UB GIESSEN 22 473 794 Vorwort. Als Kind armer Eltern bin ich 1881 in Bayreuth geboren. Nach meiner Schulentlaffung erlernte ich das Buchdruckerhandwerk und arbeitete nach Abschluß meiner Lehrzeit in verschiedenen Städten. Schon in meinen jungen Jahren wurde ich mit den Organisationen der aufftrebenden kämpfenden Arbeiterbewegung bekannt. Bereits im Jahre 1898 wurde ich Mitglied des Deutschen Buchdruckerverbandes und im Jahre 1903 auch Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Damit setzte auch meine aktive politische Tätigkeit ein. Zunächst und in den folgenden Jahren mit einer Anzahl von Ehrenämtern betraut, wurde ich im Jahre 1919 als Kandidat zum Bayerischen Landtag aufgestellt und für den Wahlkreis Oberfranken gewählt. 13 Jahre ununterbrochen gehörte ich dem Bayerischen Landtag als Mitglied an. Im Jahre 1908 wurde ich mit anderen Parteifreunden nach der oberfränkischen Kreishauptstadt gerufen um dort an der Gründung einer Sozialdemokratifchen Zeitung mitzuarbeiten. Nach vielen Bemühungen ist dies auch gelungen und die Geburtsstunde der Fränkischen Volkstribüne war da. Sehr bald hatte fich diefe Zeitung als eine scharfe Waffe im Kampfe der oberfränkischen Arbeiter um ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele erwiesen. Im Fichtelgebirge und im Frankenwald galt fie als das einzige demokratische Sprachorgan. Durch die tatkräftige Unterstützung der dortigen Parteigenoffen konnte diefer Betrieb zu einem Musterbetrieb in technischer wie in fozialer Richtung ausgebaut werden. Im Jahre 1933 wurde dieser Betrieb von den Nazis befchlagnahmt. Als Geschäftsführer wurde ich neben anderen entlaffen und ftand nun arbeitslos neben diefem Lebenswerk auf der Straíze. Gleich anderen politischen Freunden war ich außerdem als Betriebsführer und Politiker der Brachialgewalt und der Diffamierung von Hitler- Horden besonders ausgesetzt. In dieser Not befchloß ich, zufammen mit einem weiteren Opfer der Nazis, die Gründung einer neuen Eriftenz in Nürnberg. Unter der Firma „ Sonntag& Steeger" übernahmen wir in der Fränkischen Metropole eine Druckerei. Unermüdlicher Fleiß, akurate Arbeit und sorgfältige Bedienung unserer Kunden brachten auch diefem Unternehmen eine ständige und gute Entwicklung. Es kam das Jahr 1939 und neue Kriegsjahre und mit ihnen neue Schwierigkeiten, die zu meistern für ein junges Unternehmen nicht immer leicht waren. Ich habe Hitler und seine Seuche in Wort und Schrift bekämpft, bis mir das 1933 unmöglich wurde. Ab 1933 habe ich mich jeder politischen Tätigkeit enthalten, ich war nur beschäftigt mit den eigenen Sorgen, meiner neuen Eriftenz. Inmitten diefer Arbeit wurde ich nach 12 Jahren grundlos verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Wie es mir dort ergangen, wie ich erneut die„ Großzdeutsche Freiheit" in 30 Tagen kennen lernte, schildern die nachstehenden Zeilen. Der Verfaffer. Meine Verhaftung. Am 22. August 1944 morgens 125 Uhr läutetete die elektrische Glocke meiner Wohnung. Groß war meine Überraschung als 2 Gestapo an der Türe erschienen, mich aus dem Bett holten und mir auf meine Frage, was denn los sei, erklärten: Sie müßten mich zu einer Vernehmung abholen und in das Polizei- Präsidium verbringen! Diese Erklärung war schon unwahr, denn man brachte mich dann zum Bahnhof und lieferte mich dort im Arrestlokal ab. Der Weg zum Bahnhof war für mich besonders quälend, denn mir war nun klar, daß ich verhaftet wurde, ohne daß ich auch nur mit einem Wort erfahren konnte, was man mir zur Last legt. Immer wieder fragte ich mich auch, ob der enge Freundeskreis, in dem Gedanken über die Nazi und ihre politischen Verbrechen ständig ausgetauscht wurden, nicht mehr dicht gehalten und die Gestapo von diesen Zusammenkünften Kenntnis erhalten? Als dann in der Arrestzelle der Riegel hinter mir einschnappte, atmete ich erleichtert auf. Eine Anzahl meiner früheren Parteifreunde, einige davon hatte ich viele Jahre nicht mehr gesehen, waren bereits anwesend und begrüßten mich. Sehr bald wurde mir nun auch klar, daß es sich um keine einzelnen Verhaftungen, sondern um eine Aktion großen Stiles handelte; auch in den Nebenzellen waren die gleichen Schicksalsgenossen.. So vergingen einige Stunden als ich aufgerufen und zur Feststellung der Personalien in ein kleines Zimmer gebracht wurde. Meine dabei gestellte Frage: Was man mir denn zur Last legt? blieb unbeantwortet. Darauf erklärte ich, daß ich erst vor wenigen Tagen eine schwere Darmblutung durchzumachen hatte und noch krank sei. Mit der Bemerkung: Das wird der Arzt feststellen, waren meine Einsprüche und Beschwerden abgetan. In meine Zelle zurückgebracht, wurde uns kurze Zeit später eröffnet, die Zahl der Verhafteten war inzwischen auf 21 angewachsen, daß wir mittags mit der Eisenbahn abtransportiert würden.