ieser Roman, der in Eng- land bei seinem ersten Er- cheinen einen starken Er- folg erzielte, gestaltet ein uropäischesZeitschicksal. osef Rada ist ein kleiner Beamter im Prager Ver- ehrsministerium. All seine flicht.Durch dieEreignisse es Jahres 1939 aber, die des tschechischen Volkes ationale Grundlagen zer- tören, vollzieht sich auch ihm eine Wandlung. Er kennt, daßes jenseits der ersönlichen und beruf- rt jedes falschen Hel- entums und jeder Phrase. ie Mittel,dieergebraucht, nd schlicht, doch um so indringlicher. So entstand janistischem Gehalt und ichterischer Gültigkeit. Sorge undLiebe gelten der- amilieundderberuflichen us Ludwig Winders ent- 1 Josef Rada, ein kleiner Beamter des Verkehrsministeriums in Prag, verließ am Morgen des 15. März 1939 ahnungslos seine Wohnung und ging in sein Amt. Er hatte rosige Wangen und ernste, graublaue Augen. Die rosige Tönung seines bartlosen, runden Gesichts gab ihm ein jugendliches Aussehen, aber die ernsten, immer besorgten Augen, die von kleinen, scharfen, strahlenförmig sich ausbreitenden Fältchen umgeben waren, verrieten sein Alter. Er war zweiundfünfzig Jahre alt. Er ging langsam und vorsichtig. Vor acht Jahren hatte er sich als Beamter einer kleinen Station in Südböhmen beim Heben eines schweren Koffers einen Bruch zugezogen. Es hatte nicht zu seinen Amtspflichten gehört, Gepäckstücke zu heben; aber der einzige Gepäckträger des entlegenen Gebirgsbahnhofs war ein älterer, kränklicher Mensch gewesen, und Rada hatte ihm die schwerste Arbeit abgenommen. Seit damals ging der einstige Sportliebhaber, der sich drei Jahrzehnte lang als Turner betätigt hatte, so langsam und vorsichtig wie ein Mann, der erst durch eine späte Erfahrung die Tücken, die dem menschlichen Körper innewohnen, kennengelernt hat. Auf der Straße war nichts Ungewohntes zu sehen. Der Morgen war kalt, es schneite. Rada dachte an eine Tariftabelle, die er auszuarbeiten hatte. Er war ein tüchtiger Tariffachmann; zwar nur ein untergeordneter Hilfsbeamter, weil er nie an einer Hochschule studiert hatte, aber in der Tarifabteilung des Verkehrsministeriums gab es nicht viele Kenner des Tarifwesens, die sich mit ihm messen konnten. Er stellte die kompliziertesten Tariftabellen zusammen, die sein Chef, der Abteilungsvorstand, als sein eigenes Werk, als seine eigene Leistung 5 dem Minister überreichte. Josef Rada war nicht auf Anerkennung und Lob erpicht. Wenn seine Berechnungen genehmigt wurden, war er zufrieden. Die Tabelle, die er heute zusammenzustellen hatte, war eine heikle Arbeit, weil sie den tragisch veränderten Verhältnissen, die seit einem halben Jahr das Arbeitssystem des Ministeriums von Grund auf zerstört hatten, Rechnung tragen mußte. Der Münchner Vertrag, die Abtrennung der Sudetengebiete, hatte den Wirkungskreis des Verkehrsministeriums wesentlich verkleinert. Es gab jetzt weniger Eisenbahndirektionen, mit denen die Tarifabteilung zu verkehren hatte, aber bedeutend mehr Instanzen. Vor allem war seit dem 1. Oktober 1938 das Einverständnis der reichsdeutschen Behörden, die das Eisenbahnnetz der abgetretenen Gebiete übernommen hatten, auf Schritt und Tritt erforderlich, selbst wenn es sich nur um eine völlig unwesentliche Tarifänderung handelte. Der Verkehr mit den deutschen Behörden war schwierig; sie ließen keine Gelegenheit ungenützt, den. nur noch scheinbar unabhängigen tschechischen Ämtern Verdruß zu bereiten. Infolgedessen war der Minister gereizt; die Abteilungsvorstände desgleichen; und die untergeordneten Beamten bekamen unablässig alle Peinlichkeiten dieses Zustandes zu spüren. Trotzdem war Josef Rada nach dem Münchner Diktat, das die junge Republik und das tschechische Volk der Willkür des Tschechenfeindes Hitler ausgeliefert hatte, ein ruhiger, unermüdlicher Arbeiter geblieben. Seine Augen hatten schon in seiner Jugend besorgt in die Welt geblickt; aber er war nie furchtsam oder ängstlich gewesen. Der Ausdruck des Besorgtseins, der seinen Augen anhaftete, entsprang dem Willen dieses mit einem zarten Gewissen belasteten Menschen, alle Pflichten, die 6 ihm auferlegt waren, untadelig und vollkommen zu erfüllen. Er fühlte sich in vielleicht übertriebenem Maße für das Wohlergehen seiner Familie und für die Ersprieẞlichkeit seiner amtlichen Tätigkeit verantwortlich. Es war unvermeidlich, daß dieses strenge Pflichtbewußtsein zuweilen in Pedanterie ausartete; aber das ganze Wesen des Mannes, der unbeirrbar seinen bescheidenen Lebenszweck im Auge behielt, machte es selbst seinen spottlustigen Kollegen unmöglich, ihm anders als mit großer Achtung zu begegnen. Als er zwei Minuten vor acht sein kleines, enges, am Ende eines langen Korridors abgeschieden dämmerndes Amtszimmer betrat, hatte er die wichtigsten Punkte seines Vormittagsprogramms bereits festgesetzt. Er hatte auf dem Weg nicht den fallenden Schnee, nicht die Menschen, nicht den drohenden Ernst in nahezu allen Mienen beachtet, er hatte nichts als die Ziffern gesehen, die er in die Tariftabelle einsetzen wollte. Er begann diese Ziffern zu prüfen, er kämpfte mit ihnen, manche waren falsch und hinterhältig, manche ergaben sich allzu leicht und erwiesen sich dann als Irrlichter; es war eine ermüdende Arbeit, beinahe ein körperliches Ringen. Nach einer Stunde spürte er die Ermattung in allen Gliedern. Er mußte sich eine Rast gönnen. Er blickte auf. Jetzt erst merkte er, daß die drei Kollegen, die mit ihm den Arbeitsraum teilten, verschwunden waren. Es wunderte ihn. Vor elf pflegte es keine Arbeitspause zu geben. Er runzelte die niedrige Stirn, kehrte aber nach zwei Minuten zu seiner Arbeit zurück. Er wollte sich nicht ablenken lassen. Aber einige Minuten später öffnete Pytlík, der jüngste Kollege, stürmisch die Tür, sprang zum Fenster und riß es auf. Kälte drang ein. 7 Und plötzlich erscholl auf der Straße ein ohrenbetäu- bendes Geratter und Geklirr. ‚‚Was ist los, Pytlik?“ rief der aufgestörte Rada. Der neunzehnjährige Pytlik antwortete nicht. ‚‚Was gibts? Warum lassen Sie die Kälte herein? fragte Rada. Der von dichten Schneeflocken umwirbelte blonde Kopf verharrte unbeweglich in der Fensteröffnung. Das Ge- töse auf der Straße wurde schwächer, entfernte sich. Pytlik drehte sich um. Er war leichenblaß. „Sie sind da”, sagte er. ‚Wer ist da?” „Die Deutschen.— Schwere Geschütze. Tanks.’ „Mann, was reden Sie da?” Der große, kräftige junge Mensch blinzelte, noch ge- blendet, den Ahnungslosen an und sagte:„Sie wissen noch nichts, Herr Rada? Hitler ist da. Hitlers Truppen besetzen Prag.‘ Er schloß das Fenster und lief in den Korridor. x Rada hörte die Schritte verhallen, stand auf und sagte, als ob der junge Kollege noch vor ihm stünde:„Das ist nicht möglich.” Er blickte auf den Schreibtisch nie- der und sah die unvollendete Tariftabelle, die Ziffern, die er errechnet hatte, die sieben oder acht Tabellen, die er vorher aufgestellt und wegen eines Fehlers beiseite gelegt hatte. Mit einer hilflosen Handbewegung schob er alle Papiere in eine Schreibtischecke und trat ans Fenster. Eiskörner klopften an die Fensterscheiben. Das heftige Klopfen fiel in eine ungeheure Stille. Sekundenlanghoffte Rada, der junge Kollege habe einem falschen Gerücht Glauben geschenkt. Eine Frau, die mit dem Schnee- sturm kämpfte, zerrte ein Kind Schritt für Schritt an dem 8 ERRANG ENTE Mi Hause vorbei. Zwei Männer, die um die Ecke bogen, schienen ein ruhiges Gespräch zu führen. Ein Kohlenwagen blieb vor einem Haustor stehen. Rada dachte: Vielleicht waren es unsere Tanks. Es kommt vor, daß unsre Tanks durch die Straßen fahren. Im nächsten Augenblick blieb sein Herz stehen. Er sah eine Hakenkreuzfahne. Sie wehte unter dem Dach des vierten Hauses auf der andern Straßenseite. Sie wand sich im Schneesturm, Rada glaubte ihr Knattern zu hören. Sie war herausfordernd groß; daß er sie nicht sofort erblickt hatte, war ihm unverständlich. Er hatte noch nie eine Hakenkreuzfahne gesehen. Er drehte sich um und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Er dachte: Es ist also wahr. Havelka hat also recht gehabt. Woche für Woche hatten Rada und sein etwas jüngerer Kollege Havelka die Frage erörtert, die seit dem Herbst das tschechische Volk beunruhigte. Wird Hitler das kleine, zerstückelte Land, das den Tschechen nach dem Münchner Vertrag geblieben war, besetzen? Havelka hatte schon im Herbst die Frage bejaht. Rada hatte immer wieder gesagt, diese Befürchtung sei unsinnig, denn erstens sei die verstümmelte, ihrer natürlichen' Grenzen beraubte Tschechoslowakei seit dem Münchner Vertrag ohnehin wirtschaftlich und politisch von Deutschland abhängig, so daß eine Besetzung des Landes den Deutschen keine neuen Vorteile brächte, zweitens habe Hitler feierlich erklärt, die Abtretung der Sudetengebiete sei die letzte seiner territorialen Forderungen in Europa. ,, Und ein Wort Hitlers beruhigt Sie?" hatte Havelka gefragt. Rada saẞ reglos an seinem Schreibtisch. Er sah seine Kollegen Havelka und Beran eintreten. Sie öffneten die 9 Fächer ihrer Schreibtische und untersuchten stumm den Inhalt. Der rechthaberische Havelka sagte nicht, daß er recht gehabt habe. Daß der Kollege Havelka sich stumm an seinen Schreibtisch gesetzt hatte und stumm mit hastig grabenden und schaufelnden Händen den Inhalt des Schreibtisches zu untersuchen begann, erfüllte Rada mit einer nie gekannten Verzweiflung. Die traumhaft langsamen Handbewegungen des weißhaarigen Kollegen Beran, der jedes Papier, das er dem Schreibtisch entnahm, mit dem Daumen der rechten Hand glättete, vertieften Radas Verzweiflung. Nach einigen Minuten ging Havelka zu dem Kachelofen und verbrannte einige Papiere. Dann setzte er die Suche fort.. Der junge Pytlík trat ein, sah die aufgerissenen Schreibtischläden und sagte: ,, Das muß ich auch machen." Während er seinen Schreibtisch untersuchte, berichtete er: ,, Das Haus ist unter Bewachung. Am Haupteingang stehn deutsche Soldaten. Im Präsidium ist die Gestapo." Der weißhaarige Beran fragte: ,, Soll ich meine Parteilegitimation verbrennen?" Der junge Pytlík lachte gequält auf und sagte: ,, Ich dachte, daß Sie nur dem Verein konzessionierter Moldauangler angehören, Herr Beran." Der alte Mann sagte nur ganz ruhig: ,, Ich wünsche Ihnen, daß Sie in der nächsten Zeit Ihren Humor nicht verlieren, Pytlik."- ,, Ich bitte", rief der immer hastiger seine Papiere prüfende Havelka ,,, keine überflüssigen Reden jetzt. Es kann jeden Augenblick jemand kommen." Der alte Beran nickte, ging zum Ofen und steckte seine Parteilegitimation ins Feuer. ,, Was der Mensch alles erlebt", murmelte er, setzte sich und legte alle Papiere, die er untersucht hatte, in die leeren Schreibtischladen. ,, Und Sie", sagte er zu Rada ,,, Sie haben gar nichts zu verbrennen?"- ,, Hier nichts", antwortete 10 Rada,„vielleicht zu Hause.‘ Havelka, der wieder vor dem Ofen. kniete, sagte:„Stimmt nicht. In der mittleren Lade haben Sie etwas Gefährliches. Etwas sehr Gefähr- liches sogar.” Rada öffnete die mittlere Lade seines Schreibtisches. Dort lagen die eingerahmten Photogra- phien des verstorbenen Präsidenten Masaryk und des Präsidenten Benesch, der seit dem Herbst im Ausland lebte.„Hochverrat“, sagte Havelka.„Geben Sie her“, sagte der junge Pytlik,„ich trage sie auf den Dach- boden. Dort liegen in einer großen Kiste alle Bilder, die bis zum Herbst an den Wänden hingen.‘ Er nahm die beiden Photographien, legte sie in eine großformatige Zeitung und verließ auf den Fußspitzen das Zimmer. Um elf erschien der Abteilungsvorstand und sagte: „Meine Herren, bereiten Sie sich vor. Ich hoffe, daß in unsrer Abteilung alles unverändert bleibt, aber man weiß nicht, was kommt.“ Nach der Mittagspause betraten drei deutsch sprechende Männer, die Zivilkleidung trugen, das Zimmer. Die vier Beamten, die aufstanden, glaubten im ersten Augen- blick, es sei die Gestapo, beruhigten sich jedoch, als sie hinter den Fremden einen höheren Beamten des Prä- sidiums, den Ministerialrat Dr. Fobich, eintreten sahen; er führte offenbar die Vertreter der deutschen Eisen- bahnbehörden in alle Abteilungen des Ministeriums. Er sagte in fließendem Deutsch:„Das da gehört zur Tarif- abteilung, meine Herren. Wir haben Raummangel, so daß die Beamten einer Abteilung in verschiedenen Stock- werken, teilweise sogar in verschiedenen Gebäuden ar- beiten. Die andern Kanzleien der Tarifabteilung befin- den sich im vierten Stock.“ Während er sprach, blickte er einem der Fremden, einem etwa vierzigjährigen Rot- haarigen, der einen kurzen Pelz trug, in die Augen. 11 ,, Kann man sich mit den Leuten in deutscher Sprache verständigen?" fragte der Rothaarige. Der tschechische Ministerialrat sagte: ,, Nicht sehr gut im allgemeinen." Der Rothaarige hüstelte, drehte sich um und ging. Die anderen folgten. Zuletzt verließ Dr. Fobich das Zimmer. In der Tür wandte er den Kopf und winkte dem ihm nachblickenden Rada lächelnd zu. Die vier Beamten setzten sich. ,, Sie kennen den Ministerialrat Fobich gut, Herr Rada, nicht wahr?" sagte der junge Pytlik. Rada antwortete nicht. Er nahm die Tariftabellen, mit denen er sich am Morgen befaßt hatte, in die unmerklich zitternden Hände. Minutenlang versagten seine Augen; dann meisterte er seine Erregung und begann zu arbeiten. Die drei Kollegen besprachen leise- lauerte die Gestapo nicht hinter der Tür?- die unmittelbaren Gefahren, die ihnen drohen mochten. Rada beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Er wünschte nichts zu sehen und nichts zu hören. Um sechs Uhr waren die Amtsstunden abgelaufen. Die Kollegen gingen. Rada verließ als letzter den Amtsraum. Beim Verlassen des Hauses mußte er der Wache seine Legitimationspapiere zeigen. Vom Dach des Ministeriums wehte eine Hakenkreuzfahne. Er ging nach Hause. 2 In den Hauptstraßen rasselten die Panzerwagen der immer noch einziehenden deutschen Truppen. Er mußte einen Umweg durch stillere Seitenstraßen einschlagen. Er pflegte den Heimweg nach Smichov in zwanzig Minuten zurückzulegen. Er ging schneller als sonst, er ver12 gaß, daß er langsam und vorsichtig zu gehen gewöhnt war. Trotzdem kam er wegen der Verkehrsstockungen erst nach einer Stunde heim, Das Haus war still ,,, wie ausgestorben". Es war ein groBes, von vierzehn Familien bewohntes Haus. Zu dieser Stunde begegnete er in der Regel heimkehrenden Müttern und ihren Kindern, die auf der Treppe spielten, brüllten, lachten, weinten. Heute waren die Mütter mit ihren Kindern zu Hause geblieben. Auch seine Frau und sein Sohn waren zu Hause. Sie liefen dem Eintretenden entgegen. Er sah, daß Marie geweint hatte; unter ihren rastlosen flinken braunen Augen war auf der Wange ein feuchter Schimmer. Wann hatte Marie zuletzt geweint? Seines Wissens vor zwanzig Jahren. Im Juli 1919, als er nach fünfjähriger Abwesenheit als Legionär aus Rußland zurückgekehrt war, hatte sie geweint. Am nächsten Tag hatte sie ihm gestanden, daß sie wegen seines Aussehens geweint habe. ,, Weil du so mager geworden bist", hatte sie gestammelt. Kurz nach seiner Heimkehr waren ihre Eltern von der Grippe hingerafft worden; damals hatte er keine Träne in Maries Augen entdeckt. Sie haßte es, heftige Gemütsbewegungen zu verraten. Vor einem halben Jahr, nach der Münchner Tragödie, hatte sie sich kaum eine Stunde lang von ihrer hausfraulichen Arbeit entfernt. Heute schien sie die Fassung verloren zu haben. Sie starrte den heimkehrenden Mann an und fragte: ,, Was wird jetzt aus uns werden?" Vor seinem Platz auf dem Eẞtisch stand das Glas Bier, das er jeden Abend trank. Er beobachtete besorgt das fahrige Gehaben seines Sohnes, der während des Essens aufstand, sich ans Fenster stellte, zum Tisch zurückkehrte und wieder zum Fenster ging. ,, IB, Edmund", sagte 13 Rada. Der neunzehnjährige Sohn gehorchte, verschlang ein paar Brocken und stellte sich wieder ans Fenster. ,, Was ist draußen zu sehn?" fragte Rada. Edmund antwortete nicht. ,, Du kannst nicht auf die Straße, heute muß man zu Hause bleiben, die Gestapo würde dich anhalten", sagte Rada. ,, Ich weiß", sagte Edmund, setzte sich auf seinen Platz und fragte: ,, Was meinst du, Vater? Was wird geschehen?" Rada runzelte die Stirn. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Die Frau fragte: ,, Was wird aus uns werden?" Der Sohn fragte: ,, Was wird geschehn?" Rada wußte es nicht. Es war kein Trost, daß auch Klügere, Gewitztere es nicht wußten. Er trank das Bier aus und sagte: ,, Wir müssen ruhig sein, das ist die Hauptsache. Wenn man ruhig bleibt, geht alles leichter." Sein großes, rundes rosiges Gesicht war den ganzen Tag fahl gewesen. Jetzt errötete er. Seine Wangen wurden dunkelrot. Er errötete, weil er der Frau und dem Sohn nahelegte, ruhig zu sein. Er war nicht ruhig, er täuschte die Ruhe vor, die er den anderen gebot. Er war verstört. Es war insbesondere der Anblick seines Sohns, der ihn verstörte. Edmund war Hörer der medizinischen Fakultät der Karls- Universität. Seit zwölf Jahren hatte Rada Monat für Monat zwanzig Kronen in die Sparkasse getragen. Mehr hatte er von seinem kleinen Gehalt nicht erübrigen können. Dieses ersparte Geld sollte Edmund das Hochschulstudium ermöglichen; so war es seit zwölf Jahren geplant gewesen. Alles war gut gegangen. Edmund war immer ein guter Schüler gewesen, er hatte zur rechten Zeit seine Vorliebe für die Medizin entdeckt, er studierte gern, es hatte bis zum heutigen Tag als sicher gegolten, daß er als Dreiundzwanzigjähriger Doktor der Medizin sein werde. Er war 14 ein hübscher, hoch aufgeschossener Junge, um einen Kopf größer als der Vater, um zwei Köpfe größer als die Mutter. Niemand hatte bezweifelt, daß er ein tüchtiger, erfolgreicher Arzt werden würde. Und jetzt war plötzlich alles unsicher. Es war plötzlich nicht mehr möglich, sich vorzustellen, was in drei oder in vier Jahren sein würde. Es war nicht einmal möglich, sich vorzustellen, was am morgigen Tag geschehen werde. ,, Wenn wir ruhig bleiben, werden wir über alle Gefahren hinwegkommen", sagte Rada, die Stille unterbrechend. Er sagte es, um sich und den andern Mut zu machen. Nie hatte er klarer empfunden, daß er für das Wohlergehen seiner Familie verantwortlich sei. Bis zum heutigen Tag hatte er nie an seiner Fähigkeit gezweifelt, die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Familie zu tragen. Er hatte diese Verantwortung immer leicht, wenngleich nie leichtfertig und sorglos, getragen; denn sie war ihm eine liebe, geliebte Last gewesen. Ohne diese Last wäre das Leben ihm nicht lebenswert erschienen. Jetzt aber, in dieser Stunde, schien sie ihm unerträglich schwer. Er fühlte sich unsicher und hilflos. Seine Frau und sein Sohn durften aber nicht wissen, daß er sich unsicher und hilflos fühlte und das Schlimmste befürchtete. Sie mußten in dem Glauben bestärkt werden, daß er sogar an diesem furchtbaren Tag wußte, wie man allen drohenden Gefahren zu begegnen habe. Er ging in Edmunds kleinen Arbeits- und Schlafraum, warf einen Blick auf die zwei Regale füllenden Bücher und fragte: ,, Wo hast du deine politischen Bücher, Edmund? Was gefährlich ist, muß verbrannt werden." Edmund antwortete, daß er sie bereits beseitigt habe. ,, Wenn die Gestapo kommt bei mir findet sie nichts", sagte er. Rada 15 nickte befriedigt und ein wenig beschämt. Die Neunzehnjährigen wußten genau, was sie in der Stunde der Gefahr zu tun hatten. Sie wußten es vielleicht besser als er. Wenn die Kollegen ihn nicht gemahnt hätten, wäre ihm heute nicht eingefallen, daß die Präsidentenbilder nicht in der Schreibtischlade bleiben durften. Er entnahm einer Mappe, die hauptsächlich Taufscheine und andere Dokumente enthielt, einige vergilbte Papiere, verbrannte sie und kehrte an den Eẞtisch zurück. Die Frau arbeitete in der Küche. ,, Ruf die Mutter", sagte er zu Edmund ,,, wir haben einiges zu besprechen."- ,, Mit mir?" fragte Edmund. ,, Auch mit dir", antwortete Rada. Edmund holte die Mutter, die sich mit pflichteifrig besorgtem Gesichtsausdruck setzte. Erwartungsvoll blickte er den Vater an. Rada sah die Blicke, die auf ihn gerichtet waren, konnte jedoch nicht sprechen. Er hatte mit Marie und Edmund beraten wollen, wie man von nun an, da es keine Sicherheit und keine Freiheit mehr gab, das Leben einrichten solle, aber die erwartungsvollen Blicke der Frau und des Sohns verwirrten ihn. Er sagte, nur um etwas zu sagen: ,, Die Hauptsache ist, daß man unauffällig weiterlebt. Nichts reden! Besonders auf der Straße." ,, Natürlich; wir werden vorsichtig sein", sagte die Frau. Edmund schwieg. Nach einigen Minuten stand er auf und ging zum Fenster, da der Vater offenbar nichts mehr zu sagen hatte. ,, Was suchst du fortwährend am Fenster?" fragte Rada. ,, Er erwartet Jarmila", sagte leise die Frau; ,, er hat mit ihr vereinbart, daß sie zu uns kommt, falls etwas bei ihr zu Hause vorfällt." Die Erwähnung des Namens Jarmila gab Radas Gedankengang eine scharfe Wendung. Er hatte etwas Selbstverständliches auszusprechen geglaubt, als er gesagt 16 hatte, daß man unauffällig weiterleben solle. Er hatte gedacht, daß es ihm und seiner Familie mit Leichtigkeit gelingen werde, unauffällig weiterzuleben. Und jetzt, schon am ersten Tag der Unsicherheit und Unfreiheit, ergab es sich, daß es schwer, wenn nicht unmöglich war, unauffällig weiterzuleben. Edmund und Jarmila waren seit vier Jahren unzertrennlich. Im Gymnasium hatten sie einander gefunden, sie studierten gemeinsam an der medizinischen Fakultät, sie besuchten einander jeden Tag. Anfangs hatte es Rada befremdet, daß ein junges Mädchen einen jungen Mann besuchte. Allmählich hatte der alternde Mann die Unbefangenheit der jungen Generation schätzen gelernt. Edmund und Jarmila schienen einander zu ergänzen. Beide liebten ihr Studium und ihren künftigen Beruf, den sie für den wichtigsten und schönsten hielten. Während aber Edmund, der die ernsten graublauen Augen seines Vaters hatte, selten lachte, gab sich die oft übermütige Jarmila gern ihrem Hang zum Überschwang hin. Ihr Vater war ein Journalist, der seit vielen Jahren den Faschismus bekämpfte. Rada befürchtete, daß Jarmilas Elternhaus nicht lange der Aufmerksamkeit des Feindes entgehen werde. Vielleicht holte die Gestapo den Journalisten schon heute. Was geschähe, wenn ihr Vater, der sich verbergen mußte, mit ihr käme? Es war ihr zuzutrauen, daß sie auf diesen Ausweg verfiele. Rada stand erregt auf. Er erkannte, daß ihm neue, bisher ungeahnte Pflichten auferlegt waren, die mit denen, die seit Jahrzehnten seinen Lebensinhalt bildeten, nicht in Einklang standen. Er hatte die Pflicht, jeden Tschechen, der sich vor der Gestapo verbergen mußte, aufzunehmen. Dadurch erwuchs ihm die Pflicht, die eigene Familie zu gefährden. 2.084 17 Er blickte auf die Uhr und sagte: ,, Heute kommt wahrscheinlich niemand mehr." Edmund, der noch immer auf die Straße starrte, drehte sich um und sagte: ,, Was meinst du, Vater? Wird niemand den Deutschen Widerstand leisten?" ,, Es wird zweifellos Widerstand geben. Aber wir kleinen Leute haben uns einstweilen ruhig zu verhalten. Ein unorganisierter Widerstand wäre sinnlos. Wir müssen abwarten, was die Berufenen planen." Edmund antwortete nicht. Er wußte, daß Jarmila sich mit dieser Antwort nicht zufrieden gäbe. Er wußte, daß sie antworten würde: ,, Wir alle sind berufen. Wir kleinen Leute sind das Volk. In solchen Zeiten müssen die kleinen Leute Größe zeigen; und sie werden Größe zeigen." Er schämte sich, weil er seinem Vater die Antwort schuldig blieb. In großem Aufruhr zog er sich in sein Zimmer zurück. Die Frau blieb sitzen, obwohl ihre Arbeit in der Küche noch nicht getan war. Auf der Straße ertönten schrille Pfiffe. Der Mann und die Frau lauschten. Ein schweres Lastauto raste an dem Hause vorbei. ,, Es ist nichts", sagte Rada. Er setzte sich und sagte: ,, Fobich hat die Deutschen in alle Amtslokale geführt. Es war mir unangenehm. Aber vielleicht hat es nichts zu bedeuten. Wahrscheinlich hat der Minister ihn beauftragt, den Deutschen alles zu zeigen." ,, Wahrscheinlich", sagte Marie. Rada fragte: ,, Aber warum gerade ihn?" Er erwartete keine Antwort. Er hatte laut gedacht. Marie blickte ihn fragend an. Er dachte: Ich darf nicht laut denken. Ich darf keine Unruhe verbreiten. Es ist meine Aufgabe, die Frau und den Jungen zu beruhigen. Trotzdem sagte er noch einmal: ,, Es war mir unangenehm." 18 ser 3 Er konnte nicht einschlafen. Er lauschte. Wurde nicht ‚das Haus geöffnet? Waren nicht die leichten Schritte Jarmilas, die schweren Schritte ihres Vaters auf der Treppe hörbar? Rada hatte das Licht abgedreht. Er be- mühte sich, ruhig zu atmen, er wollte verheimlichen, daß er schlaflos im bleiernen Dunkel dem Unheil entgegen- sah. Auch Marie lag wach; sie nahm sich vor, wach zu bleiben, solange er nicht schlief. Aber sie hatte den gan- zen Tag hart gearbeitet, sie war sehr müde. Vor Mitter- nacht schlief sie ein. Kurz darauf schlief er auch ein. Als er morgens erwachte, arbeitete Marie bereits in der Küche. Befreit dachte er: Jarmila ist mit ihrem Vater nicht gekommen. Er warf einen Blick in Edmunds Zimmer. Alles war gut. Edmund schlief. Während des Frühstücks vernahm Rada das Getöse der Panzerwagen, die sich durch eine nahe breite Straße bewegten. Er dachte: Wie konnte ich eine Sekunde lang glauben, daß alles gut sei?: Er trank den Kaffee nicht aus, er eilte. Er fuhr aus Spar- samkeit nie mit der Elektrischen oder mit dem Autobus. Er bestieg eine Elektrische, kam aber trotzdem erst zehn Minuten nach acht ins Amt. Er war noch nie verspätet ins Amt gekommen. Die Weltordnung war aufgelöst. Die andern Beamten kamen noch später. Der junge Pytlik erzählte, die Gestapo habe in der Nacht viele Ver- haftungen vorgenommen; auch mehrere Beamte des Mi- nisteriums seien verhaftet worden. Er nannte die Namen der verhafteten Beamten. Havelka zog Erkundigungen ein und erfuhr, Pytliks Bericht sei richtig. Rada nahm seine Tariftabellen zur Hand und versuchte zu arbeiten. Er sagte sich, daß seine Arbeit unsinnig sei, »|| 19 denn es war anzunehmen, daß die Deutschen sämtliche Tarife schon in den nächsten Tagen ändern würden. Dennoch versenkte er sich in seine Arbeit und rechnete angestrengt, ohne aufzublicken. Er bemühte sich, nicht zu hören, was die Kollegen redeten. Sie fürchteten, daß man sie aus dem Amt vertreiben und deutsche Beamte an ihre Stelle setzen werde. Merkwürdigerweise wurde er von dieser Furcht nicht angesteckt, obwohl er sich kein grausameres Schicksal als die Entlassung aus dem Amte vorstellen konnte; er meinte, ein Staatsbeamter, der erschlagen werde, sei besser daran als einer, der sein Amt verliere. Er hielt es für nahezu ausgeschlossen, daß er, Josef Rada, der erfahrenste und gewissenhafteste Tariffachmann der Abteilung, entlassen werden könnte. Dennoch war es ihm peinlich, daß die Kollegen die Möglichkeit der Entlassungen lang und breit erörterten. Er ärgerte sich, weil es ihm nicht gelang, nichts zu hören und seine volle Aufmerksamkeit der Arbeit zu schenken, mochte sie auch ihre Wichtigkeit und ihren Sinn verloren haben. Nachdem die Kollegen verstummt waren, merkte er, daß seine Gedanken sich trotz der eingetretenen Stille unaufhörlich von der Arbeit entfernten. Er dachte an Jarmila. In der Mittagspause und in den unerträglich langsam vorrückenden Nachmittagsstunden wurde es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß er sie und den von der Gestapo verfolgten Journalisten heute abend zu Hause vorfinden werde. Das Ende der Amtsstunden fürchtend und herbeisehnend, malte sich Rada aus, was seiner Familie drohte. Er war ein phantasieloser Mensch; trotzdem hörte er das Pochen der Gestapo an der Tür seiner Wohnung, das Gepolter der eindringenden Horde, das Geklirr der Handfesseln, die den Überfallenen angelegt wurden. 20 Endlich war die Amtszeit zu Ende. Endlich kam er nach Hause. Im Eintreten vernahm er die ruhigen Stimmen Maries und Edmunds. Kein Gestapomann war in der Wohnung, die Frau deckte den Tisch, der Junge saß unter der Lampe und las, das Zimmer sah friedlich und freundlich aus. Edmund erzählte, er habe den Tag mit Jarmila verbracht. Der Vater des Mädchens hatte gestern Prag verlassen. Er versuchte mit zwei Freunden, die gleich ihm die Rache der Gestapo zu fürchten hatten, nach Polen zu entkommen. Sie hatten einen zuverlässigen Führer, der jeden Weg und Steg in den Grenzgebieten kannte. Jarmila hoffte, morgen oder übermorgen ein Telegramm ihres Vaters aus Polen zu erhalten. Rada empfand eine Erleichterung, die so groß war, daß seine ernsten, immer besorgten Augen strahlten. Er freute sich, als ob der Einbruch der Deutschen nichts als ein böser Traum gewesen wäre, der nun zu Ende war. ,, Das ist fein", sagte er mit strahlenden Augen. ,, Ich bin sehr froh." Edmund sah verwundert die freudige Erregung seines Vaters und sagte: ,, Ich kann mich nicht recht freuen, solange wir nicht wissen, ob er glücklich über die Grenze gelangt ist."- ,, Er ist bestimmt schon in Polen, ich zweifle nicht", sagte Rada ,,, du wirst sehn, morgen kommt ein Telegramm, vielleicht sogar schon heute." Edmund konnte nicht genug staunen. Die Grenze war zweifellos so streng bewacht, daß es durchaus nicht leicht sein konnte, unbemerkt nach Polen zu gelangen. Und es war nicht des Vaters Art, Gefahren zu unterschätzen. Rada sah die zweifelnde Miene seines Sohns, war jedoch nicht bereit, sich in dieser Stunde mit dem Schicksal des geflüchteten Journalisten länger zu befassen, sondern empfahl dem Niedergeschlagenen, er möge sich 21 keine überflüssigen Sorgen machen. ,, Überflüssige?" fragte Edmund. Rada antwortete nicht. Seine Augen strahlten nicht mehr. Aber er war jetzt nicht mehr verstört. Er war ruhig und gefaßt. Sein rundes Gesicht, das fahl gewesen war, nahm die gewohnte rosige Tönung an. Er schlief in dieser Nacht ruhig und erwachte am Morgen mit dem Gedanken, daß die größte Gefahr von ihm und seiner Familie abgewendet worden sei. Auch der Gang ins Amt war leichter als am gestrigen Morgen; die militärischen Bewegungen der Deutschen hinderten den Verkehr nicht mehr. Rada kam rechtzeitig, zwei Minuten vor acht, in sein Amt; und diese Rückkehr in das Gewohnte half ihm über die zornige Beklemmung hinweg, die ihn angesichts der deutschen Uniformen befiel. Pytlík, der neunzehnjährige Kollege, erschien an diesem Morgen nicht im Amt. Um zehn Uhr betrat der Abteilungsvorstand das Amtszimmer und teilte den drei erbleichenden Beamten mit, Pytlik sei in der Nacht von der Gestapo geholt worden. ,, Warum?" fragte Rada. Der Abteilungsvorstand zuckte die Achseln und ging. ,, Warum?" sagte Havelka. ,, Ob jemand verhaftet wird oder nicht, hängt ganz vom Zufall ab. Die Gestapo verhaftet einen Menschen, weil seine Nase ihr nicht gefällt." ,, Vielleicht hat er vor einer Hakenkreuzfahne ausgespuckt", meinte der alte Beran. Konnte ein Mensch weniger auffällig als der junge Pytlik sein? Man hatte ihn im Amt einen Windbeutel genannt, weil er häufiger als die älteren Beamten das Amtszimmer verlassen hatte, um ungestört eine Zigarette zu rauchen. Aber einen harmloseren Menschen gab es bestimmt nicht. Der Gedanke, daß die Gestapo einen so 22 unauffälligen Menschen verhaftet habe, war Rada so unerträglich, daß er sich einzureden versuchte, Pytlík habe vielleicht der kommunistischen Partei angehört oder wirklich, wie der alte Beran meinte, vor einer Hakenkreuzfahne ausgespuckt. Aber im Grunde war Rada überzeugt, daß Pytlík, der nie eine politische Neigung verraten hatte, keiner Partei angehört habe. Und es war unwahrscheinlich, daß der junge Mann, der beim Anblick der einziehenden deutschen Tanks leichenblaẞ geworden war und vorsichtig genug gewesen war, auf den Fußspitzen mit den Präsidentenbildern auf den Dachboden zu gehen, auf der Straße vor einer Hakenkreuzfahne ausgespuckt habe. Die drei Beamten erwarteten, daß die Gestapo Pytlik bald freilassen werde. Aber der junge Mensch kehrte nicht zurück. Man hörte nichts mehr von ihm. Rada begriff, daß dieses Schicksal jeden Menschen in Prag, auch ihn und seine Familie, jederzeit ereilen könne. Jarmila erhielt die telegraphische Verständigung, daß ihr Vater ohne Unfall nach Polen gelangt sei. Der verstörte Rada vermochte kaum an Edmunds und Jarmilas Freude teilzunehmen. Erst nach vierzehn Tagen, die keine Änderung brachten, begann er aufs neue zu hoffen, daß seine Unauffälligkeit ihn und die Seinen schützen werde. Anfangs April wurden alle Beamten des Ministeriums in den großen Konferenzsaal des Präsidiums gerufen. Die Subalternen standen gedrängt hinter den Sitzreihen der höheren Beamten. Der Minister, der die Versammlung eröffnete, erteilte nach einer kurzen Begrüßung einem Vertreter der deutschen Regierung das Wort, der die Beamtenschaft aufforderte, die Einverleibung des ,, Protektorats Böhmen und Mähren" in das Großdeutsche 23 Reich als eine Tat zu betrachten, die den Tschechen vielerlei Vorteile biete und dem tschechischen Volke eine glückliche Zukunft gewährleiste. Der stämmige untersetzte Deutsche sagte, der Führer und Reichskanzler erwarte von jedem Beamten die strengste Pflichterfüllung. Der Redner behauptete, das tschechische Volk, das in den letzten zwanzig Jahren seine Stellung innerhalb der europäischen Völkerfamilie nicht richtig erkannt habe, werde jetzt, geführt und geschützt von Adolf Hitler, eine neue Blütezeit erleben. Diese Versprechungen waren seltsam mit Drohungen vermengt, die in der Erklärung gipfelten, jeder Unbelehrbare, der sich von den alten, falschen Idealen der beseitigten demokratischen Republik nicht trennen könne und als Saboteur entlarvt werde, müsse der Todesstrafe gewärtig sein. Die starren Mienen der tschechischen Zuhörer lösten sich nicht, als der tschechische Ministerialrat Dr. Fobich aufstand und sagte, er habe den Auftrag, die Ansprache des deutschen Regierungsvertreters ins Tschechische zu übersetzen. Der schlanke, elegante Tscheche übersetzte den Text nicht wörtlich, sondern gab den Lockungen wie den Drohungen eine glatte diplomatische Form, die offensichtlich den Zweck hatte, die deutsche Erklärung zu entgiften. Perfid, dachten die tschechischen Zuhörer, die der deutschen Sprache mächtig waren und die Fälschungen der Verdolmetschung zu erkennen vermochten. Aber auch die wenigen Beamten, die den Deutschen nicht verstanden hatten, hörten dem tschechischen Ministerialrat mit Widerwillen und Mißtrauen zu. Die deutschen Beamten, die in den vordersten Reihen saßen, applaudierten und riefen: ,, Heil Hitler!" Stumm, erbittert verlieBen die Tschechen nach der Aufhebung der Versammlung den Saal. 24 Rada kehrte bedrückt in sein Amtszimmer zurück. Es ging ihm nahe, daß es gerade der Ministerialrat Fobich war, der sich bereitgefunden hatte, die Rede des Deutschen zu verdolmetschen; und nicht nur zu verdolmetschen, sondern zu mildern, zu verfälschen, um die der deutschen Sprache nicht mächtigen Beamten irrezuführen. War es ein Zufall, daß Fobich mit dieser Aufgabe betraut worden war? Ein Zufall, daß er gleich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 15. März eine deutsche Kommission durch alle Amtsräume geleitet hatte? Rada sah das verdutzte Gesicht des jungen Pytlik vor sich, der ihn damals gefragt hatte: ,, Sie kennen den Ministerialrat Fobich gut, Herr Rada, nicht wahr?" Selbst der harmlose junge Pytlík, der nur ein halbes Jahr im Amt verbracht hatte und die Verhältnisse nur sehr oberflächlich kannte, hatte also gewußt, daß zwischen dem hohen Beamten und Rada eine Beziehung bestand, deren Ursprung und Art nicht einmal den