Man kann gar nicht Mensch sein, ohne sich vor irgend etwas beugen zu müssen. Fjodor Dostojewski. Descendite, ut ascendatis, et ascendatis ad DEUM. Augustinus. Die Deutschen werden....... wieder- alles versuchen, um aus einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. ? Friedrich Nietzsche. M eine Freunde, wenn ich heute an dieser Stelle zu Ihnen spreche, so tue ich dies zunächst nicht als Geistlicher.. Noch weniger als ein Anklagender und Verurteilender, der Luft machen möchte seinem Grimm über Allzuvieles, das in den letzten zwölf Jahren Menschen unseres Vaterlandes von Menschen angetan wurde. Genug ist des Grimmes in Millionen Herzen unserer Brüder und Schwestern. Meine Absicht ist sehr schlicht, daß wir einander helfen. Einander helfen, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und miteinander zu bedenken, wie wir vielleicht mit ihnen fertig werden können in der Zukunft, wenn der Gnade dazu gibt, ohne den die besten Gedanken der Menschen eine Nichtigkeit sind. Denn ,, des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein gibt, daß er fortgehe". - - Und als ein Mensch, der nicht nur vierzig Monate hinter dem elektrischen Stacheldraht der Gestapo versucht hat sein Leben zu retten, sondern sich über das Unglück klar zu werden, beanspruche ich allerdings wie jeder geistig aufrichtige Teilnehmer meines Weges es beanspruchen wird von Ihnen gehört zu werden zu diesem Thema. Denn in Dachau Gefangener, von der Mehrheit des deutschen Volkes Verlassener und Vergessener sein zu müssen, war inmitten der seelischen Qual, die solches Schicksal für Menschen mit Seele, Geist und Gemüt bedeuten mußte, eine unerhörte Gnade. Die Gnade einer Schärfung des Gewissens, das so überwältigend, so schmerzhaft und dringlich in uns zu reden begann, daß man diese Stimme nur ertragen konnte und bis zur Stunde erträgt mit der Erklärung: es soll durch uns reden für andere! Für andere, die nicht mehr reden können oder nicht reden wollen. Für die leiblich oder geistig Toten unseres Volkes. Dieses stellvertretende Gewissen, das nach dem Wort eines aufrechten deutschen Dichters der letzten 7 Jahre - - eintritt für die Aufrichtung und Geltung der ewigen großen Menschheitsanliegen, nämlich für die Wahrheit, das Recht, die Freiheit, die Güte, die Liebe und vor allem für das Gesetz und den Sinn einer großen Weltordnung" dieses Gewissen ist der Grund meiner Bitte an Sie, mich heute zu hören. Ich will Ihnen nur etwas weiterreichen, wie der Läufer einer Staffette seinen Stab weiterreicht, bis er in einem anderen Mitläufer das Ziel aller erreicht: den Sieg und den Kranz! Ob unsere Kinder und Kindeskinder dieser letzte Läufer sein werden Sie wissen es so wenig wie ich. Aber der Stab muß weitergereicht werden. Und er ward uns auf unserem Wege fest und heiß in die Hand gedrückt. Nun brennt er uns in den Händen, und sehnsüchtig halten wir Ausschau, wer denn am Wege stehe und ihn uns abnehme, wenn wir müde werden. Ich könnte nun Vieles berichten, was wir erlebt haben. Viel Leid, viel Not, viel Grausamkeit, unsagbare Verirrungen und Entartungen. Aber ich will davon schweigen und nur von einem Erlebnis sprechen, das uns auf unserem Wege widerfuhr und unsere Seele noch beschäftigen wird, wenn wir manche Einzelheit des dunklen Weges haben vergessen dürfen. Wir sahen das deutsche Antlitz, die Physiognomie des heutigen deutschen Menschen in schärfster Ausprägung aller Züge, die seit gestern und vorgestern im Lebenslauf unseres Volkes als deutsch galten, deutsch waren und bis zur Stunde auch noch deutsch sind. Jeder Deutsche, der ehrlich nachdenkt und nicht seine frommen Vorstellungen, sondern das deutsche Sein zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen nimmt, wird sich selbst und sei es nur mit einem Zuge in diesem Antlitz, das wir sehen durften, wiederfinden und darin die Frage an seine Seele gerichtet ,, Wohin geh'st du?" Und wohl dem Nicht- Deutschen, der diese Frage mit uns hört! - Meine Freunde, wir können es nicht mit jenen geistigen Seiltänzern halten, die jene Vision unseres Weges das ,, nationalsozialistische Antlitz" nennen wollen, das sich von dem ,, deutschen Antlitz" unterscheide wie die Teufelsfratze auf Meister Dürers Bild vom Gesicht des Ritter ohne Furcht und Tadel. Gewiß, die Former und Präger des Antlitzes, das wir schmerzhaft nahe und deutlich sahen, waren Menschen jener bestimmten politischen Richtung und weltanschaulichen Verpflichtung, die nur eine Gruppe unter deutschen Menschen bildeten. Aber der seelische ,, Stoff", die charakterliche Disposition, die jenen Formern des deutschen Antlitzes als Materie dienen mußte wie der Ton dem Bildhauer, war deutsch, war die vorgefundene Seelenverfassung und Denkweise deutscher Männer und deutscher Frauen unseres Jahrhunderts, die