„ Großmütig" wurde dazu erläutert, daß beim Transport von einer Fesselung Abstand genommen wird. Einer der Verhafteten erregte 3 sich über diese Mitteilung und sagte, ich protestiere gegen eine solche Absicht, wir sind keine Verbrecher und uns keiner Schuld bewußt! Darauf der Polizist im kategorischen Imperativ: Noch ein Wort und sofort wird von dem zustehenden Recht der Fesselung Gebrauch gemacht! Um die Mittagszeit, die Sonne meinte es an diesem Tage besonders gut, mußten wir 2 zu 2 antreten und etwa 30 Polizisten eskortierten die 21 Verhafteten über die Bahnsteige zu einem Gefangenenwagen, der dem Personenzug Nürnberg- Hbf. ab 12.38 Uhr angehängt war. Von 14 Polizisten begleitet und bewacht, stiegen wir ein und der Zug setzte sich in Richtung München in Bewegung. Wir alle wußten, was es geschlagen und was man mit uns vorhatte. Außerdem ließ uns auch die Polizei nicht im unklaren, daß unser Weg nach Dachau führte. Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Dach unseres Wagens in dem wir die linke Seite bei geschlossenen Fenstern einzunehmen hatten. Dagegen durfte beim aufsuchen des Klosetts die Türe nicht geschlossen werden; sofort klemmte ein Polizist den Fuß dazwischen. Wir alle wurden vom Durst gepeinigt, aber ohne einen Tropfen Wasser, durstig und hungrig, ging es immer weiter nach Süden, bis wir abends gegen 19 Uhr Dachau erreichten. Ein SS- Auto erwartete uns hier schon. Das Dach dieser Kiste war aber so niedrig, daß niemand stehen konnte. Alle 21 kauerten wir in gebückter Stellung und kamen bei der Hitze, wie aus dem Wasser gezogen, in Schweiß gebadet, im Lager an. Im Lager. Schon am Tor wurden wir von SS- Leuten mit den Worten begrüßt:„ Aha, 20. Juli! Na wartet nur!"( Attentat auf Hitler). Dann führte man uns über Lagerstraßen zu einem Bau, wie sich später herausstellte, war es der Baderaum( Dusche) und ließ uns dort stehen bis es dämmerte. " Einzelne Häftlinge, sogenannte Kapos kamen zu uns heran und wir erhielten die erste Information, daß es im Lager nicht mehr so schlimm wäre. Gemessen an dem, was vorher war, sei es heute ein Sanatorium", bemerkte ein solch alter Hase. Als es vollends Nacht wurde und eine andere Unterkunft für uns mangelte, wurde uns der Baderaum als Nachtquartier zugewiesen. In diesem großen Raum mit vielen Duschen, die aber abgesperrt waren, mußten wir auf dem Zementboden, Bänke gab es nur wenige, oder im auf- und abgehen die erste Nacht verbringen. Ein Tag ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Nachtlager ging zu Ende. 4 Am nächsten Tage morgens 5 Uhr hieß es: Raus und antreten im Hof. Aus anderen süddeutschen Orten kamen weitere Häftlinge, deren Zahl ständig im wachsen war und die ersten Hundert überschritten hatte. Ein gut genährter SS- Scharführer stand vor uns, es war der Rapportführer des Lagers. Die Arme in die Hüften gestemmt, in grinsendem Tone herrschte er mich an: Na, was bist Du denn? Bist Du ein Pfarrer? Meine Antwort: Nein! Na, was bist Du denn? Meine Antwort: Buchdruckereibesitzer! Soo, Buchdruckereibesitzer bist Du, na was hast Du denn ausgefressen? Ich gab ihm keine Antwort. Weshalb Du hier bist, will ich wissen? Meine Antwort: Ich weiß es nicht!„ Aha auch einer von denen, die nicht wissen, warum sie da sind! Na, hoffentlich sind wir recht lange beisammen, vielleicht fällt es Dir dann noch ein! ,, Und was bist denn Du?" wurde mein Nebenmann gefragt. Antwort: Webereibesitzer!„ Hast natürlich auch nichts ausgefressen?" Antwort: Nein!„ Das kann ich mir denken, wir werden euch schon kriegen!" Dann kam der Befehl: Sachen abliefern! Wir wurden in den sogenannten Schubraum geführt, mußten uns völlig nackt ausziehen und alles was wir bei uns hatten abgeben. Nicht einmal ein Taschentuch durften wir behalten. Einer meiner Freunde hatte die Bitte ausgesprochen, ihm die Strümpfe zu belassen. Einer der sogenannten Kapos brüllte ihn an:„ Mensch so mußt Du anfangen: In 8 Tagen gehst Du durchs Krematorium!" Grinsend stand ein SS- Posten daneben. Nackt ging es dann in den Hof wieder hinaus. Es war noch sehr früh am Tage und sehr kühl. Wie mich selbst, froren auch meine Kameraden. Nach längerem warten und frieren, kamen wir dann in die Kur von jungen Häftlingen. Es waren Polen und Franzosen, die mit Haarschneidemaschinen ausgerüstet, uns allen die Haare zu schneiden hatten. Haupt- und Barthaare, alles fiel der Schere zum Opfer, auch vor den Geschlechtsteilen wurde nicht Halt gemacht. Deutlich besah ich mir diese alten geschorenen Männer; ich mit meinen 63 Jahren war ja einer der jüngsten unter ihnen und wohl auch einer der rüstigsten. Zahlreiche von diesen Leuten trugen außerdem Prothesen; andere wieder hatten Bruchbänder oder sonstige Bandagen. Im Weltkriege, bei Verteidigung ihres Vaterlandes, haben die meisten dieser Leute ihre Körperschäden erlitten. Den Dank erstattete ihnen das III. Reich auf seine ihm eigene Art und Weise in Dachau. Nach der Prozedur des Haarschneidens bekamen wir unsere ,, neuen Kleider". Von anderen Häftlingen zur Verteilung bestimmt, wurden uns die alten Lumpen, die Hemd, Hose und Kittel 5 sein sollten, zugeworfen. Die Stücke stammten zweifelsohne aus einer der vielen Nazisammlungen und hatten inzwischen vielen Unglücklichen vor uns als Bekleidung gedient. Es wurde nichts angepaẞt, dreckig, speckig und stinkend wurden uns die einzelnen Stücke zugeworfen und hatte damit sich jeder abzufinden, wie er mit diesem Räuberzivil fertig wurde. Ich hatte Glück, ich bekam eine Reithose. Sie war zwar speckig, wie alles und hatte keine ganze Tasche; aber sehr bald beneideten mich meine Leidensgenossen um dieses ,, Prachtstück". Mit der