DAS heimliche DEUTSCHLAND BLATTER DER WIDERSTANDSBEWEGUNG 1€ 10,- BEK 70528 Antifa H DAS HEIMLICHE DEUTSCHLAND BLATTER DER WIDERSTANDSBEWEGUNG ZUR JAHRESKUNDGEBUNG DER OPFER DES FASCHISMUS AM 22. SEPTEMBER 1946 IM LUSTGARTEN BERLIN HERAUSGEGEBEN VOM HAUPTAUSSCHUSS OPFER DES FASCHISMUS BERLIN DIE TOTEN AN DIE LEBENDEN... VON JOSEF EBERLE Ihr habt es nicht gewußt, was uns geschehen? So hoch war nicht der Lagerzaun, so stumm Das Sterben nicht, daß unser Hilfeflehen Im Knall der Schüsse mußte untergehen... Ihr habt es nicht gewußt warum? Warum? Ihr hörtet nicht den Schrei der Todeskammern, Der welterschütternd bis zum Himmel stieg. Der Kinder Wimmern und der Alten Jammern, Mit dem sich Sterbende ans Leben klammern- Ihr hörtet nichts. Ihr brülltet Heil und Sieg! Ihr sahet nicht die Berge unserer Leichen Und nicht der Ofen nimmelhohe Glut? Den Hunger nicht und nicht die Angst der bleichen Gesichter und der Leiber Folterzeichen Ihr sah't bewundernd nur den Geßlerhut. + Ihr rocht auch nicht den Brandgeruch der Essen, Denn Eure Sinne waren abgestumpft. - Und rühmtet Ihr Euch nicht habt Ihr's vergessen? Des Herzens Härte am Kristall zu messen? Ihr habt ihn wir sind Zeugen - - übertrumpft. Ihr wußtet nichts. Laẞt uns den Streit beenden: Es sei! Wir führen nicht wie Krämer Buch. Die Zukunft aber liegt in Euren Händen, An Euch ist's unser Leid zum Glück zu wenden- Wir spenden beides: Segen oder Fluch... 2 Univ- Bibl Giessen 27007783 DAS HEIMLICHE DEUTSCHLAND VON KARL RADDATZ Die Geschichte der deutschen Widerstandsbewegung gegen den HitlerFaschismus ist noch nicht geschrieben. Die Überlebenden, die sie schreiben müßten, widmen ihre Kraft und ihre politischen Erfahrungen der Beseitigung der materiellen und ideellen Trümmer, die der Faschismus hinterlassen hat. Alle bisherigen Veröffentlichungen sind nur Ausschnitte, die noch keinen umfassenden Überblick über den Umfang dieses opferreichen Kampfes ermöglichen. Der Kampf wurde gegen ein Terrorsystem geführt, das eine fast unglaubliche Konzentration der staatlichen Machtmittel vo!! brachte, das vor keinem Verbrechen zurückschreckte und den blutigen Terror zum Gesetz seines Handelns machte. In Millionen verblendeter Deutscher erwuchs diesem verbrecherischen System eine gewaltige Hilfe zur Verfolgung und Unterdrückung seiner Gegner. - Wenn auch der deutschen Widerstandsbewegung der letzte Erfolg versagt blieb das faschistische Deutschland zerbrach unter den militärischen Schlägen der Vereinten Nationen-, so bleibt ihr Kampf dennoch eir unvergleichliches Ruhmesblatt in der Geschichte unseres Volkes. Zum Außersten entschlossene Männer, Frauen und Jugendliche der verschiedensten politischen Richtungen und Konfessionen führten in den 13 Jahren der faschistischen Gewaltherrschaft einen unerschrockenen und überaus opferreichen Kampf, um das deutsche Volk vor der unausbleiblicher Katastrophe zu retten. Über die deutsche Arbeiterklasse ergoẞ sich die erste grausame Welle des faschistischen Terrors, da der Faschismus zur Errichtung der Diktatur der monopolistischen Kräfte und zur Vorbereitung seines Raubkrieges die Vorhut aller fortschrittlichen und freiheitliebenden Kreise unseres Volkes vernichten mußte. Als noch große Massen des deutschen Volkes von der verlogenen demagogischen Goebbels Propaganda geblendet waren und die deutsche Intelligenz mit wenigen Ausnahmen das deutsche Volk im Stich ließ, begann die deutsche Arbeiterklasse ihre zerschlagenen Organisationen illegal aufzubauen und führte unter den schwierigsten Bedingungen über 13 Jahre einen zähen und ununterbrochenen Kampf. Zehntausende ihrer besten Männer und Frauen haben ihre Überzeugungstreue und ihre Hingabe gegen den Faschismus mit dem seben bezahlt. Eine erste vorliegende Statistik( Stadt Hamburg) vermittelt uns über die am illegalen Kampf beteiligten politischen Richtungen, über die soziale Herkunft der illegalen Kämpfer und über das Ausmaß des Terrors folgenaes Bild: In Hamburg haben 12 163 Personen, und zwar 8327 Männer und 3864 Frauen, ihre Anerkennung als politische Gefangene des Hitlerregimes beantragt. Bis zum Berichtstag waren 7563 Fälle geprüft. Der Anteil der Jugendlichen, die am Tage der Verhaftung das 21. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, beträgt 816 Personen oder 10,8%. Diese Hamburger Antifaschisten verbüßten in 32 KZs, 9 Jugenderziehungslagern, 15 Militärstrafanstalten und in 227 Gefängnissen und Zuchthäusern 17 415 Jahre Strafe. Der sozialen Schicht nach waren Arbeiter, Angestellte und Bauern 66,5%, Gewerbetreibende 8%, Intellektuelle 2,4%, Geistliche 0,1%, Militärpersonen 13,5%, ohne Berufsangabe 9,5%. Die Verhaftungen erfolgten in 2164 Fällen wegen Vorbereitung zum Hochverrat, in 870 wegen Verdacht der politischen Betätigung, in 623 wegen Be3 teiligung an der Erhebung des 20. Juli, in 1159 Fällen wegen Heimtücke und Verächtlichmachung des Staates, in 1368 Fällen wegen Wehrkraftzersetzung, in 196 Fällen wegen Gefangenenbegünstigung, in 86 Fällen wegen Arbeitsvergehen, in 1015 Fällen aus rassischen Gründen und in 82 Fällen aus sonstigen Gründen. Die Zugehörigkeit zu den Organisationen ergibt folgendes Bild: KPD 3175, SPD 1793, Demokraten 64, Zentrum 38, Gewerkschaften 303, 20. Juli 413, religiöse Gemeinschaften 1265, Deutschnationale und Stahlhelm 82, Frauenorganisationen 48, NSDAP 36, andere kleine Parteien 68, keiner Partei angehörend 32, ohne Angabe 118. Ermordet oder hingerichtet wurden 458 Personen. Die Ausschüsse ,, Opfer des Faschismus" und die Komitees der ehemaligen politischen Gefangenen in den vier deutschen Besatzungszonen haben bis jetzt 250 000 Verfolgte des Naziregimes erfaßt. Die in Angriff genommene statistische Auswertung ihrer Angaben wird uns erst später ein abschließendes Bild über den Umfang der deutschen Widerstandsbewegung vermitteln. In den Kreisen des deutschen Bürgertums reichen die Bemühungen zur Sammlung aller oppositionellen Elemente bis in das Jahr 1939 zurück und führten schließlich zum 20. Juli 1944. Liegt die Bedeutung der Erhebung des 20. Juli in der Tatsache, daß man durch Gewinnung der Militärs den gewaltsamen Sturz Hitlers herbeiführen wollte, so mangelte es an einer festen Verbindung zu der antifaschistischen Massenbewegung, ohne die der entscheidende Erfolg versagt bleiben mußte. Die gescheiterte Erhebung forderte erhebliche Opfer, denn noch einmal lief die Maschinerie der faschistischen Blutjustiz auf vollen Touren. Auch aus den Reihen des deutschen Bürgertums sind im Kampf gegen das Hitlersystem Kämpfer erstanden, die sich unsterblichen Ruhm erworben haben. Der Aufruf der Geschwister Scholl über den Opfergang von Stalingrad war ein glühendes Bekenntnis zur Freiheit. Viele ermordete Priester im Konzentrationslager Dachau sind die ewigen Zeugen des Kampfes zwischen den faschistischen Gewalthabern und jenen Christen, die sich dem faschistischen Terror nicht gebeugt haben. Der deutschen Widerstandsbewegung wären zweifelsohne größere Erfolge beschieden gewesen, wenn sie über eine zentrale Leitung verfügt hätte, die alle antifaschistischen, auf den Sturz Hitlers gerichteten Kräfte vereinigt hätte. Dann wäre sie bei dem wachsenden Verlangen der Massen nach Frieden zu einer wirklichen Massenbewegung geworden und hätte den Sturz des Hitlerregimes wesentlich beschleunigen können. Die deutschen Antifaschisten organisierten selbst noch in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern den Widerstand gegen das Hitlerregime und schmiedeten hier die antifaschistische Einheit. Freimütig diskutierten sie über die Fehler der Vergangenheit. Ais die Stunde der Befreiung schlug, wurden die Ergebnisse der internationalen Zusammenarbeit in einer Reihe von Abschiedserklärungen vieler Nationen gewürdigt und das tapfere, todesmutige Verhalten der deutschen Antifaschisten besonders hervorgehoben. Der Heldenmut dieser tapferen deutschen Männer und Frauen aller politischen Richtungen, ihre Standhaftigkeit und Treue zur Sache des Friedens und der Freiheit und ihr Opfergang narren noch einer umfassenden Schilderung. Das deutsche Volk ehrt seine antifaschistischen Helden am besten, indem es für immer die Erinnerung an sie wachhält und sich für Freiheit, Demokratie und Frieden entscheidut. die eine Ubersicht über die Festnahmen im Monat Mal 1938 gibt. Verkleinerte Wiedergabe einer Leitkarte der Geheimen Staatspolizel, 5 Witht haven 1200 Wherme Bremerhav 6152 Bremen 11501268 136444 Kiel Hamburg 161313 Schwerin 64510 Lüneburg 51 Kas lie 8112 Stertir 221122 Scharidem 4A Königsb -367276 Allenstein 11219 Kommunisten 410 Sozialbomofcalon 29 Nanisfeinól. Derhalten. 