deutsche Väter und deutsche Mütter gezeugt, geboren und erzogen haben, wie eben ein durchschnittlicher Deutscher seit den Tagen unserer Väter und Großväter d. h. seit den Tagen eines Fichte, eines Jahn 8 - und eines Bismarck - - gezeugt, geboren und erzogen wurde. Mag Geist und Fleisch des Nationalsozialismus undeutsch in einem bestimmten idealen, etwa germanisch- christlichen Verstande des Deutschtums gewesen sein. Mag das Andante der H- moll- Symphonie von Schubert oder ein Scherzo Bruckner'scher Symphonien in dem geistigen Raum jener Menschen klingen wie eine Engelsstimme im Vorhof der Hölle deutsch im Sinne der gegenwärtigen seelischen Verfassung des deutschen Menschen war dieses Antlitz sicherlich. Zu wenig haben von Anbeginn das ,, Antlitz hinter der Maske" erschaut, zu viele sich selbst darin gefunden, daß man mit sittlichem und historischem Recht heute sagen dürfte, was so viele Gaukler der Seelen- und Volkskunde unserem Volke weiszumachen versuchen: ,, Das deutsche Antlitz und der Nationalsozialismus waren Gegensätze!" Meine Freunde, hören Sie nicht auf diese Stimmen, woher sie auch kommen mögen! Denn es ist die eine Stimme des Verführers, der hinter uns getreten ist in der göttlichen Stunde der Gegenwart, da uns vorgelegt ist der Weg zur Rechten oder zur Linken, wie nie in unserer deutschen Geschichte. Sie werden es nicht alle ,, schlecht meinen", die so zu Ihnen reden. Sie werden oft zu jenen Leuten gehören, die es Vogel Strauß nachtun. Oder die auch heute wieder der berühmten ,, deutschen Objektivität" dienen wollen. Aber ihre Gestalt wird der Verführer zur letzten Stunde annehmen, unsere Augen zu blenden, daß wir nicht sehen, was göttliche Barmherzigkeit uns zu sehen gibt: das Antlitz des Deutschen, der sterben muß, wenn der Deutsche noch einmal leben soll, wie ihn GOTT will und wie ihn die Völker Europas nötig haben. Denn sehen Sie, meine Freunde, jenes Antlitz der Menschen, das sich so schmerzlich tief unserer Seele einprägte auf unserem Wege der Verbannung und der Acht, waren nicht die brutalen Züge dieses und jenes SS.- Obersturmführers, den Sie heute aus Zeitung und Radio kennen lernen. Es war der Mensch ohne Gewissen, ohne Pflichtgefühl, ohne Wahrhaftigkeit, ohne Ehrfurcht, ohne Mut, ohne Zucht, ohne göttliche Bindungen. Der arme Mensch an Menschen verkauft, an die Dinge versklavt, vom Strudel der Zeit und der Welt rettungslos umhergetrieben und verschlungen. Und dieser arme Mensch ist nun eben keine scheußliche Fratze des deutschen Menschen von heute. Es ist das deutsche Antlitz! Im Volkskörper oft noch in schwächeren, verschwommenen Konturen sichtbar, durch überlebte ,, Züge der Vergangenheit" wie von einer Maske überdeckt, aber als Gestalt der deutschen Seele von heute überall zu finden. In Stadt und Land. Im Haus des Bürgers und des Arbeiters, des Akademikers wie des Offiziers. Der Mensch der sterbenden Seele. Wir gedenken mit Ehrfurcht der Ausnahmen. Auf allen Gebieten menschlichen Zusammenlebens. In Wirtschaft und Politik, - 9 Wissenschaft und Religion, Kunst und Wehrmacht. Mancher Name dürfte an dieser Stelle unserer Besinnung genannt werden, der ein Leben der Treue und des Opfers umschließt, und viele„unbekannte Soldaten‘, die sich demütig haben verzehren lassen von der heiligen Flamme der Wahrheit— und kein Stein ward ihnen gesetzt. Aber diese Männer und Frauen sind als einsame Wächter durch unsere Städte und Dörfer gegangen: Und nicht haben sie es verhindern dürfen, daß der Feind unserer Seele die Zinnen erstieg und die Mannschaft unseres Volkes wenn-nicht erwürgte, so doch in schmähliche Fesseln schlug. Denn warum waren sie verurteilt, ein- same Wächter zu sein? Nur darum etwa, weil sie von der deutschen Führung aus dem Organismus des völkischen Lebens durch Gewalt ausgeschieden wurden? Ich meine doch, meine Freunde, das sei eine ‚Antwort für halbwüchsige Knaben und alte Weiblein. Und vielleicht lebt eine Zahl unserer Brüder und Schwestern in solchem Geiste lächerlicher Naivität oder armseliger Schwäche, die wir noch nicht ahnen. Aber in wem noch ein Rest des Menschen lebendig ist, der zu GOTTES Bilde geschaffen ist und darum weiß, was er tut und was er nicht tut, wird doch wohl mit uns antworten müssen: jene Deutsche waren einsam, weil die Mehrheit des’ Volkes nicht daran dachte— ganz zu schweigen von der Tat!