DES BEUTSCHEN VERLAGES Soll man dem deutschen Volk in seiner heutigen Not diese Bilder des Grauens bieten? Soll man erinnern an das, was wir nur zu gerne vergessen möchten? Soll man Wunden aufreissen? Es ist ein schwerer Entschluss. Und doch: Wir dürfen die Augen nicht verschliessen vor dem, was in unserem Namen geschehen ist. Nur dann werden wir unser eigenes Schicksal, so hart es ist, in den richtigen Proportionen sehen. Und ferner: Wir dürfen uns nicht dem immer wiederkehrenden Vorwurf des Auslandes aussetzen, dass wir die Wahrheit nicht sehen wollten. Und schliesslich: Wir müssen wissen, wie die Welt uns sieht. Deshalb haben wir uns entschlossen, die vorliegende Schrift genau so zu veröffentlichen, wie sie in Frankreich in grosser Auflage verbreitet worden ist. Man weiche ihr nicht aus! Wir veröffentlichen diese Schrift nicht des Grauens der Sensation und schon gar nicht des Verdienstes wegen. Der Verlag sucht mit anderen Veröffentlichungen einem deutsch- französischen Verstehen auf geistiger Grundlage zu dienen. Und dem Verstehen soll auch diese Veröffentlichung letzten Endes dienen— indem sie zeigt, wie man uns sieht und warum man uns so sieht, indem sie zeigt, daß wir dem grausamen Spiegelbild nicht ausweichen, indem sie vielleicht dadurch beiträgt, ein besseres Bild von uns entstehen zu lassen. Der Verlag wird aus dieser Veröffentlichung keinen Gewinn ziehen, sondern den Reinertrag Stellen überweisen, die an einer deutsch-französischen Verständigung arbeiten: oder den Opfern des Nationalsozialismus Hilfe leisten. 10 Todeslager ( Einleitung) Dies Blut wird niemals versiegen auf Erden Und diese Erschlagenen bleiben. Wir schweigen zähneknirschend Und weinen nicht vor umgestürzten Kreuzen. Doch wir vergessen sie nicht, unsere Toten Wir werden sie zählen, wie man sie einst gezählt. Diese armen Toten sind alles, was uns blieb, Die armen blutigen Körper, sie bleiben unberührt! Ihr Bild sei uns Erneuerung Wenn die Bäume blühen auf grünendem Grund. Jean AMY ( Pseudonym von Pierre EMMANUEL) ,, MARTYRS" 27007 171 Als ich mich im Laufe des Sommers 1943 - im Geheimen mit einem Geretteten des ,, Musterlagers" Oranienburg traf, von dem wir ja wissen, daß es noch eines der menschlichsten und erträglichsten war, erzählte er mir, was er während seiner dreimonatlichen Haft erlebt und gesehen hatte. Seine Enthüllungen übertrafen meine gewagtesten Vorstellungen! Trotz der tiefsten Abscheu vor den Nazipeinigern hätte ich derartiges weder vermutet noch gefürchtet! Plötzlich war ich einer so grausamen und teuflischen Wahrheit gegenüber gestellt, daß die Bedeutung und das Schicksal des Menschen an sich in Frage gestellt wurde. Nunmehr begriff ich, daß es für mich nur noch eine Pflicht gab, die alles andere hinfällig machte: Ich mußte die Öffentlichkeit zumindest diejenige, der das geheime Schrifttum zugänglich war von diesen grausamen Zuständen in Kenntnis setzen, denn für einen Menschen von Geist und Gefühl war es untragbar, daß bestimmte Menschengruppen in dieser Hölle versanken, während andere ruhigen Gemütes ihren Geschäften nachgingen, aßen und schliefen. Als ich dann, im Tiefsten erschüttert, die Feder ergriff, um allen Menschen, die guten Willens sind, diese ,, schlechte Nachricht" zu verkünden, wagte ich trotzdem nicht, eine objektive Schilderung zu geben. Noch immer fürchtete ich, meine Darstellungen könnten die Wirklichkeit übertreffen. So schrieb ich ,, DEN TRAUM"( ,, LE SONGE") und stellte vorsichtshalber viele grausame und wilde Szenen als Traumbilder dar, weil ich fürchtete, man könnte mir später vorwerfen, ich hätte mich aus Empörung zu Übertreibungen hinreißen lassen. Als ich dann ein Jahr päter, nach der Säuberung des Geländes, in den Zeitungen von den erstaunlichen Entdeckungen im Lager STRUTHOF las: die Beschreibung menschlicher Vivisektion, die Erklärung des deutschen Wärters und seine unwahrscheinlichen Märchen von mumifizierten Köpfen, die, so präpariert, seinem Chef als Briefbeschwerer dienten, konnte ich, trotz des bereits Gehörten, noch immer nicht alles glauben. Ich schrieb einem meiner Freunde, Leiter einer dieser Zeitungen, um zu protestieren und ihn zu warnen: ,, Wie 1918," schrieb ich ihm ,,, werden Sie dem Spiel der Deutschen entgegenkommen, wenn Sie die Spalten Ihrer Zeitung solchen Erfindungen zur Verfügung stellen. Erinnern Sie sich: Unwahrscheinliche Geschichten über Leichenfabriken, wo die Deutschen angeblich ihre Seife produzierten, waren erzählt worden. Später konnten die Deutschen die Untragbarkeit dieser idiotischen Anschuldigungen beweisen und in den Augen der Öffentlichkeit dadurch alles in Frage stellen. Nicht einer ihrer Ungeheuerlichkeiten wurde noch Glauben geschenkt, da man uns dumme Schauermärchen erzählt hatte. Glauben Sie mir, mit diesen Erzählungen von mumifizierten Köpfen wird man bald alle Lager und ihre Qualen als Propagandafabeln abtun." Als man mich dann später, im Herbst 1944, bat, ein Vorwort zu einem Band von Zeugenaussagen über die Judenausrottung in Polen zu schreiben, lehnte ich ab. Ich lehnte ab aus demselben Grunde: Ich glaubte nicht an so viele Verbrechen, an so viele Grausamkeiten, an so viel Schreckenerregendes... diese Männer und Frauen, die abgekocht wurden, um Fett aus ihnen zu gewinnen, die Tonnen von Haaren, die zu Filz verarbeitet wurden, diese Kinder, denen man das Blut abzapfte, um es in Spezialampullen den Hospitälern der Wehrmacht zuzuführen.... Wie war es möglich, daran zu glauben? Wie konnte man daran glauben? Ich konnte es nicht! - Heute müssen wir es glauben! Gleichzeitig aber versinken wir in einem Universum der Tragik, dessen ganzer Sinn plötzlich unheilvoll verändert ist. Ich weiß nicht, ob sich die Menschen auch nur die geringste Vorstellung von diesem Wandel und seines düsteren, tödlichen Ernstes machen. Ich weiß nicht, ob sie verstehen können, ob sie verstehen wollen, wie wenig ihr Leben, ihr eigenes Leben noch Gewicht hat, da dies alles wahr ist, da dies alles geschehen konnte! Wir haben keinerlei Gewicht mehr! Das Leben aller Menschen, das ihrer Kinder, das Leben jedes einzelnen von uns auf dieser Erde ist nicht mehr als ein schwaches Licht, das man gleichgültig auslöschen kann. Auslöschen wie man Hiroshima ausgelöscht hat! Ich spreche ganz ruhig mit der Ruhe, die manchmal dem Tode vorausgeht. Hiroshima wäre im Jahre 1925 unmöglich, unvorstellbar gewesen, weil die Vernichtung einer ganzen Stadt, ganz gleich, ob feindlich und japanisch, die ganze Welt und zu allererst Amerika, empört hätte. Die Entrüstung wäre so groß gewesen, daß keine Regierung, auch nicht zu ihrer eigenen Rettung, einen solchen Akt gewagt hätte. Im Jahre 1945 ist eine solche Tat natürlich und annehmbar geworden. Wenn man nach dem Warum und dem Woher dieser ungeheuren Erniedrigung des menschlichen Gewissens fragt, so findet man die blutige Quelle in den Bildern dieses Buches. Diese namenlosen Bilder.... sind wir denn so gefallen, daß wir euch ohne Zähneknirschen und Verzweiflungsschrei, ohne Hunger und Schlaf zu verlieren, ohne Schluchzen, ohne Verwirrung, ohne Gewissensbisse anschauen können? VERCORS iemals war die Zeit so tragisch, Niemals war so verwirrt der Geist, Nie befleckten sich mit so viel Blut die Hände, Nie wurde das Böse so verherrlicht: Doch niemals vergingen auch Blut Und das Böse so schnell.... Patrice de la TOUR du PIN ( Fragment aus: ,, Un Concert sur la Terre".) Seit der Machtergreifung Hitlers hat die ganze Welt von den Konzentrationslagern der Nazis gehört. Aber gerade das Entsetzliche dieser Gerüchte veranlaßte die öffentliche Meinung zu einer recht skeptischen Haltung. Heute ist kein Zweifel mehr daran möglich, daß die Wirklichkeit die schlimmsten Behauptungen an Umfang und an Grausamkeit übertrifft. - Man kannte die Namen einzelner Lager: AUSCHWITZ BUCHENWALD - VENSBRUCK etc. - RAAber es sind Hunderte an der Zahl... wie die beigefügte Karte beweist. - Man wußte wohl, daß viele der Helden der Widerstandsbewegung dort den Tod gefunden hatten. - Man weiß jetzt, daß in fast jedem einzelnen dieser Lager die Todesfälle nach Hunderten zählten und das hat im Jahre 1933 begonnen! Sie sind Millionen, die Opfer aus allen Ländern, aus allen Kreisen, aus allen Gesellschaftsschichten: Priester und kommunistische Kämpfer, Parlamentarier und Bauern, Wissenschaftler und Universitätler, Sportchampione, Arbeiter und Angestellte.... Diese Menschen, deren einziges Verbrechen der Patriotismus war, und die durch Zufall bei einer Razzia oder auf Grund einer Denunziation verhaftet wurden, siechten langsam und qualvoll nach einem systematischen Plan der Vernichtung dahin. Wir sagten: Millionen von Opfern: 26 MILLIONEN nach amtlicher Schätzung. Wir sagten: ein systematischer Plan der Ausrottung, kaltblütig zehn Jahre lang verwirklicht durch Hunger und Kälte, Epidemien, Erschöpfungsmethoden durch Zwangsarbeit, Sterilisation und die Schrecken körperlicher Strafen. Ein von den Führern organisierter und gewollter Plan, durchgeführt von Untergebenen aller Stufen, in denen nicht nur Generäle und Polizisten rangieren, sondern auch Frauen und Zivilisten, Ärzte und Männer, die sich Wissenschaftler nannten. Wenn wir sagen, daß das in Wirklichkeit die zielbewußte und zweckbedingte Politik der ,, Herrenrasse" war, die sich unter der Maske einer sogenannten„, höheren Zivilisation" verbarg, so behaupten wir nichts, wofür die nachfolgenden Seiten nicht einen schlagenden Beweis erbringen. Theoretisch bestand eine Art Gliederung in der Aufteilung der Lager: - die sogenannten„, Ruhelager", treffender bezeichnet unter„, Lager des langsamen Todes"; - - - Frauen- und Kinderlager; - Arbeitslager; Rassenlager, den Israeliten vorbehalten; offizielle ,, Ausrottungslager", wo die Deutschen selbst durchschnittlich mit drei Monaten Lebensdauer für die dorthin Deportierten rechneten. 4 In der Praxis jedoch waren diese Unterschiede lächerlich schwach! In diesen sogenannten Konzentrationslagern war alles bunt durcheinander gewürfelt, sodaẞ sogar strafrechtlich Verurteilte mit Kriegsgefangenen, vereinzelt oder in größeren Gruppen, gemischt waren. In den Festungen herrschte ungefähr das gleiche Regime. Hunger, Demütigungen und körperliche Strafen waren an der Tagesordnung. Der einzige, allerdings theoretische Unterschied bestand darin, daß sich dort Gefangene befanden, denen eine Art Scheinprozeß gemacht wurde oder solche, die durch diese widerlichen Parodien zu Kerkerstrafen oder zum Tode verurteilt waren. Im letzteren Fall wurde das Urteil meist durch Enthauptung mit dem Beil vollstreckt. Auch Frauen haben diesen Tod erleiden müssen. Es ist unmöglich, hier eine vollständige Anklageschrift aufzusetzen: Die peinlich genaueste wäre zweifellos noch lückenhaft, da die Spuren der Verbrechen, deren einziger Zeuge die Opfer selbst waren, sich unter zu zahlreichen Spuren gleicher Art verlieren. Im übrigen kann eine einwandfreie Statistik nur durch amtliche Stellen aufgestellt werden. Wir sind bescheidener und wollen nur den Überlebenden und den Familien der Opfer sowie dem Andenken der Toten die einzige Ehre erweisen, die ihrer Leiden würdig ist: Die Ehre der Wahrheit. Deshalb sind hier eine Anzahl authentischer Berichte gesammelt worden und sollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Photgraphien, die zum Teil den Dienststellen der Alliierten entnommen, zum Teil deutschen Ursprungs sind( von Gefangenen entwendet), bilden ein geschlossenes Ganzes unwiderlegbarer Dokumente. Was den Text betrifft, so schildert er nur Tatsachen, die teils durch amtliche Dokumente bewiesen, teils durch Berichte internationaler Kommissionen oder beamteter Personen gesichtet und als Zeugenaussagen von den Behörden gesammelt wurden. Laẞt alle Hoffnung fahren! Ihr, die Ihr hier eintretet! Während der Zusammenstellung dieses Beweismaterials machte ein Bürokrat die Bemerkung: ,, Aber warum immer von den Deportierten reden? Das ist doch alles vorüber! Das sind alte Geschichten!" Die Deportierten selbst lehnen es ab, wenn man sie verhört: ,, Es ist nicht der Mühe wert. Sie glauben es ja doch nicht!" Da aber gerade diese Tatsache zivilisierten Menschen unglaubhaft erscheinen und viele noch nicht wissen, was sie glauben oder bezweifeln sollen, ist es Pflicht all derer, welche das Beweismaterial in Händen haben, dieses so weit wie möglich zu verbreiten. Das achtlos ,, Zur Tagesordnung übergehen" muß verhütet werden, damit das ,, NIEMALS WIEDER" nicht ein leerer Schall von Worten bleibt. Grausamkeiten hat es immer gegeben, aber vereinzelt. Niemals im Laufe der Geschichte gab es ein derartig organisiertes und methodisches Vorgehen auf so breiter Grundlage! Jeder Einzelne muß dieses Beweismaterial in sich aufnehmen und sich klar machen, daß in Deutschland, im 20. Jahrhundert, die Foltern der christlichen Märtyrer in ihren Ausmaßen an sadistischer Fantasie weit übertroffen wurden und die schlimmsten Greuel der Inquisition und die Hölle