158 Katholiken, 33 Evangelische 14 Selton 194 Liegnitz Preslau 929147 Juben 198 Wirtschall. Grünbo 209 Oppen 61211 insal Aktion gag Arbein beve parfoi 32 Homosexuelle 345 Abtreibungen 17 • Hannover Ⓒ574 Berlin Potsdam 2519119 1111 Monster Bielefeld 211142 Brauns 212 182 Frankfort& 0 7311 2.51 Hildesheim 3242 Magdeburg 3/2116 Dortmund 212815275 Dessau 411 Duweldorf 3451111100 31 Kasselo Halle 1410 Leipzig Dresden 61 Onoln Aaben 1582521 529831 Erfurt 711 Weimar ℗412 1911 Chemnitz 1625182 2145108 Zwickaue 621 Koblenz Frankfurt a.M. 1528211 Trier @ 1649 Darmstad Saarbrucken Data.d.wk 54161 Kamruhe 1172 Wurzburg 2339113 imberg 10 Regensburg Stuttgart 434251 Augsburg @ 1111 Mungen 157133116 Innsbruck Saltburg 27 Linz Klagenfurt 11 Wien 81250538 21971 Eisenstadt Felinahmen im Monat Mai 1938. Gripps Centerstalle( Te) 2 M DAS LIED DER ILLEGALEN VON GUNTHER WEISENBORN Ein Zettel geht von Hand zu Hand, Ein Flugblatt wandert durch das Land. Die es erdacht, gedruckt, geklebt, Die haben unter euch gelebt. Wir sind die Illegalen, Hört Gottes Mühlen mahlen! Wer Blut säuft, muß bezahlen! Wir sind die Illegalen... In allen Städten flüstert es, Auf tausend Treffs, da wispert es. Uns gilt der Haß des Volksgerichts. Wer nach uns greift, der greift ins Nichts. Wir sind die Illegalen, Hört Gottes Mühlen mahlen! Wer Blut säuft, muß bezahlen! Wir sind die Illegalen... Wir wissen, nach uns greift der Tod, Gestapo droht, Himmler sieht rot! Doch so wie unsere Zuversicht, So groß ist die von Hitler nicht! Wir sind die Illegalen, 6 Hört Gottes Mühlen mahlen! Wer Blut säuft, muß bezahlen! Wir sind die Illegalen... DIE HEIMAT VATI ZERSTORT WARUM NOCH FAMILIE WATOT STURZT MITLER KEINEN 2 KAMPFT FRIEDEN FURDEN FRIEDEN STURZTHITLER આપન DIE FAMILIE RETTEN TOTALER KRIEG TORADER FRONT INDER HEIMAT DIEHEIMAT SCHUTZEN KEISST HITLER STURZEN RETTE DICH UND DEINE FAMILIE KAMPFE FUR DEN FRIEDEN 7 DIE EINZELGANGER VON HELLMUT BOCK Als der Nationalsozialismus zur Mach: gelangte, verharrte das deutsche Volk in Erwartung der Messiasprophezeiungen der hitlerischen Machtpropaganda. Die unglückliche Weimarer Republik hatte nicht vermocht, den wirtschaftlichen Tiefstand anfangs der dreißiger Jahre zu überwinden. Die Arbeitslosenzahlen stiegen zu untragbarer Höhe empor. Die enttäuschten Massen des Volkes wandten sich ab vom schwachen Gebilde der Demokratie von Weimar und fielen der hemmungslosen Agitation des Nationalsozialismus anheim. Alle Anstrengungen der antifaschistischen Gegenpropaganda waren nicht imstande, das deutsche Volk von seinem verhängnisvollen Wege zurückzuhalten, den es in seiner Sucht nach wirtschaftlicher und sozialer Besserstellung blind beschritt. Selbst weite Kreise der werktätigen Bevölkerung gerieten in den Strudel der nationalsozialistischen Marktschreiermethoden und begannen den wirtschaftlichen Aufstieg für den Anfang einer krisenlosen Konjunktur zu halten. Die von den Antifaschisten propagierte Erkenntnis des Hinsteuerns auf einen neuen Krieg wurde überhört. So blieb der aktive Widerstand gegen die faschistische Gewaltherrschaft in den ersten Jahren nach dem Machtantritt Hitlers auf Gruppen vornehmlich der Arbeiterparteien beschränkt, welche sich aus den bewußten kämpferischen Elementen der Arbeiterschaft zusammensetzten. Die nationalsozialistischen Polizeiorgane hatten durch Aufnahme aktivistischer Mitglieder der faschistischen Terrororganisationen gute Kenntnisse vom Aufbau der antifaschistischen Parteien, und somit konnte die illegale Tätigkeit zunächst nur unter den schwierigsten Verhältnissen durchgeführt werden. Wenn auch im Laufe der Zeit die konspirativen Methoden der illegalen Kampfgruppen besser und zuverlässiger wurden, so hielt der Verlust an wertvollen Kampfgenossen nicht stand mit der Gewinnung neuer Mitkämpfer. Die Unterdrückung jeder opp sitionellen Regung mit Anwendung maßlosester Mittel des Strafvollzugs und die den rücksichtslosen Aufbau der Aufblähung des deutschen Wirtschaftsapparates durch Rüstungsindustrie lähmte die werktätigen Massen in ihrer Entschlußkraft, aus der Beurteilung ihrer würdelosen Lage die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die nationalsozialistischen Sherheitsorgane verstanden es, die Volksmassen durch ein weitverzweigtes Spitzelsystem im Zaume zu halten. Durch freizügig gewährte materielle Vorteile für Mithilfe zur Vernichtung des ,, Inneren Feindes" erhielt die Gestapo immer mehr Zulauf von minderwertigen Kreaturen, die sich für Zuträgerdienste bereiterklärten. Es gab viele Männer und Frauen im deutschen Volke, die recht bald die Hohlheit der nationalsozialistischen Versprechungen erkannt hatten und auch wußten, daß nur Widerstand auf breitester Basis die Verhältnisse ändern konnte, die aber in jedem ihrer Mitmenschen einen Gestapospitzel vermuteten und dadurch ihre Erkenntnisse in passiver Resignation für sich behielten. 8 Mit dem Ausbruch des Krieges aber wurde die Lebenslage des Volkes mit einem Schlage auf ein Mindestmaß von Existenzvolumen heruntergedrückt, und mit dem Grade der Unerträglichkeit immer einschneidenderer Entbehrungen wuchs auch das Bedürfnis des Volkes, sich seiner Empörung Luft zu machen. Männer und Frauen mit sozialem Verantwortungsbewußtsein fanden jetzt den Mut, ihren Erkenntnissen des von der Hitler- Regierung verursachten Unglücks Ausdruck zu geben. Wenn der nationalsozialistische Staat mit der Verschärfung des Hochverratsparagraphen die Vernichtung der Widerstandsorganisationen durchzuführen gedachte, so erkannte er auch in den Äußerungen der Kritik und des Unwillens einzelner eine große Gefahr, der er durch Schaffung neuer Strafgesetze zu steuern versuchte. So entstanden die Gesetze gegen Heimtücke, Verächtlich machung des Führers und der Partei, Abhören fremder Sender, Arbeitssabotage, Begünstigung von Juden und Ausländern und gegen Zersetzung der Wehrkraft. Es gab viele dieser Einzelgänger", welche wohl wußten, daß es illegale Widerstandsgruppen gab, denen es aber nicht gelang, den Anschluß an eine solche Gruppe zu bekommen. Sie gaben aber ihren Entschluß zur Tätigkeit gegen das verderbliche nationalsozialistische Regime nicht auf, sondern ergriffen die in solcher Situation einzige Möglichkeit, als einzelner den Kampf aufzunehmen. Manchem gelang es durch nie erlahmende Aktivität und kluge politische Taktik, einen Kreis von Gleichgesinnten um sich zu scharen, der oft beachtliche Ausmaße annahm und dessen Tätigkeit zu so mancher wirksamen Aktion führte. Andere wieder lehnten es ab, Helfer für ihre Absichten heranzuziehen, um damit die Gefahr der Verhaftung auf ein Mindestmaß herabzusetzen und auch zu vermeiden, andere mit ins Unglück zu ziehen. Unschätzbar ist die Zahl derjenigen, die auf diese Art ihren Beitrag zum Kampf gegen den Nationalsozialismus leisteten, mannigfach die Gebiete, in denen sie wirkten und halfen. Es sei erinnert an alle diejenigen, die ihre Erkenntnisse in Flugblättern niederschrieben, sie ganz allein herstellten und vertrieben. Sie steckten diese Flugblätter in die Garderobenschränke der Betriebe, ließen sie in Warteräumen und Verkehrsmitteln liegen, ja, manche von ihnen fanden sogar neue Mittel des Vertriebes, durch Schleudern, Sprengkörper und vielerlei anderer, feinsinnig ausgedachter Apparate. Es sei erinnert an so manchen Arbeiter des graphischen Gewerbes, der seine berufliche Tätigkeit aus eigenem Entschluß und ganz allein in den Dienst des Widerstandes stellte. Es sei erinnert an diejenigen, die sich einen einfachen Gummistempel herstellten und nur die drei Worte ,, Nieder mit Hitler!" an die Wände drückten, oder diejenigen, die sich mit Pinsel und farbe bewaffneten und nach Bombennächten die Mahnung ,, Macht Schluß mit dem Krieg!" auf die Trümmer der Häuser malten. Es sei erinnert an die zahllosen Frauen, die den Mut besaßen, in den Schlangen vor den Läden ihrer berechtigten Empörung Luft zu machen und selbst noch bei der Verhaftung den Hitlerschergen das