x [es] = je2] 'an) zZ 7 E& >) < | je) ©) < 2 RAOUL AUERNHEIMER Brilling DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT ERLEBNISSE UND BEKENNTNISSE ULL STEIN VERLAG WIEN BEN 3; EEE Copyright 1948 by Verlag Ullstein& Co. Ges. m. b. H., Wien. Alle Rechte vorbehalten.| Einband- und Umschlagentwurf: Willi Bahner, Wien.| Druck: Waldheim-Eberle, Wien Ull. Christlicher Verwandler on Theodor Herpl. R. Avemheimers Mother was die Cousine der Mutter von und gedischer Herkraft( 9.34; 5.22) Meiner Tochter Clary liebend zugedacht Vorwort INHALT Noch einmal jung sein? ERSTES BUCH Erlebtes Österreich Seite 9 11 Garten der Kindheit 15 Bart des Propheten. Auf alten Wegen ins neue Jahrhundert O du mein Österreich! In und aus der Wiener Gesellschaft. 33 46 58 78 Wer hört auf Kassandra?.. . 103 ZWEITES BUCH Anfang vom Ende und Ende vom Anfang Gewitter über Österreich. 137 Der Novellist meldet sich zum Wort $ 156 Der Blumenmörder. Liebesgaben 158 . 166 Besuch im deutschen Hauptquartier Republik bis auf weiteres DRITTES BUCH Hitlers Gast Gastspiel in der Hölle Der Hölle zweiter Teil VIERTES BUCH Mit mir in Amerika Seite 176 191 223 250 New York und der Nickel . 275 Das andere Amerika 316 Pionier Airconditioned 331 Der Rosenkranz des Paters Serra. 340 Das Wirtshaus zur verlorenen Zeit. 364 VORWORT Wenige Monate erst ist es her, seit Raoul Auernheimer in Schreiben der Freude und Genugtuung darüber Ausdruck gab, seine Lebenserinnerungen in deutscher Sprache und durch einen Wiener Verlag zum ersten Male der Öffentlichkeit übergeben zu sehen. Inzwischen hat der Tod den Autor aus den abschließenden Arbeiten an diesem Werk gerissen, das somit sein letztes wurde. Was der Mitwelt zugedacht war, richtet sich heute an eine Nachwelt, der der Name Auernheimer, noch frisch und schmerzlich betrauert, im Gedächtnis haftet. Das Manuskript wurde zum Nachlaßwerk, in dem jedes Wort und jede Eigenart mit liebevoller Behutsamkeit gewahrt werden mußte als Zeugnis einer Persönlichkeit, die, aus dem Fluß des Lebens und seiner Veränderlichkeit herausgehoben, ihre endgültige Prägung erlangt hat. Der Verlag, dem diese Aufgabe zufiel, war bemüht, sie verantwortungsbewußt zu lösen. Es gilt ja hier vor allem, einen Wiener Schriftsteller, der jenseits des Ozeans zum Künder Österreichs wurde, wieder auf den Platz zu stellen, der ihm im Kulturleben seiner Vaterstadt gebührt. Jahre hindurch war sein Name verbannt und sein Werk nicht zugänglich, und der Ver 10 VORWORT lust, den wir erlitten haben, mag vielen erst durch dies letzte Zeugnis einer gewandt und geistreich erzählenden Feder fühl- bar werden. Dem Toten wieder Anerkennung und Dank zu schaffen, ist mit eine Aufgabe dieses Buches, das für sich selbst spricht und das dem Dichter zu den Freunden, die ihn kannten, noch jene aus einer jüngeren Generation gewinnen wird, denen sein Name bisher unbekannt bleiben mußte. Ullstein Verlag Wien NOCH EINMAL JUNG SEIN? »On entre et crie Et c’est la vie...* m letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Wien “ geboren, hab’ ich im achtzehnten gelebt. Spöttisch-galant, geistreich und verspielt dauerte es, mit einigen unfreundlichen Unterbrechungen, bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges, 1914. Es war die Zeit der maskierten Bälle, auf denen jede Wiener Gesellschaftsdame sich wie eine Marie Antoinette fühlte und jeder junge Börsenjobber als Duc de Lauzun; die Zeit eines verspäteten Wiener Rokokos, der tausendfältigen Liebes- bändelei, der organisierten Frivolität; die Zeit der zarten ge- brochenen Farben und unzart gebrochenen Ehen; die Zeit, in der die Mütter vergeblich mahnten: Man muß! und: Man darf nicht!, weil die Töchter schnippisch antworteten: Man muß nicht! und: Man darf! Die Besonnenen warteten auf einen Savonarola, der nicht kam, und die Unbesonnenen trösteten sich über das„Nach uns die Sintflut“ mit einem neuen Badeanzug hinweg, den sie am Lido bei Venedig ausprobieren wollten... Dann brach, unter Donner und Blitz, das neunzehnte Jahr- hundert an, mit seinen gegeneinander wogenden Volksheeren, Revolutionen und gewaltigen nationalen Erhebungen, und des großen österreichischen Dichters Franz Grillparzer Wahrwort: 12 NOCH EINMAL JUNG SEIN? ,, Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität!" wurde auf eine schauderhafte Art wahr. Aber schon bahnt sich, siegreich fortschreitend über ein Trümmerfeld verkohlter Ideologien, das zwanzigste Jahrhundert seinen Weg in ein mittelalterlich verwildertes, neu zu entdeckendes Österreich. Schon steht das neue Jahrhundert vor der Türe, man muß sie nur noch aufmachen, um, hoffentlich, bei der ,, Humanität" neu anzufangen. Und so kann ich getrost bei meinen unverdient langlebigen Erinnerungen aus drei Jahrhunderten beginnen. Berkeley, Herbst 1944. ERSTES BUCH ERLEBTES OSTERREICH Garten der Kindheit Bart • des Propheten. Auf alten Wegen ins neue Jahrhundert O du mein Österreich! Wiener • In und aus der Gesellschaft Wer hört auf Kassandra? GARTEN DER KINDHEIT D er große österreichische Theaterdichter Arthur Schnitzler, der unter allen meinen Zeitgenossen den besten Dialog nicht nur schrieb, sondern auch sprach, äußerte einmal im Gespräch: ,, Es ist keine Kunst, seine Memoiren zu schreiben, wenn man ein schlechtes Gedächtnis hat!" Diese Warnung allein sollte mich abschrecken, meine Erinnerungen an das alte Österreich auszupacken; denn ich habe ein leidlich gutes Gedächtnis. Doch würde selbst das schlechteste hingereicht haben, um ein Ereignis in Erinnerung zu behalten, das den Ausgang meiner Knabenjahre überschattet. Es war der ebenso plötzliche wie sinnlose Tod des österreichischen Kronprinzen Rudolf, der im Leben meiner Altersgenossen ungefähr die gleiche Rolle spielt wie der Anblick der ersten Leiche im Schloßgarten des verwöhnten Buddha. Verwöhnt waren wir ja, wenn auch keine Buddhas. Natürlich erfuhren wir nicht gleich die nackte Wahrheit. Denn die für den Schulgebrauch unverwendbare nackte Wahrheit war, daß der dreißigjährige Thronfolger seine achtzehnjährige Geliebte und sich im Bett erschossen hatte. Was daraus entstehen sollte, lag damals noch, wie unser Griechischprofessor 16 ERLEBTES OSTERREICH - gesagt haben würde ,,, auf den Knien der Götter". Aber während das Schicksal der Monarchie dort bis auf weiteres ruhte, wanderte ein Visitekartenbildchen der erschossenen Baronesse Mary Vetsera in der dritten Klasse des Döblinger Gymnasiums es war die meine, unter der Bank verstohlen weitergegeben und von schrägen Blicken angstvoll begleitet, gleichfalls in Kniehöhe von Hand zu Hand. Ich habe es in seiner verbrecherischen Lieblichkeit noch deutlich vor Augen. Ein zierliches Kammerkätzchen Physiognomie unter vorgekämmtem, blondem Haarschopf, der damals sogenannten Pony- Frisur; ein slawisch aufgedrehtes Näschen, ein naschhaftes Mäulchen und zwei weitaufgetane Puppenaugen gaben dem noch so flüchtigen Betrachter dieser frühreifen Reize allerhand zu denken und zu fühlen. Er hätte das von einem geschäftskundigen Photographen vermutlich über Nacht in Tausenden von Abzügen hergestellte Lichtbildchen gerne etwas länger festgehalten, aber schon langte die nächste feuchte Knabenhand unter dem Pult begierig danach, da auch der Nachbar sich an seinem Anblick schaudernd weiden wollte. Was dachten wir uns dabei, zwischen Neugier und Abscheu schwankend? Vermutlich nicht viel, aber sicherlich mehr, als in den Zeitungen stand, die zu Hause vor uns versteckt wurden. Diese verschwiegen ja, unter dem eisernen Zugriff der Zensur, vom ersten Augenblick an und dann durch viele Jahre sogar den Namen der kleinen Person, der trotzdem, scheu, mitleidig und gehässig ausgesprochen, bereits in aller Munde war. Gerade seine Unterdrückung half der Wahrheit auf die Spur, was sich von den einander widersprechenden Lügenmeldungen über den jähen Tod des Thronfolgers keineswegs in gleichem Maße behaupten ließ. Von ihm hieß es in dem ersten, vom Hofe ausgegebenen Bulletin, daß Rudolf während der Jagd in Mayerling einem Herzschlag erlegen sei. Aber dieser Herzschlag, der sich mit der von Ärzten amtlich festgestellten Zertrümmerung der Schädeldecke durch einen Ge GARTEN DER KINDHEIT 17 - - wehrschuß nicht vereinigen ließ, überlebte den Tag nicht. Schon vierundzwanzig Stunden später wurde aus dem Herzschlag ein Jagdunfall. Am dritten Tag gab man den Selbstmord zu, der gleichzeitig mit krankhaften ,, Verwachsungen" im Gehirn soweit bemäntelt, wenn nicht entschuldigt wurde, daß eine zu vermutende ,, Geisteskrankheit" ein kirchliches Begräbnis ermöglichte. So setzte sich auf gebräuchlichem Umweg über Falschmeldungen und Gerüchte der Kaiser und die Kaiserin waren in den ersten Tagen überzeugt, daß das Mädchen den Kronprinzen ,, vergiftet" habe die Wahrheit schließlich durch. Der öffentlichen Aufbahrung in der Hofburg und dem feierlichen Begräbnis in der Kapuzinergruft stand nichts mehr im Wege. Um so unfeierlicher und von grotesker Formlosigkeit war die Beerdigung der kleinen Baronin Vetsera. Schön angezogen, wie sie zwei Tage vorher von dem kupplerischen Fiaker Bratfisch nach dem Schlößchen gebracht worden war, wurde die Leiche um Mitternacht in einen Mietwagen gehoben und, von dem Polizeikommissär Baron Gorup der später Polizeipräsident wurde und einem jungen Kavalier aus dem Gefolge des Kronprinzen chaperoniert, nach dem nahegelegenen Stift Heiligenkreuz gebracht, um dort in einem über Nacht, unter Mitwirkung der beiden Herren, ausgeschaufelten Grab um sieben Uhr morgens mehr verscharrt als begraben zu werden. Nicht einmal ihre Mutter wurde von dem sogenannten Leichenbegängnis verständigt, wie sie auch in den vorangegangenen Tagen, als das Mädchen aus dem Hause verschwunden war, Marys Aufenthalt, der den Behörden nur allzu bekannt war, nicht hatte erfragen können. Später tuschelte man, daß die unglückliche Frau, der man in der ,, Gesellschaft" nicht mehr begegnete, geräuschlos aus dem Wiener Polizeirayon entfernt worden war. ,, Abschaffen" nannte man es im alten Österreich. - - 2 Verlorene Zeit * 18 ERLEBTES OSTERREICH Von all dem erfuhr unsere kleine Gymnasialklasse nichts und das loyale Bürgertum nicht wesentlich mehr. Ein lebenslustig ausschweifender junger Prinz, ehrgeizig und begabt, und eben darum bei Lebzeiten des Trägers der Krone zu einer Art fürstlichen Müßigganges verurteilt, war in einem ausnahmsweise ernst zu nehmenden Liebeshandel, so oder so, ums Leben gekommen: das war so ungefähr, meist unausgesprochen, die allgemeine Meinung im Bürgertum, und daß sie das erschütternde Ereignis gewissermaßen bagatellisierte, entsprach der gleichfalls unausgesprochenen Absicht des Hofes. Man wünschte aus Gründen der Staatsräson, vielleicht auch aus ,, Takt", um es dem schwergeprüften Vater etwas leichter zu machen, die geschichtliche Bedeutung des ums Leben gekommenen Thronerben nicht zu übertreiben. Nichtsdestoweniger war sie vorhanden. Rudolf war nicht nur ein mißvergnügter junger Ehemann, den seine ihm von Papa ausgesuchte Gemahlin zum Gähnen langweilte und der für ihre lähmende Gesellschaft außerhäuslich wohlfeilen Ersatz suchte; er war auch ein begabter Schriftsteller, ein geschulter, weitblickender Politiker und ein in Entwicklung begriffener Staatsmann, von dessen zielbewußtem Erneuerungswillen sich allerhand für die Zukunft Österreichs hätte erhoffen und erwarten lassen. Er war ein Gegner der sogenannten ,, deutschen Orientierung", die das Unglück der Doppelmonarchie wurde; er haẞte Preußen und liebte Frankreich, obwohl es eine Republik war. Er war nicht nur ein Libertin, sondern auch ein Liberaler, der sich über die Engstirnigkeit des in leerer Förmlichkeit erstarrenden Habsburgerhofes wie seine Mutter, die Kaiserin Elisabeth, lustig machte und seine Freunde unter Bürgerlichen zu wählen vorzog, ja sogar unter Journalisten. Abkehr von dem despotischen Rußland und dem kaum minder reaktionären Deutschland Wilhelms II.; Entente cordiale mit dem freisinnigen Frankreich; dies war sein politisches Konzept, das, hätte er es weiterlebend vertreten, der Welt möglicher GARTEN DER KINDHEIT 19 weise Weltkrieg eins und zwei hätte ersparen können. Ahnungslos hatte die kleine Vetsera, als sie ihm, frühreif und entschlossen, einen pikanten Roman in Aussicht stellte, nicht nur den österreichischen Kronprinzen, sondern auch Europa zur Selbstvernichtung verführt. Denn auch das ist noch zu sagen, daß der Verführer, wie so häufig, der Verführte war. Es war die siebzehnjährige, schlechtbehütete Baronesse, die den Balkon ihrer Wohnung stürmte, wann immer der schmucke Kronprinz, vom Exerziergelände im Prater kommend, in Generalsuniform an der Spitze seiner Brigade unter den Fenstern ihrer Wohnung vorbeiritt. Sie war es, die seine Bekanntschaft erzwang, indem sie ihm den ersten Brief schrieb, als eine Unbekannte, die ihm ,, gut wäre"- eine Aufforderung zum Tanz, die kaum mißzuverstehen war. Und als es dann so weit war, ist es wiederum sie, die, als ihre eigene Zofe verkleidet, wie in einer Mozart- Oper, sich in einer Mainacht aus dem Hause ihrer Mutter stiehlt und in einen an der Straßenecke haltenden Wagen schlüpft, um mit dem Kaisersohn unter den blühenden Kastanienbäumen der Prater- Hauptallee spazieren zu fahren. Mainächte verpflichten, und so ist weiter nicht verwunderlich, daß bereits im Juni der Roman eine bedenklichere Form annimmt. In diesem Monat findet in London das fünfzigjährige Regierungsjubiläum der Königin Viktoria statt, der, die Glückwünsche seines Vaters zu überbringen, Rudolf ausersehen ist. Er sorgt dafür, daß auch seine jüngste, kleine Herzensfreundin und ihre ahnungslose Mutter eine Einladung zu den aus diesem Anlaß stattfindenden Festlichkeiten erhalten, die zu wiederholten Begegnungen erwünschte Gelegenheit geben. Auch der frühsommerliche Hydepark lädt zu nächtlichen Spazierfahrten ein, auch hier blühen die Bäume, flammen Sterne durchs Geäst, scheint der Mond. Der von Seite des Mädchens so entschlossen angesponnene kleine Roman nimmt Dimensionen an, was sich daraus schließen läßt, daß der 2* 20 ERLEBTES OSTERREICH verliebte Kronprinz, nach Wien zurückgekehrt, einen entscheidenden Schritt tut. Er schreibt an den Papst einen Brief, in dem er um Annullierung seiner aus dynastischen Gründen ihm aufgezwungenen siebenjährigen Ehe und um Bewilligung seiner Wiederverheiratung nachsucht. Was ihn zu diesem übereilten Schritt bewog, läßt sich mit einiger Sicherheit vermuten, es war wohl sein bereits weitgehend schlechtes Gewissen dem unmündigen Mädchen gegenüber, das zu verführen er sich jetzt fast schon verpflichtet fühlen mochte. Auch mag ein von mütterlicher Seite ererbtes Plus an Phantasie, wittelsbacherisches Erbteil, nicht habsburgisches, dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. Phantasie oder Gewissen oder beides: von diesem Augenblick an nimmt die Bändelei eine katastrophale Form an und geht in die Geschichte über. Denn der Heilige Vater, an den der entbrannte Thronerbe in seiner Not sich wendet, ist der fast achtzigjährige Leo XIII., Papst, Geistespolitiker und Diplomat höchsten Ranges, der sich demgemäß entscheidet, indem er das Handschreiben des künftigen Kaisers von Österreich an Seine Apostolische Majestät, den Kaiser Franz Joseph, zur weiteren Behandlung übermittelt. Dieser nimmt sein Söhnchen ins Gebet und ringt ihm das Ehrenwort ab, daß Rudolf mit dem Mädchen brechen werde. Zwei Tage später, in dem verschneiten Lustschlößchen Mayerling, bricht Rudolf sein Ehrenwort. Nach Offiziersbegriffen bleibt ihm in solchem Falle nichts übrig als„, die Kugel". Romeo und Julia am Kaiserhof! mochten die im Burgtheater zu klassischen Vergleichen erzogenen Wiener empfinden. Aber es war auch viel Don Carlos dieser fürstlichen Liebestragödie beigemischt. Sogar an einem zeitgemäßen Marquis Posa fehlte es nicht, der im Falle des Kronprinzen Moritz Sceps hieß und Herausgeber des auf der Titelseite sich als ,, Demokratisches Organ" bezeichnenden„ Neuen Wiener Tagblatts" war. Bei ihm lernte der Kronprinz die schwarze Kunst, einen polemischen GARTEN DER KINDHEIT 21 Artikel zu schreiben, worin er bald bemerkenswertes Talent verriet; von ihm ließ er sich über die Niederlage Boulangers in den französischen Kammerwahlen berichten, während eines Empfanges auf der Deutschen Botschaft, zwei Tage vor Mayerling, was zu denken gibt. Zu ihm spricht er sich brieflich über die lärmende Vulgarität des ungefähr gleichaltrigen, eben auf den Thron gelangten Kaisers Wilhelm des Zweiten aus und über den Neu- Berliner Rassenantisemitismus, den er als ,, puren Materialismus" brandmarkt. Es war allerhand zu erwarten von dieser neuesten Ausgabe des spanisch- habsburgischen Don Carlos in österreichischer Generalsuniform. Von dieser geschichtlichen Ähnlichkeit wußte freilich das damals junge Österreich, das es am nächsten anging, nicht viel. Kann sein, daß das vergreiste Österreich, das silberbärtige, das den zähen Beharrungswillen des Monarchen in die erbötige Tat umsetzte, etwas mehr wußte. Das aber behielt seine Wissenschaft weislich für sich. Erst dreißig Jahre später, nach dem Sturz der Dynastie, als in einem der ,, deutschen Orientierung" zum Opfer gefallenen, entwürdigten Wien der Traditionskerker des Hof- und Staatsarchivs knirschend seine bis dahin unzugänglichen Geheimfächer auftat, entrang sich Rudolfs schriftlichem Nachlaß in einer Staubwolke die Wahrheit, daß es bitterschade war um diesen Mann, schade auch um Österreich, dem sein vorzeitiger Tod den Weg zum Abgrund freigab. ,, Mein Sohn ist wie ein Schneider gestorben!" lautete der Nachruf des Kaisers Franz Joseph, als man ihm melden mußte, was in Mayerling geschehen war. Ein herzloses Wort, das den herzlos in leerer Förmlichkeit erstarrenden Hof kennzeichnete. Trotzdem mochte es den Nagel auf den Kopf treffen, wie dies die Worte des ,, Allerhöchsten" so nannten die loyalen Österreicher ihren nichtendenwollenden Monarchen-in ihrer phantasielosen Nüchternheit oft genug taten. Aber vielleicht war Rudolf nur deshalb wie ein Schneider" gestorben, weil die ララ 22 ERLEBTES OSTERREICH Schneider in Österreich so wenig zu reden hatten. Es kam in allen Teilen des damals noch groß dastehenden VierzigMillionen- Reiches weniger darauf an, wer den Rock gemacht hatte, als wer ihn trug. Und übrigens war es, nach allerhöchstem Vorbild, meistens ein Uniformrock. Mein Vater war kein Österreicher. Er stammte aus dem Reich, aus dem fränkischen Dorf Hersbruck bei Nürnberg, von wo der beider Elternteile beraubte Müllerssohn, siebzehnjährig, die Donau abwärts ziehend, nach Österreich auswanderte, um sich aus dem damals noch deutsch sprechenden Raab in Ungarn seine Frau zu holen. Bald darauf, kaum zwanzigjährig, machten sich die beiden, Vater arisch, Mutter von Haus aus jüdisch, die neugeschaffene liberale Errungenschaft der österreichischen Zivilehe zunutze, um in Wien ein vom Bürgermeister eingesegnetes Paar zu werden. In den folgenden ersten Jahren der jungen Ehe kamen zwei Kinder und vier Fabriken zur Welt, ätherische Ölfabriken, wie sie mein Vater, auf die Zukunft des Erdöls vertrauend, nicht nur träumte, sondern auch zum nicht geringen Teil mit eigener Hand aufbaute und bediente. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er nach der Arbeit, Pechkügelchen im Bart, ein Stückchen Speck und Brot, das ihm Mama in einem Körbchen in die Fabrik nachträgt, als Abendmahl unter dem Apfelbaum verzehrt... Erst als die vierte dieser Fabriken infolge geldlicher Unterernährung eingegangen war, wurde der verunglückte Unternehmer Kaufmann auf fremde Rechnung. Damit waren die Aufstiegsmöglichkeiten des Müllersohnes, jetzt Mühlenvertreters, offenbar begrenzt. Immerhin wuchsen wir Kinder, ein ganz kleiner Bruder war noch hinzugekommen, in einem zwar winzigen, doch immerhin eigenen Hause auf. Es lag an der Zufahrtstraße zu den Rothschildgärten auf der ,, Hohen GARTEN DER KINDHEIT 23 Warte“, die diesem verpflichtenden Namen auch Rechnung trug. An schönen Sommertagen, wenn die Rothschildgärten gegen ein mäßiges Eintrittsgeld zugunsten der Poliklinik allgemein zu- gänglich waren, fuhr die schöne Welt in offenen Kaleschen zwar nicht an unserem Hause vorbei, aber nicht weit davon, die zwi- schen wohlgehaltenen Gärten sanft ansteigende Straße hinan. Die Fürstin Pauline Metternich, Enkelin und Schwiegertochter des Staatskanzlers, das verkörperte Bild des ancien r&gime, in ihrer violetten Karosse mit der violettlivrierten Kutschenbedie- nung, fehlte selten unter den Ehrengästen. Was sich ebenso aus ihrer Blumenliebe und gesellschaftlichen Neugier, wie aus der Tatsache erklären ließ, daß sie Präsidentin der vom Haus Roth- schild begünstigten Poliklinik war. * Mein Vater und meine Mutter waren so gegensätzlich ge- artet, wie nur zwei Menschen, die ausschließlich füreinander bestimmt sind, es sein können. Vater, den wir zu Unrecht Papa nannten, denn er war vielmehr ein Vater als ein Papa, war eine Pioniernatur; Mutter, die weit mehr noch eine Mama als eine Mutter war, durchaus ein Zivilisations- und Bildungsprodukt. Sie liebte die Musik, spielte nicht übel Klavier, träumte vom Theater und kommunizierte mit der Ideenwelt, indem sie uns Kindern den großen Monolog aus Schillers„Jungfrau von Orleans“:„Der Kampf ist aus, des Krieges Stürme schweigen, Auf blut’ge Schlachten folgt Gesang und Tanz...‘“ mit einwand- freier Betonung und theatralischem Schwung vorlas. Papa hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Pferde, die er auch für sein Geschäft zu benötigen vorgab, für Hunde und für, zum Teil exotische Vögel, die er sich aus einer Hamburger Tierhandlung verschrieb und die dann in einem von mir in Laubsägearbeit hergestellten zierlichen Bretterkäfig im finstersten Winkel der 24 ERLEBTES OSTERREICH Wohnstube hinter dem Klavier ihren brasilianischen Urwald bitter vermißten. Kirchengläubig waren beide Elternteile nicht. Aber mein Vater sagte bei jeder Gelegenheit ,, So Gott will!" und Mama, wenn mittags die Suppe kalt wurde und Papa ungeduldig ,, Jenny!" ins Schlafzimmer hinüberschrie, sah sich von uns Kindern scheinheilig in Schutz genommen mit der wie hingestreuten Bemerkung:„, Wahrscheinlich liest sie wieder Schopenhauers Kapitel, Über die Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod"". Was Mama, nach dem Suppenschöpfer greifend, milde und maliziös lächelnd hinnahm. Sie hatte ein ausgesprochenes, mit den Jahren sich vertiefendes Verhältnis zur Philosophie. Mein Vater war ein Geschichtenerzähler, wie sein Sohn es wurde. Von den vielen Schnurren, die er mit einer angenehmen Baritonstimme und Erzählergebärden vortrefflich an den Mann zu bringen verstand, sind mir vorzüglich zwei in Erinnerung geblieben. Die eine ist gruselig, die andre bloß elegisch. Die gruselige liegt weit zurück in den frühen siebziger Jahren, als ich noch gar nicht auf der Welt war. Meine Mutter war zur Kur in Pyrawarth, einem kleinen Frauenbad an der ungarischen Grenze, und mein Vater fuhr in seinem leichten Wägelchen, selbst kutschierend, zu ihr hinüber, um sie nach längerer Abwesenheit wieder heimzuholen. Es war eine vielstündige Fahrt und Herbst. Die Nacht brach früh herein, die elenden Landstraßen waren völlig unbeleuchtet, der übermüdete Gaul begann bedenklich zu lahmen. Mein Vater mußte sich entschließen, in einem nachtschlafenden Dörfchen vor einem schuppenartigen Einkehrwirtshaus haltzumachen, über dessen Eingangstür ein Lichtchen trübselig flackerte. Auch das Wirtshaus schlief bereits, und es dauerte eine ganze Weile, ehe die Wirtin, eine wüst aussehende Frauensperson mit einem halb verschlafenen, halb verweinten Gesicht, eine schläfrige Kerze in der Hand, miẞtrauisch im knarrenden Türspalt erschien. Von meinem Vater GARTEN DER KINDHEIT 25 angesprochen, erklärte sie, sichtlich erschrocken, nur ein einziges Gastzimmer zu besitzen, und das müßte sie erst freimachen. Was sie hierunter verstand, war dem alsbald zugänglich gewordenen, unbehaglichen Wohnraum nicht anzumerken; ein offenes Bett stand darin, ein Waschtisch und ein Sessel. Aber mit seiner Kerze allein gelassen, empfand mein Vater, in dem sichtlich nicht frisch überzogenen Bett auf seinem umgedrehten Reisepelz liegend, wenig Lust, das Licht auszulöschen. Vielmehr stand er nach einer Weile auf, um lufthungrig das Fenster zu öffnen, wobei ihm, neben der Bettstatt, die im Kerzenlicht blinkende, merkwürdig hoch angebrachte Messingklinke einer sogenannten Tapetentür unheimlich auffiel. Er öffnete sie vorsichtig und sah sich mit hochgehaltenem Licht einer liegenden Gestalt gegenüber, die es sich im Hintergrund des alkovenartigen Raumes auf einem Brettergerüst bequem gemacht zu haben schien. Aber es war kein Schläfer, sondern ein Toter, eine bereits schwärzlich angelaufene Choleraleiche. Man schrieb das Weltausstellungsjahr, und es hatte den Sommer über ein paar Todesfälle in Wien und viele auf dem Lande gegeben, die von der Regierung ängstlich vertuscht worden waren. Der tote Wirt, den die Frau im Alkoven offenbar versteckt hatte, um für den späten Gast das Zimmer freizumachen, war einer von ihnen. Mein Vater stand eine Weile mit dem herabbrennenden Licht in der Hand, dann hob er mit zwei Fingern den ausgebreiteten Reisepelz aus dem bis zuletzt vom Vorgänger benutzten Bett und schlich in die Wirtsstube hinüber, wo er den Rest der Nacht auf der Ofenbank recht angenehm verschlief. Am nächsten Morgen beglich er die kleine Rechnung für sein Nachtlager, ohne daß wegen des unbenutzt gebliebenen Bettes und der noch anklagend offenstehenden Tür in den anstoßenden Raum Aufklärungen verlangt oder gegeben worden wären. Das andere Geschichtchen, ein bescheidener Beitrag zur Familienchronik, ist auf einen wehmütiger nachhallenden Ton ge 26 ERLEBTES OSTERREICH stimmt. Meines Vaters mir unbekannt gebliebene, weil lang vor meiner Geburt verstorbene Mutter, eine geborene Keller, hatte einen Bruder, der in Würzburg, wo ihre Familie zu Hause war, einen vielfach beneideten Kolonialwarenladen betrieb. ,, Dem Herrn Keller, dem geht's gut!" sagten die Kunden, wenn sie unter dem von der gewölbten Decke niederhangenden Straußenei überlang warten mußten, ehe sie bedient werden konnten, oder den Geschäftsinhaber, mit einer wohlgelaunt brennenden Zigarre in der Hand, vor dem Geschäfte stehend, die von Engrossisten gelieferten Kaffeesäcke und Zuckerhüte der Reihe nach nur so übernehmen sahen. Aber nach dem Krimkrieg, den italienischen von 1859 und 1866 und dem österreichisch- preußischen, der auch Bayern in Mitleidenschaft zog, war der Überseehandel ins Schwanken geraten und der Onkel Keller, obwohl er ganz derselbe geblieben war, der Konjunktur und Konkurrenz plötzlich nicht mehr gewachsen. Die wenigen Einkaufskörbe unter dem Straußenei waren jetzt rasch gefüllt und wurden immer weniger. Das Geschäft schrumpfte ein und die Familie löste sich auf. Die erwachsenen Kinder, anstatt auf die Waren von Übersee zu warten, reisten ihnen, auswandernd, nach Übersee entgegen, die Mutter starb, das Haus mußte verkauft werden. In eine Bodenkammer verbannt, sah man den früheren Besitzer zwischen seinen Vogelbauern am offenen Fenster daumendrehend auf den Tod warten; ein Opfer der europäischen Kriege... In meinen späteren Lebensjahren, vorzüglich in Amerika, als meine eigenen literarischen Kolonialwaren den Markt nicht mehr erreichten, mußte ich oft, mein Schicksal mit dem seinen vergleichend, an diesen längst verstorbenen Würzburger Oheim denken. * Jähzorn, Wirklichkeitssinn und Humor sollen den überlieferten Nürnberger Charakter auszeichnen, den Albrecht Dürer in GARTEN DER KINDHEIT 27 seinem bekannten Ratsherrnbildnis künstlerisch verewigt hat. So, die Idealisierung abgerechnet, sah mein Vater in späteren Lebensjahren ungefähr aus; so war er. Ein freundlicher Mann und die Wahrheitsliebe in Person, die man ihm vom bärtigoffenen Gesicht ablas und die ihm überall das Vertrauen seiner Mitmenschen gewann, konnte er fürchterlich ausarten, wenn er betrogen wurde oder sich betrogen glaubte. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er seinen Stallwart, einen kräftig gebauten Mann in jüngeren Jahren, mit beiden Armen umfaßt und an der Stallwand hochstemmt, um ihm in dieser unbequemen Stellung handgreiflich seine Meinung beizubringen über den Schwund des Hafers in der Kiste, den der Appetit unserer guten alten Lucy in keineswegs zureichender Weise erklären konnte. Eine noch schrecklichere Szene hat sich mir dauernd eingeprägt. Es war in dem Wienerwalddorf Pottenstein, wo mein Vater seine vierte und, wie ich glaube, letzte ätherische Ölfabrik, die nur noch eine elende Bretterhütte war, eben in Betrieb gesetzt hatte. Ein Zank war zwischen meinen Eltern ausgebrochen, mein Vater sprach heftig, Mama gab achselzuckend eine geringschätzig scharfe Antwort, und plötzlich seh' ich meinen Erzeuger, vor Zorn erbleichend, an der Kredenz, dem in hohen Ehren gehaltenen Paradestück unserer kleinbürgerlichen Einrichtung, emporgreifen und einen dort hinter einer Randleiste verborgenen, augenscheinlich geladenen Revolver an sich reißen, den er an seine Schläfe setzt. Meine Mutter wankt, mein Vater fängt sie in seinen Armen auf und legt beschämt die Waffe nieder. Gleich darauf sehe ich den bärenstarken Mann zu ihren Füßen knien und die schwergeprüfte Frau, die diesen Auftritt nie vergaß, obzwar sie ihn nie erwähnte, schuljungenhaft um Verzeihung bitten. Was war vorgefallen zwischen der frühergrauten Frau mit dem feinen Kameenprofil, die sich in ihren von Papa bis an sein Lebensende pietätvoll aufbewahrten Briefen immer nur als 28 ERLEBTES ÖSTERREICH ,, Deine Dir lebende Jenny" unterschrieb, und dem blonden Wildling, den sie mit nur halber Zustimmung ihrer Eltern geheiratet hatte? Ich kann mir's recht gut vorstellen, obwohl ich in einem langen Leben nie danach gefragt habe. Unsere familiäre Lage muß sich damals einer kritischen Wendung bedenklich genähert haben. Die Pioniernatur meines guten Vaters drohte endgültig Schiffbruch zu leiden, Pottenstein war ein letzter hoffnungsloser Versuch. Meine um drei Jahre ältere Schwester Angela war, als wir dorthin übersiedelten, bereits bei unseren Großeltern mütterlicherseits in Wien verblieben. Und nun hatte sich unsere Vermögenslage offenbar derart verschlechtert, daß es fraglich geworden sein mochte, ob nicht auch Mama und ich den Rückzug nach Wien würden antreten müssen. Zu jener Zeit arbeitete mein Vater nur noch mit einer einzigen, halb invaliden Hilfskraft, der zweite Arbeiter, der allerdings für zwei werkte, war er selbst. Auch war das ätherische Unternehmen längst zu einer gewöhnlichen Pechsiederei herabgesunken, und nur noch auf dem Schreibtisch meines phantasievollen Erzeugers, der übrigens in diesem Falle von einer, später für andere als durchaus aussichtsreich sich erweisenden Idee geleitet war, prangten in blitzenden Kristallphiolen juwelenhaft zur Musterkollektion gereiht, die vielfarbigen ätherischen Ölprodukte, an die er sein Herz gehängt hatte. In dieser Lage mochte, den Zusammenbruch voraussehend, Mama eine Art Ultimatum gestellt und mit ihrer und meiner Rückkehr nach Wien gedroht haben. Da griff der Mann, der sich von seiner Familie nicht trennen wollte, zum Revolver. Wir blieben dann doch noch den Sommer über in dem lieblichen Pottenstein, wo ich bei einem Fräulein Thornton lesen und schreiben lernte, eine bescheidene Fertigkeit, die mich durchs Leben begleiten sollte. Das lebhafte Mädchen, das mir als solches in angenehmer Erinnerung geblieben ist, war offenbar englischer Abstammung, was mich am Ende meines Lebens, GARTEN DER KINDHEIT 29 als ich viele Jahre in englisch sprechender Umgebung hinbrachte, manchmal wie ein Fingerzeig des Schicksals anmutete. Aber wenn man im Lebensplan ein Schicksal voraussetzt, welchen Sinn hätte es dann gehabt, daß ich ein Jahr später, siebenjährig, in Linz auf der sogenannten Spittelwiese zur Schule ging, wo etliche Jahre nach mir auch Adolf Hitler nicht allzuviel gelernt hat. Der ,, größte Deutsche", wie er sich von Bedientennaturen, selbst eine, gerne nennen ließ, war mein Schulkamerad, wenn auch im Abstand eines Jahrzehnts. Ich hätte ein Jahrhundert vorgezogen. Nach diesem kurzen Gastspiel in Linz, wo mein Vater, nach vollzogener Wendung vom Unternehmer zum Angestellten, seine kaufmännischen Talente offenbar zur Zufriedenheit seines Chefs hatte bewähren können, kamen wir in meinem achten Lebensjahr nach Wien zurück. Der Unterschied gegen Linz bestand für den vielgewanderten kleinen Odysseus, der ich, zum drittenmal umgeschult, damals war, zunächst nur darin, daß ich in Linz in einem engen Gitterbett schlief, das zu Füßen der Betten meiner Eltern, sie verbindend, stand, woraus ich schließen darf, daß wir damals nur eine ärmliche Zweizimmerwohnung besaßen. In dem Wiener Vorstadthaus hingegen, das vergleichsweise etwas Villenartiges hatte, bewohnte ich mit meiner zu uns zurückgekehrten Schwester ein richtiges Kabinett, wie man diese bloß einfenstrigen und deshalb nicht ganz vollzunehmenden Wohnräume in der Wiener Hausherrenterminologie nannte. Es hatte einen trapezförmigen Grundriß, der dort, wo es an das Schlafzimmer meiner Eltern grenzte, engpaßartig zusammenschrumpfte. Immerhin besaß das Haus einen Garten, in dem wir Kinder spielen durften. Mit dem Garten beginnt die Landschaft und somit trat ein neues Element in unser Leben ein, das ich mit dem Schlagwort ,, Landschaftsgrün" bezeichnen möchte. Zunächst freilich war es nur ein geliehener oder geduldeter Garten, aber mit der Zeit, als eine winzige, meinem Vater zu 30 ERLEBTES OSTERREICH gefallene Erbschaft dem rastlos planenden und ebenso rastlos seine Pläne verwirklichenden Manne es möglich machte, das kleine Familienhaus auf der Hohen Warte in die Welt zu setzen, wurde ein richtiger Garten daraus, nämlich ein eigener. Denn nur die eigenen sind die richtigen, und diesen unschätzbaren Vorzug zumindest besaßen die paar Quadratmeter Landschaftsgrün, die das spitzgieblige, obzwar ebenerdige Haus mit dem erdbeerroten Ziegelschuppendach und dem schwarzbraun gebeizten ,, altdeutschen" Gebälk als ,, Garten der Kindheit“ von allen Seiten von nun an schützend umgaben. Das Hübscheste an diesem Land- und Landschaftshaus aber war, daß wir Kinder werktätig daran hatten mitbauen dürfen. Es war ein junges, ein sozusagen kindliches Haus, das schrittweise mit uns aufwuchs; bald schaute es uns über die Schultern, bald wir ihm. Wenn etwas Geld einging, wurde gleich ein Lusthaus im Garten dazugebaut oder eine Bodenkammer oder gar ein Badezimmer, unerhörter Luxus in jener franziskojosephinischen Epoche, in der der Kaiser selbst, in seiner tausendjährigen Hofburg, noch kein Badezimmer hatte, wie mein Vater bürgerstolz hervorzuheben nicht unterließ. Diesen späteren Zubau außer Betracht gelassen, bestand das neue Haus aus fünf Wohnräumen, der Kopfzahl unserer Familie entsprechend: Vater, Mutter, meine Schwester Angela, ein nachgeborener kleiner Lothar und ich. Die heranwachsenden Kinder hatten jedes bereits sein Kabinett; die Magd, die zugleich Köchin war, schlief in der Küche in einem sogenannten Tafelbett, das sich, tagsüber zugeklappt, in einen länglichen Tisch verwandelte. Der Hund, der in einem solchen ,, eigenen Haus" nicht fehlen durfte, war bei uns sogar in zweifacher Ausgabe vorhanden: ein riesiger schwarzer Neufundländer, der Murad hieß, den an die Donau baden zu führen mein Vorrecht war, und ein weißer, quecksilbriger Pinsch, der auf den bodenständigen Namen Puffi hörte. Wenn der große, ein wilder Geselle, nachts über das GARTEN DER KINDHEIT 31 mannshohe Gartengitter setzte und erst am späten Morgen von seinen geheimnisvollen Verabredungen beschämt und verludert mit eingezogenem Schwanz heimkehrte, durften wir Kinder ihm Vorwürfe machen, bevor wir ihm sein Futter brachten. Übrigens gewöhnte er sich diese Gittersprünge im Älterwerden ab und starb in reifen Jahren im Geruche einer Art Hundeheiligkeit. Was meinen Vater, der Humor hatte und sein Gespräch gern mit Verszeilen in Anführungszeichen garnierte, veranlaßte, ein mundartliches Gedicht des zeitgenössischen Anzengruber zu zitieren, der einen alten Bauer im Rückblick auf die erzielten Erziehungsresultate philosophisch bemerken läßt: Z’letzt braucht ma’s nimmer zu verbieten, Z’letzt hört si all’s von selber auf! Was Mama veranlaßte, mit einem feinen Lächeln vom Buche aufzublicken, das aber schon wieder ein Band Schopenhauer war. Der kleine Garten, in dem aufzuwachsen ich das Glück hatte, war von größeren umgeben. Auch gab das Gärtchen, so be- schränkt es war, uns fortwährend etwas zu tun; ist doch ein Garten der zugleich liebenswürdigste und anspruchsvollste Hausgenosse. Im Winter mußten wir Kinder stundenlang Schnee schaufeln, Sand über die Zugänge streuen, den Brunnen und die Rosen rechtzeitig mit Stroh einbinden. In der schönen Jahres- zeit wurden die Blumenrabatten betreut, Rasen gesät und ge- sichelt, Bäume und Sträucher gesetzt und umgesetzt, die Kies- wege wurden manikürt, und abends wurde Wasser gepumpt, um mit geschwungener Gießkanne das Grüne grün und das Blühende blühend zu erhalten. Auch fanden fortwährend Erd- bewegungen statt, für die die Bau- und Veränderungslust meines Vaters ausgiebig sorgte. In einem Lusthaus zu sitzen ist leicht, aber es aufzuzimmern und wetterfest hinzustellen, von wildem Wein umrankt, kann eine ganze kleine Familie monate- 32 ERLEBTES OSTERREICH lang in Atem halten. Wir Kinder lernten mit Schaufel und Spaten umgehen, eine Säge handhaben, Pfosten anschneiden und ineinander verzahnen, einen schwerbeladenen Schubkarren weiterstoßen, Kies und Sand reutern und Steine und Ziegel schleppen und putzen. Als ich fünfzig Jahre später zur„Um- schulung‘“ nach Dachau kam und mich einen Lenz und Sommer lang in diesen Bemühungen unter der Aufsicht vertierter Quäl- meister hervortun mußte, kam mir die Freilufterziehung auf der Hohen Warte wesentlich zustatten. Der Garten meiner Kindheit hat mir im Garten der Qualen wahrscheinlich das Leben gerettet. Und dann hatte dieser Garten der Kindheit noch einen an- deren Vorzug, dessen ich mir freilich erst ein halbes Jahrhundert später ganz bewußt wurde. Er war und blieb nämlich der ein- zige Garten, den ich je im Leben besaß und aller menschlichen Voraussicht nach je besitzen werde. BART DES PROPHETEN A dem Barte meines Vaters überschwebte noch ein an- derer Bart meine Jugendjahre, während ich am Rande des Wiener Dichterwinkels ohne Übereilung heranwuchs. Es war aber ein gegensätzlicher Bart, ebenso tintenschwarz, wie der meines Vaters ährenhaft blond war, und so kam der Kontra- punkt.des Blutes, der mein ganzes Leben beherrscht und bewegt hat, auch hier wieder von allem Anfang an deutlich und bestim- mend zum Ausdruck. Dieser seidig schwarze, ja geradezu märchenhaft schatten- dunkle Fliegende-Holländer-Bart umfloß den beredten Mund eines damals hochberühmten Wiener Schriftstellers, der sich als Korrespondent. der„Neuen Freien Presse“ in Paris seine „Sporen“ verdient hatte, wie man in der damaligen um jeden Preis ritterlichen Zeitungssprache sagte. Mit einem Wort— es war der Bart Theodor Herzls, der ein Neffe meiner Mutter war. Meine Erinnerungen an den großen Judenführer reichen in eine Zeit zurück, als er selbst noch nicht der neue Moses und sein kaum erst sprossender Bart noch völlig unberühmt war. Ich bin einer der wenigen, die Theodor Herzl noch glattrasiert, ja mit einem Kinn, an dem nichts zu rasieren war, gekannt haben. 3 Verlorene Zeit 34 ERLEBTES OSTERREICH Er war einundzwanzig Jahre alt, ich noch nicht sechs, als Mama in meiner Begleitung bei ihrer Cousine, Theodors Mutter, Besuch machte. Ich wurde in sein Zimmer abgeschoben und plötzlich stand ich, in einem Winkel von fünfundvierzig Graden aufwärts blickend, vor meinem dreimal so großen Vetter, der studierend zwischen Büchern und Schriften im Raume auf und ab schritt. Das erste, was er lächelnd zu mir herunterfragte, war, ob ich mir etwas wünsche. Es war einer der liebenswürdigsten Züge in seinem Wesen, daß er Verständnis für die Kinderseele hatte. Ja, erwiderte ich mit einer Gefaßtheit, die auf eine verschwiegene längere Vorbereitung schließen läßt, ich hätte einen großen Wunsch: ein Federmesser. Worauf mich mein beredter Vetter wortlos an der Hand nahm und drei Stockwerke tief über eine nach Reibsand riechende steinerne Treppe hinunterführte. Alsbald traten wir in einen nahegelegenen Gassenladen, dessen armseliges Schaufenster bereits das Schönste erwarten ließ und in dem es denn auch innerlich von Messern aller Art nur so wimmelte und blitzte. Onkel Theodor von Messern umleuchtet war der Vetter plötzlich zum Onkel aufgerückt ließ mir zwei, das eine in einer Perlmutterschale, das andre in einer Hornschale, zur engeren Wahl vorlegen.„ Das da", sagte er, mit einem zwinkernden Blick zu dem verständnisvoll lächelnden Verkäufer auf die Perlmutterschale deutend, ,, kostet 95 Kreuzer, und das" er deutete auf die sogar etwas längere Hornschale ,, einen Gulden fünfzig. Welches willst du haben?" Ich entschied mich, zur Bescheidenheit erzogen, für das wohlfeilere. ,, Das da!" sagte ich, auf die Perlmutterschale deutend. Es war aber das teurere und mein guter Onkel, der in seiner Jugend manchmal eine zu geringe Meinung von den Menschen im allgemeinen hatte, hatte mich bloß auf die Probe stellen wollen, indem er die Preise vertauschte. So trug ich, mich - - BART DES PROPHETEN 35 von meiner Niedrigkeit erhebend, am Ende doch das schönere Messer davon. Mein Vetter Theodor liebte es, solche Charakterprüfungen mit mir anzustellen. Eine andere gleicher Art gab er viele Jahre später im Hause des Berliner Journalisten Lewisohn, wo er mich einführte, in meiner Gegenwart zum besten. Als zweijähriges Kind, wußte er zu erzählen, war ich von einer herzerquickenden Dummheit gewesen. Er machte die Probe darauf, indem er mir ein Stück Zucker unters Klavier legte. Ich kroch dem Zucker nach, steckte ihn in den Mund, und richtete mich stolz empor, wobei ich mit dem Kopf an das von unten weniger schöne Klaviergebälk anstieß.„ Der dumme Kerl", rief mein Vetter, sich mit meiner Mutter über meine unsägliche Dummheit freuend. Als er aber eine Woche später zum soundsovielten Male den Versuch wiederholte, geschah etwas völlig Unerwartetes. Ich kroch unters Klavier, ich steckte den Zucker in den Mund, aber anstatt, wie erwartet, mich jetzt aufzurichten, kroch ich, an dem Zucker saugend, bis in die andere entgegengesetzte Ecke des Zimmers, um erst dort, langsam und scheu nach oben blickend, mich vorsichtig in die senkrechte Stellung zurückzubegeben. ,, Und so", schloß mein Vetter in dem ihm befreundeten Hause den Bericht ,,, so, mein lieber Raoul, wird es dir im Leben immer gehen." Diese launig philosophische Schlußwendung war bereits echtester und bester Theodor Herzl. Sie schlug den Grundton seiner bezaubernden Kinderfeuilletons an, die, aus eigenen Erlebnissen schöpfend, eine Zeitlang das Entzücken unzähliger junger Mütter Wiens waren. ,, Das Jahrhundert des Kindes", wie die schwedische Bahnbrecherin Ellen Key es voraussagte, kündigte sich bereits an, und wie im viktorianischen England liebte man im franzisko- josephinischen Wien, über Kinder zu plaudern, von Kindern zu erzählen. Ich selbst schrieb als Zwanzigjähriger, sicher unter dem Einfluß Herzls, eine solche kleine Geschichte: ,, Stanniol", die dann dreißig Jahre lang in 3* 36 ERLEBTES OSTERREICH den immer rückwärts gewandten konservativen Wiener Kreisen, als das ,, Beste" gerühmt wurde, was ich je geschrieben hatte. Ein hartes Urteil für einen vielseitig sich umtuenden Schriftsteller, das ich mir jahrzehntelang nicht erklären konnte. Heute kann ich es: Das Novellchen enthielt mein erstes tiefes Erlebnis in einer verwandelten Form. Mein kleiner Held war mein kleiner Bruder, den meine Eltern im Alter von dreizehn Jahren begraben mußten. Ich hatte gerührt von ihm erzählt, ohne zu wissen, daß ich von ihm erzählte und daß ich gerührt war. So entsteht zuweilen etwas Gutes. " Seit jenem Todesfall hing ein Schatten über unserem kleinen Haus auf der„, Hohen Warte", das wir nicht lange mehr bewohnten. Meine Mutter trauerte in ihrer stillen Art. Sie las noch etwas mehr Schopenhauer- besonders das unsterbliche Kapitel , Über die Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod" las sie wie der Fromme die Bibel, und sie gab das Klavierspiel, ihre einzige Leidenschaft, für den Rest ihres Lebens auf. Nie mehr hörte ich sie jetzt zwischen sechs und sieben Uhr morgens Skalen üben, was sie oft getan hatte, weil es die einzige Zeit war, in der sie niemand störte. Das Klavier wurde abgesperrt und später verkauft. Dasselbe geschah mit dem Haus, in das ein Brautpaar sich verliebte: Die jungen Leute zogen ein und wir zogen aus. Die Welt fing von neuem an. Wir zogen in eine Stadtwohnung. ,, Aber in einem höheren Sinne werden wir immer auf der Hohen Warte bleiben“, schrieb ich großartig an meine Schwester Angela, die bereits verheiratet war. Ich bin nicht ganz überzeugt davon, daß meine jugendliche Prophezeiung sich erfüllt hat und der Rest meiner Überzeugung schwand, als ich viele Jahre später an dem kleinen Haus vorbeikam. Wie klein war es geworden und wie groß die Bäume, die ich gepflanzt und auf die ich von meiner Mansarde überheblich hinuntergeblickt hatte! Jetzt blickten sie auf mich herunter, der ich, unter ihrem Anblick erschauernd, betreten weiterhastete. - BART DES PROPHETEN 37 Der große Vetter— unser Verhältnis erinnerte mich immer ein wenig an Andersens Märchen„Der große und der kleine Klaus“— war eine Wiener Stadtberühmtheit und war es bis nach Paris, das damals das Mekka der europäischen Literatur war. Er telegraphierte von dort täglich spaltenlange Berichte über die Dreyfus-Affäre an sein Blatt, das wir täglich lasen, und veröffentlichte in gemessenen Abständen seine von Witz und Leben sprühenden Pariser Feuilletons, die ihn rasch berühmt machten. Sie wandelten mit launiger Anmut auf Heines Spuren, wie dieser seinerseits auf Lawrence Sternes Spuren dessen „Sentimental Journey“ abwandelte; alles hängt zusammen und voneinander ab, in Literatur und Leben. Davon abgesehen, war bei dem Wiener Nachfahren eine unverkennbare Neigung zur Vertiefung von Anfang an wahrnehmbar. Hier sprach ein Heine, der auch schon Maupassant gelesen hatte und, nach dem Muster der französischen Naturalisten alle wolkige Romantik verschmähend, seinen Stil an der Wirklichkeit zu schulen nicht müde wurde. Nach Wien kam der Vetter nur einmal im Jahr, gewöhnlich im Frühherbst, und dann fuhr er regelmäßig im offenen Fiaker — damals der Gipfel der Eleganz— bei unserem kleinen Haus vor. Die Hunde bellten und ich stürzte zur Gartentür, um ihn einzulassen. Es war immer eine freudige Überraschung, und ein- mal— ich war achtzehn oder neunzehn Jahre alt— vollzog sich diese Überraschung so jählings, daß ich einen Band Maupassant, in den ich vertieft war, nicht rasch genug beiseite- räumen konnte. Mein großer, dunkel gekleideter Vetter nahm mir das Buch, es war noch dazu„Bel Ami“, aus der Hand und machte, mit seinen elfenbeinblassen Gesichtszügen und dem blauschwarzen Seidenbart, der jetzt sein Kinn ernst umwölkte, das Gesicht eines beleidigten arabischen Scheichs. Er fand, nicht mit Unrecht, daß ich noch Zeit hätte, solche Sachen zu lesen. Aber meine Mutter, die wenig Sinn für das Pastorale hatte, 38 ERLEBTES OSTERREICH stellte sich kämpferisch, wie ich sie immer nur in geistigen Dingen sah, neben ihren Sohn, der Rüge, daß das keine pas- sende Lektüre für einen jungen Menschen meines Alters wäre, mit der im Gesprächston vorgebrachten Frage begegnend:„Hast du immer nur gelesen, was zu dir paßte?“„Nein“, mußte mein onkelhafter Vetter einräumen, und mit einem launigen Lächeln setzte er hinzu:„Darum bin ich ja so dagegen.“ Diese Gabe der geschickt ausweichenden Dialogwendung und der blitzschnell aufspringenden Bemerkung, das, was man im Französischen„saillie‘‘ nennt, besaß Herzl in hohem Maße. Es war eine Gabe des Wiener T'heaters, dessen Hochschule das Burgtheater war, und Paris, die eigentliche Heimat des mot heureux, hatte einen lebendigen Anteil daran. Ich erinnere mich mancher dieser glücklichen und beglückenden Bemerkungen aus seinen immer mimisch belebten kleinen Aufsätzen und Essays, die oft kleine Kunstwerke waren. Er schrieb etwa über Biarritz, die„Geckenküste“, wie er das Feuilleton überschrieb, mit einem älteren Vokabel, das Geck und Narr mit einem und demselben Wort bezeichnete. Er schrieb: aber es war nichts weniger als eine Beschreibung; es war ein Bild. Farbe war darin und Atmo- sphäre. Der damals so beliebte, ja unerläßliche Gesellschafts- pessimismus war hineingemischt, aber auch der Duft der Land- schaft, der Atem der Nacht und der Urlaut des Meeres. Der Flaneur im weißen Flanell sprach auch über das Spielkasino und setzte abschließend den Satz hinzu:„Das Kasino von Biarritz erhebt sich auf einer Grundlage von unerschütterlichem Granit: der menschlichen Dummheit.“ Und alles faßt sich am Ende zu- sammen in der Vision eines jungen Marineoffiziers, der Deck- wache hat auf seinem Kriegssciff. Er sieht die Lichter von Biarritz von fernher durch die Nacht herüberblitzen und lächelt in Erinnerung und vielleicht auch in Erwartung:„Ah, Biarritz!“ Spielglück, Frauen, Lust— dieses„Ah, Biarritz!“ sagt alles und läßt noch mehr erraten. Wie ein guter Aktschluß. BART DES PROPHETEN 39 Mein Vetter hatte dieses Talent für ,, last lines", wie man es im Englischen nennt, in besonderem Maße und er hatte unter Umständen sogar den Mut, aus solchen letzten Zeilen eine erste Zeile zu machen. Als Daudet in Paris plötzlich starb, begann sein Nekrolog mit der unvergeßlichen Wendung: ,, Ein scharmanter Mund hat sich für immer geschlossen"; als Mitterwurzer, der große Schauspieler und vielleicht noch größere Komödiant, abging, mit den Worten: ,, Mit einer seiner plötzlichen Wendungen ist er uns entglitten." Es war wie ein Blitzlicht, das die Züge eines Toten überglänzt, sein Geheimnis nicht enträtselnd, aber ins Licht rückend. Hofmannsthal ging ihm in einem seiner schönsten Gedichte nach, das den unsterblichen Vers enthält: ,, Was aber war er und was war er nicht?" Freilich, das war nicht für die Zeitung gedacht und geschrieben. Aber Theodor Herzl, der für eine Tageszeitung schrieb, wagte dennoch, den Wienern Anatole France zu erklären und den großen Schriftsteller, der, eine Säule unseres Bildungszeitalters, alles hatte nur nicht Natur, endgültig zu charakterisieren mit dem sein Wesen in eins zusammenfassenden Schlußsatz: ,, Die Muse Anatole Frances hat den schönen Hals der unfruchtbaren Frauen." Das nannten wir damals geistvoll. Und wir nannten es geistreich, wenn dieser feine Kritiker etwa die Glorie eines Herbsttages in die Wortfolge einfing: ,, Der Herbst ist gekommen wie ein junger Oberst. Er geht noch auf Eroberungen aus, aber heimlich rieselt ihm schon ein Schauer durchs Gebein." Geistreich und noch etwas mehr als geistreich, was, nebenbei bemerkt, für den englischen Leser unübersetzbar bleibt. Das nächstgelegene Wort wäre thoughtful; aber thoughtful, gedankenvoll, heißt nur Gedanken haben, und geistreich: nicht nur Gedanken haben, sondern auch mit ihnen spielen können. Das tat mein großer Vetter einige Jahre lang in Paris und Wien zum unbeschreiblichen Vergnügen seiner großen Leser 40 ERLEBTES OSTERREICH gemeinde. Dann aber machte er plötzlich Ernst und halt; und auch das wieder hing mit Paris zusammen. Eines Tages war es Herzls publizistische Pflicht gewesen, die Degradierung des jüdischen Hauptmannes Dreyfus zu beschreiben, der noch, als man ihm die Epauletten vom Leibe riẞ, seine später bewiesene Unschuld beteuerte. Dieses Erlebnis hatte zwei weltgeschichtliche Folgen. Es entsproß ihm der neueuropäische Antisemitismus, aus dem ein Vierteljahrhundert später der Giftbaum des Nazismus erblühte; aber auch die selbstbewußte Abwehr des Judentums, der Zionismus, geht auf diese Menschheitserfahrung zurück. Und Theodor Herzl, ein Idealist von hohen Graden auch in seinen elegant geschriebenen Tagesartikeln, wurde sein Prophet. Noch ehe Dreyfus auf der Teufelsinsel angelangt war, hatte der Zeuge seiner Erniedrigung eine Schrift in die Welt gesendet, in der er das Programm des Zionismus und ,, eine völkerrechtlich gesicherte Wohnstätte für die Juden in Palästina" verlangte. - Über den Zionismus wäre viel zu sagen, was über den Anlaß dieses Buches hinausgeht. Seine Berechtigung als Gegenbewegung als eine ewige Gegenbewegung ist durch die Schandtaten des Nazismus millionenfach gerechtfertigt worden. Auch seine geschichtliche Folgerichtigkeit steht außer Zweifel. Das neunzehnte Jahrhundert war das Jahrhundert des Nationalismus, wobei sich vom französischen bis zum jüdischen ein Nationalismus aus dem anderen ergab; der jüdische war das letzte Glied in der Kette. Auch ist es kein Wunder, daß diese nationale Protestbewegung in Österreich entsprang, wo ihr die magyarischen, tschechischen, polnischen, südslawischen und italienischen- von den deutschen nicht zu reden Beteuerungen nationaler Unabhängigkeit vorangegangen waren. Wenn also der Nationalismus der Weg der Geschichte war, dann konnte der Bahnbrecher des Zionismus keinen gangbareren wählen. Anders freilich, wenn der Nationalismus nur ein Abweg der - BART DES PROPHETEN 4I Geschichte war, von dem das zwanzigste Jahrhundert sich zurückfinden wird müssen zu einem übernationalen Weltbürgertum, wie es der Ansicht des Verfassers dieses Buches entspricht. Aber selbst dann wäre die Antwort, die Herzl antisemitischer Überheblichkeit gab, die einzig richtige, weil einzig würdige gewesen. Was ihm vorschwebte war, das mangelnde Nationalgefühl der Juden durch einen immer vorhandenen Charakterstolz zu ersetzen. Seine Antwort war die des ,, Uriel Acosta": ,, Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude!" Und es war eine Antwort zugleich an die Adresse des drohend heraufdämmernden Deutschnationalismus, über dessen Gefahr der Denker wie der Politiker Theodor Herzl sich nicht täuschte. Er schrieb den in seiner entschlossenen Resigniertheit denkwürdigen Satz nieder: ,, Der deutsche Antisemitismus ist ewig: das deutsche Märchen und das deutsche Volkslied sind antisemitisch." Das freilich wollten die deutschgläubigen Liberalen nicht wahrnehmen, die an das Märchen der Assimilation glaubten. Der Herausgeber der ,, Neuen Freien Presse", die eine Hochburg des weltbürgerlichen jüdischen Intellektualismus war, sagte mir einmal wörtlich: ,, Ich bin nicht pro- jüdisch; ich bin nicht anti- jüdisch: ich bin a- jüdisch." Ein gedanklich einwandfreies Programm, das auch der amerikanischen Auffassung entspricht, deren Durchführbarkeit in Amerika sich freilich noch wird erweisen müssen. In Europa jedenfalls erwies sie sich als undurchführbar, und es bleibt abzuwarten, wie die anderen Weltteile sich dazu stellen werden. Herzl starb dreiundvierzigjährig, viel zu früh für Mitwelt und Nachwelt, auf die auch der prophetische Feuilletonist und feine Schriftsteller Anspruch hat. Kurz vor seinem Tode stand er in Breslau am Grabe Lassalles, in dem er einen hohen Geistes- und Gesinnungsverwandten grüßte. Auch die Charakterähnlichkeit, obwohl Herzl bessere Manieren hatte, ist unverkennbar. Dieselbe Mischung von ehrgeiziger Romantik, staats 42 ERLEBTES OSTERREICH männischem Realismus, von Weltklugheit und feurigem Idealismus ist im Charakterbilde beider zu finden, und was Lassalle an hinreißender agitatorischer Dynamik vor dem Nachfahren voraus hatte, ersetzte dieser durch den fürstlichen Anstand einer unmittelbar einleuchtenden Erscheinung. Der blauschwarze Bart, das dunkle, träumerische Auge, der große Blick, die ebenmäßig hohe Gestalt, das edelblasse Antlitz mit den ausdrucksvollen, wie in Wachs bossierten Zügen prägten sich dem ihm Begegnenden ein wie das schönste Bild in einer Galerie. Ich bin auf meinem gewundenen Lebensweg nie einem magischeren Menschen begegnet, noch einem, dessen Magie mit so viel Anmut verbrämt gewesen wäre. Epaphroditus, so erinnerte er in einer seiner sichtlich an Anatole France geschulten ,, Philosophischen Erzählungen", nannten die Römer den Götterliebling. Epaphroditus war er selbst, der Titel paẞt zum Verfasser. - - Wenige Tage vor seinem Tode verabschiedete er einen seiner letzten Besucher auf der Terrasse des Sanatoriums, in dem die Kunst der Ärzte den aussichtslosen Versuch unternahm, seinen kranken Herzmuskel wieder lebenstüchtig zu machen. Es war Abend, Sonnenuntergang, die verklärte österreichische Landschaft breitete ihren frühsommerlichen Zauber im Lichte des sinkenden Tages noch einmal vor ihm aus. Er lächelte, schaute seinem Gast in die Augen und sagte, an der Schwelle zögernd, bevor er ins Dunkle trat: ,, Le soir bon mon soir soir!" Das Prophetische und das französische achtzehnte Jahrhundert, in dem man immer noch ein hübsches Wort für den letzten Atemzug bereithielt, verbindet sich auf eine seltsame Weise in seinem Bilde. Aber das Prophetische machte es hintergründig. ,, Wenn Herzl in mein Büro kommt, um über den Einlauf zu berichten", sagte sein Herausgeber Moritz Benedikt von ihm ,,, so weiß ich nie, ob es mein Feuilletonredakteur oder nicht vielleicht doch der Messias ist."- Er sagte es lächelnd; aber er wußte es wirklich nicht. Niemand wußte es. * BART DES PROPHETEN 43 Daß ich, von einem solchen Vorbild verlockt und angeleitet, Schriftsteller werden mußte, scheint mir im Rückblick klar, aber wann wurde ich es? Mit dreizehn, als ich meine ersten stümperhaften Liebesgedichte schrieb; mit neunzehn, als ich meine erste kleine Novelle unter dem ganz ernsthaft gemeinten jugendlichen Titel ,, Letztes Lachen" veröffentlichte? Sie enthält bereits in einer leichten, aber entschiedenen Form die Elemente desjenigen, was der junge Schriftsteller übertreibend sein Talent nennen konnte, dessen Erweckung also, wenn es überhaupt vorhanden war, jener Veröffentlichung vorangegangen sein muß. Wann aber war sie erfolgt? Eine Frage, so müßig und unbeantwortbar wie die Frage, in welchem Bruchteil einer Sekunde das über den Boden hinlaufende Flugzeug zu schweben beginnt. Ungefähr gleichzeitig mit jenem Novellchen hatte ich mein erstes Honorar für eine muntere Dialogszene erhalten, deren lustiger Vorwurf mir noch erinnerlich ist. Ein Zigeuner hat seine treulose Geliebte ermordet. Der Literat tritt an den Komponisten heran und schlägt vor, daraus eine tragische Oper in der Art der ,, Cavalleria rusticana" zu machen. Der Komponist macht Gegenvorschläge, auf die der Textdichter schrittweise eingeht, und im Handumdrehen wird aus dem traurigen Vorfall eine lustige Wiener Operette mit Gesang und Tanz. Das war Theater in der Nußschale, wienerisch vergnügtes Theater, und zusammen mit jenem melancholisch- witzig vorgetragenen, aber im Grunde auch humoristisch gemeinten Geschichtchen vom letzten Lachen, ergibt sich daraus wahrscheinlich alles, was ich in den nächsten vierzig Jahren gemacht habe, ungefähr wie sich aus der chemischen Formel H2O Wasser ergibt. Womit ich gegen Wasser nichts gesagt haben will. Aber vielleicht war nicht nur die Chemie, auch die Physik im Spiele. In den Jahren, die meiner ,, Erweckung" vorangingen, hatte ich mich in meiner Mansarde über den jugendlich aufstrebenden Baumwipfeln hauptsächlich damit befaßt, einen 44 ERLEBTES OSTERREICH Elektromotor eigener Konstruktion zu bauen, was mich ein Jahr lang völlig in Anspruch nahm. Aber schließlich begann das Rad sich schwungvoll zu drehen, was es noch immer tut, denn die kleine Kraftmaschine wurde später der Lehrmittelsammlung meines Gymnasiums einverleibt, wo sie vielleicht sogar mein Exil überlebt hat; denn Motoren wurden von den Nazi nicht verbrannt. Um aber auf mein Geschriebenes zurückzukommen, so mag es wohl sein, daß ich, während ich an jenem Motor baute, auch eine Novelle bauen gelernt habe; das Konstruktive ist ja in dieser wie in jeder Kunst von entscheidender Wichtigkeit. Aber sicher lernte ich auch noch etwas anderes, was ein junger Schriftsteller lernen muß: seine Mußestunden sammeln, um in monatelanger Arbeit einem selbstgewählten Ziele beharrlich zuzustreben, ohne sich durch die Vorfälle und Enttäuschungen des täglichen Lebens davon abbringen zu lassen; mit einem Wort, sich durch Disziplin vom Alltag unabhängig zu machen. So schreibt man am Ende ein Buch. Freilich, auch der Dilettant schreibt so und verirrt sich dabei. Wo ist der Unterschied? Ich glaube, es gibt gar keinen. Jeder Schriftsteller war einmal ein Dilettant, so wie jeder von uns einmal ein Embryo war und sogar irgendwie bleibt. Pallas Athene ist aus dem Haupte des Zeus als eine fertige Persönlichkeit hervorgestiegen. Aber bei uns armen Sterblichen ist und bleibt es eine Frage der Entwicklung. Wenn ich meine eigene literarische Entwicklung rückschauend überblicke, so sehe ich an der Wiege des noch in seinen Windeln liegenden Schriftstellerchens und Erzählungssäuglings zwei große europäische Schriftsteller meines Zeitalters stehen: Guy de Maupassant und Rudyard Kipling. Der eine ist mir als Vorbild oft vorgehalten und vorgeworfen worden; von dem stilleren Einfluß des anderen weiß niemand als ich selbst zu erzählen. Aber Kiplings Plain tales from the Hills" wurden dem Zwanzigjährigen zum Erlebnis, als er sie in der Wiener 99 BART DES PROPHETEN 45 Berlitz School zusammen mit einem jungen Missionär las, die Vokabeln, die er nicht verstand, gewissenhaft unterstreichend. Von Geschichten wie ,, Venus Anno Domini" oder ,, In the pride of his Youth" hat er eines gelernt: eine dramatisch zugespitzte Begebenheit in einer weltmännischen Tonart vorzutragen, und hat die Lehre ein Leben lang nicht vergessen. Es war ein neuer Ton, wenn auch kein unerhört neuer, in unserem etwas verstockten Österreich; und er klang weiter. AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT Das as Leben jedes jungen Mannes, der in Wien auf- und in das neue Jahrhundert hineinwuchs, stand unter dem Schwerte, was wörtlich zu verstehen ist. Denn dank der ,, deutschen Orientierung", wie es die Blätter nannten, war die allgemeine Wehrpflicht, dieses Verbrechen an der Menschheit, auch in Österreich eingeführt worden, die ,, Blutsteuer" mußte pünktlich entrichtet werden, wenn auch mit einigen liberalen Milderungen. Der akademisch Gebildete, so ungebildet er unter Umständen war, genoß das Vorrecht, statt dreier Jahre nur ein Jahr zu dienen, und hatte er dieser Pflicht als Einjährig- Freiwilliger genügt, konnte er sogar Offizier werden oder, ritterlicher ausgedrückt, Anspruch erheben auf das„ goldene Portepee", dessen goldenen Schimmer er allerdings beim Uniformenhändler aus der Tasche seines Vaters bar bezahlen mußte. Die Voraussetzung dieser glänzenden Laufbahn, die innerlich mit ritterlichen Standesvorurteilen und äußerlich mit dem ,, Leutnant in der Reserve" auf der Visitenkarte schloß, war die Reifeprüfung an einer Mittelschule. Zwölf Schuljahre waren der Preis, den der aufstrebende junge Mann dafür zu entrichten hatte. AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT 47 Die Voraussetzung war in meinem Falle leicht erfüllt. Ich kann mich meinem Freund Stephan Zweig nicht anschließen, der in seiner nachgelassenen ,, Autobiographie" gegen das österreichische Gymnasium unserer Tage wettert. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir im Sommer hinter geschlossenen Fenstern über unseren Büchern hätten schwitzen müssen, noch auch, daß unsere Professoren ausnahmslos Dummköpfe, Pedanten und Sadisten gewesen wären. Es waren recht nette, gebildete Männer unter ihnen, von denen man einiges lernen konnte, und ich habe nicht ungern gelernt. Ich war nicht unglücklich in unserem Gymnasium, das über unseren Dichterwinkel täglich zweimal, am Vormittag und Nachmittag, zu erreichen ich eine tägliche Marschleistung von vier Meilen zu vollbringen hatte. Das Lernen fiel mir leicht. Eine Zeitlang war ich sogar Vorzugsschüler, was ich offen eingestehe als einen kaum zu bemäntelnden Makel in meiner Vergangenheit. Daß ich nicht in allem und jedem mit meinen Lehrern übereinstimmte, versteht sich am Rande, wie auch, daß sie nicht immer restlos mit meinem Wandel zufrieden waren, wozu wahrlich kein Anlaß vorlag. Mein Griechischprofessor zum Beispiel war es ganz und gar nicht. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, einen schönen, mit edler Nettigkeit gekleideten Mann Mitte der Dreißig, mit pfeilgerader Griechennase, die aussah wie das Gipsmodell einer Nase, und einem wallenden Vollbart, der braun auseinanderfloß. Wenn er den Hut abnahm, mit einer Gebärde, wie man ein Visier auseinanderschlägt, hatte ich immer das Gefühl, daß es eigentlich ein Helm sein müßte, ein Raupenhelm. Im Geiste nannte ich ihn Diomedes, ich könnte nicht sagen warum, wahrscheinlich, weil Diomedes, der reisige Held", wie er in der Ilias hieß, nur ein Held mittleren Ranges war, weder Achilles noch Hektor und nicht einmal Ajax, aber immerhin ein Held. Es war ein heldenhaftes, ein bärtiges Zeitalter, in dem wir lebten und das unser Griechischprofessor auslegte und verkündete. re 48 ERLEBTES OSTERREICH Einmal hatte ich ihm eine Verbesserung einer schriftlichen Übung vorzulegen und er fand zu seiner majestätischen und meiner peinlichen Überraschung ein Liebesgedicht in dem von mir aufgeblätterten Heft. Er nahm es mit zwei Fingern auf, las es und sagte dann, wie vom Olymp zu mir herunterblickend: „Also darauf kann ich Ihnen mein Wort geben, mein lieber Auernheimer, aus Ihnen wird nie etwas werden.“ Ich kann nicht finden, daß er mit dieser absprechenden Diagnose so völlig unrecht hatte, und auch den Grund meines Versagens hatte er richtig erkannt, noch bevor ich selbst darum wußte, Er wird wohl mit meiner ursprünglichen Geneigtheit, mit der Liebe zu tändeln, anstatt Verbesserungen meiner schriftlichen Arbeiten durchzuführen, tiefer als mir lieb sein kann, zusammenhängen. An meinen Lateinprofessor hingegen— den ersten, denn später kam ein anderer— denk’ ich noch immer mit dankbarer Rührung. Er war ein kleiner, gar nicht heldenhaft zugeschnit- tener Mann, mit einem schüchtern rötlichen Spitzbärtchen, röt- lichem Haupthaar, geröteten Augen und auch sonst zum Er- röten geneigt. Am peinlichsten fiel uns das auf, als er nach einem kurzen Urlaub mitten im Schuljahr, von seiner Hochzeits- reise zurückgekehrt, zum erstenmal wieder vor die Klasse trat und eine Stelle im lateinischen Übungsbuche suchte, die er nicht gleich fand— wobei er rot wurde. Bald darauf erfuhren wir Rangen, daß seine junge Ehe geschieden worden wäre, was ihn natürlich veranlaßte, abermals rot zu werden, als er aufs Podium unserer Klasse trat, ja sogar noch röter. Der kleine Mann war Altphilologe und eine Kapazität augen- scheinlich, denn er war bereits Privatdozent. Das war etwas mehr als Gymnasialprofessor, da es ihm die unbestimmte Aus- sicht auf eine akademische Laufbahn eröffnete, zugleich aber auch etwas weniger, da der Privatdozent unbesoldet war und sich nur von der Hoffnung nährte, vielleicht doch noch einmal Hochschulprofessor zu werden, wenn es den Herren im hohen AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT 49 Ministerium gefallen sollte, sich über den Mangel seiner nicht rassereinen Abstammung hochherzig hinwegzusetzen. Möglicherweise hatte er, von solchen Erwägungen irregeleitet, sich in eine Ehe eingelassen, über die er hinterher, nach einer Abwesenheit von kaum zwei Wochen, in seiner Klasse erröten mußte. Altphilologe wie er war und zu Höherem berufen wenn auch nicht ernannt, war er abgeglitten und hatte, versagend und entsagend, das lateinische Übungsbuch für die dritte Klasse wieder zur Hand nehmen müssen, in dem er, der Niedrigkeit entfremdet, die betreffende Stelle nicht gleich fand. Immerhin, er hatte als Privatdozent ein Semester lang zu erwachsenen Hörern der Universität über die Urtexte des Menander sprechen dürfen und etwas von dieser großen Vergangenheit war an ihm hängen geblieben, wie sich bei Gelegenheit zeigte. Einmal, als unsere Klasse besonders unruhig war, während er uns den Cornelius Nepos näherzubringen vergeblich bemüht war, fand er sich veranlaßt, uns mit der übel angebrachten Zurechtweisungsformel ,, Ruhe, meine Herren!" anzubrüllen. Doch sah er seinen Irrtum schnell ein und, sein Stentorstimmchen bescheiden herabschraubend, setzte er ,, oder seid ihr Buben?" sich selbst verlachend hinzu. Darüber freuten sich die so Angesprochenen mit lautem Getrampel, und es dauerte eine ganze Weile, bevor der aus höheren Sphären zu uns Herabgestiegene des gleichfalls ins Schwanken geratenen Cornelius Nepos in seiner Hand wieder Herr wurde. Diesem liebenswürdigen Gelehrten verdanke ich ein Geschichtchen, das mich durchs Leben begleitet hat. Er erzählte es uns gleich nach der Aufnahmsprüfung, als er die Klasse übernahm und in der offenkundigen Absicht, uns zu dem vor uns liegenden hohen Weg anzuleiten. ,, Ein Schiff mit gemischter Reisegesellschaft", hob er errötend an ,,, scheitert mitten im Weltmeer an einer wüsten Insel. Das Schiff geht unter, die Fahrgäste retten sich durch Schwimmen. Aber das Eiland ist un4 Verlorene Zeit 50 ERLEBTES USTERREICH bewohnt und die Geretteten, wie sie einzeln ans Land steigen, gehören den verschiedensten Nationen an und keiner spricht des anderen Sprache. Wie sich einrichten unter diesen Umständen für Wochen, vielleicht für Monate, bis das nächste Schiff kommt? Allgemeine Ratlosigkeit, Verwirrung, Hunger, Verzweiflung, bis schließlich einer in höchster Not ein lateinisches Wort ausspricht. Ein zweiter antwortet und sofort fallen die anderen ein, denn zum Glück haben sie alle das Gymnasium besucht und sind gebildete Leute. Sie sind zum zweitenmal gerettet und wodurch, meine Herren, oder seid ihr Buben? Wodurch? Durch das Studium der antiken Sprachen. Quod erat demonstrandum." Die durchsichtige Parabel machte einen nachhaltigen Eindruck auf mein Kindergemüt, so nachhaltig, daß ich mich ihrer dankbar erinnerte, als ich genau fünfzig Jahre später in einer gleichfalls gemischten Reisegesellschaft über den Atlantik nach Amerika gondelte. Auf dem Verdeck hin- und widerschreitend, suchte ich tagelang nach einer wüsten Insel, an der zu scheitern sich gelohnt hätte. Mein Lateinisch bedurfte dringend einer Auffrischung, aber selbst wenn ich imstande gewesen wäre ,, Stella est splendida" zu sagen, was würde es mir geholfen haben in einer sternlosen Nacht? Meine Reisegefährten sahen zum allergrößten Teile nicht horazisch aus und drückten sich nicht mit taciteischer Gebundenheit aus, wenn sie nach dem Abendessen die Weltlage, die zu wünschen übrig ließ, erörterten. Ich glaube, wir waren alle froh, als wir nach einer Woche, ohne weitere Proben und Prüfungen bestehen zu müssen, in New York ankamen. Das Studium der antiken Sprachen hat seine Reize. Aber seit die Inseln nicht mehr wüst sind und die Festländer es sind, hat es viel von seiner praktischen Bedeutung eingebüẞt. Dennoch kann ich den Schlußfolgerungen meines verewigten Freundes Zweig ebensowenig folgen, wie ich seine Behauptungen unwidersprochen hinzunehmen vermag. Das humani AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT SI stische Gymnasium hatte Schwächen und Gebrechen. Man lernte dort mancherlei, was man im sogenannten stark überschätzten ,, Leben“ später nicht gebrauchen konnte. Aber man lernte etwas, das wichtiger ist als alles Gelernte, nämlich, daß man nicht nur des Nutzens wegen, sondern um des Lernens willen lernt, ohne dabei materielle Vorteile in Betracht zu ziehen. Der Idealismus dieser Auffassung ist ein Menschheitsgut, auf das wir mit oder ohne wüste Inseln nicht verzichten wollen. Und darum bin ich für das humanistische Gymnasium und werde mir erlauben, bis zu meinem letzten Atemzug dafür einzustehen. - Es gab natürlich noch andere Lehrkräfte an unserem Gymnasium als diesen Lateiner und jenen Griechen. Unser schwarzgelber Geschichtsprofessor- schwarz war sein Knebelbart, gelb das Rohrstöckchen, das er während seines Vortrags schwang sah wie ein Spanier aus, ohne einer zu sein natürlich, und der Deutschprofessor war ein Sudetendeutscher, dessen Nachkommenschaft, wenn er eine hatte, fünfzig Jahre später vermutlich ,, Heil Hitler!" schrie, bevor sie verschlungen wurde. Hingegen war unser zweiter Lateinprofessor, der uns später übernahm, seiner Abstammung nach ein Tscheche, was man seinem Deutsch und sogar seinem Latein deutlich anmerkte. Das ,, Arma virumque cano" klang in seinem Munde ungefähr wie„ Národny Listy". Aber er war ein der Gegenwart zugewandter, demokratisch, vielleicht sogar sozialdemokratisch fühlender Mann, der in diesem Sinne auch den Tacitus auslegte. Einmal, als es eine Stelle in der Aeneide zu übersetzen galt, in der von einem Pferd die Rede war, das aber eigentlich ein Streitroẞ war, fragte er den immer nur ,, Pferd" wiederholenden Übersetzungskünstler, ob es denn kein anderes, edleres Wort für Pferd gäbe, das er selbst zu suchen, aber nicht zu finden schien. Ich zeigte auf und 4% 52 ERLEBTES OSTERREICH sagte ,, Zelter". Das rechnete er mir hoch an, daß ich solch ein schönes Wort gefunden hatte und sah mir dafür manche Schwachheit nach. - - Das Wien der Jahrhundertwende war idealistisch angehaucht, wenngleich eben nur angehaucht. Der Hauch blieb auf eine verschwindend kleine Minderheit beschränkt, die sich zum Ganzen Österreichs bestenfalls so verhielt wie die ,, Innere Stadt" zu Groß- Wien, vom flachen Lande nicht zu reden. Oder um einen anderen Vergleich zu gebrauchen: die gebildete Gesellschaft bildete nur eine kleine Insel, die in einem Meer von Halb- sich und anderen einbildung und Unbildung schwimmend zureden suchte, das Meer zu sein. Aber selbst noch auf dieser Insel war für einen Kontrapunkt gesorgt, der sich in der Armee verkörperte obwohl es auch gebildete Offiziere gab. Der humanistische, liberal geschulte Jüngling trat als ,, Freiwilliger" ins Heer ein, wo er, von rohen Unteroffizieren für die deutschen Welteroberungspläne praktisch abgerichtet, zum Offizier erzogen wurde. So erst erwuchs der akademische Bürger zum Vollbürger, dessen oberste Rangstufe der für jeden zugängliche, wenn auch nicht immer erschwingliche Kavalier" bildete. Es gab freilich auch geborene Kavaliere, das waren die Adeligen, aber auch die Bürgersöhne konnten es notfalls werden, wenn sie nach abgebüẞtem Freiwilligenjahr zwischen Handküssen und Absätzezusammenschlagen die Schule der Welt durchmessen hatten. Der Titel eines Reserveoffiziers, Punkt und Kontrapunkt zugleich, hielt dann mit einer vergoldeten Feldbinde und ebensolchem Portepee leiblich und ideologisch alles zusammen: das humanistische Gymnasium, die Schule der Welt, die von Ärzten unter Umständen medizinischer benannt wurde, und die damit nahe zusammenhängende militärische ,, Abrichtung". Die Roheit dieser Abrichtung, die ja als Vorschule zum Krieg wahrscheinlich unerläßlich ist, war dabei die geringere Gefahr. und im BurgAnderes kam dazu, um den im Gymnasium AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT theater, dem Gymnasium der Erwachsenen - 53 mühsam erworbenen und gefestigten Idealismus auf noch härtere Proben zu stellen, wie ich gleich berichten will. Es ergaben sich dabei ebenso überraschende wie ernüchternde Einblicke in das innere Gefüge unseres Herrschaftsstaates, so liberal er sich nach außen hin gebärdete. Die Freiwilligen des Tiroler Kaiserjäger- Regiments, dem ungefragt beitreten zu dürfen ich die Auszeichnung genoß, waren in den Turmstuben der im Windsor- Stil erbauten Roẞauer Kaserne untergebracht und führten dort, über die gewöhnliche Mannschaft emporgehoben, eine Art Eigenleben unter der Aufsicht eines älteren Hauptmanns, des sogenannten Schulkommandanten. Sein mißlaunig gutmütiges Gesicht mit der verdrießlich herabhängenden Gurkennase hatte etwas wachsam Väterliches, wenn er beim Exerzieren von seinem Rößlein auf uns und den uns einübenden Leutnant herabsah, und daß sich augenscheinlich nicht alle seine Beobachtungen in Worte verwandelten, erzeugte zugleich Respekt und Vertrauen. Seine lakonische Art und eine gewisse trockene Anständigkeit, die in seinem Gehaben zum Ausdruck zu kommen schienen, gefielen mir im Grunde und auch ich schien ihm bald zu gefallen, wenn auch nur von seinem, für ihn einzig maßgebenden Gesichtspunkt, daß aus mir mit der Zeit ein brauchbares Stück Kanonenfutter werde zu machen sein. Bis er dann eines Tages erfuhr, vielmehr dahinter kam, daß ich auch ein von dieser edlen Bestimmung unabhängiges Eigendasein führte. Vielleicht hatte ihm irgend jemand gesteckt, daß ich ein Schriftsteller in der Knospe wäre, was man in Regierungskreisen bei jungen Leuten nicht gerne sah; vielleicht hatte er es sogar selbst bemerkt, wenn er die auch in seinem Stammcafé der Kaserne gegenüber aufliegende Münchner ,, Jugend" zwar nicht las, aber aufblätterte. So oder so, es kam der Tag, da ich ihm beim Rapport in meiner hechtblauen Uniform gegenüberstand und er diese für den sich Meldenden - - 54 ERLEBTES OSTERREICH - ઃઃ immer etwas bängliche Gelegenheit wahrnahm, um mir etwas tiefer in die Augen zu schauen und das zwischen uns unausgesprochen bestehende Verhältnis von Grund auf zu erschüttern mit den Worten: ,, Sie glauben, weil Sie gescheit sind... Er sprach auf österreichische Art den Satz nicht ganz zu Ende, sondern ließ ihn bloß mimisch ausklingen, worauf er ihn mit der endgültigen Wendung krönte:„ Wir brauchen keine gescheiten Leute. Wir brauchen Leut', die parieren." Wir das war der Herrschaftsstaat, der aus seinem Munde sprach und dessen Äußerungen ich in der Folge, ausgesprochen oder unausgesprochen, noch oft begegnete. Sie begleiteten mich durchs Leben und wiesen mir ein für allemal meinen Platz an, der immer am Rande lag, doch nie im„, Spalier", das in Wien nicht nur bei den Fronleichnamsprozessionen eine Rolle spielte, indem es die für den Gang und Pomp der Ereignisse wünschenswerte maulhaltende Statisterie beistellte. Aber unser braver Hauptmann - - er war sicher auf seine Art ein braver Mann ließ sich Schlimmeres zuschulden kommen, was aufgezeichnet zu werden verdient, weil darin ein gewisser Regierungsjesuitismus zum Ausdruck kam, an den uns zu gewöhnen offenbar auch zur Abrichtung gehörte. Es war mitten im Winter und wir machten, den Schulunterricht in den überheizten Räumen nicht unerwünscht unterbrechend, eine überraschend angesagte Übung im Terrain, die vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag dauern sollte. Nach einem fünfstündigen Anmarsch im zuerst knöcheltiefen, dann knietiefen Schnee machten wir einen Sturmangriff auf einen der milden Hügel in der Umgebung Wiens, worauf wir auf der anderen Seite des Hügels hinabsteigend, in einem kleinen Wienerwalddorf siegreich einzogen. Die Tornister wurden abgehängt, die Gewehre pyramidenförmig zusammengestellt und der in Habt- Acht- Stellung weitere Befehle harrenden hungrigen Schlachtreihe bekanntgegeben, sie könne sich in eines AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT 55 der beiden rechts und links von der Straße gelegenen Gasthäuser verteilen, aber in einer Stunde müßten wir pünktlich wieder zur Stelle sein. Dies verlautbart, und gewissenhaft zur Kenntnis genommen, glaubten wir, die Übung wäre vorläufig zu Ende. Sie war es nicht. Denn kaum hatten wir den ersten Bissen heißhungrig hinuntergeschlungen, als draußen, auf dem kleinen Platz zwischen den beiden Wirtshäusern, stürmisch ,, Vergatterung"( Ralliierung) geblasen wurde. Da dies gegen die Abmachung war und offenkundig der von unserem Hauptmann vom hohen Roẞ herunter ausgegebenen Parole widersprach, entstanden Zweifel, wie wir uns dem bereits aufgetischten Essen gegenüber zu verhalten hätten. Wir legten sie dahin aus, daß es uns freistehen müsse, noch ein paar Bissen mehr zu schlucken, bevor wir kauend zahlten und zahlend hinausliefen, von einem zweiten Vergatterungsgeblase hastig angetrieben. Aber an der Wirtshaustüre angelangt, mußten wir an unserem Hauptmann vorbei, der mit dem Leutnant in dem anderen Gasthaus gesessen war, und nun wieder zu Pferde saß, um uns Nachzügler mit den unfreundlichen Worten zu empfangen:„, Ihr Schweine..." Er sprach den Satz, der so vielversprechend anfing, nicht zu Ende, aber am nächsten Tag stand ich mit einigen anderen beim Rapport und erhielt einen Tag verschärften Arrest zudiktiert, wegen ,, Zuspätkommens bei dem Vergatterungssignal". Der peinliche Vorfall wurde weder damals noch später jemals völlig aufgeklärt, er gehört zu den unbezahlt gebliebenen Rechnungen meines Lebens. Erst viele Jahre nachher kamen wir von selbst dahinter, daß wir, schmählich es zu sagen, von unserem braven Hauptmann in eine Falle gelockt worden waren, um uns eine den Traditionen soldatischer Manneszucht entsprechende Lehre zu erteilen. Die Lehre war, daß auch im Kriege keinerlei bindende Abmachungen, das Mahl betreffend, mit der Truppe getroffen werden können, und wenn ,, Fanfare" 56 ERLEBTES OSTERREICH geblasen wurde, jeder die Gabel niederzulegen und sich an seinen Platz zu begeben habe. Richtig. Aber warum die Lüge? Und wenn pädagogische Lüge oder Irreführung, warum dann Strafe für den schuldlos Irregeführten, der auf das Wort seines Vorgesetzten gebaut hatte? Hier blieb ein bitterer Rest, der uns die zähe Speise des Herrschaftsstaates, an dem wir kauten und würgten, nicht eben schmackhafter machte. Übrigens hatte ich, meine Verurteilung beim Rapport voraus- sehend, eine wohlfeile Taschenausgabe von Jacobsens„Niels Lyne“ zu mir gesteckt, den ich in meiner halbdunkeln Zelle, auf dem Wasserzuber unter der Kellerlucke stehend, zum größten Teile durchlas. Warum gerade„Niels Lyne“? Weil Jacobsen ein Däne, das heißt ein Ausländer war, und weil alle jungen Österreicher ‚jener Tage in erster Reihe ausländische Schrift- steller lasen; es entsprach einer jahrhundertelangen Tradition. Auch war Jacobsen, den ich damals bewunderte und noch heute ‘bewundere, bereits tot, was eine andere Voraussetzung des emsigen Gelesenwerdens überall in Europa, besonders aber in Österreich bildete, das eine ausgesprochene Vorliebe für die im Grabe mürb gewordenen Dichter zu allen Zeiten an den Tag legte. Die noch lebenden hatten es schwerer, zumal in Wien. Von diesen sagte man gerne:„Ich kenn’ ihn doch ohnehin, wozu brauch’ ich ihn zu lesen?“ Oder in besonderen Fällen:„Ich bin doch mit ihm befreundet, wozu brauch’ ich ihn zu lesen?“ Womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß meine lieben Lands- leute schlechte Leser wären; im Gegenteil, sie sind die besten und es ist wohl der Mühe wert, für sie zu schreiben. Nur daß sie, von einem tiefen Mißtrauen gegen die Gegenwart erfüllt, wie sie es in allen Stücken sind, gern ein Vierteljahrhundert länger warten. Wenn sie es ausnahmsweise nicht tun, haben sie Hemmungen, die sie vor sich selbst entschuldigen zu müssen glauben, wie jener verstorbene Wiener Universitätsprofessor, der versehentlich eine Novelle eines neueren Erzählers kurz AUF ALTEN WEGEN INS NEUE JAHRHUNDERT 57 nach ihrem Erscheinen gelesen hatte und das Lob, das sie ihm abnötigte, seiner Verantwortung bewußt, gewissenhaft mit den Worten einleitete: ,, Fern sei es von mir, einen Lebenden zu überschätzen..." Mag sein, daß ich in meinen Jugendjahren selbst mehr Österreicher war, als ich selber wußte. Ich las im Arrest Jacobsen und nicht Marie Ebner- Eschenbach, die erst siebzig war. Leider konnte ich das mich bezaubernde Buch an jenem trüben Wintertag nicht zu Ende lesen, da das Tageslicht bald erlosch und durch keine andere Beleuchtung der verschärften Zelle ersetzt wurde. Ich blieb im Finstern allein mit meinen Gedanken, ohne daß ich, infolge des wüsten Lärms in dem benachbarten biertrinkenden Wachlokal, von dem mich eine dreimal versperrte Tür trennte, hätte Schlaf finden können. Zu allem Überfluẞ bekam ich dann auch noch heftiges Nasenbluten, und da mein Pochen und Rütteln an der Verbindungstüre unbeachtet blieb, mußte ich mir, in meinem nachtschwarzen Verlies hilflos herumtappend, helfen, so gut ich konnte, indem ich aus dem offenen Wasserzuber das etwas angefault riechende Waschwasser schnupfte. Am nächsten Tage, aus dem in jedem Sinne verschärften Arrest entlassen, hatte ich eine böse Augenentzündung, von den in dem finstern Kübel sich herumtreibenden Unreinlichkeiten und Bakterien verursacht. Es hätte schlimm ausgehen können, ging aber gut aus. O DU MEIN ÖSTERREICH! W enn in jenen frühlingsgrünen Jahren des in militärischer Kraftanspannung zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts unser Regiment unter den Klängen des allbeliebten Militärmarsches ,, O du mein Österreich!" vom Übungsgelände des Praters in die Roßauer Kaserne leichtfüßig zurückmarschierte, wem fiel es ein, das so zukunftssicher angejubelte ,, Österreich" symbolisch aufzufassen? Wem, der den nicht minder selbstbewußten, nicht minder volkstümlichen„ Doppeladler- Marsch" aufrauschen hörte, kam es in den Sinn, in seinen modulierten Klängen auch nur den leisesten Zweifel an der Fortdauer dieses, wie man zugeben mußte, etwas künstlich konstruierten habsburgischen Wappenvogels, des zweiköpfigen Adlers, mitschwingend zu vermuten? Wer, der die in diesen Jahren meistgespielte Wiener Posse ,, Der Böhm in Amerika" in einem unserer Vorstadttheater gesehen hatte, konnte ahnen, daß dieser von einem deutsch sprechenden Österreich nicht ernst genommene ,, Böhm" fünfundzwanzig Jahre später Masaryk heißen und, aus Amerika heimgekehrt, sich national selbständig machen würde? Bezeichnend für unser ,, Land der Tänzer und der Geiger", daß diese Belsazar- Mahnungen bei uns immer unter fröhlicher O DU MEIN OSTERREICH! 59 Musikbegleitung erfolgten. Unter klingendem Spiel der in der Sonne blitzenden, blankgeputzten Instrumente marschierte unser stolzes Regiment der Tiroler Kaiserjäger und mit ihm die Doppelmonarchie in die österreichische Tragödie hinein, als ob es eine Wiener Operette wäre... Im Schulatlas meiner Mutter, in dem ich als kleines Kind blättern durfte, wenn ich krank war, war die Landkarte Osterreichs als ,, Kaiserthum Österreich" bezeichnet, und ich sehe noch den mächtigen orangeroten Fleck vor mir, den die in Mamas Kinderjahren noch österreichischen ,, Provinzen" Lombardei und Venezien darin auf einem besonderen Blatt bedeckten. Als ich selbst zur Schule ging, war das ,, Kaiserthum" endgültig verschwunden, nachdem es sich im Ausgleich mit Ungarn zur ,, Österreichisch- ungarischen Monarchie" zeitgemäß verjüngt hatte. Die vormalige Einheit des Reiches war jetzt nur noch auf den österreichischen Silbergulden vorhanden, wo sie den geprägten Kopf des Monarchen mit dem lateinischen Wappenspruch ,, Indivisibiliter ac inseparabiliter" schamhaft umschlang. Schon daß dieser vielsilbige Spruch lateinisch redete, war ein letztes Auskunftsmittel der in zwölf verschiedenen Landessprachen durcheinander redenden, aber noch in Silbergulden zahlenden Nationen. Sie hatten im Grunde nur noch eines miteinander gemein: die Feindschaft gegen das deutsch redende, europäisch fühlende Wien, dessen weltbürgerliche Haltung sie als eine Art Verrat an ihrem nationalen Provinzialismus, der schließlich überall recht behalten sollte, empfanden. An jenes schwer aussprechbare ,, Indivisibiliter usw." knüpft sich ein lustiges Geschichtchen, das die nicht allzu heldisch veranlagten Wiener im ersten Weltkrieg einander ins Ohr erzählten. Seine Voraussetzung bildete der freiwillige Heldentod des österreichischen Kriegsschiffes„ Zenta", der einem braven österreichischen Seesoldaten Gelegenheit gab, sich mit dem Ausruf ,, Es lebe Österreich!" ins Meer zu stürzen. Diese patriotische 60 ERLEBTES OSTERREICH Fleißaufgabe wird ins Wiener Kriegspressequartier gemeldet; dort soll sie sich unter Aufsicht des den kugelsicher sich betätigenden Schriftstellern vorgesetzten Obersten in ein zum weiteren ,, Durchhalten" verpflichtendes, herzerhebendes Musterbeispiel heimattreuen Soldatenmuts verwandelt sehen. Der damit Beauftragte, obwohl bis zum Ausbruch des Weltkrieges mehr durch seinen subversiven Witz bekannt und berühmt geworden, entledigt sich mit vorbildlichem literarischem Anstand der gestellten Aufgabe. Er erzählt die heroische Begebenheit im reinsten Legendenton und schließt sie in der letzten Zeile mit der überlieferten Wendung„ Es lebe Österreich!". Tags darauf legt er sein Elaborat dem ihn kommandierenden Obersten vor, der das darin Erzählte mit augenscheinlichem Vergnügen an der vom Militärgeschäftsstil unbefleckten Prosa überfliegt. Nur beim letzten Satz kratzt er sich verlegen hinterm Ohr. ,, Es lebe Österreich!"- darf das der sich ersäufende Matrose sagen, ohne damit die andere Reichshälfte, die ungarische, zu kränken? Besser, man vermeidet Rekriminationen und läßt ihn etwas anderes sagen. Ja, aber was? Der Schriftsteller, Ironiker von Beruf, schlägt vor, die Anekdote auf die diesseitige Reichshälfte zu beschränken und den Todesmutigen mit dem staatsrechtlich einwandfreien Ausruf ,, Es leben die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder!" aus dem Leben scheiden zu lassen. Geht auch nicht! entscheidet der hohe Vorgesetzte: Schon aus dem Grunde nicht, weil die Flotte beiden Reichshälften gemeinsam ist. Müssen sich was Besseres einfallen lassen!" schärft er dem Plutarch des Kriegspressequartiers ein: ,, Etwas, was mit militärischer Knappheit allen Empfindlichkeiten zuvorkommt! Höchstens drei Worte!" Der Schriftsteller geht ins Kaffeehaus, spielt ein paar Partien Karambole und legt am nächsten Morgen sein verbessertes Konzept noch einmal vor, auf dem der begeisterte Matrose, berechtigten Empfindlichkeiten Rechnung tragend, sich mit dem schlichten Seemannsruf: ,, Indivisibiliter ac O DU MEIN OSTERREICH! 61 inseparabiliter!" ins Wasser wirft. ,, Wie auf den Münzen!" bemerkt er erläuternd. ,, Ausgezeichnete Idee!" findet der Oberst: ,, Dabei bleiben wir!" Der letzte österreichische Kaiser machte aus diesen drei Worten allen Ernstes einen Wahlspruch. Es blieb aber nicht mehr lange dabei. Denn im Versailler Vertrag, der dem ersten Weltkrieg und der Monarchie ein Ende machte, begingen die Mächtigen der Erde unter Vorsitz Clemenceaus die Ungeschicklichkeit, Preußen für den nächsten Weltkrieg nahezu unversehrt am Leben zu erhalten und nur sein Gegengewicht Österreich für alle Fälle zu zerstören, anstatt es, was nicht hätte schaden können, europäisch umzuschulen. In welcher Richtung dies möglich gewesen wäre, hat niemand scharfsinniger erkannt und glücklicher formuliert als der große amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der während meines Freiwilligenjahres und noch ein Jahr darüber hinaus sich als immer wohlgelaunter Gast in Wien aufhielt. Wie oft marschierte ich damals mit aufgepacktem Tornister an dem im liberalsten Viertel der Kaiserstadt, am Kai, gelegenen ,, Hotel Metropol" vorbei, wo er mit Frau und Tochter wohnte und in einem für die amerikanische Zeitschrift ,, Atlantic Monthly" geschriebenen Artikel den in seiner Bündigkeit entwaffnenden Satz über Österreich zu Papier brachte: ,, Österreich ist ein aus neunzehn verschiedenen Nationen bestehender Staat, der durch Uneinigkeit regiert wird(, ruled by disunion').“ Vierzig Jahre später, als österreichischer Emigrant in New York, hatte ich Gelegenheit, seiner Tochter, Mrs. Gabrilowits, deren Bekanntschaft gemacht zu haben ich Hitler verdanke, zu berichten, daß in demselben Hotel Metropol, mit dem sie Erinnerungen aus ihrer Mädchenzeit verbanden Erinnerungen an märchenhafte Empfänge des von ganz Wien verwöhnten und besuchten großen amerikanischen Schriftstellers, derzeit, und wie sich später herausstellte, für weitere sieben Jahre die reichsdeutsche ,, Gestapo" ihr Haupt- 62 ERLEBTES OSTERREICH quartier aufgeschlagen hatte.„ O du mein Österreich!" konnte ich noch einmal im Marschtakt seufzen. Ich hätte es anläßlich des dreißigsten Todestages Mark Twains auch über das NewYorker Radio seufzen mögen, erhielt aber den Bescheid, daß der Todestag ungeschickterweise auf einen Sonntag fiel, an dem an den Tod zu erinnern das vergangenheitsscheue Radio für unstatthaft hielt. Daß es vergangenheitsscheu gewesen wäre, war der geringste Vorwurf, den man Österreich machen kann. Das Übel, das an seinem Lebensmark zehrte, lag in gerade entgegengesetzter Richtung, nämlich in der Unterschätzung der Gegenwart und ihrer Bedeutung für das Individuum wie für die Allgemeinheit. Alles war wie der Geschichtsunterricht in der Schule: erst kam das Altertum, dann das Mittelalter, dann die Neuzeit, aber die neueste kam überhaupt nicht. Bei der Schlußprüfung im Gymnasium, der sogenannten Matura, die uns nach zwölf Schuljahren universitätsreif machte oder als„ ,, Maturanten" dem praktischen Leben überantwortete, konnte man recht wohl an der Schlacht bei Cannae scheitern, die vor zweitausend Jahren stattgefunden hatte, aber die von Österreich so bitter verlorene Schlacht bei Königgrätz, die den Jahresstempel 1866 trug, wurde ebenso wie die Wiener Revolution von 1848 im Lehrbuch nur kursorisch behandelt, das heißt, bei der Reifeprüfung mit Stillschweigen übergangen. Wozu die jungen Leute auf Ideen bringen, die ihren Aufstieg als pensionsberechtigte Staatsbeamte nur gefährden konnten? Und auch das immer etwas unberechenbare Leben mußte sich diesem historischen Prokrustesbett bequemen, bevor man ihm das Recht, sich weiterzuentwickeln, zugestand. Hier lag auch die Grenze des österreichischen Liberalismus, des politischen wie des weltanschaulichen. Als im Jahre 1908. ,, Salvarsan", das damals neue Mittel gegen die Syphilis, erfunden wurde, war das führende liberale Blatt kühn genug, über dieses anstößige Thema einen Leitartikel zu bringen. Er O DU MEIN OSTERREICH! 63 begann mit den unvergeßlichen Worten:„ Wir kennen diese Krankheit bereits aus dem Briefwechsel Ulrichs von Hutten mit Franz von Sickingen..." Die andere Hälfte unserer staatsbürgerlichen Nichterziehung besorgte die Gesellschaft, die, dreifach gegliedert wie die Front des Dogenpalastes in Venedig, in die erste, zweite und dritte Gesellschaft zerfiel. Die erste war, wie in jeder Monarchie, die Hofgesellschaft, der lebendige Zusammenhang jener einander ,, du" sagenden historischen Familien, die nach dem bekannten Wort eines unfreundlichen Ausländers Österreich regierten. Ihre Stellung im Staatsganzen ist am besten gekennzeichnet durch den Ausspruch meines Staatsrechtslehrers an der Universität, der, berühmt durch seine scharfe Zunge, einmal einen jungen Angehörigen dieser bevorzugten Gesellschaft beim Rigorosum mit den Worten fallen ließ:„ Herr Kandidat, ich werde nicht verhindern können, daß Sie Statthalter werden. Aber ich kann es um ein Jahr verzögern." Die zweite Gesellschaft war die in der ersten Generation reich, in der zweiten gebildet in der dritten versnobt gewordene, die das ihr fehlende Du durch Fremdsprachigkeit und internationale Beziehungen nach Möglichkeit zu ersetzen bemüht war. Und die dritte Gesellschaft, das war die Gesellschaft derjenigen, die nicht zur Gesellschaft gehörten; sie kamen und gingen, die anderen blieben. Der Wiener Witz, immer bemüht, das Abstrakte durch Eigennamen zu versinnlichen, besorgte die fragwürdige Abgrenzung auf seine Weise, indem er sich mit sich selbst auf die Formel einigte: ,, Die erste Gesellschaft, das sind die Schwarzenberg und die Rothschild- die nicht miteinander verkehren. Die zweite, das sind die***, die bei Rothschild verkehren, aber Rothschild nicht bei ihnen. Und die dritte Gesellschaft, das sind wir!" Was keines weiteren Beweises bedurfte. Denn solche Witze mit dem Hergebrachten machte man nur in der dritten. --- 64 ERLEBTES OSTERREICH In der Studentenschaft überwog bereits das nationale Element das liberale und das reaktionäre das nationale. Ein politisches Programm hatte genau genommen nur die erste Gesellschaft, die wenigstens wußte, was sie wollte, nämlich die Aufrechterhaltung des religiös gebundenen Machtstaates. Die mehr freidenkerische zweite Gesellschaft bemühte sich damit, dagegen zu sein, doch ohne recht zu wissen, wofür sie war. Um richtig Revolution zu machen, war man in diesen Kreisen zu satt, es wäre denn auf künstlerischem Gebiet, wo man den Umsturz ästhetisch sublimierte. Es gab eine moderne Malerei, die auf Klimt, eine moderne Musik, die auf Gustav Mahler pochte, und eine aufrührerische Literatengruppe, das sogenannte ,, Junge Wien", dessen Verschwörerherd das in einem uralten Haus untergebrachte ,, Café Griensteidl" war. Blieb nur die dritte Gesellschaft, die schon darum einen erzieherischen Einfluß nicht nehmen konnte, weil sie ja im Grunde nichts zu reden hatte. Sie war denn auch dementsprechend radikal; wie dem Kiebitz, der selbst nicht mitspielt, war ihr das Spiel nie hoch genug. In diesen Kreisen gedieh ein gewisser Salonanarchismus, wenn auch meistens ohne Salon. Es war eigentlich mehr ein Kaffeehaus. Die Gäste kamen und gingen. Sie steckten etwas Eßbares in den Mund, die Hände in die Taschen und verurteilten, mit vollem Munde redend, die Regierung. Aber die abwesende Regierung wußte gar nicht, daß sie verurteilt wurde. Die Regierung war schließlich der Kaiser, der alt, zuletzt uralt war und jede menschliche Entschuldigung für sich in Anspruch nehmen konnte, wenn er verkalkte und versteinte. Immerhin führte er noch im Alter von achtundsiebzig Jahren in Österreich das Allgemeine Wahlrecht ein, was wir Franz Joseph nicht vergessen wollen. Er hatte einen jahrelangen Kampf zu bestehen, bevor er es gegen den Widerstand seiner noch reaktionäreren Untertanen durchdrückte. Als es schließlich so weit O DU MEIN OSTERREICH! 65 war und ihm der diensthabende Ministerpräsident eine Liste der Persönlichkeiten vorlegte, die, weil sie sich um die Durch- führung der Gesetzesvorlage verdient gemacht hatten, mit einem Orden zu bedenken waren, gab er das Verzeichnis seinem Ver- trauensmann mit dem Bemerken zurück:„Sie haben einen ver- gessen, nämlich Mich.“ Trotzdem, Franz Joseph, der bis zuletzt Mir und Mich mit einem großen Anfangsbuchstaben schrieb, war kein Freund des Volkes, höchstens der Völker. Er hatte im Jahre 1848 das Volk von Wien näher kennengelernt und ihm die Bekanntschaft nie ganz vergessen. Wenn er im Alter das Allgemeine Wahlrecht einführte, so war es nur ein letzter verzweifelter Versuch, das nationale Problem des Völkerstaates auf einem sozialen Umweg zu lösen. Doch wußte er selbst am besten, daß der Versuch ver- zweifelt war. Gestützt auf seine eisgrauen Paladine, die mit gebeugten Häuptern und ermatteten Schultern seinen Thron stützten, wußte er genau, daß er der letzte war, der den Zwitter- staat noch zusammenhalten konnte. Als der pflichteifrigste unter allen seinen Beamten tat er seine Pflicht buchstäblich bis zum letzten Atemzug. Aber er betrachtete es nicht als seine Pflicht, an den Fortbestand des von ihm regierten Staatswesens zu glauben. Das ging ins Transzendentale, und mit dem Tran- szendentalen stand er nicht gut. Das war die Grundstimmung im Vorkriegsösterreich des Jahrhundertanfangs, den aus der Tiefe heraufdrohenden Baß- figuren in Mozarts„Don Juan“ vergleichbar, die die Lebenslust des Helden untermalen. Man lebte auf Abbruch, wie in der Zeit der Französischen Revolution. Und der Abbruch kam. Den Staat, wie er nun einmal war, bejahten nur noch die rückschrittlichsten unter meinen Altersgenossen, die von ihm leben wollten und von denen wir schon damals wußten, daß sie später Hofräte werden würden. Wir anderen glaubten an die Aufrechterhaltung des Privilegiertenstaates nicht und gingen 5 Verlorene Zeit 66 ERLEBTES OSTERREICH unsere eigenen mehr oder minder revolutionären Wege. Wenn ich meine satirischen kleinen Gerichtsgeschichten überlese, die ich als junger Hilfsrichter hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten veröffentlichte, so kann ich mir den Ehrentitel eines bon sujet, eines kaisertreuen Untertanen, kaum zusprechen. An den Begriffen von Freiheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit hielt ich fest. Aber auch diesen Glauben, wenn es einer war und nicht nur Rechthaberei, bekannte ich nur in der Spiegelschrift einer anklagenden Satire. Im Grunde war ich Republikaner, und es bedurfte der nachdrücklichen Belehrung des ein Vierteljahrhundert später über uns hereinbrechenden Faschismus und Nazismus, um uns und mich für die Reize einer reformierten Monarchie empfänglicher zu machen. Hitler wäre unter Habsburg nicht möglich gewesen. * - Die zehner Jahre unseres Jahrhunderts waren in Wien wie anderwärts ein Zeitalter des Materialismus. Man erklärte die Welt aus dem Protoplasma Häculi- Häckels ,, Das Welträtsel gelöst lag diesem kühnen Erklärungsversuch zugrunde und die Geschichte aus dem ehernen Lohngesetz. Fertig. Der Mensch blieb bei dieser den Bauch füllenden Vereinfachung ebenso außer Betracht wie Gott. ,, Dieu n'est plus actuel" hatte ein französischer Zeitungsmann einem älteren Schriftsteller bedeutet, der einen Artikel über ein religiöses Thema vorschlug. Aber selbst diejenigen, die nicht so weit gingen in der Ablehnung eines göttlichen Wesens, wagten nicht, sich zu einer höheren Weltordnung, die ins Transzendentale reichte, zu bekennen. Man hielt sich an die viktorianische Formel:„ Über Religion und Politik spricht man nicht", die bei der Ähnlichkeit der beiden Epochen ebensowohl für das franzisko- josephinische Österreich galt, und tat selbst, wenn man nicht ungläubig war, aus Wohlerzogenheit, um die anderen nicht zu verstimmen, so, O DU MEIN OSTERREICH! 67 als ob man es wäre. Gott war nur noch ein armer Verwandter, der einmal im Monat durch die Hintertüre Besuch machte, den man aber für gewöhnlich an der reichbesetzten Tafel lieber nicht erwähnte. Das war in meinem Wien ungefähr wie überall, mit der Einschränkung allenfalls, daß man in der ersten Gesellschaft an einer formalistisch starren Gläubigkeit, die nur die katholische sein konnte, äußerlich festhielt. Auch hier zuweilen mehr aus Kaisertreue als aus Gottestreue. Da der Kaiser von Gottes Gnaden war, mußte es auch einen Gott geben. Die Monarchie postulierte die Religion. Den Luxus eines unverfälschten Materialismus konnte sich nur die Republik gestatten. Auch die Schönheitsfreunde fanden ihn ärgerlich. War diese Schönheitsfreude eine Eigenheit des Wiener Materialismus, die sich darin kundgab, daß hier die Freidenker ausnahmslos für die Fronleichnamsprozession, mit Kaiser, Weihrauchfaß und Arcieren- Leibgarde, schwärmten, so konnte und wollte das Weltbild des Österreichers auch sonst der künstlerischen Zutat nicht ganz entbehren. Im Gegenteil: da die Hauptsache abhanden gekommen war, wurde die Zutat immer wichtiger und unentbehrlicher. Den Priester beerbte der Künstler, den man jetzt einen Priester des Schönen nannte, und den Gläubigen der Ästhet. Das freilich war schon wieder international; denn was ist der Ästhetizismus anderes als Materialismus mit einem Goldrand. Aber in Wien wurde der Goldrand fast zum Glorienschein. Was für eine schöne Stadt war damals Wien, wie prächtig war es herangewachsen und wie lieblich hatte es sich nach Sprengung seiner Basteien im Gelände ausgestreckt. Andere Großstädte umschlossen Gärten, Wien lag in einem Garten, dem Naturpark des Wienerwaldes, der es von drei Seiten einschloß, und die vierte Seite verlor sich im Prater, einem anderen Wald von Aubäumen. All das gehörte jetzt zu Wien, Wälder und 5 68 ERLEBTES OSTERREICH Bergwiesen und versteckte Weiler und ein malerisches Strom- ufer, seitdem es„Groß-Wien“ geworden war, um sich der liberalen Mehrheit der Inneren Stadt zu entwinden. Ein schöner Mann, der diese antiliberale Politik vertrat, regierte es, der Doktor Lueger, den die Frauen als den schönen Karl anhim- melten. Der Kaiser hatte ihm zweimal die Bestätigung versagt, aber schließlich wurde er doch Bürgermeister von Wien, obwohl er und vielleicht sogar weil er ein Antisemit war. Immerhin, es war ein verhältnismäßig gemütlicher Antisemitismus, der nicht an die Grundrechte rührte und die Gleichheit vor dem Gesetz bestehen ließ. Reaktionär, wie die ganze Wirtschaft war, ging sie doch Hand in Hand mit einer äußeren Verschönerung des Stadtbildes und selbstbewußteren Finanzpolitik der Gemeinde. Die Verträge mit den ausländischen Gas- und Trambahn- gesellschaften wurden nicht erneuert, die Gasröhren aus dem Boden gerissen und dafür elektrische Kabel gelegt. Bogen- lampen flammten über der Ringstraße auf und jeder der hohen Beleuchtungsmasten trug in der schönen Jahreszeit ein Blumen- gebinde um den Hals wie eine vorgebundene Krawatte. Man erzählte uns, daß es das nur noch in Barcelona gäbe, aber wir machten uns selbständig und erklärten, weil die Krawatte auf Wienerisch die Masche heißt und auch die Wienerinnen in Mascherln immer groß waren: Wien ist eine Mascherlstadt. Und unter den Blumen und Lichtmonden und Mascherln glitten die schlankgebauten, nagelneuen Elektrischen geräuschlos dahin, mit Spiegelscheiben und polierten Sitzen, und immer nur halb voll, so daß man für den Bettel von sechs Kreuzern stundenlang spazierenfahren konnte, rauchend und plaudernd wie in einem Automobil. Das wurde eine Art von Sport unter den Wiener Millionären, die immer sparsam waren. Und wie das Stadtbild war das Leben, ästhetisch um jeden Preis, sogar um den Preis der Gesinnung. An der Spitze der sozialen Pyramide, die sich unter Umständen über die gott- O DU MEIN OSTERREICH! 69 gewollten Standesunterschiede erhob, stand der Künstler, der Musiker, der Maler, der Dichter— wenn er fürs Theater schrieb—, vor allem aber der Schauspieler. Wien, das immer eine Theaterstadt war, war es in jenen Tagen in einem Grade wie nie zuvor. Es war für einen jungen Schriftsteller, der ein bißchen mit der Feder umzugehen wußte, schwer, kein Stück zu schreiben, und auch ich konnte dieser Versuchung,„berühmt“ zu werden, nicht widerstehen. Ich schrieb zweiundzwanzigjährig ein dreiaktiges Lustspiel und es war das einzige abendfüllende Stück von mir, das in dem später so berühmt gewordenen Wiener„Josefstädter Theater“ zur Aufführung kam. Sein damaliger junger Direktor Josef Jarno gab meinem Wechsel- balg den herausfordernden Titel„Talent“. Diese mich mehr als ihn verpflichtende Überschrift war klug gewählt. Talent zu haben war damals alles. Wien schwamm in Talent wie Venedig im Wasser. Der Künstler beherrschte die Epoche; alle Rang- und Standesunterschiede durchbrechend, trat er, wenn ihn der Erfolg beglaubigte, mit einem Schlage aus dem Nichts ins All, und nirgends vollzog sich diese märchen- hafte Umwandlung sichtbarer als im Bühnenlichte des Theaters oder Konzertsaales. Gustav Mahlers Erscheinung hob sich eindrucksvoll von diesen beiden Hintergründen ab. Er war der Direktor der Wiener „Hofoper“, die ihre größte Zeit unter ihm erlebte, und der große Dirigent der„Philharmonischen Konzerte“. Daß er auch ein großer, schöpferischer Musiker war, bemerkten die meisten Wiener, wenn auch nicht die besten, erst nach seinem Tode und nachdem er in Amerika weltberühmt geworden war. Bis dahin deckte der„Direktor‘‘ den Künstler, sowie im Falle Beethovens der„Klavierspieler‘“ den Tondichter deckte. Die Wiener sind große Grabplattenbewunderer; und um der Unsterblichkeit nicht vorzugreifen, finden sie das Genie bei Lebzeiten lieber mit dem niedrigeren Rang ab. 70 ERLEBTES OSTERREICH Mahler war ein Genie. ,, Talent hat man, Genie ist man", lautet das geistvolle Wort eines französischen Denkers, das auf Mahler zutrifft: er war, was er hatte. Er war aber auch ein zeitgemäßes Genie, der es sich erlauben konnte, das Wort zu prägen:„, Tradition ist Schlamperei." Er wollte nicht wie seine Vorgänger und halben Zeitgenossen auf dem immer mit Talent gesegneten Gebiet der Wiener Musik ein Nachfahr sein auf hohen Wogen, ein Nachklassiker wie Brahms, wie Bruckner, wie Goldmark, lauter große Meister, jeder in seiner Art. Er wollte, ebenso wie die neuen Maler und die neuen Dichter und wie es auf dem Gebiete der Musik auch der unglückliche Hugo Wolf ist, den seelischen Inhalt einer neuen Zeit mit neuen Mitteln ausdrücken. Er glaubte an Wandlung, auch in der Kunst; das war das Neue an ihm in einer Zeit, die, zumal in Österreich, allenthalben am Hergebrachten und Überkommenen festhielt. Mahler war nicht statisch, sondern dynamisch; nicht apollinisch, sondern dionysisch. Damit vollzog er den Übergang ins neue Jahrhundert. Das Neue an ihm waren seine Nerven; eine gewisse, manchmal fast unschöne Fahrigkeit, die auch in seinem Gang und in seinem Gehaben zum Ausdruck kam. Aber bei aller Sprödigkeit des Ausdrucks und allem Verzicht auf gefällige Glätte war er ein großer Bildhauer des Seelischen; kein Michelangelo der Musik wie Beethoven, aber ihr Rodin. Auf den Tummelplätzen der„, leichten Muse", wie die immer noch mythologisch angehauchten Wiener Zeitungen sich gebildet ausdrückten, war es im Grunde nicht anders, nur nahm man den Übergang von einem zum anderen Jahrhundert hier leichter und ging mit einem Lächeln oder einem lächelnden Seufzer darüber hinweg. Johann Strauß, der viel gefeierte, nie genug gefeierte ,, Walzerkönig“ der Wiener, überlebte sein Jahrhundert nicht; seine Eleganz, seine Salonromantik kamen nicht wieder, noch auch seine volkstümliche Berühmtheit, die O DU MEIN OSTERREICH! 71 ohnegleichen war. In dem kurzen Intervall zwischen dem Tod seiner zweiten, innigst geliebten Frau und Gefährtin und seiner dritten Heirat erhielt er, so erzählte man sich in Wien, eines Tages ein Billett von unbekannter Damenhand.„ Eine Frau, die den berühmtesten Namen in der Welt ihr eigen nennt, wünscht Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen", schrieb die unbekannte Bewerberin. Der berühmteste Name der Welt war etwas, das sogar Johann Strauß reizte. Er gewährte eine Begegnung und es stellte sich heraus, daß die Dame eine geschiedene Frau Strauß war. Sie wurde die schöne, kluge, bewunderte dritte Gattin des Mannes mit den feurigsten Augen und dem schwärzesten Schnurrbart von Wien; denn das war Johann Strauß noch mit siebzig. Sein Nachfolger auf dem Rauschgoldthron der Operette war Lehár, und wieder sind es zwei Zeitalter, Jahrhundertende und Jahrhundertanfang, die hier fühlbar aufeinanderprallen. Der Straußsche Walzer verhält sich zu dem von Lehár wie Erotik zu Sinnlichkeit, Leidenschaft zu Trieb, Liebe zu Sex. Alles war irdischer geworden, jubelte die Jugend, wenn die ,, Lustige Witwe" zu tanzen, zu wirbeln begann; ,, und billiger" setzten die älteren Leute unfreundlich hinzu. Übrigens tritt dieser Walzerunterschied zwischen Romantik und Realismus, Schwärmerei und Triebseligkeit am deutlichsten auf dem Gebiet der großen Musik hervor, wenn man etwa einen Walzer von Johann Strauß mit dem ,, Rosenkavalier"-Walzer von Richard Strauß vergleicht: ,, Rosen aus dem Süden“ und„, Nur du nur du". Als dann auch noch ein dritter Strauß, der geistreiche Oscar Strauss, der an Offenbach anschloß, hinzutrat, brauchte einem um den Welterfolg der Wiener Theatermusik nicht mehr bange zu sein. Er überlebte zwei Weltkriege. Nie wurden mehr Operetten in New York aufgeführt als im letzten Kriegsjahr. Nie auch wurde so viel Wiener Musik im amerikanischen Radio gesendet, von Beethovens Neunter Symphonie - 72 ERLEBTES OSTERREICH angefangen bis zum leichtfüßigen Radetzkymarsch und ätheri- schen„Kaiserwalzer“. Die Musik ist die Unsterblichkeit Wiens, und sie war es schon bei seinen Lebzeiten, lange bevor die Nazi- pest dem schönen Traum ein Ende machte. Damals aber, im letzten Jahrzehnt des Franz-Joseph-Zeitalters, als die Wiener Volkssänger das altbewährte Leiblied der Wiener,„Verkaufts mei G’wand, i fahr’ in Himmel“, im Weindunst einer Wohl- standsepoche heiter-pessimistisch zum besten gaben, war sie das allgemeine Glaubensbekenntnis, das, sogar in der Kirche, vielfach den Glauben ersetzte. Wien war nicht nur die Stadt der besten Wagner- und Mozart-Aufführungen in der Oper, der besten Dirigenten in den Philharmonischen Konzerten, die den Musikliebhabern einen weltlichen Gottesdienst bedeuteten, der beschwingtesten Operettenabende; es war auch das Wien des Rose-Quartetts, das später nach London flüchtete, der zahl- losen Quartette in den Wiener Bürgerstuben schlechtbezahlter Beamten, die sich einmal in der Woche wie Verschwörer zu- sammenfanden, um bei großer Musik ihre kleinlichen Sorgen zu vergessen, und es war, nicht zuletzt, auch das Wien der Militärkapellen, die auf allen öffentlichen Plätzen, in allen „besseren“ Gartenrestaurants taktfest aufspielten. Was sie für Wien bedeutet hatten, erfuhren die Bewohner dieser Stadt erst, als sie nach dem Zusammenbruch aus dem Stadtbild verschwan- den. Daß man uns die Armee weggenommen hatte, konnte der Wiener im Gegensatz zum Deutschen leicht ertragen; den Regi- mentskapellen trauerte er noch lange nach. Nach der Musik und neben ihr war das Theater die große Liebe und der Stolz des damaligen Wien. Das Burgtheater war einzig, und Kainz, Mahlers Gegenstück im Bereich der Sprech- bühne, der unbestritten erste deutsche Schauspieler seines Zeit- alters. Ungefähr gleich alt, regierten sie auch gleichzeitig, der eine in der„Burg“, der andere in der Oper, und starben beide viel zu jung und plötzlich für den Ruhm und das Glück der O DU MEIN OSTERREICH! 73 Wiener Schaubühne, die, reich wie sie blieb, nach ihnen ver- armte. Das Feuer, in dem Joseph Kainz die Versraketen des „Cyrano“ im Tempo des Paganinischen„Perpetuum mobile“ abprasselte, hat sich in ein ewiges Licht in der Geschichte der Schauspielkunst verwandelt. Um den Zweiklang zum Dreiklang zu erweitern, muß man noch einen dritten Namen hinzufügen, den des Volksschau- spielers Alexander Girardi, der ein mozartischer Genius des Komischen war. Wenn er den Klassiker des österreichischen Volksstücks, Ferdinand Raimund, oder einen seiner unbedeu- tenden Nachfahren spielte, war immer auch ein Hauch von Goldoni um ihn und über dem Stück, wie ja das Italienische auch in seinem Namen österreichisch weiterlebte. Und es war sein angestammter Name, kein bloß angenommener. Girardi war ein schlanker, behender Österreicher von echtem Schrot und Korn, was aber den mildernden Einschlag fremder Kultur- rassen keineswegs ausschloß. Der Österreicher, der zu meiner Zeit um jeden Preis ein Deutscher sein wollte und erst nach Berlin fahren mußte, um zu erfahren, wo Wien liegt, war ın Wahrheit ein internationaler Mensch und international war auch das Theater zu allen seinen guten Zeiten, von denen ich eine der besten noch miterlebt habe. Es kochte nie im eigenen Saft und blieb infolgedessen schmackhaft. Es war nie ein Theater bloß für den Einheimischen, sondern für den Fremden in gleichem, ja vielleicht sogar in noch höherem Maße. Der gebildete Wiener setzte seinen Ehrgeiz darein, die Sprache des Gastes zu sprechen und er lernte sie auch im Theater. Was für Gastspieler bekamen wir in jenem gloriosen Jahrzehnt in Wien zu sehen, und wie schwer war es manchmal, sich zwischen Mozarts„Figaro“ in der Oper und der„Locandiera“ der Duse im Theater an der Wien zu entscheiden. Die alternde Sarah Bernhardt, die ganz junge Suzanne Despres, Salvini, Zacconi, Novelli— sie kamen Jahr für Jahr in ihren besten Rollen und 74 ERLEBTES OSTERREICH 99. brachten ihre besten Stücke in ihren Gastspielkoffern mit nach Wien. Das ,, Ibsen"-Theater, wie wir es nannten, des Berliners Otto Brahm, das Reinhardt- Theater mit Alexander Moissi als Jedermann", das Künstlerische Theater von Moskau des unvergleichlichen Stanislawski, das damals noch kaiserliche Russische Ballett, sie alle haben die Wiener entzückt und sich von diesem besten Theaterpublikum der Welt entzücken lassen; sie haben sich verschwendet und sind dabei reicher geworden. In Wien ist Carusos ,, La donna è mobile" in perlenden Nachtigalllauten zur Galerie emporgestiegen und in Wien ist Nijinski im ,, Geist der Rose" aus einem Blumenkelch aufgeschwebt, als ob sein geschmeidiger Körper zum Fliegen geboren wäre. - Die Duse, die größte auf ihrem Gebiet und ihr Gebiet war ein unendliches: die menschliche Seele- die Duse ist, was heute nur noch ganz wenige wissen, eine Wiener Entdeckung. Natürlich hatte sie schon vorher Theater gespielt, seit ihrem vierten Jahr, in Italien und sogar in Rußland. Dann aber kam sie, eine interessante junge Schauspielerin, im Jahre 1893 nach Wien und spielte auf der von der Fürstin Pauline Metternich inaugurierten ,, Theaterausstellung" zum erstenmal die ,, Nora". Am nächsten Morgen war sie weltberühmt, und wenn sie dreißig Jahre später an einem nebligen Wintertag in Pittsburg( Pennsylvanien) starb, so ist dieser übers Weltmeer reichende Erfolg ein Werk der Wiener Kritik, die sie über Nacht erkannt, verstanden und das, was einzig war an ihr, gewürdigt hat. Die Kritik gehört nämlich auch dazu, was immer die Theaterleute sagen oder sich denken mögen, und Wien hatte die beste, die feinfühligste und menschlich anständigste. Es war der Mühe wert, für solche Kunstrichter ein Wort, das es nur im Deutschen gibt Komödie zu spielen. Die Namen Speidel, Hanslick und einige andere werden in diesem Zusammenhang weiterleben. Wobei zu bemerken ist, daß Speidel, der Großmeister der kritischen Zunft, in jenen frühen Tagen auch noch den Auf- - - O DU MEIN OSTERREICH! 75 stieg der jungen Literatur kritisch beglaubigte, wogegen Hanslick, der ein Reaktionär war, gegen Richard Wagner genau so reaktionär zu Felde zog wie Nietzsche, der bekanntlich ein Revolutionär war. Beide Kritiker schrieben ein vorbildliches Deutsch, Speidel das beste, Hanslick das zierlichste. Die Abrechnung wäre unvollständig, wenn sie nicht auch noch den Posten ,, Frau" einbezöge. Und es wäre unverantwortlich, dies nicht zu tun; denn die Frauen retten das unrettbare Land vor dem Richterstuhl der Geschichte. - Österreich war immer ein Frauenland in dem die Frauen nichts zu reden hatten. Daß trotzdem geschah, was sie wünschten, spricht nur dafür, daß es aufs Reden am wenigsten ankommt. Es gibt neben der rationalen Wortfolge auch eine Zeichensprache der irrationalen Gefühle und Instinkte, durch die sie sich jederzeit mit der Männerwelt verständigen konnten. Die staatsbürgerliche Erziehung der Österreicherin wie auch der beweglicheren Wienerin war gleich Null. Sie wußten nicht einmal etwas von den Grundrechten, die immerhin seit dem Jahre 1867 in der österreichischen Verfassung verankert waren und nahmen nur ein Grundrecht für sich in Anspruch, das sich in dem Vers zusammenfaßte: Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten." So wurde Österreich ein Frauengarten; ein Landschaftsgarten. " In jenen üppigen Zehnerjahren, in deren trächtigem Erdreich die Wurzeln des Jahrhunderts, alle seine Wurzeln, ruhen, begann man auch in Wien von Frauenemanzipation zu reden, deren europäische Vorläufer zwei Nordländer, Ibsen und die Ellen Key, waren. Es meldeten sich Sozialkritiker zum Wort, die fanden, daß die bisher übliche Mädchenerziehung und Frauenbeschäftigung, ein bißchen Wirtschaft und Klavierspiel 76 ERLEBTES OSTERREICH und— in extravaganten Fällen— das Bepinseln von Seiden- bändern mit Wasserfarben, auf die Länge nicht genügten. Das ging so weit, daß auf Betreiben der Frau Marianne Hainisch, einer tapferen und unternehmenden Vorkämpferin der neuen Zeitideen, schließlich sogar ein Mädchengymnasium in Wien gegründet wurde. Diejenigen„höheren Töchter“, die ein noch höherer Ehrgeiz antrieb, lernten jetzt Lateinisch und bald er- öffnete sich ihnen sogar der Zugang zur Universität. Was zur Folge hatte, daß sie sich berechtigt wähnten, auch sonst wie Studenten zu leben. Das heißt, sie fingen an, Zigaretten zu rauchen und fuhren mit verkürzten Röcken auf dem Zweirad ins Gelände. Das Geschlecht älterer Hofdamen bekreuzte sich. Politisch hatte all dies gar keinen Einfluß. Die Frauen hatten weder das Wahlrecht noch das daraus hervorgehende Recht, gewählt zu werden; beides brachte ihnen erst die vorübergehende Republik. Aber selbst in den zwanziger Jahren noch blickte man einem weiblichen Nationalrat auf der Straße nach, wie man in den zehner Jahren auf der Wiener Ringstraße dem ersten Auto- mobil oder einem im Gedränge auftauchenden Neger nach- geblickt hatte. Man blieb stehen und ging lange nicht weiter. In jenen Anfängen der österreichischen Frauenbewegung waren es zwei vorbrechende politische Richtungen, die, wenn nicht das staatsbürgerliche Gewissen, das nicht vorhanden war, so doch die Einbildungskraft der weiblichen Hälfte der öster- reichischen Bevölkerung zu beschäftigen begannen. Die im Grunde rückläufige Christlichsoziale Partei— sie war weder christlich, noch war sie sozial— gewann zahlreiche Anhänger unter den Müttern, die sozialdemokratische einige im Kreise der Töchter, zumal der erwerbenden Schichten. Diese Partei, von Viktor Adler, einem der größten und liebenswertesten politi- schen Führer Österreichs vorbildlich organisiert, versuchte in jenen Anfangsjahren des Jahrhunderts in Wien einiges von dem nachzuholen, was man staatsbürgerliche Erziehung nennen O DU MEIN OSTERREICH! TI: könnte. Doch kann ich mich nicht erinnern, daß bei dem Massen- marsch der Arbeiterschaft über den Ring, der den Wunsch nach einem demokratischen Wahlrecht entscheidend zum Ausdruck brachte, auch schon Frauen mitdemonstriert hätten. Die Frauen, die in Österreich mehr als anderwärts ein Stück Natur waren, wie sie sich denn auch in der überwiegenden Mehr- zahl der Fälle mit ihren natürlichen Farben begnügten, leiten zu einem anderen Werte über, der in unserem Soll und Haben auf der Haben-Seite nicht übergangen werden darf: der öster- reichischen Landschaft. Sie reichte in jener Morgenstunde des Jahrhunderts vom Huzulendorf bis an den Gardasee, vom Prager Hradschin bis nach Ragusa und dem türkischen Sara- jewo; vom Alpendorf bis in die ungarische Pußta. Aber selbst ein Menschenalter später war ihre Spannweite zwischen der Wiener Gloriette und dem Innsbrucker„Hafelekar“ noch groß genug, um im Gemüt des Österreichers einen Zweiklang der Sehnsucht in der Fremde lange nachhallen zu lassen. Die Gloriette— das ‚„Rühmchen“ könnte man sie ins Deutsche, „The little glory‘ ins Englische übersetzen— ist der Arkaden- gang über dem kaiserlichen Lustschloß Schönbrunn, von dem aus man auf das barocke Wien hinunterblickte; das Hafelekar ist ein Adlernest, siebentausend Fuß hoch über dem vormals lieblichen Innsbruck, wo sich der stolze Reichtum der Tiroler Bergwelt vor einem auftat: zusammen waren sie, auf eine ver- kürzte Formel gebracht, das Landschaftsglück Österreichs, dessen Reiz und Geheimnis war und blieb, nicht so sehr ein Land zu sein als eine Landschaft. Was das Land an Liebe in den letzten Jahren unter der wüsten Naziherrschaft sich verscherzt hat, das mag ihm wie dem benachbarten Italien am Ende doch seine liebliche Landschaft zurückgewinnen. IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT D ie Schwierigkeit für den Wiener Schriftsteller bestand nicht darin, in die Wiener Gesellschaft zu kommen; die Schwierigkeit bestand darin, unbeschädigt wieder herauszukommen. Wer unabhängig zu bleiben wünschte, weil er, wie ich, ihre politische Zurückgebliebenheit nicht gutheißen konnte noch mochte, ging ihr besser aus dem Wege. Aber wie sie kennenlernen, ohne sich ihr zu nähern? Und wie sie nachgestalten, auf der Bühne oder in der Erzählung, ohne sie zu kennen? Hier lag das eigentliche Problem für den werdenden Schriftsteller und erst recht für den Dichter. Wir waren doch alle nur ,, loups garoux", wie unsere gern französisch sprechenden Wiener Weltdamen mit einem leichten Fächerschlag von uns sagten-verirrte Wölfe, die auf entrückten Ebenen heulten und die man sich besser nicht zu nahe kommen ließ. Das Mißtrauen beruhte auf Gegenseitigkeit; denn die Wiener Gesellschaft war alles eher als literaturfreundlich. Im Gegensatz zur französischen, die den Schriftsteller obenan stellt, und auch zur amerikanischen, die jederzeit bereit ist, ihm den seinem Talent gebührenden Rang zuzuerkennen, war sie, eingeschnürt in den engbrüstigen alten Herrschaftstaat, wie sie noch immer IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 79 war, in keiner Weise geneigt, dem Schriftsteller als Schriftsteller irgendeinen Rang zuzugestehen oder eine Stellung einzuräumen. Wo es dennoch geschah, galt es seiner Person, aber nicht seinem Talent und am wenigsten der politischen Meinung, die dieses Talent vertrat. Man betrachtete sie als seine Privatsache, um die man taktvoll weder fragte noch sich kümmerte. Wenn er reaktionär eingestellt war, um so besser, aber selbst dann hatte es keine Bedeutung, es wäre denn, daß er Hofrat wurde oder daß ihn der Kaiser ins Herrenhaus berief, was einmal in einem halben Jahrhundert geschah. Und selbst da ergab sich in Unkenntnis seiner Schriften manchmal, daß man fehlgegriffen hatte. Als der alte Grillparzer, ein edler alter Liberaler im Grunde, aber politisch völlig ungeschult, ins Herrenhaus kam, fragte ihn jemand, wie er es, ohne die entsprechende Sachkenntnis, bei den Abstimmungen halte. ,, Oh, das ist ganz einfach!" antwortete er: ,, Wenn der Fürst Windischgrätz aufsteht, bleib' ich sitzen, und wenn er sitzen bleibt, steh' ich auf!" Der Adel war auch im negativen Sinn noch maẞgebend. - Hugo von Hofmannsthal, ein Nachfahre Grillparzers und mehr dem Herrschaftstaat zugeneigt zumal in seinen Anfängen, denn später sah er, ein entthronter Österreicher, einen ,, neuen Weltstand" voraus-, Hofmannsthal drückte es anders aus, indem er in einem ebenso schönen wie wenig gelesenen Essay über Gedichte vom Dichter sagt, daß er im Gebäude des alten Machtstaates ,, unter der Stiege" wohne, was diejenigen, die in der Beletage hausten, als eine vollkommen überflüssige Bemerkung kaum zur Kenntnis nahmen. Dabei kann man nicht sagen, daß die in Österreich regierende Tory- Gesellschaft ungebildeter war als in anderen, fortgeschritteneren Ländern. Wir hatten in Wien hochgebildete Politiker und Aristokraten, nur daß ihre Bildung grundsätzlich der Vergangenheit zugewendet war und blieb. Sie konnten ganze Versketten aus 80 ERLEBTES ÖSTERREICH der Ilias oder Äneide, wenn es darauf ankam, aus dem Gedächtnis in der Ursprache frei hersagen und lasen zu ihrer Erholung etwa die Fragmente des Menander. Aber sie wären höchst erstaunt gewesen, von einem Klubgenossen zu erfahren, daß der damals abwechselnd in Paris und in Rußland lebende Rainer Maria Rilke so etwas wie ein Mozart der deutschen Lyrik sei, was erst ein Vierteljahrhundert später dank den jahrzehntelangen Bemühungen der schöngeistigen Fürstin Thurn und Taxis in ihren Kreisen durchzusickern begann. Selbstverständlich war Rilke um diese Zeit schon lange tot, das war ja die Voraussetzung des dichterischen Ruhmes, der in österreichischen Regierungskreisen und in der sich selbst immer ein Nachruhm war. maßgebenden Gesellschaft Übrigens war es in den akademischen Kreisen, von vorübergehenden liberalen Anwandlungen abgesehen, kaum anders. - - Ein Dichter hatte tot zu sein; war er es nicht, stand er sich sehr im Licht. Aber sogar die bereits Verstorbenen erfreuten sich in ihrer eigenen dichterischen Vergangenheit größerer Beliebtheit als in ihrer nun auch schon längst vergangenen Gegenwart. Das scheint ein hoffnungslos verwickelter Gedankengang, der sich aber für den dialektisch geschulten gebildeten Österreicher spielend löste. Er sagte zum Beispiel von Adalbert Stifter, einem seiner späten Lieblinge: ,, Ich les' ihn gern. Also natürlich besonders seine früheren Sachen." Dabei hatte Stifter auch noch post mortem immerhin das Verdienst, ein gläubiger Anhänger des alten Herrschaftstaates gewesen zu sein. Im Jahre der Revolution, 1848, stand er auf der anderen Seite der Barrikade. Es gab natürlich auch liebenswürdige Ausnahmen: feinsinnige, meist ältere Damen, die sich in regelmäßigen Abständen in der noch nicht lang bestehenden Grillparzer- Gesellschaft zusammenfanden, um sich dort von einem noch lebenden Dichter das ,, noch" war das Entscheidende-, dem alten IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 81 - - Saar etwa oder der noch älteren Ebner- Eschenbach, etwas aus ihren zwar im Druck erschienenen, aber gänzlich unbekannten Werken vorlesen zu lassen und ihnen nachher, mit dem zugeklappten Lorgnon auf dem Handschuh, etwas Beifall zu zollen. Aber was lasen diese schöngeistigen Damen zu Hause, welche Bücher erwarteten sie auf ihrem Nachtkästchen nach dem Abend in der Grillparzer- Gesellschaft? Dahn, Ebers, Baumbach, der überaus beliebte Scheffel ,, Er ist nur ein Trompeter und doch bin ich ihm gut"- und der im Wald und auf der Heide gleich unwiderstehliche Ganghofer, ein werdender Liebling des deutschen Kaisers. Kein Österreicher stand auf dieser Liste, noch wäre er auf der Bücherliste der so berühmt schöngeistigen Kaiserin Elisabeth zu finden gewesen, die um die Jahrhundertwende das tragische Vorbild aller feinsinnigen älteren Damen in Österreich war. Die Kaiserin, die ihre außerordentliche Schönheit und ihr Mater- dolorosa- Schicksal hoch über die Menge erhoben, schwärmte für Heine und ließ sich auf Spaziergängen den Homer im Urtext von ihrem griechischen Sprachlehrer vorlesen, der zu diesem Zwecke rückwärts vor ihr herschreiten mußte: daß sie den achtzigjährigen Grillparzer, der nahe ihrer Hofburg in der Wiener Spiegelgasse wohnte, jemals zu sich herübergewinkt hätte, ist nicht bekannt. Und auch das wurde eine Art Hausgesetz, nicht nur im Kaiserhaus, sondern in jedem ,, besseren" Wiener Haushalt: Wenn schon ein zeitgenössischer, noch lebender Dichter oder Schriftsteller, dann sollte er wenigstens ein Ausländer sein. Als ich einmal wagte, einer unserer eleganten Wiener Freundinnen ein neueres Werk eines noch lebenden österreichischen Schriftstellers zu empfehlen, sagte sie mit einem leichten Stirnrunzeln, verhalten, aber sehr entschieden: ,, Ich und meine Tochter lesen nur englische und französische Sachen." Und die alte Fürstin Pauline Metternich, Schwiegertochter des Staatskanzlers und tonangebend in der versnobten wie in der wirklichen 6 Verlorene Zeit 82 ERLEBTES OSTERREICH Wiener Gesellschaft, entwaffnete jeden aufstrebenden Novel- listen, auch wenn er schon etwas geleistet hatte, mit der Frage: „Kennen Sie die ‚Venus d’Ille‘ von Merimee? Das ist eine Novelle! Das müssen Sie lesen!“ Womit sie vollkommen recht hatte; ihr kategorisches Urteil bekundete den besten Geschmack. Was freilich nicht ausschloß, daß auch der„Arme Spielmann“ von Grillparzer oder„Krambambuli“ von Marie Ebner-Eschen- bach eine Novelle war, die„eine Novelle“ war und die man gelesen haben sollte. Immerhin, die Fürstin Metternich mit ihren kohlschwarzen Komikerbrauen, den Feueraugen und dem ebenso feurigen Mulattenmund, der feurig geistreiche Worte abblitzte, war eine große Dame, eine Prinzessin Mathilde der Wiener Sozietät. Mehr als das, sie hatte in ihrer Jugend, als Botschafterin, die Erstaufführung des„Tannhäuser“ in Paris ermöglicht und bei dieser denkwürdigen Gelegenheit vor Ärger über das Verhalten des Pariser Publikums einen historischen Fächer zerbrochen. Und die bildhübsche Gräfin Mysa Wydenbruc-Esterhazy, die aus- sah wie die Belle Chocolatiere des Liotard— das Urbild der Wienerin—, deren neugierige Stielbrille im Theater unermüd- lich nach Grüßen und Bekannten fischte und die in jedem Phil- harmonisches Konzert, wenn Bruno Walter dirigierte, mindestens ein Paar neuer weißer Glac&handschuhe zerklatschte, war, um dreißig Jahre jünger als die Fürstin Metternich, eine ebenso temperamentvolle Vorkämpferin Gustav Mahlers. Sie war auch nicht literaturblind, und ihre von Natur kurzsichtigen Augen hinderten sie nicht, auch auf diesem Gebiet, der Gegenwart zu- gewandt, nach Freunden und Bekannten Ausschau zu halten. Aber daß auch für sie die Musik zuerst kam, unterliegt keinem Zweifel. Es war nun einmal so, daß in Wien der Musiker gesell- schaftlich den Rang einnahm, der in Paris dem Schriftsteller vorbehalten blieb. Der Tondichter zumindest wohnte in Oster- reich nicht„unter der Stiege“, wenn er auch, wie Hugo Wolf, IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 83 zuweilen verhungerte. Trotzdem ist das Verdienst der Wiener Gesellschaft um die österreichische Musik unermeßlich, von Beethoven an, der ihr vergötterter Liebling blieb, obwohl er ein Revolutionär war. Allerdings ist es das schöne Vorrecht der Tonsprache, daß sie alles sagen kann, ohne den Nachweis fürchten zu müssen, etwas gesagt zu haben; eine Möglichkeit, die sie besonders einer rückständigen Gesellschaft empfahl. Hätte Beethoven in Lettern drucken lassen, was er in Tönen zum Ausdruck brachte, so hätte die Wiener aristokratische Gesellschaft nicht den Lobkowitz- Palast für sein Konzert aufgesperrt, sondern ihn selbst auf dem Spielberg, dem Dachau des Vormärz, eingesperrt. - Es läge nahe, diesen eigentümlichen Zustand einer kunstfreudigen, aber den Schriftsteller in seiner Gegenwartsform grundsätzlich ignorierenden Gesellschaft mit dem Kaiserhaus in Verbindung zu bringen; aber es wäre ungerecht. Die großen Habsburger lasen. Maria Theresia schreibt einmal an ihre Tochter Marie Antoinette nach Paris: ,, Du mußt lesen; denn nur aus Büchern erfährst du, was dir deine Höflinge verschweigen: die Wahrheit." Ihr Sohn, Kaiser Joseph, las nicht nur, er las sogar zu viel ein liebenswürdiger Fehler, den sein Nachfolger, Kaiser Franz, durch Übertreibung des Gegenteils mehr als wettmachte. Von ihm stammt das berühmte Wort: ,, Ich mag's nicht, wenn meine Beamten dichten", das auf einen gewissen Grillparzer zielte. Mit ihm beginnt die amusische Richtung im Kaiserhaus, die aber wenigstens die Frauen der Kaiser nicht immer mitmachten. Maria Ludovika, die dritte Frau des Kaisers Franz, war eine Freundin Goethes, mit dem sie in Karlsbad spazierenging, und Franzens vierte ermöglichte die Aufführung des von der Zensur verbotenen ,, Ottokar" von Grillparzer, weil sie Zahnschmerzen hatte und nach einer anregenden Lektüre verlangte, als welche sich der zurückgewiesene Ottokar herausstellte. Kaiser Franz Joseph las in seinen achtundsechzig Regierungs. jahren nur Zeitungsausschnitte, nie ein Buch, er hatte, wie seine 6º 84 ERLEBTES OSTERREICH Höflinge milde lächelnd beteuerten, zu„, so etwas" keine Zeit. Aber wieder war es seine Frau, die Kaiserin Elisabeth, die etwas für Literatur übrig hatte, wenn es auch mehr ein Hobby war als ein Verhältnis, das sie mit ihr verband. Ausgeschlossen war allerdings und blieb der noch lebend im Lichte wandelnde zeitgenössische Dichter, und in dieser Hinsicht kann man dem Wiener Hof den Vorwurf einer grundsätzlich reaktionären Einstellung kaum ersparen. Der französische Dichter Alfred de Musset klagt einmal darüber, daß er, am Hofe Napoleons III. eingeladen, einen neuen Einakter vorzulesen, die ihn beschämende Erfahrung machen mußte, daß die Kaiserin während der Vorlesung einschlief. Das war gewiß betrüblich, und es läßt sich verstehen, daß der empfindliche Dichter mit Tränen in den Augen seiner Haushälterin davon sprach. Aber dem österreichischen Dichter mochte selbst noch diese Beschämung beneidenswert erscheinen: denn es war ganz ausgeschlossen, daß etwa Hofmannsthal, der hoffähigste aller österreichischen Dichter, der in jungen Jahren eine Art Musset war, jemals eingeladen worden wäre, bei Hofe in Gegenwart der Kaiserin ein neues Stück vorzulesen, auf die Gefahr, daß ihre Majestät dabei einschlief. Es war unvorstellbar. Dieses allergische Verhalten der österreichischen Gesellschaft zum geistigen Nährstoff zeitgenössischer Literatur hatte mitunter die heitersten Folgen, wenn der Schriftsteller, obwohl grundsätzlich nicht vorhanden, irgendwo lebend in Erscheinung trat. Er wirkte dann unweigerlich immer entweder wie ein Zitat oder wie ein Druckfehler, das war die Wahl, die er hatte; im ersten Falle war es langweilig für ihn, im zweiten ärgerlich für die anderen. Ich erinnere mich, daß ich einmal zum Tee bei der Frau eines Botschafters, die mich für die schriftstellerischen Bemühungen einer nahen Verwandten zu erwärmen wünschte, einem unvermutet eintretenden, ebenso schönen wie eleganten österreichischen Grafen vorgestellt wurde, der offenbar nicht IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 85 darauf gefaßt war, einen anderen Besucher bei seiner Freundin anzutreffen. Der Mann war buchstäblich sprachlos, als mein Name genannt wurde. ,, Raoul Auernheimer?" brachte er mit einem erstaunten Lächeln mühsam genug hervor: ,, Der was-?" und er malte große Buchstaben in die Luft, zu scheu, das Wort ,, schreiben“ auch nur auszusprechen. Ein andermal, bei einem offiziellen Empfang, kam meine Frau auf mich zu und erklärte, sie müsse mich jetzt der Prinzessin Soundso vorstellen, die wiederholt nach mir gefragt hätte. Ich wurde vorgestellt, verneigte mich, und die hochgestellte Dame eröffnete das Gespräch huldvoll mit den Worten: ,, Nachdem ich Ihre Frau kenne, hat es mich auch recht interessiert, Ihre Bekanntschaft zu machen." Das österreichische ,, Nachdem", das aus dem Temporale ein Kausalwort macht, ist in diesem Kernsatz ebenso charakteristisch wie das vorsichtig zurückhaltende ,, recht", das das Interesse an der Bekanntschaft in gottgewollte Grenzen wies. Aber es gab auch Damen in diesen Kreisen, die sich über die Literaturfremdheit dieser Kreise lustig machten und die, auch wenn sie nicht, wie Marie Ebner- Eschenbach, die Jane Austen des österreichischen Hochadels, eine Gräfin und Dichterin in einem waren, Witz genug besaßen, ihr vernichtendes Urteil in eine literarisch anziehende Form zu bringen. Eine von ihnen, die selbst einen hohen Rang im Gotha einnahm, sagte einmal mit todernstem Gesicht von einer ihr persönlich nicht allzu nahestehenden Blutsverwandten: ,, Meine Kusine? Aber ich bitte Sie! Die ist ja verrückt. Die liest!" - Diese soziologische Abschweifung hätte wenig Berechtigung in einer Selbstbiographie auch in einer, die mehr den Hintergrund als das Selbst ins Auge faßt-, läge nicht ihre praktische Schlußfolgerung auf der Hand. Die praktische Nutzanwendung ist, daß es in Österreich bis zur Jahrhundertwende den Berufsschriftsteller eigentlich nicht gab, noch unter den gegebenen Voraussetzungen geben konnte. Es gab nur Journalisten, die von 86 ERLEBTES OSTERREICH ihrer Feder lebten- darunter hochbegabte, die, wenn sie Ökonomisten waren, später reich, und wenn sie als Leitartikler angefangen hatten, später Herausgeber oder beides wurden-; und außerdem Beamte, die nach dem Alt- Wiener Rezept ,, Morgens ins Büro mit Akten, abends auf den Helikon" sich im Nebenamte literarisch betätigten, wenn sie zum Violinspielen oder Aquarellmalen nicht genug Begabung besaßen. Wer weder das eine war noch das andere, weder Staats- noch Zeitungssöldling war, hatte es schwer und sah sich vergeblich nach Vorbildern um. Höchstens Hermann Bahr war eines, der neben Theodor Herzl, aber mit mehr Erfolg, als erster versuchte, eine freie literarische Produktion mit einer gewissen Art von literarischem Journalismus in Einklang zu bringen. Das Wiener Feuilleton, das immer schon literarische Ansprüche vorausgesetzt und befriedigt hatte und das zudem eine Brücke, wenn auch nur eine Tagesbrücke, zur grundsätzlichen Unbelesenheit der Gesellschaft schlug, schien dazu wie geschaffen. Und warum auch nicht? In den großen westlichen Ländern hatte diese Kombination immer schon bestanden und geblüht. Sainte Beuve und sogar Diderot waren Feuilletonisten in einem höheren und hohen Sinne; und ebenso waren es Addison und Charles Lamb, ja sogar Thackeray, bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Und schrieb nicht auch Anatole France in Paris regelmäßig Literaturkritiken für den ,, Temps", nicht nur bevor, sondern während er seine weltberühmten Romane schrieb? In Paris nahm an dieser Doppelbemühung, die eine blitzblanke Feder in Schwung erhielt und trotzdem über jeden Verdacht erhob, kein Mensch Anstoßẞ. In Wien freilich hätte man die Erzählerbegabung Anatole Frances mit der Begründung in Zweifel gezogen, daß er ja ,, früher" in dem ,, Temps" geschrieben habe. Das wienerische ,, früher": man begegnete ihm in Wien auf allen Wegen, zuweilen auch auf einem spaßhaften. So sagte etwa der alte Maler Schödl, der die besten Wiener Witze machte, nämlich die ungewollten, im hohen Alter IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 87 einmal höchst ärgerlich: ,, Also, alte Leute trifft man heutzutage überhaupt keine mehr. Und wenn man einem begegnet, ist er von früher." - Auch das Wiener Feuilleton war von früher und blieb es. International verschwägert und versippt wie ein Wiener Adelshaus, wies es in seiner Blutmischung französische und englische Einflüsse auf und verband sie mit einem mehr oder weniger bodenständigen Deutschtum, das der ,, deutschen Orientierung" lange vorangegangen war. Heine und Börne waren selbstverständlich unter seinen Ahnen, aber der Stammbaum reichte viel weiter zurück, in Wien bis auf Abraham a Santa Clara, den wortwitzigen Wiener Fastenprediger. Hofmannsthal fand sogar, daß die erlauchte Form des Feuilletons, deren er sich gern bediente, ohne ihr zu dienen, etwas Horazisches habe, wobei er offensichtlich an die Episteln des Horaz dachte, wie ja auch der Pariser Vetter der Wiener Feuilletonisten, Jules Janin, es als einen ,, Brief an eine unbekannte Leserin" etwas feminin definiert hatte. Der große österreichische Denker, Popper- Lynkeus, der von Goethes Faust den Namen und von Voltaire den enzyklopädischen Freigeist übernommen hatte und fortsetzte, hatte mehr die wissenschaftliche Seite dieser reizvollen und vielverlästerten Literaturgattung im Auge, wenn er, zweiundachtzigjährig, und seit mindestens sechzig Jahren ein aufmerksamer Leser des Besten, was sie hervorgebracht, kategorisch zu mir sagte: ,, Das Feuilleton der Neuen Freien Presse' ist eine Volksuniversität." Vielleicht war es etwas zu liebenswürdig, das verpflichtende Lob auf die ,, Neue Freie Presse" zu beschränken, obwohl man zugeben muß, daß ihr großer Herausgeber Moritz Benedikt einen wahren Mediceerehrgeiz besaß, alles, was gut und teuer war, in dieser Rubrik seines Blattes um sich zu versammeln. International wie seiner Abstammung nach, war das Feuilleton auch in seiner Gesinnung. Es war eine durchaus westliche 88 ERLEBTES ÖSTERREICH - Form. Schon seine Benennung war ausländisch, was bei den Puristen immer wieder unfreundlichen Anstoß erregte. Feuilleton was hieß das eigentlich? Nicht genau, was es in Frankreich hieß, denn dort versteht man unter Feuilleton den blattweise erscheinenden Zeitungsroman; und was in Wien, nur in Wien, Feuilleton genannt oder gescholten wurde, hieß in der Pariser Zeitungssprache ,, entrefilet" und in Amerika„, column", der Feuilletonist ist hier ein Columnist, der sich als solcher allerdings meistens auf die Politik beschränkt. Immerhin, Feuilleton war ein Fremdwort und mußte aus dem Französischen erst übersetzt werden. Die einen glaubten die Sache besser zu machen, wenn sie es auf Englisch ,, essay", auf Deutsch ,, Versuch", nannten, die anderen übertrugen das windige Wort noch windiger mit ,, Blättchen“. Beides ist unzutreffend. Der Essay ist kein Versuch und das Feuilleton kein Blättchen, sondern eine literarische Spielart wie eine andere. Eine Literatur im kleinen, hatte es in Wien auch eine Art verkleinerter Literaturgeschichte, die die große spielerisch abwandelte. Speidel, der weitaus größte und deutscheste unter den Meistern des Wiener Feuilletons, war ihr Goethe, Herzl, zumal in seinen Reisebildern, ihr Heine, und diejenigen unter den Wiener Feuilletonkünstlern, die über das Theater schrieben, vermaßen sich ausnahmslos, Lessinge zu sein. Wir besaßen davon mindestens ein halbes Dutzend in Wien. Speidel, als er siebzig wurde und ein halbes Jahrhundert lang seine kleinen Meisterwerke produziert hatte, definierte das Feuilleton, etwas widerwillig, als die ,, Unsterblichkeit eines Tages". Das war es, und eine Bildungsbrücke war es auch: eine literarisch- gesellschaftliche Form, die es einem noch lebenden Schriftsteller sogar in Wien ermöglichte, zur Gegenwart zu sprechen. Dies bestimmte mich, von meinem dreißigsten Jahr angefangen, ziemlich regelmäßig Feuilletons für die ,, Neue Freie Presse" zu schreiben. Ich konnte mich über Mangel an Erfolg auf dem IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 89 von mir bestellten Felde nicht beklagen; ich erntete, was ich gesät hatte, an Genugtuungen und auch an Enttäuschungen. Ich schrieb über Reisen, Bücher und Theater; in der Sphäre des Theaters, das in jenen Jahren in Wien die größte Rolle spielte, zunächst über ausländische Gastspiele, wozu mich meine Kenntnis des Französischen und Italienischen vorzugsweise befähigte, später auch über das Wiener Theater. Aber ich hörte darum nicht auf, auch fürs Theater zu schreiben, wie es der Richtung meines Talents entsprach, und obwohl ich es ängstlich vermied, mich an einem Theater aufführen zu lassen, dessen Kritik ich verwaltete, mußte ich mich in dieser Richtung dem Verdacht ausgesetzt sehen, daß ich mich als Theaterkritiker zum Bühnenschriftsteller aufzuschwingen gedachte. Was sich, wenn es überhaupt noch der Mühe wert wäre, darüber zu reden, dadurch widerlegen ließe, daß ich meinen ersten und wahrscheinlich einzigen größeren Theatererfolg mit meinem Lustspiel ,, Die große Leidenschaft" erzielt hatte, lange bevor ich mein erstes Theaterreferat zu Papier brachte. ,, Die Unsterblichkeit eines Tages" bot noch andere Vorteile als eine eintägige Unsterblichkeit, wenn sie auch in einer anderen Richtung lagen als die vermutete. Ich lernte dank meiner Verpflichtung, über Literatur und Theater zu schreiben, nach den großen Bühnenkünstlern und neben ihnen auch die großen Schriftsteller meines eigenen Landes, ja sogar meiner eigenen Generation kennen. Es war dies vor allem eine kleine, ebenso wählerische wie gewählte Gruppe, die unter dem lockeren Schlagwort ,, Jung- Wien" mehr auseinander- als zueinanderstrebte. Auch das Wienerische, das sie untereinander und mit der Welt verband, bestand genau genommen nur darin, daß sie samt und sonders bei S. Fischer in Berlin verlegten, der allerdings der Cotta dieses Zeitalters war und zu seinen ,, Klassikern" 90 ERLEBTES OSTERREICH in einem ähnlichen Verhältnis stand wie jener zu den seinen. Fischer war ein damals noch jüngerer, ansprechend kluger und verständnisvoller Mann, dem ich oft im Chefzimmer seines Berliner Verlagshauses mit Vergnügen gegenübersaß, während er sein aus dem Papier ausgewickeltes Frühstücksbrot mit Appetit verzehrte. Er war selbst seiner Herkunft nach ein halber, möglicherweise sogar ein ganzer Österreicher, was man seinen Urteilen über Österreich manchmal anmerkte.., In Österreich", pflegte er etwa lachend zu sagen, gibt es dreihundert Menschen, die Bücher kaufen." Aber man durfte das nicht zu wörtlich nehmen, und in keinem Falle hinderte es ihn, seinen österreichischen Autoren auch in Österreich Tausende von Abnehmern zu verschaffen. Er war ein deutscher Verlagskaufmann großen Stiles, im besten, edelsten und verpflichtendsten Sinne. Sein Geheimnis, auch das Geheimnis seines epochalen Erfolges, war die Liebe, die Liebe zur Literatur und zu seinen Dichtern, deren Schwächen er nur zu kennen schien, um sie ihrem Talent lachend zu verzeihen. Mit Schnitzler, dem widerwilligen Haupt der Wiener Schule - denn nichts war ihm zuwiderer, als wenn sich irgendwer oder irgendwas um ihn ,, scharte", wurde ich auf eine völlig undramatische, aber für ihn höchst bezeichnende Art bekannt. In einer jener Festbeilagen, mit denen damals die großen Wiener Blätter zu Ostern und zu Weihnachten sich und ihre Leser zu beschenken liebten, war ein vergnügter kleiner Einakter von mir erschienen. Schnitzler, ein großer Leser wie jeder wirklich bedeutende Schriftsteller, ließ mir unbekannterweise sagen, daß er ihm gefallen habe. Ich antwortete in einem Brief, in dem ich mich zu seiner Schule bekannte. Er erwiderte mit seiner Visitenkarte, die er bei meinem Hausbesorger abgab. Nichts konnte einfacher sein, nichts beglückender. Ich war noch ein ganz junges Kücken der Literatur und Schnitzler, um fast ein halbes Menschenalter älter als ich, der Dichter der Liebelei" und aller"" IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 91 reizendster Novellen: ein Musset mit einem Ibsen- Gewissen, aus dem später ein Ibsen mit Musset- Erinnerungen werden sollte. Um so bezaubernder die Freundlichkeit, mit der er dem Anfänger entgegenging, um ihm später seine Freundschaft zuteil werden zu lassen. Überflüssig zu bemerken, daß ich damals mit der literarischen Kritik noch nicht das mindeste zu tun hatte. Das kam erst später, zu meinem Glück; denn andernfalls hätte er kaum jenen ersten Schritt getan. Schnitzler war, als ich ihn kennenlernte, etwas über vierzig Jahre alt. Aus dem ärztlichen Stand hervorgegangen, sah er, wie die meisten Ärzte jenes Zeitalters, weniger wie ein Arzt aus als wie ein Maler, und wenn Maler, dann Van Dyk. Seine Personenbeschreibung ist auf der ersten Seite von Wassermanns ,, Der goldene Spiegel" verbüchert, wo der große Erzähler die ,, Freunde" ziemlich porträtähnlich beschreibt. Ich war anwesend, als er den Anfang seines damals neuen Buches den ,, Freunden" vorlas und einen der Betroffenen mit den Worten kennzeichnete: Er hatte ich zitiere aus dem Gedächtnis einen scharfen Malerblick, einen tabakblonden Spitzbart und war etwas unter mittelgroß, zur Beleibtheit neigend ,,, aber immerhin elegant". ,, Warum immerhin?" unterbrach Arthur Schnitzler mit einem seiner lustigen Zwischenrufe die kaum erst begonnene Vorlesung. - - Meine persönliche Beziehung zu Schnitzler gehört zum Besten, was mir das Leben gegönnt hat. Jeder Brief von ihm, jeder seiner Besuche, die sich in gemessenen Abständen ereigneten, jedes Gespräch, jedes Zusammentreffen oder Beisammensein sind mir ein unverlierbarer Besitz. Als er fünfzig wurde, durfte ich ihm mit gutem Gewissen schreiben:„ ,, Ich könnte nicht drei Schriftsteller nennen, denen ich so viel zu danken hätte wie 92 ERLEBTES OSTERREICH Ihnen, und nicht einen, dem ich, was ich ihm verdanke, lieber verdankte." Richard Beer- Hofmann, in den letzten Jahren der Stolz der Hitler- Emigration in New York, war Schnitzlers nächster Freund und sein Nachbar in der damals hoch aufblühenden Wiener Cottage- Siedlung. Es war Schnitzler, der mich seinem um einige Jahre jüngeren Freund zuführte, in dem das damalige Wien und noch mehr das Berlin jener Tage den Dichter des ,, Schlafliedes für Mirjam" und des bühnengewaltigen ,, Grafen von Charolais" verehrte. Dieses leidenschaftlich beredte Versstück war einem englischen Renaissancedrama, der ,, Fatal Dowry" des Massinger nachgedichtet, und renaissancemäßig sah auch der Erneuerer aus. Dunkelbärtig, braunäugig, mit breiter Jupiterstirn und belebtem Gesichtsausdruck, ein redendes Bild auch wenn er nicht sprach, hätte er ebensogut Gonzaga heißen und von Tizian gemalt sein können. Und so wirkte auch seine Frau Paula auf uns, eine Vittoria Colonna oder Beatrice d'Este dem Ansehen nach, obwohl sie aus Graz stammte. Ihr, die ihm auf der Reise nach Amerika in Zürich wegstarb, ist des mehr als Siebzigjährigen letztes und liebendstes Buch gewidmet. ,, Paula oder Österreich" heißt es, und damit ist alles gesagt, was Beer- Hofmann seine Frau Paula war und was ihm Österreich bedeutete. Es war eine ideale Ehe, aber ganz ohne den spiegelsüchtigen Zug, wie er idealen Ehen sonst mit den Jahren leicht anfliegt. Beer- Hofmann führte eine sparsame Feder, die nur Bleibendes zu Papier brachte. Er hat in dreißig Jahren drei Stücke geschrieben, neben jenem äußerlich noch ganz in unserem Ästhetenzeitalter verhafteten chevaleresken„, Grafen".„ Jaakobs Traum" und den ,, Jungen David", dazu eine Handvoll Gedichte und zwei bis drei Prosabände. Mit Recht durfte ich ihm in einem kritischen Artikel verbriefen, er gehöre zu den ganz wenigen Dichtern, deren Gesammelte Werke" ihre„ Ausgewählten Schriften" sind. 99 IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 93 Auch Hofmannsthals äußere Erscheinung hob sich für uns von einem Hintergrunde ab, in den ein Stück Italien noch sichtbar hineinragte. Eine seiner Großmütter, ich glaube es war diejenige, der er als Jüngling das entzückende Gedicht ,, Großmutter und Enkel" widmete, stammte aus Mailand. Auch er bevorzugte als ganz junger Dichter die in Wien um die Jahrhundertwende so beliebte italienische Renaissance, obwohl er eigentlich mehr im achtzehnten Jahrhundert Venedigs zu Hause war. Tizian wäre sein Maler nicht gewesen, aber vielleicht Giovanni da Bologna sein Bildhauer; der feine, schmale Kopf mit dem verhängten Blick und der etwas herabhängenden Unterlippe, mit der von Geist und Geschmack geadelten, herrisch gebuckelten Nase und den schlaffen Zügen von maskenhafter Farblosigkeit hatte etwas Skulpturales; Rodin hätte ein Seitenstück zu seinem Gustav- Mahler- Kopf aus diesem edlen Material bilden können. Bezeichnenderweise ist das beste Abbild, das wir von ihm besitzen, eine Büste des Dreißigjährigen. Ich begegnete Hofmannsthal zum ersten Male im Hause des Grafen Carlo Seilern in Altaussee, und es war Wassermann, der mich mit ihm bekannt machte. Wir hatten ein leicht verschwebendes Gespräch über das Lustspiel in den letzten drei Jahrhunderten, und tags darauf sagte mir Wassermann beim Schachspielen: ,, Sie haben gestern an Hofmannsthal eine große Eroberung gemacht." Womit ich aufgenommen war in den Klub der Unsterblichen. Es gibt Erlebnisse und Erlebnisse und ihre Rangordnung wird uns oft erst nach langer Zeit im Rückblick auf das Verlorene deutlich. Die leisesten sind oft die nachhaltigsten, die undramatischen verändern uns zutiefst, ein Fingerwink, befolgt oder übersehen, bestimmte am Ende die Richtung unseres Weges. Die Zeichen geschehen; sich nach ihnen zu richten, bleibt dem von seinem Dämon Getriebenen anheimgegeben. Mein Dämon war augenscheinlich die Literatur. Seit meinem dreizehnten 94 ERLEBTES OSTERREICH Lebensjahr war ich entschlossen, Stücke, und zwar Lustspiele, fürs Burgtheater zu schreiben. Ich tat es, nicht ganz ohne sicht- baren Erfolg, ich hatte meinen Namen leidlich bekannt gemacht, und von meinen zahllosen kleinen Geschichten hatte die eine oder andere da oder dort einem Kenner gefallen. Bei alldem hatte ich eigentlich keinen rechten Begriff, was Schreiben oder gar Dichten heißen will und erfuhr es erst jetzt, ein bereits verheirateter Mann und angehender Dreißiger. Aber ich erfuhr es nicht im Wege bewußter Belehrung, sondern so wie wir einzig erfahren können, was uns belebt und befruchtet: durch seelische Berührungen, über die wir uns kaum Rechenschaft geben. Ich spielte Schach mit Wassermann; ich ging hin und wieder mit Schnitzler spazieren; ich saß in stundenlangen Gesprächen Beer-Hofmann gegenüber, der ein Dramatiker auch der Rede und ein Schauspieler mündlicher Mitteilung war; ich hatte das Glück, mit Hofmannsthal„um den See herum“ zu gehen und mich unterwegs in das gesprochene Gespinst eines seiner dramatischen Pläne zu verstricken: All das war scheinbar nicht mehr als der Anerkennungspreis für eine glücklich bestandene Prüfung, von der ich zunächst nicht einmal wußte, daß ich sie bestanden hatte. Es war aber eine um so strengere Prüfung, als ihre Fächer dem Adepten erst hinterher, wenn überhaupt, bekannt wurden. Diese Fächer waren erstens und vor allem: Menschlichkeit; zweitens ein absolut eindeutiges Verhältnis zur Wahrheit; drittens Ma- nieren; und viertens jene„Freude sich mitzuteilen“, wie Goethe es nennt, die das belebende Element jeder wahren Geselligkeit bildet. Das Wort Gesellschaft wurde dabei nicht einmal aus- gesprochen. Aber unversehens wurde mir klar, was ich in der sogenannten Gesellschaft nie erfahren hätte, nämlich daß die wahre Gesellschaft weder die erste noch die zweite noch die dritte ist, sondern etwas, was zwischen diesen anmaßlichen Krei- sen liegt und— darüber. Es ist die Gesellschaft, in die man nicht geht, sondern kommt. IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 95 - Und noch etwas anderes wurde mir klar, Schritt für Schritt, im Weitergehen: Dinge, die mich selbst und meine schriftstellerische Entwicklung unmittelbar betrafen. Eine Äußerung, ein Wort, nicht lauter gesprochen als jedes andere, wies auch hier den Weg. Wassermann- zwischen zwei Schachpartien- sprach etwa vom ,, seelischen Tiefgang", der das Maß der dichterischen Produktion bestimme. Er stellte schon wieder die Figuren auf, aber das Wort blieb im Nährboden der Seele haften, keimte, schlug Wurzeln. Ich lernte tiefer blicken und höher zielen. Hofmannsthal war bei mir, wir hatten, ich weiß nicht einmal mehr, was der Anlaß war, ein längeres Gespräch über die Kunst der Erzählung. Als seine Zeit um war und ich ihn ins Vorzimmer hinausbegleitete, sagte er, schon im Weggehen und fast über die Schulter: ,, Ja auf die Liebe wird eben doch zuletzt alles ankommen." Er meinte die Liebe zur Kreatur, zur Welt, die, von Homer herunter, den Erzähler zum Erzähler macht. Schnitzler, ganz und gar ohne lehrhafte Absicht, warf einmal hin, was er vielleicht kurz zuvor in seinem uns noch unerschlossenen Tagebuch notiert hatte, daß für ihn jedes ernstzunehmende literarische Produkt durch drei Kennzeichen zumindest sich ausweisen müsse. Die drei wären: Intensität, Kontinuität und Notwendigkeit. So entstehen allerdings Meisterwerke wenn man ein Meister ist, der Schnitzler war, seitdem er die ,, Liebelei" geschrieben hatte. Man hat dieses schlanke Stück von allem Anfang an um seiner Liebenswürdigkeit willen geliebt, in Wien und überall, aber weil es sich anspruchsloser gab als es war, in seiner Einfachheit kaum ganz verstanden. Es ist keine Verherrlichung des leichten Verhältnisses, wie man damals glaubte, sondern, wo es für das Opfer Partei ergreift, ein Stück sozialer Anklage. Weit mehr Klassenkampf steckt darin und dahinter, als man in jener politisch noch unschuldigen Zeit in Österreich merkte. Auch in Schnitzlers faszinierendem Einakter ,, Der grüne Kakadu" liegt die Revolution bereits in der Luft. - 96 ERLEBTES OSTERREICH Was ich in dieser Wiener Schule, über die man so leichtsinnige Urteile zu hören bekam, letzlich lernte, war nicht nur, meine Worte behutsamer wählen und vorsichtiger aneinanderreihen, sondern vor allem, der Literatur den ihr zukommenden Rang einräumen und sie teilhaben lassen am ,, Gewissen der Zeit". Ich wurde aus einem etwas einseitigen Novellisten ein Erzähler mit etwas größerer Spannweite und aus einem etwas affektierten Feuilletonisten ein sich um Verständnis bemühender Essayist. Und ich wurde vor allem, was ich im Keim freilich immer schon gewesen war: ein überzeugter Leser. Daß Lesen zum Handwerk und erst recht zur Kunst des Schriftstellers gehört, erscheint mir noch heute ein Axiom, an dessen Gültigkeit die Tatsache nichts ändern konnte, daß das nachrückende Literatengeschlecht unwissend den„, Humanismus“ verwirft und vom Lesen nichts wissen will. Es kocht im eigenen Saft und schmeckt auch mitunter danach. - Von den vier Meistern, von denen ich hier andeutungsweise sprach und hinter denen andere Köpfe und Schultern ins Rundgemälde des Zeitalters ragen, kam jeder aus einem anderen Beruf, und dieser ihr früherer Beruf bleibt in ihren späteren Werken nachweisbar. Schnitzlers bedeutendstes Stück ,, Professor Bernhardi" ist ein Ärztestück: der dialektische Kampf zwischen Arzt und Priester am Krankenbett eines im Spital sterbenden jungen Mädchens. Beer- Hofmann hatte Jus studiert und die Bibel. Von König David nicht zu reden, ist seine bedeutendste Gestalt der hohe Richter im ,, Grafen von Charolais". Hofmannsthal war romanischer Philologe. Wie Grillparzer hatte er die großen spanischen Dichter studiert und als ein großer Herr der Literatur, der er war, später selbstherrlich erneuert. Alle drei entstammten einem wohlhabend gewordenen Bürgertum. Wassermann, der keine Universitätsjahre hinter sich hatte und aus einem kleinen Fabrikkontor seinen Weg in die hohe Literatur gefunden hatte, entstammte den tiefsten Tiefen einer INUND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 97 romantischen Armut. In seinem Erinnerungsbuc erzählt er, daß er sich als junger Mensch brotlos im Schwarzwald umher- getrieben und den Bauernkindern Geschichten erzählt habe, wofür er manchmal einen Trunk Milch erhielt. Nicht die schlech- teste Schule für einen Erzähler, und was für ein mit Phantasie und Erfindung gesegneter Erzähler hat sich daraus entwickelt! Auch von ihm ließ sich sagen, was ich einmal in einer kritischen Besprechung ihres ersten Wiener Auftretens der großen fran- zösischen Schauspielerin Suzanne Despres, einer Bahnwärters- tochter, nachgesagt hatte: So reich sind nur die Kinder der Armen. Wie jeder von den Vieren seine Eigenart, hatte auch ein jeder seine kleinen Schwächen und Wunderlichkeiten, die lustig ins Licht zu rücken die Freunde nicht müde wurden. Arthur Schnitzler, der den spitzesten Dialog und die melodischeste Prosa schrieb, war ein überzeugter Freidenker. Er glaubte an nichts als an die voraussetzungslose Wissenschaft, vielmehr er glaubte an nichts anderes zu glauben. Was ihn nicht abhielt, seinen Gast mit„Grüß Sie der Himmel!“ zu empfangen und mit einem sonoren„Gott mit Ihnen!“ zu verabschieden. Hof- mannsthal wurde, wie Cervantes, in der Kutte des Terziaer Ordens der Franziskaner begraben. Er war ein gläubiger Katholik, und als Schnitzler ein Stück—„Freiwild“— gegen das Duell schrieb, sagte Hofmannsthal, damals einige zwanzig: „An solche Sachen soll man lieber nicht rühren!“ Im Vor- zimmer seines Rodauner Schlößchens, das ein Stallmeister Karls VI. für seine Geliebte, eine Rodauner Bäckerstochter, ge- baut hatte, sah man sich von einem Bildnis Grillparzers be- grüßt, das in der Kielfederhandschrift des Dichters die Verse schmückten: Nur weiter geht ihr tolles Treiben, Von vorwärts! vorwärts! erschallt das Land. 7 Verlorene Zeit 98 ERLEBTES OSTERREICH Ich möchte, wär's möglich, stehenbleiben, Wo Schiller und Goethe stand. Daß dieser Standplatz bei den Klassikern seine Gefahren für einen noch lebenden Dichter hatte, darüber war sich Hofmannsthal völlig klar. Kurze Zeit vor seinem Tode, zur Zeit der Republik, hatte ich ein unvergeßliches Gespräch mit ihm über die hoffnungslose Lage des österreichischen Schriftstellers. ,, Was soll er also tun, der österreichische Dichter?" fragte ich, seinem Pessimismus begegnend.„, Sterben!" kam im Falsett die erschreckende Antwort. - Wassermann stand der Gegenwart zugleich näher und ferner. Er war kein Wiener, kein Aristokrat wie Hofmannsthal und entstammte der Sphäre des, wie er fand, dämonischen Kleinbürgertums. Das Wort ,, dämonisch" war eines seiner Lieblingsworte, ein anderes, das er gern gebrauchte, war ,, metaphysisch", und an beiden Worten liebte er mehr den dunklen Rand als den klaren Inhalt. Übrigens sagte er ,, tunkel" statt dunkel und ,, peteudent" statt bedeutend, da er, mitteldeutscher Abkunft wie er war, alle harten Konsonanten weich und die weichen hart aussprach ungefähr wie die französischen Romanschriftsteller einen Deutschen Französisch sprechen lassen-, was seiner oft bemüht altväterlichen Ausdrucksweise einen eigentümlichen antiquarischen Zauber verlieh. Man konnte von ihm sagen, er redete Butzenscheiben und altdeutsche Eichenmöbel. Aber es paẞte zu ihm; denn er hatte den Kopf eines schwarzhaarigen Florian Geyer, und er schrieb die schönste deutsche Prosa, die ein deutscher Romandichter seit den Tagen Hölderlins und Novalis mit dem Gänsekiel zu Papier gebracht hatte. Als er dann diese romantische Prosa mit modernen Zeitinhalten verbinden lernte und, von Jean Paul kommend, zu Balzac und Dostojewskij fand, entstand der nach westlichen Mustern in den Rahmen verpflichtender Wirklichkeit gespannte„, Ideen IN UND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 99 Roman", dem er zuerst unter dem Titel ,, The Worlds Illusion", später unter anderen Titeln, seinen großen Erfolg verdankte. Aber seine unvergeßlichsten Meisterwerke sind seine kürzeren oder mittellangen Erzählungen, voll ,, tunkler" Gesichte und ,, tunkler", sinnvoller Begebenheiten, die er mit einer ,, tunkeln" Stimme, im Tonfall des Muezzins, der vom Minarett die Stunden ausruft, meisterlich vorlas. In Wassermanns Werk finden sich unübersetzbare Satzgefüge, die von seiner frühen Welt und Umwelt, auch derjenigen, in die er sich in seinen Träumen versetzte, mehr und besser erzählen, als es der beste Erzähler vermöchte. ,, Zwischen Spind und Bettstatt hockte er sich auf einen Schemel und löffelte seinen Kaffee", liest man da etwa. Oder er läßt einen kapitalistischen Vater seinen Sprößling, der den Diamantschmuck seiner Mutter gestohlen und zu einer Dirne getragen hat, an der Gurgel fassen mit den Worten: ,, Fackle nicht! Gib den Schmuck heraus!" Sicher hat seit hundert Jahren kein deutscher Vater seinen deutschen Sohn so angesprochen, aber in einer Novelle von Hauff, in einer Volkserzählung von Hebbel könnte er wohl so geredet haben, und in diesen romantischen ,, Zeitläuften" fühlte der Erzähler und Nach- Erzähler Wassermann sich am wohlsten, von ihnen stammte, in sie flüchtete er und wurde auf der Flucht zum Dichter. Auch sein Verhältnis zur Idee ,, Iteeh" sprach er es aus war das jener versunkenen Tage des deutschen Idealismus, in denen man von der Hegelschen Trias oder von Schopenhauers empirischem oder intelligiblem Charakter unter Gebildeten wie vom Wetter sprach. Einmal schrieb er mir vorwurfsvoll: ,, Sie verwechseln den zufälligen Wassermann mit dem wahren." Was er meinte, war die dem Philosophen geläufige Unterscheidung zwischen Idee und Erscheinung. Ideengläubig, wie er war, war die Idee ihm alles und die Tatsache ein oft miẞverständlicher Zufall. Einmal wohnte er in Gesellschaft eines gelehrten Freundes der - 7* 100 ERLEBTES OSTERREICH Aufführung einer Mahler-Symphonie bei, um beim Hinaus- gehen zu sagen:„Es ist doch merkwürdig, wie in den Neunten Symphonien der großen Meister der Tod bereits die Fiedel führt. Es ist als ob sie gewußt hätten, daß es ihr letztes Werk sein werde.“„Aber was wir gehört haben, war ja die Fünfte, nicht die Neunte Mahler“, wandte der Freund bescheiden sach- lich ein.