over. GELEITWORT Dieses Buch ist unseren toten Kameraden gewidmet, den Lebenden zur steten Ermahnung ihrer Pflicht gemäß dem Lagerschwur: Euch den Lorbeer - uns die Pflicht! In kurzen Umrissen soll den Lesern im In- und Auslande vor Augen geführt werden, welches Leid sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hat. Den Deutschen besonders, damit ihnen bewußt wird, daß man nicht nur an den eigenen Landsleuten bestialisch handelte, sondern an Männern und Frauen aller Nationen. Die Schilderungen des Kameraden Zenon Rozanski, welcher als politischer Kämpfer der Widerstandsbewegung gegen völkerrechtliche Bestimmungen in das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz als Häftling 8214 kam, sind so tief erschütternd, daß es nicht möglich ist, diese bis ins kleinste hinein wiederzugeben, da der normale Menschenverstand diese Schilderungen als unwahr anzweifeln würde. Als damaliger Häftlingsschreiber des Lagers kenne ich die Vorkommnisse dieser Schilderungen zu genau und kann nur die Wahrheit dieser gemachten Aufzeichnungen bestätigen. Freud und Leid habe ich mit ihm geteilt und man muß es als ein Wunder betrachten, daß Kamerad Rozanski dieses überlebt hat, um heute Zeugnis geben zu können, welche Schrecknisse er mit anderen Kameraden verschiedener Nationen über sich ergehen lassen mußte. Hannover 1947. Gerhard Grande Geschäftsführer des Hauptausschusses ehem. polit. Häftlinge Land Niedersachsen, Hannover. VORWORT Dieses Buch hat mit der sogenannten ,, Literatur" nichts gemeinsam. Es ist eine Sammlung wahrer Ereignisse, die sich während meines Aufenthaltes in der Strafkompanie des Konzentrationslagers Auschwitz abgespielt haben. Einige Zeugen dieser Ereignisse haben das Lager ebenfalls überlebt und stellen jetzt die Wahrheitsbeweise" dar. Alle im Buch angeführten Namen sind echt. Ich beschränkte mich beim Niederschreiben dieser Tatsachen auf treue photographische Wiedergabe einer Wirklichkeit, die noch vor kurzer Zeit mein tägliches Leben ausmachte. Um mir selbst die Arbeit zu erleichtern, griff ich aus der großen Fülle mannigfaltiger Erlebnisse diejenigen heraus, die mich persönlich der Wirklichkeit des Lagerlebens nahe brachten. Meine Erlebnisse sind jedoch keine außergewöhnlichen. Wenn jeder ehemalige Häftling eines Konzentrationslagers seine persönlichen Erinnerungen niederschreiben würde, so wäre ihr gemeinsamer Sinn trotz der Vielfältigkeit erlebter Ereignisse derselbe; denn jeder Häftling bekam in gleicher Weise den Geist des Konzentrationslagers zu spüren. Ich widme dieses Buch der alten Garde" von Auschwitz, deren blutig erworbene Erfahrung und kameradschaftliche Opfer so manche später hinzugekommene Kameraden retteten. Ich widme es denen, welche die Freiheit noch erleben durften und denen, welche vor der schwarzen Wand des Hinrichtungsblocks Nr. 11 gefallen sind. Hannover 1947. Der Verfasser. I. Kapitel ,, Häftling 8214 meldet sich gehorsamst zum Strafrapport... Hinter einem breiten Schreibtisch, unter dem Bild des Führers, saẞ SS- Hauptsturmführer Fritsch, der Lagerführer des Kz. Auschwitz. Er hob den Kopf... ,, Na...", kleine, schwarze Glotzaugen musterten, meine straffe Haltung ,,, was hast du ausgefressen?" ,, Ich habe zwei Schüsseln Abfälle aus der SS- Küche organisiert", brachte ich so laut, wie ich nur konnte, heraus. In den Augen von Fritsch blitzte es auf... " Was? Du hast organisiert? Gestohlen hast du, du Hund! Die Abfälle aus der Küche sind zum Schweinemästen bestimmt. Und die Schweine sind für die SS... Sabotage!!!" Für einen Augenblick brach er ab, dann: ,, Bist du schon bestraft?" ,, Nein." Neugierig blickte er mich an. ,, Wie lange bist du im Lager?" " , Ein halbes Jahr." - SS- Hauptsturmführer Fritsch stand auf. Langsam schwankte er auf seinen komisch dünnen X- Beinen auf mich zu. Das blaßgelbe Gesicht des Leberkranken rötete sich... ,, Ein halbes Jahr", wiederholte er.. ,, Seit wann bestiehlst du den deutschen Staat?" ,, Dies war das erstemal", begann ich, aber ein gutgezielter Schlag in den Magen hinderte mich daran, den Satz zu beenden. ,, Halt das Maul, du schwindelst!. Wenn du nicht stehlen würdest, hättest du schon in den letzten drei Monaten durch den Schornstein fliegen müssen, das ist wissenschaftlich berechnet worden." Er blickte mich kurz an. Du lebst zu lange", wandte sich an den bis jetzt schweigenden Häftling aus der Schreibstube: ,, 25 und SK. Raus!" Letzteres galt wieder mir. Ich schlug die Hacken zusammen. ,, Häftling 8214 bittet abtreten zu dürfen." ,, Hau ab!" Im nächsten Augenblick war ich draußen. Mechanisch meldete ich mich am Tor und schritt weiter auf den Block zu. Ich war wie betrunken. Das unerwartete harte Urteil machte mich benommen, bedrückte mich so sehr, daß ich keinen Gedanken fassen konnte.. Aufdringlich dröhnte es mir in den Ohren: SK... SK... SK... 5 ,, Du blöder Hund!" hörte ich plötzlich, und in demselben Augenblick fühlte ich einen Schlag auf die Zähne. Blitzschnell kam ich zur Besinnung... Vor mir stand der Blockführer, den wir Tom Mix nannten. Ich hatte im Vorbeigehen vor ihm nicht die Mütze abgenommen, wie es die Lagerordnung erforderte. ,, Häftling 8214", stellte ich mich geräuschvoll vor, indem ich meine Holzpantinen zusammenschlug. ,, Du bist wohl besoffen, was?" Ein zweiter Schlag, der mir mit einem bezaubernden Lächeln in den Magen versetzt wurde, warf mich zu Boden. Aber sofort riß ich mich hoch, denn ich erinnerte mich an die Gewohnheit der SS- Männer, den Liegenden Fußtritte zu versetzen. ,, Ich bitte um Verzeihung, ich habe Sie nicht bemerkt, aber ich habe einen wichtigen Befehl vom Rapportführer an den Krankenbau", schwindelte ich glatt. Tom Mix wurde herablassender. So, da hast du aber Glück, hau ab!" ,, Bitte abtreten zu dürfen!" Eine Kehrtwendung, und schon lief ich weiter. Jetzt war ich aber wirklich bei voller Besinnung und nüchtern. Im Block verkroch ich mich im Keller und drehte mir eine Zigarette aus den Tabakabfällen, die ich am Tage zuvor gefunden hatte. Nun konnte ich schon ruhiger und zielbewußter überlegen. Also SKI Das, was im ganzen Lager für schrecklicher als eine Hinrichtung galt: Strafkompanie!... Unwillkürlich stieg vor meinen Augen das täglich geschaute Bild der von der Arbeit zurückkehrenden SK- Kolonne auf. Eine lange Schlange menschlicher Schatten, die auf ihren Beinen dahergetaumelt kam und mit ihren Holzpantinen das Steinpflaster der Straße im Gleichtakt erklingen ließ, an deren Ende man beständig die Opfer des Tages trug... Leichname durch Erschießen Ermordeter, mit Knüppeln Erschlagener und bei der Arbeit eines sogenannten natürlichen Todes" Gestorbener... Und den Marschtritt übertönte das mit letzten Kräften geschriene Lied der Strafkompanie:., Die blauen Dragoner, sie reiten..." Sobald dieses Lied erklang, leerten sich die Straßen des Lagers. Für einen zu neugierigen Blick auf die Reihen der Strafkompanie konnte man selbst hineinkommen... Die nächsten Tage aß ich. Ich aß wie noch nie vorher und nie nachher im Lager. Der Blockälteste, zufällig ein anständiger Kerl, befreite mich für den Rest der Tage, die mich vom Durchschreiten der Pforte zur Strafkompanie trennten, von der Arbeit. Die Kamera6 d e -0ch ch vie ch nit arf te zu ch D- ef P n. a- e. ng ld en er T- e- tt S. e e den schoben mir ihre eigenen geringen Portionen zu. Und abends, nach dem Appell, wurde ich zum Blockschreiber gerufen, wo mich ein Eimer Suppe erwartete Ich aẞ. Mit kalter Berechnung aß ich, bis ich Magenschmerzen bekam. Als es mir schon übel wurde, machte ich eine Pause, legte mich für ein, zwei Stunden hin, dann aß ich weiter. Nur essen, soviel wie möglich essen!... Etwa eine Woche später, nach dem Morgenappell, las man meine Nummer vor. Ein Händedruck meiner Kameraden, ein Klopfen auf die Schulter, ein aufmunternder Blick: Halte dich!" Nach einer Stunde durchschritt ich in Begleitung des Lager-ältesten und des Blockführers das Tor des Blocks Nr. 11. Auf dem Hofe, der mit einer drei Meter hohen Mauer umgeben war, standen drei in gleicher Weise Verurteilte. Den Treppen gegenüber, die zum Gebäude der SK führten, befand sich ein Bock zum Schlagen. Ein hölzernes Gestell, in das man die Füße steckte; den oberen Teil des Körpers legte man auf eine besondere Bank, wobei das Gesäß nach außen gestreckt wurde. Man stellte die Nummern fest, wir wurden in einer Reihe ausgerichtet und warteten. Nach einer Viertelstunde fiel das Kommando: ,, Achtung, Augen rechts!" Auf den Hof trat Fritsch in Begleitung des Lagerarztes, SS- Obersturmführers Entres, und des Rapportführers. " Eine kurze Meldung: Vier Häftlinge zur Bestrafung angetreten." Rapportführer Palitsch öffnete die Mappe und rief meine Nummer vor. Ich sprang aus der Reihe, wie von einem Nadelstich getroffen. Mit monotoner Stimme las mir Rapportführer Palitsch das Aktenstück vor, woraus ich erfuhr, daß ich für Sabotagetätigkeit, die darauf beruhte, daß ich zwei Kochgeschirre Abfälle aus der SSKüche gestohlen hatte, zu fünfundzwanzig Stockschlägen und Strafkompanie verurteilt wurde. Gleich darauf befahl mir Blockführer Gerlach, die Hosen herunterzulassen. Der Lagerarzt warf einen interessierten Blick auf mein Gesäß und urteilte kurz: Gesund! Ich versuchte zugleich mit den Hosen die Unterwäsche hochzuziehen, aber ein energischer Puff von seiten Gerlachs bedeutete mir, daß dies nicht erlaubt sei. Man durfte nur die Hose hochziehen. Ich steckte die Füße in das Gestell, legte mich auf die Liegebank und streckte die Hände, welche Kurt Pennewitz, der Bunkerkapo, 7 ergriff, nach vorn aus. Er spannte mich, bis es mir in den Knochen knackte. Ich biß die Zähne aufeinander und wartete. Indessen erprobte Blockführer Gerlach die Biegsamkeit des Ochsenziemers. ..Wenn er dich zu schlagen beginnt, dann zähle laut!" hörte ich plötzlich Kurt flüstern. Erst später stellte ich fest, wie wertvoll diese Bemerkung war. Die Schläge wurden nämlich erst von dem Augenblick ab.gerechnet, da der Geschlagene selbst laut zu zählen begann. Manchmal gab man ihm erst nach dem zwanzigsten Schlage zu verstehen, daß er anfangen sollte. Die wenigen Sekunden, welche verstrichen von dem Zeitpunkt, da ich bereitlag, die Schläge zu empfangen, bis zu dem Augenblick ,. da ich den ersten Schlag erhielt, erschienen mir länger als Stunden. Unheimlich lange dauerte das... Endlich. Endlich. Eins... 1 ein kurzer, brennender Schmerz, wie ein Verbrühen, wie ein Stechen. Der Schmerz ist im ganzen Körper zu spüren. Die Fingerspitzen, die Haut auf dem kahlrasierten Kopfe alles schmerzt höllisch. Zwei... Fünf... Die Zeit zwischen einem Schlage und dem folgenden scheint eine Ewigkeit zu sein. Wie Blitze kreuzen sich die Gedanken in meinem Gehirn. Warum schlägt er nicht? Worauf wartet er? Will er mich etwa durch Genickschuß erledigen??? Acht... Zwölf... Verworrene Gedanken. Angst... Alles brennt schon und zwickt. Nur nicht schreien... Und doch möchte man schreien Vielleicht ist es sogar besser zu schreien, vielleicht hören sie dann auf zu schlagen? Sechzehn.... Neunzehn... Nein! Man darf nicht schreien. So manchen, der Schwäche zeigte, haben sie getötet. Man muß stark sein, stärker als man ist. Zweiundzwanzig... Noch drei... zwei... ein Schlag! ,, Fünfundzwanzig!" - In diesem Ruf entlud sich der ganze Schmerz. Aber er klang siegreich. Ich hatte kein einziges Mal geschrien. Kurt Pennewitz ließ meine Hände los. ,, Nun mußt du den Strafempfang dem Lagerführer melden", flüsterte er mir wieder zu. 8 ch-: en, kt, N en, ie les int Die Füße, die ich aus dem Gestell herauszog, waren sehr schwer. Es war schwierig, sie in strammer Haltung"zusammenzuschließen. Aber. sie schlossen sich doch:.. LE „Häftling 8214 meldet gehorsamst, die Strafe empfangen, zu haben‘, brachte ich-in einem Zuge heraus. „Laß die Hosen herunter!”; Der Lagerarzt warf. wieder einen Blick auf mein Hinterteil.. „In Ordnung. Mach Kniebeugen! Nach einer Viertelstunde befand ich mich in der Zelle des Lager- "bunkers. Es war üblich, daß der Verurteilte drei Tage verschärften Arrest bekam. e Se|- Der steinerne Fußboden kühlte herrlich die brennenden Hin- terteile. U. Kapitel ’ ‘. Am Morgen des vierten Tages knirschte der Schlüssel im Schloß. - Ich erhob mich und nahm stramme Haltung an. Beim Offnen der Tür fiel ein Lichtstrahl in die Zelle, welcher die. breitschultrige Gestalt des SS-Rottenführers Gerlach silhouettenhaft umriß. I, M = Komml.:..” Auf der Treppe überkam mich ein Schwindelgefühl. Drei Tage ohne Essen und Trinken in, einer dunklen, feuchten Zelle, die fast völlig des Zugangs frischer Luft beräubt war, hatten mich mehr ge- "schwächt, als ich annahm. Erst jetzt, unter dem Einfluß. der Licht- fülle und der Luft,- fühlte ich,. wie meine Muskeln erzitterten, bei jedem Schritt gaben. meine Knie’nach, in den Ohren begann es zu sausen, ein einziger Krampf schnürte meinen Leib zusammen. Ich konnte nicht die Kraft aufbringen, um einige Stufen hinauf- zusteigen. Krampfhaft hielt ich mich. am Geländer, um nicht zu fallen. Gerlach, der bis jetzt mit dem Schließen der Tür beschäftigt war, stand plötzlich neben mir... „Was ist los? Seine Stimme klang unangenehm feindlich.„soll man dir vielleicht helfen?‘ ‚ - Ich sah die gewaltigen Schultern, seine.riesenhaften Tatzen und N P.. R 2 in demselben Augenblick erwachte in mir die Erinnerung an so ‚manche. miterlebte Szenen, dä er die Häftlinge‘schwer mißhandelt hatte. Ich wandte meine Augen von den auf Hochglanz polierten, “ ungewöhnlich großen, nägelbeschlagenen Stiefeln und beherrschte mich. Die Angst erwies sich. stärker als die Schwäche. Lebens- “ kräftig nahm ich den Rest der Treppen, durchschritt eine Tür, den Korridor, und machte halt.- Ar „In die Schreibstubel” befahl er. a ee ne gern ge re EREETE TEREEEER Die dritte Tür war mit einem kleinen Schild versehen: Schreibstube. Gerlach trat ein und kurz darauf kam der Schreiber der SK, Häftling Groell, zu mir heraus. Mitleidig schaute er mich an... ,, Bist du ein neuer Zugang?" ,, Ja." ,, Wofür?" Ich erzählte ihm meine Geschichte. Verständnisvoll nickte er mit dem Kopf. ,, Ja ja... Du hast Pech gehabt... Nun verliere aber nicht den Kopf... Auch von hier kann man herauskommen... Du mußt nur verflucht achtgeben, daß du nicht auffällst.. Das Wichtigste ist es, nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken... Du darfst nie weder der erste noch der letzte sein Und bei der Arbeit" er warf mir einen vielsagenden Blick zu Augen und Ohren auf!..." zu St P Hme le - ,, du weißt wie es ist: in Er nahm meine Personalien auf und teilte mich der Stube Nummer fünf zu. ,, Melde dich beim Stubenältesten!" Die Stube Nummer fünf befand sich im ersten Stock. In der Ecke saßen einige Häftlinge. Ich trat an sie heran. ,, Entschuldigung mich meldén?" Ich bin ein neuer Zugang. Bei wem soll ich ,, Am besten beim heiligen Peter...", antwortete mir einer der Sitzenden, ein junger, stämmiger und stark gebauter Bursche mit schönem, aber merkwürdig frechem Gesicht... Das war der Stubenälteste in höchst eigener Person, der Ukrainer Bogdan Komaruicki. Wie ich später erfuhr, war er der Schrecken der ganzen Kompanie, ein ausgesprochener Sadist und degenerierter Mensch. ,, Dorthin komme ich immer noch zurecht", antwortete ich kalt. ,, Aber zunächst habe ich es noch nicht so eilig...". Halt das Maul und rede nicht zu viel... Bei uns leben solche nicht zu lange... Wobei bist du hereingefallen?" Ich erzählte noch einmal mein Vergehen". " - ,, Phi...' er winkte mit der Hand ab. ,, Eine schwache Organisation. Zigaretten hast du?" ,, Nein, ich habe gar nichts. Vor einer Weile wurde ich aus dem Bunker entlassen..." 11 e S U b al V M Er griff in den Spind: ,, Hier hast du Rädchen und Zwirn... Ein Rädchen nähst du dir an die Bluse unter die Nummer, das andere an die Hosen... In einer Viertelstunde meldest du dich bei mir!" Jawohl!" 10 K W S W a H nit Bt ste fst st: ke ich mit 2 ‚Hände, er schlug wie von Sinnen. Mit einer unmenschlichen Leiden- - Nachmittags marschierte ich bereits in irgendeiner Fünferreihe - zur Kiesgrube, wo die SK arbeitete. Die Kolonne hielt an Ort und Stelle. Kapo Johny schrie laut: „Zugänge heraustreten!“ Wir waren sechs Mann, die heraustraten. Zwei Deutsche, ein Pole, ein Tscheche und zwei Juden. Man musterte uns von oben bis unten.° Johny ließ eine kurze„Begrüßungsrede” hören: „Ihr seid in der ‚Strafkompanie... Die gutem Zeiten sind vorbei. Hier werdet ihr das Fett schen das ihr euch im Lager ange- mästet habt... Wenn ihr gehorsam und fleißig seid, werdet ihr viel- leicht am Schörnstein vorbeikommen... Reinhold!‘ schrie er zuletzt. Aus der Reihe trat ein junger Kerl mit einem grünen Winkel. „Ich teile dir diese sechs Mann zu... schule sie mal entspre- chend um... vor allem die en Ne S Jawohl, Kapol" Er winkte uns, Und wir marschierten auf eine Bude zu, vor der,. in einer Reihe aufgestellt,'schwere, eiserne Karren standen. „Bei mir geht man nicht“, sagte er noch, ,bevor wir losgingen. „Hin und-zurück im Laufschritt. Und wenn jemand denken sollte, es sei ihm zu schwer, der kann sich bei mir-melden...”— Mit einemmal versetzte er einem.der nichtsahnenden Juden mit dem Schaufelstiel einen Hieb.