der Galeeren aller Zeiten und aller Länder dagegen verblassen. - 5 Im Faust, zweiter Teil, fünfter Aufzug, Tiefe Nacht, heisst es am Schluss: Chorus: Das alte Wort, das Wort erschallt, Gehorche willig der Gewalt! BUCH UCHENWALD Buchenwald besteht seit 1937. Ursprünglich für die deutschen Parteigegner bestimmt, füllte sich das Lager, je nach den Ereignissen, mit politischen Gefangenen oder österreichischen, tschechischen und polnischen Juden. Seit 1940 wurden Männer und junge Burschen aus allen besetzten Gebieten dorthin geführt sowie auch einige Frauen. Die Einrichtung war typisch. Abweichungen in dieser Hinsicht sind in den verschiedenen Lagern kaum zu verzeichnen. Sie alle verfolgen in großen Zügen die gleiche Linie. DER SPERRGÜRTEL: Rings um das Lager zieht sich ein undurchdringlicher, elektrisch geladener Stacheldraht von einem Abschnitt zum andern, von einem Posten mit Maschinengewehr überwacht. Der Eingang zum Lager ist, wie überall, von dem Reichsadler gekrönt mit verschiedenen, sich oft widersprechenden Inschriften. Über der Tür selbst liest man: ,, Recht oder Unrecht, mein Vaterland!", während am Gitter die Worte stehen: ,, Jedem das Seine!" Auf den folgenden Seiten wird sich zeigen, was die Nazis unter den ,, Rechten" der Gefangenen verstanden. Hinter diesem Gitter ein riesiger, von Verwaltungsgebäuden umgebener Platz; das eigentliche Lager ist weiter abgelegen. DIE GEBÄUDE: - - Das Lager besteht aus einer Reihe von Holzbaracken sogenannte Blocks auf einem Gelände gebaut, welches bei gutem Wetter staubig ist, sich aber in einen Sumpf verwandelt, wenn es regnet. Ungefähr sechzig dieser Häuser sind aus Zement. In den Waschräumen als Blickfang 6 sogar Waschbecken( unbekannter Luxus in den meisten Lagern). Oft herrscht Wassermangel, besonders im Sommer. Dort, sowie in den Schlafräumen herrscht ein so durchdringender Gestank, daß selbst eine Woche nach der Befreiung, nach wiederholtem gründlichen Reinigen, der unerträgliche Fäulnisgeruch" bei der Besichtigung der amtlichen englischen Kommission noch spürbar ist. Diese Baracken, die knapp für dreihundert Personen ausreichen, beherbergen bis zu achtzehnhundert Gefangene. Ohne Strohsäcke, dicht aneinander gedrängt, lagern sie auf den schmalen Pritschen, die übereinander geschichtet bis zur Decke reichen. Als Decken dienen unbeschreibliche, von Würmern zerfressene Lumpen. Ein wenig abgelegen befindet sich das sogenannte„, Revier". Dort liegen Tuberkulose, Ruhrkranke und Verwundete, den Körper mit Beulen und infizierten Wunden bedeckt und siechen zwischen Toten dahin in einer breiigen Flüssigkeit von Exkrementen, die von Bett zu Bett weitersickert. Am äußersten Ende des Saales operiert ein Gefangenen- Arzt auf einem primitiven Tisch, ohne Narkose, vor den Augen der anderen. WISSENSCHAFTLICHE EXPERIMENTE: In einem Nebengebäude haben die Nazi- Ärzte ein wissenschaftliches Institut organisiert, wo sie die systematische Ansteckung ganzer Gruppen von Gefangenen wissenschaftlich vornehmen, um neue Sera gegen Typhus und andere Infektionskrankheiten auszuprobieren. Sie rufen auch künstliche Verbrennungen durch Flammenwerfer hervor, um daran die Behandlung zu studieren. .. und dieses Land, wo man die Menschen zusammenpfercht, Im Schmutz und Durst, im Schweigen und Hunger,....., Frangois LA COLERE (Pseudonym d ARAGON) „Le Musee Grevin.“ 7, N TH | Außer Sterilisationen und Kastrierungen nehmen sie auch gerichtsmedizinische Versuche vor, z. B.:,,Kann der Mensch mit einer gewissen Dosis von diesem oder jenem Produkt vergiftet werden?" Und dann geht man so weit, aus purer Phantasie Spritzen zu verabreichen, die eine Hypertophie oder eine Sklerose der Organe zur Folge haben. Als Abschluß all dieser Studien gibt man eine Phenol- Spritze ins Herz, falls der Tod des Opfers nicht schon vorher eingetreten ist. Sodann entfernt man das betreffende Organ und legt es in ein Glas. Eine ganze Anzahl dieser anatomischen Stücke wurden erfaßt und unter anderem zwei ,, Schrumpfköpfe" nach den Methoden der primitiven Indianer präpariert( wie oben). Zu diesen wissenschaftlichen Morden kommen noch weitere an solchen Unglücklichen hinzu, welche interessante Tätowierungen aufwiesen. Sie wurden direkt zu Frau KOCH, der Frau des Lagerkommandanten, geführt, und wenn die Zeichnung gefiel, wurde der Mann ohne weiteres getötet, gehäutet und seine Haut gegerbt. Mehrere Gegenstände dieser neuartigen Kollektion sind aufgefunden worden, u. a. eine Lampe, deren Fuß aus einem menschlichen Schienbein angefertigt worden war sowie ein Lampenschirm aus Menschenhaut. DIE HÖHLE ALI- BABAS: Außer diesen sterblichen Resten findet man zahlreiche Kisten mit künstlichen Gebissen. Spart, wo Ihr könnt! Darum werden die Toten vor ihrer Verbrennung systematisch untersucht, ja besser, der Besitz des lebenden Gefangenen wird bei seiner Ankunft inventarisiert und die vorhandenen Goldkronen und künstlichen Zähne auf seiner Karteikarte vermerkt. 8 Natürlich werden auch alle anderen Wertgegenstände wie Uhren, Geld und persönliche Andenken ebenfalls bei der ersten Untersuchung eingetragen und beschlagnahmt. Ein Teil dieser Diebesbeute ist an Ort und Stelle aufgefunden worden, eine wohlgeordnete Kollektion! - DIE FABRIK DES TODES: Ein Backsteinbau, äußerlich wie eine Fabrik anzusehen, mit einem Schornstein, Keller und Erdgeschoß, ist für die Hinrichtungen ausersehen.( S. 12). Über eine Steintreppe oder eine einfache Falltür gelangt man zum Erdgeschoß und zu den teuflischen Mordmaschinen aller Art. An der Wand des Kellers sind noch einige starke Haken angebracht, doch die meisten, etwa vierzig an der Zahl, wurden von den Deutschen beim Aufbruch entfernt. Jedes Lager hat seine ,, Spezialität". Während in den meisten Lagern die Gaskammern die gebräuchlichste Hinrichtungsmethode ist, bevorzugt man hier den langsamen Tod durch den Strang. Ein Seil und eine starke, mit Blut bespritzte Keule, mit der den Opfern der letzte Schlag versetzt wurde, sind am Ort selbst belassen worden( Photo S. 12). Aus dem Erdgeschoß werden die Leichen auf einem breiten, elektrischen Last- Aufzug ins Parterre transportiert, wo sich die Öfen des Krematoriums befinden. Sie enthalten noch Überreste menschlicher Knochen: Schädel, Rippen und Rückgrate. Eine gepflegte, verzierte Inschrift, den biblischen Texten ähnlich, die in manchen deutschen Wohnungen die Wände schmücken, besagt: Nicht ekle Würmer soll mein Leib ernähren. Die reine Flamme,- die soll ihn verzehren. Ich liebte stets die Wärme und das Licht, Darum verbrennet und begrabt mich nicht. Im Hof des Gebäudes: ein Galgen, neben einem riesigen Haufen weißer Asche, auf dem man hie und da ein Schlüsselbein oder einen Kiefer unterscheidet. Lastwagen mit zum Skelett abgemagerten Leichen beladen, wurden stehen gelassen; es mangelte an genügendem Heizmaterial, um die Toten eines jeden Tages laufend zu verbrennen. DAS GROSSE UND DAS KLEINE LAGER: Der Stacheldraht trennt das große Lager" von dem schmutzigen kleinen", wo die Gefangenen bei ihrer Ankunft in Quarantäne liegen. Ständige Bewohner sind nur Juden, Greise und Arbeitsunfähige, die infolgedessen nur halbe Rationen bekommen. Im übrigen bestehen die tägliche Lebensmittelration aus einem Liter wäßriger Suppe und einem winzigen Stück Brot. Manchmal zwanzig Gramm Margarine. Das Resultat ist eine totale Unterernährung, die zur völligen Apathie führt und sich manchmal bis zum Dämmerschlaf steigert. Die relativ Kräftigsten sind im großen Lager und arbeiten elf bis zwölf Stunden pro Tag, unter den fürchterlichsten Bedingugnen, im Steinbruch oder führen Erdarbeiten aus, wenn sie nicht in den riesigen Fabriken außerhalb des Lagers beschäftigt werden. Nach namentlich aufgestellten Listen befanden sich nach dem Abmarsch der Deutschen am 1. April 1945 80 813 Gefangene im Lager, unter ihnen über achthundert Kinder, von denen das jüngste kaum vier Jahre alt war. Nach einer Evakuierung von zwei Transporten nach Lagern des Innern fand man bei der Befreiung dort nur noch 25 000 Gefangene vor, fähr 3500 Franzosen. - - darunter ungeEs tragen bei weitem nicht alle ,, rote Dreiecke" d. h.: politische Gefangene, oder gelbe", d. h.: Juden. Die Nazis haben absichtlich unter die Gefangenen aller Nationen strafrechtlich Verurteilte gemischt, die sogenannten ,, Grünen", die durch das grüne Dreieck erkenntlich gemacht werden. Das sind in der Überzahl Deutsche, die lange Zeit die besten Posten bekleideten. Die ,,, Kapos" sind in der Küche beschäftigt, bei der Suppenverteilung oder bei der Austeilung der Roten- Kreuz- Pakete, als Werkmeister und Zimmeraufseher. Sie nutzen ihre bevorzugten Posten aus, um gut zu essen, Schwarzhandel zu treiben, die politischen Gefangenen zu schikanieren, zu demütigen und nach dem Muster der SS mit einem Ochsenziemer oder einem Schaufelstiel zu verprügeln. DIE WIDERSTANDSBEWEGUNG IM LAGER: Trotz dieser grauenhaften Lebensbedingungen, trotz fortwährender Überwachung, trotz Mißhandlungen und Denunziationen, trotz ständiger Todesgefahr, die überall lauert, wird der Widerstand organisiert und umfaßt ungefähr fünfzehn bis zwanzig Prozent der Belegschaft. Man hört die englischen Radiosendungen ab, die Nachrichten gehen von Mund zu Mund. Jede Nation verteidigt ihre Gruppe und beschützt sie vor Erpressungen und anderen Schikanen. Der französische Vertrauensmann übt in seiner Gruppe eine gerechtere Verteilung der Sendungen des Roten Kreuzes aus. Trotz strengen Verbotes, die Namen der Toten bei sich zu führen, werden hartnäckig die Listen der Opfer aufgestellt. Es gelingt‘ sogar, Waffen zu stehlen, Stück für Stück, welche während des Vormarsches der Alliierten die Befreiung des Lagers beschleuni- gen. Ebenso wie in Paris und überall, wo die ger- manische Bedrückung den- Aufstand geweckt hat, triumphiert die Widerstandsbewegung und be-: grüßt ihre Befreier. Bei der Ankunft der ameri- kanischen Truppen bewachen die Gefangenen von Buchenwald ihre Feinde mit den eroberten Maschinengewehren. er Leitung einer SS-Gruppe von Auschwitz in RN Das„Ruhelager“ wird im Februar 1945 unter d ausrangierten Garagen eingerichtet. Die Kranken lagern auf nacktem Zement- boden, die Schwindsüchtigen liegen auf Brettern ohne Decken, ohne Strohsäcke, ohne die ge- ringste Pflege. Wie in allen„Ruhelagern‘“ wer- den die Gefangenen, welche nicht arbeiten, ent- sprechend ernährt und behandelt, d. h. also, man läßt sie sterben, wenn man nicht der Natur noch mit Prügeln nachhilft. Fälle von Geistesgestört- heit sind zu verzeichnen. Das Endergebnis schwankt zwischen elfhundert und dreitausend Kranken, darunter sieben- bis achttausend Lun- genkranke. Man holt täglich achtzig bis hundert Tote ab, wenn man sie abholt. Nicht weit davon, in ELLRICH, befindet sich eine Zweigstelle von Buchenwald. In einer alten Kaserne liegen 20 000 Menschen bei dem rauhen Klima auf bloßem Zementboden unter dünnen Decken. Und dicht dabei: DORA, der „Tunnel“ oder„Kirchhof der Franzosen“ nach den eigenen Worten der SS. Auf gebirgigem Ge- lände, vor Luftangriffen geschützt, werden zwei riesige unterirdische Tunnel von den Gefangenen selbst erbaut und durch zäßilreiche Quergänge miteinander verbunden.= ee ns et x +% der Knüppel, der überall trifft,. ü all, in ‚das Gesicht, "Der Stock, der niedersaus herzen und keine ie Ehre der Erschießungs B Ehre des plötzlichen 14 Hier ist die Fabrik der V 1, V 2 und V 4. Die Franzosen, als gute Techniker bekannt, sind sehr gesucht, um diese Arbeiten auszuführen. Das ist jedoch kein Vorteil, denn eine Belegschaft, die mit Leichtigkeit 100 fliegende Bomben pro Tag liefern könnte, stellt mit vieler Mühe kaum 30 her. Und auf diese Zahl kommen nur 1-2 brauchbare Bomben. Ebenso gründlich wie von ihren Henkern ihre Vernichtung betrieben wird, ist die Sabotage von den Gefangenen organisiert. Doch unter welchen Schwierigkeiten werden die Vorbereitungen getroffen! Außer der 11stündigen zermürbenden Arbeit bei ständiger Hut vor den mißtrauischen Werkmeistern, verzettelt sich der Tag in endlosen Appellen und zermürbendem Warten auf die Verteilung des trüben Wassers, welches sich Suppe nennt, sodaẞ kaum einige Stunden für die Ruhe bleiben. Im übrigen ist dieses Ausruhen praktisch völlig unmöglich, da sich in den winzigen Löchern, die als Schlafräume dienen, niemand ausstrecken kann. -- Der Wassermangel ist das schlimmste Übel. Diejenigen, welche das Glück haben, ins Freie zu kommen, trinken Schnee und waschen sich mit Schnee, je nach der Jahreszeit. Viele Belegschaften aber sehen das Tageslicht während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft nicht mehr, da sie ausschließlich in dem unterirdischen Betrieb leben. -- Hunger, Durst, Mangel an Schlaf, Erschöpfung durch harte Arbeit, selbst für robuste Männer in normalen Verhältnissen lebend untragbar, all diese grausamen Bedingungen werden noch verschärft durch den Wahnsinn einer Schreckensherrschaft. Unzählige sterben täglich unter den Schlägen der SS, am Galgen oder werden von den Hunden zerfleischt. ' | wird erst Mitte November 1944 ein politisches Gefangenenlager. Vorher war es ein militärisches Ausbildungslager der Hitlerjugend. Dieses Lager, ursprünglich von BUCHENWALD abhängig, liegt wie das benachbarte NORDHAUSEN- DORA in einer gebirgigen, vor Bombenangrif- fen geschützten Gegend. Die Gefangenen sind dort mit Bohrungen an unterirdischen, dem „I unnel“ ähnlichen Fabrikanlagen beschäftigt. Die Diensteinteilung und die Verpflegung .sind unmenschlich. Der erste Appell beginnt in der Frühe um 4 Uhr 30 und dauert 1a—2 Stunden, ohne Rücksicht auf die Kälte. Stunden- langes Stillstehen ist Pflicht unter Androhung von schweren Strafen, sodaß die Opfer oft tot am Platz liegen bleiben. Die 10 Arbeitsstunden des Tages spielen sich in derselben Atmosphäre des Schreckens ab. Die Arbeit ist so schwer, daß ein gesunder Mann in einem Monat völlig zusammenbricht. Im„Krankenhaus“, welches nur mit größten Schwierigkeiten die Aufnahme gestattet, fehlen die Medikamente. Zu gewissen Zeiten nahmen ‚die Krankenpfleger, ja sogar die Ärzte, die Ge- fangenien nur gegen Naturalien, z. B. gegen Le- bensmittel auf, war ihr Zustand auch noch so schlecht!: Am 4. 