DEN TOTEN KAMERADEN VON SACHSENHAUSEN Die Kiefern schließen schweigend sich im Kreisder hohen Stämme, die in's Lichte streben, und auf dem Grunde leuchtet aus dem Weiß der namenlosen Asche unserer Toten, die hier verstreut liegt, für ihr ewiges Leben uns mahnend, groß das Dreieck mit dem roten vergossenen Blute wie ein stummer Schrei: Geh', Bruder, nicht als Fremder hier vorbei! Komm näher und verweil im Totenhain; leg' deine Schuhe ab, denn du gehst auf Gebein. Die Kiefern schweigen ernst; sie wachsen schlicht und kreisen leise aus dem kargen Sand zu hohem Wuchs in's Freie und in's Licht. Da blick hinauf und fühl uraltes Strömen: in ihm sind unsere Toten anerkannt als Opfer, die wir tief in uns versöhnen. Geh', Bruder, nicht als Fremder von hier fort, die Scham entflamme dir am Menschenmord. So wachse in das menschliche Begreifen und sorg', daß deine Brüder mit dir reifen. Die Kiefern schweigen ernst; sie wachsen schlicht und kreisen leise aus dem kargen Sand zu hohem Wuchs in's Freie und in's Licht. Cuno Wojczewski Univ. Bit Glaceon 22 473 715 Ein Wort zuvor - Die folgende Blätter- Sammlung einer Reihe von Erlebnisberichten, individuellen Eindrücken von Männern, die jahrelang durch die Hölle der Konzentrationslager gegangen sind sind nicht mehr und nicht weniger als ein erstes Dokument; das letzte Wort über die Konzentrationslager als eine der Erscheinungsformen eines angeblichen Rechtsstaates, der kein Rechtsstaat war, weil seine Regierung sich nicht um wirkliches Recht kümmerte und damit zu einer„, Bande" herabsank, dieses letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Rückt es und das kann erst allmählich geschehen in unser Gesichtsfeld, dann wird es nicht nur die politischen Aktivisten angehen, sondern alle: die Historiker so gut, wie die bloßen Statistiker, die Ökonomen nicht minder, wie die Moralphilosophen. Es wird eine drängende Angelegenheit werden der Richter, der Ärzte und vor allem der Lehrer, wie aller Erzieher Deutschlands und der Welt. Denn es rührt an die tiefsten Wurzeln, an Bewegungsgesetzlichkeiten menschlichen Seins, die über Jahrtausende gehen. - So ist es denn nicht eben wichtig, ob dieser und jener, dessen Unwillen erregt ist durch ach so kleines momentanes Elend( wenn es ihm auch oft anders erscheinen mag), sich abgestoßen fühlt und, zugegeben, auch abgestoßen werden kann bei bloßer Erörterung grausiger Szenen, auch wenn sie die Wahrheit nicht nur nicht erschöpfen, sondern ihr nur ein wenig nahe kommen. Noch stehen in dieser ersten Zeit des Entsetzens die bloßen Greuel im Vordergrund; später wird sich der Blick der Betrachter zwangsläufig auf die tieferen Ursachen und menschlichen Hintergründe dieser im Kern moralischen Tragödie lenken. Wie gesagt: Ein erstes Dokument, von Menschen niedergeschrieben, die sprechen, wie ihnen ,, der Schnabel gewachsen". Und doch, ich weiß, wie schwer es ist und wie furchtbar schwer es auch ihnen wird, ihr Innerstes auszusprechen. Für mich selbst schrieb ich folgendes nieder: ,, Man müßte der Reihe nach erzählen; aber das ist ganz unmöglich. Das wird ohne Sinn und Verstand. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Am Ende werden wir weiter sehen. Vielleicht, vielleicht, daß dann der Phönix wieder die Flügel spreizt und rauschend, lichtüberstrahlt, zum neuen Fluge gen Himmel steigt. Karl Schröder. Das Lager Sachsenhausen übernahm während seines Bestehens 150000 Häftlinge Von diesen wurden etwa 60000 Häftlinge ermordet oder sonstwie zugrunde gerichtet. Gegen jedes Völkerrecht wurden in diesem Lager über 20 000 russische Kriegsgefangene festgehalten, von denen etwa 18000 ermordet wurden. * Am 22. April 1945 wurde das Lager von Truppen der Roten Armee besetzt und im Lager, in den Wäldern und auf den Straßen Mecklenburgs und Pommerns 25 000 Häftlinge des Lagers Sachsenhausen befreit. Das Menschenschlachthaus von Sachsenhausen Das KZ.-Lager von Sachsenhausen war, wie fast alle K7.-Lager, ein Vernichtungslager. Zehntausende von Menschen haben dort von 1956 bis 1945 ihr Leben lassen müssen, gestorben an Hunger und Erschöpfung, zu Tode‘gequält von der SS oder— wie es im Mord-Jargon der SS hieß— umgelegt, liquidiert. Die Stätte, an der’ die Hinrichtungen yollzogen wurden, war das Krematorium bzw. die Sandkuhle neben demselben. In letzterer wurden Er- schießungen vorgenommen und dort stand auch der Galgen. Auch im Krematorium fanden Erschießungen statt, vor allem aber befand sich dort die Gaskammer. Sie war als Baderaum getarnt. Soweit die Opfer des Naziterrors nicht Sachsenhausener Häftlinge waren bzw. alte Häftlinge aus anderen Lagern, hatten sie keine Ahnung, was ihrer dort harrte. Man sagte ihnen, sie würden zum Baden geführt. Sie mußten sich entkleiden und betraten den Raum. Dann strömte aus der Dusche zugleich mit dem Wasser Giftgas. Durch eine Scheibe beobachteten die Henker den Todeskampf ihrer Opfer. Zum Tode Bestimmte, die zögerten, die Gaskammer zu betreten, oder sich gar widersetzten, weil sie wußten oder ahnten, was ihnen bevorstand, wurden mit brutaler Gewalt, Knüppelhieben und Fußtritten in den Mordraum getrieben. Ich arbeitete vom Juli 1942 bis zum Tage unseres Abmarsches, 21.4.1945, in der zum Lager gehörenden Angora-Kaninchenfarm, die sich direkt am Krematorium befand. An unserer Arbeitsstelle vorbei, unter unseren Augen, wurden die Opfer des Hitlersystems in das Menschenschlachthaus getrieben. Es gibt nicht viele Tage in dieser langen Zeit, an denen ich Menschen nicht diesen, ihren letzten. Gang gehen sah.‘ Ich werde nicht das Bild jener fünf jun- gen Mädchen vergessen, von denen die jüngste vielleicht 19, die älteste 25 Jahre zählen mochte. Es waren weibliche Häftlinge aus dem KZ. Ravensbrück. Die eine von ihnen, ein hübsches blondes Mädchen, zeigte lachend auf unsere Kaninchen. Sie alle lächelten und sahen sich neugierig um. Dann waren sie am Eingang des Krematoriums angelangt. Dort standen die Büttel- und Henkers- knechte der SS, die im Krematorium beschäftigten BV.(Berufs- verbrecher), bereit. Ich sah, wie der BV. Hans Gärtner aus Leipzig das eine Mädchen brutal an der Brust packte und durch das Tor stieß. Eine Viertelstunde später kamen der Rapportführer Böhm “und der SS-Blockführer zurück. Es war+vorbei. In den Jahren 1942 bis 1945 habe ich so Tausende von Menschen zum Tode gehen sehen unter Bewachung der SS, an manchen Tagen einmal, an anderen zweimal, dreimal und öfter. Sie wurden gebracht, einzeln und in Gruppen. Wir zählten solche bis zu 35 Mann. Solche großen Gruppen kamen fast immer in die Gaskammer. Doch sind auch Gruppen von 10-15 Mann gehängt worden. An eine solche Gruppe von 12-15 Mann erinnere ich mich besonders, weil ganz junge Menschen, halbe Knaben noch, sich darunter befanden. Sie wurden erst ins Krematorium geführt zum Entkleiden. Dann kamen sie im Gänsemarsch hinausgelaufen, nackend, und mußten im Laufschritt in die Sandkuhle hinunter zum Galgen. Es hat mehr als zwei Stunden gedauert, ehe der Rapportführer Böhm und die SS- Blockführer zurückkamen. Viele der zum Tode Geführten waren so schwach vor Hunger und Mißhandlungen, daß sie sich nur mühsam hinschleppten. Sie faßten sich unter die Arme und stützten sich gegenseitig. Öfter kam es vor, daß einer oder einige von den anderen auf dem Rücken oder an Armen und Beinen ins Krematorium getragen wurden. Jüngere Leute, die einzeln oder auch zu zweien und dreien gebracht wurden, mußten den Weg vom Lagertor zur Hinrichtungsstätte( 15 Minuten) im Laufschritt zurücklegen. Hinter ihnen fuhren die SS- Leute auf Fahrrädern und trieben sie an. Die in Sachsenhausen durch Kugel, Galgen und Gas hingemordeten Menschen kann man im wesentlichen in drei Gruppen gliedern: Häftlinge, ausländische Zivilisten und deutsche Zivilisten. Bei allen drei Gruppen waren Frauen, bei den ausländischen Zivilisten viele Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren. In den Jahren 1944 und 1945 nahm die Zahl der von Gestapo und SD. in das Lage zur Liquidierung eingelieferten deutschen Zivilisten stark zu. Ich sah unter ihnen Berliner Straßen- und Reichsbahnangestellte und viele im blauen oder grauen Arbeitskombinationsanzug: offenbar direkt aus dem Betrieb weg verhaftet. Im Februar 1945 setzte seitens der SS die letzte große Terrorwelle gegen die Häftlinge im Lager ein. Sie schritt zu Massenliquidierungen. Eine Woche lang fuhr sie täglich 5-8mal lastautoweise die Menschen in das Krematorium. Dort standen 10-12 Blockführer und die dort tätigen BV. mit Knüppeln in den Händen bereit. Mit Gebrüll und Prügeln wurden die todgeweihten Häftlinge aus dem Wagen in die Gaskammer getrieben. Dann fuhr das Auto zurück, um neue Schlachtopfer zu holen. In dieser Woche dürften schätzungsweise 2000 bis 2500 Häftlinge auf solche Weise den Tod gefunden haben. Darunter befanden sich 400 bis 500 Kranke aus dem Revier, besonders viele Juden. Unvergessen wird mir der letzte Wagentransport zu ,, liquidierender Häftlinge sein. Es war kein Auto, sondern ein offener Rollwagen. Er wurde gezogen und geschoben von dem zum Wagen 6 . gehörenden Häftlingskommando. Auf dem Wagen befanden sich kranke Juden, vielleicht 30 an der Zahl. Keiner von ihnen konnte stehen. Sie saßen auf dem Bretterboden des Wagens, nur ihre Köpfe ragten über die Seitenbretter hinaus. So schwankte der Wagen vorüber zum Eingang des Krematoriums, Häftlinge, zum Tode bestimmt, gezogen von Häftlingen, die das gleiche Schicksal erwartete. Ein Wort noch über die Vollzieher dieser Grausamkeiten. Der Oberhenker der SS im KZ.- Lager Sachsenhausen war der. Rapportführer des Lagers, SS- Hauptscharführer Böhm. Er hat seit Jahren täglich den Exekutionen an Männern, Frauen und halben Kindern beigewohnt. Er hat buchstäblich Tausende von Menschen vom Leben zum Tode befördert. Ruhig, kalt und gleichgültig schritt er, immer die Pfeife im Munde, hinter den zum Tode Gehenden einher, manchmal sie mit Drohungen antreibend. Ruhig, kalt und gleichgültig kam er nach getaner Mordarbeit, immer die Pfeife im Munde, zurück. Ihm gleichwertig, durch seinen Zynismus noch abstoßender wirkend, war der Lagerführer SS- Untersturmführer Hoen e. Er hat ebenfalls den meisten Exekutionen im Krematorium beigewohnt; Erschießungen zum Teil mit eigener Hand vollstreckt. Beide befinden sich in amerikanischer Gefangenschaft. Freiwillige Büttel und Henkersknechte der SS waren, wie schon mehrfach erwähnt, die im Krematorium arbeitenden BV. Sie zeichneten sich durch Brutalität und Grausamkeit gegen die zum Tode verurteilten Opfer der SS aus und vollzogen auf Befehl der SS. die Todesstrafe durch Hängen und Strangulieren. Für diese Henkersarbeit erhielten sie SS- Verpflegung, Essen und Rauchwaren, so viel sie wollten, und genossen alle Lagervorteile. Unter ihnen waren die schlimmsten Subjekte der Vorarbeiter Hans Gärtner aus Leipzig und Hans Wolff, vor Gärtner selbst Vorarbeiter im Krematorium. P. Koch, Häftling 37 621 Christinenstr. 