„Das ist mir Wurst“, erwiderte Wassermann„betreten“ (ein anderes seiner Lieblingsworte). Einmal auf einem herbst- lichen Spaziergang im Wienerwald stapfte er vor mir her, kurz, stiernackig, in einen flausartigen dunkeln Mantel gehüllt mit breitrandigem Kalabreser.„Von rückwärts sehen Sie aus wie Beethoven!“ rief ich ihm zu. Er wandte sich geschmeichelt um, zurücklächelnd, wobei ich mir nicht versagen konnte, den Vergleich mit den Worten zu begrenzen:„Aber umdrehen dürfen Sie sich nicht!“ Wassermann, um ein Jahrhundert zu spät geboren, starb um ein Jahrzehnt zu früh. Fr starb am 1. Jänner 1934 am Rande des, wie er in einer letzten Widmung sagte,„schwärzesten Jahres seines Lebens“ und hat die Richtigstellung des Welt- unsinns nicht mehr erleben dürfen. Aber wieviel ist ihm in diesem Jahrzehnt erspart geblieben. Der Verfasser von„Mein Weg als Deutscher und Jude“— wie rührend, daß er noch in dieser Lebensbeichte den Deutschen dem Juden voranstellt— hätte es überall schwer gehabt in diesen zehn Jahren. Er war nicht exportfähig, und auch das Ausland hätte kaum zu unter- scheiden vermocht zwischen dem zufälligen und dem intelli- giblen Emigranten Wassermann. Man darf schließlich von einem Ausländer, der mit den Abgründen der deutschen Philosophie nicht vertraut ist, nicht zuviel erwarten. Beer-Hofmann, der weder wie Schnitzler an eine gottlose Materie noch wie Hofmannsthal an eine gottgewollte Rang- ordnung, sondern mit Kant— und der Bibel— an den„ge- stirnten Himmel über mir und das Sittengesetz in mir“ glaubte, INUND AUS DER WIENER GESELLSCHAFT 101 war, seiner stolzen Makkabäernatur entsprechend, einer der ersten, der sich dem Zionismus innerlich anschloß. Er war ein selbstbewußter Jude und nicht abgeneigt, sein Volk, solange ihm nicht das Gegenteil bewiesen wurde, für das auserwählte zu halten. Einmal zu Beginn unserer näheren Bekanntschaft, als das Gespräch auf einen beiläufigen, von ihm nicht eben hoch eingeschätzten Bekannten kam, fragte ich:„Ist er eigentlich Arier?“ und erhielt die abschätzige Antwort:„Nun, ich glaube, das merkt man!“ Einige Wochen später entschuldigte Beer- Hofmann sich bei mir, da er mittlerweile erfahren hatte, daß auch ich nicht rasserein, in seinem Sinne, wäre. Ich erwiderte, seine Entschuldigung abwehrend, daß ich mir zufolge meiner gemischten Abkunft, mit einem Zionistenführer und einem königlich bayrischen Forstmeister in der Familie, Rassenvor- urteilein der einen oder anderen Richtung nicht gestatten könne. Immerhin, fügte ich hinzu, ließe sich nicht in Abrede stellen, daß Michelangelo, Mozart und Goethe auch nur Arier gewesen wären. Ich glaube, Mozart rettete die Situation. Beer-Hofmann liebt ihn über alles und brachte diese Liebe in einem unver- gänglichen Gedicht— Gedicht in Prosa— zum Ausdruck. Überhaupt schließt er als Dichter biblischer Dramen bewußt an die österreichische Barocke an; sein„Junger David“ und das wunderbare dramatische Oratorium ‚Jaakobs Traum“ schreiben sich unverkennbar vom Wiener Jesuitentheater her— auf dem Weg über Grillparzer. Aber trotz dem die Eingangspforte seines schönen Wiener Hauses überschwebenden Davidstern, der den Nazi selbstbewußt zuvorkam,: war Beer-Hofmann der einzige Dichter meiner Bekanntschaft, die streng katholischen inbe- griffen, in dessen Vorzimmer es nach Weihrauch roch. Der leise Duft ging von den lieblich wurmstichigen Salzburger Barock- engelchen aus, die von der hohen Wand herab den Eintretenden grüßten. Wie wehmütig Österreichisch auch dies: der tolerante 102 ERLEBTES OSTERREICH Kirchengeruch, der den ersten Schritt ins Innere des alttestamentarischen Dichterheims katholisch segnete. Die Gesellschaft guter Geister, von der ich hier andeutungsweise berichte, findet sich heute nur noch in der Erinnerung zusammen. Sie liegt auf Friedhöfen zerstreut und durch Tausende von Meilen voneinander getrennt. Was schlimmer ist, diese wahre aber unsichtbare Gesellschaft bleibt ohne lebendige Wirkung; und doch ist es die Wirkung ins Leben, auf die es, auch hier, letztlich ankommt. ,, Eine Gesellschaft muß auch imstande sein, die Ernennung eines Gymnasialprofessors in der Provinz ( er sagte: in Cilli) durchsetzen zu können", äußerte Hofmannsthal in einem letzten Gespräch, das wir wenige Wochen vor seinem Tode hatten: ,, Sonst ist sie nur ein Lampion ohne Licht!" Ein Lampion ohne Licht: ich denke oft daran- im Dunkeln. WER HORT AUF KASSANDRA? Mein - ein Vater war kein Politiker und kein Schöngeist. Er hatte nicht den Ehrgeiz, jenen Kreisen näherzutreten, die man im Nachkriegsengland mit einem Seitenblick als Intelligenzia bezeichnete und die es auch in Wien gab. Sein literarischer Gesichtskreis war beschränkt, doch behielt er viel von dem, was er gelesen oder im Theater gehört hatte, und zitierte gern, besonders in Versform. Er sagte etwa, wenn etwas schiefging: ,, Glücklich ist, wer vergißt was doch nicht zu ändern ist..." oder, in gehobeneren Augenblicken: ,, Wär' ich besonnen, hieß ich nicht der Tell." Aber er hatte bei alldem dasjenige, was die Engländer Pferdeverstand nennen, eine Gabe, die man nicht unterschätzen soll, wie ich bezeugen kann. Einmal, ich war noch ein Knabe, hatte mich mein Vater auf einen geschäftlichen Ausflug ans entgegengesetzte Ende der räumlich weitgedehnten Stadt mitgenommen; ich durfte auf dem Bock unseres Kutschierwägelchens er nannte es Phaëton neben ihm sitzen, was mir besonderes Vergnügen machte. Es dauerte lange, bis er sein Geschäft abgewickelt hatte und es wurde Abend, ehe wir gemächlich heimkutschieren konnten, wobei, um unsere brave Lucie zu schonen, eine immer langsamere Gangart eingeschlagen - - 104 ERLEBTES OSTERREICH wurde. Schließlich ließ mein Vater das treue Tier sein Tempo selbst bestimmen, was es denn auch in Schritt fallend alsbald tat. Er zündete sich eine Zigarre an und schlang das Leitseil um den Peitschenstiel, was nicht den geringsten Eindruck auf die alte Stute zu machen schien. Von ihrem Instinkt geführt, blieb sie stets auf der richtigen Straßenseite und schlug bei jeder Kreuzung in dem hundertfach verwickelten Straßennetz, ohne einen Wegweiser zu benötigen, nach rechts oder links abbiegend den kürzesten Weg nach Hause ein. Allerdings war der noch idyllische Wagenverkehr unseres damaligen Wien weder von Autos noch von Motorrädern beunruhigt und eine siebenjährige Ortskenntnis kam dem Pferdchen zustatten. Immerhin konnte ich seinen Verstand nur bewundern, als es, bei der letzten Wendung in einen beschaulichen Trab übergehend, ruckartig vor dem Gartentor unseres Hauses stehenblieb. Ein Stück Zucker, das ich ihm im Auftrag meines Vaters reichen durfte, war seine und meine Belohnung. Einen solchen Pferdeverstand bewahrte mein Erzeuger auch auf dem Felde der Politik. Er überschaute den Weg, der uns zur Katastrophe führte, viel klarer als die gelehrten Häupter, die im Parlament oder in den Zeitungen das große Wort führten. ,, Wohin soll das führen?" rief er immer wieder, wenn er abends in seinem Leibblatt von neuen Rüstungskrediten oder einer Erhöhung des Rekrutenkontingents las:„ Wie anders kann das enden als mit einem europäischen Krieg?" fragte er, anklagend über den Sitzungsbericht in eine höchst unsichere Zukunft blickend. Auch die Sturmzeichen des aufkommenden Antisemitismus wußte er richtig zu deuten, trotz seiner vorgespiegelten Ungefährlichkeit, mit der sich viele beruhigten. Besonders die begüterten Juden, die man im Wiener Sprachgebrauch die Nobeljuden nannte, konnten sich nicht entschließen, eine Bewegung ernst zu nehmen, die sich so offenkundig in Bübereien erschöpfte. Was war denn dieser ganze Wiener Anti WER HORT AUF KASSANDRA? 105 semitismus? Man hörte etwa im Vorbeigehen ein paar Leute einem jüdischen Hausierer ,, Hepp! Hepp!" nachrufen oder las im Blättchen, daß im Gemeinderat ein Anhänger des Bürgermeisters Lueger die statistische Bemerkung habe fallen lassen, die Juden lebten, das wäre nachgewiesen, durchschnittlich ein Viertel länger als die Menschen. Oder es wurde in der Kammer über das Standrecht in Prag debattiert und ein christlichsozialer Abgeordneter schlug vor, man solle diese Schandmaßnahme für die christliche Bevölkerung sofort rückgängig machen und nur für die Juden in Prag noch eine Weile weiterbestehen lassen. Konnte ein akademisch Gebildeter solche Bemerkungen ernst nehmen? Sie wurden von einem Lachen des ,, Hohen Hauses" weggeblasen, wenn sie nicht schon von Haus aus lachhaft gemeint waren, wie etwa die bekannte Bemerkung des allbeliebten Bürgermeisters Lueger, der dem Vorwurf, daß er selbst den Umgang mit Juden gesellschaftlich, ja sogar freundschaftlich unter Umständen nicht verschmähe, launig mit den Worten begegnete: ,, Wer ein Jud ist, bestimme ich!" Ganz Wien freute sich über die einleuchtende Einfachheit dieses Rassenachweises zu einer Zeit, als die Berliner Antisemiten bereits kehlig sangen: ,, Wes Nase krumm, wes Haare kraus der muß hinaus, der muß hinaus!" - Mein Vater kannte seine Landsleute besser. Er strich sich besorgt den schon ergrauenden Vollbart und warnte vor dem, was kommen würde. ,, Ihr in Wien wißt ja nicht, was Antisemitismus ist", sagte er einmal zu mir:„, Die Deutschen sind Antisemiten." Und er erzählte, wie er als kleiner Junge in Nürnberg mit angesehen hätte, daß Judenkinder bei Einbruch der Dunkelheit mit Steinwürfen durchs Stadttor getrieben worden wären, weil Juden nicht in Nürnberg übernachten durften. Das war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dreiviertel Jahrhunderte später wurden in eben diesem Nürnberg die bekannten Schandgesetze ausgeheckt, die den hoffent 106 ERLEBTES OSTERREICH lich nur vorübergehenden Austritt Europas aus der Weltkulturgemeinschaft nach sich zogen; und der sie zu verantworten hatte, strich, als mein Vater diese seine Jugenderinnerung auffrischte, bereits leibhaftig in Wien umher. Es war ein gewisser Adolf Hitler, ein armseliger Phantast, der in dem Gärtchen vor der Akademie der bildenden Künste hungrig herumlungerte und für Lueger schwärmte. Das taten viele. - G Wien, die Kaiserstadt, die sich in ihrem selbstbewußten Glanze sonnte es war ein Abendsonnenglanz übersah die Gefahr und überhörte die Warnung. Es überhörte den Flügelschlag der Geschichte auch im Beginn einer anderen Bewegung, die den erhitzten Gemütern der Zeitgenossen eine andere, aber im Grunde verwandte Sprengstoffwirkung abgewann. Das war der deutsche Nationalismus, damals nur als die deutschnationale Bewegung des Herrn von Schönerer in Wien bekannt, die, gleichen Ursprungs, sich mit dem nach Wien verpflanzten Antisemitismus von allem Anfang an gefährlich gut vertrug. Die Antisemiten trugen weiße Nelken im Knopfloch, die Deutschnationalen Kornblumen, das war der ganze Unterschied. Kamen dann auch noch die roten Nelken der ,, Sozi" dazu, so ergab sich ein ganz hübscher Blumenkorso der Politik, wenn auch nicht derjenige der alten Fürstin Metternich, der mit einem von Jahr zu Jahr abflauenden Erfolg in den mailichen Praterauen die erste Gesellschaft und bald auch die zweite und dritte angeregt vereinte. Diese deutschnationale Bewegung, deren Rädelsführer Schönerer und Wolf hießen, und die bald genug in die Los- von- RomBewegung ausartete, war eine natürliche Folge des unnatürlichen Dualismus. Die selbständig gewordenen Magyaren wollten in ihrer Reichshälfte, die ja durchaus nicht nur aus Magyaren bestand, magyarisieren; dazu brauchten sie eine österreichische Reichshälfte, die germanisierte. Nationalismus sollte Trumpf sein diesseits und jenseits der Leitha, eines an sich ungefähr WER HORT AUF KASSANDRA? 107 lichen Flüẞchens, das die beiden Hälften der Monarchie quotenmäßig voneinander schied. Zu diesem beiderseits begreiflichen Wunsch, unter dem nur die unterdrückten Nationen und Natiönchen beiderseits litten, trat dann, ihn verstärkend, die ,, deutsche Orientierung" hinzu, die die Waffenbrüderschaft nach sich zog. Im Rückblick wird manches sonnenklar, was damals scheinbar noch in Nacht und Nebel lag. Aber es war nur eine Nacht der Ahnungslosigkeit und ein Nebel der Verlogenheit, die den zum Selbstdenken nicht erzogenen Österreicher aus Bequemlichkeit, wenn nicht aus Feigheit, übersehen ließ, was sichtbar herandrohte: die Aufsprengung des jahrhundertealten Gefüges der Monarchie durch den atmosphärischen Druck der gestauten Nationalismen. Auch der gefällige und selbstgefällige Wiener Optimismus spielte dabei eine Rolle, der in zwei Anekdoten, einer traurigen und einer heiteren, weiterlebt. Die traurige schließt an den Wiener Ringtheaterbrand an, der mehreren hundert Theaterbesuchern das Leben kostete. Ein Mitglied des kaiserlichen Hauses fand sich besorgt auf der Brandstätte ein und der diensthabende Polizeioffizier erstattete, vorschriftsmäßig salutierend, seinen Bericht mit den überlieferten Worten: ,, Alles gerettet, kaiserliche Hoheit!" Das andere Geschichtchen knüpft an den Namen des in Wien legendären Malers Schödl an, der die Wirklichkeit so schön zu übermalen liebte, wie er seine Miniaturen bepinselte. Eines Tages beim täglichen Spaziergang über den Ring begegnet er einer alten Freundin in Trauer. ,, Sie gehen ja ganz schwarz, was ist denn g'schehn?" fragt er teilnehmend. ,, Mein Mann ist ja vor einem Monat gestorben", erwidert die bekümmerte Dame, ,, eine schwere Lungenentzündung". ,, Na", tröstet sie der alte Schödl mit einer leichten Handbewegung ,,, es wird nicht so gefährlich gewesen sein!" Dabei kann man nicht sagen, daß der alte Kaiser mit seinem dualistisch zweigeteilten Greisenbart und den zwinkernden Jägeraugen die nationale Gefahr, die das Habsburgerreich von 108 ERLEBTES OSTERREICH - - innen bedrohte, übersehen oder auch nur vernachlässigt hätte. Er hatte weit mehr Verständnis für die nationalen Aspirationen, als seine Biographen ihm im allgemeinen zugestehen. Er sprach wie jeder Habsburger mehrere Sprachen, auch Landessprachen, und war im Grunde der ererbten Meinung, daß, von oben gesehen, alle Nationen das gleiche Recht hätten, den Mund zu halten. Aber diese autokratische Toleranz ließ ihm seine neuestens konstitutionelle Regierung nicht mehr angehen. Die Ungarn machten in nationalen ,, Belangen" eine deutschnationale Wortprägung was sie wollten, und daß er sich mit den Tschechen vertrug, erlaubten ihm die vom Abgeordneten Wolf aufgepfefferten Deutschen nicht. Zuerst versuchte er es durch den Ministerpräsidenten Taaffe, der, irischer Abstammung, für Home Rule ein gewisses Verständnis hatte, mit den Tschechen sich durch neue Sprachenverordnungen zu verständigen. Dann kamen, etliche Jahre später, die Sprachenverordnungen des Ministers Badeni, die in meinen Studententagen fast eine Revolution des„, deutschen Wien" zur Folge hatten. Taaffe mußte nach dreizehn Jahren zurücktreten und Badeni, auch er ein Graf, sofort verschwinden. Aber damit war es nun nicht mehr getan; es wurde weiter geschürt und gehetzt, gestichelt und gedroht. Allen, die einen vernünftigen Föderalismus vertraten, die einzige Rettung für das unrettbare Österreich, antwortete die ,, Wacht am Rhein", das Leiblied der deutschnationalen Studentenschaft. Aber noch ein anderes Lied, das noch unverblümter die Hoffnung der„ Völkischen" aus mannhaften Kehlen aufrülpsen ließ, kam damals in Schwang, von der jüdisch liberalen Wiener Presse in sanfteren Leitartikeltönen mitgesungen oder-gebrummt. Es lautete, wahrhaft herzerhebend: Wir schielen nicht, wir schauen, Wir schauen unverwandt, WER HORT AUF KASSANDRA? 109 Wir schauen voll Vertrauen Ins deutsche Vaterland. Ein geistreicher Pariser Schriftsteller hat eine kriegslustige Kammerrede des französischen Nationalisten Deroulède eine ,, Fanfare in roten Hosen" genannt. Dieses Lied war eine Fanfare in blauen Augen; der treudeutsche Blick, nach erweitertem ,, Lebensraum" hungrig, schielte merkbar über die Grenze. Aber niemand merkte etwas. Niemand hörte auf Kassandra, die man des Klerikalismus verdächtigte, wenn sie schüchtern darauf aufmerksam machen wollte, daß die von den Deutschnationalen entfachte ,, Los- von- Rom- Bewegung" es sichtlich darauf anlegte, aus dem katholischen Österreich, dem klassischen Lande der Gegenreformation, eine deutsch- protestantische Provinz zu machen. Was drei Jahrzehnte später Hitler tatsächlich gelang. Nicht eben zum Besten Europas, und nicht einmal Deutschlands, wie eine wieder zur Vernunft gekommene deutsche Geschichtsschreibung wird zugeben müssen. * Über diese Wiener Vorkriegsjahre, Jahre satter Bildung und eines nicht nur in Österreich selbstischen Behagens, wäre weit weniger zu sagen, bildeten sie nicht den Nährboden, in dem die Keime späterer Entwicklungen lagen. Der Weltkrieg I war kein Zufall, noch das, was nachher kam, einschließlich des zweiten Weltkrieges, den ich noch erleben durfte. Ich blicke über ein von einem Doppelerdbeben verwüstetes Gebiet zurück auf eine vormals blühende europäische Landschaft. Zur selben Zeit ungefähr wie die deutschnationale entsprang dem österreichischen Boden, etwas verspätet, wie alles in Österreich, eine andere Volksbewegung, die auf Verbrüderung der Nationen zielte, wie jene andere entgegengesetzte auf einen Krieg aller gegen alle. 110 ERLEBTES OSTERREICH Die Sozialdemokratische Partei hatte in der Person Viktor Adlers einen Führer von hoher Einsicht, Milde und bemerkens- werter Lauterkeit des Charakters gefunden, der aus ihr in weni- gen Jahren ein Muster äußerer und innerer Organisation schuf. Die äußere kam imponierend in einem Massenaufmarsch der Wiener Arbeiterschaft zum Ausdruck, der die Einführung eines anständigen demokratischen Wahlrechts unter den Minister- präsidenten Gautsch und Beck wenn nicht ertrotzte, so doch beschleunigte. Die innere Organisation war vielleicht noch be- deutungsvoller. Ein neuer Arbeitertypus entstand damals in Österreich, der dem Unternehmertum selbstbewußt, ohne die bis dahin übliche, von Trinkgeldern genährte Erbötigkeit gegen- über- und, wo es not tat, auch entgegentrat. Das Bürgertum, zur politischen und sozialen Gleichgültigkeit erzogen, bemerkte es kaum, wie ja überhaupt die tragische Schuld dieser Klasse in unserem Jahrhundert im Nichtbemerken oder Zuspätbemerken lag. Auch ich, dessen staatsbürgerliche Erziehung viel zu wün- schen übrig ließ, wurde mir des sich vollziehenden Wandels im Klassenbewußtsein erst mittelbar bewußt, als einmal der Schrift- setzer in der Druckerei der„Neuen Freien Presse“ die Zigarre, die ich ihm als Entschädigung für eine verspätete Korrektur zustecken wollte, gelassen zurückwies. Gab es keine Trinkgeld- freundlichkeit mehr in meinem seit Jahrhunderten auf Geschenk- nahme mehr als auf Schuldigkeit eingerichteten Heimatlande? Es war ein ernstes Vorzeichen. Aber schließlich wurde auch ohne Freizigarre die Korrektur gewissenhaft durchgeführt, die sich gleichzeitig auch in meinem sozialen Empfinden durchzuringen begann. Die Setzer in ihren stumpfblauen Blusen, die sehr genau wußten, was und wen sie setzten, waren die Stoßtruppe der neuen sozialen Massenbewegung und Klassenverschiebung. Ich erinnere mich an einen, der seiner Bärbeißigkeit und Unfreund- lichkeit wegen besonders gefürchtet war. Er war ein stockiger WER HORT AUF KASSANDRA? 111 alter Mann mit blaurotem Bulldoggengesicht, der trotz seiner sechzig und mehr Jahre Nacht für Nacht seinen verantwortungs- vollen Dienst in der Zeitungsdruckerei mit vorbildlicher Ge- wissenhaftigkeit versah. Die zusammengerückten Brauen und unter den Barthaaren gefährlich aufblitzenden Zähne verliehen dem überhängenden kurzhalsigen Kopf zuweilen den Ausdruck eines bösen Kettenhundes. Sein Auge, wenn er vor dem an ihn Herantretenden an seinem Setzkasten ärgerlich zur Seite trat, blickte klein und böse. Doch milderte sich die Strenge seiner Züge, wenn das Anliegen, das man im Maschinenlärm vor- brachte, sachlich begründet war. Ohne ein Wort zu verlieren, gewährte er dann die Wohltat eines zweiten Korrekturabzugs. Erst nach Jahren erfuhr ich, wer der Mann war, dem ich meine Achtung nicht versagen konnte. Seine einzige Tochter, Paula Mark, war eine der berühmtesten Sängerinnen der Wiener Hofoper, sein Schwiegersohn der wahrscheinlich angesehenste und bedeutendste Arzt der Monarchie. Dennoch ließ der alte Mann seinen Setzkasten nicht im Stich und lebte nach wie vor vom Arbeitslohn, sehr zum Verdruß seiner Tochter, die liebend an ihm hing und gern für ihn gesorgt hätte. Ja, es gab auch Charaktere in unserem alten, so vielfach verleumdeten Öster- reich, und es gab deren auch in den sogenannten höheren Stän- den, die mitunter auch nicht tiefer standen und ihren Stand behaupteten. Der Bruder eines kaiserlichen Ministerpräsidenten legte seine Aufsichtsratstelle in einem großen Industrieunter- nehmen an dem Tage zurück, an dem er im Amtsblatt die ver- lautbarte Ernennung seines Bruders zum österreichischen Pre- mier las. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, daß die Ent- scheidungen der kaiserlichen Regierung seinem Unternehmen zustatten kämen. Es gab Leute, die eine so weitgehende Hypo- chondrie der Anständigkeit für Narrheit erklärten. Aber gerade diese Narrheit adelte den Fall. Der- Name des Cato im Auf- sichtsrat war Gautsch. * 112 ERLEBTES OSTERREICH Waren dies Charakterbeispiele, so waren es zugleich in Wien nicht einmal gern gesehene Charakterausnahmen. Im allge- meinen lebte die Wiener Gesellschaft, die regierende wie die regierte, in jenen Jahren vor der Sintflut ihr den Schönheiten und Freuden des Daseins emsig zugewandtes Leben nicht gerade gewissenlos, aber mit einem von Weinlaune leicht ein- geschläferten Gewissen. Schönheit war alles und Politik herz- lich wenig. Ein Caruso-Gastspiel beispielsweise verschleierte das traurige Verhältnis zu Italien, ein Auftreten Nijinskis im Rahmen des russischen Balletts die Mobilisierung einiger Armee- korps an der russischen Grenze. Der erstaunliche Luftsprung des weltberühmten Tänzers hatte eine größere Bedeutung als die Annexion Bosniens, die dem nun achtzigjährigen Kaiser eine letzte Freude machte— und die im späteren Verlauf zum Weltkrieg führte; denn aus ihr entstand der Balkankrieg und aus diesem, zwei Jahre später, der Waffengang mit der Entente. Aber das lag„auf den Knien der Götter“, die in unserem Falle ein Grüppchen österreichischer Tories waren, die einander gegenseitig das Portefeuille des Außenministers zuschoben; lauter kleine Metterniche, ohne dessen große Begabung. Der beste unter ihnen war der schlimmste, Baron, später Graf Aehrental, der Mann der Annexion. Während er auf seine Art Weltgeschichte machte oder vorbereitete, machten die Wiener Witze, die sich zum Weitererzählen eigneten. Nijinskis langer Sprung aus dem Kelch der Rose durch ein offenstehendes Gartenfenster verschaffte dem Künstler eine Einladung zum Mittagessen beim Baron Rothschild.„Wie lange bleiben Sie in der Luft?“ wollte der neugierige Baron von seinem berühmten Gast wissen.„Solang als nötig“(Autant qu’il faut“) war die entschlossene Antwort des Tänzers. Darüber lachten die Wiener und sie lachten Tränen über ein anderes Geschichtchen, das auf eine vergnügliche Weise ins Gebiet der großen Politik hinüber- führte. Der zähe alte Kaiser, über Achtzig jetzt, und der'Thron- WER HORT AUFKASSANDRA? 113 erbe Franz Ferdinand, ein robuster Mann an die Fünfzig, leb- ten in einem stadtbekannt schlechten und durch die morga- natische Ehe des Thronerben noch mehr verbitterten Verhältnis. Der Anwärter hauste im oberen Belvedere, der Uralte am anderen Ende der Stadt, im kaiserlichen Lustschloß Schönbrunn. Aber das ist nur Geschichte, und was die Wiener daran erfreute, ist das folgende Geschichtchen. Ein kostbarer Papagei sitzt auf einem Baum im Wiener Stadtpark, wo er sicher nicht zu Hause ist. Die Polizei holt ihn mit Hilfe einer Feuerleiter von seinem hohen Sitz herunter und bringt den schönen Vogel auf die Wachstube. Wem gehört er? Der Papagei verweigert die Aus- kunft. Aber nachdem er zwei Tage lang verstimmt geschwiegen hat, beginnt er am dritten Tag mit dem Kopf zu rücken und Laute von sich zu geben, die sich am Ende zu der verständ- lichen Äußerung verdichten:„Hundert Jahr wird er leben. Hundert Jahr wird er...“ Man schickt ihn sofort ins Belvedere zurück, wo der Thronfolger seine Residenz aufgeschlagen hat. Das ist Wien, und wer über den Geist und Ungeist dieses Stadtwesens mehr zu erfahren wünschte, der brauchte nur das damals neu erschienene und sofort verbotene Buch„Wien“ des Linzers Hermann Bahr aufzuschlagen. Der Wiener, sagt Bahr, ist gar nicht, er scheint nur zu sein. Eine Definition wie eine andere, die Bahr auf ebenso gelehrten wie amüsanten Um- wegen von der Barocke, dem theatralischen Stil der Gegen- reformation, ableitet. Dieser auf„glauben machen“— making believe— berechnete Stil betrachtet die Wirklichkeit nur als einen dekorativen Vorwand für eine höhere Unwirklichkeit, die es durch eine vorgetäuschte Scheinhaftigkeit zu beweisen gilt. Er überwölbt das Kirchenschiff mit einem gemalten Himmel und begrenzt die Unendlichkeit mit einem bebänderten Stukko- Vorhang, hinter dem beflügelte Engelsköpfchen neugierig her- vorgucken. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie einander dabei sogar Witze erzählen. 8 Verlorene Zeit 114 ERLEBTES OSTERREICH Bahr, dem ich erst später persönlich begegnete, als er sich in einen Barockheiligen zwischen Christophorus und Tolstoi zu verwandeln begann, verhielt sich zur neubarocken Wiener Dichterschule ungefähr wie Johannes der Täufer zum Christentum. Er hatte sie vorgeahnt und erklärte sie nachher, ohne auf seine geistige Priorität zu pochen. Selbst mehr Journalist als Dichter, war er aber doch ein wahrer Lustspieldichter, einer der ganz wenigen, die das deutsche Schrifttum hervorbrachte. Denn Deutschland ist ein ernsthaftes Land, in dem das Lächeln als eine unmännliche Schwäche gilt, und das Lustspiel ist und bleibt eine Form, die sozusagen lächelnd ernst genommen sein will. Das war Bahrs Fall, der sich selbst nicht allzu bescheiden den österreichischen Shaw nannte. Shaw oder nicht Shaw, er war schließlich doch ein Österreicher, und die katholische Barocke löste die verwegene Sinnlichkeit seiner revolutionären Jugend bald ins Übersinnliche auf, dem er sich immer passionierter verschrieb. Er wurde kirchenfromm und am Ende seiner Tage so sehr Österreicher, daß er es in Österreich nicht mehr aushielt, weil es ihn zu sehr an ihn selbst erinnerte. In jenen Jahren, kurz vor dem ersten Weltkrieg, wandte er Wien den Rücken und ging nach Berlin, um dort, im Umkreis Max Reinhardts, sein heiterstes und technisch gelungenstes Stück ,, Das Konzert" bei Reinhardts Antipoden Otto Brahm zur Aufführung zu bringen. Wäre er in Wien geblieben in jenen schicksalträchtigen Jahren, als sich die unterdrückt homerischen Kämpfe zwischen der österreichischen Kriegspartei und dem friedfertigen alten Kaiser abspielten, so wäre er einer der wenigen gewesen, die auf Kassandras Stimme gehört hätten. Als ihn zehn Jahre später, kurz vor dem Zusammenbruch der Monarchie, Kaiser Karl zum heimlichen Direktor des Burgtheaters öffentlich ernannte, war es zu allem zu spät. Der gemalte Barockhimmel stürzte über ihm zusammen und alles, was er für das Burgtheater noch tun konnte, war ein reizendes Buch über das Burgtheater schreiben. WER HORT AUF KASSANDRA? 115 Ich werde hier nicht der Versuchung erliegen, eine längere Abhandlung über das hundertundsiebzig Jahre alte Burg- theater einzuflechten, an dem im Verlauf von dreißig Jahren acht oder zehn meiner Lustspiele zur Aufführung gelangten. Der Wiener spricht von diesem Theater, das Mark Twain „a miracle of beauty, art, taste and costliness“ in einem seiner in Wien geschriebenen Artikel nennt, wie der Bräutigam von der Braut, und wie ein liebender Bräutigam geht er damit seiner Umgebung leicht auf die Nerven. Was sehr hübsch in einem wieder anderen Geschichtchen aufbewahrt ist, das in Wien entstanden sein könnte, wenn es nicht in Wien entstanden ist. Eine gelehrte Akademie schreibt das Thema„Elephant“ zur internationalen Behandlung aus und ihrer Eigenart entsprechend verhalten sich die ver- schiedenen Nationen verschieden zu der gestellten Aufgabe. Der Engländer bringt einen Bericht zu Papier unter dem Titel: „Wie ich meinen ersten Elefanten schoß“. Der Amerikaner setzt das Diskussionsthema in Beziehung zur Präsidentenwahl. Der Franzose geht in den Jardin des Plantes und studiert ge- wissenhaft das Liebesleben des Elefanten. Der gründliche Deutsche verfaßt einen unvollendeten dreibändigen Schmöker unter der verpflichtenden Überschrift:„Der Elefant in seiner Beziehung zur deutschen Philosophie mit besonderer Berück- sichtigung der Hegelschen Trias.“ Und der Wiener schreibt: „Erinnerungen eines alten Elefanten an das Wiener Burg- theater.“ Ob nun dieses Burgtheater des alten Elefanten wirklich ein „Wunder“ war, wie Mark Twain in verschwenderischer An- erkennungslaune fand, oder nur„ein Foyer und ein Fundus“, wie Alexander Moissi, der Garrick des deutschen Theaters, gering- schätzig zu sagen pflegte: es war ein Wahrzeichen, die„Akro- polis von Österreich“. Hermann Bahr, der große österreichische Kritiker und Lustspieldichter, nachdem er sich ein Leben lang g* 116 ERLEBTES OSTERREICH in beiden Eigenschaften über das Burgtheater, so wie es nun einmal war, geärgert hatte, hat es am Ende seiner Tage so genannt, und diese Bezeichnung, die es ein für allemal mit unserem Bildungszeitalter verbindet, mag ihm in aller Zukunft angeheftet bleiben. Denn das war es wirklich und sollte es sein nach dem Willen des freisinnigen Kaiser Joseph, der es vor hundertundsiebzig Jahren gegründet und ihm sein dem Statut der Comédie Française nachgebildetes Statut verliehen hat. Auch in seiner künstlerischen Struktur erinnerte es vielfach an diese große Kultstätte des französischen Theaters, nur daß es weit weniger national war. Im Wiener Burgtheater wurden jederzeit, seine Bewußtseinsunterbrechung in den schlimmen Nazijahren abgerechnet, weit mehr ausländische als deutsche Dramatiker aufgeführt und kaum ein Fünftel aller aufgeführten Stücke war österreichischen Ursprungs. Räumlich in den ersten hundertundzwanzig Jahren seines Bestandes ein Annex des Kaiserhauses, teilte und vertrat es auch grundsätzlich dessen übernationale Gesinnung. Seine Giebelfigur war der in die Ferne winkende Apollo und sein ungeschriebener Wahlspruch das Wort der Antigone: ,, Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da!" - Als ein Freund des klassischen Zitats verriet es sich schon die äußerlich in seiner Architektur. Das ,, neue" Burgtheater alten Wiener nannten das mehr als fünfzigjährige Gebäude noch immer neu- war im Stil der französischen Spätrenaissance erbaut und renaissancemäßig war auch sein vierstöckiger Logenschlot. Aber im Foyer, dem großen Bildersaal der Schauspieler, wo unsere gläubige Jugend zu den Medeen und Hamlets verrauschter Jahrhunderte wie zu Heiligenbildern aufblickte, verjüngte es sich um ein gutes Jahrhundert; denn hier vermengten sich deutliche Rokokoanklänge mit einem überladenen Jesuitenstil, den man mit Fug auch theatralisch nennen könnte, und der im Theater an die Kirche erinnerte. Das war WER HORT AUF KASSANDRA? II7 kein Zufall, denn die in puritanischen Ländern so gegensätzlichen Begriffe Kirche und Theater gingen in Wien nicht ungern ineinander über, und der prachtliebende österreichische Katholizismus erleichtert diesen Übergang. Und warum auch nicht? Aus dem Gottesdienst entsprungen, hat das große Theater diesen Ursprung nie verleugnet. Das Wiener Burgtheater war ein großes Theater, dessen Mitglied zu sein eine moralische Verpflichtung in sich schloß- auch für den Zuschauer. Feiertäglich gekleidet fand er sich ein, um, andächtig gestimmt, bei Schiller zu beten und bei Ibsen zu beichten. Aber natürlich wurde nicht an jedem beliebigen Abend gebetet und gebeichtet. Es gab auch unverbindlich vergnügte Abende, an denen nur gelacht wurde. War doch dies nebenbei das Burgtheater auch das beste Lustspieltheater deutscher Zunge: das beste, weil das feinste. Das Lustspiel ist nun einmal eine wohlerzogene Gattung. - - - dies eine sei dem alten Elefanten zu -- Das Burgtheater war ein Sinnbild des alten österreitrompeten noch erlaubt chischen Herrschaftsstaates, und auch dies verriet sich schon in seiner Innenarchitektur. Vier Stockwerke Logen. In den Parterrelogen saß der Adel, im ersten Rang ererbter Reichtum, im zweiten der Parvenu, im dritten und vierten die Blüte der Nation, bis zu den Stehplätzen der Studenten hinauf. Aber noch weniger als der brotlose Student hatte der Offizier zu bezahlen, der für einen Nickel( in amerikanischer Währung) im sogenannten ,, Stehparterre" zugelassen war: ein soziales Zugeständnis, das die Anziehungskraft des Militarismus bedenklich erhöhte. Aber bei alldem war keine stockige Luft in diesem klassenbewußten Übereinander, das die Kaiserloge krönte. Die Ventilation auch im metaphorischen Sinne war die allerbeste, die Luft im Zuschauerraum von köstlicher Reinheit. Im Frühjahr duftete sie sogar nach Flieder; die im benachbarten Volksgarten mündenden Luftschächte brachten den Duft her- - 118 ERLEBTES OSTERREICH über. Airconditioned heißt man's in Amerika. Wir machten's auf unsere Art. Burgtheaterbesucher zu sein war im Wien meiner Jugendjahre eine Art Religion, und wenn nicht Religion, so wenigstens Religionsersatz und ein allgemein beliebter. Es war ein ideales Theater, weil es ein Theater der Ideale war, in dem alles und jedes, was zwischen Schminktopf und Rampenlicht sich ereignete, eine etwas höhere Bedeutung annahm, als ihm auf Erden zukam. Wenn beispielsweise der große Sonnenthal, der in Amerika bis nach San Franzisko gastierte, den zärtlichen alten Oboespieler in Schnitzlers ,, Liebelei" spielte, so war das nicht so sehr ein Oboespieler aus der Wiener Vorstadt, als vielmehr die platonische Idee eines solchen. Und das waren mehr oder weniger alle Burgtheaterfiguren: Schatten an der Wand im Lichte der Ideen. Aber immer war es der Dichter, der das Öl der Lampe beisteuerte und entzündete. Die schönen Schauspieler des Burgtheaters, ihrer abendlichen Wirkung sicher, räumten ihm bereitwillig auf der Probe den Vortritt ein und lauschten auf sein Wort, so theaterfremd es klingen mochte. Auch in diesem Punkte war das Burgtheater eine Ausnahme und eine sehr rühmliche. Burgschauspieler: diese Recken und Reckinnen, mit dem in beiden Fällen wohlausgebildeten Brustkasten, waren, der deutschen Orientierung entsprechend, von Haus aus selten Österreicher, das war das Wienerische an ihnen. Die große Wolter kam aus Köln, Baumeister und Gabillon und Reimers von der norddeutschen ,, Wasserkante", was eine weit zurückreichende Tradition neu belebte. Die Bleibtreu, eine andere sechs Fuß hohe Heldenmutter, kam aus München, Sonnenthal und Robert waren Deutsch- Ungarn und die Hohenfels, die alterslose, lebenslänglich ,, taufrische" Naive der Jahrhundertwende, soll sogar ,, Bourbonenblut" in den Adern gehabt haben, wie ihr Gatte, Baron Berger, behauptete:„, Und wenn sie tot ist, werd' ich es WER HORT AUF KASSANDRA? 119 - - auch schreiben“, fügte er vorsichtig hinzu. Sie alle sprachen das beste Deutsch, aber es klang aus ihrem Munde wie auf der Orgel gespielt und man fühlte sich immer wie von einem leichten Schauer angeweht, wenn sie auch im Privatleben die Bälge traten.„ Flüche donnern ihm nach!" sagte etwa Max Devrient zu mir während eines Spazierganges auf dem Michaelerplatz, dem Rockefeller Center in Wien, und das grollende R in ,, donnern", das er dem aus dem Amte scheidenden Direktor nachschickte, rollte über den weiten Platz. Aber auch die Anmut der Burgtheaterdamen ging heldenhaft übers Alltägliche hinaus. Die dreiundneunzigjährige Frau WilbrandtBaudius alt zu werden gehörte zur Begabung des Burgschauspielers artikulierte einmal, schalkhaft auf eine kleine Gruppe österreichischer Dichter deutend, die auf einem Kanapee plaudernd die Köpfe zusammensteckten: ,, Wie sie da sitzen, Stern bei Stern!", wobei wiederum das Wort ,, Stern", wie sie es aussprach, dem aufblickenden Zuhörer einen ganzen Sternenhimmel vortäuschte. Denn in einem solchen Burgtheatermund, auch wenn er sich nur beim Spazierengehen auftat oder über einer Tasse Kaffee, nahm alles superlativen Ausdruck an, und Superlative waren ja auch diese ,, Rollenträger" gab es damals noch-, -, jeder in seiner Art. Die Großmutter war die letzte Steigerungsform einer Großmutter und das junge Mädchen der Superlativ eines jungen Mädchens. Vor allem aber war der Vater im Burgtheater, das heißt der die Väterrollen spielte, der Inbegriff der Väterlichkeit, was auch der Grundidee des damals noch patriarchalisch gelenkten Staatswesens entsprach. Ein solcher Vater war etwa Sonnenthal, sogar die Tränensäcke unter seinen in wachsamer Gerührtheit schwimmenden Augen und der Stockschnupfen, mit dem er kummervolle und mahnende Worte sprach, waren herzbrechend väterlich, was zum Weinen wahrhaftig gewesen wäre, hätten nicht die alten Damen in den Logen das entartete Geschlecht der - so etwas 120 ERLEBTES OSTERREICH - Söhne lächelnd daran erinnert, daß„, er" nämlich Sonnenthal auch einmal ein feuriger Liebhaber ohnegleichen gewesen sei. Umgekehrt, wenn ein feuriger junger Liebhaber, den sich die Direktion von der Wasserkante verschrieben hatte, zum erstenmal den Franz im ,, Götz" oder den Phaon in ,, Sappho" spielte und dabei Glück hatte, sagten dieselben alten Damen, ermattet das Opernglas zurückschraubend: ,, Was für ein Vater wird er später einmal werden!" Und das wurde er dann auch wirklich im Laufe der Jahrzehnte und ,, pensionsfähig" wurde er auch. Nur zwei erlauchte Repräsentanten der Burgtheateridee wurden das nicht, wahrscheinlich weil sie dem Burgtheater niemals wirklich angehörten, obwohl sie es künstlerisch verklärten: Joseph Kainz und Max Reinhardt. Kainz wirkte zehn Jahre lang am Burgtheater, aber es wäre eine Übertreibung, zu behaupten, er hätte ihm angehört. Auch pensionsfähig ist er nie geworden. Noch wenige Wochen vor seinem viel zu frühen Tod sah ich ihn als Richard II. von seinem Königreich auf der Burgtheaterbühne erschütternd Abschied nehmen. Reinhardt hinwiederum entführte das Burgtheater in die Schumannstraße in Berlin; seine theatergeschichtliche Bedeutung besteht darin, daß er als entflammter Jüngling auf der Burgtheatergalerie vom Burgtheater Abschied nahm, um es zehn Jahre später an der Spree und wieder zehn Jahre später im lieblichen Salzburg in einem hohen Sinne zu verwirklichen, als ein Burgtheater nicht von Hofes Gnaden, sondern von Reinhardts Gnaden. Beide, Reinhardt und Kainz, waren Genies, nicht bloß Talente des Theaters, in einer mit Talent reichlich gesegneten Epoche. Worin liegt der Unterschied? ,, Talent hat man, Genie ist man." Das war es und darin lag es, daß diese beiden waren, was sie hatten, und in einem Maß, wie unter ihren Zeitgenossen nur noch die unvergleichliche Eleonora Duse, deren Rang der gleiche, nämlich der höchste ist. WER HORT AUF KASSANDRA? 121 - - Genies sind Diktatoren; was bei Max Reinhardt so weit ging, daß man diesen letzten Verwirklicher des europäischen Barocktheaters mit allen seinen bezaubernden Möglichkeiten geradezu als einen Vorläufer der Diktatorenepoche im Bereich der Sprechbühne bezeichnen kann. Der Fall liegt ähnlich wie bei Richard Wagner, der mit seiner falschen Nibelungentreue ein Vorläufer des neudeutschen Nationalismus wurde ein im Grunde unschuldiger auch er. Auch Reinhardt sündigte- und wie herrlich sündigte er! in Unschuld. Er war kein Schauspieler und kein Dichter; aber indem er selbstherrlich verschmähte, das eine oder das andere zu sein, wurde er mehr, als beide zusammen jemals sein können: ein Fürst des Theaters. Ein Freund der Schauspieler, war er kein Freund der Dichter im Grunde, oder wenn er es war, höchstens der längst verstorbenen oder ausländischen, ein reaktionärer Zug in seinem Wesen, der seine österreichische Abstammung beglaubigt. Selbst Shakespeare bildete in diesem Betracht keine Ausnahme, den er ebenso wie Goethe- und nicht nur den Goethe des ,, Faust", auch des„ Clavigo"- in bis dahin unerhörter Weise auf der deutschen Bühne verwirklichte. Überhaupt kann man nicht behaupten, daß Reinhardt, indem er Epoche machte, dem Theater diente, eher, daß er sich in höherem Maß als irgendeiner seiner Vorgänger aller seiner Möglichkeiten stolz bediente. Es war etwas Habsburgisches in seinem souveränen Egoismus, und schon darum ist es unerlaubt, ihn als einen ,, deutschen Künstler" anzusprechen, wie dies in New York bei seinem Ableben leider geschehen ist. Wir müssen seinen barocken Souveränitätsbegriff schon für uns behalten und verantworten. Zum Glück läßt er sich verantworten. Reinhardt bediente sich etwa eines Stückes von Shakespeare, um seine eigene Persönlichkeit dichterisch darzustellen. Er nahm einen Dichter in die Hand wie ein Dichter eine Feder: um sich auszudrücken. Und er benützte seine Schauspieler, wie immer sie heißen mochten, zu dem gleichen 122 ERLEBTES DSTERREICH Selbstzweck. Wie lange auch geklatscht werden mochte nach einer großen Reinhardt-Premiere, zuletzt kam doch immer er selbst heraus und vor den Vorhang. Ein großer Histrione? Der größte? Mehr als das. Er war ein großer Maler, dessen Farben Schauspieler waren; der Verkündiger von unsterblichen Versen, die ein anderer geschrieben hatte, und von dramatischen Auf- tritten, die seine dichterischen Gehilfen für ihn ersinnen durften. Aber bei alldem war er„der Prospero des deutschen Theaters“, wie ihn einer seiner kritischen Verherrlicher, ich glaube Alfred Kerr, genannt hat; und war es mit Mozartscher Anmut. Als er im Herbst 1943 erschütternd aus dem Leben abging, versuchte ich sein Bild in ein paar Versen einzufangen: Da ist ein Weg von Prospero zu Mozart, Der weiter führt, weil du ihn weiter führtest, Und das, was welk und abgestanden war, Mit deinem weißen Zauberstab berührtest. Den Schauspieler ihm selber zu entdecken War dein Genie, und Menschlichkeit der Preis. Die Schaubühne zu neuer Leuchtkraft wecken, Das wußtest du, wie’s heut kein andrer weiß. Das Schiff, das du verließest, ist ein Wrack. Prosperos Insel ist kein Eiland mehr, Wo Drama ward Musik— in einem Meer Voll Augenlust und Grazie und Geschmack! * Das Burgtheater, eine habsburgische Gründung, war wie die Oper ein Hoftheater, was nicht nur darin seinen Ausdruck fand, daß der Kaiser den jährlichen Fehlbetrag aus eigenen Mitteln deckte. Persönlich kam er zuletzt kaum mehr ins Burg- WER HORT AUF KASSANDRA? 123 theater, doch war es an seinem Hof, bis zuletzt, aufs liebenswürdigste vertreten durch Frau Katharina Schratt, mit der ihn eine ergraute Freundschaft verband. Aber auch Theaterlogen haben einen horror vacui, und als der Kaiser ausblieb, sah man desto häufiger den Thronfolger und seine Gemahlin in der Hofloge. Sie gingen sogar, was neu war, zu Erstaufführungen, weniger vielleicht aus wirklicher Theaterfreude, als um sich dem Volke zu zeigen und um Einfluß auf das Repertoire zu nehmen. In diesem Sinne sagte die Herzogin von Hohenberg einmal zu dem Bericht erstattenden Burgtheaterdirektor, daß sie das neue Stück von Schnitzler unerlaubt ,, schwül" fände, beruhigte sich aber, als ihr der Thronfolger bedeutete, daß es ,, Kassa" mache. Ein andermal deutete sie mit der Lorgnette auf einen ganz unten stehenden Namen des überlangen Theaterzettels des ,, Jungen Medardus" und fragte inquisitorisch: ,, Ist der Herr Fiala eigentlich ein Jud?"„ Nein, Hoheit, der Herr Fiala ist kein Jud", war die aufrechte Antwort des Befragten. Pause; und dann, nach einer Weile, der Thronfolger: ,, Er wird doch ein Jud sein." Ein neuer Ton im Burgtheater. Daß Franz Ferdinand bei Premieren erschien, mag in meinen selbstischen Erinnerungen unbescheiden schon darum Erwähnung finden, weil es mich als eine persönliche Erfahrung mit Kassandra wieder in Verbindung bringt. Denn es war bei einer solchen Premiere meines ersten im Burgtheater aufgeführten Lustspiels, daß ich infolge des Erscheinens des Thronfolgers etwas von unserer Politik erfuhr, die dem österreichischen Staatsbürger für gewöhnlich ein sich erst hinterher entschleierndes Geheimnis blieb. Es war Ende März 1909, inmitten der von Aehrenthal entfesselten Annexionskrise. Österreich, das einige Jahrhunderte lang die Vormacht in Zentraleuropa gewesen war, hatte 1866 diese Stellung geräumt. Seither hatte es die Wahl gehabt, ein kleines Europa für sich 124 ERLEBTES OSTERREICH allein zu bleiben, woran es niemand hinderte, oder ein großer Balkan zu werden, was gewissen imperialistischen, auch von Deutschland begünstigten Bestrebungen entgegenkam. Die Annexion Bosniens, eines an sich uninteressanten Landes mit einer pittoresken Hauptstadt, Sarajewo, war der erste Schritt, ja der entscheidende, in dieser Richtung. Es war zugleich ein räuberischer Schritt, denn er war gegen die Abmachung des Berliner Kongresses von 1878, die Österreich nur ein Mandat über Bosnien einräumte. Natürlich war der ganze Balkan, ganz besonders aber das angrenzende Serbien, gegen die plötzliche Annexion. Und Serbien war Rußland, wie auch Bulgarien Rußland schon da- mals war. Österreich war bereits aufmarschiert und schien unter seinem neuen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf, dem Haupt der Kriegspartei, entschlossen, einzumarschieren. Die sogenannte„Gelbe“ Mobilisierung war angeordnet und Ruß- land, an der Nordostgrenze der Monarchie, antwortete in einem adäquaten Farbenton. Die„eisernen Würfel“, die die Leit- artikler nur noch mit Rücksicht auf die Börse— und die Zensur — hinterm Berge hielten, konnten jeden Augenblick„rollen“ und der Tanz beginnen. Und in dieser Stimmung fand die Generalprobe meines Stückes statt, die der Doyen des Burg- theaters im schwarzen Salonrock leitete.„Wer weiß“, sagte er mir mit einem angenehmen Lächeln beim Auseinandergehen, „ob die Aufführung nicht im letzten Augenblick wird ver- schoben werden müssen. Alles hängt von der Politik ab.“ Aus dieser diskreten Andeutung erfuhr ich, daß es so was gab wie Politik. Am nächsten Tag erschien der Thronfolger, der die Speise- stunden im Hauptquartier für den Kriegsfall bereits festgesetzt hatte unter dem sanften Protest seines Generalstabschefs, der bescheiden darauf hinwies, sie würden im Zug der Operationen vielleicht nicht immer einzuhalten sein, am Arme seiner Frau WER HORT AUF KASSANDRA? 125 - im Theater. Rußland war zurückgewichen und ich durfte nach dem zweiten Akt vortreten und mich vor einem Beifall klatschenden Publikum dem Burgtheaterpublikum verbeugen. Mein Jugendtraum war in Erfüllung gegangen. Und in einer Zweiten- Rang- Loge, wie sie dem Autor im Burgtheater zukam, saß, marmorbleich in einem schwarzen Samtkleid, eine schöne Frau und schaute herunter. Es war meine Frau. Damals glaubten wir, die Annexionskrise wäre überwunden. Sie war es nicht, wie sich in den folgenden fünf Jahren zeigte. Denn die Angliederung Bosniens, wenn auch zur Zeit unwidersprochen, weil Rußland erschöpft war, führte zum ersten Balkankrieg, der erste zum zweiten, der zweite, über Sarajewo, zum Weltkrieg I und dieser zum zweiten. 1914 bis 1944: Eigentlich war es ein anderer dreißigjähriger Krieg, mit einigen unruhigen Waffenstillständen dazwischen. War dies der Krieg, so war, was sich vorher zwischen 1909 und 1914 abspielte, ein einziger ununterbrochener Kampf um den Krieg, in dem der vom Kaiser bis zuletzt verteidigte Friede schließlich unterlag. Sein Gegner, Conrad von Hötzendorf, war um zwanzig Jahre jünger und stärker. Er war neben dem Thronfolger die eigentlich interessante Figur dieses österreichischen Zeitabschnittes. Ich lernte ihn bei einem Frühstück kennen, bei dem er, als Generalstabschef, nichts zu suchen hatte. Aber es war da eine zauberschöne Frau, in die der drahtige Sechziger verliebt war und die er später heiratete und der zuliebe er überflüssigerweise in Gesellschaft ging. Er saß bei Tische neben mir und machte mir ein Kompliment über meine Schreiberei. Ich sagte mit der notwendigen Bescheidenheit eines jungen Autors: ,, Ich staune, Exzellenz, daß Sie bei Ihrem Beruf Zeit finden, solche Dinge zu lesen." Er antwortete in soldatischem Tonfall: ,, Warum nicht? Ich halt' es mit dem großen Chemiker Lieben, der einmal gesagt hat:, Wer 126 ERLEBTES OSTERREICH nur Chemie versteht, versteht auch die nicht."" Worauf er sofort mit einem in Österreich unerhörten Freimut von dem Thronfolger, Aehrenthal und der politischen Lage zu sprechen begann. Daß Serbien gezüchtigt und Italien niedergeworfen werden müßte, stand fest, und nur ein Blinder konnte dies seiner Meinung nach übersehen. Der Thronfolger war ihm zumindest halbblind, der alte Kaiser war es ganz. Wenn Conrad mit einem seiner unzähligen Memoranden herausrückte, wurde dem alten Herrn übel. Er schlug auf den Tisch und sagte: ,, Es gibt nichts, was mir so auf die Nerven geht wie Ihre Memoranden." Er bekam einen roten Kopf, die Schläfenadern schwollen an und der Chef des Generalstabes befürchtete einen Schlaganfall. Eine wortlose Pause, die zehn Minuten dauerte. Dann hatte der Kaiser sich soweit gefaßt, daß er höflich„ Ich danke!" sagen konnte, womit die Audienz für diesmal zu Ende war. Aber Conrad kam wieder, immer wieder. Er betrat auf dicken, knarrenden Stiefelsohlen das spiegelglatt gebohnte kaiserliche Arbeitszimmer und überreichte ein anderes Memorandum und abermals ein anderes, in dem Italien niedergeworfen und Serbien erledigt werden mußte. Die knarrenden Sohlen waren ein Teil seines Charakters. Der Mann war kein Leisetreter und kein Frömmler. Schlimmer noch, er war ein Protestant, der mit seinem Gott ohne Mittelsperson verkehrte und Kniebeugen nur im Turnsaal gelernt hatte. Darüber kam es fast zum Bruch mit dem Thronfolger, der den Chef seines Generalstabes während eines großen Manövers in der Kirche vermißte. ,, Warum waren Sie nicht in der Kirche?" herrschte er Conrad an. ,, Ich war im Dienst, Kaiserliche Hoheit." Darauf der Thronfolger:„ Ich kenne Ihre religiösen Anschauungen, aber wenn ich in die Messe gehe, haben Sie auch zu gehen." Und am nächsten Tag stieß Franz Ferdinand den von dem großen Taktiker ausgearbeiteten Schlachtplan um und übernahm selbst das Kommando des Manövers. WER HÖRT AUF KASSANDRA? 127 - - Damals kam es nur darum nicht zum endgültigen Bruch, weil die Begründung ist kennzeichnend der deutsche Kaiser Conrad auszeichnete. Aber ein halbes Jahr später, als die Affäre Redl wie eine Bombe ins öffentliche Leben einschlug, war der kurzgehaltene Knasterbart des Generalstabschefs in noch größerer Gefahr, dasjenige zu erleiden, wovor der mutige Mann sich einzig fürchtete: seinen Abschied in Form des sogenannten blauen Bogens zu erhalten und nach Abstreifung der Uniform im namenlosen Bürgerkleid zur Hölle zu fahren. Der Fall Redl ist ein Fall, der in den Pitaval gehört, nicht nur in den großen Pitaval, sondern in den noch ausschließlicheren kleinen. Er ist so oft erörtert worden, daß man ihn als nahezu bekannt voraussetzen darf. Es war in diesen kriegslustigen Monaten vor dem Weltkrieg aufgefallen, daß jede gegen Rußland gerichtete militärische Verfügung sofort und fast gleichzeitig mit der entsprechenden Gegenmaßnahme beantwortet wurde. Die Polizei, vom Kriegsministerium gewarnt, tat, was sie nach dem bestehenden Staatsgrundgesetz nicht tun durfte, sie verletzte das Briefgeheimnis und stellte auf diesem Wege fest, daß irgend jemand in der Spionage- Abteilung des Generalstabes postlagernde Briefsendungen mit großen Geldsummen unter der Chiffre ,, Opernball 1913" erhielt. Der Irgendjemand war der Chef der Abteilung, Oberst Redl. Ein im Taxi liegengebliebenes Futteral des Federmessers, mit dem er als ein ordnungsliebender Mann den am Schalter übernommenen Geldbrief geöffnet hatte, verriet ihn. Zwölf Stunden später erschoß er sich in seinem Hotelzimmer. Der Thronfolger schlug Lärm. Nicht sosehr, weil Redl sich hatte erschießen müssen, als weil die damit betrauten Offiziere ihm nahegelegt hatten, sich zu erschießen. Das war gegen die religiösen Grundsätze des Thronerben. Jemanden zum Selbstmord verleiten, der nach katholischer Auffassung eine Tod 128 ERLEBTES ÖSTERREICH sünde ist, war in seinen Augen eine Todsünde, an der sein Chef des Generalstabes sich mitschuldig gemacht hatte. Franz Ferdinand war durch und durch klerikal, wie sich nicht nur bei diesem Anlaß zeigte. Auf einem Ausflug an der Adriatischen Küste, dem sogenannten Litorale, das damals noch zu Österreich gehörte, hatte ich ihn einmal unbeobachtet beobachten können. Ich saß im Kirchendämmer der italienischen Kathedrale, die um diese Tageszeit, es war früher Nachmittag, völlig menschenleer war, und sah plötzlich einen stattlichen Mann in Marineuniform durch die Seitentüre dicht vor mir das Kirchenschiff betreten und sich vor dem Altar zu Boden zu werfen. Nie werde ich die Wucht und Inbrunst dieser Bewegung vergessen. Es war, wie wenn ein Hirsch im Feuer zusammenbricht. Nicht umsonst hieß der Mann mit seinem zweiten Namen Ferdinand. Er war einer jener noch halbspanischen Ferdinande aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die, in Blut und Glauben watend, das Land ,, katholisch machten". Nur den Humor jenes größeren Ferdinand hatte er nicht; er hatte, wie sein autokratisches Vorbild, Wilhelm II., überhaupt keinen Humor. Er war bigott, jähzornig und finster, aber nehmt alles nur in allem ein Mann, sogar ein schöner Mann, wenn auch kein angenehmer. Die eigensinnige, steile, gewitterige Stirn, der bogenförmig gelockte Schnurrbart, der im verkleinerten Maßstab das Gehörn eines Büffels nachzuzeichnen schien, die ebenmäßig brutalen Gesichtszüge wirkten einschüchternd, ohne zu gewinnen. Daß er ein Tyrann war, sah man ihm an und ließ sich auch blutmäßig aus seiner Abstammung erklären. Sein Großvater mütterlicherseits war der berüchtigte König„ Bomba" von Neapel gewesen, von dem Franz Tschuppik in seiner FranzJoseph- Biographie berichtet, daß er zweiundzwanzigtausend seiner unglücklichen Untertanen zum Tode oder zu lebenslänglichem Kerker verurteilt habe. Franz Ferdinand, der noch nicht regieren durfte, begnügte sich vorerst mit mindestens ebenso - - WER HÖRT AUF KASSANDRA? 129 vielen Rehböcken und Hirschen. Er war ein rastloser Weidmann auf seinem böhmischen Gut Konopischt und in den Alpentälern von Blühnbach. Ein Jäger war auch Franz Joseph bis ins höchste Alter. Der Unterschied war, daß der Kaiser auf die Jagd ging, um die Einsamkeit zu suchen. Der Thronfolger suchte Opfer. 66 So beschaffen war der Mann, der als der nächste zum Herrscher auf den Stufen des Thrones stand, ungeduldig auf den Tod seines Vorgängers wartend. Ein unheimlicher Schatten umschwebte ihn von Jugend auf. Er war zwischen zwanzig und dreißig schwer lungenleidend gewesen, und während er in Ägypten Heilung suchte, war sein jüngerer Bruder Otto in Wien zum vermutlichen Thronerben vorgerückt, was man den wehrlos Abwesenden immer deutlicher merken ließ. Seine besten Freunde und scheinbar treuesten Anhänger gaben damals Franz Ferdinand auf, was dieser ihnen nie vergaß. Er wurde rachsüchtig und ein Menschenhasser. ,, Sie halten jeden Ihrer Nebenmenschen für einen Engel", sagte er viel später einmal zu Conrad: ,, Ich setze bei jedem voraus, daß er ein Schurke ist und lasse mich nur durch die Tat vom Gegenteil überzeugen." Auch daß er das Glück einer Liebesheirat mit dem Erbverzicht seiner mutmaßlichen Kinder erkaufen mußte, machte ihn nicht umgänglicher, noch konnte die Behandlung, die seiner nur morganatischen Gattin bei Hof zuteil wurde, ihn milder stimmen. Er sah sich überall zurückgedrängt, und um zu zeigen, daß er auch da war, drängte er sich vor; sein Ehrgeiz wuchs mit seiner Erfolglosigkeit. Einmal sollte ein neuer Gouverneur der Bodenkreditanstalt ernannt werden. Die Bewerbung eines hochbefähigten und hochgekommenen ehemaligen Parlamentsstenographen, dessen Rasse und Herkunft bei den Erbgesessenen Anstoß erregten, stand im Vordergrund. Der Thronerbe erfuhr davon und sprach sich mit gewohnter Heftigkeit gegen die Ernennung aus. Am nächsten Tage war Sieghart ernannt. Wie konnte das und wie so rasch geschehen? Sehr einfach. Man 9 Verlorene Zeit 130 ERLEBTES OSTERREICH hatte das Veto des Thronfolgers dem Kaiser hinterbracht, der sich daraufhin sofort für den auch ihm nicht übermäßig sympa- tischen Mann entschied. Und:„Hundert Jahr wird er leben...“ hatte der vorlaute Papagei geschnarrt. Wie die Dinge standen, gab es in diesen scheinbar so leicht hingleitenden, in Wahrheit schicksalsschweren Jahren zwei Parteien in unserem überalterten Österreich, eine Kaiserpartei und eine Thronfolgerpartei, aber in bezug auf den Krieg, der aus dem Wetterwinkel des Balkans immer gewitteriger heran- drohte, gab es drei. Der Kaiser, der ihn schließlich führen mußte, war unbedingt gegen einen Krieg. Der Thronfolger war für den Krieg, aber später; erst wollte er, womöglich noch im Frieden, die Thronrede, die er wahrscheinlich im Schreibtisch schon bereit hielt, verlesen und erst dann mit seinen Nachbarn und Feinden sich auseinandersetzen. Er erlebte keines von beiden, weder die Thronrede noch den Krieg. Die dritte Partei war die des Generalstabschefs Conrad und seiner Anhänger, die aus ihrer Kriegslust kein Hehl machten. Conrad selbst hetzte, ohne zu wanken und zu schwanken, zehn Jahre lang zum Krieg und suchte das Ministerium des Äußeren ohne Unterlaß in dieser Richtung zu beeinflussen. Was, da ihm ein verfassungs- mäßiger Einfluß nicht zustand, in dieser Weise geschah, daß er dem Grafen Berchtold, der Aehrenthals Nachfolger geworden war, fast täglich einen Brief schrieb. Und in jedem dieser Briefe stand ungefähr dasselbe: Italien muß gezüchtigt, Serbien ver- nichtet werden, sonst müsse die Monarchie in Stücke gehen. Warum Serbien gezüchtigt werden mußte, von dem doch eigentlich mit Osterreich verbündeten Italien gar nicht zu reden, wußte niemand genau zu sagen; im Letzten doch nur, weil es ein junger aufstrebender Staat war, der dem alten Österreich auf dem Balkan im Wege stand. Durch die Jahrhunderte hatte der Habsburger-Staat den Ehrgeiz gehabt, ein übernationaler Länderverband zu sein, ein kleines Europa. Jetzt wollte er, WER HORT AUF KASSANDRA? 131 nach Osten abgedrängt, nur noch ein größerer Balkan werden, und zu diesem Zwecke mußte man Serbien erledigen. Vergeblich schickte Serbien seinen besten Mann, Pashich, nach Wien, der vernünftige Vorschläge machte. Serbien verlangte nicht mehr als einen Ausgang zum Adriatischen Meer und eine Ausfuhrmöglichkeit für seine Ochsen und Schweine. Beides wäre im Interesse Österreichs gelegen gewesen. Denn die Bahn zu dem künftigen albanischen Hafen sollte Österreich bauen, und die freie Vieheinfuhr hätte die unerschwinglich gewordene Lebenshaltung der arbeitenden Klasse wesentlich erleichtert. Aber nein, die Herren im Auswärtigen Amt, die Diplomaten, die ,, Herren mit den weißen Manschetten", wie sie Rahel Varnhagen vor hundert Jahren genannt hatte, waren dagegen. Man ließ Pashich unverrichteter Dinge wieder abreisen. Es war sechs Monate vor der Ermordung Franz Ferdinands in Sarajewo durch zwei serbische Studenten, die aber beide österreichische Untertanen waren. Wenige Wochen bevor dies geschah, war ich bei einem unserer geistreichsten österreichischen Politiker zu Gast. Selbstverständlich war er in der Opposition, wie alle vernünftigen Österreicher es waren, wenn sie den Mut hatten, es zu sein, und mit Franz Ferdinand höchstens insoweit einverstanden, als er in einem liberalen Föderalismus die einzige Möglichkeit einer Lösung der österreichischen Nationalitätenprobleme sah. Ich war eben von einer Reise nach Konstantinopel zurückgekommen und erzählte bei Tisch von meinen Eindrücken, von den Schafen, Schweinen und Ochsen, die sich überall auf den serbischen Stationen in überfüllten Viehtransportwagen gedrängt hatten und blökend, quiekend, brüllend sich hörbar um eine Ausfuhrerlaubnis zu bewerben schienen, und von dem deutschen Bahnhof in Haidar Pascha, der europäischen Kopfstation der mit deutschem Geld gebauten anatolischen Eisenbahn, der wie eine imperialistisch geballte Faust auf dem Gelände lag. Der Haus9* 132 ERLEBTES OSTERREICH herr, der kein Freund der„ ,, deutschen Orientierung" war, machte seine Zwischenbemerkungen. Er sprach von dem zweitägigen Besuch des deutschen Kaisers beim Thronfolger in Konopischt und von den russischen Manövern an der österreichischen Nordostgrenze. All das ergab ein Ganzes: das Schwein, der Bahnhof, Wilhelm der Zweite und die russischen Manöver, und mein verehrter Freund zog in seiner witzigen Art die Schlußfolgerung.„ Im Herbst", sagte er, ,, haben wir den Krieg und dann wird man in Österreich wieder leben können." ,, Glauben Sie denn", fragte ich in aller politischen Unschuld zurück ,,, daß Österreich diesen Krieg gewinnen wird?" ,, Nein", kam die Antwort ,,, eben nicht! In Österreich hat man immer nur leben können, wenn wir einen Krieg verloren haben." Drei Wochen später fielen die Schüsse von Sarajewo, die den zweiten dreißigjährigen Krieg eröffneten, wie der Fenstersturz des Slavata und Martinitz auf dem Prager Hradschin den ersten ausgelöst hatte. Man sagt immer, die Geschichte wiederholt sich nicht. In Wahrheit ist es das einzige, was sie tut. Aber warum war das Thronfolgerpaar, obzwar gewarnt, nach Sarajewo gegangen? Ernstzunehmende Geschichtsforscher behaupten, es wäre unter dem Einfluß der Frau geschehen, die unter dem Donner von Kanonen in eine Stadt einziehen wollte, was nach der höfischen Etikette nur dem Souverän gebührte, aber dem Thronfolger ausnahmsweise zugestanden worden war, weil er in Vertretung des„ Allerhöchsten Kriegsherrn" die Manöver in Bosnien leitete. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der unterdrückte Ehrgeiz einer moralisch mißhandelten Frau in diesem Fall wie in manchem anderen Schicksal wurde. Einmal im Leben will am Ende jeder von uns, figürlich gesprochen, unter dem Donner der Kanonen in einer Stadt einziehen. Und die arme Herzogin von Hohenberg, die das Unglück gehabt hatte, nur eine Gräfin zu sein, hatte so lang auf die Erfüllung WER HORT AUF KASSANDRA? 133 ihres Wunsches warten müssen. Sie bezahlte ihn mit ihrem Leben. Als der Mörder im Vorbeifahren auf den verhaßten Erzherzog zielte, warf sie sich dazwischen, den geliebten Mann mit ihrem Leibe deckend. Sie starben zugleich. Es besteht eine unheimliche Beziehung zwischen dem Schuẞ in Mayerling und dem Schuß in Sarajewo. Hatte jener das Bündnis mit dem Deutschen Reich ,, auf Gedeih und Verderb" besiegelt, so zog dieser, ein Vierteljahrhundert später, die letzte Folgerung, die der Weltkrieg war. Dem Kaiser Franz Joseph schien es nach seinen ererbten mittelalterlichen Begriffen von Untertanentreue selbstverständlich, daß für eine der Dynastie zugefügte Beleidigung die braven Untertanen sich schlagen müßten. Er faßte das Ganze als eine Art Duell zwischen vierhundert Millionen Menschen auf. Aber zu einem Duell braucht man, wieder nach ritterlichen Begriffen, einen Sekundanten. Das war Deutschland; erst als es zugesagt hatte, ließ man das auf Unannehmbarkeit stilisierte Ultimatum vom Ballhausplatz", wie man noch immer heiter sagte, abgehen. 99 In der Zwischenzeit wußten von dem, was uns bevorstand, nur einige wenige einflußreiche Persönlichkeiten, die, um sich ihre Mitwirkung zu sichern, ins Vertrauen zu ziehen Berchtold angemessen schien. Unter ihnen befand sich Moritz Benedikt, der Napoleon unter den österreichischen Journalisten. Er war ein stämmiger kleiner Mann, der große Schritte machte und selbst, wenn er nur spazieren ging, was seine einzige Passion war, raumverschlingend ins Weite drang. In seinen Gesichtszügen erinnerte er etwas an Schmerling, den österreichischen Staatsmann seiner Jugendjahre, mit dem er auch den machtbetonten zentralistischen Liberalismus und einen gewissen hinter die Kulissen des öffentlichen Lebens blickenden, men 134 ERLEBTES OSTERREICH schenkennerischen Humor gemein hatte. Einmal, kurz vor Ausbruch des Krieges, kamen wir auf einem Spaziergang auf dem Semmering an einem armseligen Gaukler vorbei, der in einem in der Hand getragenen hölzernen Kasten einen uniformierten Affen mit sich führte. In den Ortschaften stellte er das Kästchen nieder, ließ das Äffchen hinaufspringen und dann in aufrechter Haltung ein paar bescheidene Kunststücke ausführen: salutierend an das Mützchen greifen, militärische Wendungen ausführen, ein kleines hölzernes Gewehr präsentieren und sogar abschießen. Benedikt war stehengeblieben und sah zu. Nach einer Weile sagte er: ,, Unterstützen wir diesen Herrn Kollegen" und warf weitergehend eine Münze in den bereit gehaltenen Blechnapf des Gauklers. Ich ging öfter mit dem großen Publizisten spazieren, mit dem, auch geistig, Schritt zu halten nicht eben leicht war. Meistens gingen wir allein, aber einmal gesellte sich uns ein dritter, mit Benedikt ungefähr gleichaltriger Herr, von dem ich nur wußte, daß er eine Leuchte der nationalökonomischen Wissenschaft war. Es war wenige Tage vor dem Ultimatum an Serbien, und ich glaube, es war unser letzter Spaziergang. Die beiden, im Verhältnis zu mir alten Herren sprachen und ich hörte zu. Plötzlich blieb der eine der beiden Wortführer stehen, machte Front gegen den anderen, wie dies erfahrene Politiker auf Spaziergängen gerne tun, und sagte in herausforderndem Ton zu dem anderen: ,, Und nehmen wir schon an, es kommt zum Krieg, was glauben Sie, wie tief wird die österreichische Rente fallen?"" Auf sechzig Prozent", erwiderte, augenscheinlich nicht ganz unvorbereitet, der Gefragte. Worauf der andere, ich weiß nicht mehr genau, war es Benedikt oder der Nationalökonom, sagte: ,, Nicht einmal auf sechzig." Fünf Jahre später war die Österreichische Rente auf ein Zwölftausendstel gefallen. ZWEITES BUCH ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Gewitter über Österreich- Der Novellist meldet sich zum Wort. Besuch im Deut- schen Hauptquartier. Re- publik bis auf weiteres GEWITTER ÜBER ÖSTERREICH Es ' s gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen die Natur zum Dichter wird und die Zeitungsreporter sich gezwungen sehen, den Aufruhr der Elemente im Stile der Macbethschen Hexen gegen Zeilenhonorar zu beschreiben. Das Begräbnis des in Sarajewo ermordeten österreichischen Thronfolgerpaares war ein solcher schauerlich beredter Auftakt für alles, was noch kommen sollte. Es fand zu mitternächtlicher Stunde statt, unter Donner und Blitz und Wirbelstürmen über dem aufgeschreckten Stromufer des friedlich schlummernden Donautales. Und warum dies Aufgebot an Melodramatik? Weil die habsburgische Etikette der Frau des Thronerben die Gleichberechtigung, zwar nicht vor Gott, aber vor dem Familiengesetz absprach. Franz Ferdinand hatte den Anspruch, in der sogenannten Kapuzinergruft, dem habsburgischen Totenkeller, mitten im lebenslustigen Wien, bestattet zu werden. Nicht so seine Gattin und Mutter seiner drei Kinder; man verweigerte ihr den Eintritt durch die schmale Türe, die in die Gruft hinunterführt. Die Herzogin hatte sich im entscheidenden Augenblick zwischen die Mörderkugel und ihren Mann geworfen; dasselbe Geschoß hatte sie beide durchbohrt, tot lag sie in den Armen des geliebten Man 138 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG - ein Durfte man daraus schließen, daß sie auch als Leichnam neben ihm liegen durfte? Sie darf nicht, entschied der Obersthofmeister Fürst Montenuovo. Als die beiden Särge öffentlich ausgestellt wurden, stand der ihrige um eine Stufe tiefer. Für das Begräbnis hatte der Thronfolger, der seinen Montenuovo kannte, das Nötige letztwillig vorgesehen. Er wünschte, mit seiner Frau zusammen im Mausoleum seines Schlosses Artstetten beigesetzt zu werden. Artstetten liegt auf einer Anhöhe gegenüber dem Benediktinerstift Melk, das alle Reisenden in Österreich im Vorbeifahren bewundern. Das Begräbnis Begräbnis dritter Klasse, wie es dem Familienstatut entsprach fand nachts statt, um größeres Aufsehen zu vermeiden. Auch war damit die Möglichkeit gegeben, die Abwesenheit des alten Kaisers, dem man eine zweistündige Eisenbahnfahrt bei nachtschlafender Zeit nicht zumuten konnte, begreiflicher erscheinen zu lassen. Als der traurige Zug fast ohne Gefolge in Melk anlangte, war es beinahe Mitternacht; eine Sommernacht, aber eine drohende. Ein apokalyptisches Gewitter brach los und unter Donner und Blitz mußte der Donaustrom in einer Fähre überquert werden. Dabei wären die beiden Särge, oberflächlich verstaut, fast ins Wasser geglitten, das empört heraufklatschte. Aber schließlich blieb sogar dieser melodramatische Effekt, in den Wellen verschwinden zu dürfen, der vergeblich um ihren Rang noch im Tode ringenden Herzogin von Hohenberg versagt. Die beiden Metallsärge kamen in Artstetten an und wurden in einem vollkommen korrekt und stimmungslos im besten wilhelminischen Marmorzuckerbäckerstil ausgestatteten, zwielichtigen Gruftgewölbe unter schönpolierten Grabplatten vereint. Ein Donnerwetter von ungewöhnlicher Heftigkeit war am Ende alles, was der Bevölkerung von dem ganzen Begräbnisspuk in Erinnerung blieb. Die Aristokraten waren beleidigt, weil sie von ihrem Standesgenossen Montenuovo zum Leichenbegängnis nicht eingeladen worden waren. Einige rangierten GEWITTER UBER OSTERREICH 139 sich beim Jockeyklub und gingen uneingeladen im Kondukt mit. Aber nur bis zum Westbahnhof. Es war ein Gewitter, aber keines, das die Luft gereinigt hätte, im Gegenteil. Wenn ich heute über einen Abgrund von mehr als dreißig Jahren auf diese Zeit zurückblicke, so sehe ich, was dazwischen liegt, immer noch von schwarzen Wolkenballen überhangen. Noch nie hat ein Gewitter so lange gedauert und die versprochene Silberlinie einen stürmischen Horizont länger auf sich warten lassen. Drei Wochen nach diesem traurigen, letzten Triumph ver- moderter Standesbegriffe rollten die von den Leitartiklern bis zum Überdruß angedrohten„eisernen Würfel“. Der Krieg überraschte mich und die Meinen auf dem Lande in unseren geliebten Bergen, wo wir den Sommer regelmäßig zu verbrin- gen pflegten. Daß wir das taten, war keineswegs eitel Genuß- sucht. Wien hat wie New York kein angenehmes Sommerklima. Man verließ es, nicht um müßigzugehen, sondern um unter günstigeren Voraussetzungen entschlossen weiterzuarbeiten. Zumal von uns Schriftstellern galt dies und der von uns ein für allemal bevorzugte Sommeraufenthalt kam unserem Vor- haben entgegen. Denn die wochenlangen Regenperioden, die den Ausseer Sommer fast wie den schottischen auszeichnen, wiesen uns allenthalben auf uns selbst zurück und steigerten die literarische Betriebsamkeit. Der Regen, der die Waldwege ver- murte, segnete unsere Felder. Es lag nahe, in solchen Zeiten, die allsommerlich wiederkehrten, den schwarzen See mit einem riesigen Tintenfaß zu vergleichen, in das die im Kreise herum- sitzenden Dichter ihre Federkiele tauchten. Walter Lippmann erzählt in seinem Buch über die amerika- nische Außenpolitik, daß er im Juli 1914, bei englischen Freun- den zu Gast, von dem in Europa aufsteigenden Kriegsgewitter 140 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG - nicht das geringste bemerkt habe. Wir in unserem steirischen Alpendorf merkten ungefähr ebensoviel. Und wie auch hätten wir etwas merken sollen? Es war alles schlau auf Nichtmerkenlassen abgekartet. Conrad, das populäre Haupt der österreichischen Kriegspartei, hatte einen in den Zeitungen verlautbarten mehrwöchigen Urlaub angetreten und der deutsche Kaiser befand sich auf einer Nordlandreise. So wurde die ,, Bevölkerung" - zur Bezeichnung ,, Volk" hatte man sich damals noch nicht aufgeschwungen künstlich eingelullt, während die Ernte eingebracht wurde und die Diplomaten an der nach Serbien abzusendenden Note feilten, von der man munkelte, daß sie ,, scharf" sein werde. Sie war es. Aber nach Ablauf der vorgesehenen Frist, am 26. Juli abends, kam ein neugieriger Sommergast, der einzige Automobilbesitzer unter uns, von einer Erkundungsfahrt in den nahegelegenen Marktflecken mit der uns schon im Fahren zugewinkten Nachricht zurück: ,, Serbien hat alle Bedingungen angenommen." Es war genau wie nach dem Ringtheaterbrand, als der Polizeioffizier meldete: ,, Alles gerettet, kaiserliche Hoheit!" Am nächsten Tag war der Krieg ausgebrochen. Aber auch das noch merkten wir auf eine mehr ländliche Art. Morgens blieb die Erdbeerfrau aus, die sonst immer ihren Hökerkorb beim Küchenfenster niederstellte und den mit frischen Blättern zugedeckten Teller selbstgesammelter Walderdbeeren herausnahm, und auch der Honigbauer zeigte sich nicht, der am Nachmittag fällig war. Der Mann hatte Söhne, die über Nacht ,, einrückend gemacht" worden waren, und die Erdbeerfrau hatte einen Mann, der hoch oben in den Triften sommersüber als Senne lebte. Der Gendarm, das ländliche Vollzugsorgan, war nachts zu ihm hinaufgestiegen und hatte ihm den Einberufungsbefehl überbracht. Auch der Sohn des Bauern, dem wir unser Häuschen abgemietet hatten, war einberufen worden, wie der mit geschulterter Sense unter meinem Fenster GEWITTER ÜBER OSTERREICH 141 vorübergehende Bauer mit bedeutungsvollem Nicken heraufrief. Mir verging plötzlich die Lust am Schreiben. Ich ging zum Postamt hinunter und fand dort das Manifest des Kaisers ,, An Meine Völker!" bereits angeschlagen. Es war schwarz auf gelbem Papier gedruckt, also schwarz- gelb, und die Angehörigen ,, Meiner Wehrmacht" wurden darin im besten altösterreichischen Stil, der sichtlich noch aus der Zeit der Befreiungskriege stammte, eingeladen, die ruhmreichen österreichischen Fahnen ,, mit neuen Lorbeerreisern zu umwinden". Nachmittags erfuhren wir dann aus unserer Wiener Zeitung, die uns bald genug nur noch am nächsten Morgen erreichen sollte, daß Serbien das Ultimatum bis auf zwei Punkte angenommen habe. Aber auf diese zwei Punkte kam es eben an. Hier waren die Fußangeln des auf ,, Unannehmbarkeit" sorgfältig stilisierten Ultimatums angebracht, über denen der Friede zu Fall gebracht werden sollte und wurde. ,, I never have seen a Note like Austria's" hatte Sir Edward Grey geurteilt, als er dieses Schriftstück zu Gesicht bekam, das ein federgewandter junger Herr im Auftrag des Außenministers Grafen Berchtold so kategorisch abgefaßt hatte. Über seinen Inhalt hätte sich noch reden lassen, hätte der junge Herr bei Aufstellung seiner benummerten Forderungen statt ,, Serbien wolle" oder„, Serbien möge" nicht immer ,, Serbien wird" gesagt. Dieses wiederholte ,, wird" sollte den verschreckten kleinen Staat ins Unrecht setzen und dem großen Bruder Deutschland gegenüber die Unvermeidlichkeit des Krieges dartun. In diesem ,, wird" steckte die imperialistische Tücke der händelsuchenden Kriegspartei, es wurde zum Erreger des Weltkrieges. ,, Wie fühlt sich", fragte ich ein halbes Jahr später einen mir befreundeten Kollegen des glücklichen Verfassers jenes Ultimatums: ,, Wie fühlt sich ein Mann wie der Baron Musolin, der dadurch, daß er ,, wird" statt ,, möge" gesagt hat, den Weltkrieg entfesselt hat?" Die tadellos abweisende Antwort, die mir zuteil wurde, ist bezeich 142 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG nend. ,, Ich weiß nicht, wie Baron Musolin sich fühlt, aber ich würde mich sehr übel fühlen, wenn ich, an seiner Stelle, die Note auch nur um einen Schatten versöhnlicher stilisiert hätte." Wieder ein halbes Jahr später schrieb ich einen Brief an Hofmannsthal, der im Ballhausplatz- Orakel jetzt Sitz und Stimme hatte, und gebrauchte darin die Wendung, daß ich nicht zu jenen gehörte, die ,, auf dem Rücken der Völker Schach spielen“. Er ist der einzige unter meinen an Hofmannsthal gerichteten Briefen, der unerwidert blieb, womit nicht gesagt sein soll, daß der Empfänger im Grunde nicht der gleichen Meinung war und den Herrschaftsstaat, wie ich, innerlich verwarf. Doch enthielt er sich der Antwort, getreu dem altösterreichischen Grundsatz, daß ,, man an gewisse Dinge lieber nicht rühren solle“. Leider sind dies gerade jene Dinge, auf die es im Zusammenleben der Völker am meisten ankommt. Wen also belastet endgültig die Schuld, die seit dreißig Jahren einer dem andern zuschiebt? Schnitzler, älter und weiser als ich, schlägt in seinem erst nach seinem Tod veröffentlichten Kriegstagebuch vor, die Kriegsschuld ein für allemal von jeder Erörterung auszuschließen. Er tut es mit der tiefer lotenden Begründung:„ Jedes politische Geschehen ist schuldhaft." Der Philosoph freilich wird noch einen Schritt weitergehen und mit gleichem Recht das gleiche von jeder menschlichen Tat und sogar Nichttat behaupten; denn die Tat, die wir nicht tun, tut ein anderer und auch darin sind wir schließlich mitschuldig. Auch Pazifismus- wir haben's erlebt- kann einen Krieg veranlassen und politische Enthaltsamkeit kann zu Hitler führen, was das sich passiv verhaltende europäische Bürgertum aus eigenster schmerzlicher Erfahrung weiß. Der selbstlose Nihilismus des Denkers kann ebensowenig Sinn und Absicht der Geschichte sein wie der selbstische Zynismus des Imperialisten. Worauf Schnitzler ebenso wie Zweig erwidert haben würde, daß die Geschichte eben weder Sinn noch Absicht habe. Welche GEWITTER ÜBER OSTERREICH 143 Überzeugung, wenn anders es eine ist, auch wieder dem Tyrannen das Wort redet und den Weg ebnet. - Was die Schuld am ersten Weltkrieg betrifft, so kann ich leider nur bezeugen, daß sie das auf Gedeih und Verderb mit dem wilhelminischen Deutschland verbündete Österreich in hohem Maße belastet. Aber wen in Österreich? Sicher den ehrlichen Conrad, sicher den frivolen Berchtold und die österreichische Schwerindustrie, die den steirischen Erzberg lange schon umflatterte wie die legendären deutschen Raben den Kyffhäuser. Die Schuld des alten Kaisers ist vergleichsweise nur eine Schuld letzter Müdigkeit und der allzuvielen Jahre, die ihm aufgebürdet waren. Er unterschrieb die Kriegserklärung nur, nachdem er acht Jahre lang einen in seiner Art heldenmütigen Kampf gegen den Krieg gekämpft hatte. Das freilich ist auch wieder echt österreichisch und war im Jahre 1938, als letztes Glied in dieser Kette- Hitler in Wien einzog, nicht anders. Auch in diesem nähergelegenen Falle war ein mehrjähriger verzweifelter Abwehrkampf gegen den Nazi vorangegangen, mit dem das österreichische Volk in seiner Breite und Tiefe ursprünglich nichts zu schaffen haben wollte. ,, Mißtraue deiner ersten Empfindung, denn sie ist richtig!" hat Talleyrand gesagt. Eine witzige Wahrheit, die noch etwas wahrer als wahr in Österreich ist. Dummheiten machen auch andere Völker, aber sie tun, was sie tun, mit leidenschaftlicher Übereilung. Der Österreicher, von einem richtigen Instinkt geleitet, überlegt lange; und tut erst dann, besonnen, nach vernunftgemäßer Überlegung aller Gegengründe, das Falsche. Unvergeßliche Tage, die jetzt über unser malerisches Alpendorf und den fichtenumstandenen See hereinbrachen. Die Welt brannte an allen vier Ecken und die lodernden Abendhimmel, 144 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG die den gewitterigen Tag flammend unter jagenden Wolken begruben, schienen dem aufgerissenen Auge des erschreckten Sommergastes wie ein faßbares Sinnbild. Der Geistliche, der unten im Markt einen rasch eingerichteten Kurs erster Hilfe in nähere Verbindung mit der Kirche brachte, zitierte mit leiser Stimme aus der Offenbarung des Johannes. Aber natürlich war das„Große Tier“ die Entente oder, wie man bald deutsch- tümelnd sagen hörte: der Feindbund. Eine Kriegserklärung jagte die andere, eine Siegesnachricht übertraf die andere. Wenn Freund Wassermann nachmittags zum Schach den kleinen Berg, das Rad vor sich herschiebend, heraufkam, rief er mir schon von ferne zu:„40.000 Gefangene! 80.000 Gefangene! Liege! Namur! Antwerpen!“ Mit weniger als 20.000 Gefangenen gaben wir uns überhaupt nicht mehr ab, bevor wir die Figuren aufstellten und eine weiter reichende Strategie entwickelten. Daß der Siegesmarsch durch das ver- gewaltigte Belgien in längstens drei Wochen in Paris mit einem dort zu diktierenden Frieden enden müsse, war jedem Sach- verständigen vollkommen klar, und leider waren wir von Sach- verständigen umgeben. Fragte man nach dem Warum dieser augenscheinlich gottgewollten Entwicklung, die der Vorsehung vom deutschen Generalstab vorgeschrieben worden war, so verschwammen die Argumente im Nebelhaften. Das letzte war allemal ein moralisches.„Recht muß Recht bleiben!“ schrien diejenigen, die es soeben in Belgien gebeugt hatten, und das war wiederum der deutsche Generalstab. Sein Quartiermeister sorgte für das tägliche Siegesbulletin, das im Ton Rankescher Geschichtsschreibung unbeirrt von Geschoßhagel und Granaten- sturm mit heldenhaftem Gleichmut die Fanfare blies. Der Mann hieß nicht umsonst Stein, Stein ohne alles, Stein in lapidarer Gedrungenheit. Seine Wahrheiten wie seine Lügen waren wie in Stein gemeißelt. Osterreich war von Haus aus die undankbare Rolle zugeteilt GEWITTER ÜBER OSTERREICH 14$ worden, und sein Aufmarschplan krankte an einer ursprüng- lich falschen Berechnung. Er war vorzugsweise gegen das kleine Serbien gerichtet gewesen, weil niemand in Österreich mit einem so raschen Eingreifen des großen Rußland gerechnet hatte. Daran war wieder einmal unsere vollkommen volks- fremde Auslandsvertretung schuld, die, am Zarenhofe, wie überall, nur auf gesellschaftliche Prestigefragen und ihren mit Nadelstichen geführten kleinen Notenkrieg bedacht, die Tat- sachen übersah oder nicht sehen wollte. Denn der mittelalter- liche Hochmut dieser Kaste bestand nicht so sehr in einem Übersehen als in dem viel tödlicheren— aber auch selbst- mörderischen— Nichtzurkenntnisnehmen. So wurde der Ein- fluß des republikanischen Frankreich auf das autokratische Ruß- land nicht in Rechnung gestellt, weil Madame Poincar& keine Geborene war, und eine Frau, die nicht einmal geboren war, doch unmöglich politischen Einfluß haben konnte. Daß die schöne Frau ihn gerade darum besaß, weil sie, obwohl keine Geborene, am Zarenhofe wie eine Königin gefeiert wurde, übersah der österreichische Würdenträger, weil seine Frau eine Geborene war. Wir alle sind von unseren Frauen abhängig, warum sollten es gerade die Diplomaten nicht sein? Aber auch die Bedeutung der slawischen Blutsbrüderschaft entging ihm, weil in der Wiener Operettenwelt, in der er aufgewachsen war, der Slawe, als Hausmeister wie auch als Prinz, eine komische Figur abgab. Infolgedessen glaubte Berchtold, einseitig informiert, wie er hatte und war, mit Serbien fertig zu werden, bevor Ruß- land militärisch an seine Seite würde treten können. Als dann der russische Bär sich an diese vom Ballhausplatz vorgesehene kavaliermäßige Jagdeinteilung nicht hielt und vorzeitig seine Pranken wies, mußten die an die serbische Grenze geworfenen Armeekorps halbwegs umkehren und nach Galizien verfrachtet werden. Alle Geschwindigkeitsberechnungen des großen Tak- tikers Conrad, der Belgrad am dritten Tag überrennen wollte, 10 Verlorene Zeit 146 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG waren damit strategisch über den Haufen geworfen und verwandelten sich in einen verhängnisvollen Geschwindigkeitsvorsprung Rußlands, den unsere romantische Kavallerie nicht ausgleichen konnte. In Serbien am Aussteigen verhindert, kam der österreichische Soldat viel zu spät in Galizien an, um dort die vorgesehene Linie noch halten zu können. Dazu kam, daß der deutsche Bundesbruder, alle seine ungeheuren Machtmittel gegen Frankreich zusammenballend, Österreich ohne Unterstützung ließ in einem Augenblick, in dem nur eine solche Hilfe den Anfangsfehler hätte richtigstellen können. Vier Wochen nach Kriegsausbruch konnte die deutsche Heeresleitung kalt lächelnd melden, daß die französische Regierung nach Bordeaux übergesiedelt wäre.