4. 45 eroberte die IV. motorisierte Division der 3.amerikanischen Armee das Lager. Die Befreier fanden nur 8o Überlebende vor, die dem Tode entronnen waren, indem sie sich in die benachbarten Wälder geflüchtet hatten, Für Euch Verwundete und Lahme— für Euch Ihr unbekannten Gräber der Gefangenschaft, Die man im Morgengrauen schaufelt und mit Kalk bestreutf. Für Euch, die man getötet auf dem Feld! Für Euch, die Ihr-noch Monate und Jahre übersteht! Stefan Vincent BENET „Litanie pour les Dictatures“ um der Evakuierung zu entgehen. Aber der Hof war mit Toten übersät, von denen allein 70 kurz vor Eintreffen der allierten Truppen niederge- schossen worden waren. 44 Leichen, welche unzählige Wunden auf- wiesen, lagen, teilweise mit Kalk zugedeckt, in einem Massengrab. Weitere ı0 Leichen fand man im Walde, als Scheiterhaufen auf Schienen auf- gestapelt, ihrer Verbrennung harrend! Und siehe da— ein fahles Roß. Sein Reiter heißt der Tod— und das Totenreich zog mit ihm. Ihm ward Gewalt gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten durch Schwert, Hunger, Pest und die Tiere der Erde. „Die Offenbarung.“(Die vier apokalyptischen Reiter.)| » Ein grausames Lager, wohin größtenteils das Lager„DRANCY“ evakuiert wurde. Zunächst als Judenlager vorgesehen, nahm es zum Schluß Gefangene aller Art und Herkunft auf. Infolge von Epidemien, schlechter Behandlung und mörderischer Arbeit in einem Steinbruch häuften sich die Sterbefälle. Diesem„Totentanz“ in der malerischen Um- gebung einer romantischen Burg machten die Alliierten ein Ende. 16| Das muß geahndet werden! 1. Die Tränen wurden nicht gerächt Doch es naht die Vergeltung! Sie rühren sich nicht, niemals mehr Rühren sich diese Kinder, Ihre Leiber zerschlagen, zerschmettert die Knochen. Verstummt ihr Mund, II. - doch glaubet nicht, Da sie nun tot und stumm und schweigsam sind! Die Rache würde niemals kommen? O glaubt es nicht! Archibald MACLEISH BERGEN BELSEN 38 km von Hannover entfernt, war es von 1914-1918 ein Kriegsgefangenenlager. Dieses Lager, ein riesiges Rechteck von 2 zu 3 km, ist durch eine lange Allee in zwei Hälften geteilt. Nächst dem Eingang die Kantine. Dort dürfen sich einige der Arbeitssklaven abquälen, die riesigen heißen Kessel bis zum Ausgang des Lagers zu transportieren. Die Duschen sind unter freiem Himmel angelegt und der Wasserstrahl mehr als spärlich. Dort muß Winter und Sommer Toilette gemacht werden( S. 51). Rechts am Eingang sind jüdische Frauen untergebracht, von denen eine Gruppe, die 1944 eintraf, in Zelten schlafen. Das Rechteck ist wieder in vier verschiedene ,, Lager" aufgeteilt und mit einem Drahtgitter voneinander getrennt. Die Lebensmittelabgabe erfolgt hier je nach der Einteilung der Arbeit. Nr. 1 ist das ,, Ruhelager" für politische Gefangene. Hier findet man die meisten ,, Muselmänner", aufgrund ihrer skelettartigen Magerkeit so benannt. Die Ernährung ist gleich null. Pflege fehlt vollständig. Die Gefangenen haben das Recht, einmal im Monat an ihre Familien zu schreiben und haben die Verpflichtung, um ein Paket und Geld zu bitten. Das Paket wird bei der Ankunft durch die ,, Kriminellen" geplündert. Was das Geld betrifft, so werden nur 2% an die Gefangenen ausbezahlt, der Rest wird für die Unkosten des Lagers angerechnet. Hier herrscht eine derartige Hungersnot, daß Fälle von Kannibalismus an kürzlich Verstorbenen vorgekommen sind. Wenn der langsame Tod sich zu lange verzögert, hilft man durch Erhängen oder Terpentinspritzen ins Herz nach. Die Sterbenden werden manchmal zu Tode geprügelt. Nr. 2 ist ein Arbeitslager für Juden. Auch hier ist die Sterblichkeit sehr groß. Nr. 3 ist für Amerikaner, Engländer und Angehörige des Staates Palästina eingerichtet. Eine gewisse Anzahl der Gefangenen stammen aus Bratislava und sind mit Arierinnen verheiratet. 18 20 507 Nr. 4 ist der Block der Neutralen: spanische, argentinische und türkische Juden. Bergen- Belsen ist das einzige Lager, wo man Greise und Kinder wiedergefunden hat. Es existiert sogar ein Säuglingsblock, wo Neugeborene im Sterben liegen. Unterernährte Frauen arbeiten bis zur Erschöpfung, wo selbst gesunde Männer kaum durchhalten können. Sie legen Schienen und werden vor die Walze gespannt. Ihre SS- Aufseherinnen überbieten sich gegenseitig an Schikanen. Mitten bei der Arbeit rufen sie plötzlich eine Gefangene heran und zeigen sich untereinander, wie man ihr den Rücken blutig schlägt. Eine dieser Vorgesetzten, eine kleine Frau-, steigt sogar auf den Tisch, um ihre Fußtritte in die Brust der Opfer bequemer austeilen zu können. Diese Maßnahmen werden übrigens in allen Lagern angewandt. - Die Deutschen haben eine eigenartige Auffassung von Hygiene: nachdem die Internierten monatelang schmutzige Wäsche getragen haben, werden sie plötzlich, völlig nackt, gruppenweise zum Duschen kommandiert. Dort müssen sie vor aller Augen stundenlang Schlange stehen, und das mit Vorliebe im Winter! Sogenannte„, ärztliche Untersuchungen" finden unter den gleichen Bedingungen statt und bestehen darin, daß der Patient... seine Hände oder seine Zähne vorzeigen muß. Sodann erfolgt die Einkleidung mit ,, sauberer" Wäsche, die von Läusen wimmelt! Unter dem Vorwand der Desinfektion eines ganzen Blocks müssen die Bewohner, ganz gleich ob krank oder gesund, eine Nacht unter freiem Himmel verbringen. Im übrigen ist keine Rede davon, die ansteckenden Krankheitsfälle zu isolieren. Die Toten bleiben am Platze liegen und verfaulen. Allerdings hat man sie ausgezogen und ihre Kleider werden wieder verteilt. Alle diese Methoden sind nicht etwa nur für Bergen- Belsen charakteristisch, sondern werden allgemein durchgeführt. Zahlreiche Gefangene, welche überall herumgekommen sind, haben ausgesagt: ,, Es hatte den Anschein, als ob die Deutschen die Epidemien auf das Höchstmaß steigern wollten." Es kann aber auch vorkommen, daß, nachdem man sich Wochen, ja Monate lang überhaupt nicht um die Kranken gekümmert hatte, außer um ihre Rationen herabzusetzen, plötzlich alle Personen, die an Typhus, Malaria, ja sogar nur an Krätze erkrankt sind oder verdächtig erscheinen, ausgesucht und besonders gekennzeichnet werden. Das würde anderweitig die Gaskammer bedeuten! Hier werden hauptsächlich intravinöse Spritzen verabreicht: starke Dosen von Evipan, Asepsis oder Herzspritzen mit Phenol, Benzin, Petroleum, Terpentin etc. Anfang April treffen Transporte über Transporte aus DORA, aus ELLRICH und anderen Lagern ein. Die Lage hat sich in einem Ausmaß verschlechtert, daß die Gefangenen während der letzten Wochen nur ein Brot für 12 erhalten und eine Kohlrübe für 20 Personen. Während der letzten 12 Tage herrscht völliger Wassermangel, und die letzten 6 Tage gibt es keine Verpflegung mehr. Die englischen Befreier finden nur noch einen riesigen Tümpel der Fäulnis vor! Berge von menschlichen Leichen unter freiem Himmel, zehntausend Leichen innerhalb und außerhalb der Baracken und dazwischen, lebend, 40 000 Deportierte, völlig verhungert und gebrochen! 22 DACHAU Wischt noch nicht ab das Blut an der Mauer, Wischt noch nicht ab den Stein, Fällt ihn noch nicht, den edlen Baum! Er trägt der Gehenkten Seil. Leon MOUSSINAC ,, Dernier Automne". DAS ERSTE LAGER HITLERS Es diente, nacheinander oder gleichzeitig, verschiedenen Zwecken. Eine Zeitlang war es ausschließlich Ruhelager, und die Gefangenen wurden dort mit gärtnerischen Arbeiten oder anderen Aufgaben beschäftigt. Diese ständigen Arbeiter hatten nur Anrecht auf die halbe Ration. Es war außerdem das Straflager für die französischen Arbeiter in Deutschland. Zahlreiche Kommandos von Gefangenen waren in die verschiedenen Werkstätten bestimmter Rüstungsfabriken, hauptsächlich in die Messerschmittwerke, verteilt. Der Appell dauerte jeden Tag mindestens von 4.30-5.30. Wie überall gab es auch solche, die endlos waren, So wurden z. B. am 1. Januar 1945 alle Franzosen von 6 bis 17 Uhr aufgestellt. Die 12 Arbeitsstunden verteilten sich von 5.30 bis 12 Uhr und von 13.30-18 Uhr. Diejenigen, welche nicht arbeiteten, mußten noch längere und häufigere Appelle über sich ergehen lassen. Am Morgen wurden Brotkarten verteilt, welche abends bei der Verteilung vorgezeigt werden mußten. Wenn diese in der Zwischenzeit, während der Arbeit, verloren gingen oder gestohlen wurden, büßte man nicht nur das Brot ein, sondern es gab außerdem noch Stockschläge. Mit Erhängen wurde bestraft: Fluchtversuche, Diebstahl von Abfällen oder noch geringere Vergehen. Es wurde feierlich vor dem versammelten Lager erhängt. Die hygienischen Verhältnisse waren kläglich. Jeder Block hatte nur 10 Minuten Zeit, um sich zu säubern. Die Wäsche wurde manchmal nur alle drei Monate gewechselt. Die unvermeidlichen Folgen waren Epidemien, vor allem Typhus. In diesem Ruhelager, wo die Gefangenen schon in einem sehr schlechten Gesundheitszustand waren, konnten sich die Krankheiten schnell verbreiten. Eine winzige Krankenstation, ohne Medikamente, sollte dagegen aufkommen. Dachau hatte auch seine Blocks ,, wissenschaftlicher Experimente", wo besonders die menschliche Widerstandsfähigkeit gegen Kälte und atmosphärische Einflüsse ausprobiert wurde. Die Hungersnot war so groß, daß unter anderem im Block Nr. 30 die Gefangenen die täglichen 30 oder 4° Toten unter ihre Betten versteckten, um deren Rationen entgegen zu nehmen. Andere ließen sie ruhig 2 oder 3 Tage lang neben sich liegen, aus Schwäche oder Gleichgültigkeit. Durch diese schauerlichen Zustände 23 24 wurde die Zunahme der Krankheiten in hohem Maße begünstigt. Als die Truppen der 7. amerikanischen Armee am 29. April 1945 das Lager erreichten, empfing sie ein SS- Leutnant mit der weißen Fahne. Aber als sich die Befreier dem Eingang näherten, eröffnete die SS das Feuer. Drei Gefangene, die ihnen entgegenstürzten, wurden durch den elektrischen Stacheldraht getötet, andere wurden durch die SS umgebracht. Die gesamte SS- Garnison wurde sofort erschossen. Über 30 000 Gefangene wurden so befreit. Tausende aber waren während der langen Wintermonate vor Kälte und wieder Tausende seit Beginn des Jahres durch Hunger, Krankheiten, Miẞhandlungen oder Erschießen umgekommen. Doch auch dort, wie überall, hatten sich geheime Gruppen gebildet, vor allem unter den Franzosen, welche die Moral aufrecht hielten und den Geist der Gemeinschaft förderten. Die Empfänger von Paketen teilten mit den Bedürftigsten. Nach der Befreiung wurden deutsche Schreib- und Vervielfältigungsmaschinen sowie Rundfunkgeräte beschlagnahmt, und man gab Zeitungen heraus, um die Wartezeit der Quarantäne auf angenehme Weise zu kürzen. In der Nähe des Lagers wurden auf einem toten Gleis 50 Waggons mit Leichen entdeckt: Gefangene aus verschiedenen Lagern, die man dort hingeführt und ohne Nahrung ihrem Schicksal überlassen hatte. Von 4600 Evakuierten aus BUCHENWALD kamen 2 700 lebend in DACHAU an. Auf diesen Transporten sind viele wahnsinnig geworden; u. a. erdrosselte ein Gefangener seinen Vater. Mehrere tausend Leichen wurden in vier Öfen des Krematoriums aufgehäuft vorgefunden. Obige Photographien zeigen als Duschräume getarnte Gaskammern, einen Hundezwinger mit wilden bösartigen Hunden, denen die Gefangenen von Zeit zu Zeit preisgegeben wurden. Nebenstehend zur Sezierung bestimmte Leichen, darunter mehrere Kinderkörper( auf dem Tisch liegend). STRUTHOF war das erste Lager, welches am 22. November 1944 in die Hände der Alliierten fiel. Aber die Gefangenen waren vorher alle in andere, mehr im Innern Deutschlands gelegene Lager überführt worden. Alle bisherigen Berichte über Gaskammern, Verbrennungsöfen, elektrisch geladenen Stachel- draht etc. betrafen die deutschen Lager im all- gemeinen und bezogen sich nicht im besonderen auf STRUTHOF. Dieses, im Frühjahr 