—„Los!“’ Wie Wahnsinnige.schossen wir los. Der Weg führte durch ein zum Fahren besonders schwieriges Gelände, das mit Gras.bedeckt und sehr uneben war. Am Ende unserer Kolonne lief Reinhold und bearbeitete ohne Pause den letzten Mann mit dem Knüppel. Ich hatte ausnahmsweise Glück, denn auf dem Hinwege erhielt ich u. einzigen Schlag. Endlich erreichten wir den Sandhaufen. „Aufladen!“ ertönte Reinholds Befehl.- Wir,ergriffen die’Schäufeln. Nach einer Weile waren die Karren . voll, wenigstens kam es uns so vor. Reinhold war jedoch anderer Meinung. „Soll.das voll Sein?" Die Frage wurde an einen Juden gerichtet und durch einen Knüppelschlag besonders unterstrichen.„Du willst wohl nicht arbeiten, was...?" Ein weiterer Knüppelschlag ließ die Knochen. des Juden knacken.„Runter!“ Der Jude wußte nicht, worum es ging und ließ, die Karre los. Wieder ein Schlag, diesmal auf den Kopf. Ein’ kurzer, gellender Schrei— der Geschlägene fiel um. Jetzt überkam Reinhold ein wahrer Rauschzustand. Er schlug den Liegenden, wohin er nur traf: auf den Kopf, den Bauch, die ‚Brust, die Beine, die abwehrenden >: e" schaft schlug er so kräftig wie er nur konnte darauflos. Blut rötete den gelben Sand und der Leib, der noch vor einer Minute die Gestalt eines Menschen hatte, ähnelte mit jedem Schlage mehr einer blutenden Fleischmasse.. Der Widerstand des Geschlagenen wurde immer- schwächer; die Hände schützten nicht mehr das blutende Gesicht, die Schreie gingen in ein dumpfes Stöhnen über, aber auch das verstummte bald. Erst jetzt hörte Reinhold auf zu schlagen. Er wischte den Knüppel im Grase ab und atmete tief auf. Sein Gesicht war rot, sein Atem ging kurz. Die Nasenflügel bebten wie die Nüstern eines Pferdes. Erst jetzt schaute er uns an. ,, Und ihr?.. Ihr steht da?... Ihr faule Bande!" Er sprang auf uns zu wie ein tollwütiger Hund. Der immer noch warme Knüppel tanzte auf unseren Knochen. Diesmal erhielt ich zwei Schläge, zum Glück nicht sehr heftige. ,, Los!... Zwei Mann tragen diesen Hund vor die Bude... die anderen folgen mir... Aber Tempo..." Er hatte den Satz noch nicht beendet, da waren wir schon unterwegs. Zwei von uns, die dem Ermordeten am nächsten standen, trugen den Leichnam vor die Bude, dort befand sich ein vorläufiger Friedhof. Es gab Tage, da sich nach dem Pfiff, welcher den Arbeitsschluß ankündigte, auf diesem Friedhof dreißig, manchmal vierzig Tagesopfer befanden... Wir drei stießen inzwischen die Karren, die ein halbes Meter -über das gewöhnliche Maß hinaus gefüllt waren, mit einer wahnsinnigen Anstrengung vorwärts. Ich verspürte einen starken Schmerz in den Füßen, und es war mir, als ob die Hände von den Armen abgerissen würden. Aber nur weiter, nur schneller!... - Das Gelände schien gegen uns verschworen zu sein. Gräben, kleine Hügel, Gras alles stand dem eisernen Rad des Karrens.im Wege, das sich immer tiefer in den Boden hineinbohrte. Jedes Haltmachen bedeutete neue Schläge. Der Danziger Ali Kwasigroch hat eben zehn Strafschläge mit dem Stock bekommen, als sich das Rad meiner Karre so tief in den Lehmboden hineinbohrte, daß ich halten mußte. Schon war Reinhold bei mir... 9 ,, Du ruhst wohl aus, was?" Ich biẞ die Zähne zusammen und stieß mit ganzer Kraft den Karren vorwärts. Dieser begann zu schwanken, und bevor ich es verhindern konnte, lag er auch schon auf dem Haufen des ausgeschütteten Sandes. Reinhold pfiff aus lauter Zufriedenheit. ,, Du blöder Hund Schlag auf den Rücken - er versetzte mir mit dem Stock einen ,, du sabotierst die Arbeit... du' hast den Sand ausgeschüttet, um auszuruhen..." Ein zweiter Schlag traf meinen Arm, der herabfiel, als ob er gelähmt wäre. de m g S S g n H 12 ete Gener die gen pel tem des. auf pel cum 999 die och gen edluß geseter hnerz men ben, im Ali men, einden es usmen Jen raf ,, Runter!" Ich bückte mich sofort, indem ich das Gesäß ausstreckte. Aus der Lagererfahrung wußte ich schon, daß die Hinterteile die am meisten widerstandsfähigen Teile des Körpers sind. Der Schmerz, den ich beim ersten Schlag verspürte, war unheimlich. Meine Muskeln waren von den ersten fünfundzwanzig Schlägen noch geschwollen, hart und empfindlich bis zum äußersten. Die Schläge, die mich nun trafen, riefen einen kaum beschreibbaren Schmerz hervor. Wie ein Verbrühen, wie ein brennendes Stechen ging es durch meinen ganzen Körper und erhitzte mich so, daß es nicht zu halten war. Augenblicklich dampfte ich vor Schweiß. ,, Auf!" hörte ich befehlen. Ich hatte ,, nur" fünfzehn Schläge bekommen. Hinten rann es mir die Beine herunter. ,, Du stinkst, du dummes Schwein", bemerkte Reinhold, und fügte hinzu, ich gebe dir zehn Minuten Zeit, damit du dich in Ordnung bringen kannst." Ich schlug die Hacken zusammen und im nächsten Augenblick befand ich mich schon in der Latrine. Das Reinemachen nahm nur fünf Minuten in Anspruch. Die nächsten fünf Minuten saß ich im Gras und massierte mein überanstrengtes Gesäß. Bis zur Mittagspause erledigte" Reinhold noch den zweiten Juden. In unserer Gruppe blieben nur noch vier Mann. Aber das Arbeitstempo wurde jetzt deutlich langsamer. Wir fuhren allein, denn unser Vorarbeiter nahm jetzt an der Judenjagd teil, die an der Postenkette veranstaltet wurde. Es war ein beliebter Zeitvertreib des Kommandoführers der SK, Edelhardt. Das Spiel sah folgendermaßen aus: Das Abeitsgelände war mit einer Postenkette umgeben, die aus SS- Männern bestand. Die Posten waren angewiesen, auf jeden Häftling zu schießen, der es versuchte, die Postenkette zu überschreiten. Der Kommandoführer Edelhardt wählte täglich einige Häftlinge, vor allem Juden aus, die er der besonderen Obhut der Vorarbeiter, wie es unser Reinhold war, empfahl. Diese bearbeiteten die Auserwählten" so lange mit Stöcken, bis jene verzweifelt in die Postenkette hineinliefen. Die Posten waren natürlich in den Spielplan" eingeweiht und warteten, bis die Laufenden sich einige Meter von ihnen entfernt hatten, dann knallten sie die Fliehenden" wie Hasen ab. Nachher erhielt der Posten drei Tage Sonderurlaub, weil er die..Flucht" eines Häftlings verhindert hatte. Und die Familie des Häftlings bekam die Nachricht, daß ihr Angehöriger auf der Flucht erschossen wurde. An den Tagen, an denen neue Judentransporte ankamen, stieg die Anzahl solcher ,, auf der Flucht Erschossener" bis zu fünfzig. So ging der erste Arbeitstag in der Strafkompanie vorüber. Nach einem Pfiff bildeten alle Gruppen eine Kolonne. Man zählte die 13 Überlebenden und die Toten. Die Häftlinge der letzten Reihe nahmen die Leichen auf ihre Schultern, und Kapo Johny, der sich an die Spitze des Zuges stellte, gab den Befehl: ,, Im Gleichschritt... marsch! Singen!" Die hölzernen Pantinen polterten auf den Steinen und bis zum Himmel drang das Lied: ,, Die blauen Dragoner, sie reiten..." Der Abendappell war ausnahmsweise kurz; er dauerte nur eine Stunde, und wir gingen auf unsere Stuben. Ein wenig heißes Wasser von brauner Farbe, eine Portion Brot, die zugunsten der Kapos und der Vorarbeiter bedeutend gekürzt war und das Gewicht von zweihundert Gramm nicht überschritt, eine mikroskopische Portion Margarine, mit der man bei einiger Geschicklichkeit manchmal eine halbe Scheibe Brot dünn schmieren konnte das war unsere Tagesration. Mittags gab es noch dreiviertel Liter Suppe, das heißt Wasser, in dem einige Rüben oder Krautscheiben schwammen. Nur die Glücklichen fanden gelegentlich auch eine Kartoffel darin. - Seit dem Beginn meines Lagerdaseins war ich gewöhnt, das Brot für den Abend und für den Morgen einzuteilen. Aber an diesem Tag verschlang ich alles auf einmal. Dann legte ich mich vorsichtig ins Bett. Mein Nachbar war der Danziger Ali Kwasigroch, welchen Reinhold während der Arbeit noch genauer aufs Korn genommen hatte als mich. Erst jetzt kamen mir die Tageserlebnisse zum Bewußtsein. Das gewohnte harte Bett schien mit Steinen ausgelegt zu sein. Der Körper schmerzte bei der leisesten Bewegung, das Herz schlug schnell, das Fieber begann zu steigen... Ich wurde mir bewußt, daß ich den morgigen Tag nur dann überstehen konnte, wenn ich früh zum Aufstehen und im übrigen zur ganztägigen Arbeit wieder fähig sein würde. Die Muskeln, mit Reinholds Stock zum Beefsteak zerschlagen, werden aber bis morgen hart wie Stein sein, dachte ich. Von einer Arbeitsfähigkeit wird keine Rede sein... Behutsam begann ich zu massieren. Ali tat dasselbe. In der Stille der Nacht, während es im Saal ganz dunkel war, kneteten wir lange und genau den zerschlagenen Körper. Plötzlich hörte ich den Danziger flüstern: ,, Hör mal..." 11 , Was denn?" ,, Es wäre gut, wenn wir uns so zuletzt-Umschläge machen würden..." ,, Die Stube ist verschlossen, wir kommen nicht in den Waschraum..." 14 ,, Hm..." d Е g ם S I g n ים Wieder Stille. Da hörte ich nach einer Weile Schritte und bald darauf ein bezeichnendes Geräusch beim Eimer. Ein neuer Gedanke kam mir. 21 Ali!" ,, Was denn?" ,, Hörst du?" " Was?" ,, Jemand gießt in den Eimer... wir haben Wasser..." ,, Bist du verrückt?"... Er schien jedoch zu überlegen, nach einer Weile fügte er hinzu: 11 Vielleicht hast du doch recht!". Tch wartete einige Minuten ab, bis der Betreffende seine Sache erledigt und sich entfernt hatte; dann rutschte ich vorsichtig, mit dem Handtuch in der Hand, vom Bett herunter. Ich hatte ausnahmsweise Glück, denn bis zu diesem Augenblick waren nur Interessenten mit kleinen Angelegenheiten zum Eimer gekommen. Ich tränkte mein und Alis Handtuch, wrang sie aus und kehrte ins Bett zurück. Der kühle, saure Umschlag wirkte wunderbar auf die entzündeten Muskeln. Es stank zwar ein wenig, half jedoch herrlich... Während der Nacht wechselte ich die Umschläge einige Male. III. Kapitel Ich wurde vom Befehl des Stubendienstes geweckt. ,, Aufstehen!". - - So schnell ich nur konnte, rutschte ich vom Bett und begab mich in den überfüllten Waschraum. Es war ein kleiner Raum mit zwölf Wasserhähnen, um die sich über hundert Häftlinge drängten und warteten, bis die ,,, Prominenten" Kapos und Vorarbeiter ihre Morgentoilette zu beenden geruhten. Die hatten es jedoch nicht eilig. Langsam und sorgfältig seiften sie sich mit guter Toilettenseife ein, genossen lange die Wohltat des Einschäumens, spülten den Schaum ab, seiften noch einmal ein und spülten wieder ab. Ein ,, Pipel", der schon in der Nähe wartete, rieb den erfrischten Würdenträger mit einem Frottiertuch trocken. Erst nachher wurde der Wasserhahn dem Pöbel" freigegeben. Nun begann der Kampf ums Wasser. Jeder Häftling bemühte sich, wenigstens dem Anschein nach, den Oberkörper ins Wasser zu tauchen, denn in den Stubentüren stand der Stubendienst und kontrollierte die Eintretenden. Wer nicht naß genug war, bekam an Ort und Stelle fünfundzwanzig aufgebrummt... 15 Wie durch ein Wunder gelang es mir, an den Wasserhahn heranzukommen und Nacken und Brust unter die erfrischenden Wasserstrahlen zu halten. Glücklich und naẞ defilierte ich vor Komarnicki, ohne daß er auf mich aufmerksam wurde. Ich empfing meinen Kaffee und war gerade im Begriff, ihn auszutrinken, als der Gong erklang, der das Antreten des Arbeitskommandos bedeutete. In unseren Stubendienst schien ein Blitz gefahren zu sein. Los, alles raus!" Mit einem Satz war er bei den nächststehenden Häftlingen. Die Schreie der Mißhandelten mischten sich mit den dumpfen Schlägen des Knüppels. Alles stürzte nach der Tür, um nur auf den Korridor zu gelangen. Dort standen die Kapos und Vorarbeiter, natürlich mit dicken Knüppeln in ihren Fäusten. ,, Schneller, Tempo!... Bewegt euch!... Los!" hörte man von allen Seiten. Die Masse der Häftlinge langte bei der Treppe an. Jemand stürzte. Über ihn ein anderer, über diesen wieder andere. Die kreisende, lebendige Kugel wälzte sich die Treppe hinunter... Fluchen, Flehen, Stöhnen, Schreie und Lärm, Gepolter. ,, Los!... Los!... Schneller!!!" Endlich sind wir auf dem Hofe. Drei oder vier Zertretene hat man in den Waschraum im Erdgeschoß getragen. " 1 - Vordermann!... Ausrichten!" wieder Schreie. Diesmal von den Blockältesten und ihren Gehilfen. Die Stubendienste laufen wie besessen durch die Reihen. Jemand hat nicht ganz ausgerichtet. Bums! Der Knüppel bearbeitet alle Körperteile, die über die Reihe hinausragen. Füße, Hände, Köpfe, es ist gleichgültig, wohin er trifft. Alles geht schnell, blitzschnell, wie im Wahn. ,, Abzählen!" ertönt das Kommando des Blockältesten. Bei neunzehn etwa wird fehlgezählt. Es ist ein Ausländer, der nicht deutsch zählen kann. Die Stubendienste stürzen sich auf ihn wie Hyänen. Schon haben sie ihn aus der Reihe gezerrt. Einer versetzt ihm Fußtritte, der andere schlägt ihn mit dem Knüppel. ,, In den Waschraum mit ihm!" ,, Abzählen!" Diesmal klappt es, aber der Stand stimmt nicht. Zur Abwechs lung ist einer zuviel. Wieder ein Gerenne, wieder sind die Knüppel in Bewegung. Es stellt sich heraus, daß die Deckung schlecht war. Alles wiederholt sich... Endlich... ,, Block 11... Stillgestanden!... Mützen ab!... Augen rechts!" Der Blockälteste rennt, das Rapportbuch in der rechten und die 16 e ב T . d at e t. e t. h 1. 3- m S el I. e Mütze in der linken Hand, von der Spitze der Kompanie nach dem Tor, wo soeben Blockführer Gerlach erschienen ist... Eine kurze Meldung. - Gerlach mustert alles. Langsam schreitet er die Reihen ab und zählt sehr genau. Er schaut jedem ins Gesicht, den hackt er, jenen schlägt er und geht würdevoll und gewichtig weiter. Er hat das Nachzählen beendet. Gleichgültig schaut er ins Buch, vergleicht. Es stimmt! Langsam begibt er sich zum Tor, durchschreitet es und geht zum Appellplatz des Lagers, um dem am Pult amtierenden Rapportführer Bericht zu erstatten. - Und wir stehen inzwischen. Stramm, mit nach rechts gedrehten Köpfen, unbeweglich, fast nichtatmend. Der Blockälteste, Stubendienste und Kapos kreisen zwischen den Reihen und beobachten jede geringste Bewegung. Man darf sich nicht rühren, man darf nicht ausruhen, nicht einmal husten darf man. Jemand hustet gerade. Eine Weile später schreit er schon.. Und wieder schweigt er. Das dauert etwa eine Viertelstunde. Endlich kehrt Gerlach zurück. Er übergibt dem Block ältesten das Rapportbuch... Schluß... ,, Augen gerade aus!... Rührt euch! Pfuu... Es ging glücklich vorüber ,, Arbeitskommando antreten!..." " Wieder Bewegung. Wir stellen uns zum Aufmarsch auf. Fünferreihen. Dreihundert Menschen laufen auf dem kleinen Hofe durcheinander. Jeder sucht seine Fünferreihe... Und wieder Knüppel... Endlich stehen wir. Wir stehen so eine gute halbe Stunde zum Ausmarsch bereit. Schließlich heißt es: ,, Im Gleichschritt!... Marsch!... Singen!..." ,, Die blauen Dragoner, sie reiten!..." Ich marschiere in einer Fünferreihe mit Ali zusammen. Die Nacht hat uns etwas gestärkt. Ich fühle mich stark genug, aber der Hintern schmerzt, nicht zum Aushalten. Von Zeit zu Zeit betaste ich meinen Körper. Alles ist geschwollen, hart, aber das Fieber ist vorüber. Vielleicht geht es noch ohne Phlegmone ab, die fast immer die Folge starker Schläge ist... Unterwegs kommen wir an den Kommandos des Lagers vorbei, die zum Ausmarsch bereit sind. Ich sehe Kameraden, die mich vorsichtig in den Reihen suchen... Jemand winkt mir unmerklich zu. ,, Halte dich!" Ich tue, was ich kann... Wir durchschreiten das Tor, und nach einer Viertelstunde sind wir in der Kiesgrube. Auf ein Kommando laufen wir auseinander, 2 Mütze ab 17 jeder zu seiner Gruppe, ich zu Reinhold... Die Zeit, da man zum ,, Zugang" gezählt wird, dauert eine Woche... Vielleicht halte ich heute durch... Ich bin voller Hoffnung.. Wir ergreifen die Karren. Die Zahl der Zugänge ist gestiegen. Einige ältere hat man zu uns strafversetzt. Reinhold ist offensichtlich nicht in guter Laune. Er flucht öfter als gestern... Ein böses Zeichen! Ich fahre als erster. Behutsam, vorsichtig. Nur nicht zu schnell, denn das verbraucht zu viel Kräfte, nur nicht zu langsam, denn Reinhold Schon bearbeitet er jemanden... Diesmal irgendeinen Tschechen. Wir fahren gerade am Rande der Kiesgrube entlang. Ein Meter rechts eine Böschung. Ein Loch, ungefähr fünfzehn Meter tief... Das bringt Reinhold auf eine neue Idee... ,, Du Sau", schreit er. ,, Ich werde dir zeigen, wie man fährt..." Er reißt dem erschrockenen Tschechen die Karre aus der Hand und schüttet den Sand aus. ,, Setz dich hinein!...". Der Tscheche steht unschlüssig, doch der Knüppel des Vorarbeiters hilft ihm zum Entschluß. Er setzt sich vorsichtig in die Karre hinein, Reinhold hebt mit Leichtigkeit die bast, nimmt Anlauf in Richtung des Loches, hält knapp am Rande und läßt die Karre mit dem Inhalt in die Tiefe stürzen Wir hören einen furchtbaren Schrei, ein Gepolter... und ... ,, Das hast du aber fein gemacht, Reinhold..." Der Kommandoführer klopfte ihn zufrieden auf die Schultern. ,, Hier hast du Zigaretten..." Das Gesicht des jungen Schergen strahlt. Die Zigaretten verschwinden schnell in der Tasche... ,, Jawohl, Kommandoführer!" fällt die kutze Antwort. Sie klingt wie das Bellen eines Hundes. ,, Macht weiter!" Wir fuhren weiter. Bei irgendeinem Sandhaufen steht der Wagen des Lagers. Der Vorarbeiter Gerhard ist dabei. Zu guten Zeiten hatte er von mir einige Male etwas Suppe bekommen. blickt er mich an. ,, Mensch, wie siehst du aus?" Ich zeige mit dem Finger auf Reinhold. ,, Psst...". Er winkt mit der Hand ab. Erstaunt ,, Er kann mich sonstwo." Eine bezeichnende Handbewegung. ,, Wer hat dich so zugerichtet?" " Der da!" , Warte... Hör mal auf..." Gerhard nimmt Reinhold an die Seite. Sie besprechen etwas miteinander, und nach einer Weile höre ich meine Nummer. 