Joppe hatte ich weniger Glück, sie hatte kein Futter mehr und auch sonst hätten/ Dutzend Katzen keine Maus mehr fangen können. Das Ganze war ein Bild, das jeden unbeteiligten Zuschauer zum Lachen stimmen mußte; für uns war das eine toternste Angelegenheit. Wie sahen wir denn alle aus? Mein früherer Landtagskollege und nunmehr derzeitiger Bayerischer Arbeitsminister Alb. Roßhaupter, hatte eine Hose, von der das Hinterteil fast vollständig fehlte. Mein Parteifreund Puchta, der frühere Reichstagsabgeordnete in Franken, ein großgewachsener, starker Mann hatte eine Kinderhose erhalten und bemühte sich dieses„ Höschen", mit einem Stück Schnur, passend" zu machen. Ein anderer dagegen hatte eine Hose, die sicher auch Göring gepaßt hätte. Zerlumpt, zerrissen war alles, was man uns zum anziehen gegeben; doch zierte jedes Stück, mit rotem Mennig aufgemalt, die Buchstaben: ,, K.- Z". Zur Vervollständigung unseres Anzuges kam dann noch das wichtigste, die Nr. Sie durfte nicht fehlen und wurde an Hose und Joppe angenäht. Unter die Nr. kam für alle politischen Häftlinge ein Dreieck aus rotem Stoff. Ich erhielt die Nr. 93002. Die Zahl der Unglücklichen, die bereits vor mir die ,, Nazikultur" in Dachau erleben mußten, näherte sich wiederum der 100000. 1939 mit Beginn des Krieges wurde zum 2. Male mit der Nr. 1 begonnen; so berichteten mir Häftlinge, die bereits 6-8 und mehr Jahre in Dachau schmachteten. So ausgerüstet, barfuß und ohne Kopfbedeckung, wurde dieser Zug des Jammers dann über die breiten, mit Quetschkies bestreuten Lagerstraßen nach Block 17, dem sogenannten Quarantäneblock geführt. Glaubte ich bis dahin, meine und die Lage meiner Freunde, wäre verzweifelt und bedauernswert, so wurde ich jetzt darüber aufgeklärt, daß sie nicht verglichen werden konnte, mit dem menschlichen Elend, das ich hier im Hofe des Block 17 zu sehen bekam. Auf dem Erdboden umher, lagen im wilden Durcheinander Kinder, Männer und Greise; barfuß, zerlumpt, verdreckt, die meisten zum Skelett abgemagert, den ganzen Körper mit 6 Ausschlag, Grinden und offenen Wunden bedeckt. Angehörige aller osteuropäischen Länder waren hier wie die Tiere zusammengepfercht. Wir Deutsche teilten nun das Los dieser Unglücklichen. Um Brot oder sonst irgend etwas Eßbares zu erhalten, drängten sich diese ausgehungerten Menschen an uns heran und bestürmten auch mich mit allerlei Fragen. Ein junger, intelligent aussehender Mann, ein griechischer Student, fragte mich, ob hier in Dachau auch Gaskammern seien? Als ich ihm antwortete, daß ich auch erst angekommen sei und darüber keinen Aufschluß geben kann, erzählte er mir, die Angst in den Augen, daß er aus dem Lager Auschwitz komme und daß man dort seine beiden Eltern und seine Schwester vergast habe. Nun bekamen wir auch unser erstes Essen. Das Eßgeschirr bestand aus einer 1 Liter fassenden Schüssel. Als neu, waren diese Schüsseln einmal emailliert, im Laufe der Jahre abgenutzt, waren sie total verrostet. Löffel, Messer und Gabel kannten wir nicht. Wir mußten das Essen mit der Schüssel zum Mund einnehmen. Auf Block 17 waren wir nun unter den gleichen würdelosen Verhältnissen, wie alle anderen Gefangenen, 3 Tage. Aus allen Teilen Süddeutschlands wurden täglich immer neue Verhaftete eingebracht; der Raum auf dem wir uns bewegen durften, wurde immer enger. Am 4. Tage wurden wir daher umquartiert, alle Deutschen kamen nach Block 15. Waren die äußeren Verhältnisse hier zwar die gleichen wie auf Block 17, so bedeutete doch das Zusammenleben mit nur deutschen Landsleuten für uns alle eine seelische Erleichterung. Das Essen bestand morgens aus schwarzem, bitteren Kaffee, dazu wurde ein halbes Pfund Kommisbrot ausgegeben, das für den ganzen Tag zu reichen hatte. Das Mittagessen bestand aus Kohlrabis oder Weißkraut; das Abendessen wechselte. Soweit wie möglich, bestand es aus Resten vom Mittag; dazwischen gab es auch mal ein Stückchen Käse und 20 gr Margarine, noch seltener ein Stück Wurst. Es kam auch vor, daß das„ Abendmenü" aus 2 Pellkartoffeln und einer rohen Zwiebel bestand. Das Mittagessen war für die meisten von uns ungenießbar. Das Kraut war hart, die Kohlrabis immer holzig und häufig von Käferlarven durchsetzt. Wir schlürften etwas an der Brühe und reichten den Rest durch die Fenster, den noch Hungrigeren im Hofe des Block 17. Diese Unglücklichen rauften sich dort um die von uns als ungenießbar betrachteten Abfälle, so wütete der Hunger unter ihnen. Das Bild war entsetzlich, die Schuld an solchen Verbrechen ungeheuerlich und mit nichts mehr zu entschuldigen. 7 Inzwischen wütete die Himmler- Brutalität in ganz Deutschland weiter. Die„ Aktion Gitter", unter diesem Namen betrieb man die Verhaftungen früherer bekannter Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre im großen Stil, nahm immer größeren Umfang an. Täglich kamen neue Verhaftete, auch aus Württemberg, Baden und Hessen nach Dachau. Die Hessen waren auf dem Wege zum Lager Buchenwald schon in die Nähe von Weimar gekommen. Am 27. 8. 