augen freundlich anstrahlte. Sie wechselten einige folg gleichgültige Worte, und bevor sie vom nachflutenden Strom getrennt wurden, griff der Deutsche in die Tasche. ,, Da nimm,' was zum Rauchen!" O weh, es waren Kekse, er hatte die falsche Schachtel erwischt. Für Süßes hatte der Pole keinen Gaumen. Einer Zigarette wäre er nicht abgeneigt gewesen. Die verflixten Schachteln! Warum mußte er sie verwechseln! Ein solches Pech! ,, Gut", sagte er, froh ihm einen Gefallen tun zu können, zugleich unglücklich vor Verlegenheit über sein Mißgeschick ,,, gut, ich bring' dir heute noch ein Päckchen hinüber." Sie wurden von nachdrängenden Gestreiften getrennt. Auf der Stube traf er aber den Gesuchten nicht an, und als er ihm beim Abpfeifen begegnete, war er der Mittelpunkt einer Reihe, so daß ihn seine Scheu hinderte, ihn anzusprechen. Allein er war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis: hatte er doch wenigstens einmal, wie er sich ausdrückt, Faden geschlagen. Alles übrige werde sich von selber finden. - den rech dem sein gesu Brief 70 ja Deut ein Chri dem 28. Mai 1944 dene Der Schlafraum hatte sich gestern abend in einen Schwitzkasten verwandelt, der nicht gemütliche Frühlingswärme, sondern Sommerhitze ausstrahlte. In der Plantage stellten sie 40 Grad Celsius im Schatten fest. Hinzpaintner lag ausgestreckt auf seinen Bergen und Tälern und überließ sich den Auswirkungen des Tropenklimas, zu denen sich noch die Ausdünstungen der übrigen Gebirgsbewohner gesellten. Indessen spürte er nichts von all den Unannehmlichkeiten der Saharahitze. Er hatte seinen Dostojewski beiseitegeschoben, legte die Hand über die Augen und flüsterte einige Worte, die wie Dankesstammeln klangen, durch die es in gebo mitt die Sach um s als Insel aus zige ein Zweit chten. wo die teten. seinen einige Strom - ,, Da se, er te der Bte er h ihm or Verheute dräner den seine IM ,, PORZELLAN" 225 allerdings ein Unterton des Schmerzes zu tönen schien. Was hatte er nur? Ein Glück, daß außer mir nur noch ein halbtauber Steiermärker neben ihm lag. Sie hätten ihn sonst wieder, wie so manchmal, mit ihrem ätzenden Spott verfolgt. Mich weihte er, als es dunkler geworden, in sein Erlebnis ein: Jan Kowalski hatte ihm Vertrauen entgegengebracht. Er hatte sein Anerbieten angenommen; nicht wies er seine Hilfsbereitschaft zurück. Er gedachte nicht des Leids, das ihm die Deutschen zugefügt, nein, er wußte zu abge- unterscheiden zwischen den Deutschen, die die gesamte Welt ins Unglück stürzten und denen, die selbst darunter zu leiden hatten, weil sie sich dagegen anstemmten. Soviel Gerechtigkeitsempfinden und Mäßigung hätte er nicht hinter dem Jüngling gesucht. Und heute abend hatte dieser ihm sein Herz geöffnet, das von einem bitteren Kummer heimgesucht worden war: wenige Stunden zuvor hatte ihm ein begeg Brief aus Lodz die Hiobspost gebracht, daß sein Vater 70 jährig gestorben sei. Kein Wort der Bitterkeit gegen Deutschland war über seine Lippen gekommen. Er mußte ein Christ sein, wenn er auch so gut wie nie über das Christentum sprach. Das zog Hinzpaintner noch mehr zu dem Polen hin. Er nahm sich vor, dem vaterlos Gewordenen den Vater zu ersetzen und ihm beizustehen, so gut er es immer vermochte. Und daß Jan Kowalski in die dargebotene Hand eingeschlagen, das machte ihn glücklich mitten im Elend des Lagerlebens. Das hat er mir noch in die Nacht flüsternd berichtet. Mir erscheint die ganze Sache so rührend, daß ich sie diesen Blättern anvertraue, um sie immer im Gedächtnis zu halten. Nichts ist so wichtig, als daß sich in dem Meer von Haß, das uns umstürmt, Inseln des Friedens und der Liebe bilden, Neuland, welches aus den Tiefen göttlichen Erbarmens aufsteigt, unsere einzige Hoffnung in dieser hoffnungslosen Welt. Mag es auch ein Unterfangen sein, welches utopistisch anmutet, so hat unzuinmal, werde i 1944 hwitzvärme, tellten g aus eß sich noch sellten. keiten eiseiteüsterte ch die Zweitausend Tage Dachau 15 226 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU uns das nicht zu kümmern. Wenn wir nur den Mut zur Liebe haben, siegen wir; denn die Liebe ist der Sieg, die Liebe, die aus Gottes Herzen fließt und in unsern Herzen überfließt.ganz nich selbs lisch grün sah Teil wer Es Land ließ. zurü eine gelas Him diese Heute schildert mir Hinzpaintner den Hergang in allen Einzelheiten, der ihn gestern so sehr bewegt hatte. Er traf Jan vor dem Block sitzend, und da er ihn allein sah, trat er auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Ihm entging ein Zug von Traurigkeit nicht, der über des Polen Gesicht lag, das sonst den Frohsinn der Jugend ausstrahlte. ,, Was hast du? Du siehst so bekümmert aus? Fehlt dir etwas?" wagte er ihn zu fragen. ,, Ja, ich habe schlimme Nachrichten erhalten." Von zu Hause?" fragte Hinzpaintner. ,, Ja, mein Vater ist gestorben." Er sagte es ohne Sentimentalität mit ruhiger Stimme. Im Lager gewöhnt man sich überflüssige Gefühlsäußerungen ab. Jeder hat mit sich selbst zu tun, und das Einzelschicksal verschwindet unter der Überfülle der gemeinsamen Not. Auch Hinzpaintner ließ sich keine besondere Bewegung anmerken, als er dem andern die Hand hinstreckte und ihm in der üblichen Weise seine Teilnahme aussprach. Indessen empfand er tiefes Mitleid mit dem Verwaisten. Er erfuhr, daß der Vater mit Sehnsucht auf die Rückkehr des Sohnes geharrt hatte kein Wunder, da sich auf dessen Erschei- Weh nung die innere und äußere Anmut eines Raphael spiegelte. Der Vater hatte bereits den russisch- japanischen Krieg mit gemacht, und seine Kräfte reichten nicht mehr aus, um die Rückkehr Jans noch zu erleben. Sein letzter Gebetsseufzer mochte dem von tausend Gefahren Umlauerten gegolten haben. - Des Polen Verlust traf Hinzpaintner mehr, als wenn es sein eigener gewesen. Denn er gedachte der Tatsache, daß Jan ein Opfer der Geheimen Staatspolizei geworden war, und er ließ sich nicht ausreden, daß er irgendwie mitschuldig wäre an allem, was in seinem Volke, ja in der ten, er s ihrer und gibt zeug Völk wohl Mör und Häft Unte her terfü I ‚ zur erzen - f Jan rauf von sonst ? Du ın zu on zu ben.“ e. Im > ab. icksal Not. g an- | ihm Jessen rfuhr,. ohnes -schei- gelte. > mit- m die ufzer golten nn& >, daß ‚ wat,| . mit- n der „ die| IM„PORZELLAN“ 227 ganzen Menschheit gesündigt werde. Er versuchte zwar nicht, anderen diese Mitschuld zu beweisen, aber für sich selbst hielt er an ihr fest und glaubte, daß sie auf der bib- lischen Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts be- gründet sei. Auch bei Dostojewski fand er sie bezeugt. So sah er sich denn bestärkt in seinem Entschluß, an seinem Teil zu helfen, daß der Schuldenberg ein wenig abgetragen werde. Es ist übrigens noch nicht lange her, daß mich ein junger Landsmann Jans ebenfalls einen Blick in sein Geschick tun ließ. Es war von gleicher Härte und auf dieselbe Ursache zurückzuführen. Seine Mutter war kurz zuvor gestorben, _ eine Frau, die er bei voller Kraft in der Heimat zurück- gelassen hatte. Aber als ihr von den Henkersknechten Himmlers ihr Ältester von der Seite gerissen wurde und diesem der jüngere Bruder und das einzige Töchterlein folg- ten, da brach ihr das Herz. Von seinen beiden Tanten hatte er schon längst keine Nachrichten mehr. Sie waren aus ihrem hübschen Häuschen von den Deutschen vertrieben und ins Innere Polens verschleppt worden. Solcher Fälle gibt es ungezählte, und viele sind noch weit grausamer und zeugen von unvorstellbarer Rohheit und Entmenschtheit. Wehe uns, wenn uns die Rechnung von den geschundenen Völkern eines Tages vorgelegt wird! Ist Hinzpaintner nicht wohl beraten, wenn er sich jetzt schon daran macht, die Mörderschuld anzuerkennen, sich unter die Last zu beugen und Ol in die aufgerissenen Wunden zu gießen? 29. Mai 1944 „Es ist mir aufgefallen, daß vor allen von den kleinen Häftlingskommandos wenig oder nichts gearbeitet wird. Der Unterführer und die Posten stehen an der Arbeitsstelle um- her und kümmern sich kaum um die Gefangenen. Ein Un- | trführer, hierüber zur Rede gestellt, behauptete, daß es ver- ı5* 228 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU boten sei, die Häftlinge zur Arbeit anzutreiben. Das ist natürlich Unsinn. Jeder Unterführer und Wachmann hat umherstehende Häftlinge zur Arbeit anzuhalten. Daß es dabei verboten ist, die Gefangenen zu schlagen, zu stoßen oder auch nur zu berühren, ist selbstverständlich. Das Antreiben hat nur mit dem Worte zu geschehen." Ich habe mir diese Anweisung abgeschrieben, denn es ist eine typische Order aus Abteilung A. Der Posten darf einen Häftling nicht einmal berühren, geschweige denn schlagen. Häftlingsfreundlich! Ausgezeichnet! Wie aber, wenn der Capo die Gefangenen schlägt? Und wenn ein Geheimbefehl der Abteilung D verbietet, solch einen rührigen Büttel nicht zu maßregeln oder höchstens zum Schein? Daß sie das Caposystem mit seinen grausamen Folgen absichtlich eingeführt und trotz seiner ungünstigen Wirkung auf die Arbeitsleistung der Sklaven beibehalten haben, ist als erwiesen anzusehen. muf Un spie mo And blo such nich den auf ten Sach ans wur wei mo Z über Pfingstsamstag Der Block der Geistlichen ist wieder einmal Gegenstand behördlicher Aufmerksamkeit. Als sie vom Kommando heimkehrten, fanden sie alles in wildem Durcheinander vor: es war gefilzt worden. Unglücklicherweise hatte man ein Paar italienische Socken gefunden und Ähnliches, was sich die Herrenmenschen selber als Beute vorbehalten hatten.( Aus dem Lande der Bundesgenossen waren Tag und Nacht Eisenbahnzüge angerollt mit allen Artikeln, die zur Leibesnahrung und Notdurft gehörten, von Kinderschuhen bis zum Nachttopf.) Nun war es an ein wildes Suchen gegangen nach anderm illegalen Gut. Dabei hatten es die SS- Schergen nicht so genau genommen und auch Dinge beschlagnahmt, die unzweifelhaft den Priestern gehörten, wie Wäsche, Tabak und Zigaretten. Einer von diesen lief vor, um sich zu beschweren. Er kam schlecht an. Auf der Stelle arm neu T han guts nich in i gefi Oh Blo Tab rau SS keit S st natumdabei oder reiben es ist darf denn aber, n ein rühchein? Folgen rkung en, ist amstag nstand heimvor: es .( Aus IM ,, PORZELLAN" 229 mußte er sich splitternackt ausziehen. Und wer sollte seine Unvorsichtigkeit glauben: sie fanden bei ihm ein Kartenspiel und ein Paar italienische Strümpfe! Darob bei den modernen Pharisäern trefflich gespielte Entrüstung und die Androhung ernster Maßnahmen gegen den ganzen Kirchenblock. In der Tat folgte nochmals eine allgemeine Durchsuchung. Rücksichtslos wurde alles herausgeworfen, was nicht niet- und nagelfest war, bis zu den Zahnbürsten; aus den Betten flogen die Matratzen. Wie Wilde trampelten sie auf diesen herum, die doch nichts dafür konnten, und zeigten sich von einem hingebenden Eifer für des Vaterlandes Sache erfüllt. Schade, daß die Berserker der neuen Weltanschauung durch ihren Dienst dahier daran verhindert wurden, ihre überschüssigen Kräfte einige 1000 Kilometer weiter östlich zu verwerten. Zum Schluß wurde dem Block eröffnet, es werde ihm morgen am Pfingstfest Gelegenheit gegeben, sich davon zu überzeugen, daß die beschlagnahmten Güter unter die Lagerarmen verteilt würden. Pfingstfest Tatsächlich marschierte der ganze 26. Block so gegen halb neun Uhr geschlossen zum Appellplatz. Dort ging die WeihePaar handlung vor sich, die angekündigte Verteilung des Kirchench die guts unter die ,, Armen". Auch die Pfingstpredigt fehlte nicht: der SS- Oberpriester ließ sie vom Stapel und entfaltete in ihr die Grundsätze, die zu der nun folgenden Verteilung geführt hätten. Bezüglich der Anschuldigung, die ihm zu Ohren gekommen sei, und die wahrscheinlich im geistlichen Block zuerst erhoben worden sei, als ob Zigaretten und Tabak von dem Führerkorps gemaust, angesteckt und geraucht worden seien, bezüglich dieser Anschuldigung, die die SS des Diebstahls bezichtigte, erkläre er vor der Weltöffentkeit das Gegenteil. Nacht Leibesen bis gangen -Scherschlag1, wie ef vor, - Stelle So genaue Rechenschaft legte der gewissenhafte Vertreter 230 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU einer gewissenhaften Herrenschicht ab, daß er auch jener Schachtel mit Zigaretten gedachte, die er dem Krematorium gewidmet habe. ,, Denn", fügte er mit pfingstlicher Wendung hinzu, die ihm trefflich zu Gesicht stand ,,, wenn einer von euch auf die Pfanne kommt, so entwickelt er einen solch höllischen Gestank, daß er nicht auszuhalten wäre, wenn er nicht durch einen ordentlichen Qualm überduftet würde." Die Blockältesten hatten übrigens am Pfingstmontag die Aufgabe, werbend darauf hinzuweisen, daß Block 32, wie die Mädchenbaracke jetzt geheißen wird, bis abends um neun Uhr zu gefälligem Besuche offen stehe... Ja, unsere nordische Kultur wird sehr seltsame Früchte bringen. Kyrie eleison! Veni, Creator Spiritus! Ein Strom von Lüsternheit überschwemmt das Lager seit Eröffnung des Mädchenblocks und reißt alle Dämme mit sich fort. Die einen stürzen sich besinnungslos in den Strudel, die andern werden mit fortgetrieben, ob sie wollen oder nicht. Die unnatürlichen Laster erheben ungescheut ihr Haupt, sie, zu deren Vertreibung angeblich das Ventil geöffnet wurde. Pfingstmontag Einige Kommandos haben heute dienstfrei, so auch das Porzellan. Die Werkstätten sind ausgerückt und mit ihnen Jan, der junge Herr aus Polen. Hinzpaintner rückt ihm täglich ein Stückchen näher und ist froh, einen Menschen zu haben, den er mit seinem Überfluß an Mangelware überschwemmen kann. Und daß er zugleich der Aussöhnung dient und dem Haß ein Schnippchen schlägt, freut ihn diebisch. Der herrlichste Sonnenschein überflutet das Lager. Alles, was da geblieben, nimmt ein Sonnenbad vor den Hüttenwänden. Die Russen entledigen sich ihrer Jacken und offenbaren eine Eleganz der Leiber, die wundersam absticht gegen die schmutzigen Lumpen, in die sie gesteckt waren. Drüben Ber Vo Brü Vor Ich Fre der hal Ex Un gel er me Au ren fall geb sei! mü den Po kan Un sich Ge die che Erf ren Ur rvon - IM ,, PORZELLAN" - 231 jener ich schreibe im zweiten Stock, bei tropischer Hitze über brium Berg und Tal hingestreckt, drüben zieht sich ein Seebad ndung von nackten Gestalten an der Wand hin, es wimmelt von Brüsten, Armen und Häuptern, deren Haare durchquert sind von der häßlichen Autostraße. Mir ist's im Schatten wohler. Ich ertrage die Sonnenstrahlen nicht mehr, die ich in der Freiheit so leidenschaftlich liebte. Ich fange an alt zu werden, ja, alt zu werden, leider, leider!- solch Enn er irde." g die wie , s um rüchte er seit it sich rudel, oder t ihr il ge montag ch das ihnen ihm en zu überhnung t ihn Alles, üttenoffengegen rüben - Am Samstag ist der Pragmatiker wieder in der Buchhaltung erschienen. Er war inzwischen in Berlin. Für seinen Export hat er kein Plus erreicht, für mich ein Minus, der Unglücksrabe! Da ist er von seinen Sternen bös im Stich gelassen worden. Und mich hat er mit hineingerissen. Trat er nicht für mich bei Ruths Vater als Brautwerber auf, meine geheimsten Gedanken vorzeitig und schonungslos vor Augen zerrend, für die sie am allerwenigsten bestimmt waren! Dazu war er mit der Tür, der Werbung, ins Haus gefallen, und erfuhr erst, nachdem er diese bereits vorgebracht, daß Ruth seit zwei Jahren bereits verheiratet sei! Wüßte ich nicht, daß es in guter Absicht geschehen, müßte ich ihm ernstlich böse sein. Jedesmal, so oft ich dran denke, will mich Zorn und Beschämung packen über das Porzellan, das er zerschlagen, und das er nie wieder heilen kann; o jerum, jerum, jerum! Ich komme mir vor wie jener Unglückliche, dem sein Affe, um eine Fliege aus dem Gesicht zu vertreiben, mit einem Stein den Kopf zerschmetterte. Genau so zerschmettert fühle ich mich und muß obendrein. die Spottreden des reinen Denkers und das dichterische Lachen Bopps über mich ergehen lassen. Ist es nicht eine uralte Erfahrung, daß uns die wohlmeinenden Freunde oft größeren Schaden zufügen als die List unserer Feinde? 1. Juni 1944 Ein Freund Bopps, des Luxemburgers, der ausnahmsweise Urlaub erhalten hatte, ist zurückgekehrt und hat Bopp 232 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU letzte Nachrichten über das Ende seiner Mutter gebracht. Sie weilt nicht mehr unter den Lebenden. Der Bombenangriff, der sie dahinraffte, soll in wenigen Minuten vorüber gewesen sein. Seine Mutter stand am Fenster und hielt nach den Fliegern Ausschau, die sehr hoch flogen. Man hörte sie noch rufen: ,, O, da oben kommen sie! Aber es müßten noch viel mehr sein!" Und schon war die Bombe gefallen und das Unheil geschehen. ,, Das muß doch ein schöner Tod sein, der einen so rasch und plötzlich wegreißt", meinte der reine Denker. Mich fröstelte bei der verwegenen Rede und, ich fragte: ,, So unvorbereitet?! Das ist ein böser Tod", fuhr ich fort. ,,, Vor einem bösen schnellen Tod behüt' uns lieber Herre Gott!' beteten unsere Vorfahren in der Liturgie." Doch hörten die armen Hascher! nicht einmal nach den Unkenrufen des Biblizisten hin. Es ist kurz vor Feierabend. Wir haben die ,, Bude" noch sauber gemacht, was wir seit einigen Tagen auf des Obmanns Geheiß selber tun. Loki, der Famulus, hat auf der ganzen Linie gesiegt, diese Dschersinski- Natur, wie ihn der weiche Hartmann in einer Anwandlung von Härte nennt. Er ruhte nicht, bis er seinen Willen hatte, was mich bei dem schwachen Widerstandsvermögen nicht wundernimmt, das der reine Denker an den Tag legt und das durch die spinozistischen Liköre, die er des Morgens einnimmt, auch nur mäßig gestärkt wird. Dieser gibt seit einiger Zeit allabendlich seinem eventuellen Nachfolger genaue Anweisungen für den Fall, daß er am andern Morgen nicht mehr komme. Er hofft auf Entlassung, und jetzt besonders stark, weil sein Bruder ein Gesuch für ihn eingereicht hat. Es scheint, er hat Wind davon bekommen, daß seine Sache nicht ganz aussichtslos stehe. Aber noch jedesmal ist er am andern Morgen treu und brav mit uns hinausgepilgert.- Wir warten nun aufs Klingeln und stellen fest, daß Loki uns eine Putz früh D erin Mog sie Schi Häf hau Woz eine von Her Bon gefli mad Leb und sten ihr h viel Lag kom I lers „ ER wir geg was keit und IM„PORZELLAN 233 acht.| uns wider Willen einen Dienst getan. Die Buchhaltung hat ıben-| einen guten Handel gemacht: eine Viertelstunde nahm das vor-| Putzen in Anspruch, während wir um eine Dreiviertelstunde hielt| früher Feierabend machten. Man Der reine Denker ergeht sich noch in alten Lager- er es| erinnerungen: mit den Blockältesten hater’s, die die reinsten ombe| Moguls waren und sich auch so fühlten. Jeden Tag rasierte ı ein| sie der Blockfriseur, was 20o Minuten dauerte, mit allen weg-| Schikanen und Kölnisch Wasser. Bügelfalten und gestickte ver-| Häftlingsnummer gehörten zum Lebensstandard. Dann as ist| hauten sie sich hin und taten fast den ganzen Tag nichts. rellen| Wozu auch? Es gab genug der Vielzuvielen, die sich um Vor-| einen Nachschlag das Recht ergatterten, den andern das Fett scher|| yon der Suppe zu holen. Einer von diesen Abbildern der Herrenmenschen, dem inzwischen in Friedrichshafen eine noch| Bombe den Mund für immer stumm gemacht, gab folgende Ob-| geflügelte Worte von sich:„Die Leitung hat uns solche Voll- f der| machten in die Hände gelegt, daß wir Herren sind über n der| Leben und Tod.“—„Durchs Tör seid ihr hereingekommen, ennt,| und durchs Tor geht ihr auch wieder hinaus; aber die mei- dem' sten nicht in senkrechter, sondern in wagrechter Haltung.“ „das|—„Seht, dort raucht ein Schlot— der Kamin, durch den pino-| ihr hinausgeht.“—„Ihr seid für die Lagerleitung nur Ballast, ı nut| viel weniger wert als dieser Stein hier.“—„Hütet euch vor Lagerstrafen: wenn ihr erst mal in der Mühle drin seid, tuel-| kommt ihr nicht mehr heraus.“— or am Im„Schwarzen Korps“ ist folgende Verhimmelung Hit- Ent-' lers auf seinen Geburtstag zu lesen unter der Überschrift: 1 Ge-„ER ist unser Sieg“:„Die Allgegenwart seines Geistes,.die lavon wir zu spüren glauben, setzt doch voraus, daß er im all- stehe.° gegenwärtigen Wachsein alles sieht, alles hört, alles weiß, brav_ was deutsches Schicksal ist. Hier setzt die Verständnislosig- keit der Mitwelt ein, die von einer Vergötterung spricht, Loki; und die sich geflissentlich bemüht, auch ihm nur menschliche 234 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Grenzen zu stecken. Wahrscheinlich kennt er uns besser, als wir uns selber kennen." Wahrscheinlich" ist gut! - دو Heute ist ein richtiger Vollmondtag: Gewitterschwüle; Kampfhähne hacken aufeinander ein, die Kontrolleure auf den Direktor, der Direktor auf den langen Dünnen, der lange Dünne auf den reinen Denker, dieser auf mich, ich wieder auf ihn. Die Hysterie ist nicht mehr zu überbieten und unser einziger Trost liegt darin, daß heute Vollmond ist. Die Kontrolle hat herausgefunden, daß der lange Dünne viel zu wenig tut, und ihm nachgerechnet, daß er nicht weniger als vier Sklaven beschäftige. Das ist nun eine gewaltige Übertreibung, welche beweist, daß die Kontrolleure selbst einer Kontrolle bedürfen. Auf jeden Fall herrscht ,, dicke Luft", und der lange Dünne legt uns nahe, uns in acht zu nehmen, damit sich das Gewitter nicht entlade und versehentlich einen von uns erschlage. vorn Dag hin, 99. ha hat Zu gen Mut solc über mor gest fran gew der sich 5. Juni 1944 Mig Der Anfang des neuen Monds verheißt Gutes: der Morgen ist so schön, daß der reine Denker ausruft: ,, Heute ist ein herrlicher Sonnentag!" Er hat sich mit Mühe und Sorgfalt dem Geschäft unterzogen, das an Hand eines Spiegelchens und einer riesigen Linse( Ochsenauge nenne ich's), sein erstes ist: mit einem noch rareren Geräte, einem richtigen Kämmchen, sich einen Scheitel zu ziehen. Denn er hat das Vorrecht erhalten, sich die Haare wachsen zu lassen und macht mit Stolz von diesem Privileg Gebrauch. Umständlich mustert er jeden Morgen die oberen Regionen, wo bei gewöhnlich Sterblichen die Haare wachsen, ob die Saaten gedeihen, wie sie gedeihen und um wie viel länger sie geworden seien. Reicht's nicht bald zu einem Scheitel à la Wilhelm II.? Und je länger die Haare, desto größer der Hochmut, und je deutlicher der Scheitel, um so strahlender das Gesicht; wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die Halme U here tem ,, Di Die Na Lan mu B Den wa I Best WO er, als nwüle; re auf n, der ch, ich bieten Voll Dünne nicht ne ge Olleure errscht uns in de und i 1944 Morute ist SorgDiegelIM ,, PORZELLAN" 235 vorn etwas spärlich stehen und ungute Lichtungen aufweisen. Dagegen hilft auch Spinoza nicht. Da müßte Birkenwasser hin, aber ,, woher nehmen und nicht stehlen?" ,, Jones, where Smith had had ,, had", had had ,, had had"; had had" had pleased to the examiners". Diese Seeschlange hat unser Bopp der Buchhaltung zu bändigen aufgegeben. Zu seinem Triumph erwies sich keiner von uns als Schlangenbändiger. Hartmann meinte freilich, er scheine seiner Mutter Tod bereits vergessen zu haben, daß er schon wieder solche Allotria treiben möge. Aber Laibach täuscht sich über Luxemburg. Das ist nur die Oberfläche. Er kam heute morgen mit schweren Kopfschmerzen her, nachdem er gestern auf den Fässern am Appellplatz gesessen und ein französisches Buch studiert hatte. Die Kopfschmerzen rühren gewiß weder von dem Buch her noch von den Fässern, sondern haben eine tiefere Ursache: im Unterbewußtsein hat sich wohl die tiefe Erschütterung angestaut und in der Migräne Luft gemacht. 6. Juni 1944 Um zwei Uhr kam der lange Dünne erregt zur Türe herein. Man sah ihm die innere Aufgewühltheit von weitem an. Mit bebender Stimme verkündete er uns denn: ich's) ,,, Diese Nacht um zwölf Uhr hat die Invasion begonnen. Die Engländer sind in die Seine- Mündung eingedrungen." Nach zwei Stunden folgte die Botschaft, daß eine weitere Landung bei Le Havre und Cherbourg im Gange sei. richer hat n und ständvo bei Saaten sie ge à la er der lender Halme Bopp, der Luxemburger, triumphierte offen. Die Stimmung der Gestreiften ist fast übermütig, auch beim reinen Denker; wogegen der Laibacher warnt: Abwarten! Abwarten und Tee trinken!" Das Verwaltungshauptamt gibt eine recht merkwürdige Bestellung auf. Himmler wünscht, daß Porzellanfiguren entworfen werden, die das verkörpern sollen, was mit den 236 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU das führ Amt E Namen der neuen Divisionen: ,, Götz von Berlichingen", ,, Frundsberg" und ,, Prinz Eugen" zum Ausdruck kommt. Die Plastiken sollen einen bildlichen Ausdruck der Schutzpatronen dieser Divisionen darstellen. Nachdem das ,, Schwarze Korps" Herrn Hitler zum allwissenden Gott erklärt hat, führt Himmler, sein Oberpriester, dem Heere die neuen Heiligen vor, unter deren Schutz und Schirm der Sieg für u über die Invasion erfochten werden soll. ,, Das sind deine Götter, o Israel!" Wie weit soll die Lästerung noch getrieben werden? Unser Bopp verliert im Überschwang des näher rückenden Sieges das Gleichgewicht. Er vergißt sich völlig dem Pragmatiker gegenüber, einem Manne, der ihm noch vor wenigen Tagen im Ernst angeboten hat, eine Kaution von 30 000 Mark für ihn zu stellen. So warnte ich ihn denn: ,, Für unsere Hybris werden wir jetzt gestraft. Aber wenn ihr nun übermütig werdet, so wird euch einst dasselbe Gericht treffen." Er bekam denn auch sogleich einen Dämpfer: der lange Dünne, der einen schlechten Tag hatte, teilte ihm mit, daß der Cerberus, ihn, Bopp, im Verdacht habe, Notizen zu machen. Die Sekretärin habe drohend hinzugefügt, sie werde das eines Tages zu verhindern wissen. Mir schlug bei diesen Worten das Herz: wurde etwa der Sack geschlagen, aber der Esel gemeint, nämlich ich? Den Luxemburger hat noch niemand Notizen machen sehen, es seien denn seine Gedichte, während meine Aufzeichnungen in der Buchhaltung offenes Geheimnis sind; wie denn der Pragmatiker, als er von der Sache hörte, lachend sagte:„ Der die Notizen wirklich macht, ist frei ausgegangen." Mag er tatsächlich nur an Bopp gedacht haben, so nahm ich mir doch vor, mich in acht zu nehmen. Mein kleines Regalkästchen ist voll von gefährlicher Munition christlichen Kalibers: unter harmlosen Briefbogen lugt plötzlich ein Lied hervor, das nicht nen - von S As Soll haus eine vasi Nar Ster Rot dur dos tisch der urte bull End Der In der zug Dad rote nen hat rigs exe IM ,, PORZELLAN" 237 ommt. ngen", das geringste mit der SS zu tun hat, und Tagebuchblätter führen zwischen den Auslassungen der Hauptämter und chutz- Amtshäupter ein geheimes Stilleben. das ott erre die r Sieg deine getrieickenI dem hvor n von wenn e Gehpfer: e ihm , - 9. Juni 1944 - Eine Invasion löst die andere ab: die Invasion der Grünen und Schwarzen in die roten Blöcke ist viel aufregender für uns als die der Engländer. Geht die Welt unter? Die Roten - sie sind das Herrenvolk unter den Häftlingen sollen von nun an das Gesindel der Schwarzen und Grünen( der ,, Asozialen“ und„ Berufsverbrecher") unter sich dulden. Sollen auf einem Block, einer Stube mit ihnen zusammen hausen, ja Seite an Seite mit ihnen womöglich auf einem Strohsack schlafen! Wer vor einem Jahr diese Invasion zu prophezeien gewagt hätte, der wäre in die Narrenzelle gesperrt worden. Selbst die Rohre der kühnsten denn: Sterngucker guckten nicht so weit! Das alte Vorrecht der Roten ist damit gebrochen; es war freilich schon damals durchlöchert worden, als Grüne und Schwarze in Kommandos aufgenommen wurden, die der Herrenschicht der Politischen, der Roten, vorbehalten gewesen waren. Weiß war der erste, der eine Bresche legte in das Mauerwerk von Vorurteilen, indem er den grünen Bernhard zum Küchen- Oberbullen erhob. Dachau wird, wenn die Entwicklung sich dem Ende nähert, bald nicht mehr die Hochburg der Roten sein. Der Schlußstein fehlt noch: grüne Block- und Lagerälteste. In diesem Krieg hat es nicht nur Verwundete gegeben, sondern auch Tote. Wer die alten Semester hört, die den Auszug aus Flossenbürg mitmachten und den Rückzug nach Dachau, der weiß, wie unmenschlich die Grünen unter den roten Ankömmlingen gehaust. Andrerseits hatten die Grünen keinen leichten Stand hier mehr seit jener Zeit. Sie hatten nichts zu melden, hatten als Aschenbrödel die niedrigsten und schwersten Arbeiten zu verrichten, wurden exemplarisch hart und ohne jede Rücksicht behandelt von Noefügt, schlug schlaburger denn Buchtiker, Otizen Echlich mich 1 von harmnicht 238 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU SS, Capos und Blockmoguls, diesem edlen Trio von Gefangenenschindern. Sie fanden wie die Juden kaum Aufnahme ins Revier, kurz, waren die Parias unter den Parias. Als die famose Abteilung für die Vivisektion im Revier eingerichtet wurde, waren es zuerst die Grünen, die man dazu ersah, als Versuchstiere ausgesucht zu werden. Eine eigene Moskitokultur, von einem grünen Häftling bedient, lieferte die nötigen Stechfliegen der Anopheles- Art, mittels derer auf die armen Opfer nordischer Wissenschaft die Malariabazillen übertragen wurden. Trat das Fieber ein, so wurden ihnen die Gegenmittel eingespritzt, die die Pioniere der Wissenschaft zu erproben wünschten. Die Kostzulagen wurden nur während der eigentlichen Versuchszeit gereicht und erwiesen sich als vollkommen unzulänglich. Monate-, ja jahrelang wiederholten sich die Fieberanfälle, die meisten siechten dahin, ohne daß sich jemand um ihr Geschick kümmerte; einige von ihnen mußten die Experimente mit dem Leben büßen. Mein schwäbischer Landsmann, Ableitner aus Stuttgart, begegnet mir hin und wieder auf der Lagerstraße. Seitdem er als Grüner das Versuchskarnickel spielen mußte, macht er den Eindruck eines gebrochenen Menschen. Wie leicht haben es unsere gemeinsamen Feinde, die verschiedenen Farben gegeneinander auszuspielen! Nichts ist ja uns Menschen willkommener, als einen Grund zu finden, der es uns ermöglicht, uns der Pflicht zu Kameradschaft, Hilfe und Liebe zu entschlagen. Wie gerne