18 W m d W m M g d e n it n gt en en nt g. it,, Häftling 8214", melde ich. ,, Halt den Mund!" Reinhold schaut fragend auf Gerhard. ,, Dieser?" ,, Ja." ,, Du meldest dich täglich bei mir während des Mittagessens", wendet er sich an mich. ,, Und jetzt laß die Karre stehen und komm mit. Ohne mich weiter anzusehen, geht er vorwärts. Gerhard drückt mir noch zehn Zigaretten und ein Stück Brot in die Hand. Bis zum Mittagessen arbeite ich beim Sieb. Mit der Schaufel werfe ich den losgehackten Kies darauf. Der feinere fällt zusammen mit dem Sand auf die eine Seite, der gröbere auf die andere. Eine, königliche Beschäftigung!!! Ich bin glücklich, sehe die Sonne, fühle fast gar keinen Schmerz. Mechanisch schaufele ich und gehe meinen Gedanken nach. Der Mittagsgong. Ich laufe sofort vor die Bude, nachdem ich meine armselige Suppe geschluckt habe. Reinhold bemerkt mich. Er bringt mir eine volle Schüssel Suppe heraus. ,, Hier hast du das Fressen... und wenn mich Gerhard betrogen hat, sehe ich schwarz für dich... Dabei nickte er vielsagend mit dem Kopf. ,, Was heißt betrogen?" ,, Er hat mir wöchentlich zwanzig Zigaretten für dich ver sprochen." Ich erschrak. Zwanzig Zigaretten waren im Lager ein riesenhaftes Kapital. Ich griff in die Tasche... ,, Ich habe gerade ein paar für Sie hier", und gab ihm das vor kurzem erhaltene Geschenk. Ohne ein Wort steckte er sie in die Tasche. Erst beim Weggehen brummte er kurz: ,, In Ordnung!" Ich hielt ihn noch zurück. ,, Aber ich habe noch eine Bitte an Sie." " Was denn?" ,, Bei Ihnen arbeitet mein Freund Ali. Vielleicht würden Sie ihn zur Arbeit an meinem Sieb zuteilen..." Wer ist das?" " 1 ,, Der Große aus Danzig." ,, Gut." Nach dem Mittagessen arbeitete ich mit Ali zusammen. Gegen Abend verbreitete sich unter uns die Nachricht, daß im Laufe des Tages aus dem eben eroberten Lemberg ein Judentransport in der SK angekommen sei. Auf Grund dessen beendete man die Arbeit eine halbe Stunde eher, wonach der Kommandoführer ein Antreten der Kapos, Vorarbeiter und aller Häftlinge, die grüne Winkel trugen, 2" 1.9 das heißt: aller Berufsverbrecher, anordnete. ee et kurze Rede:&„ „Für gute Führung seid ihr zu Vorarbeitern gewählt worden. Ich ue euch nicht zu erklären; was eure Pflicht ist. Ihr hattet Zeit und-Gelegenheit, sie während. eures Aufenthalts im Lager kennen- ‚zulernen. Diejenigen, deren Vorgesetzte ihr werdet, sind Juden. In% E meinem Kommando möchte ich nur Arier haben... Verstanden?“ „Jawohll‘ ertönte es einstimmig. ““ Danach begaben wir ‚uns ins Lager. Die neuen Größen trugen schon die Abzeichen ihrer Macht: Knüppel. Nachdem wir im Höfe der SK angekpsainen waren, wurden wir gesondert beim Tore aufgestellt, während Gerlach den Blockältesten i rief, Gleich darauf kam der Befehl:. .„Neue Zugänge zum Appell antreten.” ö: Niemand wußte, was das bedeutete. Das war erh der erste 2 Appell im Leben dieser Leute. Sie drehten sich ratlos auf dem Hofe: herum und wußten nicht, wie und wo sie sich aufstellen sollten. Gerlach lächelte befriedigt und gab dem Blockältesten ein Zei- chen. Der winkte wieder. den Stubendiensten und Vorarbeitern. Wie eine Hundemeute stürzten sie auf die nichtsahnenden Neu- linge. Die Knüppel schwirrten durch die Luft, prallten von den Köpfen ab. Es entstand ein unbeschreibliches Gekreische und Durch- einander. Fünfhundert:Menschen begannen wie wahnsinnig auf dem Hofe herumzurennen, sich gegenseitig zu stoßen, die Gefallenen zu ireten, um nur von den-wütenden Lagergrößen nicht erreicht zu werden. Diese arbeiteten entsprechend den Anweisungen des„Stra- 'tegen‘ Gerlach. Im Abstand von einigen Metern trieben sie alles "vorwärts und verteilten nach links und rechts Schläge. Die Juden, die durch die Kette der Schlagenden: vom änderen Hofteile getrennt waren, begannen sich an der Mauer zu stauen, Endlich waren sie so zusammengedrängt, daß sogar die Geschla-.. ‚genen nicht mehr ausweichen un Und jetzt begann etwas Un- heimliches.- Die Geschlabensn, weiche den Van am nächsten waren,- begannen in wahnsinniger Angst auf die vor ihnen Stehenden zu klettern. Diese wiederum griffen nach den nächsten, warfen sie um und stiegen über ihre Körper hinweg immer höher.‘ Es entstand so etwas wie ein unheimlicher, schwankender, lebendiger Körperwall, der zum Himmel schrie und furchtbar stöhnte und sich oben un- sicher bewegte... ER Das dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Endlich pfiff Bolten: führer Gerlach; der immer. noch lächelte, ein Bild höchster Zu- friedenheit. 20 eine Ich Zeit nenm. In den?" ugen wir Die Gruppe der Schlagenden zog sich schnaufend und mit Blut besudelt zurück. Hans - ,, Genug für heute... Blockältester!" Gerlach wandte sich an ,, die Vorarbeiter erhalten heute eine dreifache Brotration als Schwerarbeiterzulage" er lachte über seinen eigenen Witz. ,, Und jetzt vorbereiten zum Appell!" An diesem Abend trug man siebenunddreißig Tote in den Waschraum, die unmenschlich massakriert waren. Diejenigen, welche noch lebten, aber ihrem Zustande nach als arbeitsunfähig erklärt wurden, hatten die Stubendienste und Vorarbeiter niedergemetzelt... esten 1. erste Hofe n. ZeiNeuden urchfdem en zu ht zu Straalles deren auen. schlas Unwaren, en zu ie um nd so rwall, n unottener ZuIV. Kapitel Eines Tages hielt man uns länger als gewöhnlich zurück. Der Blockälteste Hans erklärte, daß heute ein Befehl des Lagerführers vorgelesen würde. Worauf er sich eigentlich bezog, wußte niemand. Nachdem wir eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien Blockführer Gerlach auf dem Hofe. Er nahm die Meldung ab und stellte sich mitten vor den Wohnblock. ,, Alles mal hethören!... Vom heutigen Tage ab werden für jeden entflohenen Häftling zehn andere Häftlinge hingerichtet. Wenn die Flucht aus dem Lager erfolgt, werden dafür diejenigen Häftlinge zur Verantwortung gezogen, welche mit dem Flüchtigen denselben Block bewohnen. Sollte die Flucht vom Arbeitsplatz erfolgen, wird diejenige Gruppe hingerichtet, in welcher der Flüchtige gearbeitet hat. Die Auswahl wird der Lagerführer persönlich vornehmen..." Hier machte Gerlach eine kurze Pause, ließ seinen Blick über uns hinschweifen, worauf er fortfuhr: ,, Diese Verordnung betrifft das ge wöhnliche Lager... Was die Strafkompanie anbelangt, hat sie der Lagerführer insofern verschärft, als nicht zehn, sondern zwanzig Häftlinge zum Tode verurteilt werden!" Die letzten Worte wurden mit deutlicher Befriedigung ausgesprochen. Und nun der zweite Teil: Es wird bekanntgegeben, daß die ganze Familie eines entflohenen Häftlings verhaftet, ins hiesige Lager gebracht und hingerichtet wird. Jegliches Vermögen wird zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt" wieder eine kurze Pause. Diesmal schwieg Gerlach etwas länger. Er rauchte eine Zigarette an, machte einige tiefe Züge und fügte von sich aus hinzu: ,, Ihr wiẞt alle Be scheid, nicht wahr? Für jeden zwanzig Mann... Und weil der Lagerführer der Ansicht ist, daß die Kugeln für den Kampf an der Front nötiger sind und der Galgen zu kostspielig ist, hat er sich entschlossen, die zur Hinrichtung Bestimmten im Hungerbunker ein- - 21 zusperren. Sie erhalten nichts zu essen und zu trinken, bis sie krepieren Haben alle verstanden?" ,, Jawohl!" ertönte es einstimmig aus fast fünfhundert Kehlen. ,, Wegtreten!" Wir gingen in den Block und erörterten diese Verordnung. Wir brauchten sie nicht zu fürchten, denn die SK wurde so scharf bewacht, daß eine Flucht fast unmöglich war. Seit dem Bestehen des Lagers war noch kein Häftling aus der. Strafkompanie geflohen... Im Lager geschah es in der letzten Zeit ziemlich oft. 4 - - Die nächsten Tage vergingen schnell. Sie ähnelten einander in threr. furchtbaren Gleichförmigkeit. Früh Weckén, Waschen, Kaffeeempfang, dann Appell, Ausmarsch und Arbeit eine Anzahl verprügelter Pechvögel, einige Tote dann Mittagsessen. Nach dem Mittagessen wieder Arbeit bis zum Gong mit dazugehörigen ,, Abwechslungen", Rückmarsch ins Lager, ein mehr oder weniger langer Appell, Kaffee- Empfang und Schlafen Und das jeden Tag von neuem, ohne besondere Änderung. Eines Tages wurde unsere Kolonne umgruppiert. Das geschah zu meinem Nachteil. Denn statt wie bis jetzt am Sieb zu arbeiten, wurde Ich der Gruppe zugeteilt, die Gestrüpp trug. Unser Vorarbeiter Willi Mengler, ein Sachse, verhielt sich anständig; befehlsgemäß trug er zwar wie alle anderen einen Knüppel, machte aber sehr selten von ihm Gebrauch. Wir waren zusammen mit dem Vorarbeiter zwanzig Mann in der Gruppe. Bis zur Mittagszeit, ging die Arbeit ruhig voran. Ich war sogar zufrieden; denn über dieser Arbeit verstrich die Zeit viel schneller als früher. Wir aßen unser Mittagbrot, und die übrige Zeit verbrachten wir wie gewöhnlich im Gespräch über das Essen. Jeder gab an, was er jetzt am liebsten essen würde, erwähnte seine Lieblingsspeisen aus der Zeit der Freiheit, und so verging die Mittagspause. Nach dem Essen nahmen wir dieselbe Beschäftigung wieder auf. Von Zeit zu Zeit erlaubte Willi einem, in die Latrine zu gehen.. Und weil Stanislaw Nowaczyk, Häftling Nr. 8505, an dem im Lager üblichen Durchfall fitt, staunte niemand besonders darüber, daß er dreiviertel des Tages im Klosett verbrachte. Gleich nach dem Mittagessen bat er Willi um Beurlaubung und lief schnell in Richtung der Latrine. Es verging eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, dreiviertel Stunde Nowaczyk kam nicht zurück... Der beunruhigte Vorarbeiter schickte einen Häftling, um nachzuschauen... Wir waren alle überzeugt, daß unser Kranker schwach geworden war, und einfach keine Kräfte hatte, um zur Gruppe zurückzukehren. Nach einer Weile kam der Bote zurück. Nowaczyk war nicht im Klosett. 22. n. kreWir f bemdes D... er in affeeI verdem ,, Abanger von ah zu wurde Willi rug er n von wanzig ruhig strich t, und über de, ero verer auf. en... Lager daß er MitCchtung , dreiuhigte Wir war, ehren. cht im Willi lief sofort zum Kapo Johny, bleich wie wir alle. Kurz darauf hörten wir einen Pfiff, der eine Arbeitspause bedeutete und gleich nachher Befehle a ,, Kompanie antreten!" Auf ein solches Kommando warf jeder Häftling das Werkzeug hin und lief, so schnell er nur konnte, zum Appellplatz. Wir stellten uns gruppenweise auf. Die Kapos und der Kommandoführer begannen zu zählen. Nowaczyk war in keiner Gruppe. Wir neunzehn Mann wurden sofort von den übrigen getrennt und der Obhut dreier fremder Vorarbeiter empfohlen. Indessen begann man das Arbeitsgebiet der SK genau zu durchsuchen. Nach einer halben Stunde war jede Ecke, jeder Strauch kontrolliert. Nowaczyk war nicht zu finden. Es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß er geflohen war. Die ganze Wut des Kapos und des Kommandoführers entlud sich nun über uns. Zuerst erhielt jeder fünfundzwanzig Stockschläge und alles andere mußte man dem Glück überlassen. Mich hatte es offensichtlich begünstigt; denn mir brauchte niemand bei der Rückkehr ins Lager zu helfen. Die anderen wurden getragen... Während des Appells nahm unsere Gruppe gesondert Aufstellung. Nach etwa einer halben Stunde ertönt der gellende Schrei des Blockältesten: Achtung!", und Fritsch trat in Begleitung einiger Unteroffiziere auf den Hof. Eine Weile sprach er mit dem Blockführer Gerlach und kam dann auf uns zu. Willi meldete die Tatsache der Flucht. Er bekam sofort einige in die Zähne, worauf Fritsch eine kurze Rede hielt: " , Gemäß dem Befehl des Reichsführers der SS Himmler seid ihr alle zum Tode verurteilt... Verstanden?" ,, Jawohl!" Er nickte kurz Gerlach zu und ging fort. Wir aber hörten das Kommando: ,, Rechts um!... In Doppelreihe, marsch!" Das ging alles so schnell, daß wir gar nicht Zeit hatten, uns zu besinnen. Drei Minuten später befanden wir uns schon im Bunker, zehn Mann in der einen, neun in der anderen Zelle. Ich gehörte zu den neun Mann. Die Zelle war dunkel, ohne Fenster. Oben befand sich eine kleine Öffnung, durch welche Luft hereinkam. Drinnen herrschte Zwielicht.. Nach einigen Minuten gewöhnten sich jedoch die Augen daran, Wir ließen uns auf den Betonfußboden nieder. Meine Leidensgenossen waren der Pole Brodacki aus Neu- Sandez, der Deutsche Konrad Merschel aus Ostpreußen, der Deutsche Willi Mengler aus Sachsen, der Tscheche Dr. Sinkowic aus Prag, die Polen Josef Kowalczyk und Heinrich Stanko aus Warschau. Die Namen der zwei übrigen kannte ich nicht. 23 Während der ersten Stunde sprachen wir alle über unser Schicksal. Was nun? Soll dies tatsächlich das Ende sein? Vielleicht ändert sich noch etwas. Solche und ähnliche Fragen wirbelten durcheinander, aber niemand beantwortete sie. Endlich wurde es still. Jeder von uns vertiefte sich in seine eigenen Gedanken. Ich lag als erster dicht neben der Tür. Längere Zeit konnte ich keinen Gedanken fassen. Eine Fülle verschiedenartiger Überlegungen stürmte auf. mich ein. Alle gipfelten in dem einen Gedanken: Gibt es noch eine Hoffnung? Logisch betrachtet gab es keine. Ich war zu lange im Lager gewesen, um an ein plötzliches Wunder zu glauben. Hier gab es keine Wunder Wir waren zum Tode verurteilt, und es gab auf der ganzen Welt keine Macht, die uns hätte, retten können. Es blieben nur einige Tage, deren Anzahl von der Kraft des Organismus abhängig waren, und dann würde das Ende folgen... Ich änderte die Lage und legte mich auf den Rücken. In der Zelle war es schon ganz dunkel. Die Stille, welche hier herrschte, war unerträglich. Wenn sie uns wenigstens erschießen würden! Dieses hoffnungs; lose Warten ist ja das schlimmste. Der Magen, gewohnt, um diese Zeit Nahrung aufzunehmen, begann sich bemerkbar zu machen. Er zog sich zusammen und knurrte... Zugleich wurde es mir unheimlich klar: Ich bekomme ja nie mehr zu essen. Dieser Gedanke quälte mich wie eine aufdringliche Schmeißfliege und setzte sich in meinem Bewußtsein fest. Nie mehr... weder ein Stück Brot, noch einen Schluck Wasser Nichts! Und grade um diese Zeit essen oben fünfhundert Menschen. Tausende meinesgleichen beugen sich im Lager über ihr Kochgeschirr mit Kaffee beißen in duftendes Brot.... - Was mag es wohl heut' zum Brot geben? Donnerstag... Da gibt es ja Margarine und Marmelade süß wie Zucker. Sie streichen sie aufs Brot und beißen hinein Verflucht nochmal! Und außerhalb des Lagers essen um dieselbe Stunde Millionen von Menschen. In eleganten Restaurants bewegen sich zwischen den Tischen eilfertig Kellner im Frack. Womit darf ich dienen? Eine kalte Platte gefällig? Fisch? Fleisch? Und vielleicht gleich etwas Gesottenes? Wir haben ausgezeichnetes Rebhuhn in Sahne... Oder etwa ein rohes Beefsteak mit Zwiebeln und fettriefenden Pomfrits? Ich fühle, wie trocken meine Kehle ist, wie heiß meine Lippen sind und wie mein Speichel immer dickflüssiger wird. Von Zeit zu Zeit schlucke ich ihn hinunter. Mit dem Speichel muß ich sparsam umgehen. Wenn ich alles hinunterschlucke, ach, das ist ja alles Unsinn! 