Kollegen Havelka und Beran näher bekannt war, mit denen Rada seit sieben Jahren das Amtszimmer teilte. Sie wuẞten nur, daß Fobich und Rada gleichzeitig ein tschechisches Gymnasium in Prag besucht hatten. Mehr hatte Rada den neugierigen Kollegen nicht erzählt. Er hatte es nicht für erforderlich gehalten, ihnen zu verraten, daß er einmal Fobichs Lebensretter gewesen sei. Rada war sechzehn, Fobich vierzehn Jahre alt gewesen, als der Jüngere an einem heißen Sommernachmittag, kurz vor den Ferien, in Prag einem Moldaudampfer nachgeschwommen war und, plötzlich von einem Unwohlsein befallen, nicht die Kraft aufgebracht hatte, das Ufer zu erreichen. Obwohl der Dampfer überfüllt gewesen war, hatte niemand die Hilferufe des in Ertrinkungsgefahr Geratenen vernommen. Auch die vielen 25 Menschen, die sich in der Schwimmschule bei der nächsten Brücke getummelt hatten, waren so weit entfernt gewesen, daß die verzweifelten Rufe des Ertrinkenden nicht bis zu ihnen gedrungen waren. Er hatte sich bereits verloren gegeben, als Rada, der ihn zufällig erspäht hatte, auf ihn zugeschwommen war. In hartem Kampf war es Rada geglückt, den Erschöpften über Wasser zu halten und ans Ufer zu bringen. Rada hatte den Vierzehnjährigen, den er zuweilen in der Schule gesehen, mit dem er aber nie gesprochen hatte, erst erkannt, nachdem er bei dem Ertrinkenden angelangt war. Fobich hatte in diesem Augenblick das Bewußtsein verloren, war aber schon nach wenigen Sekunden ins Leben zurückgekehrt. In dieser unvergeßlichen Minute hatte er in die graublauen, ernsten, besorgten Augen des Sechzehnjährigen geblickt. Er hatte ihn nie vorher gesehen. Er hatte aber, wie er später oft erzählte, in dieser Minute das Gefühl gehabt, diese graublauen, ernsten, besorgten Augen immer schon gekannt zu haben. Zauberhaft beruhigt, hatte der Vierzehnjährige gefühlt, daß ihm nichts geschehen könne, solange diese Augen ihn anblickten. Miroslav Fobich war aus reichem Hause. Rada war der Sohn eines schlecht bezahlten Eisenbahnbediensteten. Fobich war ein verwöhntes Kind, dessen Wünsche nie unerfüllt blieben. Rada mußte Nachhilfestunden geben, um am Gymnasium studieren zu können. Fobichs Vater lud den Lebensretter seines Sohns ein, auf einem Landgut gemeinsam mit dem Vierzehnjährigen die Ferien zu verbringen. Rada nahm die Einladung an, aber die luxuriöse Umgebung behagte ihm nicht. Man drängte ihm jeden Tag Geschenke auf. Widerwillig und errötend nahm er sie an: ein neues Reiẞzeug, einen Fußball, Bü26 cher, Krawatten. Nach vierzehn Tagen wollte Fobichs Vater dem scheuen Gast einen neuen Anzug schenken. Rada nahm den Anzug nicht an. Es kränkte ihn, daß er die andern Geschenke angenommen hatte. Er sagte, daß er den Rest der Ferien bei seinen Eltern verbringen müsse. Die glitzernden, schwarzen Augen des Vierzehnjährigen, der mit oft hemmungslosem Übermut das Haus tyrannisierte, warben um die Freundschaft des Sechzehnjährigen. Die Werbung war erfolglos. Rada war auf dem Landgut nicht glücklich. Er handhabte ungeschickt Messer und Gabel. Er hatte nie einen Tennisschläger in der Hand gehalten und zeigte bei dem Tennisunterricht, den er von Miroslav erhielt, wenig Geschick. Der eingeschüchterte Gast entdeckte in allen Freundlichkeiten, die ihm auf dem Landgut erwiesen wurden, eine Spur von Herablassung und Nachsicht. Er atmete auf, als er das Landgut verlassen durfte. Er nahm sich vor, die Bekanntschaft nach den Ferien in Prag nicht zu erneuern. Es war ein fruchtloser Vorsatz. Miroslav verfolgte den zurückhaltenden Rada mit einer zähen Anhänglichkeit, die alle, die den Launenhaften kannten, in Staunen versetzte. Immer wieder trachtete er Radas habhaft zu werden. Die Klasse, die Rada besuchte, befand sich in dem obersten Stockwerk der Schule, Miroslavs Klasse im Erdgeschoß. Monatelang rannte der Vierzehnjährige in jeder Pause in das oberste Stockwerk, um Rada zu sehen. Kurz vor den Osterferien hörte Miroslav plötzlich auf, Rada zu verfolgen. Plötzlich war die Schwärmerei zu Ende. Nachdem Rada die Reifeprüfung am Ende des achten Schuljahres bestanden hatte, trat er in den Staatsdienst ein und wurde ein kleiner Eisenbahnbeamter in einem 27 Dorf. Prag war fern. Er vergaß, daß er einmal einem Knaben das Leben gerettet hatte. Er heiratete, ging als Soldat nach Rußland, lief zu den Russen über, kämpfte als Legionär, kehrte nach dem Krieg gesund zurück, wurde Familienvater und hoffte jahraus, jahrein, Stationsvorstand in einer kleinen Stadt zu werden. Er war fünfundvierzig Jahre alt, als seine Laufbahn durch eine Begegnung mit Fobich, den er seit nahezu drei Jahrzehnten nicht gesehen hatte, eine unerwartete Wendung nahm. Der kleine Gebirgsbahnhof, dessen Vorstand und einziger Beamter Rada war, wurde von einer Kommission aufgesucht, die festzustellen hatte, ob die Eisenbahnstrecke, die hinter der Station endete, ohne bedeutende Schwierigkeit verlängert und der Hauptstrecke angeschlossen werden könne. Der höchste Beamte der Kommission, der hauptsächlich Ingenieure angehörten, war ein eleganter, etwa vierzigjähriger Mann, dessen glitzernde schwarze Augen Rada seltsam vertraut dünkten. Der Vorstand der kleinen, in den Mittelpunkt des Projekts gerückten Station empfing die Kommission. Als er sich vorstellte, griff sich der elegante höhere Beamte, hinter dem die andern respektvoll stehenblieben, an die Stirn und rief: ,, Rada? Josef Rada? Du lieber Himmel! Meine Herren, dieser Mann hat mir einmal das Leben gerettet." Fobich, den Rada jetzt wiedererkannte, ergriff den Arm des Jugendgefährten, dessen Verlegenheit größer als seine Wiedersehensfreude war, ging mit dem Überraschten vor das Stationsgebäude und sagte: ,, Laß dich anschauen." Rada lächelte verlegen, runzelte die Stirn und sagte: ,, Ich hätte Sie schwerlich wiedererkannt, Herr Sektionschef."- ,, Noch nicht, lieber Freund, einstwei28 len nur Ministerialrat", sagte Fobich ,,, aber ich bitte dich, mich außerdienstlich nicht wie einen Fremden zu behandeln, wir duzen einander, das ist doch selbstverständlich." Er studierte die Gesichtszüge seines Lebensretters und sagte: ,, Die Augen, die hätte ich gleich wiedererkennen müssen. Niemand auf der ganzen Welt hat so treuherzige Augen." ,, Auch mir sind deine Augen gleich aufgefallen", bemerkte Rada. ,, Also erzähl mir: Wie geht es dir? Wie ist dein bisheriges Leben verlaufen?" fragte Fobich, dem Jugendgefährten eine dicke Zigarre aufnötigend. Rada dachte nach. Er wußte nicht, was er erzählen solle. Endlich sagte er: Vor einem halben Jahr habe ich mir einen Bruch zugezogen." Fobichs verständnislosen Blick bemerkend, fügte er hinzu: ,, Seit damals bin ich nicht mehr so leistungsfähig wie früher." Fobich äußerte den Wunsch, Radas Frau kennenzulernen und ließ sich in der bescheidenen Amtswohnung bewirten. Rada berichtete nicht ohne Stolz, daß er einen Sohn habe, der in Prag ein Gymnasium besuche. Eine Stunde später ging Fobich seiner Amtspflicht nach, worauf er nach Prag zurückfuhr. Beim Abschied fragte er Rada, was er für ihn tun könne. ,, Danke, nichts, ich bin zufrieden", antwortete Rada. Fobich sagte: ,, Da dein Sohn in Prag studiert, wäre es vorteilhaft, wenn sich deine Versetzung nach Prag ermöglichen ließe. Vielleicht findet sich im Ministerium ein Posten für dich." Rada hörte nach diesem Besuch monatelang nichts von Fobich und hatte nicht die Absicht, sich ihm in Erinnerung zu bringen. Marie, der die schwarzen glitzernden Augen des hohen Beamten mißfallen hatten, meinte, er 29 sei gewiß ein Mensch, der viel verspreche, aber kein Versprechen halte. ,, Mag sein", sagte Rada. Aber vor Ablauf eines halben Jahres wurde er amtlich verständigt, daß er nach Prag in die Tarifabteilung des Eisenbahnministeriums versetzt worden sei und seinen neuen Dienst sofort anzutreten habe. Gleich nach seinem Dienstantritt in Prag wurde er mit Marie in Fobichs Wohnung eingeladen. Fobichs Frau, eine große, stattliche Deutsche, die ein sehr mangelhaftes Tschechisch sprach, erzählte den Besuchern, ihr Mann habe oft von seinem Lebensretter gesprochen. Fobich sagte lächelnd: ,, Hörst du? Meine Frau lügt nie. Ihr kannst du glauben." Er sprach die Hoffnung aus, daß er von nun an die Familie Rada öfter in seinem Hause sehen werde und forderte das Ehepaar auf, nächstens den Sohn mitzubringen. Nach dem zweiten Besuch, den die Familie Rada dem hohen Beamten abstattete, erfolgte keine Einladung mehr. Fobich kam aber von Zeit zu Zeit in die Tarifabteilung, blieb jedesmal vor Radas Schreibtisch stehen und fragte den einsilbigen Jugendgefährten, wie es ihm und dem ,, Herrn Sohn" gehe. Nach dem Auftreten Fobichs in der Versammlung erwartete Rada, daß seine Kollegen ihn fragen würden, welche Rolle der Ministerialrat unter dem Regime der deutschen Eindringlinge spiele. Havelka und Beran schwiegen jedoch und beugten sich über ihre Akten, obwohl es augenfällig war, daß sie, erbittert und wutbebend, sich nicht mit ihren Ziffern und Tabellen zu befassen vermochten. Havelka verriet deutlich seinen Zorn, indem er ein Bündel wohlgeordneter Aktenstücke, die er gestern numeriert und mit pedantischer Sorgfalt dreifach verschnürt hatte, zu Boden schleuderte. Auch der alte Beran schien sich in einem außerordentlichen Zu30 stand heftiger Gemütsbewegung zu befinden, denn er zündete seine Pfeife an, was er während der Amtsstunden nie tat; nur an zwei Tagen, im vergangenen Herbst nach der Abtrennung der Sudetengebiete und am 15. März, als die Deutschen in Prag einmarschiert waren, hatte er in dem Amtslokal die Pfeife in Brand gesteckt. Das Schweigen der erregten Kollegen empfand Rada wie eine Ohrfeige, denn es besagte, daß sie Fobich für einen Verräter und ihren alten Kollegen Josef Rada für den Freund eines Verräters hielten. Dieser Gedanke war ihm unerträglich; von Minute zu Minute qualvoller empfand er das Schweigen der Kollegen als eine unverdiente Züchtigung, so daß er sich endlich, alle Hemmungen überwindend, entschloß, Klarheit zu schaffen. Er legte die Feder auf den Schreibtisch und sagte: ,, Ich wüßẞte gern, was Sie jetzt denken, Havelka. Und Ihre Meinung, Beran, möchte ich auch gern hören." Der alte Beran senkte den weißen Kopf tiefer über seine Akten und murmelte: ,, Was weiß ich." Havelka hingegen schien diesen Augenblick mit Ungeduld erwartet zu haben. Er stand auf, ging einige Male im Zimmer auf und ab, schleuderte das auf dem Fußboden liegende Aktenbündel mit der Fußspitze in die Ecke und sagte: ,, Mich interessiert mehr, was Sie denken; denn Sie sind wahrscheinlich besser als wir eingeweiht." 11 Diese Worte steigerten Radas Erregung. Er bemühte sich jedoch, dem Kollegen ruhig zu antworten und sagte: Warum glauben Sie, daß ich besser eingeweiht bin? Ich weiß gar nichts. Mit mir hat Fobich noch nie ein Wort über Politik gesprochen. Ich bin mit ihm in die Schule gegangen, aber in eine andere Klasse. Nicht einmal damals waren wir befreundet. Und das ist lange her; Sie 31 können sich ausrechnen, wie lange. Ich hab ihn damals aus dem Wasser gezogen, er wäre beinahe in der Moldau ertrunken. Deshalb richtet er manchmal hier in diesem Amtslokal das Wort an mich. Deshalb hat er mich auch vor sieben Jahren protegiert, so daß ich nach Prag versetzt worden bin. Das ist alles. Außerhalb dieses Amtszimmers hab ich seit sieben Jahren kein Wort mit ihm gesprochen." Er atmete tief auf. Er schämte sich, weil er jetzt gesagt hatte, was er den Kollegen sieben Jahre lang verschwiegen hatte. Er schämte sich auch, weil er aus Angst, für den Freund eines Verräters gehalten zu werden, von Fobich abgerückt war. Daß der Verdächtige zweimal an der Seite der deutschen Regierungsvertreter aufgetreten war und heute die impertinente deutsche Ansprache verfälscht verdolmetscht hatte, belastete ihn sehr; aber es bewies noch nicht, daß er ein Verräter war. Vielleicht hatte er aus taktischen Gründen eine Rolle übernommen, die verdächtig schien, die aber möglicherweise einem guten, ehrenhaften Zweck diente. Vielleicht wollte er das Vertrauen der Deutschen gewinnen, um es zu einer ihnen Unheil und Verderben bringenden Waffe umzuschmieden. Rada war in Versuchung, das alles den Kollegen zu sagen. Aber er sagte es nicht. Im Innersten seines Herzens fühlte er, daß er Fobich, dem er nicht weniger als die Kollegen mißtraute, nicht verteidigen könne. Wie in einem beklemmenden Traum konnte Rada nicht sprechen. Seine Zunge war gelähmt. Wie in einem beklemmenden Traum sah er, daß sich die beiden Kollegen, die ihm nie anders als mit großer Achtung begegnet waren, in strenge Richter verwandelten, die ihn mit strengen Blicken maßen und prüften. 32 Havelka sagte, es klang wie ein Todesurteil:„‚Fobich ist ein Lump.” Der alte Beran nickte und sagte:„Es freut mich, daß Sie nicht sein Freund sind, Rada.‘ 4 An einem der nächsten Abende, als Rada mit Havelka und Beran nach den Amtsstunden das Ministerium ver- ließ und nach einigen Schritten im Begriff war, sich von ihnen zu trennen, zuckte er zusammen. An der Seite eines deutschen. Generals überquerte Fobich die Straße. Er schien etwas Heiteres zu erzählen, denn der deutsche General lachte. Lachend bogen sie um die Ecke. Erstarrt war Rada stehengeblieben. Auch seine Kollegen standen starr, beide mit ergrimmtem Gesichtsausdruck. „Daß er sich nicht schämt!‘ sagte der alte Beran und spähte, erschrocken über seine Unvorsichtigkeit, nach allen Seiten. Havelka sagte leise:„Dieser Lump.” Rada ging nach Hause. Er dachte: Ein Lump, ein Ver- räter. Er dachte: Kann man noch zweifeln, daß er ein Lump, ein Verräter ist? Zu Hause setzte sich Rada an den Eßtisch und verzehrte schweigend sein Mahl. Er erzählte nicht, daß er Fobich an der Seite eines deutschen Generals gesehen habe. Er hatte in den letzten Tagen viel über Fobich nachgedacht, er hatte aber nicht mehr von ihm gesprochen. Er wollte nicht mehr von ihm sprechen, er wollte nicht mehr an ihn denken. Auch Havelka und Beran hatten nicht mehr von Fobich gesprochen. Das Leben war in den letzten Tagen immer schwerer geworden. Es war eine Lüge, daß man sich an alles, auch an das Schwerste, gewöhne. Tag 3.084 33 \ für Tag, Nacht für Nacht waren in der letzten Zeit Mitbürger verhaftet worden, die man als ehrenhafte, makellose Menschen kannte. Es gab kaum einen ehrenhaften, makellosen Menschen, der nicht fürchtete, daß die Gestapo ihn verhaften werde. Rada, der unauffällig lebte und seiner Familie immer wieder ans Herz legte, unauffällig zu leben, auf der Straße nicht nach links und nicht nach rechts zu blicken, kein unvorsichtiges Wort zu sprechen und keinen Unvorsichtigen anzuhören, fürchtete mehr als einen Gestapoüberfall den einstigen Jugendgefährten. Seit sieben Jahren war Fobich in unregelmäßigen Zeitabständen, in manchem Jahr dreimal, in manchem Jahr dreißigmal, in das kleine Amtszimmer gekommen, um seinem Lebensretter ein freundliches Wort zu sagen. Diese Anhänglichkeit hatte Rada oft in Staunen versetzt, denn Fobich stand im Ruf eines kühlen, berechnenden Strebers, der sich nur um einflußreiche Menschen, die ihm Nutzen bringen konnten, kümmerte. Seit dem 15. März hatte er sich in dem kleinen Amtszimmer nicht mehr blicken lassen. Trotzdem fürchtete Rada jeden Tag und jeden Augenblick, daß Fobich erscheinen werde. Diese Angst verfolgte Rada auch im Schlaf. Nachdem er den heiteren Fobich an der Seite des lachenden deutschen Generals erblickt hatte, träumte er eine Woche lang jede Nacht von der Begegnung. In einem dieser Träume betrat Fobich an der Seite des deutschen Generals das kleine Amtszimmer, lächelte Rada zu und sagte: ,, Herr General, auf diesen Mann kann man sich verlassen, ich kenne ihn seit meiner Kindheit." Der Frühling ging vorüber, und Fobich besuchte das kleine Amtszimmer nicht. Auch auf der Straße erblickte Rada ihn nicht mehr. Es gab viele Unannehmlichkeiten im Amt, es gab manchen Schrecken. Aber Rada, der 34 immer ein anspruchsloser Mann gewesen war, klagte' nicht und versuchte, auch jetzt noch das Leben erträg- lich zu finden. VieleBeamte des Ministeriums waren in kleine Orte versetzt, pensioniert oder entlassen worden. Rada, Havelka und Beran hielten ihre Posten, Sie hoff- ten, ihr kleines Amtszimmer sei der Aufmerksamkeit der Deutschen, die in allen Ämtern eine„Reinigungsaktion” durchführten, entgangen. Im Sommer verbreitete sich das Gerücht, daß Hitler Po- len angreifen werde. Die Zeitungen, die schreiben muß- ten, was das Berliner Propagandaministerium ihnen vor- schrieb, behaupteten, die deutsche Minderheit in Polen sei unerträglichen Verfolgungen ausgesetzt. Genauso hat- ten die der Kontrolle des Berliner Propagandaministe- riums unterworfenen deutschen Zeitungen im vergan- genen Sommer und Herbst behauptet, die deutsche Min- derheit in der Tschechoslowakei sei unerträglichen Ver- folgungen ausgesetzt. Die Abteilung III des Ministe- riums, die alle nach dem Osten abgehenden Transporte, organisierte, arbeitete vierundzwanzig Stunden täglich. Jeden Tag gingen große Truppentransporte, die aus Deutschland kamen und Prag berührten, nach dem Osten. Mitte August wurde der Ministerialrat,Dr. Fobich zum Sektionschef ernannt und mit der Leitung dieser Abtei- lung betraut. Havelka brachte diese Neuigkeit, bevor sie im Amtsblatt verlautbart wurde.„Raten Sie, Rada‘, sagte er,„wer ist der neue Leiter der Abteilung Ill, die im Kriegsfall den gesamten Eisenbahnverkehr dirigieren. wird? Kein deut- scher Beamter. Auch kein deutscher General. Sondern der Herr Ministerialrat Fobich. Vielmehr:’der Herr Sek- tionschef Fobich. Ihr Freund Fobich. Das ist Ihre Schuld, Rada! Warum haben Sie ihm das Leben gerettet? Hät- 4 55 ten Sie ihn ersaufen lassen, so könnte er jetzt nicht den Nazis helfen." Rada schwieg verletzt. Er hatte nie mit den Kollegen einen Streit gehabt. Er hatte sich immer ihres Vertrauens und ihrer Achtung erfreut. Er war immer ein gefälliger, verträglicher, hilfsbereiter Mensch gewesen. Er hatte immer jede gerechte Sache verteidigt und jede ungerechte verdammt. War das alles jetzt in Vergessenheit geraten? War es seine Schuld, daß Fobich sich als ein Lump und Verräter, entpuppte? Der Gekränkte beherrschte mit großer Mühe seinen Unmut. Er stand auf und verließ das Zimmer. Er war der einzige Beamte, der während der Amtsstunden nie das Amtszimmer verließ. Er stellte sich im Korridor an ein Fenster und blickte in den Hof. Er sah nichts. Er war so verstört, daß er weder sehen noch hören konnte. Er hörte nicht, daß sich Schritte näherten. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er erschrak. Er drehte sich um. Havelka stand vor ihm. ,, Ich bin Ihnen nachgegangen", sagte Havelka. ,, Der alte Beran meint, daß meine dummen Bemerkungen Sie gekränkt haben. Ist das wahr? Wenn es wahr ist, bitte ich Sie um Entschuldigung." Rada schwieg. ,, Gerade Sie will ich um keinen Preis kränken", fuhr. Havelka fort. ,, Jeder, der Sie kennt, weiß, daß Sie der anständigste Mensch sind, den man sich vorstellen kann. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie der anständigste Mensch auf der Welt sind, könnte ich nicht mit Ihnen über Fobich reden." ,, Es ist gut", sagte Rada. ,, Es tut mir leid, daß ich Sie verletzt habe", sagte Havelka. 36 ,, Es ist gut", wiederholte Rada hilflos. Sie kehrten in ihr Amtszimmer zurück. Der alte Beran blickte die Eintretenden neugierig an. ,, Sie haben recht gehabt, Beran", sagte Havelka. ,, Rada hat meine Bemerkung übelgenommen. Ich habe ihn um Entschuldigung gebeten, und jetzt ist alles wieder gut." An diesem Tag begleitete Havelka den schweigsamen Rada nach den Amtsstunden ein Stück Wegs. Als Rada sich verabschieden wollte, sagte Havelka: ,, Ich möchte Ihnen noch etwas sagen, Rada. Haben Sie Zeit, mich in meine Wohnung zu begleiten? Ich kann es hier, auf der Straße, nicht sagen." Havelka wohnte in Karolinenthal in einer alten Mietskaserne im vierten Stock. Er ersuchte seine Frau, in die Küche zu gehen. Die beiden Männer setzten sich in dem Zimmer, das Radas Wohnzimmer ähnelte, an den Tisch. Havelka sagte: ,, Rada, es hat sich heute herausgestellt, daß Sie nicht wissen, welche Meinung ich von Ihnen habe. Nun, also: Ich lege meine Hand für Sie ins Feuer." Er verstummte, obwohl er offenbar noch manches zu sagen hatte. Rada wartete erstaunt und verlegen und sagte, da die Stille wuchs und immer lastender wurde: ,, Ich danke Ihnen." ,, Und das haben Sie nicht gewußt", sagte Havelka und schüttelte den Kopf. ,, Ich habe nie daran gezweifelt", sagte Rada, runzelte die Stirn und fügte zögernd hinzu: ,, Ich spüre aber, daß man mir gegenüber einen merkwürdigen Ton anschlägt, weil ich Fobich als Gymnasiast gekannt habe." Havelka schob seinen Stuhl näher zu Rada hin und sagte leise: ,, Deshalb muß ich mit Ihnen sprechen, Rada. Fobich 37 - ist ein gefährlicher Mensch. Er ist skrupellos, man muß auf der Hut vor ihm sein. Ich will Ihnen beweisen, Rada, daß ich Ihnen unbegrenztes Vertrauen schenke. Ich gehöre einer Organisation an, die unterirdisch arbeitet. Ich darf Ihnen das eigentlich nicht sagen. Ich mußte es Ihnen aber sagen, weil es keine Mißverständnisse zwischen uns geben darf." Rada war überrascht. Er atmete schwer. Er sagte: ,, Sie hätten es mir nicht sagen sollen, wenn Sie es nicht sagen dürfen." ,, Ihnen kann man alles sagen", erwiderte Havelka; ,, Sie werden uns nicht verraten." Rada sagte: ,, Das ist wahr." Er dachte nach. Er dachte langsam und schwerfällig. Er blickte forschend in Havelkas blasses, nervöses Gesicht und sagte: ,, Das ist es also. Erwarten Sie, daß ich dieser Organisation beitrete? Haben Sie vielleicht den Auftrag, mich zum Beitritt aufzufordern?" Havelka lächelte: ,, Nein. Das ist kein Verein, Rada, dem man beitritt. Sie werden uns helfen, das weiß ich. Früher oder später wird sich eine Gelegenheit ergeben.- Sie können uns vielleicht besser helfen, wenn Sie unserer Organisation nicht angehören." Rada blickte Havelka in die Augen. Die beiden Männer waren nie Freunde gewesen. Havelka war ein rechthaberischer Mensch, mit dem viele Kollegen sich schlecht vertrugen, weil er die Meinung eines andern nie gelten ließ. ,, Das versteh' ich nicht", sagte Rada. ,, Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich Ihrer Organisation von Nutzen sein könnte. Sie wissen, wie zurückgezogen ich lebe. Nach den Amtsstunden geh ich nach Hause, mein ganzes Privatleben gehört meiner Familie." ,, Ich weiß. Sie sind ein guter Familienvater." 38 ,, Das ist mein Lebensinhalt. Ich bin für die Existenz meiner Familie verantwortlich. Das ist eine schwere Verantwortung, eine schwere Pflicht. Sie ist besonders jetzt, in diesen Zeiten, so schwer, daß ich mich um nichts andres kümmern kann." ,, Niemand verübelt Ihnen das, Rada." Wieder trat eine Stille ein, die Rada bedrückte. Er senkte den Blick und sagte: ,, Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist. Schließlich- auch Sie haben eine Frau und Kinder." ,, Meine Kinder arbeiten auf dem Land, sie sind selbständig, sie brauchen mich nicht. Und meine Frau... Ich bin kein so braver Familienvater wie Sie, Rada. Mir ist der Kampf wichtiger als das Familienleben. Jetzt, seit die Nazis über uns hergefallen sind- Sie wissen, es ist ein Kampf auf Tod und Leben. Die Deutschen haben begonnen, uns zu versklaven. Sie sind entschlossen, uns zu vernichten. Langsam, systematisch, mit deutscher Gründlichkeit." Rada stand erregt auf, ging in dem Zimmer auf und ab und setzte sich wieder. Er sagte: ,, Das ist mir noch nicht so richtig klar geworden. Aber es ist möglich, es ist den Deutschen zuzutrauen." Er fuhr mit beiden Händen über das Tischtuch, viermal, fünfmal, ohne zu wissen, daß er sich bewegte. Er sagte: ,, Ich denke nicht an mich. Was uns älteren Leuten passiert, ist nicht so wichtig. Aber mein Sohn, wissen Sie... Was für eine Zukunft hat er jetzt? Ich kann nicht schlafen, wenn ich daran denke." Havelka nickte: ,, Ich weiß. Aber der einzelne Mensch ist jetzt überhaupt nicht wichtig. Selbst wenn es ein einziger Sohn ist. An diesen Gedanken müssen Sie sich gewöhnen, Rada." ,, Das kann ich nicht", sagte Rada. ,, Das muß jeder können", sagte Havelka. Sein nervöses Gesicht war plötzlich verändert, hart und energisch. 39 Rada betrachtete erstaunt dieses harte, energische Gesicht, das ihm fremd schien. Er sagte: ,, Und was Fobich betrifft... Sie sagen, daß er ein gefährlicher Mensch ist. Ich weiß es nicht; vielleicht ist das richtig. Ich weiß nur, daß ich nichts mit ihm zu tun haben will." Havelkas Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Er sagte: ,, Das hängt aber nicht von Ihnen ab." Wieder fuhren Radas Hände hilflos über das Tischtuch. ,, Hören Sie", sagte Havelka. Sein Gesicht wurde wieder ernst, hart und energisch. Er rückte seinen Stuhl noch näher, so daß die Knie der Sitzenden einander berührten. ,, Wir kennen ihn. Wir wissen mehr von ihm als Sie. Ich warne Sie vor ihm. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn er etwas von Ihnen will, sagen Sie es mir gleich. Wir werden Sie beraten. Auf uns können Sie sich verlassen. Ebenso wie wir uns auf Sie verlassen." Rada war bleich geworden. Hilflos blickte er Havelka an und stammelte: Was... Was könnte er von mir wollen?" Havelka antwortete nicht. Rada stand auf und sagte: ,, Ihr Vorschlag erleichtert mich. So ist es gut." Er dachte nach und sagte: ,, Aber warum sollte er grade von mir etwas wollen? Er kennt mich kaum." Er verabschiedete sich und ging nach Hause. 5 Vierzehn Tage später überfiel Hitler Polen, worauf Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärten. Im tschechischen Volk erwachten neue Hoffnungen. Es war sein Krieg, der jetzt begann. 40 ELTERN TTEGE In der Abteilung Ill gingen deutsche Offiziere und Ge- stapomänner aus und ein. Unaufhörlich rollten Züge mit deutschen Truppen und deutschem Kriegsmaterial der polnischen Grenze zu. Am vierten Tag des polnischen Krieges, um zehn Uhr morgens, läutete in Radas Amtszimmer das Telephon. Rada, der den täglichen Anruf seines Abteilungsvorstan- des erwartete, hob den Hörer ab und nannte seinen Namen. „Hier ist Dr. Fobich“, hörte er.„Kommen Sie bitte in zehn Minuten in mein Büro, in die Abteilung III.” Rada legte den. Hörer nieder und blickte Havelka an. ‚Was ist los?‘ fragte Havelka. „Fobich“, sagte Rada.„Ich soll in zehn Minuten in sein Büro kommen.” Havelka arbeitete stumm weiter. Nach fünf Minuten sagte er:„Sie müssen. schon gehn, Rada.‘ Gleichzeitig . stand er auf und verließ das Amtszimmer. Als Rada die Tür öffnete, erblickte er Havelka. Sie wa- ren allein in dem langen, dunklen Korridor. Havelka sagte leise:„Also es bleibt dabei. Wir beraten Sie.“ Dann kehrte er in das Amtszimmer zurück. Rada wurde in der Abteilung III in ein großes Warte- zimmer geführt. An zwei Tischen und an den Wänden saßen etwa zehn Wartende. Er blieb in der Nähe der Tür stehen. Nach einer halben Stunde setzte er sich. Er bemühte sich, alle Gedanken zu verdrängen, aber sie ließen sich nicht zurückweisen. Er konnte sich nicht vor- stellen, warum Fobich ihn gerufen habe. Es war eine außerordentliche Begebenheit, daß ein kleiner Beamter der Tarifabteilung aufgefordert wurde, in der Abtei- lung Ill, die ein eigenes, geheimes Gebiet darstellte, zu erscheinen. Es war nahezu ausgeschlossen, daß ein klei- 41 ner Beamter der Tarifabteilung dienstlich mit dem Chef der Abteilung III in Berührung kommen konnte; nur der Vorstand der Tarifabteilung war berufen, etwaige ge- meinsame Angelegenheiten mit der Abteilung III zu be- sprechen. Demnach war es wahrscheinlich, daß Fobich ein Privatgespräch mit Rada führen wollte. Die Auffor- derung, er möge in der Abteilung Ill erscheinen, hatte aber dienstlich geklungen; Fobich hatte ihn am Tele- phon nicht geduzt, und der Ton war dienstlich-kühl ge- wesen. Es war möglich, daß Fobich diesen Ton ange- schlagen hatte, weil alle Telephongespräche überwacht wurden und er den Deutschen nicht verraten wollte, daß er mit einem kleinen Beamten der Tarifabteilung auf Duzfuß stand. Aber was immer der Grund des An- rufs sein mochte— es war ein tief beunruhigendes Er- eignis. Rada, der noch immer glaubte, daß es sein ein- ziges Bestreben sein müsse, unauffällig zu leben, um sich und seine Familie vor Unheil zu bewahren, fürchtete, die auffällige Vorladung oder Einladung werde ein Un- heil besonderer Art auslösen. Er bedachte, daß er vor zweieinhalb Wochen trotz seines Bestrebens, möglichst unauffällig zu leben, gegen seinen Willen Mitwisser eines Geheimnisses geworden war, das ihn und seine Familie jederzeit vernichten konnte. Warum hatte Ha- velka gerade ihn zum Mitwisser dieses Geheimnisses gemacht? Und warum hatte das Schicksal gerade ihn in Verbindung mit dem Sektionschef Fobich gebracht, der nach dem Urteil aller Wissenden der gefährlichste Mensch in dem Ministerium war? Glücklicherweise verband sie kein Geheimnis. Nach einer weiteren halben Stunde wurde Rada in Fobichs Arbeitszimmer geführt. Fobich reichte dem Besucher die Hand und sagte:„Setz dich.“ Rada setzte sich. 42 ‚Wie geht es dir?‘ fragte Fobich. ‚Danke. Ich bin zufrieden.“ Fobich lächelte:„Ich weiß. Du bist ein anspruchsloser Mensch.” Er griff nach einer Mappe, die vor ihm lag, öffnete sie und sagte:„Ich habe hier deine Personalien. Du hast lang genug in der Tarifabteilung gedient. Du kannst es dort nicht weiterbringen. Ich lasse dich in die Abtei- lung III versetzen. Du rückst gleichzeitig eine Rangklasse vor. Ich hoffe, daß es dir nicht unangenehm ist.” Rada antwortete nicht gleich. Er blickte die glitzernden schwarzen Augen Fobichs an. Er dachte an Havelkas Worte: Fobich ist ein Lump. Er dachte: Dieser Lump, dieser Verräter will mich verderben. Warum gerademich? Ich hab ihm nichts Böses getan. Ich hab ihm einmal das Leben gerettet. Warum will er mich in die Abteilung Ill versetzen? Wozu braucht er mich? Er durfte nicht länger schweigen. Er mußte antworten. Er mußte-sich wehren. Er dachte nicht an sich, er dachte an seinen Sohn. Er dachte, daß er die Pflicht habe, sei- nem Sohn einen ehrlichen, unbefleckten Namen zu hin- terlassen. Er wußte, daß er seinem Sohn einen ehrlichen, unbefleckten Namen nicht hinterlassen könnte, wenn irgendein Mensch, sei es Havelka, sei es ein anderer, sagen dürfte:„Rada hat sich in den Dienst eines Ver- räters gestellt. Rada ist ein Verräter.‘ „Nun?“ fragte Fobich und legte die Mappe auf den Tisch. ‚Rada sagte:„Verzeihung. Ich bin überrascht. Ich war nicht vorbereitet...” Er suchte nach Worten. Er mußte erklären, begründen, warum er sich gegen die Versetzung in die Abteilung Ill wehrte. Er mußte eine harmlose Erklärung finden, denn 43 es war gefährlich, diesen gefährlichen Menschen, diesen Lumpen und Verräter, zum Feind zu haben. Fobich glaubte, daß Rada nichts mehr zu sagen habe, bot ihm eine Zigarette an und sagte: ,, Also das ist erledigt. Weißt du noch, wo ich wohne? Besuch mich morgen abend nach acht. Meine Frau wird sich freuen." Rada nahm die Zigarette nicht an. Er schien die goldene Zigarettendose, die ihm gereicht wurde, nicht zu sehen. Seine Augen waren geweitet. Er sagte: ,, Ich will in der Tarifabteilung bleiben." - Fobich machte eine Bewegung, die Verwunderung ausdrückte. Rada sagte rasch, ohne eine Pause eintreten zu lassen: ,, Ich bin dort gut eingearbeitet. Ich will nicht unbescheiden sein, aber ich darf wohl sagen, daß ich das Tarifwesen sehr gut verstehe. Ich stelle die kompliziertesten Tariftabellen zusammen, und es macht mir keine Schwierigkeit. Mein Chef ist mit meiner Arbeit immer zufrieden gewesen. Ich glaube nicht, daß ich in einer anderen Abteilung etwas Ordentliches leisten könnte. Ich bin nicht mehr jung, ich könnte mich nicht leicht einarbeiten. Ich danke sehr für die gute Absicht, aber ich bitte, in der Tarifabteilung bleiben zu dürfen." Fobich steckte die Zigarettendose in die Tasche und sagte: ,, Du scheinst mich nicht verstanden zu haben. Ich biete dir ein außerordentliches Avancement an. Du steigst außer der Reihe in eine höhere Rangklasse auf. Du wirst in meiner Abteilung eine Vertrauensstellung haben. In meinem Büro, in meinem Sekretariat. Ich brauche dringend einen Menschen, auf den ich mich verlassen kann. Deshalb hab ich sofort an dich gedacht. Es ist schwer, einen verläßlichen Menschen zu finden, dem man voll vertrauen darf. Zu dir hab ich unbegrenztes Vertrauen. Ich kann nicht auf dich verzichten." 44 Er blickte Rada lächelnd an und fügte hinzu: ,, Sei kein Narr. Du wirst in meiner Abteilung Karriere machen. Dafür werde ich sorgen." Rada schüttelte den Kopf. Er sagte: ,, Ich danke. Ich danke nochmals für die gute Absicht. Aber ich will in der Tarifabteilung bleiben. Ich bitte..." Fobich drückte auf einen Knopf. Ein Diener trat ein. ,, Also morgen abend nach acht", sagte Fobich und reichte Rada die Hand. Rada ging. Er hatte mit fester Stimme geantwortet. Jetzt aber merkte er, daß seine Beine zitterten. Wie ein Kranker, der nach wochenlanger Bettlägerigkeit zum ersten Male einen Gehversuch unternimmt, schleppte er sich durch die Korridore, über die Treppen, auf die Straße und in das benachbarte Gebäude. Er war sehr bleich, als er sein kleines Amtszimmer betrat. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und beugte sich über die Rechnungen, mit denen er sich vor seinem Besuch befaßt hatte. Havelka beobachtete ihn verstohlen, stellte aber keine Frage. In der Mittagspause verließ Rada das Amtsgebäude. Havelka folgte ihm und schloß sich ihm auf der Straße an. Sie gingen in eine stille, verkehrsarme Gasse. Rada berichtete, was Fobich gesagt hatte. Er wiederholte wörtlich seine ablehnende Antwort. Zuletzt erzählte er auch, daß er morgen abend in Fobichs Wohnung erscheinen solle. Havelka hörte stumm zu. Nachdem er den ganzen Bericht vernommen hatte, sagte er: ,, Das ist schlimm." Sie gingen schweigend bis an das Ende der Gasse und kehrten um. Havelka sagte noch einmal: ,, Das ist schlimm." Er blieb stehen und sagte leise: ,, Es war rich45 tig, sofort abzulehnen. Sie dürfen ihn auch nicht in seiner Wohnung besuchen. Wenn Sie einmal den Verkehr mit so einem Verräter aufnehmen, sind Sie unrettbar verloren." Rada ging stumm, in sich gekehrt, neben Havelka, der. nicht wußte, ob der verstörte Mann ihm zugehört hatte. Nach einigen Minuten sagte Rada: ,, Verloren bin ich jedenfalls. Aber mir liegt nichts daran. Die Hauptsache ist, daß ich meinem Sohn einen ehrlichen Namen hinterlasse." ,, Richtig", sagte Havelka. ,, Aber verloren sind Sie noch lange nicht. Ich würde mich an Ihrer Stelle einstweilen krank melden." Er verstummte, weil zwei Männer vorübergingen. Nachdem sie verschwunden waren, sagte er: ,, Morgen müssen Sie aber noch ins Amt kommen. Ich hab Ihnen versprochen, daß wir Sie beraten werden. Meinen Rat haben Sie gehört. Aber ich bin nicht maẞgebend. Ich werde heute abend mit den Leuten reden, die unseren Kampf organisieren. Ich nehme an, daß sie meine und Ihre Meinung teilen werden, aber wir müssen es mit voller Sicherheit wissen. Ich werde Ihnen morgen sagen, was sie für richtig halten." Am Abend, auf dem Heimweg, entschloß sich Rada, seiner Familie heute nichts zu erzählen; er wollte wenigstens heute noch die neue Sorge, die neue Bedrohung von ihnen fernhalten. Havelkas Rat, eine Krankheit vorzuschützen, gefiel ihm nicht. Hatte es einen Sinn, zwei, drei Tage oder eine Woche zu Hause zu bleiben? Spätestens nach einer Woche käme ein Amtsarzt. Er würde feststellen, daß die Krankheit vorgespiegelt worden sei. Es gab auch noch eine schlimmere Möglichkeit. Vielleicht würde der beleidigte Fobich sich rächen wollen und die Gestapo auf den widerspenstigen kleinen Be46 amten aufmerksam machen. Einem gefährlichen Menschen, einem Lumpen und Verräter war alles zuzutrauen. In dieser Nacht schlief Rada nicht. Er überlegte, was er getan hätte, wenn die Kollegen nicht gewußt hätten, daß er Fobich seit seiner Kindheit kannte. Er kam zu dem Schluß, daß er sich unter dieser Voraussetzung nicht geweigert hätte, in die Abteilung III versetzt zu werden. Es war ein heiliges Gesetz, daß ein Staatsbeamter sich nicht weigern durfte, den Arbeitsplatz auszufüllen, der ihm zugewiesen wurde. Bis zum heutigen Tag hatte Rada seinen Dienstplatz in der Tarifabteilung gewissenhaft ausgefüllt. Aber er würde sich vor keiner Macht der Welt zwingen lassen, ein Verräter zu werden; das wußte er. Aber wußten es die andern, die Kollegen, die eine geheime Kampforganisation aufgebaut hatten? Sie wuẞten es nicht. Deshalb mußte er sich weigern, den Posten, der ihm in der Abteilung III zugedacht war, anzunehmen. Die Folgen dieser Weigerung waren unschwer zu erraten. Er mußte dieses Opfer bringen. Er mußte infolgedessen auch seine Familie zum Opfer bringen. Er atmete schwer. Er dachte an seinen Sohn. Er malte sich alle Qualen aus, denen er und sein Sohn und die ahnungslos schlafende, ruhig atmende Frau ausgesetzt sein würden. Seine Gedanken verwirrten sich wie die Gedanken eines Fiebernden. Plötzlich schlief er. Es war fünf Uhr in der Frühe, als er plötzlich einschlief. Zehn Minuten vor sieben wurde er von Marie geweckt. Es kam selten vor, daß sie ihn wecken mußte. Seine Gewissenhaftigkeit, die ihn selbst im Schlaf beherrschte, weckte ihn jeden Morgen zwanzig Minu47 ten vor sieben pünktlich wie ein Wecker. Schlaf- trunken rieb er sich die Augen und griff nach der Uhr. Im selben Augenblick wußte er wieder, was ihm wider- fahren. war. Der Vormittag im Amt verging unerträglich langsam. Havelka zwinkerte ihm einmal zu, sagte aber nichts. Er sah listig, beinahe aufgeräumt aus, als er Rada zuzwin- kerte. Als die Mittagspause begann, standen sie auf und verließen gemeinsam das Amtsgebäude. Sie gingen wieder in die verkehrsarme Seitengasse, die sie gestern in der Mittagspause aufgesucht hatten. Ha- velka blickte sich nach allen Seiten um. Es war kein Mensch zu sehen. Er sagte:„Ich habe mit den maß- gebenden Leuten gesprochen. Man hält Ihren Entschluß nicht für richtig. Man ist der Ansicht, daß Sie in die Abteilung Ill eintreten sollen. Man schenkt Ihnen vol- les Vertrauen, Rada. Man erwartet, daß Sie unsrer Sache nützen können, wenn Sie in der Abteilung Ill arbeiten.“ Rada blieb stehen. Er blickte zu Boden. Er sagte:„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin kein raffi- nierter Mensch, der sich gut auskennt. Ich weiß nicht, was man von mir erwartet. Ich kann nichts versprechen. Ich bin ein Mensch, der immer nur in der Amtstätigkeit und im Familienleben aufgegangen ist. Mehr steckt nicht in mir.” Havelka hörte ernst zu und sagte:„Das wird sich zeigen." „Und heute abend...”, sagte Rada. „Ja, richtig“, sagte Havelka,„das hätte ich fast ver- .gessen. Sie müssen heute abend zu ihm in die Woh- nung gehn. Sie dürfen nicht sein Mißtrauen erwecken. Das ist die Hauptsache.‘ 48 6 Fünf Minuten nach acht stand Rada in dem gartenreichen Stadtteil Dejvice vor der Villa, die Fobich bewohnte. Es regnete, Rada fröstelte. Trotzdem zögerte er. Es war eine peinliche, es war eine schreckliche Aufgabe, dieses Haus zu betreten und mit Fobich zu sprechen. Der Zögernde gab sich einen Ruck und schellte am Gartentor. Fobich war noch nicht zu Hause. Seine große stattliche Frau entschuldigte ihren Mann, der telephoniert hatte, eine wichtige Konferenz hindere ihn, rechtzeitig nach Hause zu kommen. ,, Sie müssen einstweilen mit meiner Gesellschaft vorliebnehmen", sagte sie. Rada hatte sie seit sieben Jahren, seit seinem letzten Besuch in diesem Hause, nicht gesehen. Sie war damals unliebenswürdig gewesen. Sie hatte ein gelangweiltes Gesicht gemacht. Heute sah sie jugendlicher als die grämliche Vierzigjährige aus, die er vor sieben Jahren kennengelernt hatte. Ihre vorstehenden Backenknochen verschönten merkwürdig das große Gesicht. Ihre Wangen waren mit einem zarten Rosa überhaucht. Sie hatte strahlend blaue Augen. Sie sprach ein sehr mangelhaftes Tschechisch. Sie war eine Sudetendeutsche. Er vermutete, daß Fobich unter ihrem Einfluß ein Verräter geworden sei. Sie bemühte sich, liebenswürdig zu sein. Rada gab kurze Antworten, so daß das Gespräch nach den ersten Minuten stockte. ,, Ich spreche noch immer sehr schlecht tschechisch; jetzt werde ich die Sprache nicht mehr erlernen", sagte sie. Jetzt braucht sie unsre Sprache nicht mehr zu erlernen, dachte er, und die Erbitterung, die er 4.084 49 beim Eintritt in dieses Haus mühsam unterdrückt hatte, überflutete ihn wieder. ,, Mein Mann schätzt Sie sehr", sagte die Frau. ,, Er hat nie vergessen, daß Sie ihm einmal das Leben gerettet haben." Ein tschechisches Mädchen meldete, Leutnant Bethge sei erschienen. Die Frau stand auf, entschuldigte sich und verließ das Zimmer. Nach einigen Minuten kehrte sie mit einem etwa dreiundzwanzigjährigen deutschen Offizier zurück, dem sie Rada vorstellte. Der blonde junge Mann, der sehr groß war und eine lange, gerade Nase hatte, setzte sich. Rada stand nach einigen Minuten auf und sagte, er wolle nicht länger stören. Die Frau protestierte. ,, Sie sind mein Gefangener", sagte sie. ,, Mein Mann wird bestimmt bald kommen. Wir können übrigens schon essen." Sie gingen in das Speisezimmer. Rada wußte nicht, was gesprochen wurde. Erbittert und ergrimmt dachte er: Ich sitze mit einem deutschen Offizier an einem Tisch. Radas Erbitterung galt vor allem Fobich, aber auch Havelka, der gesagt hatte: ,, Sie müssen heute abend zu Fobich in die Wohnung gehn. Sie dürfen nicht sein Miẞtrauen erwecken." Vor der Beendigung der Mahlzeit erschien Fobich. Während er zu essen begann, standen die Frau und der Offizier auf und verschwanden. Sie ließen sich an diesem Abend nicht mehr blicken. Fobich zwinkerte dem stummen Rada listig zu und sagte: ,, Diesen Leutnant Bethge wirst du von jetzt an öfter sehn. Er fungiert als unauffälliger militärischer Beobachter in der Abteilung III. Was er im Ministerium nicht erfährt, hofft er durch meine Frau zu erfahren. Aber ich pflege ihr dienstliche Geheimnisse nicht anzuvertrauen." 50 Es überraschte und verwirrte Rada, daß Fobich von der deutschen Spionage sprach. Was bezweckte der Verräter mit dieser Bemerkung? Wollte er behaupten, daß er die Deutschen täusche und nur scheinbar zum Feind übergegangen sei? Fobich führte seinen Gast in ein mit Büchern gefülltes Zimmer. Die beiden Männer setzten sich. Rada hatte zum ersten Male seit langer Zeit Gelegenheit, das Gesicht des gefürchteten Mannes näher zu betrachten. Fobich war in seiner Jugend schön gewesen. Der Fünfzigjährige gefiel noch immer vielen Frauen, obwohl tiefe Falten die Harmonie der regelmäßigen Gesichtszüge zerstörten und die glitzernden schwarzen Augen abstoßend wirkten. Von diesem beunruhigenden Gesicht hatte Rada in den letzten Wochen oft geträumt. Fobich sah den forschenden Blick auf sich gerichtet und lächelte. ,, Also", sagte er ,,, hast du dich mit deiner Beförderung abgefunden? Oder ist dir die Versetzung in meine Abteilung ernsthaft unangenehm?" Rada anwortete nach einer kurzen Pause: ,, Ich wäre gern auf meinem alten Posten geblieben. Aber ich weiß, daß ich nicht berechtigt bin, gegen eine Versetzung zu protestieren." ,, Und das ist gut so", fiel Fobich ein. ,, Manche Leute muß man zu ihrem Glück zwingen. Du gehörst zu diesen komischen Käuzen. Was dir fehlt, ist Selbstvertrauen, sonst nichts. Du bist ein tüchtiger Tariffachmann, du hast seit vielen Jahren nichts als Tarife im Kopf gehabt, deshalb glaubst du, daß du auf einem andern Gebiet nicht viel wert sein wirst. Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Wer auf einem Gebiet jemals etwas Ordentliches geleistet hat, ist in der Regel imstande, auch auf 4* 51 einem andern Gebiet seinen Mann zu stellen. Man ist tüchtig oder man ist untüchtig. Du wirst dich sehr rasch einarbeiten." ,, Du hast eine viel zu gute Meinung von meiner Leistungsfähigkeit, aber ich danke dir jedenfalls." Fobichs Gesicht wurde ernst. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: ,, Nichts zu danken. Ich brauche verläßliche Mitarbeiter. Ich sage dir offen, daß ich dich aus reinem Egoismus in die Abteilung III versetzen lasse. Ich weiß nicht, ob dir bekannt ist, daß ich in meiner jetzigen Stellung einen schweren Stand habe. Die politischen Gegensätze machen mir das Leben sauer. Ein großer Prozentsatz der Beamtenschaft ist mir feindlich gesinnt. Viele nehmen mir gegenüber eine Haltung an, die mich zu äußerster Vorsicht zwingt. Ich kann keinem mehr völlig trauen. Kaum einer ist da, auf den ich mich verlassen kann." Er verstummte. Seine Augen funkelten zornig. Die tiefen Falten auf seiner hohen weißen Stirn gaben dem Gesicht einen finsteren, drohenden Ausdruck. Er zerknüllte die Zigarette, die er in der mit einem Perlenring geschmückten Rechten hielt, und warf sie zornig auf den Tisch. Rada hütete sich, ein Wort zu erwidern. Warum erzählt er das alles gerade mir? dachte er. Warum setzt er voraus, daß er gerade mir trauen darf? Was berechtigt ihn zu dieser Annahme? Fobich schien diese Gedanken auf Radas Gesicht zu lesen. Er zündete sich eine Zigarette an, rückte mit seinem Sessel näher an Rada heran und sagte: ,, Es wundert dich vielleicht, daß ich dir das alles sage. Du weißt eben nicht, wie sehr ich dir vertraue. Du bist der einzige Mensch, dem ich volles Vertrauen schenke." 52 Rada konnte sein grenzenloses Erstaunen nicht verhehlen. Er sagte: ,, Ich weiß nicht, wieso. Ich weiß nicht, warum du gerade mir so viel Vertrauen schenkst." Fobich lachte auf. Er zeigte wieder die Miene des selbstbewußten erfolgreichen Mannes, der seine Überlegenheit nie einbüẞt. ,, Du", sagte er ,,, dich kenne ich genau seit damals. Auf der Moldau damals, knapp dem Tod entronnen, hab ich in deine Augen geblickt. Seit damals kenn ich dich genau. Besser als mich. Es ist kein Scherz, wenn ich sage: Ich kenne dich besser als mich. Ein Mensch mit deinen Augen und mit deinem Gesicht... Lieber Freund, ich mache vielleicht manchen groben Schnitzer; aber auf meine Menschenkenntnis kann ich mich verlassen." Rada war verblüfft. Wußte Fobich nicht, daß er nicht einen ,, groben Schnitzer" machte, sondern ein Verbrechen beging, das größte Verbrechen, das denkbar war? Hielt er seinen Verrat am eigenen Volk schlimmstenfalls für einen groben Schnitzer? War er verrückt? Unzurechnungsfähig? Rada fühlte, daß seine Stirn sich mit Schweiß bedeckte. Er sagte: ,, Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Man hört so Verschiedenes, aber man weiß nicht, was man glauben soll. Deshalb fällt es mir schwer, deine Andeutungen zu verstehen." ,, Andeutungen?" Fobich schien enttäuscht und verärgert. ,, Ich mache keine Andeutungen. Ich sage mit der größten Offenheit, was ich denke und was ich für das Richtige halte. Ich erkläre es seit dem vorigen Herbst privat und öffentlich bei jeder Gelegenheit. Ich weiß genau, was man dir erzählt hat und was man in jedem einzelnen Amtszimmer von mir redet. Ich bin ein Verräter, nicht wahr? Das sagt man. Ich bin ein Verräter, weil ich mit den Deutschen zusammenarbeite. Ich bin ein Ver53 brecher, weil ich mich den Deutschen zur Verfügung gestellt habe. Stimmt's? Sagt man das?" ,, Ja." Radas Antwort schien Fobich zu befriedigen. Er nickte, er sah nicht mehr verärgert aus. Er sagte: ,, Ich weiß. Und ich weiß auch, daß ich ganz alleinstehe. Auch du hältst mich für einen Verräter. Stimmt's? Du bist ein ehrlicher Mensch, du wirst mich nicht belügen. Also sag ehrlich: Hältst auch du mich für einen Verräter?" ,, Ist es wahr, daß du dich den Deutschen zur Verfügung gestellt hast?" ,, Ja, natürlich. Das weiß doch jeder." ,, Und hältst du selbst dich nicht für einen Verräter?" ,, Nein! Selbstverständlich nicht." ,, Das verstehe ich nicht." In Radas Worten, Miene und Stimme war ein hilfloses Erstaunen. Fobich lächelte. Er blickte Rada lächelnd an und sagte: ,, Ich hab es gewußt: Du bist der ehrlichste Mensch auf Gottes Erde.' Er stand auf, holte Schnäpse und trank ein Glas Kognak. Dann sagte er: ,, Du bist ein politisches Kind. Und ebenso ist das ganze tschechische Volk ein politisches Kind. Wirf einmal einen Blick auf die Landkarte. Wir sind von allen Seiten von Deutschland eingeschlossen. Wir waren schon vor der Annexion Osterreichs so bedrohlich von Deutschland eingeschlossen, daß es purer Wahnsinn war, trotz unsrer unglücklichen geographischen Lage auf unser Bündnis mit Frankreich zu bauen. Niemand kann es ändern, daß das große deutsche Volk, ein kriegerisches, eroberungssüchtiges Volk, den größten Teil von Mitteleuropa bewohnt. Niemand kann es ändern, daß wir die kleinen Nachbarn dieses großen Vol54 kes sind. Infolgedessen müssen wir uns mit unsrem Schicksal abfinden oder zugrunde gehen. Es ist unser Schicksal, in den mitteleuropäischen Raum eingepfercht zu sein, der von Deutschland beherrscht wird. Auf wen sollen wir uns stützen? Frankreich ist fern. England ist fern. Rußland ist fern. Keine dieser Großmächte wird jemals imstande sein, Deutschland aus Mitteleuropa zu vertreiben oder das große deutsche Volk zu vernichten. 1918 ist Deutschland geschlagen worden. Damals haben wir unsre Republik gegründet, und das Volk Masaryks hat gehofft, daß wir unsre staatliche und nationale Selbständigkeit nie mehr verlieren werden. Im vorigen Herbst und am 15. März hat es sich gezeigt, wie wenig realistisch diese Hoffnung gewesen ist. Ich bin kein Träumer. In der Politik darf man sich nicht über die Wirklichkeit hinwegsetzen. Deshalb müssen wir uns mit Deutschland auf guten Fuß stellen. Wenn wir den Deutschen entgegenkommen, können wir unsre Existenz eher sichern, als wenn wir ihnen ewigen Krieg ansagen. Wir können vielleicht sogar aus Deutschlands Größe Profit ziehen, wenn wir uns mit dem Gedanken abfinden, daß wir dem großdeutschen Lebensraum angehören. Es ist durchaus möglich, daß wir kulturell und wirtschaftlich einer neuen Blütezeit entgegengehen, wenn wir den Widerstand gegen die deutsche Hegemonie aufgeben." Rada hatte mit Abscheu zugehört. Es war ihm unbegreiflich, daß ein Tscheche sich mit den Nazis, mit ihrem Rassenhaß und Rassendünkel abfand und die Versklavung des tschechischen Volkes guthieß. Daß Fobich vorgab, nicht aus egoistischen Gründen, nicht aus krankhaftem Ehrgeiz, nicht als bezahlter Agent der Mörder und Räuber, sondern aus innerster Überzeugung den Plänen der Deutschen zu dienen, empörte Rada tiefer 55 als alles, was er vor dieser Unterredung gewußt oder befürchtet hatte. Er war versucht, dem Verräter an die Gurgel zu fahren. Aber er zwang sich, ruhig zu scheinen, ruhig zu sein. Er verzichtete auf jedes Wort der Abwehr. Er sagte: ,, Die Zukunft wird zeigen, ob dieser Standpunkt richtig ist. Ich verstehe nichts von Politik." ,, Hast du dich politisch nie betätigt?" Fobichs Stimme verriet ein leises Mißtrauen. ,, Stehst du mehr links oder mehr rechts? Du kannst doch nicht völlig farblos sein." Rada blickte den Fragenden treuherzig an und sagte: ,, Ich bin Familienvater." Diese Antwort schien Fobich zu belustigen. Er lachte auf, trank noch einen Kognak und sagte: ,, Ich verstehe. Du willst deine Ruhe haben. Du willst nicht mit mir streiten. Gut. Ich billige deine Haltung, ich bin kein Fanatiker, kein politischer Heißsporn. Wenn du mir heute noch nicht recht gibst, wirst du über kurz oder lang anders denken; ich bin von der Richtigkeit meiner realistischen Politik fest überzeugt. Früher oder später wird das ganze tschechische Volk mir rechtgeben, weil es dazu gezwungen sein wird. Deutschlands Übermacht ist zu groß. Hitlers militärischer Macht kann niemand widerstehen. Die westlichen Demokratien hätten uns im Herbst 1938 und am 15. März gewiß gern geholfen, aber sie waren und sind nicht gerüstet. Gegen Hitlers ungeheure Rüstung kann niemand aufkommen. Aber lassen wir das. Ich verlange von dir keine Taten, die in Widerspruch zu deiner Gesinnung stehen. Ich verlange nur, daß du in der Abteilung III ebenso gewissenhaft und pflichteifrig arbeitest wie bisher in der Tarifabteilung. Das genügt mir. Damit ist mir bereits gedient. Die andern, die in meiner Abteilung arbeiten, möchten mich am liebsten umbringen. Ich muß immer fürchten, daß 56 sie irgendein Unheil anrichten, um die deutschen Truppenbewegungen zu stören. Das wirst du nicht tun. Du wirst deine Pflicht erfüllen, das weiß ich. Ein Mensch deiner Art kann nicht leben, wenn er seine Pflicht nicht erfüllt. Deshalb schenke ich dir volles Vertrauen.- Jetzt trinken wir einen Kognak auf das Wohl deiner Familie." Rada hob sein Glas und trank. Einige Minuten später verabschiedete er sich. 7 Die Abteilung III arbeitete bei Tag und Nacht. Sie war für die rasche, glatte, jede Stockung ausschließende Beförderung der deutschen Soldaten und des Kriegsmaterials an die polnische Grenze verantwortlich. Der Dienst war militärisch organisiert. Die Gestapo stand unsichtbar hinter jedem Schreibtisch. Die tschechischen Beamten arbeiteten verbissen, in einem Zustand unaufhörlicher Überreiztheit. Stumm und verbissen trugen sie die Last dieses elenden Lebens, aufrechterhalten von einer großen Hoffnung. Sie alle hofften: Einmal wird diese Qual zu Ende sein. Einmal werden wir uns rächen. Aber diese Hoffnung, die einem unbeugsamen Willen, einem unbeugsamen Glauben entsprang, schien irrsinnig. Mit unwiderstehlicher Gewalt drangen Hitlers Armeen in Polen vor. Rada saẞ in einem kleinen Zimmer, das sich neben dem Arbeitszimmer des Sektionschefs Fobich befand. In der Mitte des kleinen Zimmers stand Radas Schreibtisch. Am Fenster saß eine deutsche Stenotypistin oder Sekretärin, Fräulein Elsbeth Puhl. Sie betrat jeden Morgen 57 - gegen neun das Zimmer mit dem Gruß: ,, Heil Hitler!" Rada, der wie in der Tarifabteilung- zwei Minuten vor acht zu arbeiten begann, erwiderte den verhaßten Gruß an manchen Tagen mit den Worten: ,, Guten Morgen, Fräulein!" An manchen Tagen erwiderte er den Gruß nicht, sondern beugte sich tiefer über seine Akten und spiegelte vor, nichts zu sehen und nichts zu hören. An manchen Tagen beantwortete er die dienstlichen Fragen Fräulein Puhls - sie stellte jeden Tag Dutzende von Fragen an ihn, da sie der tschechischen Sprache nicht mächtig war und deshalb ohne Unterlaß auf Hindernisse stieß- korrekt und höflich. An manchen Tagen stellte er sich taub. Er tat es nicht, um die Stenotypistin zu ärgern, er tat es aus Angst, die Geduld und die Selbstbeherrschung zu verlieren. Er fürchtete, daß er einmal, statt eine korrekte und höfliche Antwort zu geben, etwas Furchtbares sagen, nein, brüllen, herausschreien werde, ein Wort, das ihn verraten, ihn und seine Familie ins Verderben stürzen könnte. Deshalb schwieg er manchmal beharrlich und ließ alle Fragen Fräulein Puhls unbeantwortet. Vorsorglich hatte er ihr gleich am ersten Tag gesagt: ,, Ich höre schlecht, Fräulein." Da sie aber bald merkte, daß er manchmal nicht hören wollte, beklagte sie sich bei dem Sektionschef über Radas Unhöflichkeit. Fobich antwortete: ,, Sie dürfen es ihm nicht übelnehmen; er ist ein Sonderling. Ein hochanständiger, verläßlicher Mensch, aber ein Sonderling. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit." Rada hatte angenommen, daß er, da Fobich von einer Vertrauensstellung gesprochen hatte, Geheimakten zu bearbeiten haben werde: Korrespondenzen mit den deutschen Militärbehörden hatten ihm unheilvoll vorgeschwebt, gefährliche Protokolle, undurchsichtige Aktionen. Mit derartigen Arbeiten wurde Rada jedoch nicht 58 betraut. Er vermutete, daß sie Fräulein Puhl vorbehalten seien, die zweimal täglich in Fobichs Arbeitszimmer hinter verschlossenen Türen Diktate aufnahm. Vermutlich gab es noch andere Vertrauenspersonen, denen Fobich wichtige Arbeiten anvertraute, obwohl er behauptet hatte, daß er sich auf keinen Menschen in seiner Abteilung verlassen könne. Radas Arbeit diente hauptsächlich der Regelung der Fahrpläne. Er hatte die Abfertigungstermine der Züge zu errechnen, die auf bestimmten Strecken eingeschoben werden mußten. Diese Berechnungen hatte er auf Grund der festgesetzten Fahrgeschwindigkeiten anzustellen. Ob die Züge dem Mannschaftstransport, der Waffenbeförderung oder dem Güterverkehr außerhalb der militärischen Zone dienten, ging aus den Arbeitsgrundlagen, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, nicht hervor; diese Einzelheiten wurden von anderen Beamten ausgearbeitet, vor denen man die Abfertigungstermine der Züge geheimhielt. Dieses System der Geheimhaltung sollte den Verrat militärischer Geheimnisse sowie Sabotageakte verhindern. Die Arbeit, die Rada leistete, war nicht unwichtig; aber sie unterschied sich im Grunde nicht wesentlich von der bürokratischen Arbeit, die ihm in der Tarifabteilung zugewiesen worden war. Er hatte zu rechnen; er hatte auch in der Tarifabteilung zu rechnen gehabt. Seine Berechnungen mußten stimmen; sie hatten auch in der Tarifabteilung stimmen müssen. Es erleichterte ihn, sein neues Amt und Wirken so harmlos auszulegen, wobei ihm allerdings bewußt war, daß er diese Auslegung nicht ganz ohne Selbsttäuschung aufrechtzuerhalten vermochte, denn die Berechnungen, mit denen er sich befaßte, waren fast durchweg militärische Geheimnisse, von denen der Nachschub der deutschen Truppen abhing. Überdies 59 mußte er jeden Augenblick gewärtig sein, tiefer in den geheimnisvollen Arbeitsprozeß der Abteilung III ver- strickt zu werden, da Fobich die Absicht geäußert hatte, ihm die Sekretariatsgeschäfte anzuvertrauen, die nur dem Vertrauenswürdigsten übergeben werdenkonnten. Eine Woche nach seiner Versetzung in die Abteilung Ill wurde er in der Nähe seiner Wohnung auf dem Heim- weg von Havelka, den er seit seinem Austritt aus der Tarifabteilung nicht gesehen hatte, angesprochen.„Ich hab hier auf Sie gewartet”, sagte Havelka.„Kom- men Sie, bitte, heute abend nach acht Uhr in meine Wohnung. Der Leiter unserer Organisation will mit Ihnen sprechen.‘ Nach diesen Worten drehte Havelka sich um und verschwand. Der überrumpelte Rada hatte nicht Zeit gefunden, eine Antwort zu geben. Er ging nach Hause und setzte sich zu Tisch. Er hatte seinen. Angehörigen nichts Näheres und insbesondere nichts Beunruhigendes über die Be- gleitumstände und Folgen seiner Versetzung in die Ab- teilung Ill gesagt. Da sie aber wußten, daß Fobich, von dessen verdächtiger Haltung schon vor der Versetzung öfter die Rede gewesen war, der Abteilung Ill vorstand, errieten sie, welche Qual Rada stumm vor ihnen ver- barg. Als er Marie sagte, daß er nach dem Essen Ha- velka besuchen werde, blickte sie ihn forschend an und fragte:„Ist etwas geschehn?‘—„Nichts“, sagte er.„Sei unbesorgt. Wir wollen nür hie und da privat zusammen- kommen, weil wir einander im Amt nicht mehr sehn.“ Er aß hastig und verließ gleich nach dem Essen das Haus. Marie und Edmund blickten ihm besorgt nach.„Hat der Vater dir gesagt, ob er einer Organisation angehört, die unterirdisch kämpft?“ fragte Edmund, der sich erinnerte, 60 daß der Vater öfter von Havelkas politischer Tätigkeit gesprochen hatte.- ,, Nein", sagte Marie ,,, er hat mir nichts gesagt. Ich glaube, er hätte es mir gesagt. Aber vielleicht darf er es nicht sagen. Es ist möglich." Edmund nickte und sagte: ,, Ich wäre froh, wenn er einer der Kämpfer wäre."- Marie dachte nach und sagte nach längerer Überlegung: ,, Ich weiß nicht, ob ich froh wäre. Er hat sich nie mit Politik befaßt, er kennt sich nicht so gut aus wie die, denen der politische Kampf etwas Gewohntes ist. Er wäre in größerer Gefahr als die andern, weil er sich nicht so gut auskennt."- ,, Und doch wärst du froh", sagte Edmund und lächelte. Maries flinke, rastlose Augen wurden starr und gläsern. ,, Ich wär froh", sagte sie ,,, aber ich könnte keine Nacht mehr schlafen. Ich hätte keinen Augenblick mehr Ruhe." Edmund blickte ihr lächelnd in die Augen und sagte: ,, Wer hat heute Ruhe, Mutter?" Sein Lächeln erstarb. Er stand auf und sagte: ,, Ich glaub es nicht, Mutter. Ich glaub nicht, daß er unter den Kämpfern ist." Jetzt lächelte Marie. Sie fragte: ,, Traust du's ihm nicht zu?" Edmund zögerte mit der Antwort. Endlich sagte er: ,, Nein. Weißt du, Mutter, er ist schon zu lang im Amt. Er ist ein alter Beamter. Und er hat Angst um uns und infolgedessen auch um sich." Marie, deren Augen wieder flink und rastlos dreinblickten, wich Edmunds Blicken aus. Sie sagte: ,, Aber du weißt, daß er im vorigen Krieg Legionär gewesen ist. Hier, in diesem Schrank, hängt noch seine Legionärsuniform." ,, Im vorigen Krieg", sagte Edmund. ,, Aber was jetzt geschieht, ist gefährlicher als der vorige Krieg." 61 ,, Du weißt nicht, wie er ist. Ich würde mich nicht wundern, wenn er so einer Kampforganisation beiträte. Er ist ein sehr rühriger, gesetzter Mann. Er tut nichts Unüberlegtes. Aber er tut immer das, was ihm richtig scheint. Wenn er es für richtig hält, einer Kampforganisation beizutreten, wird er ihr beitreten und sich von nichts abhalten lassen." ,, Auch nicht von der Sorge um uns?" ,, Auch nicht von der Sorge um uns!" Edmund sprang auf die Mutter zu, als ob er sie umarmen wollte, blieb aber knapp vor ihr stehen und sagte nichts. Sie sah, daß er sich freute. Er ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer. Sie ging in die Küche an ihre Arbeit. Rada betrat mit Herzklopfen Havelkas Haus. Er hatte keinen Augenblick lang erwogen, der Einladung nicht zu folgen; aber er fürchtete, daß man ihm eine Last aufbürden wolle, die er nicht tragen könnte. Die Last, die er trug, war bereits so schwer, daß sie ihn zu Boden drückte. Seit seiner Versetzung in die Abteilung III wußte er, daß er eines Tages genötigt sein werde, die Folgen der unheilvollen Verstrickung, deren Opfer er war, auf sich zu nehmen. Aber dieser Tag- das sagte ihm sein Instinkt war noch nicht gekommen. Havelka hatte erst vor einer Woche gesagt, daß man ihm, Rada, nicht nahelegen wolle, der Organisation beizutreten; daß er den Kampf wahrscheinlich besser unterstützen könne, wenn er außerhalb der Organisation blieb. Seither hatte sich nichts geändert. Rada schellte an der Wohnungstür. Havelka öffnete und sagte leise: ,, Er erwartet Sie." Sie betraten das Zimmer. Rada erblickte einen etwa fünfundvierzigjährigen bartlosen, kräftigen, breitschultrigen, mittelgroßen Mann, 62 der braune, freundliche Augen, einen energischen Mund und ein breites Kinn hatte. Er sah wie ein Apotheker oder wie ein Optiker aus, der nach den Wünschen eines Kunden fragt. Später, als er sich setzte und die Hände auf den Tisch legte, sah Rada jedoch, daß der Mann ein Arbeiter war: er hatte schwielenreiche, plumpe Hände, und der rechten Hand fehlte ein Finger, der offenbar von einer Maschine abgetrennt worden war. Der Mann ergriff Radas Hand und sagte:„Ich heiße Noväk.“ Noväk hießen viele Menschen in Prag; es war einer der am häufigsten.vorkommenden Namen in den tschechi- schen Ländern. Wenn die Gestapo einen Mann namens Noväk suchte, half ihr die Kenntnis des Namens nicht viel. Rada, dem dieser Gedanke durch den Kopf ging, sagte verlegen:„Freut mich. Ich heiße Rada.“ „Das weiß ich“, sagte der Mann, der sich Noväk nannte, lächelnd. Rada fühlte sich beschämt wie ein Mensch, der erkennt, daß er etwas Dummes gesagt hat. Noväk fuhr fort:„Ich weiß, wer Sie sind. Ich weiß auch, welche Be- schäftigung man Ihnen gegeben hat. Deshalb wollte ich mich heute mit Ihnen unterhalten. Es kommt uns sehr gelegen, daß Sie die Abfertigungstermine der Militär- transporte auszuarbeiten haben. Das ist eine sehr wich- tige Arbeit, ein sehr wichtiges Amt.“ Rada war aufs höchste überrascht und erstaunt. Er hatte keinem Menschen gesagt, welche Arbeit ihm in der Ab- teilung II} zugeteilt worden war. Selbst seiner Familie hatte er es nicht gesagt. „Daß Sie das wissen...“, sagte er..Er schüttelte den Kopf.„Ich arbeite allein in einem Zimmer mit einem Nazi- fräulein. Mit der übrigen Beamtenschaft komme ich überhaupt nicht in Berührung. Deshalb bin ich so per- plex.‘ 63 „Wir haben— genau so wie die Gestapo— in der Ab- teilung Ill unsre Leute sitzen‘, sagte Noväk. Er blickte Rada ruhig an. Er lächelte nicht mehr. Er be- obachtete Radas Miene, er prüfte Radas Gesicht. Er sagte:„Havelka hat mir. vielvonIhnenerzählt. Ich glaube, daß alles stimmt, was er mir von Ihnen erzählt hat. Ich verlasse mich auf meinen Blick. Ich muß mich auf mei- nen Blick verlassen, ich habe keine andre Möglichkeit, die Menschen kennenzulernen, die uns nützlich sein könnten.” Rada faßte sich. Er sagte:„„Hat Ihnen Havelka auch ge- sagt, daß ich nur durch einen unglücklichen Zufall in die Abteilung Ill geraten bin? Weil ich zufällig als Stu- dent den Fobich aus dem Wasser gezogen habe?“ „Ich errate, was Sie damit sagen wollen‘, antwortete Noväk.„Sie denken unaufhörlich an Ihre Familie. An Ihren Sohn. Sie wollen Ihre Leute nicht gefährden. Ich weiß, ich weiß, ich kenne das. Ich will Ihre Lage nicht erschweren. Wir fordern Sie nicht auf, unsrer Kampf- organisation beizutreten. Das hat Ihnen Havelka schon gesagt, nicht wahr? Wir wollen einstweilen gar nichts von Ihnen. Aber sagen Sie mir eins: Hassen Sie die Nazis?” Rada blickte den Mann fragend an und sagte erstaunt: „Selbstverständlich.” „Sehn Sie“, sagte Noväk.„Sie hassen die Nazis, aber Sie denken fortwährend an Ihre Familie. Wenn Sie die Nazis so hassen würden, wie sie es verdienen, dächten. Sie nicht fortwährend an Ihre Familie. Das soll kein Vor- wurf sein. Ich will Ihnen erklären, was ich meine.” Er schob seinen Stuhl zurück und spreizte die Finger, die auf dem Tisch ruhten.„Hitler ist nicht dumm. Er hat uns diesen ‚Protektor‘ nach Prag geschickt, diesen Baron 64 Neurath, von dem man sagt, daß er ein kultivierter Mensch ist, kein Schlächter und kein Untier wie die Häuptlinge der Nazipartei. Dieser Baron Neurath hat die Unverschämtheit, zu behaupten, daß die Nazis aus politischen und strategischen Gründen zwar unser Land besetzen und einstecken mußten, aber trotzdem nicht unsre Feinde sind. Die Nazis wissen, daß wir sie hassen. Der Herr Baron will uns einreden, daß dieser Haß nicht gerechtfertigt ist. Das ist selbstverständlich unmöglich, und die vielen Verhaftungen, die seit dem 15. März die Gestapo in Prag und in der ganzen Tschechoslowakei vorgenommen hat, sagen deutlich genug, was die schönen Worte des Protektors' wert sind. Aber es gibt Leute, die sagen: Vielleicht ist es nicht so schlimm. Da das Unglück über uns gekommen ist, müssen wir uns damit abfinden. Sehn Sie, das ist es, was der Herr, Protektor will. Und es gibt Leute, die sich sagen: Es wäre gut, wenn wir etwas gegen die Nazis tun könnten. Aber kann ich etwas tun? Ich bin ein armer Hund, ich kann nichts tun. Wenn ich etwas täte, hätte es nur den Ruin meiner Familie zur Folge, sonst nichts." Rada senkte den Kopf. Er sagte: ,, Es ist so.- Ich könnte es nicht überleben, wenn meinem Sohn durch meine Schuld etwas zustieße." Novák nickte: ,, Ich weiß. Das ist es. Wissen Sie aber auch, warum Sie so denken? Weil Sie die Nazis nicht genug hassen. Und Sie hassen die Nazis nicht genug, weil Sie sie noch immer nicht genug kennen. Die Nazis haben uns unseren Staat, unsere Freiheit, unsere Selbständigkeit, unser Land genommen. Sie werden uns immer mehr nehmen. Sie werden Ihnen vielleicht auch Ihren Sohn nehmen.' Rada erbleichte. 5.084 65 „Es tut mir leid‘‘, sagte Noväk,„daß ich Ihnen das sagen muß. Ich muß es aber sagen, weil Sie mich sonst nicht verstehen würden. Vielleicht hoffen Sie, Herr Rada, heute noch, daß ich zu schwarz sehe. Eines Tages werden Sie aber sagen: Es ist also wahr. Es ist wirklich so, wie die- ser Mensch es vorausgesehn hat. Dann werden Sie ein- sehen, Herr Rada, daß jeder Tscheche an unsrem Kampf teilnehmen muß, so gut er kann, nach seinen besten Kräften. Ich will Sie nicht in unseren Kampf hinein- ziehn, solange Sie diese Erfahrung noch nicht gemacht haben. Aber ich weiß, daß Sie eines Tages sagen wer- den: Das und das muß getan werden. Das und das will ich tun.” Er streckte die Hand aus und sagte:„Wenn es einmal so weit ist, kommen Sie zu mir. Oder zu Havelka. Oder zu einem andern, der mit uns arbeitet. Einer von uns wird noch leben. Zu dem sollen Sie dann kommen. Mehr will ich heute nicht von Ihnen. Versprechen Sie das?” Rada ergriff die ausgestreckte Hand’ und sagte:„Ich ver- spreche es.” 8 Am 28. Oktober zog Edmund seinen Sonntagsanzug an, frühstückte hastig und verließ. das Haus. Der Vater war bereits ins Amt gegangen. Die Mutter war in der Küche. Edmund stahl sich aus dem Hause. Er fürchtete, sie würde ihn bitten, zu Hause zu bleiben, wenn sie ihn in seinem Sonntagsanzug sähe. Der„Protektor” hatte den Tschechen verboten, den heutigen Nationalfeiertag festlich zu begehen. Sie hatten zu vergessen, daß sie am 28. Oktober 1918 ihre Selbständigkeit errungen, ihre Republik proklamiert hatten. Alle Ansammlungen 66 und Feiern waren verboten. Edmund hatte den Eltern erzählt, daß die Studenten den. Beschluß gefaßt hätten, trotzdem eine stille Feier abzuhalten. Die Eltern hatten nicht gesagt:„Geh nicht.” Aber er hatte auf ihren zu- sammengepreßen Lippen, auf ihren besorgten Gesich- tern, in ihren kummervollen Augen diese Bitte ge- lesen. Er ging schnell, er fürchtete, die Mutter würde ihm nachlaufen. Bei der Brücke blieb er stehen. Das tsche- chische Nationaltheater, das am anderen Ende der Brücke stand, war nicht beflaggt, kein Haus in der ganzen Stadt war beflaggt. Aber fast allen Menschen war anzusehen, daß es ein besonderer Tag war. Sie durften ihre Häuser nicht beflaggen, aber sie trugen ihre Sonntagskleider. Edmund hatte mit Jarmila vereinbart, daß sie einander vor dem Nationaltheater treffen würden. Das Mädchen wartete bereits. Die Närodni tfida war dicht bevölkert. Jarmila nahm Edmunds Arm. Sie war freudig erregt. Sie sagte:„Ich freu mich auf unsre Feier. Es ist ein schöner Tag.‘ Edmund wies auf die Sturmtruppenabtei- lungen hin, die im Begriff waren, die Straße zu sperren. Jarmila sagte:„Es ist trotzdem ein schöner Tag.” Die Sonne bestrahlte ihr junges, kühnes Gesicht. Der Nebel, der über der Moldau lag, schwand, die Stadt war in Licht getaucht.„Komm“, sagte Jarmila, den träumen- den Freund, der zum funkelnden Hradschin hinüber- blickte, sanft stoßend. Sie wurden geschoben, sie muß- ten sich mit dem Menschenstrom bewegen, sie konnten nicht in eine Seitenstraße abbiegen, wie sie es geplant hatten.„Unsre Feier“, flüsterte Edmund, der fürchtete, zu spät zu kommen.„Macht nichts“, sagte Jarmila, „macht gar nichts, wenn wir zu spät kommen. Schau dir die Leute an. Ist es nicht schön?‘ Edmund blickte auf 5* 67 die Menschen, die vor ihm, neben ihm, hinter ihm gingen und standen. Er sah den feierlichen Ernst in allen Mienen. Er sagte: ,, Du hast recht." Sie standen eingekeilt. Jarmila hob den Kopf. ,, Schüsse", sagte sie erregt. ,, Ich höre nichts", sagte er. Im selben Augenblick hörte er ferne Schüsse. ,, Jetzt höre ich", sagte er; ,, wo kann das sein? Es ist weit weg, vielleicht in Karolinenthal."