—, an ihren Seelen als den Repräsentanten deutschen Geistes und deutscher Verpflich- tung die eigene zu entzünden. Und damit stehen wir bei der zweiten Frage dieser Stunde. Bei. der Frage nach der deutschen Schuld, die aus dem deutschen Antlitz von heute zu lesen ist. Meine Freunde, oft hören wir heute dieses Wort„Schuld”. Und _. so will mir scheinen— wir hören es mit Mißtrauen. Denn allzu- viele gebrauchen dieses heilige Wort, das an alle Untiefen und Höhen des Menschen führt, wie eine‘ Peitsche, die man dem anderen mit Lust über den Rücken zieht. Und es sollte doch eine Salbe sein, die Blinde sehend macht!: Aber ich möchte meinen, es sei nicht nur unsere Abneigung gegenüber den Kurpfuschern und falschen Ärzten, daß wir uns dem Zugriff dieses Worte„Schuld“ so schnell entziehen. Es ist eine tiefe Wunde der deutschen Seele von heute, an die wir hier rühren. "Wir wissen, ja ahnen nicht einmal mehr, daß dort das Tier. endet und der Mensch beginnt, wo eine Kreatur sich schuldig weiß vor seinem Gewissen, vor seinem Mitmenschen und— verborgen in beidem— vor GOTT. Wir erleiden alles Geschehen wie eine fremde Gewalt und gleichen darin dem Hunde, der— von seinem Herrn in ein Wasser geworfen— sich herausarbeitet, seinen Pelz schüttelt und davontrottet, bis ihn das Unglück aufs neue ereilt. Unser deutscher Dichter Friedrich von Schiller hat einen berühmten Aufsatz geschrieben„Über das Erhabene‘, und wir lesen darin den Satz: „Wer Gewalt feigerweise erleidet, wirft seine Menschheit hinweg." Meine Freunde, wer nicht schuldig sein will auf dieser Erde, dem 10 bleibt nur übrig, wie jener Hund durch's Leben zu trotten, bis er eines Tages in seinem Winkel verende. Und ein Volk, das sich zu diesem Vegetieren der unvernünftigen Kreatur entschlossen hat, die Menschheit hat entgültig seine Menschheit weggeworfen, unserer großen Tragiker von Sophokles bis William Shakespeare, aber auch die Menschheit dessen, von dem der Apostel kündet ,, Da aber die Zeit erfüllet ward, sandte GOTT SEINEN Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf daß er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, daß wir die Kindschaft empfingen." Nur der Schuldige ist GOTT nahe und die Erhabenheit göttlichen Geschlechtes strahlt von keiner anderen Stirn denn der, die in Reue den Staub berührt hat. Aber von den Hundenaturen steht geschrieben: ,, Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen; und niemand gab sie ihm." Darum, meine Freunde, lassen Sie uns widerstehen den Gleichgültigen und uns sammeln zu denen, die ein unruhiges Herz haben und nach ihrer und unseres Volkes Schuld fragen. Es gibt im heutigen deutschen Volksbewußtsein zwei Arten von ,, Schuld" zu reden. Viele sagen ,, Schuld" und meinen doch nur " 1 ohne eigentlich sittliche Reflexion und ein wirkliches Gegenüber" zu haben den beinah physikalischen oder biologischen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, die rein äußerliche und mechanische Bezogenheit des Menschen auf einen bestimmten Zustand. ,, Er ist schuld daran..." bedeutet ihnen das Gleiche wie ein Vorgang in der Natur: der Apfel fällt vom Baum auf die Erde, weil er den Gesetzen der Schwerkraft und Anziehungskraft unterworfen ist. - Wir sind uns klar, wie fern dieser Gedankengang. noch dem Mysterium der Schuld ist, das nicht nur die nachdenklichen Menschen aller Zeiten, sondern auch ihren Schöpfer und HERRN umgetrieben hat. Aber stellen wir uns einmal in die Reihen unserer Brüder und Schwestern, die heute so denken, und fragen in ihrem Sinne nach der Schuld", die aus dem deutschen Antlitz von heute zu lesen ist meine Freunde, was können wir anderes antworten. als: der Mensch ohne Gewissen, ohne Pflichtgefühl, ohne Güte, ohne Wahrhaftigkeit, ohne Ehrfurcht, ohne Mut, ohne. Zucht, ohne göttliche Bindungen, wie wir ihn in den vergangenen Jahren, bis in clodianischen und catilinarischen Fanatismus gesteigert, erlebt haben, ist die Darstellung und Frucht, also die ,, Schuld" der deutschen Seele von heute und gestern und vorgestern? Wohlgemerkt: auch jener deutschen Seele, die mit ,, gutem Gewissen" im Dritten Reich wie unter Wilhelm II. idealiter und realiter das ,, GOTT mit uns" auf dem Koppelschloß des deutschen Soldaten vertrat und durchaus nicht den nationalsozialistischen Bruch mit der Kirche Jesu Christi und den Geboten Gottes vollzogen wissen wollte! Ist nicht die Mehrzahl der deutschen Menschen schon seit gestern und 11 - - - vorgestern dadurch gekennzeichnet, daß ihr die eigentlich menschlichen Adelsprädikate im Schatten des Evangeliums" und des Antichrist! verloren gegangen sind: ein waches Gewissen zu haben, die Pflicht über alle persönlichen Neigungen und Bedürfnisse zu stellen, dem Mitmenschen als einem ständigen Anruf sich verpflichtet zu wissen, die Wahrhaftigkeit oder wenigstens das Streben danach allem Glückseligkeitsverlangen vorzuordnen, Ehrfurcht vor allem Lebendigen, vor jedem seelischen Leben und Ausdruck, vor Wesen und Ordnung der Geschlechter zu bezeugen, sein Wollen und Wirken an der überzeitlichen Gottheit und ihren ewigen Gesetzen zu orientieren? Ja, meine Freunde wir sagen es ohne Bitterkeit und Verachtung, aber mit dem beschwörenden Ernst, der unserer deutschen Stunde geziemt!, die Masse