24 ickoch ber uns ich gunxen: geeine der eben Beep abder chte, ngs diese Er eimälte nem inen Tauchirr gibt chen onen den Eine twas Oder Frits? appen it zu sam alles Aber verdursten und verhungern muß furchtbar sein... Ich habe irgendwo in einem Sensationsroman eine Beschreibung darüber gelesen. Man hatte den Romanhelden in einen dunklen Keller gesperrt, wo er einige Tage ohne Speise und Trank blieb. Zum Glück fand ihn in letzter Minute ein genialer Detektiv... - Das war in einem Roman möglich., Mir hilft weder ein Detektiv, noch sonst etwas. Wie war doch die Beschreibung? Zuerst kommen die Schmerzen unwillkürlich berühre ich mit der Hand meinen Leib. Da ist noch nichts zu spüren. Es schmerzt noch nichts Dann kommt das Fieber... Ohrensausen Halbschlaf Und später der Tod! . Das wäre ja noch nicht so schlimmm. In Wirklichkeit muß es ja noch viel schlimmer sein! Der Verfasser des Romans hatte entweder keine Phantasie oder er war nie hungrig gewesen ,, Kollege!" höre ich plötzlich den Nachbarn flüstern. Was denn?" ,, Was meinst du, sind irgendwelche Aussichten vorhanden?" Ich fühle, wie die Stimme des Fragenden um eine bejahende Antwort fleht. Wut packt mich... Ein Weib, verflucht nochmal! Winselt schon nach den ersten Stunden. Den muß ich zur Räson bringen! ,, Aussichten? Worauf?" frage ich dumm. ,, Na ja, du weißt doch! Kommen wir hier heraus?" Ich lache laut auf. ,, Wir werden diese Zelle auf jeden Fall verlassen. Man wird uns hinaustragen, Herr Kollege", erwiderte ich mit voller Genugtuung. Er seufzte auf. ,, Das ist ja furchtbar! Weißt du, im letzten Brief schrieb mir meine Frau, daß sie mir einen Sohn geboren hat. Ich habe ihn noch nie gesehen", seine Stimme scheint zu versagen, so zittert sie. ,, Ich habe damit gerechnet, daß ich irgendwie durchhalten... und daß ich den Jungen... sehen werde..." Es wird mir übel... Ich fühle einen merkwürdigen Krampf in der Kehle, eine warme Feuchtigkeit unter den Augenlidern auch ich... Denn In der Dunkelheit klopfe ich dem Nachbarn auf die Schulter. " Vielleicht werden sie uns doch herauslassen", spreche ich unwillkürlich und bin mir zugleich dessen bewußt, daß diese plötzliche Sinnesanderung unsagbar dumm klingen muß. Als Antwort höre ich ein leises Schluchzen. Ich drehe ihm den Rücken zu und nehme mir vor einzuschlafen. Da beginnt hinten jemand laut zu beten. Merkwürdig schwingt die leise Stimme in der akustischen Zelle. Etwas Übernatürliches tönt in ihr mit... Die Worte des Gebets, die uns aus unserer Kindheit so gut bekannt sind, bekommen eine andere Bedeutung 25 ,, Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern..." Vielleicht das erstemal in meinem Leben dachte ich über den Inhalt dieser Worte nach Sollen wir vergeben?.... Ich lehne mich auf. Ich vergebe nicht... * In demselben Augenblick muß ich daran denken, daß es noch sehr lange dauern wird, bis meine Schuldigen gerichtet werden. Zur Zeit gehen sie frei herum, essen, trinken, rauchen und sind bestimmt weit davon entfernt, um Vergebung ihrer Schuld zu bitten... Aber ich bin sehr geneigt, es zu tun. Wenn ich um Vergebung meiner Schuld bitte, so muß ich selbst vergeben... Auge um Auge.. Das ist doch ganz logisch... Jemand beginnt zu singen. Nach einer Weile schließt sich der zweite, der dritte, der fünfte an Die ganze Zelle erdröhnt vom Gesang. ,, Im Lager Auschwitz war ich zwar..." 704 War ich? War ich? Ich bin noch. Noch einige Tage bin ich... Sie änderten die Melodie. Bei mir bist du schön..." Reiner Wahnsinn! Ich halte mir die Ohren zu. Der hüpfende Rhythmus des Foxtrotts bringt mich zur Raserei... Aber ich beherrsche mich. Vielleicht brauchen andere gerade jetzt so etwas ... Das Lied ist zu Ende, neue Stille. Noch beklemmender als vorher. Ich erhebe mich und beginne in der Zelle auf und ab zu schreiten. In der Dunkelheit trete ich auf irgendeinen Fuß... ,, Könntest mal achtgeben", höre ich eine gereizte Stimme. ,, Der hat sich den richtigen Ort und die richtige Zeit zum Spazierengehen ausgesucht..." Der Mann hat recht. Ich lege mich wieder hin. Weit nach Mitternacht schlafe ich ein. Der nächste Tag vergeht ohne besondere Vorkommnisse. Wir erzählen uns ununterbrochen die verschiedensten Geschichten. Um nur nicht an die Wirklichkeit zu denken. Dr. Sinkowicz spricht den ganzen Tag kein Wort. Nimmt an unserem Gespräch nicht teil, liegt ständig auf dem Rücken mit geschlossenen Augen... Der Lustigste von allen ist Stanko. Ein junger Kerl, ungefähr zwanzig Jahre alt, mit schönen blauen Augen und blonden Haaren. Er schüttelt die Witze nur so aus dem Ärmel, singt und führt uns vor, wie man einzelne Tänze in den Vorstädten Warschaus tanzt. Das sieht wirklich sehr komisch aus. Endlich ermüdet auch er, legt sich auf die Erde und schließt die Augen. Und wieder ist es still. Die ersten vierundzwanzig Stunden sind verstrichen. Ich bin doch gespannt, wie lange man so aushalten kann. Vorläufig ist es ja nicht so schlimm. 26 -.„Aber; in der Nacht wird mein Zustand bedenklich. Von Zeit.zu Zeit feuchte ich meine Lippen an. Blitzschnell trocknen sie wieder. . Ich beginne also zu fiebern. Das ist schlimm. kan, Die Nacht'verging mir ohne Schlaf. Am Morgen war es noch schlimmer. Tatsächlich verspürte ich ein starkes Sausen in den ‚Ohren. Der Verfassgr des Buches hatte doch recht...= Wieder schweigen wir alle. Etwa gegen Mittag steht der Deut- sche Konrad Merchel auf und beginnt gegen die Tür zu hacken, Niemand hindert ihn daran. Vielleicht machen sie tatsächlich auf? . Nach einigen Minuten hört er auf. Resigniert setzt er sich neben die Tür und flucht laut. x: „Was willst du?” fragt ihn Willi. „Zum Lagerführer.,. Ich werde mich als Freiwilliger zur ss. melden. Es ist doch verrückt, durch so eine dumme Geschichte das Leben zu verlieren. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt.”; „Schweinl" urteilt Willi kurz und bricht das Gespräch ab. Willi trägt einen roten Winkel. Er war einmal Funktionär der SPD. in ‘Sachsen. y|': „Dir fällt es leicht zu sagen: Schwein! Du bist über vierzig Jahre. alt, aber ich habe noch nichts vom Leben gehabt.’ „Wofür sitzt du?“ fragt Willi nach einer: Weile, „Diebstähle... und ein Raubüberfall.” Willi lacht. a ‚- Warum hast du inoffiziell geraubt? Du solltest gleich in die‘SS eintreten. Wärest heute schon Kommandant vom Auschwitz und könntest offiziell morden...". Er schaute ihn noch eine Weile an; dann wandte er sich an uns:„Das sind die Schlimmsten. Um zu jeben, verkaufen sie das eigen€@ Kind. Pfui!" Er spückte verächtlich . aus und kehrte Merschel endgültig den Rücken zu.” Gegen Abend‘des dritten Tages beginnt Dr. Sinkowicz zu erbre- chen. Tränen fließen ihm aus den Augen, krampfartige Zuckungen erschüttern den ganzen Leib. Wir versuchen ihm zu heifen, aber er drängt uns-mit beiden Händen zurück. Später stellte es sich heraus, daß Dr. Sinkowicz im Laufe der vergangenen Nacht, als wir alle schliefen, den Blechlöffel, den es ihm gelungen war, in die Zelle zu schmuggeln, in kleine Stücke gebrochen und’dann alle Stücke ge- ‚ schluckt hatte, in der Hoffnung, dadurch seinen Tod zu beschleu-- pigen. ba j re, er 2 -Bis zum frühen Morgen finde ich keinen Schlaf. Mit dem Tsche- chen wird es immer schlimmer. Er fiebert sehr stark und.erbricht in regelmäßigen Zeitabständen Blut.. Die beiden Warschauer haben jetzt eine seltsam& Beschäftigung. Sie reißen die Lederstiefel in kleine Stücke,{rennen sorgfältig das Leder vom Stoff und teilen es in neun Häufchen, i 27 IR Wie es sich später herausstellte, hatte auch Stanko sich an einen Roman erinnert, dessen Held durch Kauen von Leder einige Tage länger lebte., Gegen Mittag werden die mit Schuhkrem und Schweiß getränkten Lederstückchen feierlich unter uns verteilt. Ich habe keinen Mut, dieses Zeug in den Mund zu nehmen und warte auf die anderen. Diejenigen, welche den Vorschlag gemacht hatten, begannen. Es verging keine Viertelstunde, da zeigte sich schon der Erfolg.. Beide bekamen furchtbare Schmerzen. Sie brüllten himmelschreiend und krümmten sich vor Qualen. Und dann folgten die Erbrechungen. Um Mitternacht war es mit dem Tschechen zu Ende... Wir trugen ihn auf die andere Seite der Zelle. Über das fahle, mit Blut beschmutzte Gesicht breitete sich ein wunderbarer Friede... Der erste! Abends bekam Merschel einen Nervenanfall. Er sprang zur Tür und begann diese mit beiden Händen zu bearbeiten, indem er unverständlich schrie. Dann fing er' an, gegen die Tür zu hacken und Ischließlich mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Es gelang uns nur schwer, ihn wieder auf den Fußboden zu legen. Nach einigen Minuten trat ihm Schaum auf die Lippen, und er verlor die Besinnung. Ähnlich erging es dem Polen Stanko. Er spazierte in der Zelle herum, bis ihn plötzlich der Krampf faßte und er mit dem Kopf auf den steinernen Fußboden schlug, daß es dröhnte. Der fünfte Tag... Ich bin unheimlich schwach. Die Schmerzen wichen ein wenig, ich habe nur einen furchtbaren Durst. In den Ohren saust es, nicht zum Aushalten. Jedes Geräusch in der Zelle verursacht in meinem Kopf einen physischen Schmerz wie von einem Schlag. Seit Es ist mir ganz gleichgültig, was neben mir geschieht einigen Stunden halte ich die Augen geschlossen und finde keine Kraft mehr, sie wieder zu öffnen. Wozu auch? Ich denke noch ziemlich klar, nur langsam. Jetzt fällt es mir schon schwer, die Umwelt wahrzunehmen. Das Sausen wird zum beherrschenden Gefühl. Ich empfinde nichts anderes. Eine eigenartige Lähmung bemächtigt sich. meiner. Ich atme schnell. So liege ich lange. Wie lange, weiß ich nicht. Die Gedanken erreichen fast nicht mehr mein Bewußtsein. Ich weiß nichts mehr, ich verstehe nichts mehr. Plötzlich wird es mir sehr heiß, ich sinke irgendwo hinein in die Tiefe. Für einen kurzen Augenblick gewinne ich die Besinnung zurück. Das ist schon das Ende. Ich sterbe. Es ist gar nicht so furchtbar... das war mein letzter Gedanke. Eine unheimliche Kälte weckte mich. Ich öffnete die Augen und schloß sie gleich wieder. 28 Zunächst sah ich gar nichts, außer einer Lichtfülle, die in die, Augen stach. 5 „Lost— Aufstehen!"® = Das verstand ich, aber ich nsähte keine Bewegung, um: mich zu ; erheben.-Es wollte mir einfach nicht in den Kopf. - Ich fühlte, wie mich jemand hob und wie ich Huch plötzlich in- einem Meer von Licht und Luft befand. ‘ Wieder öffnete ich die Augen. Ich lag auf dem Hofe-der sK, über mich gebeugt standen Kurt Pennewitz, der Stubendienst Wacek und. noch jemand. Neben mir lagen die Leidensgenossen aus der Zelle. Natürlich nur diejenigen, welche noch lebten... Man goß mir-etwas in-den Mund, etwas göttlich Nasses und War- mes. Ich trank: wie wahnsinnig, und in dem Maße wie ich schluckte, ° fühlte ich mich besser. „Jetzt genügt es‘, hörte ich Waceks SHnme „Der Nächste.” Nach etwa einer Stunde erlangte ich so_weit die Besinnung wieder, daß ich schon alles hören und verstehen konnte. 5 Ich schaute mich nach meinen De um. Wir waren vier- .zehn Mann auf dem Hofe. „Wir müssen sie in zwei Reihen hinlegen: Ich‘sehe keine andere Möglichkeit‘, hörte ich ‚plötzlich die Stimme des Blockältesten und fühlte, daß man mich hinübertrug. So Jagen wir nun in zwei Reihen zu je sieben Mann. Die Sonne schien mir gerade in die Augen. Trotzdem kiaoherie ; ich vor Kälte mit den Zähnen. Nach einiger Zeit hörte ich„Ach- tung‘ rufen‘ und sah Fritsch, der in a) des Rapportführers den Hof\betrat.; Er hielt eine Weile beim Blockältesten, dann kam er auf uns zu. - Kritisch musterte.er uns alle und entschied: „Die erste Reihe auf.den Block, die zweite zurück in den Bunker.” „In dem sind sieben Mann‘, bemerkte Kurt Pu„und ‚unten liegen schon fünf Tote.‘ „Ach so, Das schadet nichts. Die letzten zwei Mann der‘ ersten :_ Reihe anschließen.” Er nickte mit u Kopf. und ging in Richtung ‘ des Tores davon. Erst auf der Stube erfuhr ich vom Shubendienet; daß’ ein Schrei- ben aus Berlin gekommen war, welches zehn Mann aus dem Bunker zu entlassen beföhlen hatte. Denn Himmlers Befehl sprach hur von einem vergeltenden Strafverfahren gegen-zehn Mann. Fritsch aber hatte diesen Befehl eigenmächtig für die SK verschärft. a Die nächsten Tage verflossen wie im Märchen. Wir zehn Mann wurden die Lieblinge von allen, vom Blockführer Gerlach angefan- gen bis zum schlimmsten Vorarbeiter herunter. Vom Bloskalte den erhielten wir, ich weiß nicht woher, organisierte Milch, und am Sonnabend schenkte uns Gerlach eine Flasche Rum, und außerdem erhielt jeder von ihm ein Päckchen Zigaretten... ,, So ein Glück wie ihr möchte ich selbst haben", sagte er, indem er uns die Geschenke überreichte. Er befreite uns auch für zwei Wochen von der Arbeit. Die fünf Mithäftlinge, die das Unglück gehabt hatten, sich am Anfang der zweiten Reihe zu befinden, trug man nach zwei Tagen aus dem Bunker in die Leichenhalle hinaus. ni h Ti F Se 5. Kapitel Acht Tage später ordnete der Blockälteste Hans ein Antreten sämtlicher Häftlinge, die sich auf dem Block befanden, an. Es versammelten sich zusammen mit den Stubenältesten etwa zwanzig Personen. Hans überprüfte kritisch unsere ausgemergelten Gestalten, nickte mit dem Kopf und sagte: ,, Ich brauche ein paar starke Leute zur Arbeit, aber mit euch ist ja nicht viel anzufangen. Wer von euch will sich zusätzlich, Suppe verdienen?" Ich fühlte mich schon ziemlich wohl, deshalb trat ich als einer. der ersten aus der Reihe. Dann meldeten sich noch vier Mann. Wir wurden der Gruppe der Stubenältesten zugeteilt. Wartet im Waschraum auf weitere Anordnungen", sagte Blockältester Hans kurz. Der Waschraum, der sich im Erdgeschoß befand, war ein kleiner Raum mit einem Fenster, welches auf den Hof ging. ,, Heute wird wieder, Wilhelm Tell' auftreten", bemerkte der Stubenälteste Wacek. Wir horchten interessiert auf. Mit ,, Wilhelm Tell" bezeichnete man im Lager den Vollstrecker der Todesurteile, SSHauptscharführer Palitsch. ,, Ist wieder etwas fällig?" Wacek nickte mit dem Kopf. ,, Gestern brachte man die Familie des Häftlings, der vom Bauhof geflohen war. Im ganzen fünf Personen." Eine Stille trat ein. ,, Na, die Gäste versammeln sich", sagte plötzlich Heizer Bronek, welcher beim Fenster stand. Wir traten näher. Auf dem Hofe erschienen einige Uniformierte: Lagerführer Fritsch, SS- Arzt Entreß, SS- Unterscharführer Stark, Arbeitsdienstführer Heßler und Rapportführer Palitsch. Letzterer trug ein Sportgewehr in der rechten Hand. 30FUDESA d G fa fa t E W „Geht vom Fenster weg!” riet Wacek.„Diese Herren haben es nicht gern, wenn man sie beobachtet.”! In demselben Augenblick wurde die Tür aufgemacht, und wir hörten Hans rufen: „Vier Mann und der Heizer. Aber schnelll” x Die vier Nächststehenden und Bronek verschwanden. hihter der Tür. Drei Mann blieben noch zurück. Wir entfernten uns atwas vom Fenster, aber nur soweit, daß wir alles, was draußen geschah, über- sehen konnten. N N; . Die Uniformierten sprachen miteinander. Sie rauchten und hörten dem erzählenden’ Fritsch zu. Von Zeit zu Zeit brachen sie in ein schallendes Gelächter aus. Palitsch stützte sich auf sein Gewehr und zeichnete Kreise in den weichen Erdboden. Da näherte sich Gerlach der Gruppe und meldete etwas. Fritsch nickte, zustimmend. - Das Gespräch riß ab. Palitsch hob das Gewehr in Augenhöhe und überprüfte das Schloß.:" N Langsamen Schrittes näherte er sich der„schwarzen Wand". So ‚ nannte man diesen Teil der Mauer, welcher mit gestrichenen Holz- faserplatten ausgelegt war, und vor ‚dem die Hinrichtungen statt- fanden. ee un " Im nächsten Augenblick sahen wir Bronek. Er brachte einen nack- ten älteren Mann, dessen Hände auf dem Rücken mit Draht zusam- mengebunden waren. Vor der„schwarzen Wand" hielten sie an. Bronek entfernte sich. Palitsch schob.den alten Mann weiter vor- wärts und stellte ihn mit dem Gesicht zur Wand. Im gleichen Augen- “blick höb. Palitsch'das Gewehr in Höhe des Genicks und zog ab. Ein Schuß, der Mann tat einen halben Schritt vorwärts und fiel mit dem Gesicht auf den Sandboden. Aus seinem Hinterkopf schoß das Blut... ‚ Hauptscharführer ‚Palitsch trat vorsichtig zur Seite und Entreß erschien auf. der Bildfläche.& Er neigte sich zu dem Liegenden, hob seinen Kopf an den Haaren hoch, um die Reaktion der Pupillen festzustellen, dann fühlte er „seinen Puls und sagte laut zu Palitsch: „In Ordnung!" Palitsch winkte mit der Hand. Die Häftlinge, die Hans vor einigen Minuten aus dem Waschraum gerufen hatte, kamen eilig aus dem Block. Sie trugen eine längliche Kiste, die man zum Leichentrans-' port verwendete, in diese warfen sie die Leiche des Alten. Bronek begann die blutdurchtränkte Erde mit Sand zu bestreuen, den er in einem Eimer aus dem Block gebracht hatte. Nach zwei Minuten, die SS-Männer rauchten indessen, waren die Spuren der Hinrichtung verwistht. Palitsch näherte sich’ wieder der„schwarzen Wand", Pr Wacek und die drei Häftlinge kehren auf den Block zurück und nach einer Weile erschien erneut Bronek.. Diesmal führte er eine Frau. Es war schon eine ältere Person mit grauen Haaren, die zitternd und mit erschrockenen Augen in die Runde schaute. Sie trug nur ein Hemd, das ihr bis zu den Knien reichte... Ihre Hände waren ebenfalls auf dem Rücken mit Draht zusammengebunden... An der ,, schwarzen Wand" machten sie halt. Bronek kehrte zurück und Palitsch stellte sein Opfer mit dem Rücken zu sich gekehrt und hob das Gewehr. Ein Schuß... ein Schrei.... Die Frau machte eine halbe Umdrehung auf dem rechten Fuß und fiel um. Wieder Entreß. Eine kurze Untersuchung. Wacek mit seinen Kameraden taten das ihrige und ein neuer Leichnam bedeckte den ersten in der Kiste. Diesmal trug man die Kiste fort. Bronek ebnete den blutdurchtränkten Sand, brachte neuen, bestreute den Boden und holte ein neues Opfer. Es war eine junge Frau von ungefähr achtundzwanzig Jahren. Sie trug nur einen Schlüpfer. Langsam kam sie daher und senkte rot vor Scham den Kopf, als wollte sie auf diese Weise ihre den Blicken der Männer preisgegebene Brust bedecken... Die SS- Männer schauten sie neugierig an. Der SS- Arzt nahm seine Brille ab, putzte sie umständlich mit einem Taschentuch und setzte sie wieder auf. Er streckte seinen Kopf nach vorn, um besser sehen zu können. Und wieder Palitsch, wieder ein neuer Schuß.. Nicht gut gezielt, denn die Frau stand noch. Sie stand auf der Stelle, aus dem Hinterkopf floß Blut. Sie hob den Kopf etwas höher, machte die Augen weit auf; aus ihrem geöffneten Munde schob sich ein wenig die Zunge hervor. Ein Schrei drang zum Himmel... lang, eintönig, furchtbar.... Das alles dauerte eine knappe Sekunde, die aber eine Ewigkeit zu sein schien. Palitsch warf das Gewehr fort und griff nach der Pistole, der oxydierte Stahl. blitzte in der Sonne auf. Der zweite Schuß war schon zielsicherer. Die Frau fiel um... Ihr Geschrei verstummte, aber SS- Hauptscharführer Palitsch traute immer noch nicht der Revolverkugel. Er neigte sich zu der Liegenden und aus einer ZehnZentimeter- Entfernung schoß er noch zweimal. Dann erhob er sich und wischte sein Gesicht mit der Hand...? Schweigen... Die übrigen SS- Männer standen bewegungslos und der SS- Arzt hatte plötzlich keine Eile mit der Feststellung des Todes. Das dauerte wohl eine Minute. 