beispiellose Unrecht ins Gesicht schrien. Und es sei erinnert an die selbstlosen, gutherzigen Menschen, die den gehetzten und auf Schritt und Tritt mit dem Tode bedrohten rassisch Verfolgten Asyl und Ernährung gewährten. Es sei auch derer gedacht, die alles versuchten, das Sklavendasein der ausländischen Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen zu erleichtern. Und es sei der Männer und Frauen gedacht, die unter unsagbarsten Entbehrungen und Erniedrigungen ihren durch die Nürnberger Gesetzgebung bedrohten Ehegatten die Treue hielten. In Ehren sei auch der Soldaten und Offiziere gedacht, die, das verbrecherische Blutvergießen erkannten, die sich in Wort und Tat gegen den unmenschlichen Terror in den von den faschistischen Armeen besetzten Ländern wandten und die ihr tapferes Verhalten fast ausnahmslos mit ihrem Leben bezahlten. Die in den Widerstandsgruppen organisierten Antifaschisten zählen alle diese Helden des Kampfes gegen das nationalsozialistische Regime mit zu ihren Kameraden. Sie haben mit ansehen müssen, wie diese Mitkämpfer ohne Prozesse, sondern nur durch ein Machtwort Himmlers in die Konzentrationslager geschleppt und dort ermordet wurden. An sie sei erinnert in gleichem ehrenden Andenken, wie an die toten Kämpfer der illegalen Widerstandsbewegung. Auch sie gehören mit zu den Helden des ,, heimlichen Deutschland". 9 WALTER HUSEMANN VON SEINEN MITGEFANGENEN Du mit dem schönen Antlitz, Walter, ich sah zuletzt dich im Gefängnisflur gelassen in die Totenzelle gehn. Du lächeltest mir zu, ich hab' geweint. Wir klopften oft des Nachts uns Nachricht zu. ,, Geht's gut?"... Es geht. Und dir... Es geht"... Nur Mut... Ich lag in Zelle sieben, und daneben Allein und stolz in Zelle neun lagst du. Als man dich marterte, um Namen zu erfahren, schlugst du das Fenster ein und sprangst hinaus. Sie packten dich im letzten Augenblick und haben dich ins Lazarett gefahren. Dein letztes Wort geht mir nicht aus dem Sinn, du klopftest es mir durch die Wand leis' zu: ,, Wenn du rauskommst, so mußt du allen sagen, daẞ- ich trotzdem fröhlich gestorben bin. Hast du verstanden?" Und ich klopfte: Ja. Ich stand im Dunkel, und am nächsten Tag war's still. Die Stille blieb. Seit diesem Abend, Walter, Warst du uns allen wie ein Bruder nah'. Die Stille blieb. Es wurde dunkler dann, als du gingst, ward es um uns Nacht; drum lest ihr von ihm, Freunde, so seid leise: Es starb ein Held mit Namen Husemann. 10 10 DAS GESICHT DER DEUTSCHEN WIDERSTANDSKAMPFER WALTER HUSEMANN, hingerichtet am. 13, Mai 1943 11 GILBERT DEBRISE FRIEDHOFE OHNE GRABMÄLER Von uns politischen Gefangenen sind nur sieben Prozent heimgekehrt. Sieben Prozent Ueberlebende, das ist wenig. Aber man hätte uns alle töten müssen. Solange ein Mann, und wäre er der einzige gewesen, inmitten dieser Prüfungen hat Mensch bleiben können, ist die Sache des Menschen nicht verloren. Mit dem Augenblick, in dem ein Mensch dem Gemetzel entkam, war das Menschengeschlecht gerettet. Der Geist war der Gewalt nicht erlegen. Hinnehmen, sich unterwerfen, das bedeutete noch ,, mitarbeiten". Wir haben nicht mitgearbeitet. Wir haben widerstanden: das war unser Ziel, unsere Aufgabe, unser Daseinszweck. Wir haben den Glauben bewahrt. Und dort haben wir erkannt, daß der Mensch erziehungsfähig ist und erzogen werden muß daß das Glück des Einzelnen, der soziale Fortschritt die Früchte einer langen, geduldigen Pflege sein können. - Wenn es heute in der Welt noch Geister gibt, die keine freien Menschen werden wollen, dann werden wir sie ohne ihr Zutun befreien. Aus dem Buch ,, Cimetières sans tombeaux", erschienen 1945 in dem Verlag ,, La Bibliothèque Française", Paris. 12 ar HERBERT TSCHAEPE Hingerichtet am 27. Nóvember 1944 OLGA BENARIO 1942 im Konzentrationslager ermordet 13 WIDERSTANDSGRUPPE SAEFKOW 9 VON K. RADDATZ Wenn in der Geschichte der deutschen Widerstandsbewegung der Gruppe Saefkow ein besonderes Blatt gewidmet wird, dann schmälern wir nicht die Verdienste der vielen anderen Gruppen und der unzähligen namenlosen Organisatoren des Widerstandes gegen denHitlerfaschismus. Mit Anton Saefkow, der am 18. September 1944 mutig und ungebeugt im Zuchthaus Brandenburg sein Haupt dem Scharfrichter beugte, fiel der überragende Organisator einer Widerstandsgruppe, die aus den verhängnisvollen Fehlern der Vergangenheit gelernt hatte und mit einem beispiellosen Heldenmut und mit äußerster Entschlossenheit den Kampf für den Sturz des Hitlerregimes und für den Frieden aufnahm. Worin liegen die besonderen Verdienste dieser Gruppe? Saefkow und seine engeren Mitarbeiter, Baestlein, Jakob, Tschaepe und Thomas, schufen unter den durch den Krieg besonders verschärften Bedingungen der Illegalität eine Widerstandsbewegung, die nicht nur kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter, sondern auch viele parteilose Antifaschisten und entschlossene Gegner des Faschismus aus bürgerlichen Kreisen erfaßte. In über 30 Großbetrieben Berlins, darunter vielen Rüstungsbetrieben, hatte sich die SaefkowGruppe durch den Aufbau von Betriebsgruppen einen entscheidenden politischen Einfluß gesichert, und durch die Aufnahme fester Verbindungen zu den Widerstandsgruppen zahlreicher deutscher Großstädte, wie Magdeburg, Leipzig, Dresden, Hamburg, dehnte sie die Organisation auf weitere Teile Deutschlands aus. Die Bemühungen der Saefkow- Gruppe, der zersplitterten deutschen Widerstandsbewegung eine zentrale Leitung zu geben, entsprangen der reifen politischen Erkenntnis, daß sich die Macht des Hitlerfaschismus nicht nur auf seine Schreckens- und Gewaltherrschaft, sondern 14 auch auf die Unelnigkelt und Ze- splitterung seiner Gegner stützte. Zur Schaffung einer breiten Widerstandsbewegung der Hitlergegner aus allen Schichten unseres Volkes nahm Anion Saefkow mit den Gruppen der verschiedenen politischen Richtungen die Verbindung auf, mit dem ferneren Ziel der Bildung einer demokratischen Volksregierung. Es ist ein hervorragendes Verdienst der Saefkow- Gruppe, daß sie unermüdlich, um die Herstellung der Einheit aller antifaschistischen, demokratischen Kräfte, die in der Beseitigung des Hitlerregimes die letzte Möglichkeit zur Rettung Deutschlands sahen, bemüht war. Mit der Bildung von Betriebsgruppen und mit dem Zusammenschluß von Soldaten in der Heimat und an der Front zu Widerstandsgruppen wurden die ersten größeren Versuche gemacht, die deutsche Widerstandsbewegung für die Durchführung von entscheidenden Aktionen zur Beendigung des Krieges reif zu machen. Liegt das besondere Verdienst von Anton Saefkow und seinen zahlreichen unerschrockenen Mitarbeitern in der Tatsache, daß sie die vor ihnen liegenden Aufgaben politisch richtig sahen, so zeigt uns der Aufbau der Gruppe ihre glänzenden organisatorischen Fähigkeiten und ihre reichen Erfahrungen im politischen Massenkampf. Nur wer die unerhört schwierigen Bedingungen der konspirativen Arbeit kennt, kann ermessen, unter welchen Schwierigkeiten und Gefahren eine so weitverzweigte Organisation aufzubauen und zu sichern ist. Durch Sammlungen in den Betrieben wurden die finanziellen Mittel zur Durchführung der politischen Aufgaben und zur Unterstützung der illegalen Kämpfer beschafft. Die Sammlungen der Betriebsgruppen ergaben allein im Monat Mai 1944 einen Betrag von mehreren 1000 Reichsmark, ein Beweis, wie fest die Saefkow- Gruppe in den Betrieben verankert war und das Vertrauen der Betriebsarbeiter besaß. Die Saefkow- Gruppe schuf sich einen besonderen Apparat, dem die Beschaffung von Nachrichten, Waffen und Ausweispapieren für illegal lebende Antifaschisten übertragen wurde. Ununterbrochen wurden neue Mitarbeiter geworben und geschult. Zehntausende von Flugblättern mit Losungen zuni Kampf gegen Hitler und für Beendigung des Krieges wurden hergestellt und vertrieben. Die Saefkow- Gruppe stellte die Verbindung zum illegalen Widerstands- Komitee im Konzentrationslager Sachsenhausen her und versorgte so die Antifaschisten hinter Stacheldraht, die mit leidenschaftlicher Anteilnahme den illegalen Kampf ,, draußen" beobachteten, mit politischen Nachrichten. Sie organisierte die Flucht von Herbert Tschaepe aus dem Lager Sachsenhausen, der ein engster Mitarbeiter von Arton Saefkow wurde und am 27. November 1944, wie so viele tapfere Kämpfer der