unseres Volkes und zwar aus allen Ständen! nennt keines dieser Güter mehr sein eigen und kehrt entschlossen den Rücken allen, die sie noch besitzen. Mögen Sie erschrecken und fast möchte ich es Ihnen wünschen aber es ist meine unerschütterliche Meinung, daß es eine Reihe und Gliedschaft sei: der Durchschnittsdeutsche von gestern und heute, wie er seinen Sonntag verbringt, welche Filme er liebt, welche Bücher er liest und nicht liest, was er im Radio anstellt, was er von seiner Frau und Ehe verlangt, welche Wirtschaftsprinzipien er vertritt, und- der Parteisoldat vergangener Tage, der keine seelische Erregung vor einem Genickschuß oder der Vergewaltigung wehrloser Menschen empfindet, wenn er nur eine Zeitlang darauf dressiert wird! Es ist wirklich nur ein Schritt von dem, was zwei junge Leute unserer Tage ,, Liebe" nennen, bis zu dem Parteisoldaten, der sich am Gut seines wehrlosen Feindes bereichert. Die Distanz, die wir da festzustellen pflegen, stammt aus einer bürgerlichen Welt, der das Kainszeichen der Verlogenheit oder jämmerlicher Einbildung von der Stirne schreit. Es ist eine Reihe von deutschen Menschen, die jede organische Verbindung nach rückwärts zu deutscher Geschichte, deutscher Kultur, deutscher Wissenschaft, zu fast allen in Natur und Menschheit seit Urzeiten gültigen Gesetzen, aber auch zur Weltgeschichte und Weltkultur abgebrochen haben; und das um des einen Linsengerichtes willen: das nackte Leben des Augenblicks für den Augenblick zu wahren. ,, Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot." D. h. aber mit einem Wort: der Rückfall in das Barbarentum, den ein so gründlicher Kenner der deutschen Seele und der deutschen Geschichte wie August Friedrich Christian Vilmar bereits vor 100 Jahren unserem Volke aufgedeckt hat, so scharf auf den Grund der modernen deutschen Seele sehend, daß er im Jahre 1850 schreiben konnte: ,, Es ist klar, daß eine Berufung auf das Gewissen in dem früheren Sinne gar nicht mehr möglich ist; es ist klar, daß eine Berufung auf das Gewissen in der jetzigen Bedeutung des 12 Wortes gar keine Kraft, keine Bedeutung, nicht einmal mehr einen Sinn hat..... sie ist nichts mehr und nichts weniger als eine Berufung auf die willkürliche Selbstbestimmung, in vielen Fällen sogar geradezu auf die Willkür als die Spitze aller mit Konsequenz festgehaltenen menschlichen Individualität." Die Masse unseres Volkes ist heute einfach abgestumpft gegenüber allen echten sittlichen und seelischen Regungen und Anregungen; und die Zeiten, da ein deutscher Universitätsprofessor und ein deutscher Handwerker mit gleicher Einfalt von einem Lied wie ,, Der Mond ist aufgegangen, die güldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar...." sich ansprechen ließen, sind gewiß nicht mehr die unsrigen. So müssen wir uns also schon in jenem uneigentlichen Sinne die Frage nach der ,, Schuld", wie sie sich heute viele unserer Brüder und Schwestern stellen, mit dem Urteil beantworten: der entseelte Mensch unseres Volkes ist der ,, Stoff" des deutschen Antlitzes von heute, das wir und die Welt in den vergangenen Jahren zu sehen bekamen; geprägt von jener Gruppe, dargeboten von unserem Fleisch und Blut als williger Ton für diese Hände und ihre Visionen! Jedoch nun gibt es noch eine zweite Art außer jener causalmechanischen von Schuld zu reden, und das ist die eigentlich zutreffende und dem gemeinten Sachverhalt entsprechende. Schuld setzt Verantwortung und Verantwortlichkeit vor einem Gegenüber, vor irgendeiner Instanz voraus, der ich mich schuldig weiß. Schuld kann nur eine sittliche Persönlichkeit haben, die Verantwortung kennt und darum hat. Und damit stehen wir vor einem neuen Problem unserer Tage. Es will uns scheinen, in jenem eigentlichen Sinne könne einem großen Teil unseres Volkes keine Schuld aus dem deutschen Antlitz der Gegenwart abgelesen werden. Denn, meine Freunde, unser Volk ist krank. Und ein kranker Mensch kann in einen inneren Zustand der Rat- und Hilflosigkeit geraten, der ihn jeder Verantwortlichkeit für sein Handeln enthebt. Es ist auch in der Tat bei nicht wenigen Menschen unserer Zeit ein aussichtsloses Unternehmen, in ihnen nur einen Funken des Bedenkens über diesen Rechtsfrevel, über jene Ehrfurchtslosigkeit, über einen wecken. Gewaltakt im politischen und wirtschaftlichen Leben zu Sie sind sich wirklich keiner Schuld bewußt. Das klingt grauenhaft. Aber es ist so. Gewiß nicht nur in unserem Volke. Doch wir wollten ja heute von uns sprechen, von unserer Stunde, von unserem zu unserer Gnade, die wir ersehnen Unglück und von Besserung. Darum noch einmal: Ja, es sind viele unter uns, die wissen es nicht besser! unserer urteilslose Und dennoch! Auch dieses sittlich und religiös Deutschland ist schuldig vor seinem GOTT und den Menschen. Y 13 