32 St st 698 Η T e B und mmit die Knien Draht e zukehrt mdreKae den , beahren. senkte e den ch mit seinen uf der höher, b sich par.... zeit zu le, der B war ammte, ht der Zehnand... Os und Todes. Endlich sagte Palitsch laut: ,, Obersturmführer Entreẞ... stellen Sie bitte den Tod fest!" Seine Stimme klang metallisch hart, auffordernd, wie eine Rüge. Nach dieser Hinrichtung trat eine Pause ein. Die Uniformierten. standen dicht beieinander, sprachen aber kein Wort. Palitsch rauchte eine Zigarette und blies Kringel in die Luft ruhig, als ob nichts Bemerkenswertes vorgefallen wäre. Bronek, ganz blaß, ebnete nervös den Boden. Immer wieder schloß er die Augen und atmete schwer. Palitsch bemerkte es. ,, Was, ist dir nicht gut?" rief er ihm zu. Bronek nahm die Mütze ab, wie es die Lagerordnung während eines Gesprächs mit einem SS- Mann vorschrieb und antwortete: ,, Alles in Ordnung, Herr Hauptscharführer. Mir ist nichts." ,, Da hast du Glück!" Die Häftlinge kehrten mit der Kiste zurück. Die blutige Frauenleiche verschwand darin. Man schloß den Deckel und stellte die Kiste weg. Gerlach fragte, ob man die ,, Arbeit" fortsetzen könnte... Palitsch löschte mit dem Stiefel seinen Zigarettenstummel aus und: ,, Der nächste!" brummte er. Und wieder wurde Bronek sichtbar. Neben ihm ein kleines blondes Mädchen von etwa acht bis neun Jahren. Nackt. Ihre großen hellblauen Augen schauten zwar neugierig, aber doch mit Angst die Umgebung an. Die Hände waren wie bei allen anderen mit Draht zusammengebunden. Noch jetzt höre ich sie mit zitternder Stimme fragen: " 1 Was wird denn jetzt sein? Wo ist Mama? Was sind das für Herren?" Bronek hielt das Mädchen am Arm und spricht nichts. Andau" ernd zwinkert er mit den Augen und beißt die Lippen aufeinander. Das Mädchen fragt weiter, aber es steht schon zu weit von unserem Fenster und ich verstehe nicht mehr den Sinn ihrer Worte. Die SS- Männer schweigen, blicken zu Boden. Fritsch spielt nervös mit den Fingern, Entreß putzt sorgfältig und langsam seine Brille. Diesmal legt er sie jedoch nicht auf, Palitsch lächelt das Mädchen an. Er spricht etwas und führt sie am Arm zu der ,, schwarzen Wand". Ich fühle ein Würgen im Halse, mein Herz schlägt laut krampfhaft umklammere ich das Fensterkreuz. Roman, Häftling Nr. 6576, weint leise... Er ist ist ein Mann von großer, athletischer Gestalt. Jetzt wirkt er so klein, als ob er zusammengeschrumpft wäre, sein Kopf hängt ihm herab. 3 Mütze ab 33 ,, Banditen Banditen .. ihnen dieses Kind getan wiederholt er immerfort. Was hat Banditen... Banditen..." Be ma sto Palitsch bleibt stehen Er schiebt das Mädchen vor, hält es jedoch mit der linken Hand am Arm. Mit der rechten Hand hebt er das Gewehr. Ich kann nicht mehr zusehen und begebe mich in die andere Ecke des Waschraums, Romek bleibt beim Fenster. ,, Ich muß dableiben... ich muß es sehen der Welt erzählen... Banditen!" Ein Schuß fällt. Schnell gehe ich zum Fenster zurück. li sa Einst muß ich es U Der kleine Leib liegt auf dem gelben Sandboden. Die Haare bilden eine merkwürdige Harmonie mit der Farbe des Sandes. Das Blut ebenfalls.... Palitsch zeigt ein großes Interesse für sein Gewehr. Er nimmt das Schloß heraus und manipuliert an dem Gehäuse. Seine Bewegungen sind ausgeglichen, er ist ganz ruhig. Wilhelm Tell"! Er zeigt, wie man beherrscht und hart sein soll! Seine Genossen schaut er geringschätzig an. ,, Schwächlinge!" denkt er bestimmt. Er tut sehr gleichgültig, obwohl er gerade heute ein Jubiläum begeht. Soeben hat er den tausendsten Menschen erschossen. Ist doch eine ,, Leistung" während eines Jahres! Nun blickt er auf die übrigen SS- Männer und lacht: ,, Ich lade' Sie heute alle zu einer Feier ein. Eine Jubiläumsfeier. Die kleine Person, die ich eben für den Führer in Auschwitz erschossen habe, ist die tausendste gewesen. Ihr kommt doch wohl?" Seine Stimme klingt deutlich ironisch. Fritsch richtet sich auf: ,, Ihre privaten Angelegenheiten bitte ich nach dem Dienst zu besprechen, Hauptscharführer!" Palitsch beherrscht sich. ,, Jawohl, Hauptsturmführer!" Er schlägt geräuschvoll die Hacken zusammen und gibt Gerlach ein Zeichen. Wacek und die anderen legen den toten Körper in die Kiste. Bronek ist nicht dabei. Später erfuhr ich, daß er einen Nervenschock bekommen hat und sich im Bunker erhängen wollte. Im letzten Augenblick hatte Hans ihn noch gerettet. All das spielt sich in Sekunden ab. Wacek hat Broneks Absichten wohl schon erfahren, denn er ebnet an seinerstatt den Sandboden. Natürlich wird Palitsch darauf aufmerksam. Wo ist der Heizer?" Wacek ist nicht umsonst Stubenältester in der SK. Schnell findet er eine passende Antwort: 34 kl D g d E e B S shat doch ndere ch es e bils Blut mt das ungen t, wie eringleichThat er wähsfeier. Sitz érwohl?" zu beschlägt eichen. Kiste. Hervente. Im sichten boden. 1 findet ,, Eben ist er auf der Bunkertreppe ausgerutscht und hat sich das Bein verrenkt. Jetzt liegt er auf der Stube. Nach der Arbeit wird man ihn in den Krankenbau tragen." Er lügt glatt, ohne dabei zu stocken. ,, Stimmt es?" Palitsch' Augen schauen ihn verdächtig an. ,, Ja, es stimmt!" antwortet Wacek sicher. Palitsch wendet sich an Gerlach. Er weiß nicht, daß Gerlach täglich mit Wacek betrunken ist. Gemeinsam morden beide, gemeinsam vergewaltigen sie die Frauen im Arrest, obwohl der eine die Uniform eines SS- Mannes, der andere eine Häftlingsjacke trägt. ,, Es stimmt, Hauptscharführer!" bestätigt Gerlach. ,, In Ordnung. Der nächste." Der nächste geht nicht, er wird getragen. Er kann ja auch noch nicht gehen, denn es sind erst elf Wochen in seinem Leben verstrichen. Gerlach trägt ihn auf dem Arm. Der kleine Junge, schreit fürchterlich. Ganz rosa ist sein Körperchen. Das kleine Köpfchen, mit feinen Härchen bedeckt, ist nicht viel größer als die Faust Gerlachs. ,, Das ist der letzte, Hauptscharführer", meldet Gerlach und hält das Kind vor sich hin. Palitsch schaut seine Kameraden an. Ihr Schweigen reizt ihn. Eine Weile scheint er nachzudenken, dann legt er das Gewehr weg.. ,, Für so etwas ist eine Kugel zu schade, spricht er laut, indem er die SS- Männer ansieht. Er greift nach dem Säugling, den ihm Gerlach reicht. Beide Beinchen finden genügend Platz in seiner Faust. Man hört einen schwachen Schrei des kleinen Kindes. Palitsch holt aus und schlägt den Säugling mit dem Kopf gegen die Wand. Sofort hört das Weinen auf, an der Wand bleibt ein Fleck. Den kleinen Toten wirft Palitsch auf den Sand. ,, Bitte den Tod festzustellen, Obersturmführer!" schreit er mit unnatürlicher Stimme. Fritsch und die anderen SS- Männer drehen sich um und begeben sich zum Tor, indessen Entreẞ Palitsch die Antwort erteilt: ,, Der Tod ist bestimmt eingetreten. Bei Ihrer Routine ist eine Ungenauigkeit ausgeschlossen." Entreß ist bleich und seine Lippen zittern: Sein ästhetisches Gefühl wurde augenscheinlich verletzt. Er selbst verrichtet ja nur eine saubere Arbeit". Er bestimmt nur die Menschen zum Tode, sei es durch eine Spritze oder durch die Gaskammer. Palitsch bleibt mit Gerlach auf dem Hofe zurück. Er ist wütend. ,, Hast du die empfindlichen Herren gehört? Herr Dr. Entreß war peinlich berührt. Die schmutzige Arbeit behagt ihm nicht. Ich habe tausend Menschen erschossen und bin stolz darauf. Wenn ich den 3* 35 Befehl erhalte, da werde ich hunderttausend... eine Million erschießen. Und immer werde ich darauf stolz sein. Herr Entreß be- S stimmt bei jeder Auswahl Hunderte, ja Tausende für den Tod und schämt sich mutig zu sein. Pfui!" Er spuckte auf die Erde und ging zum Tor hinaus, indem er sich auf sein Gewehr stützte. Gerlach folgte ihm bald. Das kleine Körperchen lag zusammengerollt immer noch auf dem gelben Sand. Wacek und Hans umgingen es bei der Hofreinigung. Im Waschraum war, es still. Roman hörte auf zu weinen. Er schaute stur auf den Hof, konnte seinen Blick von der schwarzen Wand nicht abwenden. Krampfhaft preßte er die Lippen zusammen und atmete schnell. Ich berührte seinen Arm: ,, Roman!" Er hob den Kopf wie nach einem Erwachen. 11 Was willst du?" ,, Komm rauf!" Plötzlich warf er noch einen Blick durchs Fenster, stieß mich beiseite und sprang zur Tür. Ich eilte ihm nach. Roman lief schnell zu dem kleinen Körper und hob ihn behutsam mit beiden Händen auf. Wie festgenagelt stand ich und konnte keinen Schritt weiter tun. Eine kleine Weile schaute Roman das Kind an, dann ging er zu der Kiste und legte den kleinen Leib neben den des Mädchens auf die mit Blut besudelte Brust der jungen Frau, der Mutter der beiden Kinder. Das waren die nächsten Angehörigen des vor einigen Tagen entflohenen Häftlings Johann Przywara aus Zamošč. Gemäß dem Befehl des Reichsführers der SS wurden sie vernichtet. WO se de De ih CH za da SC de W lic Da Ju Ju ge ic je VI. Kapitel Eines Tages kam ein Transport aus Krakau, der ausnahmslos für die SK bestimmt war. Er bestand aus einigen Polen und etwa zwanzig Juden. Beim Abendrapport nahm Blockführer Gerlach die ,, übliche Musterung der Angekommenen vor. Einen Augenblick lang hielt er vor der hochgewachsenen Gestalt eines älteren Mannes, die sich deutlich aus den übrigen heraushob. ,, Was bist du von Beruf?" fragte er. ,, Ich bin Geistlicher." ,, Aha!" Die Augen des SS- Mannes blitzten bestialisch auf. ,, Du kamst wohl hierher, um uns zu bessern, was?" 36 Sl da St de S la erbeund ing dem ng. Er zen men beisam tun. I zu auf iden entvers für waniche It er. sich Du Der Geistliche Karczmarczek aus der Umgebung von Krakau antwortete nicht. Ununterbrochen schaute er Gerlach in die Augen. In seinem Blick lag etwas Sicheres, Standhaftes. ,, Wir werden gleich sehen, ob du ein Herz hast", sagte plötzlich der Blockführer. Er ging einige Meter weiter, wo die Juden standen. Den ersten von ihnen zerrte er aus der Reihe heraus und brachte ihn zu Karczmarczek: ,, Siehst du diesen Hund?" Der Geistliche antwortete auch diesmal nicht. ,, Das ist ein Jude", fuhr der SS- Mann fort ,,, die haben euren Christus gekreuzigt, jetzt hast du Gelegenheit, ihnen das heimzuzahlen." Er reichte dem Geistlichen seinen Ochsenziemer. ,, Nimm das und gib ihm fünfundzwanzig!" Der Geistliche Karczmarczek richtete sich höher auf. Wortlos schaute er vor sich hin und übersah die ausgestreckte Hand mit dem Ochsenziemer. Gerlach schoß das Blut in den Kopf. 11 , Was, du willst meinen Befehl nicht ausführen?" Eine jähe Bewegung der Hand, und der Ochsenziemer traf das Gesicht des Geistlichen. ,, Du dummer Hund, du willst wohl noch ein Heiliger werden. Das will ich dir erleichtern..." Diesmal wandte er sich an den Juden, der am ganzen Körper zitterte: Weißt du, wie lange ein Jude hier lebt?" 11 Der zu Tode erschrockene Mann schüttelte den Kopf. ,, Du weißt es also nicht, was? Höchstens zehn Tage. Aber du gefällst mir. Du bekommst von mir doppelte Lebensmittelration und ich mache dich zum Stubendienst. Verstehst du?" Der Jude zitterte vor Angst und nickte mit dem Kopf. ,, Jawohl!" ,, Als Stubendienst mußt du vor allem gehorsam sein. Du mußt jeden erhaltenen Befehl ausführen. Verstehst du?" ,, Jawohl!" Ein verhaltenes satanisches Lächeln drückte sich in Gerlachs Gesicht aus. Einen Augenblick schaute er stumm auf den Häftling, dann sagte er: ,, Jetzt wollen wir mal feststellen, ob du dich zum Stubendienst eignest. Da!" Er reichte ihm den Ochsenziemer. Die zitternden Finger des Juden umfaßten krampfhaft den Griff der Peitsche. Gerlach strahlte. ,, So, ausgezeichnet! Du wirst bestimmt das Lager überleben. Siehst du diesen Alten?" Er zeigte auf Karczmarczek. Ein Kopfnicken. ,, Komm her!" Diesmal galt der Befehl dem Geistlichen, welcher langsam aus der Reihe heraustrat. ,, Bück dich!" hieß der nächste Befehl. Karczmarczek bückte sich. 37 .., Gib ihm fünfundzwanzig!" Er erteilte den Befehl mit erhobener Stimme. Und nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Die winzige, bis jetzt zitternde Gestalt des Symcha Szmedra, des kleinen Schneiders aus. Podgorze, begann sich aufzurichten, schien zu wachsen und riesenhafte Ausmaße anzunehmen. Über die atemlos wartende Reihe der Strafkompanie legte sich eine merkwürdige, feierliche Stille... Die Arme des kleinen Juden streckten sich, als wollte er stramme Haltung annehmen. Seine schwindsüchtige Brust begann sich keuchend zu bewegen. Die Augen, die bisher eine wahnsinnige Angst ausgedrückt hatten, begannen plötzlich zu leuchten ,, Hast du gehört? Du sollst ihm fünfundzwanzig kleben!" wiederholte Gerlach seinen Befehl. Auf Szmedras Stirn standen die Schweißtropfen wie silberne Perlen. Eine Weile schaute er noch unbestimmt vor sich hin. Dann hob er gewaltig den Kopf und mitten in die lastende Stille hinein sprach er mit einer Stimme, die vor Erregung leicht zitterte: ,, Ich werde ihn nicht schlagen!" Uns stockte der Atem in der Brust. Der Anblick Szmedras, der mit erhobenem Haupte und glänzenden Augen vor dem riesenhaften Gerlach stand, machte einen überirdischen Eindruck. Für Augenblicke herrschte Stille voll schrecklichen Erwartens. Das Gesicht Gerlachs rötete sich, als ob im nächsten Augenblick das Blut aus seinen Adern treten wollte. Seine Augen kniffen sich voller Tollwut zusammen. Er trat einen Schritt auf den Juden zu. , Was?" In dieser Frage entlud sich seine ganze Raserei. ,, Du willst ihn nicht schlagen? Du? Du blöder jüdischer Hund, du weigerst dich, meinen Befehl auszuführen?" Seine Faust, nicht viel kleiner als Szmedras Kopf, versetzte dem Juden einen furchtbaren Schlag. 11 Szmedra fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden. Im nächsten Augenblick traf der genagelte Stiefel des SS- Mannes den Bauch des Liegenden. Ein durch Mark und Bein dringender Schrei erscholl. Szmedra krümmte sich vor Schmerzen. Der nächste Fußtritt wurde in die Nierengegend versetzt. Wieder ein Schrei... Man konnte das nicht mit ansehen. SS- Rottenführer Gerlach hackte und schlug zugleich. Man hatte den Eindruck, daß dieses Hacken und Schlagen ihm nicht genügte, daß er sein Opfer am liebsten in Stücke gerissen hätte... Der Widerhall der Schläge und Gerlachs schwerer Atem durchbrachen die grausige Stille. Symcha Szmedra schrie nicht mehr... Endlich hörte Gerlach auf. Mit riesenhaften gespreizten Tatzen stand er eine Weile still über dem Liegenden, dann wischte er sich mit dem Taschentuch den Schweiß. 38 G W K V U U Und gleichzeitig trat ei weiteres, unerwartetes Ereignis ein. Der - Geistliche Karczmarczek, der bis jetzt beiseite gestanden hatte, be- wegte sich plötzlich. Mit langsamen, würdevollen Schritten ging er zu dem liegenden Juden hin und machte über ihm das Zeichen des Kreuzes. Die Stille wurde unerträglich. Jeder von uns fühlte ein Würgen in der Kehle. Die hohe Gestalt des Geistlichen, sein„stolz. erhobenes Haupt, das mit einem Kranz von Silberhaar wie von einem Heiligenschein umgeben war, seine Lippen, die sich im Gebet bewegten, übten auf uns einen ‚unbeschreiblichen Eindruck aus: Sogar Kapo Johny be- ‘“ wegte unruhig den Kopf, zwinkerte einige Male mit den Augen und - verhielt sich still. Se r Gerlach blickte erstaunt auf’das alles. Man sah ihm an, daß er noch nicht entschlossen war, wie er sich weiter verhalten sollte. So etwas wie Angst kämpfte einen. Augenblick lang auf seinem-Ge- sicht mit seiner wachsenden Wut. Für eine kurze Spanne Zeit hatten wir sogar den Eindruck, daß er kehrtmachen und-weggehen wollte.. Aber er erinnerte sich wahrscheinlich an das SS-Motto:„Unsere Ehre heißt Treue..." 7 Und er blieb„treu“. Er lief zu dem immer noch betenden Geist- lichen hin und riß unterwegs einen dicken Knüppel aus der Hand eines Vorarbeiters. D 5 „Du ausgefressener Hund! Du willst hier Andachten abhalten!" Der Geistliche betete weiter. Er schien den tobsüchtigen Blockführer nicht zu hören und den über seinem Kopfe erhobenen Knüppel nicht zu sehen.>;: Als er schon auf dem Boden lag und infolge der Stockschläge und Fußtritte ein Bluistrom aus seinem Munde. brach, hörten wir ein leises:„Gott, sei der sündigen Seele gnädig!".. Und dann herrschte eine lange Stille. Gerlach. verschwand, fast unbemerkt. Der Blockälteste Hans ließ uns. wegtreten, und Kapo Johny befahl mit knurriger Stimme den'Stubenältesten: „Tragt die beiden in. den Waschraum. Und ihr könnt sie etwas waschen...“ Er schaute verlegen ‚auf die Erde und sagte, vor sich hin:„Beide hatten ein Herz, das muß man ihnen schon lassen..." "Dann. begab er sich mit schwerem Schritt auf die Stube.