Saefkow- Gruppe, unter dem Fallbeil sein Leben lassen mußte. Anton Saefkow und eine Kameraden, darunter viele Frauen, haben sich mit ihrem unvergleichlichen Kampf und ihrem' apieren Sterben in der Geschichte unseres Volkes unvergänglichen Ruhm erworben. Die amtliche Urteilsbegründung schließt mit folgenden Sätzen: 11. I wie sie offen bekennen, kam es allen Angeklagten darauf an, durch ihre organisatorischen, agitatorischen und propagandistischen Arbeiten den militärischen und inneren Zusammenbruch Deutschlands und damit die gewaltsame Beseitigung des ihnen verhaßten nationalsozialistischen Staates herbeizuführen. Sie sind von tiefem Haß egen Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat erfüllt und haben daraus selbst in der Hauptverhandlung vor dem Volksgerichtshof keinen Hehl gemacht... Die wegen Vorbereitung zum.lochverrat von ihnen verbüßten Strafen haben ebensowenig Eindruck bei ihnen hinterlassen wie ihre nachfolgende Haft in Konzentrationslagern. Sie haben die Kommunistische Partei und andere Widerstandsgruppen in einem derartisan Umfange wieder aufgebaut und die Wehrmacht zu zersetzen versucht, daß hieraus für das nationalsozialistische Reich die allerschwersten Gefahren heraufbeschworen wurden." Mit dieser Urteilsbegründung bestätigte das faschistische Blutgericht nicht nur den großen Umfang des politischen Kampfes der Saefkow- Gruppe, sondern stellte diesen hervorragenden antifaschistischen Kämpfern ungewollt das Zeugnis aus, daß sie ungebeugt vor ihren Richtern standen und unerschütterlich in den Sieg der demokratischen antifaschistischen Kräfte glaubten. 15 VOM ANTIFASCHISTISCHEN KAMPF DER JUGEND , ALLGEMEINE ZEITUNG" Am Morgen des 16. Februar 1943 erschienen an den Münchener Hauswänden große Inschriften in roter Farbe: ,, Nieder mit Hitler! Es lebe die Freiheit!" Die Buchstaben waren 40 Zentimeter hoch und weithin sichtbar- aber nur wenige Münchener bekamen die Inschriften zu sehen. Die Gestapo mobilisierte sofort die Münchener Feuerwehr und ließ die gefährlichen Worte entfernen. Aber die Nachricht von der Tát verbreitete sich in der ganzen Stadt mit Windeseile. Wer waren die Täter? Die Gestapo begann eine fieberhafte Suche. Die Gestapo war sehr beunruhigt denn es waren die Tage von Stalingrad, und zum erstenmal verbreitete sich in weiten Kreisen der Bevölkerung das Gefühl, daß der Krieg, den die Nationalsozialisten vom Zaune gebrochen hatten, nicht gut enden würde. Die Täter waren Münchener Studenten und Studentinnen, die eingesehen hatten, daß Hitler Deutschland in den Abgrund führte, und die versuchten, etwas zu tun, um ihr Land und Volk zu retten. Die Studenten blieben nicht müßig. Während die Gestapo fahndete, bereiteten sie ein Flugblatt vor, das illegal in 50 000 Exemplaren gedruckt wurde. 20 000 wurden an Freunde an den Universitäten Jena und Wien gesandt, der Rest am 19. Februar an der Universität München während der Vorlesungen verteilt. Auszüge dieses Flugblattes lauteten: ,, Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. 330 000 deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Wollen wir den niedrigen Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, seine Peiniger zerschmettert und ein neues, geistiges Europa aufrichtet." Dieses Flugblatt war verfaßt und gedruckt worden von einem kleinen Kreis von Studenten, die sich um den Professor der Philosophie und Psychologie Kurt Huber geschart hatten. Dieser halbgelähmte Mann hatte sich in der von Gauleiter Giesler und SS- Rektor Wüst tyrannisierten Universität München seine geistige Unabhängigkeit gewahrt, und zu seinen Vorlesungen über Leibnitz, Kant, über Tonpsychologie strömten die besten geistigen jungen Deutschen. Huber hatte auch den Mut, von der Gestapo verfolgten Menschen Unterschlupf zu gewähren. In seinem Haus versammelten sich fast allabendlich Diskussionsgruppen, in denen die Jugend ihrer Sorge um das Schicksal Deutschlands Ausdruck gab. Das Flugblatt wurde auch in seiner Vorlesung am 19. Februar 1943 verteilt. Zwei Studenten wurden dabei von dem Universitätspedell Schmied beobachtet, und dieser Spitzel informierte die Gestapo. Kurz danach wurden Hans und Sophie Scholl und der Maler Alex Schmorel, gleichfalls ein Mitglied dieses Kreises, verhaftet. Schon drei Stunden nach ihrer Verhaftung standen sie vor dem eigens aus Berlin herbeigerufenen ,, Volksgerichtshof" und wurder zum Tode verurteilt. Auf die Frage des Gerichtes, ob sie Hitler töten würden, wenn sie Gelegenheit hätten, antworteten Hans und Sophie Scholl wie aus einem Munde: ,, Ja, sofort!" 16 DA ICH IN NÄCHTEN RINGEND WACHTE VON OTTO GOLLNOW Ich hab’ für manches Ungesagte In meiner Brust — Da ich in Nächten ringend wachte— Das Wort gewußt. Im Sternengang vernahm ich leise Das_Lied der Welt. Das Dunkel um des Schicksals Kreise Ward mir erhellt. Zu sagen, was das Herz durchzieht, Ist mir gelungen. Doch blieb mein letztes, tiefstes Lied} Noch ungesungen. OTTO GOLLNOW: Dieser junge, vielversprechende Lyriker widersetzte sich als HJ-Mitglied, 17 Jahre alt, der Hitler-Diktatur in einer Berliner illegalen Gruppe, wurde vom Reichskriegsgericht im Jahre 1943 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, ins Moor geschickt, erhielt Frontbewährung im Strafbataillon und geriet in französische ‚Gefangenschaft, aus der er bis heute noch nicht entlassen ist. Wir drucken dieses, um zu zeigen, daß auch die Jugend in der Schafottfront gestanden hat. 17 DER SCHATTEN ( ZU EINER ZEICHNUNG VON HERBERT SANDBERG) Er folgte ihm auf Schritt und Tritt, Lautlos, gleich eklen Ratten. Sogar in seine Träume glitt Der Schatten. Er folgte ihm auf Weg und Steg, Durch Flüsse und auf Matten. Er war ein läsriger Kolieg', Der Schatten. Er folgte ihm bei Tag und Nacht, Spähte durch Zaun und Latten, Drum trotzt er ihm mit Geistesmacht Und kannte kein Ermatten. Stand schlaflos immer auf der Wacht, Er hat ihn schließlich umgebracht, Der Schatten. Den Schatten. 18 Karl Schnog St 46 PST! ,, DER SCHATTEN" 19 DER HEIMLICHE KAMPF DER KIRCHE VON PROBST GRUBER Die Kirche hat in aller Öffentlichkeit und vor aller Welt die Wahrheit zu bezeugen und' Coties Gebot zu vertreten. Sie darf nicht freiwillig den Weg in die Katakomben und in de Verborgenheit gehen. In der vergangenen Zeit hat sie diesen ihren Dienst ausgerichtet, ob in ausreichendem und zulänglichem Maße soll hier nicht entschieden werden. In Predigien, Kanzelabkündigungen und Rundschreiben haben Männer der Kirche fast als einzigste in Deutschland ihre Stimme erhoben gegen die Miẞachtung der göttlichen Gebote. Kurz nach dem Zusammenbruch wurde ein Briefwechsel zwischen Bormann und Goebbels gefunden, in dem die Frage erörtert wurde, ob man Männer wie Bischof v. Galen und Bischof Wurm, die so vernichtende Kritik an den Maßnahmen der Regierung erhoben haben, nicht einfach liquidieren sollte. Man nahm davon Abstand, um nicht Württemberg und das Münsterland im Kriege abschreiben zu müssen, da man befürchtete, daß das Volk hinter seinen Bischöfen stehen würde.- In der Tschechenkrise rief die Leitung der Bekennenden Kirche zum Gebet für den Frieden auf in der Erkenntnis, daß Gott allein den Wahnsinn der Kriegsheizer dämpfen könne. Die Männer, die für diese Arbeit verantwoartlich waren, wurden von ihrem Amt entsetzt und vor das Gericht gestellt. " Neben diesem offenen Zeugnis steht der geheime Kampf der Kirche. War es recht, daß die Kirche einer Geheimen" Staatspolizei mit deren Mitteln antwortete und nun auch Geheimdienste mancherlei Art organisierte? Diese Frage kann nur der stellen, der die 13 Jahre als Theoretiker hinter seinem Studiertisch verbrachte. Wer seine Aufgabe in der Welt erfüllen wollte, wurde zu Mitteln und Wegen gezwungen, die er in normalen Zeiten nicht ergriffen hätte. Es war ein heimlicher Kampf für die Notleidenden und Verfolgten; es war ein heimlicher Kampf gegen Wahnsinn und Brutalität. Als die Lage der Rasseverfolgten immer drückender wurde und die Männer, die die Arbeit für die Kirche und Synagoge durchführten, im Gefängnis und KZ saßen, fanden sich hunderte ungenannte Helfer, die unter Lebensgefahr Menschen versteckten, Lebensmittelkarten sammelten oder fälschten und Ausweise besorgten. Viele haben ihren Einsatz mit dem Leben oder der Freiheit bezahlt. Die Kirche konnte sich