das Seine Denn es gibt eine Gesamtschuld, eine Volks- Schuld, mit der jedermann belastet ist, der diesem Volkskörper angehört: die Gesamtschuld, daß sein Volk dieses Antlitz von heute trägt, zu der er für sein Teil mag er krank und degeneriert sein! beigetragen hat und beiträgt und um dessetwillen er in der Weltgeschichte und im Weltgericht gewogen werden wird. Denn auch der auf die Stufe des Tieres gesunkene Mensch bleibt der Mensch, der gefragt werden wird von GOTT und seinen Brüdern, wie er mit dem göttlichen Pfunde seiner Seele gewuchert habe auf Erden und sein ganzes Volk mit ihm! - - Doch das deutsche Volk bestand und besteht ja so werden Sie einwenden nicht nur aus den Abgestumpften, den religiös und sittlich Indifferenten, den seelisch Toten. Es gab und gibt doch noch jene ,, Siebentausend", die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben, die Verantwortung kennen und darum im strengsten Sinne auch Verantwortung zu tragen haben; die noch nicht die Anarchie der moralischen Welt bejahen; die noch von einem lieben Vater. über dem Sternenzelt und sogar noch mehr: von dem Vater JESU CHRISTI wissen. Sie sind doch wahrlich nicht ausgestorben in unserem Geschlecht, die Innerlichen und Besinnlichen, die sich in jene Bezirke des einfach Großen und der großen Einfachheit menschlicher Selbstbesinnung heben lassen können, wo es etwa klingt: ,, Füllest wieder Busch und Tal still mit Nebelglanz, lösest endlich auch einmal meine Seele ganz.... Und die aus einem warmen Herzen damit ,, ein- verstanden" sind, daß jenes Gedicht von Matthias Claudius mit dem einfältigen Gebet endet: ,, Und laẞ uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!"... Sie leben ja unter uns, diese deutschen Menschen, die Christen, die sittlichen Persönlichkeiten, die Charaktere, die an sich und ihrer Umwelt Arbeitenden. Ich habe sogar auf meinem Wege Männer kennen gelernt, die nach höheren Kränzen als einem schnell verwelkenden Gewinde aus Leben und Ehre und Genuß strebten. Und dennoch gehören auch sie mit in das deutsche Antlitz von heute, das uns mit der ganzen Welt erschrocken und beschämt hat. Was bedeutet das für die Frage nach der Schuld? Meine Freunde, es bedeutet die besondere, Schuld aller Wissenden und Begnadeten an dem Abstieg unserer Brüder und Schwestern. ,, Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel verlangt werden." Warum schwiegen die Beschenkten? Warum traten sie nicht in den Riß für ihren Bruder, dem Unrecht getan oder das Auge geblendet wurde? Warum ließen sie geschehen das offenbare Unrecht und die offenbaren Greuel nicht rede ich von dem Heimlichen! Jugenderziehung und Rechtsauffassung, in öffentlicher Sittlichkeit und religiösem Leben? Warum, meine Freunde? Warum durfte das Tier aus dem Abgrund steigen, Jahr für Jahr wilder seinen Feuer14 - - in atem in unsere Herzen blasend, und das Blut Abels, des Gerechten, schrie selten als heiliges Opfer zu dem HERRN aller Herren, bis der Tag der Enthüllung des deutschen Antlitzes vor aller Menschen ‘Augen von IHM heraufgeführt ward? Warum, meine Freunde? „GOTT hat es so gewollt..." höre ich. Und es ist die Flucht Adams vor der Stimme seines HERRN:„Wo bist du?" Als ob GOTTES heiliger Wille ein Mantel sei, unsere Blöße zu decken! Aber es gibt eine Antwort auf jene Frage, die wenigstens der Versuch ist, stehen zu bleiben, wenn wir GOTTES Stimme hören, der durch unsere deutschen Lande schreitet. Immer wieder wird mir diese Antwort entgegengehalten, auf den Straßen, in den Stuben und in den Kontoren, wenn ich in die Herzen der Sauberen und Edelen und Frommen hineinhorche. Aber auch diese Antwort ist ein Gericht, ein Gericht schwerer Schuld über die Besten unseres Volkes. Sie lautet:„Es war doch sinnlos, etwas zu sagen oder zu tun. Es hätte mir den Kopf und meiner Familie die Existenz gekostet....“ Meine Freunde, unsere Besten waren feige. Schon die Besten unserer Besten sahen es mit Tränen in den Augen und gingen einsam ihre steile Straße der Vollendung. Und wenn sie nicht feige waren, so"waren sie— trotz allem sittlichen Hochstand, trotz aller christlichen Beharrlichkeit— nicht mehr überzeugt von der. Gültigkeit des großen Satzes, daß das Leben nicht der Güter höchstes sei. Und fremd war ihnen die heilige Gewißheit aller Wahrhaftigen, die je über dieser Erde‘gegangen sind, daß der Wahrheit. gehorchen zwar nicht immer Erfolg, aber allezeit göttlichen Lohn und göttliche Bestätigung findet— und sei es nur über dem Grabe des Dieners das brennende Herz eines neuen Nachfolgers und das geweckte Gewissen eines einstigen Schwachen! Wohl beschwor ein deutscher Dichter unsere Jugend,„sich niemals dahin drängen zu lassen, zu schweigen, wenn das Gewissen Ihnen zu reden befiehlt. Und niemals, niemals ‚den Tausenden und Aber- tausenden