1941 für die Ausbeutung der roten Sandsteinbrüche geplante Lager ist ausschließlich von seinen ersten Insassen, deutsche und russische Gefangene, angelegt wor- 25 den, einschließlich der Zugangsstraße und der: Gaskammer. Alle Nationen waren hier vertreten, doch in der Minderzahl Franzosen, besonders am An- fang, denn man fürchtete hier, auf französischem Boden, eine Überhandnahme der Fluchtversuche. Jedoch hat mancher tapfere Kämpfer des Maquis in diesem Lager sein Leben lassen müssen. DIE VERFÄNGLICHE KUNST STATISTIKEN AUFZUSTELLEN: Da das Lager mit den gesamten Archiven übernommen werden konnte, wurden zahllose aufschlußreiche Dokumente entdeckt. Der STRUTHOF selbst konnte im Höchstfall neuntausend Gefangene aufnehmen, doch viele ihm unterstellte Kommandos ergaben die Gesamtzahl von ungefähr zwanzigtausend Mann. Täglich wurden folgende, im Original aufgefundene Formulare peinlichst genau ausgefüllt: Verstorben: an Krankheit durch Erschießung Hinrichtung durch den Strang. Selbstmord durch Erhängen Selbstmorde verschiedener Art Nach diesen Statistiken sind allein im Struthof achtundneunzig Todesfälle an einem einzigen Tage, und zwar vom 30. bis 31. Oktober 1944 zu verzeichnen. Von 1941 bis 1943 wurden mehr als sechstausend Personen durch Erschießen oder Erhängen hingerichtet. In dieser Statistik sind weder Opfer der Gaskammer noch des Seziertisches einbegriffen. Dagegen geben monatliche Statistiken Aufschluß über ausgeführte Sterilisationen. DER BÜROKRATISMUS DES VERBRECHENS: Bei ihrer Ankunft wurden die Gefangenen schubweise gewogen..Das Durchschnittsgewicht eines solchen Schubes wurde regelmäßig kontrolliert und auf diese Weise ein Durchschnittsgewicht für das Lager aufgestellt, welches auf Spezialvordrucken vermerkt wurde. Die Familien der verstorbenen Deutschen erhielten eine Art Rundschreiben, welches den Vorschlag enthielt, die Asche der Verstorbenen zu kaufen und zwar in Ton- Urnen verschiedener Qualitäten- in einfacher oder LuxusAusführung( siehe Photo). Selbstverständlich enthielten die abgeschickten Urnen niemals die Reste des Verstorbenen. Die Aschenreste des Krematoriums wurden einfach mit den Schlacken ausgefegt und im allgemeinen auf den Müll geworfen. EIN VORBILD DER ORGANISATION: Die vorbildliche deutsche Organisation des STRUTHOFes steht nicht nur auf dem Papier. Das Lager enthält zahlreiche Sondereinrichtungen. Mächtige am Wachtturm angebrachte Scheinwerfer tasten nachts das Lager ab, um eventuelle Flüchtlinge zu entlarven. Der fahrbare Galgen kann nach Belieben für öffentliche und geheime Hinrichtungen hin und her transportiert werden. In den abgelegenen Gaskammern sind kleine runde Löcher angebracht, durch welche die Ärzte mit ,, wissenschaftlichem" Interesse die Auswirkungen der Versuchsgase beobachteten, von denen manche über eine Viertelstunde brauchten, um ihre Opfer zu töten. Übereinstimmende Aussagen der benachbarten Einwohner berichteten vom grauenhaften, anhaltenden Geheul der Sterbenden; dabei war es bei Todesstrafe verboten, sich dem Sperrgürtel des Lagers auf mehr als zwei Kilometer Entfernung zu nähern. Im Experimentiersaal steht in der Mitte der Seziertisch, weiß gekachelt, mit schräg angebrachten Rinnen zum Ablaufen des Blutes( wie oben). Hier wurden Schülerkurse abgehalten. Später wurden die Leichen an die Universität 00000 O DK 26 Straßburg geschickt und vorher oft mit der mechanischen Säge zerlegt. Man hat in den Archiven den Brief eines der Ärzte wiedergefunden, welcher sich über den schlechten Zustand der ihm gelieferten Leichen beklagt und neunzig weitere Körper verlangt, um die vorgesehenen Experimente durchzuführen. In einem Saal, in dem sich zwei Badewannen und eine Folterbank befinden, werden die zu Prügelstrafen Verurteilten zuvor in ein heißes Bad getaucht, um die Haut aufzuweichen, sodann an die Folterbank gebunden und geschlagen. Ein kaltes Bad ruft sie wieder ins Leben zurück, wenn sie die Prozedur überstehen. Der Desinfektionssaal dient manchmal eigenartigen Zwecken: an Haken, welche zum Reinigen der Kleider angebracht sind, werden die Gefangenen mit auf den Rücken gebundenen Armen nackend aufgehängt und heißen Luftströmen ausgesetzt. Wenn die Unglücklichen bei dieser Prozedur nicht verenden, so löst sich ihre Haut in Fetzen vom Körper. Manchmal werden sie in dieser Lage mit Lederriemen gepeitscht. Das Lazarett, wo u. a. der Brand kursiert, ist weniger gut eingerichtet. Kein Platz, keine Medikamente, keine Pflege! Im übrigen ist es fast unmöglich, dort aufgenommen zu werden. Männer wie Frauen müssen zwölf bis dreizehn Stunden wie Galeerènsklaven arbeiten bei der üblichen Ernährung des Lagers: dünne Suppe und wenig Brot die SS und die Hunde stän- dig auf den Fersen. Sie sind grausamen Vorschriften unterworfen: Verbot, das WC aufzusuchen, außer morgens zwischen vier und fünf Uhr oder abends zwischen sechs und sieben Uhr. Wenn die Zeit nicht für alle ausreicht um so besser! Für die geringste Kleinigkeit, oft wegen einer Laune der Wachen, werden die Hunde losgelassen oder die Prügelstrafe, wenn nicht die Todesstrafe verhängt. - Polizeistunde um acht Uhr abends. Bis zum anderen Morgen sind die Gefangenen den Kapos ausgeliefert. Die meisten Hinrichtungen finden nicht in Gegenwart der Gefangenen statt, außer, wenn es sich darum handelt, ein Exempel zu statuieren. In diesem Falle wird ein eindrucksvolles Schauspiel inszeniert, welches Terror und Grauen um sich verbreitete. Dazu kommen noch kleine, individuelle Scherze der SS, z. B. der Auftrag, die Mütze irgend eines SS- Postens, in der verbotenen Zone zu suchen, was für den unglücklichen Boten den Tod wegen seines„ Fluchtversuches" bedeutete. Die Wachen der Beobachtungstürme versäumen keinesfalls, den ,, Schuldigen" niederzuschieBen, denn dieser verdienstvolle Akt bringt ihnen ansehnliche Prämien in Natura ein: zwei Liter Branntwein, drei Zigaretten und fünfzig Gramm Wurst, wenn nicht drei Tage Urlaub! Und das alles geht auf französischem Boden vor sich, an den Abhängen des Donon, in der Gegend von Schirmeck, Rothau, Natzweiller! 27 Welch eiserne Faust schlug an die Tür? Verräter, was willst Du von mir? Was taten wir denn, daß man uns verschleppt? WOBBELIN Jacques DEST AING ( Pseudonym d'ARAGON) ,, Romance des Quarante Mille." hat keinen besonderen Kommentar hervorgerufen. Das Lager hat nichts außergewöhnliches in der Wahl seiner Schrecken aufzuweisen. Die Vorschriften sind die der übrigen Lager, ebenso wie die Leiden der Opfer. Die Photographien, welche diesem Bericht beigefügt sind, verdienen daher besonderes Interesse. Man sieht, was ein Durchschnittslager aus einem menschlichen Wesen machen kann!- 30 ligendwo irren sie herum, In einer anderen Welt, Und ich weiß nichts von ihnen nichts! Man sagt, es regnet, Und sie müssen frieren... Louis MASTE ( Pseudonym von Pierre SEGHERS) ,, Le Beau Travail." RAVENSBRUCK Das Lager der Frauen! Gewiß gab es Frauen in allen Lagern! Gewiß war wohl Ausschwitz, welches Hunderttausende aufgenommen hat, das Schrecklichste und Grausamste, wenn eine Steigerung des Grauens von einer gewissen Grenze an überhaupt noch möglich wäre! Doch Ravensbrück war das offizielle Deportierungslager für Frauen. Über hunderttausend Frauen aller Nationen( darunter sieben- bis achttausend Französinnen), sind durch dieses Lager gegangen, ungerechnet seiner zahlreichen Zweigstellen. Achtzig Kilometer nördlich von Berlin, in sumpfiger Gegend, reihen sich die Häuserblocks aneinander. Der mit Schlacken durchsetzte sandige Boden bildet den häßlichen schwarzen Staub, der alles bedeckt- Menschen und Dinge. In den vor Schmutz starrenden und von Ungeziefer wimmelnden Baracken verfügen die Gefangenen nur über eine einzige Decke zu zweit. Um 3.30 Uhr morgens wird geweckt: eine halbe Stunde zum Anziehen, ein einziger Wasserhahn für Hunderte von Frauen. Um sich sauber zu halten, muß man nach einem arbeitsreichen Tage in der Nacht aufstehen, ständig in Gefahr, erwischt zu werden. Von 4 bis 6.30 Uhr ist Appell im Stillgestanden. Diejenigen, welche ohnmächtig werden, bleiben unbeachtet liegen. In anderen Kommandos belebt man sie mit Fußtritten oder übergießt sie mit Eiswasser bei 25 bis 30 Grad Kälte. Die Nahrung ist ungenügend, die Suppe zu dünn, das widerliche Küchenpersonal nimmt das Beste vorher für sich. Um ihre Nahrung entgegenzunehmen, sind die Gefangenen oft besonderen Demütigungen ausgesetzt: Aufstellung hundertfünfzig Meter von dem Suppenkessel entfernt, sodann herankriechen, abschwenken und auf einem Bein wieder zurückhumpeln.( Diese auscheulichen Anordnungen werden übrigens in zahlreichen Männerund Frauenlagern getroffen.) Die Disziplin der Blockwarte oder Zimmeraufseherinnen, meist Polinnen, sowie der weiblichen Offiziere oder SS- Wärterinnen, ist grausam. Abgesehen von den Ohrfeigen, welche am laufenden Band verabreicht werden, sind Faustund Riemenschläge an der Tagesordnung. Die Hunde läßt man ohne Grund, zum Vergnügen, auf die Gefangenen los. Eine internationale Kommission, welche das Lager im Mai 1944 besuchte, hat die Hunde angeblich entfernen lassen und ihre Hütten verbrannt; neu eingetroffene Gefangene berichten jedoch immer wieder von Bluthunden. Für das kleinste Vergehen werden die Gefangenen in die Strafbaracken geschickt, von Zigeunern mit unbeschreiblicher Brutalität überwacht. Hier, wo trotz des rauhen Klimas die Fensterscheiben fehlen, wird die noch unwürdigere Nahrung in ungespülten Schüsseln ausgeteilt. Aber die größte Schande von Ravensbrück ist wahrscheinlich das ,, Revier", dessen Inspektion der Kommission im Mai 1944 vorenthalten wurde. Dort herrschen Typhus, offene Tuberkulose, Rose. Sind die Schwestern einigermaßen angenehm, so mag es noch gehen, wenn auch kaum Medikamente vorhanden sind. Doch wenn sie bösartig sind, mißhandeln sie die Patienten. Es ist vorgekommen, daß eine Typhuskranke mit ihrem eigenen Auswurf besudelt, und eine andere durch den Korridor bis zum Haufen der Toten gezerrt wurde, da es zu lange dauerte, bis die Sterbenden ihren letzten Atemzug taten. In der chirurgischen Abteilung werden Eingriffe aller Art ohne örtliche Betäubung vorgenommen. Männer werden kastriert und Sterilisationen finden am laufenden Band an Frauen zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren statt, ja sogar an ganzen Transporten kleiner Jüdinnen oder Zigeunerinnen: drei RadiumBestrahlungen von je zwei Minuten auf jeden Eierstock. 31 Die jüngsten und schönsten Frauen, Kaninchen genannt, sind Versuchsobjekte für die verschiedensten Untersuchungen: Knochen-, Muskelund Nerventransplantationen, welche die armen Opfer, meist Polinnen aus Warschau, für den Rest ihres Lebens zum Krüppel machen. Im Revier des Ausrottungslagers Ravensbrück, ,, Jugendlager" genannt, weil ehemals hier die Hitlerjugend untergebracht war, kommt es vor, daß, nach etlichen Tagen ohne Pflege, dieselbe Schwester, die eben noch grausame Schläge austeilte, mit süßlichem Lächeln den stöhnenden Kranken ein weißes ,, Beruhigungspulver" reicht. Herzzerreißende Szenen spielen sich dann ab, wenn das Opfer begreift, daß das eben eingenommene Medikament andere Leidensgefährtinnen für immer erlöst hat. Fälle von Wahnsinn sind keine Seltenheit. In andern Abteilungen, z. B. ZWODAU, werden dieselben Verbrechen verübt. Versuche mit neuartigen Spritzen, die ernste Störungen hervorrufen, wie Blutstürze, Erbrechen, Eiterungen und Herzschwäche, werden hier gemacht. Der Kommandant von ZWODAU läßt die kranken Frauen unter die Dusche gehen und anschließend bei dreißig Grad Kälte nackt um das Lager laufen. Diese Strafmethoden werden ebenfalls in den Lagern Neubrandenburg und Markleiberg, acht Kilometer von Leipzig entfernt, angewandt. In MENSCHEL, wo die Gefangenen Flugzeugflügel herstellen- liegen die Schlafsäle direkt neben dem Maschinenraum; dort laufen die Apparate Tag und Nacht. Sie leiden so grausam Hunger, daß sie Gras und Blätter zu sich nehmen, wenn es gelingt, sich solche zu verschaffen. Der Gebrauch von Messern ist untersagt, da man Sabotage fürchtet. Manchmal wird sogar der Löffel beschlagnahmt und man muß die Suppe aus dem Napf schlürfen. In ABTERODA schlafen die Frauen drei Wochen lang auf dem nackten Zementboden, ohne Heizung und müssen sich ohne Löffel und sogar ohne Napf behelfen. In BELZIG, wo hundertzwanzig Französinnen Maschinengewehrkugeln herstellen, fehlt jegliche Hygiene und ärztliche Betreuung. Die Gefangenen dürfen ihre Wäsche nur alle vier Monate wechseln. KÖNIGSBERG/ ODER ist sicherlich die schlimmste aller Zweigstellen von Ravensbrück, welches im Vergleich dazu fast wie ein Paradies anmutet. Dort arbeiten neunhundert Frauen, darunter etwa zweihundertfünfzig Französinnen, an der Nivellierung eines Flugplatzes bei einer Kälte, die oft fünfundzwanzig Grad erreicht. Sie müssen täglich neunzehn Waggons ausund einladen, unter beständigen Schlägen und Beleidigungen der weiblichen SS- Offiziere. Nachts kehren sie erst