nicht damit begnügen, die Schäden zu beseitigen, sie mußte auch den Kampf gegen die Quellen des Ubels führen. Es handelte sich bei dem Kampf weiter Kreise in der Kirche nicht um eine politische Weisheit, die gegen eine andere gestellt wurde, sondern um die Erkenntnis, daß das, was sich Obrigkeit nannte, nicht gottgewollte Obrigkeit war, und daß man als Christ ihr nicht Gehorsam schulde, sondern zu ihrer Beseitigung beitragen müsse. Einer aus diesem Kreise derer, die aus kirchlicher Verantwortung widerstanden haben, der Legationsrat von Haeften, gab Himmler auf die Frage, wie er als Christ sich an einem Mord beteiligen könne, die Antwort: ,, Hitler ist für uns die Verkörperung des Bösen." Hunderte von Männern haben in diesem Kampf das Leben gewagt, Dutzende haben dabei Freiheit und Leben eingebüßt, manche wurden in den letzten Tagen erschossen, wie Dietrich Bonhoeffer und Justus Perels. Dietrich Bonhoeffer hatte schon im Jahre 1941 von der Schweiz aus die Verbindung mit England aufgenommen; und als im September desselben Jahres die deutsche Armee in Rußland unglaubliche Fortschritte machte, sagte er in der Schweiz zu einem kleinen Kreis ausländischer Freunde: ,, Ich bete für die Niederlage meines Landes, denn ich glaube, daß das die einzigste Möglichkeit ist, um für das ganze Leiden zu bezahlen, das mein Land in der Welt verursacht hai." Cerade diese Männer, die in der vordersten Front des Kampfes standen, fühlten schmerzhaft ihr Versagen und ihre Mitschuld vor der Welt als Glieder ihres Volkes, wie es Dietrich Bonhoeffer in den ,, Nächtlichen Stimmen" aus Tegel schreibt: Leidensscheu und arm an Taten/ haben wir Gott vor den Menschen verraten. Wir sahen die Lüge ihr Haupt erheben/ und haben der Wahrheit nicht Ehre gegeben. Brüder sahen wir in größter Not/ und fürchteten nur den eigenen Tod. Laẞ nach soviel Irregehen/ uns des Tages Anbruch sehen. Aber sie wußten auch um ihr Recht gegenüber den Gewalthabern: ,, Ruhig stehen wir Mann gegen Mann/ als die Verklagten wir klagen an. ,, Bruder, wenn mir die Sonne verblich lebe du für mich." Und sie starben mit der Gewißheit: 20 20 20 ,, Bruder, bis nach, langer Nacht/ unser Tag anbricht halten wir Stand." TOTENTANZ Holzplastik des hochbegabten Berliner Widerstandskämpfers Kurt Schuhmacher, der im Mui 1942 im SchulzeBoysen- HarnackProzeß wegen Vorbereitung zum Hochverrat in Plötzensee hinger.chtet wurde. 21 DEN MÄNNERN DES 20. JULI Von ELFRIEDE NEBGEN ( ,, NEUE ZEIT") ,, Das deutsche Volk hat zahllose Männer der Freiheit gestellt, die im Stillen unbeachtet grauenhafte Qualen erduldet haben oder eines furchtbaren Todes gestorben sind, weil sie die Gesetze der Menschlichkeit nicht mit Füßen trefen lassen wollten." Karl Friedrich Goerdeler im Entwurf einer Rundfunkrede für den Fall der Regierungsübernahme nach dem Sturz Hitlers. Vor mir liegt eine photographische Aufnahme der Verkündung des Todesurteils über die erste Gruppe der Männer des 20. Juli, die dem zivilen Sektor der Widerstandsbewegung angehörten. Das Todesurteil wurde in den ersten Septembertagen vor dem Volksgerichtshof gesprochen und lautete: Tod durch den Sirang. Es waren die Männer, die sich bereit erklärt hatten, erste Verantwortungen in einer neuzubildenden Regierung zu übernehmen. Das Bild stammt aus der Sammlung des Hofphotographen" Heinrich Hoffmann, der nich nur das Privileg auf das Angesicht des Führers" hatte, sondern auch das Recht, Schmerz, Pein und Verlassenheit der Opfer des Systems auf der Platte festzuhalten, um sie später als Mittel perfidester Propaganda wirken zu lassen. Von den vielen, über die in jenen Tagen das Todesurteil gesprochen wurde, sieht man nur drei Männer mit bleichem, abgezehrtem Gesicht in aufrechter Haltung vor ihren Mördern stehen. Inmitten eines großen Polizeiaufgebotes, vor Richtern, die der verbrecherischen Justiz des Dritten Reiches mit aller Verlogenheit dienten, Freisler, dessen von zahllosen Bluturteilen belastetes Leben wenige Monate später- am Tage nach der Hinrichtung Goerdelersdurch eine amerikanische Bombe ausgelöscht wurde, spricht das Todesurteil. 22 22 Karl Friedrich Goerdeler, Wilhelm Leuschner und Josef Wirmer hören das Urteil: ihrem Leben, das sie töglich eingesetzt, um sich der scheinbaren Unabwendbarkeit des deutschen Schicksals entgegenzuwerfen, wird durch den Strang ein Ende gesetzt. Der konservative Goerdeler, rastlose Mahner und Kämpfer, Wilhelm Leuschner der Sozialdemokrat, dessen Bemühungen um die Heranführung der sozialistischen Arbeiterschaft an das Umsturzwerk nie erlahmten, und Josef Wirmer, der vitale Hasser nationalsozialistischer Vergewaltigungspolitik, der staatspolitisch reichbegabte, radikale christliche Demokrat. Die große, breite Gestalt Josef Wirmers überragt alle andern. Er erscheint besonders gestrafft. Sein Gesich* sieht fast hochmütig aus. Wer ihn kannte, weiß, daß er wohl noch einmal bewußt und mit todbereiter Energie allen seinen Abscheu, seinen Haß gegen das System in seinem Innern gesammelt hai, um sich selbst zu bestätigen, daß der Weg gegangen werden mußte, auch wenn er ihn nun in den frühen Tod führt. Josef Wirmer brannte auf den Augenblick, in dem unter seiner Verantwortung- er war ais justizmir.ister vorgesehen Deutschland wieder zu einem Rechtsstaat werden sollte. Wie oft haben wir seine Zornesausbrüche über die schmachvolle Handhabung der Rechtsprechung unter Hitler erlebt. Es war orgreifenn, ihn von der Scham sprechen zu hören, die er über die schmachvolle Versklavung des Richtertums empfand. Unerschütterlich war sein Verlangen auf Wiederherstellung eines unabhängigen Richtertums gerichtet. Er war ein grundqütiger Mensch, aber erbarmungslos gewillt, die Spuren nationalsozialistischer Verderknis im Volk auszutilgen. Die Pläne für die Säuberung des deutschen Volkslebens trug er fertig in der Tasche. Nun mußte er an sich selbst die ganze abgrundtiefe Verworfenheit rationalsozialistischer Rechtsprechung erleben. Sein unerbittlicher Freiheits- und Rechtswille wird durch den Strang zum ewigen Schweigen gebracht. Zum ewigen Schweigen? So war es Wunsch und Glaube seiner Henker. Die drei Männer, deren letzle Stunden der schamlose Photograph des Dritten Reiches in zynischem Propagendainteresse festgehalten hat, sehen wohl in dieser Stunde schon das Schicksal ihrer Henker heraufziehen. Aber in der Stunde, in der das Leben zurückzutreten beginnt, wird kaum noch viel Roum fü: die Gedanken an diese Henker in ihnen gewesen sein. Wohl aber wird die Katastrophe, die nun, nach Mißlingen des 20. Juli unabwendbar erschien, noch ihre letzten Stunden belastet haben. Wir aber, die wir nur mit tiefster Bewegung dieses Bild in uns aufnehmen können, haben die Hoffnung daß ihnen in ihren schwersten Augenblicken eine Ahnung davon aufstieg, daf ihr Tod trotz des Mißlingens ihres mutigen Rettungswerkes ein Großes für unser Volk bedeutet. Hinter diesen drei Männern, die aus verschiedenen Schichten und verschiedenen Weltanschauungen kamen, taucht die überwältigend große Zahl derer auf. die alle dem gleichen Befreiungsziei gedient und den gleichen Tod gestorben sind. Männer von links bis rechts vom sozialistischen und christlichen Arbeiterführer, vom Beamten in höchster Staatsstelluna, vom Industriellen bis zum Wissenschaftler und freien Gelehrten, vom Soldaten bis zum. General. 23 23 PRINCIPIIS OBSTA( Von vornherein widersteh!) 20. März 1934. Ich stand auf dem Bahnhof Westkreuz. Die Welt hatte einen ganz neuen Aspekt für mich bekommen. Von jetzt an mußte ich vergessen, wer ich war. Ich war jetzt XYZ, ein x- beliebiger ,, Heinz" ,,, Herrmann", Walter". Die Häscher der Gestapo standen hinter mir. Nur in irgendeinem Buch noch stand mein Name. Im Steckbriefregister. Niemand durfte jetzt wissen, wer ich war. Fest eingegraben in meinem Gedächtnis stand eine Anschrift. Dort fand ich den Faden, um mich an die verbotene Organisation anzuknüpfen. Ich klopfte an eine fremde Tür. Ein unbekanntes Gesicht musterte mich miẞtrauisch. ,, Ich soll einen Gruß von, Hans' bestellen." ,,, Hans'? Ich kenne keinen, Hans'." Jetzt mußte ich das Stichwort nennen. " Von Hans' mit dem blutigen Hemd", und ich reichte dem mißtrauischen Gesicht einen Zeitungsabschnitt, der diagonal durchschnitten war. Kritisch musterte die fremde Frau den Abschnitt und legte ihn an seinen Partner, den sie verwahrt hielt. Er stimmte. Ich wurde eingelassen, die Verbindung war geknüpft. Meine illegale Tätigkeit konnte beginnen. Einige Tage später wurde mir ein ,, Treff" vermittelt. Ich lernte ,, Willi" kennen. Willi" war von einer gefährlichen Leidenschaftlichkeit. Nichts genügte ihm. Er war eine expansive Natur, die sich nur schwer in das Dunkel der Illegalität hineinfinden konnte. Immer wieder drängte er mit einer erstaunlichen Vitalität, die Grenzen der illegalen Aktion zu sprengen. Flugblatt und Zeitung seien absolut ungenügend. Man rechnete, ein Flugblatt wird von etwa zwanzig Personen gelesen, günstig kalkuliert. 