15, bei Bartl. Illegale Arbeit in Sachsenhausen Eine wichtige Abteilung war die politische Abteilung. In sie einzudringen war nicht leicht. Gewiß, wenn unter Mittag gerade kein SS- Mann da war, haben wir ab und an Zugang zu den Akten gehabt, aber dieser Weg war sehr riskant. Erst als die Arbeit als Läufer für mich zu viel wurde, und ein zweiter Läufer. für die Pol. Abteilung dazukam, wurde das besser. Dieser zweite Läufer, ein junger Rotspanienkämpfer aus St. Gertraud in Kärnten unser ,, Franzel"-, brachte es fertig, die Pol. Abteilung so 2* 7 zu beherrschen, wie wir es uns wünschten. Durch seine frische, unbekümmerte, lustige Jungenart lullte er den Argwohn der SS so ein, daß er bald ungehindert Zugang zu allen Aktenschränken hatte. Was dabei alles getan wurde, klingt geradezu unglaublich. Jetzt erfuhren wir alles, was wir wissen wollten, ob es sich um Fernschreiben des Reichsführers des RSH.- Amtes handelte oder die genaue Einsicht in Akten derer, die sich im Lager als Antifaschisten ausgaben, in Wirklichkeit jedoch Nazis oder in Ungnade gefallene Gestapospitzel waren. Oder wir entfernten aus den Akten bekannter Antifaschisten irgendwelche belastenden Protokolle, kurz, es war eine ,, kribblige", aber fruchtbare Tätigkeit. Später ging unser Franzel noch weiter. Es kam ein neuer Kriminalsekretär; der war korrupt bis in die Zehenspitzen, er brauchte praktisch alles. Wir konnten ihm ja alles besorgen: ob. es nun ein Blumenstrauß, eine grüne Gurke, Tomaten, eine Ledertasche oder Ledersohlen aus SS- Beständen waren, er konnte alles gebrauchen. Franzel stellte natürlich seine Gegenforderungen. Zuerst einmal Einblick in Geheimsachen, die nur dem Chef der Pol. Abt. zugängig waren. Dies wurde zum Teil möglich. Dann: Es gab sehr viele Häftlinge, die sich ihre Freiheit mit neuen Aussagen oder auch, indem sie über interne Dinge der antifaschistischen Arbeit im Lager Meldung machten, erkaufen wollten. Von diesen Dingen wollten wir wissen, erstens, um die Lumpen unter uns Häftlingen kennenzulernen, zweitens, um diese Meldungen einfach abzubiegen. Das letztere wurde so gemacht, daß der Krim.Sekretär die Vernehmung und das Protokoll durchführte und dann alles in unsere Hände gab. D. h. wir waren natürlich nur an Dingen gegen Antifaschisten interessiert. Als Franzel dann krank wurde, traten sein Erbe genau so gerissene Hochverräter oder später wieder Rotspanienkämpfer an. Erst im Frühjahr 1944 ging diese Verbindung verloren. Eine andere Tätigkeit wurde in den Außenkommandos entfaltet. Verbindung zur Außenwelt, zu den Angehörigen und damit auch zu denen, die in der Freiheit antifaschistisch arbeiteten. Vor allem kamen die Kommandos in Berlin in Frage, sowie Kommandos, die in der Prinz- Albrecht- Straße oder in anderen GestapoDienststellen arbeiteten. Diese Kommandos wurden fast ausschließlich mit guten deutschen Antifaschisten besetzt. Was dort alles getan wurde, klingt ebenfalls fast unglaublich. Also in der ..Höhle des Löwen", der Prinz- Albrecht- Straße. Der Vorarbeiter dieses Kommandos, ein Kamerad aus dem Sudetengebiet, verstand es bald, sich dort eine Position zu verschaffen, die es möglich machte, von allen geheimen Dingen Kenntnis zu bekommen. Es gab dort ein kleines Zimmer, in dem eine Weiche der Rohrpost 99 8 eingebaut war, keiner kam dort hinein. Mit Hilfe eines Nachschlüssels setzte der Vorarbeiter„ Jupp" den von mir schon erwähnten Hamburger Antifaschisten Mokry in das Zimmer und ließ diesen sämtliche ankommenden Posthülsen anhalten und öffnen. Es wurde dabei sehr oft besonders wichtiges Gestapomaterial bekannt. Diese Möglichkeit ging dann leider durch die Auflösung des Kommandos nach dem Tode Heydrichs( des in der Tschechei ermordeten Gestapogewaltigen) verloren. Aber noch andere Unmöglichkeiten waren gerade in diesem Kommando möglich. Der Vorarbeiter freundete sich mit einer jungen Berlinerin an, die in der Adjutantur des RSHA. als Reinmachefrau tätig war. Eine junge, einfache Frau mit einem guten und mutigen Herzen. Was sie alles getan hat, läßt sich gar nicht beschreiben. Daß wir einmal einen Kameraden im Lager von der Ruhrkrankheit mit echtem schwarzen Tee wieder auf die Beine brachten, war ihr Verdienst. Der Tee stammte aus dem Überfluß des Chefs der RSHA. Wieviele illegale Verbindungen zu Angehörigen von Antifaschisten hat gerade sie geschaffen. Als dann der Vorarbeiter Jupp im April 1944 mit Franzel zusammen aus dem KZ. flüchtete, war sie es, die beide beherbergte, andere Wohnstellen beschaffte und sie auch sonst betreute. Ja, sie ging noch weiter, sie ließ das 1. Dienstsiegel des Reichssicherheits- Hauptamtes verschwinden. Mit Hilfe von Briefköpfen und anderen Formularen war es dann möglich, behelfsmäßige Papiere für die Flüchtlinge herzustellen. Und das alles, während sie im RSHA. Auch mir arbeitete. Wie gesagt, ein Frau mit Mut und Herz. verhalf sie zu meiner illegalen Verbindung mit meinen Angehörigen und damit zu meiner Flucht. Durch sie waren wir neben persönlichen Dingen auch laufend unterrichtet über den Stand der Dinge im antifaschistischen Lager Berlins und Leipzigs. - Aber es gab auch andere Möglichkeiten, die manchmal fast grotesk anmuten. Als im Lager einmal Quarantäne war, schlief das Kommando Prinz- Albrecht- Straße gleich dort. Während der Weihnachtsfeiertage gelang es dem Vorarbeiter, durch viel Redereien und Bestechungen, das persönliche Eigentum Heydrichs, ein Koffer- Radio- Gerät, zu bekommen, mit dem dann lustig Moskau und London gehört wurde. Und das mitten in der Zentrale der Gestapo. Ähnlich lagen die Dinge bei den anderen Berliner Kommandos. So habe ich einmal drei Monate in der Parteikanzlei Wilhelmstraße 64 gearbeitet, der Dienststelle des Reichsleiters Bormann. Ein pompös eingerichtetes Gebäude. Dort war es mir möglich, jeden Sonntag vormittag, während mich ein anderer Kamerad deckte, in dem dort besonders luxuriös eingerichteten Dienst9 zimmer des Reichspressechefs Dr. Dietrich an einem riesigen Radiogerät Moskau und London zu hören. Die Nachrichten wurden dann im Lager an zuverlässige Antifaschisten weiterverbreitet. Ebenso war es in der Berkaer Straße, einer Zweigstelle des RSHA., Abt. Diplomatenüberwachung und ähnliches. Wir wurden zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Dort erhielten wir fast regelmäßig von einer Scheuerfrau den gedruckten Abhörbericht des Rádiodienstes Seehaus, der Nazizensurstelle, mit allen Berichten der Auslandssender in deutscher Sprache. Oder wir entdeckten beim Aufräumen wichtiges. Akten- und Gestapomaterial. Danach fiel uns Emigrantenliteratur in russischer, französischer, englischer und holländischer sowie in deutscher Sprache in die Hände, von dem sehr viel mit ins Lager wanderte und von Hand zu Hand ging. Und so wurden in allen Außenkommandos in und um Berlin illegale Verbindungen geschaffen, Fühlung mit Fremdarbeitern und mit deutschen Antifaschisten aufgenommen. Ja, es war sogar möglich, illegales Material aus der Freiheit ins Lager nach Sachsenhausen zu schmuggeln, wenn auch nur in einzelnen Exemplaren, was ja wohl verständlich ist. Aber auch im großen Lager in Sachsenhausen selbst blieb man nicht untätig. Hier wurden ebenfalls in allen nur möglichen Arbeitsstellen fremde Sender gehört. In der Elektrowerkstätte wurden deutsche Antifaschisten mit Fremdsprachenkenntnissen oder antifaschistisch eingestellte Tschechen oder Polen als Radiotechniker zu den Reparaturarbeiten an den Apparaten der SS eingestellt. Daneben gab es in den Arbeitsstellen viele ,, Schwarzhörer", ja, wir haben sogar im Dienstzimmer des Arbeitsdienstführers, des berüchtigten ,, Eisernen Gustav", während dessen Abwesenheit, und wenn alles gut gedeckt auf Beobachtungsposten stand, Moskau und London gehört. Daneben lief die straffe Zusammenfassung aller Antifaschisten. Die besten Kameraden hatten die Aufgabe, alle politisch auf dem Laufenden zu halten. Daneben waren einige wenige Aktivisten damit beauftragt, für eine kommende Auseinandersetzung mit der SS die nötigen Grundlagen. zu schaffen. Über den vollen Umfang dieser Vorbereitungen bin ich deshalb nicht unterrichtet, da ich erstens mal Häftling auf dem Außenkommando Berlin- Lichterfelde, Wismarer Straße, war, zum anderen diese Dinge natürlich streng konspirativ durchgeführt wurden. Ich weiß also nur von Dingen, an denen ich selbst beteiligt war. Da mein Bericht die Vorgänge im KZ. Sachsenhausen nur bis zum Juni 1944 schildert, wäre es die Aufgabe anderer Kameraden, die Vorgänge vom Juni 1944 bis zum letzten Tage der SS- Herrschaft im Konzentrationslager zu erzählen. 10 Wunderlich. WIR KONZENTRATIONÄRE Wir standen im Schlamm und gruben im Moor Und haben im Steinbruch gewühlt; Wir trugen die Last, die schwere. . Wir stöhnten und fluchten im täglichen Chor, Wir hatten das Gleiche gefühlt Als Konzentrationäre!— Und zogen wir morgens zur Arbeit hinaus, Und schlug uns der Knüppel, wir wurden nicht weich, Wir hielten zusammen das Grausamste aus, Und beugten uns nicht, ob arm oder reich. Wir lernten das Hassen, den heiligen Brand, Dort wurde geschmiedet das eiserne Band!