1944 erfolgte jedoch auf Buchenwald, das auch eine Munitionswerkstätte großen Stils war, ein Luftangriff und erfolgte daher ihre Umleitung nach Dachau. Die Belegschaft von Block 15 stieg rapid. Der Block, unterteilt in 4 Räume, hatte Platz für 240 Mann. In kurzer Zeit wurden jedoch 860 Aktionshäftlinge darin untergebracht. In Raum 2, dem ich mit angehörte, hausten 186 Mann. Auch der seinerzeitige Bayer. Ministerpräsident Fritz Schäffer und der Oberbürgermeister von München Dr. Scharnagl waren mit in diesem Raum. Bei einer solchen Überbelegung war natürlich alles viel zu eng und zu klein. Der Schlafraum in dem 3 Holzpritschen übereinander standen, war eine Sache für sich. Die Matratzen waren mit Holzspänen gefüllt, aber sie reichten nicht für alle Pritschen. Nicht alle gehörten zu den„ Glücklichen", die auf einer solchen Matratze ruhen durften. Je 5 Mann teilten sich immer in 2 Pritschen und hatte auch ich, das Glück" auf blankem Holz ruhen zu dürfen. Obwohl selbst noch nicht gesund, gehörte ich doch zu den Rüstigsten und Gesündesten und kam somit ,, hoch oben" in die oberste Reihe. Die stand jedoch so niedrig unter der Decke, daß ich nur kriechend in mein Lager kommen konnte und in gleicher Weise es auch wieder verlassen mußte. Die ersten Tage hatten wir nur Papiersäcke, in die wir schlüpften und die als„, Ersatz für Decken" zu dienen hatten; nach etwa 8 Tagen bekamen wir dann pro Mann 2 Decken. Wenn nun tagsüber die Sonne auf die mit Dachpappe gedeckte Baracke brannte, so fühlte ich mich wie in einem Backofen, der auch keinen Schlaf zulieẞ. Dazu kam die Ausdünstung der eng zusammengepferchten Menschen. Auch die Nächte konnten somit keinen Schlaf und kein Vergessen des mich umgebenden Jammers bringen. Früh halb 5 Uhr erscholl dann der Ruf:" Aufstehen!" Alles wartete auf diesen Ruf, denn geschlafen hatte fast niemand; für mich wirkte er häufig als Erlösung. Müde und zerschlagen, versuchten wir dann, so rasch als nur möglich aus unserem Verhau zu klettern, denn schnell sollte es zum Waschen gehen. Um 5 Uhr mußte jeden Tag alles im Hof zum Appell angetreten sein. Der Waschraum umfaßte etwa 9 qm. In diesem Raum war ein rundes Becken von zirka 12 m Durchmesser und ein gemauerter 8 Schacht in der Mitte, darüber stand zu lesen: Kein Trinkwasser, Typhusverdächtig! Dem Schacht entströmten aus 12 Düsen je ein Wasserstrahl in der Stärke einer Stricknadel. Auf dem Wege zum Waschraum und um das Becken selber entstand jeden Morgen die gleiche beängstigende Drängerei der 186 Menschen, die sich waschen wollten und waschen sollten. Die Vordersten konnten an das Wasser heran, wurden von anderen gedrängt und gestoßen und bahnten sich mit Mühe einen Weg zurück. Andere bemühten sich, über die Schulter der Vorderen und waren froh, um einige Tropfen Wasser, mit denen sie sich die Augen auswischten. Wieder andere waren des Kampfes um das Waschwasser bereits müde und gingen ungewaschen zum Appell. Diese Appelle wurden bei jeder Witterung im Hofe abgehalten und dienten ausschließlich der Zählung der Häftlinge. Von 5 Uhr ab standen wir so barfuß, in unseren Lumpen, regelmäßig stundenlang und warteten, bis dann jeweils ein SS- Uffz. oder Scharführer kam, dem dann unter„ Stillgestanden" durch den sog. Blockältesten gemeldet wurde, so und soviele Häftlinge angetreten. Bei den nebligen, kalten, oft auch regnerischen Septembermorgen und dem langen Stehen, barfuß und in dürftigster Bekleidung, erkälteten sich rasch viele dieser alten Leute und alle wurden wir von starkem Husten befallen. Wohl mit veranlaßt durch diesen Umstand und die einsetzenden Krankmeldungen, bekamen wir nach etwa einer Woche nun auch Holzpantoffel und als Kopfbekleidung auch eine alte Militär- oder Zivilmütze, sogar einige Hüte und Sowjethelme tauchten auf. Unser Gesamtanzug war nun noch malerischer und eindrucksvoller geworden. Auf dem Wege, den ich mit anderen Häftlingen unter Führung eines mitgefangenen Engländers in das Lagerinnere machte, um diese ,, Kostbarkeiten" in Empfang zu nehmen, bekam ich auch erstmalig die schriftliche Fixierung, der uns zuteil gewordenen Nazikultur zu Gesicht. In 2 m hohen Buchstaben war auf dem Dache eines Lagergebäudes zu lesen: Es gibt einen Weg, der in die Freiheit führt! Er heißt: Ehre- Treue ArbeitAnständigkeit! Ich mußte mich an den Kopf fassen und fragte mich, angesichts eines Systems nur aufgebaut auf Schikane und geeignet dem Menschen jede menschliche Würde zu nehmen; eines Systems, das täglich und immer aufs neue Menschen grundlos ihrer Freiheit beraubt, sie diffamiert, quält, verkommen und verhungern läßt; eines Systems, das in seiner Scheußlichkeit vor keinem Morde zurückschreckte und dessen Henkersknechte täglich, und immer aufs Neue bereit stehen, in die Hekatomben ihrer wehrlosen Opfer immer weitere einzureihen; eines Systems, 9 gegen das selbst das finsterste Mittelalter mit seiner Inquisition. und seinem Hexenglauben noch eine kultivierte Vergangenheit darstellte, was ein solch verkommenes System mit solchen Worten, die wie ein kalter Hohn auf mich wirkten, wohl bezweckte? Ich konnte mir keine Antwort geben. Wie so vieles andere, findet dieser Hohn, der mir vom Dache des Lagergebäudes entgegen leuchtete, seine Begründung ausschließlich in dem verbrecherischen Größenwahn, ohne den das Naziregime nicht existieren konnte. Tagsüber hatten wir uns im Hofe aufzuhalten. Dieser Hof war 12 m breit und 28 m lang; natürlicher, mit