zurück, oft mit Toten. Die Nahrung ist ekelerregend und unzureichend. Sie müssen ohne Decken schlafen und sind in einem Maße mit Ungeziefer behaftet, daß sie den Sonntag, wenn sie darüber disponieren dürfen, damit verbringen, die Flöhe zu Hunderten zu töten. Furchtbare Epidemien sind die natürliche Folge. Es scheint, daß in Ravensbrück die NaziOrganisation das Höchstmaß an menschlicher Ausnutzung erreicht hat! Die Schwächsten unter den Gefangenen müssen völlig verschmutzte, übel riechende Kleidungsstücke zertrennen, welche wieder aufgearbeitet und für die Wehrmacht verwendet werden. Für die älteren Frauen wird sogar eine Strickabteilung eingerichtet. Ein sehr erhebliches Mindestmaß wird täglich verlangt. - Mutig verweigern die Gefangenen bei ihrer Ankunft die Arbeit für die deutsche Kriegsindustrie aufgrund ihrer politischen Einstellung. Doch vergebens! Die Parole lautet: ,, Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen." Die anständiger Denkenden unter den Zimmeraufsehern, welche sich gleichfalls dagegen auflehnen wollen, verschwinden mit den ,, schwarzen Transporten", von denen es keine Wiederkehr mehr gibt. Man fügt sich also. Man streikt mit Vorsicht, man sabotiert auf erfinderische Art und Weise. Doch wehe dem, der sich fassen läßt! Regelmäßig finden Appelle statt, bei welchen die Nazi- Ärzte, je nach Laune, ihre Auswahl für die Gaskammer treffen oder denjenigen, welche sich schwach fühlen, krank oder alt sind, die Herzspritze verordnen. Aber die Gefangenen treffen ihre Maßnahmen im Voraus. Manchen gelingt es, ihre weißen Haare zu färben und ihre bleichen Wangen zu schminken. Die Unglückseligen, auf welche das Los fällt, flehen ihre Mörder an: ,, Aber ich bin kräftig, ich kann noch arbeiten. Verwendet mich doch!...." Als der russische Vormarsch nahte, erfolgte eine panikartige Evakuierung. Wer sich nicht evakuieren lassen wollte und sich nicht verstekken konnte, wurde auf der Stelle niedergeschossen. Während innerhalb der beklagenswerten Karawanen auf dem Marsch nach anderen Etappen die Sterbefälle ungeheuere Zahlen erreichten, brachten die ersten russischen Soldaten Medikamente, richteten Duschen ein und erlaubten, daß in den benachbarten Bauernhöfen Lebensmittel organisiert wurden. Die französischen Gaullistinnen wurden wie Offiziere behandelt. 32 Vierzigtausend marschieren zum Lager, Welch seltsamer Zug - welch seltsame Schar! Vierzigtausend marschieren und singen Die Weise, Marseille, aus Deinen Mauern geboren, Vierzigtausend Kinder des Vaterlandes! Jacques DEST AING ( Pseudonyme d'ARAGON) ,, Romance des Quarante Mille." Mauthausen 凉 群 Ali MAUTHAUSEN war das typische Ausrottungslager. Hier sind fast alle N. N., d. h. ,, NACHT UND NEBEL". Es bedeutet, daß die Gefangenen weder das Recht haben zu schreiben, noch selbst Briefe oder Pakete zu erhalten. Keinem Menschen dürfen sie irgend ein Lebenszeichen geben sie sind wahrhaftig lebendig tot. Von 250 000, welche im ganzen aufgenommen wurden, sind nur - 160 000 Personen offiziell eingetragen. 170 000 hatten bis zum April 1945 den Tod gefunden. Von diesem Zeitpunkt ab waren die Lagerchefs und die Leiter der Zweigstellen angewiesen, die Überlebenden zu vernichten. Das Tempo der Befreiung hinderte sie jedoch an der Ausführung ihres teuflischen Werkes. Besonders beachtenswert ist der oben festgestellte Unterschied zwischen den tatsächlichen Aufnahmen und den Eintragungen. In MAUTHAUSEN ist der Prozentsatz der bei ihrer Ankunft ohne Eintragung Ermordeten besonders groß. Darunter fallen etwa fünfzehntausend Juden. Im Block 20, Block der zum Tode Verurteilten, werden es zehntausend Opfer sein, welche niemals auf irgend einer Liste gestanden haben. Obwohl in MAUTHAUSEN seit 1943 eine Gaskammer bestand, bediente sich die SS im allgemeinen verschiedenster und ganz persönlicher Methoden. TOTENTANZ: So traf z. B. am 17. Februar 1945 aus Sachsenhausen ein Transport mit ungefähr zweitausend Evakuierten ein: 2700 beim Abmarsch, 1700 bei der Ankunft. Wie üblich läßt man sie auf dem Platz Aufstellung nehmen, um den Appet abzuhalten, im Schnee, bei zwölf Grad Kälte. Der Kommandant fordert die Kranken auf, vorzutreten. Über zweihundertfünfzig Männer melden sich, in der Hoffnung auf das Krankenhaus. Das ist noch zu wenig, und es werden noch hundert weitere bezeichnet, im ganzen ungefähr vierhundert. Sodann beginnt für diese Unglücklichen ein höllischer Totentanz, welcher die ganze Nacht andauert, während die übrigen eingetragen werden. Dreimal hintereinander müssen sie eine halbe Stunde lang eine eisige Dusche über sich ergehen lassen. Diejenigen, welche diese Prozedur lebend überstehen, werden gezwungen, einen grausigen Totentanz auszuführen. Wer stolpert, wird mit Prügeln oder Axtschlägen getötet. Viele verlieren den Verstand. 33 G. Am nächsten Morgen sind nur noch einige am Leben. Hie und da gelingt es einem Überlebenden dem die gütige Vorsehung durch eine Ohnmacht zu Hilfe kam, sich unter die noch warmen Toten zu verstecken und später aus seinem unheimlichen Versteck hervorzukriechen, ohne von der SS bemerkt zu werden. Das gefährliche Klima dieser Festung, welche auf einer Höhe von achthundert Metern erbaut ist, war den Folterknechten oft eine wirksame Unterstützung bei ihren Mordtaten. Nicht ohne Grund wurde der Name MAUTHAUSEN in ,, MORDHAUSEN" umgetauft DER STEINBRUCH MIT 186 STUFEN: Der Steinbruch mit 186 Stufen bedeutet für viele Unglückliche eine Todesgefahr. Jeden Morgen werden die Gefangenen im Laufschritt die Treppe hinuntergetrieben, ohne ihre Holzpantinen dabei verlieren zu dürfen. Unzählige gehen dabei zu Grunde, indem sie das Gleichgewicht verlieren oder der ungeduldige Aufseher sie von der Höhe des steilen Felsenriffes hinunterstößt, sei es noch, daß sie beim Abstieg verunglücken. ( Siehe Photo.) Am Abend zum Appell müssen die Überlebenden die Toten auf dem Rücken die 186 steilen, glitschigen Stufen heraufschleppen mit wunden Füßen, zu Tode erschöpft, unter den drohenden Augen der immer zur Eile antreibenden Wachen. DAS ,, RUSSENLAGER": Die Russen haben wohl am meisten in MAUTHAUSEN gelitten, obwohl alle Nationen einen beträchtlichen Anteil Ermordeter zu verzeichnen haben. Von Maschinengewehren bedroht, werden am 21. Juni 1941 alle Gefangenen nackend in den Hof gejagt. Dreiundzwanzig Stunden hintereinander stehend, harren sie dort in drückender Ungewißheit ihres Schicksals. Endlich wird ein Bericht verlesen, welcher den Einmarsch der Truppen Hitlers in Sowjet- Rußland meldet. ( Siehe Bild Seite 35.) Das Lazarett, ein Block von Baracken, wurde von viertausend russischen Offizieren und Soldaten unter so grausamen materiellen Bedingungen gebaut, daß nicht ein einziger lebend davonkam. Das Lazarett hat den Namen„ Russenlager" beibehalten. HUNGERSNOT UND KANNIBALISMUS IM LAZARETT: Ein grauenhafter Verwesungsgeruch kennzeichnet schon von weitem einige dieser Barakken. wo die Fälle von Ruhr und eitrigen Phlegnomen isoliert untergebracht sind. Es mangelt an allem! Chirurgische Instrumente sind rar und altmodisch, der Vorrat an Medikamenten und antiseptischen Präparaten ist minimal und wird noch dadurch verringert, daß die Aufseher, die sie in Empfang nehmen, den Äther trinken und mit dem Rest einen schwunghaften Handel treiben. Die Nahrung ist noch spärlicher als in den Baracken der Gesunden und trifft sehr unregelmäßig ein. Es kommt vor, daß die Juden eine 1949 34 Woche lang ohne Nahrung und Getränke durchkommen müssen. Im Laufe der letzten Zeit müssen die Kranken einmal sechzehn Tage und ein anderes Mal achtundvierzig Tage lang ohne Brot auskommen. Die Hungersnot wird so groß, daß Fälle von Kannibalismus vorkommen. Arm- und Beinmuskeln wurden an einer Leiche entfernt, während zwei Bettgenossen einem Kameraden, der gerade gestorben war, die Brust aufschnitten und das Herz und die Leber roh verzehrten. Im Gegensatz dazu muß immer wieder die vorbildliche Solidarität der Lagerinsassen hervorgehoben werden. So taten sich ganze Gruppen zusammen, um für die Allerschwächsten ,, einen Löffel Suppe" und„, einen Happen Brot" zu stiften, so daß auf diese Weise zahlreiche Menschenleben gerettet wurden. DAS GEHEIMNISVOLLE AUTO: Ab 1943/44 werden neue Methoden der ,, Auswahl" im Lazarett angewendet, die umso beängstigender waren, da sie sich in geheimnisvoller Weise abspielten. Im Abstand von einigen Tagen fahren regelmäßig drei Luxusautos vor, welche etwa vierzig Personen aufnehmen können und holen Kranke ab, deren Auswahl anscheinend dem Zufall überlassen wird, um sie angeblich zu evakuieren. Von den Teilnehmern dieser ,, schwarzen Transporte" hat man niemals wieder etwas gehört. Diese Wagen verwandelten sich unterwegs in ambulante Gaskammern. Ein wenig verschieden, doch nicht weniger grausam, ist die Odysee anderer Transporte, die in den von hohen Mauern umgebenen und von einem großen Schornstein überragten Besitz HARTHEIM geführt werden. HARTHEIM ist 35 sieben bis acht Kilometer von MAUTHAUSEN entfernt. Um alle Spuren der dortigen Geschehnisse zu verwischen, läßt die SS den Schornstein im Januar 1945 sprengen und das Anwesen dem Erdboden gleichmachen. Aber unter den Ruinen konnten Spuren der ,, wissenschaftlichen Versuchsstationen" und Krematorien festgestellt werden. Die Polen, welche mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren, haben unter den Trümmern Kleider von Frauen und Kindern gefunden. GERMANISCHE„ EINFÄLLE": - Sezierungen, Gaskammern( s. Bild), Kälte, Totentänze, Abstürze in Steinbrüchen, Bluthunde, Krankheiten und Hungersnot alle diese Mordarten haben wir bis jetzt kennen gelernt. Doch es sind deren so viele, daß man sie kaum aufzählen kann. Hinzu kommen natürlich noch: Genickschüsse, Erschießen und Erhängen. 36 MAUTHAUSEN hat, wie so viele andere Lager, seinen Block ,, wissenschaftlicher Stationen". Der Arzt ließ eines Tages bei der Ankunft eines Transportes von Holländern zwei junge Leute mit vorbildlichen Zähnen heraussuchen. Nachdem er sie in aller Ruhe gefoltert hatte, ließ er die beiden Schädel präparieren, um sie als Papierbeschwerer zu verwenden. Eine andere ,, Spezialität" besteht darin, den Kopf des Opfers in eine Tonne mit Wasser zu tauchen, worin es eine gewisse Zeit, je nach Laune des Henkers, mit dem Erstickungstode ringt, ohne zu wissen, ob die Tortur bis zum Tode fortgesetzt wird oder ob es sich nur um einen Scherz" handelt. Grausame Wahl! Soll man sich gehen lassen, um schneller zu verenden oder sich um jeden Preis bemühen, durchzuhalten? Die klassischen Hinrichtungen mit der Peitsche fehlen nicht und sind oft Anlaß zu grotesken Maskeraden und Umzügen mit Musikbegleitung ( s. Bild). Manchmal wird auch ,, Sport" getrieben: Die Gefangenen werden gezwungen, an Wettläufen oder Ringkämpfen am Rande des Abgrundes teilzunehmen. Der Einsatz ist der Tod, zum mindesten für die Besiegten, wenn nicht für alle Teilnehmer. DIE ERZWUNGENEN SELBSTMORDE: Die erzwungenen Selbstmorde, in allen Lagern üblich, sind hier so zur Gewohnheit geworden, daß jeden Tag mehrere verübt werden. Die SS. macht sich nicht immer die Mühe, einen billigen Vorwand zu finden, um die Häftlinge in die verbotene Zone zu schicken, wo sie sofort von den Kugeln der Wachen aufgrund des ,, Fluchtversuches" niedergeschossen werden. Oft begnügen sie sich, ihre Opfer ohne Vorwand und Erklärung, ganz einfach auf Befehl, dorthin zu schicken und die Unglücklichen gehorchen! Es gehorchen auch diejenigen, denen ihr Zimmerführer oder der Werkmeister einen Strick aushändigt, mit dem Befehl, sich aufzuhängen! Es gehorchen auch die, welche beim Abendappell die Anweisung erhalten, am nächsten Morgen nicht mehr zu erscheinen. Und in der Morgendämmerung kann man ihre, im Hochspannungsdraht hängenden Körper deutlich erkennen. DIE FLUCHT DER ZUM TODE VERURTEILTEN Außer den scheinbaren ,, Fluchtversuchen", welche heimtückisch in Szene gesetzt werden, um Morde zu rechtfertigen und Prämien zu ergattern, werden auch ernsthafte Versuche, dieser Hölle zu entrinnen, gruppenweise oder vereinzelt unternommen. Fast immer werden die Mutigen gefaßt und hingerichtet, meistens in aller Öffentlichkeit als sensationelles Schauspiel. ( 6 37 Trotzdem gelang im Februar 1945 die Durchführung eines tollkühnen, umfangreichen Fluchtplanes. 