„ Lemberg( die galizische Hauptstadt) noch in unserem Besitz!" meldete gleichzeitig der österreichische Heeresbericht. Nach jenem„, wird" der serbischen Note besiegelte dieses unglückliche ,, noch" unser Schicksal. * Obwohl für eine unmittelbare Kriegsdienstleistung augenblicklich nicht mehr oder vielmehr noch nicht in Betracht kommend, war ich mittlerweile nach Wien zurückgekehrt, da ich es auf die Dauer in der vorwurfsvollen Stille unseres versteckten Alpentälchens eben doch nicht aushielt. Die Stadt war kongestioniert, tagsüber von rauschender Militärmusik erfüllt und abends von bösen Gerüchten durchschwirrt. In dieser Stimmung begegnete ich einem mir persönlich bekannten hohen Würdenträger, der, zwischen Amt und Kaffeehaus, unter den Platanen der Ringstraßenallee eben spazierenging, was man in Wien sogar nachts tat. Ich hatte ein kleines Gespräch mit ihm, das mir für unsere damalige Lage kennzeichnend erscheint. Der Mann, der mich im Vorbeigehen anrief und mit herablassender Vertraulichkeit sich in mich einhängte, war ein sogenannter Wirklicher Geheimer Rat, welcher Rang in Österreich GEWITTER ÜBER OSTERREICH 147 mit dem Titel Exzellenz verbunden war. Wie er dies in verhältnismäßig jungen Jahren so rasch geworden war, wußte in Wien jedes Kind, aber sozusagen kein Mensch. Daß er ein brillanter Kopf und frondierender Geist von ungewöhnlicher Schärfe war, machte seinen schnellen Aufstieg in einer Clique, zu der er weder abstammungsgemäß noch ideologisch gehörte, nur um so unerklärlicher. Vielleicht ist die Erklärung darin zu suchen, daß er amüsant war. Er war es sogar, wenn er einer langweiligen Sitzung präsidierte, was ihm die Teilnehmer solcher dienstlichen Zusammenkünfte noch in einem Abstand vieler Jahre hoch anrechneten, und er war es erst recht außerhalb seiner Amtsstunden, wenn er in gewählter Gesellschaft seine Witzraketen abbrannte und bei kleinen Frühstücken die schönsten Frauen Wiens mit den dazugehörigen Ehemännern und Liebhabern an seinem Tisch versammelte. Er war auch ein ständiger Gast und Freund im Hause der ehemaligen Burgschauspielerin Katharina Schratt, der langjährigen Herzensfreundin des uralten Kaisers, und er war dies schon in frühen Jahren gewesen, was einen bösen Wortwitz zur Folge hatte. Man sagte von ihm, er habe seinen Weg ,, Schritt für Schratt" gemacht. Andere behaupten, daß seine Karriere damit begonnen habe, daß er dem König Milan von Serbien in Ischl während eines plötzlich niedergehenden Regens seinen Schirm unbekannterweise aufgedrängt hätte. Aber das gehört wohl schon mehr ins Bereich übelwollender Wiener Fabeln. Ein geistreicher Beamter, welche Gattung in Wien fast wie in Paris gedieh, war mein Bekannter auch sonst eine interessante Persönlichkeit und ein hintergründiger Charakter. Er war abschreckend häßlich, aber diese zugleich fratzenhafte und geistreiche Häßlichkeit hinderte ihn in keiner Weise, ebenso eitel wie häßlich zu sein, was weiter nicht verwunderlich sein mag für Leute, die über die Anfangsgründe der Charakterologie hinaus sind. Die Erfahrung lehrt ja, daß im Punkte 10% 148 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Eitelkeit die Häßlichen die von Natur schönen Menschen oft sogar übertreffen und dies aus zwei einleuchtenden Gründen: Einmal, weil sie sich selbst trotz ihrer Widerwärtigkeit restlos gefallen, und dann auch, weil sie klug genug waren, ihre körper- liche Unterwertigkeit rechtzeitig in geistreiche Überlegenheit zu verwandeln. Sie siegen schließlich, nicht weil, aber obwohl sie häßlich sind, was noch viel süßer ist. Ein witziger italie- nischer Lustspieldichter hatte aus diesem Charaktervorwurf ein lustiges Stück gemacht, das in jenen Jahren unmittelbar vor dem Krieg erfolgreich auch über die Wiener Burgtheaterbühne segelte. Mein hochgestellter Freund hatte nicht nur bei der Premiere, mit mephistophelischer Grimasse um sich blickend, dem Darsteller des„Häßlichen Ferrante‘“— so hieß das Lust- spiel— begeisterten Beifall gespendet(und ihn zum Mittag- essen eingeladen), sondern war auch in späteren Aufführungen wiederholt gesehen worden, so sehr interessierte es ihn. An jenem Abend nun, Ende August 1914, als es in Galizien schiefging und man in Wien angesichts der herandrängenden Russengefahr bereits die Übersiedlung des Hofes irgendwohin — aber wohin?— in flüsternde Erwägung zog, kreuzte ich unter den gewitterhaft rauschenden Baumkronen der mächtigen Ringstraßenallee den Schlenderweg dieser stadtbekannten und vielberedeten Wiener Gesellschaftsfigur, die Exzellenz*** war. Er bestand darauf, daß ich ihn ein Stück weit begleite, und nahm die Gelegenheit wahr, ohne weitere Einleitung ein Witz- wort zu sprühen, für das er augenscheinlich einen Abnehmer suchte. Ich war in der glücklichen Lage, dies zu sein.„In acht Tagen“, sagte er in seiner schnaufelnden Art,„in acht Tagen sind die Deutschen in Paris!“—„In acht Tagen, Exzellenz?“ bemerkte ich einschränkend,„vielleicht in vier Wochen.‘ Aber darauf hatte er nur gewartet, denn jetzt kam das Witzwort. „In vier Wochen?“ rief er, sich wie eine Serpentinentänzerin windend.„In vier Wochen sind s’ schon wieder draußen!“ GEWITTER ÜBER OSTERREICH 149 Das war das Urteil Wiens über die Schlacht an der Marne, noch bevor das ,, Wunder" ein Wunder geworden war. Der Wiener, nichts weniger als wundergläubig, ließ sich bei aller Bündnistreue nichts vormachen von der Geschichte, die er in Witzworten selber schrieb. Was ihm fehlte war nur, daß er aus einem richtigen Urteil den richtigen Schluß zog. Womit es zusammenhängen mag, daß der witzige Gesellschafter, dem ich dieses prophetische Wort verdanke, vier Jahre später, als der Krieg endgültig verloren war, sich in einem Schweizer Sanatorium an seinem Hosenriemen erhängte. Was die französische Geschichte später ,, das Wunder an der Marne" nannte, und was das zynische Wien vorwegnahm, erfuhren die wundergläubigen Österreicher, und das war immerhin die überwältigende Mehrheit im Lande, erst nach Jahren. Zunächst sorgte, wie gewöhnlich, eine luftdichte deutsche Zensur dafür, daß die Wahrheit nicht zum Vorschein kam. Allerdings war es ausschließlich die Wahrheit im Westen, der dieser bundesbrüderliche Schutz zustatten kam, denn die Mißerfolge im Osten, die Österreich zu verantworten hatte, wurden nicht so ängstlich verheimlicht. Die defensive Leistung Österreichs, die darin bestand, daß es mit einer Armee von Reservisten und Landwehrregimentern den Karpatenwall einen Winter lang heldenmütig hielt, wurde kaum gewürdigt. Es wurde immer nur von Hindenburgs Tannenberg geredet, einer allerdings klassischen Feldherrnleistung, die nur leider bei wachsender Volkstümlichkeit des siegreichen Heerführers die HindenburgLudendorffsche Militärdiktatur und die grauenhafte Geschmacklosigkeit des„ Eisernen Hindenburg" im Berliner Tiergarten zur Folge hatte. Wien hielt sich mit dem auf dem Schwarzenbergplatz in einem Hüttchen untergebrachten„, Eisernen Wehrmann" in bescheidenen Grenzen, die Begeisterung war hier 150 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG nicht so groß. Der Vorgang war in beiden Reichshauptstädten der gleiche: Man kaufte einen Nagel und schlug ihn in die hölzernen Götzen ein. Der Erlös kam der Kriegsfürsorge zugute. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich öffentlich mitnagelte, und glaube, daß ich es dabei bewenden ließ, eine kleine Geschichte ,, Der Nagel" zu veröffentlichen, die mit dem landläufigen Hurrapatriotismus nichts zu tun hatte. In diese bequeme Richtung eingebogen zu sein, kann ich mir auch sonst kaum zum Vorwurf machen. Denjenigen meiner später pazifistischen Berufsgenossen, die im Kriegspressequartier die Propagandamaschine bedienten, um sich hinterher die dankbare Maske eines menschenfreundlichen Kriegshassers anzuschminken, darf ich vielleicht einen Satz entgegenhalten, den ich nachweisbar am 1. August, als die Wellen der Begeisterung, wie immer am Beginn eines Krieges, über alle Dämme schlugen, in meinem Sonntagsartikel in der„, Neuen Freien Presse" veröffentlichte. Er lautete: ,, Den Krieg loben darf nur der Soldat und selbst ihm muß man, wenn er es tut, eine Mutter entgegenstellen." Das umschrieb meine Haltung dann auch in den folgenden Jahren bis zum bitteren Ende. Wir, meine kleine Gruppe von vorzugsweise europäisch empfindenden Österreichern, hatten von allem Anbeginn keine Freude an der, wie man uns versicherte ,,, großen Zeit" und wir machten kein Hehl an unserer grundsätzlichen Abneigung gegen die internationale Gewaltanwendung eines verwerflichen Völkerringens, wenngleich wir uns nicht bemüßigt fühlten, wie jene Menschheitsapostel im Kriegspressequartier unter Musikbegleitung in die Schweiz hinauszufahren, um, die völkerverbindende Macht der Musik preisend, als Pazifisten draußen zu bleiben. Was freilich ungefährlicher und nahrhafter war und in manchen Fällen sogar einen gangbaren Weg zum Weltruhm für später anbahnte. - GEWITTER ÜBER OSTERREICH ISI Im ersten Kriegswinter starb mein Vater in dem letzten der von ihm erbauten Landhäuser, und im nächsten Kriegsjahr beklagte ein trauervolles Österreich den Heimgang seines Kaisers, der längst nicht mehr der Vater, sondern der Großvater und Urgroßvater nachrückender Geschlechter seiner österreichischen Landeskinder geworden war. Er starb, mehr als sechsundachtzigjährig, in einem Alter, in dem alles nur noch symbolisch ist, einschließlich des Todes. Wer so lang gelebt und sein Leben hinschwinden gesehen hat, stirbt nicht mehr. Er verwandelt sich nur noch in eine endgültige Erinnerung an sich selbst und man wird plötzlich gewahr, daß er dies schon geraume Zeit war. Die guten Wiener zwinkerten, wenn sie in diesen letzten Jahren vom alten Kaiser sprachen:„ Er ist ja längst schon tot, aber man darf's ihm nicht sagen, damit er sich nicht aufregt." Was sie nicht wußten war, daß er sich vermutlich nicht einmal mehr aufgeregt hätte. Auch das aus den Lesebüchern bekannte Volk tat dies kaum. Eines Tages kam meine Frau zum Essen nach Hause mit der Nachricht, ihre Schneiderin hätte ihr anvertraut, daß die Hofdamen Trauerkleider bestellten. Zwei Tage später war der Kaiser tot. Die Trauertoiletten waren gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Die zweite und dritte Gesellschaft kam erst etwas später nach. Doch trugen um diese Zeit schon so viele Mütter und Gattinnen Trauer, daß es kaum mehr auffiel. Der Bericht über die letzten Stunden des Uralten liest sich ergreifend. Er starb, wie er gelebt hatte, in gewissenhaftester Erfüllung seiner Herrscherpflichten, die seines Dafürhaltens in einer regelmäßigen Aktenverdauung bestanden. Daß dabei nur der Akt Österreich unerledigt blieb, wagte kaum jemand zu bemerken, obwohl es auf der Hand lag. Kaiser Franz Joseph war nicht nur einer der langlebigsten, auch einer der erfolglosesten Monarchen aller Zeiten. Bis auf das, daß er jede überlebte, miẞriet ihm jede seiner politischen Unternehmungen, und 152 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG das einzige, was ihm, außer der Einführung des Allgemeinen Wahlrechts, schließlich glückte: die Angliederung Bosniens, führte zum Untergang seines Reiches, den vorauszuschen er immerhin klug genug war. In seinen letzten Jahrzehnten, wenn ihn ein Unglück traf, pflegte er, um sich nicht jedesmal neu aufregen zu müssen, ein für allemal zu sagen:„Mir bleibt nichts erspart!“ Aber auch Österreich blieb nichts erspart unter ihm. Als er achtzehnjährig den Thron bestieg, mußte er die Revolu- tion seiner Völker mit fremder Hilfe in Blut ersticken, später verlor er die Lombardei, das schönste und fruchtbarste seiner Länder, dann Venedig, dann die Vormachtstellung im Deutschen Bund und den Rang einer in Mitteleuropa führenden Groß- macht, den ihm Metternich hinterlassen hatte. Aus Deutschland hinausgedrängt, wandte er sich gegen Osten und suchte auf dem Balkan Genugtuungen, die ihm im Westen und Süden versagt geblieben waren. Die Folge war, daß Österreich im ersten Jahr- zehnt dieses neuen Jahrhunderts auch noch seine seit Jahr- hunderten festgehaltene Vormacht im Südosten Europas ein- büßte und sich in einen endlosen Krieg hoffnungslos verwickelt sah. Den Friedensschluß nach diesem Krieg nicht mehr erleben zu müssen, war die einzige Gnade, die ihm das Schicksal erwies. Vorangegangen war als einziger militärischer Erfolg der öster- reichischen Waffen nur die flüchtige Eroberung Belgrads— flüchtig, weil sie von allerkürzester Dauer war. Man erzählte sich, daß, als ihm eine militärische Abordnung am Kaiser- jubiläumstag die Schlüssel der aus dem österreichischen Prinz- Eugen-Lied bekannten„Stadt und Festung Belgerad“ über- brachte, es im Augenblick, als die Deputation das Audienz- zimmer betrat, an einer passenden Unterlage zur schicklichen Überreichung der Schlüssel fehlte. Man griff nach dem ersten besten Sofakissen. Und was stand auf diesem Sofakissen, nach- dem der Monarch die Schlüssel huldvoll aufgenommen hatte?’ „Nur ein Viertelstündchen“ ständ darauf. GEWITTER ÜBER OSTERREICH 153 Und doch, trotz aller schnöden Witze, die das Volk und die Geschichte machten, wird auch der Nichtösterreicher sich einer gewissen Rührung nicht erwehren können, wenn er mit Achtung, ja mit Bewunderung die Zeiteinteilung des letzten Tages dieses Herrschers liest, der sich zum Sterben kaum Zeit nahm. Den ganzen Morgen noch saß er fiebernd an seinem Schreibtisch, überlas seine Akten und empfing Meldungen und Besuche. Um zehn Uhr kam seine Tochter Valerie, unangemeldet. Ihrem frommen Gemüt blieb es vorbehalten, ihn schicklich auf das Bevorstehende vorzubereiten. Sie überbrachte ihm den telegraphisch eingetroffenen Segen des Papstes, worauf der Uralte sofort das Nötige veranlaßte, indem er den Burgpfarrer kommen ließ und sein Gewissen reinigte. Dann wurde weitergearbeitet und das Mittagessen, wie seit unvordenklichen Zeiten, am Schreibtisch serviert. Es bestand aus einer Suppe, die auszulöffeln er keine Lust mehr hatte. Das Fieber stieg und er ließ sich, von seiner Tochter gestützt, zu Bett bringen. Es war kein weiter Weg, gerade nur in das angrenzende kleine Zimmer, und das Bett war sein gewöhnliches eisernes Feldbett, in dem er seit seiner Jugend schlief. Als ihn sein treuer Diener entkleidete, sagte er noch, von seinem Gewissen beunruhigt: ,, Wecken Sie mich morgen um halb vier. Ich bin stark im Rückstand." Er ließ sich zum Sterben wie zur Jagd wecken. Aber diesmal fuhr ihm der Rehbock ab, bevor er ihn umlegen konnte. Die letzten Akten blieben unerledigt, und der Friede kam nur für ihn, der den Krieg, obzwar widerwillig, verschuldet hatte. Vielleicht hat er auch das dem Burgpfarrer in jener letzten Unterredung noch anvertraut. Wir waren jetzt im dritten Jahre des großen Völkerringens, und ein Ende war um so weniger abzusehen, als die militärischen Erfolge auf den weit ausgedehnten Kriegsschauplätzen 154 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG kaum etwas zu wünschen übrig ließen. Rußland war so gut wie erledigt, Frankreich saß die deutsche Faust an der Kehle, Italien sah sich von den österreichischen Armeen mehr als hinlänglich in Schach gehalten, Amerika war in den Krieg noch nicht eingetreten. England hatte zum letzten Streich noch nicht ausgeholt, aber die Blockade machte sich in zunehmendem Maße fühlbar. Die Fleischration wurde von Monat zu Monat fragwürdiger, es gab kein Weißgebäck mehr, kaum mehr Milch für diejenigen, die über sechs Jahre alt waren, und weder Kaffee noch Tee, von Butter und Speck nicht zu reden. Gas und elektrisches Licht waren bis zum äußersten rationiert, wir badeten einmal in der Woche und saßen abends um eine übelduftende Karbidlampe herum, in unsere Überkleider gehüllt, da es an Heizmaterial fehlte. Um uns dafür zu entschädigen, berichteten die Zeitungen von ,, Kohlennot in Frankreich", was erfrischend wirkte. Das Brot war so knapp, daß jeder Gast, auch in den öffentlichen Speisehäusern, sein in Papier gewickeltes Stückchen Brot selbst mitbringen mußte. Übrigens war es ein scheußliches Maisbrot, terrakottagelb und widerwärtig. In Ungarn war es etwas besser und von dort ging uns von den ungarischen Verwandten meiner Frau hin und wieder ein herrliches Stück Weizenbrot zu. Aber sei es, daß die Absendung Schwierigkeiten machte oder daß die Zollbehörden es nur widerwillig aus dem Lande ließen, wenn wir es anschnitten, fanden wir es innen ganz von Schimmel durchzogen. Wir aßen es trotzdem. Im zweiten Kriegsjahr hatte ich eine Aufführung am Dresdner Hoftheater und ich glaube, es war bei dieser Gelegenheit, daß ich, zum erstenmal seit Kriegsausbruch, auch wieder nach Berlin kam. Ich wurde sofort in einem Kränzchen scharfer Damen, in dem ich mich mehr vorgeladen als eingeladen fühlte, einer Art Gesinnungsprüfung unterzogen, die mit der Frage anhob, wie ich Berlin fände. ,, Ernst", antwortete ich. ,, Und dies nicht nur im Sinne von Gefaßtheit, sondern auch von Bedrücktheit." Aber GEWITTER ÜBER USTERREICH 155 das hätte ich lieber nicht sagen sollen, denn:„, Ach, das liegt wohl mehr an Ihnen", war die Rüge, die ich mir damit zuzog und die den ,, schlappen Wiener" schulmeisterisch in den Winkel wies. Der Unterschied zwischen der österreichischen und preußischen Auffassung war in der Tat kaum zu übersehen und fand um diese Zeit seine in ihrer Art klassische Ausprägung in einem Scherzwort, das den Krieg überdauern sollte. ,, In Berlin", sagte man ,,, ist die Stimmung ernst und zuversichtlich; in Wien heiter und pessimistisch." So traten wir, mit Philosophie gewappnet, in die verhängnisvolle zweite Phase des ersten Weltkrieges ein, fest entschlossen, uns gegen den Donner des Gewittersturmes die Ohren zu verstopfen und seine Blitze in Spiegellichtern einzufangen. DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT Uun unter allen Autobiographien ist die des Schriftstellers die überflüssigste. Ist der Verfasser als Schriftsteller hinlänglich bekannt, so ist es auch sein Leben, das jeder Autor in seinen Werken leserlich, wenn auch an verfänglichen Stellen zuweilen in Spiegelschrift, aufzeichnet. Blieb er unbekannt, wird sich kein Leser veranlaßt fühlen, sich in seinen Lebensgang zu vertiefen und die Bekenntnisse, sein kostbares Ich betreffend, werden ungelesen bleiben. Wen interessiert es, aus seinem eigenen Munde zu erfahren, wie er wirklich war oder ist? Ein Schriftsteller ist nie, was er ist, nur was er schreibt. Und wenn diese beiden Hälften seiner Persönlichkeit nicht zusammenstimmen, so gilt am Ende doch nur, was er geschrieben hat. Von diesen Erwägungen ausgehend, möchte ich auf den folgenden Seiten mir selbst für einen Augenblick den Vortritt einräumen und, was ich über Österreich im Kriege noch zu sagen habe, durch die Blume gesagt haben. Die Blume sind zwei kleine Geschichten, die ich im dritten und vierten Kriegsjahr veröffentlichte. Die ältere ,, Der Blumenmörder" enthält etwas von der Tragödie des Krieges und des Pazifisten, der ihn ablehnt; die jüngere läßt auf die Tragödie das Satirspiel folgen. DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 157 - - Im ,, Blumenmörder" wird, nicht ohne Absicht, die Baronin Suttner erwähnt, von der man bei ihren Lebzeiten sie starb kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges im Ausland nicht viel gewußt hat, obwohl sie eine der rührendsten und im weltbürgerlichen Sinne verdientesten Randfiguren unseres imperialistischen Zeitalters war. In der nichts ernst nehmenden, immer mit Spitznamen heiter tändelnden Wiener Gesellschaft nannte man sie die„, Friedens- Berta" oder auch die ,, Friedens- Tante". Daß sie etwas Tantenhaftes an sich hatte, konnte niemand leugnen, der ihr näher zu treten Gelegenheit fand; auch ich stand unter diesem Eindruck. Sie war eine ungemein fette alte Dame, als ich sie kennenlernte, mit einem gutmütigen runden Kuchenbäckergesicht, und man war, wenn man ihr gegenüberstand, immer darauf gefaßt, daß sie in einen Sack greifen und einem ein Bonbon anbieten würde. Aber das Bonbon, das sie als Schriftstellerin der Welt anbot, war ein sehr ernsthaftes und gutgemeintes Buch; ,, Die Waffen nieder!" hieß es und enthielt, in Romanform, das für ihre Generation von Österreichern unvergeßliche Erlebnis der Schlacht bei Königgrätz, desselben Königgrätz, über das Friedjung so deutschnational selbstzufrieden dachte. Die Baronin Suttner wählte einen anderen Gesichtspunkt. Sie wußte aus eigener familiärer Erfahrung, was der Krieg in unserem ,, Maschinenzeitalter" ein anderes ihrer Bücher bedeutete, und wollte ebendarum seine Wiederkehr für alle Zukunft verhindern, zu welchem Zweck sie einen Verein gründete. Dafür erhielt sie noch rechtzeitig den Nobelpreis. Aber es bedurfte zweier Weltkriege, um ihr den ihr zukommenden Rang in der kummervollen Geschichte unserer Zeit anzuweisen. Es ist, bei aller Beschränktheit ihrer literarischen Mittel und ihres stilistischen Könnens, der einer österreichischen Florence Nightingale. - Und nun meine beiden Geschichten: - - 158 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG DER BLUMENMORDER Eine Geschichte aus dem vorigen Krieg Der alte Herr, der bei der Station„Waldmühle“ eingestiegen war, kam mir gleich irgendwie bekannt vor. Er hätte sich aber meine Aufmerksamkeit auch erzwungen, wenn er mir fremd gewesen wäre. Man denke sich einen stattlichen Greis mit einem Eiszapfen- bart und Silberschläfen, der eine schmucke Leutnantsuniform trägt, einen pelzverbrämten Waffenrock, Ledergamaschen und Sporen. Großpapa als Subalternoffizier, der Anblick wirkte einigermaßen verwunderlich, sogar damals noch, im dritten Kriegsjahr.| Der schneidige alte Herr benahm sich zudem ziemlich auf- fallend. Er schien ein unruhiger Patron zu sein oder aus irgend- einem Grunde sehr erregt. Denn er sprang auf, kaum daß er Platz genommen hatte, setzte sich wieder, rückte hin und her, schloß die Augen, öffnete sie und zog entschlossen einen Brief aus der rechten Blusentasche, um ihn ungelesen in die linke zu versenken. Dabei sagte er mit großer Entschiedenheit: „Jawohl!‘“— und sonst nichts. Ich schaute von meinem Buche auf und betrachtete den auf- geregten Fahrgast, der jetzt zum Fenster hinausstarrte, etwas genauer. Er hatte es sich bequem gemacht, den Säbel abge- schnallt, die Ulanka aufgeknöpft. Nun streifte er, mit einer höchst unmilitärischen Handbewegung, die Kappe von seinem erhitzten Charakterkopf, den ein aufgeregter weißer Haar- schopf krönte. Auf der hohen Stirn saß eine eingetiefte Knochen- narbe. Daß sie aus einem früheren Kriege stammte, schien das Militärverdienstkreuz an seiner Brust zu bescheinigen. Ich hatte mein Buch beiseitegelegt, unsere Blicke kreuzten sich. Wir waren allein in dem winzigen Abteil der kleinen Lokalbahn, die uns, schnaufend durchs Gelände laufend, der DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 159 nach Wien führenden Hauptstrecke näherschüttelte. Alle Bahn- körper waren bereits ausgeleiert infolge des langwährenden Krieges. Plötzlich begann der alte Herr zu reden:„Sie erkennen mich wohl nicht mehr in meiner Verkleidung?“ sagte er. „Verkleidung?“ Ich war förmlich erschrocken über den respektlosen Ausdruck in so ernster Zeit. Er lächelte entschuldigend.„Verzeihen Sie den unmilitäri- schen Ausdruck, den ich als ehemaliger Berufsoffizier am wenig- sten verantworten kann. Aber ich komm’ mir nun einmal wie verkleidet vor, seit zwei Stunden. Wenn man dreißig Jahre lang Zivilkleider getragen hat und vierundsechzig ist... Ich seh’ wohl aus wie ein Grundwächter, wie?“ „Nicht im geringsten, im Gegenteil“, versicherte ich mit ehr- lichem Respekt. Übrigens hatte ich den Eindruck, daß er sich aus irgendeinem Grund etwas jünger machte als er war. „Na... Jedenfalls werd’ ich mir den Bart und die Haar’ scheren lassen, bevor ich mich zu Seiner Exzellenz begebe. Ich bin nur in der Aufregung noch nicht dazugekommen.“ All das klang vertraulicher, als man einem Fremden gegen- über ist. Aber woher—? Der alte Herr bemerkte meine Verlegenheit und kam meinem Gedächtnis zu Hilfe.„Schramm“, sagte er, sich vorbeugend und offiziersmäßig mit den Sporen klirrend. „Oh, Herr von Schramm! Natürlich!“ Und wir schüttelten einander die Hand. Es war allerdings schon einige Zeit her, fünf Jahre vielleicht, seitdem ich damals, auf einem Ausflug und in Gesellschaft eines gemeinsamen Freundes, das kleine, sonnenblumengelbe Schloß und seine reizenden Gartenanlagen besichtigt hatte, Einige Tage später gab Schramm, höflichkeitshalber, seine Karte bei mir in meiner Stadtwohnung ab, und es kam mir nun nach- träglich wieder in den Sinn, daß ich mich schon damals über 160 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG den„Leutnant a. D.“ unter seinem Namen gewundert hatte. Wir lebten im tiefsten Frieden und der Hinweis auf eine weit zurückreichende militärische Vergangenheit schien mir um so unangebrachter, als mir unser gemeinsamer Freund angedeutet hatte, daß Schramm sich in der Friedensbewegung der guten Baronin Suttner betätigte, also als Pazifist anzusprechen war. Aber vielleicht wollte er gerade darum auf seiner Visitenkarte in Erinnerung bringen, daß er auf Grund persönlicher Erfah- rung und einer durch sein Verdienstkreuz bewiesenen Leistung gegen den Krieg sei. Ein Held darf sogar ein Pazifist sein. Jedenfalls schien es mir rätlicher, diesen heiklen Punkt zu umgehen und lieber an meine landschaftliche Erinnerung an seinen Besitz anzuknüpfen.„Wohnen Sie noch immer in Ihrem Maria-Theresien-Schlössel?“: Anstatt zu antworten, griff er in die Brusttasche, in die er zuvor den Brief gesteckt hatte, und zog einen Hausschlüssel hervor.„Abgesperrt— seit heut früh“, sagte er. „Oh!“ sagte ich. Ich wollte nicht fragen, fragte aber doch, dem Tone nach, worauf er, nach einer kleinen Pause, gleichsam erklärend hinzufügte:„Mein Gärtner ist mir gestorben!“ „Ach ja, richtig! Sie sind ja ein so großer Blumenfreund!“ „Sagen Sie, ein Blumennarr! Gestern noch hab’ ich fünf- hundert Tulpenzwiebeln ausgesetzt.“ „Warum wollen Sie eine so schöne Liebhaberei Narrheit nennen?“ „Weil's eine:ist..... heutzutag.... Aber'..der Anton, mein Gärntner, war jedenfalls der größere Narr von uns beiden. Denken Sie sich einen Menschen, der für nichts anderes lebt als für Blumen... Er war unverheiratet und hat auch nie eine Liebschaft gehabt, obwohl er, wie er zu mir gekommen ist, ein sehr hübscher junger Mann war... Sie erinnern sich vielleicht noch an ihn, er hat Ihnen ja damals die Chrysanthemenzucht weitläufig erklärt.“ DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 161 ,, Ja, daß man Asche in die Erde hineintun muß... Ich erinnere mich ganz genau... Ein kleiner Mann mit übergroßen Augen... Sah er nicht aus wie ein Dichter?" ,, O ja, und das war er auch in seinem Wesen. Ein Schöngeist, eine Künstlernatur., Der paẞt zu dir!' pflegte mein Freund, der General, zu sagen, und damit hat Seine Exzellenz freilich ganz recht gehabt... Sie müssen nämlich wissen, wir sind vor bald fünfzig Jahren zusammen aus der Kadettenschule ausgemustert worden. Seine Exzellenz und ich, aber ich bin Leutnant geblieben und er ist Feldmarschalleutnant geworden, das gibt ihm in seinen Augen das Recht, mich hin und wieder wegen meiner pazifistischen Neigungen freundschaftlich zu frotzeln... Übrigens hat das seine Frau, die gute Helen, nie gehindert, wenn sie Gesellschaft gehabt hat, den Blumenschmuck für die Tafel aus meinen Treibhäusern zu beziehen. Der Anton hat sich dann immer das höchste Lob Ihrer Exzellenz verdient. Sie hat sich auch sehr gütig seiner angenommen, wie er in Wien bei der Abrichtung war." ,, Er ist also eingerückt?" ,, Ja natürlich, im vorigen Herbst schon, obwohl er von Haus aus untauglich gewesen war. Er hat einen Defekt am Augenlid gehabt und darum ist er Gärtner geworden. Sonst hätt' er näm lich studiert. Oh, er war ein gebildeter Mensch, der Anton. Auch seine Briefe beweisen das, die er mir von der italienischen Front geschrieben hat. Drei Monate ist er am Doberdo gestanden, zur Zeit der ärgsten Kämpfe... ,, Und ist einer Verwundung?..." 66 ,, Verwundung? Ja und nein. Äußerlich war er jedenfalls ganz unverwundet, wie er mir gestern früh im Garten entgegengetreten ist, so überraschend, als wär' er aus der Erd' gewachsen. Er hätt ein paar Tage Urlaub bekommen, erzählt er mir, weicht aber allen Fragen aus und fängt, während ich mich nach seinen Fronterlebnissen erkundige, gleich an, von den Steck11 Verlorene Zeit 162 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG lingen und Rosen zu reden, als wär' über das andere weiter nichts mehr zu sagen. Auch macht er sich gleich an die Arbeit, und wie ich mittags von meinem Spaziergang nach Hause komm', seh' ich ihn in seiner blauen Arbeitsschürze im Rasen knien und Blumen aussetzen. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, daß er ganz grau geworden ist in den paar Monaten. Er hätt' noch Zeit gehabt, mit dreiundvierzig, denk' ich mir, red' aber nichts darüber. Es ist ja auch wirklich das wenigste, was einem im Krieg passieren kann..." Der alte Leutnant zündete eine Zigarette an, seine Finger zitterten. Dann sagte er, tief aufatmend: ,, Das war gestern mittag. Nachmittag war ich in der Stadt, bei meiner Schachpartie, und kam erst nach dem Abendessen wieder hinaus. Es war ziemlich spät geworden, trotzdem sah ich im Glashaus noch ein Licht brennen. Offenbar war der Anton noch wach und mit irgendeiner Arbeit beschäftigt. Zuerst wollt' ich ihn deshalb auszanken. Doch kam ich davon wieder ab. Es ist ihm wohl auch eine Art von Erholung, dacht' ich mir, nach allem, was hinter ihm liegt. Heute morgen begegnete ich bereits allenthalben den Spuren seines Fleißes. Im Arbeitszimmer empfing mich ein frisch erblühter Azaleenstock, auf dem Frühstückstisch ein Gebinde von Tulpen und Anemonen und in allen Vasen prangten Blumen, als ob meine Selige noch gelebt und Besuch erwartet hätte... Ich war davon um so angenehmer überrascht, als mich der Aushilfsgärtner in Antons Abwesenheit nicht eben verwöhnt hatte und ich den Anblick lang hatte entbehren müssen. Es drängte mich, Anton für seine Aufmerksamkeit zu danken und ich ging in den Garten, um ihm die Hand zu drücken. Aber trotz des herrlichen Morgens und obwohl er ein Frühaufsteher war, wie jeder gute Gärtner, fand ich ihn nicht im Freien. Und auch in seinem Zimmer war er nicht, ja er hatte es, nach dem unberührten Bett zu schließen, wohl gar nicht be DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 163 treten. Ich suchte ihn in den Gewächshäusern, im Kalthaus zuerst, dann auch im eigentlichen Glashaus. Aber ich konnte ihn auch hier, als ich von außen hineinschaute, nicht erspähen. Mein Rufen blieb unbeantwortet. Es fiel mir auf, daß die Blattpflanzen und Palmen alle auf einem Platz dicht zusammengerückt waren, was mir gleich nicht geheuer vorkam. Auch fand ich das Gewächshaus bedenklich überheizt. Darin lag eine Übertretung der neuen Kohlenvorschriften und ,, Anton! Anton!" rief ich ärgerlich. Nichts rührte sich in der mich umgebenden widerlichen Schwüle. Und dann plötzlich stand ich vor ihm. Hinter den Orchideen, Azaleen und Chrysanthemen, umgeben von einem Wall von blühenden Gewächsen, lehnte er mit dem Kopf gegen den Kübel eines Orangenbaumes, geschlossenen Auges und behaglich ausruhend inmitten des von ihm vorher genußsüchtig überheizten Raumes. Doch konnte ich ihn wegen der Nichtbeachtung unserer neuen Kriegsvorschriften unmöglich mehr zur Verantwortung ziehen. Ein ausgeschossener Revolver lag neben seiner herabgesunkenen Hand und darunter ein Brief dieser Brief." Der alte Leutnant hatte das früher eingesteckte Schriftstück wieder aus seiner Blusentasche hervorgeholt und reichte es mir schweigend. Ich las: " Gnädiger Herr! Ich bin gewiß kein Feigling, das kann die große Silberne auf meiner Brust bezeugen. Im Krieg zu sterben, daran wär' mir wenig gelegen gewesen; aber im Krieg zu leben, dem war ich auf die Dauer nicht gewachsen. Ich hab' immer nur mit Blumen gelebt, das verdirbt einen Menschen. Der Umgang mit der Pflanzenwelt verfeinert uns, beraubt uns der zum Leben unumgänglichen Brutalität, macht uns wehrlos gegen den Schmerz. Der Krieg aber ist ein rechter Blumenmörder. 11* 164 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG So nämlich hab’ ich ihn in Gedanken von Anfang an genannt und später hat sich diese Vorstellung in mir immer mehr ver- wurzelt. Ich bin gar nicht mehr davon losgekommen, habe Tag und Nacht darunter gelitten. Das freudlose Karstgelände um mich herum erschien mir nur noch als ein einziger Garten des Todes mit Menschen, die wie Blumen, Blumen, die wie Men- schen vor ihrer Zeit welkten und starben. Am Rande unseres Schützengrabens standen ein paar Schlüs- selblumen; Himmelschlüssel nennt man sie gewöhnlich... Die kleinen Blütensterne, die mit den Augen liebzuhaben mir wochenlang ein Trost gewesen war, flogen mir eines Tages zer- fetzt ins Gesicht, von einer einschlagenden Granate aus dem Boden gerissen. Und ein andermal hob der Luftdruck einer Bombe ein blühendes Pfirsichbäumchen aus seiner Erdmulde und stürzte es kopfüber in unsere Stellung. Es war ein Jammer, mit- anzusehen, wie es nach wenigen Stunden umkam. Die Blüten fielen ab, der Boden unseres Grabens färbte sich rosa. Mit den Menschen war es nicht anders. Ich will den gnädigen Herrn mit Einzelheiten lieber verschonen, der gnädige Herr kennt ja den Krieg. Aber das eine darf man mir glauben, es war grauenvoll, besonders in den letzten Wochen, und am aller- schlimmsten, als wir vor drei Tagen das vorgeschobene Graben- stück am Rand des ‚„Totenwäldchens“ im elfmaligen Ansturm zurückeroberten. Ich hab’ den Sturm bis zuletzt mitgemacht und bin in Blut und Wunden gewatet wie in einem Mohnfeld. Aber als dann der Mond aufgestiegen ist und heruntergeschaut hat auf das dampfende Leichenfeld, da hab’ ich’s plötzlich nicht länger ausgehalten dort vorne. Eine Sehnsucht nach unserem friedlichen Garten, nach den Blumen, die unbetreut zu Hause auf mich warteten, überkam mich, zwang mich zu einer Handlung, die ich nicht verantworten kann. Ich eignete mir den Urlaubsschein eines toten Kameraden an und entfloh der Hölle. DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 165 Ich weiß, was mir bevorsteht, wenn sie mich festnehmen und sie werden mich spätestens heute festnehmen. Ich will dem gnädigen Herrn und auch mir selbst diese Schande lieber ersparen. Darum hab' ich meinem Leben selbst ein Ende gemacht. Ob dort oder da, ist ja schließlich alles eins. Und hier sterb' ich doch wenigstens unter Blumen. Der gnädige Herr soll mich nicht bedauern. Anton. PS. Die Chrysanthemen werden schlecht blühen in diesem Jahr, weil die Erde so schwer ist. Mein Nachfolger muß mehr Asche hineinmischen." Der Zug hielt, ohne daß wir es bemerkt hätten, und als ich nun, nach beendigter Lektüre, das Schreiben meinem Fahrtgenossen wortlos zurückgab, stand dieser, hochaufgerichtet, mit wieder umgeschnalltem Säbel, die Kappe tief in die Stirn gedrückt, in soldatischer Haltung vor mir. " Was wollen Sie tun?" fragte ich, während er den Brief versorgte. ,, Einen Ersatzmann stellen!" sagte er einfach: ,, Das Vaterland hat einen Soldaten verloren, ein anderer löst ihn ab!" ,, Sie wollen doch nicht-? Ein Mann in Ihrem Alter!" ,, Mein alter Freund, der Feldmarschalleutnant, wird's schon möglich machen. Ich fahr' jetzt gleich zu ihm, er soll mich irgendwo einteilen. Aber ganz vorn muß es sein, so daß ich ihnen in die Augen sehen kann, diesen diesen Blumenmördern!" Er salutierte, klirrte mit den Sporen und entschwand mit martialischen Schritten im schattenhaften Bahnhofgedränge. - - Übrigens scheint der alte Pazifist mit dem Militärverdienstkreuz seinen Willen tatsächlich durchgesetzt zu haben. Denn ein halbes Jahr später, noch im Krieg, als ich an seinem kleinen 166 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Schloß vorbeiging, fand ich es abgesperrt, die Fensterladen geschlossen, den Garten verwildert. Ich klingelte mehrmals an der Eingangstür. Aber nichts rührte sich, niemand tat mir auf. LIEBESGABEN Es war erst drei Tage her, seitdem der Lehrer Reinhold Schuberth den Cafetier und Vizeobmann des Vereins der ,, Brieftaubenfreunde", Christian Wild, persönlich kannte, und schon waren sie Freunde fürs Leben. Sie sagten Du zueinander und brannten darauf, sich wechselseitig ihre Geheimnisse anzuvertrauen, was nur infolge häufiger Dazwischenkunft scharfblickender Gefangenenaufseher bisher nicht möglich gewesen war. Diese rasche Freundschaft war um so merkwürdiger, als die beiden in einem Alter standen, in dem man sich im allgemeinen nicht so geschwind anschließt, besonders im Ausland. Schuberth war weit über dreißig, Wild sogar schon gegen vierzig Jahre alt und er hatte als Obmannstellvertreter eines Vereins, dessen Obmann er mit der Zeit wohl werden konnte, einiges aufs Spiel zu setzen, wenn er sein Dasein mit einer möglicherweise zweifelhaften Bekanntschaft belastete. Allein diese begreiflichen Bedenken überwanden sich von selbst vermöge der besonderen Umstände, unter denen sie Freundschaft schlossen. Es geschah in Porto Ferrajo, dem österreichischen Gefangenenlager auf der Insel Elba, wo sie einander stumm und doch vielsagend zum erstenmal in die Augen blickten. Das erklärt viel. Die beiden hatten sich der letzten Residenz des großen Napoleon auf verschiedenen Wegen genähert. Schuberth, der bei Valjevo schwerverwundet in serbische Gefangenschaft geraten war, sah sich gezwungen, einen weiten Umweg zu nehmen, über Nisch, wo er fast ein halbes Jahr in einem Armeespital gelegen hatte, bevor er nach Albanien und Korfu abgeschoben DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 167 wurde. In Korfu erkrankte er dann an Flecktyphus, womit er seine ermüdende Irrfahrt für endgültig abgeschlossen hielt. Sie war es zur Überraschung des Chefarztes, der sich ungezwungen über den Fall aussprach, nicht, so daß er die weitere Unbequemlichkeit auf sich nehmen mußte, mit einem Rekonvaleszententransport via Livorno nach der Insel Elba verfrachtet zu werden. Der Kaffeesieder hingegen war über Genua nach Porto Ferrajo gelangt, auf einem ungleich kürzeren und bequemeren Weg. Er war als Patrouilleführer in Südtirol bei Schneetreiben den Italienern in die Hände gefallen, kam bald in wärmere Gegenden und über eine Reihe von Örtlichkeiten, deren Namen er bisher nur aus den Ansichtskarten hochzeitsreisender Stammgäste seines Kaffeehauses gekannt hatte, schließlich gleichfalls in das ihm bis dahin völlig unbekannte Porto Ferrajo. Hier angelangt, fand er in derselben Baracke Unterkunft, in der sich der schwergeprüfte Lehrer bereits seit mehreren Monaten befand. Es war an einem glühend heißen Sommertag und Schuberth saß auf seinem eingesunkenen Strohsack, über einem völlig zerlesenen Buche brütend; er blickte auf und sagte zu dem Neuangekommenen„, Servus". Aber dieser in der Armee übliche Gruß galt zunächst nur dem Österreicher, noch nicht dem Wiener. Daß Wild ein solcher war, wußte der Lehrer noch nicht, und auch der Kaffeeschenker konnte es unmöglich wissen, zumal der serbische Unteroffizier bei der Einlieferung den Namen Schuberth in Schubatsch verballhornt hatte, in welcher Form er auf dem Kopftäfelchen der Pritsche des Schulmeisters weiterlebte. Und Schuberth ließ den Fehler unkorrigiert, obwohl er ihn verdroẞ; seine Widerstandskraft war völlig gebrochen. Anders Wild, der noch recht lebendig war und sich tüchtig wehrte. Gleich am zweiten Tag nach seiner Einlieferung bewies er dies, als ihm der italienische Aufseher mürrisch mitteilte, ein Päckchen Liebesgaben wäre durch das Rote Kreuz für ihn ein 168 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG getroffen; er könne es in der Lagerkanzlei beheben, wenn er in der Lage wäre, sich als„Christian Wild aus Wien“ auszuweisen, denn so stände es, und nichts anderes, auf der Adresse. Der Cafetier durchschaute die Tücke dieser Mitteilung nicht auf den ersten Blick. Erst allmählich ging ihm ein Licht auf und nun begann er gottlästerlich zu schimpfen. Wie sollte er be- weisen, daß er ein Wiener war, wie beweist man so etwas in Porto Ferrajo und vor Italienern, die nicht deutsch verstehen? Aber indem er diese an sich gewiß nicht unberechtigten Zweifel laut werden ließ, bewies er, was es zu beweisen galt, zumindest für das Ohr des Landsmannes in einer jeden Zweifel aus- schließenden Weise. Der Vizeobmann des Vereins der Brief- taubenfreunde äußerte sich nämlich, kaum daß der italienische Aufseher außer Hörweite war, zwanglos wie folgt: „Affenschädel, g’scherter! Beweisen soll i’s eahm, daß i a Weaner bin. Er möcht’ halt so viel gern das Packerl Liebes- gaben selber verspeisen! Papierln will er mi— papierIn! Dazu braucht er meine Unterschrift. Damit, daß er sich die Finger net verbrennt, wenn der Kommandant ihm draufkommt!— Bagasch’, ölendige!“ Die Worte waren Musik für das Ohr des aufhorchenden Lehrers. Zwar hätte er keinem seiner Schüler geraten, einen der hier aneinandergereihten Kraftausdrücke in der Friedens- zeit zu gebrauchen, allein im Kriege und in Porto Ferrajo dachte er über vieles anders, auch über die Wiener Mundart. Der Lehrer stand auf und umarmte den schäumenden Kaffeesieder. Auch machte er sich auf der Stelle erbötig, dafür zu bürgen, daß er ein waschechter Wiener wäre. Schuberth hatte einigen Ein- fluß in der Kanzlei, wo man ihn seiner schönen Schrift wegen zu Schreibarbeiten verwendete. Also erhielt Wild eine Ver- ständigung, worin er ohne weitere lästige Förmlichkeit zur Empfangnahme der Liebesgabensendung in die Kanzlei bestellt wurde. Und in der Zwischenzeit wurden sie Freunde. DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 169 Seit zwei Stunden saßen sie unweit der noch verschlossenen Tür des Amtsraumes im Schatten eines hundertjährigen Maulbeerbaumes, des einzigen noch überlebenden einer ganzen Allee, die Napoleon gepflanzt hatte. Es war just hundert Jahre her gewesen, als der Krieg ausbrach; jetzt reiften die Maulbeeren schon zum dritten Male und der Krieg nahm kein Ende... Wann würde er enden? Die beiden blickten lange schweigend auf das in der Mittagsschwüle weißblau nebelnde Tyrrhenische Meer hinunter. Dann begannen sie plötzlich von Wien zu reden, ihrer fernen Vaterstadt. Sie gingen den Spuren ihrer Abstammung nach, wobei sich herausstellte, daß sie beide nicht nur im Umkreis des Stephansdoms geboren waren, sondern sogar im selben Bezirk, nämlich dem achtzehnten. Wild war ein Weinhauser, Schuberth ein Pötzleinsdorfer, eine schöne Lindenallee verband ihre Kindheit. ,, Hast du auch am Sommerheideweg Drachen steigen lassen?" fragte der Lehrer, dem Meer den Rücken kehrend. ,, Freilich", antwortete der Kaffeesieder behaglich:„ Und im Dornbacher Park hab' ich mich verlobt." ,, Nein, wirklich? Ich auch! Auf dem Wege zum Hameau." ,, Bei mir war's auf dem Rückweg. Es war schon Nacht. Der Mond hat geschienen." Auf einmal sprach er hochdeutsch. Sie waren beide verheiratete Männer und gedachten mit kummervoller Sehnsucht der verlassenen Frau; besonders Schuberth, der auch alle Ursache hatte. - ,, Es hat mit mir so eine Bewandtnis" sagte er und schielte nach dem unweit von ihnen im Grase schlummernden italienischen Unteroffizier auch er ein schon etwas älterer Herr und Familienvater. Da er ihn deutlich schnarchen hörte, brauchte er mit dem, was er zu bekennen wünschte, nicht hinterm Berg zu halten, und ,, ich bin nämlich tot", verlautbarte er, eine abgefallene Maulbeere in den Mund steckend. 170 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG ,, Aber geh weiter!" meinte der Kaffeesieder munter. Jedoch der andere schien zu Scherzen wenig aufgelegt und beharrte stirnrunzelnd auf seiner Abgeschiedenheit. Um sie zu beweisen, holte er aus dem Kappenfutter einen Brief hervor, der vorne seine eigene Wiener Adresse trug und rückwärts den postamtlichen Vermerk: Adressat tot." 99 ,, Adressat bin ich", erklärte der Lehrer mit einem unverkennbar bitteren Zug um den Mund. Die Sache war die, daß man ihn in Nisch mit einem Spitalskollegen, der an Flecktyphus starb, verwechselt hatte und das Regiment in diesem Sinne verständigte. Infolgedessen gingen die für ihn noch einlangenden Briefe so lange nach Wien zurück, bis man aufhörte, an ihn zu schreiben. Er selbst konnte auch nicht mehr schreiben, zuerst des Kopfschusses wegen und dann, weil er wegen des überstandenen Flecktyphus in Quarantäne lag. Zu jener Zeit erfuhr er aus einer nicht für ihn bestimmten Mitteilung, die ein Zimmergenosse im Spital erhielt, daß seine Stelle in der Schule bereits besetzt wäre und daß seine Frau Trauerkleider trug. Sobald es ihm erlaubt war, legte er gegen die Voreiligkeit Verwahrung ein, wobei er nicht verabsäumte, die Briefe eingeschrieben abzuschicken. Trotzdem kamen sie alle als unbestellbar an ihn zurück, und als er schließlich verzweifelt an sich selber unter seiner Wiener Adresse schrieb, flog ihm auch dieser Brief, wie ein ausgesandter Bummerang, gefügig wieder zu. Adressat tot, stand unter dem Amtsstempel. Seither wagte er diesen Tatbestand nicht länger zu bezweifeln. ,, Ich bin nun einmal tot", verdeutlichte er dem verwundert aufhorchenden Lagerkameraden: ,, Meine Frau ist meine Witwe... Dabei waren wir alles in allem nur drei Jahre verheiratet." Er war ein kleiner magerer Mann mit stark vortretendem Adamsapfel, der sich jetzt in dem strickähnlichen Halse bekümmert auf und ab bewegte. Es konnte aber auch von der Maulbeere sein. DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 171 Sein Freund, der ungefähr doppelt so groß und breit war, legte ihm begütigend die schwere Hand auf die noch im Liegen herabhängende Schulter. ,, Drei Jahr... Ich war im ganzen sechs Wochen verheiratet und die letzten zwei hab' ich in der Kasern' schlafen müssen... Meine Frau hat g'sagt, wenn sie das gewußt hätte, hätt' sie sich's überlegt. Sie hat nämlich durchaus einen Untauglichen haben wollen, einen gesunden Untauglichen... Und das war ich ja auch. Zwanzig Jahr' hab' ich Krüppelsteuer gezahlt. Aber bums! Bei der zweiten Musterung haben s' mich behalten, trotz meinem Fettherz und den Krampfadern. Meine Alte hat schon einmal kein Glück mit ihren Männern. Der erste gefallen, der zweite gefangen..." ,, Arme Frau! Ist sie hübsch?" erkundigte sich der Lehrer. ,, Das glaub' ich. Mudelsauber. Blond. G'stellt-" Der Lehrer Schuberth runzelte mißbilligend die Brauen, als ob er sagen wollte: das gehört nicht in die Schule. ,, Und die deinige?" fragte der Cafetier, um ihn zu begütigen: ..Wie war's?" ,, Auch", sagte der Pädagoge. ,, Auch sehr wohlaussehend und stattlich." Er seufzte und fügte mit angenommener Strenge hinzu: ,, Aber, was die Hauptsache ist bei einer Frau: lieb, brav, wirtschaftlich." ,, Eine echte Wienerin halt so wie die meinige!" - ,, Ja, solche Frauen gibt es wohl nur in Wien", sagte der Lehrer in einem plötzlich etwas gespannten Hochdeutsch. Und sie begannen beide, der Schulmann und der Kaffeesieder, ein Preislied auf die Wienerin zu singen, deren Reize sie im Blute hatten. Besonders Wild sprach mit wahrer Begeisterung von seiner Schönen, wie ein verliebter Bräutigam von seiner Braut. Er lobte alles, ihre Haare, Zähne, Augen, Haut, aber auch ihre moralischen Eigenschaften, das gute Herz und ihre immer fröhliche Laune. Und wieviel Geschmack sie hatte, 172 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG wie anmutig sie sich zu kleiden wußte, wie fein sie immer aussah. 99 , Wie gut ist ihr nur die Trauer gestanden", ließ der Kaffeeschenker sich hinreißen, in diesem Zusammenhang träumerisch zu bemerken. Doch mochte er fühlen, daß diese Äußerung nicht sehr taktvoll war, weshalb er möglichst rasch auf das neutrale Gebiet der Kochkunst ablenkte, die abwesende Ehehälfte auch in diesem Punkte in den Himmel hebend. Besonders ihre Anisscharten hatten es ihm angetan, für die, wie er versicherte, das ganze Kaffeehaus geschwärmt hätte. Schuberth konnte das begreifen; erinnerte er sich doch selbst, zumal in seinem jetzigen ausgehungerten Zustand, einer gewissen Bäckerei, mit der ihn seine Gesponsin hin und wieder zum Nachtisch erfreute ,,, auch etwas mit Anis Anisschnitten... Die Poldi hat sie immer für die ganze Familie backen müssen." - ,, Hat die deinige Poldi geheißen?" fragte der Cafetier. ,, Ja. Poldi. Und die deinige?" ,, Dini." ,, Und sie war Witwe?" ,, Kinderlose Witwe... Nach einem gewissen..." Aber er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, da der italienische Unteroffizier, der seine Siesta beendet hatte, eben aus der Tür der Lagerkanzlei trat. ,, Ecco", sagte er mürrisch, ein aufgerissenes Paket mit Liebesgaben in der Hand. Das Paketchen war seit acht Wochen unterwegs, die Schokolade zerbrochen, die Zigarettenschachtel leer. Dennoch hatte der Kaffeesieder Freudentränen in den Augen, als er, einen Brief in der Hand, der auf dem Grund der Schachtel über dem duftenden Anisbrot lag, sich dem Freunde wieder näherte. ,, Du kannst mir gratulieren", sagte er:„ Ich bin Vater." DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 173 Und er entnahm dem geöffneten Briefumschlag eine Photographie, auf dem seine Frau mit dem nackten Neugeborenen im Arm sich für den Abwesenden hatte verewigen lassen. Er weidete sich an ihrem Mutterglück, streichelte mit der Fingerspitze die Stelle, wo das Neugeborene in der Luft zappelte, und reichte das Bildchen stolz dem Lehrer. Der warf einen Blick darauf, stieß einen Schrei aus und ließ die Photographie zu Boden fallen. ,, Meine Frau!" rief er. Dem anderen fiel sein Brief aus den Händen. ,, Was? Wie? Wieso?" fragte er. ,, Die Mutter deines Kindes ist meine Frau", skandierte Schuberth, als wäre das ein Satz aus dem Toussaint- Langenscheidt, den er zum Übersetzen aufgab. - Der Kaffeesieder war einigermaßen verlegen. ,, Entschuldige" sagte er verwirrt, während ihm gleichzeitig einfiel, daß es nicht viel Sinn hätte, in Porto Ferrajo deswegen zu seinem Freund ,, entschuldige" zu sagen, und„, pardon", verbesserte er sich, als machte das Fremdwort die Sache besser. - Der Lehrer fragte streng: ,, Wann habt ihr geheiratet?" ,, Im Oktober... Aber erst gegen Ende. Dein Totenschein war vom 18. Jänner datiert. Es stimmt ich mein: gesetzlich." Der Lehrer nickte: ,, Darum sind meine Briefe von November an als unbestellbar zurückgekommen. Weil meine Frau bereits Wild geheißen hat... Ihr habt's eilig gehabt." -- ,, Lieber Freund, ich bin über vierzig... Und meine Frau- deine Frau, du kennst s' ja besser, das heißt länger ist schließlich auch nicht fürs Alleinsein gemacht... Aber deswegen hat sie dich doch anständig betrauert- hochanständig! Also bitte, wenn ich dir das sag'! Nach sechs Monaten noch hat sie sich bei meiner Frau Tant', die was eine Weingutbesitzerin in Neustift am Wald ist, geweigert, an der Kegelpartie teilzunehmen, mit Rücksicht auf die Trauer... Obwohl Kegel 174 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG schieben, hat der geistliche Herr g'sagt, mit der Trauer recht wohl vereinbar ist. Aber, hat sie gesagt, sie fürchtet die Folgen, und ist allein nach Hause gegangen." Und, da der andere noch immer zu zweifeln schien: ,, Also ich kann dir nur sagen, ich wär' froh, wenn ich je so betrauert würde... Also das heißt froh? Aber jedenfalls hast du dich über die Dini wirklich nicht zu beklagen über die Poldi mein' ich... Pardon!" Offenbar wollte er seinen Freund nicht durch die nur ihm geläufige Hälfte des Vornamens seiner Gattin kränken. - Der aber machte plötzlich ein philosophisches Gesicht und sagte gefaßt: ,, Poldi... Dini... Zusammen gibt das Leopoldine. Es ist ein und derselbe Name." ,, So wie Anisscharten und Anisschnitten derselbe Teig sind", versetzte der Kaffeesieder, der an Humor nicht zurückstehen wollte, und begann, glücklich darüber, daß sein Kamerad und Vorgänger die Sache nicht mehr tragisch nahm, in den Liebesgaben zu wühlen. Aber plötzlich unterbrach er sich und reichte Schuberth, wie um ihm eine Freude zu machen, den beiseitegelegten Brief seiner Frau. ,, Lies!" sagte er: ,, Also bitte. Wir zwei haben wohl kein Geheimnis voreinander." Der Lehrer las ungefähr wie ein Witwer im Himmel die vier Seiten, die alles in allem auch an ihn hätten gerichtet sein können. Nur die Namen stimmten nicht mehr zu seinem eigenen Erdenwallen. ,, Mein geliebter Christian", lautete der Eingang, und der Schluß: ,, Deine treue Dini..." Als es so weit war, wollte er sich moralisch entrüsten, aber es gelang ihm nicht. Denn all dies erschien ihm plötzlich wesenlos nach den Fürchterlichkeiten, die er mit angesehen und erlebt hatte. Wenn man, zwischen einem Kopfschuß und Flecktyphus, mitten im Winter, von Kolbenstößen getrieben, in zerrissenen Schuhen durch Albanien gewandert ist, so kommt man nachher über mancherlei leichter hinweg. DER NOVELLIST MELDET SICH ZUM WORT 175 Indem er dem Freund den Brief als sein Eigentum zurück- gab, wiederholte er bloß mit einem blassen Lächeln:„Deine treue Dini...“ Es klang allerdings noch etwas bitter. Aber mittlerweile hatte der Cafetier den süßen Aniskuchen ausgepackt. Er brach ihn mit Anstrengung entzwei, bot dem Freund die größere Hälfte und sagte, mit vollem Mund auf den schnarchenden Wächter deutend:„G’schwind! Bevor der Makkaronischnapper aufwacht.“ - Da begann auch der Lehrer schweigend von dem liebevoll duftenden Anisbrot zu kosten: Krieg ist Krieg. BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER Meine eine neutrale Haltung dem Krieg gegenüber konnte mich natürlich nicht hindern und hinderte mich nicht, mich bei den für meine Altersklasse vorgeschriebenen Musterungen vorschriftsmäßig zu stellen. Die vierte und letzte dieser immer weniger wählerisch gewordenen Überprüfungen, die augenscheinlich die ungeheuren Verluste am italienischen Doberdo ausgleichen sollte- der russische Krieg war ja bereits im Blut erstickt fand in einem für diesen Zweck freigemachten Bierlokal statt, dem man seine bisherige Bestimmung noch deutlich anroch. Wir saßen, ein paar Dutzend bis aufs Hemd entkleideter Anwärter auf das Massengrab, wie die Wiener scherzten, auf den längs der Wände aufgestellten Bänken in einem ausgeräumten Schankzimmer, durch einen bedeutungsvoll hin- und herwehenden schwarzen Wachstuchvorhang von der Musterungskommission getrennt. Ich war der zweite neben der Tür, der erste war ein noch recht rundlicher Molkereidirektor, der aber, kaum daß er den schwarzen Vorhang geteilt hatte, drinnen hörbar zusammenbrach. Während zwei Sanitäter den Ohnmächtigen, an Armen und Beinen angefaßt, auf eine im Hintergrund aufgestellte Ottomane schwangen, wurde ich bereits ge BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER - 177 mustert.., O. H." ausgesprochen Oha sagte der Regimentsarzt, worauf man mich anwies, so wie ich war, mich ins Vorzimmer wieder zurückzuziehen. Draußen angelangt, fragte ich den hinter seinen Papieren in der Ecke sitzenden Feldwebel: ,, Oha- was heißt das?" Worauf mir, im schönsten Wiener Dialekt, die bezeichnende Antwort ward: ,, Fragen S' nicht! Frei gehen S'." Erst später erfuhr ich, daß O. H. die unter Eingeweihten übliche Bezeichnung für ,, Organischer Herzfehler" war. Aber ganz entging ich meiner Militärpflicht doch nicht. Sie trat nur in verschleierter Form an mich heran, als Einladung, mich einer Abordnung österreichischer Publizisten anzuschließen, die zu einem Besuch der deutschen Westfront mehr befohlen als aufgefordert worden war. Diese patriotische Zumutung, vom Leiter des österreichischen Kriegspressequartiers gefertigt, war kaum abzulehnen. Das Verhältnis der beiden führenden Zentralmächte Österreich- Ungarn und Deutschland war damals ungefähr dasselbe wie im Jahre 1940 unmittelbar vor dem Zusammenbruch das Verhältnis Frankreichs und Englands. Innerlich bereits ausgehöhlt, mußte es natürlich um so emsiger ,, ausgebaut und vertieft" werden, wie bei uns die Formel lautete. Es waren die Tage von Brest- Litowsk, die den westlichen Demokratien deutlich vor Augen führten, was ein deutscher Friede bedeuten würde. Auch die italienische Front entwölkte sich hoffnungsvoll, wir waren im Vormarsch auf Venedig und hätten es wohl erreicht, hätten nicht höfische Einflüsse den strategischen Plan durchkreuzt. Conrad, der alles nur kein Leisetreter war, hatte sich bereits zurückgezogen und in Arz einen ziemlich farblosen Nachfolger gefunden. Ich glaube, es war Arz, der ein Jahr später, bei Abschluß des italienischen Waffenstillstandes, dadurch, daß er in seinem Antworttelegramm das Datum nicht genau fixierte, der in Autokolonnen vorprellenden 12 Verlorene Zeit 178 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG italienischen Armee die symbolische Besetzung eines größeren Teils von Südtirol ermöglichte. Unsere Reise ins deutsche Hauptquartier, ohne daß dieses zunächst genannt wurde, entwickelte sich planmäßig, um den Lieblingsausdruck des Quartiermeisters Stein zu gebrauchen, doch war der Plan, der ihr zugrunde lag, den Teilnehmern nicht bekannt. Wir reisten in einem Separatzug, der meist nachts verschoben wurde, so daß wir am Abend niemals wußten, wo wir morgens ankommen würden. Nach den unvermeidlichen Empfängen in Berlin, von denen mir nur der gereizte Spitzbart des Admirals Tirpitz, der an seinem verschärften Unterseebootkrieg eisern festhielt, in unsympathischer Erinnerung geblieben ist, langten wir bald genug in dem besetzten Brüssel an. Seine traurige Schönheit, die sich vom Hintergrund eines deutschen Heerlagers um so schmerzlicher abhob, und das klagende Geläut vom Turm von Saint Amand, im besetzten französischen Gebiet, machten mir einen nachhaltigen Eindruck, trotz dem nun schon drei Jahre dauernden Krieg, der jegliche Empfindsamkeit beiderseits erstickt zu haben schien. Aber auch eine heitere Reminiszenz blitzt dazwischen auf, die in Lille meiner wartete. Wir waren am späten Nachmittag in der durch ihren Bürgerfleiß bemerkenswerten französischen Provinzstadt angelangt, die jetzt zur deutschen Etappenstadt herabgesunken war, und nach den üblichen Besichtigungen und Begrüßungen war für den Abend ein Theaterbesuch vorgesehen. Nie werde ich dieses Theater vergessen. Es war bis auf den letzten Platz besetzt, aber ausschließlich mit feldgrauen deutschen Soldaten. Die einzigen zwei Frauen im Hause standen auf der Bühne und spielten in einem Stück, das ich traute meinen Augen nicht mein eigenes war, mein in Deutschland vielfach gespieltes und damals - BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER 179 schon sattsam abgespieltes Jugendlustspiel„ Die große Leidenschaft". Das wäre ganz nett gewesen, hätte sich mein munterer Dialog von dem immer mitsummenden Kanonendonner der nahen Front nicht so peinlich abgehoben. Besonders die beiden Schauspielerinnen schienen die Mahnung nicht überhören zu können, die männlichen Rollenträger waren augenscheinlich eingerückte Berufsschauspieler, die für gewöhnlich im Schützengraben lagen und den Lustspielabend in Lille als nicht unerwünschten Urlaub genossen; vielleicht hat er an jenem Abend dem einen oder anderen das Leben gerettet, woran ich freilich nicht dachte, als ich das leichte Stück zu Papier brachte. Nach der Vorstellung war Empfang beim Gouverneur, einem sechs Schuh hohen preußischen Generalleutnant vom elegantesten linearen Typus. Hier begegnete ich auch meinen zwei schönen Schauspielerinnen wieder, die auch hier wieder die einzigen Damen waren und dementsprechend umschwärmt von Offizieren aller Chargengrade. Die Schauspieler waren auch zugegen, in Uniform nun wieder, so daß ich sie gar nicht erkannte. Wie, wenn derjenige unter ihnen, dem ich das Leben gerettet hatte, sich in eine der beiden Schönen fürs Leben verliebt hätte? Ein Lustspiel im Lustspiel, aber auch hier wieder ein Lustspiel im Trauerrand. Denn der Gouverneur, so wurde mir zugeflüstert, hatte zwei Söhne an den Krieg verloren, die kurz vorher gefallen waren. Seine Haltung, den ganzen Abend lang, war bewundernswert. Am nächsten Tag wurden wir schon wieder verschoben, die Front entlang, deren leises Grollen sich nachts mit dem Rattern der Räder vermischte. Wir wurden um fünf Uhr früh auswaggoniert und von einem blutjungen Leutnant ins Quartier begleitet. Der ältere Major, der uns als eine Art Bärenführer beigegeben war und die ganze Reise mitmachte, ließ sich während der Fahrt von dem jungen Mann berichten, der, morgenfrisch und sichtlich vergnügt, über die Ereignisse in seinem 12* 180 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG - Frontabschnitt Auskunft gab. Er hatte ein rosiges, rundes, völlig bartloses Gesicht, das ebenso gut dasjenige eines jungen, eben vom Ball heimgekommenen Mädchens hätte sein können. Und mit diesem rosigen Frätzchen und der dazugehörigen Plaudermiene erzählte das blauäugige Herrchen, daß sie heute nacht zum erstenmal kanadische Gefangene gemacht hätten, darunter einen Schwerverwundeten, von dem sie aber doch noch allerhand über sein frisch von Übersee eingelangtes Regiment hätten erfahren können.„, Lebt er noch?" fragte der Major, der sich der weittragenden Bedeutung dieser Meldung in ungleich höherem Maße als das Adjutantlein bewußt schien. ,, Nein", antwortete das rosige Bürschchen: ,, Er war schwerverwundet und wir haben noch ein bißchen nachgeholfen..." Pause. Zigarette. Dieses ,, noch ein bißchen nachgeholfen" des bildhübschen Offizierchens mit dem rosig geweckten Jungmädelgesicht ist eine meiner unvergeßlichsten Kriegserinnerungen. - Am Nachmittag des nächsten Tages schon wieder im Zug, der aber diesmal in östlicher Richtung fuhr, empfing ich in meinem Abteil den überraschenden Besuch unseres Majors, der gekommen war, um mir zu eröffnen, daß ich heute abend namens unserer Gruppe ein paar Worte an Feldmarschall Hindenburg werde richten müssen. Nichts lag weniger in meiner Absicht. Doch konnte ich mich auf dem Wege ins deutsche Hauptquartier daß der Ort Kreuznach hieß, erfuhren wir erst später der mir zugemuteten Höflichkeitspflicht um so weniger entziehen, als ich, wie der ältere Offizier lächelnd zu bedenken gab, vielleicht nicht damit einverstanden sein würde, was, wenn ich schwiege, ein anderer Wortführer unserer Gruppe auch in meinem Namen zu sagen haben würde. Ich nahm an und beschloß, mich auf das Unvermeidliche zu beschränken, ohne ,, die Welt am deutschen Wesen", wie damals üblich, im ,, Stahlbad des Krieges genesen zu lassen". Was ich und sie auch glücklich vermied. - - BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER 181 In dem lieblichen Kreuznach, dessen verschlafene Atmosphäre einer zur Unzeit aus ihrem Winterschlaf aufgeschreckten Badestadt mich mehr an Österreich als an Preußen erinnerte, hatten wir vor allem ein unangenehm förmliches„ Zweckessen", so nennt man derlei Zusammenrottungen in Deutschland, abzusitzen, bei dem es nur Stabsoffiziere und Würdenträger in Uniform gab, so daß es mir wie eine Fortsetzung des vorgestrigen feldgrauen Theaterabends erschien. Übrigens wurde es so plötzlich abgebrochen, daß die Löffel in dem noch ungegessenen Eis steckenblieben. Dann wurden wir zu viert in die im Dunkeln eines nach dem anderen heranzischenden Automobile gedrängt, die, wie Geschosse mit donnernden Geräuschen abgelassen, durch die rabenschwarze Nacht flogen, um uns wenige Minuten später vor einer innen hell erleuchteten Villa abzuladen. Der aus der Eingangstür hervorquellende Lichtschein war fast gänzlich durch einen schattenhaften Riesen verdrängt. Es war Hindenburg, der, in der Tür stehend, jeden von uns mit einem warmen Händedruck und aus der Tiefe aufrasselnden Kehllaut gewissenhaft begrüßte. Er war so schrecklich groß und plump, daß wir, während er uns wie Zwerge an der Hand faßte, das unbehagliche Gefühl hatten, es geschähe nur aus purer Gutmütigkeit, daß er nicht jeden von uns zwischen Daumen und Zeigefinger zerquetschte. Auch sein orgelnder Baß war mehr der Stimmlaut einer automatischen Märchenfigur als der eines Menschen von durchschnittlich irdischer Herkunft. Er sprach wie aus einem Faß und es lag nahe, dabei an das auch örtlich nahe Heidelberger Faß zu denken, dessen Ausmaße legendär sind. Dabei plauderte er, mit uns an einem mächtigen kreisrunden Tische sitzend ein zweiter gleichgroßer Tisch wurde von Ludendorff beherrscht, ganz gemütlich in beinahe onkelhaften Tönen. Er erzählte von seinen fernen Leutnantsjahren, und daß er damals, im Krieg von 1870, bei Laon, ganz nah der jetzigen Front, die Feuertaufe empfan- 182 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG - - gen hätte. Dann gab er andere Erinnerungen zum besten, die nicht viel bedeutender gewesen sein können, sonst hätten sie sich mir wohl deutlicher eingeprägt. Auch ließ er sich sichtlich angelegen sein, mit jedem der um ihn Herumsitzenden zu prosten und ein paar freundliche Worte zu wechseln, immer in der gleichen Tonart und ohne von dem einen Gast mehr zu wissen als von dem anderen, was bei seiner bekannten Abneigung gegen die Literatur er las nur den ,, Lausbub in Amerika" auch gar nicht anders sein konnte. Dann, nachdem das eine ganze Weile so fortgegangen war, trat sein Adjutant mit bescheidener Festigkeit an ihn heran und sagte, gegen sein Ohr geneigt:„, Herr Generalfeldmarschall, Herr Generaloberst Ludendorff fragt an, ob Herr Generalfeldmarschall jetzt mit Herrn Generaloberst Platz tauschen wollten?" Das war natürlich das im voraus vereinbarte Zeremoniell, dem sich der alte Herr widerspruchslos fügte. Er stand gewichtig auf und machte dem mit betonter Forschheit herantretenden Firmenteilhaber Platz, der, den noch warmen Sitzplatz seines Vorgesetzten mit Lust einnehmend, das Einglas in seinem Mephistogesicht verankerte und das unterbrochene Gespräch weltmännisch mit der ironischen Wendung: ,, Wo sind die Herren stehengeblieben?" wieder in Schwung brachte. Er war uns allen vom ersten Augenblick an unsympathisch, was er auch vorauszusetzen schien. Daher die Ironie. Daẞ Ludendorff so unsympathisch war, machte Hindenburg zum Sieger von Tannenberg, der Hindenburg, diese ,, dicke Berta" unter den deutschen Feldherren, so wenig war, daß sein Kollege Seekt in seinen Erinnerungen später abschließend von ihm sagen konnte: ,, Wenn Hindenburg die Schlacht von Tannenberg gewonnen hat, dann haben die Römer bei Cannae über Hannibal gesiegt." Natürlich wollte Seekt damit nicht sagen, daß Ludendorff bei Tannenberg den Sieg entschieden hätte, sondern- Seekt. So oder so, Hindenburg war es nicht, BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER 183 aber er sah so aus, als ob er es gewesen sein könnte, und da der ihm intellektuell überlegene Ludendorff allen so unsympathisch war, wählte die kompakte Mehrheit des deutschen Volkes Hindenburg zum Sieger, genau wie sie ihn zehn Jahre später zum Präsidenten wählte: All das wußte man damals zwischen Kreuznach und Brüssel noch nicht, aber in Wien ahnte man es zumindest. Als ich von meinem rednerischen Ausflug ins deutsche Hauptquartier zurückkehrte, hatte es sich unter meinen Berufsgenossen bereits herumgesprochen, daß ich den Mund hatte auftun müssen. Mein viel zu früh verstorbener Freund Paul Zifferer faßte damals die etwas ironische allgemeine Meinung über meine Jungfernrede epigrammatisch zusammen, indem er indem er sagte: ,, Auernheimer hat einmal im Leben eine Rede gehalten, aber an Hindenburg." Wenn darin eine Kritik meines Verhaltens lag, so war es eine, der ich nur beipflichten konnte, obwohl sich meine Ansprache auf das bei solchen Anlässen Schickliche, das heißt Unvermeidliche, beschränkt hatte. Es war mir bei diesem Ausflug ähnlich ergangen wie den Berichterstattern der damals noch neutralen Länder zu Beginn des zweiten Weltkrieges, Winter 1940, als sie sich von Reichsmarschall Göring eingeladen sahen, die von englischen Fliegern behaupteten Zerstörungen in Jütland auf das richtige Maß zurückzuführen. Sie saßen in Görings ,, Privatflugzeug", wie sie in ihren Berichten mit Stolz hervorhoben, und bezeugten rechtschaffen, daß sie von Zerstörungen so viel wie nichts gesehen hätten. Das taten sogar die amerikanischen Reporter, die bestbezahlten und korrektesten der Welt. Was sie nicht bezeugten, weil sie es nicht wuẞten, war, daß man sie gar nicht nach Jütland geflogen hatte. Immerhin zog ich aus meiner Erfahrung die Lehre, daß es besser wäre, seine publizistische Unabhängigkeit bei derlei Anlässen durch Absagen als durch Ansprachen zu behaupten. Die Versuchung trat bald genug wieder an mich heran, diesmal aus 184 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG - entgegengesetzter Richtung, nämlich von Konstantinopel, damals noch Hauptstadt der uns verbündeten Türkei, wo gleichfalls ,, ausgebaut und vertieft" werden sollte. Ich sah mir die Liste der Eingeladenen an, und als ich darunter nicht einen einzigen für Österreich repräsentativen Namen von europäischer Bedeutung fand, schlug ich vor, die Einladung auf Heinrich Friedjung, den größten lebenden österreichischen Historiker, auszudehnen. Was mir schließlich unter Verzicht auf mein eigenes Mandat gelang. Ich blieb zu Hause und Friedjung fuhr nach Konstantinopel, wo es ihm sicher leichter fiel als mir, Macht und Herrlichkeit der deutschen Kriegführung zu preisen. Der Mann, der in seinem letzten Buch den Schwanengesang des ,, Zeitalters des Imperialismus“ anstimmte, tat es nicht zum erstenmal. Bereits in seinem ersten Werk, dem klassisch gewordenen ,, Kampf um die Vorherrschaft"- nämlich um die Vorherrschaft in Deutschland, die Österreich hatte aufgeben müssen schildert er die von den Österreichern verlorene Schlacht bei Königgrätz in einer Weise, daß jedem reichsdeutschen Patrioten dabei das Wasser im Munde zusammenlaufen mußte und erzielte damit, selbst Österreicher, bei seinen österreichischen Lesern den größten Erfolg. Es war diese eine der zugleich logischen und paradoxen Folgen unserer sogenannten ,, deutschen Orientierung", von der Österreich erst unter Hitler gründlich genesen sein dürfte. Auch entsprach diese Stellungnahme der wissenschaftlichen Überzeugung des großen Historikers, die, wenn man die Freiheit der Wissenschaft voraussetzt, unanfechtbar bleibt. Immerhin liest sich diese meisterhafte Darstellung der Schlacht bei Königgrätz mit einem bitteren Nachgeschmack, der auf der Zunge zurückbleibt. Es ist, als ob Tukydides die Geschichte des Peloponnesischen Krieges nur geschrieben hätte, um den Flötenschall zu beschreiben, mit dem am Ende die Lakedämonier die Niederlegung der athenischen Festungsanlagen begleiteten. BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER 185 Propagandareisen sind, bei längerer Kriegsdauer, immer ein verdächtiges Symptom. Ihre Voraussetzung ist, daß etwas ver- schleiert oder verkleistert werden müsse; und dies gilt beson- ders von Koalitionskriegen, wie wir nicht nur aus der Geschichte des ersten Weltkrieges wissen. Die Moral wird unter Verbün- deten nur gehoben, wo sie sinkt. Es war denn auch im vierten Kriegswinter, bald nach jenem Ausflug an die deutsche Front, daß mir eine ältere Berliner Dame, der ich ein halbes Pfund Butter von ihrer Wiener Nichte mit sträflicher Umgehung des bestehenden Kartenzwanges zu- steckte, hinter der vorgehaltenen Hand zwinkernd anvertraute: „Der Berliner Schutzmann n im m t bereits.“ Am Abend eines dieser Tage, der letzten, die ich im kaiser- lichen Berlin verbrachte, sah ich in Reinhardts Theater den neu- inszenierten„Don Juan“ von Moliere, ein nur selten gespieltes hintergründiges und geistreiches Meisterwerk, das neuerlich ins Bühnenlicht gehoben zu haben eines der vielen Verdienste Max Reinhardts ist. Albert Bassermann, der größte deutsche Schau- spieler, den Nazi-Deutschland ebenso leichtherzig wie Thomas Mann und Einstein an Amerika abgetreten hat, schuf in dem Verbrecher Don Juan— denn so muß man ihn ohne jede Ein- schränkung nennen— ein Charakterporträt in Rembrandtfarben. Zumal die Szene mit dem Bettler, den der gerade beschäfti- gungslose Verführer zu einer Gotteslästerung verführen will, und der Schluß des zweiten Aktes, wenn Don Juan mit seinem Diener die Kleider tauscht, um seinen Verfolgern zu entgehen, sind mir unvergeßlich. Der Diener, der weiß, daß ihn diese Verkleidung das Leben kosten kann, macht bescheidene Ein- wände.„Und wenn sie mich umbringen?“ fragt er erschrocken. „Es ist ein Glück, für seinen Herrn sterben zu dürfen“, er- widert Don Juan, ihm den Rücken kehrend. Ich werde den Ton- fall der preußischen Herrenklasse nie vergessen, in dem Basser- mann in den Tagen von Ypern und Verdun diese Worte sprach. 186 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Es war die Revolution avant la lettre. ,, Komödie" stand auf dem Theaterzettel. Was durch die propagandistischen Bemühungen des deutschen Hauptquartiers nach Möglichkeit verschleiert werden sollte, war erstens, daß dank dem Convoy- System amerikanische Truppen bereits in die französische Front einströmten und zweitens, daß Österreich unter dem jungen Kaiser Karl Seitenwege einzuschlagen begonnen hatte, die zum Frieden führen konnten. - - Der junge Kaiser, auf dessen„ Nibelungentreue" nichts Treuloseres als Nibelungen kein unbedingter Verlaẞ war, hatte keinen leichten Stand. In seinem Reiche galt von jeher nur das Alte, und das Neue erst, wenn es heranalterte. Jeder Österreicher sah sich von Jugend auf dazu erzogen, gestriges Brot zu essen, was sich hygienisch vertreten läßt; aber Karl hatte keine achtundsechzig Jahre zuzusetzen wie sein Vorgänger in der Regierung; er hatte Eile und, beim besten Willen, keine glückliche Hand. Der Versöhnungsweg zu den großen Demokratien führte über die Demokratie, das hatte er richtig erfaẞt; aber ohne rechten Mut, das Parlament einzuberufen, brachte er es persönlich auf dem Wege zur Demokratie nur bis zur fürstlichen Leutseligkeit, von der er ausgiebig Gebrauch machte. Er saß unter der Linde im Garten des schlichtesten seiner Schlösser. Es war das liebliche Laxenburg, wo sein Ahnherr Karl VI. vor zweihundert Jahren den Reiher hatte steigen lassen und wo jetzt Karl, der Spätere, im Freien Audienzen erteilte, als ob es gutnachbarliche Besuche wären. Seine Frau Zita, mit der ihn ein vorbildliches Eheleben verband, goß den Tee ein, während er- unerhörter Vorgang im Hause Habsburg dem Gast die Zigarette anzündete. Der neue Kaiser brach auch sonst vielfach mit der Tradition; er fuhr im Auto, bediente sich des Lifts, ja er ging sogar ans Telephon und rief BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER 137 seine Ratgeber bei Tag und Nacht zu den unmöglichsten Stun- den an. Einmal wünschte er seinen Ministerpräsidenten zu sprechen, der gerade im Burgtheater war.„Wen darf ich mel- den?“ fragte der Diener.„Sagen S’ nur, der Kaiser“, war die zögernde Antwort. Es ist Charme in dieser Antwort, ein sehr österreichischer, sehr habsburgischer Charme. Aber die Zeit verlangte nach entschlosseneren Tönen. Das Schlimmste an der Unentschlossenheit— auch eine traditionelle habsburgische Eigenschaft übrigens— ist, daß sie sich plötzlich, und gewöhnlich im allerungeeignetsten Augen- blick, in Entschluß zu wandeln pflegt. Als Kaiser Karl im Herbst 1918 absolutistisch zum Föderalismus umschwenkte, war es zu spät für diese Schwenkung. Ein Jahr vorher hätte sie Österreich vom Untergange retten können. Nur in einem Punkte war der Nachfolger dem Vorgänger ähnlich; er war vom Unglück verfolgt wie dieser. Der Unter- schied war nur, daß Franz Joseph sich in sein Unglück als in einen Kaisermantel hüllte. Karl ließ den schweren Purpur- mantel fallen; er stand da und war nichts als unglücklich. Das Unglück der unglücklichen Hand wurde zum Verhäng- nis auch in der sogenannten Sixtus-Affäre, die zum erstenmal den hippokratischen Zug des neuen Regimes mit erschreckender Deutlichkeit hervortreten ließ. Ein politischer Handstreich, dilettantisch ausgeführt, weist diese Sixtus-Affäre des ersten Weltkrieges eine fatale Ähnlich- keit auf mit dem Looping-the-loop-Kunststückchen, das Rudolf Heß im zweiten Weltkrieg, aus seinem Flugzeug nieder- purzelnd, vor einem erstaunten England zum besten gab. Was jüngstens England, war in unserem Fall Frankreich und Churchill hieß damals Clemenceau. Prinz Sixtus war ein Bruder der Kaiserin Zita, so daß in der ganzen Angelegenheit auch die Hand der Schwester sichtbar wird; es ist eine selbstherrliche Bourbonenhand, die sich im 188 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Punkte Ministerverantwortlichkeit noch im Stande völliger Unschuld befand. Der damals ungefähr gleichaltrige Schwager des jungen Kaisers überbrachte Clemenceau einen vom österreichischen Minister des Äußeren, Grafen Czernin, nicht gegengezeichneten Brief, in dem Österreich sich anheischig machte, Deutschland zur Abtretung Elsaß- Lothringens zu bewegen. Clemenceau, durch eine gleichzeitige Indiskretion des offiziellen Österreich gereizt, veröffentlicht diesen Brief, statt ihn zu beantworten. Der bloßgestellte Außenminister schlägt Lärm und stürzt. Der Kaiser ist blamiert. Der Krieg geht weiter. Er ging auf einem Wege weiter, den der deutsche Charakter der deutschen Kriegführung von Fall zu Fall vorzuschreiben scheint. Der Deutsche siegt sich zu Tode, worauf England die bereits sprichwörtlich gewordene letzte Schlacht gewinnt. August 1918 war es der Durchbruch bei Chateau Thierry; aber bereits einige Tage vorher wußte Ludendorff, wie er nachher erzählte, daß der Krieg allen seinen genialen Berechnungen zum Trotz endgültig verloren sei. Es wurde ihm plötzlich klar, während er durch das Fernglas einen von ihm anbefohlenen Sturmangriff beobachtete. Zu seiner namenlosen Überraschung war nichts mehr zu beobachten. Die bestdisziplinierten Truppen der Welt, zum blindesten Gehorsam und einer, den Sekundenzeiger nicht aus dem Auge lassenden Pünktlichkeit erzogen, gehen aus ihren Schützengräben einfach nicht mehr heraus. Minute auf Minute vergeht, nichts rührt sich in der deutschen Stellung. Es war nicht einmal Meuterei. Nur Müdigkeit. Nur Ekel. Ein paar Minuten später stürmte dieselbe Truppe sogar und entrichtete brav wie immer den ihr abverlangten Blutzoll. Aber nicht, daß das andere hatte geschehen können; daß es möglich war, dies allein war das Entscheidende. Es ist, wie wenn das Herz durch den aussetzenden Puls melden läßt, daß es genug hat. Gleich darauf arbeitet es schon wieder und BESUCH IM DEUTSCHEN HAUPTQUARTIER 189 holt beschleunigt nach, was es versäumt hat. Aber der erfahrene Arzt weiß Bescheid. Es wird immer wieder aussetzen und dann, eines Tages... Natürlich hatten wir in unserem, durch eine weise Zensur von der Wahrheit luftdicht abgeschnürten Österreich keine Ahnung, was vorging. Wir verbrachten ein paar Sommerwochen in einem schönen Salzburger Hotel, wo es noch etwas, wenn auch nicht viel, zu essen gab; unser angeschimmeltes ungarisches Weizenbrot verfolgte uns auch hieher als erwünschte Zugabe. Am Abend wurde getanzt und gesellschaftlich gab die achtzigjährige Fürstin Pauline Metternich den Ton an. Sie sagte von Zeit zu Zeit ein blitzgescheites Wort, das dann ihre Verehrer zur allgemeinen Erheiterung weitertrugen, und erzählte im vertrauten Kreis ihre Anekdoten aus dem Zweiten Kaiserreich, die ihr bei Lebzeiten niemand nacherzählte. Sie zerbrach zum fünfhundertsten Male ihren Fächer bei der ,, Tannhäuser"-Premiere in Paris, die sie als österreichische Botschafterin ermöglicht hatte, und wiederholte zum achthundertsten Male, was sie einem Gratulanten zum sechzigsten Geburtstag erwidert hatte, der ihr einreden wollte, daß sechzig ,, kein Alter" wäre.„, Kein Alter", sagte sie ,,, für eine Kathedrale. Aber für eine Dame...?" Dazwischen berichtete einer ihrer Getreuen über Lebensmittelkrawalle in der Stadt: ,, Das Volk beginnt sich zu rühren, Durchlaucht!" Sie antwortete nicht wie der alte Kaiser Ferdinand: ,, Ja, dürfen s' denn das?" Aber sie erzählte eine Anekdote aus der Zeit der Wiener Revolution anno 1848, als die alte Dame mit den Feueraugen und dem Negermund noch ein halbwüchsiges Mädchen war. Irgendein aufgeregter Bürger rief in ihrer Nähe:„ Es lebe die Republik!" Worauf die Elfjährige wortlos auf ihn zuschritt und ihm eine schallende Ohrfeige versetzte. ,, Das einzige Mittel in solchen Fällen, man darf sich nur nicht fürchten vor dem Pöbel." Wenn der Kaiser Napoleon ihr gefolgt hätte... 190 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Nach Wien zurückgekehrt, trug ich meine Korrekturbogen in die Redaktion; sie wurden nicht mehr abgeholt. Der Redaktionssekretär trat mir in der Türe entgegen und überreichte mir wortlos eine feuchte, noch nicht zur Ausgabe gelangte Extra- Ausgabe: ,, Waffenstillstand mit Bulgarien." Er schaute mich an; ich ihn. ,, Der Anfang vom Ende?" fragte ich. ,, Das Ende!" sagte er. Es war das Ende, und auch hier wieder tritt eine gewisse Gesetzmäßigkeit hervor, die den oberflächlichen Lehrsatz, daß die Geschichte sich nicht wiederholt, augenscheinlich widerlegt. Der alte König Ferdinand von Bulgarien, Vater des unglücklichen Boris, erinnerte nicht nur in seinen Gesichtszügen an Anatole France. Er sagte auch zuweilen Dinge, die dieser größte Meister des gesprochenen Wortes, dem ich jemals begegnet bin, gesagt haben könnte. Einer seiner klassischesten Aussprüche war: ,, Bulgarien ist nur ein Floh. Aber dieser Floh sitzt an einer Stelle, wo die alte Dame Europa sich nur ungern kratzt." Das tut sie noch immer. REPUBLIK BIS AUF WEITERES E*: Wochen nach Ausrufung der Republik in den arm und glanzlos gewordenen Straßen der besiegten Kaiser- stadt— eine sehr bescheidene und eher zurückhaltende Aus- rufung übrigens— fuhr ich in einem sogenannten„Zweier“- Wagen der Wiener Elektrischen. Er war bis zum Bersten über- füllt, was verschiedene Ursachen hatte. Eine dieser Ursachen war, daß infolge der allgemeinen Verarmung jetzt alles mit der Elektrischen fuhr. Die ganze vormals gute Gesellschaft, die sich noch immer für die beste hielt, gab in dieser Richtung ein auf Fernwirkung berechnetes Beispiel.