kleinem Kies vermischter Feldboden. Seine einzige Zier waren 2 alte Holzfässer für die Aufnahme von Kehricht. Nach Süden war ein mit Stacheldraht versehenes Tor, dazwischen der Wachturm mit den stets feuerbereiten Maschinengewehren. Dahinter war noch ein breiter, auch mit Stacheldraht umwehrter Gang mit den SS- Wachposten. Warnungstafeln mit Totenköpfen, daß der Draht elektrisch geladen sei und auf jeden, der sich ihm nähert, ohne Warnung geschossen wird, waren abschließend nach dieser Seite unsere einzige Aussicht. Nach Norden des Lagerinneren bildete ein Holztor den Abschluß, das den Ausblick in das Lager verwehrte. Am Eingang saß ein Häftling als Pförtner, der beim Kommen, auch des einfachsten SS- Mannes ,, Achtung" zu schreien hatte. Dann mußten wir unsere Kopfbedeckung abnehmen und wo wir uns gerade befanden, in militärischer Haltung stramm stehen. Wie der Block und die Räume, so war auch der Hof für die 860 Menschen viel zu klein. Da wir alle mehr oder weniger an Erkältungen und starkem Husten litten, wurde mangels eines Taschentuches oder eines Spucknapfes alles auf den Boden gespuckt. Bei den 860 Menschen, die der Block beherbergte, war dies eine ganz schlimme, unhygienische Angelegenheit, denn wir mußten auf diesem Boden auch wieder herumsitzen und unser Essen dabei einnehmen. Schemel oder andere Sitzgelegenheiten gab es nicht. Wurde es nun regnerisch, so war unsere Lage noch kritischer. Der Feldboden verwandelte sich in tiefen Morast. Bis an die Knöchel wateten wir im Schmutz; dazu konnten wir auch an ein Waschen der Füße nicht denken, weil von morgens 7 Uhr bis abends 19 Uhr das Wasser abgesperrt war. Gab es dann Wasser, war die Waschgelegenheit so umlagert, daß nicht alle zum Waschen kamen und mit dreckigen Füßen ihr Nachtlager aufsuchen mußten. Kurz nach dem Abendessen gab es auch wieder Zählappell. Neben verschiedenen Mitteilungen und Verwaltungsnotwendigkeiten, mit denen wir bekannt gemacht wurden, bekamen wir eines Tages auch noch zu hören: Und daß Ihrs wiẞt, 10 Ihr geltet, als aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen und habt hier nicht das Recht mit„ Heil Hitler" zu grüßen. Wenn das nun auch keinem von uns schwer fiel, auf diesen Gruß zu verzichten, so stieg mir doch das Blut in den Kopf und zuckte es mir in den Fingern. Wir galten als aus der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßene"! Konnte es noch gemeinere, niederträchtigere Herabsetzung geben, als man sie uns hier ins Gesicht schleuderte? " 1 Ein Leben voll Arbeit und Mühe hatte jeder von uns hinter sich; jeder einzelne stand geistig und vor allem moralisch, turmhoch über dem ganzen Nazi- Verbrecherpack und doch mußte er jede noch so niederträchtige Schmähung über sich ergehen lassen. Überhaupt welch eine Summe von Lebenserfahrung und Intelligenz häufte sich bei den Häftlingen der„ Aktion Gitter"! Von stupiden SS- Männern, unreif und verhetzt, wurden trotzdem alle beschimpft und beleidigt. Wer waren die Männer, die man nach 11/2 Jahren Naziherrschaft immer noch so fürchtete, daß man ihrer nur in der Gefangenschaft sicher war? Es waren Männer, die im großen Krieg 1914-18 ihr Vaterland verteidigten; es waren Männer, die an verantwortlicher Stelle im öffentlichen Leben gestanden; es waren verantwortliche Männer der Wirtschaft und des Handwerks und nicht einer unter ihnen allen, war entehrend vorbestraft. Sie galten nun aber als aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, weil sie das einzige Verbrechen begangen hatten keine Nazis zu sein. Hier im K. Z.- Lager Dachau befand ich mich wirklich in guter und bester Gesellschaft. Einst führende Männer der Sozialdemokratie, der Bayerischen Volkspartei und der Kommunisten, pilgerten einträchtig, über den oft schmierigen, oft staubigen Hof von Block 15, auf und ab, ab und auf! Da sah man den früheren Staatssekretär und ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Schäffer, den ehemaligen Landtagspräsidenten Stang, den früheren und auch jetzt wieder berufenen Oberbürgermeister von München, Scharnagl, den derzeitigen Arbeitsminister in Bayern, Albert Roßhaupter; 4 Grafen, darunter ein Graf Thurn und Taxis, zierten unsere Mitte; viele ehemalige Reichs- und Landtagsabgeordnete, Polizeipräsidenten, Oberbürgermeister, Rechtsräte, Rechtsanwälte, Bürgermeister, Stadträte usw. Alles Leute, die vom Vertrauen weitester Volkskreise getragen, in diese öffentlichen Ämter und Stellen berufen und gewählt worden waren. Alle wurden hier der menschenunwürdigsten Behandlung unterworfen; mußten vor jedem SS- Mann aufspringen und stramm stehend, oft hämische Grimassen entgegen nehmen. Ihre Söhne standen 11 draußen im Felde, damit dem deutschen Volk diese„ Ehre und Freiheit" nicht verloren gehen sollte, oder doch möglichst lange erhalten blieb; die Väter wurden in der Heimat hinter elektrisch geladenem Stacheldraht, von Maschinengewehren bewacht und bedroht, als Parias, aus der„ menschlichen Gesellschaft Ausgestoßene" behandelt und langsam zu Tode gequält. Wieviel geistige Intelligenz in einem einzigen K. Z.