200 bis 300 Flugblätter gelangen zur Verteilung, macht 5000 Leser. ,, Das ist zu wenig. Wir müssen die Öffentlichkeit mit massiveren Mitteln aufrütteln. Wir müssen solche Aktionen durchführen, die die ganze Bevölkerung tagelang von uns sprechen läßt, wenn wir wirklich einen Widerstand entfachen wollen." Er schlug vor, eine Einsatzgruppe zu bilden mit der Aufgabe, besonders wirksame Kampfmittel zu entwickeln. Der Vorschlag wurde akzeptiert. Ihm wurde die Durchführung übertragen, Mitarbeiter zur Verfügung gestellt und jede materielle_und finanzielle Hilfe zugesagt. Daneben natürlich lief die Herausgabe von Flugblättern und illegalen Zeitungen. In einer Querverbindung hielt ich Kontakt mit dem 1944 hingerichteten Dr. Philipp Scheffer, der die für die SA bestimmte Zersetzungszeitschrift ,, Die rote Standarte" im Westentaschenformat herausgab. Beim nächsten ,, Treff", etwa 14 Tage später, meldete mir ,, Willi" die Bildung der Sondergruppe. Sie bestand aus einem Tischler, einem Buchbinder, einem Klempner und einem koreanischen Studenten, der Chemiker war. Unser Plan ging dahin, in Form eines Buches( Lexikonformat) einen Sprengkörper zu schaffen, der gekoppelt mit einer Serie von Kanonenschlägen so konstruiert war, daß mit Hilfe der Sprengkraft an einem exponierten Ort Flugblätter in das Publikum geschleudert wurden. Der Mechanismus war mit einer gesicherten Zeitzündung zu versehen. 14 Tage später erklärte ,, Willi", daß die außerhalb von Berlin vorgenommenen Versuche befriedigend verlaufen seien. Als Termin für die Durchführung der Aktion wurde der Tag der 20jährigen Wiederkehr des Kriegsausbruches 1914, der 1. August 1934, festgelegt. Ich hatte jetzt die Aufgabe, die notwendigen Flugblätter mit einem entsprechenden Text zu liefern. Diese Flugblätter mußten auf hauchdünnem Papier abgezogen werden, um möglichst viel von 24 ihnen in das ,, Buch" hineinzubekommen. Die Gruppe ,, Erich", die den technischen Apparat unserer Organisation darstellte, war im Besitz der notwendigen Vervielfältigungsgeräte. Sie übernahm die Herstellung. Natürlich verbot die konspirative Regel, daß irgendeine andere Gruppe von der Arbeit der Gruppe Willi" Kenntnis erhielt. Selbstverständlich kannte ich auch ,, Erich" nicht mit richtigem Namen. 11 Der festgelegte Termin rückte näher. Die Spannung wuchs. Würde dieser erste Versuch gelingen? Waren alle Fehlerquellen ausgeschaltet? Eine große Gefahr schien die hemmungslose Leidenschaft, mit der sich ,, Willi" in seine Aufgabe hineinbiß. Zehn Tage vor dem festgesetzten Termin meldete er die absolute Bereitschaft seiner Gruppe zur Durchführung der Aufgabe. Die Flugblätter befanden sich in seiner Hand. Für den Leser, der niemals in seinem Leben an einer solchen Arbeit teilgenommen hat, möchte ich bemerken, daß eine im gewöhnlichen Leben so einfache Angelegenheit wie der Transport einer unscheinbaren Menge von Flugblättern unter den damaligen Umständen unvorstellbare Schwierigkeiten bereitete und die größten Gefahren für das ganze Unternehmen bringen konnte. Durch ein kompliziertes Relaissystem bei der übermittlung mußte verhindert werden, daß ein möglicherweise vorhandener Spitzel etwas von dem Vorhaben erfahren konnte. Jedenfalls war das alles glücklich gelungen. Die Niederlegung dieses getarnten Sprengkörpers in der Berliner Universitätsbibliothek durfte nur durch jemand erfolgen, der selbst mit den Vorbereitungen nicht in Verbindung gestanden hatte und über die Bedeutung dieser Aktion nur so weit unterrichtet war, wie seine Aufgabe ging. Die Auslösung der Zeitzündung wurde auf 11 Uhr vormittags eingestellt. Eine Stunde vor der Auslösung fand ein ,, Treff" zwischen dem Kameraden, der den Sprengkörper übermittelte, und dem Kameraden, der ihn niederlegen sollte, statt. Sie hatten sich vorher niemals gesehen, und es war bestimmt worden, daß sie nach erfolgter Aktion nicht wieder zusammenkommen durften. In einer kurzen Instruktion wurde dem mit der Niederlegung beauftragten Kameraden seine Aufgabe erklärt. Gleichzeitig hatten wir einem Auslandskorrespondenten, der ein zuverlässiger Gegner des Faschismus war, einen Wink gegeben, der ihm ermöglichte, eine entsprechende Notiz in die Auslandspresse zu bringen. Niemand außer den Eingeweihten von der Gruppe wußte, wann und wo die Aktion erfolgen würde. Jeder Mensch kann sich die Spannung vorstellen, die auf allen lastete. Wenn auch gerüchtweise verlautete, daß sie gelungen war, so legte sie sich erst, als in den ,, Baseler Nachrichten" am 3. August die Notiz erschien: ,, Flugblattbombe in der Berliner Universitätsbibliothek" ,, Am 1. August explodierte in den Vormittagsstunden in der Berliner Universitätsbibliothek eine Flugblattbombe. Der Inhalt der Flugblätter lautete: Kameraden! Brandstifter sind wie vor 20 Jahren am Werk! Durchkreuzt ihre verbrecherischen Pläne. Vereinigt Euch zum Sturze Hitlers. Kämpft mit uns für ein freies, sozialistisches Deutschland." Das Gelingen dieser Aktion feuerte den Widerstandsgeist aller Kameraden an, und ähnliche Aktionen wurden bei der Eröffnung der Funkausstellung und anläßlich des Jahrestages der Oktoberrevolution an verschiedenen Stellen der Stadt wiederholt. Am 7. November 1934 wurden von Spezialkommandos der Polizei und Gestapo 450 Personen verhaftet. Aber keinem von ihnen konnte eine Teilnahme an diesen Aktionen nachgewiesen werden. So führten im Jahre 1934 Berliner Jungarbeiter und Studenten den Kampf gegen die faschistische Diktatur und imperialistische Kriegsgefahr. Und was tatest Du? 25 DEUTSCHE PARTISANEN VON HANS SEIGEWASSER In den Stunden der höchsten Gefahr, als deutsche Armeen, SS- Verbände und SD- SonderEinheiten mit den brutalsten Methoden, mit einem Terror ohnegleichen, Freiheit und Unabhängigkeit aller europäischen Völker zerschlagen wollten, erhoben sich die fortschrittlichsten, die aktivsten, die kühnsten Männer und Frauen aus diesen Völkern, bildeten kleine Gruppen, bewaffneten sich mit zum Tei! sehr primitivem Kriegsmaterial und begannen unter ständigem Einsatz ihres Lebens jenen so opferreichen und heldenmütigen Kampf, der als Partisanenkrieg berühmt und bereits historisch geworden ist. In den riesigen Wäldern der Sowjet- Union, in Polen, auf den zerklüfteten Bergen Jugoslawiens und Griechenlands, in Holland, in Norwegen, in der Tschechoslowakei, in Frankreich und talien, überall kämpften Partisanen für die Freiheit ihres Volkes, für die Unabhängigkeit ihres Landes. Arbeiter und Intellektuelle, Bauern, Handwerker, Jugendliche und Greise, die Elite eines Volkes griff zu den Waffen und erstritt gemeinsam mit den alliierten Armeen den Sieg über die faschistischen Eindringlinge. Ihr Blut floß in allen Gebieten Europas, in Dörfern wie in Städten; sie kämpften buchstäblich bis zur letzten Patrone, denn Gefangenschaft hieß für sie sicherer Tod vor dem deutschen Standgericht. Drohten ihnen nur Tod und Vernichtung aus den Formationen des deutschen Faschismus? Ständige, im Verlauf des Krieges immer rascher anwachsende Verluste, zwangen Hitlers Generale zur Erfassung und zum Fronteinsatz aller vorhandenen Reserven. So wurden dann ehemalige politische Häftlinge, die vorher mehrere Jahre in Zuchthäusern, Gefängnissen oder Konzentrationslagern zugebracht hatten, durch Sonderbefehl wieder bedingt ,, wehrwürdig". Diese Maßnahme genügte jedoch noch nicht, um den steigenden ,, Bedarf" an Soldaten zu decken. Aus den Zuchthäusern und Lagern wurden andere Reserven herausgeholt, in Sondereinheiten gepreßt und an die Front transportiert. Tausende von Hochverrätern, glühende Sozialisten aus den Reihen der illegalen kommunistischen und sozialdemokratischen Gruppen marschierten mit zusammengebissenen Zähnen als unbeugsame Antifaschisten in die Ausbildungslager der faschistischen Wehrmacht. 