„Man“ fuhr auch auf der Eisenbahn nur noch dritter Klasse, notgedrungen, aber auch demonstrativ, und zumal der Adel setzte eine Art Geusen- stolz darein, dies zu tun. Manchmal ging es in solch einem klapprigen, niedrigen und in jeder Beziehung ungepflegten Menschenbehälter hinter den zerbrochenen Fensterscheiben zu wie im Salon der Fürstin Metternich. Was die als Munitions- lieferanten reich gewordenen Snobs sich bald zunutze machten. Auch sie fuhren nur noch dritter Klasse— um in bessere Kreise zu kommen. Der andere Grund für den Andrang auf der„Zweier“-Linie 192 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG 99 war die Revolution, die in wiederholten Anläufen erfolgte oder nicht erfolgte und zu ihren Aufzügen jeweils die Ringstraße benötigte. In solchen Fällen diente die parallel zur Ringstraße zirkelnde Zweier"-Linie der Wiener Nobelstraße zur Entlastung. Und auch daraus wurde mit der Zeit eine Institution, so daß einige Jahre später ein Straßenbahnschaffner einem Fahrgast, der mit der erschrockenen Bemerkung einstieg: ,, Wir haben schon wieder eine Revolution!", gleichmütig, den Fahrschein markierend, erwidern konnte: ,, Wenn wir eine Revolution haben, fahren wir auf der Zweier'- Linie." In keinem Falle war die Wiener Elektrische jetzt noch ein so angenehmer Aufenthalt wie vormals, als sie einem mit Mahagoni ausgetäfelten Salönchen glich. Das Überfüllungsverbot war aufgehoben und auf der rückwärtigen Plattform drängten sich statt der früher zugelassenen sechs Stehplätze regelmäßig zwei Dutzend Fahrgäste, darunter auch Kinder, von denen man meistens nur die Füße sah. Erst beim Aussteigen wurden ihre unterernährten grauen Gesichtchen bemerkbar. Unter solchen Voraussetzungen stürmte an dem Tag, von dem ich erzählen will, ein bedrohlich gebauter Wiener Kleinbürger mit vorgestoßenem Kopf das überfüllte Trittbrett, von dem bereits eine Traube von Fahrgästen mit pendelnden Beinen herunterhing. Vergeblich versuchte der Schaffner den Ansturm zu vereiteln, indem er mit der einen Hand das Abfahrtssignal gab und gleichzeitig den anderen Arm abwehrend ausstreckte. Der Rohling stieß ihn beiseite, schwang sich auf und krönte schnaubend seinen Sieg mit dem auch humoristisch gemeinten Wiener Gewaltwort: ,, Sie glauben wohl, weil jetzt Republik ist, kann jeder machen was er will?" Man braucht diese Äußerung nicht ernster zu nehmen, als sie genommen sein wollte. Eins steht fest: daß große Teile der Wiener Bevölkerung glaubten, Freiheit bedeute Schrankenlosigkeit, wo sie doch nur Selbstbeschränkung bedeuten kann. REPUBLIK BIS AUF WEITERES 193 Nicht ein immer vorhandenes Auflehnungsbedürfnis des Wiener Volkes mußte gestärkt, sein Verantwortungsgefühl mußte geweckt werden. Hier lag die Schwierigkeit für den einzelnen wie für die Parteien. Die von Wilson proklamierte Demokratie stellte ein Reifezeugnis dar ohne die Reifeprüfung, die notwendigerweise hätte vorangehen müssen. Aber wie hätte das Volk diese Prüfung bestehen sollen ohne die Schulung der Republik, die den Bürger zur Mitverantwortung erzieht. Vorderhand bestand für die überwiegende Mehrheit das Problem nur darin, den Nebenmenschen zum Mitschuldigen bei der Übernahme der Macht zu machen, für die ja auch bisher immer ein anderer die Verantwortung übernommen hatte. Nicht einmal die Sozialdemokraten, die sich in der Monarchie ganz wohl gefühlt hatten, waren innerlich darauf vorbereitet, allein zu regieren. Sie schlossen lieber mit den Großdeutschen und den Christlichsozialen ein Regierungsbündnis, dessen innere Unaufrichtigkeit sie später zu Fall brachte. Der Mann auf der Straße aber, auch wenn er nicht so gewalttätig auf eine Elektrische aufsprang, glaubte von Anfang an nicht an die Haltbarkeit des neuen, ohne die Klammer eines Gesamtbewußtseins zusammengezimmerten Regierungsgebäudes. ,, Die drei Manderln werden' s nicht machen", sagten achselzuckend die Wiener. Die drei Männer, die sie schielend ins Auge faßten, waren die drei Obmänner der drei großen, über Nacht zur Regierung gelangten Parteien. Bis auf weiteres waren wir also eine Republik, ein Bundesstaat! Dr. Hans Kelsen, ein feuriger, junger Staatsrechtslehrer von ausnahmsweise schöpferischer Begabung, arbeitete flugs eine schöne Verfassung aus, worauf die junge Republik stolz einen Kanzler wählte. Es war ein Sozialdemokrat, der dynamische Dr. Renner; bis auf weiteres! zwinkerten die beiden anderen Parteihäuptlinge. Einige Monate später reiste der abgesetzte Kaiser in Be13 Verlorene Zeit 194 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG gleitung eines englischen Obersten in die Schweiz. Bis auf weiteres, dachte auch er und dachten seine Getreuen. Hatte er doch, einem weisen Rat seines Burgpfarrers folgend, nur auf die ,, Ausübung" der Regierungsgewalt förmlich verzichtet. Also kehrte er, kaum daß in Ungarn der rote Terror vom weißen Terror abgelöst worden war, eines schönen Tages im Flugzeug mit einem falschen Bart, den er später abnahm, zunächst in diese andere ehemalige Reichshälfte zurück, sah sich aber von seinem Regenten höchst unfreundlich empfangen. Militärisch zurückgeschlagen, zog er sich in die Schweiz und dann noch etwas weiter zurück, nach Madeira. Bis auf weiteres, dachte er zum andern Male und dachte später seine Witwe, wenn sie den im Exil zur Großjährigkeit herangewachsenen ältesten Sohn im Familienkreise mit Majestät anredete. All das war ein bißchen traurig und ein bißchen komisch zugleich, wie die Dinge in unserem irdischen Jammertal manchmal unvermischt nebeneinander liegen, und war, so wie es war, eine natürliche Folge des höchst unnatürlichen Friedensvertrages. Aus Haß entstanden, war er, wie alle Werke des Hasses, zugleich unfruchtbar und dumm. Um nur eins hervorzuheben aus der überwältigenden Fülle seines Unsinns: Der ,, Anschluß" Österreichs an Deutschland wurde um jeden Preis verboten zu einer Zeit, wo man ihn hätte erlauben müssen, und zwanzig Jahre später zu einer Zeit erlaubt, wo man ihn um jeden Preis hätte verhindern müssen. Im ersten Falle hätte er das Reich vermenschlicht und eben dadurch Frankreichs Sicherheit erhöht. Im zweiten Falle führte er nicht nur zum Selbstmordversuch Frankreichs, sondern zur Ermordung Europas bis auf weiteres zumindest. - Ein anderer welthistorischer Unsinn war die Ausbietung des unbedingten Selbstbestimmungsrechts der Nationen in einem Kontinent, der sich aus mindestens drei Dutzend Nationen zusammensetzt, von denen jede sich einbildet, zu mehr berufen REPUBLIK BIS AUF WEITERES 195 zu sein als jede andere. Es war im nachhinein klar, daß, bei gleichzeitiger Isolierung Rußlands, dieser Freibrief zu nationaler Zersplitterung der stärksten und geschlossensten dieser Nationen, nämlich Deutschland, zugute kommen mußte, das sich jetzt mit jeder seiner Nachbarnationen gegen die anderen verbünden konnte, um versprengte Teile seiner nationalen Einheit zu„, erlösen" und schließlich unter Berufung auf das heilige nationale Prinzip eine europäische Kraftprobe heraufzubeschwören. Was damals, 1918, zu proklamieren war, es war der Internationalismus, nicht der Nationalismus, die Menschenrechte, nicht das Recht der Nation. Nicht darum handelte es sich, wollte man den nächsten Krieg verhindern: to make the world safe for democracy, sondern: to make democracy safe for the world. Die österreichischen Nationen ,,, ruled by disunion", wie Mark Twain witzig formuliert hatte, durch Uneinigkeit verbunden, lebten jetzt in stolzer Abgetrenntheit. Keine wollte von der anderen etwas wissen, wie die heimgesuchten Fahrgäste auf der rückwärtigen Plattform unserer Elektrischen. Aber derjenige unter ihnen, der sich trotz der allgemeinen Verarmung noch immer den Luxus eigener Gedanken erlaubte, konnte sich der Einsicht nicht verschließen, wenn sie ihm vielleicht auch erst beim Aussteigen kam, daß alle diese Nationen, die einige Jahrhunderte lang in einem blühenden wirtschaftlichen Zusammenhang gelebt hatten, sich schlecht und recht vertragend und zusammen ein mächtiges Reich bildend, zwanzig Jahre später unter Hitlers Stiefelabsatz gleichmäßig vertierten. Früher ,, die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder" oder die ,, Länder der Ungarischen Krone", waren sie jetzt, ohne Unterschied, völlig versklavte Naziprovinzen oder-protektorate. All das dank dem Friedensvertrag von Versailles und seinen sinnreichen Verästelungen von Saint Germain und Petit Trianon. ,, An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen," heißt 13% 196 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG es in der Bibel. Man muß weder ein Betbruder noch ein Legitimist sein, um die unanfechtbare Richtigkeit dieses Satzes einzusehen. Philanthropen und Pazifisten heben, mit Recht, gerne hervor, wieviel Menschenleben ein Krieg die Menschheit kostet: Daß ein Friedensvertrag unter Umständen noch mörderischer wirken kann als der mörderischste Krieg, lassen sie außer Betracht. Was den unsrigen betrifft, so hat er das Kunststück zuwege gebracht, nicht nur Österreich zu zerstücken, sondern auch die einzelnen Stücke, auf die Länge, lebensunfähig zu machen, wie sich nach dem geschichtlich unbeträchtlichen Zwischenraum von zwei Jahrzehnten mit erschreckender Deutlichkeit herausstellte. Eine Kraftleistung, die an das geistreiche Wort in einer Komödie Clifford Odets erinnert: ,, Das Weltall muß von einem Komitee regiert werden; denn ein Mann allein kann nicht so viele Fehler machen." Aber vielleicht gab es, in unserem Jahrhundert, einen einzigen großen Mann, nämlich Clemenceau, der eine solche Kraftleistung im Positiven wirklich zustande hätte bringen können, hätte er nicht einen ganz kleinen Fehler zum Schluß gemacht, den Fehler nämlich, daß er, um Deutschland zu schwächen, was ihm nicht gelang, Europa zerstörte, was ihm gelang. Von Wien aus gesehen zerfällt die Geschichte unseres Niederganges, der sich in zwanzig Jahren bis zur Katastrophe vollzog, in drei Abschnitte. Erste Periode: Vom Waffenstillstand bis zum Brand des Justizpalastes Juli 1927. Es war der ebenso verwerfliche wie vergebliche Racheakt des Wiener Proletariats, der, indem er miẞlang, zum Fanal der sozialen Gegenreformation in Österreich wurde. Vorzüglich organisiert und musterhaft diszipliniert, solange sie im Vormarsch war, übernahm sich unsere junge soziale Bewegung leider von dem Augenblicke an, da sie ans Ziel gelangt und die Republik in den Wiener Straßen aus REPUBLIK BIS AUF WEITERES 197 gerufen worden war. Bezeichnenderweise starb der humane und kluge Viktor Adler, der die Sozialdemokratische Partei in Österreich geschaffen hatte, fast gleichzeitig. Er sollte den Tag der Erfüllung nicht mehr erleben. Hätte er ihn überlebt, würde er manches miẞbilligt haben, was in den folgenden Jahren in seinem Namen geschah, und der Justizpalast wäre kaum in Flammen aufgegangen. Zweite Periode: Von 1927 bis 1934, dem Zeitpunkt der sogenannten Roten Revolte, die dem von Mussolini großgezogenen und genährten Kleriko- Faschismus den ersehnten Vorwand bot, die Demokratie in Österreich zu brechen. Was ihr vorangegangen war und was in der dritten Periode durch ein Blutbad erfrischt nachfolgte, war der aussichtslose und unfaẞbar kurzsichtige Versuch, Demokratie und Nationalsozialismus gleichzeitig zu bekämpfen, statt sich mit dem Volke gegen den schlimmsten Feind der österreichischen Unabhängigkeit zu Unabhängigkeit zu verbünden. Schuschnigg, persönlich ein achtbarer Mann mit den reinsten Absichten, den sein Sturz sympathischer machte, als er im Grunde war, hatte niemand hinter sich als den halb, wenn nicht dreiviertel faschistischen Heimwehrverband und einen klerikalen Klüngel österreichischer Reaktionäre, den, als es zum Klappen kam, Hitler mit einer Hand hinwegfegte. Wien fiel, Österreich, das sich jetzt, um sieben Jahrhunderte zurückgeworfen, wieder Ostmark nennen mußte, trank sich einen wilden nationalsozialistischen Rausch an, und als es aus dem nachfolgenden Katzenjammer erwachte, ward es unter Donnerschlägen inne, daß sich Europa rundherum in ein brennendes Krematorium verwandelt hatte. Es wird geraume Zeit dauern, eh sich diese ungeheure Brandstätte kulturell neu begrünen wird. 99 Die Umwertung aller Werte", die der genau genommen von allen verlorene Krieg nicht nur auf valutarischem Gebiet zur Folge hatte, ließ die Literatur nicht unberührt, doch trat 198 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG auch in diesem Punkte der Unterschied zwischen Österreich und Deutschland neuerlich und verschärft zutage. In Deutschland zeitigte die Weimarer Republik keine Weimarer Literatur, wohl aber eine Berliner, in der die Zwanzigjährigen tonangebend waren. Diese bitter enttäuschten, aus allen Bindungen gerissenen geschlagenen Frontkämpfer stießen dichterisch entweder ins nationale Horn oder sie setzten die Welt der Väter, die in ihren Augen die Verantwortung für den verlorenen Krieg trug, in Anklagezustand und fällten Todesurteile, deren klassische Formulierung der junge Werfel in dem Romantitel verdichtete: ,, Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig." Diese ganze Literatur war ein einziger Vaterkomplex, bei dem die Väter nichts zu lachen hatten. ,, Was tut ein junger Dichter, wenn er sein erstes Buch schreibt?" sagte Schnitzler:„ Er mordet seinen Vater!" Man sieht, wie sich in solch einer Bemerkung bereits der Wiener Skeptizismus und Humor zum Wort melden, die miteinander gemein haben, daß sie die Dinge lieber von weiter weg und von weiter oben betrachten. Dies tat vor allem Hofmannsthal, der in seinem„, Salzburger Großen Welttheater" die so zeitgemäße Figur des Bettlers, in den Königsmantel seiner Verskunst gehüllt, anklagend auf die Bühne stellte. Moissi spielte ihn unvergeßlich, in der Anklage wie in der Bekehrung, die keine Bekehrung zur verbrauchten bürgerlichen, sondern zu einer noch unverbrauchten, weil unverbrauchbaren höheren Welt war. Wassermann schlug in seinem„, Christian Wahnschaffe" Dostojewskijsche Töne an und schuf dem ins kommunistische Lager übergehenden Sohn aus allzu reichem Hause ein tausendfach verwendbares Modell, das in vielen Fällen auch der Wirklichkeit des Lebens zum Vorbild diente, höchster Triumph und letzte Beglaubigung, die einem Dichtwerk zuteil werden können. Schnitzler und Beer- Hofmann, persönlich ebenso nah befreundet wie in ihrer dichterischen Richtung auseinanderstrebend, blieben ihrer bürgerlichen und biblischen Welt treu. REPUBLIK BIS AUF WEITERES 199 - Zu dem, was man, allseitig mißvergnügt, die neue Zeit nannte die schon wieder neue Zeit, hätte Schnitzler gesagt suchte und fand dieser Dichter, der wie Galsworthy auch ein Gesellschaftskritiker war, erst in seinem letzten und bittersten Werk ,, Therese" einen verspäteten Zugang. Anton Wildgans, der letzte große österreichische Lyriker nach Rilke, schuf in seiner herrlich marschierenden„, Infanterie" etwas wie die Marseillaise der noch bürgerlichen Welt. Andere machten und versuchten anderes, nach Maßgabe ihrer dichterischen und darstellerischen Mittel. Die meinigen waren diejenigen der ,, Lustspielnovelle", wie ich die Gattung für den eigenen Gebrauch benannt hatte, und ich erprobte ihre komödienhaften Möglichkeiten in mehreren längeren Erzählungen und kürzeren Romanen, die den sich auflösenden Zügen der Wiener Gesellschaft eine Art Spiegel vorhielten oder auch nur eine Spiegelscherbe; es war ja alles zerbrochen in diesen zerrütteten und haltlos bekümmerten Tagen und Jahren, die die Traurigkeit des Krieges mit der vielleicht noch empfindlicheren Traurigkeit der Nachkriegszeit besiegelten. Die traurigste Rolle in der Gesellschaft, die als mein eigentlichstes Beobachtungsgebiet mir zuzubilligen man übereingekommen war, spielten die alten Leute, die an das, was nun werden sollte, mit dem besten Willen nicht glauben konnten, und an dem, was war, verzweifeln mußten. Von dem rechtzeitig eingeführten ,, Mieterschutz" zumindest vor der Delogierung geschützt, kamen sie in ihren muffigen Wohnungen und abgetragenen Kleidern nach wie vor zusammen, um sich von ihren alten Freunden, von denen einer immer reaktionärer war als der andere, mit ihren verschossenen Titulaturen anreden zu lassen und sie ebenso anzureden. Viele waren adelig, was gesellschaftlich weiter anerkannt wurde, obwohl der Adel offiziell abgeschafft war; andere ließen sich als ehemalige Minister, Feldmarschälle und Admirale nach wie vor Exzellenz nennen, 200 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG obwohl es den Titel nicht mehr gab in der Republik, und die es nicht waren, durften sich zumindest als Kabinettsdirektoren, Senatspräsidenten oder Kammersänger und Hofschauspieler auf ihr Ehemals etwas zugute tun, von dem unsterblichen ,, Hofrat" abgesehen, den der neue Freistaat neu belebt hatte, und der, etwas leichter zugänglich als früher, jetzt um so mehr Glanz verbreitete, als der Hofratstitel der einzige in der Republik noch anerkannte war. Aber leider entsprach dieser Fülle an Titeln kein zureichendes Ausmaß von Mitteln, die sich darauf gereimt hätten. Die meist in Kriegsanleihen verwandelten Vermögen und Staatsschuldverschreibungen waren im Wüstensturm der Inflation verdunstet, und die Pensionen, die der verarmte Staat mit rührender Gewissenhaftigkeit weiter zahlte, reichten infolge der rapiden Geldentwertung nicht einmal für ein langsames Verhungern. Wo sich aber diese ehemaligen Marschälle, abgedankten Minister, diese alten Stiftsdamen und jungen Adelssprößlinge mit den ererbten sechzehn Quartieren im Erwerbsleben versuchten, versagten sie, zu einer sich einordnenden Arbeit nicht erzogen, meistens kläglich. Sie machten auf halbem Wege halt oder sie sahen sich, nachdem sie ihr Restchen Geld in Börsenspekulationen verpulvert hatten, genötigt, von ihren ererbten ritterlichen Grundsätzen weit, manchmal sehr weit abzugehen. Ein Admiral machte Botengänge, ein General der Infanterie handelte mit Kohlenbügeleisen, ein Kavallerieoberst bot Bleistifte und Notizbücher an fremden Türen an. Wenn sich die Türe mit vorgelegter Sicherheitskette widerwillig öffnete, ritt er seine Attacke, wie er es in Sibirien während seiner mehrjährigen Gefangenschaft gelernt hatte. Ein anderer zog den Hut und stellte sich als Feldmarschalleutnant vor, um gleichzeitig bekanntzugeben, daß er im Auftrag der Unfallsversicherungsgesellschaft ,, Providentia" vorspreche, der bekanntgeworden wäre... ,, Also an den Blick mußt du dich gewöhnen", belehrte er einen jüngeren Kameraden, den er als REPUBLIK BIS AUF WEITERES 201 - - Subagenten abrichtete. Der vormalige Sechserdragoner ein kaiserliches Eliteregiment gewöhnte sich. Als ihm aber im Büro der ihm übergeordnete ehemalige Schwimmeister, dem er entgegenkommend die Zigarette anzündete, für diese ritterliche Aufmerksamkeit zu danken vergaß, gab er die Stellung auf und wurde Nazi. Man hat, was sich damals überall in Europa vollzog, die vertikale Völkerwanderung genannt. Die arbeitende Klasse stieg auf, und der Mittelstand sank im gleichen Maß. Die Aufwaschfrau im Laboratorium bezog, weil sie organisiert war, eine Zeitlang tatsächlich ein höheres Gehalt als der nichtorganisierte Professor, der vielleicht soeben, nach jahrelanger Vorarbeit, ein neues chemisches Element entdeckt hatte. Das Schlimmste aber war, daß auch die Mittelstandsfrau ein Aufwaschweib geworden war, in ihrem eigenen Hause nämlich, und daß sie dafür überhaupt nicht bezahlt wurde. - - - - SO Das Tagebuch einer Wienerin, das Mitte der zwanziger Jahre in englischer Sprache auch in Amerika erschien, gibt darüber in erschütternder Weise Auskunft. Frau Anna Eisenberger hieß die Dame, die ich flüchtig auch in Wien kennengelernt hatte, deren Buch ,, Blockade" ich aber erst in Amerika las ist ein typisches Beispiel für das, was in den Jahren 1914 bis 1924 über diesen Zeitraum erstreckt sich das Tagebuch jeder von uns mehr oder weniger selbst erlebte. Gattin eines ,, Hofarztes", der zugleich Abteilungschef im Wiedner Krankenhaus ist, sieht sich die einer patrizischen Wiener Familie entstammende junge Frau 1914 von einer achtgliedrigen blühenden Familie umgeben. 1919, nach dem unglücklichen Krieg, überschaut sie am Weihnachtsabend, was ihr geblieben ist: der eine Sohn gefallen, der zweite ein Kriegsblinder, der dritte, der bloß ein Bein im Krieg verloren hat, auf einer selbstgebastelten Prothese durchs Haus humpelnd; seine Frau, seit Jahren unterernährt, stirbt an Wochenbettuberkulose; der Hof 202 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG arzt starb bereits im dritten Kriegsjahr, sein angegriffenes Herz war den Aufregungen bei gleichzeitiger Überarbeitung auf die Dauer nicht gewachsen; das neugeborene Kind des Einbeinigen kränkelt und kann nur aufgebracht werden mit Hilfe von etwas Kindermilch, das die amerikanische Hoover- Aktion beistellt. Sein sechsjähriges Brüderchen hat deutliche Spuren von Skorbut; der englische Kressesamen, den sie in der Friedenszeit von einer Vergnügungsreise heimgebracht hat und jetzt in einem sonnigen Winkel des Kohlenkellers anbaut, ersetzt erfolgreich die gänzlich fehlende Gemüsenahrung. Aber die Kresse reicht nur für ihn, und die selbstlose alte Tante, ein weiblicher Cato, die es sich in den Kopf gesetzt hat, nur von den durch die Lebensmittelkarten gedeckten Kalorien zu leben, stirbt an Knochenerweichung. In der besonnten Kellerecke hat eine von einer ehemaligen Patientin des Hofarztes beigesteuerte Henne glücklich ein erstes Ei gelegt. Der kleine Junge bringt es jubelnd herauf und läßt es fallen. Verzweiflung in der ganzen Familie. Und so weiter... So feiert man Weihnachten; in Überkleider und Tücher gehüllt, denn es darf nur ein einziger Raum in der weitläufigen Wohnung geheizt werden und der nur bis vier Uhr nachmittag. Im Schein des einzigen Lichtes, das gebrannt werden darf, einer stinkenden Azetylenlampe, sitzt man hungrig um den gedeckten Tisch herum, in dessen weihnachtlicher Speisefolge der traditionelle Wiener Karpfen durch eine winzige Sardine, eine pro Kopf, ersetzt ist. Zwei Jahre später ist es schon bedeutend besser. Da erhält bereits jedes Familienmitglied eine aus richtigem Weizenmehl hergestellte sogenannte Semmel-vormals Kaisersemmel, die jetzt fünfzehn Kronen das Stück kostet, als Weihnachtsgeschenk. Aber wieder zwei Jahre später kostet die Semmel bereits 300 Kronen, ein ungesunder Zustand, dem die auf eine Völkerbundanleihe basierte neue Schillingwährung ein Ende macht. Ein Schilling ist jetzt gleich 10.000 Kronen, was so viel heißt, wie daß diese vorbild REPUBLIK BIS AUF WEITERES 203 liche Mittelstandsfrau von ihren ,, Gilt- edgeg"-Anlagepapieren, die vor zehn Jahren ungefähr tausend Dollar im Jahr abwarfen, nun eine Jahresrente von drei Cents bezieht. Und dabei muẞ sie sich als eine Angehörige der ,, Bourgeoisie" verhöhnen lassen. Soweit der Mittelstand. Aber auch der vorübergehend begünstigte Arbeiterstand, der jetzt sozialistisch regiert, bleibt in seiner Lebenshaltung hinter dem kapitalistisch organisierten Amerika weit zurück. Den ,, ausgebeuteten" amerikanischen Arbeiter machte zumindest seine Arbeit satt. In Wien, wo er sich das Essen ertrotzt, bleibt er schließlich auch noch nach dem Essen hungrig. Die Verschiebung der Stände machte sich auch im Stadtbild bemerkbar. Während die Hofburg in Abwesenheit des Hausherrn hoffnungslos verfiel, weil es an den nötigen Mitteln fehlte, auch nur den abbröckelnden Verputz zu erneuern, entstanden weit draußen in der Vorstadt die neuen Volkswohnhäuser, vorbildlich hygienisch gebaut, von Licht und Luft durchflutet, mit Swimming pools, Badezimmern, Spielplätzen für die Kinder, Versammlungsräumen, Arbeiterbibliotheken... Hocherfreulich vom Standpunkt sozialer Gerechtigkeit, aber das Opfer war die jetzt so bekümmert blickende ,, Innere Stadt" mit den angrenzenden vormaligen Wohlstandsvierteln. Der Vergnügungsreisende, der das Wien des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts noch in rauschender Erinnerung hatte, fand sich in diesen verstummten Straßen kaum mehr zurecht, in denen ein entthrontes Bürgertum sich an verfallenden Häuserfronten scheu entlang drückte. Wo waren die federnd rollenden Fiaker auf Gummirädern, mit den tanzenden, glänzend gestriegelten Pferdchen und dem bei der Anrede merkbar nach Wein riechenden jovialen Kutscher? Wo die spiegelnden, von einem livrierten Chauffeur gelenkten Automobile? Wo die ge 204 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG schweiften Glanzhüte der um die Mittagsstunde den Graben vergnügt abschreitenden Herren? Wo die blendend weißen Stehkragen, die Spazierstöcke mit Nashorngriff, die Lackschuhe des Kavaliers; wo die in Form einer Malerpalette den Kopf randenden ,, picture hats" der Dame, wo die Federnbüsche der Generäle? Wo der sorglos im Dreivierteltakt sich wiegende Schritt aller Straßenwanderer, dieser melodische Walzerschritt, so bezeichnend für die Wiener Straße? Wo die Lust der gepflegten Wiener Gärten, wo der Pomp der Wiener Leichenbegängnisse? Der Blumenwagen voran, der auch bei schönstem Sonnenschein von schwelendem Laternenlicht umflackerte schwarze Totenwagen dahinter, mit goldbestickter schwarzer Sargdecke und einem in schwarzspanischer Kavalierstracht auf hohem Sitz thronenden Kutscher, dessen aufmerksames rotes Trinkergesicht unter schwarzbefiedertem Dreispitz mit hochgehaltenen Zügeln das verwickelte Gespann überwachte. Es waren sechs, unter ihren nickenden, schwarzen Federkronen im Schritt gehende Rappen, und auf den beiden vordersten die berittenen Leichendiener, auch sie in schwarz verschnürter Kavalierstracht, die rauchende Fackel aufs Knie gestemmt. Dazu eine kummervoll röhrende Blechmusik und ein Spalier von uneingeladenen Leidtragenden, die, in der engen Gasse aufgereiht, sich neidlos über die ,, schöne Leich" freuten. Ja, so war es in der Zeit vor dem Kriege, wo noch das Begrabenwerden ein Vergnügen war, zumindest für die anderen. Aber jetzt im verelendeten Nachkriegs- Wien war selbst der Tod ganz arm geworden. Eine Nische in dem von der Gemeinde Wien neu eingerichteten Urnenfriedhof, draußen am ,, Neugebäude", kostete einen Bettel. Und so ist es nicht verwunderlich, daß die den besten Kreisen angehörigen Bettler sich in dem angrenzenden Krematorium lieber verbrennen ließen. Es war wohlfeiler und ging in einem. Es war in jenen Jammerjahren, daß ich einmal um die Weih REPUBLIK BIS AUF WEITERES 205 nachtszeit im ungeheizten Straßenbahnwagen zur entlegenen ,, Spinnerin am Kreuz" hinauffuhr, um den Kindern meiner Nichte ein Geschenk zu überbringen. Es war einer der kältesten Tage nicht nur des Jahres, sondern des Jahrzehnts; zwanzig Grad unter Null, Reaumur natürlich, hatte das Thermometer morgens hinter dem vereisten Fenster angezeigt. Selbst in dem überfüllten Straßenbahnwagen war die Temperatur unter Null, wie mir das gefrorene Nasentröpfchen meines Gegenübers deutlich anzeigte. Es war ein bläulich violetter Greis in einem zerlumpten dünnen Überrock, der mich, vor Kälte weinend, wienerisch zwinkernd anstarrte, wie auch ich, notgedrungen, ihn. Wir verstanden uns augenscheinlich, denn nach einer Weile öffnete er den blau gerandeten, weiß bestoppelten Mund und sagte monologisch im schönsten Wiener Dialekt:„ Wenn man nur schon im Krematorium wär'!" Ich habe für wahren Humor immer etwas übrig gehabt und honorierte diese glückliche Bemerkung sofort mit einem Schilling, was er sich mit lang anhaltendem Erstaunen gefallen ließ. Vielleicht war er ein ehemaliger ,, Beamter", ein sogenannter ,, Pensionist", was am Ende seiner Tage zu werden in der schönen Vorkriegszeit immer schon der Traum des Wiener Nachwuchses gewesen war. Ich werde nie das Gespräch zweier Knaben vergessen, das ich einmal notgedrungen auf der Eisenbahn mit anhörte. Sie sprachen über die Berufswahl und am Ende eines längeren Für und Wider, alle Gegenargumente überwindend, sagte der schon Dreizehnjährige zu dem erst Zwölfjährigen:„ Aber dafür bin ich nach vierzig Dienstjahren pensionsfähig!" Das Wienerische im Bilde einer zentraleuropäischen Verelendung war, daß sich in der ehemaligen Kaiserstadt der Hunger immer noch mit einer überkommenen leichten Hand paarte. Die Bettelglocke an der Wohnungstür schrillte von früh bis abends, aber die stumme Bitte blieb selten unerfüllt. Auch Trinkgelder wurden immer noch gegeben und kleine Geschenke zu Weih 206 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG nachten wie auch an Geburtstagen und Namenstagen pünktlich verabreicht, so daß ich mit Fug behaupten konnte, die Wiener Bevölkerung bestehe aus Bettlern, die sich gegenseitig beschenkten eine Bemerkung, die die Auslandskorrespondenten nicht unter den Tisch fallen ließen. - In dem uns benachbarten Belvederegarten, dem Palais Royal von Wien, merkte man den allgemeinen Verfall nicht nur an den trockengelegten Fontänen und unzulänglich bekiesten Wegen, sondern auch an dem Nichtmehrvorhandensein zweier Figuren, die, wie meine Frau behauptete, für Vorkriegs- Wien hier charakteristisch gewesen waren und zur lebendigen Staffage gehörten. Die eine war der hochgewachsene Gardeoffizier im schneeweißen, scharlachrot gefütterten, bis zu den Silbersporen herabreichenden Mantel; die andere die wadenstolze, rotbestrumpfte hanakische Amme, mit wippenden kurzen Röckchen, schwarzem Samtmieder und rotem Umschlagtuch, das, über den Kopf gezogen, das frische Bauerngesicht nischenartig umrahmte. Sie hatte, aus Böhmen kommend, den Wiener Wohlstand durch die Jahrhunderte aufgesäugt bis zu dem Augenblick, da sie, eine selbstbewußte tschechoslowakische Staatsbürgerin geworden, nur noch ihre eigenen Kinder säugte. Es war ihr von Herzen gegönnt, aber der Wiener Wohlstand war darüber ein unterernährtes Flaschenkind geworden. Der ältere Wiener erkannte in diesen grauen Elendstagen sein Wien nicht wieder und die noch bedauernswertere Jugend hatte es nie gekannt. Ein bankrottes Bürgertum hatte in ihren Augen den dümmsten und überflüssigsten aller Kriege verschuldet, und so war es nur eine seelische Reflexbewegung, wenn diese unterernährte, aus dem bürgerlichen Nest gefallene Nachkriegsjugend den Proletarier in sich nicht allein nach außen kehrte, sondern mit gereiztem Stolz zur Schau trug. Diese ihre innere Haltung kam auch in ihrem äußeren Menschen zum Ausdruck, und zwar, dem Gesetz der Zeit entsprechend, auch hier REPUBLIK BIS AUF WEITERES 207 mehr in dem was fehlte, als was allenfalls noch vorhanden war. Was fehlte, waren Manieren, Gefälligkeit, Liebenswürdigkeit, auch der Erscheinung: die zierlich herangepflegte Haartracht des jungen Mädchens, die sorgfältig geglättete Scheitelfrisur des wohlgearteten Jünglings; das Korallenkettchen oder Perlenschnürchen um ihren, der gestärkte Glanzkragen und die Krawatte um seinen Hals; der Muff im Winter, der Sonnenschirm im Sommer, die Handschuhe und, da die jungen Leute nicht mehr spazierengingen, der sinnlos gewordene Spazierstock zu allen Jahreszeiten. Und ein gemeinsamer Zug im Bilde dieser. Zwanzigjährigen war auch, daß sie hutlos in den Straßen umherliefen, was freilich auch eine politische Bedeutung hatte. In seiner Erneuerung der ,, Drei- Groschen- Oper" hatte Bert Brecht im Jazztempo gereimt:„ Der Mensch ist gar nicht gut Drum hau ihm auf den Hut! Hast du ihm auf den Hut gehaut - - Dann wird er wieder gut." Der Hut war die abgeschaffte Autorität. Diese Jugend glaubte weder an Gott noch an den Teufel. Aber sie schwor auf Karl Kraus, den aus dem liberalen Nest gefallenen Satiriker. All das war schlimm genug, aber es gab auch Lichtblicke, deren wir uns dankbar erinnern wollen, und gemessen an den Verhältnissen im benachbarten Deutschen Reich taumelten wir vergleichsweise beschaulich zum Abgrund. Wenn schon gestorben sein muß, dann wenigstens lustig, sagt der Wiener, und an diese goldene Regel hielt sich auch die Wienerin, den Jammer der Zeit wenigstens zeitweise durch ihr glückliches und beglükkendes Naturell heiter überbrückend. Sogar der Währungsschwund, die furchtbare Nachkriegskrankheit der Inflation, hielt sich in Österreich in berechenbaren Grenzen und ging nicht gleich ins Astronomische wie in Deutschland. Immerhin wurde 208 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG mir eine Zeitlang jedes meiner kleinen Feuilletons mit zweihunderttausend Kronen vergütet, das waren tausend Kronen für die Zeile, was phantastisch klingt, doch waren es damals alles in allem kaum mehr als dreißig Dollar, deren Kaufkraft in Wien ungefähr fünfzig Dollar entsprach. Zur gleichen Zeit kostete ein Abendessen für zwei Personen in einem Gasthaus, in dem das Tischtuch nicht noch die Spuren von der vorangegangenen Mahlzeit aufwies, mindestens zehntausend Kronen. Einem solchen Schwindeltanz der Ziffern hielt die Anpassungsfähigkeit alter Leute nicht mehr stand, und den ganz Alten ersparten liebevolle Angehörige nach Möglichkeit den Schwindel. Ich kannte eine achtzigjährige Dame, die, von den zärtlichsten Kindern umgeben und behütet, in dem Glauben lange weiterlebte, daß die Preise sich nicht namhaft verändert hätten. Für sie kostete die Semmel noch immer zwei Kreuzer, was sie vor fünfzig Jahren gekostet hatte, und hieß noch immer die ,, Kaisersemmel", wie zur Zeit der Monarchie. Sogar wenn sie mit ihren Töchtern Einkäufe machte, verheimlichten ihr diese geschickt die wahren Preise, was um so leichter möglich war, als sie schwerhörig und halbblind war. Eines Tages aber geht sie, mit einer jener Selbständigkeitsanwandlungen, wie sie alte Leute kurz vor ihrem Tod manchmal befallen, allein aus, um eine Stopfnadel und ein Strähnchen Wolle in dem kleinen Laden an der Ecke einzukaufen, in dem sie schon als Schulkind ihren Bedarf an Wolle zu decken pflegte. ,, Macht alles zusammen zehntausend Kronen!" sagt die artige Verkäuferin, das Verlangte vor sie hinlegend. Die alte Dame läßt sich die Ziffer dreimal wiederholen, was in zunehmender Lautstärke geschieht. Beim drittenmal fällt sie in Ohnmacht und stirbt, während man sie nach Hause schafft. Es war nicht nur, weil eine Strähne Wolle jetzt plötzlich so viel kostete wie früher ein Haus. Es war auch nicht, weil ihre Töchter sie seit Jahren belogen hatten. Es war, weil ihr blitzartig klargeworden war, daß REPUBLIKBIS AUF WEITERES 209 der Kaiser nicht mehr in Österreich regierte, der, wie sie noch hervorwürgte, einen solchen„Schwindel“ nie„geduldet“ hätte. Von jenen Lichtblicken, die, den Blick nach oben lenkend, das Grau des Alltags tröstlich überschimmerten, sind mir vor allem zwei in nachhaltiger Erinnerung geblieben. Beide gingen von der Literatur aus, der großen Liebe meines Lebens. Der eine war die Fete Moliere in Paris, der andere der Besuch des zweiundachtzigjährigen Georg Brandes in Wien. Bei der Dreihundertjahrfeier für den heitersten aller großen Dichter, der so unsterblich ist wie das Lachen selbst, durfte ich zusammen mit Anton Wildgans, der mittlerweile auch zum Burgtheaterdirektor aufgerückt war, Österreich in Paris ver- treten. Wildgans, der, wenngleich kein Nationalist, sehr national empfand, sprach kein Wort Französisch und war stolz darauf. Er hatte eine berühmt schöne Baßstimme, von der er den lautesten Gebrauch machte, während er, mit mir im vollbesetzten Bus zur österreichischen Gesandtschaft hinauffahrend, seiner Meinung über die soeben erfolgte Ruhrbesetzung ungezwun- gensten Ausdruck gab. Die wohlerzogenen Pariser Herren und Damen um uns herum verstanden zum Glück nicht, was er sagte, sonst hätten sie uns wahrscheinlich aus dem fahrenden Bus hinausgeworfen. Auf der Gesandtschaft, wo wir für zehn Uhr angesagt waren, sahen wir uns mit einiger Verlegenheit empfangen. Unser Ge- sandter ließ uns zwar gleich vor, schien aber weder zu Moliere noch zur österreichischen Literatur irgendeine Beziehung zu haben und brachte, was ihm in dieser Richtung fehlte, durch ein ziemlich leeres Gestotter zum Ausdruck. Glücklicherweise hatte es in der Nacht etwas geschneit, was in Paris eine Seltenheit 14 Verlorene Zeit 210 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG ist, und der Schnee war teilweise sogar liegengeblieben; darüber ließ sich einiges sagen. Übrigens wurde dieses Wettergespräch beiderseits mit vollendeter Höflichkeit geführt; der Gesandte war ein Mann von ältestem Adel und ein, wie man mir versicherte, hochgebildeter Jurist. Auch wäre der Empfang kaum befriedigender verlaufen, wäre er ein linksstehender Sozialist gewesen. Die Beziehung zur Literatur, die das amtliche Österreich immer als eine lästige Nebensache, wenn nicht als eine frivole Nebenbeschäftigung gewertet hatte, fehlte von ganz Rechts bis ganz Links und wir wären diesfalls höchstens etwas strenger auf unsere Parteieinstellung hin angesehen und abgehorcht worden. ,, Der Österreicher", schrieb Hermann Bahr in seiner Selbstbiographie,„ hat im Ausland einen Feind, das ist sein Gesandter", das blieb in der Republik, wie es in der Monarchie gewesen war, wie ja auch die im Ausland uns regierenden Familien nahezu dieselben blieben. Aber im gegebenen Falle war es nicht einmal ein Feind, im Gegenteil; der Gesandte rühmte sich später, uns bei der französischen Regierung für die ,, Palmes de l'Académie" eingegeben zu haben, die wir zu unserer Überraschung auch erhielten. Es war nicht böser Wille und nicht einmal Abneigung, die seine Haltung bei jenem Besuch bestimmten, sondern nur Unvertrautheit und Ratlosigkeit, die ihn so fassungslos verwirrt erscheinen ließen. Wäre in meinem Wiener Arbeitszimmer, mich im Schreiben unterbrechend, eine Abordnung zur Bekämpfung der Reblaus unangemeldet bei mir eingetreten, ich hätte nicht verlegener aufstehen und die„, Herren" begrüßen können. Die Molière- Feier schloß wie alle derartigen Veranstaltungen in Paris mit einem festlichen Bankett. Das Essen war vorzüglich, die Weine gestuft, die Tischordnung an den ein Planetensystem bildenden kleinen und mittleren Tischen abgezirkelt wie zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten, die Tischreden literarische Kostbarkeiten. Wir zwei Österreicher saßen an REPUBLIKBISAUF WEITERES 211 einem der nicht allzu kleinen und vom Mittelpunkt gerade noch überblickbaren Tische zusammen mit dem persischen und einigen osteuropäischen Delegierten. Mir schräg gegenüber hatte ein bezwickerter älterer Herr mit ergrauendem Spitzbart Platz genommen, der sich nach einiger Zeit nervös erhob und sich mit spitzer Betonung der polnisch akzentuierten Worte an mich wandte:„Ich heiße Me-resch-kowski. Ich sage das nur deshalb, weil man die Namen bei Vorstellungen meistens nicht versteht.“ Zum Glück konnte ich dem berühmten polnischen Schriftsteller mit gutem Gewissen versichern, daß ich seinen kürzlich erschie- nenen„Napoleon“ gelesen hatte. Worauf er mich erfreut mit seinem etwas gequält aussehenden Tischnachbar bekannt machte: „Iwan Bunin“, sagte er,„der größte lebende russische Erzähler.“ Ich habe Bunin und seine entzückende Frau seit jenem Fest- essen nicht wiedergesehen. Aber ich las bald nachher, mit nach- haltigstem Eindruck, Bunins Meisternovelle„Der Herr von San Francisco“ und bin seither ein Bewunderer seiner Meisterschaft. Zu etwas sind derartige Feiern und berufsmäßige Zusammen- rottungen geschwungener und gesträubter Federn eben doch gut. Im Theater sahen wir die ein Vierteljahrtausend alten Komödien des Molitre, frisch und fröhlich wie am ersten Tag, und sahen auch ein kleines Stück von Mérimée, das erst die Kleinigkeit von hundert Jahren alt war und sich fast ebensogut konserviert hat. Es heißt„La Carrosse de Saint Sacrement“ und ist eine von einem Dutzend einaktiger Komödien, die der ganz junge Mérimée in seinem schlanken Erstlingswerk„Le Théâtre de Clara Gazul“ vereint hat. Aufs Theater schien er es damit nicht abgesehen zu haben, und so blieben sie von dieser Seite, die beachtet werden will, wo sie beachten soll, zunächst völlig unbeachtet. Aber auch dreißig Jahre später, als Mérimée bereits der Verfasser der„Carmen“, der Freund der Kaiserin Mutter und der erste Schriftsteller am Hofe des Dritten Napo- leon war, fiel es niemandem ein, das von Geist und Farbe und 14° ( 212 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Theaterfreude sprühende kleine Stück zur Aufführung zu brin- gen. Erst ein Vierteljahrhundert später kam es in verwässerter und versüßlichter Form an der Comedie zur Darstellung, durch gespreizte Alexandriner um jede Wirkung gebracht. Wieder ein Vierteljahrhundert später, mitten im Weltkrieg, suchte Copeau nach einem Einakter mit einer Rolle für die charmante Madame Tessier, den er zur Ergänzung eines dichterisch unter- ernährten Marivaux-Abends brauchte. Seine glückliche Hand läßt ihn nach jener„Carrosse“ greifen, die er in der Folge an ungefähr tausend Abenden mehr oder minder en suite spielt in einer allerdings brillanten Besetzung. Ich verliebte mich in das ahnungslose Meisterwerk eines Dramatikers, der keine Ahnung hatte, daß er ein Dramatiker war, und brachte es einige Jahre später am Wiener Josefstädtertheater zur Auf- führung, wo es, gänzlich mißverstanden, wieder gar keinen Erfolg hatte. Der weltberühmte Däne Georg Brandes, dessen„Voltaire“ auch in Wien zahlreiche Leser gefunden hatte, kam einige Jahre später auf einer Vortragsreise nach Wien, wo er ein tausendköpfiges Publikum im Großen Konzerthaussaal ver- sammelte. Es war im Frühjahr 1926, sieben Jahre nacı Friedensschluß. Nach sieben Jahren, heißt es, ist der Mensch ein anderer, und so ist es auch Menschenwerk. Wir waren jetzt schon so tief in unserer Republik, daß wir beinahe schon wieder draußen waren oder jedenfalls auf dem besten Weg dazu. Unsere Währung war zwar saniert und erwies sich in saniertem Zustand als lebensfähig. Der sie wieder auf die Beine gebracht hatte, war der Prälat Seipel, vormals kaiser- licher Minister, von dem das Bürgertum in Österreich voraus- setzte, und mit Recht voraussetzte, daß er uns„mächtig durch des Glaubens Stütze“, wie es in der alten Volkshymne hieß, „mit weiser Hand führen“ würde. Man hatte den frommen Text zeitgemäß abgewandelt, die Melodie war die gleiche. REPUBLIK BIS AUF WEITERES 213 Seipel war ein bedeutender Kopf und hochachtbarer Charakter. An seinen reinen Absichten war ebenso wenig zu zweifeln, wie an seinen reinen Händen. Daß es zugleich eine geschickte Hand war, die er handhabte, schien ein politischer Nebengewinn. Sein Cäsarenkopf war nicht nur der eines Römlings, sondern auch eines Römers; er verstand die Herrschkunst im katholischen wie im antiken Sinne und war dabei frei von Herrschsucht. So ließ sich alles von ihm sagen, was zugunsten der Kirche spricht, wo sie in der Sphäre des Glaubens bleibt, und nur wenig geltend machen von dem, was den Klerus belastet, wo er klerikal wird. Seine Rückschrittlichkeit war mehr philosophischer als politischer Natur. Trotzdem traten bedenkliche Folgen seiner die Reaktion ermutigenden Haltung bald genug zutage. Ich glaube, es geschah damals, daß unser Hausmädchen, sich zeitgemäß versprechend, mir beim Nachhausekommen meldete:„ Die Reaktion hat angerufen". Was sie sagen wollte, war, daß die Redaktion angerufen hätte. - Die Reaktion rief auch im Falle der Schattendorfer Arbeitermörder an, die von den Wiener Geschworenen freigesprochen wurden. Daraus entstand der Brand des Wiener Justizpalastes, der wieder die Arbeiterschaft ins Unrecht setzte. Die Arbeiterfeinde erstarkten und verhinderten durch Heranziehung des ,, Heimatschutzes" einer bereits faschistischen Abwehrorganisation- den angedrohten Generalstreik. Nach dieser ersten verlorenen Schlacht der österreichischen Sozialdemokratie war es möglich, ihre Front Schritt für Schritt zurückzudrängen; der doktrinäre Starrsinn einiger ihrer Führer und Hetzpriester erleichterte diese militärische Operation. Schlieẞlich kam es, sieben Jahre später, zur sogenannten„, Niederwerfung der Roten Revolte" unter Seipels Nachfolger Dollfuẞ. Und nun rief die Reaktion nicht mehr, nun riefen bereits die anderen an. In jenem Augenblick aber, 1926, mittwegs zwischen Revolu 214 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG tion und Rückschritt, war es einem Manne wie Brandes noch gestattet, das größte Wiener Versammlungslokal zum Schau- platz einer liberalen Kundgebung ersten Ranges zu machen. Der mehr als Achtzigjährige stand am Rednerpult, das seine breite Löwenstirn gewaltig überragte, und donnerte mit einer noch ungebrochenen Löwenstimme gegen den Unsinn der Friedensverträge und die Gefahr, die sie heraufbeschworen, und die der große Denker klar voraussah. Nachdem er unter aufbrausendem Beifall geschlossen hatte, nahm mich Arthur Schnitzler unterm Arm, um mich im Künstlerzimmer mit Bran- des bekanntzumachen. Wir fanden den großen Mann, noch erhitzt von seiner großen Rede, im Kreise einiger Verehrer und mehrerer Ver- ehrerinnen, unter denen sich auch eine siebzehnjährige, bild- hübsche Zirkusdame befand, deren drollige Außerungen der Uralte mit urgroßväterlichem Behagen belachte; sie schien ihm augenblicklich wichtiger und interessanter als die gesamte euro- päische Politik und die amerikanische dazu. Komplimente, die man ihm machte, interessierten ihn nicht. Tags darauf, mittags um halb zwölf, wie die Wiener Etikette vorschrieb, suchten Schnitzler und ich den Ruhm- gekrönten im Hotel Sacher auf, das, nebenbei bemerkt, eine Hochburg der Reaktion war. Wir wurden vorgelassen, mußten uns aber eine Zeitlang in dem noch unaufgeräumten Schlafzimmer gedulden, in dem wir von der dänischen Sekretärin eingeladen wurden, Platz zu nehmen. Wir hatten Zeit, uns umzusehen, und taten es. Vor dem Bett standen einige aufgeschnallte Gepäckstücke, das Bett war aufgerissen, und auf dem Boden schleifte neben den weg- geworfenen Zeitungen ein bananenfarbenes Seidenpyjama. „Ganz hübsche Dekoration für einen ersten Akt“, sagte Schnitzler leise zu mir:„Nur das Seidenpyjama würde die Zensur streichen“. REPUBLIK BIS AUF WEITERES 215 Ein vierschrötiger, sehr ernst und eher statuarisch aussehender Mann im Überrock, der unser Eintreten nicht zu beachten schien, saß fremd am Schreibtisch, zwischen dem Fenster und der Tür ins Nebenzimmer, aber näher als wir zu dieser Türe. Die dänische Sekretärin, die durch die Verbindungstür entschwunden war, kam nach einer Weile wieder zurück und beruhigte uns im Vorbeigehen: Es werde nicht mehr lange dauern. Dann flüsterte sie uns zu, der Herr beim Fenster wäre ein berühmter Wiener Schneider. Hierauf wandte sie sich an den noch immer denkmalhaft Dasitzenden und bedeutete ihm, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, dessen Tür sie respektvoll vor ihm auftat. Kein Zweifel, er wurde als erster vorgelassen, was auch ganz in Ordnung war, da er früher gekommen war. Brandes war ein Demokrat, was in Wien begreiflicherweise auffiel. Offenbar wurde drinnen Maß genommen, denn die Sekretärin kam wieder heraus und vertraute uns im Vorübergehen lächelnd an, der Herr Professor, so nannte sie Brandes, hätte gleich zwei neue Anzüge bei dem berühmten Wiener Schneider bestellt, was schmeichelhaft war und Schnitzler zu gefallen schien. ,, Allerhand für einen Zweiundachtzigjährigen“, sagte er anerkennend, als die blonde Sekretärin durch die entgegengesetzte Türe wieder abgegangen war. Das Maẞnehmen dauerte lange, aber nach einiger Zeit erschien der Vierschrötige wieder, in sichtlich befriedigter Haltung, und ging gruẞlos an uns vorüber. Nun wurden wir ins Allerheiligste geleitet und von dem in einem Lehnstuhl sitzenden, nur mit einem halboffenen Schlafrock bekleideten Patriarchen des europäischen Schrifttums aufs liebenswürdigste begrüßt. Als sich dann auch noch Beer- Hofmann, bescheiden anklopfend, zu uns gesellte, kam ein Gespräch in Schwung, das mit solchem Feuer, Witz, Anstand und einer solchen weltweiten, Zeit und Raum überfliegenden, die Errungenschaft der Jahrtausende zusammenfassenden Bildung wahrscheinlich nur 216 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Georg Brandes, nach dem Tode Anatole France's, noch führen konnte. Wir vergaßen, auf die Uhr zu schauen, und hätte nicht die Empfangsdame mit einer Schnitzler zugeraunten Bemerkung, der Professor hätte eine schlechte Nacht gehabt, zum Aufbruch gemahnt, so hätten wir wohl endlos fortgesprochen. Als schließlich Schnitzler sich mit Entschiedenheit erhob und Brandes' kostbaren persönlichen Erinnerungen an Andersen mit der Bemerkung ein Ende machte, daß er jetzt gehen müsse, sagte Brandes mit gespieltem, aber auch wirklichem Ärger: ,, Seht ihn nur an, den alten Pedanten" damit war der um zwanzig Jahre jüngere Schnitzler gemeint- ,, er leidet darunter, daß ich in Unterhosen dasitze." Das war tatsächlich der Fall; aber es hatte keinen von uns gestört, ja es ist sogar möglich, daß wir es gar nicht bemerkt hatten. - Ich kam dann noch ein paarmal wieder, wozu mich der alte Rattenfänger beim Auseinandergehen ausdrücklich aufgefordert hatte, und brachte ihm auf seinen Wunsch auch die Buchausgabe meines Verslustspiels ,, Casanova in Wien", in dem Moissi kurz zuvor am Deutschen Volkstheater unvergeßlich geglänzt hatte. Brandes las es über Nacht und schrieb mir einen reizenden Brief darüber. Einmal traf ich ihn allein und hatte wieder ein Zeit und Raum überschwebendes Gespräch mit ihm. Als ich mich nach zwei Stunden empfahl, nahm er meine Hand zwischen seine weichen, greisenhaften Patschhände und sagte mit einem in seinem pausbackigen uralten Babygesicht fast kindlich aufleuchtenden Lächeln: ,, Ich hab' Sie lieb!"- Er war schon im Abreisen, und wir wußten beide, daß wir einander nie mehr wiedersehen würden. Aber es war nicht nur darum, daß mich diese spontane Liebeserklärung rührte. Es war die schönste und schien mir die verpflichtendste, die mir je im Leben zuteil geworden war. Brandes ging damals von Wien nach Salzburg, wo er sich länger als beabsichtigt aufhielt, weil ihm einige Damen des REPUBLIK BIS AUF WEITERES 217 dortigen Landadels, unter denen sich auch eine meiner besten Freundinnen befand, die Abreise schwer machten. Eine von ihnen, die als leibliche Nichte der größten österreichischen Erzählerin Marie Ebner- Eschenbach eine besonders gute literarische Kinderstube gehabt hatte, wußte ihn durch ihren Geist nachhaltiger zu fesseln, und als er schließlich halb widerwillig nach Karlsbad abgegangen war, kamen von dort Telegramme an sie des ungefähren Inhalts: ,, Was ist los? Habe seit zwei Tagen nichts von Ihnen gehört." Die geistreiche Dame, damals auch schon bei den letzten Austern im Dutzend angelangt, wie mir einmal Elisabeth Heyking schrieb, wußte, was sie dem ältesten ihrer Verehrer schuldig war; sie besuchte ihn sogar in Dänemark. Vorher hatte sie vorsichtshalber sein letztes Buch gelesen, was immer einen kritischen Augenblick in einer noch jungen Liebe zu einem erfahrenen Schriftsteller bedeutet. Es war der ,, Voltaire", und als strenggläubige Katholikin hatte sie einige Einwendungen gegen das Thema wie gegen seine Ausführung, die sie im Gespräch mit ihrem Verehrer offenherzig zum Ausdruck brachte. ,, Wir Katholiken fühlen uns durch solche Ausfälle gegen unsere Kirche verletzt", sagte sie unverblümt. ,, Weil Sie eine Kuh sind!" antwortete Brandes noch unverblümter. Die Baronin, eine geborene Gräfin Dubsky, öffnete fassungslos den Mund. Da kam ihr die gute literarische Kinderstube zustatten, die sie im Hause ihrer Tante genossen hatte, und in Erinnerung an die Schloßbibliothek auf Zdislawiz, in der sie auch den vom Beichtvater verbotenen Heine gelesen hatte, zitierte sie flink aus dem Gedächtnis: ,, O König Wisramrita, Was für ein Ochs bist du! Daß du so viel kämpfest und büẞest Und alles für eine Kuh!" - Brandes lachte und schloß die Lachende in seine Arme. * 218 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG Ich kann von diesem Lebensabschnitt nicht Abschied nehmen, ohne noch eine andere literarische Erinnerung anzureihen, die auch eine politische Bedeutung hat. Sie bringt den Namen des größten lebenden deutschen Schriftstellers und Erzählers in einen bezeichnenden Zusammenhang mit der damaligen Deutschen Gesandtschaft in Wien. Thomas Mann ging seinem fünfzigsten Geburtstag entgegen, und der Wiener Pen-Club, dessen Chairman ich war, wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Dichter des „Zauberberg“ und der„Buddenbrooks“ nach Gebühr zu feiern. Wir veranstalteten ein Dinner ihm zu Ehren, in dessen Ver- lauf die üblichen Reden getauscht wurden. Die Tischrede Thomas Manns, die in eine liebevoll-verständige Würdigung Wiens ausklang, ist in seine Schriften übergegangen. Unser Gast, der kurz zuvor in einer Geburtstagsrede Gerhart Hauptmann als„König der Republik“ apostrophiert hatte, und den ich nun als„Kurfürsten der Republik“ ansprach, war deut- scher Staatsbürger. Infolgedessen war es selbstverständlich, daß wir zu unserer Pen-Club-Feier, die in Gegenwart des Bürgermeisters von Wien und anderer Notabilitäten stattfand, auch die Deutsche Gesandtschaft einluden, was in geziemender Form geschah. Der Gesandte, Herr Pfeifer, ein Rheinischer Zentrumsmann, entschuldigte sein Fernbleiben und ließ bekanntgeben, daß ihn Gesandtschaftssekretär Herr von Alberti vertreten werde. Der Platz neben Frau Thomas Mann wurde für ihn freigehalten, blieb aber unbesetzt, was wir dadurch kenntlich machten, daß wir ihn absichtlich leer ließen. Erst am nächsten Tag kam eine schriftliche Entschuldigung: eine zahnärztliche Behandlung hätte es Herrn von Alberti zu seinem Bedauern unmöglich ge- macht, an dem Bankett teilzunehmen. Wir verstanden, viel- mehr wir glaubten zu verstehen; denn drei Monate später, schon in meinem geliebten Alt-Aussee, erhielt ich einen zwei- REPUBLIK BIS AUF WEITERES 219 ten plötzlichen Brief desselben Herrn von Alberti. Er teilte mit, daß er mich in Wien besucht, aber leider nicht angetroffen hätte. Seine Absicht wäre gewesen, mich im Augenblick seines Abgehens von der Gesandtschaft über sein Verhalten beim Thomas- Mann- Bankett nachträglich aufzuklären. Der Grund seines Fernbleibens wäre nicht die vorgeschützte zahnärztliche Behandlung gewesen. Der Gesandte hätte ihm verboten, an der Feier teilzunehmen. Der Grund dieses gehässigen Verhaltens der deutschen Auslandsvertretung gegen den repräsentativen deutschen Schriftsteller blieb in dem Schreiben des seither verstorbenen Herrn von Alberti selbstverständlich unerwähnt. Er lag sicher in der fortschrittlichen politischen Haltung Manns, die dem reaktionären Gesandten nicht paßte. Daß Herr Pfeifer auch der Verfasser eines Romans aus dem frühen deutschen Mittelalter war, der vermutlich andere Wege einschlug als die Thomas- Mannschen Erzählungen, kam dazu. Dilettanten sind rachsüchtig, und wenn man ihnen ein öffentliches Amt zuteilt, stellen sie, was ihnen an Talent fehlt, durch Rankune gerne richtig. Übrigens wurde ungefähr zur gleichen Zeit Gerhart Hauptmann in Rom von dem dortigen Deutschen Botschafter geschnitten, so daß der„ König" vor dem„, Kurfürsten" nichts mehr voraushatte. Die Republik war in Deutschland wie in Österreich bereits unterhöhlt und abbruchreif; wo immer man anstieß oder anklopfte, klang es dumpf und leer. Der Grund war, daß man in beiden Ländern, die auf getrennten Wegen dem gleichen Schicksal entgegenschwankten, den Fehler begangen hatte, die Führung des Staates Männern anzuvertrauen, die in ihrem Herzen Anti- Republikaner waren und blieben. Was Seipel in Österreich anbahnte, vollendete in Deutschland Hindenburg. Die Zerfahrenheit, in der sich unser junger Freistaat in 220 ANFANG VOM ENDE UND ENDE VOM ANFANG jenen Jahren eines verhängnisvollen Überganges gefiel, kam auf eine symbolisch- heitere Weise in dem offensichtlichen Widerspruch der österreichischen Fahr- und Gehordnung zum Ausdruck. In den Straßen des sozialdemokratisch regierten Wien las man allenthalben:„ Links gehen!"; aber diese Vorschrift galt nicht weit über die Stadt hinaus. In großen Teilen Österreichs fuhren die Wagen rechts. Der Übergang vollzog sich recht unvermittelt. Zahllose Unfälle waren die natürliche Folge. Es war unvermeidlich, daß ich einen Roman ,, Die linke und die rechte Hand" schrieb, in dem ich das Eindringen des sozialen Bazillus in den vormals wohlgenährten Körper der Wiener Gesellschaft schilderte. Aber auch hier blieb ich mir und meinem Liebespaar die letzte Entscheidung schuldig. DRITTES BUCH HITLERS GAST Gastspiel in der Hölle Der Hölle zweiter Teil GASTSPIEL IN DER HOLLE ndem ich mein Haus bestelle und meine Habe verfrachte, Inde zur Übersiedlung jederzeit bereit, muß ich mich auch des Skeletts im Schrank erinnern, ob ich es denn überhaupt mitschleppen soll. Wozu es aufbewahren und für wen? Nun, vielleicht für den Erben einer späteren Zeit, der daran die Anatomie der Hitler- Epoche wird studieren können. Dieser Bürger jener Tage, die da kommen sollen, wird das, was in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts in Deutschland und Umgebung vorging, für unmöglich halten, was es auch war. Der ganze Nationalsozialismus war eine bare Unmöglichkeit von Anfang an, und eben darauf beruhte seine unheimliche Stärke. Denn das Gedanklich- Unmögliche findet gerade darum einen denkenden Menschen immer unvorbereitet. Auch ich war in keiner Weise auf den Besuch gefaßt, der mir bevorstand, als ich eine Woche nach Berchtesgaden aus der Schweiz nach Wien zurückkehrte. Ich hatte am Stadttheater in Basel meine Nachdichtung von Molières ,, Misanthrop“ zur Aufführung gebracht, und als ich, von meinen Basler Freunden mit einem viel zu großen Lorbeerkranz bedacht, an eben dem Tag, an dem Hitler gegen Österreich donnerte, den Heim 224 HITLERS GAST weg einschlug, sagte mir ein verständiger Gastfreund in Zürich, in dessen Haus ich zusammen mit dem österreichischen Generalkonsul zu Abend aß:„Warum wollen Sie morgen nach Österreich zurück? Sie kommen in einen Bürgerkrieg!‘—„Das mag sein“, erwiderte ich,„aber schließlich ist man doch irgend- wo zu Hause!“ Ein neues Stück von mir, das im Burgtheater vorbereitet wurde, bestimmte psychologisch dieses imaginäre „Zuhause“. Die einzige Entschuldigung für meine alberne Lesebuch- antwort mag sein, daß in jenem Augenblick Millionen Öster- reicher ebenso dachten. Wir glaubten an die Möglichkeit der Aufrechterhaltung der österreichischen Unabhängigkeit und hatten Ursache, an sie zu glauben. Die großen westlichen Demokratien hatten unsere staatliche Selbständigkeit wieder- holt feierlich verbürgt. Hitler selbst hatte auf jedwede„Ein- mischung in die inneren Angelegenheiten Österreichs“ ein für allemal verzichtet und diesen Verzicht durch seine Unterschrift beglaubigt. Mussolini, von der anderen Seite, war auf dem Brenner zu unserem Schutz aufmarschiert und würde dies gegebenen Falles wohl wieder tun. Man wußte, daß er das Land Österreich,„das Gott lieb gehabt‘, wie Wildgans in einem schönen Gedicht versicherte, als Nachbar seiner Ungefährlich- keit wegen vorzog. Warum hätten wir zweifeln sollen? Die Frommen vertrauten auf Gott und die noch Frömmeren auf den„Duce“. Dazu kam die von Schuschnigg nach einer Ver- ständigung mit der Arbeiterpartei beschlossene Volksabstim- mung. Daß diese Abstimmung am 13. März zugunsten der österreichischen Unabhängigkeit ausgefallen wäre, beweist das Einrücken der Nazi am 11. März. Wäre Österreich wirklich nationalsozialistisch gewesen, wie seine Gegner, auch im Aus- land, behaupteten, welches Interesse hätte das Reich gehabt, eine geheime Abstimmung, die dies bestätigt hätte, hintanzu- halten? GASTSPIEL IN DER HULLE 225 ב C Als schließlich geschehen war, was nicht geschehen konnte - was tun? Abwarten schien mir das Vernünftigste und war vielleicht wirklich das Klügste. Ich hatte einen auffallenden Namen, der in Österreich allgemein bekannt war. Auch hatte ich, obwohl kein Politiker, und vielleicht eben darum aus meiner Abneigung gegen den Nationalsozialismus im Inland und Ausland nie ein Hehl gemacht. Vermutlich stand ich längst auf einer Schwarzen Liste. Man hätte mich, hätte ich nach dem 11. März über die österreichische Grenze zu rutschen versucht, höchstwahrscheinlich festgehalten, und was mir dann, angesichts eines offenkundigen Fluchtversuches bevorstand, ließ sich ermessen. Übrigens, wohin wäre ich geflohen. Vermutlich nach Paris, um zwei Jahre später, nach dem Fall Frankreichs und Europas, mich über die Pyrenäen nach Amerika zu retten, vorausgesetzt, daß ich dazu noch imstande gewesen wäre. Diese nachträgliche Lebensrechnung anzustellen, hätte wenig Sinn, bewiese sie nicht etwas, das wichtiger ist als die Unabänderlichkeit eines für die Allgemeinheit unwichtigen Einzelschicksals, nämlich die Tatsache, daß an jenem 11. März 1938 zugleich mit Österreich ganz Europa vor die Hunde ging. Mit dem mitteleuropäischen Kulturzentrum Wien, dessen auch negative Bedeutung man in den letzten zwanzig Jahre europäischer Geschichte strafbar unterschätzt hatte, wurden die aus ihrem Zusammenhang gerissenen ,, Nachfolgestaaten" der vormaligen österreichisch- ungarischen Monarchie einzeln unhaltbar. Die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Ungarn hatten nur noch gezählte Schicksalstage. Und bald genug war das ganze westliche Europa in ein einziges deutsches Konzentrationslager verwandelt, dessen Bewohnerschaft aus Gefangenen und Landsknechten bestand. Ich war nur etwas früher als alle anderen nach Dachau gekommen. Es war ein freudlos einsames Mittagessen, das an jenem 21. März der Besuch der von der Gestapo ausgesandten 15 Verlorene Zeit 226 HITLERS GAST Häscher unterbrach. Sie traten ohne anzuklopfen ein und waren ihrer drei: zwei junge Burschen in funkelnagelneuen Uniformen, offensichtlich neu eingekleidete Österreicher, und ihnen vorangehend ein breitgebauter Mann in mittleren Jahren mit einem Schlächtergesicht, das mich in unverkennbar norddeutscher Tonart anbellte:„, Geheime Deutsche Staatspolizei!" Wobei er die untere Rockklappe mit anmaßlicher Großartigkeit zurückschlug und etwas wie ein aufgenähtes Abzeichen sichtbar wurde. ,, Darf ich um Ihren Namen fragen?" sagte ich aufstehend. Worauf mir die bereits gebrüllte Antwort ward:„ Das dürfen Sie nicht!" Hierauf mit seinem Mörderblick ganz nah an mich herantretend, stellte er die typischen Nazifragen in der typischen Nazitonart, an die ich mich hinfort zu gewöhnen hatte. Die Nazi, wenn sie fragen, fragen nicht, sondern behaupten. Erste Frage: ,, Sie sind Jude!" Antwort: ,, Mein Vater war Arier!" Zweite Frage: ,, Sie sind Freimaurer!" Antwort: ,, Nie gewesen!" Dritte Frage: ,, Sie sind Präsident des Pen- Club!" Antwort: ,, Das war ich vor zwölf Jahren!" Das schien ihm Freude zu machen, und noch näherrückend, schrie er mir triumphierend ins Gesicht:„ Sie sind Schriftsteller!" Auch das konnte ich nicht in Abrede stellen, worauf er, ins Nebenzimmer spazierend, meinen Schreibtisch zu durchsuchen begann. Das Ergebnis lohnte die Mühe nicht, und vielleicht geschah es deshalb, vielleicht aus anderen Gründen, die ich erst in Dachau zu würdigen vermochte, daß er, nach einer Weile verlegen aufstehend und seine Beinkleider zurechtschüttelnd, halb verdrießlich und halb traurig das Verhör mit den Worten beendete:„ ,, Und jetzt müssen Sie mit uns kommen!" Ich tat ihm nicht einmal den Gefallen zu fragen: Warum?, da ich, GASTSPIEL IN DER HULLE 227 gewiß mit Recht, den Eindruck hatte, daß das Ganze ein abgekartetes Spiel und meine Verhaftung eine im voraus beschlossene Sache war. Mit Hut und Mantel, und sonst nichts, verließ ich, hinter meinem Femrichter einhergehend und von seinen beiden Mörderknaben gefolgt, die im vierten Stockwerk gelegene Wohnung, in der meine Frau und ich durch zweiunddreißig Jahre gehaust hatten und in der unsere Tochter herangewachsen war. Unten angelangt, begegnete mein Blick dem unserer Hausbesorgerin, die in einem Kreis neugieriger Weiber aus der Nachbarschaft stehend, mich angsterfüllt anstarrte, als ob ich zum Schafott geführt werden sollte. Hauptsächlich um sie zu beruhigen, sagte ich im Vorbeigehen zu ihr: ,, Sagen Sie, bitte, meiner Frau, daß ich am späten Nachmittag zurück sein werde." Ich kam fünf Monate später zurück, und diese fünf Monate verbrachte ich in Dachau, wohin ich nach einer Woche unschönen Polizeiarrests abgeschoben wurde. Das Reiseziel ward nicht bekanntgegeben, und weder ich, noch meine Arrestkollegen, lauter ,, Politische", hatten auch nur im entferntesten daran gedacht, so zwar, daß, als mich der Gefängniswärter abholte, von allen Seiten Hände sich mir gratulierend entgegenstreckten, weil meine Mitgefangenen glaubten, daß ich auf freien Fuß gesetzt wäre. Aber schon die Tatsache, daß sich unter den mir abgenommenen und jetzt wieder ausgefolgten Gegenständen mein silbernes Taschenmesser nicht mehr befand, mußte mich stutzig machen. Da es als Waffe nicht in Betracht kam, konnte seine Zurückbehaltung nur den Sinn haben, einen Selbstmordversuch zu vereiteln. Diese zarte Rücksicht gab zu denken. ,, So, jetzt geht's auf die Reis", sagte tags darauf der neue Kerkermeister, ein gemütlicher Österreicher, durch die eisenbeschlagene Zellentüre tretend und seine kleine Herde zusammengetriebener Opfer überblickend. Aber wieder blieb das 15* nn 228 HITLERS GAST Ziel der von ihm vermuteten Reise unerwähnt, und auch wir übergingen es mit Schweigen. Nur am Abend vorher, als wir auf unserer Holzpritsche lagen, hatte es einer von uns aus- gesprochen. Es war der Landesführer.. der Österreichischen „Sturmscharen‘“, den ich leise gefragt hatte, was uns seiner An- sicht nach für den nächsten Tag bevorstünde. Er antwortete mit einer Raschheit, die auf eine gründliche Vorbereitung schließen ließ:„Es gibt sechs Möglichkeiten. Die günstigste wäre unsere Ablieferung an das Strafgericht. Die schlimmste ist— Dachau.“ Das deutsche Konzentrationslager ist oft beschrieben worden, sogar von Schriftstellern und Nichtschriftstellern, die es aus eigener Erfahrung kannten. Die meisten unter ihnen schreiben mit Schaum vor dem Mund, aber einer trockenen Feder. Welchen Sinn hat es aber, wenn man von einer Menschen- fresserinsel kommt, den Menschenfressern schriftlich Vorwürfe zu machen, daß sie diesem abscheulichen Laster huldigen und tatsächlich Menschenfresser sind, sich als ein dort Gescheiterter darüber aufzuregen, daß es Menschen gibt, die Menschen fressen. Viel aufschlußreicher wäre es, zu erfahren, wie sie sich dabei anstellen und, wenn die verrufene Insel in Deutschland liegt, wie die Menschenfresserei bei ihnen organisiert ist. Noch weniger kann der Dachauerroman und der Dachauer- Movie-Kitsch der Nachwelt ein wahrheitsgetreues Abbild der Dachauer Wirklichkeit vermitteln. Beide Gattungen sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle fabrikmäßig hergestellte Mystery- und Magazinstories, an denen ein kundiger Verleger seine helle Freude hat, weil sie dem Detektivroman neue, schauerliche Reize abgewinnen. Eine synthetisch hergestellte Papiermachehölle wird da zum Paradies eines Hollywooder Moviestars. Die Heldin ist eine unentrinnbar schöne Ameri- GASTSPIEL IN DER HULLE 229 - - kanerin, die das Herz am rechten Fleck hat, und die, obwohl sie wie der Verfasser des Drehbuchs nie in Europa war, sich im Konzentrationslager auskennt, als ob es ihr Handtäschchen wäre. Sie durchschneidet die Stacheldrahteinfassung des Lagers mit ihrer Nagelschere, bietet den neugierig zusehenden Wachtposten vergiftete Schokolade an, verdingt sich als Nurse im Lagerspital, begeht Selbstmord, nachdem sie den Chefarzt verrückt gemacht hat, wird im plombierten Sarg mit ausgestemmtem Hakenkreuzmuster über die Grenze geschmuggelt, aber da man den Sarg, der verdächtig nach Parfüm riecht, jenseits der Grenze öffnet, springt nicht sie, sondern ein Mann heraus, den sie immer schon geliebt und auf diesem schlauen Umweg aus Dachau befreit hat. Sie selbst kommt erst etwas später angeflogen, in einem amerikanischen Bomber und in Gesellschaft des Dachauer Lagerkommandanten, den sie zur Demokratie bekehrt hat. Das wirkliche Dachau war in erster Linie ein farblos ödes Militärlager; in zweiter eine Strafkolonie, und erst in dritter, im Zusammenhang damit, ein Garten der Qualen. Die Quälerei begann in dem Augenblick, da wir in unserem ,, Grünen Heinrich", wie man in Wien die fensterlosen Gefangenenwagen nennt, in die Nacht hinaustaumelten. Wir waren seitlich beim Westbahnhof vorgefahren, etwas außerhalb des eigentlichen Bahnhofs, wo keine Lichter mehr brannten. Während wir mit Nackenschlägen und Rippenstößen in den bereitgestellten Zug getrieben wurden, sahen wir die Gesichter nicht, die zu den geschwungenen Armen und Fäusten gehörten, so finster war es rundum. Aber die eigentliche ,, Nacht der Nächte", wie ich sie stumm für mich selber taufte, begann erst nach der Abfahrt. Wir saßen in einem niederen, käfigartigen Dritte- Klasse- Wagen eines ausgemusterten Lokalzuges auf zwei quergestellten Holzbänken, je vier von uns auf jeder Seite. Der enge Raum hatte 230 HITLERS GAST www ein einziges Fenster und, diesem gegenüber, eine Türe, die auf den Verbindungsgang hinausführte. In dieser stand ein bis an die Zähne bewaffneter uniformierter Wildling, Gewehr über dem Rücken, Revolver im Gürtel, dessen einzige Aufgabe darin bestand, uns zu malträtieren. Zu diesem Zwecke wurde er jede Stunde abgelöst. Vor Antritt seiner Beschäftigung stärkte er sich jeweils mit einem tüchtigen Schluck Bier. ,, Bier! Bier!" gröhlten durstige Kehlen bei jedem Halt draußen im Verbindungsgang. Ein Beweis mehr, daß es bayrische Soldateska nicht deutsches Militär- auf dem Kriegspfad war, in deren Hände wir gefallen waren. Auch das trauliche ,, Du", mit dem unsere Wächter uns anfuhren, sprach für diese Vermutung. Sie übten sich, während sie auf uns achthatten, ohne Unterlaß in dem, was man im katholischen Bayern, in Erinnerung an die Gegenreformation,„ Katechisieren“ nennt, ein liebliches Frage- und Antwortspiel, das sie mit Schlägen würzten. Es ging etwa so: ,, Wie heißt? Was warst früher? Wieviel hast verdient im Monat? Hast Nationalsozialisten verleumdet dafür?( Ohrfeigen.) Was? Wie?" Und so weiter die ganze Nacht, von Stunde zu Stunde, während ein ausgeruhter Frager den anderen ablöste. Ein einziger unter den sechs oder acht Rohlingen fragte und prügelte nicht. Ein schöner Jüngling mit einem deutschen Träumergesicht und ekstatisch aufgerissenen Augen, stand er, über uns hinwegsehend, in der Tür zum Verbindungsgang wie eine Statue in einer Nische des Bamberger Doms. Das gab es also auch im neuen Deutschland, diese mittelalterlichen Gottesstreiter, die, Schwärmer und Idiot in einem, Hitlers Heilsbotschaft gutgläubig und begeistert in die Welt hinauszutragen entschlossen waren, was immer sich ihnen in den Weg stellte. Was mag aus dem ergriffenen Jüngling geworden sein? Ich kann mir vorstellen, daß er sich in der Zwischenzeit in einen ebenso begeisterten, innerlich erglühten Gegenrevolutionär verwandelt hat. - - - GASTSPIEL IN DER HOLLE 231 Ich selbst wurde nicht geohrfeigt in jener Nacht der Nächte, was gewiß kein persönliches Verdienst ist. Wenn ich gefragt wurde, was ich früher gewesen wäre, antwortete ich regelmäßig: ,, Bühnenschriftsteller", mit welcher Auskunft der junge Mordgeselle nicht viel anzufangen wußte, so daß er sich lieber, auf sicheren Boden tretend, dem Nächsten zuwandte. Erst in Dachau, viele Wochen nachher, fand ein riesenhafter Blockführer, den ich seines Pferdeganges wegen bei mir selbst den ,, Brauhaushengst" nannte, eine bezeichnende Antwort. Er sah mit Interesse zu, wie ich mich barhäuptig im Brand der Mittagssonne vergeblich abmühte, einen mit Steinen überschwerten Schubkarren im Geschwindschritt vor mir herzustoßen, und fragte, da er mich wanken sah, mit tierischer Gelassenheit und drohender Miene, auf mich zuschreitend: ,, Was warst du eigentlich in deinem früheren Leben?" ,, Bühnenschriftsteller", sagte ich atemlos, den Karren niederstellend. Und er darauf, sich mit Ekel wegwendend: ,, So schaust du aus!" Der tut ihnen Unrecht, der die Nazi musisch nennt. In jener Nacht der Nächte, auf der Fahrt nach Dachau, an das wir noch immer nicht recht glauben wollten, wurde auch der Grund zu unserer späteren Erziehung gelegt; denn die Nazi sind große Pädagogen, ein kerndeutsches Element in ihrem Wesen. Ist doch in Deutschland seit jeher selbst der Teufel ein geschulter Oberlehrer. Das erste, was wir, von Not bedrängt, zu lernen hatten, waren gewisse hieratische Formelsprüche, die regelmäßig zur Anwendung kamen, wenn einer auszutreten wünschte. ,, Schutzhaftgefangener Soundso" später kam auch noch ,, Jude" dazu mußte er sagen ,,, bittet gehorsamst, austreten zu dürfen"; und: 1... meldet sich gehorsamst vom Austreten 99... 232 HITLERS GAST zurück." Jede kleine Entgleisung beim Hersagen dieser geheiligten Formel gab erwünschten Anlaß zu Handgreiflichkeiten. Übrigens war auch damit die Marter nicht zu Ende. Denn in der offenen Tür des Waschraums, die offen bleiben mußte, stand ein zweiter Wachtposten, der ebenso kurial angeredet sein wollte. Ferner lernten wir sitzen, was nicht so einfach ist, wie man glauben möchte. Wir durften uns weder anlehnen, noch den uns gegenübersitzenden vier Häftlingen in die Augen blicken, noch auch, und dies war ein anderer Punkt, auf die Uhr sehen, wenn uns, möglicherweise, die Zeit zu langsam verging. Auch mußten wir geradesitzen, in Profilhaltung, die Hände auf den Knien ,,, Finger lang", wie der Posten die eingelernte Lehre weitergab. Kindisch, wird man finden, aber eine Nacht ist lang, besonders wenn man sie starr sitzend verbringt, und es gab auch ein paar Dutzend Greise, Leute über sechzig und sogar über siebzig, unter den ungefähr hundertfünfzig„ Schutzhaftgefangenen", die damals als erste österreichische Probesendung - - später wurden ein paar tausend daraus nach Dachau rollten. Nach Mitternacht trat zudem eine weitere Verschärfung ein. Wir mußten von nun an unbewegt ins Licht starren, was schläfrig macht, aber einzuschlafen war strengstens verboten. Wenn einer einnickte, wurde er sofort durch einen Kolbenstoß des Postens ins Dasein, das er abzulehnen begann, zurückgerufen. Wenn sich dann die Hände des schlaftrunkenen Häftlings halb unbewußt falten wollten, hörte er ein wahres Hohngelächter der Hölle. Sah es nicht aus, als ob der Unglückliche beten, das heißt, eine dem„ Führer" übergeordnete Instanz anrufen hätte wollen, vielleicht gar, um sich bei ihr zu beschweren? Dies war ganz und gar unzulässig. Stand doch bereits über den deutschen Altären, sieghaft erhöht, das Hakenkreuz, und der neue Gott duldete keinen anderen neben sich. Das verbotene Gebet mußte nach innen flüchten, was es auch tat. GASTSPIEL IN DER HULLE 233 Es scheint mir kaum bemerkenswert, daß wir während dieser zwölfstündigen Eisenbahnfahrt, wie auch in den nachfolgenden zwölf Stunden, die mit unserer Übernahme und Einkleidung hingingen, keinen Bissen zu essen bekamen, noch war uns ein Schluck Wasser gegönnt. In Wahrheit merkten wir es kaum, so sehr waren wir mit anderen Dingen beschäftigt. Es war eine fast angenehme Überraschung, als wir nach vierundzwanzigstündigem atemlosen Fasten abends in der Baracke jeder einen Ranken Brot und ein kleines Stück Schafkäse zugeteilt erhielten. Ein Trunk eiskalten Wassers mundete köstlich dazu. Es war Gebirgswasser, das von den in der Ferne blauenden Schneebergen herunterkam und mit einer noch natürlichen Frische durch das auf einer leicht abschüssigen Hochebene gebettete Lager floẞ. Dachau, nicht das Lager, aber das nahegelegene Dorf mit seinem weißen Kirchtürmchen, das aus dem Grün weit weg herüberlugte, war ein alter Malerwinkel, so etwas wie ein deutsches Barbizon, in dem noch um die Jahrhundertwende ein spitzbärtiges, schlapphütiges junges Malergeschlecht sich liederlich herumtrieb. Die Landschaft, die es umgab, war die lieblichste, und es war ein Jammer, daß man sie über die acht Fuß hohe Einfassungsmauer kaum zu sehen bekam. Höchstens die„ Ofensetzer", die auf den Dächern der Baracken bei den Kaminen herumstiegen, konnten das, oder die am ,, Humusberg" karrten, einem kleinen Schuttgebirge im unverbauten Winkel des Lagers. Ich erinnere mich eines frühsommerlichen Junimorgens, an dem ich mich beim Sandschaufeln so stellen konnte, daß ich die malerischen Reize dieser Landschaft genuẞsüchtig zu überblicken vermochte; mit ihren schwarzgrünen Waldstücken und den ährenblonden Feldern dazwischen unter dem traumblauen Himmel weithingedehnt bis zu den verdämmernden Schneegefilden des Alpensaums, sah sie aus wie ein aus dem Rahmen gesprungenes, in die Natur zurückgekehrtes Gemälde des guten deutschen Meisters Thoma. 234 HITLERS GAST Ein Reh trat eben aus dem Kornfeld und äugte mit leicht gehobenem Vorderlauf aus der Ferne zu mir herüber. ,, Schau nur, ein Reh!" wisperte ich meinem karrenschiebenden Kameraden zu. Er schickte einen bösen Blick in die von mir mit dem Kinn gewiesene Richtung und knurrte verdrießlich: ,, A Hund!", den ächzenden Karren weiter bewegend. Aber gleich darauf, als das gewarnte Reh mit langen Sprüngen gegen den Wald zu flüchtete, mußte er widerwillig zugeben, daß es wirklich und wahrhaftig ein junges Reh gewesen war, dessen zierlicher Anblick mich über das feldgraue Dachauer Inferno erhoben hatte. ,, Schwere Arbeit" hatte Hitler in seiner ,, Mein Kampf" überschriebenen Parteibibel für die„, Schutzhaftgefangenen" vorgeschrieben und das war es wahrhaftig, wozu wir uns zehn Stunden täglich oder, wenn einer nicht gut tat, zwölf Stunden täglich unerbittlich verurteilt sahen: Wir, das hieß in meinem Falle, die vorausgesandte kleine Gruppe politischer Dissidenten, will sagen überzeugter Österreicher. Und aus was für Elementen bestand dieser erste Abhub österreichischer Meinungsgegner? Da war zunächst die bessere Hälfte der abgetretenen Schuschnigg- Regierung, Staatsminister und Kabinettsdirektoren; da war der Vizepräsident des Wiener Strafgerichts, das die Dollfuß- Mörder verurteilt hatte; da waren Ärzte, Advokaten, Großindustrielle, Kaufhausbesitzer und Staatsanwälte; da war der Propagandachef Oberst Adam, der als erster unter meinen Augen im Kupee geohrfeigt wurde; da waren ein paar Kabarettleute und Journalisten, Korrespondenten auswärtiger Zeitungen, ein paar Generale, die Führer der Vaterländischen Front und anderer Abwehrorganisationen, soweit sie nicht gleich in der ersten Nacht erschossen worden GASTSPIEL IN DER HOLLE 235 - - - waren; da war der Henker von Wien und zwei Mitglieder der vormaligen Dynastie, die Herzoge von Hohenberg, Söhne des unglücklichen Franz Ferdinand und Großneffen des Kaisers Franz Joseph. Sie wurden im Lager vom ersten Tage an zum Reinigen der Latrinen verwendet. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie durch die Lagergassen von Barackentür zu Barackentür fuhren dreißig Baracken, alles in allem mit hundertundzwanzig Türen und, auf ihrem Jauchewagen uns zu Häupten stehend, den Unrat mit einem philosophischen Lächeln aufpumpten, wobei sie ihre Nasen sehr hoch in die Luft hielten aber nicht aus Hochmut, nur von wegen des Geruchs. Ungefähr war diese ganze gemischte Gesellschaft die nämliche, der ich, den Henker ausgenommen, auf dem letzten Zauberfeste der französischen Gesandtschaft einige Wochen vorher hatte begegnen dürfen. Damals im Frack, trugen wir jetzt alle das gleiche blau- weiß gestreifte Sträflingsgewand und blickten beiseite, wenn wir, hintereinander gereiht, den Futternapf übernahmen. Auf den Arbeitsplätzen, zumal im Anfang, als wir noch nicht mit den reichsdeutschen Kameraden vermischt waren, war dieses Salongedränge abgeschiedener Seelen nicht minder dicht und es ergaben sich Zusammenstöße, die man lachhaft hätte nennen können, hätte man darüber lachen können. Einmal, es war am zweiten oder dritten Tage nach unserer Einschulung, standen wir in einer Art loser Kotillonformation, jeder zwei bis drei Schritte von seinem Mittänzer entfernt, und reichten einander, vor- und zurückspringend, Ziegelstücke, als ob es kostbare Geschenke wären. Mein Vordermann war der ehemalige Bürgermeister von Wien, Schmitz, ein Klerikaler, der auch hier, seiner Neigung entsprechend, etwas zu weit rechts stand. ,, Ein bißchen weiter links, Herr Bürgermeister!" mahnte ich, ihn im Sprung nicht ganz erreichend. Er lächelte trüb, wie man in der Hölle lächeln mag, aber mit verständnisvollem Augenaufschlag; denn genau 236 HITLERS GAST dasselbe, und mit den gleichen Worten, hätte ich ihm unlängst auf der französischen Gesandtschaft zuraunen können. Die zerbrochenen Ziegel, die uns mit eindrücklicher Sinnbildlichkeit unseren eigenen Zustand vor Augen führten, gehören auch sonst zu meinen angenehmeren Dachauer Erinnerungen. Eine Zeitlang, ich glaube, es war meine beste Zeit, war ich in der von mir so benannten Ziegelschmiede beschäftigt. Da wurden alte Ziegelbrocken mit Zuhilfenahme einer alten Eisenklammer von den ihnen von ihrer früheren Verwendung anhaftenden Mörtelresten befreit und durch eine Behandlung, in der man mit der Zeit einige Übung erlangte, wieder brauchbar gemacht. Es war keine schwere Arbeit, man stand zu dritt oder zu viert um einen als Unterlage dienenden Ziegelstapel herum und konnte, zu den feineren Tischen zugelassen, die etwas Kathederhaftes hatten, kluge Gespräche führen und sich in mannigfacher Richtung belehren lassen, über die Hegelsche Trias etwa oder über die jüngsten religionsgeschichtlichen Funde und ihre Ausdeutung für die Evangelien, worüber ein für gewöhnlich in Oxford angestellter Wiener Gelehrter fachmännische Auskunft gab. Solche akademische Unterhaltungen waren natürlich strengstens verpönt, ließen sich aber in dem wüsten Schutthaufen von Menschen und Ziegeln und dem mühlenartigen Geklapper der Handeisen nicht immer hintanhalten. Auch war der junge Aufseher kein Spaßverderber. Durch einen kreisrunden schwarzen Fleck auf seiner immer reingewaschenen Bluse als Homosexueller gekennzeichnet wir ,, Politische" waren mit einem roten Fleck gemerkt, war er auch sonst ,, sophisticated" und ein großer Freund des klassischen Zitats. Einmal, an unserem Ziegelherd stehen bleibend, sagte er zu meinem schabenden Nachbarn über - GASTSPIEL IN’DER HOLLE 237 meinen Kopf hinweg mit einem leichten Bildungsseufzer:„Wer über. gewissen Dingen den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren— wie Maria Stuart sagt!“„Nein“, warf ich, an meinem Brocken kratzend, bescheiden ein:„Nicht Maria Stuart, sondern Lessings Gräfin Orsina.“ Es stellte sich heraus, daß ich recht hatte, und seither hatte ich bei dem jungen Mann einen Stein im Brett, was für mich um so ersprießlicher war, als ich eigentlich in ein anderes, härteres Arbeitskommando gehörte und mich in den Orden der Ziegelschmiede nur so hineingeschwindelt hatte. Ich durfte von nun ab wochenlang von früh bis abends Ziegel klopfen, dank meiner guten Burg- theater-Erziehung, die mich mit den klassischen Zitaten ver- traut gemacht hatte. Bei alledem und trotz dem mitgebrachten Restchen guten Humors war es aber doch eine Hölle, was mit Erschrecken zu merken ich gleich am zweiten Tage Gelegenheit hatte. Es war ein Sonntag und wir standen vor der Spitalsbaracke, dem so- genannten„Revier“, der Überprüfung unseres Gesundheits- zustandes durch den Arzt gewärtig, als ein schwerbeladener Wagen durch die enge Lagergasse heranschwankte, Aber was für ein Wagen war das! Er wurde nicht von Pferden gezogen und noch weniger von einem Motor getrieben, sondern wie zur Pharaonenzeit von einem Sklavenhaufen weiterbewegt. Die Arbeitssklaven, die ihn von allen Seiten vornübergeneigt um- schwärmten, gingen teils wie gutabgerichtete Zugtiere vorn an der Deichsel, teils schoben sie seitlich an eigens hiezu an- gebrachten Stangen mit der Brust, teils von hinten mit vor- gespreizten nackten Armen, und das Schreckliche war, daß sie alle unsere eigene, gestreifte Sträflingstracht trugen, also offen- bar unsere Kameraden waren und wir die ihren.