lassen wir uns weis machen, daß wir besser seien als andere. Wie bequem ist es, stets eine Gruppe von Menschen bereit zu haben, die man als Sündenböcke für alle Missetaten und als Prügelknaben für alle Strafen verwenden kann. Und so haben sich die Spekulationen auf diese dunkle Seite der menschlichen Natur als richtig erwiesen. Besonders eine gewisse Art von Menschheitsbeglückern und Weltverbesserern ersten Ranges ware und schwe an S Stan Him Farb Mau gefan leide verb an d an d nicht diese ganz turv 1st, sein W klärt Well halt jetzt Selb gesch Tron unw pon gege Stim liere Frau Lux GeAufarias. Levier man Eine Hient, ittels = die : n, so PioKostszeit glich. fälle, ihr periandsieder uchss geverEs ist den, chaft, - uns quem ben, Cigelsich chen von Lnges IM ,, PORZELLAN" 239 waren um den Preis von einträglichen Pfründen als Stubenund Blockpaschas jederzeit bereit, sich zu Bütteln ihrer geschworener Gegner herzugeben und ihre Leidensgenossen an seine Schergen auszuliefern. Ich habe von jeher den Standpunkt eingenommen: was geht uns die Einteilungswut Himmlers an? Mögen sie immer neue Schubfächer, Etiketten, Farben, Winkel, Kreise und Striche erfinden, immer neue Mauern und Zäune aufrichten, für uns sind Gestreifte Mitgefangene, Menschen, die mit mir unter derselben Willkür leiden, und an denen allen das gleiche fürchterliche Justizverbrechen begangen worden ist; sie müssen also auch alle an demselben Strange ziehen. Vergeht sich einer von ihnen an der Gemeinschaft, so mögen ihn diese bestrafen, aber nicht an den Feind ausliefern. Nun, es wird auch über diese Invasion Gras wachsen, denn eines Tages wird die ganze Institution verschwinden, die des Namens eines Kulturvolks, geschweige eines christlichen Landes unwürdig wenn von einem solchen überhaupt noch die Rede ist, sein kann. - Was die andere Invasion betrifft, die kriegerische, so erklärte gestern Bopp, der Luxemburger, im Blick auf die Wellen, die dieses Ereignis bis an die Bucht unserer Buchhaltung schlagen wird, kurz und bündig: ,, Alles, was wir jetzt noch machen mögen, ist nicht mehr von Wichtigkeit." Selbst dem langen Dünnen schleudert er diese Sentenz ungescheut in die Brillengläser und vor das durchlöcherte Trommelfell: ,, Alles, was Sie noch machen, ist von jetzt ab unwichtig!" Und der ließ sich, ohnehin schon stark ramponiert durch die Schüsse, die die Kontrolleute auf ihn abgegeben, denn auch so stark einschüchtern, daß er mit der Stimme eines Geschlagenen bekannte: ,, Wenn wir verlieren, ist es mir nur um meine Familie leid. Wie wird es Frau und Kind ergehen!" Da gaben ihm aber Bopp, der Luxemburger, und Hartmann, der weiche Mann, einstimmig 240 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU die feierliche Versicherung ab, daß ihm kein Leids geschehen solle, da er sich immer sehr anständig gegen Luxemburg und Laibach benommen. Das beruhigte ihn denn sichtlich. Nun galoppieren wir bereits tüchtig im Juni. In einem Monat habe ich Geburtstag. Wie oft noch zwischen dem Stacheldraht? Mein Herz macht mir immer mehr zu schaffen. Das mahnt an den Abend, der bald hereinbrechen mag. Hier zählen die Jahre fünffach. Dann folgt die Nacht, da niemand wirken kann. O Gott, gib in Gnaden, daß ich die kurze Spanne Zeit, die du mir noch vergönnst, dir zu Ehre lebe, und mein Ende diene zu deiner Verherrlichung in Jesus Christus! Herr Jesu, dir leb' ich, dir leid ich, dir sterb ich. JESU, DEIN BIN ICH TOT UND LEBENDIG! MACH MICH, O JESU, EWIG SELIG! AMEN! Was die Welt betrifft, die ich lassen muß, ist es wohl der Mühe wert, sich an sie zu hängen und den Abschied von ihr schwer zu nehmen? Hinzpaintner, in einem lichten Augenblick, hat neulich halb ernst halb scherzend gemeint: ,, Man hat nicht viel versäumt, wenn man beizeiten in die Grube steigen muß!" Ich mußte über die burschikose Art, mit welcher er den schopenhauerisch weltschmerzlichen Ausspruch vorbrachte, herzlich lachen. Und ich freue mich der Sentenz immer noch auch um ihres Inhalts willen. Ist es nicht vielen von uns aus dem Herzen gesprochen: wir versäumen wahrlich nicht viel, wenn wir diese Welt versäumen, dieses KZ im großen! دو , Was hat die Welt, was beut sie an? Nur Tand und eitle Dinge. Wer einen Himmel hoffen kann, Der achtet sie geringe", schallt es aus einem Lied herüber, das wir einst in der Jugendzeit lernen mußten. Diese paar fragwürdigen Filme, diese win dara Schu sehe Nas seit D Klin schw Sinn Heu vor Son imm die Aug In zwa Blo Ob Jah Zwei hehen nburg htlich, einem dem schaf- mag. ıt, da ch die Ehre n Je 1, dir wohl schied ichten neint: n die . Art, Aus- h der Ist es - ver- STSäu- ı der ilme, IM„PORZELLAN“ 241 diese wurmstichigen Äpfel, diese hohlen Lobhudeleien, diese windigen Orden und Ehrenzeichen— da ist doch wohl darauf. gepfiffen!— Doch wenn mir Hinzpaintner über die Schultern sehen könnte, würde er mir ob solcher Schwarz- seherei wohl einen kleinen Nasenstüber geben. Er hat gut Nasenstüber austeilen, schwebt er doch in höheren Sphären,, seit ihm seine Völkerverständigung gelingt. 10. Juni 1944 Die Nächte sind wieder frostig, sogar kalt, echt Dachauer Klima! Auch tagsüber war der Himmel mit grauen Wolken schwermütig überzogen, so daß mir Schwabs Vers in den Sinn kam mit seiner Melodie in Moll: „Der Himmel hängt voll Wolken schwer, Ich seh das blaue Zelt kaum mehr, Doch über Wolken, hell und klar, ; Nehm ich ein freundlich Auge wahr. Es tobt der Sturm mit wilder Macht; Sie ist so dunkel oft, die Nacht. Doch wenn auch meine Seele bebt, Sie weiß, daß dort ein Heiland lebt.“ Heute lacht die Sonne wieder und läßt das Laub der Eichen vor unseren Fenstern in freundlichem Grün aufleuchten. Sonderbar, wenn die Sonne scheint, meinen wir, es müsse immer so bleiben; regnet’s aber, so ist uns, als ob nie wieder die Sonne hervorkommen könne. So abhängig sind wir Augenblicksmenschen von der Gegenwart. Im Lager gibt’s wieder eine schmissige Verlegerei, und zwar sind diesmal die deutschen Blöcke die Opfer. Auch Block 6 muß dran glauben, der den Vorzug hat, neben dem Oberbürgermeister von Wien nun schon seit einem halben Jahr auch einen Mohren zu beherbergen. Zuerst wurden die Zweitausend Tage Dachau 16 242 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU entsch mach Werkstätten hergenommen mit Fabisch, Professor Popowitsch aus Belgrad, dessen Freund, und Nikol. Auch Jan, del z der Pole, war dabei. Der ganze 10. Block muẞte heraus und wurde mir nichts dir nichts in den sechsten hineingezwungen, obwohl auch der schon längst überfüllt ist. So sind jetzt 4 Mann in einem Spind und zwei in einem Bett zusammengepreßt. 300 block Ein zugs, vom zusan das H haber brot weise der I mißte Da es geheißen hatte, unser Block komme an die Reihe, so war ich zunächst froh und dachte: ,, Nun hat es also statt lange unsern den Achter getroffen." Doch hatte ich mich zu früh noch gefreut. Denn kaum war ich auf den Sechser zurückgekehrt, als da der Ruf laut wurde: ,, Verlegen!" Gleich zum Morreits gengruß verlas der Stubenmogul die Namen derer, die her Nur ausmüssen. Es sind vorerst 150 Mann, unter denen auch ich mich befinde. Wir werden auf den zweiten und vierten Block verteilt, die sogenannten Musterblöcke. Ein Glück, daß es nicht der ganze Haufe ist, so wird die Enge viel leicht nicht ganz so fürchterlich, und es ist zu hoffen, daß die meisten noch einen eigenen Strohsack bekommen. Dieses Gedränge ist eines der schlimmsten Folterwerkzeuge im Arsenal der Abteilung D. Auf Schritt und Tritt sich in acht zu nehmen, damit man nicht einem andern auf die Hühner augen trete oder selbst getreten werde, das ist die zehnte ägyptische Plage! Dazu die allgemeine Gereiztheit, die sich mit jedem Zuwachs steigert, der Konkurrenzneid und der Kampf aller gegen alle im Erhaschen eines günstigen Plätz chens; die Gehässigkeiten, die wir uns an den Kopf werfen, die wir in die Luft brüllen, kaum daß wir aufgestanden, spruc wenn einer über die Beine des andern fällt; der Neid, der sonde Streit, das Maulen, die Launen, die Ungerechtigkeiten, die des s nie endende Kanonade von Anklagen und Vorwürfen, Ver- und leumdungen, Verkennungen, Miẞdeutungen und Entstellun Ich h gen, dazu das im Hintergrund lauernde ewige Mißtrauen; klage kurz, die Schrecken des Zusammenseins von Menschen, die dern teln finde. sich ich n blick das r gehör I Popo:| 1 Jan, heraus inein- ist. So n Bett Reihe, o statt u früh kehrt,| ; Mor- ie her- ach id vierten Glück, e viel- n, dal Diese ge im in acht ühner- zehnte lie sich ad der Plätz- verfen, anden, id, der en, die 1, Ver- tellun- rauen; en, die IM„PORZELLAN“ 243 entschlossen sind, sich auf Kosten der andern aus dem Stru- del zu retten: das ist das, was das Lagerleben zur Hölle macht, und das wartet auf uns. Auf Block 30 sind bereits 30oo Menschen in einer einzigen Stube, auf dem Zugangs- block sollen es sogar 5oo sein.— 12. Juni 1944 Ein trostloser Tag liegt mit diesem Sonnabend des Aus- zugs, Umzugs und Einzugs hinter uns. Es regnete den lieben, langen Tag bis zum Abpfeifen. Zum Abschied fing ich gar noch eine Ohrfeige. Es war ein Tohuwabohu. Als wir müde vom Kommando kamen, lag der Inhalt unserer Spinde be- reits auf den Tischen wie der Trödelkram bei der Auktion. | Nur mit Mühe und Not brachten wir unsere sieben Sachen zusammen. Dem Spindgesellen, dem Herrn Capo, fehlte das Brot. Er verdächtigte mich im Handumdrehen, es zu haben. Doch glücklicherweise hat das meinige als Revier- brot eine andere Form, so daß ich meine Unschuld nach- weisen konnte. Schlimmer war’es mit der Zahnbürste, die der Inhaber des saubersten Spinds der Welt ebenfalls ver- mißte. Er zwang mich, meine sämtlichen Pakete und Schach- teln zu öffnen, ob sie sich nicht unter meinen Sachen be- finde. Nur mit mürrischem Knurren stellte er fest, daß er “sich geirrt. Doch half dies alles nichts, der Ohrfeige entging ich nicht. Als ihm nämlich in einem unbewachten Augen- blik Eßnapf und Blechteller gestohlen wurden, wandte er das mir vorgeworfene Verfahren selber an, ergriff das mir gehörende Geschirr und packte es ungeachtet meines Wider- spruchs in den Bauch seines Koffers. Ich stritt nicht lange, sondern wandte mich an Justitia selbst, die in der Gestalt des Stubenältesten dastand, mit der Bitte, einzuschreiten und mir zu Recht, Eßnapf und Blechteller zu verhelfen. Ich hätte ebensogut den Teufel bei seiner Großmutter ver- klagen können. Wußte ich nicht, daß keine Elster der an- dern die Augen aushacke? Das gehe ihn nichts an, belehrte 16* 244 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU als er mich der Würdenträger, der sonst tief davon durchdrungen ander war, daß es nichts zwischen den Blockwänden gab, was ihn Knabe nichts anginge. Ich solle, marsch, meinen Kram packen und gefäll verschwinden. Da denn die hohe Obrigkeit versagte, war ich auf Selbsthilfe angewiesen. Ich suchte einen der auf dem sam, c Tisch stehenden Teller zu erwischen. Kaum hatte ich ihn schreib freilich berührt, als auch schon der Mogul mit einem Satz Überf bei mir war und mir die Backpfeife verabreichte, die eigent einem lich der verdient hatte, der mir Schüssel und Teller ge genug stohlen. Und das mußte ich mir bieten lassen, bald 5 Jahre Höher nach meinem Eintreten in diesen ehrenwerten Klub! Zwar nehme tauchte auch der Blockpascha noch auf, doch, wie zu er auf au warten war, nicht um mir zu helfen, sondern um ins gleiche ströme Horn zu tuten. Mit majestätischer Stimme befahl er mir gleichs unverzüglich das Feld zu räumen, was ich denn auch tat zu stü Ich hätte gute Lust gehabt, mich beim Lagerältesten zu be in der schweren. Da ich ihn von Allach her kenne es ist kein zu äng anderer als Bertel, der dort das gleiche Amt inne gehabt- partie so hätte ich vielleicht gewonnen. Allein ich verzichtete dar einer auf, weil mein Zuchtmeister, der sich sonst als ein gut staunt mütiger Mogul bewiesen hatte, diesmal nur in der Auf- ebene regung des Umzugs aus dem Geleise geraten war. -- luft z Der Umzug ging also glücklich- unglücklich vorüber. Nicht keinen stand der Beginn im vierten Block unter so ungünstigen Vor dankb zeichen wie das Ende im sechsten. Es ist ja meine alte wiede ,, Heimat", in die ich nach 2 Jahren Verweilens in der wenn Fremde zurückkehrte. Hax, den früheren Blockmogul, traf die Pa ich als gemeinen Untertanen; er hat sich in einen Capo So verwandelt und trägt mit Würde die gelbe Armbinde bei block gleichbleibender Zungenlänge. Sonst ist von den ehema genug, ligen Gesichtern so gut wie keines übriggeblieben ben, verdorben wer weiß, wo? - gestor 40 Ge Die A Dafür hat mir die unsichtbare Hand eine freudige Über haben raschung in meinem neuen Spindskumpel bereitet: es ist kein kreuz te, war IM ,, PORZELLAN" 245 rungen anderer als der Mann aus dem CVJM in Leipzig: der was ihn Knabe Hiob. Der Stubendienst zeigte sich ausnahmsweise en und gefällig und legte nicht das übliche Hindernis in den Weg, als er sah, daß wir zusammenwollten, ein Ereignis, so seltLuf dem sam, daß man es in den schwarzen Kamin mit weißer Kreide ich ihn schreiben müßte. Meine Befürchtungen hinsichtlich der m Satz Überfüllung und ihrer quälenden Wirkungen sind nur zu eigent einem geringen Teil eingetreten. Zuerst hatte es schlimm ler ge genug ausgesehen. Mir war wieder eine Gebirgskette mit 5 Jahre Höhenklima zugewiesen worden, woran das einzig Ange! Zwar nehme war, daß ich mich noch am hellen Nachmittag darzu er auf austrecken konnte, bei dem draußen fadenartig niedergleiche strömenden Regen eine Wohltat. Nachts wurde ich nur er mir, gleichsam durch ein Wunder davor bewahrt, in die Tiefe uch tat zu stürzen und mir Hals und Bein zu brechen. Aber schon zu be- in der zweiten Nacht brauchte mich all das schon nicht mehr ist kein zu ängstigen; denn als ich mich nach anstrengender Kletterabt- partie oben niederlegen wollte, war das Gebirge bereits von ete dar einer anderen Gestalt belegt. Für mich war hört und ein gut staunt, ihr Völker der Erde!- ein Lager vorgesehen auf er Auf- ebenem Boden; es hatte bei dem Nachteil, etwas in der Zugluft zu stehen, den unschätzbaren Vorzug, daß ich es mit r. Nicht keinem andern zu teilen brauchte. Dafür kann ich nicht en Vor dankbar genug sein in einem Augenblick, wo die Läuseplage ine alte wieder auftaucht. Was nützt alles Lausen und Sauberhalten, in der wenn die Wanderer vom lieben Nachbarn unkontrolliert gul, traf die Pässe überschreiten? - n Capo So konnte ich denn schon am Vormittag zum Pfarrerinde bei block wandeln, um die Predigt zu hören. Da war Platz ehema genug, nur zuviel. Doch war der Besuch nicht schlecht: etwa gestor 40 Gestreifte zählte ich, darunter die Hälfte aus dem Lager. Die Altäre waren feierlich geschmückt. Die Katholiken e Über haben dafür eine besondere Gabe. Um das Bild des Geist kein kreuzigten rankten sich weiße Lilien und grüne Akanthus 246 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU blätter. Auf dem rechten Seitenaltar zeigte ein Bild den symbolischen Fisch, über dem ein Korb mit Broten schwebte. Die Predigt war ziemlich farblos, so daß ich dem Schlaf nicht widerstehen konnte. Hoffentlich habe ich nicht geschnarcht! Ein Trost, daß es auch Ludwig Henych nicht besser erging. ab ,, lich es ge verev er ha hat e Di es ni nicht der Fluch linger freili schon und aushe muß Am Nachmittag machte Hinzpaintner zum erstenmal mit dem Polen einen Verständigungsspaziergang. Er hatte ihn auf dem Block aufgesucht, um sein Etui zu füllen. Jan schloß sich ihm an zu einem kleinen Bummel auf dem Appellplatz. Da hatte Hinzpaintner Gelegenheit, ihn ein bißchen näher kennenzulernen, soweit das in einer Viertelstunde möglich ist. Zu seinem Erstaunen erfuhr er, daß Jan vor Jahren bereits in russischer Gefangenschaft war, nach dem er mit seiner Familie vor den anrückenden Deutschen geflohen war. Die Behandlung, die er in dem Gefängnis, das bei Moskau lag, erfuhr, war menschlich. Das Essen war gut, zu arbeiten brauchten sie nicht. Später geriet er in die Hände der Deutschen, wurde aber bald wieder freigelassen. Erst als die Stapo nach kurzer Zeit Hand an die polnischen Studenten legte, wurde er aus keinem andern Grunde, als daß er auch Student war, wieder verhaftet, verprügelt und nach Dachau verschleppt. Hinzpaintner berichtet, daß er das sachlich und ruhig erzählte und zu seiner stillen Verwunderung dazugefügt habe, er hege keinerlei Rache- den gefühle gegen die Nation, die ihm all das angetan. Wie lange wohl steht dem guten Jungen diese wahrhaft christliche Kind Haltung an! Haben wir sie verdient, die wir unsere Jungmannschaft planmäßig zur Überheblichkeit, zum Dünkel und zum Haß erziehen? melde Ehre serer Bund hat's und kom Platz Poste zist H wird, Auf die Frage, ob er nicht Lust habe, seine Erlebnisse niederzuschreiben, um sie später zu veröffentlichen als Dokumente der Zeit was antwortete da der liebe Kerl? Ein ,, Ach nein", wehrte er in gutmütigem, erschrockenem Tone sein SNOTION IM ,, PORZELLAN" 247 d den ab ,,, nein, ich fühle nicht die geringste Lust, dieses schreckvebte. lich Zeug mit der Feder festzuhalten. Schlimm genug, daß Schlaf es geschehen, ich will es nicht auch noch in einem Buch t ge- verewigen". Wahrhaftig, der Junge beschämt manchen Alten; t beser hat nicht nur ein paar treue Augen, nein, noch mehr: er hat eine treue Seele! al mit ce ihn . Jan is, das ar gut, - 14. Juni 1944 Die Buchhaltung wird zum Verschwörernest. Hätte ich es nicht mit eigenen Ohren gehört, so getraute ich es mir dem nicht niederzuschreiben. Das Lieblingskind des Reichsführers in ein der beiden S, das Porzellan, ein Gehäuse, in welchem iertel- Fluchtpläne geschmiedet werden! Fluchtpläne von Häftẞ Jan lingen, -nun, das wäre nichts grundstürzend Neues. Wenn nach freilich die Herrenmenschen auszureißen beginnen, das ist tschen schon des Aufsehens wert. Aber wenn erst Herrenmenschen und Herdenmenschen zusammenarbeiten und solche Pläne aushecken das sind Sturmzeichen! Als flinker Chronist Hände muß ich diese flagrante Verletzung des Wahlspruchs ver. Erst melden, der das Wappen jedes SS- Mannes ziert:„ Meine ischen Ehre heißt Treue." Niemand anders als der Chef unde, als serer Buchhaltung, der lange Dünne, ist der vierte im It und Bunde. Das Komplott ist geschmiedet, der reine Denker laß er hat's ausgedacht, Bopp, der Luxemburger, hat's gutgeheißen Ver- und Hartmann hat der Katze die Schelle umgehängt und Rache- den langen Dünnen verführt, mitzutun. Der hat sich nicht 1. Wie lange besonnen, sondern schlug im Gedanken an Weib und stliche Kind ein. Sobald die Invasion in Reichweite des Porzellans Jung kommt, wird ein Auto beim Schopf und zu viert darin Dünkel Platz genommen. Die lange dünne Uniform streut den Posten den nötigen SS- Sand in die Augen, und der Bibliebnisse zist hat dafür zu sorgen, daß die Flucht erst dann entdeckt Is Do- wird, wenn der Wagen ungefähr die Grenze erreicht hat. Kerl? Ein Unglück, daß der Pragmatiker nicht um den Weg ist; Tone sein Ruf ,, Allah ist groß! Siegen oder sterben! Probiert 248 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU wird's bis zum sechstenmal!" möchte der Sache die rechte ideale Schwungkraft geben; auch wären vielleicht die Beziehungen zum Vollmond nicht ganz ohne Wert! Wir sind um eine Illusion ärmer geworden. Es galt bisher als unumstößlicher Satz, daß die Lager von englischen Fliegerangriffen verschont bleiben. Zwar sind unsere Filialen in Friedrichshafen und Augsburg schon mehrfach von Bomben heimgesucht worden, aber wir nahmen dem Dogma zuliebe an, es seien Zufallstreffer gewesen. Nun sind wir gestern Zeugen und Gegenstand des ersten Luftangriffs auf Dachau geworden. Zwar wurde noch nicht das eigentliche Lager getroffen; die Bomben fielen im erweiterten Bereich der sogenannten Kommandantur nieder. Aber es ist doch ein Anfang, und wir fürchten, daß eines Tages das Lager selber darankomme. Ist doch der Unterschied nur fließend: im Lager der beiden S liegen ja die meisten unserer Arbeitsstätten wie die Ausrüstungswerke( fälschlicherweise von den Häftlingen WB genannt), die Kabelzerlegung, die Gurtenweberei und andere Betriebe. Ich ging mit Bopp nach dem Angriff weg, um für die Kanzlei Essen zu holen. O, wie lagen sie so wüst da, die Stätten, die bisher der unumstrittene Bereich der Herrenmenschen waren! Welche Faust hatte es gewagt, hier so rücksichtslos dreinzufahren? Von der Krankenbaracke hatte sie die Außenwände aufgerissen, Betten und Schränke hingen wie die Eingeweide eines aufgeschlitzten Bauches heraus. Doch das war nur der Anfang. Gleich sollten unsere Häftlingsaugen noch Schlimmeres sehen. Hier links die Lehrküche, wie sah sie aus! Übel zugerichtet mit zerzaustem Haare wie das ungekämmte Haupt einer Jungfer. Noch schlimmer war es der SS- Kantine ergangen, die sich daran anschließt. Die Rückseite bauschte sich auf wie ein chinesischer Prunkbau, während das Dach an eine Pagode aus Hinterindien erinnerte. Die Vorderseite war rücksichtslos aufge nicht Sinn Dritt der Teile ist k gebli trotz des: entg W diese ten hatt Und Faus tige losu der lich des dige stief nich weg in Z hab Op sind Bon paf rechte e Bebisher schen lialen Bomogma dwir Fs auf tliche ereich doch Lager Bend: beitsn den urtenir die a, die errenGier so hatte e hinsherunsere LehrLustem Noch daran chinede aus chtslos IM ,, PORZELLAN" - 249 aufgespalten, und da trat zutage, was dahinter steckte; nichts als Papier und Pappe ein unheimlich wirkendes Sinnbild für die hohle Fassade des Baus der SS, ja des Dritten Reiches überhaupt.- Übel mitgespielt worden ist der sogenannten Besoldungsstelle, welche die Faust in zwei Teile zerlegt hat. In der ihr gegenüberliegenden Kaserne ist kein Fenster mehr ganz und die Uhr auf 3 stehengeblieben. Dagegen lispelt der schwarze Mann an der Mauer trotz der Wunde, die er erlitten, immer noch sein mahnendes: ,, Pst! Feind hört mit!" Herren- und Herdenmenschen entgegen. - Wir wußten nicht, wie uns geschah; hatten wir doch an diesem Orte bisher nur die eine Faust walten und unbestritten wüsten gesehen, die Faust, die uns selbst hierhergezerrt hatte und die auf unserm Geschick so unüberwindlich lastete. Und nun was war dies anders als die Spur einer andern Faust, die über die erste gekommen war und sich als mächtiger erwiesen hatte. Wir nehmen das Chaos der Verwahrlosung, des Elends und der Armut als Vorzeichen dafür, daß der Tag der Abrechnung im Anbrechen sei. Mir war plötzlich gewiß, daß das Gericht herabflammte auf diesen Ort des Fluchs, um Rache zu nehmen für die Ströme unschuldigen Blutes, die hier vergossen worden sind. Immer wieder stieß ich von einer Bewegung überwältigt, der ich so schnell nicht Herr werden konnte, die Worte hervor: ,, Weg! Nur weg damit! Weg! Ganz weg!" 15. Juni 1944 Zwei Volltreffer sind in das Porzellan gesaust, und zwar in die Buchhaltung, wo sie üble Verwüstung angerichtet haben. Der lange Dünne und der Pragmatiker sind ihre Opfer. Das ist zwar nur bildlich gemeint, aber die Folgen sind für uns fast ebenso schlimm, als wenn ein paar britische Bomben gefallen wären: der lange Dünne wird den Laufpaß bekommen und der Pragmatiker hat ihn bekommen. 3 250 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Schon vorgestern verkündete uns letzterer seine Niederlage. Die Sphinx hatte ihm in einem Schreiben eröffnet, daß seine Zivildienstverpflichtung am 15. Juni, also am heutigen Tage, erlösche und man davon absehe, sie zu erneuern. Das war ein schwerer, ein sehr schwerer Schlag. Nun wird es nichts mit dem Export und mit dem Entwischen nach Schweden. Diese grausame Enttäuschung! Und das schlimmste: die Sterne hatten gar nichts davon gewußt! Wie kam das nur? Erst für den 5. Juli hatten sie durch ihren Mund M. eine Störung vorausgesagt, und auf diesen 5. Juli hatte der Pragmatiker seine ganze Aufmerksamkeit gesammelt, wie er denn als ein Hans- guck- in- die- Luft den Blick überhaupt sehr stark aufs Firmament richtete. Ob er nicht gerade deswegen die nächsten Ursachen übersah, die Steine, die auf dem ordinären Erdboden lagen, so daß er über sie stolperte und stürzte? Noch gab er Polen nicht verloren. Denn ,, Allah ist groß!" sagte er ,,, man muß es probieren bis zum sechsten Male". Mutig hieb er Mummelgreis an, den Amtschef, der just wieder' nmal die Seydlitzkürassiere nachzählen mußte ( wegen der Berliner Bomben) und erhielt auch die Zusage einer Audienz. Aber, o weh! Der Tag verging, die Bomben fielen, die Gemüter regten sich auf und regten sich ab, aber wer nicht zur Audienz gerufen wurde, war der Pragmatiker. Endlich wurde ihm bedeutet, daß die Bomben das Konzept verdorben hätten und die Audienz dazu. Im übrigen läge nichts, gar nichts gegen ihn vor. Er solle ihm das glauben. Wer es indessen nicht glaubte, war wieder der Pragmatiker. Und er scheint recht zu behalten. Wir sind in größter Sorge um ihn: er ist gestern den ganzen Tag nicht erschienen, obwohl er doch noch einmal kommen sollte, um seine Sachen zu holen. Seine Sachen zu holen soll es wirklich ernst mit dem Abschied werden? Eine Wolke von Trauer hängt über der Buchhaltung, ja über dem ganzen Porzellan.„, Lazarus, unser Freund, stirbt!" Sind es nicht erst 14 Tage her, seit - das seine haus A schel chen hein and S Fra den brot stüc Tag wir Hal sons Spa Tag Brie Wo kun Sin tisc und der Ho es in lan ann Ha age. daß igen Das d es weste: das M. der wie aupt rade auf perte llah sten der ußte sage ben aber ker. zept läge ben. ker. Orge obhen mit iber rus, seit IM ,, PORZELLAN" 251 das ganze Kommando sich an den Äpfeln erlabte, die in seinem Namen aus den Mauern der Weltmacht Schweinhausen hier eingetroffen waren? Auch heute warten wir vergeblich auf ihn. Was ist geschehen? Wir wagen unsere Befürchtungen kaum auszusprechen und hoffen im stillen, sie seien grundlos. Aber insgeheim und unausgesprochen weiß jeder genau, woran der andre denkt: ,, Pst! Die Gest...., die Gest...! Pst!" So warteten sie einst auch auf uns, unsere Väter, Mütter, Frauen und Freunde, als wir in der Versenkung verschwunden waren. Sie warteten vom Mittagessen bis zum Abendbrot und vom Abendbrot bis zum Frühstück; vom Frühstück harrten sie wieder zum Mittagessen und vom zweiten Tag zum dritten, von der ersten Woche zur zweiten. Doch wir waren verschwunden und blieben verschwunden, kein Hahn krähte nach uns und selbst der Herr Polizeipräsident, sonst allwissend, wußte nichts von uns. Wir waren in der Spalte versunken, spurlos, rauch- und geruchlos, bis eines Tages, beim einen früher, beim andern später, ein nüchterner Brief zu Hause melden konnte, daß wir auf Staatskosten Wohnung genommen, weil wir sonst vor der Wut des Publikums nicht sicher gewesen wären. Ist's nicht so, ihr Brüder? Sind das nicht die Methoden dieser Spitze aller bürokratischen Pyramiden? Wir haben's am eigenen Leib erfahren, und nichts halten wir mehr für unmöglich bei diesem modernen Abklatsch der Inquisition. ,, Da ist alles dran!" sagt Hornochs, mit der ihm eigenen Bestimmtheit, und der muß es wissen. Abends 4 Uhr Laut einer Mitteilung des ,, V.B." ist General Eisenhower in der peinlichen Verlegenheit, den Angriff auf dem Festland eröffnen zu müssen. Der Verblendete! Wie hat er auch annehmen können, daß er mit einem Spazierstock in der Hand zum Rhein promenieren könne, ohne einer größeren 252 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Anzahl deutscher Soldaten zu begegnen? Merkwürdig ist immerhin, daß es ihm bei sotanem Geisteszustand gelang, den Atlantikwall zu überrennen, was ihm eigentlich von unserer Presse streng untersagt war. Soeben kommt der Obmann zur Buchhaltung hereingestürmt, vom heißen Brennofen weg, und teilt dem langen Dünnen mit aufgeregter Stimme mit: ,, Die Vergeltung ist im Gange. Seit gestern abend um 8 Uhr wird London von der Kanalküste aus mit weittragenden Geschützen beschossen." Dem langen Dünnen blieb pflichtschuldigst vor Staunen der Kiefer offen; doch als der Bote verschwunden war, verschwand auch das Staunen. ,, Vergeltung?", fragte er geringschätzig ,,, dann kommt der Tommy und beharkt uns noch mehr mit seinen Bomben; ein Rad drückt das andere". Der reine Denker findet die Sache reichlich dilettantisch und auf Prestigewirkung berechnet. Die Fernwirkung der Granaten, meint er, soll sich auch nach Deutschland erstrecken; und sie hat es wohl auch schon getan. Denn kaum war die Türe hinter dem Obmann zu, als die kleine Sekretärin der großen Sekretärin erschien und im Hereinhüpfen die gewichtigen Worte von sich gab, wie aus der Propagandakanone geschossen: ,, Die Vergeltung ist im Gang. London wird von der Kanalküste aus beschossen". Damit verschwand auch sie wieder und ließ die Türe hinter sich offen: dies letztere vielleicht, um die Wirkung des Hexameters zu erhöhen; vielleicht aber auch nur, weil es ihrer jugendlichweiblichen Eitelkeit schmeicheln mag, sich von einem männlichen Wesen, und sei es auch nur einem modernen Sklaven, bedienen zu lassen. Der Knabe Hiob betrieb seit Wochen mit gewaltigem Tempo seine Versetzung zur Besoldung. Es nahm ihn sehr mit, als es eines Tages hieß, ein anderer sei ihm vorgezogen worden, ein Klosterbruder aus Innsbruck. In den letzten Tagen lernte er dieses Unglück als ein Glück ansehen: just der fiel F Kat in Hu hat heil sein eine Ka blo Och wa aur VOI Ber stre sch pac wü Blo daf or VO vie In ge hu ein lat SO da ist ng, von 1gE- gen ist von 105- nen var, ge- uns ner isch ta- en; die der ge- da- don Tet- zu ich- nn- Ten, ‚em ehr gen ten just De 2 2 2270020033230 2., 2 23.3055 IM„PORZELLAN“ 253 der Klosterbruder, den sie an seiner Statt ausgesucht hatten, fiel dem Volltreffer zum Opfer. Er ist ein Phänomen, dieser Knabe Hiob! So wenig die Katze das Mausen, läßt er seine Leidenschaft, andern etwas in den Mund zu stecken. Unter eigenen Entbehrungen den Hungrigen sein Brot zu brechen, das ist sein Element. Das hat ihn mit hierher gebracht. Aber denkt ihr, er wäre ge- heilt, nachdem sie ihn„eingenäht“ hatten, wie Hornochs in seiner anschaulichen Sprache den Vorgang nennt, der aus einem freien einen gefangenen Mann macht? Mit nichten! Kaum war er selber aus der Hungerkur und dem Elends- block heraus, kaum war er bei Wülferts Hühnertöpfen und Ochsenschwanzsuppen angekommen, als er auch schon eine wahrhaft laurentianische Wohltätigkeit entfaltete. Er schien auf dem Block überhaupt nichts mehr zu genießen, sondern, vom Kommando auf die Stube zurückgekehrt, sah man ihn Berge von Brotlaiben zerschneiden, sie mit Margarine be- streichen und— welche Verschwendung!