- ,, Ich wollte, ich wär' dort", sagte sie; ,, jetzt stehn wir hier eingekeilt und können uns nicht rühren, und dort wird vielleicht gekämpft." Ein Schuß fiel, bedeutend näher, vielleicht auf dem Graben oder auf dem Wenzelplatz. Plötzlich erscholl ein Ruf: ,, Es lebe die Tschechoslowakische Republik!" Eine Männerstimme hatte es gerufen. Jarmila ließ Edmunds Arm los und schrie aus Leibeskräften: ,, Nieder mit Hitler!" Edmund griff nach ihrem Arm und hielt ihn fest. ,, Nieder mit Hitler!" Der Ruf erscholl auf allen Seiten, vor ihnen und hinter ihnen. ,, Das hat keinen Sinn!" rief ein Mann, alle Stimmen übertönend. ,, Sie haben Waffen, wir haben keine. Es ist ein ungleicher Kampf, der uns nichts hilft. Wir werden uns anders helfen, besser, aber nicht heute! Das Schreien allein hilft keinem!" Die kurze Ansprache bewirkte, daß nur noch vereinzelte Rufe laut wurden. Glücklicherweise waren die Deutschen so weit entfernt, daß sie die Rufe nicht hören konnten. Aber die Schüsse erschollen immer näher. Die Menge wurde in die Seitenstraßen gejagt. Auch Jarmila und Edmund wurden in eine Seitenstraße abgedrängt. Der Weg, den sie einschlagen wollten, um das Universitätsgebäude zu erreichen, war versperrt. ,, Wir müssen es aufgeben", sagte Jarmila ,,, wir müssen unsre Feier allein abhalten."- ,, Wo?" fragte er. ,, Bei mir geht es nicht, das weißt du", sagte sie. Seit der Flucht ihres 68 Vaters wohnte sie in einem Studentinnenheim. ,, Komm zu uns", schlug Edmund vor ,,, meine Mutter wird froh sein, wenn wir kommen." Jarmila schüttelte den Kopf. ,, Geh allein", sagte sie ,,, der Tag ist nun einmal verdorben."- ,, Und unsre private Feier?" Sie überlegte. Sie standen vor einem kleinen Wirtshaus. ,, Komm, wir trinken ein Glas Wein", sagte sie. In dem Wirtshaus saßen drei Arbeiter in ihren Sonntagskleidern. ,, Unsre Fabrik liegt heute still", erzählten sie ,,, nicht ein einziger Arbeiter ist arbeiten gegangen." Sie luden Edmund und Jarmila ein, mit ihnen an einem Tisch zu trinken. ,, Fein", sagte Jarmila ,,, da haben wir einen Ersatz für unsere Universitätsfeier." ,, Seid ihr Studenten?" ,, Wir studieren Medizin, beide." ,, Könnt ihr einen ordentlichen Verband machen?" Edmund und Jarmila bejahten. Der Wirt und die drei Arbeiter führten sie in ein neben dem Gästezimmer gelegenes Wohnzimmer. Dort lag auf einem Sofa ein Arbeiter, der vor einer halben Stunde einen Streifschuß erhalten hatte. ,, Es ist nichts", sagte er. ,, Wenn's schlimmer wird, geh ich zu einem Arzt." Edmund und Jarmila ersetzten kunstgerecht den unzulänglichen Verband, den sie abgenommen hatten. Sie erklärten, die Verletzung sei ganz leicht und völlig ungefährlich. ,, Wenn man nur nicht ins Krankenhaus muß dort wird man von der Gestapo empfangen", sagte der Verletzte. ,, Jetzt trink ich ein Glas Bier, und alles ist in Ordnung." ,, Darf er?" fragte der Wirt, wartete aber die Antwort nicht ab und holte ein Glas Bier. Der Verletzte leerte es auf einen Zug. ,, Noch eins", sagte er ,,, Nein", entschied Jarmila ,,, nichts mehr. Falls Sie sich in einer Stunde wohlfühlen, dürfen Sie wieder einen Schluck neh- 69 men. Einstweilen setzen wir uns alle zu Ihnen und feiern den 28. Oktober. Es ist eine Feier ganz nach meinem Herzen. Wir werden die Schüsse vergelten, die heute gefallen sind. Wie haben die Nazis immer gesagt?, Es kommt der Tag. Freunde, jetzt sind wir dran, zu sagen: , Es kommt der Tag.' Es kommt unser Tag, und wir werden ohne Erbarmen sein." Ihr junges, kühnes Gesicht leuchtete. Die Männer holten Stühle, zwei setzten sich auf das Sofa. Der Verletzte blickte das Mädchen an und sagte: ,, Du bist heute schon ein tüchtiger Doktor, Mädchen. Wenn du so redest, heilt schnell eine Wunde zu." Der Wirt schloß das Wirtshaus. Er, die Arbeiter, Edmund und Jarmila sprachen von dem Kampf, der kaum erst begonnen hatte. Manches Scherzwort fiel. Nach einer Stunde gingen Edmund und Jarmila; es war ihnen, als ob sie von alten Freunden Abschied nähmen. Die enge Gasse, in der das Wirtshaus stand, war menschenleer. ,, Wahrscheinlich hat man alle Leute nach Hause gejagt", sagte Jarmila. ,, Auch ich geh nach Hause." Edmund sagte: ,, Jarmilȧ, könnten wir nicht einmal zusammen wegfahren? Ich bin nie mit dir allein."- ,, Jetzt denkst du an so was?" sagte sie erstaunt und lachte. Dann umarmte sie ihn und sagte: ,, Hab Geduld. Ich geh dir nicht verloren. Gib nur acht, daß du mir nicht verloren gehst." ,, Ich geb schon gut acht", sagte er glücklich und blickte der Enteilenden nach. Am nächsten Tag hörten sie, viele Studenten seien gestern mit Schuẞwunden ins Krankenhaus gebracht worden. Ein Mediziner namens Jan Opletal, mit dem Edmund in der letzten Zeit viel verkehrt hatte, lag mit einer schweren Schußverletzung im Krankenhaus. Edmund wollte ihn besuchen, wurde aber nicht vorgelassen. 70 Am 11. November starb Jan Opletal. Am 15. November gab ein Zug trauernder Studenten dem Sarg, der nach Mähren, in die Heimat des Toten transportiert werden sollte, das Geleit. Das Auto eines Gestapoagenten fuhr in den Trauerzug hinein. Die Studenten warfen das Auto um und zogen, die tschechische Nationalhymne singend, durch die Straßen. Diese Demonstration kam Hitler gelegen. Am 17. November um drei Uhr morgens umstellten auf seinen Befehl SS- Formationen alle Universitätsgebäude und Studentenheime. Die schwarzuniformierten Horden drangen in alle Gebäude ein. Wer flüchten wollte, wurde erschossen. Die Tore und Fenster wurden mit Maschinengewehren beschossen. Die Leichen der ermordeten Studenten warf man auf die Straße und in die Höfe. Die Überlebenden wurden nach Ruzýň gebracht. Dort wurden sie gemartert und dann in Konzentrationslager verschleppt. Edmund schlief in der Schreckensnacht ahnungslos. Viele Studenten wurden in ihren Wohnungen überfallen, in vielen Straßen hallten Schüsse. Edmund hörte nichts, er schlief. Er erwachte an diesem Freitagmorgen wie an jedem Morgen um sieben, verließ um neun das Haus und ging in die Klinik, wo er zu arbeiten hatte. In der Nähe der Klinik wurde er von einem Mediziner angehalten, der ihn flüsternd vor dem Betreten der Klinik warnte. ,, Geh nach Haus", sagte er ,,, versteck dich zu Hause. Sie machen Jagd auf jeden. Studenten. Viel leicht hast du Glück. Wenn du Glück hast, suchen sie dich nicht in deiner Wohnung. Sicherer ist man in den Wäldern. Ganz sicher ist man nur noch im Ausland." Edmund sagte, er müsse vor allem Jarmila suchen; sie wohne in dem Studentenheim ,, Budeč". 71 ,, Geh nicht hin", sagte der Warner ,,, dort haben sie schreckliche Sachen gemacht. Du findest kein lebendes Mädchen mehr dort, höchstens Tote. Alle sind nach Ruzýň gebracht worden." ,, Ich muß sie finden", sagte Edmund. Er hoffte, der Bericht übertreibe die Schrecken der vergangenen Nacht. Er ging in das Studentinnenheim ,, Budeč". An dem Tor, auf das er zuging, hatte er Jarmila oft erwartet. Das Tor war geschlossen. Es war immer geschlossen gewesen. Das Gebäude sah nicht anders aus als an jedem Tag. Keine Kugel hatte eine Fensterscheibe durchlöchert. Kein Zeichen verriet, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen war. Edmund entschloß sich nach kurzem Zögern, an dem Tor zu schellen. Er hatte kaum den Glockenknopf berührt, als das Tor geöffnet wurde. Er wollte davonrennen, aber es war zu spät. Zwei Männer packten ihn, schlugen ihn zu Boden. Das Tor fiel zu. 9 Josef Rada versuchte neun Tage lang zu erfahren, ob sein verschwundener Sohn noch am Leben sei. Obwohl man den gebrochenen Mann vor dem Betreten des Gestapohauptquartiers warnte, ging er, nachdem er zwei Tage und zwei Nächte auf Edmunds Heimkehr gewartet hatte, in das Schreckenshaus, in dessen Kellern die Eingelieferten gemartert wurden. Er erhielt keine Auskunft. Als er am nächsten Tag noch einmal erschien und die Frage wiederholte, sagte ihm ein SS- Mann, das Fragen sei zwecklos, eine Auskunft werde nicht erteilt, und wenn der Zudringliche noch einmal käme, würde er ,, was erleben". 72 Rada ging zu den Freunden und Kollegen seines Sohns, deren Namen und Adressen er ausfindig machte. Die meisten waren verschwunden, verschollen. Die wenigen, die nicht verschwunden waren, wußten nicht, daß Edmund verschwunden war. In einem amtlichen Bericht, der in allen Zeitungen erschien, wurde gemeldet, daß eine größere Anzahl tschechischer Studenten am 17. November in den Artilleriebaracken in Ruzýň ,, wegen revolu̟tionärer Umtriebe" hingerichtet worden sei. In dem Bericht wurde nicht erwähnt, daß viele Studenten vor und nach diesen Hinrichtungen ermordet worden waren. Die Namen der Hingerichteten und der Ermordeten wurden geheimgehalten, um die Angehörigen aller festgenommenen Studenten in Furcht und Schrecken zu halten. Nach neun Tagen erkannte Rada, daß alle Versuche, etwas über seinen Sohn zu erfahren, nutzlos waren. Er hatte in diesen neun Tagen noch weniger als in ruhigen Zeiten gesprochen. Er hatte viele Häuser betreten; beim Betreten jedes Hauses hatte er gesagt: ,, Ich weiß nicht, wo mein Sohn ist." Er hatte in keinem dieser Häuser- fast jedes Haus war ein Trauerhaus dem einen Satz viel hinzugefügt. Er hatte auch mit Marie nicht viel gesprochen. Sie, die immer rastlos gearbeitet hatte, hörte nach dem Verschwinden ihres Sohnes zu arbeiten auf. Sie bereitete Rada das Frühstück, sie stellte abends einen Teller mit Wurst oder kaltem Schinken auf den Tisch, aber sie ließ alle Arbeiten ungetan. Die Wohnung, die sie jahrzehntelang jeden Tag mit großer Sorgfalt aufgeräumt und gesäubert hatte, sah jetzt verwahrlost aus. Staub setzte sich auf allen Möbeln fest. Auf dem Küchentisch waren schmutzige Teller mit Speiseresten getürmt. Wenn Rada in der Nacht, nach seinen Wanderungen von Stadtteil zu Stadtteil, nach Hause kam, saẞ Ma- 73 rie im Wohnzimmer und regte sich nicht. Ihre flinken, rastlosen Augen, die immer eine Arbeit entdeckt hatten, die keinen Aufschub duldete, waren starr und leblos. Sie starrten ins Leere. Rada wußte, was diese starren, leblosen Augen sahen. Seine Augen sahen, was Maries Augen sahen. Die kleinen, scharfen, strahlenförmig sich ausbreitenden Fältchen, die seine Augen umgaben, waren über Nacht größer und schärfer geworden, als ob ein Messer seine einst rosigen Wangen zerschnitten hätte. Wenn er nachts heimkehrte, ging er nicht zu Bett, sondern setzte sich zu Marie. Sie fragte nicht, wo er gewesen sei und was er erfahren habe. Sie blieb stumm sitzen. Ihre abgearbeiteten, ruhelosen Hände, die jahrzehntelang nur im Schlaf geruht hatten, ruhten auf ihrem Schoß. Rada blickte verzweifelt auf diese abgearbeiteten, ruhenden Hände. Er versuchte nicht, Marie zu trösten, ebenso wie sie nicht versuchte, ihn zu trösten. Sie hatten einander nichts zu sagen. Sie wollten einander nichts sagen, denn sie wußten, daß jedes Wort den Schmerz nur vergrößern könnte. Gegen Mitternacht pflegte Rada zu sagen: ,, Wir müssen schlafen gehen.' Dann legten sie sich in ihre Betten, löschten das Licht aus und hofften, einschlafen zu können. In einer Nacht gelang es Rada, Schlaf zu finden, in der nächsten Nacht schlief Marie ein. Selten schliefen beide gleichzeitig. Wer einschlief, war beneidenswert. Denn wer schlief, war wenigstens bis zum Erwachen tot. Nach neun Tagen hörte Rada auf, in fremde Häuser zu gehen. Er ging nach dem Dienst nach Hause. Er sagte zu Marie: ,, Es hat keinen Zweck." Sie verstand, was er meinte. Sie sagte: ,, Setz dich, du mußt ausruhen." Er sagte: ,, Ich bin nicht müde, aber es hat keinen Zweck. 74 Ich seh ein, daß es keinen Zweck hat." Er war aber so müde, daß er kaum eine Hand bewegen konnte. Er ging seiner Arbeit nach, er rechnete und schrieb von morgens bis abends, ohne die Müdigkeit zu spüren, aber am Abend war er so müde, daß es ihm schwer fiel, einen Bissen Brot an den Mund zu führen. Er begann, mit Marie von Edmund zu sprechen. Er sprach die Vermutung aus, daß Edmund auf der Suche nach Jarmila eingefangen worden sei. Rada sagte, es sei möglich, daß Edmund in den Kellern des Gestapohauses gefangengehalten werde. Es sei auch möglich, daß Edmund nach Ruzýň gebracht worden sei. Vielleicht habe man ihn nach Deutschland in ein Konzentrationslager verschleppt. Rada verriet große Sachkenntnis. Er sagte nicht, was man ihm von den Konzentrationslagern erzählt hatte, aber es entschlüpfte ihm manches Wort, das Marie mit Grauen erfüllte. Er wollte ihr die Martern nicht schildern, denen Edmund ausgesetzt sein mochte; er hatte den festen Willen, kein Wort zu sagen, das den Kummer der Kummervollen nähren konnte; aber er war grausam, ohne es zu wissen. Plötzlich konnte er nicht mehr schweigen. Plötzlich unterlag er dem Zwang, Marie alles zu sagen, was ihm durch den Kopf ging. ,, Falls er noch lebt..."- diese Worte, mit denen er nach jeder Gesprächspause die unterbrochene Selbstmarterung wieder aufnahm, brachten Marie dem Wahnsinn nahe. Sie bat ihn aber nicht, diese Worte zu unterdrücken. Daß er plötzlich viel redete und mit jedem Wort Marter auf Marter häufte, war ihr lieber als sein Schweigen. Sie wußte, daß er und sie das Schweigen und die gegenseitige Schonung nicht länger ertragen hätten. Nach einigen Tagen wurde der Schmerz, den sie beim Vernehmen der Worte ,, Falls er noch lebt..." empfand, 75 leiser. Sie war bereits so abgestumpft, daß sie diesen Worten keinen Sinn mehr unterlegte. Sie erwachte aus ihrer Betäubung. Sie fuhr traumhaft mit der rechten Hand über die staubbedeckte Platte des Tisches, an dem sie saß. Sie stand auf, holte ein Tuch und staubte den Tisch ab. Sie holte den Besen und kehrte das Zimmer. Sie ging in die Küche und reinigte die Teller, die Messer, die Gabeln und die Löffel. Sie ergriff den Eimer und wusch den Fußboden. Sie begann, wie vor Edmunds Verschwinden, unermüdlich zu arbeiten. Sie arbeitete härter, verbissener als vor Edmunds Verschwinden. Rada merkte es nicht am ersten Tag. Aber am nächsten Tag, als er sich in dem wieder pedantisch sauber und rein gewordenen Zimmer umblickte, nickte er Marie zu und sagte: ,, So ist's recht. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben." In der dritten Woche nach Edmunds Verschwinden kam eines Abends ein Student, der mit allen andern verschwunden war, in Radas Wohnung. Rada kannte ihn nicht, wußte aber, daß dieser junge Mensch mit Edmund befreundet war. Vor zwei Wochen hatte Rada die Eltern des Studenten aufgesucht. Sie hatten nicht gewußt, was mit ihrem Sohn geschehen war. Jetzt saß er Rada und Marie gegenüber und erzählte, er habe manchmal im Wald, manchmal in einem Bauernhaus geschlafen. Er sagte, daß er versuchen wolle, über die Grenze zu gehen und nach Frankreich zu gelangen, aber einstweilen sei die Grenze so scharf bewacht, daß ein Fluchtversuch aussichtslos wäre; hoffentlich werde es den Deutschen nicht möglich sein, dauernd alle Grenzen so scharf zu bewachen. Rada blickte dem jungen Menschen in die Augen und fragte: ,, Haben Sie mir etwas zu bestellen? Was ist mit Edmund geschehn? Haben Sie nichts über ihn ge76 hört? Wenn Sie gekommen sind, um mir eine schlimme Nachricht zu bringen, sagen Sie es gleich, wir sind auf alles vorbereitet, Sie brauchen uns nicht zu schonen. Reden Sie, reden Sie endlich, ich bitte Sie." Der junge Mensch schüttelte den Kopf: ,, Nein, Herr Rada, ich weiß nicht, wo er ist; ich weiß ebensowenig wie Sie. Ich bin erst gestern nach Prag zurückgekehrt. Ich war heute schon in vielen Häusern, aber wo Edmund ist, weiß niemand. Ich habe gehofft, daß Sie etwas wissen." Er senkte den Blick und sagte: ,, Vielleicht hat er sich in den Wäldern versteckt wie ich. Es sollen noch viele in den Wäldern versteckt sein, heißt es. Vielleicht kommt er morgen oder in einer Woche zurück, wie ich zurückgekommen bin." Rada merkte dem unsicheren, verlegenen Ton dieser Tröstung an, daß der junge Mensch nicht sagte, was er dachte. Sie saßen noch eine Weile beisammen, und Marie wünschte inbrünstig, daß der Student nicht länger sitzen bleiben möchte. Sie brachte es nicht über sich, ein freundliches Wort zu sagen. Als er endlich gegangen war, sagte sie: ,, Gott sei Dank, daß er endlich gegangen ist. Ich hab es nicht ertragen, sein Gesicht zu sehn. Ich kann kein junges Gesicht mehr anschaun." Rada sagte: ,, So darf man nicht denken, Marie. Es ist eine Sünde. Wir müssen hoffen. Vielleicht ist er wirklich in den Wäldern und kommt zurück." Er wußte, daß Edmund nicht zurückkommen würde. Auch Marie wußte es. Trotzdem erwarteten beide noch immer, daß Edmund plötzlich vor der Wohnungstür stehen und klopfen werde. Wenn an die Tür geklopft wurde oder wenn die Glocke ging, stürzte Marie aus der Küche und ging nachsehen, ob Edmund draußen stand. Wenn Rada aus dem Amt kam und an der Wohnungstür anlangte, blieb er einen Augenblick stehen, um sein Herz zu be77 ruhigen, denn er hielt es für möglich, beim Eintreten Edmunds Stimme zu hören. Beide aber, der Mann und die Frau, wußten, daß es unsinnig war, diese Hoffnung noch immer nicht aufzugeben. Sie fürchteten jeden Tag, daß der Briefträger ihnen eine Urne bringen werde, ein Häuflein Asche. Jeden Tag brachte der Briefträger eine Urne, ein Häuflein Asche in ein Haus, das um einen Verhafteten, um einen Verschollenen bangte. Die Gestapo gab keine Auskünfte, aber sie sandte den Hinterbliebenen ihrer Opfer eine Urne, ein Häuflein Asche. Rada überlegte tagelang, ob er den Sektionschef Fobich ersuchen solle, Nachforschungen über Edmunds Schicksal anzustellen. Wenn es einen Menschen gab, der von der Gestapo eine Auskunft erhalten konnte, war es Fobich. Aber eben deshalb konnte sich Rada nicht entschlieBen, diese Bitte auszusprechen. Vor Edmunds Verschwinden hatte er den Verräter Fobich verachtet, jetzt aber haßte er ihn. Fobich hatte nach Edmunds Verschwinden dem verzweifelten Rada gesagt: ,, Es tut mir leid, daß dein Sohn dir diesen Kummer macht. Aber laß nicht den Kopf hängen, der Junge wird gewiß bald entlassen werden. In ein paar Wochen wirst du ihn wieder haben." Von diesem Augenblick an führten sie nur noch dienstliche Gespräche. Rada wünschte Fobichs Mitgefühl nicht und empfand es als eine Erleichterung, daß der Verräter nur noch dienstlich mit ihm sprach. Aber als noch einige Tage und Nächte vergangen waren, ohne eine Spur gebracht zu haben, überwand Rada seinen Abscheu und sprach seine Bitte aus. Er bat Fobich, nach dem Schicksal des Verschollenen zu fahnden. ,, Das ist eine heikle Sache", antwortete Fobich ,,, denn solche Fragen sind äußerst unbeliebt. Ich will aber dir zuliebe trotzdem die Fühler ausstrecken." 78 Nach einigen Tagen rief Fobich den Erwartungsvollen in sein Zimmer und sagte: ,, Es tut mir leid, Rada: ich war nicht imstande, dir die Auskunft zu verschaffen. Was mit den Studenten geschehen ist und geschieht, ist Dienstgeheimnis der Gestapo; dieses Geheimnis wird nicht preisgegeben. Auch mir nicht, und keinem Menschen, der nicht der Gestapo angehört. Du darfst nicht glauben, daß ich wegen meiner Stellung das besondere Vertrauen der Gestapo genieße. Eher trifft das Gegenteil zu. Je größer die Verantwortung ist, die man trägt, desto mißtrauischer wird man beobachtet." Nach diesen Worten stand Fobich auf, legte die Hand auf Radas Schulter und sagte leise, in dem vertraulichen. Ton, den Rada fürchtete und haßte: ,, Ich kann dir aber eine andere Mitteilung machen, die erfreulicher ist. Ich weiß nicht, ob dir bewußt ist, daß du durch deinen Sohn in eine gewisse Gefahr geraten bist. Diese Gefahr ist jetzt behoben. Die Angehörigen der bestraften Studenten werden mehr oder weniger mitbestraft. Du warst seit dem Verschwinden deines Sohns in Gefahr, entlassen zu werden wie so viele Staatsbeamte, deren Privatleben der Gestapo nicht gefällt. Ich habe nicht nur erwirkt, daß du nicht entlassen wirst, sondern auch, daß du deinen Posten in meiner Abteilung behältst. Somit ist wenigstens deine nächste Zukunft gesichert. Was deinen Sohn betrifft- nun, da gibt es nichts, als: weiter hoffen, daß er eines Tags zurückkehrt." Nach dieser Unterredung gab Rada jede Hoffnung auf. Eine Woche später erblickte er aber abends auf dem Heimweg plötzlich Havelka an seiner Seite, der ihm leise sagte: ,, Wir haben Nachricht von den Studenten. Kommen Sie in meine Wohnung." Havelka sprach dann vom Wetter und von einem Schachturnier, an dem er vor zwei 79 Jahren teilgenommen hatte. Sie gingen nach Karolinenthal. Rada berechnete, daß sie fünfzehn Minuten zu gehen hatten. So lange konnte er sich nicht gedulden. Er unterbrach Havelka, preßte den Arm des unbarmherzig von einer Schachpartie Sprechenden und fragte leise: ,, Lebt er?" Havelka nickte und sagte: ,, Ja. Ich muß Ihnen noch die letzten Züge der Schachpartie beschreiben." Als sie das Haus betraten, sprach er noch immer von der Schachpartie. Er öffnete die Wohnungstür, lauschte und sagte: ,, Niemand hier." Er schloß die Tür und sagte: ,, Wie gesagt, er lebt. Ich werde Ihnen sofort alles mitteilen, was ich weiß." Sie betraten das Wohnzimmer. Rada ließ sich in einen Sessel sinken und heftete den Blick auf Havelka, der verschlossenen Gesichts stehenblieb, ohne ein Wort zu sagen. Die Freude, die Rada überflutet hatte, wich einem unbestimmten Schrecken. Was hatte das lange Schweigen zu bedeuten? Havelka ging auf einen Schrank zu, dem er eine Schnapsflasche und zwei Schnapsgläschen entnahm. Er füllte die beiden Gläschen, setzte sich und sagte: ,, Trinken Sie." Rada trank und blickte auf Havelkas Mund. Die Türe wurde geöffnet, und Havelkas Frau erschien. ,, Laß uns allein", sagte Havelka. Die Frau lächelte Rada zu und verschwand. ,, Die Hauptsache wissen Sie schon: er lebt", sagte Havelka, ergriff die Schnapsflasche und murmelte, während er die beiden Gläschen wieder füllte: ,, Sakra, verfluchte Geschichte." Er leerte sein Glas. Rada ließ das seine unberührt. Endlich sagte Havelka: ,, Er ist im Konzentrationslager. In Dachau. Es ist schlimm, aber Sie wissen jetzt wenigstens, daß er lebt." Rada tastete nach seinem Glas und leerte es. Er hatte viel von Dachau gelesen und gehört. Er hatte gelesen 80 und gehört, daß viele Juden und Kommunisten in Da- chau zu Tode gepeitscht worden waren. Er dachte: Warum haben sie ihn nach Dachau verschleppt? Er ist kein Jude und kein Kommunist, warum haben sie ihn nach Dachau verschleppt? Er sagte:„Sagen Sie mir alles. Alles, was Sie wissen.“ Havelka antwortete, er habe nicht mehr viel zu sagen. Zufällig sei es geglückt, die Liste aller Tschechen, die in die Konzentrationslager nach Dachau und Buchenwald verschleppt worden waren, durchzuschmuggeln. Man wisse die Namen, aber sonst nichts. Den Häftlingen der Konzentrationslager werde in der Regel gestattet, von Zeit zu Zeit eine Zeile nach Hause zu schreiben. Dem- nach dürfe man annehmen, daß auch Edmund demnächst schreiben werde. Rada hörte reglos zu. Er bemühte sich, jedes Wort auf- zunehmen; aber er hörte schlecht, er hörte ein Sausen in seinen Ohren und ein Sausen in der unbewegten Luft, als ob eine Peitsche niedersauste. Er dachte: Und wenn man ihn zu Tode peitscht? Er lauschte; das Sausen war nicht mehr hörbar. Havelka war verstummt. „‚Ich danke Ihnen‘, sagte Rada, schüttelte Havelkas Hand und wollte aufstehen. ‚Bleiben Sie noch‘, sagte Havelka, ‚ich muß Ihnen noch etwas sagen.“ Rada erschrak. „Erschrecken Sie nicht“, sagte Havelka,„es ist nichts Schlimmes. Wir haben gestern von Ihnen gesprochen. Novak läßt Ihnen sagen, daß die Abteilung Ill heute keine besondere Wichtigkeit mehr für unsern unterirdi- schen Kampf hat, weil der Krieg in Polen zu Ende ist. Die Abteilung III wird wieder wichtig werden, sobald der Krieg wieder auflebt. Aber es ist unwahrscheinlich, 6.084 81 daß es im Winter dazu kommt. Daß Sie sich und das Leben Ihres Sohnes gefährden, um uns zu helfen, wäre also vorderhand sinnlos. Novák gibt Ihnen diese Information, damit Sie wissen, wie die Sachen stehen." 10 Anfang Dezember kam ein Brief von Edmund aus dem Dachauer Konzentrationslager. Er schrieb, daß er gesund sei, sonst nichts; es war der vorgeschriebene Wortlaut aller Briefe aus den Konzentrationslagern. Rada war nach dem Empfang dieses Briefes sehr erleichtert. ,, Freust du dich nicht auch?" fragte er die seltsam stumpfe, fieberhaft tätige, rastlose Marie. ,, Ja, aber..." antwortete sie und verstummte. Am nächsten Tag setzte Radas Gedankengang bei Maries ,, Ja, aber..." ein. Er sagte: ,, Der Brief ist drei Wochen unterwegs gewesen." Marie nickte trüb. Wer wußte, was seit der Absendung des Briefes in Dachau geschehen war? Zwei Tage später kam aus einem norddeutschen Konzentrationslager ein an Edmund adressierter Brief von Jarmila. Rada und Marie sandten Edmund einen kurzen Brief. Jarmilas Brief sandten sie ihm gesondert nach. Gleichzeitig teilte Rada dem Mädchen mit, daß Edmund in dem Dachauer Konzentrationslager war. Es ging das Gerücht um, daß man die jüngsten Studenten, die das zwanzigste Lebensjahr noch nicht überschritten hatten, demnächst freilassen werde. Radas Hoffnungen klammerten sich an dieses Gerücht. Nach Neujahr kam ein zweiter an Edmund adressierter Brief von Jarmila. Vielleicht hatte sie Radas Brief nicht erhalten. Wahrscheinlich sandte sie aber mit Vorbedacht den Brief 82 nach Prag, weil es den Häftlingen der Konzentrationslager nicht gestattet war, mit andern Häftlingen zu korrespondieren. Rada und Marie warteten. Da Jarmila wieder geschrieben hatte, war auch Edmunds zweiter Brief fällig. Aber es kam kein Brief. Rada schrieb noch einmal nach Dachau; er fragte Edmund, warum er nicht mehr geschrieben habe. Es kam keine Antwort. Auch Jarmila schrieb nicht mehr. Aber einen Monat später, am 3. Februar, als Rada und Marie nach dem Nachtmahl bei Tische saßen, läutete es, und als Marie die Wohnungstür öffnete, stand Jarmila vor ihr. Ihr Gesicht sah nicht mehr kühn aus. Ihre Augen waren scheu und glanzlos. Sie hatte immer strahlende, kühne Augen gehabt; vielleicht hatten nur die Augen dem Gesicht den kühnen Ausdruck verliehen, denn es war eigentlich ein sanftes, nicht ungewöhnliches Mädchengesicht. Marie ergriff die Hand des Mädchens und führte Jarmila wie ein kleines Kind oder wie eine Blinde in das Zimmer. Rada sprang auf und starrte sie an. Sie lief auf ihn zu und umarmte ihn. Sie hatte nie die Empfindung gehabt, daẞ Edmunds Eltern sie liebgewonnen hätten. Sie hatte oft zu Edmund gesagt: ,, Deine Eltern sehn mich nicht gern, sie sind eifersüchtig." Als sie Rada jetzt um den Hals fiel, war er bewegt wie ein Vater und dachte nicht an seinen Sohn. ,, Setz dich", sagte er. ,, Marie, bring etwas zu essen." Jarmila wollte jedoch nicht essen. Sie wollte nur schlafen, nur ruhen. Sie erzählte nichts, sie ließ sich erzählen. Marie führte die Müde in Edmunds Zimmer. Jarmila legte sich in Edmunds Bett. Marie verließ das Zimmer und schloß behutsam die Tür. 6* 83 Rada dachte an die strahlenden, kühnen Augen, die Jarmila vor ihrer Verschleppung gehabt hatte. Dann dachte er aber nicht mehr an das Mädchen, sondern an Edmund. Er sagte: ,, Vielleicht entläßt man auch ihn. Er ist nicht älter als sie. Wenn man alle Neunzehnjährigen entläßt, wird man auch ihn entlassen." Sie besprachen, daß Jarmila bei ihnen bleiben solle. Sie hatte keine Mutter, keine Verwandten in Prag. Ihr Vater war im Ausland. Das Studentinnenheim war beschlagnahmt worden. Es gab kein tschechisches Studentenheim mehr. Es gab keine tschechische Hochschule mehr. Die Deutschen hatten nach dem 28. Oktober alle tschechischen Hochschulen geschlossen. In der Nacht schrie Jarmila. Sie schrie auf wie ein Mensch, der den entschlossenen Blick eines Mörders entdeckt. ,, Geh hinein", sagte Rada ,,, beruhige sie. Bleib bei ihr, wenn sie sich fürchtet." Marie ging zu dem Mädchen. Jarmila schlief. Sie hatte im Schlaf geschrien. Marie verließ leise das Zimmer, kehrte in ihr Bett zurück und sagte: ,, Sie schläft." Am nächsten Tag besuchte Jarmila einen Freund ihres Vaters. Sie fand einen Brief ihres Vaters vor. Er war in Frankreich. Es ging ihm gut. Das war eine Botschaft, die sie aufrichtete. Sie schlief nur noch eine Nacht in Radas Wohnung. Die Gestapo erlaubte ihr nicht, länger als achtundvierzig Stunden in Prag zu bleiben. Sie erhielt den Befehl, auf einem Gut in der Nähe Prags zu arbeiten. Vor dem Abschied sagte sie zu Rada: ,, Er wird zurückkommen und stärker sein als vorher. Wer das überstanden hat, den bringt nichts mehr um." 84 Sie sah erbärmlich aus, aber in ihren Augen war in diesem Augenblick die einstige Kühnheit und Entschlossenheit. Nachdem sie gegangen war, sagte Marie: ,, Es ist besser so. Ich hätte es nicht ausgehalten, sie immer zu sehn. Es hätte mich verrückt gemacht." Rada sagte nichts. Immer noch hörte er die Schreie, die Jarmila im Schlaf ausgestoßen hatte. Er hörte sie noch tagelang und nächtelang. Er kam nicht davon los. Ihm war, als hörte er Edmund schreien. 11 Der Winter verging, und es kam kein Brief von Edmund. Rada suchte die Angehörigen vieler Studenten auf, die in den Konzentrationslagern gefangen waren. Fast in jedem Hause, das er besuchte, wurde ihm der letzte Brief gezeigt, den der Sohn des Hauses geschrieben hatte. Fast alle Studenten schrieben in regelmäßigen Zeitabständen. In zwei Häusern herrschte Angst, weil die Söhne nicht geschrieben hatten. In einem Hause herrschte Trauer, weil die Eltern erfahren hatten, daß ihr Sohn hingerichtet worden war. In einem Hause herrschte Freude, weil der Sohn aus dem Konzentrationslager zurückgekehrt war. ,, Ich weiß nicht, warum ich keinen Brief von meinem Sohn bekomme", sagte Rada überall, wo er etwas zu erfahren hoffte. Und überall tröstete man ihn mit den Worten: ,, Vielleicht war er krank." Es war ein schlechter Trost, aber Rada lehnte ihn nicht ab. Vielleicht war Edmund von einer schweren Krankheit befallen worden, die ihn am Schreiben hinderte, die ihn aber nicht umbrachte. Vielleicht schickte er sich ge85 rade in dieser Stunde an, nach einer schweren Erkrankung den ersten Brief nach Hause zu schreiben. Vielleicht aber war es nur eine Handverletzung, die ihm das Schreiben unmöglich machte. Ein Arzt, den Rada befragte, gab ihm die Auskunft, es gebe Arm- und Handverletzungen, die, ohne schwerer Natur zu sein, einem Menschen monatelang das Hantieren mit Feder und Bleistift verbieten konnten. Auch diesen Trost, auch diese Hoffnung wies Rada nicht von sich; er nahm sie gierig auf, er klammerte sich an sie. Aber er wußte, daß es ein falscher Trost, eine falsche Hoffnung war. Er wußte es, aber er gestand es sich nicht ein. Er hatte seit neunzehn Jahren nur für seinen Sohn gelebt, aber er hatte nicht gewußt, daß sein Leben zu Ende wäre, wenn das Leben seines Sohns zu Ende wäre. War Marie stärker? Sie erfüllte ihre hausfraulichen Pflichten mit pedantischer Genauigkeit. Kein Stäubchen durfte sich auf den Möbeln ansetzen. Blank und spiegelglatt war immer der Fußboden in den beiden Zimmern und in der Küche. Die Kannen, Krüge und Eẞgeschirre blinkten und blitzten, als ob eine unermüdliche Hand unaufhörlich bemüht gewesen wäre, sie zu reinigen. Marie schien aber keineswegs in übertriebenem Arbeitseifer Trost und Rettung zu suchen. Wenn Rada nach Hause kam, saß sie oft mit einem Buch oder mit der Zeitung in dem spiegelblanken Zimmer und las. Wenn er ihr erzählte, daß er in fremden Häusern gewesen sei und versucht habe, zu erfahren, ob jemand aus dem Dachauer Konzentrationslager geschrieben habe, machte sie eine wegwerfende Handbewegung und sagte: ,, Das hat keinen Sinn. Glaubst du, daß jemand jemals etwas über ihn schreiben dürfte? Das ist ganz ausgeschlossen." An einem Sonntagabend sagte sie: ,, Komm, 86 gehn wir ins Kino." Sie hatten seit Edmunds Verschwinden kein Kino besucht. ,, Ins Kino?" fragte Rada entgeistert. ,, Ja", sagte sie ,,, wir werden uns zerstreuen. Wir werden uns ablenken." Sie sahen einen lustigen Film. Bei den Späßen eines Komikers lachte Marie einmal auf wie in alten Zeiten. Nach dem Kinobesuch sagte sie: ,, Wollen wir nächsten Sonntag wieder gehn? Es heitert mich auf. Es wird auch dich aufheitern." An einem Märzsonntag kam Jarmila. Sie hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, die Wangen waren nicht mehr hohl, die Augen waren blank und kühn. Sie erzählte, daß sie schwer arbeite, aber allen Anforderungen gewachsen sei. Sie sagte, daß sie von nun ab zuweilen einen Sonntag in Prag verbringen dürfe. ,, Dadurch bekommt mein Leben wieder einen Sinn", sagte sie ,,, weil ich hier Verbindungen anknüpfen kann." Marie warf ihr einen scheelen Blick zu. Jarmila sah diesen Blick und fragte: ,, Haben Sie etwas gegen mich? Wenn Sie mich nicht gern sehn, kann ich nächstens nicht mehr kommen. Das täte mir schrecklich leid." Marie antwortete nicht. Rada sagte: ,, Du mußt kommen, Jarmila. Wir sind komisch geworden, seit uns das passiert ist. Du kannst das vielleicht nicht verstehn, weil du jung bist. Wenn man jung ist, kommt man über alles leichter hinweg." Jarmila sagte: ,, Das mag sein." Dann sagte sie zu Marie: ,, Aber warum sehn Sie mich so an? Was haben Sie gegen mich? Sagen Sie es aufrichtig, bitte; es ist für mich wichtig." Marie kämpfte mit sich. Endlich entschloß sie sich, zu sagen: ,, Verbindungen anknüpfen. Was für Verbindungen?" ,, Aber Marie", sagte Rada ,,, wie kannst du..." Jarmila unterbrach ihn: ,, Bitte, regen Sie sich nicht auf. Ich muß das erklären." Sie wandte sich Marie zu und sagte: ,, Ich muß Verbindungen anknüpfen, weil ich kämp87 fen will. Ich will etwas tun. Ich will die Nazis schädigen, wo und wie ich kann. Man darf nicht untätig zusehn, wie sie uns das Getreide und alles nehmen. Wir können es nicht verhindern, aber wir können es ihnen erschweren. Wir können ihnen zeigen, daß sie uns noch lange nicht untergekriegt haben." Marie streckte den Arm aus. Sie sagte: ,, Ich versteh' mich selber nicht." Sie ergriff die Hand des Mädchens, hielt sie fest und sagte: ,, Ich hab in den letzten Monaten immer gedacht: Warum hat man andre freigelassen und ihn nicht?" Sie ließ die Hand des Mädchens los und sagte leise: ,, Verzeih mir." Jarmila sagte: ,, Ich hab mir das gedacht. Ich kann das nicht verstehn, aber ich bin froh, daß Sie jetzt so mit mir sprechen. Ich bin Ihnen dankbar. Es wär nicht schön gewesen, wenn ich Sie nicht mehr hätte besuchen dürfen." Nachdem sie gegangen war, sagte Rada: ,, Ich hab sie gern." Marie sagte: ,, Wenn ihr nur nichts passiert." Rada sagte: ,, Sie fürchtet sich nicht. Sie hat Mut." Er war sehr erregt. Er stand auf und ging erregt in dem Zimmer auf und ab. Er sagte: ,, Ich bin schlimmer dran als alle andern. Ich kann mich nicht rühren." Marie sagte: ,, Vor dreieinhalb Monaten hat er geschrieben. In einem Jahr werden wir mehr wissen." ,, Und wenn wir dann nicht mehr wissen als heute?" ,, Wenn wir in einem Jahr nicht mehr wissen als heute, wissen wir alles." Ihren nächsten Besuch machte Jarmila Ende Juni. ,, Es sieht schlecht aus", sagte sie. Sie war sehr niedergeschlagen. Sie sprachen von Hitlers großen Siegen, von Frankreichs Zusammenbruch. Jarmila wußte nicht, ob es ihrem Vater geglückt sei, aus Frankreich zu flüchten. Als sie sich verabschiedete, sagte Rada: ,, Jetzt sind es sie88 ben Monate. Seit dem 2. Dezember haben wir keinen Brief." Als sie im Juli wiederkam, standen auf der Kommode in dem Wohnzimmer Edmunds Photographien. Eine war ein sechzehn Jahre altes Familienbild; die Eltern saßen auf Korbsesseln, zwischen ihnen stand der vierjährige Edmund, der einen Matrosenanzug trug. Eine Photographie zeigte Edmund als Elfjährigen. Er hatte auf diesem Bild die ernsten, besorgten Augen seines Vaters. Eine Photographie zeigte Edmund nach der Matura. So hatte er ausgesehen, als er verschwunden war. Jarmila betrachtete die Photographien. Marie fragte: ,, Hast du kein Photo von ihm?" Jarmila sagte: ,, Nein; aber ich vergesse nicht, wie er aussieht." Marie blickte ihren Mann an und sagte: ,, Wir wollen ihr eine Photographie geben. Ist es dir recht?" Rada sagte: ,, Ja. Es gebührt ihr." Marie sagte: ,, Aber welche? Sie hätte gewiß dieses Bild am liebsten." Sie berührte die Photographie, die Edmund als Achtzehnjährigen zeigte. Jarmila sagte: ,, Nein, ich mag es nicht. Ich brauch es nicht." Marie machte große Augen. ,, Ich weiß, wie er aussieht", sagte Jarmila ,,, ich seh ihn vor mir, als ob ich ihn gestern gesehn hätte. Ich nehm es nicht. Ich nehm mir eins seiner Bücher, wenn ich darf." Marie und Rada führten sie in Edmunds Zimmer. ,, Ich nehm dieses", sagte sie und griff nach einem Buch ,,, das haben wir gemeinsam gelesen." Sie erzählte, es sei ihrem Vater geglückt, aus Marseille nach Amerika zu entkommen. ,, Das ist schön", sagte Rada. Jarmila blickte in seine ernsten, graublauen Augen, die aufstrahlten und erloschen. Dann blickte sie in die flinken, rastlosen Augen Maries und sagte: ,, Vielleicht ist auch Edmund in Amerika oder in England. Es kommt 89 vor, daß eine Flucht aus dem Konzentrationslager gelingt. Mir sind einige Fälle bekannt." Maries Augen wurden gläsern starr. Sie sagte: ,, Sag so etwas nicht, Jarmila. Auf solche Träume darf man sich nicht einlassen." Nach diesem Besuch ließ sich Jarmila lange Zeit nicht sehen. Im Herbst schrieb sie, daß sie in einer Fabrik in Mähren arbeite. Erst im März 1941 konnte sie wieder nach Prag kommen und erzählen, warum sie nicht mehr auf dem Gut in der Nähe Prags lebe. Im August war ihr etwas geglückt. Sie hatte nach der Ernte zwei mit Getreide gefüllte Scheunen in Brand gesteckt und dadurch die Nazis, die sich die gesamte Ernte aneigneten, um einen Teil ihres Raubs geprellt. Die Brandstifterin wurde nicht entdeckt. Die Brände machten die Deutschen stutzig. Die magere Ernte machte sie stutzig. Es machte sie auch stutzig, daß die Kühe auffallend wenig Milch lieferten. Die Kühe sabotierten. Die Felder und Wiesen sabotierten. Der von den Deutschen eingesetzte deutsche Verwalter wurde vor Gericht gestellt. Den Knechten und Mägden wurden neue Arbeitsplätze zugewiesen. Jarmila wurde in eine Fabrik gesteckt. Es war eine Strafversetzung, mit der sie sich gern abfand. Sie hatte sich mit der Möglichkeit abgefunden, daß man sie hängen werde. Es war die Zeit des ,, milden" Regimes. Nur die Saboteure, die man auf frischer Tat ertappte, wurden gehängt. Auf frischer Tat wurde selten jemand ertappt. Das Volk war gelähmt. Jeder Widerstand schien aussichtslos. Was konnten die unterirdischen Kampforganisationen erreichen, da Europa sich dem Sieger unterworfen hatte und nur noch England weiterkämpfte? England allein konnte den besiegten und unterdrückten Völkern Europas nicht 90 helfen. Der Baron Neurath sagte:„Tschechisches Volk, ich, dein Protektor, will dir helfen! Unterwirf dich, und ich will dir helfen. Gib deinen Widerstand auf, und ich will dir helfen.