700 zum Tode Verurteilte aus dem Block 20 gingen folgendermaßen vor: Durch die Schneemassen werden die sonst unüberwindlichen Gräben ausgefüllt! Auf Laufbrücken, die aus Brettern und Decken hergestellt sind, wird über den Hochspannungsdraht geklettert, mit Feuerlöschapparaten die Wachmannschaft kampfunfähig gemacht. Die Wachtürme werden im Sturm genommen! Die Flüchtigen werden verfolgt und ungefähr die Hälfte von ihnen findet den Tod, größtenteils solche, die sich freiwillig opfern, indem sie auseinander schwärmen, um die Verfolger in die Irre zu führen. Die SS prahlt später damit, alle, bis auf den letzten Mann, gefangen genommen und niedergeschossen zu haben. Tatsache aber ist, laut vorliegenden Nachrichten, daß der größte Teil der Gruppe zu den Partisanen Titos stoßen und später die Sowjet- Union erreichen konnte. ↑ DER GEIST DES AUFRUHRS: Mit dem unbändigen Geist des Aufruhrs hatten die Führer von MAUTHAUSEN und der unzähligen Nebenstellen bis zum letzten Tage zu kämpfen. Während des alliierten Vormarsches gestaltete sich das Leben der Gefangenen noch trostloser. Durch die fortschreitende Evakuierung der übrigen Lager reichen die vorhandenen Räumlichkeiten nicht aus. Es mangelt an Schlafstellen und Lebensmitteln. Die Kommandanten ziehen ernsthaft den Befehl Himmlers in Erwägung, die vollständige Ausrottung durchzuführen. Die Sterblichkeit nimmt in unheimlichem Maße zu. Im Lager EBENSEE, welches für 5-6000 Gefangene vorgesehen war, in Wahrheit aber fast 20 000 aufgenommen hatte, werden täglich 500 bis 600 Tote aufgelesen. Aber das ist noch nicht genug. Eine systematische Ausrottungspolitik wird in MAUTHAUSEN in Szene gesetzt. In der Nacht vom 21. zum 22. April werden 800 Kranke vergast. Vom 22. bis 23. April kommen mindestens 1200 um. Aber schon herrscht in der Garnison eine Panikstimmung.Der Widerstandsbewegung, vor allem dem Block 1, ist es gelungen, Waffen zu verstecken und so versuchen die Gefangenen, alles auf eine Karte zu setzen. Kühn erklären sie der SS, daß sie fähig seien, sich zu verteidigen. Das Gerücht dringt bis zum Chef vor, so daß dieser, eingeschüchtert, nicht mehr wagt, die Befehle Himmlers durchzuführen. In EBENSEE, 60 Kilometer von Salzburg entfernt, hat der Kommandant einen ungeheuerlichen Plan gefaßt, um sich seiner Gefangenen zu entledigen. Angeblich, um sie vor ,, den Gefahren der Bombenangriffe" zu schützen, befiehlt er ihnen, Besorgnis heuchelnd, den Tunnel als Unterstand aufzusuchen, den sie selbst in den Felsen gegraben haben. Dort erwartet sie bereits eine mit Dynamit gefüllte Lokomotive. 20 000 Mann mit einem Schlage durch Explosion zu vernichten, das ist der teuflische Plan des NaziKommandanten! Doch die Gefangenen durchkreuzen diesen Plan. Sie verweigern nicht nur den Gehorsam, sondern vor den Augen ihrer völlig verwirrten Wächter beginnen organisierte Gruppen auf eigene Faust Lebensmittel heranzuschaffen und zu verteilen. Alle diejenigen, welche sich noch aufrecht halten können, stellen sich, ebenso wie in DACHAU, in Reih und Glied, nach Nationen geordnet, auf, um die motorisierten amerikanischen Truppen zu empfangen. Die Franzosen begrüßen sie begeistert mit der Marseillaise. 38 Sieben Schritte gehen, Dann kommt eine Mauer Wie grausam dié Mauern Wie grausam das Schloß! - Madeleine RIFFAUD. HADAMAR Eine friedliche deutsche Stadt, 15 Kilometer von Koblenz entfernt! Ein sogenanntes ,, Asyl", ein prachtvoller Backsteinbau, vermittelt den Eindruck vorbildlicher nationalistischer Ordnung. Hier werden die„ Patienten", hauptsächlich tschechische, polnische oder russische Intellektuelle, nach den ,, letzten Errungenschaften" germanischer Wissenschaft behandelt. Vielleicht ist die Sterblichkeitsziffer ungewöhnlich hoch, doch korrekt geführte Listen verzeichnen in jedem Falle eine ganz natürliche Todesursache. Geht man der Sache aber auf den Grund, so erscheint es sonderbar, daß alle diese Toten so jung sind. Außer einigen wenigen, in der Blüte ihrer Jahre verstorbenen Erwachsenen, sind nur 18-20Jährige angegeben. Außerdem hat diese herrliche Anstalt täglich ein gutes Dutzend Todesfälle aufzuweisen fast alles Tuberkulose und das ist verdächtig! Der Chefarzt( s. Bild links), der von seinem Sekretär angezeigt wurde, gestand den amerikanischen Behörden seine Beihilfe an dem vorsätzlichen, systematischen Morden seiner ,, Pensionäre" sowie die Fälschung der Listen. - - - Nach den letzten Errungenschaften der deutschen Wissenschaft" wurden in der Tat ungefähr 28 000 Männer und Frauen durch intravenöse Spritzen dem Tode überliefert und mußten unbeschreibliche Qualen erdulden. Und man ist erstaunt, festzustellen, daß die Krankenschwestern, welche mit diesen Morden beauftragt waren, keineswegs einen bösartigen, brutalen Eindruck machen, sondern ganz alltägliche Erscheinungen sind einige von ihnen sogar hübsch und elegant. - In Massengräbern, von denen manche bis zu 44 Leichen aufnehmen, wurden die Opfer beerdigt. Die zahlreichen Grabreihen des anschlieBenden Friedhofes sind ein Symbol der NaziZivilisation, ein Bild systematischer Quälerei und Heuchelei. Außer dem eigentlichen Lager Neuengamme existierte noch eine Sonderabteilung für soge- nannte„Ehren-Internierte“. DIE EHREN-INTERNIERTEN: Bei der amerikanischen Landung in Frankreich wurden zahlreiche Präfekten, Bürgermeister etc. £E Und die Zähne zusammenbeißen. Blut, welches zu rinnen beginnt, G O Haß, du bist unsere Hoffnung! Feuer und Blut— wütender Freiheitsdrang Von Millionen— die taub sind Jean AMY (Pseudonym von Pierre EMMANUEL) „Les Dents Serrees.“ rung verbessern; später erhielten sie die allge- meine Verpflegung. Am ı2. April, am Tag des alliierten Vor- marsches, transportiert man sie zuerst nach Theresienstadt, wo sie unter schlechten hygieni- schen Bedingungen in der Festung(dieser Stadt untergebracht werden. gefangen genommen. 300 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden in Neuengamme interniert, aber hinter einem besonderen Sperr- gürtel. Durchschnittlich waren sie ungefähr 52 Jahre alt, sie verloren etwa 16—20 Kilo ihres Gewichtes, doch nur 19 von ihnen sind verstorben. Während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft genossen. sie besondere Vorteile. Sie unterstanden nicht dem Arbeitszwang, man ließ ihnen ihre Garderobe und schnitt ihnen nicht die Haare ab. Am Anfang durften sie noch über ihr Geld ver- fügen und konnten auf diese Weise ihre Ernäh- 40 Als bald darauf eine Typhusepidemie ausbricht, werden sie nach” Brezany zurückverlegt, 40 km südlich von Prag. Nachdem die deutsche Kapitulation bekannt wird, besetzen sie das Haus ihres SS-Vorgesetzten, fordern bessere Ernährung und eine Radio-An- lage. Der SS-Führer sagt zu und betrachtet sich freiwillig als ihr Gefangener. DAS HAUPTLAGER:: Im eigentlichen Lager herrschen ganz andere Verhältnisse. Im Monat Februar z. B. kommen auf 13 000 Gefangene 8 000 Kranke. Im ganzen werden 10 000 Franzosen eingetragen, von denen im Januar 1945 nur noch 4215 existieren, I 385 im Hauptlager und die übrigen auf verschiedene Zweigstellen verteilt. Das Leben ist sehr hart. Es wird 12-18 Stunden gearbeitet. Abmarsch und Heimkehr vollziehen sich vorschriftsmäßig bei den Klängen fröhlicher Musik. Das Lager ist sauber, dagegen konnten die Gefangenen im Laufe von 7 Monaten nur zweimal die Wäsche wechseln. Die Appelle sind endlos! Die ärztlichen Untersuchungen finden in diesem rauhen Klima, bei jedem Wetter, unter freiem Himmel statt. Es mangelt nie an Vorwänden für Schikanen! Durch die zahlreichen Alarme werden die Gefangenen gezwungen, Tag und Nacht die ,, Schutzräume" aufzusuchen, eisige Kellerräume, welche nur den Fußboden oder eine dünne Wand als Bomben- Schutz bieten. Im übrigen ist das Lager niemals von der RAF. bombardiert worden, da es ihr sicherlich bekannt war. Die Mißhandlungen sind an der Tagesordnung: Prügelstrafe, öffentliches Erhängen und ,, wissenschaftliche Experimente", die besonders an israelitischen Kindern vorgenommen werden. Eine der beliebtesten Strafen ist das ,, Tauchen" in dem eisigen Teich. Trotzdem wird die Moral so hoch gehalten, daß noch jetzt ein Bericht über eine geheime Versammlung, die am 26. Februar 1945 abgehalten wurde, vorliegt. In diesem Bericht machten die Deportierten eine Aufstellung der Klagen und Beschwerden, sowie der moralischen und materiellen Schadenersatzansprüche, die bei der Heimkehr geltend gemacht werden sollten. Ende April, beim Herannahen der allierten Armee, wird die gesamte Belegschaft des Lagers: 12-13 000 Männer, davon ungefähr 2 500 Franzosen, bei Neustadt eingeschifft auf den vier 41 Schiffen: ,, CAP ARCONA"( s. abgebildetes Wrack), auf welchem fast alle Franzosen gruppiert werden, die ,, DEUTSCHLAND", die ,, ATHENA" und die ,, THIELBECK". Während dieser Evakuierungsperiode ist die Verpflegung sozusagen gleich Null. Man hatte den Gefangenen Schweden als Bestimmungsland genannt, aber einige von ihnen haben Unterhaltungen derSS- Aufseher belauscht, aus denen hervorgeht, daß man die Absicht hat, sie in den Tod zu schicken. Am 3. Mai werden die Schiffe, die noch in der Reede liegen, von englischen Fliegern überflogen. Die ,, ATHENA", welche bewaffnet ist, eröffnet das Feuer auf die RAF. Die Engländer erwidern das Feuer; sie ahnen nicht, daß an Bord dieser kämpfenden Schiffe, welche die Hakenkreuzfahne tragen, Gefangene sind. Laut Bericht eines Delegierten des Roten Kreuzes wurde versucht, die RAF. zu benachrichtigen, doch die Botschaft konnte nicht übermittelt werden. 99 Die„, CAP ARCONA" gerät in Brand. Die ,, THIELBECK" versinkt. Über das Geschick der ,, DEUTSCHLAND" liegen nur unklare Meldungen vor. Die ,, ATHENA" ist nur beschädigt, und da deutsche Soldaten verletzt sind, werden einige hundert Gefangene in ihren gestreiften Anzügen auf die Brücke gebracht. Die Flieger stellen sofort das Bombardement ein, doch während der Landung der ,, ATHENA" tötet die SS, die an der Küste Wache hält, die Gefangenen, welche versuchen, schwimmend das Ufer zu erreichen. Schon vor dem Erscheinen der RAF. warteten deutsche U- Boote in den tiefen Gewässern, um die 4 Schiffe zu torpedieren. 2500 Deportierte, darunter 380 Franzosen, entgingen der Katastrophe. Zusammengeballte.Fäuste erheben sich aus der Erde, Es rieselt Blut, Blut, das entwürdigende, blendend... Jean SILENCE (Pseudonym v. Lucien SCHELLER.) „Noel a Croix Gammee.“ „Nicht ein Gefangener darf le- bend in die Hände des Feindes fallen“ Das war ein Satz aus dem Rundschreiben Himmlers— von ihm selbst unterzeichnet. In allen Lagern hat dieser Befehl mehr oder weniger beschleunigte Hinrichtungen zur Folge gehabt, je nach der Schnelligkeit des alliierten Vormarsches. Wir haben berichtet, daß der Strut- hof leer vorgefunden wurde, daß ganze Züge, von den Grenzlagern nach den Lagern des Innern ge- leitet, ankamen oder verloren gingen oder aber ihrem Schicksal überlassen wurden, am Bahnhof vergessen, wie in Dachau! Wir haben gesehen, daß die Hinrichtungen fast überall mit den ver- schiedensten Mitteln bis zum Wahnsinn gestei- ‚gert werden. 43 Und hier folgen einige besonders grausame Beispiele: In der Nähe von LEIPZIG schloß die SS. am Mittwoch, den 18. 4. 1945, ungefähr 350 politische Gefangene in Baracken ein, welche mit Hochspannungsdraht umgeben waren. Sie begossen das Innere mit Benzin und setzten es in Brand. Die Ausgänge wurden mit Maschinengewehren bewacht. Wer den Ausgang erreichte, wurde niedergemacht, verkohlte in den elektrischen Drähten oder wurde durch Flammenwerfer getötet. Eines der Lager von LANDSBERG, wo sich über 4 000 Juden aller Nationen befanden, wurde beim Herannahen der 7. amerikanischen Armee von der SS- Garnison niedergebrannt. Die Gefangenen verbrannten lebendig in ihren Baracken oder wurden bei den Fluchtversuchen durch Maschinengewehre niedergemetzelt. In GARDELEGEN wurden 1 000 Gefangene in einer Scheune eingesperrt und das Stroh mit Benzin übergossen. Ein junger SS- Korporal, ungefähr 16 Jahre alt, wirft lächelnd eine brennende Zigarette hinein. Und die Schreckensszenen von Leipzig, Landsberg, Oradour und den Dörfern in Rußland wiederholen sich( siehe Bilder oben und unten). Wer mit übermenschlicher Energie blutüberströmt aus dem Flammenmeer entrinnt, fällt durch die Kugeln der grinsenden Wächter. 旅 到 44 Anderwärts wird die Ausrottung auf andere Art durchgeführt: die Evakuierung wird angeordnet; die Marschkolonne der Gefangenen setzt sich in Bewegung. Im Walde, mit oder ohne Vorwand, beginnt das Morden: Genickschüsse, Maschinengewehrsalven, Erschlagen mit Gewehrkolben oder Knüppeln wie es in NEUENBURG, BRAUNLAGER und SCHWARTZENFELD geschah. Auf obiger Photographie sehen wir unter den Opfern einen Gefangenen, dessen rechtes Bein mit einer ganz primitiven Schiene oder Krücke gestützt ist. - Das sind nur einige Beispiele des Gesamtplans der ungeheuerlichen Ausrottung. Grundsätzlich sollte kein Beweis, keine Spur in die Hände des Feindes fallen. Wenn zum Schluß ganze Lager, mit ihren Garnisonen und ihren Dokumenten, in die Hände der Alliierten fielen, so nur deswegen, weil die ,, germanische Methode" in völliger Auflösung und Verwirrung schließlich in sich selbst zusammenbrach. Die Öfen der Krematorien, obgleich sie Tag und Nacht brannten, reichten nicht aus, um die Leichen bis zum letzten Mann zu vernichten. O Volk bedenke Dein Blut! Sei eingedenk Deiner Toten - vergiß nicht den Haẞ Und das Leid um die Toten! Pierre- Jean Jouve ,, A la France." HOLLISCHE IRRFAHRT Die Evaluierung von Johanngeorgenstadt Am 16. April 1945 wurde das Lager JOHANNGEORGENSTADT angesischts des Vormarsches der amerikanischen Armee in Richtung Theresienstadt evakuiert. 