- Lager wohl begraben wurde? Öfter hatte ich Gelegenheit, durch die Gitter unseres Raumes in den Hof des Nebenblocks hinüber zu sprechen. Menschen aus aller Herren Länder wurden dort gefangen gehalten. Immer genügte eine kurze Unterhaltung, um festzustellen, daß es sich fast ausnahmslos um hochintelligente Menschen handelte. Menschen, die von einem K. Z.- Lager in das andere verschleppt und durch Entbehrung und Hunger langsam aber sicher zu Tode gequält und gepeinigt wurden. Desöfteren konnte ich feststellen, daß diese Menschen, als sie auch von mir durch die Gitter mein Essen erhielten und Dutzende Hände mit je einer Schüssel bewaffnet, sich nach diesem Essen ausstreckten, von besonderen Aufpassern, sog. Ordnungsmännern mit Prügel geschlagen wurden. Ich war selbst Augenzeuge, wie dabei einmal einem solchen Opfer der Arm abgeschlagen wurde. Allmählich wurden wir mit allen Gewohnheiten eines K. Z.- Lagers vertraut. Aus alten Lumpen, die zum Putzen Verwendung fanden und in guter Verwahrung eines Kapos standen, der als Stubenältester fungierte, requirierten wir uns noch brauchbare Stücke mit denen wir uns die Füße umwickelten, um bei den Frühappellen nicht gar zu sehr frieren zu müssen. Mit früheren Freunden, die in Dachau schon viele Jahre die Segnungen des 3. Reiches genossen, konnten wir Verbindung herstellen. Sie steckten uns das eine oder andere zu; ein brauchbarer Lappen als Taschentuch kann sehr wertvoll sein, wenn man sonst garnichts besitzt und sich die Nase putzen möchte; ein Holzlöffel, den ich bekam, tat mir nun vorzügliche Dienste. Von den Freunden erfuhren wir dann auch von den Vorgängen in den übrigen Teilen des Lagers. Mit Schaudern hörten wir von den mittelalterlichen Folterungen, denen der eine oder andere unterzogen wurde. Die Hände auf den Rücken gefesselt und dann an den gefesselten Händen an einer starken Schnur hochgezogen, bis der Gefolterte ohnmächtig wurde, war eine nicht seltene Tortur. Andere, die der Hunger zum Stehlen trieb, oder die auch nur als Dieb verdächtigt wurden, mußten den ganzen Tag auf einem Schemel stehen, ohne Nahrung zu erhalten. Ein umgehängtes Plakat verkündete: Ich bin ein Dieb! Am nächsten 12 Tag erhielt der„ Dieb" dann 25 Hiebe mit dem Ochsenziemer. Besondere Henkersknechte fesselten ihr Opfer, dann wurde es über ein eigens für die Exekution hergestelltes Instrument gelegt und empfing die Schläge. Diese Quälereien wurden seitens der Lagerkommandantur erst eingestellt, als der Oberkommandierende der Amerikanischen Streitkräfte, General Eisenhover durch Funkspruch mitteilen ließ, daß er rücksichtslos, nicht nur die Verantwortlichen, sondern auch die Ausführenden zur Rechenschaft. ziehen wird, wenn diese Torturen nicht sofort aufhören. Das Leben in unserem Block ging mittlerweile weiter. Wir sehnten uns nach der Freiheit; ein Tag verging jedoch wie der andere. Um der Kälte zu begegnen, liefen wir frühmorgens in Kolonnen im Hof, auf und ab, ab und auf! War es später warm genug, stellten wir uns in die Sonne, unterhielten uns und munterten uns gegenseitig auf. Die Spuren der Behandlung und Entbehrungen blieben bei uns auch nicht aus. Die Erkrankungen setzten ein. Die Fälle, daß Häftlinge morgens ihr Lager nicht mehr verlassen und auch nicht mehr am Zählappell teilnehmen konnten, mehrten sich. Bei zahlreichen Häftlingen stellte sich auch Durchfall ein; die Spuren davon wurden auch in der Schlafabteilung sichtbar. Die Befürchtung, daß es zu einer Epidemie kommen könnte, war nicht ohne Begründung. Meldete sich jemand zum Arzt, dann drohte ihm die Überführung in die Invalidenabteilung. Diese Abteilung war die letzte Station im Lager vor dem Verbrennungsofen. Kam einer dorthin, konnte er die Tage abzählen, bis er durch den Kamin des Krematoriums seine Entlassung aus dem K.- Z.- Lager fand. Einem unserer Freunde gelang es, durch irgendwelche Umstände aus der Invalidenabteilung zu uns zurückzukommen. Er war darüber überglücklich und erklärte uns, daß das weitere Verbleiben dort bestimmt sein baldiger Tod gewesen wäre. Geholfen hat ihm die Rückkehr und seine Freude darüber leider nichts, kurz nach meiner Entlassung ist dieser brave Mann an Schwäche und allgemeiner Erschöpfung verschieden. Andere meiner Freunde waren den Strapazen ebenfalls nicht gewachsen und haben gleichfalls das Zeitliche gesegnet. Viele Wochen später, oder überhaupt nicht, haben ihre Angehörigen durch die lakonische Mitteilung: An Herzschwäche verschieden! davon erfahren. Meinen engeren Freunden mußte ich versprechen, wenn ich lebend das Lager verlassen sollte, in einer Broschüre über das Erlebte zu schreiben. Wir unterhielten uns auch über die Kriegsvorgänge. Durch die Kapos erhielten wir von den Tageszeitungen und Heeresberichten volle Kenntnis. Alle nahmen wir lebhaften Anteil an den Geschehnissen. Im Geiste malten wir uns aus, wie 13 lange wohl das Nazigebäude noch halten kann, bis der Zusammenbruch offenkundig wird. Wir wünschten den Tag herbei, daß der Vormarsch und baldige Einmarsch unserer Kriegsgegner einem sinnlos gewordenen Krieg und dem größten Verbrechen aller Zeiten an der Menschheit ein Ende bereiten möge. Wir alle liebten Deutschland, unser Volk, unsere Heimat und Familien und sahen doch keinen anderen Ausweg. Wir wußten, die Niederlage einer größenwahnsinnig gewordenen Klique von notorischen Verbrechern und Militaristen, war