— mit Wurst- schnitten geheimnisvoller Herkunft belegen, dann ein- packen, das Paket unter die Arme nehmen und im Ge- wühl der Lagerstraße verschwinden. Die gewohnheitsmäßigen Blockbettler würdigte er dabei keines Blicks, es sei denn, daß einer von ihnen seine Aufmerksamkeit durch eine extra- ordinäre Magerkeit auf sich lenkte. Der bekam etwas ab von der Schatzkammer unter der Achselhöhle. Auf seinen vielverschlungenen Pfaden hielt er nach ähnlich gearteten Individuen Ausschau. Sie erregten sein höchstes Wohl- gefallen. Schien einer der Gabe würdig, das heißt ausge- hungert genug, der wurde unbarmherzig herzitiert und mit einer Doppelschnitte aus der Achselhöhle beglückt. Er durfte sich freilich dieser edlen Leidenschaft nicht lange hingeben. Gottes Wege sind nicht immer die unsrigen, so gewiß es höhere Wege sind. Gott belohnte ihn dadurch, daß er ihm das nahrhafte Kommando wieder nahm und 254 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU die Quelle des Wohltuns verstopfte, so wie Er ihm die Guttat an den Juden damit vergalt, daß Er ihn ins KZ schickte. Doch der Knabe Hiob hält es gleich mir und Paul Gerhard mit dem Wort: ,, Mein Unglück ist mein Glück, Die Nacht mein Sonnenblick." fesso leidet notw Mann ja, er gena thek Wuns Prof 19. Juni 1944 währ Pille So weiß er sich dennoch reich belohnt; er spricht mit Löhe: ,, Mein Lohn ist, daß ich darf." Mgz. Othmar von Troesch d'Orsola heißt der Professor der Soziologie im Zebrakleid, dem ich in der letzten Zeit etwas näher getreten bin. Vor einem halben Jahre habe ich ihn kennengelernt, als ich im Revier lag. Wir warteten gemeinsam vor der Ohrenstation: er, um sich am Ohr operieren zu lassen, ich wegen der Mittelohrentzündung, die mir die Allacher Ohrwatsch'n eingetragen hatten. Er sah weder wie ein Graf aus noch wie ein Professor. Wie im Revier üblich, hatte er die Decken um den Unterleib geschlungen nach Art eines Hindu. In seiner Haltung, dem Ton seiner Stimme und seinen Umgangsformen verleugnete er indessen seine Herkunft nicht. Er war sehr gesprächig, schien guter Katholik zu sein und verriet gleichwohl, trotz der verschiedenen Grafenschlösser, die er da hinten in Bosnien oder Kroatien zu haben behauptete, eine gewisse Neigung, bolschewistische Gedankengänge in Schutz zu nehmen. Der Pragmatiker ist heute unversehens wieder aufgetaucht. Wo er geblieben, hat er nicht verraten. Nun, auf jeden Fall ist er wieder im Lande. Das ist die Hauptsache. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn sah. So ist er doch nicht in die Hände seiner Feinde gefallen. Ich habe ihm nun aufs neue Gedichte und Tagebuchblätter anvertraut und hoffe sie in Sicherheit. Alle Achtung vor seinem Mut! Er wagt Freiheit und Leben! Für den gräflichen Proseher M Mein ben Nach Szen groß Der sond glau abge jede Wir lativ solut Got oder welt relig kuss auf glei der Sut- kte. 1ard nete hig, rotz Bos- Nei- nen. fge- auf ‚che. ter abe ver- nem >ro- IM„PORZELLAN“ 255 fessor hat er mir versprochen, Lebertran zu beschaffen. Der lidet an Knochentuberkulose und braucht das Mittel blut- notwendig, kann es aber von keiner Seite bekommen. Der Mann aus Schweinhausen ging sofort auf mein Anliegen ein, ja, er bedrohte mich direkt, falls ich vergessen sollte, ihm die genaue Anschrift des Grafen zu bringen. Er hat eine Apo- erswittib zur Base(glaube ich), so daß er hofft, den Wunsch in Bälde erfüllen zu können. So würde dem armen Professor die Hilfe werden, die ihm das Revier nicht ge- währen kann. Sie haben ja drüben weder Mixturen noch Pillen mehr. Wer die Arznei ‚nicht selber mitbringt, muß sehen, wie er mit seinem Übel fertig wird. Mit dem reinen Denker, geriet ich mich wegen einer Meinungsverschiedenheit i in die Haare. Glücklicherweise ha- ben wir uns schnell wieder die Hände gereicht. Bei längerem Nachdenken über die sich in letzter Zeit wiederholenden Szenen komme ich darauf, daß wir im Begriff sind, in eine große Verwilderung unserer politischen Sitten zu geraten. "Der Gegner soll nicht mehr wie ehemals ritterlich bekämpft, sondern gleich vernichtet werden. Woher kommt das? Ich glaube, die Ursache liegt darin, daß wir uns von Christus abgewandt haben. Wir haben, wenn wir Gott aufgeben, jeden Maßstab für die Rangordnung der Fragen verloren. Wir verhalten uns, wie Kierkegaard sagt, absolut zum Re- lativen anstatt relativ zum Relativen und absolut zum Ab- soluten. An die Stelle des verlorengegangenen Absolutums Gott müssen wir ein anderes setzen, nämlich die Politik oder sonst ein„Etwas“. Und nun bekommen rein inner- weltliche Sätze gleich das zentnerschwere Gewicht von religiösen Dogmen. Der Gegner wird zum Feind, die Dis- kussion zur Schlacht und es fehlt der gemeinsame Boden, auf dem wir fruchtbar kämpfen könnten. Man mordet sich gleich mit Haut und Haar. Greift dieser schlimme Geist, der vom Hitlerismus als einer verkappten Diesseitsreligion 256 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU besonders eifrig gepflegt wird, noch weiter um sich, so wird das unabsehbare Folgen haben, nicht bloß für Deutschland, sondern auch für Europa, ja die ganze Menschheit. Es wird bald die gemeinsame Plattform fehlen, welche bisher in der christlichen Weltanschauung bei allen Anlässen zu Reibereien, Zwistigkeiten und Kriegen noch immer gegeben war. Und es wird ein wüstes Gemetzel, ein Kampf aller gegen alle einsetzen, ohne daß die Möglichkeit bestünde, daß wir je wieder zueinander fänden, weil die Gegensätze unüberbrückbar geworden sind. - Wie peinlich der SS die Zerstörungen sind, die die Bomben in ihrem eigenen Bezirk angerichtet haben, und wie sehr sie diese als offenkundige Niederlage empfinden, geht aus oder vieldem hastigen Eifer hervor, mit welchem sie mehr wir, die Sklaven an die Verwischung der Spuren, an die Aufräumung und an den Wiederaufbau gehen. Und das trotz des Mangels an Material, der allenthalben das fünfte Kriegsjahr charakterisiert. In kurzem wird nicht mehr viel von den Verwüstungen zu sehen sein bis eine neue Ladung mit rücksichtsloser Bombenfaust dazwischenfährt und das alte Chaos wieder herstellt. Ja, jeden Tag kann sich zu jeder Stunde der Himmel öffnen und vernichtendes Feuer herabschütten, und keiner hat es in der Tasche, daß er verschont bleibe. Aber ziehen wir die Konsequenzen daraus? Beweisen wir den Ernst, der der furchtbaren Majestät des Todes gegenüber am Platze wäre? Nirgends und bei keinem ist die Bereitschaft umzukehren bemerkbar. Im Gegenteil: ,, Laßt und essen und trinken..." Selbst der Bibelkreis läßt sich nichts anmerken, daß ihm die Nähe der Ewigkeit zu Herzen gehe. Am Sonntagnachmittag begann es ein wenig zu regnen, und sofort nahmen wir das zum Anlaß wegzubleiben; während es den Fußballern nicht einfiel, ihre Bälle im Stiche zu lassen. Der Block 32 erfreut sich eines so lebhaften Besuches, als ob nic દ So et wäre. Herz das st Inner vita i Tod So no als ei von S Wort weser schre Au über Herz Likö Likö soll i an m kom du s De geleg diens geko daß verel verst unte Schu sitze ring nicht Zweit überIM ,, PORZELLAN" 257 wird so etwas wie ein Boykott gegen ihn beschlossen worden land, wäre. Freilich, die tiefere Strömung im Fluß des Lebens, im wird Herzen drin verborgen, läßt sich nicht feststellen, und der das stille Wirken des GEISTES ist gewiß dabei, manchen im reien, Innersten zu packen, wenn der gewaltige Baß des ,, media Und vita in morte sumus"( ,, Mitten wir im Leben sind von dem alle Tod umfangen") auf der Orgel des Bewußtseins erdröhnt. wir je So nehmen die Kumpels meine Bibelzettel gerne an. Mehr als einmal werde ich gemahnt, wenn sie ausbleiben, so heute von Strittmarder. Moiren, der Kölner, behauptete sogar, die Bom- Worte seien in der Invasionswoche besonders passend gee sehr wesen. Und doch hatte ich beim Aussuchen und Niederschreiben keine Ahnung von dem bevorstehenden Ereignis! Aus der Turmstraße ist gestern ein Paket eingetroffen, über das ich sehr froh war. Es enthielt zwei Fläschchen Herzgold, das die angenehme Doppeleigenschaft hat, wie Likör zu schmecken und als Arznei zu wirken. Und zum Likör hatten sie auch gleich den Kuchen eingepackt. Wie soll ich es den getreuen Nachbarinnen lohnen, was sie alles an mir tun! Mögen sie unangetastet durch die feurige Lohe kommen! Kein Härchen werde ihnen gekrümmt! Das hilf, du starker Herre Zebaoth! t aus vieluren, Und das mehr neue fährt mmel mzutrin-- einer Der reine Denker hat Kreditoren und Debitoren beiseiteLiehen gelegt und eine Arbeit aufgenommen, die er einen Kavalierst, der dienst nennt. Die Kräuselnase ist aus dem Urlaub zurückPlatze gekommen und hat die Briefe bergehoch vorgefunden, so daß sie vor Angst und Scheu wimmert. Aus weiter Ferne verehrt sie der reine Denker spinozistisch- platonisch nur, versteht sich. Aber er verehrt sie als Buchhalter und hat sie unter seine Kreditoren aufgenommen. Nun trägt er an der Schuld ab, die Verliebte ihren Lieblingen gegenüber zu besitzen wähnen, ohne daß sich je die Schuldsumme verringerte. Macht sie die Türe hinter sich zu, so geht es ihr nicht wie dem Cerberus, der Schimpfmamsell, die auf die 1, daß ntagnahs den . Der b nie Zweitausend Tage Dachau 17 258 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Häftlinge flucht wie ein Bayer, und auf die drum wieder geflucht wird; nein, an ihre Sohlen heften sich wie ein Kometenschweif im Gegenteil die Spuren der Dankbarkeit jener Angespieenen, die jedes freundliche Wort, das zu ihnen gesprochen wird, aufheben und festhalten wie ein unerhörtes Erlebnis. Heute war der reine Denker sehr unzufrieden mit seinem Biblizisten. Ich warf ihm unzeitgemäße Nachgiebigkeit vor, vermöge deren es dem Loki des Porzellans gelang, über die Buchhaltung auf der ganzen Linie zu siegen. Dieser Loki, ein häßlicher Gnom mit neidischer Seele, hatte seither die Aufgabe, unsern Raum mitzuputzen. Seit einiger Zeit hält er es für unter seiner Würde, uns zu bedienen, weil wir ,, nur" Häftlinge seien genau wie Loki selbst. Der reine Denker wollte nachgeben. Ich widersprach und verlangte, daß wir Gegenvorstellung erhöben. ,, Bei wem denn und wie?" fragte mein Widerpart verzweifelt. ,, Du verkennst unsere Lage, wir haben nichts zu tun als den Mund zu halten." ,, Ganz und gar nicht!" entgegnete ich erhitzter als nötig ,,, wie erzielt denn der Pragmatiker seine Erfolge? Durch ruhige Festigkeit! Sie sind auf uns angewiesen, und ich möchte behaupten, daß die Drohnen auf eine so gediegene Arbeitsbiene wie den reinen Denker nicht so ohne weiteres verzichten werden". Er: ,, Ach was, Buchhalter gibt es im Lager schockweise. Um einen Buchhalter wären sie nicht verlegen." Ich: ,, Wenn auch aber zuerst muß er sich einarbeiten. Da würde der lange Dünne protestieren." Er: ,, Der! Was hat der zu melden? Über den geht der Obmann trotz seiner Sterne zehnmal für einmal hinweg!" - ,, Mag er", schloß ich. Auf keinen Fall dürfen wir kampflos alles über uns ergehen lassen. Wir müssen versuchen, uns der Verschlechterung unseres Loses entgegenzustemmen nach des Pragmatikers Rezept:„ ,, Probieren bis zum sechsten Male!" - - « Die der L versch Dacha und s sache, den I fahne entste für d sein, saren wir, noch und schäch Di Puffe Sonna macht als di baren gehab Er auch einig weib Flüch mung seine Torte Lebe gefüt Grab eder ein ‚keit nen ner- nem vor, die ‚oki, die hält wir eine 1gte, und nnst z "als Ige? und die- wei- gibt sie IM„PORZELLAN“? 259 Die Vergeltungswaffe bringt uns„zusätzliche“ Nöte. Bopp, der Luxemburger, behauptet, daß ihre einzelnen Teile in verschiedenen Konzentrationslagern hergestellt werden. Dachau liefere die Zünder, Friedrichshafen die Mittelstücke und so fort. Darin läge auch die Erklärung für die Tat- sache, daß die Flieger aus ihrer schonenden Zurückhaltung den Lagern gegenüber herausgetreten sind. Da die Rauch- | fahne, die ganz ungescheut dem Schlot unserer Manufaktur entsteigt, den Bombern einen ausgezeichneten Fingerzeig für den Abwurf gibt, so müssen wir täglich darauf gefaßt sein, daß wir samt Rehen, Dackeln, Friedrichen und Hu- saren von der Riesenfaust zerschmettert werden, oder daß wir, ins Lager zurückkehrend, von unsern 30 Hütten nur noch die Grundmauern vorfinden, weil die dünnen Dächer und Wände von dem Atem der Explosionen wie Zündholz- schächtelchen in alle Winde geblasen wurden. Die Kartoffeln gehen auf die Neige und damit auch die Puffer. Noch zweimal werden sie reichen: morgen und am Sonnabend. Dann ist es aus mit der Herrlichkeit. Das macht, daß der Pragmatiker weggeht. Es trifft uns mehr als die Invasion. Allein es schadet nichts, daß wir Undank- baren merken, was wir an der Weltmacht Schweinhausen gehabt haben. Er hat nun doch noch’nmal zu uns hereingesehen, wenn auch nur, um festzustellen, daß sein Barometer wieder um einige Grade gesunken ist. Seine Freundin, das Cerberus- weib, hat ihm mit einer ganzen Portion oberbayrischer gedroht. Das war nicht dazu angetan, seine Stim- mung zu heben, hinderte ihn aber nicht, mir für zwei seiner ehemaligen Lagerfreunde, Fabisch und Rößler, einige Tortenstückchen mitzugeben. Den letzteren nennt er seinen Lebensretter, weil er ihn(wie auch mich) mit Brei durch- gefüttert hat, nachdem ihn der Typhus an den Rand des Grabes oder vielmehr des Kamins gebracht hatte. Es wird 178 260 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU freilich schwierig sein, die Erzeugnisse der Münchner Konditorenkunst über den Drahtzaun zu schmuggeln, da sie von kriegsmäßiger Weichheit sind. Sie offen an der Wache vorüberzutragen, wäre zu gewagt. In der Tasche würden sie zu einem Brei zermalmt, und so muß ich sie wohl in eine Schachtel stecken und diese auf die geeignete Zufluchtstätte solcher Frachten binden, meinen Bauch. den so wesen Hier , dene Europ Sie w zu we stünd 27. Juni 1944 obena Der Knabe Hiob ist die Treppe hinaufgefallen. Sie haben ihn sage und schreibe zum Hilfscapo gemacht! Wie lange die Herrlichkeit dauern wird? Sie können doch keinen Menschenfreund zum Menschenfresser brauchen! Nie! - Der reine Denker hat heute wieder Vernehmung. ,, Das geht so lange, bis sie dich eines Tages hinauswerfen!" spottete der weiche Hartmann gutmütig. Ob ich nicht Jan, den Polen, herüberlotse, falls die Stelle frei wird? Er hat neulich durchblicken lassen, daß ihm das Leben in der W.B. zur Qual wird. Die Enge auf dem Block wirkt sich als kannibalische Folter aus, der kein Mensch auf die Dauer gewachsen ist. Auch Fabisch, der Ingenieur, stöhnt Stein und Bein. Er kann des Nachts kein Auge zutun, weil er ununterbrochen Rippenstöße erhält, von rechts, links, oben und unten. Es war der reine Pendelverkehr und ging zu wie in einem ,, Topfe von Holzwürmern". Der Kirchenblock ist wieder einmal Gegenstand der Aufmerksamkeit derer da vorn. Sie werden hart mitgenommen von Besuchen, Filzereien und ähnlichen Bezeugungen der Teilnahme, die eine hohe Behörde am Innern ihrer Seelen, ihrer Spinde und Pakete nimmt. Vor einigen Tagen nun erlitt dabei einer der Schnüffler eine Abfuhr, über die alle Blöcke lachten, die geraden wie die ungeraden: kommt er da mit einigen Uniformierten, die offenbar in ihr Amt als Lagermoguls eingeführt wersonsti stehen also g tut e Ein S nächst und d vierte führt. Zuhö dem Pfarr Dom dem De flücht geher nis, chara fang einig weil nicht Abo Kona sie Wache irden l in ucht1944 aben IM ,, PORZELLAN" 261 den sollen, in eine Stube und hält es für richtig, die anwesenden Geistlichen gleich in ein nobles Licht zu rücken: Hier sehen Sie die Herren", erhob er seine Stimme, denen es am besten geht. Täglich werden sie aus ganz Europa mit Wagenladungen von Paketen überschwemmt. Sie wären gar nicht in der Lage, mit den Genüssen fertig zu werden, wenn wir ihnen dabei nicht hilfreich zur Seite stünden. Schau'n Sie sich nur diese Schachteln an, die bis obenan gefüllt sind mit Schinken, Würsten, Kuchen und sonstigen Leckerbissen." Damit gab er dem ihm am nächsten ange stehenden geistlichen Sklaven einen Wink, daß er eines der also gekennzeichneten Magazine herabhole und öffne. Der tut es, und was erblicken die gespannten Herrenaugen? Ein Stück trocken Brot, weiter nichts! ,, Na, dann das nächste, dort in der Ecke!" Es wird geholt und geöffnet, und drin ist diesmal überhaupt nichts! Als nun auch der vierte und fünfte Versuch zu keinem fetteren Ergebnis führt, macht der Mann zum heimlichen Gaudium seiner Zuhörer auf dem SS- Absatze kehrt und verschwindet samt dem hohen Gefolge ähnlicher Absätze aus der ungastlichen Pfarrerstube. So geschehen und glaubwürdig bezeugt anno Domini 1944, des Monats Junii in der dritten Woche nach dem Feste der Pfingsten. einen Das fen!" nicht wird? en in wirkt f die Löhnt weil inks, ging Aufngen ihrer - - 28. Juni 1944 Der gräfliche Professor ist eiligst aus dem Revier geflüchtet, um einem drohenden Vergasungstransport zu entnom- gehen. Er erzählte mir als Augenzeuge von einem Erlebnis, das er in dieser Mörderhöhle gemacht hat, und das charakteristisch ist für die Art, wie Gefangene mit Gefangenen umgehen. In seiner Stube hatte der Stubendienst einige Kranke, die auf dem Abort saßen, zurückgeschickt, weil aufgewaschen werden sollte. Ein junger Russe, der nichts davon wußte, war im Begriff, ebenfalls auf den Abort zu gehen, als er an der Tür von dem Manne angeiffler wie rten, wer 262 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU halten wurde. Da er Eile hatte, wünschte er aber sträflicherweise doch hinauszugelangen. Das brachte die Respektperson in solche Wut, daß sie ihm eine Ohrfeige versetzte und zu weiteren Schlägen ausholte. ,, Warum du mich hauen?" stammelte der Kranke, indem er die Hand des andern ergriff, um den drohenden Schlag abzuwehren. Doch kaum hatte er diese Bewegung gemacht, da fiel jener erst recht mit voller Wucht über ihn her, riß ihn zu Boden, rief seine Kumpane herbei und bearbeitete ihn mit Füßen und Fäusten, wie es so üblich, bis sich der Ärmste nicht mehr regen konnte. Dann wurde der Oberpfleger, ein Luxemburger, benachrichtigt. Dieser veranlaßte, daß der ,, Meuterer" in die Tobsuchtszelle geschleppt wurde. Dort ist er nach 2 Tagen, ein sonst kräftiger Mensch von etwa 23 Jahren, gestorben( worden). Der Professor, ein glaubwürdiger Mann, erzählte mir das Geschehnis in tiefer Erschütterung und Empörung. Heute berichtete er mir dagegen etwas sehr Schönes, und ich will nicht säumen, es unmittelbar der Erzählung des traurigen Vorfalls folgen zu lassen. Es beweist, daß die Kameradschaft im Lager keineswegs ausgestorben ist, wie man oft meinen möchte. Aus Schweinhausen sei ein Päckchen angekommen und ihm ausgehändigt worden, verkündete er mir freudestrahlend. Das habe ihm große Freude gemacht. Es enthielt eine Flasche des von ihm so dringend ersehnten Lebertrans und stammte natürlich von unserm Pragmatiker. Der hat also ein besseres Gedächtnis bezüglich seiner Mitgefangenen bewahrt als der ägyptische Bäcker in der Josephsgeschichte, der seines Leidensgenossen vergaß. Er hat geholfen und er hat rasch geholfen: ,, Bis dat qui cito dat!" ,, Doppelt gibt, wer schnell gibt!" 28. Juni 1944 Der Knabe Hiob wird vom Unglück verfolgt wie von einem Gespenst. ,, SOS! Ich muß mit dir sprechen", begrüßte er mi einer das unter rauch Nun an. I Er w aus Gesic gener Mens ersta anka und ände Herz Raud Sond linge Kop selbe Tisch zu t also klar mich Vorg uns durd auf Fab eine vom räf- Re- ver- nich des )och erst üg- ker qui 944 on IM„PORZELLAN“ er mich gestern abend, als er von der Arbeit kam. Nacı einer halben Stunde schoben wir uns durchs Blockgewühl, das seinen abendlichen ‚Ständerling abhielt, die Schuhe unter reichlichem Speichelverbrauch putzte oder Machorka rauchte, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Nun begann er zu berichten: Schon gestern fing der Tanz an. Da war ein Sitzplatz an seinem Tisch frei geworden. Er wollte ihn einem jüngeren Italiener verschaffen, Paschali aus Neapel, welchem man die Verelendung am bleichen Gesicht ansah. Doch der Schreiber lehnte den Vorgeschla- genen schon von weitem ab. Das sei ja noch ein junger Mensch. Ein Fußübel habe er? Das hätten wir alle. Wie ‚erstaunt war Hiob aber, als der Kandidat des Schreibers ankam: ein Hüne von Gestalt, noch in den besten Jahren und gesund. Nun, er konnte nichts an der Entscheidung ändern und duldete den Neuen, wenn auch mit Unmut im Herzen. Mehrmals mußte er im Laufe des Tages ihm das Rauchen untersagen. Auch sonst nahm sich der Schützling Sonderrechte heraus, wie wir es nur allzugut von den Lieb- lingen der Mächtigen kennen. Hiob war nicht so auf den Kopf gefallen, daß er nicht Lunte gerochen hätte. Auf ihn selber war es abgesehen; sein Nachfolger sat mit ihm am Tisch. Der sollte ihn verdrängen und hatte alle Aussicht es zu tun, da er ein Landsmann des Schreibers war. Es war also Gefahr im Verzuge, und ich sollte helfen, das war mir klar. Doch ich konnte es nicht, es sei denn, ich wandte mich an den Inhaber der Parolenmühle, der so eine Art Vorgesetzter für die Kabelzerlegung ist. So schlugen wir uns denn zum achten Block durch und riefen seinen Nanıen durchs Fenster hinein. Zunächst meldete, sich Nicolai, der auf derselben Stube kampiert; gleich darauf erschien audı Fabisch. Er hörte Hiob an, hatte aber nichts vorrätig als einen alten Ladenhüter von gutem Rat: er solle, sobald er vom Abbau höre, sich das nicht gefallen lassen, sondern 264 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU sogleich zum Kommandoführer gehen und Verwahrung einlegen mit dem Hinweis darauf, daß es sich um eine Vetterlesgeschichte handle. Damit mußten wir uns wohl oder übel zufrieden geben und der weiteren Dinge harren. De haup hatte - halte ähnli 29. Juni 1944 ihrer selbe Der professorale Graf scheint wieder ins Revier zurückgekehrt zu sein. Er ist mir in den letzten beiden Tagen nicht mehr begegnet. Freilich will dies hierzulande nicht viel besagen. Oft geschieht es, daß man einen Bekannten monatelange nicht mehr sieht und bereits fürchtet, er sei gestorben und verdorben auf einem Transport oder sonst an einem Ort. Doch unversehens taucht das Gesicht sain et sauf wieder auf und wird nach Landesbrauch feierlich und förmlich begrüßt:„ Na, ich dachte, du Lump wärest schon lang durch den Kamin!" Mein Sorgenkind ist gestern noch mit heiler Haut davongekommen. Der Nebenbuhler gab seine Absichten nur knurrend zu verstehen, indem er rein rednerisch daran festhielt: ,, Ich bin( gewesener) Capo; ich kann rauchen, wenn es mir paẞt." Ich riet Hiob übrigens, ruhig ein Auge zuzudrücken, was das Rauchen betreffe. Wozu sich Feinde schaffen? Allzu scharf macht schartig. Die Knute möge er den Fronvögten überlassen. Er selber gehöre zu den Zebras und habe auch auf ihrer Seite zu stehen, sofern es sich nicht um Sündiges handle. So mancher Capo, der dies vergesse, werde es eines Tages bitter zu bereuen haben. Heute morgen herrscht wieder das allerschönste Sommerwetter. Aber wir sind gewarnt, uns nicht allzusehr auf das Lachen der Bläue zu verlassen: es hatte Morgenrot, und auf dem Heimweg winkten die Alpen in allzu durchsichtiger Nähe, als daß wir dem Frieden trauen dürften. Zudem: sind nicht neulich aus dem blauen Himmel die vernichtenden Bomben geradewegs auf uns herabgestürzt?- er in die Geda dene ein - V heim gart an c und Das gelös Wer kurz Wen laser ture. übri nun Städ Ger pelt borg borg D stück laut rung eine oder - 1944 -ückagen micht nten - sei onst met und chon vonnurelt: mir ken, lzu ten uch Eges nes erdas auf ger m: en- IM ,, PORZELLAN" 265 Der reine Denker bejammert das Schicksal der Reichshauptstadt. Als Anthroposoph aus dem Lehramt vertrieben, hatte er sich jahrelang in Berlin als Arbeitsloser aufgehalten und die Berliner dabei schätzen gelernt. Es ist ihm ähnlich gegangen wie mir, der ich sie aus der Ferne wegen ihrer Mundart verabscheute, aber sie in der Hauptstadt selber achten und lieben lernte. ,, Die schöne Stadt", klagte er in mitleidigem Tone ,,, wie schade ist's um sie. Das haben die Berliner nicht verdient, nein, das nicht!" Und seine Gedanken fliegen zurück an die zahlreichen Stätten, mit denen er allmählich zusammengewachsen war, wie nur je ein Einheimischer selber; an die Museen, die Kaffeehäuser vorab Mokka Efti mit seinen labyrinthischen Sälen und heimeligen Nischen, an die Kinos und Theater, an den Tiergarten und die Untergrundbahn, an die Plätze und Paläste, an das Alte Schloß und das Zeughaus, an die Staatsbücherei und den Dom, an die Tingeltangels und die Schwimmbäder. Das alles soll samt der internationalen Großzügigkeit ausgelöscht sein, ausradiert wie ein Bleistiftkreis auf der Karte! Wer hätte, ergänzt der Biblizist mittrauernd, noch vor kurzer Zeit eine solche Katastrophe für möglich gehalten! Wenn wir moderne Menschen von Ninive und Babylon lasen, von der Großartigkeit ihres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens und von den Trümmern, die allein noch übriggeblieben, so däuchte es uns, als wären's Märlein. Und nun vollzieht sich ein solches Schicksal an uns vertrauten Städten vor unsern Augen: Schicksal? Bestimmung? Gericht? Gottesurteil? Ich denke: Heimsuchung im doppelten Sinne des Gerichts, in welchem aber, den Augen verborgen, doch noch als Gnade der Ruf zur Rückkehr verborgen ist.- - Dem reinen Denker ist bei seiner Vernehmung ein Schriftstück vorgelegt worden, das er unterschreiben sollte. Es lautete: ,, Ich verpflichte mich, in Zukunft nicht mehr für 266 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Üb bauen mit c Dacha die anthroposophische Gesellschaft tätig zu sein." Es war Buchh gestern ein Streit darüber entstanden, ob er unterschreiben von d werde, falls sie es von ihm verlangten, und der lange Gener Dünne ereiferte sich dafür, daß er nicht unterschreibe. Nun, er hat unterschrieben und konnte es wohl auch mit gutem Gewissen. Denn ein Verzicht auf die Anthroposophie war ja nicht gefordert. Er erklärte uns heute allerdings, daß er auch unterschrieben hätte, wenn dieser Verzicht von ihm verlangt worden wäre. Wäre das nicht Verleugnung seiner Überzeugung gewesen? Er denkt nicht; er ist vielmehr der Ansicht, er sei nicht verpflichtet, Räubern und Mördern gegenüber die Wahrheit zu sagen, sondern mehr sich gegen ihre Anschläge zu schützen. Rudolf Steiner gegenüber mag das gelten. Jesus Christus gegenüber wäre es Verleugnung Sinne und Verrat. es ni folgt, sich schwi Gesar im se strick 30. Juni 1944 Aufk Der lange Dünne, der sich von Luxemburg hatte ins Schlepptau nehmen lassen, hat, pater peccavi" gemacht ( gebeichtet). Hat er seine Weltanschauung, die erheblich an Glanz eingebüẞt unter dem Eindruck des überwundenen Atlantikwalls, wieder aufpolieren lassen? Gleich in aller Frühe orakelte er mit wichtiger Miene darauf los. Im Westen bereiteten sich große Dinge vor. Wir stünden am ,, Vorabend der Vernichtung der Invasionsarmee". Die abenteuerliche Vision blieb ohne jegliches Echo zwischen den Wänden der Buchhaltung. Bopp, der Luxemburger, lachte sich einen Ast, setzte sich darauf und schnitt von oben herab Grimassen auf den gläubigen Jünger des Herrn Goebbels. Er nahm sich die Freiheit, diesen nach der Quelle seines Wissens zu fragen. Da stellte es sich heraus, daß es auf einer Art Geheimwissenschaft beruhte, die er unterirdischen Nachrichten zu verdanken vorgab. Bopp ließ sich so wenig davon beeindrucken, daß er es im Gegenteil mit offenem Spott quittierte. Auch die übrigen Glieder der sagte dert alle geriet mit begr aus nen Vo vorig abges darin Man beste zu d der angr IM ,, PORZELLAN" 267 war Buchhaltung waren nicht geneigt, auch nur ein Tüttelchen eiben von den gespannten Erwartungen preiszugeben, die sie an Lange General Eisenhowers Feldherrnkunst knüpften. Nun, item - Übrigens möchte Bopp dem Biblizisten goldene Brücken bauen. Er gibt ihm zu verstehen, daß er eigentlich nichts war mit dem deutschen Volk zu tun habe. Eingebürgert in Dachau, sei er ausgebürgert aus Deutschland. Er versteht Ber egen mag ung ihm es nicht, daß der Biblizist diesen Gedankengängen nicht einer folgt, sondern sie als Versuchung ablehnen muß. Er kann der sich nicht zum Weltbürgertum des reinen Denkers aufdern schwingen, sondern beugt sich unter die Last, die ihm die Gesamtschuld aller Deutschen auferlegt. Gewiß ist er nicht im selben Maße schuldig wie die SS, aber in irgendeinem Sinne weiß er sich hineingezogen in die allgemeine Verstrickung von Sünde und Verantwortung, die zu diesem Aufkochen deutscher Raserei geführt hat. ,, Meine Sünde", sagte er ,,, liegt nicht auf politischem Gebiet. Aber das hindert nicht, daß sie mit beitrug zu der Entscheidung, die uns alle in diesen Strudel. des Verderbens gerissen hat." Wir gerieten einander fast in die Haare. Bopp meinte es gut mit ihm, desgleichen die beiden andern; sie können's nicht begreifen, daß er von ihrem hochherzigen Anerbieten, sich aus diesem Netz von Fluch und Schuld herauszulösen, keinen Gebrauch machen will. 944 ins acht an nen ller Im am enden hte ben eb-lle es erich mit er - Abends Von Hugo Krain, dem alten Reviergenossen aus dem vorigen Jahr, erfahre ich, daß die Häftlinge der SS- Küche abgestellt worden seien, wenigstens die sechs älteren, die darin schon jahrelang Kartoffeln schälten. Das ist für die Mannen ein schweres Unglück, da das Kommando zu den besten zählte, die es gab.