28 ÜBERLEBENDE: Der Transport, unter Führung einer SS- Eskorte, setzte sich beim Abmarsch aus 822 Gefangenen zusammen und zwar in der Mehrzahl aus Russen und Polen, sowie ungefähr 200 Franzosen, einigen Tschechen, einem Engländer, einem Belgier, einem Holländer, einem Kanadier und einem Neuseeländer. Durch die alliierten Bombenangriffe sowie durch den nahenden Zusammenbruch war das Transportsystem in völlige Unordnung geraten, und so irrte diese Kolonne 20 Tage umher, teilweise mit der Bahn, teilweise zu Fuß.- Sie ist niemals an ihren Bestimmungsort angelangt, und ihr Weg ist durch 26 Massengräber gekennzeichnet. Am 5. Mai löste sie sich in Lovosoce auf tschechischem Boden auf. 28 Überlebende waren geblieben! ZWEI GERETTETE KLAGEN AN: Alle diese Angaben und die folgenden Berichte wurden mit Hilfe zweier Zeugen von einer Untersuchungskommission gesammelt. Diese Zeugen, tschechische Deportierte, z. Zt. Angehörige des Nationalen Sicherheitsdienstes, war es gelungen, im Augenblick des Abmarsches zu entkommen. Nachdem sie an den Barrikadenkämpfen für die Befreiung Prags teilgenommen hatten, begaben sie sich am 3. Mai auf die Suche nach ihren unglücklichen Kameraden. Die Untersuchungskommission hat der Eröffnung der Gräber beigewohnt. Da die meisten Gefangenen keinerlei Papiere bei sich trugen, war die Identifizierung sehr schwer. Sie bleibt jedoch noch möglich, da es den beiden Tschechen gelungen ist, die Kartei des Lagers an sich zu bringen und an einem sicheren Ort zu verstecken. So können jetzt die Angaben über die Nationalität und die Gefangenennummer, die auf den Opfern gefunden wurden, mit diesen Listen verglichen werden. 5 MAHLZEITEN IN 20 TAGEN: Vorliegender Bericht über die jammervolle Irrfahrt wurde von der Untersuchungskommission aufgestellt: Beim Abmarsch hatten die Gefangenen für einen Tag Lebensmittel erhalten: 175 g Brot pro Person. In der Folge verteilte man ein einziges Mal 100 g Brot sowie 2-3 Mal unbedeutende Mengen von Trockengemüse. Alles in allem höchstens 4-5 magere Mahlzeiten für 20 Tage. FEINDSELIGKEIT DER DEUTSCHEN ZIVILBEVÖLKERUNG Die deutsche Zivilbevölkerung Böhmens, wo die Kolonne durchmarschierte, war weit davon entfernt, Mitleid zu empfinden. Sie verweigerte den Gefangenen nicht nur jegliche Hilfe an Lebensmitteln, sondern denunzierten sie als Plünderer, als die Armsten versuchten, sich am Wege 45 etwas Nahrung zu verschaffen. Es sind nur wenige Ausnahmefälle zu verzeichnen, wo Deutsche den Gefangenen zu Hilfe gekommen sind. Die erste Etappe, wo der Zug anhalten mußte, war Nova Role( vor Karlovy Vary), da die Strecke durch den Bombenangriff auf die Fabrik und den Bahnhof von Karlovy unterbrochen worden war. NOVA- ROLE ERSTES GRAB: Die Deportierten mußten 2 Tage lang im Bahnhof von Nova- Role liegen bleiben, ohne die Waggons verlassen zu dürfen. Am zweiten Tage mußte man 42 Leichen herausholen, während 9 weitere Gefangene von der SS niedergeschossen wurden. Das waren die 51 Opfer des ersten Massengrabes der ersten Etappe des Todeszuges. - Da der Zug nicht weiterfahren konnte, wurde die Reise zu Fuß fortgesetzt. Auch die zweite Etappe Karlovys Vary, einige Kilometer davon entfernt, ließ bis zu 330 Leichen in einem Massengrab des jüdischen Friedhofes. Hier wurden allerdings auch Tote zweier Kolonnen, die aus den Lagern ZWICHAU und LENGENFELD gekommen waren, mitbegraben. So ist es erklärlich, daß die 26 Massengräber, die nur ungefähr 794 Körper( 822-28= 794) enthalten dürften, 1000 Tote umfassen. ZU FUSS: - Bevor sie das zweite Massengrab verließen, erhöhte die SS ihre Verbrechen durch den Mord an 3 Unglücklichen, welche die ganze Nacht mit der Beerdigung ihrer Kameraden beschäftigt gewesen waren. Und die Kolonne setzte sich zu Fuß in Bewegung, ohne daß die geringste Verteilung von Lebensmitteln stattgefunden hätte. TEPLICKY, BOCHOW, LUBENEC, ZIHLE, BLATNA, wo man endlich den Zug besteigt. ,, EMPFINDSAMKEIT" EINES DEUTSCHEN TOTENGRÄBERS: Jeder neue Aufenthalt ist durch neue Hinrichtungen und durch neue Massengräber gekennzeichnet. Hier 25 Leichen, dort 15, an anderen Orten noch mehr. 3 Gefangene wurden von der SS direkt an der Kirchhofsmauer erschossen. Am andern Morgen fand der Totengräber des Friedhofes einen von ihnen noch röchelnd vor, doch er ließ ihn ohne Hilfe sterben. Zu seiner Verteidigung gab er an, er habe diesen Anblick nicht ertragen können. Überall, außer in einem Dorfe, verweigern die Bürgermeister die würdige Beerdigung der Opfer auf dem städtischen Friedhof und bestimmen im Gebüsch gelegene Stellen zur Bestattung. DIE ESKORTE WIRD VON PANIK ERGRIFFEN: Es ist vorgekommen, daß die deutsche Polizei eingreifen und den Bürgermeister veranlassen mußte, für die Toten der Kolonne eine Grabstätte zur Verfügung zu stellen. Auch Fahrzeuge für den Transport der Leichen werden verweigert und die erschöpften, ausgehungerten Gefangenen müssen ihre toten Kameraden auf den Schultern transportieren. Und alles das bei der wachsenden Erbitterung der SS- Männer, die bei den Nachrichten über den deutschen Zusammenbruch ihre Wut und ihre Unruhe an den unglücklichen Gefangenen auslassen. Mit Schlägen wird nicht gespart und die Nachzügler werden erbarmungslos erschossen. VERSTREUTE GRABER: Den ganzen Weg entlang läßt man vereinzelte Tote im Graben liegen oder wirft sie zur Waggontür hinaus. Ihre Gräber werden jetzt hie und da aufgefunden und ergänzen die Zahl der Opfer der Massengräber. So gelangt der Transport endlich nach Lovosoce, wo die letzten SS- Männer, ihre Ergreifung durch die Tschechen befürchtend, die Flucht ergreifen und die 28 Überlebenden dieses Höllenzuges ihrem Schicksal überlassen. 46 Ausschwitz! Ausschwitz! O blutiges Wort! Hier lebt man hier lauert langsamer Mord! Sie nennen's die langsame Hinrichtung. Daran gehen unsere Herzen zu Grund. François LA COLÈRE ( Pseudonym d'ARAGON) ,, Le Musée Grevin." POLEN In diesem Gebiet gibt es über 200 Lager und Nebenlager, die oft sehr nahe beieinander liegen, sodaß die Gefangenen oft verlegt werden. Wenn wir über jedes Lager auch nur einige Sätze schrieben, würde die vorgesehene Seitenzahl des vorliegenden Berichtes bei weitem überschritten. Doch da sich das tägliche Leben überall in der gleichen Weise abspielte, sind nachstehende Zeilen allen Lagern gewidmet. Bei Ankunft des Zuges findet die ,, Auslese" statt. Frauen und Kinder, Greise und Kranke werden nackt, mit einem Handtuch und einem Stück Seife ausgerüstet, zu den ,, Duschen" geschickt, wo sie jedoch anstelle des Wassers tödliche Gase vorfinden. Nach beendeter Operation werden die Leichen im Krematorium verbrannt. Die gesunden Männer und robusten Frauen werden, ebenfalls nackend, vollständig geschoren natürlich ohne Seife und warmes Wasser. Anschließend reibt man sie mit einem beizenden Desinfektionsmittel ein, welches die Schleimhäute angreift. Dann wird eine Registriernummer auf den linken Arm, auf die Stirn oder den Schenkel tätowiert. Danach erfolgt die Einkleidung. Die Leibwäsche wird auf ein Minimum beschränkt, wenn sie überhaupt vorhanden ist. Der Anzug besteht aus dem allzu berüchtigten blaugrau gestreiften Pyjama; an den Füßen Galoschen oder Holzschuhe, wenn nicht ganz einfache mit einem einzigen Riemen befestigte Holzbrettchen. Mit dieser unzureichenden Bekleidung, einem mörderischen Klima ausgesetzt, werden sie von früh 3.30 Uhr bis 9 Uhr abends zu folgenden Arbeiten eingesetzt: Pflasterung der Straßen, Ausladen von Waggons, Ausladen und Transportieren von Zement, Eisen und Holz, Trockenlegung von Sümpfen, sowie Arbeiten in den Bergwerken und Fabriken. Abmarsch und Heimkehr erfolgen vorschriftsmäßig mit Gesang. Da laut Befehl die Toten bei dem unvermeidlichen Appell vorgezeigt werden müssen, tragen die erschöpften Kameraden bei den Klängen fröhlicher Musik die Toten des Tages. Alle drei Monate findet regelmäßig die ,, Auslese" statt, d. h.: Niederschießen ganzer Gruppen durch Maschinengewehre, Verabreichung von ,, Duschen" oder Phenolspritzen ins Herz. Eine eigens dazu eingesetzte Kommission entscheidet die Wahl der Gefangenen. Im Prinzip sollen es die Allerschwächsten sein, praktisch jedoch herrscht die schlimmste Willkür, je nach Belieben und Laune. Es gab Zeiten, wo täglich ausgesondert wurde. Das disziplinäre Regime vermehrt die Demütigungen und Grausamkeiten: Appell auf Pfeifensignal, sinnlose Übungen, Wettrennen mit nackten Füßen und Platzwechsel durch gymnastische Bewegungen. Oft brechen die armen Opfer unter den wütenden Schlägen mit dem Ochsenziemer oder den Peitschenhieben tot am Platze zusammen. Manche Gefangenen sind gezwungen worden, auf ihre gefallenen Kameraden zu treten. Die SS- Weiber sind besonders eifrig auf Quälereien bedacht. Sie sind stets von wilden Hunden begleitet und bei dem geringsten Anlaß oder 47 je nach Laune hetzen sie die Tiere auf die Gefangenen. Hungersnot und Epidemien wüten. Typhusund Malariafälle häufen sich. Auch die ,, natürliche" Sterblichkeit ist ungewöhnlich hoch. Wenn man das Ergebnis der Hinrichtungen dazurechnet, beläuft sich die Zahl der Opfer allein in Polen auf Millionen Tote. Man schätzt die Opfer von Ausschwitz z. B. auf 4-6 Millionen. Bei einer Ausdehnung von 467 Hektar, ohne einen einzigen Baum und von tiefen Gräben umgeben, ist AUSSCHWITZ aus mehreren Lagern zusammengesetzt. Das älteste Lager, AUSSCHWITZ I, wurde für Polen und russische Kriegsgefangene angelegt. Die Arbeitsbedingungen sind hier sehr hart. Die Frauen werden zur Trockenlegung von Sümpfen eingesetzt. AUSSCHWITZ II oder BIRKENAU, welches am 24. April 1942 eingeweiht wurde, besteht aus 620 Baracken für die Gefangenen und die Verwaltungsgebäude. Es enthält 180-250 000 Personen. Der Mangel an Hygiene und die Wasserknappheit machen sich hier bitter bemerkbar. AUSSCHWITZ III umfaßt MONOWITZ, wo 6-12 000 Gefangene bei schlechter Ernährung mit Erdarbeiten beschäftigt sind, von denen 50% zugrunde gehen, und BUNA, eine Fabrik für Benzin und synthetischen Kautschuck, die einen etwas besseren Ruf genießt. BIRKENAU ist kein Lager der langsamen Todesart. Die Hinrichtungsziffer erreicht hier manchmal bis zu 10 und 12 000 Personen am Tag. Tod durch die Gaskammer, Spritzen und Verbrennungen sind an der Tagesordnung. Kinder werden lebend in die Öfen geworfen. Das erste Krematorium stammt aus dem Jahre 1941. Nach einer Besichtigung durch Himmler werden weitere 4 Öfen eingerichtet. Schließlich brennen in 5 Krematorien je 6 Öfen Tag und Nacht. Die SS hat unter den Gefangenen Musikkapellen gegründet, um den Gang zur Gaskamer mit Musik zu begleiten. Der zähe, lehmige Boden ist fast sechs Monate des Jahres hindurch in völlig aufgeweichtem Zustand, was eine ständige Plage bedeutet. Man versinkt fast bis zu den Knien im Morast und es erfordert die größte Anstrengung, die Füße nach jedem Schritt wieder herauszuziehen! Verliert man einen der ,, Holzpantinen", einfache Holzsohlen, die nur mit einem einfachen Querriemen am Fuß gehalten werden, so bedeutet das Todesstrafe. Im Januar 1943 gibt es noch immer nur einen einzigen Wasserhahn für ungefähr zehntausend Personen. Im übrigen haben die Juden keinen Zutritt zu dieser Errungenschaft. Dazu kommt, daß dieses Wasser nicht trinkbar ist, da das Lager auf den Leichnamen russischer Kriegsgefangener 48 12/1 erbaut worden ist. Durch das infizierte Wasser werden Typhus- Bazillen verbreitet. In diesem Lager haben die ,, wissenschaftlichen Experimente" zweifellos den Höhepunkt sadistischen Deliriums erreicht. Außer den Bluttransfusionen zu Gunsten deutscher Soldaten wird im Block 10 Personen bestimmter Blutgruppen Blut entnommen, um es Angehörigen entgegengesetzter Gruppen zu übertragen! Die dadurch erzeugten nervösen Reaktionen sind sehr ernster Natur und steigern sich oft bis zum Wahnsinn, wenn nicht der Tod inzwischen eintritt. Man macht Gebärmutter- und Rückenmarkoperationen. Die Frauen müssen Versuche über sich ergehen lassen, welche dem Studium der Zwillingsgeburten dienen und werden zu Experimenten gezwungen, die rassische Erfahrungen vermitteln sollen, ganz abgesehen von Sterilisationen verschiedenster Art, Herausnahme der Gebärmutter oder verhärtende Spritzen in die Eileiter. 