—- Wir trugen den Galgen zum Sonntagsdräll Und sahen des Todes verzerrtes Gesicht, Doch werden wir’s niemals vergessen, So standen wir stundenlang still, Gehorchten dem Zwang, erfüllten die Pflicht,— Kannst du uns’re Rache ermessen?! Ob Russe, ob Deutscher oder Franzos, Dort wurde der Grenzpfahl für immer gefällt. Wir trugen gemeinsam das härteste Los, Laßt uns nun erobern gemeinsam die Welt! Der Schlachtruf aus unserer Konzentration: Für Freiheit und Gleichheit in jeder Nation! Senator Heitgress, Hamburg. Junger Tag— neues Leben Ja, der junge Tag näherte sich selbst mir im dunklen Verließ. ‚Mit brennenden Augen schaute ich zu dem kleinen Spalt des Bretterfensters. Wie eine Offenbarung drang durch die zierliche Fuge das immer stärker werdende Licht zu mir, mein Herz mit neuer Hoffnung füllend. Dieser zarte Lichtblick, in schönster Er- füllung des Wortes, ließ mich langsam aus dem, Trancezustand der schweren, schwarzen Nacht erwachen. Und der Körper ver- langte gebieterisch sein Recht. Das Geschwisterpaar, Hunger und Durst, bohrten und nagten in der guten Absicht, daran zu er- innern, daß der Körper erhalten werden muß. Und schon meldet sich auch der Verstand: Werden und wollen sie mich verhungern lassen? Da, horch! Bewegung im Zellengang. Wieder das gleiche, nun schon oft gehörte Geräusch der Essenverteilung. Aber schwach ist meine Hoffnung, daß ich diesmal bedacht werden könnte. Wird auch jetzt meine Zellentür geschlossen bleiben? Und doch, Schritte nähern sich, bleiben vor meiner Tür stehen, ein Knack Zellentür wird geöffnet! meine Mir wird eine Schüssel in die Hand gedrückt, und ich bekomme etwa ein viertel Liter warme Suppe. Welch' köstlicher Moment! Meine erstarrten Hände umklammern die heißersehnte, warme Schale. Und so, den Blick nach innen gerichtet, schlürfe ich langsam den Inhalt dieser Schale aus! Noch einmal öffnete sich im Laufe der nächsten Stunden die Zellentür, ein Hemd und eine Hose wurden mir zugeworfen. Diese Bekleidung war zwar stark verschmutzt, aber ich hatte doch wieder etwas, womit ich meine Blöße bedecken, meinen Körper bekleiden konnte. Und etwas Wärme wurde so dem vor Kälte bebenden Körper! - Mein Zellenkalender Vier Tage war ich nun bereits in der Dunkelzelle des ,, Strengen Arrestes", als mir die erste Atzung und die Bekleidung zuteil wurde. Der kleine Lichtspalt, der durch die Bretter des vernagelten Fensters fiel, war meine größte innere Freude und auch mein Helfer. Mit ihm konnte ich mich beispielsweise nach Tag und Nacht orientieren. In der absoluten Zelleneinsamkeit, wo man durch nichts abgelenkt wird, verfällt man schließlich auf allerhand Hilfsmittel. So machte ich mir meinen eigenen ,, Zellenkalender". Wenn mir der Lichtspalt den neuen Tag ankündigte, dann klemmte ich einen dünnen Holzspan in den Spalt. Das war ein Teil meiner täglichen Tätigkeit". Die stetige Wanderung durch die Zelle war allerdings meine Hauptbeschäftigung. 99 Dunkelarrest bei Wasser und Brot Nach und nach bemerkte ich, daß auch in der erniedrigenden Schmach System liegen kann. Denn bald wurde mir klar, daß es üblich war, den Häftlingen, die im Zellenbau den„, Strengen Arrest" über sich ergehen lassen mußten, die ersten drei Tage nichts zur Verpflegung zu geben. Wie ich später erfahren sollte, überstehen nur etwa 50 Prozent der Zellenbauinsassen die auch von mir durchlebten Torturen. Es lag im teuflischen Plan der NaziLagerleitung, ihre Opfer bis an den Rand des Grabes zu bringen. Wer unter den Quälereien zusammenbrach, wurde als zu schwach gekillt". Es paßte zur teutonischen Ideologie der„ Nazi- Wissenschaft", der Rassenlehre. 12 Sachverständige und Laien mögen sich darüber wundern, wieso ich die Qualen der ersten drei Tage und Nächte überleben konnte. Ich bin von Geburt ein kräftiger Mensch; mein Organismus war völlig gesund, als ich mit meinen 25 Lebensjahren nach Sachsen- hausen kam. Mein Normalgewicht lag damals um 75 Kilo. Nach den sechs Wochen Zellenbau hatte ich Gelegenheit, mich auf der Revierwaage zu wiegen; ich wog noch 46 Kilo, hatte also fast 30 Kilo Gewichtsverlust. Daß das Leistungsvermögen eines so grausam vergewaltigten Körpers auf ein tiefes Niveau kam, liegt auf der Hand. Aber gerade diesen Zustand wollten die Nazi- Henker ja herbeiführen. Denn wer bei der Arbeit infolge Krank- ‘heit oder Schwäche zusammenbrach, bekam seinen Genickschuß. Angeblich, weil er die Arbeitsdisziplin durch„aufsässiges Be- nehmen” gestört hat. Sechs Wochen verblieb ich im„Strengen Arrest“, der nach vier Wochen dadurch„gemildert“ wurde, daß ich jeden Tag eine halbe Stunde die Zelle verlassen durfte. Die„Verpflegung“ bestand aus 400 g Brot pro Tag und einem Krug Wasser. Jeden dritten Tag bekamen wir mittags und abends je eine Schüssel warme Wasser- suppe, in der ungeschälte Kartoffeln ohne Salz zerdrückt‘waren. Dieser Schweinefraß wurde von der verhungernden Kreatur doch immer wieder mit innerem Jubel begrüßt; verhinderte er doch, daß das schwächer werdende Lebenslicht nicht ganz erlosch. Not macht erfinderisch. Die tägliche Brotration mußte möglichst rationell eingenommen werden. Ich knetete mir aus dem Brot kleine runde Kügelchen. Sie wurden auf dem Zellenboden in einer Ecke aufbewahrt und dann immer in bestimmten Zeitabschnitten je eine Kugel eingenommen. Diese wurde sehr langsam und so lange gekaut, bis der Brotteig sich mit dem Speichel zu einer flüssigen Masse vereinigt hatte. Bald merkte ich, daß der ameri- kanische Arzt Fletscher mit seiner warmempfohlenen Methode, alle Speisen langsam und gründlich zu kauen, sehr recht hat. Es wird dadurch zweifellos eine Verminderung des Nahrungsbedürf- nisses erzielt. Bei der mehr als schmalen Kost konnte allerdings das„Flet- schern“ auch nicht viel helfen. Oft, wenn ich von meinem Liege- platz auf dem Fußboden hochkam, wurde mir schwindelig. Oft befand ich mich in einem Zustand der Dämmerung; auch muß ich zu manchen Zeiten das Bewußtsein verloren haben. Für stunden- lange Wanderungen in der Zelle reichten die Kräfte einfach nicht mehr aus. An den Kältezustand und das harte Liegen auf dem kalten Fußboden hatte sich der Körper schließlich gewöhnt!—— Henkermethoden und Menschlichkeit Nach sechs Wochen holten mich eines Tages zwei Scharführer aus dem Zellenbau ab, um mich wieder meinem Block zuzuführen. Als ich nach so langer Zeit an die frische Luft und in die völlige Helle des Tages kam, bin ich vor Schwäche doch umgefallen. Der Ohnmachtsanfall muß aber wohl' nur kurze Zeit gewährt haben. Als ich die Augen öffnete, sah ich, wie einer der Scharführer seinen Revolver aus der Tasche nahm und auf mich anlegen wollte. Schnell faßte ich mich und stand wieder auf. ,, Dein Glück", murmelte unzufrieden der SS- Mann. Auf dem Block angekommen, wurde ich dem Blockführer übergeben. Zur Begrüßung versetzte er mir einen kräftigen Fußtritt und schlug mich mit der Faust einige Male ins Gesicht. Angeblich hatte ich die vorgeschriebene Meldung nicht mit der üblichen militärischen Akkuratesse vorgebracht. Im Tagesraum bekamen meine Kameraden bald darauf das Abendessen. Ich mußte an der Tür stehen und zuschauen; für mich gab es kein Essen, weil ich noch nicht registriert war. Kaum war jedoch der Blockführer aus dem Tagesraum heraus, als sofort unter den Kameraden eine Hilfsaktion für mich eingeleitet wurde. Es war für jeden eine Selbstverständlichkeit, für einen Kameraden, der aus dem ,, Strengen Arrest" kam, von seinem kargen Essen abzugeben. Die für mich zusammengebrachte Portion war dann auch so reichlich, daß ich, nach langer, langer Zeit, endlich wieder einmal das Gefühl der Sättigung hatte. Dieser schöne, echte Zug kameradschaftlicher Menschlichkeit bewegte mich innerlich nach all dem schweren Erleben der letzten Wochen sehr tief. Mir wurde es klar: Menschen saßen hier im Folterhaus und wurden von Verbrechern bewacht und geschändet. Die Verbrecher waren die Beauftragten einer ebenso verbrecherischen Regierung des deutschen Volkes der Regierung des„, großen Führers" und„, Menschenbeglückers" Adolf Hitler. - KZ.- Häftling 2470,, Gus ov" bearbeitet von Paul Thal. Das Lager als Versuchsstation Die Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen wurden ungefragt zu den unglaublichsten Experimenten medizinischer und verschiedener anderer Art herangezogen. Eine sogenannte Schuhprüfstelle ließ auf einer eigens hergestellten Schuhprüfstraße die Haltbarkeit von Werkstoffen prüfen. Namentlich die 14 Insassen der Strafkompanie mußten täglich bei jedem Wetter und bei völlig ungenügender Ernährung 35 km zurücklegen. Um die Wirksamkeit von Tabletten, die angeblich für mehrere Tage den Schlaf verdrängen konnten, zu erproben, mußten Häftlinge mit Gepäck ganze Tage und Nächte marschieren. In gewissen Abständen wurden Häftlinge, namentlich Krüppel ( Beinamputierte und Armamputierte), zu sogenannten Transporten( ,, Kräutergarten") zusammengestellt. Nach 14 Tagen kamen die Bekleidungsstücke, Brillen, Prothesen dieser Häftlinge in das Lager zurück. Sehr wahrscheinlich gingen diese Transporte nach Buch bei Berlin. Da einem Teil der auf Transport gehenden Häftlinge schon vor der Abfahrt eine Spritze verabreicht wurde, ist anzunehmen, daß man an diesen Häftlingen die Wirkung der lang- und kurzwirkenden Todesspritzen ausprobiert hat. Die Angehörigen wurden stets dahin unterrichtet, daß der Betreffende an Herzschwäche verstorben war. Von 1937 bis 1940 wurden im Lager Sterilisations- und Kastrationsversuche durchgeführt. Eine ganze Anzahl von Häftlingen wurde in den Krankenbau bestellt und gegen ihren Willen sterilisiert oder kastriert und danach von den Ärzten beobachtet. Bei unserer letzten Anwesenheit im Lager wurden noch Akten der Sterilisierten und Kastrierten sichergestellt. Im Sommer 1944 wurde eine Anzahl völlig gesunder Häftlinge in den Krankenbau bestellt und unter Leitung des Lagerarztes und hinzugezogener Ärzte der Reichsärztekammer nachfolgender Behandlung unterzogen: An den Beinen wurden ihnen Schnitte beigebracht und diese Schnittwunden wurden mit Dreck und Stroh verpackt, so daß eine Wundinfektion eintrat. Alsdann versuchte man mit Gegenmitteln diese Wundinfektion zu heilen. Bei diesen Prozeduren war die Folge, daß Häftlinge starben oder amputiert werden mußten. Auch kam es vor, daß Experimente durch Injektionen mit Typhus und Cholera vorgenommen wurden, zwecks Gewinnung und Erprobung von Serum. Am höchsten waren diese ärztlichen Experimente im Lager Dachau entwickelt. Das Lager Dachau besaß für solche Zwecke eine besonders große Station. Aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen wurden periodisch die ,, Versuchskaninchen" für diese Experimentierstation, besonders Tbc.