- Auf meine Frage, wie es denn zu dieser Katastrophe gekommen, erzählte er mir, mich auf der Lagerstraße begleitend, folgendes: ,, Beim letzten Luftangriff war dem Kommando der Kartoffelkeller als Schutz 268 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU raum zugewiesen worden. Doch um ein Haar wären sie samt dem Keller in die Luft gegangen, denn dieser bot nicht den geringsten Schutz. Nun gebot ein neuer Lagerbefehl, daß sämtliche Kommandos, die im Bereich der Kommandantur arbeiteten, bei Alarm ins Lager einrücken sollten. Nichtsdestoweniger verlangte der SS- Führer, daß das Kommando nach wie vor in den Kartoffelkeller gehen sollte. Als der Capo widersprach, wollte jener die Namen der Gestreiften wissen, die sich dessen weigerten. Der Capo erwiderte, daß er dann alle Namen aufschreiben müsse. Dies versetzte den Herrenmenschen in unbeschreibliche Wut. ,, Was!" schrie er, rot vor Zorn ,,, an der Front sterben sie zu Hunderttausenden, und ihr habt Angst um euer bißchen Leben! Ihr Schweine! Ihr verdient nicht, daß ihr lebt, alle miteinander gehört ihr gehenkt!" Nun, das war nicht undeutlich. Einige bekamen es mit der Angst zu tun und waren gewillt, die Furcht vor den Bomben der Furcht vor der Allerhöchsten Ungnade zurückzustellen. Aber es nützte nichts mehr. Sämtliche altgedienten Schäler mußten daran glauben, darunter Leute, die 3 Jahre lang von 3 oder 4 Uhr morgens an für die Moguls Kartoffeln geschält oder Geschirr gespült hatten, und ohne deren Sklavendienst sie keine Schnitte Brot und keinen Schluck Kaffee bekämen. Ja, die Herrenmenschen und die Herdenmenschen! Sie sind übriggeblieben, nachdem sie dem Christenmenschen in Deutschland den Stuhl vor die Türe gesetzt. Die Herdenmenschen, das sind die Viecher, die das Recht haben, sich abschlachten lassen für die Herrenmenschen und es sich zur Ehre anrechnen müssen, wenn sie ihre Seele aushauchen dürfen unter den Absätzen der arischen Lichtträger. Die Türen der Kabelzerlegung wurden, wie mir der Knabe Hiob sagte, sogleich abgeschlossen, so daß kein einziger während des Bombenhagels herauskonnte, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Raum nebenan war getroffen worde schen Feind übrige Lager streif ausge so da schwe dürft He gegen culpa Gotte und nau kuche dara Solch fünft und hin? sind Last die n leide daß brac Bew beit hast Gen IM„PORZELLAN“ 269 sie|worden; nur der unsichtbaren Hand hatten über 1000 Men- bot ‚schen ihre Rettung zu verdanken; sie, die die Faust ihrer ger- Feinde unbarmherzig festhielt am Ort der Todesgefahr. Im om- Jübrigen sind die paar Splittergräben, die sie in Eile um das oll- ILager herum ausgehoben, der einzige Schutz für die Ge- das| streiften, während für die SS immer neue mächtige Bunker hen ‚ausgehoben werden. Uns steht keiner davon zur Verfügung, so daß, wenn-uns Gott nicht schützt, bei einem wirklich nen apo| schweren Angriff nur wenige mit dem Leben davonkommen sse, dürften.— che den 4. Juli 1944 iR: Heute ist mein Geburtstag. Ich begann ihn in Undank bi,| gegen meinen Schöpfer.© dieser Aussatz der Seele! Mea cht, eulpa, mea maxima culpa! Wie wenig verdiene ich die Liebe nd| Gottes und der Menschen! Und doch werde ich von Gott or| und den Menschen mit Wohltaten überhäuft. Ist nicht ge- te| Mau zum Vorabend aus der Turmstraße der Geburtstags- an| kuchen eingetroffen? Welche zarte Aufmerksamkeit spricht hr daraus! Er muß im Bombenhagel gebacken worden sein. E Solche Treue darf ich erfahren. Sie werden nicht müde im fünften Jahr meiner Haft; und ich will oft müde werden und frage in die Nacht hinein:„Hüter, ist die Nacht schier hin? Hüter, ist die Nacht schier hin?“ Zwei Umstände . sind es, die mir helfen, jeden Morgen neu die schwere N med per © \ Last auf die Schultern zu nehmen: einmal meine Schuld, n die mir sagt, daß ich Schächer wohl verdient habe,„Pein zu . leiden in dieser Flamme“. Zweitens erinnere ich mich daran, n daß es ja mein eigener Entschluß war, der mich hierher brachte. Ich hätte das Lager vermeiden können. Mit vollem Bewußtsein dessen, was meiner wartet, habe ich meine Ar- beit getan. Gut, sage ich mir in schwachen Stunden: du hast dich zum KZ entschlossen; sieh, das ist eben das KZ! Genau das! Das wolltest du; nun leide es und stapfe mutig 23 - 270 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU durch den Sumpf. Es ist einer da, der läßt dich sinken, aber bei jed nicht versinken. Vitami Wir wurden weiter zusammengepreßt. Der Höhepunkt gesund scheint immer noch nicht erreicht zu sein. Wie lange soll das fehlt, so fortgehen? Wann soll es enden? Unter den paar Glücklichen, die noch über einen eigenen Strohsack verfügen, bin ich wiederum das beste Geburtstagsgebinde. - Loki war wieder einmal Anlaß zu einer hitzigen Auseinandersetzung mit dem reinen Denker. Der mißgestaltete Zwerg machte sich in höhnischer Weise über unseren todkranken Capo lustig, indem er dessen hoffnungslosen Zustand zur Zielscheibe gemeiner Witze erkor. Der reine Denker brachte es fertig, über den Unflat der Canaille noch zu lachen. Als ich ihm diese allzugroße Duldsamkeit vorhielt, meinte er, mein Fanatismus ließe mich alles in einem düsteren Licht sehen. Da setzte ich ihm die Pistole auf die Brust, indem ich ihn fragte, wie es denn komme, daß er den ärgsten Frivolitäten gegenüber, nie aber gegen den Biblizisten duldsam sei? Die Antwort blieb er mir aus gutem Grunde schuldig: Mephisto steckt dahinter! Kurz vor Feierabend einigten wir uns wieder. Im Scherze gewährte ich ihm Absolution für alle Brocken, die er mir jemals an den Kopf geworfen, im Fall, daß er morgen entlassen werde. Er darauf: ,, Du wirst froh sein, wenn ich nicht mehr komme." Ich, abwehrend: ,, Im Gegenteil, ich weiß sehr gut, was die Buchhaltung an einem Capo hat, der eher selber den Besen nimmt, bevor er ihn andern in die Hand drückt." Das freute ihn denn auch sichtlich, so daß die beiden geistigen Raufvögel wieder auf einen grünen Friedenszweig gekommen sind., - außer Fuße. wenige zogen, Quäler hetzen der G schen geklag das go gen vi befrag als Pr kurzer es, da innere besser selbst Elend liche sucht, einer die Za Ein Morg 5. Juli 1944 Wohls wesun Der reine Denker ist heute unwohl. Die Nacht hat er Fieber gehabt. Auch Boris Hartmann fühlt sich angesteckt von der allgemeinen Seuche. Ach, wir sind alle so anfällig als w Bahnh -enzu IM ,, PORZELLAN" 271 aber bei jedem Luftzug; fehlt uns doch seit Jahren das wichtigste Vitamin, die Freiheit. Corpus sanum in mente sana!( Ein unkt gesunder Körper in einem gesunden Geist). Wo die Freiheit das fehlt, krankt Wille, Verstand und Gefühl; ist die Seele ück- außer Rand und Band, folgt des Leibes Zerstörung auf dem bin Fuße. Verrückt sind wir alle; der eine mehr, der andere weniger. Bei jedem ist der Verstand in Mitleidenschaft geein- zogen, am meisten bei den alten Semestern. Nur so sind die tete Quälereien zu erklären, mit denen wir einander in den Tod cod- hetzen. Das einzige Mittel, die Seele gesund zu erhalten, Zu- der Glaube an den Heiland, wird von den meisten Deutschen verächtlich beiseitegeschoben. Wir haben, Gott sei es geklagt, im Lager den traurigen Ruhm, unter allen Völkern. das gottloseste zu sein. Selbst von den jungen Russen tragen viele ein Kreuz auf der Brust und, nach ihrer Religion befragt, erklären sie sich nicht etwa als Atheisten, sondern als Prawoslawen, das heißt als orthodoxe Christen. Seit kurzem macht sich ein gewisser Umschwung bemerkbar, sei es, daß der Terror einer bestimmten Gruppe gegen alles, was innere Erhebung heißt, nachläßt, sei es, daß die Neuen einen besseren Geist hereinbringen, oder sei es, daß der GEIST selbst sich ans Werk macht, uns heimzusuchen und unserm Elend aufzuhelfen. Die Predigten, obwohl für Nichtgeistliche verboten, werden von Sonntag zu Sonntag besser besucht, und zu unserm kleinen Kreise in der Ecke findet sich einer nach dem andern hinzu, so daß wir manchmal schon die Zahl der Apostel erreicht haben. elt, düdie er Hen gurz gemir t- ch ch at, in 50 en 4 er t 80 - 6. Juli 1944 Eine garstige Blüte der Hitlerkultur verbreitete heute Morgen ihr Aroma über ganz Dachau. Es ist nicht der Wohlgeruch des Lebens, sondern der Pesthauch der Verwesung, der ihrem Kelch entströmt. Es war in aller Frühe, als wir beim Ausrücken das Geleise überquerten, das vom Bahnhof zu den SS- Baracken führt. Pfui Kuckuck! Was für 272 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Wasser bestäti ein abscheulicher Gestank drang uns da plötzlich in die Nase? ,, Was leeren sie da für ein Jaucheloch?" fragte ich liegend meinen Nebenmann.„ Jauche?" antwortete der ,,, das ist dem G keine Jauche; das sind die Leichen, die riechen noch schlim- zahlrei mer als Jauche".- ,, Leichen? Was für Leichen denn?" frage ich zurück. ,, Na, die Franzosen, die gestern mit dem Trans- nun ha port angekommen, und von denen 489 in den Wagen erstickt sind!" Mir wurde noch übler von der Nachricht als von den fernt, Gasen, die von den Toten ausgingen. So bewahrheitete sich sahen, also doch, was gestern gemunkelt wurde: beim Einmarschie- lichen, ren stand der Platz voll nackter Gestalten. Ein Transport, ren da hieß es: Neuzugänge aus Frankreich. Bald danach wankte ganze eine Prozession neugebackener Häftlinge in Unterhosen und Hemd mit klappernden Schritten auf den Zugangsblock. Alte waren es und Junge, Leute mit dem Aussehen von Gebildeten und Männer aus dem Volke, kurz, ein Anblick, wie wir ihn in den letzten Monaten so oft gehabt hatten, daß er uns nicht mehr auffiel. Aber konnten wir ahnen, daß diese Menschen einer Hölle entronnen waren, einer furchtbaren Hölle? Daß sie Zeugen einer Untat hatten sein müssen, wie sie scheußlicher wohl selten in die Annalen der Kriminalistik eingetragen worden ist? Und daß sie selbst nur mit knapper Not dem Verhängnis entronnen waren, mit den Leichen als Leichen anzukommen und nie mehr zurückzukehren in die Heimat? Nein, wir hatten es nicht ahnen können. Als sich jedoch der Mund der Stummen geheimnisvoll öffnete, wie sie den Landsleuten zögernd und doch wie von innerem Zwang genötigt den Schleier hinwegzogen, der ihre jüngste Vergangenheit verhüllte, da ging es wie ein Beben durch die Reihen der Gefangenen, welche, obwohl die Nachtgreuel der Staatspolizei gewohnt, doch aufhorchten und die geflüsterten Berichte nur halbgläubig hinnehmen wollten. Ich selbst hörte im Dunkel des Schlafraums auf dem Strohsack Herren felhaft Geruch strömte Chlork oder v ohnmä ob die Opfer dringli Verbre in der Was doch e und na Hergan Der den, se zösische land b pfercht Schicht Fasse. Zweitaus die rage anssich ort, IM ,, PORZELLAN" 273 e ich liegend einige etwas raunen über Hunderte von Toten, wollte ist dem Gerücht aber nicht mehr Glauben schenken als den lim- zahlreichen Parolen, die auftauchen und verschwinden wie Wasserwellen, ohne daß man ihrer weiter gedächte. Und nun hat der Augenschein uns das Unglaubliche so schauerlich tickt bestätigen müssen. Was wir, nicht viele Schritte von uns entden fernt, durch die zurückgeschobene Tür in den Wagen liegen sahen, waren also Leichen von den mehr als 400 Unglückhie- lichen, die erstickt hier angekommen waren. Häftlinge waren dabei, sie auszuladen, eine Arbeit, mit welcher sie die nkte ganze Nacht hindurch beschäftigt gewesen waren. Die und Herrenmenschen dachten nicht daran, sich mit derlei Zweiock. felhaftem die Hände zu beschmutzen. Um den bestialischen Ge- Geruch zu übertäuben, der den verwesenden Toten entick, strömte, hatten die Häftlinge sie mit einer Schicht weißen Chlorkalks überschütten müssen. Es gelang aber nur schlecht, oder vielmehr, es gelang gar nicht. Einige Häftlinge hatten. lle ohnmächtig hinweggetragen werden müssen. Es schien, als ob die vergeltende Gerechtigkeit, nachdem die Stimme der ohl Opfer zum Schweigen gebracht worden war, sich dieses aufdringlichen Mittels bedienen wollte, um die Kunde von dem Verbrechen in die Lüfte hinauszutragen und unauslöschlich in der Menschen Sinne einzugraben. ten, gen or eranat? der len geerdie el e- ch ck Was war nur geschehen? Noch wissen wir es nicht genau, doch einiges ist durch der Zeugen Mund hindurchgesickert, und nach und nach können wir uns folgendes Bild vom Hergang des Verbrechens malen: Der Transport war in Paris auf die Bahn gebracht worden, sei es, daß es Aufständische waren oder Insassen französischer Lager, die man, statt sie zu entlassen, nach Deutschland bringen wollte. Sie wurden nicht nur zusammengepfercht, sondern quer übereinander gelegt, so daß sie in Schichten aufeinander kampierten, wie die Heringe in einem Fasse. Es blieb ihnen kaum die Luft zum Atmen. Keiner Zweitausend Tage Dachau 18 274 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU geübtem ten. Es sich, we konnte austreten, die Bedürfnisse mußten im Wagen be- da voru friedigt werden. Der Mundvorrat reichte für zwei Tage, aus Viel während die Fahrt über eine Woche lang dauerte. Halb letzten wahnsinnig vor Hunger und Entbehrung, fielen die einen Dachau über die andern her, es gab Mord und Totschlag. Die Po- ie sich sten nahmen das zum Anlaß, ihrerseits zum Gewehr zu greifen, hineinzuknallen und eine weitere Anzahl zu verwunden und zu töten. Die meisten müssen verhungert und erstickt sein. Soweit Berichte und Gerüchte. Unser Kommando ist erregt; die deutsche Kultur wird offen angeprangert von Franzosen, Belgiern, Russen, Tschechen, Polen und Holländern. Ja, es ist bitter. Wir Deutschen müssen schon längst vor jedem Ausländer die Augen niederschlagen. anzuruf Wie haben wir alle unsere Vorzüge so schnöde zunichte ihrem M macht, seit wir abgefallen sind vom Kreuz, der unscheinbaren Wurzel aller wahren Kultur! gestand. S lonne, d Vers au schnell deten Gestalte Später denstrac Hornochs, der zu den Franzosen gute Beziehungen hat, will erfahren haben, daß der Transport zwar in Paris zusammengestellt worden sei; die Leute waren aber erst kurz zuvor verhaftet worden, stammten also nicht aus andern Lagern. Der größte Teil setzte sich aus Angehörigen der gebildeten Stände zusammen. So befand sich eine Anzahl von Professoren dabei. Von ihnen sind aber nur drei lebend eingetroffen. Mehrere Bürgermeister waren darunter, auch eine größere Zahl von Bischöfen, unter ihnen der von Toulouse. Die Bischöfe sind in Arras wieder freigelassen, die Wagen von da an plombiert worden. Belegt waren diese mit 100 bis 150 Mann; acht Waggons sind mit Leichen angekommen." Mai spricht bereits von 700 Toten. in Prie fühlten sie wohl den Hir Ich m über we und eine ich im c nichtung sich sein verdient Deutschl 8. Juli 1944 Nun mehr Ca Als wir heute wieder an der abscheulichen Stelle vorübermarschierten, waren die Wagen verschwunden. Ein greulicher Brodem war aber in der Luft zurückgeblieben. Und den Saa zurück. 18* IM ,, PORZELLAN" 275 be- da vor uns erblickten wir wieder einen langen Zug, bestehend age, aus Vieh- und Personenwagen. Aus ihnen stiegen soeben die alb etzten Reisenden, welche aber gewiß nicht den Luftkurort men Dachau zur Erholung aufgesucht hatten. Vielmehr gesellten Po- ie sich zu einer großen Menge von Menschen, die wir mit zu geübtem Blick schon von weitem als ,, Neuzugänge" erkannFer- ten. Es schienen Franzosen zu sein; sie hatten Gepäck bei und sich, welches zwischen den Tannen auf dem Boden herumzes stand. Sie musterten mit traurig- neugierigem Blick die Koan- lonne, die des Weges daherkam, und die ihrerseits sich einen Po- Vers aus der Sache zu machen versuchte. Wir hatten sie schnell erreicht. Ich konnte mich nicht enthalten, sie fragend anzurufen: ,, Français?" worauf es auch, wie erwartet, aus ihrem Munde echote: ,, Français!" Das Ende des Zuges bilin- deten wir trauten unsern Augen kaum einige schwarze Gestalten. Es waren mehrere Geistliche in Amts- und Ordenstracht mit breiten Hüten. Einer von ihnen trug sogar in Priesterbarett auf dem Haupt. Nicht wenige von uns fühlten sich durch das Bild zum Lachen gereizt. ,, Da haben sie wohl die ganze Gemeinde gebracht, die Schäflein und den Hirten dazu!" rief einer aus. sen en. geEter at, zuarz a- geon inne se. en 00 en. 44 cr4rud u- - Ich mußte bebend des unglücklichen Landes gedenken, über welches jetzt der grelle Schein der Kriegsfackel flammt und eines anderen Reiches, über dessen noch friedliche Fluren ich im Geiste schon die Furie des Entsetzens und der Vernichtung dahinstürmen sah. Und ich betete zu Gott, daß er sich seiner und aller Länder erbarme und es nicht, wie wir verdient hätten, gar aus sein lasse mit unserm armen Deutschland. 10. Juli 1944 Nun haben sie's doch geschafft: der Knabe Hiob ist nicht mehr Capo. Am Samstag verließ der Gegenspieler plötzlich den Saal, kehrte aber bald mit dem Obercapo Deutsch zurück. Der ertappte einen Alten beim Rauchen. Sogleich 18* 276 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Übri wandte er sich an Hiob und erklärte ihn für abgesetzt mit Wunder den Worten: ,, Du bist von heute an nicht mehr Capo." Mützer Nicht lange darauf trat auch der SS- Unterscharführer ber das Strössenreuther ein und begann die Tischschubladen zu untersuchen. Bei Hiob entdeckte er unter dem Tische einige Kisten, im Lage die dieser mit übernommen, aber nie auf ihren Inhalt unter- das Wo sucht hatte. Jetzt fand sich, daß die eine weißes Papier, die Im Geg andere zerrissene Strümpfe enthielt; also nichts, was bei gewöhnlichen Menschen einen Verdacht erwecken könnte. Aber Wie, ist ein SS- Unterscharführer etwa ein gewöhnlicher Mensch? unglaub Nein, ein sehr ungewöhnlicher, um nicht zu sagen außer- dahin! gewöhnlicher Mensch ist er; sonderlich, wenn er von Spitzbuben im Zebrakleid angestiftet wird. So öffnete der Mann denn nur seinen Mund zu einem vernichtenden ,, Sie Lump!" dem er den noch vernichtenderen Richterspruch folgen ließ: ,, Sie sind Capo gewesen." Damit war der Fall erledigt und der Knabe Hiob ist Capo gewesen. Geste war es ben sch Leiche Doch Hände Von Alarm. uns hin Ein Sk braucht zu lauf 11. Juli 1944, vier Uhr nachmittags Der Tod ist wieder einmal nahe an uns vorübergerauscht. Eben war der Capo dabei, das Essen für die Zebras auszuteilen, da schrillte ,, Vollalarm" auf. Wie verabredet war, sollten wir nicht mehr im zerbrechlichen ,, Porzellan" blei- Bomber ben, das durch seinen Schlot und die von ihm wehende Sklaver Rauchfahne die Blicke der Bomber direkt auf sich zieht, lich gen sondern ins nahe Wäldchen flüchten. ,, Flüchten" im KZTempo zu verstehen. Als wir endlich vor der Tür standen, kroch immer wieder einer heraus, der reine Denker und dann der Schuster und dann der Capo und hinter ihm noch einige Russen, hinter denen wieder einige Holländer auftauchten. Hätten sich die Flieger nicht so unamerikanisch viel Zeit gelassen, die Katze wäre schon längst den Baum hinaufgewesen. Wir konnten ja unmöglich abziehen, bevor alles in Reih und Glied stand und genau abgezählt war. Ein als ob lich ein uns sche Hinder Clique, zeln m Mißsta fall ge IM ,, PORZELLAN" 277 mit Wunder, daß nicht in letzter Minute das lebenswichtige po." Mützen ab! Mützen auf!" geübt ward. Ja, Ordnung geht hrer ber das Leben. Wir sind gründlich umgeschult, wir Zebras! nter- Übrigens sind es bei diesen Gelegenheiten ja überhaupt sten, im Lager nicht die Intellektuellen, die Büchermenschen, die nter- das Wort führen. Aber machen die andern die Sache besser? die Im Gegenteil! i ge12. Juli 1944 Aber Wie, schon der 12. Juli heute? Kann das stimmen? Fast sch? unglaublich bereits mehr als ein Drittel des Monats Ber- dahin! - - bitz- Gestern sind wir gnädig bewahrt worden. Mit andern ann war es nicht so gut gemeint. In München hausten die Bomp!" ben schlimm. Martin Gay, der Sachse, hat eine zerfetzte ieß: Leiche geschaut und ist vor Schauder davongelaufen. und Doch schon wieder heult die Sirene auf. Herr, in deine Hände befehle ich Leib und Seele. Von zwölf bis drei Uhr hat er diesmal gedauert, der Etags Alarm. Wir dürfen Gott danken, daß sie aufs neue über cht. uns hinweggerauscht sind, die verderbenschwangeren Geier. szu- Ein Skandal war es wiederum, wie lang das Porzellan war, braucht, bis es marschfertig ist. Wozu denn abzählen? Die lei- Bomben zählen auch nicht. Aber unselbständig, wie wir nde Sklaven systematisch erzogen wurden, halten wir uns ängsteht, lich genau an das Schema. Keiner wagte es, auch nur Tempo KZ- zu laufen. Im Gleichschritt trotteten wir gemächlich dahin, Hen, als ob es sich um einen Sommerausflug handle, bis sich endnd lich ein uns mit dem Rad begleitender Posten erbarmte und och uns scheltend zur Eile antrieb. Und schon gab es ein weiteres Luf- Hindernis! Da floß ein Bach, an dem staute sich die ganze sch Clique, weil keine Brücke hinüberführte und wir nur einzeln mühsam hinüberspringen konnten. Obwohl sich der Miẞstand schon gestern gezeigt, war niemand auf den EinEin fall gekommen, ihm inzwischen abzuhelfen es handelte um vor - 278 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU echote sich ja nur um Sklaven. Ich hatte heute meine russische das e Sprachlehre mitgenommen, um die Zeit auszunützen. So zu di lange kein Brummen zu hören war, ging's ganz gut mit dem Herre Konjugieren: ,, Obedaju, obedajesch, obedajet." Doch als sich reifen wieder das ominöse Rauschen hören ließ, verbarg ich das Capo Buch schnell in meiner Tasche. Da gab es Wichtigeres zu tun. Wohl ein ernster Eindruck, die Bomber just über dem Haupte dahinrauschen zu hören sehen konnten wir sie nicht, der Wolken wegen: wie, wenn solch ein Vogel gerade jetzt eines seiner Eier fallen ließ? Wer war es, der ihm die Krallen lähmte, daß wir verschont wurden, die sonst niemand schonte? 13. Juli 1944 Dr. Viktor Mattheyke hat uns verlassen. Ich glaube, die Jahrwoche ist voll geworden, bis es soweit war, daß er als freier Mann in Wien wieder frische Luft schöpfen durfte. Der ,, V.B." ist gestern nicht erschienen. Wir erfahren nun, daß die Druckerei vollständig ausgebombt wurde und die Belegschaft durch einen Volltreffer ums Leben kam. Dem' Knaben Hiob sind sie seit gestern wieder auf den Fersen. Es droht ihm eine Meldung. Da war ein alter, ausgedienter Gummireifen herumgelegen; der däuchte ihm gut .zu sein für eine Schürze. Er hob ihn auf und schneiderte ihn ein bißchen zurecht mit seinen geschickten Fingern, und siehe, wie gut er paẞte, und wie er ihn schützte vor dem öligen Schmutz, welcher die ohnehin schlechten Hosen vollends verdarb. Aber der Triumph dauerte nicht lange. Kaum hatte sein Nachfolger, der neugebackene Hilfscapo, die Schürze erblickt, als er ihn zur Rede stellte ob des unerhörten Tuns. Damit nicht genug; er rannte sogleich zum Capo, um ihm die schlimme Sache zu melden, der meldete sie dem Obercapo und der rief spornstreichs den Herrenmenschen Strössenreuther herbei. So umstanden sie ihn zu vieren und blickten streng auf das corpus delicti nieder, Als ein H über auch war der hatte hinte Strick ließ ging dem die sogle zu h denk dies solch unze Er abzu H Höl mo sei dar sische 1. So dem s sich 1 das tun. dem ir sie :rade 1 die nie- 1944 ‚ die r. als nun, die den aus- gut ihn ehe, igen .nds um die un- um lete ihn IM„PORZELLAN 279 jas er immer noch umgebunden hatte.„Wie kommen Sie u dieser Schürze?“ fragte ihn scharf der Vertreter der Herrenklasse.„Es war nur ein alter Gummi.“„Ein Auto- reifen ist’s! Sehen Sie das nicht! Sabotageakt an Heeresgut! Capo,’ne Meldung!“„Jawohl, Herr Kommandoführer“, schote der Sklavenrichter im Zebrakleid.. Als der Herrenmensch sich entfernt hatte, entfesselte sich ein Entrüstungssturm, aber nicht etwa über ihn, sondern iber das Opfer, das arme Hascher! Hiob. Wie konnte er auch nur! War das nicht Diebstahl? Ja, das war’s; ein Dieb war er, ein gemeiner. Wer hätte es dem Mucker zugetraut, der nicht schien auf drei zählen zu können. Aber diesmal hatte es ihn erwischt. Die Meldung war sicher; unter 25 hintendrauf kam er nicht weg, wenn er nicht mit dem Strick Bekanntschaft machte. Sabotage an Fleeresgut; da hieß die SS nicht mit sich spaßen, nein, da nicht!— So ging’s laut und leise über ihn und hinter ihm her; und nach- dem das Thema draußen abgedroschen war, begannen es die Waschweiber auf dem Block neu aufzuwärmen. Ich eilte sogleich zu Fabisch, dem Parolenmüller, und beschwor ihn, ! zu helfen. Er machte, als er den Hergang erfuhr, ein be- denklich Gesicht:„Sabotage an Heeresgut— wenn sie’s auf dies Geleis schieben, ist er verkauft. Wie konnte er auch nur solch’ unbesonnenen Streich machen!“—„Jetzt erheb’ keine unzeitigen Vorwürfe, hilf, das ist gescheiter!“ mahnte ich. Er versprach mir denn zu tun, was er konnte. Nun gilt es abzuwarten. Jesu, hilf! 14. Juli 1944 Hiob hat Glück gehabt: Fabisch wagte sich in des Löwen Höhle. Er ging freilich nicht ohne Backschisch. Denn die modernen Löwen lassen ihren Grimm nicht besänftigen, es sei denn durch einen Backschisch. Der Backschisch bestand darin, daß Fabisch dem Mann, der kein Held in der Buch- 280 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU haltung ist, versprach, ihm bei einer kniffligen Buchung zu helfen. Aber er müsse ihm dafür den einzigen Gefallen tun, nichts gegen den Knaben Hiob zu unternehmen. So hatte er ihn in die Zange genommen und es erreicht, daß des Löwen Zorn einigermaßen gestillt wurde und wir nicht gerade mit dem Äußersten rechnen müssen. Die 25 werden also wohl nicht aufgezählt werden, soweit man bei einem launenhaften Pharao Apis schenke ihm langes Leben!- einer Sache sicher sein kann. Auch den Schreiber und den Capo hat Fabisch in lobenswertem Eifer bearbeitet und ihnen nahe gelegt, alles daranzusetzen, um die Meldung wieder rückgängig zu machen, falls sie bereits ergangen sei. 15. Juli 1944 Die Natur tut wieder so unschuldig diesen Morgen, als ob alles in schönster Ordnung wäre. Die Wolken sind weg, das satte Grün der Eichen lacht zum Fenster der Buchhaltung herein, und die Strahlen der Julisonne bedecken Freund und Feind gleichmäßig mit ihrer Wärme. Es wäre eine Lust zu leben, wenn nicht dieses Wenn wäre! Ich muß immer wieder an das Buch Hosea denken. Wenn irgendwo, dann liegt bei diesem Propheten der Schlüssel für die Heimsuchungen, deren Zeugen wir sind. Man lese doch einmal die gewaltige Stelle Hosea 2, 6 ff: Darum siehe, ich will deinen Weg mit Dornen verzäunen, und ich will ihr eine Mauer errichten, daß sie ihre Pfade nicht finden soll. Und sie wird ihren Buhlen nachlaufen und sie nicht erreichen, und sie wird sie suchen und nicht finden; und sie wird sagen: ich will hingehen und zu meinem ersten Mann zurückkehren, denn damals ging es mir besser als jetzt. Und Most sie für Dar Zeit, werde ihre B Un Augen errett Un Neum ein E Un verw den n selber werd Un da si und nachs und Volk Ad Volk schre so h War Geis schen wied mein ung llen So daß icht den nem den and ung sei. 944 als eg, alnd ust an sel se 1- re Ee n IM ,, PORZELLAN" 281 Und sie erkannte nicht, daß ich ihr das Korn und den Most und das Öl gab, und ihr Silber und Gold mehrte, was sie für den Baal verwendet haben. Darum werde ich mein Korn zurücknehmen zu seiner Zeit, und meinen Most zu seiner bestimmten Zeit, und werde ihr meine Wolle und meinen Flachs entreißen, die ibre Blöße bedecken sollten. Und nun werde ich ihre Schande aufdecken vor den Augen ihrer Buhlen, und niemand wird sie aus meiner Hand erretten. Und ich werde all ihren Freuden, ihren Festen, ihren Neumonden und ihren Sabbaten und allen ihren Festzeiten ein Ende machen. Und ich werde ihren Weinstock und ihren Feigenbaum verwüsten, von welchen sie sagte: diese sind mein Lohn, den mir meine Buhlen gegeben haben. Und ich werde dieselben zu einem Walde machen, und die Tiere des Feldes werden sie abfressen. Und ich werde an ihr die Tage der Baalim heimsuchen, da sie denselben räucherte und sich mit ihren Ohrringen und ihrem Halsgeschmeide schmückte und ihren Buhlen. nachging; mich aber hat sie vergessen, spricht Jehova, und betrachte in ihrem Licht die jüngste Geschichte unseres Volkes! Ach, Herr mein Gott, warum, warum muß ich diesem Volke angehören, das von einem Unrecht zum anderen schreitet, sich von einem Unglück ins andere stürzt; das du so hoch erhoben hattest, und das so tief gefallen ist. Warum? Warum? Darum, ich weiß es, weil ich selbst den gleichen Geist der Auflehnung in mir trage; weil auch ich den falschen Göttern nachhurte und dich, den wahren Gott, immer wieder verließ; weil ich, um mir mein Ol, meinen Most, meinen Wein, meinen Weizen und meine Wolle zu sichern, 93 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mit deinem Feinde einen Bund schloß. Und siehe, nun die Saat meiner Untreue aufgegangen, muß ich mit Schrecken erkennen, daß ich nicht allein meinen Gott verloren, son- dern gerade auch all die Güter, die ih mir durch meinen Verrat einzuhandeln und zu sichern gedachte. Heu me mi- serum! Miserere, miserere mei Domine Sabaoth: Miserere propter Jesu Christi sanguinem unigeniti filii tui aeterni! Amen. ; 17. Juli 1944 Selbst am Sonntag ließen uns die Brummer keine Ruhe. Aber sie fuhren über unsere Köpfe hinweg und taten dem Lager nichts. Gerade als Hiob und ich uns heimlich zum Gottesdienst rüsteten, hieß es:„Die Blockstraße frei! Auf die Blocks!“ Gleich darauf das Aufheulen der Sirenen, So kamen wir um die Predigt. Ich legte mich auf den Strohsack und las. Aber es war verlorene Zeit, wenn ich es nicht als traurigen Gewinn buchen soll, daß ich erkennen mußte, wie sehr das verwahrloste Frauenbild bereits in die Bücherwelt eingedrungen ist, diese sogenannten„deutschen Mädels“, die sich schminken, fluchen, Schnaps trinken, mit jungen Män- nern zusammenleben, und die sich obendrein noch Studen- tinnen titulieren. Und dieser ganze faule Zauber, diese innere Verwanzung, wird eingeschmuggelt und verunstaltet die deutschen Wälder und Felder unter der Flagge„Wieder- herstellung der Vätersitte!