“ Sehr leise, der Verzweiflung nahe, raunte die Stimme des Widerstands:„‚Harret aus!‘ Das Volk hörte sie. 12 Im Spätfrühling warf die Abteilung III alle Fahrpläne um. Jeden Tag rollten Züge, mit Waffen und Munition beladen, nach Polen. Waren diese Unmengen modern- ster Waffen erforderlich, die besetzten Gebiete Polens zu regieren? Jeden Tag rollten Züge, mit deutschen Sol- daten beladen, nach Polen. Waren diese vielen Regi- menter, Brigaden, Divisionen erforderlich, die besieg- ten Polen noch einmal zu besiegen? Man hörte nichts von einem polnischen Aufstand. Die Polen, die sich ge- gen den deutschen Überfall zur Wehr gesetzt hatten, waren teils tot, teils gefangen. Viele hingen auf den Bäumen an den polnischen Landstraßen, auf den Markt- plätzen der polnischen Städte, vor den Häusern der pol- nischen Dörfer. Viele hingen. seit dem Herbst des Jahres 1939, und niemand schnitt die Leichen ab. Die Deut- schen ließen sie hängen, um den noch nicht gehängten Teil der polnischen Bevölkerung vor übermütigen Über- griffen zu warnen. Am 22. Juni wußte man endlich, was die Transporte zu bedeuten hatten. Der Sektionschef Fobich berief eine Versammlung aller Beamten und Angestellten der Abteilung Ill ein und hielt eine Ansprache. Er pflegte mit seinen Beamten sehr höf- 91 lich zu sprechen. In seiner Ansprache am 23. Juni schlug er einen scharfen Ton an. Er sagte: ,, Meine Herren, der Krieg gegen die Bolschewiken hat gestern begonnen. Der Führer hat sich entschlossen, der bolschewistischen Gefahr ein Ende zu bereiten. Der russische Krieg ist in erster Linie ein Verkehrsproblem. Die Abteilung III ist für die restlose und glatte Lösung dieses Problems mitverantwortlich. Der Transport der Mannschaften und Waffen nach dem östlichen Kriegsschauplatz muß sich mit vorbildlicher Geschwindigkeit und Reibungslosigkeit abwickeln. Ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen, daß jeder einzelne Beamte und Angestellte im Rahmen seiner Tätigkeit für die tadellose Abwicklung des Verkehrs haftbar ist. Wer sabotiert, wird erschossen oder gehängt. Ich bin überzeugt, daß es in meiner Abteilung keine Saboteure gibt. Enttäuschen Sie meine Erwartungen und mein Vertrauen nicht, meine Herren!" Nach dieser Einleitung erörterte er technische Probleme. Die tschechischen Beamten und Angestellten hatten die Rede eines deutschen Regierungsvertreters, die Fobich kurz nach dem 15. März 1939 verdolmetscht und verfälscht hatte, nicht vergessen. Der Deutsche hatte damals Saboteuren mit der Todesstrafe gedroht, und Fobich, der Dolmetsch, hatte die Drohung unterschlagen. Heute drohte er aus eigenem Antrieb. Gut so! dachten die tschechischen Beamten und Angestellten. Das tschechische Volk jubelte stumm. Es sagte: Hitler hat eine große Dummheit begangen, die ihm das Genick brechen wird. Der Baron Neurath erschrak, als ihm im Juli gemeldet wurde, die Produktion in den böhmischen und mährischen Waffen- und Munitionsfabriken sei in den letzten 92 • vier Wochen um dreißig Prozent gesunken. Er erschrak noch mehr, als ihm einen Monat später gemeldet wurde, die Produktion sei im August um vierzig Prozent gesunken. Auf dem russischen Kriegsschauplatz wurde beobachtet, daß viele deutsche Granaten unwirksam, viele Geschütze unbrauchbar waren. Viele Bomben explodierten nicht. Es wurde festgestellt, daß diese Granaten, Geschütze und Bomben in den Skodawerken in Pilsen, ⚫ in der Brünner Waffenfabrik und in der Poldihütte in Kladno hergestellt worden waren. Eine Kommission, die aus zweiundzwanzig deutschen Generalstabsoffizieren und Ingenieuren bestand, inspizierte die Skodawerke in Pilsen. Während sie ihren Inspektionsgang machten, löste sich von einem Kran ein Kessel los, in dem geschmolzenes Blei siedete, und raste auf die Offiziere und Ingenieure los. Vierzehn Generalstabsoffiziere und Ingenieure verbrannten in dem siedenden Blei, die andern erlitten schwere Verletzungen. Der tschechische Arbeiter Vacek, der den Kessel gelöst hatte, sprang von der Höhe des Krans in die Tiefe; sein Kopf schlug auf den Boden auf und zerschellte. Es fand sich in jeder Fabrik und in jeder Werkstätte ein Vacek, der bereit war, sein Leben zu opfern. Auch die Eisenbahnarbeiter rührten sich. Ein mit Munition beladener Zug, der vorschriftsmäßig abgefertigt wurde und zur festgesetzten Zeit die mährische Grenzstation auf der Fahrt nach dem russischen Kriegsschauplatz erreichen sollte, verschwand auf rätselhafte Weise. Die Gestapo fahndete lange und erfolglos nach dem verschwundenen ,, Geisterzug". Erst nach einigen Wochen fand sie ihn auf einem toten Gleis hinter einer kleinen Station, die auf einer von dem militärischen Verkehr unberührt gebliebenen Nebenstrecke lag. Die Lokomotivreparatur93 werkstätten bekamen auffallend viel zu tun. Auch die landwirtschaftlichen Arbeiter rührten sich. In jedem Bezirk in Böhmen und Mähren brachen Scheunenbrände aus, die das von den Deutschen beschlagnahmte Getreide, das nach Deutschland verschleppt werden sollte, vernichteten. Hitler setzte den Baron Neurath ab. An seine Stelle trat der SS- Obergruppenführer und Polizeigeneral Heydrich. Das tschechische Volk kannte den Namen Heydrich nicht und sagte: ,, Der alte, Protektor' hat uns nicht untergekriegt, der neue wird uns auch nicht unterkriegen." Es gab kaum hundert Tschechen, die den Namen Heydrich kannten. Allen, die ihn kannten, schnürte sich das Herz zusammen. Heydrich kam an und fuhr auf den Hradschin. Er war ein noch junger, großer, schlanker blonder Mann. Die Tschechen, die seinen Namen nie gehört hatten, erschraken, als sie sein Lächeln sahen. Es war das Lächeln eines Lustmörders, der sich über sein Opfer beugt. Er lächelte, als er den schlotternden alten ,, Staatspräsidenten" und die Mitglieder der tschechischen ,, Regierung" empfing. Lächelnd gab der neue Herr ihnen seine Befehle. Lächelnd sagte er ihnen, daß er in den Ländern Böhmen und Mähren Ordnung schaffen werde. Lächelnd setzte er sich an den Schreibtisch des großen Menschenfreundes Masaryk und las Berichte. Er las die Berichte der Gestapo über Sabotageakte und Widerstandsregungen der tschechischen Bevölkerung nur flüchtig. Er hörte die mündlichen Berichte seiner Agenten und Offiziere unaufmerksam an. Er wußte, was er zu tun hatte; es war unwichtig, wer schuldig und wer unschuldig war. Die Methode allein, die er anzuwen94 den gedachte, war ausschlaggebend. Er war überzeugt, daß er mit seiner Methode das tschechische Volk bändigen werde. In den ersten drei Tagen nach seiner Ankunft ließ er hundertzwölf Tschechen und Juden hinrichten. Von nun an verging kein Tag ohne Hinrichtungen. Auf Heydrichs Schreibtisch lagen Ortsverzeichnisse und Listen. Erpickte aus dem Verzeichnis der Städte und Dörfer einen Ortsnamen auf und befahl, alle Feinde des Dritten Reichs in diesem Ort vor Gericht zu stellen. Wer vor Gericht gestellt war, wurde zum Tode verurteilt. Wer zum Tode verurteilt war, wurde binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet. In der zweiten Woche stellte Heydrich ein Wochenprogramm auf. Es war kurz wie ein Küchenzettel, der nur ein Gericht täglich vorsieht. Es lautete: Sonntag: Saboteure. Montag: Fleischer. Dienstag: Rundfunkhörer. Mittwoch: Waffenbesitzer. Donnerstag: Gerüchteverbreiter. Freitag: Konspiratoren. Sonnabend: Spione. An diesem Sonntag wurden in Prag siebenundvierzig tschechische Arbeiter hingerichtet, die von der Gestapo der Sabotage beschuldigt wurden. Montag wurden fünfzehn tschechische Fleischer hingerichtet, die beschuldigt wurden, unbefugt Schweine und Kälber geschlachtet zu haben. Dienstag wurden vier Männer und zwei Frauen hingerichtet, die beschuldigt wurden, den Londoner Rundfunkmeldungen gelauscht zu haben. Mittwoch wurden neun ehemalige tschechische Offiziere hingerichtet, die beschuldigt wurden, Waffen besessen zu haben. Donnerstag wurden fünf Tschechen und fünf Juden hinge95 richtet, die beschuldigt wurden, falsche Gerüchte ver- breitet zu haben. Freitag wurden siebenundzwanzig Tschechen hingerichtet, die beschuldigt wurden, einen Anschlag gegen das Dritte Reich vorbereitet zu haben. Samstag wurden dreizehn Tschechen und fünf Juden hin- gerichtet, die der Spionage beschuldigt wurden. In der nächsten. Woche wurden siebenunddreißig Eisen- bahnangestellte hingerichtet, die beschuldigt wurden, die Abfertigung von Militärzügen in mehreren Stationen verzögert zu haben. Am Samstag in dieser Woche erschien Fobich ungewohnt zeitig, um halb neun Uhr morgens, im Amt, weil er wußte, daß Fräulein Puhl nicht vor neun zu kommen pflegte. Er betrat Radas Zimmer, setzte sich und sagte: „Rada, ich muß mit dir sprechen. Du bist ein weltfrem- der Mensch, du weißt vielleicht nicht, was vorgeht. Die Abteilung III ist eine militärische Operationsbasis. Es wimmelt in der Abteilung von Gestapoagenten, deut- schen Offizieren und deutschen Beamten. Die tschechi- schen Beamten werden von den deutschen Beamten über- wacht. Die tschechischen und die deutschen Beamten werden von den Offizieren überwacht. Die tschechischen und die deutschen Beamten und die Offiziere werden von den Gestapoagenten überwacht. Ich kann nicht ver- hindern, daß auf irgendeiner Strecke*oder in irgend- einer Station ein Malheur passiert. Ich will aber wenig- stens verhindern, daß in der Abteilung III ein Malheur passiert. Es ist furchtbar schwer, es zu verhindern, aber ich muß es versuchen. Dazu brauch ich deine Hilfe. Ich kann mich auf keinen andern tschechischen Beamten ver- lassen; ich traue jedem einzelnen jeden Sabotageakt zu. Ichkann mich aber auch auf keinen deutschen Beamten ver- lassen, weil ich weiß, daß jeder Deutsche mir bei der 96 ersten Gelegenheit eine Falle stellt. Wenn ich in eine Falle gehe, bin ich ein toter Mann. Auf dich kann ich mich verlassen. Du bist mein Freund. Und du bist ein verläßlicher Fachmann. Erinnerst du dich an unser Ge- spräch vor deiner Versetzung in die Abteilung III? Du hast dich damals gegen die Versetzung gewehrt. Du hast damals gesagt, daß du dich in der Abteilung III nicht leicht.einarbeiten könntest. Und was ist geschehen? Du bist in der Tarifabteilung ein tüchtiger Fachmann gewe- sen, du bist heute in der Abteilung Ill ein ebenso tüch- tiger Fachmann. Deine Befürchtungen waren überflüs- sig. Rada, du wirst von heute an nicht nur die Abfahrts- zeiten der eingeschobenen Züge berechnen. In deiner Hand werden alle Fäden aller Mannschafts- und Waffen- transporte zusammenlaufen. Du wirst alle Geheimnisse der deutschen Heeresleitung kennenlernen, die denTrup- pen- und Waffentransport betreffen. Ich kann die Kon- trolle des gesamten Verkehrs nicht allein bewältigen, wir werden sie zusammen bewältigen. Die Verantwortung trage selbstverständlich ich. Dir bürde ich keine neue Verantwortung auf, aber ich verlasse mich auf deine Ge- wissenhaftigkeit.‘ Er verstummte und wandte den Kopf zum Fenster, als ob er plötzlich von einer vorbeiziehenden Wolke abge- lenkt worden wäre. Während er zum Himmel aufblickte, entging ihm jedoch keine Regung in Radas Gesicht. Es war ein ernstes, stilles, verschlossenes Gesicht, das Gesicht eines alten Mannes. In diesem Augenblick fiel Fobich auf, daß Rada in der letzten Zeit um viele Jahre gealtert war. „Bist du bereit, diese Mehrarbeit zu übernehmen?” fragte Fobich, den Blick von der Wolke lösend: und! wie- der dem noch immer stummen Rada-zuwendend. 7.084 97 „Ja“, sagte Rada. Fobich war überrascht. „Bravo“, sagte er lächelnd.„Ich dachte, offen gestan- den, daß du dich wieder wehren wirst. Ich dachte, daß du mir sagen wirst: Einer solchen Aufgabe fühle ich mich nicht gewachsen.— Um so besser, wenn du es nicht sagst.“ Er erwartete ein Wort der Erwiderung. Aber Rada sagte nichts mehr. „Du bist ein merkwürdiger Mensch“, meinte Fobich und blickte auf die Uhr.„Richtig, noch eins muß ich sagen: Ich kann dir einstweilen ein neuerliches Avancement nicht versprechen, obwohl du es verdientest. Du wirst also die Mehrarbeit vorderhand leider ohne Avance- ment und ohne Gehaltserhöhung zu leisten haben.” Er glaubte, daß Rada mit einer wegwerfenden Handbe- wegung antworten werde. Aber Rada regte sich nicht. „Ich möchte gern etwas für dich tun‘, sagte Fobich.„Ich möchte dir gern beweisen, daß ich....” Er stand auf, trat ans Fenster, kehrte an den Schreib- tisch zurück und setzte sich wieder.„Ich will etwas ver- suchen‘, sagte er.„Ich muß, wie du weißt, von Zeit zu Zeit dienstlich nach Berlin fahren. Ich könnte einmal versuchen... Vielleicht ist es in Berlin eher als hier möglich, etwas über deinen Sohn zu erfahren.” Rada regte sich nicht. „Was meinst du?“ fragte Fobich.„Soll ich es versuchen? Ich würde möglichst geschickt und sehr vorsichtig zu er- fahren versuchen, ob er in einem Konzentrationslager ist und was eigentlich mit ihm los ist.” Radas Gesicht zuckte, als ob den Regungslosen plötzlich ein Krampf befallen hätte. Es zuckte, als ob er einen plötzlichen heftigen Schmerz unterdrücken wollte. Aber 98 im nächsten Augenblick war das Gesicht wieder still und verschlossen. ,, Ich danke vielmals", sagte er. ,, Aber du wirst nichts erfahren. Und wenn du etwas erfährst... wirst du es mir nicht sagen." Er blickte Fobich so streng verweisend an, daß der Weltmann es nicht über sich brachte, ein verlegenes Trostwort zu sprechen. Es geschah etwas sehr Ungewöhnliches: Fobich war verlegen. Er sagte bedrückt: ,, Ich kann mir nicht denken... Nun, wir sprechen noch darüber." Rada stand auf. Er stand auf wie ein Mann, der einen lästigen Besucher zu entlassen wünscht. Fobich betrat mit gerunzelter Stirn sein Arbeitszimmer. 13 An diesem Tag ging Rada nach den Amtsstunden nicht nach Hause. Er pflegte seit dem Juni je nach Bedarf bis sieben oder bis acht Uhr, manchmal noch länger, zu arbeiten und dann langsam, ohne nach rechts und nach links zu blicken, nach Hause zu gehen. Heute hatte er viel mehr als sonst zu tun. Eine halbe Stunde nach der Unterredung am Morgen hatte er einen Teil der Arbeiten übernommen, mit denen er sich von nun an zu befassen hatte. Sie stellten ungeheure Anforderungen an seine Arbeitskraft. Trotzdem hörte er schon um sechs Uhr zu arbeiten auf, sperrte alle Aktenstücke in seinen Schreibtisch und verließ das Amt. In der Nähe des Amtsgebäudes blieb er stehen. Er blickte das Tor des benachbarten Bürohauses an, das sieben Jahre lang seine Arbeitsstätte gewesen war. Er lauerte Havelka auf. Nur wenige Beamte und Angestellte ver7* 99 ließen‘ die Amtsgebäude. In den alten Zeiten hatten die Tore der Amtsgebäude jeden Abend um sechs Uhr einen gewaltigen Menschenstrom entlassen; jeder Beamte, jeder Angestellte:hatte um sechs Uhr zu arbeiten auf- gehört und war auf die Straße geeilt. Jetzt wurde in den meisten»Äbteilungen nach sechs Uhr weitergearbeitet; der schwache:Verkehr:an den Toren verriet es. Rada wußte:nicht, ob:auch in der Tarifabteilung länger gear- beitet werde, Er hatte:sie in diesem Jahre nie besucht, - er hatte nichts-mit ihr zutun gehabt. Er hatte seit vielen Monaten weder Havelka.noch einen andern Beamten der Tarifabteilung gesehen. Er hatte auch nichts von Havelka gehört; Er. hatte erwartet, daß Havelka ihn einmal be- suchen oder ihm wieder einmal auf der Straße auflauern - werde, wie es zuletzt kurz nach Edmunds Verschwinden geschehen war, aber der offenbar von seiner unterirdi- schen Kampforganisation auf Schritt und Tritt geleitete und: beherrschte Kollege:hatte sich nicht mehr gezeigt. Rada.vermutete, daß er: von Havelka und Novak der Lauheit: bezichtigt:werde, weil er nicht den Willen be- kundet-hatte,;sich‘an ihrem Kampf zu beteiligen. Da er in der Abteilung Ill arbeitete, meinten sie vielleicht, daß ‚er längst ‚eine"Gelegenheit; hätte finden können, der Kämpfergemeinschaft nützlich zu sein, obwohl sie wahr- scheinlich wußten, daß das aus zahlreichen raffinierten Vorsichtsmaßregeln zusammengesetzte System der Ar- beitsteilung, das in.der Abteilung III eingeführt worden. war, jeden Sabotageversuch'sehr erschwerte. Aber nicht wegen dieser Schwierigkeit hatte er sich passiv verhal- ten; es: war-keine unüberwindliche Schwierigkeit, denn wie jeder mutige Arbeiter in einer Flugzeugfabrik trotz seiner‘ Unkenntnis: der» Konstruktionsgeheimnisse im- stande war, ‚große Zerstörungen anzurichten und die 100 deutsche Luftwaffe zu schädigen, hätte auch Rada jederzeit in den geheimnisvollen Apparat der Abteilung III schädigend und zerstörend eingreifen können, wenn sein Antrieb zu solchem Zerstörungswerk stark genug gewesen wäre. 91006x9d26l nem Diesem Antrieb hatte aber übermächtig die seelische Zerrissenheit gegenübergestanden, die Rada gelähmt hatte. Nach langem vergeblichem Warten auf eine Nachricht von oder über Edmund hatte Rada kaum noch bezweifeln können, daß der Verschollene nicht mehr am Leben sei. Trotzdem hatte der heimlich immer noch Hoffende Edmunds wegen auf jedes Eigenleben verzichten zu müssen geglaubt. Immer wieder hatte er sich gesagt: Wenn er noch lebt, wird er hingerichtet, sobald ich des geringsten Vergehens beschuldigt werde. Solange mir die vielleicht irrsinnige Hoffnung auf seine Rückkehr bleibt, muß ich leben, als ob weder Haß noch Rachelust mich bewegten; als ob ich nicht ein Mensch, sondern ein Mistkäfer wäre, der sich unter Schutt und Asche verbirgt, um nicht aufzufallen und nicht entdeckt zu werden. Von diesem Vorsatz war er nicht abgewichen, obwohl er gesehen hatte, daß andere Väter sich von der Rücksicht auf ihre Frauen und Kinder nicht abhalten ließen, an der unterirdischen Kampfbewegung teilzunehmen. Er hatte sich gesagt: das sind Helden. Ich bin kein Held. Ich bin ein unglücklicher Vater, der seinen Sohn wiedersehen will, und sonst nichts. 1929ib paul Vor kurzer Zeit, nach zwei Jahren tierhafter Dumpfheit, war Rada aus dieser Lethargie erwacht, als ob er von Edmund eine Botschaft empfangen hätte. Nach Heydrichs Ankunft, dem Beginn der Schreckensherrschaft, chatte Edmund aufgehört, Radas Lebenswillen zu lähmen. Tag für Tag wurden viele Menschen hingerichtet, Kämpfer, 101 die ihr Leben opferten, um das Ende der Tyrannei zu beschleunigen, die Frauen und Kinder der Hingerichteten und viele andere unschuldige Opfer. Rada las jeden Tag die Namen der Ermordeten. Während er diese Namen las, bekannte und unbekannte, fühlte er Edmunds Nähe. Er vernahm eine mahnende Stimme. Es war Edmunds sanfte, bescheidene Stimme, die Rada mahnte. Edmunds Stimme mahnte: Du tust deine Pflicht nicht, Vater. Warum tust du deine Pflicht nicht? Du liebst mich schlecht, wennn du deine Pflicht nicht tust. Von dieser Mahnung wurde Rada im Wachen und im Schlaf verfolgt. Langsam, schwerfällig begriff er, daß das Wunder, das er seit Edmunds Verschwinden erwartet hatte, geschehen war. Edmund war zurückgekehrt, Edmunds Stimme war wieder hörbar. Sie verriet nicht, ob sie einem Lebenden oder einem Toten zugehöre, aber sie verriet mehr: Es kam nicht darauf an, ob es die Stimme eines Lebenden oder die Stimme eines Toten war. Es kam nicht darauf an, ob Edmund noch lebte. Mit schrecklicher Gewalt, wie ein Messer, durchfuhr Rada diese Erkenntnis. Sie ergriff von ihm Besitz. Er erkannte seine Pflicht. Es war eine Pflicht, die mit den Pflichten, die er jahrzehntelang getragen hatte, nicht vergleichbar war. Er hatte geglaubt, die Sorge um das Wohlergehen seiner Familie und die gewissenhafte Berufsausübung seien seine höchsten Pflichten. Die Erfüllung dieser Pflichten war der Inhalt seines Lebens gewesen. Jetzt erkannte er, daß diese Pflichten, die ihm eine schwere und geliebte Last gewesen waren, nicht länger der Inhalt seines Lebens sein dürften. Er mußte sie abwerfen, um eine schwerere Pflicht auf sich zu nehmen. Er durfte nicht länger zusehen, wie die andern sich opferten, während er Edmunds wegen vor jedem Opfer 102 zurückscheute. Edmund wollte diese Rücksicht nicht, er verachtete sie. Sie war verächtlich, wenn er tot war; sie war ebenso verächtlich, wenn er am Leben war. Die Hingerichteten, deren Namen jeden Tag in der Zeitung veröffentlicht wurden, riefen es Rada zu. Sie riefen es ihm mit Edmunds Stimme zu, sie alle waren Edmund. Mancher, dessen Name in der Liste der Hingerichteten stand, hieß Edmund, und beim Lesen dieses Namens fühlte Rada einen unsagbaren Schauer; aber auch jeder Antonin und Josef und Vladimir, und nicht nur jeder Mann, auch jede Frau, deren Name in der Liste der Hingerichteten stand, sie alle waren Edmund, sie alle mahnten den Erschauernden mit Edmunds Stimme: Tue deine Pflicht! In den letzten Tagen, in den blutigen Tagen des Mas- senmords, die nach Heydrichs Ankunft angebrochen wa- ren, hatte Rada wie eh und je seine Amtspflicht erfüllt. Er hatte die Abfertigungstermine der auf den Haupt- strecken und auf einigen Nebenstrecken eingeschobenen Züge ausgerechnet. Sein Arbeitsfeld hatte sich seit sei- ner Versetzung in die Abteilung Ill nicht erweitert. Lang- sam und schwerfällig hatte er in den letzten Tagen über- legt, ob und wie er der Pflicht, zu der er sich aufgeru- fen fühlte, genügen könne. Er war zu dem Schluß ge- kommen, daß er zunächst den Geheimnissen. der Abtei- lung Ill nachspüren müsse. Er hatte sich entschlossen, in den geheimnisvollen Apparat der Abteilung III mit List und Gewalt einzugreifen. Er hatte sich entschlossen, in Erfahrung zu bringen, welche Züge es waren, deren Abfertigungstermine er festsetzte. Es war wichtig, zu wissen, welche Züge Kriegsmaterial enthielten, welche Züge Mannschaften an die Front brachten und welche Züge nur dem Zivil-Güterverkehr dienten. Er hatte über- 103 legt, daß er dem Schreibtisch des Sektionschefs die Geheimnisse entreißen müsse. Abend für Abend hatte der nach allen Seiten Spähende, nachdem Fobich und Fräulein Puhl das Amt verlassen hatten, den Schreibtisch des Sektionschefs belauert; Abend für Abend war es unmöglich gewesen, die Suche zu beginnen. Einmal hatte der Leutnant Bethge, den er vor zwei Jahren in Fobichs Wohnung kennengelernt hatte, plötzlich das Arbeitszimmer betreten; einmal hatte ein deutscher Beamter, der ein Gestapospitzel war, die Tür leise geöffnet, um gleich wieder zu verschwinden; einige Male war eine Frau gekommen, um den Fußboden oder die Fenster zu reinigen; vermutlich war auch sie eine Beamtin der Gestapo. An diesen Abenden hatte Rada noch nicht erwartet, einen Erfolg zu erzielen. Er hatte nur erproben wollen, ob einer seiner Schlüssel zufällig Fobichs Schreibtisch öffnen würde, was sehr unwahrscheinlich war. Er hatte sich vorgenommen, erst nach diesem Experiment Havelka oder Novák aufzusuchen, um bei ihnen Rat und Instruktionen einzuholen. Denn wenn der Schreibtisch mit Hilfe komplizierter Werkzeuge geöffnet werden mußte, war er nicht imstande, ohne fremde Hilfe ans Werk zu gehen. Er war ein unpraktischer, ungeschickter Mensch. Noch vor kurzer Zeit hätte er sich lieber umgebracht, ehe er sich mit dem Gedanken befreundet hätte, daß er, Josef Rada, wie ein Einbrecher einen fremden Schreibtisch belauern und heimlich öffnen solle. Noch vor kurzer Zeit hätte er jeden Menschen für verrückt gehalten, der ihm, Josef Rada, ein solches Verbrechen zugemutet hätte. Über Nacht war er ein anderer geworden. Er hatte alle derartigen Bedenken unterdrückt. Er hatte viel größere Bedenken unterdrückt; die kleineren, bürgerlichen, von seinem immer regen Sinn für Recht 104 und Gesetz diktierten, konnten ihn nicht hemmen. Nur seine Unerfahrenheit und Ungeschicklichkeit hatten ihn in diesen Tagen noch gehemmt; die Angst, durch seine Unerfahrenheit und Ungeschicklichkeit alles zu verderben. Das Werk, das er tun wollte, durfte nicht miẞlingen. Er hatte sich geschworen, sein ganzes Leben von jetzt an nur noch an dieses Werk zu hängen und unbeirrbar mit unendlicher Geduld den Tag abzuwarten, an dem sich die Gelegenheit ergeben würde, zu handeln. Heute war er einen entscheidenden Schritt vorwärtsgekommen. Die Listen und Verzeichnisse, die er heute übernommen hatte und deren Änderung und Ergänzung ihm oblagen, erleichterten entscheidend das geplante Werk. Er war der Notwendigkeit enthoben, den versperrten Schreibtisch heimlich zu öffnen. Die Behelfe, die er brauchte, waren in seiner Hand. Das Schicksal aller Militärzüge, die an die Ostfront abgingen, lag in seiner Hand. Die zwei Jahre, die er in der Abteilung III verbracht hatte, waren keine verlorene Zeit gewesen. In diesen zwei Jahren war Fobich zu der Überzeugung gelangt, daß Rada der einzige Beamte in der Abteilung III war, der unbeschränktes Vertrauen verdiente. Rada war entschlossen, die Pflicht, zu der er sich aufgerufen fühlte, unverzüglich zu erfüllen. Deshalb hatte er heute ausnahmsweise schon um sechs Uhr sein Amtszimmer verlassen. Er stand auf der Straße und erwartete Havelka. Er blickte das Tor an, das die Beamten der Tarifabteilung entließ. Er hatte die Absicht, Havelka nicht in der Nähe der Amtsgebäude anzureden, sondern ihm einen Wink zu geben und ihm nach Karolinenthal oder an einen andern Ort, wo man ungestört sprechen könnte, zu folgen. 105 Nach einer Viertelstunde trat Rada in ein Haustor, weil er fürchtete, daß es auffallen könnte, wenn er länger auf der Straße stünde. Die Gestapo hatte überall ihre Augen. Ein Mann, der auf der Straße stand und wartete, lief Gefahr, ihr aufzufallen. Er blieb in dem Haustor stehen und lugte nach dem Tor des Amtsgebäudes. Um sieben Uhr war Havelka noch immer nicht zu sehen. Aber einige Minuten nach sieben erblickte Rada Beran, der das Amtsgebäude verließ, folgte ihm, redete ihn an und fragte ihn, ob Havelka bald kommen werde. ,, Kommen Sie", sagte der alte Mann ,,, es hat keinen Sinn, daß Sie warten." Sie gingen stumm. Beran hatte ein bekümmertes Gesicht. ,, Arbeitet er länger als bis sieben?" fragte Rada. Beran schüttelte den Kopf und sagte leise: ,, Gedulden Sie sich einen Augenblick. Ich werde Ihnen gleich alles sagen. Nachdem sie eine stille Seitengasse erreicht hatten, blieb er stehen und flüsterte: ,, Havelka ist vorgestern verhaftet worden. Ich weiß nicht, wohin man ihn gebracht hat. Er ist aus seiner Wohnung von der Gestapo abgeholt worden. Seine Frau ist auch verhaftet worden. Mehr weiß ich nicht." 14 Rada ging, nachdem er sich von Beran verabschiedet hatte, ziellos weiter. Sein Kopf dröhnte. Er war unfähig, einen Gedanken zu fassen. Als er die Brücke hinter dem tschechischen Nationaltheater erreicht hatte, blieb er stehen. Er hatte sich seiner Wohnung genähert, ohne es zu wollen. Er blickte minutenlang den stillen 106 dunklen Fluẞ an, kehrte um und ging den Weg zurück, den er gekommen war. In der Národní Třída bestieg er eine Elektrische und fuhr nach Žižkov. Seit seiner Jugend war er selten in diesem Stadtteil gewesen. Als Gymnasiast hatte er in Žižkov gewohnt. Es gab viele neue Straßen in Žižkov, die er nicht kannte. Die Straße, die er suchte, kannte er nicht. Er hatte sich die Wohnungsadresse, die Novák ihm gegeben hatte, nicht notiert, er hatte sie auf Nováks Wunsch memoriert. Er hatte es unterlassen, zu fragen, wo sich diese Straße befand. Er ging durch eine belebte Straße, die ihn an seine Jugend erinnerte. Er ging an dem Hause vorbei, das er als Gymnasiast bewohnt hatte. Es war ein häßliches Haus in einer häßlichen Straße, die hauptsächlich von Arbeitern bewohnt war. Am Ende dieser Straße redete er einen Mann an und fragte nach der Straße, die er aufsuchen wollte. Es war nicht leicht, sie zu finden. Sie lag an der Peripherie, hinter großen Fabriken. Als er endlich in der gesuchten Straße stand, begann sein Herz stürmisch zu klopfen. Er fürchtete sich nicht vor der Entscheidung, die in dieser Stunde fallen mußte; sein Herz klopfte stürmisch, weil er fürchtete, Novák nicht anzutreffen. Da die Gestapo Havelka verhaftet hatte, war es nicht unwahrscheinlich, daß auch Novák verhaftet worden war. Beim Lesen der Namen der Hingerichteten hatte Rada jeden Tag gefürchtet, auf Nováks Namen zu stoßen. Viermal hatte er diesen Schrecken erlebt; vier Männer, die Novák hießen, waren seit Heydrichs Ankunft in Böhmen hingerichtet worden; alle vier waren jung gewesen, keiner älter als dreißig. Aber vielleicht führte Novák mehrere Namen; jeder Mann mittleren Alters in den täglichen Listen der Hingerichteten konnte der Leiter 107 der unterirdischen Kampforganisation sein, mit dem Rada gesprochen hatte. Nein, es war nicht sehr wahrscheinlich, daß Novak in dem Hause, dem Rada zustrebte, anzutreffen. sein werde. Deshalb klopfte das Herz des Erwartungsbangen stür- misch. Er fürchtete, daß er die Pflicht, zu der er aufge- rufen war, nicht erfüllen könnte, wenn er Novak nicht fände. Wem könnte er, der Unerfahrene, Einsame, seine Pläne anvertrauen? Havelka und Noväk hatten ihm nicht gesagt, wer außer ihnen der unterirdischen Kampforga- nisation angehörte. Sie hatten ihm verraten, daß es überall, in allen Ämtern, auch in der Abteilung III Mit- kämpfer gab, aber Rada kannte sie nicht. Vielleicht sah er sie jeden Tag, vielleicht gingen sie in Fobichs Ar- beitszimmer Tag für Tag aus und ein, aber keiner hatte Rada ein heimliches Zeichen gegeben, keiner hatte sich ihm zu nähern versucht, keiner betrachtete ihn als einen Mitwisser oder gar als einen Mitkämpfer. Mit Recht, dachte er; denn zwei Jahre lang hatte er vermieden, .sich ihnen. anzuschließen. Er hatte nicht zu ihnen ge- hört, er hatte seine Pflicht nicht erkannt. Was würde er jetzt tun, wenn Noväk unerreichbar wäre? Von diesem Gedanken gequält, betrat Rada das Haus, das er gesucht hatte. Es war ein neues, großes, sechsstöckiges Haus. Da No- väk ihm vor zwei Jahren. diese Wohnungsadresse ange- geben hatte, konnte es nicht ganz neu sein, aber es hatte den unverkennbaren Geruch eines noch nicht voll- endeten Neubaus, der, in der kühlen, strengen. Aura von Zement und Stahl verharrend, noch keine mensch- lichen Gerüche eingesogen hat. Es war jedoch, wie eine neben dem offenen Tor im Hausflur angebrachte Tafel, das Verzeichnis der Hausbewohner, besagte, vom Erd- 108 geschoß bis zum sechsten Stockwerk bewohnt. Rada las die Namen aller Hausbewohner. Keiner hieß Novák. Nach kurzer Überlegung entschloß sich Rada, den Portier aufzusuchen. Er nahm sich vor, nach Nováks Adresse zu fragen, falls der Hausbesorger ein Tscheche war, und nach einem fingierten Herrn Zapletal oder Kunz zu fragen, falls der Portier ein Deutscher war. Einem tschechischen Portier durfte ein Tscheche Vertrauen schenken; ein tschechischer Portier, der einen Tschechen verriet, war eine Seltenheit. Trotzdem wollte Rada vorsichtig und behutsam vorgehen. Die Wohnung des Portiers befand sich in der Nähe des Aufzugs in einem verborgenen Winkel, den Rada nicht gleich fand. Er schellte. Ein etwa fünfzigjähriger dürrer, mittelgroßer Mann öffnete und fragte, was Rada wünsche. Es war ein Tscheche. Trotzdem entschloß sich Rada nicht gleich, nach Novák zu fragen, obwohl er sich sagte, daß das häufige Vorkommen dieses Namens die Gefahr einigermaßen herabsetzte, weil es nicht unwahrscheinlich war, daß in einem großen Prager Mietshaus irgendein Novák wohne oder gewohnt habe. ,, Ich wollte einen Bekannten besuchen, der hier gewohnt hat, aber ich finde seinen Namen nicht auf der Wohnungstabelle", sagte er. ,, Wie heißt er?" fragte der Portier. Rada antwortete nicht. Seine Unerfahrenheit machte sich schon beim ersten Schritt in die unbekannte gefahrenreiche Sphäre, in die er sich begeben mußte, geltend; sein Zögern mußte selbst einem harmlosen, uninteressierten Beobachter auffallen. Der Portier schien jedoch keineswegs ein harmloser, uninteressierter Beobachter zu sein. Er hatte ein kluges, wachsames Gesicht, kluge, wachsame Augen. Er blickte Rada prüfend an. Dann überflog ein Lächeln sein Gesicht, und er sagte: ,, Wollen 109 Sie hereinkommen? Vielleicht kann ich Ihnen die Auskunft geben." Rada trat ein. Der Portier führte ihn in ein kleines Zimmer, das verriet, daß es von einem Mann mit stark ausgebildetem Ordnungssinn bewohnt war. In dem Zimmer stand ein Bett; da die Wohnung nur aus diesem Zimmer und einer winzigen Küche, deren Tür offen war, bestand, lebte der Portier augenscheinlich hier allein, ohne Frau, ohne Familie. Auf dem Fensterbrett standen mehrere Blumentöpfe. Auch den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, schmückte ein Blumentopf. ,, Nehmen Sie Platz", sagte der Portier. ,, Ich heiße Musil, aber Ihren Namen brauchen Sie mir nicht zu sagen. Ich weiß, daß es keine Unhöflichkeit ist. Falls Sie eine Adresse von mir erfahren wollen, stehe ich gern zu Diensten. Wenn nicht, sind Sie trotzdem willkommen. Ich bin hier allein und arbeite heute nicht mehr. Es ist mir angenehm, Gesellschaft zu haben." Rada lächelte verlegen und berührte den Blumentopf, der vor ihm stand. ,, Gefällt Ihnen der Kaktus?" fragte der Portier. ,, Ich befasse mich viel mit Pflanzen und Blumen, es ist meine Liebhaberei, mein Steckenpferd. Jeder Mensch muß ein Steckenpferd haben, nicht wahr? Ich hatte jahrelang ein kleines Fleckchen in den Holleschowitzer Schrebergärten. Nicht der Rede wert. Und trotzdem hat es mir immer viel Freude gemacht. Der Kaktus, den Sie hier sehn, ist aber nicht aus meinem Schrebergarten. Seit März neununddreißig ist Schluß mit dem Schrebergarten. Den Kaktus hab ich geschenkt bekommen. Was für ein Steckenpferd haben Sie, wenn ich fragen darf? Oder haben Sie keins?" 