- Kranke, nach Dachau verschickt. Dem Revier wurden auch laufend zu diesem Zweck jüdische Kinder zugeführt. Bis zum Jahre 1943 mußten alle deutschen politischen Häftlinge zehnmal an der Ausgrabung und Unschädlichmachung von Blindgängern und Zeitzündern teilnehmen, die nach Fliegerangrif3* 15 fen in der weiteren Umgebung von Berlin gefunden wurden. Auch hierbei wurden viele Häftlinge getötet oder schwer verwundet. Auch wurden außerhalb des Lagers bei gefährlichen technischen Experimenten( Ausprobierung neuer Waffen, neuer Fallschirme usw.) Sonderkommandos von Häftlingen eingesetzt. Zu den Opfern der Massenliquidationen kommt hinzu die große Zahl der durch schlechte Ernährung, Überarbeitung und durch die periodisch auftretenden Seuchen, wie Typhus, Durchfall, Phlegmone, verstorbenen Häftlinge. Es wurden Sterblichkeitsziffern bis zu 100 Häftlinge pro Tag verzeichnet. Außer den Blockführern begingen die Begleitposten und SS- Angehörigen der verschiedenen SS- Betriebe gegen die dort beschäftigten Häftlinge ein Unzahl von Grausamkeiten. Einige Arbeitskommandos, vor allem Klinkerwerke, gelangten in dieser Beziehung zu einer traurigen Berühmtheit. Auch in der Kraftfahrtechnischen Versuchsanstalt ereigneten sich laufend rohe Übergriffe gegen Häftlinge. So wurden z. B. in diesem Betriebe einige Häftlinge so nahe an einen brennenden Ofen in Kniebeuge gesetzt, daß sie sich schwere Brandwunden an den Kniescheiben zuzogen. Es ist ganz unmöglich, diese sich fast täglich abspielenden, an Gemeinheit und Roheit sich überbietenden Zwischenfälle im einzelnen aufzuführen. Jeder Häftling war den SS- Banditen gegenüber vogelfrei. Alle Beschränkungen hatten nur papiernen Wert. Selbst die hin und wieder bei besonders schweren Verletzungen durch die Ärzte eingelegten lahmen Beschwerden hatten keinerlei Wirkung. Kaum wird es nach der Vernichtung der Akten, die die SSMörder zur Verwischung der Spuren ihrer Verbrechen im letzten Augenblick vornahmen, je möglich sein, die Opfer ihrer Verbrechen in Zahlen zu nennen. Arbeiter, Studenten, Schüler, Gelehrte, Künstler und Politiker, Soldaten und Offiziere aus Deutschland und allen europäischen Ländern sind zu Tausenden im Konzentrationslager Sachsenhausen vernichtet worden. Karl Raddatz. STEHEN", die Folter von Sachsenhausen Vor einigen Tagen wurde in der Presse zu der Bitte einer Leserin Stellung genommen, nun endlich mit den entsetzlichen Schilderungen aus den Konzentrationslagern aufzuhören. Man gab dieser Frau die einzig richtige Antwort, nämlich, daß wir ja erst angefangen haben, die Schrecknisse dieser teuflischen HitlerInstitutionen zu enthüllen, daß wir Tag für Tag unermüdlich 16 neues Tatsachenmaterial sammeln werden über das, was die nazistischen Verbrecher 12 Jahre lang zur Qual wehrloser Gefangener ersannen und ausführten, und daß wir all dies dem deutschen Volke in Wort und Bild zur Kenntnis bringen werden und auch müssen. Denn wie viele ahnen heute noch gar nicht, was in den Konzentrationslagern geschah, in ihrem Namen ,,, im Namen des deutschen Volkes" geschah! Dieses düstere Kapitel der Hitler- Episode geht darum jeden Deutschen an, der so viel Ehre und Gerechtigkeitsgefühl in sich trägt, wie man von ihm als Angehörigen eines im Grunde rechtschaffenen Volkes erwarten kann. Sollte man da falsche Rücksicht auf schwache Nerven nehmen dürfen? Wie lächerlich wäre es angesichts Millionen Gefolterter, auf Gefühle derer zu achten, die durch politische Gleichgültigkeit mitschuldig wurden an all diesem unsäglichen Leid.- Ich selbst war als politischer Gefangener in Sachsenhausen, einem der vielen Konzentrationslager der Nazis, und ich will berichten von der dortigen Spezialität", Menschen seelisch und körperlich zu vernichten. Gewiß, auch uns Insassen von Sachsenhausen drohte täglich, stündlich der ,, übliche" Konzentrationärtod durch Schlagen, Treten, Pfahl und Bock oder auch„, nur" durch Erschießen und Erhängen. Aber wir hatten eben noch unsere Spezialität", und das war das„, Stehen". Hinter diesem Wörtchen ,, Stehen" verbirgt sich nichts Geheimnisvolles, Ungewöhnliches. Es bedeutet nur das, was es besagt, also ganz einfaches Stehen. Ja, werdet ihr einwenden, was könne an einfachem Stehen schon Tödliches sein? Wir müssen heute überall stehen, beim Kaufmann, án der Haltestelle und sonstwo. Gewiß, so sieht es draußen aus; aber wie war das Stehen in Sachsenhausen? Tausende von Häftlingen mußten viele Stunden lang auf einem Fleck stehen, ohne sich rühren zu dürfen, ohne Essen, ohne selbst austreten zu können. Wenn die SS- Mörder guter Laune waren, durften die Gequälten dazwischen einmal„ ausruhen"- durch Knien mit vorgestreckten Armen oder durch den sogenannten Sachsengruß, d. h. Kniebeuge mit im Nacken gefalteten Händen. Stunden um Stunden standen wir so im Freien, bei Sonnenglut, bei strömendem Regen und" bei bitterem Frost. Morgens zum Appell, mittags zum Appell, abends zum Appell. Fielen die berüchtigten Appelle nicht zur Zufriedenheit der Herren Aufseher aus, dann mußten wir eben weiter stehen. Wer auffiel, bekam Schläge, Tritte. Jeder vorbeigehende SS- Mann versuchte seine ,, Fähigkeiten an uns. 17 An einem eisigen Januartag des Jahres 1940 standen wir so 18 lange Stunden. Ohne Mantel, ohne wärmendes Unterzeug! Der Schnee häufte sich auf den ausgemergelten Körpern, die langsam erstarrten, erkalteten, erfroren. Einer sank lautlos auf die weiße Erde. Bald noch einer, wieder einer. 70 bis 80 waren es schlieẞlich an einem Tag, die fortgetragen wurden aus der langen Reihe ihrer leidenden Kameraden. Sie waren gestorben aus Entkräftung, Erschöpfung; sie waren gestorben am ,, Stehen". - Das Mittagessen wurde im Lager abends ausgegeben. Nicht etwa, weil man es aus technischen Gründen nicht mittags liefern konnte, sondern ganz einfach deshalb, weil man dadurch eine warme Mahlzeit einsparen wollte. Eine halbstündige Mittagspause gab es aber trotzdem auch für diejenigen, die nicht zu auswärtigen Arbeitskommandos eingeteilt waren. Die mußten auf dem Appellplatz antreten und stehen. Wer das Kunststück fertiggebracht hatte, bis Mittag seine tägliche Brotration von 100 g ( das sind zwei normale Schnitten!) nicht schon restlos verzehrt zu haben, der konnte essen. Und wer ein Restchen Tabak aufgetrieben hatte, der durfte die letzten fünf Minuten der Pause rauchen. Die meisten jedoch standen, apathisch geworden durch körperliche und seelische Entbehrung, und warteten nur auf das Ende der entsetzlichen ,, Mittagspause", auf das Ende des Stehens, dieser heimtückischen Folter. Doch nicht alle erlebten es; täglich starben allein in der Mittagspause 10, 20, 30 auch 40 Kameraden. Und abends war es nicht anders. Mußten wir dann nochmals zwei bis drei Stunden stehen, so gab es wieder etwa 30 Tote! Das warme Essen, das wir dann schließlich erhielten, bestand wohl acht Monate im Jahr täglich aus Kohlrüben, oder aus Kartoffeln, erfrorenen, fast gänzlich ungenießbaren, natürlich. Wurden die großen Kessel geöffnet, in denen man die Kartoffeln gekocht hatte, so erfüllte ein ekelerregender Gestank die ganze Baracke. Aber der unstillbare Hunger ließ allen Widerwillen überwinden. Und wieder starben viele an diesem verwesten Fraẞ. Warum waren sie auch so gierig, wenn ihnen das Essen nicht bekömmlich erschien? Wer zwang sie zum Essen? Ihre SS- ,, Betreuer bestimmt nicht. Dié konnten nicht dafür, wenn die Leute am Essen starben. Die hatten natürlich auch keine Schuld daran, daß die Häftlinge das Stehen so schlecht vertrugen. O ja, die SS von Sachsenhausen war völlig schuldlos! Das waren Leute, die auch nur ihre ,, Pflicht" taten und so harmlos im Geiste waren wie etwa jener Lagerblockführer, der einen Gefangenen nach seinem Beruf fragte, und, als er die Antwort ,, Revolverdreher" erhielt, erwiderte, dann hätte er, der Häftling, also gestohlen. Jener wagte den Einwand, daß ein Revolverdreher ja ein Spezial18 arbeiter sei, worauf ihn der SS- Bursche anfuhr, er müsse trotzdem Revolver gestohlen und verschoben haben, wenn er sich selber als Revolverdreher bezeichne. Wollt ihr noch einen Kommentar dazu? - So lebten und starben die Häftlinge von Sachsenhausen. Bis eines Tages die Befreier kamen und denen die Tore weit aufstießen, die übriggeblieben waren, die mit eiserner Willenskraft der physischen Vernichtung durch die Folter des ,, Stehens" widerstanden hatten und nun vorangehen werden auf dem Wege zu einem neuen Deutschland, einem Deutschland, das den Faschismus und seine finsteren Kreaturen restlos ausmerzen wird im Interesse des deutschen Volkes und der gesamten Menschheit. Edwin Lesniewski Häftling Nr. 11 961. Bericht eines politischen Häftlings aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen Schwere, grausame Jahre 1939 bis 1941, ein Sinnbild der Barbarei, sadistischen Wütens und Marterns. Jammer und Leid begann an dem Eingangstor, denn geschrieben stand: ,, Arbeit macht frei". Zur Einführung: Zwei Tage kein Essen; dafür Schläge mit Stöcken, Gummiknüppeln und Ochsenziemern; Hinlegen, Kniebeuge, Stiefeltritte gegen Schienbeine und die Bauchgegend. ,, Rote Schweine", war die Bezeichnung für politische Häftlinge Ausgeschlagene Zähne waren der erste Stempel der Geißel und Knechtschaft. Alles im Laufschritt; Laufschritt selbst mit schweren Geräten und Werkzeugen. Als Essen faule Kartoffeln, stinkende Steckrüben; monatelang; ekelerregend, und dazu Tote Tote. Von 14 000 Häftlingen starben rund 3400 innerhalb dreier Monate. Sie wurden erschossen, erschlagen, aufgehängt, zum Selbstmord in den elektrisch geladenen Stacheldraht getrieben. Die Judenhäftlinge waren die besonderen Opfer der sadistischen Mordlust der SS- Gangster SS- Mannschaften rissen den Häftlingen die Mütze vom Kopf, warfen sie einige Meter weit weg; dann befahl man den Häftlingen, die Mütze zu holen,- so wurden die Häftlinge auf der Flucht erschossen. Es gab Urlaub für diese ,, Heldentat"! Tausende Tote, unter ihnen noch krabbelnde Lebende, hinein in die Verbrennungsöfen! Man zwang Häftlinge, diese Arbeiten auszuführen. 19 Hölle und Tod überall lauernd. - Fehlte ein Häftling beim Appell, dann folgten stunden-, ja tagelanges Stehen; Hocken in Kniebeuge bei strömendem Regen, bei Schnee und bitterer Kälte; ohne Nahrung, ohne die Notdurft anders verrichten zu können als in die Hosen; Tote lagen in HauSK. gefen neben den stehend Lebenden. Die Strafkompanie nannt- eine Stätte der Marter, der Qualen, des sadistischen Tötens mit allen Mitteln; unbeschreiblich der Jammer, das Stöhnen und Schreien der Geqäulten und Sterbenden. An den Füßen gebunden, die Hände gebunden, einen Strick um den Hals, so wurde mit einer Winde der Lebende langsam hochgezogen; ins Jenseits befördert; bestialisch grausam. ,, Leichte" Strafen waren körperliche Züchtigungen; festgeschnallt auf einem Bock, 50 bis 100 Stockschläge bis zur Ohnmacht; oder Binden an den Pfahl bis die Gelenke sich ausrenkten. Dies das Schicksal so vieler und nur: Weil die Häftlinge Nazigegner waren. umgeHäftlinge mit Prothesen wurden als sogenannte„, Kräuterkommandos" zusammengestellt, sie verschwanden, waren legt". Ihre Kleider kamen blutbefleckt in die Wäscherei. 10 000 russische Kriegsgefangene brachte man ins Lager. Täglich fuhren, abends beginnend bis in die Nacht, Autos, voll besetzt, mit ihnen zum Industriehof; sie wurden umgelegt, im Auto erschossen, totgeschlagen und kamen in die Verbrennungsöfen. Überall raste der Tod. Die SS- Söldlinge heuchelten Moral und Pietät Wollten Angehörige ihre Toten sehen, so wurde schnell ein eigens für diesen Zweck bereitgehaltener schöner Sarg herbeigeholt, der Tote aufgebahrt mit weißem Lätzchen und Kranz. Aber wenn die Angehörigen diese Schaustätte verlassen hatten, wurde der Tote, wie ein verendetes Vieh, in eine Kiste geworfen und hinein in den Verbrennungsofen! Das Lager stank nach verbranntem Menschenfleisch. Eine vorübergehend leichte Besserung trat allerdings ein, als Kommissionen das Lager besichtigten; da gab es mehr und besseres Essen; aber die Kommissionen gingen wieder, und es gab dann doppelte Prügel und doppelt soviele Tote. - Grausam jeder Tag; aber auch nachts erschien diese SS- Meute und schmiẞ die Häftlinge aus den Betten. Im Hemd mußten sie in eisiger Kälte um den Block laufen und sich hinlegen. Die Folge: Kranke, wankende Gestalten; Gerippe, dem Tode geweiht. 