“ Ach, manchmal überfällt mich der Wunsch, daß doch eine Bombe niederfieleund mich er- löste von mir selbst und dieser ganzen Welt voll Unechtheit und lügnerischer Phrase! Wie schön muß es sein in jener neuen Welt, da CHRISTUS herrscht, und wo wir nicht mehr darauf ausgehen, uns gegenseitig zu hintergehen, wo wir eins sind mit allen und doch jeder der bleibt, der er ist in heiliger, gottgeschenkter Individualität! Ich verzehre mich in dem Verlangen, mit den Freunden eins zu sein; doch ge- rade in der Vereinigung stoßen wir auf eine letzte Fremd- ) heit, gönn lösch IM ,, PORZELLAN" 283 die heit, die uns voneinander trennt und die es uns nicht verEken gönnt, unseren Durst nach wahrer Gemeinschaft ganz zu sonnen mirere rni! 944 uhe. lem um Auf So ack als vie elt die in11ere Hie erch ereit er ht st ch e- 3- löschen! - 18. Juli 1944 Der V.B. brachte, nachdem er vier Tage lang hat schweigen müssen, als ersten Satz seiner Samstagsnummer die Nachricht, unsere tapferen Soldaten hätten den Kampf um Wilna erfolgreich bestanden. Früher, als die Juden noch unsere Presse beherrschten, hätte kein Mensch etwas anderes mit diesen Worten sagen wollen, als daß die Feinde vor Wilna abgehauen seien. Diese deutschen Sprach- und Sittenreiniger meinen aber damit, daß die Besatzung abgehauen sei! Kann man es in der Verdrehungskunst noch weiter bringen? Aber ,, mundus vult decipi", das weiß Herr Goebbels, und danach richtet er sich. Manchmal habe ich nach dem Lesen dieser famosen Artikel den Wunsch, die Schreiberlinge nach dem Ende des Krieges vor ein besonderes Gericht gestellt und ohne Gnade wegen ihrer geistigen Giftmischerei zum Galgen verurteilt zu sehen. 20. Juli 1944 Da ist uns ein Dauerkontrolleur auf die Nase gesetzt worden. Ein Betriebskaufmann aus der ,, Bohemia", 60jährig, in der Uniform eines Unterscharführers. Er überwacht den langen Dünnen unter dem Vorwand, den ,, Betriebsabrechnungsbogen" einführen zu müssen. Da er zum langen Dünnen in der Statur das genaue Gegenteil bildet, so nenne ich ihn einfach den ,, kurzen Dicken", womit ihm wohl kein Unrecht geschieht. Er zeichnet sich durch einen rosenroten Optimismus aus, der äußerst anziehend wirkt, und der ihm die Zuneigung Bopps im Nu erwarb. Beim heutigen Luftangriff hat Dachau schwer gelitten. Der kurze Dicke prahlt: keine einzige Bombe sei gefallen. ,, Ja", sagen wir, ,, zwei hörten wir allein im Gehölz".- ,, Das waren keine Bomben, son 284 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU dern Blindgänger", lautet die blitzschnelle Deutung. Er hat angeläutet und weiß es sicher: in Dachau ist nichts passiert. Abends Und in Dachau ist doch etwas passiert; und zwar ziemlich viel. Eine ganze Anzahl Bomben ist gefallen und hat großen Schaden angerichtet; so z. B. in der Wäscherei, wo es Tote gegeben hat. Die Hauptlast mußte diesmal Schleißheim tragen; auch Allach wurde heimgesucht; hier sind 28 Gestreifte ums Leben gekommen. Der kurze Dicke fabelt etwas von 40 feindlichen Bombern, die über dem Starnberger See abgeschossen worden seien. Die Münchener werden sagen: ,, Hic Rhodus, hic salta!"( Hier ist Rhodus, hier springe). Der Morgen ist von duftiger Schöne. Doch erwarten wir wenig Sommerfreudigkeit für heute, da der ,, Kuckuck" bereits in aller Frühe gerufen hat. Die Gefahr scheint selbst frauliche Gemüter gleichgültig zu machen. Die Kräuselnase eröffnet soeben der Buchhaltung vor den Ohren ihres geheimen Freundes, es sei ihr gleichgültig, ob sie von einer Bombe getroffen werde oder nicht. Der reine Denker kann sich nicht enthalten, einen gelinden Zweifel zu äußern: ,, Na, na", ruft er erschrocken ,,, Sie möchten auch noch ganz gerne leben". Doch die Kräuselnase verharrt auf ihrer schopenhauerischen Lebensverachtung und verschwindet lautlos durch die Tür. Der reine Denker aber zieht die gegenteiligen Folgerungen aus den Kuckucksrufen: er übt sich in Erfindungen von Schutzvorrichtungen für die Denkerstirne. Gestern stülpte er einen Eẞnapf über sie, heute versucht er's mit einem Brett, was dem Biblizisten Stoff zu dem wohlfeilen Witze gibt: das sei für ihn überflüssig, da er schon längst mit einem Brett vor dem Kopf herumlaufe. In unserer Hilflosigkeit greifen wir nach den lächerlichsten Dingen: gestern schleppte einer eine bombensichere Haustür mit; er mußte sie auch wieder zurückschleppen. Ge Die Der es st A fiebe summ U Kuc frem Selb Ich Lesu D wer mar Ma F gef ung Au Fre Mi der ma mi für bra We at rt. IM„PORZELLAN“ 28 5 Geheimnisvolle Gerüchte machen die Runde durchs Lager.. | Die SS ist in höchster Alarmbereitschaft. Was ist passiert? Der Hubersepp hat mir bereits vor acht Tagen angedeutet, es stehe Großes für den heutigen Tag bevor. 21. Juli 1944 Aus Farbigs Parolenmühle: Hitler tot! Das Lager ist in fiebernder Erregung. Blocks und Straßen gleichen einem summenden Bienenkorb. Mehr zuschreiben, wäregefährlich.— 24. Juli 1944 Unter den Ausländern gärt es. Die jungen russischen Kuckucke zumal schicken sich an, flügge zu werden, um das fremde Nest zu verlassen, das so unwirtlich für sie war. Selbst auf Nikol beginnt die allgemeine Lage abzufärben. Ich bemerkte wohl, mit welch geringer Teilnahme er unserer Lesung folgte. Das ganze Lager ist in fhiebernder Erregung. Was wird werden? Wilde Gerüchte sind im Umlauf. Schon spricht man von einem General, der eine Armee von I Million Mann gegen Hitler heranführe. 25. Juli 1944 Ein allgemeiner Katzenjammer ist der Hochstimmung gefolgt, die die Blocks ergriffen hatte, die geraden wie die ungeraden. Die hochgespannten Erwartungen bezüglich des Aufstandes der Generale sind nicht in Erfüllung gegangen. Freund Moiren überfiel mich mit trauriger Miene und der Mitteilung, daß er völlig niedergeschmettert sei.„Ja, warum denn?“, fragte ich.„Na, weil unsere Hoffnungen wieder’n mal ins Wasser gefallen sind.“ Natürlich, denn er hatte mir die Pistole auf die Brust gesetzt bezüglich eines Termins für das Kriegsende, das er notwendig für seine Entlassung brauchte. Er ist ja Novize in unserm Orden und denkt, die Weltgeschichte richte sich nach seinen Lagerwünschen.„Wieso 286 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU denn?" erwiderte ich, ,, kein Anlaß zum Pessimismus. Wir haben es wetterleuchten sehen und wissen nun, wieviel Uhr es ist. Die Sachverständigen wollen Schluß machen um jeden Preis. Sie sehen schwarz. Auch V I hat ihren Glanz verloren. Was die Dilettanten radebrechen, ist nebensächlich. Der Anfang vom Ende ist da. Wann das Ende kommt, weiß GOTT allein. Aber kommen tut es. Als ich gestern vom Alarm zurückkehrte, empfing mich der Cerberus mit Vorwürfen, weil ich das Essen nicht vor dem Einrücken für sie geholt habe. Was denkt sie sich? Ist ihr Appetit ein Leben wert? Nun, ein Häftlingsleben gewiß! - Eine Haarliste ist wieder aufgestellt worden. Es soll den alten Semestern gestattet werden, sich die Haare wachsen zu lassen. Vorher muß aber gehorsamst darum gebeten werden. Was soll das? Manche reißen sich darum, auf die Liste zu kommen. Mir fällt es nicht ein, um eine Sache zu bitten, auf die ich von Geburt auf das beste Recht habe. Unter allen Zeichen zeremoniöser Feierlichkeit eröffnet der reine Denker der Buchhaltung, die im Augenblick von der SS ungestört ist, daß in wenigen Augenblicken eine ,, Machorka" steigen werde. Ein märchenhafter Aufstieg dieses Mädchens aus der Gosse! Noch vor wenigen Wochen erregte sein Name bei Herren- und Herdenmenschen Unruhe und Schauder, und jetzt ist es eine vielbegehrte Diva. Hartmann bemerkt sententiös:„ Ja, wir sind tief gesunken." Ich ergänze:„ Genau wie hoch Machorka gestiegen ist!" Was mit allgemeinem Lachen quittiert wird. Bopp, der Luxemburger, hat's geschafft: er ist im Urlaub! Dank der Nachhilfe durch die Sphinx hat er in die Heimat fahren dürfen. Es bedurfte der furchtbarsten Katastrophe, um dem Jourhaus diese Vergünstigung zu entreißen. Sein Mütterchen mußte vorher von einer Bombe zerrissen werden. Aber selbst dies wäre noch vor Jahresfrist als Urlaubsgrund dem G du Das zigste einen mir zu aus se dazu. quaer ( Wenn fragst In in de weite Aber da ful schür hatte und Das recht hatte ben er d durft Gum Da regne SS- K bare Post Vir hr en crch. t, ch or st n n e -, t IM ,, PORZELLAN" 287 grund nichtig gewesen. Eher bekam ein Toter Urlaub aus dem Grab, als daß ein Häftling das KZ verließ, es sei denn durch den Kamin. Das läuft ja wie geölt: - 27. Juli 1944 schon der siebenundzwanzigste mache ich meine Sache nicht recht? Jeden Morgen einen Tag weiter vom Kalender abgerissen! Sie können mit mir zufrieden sein. Ehe wir's uns versehen, wird der Krieg aus sein, das KZ auch, die Jugend auch und das Leben dazu. Wie sagt Augustinus vom Geheimnis der Zeit: ,, Si quaeris me, quid sit tempus, nescio, si non quaeris, scio. ( Wenn du mich fragst, was die Zeit sei, weiß ich's nicht, fragst du mich nicht, so weiß ich's.) Nachmittags In größter Sorge bin ich um den Knaben Hiob. Er war in den Arbeitseinsatz gerufen worden, so daß es mir nicht weiter auffiel, als er kurz vor 8 Uhr nicht zu sehen war. Aber auch beim Abpfeifen war er noch nicht zurück, und da fuhr es mir wie ein Stich durchs Herz. Mir fiel die Autoschürze ein und sofort roch ich Lunte. Fabischs Backschisch hatte nichts gefruchtet, die Meldung war gemacht worden, und nun hatten wir die Bescherung. Hiob saß im Bunker! Das Morgenrot, das während des Appells den Himmel so recht dachauerisch reizvoll verfärbte, ließ mich kalt; sonst hatte der Knabe Hiob das wundersame Schauspiel der Farben und Tönungen mit begeisterten Ausrufen begleitet. Ob er die Boten des Lichts im Bunker willkommen heißen durfte? Wenn die Boten des Dunkels ihm nur aus dem Gummireifen keinen lebensgefährlichen Strick drehen! Das Morgenrot hat Regen gebracht. In der Buchhaltung regnet's ebenfalls Bindfäden gegenseitiger Verstimmung. Die SS- Kameradschaft erträgt Belastungsproben nur unter hörbarem Keuchen des Räderwerks. Da brauchte man einen Posten zum Essenholen, denn man traut den Gestreiften 288 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU nicht übern Weg. Das war nun ein Theater: zuerst wollte der kurze Dicke nicht, dann wollte der lange Dünne nicht. Dann wollte der schlafende Posten nicht; und der da wachte, wollte auch nicht. Der 1. Kommandoführer wollte vollends nicht. Und als endlich der lange Dünne dazwischen funkte, so daß der schlafende Posten wollte, wollte der 2. Kommandoführer nicht, und der behielt das Feld. Wir mußten unverrichteter Dinge zurückkehren und unsern Vorgesetzten, dem langen Dünnen und dem kurzen Dicken unsere Niederlage melden. Da gerieten sich die beiden noch extra in die Haare und demonstrierten so ad oculos in den Niederungen der unteren Sphäre, was in den steilen Höhen der sogenannten Führer wohl schon längst an der Tagesordnung ist. 28. Juli 1944 Meine Ahnung betrog mich nicht: Der Knabe Hiob ist eingesteckt worden; ohne Zweifel( obwohl Fabisch das nicht für sicher ansieht) wegen der Gummischürze. Ich bin zornig auf den Oberscharführer, auf den Capo, auf den Schreiber, auf Fabisch und auf mich. Wir hätten dies unter allen Umständen hintertreiben müssen. Es ist eine Schmach für uns sogenannte Christen. Warum setzen sich alle andern für ihre Freunde ein? Warum haben allein wir so wenig Gemeinschaftsgefühl? O Gott, erbarme dich!- Der Bunker ist immerhin ,, besser" als fünfundzwanzig hintendrauf. Die wären für das schwache Männlein tödlich geworden. Der reine Denker unkt, die könnten noch dazu kommen, womit er nicht ganz unrecht hat, denn beides schließt sich so wenig aus wie Sturm und Regen. Freilich, auch Hornochs ist der Auffassung, daß sie die Sache ,, vorn" sehr scharf beurteilen. Auf Sabotage stehe der Tod. Ich lachte höhnisch auf: Auch noch! Der alte Autoreifen!" ,, Na", meinte er unerbittlich, ,, wenn sie ihn als Heeresgut erklären, hat sich's schnell". Wirklich erzählte mir Fabisch, daß si er ein Bev Leben ihnen tum, den S Wie Mit nache dem beko bishe illega habe Block vera weg. zuko nich zaun D ist 1 Anz scha nie. neh gün neh und lich we um abg Zw IM„PORZELLAN“ 289 daß sie vor vier Wochen einen Russen gehenkt haben, weıl er ein Kabel beschädigt hätte. Bevor wir die jungen Ukrainer, die uns manchmal das Leben sauer machen, verurteilen, sollten wir versuchen, mit ihnen zu fühlen und ihnen etwas geben von dem Reich- tum, der uns im WORTE GOTTES von Jugend auf in den Schoß gelegt ist. Ja, das ist leichter gesagt als getan. Wie ihnen nahekommen ohne Kenntnis ihrer Sprache? Mit meinem Russischlernen geht es im Tempo der Echter- nacher Prozession: drei Schritt vor und zwei zurück!’ Mit dem zweiten Heft bin ich zu Ende; aber bis ich das dritte bekomme, werde ich auch wieder vergessen haben, was ich bisher gelernt. Nun hat mir zwar der Pragmatiker eine illegale Sprachlehre über den Draht geworfen. Allein ich habe Unglück gehabt; das einzige Mal, da ich sie auf den Block mitnahm und in der Eile in den Strohsack steckte, veranstaltete die SS eine Durchsuchung und stahl sie mir weg. Ich mußte froh sein, so leichten Kaufes noch davon- zukommen bei einem Buch, das den Stempel der Bücherei nicht trug. Ich hoffe, daß bald ein zweites über den Draht- zaun fliegt! Dem Schweinhausener Genie ist alles zuzutrauen. Der soziale Typ, den man unter den Russen trifft, ist meist der des Fabrik- oder Landarbeiters. Eine ganze Anzahl sind Studenten, doch nur der praktischen Wissen- schaften. Angestellte trifft man selten, freie Unternehmer nie. Ich habe aber den Eindruck und lasse es mir nicht nehmen, daß es für den Gesamtcharakter eines Volkes un- günstig ist, wenn der Mittelstand des selbständigen Unter- nehmers, Bauern und Künstlers fehlt. Es klingt ja herrlich und mutet wie eine endgültige Lösung der wirtschaft- lichen Frage an, wenn man hört: diese jungen Menschen werden, wenn sie nach Rußland zurückkehren, die Sorgen um ihre Zukunft nicht kennen. Sie ist ihnen vom Staat abgenommen. Jeder wird einen Platz erhalten, auf dem er Zweitausend Tage Dachau 19 290 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU sein Auskommen hat. Aber wird es der Platz sein, der für' ihn paßt? Ja, und was ist’s mit der Freiheit? Muß sie nicht ‚gar zu sehr beschnitten werden? Großartig, wenn die furchtbaren Grausamkeiten des Existenzkampfes ausge- schaltet werden. Aber sind sie es wirklich oder kehren sie nicht in einer. andern, verhüllten, aber um so gefährlicheren Form zurück? Gut, der Kampf ums Dasein ist mir ab- genommen. Aber wie, wenn mir gar nicht so viel daran liegt, daß alles so eben dahinläuft? Wie, wenn die büro- kratisch mir zugemessene Luft meine Seele zu ersticken droht, weil ihr der Sauerstoff der individuellen Bewegungs- freiheit fehlt? So scheint mir eine Lösung der sozialen Frage hin- und herzupendeln zwischen der Scilla und Charybdis von Brot und Freiheit. Wir brauchen beides zum Leben, Brot und Freiheit. Aber wer uns das eine ohne Einschränkung geben will, muß notwendig das andere gefährden. Brot hätten wir hier im Lager zur Not; sind wir deshalb schon glück- lich oder. fühlen wir uns im Gegenteil nicht als die Elen- desten von allen, eben weil uns die Freiheit fehlt? Die„Münchener Neuesten“ bringen in der Samstag- Sonntags-Nummer einen Aufsatz, der auf Alarm gestimmt ist. Der Zusammenbruc ist an allen Fronten da. Er ist nicht mehr aufzuhalten, auch nicht durch die paar Redens- arten, die der Verfasser am Schluß aus dem Wortschatz des Propagandaministeriums der Flut entgegenhält. Das ist das Ende. Der ominöse 20. Juli wird wacker ausgeschlachtet. Nie- mand anders als die Verräter und der Verrat sind schuldig an der katastrophalen Lage. Aha, ist das der Sinn des schwarzen Tags? Solltet ihr Zebras recht behalten mit eurem dreisten Zweifel, der euch einflüsterte, das Ganze sei nur eine Finte, um ein Feigenblatt zu haben, die Schande des V angen Wir sind| nütze flücht: Ider S haber ihr Einsp ) unter nicht nicht D: gema temb führ: ist ı wie etwa umg Skla schr‘ gelir und ung: wör IM ,, PORZELLAN" 291 für des Versagens zu decken, und einen Nagel, um allerlei Unicht angenehmes daran aufzuhängen? die Wir haben keinen freien Samstagnachmittag. Die meisten ge- sind gegangen, um Splittergräben auszuheben. Aber was sie ren abran roEen gsnd rot nd en en ckn- g- mt st S- tz st e- ig es it ei e nützen sie, da uns die Klüglinge nötigen, gerade dahin zu flüchten, wo die Gefahr am meisten lauert, in die Nähe der SS- Baracken. Alle andern laufen von ihnen weg, wir haben uns vorgenommen hinzulaufen, vielleicht in den Bombenhagel hinein. Was nützen alsdann eure Unterstände, ihr gescheiten Herren? Der reine Denker hat umsonst Einspruch erhoben gegen den Unsinn. Seine Stimme ist untergegangen in dem Lärm der großen Mäuler, die zwar nicht zu den Intellektuellen, damit aber auch noch lange nicht zu den Intelligenten gehören. 31. Juli 1944 Da hab ich in einem alten Ordner einen wichtigen Fund gemacht. Es ist das Protokoll einer Sitzung vom 18. September 1942, bei welcher Himmler, der sogenannte Reichsführer der SS, persönlich anwesend war. Das Schriftstück ist ungemein aufschlußreich für alle, die wissen wollen, wie so ein KZ zustandekommt. Die Reihenfolge ist nicht etwa: Erst Sklaven, dann Arbeit für die Sklaven, sondern umgekehrt: zuerst Arbeit, dann erst sucht man die nötigen Sklaven und holt sie sich mit dem Lasso ins KZ!- Ich schreibe mir den Sitzungsbericht sogleich ab. Hoffentlich gelingt es mir, ihn unversehrt über den Zaun zu werfen und der Nachwelt einen Blick ins innere Getriebe dieser ungeheuren Lagermaschinerie zu ermöglichen. Er lautet wörtlich: ,, Der Reichsführer SS¹) schlug vor, um dem Mangel an Arbeitskräften bei der„, Bohemia") zu begegnen, dort ein 1) Himmler 2) ,, Bohemia" Porzellanfabrik in Neurohlau bei Karlsbad, beschäftigte 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen, darunter viele Bibelforscherinnen 19* 292 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU KL³) mit weiblichen Gefangenen( Bibelforscherinnen) einzurichten. Ein Schreiben ist an die Amtsgruppe D zu richten, wonach 300 bis 500 wenbliche Häftlinge beantragt werden( gesperrt vom Berichterstatter). Zwischenzeitlich wird vom Amt I( Fürth) und Oberführer Kemmler das in Frage stehende Gelände in Neurohlau besichtigt, die Wasserund Stromverhältnisse usw. geklärt und dem Oberführer Kemmler der fertige Plan für die Errichtung eines KL in Neurohlau unterbreitet. Man hofft dadurch, die Fertig. stellung zu beschleunigen. Die Frage der Bewachung der Häftlinge ist noch zu klären. Direktor Hechtfischer schlug vor, für die Bewachung Hilfswachmänner vom Werk zu bestimmen. Notwendig ist, daß Männer und Frauen getrennt arbeiten. Außerdem ist es notwendig, daß die weiblichen Häftlinge, die in solchen Abteilungen zum Einsatz kommen, in welchen Frauen beschäftigt sind, von letzteren getrennt arbeiten. Das gleiche gilt für männliche Häftlinge. Dieser Rüstungs- Lagerbetrieb soll nicht nur auf Kriegsdauer eingerichtet werden, sondern auch nach dem Kriege weiter bestehen bleiben( vom Berichterstatter gesperrt), da die Porzellanfabrikation im Sudetenland sowieso unter großem Arbeitskräftemangel zu leiden hat. Das Amt WI soll sich um die Beschaffung von Dachpappe für das Werk bemühen." Hat man draußen eine Ahnung davon, was für ein Anschlag auf das deutsche Wirtschaftsleben hier in aller Stille geschmiedet wird? Einen Betrieb nach dem andern reißt die Herrenkaste an sich, um den Riesenkonzern der Wirtschaftsbetriebe immer weiter auszubauen. Eines Tages wird die ganze Industrie durchsetzt sein mit solchen Schmarotzergebilden. Nicht genug damit, nein, sie bringen auch schon bestehende Unternehmen unter ihren Einfluß und zuletzt in 3) Konzentrationslager. ihren wechse bekann haben hörner rat de richtig daß de bis sie Opfer Gen krieg aufme Bunke stark sie ih noch Stehb Einlie lich. wort. da hü nun e Die Z nur m keine warm herein daß sagte konn Stim einichIM ,, PORZELLAN" 293 ihren Besitz. So halten sie zur Zeit, wie mir der Briefwechsel zeigt, Ausschau nach der Rosenthal A.G., einem der bekanntesten Unternehmen der Porzellanerzeugung. Sie haben einen ihrer Obersturmführer aufgefordert, die Fühlin hörner auszustrecken, um zu erkunden, ob im Verwaltungsagt lich serrer rat der Rosenthal A.G. nicht ein SS- Führer sitze. Und richtig ist vor wenigen Tagen die Nachricht eingetroffen, daß dem so sei. So wird die Spinne ihr Netz weiter ziehen, ig bis sie eines Tages die Fliege in ihrer Gewalt hat und ihr in cigder ug zu geibatz ren ge. er ter die em Ich ben- lle St t- rd cron in Opfer aussaugt. 1. August 1944 Genau 30 Jahre sind es heute, seitdem der erste Weltkrieg ausbrach. Der Knabe Hiob war es, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Er ist vor zwei Tagen aus dem Bunker auf den Block zurückgekehrt. Die Sache hat ihn stark mitgenommen; sehr elend sieht er aus. Geistig hat sie ihm noch mehr zugesetzt. Er weiß heute den Grund noch nicht, warum sie ihn eingesteckt haben; er hat sogar Stehbunker bekommen, also verschärften Arrest. Bei seiner Einlieferung erkundigte er sich nach dem Grund; vergeblich. Der Schreiber würdigte ihn nicht einmal einer Antwort. Das Gleiche widerfuhr ihm bei der Entlassung; auch da hüllte sich der Mann auf Hiobs Frage: ,, Was hab' ich nun eigentlich verbrochen?", in verächtliches Stillschweigen. Die Zelle war so eng, daß er seine ausgemergelten Glieder nur mit Mühe zurechtquetschen konnte; von Liegen konnte keine Rede sein; daher der Name. Drei lange Tage blieb er ohne warmes Essen. Nur abends schoben sie ihm Kaffee und Brot herein. Das einzige Aktivum, das er buchen konnte, war, daß er Niemöller, den Kirchenkapitän, reden hörte. Was er sagte, verstand er allerdings nicht; und daß er es war, konnte er auch nur daraus schließen, daß der Inhaber der Stimme vorher mit dem Namen des Führers der Kirche 294 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU angesprochen worden war. Schon die Tatsache, daß er die Stimme des lieben Mannes hatte erklingen hören, wog für ihn das Unglück der drei Tage auf.- Der Apfel, von Wespen benagt, zieht weitere Wespen an. Noch am selben Abend mußte er das Donnerwetter des Blockschreibers über sich ergehen lassen. Als er bereits auf dem Strohsack lag, machte der es ihm coram publico zum schweren Vorwurf, daß er es versäumt habe, sich bei ihm zurückzumelden. Woher hätte er das wissen sollen? Beim Stubenmogul hatte er sich gemeldet, wieso genügte das nicht? Die ganze Misère des Lagerlebens wird hier wieder einmal offenbar, soweit es die untern Zehntausend betrifft. Daß der Mann unschuldig hatte brummen müssen, das rührte die vornehmen Herren nicht. Aber daß er sich einen Etikettefehler im Verkehr mit den Pharaonen und Drohnen hatte zuschulden kommen lassen( wenn es einer war!), das war unverzeihlich. Da mußte er, im Hemde vor dem Gewaltigen stehend, dessen Philippika über sich ergehen lassen, der ja auch nur ein Gestreifter ist, was deutlich das Kreuz auf seinem Rücken bewies. Und nicht genug damit: als Hiob den ihm zustehenden Tabak in der Kantine holen wollte, wurde ihm kurzerhand bedeutet, der sei weg. Vergeblich erinnerte er daran, daß sein Freund seine Ansprüche beizeiten angemeldeter war weg, und der Mann mußte leer abziehen. - 2. August 1944 Der Alarm ist vorüber. Die Buchhaltung hatte nicht die Flucht ergriffen, sondern war geblieben. Die Zivilisten versammelten sich um das Radio, das in den Ofenraum geschleppt worden war, feierlich, als ob's die Bundeslade wäre. Andächtig hörten sie sich die Verlautbarungen des Kastens an. Der Biblizist setzte sich auf den Boden des Bunkers und begann in einem illegalen Schriftchen zu lesen, welches sich mit dem Apostel Paulus beschäftigt. So nebenher ho mauer Steine Wurfg Riesen schmet mitten Eleme der V er da Licht nach, mit C Störun von wiede ihre S Verni und B entkle des L De hat e beleg desser rühm paßt, der Poste ,, Her grün, sprac um Hie ür on er -g, f, n. te re IM ,, PORZELLAN" 295 her horchte er auf Geräusche und schaute auf seine Schutzmauern. Es war doch unbehaglich zu denken, daß sich die Steine jeden Augenblick aus einer schützenden Wand in en Wurfgeschosse verwandeln konnten, die der Arm eines Riesen mit tödlicher Wucht gegen die Schädeldecke schmetterte. Ja, da las er in seinem Büchlein, daß Paulus mitten in der himmlischen Welt lebte wie in einem neuen Element, wie in der Luft, die ihn umgab; in dem Lichtreich der Verklärung. Und wenn er daran dachte, so wünschte er da zu sein, wo auch sein schwerfälliger Sündenleib in Licht verwandelt wäre. Er freute sich und sehnte sich danach, diesen Körper zu verlassen, der es ihm verwehrte, mit Christus und den Brüdern vereint zu sein; der so viel Störungen brachte und gar nichts Vollendetes zulieẞ. Davon frei zu sein, was konnte es Schöneres geben? Doch wiederum, wenn er die handfeste Wand betrachtete und ihre Steine, wie sie sich loslösen mochten als Werkzeuge der Vernichtung, da überflutete ihn doch wieder wie Schauder und Beben die Furcht vor dem Tode, und er wünschte, nicht entkleidet, sondern überkleidet zu werden mit dem Glanz des Lichtleibes der Auferstehung. eit ig en it en Da en e- en 11m er 44 ie T- 2- de es es n, - 3. August 1944 Der kurze Dicke hat schlechte Laune, seit drei Tagen hat er sehr schlechte Laune. Alle, mit denen er zu tun hat, belegt er mit dem Namen eines berühmten Borstentieres, dessen wertvolle Partien uns den Stoff zu den noch berühmteren Schinken liefern. Was ihm nicht in den Kram paßt, bekommt diesen Titel, es mag nun sein Kollege sein, der lange Dünne, oder die Kantinenmädchen oder die Posten nur wir Häftlinge nicht. Uns tituliert er mit ,, Herr Soundso". Trotzdem ist ihm die Buchhaltung nicht grün, weil er ihr im KZ erworbenes Recht der freien Aussprache empfindlich beschneidet. Vor allem bringt er uns um die bequeme Frühstunde, da Hartmann sein Haupt - 296 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU noch auf das Pult legte und den verkürzten Schlaf verlängerte, der reine Denker mit Spiegel und Kamm den neuerstehenden Haarboden beackerte und der Biblizist seine Erinnerungen in ein Wachsheft eintrug oder auf lose Zettel schrieb. Taucht er nicht schon um halb sieben Uhr auf, kaum daß wir uns niedergelassen, und setzt diesen ungesunden Brauch mit größter Pünktlichkeit und Beharrlichkeit bis zum heutigen Tage fort? Da loben wir uns sein Pendant, den langen Dünnen, der sich noch eine Stunde Zeit läßt, um das Werk seiner mageren Hände zu beginnen. Und während er gewissermaßen zum Ausgleich eine Stunde vor dem allgemeinen Schluß Schluß macht, harrt der Alte bis zur letzten Minute aus, als ob er angeleimt wäre. Da sollte ein anständiges Zebra nicht wütend werden! Doch die Buchhaltung hat ihre Gefühle im Zaume; wohlweislich weiß sie sich zu beherrschen. Ja, noch mehr: sie übt praktische Feindesliebe! Vorhin fragte ihr Erbfeind in die Stille der gebeugten Häupter hinein nach Machorka. ,, Hat von euch einer Machorka?"" Jawohl!", der reine Denker flitzte. Er hatte Machorka, hatte Machorka sogar übrig und bot Machorka dem Erbfeind mit einer Liebenswürdigkeit an, als ob er die Kräuselnase vor sich hätte. Ja, ganz vergessen hat er die Bergpredigt nicht, der reine Denker! Der kurze Dicke ist ein Herrenmensch von echtem Schrot und Korn, der seinen Katechismus gut studiert hat. Er bekennt offen, gegen Schwache und Kranke eine Antipathie zu haben, vor allem gegen jede Art von Kretins und Krüppeln: ,, Wie komme ich dazu", fragte er uns empört, ,, mein Geld herzugeben, daß sie damit diesen lebensunfähigen Geschöpfen Paläste bauen, um ihr nutzloses Dasein zu verlängern?" Der reine Denker brach ritterlich eine Lanze für die unter die Räder Gekommenen; das möge ihm am Jüngsten Tage der große Schutzherr der Elenden vergelten! Bopp gekehrt einer e Sieht u wieder Arbeit vier T länger notwe husare soviel gehen No herein ten, u er ha dürfe Zeit gehef schlän das d ihm ,,... läuft Träge stabs Scha starb getar ande D hat in d It IM„PORZELLAN“ 297 9. August 1944 Bopp ist noch immer nicht von seinem Urlaub zurück- gekehrt. Die Kommandantur gab den Bescheid, er sei an einer eitrigen Halsentzündung erkrankt. Der reine Denker seht und sagt voraus:„Ihr werdet sehen, der kommt nie wieder!“ Die Hauptlast habe ich zu tragen. Zu meiner alten Arbeit muß ich auch noch die Rechnungen schreiben. Seit vier Tagen ist der Arbeitstag der SS um vier Stunden länger geworden. Aber obwohl der Umsatz bei unsern kriegs- notwendigen Pintschern, Dackeln, Bären und Malachowski- husaren auf die Hälfte zurückgegangen, müssen wir doppelt soviel arbeiten als zuvor. Weiß der Kuckuck wie das zu- gehen mag.’s ist halt kein Segen drin!— Noch während ich dies schrieb, tat sich die Türe auf, und herein trat der kurze Dicke, den wir schon abgereist glaub- ten, und fast hätte er mich beim Schreiben überrascht. Na, er hat Koffer und Rucksack bei sich, so daß wir hoffen dürfen, er verschwinde im Laufe des Nachmittags. Zur Zeit hält er seinen kontrollierenden Blick auf die Zeitung geheftet. Der reine Denker, neugierig wie eine alte Frau, schlängelt sich an ihn heran, sieht ihm über die Achseln— das darf er sich als Buchhaltungscapo erlauben— da brummt ihm das Kontrollorgan schon das Neueste entgegen: u... Gehenkt sind sie...! Alle schon aufgeknüpft!“ Uns läuft ein Schauder den Rücken hinunter— gehenkt! Die Träger alter Namen, die besten Köpfe des Großen General- stabs! Gehenkt wie gemeine Verbrecher! Aber wohl, die Schande haftet nicht ihnen an, sondern ihren Henkern! Sie starben für ihr Vaterland so gut wie nur je ein Soldat es getan. Auf ihren Grabstein wird einst die Geschichte ein anderes Wort schreiben als„Verräter“. Der Knabe Hiob ist aus dem Arrest zurückgekehrt. Er hat Stehbunker gehabt, drei Tage und drei Nächte stak er in dem abscheulichen Kamin und sieht schrecklich verwüstet 298 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU sein. Wien zuste aus. Meist wendet sich den Bunkerkandidaten die Sympa- Speis thie der Blockgenossen zu. Das hierzulande so seltene von Kräutlein der Solidarität erwacht, so daß sogar Essen für sie bereit gestellt wird, obwohl diese Hilfeleistung mit schweren Strafen bedroht ist. Hiob gegenüber ist von diesem Mitgefühl nichts an den Tag gekommen. Im Gegenteil, sein Nachfolger droht ihm, ihn hereinzulegen, daß er nie wieder herauskomme. Kann sich ein Doktor der Psychologie diese Haẞtiraden gegenüber einem Menschen erklären, der nur Kameradschaft übte wie je einer? 