anzugehören, von denen es heißt, daß sie Angst in der Welt haben, weil nichts und nichts das Mark so zerfrißt wie die Feigheit.” Aber man schrieb sich sein‘’Wort heimlich ab, man gab es flüsternd unter den Gebildeten weiter, nannte es„herrlich“ und „tapfer— aber der Dichter— ich spreche von Ernst Wiechert— wanderte. in die Verbannung, und die Edlen blieben stumm und zogen sich zurück in„die andere Gesinnung“. Halten Sie mir nicht das Wort der Bibel entgegen:„Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel“! Denn jene Männer und Frauen waren Beschenkte'und Gesegnete durch Natur und Gnade, und wir müßten uns durch sie vielmehr an einen anderen Menschen der Bibel erinnern lassen, der seinen Zentner in die Erde verbarg, weil er ein fauler und unnützer Knecht war. Gabe und Zeit zum Wuchern mit ihren Pfunden war gewährt, des sind . i; 15\ deutsche Brüder und Schwestern aus allen Konfessionen, Parteien und Ständen laute Zeugen mit den Zinsen ihrer Arbeit, ihrer Leiden und ihres Blutes! Aber jene stehen vor dem göttlichen Urteil: ,, Nehmet von ihm den Zentner..."! Das, meine Freunde, ist die Schuld der Edlen und Besten unter unseren Bauern und Arbeitern, Bürgern und Akademikern und Offizieren und mit großer Trauer und Scham denke ich hier an manchen General und Beamten, Professor( woher kommt eigentlich dies Wort?), Dichter und Pfarrer! daß sie durchdrungen vom schleichenden Gift des Positivismus und Materialismus und von der alten Lüge, der Gedanke sei Tat und Leben, den Blick zu den Sternen vertauschten mit dem Blick auf die Orden und Güter und Ehren, die eine jämmerliche Welt zu vergeben hat; und also auf einer Straße wanderten mit den Schwachen und Armen und Gesunkenen, die mehr warteten, als wir ahnen, auf einen Winkelried, der ihnen die Gasse brach. Aber unsere Besserwissenden waren noch Kinder jener Zeit der Rhetorik, der Untätigkeit und Furchtsamkeit, über die Sie noch einmal ein deutsches Urteil vor 100 Jahren anhören mögen: ,, Diese träge und furchtsame Welt, welche die eigene Haut preiszugeben, die ganze Persönlichkeit mit Leib und Leben in die Schanze zu schlagen sich scheut, fühlt sich dennoch im Geheimen völlig unbefriedigt- die Worte, die Begriffe, die Phrasen genügen nicht, das fühlt man wohl, aber man kann nicht weiter, man will nicht weiter: nicht allein der Fluch der Ohnmacht, auch der Fluch der Entschlußlosigkeit und Willenlosigkeit ist über die Welt gekommen. Man fühlt den Trieb, den Reiz, den freilich ohnmächtigen Kitzel nach Taten, die mehr wären als Worte, wenn ein Quell zur Tat vorhanden wäre, und wenn die Tat nicht die eigene liebwerte Persönlichkeit, den teuren Leib mit seiner Pflege, das liebe Leben, mit dem ja alles aus ist, kosten könnte. Daher die Unfähigkeit, entschiedene Charaktere zu achten und sich ihnen anzuschließen. Daher der auffallende Widerwille gegen alle nur einigermaßen entschieden auftretende Persönlichkeiten, der Haß gegen scharf geschnittene, kräftige, großartige Charaktere. Daher möchte man beinahe sagen, die Unfähigkeit unserer Zeit, große Persönlichkeiten, Charaktere im erhabensten Stil zu erzeugen. Alle Welt ruft nach einer großen rettenden Persönlichkeit aber dieselbe Welt will nicht einmal die Persönlichkeiten und Charaktere zweiten und dritten Ranges anerkennen."( A. F. C. Vilmar, Von der Überschätzung der Wissenschaft, 1849.) - So, meine Freunde, wurde das deutsche Antlitz von heute, in dem wir alle enthalten sind und an dem wir alle mitgearbeitet haben. Die einen als die Unwissenden, die anderen als die Schweigenden. Die einen als die Toten, die anderen als die Sterbenden. Die einen als die Reichen, die anderen als die Armen. Damit aber 16 stehen wir vor dem eigentlichen Ziel unserer gemeinsamen Besinnung über die Stunde unseres Volkes, vor der Frage nach der Zukunft, vor der Aufgabe der geistigen Wandlung des deutschen Antlitzes, nach der es selbst ruft.' Erwarten Sie keine politischen und wirtschaftlichen Pläne von mir. Mein Beruf ist, Menschen bei der Hand zu nehmen und zu dem zu führen, der aller Wirren Ordner ist: zu dem Vater unseres HERRN und Heilandes JESU CHRISTI. Politische Pläne mögen und müssen die berufenen Männer vorlegen. Und hoffentlich sind sie berufen und tun sie es bald und gut. Aber sie mögen es tun nach einer Wandlung ihrer Herzen, ohne die das Vergangene nicht vergangen sein wird, eine Wandlung, die das Wiedererwachen der Seele auf Antlitz und Händen des deutschen Menschen vorbereiten würde, welches auch immer die politischen und wirtschaftlichen Lebensformen der deutschen Zukunft sein mögen. Wir haben gerade bei dem täglichen Hineinschauen in das verzerrte Antlitz des deutschen Menschen immer wieder den Ruf nach dem Neuen, nach dem Wahren, nach dem Ewig- Gültigen vernommen, der aus keinem Menschenantlitz