20 Das war Nazikultur und sie sollte 1000 Jahre dauern! Korruption bei allen SS- Mannschaften bis hinauf zu den Lagerkommandanten. Die Häftlinge mußten heimlich für sie allerhand Werk- und Wertgegenstände anfertigen; aus dem hinterbliebenen Gut umgelegter Judenfamilien und politischer Häftlinge stahl man und bereicherte sich. Die Häftlinge mußten herbeischleppen; wußten sie zuviel, so wurden sie umgelegt. Alles haben diese Konzentrationshäftlinge verloren: Geld und Gut, Existenz und Familie. Frauen der Häftlinge zwang man zur Einreichung der Ehescheidung. Bei Weigerung gab es keinerlei Unterstützung für Frau und Kinder, keinerlei Lebensmöglichkeiten mehr. Alles verloren diese Häftlinge, doch nie den Glauben an die Vernichtung dieser SS- Banditen. Wir glaubten an England, Amerika, an Rußland, an die anderen Nationen; an die Menschheit, die immer lauter ihre Stimme gegen die Nazibarbarei erhob. Wir sabotierten still und geheim alles, was den Nazis dienlich war; mancher zahlte mit seinem Leben dafür, wir Überlebenden hofften auf Freiheit. Bevor die schmachtende, ersehnte Freiheit aber kam, begann ein schauerlicher Totentanz. Alle schwerkranken, durch Arbeitsunfall verkrüppelten und durch Hunger und Entbehrung dem Moloch Tuberkulose verfallenen Häftlinge wurden grausam umgelegt; kamen in die verstärkt arbeitenden Verbrennungsöfen. Der Totenmarsch begann; die überlebenden Häftlinge mußten flüchten. Zehntausende marschierten als wankende Gestalten. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde unbarmherzig durch Genickschuß liquidiert. Die Toten lagen in Massen an den Straßen; von Oranienburg über Wittstock nach Bälow; vier Tagesmärsche des Elends und Jammers. Nur das internationale Rote Kreuz rettete Tausende vor dem Hungertode durch Spenden von Lebensmittelpaketen auf den Marschstraßen. Die SS gab uns sechs bis sieben Tage nichts zu essen. Tausende starben so noch wenige Tage vor der greifbar nahen Befreiung. Ihr Völker alle! Höret die Bitte! Laßt errichten ein ewiges Schandmal auf dem Lagerplatz des Konzentrationslagers Sachsenhausen! Alle kommenden Geschlechter sollen hier gedenken der Grausamkeit der Nazi ,, kultur" im 20. Jahrhundert. Niedergeschrieben am 12. Mai 1945. Schutzhäftling Adomeit Ferdinand Nr. 17 522, Block 27. 21 AUF DER FLUCHT ERSCHOSSEN Eine Zeitungsnotiz nur, nicht mehr, ein paar Worte unterm Strich, kaum lesbar, als wäre es ein Inserat. Und doch: dies Wort spricht Tat. Dies Wort spricht aus der ungeschriebenen Geschichte schicksalsstumme, schweigend klagende Berichte. Dies Wort kündet mit glühenden Zungen, kündet, als wären Myriaden Glocken erklungen, kündet, als hätten's die Sterne herniedergesungen, kündet aber- und abermalen, kündet in Zuckungen und Qualen, kündet noch, wenn den lästernden Schächern Frevel auf Frevel, Bluttat auf Bluttat gelungen. Das Wort klingt fort und fort und hallet wider, aus den Kerkern heraus, von den Schaffotten hernieder. Die Toten, zu furchtbaren Rächern auferstanden, jählings fanden ihres Grauentodes unfaẞbare Anklagelieder. Armee von Gerippen, zerquält und zerschunden, Armee, noch eh' sie gelebt, gestorben, erschlagen, verhungert, verblutet an Marterwunden, in den Kellern, Verließen und Grüften verdorben. Nur, ab und an dies kleine Wort, kaum lesbar als wär' es ein Inserat. Und doch: dies Wort spricht Tat. Hallt wieder und wieder, zeugt fort und fort; und kündet noch unterm Strich, Genossen. Gewaltige Hymne: AUF DER FLUCHT ERSCHOSSEN 22 22 Karl Mundstock. Ein grausiger Totentanz Die Erschiebung von 18000 Russen Im August und September 1941 waren sie angekommen, die ersten russischen Kriegsgefangenen. Erschöpft, verlaust, verdreckt. Ihre kranken und toten Kameraden hatten sie mitgeschleppt. 30 km nördlich Berlin, in Sachsenhausen, wurden sie untergebracht. Kein Arzt kümmerte sich um sie, jede Scheibe Brot war ein außerordentlicher Gnadenerweis. Sie verkamen. Sie verhungerten. Jeden Morgen lagen die Leichen der Russen, die der Tod erlöst hatte, vor den Baracken. Aber jeden Tag trafen auch neue ein. Dieses Absterben der Russen ging dem Lagerkommandanten, SS- Obergruppenführer Loritz, nicht flott, nicht forsch, nicht zackig genug. Hier mußte, verdammt nochmal, schneidig durchgegriffen werden. Und so hob sich der Vorhang vor dem grausigsten Totentanz, der in dem Hirn dieses SS- Unmenschen erdacht wurde. Es war Oktober geworden, noch waren die Tage spätsommerlich, mild und schön, aber die Nächte ließen die mit nichts versehenen Gefangenen schon frösteln. Krank und unterernährt baten sie immer wieder um Hilfe. Da ließ der SS- Obergruppenführer antreten. Durch einen Dolmetscher teilte er ihnen mit, er habe ihnen nunmehr eine schöne und gar nicht schwere Arbeit verschafft, und dort werde die Verpflegung gut und reichlich sein, und die Unterkunft sei warm und geräumig. Damit aber keiner eine Arbeit leiste, die etwa seiner Gesundheit unzuträglich sein könnte, würde zuerst ein Arzt den allgemeinen Körperzustand untersuchen. Diese Worte sprach er milde, menschlich und voller Güte. Die Gefangenen drängten sich zu den Lastkraftwagen, die inzwischen auf den Barackenhof gefahren kamen; sie freuten sich, endlich aus der trübseligen Eintönigkeit ihrer Gefangenschaft herauszukommen und sich endlich wieder einmal sattessen zu können. In ihrer Freude bemerkten sie kaum das Lächeln, mit dem der SS- Obergruppenführer gesprochen hatte. In ihrer Freude bemerkten sie kaum, daß kein anderer der Lagerinsassen sich außerhalb der Baracken befand. 30 bis 35 Gefangene faßte ein Lastwagen; der erste rollte hinaus, zu dem sogenannten Industriehof hinüber. Hier standen Ärzte in weißen Kitteln. Sie horchten das Herz der Gefangenen ab, sie fühlten den Puls. Wer von den Untersuchten konnte ahnen, daß Herr SS- Obergruppenführer Loritz hier einen grausigen Fasching feiern ließ, 23 ein teuflisches Verkleidungsfest, auf dem seine SS- Leute einfach " weifle Kittel trugen und sich als Ärzte gebärdeten. Radiomusik stimmte die Gefangenen noch froher als zuvor, denn die Ärzte erklärten jedem, daß er nun gutes und reichliches Essen bekommen werde, aber durchaus nicht zuviel dafür arbeiten müsse. Aus statistischen Gründen müsse man nur noch die Körperlänge genau feststellen. Dazu waren an der Längswand des Schuppens Meßlatten angebracht. Es waren richtige Meßlatten mit einer sonderbaren Einrichtung, über die man sich aber weiter keine Gedanken machte. In der Höhe von 1,50 bis 1,70 m nämlich waren kleine Löcher von etwa fünf Millimeter Durchmesser. Hier stellten sich die Gefangenen zur Messung bereit. Der damalige Rapportführer des Lagers, Sorge, der Eiserne Gustav" genannt, sprach die Gefangenen noch einmal an. Durch ihn, sagte er, sei nun allen Arbeit und Brot vermittelt. Er erwarte dafür keinen Dank als diesen einen: Die Gefangenen möchten ihm ein schönes russisches Liedchen vorsingen. Die Gefangenen sangen es ihm vor, und mit Tränen in den Augen dankte er ihnen dafür. Es war der letzte widerlichste Akt dieses höllischen Theaters, denn nun, als die Gefangenen an die Meßlatten traten, brüllten die Lautsprecher ihre Radiomusik in voller Tonstärke. Nun konnten die SS- Leute, die an der Innenwand der Baracke hinter der Meßlatte gestanden hatten, ihren Genickschuß durch die Löcher der Latten jagen. Was nun geschah, bedurfte der heuchlerischen Theatralik nicht mehr. Die Toten wurden auf einen Wagen geschmissen und zum Krematorium hinüber gefahren. So hielt der Kommandeur, SSObergruppenführer Loritz, doch wenigstens eines seiner Versprechen: daß sie heute nacht in einem warmen und geräumigen Raum schlafen würden. 20 Minuten später rollte der nächste Lastwagen heran.- Es gab Tage, an denen 30 solcher Todeswagen von den Baracken zum Industriehof hinüberwechselten. Das bedeutete, daß an, solchem Tage 1000 Gefangene den Tod fanden.. Bis in den Spätherbst zog sich die Liquidierungsaktion" des SS- Obergruppenführers Loritz hin. Etwa 18 000 Gefangene wurden dabei weggeräumt. Längst schaffte der Verbrennungsofen die Arbeit nicht mehr, und vier fahrbare andere Verbrennungsöfen wurden hinzugezogen. Fast wurden die Mordschützen, die aus ihrem Versteck die Genickschüsse durch die Latten jagten, ihrer eintönigen Arbeit müde. Sie waren durchweg Blockführer und Kommandoführer im KZ. Sachsenhausen. Sie alle aber durften sich in dem Gedanken trösten, daß sie als erste in der Geschichte der Menschheit eine solche Art Massenmord ausführten. 24 Zudem wurden sie von ihrem obersten Kriegsherrn Adolf Hitler für ihre fleißige Genickschußkomödie mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet, und im Sommer 1942 durften sie eine gemeinsame Erholungsfahrt nach Italien antreten. Die Kölnische Illustrierte" hat ein Bild von dieser Fahrt gebracht. In der Unterschrift wurde den Lesern kundgetan, daß es sich um ,, besonders verdiente Angehörige der SS" handelte. Der 22. Oktober 1942 Karl Raddatz. 12 Uhr mittags. Befehl an die Häftlingsbekleidungskammer: ,, 800 Juden gehen auf Transport, fertigmachen bis 22 Uhr!" Das war also des Rätsels Lösung. Seit zwei Tagen wurden die Blocks 38 und 39 mit systematischer Gründlichkeit ausgeplündert. Die Blocks wurden auf dem Appellplatz auf ,, Transportfähigkeit" untersucht. Trotz des kalten, regnerischen Wetters, heißt es, sich ausziehen und warten bis jeder an die Reihe kommt. ,, Transportfähig ist natürlich jeder. Die Blockführer ,, filzen" die Habseligkeiten mit besonderer Gründlichkeit. Für die meisten der Blockinsassen stand fest, daß sie über den ,, Industriehof" entlassen würden, d. h. also: ,, Krematorium". Durch besonderen„ Zufall" konnte sich der Schreiber dieser Zeilen Gewißheit verschaffen, daß der Transport nach Auschwitz ging. Die Transportler wurden also durch die Entlausung gejagt und transportmäßig angezogen. Selbstverständlich bekamen sie, wie alle auf Transport gehenden, die schlechteste Kleidung und schlechtestes Schuhzeug. Fußbekleidung waren die sogenannten ,, Holländer", die den Moorkumpels noch in besonderer Erinnerung sind. Wer diese zum ersten Male anzieht, hat als Gesunder schon Schwierigkeiten, um wieviel mehr Kranke! Aber danach wurde ja nicht gefragt. Truppweise zu je hundert wurde immer abgefertigt. Für alle stand fest:„ Es geht zum Industriehof." Trotz Bewachung sagte ich den mir als Genossen bekannten: ,, Ihr geht auf Transport nach Auschwitz." Wenige nur glaubten mir, andere sagten: ,, Das ist dasselbe, ob hier oder Auschwitz!" Viele waren apathisch durch die langen Leiden. Bald hatte ich heraus, daß eine kleine Gruppe zusammenblieb und irgend etwas beriet, trotzdem schon einige Trupps von je hundert abgefertigt waren. Es war eine ganze Anzahl mir schon aus der Jugendorganisation und später aus der Partei bekannter Genossen darunter. Ich hatte, je länger ich sie beobachtete, die 25 Gewißheit, heute passiert noch etwas Besonderes. Ich hatte mich nicht getäuscht. Zwei Genossen traten, an mich heran, sie suchten zum Schein passende Holländer.