„Seit wann bist du da?“ fragte mich einer der seitlich Vorüberstampfen- 238 HITLERS GAST den, während wir uns längs der Barackenwand verkrümelten. ,, Seit gestern", erwiderte ich, und, um an Höflichkeit nicht hinter ihm zurückzubleiben: ,, Und du? Wie lange bist du hier?" ,, Seit drei Jahren", schnaubte er abgewandten Blickes, damit es der den Wagen umkreisende ,, Capo" nicht merke. Dann aber, nach ein paar Schritten, wandte er sich noch einmal zurück, mit einem totenschädligen Grinsen sich an meiner Verlegenheit weidend. Nach geraumer Wartezeit ins Innere der Spitalsbaracke eingelassen, durften wir dort in einer Art Vorraum des anschließenden Ärztezimmers und Operationswinkels, dessen nähere Bekanntschaft ich bald genug machen sollte, weiter warten. Eine gespenstisch buntscheckige Schar maroder Gefangener, glotzäugig mit entmenschten Gesichtern, quirlte da durcheinander. Sie gehörten ausnahmslos den bereits älteren Jahrgängen an, was man daran merkte, daß sie nicht wie wir die grau- blau gestreifte Sträflingsuniform trugen, sondern ihre Blöße, oft nur teilweise, in abgerissenen bunten Flicken verhüllten, die ihnen etwas Harlekinhaftes verliehen. Viele waren verstümmelt und verbunden oder sie hatten, eine Folge des Sonnenbrandes, ekle Blasen auf den geschorenen Köpfen, die, mit Jod bestrichen, später in allen Farben des Regenbogens anliefen. Es ließ sich ermessen, daß auch wir bald genug solche Köpfe und verschwollene Gesichter haben würden. ,, Tat- twamasi" ,, Das bist du!" sagt der Buddhist. Es war etwas beklemmend, in diesen Spiegel der eigenen Zukunft zu blicken. Der Arzt erschien und durchquerte im Schnellschritt die aufgeschreckte Sträflingsschar, die in ihren Lumpen Habt Acht stand. Es war ein netter, junger Mann ohne besondere Schreckhaftigkeit, nur mußte man, wenn man antrat, ihm den eigenen Namen laut ins Gesicht schreien, wie uns die Sanitäter belehrten, sonst, sagten sie,„, flog man gleich wieder heraus." Ich brüllte, so gut ich konnte, und mit Erfolg; er nahm mich - GASTSPIEL IN DER HOLLE 239 freundlich vor und stellte sogar während der Untersuchung ein paar Fragen, wie dies Ärzte tun, um den Patienten nicht aufzuregen, was hier freilich kaum zu vermeiden war. Als ich erwähnte, daß mein Herzdefekt bei allen militärischen Musterungen anerkannt worden wäre, sagte er entgegenkommend: ,, Wird auch hier anerkannt." Meine daran anknüpfende Bitte jedoch, mich von ganz schwerer Arbeit zu befreien, wurde mit halbem Lächeln achselzuckend abgelehnt: ,, Dachau ist kein Sanatorium!" Er legte das Stethoskop weg und im gleichen Augenblick wurde ich gewahr, daß der nette, junge Mann unter seinem auseinanderflatternden weißen Ärztekittel Kanonenstiefel trug und einen Revolver im Gürtel seiner schwarzen SS- Uniform. Derselbe junge Arzt operierte mich drei Wochen später in demselben Fensterwinkel seines Ambulatoriums. Infolge von Kreislaufstörungen, wie er amtlich feststellte, hatten sich so schwere Wassersuchtsymptome herausgebildet, daß ich nur darauf aufmerksam zu machen brauchte, um sofort in den Krankenstand übernommen zu werden. Nach achttägiger Bettruhe in der Baracke machte eine sich entwickelnde Beinhautentzündung an beiden Extremitäten einen chirurgischen Eingriff notwendig. Der Zusammenhang mit dem mir verweigerten Schonungsschein lag auf der Hand und nur die völlige Gleichgültigkeit eines Dachauer Sträflings gegen das eigene Ableben konnte mich davon abhalten, auf ihn aufmerksam zu machen. Übrigens hätte eine derartige Beschwerde, wenn überhaupt zulässig, auf den schneidelustigen Doktor, der an meinem bewußtlos gemachten Leichnam sich im Operieren üben wollte, schwerlich Eindruck gemacht und höchstens meine nachherige Bestrafung zur Folge gehabt. Die Operation selbst mit allem, was sie zur Folge hatte, gehört wiederum zu meinen angenehmeren Dachauer Erinnerungen. Schon das Bewußtsein zu verlieren, war ein Vergnügen 240 HITLERS GAST - gewesen, und es wieder zu erlangen, war merkwürdigerweise auch eines. Ich lag, nicht mehr im Sträflingsgewand, unter einer blau- weiß gewürfelten Decke in einem richtigen Bett, ohne ein zweites Bett über mir zu haben und mit nur zwei Dutzend anderen Betten im gleichen Raume. Niemand lärmte, niemand schrie, alle meine Nachbarn lagen still auf dem Rücken und atmeten leise und aufmerksam, nur einer stöhnte, dem man, wie man mir nachher erzählte, beide Beine amputiert hatte. Auch mein Lagerfreund, der Vizepräsident des Wiener Strafgerichts, war operiert worden, an einer Phlegmone, der eigentlichen Lagerkrankheit, die aus einer Verunreinigung kleinerer Wunden, zumal an den Händen eine natürliche Folge der ungewohnt schweren Arbeit nur allzu leicht entstand. Der Eingriff war bei ihm viel schwerer gewesen und er lag noch lange in voller Bewußtlosigkeit, während ich bereits den Kopf rühren konnte und den aus der Küche herüberdringenden belebenden Essensgeruch nicht ungern einsog. Ich empfand nicht den geringsten Widerwillen, ins Dasein zurückzukehren, wenngleich ich mich der Erwägung nicht verschließen konnte, daß es vielleicht noch reizvoller gewesen wäre, die Bewußtlosigkeit ins Unendliche fortzusetzen. Was ich durchgemacht hatte, war wie eine Generalprobe des Sterbens gewesen und ich wußte die Erfahrung ein für allemal zu schätzen. Wenn man etwas in einem deutschen Konzentrationslager lernen konnte, so war es, den Tod zu verachten. Ich bin dann während meines fünfmonatigen Aufenthaltes in Dachau noch einmal gestorben, und das war noch vergnüglicher. Die Nebenumstände meines Ablebens, die ich in Amerika als lecturer wiederholt zum besten gab, scheinen mir noch in der Erinnerung erheiternd. An einem Samstagnachmittag in der Baracke eben mit Fensterputzen beschäftigt, einer Art Erholungsarbeit, die den arbeitsfreien Stunden am Wochenende vorbehalten blieb, hörte GASTSPIEL IN DER HOLLE 241 ich in der Lagergasse meinen Namen brüllen. Ich lief zur Türe, wo ein junger Blockführer, einen Fuß auf dem Randstein, den anderen auf dem Pedal seines Zweirads, pantomimisch mir bedeutete, ihm zu folgen. Er wendete, das zweite Bein nachziehend, um, setzte seine Maschine in Gang und ich folgte dem vor mir Radelnden im Laufschritt. Dies war die gewöhnliche Art, wie man in die Lagerkanzlei befohlen wurde, und im Laufen mochte man darüber nachdenken, was einem dort bevorstand. Nicht alle, die so abgeholt wurden, kehrten in die Baracke zurück. Ihr Eßgeschirr wurde später abgeholt und man hörte nichts weiter von ihnen. In meinem Fall war es nicht halb so schlimm. Ich wurde, in der Verwaltungsbaracke angelangt, in einen zellenartigen Raum mehr gestoßen als geschoben, in dem ein riesiger junger Blockführer hinter einem Tischchen mit aufgesetzter Schreibmaschine stand und mit drohendem Gesichtsausdruck auf mich wartete. Ohne die mir vorgeschriebene militärische Ehrenbezeugung zu erwidern, was nie geschah, fuhr er mich gleich im Eintreten mit den Worten an: ,, Pariser Zeitungen melden Ihren Tod!" Er schaute mich mit heraustretenden Augäpfeln anklagend an. ,, Dies scheint ja den Tatsachen nicht zu entsprechen", bemerkte ich zu meiner Entschuldigung. Die Nazi haben nicht nur keinen Humor, sie fühlen sich verpflichtet, keinen Humor zu haben, dies aus guten Gründen, da Humor und Autorität einander ausschließen. Der autoritäre Bengel in der kakhifarbenen Naziuniform brüllte daher, ohne von meiner Replik Kenntnis zu nehmen, nur um so aufgebrachter: ,, Und zwar sollen Sie infolge von Mißhandlungen im Lager gestorben sein! Sind Sie hier je mißhandelt worden?" donnerte er, sein Gesicht ganz nah an das meine heranschiebend. ,, Ich? Nie!" versicherte ich treuherzig im Brustton der Überzeugung, obwohl noch atemlos vom Nachlaufen. 16 Verlorene Zeit 242 HITLERS GAST Das schien ihn etwas zu beschwichtigen, er begann mit seinen Riesenfäusten die Schreibmaschine zu bearbeiten und sagte dazwischen, zwei Buchstaben mühsam zusammenklaubend: ,, Das werden Sie mit Ihrer Unterschrift bestätigen!" ,, Mit Vergnügen", sagte ich wohlerzogen, ins Dasein zurückkehrend. Nachdem ich mit Lust beglaubigt hatte, daß die Nachricht von meinem Tode eine„ unverschämte Lüge" sei, wurde mir aufgetragen, zwei Berichtigungsbriefe an zwei von mir anzugebende Pariser Adressen auszufertigen. Das war mir um so willkommener, als die Abfassung dieser Briefe mit beträchtlichen Schwierigkeiten verbunden war. Ich mußte der Kommandantur die Namen und Adressen meiner Pariser Freunde unterbreiten und mein Vorschlag mußte genehmigt werden. Sodann mußte ich mir Schreibpapier verschaffen, was auch keine leichte Sache war und nur durch Vermittlung des hinkenden Blockführers geschehen konnte, der, halb in Stücke geschlagen, wie er augenscheinlich war, sich jeder Inanspruchnahme mit der im Reich üblichen indezenten Redewendung widersetzte. Auch Tinte und Feder mußte ich mir erst erbitten. Sie wurden von unserem Stubenkorporal unter Verschluß gehalten und nur zweimal im Monat, wenn„ Posttag" war, für wenige Stunden freigegeben. Eine besondere Schwierigkeit machte die Beschaffung der für Briefe ins Ausland erforderlichen Marken, die ich natürlich aus eigener Tasche bezahlen mußte, aber nur durch die widerwillige Vermittlung des Blockschreibers einhandeln konnte. So vergingen zehn Tage, die ich ohne Ungeduld hinschwinden sah, denn aus dem Benehmen des jungen Wüterichs in der Lagerkanzlei, der ja nur die von seiner vorgesetzten Behörde ausgegebene Entrüstung pflichtgemäß weiterschäumte, war deutlich hervorgegangen, daß mein vorzeitiges Ableben im Scheinwerferlicht einer internationalen Publizistik derzeit unerwünscht war. Goebbels hatte mit dem GASTSPIEL IN DER HULLE 243 Fall Ossiezky, mit dem ich mich freilich nicht vergleichen konnte, gerade genug zu tun und wünschte keine Überlastung seiner Lügenfabrik. Anderseits aber konnte mein Ableben in halbwegs glaubwürdiger Form nur durch mich selbst berichtigt werden, zu welchem Zweck man meine Unterschrift benötigte. Um sie zu leisten, mußte meine Hand, mein Arm und somit auch ich selbst unbeschädigt am Leben erhalten werden. Mit neubelebtem Selbstbewußtsein ging ich im Lager umher wie der in Drachenblut getauchte Siegfried. Was übrigens möglicherweise sogar der Absicht meiner Pariser Freunde entsprach; sie hatten mich sterben lassen, um mein Leben etwas zu verlängern. Ich glaubte, sie, wenn ich nachts auf meinem Strohsack wach lag, im Finstern zu mir herüberlächeln zu sehen. Es war ein Pariser Lächeln. Überflüssig zu bemerken, daß die von mir abgefertigten Berichtigungsbriefe nie ankamen, wovon ich mich fünf Monate später, auf der Reise nach Amerika, in Paris persönlich überzeugen konnte. Der schäumende junge Blockführer hatte den Briefmarkenbetrag offenbar in eine schäumende Maß Bier verwandelt. " Darüber, daß Dachau ein lebensgefährlicher Aufenthalt war, konnte kein Zweifel bestehen. Die vom, Führer" in seiner Parteibibel vorgesehene ,, schwere Arbeit" war tatsächlich in vielen Fällen nur ein bedingtes Todesurteil, dessen Vollstreckung völlig vom Belieben vertierter Blockführer abhing. Allein das sogenannte„, Temposchaufeln" unter Aufsicht eines ,, Capo" so hießen die mit dem Rang eines Aufsehers bekleideten älteren Gefangenen, die uns zur Arbeit anzutreiben hatten konnte, wenn stundenlang ohne Unterbrechung durchgeführt, die stärksten Herzen zugrunde richten, von den schwachen und alten nicht zu reden. Das ,, An- der- LoriLaufen", die im Laufschritt erfolgende Verschiebung schwerer Lasten auf improvisierten Feldbahnen endete bei den ungeüb- - 16% 244 HITLERS GAST ten Neulingen erfahrungsgemäß mit Unfällen; man konnte von Glück sagen, wenn man mit einer gebrochenen Hand, einem zerschlagenen Bein davonkam. Die Phlegmone endete häufig mit Blutvergiftung und Amputation brandig gewordener Gliedmaßen. Man begegnete auf Schritt und Tritt Einarmigen und Einhändern im Lager, die dann, weil sie verstümmelt waren, überhaupt nicht mehr entlassen wurden. Die Faustschläge in den Rücken, mit denen die Blockführer die Säumigen bei der Arbeit antrieben, hatten häufig Nierenblutungen zur Folge, der Mangel an Mänteln bei dem rauhen Klima Lungenentzündungen, Seuchen und Epidemien vervollständigten die lange Liste der ,, Füße voran", wie die Blockleiter gerne sagten, aus dem Lager Ausscheidenden. Mit dem gleichen erquicklichen Humor sagten sie, wenn man sie beim Karrenschieben um einen Strick ansprach: ,, Ja, einen Strick kannst immer haben." Der Selbstmord stand auf der Tagesordnung und gleich an einem der ersten Morgen wurden wir mit der Mitteilung geweckt, daß wir den Waschraum nicht benützen könnten ,,, was uns ja nur recht sein werde". Der Grund war, daß am Wasserleitungsrohr ,, einer hing", wie von den erweckten Kameraden einer dem anderen zuflüsterte. Der eine, der hing, war der Gouverneur der Österreichischen Postsparkasse, Hecht, der mit uns zugleich nach Dachau verfrachtet worden war. Auf Grund fachmännischer Schätzung und im Jahresdurchschnitt genommen, betrug damals die Mortalität in unserer Hölle zehn Prozent, einer von zehn also, das war mehr als der Sterblichkeitskoeffizient der Frontkämpfer im Kriege; die Feuerlinie war ein im Vergleich ungefährlicher Aufenthalt. Auch galt dies nur für Dachau, dessen hygienische Einrichtungen es zu einer Art Musterhölle machten. In dem Buchenwalde etwa, einem anderen berüchtigten Lager des lagerreichen Reiches, das mir persönlich erspart blieb, war es um vieles schlimmer. Dort lagen zur Zeit des großen Judenwasserarmen GASTSPIEL IN DER HÜLLE 245 pogroms im November 1938 zweihundert Gefangene in einem Schlafraum in fünf Schichten übereinander. In Dachau waren wir nur sechzig bis siebzig in unserer Schlafstube von gleicher Größe beisammen, und die Betten waren bloß zweistöckig, wie richtige Zuchthausbetten. = Im Untergeschoß eines solchen Sträflingsbettes durfte ich nach dem verhältnismäßigen Erholungsaufenthalt im Spital nun auch tagsüber liegen, da der Arzt großmütig„Bettruhe“ verordnet hatte. Diese Nachkur hatte ihre gute, aber auch ihre weniger angenehme Seite. Der Vorteil war, daß man von der schweren Arbeit befreit war; der Nachteil, daß man in dem leeren Schlafraum beschäftigungslos von früh bis abends hin- dösen mußte. Nicht einmal sich im Bett aufzusetzen war rätlich, da man von einem der das Lager tagsüber visitierenden Wacht- posten gesehen und eine solche Eigenmächtigkeit, seinen Krankenstand zu wechseln, durch sofortigen Entzug der Bett- ruhe gestraft werden konnte. Schreiben war nur an zwei Tagen im Monat gestattet, wenn man einen Brief— immer an die gleiche Adresse— zu schreiben hatte. Zeitungen gab es kaum, Bücher nur in der Lagerbibliothek, wo man sie persönlich in Empfang nehmen mußte, was dem mit Bettruhe Behafteten nicht möglich war. Was tun? Schließlich fand der Stuben- aufseher, ein rangälterer, obzwar noch ganz junger Mitgefan- gener, den wir mit einiger Übertreibung als„Korporal“ an- sprachen, einen naheliegenden Ausweg. Er holte die Bücher für sich und gab sie mir— zum Betasten, denn lesen im Bett war tagsüber nicht erlaubt und bei Nacht nicht möglich. Trotz- dem ließ ich mir den Vorteil, daß die Buchdruckerkunst im 14. Jahrhundert von einem Deutschen erfunden worden war, im deutschen Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts nicht ganz entgehen, ja, ich machte in der Folge sogar kühnen I) Kl) N I) 246 HITLERS GAST " Gebrauch von ihr und dies auf die einfachste Weise. Ich stand mit meinen verbundenen Füßen vom Bette auf und legte mich unters Bett, was nicht schlechthin verboten und in jedem Fall schwerer kontrollierbar war. Es war eine auf die Dauer etwas ermüdende Stellung und auch eine im Grunde ermüdende Literatur, die ich mir auf Umwegen aus der Lagerbücherei hatte verschaffen können: Treitschkes Geschichte der deutschen Befreiungskriege", Gustav Freytags ,, Bilder aus der deutschen Vergangenheit“ und Grimmelshausens deutscher Abenteurerroman ,, Simplicissimus". Dessenungeachtet muß ich die unterm Bett vertrödelte Zeit nicht als eine gänzlich verlorene oder verjubelte betrachten, da ich, bevor diese vergilbte vaterländische Literatur in die Bibliothek zurückwanderte, aus jedem der drei Bücher etwas hatte lernen können. Was ich aus dem Werke des tapfer stramm stehenden und der deutschen Größe und Unvergleichlichkeit unablässig salutierenden Treitschke lernte, war, daß der nationale Hintergedanke schon des deutschen Freiheitskrieges nicht so sehr die eigene Freiheit als vielmehr, selbst um den Preis dieser, die Versklavung der anderen europäischen Völker im Sinne des preußischen Machtwillens gewesen war. Und was, fragte ich mich selbst, mich unterm Bett aufstützend und dabei mit dem Kopf oben anstoßend: Was hätten diese anderen europäischen Völkerschaften dabei gewinnen können? Bestenfalls einen deutschen Liberalismus im Sinne des vergleichsweise braven Gustav Freytag, der in seiner deutschen Vergangenheitsmalerei vom deutschen Märchen abschließend und zusammenfassend äußert, das deutsche Märchen ende regelmäßig damit, daß der Held in einer wohlverschlossenen, innen mit Eisenspitzen ausgepolsterten Tonne einen Berg herabgerollt werde, was durchaus der Gemütsart der Eisernen Jungfrau im Nürnberger Museum und des Nationalsozialismus entspricht. Auf ihn nimmt, unterm Bett gelesen, auch des urwüchsigen Grimmels GASTSPIEL IN DER HOLLE 247 hausen ,, Simplicissimus" vielfach lehrreichen Bezug. Seine Lektüre berichtigt mittelbar eine Ansicht, die wieder andere strammstehende deutsche Historiker, im dritten und vierten Jahrzehnt dieses unseres Jahrhunderts, der Mitwelt zu vermitteln trachteten, daß nämlich die sogenannte Ideologie des Nazismus eine originelle neudeutsche Erfindung wäre. Kein Wort wahr. Der ganze Nationalsozialismus ist auch dort, wo ihm nicht der italienische Faschismus als Vorbild diente, nichts anderes als ein Abklatsch und eine ganz unschöpferische Nachahmung uralter deutscher Roheit. Vor fünfhundert Jahren hieß man ihn das ,, Faustrecht", gegen das bekanntlich Kaiser und Päpste vergeblich ankämpften, und vor dreihundert Jahren war es die Sittenverwilderung im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges, dessen Vokabular der Grausamkeit der Nationalsozialismus bloß schülerhaft abwandelt. Der ,, Führer", wenn man ihm auf die Finger schaut, war nichts anderes als ein entfernter Nachläufer, und das Muster der Bestialität, die er erfunden zu haben behauptete, war durchaus kein von ihm entworfenes, sondern nur eine altdeutsche ,, Patrone", deren sich die Zimmermaler bedienen, wenn es eine Stubenwand oder Kerkerzelle - auszupinseln gilt. Dies paẞte vortrefflich zu einem Zeitalter, in dessen Büchern der ,, Fant" durch den ,, Tann" ritt, die goldblond bezopften Maiden am Bachesrand Kränzlein wanden, das Waldvöglein unablässig zwitscherte und der deutsche Kleinbürger, nachdem er seinen geliebten Scheffel im altdeutschen Spind versorgt hatte, papierene Butzenscheiben ans Fenster der ,, guten Stube" leimte, um sich und den Seinen einreden zu können, daß sie in einer Kathedrale hausten. In Österreich war es das Zeitalter der ,, deutschen Orientierung" gewesen, und wohin diese uns geführt hatte, konnte ich nun in Dachau, unter dem gußeisernen Feldbett liegend, ausführlich bedenken. Auch die kleineren und größeren Quälereien und Martern 248 HITLERS GAST stehen alle schon im Buch des guten alten Grimmelshausen: das Froschhüpfen, das An-den-Baum-Hängen, das.Eine-Treppe- rückwärts-hinaufkriechen-müssen, ebenso wie der von vertierten Schergen freundlich erteilte Ratschlag, seinen Durst aus den Blaseninhalten der anderen Gefangenen zu stillen. Und wenn eine von den Nazi aufgezüchtete deutsche Soldateska in Polen, Rußland, Griechenland, Jugoslawien und wo immer die Bauern- weiber auf dem Rücken ihrer erschlagenen Männer vergewal- tigte, so war auch dies nur ein Landsknechtzitat aus dem „Simplizissimus“.: Zweierlei wurde:mir jedenfalls klar im Verlauf meiner Dachauer Unterm-Bett-Lektüre. Das Nazitum war tatsächlich ein organischer Teil des deutschen Volkskörpers, wenn auch nicht sein edelster. Ich möchte..es definieren als die Empörung des deutschen Gesäßes gegen das deutsche Gesicht. Das andere war der sogenannte Schmachfriede von Versailles. Clemenceau war tatsächlich zu hart gewesen gegen das„Reich“ — bis 1933. Erst mit Hitlers Heraufkunft stellte sich leider heraus, daß er zu mild gewesen war. * Im Lager wurde nur der„Völkische Beobachter“ gelesen, aus dessen entstellten Berichten wir„Intelligenzbestien“ immerhin die Wahrheit in Spiegelschrift herauslesen konnten. Hin und wieder verirrte sich auch eine Nummer des„Schwarzen Korps“ in die Baracke, an dessen Anpöbelungen die uniformierten Zuchtmeister einmal in der Woche ihren sadistischen Mut er- frischten. Dort angegriffen zu werden war darum besonders peinlich, da ein mit der Karikatur des Opfers geschmückter Artikel in diesem Leibblatt Goebbels sich auf den Arbeits- plätzen regelmäßig in Mißhandlung umsetzte. Es war daher eine mehr. als unliebsame Überraschung für mich, als an einem GASTSPIEL IN DER HÜLLE 249 heißen Julitag die nach frischer Druckerschwärze stinkende Wochenausgabe der Henkerszeitschrift meine Karikatur und einen gepfefferten Artikel über mich brachte, in dem ich, mit gebotener Bündigkeit, als ein„geistreiches Gesinnungsschwein“ gekennzeichnet wurde. Warum Gesinnungsschwein? Sehr einfach: weil ich die natio- nalsozialistische sogenannte Gesinnung unmißverständlich ab- gelehnt hatte. Ich bin mein Lebtag allen Ordensverleihungen in weitem Bogen aus dem Weg gegangen. Aber diesen mir von Goebbels verliehenen Orden wünsche ich bis an mein Lebensende und noch etwas länger zu behalten. DER HOLLE ZWEITER TEIL In Amerika, kurz nach meiner Ankunft in New York, wurde eben vorgestellt worden war, gefragt, ob ich in Dachau auch geschlagen worden wäre. Ich erwiderte etwas ungeduldig, dies wäre kein Tischgespräch, was die Dame als eine Unfreundlichkeit aufzufassen schien. Ich hatte natürlich unrecht. Es ist ein Tischgespräch. Es sollte eines werden. Ja, ich bin einmal geschlagen worden. Da es aber nur ein einziger armseliger Fausthieb ins Gesicht war, der noch dazu einem anderen zugedacht war, weiß ich nicht, ob ich mich dessen berühmen darf. Die Geschichte dieses Faustschlags, unbedeutend wie sie erscheinen mag, gemessen an Dachauer Hintergründen und Erfahrungen, ist erwähnenswert schon wegen der Örtlichkeit, woselbst sie sich ereignete. Es war der zur Arzneiausgabe bestimmte Raum des ,, Reviers", eine Lokalität, die nicht ausersehen zu sein scheint für derartige kämpferische Handlungen gegen den siechen Nebenmenschen. Ich war jetzt nach mehrwöchiger, nicht ungenerös bemessener ., Bettruhe" so weit hergestellt, daß ich wieder arbeiten DER HULLE ZWEITER TEIL 251 durfte und mußte, zehn Stunden täglich, ohne eine andere Unterbrechung als eine kurze Mittagspause. Auch war die atemlos gehetzte Zwangsarbeit bei zunehmender Sommerhitze um nichts erträglicher und bekömmlicher geworden. Aber ein Gutes hatte meine nähere Bekanntschaft mit dem Revier doch zur Folge gehabt. Es war mir erlaubt, hie und da, ja sogar zweimal in der Woche, ein mir vom Arzt verschriebenes Herzmittel dort persönlich in Empfang zu nehmen, wobei das Mittel weniger herzstärkend wirkte als der Zeitverlust. Man durfte bei solchem Anlaß die hitzige Arbeit schon um vier Uhr unterbrechen und zum Revier hinüberlaufen. Und bei halbwegs geschickter Trödelei verging dann der Rest des Nachmittags mit der Übernahme des Medikaments, so daß man die nach sechs Uhr einrückenden Kameraden an der Schwelle der Baracke begrüßen konnte. - - Wir waren regelmäßig hundert bis zweihundert Gefangene, die diese humane Begünstigung genossen und im Sonnenbrand barhäuptig dies die unhumane Vorschrift an der Pforte des Spitals stundenlang Schlange stehen durften, scharf bewacht, versteht sich, von den diensthabenden SS- Leuten. Die meisten meiner Kameraden fanden sich ein, um ihre Verbände wechseln zu lassen, oder sie hatten Blasen auf dem Kopf, die schmerzhaft mit Jod bepinselt wurden. Das war regelmäßig bei den Neuangekommen der Fall, die oft so verschwollene Augen hatten, daß sie sie vorübergehend nicht auftun konnten nicht immer und ausschließlich infolge des Sonnenbrandes. Andere hatten, wie ich, eine Arznei abzuholen, zu welchem Zwecke wir unser eigenes Mundwasserglas aus der Baracke mitzubringen hatten. Hiebei ließ sich, beschäftigungslos, einige Zeit vertrödeln. Wenn es dann soweit war, hielt man dem Sanitätsgehilfen das leere Glas hin und bat unter Nennung seines Namens, der gebrüllt werden mußte, um Ausfolgung der Tropfen, welche Bitte gewöhnlich mit dem Götz- von- Berlichin- dies 252 HITLERS GAST gen- Zitat erwidert wurde. Dann wurden die Tropfen ohne Tropfenzähler zugemessen und hatte man sie, mußte man, um dem hinter einem Wartenden Platz zu machen, schleunigst ,, abfahren“, das heißt, man durfte den nach Zahnpulver riechenden Kelch erst in der Baracke leeren. Alles, auch das Kleinste, war nach eisernen Gesetzen streng geregelt in Dachau. Auch die Aufstellung der Sträflinge vor der Spitalsbaracke, das Arzneiglas in der Hand oder den Verband überm Arm, verriet die unerbittliche Ordnungsliebe der Lagerverwaltung. Wir waren in drei Treffen gegliedert. Zuerst kam die blaugrau gestreifte Schar der arischen Gefangenen, die auch auf den Arbeitsplätzen immer vor den anderen aus einer von Mund zu Mund gehenden Gießkanne mit Wasser gelabt wurden. Dann folgten die Zigeuner, die meistens zur Entlausung befohlen waren, und erst nach diesen die Juden. Sie erhielten, im letzten Treffen stehend, ihre Heilmittel erst, wenn die ihnen im Rang übergeordneten Zigeuner mit Laussalbe eingerieben waren. An jenem Julinachmittag nun, an dem ich meinen Dachauer Ritterschlag empfing, hatte sich bereits ein rundes Hundert mehr oder weniger munterer Spitalsbrüder zusammengefunden, als ich mich, etwas verspätet, anreihte. Und erst nach einer Weile bemerkte ich meinen ungefähr gleichaltrigen Kameraden und Schlafraumgenossen, einen hohen Richter, dessen Namen ich hier seiner Verwandten wegen nicht nennen will. Er stand ein paar Reihen vor mir, und es fiel mir auf, wie schlecht er aussah. Hohläugig, mit dem bartlosen, totenschädligen Gesicht und dem Tropfenglas in der Knochenfaust, glich er wahrhaftig dem Tod, wie ihn die mittelalterlichen deutschen Meister darzustellen liebten, grinsend zum Tanz antretend, das Stundenglas in der Hand. Tat twam asi" das bist du! konnte ich zum andernmal sagen, was um so zutreffender war, als Kameraden " DER HULLE ZWEITER TEIL 253 behaupteten, daß wir einander ähnlich sähen. Was augenscheinlich auch der Fall war, obwohl es sich mehr um eine Ähnlichkeit der Gesamterscheinung als der Gesichtszüge gehandelt haben dürfte. Aber im Lager, wo jeder im Typus aufgeht, genügte dies. Kaum hatten mein Kamerad und ich einander zugenickt, vielsagend, nichtssagend, wie man in der Hölle nickt, sah ich ihn in der Türe des Reviers verschwinden. Und gleich darauf stürzte er an mir vorbei, um, das halbgefüllte Gläschen vor sich hertragend, den Rückweg zu unserer Baracke einzuschlagen. Wenige Minuten später kam ich an die Reihe. Ich sagte mein Sprüchlein her, und der Spitalsgehilfe, ein junger Lümmel, der, obwohl Schutzhaftgefangener wie wir, sich die Naziallüren bereits völlig zu eigen gemacht hatte, wollte mir eben die erbetenen fünfzehn Tropfen Sympathol ausfolgen, als er sich plötzlich unterbrach und mir mit den Worten: ,, Du warst ja schon einmal da!" die Faust ins Gesicht hieb. Gleichzeitig löste sich einer der weiter vorne beschäftigten jungen Ärzte von seinem beim Fenster untersuchten Patienten los und stürzte mit auseinanderflatterndem weißem Kittel, unter dem die schwarze Uniform sichtbar wurde, auf mich zu, das hochgeschwungene Stethoskop in der Hand. ,, Wissen Sie, was Sie getan haben?" schrie er mich an, die Augen wie Dolchspitzen auf meine Brust gerichtet: ,, Sie haben Nationalsozialisten verurteilt!!" Und ehe ich das offenkundige Mißverständnis aufklären konnte, befand ich mich im Vorraum, wo ein anderer, eben hereinkommender Sanitäter mich auffing und fragte, was los sei? Ich berichtete das Vorgefallene, das doch nur auf einer Verwechslung meiner Person mit derjenigen des mir angeblich ähnlich sehenden Richters beruhen konnte, und verlangte entrüstet meine Tropfen. Er nahm mir gutmütig das Glas aus der Hand, ging damit hinein und brachte es halbgefüllt zurück. Ich übernahm es und schaute ihn fragend an; worauf er die eben stattgehabte Unter 254 HITLERS GAST redung und ihr Ergebnis heiter zusammenfaßte mit den Worten: ,, Er hat gesagt, das nächstemal kriegt der andere die Ohrfeige!" Ich fürchte, er hat sie wirklich gekriegt und noch viele andere dazu, denn einige Monate später starb, zu Tode geprügelt, mein armer Kamerad im Konzentrationslager zu Buchenwalde. Nur einen einzigen Faustschlag ihm abzunehmen, war mir vergönnt. - Hätte ich das Gespräch mit meiner amerikanischen Tischdame nicht so unbescheiden abgebrochen, so wäre, wie zahlreiche spätere Erfahrungen erwiesen, ihre nächste Frage unweigerlich gewesen: ,, Wie war das Essen in Dachau?" Darüber ausführlich Auskunft zu geben, hatte ich wiederholt Gelegenheit, und jedesmal machte der höfliche Gesprächspartner ein besorgtes, ja geradezu kummervolles Gesicht, wenn ich ihm nicht verschweigen konnte, daß unser erstes Frühstück, um vier Uhr morgens stehend eingenommen um halb vier wurden wir geweckt-, keineswegs wie in den amerikanischen Gefängnissen aus Kaffee, Weißbrot, Butter, Eierspeise, Schinken, Speck, Porridge, Honig und Fruchtsäften bestand, sondern lediglich aus Kaffee, der mit Kaffee nichts zu tun hatte, und einem manchmal schmalen Stück Schwarzbrot. Das gleiche galt von den beiden anderen Mahlzeiten, und ohne mich auf einen Vergleich unserer einförmigen Eintopfgerichte mit der gestuften Speisefolge eines amerikanischen Sträflingsmahles hier näher einzulassen, kann ich nur sagen, daß das Essen in Dachau so wenig war, daß wir gar nicht merkten, wie schlecht es war. Was zeitweise kulinarische Überraschungen nicht ausschloß. Ich erinnere mich eines Walfischgulasches, das ein paarmal auftrat, und eines mit Steinöl zubereiteten Kartoffelsalats. Aber derartige DER HULLE ZWEITER TEIL 255 Versuche hatten, ebenso wie der aus Flieder oder Jasmin hergestellte Tee- Ersatz, einen vernünftigen Zweck; es waren wirkliche Versuche und wir die Versuchskaninchen. Unsere Reaktionen wurden gebucht für den Kriegsfall, um bei späterer Gelegenheit, die Gelegenheit war bald genug gegeben, der englischen Blockade erfolgreich widerstehen zu können. Ich bin überzeugt, daß sich an diesem Mineralölsalat und diesem Fliederblütentee nach uns noch viele Millionen tapfer strammstehender deutscher Patrioten im Krieg delektiert haben. Die dritte Frage, die ich mich bemüßigt fand, als Sprecher oder lecturer in Amerika gewissenhaft zu beantworten, betraf die Züchtigungen. Eigentlich war sie ja schon in jener ersten, genäschigen Erkundigung enthalten: Ob ich auch geschlagen worden wäre? Aber sie ging mit angenehmem Gruseln noch ein Stückchen weiter und bezog sich in der Hauptsache auf das nie genau genug beschriebene An- den- Baum- gehängt- werden und die öffentlich aufgezählten fünfundzwanzig Stockhiebe. Nun, darüber besteht kein Zweifel, die Dachauer Sträflingsschar wurde ,, höher gehängt" und geprügelt. Bei einer Art Schandparade, die anläßlich unserer Einlieferung abgehalten wurde, hatte der Lagerkommandant, ein ehemaliger Berliner Schutzmann( war es nicht vielleicht derselbe, der im Winter 1918 ,, bereits genommen" hatte?) dies ausdrücklich verkündet, indem er mit der in Dachau üblichen Grabesstimme verlautbarte: ,, In Dachau besteht die Prügelstrafe!" Und er hatte vom hohen Roẞ herab er saß wirklich und wahrhaftig wie ein Colleoni über uns noch hinzugefügt, daß jede derartige ,, Lagerstrafe" die Haft ,, automatisch" um ein halbes Jahr verlängere, was seine Mitteilung um nichts erfreulicher machte. Darüber hinausgehend, kann ich über derartige Strafhandlungen nichts berichten, weder als Opfer noch als Zuschauer. Als solcher zu dienen, war jeder Häftling ausnahmslos verpflichtet und wer sich dieser Verpflichtung entziehen wollte, setzte sich der Gefahr - - 256 HITLERS GAST aus, selbst über den Block geschnallt zu werden, unter den konzentrisch auf ihn gerichteten Blicken der in einem ungeheuren Viereck aufmarschierten gesamten Bemannung des Lagers. Und man muẞte nicht nur ,, dabei" sein, man mußte auch hinsehen, ohne die Augen niederzuschlagen. Unablässig auf und ab schreitende Aufseher wachten über die befohlene Blickrichtung. Nur meine Operation und die nachfolgende Spitalsbehandlung bewahrten mich vor dieser Scheußlichkeit. Weniger bekannt als diese Unmenschlichkeiten, deren die erzählende Literatur unseres Zeitalters sich bereits vielfach versichert hat, ist eine mildere Form der Tortur, die die Nazi nicht so sehr der mittelalterlichen Barbarei als dem preußischen Soldatendrill abgelauscht hatten: das sogenannte Strafestehen. Es war dies eine kollektive Form der Bestrafung, die nicht über einzelne Übeltäter, sondern über ganze Blocks, ja unter Umständen über das gesamte Lager verhängt wurde. In unserem Falle war es die Belegschaft sechs aneinandergrenzender Barakken, etwa fünfzehnhundert bis achtzehnhundert Mann alles zusammen, die für einen unbekannten Täter einzustehen hatte. Über die Schandtat, deren er bezichtigt war und die niemand zu bekennen bereit war, wird noch ein Wort zu sagen sein. Aber bevor ich auf die Schuldfrage eingehe, muß ich die Züchtigung beschreiben, die mit dem einen Schuldigen fünfzehn- bis achtzehnhundert Unschuldige an zehn aufeinanderfolgenden Tagen zu erdulden hatten. Das von Wall und Graben umgürtete Lager bestand aus zwei Hälften. Die eine Hälfte nahm die eigentliche Barackensiedlung ein, dreißig Baracken für je zweihundert Gefangene, und, dieser Gruppe von Holzbauten gegenüber, aber in beträchtlicher Entfernung von ihnen, das weitläufige Wirtschaftsgebäude, das im Stil des Nymphenburger Schlosses gehalten war, und das die Gefangenen nur betreten durften, wenn sie als ,, Essenträger" im Laufschritt unter Tritten und Flüchen die DER HOLLE ZWEITER TEIL 257 Kessel mit der kochend heißen Nahrung abholten und die leergegessenen im Laufschritt wieder zurücktrugen. Zwischen diesen beiden kontrapunktisch sich zueinander verhaltenden, Macht und Ohnmacht versinnbildlichenden Lagerhälften, dehnte sich der ungeheure ,, Appellplatz“, auf dem wir dreimal täglich, militärisch gereiht und in Besichtigungsformation aufgestellt, gezählt und gemustert wurden, das erstemal morgens um halb sechs, das letztemal abends um sieben nach dem Einrücken und vor dem Nachtessen. Aber wenn man Strafe stehen mußte, durfte man nicht mit den anderen abtreten. In Habtachtstellung dem Boden reglos verwurzelt, sah man sich verurteilt, bis zum Einbruch der Dunkelheit auszuharren, und damit entfiel dann auch die Abendmahlzeit, deren Entzug ein Teil und der für die ökonomische Lagerverwaltung einträglichste Teil der Strafe war. Das reglose Dastehen von anderthalbtausend Jammergestalten, von denen einige hundert über Sechzig und einige Dutzend über Siebzig waren, machte, oberflächlich betrachtet, einen eher kindischen Eindruck. Doch war es im Grunde eine recht ernsthafte Marter, von der Zumutung abgesehen. Dies fiel uns zumal am zehnten Tage auf, der wohlberechnet auf einen Sonntag fiel. An diesem Tage, der der Erholung gewidmet war, fand der Appell schon um vier Uhr nachmittags statt. Und infolgedessen mußten wir bis zum Einbruch der Nacht bewegungslos fünf Stunden lang Habtachtstehen, ohne uns auch nur die Nase putzen zu dürfen. Von der dritten Stunde angefangen ging etlichen, besonders jenen, die in ihrer Jugend keine militärische Abrichtung genossen hatten, der Atem aus, wofür sie dann natürlich besonders gestraft wurden. Ich erinnere mich eines alten Mannes, der so verwegen war, eine Reflexbewegung seiner rechten Hand damit rechtfertigen zu wollen, daß ihn eine Fliege an der Nase gekitzelt hätte. Er wurde, da die Fliege nicht nachweisbar und selbst, wenn nachweisbar, keine Entschuldigung war, von einem der 17 Verlorene Zeit 258 HITLERS GAST wachehabenden Bürschchen, die zigarettenrauchend Reihen abgingen, sofort aufgeschrieben. unsere Diese unwürdige Quälerei als eine Art Yoghiübung der Selbstüberwindung anzusehen, war eine Auffassung wie eine andere, und ich bekannte mich zu ihr. Welch eine wunderbare Gelegenheit, sich zu beweisen, daß der auf sich selbst gestellte Mensch, nach innen flüchtend und ins Geistige aufsteigend, nicht zu binden noch zu knebeln war, solange er die Freizügigkeit seines Denkvermögens siegreich zu behaupten vermochte. Die Disziplin des Schriftstellers kam mir dabei zustatten, mein gutes Gedächtnis zu Hilfe. Ich machte Verse für mich selbst und prägte sie mir eisern ein, da ich sie anders im Lager nicht bewahren konnte; erst zwei Monate später, als ich zum erstenmal wieder mit einer Feder und einem Blatt Papier unbewacht zusammenkam, schrieb ich sie nieder. Verging damit die vierte Stunde meines reglos in der Sonne Stehens, so brachte die fünfte eine wieder andere Entschädigung. Der Tag ging jetzt zur Neige und die wunderbarsten Wolkenlandschaften entfalteten sich am hohen Himmel. Goldene Eilande, rosig gerändert, und perlmutterfarbene Kontinente mit karminfarbenen Vorgebirgen verschwammen selig in dem sich grünlich verfärbenden Luftmeer. Welch ein Schauspiel, das freien Blickes zu genießen nicht einmal die jetzt giftig und hungrig umherschleichenden Wachtposten uns hindern konnten. Noch konnten sie das Angelusläuten verbieten, das der Westwind aus dem weit weg im Grün versteckten Dörfchen tröstlich zu uns herübertrug. Es war trotz aller Teufelei und Tüchtigkeit unserer Quälmeister ein im Grunde köstlicher Augenblick, den ich da, zur Salzsäule erstarrt, auf dem öden Dachauer Appellplatz mir einverleiben durfte. Ich möchte ihn in meiner Erinnerung nicht missen; er vermehrt meinen seelischen Besitzstand. Damit war unsere zehntägige Strafe zu Ende und es mag an der Zeit sein, den Grund anzugeben, weshalb sie verhängt wor DER HOLLE ZWEITER TEIL 259 den, was ja keineswegs in der Absicht geschehen war, unsere Aufmerksamkeit auf einen schönen Sonnenuntergang zu konzentrieren. Der Grund war ein halber Hering, und damit hatte es folgende Bewandtnis. Ein mannshoher blecherner Unratbehälter stand nah der mittleren Eingangstür jeder Baracke. Dort wurde der bei Säuberung der Stuben zusammengekehrte und aufgesammelte Müll übereinandergeschüttet und von dort einmal in der Woche von den mit diesem Geschäft betrauten Gefangenen abgeholt und weggeschafft. Beim Entleeren eines hiezu verwendeten Sammelwagens nun war im Abfall ein weggeworfener halber Hering gesichtet worden, von dem sich nicht mehr genau nachweisen ließ, ob er als Überbleibsel einer Abendmahlzeit, die aus Hering und Kartoffeln bestanden hatte, unserer oder einer der Nachbarbaracken entstammte. Ein Verfahren wurde eingeleitet und die Belegschaft von sechs Baracken, vierundzwanzig Kameradschaften alles in allem, streng verhört. Wer hat den Hering weggeworfen? Keiner der fünfzehnhundert Gefangenen konnte sich erinnern. Wer kann angeben, wer es getan hat? Niemand gab an. Folglich mußte, nach unerbittlich strenger Nazilogik, eine Kollektivstrafe über alle sechs Baracken verhängt werden. Das geschah in aller Form in dem mit Grabesstimme verlesenen Tagesbefehl. Als Grund wurde bekanntgegeben: Wegen Verschleuderung deutschen Volksvermögens. Ich übergebe hiemit diesen halben Nazihering, ungenießbar wie er war, einer entfernteren Nachwelt. Er wird mich lange überleben. Und noch eines mag im Zusammenhang mit jenem mühsamen Junisonntag nicht unerwähnt bleiben, der damit schloß, daß wir bei sinkender Nacht in unsere schon verfinsterten Baracken zurückgejagt wurden. Dabei mußten wir, kreuzlahm, wie wir 17* 260 HITLERS GAST waren, selbstverständlich ,, wohlausgerichtet", in Viererreihen, den Heimmarsch antreten, was auch geschah. Wir machten ,, Kehrt euch" und marschierten, eine Kompanie hinter der anderen, im Paradeschritt bis zur Mündung der Lagerstraße zurück, um dort, in gestreckter Haltung tadellos schwenkend, in diese Avenue unseres Elends einzubiegen. In diesem Augenblick aber geschah etwas völlig Unvorhergesehenes. Anstatt nämlich weiterzumarschieren und kompanieweise rechts und links in die Baracken abzufallen, wie es der Vorschrift entsprach, zersplitterten die Formationen und fluteten, allen drohenden Zurufen der Blockführer zum Trotz, von Kompanie zu Kompanie immer mächtiger anschwellend, durch die Lagerstraße. Daß die Zuchtmeister unsere Entlassung sadistisch bis zum letzten Fünkchen Tagesschein hinausgezögert hatten, machte sie jetzt wehrlos. Es war völlig Nacht geworden, die Gesichter waren nicht mehr erkennbar und damit war auch alle ihre angemaßte Autorität beim Teufel. Sie mußten sich an den Rand des Stromes entfesselter Gefangener retten, der sie zu verschlingen drohte, und außerstande, das Chaos, das sie heraufbeschworen hatten, zu bemeistern, suchten sie jeder für sich das Weite, den ,, Sauhaufen", wie sie sich militärisch unbefangen ausdrückten, sich selbst überlassend. ,, Genau so wird es am Ende ihres Krieges aussehen!" flüsterten wir einander zu, eh' wir, in der Baracke angelangt, uns auf unser Strohlager warfen. Die gequälte Kreatur weiß es am besten, und kein Tyrann, wäre er noch so mächtig und wachsam, vermag sein Schicksal dauernd vor ihr zu verheimlichen. Nach den Schneestürmen, die im Frühjahr unsere unbeschützte Arbeit gewürzt hatten, machte der Sommer im Lager sich nicht allzu unangenehm bemerkbar. Zwar die neugepflanz DER HOLLE ZWEITER TEIL 261 ten Bäumchen, die sichtlich auf Befehl des Lagerkommandanten die Lagerstraße säumten, sahen nach wie vor wie gekreuzigt aus, und ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Vogel im Lager singen gehört oder über den Weg hüpfen gesehen zu haben. Aber die Geranien, von bevorzugten Gefangenen an den Kopfenden der Baracken angepflanzt, steckten im Morgenwind die Köpfchen zusammen, wenn wir an ihnen vorübermarschierten, und der Abendwind wehte zuweilen noch viel würzigere Düfte zu den Arbeitsplätzen herüber, von Nelken und Levkojen und sogar von Rosen. Sie entströmten einem abgelegenen Winkel des Lagers, wo unsere blumenlieben Zuchtmeister sich ein richtiges Gärtchen angelegt hatten, teils für ihre eigenen blumenlieben Bedürfnisse und teils zum Tafelschmuck für das SS- Kasino draußen am Waldesrand, wo, wenn hoher Besuch aus München angesagt war, bevorzugte Gefangene, meist verdächtig hübsche junge Burschen, bei Tisch bedienen durften. Auch zum Begießen der lieblichen Blumenwildnis, in der wie in einem Pfarrgarten alles, Kraut und Rüben, durcheinanderwuchs, wurden Gefangene verwendet. Wenn unbeschäftigt, was im Hochsommer zuweilen vorkam, durften wir in diesem abgelegensten Teil des Lagers hin und wieder einen Nachmittag lang die Füße vertreten, militärisch aufgereiht natürlich und unter entsprechender Aufsicht. Aber selbst in solchen Augenblicken eines schwelgerisch festlichen Müßigganges war es ganz unmöglich, sich zu einer dieser SS- Blumen hinunterzubeugen, geschweige denn sie zu berühren. Nur in einer einzigen von den dreißig Baracken war dies den Insassen bis zu einem gewissen Grade gestattet, denn dort gab es sogar Schnittblumen, die, zu mageren Sträußchen gebunden, die Tische des Tagraumes schmückten. Es war dies die Zweierbaracke, die, gleich neben dem Revier und an dieses anschlieBend gelegen, den ausländischen Journalisten und Korrespondenten gezeigt wurde. Von schmucken, höflichen, manchmal 262 HITLERS GAST sogar englischsprechenden SS- Offizieren heiter begleitet, hatten diese aufmerksamen Zeitungsleute, während sie die nett gehaltenen Stuben in Abwesenheit der auf den Arbeitsplätzen weilenden Bewohner, Notizen machend abgingen, den Eindruck eines ländlichen Erholungsheimes und berichteten in diesem Sinne über die angebliche ,, Hölle von Dachau". ,, Siehst du", sagte dann der für solche Mitteilungen empfängliche Bürger der westlichen Demokratien und englische appeaser beim Morgenkaffee zu seiner Ehehälfte: ,, Siehst du, daß das mit der Hölle nur jüdische Propaganda ist. Die Nazi sind gar keine solchen Teufel. Sie sind sogar blumenlieb." Diese ausländischen Berichterstatter, wenn sie das Lager in diesem Sinne schilderten und photographierten, sprachen dann auch selbstverständlich nie von Gefangenen, sondern von Schutzhaftgefangenen, welchen Unterschied ihnen einzuschärfen die Behörden des ,, Reichs" nicht müde wurden. Die Unterscheidung war von Wichtigkeit, weil sie den nationalsozialistischen Staat gegen den Vorwurf der Ungerechtigkeit schützte. Die Überstellung eines Schutzhaftgefangenen in ein Arbeitslager war nämlich ein bloß ,, administratives" Auskunftsmittel, aber als ein Gefangener konnte man nur nach vorangegangener gerichtsordnungsmäßiger Verurteilung bezeichnet werden; denn, folgerten die Behörden mit macchiavellistischer Gewissenhaftigkeit: das Dritte Reich ist immer noch ein Rechtsstaat mit unabhängigen Richtern, die unerschütterlich an den Grundsätzen der Gerechtigkeit festhielten. Es gab ein paar Narren unter den Nazi, die das wirklich glaubten; und die anderen wollten es zumindest glauben machen. Wie aber wirkte sich dieser subtile Unterschied für den Schutzhaftgefangenen praktisch aus? Mit anderen Worten: wodurch unterschied sich sein Status von dem des durchschnittlichen Zuchthäuslers? Es lohnte sich, dieser verzwickten Frage in dem an die Bilder des Höllen- Breughel erinnernden Gewühl DER HULLE ZWEITER TEIL 263 der Dachauer Lagerstraße in einem unbeschäftigten Augenblick ein paar Schritte weit nachzugehen. In diesem breiten, breiigen Gespensterreigen, der da an Sonntagnachmittagen die Baracken entlang schlürfte und quirlte, gab es nämlich neben den ungefähr fünftausend Schutzhäftlingen auch ungefähr tausend vormalige Zuchthäusler, richtige ,, schwere Jungen", die eine richtige zehn- oder auch fünfzehnjährige Kerkerstrafe wegen ganz anderer Verbrechen als wegen des Verbrechens, kein Nazi zu sein, richtig abgesessen hatten und sich jetzt nur zu einem vergleichsweise kurzen Aufenthalt, gleichsam zur Nachkur, vor ihrer Rücküberstellung ins bürgerliche Leben, abschließend zusammenfanden. Sie trugen, im Gegensatz zu uns, grüne Abzeichen, weshalb sie im Lager die ,, Grünen" hießen, und es lag nahe, diese kompetenten Grünen über den Unterschied zwischen Zuchthaus und Schutzgefangenschaft in einem unbewachten Augenblick ein bißchen auszufragen. Es scheint mir nicht unwichtig festzustellen, daß diese Totschläger, Blutschänder, Wegelagerer und Straßenräuber, mit denen ich hier die nicht alltägliche Gelegenheit hatte, mich in ein Gespräch einzulassen, übereinstimmend auszusagen wuẞten, sie zögen jedes wie immer geartete Zuchthaus, ja sogar die Teufelsinsel, der Dachauer Schutzhaft vor. Und dies war keineswegs in den Wind geredet; denn diese handfesten Burschen, denen das Verbrechertum ins Gesicht gestempelt war, stützten sich auf langjährige Beobachtungen und wußten, was sie als Sachverständige äußerten, nicht nur mit kriminalistischer Eindringlichkeit vorzubringen, sondern auch, wenn ich so sagen darf, hieb- und stichfest zu begründen. Das Zuchthaus, sogar das deutsche, gar nicht zu reden vom amerikanischen, das Wochenendausflüge keineswegs hoffnungslos ausschloß, war, wie diese emeritierten Galgenvögel und Kenner der Höhen und Tiefen internationaler Gerechtigkeits 264 HITLERS GAST pflege übereinkamen, dem Konzentrationslager aus drei Gründen vorzuziehen. Erstens, führte ein Raubmörder besonnen aus, ist es ein großer Unterschied, ob ich zu fünf oder meinetwegen sogar zu zwanzig Jahren verurteilt werde, oder zu einer unbestimmbaren Zeitspanne, die morgen enden kann oder auch nie. In dem einen Fall weiß ich, daß meine Haft jeden Tag um einen Tag kürzer wird oder, wenn ich Einzelhaft einschalte, fast um zwei, wohingegen hier gerade das Gegenteil gilt, je länger einer da ist, desto geringer wird seine Aussicht, das Lager jemals anders zu verlassen als ,, die Füße voran", wie unsere Blockführer so gerne sagen. Der zweite Umstand, der fürs Zuchthaus und gegen das Konzentrationslager spricht, ist, daß auch die Arbeit im Zuchthaus eine leichtere ist-..und viel anständiger eingeteilt!" fiel ihm ein rückfälliger Pferdedieb sachkundig ins Wort: ,, Im Zuchthaus, wenn du deine acht Stunden Werg gezupft oder Bürsten gebunden oder Zündholzschachteln geklebt hast, bist du für den Rest des Tages sozusagen wieder ein Mensch, kannst Zeitung lesen oder in die Luft schauen und brauchst dir nicht den Hintern ableuchten zu lassen von Scheinwerfern bei Nacht. Und dann-" ,, Und dann", mischte sich ein sanfter Giftmischer ins Gespräch: ,, ist da auch noch die Frage der Religion, der Religion, jawohl!" Und er führte aus, daß es im Zuchthaus einen regelmäßigen Sonntagsund Feiertagsgottesdienst gäbe, im Konzentrationslager hingegen gäbe es nichts dergleichen, keine Musik, keine Predigt, keinen geistlichen Trost. Und wenn es zu den letzten Dingen kommt und die Qual des Schutzhafthäftlings nahezu überstanden ist, hat er niemand, dem er sich flüsternd anvertrauen kann, und der seine Hand hält, während er den großen Sprung macht über den Abgrund.„, Und das", fand der Giftmischer mit frommem Augenaufschlag,„, ist ein großer Nachteil des Konzentrationslagers, wenn du's mit dem Zuchthaus oder Werkhaus vergleichst, ja, man möchte sagen, ein entscheidender Nach DER HOLLE ZWEITER TEIL 265 teil.“ Worin ihm der Pferdedieb und der schlichte Raubmörder recht gaben. Im Lager, sagten sie, wird nicht gestorben, sondern verreckt. Das über die Religion Gesagte kann ich aus eigener Erfah- rung nur bestätigen. Ich stand daneben, als ein katholischer Priester von einem SA-Mann inmitten einer johlenden Menge zusammengelaufener Gefangener durch die Frage in Verlegen- heit gebracht wurde, ob er denn wirklich und wahrhaftig an die unbefleckte Empfängnis Marias glaube? Und als der geist- liche Würdenträger, es war der Sekretär des Fürsterzbischofs von Salzburg, die Frage bejahte, ward ihm die Belehrung zu- teil:„Nicht nur daß sie sich von einem andern ein Kind hat machen lassen, hat sie dem alten Juden, dem Joseph, auch noch eingeredet, daß es der Heilige Geist gewesen ist.“ Als ich am Gründonnerstag, zwei Wochen nach unserer Ein- lieferung, unseren Stubenkorporal fragte, ob am Karfreitag— dem größten Feiertag im protestantischen Deutschland— ein Gottesdienst im Lager abgehalten würde, wurde mir die Ant- wort:„Was glaubst denn du? Sollen wir Pfaffen und Rabbiner ausfüttern für euch?“ Tatsache ist, daß an jenem Karfreitag genau so gearbeitet wurde wie an jedem anderen Tag, zehn Stunden, während eines Schneesturms, der später in Regen überging. Ich weiß das so genau, weil es mein Geburtstag war. * Urväterweisheit, die sich erlauben durfte, selbst mit dem Tod zu scherzen, weil es schon so lange her ist, daß sie gescherzt hat, pflegte zu sagen:„Ein jeder findet sein Grab, wie der Be- trunkene die Haustür.“ In Dachau, wo man immer auf den Tod gefaßt sein muß, weil er die Haustür ist, gilt das gleiche von der Befreiung, und die den Weg nicht kennen, finden auch 266 HITLERS GAST hier den Weg ins Freie oft am raschesten. Dies war mein Fall. Ein Freund, von dem ich keine Ahnung hatte, wie sehr er sich für mich bemühte, war unablässig auf meine Rettung bedacht. Er verschaffte mir, während ich im ,, Vierten Abgrund" oder, wenn man lieber will, im achten Höllenkreise duldete, ein amerikanisches Affidavit und dann auch, dank dem Entgegenkommen des amerikanischen Generalkonsuls in Berlin, Mister Raymond Geist, ein Sofortvisum zur Einreise in die Vereinigten Staaten. Dann, eines Tages, wurde mir auf einer offenen Postkarte, von einem gewissen ,, Erwin" mitgeteilt, daß die„, langgeplante Fidelio- Aufführung" demnächst hochgehen soll, und daß ich auf eine weitere Mitteilung gefaßt sein dürfe. Merkwürdigerweise wußte ich sofort, was mit„, Fidelio“ gemeint wäre, wie auch, daß ,, Erwin" Emil, und daß dieser Emil mein Freund Emil Ludwig wäre. Woher mir diese blitzartige Erleuchtung kam, könnte ich auf keine Weise erklären. Ich kann nur sagen, daß ich es nicht nur vermutete, sondern wußte, was sich verstandesmäßig um so weniger rechtfertigen läßt, als die Karte den Poststempel Berlin trug, und Ludwig in der Schweiz lebte und nie nach Nazideutschland kam. Es muß wohl auch so etwas wie eine drahtlose Telegraphie der Freundschaft geben. Bald darauf kam meine Stunde. Es war fünf Uhr früh, und ich war eben im Waschraum damit beschäftigt, meine Eẞschale von dem hinuntergespülten Kaffee zu reinigen, als ich unseren Stubenältesten draußen meinen Namen rufen hörte. Aber nein!" schrie ich zurück: ,, Ich bin ja gar nicht Kübelrückträger, Herr Korporal! Erst Mittag!" ,, Aber du sollst ja gar nicht Kübel zurücktragen. Du gehst frei!" war die gemütliche Antwort. Wobei der den Freispruch Verkündende mürrisch auf einen Zettel deutete, den ihm der Blockschreiber soeben aus der Lagerkanzlei überbracht hatte. - Täglich, durch hundertundfünfzig Tage, wenn der hinkende DER HOLLE ZWEITER TEIL 267 Blockschreiber um fünf Uhr morgens aus der Kanzlei zurückkam, hatte ich auf diesen hoffnungsvollen Zettel gewartet und mit der Möglichkeit sehnsuchtsvoll gespielt, daß er meinen Namen enthalten könnte. Nur heute, zum erstenmal, hatte ich nicht daran gedacht. Und doch hätte ich darauf gefaßt sein müssen nach dem tags zuvor mit mir aufgenommenen Lagerakt, in dem ich mich unter Verzicht auf jedweden Entschädigungsanspruch damit einverstanden erklärt hatte, auszuwandern. ,, Sind Sie dazu bereit?" hatte mich der Gestapo- Offizial, ein behäbiger Münchner, düster gefragt. Ich antwortete:„ Ich bin in Wien geboren und habe immer gehofft, in Wien sterben zu dürfen. Aber wenn Sie es wünschen, bin ich auch bereit, auszuwandern." ,, Sogar nach Amerika?" hatte er sich gewissenhaft erkundigt. Mein Herz jubelte über dieses idiotische ,, Sogar". Doch hatte ich ,,, umgeschult", im Lager gelernt, mein Mienenspiel zu beherrschen und mich zu verstellen. ,.Sogar nach Amerika!" erwiderte ich gefaßt. Worauf das Untier eine Notiz machte. Was jetzt geschah, war die Folge jener Notiz. Wir waren unser zwei an jenem Sommermorgen der Befreiung, zwei von sechstausend, woraus sich, da die Entlassungen immer nur einmal täglich, am frühen Morgen, stattfanden, die durchschnittliche Hoffnungsrate für jeden der hinter uns Zurückbleibenden höchst entmutigend berechnen ließ. Mein Kamerad war ein hessischer Bauarbeiter, ein Mann in mittleren Jahren. Während er, wie ich mit nichts als einem Armensünderhemde bekleidet, im Vorzimmer des Arztes der abschließenden Besichtigung entgegenharrte Leute mit sichtbaren Wunden wurden nicht entlassen- konnte ich ihm trotz der empfindlichen Morgenkälte sein Glück vom Gesichte lesen. Nach erfolgter ärztlicher Begutachtung erhielt ich mit meinen - 268 HITLERS GAST eigenen Kleidern auch mein geliebtes Messerchen zurück, womit meine glückliche Wiedergeburt erst besiegelt war, und dann mußten wir nur noch die Ermahnung des stellvertretenden Lagerkommandanten über uns ergehen lassen: Wir sollten mit niemand über Dachau reden, auch nicht mit unseren Frauen, denn wenn herauskäme, daß wir geredet hätten, würden wir zum zweitenmal nach Dachau kommen, und was das sagen wolle, das wüßten wir.„Wir haben einen langen Arm und er- reichen Sie, wo immer Sie sich aufhalten mögen!“ fügte er, den Schrecken noch vermehrend, hinzu, indem er uns bösartig an- glotzte. Ich werde das versoffene Tiergesicht dieses Häuptlings nie vergessen. Gedunsen, mit verglasten Äuglein, hatte es den Ausdruck einer aufgeschwemmten Wasserleiche— nein, Bier- leiche. Bierleiche, jawohl. In diesem Bilde mag der Unhold weiterleben. Eine Stunde später stand ich im Verbindungsgang des mich nach Wien zurückbefördernden Schnellzuges und wartete, durchs Fenster blickend, auf den Augenblick, da die reichs- deutsche Landschaft wieder in die mir vertraute österreichische übergehen würde. Aber während ich mich in diese weit vor- ausschauende Betrachtung verlor, fühlte ich mich plötzlich von rückwärts heftig am Arm ergriffen. Schon wieder! dachte ich, erschrocken zurückgewendet. Aber es war nicht das Gesicht eines Hitler-Schergen, sondern eines schönen Mädchens von angelsächsischem Typus, das ich vor mir hatte. Durch eine Kurve aus dem Gleichgewicht gebracht, hatte sich die wankende Schöne an den nächstbesten Arm geklammert.„I am sorry!“ sagte sie jetzt zu ihrer Entschuldigung.„I am happy“, er- widerte ich, die Tür zum Speisewagen vor ihr öffnend. Happy, jawohl, oder auf deutsch: Glücklich. Ich hatte das Glück, herauszukommen und meine schiffbrüchige Heimat ver- lassen zu dürfen. Andere hatten es nicht, Hunderttausende DER HOLLE ZWEITER TEIL 269 gingen in den deutschen Konzentrationslagern zugrunde, mit dem Schlußergebnis, daß am Ende ganz Deutschland, ja nahezu ganz Europa ein einziges deutsches Konzentrationslager wurde, dessen Insassen ausschließlich aus Gefangenen und Soldaten bestanden. Und auch noch die Soldaten waren Gefangene ihrer Gewaltregierung. Wir hockten in den ersten Wochen meines Höllengastspiels zu dritt in einem Winkel der Baracke, auf dem nackten Boden aus unseren Näpfen tafelnd. Einer war ein hochgestellter Richter, der andere ein Großindustrieller, der dritte ich. Drei alte Knaben um die Sechzig. Einer überlebte. Die beiden anderen starben im Lager, nicht mehr in Dachau, aber in Buchenwalde, wo es noch schlimmer war. Ich komme mir wie ein Drückeberger vor. Wo bleibt die Gerechtigkeit, der ich als junger Richter mit dem Gesetzbuch in der Hand und später als Schriftsteller mit der Feder zu dienen bemüht war, ein langes Leben lang? Darum war ich ja auch nach Dachau gekommen, weil ich in einer Pen- Club- Resolution dagegen protestiert hatte, daß Schriftsteller ihrer Rassezugehörigkeit oder ihrer politischen Überzeugung wegen ins Konzentrationslager verschickt werden konnten. Dafür hatte ich mit fünf Monaten in Dachau zu büßen gehabt, mit„ nur“ fünf Monaten, wie die Herren bei der Wiener Gestapo launig zu sagen pflegten. Denn fünf Monate waren nach ihren Begriffen soviel wie nichts. ,, Sie haben eben nur so hineingerochen ins Lager", sagten sie. Immerhin, ich war in die Hölle gekommen, weil ich den Nazismus wie die Hölle haßte. Aber die meisten unter uns, die Tausenden von Österreichern, die nach uns in langen Nachtzügen verprügelt ankamen, waren aus ganz anderen Gründen dort. Das waren kleine Geschäftsleute, Inhaber einer Bäckerei oder Schusterei, oder eines Uhrmacherladens, einer Radio- oder Elektrizitätswerkstätte, oder sie waren Juweliere oder Kauf 270 HITLERS GAST hausbesitzer oder Schneider oder Buchhändler. Ihnen allen sollte der Laden, das Geschäft abgenommen werden, von dem sie mit Frau und Kind gelebt hatten, und das geschah in der Form, daß der Geschäftsinhaber nach Dachau kam, ohne Angabe besonderer Gründe, es wären denn solche der deutschen Naziräuber- Ideologie. Der Laden blieb eine Zeitlang geschlossen, dann wurde ein Nazikommissar ernannt, und nach einer Weile war er der Besitzer, während sein Vorgänger im besten Falle mit dem nackten Leben davonkam. Nicht die politische Meinungsverschiedenheit, die Diebsgelüste einer organisierten Räuberbande waren der tiefere, uneingestandene Beweggrund der uns zugemuteten Umschulung in mindestens neun unter zehn Fällen. Es war eine Umschulung zum Zwecke bequemerer Beraubung. Aber ein Schriftsteller ist ein merkwürdiges Lebewesen. Er ist dermaßen auf die interessanten Wechselfälle des Daseins erpicht, daß er noch auf dem Operationstisch oder auf dem Weg zum Schafott seine neugierigen Beobachtungen macht und, wie Thomas Mann einmal sagt, gegebenenfalls nicht so sehr ein Eisenbahnunglück erlebt, als vielmehr die Beschreibung eines solchen. Und am Ende möchte er die Beschreibung in seinem Lebensplane gar nicht missen. Wäre Dante im siebenten Höllenkreise aufmerksam gemacht worden, daß es, gegen die Abrede, auch noch einen versteckten achten gibt, er hätte sich die Gelegenheit, seine Kenntnisse der Örtlichkeit zu bereichern, nicht entgehen lassen. Solch eine Teufelei muß man gesehen haben, hätte er gesagt und wäre die paar Stufen noch hinabgestiegen, um nachher über die Erlösung um so begründetere Auskunft geben zu können. Die Erlösung wird im gegebenen Falle die Umschulung des deutschen Volkes zur Demokratie sein. Nur Hitler konnte gelingen, was keinem seiner autokratischen Vorgänger gelang: aus dem Deutschen einen Demokraten zu machen. Wohin ent DER HOLLE ZWEITER TEIL 271 arteter Machtwille und Rechtsbruch schließlich führen, konnte ihm nicht schlagender beigebracht werden als im deutschen Konzentrationslager. Der Deutsche und der zur Selbständigkeit erwachte Österreicher werden die Lehre nie vergessen. Auf ihr und auf ihr allein beruht die nicht zu unterschätzende geschichtliche Bedeutung Adolf Hitlers. Der„ Größte Deutsche", wie er sich nicht ungern nannte, war, um ein unsterbliches Wort des wirklich größten Deutschen: Goethe, zu beschwören, doch nur ... ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Es gibt erlebte Worte, die tiefer in einen Zustand hineinleuchten, als es die umständlichste Beschreibung vermöchte. Ein solches Wort kommt mir wieder in den Sinn, wenn ich mir die gezählten Wiener Tage nach meiner Befreiung und vor meiner Auswanderung vergegenwärtige. Ich hatte natürlich zahllose Grüße meiner armen Mitgefangenen an ihre Wiener Angehörigen mitnehmen müssen, darunter auch einen an die Frau des Wiener Kabarettisten Fritz Grünbaum, den zu bestellen ich mich besonders beeilte. Fritz Grünbaum war eine der rührendsten Figuren im Lager gewesen. Seine trübselige Lustigkeit hatte immer schon an eine ins Kabarett verirrte Andersen- Figur denken lassen, und wenn der kurzbeinige, kleine Mann auf den Dachauer Arbeitsplätzen von unseren rohen Quälmeistern umhergehetzt wie ein Dackel galoppierte, oder, angehalten, mit gerunzelter Stirnhaut, wie ein Dackel, aufmerksam Rede stand, schien er nur um so mehr geradewegs aus einem Andersen- Märchen entsprungen. Er war in solchen Augenblicken nicht so sehr ein Dachauer Gefangener als vielmehr ein Dachauer Gefangener, den Fritz Grünbaum 272 HITLERS GAST mit allen Untertönen der Verachtung vor einer brüllenden Zuschauermenge zum Schreien lustig spielte. Einige Wochen später, nachdem ich ihr meinen Gruß bestellt hatte, begegnete ich Frau Grünbaum noch einmal auf der Straße. „Was hören Sie von Fritz?“ beeilte ich mich zu fragen. Sie lächelte, blickte scheu um sich, ob es auch niemand hören und ihr Glück verraten konnte, und sagte dann, mit unter- drücktem Jubel, fast im Flüstertone:„Gott sei Dank, er darf Strümpfe stopfen!“ „Gott sei Dank!“ sagte auch ich und dachte flüchtig an den Raum, in dem dies Strümpfestopfen geschah: eine leere Baracke, in deren von Staub erfüllter Stickluft zweihundert bis dreihundert blaugrau gestreifte Elendsgestalten zehn Stunden im Tage, über. ungewaschene Strümpfe gebeugt, sich bemühten, faustgroße Löcher grobfädig zu verstricken. Drei Jahre später, nachdem ich die jubelnde Mitteilung seiner Frau erhalten hatte, starb Fritz Grünbaum in Buchenwald. Daß ihm die dort kommandierende Bierleiche bis zuletzt gestattete, sein liebenswertes Komikertalent beim Strümpfestopfen zu über- leben, wage ich nicht zu verbürgen. 18 Verlorene Zeit VIERTES BUCH MIT MIR IN AMERIKA New York und der Nickel. Das andere Amerika - Pionier Airconditioned. Der Rosenkranz des Paters Serra. Das Wirtshaus zur verlorenen Zeit NEW YORK UND DER NICKEL Me eine erste Neujahrsnacht in New York, die ich in meinem viel zu schönen Hotel allein verbrachte, fand mich lebhaft mit meinem Ableben beschäftigt. Ein guter Freund, ich weiß nicht mehr wer, hatte mir von Europa ein Bündel freundlicher Nachrufe zugeschickt, die anläßlich meines überstürzten Hintritts da und dort erschienen waren. Auch ein nicht mehr zum Druck befördertes Manuskript war darunter, das mir der Verfasser, obwohl es eine verfehlte Anstrengung gewesen war, netterweise nicht vorenthalten wollte. Es ist, man mag sagen was man will, ein einzigartiges Vergnügen, sich vor dem Schlafengehen in seinen eigenen Nekrolog zu vertiefen und gehört sicherlich zu den feinsten Genugtuungen reiferer Jahre. Hat man doch gar nicht gewußt, daß man eine so gewichtige, raumfüllende Persönlichkeit gewesen ist, wie sich jetzt in umflorten Worten kummervoll herausstellt. Fast hat man den Eindruck, daß man einen höheren Rang unter billig Denkenden besaß, als man selbst bei Lebzeiten sich hätte träumen lassen, und daß er einem jetzt endlich zuerkannt wird. Was freilich auch wieder nur eine schmeichelhafte Selbsttäuschung ist. Ableben verschönt. Sogar die erbittertsten Feinde 18* 276 MIT MIR IN AMERIKA sagen uns in Nekrologen gern etwas Angenehmes, weniger vielleicht aus einem verspäteten Bedürfnis, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als um vor sich selbst groß und edelmütig dazustehen in einer auch für sie schmeichelhaften Beleuchtung. Anderseits empfiehlt es sich, auch die Freundschaft der Freunde bei solchem Anlaß nicht blind zu überschätzen. Es stellt sich heraus, daß sie eigentlich herzlich wenig von einem gewußt und gelesen haben, aber um so rührender ist, wie sehr sie an einem hängen. Was noch beglückender wirkt, da wir sie zu gleicher Zeit ängstlich bemüht sehen, den Schein strenger Unparteilichkeit zu wahren, im Gegensatz zu den Feinden, die uns freigebig loben, um zu beweisen, daß sie sich unseren Tod gern etwas kosten lassen wollen. Anders die Freunde, die viel zu stolz sind auf uns, um sich auch nur den geringsten Grad von Voreingenommenheit nachsagen zu lassen. Sie zügeln ihren Enthusiasmus, wann immer er über die Stränge zu schlagen droht, und befleißen sich, Träne im Aug', exemplarischer Gewissenhaftigkeit bei unserer Beurteilung im Lichte der leider unvermeidlichen Nachwelt. Am deutlichsten wurde mir dies an dem gutgemeinten Manuskript, das, wie dies bei Handschriften kaum zu umgehen ist, auch einige Korrekturen enthielt. Da hatte der Verfasser etwa in seinem ersten Schmerz mich einen der hervorragendsten Schriftsteller unseres Zeitalters genannt, dann aber den hervorragendsten zu einem hervorragenden Schriftsteller schicklich abgemildert und schließlich mit einem Federstrich einen nur bedeutenden Schriftsteller ,, und Erzähler" aus mir gemacht, den einen durch den andern schwächend. Nun, auch ,, bedeutend" zu sein, ist so übel nicht, besonders bei Lebzeiten, und wenn man es schwarz auf weiß hat. Ich schied an diesem Abend nicht ohne Ergriffenheit von mir selbst und wünschte meinen lieben Nekrologisten eine dankerfüllte gute Nacht. Denn unbeschadet mancher kleiner Flüchtigkeiten und durch das Tempo meines Abscheidens bedingter Unstimmig NEW YORK UND DER NICKEL 277 keiten sprach, jenen Entgleisungen zum Trotz, doch auch so viel bei Lebzeiten verheimlichte Freundschaft und Liebe aus diesen gedruckten Würdigungen meines Erdenwallens, daß ich sie mit einem Gefühl herzlicher Erkenntlichkeit in meiner Schreibtischlade verrascheln hörte. Konnte ich doch mit Mark Twain aus der Ewigkeit kabeln: ,, Gerüchte von meinem Tod stark übertrieben!" und, indem ich mich in Amerika zu Bett begab und dem deutschen Tollhaus vergnügt den Rücken wandte, mit dem ,, Prinzen von Homburg", des trotz alledem großen deutschen Dichters Kleist sagen: Seit ich mein Grab sah, will ich nichts als leben! Nur den darauffolgenden Vers ihm nachzusprechen, kann ich mich noch immer nicht entschließen: Und frage wenig, ob es rühmlich sei... Über New York etwas Endgültiges auszusagen, war ich, wie jeder Schriftsteller, schon auf der Reise nach New York entschlossen. Später wurde ich bescheidener. Ich entband mich der Verpflichtung, New York zu entdecken; New York ist bereits entdeckt von einer langen Reihe literarischer Kolumbusse. Im Flug erhascht, kann man es höchstens in einer Art Verkürzung wiedergeben. Als mir der österreichische Maler Wilhelm Thöny, schon vor Jahren, eines seiner Bilder von New York zeigte, das derzeit, glaube ich, in einem Museum in Philadelphia hängt, meinte er den geringen Umfang seiner Leinwand bei mir entschuldigen zu müssen. Ich tröstete ihn und, ahnungslos, auch schon mich selbst mit den Worten: ,, New York ist so groß, daß man es nur klein malen kann." Wozu kommt, daß New York zweimal schön ist: Wenn man nach New York kommt, und wenn man, nach Jahren, wiederkommt, und dann ist es noch schöner. Ich werde daher, um 278 MIT MIR IN AMERIKA meinen ersten Eindruck festzuhalten, obwohl er heute nicht mehr der einzige ist, bei mir selbst einbrechen und ihn aus ein paar verstreuten Tagebuchnotizen zusammensetzen, die keine andere Absicht verfolgen als, da und dort, ein paar kleine Züge zu seinem großen Bilde, dem Bilde seiner Größe, beizusteuern. Ich wohne an der berühmten Fifth Avenue, was großartiger klingt, als die Umstände zu rechtfertigen scheinen. Aber die Fifth Avenue ist, wie sich erst bei näherer Bekanntschaft herausstellt, mindestens drei Gehstunden lang und führt an den gegensätzlichsten Gebäuden vorüber, vor dem sagenhaften Rockefeller- Center vorbei, das an den altägyptischen Karnak erinnert, bis zu einem wie verloren stehengebliebenen schüchternen Einfamilienhaus, das den hoffnungslosen Versuch unternimmt, durch einen vergilbten Ölfarbenanstrich seiner alten Holzwände eine Marmorfront zwischen Marmorfronten vorzutäuschen. Es drückt sich verlegen um die Ecke einer Seitengasse, wie ein verschreckter Emigrant, ist aber eigentlich ein Patrizier was ja übrigens auch bei Emigranten vorkommt. Immerhin hat, wer an der Fifth Avenue in ihrer oberen Hälfte, und noch dazu, wie ich, im sechzehnten Stockwerk wohnt, eine herrliche Aussicht. Der Central Park liegt mir zu Füßen, ein Stadtgarten von der Größe eines Landgutes, aber eines amerikanischen. Kennte man nichts von New York als seinen Central Park, so wüßte man dennoch viel, wenn nicht das meiste von New York. Aber wer kennt ihn? Sogar Leute, die ihn von dem mir benachbarten Metropolitan Museum abwärts, das heißt, ein ungefähres Drittel seiner Länge zu Fuß durchwandert haben, sehen sich dieser sportlichen Leistung wegen von neugierigen New Yorker Weltdamen zum Tee geladen. NEW YORK UND DER NICKEL 279 Eine Vorschule zu New York ist der riesige Central Park zugleich so etwas wie ein Aperçu Amerikas. Es gibt hier alles, was das Leben in der Neuen Welt reizvoll macht, und freien Himmel dazu, einen wahren Ozean von freiem Himmel. Es gibt das Größte und das Kleinste: ein Heer wohlbeleibter Eichkätzchen, die einem zahm und genäschig aus der Hand fressen, aber auch, im Zoo, die mächtigsten Tigerkatzen, die erstaunlichsten Löwen und eine Gruppe von Seelöwen, die ein vorbildliches, von der Öffentlichkeit wohlwollend kontrolliertes Familienleben führen, indem sie abwechselnd sich sonnen und baden. Es gibt einen unebenen, felsig durchwachsenen Land-schaftsgarten, den ich gleich das Berner Oberland nenne, und mitten darin, an einem einsamen Seeufer, eine überlebensgroße einsame Schiller- Büste; und es gibt, nicht allzu weit von diesem Denkmal eines früheren Deutschland, auch einen nicht minder überlebensgroßen Polarhund in Bronze, der im Jahre 1926, auf einer arktischen Expedition, den Anspruch auf Unsterblichkeit erworben hat. Daß eine Beethoven- Herme sich neben einem beängstigend umfangreichen Musikpavillon erhebt, wird niemand in Erstaunen setzen, eher, daß eine zweite Herme dicht bei ihr steht, auf deren Sockel man den Namen Morse liest. All men are equal, und der Erfinder des Telegraphen steht auf dem gleichen Ruhmessockel wie der Erfinder der Neunten Symphonie. In der ungefähren Mitte des Parks dehnt sich ein kleiner Alpensee, dessen Wasser, vom Wind aufgerauht, blauweiße Wellen wirft; das sogenannte Reservoir. An klaren Wintertagen ist seine Eisfläche von einem Schneegestöber weißer Möven überschaukelt. Es liegt etwas höher, und zu Füßen des Wasserturms, der es bewacht, dehnt sich ein gärtnerisch gepflegtes Rasenrund, das zu umkreisen ein rüstiger Spaziergänger ungefähr zehn Minuten braucht, und über das hinweg man, vom oberen Rand gesehen, die wunderbare Sky- Line der 280 MIT MIR IN AMERIKA Mittelstadt sich südlich vom Horizont abzeichnen und, gegen Westen, zu ein paar Wolkenkratzern verdichten sieht. Diese Riesen stehen einem hier so nahe, daß man sie mit der Hand greifen zu können glaubt, was auf einer für New York bezeichnenden optischen Täuschung beruht. Wir Europäer schließen von der Größe eines Gebäudes auf seine Nähe, aber dieser Schluß gilt, wie sich zeigt, nicht für New York. Um sich ihnen wirklich und leibhaftig zu nähern, braucht es eine halbe Gehstunde, und dann sieht man sie nicht mehr, so gewaltig dehnen sie sich nach allen Richtungen vor unseren ratlosen Augen. Es sind Appartementhäuser, von denen jedes die Einwohnerzahl einer kleinen Stadt in tausend Wohnungen verschluckt hat. Übrigens tragen sie trotz ihrer Monumentalität ein ganz gemütliches, ja geradezu kleinstädtisches Wesen zur Schau, wenn man ihnen nicht zu nahe tritt. Erfreut stellte ich an einem von ihnen sogar eine Art von Kamin fest, aus dem der Riese im siebzigsten Stockwerk behaglich rauchte, ein sozusagen menschlicher Zug an ihm. Um sich von der Riesenhaftigkeit eines solchen Burschen einen Begriff zu machen, braucht man nur gegen Abend das Rasenrund im Central Park zu umwandeln, dann bemerkt man plötzlich, daß man minutenlang im Schattenwurf eines jener dem Häuserberg aufgesetzten Türmchens ging, die äußerlich den Umriß einer unserer lieben österreichischen Barockkirchen vortäuschen. Aber wieder darf man von der Kilometerlänge dieses Schattens nicht auf die Größenverhältnisse der zellenartig übereinander gebauten Appartements schließen. Sie sind so winzig wie das Haus riesig ist; zwei Zimmerchen, und die Küche ist in einem Wandschrank untergebracht. Die Baugründe sind teuer, beiderseits des Central Parks; an der Fifth Avenue, so bin ich berichtet, kostet der Quadratmeter hundertzwanzigtausend Dollars. Keine Gefahr, daß ein Hitler- Emigrant sich da ankauft. NEW YORK UND DER NICKEL 281 Es gibt weitgereiste New- Yorker, die nach dem zweiten Highball launig behaupten, daß New York unter allen Städten sie am meisten an Venedig erinnere. Vom Empireturme gesehen, tut es das wirklich, lagunendurchzogen, wie es sich aus der ungeheuren Höhe ausnimmt. Auch das Goldlicht, in dem die Himmelskratzer, jetzt Himmelsschmeichler, an schönen Tagen schwimmen, hat etwas Venezianisches. Aber natürlich gibt es auch einige Verschiedenheiten. Eine davon ist, daß New York, im Gegensatz zu Venedig, auf dem Granit von Manhattan fußt, der allein einen solchen hundertundzwanzig Stockwerke hohen Betongiganten wie den Empire zu stemmen vermag. Ein anderer grundlegender Unterschied wird daran merkbar, daß in New York nicht, wie in europäischen Städten, die Kirchen die Wohnhäuser, sondern die Wohnhäuser die Kirchen turmhoch überragen. Doch liegt es sicher nur an der Verzinsung, wenn man die Gotteshäuser hier nicht so hoch wie die Menschenhäuser baut. Anderseits kann man sich auch noch in Kirchenhöhe über ihre Bestimmung täuschen, denn was im Vorübergehen wie eine Kathedralenfront aussieht, ist meist nur der für die Ewigkeit gefügte Quaderbau einer Bank oder Lebensversicherungsanstalt. Aber es macht nicht viel aus, denn auch die Kirchen sind hier mehr oder weniger nur Kassenschränke des Glaubens, Banken Gottes sozusagen. Man ruht in Gott, und es ist ein Safe, man glaubt in einem Safe zu ruhen, und es ist nur Gott. st Amerika ist bekanntlich der Erdteil ohne Mittelalter. Aber die Sky- Line, von der Höhe des Central Parks aus bestaunt, hat etwas entschieden Mittelalterliches, ja sie nimmt sich geradezu aus wie das Profil einer mediävalen Festung mit Mauerwällen, Wehrgängen und Luginsland- Türmen. Es ist die Zinnenlinie 282 MIT MIR IN AMERIKA der Romantik, die sich da in der unromantischesten aller Städte überraschend vor einem auftut. Ganz anders wieder sehen diese aus der Ferne so zierlichen Mammutburgen aus, wenn man in Wallstreet, aus einer Untergrundstation auftauchend, geblendet unter sie tritt. Da hat man zunächst das Gefühl, sich irgendwo in den Dolomiten verirrt zu haben, so schreckhaft steil steigen die roten und gelben Felswände und Schroffen in den enzianblauen Winterhimmel auf. Aber es sind Dolomiten, in denen Banken friedlich hausen. Ihre Kamine, durch die ohne Unterlaß die Fahrstühle auf und nieder sausen, sind an allen Ausgängen durch beleibte Schutzmänner gesichert, die lächeln, aber einen Revolver im äquatorialen Gürtel tragen. Zwischen dem ersten und zwanzigsten Stockwerk steigen unablässig schöne Mädchen, die im vorläufigen Dienst der Bank auf ihren Wallstreet- Prinzen warten, lächelnd ein und ebenso lächelnd wieder aus, morgenrot geschminkt und lieblich frisiert, als ginge es zum Tanz. Oben angelangt, tritt man in eine sonnenhell erleuchtete, flache Höhle, in der ein paar Dutzend Herren gleichzeitig telephonieren und, die Muschel unterm Kinn, Bleistift in der Hand, hemdärmelig mit Kursen schäkern. Übrigens sind die Hemdärmel, die ein verständliches Mittel gegen die Zentralheizung sind, blendend weiß, so daß man sich wieder in die Schneeregion versetzt fühlt. Auch die durch das ganze Gebäude gepreßte Luft, wunderbar rein und erfrischend, ist eine Art künstlich hergestellter Gebirgsluft. ,, Air conditioned" heißt man das in New York. Die demonstrative Höhenentwicklung des Stadtbildes hat ihre heitere, aber auch ihre ernste Seite. New York ist eine nahezu ebene Stadt, deren Plan, aus der Vogelschau gesehen, an die rastrierte Seite eines ungeheuren Hauptbuches erinnert. Die stark linierten Senkrechten, in denen die aufzusummenden Beträge stehen, sind die zehn Avenuen, die Waagrechten NEW YORK UND DER NICKEL 283 die sich ins Unendliche vermehrenden Querstraßen, von der ersten bis zur Dreihundertsten und darüber. Nichts schwieriger, als sich in diesem höchst übersichtlichen Straßennetz zu verirren, nichts trostloser, als sich zurechtzufinden. Man könnte angesichts dieser flachen Arithmetik gemütskrank werden, und ein junger Schweizer oder Tiroler wurde es in diesem rationalen Gewinkel, das nur der Broadway als einziger irrationaler Straßenzug schrägt. Aber der Broadway, mit seiner abendlichen Lichterkirmeẞ am Times Square, machte ihn auch nicht glücklich. Mag sein, daß er ein Hirtenjunge war oder ein Dichter oder ein Gemsenjäger. So oder so, er sehnte sich nach einem vertikalen Überblick von Zeit zu Zeit, und da er das Geld nicht besaß, um im Empire für einen Dollar in den Himmel zu schnurren, entlief er dem Ameisengedränge der Tiefe, indem er auf der Feuertreppe des ungefügen Turmes bis zum hundertundzwanzigsten Stockwerk emporkletterte. Diese gefährliche Klettertour anzutreten, reizte ihn immer wieder, bis ihn eines Tages ein Herzschlag von seiner hoffnungslosen Höhensehnsucht ein für allemal kurierte. Der Amerikaner, das hat man nach ein paar Tagen weg, liebt nichts weniger als zu philosophieren, und nichts mehr, als sich eine Geschichte erzählen zu lassen, die ein Quentchen unausgesprochener Philosophie in Pillenform enthält. Eine solche scheint mir die kleine, aber lehrreiche Begebenheit vom Subwaygast und dem Nickel, die mir eine liebe Freundin plaudernd anvertraute. Die Subway ist die New- Yorker Untergrundbahn, ein richtiges Perpetuum mobile, das Tag und Nacht ununterbrochen weiterverkehrt, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, in Ewigkeit Amen, und alles das und überall hin für einen Nickel, den man beim Einsteigen in einen Schlitz wirft, und für den man dann dreißig Kilometer weit unkontrolliert ins Gelände hinausfahren kann und, wenn man sitzen bleibt, auch wieder zurück, und so fort in infinitum, bis zur 284 MIT MIR IN AMERIKA Bewußtlosigkeit. Nun, das machen sich Leute, die nicht in Wallstreetburgen zu ihrem Konto emporschweben, schlau zunutze, indem sie abends in die Stadtbahn einsteigen und dieses Hotel auf Rädern erst morgens wieder verlassen. Sie haben in einem wohlerwärmten und in den Stunden zwischen zwei und sechs nur schwach besuchten Raume für fünf Cent immerhin sitzend übernachtet, und die Sparkünstler unter ihnen wissen es sogar so einzurichten, daß sie das Nachtlager mit einem unvermeidlichen Geschäftsgang verbinden, so daß es sie gar nichts kostet. Sie steigen am frühen Vormittag ganz wo anders aus, als wo sie nachts eingestiegen sind, und wenn sie bei dem Geschäftsgang etwas verdienen, fahren sie ein nächstesmal, wie Kavaliere, nur noch bis zu einer ganz bestimmten Haltestelle, ohne stundenlanges Sitzenbleiben, wobei man eine ganze Menge Zeit erspart, wenn auch kein Nachtlager. Es ist noch die Frage, was New York dereinst in der Erinnerung der Menschheit größer wird erscheinen lassen, der Empireturm oder dieser volksfreundliche und in seiner Großzügigkeit wahrhaft grandiose kleine Nickel, dessen Winzigkeit, wie die Flaumfeder auf der Waage des altägyptischen Totengottes, die Summe ihrer Taten und Leistungen ergänzend, die Seele der ungeheuren Stadt in den Himmel heben wird. New York, die schönste Stadt der Welt? Es bleibt zweifelhaft, wenn auch nicht unter überzeugten New- Yorkern. Aber sicherlich diejenige Weltstadt, in der die armen Leute, Emigranten oder nicht, am schnellsten, am weitesten und am wohlfeilsten auf der Stadtbahn ins Grüne oder ins Blaue reisen können. Das ist freilich nur eine flink geschriebene Ansichtskarte, die soviel wie nichts zu tun hat mit dem Erlebnis New York, nicht zu reden von dem Erlebnis Amerika, weil sie die andere Hälfte NEW YORK UND DER NICKEL 285 dieses Erlebnisses, nämlich die Emigration, heiter außer Betracht läßt. Daß die Auswanderung trotz dem schönen, heiteren Schiff, auf dem wir herüberglitten, eine sehr ernste Sache und der Zustand des Entwurzeltseins ein im Grunde tragischer Zustand ist, merkt man ja nicht in den ersten Tagen, wenn man entzückt die neue Stadt durchwandert. Daß man es schließlich doch merkt, hat mit Dankbarkeit oder Undankbarkeit dem Gastland gegenüber nichts zu tun. Selbstverständlich ist der Refugié, selbst wenn er erwerbslos hungert oder auf einer Bank im Central Park, von satten Eichkätzchen umhüpft, sein in Papier eingewickeltes Dinner genießt, vergleichsweise immer noch zu beneiden, da er dabei weder erschossen noch vergast wird. Doch bleibt es darum nicht weniger wahr, daß der Heimatlose in den nächsten fünf Jahren eben doch nur ein schiffbrüchiger Emigrant sein wird, ein ,, Mann ohne Schatten", wie sein Kollege Peter Schlemihl in Chamissos schöner Erzählung. Was er nur solange sich verhehlen kann, als er nicht zu Boden blickt. Doch ist es schwer, dauernd nicht zu Boden zu blicken in einem neuen Lande, auf dessen Boden weiterzukommen man trachten muß. Es ist ein neuer Zustand für ihn, nicht neu für das Gastland. Amerika ist ja aus der Emigration geradezu entstanden, wird dem Schattensucher von allen Seiten tröstlich versichert. Wahr und doch nur halbwahr, weil der Hitler- Emigrant mit keinem seiner Vorgänger zu vergleichen ist. Der Hitler- Emigrant ist der tragischeste aus zwei einleuchtenden Gründen: weil er so zahlreich und weil er meistens so arm ist. - Weder der ,, Ci- Devant", wie die Französische Revolution ihre der Guillotine entronnenen Opfer nannte, noch die antiken ,, Graeculi", wie die aus dem politisch erledigten Griechenland entkommenen Kulturträger vom römischen Vollbürger nachsichtig bezeichnet wurden, befanden sich in ähnlich fragwürdiger Lage. Noch waren es die englischen 286 MIT MIR IN AMERIKA Pilgrims, die den Gefängnissen der Bloody Mary entsprungen waren, noch die Hugenotten oder Mennoniten oder Salzburger Protestanten, die in vergangenen Jahrhunderten aus einem ungastlich gewordenen Europa in die Neue Welt herüberflüchteten, und am wenigsten waren es die deutschen Demokraten von 1848. Sie alle brachten zumindest ihren menschlichen Status ungeschmälert und etwas Geld mit. Sogar die aus England abgeschobenen Verbrecher, die ,, on transportation" kamen, taten dies, wie wir in Daniel Defoes klassischem Roman ,, Moll Flanders" nachlesen können. - Moll Flanders ist eine vielfach abgestrafte Gewohnheitsdiebin und ihr reizender Gatte, den sie nach jahrelanger Trennung im Zuchthaus wiederfindet, ein durch Jahrzehnte erfolgreich gewesener Straßenräuber. Beide sind sie dem Galgen entronnen, aber soviel haben sie doch noch aus dem Zusammenbruch einer, wenn man so sagen darf: bürgerlichen Existenz retten können, daß sie in Virginia gleich nach ihrer Ankunft ein kleines Landgut zu erwerben imstande sind, auf dem ihnen ein ungetrübt heiterer Lebensabend winkt. Dem Galgen oder, was nicht viel weniger ist, dem deutschen Konzentrationslager ist auch der Hitler- Demokrat entronnen, aber mit dem Unterschied, daß in seinem Falle der andere, der ihn entließ, der Straßenräuber war. Zehn Mark war das Vermögen, das er aus dem ,, Reich" mitnehmen durfte, und so ausgestattet kommt er stellungslos in einem Lande an, das damals, vor dem Kriege, selbst noch ein nach Millionen zählendes Heer von Arbeitslosen hatte. Was ihm im besten Fall bevorsteht, ist eine mehr oder minder taktvoll verschleierte Mildtätigkeit. Um so besser für ihn, wenn sein Blick nicht gleich durch den Schleier dringt. Einer meiner jüngeren Leidensgenossen hatte das Pech gehabt, auf dem Schiff an Schafblattern zu erkranken. Er wurde bei seiner Ankunft ins Quarantänespital übernommen und un NEW YORK UND DER NICKEL 287 entgeltlich gesund gepflegt. Doch bestand der ihn behandelnde Doktor darauf, daß er sich eine Woche nach seiner Entlassung noch einmal bei ihm melde. Unser junger Freund tat es und bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der Arzt, während er ihn abhorchte, vorsichtig nach seinen Lebensverhältnissen. Dann zapfte er ihm ein paar Tropfen Blut ab, das er für ein Serum benötigte, und gab ihm dafür fünf Dollar. Eine Woche später ruft der fürsorgliche Arzt noch einmal an: ob unser Freund ihm nicht noch einmal ein paar Tropfen Blut für fünf Dollar ablassen könnte?