& Als die Leichenträger des Krankenhauses am Abend die Toten aus dem Waschraum hinaustrugen, versammelte sich fast die ganze SK auf dem Hofe. Sogar Reinhold und ähnliche Leute schlichen in der Nähe des Tores herum. "Als die Leichenträger mit der geschlossenen Kiste auf der Treppe, erschienen, zogen alle wie ‚auf ein Kommando die Mützen und nah- “men stramme Haltung an. Das war in der Geschichte der SK wohl 39° die einzige öffentliche Ehrenbezeigung, welche man ermordeten Häftlingen erwies. Bis zum Gong war es auf allen Stuben feierlich still. Niemand schrie und sogar die Lagergrößen schienen diesen Abend ihré Wichtigkeit und Schreckhaftigkeit verloren zu haben. Selbst Komarnicki sagte nur, als der Gong erscholl, anstatt zu schreien, wie er es gewöhnlich tat: ,, Geht ins Bett, es ist schon spät." Das Licht ging aus und fast zugleich zog draußen ein schweres Gewitter herauf. Hier und dort hörte man das Flüstern der Betenden. Und wieder, vielleicht das erstemal in der Geschichte der SK, wurde niemand für sein Gebet geschlagen. Aus der Ecke des Saales, welche von den Kapos belegt war, hörte man bald ein Schnarchen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dies allzu geräuschvoll und künstlich klang... VII. Kapitel An einem Septembertage führte man uns, nachdem wir die Arbeit beendet hatten, nicht auf unseren Block 11 zurück, sondern auf den Boden des noch unausgebauten Blocks 5. Als Grund für die unverständliche Umquartierung gab uns der Blockälteste die Desinfektion des alten Blocks an. Weil sich der fünfte Block im Bereich des allgemeinen Lagers befand, rief diese, Umquartierung eine allgemeine Freude hervor. Hier waren wir vor ,, Appellauftritten" der Kapos gesichert ,. und außerdem gab das Fehlen der Isolationsmauer unseren Kameraden aus dem allgemeinen Lager die Möglichkeit, uns etwas zum Essen zu reichen. Nach einem ganz ruhigen Appell bildeten zwar die Kapos, Stubenältesten und Vorarbeiter ein Spalier, das unseren Block vom restlichen Lager trennte; trotzdem erhielten viele Kameraden ganz anständige ,, Lebensmittelabfälle" Den nächsten Tag kam die Nachricht durch, daß man einen ganzen Transport russischer Kriegsgefangener auf Block 11 getrieben hatte. Dieses Ereignis wurde verschieden ausgelegt. Einige behaupteten, daß man die Strafkompanie gänzlich auflösen wollte, andere wußten aus ganz ,, sicheren Quellen", daß man die Russen auf unserem Block richten würde, andere wieder machten geheimnisvolle Mienen, die ausdrückten, daß sie viel wüßten, aber nichts sagen könnten. Das eine war jedoch sicher: Auch an diesem Tag würden wir nicht auf die ,, 11" zurückkehren. Und am Morgen des dritten Tages ließ Wacek, der Stubendienst, mit wichtigtuerischer Miene jene Häftlinge vor dem Abmarsch zur 40 en and chzu t." Tes nd ar, ks Arauf Hie esers or. nd en en die en a- en S Eran us ck lie as uf st Cur Arbeit hervortreten, die gut gebaut waren und die man noch als stark bezeichnen konnte. Auch ich befand mich unter den zwanzig Auserwählten. Die Kompanie marschierte zur Arbeit ab, wir aber blieben auf dem Block. Niemand von uns wußte, worum es geht. Nach einer halben Stunde kam. Wacek zu uns. " 1 ,, Mal herhören! Ihr seid im Lager geblieben und bekommt einen zweiten Schlag" beim Essen. Ihr geht aber sofort an eine ,, Spezialarbeit". Dabei werdet ihr auch etwas organisieren können, nur müßt. ihr die Schnauze halten. Verstanden?" Keiner hatte ihn zwar verstanden, trotzdem antworteten wir einstimmig: ,, Jawohl!" Die nächste Viertelstunde warteten wir in der Reihe ab, bis Gerlach kam. Dieser musterte uns genau, nickte mit dem Kopf und wandte sich an uns mit einigen unklaren Sätzen, wie es schon Wacek getan hatte: - ,, In einigen Minuten werdet ihr an eine ,, Vertrauensarbeit" gehen. Wenn irgend jemand von euch über das, was er zu sehen bekommt, auch nur ein Wort fallen läßt" hier führte Gerlach mit der Hand eine bezeichnende Bewegung um den Hals aus ,,, Kaputt!... Ein Häufchen, Asche im Krematorium! Zu essen bekommt ihr genügend viel Verstanden?" Wir verstanden auch weiter nichts. Nur eins wurde uns klar: Die Arbeit, zu der man uns bestimmt hatte, konnte uns die Köpfe kosten. Das verstanden wir alle. Immerhin wirkte die Erklärung, daß wir ausreichend zu essen bekommen sollten, tröstlich. Das war wichtig. Nach einigen Minuten durchschritten wir in Doppelreihe das Tor des Stammblocks Nr. 11. Auf dem Hofe befanden sich der Vertreter des Lagerführers Fritsch, SS- Obersturmführer Mayer, der Rapportführer des Lagers, SS- Hauptscharführer Palitsch, der Lagerarzt SS- Obersturmführer Entreß, SS- Oberscharführer Clair, SS- Unterscharführer Stark, der Kriminalassistent der örtlichen politischen Abteilung, Woznica, und unsere beiden Blockführer Gerlach und Edelhardt. Wacek gab den vorschriftsmäßigen Befehl: ,, Mützen ab!" und meldete Mayer: Zwanzig Häftlinge zur Arbeit angetreten!", Dieser wechselte einige Worte mit dem Rapportführer, wonach er zu Wacek etwas sagte. Der Stubenälteste schrie: Jawohl!" und wandte sich an uns: ,, Jeder von euch erhält eine Gasmaske. Genau anpassen, damit man die anderen nicht zu rufen braucht, um euch rauszutragen. Verstanden?" ,, Jawohl!" 41 An der Wand stand eine große Kiste mit Gasmasken. Man verteilte sie schnell unter uns. Nach drei Minuten standen wir schon mit angelegten Gasmasken bereit. SS- Oberscharführer Clair stellte noch fest, ob jedem die Gasmaske auch gut anliegt. All das ging so schnell, daß wir keine Zeit hatten, Gedanken zu fassen. Wir schauten einander nur dumm an, ohne von dem ganzen Geschehen etwas zu verstehen. Unsere ,, Uniformierten" legten ebenfalls Gasmasken an. Wacek und der Bunkerkapo Kurt Pennewitz liefen mehrere Male nervös zum Block und zurück, sprachen dort mit Palitsch, dieser schüttelte unwillig den Kopf, die beiden liefen zurück, und so ging es hin und her. Schließlich zogen alle SS- Männer die Pistolen hervor. In der Hand von Palitsch blitzte feindlich der verchromte Lauf einer Maschinenpistole. ,, Die wollen uns erschießen!" war unser erster Gedanke. Unsere Kehle schnürt sich zu, die Augenlider beginnen zu brennen. Die Luft in der Maske ist dick, man kann sie nur schwer einziehen. Unwillkürlich rücken wir enger aneinander. Jemand versucht, die Maske herunterzureißen. Er bekommt dafür mit dem Pistolenkolben einen Schlag auf den Hals und fällt zu Boden. Die Sekunden vergehen unheimlich langsam. Sie schießen nicht! Noch nicht... Vielleicht werden sie uns gar nicht erschießen? Dieser neue Gedanke beruhigt mich, ich schaue mich um. Die SS- Männer halten schußbereite Pistolen in ihren Händen, schießen jedoch nicht. Palitsch winkt Wacek mit der Hand. ,, Los! Anfangen!" Der Stubenälteste kommt zu uns gelaufen. ,, Keine Angst haben, folgen!" Er wendet sich zum Block. Wir laufen ihm nach, uns folgen Palitsch, Stark und noch irgendein SSMann. Ich befinde mich ziemlich am Ende unserer Gruppe. Der Lauf eines ,, Schießeisens" des Hintermannes berührt meinen Rücken. Ich dränge mich vor und gehe unmittelbar hinter Wacek her. Dieser steigt die Treppe herunter. Für einen Augenblick halten wir... alle... Bunker!... Die SS- Männer geben uns aber keine Zeit zum Überlegen. Am Ende der Gruppe liegt schon jemand. ,, Los! Los!" Wacek hält vor der Bunkertür. In der rechten Hand trägt er eine Axt. Er nimmt sie in die linke Hand und holt mit der rechten einen Schlüssel aus der Tasche. 42 Man sieht, daß er das. Schlüsselloch nicht finden kann, denn es - dauert einige Sekunden. Vom Ende der Gruppe ertönt die Stimme von Palitsch:„Schneller!".. R a Endlich hat er's. Der Schlüssel dreht sich im Schloß. Wacek _ ergreift die Türklinke. Unwillkürlich halte ich den Atem an. Ich befeuchte die inzwischen ganz trocken gewordenen Lippen. Was wird nun?.... R;; “ Wacek geht zurück. Er nimmt die Axt wieder in die rechte-Hand. Was soll ‚denn; das alles bedeuten? Was soll hier die Axt? Warum hat er Angst? Er ergreift das zweitemal die Türklinke, jetzt mit der linken Hand. Die rechte, in der er die Axt hält, hebt er hoch, als ob er zu einem - furchtbaren Hieb bereit wäre. Es wird mir kalt, und plötzlich bekömme ich es mit der Angst “zu tun. Das ist aber eine andere Angst als vorher. Jetzt bange ich ‘hicht um mich selbst, nein, ich empfinde jetzt eine pänische Angst\ vor. dieser Tür. Das Herz schlägt heftig, unter den Gummibändern “der Gasmaske fühle ich deutlich jeden Pulsschlag.- Wacek drückt auf die Türklinke, geht dabei einen halben Meter zurück ynd reißt die Tür gewaltig auf.; Die Tür geht auf, und ich fühle in demselben Augenblick, wie meine kurzgeschorenen Haare zu Berge stehen. Etwa ein Meter ‚vor mir stehen Menschen! Zusammengedrängt, irgendwie” unheimlich verdreht, mit furchtbar hervorstehenden Augen, zerkratzt, mit Blut besudelt, unbeweglich... Diejenigen, welche‘an der Tür angelehnt‘ waren, neigen sich merkwürdig steif und fallen auf uns zu und schlagen mit ihren Ge: sichtern dicht vor unseren Füßen hart auf den Betonboden auf. Lei- ‚chen... Ganz steif stehende Leichen... Sie füllen den ganzen. Korridor des Bunkers aus. Dabei sind sie so zusammengedrängt, daß sie.ja gar nicht umfallen können.- Einen Augenblick wird es mir übel. Waceks Stimme bringt mich wieder zur Besinnung:\ „Erledigt! schreit er durch die Maske zu Palitsch. und läßt die -Axt auf den Boden fallen. A? „In Ordnung! Raustragen!”...- Jetzt denke ich wieder ganz klar und verstehe alles. Die Leichen tragen Uniformen der Roten Armee. Es ist bestimmt jener Transport, von dem wir gestern während der Arbeit sprachen. Man hat sie alle in den Bunker getrieben und dort vergast. Deshalb haben wir auch die Gasmasken aufsetzen müssen. Das Rätsel ist nun gelöst!“;:-: = 43 Wacek ergreift den ersten Leichnam unter den Armen und reicht. ihn uns weiter. ,, Ach so ist es!" denke ich nun, unsere Arbeit ist es also, die Vergasten aus dem Bunker zu tragen." ,, Aufstellen!" schreit wieder Wacek ,,, macht eine Kette!" Die Kette" war gewöhnlich ein Mittel, mit deren Hilfe man Ziegel beim Ausladen aus einem Eisenbahnwagen schnell weiterreichen konnte. Es kam mir aber beim Ziegelladen nie der Gedanke, daß man auf ähnliche Weise auch Menschen ,, laden" könnte. Wir arbeiteten bis spät in die Nacht. Nachdem wir den Bunker geleert hatten, mußten wir noch die Toten nackt ausziehen und deren Bekleidung auf besondere Haufen legen. Am nächsten Tag wanderte sie in die ,, Bekleidungskammer" und vermehrte deren Bestand. Wir zählten 1473 russische Uniformen und über 190 Stück Lagerbekleidung. Die letztere gehörte den Kranken aus dem Krankenbau, welche vom SS- Obersturmführer Entres als ,, arbeitsunfähig" bezeichnet und bei der Gelegenheit" zusammen mit den russischen Kriegsgefangenen vergast wurden... " 1 Nach getaner Arbeit" brachte man uns zwanzig Mann einen Fünfzigliterkessel voll Suppe, wobei noch jeder von uns ein halbes Brot bekam. Der ganze Kessel wurde fast unberührt auf den Block zurückgebracht. Das war in Auschwitz das erstemal, daß man Gas als Liquidierungsmittel der Häftlinge anwandte. VIII. Kapitel DEN UNBEUGSAMEN KÄMPFERN FUR DIE MENSCHENRECHTE IM KZ DR. ALEX ČEPIČKA, JOSEF CYRANKIEWICZ, HERMANN LANGBEIN widmet dieses Kapitel 13 der Autor. Zu Beginn des Herbstes wurde der Posten des Oberkapos" der SK neu besetzt. Die Stelle des ewig betrunkenen Adolfs, der nach dem Genuß einer Flasche Methylalkohols gestorben war, nahm Teo Brüning aus Essen ein. Seine Herkunft wurde sehr umstritten, und es bildete sich sogar ein Kranz von Legenden um seine Person. Einige Häftlinge behaupteten, er sei ein ehemaliger hoher Partei44 t e D SHA Le n r- u, コー 3- en es k- e por. er -h 20 ndn. eibonze, der sich aktiv gegen Hitler in der Untergrundbewegung betätigt habe, nachdem er die wahren Werte" der NS- Idee kennengelernt hatte. Andere wollten in ihm einen nahen Vetter des ehemaligen Reichskanzlers wissen, und wieder andere wußten aus ganz ,, sicherer Quelle", daß Teo noch vor kurzer Zeit die Uniform eines hohen Wehrmachtsoffiziers getragen habe. Wessen Behauptungen' nun richtig waren, wußte ich nicht. Es blieb jedoch Tatsache, daß Teo vom ersten Tage an im Lager eine Sonderbehandlung genoß. Er brauchte seinen Kopf nicht scheren zu lassen, das Essen erhielt er aus der SS- Küche, und man konnte auf Schritt und Tritt feststellen, daß die SS- Männer betreffs seiner Person eine Sonderinstruktion hatten. Das Aussehen Teos stand in völligem Gegensatz zu dem Äußeren der anderen Kapos. Eine hohe Gestalt mit intelligentem Gesichtsausdruck, einer klugen, hohen Stirn und ruhigen dunklen Augen. Nach dem üblichen Antreten zur Arbeit stellte er sich an die Spitze der SK, und wir marschierten wie gewöhnlich zur Kiesgrube. Dort angekommen, gab Teo nach der Arbeitseinteilung seine erste Anordnung: Alle Knüppel der Kapos und Vorarbeiter müssen in der Bude abgegeben werden. Der anwesende Kommandoführer traute seinen Augen nicht. ,, Was soll das bedeuten?" Teo nahm die Mütze ab und sagte: ,, Ein Stock ist zum Stützen da, Kommandoführer. Unsere Funktionshäftlinge sehen ganz gesund aus." Dem SS- Mann blieb die Spucke weg. Eine Weile schaute er aufTeo wie auf einen Irrsinnigen, endlich platzte er heraus: ,, Und womit sollen sie schlagen?" ,, Sie werden eben nicht schlagen. Das Schlagen setzt die Arbeitsleistung herab und ich habe den Befehl des Arbeitsdienstführers, die Leistung zu steigern." ,, Du bist wohl verrückt?! Diese Bande wird ohne Schläge überhaupt nicht arbeiten." ,, Das wird sich in der Zukunft herausstellen." Teo warf einen Blick auf die Reihen der SK und zwinkerte mit einem Auge. ,, Darf ich die Leute schon zur Arbeit schicken?" Der SS- Mann wurde rot vor Wut. ,, Blödsinn!" brüllte er. ,, Die Kapos müssen Knüppel haben. Hier befehle ich!" Teq schlug die Hacken zusammen: ,, Sie überwachen uns, Kommandoführer. Ihre Aufgabe ist's, die Posten zu stellen und dafür zu sorgen, daß niemand flüchtet; ich wieder kümmere mich um die Arbeitseinteilung und kontrolliere ihre Ausführung." Er sagte es ruhig, aber, in entschiedenem Tone. 45 " Der SS- Mann schaute Teo sprachlos an. Endlich brachte er heraus: Was denkst du dir eigentlich? Du vergißt, daß du auch ein Häftling bist wie alle anderen", damit zeigte er auf uns ,,, und die Binde eines Oberkapos kannst du leicht zusammen mit deinem Kopf verlieren.' -" - ,, Ich habe noch nie vergessen, daß ich ein Häftling bin und ebenso werde ich nie vergessen, daß Sie ein SS- Mann sind. Daß ich unabhängig vom Verlust der Binde den Kopf jederzeit verlieren kann, weiß ich, damit rechnete ich von dem Tage an, an dem ich die Häftlingsjacke anzog. Außerdem, Kommandoführer" er schaute auf die Uhr wir unterhalten uns schon acht Minuten, zweihundertfünfzig Häftlinge stehen in derselben Zeit untätig herum, acht mal zweihundertfünfzig macht zweitausend Minuten, das heißt dreiunddreißigdreizehntel Arbeitsstunden, die verlor der Staat, nur weil Sie sich mit mir unterhalten; weil man in einer Stunde durchschnittlich zehn Sandloren mit Kies beladen kann, verloren wir ungefähr dreihundert Loren Kies, der beim Bau von Fabrikhallen unbedingt nötig ist. Wollen Sie noch lange die Arbeit sàbotieren?" Die letzten Worte sprach Teo mit erhobener Stimme, indem er dem Kommandoführer gerade in die Augen schaute. Diesmal antwortete der SS- Mann kein Wort. Er winkte nur mit der Hand ab und begab sich zu seiner Bude. Teo kehrte zu uns zurück. ,, Habt ihr alle gehört? Zur Arbeit weggetreten!" An diesem Vormittage förderte man mehr Kies als an anderen Tagen während der ganzen Schicht. Nach dem Mittagessen trat ein neuer Vorfall ein, der die Herzen der Häftlinge restlos für Teo eroberte. Karl Dachdecker, der gefürchtete Kapo der SK, erwischte in der Latrine einen jungen Kerl, der eine Zigarette rauchte. ,, Du schmutziger Hund" Karls Faust landete in der Magengegend des jungen Häftlings ,, Lust zum Rauchen hast du bekommen, was? Du Schweinehund!" Das Geschrei des Geschlagenen lockte Teo herbei. Schnell eilte er zur Latrine und riß den wütenden Dachdecker von seinem Opfer. ,, Ich habe heute angesagt, daß das Schlagen verboten ist!" ,, Du kannst mich sonstwo!" Karl konnte sich nicht mehr beherrschen und benahm sich wie toll. ,, Ich werde diesen Hund erschlagen. Und du" er wandte sich an Teo ,,, paß auf, daß du nicht auch was abbekommst." ,, Du Saupole", wieder wandte er sich an den Jungen. - - Teo begann sofort mit der Vergeltung. Schon erreichte seine rechte Faust Karls Kiefer, wobei die linke seinem Magen zugleich einen Schlag versetzte. Der dicke Karl taumelte einige Meter und 46 S a b ‘schlug mit dem Rücken gegen‘die Latrinenwand. Bald faßte er sich aber und ging.zum Gegenangriff über, 2”; Doch Teo war schneller. Mit der Technik eines Berufsboxers' hielt er Karl in angemessener Entfernung vom Leibe, wobei er ihm eine Serie vorschriftsmäßiger Kinnhaken verabfolgte. + Schreiend fiel Karl bewegungslos zu Boden.: „Und jetzt, nachdem ich dir auf die. Drohungen und das gemeine_ ‘Verhalten mir gegenüber eine gebührende Antwort gegeben habe, will ich dir noch für diesen Jungen antworten. Du sagtest doch zu ihm ‚Saupole‘, nicht wahr?” Der liegende Karl nickte gehorsam mit dem Kopfe. „Ja, aber ich bin doch ein Reichsdeutscher", sagte er, sich ent- schuldigend.> „Nein, mein Lieber, du bist ein"Bandit, und als solcher wurdest du im Gefängnis eingesperrt und kamst später ins Lager. Dein eigener Staat, dein eigenes Volk hat dich aus der Volksgemeinschaft als einen schlechten Menschen, also als einen schlechten ‚Reichs- deutschen’ ausgöschlossen. Dieser Junge- aber, der kam eben des- halb ins Lager, weil er für sein Volk ein guter Mensch, ein guter. * Pole war. Und deshalb haben wir Deutsche ihn als einen politischen Häftling im Lager eingeschlossen. Und du sagst zu ihm„Sau— er 'schüttelte,den Kopf—„schäm’ dich, Karl.