„ ,, Franz", sagten sie ,,, für uns steht fest, daß wir über den Industriehof entlassen werden. Wir glauben nicht, daß wir auf Transport gehen. Du willst uns nur beruhigen!" ,, Ihr geht auf Transport", sagte ich mit aller Bestimmtheit. ,, Nein, nein, Franz, wir lassen uns nicht abschlachten wie willenlose Lämmer. Wir zeigen, wie wir abtreten, wenn es sein muß!" ,, Macht keinen Unsinn, Kumpels", war meine Antwort, ,, es gibt ein wahnsinniges Blutvergießen. Ihr geht auf Transport!" Nach einiger Zeit kommt wieder ein Genosse, der passende Holländer sucht, und sagt:„ ,, Franz, wir haben alles erwogen. Durch die Türen können wir nicht, unser einziger Weg geht durch dein Fenster. Du mußt uns den Weg freigeben! Denk' an unsere Jahre in der Jugendbewegung. Willst du als Genosse dich den Genossen in den Weg stellen? Überlege es dir und gib dann Zeichen!" Ich erlebte schwere Minuten. Ich entschloß mich, ihnen den Weg freizugeben, mochte kommen, was da wolle. Ich gab das Zeichen meines Einverständnisses. Inzwischen war es Abend geworden. Das Lager stand auf dem Appellplatz angetreten. Wir waren ,, kommandiert". Ungefähr 15 hatten es verstanden, zusammenzubleiben. Ich hatte gerade wieder einen Genossen abgefertigt, als er mir zuflüsterte: ,, Paß auf, es geht los!" Ich wurde ,, überwältigt" und flog in die Ecke. Der Trupp ging durch das Fenster. Scheiben klirrten! Ehe die Posten an den Türen sich von ihrem Schreck erholt hatten, war der Trupp ausgebrochen und stürmte auf den Appellplatz. Ich hörte von weitem die Rufe: ,, Schießt doch! Schießt doch!" Ungefähr 80 Zurückgebliebene waren starr und wagten nicht, sich zu rühren. Die Absperrdiensttuenden, fast ausschließlich BV., griffen nun ein, und bald waren die Ausgebrochenen überwältigt und niedergeschlagen. Was nun in der ,, Entlausung" sich abspielte, läßt sich nicht beschreiben. Alles mußte niederknien und die Blockführer feierten eine wilde Orgie. Wieviel Schädel- und Rippenbrüche es gab, weiß ich nicht. Als sie sich müde getobt hatten, erschien die Lagerleitung und stellte die Ordnung wieder her. Mein Kumpel, Albert Borkowski, und ich waren fest überzeugt, daß dies auch. für uns beide noch sein Nachspiel haben würde, ebenso wie für alle Transportler. Aber zu unserer größten Verwunderung geschah in den nächsten beiden Stunden nichts. Bald darauf kam der Lagerleiter zurück, verhörte mich kurz und sagte dann zu den Blockführern, sich ein Stäubchen vom Ärmel klopfend: ,, Was 26 sollen wir lange Protokolle machen. Wenn das oben bekannt wird, daß so etwas möglich war, dann sind wir unfähig. Also machen wir nichts. Die gehen nach Auschwitz. Da kommt kein Schwanz wieder. Also Schwamm darüber." Am 23. Oktober 1942 ging der Transport nach Auschwitz. Wieviel sind davon übriggeblieben? Ich weiß es nicht. Franz Weichan ehem. Häftling Nr. 53 071. Einmal etwas anderes aus Sachsenhausen Wer kennt nicht Vierkant? Vierkant, den Gewaltigen von Sachsenhausen? Drei Sterne und einen Balken auf dem Schulterstück; klein, dick, dumm und die Reitpeitsche in der Hand! Ein Mann wie geschaffen, auf einem Pferderücken zu reiten. Nun, reden wir deutscheine völlig unmögliche Reiterfigur. - - Frühmorgens um 5 Uhr, wenn die Tausende der Häftlinge zum Arbeitsappell angetreten waren, dann erschien Vierkant auf dem Rücken eines Rotfuchses. Majestätisch reitet er durch die Reihen seiner Sklaven. Er fühlt sich Herr über Leben und Tod- Herr über Stock und Pfahl. Herbst 1939: Am Ausgangstor großes Hallo! Was ist los? Der Rotfuchs hat gebockt- Vierkant küßt die Betonstraẞe!! Viertausend Häftlinge schmunzeln! All dies, körperlicher Schmerz, die Unverfrorenheit des Gaules, machten Vierkant aber rasend. Ein Exempel muß statuiert werden! Er rappelt sich hoch, die Reitpeitsche wütend schwingend schreit er:„, Euch Rotmordgesindel werde ich helfen!" Zum Pferd aber ruft er mit tiefer, ernster Richterstimme: ,, Ich verurteile dich zu 25 Stockschlägen über Gesäß und Rücken und acht Tagen Haferentzug fort aus meinen Augen!" Schon hageln die 25 Peitschenhiebe über den Rücken des Pferdes. ,, Pferdepfleger, führe das Aas ab!" - Das Verbrechen vom 11. Oktober 1944 - SS mordet 27 Antifaschisten 11. Oktober 1944. Wie Tag um Tag, wie Woche um Woche, so rückten auch an diesem klaren Oktoberabend die Arbeitskolonnen in das Lager Sachsenhausen ein und formierten sich auf dem Appellplatz zum Abendappell. , Blocksperre. Betreten des Platzes verboten!" so schallt es nach dem Appell als Befehl über den Platz. Blocksperre? So hieß es immer, wenn die SS ein Verbrechen plante. War es nicht so, als 27 22 28 98 man 150 Offiziere der holländischen Armee zur Hinrichtungsstätte ,, Industriehof" führte, und man Abend für Abend 16 000 russische Kriegsgefangene nach hinten führte und in hinterhältiger Weise durch Genickschüsse tötete? War es nicht immer so, wenn die Rauchschwaden des Krematoriums wie Mahnmale in den abendlichen Himmel ragten und der Geruch verbrannten Menschenfleisches uns den Atem verschlug? War es nicht so...? Ein banges Ahnen befällt uns. Liegen doch schon seit langen Wochen über 100 unserer Genossen im Isolierungsblock 58, angeklagt, im Lager illegale, politische Arbeit geleistet und den Widerstand organisiert zu haben. Überall standen erregte, diskutierende Gruppen, und während wir später grübelnd auf unseren Strohlagern liegen und in banger Sorge um unsere Freunde den verdienten Schlaf nicht finden können, knallen die Schüsse. Wir erfahren bald: 27 unserer Genossen liegen in ihrem Blute, hingemordet von der SS.- Unbändig war auch im Lager Sachsenhausen unser Widerstandswille. Unablässig waren wir bestrebt, den Gemeinschaftsgeist zu wecken und wachzuhalten, um dem Terror der SS zu begegnen. Solidaritätsaktionen, durchgeführt in kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit den Vertrauensleuten aller europäischen Nationen, stillten den Hunger und retteten so manchen vor dem sicheren Tode. Die politisch geschultesten und kühnsten Antifaschisten organisierten den Widerstand, führten die Nationalitätenausschüsse und gaben der Masse des Lagers das politische Rüstzeug. Der SS blieb der Widerstand nicht verborgen. Der Kampf mußte geführt werden gegen asoziale Elemente und Berufsverbrecher, die sich geringer Vorteile wegen für die Rolle von Lockspitzeln und Provokateuren hergaben. Bereits im Frühjahr 1944 sandte die Gestapo eine Sonderkommission ins Lager zu dem ausschließlichen Zweck, durch Inszenierung eines Prozesses die noch. im Lager befindlichen Funktionäre zu liquidieren. Eine über das ganze Lager verbreitete Spitzelorganisation lieferte die spärlichen Unterlagen für den Prozeß. Einhundertfünfundsechzig Funktionäre wurden im Laufe einiger Wochen verhaftet und von der Masse der Lagerinsassen unter strengster Bewachung isoliert. Im Krematorium, angesichts des Galgens und der lodernden Flammen, wurden die Vernehmungen durchgeführt, und mit Peitschen und Stahlruten wurden die Protokolle geschrieben". Aber es gelang den Henkersknechten nicht, die Zusammenhänge der über das ganze Lager verbreiteten Widerstandsbewegung zu klären. Tapfer und unbeirrbar hielten die grausam Geqälten ihrer Sache die Treue. In den Abendstunden des 11. Oktober 1944 wurden unsere 27 Genossen bei einbrechender Dunkelheit schwer gefesselt, von einem riesigen Aufgebot bis an die Zähne bewaffneter SS- Formationen bewacht, dann aus dem Lager geführt. In ohnmächtiger Wut und tiefem Schmerz nahmen wir Abschied von ihnen. Wir wußten, daß unsere 27 Genossen im Kampfe gegen Faschismus und Barbarei trotz jahrelanger Haft mutig und ungebeugt gefallen waren. Wenige Tage später traten über 100 der übrigen Angeklagten den Marsch in das Vernichtungslager Mauthausen an, wo sie von alliierten Truppen befreit wurden. Die Namen der 27 Opfer, der Helden des antifaschistischen Kampfes, sind: Ernst Schneller Matthias Thesen Rudolf Mokry Erich Bolze Hans Rothbart Heinz Bartsch August Sandtner Ludgar Zölligkofer Josef Tschub Alfred Ahrend Andre Bergeron Fritz Bücker Emil Dersch Ernst Fürstenberg Willi Grübsch Arthur Hennig Dietrich Hornig Otto Kröbel Rudolf Hennig Erich Mohr Roger Robine Josef Rutz Wilhelm Sandhöfel Gustav Spiegel Kurt Szalek Sigismund Szredski Der Name eines 16jährigen französischen Antifaschisten ist unbekannt. Karl Raddatz.. Laufende Aktionen im Konzentrationslager Sachsenhausen von 1940 bis 1945 1. Aktion gegen Polen im Jahre 1940( 9. November): Dabei wurden 33 Polen erschossen; der dazu vorhandene Grund waren die Bromberger Ereignisse. 2. Aktion gegen russische Kriegsgefangene Mitte 1941( September- Oktober): Dabei wurden 16 000 russische Kriegsgefangene erschossen. Jeden Abend fuhr 4- bis 5mal ein Lastwagen vor das russische Kriegsgefangenenlager und fuhr von dort wieder vollbeladen zurück zum Industriehof. 29 29 3. Aktion gegen politische Häftlinge der Lagerzentrale( Schreibstube): Im Jahre 1942, am 1. Oktober, wurden diese Genossen ihrer Lagerfunktionen enthoben und zum Zellenbau gebracht. Einige Tage später kamen durch diese Aktion 18 unserer besten Genossen auf Transport in das Straflager Flossenbürk. 4. Aktion gegen Juden: Diese Aktionen erstreckten sich über die ganze Dauer des Bestehens des Konzentrationslagers. Viele Tausende wurden dabei vernichtet. Zu einem Teil wurden sie im Lager( Industriehof) erschossen, zum Teil bei der Arbeit totgeschlagen. Bei der systematischen Vernichtung während der Arbeit waren in der Hauptsache SS- Angehörige, aber auch aus den Reihen der Häftlinge, Berufsverbrecher, asoziale Häftlinge und sonstige schlechte Elemente beteiligt. Es wurden auch Judentransporte zur Vernichtung nach verschiedenen Straflagern zusammengestellt, so z. B. nach Mauthausen, Flossenbürk, Bergen, Belsen und Lublin. Auch auf dem zum Lager gehörigen Klinkerwerk fanden viele Juden durch Hunger und Kälte den Tod. 5. Aktion gegen Homosexuelle im Jahre 1943: Dieselben kamen nach dem zum Lager gehörigen Außenkommando Großziegelwerk( Klinker), wurden dortselbst erschossen, totgeschlagen und über die Postenkette getrieben. Die Zahl dieser betrug 100 bis 200. 