„ Aber ja!" erwidert der Gefragte vergnügt: ,, Auch für sieben!" Er ist heute in einer so glänzend gehobenen Stellung, daß er über diese Schnurre aus seinem Leben füglich lachen kann. Aber vielleicht fällt ihm über dem Lachen ein, daß er immerhin Jahre brauchte, um herauszufinden, auf welchen verwickelten Umwegen ein amerikanischer Arzt zuweilen einen empfindlichen Patienten unterstützt. . - Es ist begreiflich, daß man in der„, Cafeteria", diesem Klub der europäischen Flüchtlinge, einander lieber solche Histörchen erzählt, um über den Jammer des Emigrantentums launig hinwegzukommen. Man lacht über die Ungeschicklichkeiten, die Wunderlichkeiten, die Taktlosigkeiten dieser plötzlich Zugereisten, die in ihren fremden Kleidern, mit fremden Gebärden, und meistens auch noch ihre mitgebrachte Sprache sprechend, unter den hier Zuständigen umhergehen und Galgenhumor heucheln, auf der Suche nach einem Bissen Brot. Es geschieht das Menschenmögliche, sie über Wasser zu halten, aber welches Land der Welt könnte sich auf die Dauer den Luxus leisten, einen solchen hungrigen Heuschreckenschwarm ungebetener Gäste satt zu füttern, ohne dabei selbst zu verarmen. Aber selbst wenn es gelingt, einen früheren Advokaten als Geschirrwäscher, einen Sanskritforscher als Elevatorman, einen hitzigen Gewerkschaftsführer als Eisträger vorübergehend unterzubringen: das seelische Problem der Emigration 288 MIT MIR IN AMERIKA ist damit noch lange nicht gelöst. Es bleibt doch jeder noch eine Zeit dem Heimatboden verhaftet, bei geraume Zeit - jedem Schritt auf fremder Erde stolpernd. Kein Wunder, daß er in der Vergangenheit Trost sucht für das, was ihm die Gegenwart verweigert, und den Leuten erzählt, was er war, wie Virgils Aeneas, der klassische Emigrant, der am Hof der schönen Dido seinen Lebensbericht mit den klassischen Emigrantenworten beginnt:„ Ich war ein Bürger von Troja." Auch auf Dante kann er sich berufen, der in der ,, Divina Comedia" hörbar seufzt, wie ,, hart es sei, fremdes Brot zu essen und fremde Treppen auf und ab zu klettern". Und waren nicht auch Adam und Eva Emigranten? Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Emigration. ,, Their losses are our winnings", sagte mir die liebenswürdige Frau meines Affidavitgebers, mit dem Kinn nach Europa hinüberdeutend, als sie und ihr Mann mich am Pier in New York in Empfang nahmen. Das ist ein schönes, ermutigendes, menschenfreundliches Wort, obwohl es naturgemäß für den Schriftsteller nicht ganz so uneingeschränkt gilt wie für die anderen liberalen Berufe. Der Professor hat es vergleichsweise leichter und auch der Musiker, beispielsweise. Beide sprechen eine Art Volapük, das auch in Übersee verständlich bleibt, der eine das Volapük der Wissenschaft, der andere dasjenige der Musik, dieser Allerweltsprache der Seele. Sogar der Schauspieler kann, noch bevor er sich das Englische völlig angeeignet hat, eine sogenannte ,, Akzentrolle" spielen. Anders der Schriftsteller, der Dichter, dessen Wirkungsmöglichkeit, weit mehr, als er ahnt, an einen bestimmten Länge- und Breitegrad gebunden bleibt. Die beste Übersetzung ist doch nur eine Hand im Handschuh, und sich NEW YORK UND DER NICKEL 289 selbst zu übersetzen gelang nicht einmal einem Heine oder Turgenjew, die jahrzehntelang in Paris lebten, ohne sich als' Schaffende völlig akklimatisieren zu können. Um eine Sprache wirklich zu meistern, reicht ein Menschenleben allenfalls hin, für eine zweite reicht es nicht, was natürlich nicht ausschließt, daß man lernen kann, auch eine zweite Sprache gewandt zu sprechen und sogar zu schreiben. Doch kommt es beim kreativen Schreiben nicht nur aufs Schreiben an, sondern auf jenen Urquell von Vorstellungen und Erfahrungen, der dem Schreibenden die noch ungeformten Worte zuträgt und ihn mit seinen Lesern verbindet. Heine schrieb in Paris deutsche Gedichte und Turgenjew russische Romane. Natürlich gilt dies nicht ohne Einschränkung. Shakespeare ist überall Shakespeare, obwohl nicht so ganz vielleicht in Frankreich, und Tolstoj bleibt Tolstoj, obwohl es immerhin eines zweiten Weltkrieges bedurfte, um ,, Krieg und Frieden" sechzig Jahre nach seinem Entstehen in Amerika populär zu machen. Aber abgesehen davon, daß Genies keine Beispiele sind, wie Schnitzler zu sagen pflegte, waren die Genannten und andere international Unsterbliche keine Emigranten, die im Ausland als heimatlose Flüchtlinge ihre Laufbahn noch einmal von vorne hätten anfangen müssen, was ohne Substanzverlust kaum möglich ist. Ich zweifle, ob sogar Thornton Wilder oder Hemingway oder Willa Cather oder John P. Marquand ganz dieselben bleiben und ihren Rang vollgültig behaupten könnten, wenn sie sich von heute auf morgen entschließen müßten, ihre Werke in deutscher Sprache oder auch nur für ein deutschsprechendes Publikum zu schreiben. Wobei ich Thornton Wilder an die Spitze stelle, nicht nur, weil er einer der liebenswertesten Dichter des gegenwärtigen Amerika ist, sondern auch, weil er die deutsche Sprache, ja sogar den Wiener Dialekt soweit beherrscht, daß er sich ihrer bedienen könnte. Diese vorschauende Betrachtung in den Rechenschaftsbericht 19 Verlorene Zeit 290 MIT MIR IN AMERIKA über mein erstes amerikanisches Schuljahr einzuflechten wäre unbescheiden, wäre sie nur an die Person gebunden. Sie ist aber aufschlußreich für eine Illusion und einen Fehler, die in Amerika keinem hier zugewanderten europäischen Schriftsteller erspart bleiben. Die Illusion besteht darin, daß er glaubt, die notwendige Anpassung an den amerikanischen Kulturboden in ein paar Wochen oder Monaten bewerkstelligen zu können, wo es sich doch um Wachstum handelt und jede Art von Wachstum, allen technischen Fortschritten zum Trotz, nach wie vor Zeit, ja, wenn sie überdauern soll, den Wechsel der Jahre, nicht nur der Jahreszeiten, voraussetzt. Mein Fehler- den wir fast alle machten war, daß ich anknüpfen zu können glaubte an das, was ich drüben gemacht hatte und gewesen war, daß ich fortsetzen wollte, anstatt neu anzufangen. Das ist nach wie vor auf wissenschaftlichem Gebiete möglich, aber kaum mehr statthaft im Felde der Literatur und am wenigsten einer Literatur, die eine zur Zeit verhaßte Sprache spricht. Thomas Mann und Franz Werfel sind kein Gegenbeweis. Beide behandeln europäische Stoffe, aber in einem weltweiten Sinne, der der Höhe ihres Talents entspricht. Und beide hatten das amerikanische Leserpublikum schon in der Vor- Hitler- Zeit erobert, so daß sie als amerikanische Autoren, nicht mehr als europäische, an sich selbst und ihre Vergangenheit anknüpfen konnten. - - In meinem Falle und damit kehre ich nun allerdings endgültig in mein erstes amerikanisches Schuljahr zurück kam noch etwas anderes dazu. Ich war als ein Opfer der europäischen Politik herübergekommen und hielt mich nicht nur für berechtigt, sondern im weltbürgerlichen Sinne für verpflichtet, über meine Erfahrungen mit Hitler- Deutschland, das ich ja bis zur Neige ausgekostet hatte, öffentlich Auskunft zu geben. Es bedurfte nicht erst des Zuredens und der Zustimmung meines Freundes Stefan Zweig, der behauptete, daß meine Dachauer Erinnerungen zu den, wie er sagte, ganz wenigen Schriften NEW YORK UND DER NICKEL 291 dieser Art gehörten, die bleiben würden, um mich zu veranlassen, einen Weg zu gehen, der mir, wie mir schien, durch mein Schicksal innerlich vorgeschrieben war. Als ich aber dann soweit war und meinen Rechenschaftsbericht den maßgebenden New- Yorker Verlegern vorlegen konnte, stellte sich heraus, daß sie daran wenig Freude hatten. Sie hatten im Laufe der letzten fünf Jahre seit Hitlers Machtantritt zahllose Manuskripte dieser Art vor Augen gehabt, denn jeder, der einem deutschen Konzentrationslager entronnen war und eine Feder halbwegs handhaben konnte, fühlte sich verpflichtet, seine schauerlichen Erfahrungen zu verbüchern. Für das amerikanische Auge lasen sie sich wie Mystery- Stories, wie Schauermärchen, die sich als„, true stories" ausgeben, das heißt die Wahrheit anschminken, um den Leser vorübergehend einzufangen. Noch Ende 1943 schrieb Arthur Koestler, der es wissen muß, in einem aufsehenerregenden Artikel der„, New York Times", daß neun unter zehn Durchschnittsamerikanern Berichte über die Unmenschlichkeiten der deutschen Konzentrationslager als ,, Propaganda" ablehnen. Diesen Vorwurf freilich konnte mir niemand machen; ich hielt mich sichtlich an die Wahrheit. Aber diese Wahrheit war verhältnismäßig farblos, weil nicht so blutgetränkt, wie man es bei einer richtigen Mystery- Story, den Gesetzen dieser Gattung entsprechend, voraussetzen durfte, und hatte außerdem den Nachteil, Amerika möglicherweise einem Kriege näher zu bringen, den man, verständlicherweise, um jeden Preis zu vermeiden wünschte. Infolgedessen machte man meinem Wechselbalg gegenüber einen anderen Einwand, dem schwerer zu begegnen war, als dem Vorwurf der„ Propaganda", den meine wahrheitsgetreuen Schilderungen offenkundig widerlegten. Man fand, daß sie, ungeschminkt wie sie waren, zu blaẞ anmuteten, oder, wie ein Verleger in einem fein stilisierten nicely worded, heißt das auf Englisch- Handschreiben sich ausdrückte, daß aus meiner - 19* 292 MIT MIR IN AMERIKA Schilderung hervorginge, die Zustände in Dachau wären nicht ,, too intolerable" gewesen. Der Nachdruck liegt auf dem ,, too". Mit anderen Worten, der gute Mann warf mir vor, daß ich nicht auf der ,, Flucht erschossen" worden war, in welchem Falle ich allerdings, wie man zugeben muß, meinen Bericht kaum mehr hätte zu Papier bringen können. Ein anderer Verleger, der, angeekelt von der ganzen Gattung, wie er nach zahllosen Erfahrungen war, mein Manuskript selber nicht gelesen haben mochte, schickte mir loyalerweise den Bericht des von ihm mit dieser peinlichen Aufgabe betrauten Lektors ein. Diese Lektoren oder ,, Reader", wie sie auf Englisch heißen, waren meist ältere deutsche, das heißt reichsdeutsche ,, Kollegen", Kollegen auch aus dem deutschen Konzentrationslager, und infolge dieser doppelten Kollegialität nicht eben gut zu sprechen auf die österreichischen Flüchtlinge, die sich neuestens wichtig machten mit dem, was sie, die dem Rang nach älteren Opfer der deutschen Menschheitsschande, schon vor Jahren mitgemacht und hinter sich gebracht hatten. Sein Gutachten, das mich in gewissem Sinne noch einmal zum Opfer der für Österreich immer verhängnisvollen ,, deutschen Orientierung" machte, brachte auf eine klassische Art zum Ausdruck, was den Mann beim Durchblättern meines verdrießlichen Elaborats bewegt hatte.„ A few suicides, deaths and atrocities are not sufficient", schrieb er kurz und bündig: ein paar Todesfälle und Selbstmorde genügten nicht, um das Interesse des Lesers zu fesseln- eine vom Menschheitsstandpunkt allerdings etwas merkwürdig bagatellmäßige Auffassung. Emile Zola hat sie nicht geteilt, als er das erlittene Unrecht eines einzigen Offiziers mittleren Ranges in der französischen Armee zum Ausgangspunkt einer weltbewegenden ,, Affaire" machte. Auch Voltaire nicht, als er den Fall Calas aufgriff. Ein anderer dieser meiner Reader, die mir anonym entgegentraten, fand wieder, daß die ,, Climax" meines Buches, nämlich meine Befreiung, den Leser nicht befriedige, NEW YORK UND DER NICKEL 293 offenbar weil sie nicht nach dem Modell einer richtigen Mystery Story gebaut war. Der sonstige Inhalt meines Dachauer Aufenthaltes, den ich ja an dieser Stelle meines Buches als bereits bekannt voraussetzen darf, schien ihm wenig Eindruck gemacht zu haben. Er wußte darüber in der Hauptsache nur zu berichten, daß der Autor ein Mann in mittleren Jahren wäre, der an Wassersuchtssymptomen litt. Daß diese Wassersucht die Folge der mir und uns allen zugemuteten Behandlung war, schien diesem Freiheitsfreund im klassischen Lande der Demokratie keineswegs erwähnenswert. Ähnliche Erfahrungen wie mit meinen in Amerika zu Papier gebrachten Dachauer Erinnerungen machte ich auch mit meinen Novellen und Artikeln, die alle too continental" oder ,, too much of an essay" waren. Doch erwähne ich dies nicht, um mich meiner Mißerfolge öffentlich zu berühmen, sondern weil ich diese meine Erfahrungen und Enttäuschungen mit der überwiegenden Mehrheit der in diesen schlimmen Jahren aus dem Osten eingewanderten Literatur teile. Beim besten Willen Amerikas, an dem nicht einen Augenblick zu zweifeln ist, konnte das europäische Schrifttum nicht im Handumdrehen assimiliert werden. Es ging den italienischen und spanischen und belgischen, den schwedischen und den Schweizer Autoren nicht besser als den österreichischen und den deutschen. Die ungarischen kamen, zumal in Hollywood, etwas rascher vorwärts, vielleicht weil sie nebst viel Talent auch ein besonders anpassungsfähiges Talent haben, sicher weil Budapest, woher sie meistens stammen, als ein kleines Miniatur- New York eine gewisse, auch ideologische Ähnlichkeit mit New York aufweist. Auch die Franzosen bildeten vor und zum Teil sogar nach dem Zusammenbruch Frankreichs, als sie zahlreich wurden, eine halbe Ausnahme, auch dies aus guten Gründen und nicht nur, weil der Glanz und der Charme der französischen Sprache jeden französischen Schriftsteller mit einer Gloriole umgibt. 294 MIT MIR IN AMERIKA Seine Gestalt hebt sich vom Hintergrund der Geschichte vorteilhafter als die jedes anderen Refugié ab. Man darf nicht vergessen, daß Amerika halb französisch war, bevor es ganz amerikanisch wurde, und daß die Freiheitsstatue, an der jeder europäische Besucher New Yorks zuerst vorbeikommt, das Werk eines französischen Künstlers ist. www. wie Meine erste Erfahrung in New York, wie die eines jeden, der die ,, Wunderstadt" nicht nur betritt, um sich von Europa zu entfernen, sondern um sich Amerika zu nähern, war also, daß New York zwar eine weltberühmte Sky- Line hat, daß aber diese Himmelslinie nicht an jeder Straßenbiegung auf uns wartet. Aber von dieser unvermeidlichen Erfahrung abgesehen reizend war es, in diesen ersten Monaten New York zu erfahren. Jeder Schritt war eine Belehrung, die Luft, die ich neugierig einsog, war mit Lehrstoff förmlich geladen. Für den Schriftsteller war es Ozon, denn ein Schriftsteller ist ein von Natur neugieriges Lebewesen, das ohne diesen Sauerstoff, den ihm einatmende Beobachtung zuführt, verkümmert. Ich trat morgens aus dem Haus und wurde beinahe umgerannt von einem um die Ecke biegenden Rollschuhengel, einem schönen Mädchen in Knabenkleidern, das, wie sich später herausstellte, jeden Tag um dieselbe Zeit den Block, in dem ich hauste, umkreiste, vielleicht, um abzunehmen oder weil sie unglücklich verliebt war. Sie lächelte im Vorbeirutschen, teils weil sie dazu erzogen war, zu lächeln, teils weil sie mir vermutlich die Neugier vom Gesicht ablas und daran erkannt hatte, daß ich einer dieser zahllosen Emigranten wäre. Denn ich war der einzige unter den Tausenden, an denen sie vorüberglitt, der sie anglotzte, weil sie rollte statt zu gehen, was doch überhaupt kein vernünftiger Mensch mehr tut. NEW YORK UND DER NICKEL 295 Ein paar Häuserblocks weiter schwingt sich eine ältliche Dame über denselben Bürgersteig, den sie hier sidewalk nennen und der Straßenbreite hat, in ihr bereitstehendes Auto. Sie ist ungefähr sechzig Jahre alt, schlank und behend wie jene Achtzehnjährige, und trägt ein winziges Postillonhütchen auf ihren himmelblauen, lieblich gewellten Locken. Und warum nicht himmelblau? Hier sind alle Farben gleichberechtigt und die einzige, über die man sich lustig macht, ist,.purple", aber auch nur im übertragenen Sinne, wenn einer geschwollen redet oder schreibt. Don't speak last lines, sagt oder denkt der amerikanische Leser. Bei uns drüben war es ein Vorzug. Wir glaubten immer, etwas Endgültiges gesagt zu haben, wenn wir etwas Endgültiges gesagt hatten. Man wird umlernen müssen; es war nicht demokratisch. Wieder ein paar Straßen weiter üben sich ein paar Halbwüchsige im Fassadenklettern an einem kleinen Palästchen der Fifth Avenue, das augenblicklich leersteht. Sie kleben mit ihren Fußspitzen und Handflächen wie Fledermäuse an flachen Mauervorsprüngen und arbeiten sich unter Lebensgefahr zu einem Balkönchen im zweiten Stock empor. Niemand stört sie in diesem Vergnügen. Der Torhüter des Nachbarhauses, den ich auf den Unfug aufmerksam mache, schaut mich erstaunt an. Ein Schutzmann ist weit und breit nicht zu entdecken. Wir waren, sehe ich schließlich ein, in unserem alten Polizeistaat, in dem jeder dritte oder jeder fünfte Bürger ein Polizist war, etwas verwöhnt in diesem Punkt. Hier ist der Staat nicht der Vormund. Das Volk ist der Vormund, und die Jugendlichen sind der selbstbewußteste Teil des Volkes. Mögen sie ihre lebensgefährlichen Kletterübungen bis zur Bewußtlosigkeit fortsetzen oder bis ein amerikanischer Vollbürger vorbeikommt, der ihrem jugendlichen Gangstertum ein Ende macht, bevor sie sich das jugendliche Genick brechen. Es ist ein winzig kleiner Fall von ,, Isolationism", jener aus 296 MIT MIR IN AMERIKA dem vorigen Krieg hervorgegangenen verhärteten Gemütsart, deren Bekämpfung hier den Demokraten, und nicht nur den aus anderen Erdteilen zugereisten, viel zu schaffen macht. Auf das New- Yorker Straßenleben bezogen, gehört dieses abgestumpfte Vorbeisehen an dem, was einen nicht unmittelbar berührt, freilich auch zum Bilde der Großstadt, jeder Großstadt. Und New York ist nicht nur eine Großstadt, sondern eine Weltstadt, die Weltstadt, mit allen Schattenseiten, aber auch Sonnenseiten einer solchen. New York ist ein Superlativ und alles nimmt hier, das merke ich bald und nicht nur beim Spazierengehen, einen superlativischen Charakter an: die vierstelligen Hausnummern, die Nächstenliebe, wie auch die Unempfindlichkeit gegen das Schicksal des Nebenmenschen. Aber wie könnte das auch anders sein in dieser ungeheuren Menschenmühle, in welcher der einzelne, jeder einzelne, und wenn er wer immer wäre, nur ein Staubkorn ist? Aber die unsentimentale Dynamik dieser Riesensiedlung hat etwas Bezauberndes. Man fühlt sich fortgerissen, man fühlt sich hingerissen, emporgerissen, wie im Elevator, der himmelan schwebt. Die Neuangekommenen zumal gehen hier alle eine Zeitlang herum, als wären sie dank den mechanischen Leistungsmöglichkeiten dieser Stadt dem Himmel tatsächlich näher gekommen. Das Beklemmende der Weltstadt spüren sie erst etwas später. Aber was auch dann noch bleibt, ist die trotz alledem tröstlich zustimmende Erkenntnis: Weltstadt, nun wohl! Aber wenn schon Weltstadt, dann New York! New York ist einzig! sagen die Fremden, die sich hier im Handumdrehen heimisch fühlen, und die New- Yorker, die in New York nie ganz zu Hause sind. Darum wechseln sie wohl auch so häufig ihre Wohnung. Nichts ist unbeständiger in New York als eine ständige Adresse. Der neugierige Einwanderer, der in New York herumgeht wie ein Kind in einer Weltausstellung, hat es nicht leicht, sich über seinen ersten Eindruck nachher Rechenschaft zu geben. Wo NEW YORK UND DER NICKEL 297 war der Ursprung der Bezauberung jener strahlenden Wintertage und schimmernden Frühlingsmorgen, als die Büsche im Central Park weiß zu blühen begannen? Ich glaube, vor allem in zwei Dingen, die New York mit jeder anderen Stadt gemein hat und die doch einzig sind in New York: Das Licht und die Luft. - - Die Luft in New York an schönen Tagen es gibt auch andere ist reiner und erfrischender als irgendeine andere Stadtluft, die Luft gewisser italienischer Städte nicht ausgenommen, die gleichfalls am Meere liegen. Ein Meeresatem, eine Brise, hat diese weitgereiste Luft, die aus unendlicher Entfernung über den Ozean gereinigt herüberkommt, auf die natürlichste Weise der Welt alle jene Eigenschaften, die man in Amerika auf künstliche Weise herstellt, indem man sie keimfrei, air conditioned, macht. Daß sie vollkommen keimfrei ist, möchte ich trotzdem nicht beschwören, noch auch, daß sie nicht hin und wieder etwas Ruß auf ihren Flügeln von den himmelhohen Kaminen auf dich herunterweht. Aber vom Straßengrund gesehen, ist sie vollkommen staubfrei, und, was das merkwürdigste ist, auch lärmfrei. Die sechsfache Reihe spiegelnder Automobile fließt die Fifth Avenue, die zehnfache die Park Avenue nahezu lautlos auf und nieder. Nur ein zitterndes Brausen steht in der Luft, das aber mit Lärm nichts zu tun hat. Es ist nur ein gleichbleibendes Schwungrad- Sausen der Betriebsamkeit, das in ein leises Fauchen flüchtig übergeht, wenn die durch lautlose Lichtsignale gestaute Wagenreihe dem Fußgänger Platz macht, der, an den bebenden Schnauzen sprungbereiter Kraftmaschinen vorüberhastend, seinen Weg von einer Straßenseite zur anderen nimmt. Das Licht New Yorks aber ist etwas, das man im allgemeinen einer Weltstadt am wenigsten nachrühmen kann, nämlich jungfräulich. Ich kann es nicht anders sagen. Es ist ein kosmisches Urweltslicht, das Licht des ersten Schöpfungstages, so 298 MIT MIR IN AMERIKA lange die Sonne scheint. Nachts aber, wenn die Smaragde und Rubine der Verkehrssignale die schnurgeraden Straßenzüge ins Unendliche begleiten; wenn die bunten Lichtreklamen über den Dächern ihre grotesken Anpreisungen in den Himmel brüllen und, am Times Square, das weiße Feuer einer in Fluß geratenen Milchstraße die jüngsten Neuigkeiten aufsprühen läßt und die ganze ungeheure Stadt, von oben betrachtet, sich in das Innere eines glühenden Hochofens verwandelt, durch ein Vergrößerungsglas gesehen, benimmt es einem völlig den Verstand. Die Villa Lumière hat man Paris in meinen jungen Tagen genannt. Aber der bunte Lichterjubel des nächtlichen New York verhält sich zu jenem eleganten Freudenschimmer, auch des Geistes, wie ein elektrisch beleuchtetes Schaufenster eines Juweliers zu einem einsamen Solitär. Der Weg zu New York, wie zu jedem Phänomen der Zivilisation, führt von außen nach innen. Das Visuelle ist rasch erlebt und rasch vergessen. Das kulturelle Bild formt und ergänzt sich langsam, so wie sich ja auch die Kultur nur langsam formt und ergänzt. Ein Museum kann man genuẞsüchtig durchwandern, das Theater muß man an manchem Abend erleben, Zeitungen muß man täglich lesen und in Gesellschaft muß man immer gehen. Und all das braucht Zeit, viel Zeit, und wer hat sie von denjenigen, die gejagt herüberkamen? Um mit dem Museum anzufangen, so scheiden sich hier die Wege der Flüchtlinge wie der Besucher beim ersten Schritt. Die einen gehen zuerst ins Naturhistorische Museum auf der Westseite, die anderen zuerst ins Metropolitan Museum an der Fifth Avenue. Was mich betrifft, so war mir Tintoretto immer wichtiger als der Diplodoccus, und das großartigste Mammutskelett kann mir ein ägyptisches Königsgrab nicht ersetzen. Was nicht NEW YORK UND DER NICKEL 299 hindert, daß das Naturwissenschaftliche Museum New Yorks, das ich erst später kennenlernte, sicher eines der großartigsten der Welt ist. Das ist auch das Metropolitan Museum, mit seinen weitläufi- gen, airconditioned Bildersälen, den bestgelüfteten der Welt. Aber daß ich es in jenen ersten Monaten zum Hauptquartier meiner Mußestunden erkor, hat wohl noch einen anderen Grund, der mir erst hinterher bewußt wurde. Es ist unter allen amerikanischen Kunststätten diejenige, die, an Europa erinnernd, uns am meisten und am deutlichsten von Europa er- zählt. Es ist das missing link zwischen der amerikanischen und der europäischen Kultur. Seine Bilderschau erzählt von einer anderen Welt, die hinter uns in Rauch aufgeht. Die Bilder sind nicht nur die besten, auch die bestgehängten und bestbeleuchteten der Alten Welt. Keine mit Bildern der- selben Periode oder gar desselben Künstlers„gepflasterten“ Wände, wie im Pariser Louvre, aber auch keine snobistische Auslese allerhöchster Meisterwerke in einem Allerheiligsten der Kunst atemberaubend zusammengedrängt, wie in der Tribuna in Florenz oder dem Kabinett der kapitolinischen Venus. Hier gibt es keine Rangordnung, keine Hierarchie, kein Agio der Vergangenheit und des„Schon-so-lange-tot-Seins“, an das wir zu Hause bis zum Überdruß gewöhnt, zu dem wir erzogen waren. Es gibt auch keinen grundsätzlichen Unter- schied zwischen modernen und alten Meistern, nur was die Kunstgeschichtler„Qualität“ nennen und was sie in ihren esoteri- schen Konventikeln gradweise zugestehen oder absprechen. Ein Tizian hängt neben einem Whistler, ein C&zanne neben einem Watteau, ein Manet neben einem Velasquez und, wenn’s drauf ankommt, ein Renoir neben einem Palma Vecchio, ja sogar neben einem Rembrandt. Das ist natürlich kein Zufall, viel- mehr ein Bekenntnis. Die New-Yorker Museumsdirektoren ver- stehen sich so gut wie die Londoner und die Pariser aufs Hän- 300 MIT MIR IN AMERIKA gen und Beleuchten. Aber das Prinzip der Demokratie scheint ihnen jede Einschachtelung und Absonderung aristokratischer Minderheiten grundsätzlich auszuschließen und grundsätzlich muß man ihnen recht geben. Kunst ist Kunst, Meisterschaft Meisterschaft, der Klassiker und der Könner sehen sich mit der gleichen musealen Freundlichkeit und Strenge eingeladen durch den an alle, ohne Unterschied der Person und des Zeitalters ergehenden Weckruf: Künstler aller Länder, vereinigt euch! Leider vermißte ich als Österreicher die österreichischen Maler. Kein Waldmüller, kein Klimt, kein Schwind, kein Füger, kein Maulpertsch und kein Kremser Schmidt. Vielleicht, hoffentlich, wird sich das nach dem Siege ändern. Mein Freund, der österreichische Maler, versichert mir's. Noch weiter als das amerikanische Museum scheint auf gleichem Wege das amerikanische Theater zu gehen, wie man schon in den ersten Monaten in New York merkt. Hier gibt es keine Klassiker- Pietät, was mit der Abneigung des NewYorkers gegen die Tragödie zusammenhängt. Das fand schon vor fünfzig Jahren Mark Twain heraus, der das Theater beider Hemisphären kannte. Aber wenn er dem NewYorker Theater eine unstatthafte Vorliebe für ,, mental sugar" vorwirft, so gilt dies heute oder galt zumindest vor ein paar Jahren, als ich in New York ankam, nicht mehr. Eher konnte man von durchgängiger mental bitterness, einem bitteren Rationalismus mit happy end sprechen. Aber zwei Vorzüge müssen dem zweidimensionalen New- Yorker Theater zugestanden und können ihm gar nicht laut genug nachgerühmt werden. Es gibt hier keine reaktionären Stücke und keine technisch mangelhaften. Alles ist bis aufs letzte vorbereitet und bis aufs feinste ausgearbeitet sogar das Ordinäre. Worunter beispielsweise das Wiener Theater seit zwei Jahrhunderten litt: das Extempore, ist so gut wie ausgeschlossen. Nicht daß nicht auch die amerikanischen Schauspieler Schauspieler wären und - NEW YORK UND DER NICKEL 301 daß nicht auch hier das Bühnenkunstwerk aus der Zusammenarbeit des Dichters und des Schauspielers entstünde. Aber diese Zutaten, die oft entscheidend sind, werden in einem früheren Zeitpunkt der Vorbereitung beigebracht, auf einer der unzähligen Proben, die den letzten Proben vorangehen, und gehen lange vor der Probeaufführung, durch Beifall gehärtet, in die für New York bestimmte Vorstellung über. Diese trying outVorstellungen in einer kleinen Stadt, manchmal auch in einer größeren, sind eine andere demokratische Einrichtung, deren Sinn einem erst allgemach aufgeht. Ihr Sinn ist, dem namen-losen Durchschnittsamerikaner, also dem Volk, die letzte Entscheidung zu überlassen. Was nicht allen gefällt, gefällt niemandem, sagt der amerikanische Producer und setzt das Stück noch vor der New- Yorker Erstaufführung ab, wenn die Leute in Stockbridge oder in New Haven nicht an den dazu bestimmten Stellen gelacht oder sich geschneuzt haben. Und beides wird durch einen im Zuschauerraum unauffällig versteckten Beobachter genauest festgestellt: Soviel Lacher, soviel Schneuzer. Es gehört zur Vorbereitung. - Wie das Theater ist auch die amerikanische Zeitung die lebendigste der Welt. Ihre blickfängerischen headlines sind berühmt und berüchtigt mit Unrecht, wie mir scheinen will. Die headline ist das Epigramm der Zeitung, und ein gutes Epigramm zu machen ist eine Kunstleistung wie eine andere. Die Überschrift beispielsweise: ,, Witwe bekommt Drillinge, Gatte starb siebzigjährig vor mehreren Monaten“ mit dem am folgenden Tage den Bericht ergänzenden, atemraubenden Zusatz: ,, Dritter Drilling läßt warten", zwingen selbst den gleichgültigsten Leser, den darunter eingeschalteten Artikel zu lesen. Dies aber ist der Ehrgeiz der Zeitung, gelesen zu werden, und zwar von Millionen gleichzeitig, ob es sich nun um besagte Drillinge oder die kanadischen Fünflinge handelt oder um Hitlers Brandrede, in der er den Krieg lange vor der Kriegs 302 MIT MIR IN AMERIKA erklärung erklärte, indem er die Nationen in die Have- und Have- not- Nationen schied und damit den Klassenkampf zur weltpolitischen Maxime erhob. Die amerikanische Zeitung ist die bestgeschriebene, weil sie die meistgelesene ist; das Risiko ist auch hier, wie auf dem Gebiete des Theaters, zu groß, um ihren Erfolg durch eine halbfertige Schleuderarbeit aufs Spiel zu setzen. Ihr Nachrichtendienst, ihr Englisch und ihre Gesinnung müssen hieb- und stichfest sein und sind es. Das gleiche gilt auch für die großen Magazine, wenn auch mit einigen Einschränkungen. Denn hier wird der Massenabsatz, der sich in Friedenszeiten auf die fünf Weltteile und sieben Meere verteilt, eine immer drohendere Gefahr für den Aktualitätsgehalt der Monatsschrift. Der Techniker verlangt, daß das einzelne Heft drei Monate vor seiner möglichen Ankunft in China oder Neuseeland druckfertig vorliegt, und der Politiker fürchtet mit Recht, daß das jüngste Ereignis, über das er seinen Editorial schreibt, bis dahin vergessen sein könnte; er soll den Vogel im Flug schießen, wozu er sich als Publizist erzogen hat, aber er soll den Vogel von morgen im Flug schießen, was auch dem geübtesten Jäger nicht immer gelingt. Drückt hier der Massenabsatz auf das intellektuelle Niveau der großen Revuen, so gefährdet er in den großen Wochenschriften deren literarischen Charakter durch die unvermeidliche Mechanisierung der dem Durchschnittsgeschmack von Millionen Lesern angepaẞten Beiträge. Ich bin ein großer Bewunderer der amerikanischen Story von O'Henry bis Stephan Vincent Benét, aber ich kann mir die besten dieser Geschichten ebensowenig in den Magazinen der letzten oder der nächsten Woche vorstellen wie eine Novelle von Tschechow, Kipling oder Maupassant. Natürlich steht es mir als einem Einwanderer nicht zu, eine derartige Kritik zu üben. Aber vielleicht stand es dem amerikanischen Schriftsteller 1. O. Brien zu, der in seiner Einleitung zu einer Anthologie amerikanischer Kurzgeschichten wörtlich schreibt:„ The bad NEW YORK UND DER NICKEL 303 writers drug us; the other tire us. Meanwhile I dare say, Chekhov and Maupassant are selling shoestrings on Broadway." Was übrigens die vorher erwähnten Monatsschriften betrifft, so muß ich zwei dieser Monthly's rühmlich hervorheben. Es sind dies Harper's und Atlantic Monthly. Da ich der Mitarbeiter keiner von beiden bin, darf ich die Kunst und Geschicklichkeit, mit der sie den Kurs einer altbewährten Tradition in bewegter Zeit aufrechterhalten, ohne jede Einschränkung loben. Und die Frauen? Und die Gesellschaft? Ich werde mich diesen beiden Fragezeichen auf einem kleinen Umweg nähern, der mich durch die Gesellschaft zu den Frauen führt. Wobei ich vorausschicke, daß ich, was Gesellschaft betrifft, nicht zu den Gesellschaftsepikuräern, sondern zu den Gesellschaftsidealisten gehöre. Die Cocktail- Gesellschaft lasse ich außer Betracht, und in die bridgespielenden Kreise möchte ich mich nicht mengen. Der Whisky und das Kartenspiel sind überall in der Welt gleich; um in diese beiden Sphären einzudringen, mußte man nicht erst nach Amerika reisen. Das gleiche gilt von dem gesellschaftlich verbrämten Liebesspiel, hier ,, sex" genannt. Auch der Snobismus, der in New York wie anderwärts, nur vielleicht etwas duftloser blüht, ist ungefähr derselbe. Royalty spielt in gewissen Kreisen, von denen man sich besser fernhält, eine große Rolle, Rasse gleichfalls, obwohl dies nicht zugegeben wird. Wenn die Gesellschaft in Wien sich in eine erste, zweite und dritte Gesellschaft senkrecht gliederte, so zerfällt sie in New York ebenso kategorisch, wenn auch horizontal, in Ost und West. Das hat man bald heraus und der Gesellschaftsstreber richtet sich danach. Die Kreise sind streng geschieden; 304 MIT MIR IN AMERIKA denn wie es in dem herrlichen Gedicht von Kipling heißt: ,, The West ist the West and the East is the East And never the twain will meet." - Die wahre Gesellschaft hingegen ist in Amerika, und, wie mir scheint, besonders in New York, ohne die koordinierenden Begriffe von Mankind und Humanity gar nicht denkbar. Um diesen Zusammenhang zu erhärten, werden die sogenannten Tributdinner veranstaltet, bei denen man für teures Geld unverhältnismäßig schlecht iẞt, aber mit den schönsten Reden abgespeist wird. Das ist ein nicht zu unterschätzender Genuß, den nur der Hitler- Emigrant aus naheliegenden Gründen sich kaum vergönnen kann. Was mich betrifft, so sah ich mich, wenn auch nicht gleich, so doch bald nach meiner Ankunft, auf andere Art als durch eine schöngedruckte Sechs- Dollar- Einladung in diese menschenfreundlichen Kreise hineingezogen. - - Eines Tages begegnete ich auf einem Spaziergang im Central Park dem Dichter Ernst Toller, der mit aufgerissenen Augen und erhobenen Händen auf mich zukam. Ich las in seinem schönen, beredten Gesicht deutlich, was mir sein ausdrucksvoller Mund der Mund eines Schauspielers noch mehr als eines Dichters zartfühlend verschwieg: daß die Nachricht von meinem Tod, die auch durch ein paar amerikanische Zeitungen gegangen war, auch ihn veranlaßt hätte, mich von der Tafel der noch lebenden Hitler- Opfer abzuschreiben, und daß er in keiner Weise darauf gefaßt gewesen war, mir an einem sonnigen Wintertag im Zauberlicht New Yorks noch einmal zu begegnen. Ich gab ihm meine Adresse, und tags darauf erhielt ich eine Einladung, als Ehrengast einem Pen- Club- Dinner beizuwohnen, bei dem die First Lady sprechen würde. Wahrscheinlich hatte Toller darauf hingewiesen, daß ich als der einzige Pen- ClubChairman auf der ganzen Erde für diese ehrenamtliche Funk NEW YORK UND DER NICKEL 305 tion mit fünf Monaten Dachau hatte bezahlen müssen, was die mir zuteil gewordene Auszeichnung immerhin hinreichend rechtfertigen mochte. Ich verdanke ihr den Vorzug, mich vor Mistreẞ Eleanor Roosevelt, der ich von der Sekretärin des Klubs vorgestellt wurde, verbeugen zu dürfen und die außerordentliche Frau, die eine first Lady wäre, auch wenn sie nicht die First Lady wäre, nachher als Rednerin zu bewundern. Ihr Thema war, die versammelten amerikanischen Schriftsteller mit vollendeter rednerischer Anmut und ohne die geringste Beimischung von Lehrhaftigkeit daran zu erinnern, wie sehr wünschenswert und ersprießlich es wäre, gerade jetzt, wo Europa immer drohender das Gesichtsfeld verfinsterte, Amerika zu entdecken, aber nicht im Sinne eines sich reaktionär isolierenden Amerika, sondern in jenem sozialen und menschheitlichen Geiste, der allen rednerischen und publizistischen Auslassungen der Frau des Präsidenten zugrunde liegt. Sie erzählte von jenem anderen Amerika, das sie auf ihren rastlosen Vortragsreisen in den verstecktesten Gebirgstälern des ungeheuren Landes kennenlernte: von einem kleinen Jungen, der vom Farmhaus seiner Eltern täglich sechs Meilen, das sind zehn Kilometer, weit zur Schule wanderte, sechs Meilen hin und sechs zurück, Tag für Tag, und der noch nie an einem Wochentag, bei Tisch sitzend, zu Mittag gegessen hatte; von einem Postfräulein irgendwo in den Rocky Mountains, das, um ihren Radiohörern in den sonst unerreichbaren Hochtälern eine Schallplatte mit den neuesten politischen Nachrichten zu verschaffen, neunzehn Meilen weit zu Fuß zu gehen pflegte. Ist dieses Amerika nicht ein interessantes Land? Jawohl, das ist es, darin konnten wir der First Lady nur recht geben, aber nicht nur, weil es solche Postfräuleins, sondern auch weil es solche regierende Frauen hervorbringt, die mit ebensoviel Herzensgüte wie technischer Meisterschaft das Wort beherrschen. Eleanor Roosevelt wäre, wenn sie wie immer hieße, eine der ersten Rednerinnen des Landes. Sie 20 Verlorene Zeit 306 MIT MIR IN AMERIKA spricht in einem vorbildlichen Stil, in vorbildlicher Haltung und mit vorbildlicher Anmut; sie hat Güte, Humor und sogar eine gewisse Schalkheit, wie sie mütterlichen Frauen ansteht, die mit Kindern und darum auch mit Erwachsenen nachsichtig umzugehen wissen. Kein Wunder, noch Zufall und am wenigsten Gunst, daß ihre Lectures sich eines so ungeheuren Zulaufs erfreuen und dies in einem Reich, in dem der Lecturer tonangebend und dementsprechend der Wettbewerb erdrückend ist... ,, All Americans lecture, there must be something in the climate", sagte schon Oscar Wilde. War Mistreẞ Eleanor Roosevelt die erste First Lady, die ich in New York kennenlernte, so war Dorothy Thompson, einige Zeit nachher, die zweite. Ich hätte sie auch schon zehn Jahre früher kennenlernen können, als sie sich einen Winter lang in Wien auf dem Semmering aufhielt. Pen- Club- Verhältnisse, wie sie in den literarischen ebenso wie in allen anderen Gesellschaften das Vereinsleben würzen, hielten uns damals, sicher nicht unabsichtlich, auseinander. Sie hatte wahrscheinlich eine ganz verkehrte Meinung von mir und ich auch nicht die richtige von ihr, da sie ja erst im Werden war. Jetzt, in New York, in einem geschichtlichen Augenblick, der allen ihren Befürchtungen und Warnungen recht zu geben begann, fand ich sie auf der Höhe ihrer Macht und Persönlichkeit, was auch Persönlichkeiten nicht in jedem Augenblicke ihres Daseins sind. Ich las ihre Artikel, die sie damals noch in der ,, Herald Tribune" veröffentlichte, von der sie sich später, nach durchgeführtem Wahlkampf für Roosevelt, mannhaft schied. Mannhaft: das schien mir überhaupt das bezeichnende Wort für die in ihrem Äußeren so frauenhaft schöne Frau. Sie schrieb und sagte nicht, was ihr ungeheurer Leser- und Radiohörerkreis lesen und hören wollte, sondern was ihrer Meinung und ihrem nur allzu begründeten Urteil entsprach; sie ließ sich von aufgebrachten Geschlechtsgenossinnen ohne Unterlaẞ ,, hysterical" nennen und blieb doch NEW YORK UND DER NICKEL 307 bei ihrer vorgefaßten Meinung, daß der Krieg unvermeidlich wäre. Sie war der beste Anwalt Europas im amerikanischen Blätterwald. Sie hatte nicht nur, sie bewährte auch den Mut ihrer Überzeugung. Sie nannte nicht nur eine Katze eine Katze, sondern auch ein Schwein ein Schwein; sie ließ sich aus einer Naziversammlung in Madison- Garden, die unter dem Schutz der Demokratie stattfand, mit Gewalt hinausschaffen, weil sie dem Redner ins Gesicht gelacht hatte; sie kam zurück und lachte weiter. Sie war Cato und Kassandra in einem und war es dreimal in der Woche in ihrer ,, Column". Ihre männlichen Kollegen waren viel vorsichtiger und redeten immer noch von Herrn Hitler und Signor Mussolini, als ob sie Gentlemen wären. Nicht so diese Frau, von der man sagen konnte, was die Wiener vor hundert Jahren von der Erzherzogin Sophie sagten, die sie den ,, einzigen Mann bei Hofe" nannten. Das war und ist Dorothy Thompson und ist es in einem Lande, in dem die Publizisten erste Schriftsteller sind und erste Schriftsteller Publizisten. Aber Dorothy Thompson ist noch etwas mehr. Man erzählte mir von ihr, daß sie, die Tochter eines Pastors- nicht die schlechteste Schule für einen Schriftsteller, denn die Sermons sind hier alle Essays, zwanzigjährig oder noch jünger ihrem Vater anvertraute, daß sie sich entschlossen habe, Journalist, hier sagt man Newspaperman, zu werden. Es war in Maine, wo geistliche Würdenträger auf eine derartige Mitteilung einer Tochter viel-leicht am allerwenigsten gefaßt sind. Aber der Reverend war tapfer wie seine Tochter. Er seufzte, nickte, und gab ihr als Wegzehrung ein Wort mit. ,, Du wirst", soll er ihr gesagt haben, ,, in deinem künftigen Beruf nicht immer eine Lady bleiben können. Aber trachte wenigstens, immer ein Gentleman zu bleiben." Vielleicht ist es nur eine halbwahre, plutarchische Anekdote. Aber selbst dann wäre sie für Dorothy Thmopson bezeichnend. Denn sie hielt sich mehr als wörtlich an den Reisesegen ihres Vaters. Sie ist ein Gentleman der Presse und eine Lady. 20* 308 MIT MIR IN AMERIKA So saß sie als Hausfrau zu Häupten des von ihr beherrschten Tisches an jenem Maiabend in New York, der für mich besonders schwer war, weil an jenem Abend unsere letzte Wiener Freundin, die uns in New York besucht hatte, in das apokalyptische Wien zurückkehrte. Ich sehe unsere liebenswürdige Gastgeberin deutlich vor mir, in den Umriẞlinien und den Farben, dem Ausdruck und der Haltung eines schönen Frauenbildes, das sich mir unvergeßlich eingeprägt hat. Es war aber in seiner Opulenz und Sinnenfreudigkeit eher ein Bild aus dem achtzehnten Jahrhundert, und noch dazu französisches achtzehntes Jahrhundert, von Boucher oder Fragonard gemalt, und, wie ich mir vorstellte, in einem ovalen Rahmen, obwohl die darin sich darstellende Persönlichkeit so durchaus gegenwärtiges zwanzigstes Jahrhundert war. Was hat sie angehabt? wird an dieser Stelle meines Berichtes eine oder die andere weibliche Stimme fragen. Ich muß gestehen, daß ich so oberflächlich war, es mir nicht zu merken. Ich weiß nur, daß das Kleid, die Haartracht und was sonst dazu gehört, den allerbesten Geschmack verrieten; es war frauenhafter als der Stil, den sie schrieb, aber ebenso elegant. - - Auch was sie erzählte und redete war von ich könnte es kaum besser sagen ungezwungenster Gewähltheit. Sie war die Gastgeberin auch im Gespräch und teilte sich so freigebig mit, daß wir anderen nur stumm, aber immer dankbar, in ergriffener Stummheit, zuhören konnten. Aber wieder spricht es für ihre vollendete Erziehung, daß das Zuhören nicht in ,, Lauschen" überging, obwohl sie, hinter ihrem immer halbleeren Weinglas sitzend, bis in die frühen Morgenstunden in nie ermüdendem Redefluß sich selbst zum besten gab, nur hin und wieder mit einem langgedehnten ,, a- n- d" eine Brücke über den Fluß schlagend. Sie erzählte von ihrem Interview mit dem ,, Führer", von dem sie sprach, wie Metternich von Napoleon gesprochen haben mochte, aber ohne einen Augenblick zu vergessen, daß er kein NEW YORK UND DER NICKEL 309 Napoleon war. Sie schilderte seinen mystischen Basiliskenblick, wie sie ihn schon oft geschildert haben mochte, und nagelte ihn mit ein paar nadelspitzen Worten ein für allemal in unserem Gedächtnis fest. Dann fing sie an, von Alexander Hamilton zu sprechen und sprach stundenlang von diesem faszinierendsten Charakter der amerikanischen Geschichte, der auch sie derart faszinierte, daß sie ein Stück über ihn schreiben wollte oder auch wirklich schrieb. Was sie in diesem Zusammenhang redete, ging mir nicht verloren. Ich habe Dorothy Thompson seit jenem Abend nicht wieder gesehen, aber ich habe mich in den folgenden Monaten auf dem Lande mit dem Charakterbilde dieses merkwürdigen Aristokraten, der in Amerika die Demokratie verwirklichen half und in einem törichten Duell wie Lassalle fiel, näher vertraut gemacht. Ich habe viel über ihn gelesen und nachgedacht. Und ich bin heute überzeugt, daß Schiller, hätte er Hamilton um zwanzig Jahre statt um ein Jahr überlebt, seinem Fiesko" und„, Wallenstein" einen Alexander Hamilton in fünf Akten hätte folgen lassen. Aristokrat im Dienste der Demokratie... Es ist vielleicht doch kein Zufall, daß die sieghafte Damenhaftigkeit und Weiblichkeit dieser amerikanischen Pfarrerstochter den Betrachter wie den Bewunderer so nachhaltig an die dominierend lächelnden Frauenbilder des achtzehnten Jahrhunderts hat denken lassen. Es war auch das Jahrhundert Hamiltons, wie es das Jahrhundert Mirabeaus war. Über diesen beiden Frauenbildern, Eleanor Roosevelt und Dorothy Thompson, darf ich ein drittes nicht außer Betracht lassen, das ehrwürdigste von den dreien. Es ist dasjenige der Mrs. James Roosevelt, der Mutter des Präsidenten. Ich hatte einen Empfehlungsbrief Basil Maines, des englischen Biographen Roosevelts, an sie und sah mich von der damals fünf 310 MIT MIR IN AMERIKA undachtzigjährigen Dame auf das allerfreundlichste angenommen. Sie empfing mich in einem gesellschaftsfrohen, mit Möbeln und Kissen und Bildern etwas überfüllten Salon, der sichtlich noch aus der Zeit der ,, Bibelots" und des ,, Bric a brac" stammte, und sprach gleich von den Salzburger Festspielen und von Wien, über das ich ein an meiner Verschickung nicht ganz unschuldiges Buch kurz vor Hitlers Machtergreifung veröffentlicht hatte. Ich sagte, daß ich es ihr gerne verehrt hätte, wenn es nicht in deutscher Sprache geschrieben wäre. ,, Oh, ich spreche und lese deutsch", sagte sie in einem vollkommen akzentfreien Deutsch und mit einem anzüglich klugen Lächeln, das es mir ermöglichte, ihr tags darauf mein Buch zu schicken. Ich kam dann noch ein paarmal zu Mrs. James Roosevelt und fand sie immer in angeregter und anregender Stimmung neben ihrer Teemaschine sitzend und ihre Gäste bedienend. Einmal mußten meine Frau und ich, im Salon sitzend, etwas auf sie warten, weil sie eben erst von einem Konzert heimgekommen war, das sie an ein Luncheon angeschlossen hatte, und sich rasch für die Oper umkleiden mußte. So leben die Zwanzigjährigen und so lebte Mrs. James Roosevelt, die mehr als Achtzigjährige. Ihre Lebenskraft hatte etwas Mythisches und dem entsprach auch ihre körperliche Erscheinung. Aus österreichischen Augen angesehen, sah sie aus wie eine Maria Theresia, aber eine Maria Theresia in Überlebensgröße, Mutter und Landesmutter zugleich. Aber sie war ganz unpathetisch, auch als Mutter, sogar als Mutter. Einmal war ich so unbescheiden, vom Präsidenten zu sprechen, ohne ein Hehl daraus zu machen, wie sehr ich ihn als Staatsmann und als Kämpfer, wie ich es auszudrücken versuchte, bewunderte. Sie hörte mir geduldig zu, den großen Kopf mit den mythisch großen Gesichtszügen etwas schräg geneigt, ganz Mutter, aber ganz und gar nicht die stolze Mutter des Coriolan, die wir aus Shakespeares Tragödie kennen, und sagte dann abschließend mit NEW YORK UND DER NICKEL 311 einer bezaubernden Einfachheit: ,, Yes, he had a good education"- ,, Ja, er hat eine gute Erziehung gehabt." Und wieder hatte ich, aus dem Munde einer großen Dame, eine Lektion in Demokratie davongetragen. - - So lief am Ende doch alles auf ,, democracy" hinaus, die, wie sich immer deutlicher herausstellte, etwas ganz anderes war, als was selbst gute Demokraten drüben in Europa unter Demokratie verstanden hatten. Sie waren bestenfalls eben doch nur ,, Feudaldemokraten" gewesen, die den Begriff Gleichheit mit dem Begriff Elite in eine selbstbewußte Verbindung brachten. Der Unterschied kam schon im Wortbild zum Ausdruck. Hier in Amerika schrieb man democracy mit einem kleinen Anfangsbuchstaben, wie man auch Kaiser und Papst emperor und pontiff klein schrieb, dem Grundsatz der Gleichheit aller Menschen entsprechend. Aber diese kleingeschriebene democracy war eine große Sache, wo unsere großgeschriebene doch immer noch mehr Volksfreundlichkeit als Volkssouveränität bezeichnete. Bei ,, uns" wie die Emigranten mit Stolz zu sagen pflegen, wo sie es mit Demut sagen sollten neigten sich die Gebildeten dem Volke zu, das eine solche Haltung anerkannte. Hier war es gerade umgekehrt: das Volk neigte sich bestenfalls den Gebildeten zu, die eine solche Haltung dankbar anzuerkennen hatten. Denn für die Gemeinschaft war der einzelne geschaffen, nicht die Gemeinschaft für den einzelnen, wie wir, große Feudalherren oder kleine Lehensträger des Geistes, dünkelhaft voraussetzten. Es war mit der großmütigen Feststellung nicht getan, daß wir alle im Volke unsere Mutter zu verehren hatten, von der wir alle abstammten, die einen dreihundert Jahre früher, die anderen dreihundert Jahre später, wie ich es einmal auszudrücken versucht hatte. - 312 MIT MIR IN AMERIKA In Amerika, das begann ich noch vor Schluß des ersten Schuljahres einzusehen, durfte man nichts voraussetzen, am wenigsten sich selbst. Die Ausnahme waren die Movie Stars, deren es auch in der Literatur etwelche gab. Die anderen, die es bloẞ sein wollten, waren nur Primadonnen mit oder ohne Wirkungskreis, wobei die ohne Wirkungskreis die noch schlimmeren, weil anspruchsvolleren, waren. Der Schriftsteller, der durch eine Reihe von Jahren zu einem vertrauten Leserkreis gesprochen hatte und nun neu anzufangen, voraussetzungslos neu anzufangen sich genötigt sah, befand sich in einer ähnlich unhaltbaren Lage. Er war gewohnt, daß man ihm zuhörte, wenn er sprach. Jetzt mußte er zuhören, wenn die anderen sprachen und trachten, sie zu verstehen, was die Schwierigkeiten seines Fortkommens wesentlich vermehrte. Denn die Sprache des Geistes, das was wir Ideologie und was die Amerikaner philosophy nennen, ist eine Sprache über der Sprache, die den gleichen Worten einen oft ganz verschiedenen Sinn unterschiebt. Der Unterschied ist, beispielsweise, daß wir in Europa mit einem von der Antike abgeleiteten Stolz ,, Homo sum" sagten, wo man in der Neuen Welt ,, Homo est" sagt, und das ist allerdings eine Verschiedenheit wie zwischen Schwarz und Weiß. - Die Folge für den Künstler und somit auch für den Schriftsteller- denn nur im Maße als er Künstler ist, ist er Schriftsteller oder gar Dichter ist unermeßlich. In Europa durfte er sich nicht anbieten, in Amerika muß er sich anbieten- auch hier wieder mit Ausnahme einiger Primadonnen. Dort kam der sich Anbietende um seinen Rang, hier verliert der sich nicht Anbietende den seinen. Und warum? Nicht weil Amerika ein unkünstlerisches Land wäre, wie manche Emigranten miẞverständlich glauben, sondern weil Initiative das Wesen der Demokratie ist, ihre sozusagen weltliche Seite. Nicht Bereitschaft, wie Hamlet sagt, ist hier alles, sondern Bereitwilligkeit, die sich nur im Entschluß beweist. Die Willensäußerung wird verlangt und NEW YORK UND DER NICKEL 313 vorausgesetzt. Nicht nur Tschechow und Maupassant, auch der unentschlossene Hamlet wird am Broadway Schuhsenkel ver- kaufen und schlecht verkaufen, solang er nicht einsehen will, daß er, um sie gut zu verkaufen, vor allem den mitgebrachten Hamlet an den Mann bringen muß. Nur so wird er den Weg zu jenem anderen d finden, dem d in Dollar, das der Zuge- reiste gerne groß schreibt. Democracy und Dollar, es mag die chemische Formel des amerikanischen Lebens sein, wie H,O die chemische Formel des Wassers ergibt. Nachdem ich mich in dem rechtwinkligen Straßennetz New Yorks wiederholt und zuweilen schmerzhaft verirrt hatte, be- gann ich einzusehen, worauf es ankam. Ich faßte den Plan zu einem neuen Buch— Metternich—, ging damit zu einem Ver- leger und fand ihn geneigt. Damit war zwar noch nicht das „Ziel der Klasse“, wie Heinrich Manns unvergeßlicher Schul- tyrann sagt, aber das Ende des ersten Schuljahres erreicht. Noch bevor es sich zu Ende neigte, hatte, auf der Höhe des Sommers, unsere europäische Emigration einen nicht nur sie erschütternden Verlust zu beklagen: Ernst Toller war plötzlich „zu den Mehreren gegangen“. Ich hatte ihn seit jenem Pen-Club-Abend, zu dem er mich einladen ließ, ohne selbst daran teilzunehmen, nur noch hin und wieder bei öffentlichen Empfängen zu Gesicht bekommen, zu- letzt in einem kleinen Kreise spanischer Flüchtlinge, die er namens eines Komitees herzerwärmend begrüßte. Die guten Worte, die er für solche Gelegenheiten bereit hielt, konnten ebenso wenig wie der ermutigende Bariton, der dem geübten Redner immer zur Verfügung stand, darüber hinwegtäuschen, daß er selbst tief verstimmt und müde war. Beides war nur allzu begreiflich. Seit zwanzig Jahren, seit jenen frühen Münch- ner Tagen, deren Morgenrot er mit fünf Jahren Festung hatte 314 MIT MIR IN AMERIKA bezahlen müssen, stand er, ein Schnarrposten der Menschheitsrevolution, im Vordergrund der Entwicklung, und immer wieder war es dieselbe zähe Welle der Reaktion, die ihn ins Nichts zurückschleuderte und den Dichter, der er doch eigentlich war, nach Worten ringend nicht zu Wort kommen ließ. Nun drohte unerbittlich ein neuer Krieg heran, von dem der Politiker Toller richtig voraussah, daß er viele Jahre dauern würde, und dessen Fronten wiederum, wie immer in diesen letzten zwanzig Jahren, hoffnungslos tragisch verlagert waren. Denn Rußland war auf dem Wege, in das Bündnis mit Nazi- Deutschland einzutreten. Wozu unter diesen Umständen noch weiter fechten? Der Politiker Toller gab verzweifelnd den Kampf auf und riẞ den Dichter mit sich in den Abgrund. Er starb wie der Held einer Römertragödie, der er im Grunde war; aber wie ein Römer in New York, wo der Gashahn den Dolch ersetzt. Ernst Toller war weder der erste noch der letzte, der diese Zwischenlösung wählte. Es war ein todseliges Zeitalter, in dem wir lebten, und der Selbstmord eine ständige Abzugspost im Soll und Haben unserer bankrott gewordenen humanistischen Kultur. Trotzdem werden wir seinen schwarzen Abschiedsblick, sein klagendes und anklagendes Dichterauge nie vergessen. Es war etwas Messianisches in seiner dunkel flammenden Erschei nung, eine uneinlösbare Forderung, wie sie gerade die edleren Herzen und Geister zeitlebens narrt. Sie befinden sich in der Lage der Gäste jenes schlauen Wirts, den mein Vater schwäbelnd zu zitieren pflegte. Er ließ über der Schank eine Aufschrift anbringen, auf der ein für allemal zu lesen stand: So ist's einmal und bleibt dabei: Wer morgen kommt, hat Zehrung frei. Aber diejenigen, die morgen kamen, lasen den gleichen Text und mußten genau so ihre Zeche bezahlen wie die, die gestern und vorgestern dagewesen waren. * NEW YORK UND DER NICKEL 315 99 Kein Zweifel, der New- Yorker Subway- Nickel lag auf dem Wege zur Menschheitsbeglückung, die drüben auf dem Ausstellungsgelände der ,, World's Fair" im Zauberlicht einer phantastisch rationalen ,, World of Tomorrow" müßigen Augen etwas vorgaukelte. Es war ja der große Weltausstellungssommer der Wonder City", zwei Jahre vor Pearl Harbour. Wer dachte damals an solche Möglichkeiten? Ein paar verirrte Idealisten vielleicht und zugereiste Kassandras. Den anderen Hunderttausend war der isolationistische Dollar immer noch ungleich wichtiger als der interventionistische Nickel. Was kümmerte sie das russisch- deutsche Bündnis, was Danzig? Der russische Pavillon war nur einer von vielen im Jahrmarktsgedränge und Danzig eine kleine Stadt mit weniger Einwohnern alles in allem, als Leute an einem Sonntag in Schwimmanzügen den Strand von Coney Island bevölkerten. DAS ANDERE AMERIKA Ne York“, belehrte uns der geistreiche Tischredner, ‚‚ist » nicht Amerika; es ist nur die größte europäische Stadt in Amerika.“ Zum Glück näherten wir uns bereits unserem ersten Sommer, als dieses Wort in einem tausendköpfigen„tribute dinner“ von den Lippen des Ehrengastes fiel, und so lag es nahe, eine naheliegende Probe aufs Exempel zu machen und über die Bannmeile von Manhattan hinaus irgendwohin dem zu vermutenden anderen Amerika ein Stück weit entgegenzu- fahren. Der Entschluß war schnell gefaßt, zumal für uns einge- fleischte Wiener. New York ist kein angenehmer Sommer- aufenthalt— das einzige, was es mit Wien gemein hat— und die Landschaft, die sich an seinem Rande auftut, ist, wohin man sich wendet, überall die lieblichste. Überraschenderweise be- steht sie weniger aus Getreidefeldern und fruchtbringendem Ackerland als aus saftigen Wiesen und Waldflächen, aus Hügeln und Bergen, die, das herrliche Hudsontal entlang, zu einsam gebliebenen und von jeder Art von Waldkultur unbe- rührten Gebirgsstöcken sanft emporsteigen und mit ihren spie- gelnden Seen und Felsschroffen vielfach an den südlichen Alpen- DAS ANDERE AMERIKA 317 rand erinnern. Das sind die vielgerühmten Adirondacks, wo die eleganten ,, summer resorts" und Badeplätze im Schatten schwarzgrüner Wälder blühen. Doch wählten wir, unseren beschränkten Geldmitteln entsprechend, eine wohlfeilere Sommerfrische in entgegengesetzter Richtung am sogenannten Winnepesaukee- See im frischgrünen New Hampshire. Das ist ein noch vorlängst indianisches Siedlungsgebiet, wo der Farmer bei jedem Spatenstich auf indianische Pfeilspitzen und die als Geldzeichen verwendeten Kieselsteine stößt. Auch das Wort Winnepesaukee ist indianisch und heißt auf Deutsch ,, Das Lächeln des großen Geistes". Kann man sich eine anzüglichere Adresse für einen älteren Literaten mit üblen Erfahrungen träumen? Mit Lust ließen wir uns an dem so akademisch scherzenden Ufer, im freundlichen Wolfeboro, nieder, das sich selbst mit einem unvermeidlichen amerikanischen Superlativ als„ ,, älteste amerikanische Sommerfrische" bezeichnet. Übrigens ist der Wolf in Wolfeboro kein Wolf, sondern ein englischer General, der dieses Gebiet im achtzehnten Jahrhundert erschlossen hat. Der Winnepesaukee ist ein merkwürdiger See auch insofern, als er weniger aus Wasser als aus Inseln besteht. Im ganzen sollen es dreihundertfünfundsechzig sein, für jeden Tag des Jahres eine andere, wie die Eingeborenen behaupten, die sie gezählt haben. Eins dieser Eilande heißt die ,, Klapperschlangeninsel", was allerdings mehr die Phantasie anregt als den Besuch. Ein antidiluvianischer Raddampfer windet sich zweimal täglich rastlos an ihnen vorbei unter beträchtlicher Lärmentwicklung. Wenn er ankommt oder abfährt, weiß es immer die ganze kleine Stadt. Der Lohn der vierstündigen Fahrt, von den Inseln abgesehen, an denen man nicht aussteigt, ist eine ganz unerwartete Aussicht auf das auch im Sommer frühlingsgrüne Gelände, das den lauen See von allen Seiten smaragden umschließt. Indem es bei wachsender Entfernung vom Ufer bescheiden zurücksinkt, entschleiert sich ein höherer Berg, der in 318 MIT MIR IN AMERIKA der Ferne aufdämmert, wiesengrün auch er, aber weißbemützt. Es ist der Mount Washington, der höchste Berg in New Hampshire, der den Amerikaner an seinen ersten Präsidenten, den Wiener an den Schneeberg erinnert. Die Kost und die Spaziergänge ließen in Wolfeboro zu wünschen übrig, was nicht nur an der Vorliebe für rasch ausgebratene Hammelkeulen, sondern auch an der amerikanischen Abneigung gegen Spazierengehen liegt. Spazierenzugehen erscheint dem Durchschnittsamerikaner als eine sinnlose und infolgedessen eigentlich närrische Kraftvergeudung. Viel später, am anderen Ende des nordamerikanischen Kontinents, wurde ich einmal von einem den Rayon inspizierenden Offizier angehalten und zur Ausweisleistung aufgefordert, weil ich nachts vor unserem Hause unter dem gestirnten Himmel ein wenig auf und ab ging. In Amerika geht man auf. Oder man geht ab. Aber in keinem Falle auf und ab. Infolgedessen gibt es auch in der amerikanischen Sommerfrische, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Urwälder und dazwischen asphaltierte Autostraßen oder an offenen Gärten vorbeiführende Villenstraßen. Eine von ihnen führte in Wolfeboro sanft ansteigend unter melodisch rauschenden Ulmenwipfeln zu dem etwas höher gelegenen Friedhof hinauf. Ich ging sie oft mit innigem Vergnügen und immer in dem beschwichtigenden Gefühl, daß jede Straße hienieden einmal ein Ende hat. Übrigens sind die amerikanischen Friedhöfe viel aufgeschlossener und, wenn man so sagen darf, entgegenkommender angelegt als die europäischen, die in der offenbaren Angst, daß die Toten über Nacht gestohlen werden könnten, hinter Mauern und Gittern liegen, die abends immer ängstlich verschlossen werden. Die amerikanischen liegen puritanisch nett und bescheiden mitten im täglichen Leben; man kann auch nach sechs Uhr abends vorsprechen, um How do you do? zu den Toten zu sagen. Keine getürmten Marmormäler und aufgeregten Familienszenen belasten das DAS ANDERE AMERIKA 319 Gewissen der Überlebenden und die eingedrückte Brust des Toten; nicht einmal Grabhügel gibt es, noch irgend welche gärtnerischen Anlagen, die eine fortlaufende Pflege erfordern. Eine graue Granitplatte, schräg in den Boden geklemmt, ver- zeichnet weder den bei uns üblichen Stein gewordenen Schmer- zensschrei, noch das überschwenglich gezeichnete Charakter- bild des Verewigten, noch spricht sie einen oft gar nicht er- widerten Wiedersehenswunsch aus. Vielmehr beschränkt sie sich darauf, den Namen des Toten anzugeben und das Alter, das er erreicht hat, das letztere allerdings mit puritanischer Gewissen- haftigkeit. Man erfährt da zum Beispiel im Vorübergehen von einem verwitterten Grabstein des Pächters Smith aus dem Jahr 1883, daß es der Schwächling alles in allem nur auf„77 Jahre 4 Monate und 11 Tage“ gebracht habe. Traurig aber wahr. Nur die rechnerische Überlegung, daß Pächter Smith, selbst wenn er es auf achtzig gebracht hätte, nun schon seit längerer Zeit tot wäre, konnte mich schließlich im Weiterwandern trösten. An meinem ersten Sonntagmorgen in Wolfeboro, als ich, von Sommerluft angenehm umfächelt, diese aufschlußreiche Straße unter wiegenden Wipfeln entlang schritt, sah ich mich von einem Herrn im Straßenanzug freundlich gegrüßt, der wartend vor einem schneeig weiß gestrichenen zierlichen Holzhaus stand. Das niedliche Gebäude war eine Kirche und der Herr im Straßenanzug der Pfarrer, der, als der erste zur Stelle, auf die sich nur langsam und spärlich einfindende kleine Herde seiner Glaubensgenossen wartete. Es schien ihm nicht unerwünscht, die Wartezeit durch ein Gespräch zu verkürzen, worauf ich bereitwillig einging. Nach drei Minuten wußte er, was er wissen wollte, daß ich ein Europaflüchtling war und mit der sagenhaften Mörderbande drüben üble Erfahrungen gemacht hatte. In Wolfeboro waren solche Blutzeugen, von deren tausend- fältigem Anblick die New-Yorker übersättigt waren, noch eine 320 MIT MIR IN AMERIKA Seltenheit. Der Pfarrer wollte sich den durch sein Schicksal interessanten Fremdling, mit dem ihn der Zufall zusammengeführt hatte, nicht entgehen lassen, und nach weiteren zwei Minuten forderte er mich auf, an einem Sonntagabend in seiner Kirche zu sprechen, was ich auch einige Wochen später tat. Es war meine erste amerikanische lecture, die mir mit zehn Dollar vergütet wurde. Am gleichen Tage, es war der dritte September 1939, ereignete sich die englische Kriegserklärung. Einige Tage später fand ich mein englisches Gestammel im Wochenblättchen freundlich besprochen. Die Kriegserklärung Großbritanniens an Hitler- Deutschland war noch nicht erwähnt. Nach der amerikanischen Provinz lernte ich auf diesem Sommerfrischenausflug auch Boston etwas näher kennen, auf dem Hin- und Rückweg und bei einigen Besuchen, wie sie sich aus meiner neuen lecturer- Tätigkeit ergaben. Es war nicht im Entferntesten so wolkenkratzerisch in den Himmel gebaut wie New York und erinnerte mit seinen schönen Kaianlagen, den Charles River entlang, seinen im Durchschnitt nur fünfbis sechsstöckigen Häuserreihen und seinem vielfach verschlungenen Straßennetz eher an Budapest und Wien als an die SkyLine von Manhattan. Es hatte sogar eine Art Innere Stadt wie Wien und im Innersten dieser Inneren Stadt einen Stadtpark, auf dessen von uralten Bäumen überschatteten Bänken wahrscheinlich ebenso gelästert wurde wie im Wiener Stadtpark. Die Bäume waren auch hier, wie fast überall im Osten Amerikas, Ulmen, aber wenn man so sagen darf: klassenbewußte Ulmen. Sie gaben sich durch ein nett um den Bauch gebundenes Porzellantäfelchen ausdrücklich als„, Englische" oder als ,, Amerikanische" Ulmen zu erkennen, und während sie weit oben ihre Häupter wiegten, merkte man dem vorgebundenen Täfel DAS ANDERE AMERIKA 321 chen deutlich an, daß sie, obschon es unbewegt blieb, Wert darauf legten, diese Unterscheidung durch die Jahrhunderte aufrechtzuerhalten. Die große Bostoner Gesellschaft, deren liebevoll spöttischer Schilderer in seinen früheren Büchern John Marquand ist, soll es ähnlich halten. Fast habe ich sie im Verdacht, eine ,, erste Gesellschaft" im wienerischen Sinne zu sein. Diese aristokratischen Familien, deren Abstammung tief in den Boden Neuenglands vor seiner Losreißung vom Mutterland, wie das Wurzelgeflecht der alten Bäume im Bostoner Stadtpark, hinunterreicht, schreiben das doppelte d Amerikas democracy und dollar in beiden Fällen mit einem kleinen Anfangsbuchstaben und bedienen sich dieser Schreibweise nicht ausschließlich aus Bescheidenheit. Trotzdem darf man nicht vergessen, daß mit der Bostoner Auflehnung gegen den englischen Teezoll der amerikanische Freiheitskampf begann. In Concord bei Boston fielen die ersten Schüsse gegen die englischen Rotröcke. -- - - Wer Boston sagt, der sagt auch Cambridge, das ist der luftige Universitätsbezirk, der sich an Boston unmittelbar anschließt; und der sagt auch Concord, der musische Bezirk, wo nicht nur die ersten Opfer der Revolution fielen, sondern auch, etwas später, die ersten Sonette gereimt wurden. Ist Cambridge weltweit berühmt durch seine aus der Titanic- Katastrophe entstandene Widener Library, das Kephissus- Tal von Boston Neu- Athen, so ist Concord das Weimar Amerikas. Beide Örtlichkeiten illustrieren die von Tradition gesegnete hohe Bildungsfreundlichkeit Bostons, die in dem Yankee- Spottwort ihren Ausdruck findet, daß in Boston die neugeborenen Kinder mit Brillen zur Welt kommen. Jedenfalls, daß es unter den Bostoner Zehnjährigen einen geben könnte, der nicht bereits etwas von Emerson gehört oder gelesen hätte, halte ich für 21 Verlorene Zeit 322 MIT MIR IN AMERIKA ausgeschlossen. Und Emerson ist Concord; er war sein Goethe und Schiller und Plato in einem und alles dies auf der Höhe des neunzehnten Jahrhunderts, des bildungsfreundlichsten unter allen Jahrhunderten. - - Das reizende Concord wäre auch sonst einen Ausflug wert, der aber hinterher durch Emerson eine höhere Weihe empfängt. Inmitten einer arkadischen Landschaft gelegen, an einem Flüßchen, das so stille fließt, daß man kaum festzustellen vermag, nach welcher Seite die jungen Mädchen von Concord jedenfalls konnten es mir nicht sagen, und es schien, daß sie nie darüber nachgedacht hatten zählt es ungefähr fünftausend Einwohner und mindestens ebensoviele alte Bäume, die ausnahmslos die hübschen Villen überragen. Andere Häuser als Villen scheint es, von der kurzen Main Street abgesehen, in Concord kaum zu geben, noch auch andere Leute als Villenbesitzer. Sogar das reizende Gasthöfchen, in dem ich mich ein paar Tage lang von den tausendfenstrigen NewYorker Zinsburgen erholte, sieht wie eine Villa aus oder, wenn es hoch kommt, wie ein Gartenschlößchen. Die Zimmerchen, in die man über verwinkelte Treppen gelangt, haben große Nummern, und über jede ihrer gastlichen Eingangstüren klettert ein kleiner Buntspecht aus Metallguß empor, der als Türklopfer dient. Die weibliche Bedienung im Frühstückszimmer, wo die Morgensonne durch Mullgardinen scheint, ist erbsengrün, mit Rokokoschürzen und Häubchen im Stil des achtzehnten Jahrhunderts, auf dem einladend gedeckten Tisch stehen Dorfrosen neben den spiegelnden Kompottgläsern, und der mitteilsame Wirt hat für jeden seiner sieben oder neun Gäste im Vorüberwandern ein freundliches Wort und für die alte Dame in der Ecke zwei. Lessings ,, Minna von Barnhelm" oder ein schmunzelndes Lustspiel seines englischen Zeitgenossen Goldsmith würde wunderbar in diesen Rahmen passen. Eine Villa unter Villen ist auch das Emerson- Haus, die DAS ANDERE AMERIKA 323 große Sehenswürdigkeit von Concord, die man sich nicht entgehen lassen darf, wenn man von Boston herüberkommt; denn hier vor allem ist man in Weimar. Wobei man lächelnd darüber hinweggehen darf, daß Emerson, der Goethe dieses Weimar, bei aller Goethe- Ähnlichkeit, oder vielleicht gerade darum, in einem seiner großen Essays über Goethe eine heiter verkehrte Ansicht niedergelegt hat. Für Emerson ist Goethe ein bewundernswert großer Gelehrter, der nur bedauerlicherweise und überflüssigerweise auch gedichtet hat. Was an das Urteil Lucien Napoleons über seinen Bruder, den großen Napoleon, erinnert: Er wäre kein großer, aber ein guter Mensch gewesen. Das Urteil der Verwandten, auch Geistverwandten, ist oft das gefährlichste und meist das unbarmherzigste. - Eine gewisse Verwandtschaft mit dem Goethe- Haus am Weimarer Frauenplan weist auch das Emerson- Haus auf, obwohl es freistehend und im Raum beschränkter ist. Im Vorgarten etwas weiter zurücktretend als die Nachbarhäuser, der einzige Zug, wodurch es seine Würde betont, ist es einstöckig, mit fünf blitzblanken Puritanerfenstern im ersten Stockwerk und vier Fenstern im Erdgeschoß, weil hier die Stelle des mittleren die schmale Eingangstüre einnimmt. Es ist ganz licht getüncht, nur die Fensterrahmen und die beiden Schornsteine sind erdbeerrot. Im Inneren gelangt man eintretend links in die von Bücherluft und Bildungsluft durchwehte kleine Bibliothek, wo auch die Marmorbüste Emersons steht, und nach rechts in das Eẞzimmer mit dem in der Mitte stehenden, aus zwei Kreishälften zusammengesetzten Familientisch. Die eine Hälfte, so werden wir belehrt, brachte in der amerikanischen Urväterzeit die Braut ins Haus, die andere Hälfte des Tisches steuerte die Sippe des Bräutigams bei, und die beiden Hälften bildeten ein Ganzes, wobei die Möglichkeit einer späteren Scheidung völlig außer Betracht blieb; denn was wäre sonst aus den 21* 324 MIT MIR IN AMERIKA beiden haltlosen Hälften geworden? Auch ein schlanker Sessel im Arbeits- und Empfangszimmer macht ähnlich treuherzig wohlgelaunte Biedermeierscherze. Unter seiner schmalen Sitzfläche befindet sich ein Lädchen, darin lagen die Handschuhe, mit denen angetan der große Emerson sonntags zur Kirche ging, und die Kleiderbürste, mit der er den schwarzen Rock abstaubte. Schräg gegenüber in einer Ecke, dem Lichte zugewandt, steht seine gelbliche Marmorbüste. Er ist in hohen Jahren dargestellt, als der Dichter in ihm längst über den Geistlichen gesiegt hatte, der er von Haus aus gewesen war, und der weltweite Essayist über den auf seine Gemeinde beschränkten Prediger. Das Lächeln, das seine vorgebogene Klassikernase in dem glattrasierten Gesichte angenehm umfließt, ist ihm von beiden geblieben und adelt seinen erhabenen Philosophenkopf. Es erinnert von ferne an Voltaire, aber es ist das Lächeln eines, wenn man so sagen darf, frommen Voltaire. Trotzdem ist es kein standardisiertes amerikanisches Allerweltslächeln. Emerson übersah die kleinen Schwächen seiner Landsleute nicht, denen er ein für allemal ihre ,, übergroße Bewunderung für die Dampfmaschine"( das heißt für alles Mechanische und Mechanisierte) zum Vorwurf macht. Aber er fand in entscheidenden Augenblicken auch heroischere Akzente als diejenigen einer bloß verneinenden oder einschränkenden Kritik: Im Herzen des lieblichen Concord, dort wo sich ein paar aufeinander zulaufende Straßenzüge wie die Zeilen eines Sonetts verschränken, steht ein Kriegerdenkmal aus der Zeit des Civil War, und unter den konventionellen Emblemen in Stein und Erz ein Vierzeiler, der nicht unterzeichnet ist, aber von dem jedes Kind in Concord weiß, daß er von dem Ortsheiligen Emerson herrührt. Er lautet: So nigh is grandeur to our dust As God is near to man. DAS ANDERE AMERIKA 325 If duty whispers low„You must!“ The youth replies:„I can“. Es spricht für die zeitlose Bedeutung Emersons, daß dieser Spruch im Jahre 1939 ebenso zeitgemäß war wie 1865 und auf unseren„Bürgerkrieg der Menschheit“, um mich des von Thomas Mann geprägten Ausdrucks zu bedienen, ebenso gut paßt wie auf den amerikanischen Civil War vor achtzig Jahren. Alles hängt zusammen, sogar in Amerika, das an Zusammen- hänge nicht immer gern erinnert sein will, und sie, wenn es ihnen im Druck begegnet, mit einem“To much of an essay!“ ungeduldig ablehnt. Nun, Emerson war ein Essayist; ein essayist of Divinity, wie man ihn literarisch definieren könnte. Der hohe Idealismus, der ihn und den von ihm be- herrschten Kreis von Dichtern und Denkern— Hawthorne und Alcott und Dr. Holmes und Thoreau und wie immer sie heißen mochten— beseelte, ist auch auf das hoch aufblühende Boston nicht ohne dauernde Rückwirkung geblieben. Es soll in dieser reichen Stadt noch heute reiche Leute geben, die keinen höheren Ehrgeiz haben, als gebildete Menschen zu sein. * Ist Boston, gegen New York gehalten, anderes Amerika, so ist Washington ein wieder anderes und auf eine ganz andere Weise anders. Ich hatte es bereits einmal, anläßlich des Pen- Club-Empfanges im Weißen Hause, flüchtig berührt, doch liegt es im Wesen derartiger Empfänge, daß man über dem Emp- fang die Stadt übersieht. Ich mußte wiederkommen und mehr- mals wiederkommen, um mir von dieser— auch als Stadt— einzigartigen Stadt einen deutlichen Begriff zu machen. Ist Boston konservatives achtzehntes Jahrhundert und, mit seinem Burghügel, seinem Stadtgarten, seinen benannten 326 MITMIRIN AMERIKA Straßen und seiner gegliederten Gesellschaft, im Grunde noch immer englisches ancien regime, so ist das geometrisch ab- gezirkelte und mit seinen numerierten Avenuen wie mit aus- gestreckten Armen zur Göttin der Vernunft betende Washing- ton durchaus nachrevolutionäres Frankreich: ein Kind der Auf- klärung, an dessen Wiege die Logik Gevatter stand. Washing- ton ist die einzige geplante Stadt Amerikas, wie man hier gleich beim Betreten belehrt wird, weil man es sonst am Ende selber merken könnte, und der es geplant und den Plan ver- wirklicht hat, war ein französischer Freigeist, ein gewisser L’Enfant, ein merkwürdiger Mann und bedeutender Charakter, dessen Lebenslauf in. einen noch zu schreibenden amerikani- schen Plutarch gehört. Man schrieb 1790, und die neugeborene nordamerikanische Union verlangte gebieterisch nach einem Mittelpunkt, den zu bilden keiner der damals dreizehn Bundesstaaten der Haupt- stadt des Nachbarstaates gönnen wollte. Da schuf der geniale Alexander Hamilton, der durch die Mittel der Aristokratie die Demokratie verwirklichte, statt eines Mittelpunktes mit einem einzigen Schachzug deren zwei. Der eine war das Bankstatut der Federal Reserve Bank, das den Dollar sicherstellte, und das war ein wirklicher Mittelpunkt. Der andere war Washing- ton, die Regierungshauptstadt, durch deren exzentrische Lage im„district Columbia“ Hamilton die Zustimmung derjenigen Bundesstaaten erkaufte, die sich um keinen Preis vom meer- umschlungenen Philadelphia, Baltimore, New York und schon gar nicht von Boston regieren lassen wollten. Es handelte sich also darum, einen nicht geschichtlich bedingten und beglaubig- ten, vielmehr einen konventionellen Mittelpunkt herzustellen, von dem aber doch etwas ausstrahlen sollte. Das war Washing- ton, und was von ihm ausstrahlte, waren seine Avenuen, die das Weiße Haus nach allen Richtungen der Windrose ent- sendet, BER DAS ANDERE AMERIKA 327 Für diese einmal gegebene Idee bedurfte es eines so eigensinnigen Idealisten, wie L'Enfant einer war, um sie auszuführen. Schnurgerade Avenuen sind auf dem Papier leicht zu ziehen, man bedient sich dabei eines Lineals. In der Wirklichkeit jedoch stößt man dabei auf nicht nur geographische Hindernisse und Vorurteile. L'Enfant wußte davon ein Lied zu singen. Ein großer Grundherr hatte sich in beträchtlicher Entfernung von der neuen Freiheitswiege Washington ein schönes Schloß gebaut. Als es fertig war, befiehlt ihm L'Enfant, es abzutragen, weil es den geraden Lauf einer seiner Avenuen in ihrer weiteren Entwicklung gefährdet. Der Grundherr wehrt sich, indem er sich auf sein Eigentumsrecht beruft; L'Enfant, der aus der Schule der Französischen Revolution kommt, will von einem Privilegium nichts wissen, dem der Anspruch der Nation entgegensteht. Was ist wichtiger, der einzelne oder das Volk, ,, La Patrie", wie sie drüben neuestens sagen? Ein Kampf entwickelt sich parallel zur Französischen Revolution, in den der große und weise und gerechte Washington, nach dem die neue Stadt benannt ist, vergeblich schlichtend und vermittelnd einzugreifen versucht. Schließlich siegt, wie in jeder Revolution, Vernunft über Leidenschaft und die Wirklichkeit über die Idee. Das Schloß bleibt stehen, die Avenue wird abgelenkt, L'Enfant aber, der gereizte Idealist, zieht sich über seinem geschändeten Plan erbittert und verbittert ins Privatleben zurück. Er lehnt sogar das Nationalgeschenk eines lebenslangen Ruhegehaltes ab, das ihm der Präsident anbieten läßt, und stirbt dreißig Jahre später völlig vergessen in einem Winkel der von ihm ins Leben gerufenen, so lieblich ins Grün der Landschaft gebetteten Stadt. Obwohl fertig aus der Idee hervorgegangen, wie Pallas Athene aus dem Haupt des Gottvaters Zeus, bedurfte das weise Washington immerhin eines Jahrhunderts, um zu werden, was es heute ist und morgen sein wird; ein natürliches 328 MIT MIR IN AMERIKA Wachstum blieb seinem künstlich geometrischen Wachstum keineswegs erspart. Noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts machen sich vorlaute englische Reisende lustig über den gloriosen Zackenstern seiner ausstrahlenden Avenuen, der vielfach leer ins Leere zackt. Einen General ohne Armee nennt ein britischer Offizier das imposante Kapitol, und der große Dickens, der auf einer Vortragsreise hier flüchtig haltmacht, spricht von einer ,, Stadt ohne Menschen, Straßen ohne Häuser, und Durchfahrten, durch die nichts hindurchfährt". Die friedlichste aller Regierungsstädte, entwickelte Washington sich erst in drei fürchterlichen Kriegen zur Menschheitsstadt, die zu werden es ,, das Gesetz, wonach es angetreten", verpflichtete. Die Verwirklichung ihrer moralischen Idee erlebte auch Wilson nicht, der ihr ganz nahe schien. Ein hochgesinnter Doktrinär wie L'Enfant, brach auch er, auf einer schnurgeraden Linie gegen hinterhältige Vorurteile Amok laufend, inmitten der von ihm geplanten Stadt schließlich zusammen. Und es bedurfte augenscheinlich eines zweiten, noch schlimmeren Weltkrieges, um das Kapitol, diese Peterskirche der Politik, zum Heiligtum eines allumfassenden Menschheitsfriedens zu machen. In jenen unentschiedenen Jahren, zwischen der englischen Kriegserklärung und Pearl Harbour, war Washington, verschanzt hinter seine neutrality bill, sein Waffenembargo und sein lend lease Programm, noch einmal die friedlichste aller Städte, in der nur niemand an den Frieden glaubte. Vergessen wir nicht, daß es in Washington war, wo Roosevelt, Mai 1940, nach dem Zusammenbruch Frankreichs das große Wort sprach: ,, Wir brauchen fünfzigtausend Luftschiffe" dieselben fünfzigtausend, die ein paar Jahre später den Krieg entschieden. Aber selbst damals, vor fünf Jahren, als noch jedes Wort gegen Hitler als lebensgefährliche Propaganda galt und die Regierungsgesellschaft in Washington in einem nicht uner- DAS ANDERE AMERIKA 329 wünschten Gegensatz zum Präsidenten vom Krieg nichts hören und nicht reden wollte, redete die Stadt selbst hinter dem Rükken ihrer Bewohner eine ganz andere Sprache. Wenn ich von meinem nach einem einem großen General benannten„ Hotel Lafayette" die sechzehnte Avenue zum Weißen Haus hinunterging, bedrohten mich beim Durchqueren der dem State Department vorgelagerten Gartenanlagen allenthalben von Denkmalsockeln gezückte Säbel, angeschlagene Gewehre, ja sogar von der Treppe des so friedlichen State- Department erbeutete Kanonen. An allen Wendepunkten der Parkwege, die von der einen Seite des großen Platzes zur anderen hinüberführten, verbrüderten sich Feldherren und ruhmumflossene Generale, indem sie sich in ihren verschollenen Uniformen, zu allem entschlossen, grimmig die bronzene Rechte drückten. Noch beim Ausgang des Gartens, der mit seinem kriegerischen Prunk zwischen Heeresmuseum und Militärkasino eine angenehme Mitte hält, kommandiert ein erzgegossener Befehlshaber in hohen Reiterstiefeln mit ausgestrecktem Arm einen Sturmangriff, während zu seinen Füßen ein entflammtes Mädchen, gleichfalls aus Kanonenmetall, mit der Linken ein Bündel erbeuteter Fahnen zusammenrafft und gleichzeitig mit der Rechten ein nacktes Schwert in lebensgefährlicher Weise nach unten kehrt. Ja, noch wenn man, links abzweigend, den Weg vom State Department zum Department of Justice einschlägt, kommt man an dem in den Himmel gereckten Reiterstandbild Kosciuszkos vorüber, dessen martialischer Trotz eine comfort station überschwebt, die sich unter den Hufen seines Rosses auftut. Was an einen frechen Scherz im ,, Frieden" des Aristophanes erinnert, der durch den Mund eines friedliebenden Volksgenossen dem beutelustigen Armeelieferanten den Rat erteilt, aus Helmen Nachtgeschirre zu machen. Das andere Amerika? Vom Geographischen abgesehen, ist es, in Washington wie anderwärts, das Amerika, das handelt. 