16. August 1944 Gestern ist ein Transport ausgesucht worden. Man munkelt, es gehe nach Mauthausen alias Mordhausen. Daß Gott erbarm! Auch Nicolai steht auf der Liste. Ich traure sehr darüber, kann aber nichts für ihn tun. Halb vier Uhr Ganz unvermittelt streckt der reine Denker seine Arme in die Luft, spreizt die Finger, als ob er mit jedem von ihnen ein Loch in die Buchhaltung bohren wollte, und ruft aus: ,, Ach, bald kommt der Friede! Ich spüre es: bald ist Friede, in den Fingern kribbelt es mich!" Wir lachen und beglückwünschen uns zu einem Buchhalter von solch ausgeprägtem Fingerspitzengefühl. Von da kommt das Gespräch, ich weiß nicht wie, auf Rezepte. Der reine Denker erzählt, wie vor drei Jahren eine wahre Rezeptsucht im Lager grassierte. Jedermann war neugierig auf Rezepte. Es war der allgemeine Unterhaltungsstoff, und dabei lief uns das Wasser im Munde zusammen, denn je mehr Hunger wir hatten, desto saftiger und leckerer waren die Rezepte. Ich erinnere mich übrigens selber eines solch ansteckenden Fiebers in Sachsenhausen, das das Lager unter dem Druck der Entbehrungen ergriff, sich immer mehr ausbreitete und die von ihm Befallenen mit faszinierenden Erfindungen genußreicher und erlesener Likö an 6 Taus Schu ich s sie zept den gleid دو lebe als gib ann zug ver Kli Di ein pr ga la de npa- tene für die- teil, nie olo- ren, "944 un- aß ure EEE IM„PORZELLAN“ 299 Speisen begabte. Der Appellplatz schien in einen Auflauf von phantasiereichen Konditoren und Köchen verwandelt zu sein. Noch auf dem Strohsack erörterten wir die beste Art, Wiener Schnitzel zu braten, Biskuitt- und Mandelteige her- zustellen, Cremes und Gefrorenes zu machen und feine Liköre zu filtrieren. Eines Tages kam ich vom Klinkerwerk an einer Schar von Söhnen Israels vorüber, die, einem Tausendfüßler gleich, einen schweren Baumstamm auf den Schultern mühselig fortbewegten. Nichtsdestoweniger sah ich sie ziemlich lebhaft gestikulieren. Und was war’s, was sie einander so angelegentlich in die Ohren schrieen? Re- zepte von koscheren und nichtkoscheren Leckerbissen, mit denen sie den Hunger zu beschwichtigen suchten, der ihnen "gleichzeitig in den Eingeweiden wühlte.— „Niemand ist so unsterblich, keiner steht so unentwegt lebendig da und wirksam in seiner stummen Beredsamkeit als der zu Unrecht Getötete. Auch im Leben der Völker gibt es ein Jüngstes Gericht. Das Britentum geht an seiner anmaßenden Überheblichkeit zugrunde, an dem noch alles zugrunde gegangen ist, was sich je diesem seelischen Gift verschrieben hat.“ „V.B.“. Leitaufsatz vom 16. August 1944. Die Stelle von der britischen Überheblichkeit ist gut. Klingt sie nicht verdächtig nach dem Tarnungsruf aller Diebe der Welt, der kleinen und der großen: „Haltet den Dieb!“ 16. August, abends Unser kurzer und dicker Mann ist trotz seiner 60 Jahre ein gelehriger Schüler der neuen Weisheit! Er hat das Partei- programm unversehrt hinuntergeschluckt und gibt es auch ganz unversehrt wieder. Die Schwarzen in Afrika zählen laut diesem Katechismus für grauhaarige Arier nicht zu den Menschen, sondern zu den Affen. Die Juden haben ins- 300 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU gesamt nichts anderes verdient, als daß sie aufgehängt werden. Es gibt keinen einzigen anständigen unter ihnen.( Man sieht, er hat seinen ,, Stürmer" wohl studiert!) Im Interesse eines gesunden Europas liegt es auch, daß Schwache und Schwachsinnige möglichst bald verschwinden. Wie kommen wir dazu, diese lästigen Mitesser mitzuschleppen? Eine überflüssige Klasse von Minderwertigen, die nicht in die fortgeschrittene Welt Hitlers hineinpassen, sind die Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen, besonders aber die katholischen Priester, die durch ihr Zölibat wertvolles Erbgut auf immer zum Erlöschen bringen. Die fremdländischen Häftlinge hat ein schwerer Schlag getroffen: ihre Pakete sind vom Kommandanten beschlagnahmt worden, vor allem die vom Roten Kreuz. Hartmann, der Laibacher, erzählte es dem Alten, aber der wußte es natürlich besser: ,, Das kann doch nicht sein! Da haben euch die Schreiber bestohlen"; wollte uns der Schönfärber belehren. Und dabei blieb er. Aber wir könnten ihm noch mit ganz andern Belegen aufwarten! Nicolai ist gestern abend noch dagewesen. Schon hatte ich gefürchtet, ihn nicht mehr zu treffen, da die Transportler nach dem Appell überhaupt nicht auf ihre Blocks zurückkehrten, sondern gleich nach Block 19 kamen. Diese Maßnahme soll verhindern, daß manche der Opfer nicht doch noch entwischen. Aber er ist dem zweiten Schub zugeteilt, der erst morgen abfährt, und so sah ich ihn denn schon von weitem mit nacktem Oberkörper, den er der Hitze wegen entblößt hatte, am Fenster stehen. Ich war sehr froh, ihm noch die Losungen geben zu können. Da er gut Deutsch kann, so mögen sie ihm den Dienst von Engeln tun auf der Reise nach Mordhausen, und vielleicht auch auf der letzten Reise. Wer weiß, was ihm bevorsteht. O Gott, mächtig zu helfen, sende ihm Michael zum Schutz! De und dem heute auf hing fleht Mut Wais U Man ausg ken Nic er r Na dro A gen eine Nic geb Ne da suc zur rie da an IM„PORZELLAN“ 301 17. August 1944 ver- n Den ganzen Tag muß ich an den jungen Studenten denken R: und an die Gefahr, in der er schwebt. Wie mag es ihm auf ind.| dem Transport ergehen? Wahrscheinlich wird er bereits nen J heute abend eingeteilt. Der zweite Schub wird nicht lange ine auf sich warten lassen. Ich habe die Sache im Gebet Gott die hingelegt, indem ich Ihn in Seines Sohnes Namen an- ist Mllehte, dem armen Jüngling zu helfen, der, von Vater und ber j Mutter abgeschnitten, allein auf Ihn, den Schützer der [les, angewiesen ist. e 18. August 1944 Und ER hat geholfen! Nicolai ist dageblieben! Von 1700 lag 2- Mann sind fünf zurückgeschickt worden und unter ihnen ne ausgerechnet der Student aus Kiew! Biller, der ihn auch Rte kennt, erzählte es mir freudestrahlend und bat mich in Nicolais Auftrag, ihn sogleich zu besuchen. Und schon kam en er er mir mit glänzenden Augen entgegen und bestätigte die Nachricht. ven Aber nun galt es, den Sieg auszunützen. Denn schon droht den Nichteingeteilten neues Unheil: am andern Mor- tte gen sollten sie wiederum antreten, wer weiß, ob nicht zu einem neuen Transport! Da hieß es handeln und vorbeugen. ks_ Nicolai muß schnellstens in einem Kommando unter- gebracht werden. Aber in welchem? Die meisten bauen ab! ht Neue werden keine aufgestellt. Und das Porzellan? Auch da sind die Aussichten gering, aber ich will einmal den Ver- such wagen und mit dem Obmann reden. Und wenn ich an er zur Sphinx gehen muß, ich will mein Möglichstes tun. ar er 19. August 1944 Ib Nicol war sehr froh darüber. Als ich ihm nachher ver- L riet, daß ich für ihn im Gebet eingestanden sei, schien er davon sehr bewegt zu sein und die Wendung als Erhörung anzusehen. Ich las ihm auf der, hinteren Blockstraße noch 302 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU eine Predigt von Professor Heim vor, doch ehe wir zu Ende kamen, schrillte die Pfeife, und wir mußten abbrechen. 20. August 1944 Heute sprach ich mit Mock, dem Capo unserer Transportkommandos. Er sagte mir, er brauche in der Tat zwei Häftlinge und sei bereit, Nicol aufzunehmen. Heute abend soll ich ihn vorstellen. Da brauche ich also die Sphinx gar nicht bemühen. Die SS beginnt sich zu mausern. Der lange Dünne sagte heute vor unseren Ohren zur Sphinx, über kurz oder lang werde wohl Stalin oder Churchill hier stehen statt der Hitlerbüsten. Die Sphinx erwiderte gelassen:„ Ja, das habe ich schon lange kommen sehen." - De fällt, mit e nie d die H reine Zv auf e Kne aus 60 S seine sami und anty mir mein nich weit D Die Verschwörung nimmt ihren Fortgang. Der lange Dünne rechtfertigt sich vor seinem Gewissen mit seiner Familie. Wenn es sich ums eigene Leben nur handelte weg tausendmal gebe er das für Hitler her. Aber die Familie, die Frau, die Kinder! Fast hilflos sieht er durch die dicken Gläser seiner Brille zu mir herüber und er tut mir leid in seiner Verzweiflung. ,, Na, Ekkehardt, sehen Sie die Sache auch so hoffnungslos an?" Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den aufglimmenden Funken auszutreten. Schon ist der reine Denker im Begriff, seine Pläne näher zu entwickeln, da hörten wir draußen Schritte. Schnell richten sich die Blicke auf die Buchungstabellen, der Mann tritt ein, dem selbst der Pragmatiker nicht traut; jeder zieht sich in sein Gehäuse zurück, es ängstlich vermeidend, das Kontrollorgan in seine Karten gucken zu lassen. Wenn der erst wüßte, was es bedeutet, daß der reine Denker den Laibacher fragt, wann wir wohl ,, den" Kaffee trinken werden? Daß dieser Kaffee getrunken werden soll, sobald Paris eingenommen ist, das ahnt er nicht, der kurze Dicke, und das ist des reinen Denkers Glück. Son auss des wie glau D Kle ras Dr. 60 IM ,, PORZELLAN" 303 zu hen. 1944 PortHäftsoll nicht agte ang der habe ange iner ilie, ken din ache orig, der eln, die Hem sein gan ẞte, agt, eser men des 24. August 1944. Der Kaffee wird nie getrunken werden, selbst wenn Paris fällt, und die Flucht wird nie ausgeführt werden, das Auto mit einem SS- Unterscharführer und zwei Häftlingen wird nie durchs Tor sausen, denn für einen davon sind die Fragen, die bis gestern so brennend waren, gegenstandslos reine Denker ist heute entlassen worden! دو - der Zwei widrige Winde stürmten auf den langen Dünnen auf einmal ein: die Entlassung seines getreuen, bilanzsicheren Knechts, des reinen Denkers, und die Nachricht, die ihm aus dem V. B." entgegenstarrte, daß er von heute an 60 Stunden wöchentlich zu fronen habe. Ade, holiday! Mit seiner Ruhe war es vorbei, und so entlud sich die angesammelte Elektrizität über den Pufferbäcker. Zum Kochen und Backen sei jetzt keine Zeit mehr, das höre auf. ,, Jawohl!" antwortete ich nachgiebig, doch nicht, ohne sofort den Ausweg anzudeuten, mit welchem ich der Buchhaltung, ihm und mir die Puffer zu retten hoffte: ,, Ich werde von nun an in meiner Freizeit backen." Da er mir hierauf etwas Triftiges nicht entgegenhalten konnte noch wollte, so kann also lustig weiter gebacken werden- solange die Erdäpfel reichen. Montag, 28. August 1944 Das war ein Sonntag! Ein Himmel wie gemalt, eine Sonne, die unablässig das gelbe Gold über uns Undankbare ausschüttete: 250 Millionen Tonnen in der Minute, im Laufe des Tages 360 ooo Millionen Tonnen ohne Gegenleistung, wie James Jeans, Professor und Doktor von Cambridge, glaubhaft versichert. Das Porzellan hatte frei! Eines der seltenen vierblättrigen Kleeblätter auf unserer mageren Wiese angenehmer Überraschungen. Wir hatten nichts anderes geglaubt nach des Dr. Goebbels Aufruf, und nachdem die SS- Arbeitszeit auf 60 Stunden hinaufgeschraubt worden, als daß es um unsern 304 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Luthe sind Auge Fried Sonntag geschehen sei. Doch hat es Gott noch gut gemacht Zugle Es gibt außer uns allerdings kaum ein Kommando, das von der Plage verschont geblieben wäre. Auch Fabisch muß daran glauben. Er hat sich mit Mühe und Not noch den letzten Sonntag gerettet, da er unter allen Umständen am Heiligen Mahle teilnehmen wollte. Welch eine Gnade ist ihm in den letzten Jahren geschenkt worden! Er durfte je länger je mehr die astrologischen Eierschalen abstreifen, die ihm noch angeklebt waren, und lernen, sich aufs reine WORT zu stützen. Der Geistliche, Pfarrer Sippel aus Eisenach, spendete uns gestern Brot und Wein in feierlicher Liturgie. Was schadete es, daß der Talar die Dürftigkeit des Häftlingskleides nicht ganz bedeckte? Unter den Falten lugten die gestreiften Fetzen hervor, und die Füße staken in groben, unförmigen Kähnen, die man hier für Schuhe ausgibt. Was schadete es? Niemand kümmerte sich drum, waren es doch die Füße eines der lieblichen Boten, die Frieden predigen und Heil verkündigen. So wird mir das Gefangenenleben immer wieder zum Gleichnis auf das Doppelleben, das wir als Christenwanderer zwischen zwei Welten führen: hinter dem Draht gedrückt, erniedrigt, geschmäht, jedes Rechts und aller Ansprüche beraubt, ein Spielball der Willkür und eine Beute des Todes, halten wir daran fest, daß das nicht unser wahres Sein ist. Das liegt vielmehr jenseits des Drahtes bei unsern Lieben, in deren Herzen wir eine Heimstätte haben, und bei unsern Mitbürgern, die uns achten und ehren. Draußen liegt der Schwerpunkt unseres Lebens, nicht drinnen. Genau so führen wir als Christen ein Doppelleben: hier auf Erden, untertan der Fessel Sünde und dem Tode. Aber zugleich bei Christus. im Himmel, der uns allenthalben umgibt, und in Ihm frei von Schuld, schon jetzt erstanden zu neuem, ewigem Leben. ,, Simul peccator, simul iustus": Fa seine hole hat Kart gönn liche einer sond seien K beer man bila Alte gesc wie hätt Er der mit abg ist der Sch losi un und Zw IM ,, PORZELLAN" 305 acht Zugleich Sünder und zugleich Gerechter, triumphiert schon von Luther und trifft den Nagel auf den Kopf. Nur wenige aran sind es allerdings, die sich der Übermacht des gegenwärtigen zten Augenblicks entziehen können und rühmen: ,, Laẞt mich in igen Frieden, ich bin dennoch frei!" den er je moch 1 zu dete Was ngsdie ben, Was doch igen zum erer ickt, - bedes, ist. ben, sern der ren rtan istus frei ben. Fabisch ist aus dem Revier zurückgekehrt und betreibt seine Mühle mit alter Geschäftigkeit weiter. Jeden Morgen hole ich mein Säckchen wieder ab. Der Abfall vom 20. Juli hat einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er dem Kartenhaus nur noch Monatsfrist bis zum Zusammensturz gönnt. Er hat in seinem Betrieb einen Einblick in die wirklichen Zustände und sagt, es sei gerade, als ob ,, da oben" einer wäre, der ausnahmsweise das Gehirn nicht im Absatz, sondern im Kopfe habe, und der ,, contra" gebe. So konfus seien die Anordnungen, die aus Berlin einträfen. Kaum ist der reine Denker fort, so ist er auch schon beerbt und ersetzt worden. Ein Landsmann von Hartmann ist er, also Laibacher Nr. 2, Buchhaltungschef und bilanzsicher trotz seiner 62 Jahre. Als der lange Dünne dies Alter hörte, wollte er auf den Rücken fallen. Ein junger, geschmeidiger Fant wäre ihm lieber gewesen, mit dem er, wie mit seinem Vorgänger, einen schwunghaften Handel hätte treiben können( über und hinter dem Stacheldraht). Er ließ sich aber umstimmen, als er bemerkte, daß der Alte der Inhaber eines Zigarettenetuis war, das nicht leer, sondern mit prima orientalischen Zigaretten gefüllt war, und nicht abgeneigt, den Schatz mit ihm zu teilen. Der reine Denker ist im besten Zuge vergessen zu werden. Was schiert es ihn, der uns wohl auch schon bald vergessen hat? Mit einem Schlag versunken ist für ihn in den Nebel der Bedeutungslosigkeit die ganze Buchhaltung mit Kräuselnase, Sphinx und Cerberus, mit Export und Import, mit Hauptämtern und Amtshäuptern, Rabatten und Bilanzen. Und Zweitausend Tage Dachau 20 306 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU ,, hinter ihm, in wesenlosem Scheine, liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine", Vika rschüt der Kr Sein Elektr das ganze Lagerleben mit seinen Wichtigkeiten: Appell und Rapport, Stubenpaschas und Capos, Breikost und Steck- icht w rüben, Mützen auf, Mützen ab! Blasse Schemen sind diese Dinge alle für ihn geworden, die uns von früh bis spät beschäftigen; sie sind ,, nicht mehr von Wichtigkeit für ihn", wie Bopp, der Luxemburger, einst sagte:' s ist nicht mehr von Wichtigkeit, möchte es sein, was es wolle. Ja so, dem Luxemburger müßte ich auch eine Abschiedsrede halten. Von seinem Urlaub wird er wohl nie mehr zurückkehren, und' s ist nur die Frage, wer wen hereingelegt hat: er die Stapo oder die Stapo ihn? Die Buchhaltung hat Anhaltspunkte, das letztere anzunehmen, doch wird der Verdacht nur in vorsichtigen Wendungen geäußert. Gut, daß ich wenigstens in seinen Liedern ein Andenken von ihm habe. Hoffentlich gelingt es, sie unbeschädigt über den Stacheldraht zu werfen!- Er war unser Grünschnabel, unser Nesthäkchen. Jetzt sind wir eine vergreiste Einrichtung geworden: zusammen über 200 Jahre alt Wunder, daß der lange Dünne einen herben Stoßseufzer zur Decke emporschickte! - n War erhielt litz, au dem A sei, w Brude erstere vor d torhau nicht seine bangt schwe Mütte kein den Z wie f Feind 31. August 1944 Stück Die Herstellung der neuen Schutzpatrone Prinz Eugen und anderer edlen Ritter macht nur langsame Fortschritte, da die Künstler ihre Eingebungen offenbar nur tropfenweise bekommen. Schade,' s wäre Zeit! - Aber wir, die wir den wahren Gott kennen, verzweifeln in der Verzweiflung nicht: solch ein GROSSES LAMM haben wir, daß es keinen Sündenberg gibt, den es nicht wegschaffte, kein Schuldenmeer, das es nicht auffüllte, keine Not, derer es nicht Herr würde, keine Niederlage, die es nicht verwandelte in Sieg! De gezäh gezäh imme Sphin Orde nicht holid en 44 en te, se In ht ne IM„PORZELLAN“ 397 \ Vikar Wegener erzählte mir eine Sache, die mich sehr „schüttert hat, weil sie mir zeigte, wie furchtbare Lasten ler Krieg und das Unrecht in seinem Gefolge den einzelnen icht weniger als den Völkern auf die Schultern legt.— Seine Eltern— der Vater, der 6ojährige Direktor eines tlektrizitätswerkes, die Mutter, eine Fünfzigerin,— wohnten n Warschau, wo sie ein Eigenheim besaßen. Vor zwei Wochen srhielt Wegener nun eine Karte von seiner Mutter aus Gör- itz, auf welcher sie ihrem Sohn gewissermaßen mit fliegen- dem Atem mitteilte, ‚daß sie nach Görlitz gebracht worden ei, wo sie in einer Ziegelei arbeiten müsse. Von Vater und Yruder habe sie keine Nachricht, wahrscheinlich sei der Irstere nicht mehr am Leben. Von den 5o Gästen, die noch vor drei Jahren am Fest der silbernen Hochzeit im Direk- torhause teilgenommen hatten, sind heute neunundzwanzig nicht mehr am Leben! ‚Ich habe dem Armsten, der sehr um eine Mutter, noch mehr aber um seinen Vater und Bruder bangt, und dessen Braut sich ebenfalls in schreckliches Still- schweigen hüllt, versprochen, ihm zu helfen, daß er seinem Mütterchen ein Lebenszeichen in Form eines Pakets über den Zaun werfen kann. Wir wissen ja beide aus Erfahrung, |vie froh man in der Fremde, in der Hand von grausamen Feinden, auch über die geringste Gabe ist, und wäre es ein Stückchen altbackenen Brotes. ı. September 19434 | Der lange Dünne ist heute fort. Er hat einen seiner un- \gezählten Urlaube herausgeschunden mit einem seiner un- \gezählten Gründe, die er zur Verzweiflung des Direktors immer wieder aufs neue findet und erfindet. Was will die Sphinx auch viel einwenden? Es ist einer vom gleichen Orden, und dP muß man eben ein Auge zudrücken. Es geht nicht anders, denn so gerne sie schon längst einen weniger holiday-freudigen Buchhalter gedingt hätten, sie bekommen 07 a EIERN 308 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU regung keinen. Auch ein Zeichen der Zeit: die Ratten verlassen das sinkende Schiff, statt sich neu anheuern zu lassen. Ein Lager Seit nach dem andern- ,, Außendienststellen" nennen sie das- wird von der Sintflut des Rückzuges weggeschwemmt. Zu- Sonnta erst die zahlreichen Betriebe im Osten, Kiew, Charkow, die Stu Bielce, Grodno usw.; und jetzt kommt noch der ganze ich fr Westen ins Rutschen o quae mutatio rerum! sich fa setzen in bez Da hatten sie nun eine Dame im reiferen Alter von 59 Jahren als Nachfolgerin des Buchhalters geangelt oder Patrio glaubten, sie geangelt zu haben. Doch unglücklicher-( oder hatte glücklicher) weise mußte eben derselbe lange Dünne sie in Berlin kennenlernen. Er hat ihr gleich ein so starkes Licht melde, über ihre neue Wirkungsstätte angesteckt, daß die Jungfrau, die ohnehin nur widerstrebend eingeschlagen hatte, wie sie ging und stand, eine Absagedepesche aufgab. mit un die en die U ganze 20. Oktober 1944 Heute ist derjenige Kontrolleur eingetroffen, der das Dutzend voll macht: ein länglicher Herr mit Mähne, Brille, friedensmäßigem Anzug, kriegsbedingter Magerkeit und den hageren Backenknochen eines Schizophrenen. Dem langen Dünnen ist bei der Begrüßung die Verzweiflung auf dem Gesicht abzulesen. Die Frage mag ihm durchs Gehirn gehen, ob es der Prüfungen nun nicht genug seien? Was der nun noch zu rügen wisse? In der Tat, noch im Laufe des Vormittags entdeckt der einen gewaltigen Mangel. Er faßt ihn alsbald zu dem Satz zusammen, den er unserm Oberhaupt ins Ohr schreit: ,, Sie machen sich das Leben viel zu schwer; wahrhaftig, Sie machen es sich zu schwer!" Der also Angeredete ist wie aus den Wolken gestürzt, nachdem ihm der Klang der Worte durch das dicke Trommelfell endlich ins Hirn gedrungen war. Bisher hatte er immer hören müssen, daß er sich das Leben zu leicht gemacht habe. Da mochte der Kuckuck draus klug werden!- · Hesse auffol man den. 1 zur U hatter ander word daß müse, Ein vorge der C seines ja fr deute willi Inhal IM ,, PORZELLAN" 309 ■ das Lager S Zuvon 30. Oktober 1944 Seit 14 Tagen befindet sich das Lager in brodelnder Aufegung, die geraden Blöcke wie die ungeraden, seit jenem Sonntagabend, da die Lagertelegraphie die Neuigkeit durch KOW, die Stuben leitete: ,, Die Deutschen bis zu 45 Jahren können anze ich freiwillig zur Wehrmacht melden." Wie ein Mann ließen sich fast alle vom Blockschreiber auf die patriotische Liste setzen; selbst die Rotspanier fehlten nicht. Doch führte der oder Patriotismus dabei wohl kaum den Stift. Hinter der Hand oder hatte es nämlich geheißen, die Liste solle eine Art Erhebung e in in bezug auf die ,, innere" Einstellung werden. Wer sich nicht Licht melde, gebe sich damit als Staatsfeind zu erkennen und habe rau, mit unerfreulichen Folgen zu rechnen. So traten denn gerade e sie die entschlossenen ,, Staatsfeinde" an, um zu beweisen, daß die Umschulung bei ihnen treffliche Früchte getragen. Eine ganze Anzahl von Pfarrern meldete sich; unter ihnen der 1944 Hesse H. Er wurde stehenden Fußes entlassen. In der dardas auffolgenden Woche sind die 1300,, Musterknaben", wie man die Leute alsbald doppelsinnig taufte, gemustert worund den. Zur allgemeinen Überraschung sind aber auch solche zur Untersuchung geholt worden, die sich nicht gemeldet dem hatten, z. B. der ehemalige Wiener Oberbürgermeister Schmitz; hen, andere wieder, die sich eingetragen hatten, sind übergangen nun worden, wie die Rotspanier. Man wollte daraus schließen, Jor- daß nur die harmlosen Fälle, Meckerer und ähnliches Gemüse, berücksichtigt werden. ille, ngen ihn Lupt ver; Ander ins sen, chte Einige, die sich nicht ,, freiwillig" gemeldet hatten, wurden vorgerufen und mußten sich dafür verantworten. So wurde der Capo Höhn scharf angefahren und nach dem Grunde seines Fernbleibens gefragt. Er antwortete, die Meldung sei ja freiwillig gewesen. ,, Eben deswegen", wurde ihm bedeutet ,,, möchten wir wissen, warum Sie sich nicht freiwillig gemeldet haben." Und Misch, ein junger Freund des Inhabers der Parolenmühle, der wegen Widerspenstigkeit 310 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU von inner wähl schon mehrere Male hart bestraft worden war, schleuderte es ihnen direkt ins Gesicht, er werde sich nie bereit finden, von für den Hitlerismus freiwillig zu kämpfen. Fabisch ist sehr besorgt um ihn und fürchtet, er habe sich mit seiner tollkühnen Offenheit das Todesurteil ,, freiwillig" gesprochen. 1. November 1944 Der lange Dünne macht uns Sorgen. Bis zum Nachmittag ist er immer noch nicht erschienen, nachdem er in aller Frühe flüchtig aufgetaucht war. Ist ihm etwas zugestoßen? Auf Grund unserer kommerziellen Beziehungen hatte sich ein gewisses kameradschaftliches Verhältnis der Buchhaltung, zu ihrem Chef herausgebildet, so daß uns eine etwaige Gefahr, die auf ihn lauerte, nicht ganz gleichgültig war, und seit einiger Zeit witterten wir eine solche. Wir wagten's uns nur anzudeuten, aber jeder fühlte die geheime Angst, die immer in uns wach ist, solange wir in diesem Lande der Katzenpfoten und verschleierten Genickschüsse leben müssen. Wir befinden uns auf einem Vulkan, auf dessen Ausbruch wir von Minute zu Minute gefaßt sind. So war es bei dem Pragmatiker, der sich ja nun dank seiner Geschicklichkeit davon gemacht hat. Ob es ihm aber endgültig gelingt, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ist sehr fraglich. So schwebt wie ein Fragezeichen das Geschick des langen Dünnen über diesen Tag. Wie wird es ihm ergehen? Etwas später Ja, wie wird es ihm ergehen? Die Frage ist inzwischen sehr dringlich geworden. Es hat sich nämlich gegen vier Uhr die Tür aufgetan, und der trat herein, mit dem sich unsere Gedanken beschäftigt hatten. Aber nicht allein trat er ein, sondern in Begleitung eines zweiten Uniformierten, eines Herrenmenschen, dessen Revolver sonderbar gefährlich aus der Seitentasche drohte. Unserm Chef fehlte der seinige diesmal. Was hatte das zu bedeuten? Eine beklemmende Luft los w Waff sicher könn Er h seine seine wirr für Qua mach Uni Hol alar Die W zerr ich stell sei. gele vert und sei; Ab Die die sata Fle ein Herte den, sehr tollchen. IM ,, PORZELLAN" 311 von offizieller Strenge umwitterte die beiden, und jedem von uns dreien kam wohl unwillkürlich die Stunde in Erinnerung, da sich ihm zum erstenmal ein nicht selbst gewählter Begleiter an seine Sohlen heftete, den er nie mehr los werden sollte, weder bei Tag noch bei Nacht, und dessen Waffe im Hintergrund ihm die unbedingte Überlegenheit 1944 sicherte. O, wir glaubten dem langen Dünnen nachfühlen zu ttag können, was ihm in diesen Minuten durch die Seele stürmte! aller Er hatte uns kaum gegrüßt. Stillschweigend schritt er zu Ben? seinem Pulte und wies dem Inhaber der Pistole den Inhalt ein seiner Aktenmappe vor. Dann brachte er in halber Verwirrung noch dies und jenes in Ordnung, wie einer tut, der für einige Zeit zu verschwinden im Begriffe ist. Seinen Quark nahm er mit, während er die Wursthäute uns vermachte. Dann schritt er zur Tür, immer gefolgt von dem Uniformierten, und verließ gegen seine Gewohnheit ohne Holiday den Raum. Doch da heult just die Sirene: Voralarm! Ich muß abbrechen. 3. zu Fahr, seit nur mer zenWir wir dem keit inen webt Fiber Säter chen Uhr sere ein, ines aus nige Luft - Wie ein Alp legt sich Deutschlands Geschick aufs Herz. Die Flut steigt täglich höher und droht, die Dämme zu zerreißen. Es ist mir mitunter, als träume ich, und als ob ich im nächsten Augenblick erwachen müsse, um festzustellen, daß alles nur Ausgeburt eines Fieberwahns gewesen sei. Ja, wenn wir an GOTT glaubten! Aber wir werden gelehrt, an Menschen zu glauben. Den Gefallenen sollen wir vertrauen, daß sie vor uns, hinter uns und bei uns seien und uns mit ihren Schildern deckten, bis der Sieg errungen sei; so sprach Göring. Welcher Dämon gab diesen Ruf zum Abfall dem Manne ein, der der zweithöchste im Reiche ist? Dieser Glaube sieht und fühlt nichts wie der echte, hat nur die Niederlage vor Augen, und doch ist's ein Irrglaube, ein satanisches Gegenstück des göttlichen. Aber Verflucht ist, wer Fleisch für seinen Arm hält! Gewiß ist unsere Niederlage eine furchtbare Katastrophe; sie bedeutet nicht weniger, als 312 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU daß der Stamm der Eiche abgehauen wird. Aber unser Sieg wäre noch ein größeres Unglück. Er bedeutete, daß auch die Wurzel der Eiche ausgerissen würde zu ewigem Untergang, und daß wir das selber besorgten. zähle empf wack letzte Doch 2. November 1944 mir Es fragte einer im Blick auf„ Allerseelen", das die Katholiken heute feiern: ,, Wo werden wir nächstes Jahr an diesem Tage sein? Vielleicht auch bei den„, Seelen"? Ich aber dachte bei mir: ,, Mag wohl sein. Gott gebe dann in Gnaden: nicht bei den verlorenen!" Windgasse, früher bekannter Schauspieler in Wiesbaden, später ebenso bekannter Evangelist und jetzt in Dachauer Staatspension, leidet an Zucker. Sein Zustand verschlimmert sich zusehends, seitdem es ihm unmöglich ist, geeignete Mittel zu erlangen. Ich wandte mich an den Pragmatiker um Hilfe, und siehe, nicht umsonst: heute trafen aus seiner Heimatstadt Sch. zwei Körbchen ein, auf denen stand ,, Dodekamethylendiguanidindichlorhydrat". Das stammt aus den Scheringwerken und soll ein gutes Mittel gegen Zucker sein. Windgasse war sehr bewegt und wollte mir stürmisch danken, ich wies es ab und meinte, der Dank gehöre dem Pragmatiker. Wir haben hinterm Stacheldraht den Kampf ums Dasein genau so auszufechten wie die draußen. Der Wettbewerb um eine gute Stelle nimmt hier schärfste Formen an, dieselben Waffen werden angewandt: Rücksichtslosigkeit, Gewalt der Ellenbogen, List, Bestechung, Verleumdung und Lüge. Gruppen bilden sich zu gegenseitiger Unterstützung. Die ganze Stufenleiter der Menschen draußen spiegelt sich hier wider, und die Unterschiede sind nicht milder, sondern krasser, so gewiß der Sprung von dem Zebra, das sich nie satt essen kann, bis zum Blockmogul, der im Überflusse lebt, größer ist als der zwischen Fabrikant und Arbeiter. Ich Trop tizen Han nur Ließ Blät offer Das D halt Müh Verb zusa glyp die Verl und eine Eine bed baru ließ Bem im Tag Kri den WO IM„PORZELLAN“ 329 zähle zur Zeit zu den gehobenen Ständen als Paket- empfänger. und Porzellanschreiber! Aber mein Thron wackelt bedenklich. Mehr als einmal fürchtete ich in der letzten Zeit; daß mir der Stuhl vor die Türe gesetzt werde. Doc will ich alles der Reihe nach erzählen; Gott gebe, daß mir dieser Bericht nicht selbst den Hals breche. Ein kleiner Tropfen kann den Topf zum Überlaufen bringen, und No- tizen machen— ist das ein kleiner Tropfen? Bei meinem Hang, mich selbst zu verraten und zu zerstören, bedarf es nur eines leichten Versehens, und mein Grab ist geschaufelt. Ließ ich doch gestern den Ordner, in welchen ich diese Blätter als in einem fast unauffindbaren Versteck vergrabe, offen liegen. Und wer stand am Pult, als ich zurückkehrte? Das Mannweib, das uns ohnehin nicht grün ist!