6. Aktion gegen die Kranken( Körperschwache und Tuberkulosekranke): Gegen diese wurden etwa drei bis vier solcher Aktionen durchgeführt, vor allem in den Jahren 1943 und 1944 Transport nach Bergenbelsen und Lublin. Ob die kranken Häftlinge dort angekommen sind und was dortselbst aus ihnen geworden ist, ist uns nicht bekannt. Transport ,, Kräutergarten" und ,, Sonnenberg" waren fingierte Namen, deren Lager nicht vorhanden waren. Diese Häftlinge wurden wahrscheinlich erschossen oder in Gaszellen umgebracht. Auch wurde eine Reihe von schwerkranken Häftlingen direkt nach dem zum Lager gehörigen Krematorium gebracht. Die Zahl der dabei ums Leben gekommenen Häftlinge ging in die Tausende. Anfang Februar 1945 wurden etwa 1000 Häftlinge erschossen und in Gaszellen vergiftet. Das war eine Reichsmaßnahme. 7. Aktion gegen Amtsanmaßung: 30 Dabei handelte es sich besonders um Berufsverbrecher und asoziale Häftlinge. Dieselben kamen alle nach dem zum Lager gehörigen Großziegelwerk und wurden dort über die Postenkette getrieben. Das war das Ende 1943, der Anfang 1944. 100 bis 200 Häftlinge mußten dabei ihr Leben lassen. 8. Aktion gegen Genossen der Lagerzentrale: ( Lagerälteste, Blockälteste, Vorarbeiter, Vormänner und Stubenälteste und sonstige bekannte Genossen aus dem Lager) Mitte 1943 nahmen die Gold-, Diamanten- und Devisenschiebungen im Lager immer größere Formen an. In der Hauptsache daran beteiligt waren SS- Angehörige, aber auch eine große Zahl von Häftlingen. Die bei den Schiebungen beteiligten Häftlinge setzten sich in der Hauptsache aus Berufsverbrechern und asozialen Elementen zusammen. Fundort dieser Wertgegenstände war die Schuhfabrik des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Schuhfabrik war Sammelstelle von allen Schuhen aller Konzentrationslager Deutschlands. Die Reichsleitung, auf die Schiebungen aufmerksam geworden, brachte die Kriminalpolizei ins Lager. Einige Wochen später bei einer Durchsuchung von seiten der SSAngehörigen der Arbeitsräume in der Heizung Wäscherei wurden ein Radioapparat und selbst hergestellte Flugblätter gefunden. Dadurch wurde die Geheime Staatspolizei ins Lager beordert. - Hinzu kam noch eine besondere Abteilung für Spionage. Diese drei Abteilungen zusammengenommen bekamen den Namen Sonderkommission. Die Sonderkommission arbeitete Hand in Hand mit Häftlingen( Verbrechern) aus dem Lager. Alle, die im Verdacht standen, Kommunisten zu sein oder mit ihnen zusammenzuarbeiten, wurden angezeigt und nach dem Isolierungsblock 58 gebracht. 27 unserer besten Genossen wurden auf dem Klinkerschießstand von einem SS- Kommando aus Friedenthal erschossen, 110 unserer Genossen kamen auf Transport in das Straflager Mauthausen. 9. Aktion gegen das Lager Anfang 1945: An einem Abend wurde der Lagerälteste Baier( Verbrecher) zur Lagerführung gerufen. Nach einiger Zeit kam er mit Listen in Begleitung eines SS- Angehörigen wieder zur Schreibstube zurück. Auf diesen Listen befanden sich etwa 80-90 Namen von Häftlingen aus dem Lager. Lagerältester Baier setzte sich an die Kartei und stellte die Blocks dieser Häftlinge fest. Hernach wurden die benannten Häftlinge von den zwei Lagerführerdolmetschern Siegel und Hoffmann aus ihren Betten geholt und zum Tor gebracht. Dabei handelte es 31 sich hauptsächlich um Russen, die mit russischen Offizieren aus dem Kriegsgefangenenlager in Verbindung standen. Auch Häftlinge( Verbrecher), die vor Monaten für die Sonderkommission gearbeitet hatten, waren mit dabei. Etwa 40-50 Häftlinge aus dem russischen Kriegsgefangenenlager wurden von. dem Dolmetscher Siegel ohne jegliche Listen und Unterlagen willkürlich herausgesucht und zum Tor gebracht. Wir nehmen an, daß ein Befehl der Reichsleitung bei der Lagerführung vorlag, die gefährlichsten Elemente des Lagers zu beseitigen. An der Aufstellung der Listen waren vor allem beteiligt: der Leiter der politischen Abteilung, Sturmscharführer Erdmann; von seiten der Lagerführung der Lagerführer Untersturmführer Höhn. Sicher ist, daß diesen beiden SS- Offizieren freigestellt war, wen sie auf die Listen brachten. Annehmen muß man, daß sie bei der Durchführung dieser Aktion von höheren Stellen keine direkten Direktiven erhalten haben. 150 Häftlinge wurden dabei erschossen. 10. Aktionen im kleinen von 1940 bis 1945: Kleine Aktionen waren Tageserscheinungen, so z. B. Strafversetzungen in andere Lager; Strafversetzungen auf ein Außenkommando; Einlieferungen in die Strafkompanie( SK.); Einlieferungen in den Zellenbau sowie Verschickung zum Kommando Dirlewanger. 11. Aktionen gegen Zivilisten: In den letzten zwei Jahren wurden fast jeden Tag Zivilisten, also Personen, die nicht zum Lager gehörten und sich somit in Freiheit befanden, zum Industriehof gebracht, dortselbst erschossen und im Krematorium verbrannt. Die Zahl dieser geht in die Tausende. 12. Aktion gegen Terroristen Ende 1944 bis Anfang 1945: In dieser Zeit wurden viele Personen eingeliefert, über welche die Lagerführung das Gerücht ausstreute, es handle. sich um Banden und Raubmörder, die vor allem ihr Unwesen in den Großstädten Deutschland trieben. Sie wurden im Lager strengstens isoliert und mit roter Farbe im Gesicht bemalt. Die Verhöre dieser Häftlinge wurden einem Berufsverbrecher, Richard Maschke, überwiesen. Dieser mißhandelte die Häftlinge auf das schlimmste. Die Zahl dieser Häftlinge kann nicht genau angegeben werden( etwa 300 bis 600). Sie wurden ausnahmslos erschossen. Walter Engemann. 12 32 Der Sonderbau im KZ- Sachsenhausen Als die erfolgreichen Absatzbewegungen" in den Jahren 1943/45 immer zahlreicher wurden, setzten auch im Lager Sachsenhausen auf gewissen Gebieten die taktischen Absatzbewegungen ein. Der Leser wird nach den vorhergehenden Berichten erstaunt sein; es war aber so. Man wollte vieles ungeschehen machen, als der Tag der Vergeltung immer näher rückte. Im Jahre 1943 stempelte man das Vernichtungslager Sachsenhausen inoffiziell zu einem Arbeitslager. Das wahllose Schlagen hörte auf, die Anzahl der Schläge wurde nunmehr für begangene ,, Straftaten" nach ärztlicher Untersuchung verordnet. Pakete durften empfangen werden, das Essen wurde etwas besser, statt verfaulter Kohlrüben gab es auch einmal genießbare. Man sah in dem Häftling nicht mehr, das Ventil für den Sadismus und die Blutgier der SS, sondern eines der nützlichsten Tiere in Gottes großem Tierreich; das Arbeitstier. Die Werkstätten stellten sich mehr oder weniger von der Schwarzarbeit für SS- Führer auf Rüstungsbetrieb um. Im Laufe der Zeit wurde die Produktionsfrage immer brennender. Die ,, Rote Armee" brachte den deutschen Truppen die ,, Hohe Schule" bei; sie lernten im Trab und Galopp laufen, und dabei blieb alles überflüssige Kriegsgerät stehen( es sollte mit den neuen Wunderwaffen, die nur in Goebbels Gehirn bestanden, wieder zurückgeholt werden). Das Wörtchen Leistungssteigerung ließ den SS- Halunken die Haare zu Berge steigen. Wie kann man bloẞ die Häftlinge dafür begeistern? Zuweisung von Lebensmitteln? Ausgeschlossen. Also zahlen wir Leistungsprämien. Bald aber stellte sich heraus, daß dies kein Ansporn war, denn Geld ohne Ware ist nichts als Papierfetzen, die wegen ihrer Kleinheit noch nicht einmal auf der Latrine Verwendung finden konnten. mußte also eine Lösung gefunden werden, die das ach so schwer herausgegebene Geld in die weiten Taschen der SS zurückfließen ließ. Und da brüteten die Hirne der Lagerführung eine„ grandiose" Sache aus. Ein Sonderbau wird gebaut nach dem Motto:., Was ich selber denk' und. tu', trau' ich auch den andern zu.". Es Neben der Leichenhalle im Krankenhaus wurde eine Baracke mit 10 Einzelzellen errichtet und für Lagerbegriffe komfortabel eingerichtet. Unter den Häftlingen gab es hitzige Debatten. Die einen tippten auf eine erweiterte Leichenhalle, die anderen auf eine moderne Vernichtungsanstalt für Häftlinge. Die Unruhe stieg von Tag zu Tag, bis dann 33 die Baracke als ,, Sonderbau"( sprich Bordell) ihrer Bestimmung übergeben wurde. Zehn Frauen aus dem Frauen- KZ. Ravensbrück wurden hergebracht. Darunter war ein Teil ehemaliger Dirnen, die übrigen aber waren unbescholtene Frauen, die dort in der Strafkompanie, oder genauer gesagt, im Todesbataillon waren und sich, um ihr Leben zu retten ,,, freiwillig gemeldet hatten. Sie übten hier dann den Beruf einer gewerbsmäßigen Dirne aus. Eine 19jährige polnische Medizinstudentin hatte sich auch., freiwillig" gemeldet, vertraute aber einer nicht vorhandenen Anständigkeit der SS, wenn sie sagte, sie sei noch unberührt. Obwohl dies vom SS- Arzt einwandfrei festgestellt wurde, wurde ihr eine der Zellen zugewiesen. Das Schicksal dieser Frau erfüllte sich schnell; nach zwei Monaten war sie schwanger und wurde kurzerhand erschossen. Jeder deutsche und polnische Schutzhäftling war berechtigt, gegen Entrichtung von RM 1,- in Prämienscheinen bei einer der Frauen 20 Minuten lang der ,, Liebe" zu frönen. Die Beteiligung war rege; Berufsverbrecher und Asoziale waren begeistert. Nur die sich ihrer Aufgabe bewußten politischen Häftlinge machten Front dagegen und erreichten, daß keiner von ihnen von dieser Einrichtung Gebrauch machte. Da ich selbst nicht Besucher war, bin ich nicht in der Lage, Einzelheiten zu berichten, sondern beschränke mich auf die Aussagen von Besuchern dieses ,, Tempels der Liebe". Der Tag der Eröffnung stieg; fünfzig Besucher waren zugelas sen. Das Offizierkorps war bereits anwesend. Die Besucher mußten Revue passieren und wurden untersucht, um dann ihren Liebestribut zu zollen. Alle 20 Minuten kam ein anderer dran. Die Wartenden standen Schlange. Mit wahrer Begeisterung stürzten sich die Offiziere auf die„ Spione", kleine verglaste Löcher in den Türen, und konnten sich nicht sattsehen an den Darbietungen. Sie scheuten auch nicht davor zurück, die Häftlinge eigenhändig herauszuexpedieren, wenn die Zeit überschritten war. In den gemeinsten Zoten ergingen sie sich über diese ,, Kultureinrichtung". Das sind die Offiziere desselben Verbrechers, der sich seitenlang in dem Buch ,, Mein Kampf" über die Abschaffung der Prostitution ausläẞt. Der Sonderbau war ein einträgliches Geschäft, denn es gab Tage, wo eine Frau bis zu 30 Häftlinge abfertigte. Es dauerte nicht lange, da feierten die ersten das Jubiläum des 2000. Besuchers. Und die SS? Sie schlug sich zufrieden ob solcher ,, Menschlichkeit auf den Bauch, schrieb Berichte über die humane Be34 handlung der Häftlinge und fälschte Statistiken über die Leistungssteigerung, um damit diese Maßnahme zu begründen. Die Frauen ließen sich täuschen; sie sahen nicht hinter jeder wohlwollenden Geste die Geschäftstüchtigkeit der Bonzen. Mit der ganzen ihnen zu Gebote stehenden Brutalität opferten diese die Menschen zugunsten ihres Geldbeutels. Wurde eine der Frauen schwanger, so bedeutete das für sie den Tod; den Tod, dem sie entronnen zu sein glaubte. Man konnte sie nicht als Zeugen nazistischer Kultur gebrauchen. Ihr Wille zum Leben hat die Frauen bei Auflösung des Lagers in den Tod getrieben, denn als das Lager evakuiert wurde, bekamen sie den Genickschuß. Goebbels und Genossen aber durften weiterhin von der Reinheit ihres Kriegsziels gegenüber der ,, vertierten Roten Armee" sprechen. Die Menschen saßen dann am Lautsprecher und lauschten andachtsvoll dem Schmutz und Geifer, mit dem eine sogenannte Propaganda unsere Befreier bewarf. Heute will keiner mehr etwas davon hören, ja, man will glauben machen, daß mit einem einzigen Strich alles vergessen werden könne. Nein, und immer wieder nein, erst muß dem deutschen Volke. klar geworden sein, von welchem Dreck es durch den aufopfernden Kampf der Roten Armee und der alliierten Streitkräfte befreit worden ist. Günther Bullerjahn ehem. Schutzhäftling Nr. 69 073. BEGEGNUNG Als wir hinzogen in Todesgrausen, wir Häftlinge von Sachsenhausen, in die Wälder und Sümpfe von Mecklenburg da hatten zu Dritt wir uns abgesetzt und flohen die Regennächte hindurch. So trafen wir euch/ ihr standet herum ihr deutschen Soldaten/ vom Elend gehetzt. Was schießt ihr noch und sterbet/ Warum? Ihr zucktet die Schultern/ dort hing das Gewehr. Und unsere Hände/ die waren leer. Was schwatzt ihr, schrie heiser der Offizier/ was schwatz ihr da! Und wer seid denn ihr? Der Geifer troff aus verzerrtem Mund. Ich lege ihn um jeden feigen Hund. Wir kämpfen hier bis zum letzten Mann. Sein Auge sprang drohend die Männer an. Da stand Mann für Mann mit geladenem GewehrUnd unsere Hände/ die krallten sich leer. Cuno Wojozewski. 