zwar auch die Niederlage unseres Vaterlandes; leider ließ sich jedoch das eine nicht vom anderen trennen. Die Gewinnung unserer eigenen Freiheit war dabei immer noch sehr problematisch, denn auch darüber waren wir uns klar, daß man uns rücksichtslos vor die Maschinengewehre jagen wird, wenn dazu noch Zeit und Möglichkeit bleibt. Inzwischen kamen Fliegerangriffe auf München, bei denen man auch uns in die Splittergräben jagte. Mit besonderem Schrecken hörten wir auch von Angriffen auf Nürnberg; lebten wir nun doch in der Ungewißheit, sind unsere Lieben zu Schaden gekommen, ist unsere Habe in Schutt und Asche gesunken? Die Heeresberichte wurden immer kritischer. Paris aufgegeben, die Alliierten auf dem Vormarsch zur deutschen Grenze. Werden sie dort Halt machen oder gleich ins Reich durchstoßen? Wird und kann die deutsche Kriegsmaschine sie noch einmal aufhalten? Das war für uns alle die erste und letzte Frage. Das Heranrücken der Alliierten, die fluchtartige Räumung des Elsaß, bedingte, daß die dortigen K.- Z.Lager geräumt werden mußten. In Ostpreußen, das gleichfalls von den Russen immer mehr bedroht wurde, ebenso in Schlesien, mußten ebenfalls die K.- Z.- Lager geräumt werden. Die Folge davon war, daß immer neuer Zugang nach Dachau kam. 48000 war die Zahl anfangs September 1944, wie sie mir von einem die Kartei bearbeitenden Lagerinsaßen benannt wurde. Und wie sahen diese Zugänge aus? Bei Besorgungen innerhalb des Lagers konnten wir die Elendsbilder sehen. Auf dem großen Appellplatz lagen diese Unglücklichen, verlumpt, verhungert, unfähig, sich oft vom Boden zu erheben. Bei solch einer Besorgung traf der mich führende Engländer 2 Häftlinge, es waren polnische Geistliche. Er konnte sich kurz mit ihnen unterhalten und übersetzte mir dann das Gesprochene. Eiskalt lief es mir über den Rücken. Bei einem Transport aus dem Elsaß hatten sie 1200 Tote ausgeladen. Von 5000 Menschen 1200 tot. Der Kamin des Verbrennungsofens qualmte Tag und Nacht. 14 Dieser Vorgang wurde mir einige Tage später von einem alten Parteifreund bestätigt, der schon 10 Jahre die Segnungen des 3. Reiches in Dachau zu verspüren bekam. Die Menschen waren wie die Heringe zusammengepreßt, ohne Nahrung, elend an Hunger und Durst zu Grunde gegangen. Eines Tages hieß es„ Aufstellen zum Arzt". Die Ärzte waren ebenfalls Häftlinge, meist Franzosen und Belgier. Wir marschierten, oder richtiger, stolperten in unseren Holzklinken durch das weit ausgedehnte Lager. Überall sahen wir große Trupps junger Leute in den bekannten blau- weiß- gestreiften Sträflingskleidern, die von der Arbeit kamen, abgehetzt und müde, aber sie mußten singen. Dachau war ja ein Musterlager. Auf dem Wege kamen wir auch an einer Baracke vorbei, die uns der führende Kapo als Lager- Bordell bezeichnete. Als Geburtstagsgeschenk„ des Führers" wurde es im April 1944 eingerichtet. An der Arztbaracke angekommen, mußten wir uns nackt ausziehen, unsere Habseligkeiten auf den Boden legen und im Gänsemarsch ging es in die Baracke zum Arzt. Wir wurden lediglich gewogen und die Zähne untersucht. Während wir unseren Gänsemarsch ausführten, wurde eine Bordellinsaẞin, von 2 SS- Männern eskortiert an uns nackten Männern vorbei, ebenfalls zum Zahnarzt geführt. Wir wußten nun, daß auch diese Frauen die in Dachau praktische Nazikultur verwirklichten, genau wie wir als Gefangene behandelt wurden. Bis dahin hatten wir im Hofe keinerlei Sitzgelegenheit gehabt, wir konnten uns nur auf den meist verdreckten Feldboden setzen. Plötzlich wurden wir mit einer Anzahl neuer Schemel beglückt; ein Umstand, der von uns allen sehr begrüßt wurde. Abwechselnd konnten wir doch auch sitzen. Kam aber ein SS.- Angehöriger, erscholl der Ruf ,, Achtung", alles stand auf, nahm die Kopfbedeckung ab und stramme, militärische Haltung an. Einmal kam ein SSUnterscharführer in unseren Hof. Ich erblickte ihn schon am Eingang, sprang auf und nahm stramme Haltung an. Gleichzeitig hatte ich sofort den Eindruck, daß dieser Mensch über unsere nun vorhandene, primitive Sitzgelegenheit erbost war. In leicht gebückter Haltung, den Kopf weit vorgeschoben, einer hungrigen Bestie gleich, die Augen bald nach rechts, dann wieder nach links gerichtet, ging er durch die Reihen der alten, stramm stehenden Männer. Jeden Moment, so befürchtete ich, wird er jemanden anfallen und wirklich geschah das Unglaubliche. Bei seinem Rückweg schlug er meinem Nebenmann, einem Salzburger Kaffeehausbesitzer, namens Bauer mit der Faust ins Gesicht. Hätte der Mann. in dieser Situation die Nerven verloren, und sich an diesem Sadisten vergriffen, er wäre wahrscheinlich noch am gleichen Tage 15 durch den Kamin des Verbrennungsofens zur Entlassung gekommen. Nach und nach wurden beim Frühappell einige Namen aufgerufen. Die Aufgerufenen mußten vortreten, dann wurde ihnen gesagt: Sachen mitnehmen und abtreten! Es konnte gar nicht schnell genug gehen, von ihren anderen Freunden und Schicksalsgenossen konnten sie sich kaum verabschieden. Jeden Tag warteten wir nun mit größter Spannung auf die Namensaufrufung und immer waren wir voller Freude, wenn der eine oder andere der Freiheit zugeführt wurde. Die bange Frage: Bist Du nun auch bald unter den„ Glücklichen", wurde