99 Die Verwendung" der Reste der Opfer hat hier ein erschreckendes Maß erreicht. Nicht mehr allein Gebisse und Kleidungsstücke werden im Magazin aufgehäuft, sondern auf nebenstehender Photographie sieht man auch einen Teil der fünfhundert Säcke, von den Gefangenen selbst hergestellt, welche siebentausend Kilogramm komprimiertes Frauenhaar enthalten versandbereit an eine Hamburger Textilfabrik. Die Knochen wurden ebenfalls verwendet. Es liegen Aufstellungen über den Stand der Lieferungsbestätigungen an private Firmen vor Lagerkommandanten selbst geführt. Angeblich schäumt die Seife aus Menschenfett' recht gut! - - vom Außer den verschiedenen Lagern von AUSSCHWITZ muß noch das furchtbare Lager MAZOWIESKI erwähnt werden, welches ebenso wie MAUTHAUSEN eine infernalische Treppe aufzuweisen hat. Sie zählte 327 Stufen, die bei acht bis zehn Grad Kälte mit Wasser begossen werden. Während des Abstiegs der Gefangenen hetzt man die Hunde auf sie. Die SS reißt den Männern die Genitalien heraus, vergewaltigt die Mädchen und läßt sie anschließend achtzig Kilo schwere Steine schleppen, unter deren Gewicht viele zusammenbrechen und sterben. Oder die Gefangenen müssen im Winter auf dem zugefrorenen Fluß riesige Steine transportieren, bis die Eisdecke unter ihnen bricht. Die schwangeren oder kranken Mädchen werden im Krematorium verbrannt. Die Russen rottet man systematisch aus. In dem bekannten Lager MAIDANECK, welches ungefähr 1 500 000 Märtyrer zählte, konnten nur siebzehntausend lebend befreit werden. Die Kinder waren hier in so großer Zahl, daß man in den Koffern, zwischen Ausweispapieren und anderen persönlichen Gegenständen der Verstorbenen, Unmengen von Spielzeug fand. 49 KLA254 KL Au- 22 LOTZ wurde ein zweites Oradur für Männer, Frauen und Kinder. KOSKOWICE war Sonderlager für Kinder, welche vor der Flucht der SS insgesamt ermordet wurden. LIEPOWA beherbergte einundzwanzigtausend Juden,- Männer, Frauen und Kinder-, welche an einem einzigen Tage ermordet wurden, nachdem sie mit eigener Hand ihr Grab gegraben hatten. Noch vieles wäre im Einzelnen zu berichten über das, was der russische Schriftsteller GROSSMANN ,, Die Hölle von TREBLINKA" nennt oder über JAWORINO und seine Bergwerke, über die verschiedenen GLEIWITZ und über SCHELMNO, wo I 300 00ò Antifaschisten aller Nationen ausgerottet wurden. Nur eines darf hier nicht mit Schweigen übergangen werden: der grauenvolle Rückzug vor dem russischen Vormarsch, der im Januar, also im tiefsten Winter, oft bei schrecklichsten Schneestürmen, vor sich ging. Ganze Züge, Kolonnen von Tausenden von Männern und Frauen, tagelang ohne Verpflegung und ohne Ruhepausen, werden teilweise zu Fuß, teilweise mit der Bahn in offenen Wagen evakuiert. Der Boden dieser Waggons, in denen hundertzwanzig bis hundertfünfzig Menschen zusammengepfercht sind, ist mit einer Eisschicht von zehn Zentimeter bedeckt, so daß erfrorene Füße an der Tagesordnung sind. Die Sterblichkeit nimmt so überhand, daß über ein Drittel des Gesamtzuges umkommt. Fälle von Massenwahnsinn und Massenhalluzinationen werden verzeichnet, so daß das Grauen der berüchtigten. ,, Todeszüge", welche aus fast ganz Europa die Deportierten zu ihren Bestimmungslagern brachten, noch übertroffen wird. Diejenigen, welche diese Verlegungen lebend überstanden, irrten anschließend oft zwischen NORDHAUSEN und DACHAU, BELSEN und MAUTHAUSEN umher. Es gibt kaum Gefangene, welche nicht hintereinander mehrere Lager kennen gelernt haben! Wenn sich auch jedes einzelne durch seine besonderen Greuel hervortat, so waren die allgemeinen Methoden der Ausrottung doch überall dieselben, sei es in einem der riesigen Lager, welches traurige Berühmtheit genoß oder in einem der kleineren an einem unbekannten Ort. Von einem Lager sprechen, heißt deshalb von allen Lagern im nationalsozialistischen Deutschland berichten, gleich viel, ob es sich in Polen oder anderwärts befand. Das LEBEN des Alltags Der Mensch, der Mensch wo ist denn der Mensch? Gemartert- gemordet - - belogenbetrogen! Die Verachtung als Heimat, Wie ein Schlachtvieh gezeichnet, Und wie das Vieh geschlachtet! ,, Prélude à la Diane Française." Jacques DESTAING ( Pseudonym v. ARAGON) * DAS TÄGLICHE LEBEN Alles scheint bereits gesagt zu sein und doch bleibt das Wesentlichste und Schwierigste noch zu beschreiben: die Atmosphäre des täglichen Lebens im Lager. Nach übereinstimmenden Aussagen aller zurückgekehrten Gefangenen ist das Grauenhaf teste gerade die Tatsache, daß die schreckenerregenden Geschehnisse im Großen und Ganzen nicht so schmerzlich in ihrer Auswirkung sind, wie die banalen, schmutzigen Einzelheiten des täglichen Lebens in ihrer ewigen, monotonen Wiederholung. MANGEL AN RUHE: Mit Beginn des Tages, d. h. oft von drei Uhr früh bis zum Schlafengehen: dauerndes Stehen! Appelle im ,, Stillgestanden", in absoluter Unbeweglichkeit, Schlangenstehen zur Essenverteilung, zum Waschen, vor den Toiletten! Absolutes Stillstehen ist strengste Vorschrift! Die kleinste Geste kann das Schlimmste herbeiführen. Platzwechsel hat zuweilen mit gymnastischen Übungen verbunden zu erfolgen- oft während der Arbeit. Steine müssen in kleinen Blockwagen im Laufschritt transportiert werden. Meistens werden sogar die Mahlzeiten stehend eingenommen. Während des ganzen endlosen Tages ist von ,, hinsetzen" oder ,, sich anlehnen" keine Rede, ohne die Hunde oder die Peitsche fürchten zu müssen. 52 So naht endlich der Abend heran. Im allgemeinen ist zeitig, um acht Uhr, Polizeistunde, doch praktisch ziehen sich der Heimweg von der Arbeit, die Appelle und die Essenverteilung endlos in die Länge, bis 22/2 und 23 Uhr, wenn nicht später. Die kurzen Stunden, die zum Schlafen bestimmt sind, bringen keine gründliche Ruhe. In bestimmten Lagern, wie z. B. DORA- GOTHA und anderen ,, Tunneln" sind die Menschen in so engen Zellen zusammengepfercht, daß man nur darin kauern kann. ,, Schlafe, wer kann!" Sogar 53 auf den ,, normalen" Pritschen( wenn man sie so zu nennen wagt), ist es fast unmöglich, sich flach auf dem Rücken auszustrecken. Auf der Seite liegend, eng aneinander gepreßt, kann sich niemand rühren, ohne den Nachbarn zu wecken. Manchmal zwingt man die Wehrlosen, sich wie Sardinen zu lagern, um Platz zu gewinnen( den Kopf zu Füßen des Nachbarn), eine Lage, die in vielen Massengräbern angewendet wurde. Abgesehen von dünnen Strohsäcken, wenn überhaupt vorhanden, dem harten Fußboden und dem Fäulnisgeruch, sind der Mangel an Luft, das ständige Zusammensein mit den Kranken, die tödliche Kälte und das unerträgliche Ungeziefer, das die Krankheiten von Mann zu Mann verschleppt, die größten Gefahren. Selbst die letzte Zuflucht des Menschen, der Schlaf, ist gefährdet: der Blockwart ist allmächtig, seine ausschweifendste Phantasie ist ungeschriebenes Gesetz. In MAUTHAUSEN erdrosselte einer von ihnen jede Nacht zehn bis fünfzehn Personen. Die Sonntage waren nicht überall Ruhetage. Dort, wo sie eingehalten wurden, waren sie oft ,, AUSLESE- TAGE". Das Gespenst des HUNGERS war ständig auf der Lauer. Der Hunger war zur fixen Idee geworden. Wie bereits erwähnt, bestand die Durchschnittszuteilung aus zwei- bis dreihundert Gramm Brot pro Tag, sowie einem Liter dünner Suppe und einem sogenannten Kaffee am Morgen. Manchmal gab es zusätzlich fünf Gramm Margarine, eine Scheibe Wurst- Ersatz oder einen Löffel sogenannter Marmelade. Dies alles wohlverstanden für die Arbeiter, welche zehn bis zwölf Stunden pro Tag, wenn nicht länger, mit Zuchthausarbeiten im Freien oder in den Fabriken, Tunneln und Bergwerken zubrachten. Für die Kranken galt die Devise: Wer nicht arbeitet, braucht nicht zu essen! Sie mußten sich bei halber Ration erholen: hundertfünfzig bis zweihundert Gramm Brot, einen halben Liter Suppe und keine Zulagen. Einige wenige Familien hatten die Erlaubnis erhalten, Pakete schicken zu dürfen. Diese wurden von den ,, Kriminellen" geplündert. Selbst die Rot- Kreuz- Sendungen, meist unterwegs schon beschlagnahmt, gelangten nur ausnahmsweise in den Besitz des Empfängers. So wurde der Anteil eines jeden, wie unschätzbar er auch war, unendlich klein und mager. Die Tragödie des Hungers, welche sich Monate und Jahre lang hindurch abspielte, löste naturgemäß nur einen einzigen Gedanken aus, der alles andere in den Hintergrund stellte: Essen! oder wenigstens das Hungergefühl irgendwie befriedigen! Völlig vernünftig denkende Menschen überlegten sich allen Ernstes, ob sie die Suppe in einem Zuge hinunterlöffeln oder sie ganz langsam, Schluck für Schluck, zu sich nehmen sollten, um das Vergnügen zu verlängern? Das Brot vorher oder nachher essen? In kleinen Brocken oder in dünne Scheiben geschnitten? Das Klügste wäre vielleicht, wenn auch nur illusorisch, es in mehrere Portionen als kleine Zwischenmahlzeiten einzuteilen? Nahte die Essenszeit heran, schienen die Menschen von einer Art Besessenheit erfaßt zu werden. Man überbot sich in Schilderungen kulinarischer Genüsse und es wurde zur Manie, phantastische Menüs zusammenzustellen. Wenn man vor Hunger nicht mehr ein noch aus wußte, versuchte man Gras, Blätter und Hobelspäne, kurz alles, was gekaut werden kann, zu essen. Manchmal war der Durst quälender als der Hunger. Man spielte mit seinem Leben, indem man sich aus der Reihe herausschlich, um in der hohlen Hand Wasser aus einer schmutzigen Pfütze zu trinken. DIE STÄNDIGE TODESGEFAHR wurde zur Vertrauten! Viele dachten nicht mehr an sie, teils aus angeborener Tapferkeit, teils unbewußt, doch schließlich alle aus Gewohnheit. Der Tod gehörte mit zu den zahlreichen dumpfen ,, Scherereien", die ein Bestandteil des systematischen Erniedrigungsplanes menschlicher Würde waren, der als ,, große Idee" der Organisation aller Lager zugrunde lag. Daß hier ein einheitlicher Plan vorlag und nicht die Auswirkung unvermeidlicher Zufälle bei der Anwendung der Methoden im einzelnen, beweist unter anderem die Gleichmäßigkeit der abscheulichen Maßnahmen, die in den zahlreichen Lagern, die raummäßig sehr weit entfernt von einander lagen, angewendet wurden. Die Verteilung von Stricken für die ,, befohlenen Selbstmorde" ist nicht etwa die Spezialität irgend eines Henkers, sondern ein fast offizieller Brauch im STRUTHOF( Elsaß), sowie in MAUTHAUSEN( Österreich) und in DACHAU ( Bayern). In den Gegenden, wo eisiger Winter herrscht, sind die Bäder und Duschen unter freiem Himmel eine traditionelle Strafmethode! Fast überall begleiten burleske Musikkapellen die Foltern und die Leichenzüge. Die unwürdige Anlage der Aborte, die Schmutz und Epidemien hervorrufen und der Wassermangel mit den Qualen des Durstes, sind keineswegs das Resultat vereinzelter Nachlässigkeiten, sondern fast allgemeine Regel. - Die ständige Ungewißheit ist viel schlimmer als die eigentliche Gefahr. Man weiß nie, ob man alles richtig ausgeführt hat. Die korrekteste Unterordnung bürgt nicht für eine relative Sicherheit. Fast nirgends herrscht eine strikte Ordnung die Willkür regiert! Laufen, marschieren, stillstehen, sprechen oder schweigen irgendeine Haltung, die gestern vielleicht noch erlaubt, ja sogar Vorschrift war, kann morgen plötzlich die Wut eines der Aufseher entfesseln, der allmächtig ist, wenn es sich darum handelt, dem Gefangenen zu schaden. Jeden Augenblick ist das Schlimmste zu befürchten. - Was nun die ,, GEWOLLTE HERABWÜRDIGUNG" betrifft, so gibt es wohl kaum etwas Unwürdigeres, als ein menschliches Wesen zu zwingen, auf allen Vieren zu laufen, mit einem Halsband in einer Hundehütte zu schlafen, zu bellen, zu beißen und seine Suppe zu schlappen! Diese Absicht wird noch bewiesen durch die Anordnung grotesker Übungen, wie das Umherwaten im Schlamm und die lächerlichen Tänze, die von allen Männern des Lagers in Gegenwart aller Frauen vorgeführt werden müssen. Gibt es etwas Aufreizenderes, als die Gefangenen zu zwingen, sich gegenseitig zu geißeln? 54 Schwächt die Gefangenen durch Hunger, Erschöpfung und Krankheit und durch die Auswirkungen eines ungesunden Klimas!- Demütigt sie durch den Gestank und den Abscheu vor sich selbst! Pfercht sie zusammen in einem peinlichst genau organisierten Durcheinander, Menschen verschiedenster Herkunft, Menschen aller Nationen: Juden und Antisemiten, notorische Anhänger der Widerstandsbewegung und nicht weniger notorische Spitzel, Verbrecher und Intellektuelle und Menschen, die nicht einmal wissen, warum sie sich dort befinden! Verbittert die physisch geschwächten und moralisch isolierten Wesen, die keinerlei Stütze und keinerlei Zukunft haben! Erhöht ihre seelischen und körperlichen Qualen durch das ständige, im wahrsten Sinne des Wortes ,, verletzende ,, Zusammensein! Hetzt sie aufeinander durch willkürliche Begünstigung, durch bittere Not, die aus dem Menschen eine gefährliche Bestie für den Menschen macht! Fördert den Verrat, die Grausamkeit und die niedrigsten Instinkte durch eine teuflische Zuchtwahl! Verwirrt jeden einzelnen durch gewollt absurde Demütigungen! Angstigt ihn durch widersprechende Befehle und Gegenbefehle, gleichermaßen bedrohlich im Schatten des Galgens, der zur unberechenbaren Folge irgend einer Nichtbeachtung, irgend einer harmlosen Geste werden kann! Das sind die Ziele der Naziordnung und -disziplin-die Ziele der Herrenrasse! 55 Tot sind die Toten unter Waffen, Tot sind die Toten ohne Waffen, Tot sind die Toten der Folter, Tot sind die Toten der Gräber. Verscnüttet— geschlagen— verbrannt, Zerrissen— zerbrochen— zerstampft, Tot sind die Toten für ewig. 56 Woher das Heulen und das Klagen? O tiefe Lust der Welt, Sie sind es selbst— es sind die Toten... Beschwören uns, sie fortzutragen, Immer weiter, zum Triumph des Lebens! Sieh! der Tod, er kam vergebens! Jean TARDIEU (La defaite de la mort.)"