330 MIT MIR IN AMERIKA Das architektonisch Merkwürdigste an der von L'Enfant geplanten Stadt aber ist, daß sie, vom Mittelpunkt aus gesehen, den Europäer so lebhaft an Paris erinnert: nicht an das Paris der Könige und der Seine- Quais, sondern an das sternförmige um den Arc de triomphe herum, das L'Enfant noch gar nicht gekannt hat. Der Unterschied ist nur, daß hier die Stelle des kriegerischen Triumphbogens das friedliche Weiße Haus einnimmt, zu dem keine ruhmsüchtig nach französischen Marschällen benamste Avenuen hinführen, sondern herrliche Straßenzüge, die überallhin friedfertig ins Unendliche ausstrahlen, dem ,, pursuit of happiness" einer neuen Menschheit dienstbar. Wird sie im Zuge einer neuen Epoche, die jetzt anbricht, diesem Ziele näherkommen? Idealisten, die aus der Schule L'Enfants kommen, wird es nicht schwerfallen, an diese Möglichkeit zu glauben. Einstweilen aber sollte man im denkmalfrohen Washington auch ihm ein Denkmal gönnen, um geziemend darauf aufmerksam zu machen, daß ganz Washington sein Denkmal ist. PIONIER - AIRCONDITIONED aß ,, der Osten der Osten und der Westen der Westen" sind und bleiben, hat Rudyard Kipling der imperialistischen Jugend seines England bereits vor fünfzig Jahren im Gleichtritt militärisch marschierender Verse eingeschärft, und dies bleibt noch immer wahr, wenn auch, auf Amerika bezogen, mit einem antipodischen Vorzeichen. Denn in Amerika ist der Westen der Osten, das Märchenland weit jenseits des Mississippi, wo das Gold aus dem Boden und die Bäume buchstäblich in den Himmel wachsen. Es sind dies die unsterblichen Redwoods, von denen die jüngsten tausend Jahre und die ältesten etwas älter als die ägyptischen Pyramiden, aber von gleicher Höhe sind. Was sind da vergleichsweise die NewYorker Himmelskratzer und Wolkenburgen, selbst wenn sie im dreißigsten Stockwerk noch ein sogenanntes Pent- House im Sieneser Stil eines Giotto- Bildchens auf dem hochgetürmten Rücken tragen? Man wird ihres in Zement gegossenen, aufreizenden Rationalismus eines Tages müde und läßt sich von zugereisten Freunden und Bekannten um so lieber vom magischen Westen erzählen. Sie berichten unter anderem, daß es sich in Hollywood und Umgebung unvergleichlich wohlfeiler 332 MIT MIR IN AMERIKA leben läßt. Das ist natürlich eine sagenhafte Behauptung, aber wann hätte jemals die Unwahrscheinlichkeit eines Märchens die großen und die kleinen Kinder gehindert, sich seinem Zauber hinzugeben? Wozu in meinem Falle noch kam, daß ich es in New York sichtlich nicht weiter brachte trotz der freundlichen Aufnahme, die mein etwas entlegener ,, Metternich" gefunden hatte: Was ich konnte, galt hier nicht, und was hier galt, konnte ich nicht, nämlich nicht nur den Vogel im Flug zu schießen, sondern den Vogel von morgen im Flug zu schießen, worin der amerikanische Tagesschriftsteller eine unfaßbare Meisterschaft besitzt. Also war es ein durch Enttäuschungen verschiedener Art nicht unwesentlich erleichterter Reiseentschluß, den meine Frau und ich im Sommer 1941 faßten. Einer liebenswürdigen Einladung Folge leistend, kratzten wir den entgegenkommenden Betrag eines auch die Möglichkeit einer überstürzten Rückreise berücksichtigenden Rundreisebilletts mit einem geborgten Löffel geschwind zusammen und machten uns auf den Weg. Die Reise als solche, obwohl sie eine Entfernung umfaßte, kaum geringer als diejenige, die uns von unserer Heimat trennte, war zu jener Zeit noch ein wahres Kinderspiel. Drei Tage und Nächte mit je tausend Meilen, alles zusammen etwas mehr als die dreifache Distanz Wien- Konstantinopel, und man war an den Ufern jenes anderen Weltmeers, das den im Hinblick auf das sichtbar Herandrohende, in Pearl Harbour später Verwirklichte, schauerlich heiter anmutenden Namen„ Pacific" führte. Ist in Europa die Ankunft, so ist in Amerika schon die Reise ein Vergnügen, und zwar, was bemerkenswert ist, auch für die ärmeren Reisenden, die keine Pullman- Plätze bezahlen können. Es gibt im Reiche der Equality keine erste, zweite und dritte Klasse, vom Salonwagen nicht zu reden, denn noch die ,, Coach", die ungefähr unserer zweiten Klasse entspricht, ist ein Salonwagen, verglichen mit unseren Dritteklassewagen. Man sitzt PIONIER-—-AIRCONDITIONED 333 auf gepolsterten Sitzen und hat nachts ein Tourist-Bett, das genau so sauber und genau so gut ist wie die Pullman-Betten. Sogar einen Aussichtswagen, den sogenannten Observatory Car, hat man in den meisten Fällen tagsüber zur Verfügung, wo man sich stundenlang aufhalten, lesen und schreiben und, wenn man Wert darauf legt, Bekanntschaften machen kann. Im Speisewagen wird von morgens bis spät in die Nacht ein vorzügliches Essen serviert, und in der meist angrenzenden Bar kann man je nach dem Grad der„Trockenheit“ des durch- fahrenen Landes ein Glas Bier oder zumindest eine Schale des immer gleich köstlichen Kaffees sich zu Gemüte führen. Was wir aber an dem drückend heißen Sommertage, an dem wir New York verließen, besonders schätzten, war, daß die inein- ander übergehenden, endlos langen Wagen mit achtzig und mehr Sitzen durchaus„air-conditioned“ waren. Ein gekühlter Luftstrom chemisch gereinigter Luft durchspült sie erfrischend von einem Ende zum anderen und in jedem fließt ein nie ver- siegender Quell eisgekühlten Trinkwassers und füllt einen dem Durstigen bereitwillig in die Hand hüpfenden Papierbecher. Es war eine Sommerfrische auf Rädern, die uns unermüdet in die Sommerfrische brachte. Jeder der vier Reisetage hatte ein anderes Gesicht und zeigte ein anderes Amerika. Zunächst war es die uns schon halbwegs vertraute saftgrüne Landschaft New Englands, von deren Lieb- lichkeit die Reisenden viel zu wenig berichten. Im Herbst zu- mindest, wenn sich das Grün ihrer Wälder und Gärten in das brennende Farbenspiel eines zwischen Purpur und Gold und Schwarzgrün und Schwefelgelb verglühenden Glanzes auflöst, nimmt sie es mit den schönsten Landschaften der Erde auf. Im Hochsommer ist sie nicht so malerisch, aber beseligend grün, zumal im Osten, den wir, wie in einem Bilderbuche blätternd, von morgens bis abends durchfliegen. Sanfte Bodenwellen, waldige Höhenrücken, spiegelnde Seen wechseln ab mit blan- .334 MIT MIR IN AMERIKA ken Städtchen, die verschiedene Namen tragen, aber im Grunde doch immer dieselben amerikanischen Städtchen sind, jedes mit seiner Town Hall, seiner Schule, seinem Drugstore und dem weißgestrichenen hölzernen Kirchtürmchen, dessen kindliche Unentwickeltheit das englische Wort stepple besser als seine deutsche Entsprechung widergibt. Dann, während wir uns dem Mississippi nähern, der den Osten vom Westen scheidet, werden die Siedlungen seltener und Einsamkeit überwächst sie. Knallrote Farmdächer in oft meilenweitem Abstand sind jetzt die einzigen Farbentupfer im eintönigen Grün, das sich im Maße, als die Breiten zunehmen, gelblich verfärbt. Aber auch diese Ozeane von Mais und Weizen versanden schließlich, und was dann noch bleibt und uns begleitet, ist die graugrüne amerikanische Steppe, auf der nur noch hin und wieder ein paar versprengte Viehherden ohne sichtbaren Hirten und merkbare menschliche Niederlassung weiden. Warum Amerika die Einwanderung überhaupt quotenmäßig begrenzt, wird einem beim Überblicken dieser menschenleeren Weiten immer unverständlicher. Nicht der zehnte Teil des Bodens und seiner unerschöpflichen Fruchtbarkeit scheint ausgenützt. Am zweiten Morgen beim Erwachen erschließt ein schräger Blick aus dem Fenster ein wieder anderes Bild. Eintönig unendliches Flachland, wie gestern, aber am Bahndamm sind plötzlich Alpenblumen erblüht, Schafgarbe und Akelei und Wiesenorchideen und Erika. Man unterscheidet die im Bergwind schaukelnden Blumenhäuptchen im Vorbeirasen ganz deutlich, nur von Bergen ist nichts zu sehen. Das macht, wir sind auf der immer gleich flachen Ebene des amerikanischen Mittellandes unversehens bis zur Höhe des Schweizer Engadin emporgestiegen, hinter dem nun auch bereits Gebirgszüge schattenhaft aufdämmern. Das ist das hochalpine, wenngleich südlich milde Colorado, wo wir ein paar Tage bleiben wollen. Eine zackige Hochgebirgswelt erinnert an die südliche Schweiz. Allerdings fehlt unter den PIONIER - AIRCONDITIONED 335 hier aufgepflanzten Riesen ein Montblanc. Aber man wird sicher früher oder später einen künstlich herstellen. Denn bekanntlich ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn auch, wie man seufzend hinzufügen mag, ebenso das der leider nicht begrenzten Unmöglichkeiten. Colorado Springs, ein Interlaken ohne Seen, besteht für den eiligen Durchzugsgast in der Hauptsache aus einem Hotel, einem Kurhaus, einem Kriegerdenkmal und einem gewiß mit Recht berühmten College. Sein Theater- Department, von dem schönen Ehrgeiz erfüllt, es dem europäischen Salzburg gleichzutun, will demnächst sogar den Hofmannsthalschen„ Jedermann" aufführen. Nur das Happy- End in das todselige Mirakel einzubauen, macht noch einige Schwierigkeiten. Das Kriegerdenkmal erinnert bei Ausbruch des Krieges der Deutschen gegen Rußland friedlich an den Civil War, gegen den auch die hartnäckigsten amerikanischen Isolationisten nichts mehr einzuwenden haben. Es besteht aus einer Kanone, die von der anderen Seite der Straße das freundliche Hotel beschießt. Neben dem aufgeprotzten Kanonenrohr liegt zur Pyramide geschichtet eine Anzahl erzener Kugeln, die der Verfertiger des Denkmals, um dem Ganzen mehr Ansehen zu geben, ungefähr doppelt so groß gegossen hat, als es der Mündung des Rohrs entspricht. Die bekannte Schwäche des Amerikaners für superlativische Übertreibung rächt sich hier auf eine heitere Weise. Verglichen mit dem uns bereits geläufigen Amerika macht Colorado einen eher italienischen Eindruck, obzwar das Italien Amerikas mehr ein Spanien ist. Die Burschen tragen vielfach weitschattende, flache Kalabreser, verwegene Schlipse und Wildwest- Hosen, die, um die Schenkel flach anliegend, sich von der Wade abwärts tulpenförmig erweitern. In den Luxushotels, deren Bedienung ihnen obliegt, empfehlen sie sich einer begüterten, auf opernhafte Reize ausgehenden Kundschaft 336 MIT MIR IN AMERIKA durch ein noch malerischeres Kostüm, von dem ich nicht ganz sicher bin, ob es der Nationaltracht des halb spanischen Colorado entspricht. Sie tragen libellengrüne Seidenleibchen, schwarze Hemden wie die hier offenbar nicht unbeliebten italienischen Faschisten, und langgebundene, grellfarbige Krawatten. Auch die jüngeren Mädchen und Frauen- girl ist ein weitherziger und auch weithosiger amerikanischer Begriff-schwelgen in kühnen Farbenzusammenstellungen, nicht nur der Gewandung. Die bei uns übliche Frauenkleidung tragen sie offenbar nur zu Hause in strengster Intimität, doch ehe sie auf die Straße treten, ziehen sie ein dieser Gelegenheit entsprechendes farbentolles Pyjama an. Eine Schöne, die an mir vorbei aufs Postamt geeilt ist, um einen Brief persönlich aufzugeben, sieht aus wie Greta Garbo als Mädchen aus dem Westen: ein weiblicher Cowboy, mit einem Mund wie eine sündhaft rote Kamelie, steckt sie, langausschreitend, mit der düsteren Glut ihrer mandelförmig zubereiteten schwarzen Augen das ganze Postamt in Flammen. Worauf sie, sichtlich befriedigt vom Erfolg ihrer Bemühung, eine Zigarette anbrennt und, die Hände in den Hosentaschen, um die Ecke zum Drugstore strolcht, um dort den glühenden Magdalenenmund mit der landesüblichen Eiscreme zu löschen. Der landschaftliche Hintergrund von Colorado Springs macht es nur um so verständlicher, daß man hier den ,, Jedermann" aufzuführen gedenkt; er erinnert mehr noch als an die Schweizer Bergriesen an den Untersberg und den Watzmann bei Salzburg. Nur daß der Watzmann hier Cheyenne heißt und bis zur Höhe unseres Dachsteins emporsteigt, wo bekanntlich ,, der Aar noch haust". Es ist aber kein Adlerhorst, sondern eine wohleingerichtete landesübliche Cafeteria, die einen auf seiner Höhe erwartet; sie sieht von außen wie von innen genau so aus, als stünde sie am Broadway, wenngleich sie einen vergleichsweise etwas gelangweilten Eindruck macht. Auch fährt PIONIER--AIRCONDITIONED 887. inan, ein bereits mechanisierter Bergsteiger ohne Eispickel und Seil, in einer müßigen Vormittagsstunde eine bequeme Auto- straße hinauf, um vor dem Mittagessen eine Bergaussicht als Cocktail zu genießen. Der eigentliche Gewinn dieses Ausflugs — lohnend nannte seinesgleichen der selige Baedecker— ist übrigens nicht die Aussicht, so unwahrscheinlich regenbogen- farben das rotgrüne Hochgebirge und die blaugrüne Ebene im weiten Umkreis ineinanderfließen, sondern der Tag und Nacht „singende Turm“, an dem wir unterwegs vorbeikamen und haltmachten. Von morgens bis nachts entströmt ihm eine schwermütige Radiomusik, die bald an das Schubertsche Ständ- chen, bald an das Brahmssche„Wiegenlied“ erinnert wie Ein- gesottenes an die Früchte, aus denen es unter Zusatz von viel Zucker gemacht ist. Es ist dies der sogenannte„Will Rogers Shrine“, errichtet zu Ehren des erst vor einem Jahrzehnt ver- storbenen, aber bereits der Legende angehörenden amerikani- schen Dichter- Journalisten Will Rogers, der, eine Art Rosegger der Vereinigten Staaten, besonders im gebirgigen Westen be- liebt, berühmt und gefeiert ist. Ein Wort von ihm, auf dem steinernen Widmungssockel beim Eingang zu seinem Ehren- turm verewigt, begründet und bescheinigt seinen Ruhm.„I never met a man, I did not like‘(Ich bin nie einem Menschen begegnet, dem ich nicht gut war), sagte er von sich selbst, seine Autobiographie mit einer bei Schriftstellern nicht alltäglichen Bescheidenheit in einem Kernsatz zusammenfassend. Wer dürfte ihn ihm nachsprechen? Aber jeder sollte es. Es ist das Herzensbekenntnis eines Stockamerikaners, das als solches auch seine politische Bedeutung hat; denn die sittliche Grund- lage jeder wahren Demokratie ist die Menschenliebe. Wie ein Stockamerikaner sah Will Rogers auch aus, wovon wir uns in dem vielstöckigen Turm, sanft auf- und nieder- gleitend, auf Schritt und Tritt unter Musikbegleitung über- zeugen können. Das Leben scheint für ihn darin bestanden zu 22 Verlorene Zeit 99 338 MIT MIR IN AMERIKA haben, daß er sich in allen Lebenslagen photographieren ließ, was nicht gegen ihn, aber für die anderen spricht. Ein typisches Yankeegesicht mit breiter Nase und tief eingekerbter, wetterfester Lachfalte gibt sich in glattgeschabter Aufgeschlossenheit bereitwillig physiognomischer Neugier preis. Man sieht ihn zu Pferde fechten und mit dem uralten Rockefeller plaudern, was oberflächlicheren Zeitgenossen die Lektüre seiner sämtlichen Werke ersetzen mag. Der Mann ist jedenfalls einen Ausflug wert und auch einen Turm, der ihm, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, ,, von einem Freund und Bewunderer" errichtet wurde. Auch diese Zusammenstellung, die in ihrer lapidaren Einfachheit etwas Mythisches, an entfernte Göttersagen Erinnerndes hat, mag einem Lande vorbehalten sein, in dem Freunde bewundern und Bewunderer für teures Geld musikausströmende Türme bauen. - Eine Stunde später, auf dem Rückweg ins Hotel, stehen wir vor einer anderen Sehenswürdigkeit Colorado Springs, im , Garten Gottes"( The garden of the Gods) zu Füßen der ,, Küssenden Kamele". Das ist ein hummerroter Walkürenfelsen, der in den enzianblauen Berghimmel ragt und dessen zackige Kante den Umriß zweier sich verdächtig einander nähernder langhalsiger Köpfchen nachzuzeichnen scheint. Die gottlose Bezeichnung ,, Küssende Kamele" ist echt amerikanisch im Pioniergeschmack, und amerikanisch ist es auch, wie die kleine Reisegesellschaft in unserem Auto, die von dem hübschen jungen Chauffeur schmunzelnd durch den Lautsprecher verkündigte Bezeichnung aufnimmt. Die jungen amerikanischen Lehrerinnen, die sich mit uns zugleich belehren lassen, kichern sinnlich, während der aus Mitteleuropa herübergewehte Fahrgast sich elegisch einer Felsenkante seiner entschwundenen Jugend erinnert, die ihm im Vorübergleiten am Traunsee von seinem Vater ehrfürchtig als„, Schlafende Griechin" vorgestellt wurde. Die ,, Schlafende Griechin" und die ,, Küssenden Kamele", das PIONIER AIRCONDITIONED 339 sind nicht nur zwei Zeitalter, auch zwei Welten, und welche von beiden die schlechthin bessere ist, das wollen wir und die jungen Lehrerinnen, die sich vergnügt in ein übermütiges Gespräch einlassen, von Sommerluft umfächelt, gewissenhaft erst jenseits der Rocky Mountains in den goldenen Bergen Kaliforniens entscheiden. 224 DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA ie kühne Behauptung, daß in Amerika der Westen der Östen ist, bedarf nachträglicher Begründung. Es ist natürlich nicht so, daß hier die Weltgegenden vertauscht wären, nur die Rolle, die sie hier und in Europa spielen, ist es. In Europa war das Morgenland das romantische Ursprungsland, das Land der Gotteswiege und der Menschheitswiege. Die Legende Amerikas lockt ins Abendland. Nicht wo die Sonne aufsteigt, wo sie, jenseits der großen Gebirge, in einem anderen Ozean untergeht, ist hier die Romantik, ist die in der Zeiten Hintergrund zurückreichende Vorgeschichte des Erdteils zu Hause. Amerika ist das Land ohne Mittelalter. Nicht der Kreuzfahrer wie drüben, sondern der Pionier und der Gold- gräber stehen hier lendengewaltig und breitbeinig an der Wiege einer durchaus neuzeitlichen Entwicklung. Der Pionier erschloß den Mittelwest, der Goldgräber Kalifornien, das, ebenso wie das halbspanische Texas, erst ein halbes Jahr- hundert nach der Geburt der Vereinigten Staaten dem benach- barten Mexiko, dem Balkan Amerikas, abgerungen wurde. In Texas sagen die Farmer:„Wenn es im Juni und Juli genügend regnet, ist es gleichgültig, wer Präsident der Vereinigten DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 341 Staaten ist." In dem noch weiter westlich gelegenen Kalifornien braucht es zu diesem Zwecke nicht einmal zu regnen. Künstlich bewässert, wie das herrliche Land ist, bringt es die köstlichsten Orangen- und Pflaumenernten der Welt, wie es glaubt, ganz ohne staatliche Oberaufsicht hervor. Kalifornien ist so weit von Washington wie Paris, bloß nach der anderen Seite hin. Klimatisch ist es fast das Ägypten Amerikas, aber ein heiteres Ägypten ohne Pyramidenlast und Pharaonengräber. Der lieblich gegliederte Küstensaum, die hügelan kletternden weißen Städtchen, und die zierlichen, vogelbauerartigen Wohnstätten lassen an die europäische Riviera und das maurisch angehauchte Spanien denken. Die in schwellendem Grün der Gärten versinkenden, in einem Blumendschungel halb versteckten Landhäuser haben wie im europäischen Orient einen himmeloffenen living room, den sogenannten Patio, und straßenscheue vergitterte Balkönchen, hinter deren hölzernem Geschnörkel man immer darauf gefaßt ist, eine naschhafte Rosina auf der frischen Tat eines zärtlichen Zwiegesanges mit dem schlimmen Almaviva zu ertappen. Der europäische Orient ist zugleich das europäische Märchenland und auch in diesem Punkte mutet das in Tausendundeiner Nacht schwelgende Kalifornien den Europäer eher östlich an. Der Name kommt aus einer Geschichte, nicht aus der Geschichte. Im Rolandlied, dem Best- Seller des zwölften Jahrhunderts, wird ein Königreich Califerne erwähnt, woran anknüpfend dann ein spanischer Abenteurerroman des sechzehnten Jahrhunderts von einer Königin Califia berichtet, die sich von einem goldenen Glockenspiel in den Schlaf wiegen läßt und in einem Film von heute mit der Wienerin Hedy Lamarr zu besetzen wäre. Califias Reich, so fabelt der Roman, liegt an einem Strome, in dem ,, Fische so groß wie Pferde" schwimmen und dessen Anwohner durchaus goldene Waffen tragen. So kindlich diese Beschreibung ist, so nimmt sie doch schon einiges vorweg von dem - 342 MIT MIR IN AMERIKA künftigen Schicksal eines Landes, das seinen märchenhaften Aufschwung zuletzt der Kriegsindustrie und darüber hinaus dem Gold seiner Erde und dem noch goldeneren Erdöl und goldenen Orangenernten verdankt. Entdeckt freilich und erschlossen wurde es nicht von abenteuernden Goldsuchern und Industriekapitänen, sondern von frommen Franziskanern, die es als Missionäre durchzogen und unter den Eingeborenen christliche Gemeinden gründeten. Der Ursprung Kaliforniens sind diese spanischen„ Missions", die jetzt englisch ausgesprochen werden und die zusammen mit dem gleichfalls spanischen ,, Presidio" den Kern der rasch heranwachsenden Städte bildeten. Es ist ein frommes Land, wenn auch, wie überall in Amerika, die Frömmigkeit reiche Zinsen trug. Der allerchristlichste spanische König Carlos III. sandte, kurz vor der Französischen Revolution, seine Mönchlein nicht nur ,, ad majorem Dei gloriam" aus, sondern auch, damit sie den von Alaska vordringenden russischen Pelzjägern das Geschäft wegschnappten; und Gott sah, daß es gut war. Immerhin sind auf diesem nicht ungefährlichen Geschäftsgang einundzwanzig entzückende Missions entstanden. Sie verteilen sich zwischen San Diego und San Francisco auf einer Strecke von rund siebenhundert Kilometern, in Abständen, die der durchschnittlichen Marschleistung einer römischen Legion entsprechen sollen. Der frömmste und zäheste unter diesen städtegründenden Franziskanern, deren Orden sich in dem zuletzt gegründeten San Francisco verewigt sieht, war ein Pater Serra, der mit seinen geistlichen Brüdern so rasch und unbedacht nach Norden zog, daß ihnen in dem weglosen Land die Nahrungsmittel völlig ausgingen. Es blieb nichts übrig, als umzukehren und auf dem Rückweg jeden Abend ein anderes der zwölf Maultiere zu schlachten, was gerade bis Los Angeles reichte. ,, Wir rochen bedenklich nach Maultier", verbrieft der gewissenhafte Reisebericht. Als Pater Serra nach vierzigjähriger Missionstätigkeit die DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 343 Reise in die Ewigkeit antrat, hatte er alles in allem ein Dutzend ,, Missions" ins Leben gerufen. Eine davon ist das liebliche Santa Barbara, eine rosige Perle am goldenen Küstensaum; eine andere das entzückende Karmel, eine bläuliche Perle am gischtenden Meere und im Schatten schwarzwolkiger Montereyföhren. Alle zusammen bis hinunter nach Los Angeles genannt nach den Engeln, die das Bild der Madonna umschwärmen und darüber hinaus bilden eine fromme Perlenschnur, die eine spanisch- katholische Metapher ,, El rosario di Padre Serra", den ,, Rosenkranz des Pater Serra", nennt. - - SO Was in Europa die Kathedralen, sind in Amerika die Brücken. Das ist eine New- Yorker Erfahrung, die sich ebenso wie auf die dortige Washington- und Brooklyn- Bridge auf das meerüberspannende rotgoldene Golden Gate und die acht Kilometer lange Baybridge anwenden läßt, die sich bei Nacht wie eine gleißende Schlange über die Bay windet und sich bei Tage, wenn man sie im Straßenbahnwagen entlang gleitet, in eine andere Route de la Corniche verwandelt, Oder man kann, noch südlicher, an die Bucht von Neapel denken, mit der es der Landschaftsblick auf und von San Francisco in jeder Hinsicht aufnimmt. Der Weg über das Golden Gate hingegen führt zu den himmelnahen Redwood- Bäumen hinüber, dieser anderen Kathedrale, deren Dach das feinste immergrüne Nadelwerk bildet, von den rotgoldenen Riesenpfeilern uralter Redwoodstämme zu einer Höhe emporgetragen, die die Besucherschar, die unten zwischen aromatischem Lorbeergebüsch einen murmelnden Wiesenbach entlang wandert, zu einem Ameisengewimmel macht. Übrigens tut man den Redwood- Riesen unrecht, wenn man sie uralt nennt; gegen den Tod gefeit, sind sie, soweit das Gedächtnis der Menschheit zurückreicht, recht eigentlich un 344 MIT MIR IN AMERIKA sterblich; sie wachsen scheinbar ins Unendliche, ohne alt zu werden. Der einzige Unterschied ist, daß sie nach ein paar Jahrtausenden nur noch in ihrem obersten Drittel belaubt sind. Ein Mythus unter den Bäumen, sind sie oft bedichtet worden, unter anderem auch von dem Erbauer des Golden Gate. Wer staunt darüber? Auch seine Brücke ist ein Gedicht, deren stählernes Schleiergespinst jeder Sonnenuntergang, der sich dahinter vollzieht, als eine poetische Meisterschöpfung bestätigt. Zu einem Lande, dessen Brückenbauer Dichter sind, paßt es, daß hier die Eisenbahnzüge Namen führen, als wären sie hervorragende Persönlichkeiten von geschichtlichem Rang. Einer heißt etwa der„ Pacemaker", ein anderer„ City of San Francisco", ein dritter„ Overland", ein vierter, noch verwegener, ,, Chief", was man Gott behüte als„ ,, Duce" oder gar als„ Der Führer" übersetzen könnte. Die kalifornischen Lokalzüge freilich sind so unbescheiden nicht, daß sie, wenn sie von San Francisco nach Los Angeles, oder, was dasselbe ist, von Berkeley nach Hollywood fahren, sich deshalb gleich ,, Vater des Vaterlandes" nennen. Dafür machen sie, wenn sie ohne Schrankenschutz die University Avenue in Berkeley überkreuzen und unter Glockengeläut in das besonnte Statiönchen einfahren, mit ihren goldgelb und rot bepinselten Lokomotiven, die aus der Ferne wie Maikäferphysiognomien anmuten, einen erfrischend ferienmäßigen Eindruck. Übrigens lassen sie an Geschwindigkeit nichts zu wünschen übrig und legen die Entfernung Berkeley- Hollywood, die ungefähr der Distanz Wien- Zürich entspricht, zur Beschämung des Österreichers in nicht ganz neun Stunden zurück. Wir brauchen siebzehn. Daß man von diesen neun drei Stunden lang in einem Bus über ein Semmeringgebirge rast, macht die kleine Reise nur um so reizvoller. Berkeley, wo wir zunächst unsere Bleibe fanden, besitzt alle Annehmlichkeiten einer amerikanischen Universitätsstadt, um die Kaliforniens vermehrt. Es ist ein Baden- Baden oder Heidel DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 345 - berg, mit einer Aussicht wie vom Posilipp. Ein dreimal täglich musizierender venezianischer Campanile, dem von San Marco in Venedig zwillingsbrüderlich nachgebildet, betont den italienischen Charakter des hügelan klimmenden Universitätsgeländes, hier wie überall in Amerika„, Campus" genannt. Aber was für ein Campus unter Campussen ist das! Meerwinddurchspielte Eukalyptuswälder überwölben die marmornen Sitzreihen eines griechischen Amphitheaters, das sie, halbbeschattet, mit ihrem bittersüßen Laubgeruch würzig überhauchen. Wo in aller Welt gibt es noch einen solchen an die Villa Serbelloni Gott hab' sie selig- oder an die Villa d'Este erinnernden Bildungsgarten? Die Hörsäle sind in schmucken Palästen untergebracht, das Verwaltungsgebäude ist ein Schloß, das für Theateraufführungen und Konzerte bestimmte Auditorium nimmt, zum Teil unentgeltlich, zwölfhundert und mehr Besucher auf. Das Studentenkasino, eine Verbindung von Buchhandlung und Cafeteria, gekrönt von einer Kurhausterrasse, der waldschlößchenartig unter alten Bäumen halb versteckte ,, Faculty- Club", die weiträumigen Spielplätze, das ungeheure Stadion,- all das ist selbstverständlich im Bereich einer amerikanischen Universität, die von der Voraussetzung ausgeht, daß für die heranwachsende Jugend das Beste eben nur gut genug ist. Was nicht selbstverständlich ist und dem Bilde in Berkeley einen Sonderzug hinzufügt, ist der Universitätsbach, der das abschüssige Gelände in der schönen Jahreszeit durchflüstert, in der Regenzeit durchrauscht. Aber die Regenzeit geht hier fast so rasch vorbei wie die Rosenzeit in Europa. Sie währt hier höchstens zwei bis drei Monate und, sonnenscheindurchwirkt, wie sie ist, hören darum die hohen Mimosenbäume und die rotviolett erglühenden japanischen Kirschbäumchen nicht auf zu blühen. Die übrige Zeit ist Sommer. Was nicht hindert, daß die riesigen Lesesäle der Universitätsbibliothek auch noch im Juli und sogar im August ängstlich geheizt werden. 346 MIT MIR IN AMERIKA Von dieser vollkommen überflüssigen, manchmal lästigen Beheizung abgesehen, ist es eine Wonne, in dieser luftigen Bücherkathedrale, an deren Eingangswand die Bronzebüsten von Dante und Einstein, vorurteilslos nebeneinander gestellt, den Kömmling grüßen, zur Göttin der Gelehrsamkeit zu beten. Ein einzigesmal nur fühlt' ich mich verstimmt, als ich, auf ein Buch wartend, zwei Jahre vor der Moscow declaration, den Artikel ,, Austria" aufschlug. Was erfuhr ich da, im Jahrgang 1941, über Österreich? ,, Austria- see Germany!" war alles, was ich erfuhr. Nun, das ist ein Druckfehler, den die Geschichte schon wieder ausgelöscht hat. Natürlich wird an dieser von Eukalyptuswäldern gegürteten ,, University of California", deren Vizepräsidenten Dr. Monroe Deutsch ich als einen Mann von hoher Gelehrsamkeit und vorbildlicher Gesinnungstreue kennen und verehren lernte, auch studiert und nicht nur von den Professoren, die rastlos an ihren Büchern schreiben und sich auf ihre lectures vorbereiten, sondern auch von der heranblühenden Jugend beiderlei Geschlechts, die nur nicht immer merken läßt, wie fleißig sie ist. Wer darf sich darüber wundern in einer Zeit, in der überall in der Welt der Bildungsdünkel des neunzehnten Jahrhunderts von einem wahren Unbildungsdünkel des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts sich abgelöst sieht? Der ,, akademische Bürger" von heute will weder akademisch sein noch bürgerlich, was auch in seinem Anzug und Gehaben deutlich genug zum Ausdruck kommt. Die jungen Riesen, die man vollzählig nur am Wochenende im Stadion bei den Fußballwettkämpfen sich versammeln sieht, tragen quergestreifte Ruderleibchen und kanariengelbe, gerippte, möglichst verschmierte Samtbeinkleider; die jungen Studentinnen treten nacktbeinig einher, auf sogenannten tramps mit umgeschlagenen Wollsocken. Doch sind sie im Gegensatz zu den jungen Leuten, unter denen nicht gekämmt zu sein noch für besonders schick gilt, wenigstens DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 347 tadellos frisiert und meist schon am frühen Morgen wie Abendbräute gelockt und parfümiert. Auch sonst läßt das make up nichts zu wünschen übrig: die Augenbrauen sind ausgezupft und die Mündchen lackiert. Immerhin soll ihnen nicht vergessen sein, daß sie im zweiten Kriegsjahr ein Autodafé des Lippenstiftes ,, for defense" im Universitätsgelände wenigstens öffentlich veranstalteten. Auch die männlichen Studenten lernten mittlerweile ihre Uniform mit ritterlichem Anstand tragen, ja sogar einer älteren Dame im Street Car höflich Platz machen. Auch ihrer Unbildung ist nicht unbedingt zu trauen. Sie verstecken nur, was sie wissen, und äußern es gegebenenfalls mit unverhoffter Plötzlichkeit. Als ich einmal einen dieser blondhaarigen Redwood- Jünglinge fragte, was er von Napoleon wisse, erhielt ich wie aus der Pistole geschossen die mich ent-waffnende Antwort: ,, Napoleon ist der zweite Soldat der Weltgeschichte." ,, Und wer ist der erste?" fragte ich erschrocken. ,, Wellington, weil er Napoleon besiegt hat!" Der Erfolg, das merkte ich nicht zum ersten Male, ist in Amerika alles. Der Erfolg, den ich nicht hatte, lockte mich bald darauf von Berkeley nach Hollywood hinunter, wo die Frage nach Napoleon wieder ganz anders beantwortet würde, nämlich mit einem zielsicheren ,, Mouni", denn wer sonst sollte ihn spielen? Die Besetzung ist hier alles, weil das Theater alles ist, und wenn man Theater sagt, meint man natürlich den Film. Eine Siedlung von meist deutsch, oft mit stark ungarischem Akzent sprechenden Theaterleuten, ist Hollywood mit seinen weit auseinander laufenden Palmenalleen im Vordergrund und einer Art Berner Oberland als Kulisse mehr eine Bühne zu nennen als eine Stadt; ein Schauplatz, auf dem ein paar hunderttausend Menschen soviel mögen hier, das sündhaft schöne Beverly Hills eingerechnet, beim Theater beschäftigt sein-, eine Art Gemeinwesen agieren, das der Theaterteufel als selbstgewählter Bürgermeister regiert. Übrigens kann jeder Hollywooder 348 MIT MIR IN AMERIKA Bürger ,, Mayor" werden, denn wir leben in einer Demokratie. Auf dem Wege in mein Hotel, das mich später bei näherer Bekanntschaft lebhaft an das Hotel Elisabeth in Ischl erinnerte ( die Potentaten abgerechnet), zeigte mir mein Mentor einen Zwerg, der an einer Straßenecke Zeitungen feilhält, mitunter aber auch sich selbst verkauft, wenn nämlich gerade ein Film gedreht wird, bei dem ein Zwerg gebraucht wird. Gestützt auf eine hiedurch erworbene Volkstümlichkeit und zwergische Allerweltsbeliebtheit, die er gegebenenfalls in ein entsprechend hohes Honorar umzusetzen weiß, hatte der kleine Mann kürzlich auf den Bürgermeisterposten in Hollywood kandidiert. Sein Gegenkandidat, um die Komödie abzurunden, war der größte Mann von Hollywood und wahrscheinlich von ganz Amerika. Er mißt gut und gern, denn auch er lebt davon, seine neun Fuß und steht Tag für Tag von früh bis Mitternacht vor dem Chinesischen Filmpalast am Hollywooder Boulevard, von verhältnismäßig normalen Menschen, die bewundernd zu ihm emporstarren, bis zum Gürtel rege umwimmelt. Die Nähte seiner Hosen, die gewöhnlichen Sterblichen bis über den Kopf reichen würden, sind auf mexikanische Art mit einem ausgefransten Goldsaum verziert, und das Hochgebirge seiner Brust deckt ein grasgrüner Frack, dessen schlankmachende Schöße bis in die Niederungen seiner Persönlichkeit herabhängen, während eine napoleonische Grenadiermütze, ihn noch etwas größer machend, die gewöhnlich sorgenvoll umwölkte Stirn des großen Mannes krönt. Daß sie so sorgenvoll die handlange, obzwar proportionierte Nase überragt, hat seine guten Gründe und nicht nur den, daß auch er bei der Bürgermeisterwahl den, wenn man so sagen darf, kürzeren zog, sondern tiefer verzweigte. Der unvergleichliche Mann ist nämlich, wie jeder andere Unvergleichliche in Hollywood, in keinem Augenblicke seiner Stellung sicher, und wenn er morgens um neun mit klafterlangen Schritten, ernst, wenn auch gehoben, DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 349 seinem Standplatz neben der Tageskasse wie der Beamte seinem Bureau zuschreitet, wie auch nachts, wenn er todmüde vom tagelangen Groß- Dastehn sich in sein weithingedehntes Bett verteilt, quält ihn, wie einen erfolgreichen Filmschriftsteller oder einen dreimal geschiedenen Movie- Star, der Gedanke, daß ein anderer irgendwo schon vor der Türe steht, der ihm seine Prominenz streitig machen könnte, weil er um zwei, drei oder auch nur eine Linie höher ragt. Was auch in seinem Falle tatsächlich schon vorgekommen sein soll, wenngleich sich später zu seinen Gunsten herausstellte, daß sich das Wunder auf Einlagen und unerlaubt hohe Absätze zurückführen ließ. Der Mann unterm Drachentor des phantastisch überladenen Chinesischen Filmpalastes ist, wie man merkt, jeder Verallgemeinerung fähig. Denn wie die Lieblinge und erst recht diejenigen, die es nicht mehr sind, in Hollywood zu erzählen wissen, ist hier niemand seiner Stellung sicher, auch wenn er noch so hoch ragte; der Platz neben dem Kassenstand ist hier immer gefährdet. Immer wieder ereignet es sich, daß die größten Lieblinge nach märchenhaften Erfolgen in ihren an Tausendundeine Nacht des Erfolges erinnernden Lustschlößchen und Zaubergärten am Rande einer endlosen Palmenallee in Beverly Hills beschäftigungslos dem Trübsinn ergeben hindämmern, weil ihnen oder einem anderen nichts einfällt. Sie sind oft jahrelang so gut wie vergessen, man sieht sie kaum mehr, teils weil man sie nicht sieht, teils weil man sie nicht bemerkt, was der theatermäßige Ausdruck des Vergessenseins ist, und wenn sie nicht das Glück haben, sich in der Zwischenzeit scheiden lassen zu können oder sich in einen Vaterschaftsprozeß verwickelt zu sehen, wie der unermüdliche Charlie Chaplin, würden sie der Öffentlichkeit völlig abhanden kommen. Höchstens eine flüchtige Fußspur lassen sie da und dort großmütig zurück, wie zum Beispiel auf dem Vorplatz meines Hollywooder Hotels. Dort begegnete ich gleich beim Betreten zwei 350 MIT MIR IN AMERIKA sandalenartigen Fußabdrücken, die in den steinernen Fliesen der Veranda ein für allemal verewigt waren. ,, Dick" stand in handgeschriebenen großen Buchstaben auf der einen Spur und der dazugehörige ,, Powell" auf der anderen, und darum herum, im Kreis geschwungen, eine Girlande namenloser Frauenfüße. Das also blieb von ihm, fühlt man erschrocken, wenn auch zum Glück verfrüht. Denn solche Autogramme, die sich irgendwie von den Pfadfinderzeiten der amerikanischen Pionierzeit herleiten mögen, sind keineswegs auf meine Hotelterrasse beschränkt. Man findet sie zu hunderten, scheinbar achtlos hingestreut, auf den künstlichen Marmorfliesen des dem Hotel nah benachbarten„, Chinesen", wo die Besucher von früh bis abends mit zu Boden geschlagenen Blicken herumgehen wie in der Westminsterabtei in London. Und eine Art Westminsterabtei des Ruhmes ist es denn auch, denn hier stößt man auf Schritt und Tritt auf die irdische Fußspur eines Götterlieblings, von seinem Autogramm geziert und für die Ewigkeit in Stein gepreßt. Soll man Namen nennen? Die Wendung ,, Ich will niemand nahetreten" wäre hier mehr als angebracht. Übrigens hat es etwas schlechthin Rührendes, daß es unter den hier versammelten einander unheimlich ähnlichen Fußẞtritten auch schon etwelche verstorbene gibt. Und es kommt sogar vor, daß am Jahrestage des Abscheidens einer solchen Erdenspur ein Blumensträußchen auf dem autographierten Namen liegt, den dann die noch im Lichte wandelnden Kollegen beim Betreten der Ehrenhalle rücksichtsvoll, wenn auch eilig, umgehen. ,, Quand on est mort, c'est pour longtemps" wenn irgendwo gilt diese französische Redensart in Hollywood. Ein unverbesserlicher Österreicher wurde einmal gefragt, was ihm im amerikanischen Osten den größten Eindruck DER ROSENKRANZ DESPATERSSERRA 351 gemacht hatte. Er antwortete:„Ein Heuwagen, mit wirklichem Heu beladen und von wirklichen Pferden gezogen.“ In der kali- fornischen Landschaft hätte er wahrscheinlich geantwortet:„Ein Veilchen von natürlicher Größe“, und auf dem Hollywooder Boulevard:„Eine Frau in Röcken.‘“ Denn so etwas scheint es hier überhaupt nicht zu geben, zumindest nicht im Straßenbilde. Die sich anziehen, bleiben offenbar in ihren vier Wänden. Aber wer bleibt in dieser einladenden Stadt zu Hause?’ Da den ganzen Tag die Sonne durch die in den Himmel wehenden Palmenwipfel scheint und jeden Tag Sonntag ist und das ganze Jahr Mai, spielt alles zwischen Abendröte und Morgenrot, ja sogar zwischen Morgen und Abend mehr oder weniger sich im Freien ab, und die freie Damentracht trägt diesem Umstand Rechnung. Der„Schlafanzug“, wie wir drüben Pyjama irrtüm- lich übersetzten, wird hier gleich nach dem Erwachen angelegt. In allen Farben spielend, von Scharlachrot über Zeisiggrün bis Ultraviolett, erweist er sich in diesem kapuanischen Klima jeder Lage gewachsen, im Bureau ebensowohl wie auf dem Tanz- boden, auf dem Strand wie im Studio. Sogar geritten wird im Pyjama, und es gibt fortgeschrittene Prediger, die, durch Bade- schuhe ergänzt, es nicht einmal beim Gottesdienst ausgeschlossen sehen wollen. Übrigens wird die scheinbare Zwanglosigkeit, auf die es sich beruft und die nach unten hin nackte Füße mit Sandalen zweckmäßig ergänzen, nicht nur durch die geschmink- ten Fußnägel widerlegt, sondern auch durch eine überaus kunst- volle Haartracht, in der die Hollywooder Schönen sich, und offenbar nicht nur sich, gefallen. Ich nenne sie die Bettvorleger- Frisur, denn, eine Art Allongeperücke aus wirklichen Haaren — die natürlich entsprechend gefettet und gebraten sind— aber auch künstlichen wolligen Einlagen, hängt sie wie ein Bett- vorleger über allerreizendste Nacken bis zur ungefähren Mitte des Leibes herunter, Rahmen und Hintergrund zugleich für ein junges Gesichtchen und einen Lilienstengelhals. Damen über 352 MIT MIR IN AMERIKA sechzig verschmähen diese Haartracht, dafür bevorzugen sie zitronenfarbene Pyjamas oder himmelblaue zu ihren aufgesteckten Silberlocken. Nur an den allerheißesten Herbsttagen - der Herbst ist hier der Sommerlegen sie noch einen Pelz über die leise fröstelnde Matronenschulter. Er ersetzt ihnen den ,, Bettvorleger". - - Ist die kalifornische Küste ein Rosenkranz von landschaftlichen Köstlichkeiten, so Hollywood ein Theaterschmuck, der nicht an, doch über diesen Köstlichkeiten hängt. Dem amerikanischen Zeitungsleser ersetzt er in einem unromantischen Land die Romantik. Hier finden die großen Scheidungen statt, die in die großen Blätter kommen, und hier oder von hier aus werden Lustfahrten auf weißen Jachten unternommen, deren unschuldige Teilnehmerinnen den Kapitän der Jacht, der der geliebteste Mann in Amerika ist, nachher mit Vaterschaftsklagen belästigen oder wegen geraubter Unschuld verklagen. In Wirklichkeit ist es nicht halb so schlimm. Hollywood ist genau so moralisch und genau so unmoralisch wie jeder andere Punkt der bewohnten Erde, wo morgens die Sonne aufgeht und abends untergeht, und wenn man von dem Unfug, der sich hier manchmal ereignen soll, häufiger in den Zeitungen liest, so nur, weil die daran Beteiligten weltbekannte Namen tragen und ihr Publicity- Agent ein Interesse an der Verbreitung des Echos ihrer Taten und Untaten hat. Dafür, daß sie nicht zu weit gehen auf der Leinwand und im Leben, sorgt schon das wachsame ,, Hayes Committee", diese andere theresianische Sittenkommission, nach außen hin und pro foro interno die Kirche, die den Rosenkranz, auch in Hollywood, nicht ganz aus der Hand gibt. Was jenes sagenhafte Komitee betrifft, so kann man die gouvernantenhafte Hartnäckigkeit, mit der es die guten Sitten verteidigt, am besten daran ermessen, daß erst im dritten DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 353 Kriegsjahre mit Rücksicht auf die vielen Kriegsstücke den Seesoldaten freigegeben wurde, auf der Leinwand, das heißt im Film, von Zeit zu Zeit die Worte„ Hell" und„, damned" zu gebrauchen, weil sonst, bei der gewohnten Ausdrucksweise eines Teiles des männlichen Nachwuchses, ein natürlicher Dialog überhaupt nicht zustande käme. Hingegen blieb das Wort ,, bastard" auf der Bühne auszusprechen nach wie vor verboten. Im übrigen handelte es sich auch im anderen Falle nur um ein Zugeständnis an die mehr maritime Ausdrucksform der amerikanischen Kriegsflotte, und es bleibt zumindest unsicher, ob die Freigabe der beiden Worte auch für das Heer gilt. Die Navy spielte hier überhaupt und an der ganzen Westküste eine bedeutendere Rolle, dies wegen der Nähe des pazifischen Kriegsschauplatzes, der in den Augen des Westens von überragender Bedeutung ist. Dementsprechend wird hier in der öffentlichen Meinung, wenn auch nicht in der Verfassung, dem ,, sailor" der Vortritt vor dem ,, soldier" eingeräumt, was in heiterer Form in einem Geschichtchen zum Ausdruck kommt, das man sich im letzten Kriegsjahr in Hollywood erzählte. Zu jener Zeit hatte infolge der Militärtransporte der Platzmangel in den Hollywooder Hotels derart überhandgenommen, daß es wiederholt vorkam, daß zwei einander fremde Hotelgäste in einem Zimmer übernachten mußten, einmal sogar eine Dame mit einem ihr unbekannten Soldaten. ,, And what about moral?" fragte eine sich um eine Unterkunft bewerbende Dame, der zu ihrem Troste der Manager diesen Vorfall anvertraute.„, There is no more any moral in Hollywood" war die ärgerlich humoristische Antwort des geplagten Hoteldirektors: ,, The only thing I can do for you is to give you a sailor." Hintergründiger und kulturell aufschlußreicher ist eine andere Story, die den zunehmenden Einfluß der Kirche auf die guten Sitten bescheinigt, wenn sie, wofür ich nicht einstehen kann, wahr ist. 28 Verlorene Zeit 354 MIT MIR IN AMERIKA Es handelte sich um die Besetzung eines vielversprechenden religiösen Films, dessen Hauptfigur eine junge Heilige ist. Für eine junge Heilige in Hollywood eine einwandfreie Besetzung zu finden, ist keine leichte Aufgabe, denn sie muß nach Filmbegriffen anziehend sein und auch das besitzen, was mein verewigter Freund Wassermann den seelischen Tiefgang nannte. Aber schließlich glaubte der Producer, und mit vollem Recht, die richtige Darstellerin gefunden zu haben. Er verschwieg ihren Namen zunächst noch der Presse und gab ihn, um nicht Anstoß zu erregen, vorläufig nur der geistlichen Oberbehörde bekannt, die an dem Erbauungsfilm Interesse nahm. Statt der erwarteten Zustimmung kam ein überraschender Einspruch von seiten des in Betracht kommenden bischöflichen Ordinariats: die vorgeschlagene Künstlerin wäre verheiratet, hätte mehrere Kinder, und es ginge nicht an, daß eine mit einem Manne durch ein fruchtbares Eheleben verbundene Frau auf der Leinwand eine unberührte Heilige darstelle. Äußerste Bestürzung im Hause des Producers, der große Stücke auf seine noch unentdeckte Heilige hielt und sich, mit Recht, in jedem Sinne viel von ihr erwartete. Aber wie die geistliche Oberbehörde von der Richtigkeit seiner Wahl überzeugen? Geschäftliche Erwägungen spielen in jener Welt keine Rolle, man muß also auf die moralische Qualifikation der vorgeschlagenen Künstlerin hinweisen. Das geschieht und mit allem gebotenen Nachdruck. Wohl, führt der Producer in einer schriftlichen Eingabe zerknirscht aus, die Dame ist verheiratet. Aber wie ist sie verheiratet? Sie lebt in einer geradezu exemplarischen Ehe. In ganz Hollywood, ja in ganz Los Angeles, gäbe es keine zweite, die sich mit der ihrigen vergleichen ließe. Sie und ihr Gatte, der sie vergöttere, böten ein Bild voller, ungetrübter Harmonie; in zehn Jahren( für die Presse sechs) hätte es nicht den Schatten eines Zwistes zwischen ihnen gegeben. Zu Hause lebt sie ausschließlich für ihren Mann und ihre vier( in der Presse ohne Zahlenangabe) Kinder. In DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 355 Gesellschaft sitzt sie immer neben ihrem Mann, oft bis fünf Uhr früh. Wenn sie beruflich verreisen müsse, rufe sie vom Bahnhof, vor Abfahrt des Zuges, geschwind noch einmal an. Aus dem fahrenden Zug telegraphiert sie ihm und ist unglücklich, wenn sie nicht noch unterwegs eine Antwort erhält. Sonntags sind die Gatten immer zusammen in der Kirche zu sehen und abends vor dem Einschlafen beten sie zusammen. Auch übergibt er sich nie dem Schlummer, ohne daß sie das Kreuzzeichen über seiner Stirne macht, bevor sie ihn auf den Mund küẞt. Solchen Argumenten hält auch das Ordinariat nicht stand. Die letzte Entscheidung läßt auf sich warten, aber schließlich trifft sie ein. Der Producer, der erst tags zuvor seine Heilige zum Dinner im Familienkreis eingeladen hatte- größte Auszeichnung, die in Hollywood einem aufsprossenden Talent zuteil werden kann, läßt sie in sein Office kommen. ,, Gewonnen!" geht er ihr mit dem in der Hand geschwenkten Telegramm entgegen. Sie nimmt von seinem Inhalt Kenntnis, läßt sich zu Tode erschöpft von dem langen Warten auf dem Sofa nieder und sagt nichts als: ,, Gott sei Dank! Die Kinder sind versorgt, morgen bring' ich die Scheidungsklage ein." Und sie bricht los, wie nur eine Frau, die seit Monaten gestaut war, losbrechen kann. ,, Eine vorbildliche Ehe? Daß ich nicht lach'! Von allem Anfang an hat er mich betrogen. Und jetzt, neulich... Ich hab' mir's ja gleich gedacht. Aber seit gestern abend weiß ich's! Die ganze Nacht ist er neben ihr gesessen, bis fünf Uhr früh!" Natürlich sind alle ihre Anklagen und Verdächtigungen völlig aus der Luft gegriffen, aber was können Sie gegen eine patho-logisch eifersüchtige Frau in solchem Falle unternehmen? Der Producer hört ihr bestürzt zu und erst als sie fertig ist, erklärt er ihr den Fall. Das ist alles schön und gut, oder vielmehr nichts ist schön, nichts gut, aber was wollen Sie da tun, Bunny dear? Es ist ganz ausgeschlossen, daß eine Frau, die in Scheidung liegt, die heilige Lysieux spielt. Nie würde das bischöfliche Ordina23* 356 MIT MIR IN AMERIKA - riat das erlauben... Das sieht am Ende sogar die weltunerfahrene junge Künstlerin ein. ,, Aber Sie können doch nicht von mir verlangen, daß ich unter diesen Umständen weiter mit meinem Mann unter einer Decke ich meine, unter einem Dache" ,, Mein liebes Kind!" sagt der Producer und nimmt sie, wie in solchen Fällen üblich, väterlich an der Hand: ,, In zwei Monaten können wir mit dem Schießen beginnen. In drei Monaten kommen wir mit dem Film heraus. Was nachher geschieht, geht mich und die Kirche nichts mehr an! Vielleicht fallen wir durch... Aber bis dahin", fügt er drohend hinzu, ,, bis dahin...! Sie wissen, wozu eine Gage wie die Ihrige verpflichtet!" ,, Gut", sagt die zu allem entschlossene junge Frau am Ende dieser mehr als peinlichen Unterredung.„ Ich werde warten... Ich werde mit zusammengebissenen Zähnen... Mit zusammengebissenen Zähnen werde ich... Aber scheiden laß ich mich dann doch!" Leicht gesagt, aber wie kann man, wenn man in einem Film, der rund um die ganze Erde läuft, allabendlich in zwanzigtausend Lichtspielhäusern die heilige Lysieux oder Genoveva spielt, sich gleichzeitig von seinem Mann scheiden lassen? Man muß zumindest warten, bis die Einnahmen abzuflauen beginnen. Nun, da kann die mittlerweile weltberühmt gewordene Künstlerin bis zu ihrer goldenen Hochzeit warten. Wozu sie auch entschlossen scheint. Man sieht den Einfluß der Kirche auf die guten Sitten von Hollywood. Ich schlage vor, daß ein New- Yorker Producer diesen Stoff zur Bearbeitung für eine abendfüllende Komödie Somerset Maugham anvertraut, dessen menschenkennerischem Witz ich ein Leben lang Dank schulde. DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 357 - Die Story ist in Hollywood alles und alles wird hier zur Story. In dieser palmwipfelüberwehten Märchenstadt mit ihren Tausenden verspielter kleiner Holzhäuser oft so klein, daß sie aus nichts als einer übergroßen Porch zu bestehen scheinen--ist man buchstäblich unter Blumen begraben. Um sich aus diesem nicht immer heiteren Grabe herauszuarbeiten, bedarf es wie im Märchen nur einer Kleinigkeit: daß einem im rechten Augenblick das rechte Wort einfällt. Dieses Schlüsselwort aber ist in jedem Falle die Story, durch die man in Hollywood im Handumdrehen reich und berühmt werden kann. So versichern dem Glücksucher zumindest die Eingeweihten, deren Versicherung nicht ganz ernst zu nehmen er freilich gut tun wird. Es ist nicht so einfach. Die Story muß nämlich eine für den Moviegebrauch verwendbare sein, und das ist schon eine nicht unbeträchtliche Erschwerung, die an die hinterlistige altrömische Testamentsbedingung erinnert, wie sie der junge Jurist in den Pandekten lernt: ,, Ich vermache dir mein ganzes Vermögen für den Fall, daß du mit dem Finger den Himmel berührst!" Ein Scherz! denkt der beglückte Erbe beim Leichenbegängnis des guten Onkels, von dem sich erst später herausstellt, daß er gar nicht gut, sondern äußerst boshaft war. Es stellt sich auch in Hollywood in neunundneunzig unter hundert Fällen heraus. Eine gute Story, so lautet eine klassisch gewordene Hollywooder Definition: muß sich in zwei Sätzen erzählen lassen. Aber die Tatsache, daß im turbulenten Hollywood und in dem angrenzenden lieblich verträumten Beverly Hills, Tag für Tag von morgens bis abends zwanzigtausend Menschen ebenso angestrengt wie vergeblich über diese zwei Sätze nachdenken, spricht nicht dafür, daß sie so leicht zu finden wären. Es geht mit diesen zwei Sätzen wie mit einer Hollywooder Adresse. Sie ist ganz leicht auf einer Visitenkarte notiert, aber in Wirklichkeit kaum aufspürbar, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Dies aus Gründen, die man erst schrittweise 358 MIT MIR IN AMERIKA erfährt. Das offensichtlichste Hindernis für denjenigen, der sich, frisch zugereist, auf den Weg macht, besteht darin, daß die Entfernungen so ungeheure sind. Los Angeles ist noch nicht die größte Stadt Amerikas, die es im nächsten Jahrhundert vermutlich sein wird; die ausgedehnteste ist es schon heute. Die Häuser schießen hier nicht wie in New York zusammengedrängt in die Höhe, das überlassen sie den Palmen, die straßauf, straẞab die eigentlichen Wolkenkratzer und Himmelswedler sind: sie verflüchtigen sich vielmehr überall ins Weite oder verbergen sich in den zahllosen bewaldeten Talfurchen, die man hier Canyons nennt. Es sind niedliche Budenhäuser, im Bungalowstil gebaut, die unter Blumen und Blütenbäumen miteinander versteckenspielen, und besonders in den wohlhabenderen und reichen Teilen der ungeheuren Siedlung, wo die sonst flachen Wohnhäuser den Umfang von Sommerschlößchen annehmen, liegen oft Latifundien von Gärten zwischen einem dieser reizenden Kastelle und dem nächsten. Unter diesen Voraussetzungen zu Fuß irgendwohin zu gelangen, ist nahezu ausgeschlossen und beinahe gefährlich, da das Zufußgehen hier so ungebräuchlich ist, daß man sich durch öffentliche Betätigung dieser europäischen Gewohnheit dem Verdacht aussetzt, ein Spion zu sein und zumindest angehalten, wenn nicht verhaftet wird. Anderseits war man so unvorsichtig, ganz ohne Cardillac sich auf die Goldsucherjagd nach den zwei Sätzen zu begeben, so daß nichts übrigbleibt, als, um an seinen Bestimmungsort zu gelangen, sich in einen der rasenden Busse zu werfen. Er ist bis zum Bersten überfüllt, genau wie die Wiener Elektrische in der ersten Nachkriegszeit, und es ist ein fast hoffnungsloses Bemühen, vom Fahrer im Gedränge die unumgängliche Auskunft zu erlangen, an welcher unvorhergesehenen Haltestelle man auszusteigen, beziehungsweise umzusteigen hat. Tut man es an der unrichtigen Stelle, so ist man verloren; denn war es schon schwer genug, vom Hotelportier die Anweisung zu DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 359 erlangen, wo und in welchen der vielfarbigen Busse man einzusteigen habe ,, die Leute, die bei uns wohnen, haben alle einen Wagen", sagte mir der maßgebende Manager in meinem Hotel so ist es am Stromufer des Automobile strömenden Pico- oder Wilshire Boulevard schlechthin unmöglich. Aber selbst wenn man an der richtigen Stelle aussteigt, sind die Schwierigkeiten, an seinen Bestimmungsort zu gelangen, kaum geringer. Eine Hollywooder Adresse ist ein heiter blinzelndes Kreuzworträtsel, das man, auf den auseinandergefalteten Stadtplan starrend, vergeblich zu lösen bemüht ist. Denn zwar haben die ins Unendliche pfeilenden Straßenzüge auch in Hollywood, ja sogar in Beverly Hills, Namen, aber wo haben sie sie? Am Rand der Rinnsteine und in Visitenkartenschrift. Man kann sie im Vorüberfahren vom Lenksitz des Automobils aus allenfalls feststellen, aber als Fußgänger nur im Rinnstein liegend entziffern. Ist dies gelungen, so entdeckt man erschrocken, daß man bei der dem Fahrer abgenötigten Auskunft das S. oder N. vor dem Straßennamen zu erwähnen übersehen hat. Es bedeutet South( Süden) oder North( Norden), was bei dem Bedford Drive oder irgendeinem anderen eine Entfernung von einigen Meilen ausmacht. Denn die Hausnummern sind im Süd und Nord die gleichen, so daß man sein Leben neu anfangen müßte, um von Nummer 2000 auf der einen Seite zu Nummer 2000 auf der anderen zu gelangen ohne Bus diesmal. Zu allem Überfluẞ sind auch die Hausnummern in Hollywood und Umgebung kaum auffindbar; dies aus einer Art Koketterie. Oft sind sie gar nicht vorhanden. In anderen Fällen verstecken sie sich schamhaft unter Efeublättern oder Mauerkatze, wie unter Feigenblättern( ,, die einzigen Feigenblätter in Hollywood", sagte ein boshafter Freund, der es wissen mochte). Und schließlich sind sie auch noch in Viertel und Achtel geteilt Sechzehntel konnte ich keine wahrnehmen-, so daß es recht wohl geschehen kann, daß man auf Nummer 56231/2 vergeblich - 360 MIT MIR IN AMERIKA angeklingelt hat, weil der Freund oder die Freundin Nummer 56233/4 wohnt. Denn auch das gehört dazu, daß in diesem lieblich verhexten Lunapark, als welcher sich Hollywood für den hier noch nicht eingelebten Besucher darstellt, die blumenfarbigen Bungalows vierstellige Telephonnummern an der Stirne( unter Efeublättern) tragen. - - - - Diese Darstellung ist nicht übertrieben. Doch muß man gerechterweise feststellen, daß man sich bei näherer Bekanntschaft verhältnismäßig rasch an das verwickelte Jahrmarkttreiben dieser Stadt gewöhnt, in der man alles nur nicht naiv sein darf obwohl gerade Naivität hier am höchsten geschätzt und bezahlt wird. Mit oder ohne Feigenblatt: Hollywood ist besser als sein Ruf, der ihm meist von den hier Abgeblitzten gemacht wird. Dies gilt in moralischer wie in künstlerischer Hinsicht am Ende ist es das geschichtliche Verdienst Hollywoods, das Movie zur Kunstgattung gemacht zu haben und es galt vor allem im Krieg. In der Friedenszeit, zumal in den letzten Jahren, war dieser Teil der kalifornischen Küste Hollywood und die angrenzenden Seebäder tatsächlich so etwas wie eine standardisierte Kompensation, ja sogar Überkompensation, des amerikanischen Puritanismus. Es war der Punkt, wo Babbit sich von seiner Musterknabenhaftigkeit erholen konnte und mitunter auch, seien wir aufrichtig, nicht ganz ungern sich erholte. Wo sind die Zeiten oder, wie der große französische Dichter Gerard de Nerval in seinem unsterblichen Gedicht fragt:„, Où sont nos amoureuses?" Worauf er sich selbst die Antwort gibt:„ Elles sont au tombeau!" Das von Hollywood zu behaupten, wäre freilich übertrieben. Aber sicher ist, daß sie in den letzten Jahren amoureux und glamorous nur noch zum Zwecke patriotischer Ertüchtigung waren. Und so war auch und ist der Film, wie er augenblicklich gedreht oder, wie die Fachleute sagen, geschossen wird. Stücke wie ,, Mrs. Miniver" ,,, The white cliffs of Dover", ,, Sergeant York" haben zur siegreichen Beendigung des Krieges DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 361 kaum weniger beigetragen als unsere besten Staatsmänner und Feldherren; ,, For whom the bell tolls" ,,, Woodrow Wilson", The Song of Bernadette" haben das vielverlästerte Hollywood zur moralischen Anstalt im Sinne Schillers gemacht. In diesem Erbauungs- und Erhebungstheater ist kein Platz mehr für zweideutigen Dialog oder ein anderes als durch das Eheband geheiligtes freies Spiel mit der Liebe. Das Lustspiel, das, zumindest in seiner deutschen Bezeichnung, die„ Lust" nicht völlig ausschließt, spielt sich nur noch im Traum oder in der Erinnerung ab; ein altes Ehepaar, beispielsweise, erinnert sich an seinem Goldenen Hochzeitstag, wie es vor fünfzig Jahren war, im Kostüm von damals, eine Verlegenheits-, wenn nicht Verlogenheitsform, die in Kriegs- Hollywood eine Zeitlang sehr beliebt war. Aber von solchen Kostümscherzen abgesehen, muß ein Film, um Gnade zu finden in den strengen Augen des Producers, jetzt eine ,, message" enthalten, eine„, Botschaft", und sie muß an die Adresse der Menschheit gerichtet sein, wie die Tempelhüter den zu liederlichen Späßen aufgelegten älteren Adepten stirnrunzelnd belehren. ,, No time for comedy": Behrmans Lustspieltitel, vor sechs Jahren lustspielmäßig vorgeahnt, wurde zum Schlagwort des Tages und wurde es vor allem in Hollywood. Während man am Broadway die Zugänge zum Unterhaltungsstück noch offen hielt und das Melodram höchstens zum Nazischreckstück umzumodeln versuchte, schlug man an der Westküste beherzt den Rückweg zum alten idealistischen Theater ein. ,, Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben", versicherten die Filmgewaltigen einander, wenn sie im Hollywooder Theaterrestaurant am Hollywooder Boulevard oder bei sich zu Hause kartenspielend beisammensaßen, und verpflichteten sich wechselweise, bis auf weiteres nur noch ,, der Menschheit große Gegenstände" filmisch zu behandeln, ohne sich in jedem Falle über die Herkunft dieses Schiller- Zitats vollkommen klar zu sein. So wurde die Movie Story, das Theater überflügelnd, 362 MIT MIR IN AMERIKA immer mehr zu einem Spiel der Ideen, unter denen erfreulicherweise die Idee der Freiheit und der Humanität überall obenan steht, und lernte in manchen Fällen sogar in Versen sprechen. ,, Was ist das Theater anderes als eine weltliche Verbeugung vor Gott?" schrieb ich vor Jahren einmal bei Betrachtungen des Hofmannsthalschen ,, Salzburger Welttheaters" im Salzburger Dom, ohne zu ahnen, daß ich damit ein Hollywooder Rezept für die Zeit des zweiten Weltkrieges schrieb. Denn im Hollywooder religiösen Film, Werfels Bernadette zum Beispiel, über die in den amerikanischen Kirchen gepredigt wurde, transzendierte die Schaubühne wirklich in dieser gottgefälligen Richtung. Wogegen die Hollywooder Historiographen freilich einwenden werden, daß es hier schon vor zwanzig Jahren einen weltumspannenden religiösen Film, die Heilandsgeschichte unter dem Titel ,, King of the Kings", gab. Richtig. Aber während in jenem materialistischen Zeitalter, in dem alles und jedes, auch das Höchste, auf die Materie zurückgeführt wurde, die marktschreierische Ankündigung darauf hinauslief, daß der Producer die Dornen für des Heilands Dornenkrone sich eigens aus Palästina verschrieben hätte, ist der religiöse Film von heute wirklich und ohne Anpreisung religiös. No time for comedy - - auch hier. Hollywood versteht heute alles, nur keinen Spaß. - Die Frage entsteht: Hat der Hollywooder Venusberg sich wirklich und endgültig in einen Kalvarienberg verwandelt? Sie ist natürlich zu verneinen. Hollywood ist nur ein Spiegel. Vor Pearl Harbour lächelte es, weil ganz Amerika angestrengt, und manchmal für den nüchternen Besucher sogar anstrengend, lächelte. ,, Keep smiling" war damals die Parole, an die auch noch die Toten gebunden blieben, wenn am Tag nach ihrem Ableben zusammen mit der Todesanzeige ihr Bild in der Zeitung erschien; es wird nach dem Krieg wieder die Parole werden und dann wird auch Hollywood sich die Denkerfalte von der Stirne wischen. Inzwischen aber mußte auch Amerika DER ROSENKRANZ DES PATERS SERRA 363 lernen, den Krieg in zwei Hemisphären mit zusammengebissenen Zähnen durchzuführen, was es, weiß Gott, und mit einer eines so großen Landes würdigen Entschlossenheit getan hat. Das hergebrachte Lächeln wurde dabei schon physiognomisch unhaltbar, denn wer kann mit zusammegebissenen Zähnen lächeln? Die toten Helden blickten ernst und so taten vom zweiten Kriegsjahr angefangen sogar die noch lebenden, wenn sie als Armeeführer oder führende Staatsmänner durch die Blätter gingen. So tat am Ende auch das bis dahin unverbindlich vergnügte Hollywood. Doch wird es schwerlich dabei bleiben. Der lehrhafte Gesichtsausdruck und die priesterliche Würde sind nicht sein letztes Wort, noch ist es das tugendstolze Erbauungsstück mit der seelsorgerischen message am Ende. ,, Nach großen Kriegen müssen Komödien geschrieben werden", schrieb vor mehr als hundert Jahren, zur Zeit der Napoleonischen Kriege Novalis, was auch für das heutige Hollywood gilt. Die Helden werden wieder lächeln und in Amerika, wo sie allen Grund dazu haben, zuerst. Und dann wird auch das vielgeprüfte Hollywood wieder lachen; denn dazu kam es im schönsten Land der Erde zur Welt. Einstweilen aber mag es sich und mag man es daran erinnern, daẞ Lachen und Heiligkeit einander keineswegs kategorisch ausschließen. ,, Ein Heiliger, der nicht lachen kann, ist ein trauriger Heiliger", sagte Sales. Unter den Heiligen der katholischen Kirche gab es sogar einen, der in seiner Jugend Schauspieler war und unter den frommen Brüdern, die dem guten Pater Serra seinen kalifornischen Rosenkranz zusammenfädeln halfen, führte einer den Namen Kino. Gibt zu denken. DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT “On crie et sort, Et c’est la mori...» IN Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Nationen war, von Amerika aus gesehen, ein Akt hochherzigen Idealismus, der von uns europäischen Idealisten, den Verfasser eingerechnet, als eine wahre Heilsbotschaft aufgefaßt wurde. Auf Europa bezogen, stellte sich allerdings nach kurzer Zeit her- aus, daß sie in ihrer bodenfremden Formulierung an einem inneren Widerspruch krankte, der ihre ethische Absicht in die mörderischeste Drohung verwandelte. Sie setzte nämlich die Demokratie voraus, die dem Amerikaner selbstverständlich war, die es aber in Europa, die kleine Schweiz ausgenommen, noch gar nicht gab. Demokratie heißt, daß man dem Menschen im Menschen den ersten Rang einräumt, auch im Verhältnis zur Nation. Demokratie setzt den Begriff Menschheit voraus, den der entfesselte Nationalismus strikt verneinte. Aber wie kann ein Erdteil am Leben erhalten bleiben, dessen vierzig Nationen, bei vollkommen unentwickelt gebliebenem Gemeingefühl, nur eins miteinander gemein haben, daß sie nämlich ihre Selbst- bestimmung darin erblicken, sich auf Kosten der benachbarten Nation, oder der im eigenen Lande zahlenmäßig schwächer ver- DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT 365 tretenen, gewalttätig auszubreiten? Das schrankenlose Selbstbestimmungsrecht vorausgesetzt, kann sich daraus nur der Zustand eines evangelischen Dschungels ergeben, in dem der Tiger das Lamm nicht nur frißt, sondern sich dabei auch noch auf Wilsons Selbstbestimmung beruft. Woran auch die schönsten Ratsversammlungen im besteingerichteten und weitläufigsten Völkerbundpalast der Welt nichts werden ändern können. Sie werden als eine Versammlung nationaler Egoismen, die sich durch Addition keineswegs in Altruismus verwandeln lassen, doch immer nur so ausgehen wie der Familienrat in der französischen Komödie, wo der alte Onkel, nachdem er die längste Zeit dem Gezänk der anderen geduldig zugehört hat, zuletzt entrüstet aufspringt und mit den Worten ,, Hier denkt jeder nur an sich, ich bin der einzige, der an mich denkt!" die Tür hinter sich zuschlägt. Der Denkfehler Wilsons hat darin bestanden, daß er ,, the world safe for democracy" machen wollte, bevor er noch ,, democracy safe for the world" hatte machen können, wie wir diesmal wohl werden tun müssen. Nur im Rahmen einer völkerrechtlich gesicherten, demokratischen equality kann von einer kulturellen Selbstbestimmung der Nation die Rede sein. Das anschaulichste Vorbild hiefür bieten die Vereinigten Staaten. Niemand verlangt hier vom Kalifornier, daß er ein Neu- Engländer werde, aber es besteht auch weder in Massachusetts noch in Arizona der Wunsch, das Gebiet des anderen Bundesstaates zu erobern. Das alte Österreich, das ,, Kaisertum" sowohl wie auch, seit 1867, die Doppelmonarchie, die nur noch die halbe war, beging denselben Fehler, aber auf eine mehr mittelalterliche Art. Es vermaß sich, zwanzig verschiedene Nationen, deren Angehörige im staatsbürgerlichen Sinne gleich rechtlos waren, gegen ihren Willen autokratisch zusammenhalten zu wollen. Das Ende war vorauszusehen. Eine der diesem autokratischen Bestreben am abgeneigtesten 366 MIT MIR IN AMERIKA Landsmannschaften war seit der Einigung Italiens die italienische, die den reizvollsten Teil des südlichen und südwestlichen Alpenvorlandes bewohnte. Da hatte der Österreicher des neunzehnten Jahrhunderts das doppelt angenehme Gefühl, zugleich Gast und Hausherr zu sein, und etwas davon lebte auch noch im Sohn und Enkel, wenn er von Wien in einem Nachtzug der Südbahn nach Venedig oder nach Verona hinunterfuhr, obwohl diese beiden Städte jetzt nicht mehr österreichisch waren. Die Landschaft war es noch immer, obschon zugleich italienisch, was festzustellen ein morgendlicher Blick aus dem Kupeefenster genügte. Da standen plötzlich Zypressen schwarz und schlank gegen den Himmel wie Rufzeichen vor dem Worte Italien. Da trugen dunkelhaarige Landmädchen den kupfernen Wassereimer freischwebend auf dem Kopfe ins Haus; da hatte die Dorfkirche plötzlich einen weißen Turm aus Marmelstein mit einer offenen Glockenstube, in der die Glocken wie aufgescheuchte Vögel flatterten, und die Städtchen und Berge hatten melodische Namen, die richtig auszusprechen der Deutsche erst lernen mußte. Welch eine Lust, im österreichischen Italien und über diese Völkerbrücke hinweg ins wirkliche zu reisen. Die Hochzeitsreise nach Italien zu machen, war in Wien nahezu selbstverständlich, und eine Art Hochzeitsreise war es denn auch, die ein gleichaltriger Freund und ich im Frühjahr 1900 unternahmen, nur ohne Frauen, was übrigens nicht ganz wörtlich zu nehmen war. Wir hatten beide, mein Freund und ich, unseren Doktor eben erst glücklich hinter uns gebracht und belohnten uns dafür mit dieser südlichen Lustfahrt, in der mein erstes Buchhonorar aufging. Geld in Individualität anlegen, nannte man es damals, den erzieherischen Wert derartiger Ausflüge genuẞsüchtig überschätzend. Immerhin, die Überschrift dieses Kapitels und des ganzen Buches, für das es als Symbol gelten mag, ist die späte Frucht dieser frühen Reise. Es war auf dem Rückweg über den Gardasee, daß ich, in DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT 367 einem schwanenweißen Schiff das klassische Gestade Virgils entlanggleitend, plötzlich über einer im silbrigen Morgenlicht auftauchenden Osteria die Worte las: ,, Osteria al tempo perduto", auf deutsch: Das Wirtshaus zur verlorenen Zeit. Welch ein Titel für eine Rahmenerzählung oder einen Novellenband, fanden mein Freund und ich, denn beide hatten wir es mit der Literatur. Wir spielten Tennis mit der Idee und, mit dem Blick auf die nordwärts sich verändernde Landschaft, das Verdeck des Schiffleins auf und ab schreitend, erfanden wir auch gleich die eine oder andere Novelle, die in diesen koketten Rahmen passen mochte. Aber Novellen sind leichter erfunden als geschrieben, wenn man ganz jung ist nämlich, denn später mag es sich eher umgekehrt verhalten. Jedenfalls, diese Geschichten wurden nie zu Papier gebracht, noch ist der geplante Band erschienen. Aber der Titel des bloß geträumten Buches blieb in meiner Verwahrung, da ich ihn zuerst entdeckt hatte, und als ich ein paar Jahre später auf einer schon wieder anderen italienischen Reise meinen Lesern schon hatte ich welche einen literarischen Bericht zu erstatten mich verpflichtet fühlte, erinnerte ich mich jener lockenden Aufschrift. Sie wurde für mein weiteres Leben bestimmend, denn mein Artikel hatte einen unverhältnismäßigen Erfolg. Vielleicht war er nicht ganz schlecht, aber das beste an ihm war jedenfalls der Titel, den ich dem lachenden italienischen Ufer an einem Ostermorgen und meinem Geburtstag denn noch dazu war es mein Geburtstag geabgestohlen hatte. wesen - - - - Heute freilich, im Rückblick und in einem Abstand von vierzig und mehr Jahren, will mir scheinen, daß ich damals verkehrt gehandelt habe. Ich hätte nicht so oberflächlich weiterfahren sollen, an dem mählich ernstere und zuletzt drohende Formen annehmenden bergigen Ufer, sondern an der nächsten Haltestelle die Fahrt unterbrechen und zurückgehen sollen zu dem weinseligen, philosophischen Wirtshaus. Ja, das wäre das 368 MIT MIR IN AMERIKA Richtige gewesen. Ich hätte meinen Urlaub eigenmächtig verlängern und, anstatt pünktlich zurückzukehren zu meinem damals noch unbezahlten richterlichen Amt, lieber eine oder zwei Wochen länger in Italien bleiben und den Wirt studieren sollen, der dieses philosophische Gasthausschild erfunden oder übernommen hatte. Denn auf den Wirt kam es doch eigentlich an bei der Novelle, auf seinen menschlichen Hintergrund und seine einmalige Charaktermischung, auf die Gestalt mit einem Wort und nicht auf die Philosophie des Aushängeschildes, so ansprechend sie auch formuliert sein mochte. Auch die kleinen Leute, die in dem entlegenen Wirtshaus zusammenkamen, etwas näher kennenzulernen, hätte mir wahrscheinlich nicht geschadet und meinen italienischen Novellen, die ich zehn Jahre später zu schreiben anfing, sicher genützt. Kann sein, daß, wäre ich damals ausgestiegen, statt bequem weiterzugleiten, es meinem ganzen Leben eine andere Richtung gegeben hätte und daß ich als Künstler gewonnen hätte, was ich an bürgerlicher Achtung in meinen Augen und in denjenigen meiner bürgerlichen Zeitgenossen, die mir besorgt nachblickten, einbüẞte; vielleicht wäre etwas aus mir geworden. Aber es war nun einmal ein bürgerliches Zeitalter und ich keine Ausnahme. Wir alle, die wir aus einer epikuräischen Epoche in eine bußfertige herüberlebten und aus einer ästhetisierenden in eine moralisierende, mögen uns heute den gleichen Vorwurf machen: daß wir die Wichtigkeit und die Bedeutung des Verlustes, auch des Verlustes an Zeit, überschätzten. Wir wollten sicher gehen und gingen fehl. Denn was heißt am Ende Zeit verlieren? Man kann doch nur verlieren, was man gewonnen hat, und wirklich gewinnen nur um den Preis eines möglichen Verlustes. Auf das Risiko, das schreckhafte, aber auch herrliche Risiko, kommt schließlich alles an, und heute, wo ich, um noch einmal das nachklingende Wort Elisabeth Heykings zu zitieren, selbst bei der letzten oder vorletzten Auster vom Dutzend halte, dünkt mir, daß meine im DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT 369 Wirtshaus zur verlorenen Zeit verlorenen Lebensstunden meine einzig gewonnenen waren. Nichts bedaure ich heute weniger, als daß ich die Welt zwischen dem Goldenen Horn am Bosporus und dem Golden Gate am Pazifik etwas näher kennengelernt habe. Daß sich mir des Attischen Reiches Glanz und Herrlichkeit auf dem von Mohn und Kamillen überblühten, windigen Burghügel der Akropolis über Athen zwischen den rosigen Marmortrümmern gesunkener Tempel erschlossen hat und die politische Weisheit des Englischen Weltreiches an der Nil- Barrage über den Stromschnellen von Assuan. Daß es mir vergönnt war, das Ewige Rom vom Pincio in Frühlingsfarben abendlich verglühen zu sehen, am Ufer eines Plauderstromes geputzt stillstehender Equipagen, und vom Florentiner ,, Viale dei Colli", der schönsten Hügelstraße der Welt, die braungoldene Schönheit der einzigen Stadt mit einem einzigen Blick zu umfassen. Daß ich im Pariser Luxembourg- Garten spazierenging, wo französische Kinder, kleine Herren und Damen, zu frühzeitiger Erwachsenheit erzogen, um den„ Denker" von Rodin Fangen spielen. Daß ich an einem Sommernachmittag im Londoner Regentpark eine nach Gras und Bäumen duftende Freiluftaufführung des Shakespeareschen ,, Tempest" genoß und im griechischen Theater in Syrakus eine um zweitausend Jahre verspätete Vorstellung der Euripidëischen ,, Iphigenie", bei der einem die vom Ionischen Meer herüberwehende Brise jeden einzelnen Vers persönlich überbrachte. Daß ich den schwarzen Basaltfelsen von Edinburg mit der Zackenkrone seines normannischen Schlosses und den ältesten Hundefriedhof der Welt in Gedanken halten kann gegen die Caramanli- Burg über Tripolis und das Grüne Gewölbe in Dresden gegen die Grüne Moschee in Brussa, Kleinasien, wo der dort bestattete Sultan seit tausend Jahren das Rasenstück über seinem Grab durch eine Lücke in der Kuppel genuẞsüchtig anfeuchten ließ. Daß ich im Tal der Könige bei 24 Verlorene Zeit 37° MIT MIR IN AMERIKA Luxor an Tut- anch- Amons himmelblau und silbern, fast im Rokokogeschmack ausgezierter Grabstätte stand und in dem nach Sandelholz und Hammelfett duftenden Araberviertel in Tripolis lustwandelte, an das das älteste Judenviertel der Welt verträglich angrenzt. Da sieht man schöne biblische Frauengestalten mit hohen Krügen aus den tiefen Brunnen die Wasser des Lebens schöpfen, und hört sie, Hand auf der Hüfte ihres violetten Schleiergewandes, einander mit Ruth und Rahel anreden wie vor dreitausend Jahren. Daß ich den mittelalterlichen ,, Jedermann" von Hofmannsthal auf dem im Abendschatten verbleichenden Salzburger Domplatz ein dutzendmal unter dem Glockengeläut einer ganzen Stadt habe ins Grab steigen gesehen. Daß ich im Museo Nazionale in Neapel, in den Anblick der Capuanischen Venus versunken, plötzlich den Verlust meiner Brieftasche samt vorausbezahltem Rundreisebillett feststellen mußte. Daß ich vom Feldberg im Schwarzwald zum schneeigen Schweizer Hochgebirge hinüber und vom Empire in New York auf Manhattan hinunterblickte... Das und soviel anderes auf Reisen Erlebtes von den Menschen, denen ich unterwegs begegnete, nicht zu reden immer gewonnene und zuweilen sogar verlorene Zeit. Aber mitunter war sie dann doch gewonnen. war nicht Einmal, auf einer meiner überflüssigen Reisen nach Griechenland, wurde ich, ein noch ungeübter Seefahrer damals, während der Umschiffung des sturmgepeitschten Cap Matapan in peinlicher Weise seekrank. Es war ein hoffnungslos verlorener Tag, den ich, auf dem Rücken liegend, in der Hauptsache damit verbrachte, den an der Kabinenwand aufgehängten Regenschirm rhythmisch hin und her pendeln zu sehen, während gleichzeitig der Vorhang des Wandschranks sich in einer aufreizenden Weise Bewegung machte, indem er seinen unteren Saum dazu benutzte, bis in die Mitte der Kajüte vorzukriechen und dann wieder lustlos in seine Ausgangsstellung zurück zu fallen. DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT 371 Am zweiten Morgen, als diese ekelerregende Doppelschwin- gung sich etwas einzuschränken begann— weil, wie mir der Secondo später anvertraute, der alte Rumpelkasten von einem Schiff sich hinter schützenden Inseln weiterbewegte— fühlte ich mich von einem, wenngleich immer noch hoffnungslosen Verlangen angewandelt, ein paar Schritte auf dem Promenade- deck zu versuchen. Ich tat es und schaute, über die Balustrade gebeugt, zu dem von Auswanderern und ihren Familien be- völkerten Zwischendeck hinunter, wie wir Erste-Klasse-Passa- giere dies auch sonst manchmal in müßiggängerischer Lange- weile, um Beobachtungen zu machen, zu tun pflegten. Dabei fiel mir von ungefähr ein, daß eine unserer Damen eine Kol- lekte für eine tatarische Auswandererfamilie mit drei unmün- digen Kindern bei Tisch angeregt hatte. Drunten wurde eben getafelt, und während die auf dem Bretterboden Sitzenden ihre dampfenden Blechgeschirre mit den in der Brühe schwim- menden Fleischbrocken gierig zum Munde führten, stieg ein fauliger Suppengeruch zu mir herauf, der mir neuerlich übel machte. Ich wankte und wäre wahrscheinlich ohnmächtig hin- gesunken, hätte nicht ein riesenhafter Tatar, den eine zylin- drische Lammfellmütze noch riesenhafter erscheinen ließ, die ihm verbotene Verbindungstreppe zum Promenadendeck im Sturm genommen, um mich aufzufangen und mich bis zu meiner Kabinentür in einer Weise zurückzustützen, daß ich eigentlich mehr den Eindruck hatte, getragen als geführt zu werden. An der Schwelle trat er mit würdiger Bescheidenheit zurück, und ich griff in die Tasche, um ihm als Entlohnung eine Krone in die Hand zu drücken. Den Blick, mit dem er sie zurückwies, werde ich nie vergessen. Er hat mich, auf einer sonst zwecklosen Reise nach Griechenland, ein für allemal davon überzeugt, daß der Mensch von Haus aus gut, das heißt, einer vollkommen selbstlosen Handlung fähig ist. Zumindest die Ärmsten der Armen sind es zuweilen, was die in der ersten M* 372 MIT MIR IN AMERIKA Klasse Reisenden, zu denen ich damals noch gehörte, nie ganz vergessen sollten. Auch aus meinem neapolitanischen Brieftaschenabenteuer habe ich einiges gelernt und nicht nur, daß es auch im faschistischen Italien Taschendiebe gab, und daß die Eisenbahnzüge noch immer mit fahrplanwidriger Verspätung ihr Ziel erreichten, wodurch sich meine nun fluchtartige Heimreise höchst verdrießlich komplizierte. Allerdings hatte ich im Gegensatz zu neun Zehntel meiner gutangezogenen Landsleute niemals an die Heilsbotschaft Mussolinis geglaubt, so daß es mich eher mit einer Art grimmer Befriedigung erfüllte, meine unabänderliche Meinung durch die gemachte Erfahrung bestätigt zu finden. Aber da war noch etwas anderes, was mir sehr zu denken gab, weil es den einfachen Tatbestand, daß einem armen Schriftsteller auf Reisen seine Brieftasche gestohlen worden war, in witziger Weise dialektisch verwirrte. Ich hatte nämlich, wie es geht, aus meinem kleinen Erlebnis eine kleine Geschichte gemacht, die, als sie erschien, einen unverhältnismäßigen Erfolg hatte; sie wurde vielfach nachgedruckt und von allen Seiten honoriert, so daß mir schließlich„ ,, Die Brieftasche" weit mehr eintrug, als in der Brieftasche enthalten gewesen war. Aber, fragte ich mich selbst, ist nicht eigentlich der Dieb der Urheber meiner Geschichte, die ich ohne sein Hinzutun doch nicht geschrieben hätte? Selbst meine immerhin ergänzende Arbeit abgerechnet, schuldete ich ihm nicht zumindest eine angemessene Beteiligung an dem von mir hinter seinem Rücken erzielten Mehrerlös? Conscience money nennt es der Engländer. Aber wie es ihm zukommen lassen, da er, leichtsinnig wie Diebe sind, seine Adresse nicht zurückgelassen hatte? Mir bleibt nichts übrig, als dem fingerfertigen Mann, dessen unschuldiges Gemüt nichts von literarischen Praktiken wußte, öffentlich mein Bedauern auszusprechen und meine Schuld zu bekennen. Ehrlicher DAS WIRTSHAUS ZUR VERLORENEN ZEIT 373 Gauner, ein Schriftsteller hat dich übervorteilt. Aber seien wir aufrichtig, ein ganz klein bißchen war es auch deine Schuld. Du hättest dir gleich beim ersten Griff Prozente sichern sollen. Ein ewiger Lehrling des Lebens, der es manchmal zum Meister, aber nie zum Gesellen brachte, war ich, ein verhinderter Landstreicher, auf Reisen recht eigentlich zu Hause. Aber wo war ich sonst zu Hause? Vielleicht in meinem geliebten AltAussee, wo ich Sommer für Sommer von der Wegandacht am hochgeschwungenen Tressen- Weg im Vorübergehen den Vers ablas: Wir leben und wissen nicht wie lang, Wir sterben und wissen nicht wann, Wir reisen und wissen nicht wohin Mich wunderts, daß ich so fröhlich bin! Das ist das österreichische Glaubensbekenntnis: der Österreicher ist fröhlich, aber es wundert ihn. Es ist auch das Wesen der Mozartschen Musik, die in dieser Zauberformel, abgründig vergnügt, mit einem unterdrückten Jauchzer ins Himmelslicht tritt. Und Mozart, was ist er anderes als die Rechtfertigung des Österreichers vor Gott? --Ja, reisen ist, fast wie leben, eine wunderschöne Sache, solang man jung ist. Aber in unserem Zeitalter hat das Reisen die Jugend überlebt nicht das Reisendürfen, aber das Reisenmüssen. Und so wird noch einmal wahr, was die liebe österreichische Erzählerin Marie Ebner- Eschenbach in ihrem zeitlosen Tagebuch notiert:„ Die schmerzlichste Erfahrung des Alters ist nicht, daß man alt wird, sondern daß man jung bleibt." Aus welchem Gesichtswinkel angesehen, alles zum Ursprung zurückkehrt, einschließlich der im Wirtshaus zur ver 374 MIT MIR IN AMERIKA lorenen Zeit verträumten und verspielten Lebensstunden. ,, Noch einmal jung sein?" fragte ich mich ahnungslos an meinem sechzigsten Geburtstag in Wien. Und antwortete mir selbst, nicht minder ahnungslos: Noch einmal jung sein? Nein! Doch der Jugend Weg zu sehen Zu beglänztern Lebenshöhn Und ein Stück noch mitzugehen Wäre schön! Wobei ich bis auf weiteres bleibe. Im gleichen Verlag erschien: RAOUL AUERNHEIMER METTERNICH Staatsmann und Kavalier * 15. Tausend, 336 Seiten, 1Bild Halbleinen, 5 32°—