26 Sie standen unter Ausnahmebestimmungen, ihr Leben war hart, die Behandlung brutal. Die kleinste antifaschistische oder defaitistische Äußerung führte zur Denunziation durch die zahlreich vorhandenen Spitzel und kriminellen Elemente, zum Tod durch Erschießen oder Erhängen. Hunderte verloren dadurch bereits während der Ausbildung ihr Leben. Der Heuberg wurde zu einem Begriff in ganz Deutschland, die 999er aber, eine Wehrmachtsformation für bestrafte Hochverräter und politische Gefangene, zu einem Symbol des heimlichen Deutschland für die freiheitliebende Welt. Auch unter dem eisernen Zwang der Sonderformation, unter den argwöhnischen Augen ausgesuchter faschistischer Offiziere blieb dieses andere, dieses neue Deutschland am Leben. Es wirkte in kleinsten Zirkeln, planmäßig und zielbewußt. Jeder war sich darüber klar, das Ziel der Ausbildungszeit ist die Front. Die nazistischen Offiziere sprachen mit niederträchtigem Pathos von der kommenden Bewährung an der Front. Sie konnten allerdings niemals den Doppelsinn dieses Wortes ermessen, denn eine Bewährung wurde es schließlich doch. Deutsche Antifaschisten, Sozialdemokraten und Kommunisten, ehemalige politische Gefangene Hitler- Deutschlands an der Front, im Einsatz gegen Partisanen. Ein dramatischer Höhepunkt im Irrsinn dieses verbrecherischen Krieges, der leicht zur Tragödie umschlagen konnte. In solchen Stunden pulst das Blut fieberhaft, reißen beinahe die Nerven, wird geistige und körperliche Konzentration zur Voraussetzung des kühnsten Entschlusses. - Dieser Entschluß aber konnte nur lauten: aktivste Solidarität aller Antifaschisten ohne Unterschied der Nation, der Rasse und der Partei freundschaftliche Verbindung mit den Partisanen, Unterstützung der Partisanen mit Waffen und Munition, mit Arzneimitteln, Bekleidung und Proviant. Die Kühnsten und Entschlossensten unter diesen deutschen Antifaschisten organisierten den gruppenweisen Übertritt zu den Partisanen. In Titos Volksarmeen, in den griechischen Freiheitsverbänden der Elas und der EAM, in den französischen Widerstandsbeweguraen kämpften zahlreiche deutsche Partisanen für die Freiheit der unterdrückten Völker und damit auch gleichzeitig für die Freiheit ihres eigenen Volkes. Dieser Schritt war schwer, schwerer als der individuelle Entschluß zur Sabotage in der Heimat, schwerer als der Beitritt zu einer illegalen Gruppe, schwerwiegender als die Teilnahme an irgendeiner oppositionellen Besprechung. Hier mußten Vorurteile überwunden werden, hier fiel auch der letzte Rest der Anonymität, und damit der kärgliche Schutz aller Illegalen. Es galt immer als letzte Konsequenz das Argument der Waffe. Im Kampt um die Freiheit verlor das Leben des einzelnen seine Bedeutung. Er setzie es ein, um durch dieses Opfer mit dazu beizutragen, das Leben seines Volkes zu retten, das durch die wahnsinnige Vernichtungspolitik des Faschismus gefährdet war. Diese Partisanen, ein kleiner Teil aus der Masse der deutschen Antifaschisten, wurden in den Verbänden fremder, unterdrückter Völker zu Propagandisten des neuen Deutschland. Sie versuchten mit ihrer vorbehaltlosen Tat ein geringes der Schuld abzutrager, die das deutsche Volk durch ein passives Verhalten gegenüber faschistischem Terror und nazistischen Greueltaten auf sich geladen hatte. Durch ihr Beispiel schufen sie dem deutschen Volke inmitten einer Welle des Hasses und der Feindschaft, in einer Atmosphäre aufgepeitschter Leidenschaft, neue Freunde, Freunde, die ein festes Vertrauen faßten zu dem anderen, zu dem neuen Deutschland. Damit erfüllten sie aber eine wahrhaft historische Mission. Der Charakter ihrer Aktivität stellte sie in die Spitzengruppe aller deutschen Antifaschisten. Mit ihrem tausendfach vergossenen Blut, mit den stummen Waldgräbern in den Bergen des Balkans bleiben diese namenlosen Helden, deutsche Partisanen, immer ein heroisches Beispiel deutschen Freiheitswillens. Ihnen gebürt der Dank aller Freunde der Freiheit, aller fortschrittlich denkenden Menschen, aller aufrichtigen Demokraten. 27 22 ILLEGALE ARBEIT ( NACH DEN ORIGINALBERICHTEN ERZÄHLT VON K. S.) 1. EINER VON DER WATERKANTE A's Sekretär der Internationalen Arbeiterhilfe, meist in Hamburg tätig, wurde am 1. März en Schutzhaftbefehl gegen ihn erlassen. Er ging in die Illegalität, führte aber rege'mäß ge he mliche Zusammenkünfte von Vertrauensleuten durch und gab zweimal eine hekiographierte Zellung gegen Hitler heraus. Sie hieß ,, Der Mahnruf" und erschien n 600 Exemplaren. Ende April ging er nach Kiel. Er stellte Verbindung zu alten antifaschistischen Kämpfern weder her und gab eine wöchentlich und regelmäßig erscheinende hektographierte Zeitung in 600 bis 1000 Exemplaren heraus. Sie hieß ,, Die Arbeiterwelt". Diese Blätter gingen auch an kleinere Orte, wie u. a. Rendsburg und Eckernförde. Organisatorischer Zusammenhalt der Widerstandsgruppen wurde wieder hergestellt und August 1933 bei 500 Teilnehmern Gelder kassiert. In Kiel. Damit war der Wiederaufbau er.üllt, und er ging nach Altona. ⚫ Dort sammelte er die durch Mißhandlungen und Verhaftungen gesprengten Gruppen antifaschistischer Gruppen und veranlaßte jetzt die Herausgabe der illegalen ,, Hamburger Volkszeitung". Sie erschien im August bis Oktober 1933 zweimal in einer Auflage von je 1200 Exemplaren. Dann konnte die illegale Zeitung ,, Die Solidarität" heimlich erscheinen, monatlich 600 bis 1000 Stück. Aus ihrem Erlös und aus Sammlungen wurden die Angehörigen von Gefangenen und politisch Verfolgte unterstützt. 15 bis 20 illegal lebende Verfolgte mußten fortlaufend betreut werden, von langen Freiheitsstrafen oder Todesurteilen Bedrohte ins Ausland geschafft werden. Von Oktober 1933 bis 1934 konnten so 55 bis 60 Emigranten über die Grenze gebracht werden. Von Juli bis September wurden viele Widerstandskämpfer verhaftet. Dennoch zählte man im Oktober 1934 noch etwa 500 frei Zuverlässige. Im Oktober 1934 ging der Leiter, nachdem ein Steckbrief gegen ihn erlassen worden war, nach Berlin. Hier versuchte er, neue Verbindungen mit antifaschistischen Kämpfern zu schaffen. Es gelang ihm, aber die Gruppen wurden von der Gestapo in Berlin zerschlagen. Nun bemühte er sich um Verbindung mit Widerstandskämpfern in Süddeutschland. Im März- April war er zweimal in Stuttgart. Dort fand er Verbindung mit 300 zuverlässigen Kampfgefährten. Er arbeitete eine Zeitung für den 1. Mai 1935 aus und verschaffte antifaschistisches Zeitungsmaterial aus der Schweiz( die Zeitung ,, Tribunal"). Er belieferte auch süddeutsche Städte mit solchem Material gegen Hitler. Bei seiner Rückkehr nach Stuttgart wurde er verhaftet und bis April 1945 durch deutsche Zuchthäuser geschleppt. In Luckau- Niederlausitz und Brandenburg- Görden. Selbst im Zuchthaus setzte er seine antifaschistisshe Aufklärungsarbeit fort. Er veranlaßte, daß diskutiert wurde und politische Arbeiten in den Zellen geschrieben wurden. Bis die Anstaltsleitung davon Wind bekam und die politischen Zuchthaushilfskräfte( Kalfaktoren) maßregelte. Immer wieder nahm er Verbindung zu politisch geschulten und aufnahmefähigen Mitgefangenen auf, diskutierte mit ihnen, n.it Dienstverpflichteten und zugänglichen Beamten. Nach Oktober 1942 in Brandenburg bei einer Firma im Betrieb arbeitend, kam er mit politischen Gefangenen zusammen und konnte, nach der Niederlage von Stalingrad, offener mit ihnen diskutieren. Durch bewußte Bremsung des Arbeitspensums wurde versucht, die Arbeit für den Hitlerkrieg zu sabotieren. Am 27. April 1945 wurde das Zuchthaus von der Roten Armee besetzt und der unentwegte Widerstandskämpfer in Freiheit, Illegalität und Gefangenschaft endlich entlassen, 28 Geheim mesoberkommande 19 abt. 10 33 0/43 Rub A..., den 16. Nov. 43. indagitation" National- Komitee Freies Deutschland". Die kommunistische Flugblatt- Propagande arbeitet seit einiPatt mit Behauptungen über ein angebliches, in Rußland gebildeNational Homitee Freies Deutschland", Dem Auftreten Alenca tes Lat besondere Aufmerksamkeit zu schenken, Po Trueye ist vraent darüber zu belehren, daß günle mégistrer in daubscher Spreche an die vasgesetzte Dienstate" Listen ist, die sie unter Meldung der Bundstelle, der i Made und des infangen der Verbreitung( einzeln Stücke oder Kangen un 10/10 Lareicht. Pür das Armocoborkemannde Der Chef des Generalstabes In Ente, gas. Rotsch Milia truppen. 