35 Der Marsch in die Freiheit Am 21. April 1945, morgens um 2 Uhr, begann die Evakuierung des Lagers Sachsenhausen. Von seiten der Lagerleitung war nichts vorbereitet, um dieses schwierige Unternehmen reibungslos durchzuführen. Es gab keine Proviantwagen, keine Feldküchen, keine Quartiere und keine Sanitäter, es gab nicht einmal ein Reiseziel, kein Auffanglager. Für die SS- Lagerfünrung gab es nur eins: die Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden für alle Brutalitäten, die sie sich im Laufe der Jahre aufgeladen hatte. So wurden 30 000 Häftlinge, etwa 25 000 Männer und 5000 Frauen auf die Landstraßle gejagt, dort dem Hungertode überlassen und die Erschöpften durch Genickschuß ermordet. Es war uns klar, diese Evakuierung war ein Vorwand für die SS, sich von dem Fronteinsatz zu drücken. Die Gruppe, bei der ich mich befand, bestand aus fünf Hundertschaften. Wir marschierten um 3 Uhr nachmittags los. Als Marschverpflegung erhielten wir ein Brot und 250 g Wurst. Später erfuhr ich, daß alle die Kolonnen, die nach uns abmarschierten, keinerlei Verpflegung mehr bekamen. Bis zum Eintritt der Dunkelheit wurden wir vorwärtsgejagt. In unbekannter Richtung nach Mecklenburg. In einem Dorf begann nach einem nichtendenwollenden Zählappell der Kampf um ein Nachtlager. Eine Scheune, die etwa 200 Menschen aufnehmen konnte, war für uns vorgesehen. Da nicht alle dort unterkamen, mußte der größte Teil drauflen schlafen. Am nächsten Tage wurden wir wieder vom Morgengrauen bis in die Nacht vorwärtsgetrieben. Der Transportführer war ein Hauptsturmführer Petri. Er erklärte, daß er keine großlen Umstände mit uns machen werde, ein Maschinengewehr sei rasch aufgestellt und im Straßengraben genügend Platz für uns. Daß das keine leere Drohung war, fanden wir bestätigt. Die Opfer der uns vorangegangenen Kolonne lagen zu beiden Seiten des Weges, durch Genickschuß liquidiert. Ein anderes Mal drohte Petri:„ Macht bloß nicht so dumme Gesichter!" Unsere hohlen Wangen, unsere von Fieber und Durst aufgesprungenen Lippen, unsere anklagenden Blicke, das waren für ihn..dumme Gesichter". Er gestattete uns nicht, daß wir in den einzelnen Ortschaften Wasser holten. Am zweiten Abend bekam ich, nachdem ich zwei Stunden im strömenden Regen gestanden hatte, doch noch Platz in einer Scheune. Sie hatte wohl vorher als Kohlenschuppen gedient. Zitternd vor Kälte, Nässe und Erschöpfung sank ich in den Kohlenstaub und fiel trotz Prefkohlen und Koksstücken in 36 Schlaf. Der dritte Marschtag begann; nur langsam ging es weiter. Nur nicht umfallen, denn das ist der Tod. Manchmal setzten wir uns alle zugleich demonstrativ an den Straßenrand. Petri jagte uns weiter. Da auch die SS- Posten sehr ermüdet waren, wurde am späten Nachmittag der Marsch abgestoppt. Wir waren völlig fertig. Nun erhielten wir als erste Verpflegung nach drei Tagen Pellkartoffeln. Viele hatten ihr Brot schon längst verzehrt. Am nächsten Morgen ging es weiter; endloses Marschieren, das wenige Gepäck schnitt die Schultern und drückte wie eine Zentnerlast schieren, immer nur marschieren-. - marDie Straßen waren voller Trecks.., Wir mußten fort, die SS hat uns rausgejagt", so sagten manche Flüchtlinge. Es waren sicher aber auch Faschisten unter ihnen. Dann überholte uns plötzlich Berliner Polizei auf Tankautos und Motorrädern. Wir sagten uns, nun sind die Russen sicher in Berlin. Das gab uns neue Kraft. Eines Tages, der wievielte es war, weiß ich nicht, kamen wir in den Wald von Below. Dieser Wald wurde für einige Tage unser Lager und für viele unserer Kameraden ein Massengrab. Wir bauten aus Laub und Ästen Zelte und Erdlöcher. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, jagte uns die SS in ein anderes Waldstück. Wir hatten unsere Ruheplätze für die SS- Wachmannschaften gebaut. Neue Lagerstätten und Laubhüten wurden errichtet. Dann wurde Lagerfeuer gemacht, woran wir uns erwärmen wollten. Das Feuermachen wurde verboten: trotzdem blieben die Feuer. Der Lagerführer Kolb ließ daraufhin zwei Mann aufhängen, weil sie das Feuer nicht gelöscht hatten. Es half nichts; Feuer wurde gemacht, eine Lagerdisziplin gab es nicht mehr. In diesem Waldlager erhielten wir von der SS als Verpflegung einmal zwei kleine oder eine große Pellkartoffel, zweimal einen Löffel Haferflocken. Das alles in fünf Tagen.- Es blieb uns überlassen, Wurzeln zu suchen, oder Brennesselsuppe mit Baumrinde zu kochen. Bald gab es jedoch weder Laub noch Brennessel, denn die Postenkette war eng gezogen. Das Wasser im Dorf reichte nicht aus, um den Durst der vielen Tausendees waren 18 000 Häftlinge hier zusammengetrieben- zu stillen. Mit Stockhieben wurden die Wasserholer zurückgejagt. Am zweiten Tag erkämpften wir uns den Zugang zu einem Bach. Oberhalb desselben wusch sich die SS, unterhalb durften wir das getrübte Wasser als Trinkwasser schöpfen. In unserer größten Not kamen viele Lastautos des Internationalen Roten Kreuzes, die mit großem Jubel begrüßt wurden. Wir erhielten je sechs Mann ein Paket. Das rettete vielen das Leben. Aber für andere kam es zu spät. Eines Morgens hatten wir 228 Tote, die vor Erschöpfung in der Nacht gestorben waren. T 37 32 Oft fielen Schüsse. Wir machten uns nichts daraus. Ich weiß nicht, wieviele erschossen wurden. Dann kam der Tag, an dem das Artilleriefeuer näherrückte. Es war Musik für unsere Ohren. Die ,, Rote Armee"- wird sie uns befreien? Sollte unsere Hoffnung Wahrheit werden? Oder sollten wir nur sterbend das junge Morgenrot der Freiheit sehen dürfen? Der nächste Morgen eine Enttäuschung. Weitermarschieren! Also war der Kessel noch nicht geschlossen. Die SS hatte es verstanden, durch Lug und Trug Rote- KreuzPakete für sich zu ergaunern. Nicht nur, daß sie uns verhungern und verkommen ließen, sie, die Satten, stahlen uns das, was das Internationale Rote Kreuz uns zugedacht hatte. Durch unsere Wachsamkeit konnte ein Teil der gestohlenen Pakete durch das Rote Kreuz noch für uns ausgeteilt werden. Die abrückenden Marschkolonnen erhielten dann je fünf Mann ein Paket. Die SS- Lagerführung hatte aber ihren Begleitmannschaften je Mann ein Paket ausgehändigt. Die nächsten Tage immer wieder marschieren, hungern, schlafen im nassen Moos; Krankheiten und Massenausfälle. Durch das Einschreiten des Internationalen Roten Kreuzes wagten es die SS- Banditen nicht mehr, die Erschöpften umzulegen. Das Internationale Rote Kreuz sammelte die am Wege Liegengebliebenen auf und transportierte sie mit Lastwagen fort. Dennoch hörte das Morden nicht auf. Am 2. Mai 1945, dem Tage der Kapitulation vor Schwerin, wüteten die SS- Bestien noch; der berüchtigte SS- Obergruppenführer Pohl holte persönlich aus den einzelnen marschierenden Kolonnen wahllos die Opfer und erledigte sie durch Genickschuß. Als eine Kolonne am 2. Mai durch Crivitz zog und mit Gesang der alten Lagerlieder die verstopften Straßen erfüllte, trat ein Angehöriger der Stadtkommandantur, ein Hauptmann der Luftwaffe, vor diesen Zug und erklärte die singenden Häftlinge für Meuterer. Er wollte sofort Befehl zum Erschießen geben. Das geschah kurz vor der Kapitulation der Wehrmacht. Die Marschkolonne, bei der ich mich befand, hatte zur Bewachung einige Häftlinge, die man in Sachsenhausen in SS- Uniform gesteckt hatte. Das war für uns günstig. Sie hielten mit uns zusammen. Am 2. Mai, abends, wir waren kurz vor Schwerin, machten sich unsere Peiniger, die SS- Banditen, aus dem Staube. Nun waren wir frei wenn auch noch nicht in sicherer Hut. - Am 3. Mai erreichten wir die amerikanischen Truppen. Jetzt erst waren wir uns bewußt, daß wir dem würgenden Griff dieser Mordbrenner doch noch glücklich entronnen waren. Unsere Freude war groß. Wolfgang Szepansky Nr. 33 527. 38 DIE HENKER SIND GERICHTET UND VERDAMMT Nun, da der Schleier, den sie über ihr verbrecherisches Tun gebreitet, sich mehr und mehr vor den entsetzten Blicken hebt, bestätigt jene Ahnung sich, die uns im Innern stets geleitet, und dennoch zittern wir vor Grauen, und das Herz erbebt. Jetzt, da der Blutdunst ihrer schauerlichen Taten an uns're aufgeweckten Sinne unbarmherzig rührt, ermessen wir, an welchen Abgrund wir geraten, wie weit die Lüge und die Täuschung uns geführt. - Noch kann es unser Hirn nur zögernd fassen, es gänzlich auszudenken, schrecken wir zurück; wir möchten's ungeschehen, einen bösen Traum sein lassen, doch kommt die Wahrheit unerbittlich näher, Stück/ um Stück. Wir können nicht dagegen an, die Augen nicht verschließen, das Ungeheuerliche bleibt besteh'n und ist nicht wegdenkbar. Erschauernd fühlen wir den Blutstrom und die Tränen fließen und wissen, daß dies schlimmer als die Hölle war. Was das Empfinden dieser Menschen so in's Tierische gewendet, es bleibt unfaßbar, unser Sinn begreift es nicht. Wir steh'n gelähmt, vom Blut des Furchtbaren geblendet, und schmerzhaft peinigt uns der Wahrheit grelles Licht Und plötzlich ekelt uns die körperliche Nähe von jenen Kräften, denen uns das Schicksal zugesellt - Was in der Zukunft auch durch sie zur Sühne noch geschähe, sie sind gerichtet und verdammt vom Abscheu einer ganzen Welt. Walter Dehmel. 39 39