zu tilgen ist, ja der immer lauter wird, je tiefer ein Mensch sinkt und sänke er so tief wie der lästernde Schächer neben dem sterbenden Sohne Gottes. Wenn ich einen Dichter und Denker inmitten der Verfolgten und ihrer Verfolger habe ganz neu begreifen dürfen, dann war es der Russe Fjodor Dostojewski, der liebende Forscher im Antlitz aller Schächer zur Rechten oder zur Linken. Es sind vier Rufe der Wandlung, die ich heute vernehme und Ihnen weitergeben möchte. - - Das deutsche Antlitz von heute ruft uns zur Demut! Meine lieben Freunde, lassen Sie uns miteinander demütig sein, die innerste Haltung jedes Menschen, der etwas vom Leben und seinen Aufgaben und Grenzen verstanden hat. ,, Man kann gar nicht Mensch sein, ohne sich vor irgend etwas beugen zu müssen", sagt einmal der eben erwähnte Fjodor Dostojewski. Und ich denke da besonders an die uns Deutschen heute aufgetragene Demut andere Völker mögen zusehen, was ihnen aufgetragen ist, die sich vor dem Gericht der deutschen Geschichte und vor dem unsäglich schweren Unternehmen einer deutschen Zukunft in Selbstbescheidung und Reue beugt, und hinter all dem vor GOTT, dessen Gang durch unsere Häuser und Felder und Familien wir darin vernehmen, wenn wir uns die Augen und Ohren öffnen lassen durch Sein Wort. Es ist nicht gut, wenn sich in unserem Vaterlande noch Menschen gegenseitig zu bestärken suchen in einem ,, unbändigen Haß auf alle unsere Feinde". Es ist bestimmt nicht gut, meine Freunde! Denn ,, unbändiger Haẞ" vermag nur aus einem Herzen zu quellen, das in der Brust stolzer und hochmütiger Menschenkinder schlägt und von dem unser deutscher Sänger singt:„ Wir spinnen Luftgespinste 17 und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel." Gerade die Demut würde uns zu jenem notwendigen Realisten unter Besiegten und Siegern machen, der dem deutschen Menschen von Natur so schwer fällt und heute nötiger denn je ist. Und wenn sich das kommende Menschenbild unseres Volkes jemals von dem der vergangenen Tage unterscheiden soll, dann wird es dies Neue sein: daß wir wieder demütig und das heißt: wahrhaft menschlich sein können: ,, Steiget herab, damit ihr aufsteiget, und möget ihr aufsteigen zu GOTT." Und das deutsche Antlitz von heute ruft uns weiter zum Hartsein gegen uns selbst! - Das war doch für jeden genau Hinsehenden unter uns die beklemmende Entdeckung, daß wir es wohl trefflich verstanden, hart gegen andere, nur nicht gegen uns selbst zu sein. Das müßte nun auch anders werden und würde nur die andere Seite der Demut vor GOTT und unserem Mitmenschen sein. Wir müssen es wieder lernen lesen Sie einmal in Jochen Kleppers Roman ,, Der Vater" oder in Otto von Taubes ,, Geschichte unseres Volkes", im Kapitel über Friedrich Wilhelm I., wie man das, macht hart zu werden im Selbstgericht über unsere deutschen Nationalschwächen und unsere persönlichen Mängel; hart zu werden in der Scheidung und Reinigung von allem Vergangenen in Kirche und Volk und Geschichte, das Unrecht und Verführung war und nach Sühne verlangt, nach der reinigenden Sühne irdischer Gerechtigkeit und aufrichtigen Selbstgerichtes ,,, damit es nicht auf dem Lande bleibe", wie Friedrich Wilhelm I. einmal zu diesem Thema bemerkt hat. Das widerspricht nicht dem göttlichen und menschlichen Gebot der Barmherzigkeit. Aber Barmherzigkeit, die nicht hart sein kann, meine Freunde, ist allerdings weder göttlich noch menschlich! Lassen Sie uns darum auch hart und ohne Menschenfurcht werden in der offenen Aussprache aller Sorgen und Nöte, die wir füreinander haben, und wer müßte das nicht wieder ganz neu lernen: das zu tun mit Verantwortung und Zucht und Barmherzigkeit? Weiter ruft uns das deutsche Antlitz von heute zu neuem Horchen auf jahrzehntelang überhörte Stimmen, zu der neuen Erfahrung dessen, was Theodor Litt in entscheidender Stunde uns als das Wesen menschlichen Lebens und wahrer Geschichte auseinandergesetzt hat: die ,, Begegnung" mit dem ,, Anderen". Schließen wir uns doch wieder auf den Stimmen unserer Väter und aller Kulturnationen, denen wir uns in einem Maße verschlossen haben und das auch nicht erst seit 1933! daß schon damit der Vorwurf des Rückfalls in die Barbarei gerechtfertigt werden könnte, auch wenn es kein Buchenwalde und Auschwitz und Dachau im deutschen Volke gäbe. Ich meine nicht zu übertreiben, wenn ich Ihnen sage: es warten auf jedem Gebiete unseres menschlichen Zusammenlebens 18. - - mehr Männer, als ich Finger an der Hand habe, aus der deutschen Vergangenheit auf uns, deren Stimmen und Weisungen uns wie göttliche Offenbarung in unserem geistigen Chaos treffen und zu unserem wahren Selbst rufen würden! Lassen Sie uns auch wieder neu hören da wir es nun wieder dürfen auf die Stimme der Kirche JESU CHRISTI, durch die wir nach dem Urteil aller einsichtigen