“ Jetzt half er ihm auf- stehen und putzte ihn ab, indem er sein Gespräch fortführte:„siehst ‘du, Karl, wir wurden doch alle.hier im KZ von unseren Feinden eingesperrt. Diejenigen, welche mich und unsere deutschen Ka- meraden einsperrten, haben auch ‚unsere Kameraden anderer Na- tionen eingesperrt: Polen, Russen,‘Juden, Franzosen, Tschechen usw., wir sind ja alle in ein. und derselben Lage. Auf uns wie auch auf die anderen warten zu Hause Mütter,"Frauen'und Kinder. Wir haben doch alle ein gemeinsames Schicksal. Wir bilden hinter dem Stacheldraht eine_eng verbundene, geschlossene ‚Gemeinschaft. Und einst wollen wir alle die Freiheit sehen, du, ich und viele andere. Frei können wir aber nur’ dann werden,. wenn wir wie eine große Familie zusammenhalten.” Teo hob seinen Kopf noch höher.„Wir müssen uns helfen. Wir müssen durch unser.Verhalten den SS-Män- nern zeigen, daß die nationalen Unterschiede im Gegensatz zu ihrer Ideologie ein ganz großer. Quatsch sind. Daß Menschen verschie- dener Nationen Brüder sein und brüderlich leben können. Verstehst du: das?“.Fragend blickte er Karl an. -_ Dieser schaute ihn nur mißtrauisch an. „Na, verstehst du das?"-wiederholte- Teo seine Frage. „Bist du nicht zufällig Bibelforscher?" antwortete Dachdecker mit einer Gegenfrage. Br i Teo senkte den„Kopf. ,, Nein. Ich bin nur ein Mensch." ,, Darf ich schon wegtreten?" fragte Karl plötzlich. ,, Geh!" Dachdecker entfernte sich langsam. Sofort umringten ihn seine ,, Kameraden".. ,, Was wollte er von dir? Was war denn dort los? Hat er dich geschlagen?" ,, Ein verrückter Hund!" gab Karl zur Antwort. ,, Er wollte mich zur, Liebe zu den Juden, Polen, Russen und anderen Mistvölkern bekehren. Eine Familie sollen wir gründen... Ha, ha, ha!" Karl lachte herzlich auf bei diesem Gedanken. ,, Ein komischer Heini", fügte er noch hinzu. ,, Na, so was!" Reinhold war, darüber ebenfalls sehr empört.. ,, Ich bin der Meinung, du müßtest dies sofort dem Kommandoführer melden." Karls Finger tippten seinen eigenen Kopf. ,, Das ist übrigens eine gute Idee. Vielleicht gelingt es, diesen verrückten Kerl auf diese Weise zu erledigen. Wenn ihm so die Oberkapobinde weggenommen würde, möchte ich ihn gern in meine Gruppe bekommen." Karl lächelte über seinen Einfall. ,, Gehen wir!" Sie begaben sich zur Bude. Kurz darauf hörte man ein Rufen: ,, Oberkapo zum Kommandoführer!" Inzwischen wurde jedoch Teo über die Absichten der Schergen von anderen Häftlingen benachrichtigt. Er ordnete seine Kluft, rückte seine Mütze zurecht und drückte den Nächststehenden die Hände. ,, Ihr braucht euch um mich nicht zu sorgen! Es wird mir nichts geschehen. Ich habe einen guten Rückhalt." Nach einiger Zeit kam er zufrieden und lächelnd zurück. Wir umringten ihn sofort. ,, Na, wie war's?" ,, Ich habe euch doch gesagt, daß mir nichts geschehen wird, alles in Ordnung!" Seit diesem Vorfall herrschte in der SK eine ganz andere Atmosphäre. Teos Einfluß war wirklich groß. Das Schlagen hörte fast gänzlich auf, die Appelle waren kürzer als bisher. Nach getaner Arbeit hatten wir tatsächlich Freizeit. Und das Wichtigste: Die Lebensmittelrationen wurden ehrlich ausgeteilt. Teo sah alles und war überall. Die anderen Kapos stellten sich damit zufrieden und hörten auf, sich öffentlich zu widersetzen. In ihren schwarzen Seelen jedoch schwuren sie Rache. Dieses Idyll dauerte einige Wochen, bis Teo eines Tages erkrankte und ins Lazarett getragen werden mußte. 48 Das Kommando übernahm Kapo Johnny. Mit diesem Augenblick kehrten die alten Verhältnisse wieder in die SK ein.-: IX. Kapitel Anfang November änderte sich unsere Arbeitsstelle. Wir arbei- teten nun nicht mehr in der Kiesgrube, sondern‘ mußten Gräben für Kartoffeln und Rüben ausheben. Weil unsere Arbeitsstätte einige Kilometer vom'Lager entfernt lag und nach Ansicht unserer Vor- “ gesetzten uns kein Mittagessen verabreicht werden konnte, nahm “nan eine Änderung vor, indem man unsere Abendrationen in Kisten- ‘verpackte und während der Mittagspause an uns verteilte. Unsere Suppe erhielten wir abends. Diese an und für sich unbedeutende Änderung gab unseren Kapos und Vorarbeitern. Gelegenheit zu neuen„Heldentaten‘. Die Verteilung des Brotes befand sich natür- lich in ihrer Hand. Und. für Brot konnte man im Lager fast alles kaufen: Zigaretten, Fett, Seife und sogar Schnaps. Man begann uns zu schikanieren. Es wurden einige„Arbeits-: . aufseher“- bestimmt, welche zwischen den Gruppen der arbeitenden Häftlinge hin und her gingen und nach’ eigenem Gutdünken die ‘ Nummern derjenigen aufschrieben, welche bei der Arbeit angeblich faul waren. Die Inhaber dieser-Nummern wurden vor der Brotver-° teilung aufgerufen und in einer Gruppe gesondert zusammengestellt. Man gab ihnen zur-Kenntnis, daß ihnen zur Strafe die Lebensmittel- rationen entzogen würden. Die Anzahl derer, die täglich auf diese _ Weise bestraft wurden, überschritt immer fünfzig. Dazu kam noch‘ die Anzahl. der täglichen Opfer, so daß der durchschnittliche Er winn‘ an Brotrationen'ungefähr achtzig betrug.‘ Einer. der Neuzugänge, der auf diese Weise fast seiner ganzen Tagesration beraubt worden war, begab sich entgegen unseren Rat- schlägen mit einer Beschwerde zum Kommandoführer. Der Ober- scharführer Edelhardt betrachtete seine Beschwerde als Versuch einer Meuterei und erschoß ihn als abschreckendes Beispiel vor der gänzen Kompanie. Seit diesem Tage waren sämtliche, Bestraften „sehr zufrieden“. Wir mußten jetzt viel schneller arbeiten, als wir es ohnehin gewohnt-waren. Um die Aufsicht zu erleichtern, teilte man uns in kleinere Gruppen zu je zehn Mann, mit einem Vorarbeiter an der° ‚ Spitze. Jeder Häftling hatte täglich ungefähr zwanzig Kubikmeter -Graben auszuheben. Das war eine Arbeit, die man selbst bei An- “ spannung aller Kräfte nicht schaffen konnte. Denn alle waren durch den bisherigen Aufenthalt im Lager so heruntergekommen, daß wir 4 Mütze ab 49 manchmal nur noch mit großer Mühe die Schaufeln in der Hand halten konnten. So mancher von uns brach damals zusammen, auch ohne Schläge bekommen zu haben, und zu allem Unglück war noch ⚫ der Herbst dieses Jahres ausnahmsweise kalt. Anfang Oktober gab es bereits täglich Frost. Von Mänteln, Socken, Handschuhen oder Mützen konnte keine Rede sein. Unsere ganze Bekleidung bestand aus dünner Wäsche und nicht viel dickerem Drillichzeug, eine Erbschaft eines vergasten Transportes russischer Kriegsgefangener. Die Glücklichen von uns trugen an den Füßen Stiefel mit Holzsohlen, die übrigen, fast achtzig Prozent, gingen in Holzpantinen. Bei der Arbeit zitterten alle vor Kälte und klapperten mit den Zähnen. Aber der Kommandoführer erteilte diesbezüglich einen ,, genialen" Rat: Er befahl, gleich früh am Morgen die Jacken auszuziehen- wenn es euch kalt sein sollte". fügte er lächelnd hinzu arbeitet schneller!" - ,, und SO Einen Tag nach diesem Befehl erkrankten etwa zehn Mann an Lungenentzündung. Nach etwa zwei Wochen war ich völlig erschöpft. Morgens kroch ich mit Mühe aus dem Bett. Da man gerade fünf Tage vorher für die SK das Verbot aufgehoben hatte, die Hilfe des Krankenreviers in Anspruch zu nehmen, meldete ich mich beim Stubendienst krank. Dieser überprüfte mich genau, schaute mir in den Hals und sagte: ,, Wir werden mal sehen. Stell dich zur Krankendurchsicht an!" In der Reihe der Kranken" standen schon fast zwanzig Häftlinge. Nach dem Abmarsch der Kompanie zur Arbeit erschien der Blockälteste in Begleitung von Gerlach. Die Durchsicht dauerte nicht lange. Indem Blockführer Gerlach. an unserer Reihe entlang schritt, fragte er jeden: " Was?" Und bevor der Gefragte noch antworten konnte, erhielt er einen Schlag in den Bauch. Fiel er daraufhin zu Boden, so wurde er vom Blockältesten noch weiterhin bearbeitet; fiel er nicht, dann ließ man ihn in Ruhe. Ich überstand siegreich die eigenartige Durchsicht und marschierte nach einer halben Stunde mit weiteren neun ,, Auserwählten" zum Block 28, wo sich das Ambulatorium befand. Zuerst untersuchte uns Dr. Rudolf Diem, ein Arzt, der selbst Häftling war und die Nummer 10022 trug. Man brauchte ihm nicht viel zu erklären: Der schwarze Punkt, das Abzeichen der SK, genügte, um als krankenbaufähig zu gelten. Aber das Urtell Dr. Diems allein genügte nicht. Man mußte noch an einer Untersuchung teilnehmen, welche vom SS- Arzt Obersturmführer Entres oder im Falle seiner Abwesenheit vom Sanitätsunteroffizier des Lagers, SS- Oberscharführer Clair, einem Fleischer aus Breslau, vorgenommen wurde. 50 n 114 F d S e H H and much noch gab oder tand ErbDie hlen, der Aber Rat: ,, und SO n an roch r für viers rank. agte: an!" Häftder erlach einen - vom man t und AusZuerst gwar zu er m als n gehmen, seiner schare. Man führte uns alle in den ,, Waschraum": Ein Betonfußboden, nasse Wände und ein auf Anordnung der SS ständig geöffnetes Fenster. Ausziehen! Die Häftlingsfriseure schneiden die Haare: Auf dem Kopfe, in den Achselhöhlen und am Unterleib. Die stumpfe Haarschneidemaschine reißt, aber das stört niemanden. Wenn nur die Haare schon weg wären! - Nach dem Haarschneiden ein Bad. Aus zwei Duschen strömt eiskaltes Wasser. Von Seife ist keine Spur. Mit klappernden Zähnen müssen wir uns in die Ecke stellen und warten. Schließlich führt uns der Häftlingspfleger in den Saal Nr. 7. Hier heißt es nochmals warten! Die nassen Leiber dampfen vor Kälte. Die Fenster sind stets offen. Bei jedem Öffnen der Tür bläst ein eisiger Wind durch den Raum. Die Gruppe der nackten, zitternden Häftlinge drängt sich zusammen. Vielleicht kann man sich gegenseitig erwärmen... Einer der Kranken, der Durchfall hat, steht an die Wand gelehnt und wird blaẞ. Er drückt krampfhaft seine Beine zusammen, die nur noch sehnigen Stelzen ähneln und mit gelber, zerknitterter Haut überzogen sind. An der Stelle, wo die Hinterteile sein sollen, zwei hervorstehende Knochen, welche des Fleisches gänzlich beraubt sind, und gleich darunter ein furchtbares Loch... Es fließt ihm die Beine herunter. Die Ausscheidung stinkt besonders ekelhaft Der Häftlingspfleger bringt ihm von irgendwo einen Schemel. Er wischt ihn sorgfältig mit Zellstoff ab und setzt ihn hin. Eine Weile später fließt es den Schemel hinunter. In der zusammengedrängten Gruppe an der Wand gibt es noch ein paar solcher. Die Luft ist nicht zum Aushalten. Dicht neben mir steht ein Häftling mit einer starken Phlegmone am rechten Fuß. Aus der fünfzehn Zentimeter großen Wunde fließt ein gelber stinkender Eiter. Es wird mir übel.. Ein Typhuskranker beginnt zu phantasieren. Er schreit andauernd, indem er nach der Tür schaut: ,, Mama! Mama! Mama!" Die Häftlingspfleger, die mit Zellstoff in der Hand zwischen uns hin und her laufen, versuchen ihn zu beruhigen. Der Phantasierende wehrt sich. Er stößt zwei andere Kranke. Die fallen zu Boden und schreien furchtbar. " 1 In kurzen Zeitabständen kommt ein neuer Transport" Frischgebadeter. Wir sind schon ungefähr fünfzig Mann zusammen. Einige von ihnen liegen schon auf dem Fußboden und stöhnen leise. Das dauert ungefähr eine Stunde. 51 Gegen neun Uhr stürzt Georg, der Leiter der Aufnahmestube, Häftling Nr. 616, in den Saal: * ,, Der Lagerarzt! Aufstellen!" Die Durchfallkranken werden wieder gereinigt. Georg ermahnt sie: ,, Und bescheißt nicht zufällig den Obersturmführer!" Endlich ist die Reihe fertig, es fällt das Kommando: ,, Marsch!".. Korridor.. Wie Brandwunden schmerzen die nassen Fußsohlen, sobald sie den eiskalten Fußboden berühren. Erste Tür rechts Ambulatorium. 1 Für den Empfang des Lagerarztes strotzt der Raum vor Sauberkeit. Schränkchen, Wände, Scheiben, alles blitzt, daß man sich darin spiegeln kann. Die Fenster sind jetzt geschlossen, denn der Herr SS- Obersturmführer Entres befürchtet einen Schnupfen. Er steht beim Fenster in einem langen Mantel, der unter dem Halse geschlossen ist. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze. Ein hagerer, hochgewachsener Mann, mit einem länglichen Gesicht und Brille mit schwarzer Horneinfassung. Seine Gesichtsfarbe stimmt merkwürdig mit der Farbe des Totenkopfes, den er an der Mütze trägt, überein.' Neben ihm steht der Häftlingsarzt Dr. Diem mit den Krankenpapieren. Unsere Reihe nimmt im Kreise Aufstellung und die Untersuchung beginnt. Entres schaut mehr in die Papiere, welche ihm Dr. Diem reicht, als auf die Vorübergehenden. Von Zeit zu Zeit bleiben seine Augen auf einem Kranken haften, und er gibt den Befehl: ,, Halt!" Nachher folgt ein zweiter Befehl: ,, Kniebeuge!" Seine blassen Augen mustern langsam den gekrümmten Menschen: Weiter!" " Die Karteikarte bleibt in der Hand des ,, Lagerarztes". Bis zum Schluß der Krankendurchsicht hält er schon ziemlich viel in der Hand... Nach einem., Vorbeimarsch" kehrten wir in den Saal Nr. 7 zurück. Einige Minuten des Wartens. Endlich., Der Lagerälteste" des Krankenbaues, Hans Bock, Häftling Nr. 5, trat ein. Obwohl er einen grünen Winkel trug, erfreute er sich einer großen Sympathie bei den Häftlingen. Er hielt drei Zettel in der Hand, die mit Nummern beschrieben waren. ,, Aufpassen! Die Vorgerufenen können jetzt ihre Sachen holen und sich auf den Block begeben." Es folgten einige Nummern. Die Aufgerufenen verließen den Saal. Bock ergriff den zweiten Zettel. ,, Diejenigen, die ich jetzt vorlesen werde, werden in den Krankenbau aufgenommen." " Ich hörte unter anderem auch meine Nummer. Ein Freudegefühl überkommt mich. Vor mir liegen sicher einige Tage der Ruhe. Ich 52 se au U W d f B We: sehe mich schon im warmen Bett, in.dem man von früh bis abends " ausruhen kann. Ein Wunder! S: "Bock nimmt jetzt den dritten Zettel in die Hand: „Die Vorgerufenen stellen sich in Doppelreihe auf!” spricht er mit veränderter Stimme.. Ich schaue auf Georg. Er senkt den Kopf und tut, als.ob er sich für die eigenen Stiefel interessieren würde. „Etwas scheint nicht zu klappen”, denke ich schnell.|| - Erst später erfuhr ich die Wahrheit. Die Häftlinge, die auf der letzten Liste aufgeführt“waren, sollten„Spritzen” erhalten. Das waren diejenigen, deren Karteikarten ‚während der Durchsicht in der Hand von Entres geblieben’ waren.: Eine Spritze bedeutete den Tod!- Dazu wurden diejenigen verurteilt, die vom Lagerarzt als arbeits- unfähig bezeichnet wurden. Man stellte sie in Doppelreihen auf und führte sie auf Block Nr. 20. Hier im Waschraum erwartete sie schon der Sanitätsunteroffizier des Lagers, SS-Oberscharführer Clair,. in . Begleitung eines.Gehilfen.= EIE Der eintretende Häftling wurde auf einen Schemel gesetzt. Clairs Gehilfe Panszezyk verschränkte ihm die Hände auf dem Rücken, so daß er nicht die geringste Bewegung machen konnte.„Professor” Clair, wie man. ihn im Lager nannte, hielt eine schon im voraus zubereitete Spritze, die mit Phenol gefüllt war, bereit. Unversehens. stach er mit einer: geschickten Bewegung dem Sitzenden. die Nadel ins Herz und drückte. auf den ‚Kolben. i; Einige Zuckungen, und die Leichenträger warfen den Körper in eine Ecke des Raumes, wo sie ihn mit einer Decke zudeckten. Einen Augenblick später trat der nächste Patient ein. Der Rekord, dessen sich„Professor Clair. vor seinen. Kollegen rühmte, betrug sechzig durch Spritzen'Erledigte in einer Stunde. > X. Kapitel Die wenigen Ruhetage, mit denen ich gerechnet hatte, als ich mich ins Lazarett begab, wurden nun zu einem langandauernden „Urlawb”. Die Häftlinge, welche den Block 20, auf dem ich lag, lei- - teten, Häftlingspfleger und Häftlingsärzte, fanden an mir immer neue Krankheiten, welche den Vorwand zu, meinem weiteren Ver-; bleib auf diesem Block bildeten. Dieselbe Hilfe leisteten sie auch R anderen Kameraden. aus der SK. Später wurde es sogar üblich, daß ein SK-Mann, abgesehen von seinem Gesundheitszustand, erst dann aus dem Krankenbau entlassen wurde, wenn sein Entlassungstermin ‚aus der Strafkompanie festlag. Ich hatte also den Winter hindurch ni- Br; 53 einen gesicherten Aufenthalt und fürs Frühjahr rechnete ich mit meiner Entlassung aus der SK. Mit der Änderung der persönlichen Lage änderten sich auch meine Interessenkreise. Das Gespenst des Knüppels und des Schornsteins, des Krematoriums, welches so eng mit dem Leben eines SKMannes verbunden war, machte anderen, angenehmeren Gedanken Platz. Nun war es ,, wichtig", welcher Kamerad im Laufe des Tages auftauchte und was er brachte, wer im ,, Durchfallsaal" die Meisterschaft im Schachwettbewerb gewann, wann der Saalkommandant die ,, Künstler" zum Auftreten einlud usw.