29 2. SO ARBEITETE EINE GRUPPE Vor der Mac' übernahme bereiteten sich etwa 60 Mann systematisch durch Schulung und Besprechung auf die Illegalität vor. Dar Re'chstagsbrand war das Signal, aus der Ofentlichkeit zu verschwinden. Da die meisten Mitglieder aber wegen ihrer aktiven antifaschistischen Tätigkeit bekannt waren, halten sie Opfer, sobald sie persönlich erkannt wurden. So trafen 30 SA- Männer auf der Straße den Leiter der Gruppe( Spandau- Wilhelmstadt), schlugan ihn zu Boden und schleppten ihn in die SA- Kaserne. Neun Stunden lang miẞhandelte man 22 Mann, die man aufgestöbert hatte, viehisch. Bis ordentliche Polizei- die zu dieser Zeit noch republikanischen Mut zeigte die 22 mit Gewalt herausholte und in- Krankenhäuser brachte. Denn die meisten waren schwer verletzt. Sechs Wochen lag der Gruppenleiter dort. Beinahe geheilt, erfuhr er, daß die SA sich erkundigt hatte, wann er entlassen werden solle. Daraufhin entfloh er im Mai. Sofort stellte er sich der Berliner Leitung zur Verfügung, die ihm auftrug, nach Spandau zurückzugehen und eine neue Gruppe zu bilden. Ohne ein Wort der Diskussion übernahm er den Auftrag. Ende Juni nahmen wieder etwa 50 Kameraden an der Widerstandsarbeit teil. Sie waren in Gruppen von etwa je zehn Mann zusammengefaßt. Sie malten mit Olfarbe antihitlerische Parolen an die Wände, stellten in einer Laube Flugblätter her, verteilten sie in Häusern und klebten sie an Zäune. Ende Juni hatten sich die ersten Kaders der Gestapo gebildet. Einer Kolonne fiel ein Kurier dieser Gruppe in die Hände. In der Gestapo- Unterkunft General- Pape- Straße wurde er fürchterlich gefoltert. Trotzdem er u. a. acht Stunden lang an den Armen frei aufgehängt wurde, gab er nur unklare Auskünfte, mit denen die Gestapo nichts anfangen konnte. Da man des Leiters und seiner Gruppe nicht habhaft werden konnte, umstellte man seine Wohnung, durchstöberte und verwüstete sie und verhaftete zwei seiner Brüder. Er selbst wechselte die Quartiere und arbeitete ununterbrochen weiter gegen die Faschisten. Aber schließlich wurde beschlossen, daß er in die Emigration müsse. Mit falschen Papieren brachte man ihn ins Saargebiet. Dort arbeitete er an der antihitlerischen Propaganda für den Status quo. In Verbindung mit saarländischen Antifaschisten bearbeitete er die Arbeiter der Röchling- Hütte in Völklingen in antifaschistischem Sinne. Unter den etwa 5000 Arbeitern veranlaßte er Diskussionen, verbreitete Antikriegsparolen und sogar Flugblätter. Nach der unglücklichon Saarabstimmung hatte er eine starke Gruppe Antifaschisten zusammengebracht. Aber anfangs März hatte die Gestapo seine Spur gefunden, und er mußte nach Frankreich emigrieren. Von dort wurde er weiter in die Schweiz geschickt, wo er in der deutschen Abteilung der Emigranten in der Transportgruppe seine politische Arbeit aufnahm. In Verbindung mit antifaschistischen Kameraden aus Süd- und Südwestdeutschland verbreitete er regelmäßig Zeitungen, getarnte Broschüren, Bücher und Flugblätter in Deutschland. Besprechungen mit Kameraden aus Deutschland fanden in der Schweiz statt.. Illegaler Grenzübertritt wurde organisiert. Von Juli bis Dezember 1936 brachten sie allein 400 Deutsche über die Grenzen. Im Juli 1937 mußte die Gruppe, wegen der Ausweisung aus der Schweiz, nach Frankreich emigrieren. In Paris arbeitele sie mit Emigrantengruppen zusammen, sammelte Geld für die Unterstützung der illegalen Kämpfer gegen Hitler im Reich und händigte es vor allem den Angehörigen politischer Häftlinge aus. Boi Kriegsausbruch in Frankreich interniert. Da sie sich jedoch bereit erklärten, aktiv gegen den Hitlerfaschismus zu kämpfen, stellte man sie in die eigens von der Regierung gebildete Formation Prostataire ein. Dort wurde Schanzarbeit im Grenzgebiet geleistet. Diese Tätigkeit kostete die Gruppe viele Menschenopfer. Nach dor Besetzung Frankreichs durch Hitler verhaftet, verschwanden die meisten in Kerkern und Konzentrationslagern. Der Leiter der Gruppe, schwer an Gelenkrheumatismus erkrankt zeitweise gelülrmt, wurde als haltunfähig entlassen, aber unter Kontrolle gestellt. Sobald sich sein Gesundheitszustand gebessert hatte, nahm er wieder Verbindung zu alten Spandauer und Staakener Mitkämpfern des Widerstandes auf und bildete eine neue Gruppe aktiver Hitlergegner. In der letzten Zeit des Krieges halfen sie vor allem Deserteuren und verschaffton ihnen Zivilkleider. Beim Emarsch der Roten Armee hißten sie die weiße Fahne und retteten damit einen Stadttell ve der Zerstörung. 3) RECHENSCHAFT VON HARRO SCHULZE BOYSEN Dieses erschütternde Gedicht wurde dreieinhalb Jahre nach dem Tode Harro Schulze- Boysens, der mit Arvid Harnack der Chef der Widerstand- gruppe ,, Rote Kapelle" und ein wagemutiger und begabter Organisator des illegalen Kampfes gegen Hitler war, in den Dielenritzen der Zelle II unter den Trümmern des Gestapohauptquartier aufgefunden. Es wird hier zum erstenmal veröffentlicht. Lest es langsam, Freunde, denn es ist das Gedicht eines Helden unseres ,, Heimlichen Deutschland" Der Wind fährt naẞ ans Fenster Und heulend schlägt's Alarm? In Deutschland gehn Gespenster um, Hier drinnen ist es warm. Dir scheint's wie Klosterzelle: Die hellgetünchte Wand Hält fern dir jede Welle, die Dich sonst so jäh berannt. Der Geist schweift frei ins Leben, Die Fesseln stören nicht, Und Zeit und Raum, sie heben sich Davon im blassen Licht. Es gilt nur letzte Wahrheit Dem überscharfen Blick, Und ungetrübte Klarheit wird Hier stolz zum Daseinsglück. Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An dir ist's nun, zu sagen: Doch! Es war die rechte ŕront. Das Sterben an der Kehle Hast du das Leben ieb... Und doch ist deine Seele satt, Von dem, was vorwärts trieb. Wenn wir auch sterben sollen, So wissen wir: Die Saat edA gims Geht auf. Wenn Köpfe rollen heut, Einst zwingt der Geist den Staat! Die letzten Argumente Sind Strang und Fallbeil nicht. Und unsre Richter heute Sind nicht das Weltgericht! NOV. 1942 31 > HEIMLICHES DEUTSCHLAND< In dieser Broschüre war nur von Männern der Widerstandsbewegung die Rede. Das darf aber nicht zu der sehr irrtümlichen Meinung verführen, daß nur Männer den Kampf gegen den Nationalsozialismus geführt haben. Im Gegenteil, es ist nicht zu viel behauptet, wenn ich sage, daß es keinen antifaschistischen Kämpfer gegeben hat, dem nicht wenigstens eine Mutter, eine Schwester, eine Ehefrau oder eine Freundin als Mitkämpferin zur Seite gestanden hat, genau so wie er bewußt und bereit, ihre Freiheit oder ihr Leben dafür hinzugeben. Darüber hinaus muß endlich auch einmal derer gedacht werden, die still und unauffällig während der ganzen zwölf Jahre des unseligen Naziregimes ihre Wohnungen zur illegalen Arbeit zur Verfügung stellten.- ,, Weiter nichts?" wird mancher fragen, nein, weiter taten diese Tapferen nichts, die zum überwiegenden Teil auch Frauen waren. Aber das war sehr viel, das war alles, das war überhaupt erst die Basis, auf der sich dieser unerhörte zähe Kampf aufbaute. Ohne diese hilfsbereiten Frauen wäre jegliche Flugblatt- und Zeitungsherstellung, wäre jedes organisierte und als politisches Kampfmittel benutzte Radiohören unmöglich gewesen. · Sie riskierten alle genau wie wir täglich und stündlich ihre Freiheit, ja zuletzt ihren Kopf, und nur dem beispiellosen mutigen Verschweigen der Verhafteten, die sich trotz aller Terrorverhöre nicht zum Verrat der Adressen zwingen ließen, hat es der größte Teil dieser treuen Mitarbeiterinnen zu verdanken, daß er unbehelligt geblieben ist.- Eine Statistik, deren Zusammenstellung trotz heute fast unüberwindlicher Schwierigkeiten in Arbeit ist, wird in unwiderlegbaren Zahlen das hohe Lied all der Frauen singen, die sich, bekannt oder unbekannt, weit über ihr naturgegebenen Kräfte hinaus als wahre Menschen zeigten. Hochherzig, charaktervoll und unermüdlich opferten sie sich zahlreich wie die Männer im Kampf gegen die Unnienschlichkeit. - - EVA LIPPOLD Herausgeber: Hauptausschuß Opfer des Faschismus, Berlin Verantwortlich für den Inhalt: Hellmut Bock Druck: H. Wigankow, Berlin N 65