110 . „In früheren Jahren bin ich ein passionierter Turner ge- wesen.” „Geturnt hab ich auch gern, aber nur als Bub. Seit ich erwachsen bin, hab ich den Gärtnereifimmel, In unsern Schrebergärten in Holleschowitz hat man mich für ver- rückt gehalten; mein Schrebergarten hat nämlich anders ausgesehn als alle andern. Es waren ausnahmslos Ge- müsegärten. Kohl haben die Leute gepflanzt, Spinat, Rettiche, gelbe Rüben, Salat, Blumenkohl, Sprossen- kohl; und ich, stellen Sie sich vor, ich nichts derglei- chen. Kein Gemüse, Nichts Eßbares. Nur Blumen. Einen Blumengarten hab ich mir angelegt mitten unter den fünfundachtzig Gemüsegärten. Es war deshalb eine große Aufregung in der Kolonie. Am liebsten hätten mich die Leute ins Narrenhaus geschickt.“ Er lächelte wieder, lehnte sich zurück und sagte:„Gut hat er Sie beschrieben, unser Freund. Er hat mir ge- sagt, daß Sie wie ein junges Mädchen erröten und daß Sie Augen haben, die nicht lügen können.“ „Wer? Von wem sprechen Sie?” ‚Von Novak. Von wem denn sonst? Er hat mir gesagt, daß Sie einmal kommen werden, um mit ihm zu spre- chen. Er hat mir genau beschrieben, wie Sie aussehn und wie Sie sich benehmen. Er hat mir auch gesagt, daß Sie wenig reden. Ich hab Sie nach der Beschreibung sofort erkannt. Es ist schon lange her, seit er zum ersten- mal von Ihnen gesprochen hat. Vielleicht schon zwei Jahre. Und gestern hat er wieder von Ihnen gespro- chen. Wahrscheinlich, weil Havelka verhaftet worden ist.— Jetzt sind Sie wieder rot geworden, Herr Rada. Oder ist es ein Irrtum? Sind Sie nicht der Herr Rada? In diesem Fall müßte ich um Entschuldigung bitten.‘ 111 ,, Ich heiße Rada." ,, Ich werde lieber abschließen." Musil verschloß die Tür, kehrte zum Tisch zurück, setzte sich und sagte: ,, Novák hat nie in diesem Haus gewohnt. Er wechselt vorsichtshalber oft die Wohnung, er hat seit dem 15. März 1939 eigentlich keine ständige Wohnung mehr. Wer mit ihm sprechen will, muß zu mir kommen. So ist das, Herr Rada." ,, Ich verstehe. Verübeln Sie mir nicht, daß ich zuerst nicht sagen wollte..." ,, Sie haben recht gehabt. Vorsicht ist notwendig.- Wollen Sie mit Novák zusammenkommen? Oder soll ich ihm etwas bestellen?" ,, Ich muß mit ihm sprechen." ,, Kommen Sie morgen um diese Zeit. Sie werden ihn hier antreffen." ,, Danke. Ich werde kommen." Rada stand auf. ,, Bleiben Sie noch ein Weilchen", sagte Musil. ,, Es freut mich, daß Sie gekommen sind. Novák hat erst unlängst gesagt: ,, Es wäre gut, wenn Rada einmal käme." Aber er wollte nicht drängen. Er hat gesagt: ,, Wenn seine Zeit gekommen sein wird, kommt er auch ohne Drängen." ,, Sie sind demnach einer seiner engsten Mitarbeiter." ,, Ich bin sein Briefträger. Wir haben alles so eingerichtet, daß niemand direkt mit ihm in Verbindung steht." ,, Die Gärtnerei ist also nicht Ihr einziges Steckenpferd?" ,, Jetzt nicht mehr. Aber bis neununddreißig... Wissen Sie, ich steh allein in der Welt. Ich hab keine Frau, keine Verwandten, keinen Anhang. Ich bin jahrelang nach Holleschowitz zu meinen Blumen gegangen, wie 112 ein anderer zu seiner Familie oder zu seiner Geliebten geht. Ich hab nichts andres gewollt und nichts andres gebraucht. Ich war ein glücklicher Mensch. Jetzt, natürlich, jetzt stehn die Blumen nicht mehr an erster Stelle. Jetzt hab ich an wichtigere Sachen zu denken." ,, Und gefährlichere." ,, An die Gefahr denk ich nicht, Herr Rada. Man soll nie an die möglichen Gefahren denken. Man soll nur an das Ziel denken. Wenn ich an das Ziel denke, kommt es mir lächerlich vor, um mein Leben besorgt zu sein.- Haben Sie übrigens etwas über Ihren Sohn gehört? Novák hat mir erzählt, daß Sie fortwährend an Ihren Sohn denken." ,, Ich habe nichts gehört." ,, Es ist gut, daß Sie mit Novák zusammenkommen. Sie werden sehn: Man vergißt alle Sorgen, wenn man etwas Nützliches tut. In kurzer Zeit werden Ihnen Ihre privaten Sorgen armselig vorkommen. Stellen Sie sich den schlimmsten Fall vor. Nehmen Sie an, daß Ihr Sohn nicht mehr lebt. Es ist traurig, sich so etwas vorzustellen, ich geb es zu. Aber Sie müssen bedenken, daß durch Hitler Millionen Menschen zugrunde gehn. Jeder, der durch Hitler zugrunde geht, hat Eltern oder eine Frau oder Kinder. Die wenigsten stehn allein in der Welt da wie ich. Wohin kämen wir, wenn die Millionen Hinterbliebenen immer nur an den Verlust dächten, den sie erlitten haben? Alle diese Millionen Menschen müssen an Hitler denken und nicht an ihre Toten! Nur so kann die Welt von der Pest befreit werden. Jetzt will ich Ihnen aber noch etwas zeigen, Herr Rada." - Musil ging in die Küche und kehrte mit einem Asternstrauß zurück, der in einer Vase zu verblühn begann. 8.084 113 ,, Sehn Sie", sagte er ,,, diese Astern hab ich auf dem Hof dieses Hauses gepflanzt. Es ist kein Garten da und kein Fleckchen Erde, das sich zur Gärtnerei eignet. Und trotzdem hab ich dem steinigen Hof diese Blumen entlockt. Ist es nicht schön?" 15 Rada fuhr nach Hause. Er hatte kein leichtes Herz, aber ihm war seltsam froh zumute. Er wußte, daß sein Leben von morgen an gefährdeter sein werde als das Leben eines Soldaten, der in der vordersten Feuerlinie steht; trotzdem war ihm, als ob er wie durch ein Wunder zu einem neuen, reicheren Leben erweckt worden wäre. Ihm war, als ob er von den Toten auferstanden wäre. Es wurde ihm bewußt, daß er blind und taub gewesen war und endlich nach langer Zeit wieder sah und hörte. Er sah die Menschen an, die er lange Zeit nicht angeblickt hatte. Er sah die Brüder und Schwestern, die seit langer Zeit leiden mußten wie er; er hatte ihre Leiden nicht sehen wollen, weil sein eigenes Leid, sein eigenes Unglück ihn von allen Menschen getrennt hatte. Er fühlte zum ersten Male, daß diese Menschen, die gleich ihm leiden mußten, seine Brüder und Schwestern waren. Er sah neben seinen Brüdern und Schwestern die Feinde. Der Anblick der Brüder und Schwestern gab ihm Kraft. Aber auch der Anblick der Feinde gab ihm Kraft. Hinter dem Nationaltheater stieg er aus. Ein deutscher Offizier und ein SS- Mann gingen vorüber. Sie gingen stolz und selbstbewußt, als ob ihnen die Stadt gehörte. Sie gingen, als ob ihnen die Welt gehörte. Sie gingen, 114 als ob ihnen nichts geschehen könnte. Rada, der seit dem 15. März 1939 vor dem Anblick jedes deutschen Offiziers und jedes SS- Mannes zurückgescheut war, blickte die beiden an und fühlte, daß auch ihr Anblick ihm Kraft gab. Von allen Menschen und von allen Häusern strömte ihm Kraft zu. Die Häuser waren totenstill. Die Mörder gingen um, die Häscher und Mörder, die der Mördergeneral Heydrich aussandte. In jedem Hause warteten Menschen auf das Eindringen der Mörder. In jedem Hause fragte ein Mensch das unbekannte Schicksal: Komm ich heute dran? Oder mein Nachbar zur Linken oder mein Nachbar zur Rechten? Wenn in einer Wohnung die Mörder erschienen und ihr Opfer packten, blieb es in allen anderen Wohnungen totenstill. Rada ging langsam, er dachte an seine Nachbarn. Er dachte: Die Mörder werden mich holen, und in den Nachbarwohnungen wird es totenstill bleiben. Die Nachbarn werden an den Gucklöchern ihrer Wohnungstüren stehen und sehen, wie die Mörder mich packen und mich über die Treppe schleifen. Er malte sich diese Szene aus, sie erschreckte ihn nicht. Er dachte an die Mörder und an die Nachbarn, nur an Marie wollte er nicht denken. Aber als er vor dem Tor seines Hauses anlangte, dachte er nur noch an Marie. Sie wußte nichts von seinem Entschluß. Er hatte ihr nichts gesagt, weil er wußte, daß er von nun an keiner Herzensregung mehr nachgeben durfte, die seine Kraft lähmte. Von allen Menschen und von allen Häusern, in denen Menschen litten und das Nahen der Mörder erwarteten, strömte ihm Kraft zu, nur von einem Menschen und von einem Hause nicht. Er wußte nicht, ob Marie seinen Entschluß billigen werde; deshalb strömte 8* 115 ihm von Marie keine Kraft zu, und das Haus, das er betrat, lähmte seinen Schritt. Im Hausflur blieb er stehen. Das Haus war totenstill, Er stand im Dunkeln, an das Haustor gelehnt, und dachte an Marie. Wenn ein Unglück ihn ereilte, traf es auch sie. Wenn ein Unglück sie ereilte, traf es auch ihn. Ob es ihn oder ob es sie ereilte, es machte keinen Unterschied. Weder er noch sie hatten es jemals gesagt, aber es war niemals nötig gewesen, es zu sagen. Er und Marie, sie waren eins. Sie waren in den vielen Jahren ihrer Ehe eins geworden. Aber in den letzten Tagen hatte er trotzdem Marie seine Gedanken verheimlicht. In den letzten Tagen hatte er an den Abend gedacht, den er mit Marie einige Monate nach Edmunds Verschwinden in einem Kino verbracht hatte. Marie hatte an diesem Kinoabend einmal laut aufgelacht wie in alten Zeiten. Damals hatte er gedacht: Vielleicht ist sie stärker als ich. Vielleicht ist sie schwächer als ich. Wir sind nicht eins geworden. Vielleicht können zwei Menschen nicht eins werden. Er dachte: Ich weiß nicht, ob sie meinen Entschluß billigen wird. Was geschieht, wenn sie ihn nicht billigt? Er dachte diese Frage zu Ende. Da er erkannt hatte, daß es nicht darauf ankam, ob Edmund noch lebte, kam es auch nicht darauf an, ob Marie den Entschluß, der vielleicht ihr Todesurteil war, billigte. Rada ging auf seine Wohnungstür zu und öffnete sie. Marie brachte das Essen. Nach dem Essen ging sie in die Küche. Sie säuberte die Küche, dann bügelte sie Radas Hemden. Es kränkte sie, daß seine Hemden. rissig wurden. Ein Hemd war eine Kostbarkeit geworden. Es war Mitternacht, als Marie mit ihrer Arbeit fertig war. Als sie das Zimmer betrat, saß Rada bei 116 Tische, als ob er sich seit dem Essen nicht bewegt hätte. ‚‚Warum gehst du nicht schlafen?‘ fragte Marie.„Es ist Mitternacht.” „Ich bin nicht schläfrig‘, sagte Rada.„‚Komm, setz dich zu mir.” „Jetzt? Willst du heute nicht schlafen gehn?” Sie setzte sich erstaunt an den Tisch und fragte:„Was ist los? Ist etwas vorgefallen?” Er suchte nach Worten. Er sagte:„Havelka ist verhaftet worden.“ „‚Mein Gott!” Marie seufzte.„Warum haben sie ihn ver- haftet?” „Du weißt, daß man die Leute meistens grundlos ver- haftet. Aber mit Havelka war das anders. Er ist ein Kämpfer.” „Was werden sie ihm tun? Er wird hingerichtet wer- den.” „Das fürchte ich auch.” „Was für eine Welt ist das, in der wir leben müssen! Wie die Tiere leben wir, die jeden Augenblick auf den Schlachthof gebracht werden können. Ärger als die Tiere. Die Tiere wissen wenigstens nicht, was ihnen be- vorsteht.” Rada hörte ihr reglos zu und schwieg. „Geh schlafen“,'sagte Marie.„Du kannst ihm nicht helfen. Es nützt ihm nichts, daß wir hier sitzen und nicht schlafen.” Rada legte die rechte Hand auf Maries Rechte, die auf dem Tisch ruhte, und sagte:„‚Marie, es geht nicht so weiter, Ich kann nicht länger untätig zusehn, wie andre für uns kämpfen und ihr Leben riskieren. Ich muß meine Pflicht erfüllen.” 117 Maries Gesicht wurde weiß und fahl. ,, Erschrick nicht", sagte Rada. ,, Du mußt tapfer sein." Maries Hände zitterten. Sie blickte Rada nicht an. Sie blickte auf seine und ihre Hände nieder. Seine Hand, die auf der ihren lag, zitterte nicht. ,, Hat Havelka einer unterirdischen Organisation angehört?" fragte Marie. ,, Darüber darf ich nichts sagen", antwortete er. ,, Selbst dir nicht. Ich darf dir auch nicht sagen, ob ich einer Organisation beitreten werde. Das weiß ich übrigens selber noch nicht. Aber ich hab mich entschlossen, an dem Kampf teilzunehmen. Ich will den Kampf unterstützen, soweit es in meinen Kräften steht. Ich muß etwas tun, den Feind bekämpfen. Mehr kann ich dir nicht sagen. Das mußte ich dir aber sagen, weil die Gefahr, der ich mich aussetze, dich ebenso wie mich bedroht." Marie befreite ihre Hand und legte sie auf die seine. ,, Ich fürchte mich nicht", sagte sie. ,, Marie", sagte er ,,, du gibst mir also recht? Du siehst ein, daß es meine Pflicht ist?" Marie erhob sich und trat vor die Kommode, auf der Edmunds Photographien standen. Sie blickte den vierjährigen Edmund an, der einen Matrosenanzug trug. Sie blickte den Elfjährigen an, der die ernsten, besorgten Augen seines Vaters hatte. Sie blickte den Achtzehnjährigen an. So hatte er ausgesehen, als er verschwunden war. Rada blieb sitzen und betrachtete den schmalen Rücken der Frau. Als sie sich umdrehte, war ihr Gesicht verwandelt. In ihren Augen standen Tränen, aber sie lächelte. Sie sagte: ,, Einmal hab ich mit ihm darüber gesprochen. Jetzt kann ich es dir erzählen. Er hat mich gefragt, ob du einer Kampforganisation angehörst. Ich weiß nicht', 118 hab ich gesagt ,, er hat mir nichts gesagt. Ich glaub, er hätte es mir gesagt. Aber vielleicht darf er es nicht sagen. Es ist möglich', hab ich gesagt. Darauf hat Edmund gesagt:, Ich wär froh, wenn er einer der Kämpfer wäre." ,, Ist das wirklich wahr?" fragte Rada. Er wußte, daß Marie nicht log. Edmunds Ausspruch beglückte ihn so sehr, daß er nicht wußte, was er redete. ,, Ja", sagte Marie ,,, und ich, ich hab gesagt, daß ich große Angst um dich hätte, wenn du einer der Kämpfer wärst, weil du keine Erfahrung hast. Darauf hat Edmund gesagt:, Und doch wärst du froh, Mutter."" Rada schwieg. Er saß still und reglos, aber Marie sah, daß er glücklich war. ,, Wie dich das freut!" sagte sie. ,, Seit vielen Jahren hab ich dich nicht so glücklich gesehn." ,, Ich freu mich", sagte Rada. ,, Du weißt nicht, was das für mich bedeutet. Ich hab wohl vermutet, daß er es von mir erwartet. Aber jetzt weiß ich es." ,, Du mußt schlafen gehn", sagte Marie. ,, Es ist spät geworden." ,, Und du", sagte er ,,, ist es auch dein Wunsch gewesen?" ,, Nein", sagte sie zögernd ,,, so eine Heldin bin ich nicht. Ich werde keine ruhige Stunde mehr haben. Aber ich will nicht, daß du mir zuliebe nicht tust, was du für deine Pflicht hältst. Ich werde tapfer sein, das kann ich dir versprechen." ,, Setz dich noch eine Minute zu mir", bat er. ,, Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Heydrich mordet nicht nur die Männer, die gegen ihn etwas unternehmen, er mordet auch ihre Frauen, ihre Angehörigen, ihre Familien. Das weißt du ebensogut wie ich. Des119 halb schlage ich vor, daß du morgen über die Grenze gehst. In die Slowakei zunächst; das ist nicht allzu schwer. Dort wird dich niemand suchen. Und wenn sie dich dort suchen, kannst du weiterwandern, nach Ungarn. Dort kannst du dich noch leichter verstecken. Das halte ich für vernünftig. Du befreist mich dadurch von einer großen Sorge. Denn wenn man mich erwischt- gut, dann hat man mich eben erwischt, und ich bezahle mit meinem Leben. Aber ich weiß dann wenigstens, daß du in Sicherheit bist und daß Heydrich dir nichts antun kann." Marie hatte ihn stehend angehört. Jetzt setzte sie sich und sagte: ,, Ist das dein Ernst? Und du glaubst, daß ich ginge und dich hier allein ließe?" ,, Ich will es so haben." ,, Aber du weißt, daß ich dir diesen Wunsch nicht erfüllen kann. Jetzt bitte ich dich nur um eins: Sprich nicht mehr davon. Wenn man dich hinrichtet, wird man auch mich hinrichten. So soll es sein, ich will es nicht anders haben. Wenn du mir widersprichst, nimmst du mir den Mut. Das kannst du doch nicht wollen." Rada sagte nichts mehr. Er stand auf. Auch Marie stand auf. Sie gingen schlafen. Am Morgen griff er nach der Zeitung, ehe er ins Amt ging. Wie die meisten Tschechen las er an jedem Morgen die Liste der Todesopfer des gestrigen Tags. ,, Marie", rief er, die Zeitung in den zitternden Händen haltend. Sie kam aus der Küche und warf einen Blick auf die Liste der Hingerichteten. Sie las: ,, Die folgenden Personen wurden vom Volksgericht zum Tode verurteilt. Die Todesurteile wurden gestern vollstreckt. Jaromir Havelka, geboren in Tábor, wohnhaft in Prag, 51 Jahre alt. 120 Ludmila Havelkovä, geboren in Chot&bor, wohnhaft in Prag, 48 Jahre alt. Väclav Havelka, geboren in Prag, wohnhaft in Chocen, 23 Jahre alt. Vladimir Havelka, geboren in Prag, wohnhaft in Prerov, 21 Jahre alt.“ Rada ließ die Zeitung zu Boden fallen. „Geh in die Slowakei“, sagte er.„Ich bitte dich: geh.”! „Nein“, sagte Marie.„Ich bleibe hier.“ 16 Um acht Uhr abends betrat Rada die Wohnung des Haus- besorgers Musil. Noväk wartete bereits. Er saß am Tisch, auf dem eine Eisenbahnkarte lag, die er studierte, Er stand nicht auf, sondern reichte Rada sitzend die Hand und sagte:„Schön, daß Sie kommen. Sperr die Tür zu, Emil.”: Musil verschloß die Tür. „Setzen Sie sich zu mir, Herr Rada“, sagte Noväk,„ich zeige Ihnen vor allem auf der Karte, wo unsre starken Positionen sind. Sie müssen sehr gut aufpassen; es ist am besten, nichts Schriftliches zu besitzen. Also machen Sie keine Notizen und behalten Sie im Kopf, was ich Ihnen sage. Am wichtigsten sind für uns selbstverständ- lich die Hauptstrecken, die den größten Teil der Trans- porte nach dem russischen Kriegsschauplatz bewälti- gen. Aber auch jede andere Strecke kann mitunter enorm wichtig werden. Sehr wichtig ist jede Strecke, die Pil- sen berührt, denn die Skodawerke sind die zweitgrößte Waffen- und Munitionsfabrik, die der Feind besitzt. Ich 121 zeige Ihnen jetzt die größten Widerstandszentren, die wir haben." Er drückte den Mittelfinger der rechten Hand auf eine Stelle der Eisenbahnkarte. ,, Hier ist ein großer Teil der Beamtenschaft und die gesamte Arbeiterschaft im Dienst unserer Organisation tätig, hier läßt sich viel machen. Ebenso hier." Er drückte den Mittelfinger auf eine andere große Station. ,, Weiter: hier. Und hier. Und hier." Der Mittelfinger wanderte von einer Station zur andern. ,, Das sind unsere stärksten Festungen auf den Hauptstrecken. Haben Sie sich die Stationen gut gemerkt? Wiederholen Sie die Stationsnamen, Herr Rada." Der Mittelfinger blieb auf dem Kreis, der die zuletzt genannte Station bezeichnete, haften. Rada betrachtete gebannt die verstümmelte Hand, den kräftigen Mittelfinger, der die Weisungen gab. Den Zeigefinger hat ihm eine Maschine abgehackt, dachte Rada; tut es sehr weh, wenn einem ein Finger abgehackt wird? Während er diesem Gedanken nachhing, sagte er wie ein Schüler in der Geographiestunde die Namen der Stationen auf, die Novák genannt hatte. ,, Jetzt nenne ich Ihnen die Stationen, auf die wir uns im Umkreis der Skodawerke verlassen können", sagte Novák. ,, In Pilsen selbst wollen wir nichts versuchen, weil dort die Gestapo eine ganze Spitzelarmee in Bereitschaft hält. Wohin man spuckt auf dem Pilsener Bahnhof- überall sind zehn Gestapospitzel. In Prag ist es nicht anders." ,, Trotzdem ist kürzlich in Karolinenthal ein Munitionszug entgleist." ,, Richtig. Aber diese Aktion hat große Opfer gefordert. Wir wollen künftig womöglich Aktionen innerhalb des Prager Rayons vermeiden. Ich zeige Ihnen jetzt un122 sere wichtigsten Bastionen in der Umgebung der Skodawerke." Novák nannte einige Stationsnamen. Der Mittelfinger wanderte auf der Karte von einer Station zur andern. ,, Wollen Sie die Stationsnamen wiederholen?" Rada sagte die Stationsnamen auf. ,, Gut. Jetzt müssen Sie noch wissen, wo unsere verläẞlichsten Streckenwärter sind", sagte Novák. ,, Das ist nicht mehr so leicht im Kopf zu behalten, es sind zu viele. Aber es ist nicht notwendig, daß Sie sich jedes Wärterhäusel merken. Es genügt, wenn Sie sich merken, auf welchen Teilstrecken wir am leichtesten arbeiten können." Wieder wanderte der Mittelfinger auf der Karte umher. Novák nannte Zahlen. Jede Zahl bedeutete ein Wärterhaus. ,, Langsam, bitte", sagte Rada ,,, ich will mir die Zahlen ins Gedächtnis einprägen." ,, Das ist unmöglich. Sie werden gleich sehn." Novák nannte sehr viele Zahlen. ,, Alle diese Zahlen können Sie nicht im Kopf behalten", sagte er dann.. ,, Nein, ein so gutes Gedächtnis hab ich nicht", sagte Rada. ,, Aber wenn ich mir diese Zahlen notiere, kann ich sie im Laufe einer Woche auswendig lernen. Ich würde die Notizen nach einer Woche vernichten. Selbst wenn die Gestapo den Zettel bei mir fände, könnte sie nicht erraten, was er bedeutet." Novák überlegte. ,, Gut", entschied er ,,, notieren Sie die Zahlen. Glauben Sie, daß Sie alle Zahlen innerhalb einer Woche Ihrem Gedächtnis einprägen können wie ein Gedicht?" ,, Ich will es versuchen. Ich hab eine unglaubliche Anzahl ganz unwichtiger Tarife im Kopf, die mich längst nichts mehr angehen." 123 „Aha“, sagte der Portier, der am Fenster stand,„das ist also Ihr Steckenpferd.” „Es ist nicht mein Steckenpferd”, sagte Rada lächelnd, „aber wenn ich eine Arbeit übernehme, streng ich mich an. „Das wird uns zugute kommen”, sagte Noväk.„Versu- chen Sie also, die Zahlen auswendig zu lernen. Und ver- nichten Sie den Zettel, den Sie jetzt mitnehmen, für alle Fälle nach einer Woche. Er diktierte die Zahlen. Rada schrieb. „Werden Sie aber wissen, was die Zahlen bedeuten?” fragte Novak, nachdem er alle Zahlen diktliert hatte. „Ja. Die Lage der Wärterhäuschen finde ich in den Streckenverzeichnissen, die in der Abteilunglll liegen.“ „Our. Noväk faltete die Eisenbahnkarte zusammen und steckte sie in die Tasche. Dann sagte er:„Herr Rada, es freut mich, daß Sie mit uns arbeiten wollen.“ „Es ist meine Pflicht”, sagte Rada. Er blickte Novak in die Augen und sagte:„Ich habe den besten Willen. Sie müssen mich aber anleiten. Ich bin kein politischer Kopf, ich bin nie ein politischer Kämpfer gewesen. Ich war zwar im vorigen Weltkrieg Legionär, aber damals hab ich in Reih und Glied gekämpft. Das war nicht schwer.” „Auch jetzt werden Sie in Reih und Glied kämpfen.“ „Soll ich Ihrer Organisation beitreten?” „Außerlich soll sich gar nichts ändern, Herr Rada. Es ist vollkommen überflüssig, daß wir Ihnen einen Eid ab- nehmen. Wir brauchen das nicht. Wir wollen auch keine feierlichen Erklärungen von Ihnen. Sie sagen, daß Sie uns helfen wollen, das genügt.” „Ich will helfen.” „Das genügt.” 124 „Sie müssen mir aber sagen, was ich zu, tun habe. Sie sagten mir vor zwei Jahren, daß in der Abteilung III einige Mitglieder Ihrer Organisation sitzen. Wissen Sie und wissen Ihre Mitkämpfer in der Abteilung III, daß Fobich gestern meinen Aufgabenkreis sehr wesentlich erweitert hat?“ „‚Nein. Das ist mir neu.” „Seit gestern bin ich in alle Geheimnisse der Abtei- lung III eingeweiht. Fobich schenkt mir blindes Ver- trauen. Ich bin außer ihm der einzige Beamte in der Ab- teilung III, der von allen Truppen-, Waffen- und Muni- tionstransporten Kenntnis hat. Ich kann Ihnen Tag für Tag sagen, welche Transporte an die Front abgehen und wann jeder Militärzug diese oder jene Station passieren wird.‘ „Das ist ein unerwarteter Glücksfall, Herr Rada. Auf diese Art werden Sie uns unermeßliche Hilfe leisten können.”. „Das hoffe ich. Sie haben mir nur zu sagen, mit wem ich zusammenarbeiten soll und wie Sie sich meine Ar- beit vorstellen.“: Novak stand auf und ging in dem Zimmer auf und ab. Er dachte nach. Rada blickte den Zettel an, auf dem er die Zahlen notiert hatte; er begann sie lautlos zumemo- rieren. Musil saß am Fenster und hantierte an seinen Blumentöpfen. Endlich sagte Noväk:„Passen Sie auf, Herr Rada. Du mußt auch aufpassen, Emil. Komm, setz dich zu uns.” Novak und Musil setzten sich an den Tisch. „Ihre Aufgabe, Herr Rada“, sagte Noväk,„wird ganz einfach sein. Ich sage nicht, daß sie ungefährlich sein wird, aber sie wird sehr einfach sein. Uns interessieren nicht Kleinigkeiten. Uns interessieren nur wichtige Trans- 125 porte. Ein mit deutschen Soldaten vollbeladener Zug, der an die Front geht, interessiert uns. Ein mit Tanks oder mit andern Waffen vollbeladener Zug, der nach Rußland rollt, interessiert uns. Kleinere gemischte Transporte interessieren uns nicht. Zivilverkehr interessiert uns überhaupt nicht. Wenn ein großer Truppen- oder Waffentransport avisiert ist, gehen Sie zu Musil. Sie werden ihm sagen, wann der avisierte Zug die Teilstrecken und Stationen passieren wird, die von unseren Leuten bedient werden. Sie müssen die genaue Zeit angeben, wann der Zug die oder jene Station, dieses oder jenes Wärterhäuschen passiert. Auf die Minute genau. Wenn Verspätungen vorkommen, was ja unvermeidlich ist, werden unsere Leute einander schon verständigen. Ist Ihnen alles klar?" ,, Vollkommen." ,, Wenn Musil nicht zu Hause ist oder wenn dieses Haus einmal unsicher wird, rufen Sie abends zwischen acht und neun das Café Slavia an und fragen, ob Herr Ingenieur Meloun dort ist. Dann wird jemand zum Telephon kommen und sagen:, Hier ist Ingenieur Meloun. Wer ist dort? Darauf sagen Sie: Hier ist Baumeister Král. Kann ich Sie morgen wegen des Voranschlags besuchen, Herr Ingenieur?' Darauf wird er sagen:, Bitte, besuchen Sie mich zwischen zehn und elf, wenn es Ihnen paßt. Darauf sagen Sie:, Gut, ich werde kommen.' Dann gehn Sie langsam über die Brücke nach Smíchov. Auf der Brücke wird Sie ein Mann anreden. Ein kleiner, noch junger Mann, etwas über dreißig ist er, Brille trägt er, ein kleines Schnurrbärtchen hat er, wie Hitler oder Charlie Chaplin. Er wird Ihnen die Hand reichen wie ein alter Bekannter und wird sagen: Wie geht's, Herr Král? Dann wird er Sie begleiten, und Sie werden ihm 126 entweder in Ihrer Wohnung oder an einem andern Ort, den Sie mit ihm aufsuchen werden, alles sagen. Haben Sie sich alles gemerkt?" ,, Ja." ,, Wir müssen noch eine weitere Eventualität vorsehen. Falls Sie weder Musil noch Meloun erreichen, rufen Sie die Nummer 15225 an und fragen, ob Ruzena zu Hause ist. Wenn eine Männerstimme Ihnen sagt, daß sie zu Hause ist, sagen Sie: Gut. Ich komme gleich.' Dann gehn Sie aufs Belvedere. Beim Hanauschen Pavillon wird Ihnen ein älterer Herr begegnen, der einen Pudel an der Leine führen wird. Wenn Sie bei diesem älteren Herrn stehenbleiben, wird er zu dem Hund sagen: Komm, Bella. Dann werden Sie wissen, daß Sie den Mann vor sich haben, dem Sie alles sagen können. Geht Ihnen nicht alles im Kopf durcheinander? Werden Sie nicht das eine mit dem andern verwechseln?" ,, Lassen Sie mich alles wiederholen." Rada wiederholte Wort für Wort alle Instruktionen. Der Eifer, mit dem er sich dieser Aufgabe unterzog, entlockte den beiden Zuhörern ein Lächeln. ,, War alles richtig?" fragte er. ,, Vollkommen", sagte Novák. ,, Und ich weiß auch, daß Sie auch in Zukunft alles richtig machen werden." ,, Sonstige Instruktionen sind nicht erforderlich?" ,, Vorderhand nicht. Sie wissen, was Sie zu tun haben. Alles Weitere ist unsere Sache." ,, Ich hab noch eine Bitte", sagte Musil. ,, Wenn alles gut ausgeht und die Nazis vertrieben sein werden und unser Land wieder uns gehört und wir wieder freie Menschen sind, dann, Herr Rada, müssen Sie in den Holleschowitzer Schrebergärten mein Nachbar werden." ,, Aber ich versteh nichts von Gärtnerei, Herr Musil." 127 „Ich werde Sie unterweisen. Sie werden sehn, wie schön es ist, Blumen zu züchten. Es wird Ihnen bestimmt Spaß machen. Sie haben viel Geduld, das seh ich: Sie sind - der geborene Gärtner. Ich seh Sie heute zum zweiten- mal, aber ich weiß jetzt schon, daß es keine angeneh- mere Nachbarschaft im Schrebergarten geben kann. Ich freu mich schon darauf. Sind Sie einverstanden?“ Rada sagte lächelnd:„Glauben Sie, daß wir am Tag der Befreiung noch leben werden?” „Mit solchen Fragen befasse ich mich nicht”, sagte Musil, „Können Sie mir sagen, wie es zugegangen ist, daß Ha- velka...” Rada stockte und blickte Noväk fragend an. „Ein Gestapospitzel war schon seit längerer Zeit hinter ihm her“, erzählte Novak.„‚Irgendein Schwein hat die Gestapo auf ihn aufmerksam gemacht. ‚Ich weiß nicht, warum, aber ich spür, daß mir etwas droht‘, hat er mir schon vor zwei Monaten gesagt. ‚Etwas ist hinter mir her. Jemand ist hinter mir her.‘— ‚Sei vorsichtig‘, hab ich ihm gesagt, ‚zieh dich zurück, solange du dieses widerliche Gefühl hast. Ich kenn das, manchmal hat man solche Ahnungen. Man soll sie nicht leicht nehmen.‘ Aber er— Sie haben ihn ja gekannt, Sie wissen, wie eigensinnig er war. Er hat sich nicht zurückgezogen. Die Zugentgleisung in Karolinenthal war teilweise sein Werk. Er war ein tapferer Mann. Er hat viel geleistet. Diens- tag um neun Uhr abends ist er in seiner Wohnung ver- haftet worden. Ebenso seine Frau. Eine Stunde später hab ich es gewußt. Ich hab überlegt: Was kann ich tun? Ihm und seiner Frau war nicht mehr zu helfen. Ich hab überlegt, ob ich den Kindern helfen kann. Er hatte zwei Söhne. Der ältere hat in Chocen gelebt, der jüngere in Mähren, ich wußte aber nicht, in welchem Ort. Ich mußte 128 ihn also aufgeben. Den älteren Sohn in Choceň wollte ich aber warnen. Ich hab ihn gut gekannt, er war ein guter Junge. Telephonisch warnen konnte man ihn nicht. Telegraphisch auch nicht; kein Telegramm hätte ihn erreicht. Also hinfahren. Zehn Minuten nach zehn war ich auf dem Bahnhof. Während ich beim Schalter steh und die Fahrkarte lösen will, seh ich eine vom Perron kommende Eskorte. Den jungen Havelka. Ich hab noch schnell eine Fahrkarte gekauft, um nicht aufzufallen, dann bin ich der Eskorte nachgegangen. Ich hab gesehn, wie der junge Havelka in ein Polizeiauto hineingestoßen worden ist. Er hat mich nicht gesehn. Ich hab gewußt, daß ich ihn nie mehr sehn werde.- Die Nazis glauben, daß sie uns abschrecken, wenn sie uns und unsere Familien hinrichten. Wenn sie wüßten, was für Menschen wir sind, wüßten sie, daß jede Hinrichtung uns tausendfach in dem Willen bestärkt, immer größere Opfer zu bringen. Vielleicht wird keiner von uns übrigbleiben. Kann dieser Gedanke uns abschrecken? Mich nicht. Und dich auch nicht, Emil. Und Sie auch nicht, Herr Rada." ,, Ich werde meine Pflicht tun", sagte Rada. 17 Eine Woche später, an einem Donnerstag, brachte er zum erstenmal Musil eine Information. Ein aus sechsunddreiBig mit Munition beladenen Waggons bestehender Zug stand abfahrbereit auf einem Rangierbahnhof in Brünn. Es war festgesetzt worden, daß der Zug am folgenden Nachmittag, um 17 Uhr 15, abfahren sollte. Rada gab an, zu welcher Stunde und Minute der Zug die Stationen passieren würde, deren Personal der unterirdischen 9.084 129 Organisation angehörte; überdies hatte er ausgerech- net, wann der Zug die Wärterhäuschen passieren würde, die als Stützen der unterirdischen Organisation in Be- tracht kamen. Er nannte die Nummer jedes Wärterhäus- chens und die Stunde und Minute, zu der sich der Zug an jedem dieser Wärterhäuschen vorbeibewegen würde. Er hatte ein übriges getan und auch ausgerechnet, zu welcher Stunde und Minute der Zug jeden Tunnel pas- sieren würde, der auf der Hauptstrecke lag. ‚Wunderbare Arbeit‘, sagte Musil. „Von den Tunnels hat Noväk nichts gesagt”, bemerkte Rada.„Es ist mir eingefallen, daß es unter Umständen vorteilhaft sein könnte, den Zug in einem Tunnel ent- gleisen zu lassen. Aber vielleicht ist das ein dummer Einfall.” Es stellte sich heraus, daß Musil nicht imstande war, die vielen Zahlen und Zeitangaben im Gedächtnis zu behal- ten.„Ich hab schon als Bub fortwährend Unannehm- lichkeiten gehabt, weil ich nicht imstande war, mir etwas zu merken”, sagte er.„Ich merk mir diese Zahlen nicht auswendig, und wenn man mich erschlägt. Selbst wenn ich wüßte, daß Hitler selber in dem Zug sitzt, den wir auf's Korn nehmen, könnte ich mir die vielen Zahlen nicht merken. Ich muß mir alles aufschreiben.“ Er nahm einen Zettel und notierte alle Angaben. „Hoffentlich gelingt alles‘, sagte Rada. „Wissen Sie“, fragte Musil,„wie lang wir eine solche Aktion vorzubereiten pflegen? Wochenlang! Die Ent- gleisung in Karolinenthal haben wir sechs Wochen vor- bereitet. Ich geh jetzt zu Novak und bring ihm diesen Zettel. Es ist möglich, daß ich Novak stundenlang suchen muß, denn er übernachtet bald da, bald dort. Aber selbst wenn ich ihn gleich finde, ist es äußerst unwahrschein- 1350 lich, daß die Sache klappt. Sie müssen sich vorstellen, wie wenig Zeit wir haben. Morgen um 17 Uhr 15 ver-- läßt der Zug den Brünner Bahnhof. Bis dahin müssen alle Vorbereitungen fix und fertig getroffen sein. Wir‘ arrangieren nichts telephonisch, es ist zu gefährlich. Novak oder ein andrer Mensch, dem er den Auftrag gibt, muß den vorgesehenen Platz, wo der Zug entgleisen soll, noch heute nacht aufsuchen. Er muß die Leute fin- den, die mit der Aktion betraut werden. Ob diese Leute die Möglichkeit haben, in so kurzer Zeit alles vorzube- reiten, hängt von hundert Zufällen ab. Kurz, es wäre ein Wunder, wenn die Sache gelänge. Nur Aktionen, die auf längere Sicht geplant werden, haben Aussicht auf Er- folg.“ Rada war enttäuscht. „Es kommt selten vor, daß die Abfertigung eines nicht fahrplanmäßigen Zugs auf lange Sicht festgesetzt wird”, sagte er.„Mehr als vierundzwanzig Stunden werden wir kaum jemals Zeit haben.” „Lassen Sie nicht den Kopf hängen, Herr Rada. Sie ha- ben, wie gesagt, wunderbare Arbeit geleistet. Und No- vak wird bestimmt alles Menschenmögliche tun, damit die Sache klappt. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, gelingt es gewöhnlich. Wenn er der Meinung ist, daß die Sache trotz der knappen Vorbereitungszeit gemacht werden kann, wird sie gemacht. Jetzt fahr ich zu ihm. Wenn ich Glück hab, kann ich in zwanzig Minuten alles mit ihm besprechen. Gehn Sie jetzt ruhig nach Hause und denken Sie möglichst wenig an die ganze Sache. Sie sind ein Neuling auf diesem Gebiet, und ich weiß aus Erfahrung, daß man an eine solche Sache nicht mehr denken soll, wenn man nichts mehr direkt mit ihr zu tun hat. Wenn Sie nächstens wieder einen schönen Mu- 9* 131 nitionszug oder einen Zug, der schöne große Tanks an die Front befördert, oder einen schönen Truppentransport zu avisieren haben, kommen Sie wieder." Rada ging. Er hatte nach der Mittagspause die Dispositionen, die den morgen um 17 Uhr 15 vom Brünner Rangierbahnhof abgehenden Munitionszug betrafen, erfahren. Er war beauftragt worden, den Zug in den morgigen Eisenbahnverkehr einzuschalten und die Termine zu berechnen. Er war mit dieser Arbeit um vier Uhr fertig gewesen. Dann hatte er die Abschrift seiner Berechnungen unter den Aktenstücken, mit denen er sich an diesem Tag zu befassen hatte, verborgen. Dann hatte er die Berechnungen durchgeführt, die der geplanten Aktion dienen sollten. Dann hatte er heimlich die Zahlen und Termine memoriert, während er sich scheinbar mit unverfänglichen Aktenstücken befaßt hatte. Fräulein Puhl hatte ihn oft gestört. Es war nicht ausgeschlossen, daß sie ihn überwachte. Er hatte sich vor Augen gehalten, daß der kleinste Irrtum, der geringste Gedächtnisfehler alles verderben könne. Es war eine Nervenanspannung sondergleichen gewesen. Trotzdem hatte er diese ungewohnte, ungewöhnliche Leistung mit der ruhigen, unbeirrbaren Beharrlichkeit vollbracht, die ihm infolge seiner langjährigen bürokratischen Tätigkeit in Fleisch und Blut übergegangen war. Während er seiner revolutionären Pflicht nachkam, blieb er der auf nichts als die Verläßlichkeit der von ihm errechneten Zahlen und Termine bedachte Beamte. Über die Folgen hatte er weder während der Arbeit noch auf dem Wege zu Musil nachgedacht. Jetzt erst, auf dem Heimweg, dachte er an die Folgen. Er war nicht in eine Elektrische eingestiegen, weil er in dieser Stunde allein sein wollte. Er ging durch belebte 132 Straßen, aber er war allein und einsam wie in einem einsamen Wald. Er hatte nicht das Gefühl, heute über die Maße seines bescheidenen Daseins, seiner bescheidenen Fähigkeiten und seines bescheidenen Lebenszwecks hinausgewachsen zu sein. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß er heute die Unerschrockenheit eines Helden an den Tag gelegt hatte. Er hätte geglaubt, daß man ihn verspotte, wenn man ihm gesagt hätte, daß er eine sehr schwere, sehr großen Mut erfordernde Aufgabe gelöst habe. Aber es wurde ihm auf dem Heimweg bewußt, daß er heute seine alten Pflichten, die ihm eine schwere und geliebte Last gewesen waren, abgeworfen hatte, weil die neue, schwerere Pflicht es erforderte. Der Abschied von seinen alten Pflichten fiel ihm schwer. Er hatte jahrzehntelang geglaubt, die Erfüllung dieser Pflichten sei der Inhalt seines Lebens. Aber sein Leben gehörte nicht mehr ihm. Er hatte den Wert seines Lebens nie hoch eingeschätzt. Er hatte nie über sich und den Wert seines Lebens nachgedacht, aber es war ihm immer klar gewesen, daß ein kleiner Beamter, der nur auf das Wohlergehen seiner Familie bedacht ist, den Wert seines Lebens nicht hoch einschätzen dürfe. Es gab unzählige kleine Beamte, die nur auf das Wohlergehen ihrer Familien bedacht waren. Jeder einzelne war ein unwichtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft, aber jeder einzelne hatte seine Daseinsberechtigung, solange er auf das Wohl seiner Familie bedacht war. Auch er, Josef Rada, hatte aus diesem Grund seine Daseinsberechtigung gehabt. Heute hatte er aufgehört, auf das Wohl seiner Familie bedacht zu sein. Er war nicht mehr der Beschützer, sondern aller Voraussicht nach der Verderber seiner Familie. Wenn Edmund und Marie von den Henkersknechten ergriffen und hingerichtet wur133 den, war es sein Werk, seine Schuld, das Werk und die Schuld des Familienvaters. Die neue grausame Pflicht, die er heute erfüllt hatte, mußte von heute an den Inhalt seines Lebens bilden. Er war zufrieden, weil er seine Pflicht erkannt hatte. Er war zufrieden, weil er der Gefahr, seine Pflicht nicht zu erkennen, entronnen war. Da er dieser Gefahr entronnen war, konnte ihm nichts mehr geschehen. Der Tod schreckte ihn nicht. Auch der Tod seiner Angehörigen, den er vor Augen sah, schreckte ihn nicht. Und es schreckte ihn nicht der Tod der Menschen, den er verschulden mußte, wenn er seine Pflicht erfüllte. Er hoffte, daß die Zugentgleisung oder die Zugexplosion, die morgen mit seiner Hilfe erfolgen sollte, mit geringen Menschenopfern verbunden sein werde. Er wußte aber, daß eine solche Aktion unweigerlich Menschenopfer erfordere, und er schreckte vor diesem Wissen nicht zurück. Er dachte an die tschechischen Eisenbahnbediensteten, die den Munitionszug entgleisen ließen oder die Explosion des Munitionszugs bewerkstelligten. Er bewunderte sie. Und er bedauerte, daß es ihm nicht beschieden war, mit ihnen den Triumph auszukosten, den sie im Augenblick des Todes erlebten. Denn dieser Augenblick der höchsten Pflichterfüllung, der dem Leben ein Ziel setzte, war die Krönung des Lebens, die ihm vorgeschwebt hatte, als Edmunds Ruf an sein Ohr gedrungen war. Es war spät geworden, die Nacht war angebrochen. Die Stadt war so dunkel, daß es Rada mühelos gelang, wie in einem einsamen dunklen Wald einsam und allein zu sein. Er ging zufrieden nach Hause. Seine Wangen, die während der Unterredung mit Musil bleich und fahl gewesen waren, nahmen ihre natürliche Färbung an. Die 134 ernsten, graublauen Augen blickten so wenig besorgt wie in den vergangenen Zeiten der Ruhe und Sicherheit. Er begrüßte Marie nicht anders als an jedem Abend, er aẞ ruhig und ging ohne Unruhe zu Bett. Er sagte Marie nicht, was er heute getan hatte. Es war nicht notwendig, es ihr zu sagen; es wäre töricht gewesen, ihre Unruhe zu vergrößern. Sie war unruhig. Sie hatte keine ruhige Minute mehr, seit sie wußte, daß er sich entschlossen hatte, den Kämpfern zu helfen. Sie bekämpfte ihre Unruhe mit dem Arbeitsfieber, das ihr eine Zeit lang geholfen hatte, den Schmerz über Edmunds Verschwinden zu betäuben. Sie arbeitete noch in der Küche, als er zu Bett ging. Er löschte das Licht aus und überdachte alle Ereignisse des vergangenen Tags. Hatte er alle Zahlen richtig memoriert? Hatte er keine Einzelheit außer acht gelassen, die geeignet war, den Erfolg der Aktion zu erleichtern? Er hoffte, keinen Fehler begangen zu haben. Er war sicher, das höchste Maß seines Könnens und Wollens an diesem Tag erreicht zu haben. Er war zufrieden. Trotzdem konnte er nicht einschlafen. Nach einer Stunde hörte er Marie eintreten. Sie entkleidete sich im Dunkeln. Er bewegte sich nicht. Er lauschte ihren Atemzügen, die nach kurzer Zeit verrieten, daß sie eingeschlafen war. Er glaubte, daß er in dieser Nacht keinen Schlaf finden werde, aber unversehens vermengten sich die Zahlen, die er noch immer im Sinn hatte, mit Bildern, die ein Traum heraufbeschwor. Der Tag verging langsam und qualvoll. Die Seelenruhe, die Rada gestern abend auf dem Heimweg im Dunkel der Straßen gefunden hatte, wich in der Nüchternheit des Amtszimmers bangen Zweifeln. Hatte er seine Aufgabe wirklich erfüllt? Hatte er seine unbekannten Mit135 kämpfer nicht durch einen Fehler irregeführt, so daß ihr Opfer nutzlos war? Insbesondere in der Mittags- pause war er von Kleinmut befallen, so daß ihm Mu- sils Vermutung, daß die Aktion wegen der Kürze der zu Gebote stehenden Vorbereitungszeit wahrschein- lich nicht zustande kommen werde, beinahe tröstlich schien. Als aber die Nachmittagsstunden vorrückten, war er wie- der ganz von dem brennenden Wunsch erfüllt, es möge den unbekannten Kämpfern gelingen, die Aktion heute durchzuführen. Und— seltsam!— derbrennende Wunsch gab.ihm die Seelenruhe wieder, die er tagsüber verlo- ren hatte. Um fünf Uhr dachte er: In einer Viertelstunde geht der Munitionszug ab. Er dachte an die Eisenbahn- unfälle, die sich seit seinem Eintritt in die Abteilung Ill ereignet hatten. In den letzten zwei Jahren hatte es im ganzen drei Zugentgleisungen. und zwei Zugzusam- menstöße gegeben. Der bedeutendste„Unfall“ war die kürzliche Entgleisung in Karolinenthal gewesen, die der unterirdischen Kampforganisation geglückt war. Ob auch die andern Zugentgleisungen und Zusammenstöße Sa- botageakte der Kampforganisation waren, wußte Rada nicht. Nach jedem Zusammenstoß und nach jeder Ent- gleisung waren viele Eisenbahnangestellte hingerichtet worden. Er blickte einige Male verstohlen auf die Uhr. Sechs Mi- nuten nach sechs mußte der Munitionszug die erste Sta- tion erreicht haben, die den Sabotageakt begünstigte. Um halb sieben verließ Fräulein Puhl das Amt. Jetzt näherte sich der Zug dem Wärterhäuschen 7234, das Noväk als eine„Festung des Widerstands’ bezeichnet hatte. Um sieben Uhr beschloß Rada, bis zehn in dem Amtszimmer zu bleiben. Um 9 Uhr 40 mußte der 136 Munitionszug, wenn sich vorher nichts Außerordentliches ereignete, den Punkt erreicht haben, der die letzte Möglichkeit zu einem Sabotageakt bot. Wenn bis zehn keine Meldung über eine Eisenbahnkatastrophe einlief, war der Sabotageakt nicht zustande gekommen. Um halb acht lauschte Rada, weil er nicht wußte, ob Fobich noch in dem benachbarten Amtszimmer arbeitete. Der Sektionschef arbeitete manchmal länger als alle andern Beamten, an manchen Tagen nur bis fünf. Heute war er, von einer Dienstreise zurückgekehrt, um vier Uhr im Amt erschienen. Er hatte Fräulein Puhl Briefe und Aufträge diktiert, dann hatte er einige Telephongespräche geführt. Seit sieben Uhr herrschte in seinem Arbeitszimmer vollkommene Stille, so daß Rada vermutete, Fobich habe das Amtsgebäude bereits verlassen. Das bedeutet, überlegte Rada, daß ich als erster die Meldung hören werde. Sobald das Telephon in seinem Zimmer läutet, geh ich hinein und nehme die Meldung entgegen. Wer wird anrufen? Eine Station? Ein Wärterhaus? Ein Polizeiamt? Die Gestapo? Was tue ich, wenn die Gestapo anruft? Was tue ich, wenn die Gestapo erscheint? Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, läutete in Fobichs Zimmer das Telephon. ,, Hier Sektionschef Fobich", hörte Rada. Er lauschte. Er konnte nicht genau hören, was Fobich ins Telephon sagte. Nach dem kurzen Telephongespräch blieb Fobich sitzen und arbeitete weiter. Noch einige Male läutete im Laufe des Abends das Telephon in Fobichs Arbeitszimmer, und nach jedem dieser Telephongespräche blieb Fobich ruhig sitzen und arbeitete weiter. Und nun betrat er Radas Zimmer und sagte: ,, Ach, du bist noch hier, Rada, das ist mir sehr angenehm, weil ich dir noch ein paar Aufträge für morgen 137 geben will, ich muß nämlich morgen früh wieder dienstlich verreisen." Er übergab Rada einige Aktenstücke und erteilte ihm einige Aufträge. Dann ging er. Gleich darauf läutete in Fobichs Zimmer das Telephon. ,, Hier Sektionschef Fobich", hörte Rada. Der Sektionschef, der in Radas Zimmer bereits den Mantel angehabt, und den Hut in der Hand gehalten hatte, war von der Treppe in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt, um zu hören, was der Anruf bedeutete. Nachdem er sich gemeldet hatte, herrschte in seinem Arbeitszimmer Stille, so daß Rada glaubte, das Telephongespräch sei zu Ende und Fobich habe das Arbeitszimmer und das Amtsgebäude verlassen. Plötzlich hörte Rada aber Fobichs Stimme. Etwas mußte geschehen sein. Die Stimme war unbeherrscht.. Sie hatte einen veränderten Klang. Fobich rief ungeduldig: ,, Weiter!"- ,, Ich höre! Weiter!" Und noch zweimal: ,, Weiter!" Dann rief er: ,, Ich rufe in fünf Minuten an, bleiben Sie am Telephon!" Rada wußte, daß Fobich soeben die Meldung von einer Eisenbahnkatastrophe erhalten hatte. Die unbeherrschte Stimme hatte es verraten. Sie war kaum wiederzuerkennen gewesen. Sie hatte verzweifelt geklungen wie die Stimme eines Menschen, vor dessen entsetzten Augen ein Haus einstürzt. Rada blieb sitzen. Wild schlug sein Herz. Er rührte sich nicht. Er dachte: Es ist geglückt! Er dachte: Ich hab es vollbracht! Er dachte: Ich hab es nicht vollbracht, aber ich hab mitgeholfen, es ist geglückt. Er dachte: Wenn Edmund es wüßte- er wär mit mir zufrieden. Edmunds Stimme wird mir nicht mehr zurufen: Warum erfüllst du deine Pflicht nicht, Vater?" 17 In Fobichs Arbeitszimmer läutete das Telephon. Rada konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, aber er 138 hörte ein Wort, das ihn mit tiefer Freude erfüllte: ,, Munition", es kehrte einige Male wieder, war deutlich vernehmbar. Die Stimme am Telephon klang immer noch unbeherrscht, es war Fobichs Stimme, und sie war es nicht, Fobich schien die Fassung verloren zu haben. Rada, dachte: Er ist fassungslos. Nach der Karolinenthaler Entgleisung ist er nicht so fassungslos gewesen. Heute muß viel mehr als damals passiert sein. Jetzt muß ich mich zusammennehmen. Ich muß ruhig sein, ich muß mich unauffällig benehmen. Ich darf nicht erröten. Er stand auf und trat vor Fräulein Puhls kleinen Wandspiegel, der neben dem Fenster befestigt war. Rada sah, daß er bleiche Wangen hatte. Ich darf nicht bleiche Wan.gen haben, ich darf nicht verdächtig aussehn, dachte er und rieb, in den Spiegel blickend, mit beiden Händen die Wangen. Das Blut kehrte in die Wangen zurück. Er dachte: Jetzt kann ich nicht mehr überrascht werden, ich bin auf alles vorbereitet. Er kehrte an den Schreibtisch zurück, setzte sich und blickte in ein Aktenstück. Gleich darauf war Fobichs Zimmer von vielen Stimmen erfüllt. Rada erkannte keine dieser Stimmen. Er hörte das Gestampfe schwerer Röhrenstiefel. Die Tür wurde aufgerissen. Fobich stand in der Tür. Rada erblickte den Minister und mehrere schwarze Uniformen. Fobich war sehr bleich. Er starrte Rada an, als ob er ihn nicht erkannte, und sagte: ,, Rada, ein Unglück ist passiert. Heute ist Permanenzdienst.- Wer noch im Amt ist, hat hierzubleiben." Dann schloß er die Tür. Die Männer entfernten sich. Totenstille trat ein. Fobich hatte mit dem Minister und mit den Schwarzuniformierten das Amtszimmer verlassen. - 139 Rada klopfte an die Tür des Amtszimmers. Niemand meldete sich. Er öffnete die Tür. Er trat an Fobichs Schreibtisch. Er erblickte einen Zettel. Auf dem Zettel war die Zahl 36 aufgeschrieben, sonst nichts. Rada wußte: 36 Waggons. 18 Rada schien zu vergessen, daß er sein Leben aufs Spiel setzte. Er schien auch vergessen zu haben, daß sein Sohn verschollen und wahrscheinlich tot war. Ruhig und bedächtig ging der stille, schweigsame Mann seinem Beruf nach. Jeden Morgen ging er langsamen Schritts in sein Amt, das ihm eine ungewöhnliche Arbeitslast aufbürdete. Er bewältigte jeden Tag ruhig, ohne Hast die oft sehr schwierigen Aufgaben, die ihm zugewiesen wurden. Der Sektionschef war mit ihm zufrieden. Fobichs Urteil über Rada lautete: ,, Ein typischer Subalterner, aber eine tüchtige, verläßliche Arbeitskraft." Zuweilen, an stürmischen Tagen, wenn große Truppentransporte angemeldet waren und es sehr schwierig schien, den überlasteten Verkehr zu regeln- der Mangel an Lokomotiven machte sich von Monat zu Monat peinlicher geltend, wurde Fobich bei dem Anblick seines subalternen Mitarbeiters, den er gern ,, seine rechte Hand" zu nennen pflegte, ein wenig ungeduldig. Das langsame, bedächtige Arbeitstempo Radas schien den Anforderungen des Amtes Hohn zu sprechen. Aber selbst an solchen bewegten Tagen bewältigte Rada sein Arbeitspensum. Er wurde manchmal spät fertig, nicht selten erst nach Mitternacht, aber er wurde fertig. Kein Aktenstück blieb unerledigt, keine Anfrage unbeantwortet, kein Auf140 trag erlitt eine Verzögerung. Dem ruhig, bedächtig arbeitenden Rada unterlief kein Irrtum. Seine Berechnungen stimmten immer, auf seine Auskünfte und Schriftstücke konnte Fobich sich verlassen. Selbst Fräulein Puhl, die Radas bedächtige Pedanterie in deutschen Kollegenkreisen ironisch zu schildern pflegte, mußte zugeben, daß er ein musterhafter Beamter war. - Auch daheim war er ruhig und bedächtig. Er ließ Marie abends oft lange warten, weil das Amt ihn aufhielt, aber er war nie zu müde und abgespannt, selbst zu vorgerückter Nachtstunde nach vierzehn-, ja sogar sechzehnstündigem Dienst ein Gespräch mit ihr zu führen, das gewöhnlich häusliche Angelegenheiten betraf, oft aber auch die großen Ereignisse berührte, von denen die Welt voll war. Er besprach mit Marie die steigenden Lebensmittelpreise und die Kriegslage, die Filmprogramme der Woche nach wie vor besuchte das Ehepaar an jedem Sonntag ein Kino- und die Sorgen einer Nachbarin. Nur von seinem Sabotagewerk und von seinem Sohn sprach Rada nicht mit Marie. Seit dem Tag, an dem er ihr anvertraut hatte, daß er den Kampf der unterirdischen Organisation unterstützen werde, hatte er zu Hause nie mehr diesen Entschluß und dessen Auswirkungen erwähnt. Wenn er zu später Nachtstunde nach Hause kam, sagte er: ,, Bis jetzt hab ich im Amt gearbeitet." Marie vermutete manchmal, daß er nicht aus dem Amt heimkehrte, sondern halsbrecherische Wege ging, die vielleicht zum Galgen führten. Da er aber sein Geheimnis wahrte, unterließ sie jede Frage Sie wußte, daß er schwieg, weil er ihr Leben nicht erschweren, ihre Sorgen nicht vergrößern wollte. Er hingegen wußte nicht, daß dieses schonungsvolle Schweigen Maries Unruhe nicht beschwichtigte. Oft war sie entschlossen, ihn zu 141 bitten, er möge ihr alles anvertrauen, seine Pläne, seine Sorgen, seine Hoffnungen und geheimen Handlungen. Denn oft schien es ihr, daß alles leichter zu ertragen wäre, wenn er sein Schweigen bräche. Aber immer wieder schloß ihr im letzten Augenblick ein unerklärliches Gefühl den Mund, so daß sie ihre Bitte oder Forderung nicht aussprach. Es war kein Schwächegefühl, sondern ein inniges Verstehen seines Wesens. Es war seinem Wesen gemäß, das Rechte zu tun und zu schweigen. Er war lange unruhig gewesen, er war eine Zeitlang verzweifelt gewesen, jetzt aber war er ruhig. Sie bezweifelte nicht, daß er seinen gefährlichen Weg ruhig zu Ende gehen werde. Sie durfte ihn nicht beirren. Sie durfte ihn nicht stören. Der erste Anschlag, der ihm geglückt war, hatte ihn aller Zweifel an seiner Fähigkeit, den Kampf der unterirdischen Organisation zu unterstützen, enthoben. Das Arbeitsfeld, das ihm zugewiesen war, beherrschte er mit unfehlbarer Sicherheit. Der Ausgang war unsicher, aber es war nicht seine Sache, den Ausgang zu bedenken, der nicht von ihm abhing. Seine Aufgabe war es, die Voraussetzungen zu schaffen, die den Sabotageakt ermöglichten. Die Einleitung war sein Ressort; die Durchführung und das Ende lagen in den Händen der andern, der Verbündeten oder, wenn das Schicksal es wollte, der Feinde. Der Beamte, der jahrzehntelang gewissenhaft seine Beamtenpflicht erfüllt hatte, konnte nicht anders denken. Er hatte in dem Befreiungskampf seines Volkes eine bestimmte Aufgabe übernommen, ein bestimmtes Ressort, das begrenzt war wie das Ressort eines Beamten in einem Ministerium oder in jedem andern Amt. Das war eine Erleichterung, die dem pflichttreuen, gewissenhaften Manne die Beruhigung gab, seiner Auf142 gabe gerecht zu werden. Denn er liebte die strenge Ressorteinteilung, die zu jedem Beamtendasein gehörte, er war ein Mann der Ordnung. Wenn die unterirdische Kampforganisation ihn aufgefordert hätte, einen Handgriff an einer Lokomotive oder an einem neuartigen Schaltwerk, dessen Beschaffenheit er nicht kannte, zu tun, um eine Eisenbahnkatastrophe herbeizuführen, wäre er unruhig, unsicher und unglücklich gewesen, weil er ein Büromensch war, der sich nur eine Büroarbeit und keine andere zutraute. Selbst wenn man ihm den Handgriff zehnmal gezeigt hätte, wäre er unruhig, unsicher und unglücklich an die ungewohnte Arbeit herangegangen.( In jüngeren Jahren, als Beamter einer kleinen Station, war er weniger unbeholfen gewesen.) Die Arbeit, die er in dem Amt leistete, um einen Sabotageakt zu ermöglichen, war unvergleichlich schwieriger und komplizierter als jeder Handgriff an einer Maschine; dennoch fiel sie ihm leicht, weil er sie als eine Ressortaufgabe betrachtete, die sich von seiner gewohnten amtlichen Tätigkeit kaum unterschied. Nur der Zweck dieser Ressortarbeit war ein anderer. Als er nach seinem ersten Sabotageversuch erfuhr, daß sechsunddreißig Munitionswaggons in die Luft geflogen seien, rauschte sein Herz in einem Taumel unbändiger Freude. So hatte sein Herz gerauscht, als Marie ihm einen Sohn geschenkt hatte. Aber schon nach den ersten Minuten der Freude, der Genugtuung und des Stolzes war er ruhig und bedachte ruhig seine nächste Aufgabe. Diese Ruhe verdankte er der Ressorteinteilung, die ihm im Kampf seines Volkes eine bestimmte, scharf abgegrenzte Aufgabe zuwies, nicht unähnlich der gewohnten Aufgabe in seinem Amt. Die Instruktionen, die er von Novák erhalten hatte, waren ihm heilig. Ebenso heilig waren ihm jahrzehntelang 143 die Instruktionen der Behörde gewesen, der er treu und gewissenhaft gedient hatte. Er hatte wenig Sinn für Humor; er war auẞerstande, die gemeinsame Quelle seiner Pflichttreue im Staatsdienst und seiner Pflichttreue im revolutionären Freiheitskampf zu erblicken. Sein ganzes Denken und Sein war in den Instruktionen verankert, die er von Novák erhalten hatte; ebenso war jahrzehntelang sein ganzes Denken und Sein in den Instruktionen verankert gewesen, die er von seiner Behörde erhalten hatte. Die Instruktionen der unterirdischen Kampforganisation waren der Inhalt seines Lebens geworden. Schon am vierten Tag nach der Vernichtung der sechsunddreißig Munitionswaggons erschien er wieder bei Musil und brachte alle erforderlichen Informationen über einen großen Tanktransport, der am nächsten Tag an die polnische Grenze abzugehen hatte. ,, Sie sind großartig, Herr Rada", sagte Musil; ,, ich werde sofort Novák aufsuchen und ihm das Material geben. Aber ich glaube nicht, daß er es verwenden wird. Bedenken Sie! Wenn vier, fünf Tage nach der Explosion des Munitionszuges wieder so etwas passiert, läßt Heydrich mindestens tausend tschechische Eisenbahner hinrichten. Und vor allem würde er gleich in der Abteilung III aufräumen. Wir müssen meiner Ansicht nach eine vernünftige Zeit bis zu unsrer nächsten Eisenbahnkatastrophe verstreichen lassen. Wenn wir jede Woche etwas unternähmen, käme Fobich auch bald dahinter, daß diese ,, Unfälle" sich häufen, seit Sie alle Geheimnisse der Abteilung III kennen. Außerdem glaube ich, daß er nicht mehr lang im Amt säße, wenn es häufige ,, Unfälle" gäbe. Dann wär es auch aus mit Ihrer Vertrauensstellung, die unsre ganze Tätigkeit in Schwung bringt." 144 Diese Einwände leuchteten Rada ein. Er war deshalb nicht überrascht und kaum enttäuscht, als er am nächsten. Abend von Musil hörte, daß Novák eine längere Pause zwischen die Sabotageakte einschieben wolle. ,, Kommen Sie in vier Wochen wieder", sagte Musil; ,, einmal im Monat will Novák eine Entgleisung oder einen Zusammenstoß riskieren." Vier Wochen später ging Rada wieder zu Musil. Diesmal war er in der Lage, der unterirdischen Kampforganisation die bevorstehende Abfertigung von drei teils mit Tanks, teils mit Granaten und Munition beladenen Zügen anzuzeigen. Novák entschloß sich, einen der drei Züge entgleisen zu lassen, aber die Umstände begünstigten das Unternehmen nicht, so daß im letzten Augenblick von der Durchführung des Plans Abstand genommen werden mußte. Vierzehn Tage später glückte aber ein Attentat, das Rada vorgeschlagen hatte, so vollkommen, daß die deutsche Kriegsmaschine eine schwere Schädigung erlitt. In den Wintermonaten und im Frühling 1942 glückten vier weitere Anschläge. Nach jedem dieser Anschläge- die Zugzusammenstöße, Entgleisungen und Explosionen ereigneten sich auf der Hauptstrecke und vernichteten eine erhebliche Anzahl neuer deutscher Tanks, schwerer Geschütze, Granaten und Munition- wurden tschechische Eisenbahnangestellte und Eisenbahnarbeiter hingerichtet. Heydrich erwog einige Male die Amtsenthebung des Sektionschefs Fobich, der die Verantwortung für die Regelung des gesamten Eisenbahnverkehrs auf dem Gebiet des tektorats" trug, sah aber immer wieder von dieser Maßnahme ab. Fobich gefiel ihm. Zweimal lud er ihn vor, um ihn persönlich zur Verantwortung zu ziehen und zu verhören; dem Verhör sollte die Amtsenthebung und 10.084 Pro145 die Verhaftung folgen. Beide Male ließ sich der Henker- general von dem Sektionschef überzeugen, daß die Ab- teilung Ill nicht alle, aber sehr viele Anschläge gegen deutsche Militärtransporte verhütet habe.„Exzellenz, sagte Fobich zu dem Henkergeneral,„wenn ich nicht an der Spitze der Abteilung Ill stünde, wären im letzten Winter tausende deutsche Soldaten auf der Fahrt an die Front ums Leben gekommen. Ich habe einmal in einer Woche nicht weniger als sieben Divisionen an die Front befördert. Der Transport einer Division beansprucht zweiundsechzig Züge. Ich habe sieben mal zweiundsech- zig Militärzüge in einer Woche ohne Unfall und ohne Störung über die Grenze gebracht. Das ist eine Lei- stung, Exzellenz; die Generaldirektion der DRB hat es anerkannt, ohne gewußt zu haben, daß der ganze Trans- port zusammengebrochen wäre, wenn ich nicht recht- zeitig auf die Spur eines Komplotts von Eisenbahnern in einer mährischen Station gekommen wäre. Exzellenz erinnern sich vielleicht. Es ist nicht leicht, den deutschen Militär-Eisenbahnverkehr mit tschechischem Personal zu bewältigen. Die Tschechen sind ein zähes Volk. Im vo- rigen Weltkrieg hat die Maffia mit ungeheurem Erfolg gearbeitet. Die Österreicher waren der Maffia nicht ge- wachsen. Die Erfolge der Maffia im vorigen Weltkrieg ermutigen noch heute die Tschechen, die den gegen- wärtigen verbrecherischen Kampf gegen Deutschland aufgenommen haben. Masaryk und Bene$ haben den Tschechen Ideen eingeimpft, die den Volkskörper ver- giften. Die kurze Phase der staatlichen Selbständigkeit, die das tschechische Volk kennengelernt. hat, war sein Verderben. Denn dieses Intermezzo ist daran schuld, daß die meisten Tschechen ihre natürliche Bestimmung inner- halb des großdeutschen.Raums nicht erkennen wollen.” 146 Das waren Worte, die Heydrich gefielen. Nichtsdestoweniger nahm er sich vor, nach der nächsten Eisenbahnkatastrophe den Sektionschef zu beseitigen. Aber der Henkergeneral hatte keine Gelegenheit mehr, diese Absicht auszuführen; am 27. Mai 1942 wurde er in Prag von tschechischen Freiheitskämpfern ermordet. Das tschechische Volk wagte nicht, laut und offen zu jubeln, aber sein heimlicher Jubel war so überströmend, daß die Zaghaftesten neuen Mut faßten. Hitler raste. Heydrichs Schreckensherrschaft war zu Ende, aber eine neue Schreckensherrschaft begann, an der gemessen das Regime des Henkergenerals mild zu nennen war. Um den Widerstand des tschechischen Volkes ein für allemal zu brechen, ließ der oberste Chef der Gestapo am 10. Juni sämtliche männlichen Einwohner des Dorfes Lidice in Böhmen ermorden. Die Frauen wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Kinder wurden von den Müttern getrennt. Der Ort wurde dem Erdboden gleichgemacht. Als Rada von dieser grausamsten Tat des Feindes hörte, entschloß er sich, sie zu rächen. Er hatte bis zu diesem Tag der unterirdischen Kampforganisation treu und gut gedient. Er hatte sich freudig verpflichtet, den Feind zu schwächen, die Bewegungen der feindlichen Heeresmacht auszukundschaften und die Lähmung und Vernichtung der feindlichen Kräfte anzustreben. Das hatte er getan. Er hatte aber die Opferung von Menschenleben nach Tunlichkeit vermieden. Er hatte der unterirdischen Kampforganisation die Möglichkeit gegeben, feindliche Tanks, Munition, Geschütze und Waffen aller Art zu vernichten. Er hatte aber der unterirdischen Kampforganisation nicht geholfen, einen mit deutschen Soldaten beladenen Zug zur Entgleisung zu bringen. Er hatte die 10* 147 Gelegenheit, deutsche Truppen auf der Fahrt an die Front zu vernichten, nicht wahrnehmen wollen. Er hatte sich gesagt: Ich betrachte es als meine Pflicht, möglichst viele deutsche Tanks, Geschütze und Waffen aller Art unschädlich zu machen, aber die deutschen Soldaten, die an die Front geschickt werden, sollen nicht durch mich, sondern auf dem Schlachtfeld umkommen. Ich bin nicht der Mann, der kaltblütig mit einem Federstrich tausend Menschen umbringt, mit einer Ziffer, die ich meinen Mitkämpfern in die Hände spiele. Nach der Ausrottung des Dorfes Lidice änderte Rada seinen Sinn. Er entschloß sich, die mit deutschen Soldaten beladenen Züge nicht länger zu verschonen. Es war ein Entschluß, den er nie gefaßt hätte, wenn er nicht zu der Überzeugung gelangt wäre, daß es seine Pflicht sei, die Opfer von Lidice zu rächen. Es war die Pflicht jedes Menschen, vor allem aber die Pflicht jedes Tschechen; Rada sah es ein. Er sah ein, daß er sich zu einer Tat entschließen mußte, die er verabscheute, weil jedes Menschenleben ihm immer heilig gewesen war. Er sah ein, daß er sich zu dieser Tat entschließen mußte, weil es notwendig war, den Weltzustand wiederherzustellen, der auf der Heiligkeit des Menschenlebens aufgebaut war. Er zögerte nicht. Als in der zweiten Woche nach der Ausrottung des Dorfes Lidice ein größerer Truppentransport in der Abteilung III angemeldet wurde, ging er zu Musil. Da seit dem Attentat auf Heydrich das Standrecht über Prag verhängt war, konnte er nicht nach dem Dienst zu Musil gehen. Er mußte in der kurzen Mittagspause zu Musil fahren. Er mußte sich über alle Gebote der Vorsicht hinwegsetzen, weil er nur fünf Minuten lang bei Musil bleiben konnte. Rada beschrieb 148 auf einem Zettel, den er in seinem Arbeitszimmer anlegte, die Dispositionen, die getroffen worden waren, um den Transport eines an die Ostfront abgehenden Infanterieregiments am nächsten und am übernächsten Tag zu bewerkstelligen. Er schrieb auf, wann jeder mit Truppen beladene Zug, der am nächsten und am übernächsten Tag an die Ostfront abzugehen hatte, die Stationen und die Wärterhäuschen berühren werde, die im Bund mit der unterirdischen Kampforganisation waren. Diesen Zettel übergab er Musil in der Mittagspause. Sofort nach der Übergabe des Zettels fuhr Rada in sein Amt zurück, das er rechtzeitig erreichte. An diesem Tag verlor er das seelische Gleichgewicht, das ihn in den letzten Monaten befähigt hatte, jeden Abend gleichmütig nach Hause zu gehen und mit Marie von den Lebensmittelpreisen oder von den Kriegsereignissen oder von den Kinoprogrammen der Woche zu sprechen. Er bemühte sich, vor ihr seine Erregung zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Sie blickte ihn während des Nachtmahls forschend an, sprach aber die Frage nicht aus, die ihr auf der Zunge lag. Sie streichelte vor dem Schlafengehen seine Hände und sein Gesicht. Sie streichelte sein Gesicht, wie sie vor vielen Jahren das Gesicht ihres Kindes gestreichelt hatte. Rada sah, daß er seine Erregung schlecht verborgen hatte. Er lag viele Stunden lang schlaflos. Um drei Uhr morgens schlief er ein, erwachte aber schon nach einigen Minuten und setzte sich auf. Er hatte irre Augen. Er hatte geträumt. Er sah die brennende Lampe, er sah Marie. Sie war wach, sie war nicht eingeschlafen, weil sie fürchtete, in dieser Nacht werde etwas Schreckliches geschehen. Sie fürchtete, in dieser Nacht werde die Gestapo an die Tür klopfen. Sie fragte: ,, Was ist geschehen? 149 Sag mir: was ist geschehen?" Rada blickte sie mit irren Augen an und sagte: ,, Ich hab geträumt."- ,, Was hast du geträumt?" fragte sie. Er sagte: ,, Ich hab geträumt, daß ich tausend Menschen umgebracht hab. Ich hab die Leichen gesehen. Tausend Leichen." Marie sagte: ,, Hast du es nur geträumt? Oder habt ihr wirklich tausend Menschen umgebracht? Ist euch ein Zugzusammenstoß gelungen?" Rada sagte: ,, Ich hab geträumt. Ich bin noch verwirrt, frag mich jetzt nichts." Marie sagte: ,, Wenn ihr tausend Nazis umgebracht habt, bin ich froh. Alle Nazis müssen umgebracht werden, sie verdienen nichts Besseres. Vorher kann es keine Ruhe geben auf der Welt." Rada löschte das Licht aus und sagte: ,, Schlaf, Marie. Ich will auch schlafen." Sie sagte: ,, Aber hoffentlich träumst du nichts mehr. Nicht mehr von schrecklichen Sachen." Sie streckte sich aus und dachte: Wenn er nur einschlafen könnte. Er wälzte sich von links nach rechts, von rechts nach links, sie wußte, daß er nicht einschlafen konnte. ,, Versuch an etwas andres zu denken", sagte sie ,,, wenn du an etwas Hübsches denkst, wirst du vielleicht etwas Hübsches träumen."- ,, Laß nur", sagte er, ,, laß es gut sein. Schlaf, Marie." Sie wollte ihn aber ablenken und sagte: ,, Hab ich dir einmal erzählt, was für ein Traum mich in meiner Kindheit verfolgt hat? Weißt du, wann ich zum erstenmal nach Prag gekommen bin? Als sechzehnjähriges Mädchen. Vorher war ich nie in einer größeren Stadt gewesen. Meine Mutter hat uns Kindern immer gesagt: In Prag auf dem Václavské Náměstí gibt es eine Konditorei, dort kriegt man ein Eis, so was Herrliches könnt ihr euch nicht vorstellen. Wenn man so ein Eis ißt, fühlt man sich wie im Himmel. Ich kann euch nicht beschreiben, wie es schmeckt. Wie 150 im Himmel fühlt man sich.' Von diesem Eis hab ich jahrelang geträumt. Von meinem zehnten bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr. Ich hab immer geträumt: Die Mutter führt mich auf einen großen, prächtigen Platz, auf dem lauter große, prächtige Häuser stehn. Sie führt mich vor die Konditorei und sagt: Jetzt gehn wir hinein, jetzt wirst du das Eis essen, von dem ich dir so oft erzählt hab. Die Mutter hat die Tür aufgemacht, und wir haben uns niedergesetzt. Die Mutter hat das Eis bestellt, ein Mädchen hat es gebracht und auf den Tisch gestellt. Es war ein riesig großes Eis, zehnmal gröBer als das Eis von unserm Zuckerbäcker zu Hause, und ich war schrecklich aufgeregt., Also iẞ', hat die Mutter gesagt. Ich hab den Löffel zu dem Eis. geführt- und in diesem Augenblick bin ich immer erwacht. Jedesmal. Vielleicht hundertmal zwischen meinem zehnten und meinem sechzehnten Lebensjahr." ,, Das war ein niederträchtiger Traum." ,, Warum? Weil er immer zu früh aus war? Nein, es war trotzdem ein schöner Traum." Sie lagen eine Weile stumm und still, dann sagte Marie: ,, Könntest du dir nicht auch etwas Schönes vorstellen? Etwas, wovon du träumen könntest?" Er sagte: ,, Und dann, als Sechzehnjährige, bist du endlich wirklich mit der Mutter in Prag gewesen und in die Konditorei auf dem Václavské Náměstí gegangen. Und das Eis hat dir nicht geschmeckt. Hat es sich so zugetragen?" ,, Nicht ganz so, aber beinahe. Das Eis hat mir sehr gut geschmeckt, aber ich hab nachher nie mehr von einem Eis und von einer Konditorei geträumt." Rada lachte leise. ,, Schlaf gut", sagte Marie. Einige Minuten später schliefen beide ein. 151 Am nächsten Tag stieß in Böhmen ein mit deutschen Soldaten dicht beladener Zug, der nach Rußland fuhr, mit einem Lastzug zusammen. Die Zeitungen durften nichts über den Zugzusammenstoß berichten. Heydrichs Nachfolger, der SS- Obergruppenführer und Polizeigeneral Daluege, lud den Sektionschef Fobich vor und sagte zu ihm: ,, Herr, das geht so nicht weiter. Ich habe heute ein paar Dutzend tschechische Eisenbahner hinrichten lassen, aber damit ist uns nicht geholfen. Von heute an haften Sie für die Sicherheit des Verkehrs mit Ihrem Kopf." ,, Das kann ich nicht", sagte Fobich. ,, Ich bitte ergebenst, die Leitung der Abteilung III einem andern Beamten zu übergeben." ,, Sie behalten die Leitung bis zu der nächsten Eisenbahnkatastrophe", entschied Daluege. Fobich kam an diesem Abend in Radas Zimmer, nachdem Fräulein Puhl das Amt verlassen hatte. ,, Rada", sagte Fobich ,,, mir ist nicht wohl in meiner Haut. Daluege hat mir heute gesagt, daß ich von heute an mit meinem Kopf für die Sicherheit des Verkehrs hafte." Rada schwieg. ,, Was meinst du?" fragte Fobich. ,, Was kann ich tun? Wie kann man diese Anschläge verhindern?" ,, Das weiß ich nicht", sagte Rada. Seine graublauen Augen begegneten ernst und besorgt Fobichs gehetztem Blick. ,, Hab ich nicht genug aufgepaẞt? Hab ich nicht alles Erdenkliche getan, um den Saboteuren das Handwerk zu legen? Kann man den Verkehr besser organisieren, als ich ihn organisiert habe?" ,, Nein. Das ist ausgeschlossen." 