— Der lange Dünne ist nicht zurückgekehrt. Die Buch- haltung muß sich damit abfinden. Niemand findet es der Mühe wert, den Sklaven ein Sterbenswörtchen über den Verbleib des Mannes zu sagen, mit dem sie Jahr und Tag zusammenarbeiteten. Wir rätseln denn selber an der Hiero- glyphe herum, die uns so viel zu schaffen macht. Was führte die Katastrophe herbei? Ein offenkundiger Fehltritt oder Verleumdung? Wir sind geneigt, das letztere zu glauben und tippen auf den kurzen Dicken, den hält jedermann für einen falschen Fünfziger. Hat ihm der ein Bein gestellt? Eine unheimliche Gestalt, schien doch selbst sein Rücken bedeckt zu sein mit Augen wie beim Tier in der Offen- barung. Ihm durfte er nicht über den Weg trauen, und doch ließ er sich in seiner Gegenwart gehen, machte abfällige Bemerkungen über geheiligte Einrichtungen, bezeichnete sich im Scherz als zukünftigen Kommissar Stalins, ja tat eines Tages recht defaitistische Außerungen über das Ende des Krieges. Und sein intimes Verhältnis zu den Staatsfeinden, den Häftlingen! War vielleicht die Verschwörung abgehört worden? Hatten die Wände Ohren gehabt? 314 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU 8. November 1944 Der erste Schnee im— hoffentlich letzten!— Dachauer Winter! Die Musterknaben gehen nun also fort. Gestern abend sind sie während des strrömenden Regens vom Appell ‚weggerufen worden: wie man sagt, um für die Wehrpässe konterfeit zu werden. Mit dem Wetter haben sie es nicht gut getroffen. Auch sonst sollen sie sehr enttäuscht sein, weil sie gleich eingekleidet wurden und das in die ver- haßte SS-Uniform. Das deutet darauf hin, daß sie un- mittelbar in die Kaserne kommen, während sie davon ge- träumt hatten, zunächst einmal ‚den ersehnten Urlaub, zu bekommen. Deswegen allein hatten sich die meisten auf die riskante Liste setzen lassen mit dem Hintergedanken, wenn der Krieg bis dahin noch nicht aus sei, mit Sack und Pack zum Tommy überzugehen. Das Porzellan hat fünf Mann gestellt. Wir sind die lachenden Hinterbliebenen. Auch ich habe eine Erbschaft gemacht. Nachdem ich vom reinen Denker die Riesenlinse, alias Ochsenauge, geerbt, hinter- ließ mir Hornochs, der auch dabei war, die kostbare Aus- steuer von zwei Hemden, zwei Strümpfen und einen Zebra- mantel. Der kam just zu rechter Zeit. Wir haben immer noch keine Mäntel empfangen. Wenn nur der Knabe Hiob auch was erbte! Hemden und Strümpfe ließ.ich ihn sogleich weiter erben. Am dringendsten braucht er ein anderes Kom- mando. Er muß tagsüber fürchterlich frieren in seinen dünnen Fetzen. Diesen Morgen schlotterte er am ganzen Leib. Um sich zu wärmen, sang er verzweifelt ein lustig Liedlein, ein lustig Liedlein von einem herrlichen Brei, drein herrliche Butter geflossen sei— war’s nicht. Wo war es doch gleich? Ich hab’s vergessen. In Dachau Sph des Jat zeic sch: sch« vot len kei ent Ub bac er bei Ur so! he de ral so, IM ,, PORZELLAN" 315 44 er n 11 se t n, r- 1- e- u ie n k n h n ! S- a- er b ch 1- n n 5.0 g 9. November 1944 Der lange Dünne hat bereits einen Nachfolger. Die Sphinx zog am Vormittag einen Uniformierten niedern Grades hinter sich her( ich glaube mit einem Stern; nach fünf Jahren Anschauungsunterrichts hab ich die wichtigen Abzeichen so wenig spitz bekommen, daß ich einen Unterscharführer nur mit Mühe von einem Gruppenführer unterscheiden kann). Der gehabte sich nicht anders, als wenn er vor hätte, die Buchhaltung als Ort seines Wirkens zu wählen. Und nun entfalteten sich die detektivistischen Fähigkeiten der Buchhaltung. Der Laibacher Nr. I sagt: er ist entweder reich oder ein Räuber, denn er trägt eine goldene Uhr am Gelenk und einen Solitär am Ringfinger; Laibacher Nr. 2 schließt scharfsinnig frei nach Sherlock Holmes: er ist Österreicher, denn er besitzt eine Pfeife, wie sie nur beim italienischen Feldzug im Weltkrieg ausgegeben wurden. Und Laibacher Nr. 3 hinkt hinterdrein: er ist Raucher, sonst hätte er keine Pfeife ein Schluß von solcher Kühnheit der Kombination, daß er sogar Sherlock Holmes in den Schatten stellt. Der Laibacher Nr. 3, von Beruf Generaldirektor, ist seit einigen Tagen Glied unseres Klubs geworden; man weiß eigentlich nicht recht, wen er ersetzen soll? Ich argwöhne im stillen: mich! 10. November 1944 Hauptspieß, so heißt unser neuer Vorgesetzter, ist seinem kriegerischen Namen zum Trotz kein Unhold. Er verabschiedet sich mit ,, Mahlzeit", was ein Champion mit Neigung zu Kinnhaken nicht täte. Dagegen verrät seine Nase eine Feinheit, die eine übermenschliche Ausbildung vermuten läßt, so daß er sich den Namen ,, der Übermensch" oder ,, die Schnuppernase" gefallen lassen muß. Diese Nase hat etwas Apartes, was an die feuchten Riecher eines Windhundes oder eines Stapomannes erinnert. Sie findet, daß es 316 TAGE DACHAU in der Buchhaltung„riecht“, wenn nicht sogar st...t, kann aber gleichwohl nicht herauskriegen, wonach es eigentlich rieche oder st...e. Er läßt die Augen umherrollen und die Nüstern zucken: vielleicht sind’s die Quitten da auf dem alten Möbel, dem Schrank! Eiligst werden sie entfernt, Aber es riecht weiter. Der herbeigerufene Obmann Kratzbürste meint, es liege am Wasser; nämlich daß wir zu sparsam mit diesem Element umgingen. Aber es wird auch nicht am Wasser liegen, sondern ich schätze, es ist der Armeleute- geruch, der Zebraduft, der den Poren der Häftlinge ent- strömt, und den weder Wasser noch die Wohlgerüche Arabiens werden verdrängen können.— Auch für sonstige Häftlingsgeheimnisse scheint die neue Nase eine Witterung zu haben. Wir hatten unser Barver- mögen in einem Ordner versteckt, illegale Papierscheine im Werte von etwa zehn Mark. Bei seinem Rundgang blieb er just vor diesem Regal stehen; prüfend ruhte sein Blick auf der Reihe der Ordner; nun greift er einen heraus— gerade unser Kassenschrank ist’s, den er zwischen die Finger nimmt, und in dem er herumblättert. Ängstlich sind vier Augen- paare auf‘ die unheimliche Spürnase gerichtet. Aber, Michael sei Dank, sie hatte zwar geschnuppert, aber nichts entdeckt.— Eine bedenkliche Beichte legte mir heute Hiob ab: seit einigen Tagen begeht er das Verbrechen, sich kurzerhand mit den Hosen auf den Strohsack zu legen. Hinter der Hand flüsterte ich ihm ins Ohr, daß— ich es gerade so mache. Die Musterknaben sind gestern abgerückt. Mit klingen- dem Spiel zogen sie zum’Iore hinaus. Die Kapelle spielte das Lied:„Wann sehen wir die Heimat wieder?“ Als sie in die Viehwagen eingeladen wurden, sangen sie:„Am Roten Meere“. Uns schwant für sie nichts Gutes, so wenig wie für die Invaliden, von welchen gleichfalls eine Gruppe von 150 tem meh an, Heil scho an IM ,, PORZELLAN" 317 150 Mann in den Zug gesetzt worden ist mit unbekanntem Reiseziele. - Die folternde Enge auf den Stuben wirkt sich immer mehr aus. Unsere Reizbarkeit nimmt peinigende Formen an, selbst auf dem Pfarrerblock. Es sind ja auch keine Heilige. Windgasse, der Evangelist, erzählt, daß es sogar schon ,, Keile" gegeben habe, der galligen Redensarten nicht zu gedenken. Er fährt zuweilen mit einer Mahnung dazwischen, etwa: ,, Achtung! Die Gemeinde hört mit!" oder: ,, die Liebe Christi dringt uns also!" Die Kämpfe spielen sich aber, erleichtert aufatmend stellt der Chronist dies fest, nicht zwischen, sondern innerhalb der Konfessionen ab. Das Verhältnis zwischen evangelisch und katholisch ist im Gegenteil so gut wie noch nie in der Kirchengeschichte. Man duldet sich nicht bloß, nein, man schart sich sogar zusammen um die Bibel hört! hört! Seit den Tagen der Reformation dürfte dies nicht vorgekommen sein. Allabendlich nämlich hält im Schlafraum ein Geistlicher vor dem Zubettgehen eine Andacht. Ist's ein lutherischer oder reformierter, dann hören die Katholiken nicht weniger zu als die Protestanten, ist's ein römischer, dann lauschen die Evangelischen nicht weniger aufmerksam als die Katholiken. Man hat nicht gehört, daß es bei diesem gemeinsamen Hören zu Streitigkeiten oder gar Raufereien gekommen sei. Was solch eine harte Faust vermag! Ist es nicht eigentlich beschämend, daß die Stapo kommen mußte, um das zu erreichen, was wir aus uns trotz der Herrnbitte nicht zuwege gebracht: ,, Ut omnes unum sint!" Keine Schützengrabenverbrüderung! Gewiß nicht! Gegen das Gewissen zu handeln ist nicht gut, selbst wenn es dem frömmsten Zweck dienen sollte! Aber das müßte wegweisend sein für die Zukunft, was in dem sich nicht in einer Kathedrale, sondern Schlafraum von Block 26 anbahnte, daß wir uns, statt einander zu verketzern, gemeinsam unter GOTTES WORT - 318 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU - stellten und uns von ihm richten und raten ließen. Übrigens wird von Pfarrer Niemöller glaubhaft versichert, dafs er im Bunker gemeinsam mit einem katholischen Priester oder Bischof das Brevier bete. Manche tuscheln deswegen, er habe die Absicht, überzutreten. Aber das ist natürlich Unsinn. Nein, es ist die heilige Gemeinsamkeit des Leidens um Christi willen, die uns näher zueinander führt und uns hilft, trotz des Trennenden die Einheit zu sehen. 14. November 1944 Die Schnuppernase ist für uns immer noch ein unbeschrieben Blatt, ein Löwe, der seine Krallen noch nicht gezeigt hat. Den ,, V.B." dürfen wir ihm noch nicht ausführen, wie wir es bei dem zahnlosen Löwen- Vorgänger ungescheut taten; ebensowenig wagen die Laibacher Nr. 1 bis 3, ihm Zigaretten anzubieten oder Balkantabak: der Charakter seiner Augen ist unbestimmbar; sind es" Röntgenaugen? Wir wissen's nicht. Als Bürokrat beweist er sich durch die unangenehme Eigenschaft, sich bei jedem persönlich davon zu überzeugen, ob er etwas tue oder nicht. 16. November 1944 Brummstock, das alte Zebra aus Sachsenhausen, stand heute neben mir auf dem Appellplatz. Jahrelang hatten wir uns nicht mehr gesehen. Nun war die Freude groß, wie bei vom Tode Erstandenen. Sechs Monate war er vor mir nach Flossenbürg geschickt worden; ich erinnere mich noch gut der nächtlichen Dämmerung, in der wir Abschied nahmen. Sachsenhausen, meinte er, sei ein Mördernest, aber gegen Flossenbürg ein Erholungsort. Die meisten der mit ihm Transportierten seien nicht mehr am Leben, und ihm wäre es nicht besser ergangen, hätten sie ihn nicht wegen seiner Taubheit weggeschickt. ,, Was haben sie denn mit euch angefangen?" schrie ich ihm ins Ohr. Er machte zur Antwort eine B in die rücken Berufs es wa und L zurück froner für Le war 1 sogar schwu hause Sachse Sache Dokto Backs um s Bauch bürg denn noch, Ergeh flüste nur n kurze Kami auch mich Gehe wir maue ander Zahl IM„PORZELLAN“ RZELL 319 eine Bewegung, indem er mit der Rechten ausholte und sie in die Luft. niederstieß, als lasse er sie auf einen Häftlings- rücken sausen.„Die Capos waren Unmenschen, Grüne und Berufsverbrecher. Wir mußten in einem Steinbruch arbeiten; es war ein Granitwerk, das 2000 Gestreiften Gesundheit und Leben kostete. Abends um halb fünf Uhr kamen wir zurück, aßen schnell unsere Suppe hinein und mußten noch fronen bis acht Uhr. Dann wurden wir ins Bett getrieben; für Lesen oder so etwas war keine Zeit. Nur das Essen, das war lange Zeit ordentlich. An Sonn- und Festtagen gab’s sogar Schweinebraten. Aber später ist auch der Braten ver- schwunden; übrig blieben nur die Sch.... Nee, Sachsen- hausen war da eine Erholung!“—„Na, wenn ich an Sachsenhausen denke, friert mich. Weißt du nicht mehr, die Sache mit dem dicken Zahnarzt, der angeblich dreifacher Doktor gewesen ist?“—„Ja, dem sie auf dem Ziegelberg Backsteine über den Bauch türmten, Häftlinge und Posten, um sich köstlich zu amüsieren, wenn der Berg mit dem Bauch auf- und abwippte.“—„Ja, und doch, gegen Flossen- bürg war Sachsenhausen eine Erholung.“— Wie mochte es denn dem armen Koloß noch ergangen sein? Ich entsinne mich noch, wie ich ihn beim Ziegelschleppen mitleidig nach seinem Ergehen fragte. Der Capo habe gesagt, erwiderte er ängstlich flüsternd, indem er mich wie hilfesuchend anblickte, er habe nur noch drei Tage zu leben. In der Tat war der Hüne nach kurzem nicht mehr zu sehen, und es hieß, er sei durch den Kamin gegangen. Genaueres und Sicheres wußte allerdings auch mein halbtauber Nachbar nicht.— Aber ich erinnere mich eines andern Erlebnisses, das mir zeigte, welch ruchlose Geheimnisse jeder dieser Ziegel barg.— Die Backsteine, die wir zu einem hohen Berg aufschichten mußten, standen.in mauerartigen Reihen vor uns, welche durch Gänge vonein- ander getrennt waren. Wer sich nicht mit einer genügenden Zahl Steinen belud— es sollten mindestens acht sein—, 320 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU oder wer im Laufschritt ermattete, bekam von den Vorarbeitern( wie sie dort die Capos nannten) einen Fußtritt oder einen Hieb mit dem Prügel, den sie immer bei sich führten wie die Herrenmenschen die Reitpeitsche. Einer davon hatte sich eine seltsame Methode der Bestrafung ausgedacht. Zuweilen waren aus jenen Gängen Aufschreie und Weherufe zu vernehmen, wie sie heftige Qualen den Menschen auspressen. Da niemand in den Gängen arbeitete, so konnte ich mir die Schmerzenslaute nicht erklären, ahnte aber nichts Gutes. Eines Tages rief mir jener Vorarbeiter, ein junger Mensch, dessen engelhafte Züge das Auge für ihn einnahmen. Er gab mir einen Wink, ihm zu folgen, und verschwand zwischen den Mauern. Als ich mich nichtsahnend bei ihm einfand, warf er mich unversehens zu Boden und bearbeitete mit seinen Absätzen meine Brust. ,, Verschwinde!" rief er am Schluß der Orgie ,, und tummle dich besser, oder du sollst das nächste Mal noch was anderes erleben!" Ich war nicht neugierig auf das in Aussicht gestellte ,, andere", sondern froh, als ich andern Tags von dem lehrreichen Ziegelberg loskam.- 17. November 1944 Allmorgendlich, kaum daß ich die Buchhaltung betreten, stürzen sämtliche jugoslawischen Flöhe auf mich los, welche die drei Laibacher auf ihrem Serbenblock gefangen haben. Ich finde diesen Floh- Enthusiasmus für meine Person ziemlich lästig. Denn kurz nach der Begrüßungsszene beginnen meine Waden zu jucken und zu brennen, daß es kaum auszuhalten ist. Jedem Geschöpf gönne ich von Herzen Atem und Leben, aber es soll meine Toleranz nicht unschön ausnützen, sonst hat die Freundschaft ein Ende!- 18. November 1944 Nicht viel hätte gefehlt, und ich wäre von einem gefährlichen Wirbel erfaßt und in die Tiefe gezogen worden. Schon der Bi geben welche wollen Neben ähnlich sich üb ein Tr fragte von de widert Mauth ,, Und als du Woche Gange nicht davon werde - " I nicht daß J Versch der P nem unters eine s Zu Tags, die R Cerbe denn Blitze Zweitau t e t r S u h e 4. 1, n 0 4 IM ,, PORZELLAN" 321 Schon vor vier Wochen fing es an. Ich saß da auf einem der Bierfässer, die da vor der Kantine herumlungern. Sie geben einen vielbegehrten Sitzplatz ab für solche Zebras, welche, ermüdet, der Musik und den Berichten zuhören wollen, die dem zahnlosen Mund des Radios entströmen. Neben mir saßen zwei meiner Leidensbrüder auf einem ähnlichen Fauteuil ohne Polster und Lehne und unterhielten sich über die neueste Parole, nämlich, daß demnächst wieder ein Transport abgehen solle. ,, Weißt du wohin er geht?" fragte der Altere in gedrücktem Tone. Er war ein Mann von der Waterkante, aus Bremen. ,, Nee, keine Ahnung", erwiderte der andere. ,, Aber sie reden von Neuengame, Mauthausen oder sonst einem anderen Mordhausen." ,, Und wann soll er abgehen?"- ,, Weiß ich ebensowenig als du; aber sie reden davon, daß sie im Laufe der nächsten Woche soweit sind. Die Untersuchungen sind schon im Gange." Welche Untersuchungen? Ich denke es wird nicht mehr untersucht?"- ,, Keine Ahnung! Aber sie reden davon, daß eine Reihe von Prominenten mit abgeschoben werden sollen, die an der Verschwörung beteiligt waren." - ,, Ist da mein Landsmann, der von der Revier- Registratur, nicht auch dabei?" ,, Weiß ich nicht; aber sie reden davon, daß Julius Schätzle mit dabei ist." Julius war mit in die Verschwörung verwickelt, hatte sich eine Zeitlang ins Asyl der Prominenten im Revier geflüchtet. Nun war er aus seinem Versteck aufgescheucht und sollte mit; schon war er untersucht worden, was natürlich in den meisten Fällen nur eine scheinheilige Formsache ist. - - دو Zunächst noch nichts Böses vermutend, hörte ich andern. Tags, daß die Sphinx in aller Frühe angefragt habe, ob die Registratur in Ordnung sei. Und am Nachmittag sei der Cerberus in die Buchhaltung geplatzt mit der Frage, ob denn der Registrator fortkomme. Da fuhr es mir wie mit Blitzesschnelle durch den Sinn: der Transport! Du sollst Zweitausend Tage Dachau 21 322 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU auch mit! Rasch packte ich meine sieben Sachen, Rasierzeug, Seife, Ochsenauge und einiges andere Verdächtige zusammen. Dem Laibacher Nr. 1 verriet ich das Versteck meines Geldes, damit er imstande sei, es mir zu bringen, falls ich schon andern Morgens nicht mehr ausrückte. Abends marschierten wir durchs Tor ins Lager; da bemerkten wir, daß sie auf dem Platze filzten. O weh, gerade heute, wo ich vollgestopft war mit illegalen Gütern! Die Hoffnung, das Porzellan werde, wie meist, geschont, diese schöne Hoffnung trog. Statt auf den Block zu marschieren, bogen wir zum Platz ein. Gefahr war im Verzuge! Wäre ich doch gewesen, wo der Pfeffer wächst! Wie wurde ich nur meinen Ballast schnell los, der mich das Leben kosten konnte? Ohne langes Besinnen ließ ich eine Bürste, die ich um 20 Zigaretten erstanden, via Unterhosen zu Boden gleiten, desgleichen die Bibelzettel; ein Glück, daß es schon dunkelte und die übereifrigen Büttel nichts merkten. Für Ochsenauge und Notizen aber suchte ich vergeblich fieberhaft nach einem Bergungsort. Da wagte ich das Äußerste. In der Nähe der Blockstraße angelangt, sah ich einige, die sich in ähnlicher Lage befinden mochten, verstohlen aus der Reihe schleichen. Ich tat es ihnen gleich und war gerettet. Auf den erwarteten Transport kam ich indessen nicht, ebensowenig am Freitag und Sonnabend. In der Frühe erscheint der Obmann Kratzbürste und warnt zur Türe herein: ,, Meine Herrn, es ist Kontrolle angesagt, bringen Sie Ihre Sachen in Ordnung!" Ich erschrecke und beziehe die Kontrolle auf mich allein. Die Warnung des Obmanns deute ich in meiner Verwirrung, die etwas von Verfolgungswahn an sich hat, so, daß sie vielleicht herausbekommen wollten, wer ein schlechtes Gewissen habe: indem sie nämlich die beobachteten, die etwas zu verstecken suchten. Schleunigst suchte ich Tagebücher und Lieder aus den verschiedenen Winkeln und Ordnern zusammen, dahin ich si ker. mit e mich auf das e An F es lic Indes verda Doch war im v nicht die H Wie ich räter vers erbli der Post Sche Feue meh Stri hatt Art hast Feu O Salv ließ war IM„PORZELLAN“ = 323 ich sie hineingeheimnißt hatte, und brachte sie in den Bun- ker. Doch kaum war ich drinnen, so sah ich den Obmann mit einem Posten an der Türe vorbeihuschen. Ich wähnte mich verraten. Schon bezog ich die ganze Kontrolle nur noch auf mich. Was sollte ich tun? Alles verbrennen! Das war das einzig Mögliche! Nur weg, spurlos vernichten! Aber wo? An Feuer fehlte es zwar nicht. In drei Riesenöfen brannte es lichterloh, zu einer Glut von über 1000 Graden entfacht. Indessen vor jedem sah ich einen Posten oder sonst eine verdächtige Gestalt. Also in den Herd dort um die Ecke! Doch zum Kuckuck! Auch den bewachte ein Gewehr! Wer war es denn, der den Uniformen meine geheimsten Absichten im voraus verriet, von denen ich selber am Morgen noch nichts gewußt? Nach einer Weile schiele ich noch einmal um die Ecke. Der Gewehrlauf ist weg, wirklich! Ich atme auf. Wie froh bin ich, für die kostbare Ladung Papier, an der ich monatelang gearbeitet, die mir jetzt aber zur ver- räterischen Last geworden, eine Stätte zu finden, wo sie verschwinden soll, um nie wieder das Licht des Tages zu erblicken. Das Türchen stieß ich auf— lugt dort nicht wie- der ein Gewehr vor? Nein, niemand ist in der Nähe, weder Posten noch Häftling! Und nun hinein zu den brennenden Scheitern! Brennt ihr auch? Ja, schon haben die Ecken Feuer gefangen! Und zugeknallt die Türe, daß niemand mehr, niemand in der Lage ist, mir aus den Blättern einen Strick zu drehen! Und die Geldscheine, die ich gesetzwidrig ‚hatte, ich verbrannte sie zwar nicht; dazu war mir diese Art von Papier doch zu schade; aber ich versteckte sie hastig unter dem Salzsack, der hier unten stand, um dıe Feuchtigkeit an sich zu ziehen. O ich cucudrillo, das ich bin! Mit Recht benamst mich Salvatore, der junge Römer, also, mit vollem Recht! Wie ließ ich mich ins Bockshorn jagen! Den ganzen Vormittag warteten wir auf die Kontrolle, doch alles blieb still; nie- BEER TERN” SR a EN ERREICHTE 324 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mand kam, und ich hatte mich umsonst aufgeregt. Immerhin: Vorsicht ist die Mutter der Porzellanschüssel. Die Klugheit, die uns die Erzeugnisse unserer Öfen sehr einprägsam veranschaulichen, hatte mich geleitet, und so kann ich mir im Grunde keinen Vorwurf aus meinem überstürzten Vorgehen machen, so leid es mir um die Manuskripte ist, die samt der Mühe, die sie kosteten, unwiederbringlich dahin sind. Ich mußte mich vorsehen; denn nur eine Woche zuvor war es gewesen, daß Mummi, der Amtschef, wie ein Wirbelwind unsere Räume durchbrauste. Niemand schonte er und nichts, keinen Schrank ließ er unbeachtet, keine Schublade unaufgerissen; er donnerte herum, daß es eine Art hatte. Statt der Hände schienen ihm Wünschelruten gewachsen zu sein, die über den verborgenen Adern anschlugen. Bei dem grünen Max trat er ein, schritt stracks zu seinem Tisch, zog die Schublade auf, griff hinein mit der Sicherheit eines Nachtwandlers, und was hielt er gleich darauf zwischen seinen Amtsfingern? Drei Briefe, fertig adressiert, und auch schon mit Marken beklebt wie zum unwiderleglichen Beweise dafür, daß sie zu nichts anderem bestimmt waren, als hinausgeschmuggelt zu werden. Sofort wiesen die Wünschelruten zur Tür, durch welche der Delinquent trauriger Miene hinausschritt. Aus war es mit dem feudalen Kommando, aus mit Brotzeit, Buttermilch, Quaderwurst und den Kippen, die er die grüne Keckheit besaß, täglich mehrmals in der Buchhaltung zu sammeln. Keine Stunde war vergangen, und er wanderte in Begleitung eines Gewehrs ins Lager zurück, von da in den Bunker und vom Bunker auf den Transport. Und das alles, weil er die Lehre des Porzellans nicht zu Herzen genommen, obwohl er täglich damit umgegangen war. In der Fabrik hatte er freilich einige Gemüter in höchster Unruhe zurückgelassen, ob er sie nicht unter dem Druck der inquisitorischen Ohrfeigen des Verhörs verraten werde Gestap ihn al hinter selbst lassen Abe So ma ker hi der S schied Ochse Schub seinig mit d die M Er er einem hoffer verfa werde Ochse magn zog, e warr, den H pen: Der I eines List g Mo reich IM ,, PORZELLAN" - 325 werde. In der Tat wurde ein Zivilist bald danach vor die Gestapo zitiert und schwer bedroht, weil der grüne Max ihn als Briefboten angegeben hatte ein Beruf, der direkt hinter den Stacheldraht führt. Er kam noch glimpflich weg, selbst wenn man erfährt, daß er zum 1. November entlassen wurde. - Aber um nochmals zu jenem Wind zurückzukehren, der so manche Papiere durcheinander- und einen armen Schlukker hinausgewirbelt hat: das Gerücht von seinem Wüten in der Schleiferei verbreitete sich per Eilboten durch die verschiedenen Abteilungen bis hinauf zur Gipserei. Als dort Ochsenherz vernahm, es sei vor allem auf die ehrenwerten Schubladen abgesehen, erschrak er nicht wenig, denn die seinige barg illegale 60 Reichsmark wohin in der Eile mit den verflixten Scheinen? Rasch entschlossen ahmte er die Methode der Tintenfische nach: verwirren, verdunkeln! Er ergriff einen Haufen von Schnüren, verwirrte sie zu einem hoffnungslosen Knäuel und warf ihn in die Lade, hoffend, daß sich der Wirbel an dieser kleineren Unordnung verfangen, sich daran austoben und keine Zeit mehr finden werde, die große Unordnung zu bemerken. Und siehe, Ochsenherz hatte recht kalkuliert. Wie die Wünschelrute magnetisch nach dem Knopf der Lade griff und sie herauszog, erfaßte das Amtshaupt ein solcher Zorn über den Wirrwarr, der ihm entgegenstarrte, daß er das ganze Fach auf den Boden schleuderte und mit dem Donner auf den Lippen: ,, Ist das Ordnung?" zur nächsten Lade weiterschritt. Der Donner klang aber in Ochsenherzens Ohr wie der Sang eines Kanarienvogels, denn er zeigte ihm an, daß ihn die List gerettet hatte. Am Dienstag nach dem Totensonntag gedankenMorgens predigte Pfarrer Walter aus Danzig reich und kraftvoll. Schade, daß nur wenige da waren. Ein -- 326 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Cerberus war vor dem Tore gestanden und hatte alle abgehalten, indem er behauptete, es sei Gefahr im Verzuge. ,, Heute nicht! Heute nicht!" hob er beschwörend seine Hände. Ich hatte aber gerade heute Lust und schlängelte mich trotz aller hindernden Formeln hinein. Auch das Herauskommen, das unter Umständen noch schwerer ist als das Hineinkommen, gelang mir mit Hilfe der schützenden Erklärungen Windgasses, des Evangelisten. Abends ging die Sache unter dem Schutze der Dunkelheit leichter. Es waren wider Erwarten 20 Freunde gekommen, darunter fünf Hochwürden. Mein Herz schlug höher bei dem Anblick. Den hätte ich unserm lieben Grüber gegönnt! Mein Kleinglaube ist über die Maßen beschämt worden.( Indem ich dies niederschreibe, merke ich, daß auch ich dabei bin, den Zahlen meinen Kotau zu machen!) Dittmer sprach sehr anschaulich über Elia. Er setzte sich nach Verlesung des Textes brüderlich mitten unter uns. Kaiser redete uns als , Gottesfreunde" an, was ungewöhnlich klang, aber recht zu Herzen ging. Ein Duett, von Windgasse und Sieber mit ihren prächtigen Stimmen vorgetragen, schloß die Stunde. In Windgasses Gesang verriet sich wohl die Kunst des ehemaligen Schauspielers. Aber sie war durchglüht vom Feuer des Zeugendienstes und ging uns allen zu Herzen. Fabisch bekannte, daß er einen tiefen Eindruck gewonnen, und der Knabe Hiob wüßte nicht, wie sein Elend ertragen ohne das Licht, das von unseren Abenden ausgeht. دو 4. Dezember 1944 Die Sache mit dem Knaben Hiob nähert sich ihrem Höhepunkt; ich könnte noch besser sagen: ihrem Tiefpunkt. Es ist eine wahre Tragödie, diesen Eindruck haben wir alle, die wir den Vorzug genießen, mit diesem seltenen Menschen eine Strecke Weges gemeinsam zu gehen. Das Schmerzliche für mich ist dabei, daß ich mich von der Schuld nicht freispreche lässigke Hoc Deutsc Pfarre mando komme werfen Knabe ich die nahm. mando Sonnta verspr gehen, zu tun und in ich ih sei ni Feinde licherv Vielm Daß s auslas Transp brauch entfer schwer durch gerufe Ich eilte keiner IM ,, PORZELLAN" 327 sprechen kann, zu seinem Unglück durch eine gewisse Nachlässigkeit mit beigetragen zu haben. Später Hochkonjunktur für Transporte und Parolen: sämtliche Deutsche sollen jetzt aus Dachau fortkommen; nur die Pfarrer bleiben angeblich hier und füllen die in den Kommandos entstehenden Lücken aus. Die SS- Menschenfänger kommen selbst in die Betriebe, um dort die Lassos auszuwerfen, und niemand rettet dich aus ihrer Hand. Armer Knabe Hiob! Ja, ich muß mir den Vorwurf machen, daß ich die Gefahr, als er sie mir schilderte, nicht ernst genug nahm. Am Samstagabend kam er kreidebleich vom Kommando zurück und sagte mir, daß er wahrscheinlich am Sonntag zum„ Kretiner"-Transport ausgesucht werde. Ich versprach ihm, den Parolenmüller um seine Hilfe anzugehen, war aber zu bequem, um es noch am selben Abend zu tun. Am andern Morgen aber war er bereits ausgerückt, und in der Mittagspause wollte ich ihn nicht stören. Als ich ihn aber nachmittags endlich sprach, winkte er ab: es sei nichts mehr zu machen. Tatsächlich hatten es Hiobs Feinde dahin gebracht, daß er abgestellt worden war; glücklicherweise allerdings nicht zu einem Invalidentransport. Vielmehr sind gerade die Gesunden herausgesucht worden. Daß sie den Knaben Hiob trotz seines Rückgratbogens auch auslasen, war eine Schikane. Es ist ja bekannt, daß solche Transporte mit Vorliebe von den Stubenpaschas dazu mißbraucht werden, die sogenannten mißliebigen Elemente zu entfernen. So ist auch Pfarrer X, der voriges Jahr das schwere Verbrechen begangen hatte, Briefe mit Erfolg- durchzuschmuggeln, als einziger von den Geistlichen herausgerufen worden. - Ich ließ jedoch die Flügel noch nicht hängen, sondern eilte zu Joos, dem stets Hilfsbereiten. Doch wußte auch er keinen Rat als den Trost, daß der Arzt das letzte Wort 328 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU habe, und daß, wenn alle Stricke rissen, es Gottes Wille sei. Das war gut evangelisch und katholisch zugleich, half uns aber nicht weiter. Darum auf zu einem Helfer, der in der Kantine im Begriff war, seinem Doppelkinn noch ein drittes hinzuzufügen. Aber o weh, die wohltätige Einrichtung hatte wohl drei Türen, aber alle drei geschlossen, und die Schlüssellöcher waren zu eng, um uns hindurchzulassen, so gerne sie dazu bereit gewesen wären. Dazu hörten wir, daß Kommandosperre verhängt sei, das heißt, keiner durfte während der nächsten zehn Tage in ein Kommando aufgenommen werden. Diese weise Anordnung war natürlich kein Zufall, sondern eigens dazu erlassen, Leute, die den Braten rochen, zu verhindern, ihrer empfindlichen Nase entsprechend zu handeln und sich durch Stellenwechsel zu retten. So hatten wir, menschlich gesprochen, nur noch die Hoffnung auf den Arzt. Wie sie enttäuschte! Die Herde der nackten Sklaven defilierte in Eilschritten an dem Manne vorüber, und ein Wort vorzubringen war unmöglich. So bleibt nur das Wunder übrig. Und wir nehmen's im Glauben: Gott wird's tun, grade wenn der Augenschein dagegen spricht, jawohl, gerade dann!