jedoch allmählich zur Qual und niemand konnte sich der Enttäuschung entziehen, wenn es Tage gab, an denen keine Namens- Verlesungen erfolgten. Nerventötend ging es Tage und auch eine halbe Woche so weiter; endlich sollte auch mir der Weg in die Freiheit wieder offen stehen. Meine Entlassung. Mein Name wurde zusammen mit 4 anderen Insassen aufgerufen. Nach Erfüllung einer Anzahl von Formalitäten, die mit unendlichem Warten einen ganzen Tag in Anspruch nahmen, galten wir als entlassen. Schon wieder in unseren Zivilkleidern, wurden wir noch durch den stellvertretenden Lagerkommandanten darüber belehrt, daß wir über alles, was wir im Lager gesehen und gehört haben, unbedingt zu schweigen hätten. Wehe euch, wenn einer von euch nochmals in das Lager zurückkommt, heraus kommt keiner mehr! Nun haltet euch daran, wegtreten! Nun waren wir endgültig entlassen und in Begleitung eines Unteroffiziers der Wehrmacht traten wir den Weg nach dem dreiviertel Stunden entfernten Städtchen Dachau an. Es ging nicht so schnell, bis ich mich wieder zurechtfand; die Ereignisse der letzten Wochen lasteten noch auf mir. Waren es auch nur 30 Tage, die ich in dieser Hölle zubringen mußte, so reichten sie doch aus, um meine an sich geschwächte Gesundheit ernsthaft in Gefahr zu bringen. Ich war um 17 Pfund leichter geworden und war mir bewußt, nochmals 30 oder gar 60 Tage einer so schweren Zeit wäre auch für mich zuviel gewesen. Auch ich wäre wahrscheinlich den Weg so vieler anderer gegangen, die ihre Angehörigen nicht mehr wiedersehen sollten. Nun lag all das Schlimme hinter mir. Ich sah wieder spielende Kinder, sah Menschen sonntäglich gekleidet zur Kirche gehen und konnte immer noch nicht fassen, daß der Ort des Schreckens hinter mir lag. Ich fühlte mich, wie wenn 16 mir das Leben neu geschenkt worden wäre; ich fühlte mich wieder als Mensch und konnte nach langen Tagen, auch wieder mit Messer und Gabel essen. Dachau, dieser Name, der zusammen mit anderen noch berüchtigteren, bei vielen Deutschen ein Grauen hervorruft, ist nicht das Dachau der Nazi. Es ist ein schönes freundliches Städtchen, mit ordentlichen, gastfreundlichen Bewohnern, die keine Schuld an den Bestialitäten des Konzentrationslagers tragen. Mich selber hat Dachau gründlich wachgerüttelt, hat mich wieder zum aktiven Kämpfer gemacht. Dabei überlasse ich das Recht, ein verkommenes System anzuklagen, in erster Linie denen, die 8, 10 und noch mehr Jahre schuldlos in der Hölle eines Konzentrationslagers gelitten haben. Das was ich selbst zu ertragen hatte, mag dagegen verschwindend klein sein; aber es berechtigt mich zum Fürsprecher aller Opfer der Nazityrannei. Zwei meiner besten Freunde Schneider- Kulmbach und PuchtaBayreuth sind unter den zahllosen anderen die nicht mehr heimkehren. Alle sind sie das Opfer des Hitlerschen Henkerknechtes Himmler geworden. Im August 1945 erhielt ich davon Kenntnis, daß Puchta, dieser lebensfrohe, von Gesundheit strotzende Mann, als den ich ihn Jahrzehnte hindurch kannte, nicht mehr unter den Lebenden weilt. Bei der Besetzung des Lagers Dachau im April 1945, wurde er von den Amerikanern zwar noch lebend aufgefunden, starb dann aber an allgemeiner Entkräftung und Erschöpfung am 10. Mai 1945 in einem amerikanischen Lazarett. Im September 1944 drückte ich meinem Freund letztmalig die Hand; 8 Monate später hatte ein tyrannisches, verkommenes System auch diesen gesunden starken Mann durch Hunger und Terror zur Strecke gebracht. Sein Tod wird in unserer oberfränkischen Heimat bei allen, die den geistvollen Menschen Puchta kannten, einen tiefen Eindruck auslösen. Für unsere Jugend soll sein früher Tod Mahnmal sein und sie anspornen, das Unrecht der Vergangenheit zu sühnen. Seiner Witwe spreche ich auch an dieser Stelle in tiefer Verbundenheit mein Mitgefühl aus. Soll ich diese Schmach, die man mir und Hunderttausend anderen, die man dem deutschen Volke angetan hat, fatalistisch hinnehmen? Nein, tausendmal nein, sagt meine alte, wieder wach gewordene Kampfnatur. Sie alle, die großen Verbrecher und die kleinen Nazis, die immer bestrebt waren durch zutragen und denunzieren, auch in die Reihe der„ Großen" aufzurücken, sie alle 17 haben die Schuld an unserer Not, haben das deutsche Volk er- niedrigt und seinen Namen in der ganzen Welt geschändet. Der Geist der SA und SS, verlogen und unduldsam, auch gegen das eigene Volk und alle anderen Völker, muß ausgerottet werden mit Stumpf und Stiel. Und dann gilt es zu beweisen, daß trotz 12jähriger Nazi- herrschaft‘noch soviel demokratischer Geist und Wille im deutschen Volk vorhanden ist, um sich langsam aber sicher wieder einen Platz in der Völkerfamilie und der Kulturwelt zu. erobern. Ich selber und Millionen anderer sind in 12 Jahren Vergewaltigung und Tyrannei alt geworden; alt geworden auch durch die Sorgen und Entbehrungen dieses Krieges, aber doch lange nicht zu alt, um den jüngeren Generationen den Weg aufzeigen zu können, der herausführt aus Naziverseuchung und aus aller Not der Gegenwart. Wenn es mir zu einem bescheidenen Teil gelingt, mitzuhelfen, diesen steinigen Weg zu überwinden, dann habe ich im Konzen- trationslager Dachau die Nummer 93002 nicht umsonst getragen. Julius Steeger. 18