152 ,, Also, was kann ich noch tun? Was läßt sich überhaupt noch tun, damit diese Anschläge aufhören?" ,, Solange es tschechische Eisenbahner gibt, werden diese Anschläge nicht aufhören." ,, Und wenn alle tschechischen Eisenbahner entlassen werden? Und wenn alle tschechischen Eisenbahner hingerichtet werden?" ,, Auch das würde nichts nützen. Solange es einen Tschechen im Land gibt, werden diese Anschläge nicht aufhören." ,, Das fürchte ich auch", sagte Fobich. Er blieb noch eine Weile sitzen und starrte auf den Rauch seiner Zigarette. Dann ging er. Rada sah ernst und besorgt, aber nicht erregt aus, als er nach Hause kam. Nach dem Nachtmahl setzte sich Marie neben ihn und fragte: ,, Was war das heute nacht? Kannst du's mir jetzt sagen?" ,, Nein, sagte Rada. ,, Ich darf dir nichts sagen." Marie blickte ihn bekümmert an. Sie überlegte, ob sie sich mit seinem Schweigen zufrieden geben solle. Sie dachte: Seit mehr als zwanzig Jahren haben wir alles gemeinsam getragen, jede Sorge und jedes Unglück. Auch das Schöne haben wir gemeinsam erlebt. Und jetzt... Sie sagte: ,, Wenn du mir nichts sagen darfst, muß ich mich abfinden. Aber überleg, ob es richtig ist. Du weißt, daß ich dein Schicksal teilen werde. Ich hoffe, daß kein Unglück uns treffen wird. Aber wenn dir etwas passiert, so passiert es auch mir. Wenn du verhaftet wirst, werde auch ich verhaftet. Wenn du hingerichtet wirst, werde auch ich hingerichtet. Ist es so? Hast du es nicht selber gesagt?" Ja..." 153 ,, Ich hab keine Angst davor", sagte Marie und dachte: Weiß er, wie schrecklich meine Angst ist? Hoffentlich weiß er es nicht. ,, Ich hab gar keine Angst", wiederholte sie. ,, Aber sag: Ist es in Ordnung, daß du mir gar nichts sagen willst, obwohl ich die Folgen genau so tragen muß wie du?" Rada bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Dann ließ er die Arme sinken und sagte: ,, Ich dachte, daß es besser ist, dich mit diesen Sachen zu verschonen. Aber wenn du es wissen willst... Wir haben etwas gegen einen deutschen Militärtransport unternommen. Ein Zug mit deutschen Soldaten ist mit einem Lastzug zusammengestoßen." ,, Und tausend Tote hat es gegeben?" ,, Tausend... Nein. Soweit bis jetzt bekannt ist: etwa zweiundzwanzig." Rada blickte Marie nicht an. Er sah auch nicht das Zimmer und die Wand, der er gegenübersaß. Er blickte ins Weite. Er sagte: ,, Das war die gerechte Strafe für Lidice." Er stand auf. Es bedrückte ihn, daß er gesprochen hatte. Unruhig ging er in dem Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor Marie stehen und sagte: ,, Ich bitte dich, frag mich nicht mehr aus. Wenn du nächstens wieder errätst, daß etwas passiert ist sag es nicht." Marie stand auf und umarmte ihn. ,, Sie sagte: ,, Wie du willst." Eine Woche später wurde von der Gestapo ein zweites Dorf in Böhmen, Ležáky, dem Erdboden gleichgemacht. Sämtliche Männer und Frauen wurden ermordet. Wie in Lidice wurden in Ležáky alle Häuser so lange bombardiert, bis der ganze Ort in Schutt und Asche verwandelt war. 154 Rada beschloß, Ležáky zu rächen, wie er Lidice gerächt hatte. Er ließ die nächste Gelegenheit, Munitionszüge, Tank- und Waffenzüge anzugreifen, ungenützt. Er wartete einen großen Truppentransport ab. Am 4. Juli wurde ein großer Truppentransport angemeldet: Am nächsten und am übernächsten Tag hatten siebzehn mit Truppen beladene Züge an die russische Front abzugehen. Um halb zwölf vormittags waren in der Abteilung III alle Vorbereitungsarbeiten beendet. Rada memorierte alle Namen und Termine, deren Kenntnis den Mitkämpfern die Herbeiführung einer Eisenbahnkatastrophe ermöglichen sollten. Da es seit gestern den Bewohnern Prags nicht mehr untersagt war, abends die Straße zu betreten, war er nicht genötigt, in der Mittagspause Musils Wohnung aufzusuchen. Um sieben Uhr abends verließ Rada das Amtsgebäude und fuhr zu Musil. Er schellte an Musils Tür. Die Tür wurde geöffnet. Aber Musils Hand streckte sich nicht dem Eintretenden entgegen. Ein Fausthieb traf Radas Schläfe. Er war nicht bewußtlos. Dann traf ein Hieb seine Augen, so daß der Blutüberströmte nichts mehr sah. 19 Es war halb acht. Fobich saß in seinem Arbeitszimmer. Er wußte nicht, daß Rada bereits gegangen war. Es war ein schöner Abend, der Himmel war blau und wolkenlos. Seit gestern war das Standrecht, das nach dem Attentat auf Heydrich über Prag und das gesamte Gebiet des ,, Protektorats" verhängt worden war, aufgehoben. Daluege gab vor, die Attentäter seien ermittelt und in einer Kirche in Prag überrumpelt worden, aber jedermann 155 wußte, daß es eine Lüge war. Die hohe Belohnung, die für jede auf die Spur der Attentäter führende Mitteilung ausgesetzt worden war, hatte keinen Tschechen verlockt, den Verrat zu begehen. Ein mit bestialischen Drohungen verbundenes Ultimatum, das Daluege dem tschechischen Volke gestellt hatte, war ergebnislos abgelaufen. Die täglichen Hinrichtungen, die Massenmorde, die Ausrottungen und Zerstörungen der Dörfer Lidice und Ležáky hatten den Widerstand des tschechischen Volkes nicht gebrochen. Die Männer, die den Henkergeneral Heydrich gerichtet hatten, blieben unbekannt, und das ganze tschechische Volk triumphierte, weil Daluege, der seinen Miẞerfolg nicht zugeben wollte und nicht zugeben durfte, behaupten mußte, daß er sie gefunden habe. Er ließ die Unschuldigen hinrichten, die er in einer Kirche als die vorgeblichen Attentäter hatte festnehmen lassen, er hob das Standrecht auf, um der Welt glauben zu machen, die Gestapo habe ihre Aufgabe erfüllt. Fobich hatte den ganzen Tag gearbeitet. Er blickte auf, sah den blauen Himmel über den Dächern und beschloß, heute nicht länger zu arbeiten. Die angekündigten Truppentransporte, für deren Sicherheit er verantwortlich war, hatten ihm in den letzten Nächten den Schlaf geraubt. Es gab keine Sicherheit, niemand wußte es besser als er. Aber die Bewachung der Strecke war in den letzten Tagen zehnfach verstärkt worden. Deshalb hoffte er, der morgige Tag werde ohne Unfall vorübergehen. Er hatte keinen andern Wunsch mehr. Er hatte alle Wünsche und alle Hoffnungen aufgegeben, nachdem Daluege ihm gesagt hatte: ,, Von heute an haften Sie für die Sicherheit des Verkehrs mit Ihrem Kopf." -Er dachte unaufhörlich an das Wort, mit dem Daluege ihn verabschiedet hatte: ,, Sie behalten die Leitung der 156 Abteilung III bis zu der nächsten Eisenbahnkatastrophe." Fobich mutmaßte schon seit längerer Zeit, daß er ,, aufs falsche Pferd gesetzt" habe. Da es den Deutschen miẞglückt war, die Russen in einem kurzen Krieg wie die Franzosen zur Kapitulation zu zwingen, hielt er einen deutschen Endsieg keineswegs mehr für sicher. Er fürchtete, das Jahr 1918 werde sich in zwei oder in drei Jahren wiederholen. Was dann? Er wußte, daß er verloren wäre, wenn die Tschechen freie Hand hätten. Er wußte, daß das ganze tschechische Volk jeden Tschechen, der sich den Nazis freiwillig zur Verfügung gestellt hatte, haßte und verachtete wie keinen Nazi. Er sah auf Schritt und Tritt, daß er in den Augen jedes Tschechen ein Verräter war. Er glaubte, nie sei ein Mensch so tragisch verkannt und mißverstanden worden wie er. Er hatte sich auf die Seite der Nazis geschlagen, weil er zu der Überzeugung gelangt war, daß es die schicksalhafte Bestimmung des tschechischen Volkes sei, sich der deutschen Führung zu überlassen. Er hatte die geographische Lage der Tschechoslowakei und sonst nichts erwogen. Er hatte geglaubt, das kleine tschechische Volk, das überall von der deutschen Übermacht umgeben war, könne dem großen Nachbarvolk keinen Widerstand entgegensetzen. Er hatte jeden Widerstand des tschechischen Volkes für selbstmörderisch und die Macht des Dritten Reichs für unüberwindlich gehalten. Er hatte angenommen, das tschechische Volk könne seine nackte Existenz nur retten, wenn es sich von den Ideen des Humanisten Masaryk lossagte und das unaufhaltsame Vordringen der jungen barbarischen nationalsozialistischen Bewegung willig und dienstfertig hinnahm. Es fiel Fobich nicht schwer, seinen Verrat vor jedermann und sogar vor sei157 nem eigenen Gewissen zu rechtfertigen. Er wollte sein eigenes Volk nicht begreifen, weil er zu feig war, sich die eigentlichen Beweggründe seiner Haltung einzugestehen. Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ein verwöhnter Genußmensch war, der vor der Härte des Lebens Angst hatte und nie bereitgewesen war, sich in hartem Kampf zu bewähren. Er wollte sich nicht eingestehen, daß er gefürchtet hatte, sein Amt, sein sicheres Einkommen und vielleicht sein Leben zu verlieren wie so viele Männer, die es gewagt hatten, den Nazis entgegenzutreten. Er wollte sich nicht eingestehen, daß er außerhalb jeder Gemeinschaft stand. Er wollte sich auch nicht eingestehen, daß er dem Einfluß seiner deutschen Frau, die Hitlers Erfolge berauscht hatten, zuerst unwillig und später allzu willig erlegen war. Er hatte in den kritischen Sommerwochen des Jahres 1938, als die Angriffspläne des Dritten Reichs unverhüllt sichtbar geworden waren, kühl und nüchtern überlegt, welche Haltung er einnehmen müsse. Je brutaler sich die nackte Gewalt durchsetzte, desto leichter schien es ihm damals, die richtige Wahl zu treffen. Auf der einen Seite erblickte er ein aussichtsloses Aufbegehren und die Gefahr, den Martern eines deutschen Konzentrationslagers ausgesetzt zu werden, auf der andern Seite sah er die Möglichkeit, als einer der wenigen hohen tschechischen Beamten, die rechtzeitig die Notwendigkeit einer ,, realpolitischen Lösung" des tschechoslowakischen Problems erkannten, eine bedeutende Rolle zu spielen und auf einen Platz gestellt zu werden, der den Fähigkeiten und Neigungen des ehrgeizigen Mannes entsprechen würde. Dalueges Drohung hatte in Fobichs Denken eine Revolution hervorgerufen. Er sagte sich unaufhörlich: Keine 158 Panik! Er wollte mit Vernunft und Klugheit der Gefahr begegnen. Welcher Teufel hatte ihn geritten, was für ein Irrsinn war es gewesen, die Leitung der Abteilung III zu übernehmen! Er hatte diesen Posten angestrebt, weil er ihn für den lohnendsten gehalten hatte. Wer sich auf diesem Posten bewährte, konnte des höchsten Lohns sicher sein. Er hatte aber die Gefahr, die mit diesem Posten verbunden war, unterschätzt. Er hatte geglaubt, der Terror des nationalsozialistischen Regimes werde nach wenigen Wochen jeden Widerstand im Lande brechen. Er hatte nicht bezweifelt, daß die Gestapo jeden Versuch, die ,, neue Ordnung" zu stören, so furchtbar bestrafen werde, daß es nach wenigen Wochen keine Saboteure mehr geben werde. Die Ereignisse der letzten Monate hatten bewiesen, daß Fobich zwar nicht die Brutalität der Gestapo, wohl aber den Mut des tschechischen Volkes unterschätzt hatte. Die Sabotageakte wiederholten sich immer häufiger. Kein Truppentransport war mehr vor einem Anschlag sicher. Der Chef der Abteilung III stand auf dem undankbarsten und gefährlichsten Posten. Er erkannte, daß es für ihn nur einen Ausweg gab: er mußte sich dieses Postens entledigen. Er überlegte, ob er zu einer Krankheit Zuflucht nehmen solle. Ein tschechischer Minister, der diesen Ausweg gewählt hatte, war kürzlich in einem Sanatorium verhaftet worden; deshalb zögerte Fobich, zu dem Chefarzt der Eisenbahndirektion Prag zu gehen und sich bestätigen zu lassen, daß seine Nerven den Anstrengungen des Dienstes nicht länger gewachsen seien. Der Amtsarzt war ein Nazi. Fobichs Frau hatte ihn einige Male bewirtet. Es war möglich, daß er bereit sein würde, das ärztliche Zeugnis auszustellen. Aber da die Flucht in ein Sanatorium keinen 159 Schutz vor einer Verhaftung bot, überlegte Fobich, ob es keine bessere Rettungsmöglichkeit gäbe. Er spielte mit dem Gedanken, eine längere Dienstreise zu unternehmen. Er war in den letzten Jahren oft dienstlich in Berlin gewesen. Vielleicht würde es ihm gelingen, in Berlin die Erlaubnis zu einer Dienstreise nach Frankreich, Belgien, Holland und Norwegen zu erwirken. Es war nicht schwer, einen Vorwand zu finden; er konnte vorgeben, die Organisation des Eisenbahnverkehrs in den eroberten Ländern kennenlernen zu wollen, um später die gesammelten Erfahrungen fruchtbringend im ,, Protektorat" zu verwerten. Fobichs Phantasie führte ihn noch weiter. Vielleicht würde es ihm möglich sein, über das Meer zu flüchten oder wenigstens in einem der besetzten Länder das Kriegsende abzuwarten. Er hatte keine klare Vorstellung von den Möglichkeiten, die sich ihm dort eröffnen könnten; aber er wollte leichtsinnig sein und sich seinem Leichtsinn anvertrauen. Sein Leichtsinn hatte ihn geformt. Sein Leichtsinn hatte viele Menschen bezaubert, die einen strahlenden Menschen in ihm erblickt hatten, und viele abgestoßen und veranlaßt, ihn für einen Teufel zu halten. Er war weder ein Teufel noch ein strahlender Mensch. Er war ein Skeptiker, der seinen Leichtsinn nie zu bereuen gehabt hatte. Auch jetzt, da er in eine nahezu hoffnungslos schwierige Lage geraten war, hoffte er, sein Leichtsinn werde ihn retten. Zunächst wollte er nur Zeit gewinnen; über den morgigen Tag hinwegkommen. Wenn die mit deutschen Soldaten beladenen Züge morgen und übermorgen heil über die letzte Station an der Grenze des ,, Protektorats" hinaus gelangten, wollte er nicht lang fackeln und sich unauffällig von der Kette losmachen. 160 Es war acht Uhr. Er hatte eine halbe Stunde lang von den Rettungsmöglichkeiten geträumt und beschloß, den Abend im Freien zu genießen. Der warme Sommerabend verlockte ihn, in den Baumgarten zu fahren. Das große Gartenrestaurant im Baumgarten wurde nur noch von Deutschen, hauptsächlich von der SS und deutschen Offizieren besucht, das Essen war dort trotz der Lebensmittelknappheit noch immer ganz gut. Es war der erste Abend nach der Aufhebung des Standrechts, der erste Abend, an dem es einem Tschechen wieder erlaubt war, sich außerhalb seiner vier Wände blicken zu lassen. Fobich überlegte, ob er seine Geliebte besuchen solle. Er verwarf diesen Gedanken gleich; er wollte allein sein und sich ungestört mit seinen Rettungsplänen befassen. Im Baumgarten spielte heute wahrscheinlich eine Militärkapelle. Bei den Klängen einer Militärkapelle hing er immer gern seinen Gedanken nach. Eine Militärkapelle machte nicht Musik, sondern Lärm. Er brauchte Lärm. Er versperrte alle Papiere und Aktenstücke, die er geprüft hatte, in seinem Schreibtisch. Alle Papiere und Aktenstücke waren in musterhafter Ordnung. Alle Vorkehrungen für den morgigen Truppentransport waren getroffen, der Verkehr war so gewissenhaft geregelt worden, daß nach menschlicher Voraussicht kein Unglück geschehen konnte, wenn der Bewachungsdienst nicht versagte. Fobich stand auf und wollte nach seinem Hut greifen, als das Telephon läutete. ,, Halloh?" ,, Hier ist die Kanzlei des Reichsprotektors. Ist Herr Sektionschef Fobich anwesend?" ,, Hier ist Dr. Fobich." ,, Sie werden in der Kanzlei des Reichsprotektors erwartet. Können Sie in zwanzig Minuten erscheinen?" 11.084 161 ,, Bitte sehr. Ich fahre sofort." ,, Schön. Es ist acht Uhr fünf. Also um acht Uhr fünfundzwanzig." Fobich war ein heftiger Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte stehend das Telephongespräch geführt. Er brauchte eine Minute, um sich zu besinnen, aber er durfte nicht säumen, er mußte sich beeilen. Was wollte Daluege? In den letzten Tagen war auf keiner Strecke etwas Besonderes vorgefallen. Vielleicht wollte Daluege hören, ob die Abteilung III die angekündigten großen Truppentransporte durch strengste Geheimhaltung der Verkehrsregelung gesichert habe, wie er es befohlen hatte. Vielleicht wollte er seine Warnung wiederholen, seine Drohung verstärken. Oder gab es peinliche Überraschungen? Keinesfalls war es angenehm, plötzlich in die Kanzlei des Reichsprotektors beordert zu werden. Fobich blickte auf die Uhr. Zwei Minuten waren vergangen. Es gab kein Taxi mehr in Prag, er mußte mit der Elektrischen fahren. Er mußte einige Minuten auf die Elektrische warten. Er mußte nach dem Aussteigen laufen. Er lief auf den Hradschin, gehetzt, atemlos. Er spürte sein Herz. Er war nicht mehr jung. Er konnte nicht mehr laufen wie ein Soldat, dem kommandiert wird: ,, Laufschritt!" Er, ein Sektionschef, der Chef der Abteilung III, lief wie ein Soldat, dem ,, Laufschritt!" kommandiert wird. Er blieb einen Augenblick stehen. Er dachte: Ich bin nicht wie ein Soldat gelaufen. Ich bin wie ein gehetzter Hase gelaufen. Er blickte auf die Uhr. Acht Uhr fünfundzwanzig. Er hatte noch wenigstens fünf Minuten zu laufen. Er beschloß, nicht mehr zu laufen, sondern zu gehen. Nicht langsam, aber auch nicht schnell. Er konnte ohnehin nicht pünktlich in der Burg ankommen; es war einerlei, 162 ob die Verspätung fünf Minuten oder sieben Minuten betrug. Er überlegte, was er sagen würde. Er überlegte, was er auf die Frage, ob er sich mit seinem Kopf für die Sicherheit des morgigen Truppentransportes verbürge, antworten solle. Nein, diese Frage war nicht zu erwarten. Diese Frage hatte Daluege schon beantwortet. ,, Sie haften mit Ihrem Kopf!" Wollte der furchtbare Mann es heute noch einmal sagen? Oder führte er etwas Unerwartetes im Schild? Aber es muß nicht unbedingt etwas Furchtbares sein, sagte sich Fobich, als er sich endlich dem Haupttor der Burg näherte. Vielleicht will er meinen Wunsch erfüllen. Vielleicht muß ich nicht länger die Abteilung III leiten. Vielleicht gibt er mir einen andern Posten. Vielleicht... Er hörte zu denken auf. Er stand vor der Wache am Haupttor der Burg. Er legitimierte sich, ein SS- Mann führte ihn zu der Treppe. Sie gelangten durch einen schmalen Korridor in einen Seitentrakt. Fobich fragte: ,, Gehn wir richtig? Hier ist doch nicht die Kanzlei des Herrn Reichsprotektors." Der SS- Mann antwortete nicht und ging weiter. Vor einer Türe blieb er stehen und klopfte. ,, Ja", rief eine Stimme. Der SS- Mann öffnete die Tür und bedeutete Fobich, einzutreten. Fobich trat ein. Er befand sich in einem mittelgroßen prunkvollen Saal, den er nie betreten hatte. In einer Ecke war ein prunkvoller Schreibtisch. Ein junger SSOffizier stand vor dem Schreibtisch und sagte: ,, Bitte näherzutreten." Fobich ging zu dem Schreibtisch und stellte sich vor. Der junge SS- Offizier lächelte, stellte sich aber nicht vor, sondern setzte sich und sagte: ,, Nehmen Sie Platz, Herr Sektionschef." Fobich setzte sich. Er war überrascht. Er hatte erwartet, von dem SS- Obergruppenführer und Polizeigeneral Da11* 163 luege empfangen zu werden. Was hatte es zu bedeuten, daẞ Daluege einen jungen SS- Offizier beauftragte, den Besucher zu empfangen? Oder war es kein Besuch, war es ein Verhör? Fobich befürchtete es, weil der junge SS- Offizier seinen Namen nicht genannt hatte. Es war sichtlich ein Mensch mit ausgezeichneten Umgangsformen, keiner der vielen SS- Offiziere und Parteifunktionäre, denen man auf den ersten Blick ansah, daß sie Räuber und Mörder waren. Ein schlanker, bartloser, sehr eleganter Mann. Das dunkelbraune Haar war in der Mitte gescheitelt. Die Stirn war sehr hell, fast weiß. Er hatte schmale, nervöse Hände, die mit einer sehr groBen goldenen Zigarettendose spielten. Er bot Fobich eine Zigarette an, nahm die goldne Zigarettendose wieder in beide Hände und sagte, mit ihr spielend: ,, Herr Sektionschef, es tut mir leid, daß ich Sie bitten mußte, Ihre wichtige Arbeit zu unterbrechen. Aber ich habe den Auftrag, einige Auskünfte bei Ihnen einzuholen, die uns kein andrer geben kann. Erzählen Sie mir bitte möglichst ausführlich und genau, wie Sie Ihre Abteilung organisiert haben." Fobich überlegte: War es ein Verhör oder hatte er einen Vortrag zu halten, den Vortrag eines Fachmanns, der einem Laien schwierige technische Probleme zu erklären versucht. Er schilderte den Unterschied zwischen einem Eisenbahnnetz in Friedenszeiten und einem Eisenbahnnetz im Kriege, besprach dann die besonderen Schwierigkeiten, die er infolge der Unverläßlichkeit des Personals zu überwinden hatte und gab eine leicht faẞliche Darstellung der wichtigsten eisenbahntechnischen Vorgänge, die das Funktionieren des komplizierten. Apparates ermöglichen. Der junge Offizier schien aufmerksam zuzuhören. Sein hübsches, blasses Gesicht verriet 164 weder Ungeduld noch Langeweile. Höflich betrachteten seine hellbraunen Augen den lebhaften Sprecher. Die Hände hörten nicht auf, mit der Zigarettendose zu spielen. Das war die einzige Bewegung des jungen Offiziers, die Fobich irritierte. Zweimal unterbrach das Telephon den Vortrag. Beide Male nahm der Offizier stumm das Hörrohr in die Hand, hörte stumm zu und sagte nur, ehe er es ablegte: ,, Danke." Dann wandte er sich wieder Fobich zu und sagte höflich: ,, Entschuldigen. Sie." Fobich wußte nicht, wie lange er noch sprechen solle. Das Thema war so ausgiebig, daß es kaum im Laufe eines Abends erschöpft werden konnte, aber die technischen Einzelheiten konnten einen Laien kaum interessieren. Da der Offizier aber kein Zeichen von Ungeduld verriet, hörte Fobich nicht zu sprechen auf. Nach einer halben Stunde fragte er: ,, Soll ich aufhören? In großen Zügen habe ich bereits alles Wesentliche gesagt. Ich fürchte, daß die Einzelheiten, die ich jetzt schildere, einen Zuhörer, der kein Eisenbahnfachmann ist, langweilen müssen." ,, Durchaus nicht", sagte der Offizier ,,, ich bitte Sie, fortzufahren." Fobich sprach weiter, fühlte aber jetzt eine wachsende Unruhe. Der Verdacht stieg in ihm auf, daß der Offizier trotz seines höflich- aufmerksamen Blicks- nicht zuhörte, sondern mit diesem langen Vortrag, den er ihm aufgenötigt hatte, einen unheilvollen Zweck verfolgte. Mitten in einem Satz wurde der Sprechende unterbrochen. Eine Ordonnanz trat ein. Der Offizier stand auf, entschuldigte sich und verließ mit der Ordonnanz das Zimmer. Fobich blickte auf die Uhr. Es war fünf Minuten nach halb zehn. Eine volle Stunde war vergangen. 165 Er lauschte. Er hörte keinen Laut, in dem benachbarten Zimmer schien niemand zu sein. Auch auf dem Gang war völlige Stille. Es verging eine Viertelstunde, der Offizier kehrte nicht zurück. Fobich blickte das große ‚Hitlerbild an, das zwischen zwei Fenstern an der Wand hing. Er zündete eine Zigarette an. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, dachte er. Ich habe Hitler treu gedient. Ich habe die Abteilung IN gut verwaltet. Kein anderer hätte sie besser verwalten können. Ich habe willig das Odium des Verräters auf mich genommen, ich habe mich eindeutig vom ersten Tag an auf die Seite der Deutschen gestellt, sie haben allen Anlaß, mit mir zufrieden zu sein. Sie müssen mir dankbar sein, denn sie hätten kei- nen andern gefunden, der ihnen die Regelung des Eisen- bahnverkehrs so gut besorgt hätte. Die Sabotageakte waren unvermeidlich, sie können mir nicht zur Last ge- legt werden. Ich will das alles dem jungen Mann sagen, sobald er zurückkommt. Es verging noch eine halbe Stunde. Fobich zündete noch eine Zigarette an. Er beschloß, nur noch diese Zigarette zu Ende zu rauchen und dann den Raum zu verlassen. Vielleicht hatte der junge Offizier vergessen, daß in sei- nem Arbeitszimmer ein Besucher saß. Während Fobich sich bemühte, eine so harmlose Auslegung seines Allein- seins glaubhaft zu finden, trat der Angstschweiß auf seine Stirn. Er wußte, daß an diesem Ort und in dieser Stunde kein Vorgang, kein Telephonanruf, keine Mel- dung einer Ordonnanz harmlos war. Die zwei Telephon- gespräche betrafen ihn. Die Meldung der Ordonnanz betraf ihn. Er rauchte die Zigarette hastig aus, wagte aber kaum zu atmen. Er wagte nicht, die Tür zu öffnen und das Zimmer zu verlassen. Er war überrascht, als der junge Offizier nach einer weiteren Viertelstunde 166 wieder erschien und mit einem höflichen Lächeln sagte: ,, Es hat lang gedauert, ich bitte um Entschuldigung." Fobich wollte aufstehen. ,, Bitte, behalten Sie Platz, Herr Sektionschef", sagte der junge Offizier, setzte sich an den Schreibtisch und nahm einen Notizblock in die Hand. Jetzt erst fiel Fobich auf, daß der junge Mann, der während des Vortrags unaufhörlich mit der Zigarettendose gespielt hatte, es für überflüssig gehalten hatte, auch nur ein einziges Wort zu notieren. Wenn er den Auftrag gehabt hätte, sich über die Arbeitsweise der Abteilung III oder über die Technik der Verkehrsregelung im allgemeinen zu informieren, hätte er Aufzeichnungen gemacht oder wenigstens hie und da ein Stichwort notiert. Als er jetzt einen Notizblock ergriff, nahm sein hübsches Gesicht einen härteren, entschlosseneren, angespannten Ausdruck an. Er dürfte ein Aristokrat sein, vielleicht baltischer Adel, ich kenne baltische Adelige, die so aussehen, dachte Fobich, und sah sich gleichzeitig vor, da er vermutete, der Zweck der Vorladung werde jetzt endlich deutlich werden. ,, Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren Beamten in der Abteilung III, Herr Sektionschef?" fragte der Offizier. Fobich konnte sein Erstaunen nicht verhehlen. ,, Mein Verhältnis zu... Ausgezeichnet, denke ich. Die Leute arbeiten fleißig, benehmen sich korrekt und geben mir keinen Anlaß, den widerlichen Chef hervorzukehren." ,, Sie haben ein Fräulein Puhl in Ihrem Sekretariat, eine Deutsche. Sind Sie mit ihr zufrieden? Halten Sie sie für anständig?" ,, Ja. Soweit ich sie kenne: gewiß. Ich kenne sie natürlich nur im Amt und weiß nichts von ihrem Privatleben." 167 „Selbstverständlich. Halten Sie Fräulein Puhl für wahr- heitsliebend?“ „Meines Wissens hat Fräulein Puhl mich nie ange- logen.“ Fobich sah den jungen Offizier lächeln und glaubte die-' ses Lächeln erwidern zu sollen. Er bemerkte lächelnd: „Ich muß aber hinzufügen, daß in der Regel nur der Gatte oder der Liebhaber in die Lage kommt, die Wahr- heitsliebe einer Frau genauer kennenzulernen.“ Der junge Offizier lächelte nicht mehr. Er schrieb etwas in seinen Notizblock ein, blickte Fobich prüfend an und sagte:„Fräulein Puhl behauptet, daß Sie mit dem Sub- alternbeamten Rada, der eine Art Schreiber in Ihrem Sekretariat ist, auf Duzfuß stehen. Ist das wahr?” Fobich war auf alles andere als auf diese Frage vorbe- reitet gewesen. „ES ist richtig“, sagte er.„Rada ist nämlich....“ Der junge Offizier unterbrach ihn. „Herr Sektionschef”, sagte er,„sagen Sie mir eins: Ist es hierzulande üblich, daß ein hoher Beamter— Sie sind doch wohl nächst dem Minister und dem Präsidialchef der höchste Beamte in Ihrem Ministerium— mit einem kleinen Untergebenen, einem Büroschreiber, auf Duz- fuß steht?“ „Ich wollte das eben aufklären. Rada ist mit mir in die Schule gegangen. Er ist mein alter Schulkamerad. Und er hat mir einmal, vor vierzig Jahren etwa, das Leben gerettet. Ich wäre beinahe in der Moldau ersoffen.“” „Haben Sie ihn deshalb in Ihre Abteilung berufen oder hat er schon vor Ihnen in der Abteilung III gearbeitet?” „Ich habe mich für seine Versetzung in die Abteilung Ill eingesetzt. Aber nicht bloß aus Dankbarkeit. Er ist ein ungemein pflichttreuer, verläßlicher Mensch. Die Ver- 168 läßlichkeit in Person, wenn ich so sagen darf. Ich wußte, daß es viele Beamte in der Abteilung III gibt, die nicht ganz so verläßlich sind. Ich habe eine Hilfskraft gebraucht, auf deren Anständigkeit unbedingt Verlaẞ war. Deshalb habe ich Rada in die Abteilung III versetzen lassen." ,, Welche Arbeiten haben Sie ihm zugeteilt?" ,, Die unwichtigsten und die wichtigsten. Er ist ein ausgezeichneter Arbeiter. Ein phantasieloser Bürokrat, aber einer, dem kein Fehler unterläuft. Wenn er etwas ausrechnet, braucht man nicht nachzurechnen. Es stimmt unbedingt." Der junge Offizier machte eifrig Notizen. Fobich beobachtete ihn, aufs höchste beunruhigt, zündete eine Zigarette an und sagte: ,, Verzeihung: Darf ich fragen, wodurch Rada eine Persönlichkeit geworden ist, für die man sich interessiert?" Der Offizier blickte auf und sagte mit großer Höflichkeit: ,, Gewiß, Herr Sektionschef. Rada ist heute abend verhaftet worden. Er ist in der Wohnung des Mannes, der die letzten Eisenbahnkatastrophen inszeniert hat, heute abend aufgegriffen worden." Fobich sprang auf. ,, Das ist nicht möglich!" rief er. ,, Nehmen Sie Platz", sagte der Offizier. ,, Ich sehe, daß Sie sehr überrascht sind. Sie wußten also nicht, daß dieser Rada einer der Urheber der Eisenbahnkomplotte ist, die der deutschen Wehrmacht so schweren Schaden zugefügt haben." ,, Ich kann es auch jetzt noch nicht glauben. Rada! Josef Rada! Es ist mir unvorstellbar." ,, Er war es, der diese Zugzusammenstöße, Entgleisungen und so weiter durch den Verrat aller geheimen Vorkeh169 rungen der Abteilung III ermöglicht hat. Davon wußten Sie demnach überhaupt nichts." ,, Wie hätte ich so etwas ahnen können? Rada ist ein Mensch, dem niemand so etwas zugetraut hätte! Selbst jetzt noch scheint es mir ganz unwirklich, daß Rada imstande war, mich so zu hintergehen.- Ich wüßte gern, wann er sich mit diesen Verbrechern eingelassen hat. Darf ich fragen, ob er schon verhört worden ist?" ,, Er war nach seiner Verhaftung einigermaßen benommen, er konnte nicht gleich verhört werden. Deshalb habe ich mir erlaubt, Sie hier längere Zeit aufzuhalten. Jetzt aber hat er sich erholt, und der Bericht über sein erstes Verhör liegt mir vor. Er weigert sich, die Namen der Mitverschworenen zu nennen." - ,, Hat er ein Geständnis abgelegt?" ,, Über Sie, Herr Sektionschef, hat er sich ohne Zögern klipp und klar ausgesprochen. Er bestätigt, was Sie mir eben gesagt haben: daß Sie von diesen Dingen keine Ahnung hatten und nie wußten, welche Rolle er gespielt hat. Er glaubt offenbar, Ihnen mit dieser Aussage einen großen Dienst zu erweisen." ,, Wieso? Was wollen Sie damit sagen?" ,, Nun, das ist wohl kaum mißzuverstehen, Herr Sektionschef. Es hat sich herausgestellt, daß die Abteilung III der Herd der verbrecherischen Umtriebe ist, deren Endziel eine Lahmlegung des Eisenbahnverkehrs auf dem Gebiet des Protektorats und die Vernichtung der deutschen Kriegsmaschine ist. Rada glaubt Sie, Herr Sektionschef, zu entlasten, indem er behauptet, Sie hätten nichts davon gewußt und seine Rolle nicht gekannt. Er hätte Ihnen einen besseren Dienst erwiesen, wenn er Sie beschuldigt hätte, sein Mitverschworener zu sein. 170 40 Denn dann wäre es plausibel gewesen, daß er Sie mit ins Verderben ziehen will, weil Sie sein politischer Gegner und ein aufrichtiger Freund des deutschen Volkes sind." ,, Das ist ungeheuerlich!... Verzeihen Sie. Ich will mich nicht hinreißen lassen. Aber ich verstehe nicht... Wenn er wahrheitsgemäß aussagt, daß ich keine Ahnung von seiner verbrecherischen Tätigkeit hatte- wie kann man das zu meinen Ungunsten auslegen? Wie kann man mich verdächtigen, mich, den alle Tschechen einen Verräter nennen?" Der junge Offizier stand auf. Die Andeutung eines Lächelns umspielte seinen Mund. ,, Es ist nicht meine Sache, diese Frage zu beantworten", sagte er sehr höflich. ,, Ich darf Sie jetzt nicht länger aufhalten." Er warf den Kopf zurück. Fobich machte eine leichte Verbeugung. Er ging zur Tür und öffnete sie. Vor der Tür standen zwei SS- Männer. Sie nahmen ihn in die Mitte. Sie fesselten ihn nicht, aber sie gingen rechts und links an seiner Seite in dem schmalen Korridor, so daß der Fassungslose eingepreẞt war. Sie führten ihn über eine schmale Treppe in den Hof. Dort wartete ein Auto. Sie stiegen ein. 20 Acht Männer saßen in einem vergitterten Raum auf einer langen Bank. An der linken Ecke saß Musil. Rechts neben der Bank stand Fobich. Sie hatten noch eine halbe Stunde zu leben. Die Vollstreckung der Todesurteile war für zwölf Uhr mittag angesetzt. 171 Musil blickte starr das Gittertor an, als ob er noch immer Radas Rücken sähe. Vor fünf Minuten war Rada abgeholt worden. Es genügte den Nazis nicht, ihn hinzurichten. Sie zwangen ihn, zuzusehen, wie seine Frau hingerichtet wurde. Sie hatten ihn auf den Hof geführt. In diesem Augenblick oder in den nächsten Minuten wurde seine Frau hingerichtet. Sie hatten ihn gefesselt hinausgeführt. Er war stumm gegangen. Er hatte mit keinem Laut verraten, wie ihm ums Herz war. Nur sein Rücken hatte gebebt, als er durch das Gittertor gegangen war. Musil wandte den Blick nicht von dem Gittertor. Er dachte: Gleich wird er das Schwerste überstanden haben. Die Hinrichtung um zwölf Uhr ist nicht mehr so arg. Auch Fobich blickte das Gittertor an, aber er dachte nicht an die Qual, die Rada in diesem Augenblick erdulden mußte. Fobich dachte an seine Frau, die in den letzten Tagen ihre Ehescheidung erwirkt hatte. Er war kein guter Ehemann gewesen, er hatte sich nie viel um sie gekümmert, er hatte sie immer betrogen, aber sie hatte es ihm nie vorgeworfen. Sie hatte ihm nie gezeigt, daß sie verletzt war. Aber jetzt, nach seiner Verhaftung, hatte sie ihn nur einmal besucht, um ihm mitzuteilen, daß sie sich scheiden lasse. Er hatte nichts dagegen einzuwenden. Es war ihm ganz recht. Es kränkte ihn nicht. Aber es kränkte ihn, daß er nicht auf der Bank neben den andern Verurteilten sitzen durfte. Keiner wollte neben ihm sitzen. Er hatte sich an die rechte Ecke der langen Bank gesetzt, da war der Mann, neben den er sich gesetzt hatte, aufgestanden. Dann war der nächste Mann aufgestanden, der auch nicht neben Fobich sitzen wollte. Einer nach dem andern, alle waren aufgestanden, so 172 daß zuletzt er allein auf der Bank gesessen hatte. Darauf war er aufgestanden, und die andern hatten sich wieder gesetzt. Am meisten kränkte ihn, daß auch Rada aufgestanden war. Das ist gemein, dachte Fobich. Er hat mein Unglück verschuldet. Seine Schuld ist es, daß ich jetzt sterben muß. Und er, er weigert sich, neben mir zu sitzen. Es nahten Schritte. Eisen klirrten. Rada wurde in den vergitterten Raum zurückgeführt. Er weinte nicht, aber er hatte geweint, seine fahlen Wangen waren naẞ. An seinen Wimpern hingen noch Tränen. Er wußte es wahrscheinlich nicht, er wischte sie nicht ab. Seine Beine zitterten so sehr, daß er nur mit großer Mühe die Bank erreichte. Musil rückte ein Stück weiter und machte ihm an der linken Ecke Platz. ,, Wird man uns nichts mehr zu essen bringen?" fragte der Mann, der rechts neben Musil saß. ,, Wir werden bis zwölf nicht verhungern", sagte der Mann, der an der rechten Ecke saẞ. ,, Zwei Paar Würstel hätt ich gern", sagte der Hungrige. ,, Friedenswürstel natürlich. Mit Kren. Und ein Krügel Pilsner dazu. Aber Friedens- Pilsner, nicht das elende Gesöff, das jetzt gebraut wird." Musil wollte Rada nicht anblicken. Er hätte gern gesagt: ,, Rada, wisch dir das Gesicht ab." Aber er sagte es nicht. Er hatte das Bedürfnis, mit Rada zu sprechen. Aber er bezwang sich und wartete ab, ob Rada etwas sagen werde. Er war erlöst, als Rada nach einigen Minuten die Hand hob und mit dem Ärmel der Sträflingsjacke das Gesicht trocknete. ,, Jetzt dauert es nicht mehr lang", sagte Rada. ,, Noch eine Viertelstunde, schätze ich", sagte Musil. Er wandte das Gesicht Rada zu und sagte: ,, Wenn ich alles 173 überlege... Es ist ein Wunder, daß sie ihn nicht ge- fangen. haben.” Rada nickte und deutete mit einer Kopfbewegung an, daß die Wache jedes Wort hören konnte. Musil lächelte.„Keine Angst“, sagte er.„Die Dumm- köpfe wissen heute weniger als vor allen Verhören.“ Er fürchtete nicht mehr, daß es der Gestapo gelingen werde, Novak zu fangen. Sie hatte ihn bis heute nicht gefangen, es war so gut wie sicher, daß sie ihn jetzt nicht mehr fangen. werde. Musil dachte mit Genugtuung an die vergeblichen Versuche der Gestapo, den„Haupt- rädelsführer‘‘ ausfindig zu machen. Er dachte mit Ge- nugtuung an Noväk und die andern Mitkämpfer, die der Gestapo unbekannt geblieben waren. Er dachte: Sie werden weiterkämpfen. Es ist nicht schad um uns. Was wir tun konnten, haben wir getan. Die weitere Arbeit müssen wir den andern überlassen. So tief war Musil in diese Gedanken versunken gewe- sen, daß er vergessen hatte, die letzte Viertelstunde sei gekommen. Er blickte den still, reglos neben ihm sitzen- den Rada an und sagte:„Eins tut mir leid: daß aus unsrer Nachbarschaft in den Schrebergärten nichts ge- worden ist.‘ Rada regte sich nicht. Seine Beine zitterten nicht mehr. Seine ernsten, graublauen Augen verrieten. nicht mehr, was er gesehen hatte. Er sagte:„Schade, daß ich dich nicht früher gekannt hab. Wir wären gute Freunde ge- worden.“ Musil sagte:„Wir sind gute Freunde geworden.” Rada sagte:„Ja. Das ist wahr.” Draußen erschollen Stimmen, Rufe. Die Verurteilten glaubten, die Zeit sei um. Sie standen auf. Zuerst stand der Mann an der rechten Ecke der Bank auf, dann sein 174 A f I | | Nachbar. Rada war der letzte, der aufstand. Er blieb neben Musil stehen. Er stand einsam und verloren, als ob alle andern bereits gegangen wären. Der Marschschritt einer Soldatenabteilung kam näher und näher. Das Gittertor wurde geöffnet.