- - Dies schreibe ich am Montag, den 4. Dezember des Jahres eintausendneunhundertvierundvierzig, am Tage nach dem Adventsfest, und zwar im Bunker, wohin wir unsere Akten, Ordner und Schreibmaschinen eilends bringen, wenn die Sirenen Alarm tuten. Mag uns der Herrenmensch auch rauchen und zur Not unsere Puffer backen lassen soweit geht seine rumänische Duldsamkeit nicht, daß ihm meine Einträge gleichgültig sein könnten. Darum aus den Augen! Wozu sich unnötig der Gefahr der Entdeckung aussetzen? Lieber eine Unbequemlichkeit mehr auf sich genommen und Scherben verhütet als umgekehrt das lernen wir beim Porzellan. Ich bin unterbrochen worden. Der Herrenmensch erschien pla ge ei N na ic un ic H Sp W 0 W A น U V n H I 1 ‚en ien IM„PORZELLA? 329 plötzlich in der Tür. Glücklicherweise hatte ich seine Schritte gehört. So warf ich das Blatt rasch in die Ecke und ergriff einen Ordner, der in der Nähe war. Die Leute haben eine Nase! Wie neulich der Direktor, der mit Sphinx-Augen nach mir sah und sich just den Augenblick dazu erkor, als ich meine Notizen ordnete, die ja meistens absichtlich lose und fliegend sind. Aber meine Nase ist noch feiner, so daß ich im letzten Augenblick immer Lunte roch und mit heiler Haut davonkam. Aber zu denken gibt mir dies Nach- spionieren doch; es dürfte nicht ganz zufällig sein so wenig wie die Frage, die der Übermensch in letzter Zeit bedenklich oft an mich richtete:„Was tun Sie da?“ Will er mir einen Wink geben? Sind sie hinter mein Geheimnis gekommen? Ahnen oder wissen sie etwas von meinem Safe im Bunker, und daß ich hier unten so manche Viertelstunde zubringe, um meine Aufzeichnungen zu machen? Wenn aber dem so wäre, so argumentiere ich bei mir selbst, warum stürzen sie nicht auf mich los, um mich zu entlarven und mir das Handwerk zu legen— ganz davon abgesehen, daß meine Notizen des Reiches Sicherheit kaum gefährden? Nun, ant- wortet mein inneres Gegenüber, vielleicht wollen sie dir noch eine Weile zusehen, um dich zum Schlusse um so fester zu packen. Sie laufen ja keinerlei Gefahr dabei, daß du ihnen entwischen könntest, bist du doch ohnehin in ihrem Netze und kannst nicht mehr heraus. 7. Dezember 1944 Ich muß meine Arbeit strecken. Seit sie mir die. allgemeine Registratur genommen haben, weil sie ins Hauptkontor ver- legt wurde, bin ich fast beschäftigungslos. Ich habe nämlich die Schreibmaschinenarbeit an den Generaldirektor abgetre- ten, für welchen es so gut wie nichts mehr zu tun gab; und nun gewinne ich es nicht über mich, sie ihm wieder zu neh- men. Ich muß nun eben nach Woinos, des Polen, Rezept handeln:„Langsam Arbeit, immer Arbeit“, das er mir 33° ZWEITAUSEND TAGE DACHAU seinerzeit auf meinen Lagerberufsweg als weisen Rat mitgegeben hatte. Und ich muß sehen, wie ich aus dem alten Aktentertiär- Boden ausgrabe, was nur immer herauswill. Da früher die Registratur einmal ein Augiasstall war, so fällt es mir nicht schwer, die Notwendigkeit einer gründlichen Reform glaubhaft zu machen. Ob mir der Generaldirektor das dankt oder nicht, ist gleichgültig. Es scheint, er sieht es für eine Selbstverständlichkeit an, daß sich einer für ihn opfert. Er versucht nämlich auch solche Gebiete an sich zu reißen, die von Anfang an unbestreitbar zu meiner Domäne gehört hatten. Er ist mit seinen paar Monaten trotz seiner grauen Haare noch ein rechtes Grünhorn, meint aber alles schon besser zu wissen als alte Lagerhasen.- Das Wunder ist geschehen: der Knabe Hiob ,, darf" wieder dableiben und in seinem alten Kommando weiterarbeiten. Ja, er darf weiterfrieren und weiterhungern und weiterhin sich anschnauzen und drangsalieren lassen; er ,, darf" es, denn gegenüber dem dunklen Geschick, das mit dem Worte Transport angedeutet wird, bedeutet es ein gnädiges Dürfen. wac and bem ling klän wöh lak leu mit der ein sich und Fre Fra Sie VO ko sat es 8. Dezember 1944 ein Der Übermensch, nachdem er sich die seinem Range gemäße Umgebung geschaffen in einem mit Teppichen belegten Raum und in der Nähe des Bildes der Vorsehung mit dem Zwicker, unter welchem die Porzellanvase mit dem Hoheitszeichen steht,- dieser Herrenmensch beginnt jetzt neue Züge zu zeigen, die seinen herrenmenschlichen Charakter zusehends enthüllen. Er geruht, schlechte Launen zu bekommen und Aussprüche zu tun, die auf sein Vermögen deuten, trotz seiner Kurzsichtigkeit geschärfte Blicke in die Zukunft des Häftlings Nr. 16 921 zu tun. ,, Ich sehe schwarz für Sie", vertraute er mir diesen Morgen mit kaum hörbarer Stimme und schwermütigem Tone an. Auch beginnen ihm die so sehr wichtigen Kontrollorgane wie Augen zu de gä de ba de di re F d V IM ,, PORZELLAN" دو 331 wachsen, vermöge deren er in der Lage ist, die Geschöpfe anderer Gattung genau wie die Stapo, seine Gebieterin, zu bemißtrauen. So ist ihm aufgefallen, daß der besagte Häft. ling seine Hände sehr häufig wäscht. Das bedurfte der Aufklärung. Er forschte daher nach dem Grunde dieser ungewöhnlichen Tatsache, und der Registrator gab umgehend lakonisch die Antwort: ,, Vom Aktenstaub"; das war so einleuchtend, daß sich auch der eingefleischteste Argwohn damit zufrieden geben mußte. Tags darauf bemerkte er, daß der nämliche Häftling häufiger das Zimmer verließ, als es einem Durchschnittschristen zukommt. Diesmal wandte er sich, als der Registrator wieder einmal der Vorsehung" und ihrem Zwicker den Rücken gekehrt hatte, an seine Freunde, die Laibacher Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 3 mit der Frage, wohin denn der Mann so auffallend oft verschwinde. Sie antworteten in einer Einmütigkeit des Geistes, wie sie von berühmten Konzilien nicht immer berichtet wird: ,, Er kocht für uns." Der Laibacher Nr. 1, Hartmann, im Gegensatz zu seinem Namen der sanfteste ,, Heckenschütze", der es je zum Hauptmann brachte, ergriff die Gelegenheit, tat einen Kniefall und bat gleich um die Erlaubnis, auch fürderhin kochen zu dürfen, wie wir es bei Hochdero Vorgänger getan hätten. Der Übermensch, selbst Balkanese, der den Laibachern als Mitbalkanesen und Lieferanten von balkanesischem Tabak selten etwas ausschlug, war bereit, der Buchhaltung dies Privileg zu gewähren, und bekundete dies durch ein mildes: ,, Natürlich, gern!", was um der Gerechtigkeit willen hier besonders erwähnt sei. 19. Dezember 1944 Nun feiern wir bald das Fest der Feste. Ach, dieses Feiern wird hier einen sonderbaren Charakter haben. Und doch, ob wir wollen oder nicht es ist die letzte Woche vor Weihnachten, und da packt es jeden Christen, ja wohl 332 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU jeden Deutschen; denn wen der Glaube nicht packt, den packt die Stimmung. Wohl uns freilich, wenn wir nicht auf die gute Stimmung angewiesen sind! Wohl dem, der es immer mehr im Glauben fassen darf, was das Wunder der Weihnacht bedeutet: Frieden zwischen Gott und Mensch. Alles ist in Ordnung, alles. Kein Hauch trübt mehr den Spiegel der Seele. Denn Christus ist mein, Immanuel! Und die Liebe Gottes ist mein, wie sie Jesu ist, und wie auf dem SOHNE das volle Wohlgefallen ruht, so strahlt es auch über mir, seitdem sich in der Heiligen Nacht der SOHN mit der Erde verbunden hat auf Gedeih und Verderb! O seliger Glaube, o unaufhörlicher Jubel, o süße Befriedigung, o offener Himmel, o lachende Augen, o gefüllte Hände, o getröstetes Leid, o überstrahlende Kälte, o frühlingsduftender Winter, o freudenhelle Nacht, o lockender Morgen! ,, Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen, Wir, die unser Heil annehmen, Werfen allen Kummer hin!" Kaiser wollte, daß ich ihm diesen Vers aus Paul Gerhards mächtigem Weihnachtsgesang aufschreibe. Er wußte wohl nicht, daß unsere Kirche vor der Krippe Hymnen anstimmt von solch männlicher Kühnheit und höllentrotzender Kraft. Draußen hat der Winter über Nacht Rauhreif gestreut, so daß uns wenigstens das friedliche Weiß der Freude nicht fehlt, auch wenn vor dem Fest kein Schnee mehr fallen sollte. der als Z Por Eug Da D Ad der vor hat des ma mu ein bei lös siel sta Ta SO im Qu lei Na 21. Dezember 1944 Gestern abend feierten sie drüben ,, Julfest". O, es ist gut, daß sie es nicht mehr Weihnachten heißen.. So wird wenigstens nicht der liebe, uralte Name durch dieses mozu n JL f ES r 1. 1 ֿ 1 J ! IM ,, PORZELLAN" 333 derne Feiern geschändet, bei dem der Weingeist eher regiert als jede andere Art von Geist. Zum Julklapp sollten auch die neuen Schutzpatrone in Porzellan fertig werden, Götz von Berlichingen, Prinz Eugen und Frundsberg. Aber es hat wohl nicht geklappt. Da wird's auch mit dem Endsieg nicht mehr klappen. Drei rote Kerzen brannten in der Kapelle, als wir unsere Adventsandacht hielten. Es war eine heimelige Feier, bei der das traute: ,, Tochter Zion, freue dich!" vom Harmonium begleitet, froh aufjubelte. Pfarrer Sippel hat uns ein kraftvolles Adventswort gesagt von der Nähe dessen, der aus schwachen Menschen Überwinderherzen macht. - 20. Dezember 1944 Wir machen heute schon um vier Uhr Schluß, und so muß ich mich sputen, wenn ich noch etwas Weihnachtliches eintragen will. Ach was gibt es denn viel Weihnachtliches bei uns, denen sie sogar die Weihnachtserinnerungen auslöschen möchten, wenn sie könnten! Aber sieh, mein Auge, sieh durch die Fenstergitter, sieh die Millionen von Kristallen aus blitzendem Reif, mit denen eine sachte Hand Tannen und Eichen überzuckert hat, dir zur Freude! Und so dringt denn die Weihnachtsluft zu allen Poren ein, und im Herzen brechen sie auf, die geheimen Bronnen und Quellen der Erinnerung, um im Licht, das von den Kerzlein ungezählter Bäume aus vergangenen Jahren in meine Nacht fällt, zu flackern und zu knistern, zu strahlen und zu leuchten, zu singen und zu jauchzen: ,, In dulci jubilo Nun singet und seid froh! Unsres Herzens Wonne ZWEITAUSEND TAGE DACHAU 334 Liegt in praesepio Und leuchtet als die Sonne Matris in gremio." Und nun muß auch das ,, Schulmeisterlein Wuz" herhalten, das mir die Nachbarinnen aus Berlin zum Trost und zur Gesellschaft zugesandt haben, und es scheint, als ob es ihm gelinge, manchen feinen Strahl herunterfallen zu lassen ins Dunkel der Gegenwart. Das schönste ist, daß wir am Heiligen Abend zur Christvesper eingeladen sind nach Block 26. Das wird fein werden, hält doch Freund Reger die Predigt. Unser Laienkreis wir sind schon etwa 20- muß auf eine eigene Feier verzichten. Offenbar angeregt durch unser Beispiel, haben sich die Polen, die Tschechen und die Holländer um einen eigenen Gottesdienst bemüht, so daß man des Raumes wegen ins Gedränge kommt. mö Ge flo ges ge tre Je ein ges Κα du SO A Ja er D sch 22. Dezember 1944 VO che Um den Knaben Hiob entstand gestern abend ein wüster Tumult; zum Glück war ich nicht Augenzeuge davon, ich hätte sonst dem SS- Büttel, Schuster mit Namen, gewiesen, wo Bartel den Most holt. Es wurden Hemden und Unterhosen ausgegeben, oder was sie hier so heißen. Der Plaggeist der Stube, dieser Schuster, gab dem Knaben Hiob ein Gebilde, das nicht einmal eine ferne Ähnlichkeit mit dem aufwies, was man in Mitteleuropa vor Hitler als Hemd bezeichnete. Die ganze Hinterseite fehlte, und es schien eine richtige Läusefalle zu sein, dazu schmutzig, als ob es nicht aus der Waschküche, sondern sonst woher stamme. Der Knabe Hiob wies den Lappen zurück; es wurde ihm darauf ein anderer Lappen hingehalten. Doch als der Undankbare, statt freudig zuzugreifen, es wagte, nochmals zu mäkeln, weil das zweite woV1 si M G zu au di no m de 11 r- .d es IM„PORZELLAN“ F 335 möglich noch schlimmer war als das erste, war es mit der Geduld des Büttels vorbei, und der Buckel des Knaben Hiob flog mitsamt den anhängenden Teilen zur Tür, in Schwung gesetzt durch einen kraftvollen Stoß des in diesen Künsten geübten Schusterfußes. Was sie nur gegen den Armsten haben? Gibt es einen treueren Kameraden als ihn? Einen hilfsbereiteren Freund? Jeder weiß, daß er mit vollen Händen austeilt, sobald er ein Paket von zu Hause erhält, was nur alle Vierteljahre geschieht. Und als er 14 Tage lang Glück hatte und beim Konservenwülfert arbeitete, sah man ihn jeden Abend durchs Lager streichen. Was hatte er so Wichtiges in seiner so spärlich bemessenen Feierabendstunde zu tun? Er hielt Ausschau nach den ausgemergelten Gesichtern und. den Jammergestalten, und denen steckte er seine Brote zu, die er vorher mit Fett bestrichen und mit Wurst belegt hatte. Das wissen alle. Warum haßt ihr ihn dann also, ihr wind- schiefen Gesellen, daß ihr ihm am liebsten das Lebenslicht vollends ausblieset? Ihr wißt es wohl selbst nicht, und man- cher Professor der Psychologie ist mit euch ratlos. Aber vielleicht weiß jener Geist aus dem Abgrund Bescheid, der sich ein Vergnügen daraus macht, seine Werkzeuge gegen die Menschen aufzubringen, welche er als die Jünger seines Gegenspielers erkannt hat.— Ich versuchte, dem Gequälten ein Pflaster auf die Wunde zu kleben in Gestalt einer Brotschnitte mit Schweinefett aus Saalbach und eines der guten Vanillebrötchen, die mir die Nachbarinnen aus der Turmstraße geschickt hatten.— Bis jetzt konnte ich meinem Beinamen„Der Pufferbäcker“ noch Ehre machen. Aber wer weiß, wielange es noch geht mit dieser Bäckerei? Die Küchle werden täglich kleiner, denn es fehlt an Kartoffeln. Diese werden zu einer Rarität, um die man sich noch schlägt. Schon sind ganze Komman- 336 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU dos wegen ,, Organisierens von Erdäpfeln" aufgelöst und bestraft worden; wie mir der Knabe Hiob sagte, werden von nun an die Kartoffeldiebe kurzerhand aufgehängt. Um Freund Sepp, den Bärenmaler, nicht in diese schreckliche Gefahr zu bringen, die ihm droht, auch wenn er die kostbaren Knollen nicht selber holt, sondern sie von einem landsmännischem Koche geliefert bekommt, habe ich nach allen vier Winden geschrieben. Hoffentlich bringt einer davon den ersehnten Kartoffelregen. Vielleicht hilft auch der Pragmatiker nochmals aus. Wofür ist er nicht alles gut! Hat er doch neulich sogar Pillen gegen den Zucker Windgasses, des Evangelisten, ein zweites Mal geliefert, die sonst von keiner Seite mehr zu haben waren. Das Gespenst Hunger klopft mit seiner knochigen Hand bereits vernehmlich an unsere Lagerpforten; gar mancher, der vor kurzem noch dick und rund war, läuft jetzt mit hohlen Backen umher. Die Augen trüben sich, die Stimmung wird noch gereizter, als sie vorher schon war, denn die Not macht die Menschen nicht besser, sondern schlechter, oder vielmehr, sie läßt den wahren Charakter, den er immer schon hatte, ans Licht treten. Weihnachten steht vor der Tür, und ich muß jetzt manchmal an die alte Vronik denken, jenes Weiblein in einem Albtal, welches mir von der großen Armut erzählte, die in ihrer Jugendzeit auf den Höhen der Rauhen Alb herrschte. Sie hatten nicht einmal genug Kartoffeln, so daß sie auf Weihnachten nur den einen Wunsch äußerten, sich einmal an Erdäpfeln satt essen zu dürfen. Und jetzt bin ich selber in dieser Lage, gehöre zu den Elenden, denen es verwehrt ist, sich an den Trebern zu sättigen, die die Säue fraẞen! O warum bin ich dem Vaterhause entlaufen, da ich Brotes die Fülle hatte? Warum ließ ich mir nicht genügen an den Gaben SEINER Liebe, sondern stürmte hinaus, um mich am goldenen Überfluß hungrig zu essen? Üb de ta Z he P V el de SC sa d E b e t n S n B S H S nd en m he stm ch a- er at es, on nd r, it ng ie Er, er コー m in e. f al er rt ! es n m IM ,, PORZELLAN" 337 Wenn die Katze fort ist, sind die Mäuse Herr. Der Übermensch hat uns verlassen und war so unvorsichtig, den Mäusen mitzuteilen, daß die Katze erst nach dem Mittagessen zurückkehren werde. Die Vorsehung mit dem Zwicker ist baẞ erstaunt über ein solches Maß von Unklugheit, die Mäuslein freuen sich, und ich hole schnell mein Papier, um einige illegale Krähenfüße drauf zu kritzeln, von denen nur das eine zu fürchten ist, daß sie der Schreiber einst selbst nicht mehr entziffern könne. Wir sind geimpft worden. Die Folge ist, daß Laibach Nr. 1-3 krank sind und ich schläfrig bin. Den Tag über nickte ich über meinen Zahlensäulen immer wieder ein, obwohl ich den Blick der Vorsehung durch ihren Zwicker vorwurfsvoll auf mich gerichtet wußte. Einmal ertappte mich der Übermensch beim Schläfchen, beschränkte sich jedoch darauf, mir in verblümter Weise eine Warnung zu erteilen, indem er mich inquirierte: ,, Was tun Sie im Augenblick, Herr Ekkehardt?" Er hat auch ganz menschliche Qualitäten, der Herrenmensch, immer wieder schimmern sie durch. Wenn nur seine Nase nicht so übermenschlich heikel wäre! Kaum hatte er heute früh die Buchhaltung betreten, als er bereits wieder schnüffelnd feststellte, es ,, röche"( nach Menschenfleisch?), was den sanften Heckenschützen, Hartmann, dazu zwang, eilends zum Fenster zu springen, um es wagenweit zu öffnen. Sofort strömte die kalte Dezemberluft herein und machte uns frieren. Im Sommer, als draußen die Sonne brannte und drinnen die Porzellanöfen Hitze schwitzten, durften wir beim Zorn des echt KZ! Capo die Fenster nicht fingerbreit öffnen;. seufzte der Laibacher Nr. 2. - Im Lager ist eine Änderung eingetreten, die einem richtigen Umsturz der altgeheiligten Lagerordnung gleichkommt: es gibt keinen Abendappell mehr. So lange die Welt steht, ist das nicht erhört worden, ein Grund-, Haupt- und Oberbrauch wurde sang- und klanglos begraben, ohne welchen Zweitausend Tage Dachau. 22 338 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU das KZ nicht denkbar erschien. War es doch ein Gesetz der Meder und Perser, das nicht die geringste Ausnahme duldete, daß männiglich sich des Abends auf dem Platz zum Zählappell einzufinden habe, selbst die Sterbenden mußten mit, und wenn sie herbeigeschleppt werden mußten und ihr Leben auf dem Appellplatz aushauchten, vom Blockführer für ihre Dreistigkeit, sich auf diese Weise zu empfehlen, noch mit einem Fußtritt bedacht. öff sie wä sich an ihn bif sic - geht un W Und in diese Mauer ist eine Bresche geschlagen die Welt aus dem Leim? Der Appell wird zwar noch abgehalten, aber auf den Blocks, warum geht es jetzt? Der Generaldirektor erzählt, daß sich neulich, als ungarische Juden als„ Zugänge" auf dem Platz standen, schlimme Szenen abgespielt hätten. Die Kleider wurden' ihnen förmlich vom Leibe gerissen, und die Bündel mit Brot, Speck und sonstigen Lebensmitteln nahm man ihnen mit frechen Redensarten ab. ,, Und wer waren diese Straßenräuber?" ,, Nun, die SS", entgegnete ich. ,, Nein, eben nicht!" rief der Generaldirektor, den die Wut über das Gesehene aufs neue übermannte ,,, eben nicht! Sondern ganz gewöhnliche Häftlinge- ein Weltskandal!" Wirklich, ich muß ihm beipflichten; ein Weltskandal! Wir Dachauer, die wir das Mitleid der ganzen Welt für uns in Anspruch nehmen gegen die Unmenschlichkeiten der SS, wir übertreffen sie noch in der Unterdrückung unserer Mitgefangenen. O Gott, erbarme dich! In der Frühe ging ich heute zum Pfarrerblock, um Bruder Walter eine Karte zu übergeben. Ich suchte ihn durch die von der Morgenandacht hell erleuchteten Fenster zu erspähen. Da stürzte einer der in der nächtlichen Frühe spazierengehenden geistlichen Herren mit etwas rohem Gesichtsausdruck auf mich zu und fuhr mich an: ,, Hinaus mit dir! Hinaus!" Obwohl ich mich sofort zum Gehen wandte, rückte mir der Eifrige auf den Leib, drängte mich zur Türe, fie hö da ke lic di W u u el li li W W K S S N I d IM„PORZELLAN“ 339 öffnete mir diese unverlangt, schob mich hinaus und schlug sie mit Gewalt hinter mir zu, als ob ich der Leibhaftige wäre. Ich konnte ihm meinen Dank für diese blitzesschnell sich vollziehenden Handlung der Lagergastfreundschaft nicht anders ausdrücken, als mit einem zornigen:„Grobian!“, das ihm in das Dunkel, in dem er untertauchte, nachhallte.„Ein bißchen“, dachte ich im Weitergehen,„ein bißchen sollten sich die Sitten dieses Blocks doch von denen der Weltkinder unterscheiden. Das wäre nicht zuviel verlangt.“ Aber halt! War ich berechtigt zu diesem Richterspruch? Siedend heiß fiel mir mein„Grobian!“ ein, der auch nicht als Sohn eines höflichen milden Vaters geboren war. Ich mußte mir sagen, daß einer, der so wenig die Sanftmut zu bewahren wußte, kein Recht hatte, andern Grobheit vorzuwerfen. Unglück- lich darüber, daß wir Christen alle miteinander versagten, die Geistlichen wie die„Laien“, ging ich meinen Weg weiter, ohne die Genugtuung, die wir empfinden, wenn es uns gelungen‘ ist, einen Sündenbock zu finden, dem wir unsern Zorn über die böse Welt aufladen können. Soeben habe ich Angelikas Adventslicht angezündet und ein Schwarzwaldreislein dran gehalten. Nun duftet es ordent- lich weihnachtlich in der Buchhaltung. Ob die herrenmensch- liche Nase„etwas“ riechen wird? Er tat die Außerung, er wäre froh, wenn die Festtage vorüber seien. Den Laibachern gegenüber ließ er diesen unnötigen Wunsch fallen, wie er denn überhaupt ihnen gegenüber aus sich herausgeht. So wissen sie von ihm schon eine ganze Menge: daß er aus Kronstadt sei, guter Leute Kind, daß seine Eltern geflohen seien usw. Hartmann, der weiche Mann, sieht schwarz für sie und meint, sie könnten sich als Angehörige eines SS- Mannes nicht mehr sehen lassen. Ja, das Nachspiel, das der Krieg einmal haben wird,— es graut uns, wenn wir daran denken. Es wird ein Trauerspiel werden— miserere nostri, Domine! Wahrscheinlich werden die Herren, die die 22% a m et RE SEE ee N 34° ZWEITAUSEND TAGE DACHAU Barmherzigkeit in die Ecke stellen als der Übermenschen unwürdig, eines Tages mit heißen Augen nach Menschen suchen, die dieser altmodischen Regung noch nachgeben. 17. Dezember 1944 Auf Block 20 haben sie gestern Pakete„ gefilzt", und zwar in Gegenwart von mehreren SS- Blockführern und unter Assistenz des Lagerältesten. Die Sache artete in eine regelrechte Plünderung aus. Nicht nur wurde herausgeholt, was an Lebensmitteln zum Kochen diente, nein, auch alle Wäschestücke, Hemden, Pullover, Unterhosen, Strümpfe, kurz, was nur Wolle hieß, und womit sich einer kleiden konnte. Ganz ohne Kriegserklärung brach diese Razzia über den Block herein, denn bisher war es erlaubt, eigene Wäsche und Lebensmittel zu besitzen. Aber es scheint bei den Herrenmenschen ein brennendes Bedürfnis zu herrschen nach all den Stoffen, die uns vor der Kälte schützen, und so ist denn dies Wüten nicht unerklärlich. Hunderte von Paketen wurden in die Gefangenschaft geführt, nachdem man in starken Ausdrücken der Entrüstung darüber Luft gemacht hatte, daß sich Häftlinge mit Stoffen versorgten. Mit Beute beladen zogen die Sieger wieder ab, einen ausgeplünderten Block und manches Herz mit der bangen Frage zurücklassend, wie unser oberbayerischer Feind, der Winter, nun ohne warme und weiche Panzer zu besiegen sei. Sie führen da vorn ja mit fanatischer Gründlichkeit einen Krieg gegen unsere Unterwäsche. So hat uns beim Einrücken bereits eine zweite Gruppe von SS- Leuten überfallen. Das erstemal galt es unsern Mänteln, die sie uns vom Leibe zogen; diesmal den Hemden und den Wolljacken. Wer sich in Ermangelung eines Mantels gegen die Kälte durch ein zweites Hemd u. dgl. zu schützen gesucht hatte, verfiel ob dieses übermütigen Beginnens der Beschlagnahme des überflüs wa Ge der un me de die ve ich mi re Sp H an W ve ni W u d u au st ge دو W d Z S n W n n 4 d 414 d e I, e e, n r e 1 า d 1 1 t e S IM ,, PORZELLAN" 341 flüssigen Tuchwerkes, selbst wenn es persönliches Eigentum war. O ihr scharfsinnigen Methoden der neuen europäischen Gemeinschaft! Wie seid ihr doch zum Verwechseln ähnlich den Geschäftsbräuchen der Strauchritter, die am Wege lagern und jeden für ihren Feind erklären, der es wagt, ein Hemd mehr zu besitzen als sie selbst! Durch Schaden klug geworden und durch unzählige Erfahrungen dahin belehrt, daß die allzu willig Folgenden immer das Nachsehen hatten, versuchte ich mein Heil gegen die Übermacht in der List: ich tat so, als ob ich bereits gefilzt wäre und schlängelte mich zu der Gruppe derer hindurch, die die Prozedur bereits hinter sich hatten. Und wirklich! Ich kam durch die Sperrlinie hindurch und hatte nicht bloß mein zweites Hemd, sondern auch die zweite Hose gerettet, die ich mir angezogen hatte, um eine Notwehr gegen die Unbilden der Winternächte zu haben, die mein Blasenleiden sich zusehends verschärfen ließen. Gestern nacht waren die Engländer in München. Freilich nicht zu einem Kunstbesuch. Der Übermensch, der die Woche mit einer Verspätung eröffnete, erzählte uns, er wäre ums Haar überhaupt nicht mehr gekommen. Er sei zur Zeit des Angriffs in München gewesen; die Häuser hätten rechts und links lichterloh gebrannt. Beinahe wäre das seinige auch getroffen worden; wäre eine Sprengbombe gefallen statt einer Brandbombe, so wäre er nicht mehr zurückgekommen. Eines Augenblickes Länge durchfuhr es mich: ,, Nun, so hätten wir einen freien Tag gehabt." Doch verwies ich mir diese Zuchtlosigkeit sogleich wieder, entsetzt darüber, daß sich solche Mordgesinnung in meine Gedanken zu mischen wagte. Wehe, das ist die Kralle des alten Menschen, der ,, durch Lüste sich in Irrtum verderbt", und der mit Recht verurteilt ist am Kreuz. - Diese Nacht war ich sehr unglücklich: als ich erwachte, war meine rechte Seite völlig feucht. Mein Blasenübel hatte 342 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU mir einen Streich gespielt, was bei der strengen Kälte und den zwei dünnen Decken kein Wunder ist. Sechs- bis zehn- mal jagt es mich heraus, ein böses Leiden, das sich von Winter zu Winter verschlimmert. Ich kann nur froh sein, daß‘ich ausnahmsweise allein liege und nicht zwischen die andern'eingepfercht. So konnte ich die Sache unbemerkt in Ordnung bringen. Aber gefroren hat es mich doch wie einen Schloßhund, denn es war eisig kalt. Auf dem Appellplatz ging das Frieren erst recht an. Eine halbe Stunde lang standen wir in der vom Winterwind frostig bewegten Morgenluft fast regungslos da. Hu, mich schüttelt es jetzt noch beim Drandenken! Endlich ging es ab, und wie froh war das Porzellan, als wir endlich unsere Manufaktur er- reichten. Gleich bei der Ankunft schon hauchte uns aus der Tür eine mollige Wärme entgegen, in welche Atmosphäre wir uns keuchend, pustend und unter Hallo-Rufen hinein- drängten, froh, für einen Tag wieder geborgen zu sein. Ins- geheim fürchten wir alle, daß wir eines schönen Morgens das ganze Gemäuer samt Ofen, Kanzlei, Bunker, Buchhal- tung, Bulldoggen, Husaren und Seydlitzkürassieren dem Erdboden gleichgemacht antreffen werden. Selbst die ärgsten Schreier können sich eines leichten Grauens bei dieser Vor- stellung nicht erwehren. Denn unter den obwaltenden Um- ständen bietet uns das Porzellan eben doch nicht bloß Blut- wurst und Buttermilch, sondern auch die Wärme einer win- terlichen Zufluchtsstätte, und wir sind gescheit genug, um zu wissen, daß etwas Besseres selten nachkommt.— Aber eines wundert mich doch sehr: daß dem Riechorgan des Über- menschen der Duft noch nicht aufgefallen ist, der als Wolke des nächtlichen Übels meinem Häftlingsgewand nicht eben rosengleich entsteigt. Sollte er wirklich noch nichts gewittert haben?— Dem Pragmatiker übersandte ich einen kleinen Ballen ‚ Literatur(zum Hinausschmuggeln!). Als Dankretour re rn LT d ב 1 IM ,, PORZELLAN" 343 schickte er mir das 15silbige Mittel aus Scherings Apotheke gegen Windgasses Zucker, ferner einige Pfund Äpfel für Rößler, den Diätkoch, ein Glas Erdbeergesälz für M., den Sterngucker, und ein Glas Apfelgelee für mich selber. Das letztere war begleitet von einer Anzahl bedruckter und beschriebener Blätter aus Berlin, darunter ein Stück von geschichtlicher Wichtigkeit, welches es mir und anderen sehr antat. Angetan hat es mir auch auf einer niedrigeren Ebene das Glas mit rötlich schimmerndem Gelee, dessen Farbe mir verschiedene Butterbrote herrlich zierte und dessen erlesener Wohlgeschmack meinen Gaumen im Genusse schwelgen ließ. Das war ein Weihnachtsbrosame, von eines Reichen Tisch in eines Armen Schoß gefallen; wahrlich, das war es! Ich hatte keine Ruhe, bis das ganze Glas aufgegessen war, ich festlicher Verschwender. Ach, das war herrlich! Zuerst aufs Butterbrot und das letzte Drittel allen Mahnungen der Sparsamkeit und des Anstandes zum Trotz mit dem Löffel ausgeschleckt! Gegen die erhobenen Zeigefinger meiner sämtlichen Mütter, Tanten, Gouvernanten und Haushälterinnen! 22. Dezember 1944 Ich habe mit Joos beratschlagt, ob man dem Knaben Hiob übers Revier nicht vielleicht eine bessere Kost vérschaffen könne, aber er verneinte es. Schade, daß ich auf Granit beiße, so oft ich etwas zu seinen Gunsten unternehmen will. Oder was er von einer Kommando- Änderung halte? Der Armste hat in den miserabel geheizten, winddurchpfiffenen Hallen Eisbeine statt der Füße. Darüber lasse sich reden, meinte Joos, und er will sehen, was sich tun läßt. Vielleicht springt doch etwas heraus, wenn sich ein Mann wie Joos für ihn beim Arbeitseinsatz verwendet. Mich haben sie dort sogleich abgewimmelt. Ich gelte womöglich noch weniger als der Freund, advocatus diaboli! 344 ZWEITAUSEND TAGE DACHAU In Gottes Namen denn! Er muß eben, wie der Inhaber' der Parolenmühle sagt, durch den Morast hindurch; und „wann die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf’ mit Macht herein!“ Das mag sich auch an ihm wie schon an manchem andern bewahrheiten. Die weiteren Tagebuchblätter des Häftling Nr. 16 921 werden in einem besonderen Band veröffentlicht, betitelt: „Fünf Minuten vor 12.“ Dieser gibt Auskunft! über das Endschicksal des Dachauer Lagers bis zur Befreiung durch die Amerikaner mit dem dramatischen Auf und Ab, das ihr vorherging. aber und mit 1 an 16 921 etitelt: er das I durch b, das