Historiker und Politiker überhaupt erst ein Volk in der Völkergemeinschaft des Abendlandes geworden und nicht Barbaren geblieben sind. Nicht um eines Abendlandes willen, das wir nicht mehr beschwören können und nach meiner Meinung auch nicht einmal beschwören dürfen als Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts; aber um der historischen Wahrheit willen, der man ins Auge gesehen haben muß, wenn man neue Wege mit Verheißung in die Zukunft gehen will. Und die Historie lehrt: solange und sobald der. GOTT- Mensch von Nazareth uns fand, haben wir Deutsche uns selbst gefunden als Reich und als Individuen des Geistes und der Kraft. Wenn Sie ein wenig nachdenken, meine Freunde, werden Sie auch aus diesem dritten Ruf unseren ersten hören, den Ruf zur Demut! Denn nur die Hybris oder die Dummheit und die Bibel bringt gelegentlich beides zusammen - an sich selbst genug. - haben Und endlich vernehmen Sie aus dem deutschen Antlitz von heute den Ruf nach Güte! Nach der schlichten menschlichen Güte, mit der wir einander begegnen, ertragen und zu helfen versuchen. Es gibt eine seltsam wunderbare Stelle im Werk Dostojewskis. Da sinkt ein reiner und frommer Mensch vor einem großen Sünder, auf den viel Leid und Gericht zukommt, auf die Knie, mit Tränen ehrfürchtiger Liebe vor so viel Gnade göttlicher Heimsuchung und Vergebungsbereitschaft. Sehen Sie, daran denke ich: an eine Güte, die davon lebt, wie tief GOTT, der HERR, vor uns Sündern in die Knie gegangen ist und uns in unserem Leid und Gericht umfangen hat durch SEINEN Sohn, den Gesellen der Zöllner und Sünder, bis zum Tode am Schandpfahl der Verbrecher, von deren einem in der Leidensgeschichte des HERRN geschrieben steht: ,, Er war um eines Aufruhrs, so in der Stadt geschehen war, und um eines Mordes willen ins Gefängnis geworfen..." Bemühen wir uns doch inständig, diesen bösen Traum der deutschen Seele hinter uns zu bringen, als könnten wir nur dann einander etwas sagen und sein, wenn wenigstens einer vor dem anderen stramm steht und nichts zu sagen hat. Es ist ein Durst nach gütigen Menschen unter uns, die uns gar nicht einmal soviel sagen sollen, aber die' auf uns hören und uns wie Kinder an der Hand nehmen können, wenn es über eine gefährliche Straße geht. Es ist das gewiß besonders Christenart, mit Menschen umzugehen. Doch die Sehnsucht nach Güte blüht doch wohl in jedem Menschenherzen, das einmal erlebt 19 hat mit Bewußtsein und hellem Verstande, wie schlecht wir Menschen sein können und wie nötig wir einander hätten für unsere kurze Reise. Und ich bin überzeugt, Sie werden dieses Verlangen ebenso bei unseren Gebildeten wie bei unseren Arbeitern finden, die die Gemeinschaft der Kirche Christi verloren haben: das Verlangen nach gütigen Menschen! Und in diesem Verlangen mehr Sehnsucht nach GOTT, nach Seinem Volke und nach der großen göttlichen Vergebung und Umwandlung, als sie selber ahnen! Ich muß hier unwillkürlich an meinen verstorbenen Vater denken und Sie verzeihen mir das Persönliche an dieser Stelle, aber er gehört in diese Stunde, denn er hat mich gelehrt von Jugend auf, aufrichtig gegen sich selbst und gegen andere zu sein, und koste es viel Tränen, Leid und Mißverständnis mein Vater ist zeit seines Lebens mit dem Christentum nicht fertig geworden, aber in einem seiner letzten Briefe stand zu lesen: ,, Ich empfinde Güte als etwas Heiliges..." Meine Freunde, Richter sind uns in unseren Tagen genug bestellt. Und das ist die göttliche Gerechtigkeit in der Geschichte, unter die wir uns beugen. Aber die menschliche Güte füreinander würde das erstorbene Leben miteinander wiedererwecken und wiederaufatmen lassen unsere Seele, die uns Menschenantlitz verleiht. So wahr des Menschen Sohn nicht gekommen ist zu richten, sondern die Welt selig- zu machen. Lassen Sie mich schließen mit Versen des Dichters Hermann Hesse aus einem Gedicht, das er der ,, zitternden Seele Mensch" widmete und die prophetische Überschrift trägt ,, Besinnung ( 1933)": Schwer ist sein Weg, Sünde und Tod seine Speise, Oft verirrt er ins Finstre, oft wär ihm Besser, nicht geschaffen zu sein, Ewig aber strahlt über ihm seine Bestimmung, Seine Sehnsucht: der Geist, das Licht. Und wir fühlen: ihn, den Gefährdeten, Liebt der Ewige mit besonderer Liebe. Darum ist uns irrenden Brüdern Liebe möglich in aller Entzweiung, Und nicht Richten und Haẞ, Sondern geduldige Liebe, Liebendes Dulden führt Uns dem heiligen Ziele näher. Das waren die vier Rufe der Wandlung am deutschen Antlitz von heute. Ihr Beginn würde der Anbruch einer neuen Zeit sein, die sich wirklich anschickt, den Rand des Abgrundes zu verlassen, an dem wir Deutsche von gestern und heute noch trunken vom Taumelbecher wanken, indes die Augen unserer Kinder uns fragen, wohin wir sie führen werden. 20 20