( Die ,, Künstler" setzten sich aus verhafteten Berufsschauspielern zusammen, die in ihrer freien Zeit die kranken Kameraden belustigten.) Die ,, Paradiestage" vergingen schnell und wurden zu Wochen und Monaten. Ehe ich mich versah, war der Winter vorbei, und ich traf schon langsam Vorbereitungen zur Rückkehr in die SK. Dort wollte ich mich bei der ersten Gelegenheit beim Lagerführer melden und ihm die Bitte um meine Entlassung aus der SK vortragen. Eines Tages im Februar erwachte ich mit starken Kopfschmerzen und hohem Fieber. Das Frühstück konnte ich nicht herunterbringen, und das Mittagbrot, das mir meine Kameraden aufdrängten, gab ichin kürzerer Zeit zurück, als ich es gegessen hatte. Man beschloß, mich ins Erdgeschoß zur Untersuchung zu schicken. Gegen Mittag begab ich mich, geführt von zwei Freunden und einem Pfleger, auf Nr. 5, wo ein Arzt, der selbst Häftling war, amtierte. Unterwegs wurde es mir plötzlich schwindlig und ich sank besinnungslos in die Arme der Kameraden. Am nächsten Tag erst erwachte ich im Typhussaal. Der Flecktyphus, welcher um diese Zeit im Lager wütete, hatte auch mich nicht verschont. Am fünften Tag gesellte sich zu allem Übel noch eine Gehirnhautentzündung hinzu. Ich verlor wieder die Besinnung, diesmal für rund drei Wochen. An einem Märzmorgen erwachte ich abgezehrt, ausgehungert und von Spritzen zerstochen. In den nächsten Tagen hörte ich die bereits ,, historisch" gewordenen Berichte über meine Krankheit, aus denen hervorging, daß ich mich eigentlich schon mit beiden Füßen in der ,, anderen" Welt befunden hatte. Mein kräftiger Organismus und die herzliche Pflege der Mithäftlinge, sowohl der Ärzte als auch der Häftlingspfleger, hatten mich gerettet. Nachdem das Fieber gesunken war,' wog ich rund vierzig Kilogramm. Ich hatte also die Hälfte an Gewicht verloren. Die Pläne der Rückkehr in die SK beschäftigten mich von neuem. Nach weiteren zwei Wochen hatte ich wenigstens soviel Kraft, daß ich ohne Hilfe des Pflegers auf die Toilette gehen konnte. 54 >S 'Eines Tages stürzte plötzlich der sichtlich erregte Dr. Szymanskl, der mich während der Krankheit gepflegt-hatte, zu mir herein: „Schnell! Raus aus dem Bett!" Von Schnelligkeit war bei mir noch keine Rede. Phlegmatisch schaute ich ihn an. S „Was ist los?" ‚„Ich werde es dir später erklären, jetzt komm!“’ Ä So gut ich konnte, kroch ich aus dem Bett, und in eine Decke eingehüllt, folgte ich-dem Arzt. Wir landeten im— Klosett. „Bleibe hier so lange sitzen, bis ich dich wieder in den Saal zu- rückhole”, sagte er mir noch upd verschwand. 5, Eine Weile später hörte ich auf dem Korridor„Achtung!“ rufen, Geräusche von Menschen, die hin und her liefen, wonach es wieder still wurde.-: Ich saß! Es verging eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, ein und eine halbe Stunde, und ich saß immer noch auf derselben Stelle, wohin mich Dr. Szymanski.gesetzt hatte. Nach reichlichen zwei Stunden hörte ich, wieder„Achtung!“ rufen, und gleich darauf sah ich’in der Tür meinen Beschützer. Sein Gesicht strahlte vor Zufriedenheit:: >„Es ist gelungen!“ rief er gleich auf der Schwelle.„Du lebst!” Dumm schaute ich ihn an.} „Ich weiß. Noch lebe ich! Wenn du mich aber hier noch weitere zwei Stunden hättest warten. lassen, dann hätte man mich wahr- scheinlich rausgetragen._’ „Komm auf den Saal. Ich werde dir alles erzählen.“ Während der. nächsten ‚Viertelstunde erfuhr ich den wahren Grund der Nervosität und der späteren Freude von Dr. Szymanski. ‘Aus der Krankenbauschreibstube war nämlich ganz unverhofit . die Nachricht gekommen, daß der SS-Arzt Obersturmführer Entres eine Krankenbesichtigung auf unserem Block vornehmen wollte._ ‘Weil nun die Häftlinge den. Krankenbaubesuchen verschiedener- SS-Männer ein ziemliches Mißtrauen entgegenbrachten, hielt es Dr. ‚'Szymanski für richtig, einige seiner Patienten, unter anderen auch mich, für die Zeit dieses Besuches zu verstecken. Später hat es sich herausgestellt, wie vorteilhaft dieses Mißtrauen für uns war. Entres hatte alle ihm vorgestellten Kranken in’ drei Gruppen'ein- geteilt; die erste Gruppe wurde in den nächsten Tagen durch eine Spritze von„Professor‘' Clair„liquidiert;;zu dieser Gruppe gehörten , die_ jeweiligen Typhuskranken.‘Die zweite Gruppe wurde am 19. März in das neu entstehende Lager Birkenau gebracht, wo man sie zu neunzig Prozent„erledigte“, und die dritte Gruppe endlich verblieb im Krankenbau. a Das war der Anfang der später berühmt gewordenen ,, Entvölkerungsaktion" im Krankenbau und der Beseitigung von Typhusepidemien. " Der Erfolg der Besichtigung sämtlicher Krankenbaublocks drückte sich in folgenden Zahlen aus: Etwa fünfundzwanzig Häftlinge wurden verspritzt", nach Birkenau hatte man tausend Häftlinge geschickt, von denen nach drei Wochen ungefähr achtzig Personen noch am Leben waren. Von diesem Tage an fanden im Krankenbau in regelmäßigen wöchentlichen Abständen ähnliche Besichtigungen statt. Es kam so weit, daß sich Typhuskranke oder Kranke mit anderen ansteckenden Krankheiten gar nicht zur Krankenbauaufnahme mehr meldeten. Sie ertrugen so lange ihre Krankheit, bis sie entkräftigt zusammenbrachen, um sich nicht mehr zu erheben. Das geschah sowohl während der Arbeit als auch auf dem Block. Die Lage im Krankenbau wurde jetzt so unsicher, daß ich mich trotz meiner Schwäche entschloß, zur SK zurückzukehren. In der Zwischenzeit wurde jedoch die ganze SK von Auschwitz nach dem einige Kilometer weiter gelegenen Birkenau verlegt. Einige Tage vor der nächsten Krankendurchsicht" verbrachte ich noch im Genesungssaal, wo ich von Freunden ausgiebig verpflegt wurde. Dann zog ich eines Tages meine lange nicht mehr getragene Lagerbekleidung mit dem vorschriftsmäßigen schwarzen Punkt unter der Nummer an und meldete mich in der Lagerschreibstube. Nach einiger Zeit teilte man mich der, Häftlingsgruppe zu, die sich nach Birkenau begeben sollte, und ich marschierte los. Das neue Lager sah im Vergleich zum ausgebauten Lager in Auschwitz recht kläglich aus. Eine Anzahl von Baracken, die man flüchtig auf einem morastigen Terrain erbaut hatte, entbehrten der primitivsten Einrichtungen. Es gab keinen Weg, kein Wasser, keine Klosetts, mit einem Wort: es fehlte an allem, was man schon in Auschwitz im Laufe der letzten zwei Jahre auf Kosten des Blutes Tausender von Opfern erbaut hatte. Auf den Blocks gab es keine Fußböden, man versank vielfach bis zu den Knöcheln im weichen Lehmboden. Außer der SK und den Resten des Krankentransportes befanden sich in Birkenau noch die Überlebenden des großen Transportes rus sischer Kriegsgefangener. Ende September hatte man ihrer 12 000 hergebracht. Im März zählte man im ganzen 450 Personen, die noch am Leben geblieben waren. Die Lagerbehörden hatten wahrscheinlich die Hoffnung auf eine normale ,, Liquidation" dieser Überreste aufgegeben, denn man verlegte sie nach Birkenau, das sich in jener Zeit des traurigen Ruhmes erfreute, sämtliche Insassen zu erledigen". Die Lagerbehörden wurden insofern nicht enttäuscht, als sich 56 I S 1 6 I H 9 der russische„Restbestand“ nath zwei Monaten auf 100 Mann ver- \- minderte, und nach etwa einem Jahre befanden sich nur noch vierzig "stämmige Männer im Lager, deren russische Hemden daran erin- nerten, daß hier einst rüssische Kriegsgefangene eingeliefert worden ‘waren. ' Die Sirafkompanie- befand sich ‚anfänglich auf Block 3. Nach einigen Tagen stellte man uns jedoch Block 1 zur Verfügung. Das{ ‘war eine gemauerte Baracke, deren Wände aus dünnen, einschich- tigen Ziegeln bestanden. Durch eine Tür in der Mitte der Baracke ‚betrat man das Innere. Links und rechts zweigte ein ziemlich breiter . Korridor ab. Auf beiden Seiten des Korridors. befanden sich ge- mauerte, dreistöckige Schlafkojen. Die Breite jeder Koje betrug . zwei Meter, die Länge etwa ein Meter und achtzig Zentimeter. In solch einer„Koje’' mußten laut Vorschrift sechs Häftlinge schlafen, . in Zeiten der Überfüllung sogar zehn oder zwölf Personen. Zwischen { dem Dach und den Wänden befänden sich zehn Zentimeter breite Lücken, durch- welche Luft, Regen und später auch Schnee freien Zutritt hatten. In der ganzen Baracke gab es kein einziges Fenster, keinen Ofen, und die Toilette befand sich auf‘dem Hofe, der mit. einer drei Meter hohen Mauer umgeben war.„Toilette ist hier eine sehr schmeichelhafte Bezeichnung der-gewöhnlichen eisernen Kar- ren, die unter der Mauer aufgestellt waren und auf denen manchmal - fünf„Interessenten‘ zugleich saßen. Mit dem Lager: wechselten auch unsere ‚Beschützer. An Ger- lachs Stelle wurde nun der SS-Rottenführer Sternberg Blockführer und Kommandoführer, ein kleiner gedrungener Typ, mit anormalen langen Händen und komisch kleinem Kopfe, der auf einem kurzen dicken Halse saß. Während seines kurzen, nur drei Wochen dau- ernden Aufenthaltes bei der SK erwürgte er eigenhändig etwa hun- (dert Häftlinge, meistens die sogenannten„Körperschwachen‘. Nach „drei Wochen nahm SS-Oberscharführer Moll seine Stelle ein, der - spätere Chef des Krematoriums. und der Gaskammer. Das war ein riesenhafter Kerl mit furchtbaren Leibeskräften, blonden Ben und . frischblauen Augen. Zum Blockältesten wurde an Hansens Stelle ein alter Verbrecher aus Bayern, namens Rudolf, bestimmt, der die Nr. 15654 trug. Den berüchtigten Wacek vertrat als„Stubenältester” der ehemalige Poli- zeispitzel Kmitas aus Oberschlesien; Oberkapo- der SK wurde der „Rote Gangster” Gustav, Häftling Nr. 3267. Seine Gehilfen waren Willi‘Brackmann, Arno Neumann, Karl„Dachdecker“(Nr. 3216) und einige weniger bekannte„Grünlinge”, wie wir die Inhaber der grünen Winkel bezeichneten. In dieser Zeit- wär SS-Hauptscharführer Fitze Lagerführer in Birkenau, Rapportführer war SS-Unterscharführer Schillinger. Ben ' 67 In der ersten Nacht schlief ich wunderbar in der neuen Behausung und stand am nächsten Tag in der achten Arbeitskolonne wieder startbereit zur neuen Arbeit XI. Kapitel. Die neue Aufgabe der SK bestand darin, einen Kanal, den sogenannten ,, Königsgraben", auszuheben, der die Weichsel mit ihrem alten Flußbett verbinden sollte. Der Kanal erstreckte sich einige Kilometer, weit und lag zwischen zwei Erdwällen, welche eine Überschwemmung verhüten sollten. Wir arbeiteten auf einem etwa 400 Meter langen Abschnitt in Gruppen zu je zwanzig Häftlingen. Einige hoben mit Schaufeln das Kanalbett aus, andere bündelten Reisig; wieder andere vollendeten den ausgehobenen Kanal, indem sie seine Ufer mit Gestrüpp befestigten. Der ganze Abschnitt war von einer Anzahl SS- Posten besetzt, von denen einige auf beiden Wällen standen, andere mit Maschinenpistolen den Anfang und das Ende unseres Arbeitsgebietes absperrten. Es herrschte ein im allgemeinen erträgliches Arbeitstempo, außer in den Gruppen, welche von den Kapos Karl ,, Dachdecker" und Adolf Baginsky geführt wurden. Beide standen im Lager in dem Rufe, Mörder zu sein. Wenn bei der Gruppeneinteilung ein Mann mit einer etwas schwächlichen Natur ihrer Gruppe zugeteilt wurde, konnte man mit Sicherheit annehmen, daß er nach zwei Stunden vor die ,, Bude" getragen wurde. Ein beliebtes Mittel Karls war, die Menschen im Wasser zu würgen. Er griff aus seiner Gruppe den betreffenden Häftling heraus und befahl ihm, sich zu bücken. Da die Kapos das Recht zur sofortigen Bestrafung durch Schläge hatten, dachte solch ein Häftling, daß es um die üblichen ,, fünfundzwanzig" ginge und streckte das Gesäß aus. Dieses ganze Zeremoniell" fand gewöhnlich in der Nähe der Gräben statt, die mit Wasser ausgefüllt waren. Im gegebenen Augenblick schlug Karls Knüppel zu, und zwar nicht auf den Hintern, sondern auf den Nacken. Der Geschlagene fiel gewöhnlich besinnungslos zu Boden. Dann erschien Kapo Baginsky und trug den Bewußtlosen gemeinsam mit Karl zum Graben. Hier tauchten sie seinen Kopf ins Wasser, und zwar so lange, bis der Tod eintrat. Solche ,, Operationen" wiederholten sich einige Male am Tage. Die Opfer dieser Schergen waren meistens neue Zugänge, die sich in unseren Verhältnissen noch nicht orientiert hatten. Die alteingesessenen Häftlinge der SK versuchten in andere, sichere Gruppen 58 'hineinzukommen. Diese Gruppen wurden ebenfalls von Kapos mit grünen Winkeln geführt, die sich aber ruhig verhielten. Zu solch „ruhigen Menschen gehörte in erster Linie der Kapo Willi Brach- mann.. i Gerade bei ihm arbeitete auch ich. Da nun mein Lagerfreund Kukla(Nr. 702) im Lebensmittelmagazin des Lagers arbeitete und Kapo Willi gern SS-Würste aß, erhielt ich eine fabelhafte Beschäf- tigung. Sie bestand darin, daß ich auf einem Holzklotz saß und mit einem Beil Holzpflöcke zuspitzte, mit denen man später das Gestrüpp befestigte.„Bei dieser Arbeit könnte ich damit rechnen, die SK zu überleben‘, dachte ich und ließ meine im Krankenbau gebleichten Glieder von der Sonne bescheinen. Ende Mai traf ein großer„Neuzugang aus Ash Lager ein, der ungefähr. 380 Häftlinge umfaßte. Es waren meistens lauter„alte Nummern". Sie waren auf fol- gende Weise in die Strafkompanie gekommen: Eines Tages rief man im Lager die Namen von etwa 500 Häftlingen auf. Ein Teil. von ihnen, 120 Mann, wurden auf Block 11 geführt und erschossen, der Rest, 380 Häftlinge, wurde zu uns überwiesen und mit zusätzlichen „roten Punkten‘ auf,der Bekleidung gekennzeichnet.. Das bedeutete, daß ihre Träger nach der Meinung der Gestapo besonders politisch‘ gefährlich seien und einer Sonderbehandlung bedürften... Einige Tage verflossen ganz ruhig. Der Kommandoführer Moll war mit dem neuen„Zugang‘ deutlich zufrieden. Die Arbeit ging rasch vorwärts, und eine Kommission, welche eines Tages die’ Ar-= beitsstätte besichtigte, belobigte. die ‚schhelle Ausführung der ge- planten Arbeit. Die Ankömmlinge waren. zunächst über das tragische Ende ihrer 120 Kameraden in Unruhe versetzt; mit der Zeit beruhigten sie sich jedoch. Die in ewiger Angst lebende Kompanie atmete sogar auf, denn. die Angekommenen trugen einen. neuen Geist und ein neues Leben in die Kompanie hinein. Nach etwa einer Woche wurden acht Männer, die rote Punkte trugen, beim Morgenappell aufgerufen. Sie wurden nach Auschwitz überwiesen und, wie wir am nächsten Tag erfuhren, auf Block. 11 erschossen.; } Nach zwei Tagen wurden beim Mörgenappell wieder zehn„Rot- punktträger‘‘ vorgerüfen und.„nach Auschwitz geschickt". Und wieder kam die Nachricht, daß man alle erschossen hatte. “Nachdem man schon zum dritten Male solche Männer nach Auschwitz geschickt hatte, wurde es allen klar, daß die Träger der roten Punkte zum Tode verurteilt waren. Die Lagerführung befürch- tete lediglich eine Massenexekution von 500 Mann und wollte das- : selbe Ziel in kurzen Zeitabständen erreichen. Die Stimmung in der Kompanie wurde merklich drückender. Die ,, Rotpunkt- Träger" hoben sich deutlich von allen übrigen ab. In jedem freien Augenblick sah man Gruppen von Häftlingen, welche flüsternd auf und ab gingen und ihr Gespräch abbrachen, wenn ein Fremder nahte. Bei der Arbeit waren sie doppelt fleißig.. Ihre Gruppen, die nur aus diesen Männern bestanden, arbeiteten atemlos, ohne von den Vorarbeitern angetrieben zu werden, seltsam willig. Die Folge davon war, daß wir unseren Arbeitsplatz schon nach einigen Tagen wechselten und uns langsam der Stelle näherten, wo der Kanal einen ziemlich scharfen Bogen macht. Die Arbeit dauerte normalerweise bis fünf Uhr nachmittags. Um diese Zeit beendete sie der Pfiff des Kommandoführers. Auf sein Signal hin trugen alle Gruppen ihr Werkzeug vor die Bude und stellten sich zum Abmarsch auf. Der 10, Juni 1942 war ein ausnahmsweise schöner Tag. Die Sonne brannte heiß und am blauen Himmel sah man kein einziges Wölkchen. In den warmen Sonnenstrahlen bewegten sich die Häftlinge lebhafter. Einige zogen ihre Jacken aus und warfen mit aufgestreiften Ärmeln volle Schaufeln trockener, warmer Erde aus dem Graben. Nach dem Mittagessen legte sich die ganze Kompanie ins Gras, um noch einige Minuten vor Pausenschluß in der Sonne auszuruhen. Wie alle anderen suchte ich mir einen Platz zum Liegen, legte meine Jacke unter den Kopf und versuchte mich einer kurzen, aber kostbaren Mittagsruhe hinzugeben. Kaum hatte ich mich hingelegt, da kam einer der ,, Rotpunkt- Träger", der Häftling Lachowicz, zu mir: ,, Schläfst du?". ,, Nein, ich tanze!" brummte ich ungehalten. ,, Rück mal etwas weiter." Lachowicz warf seine Jacke zur Erde und eine Weile später lag er neben mir. Er sah mich eine Zeitlang schweigend an, dann schaute er sich um. Der nächstliegende Häftling lag in einer Entfernung von ungefähr fünfzehn Metern. ,, Schönes Wetter", bemerkte er gesellig. Ungeduldig hob ich den Kopf. ,, Ich bin voller Anerkennung für deine eingehenden Beobachtungen, aber scher dich zum Teufel", antwortete ich knurrig. Lachowicz rückte näher an mich heran. ,, Halt den Mund!" Er schaute mir bedeutsam in die Augen und fügte leise hinzu: ,, Wir türmen heute!" Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. ,, Was heißt hier , wir?" brachte ich kurz heraus. ,, Ich denke, daß alle..." Er schloß die Augen und sprach flüsternd weiter. Es hat doch nicht den geringsten Sinn, zu warten, bis man uns der Reihe nach auf Nr. 11 abführt. Was denkst du dar60 über?” Wieder schaute er mich scharf an. Seine klaren, dunklen Augen blitzten merkwürdig auf. Ich konnte keinen rechten Gedanken fassen, so verwirrte mich diese Nachricht. Es war einfach unglaublich. - Lachowicz schaute mich ununterbrochen an. Erwartung und Trotz standen in seinen Augen. E „Na, gehst du, mit uns?” fragte er in entschiedenem Ton. . Plötzlich überkam es mich. Im nächsten Augenblick verstand ich ‚alles. Flucht! Der geheime Wunschtraum eines jeden Häftlings. Ich ‘ fühlte, wie mein Herz klopfte und wie es mir heiß im Gesicht wurde. Ich nickte mit dem Kopf.„Ich gehe mit!” Die Augen von Lachowicz leuchteten auf.„Ich wußte es!“ Er schlug mich kräftig auf die Schulter."„Hör mal zu! Gestern erhielt ich aus Auschwitz eine Nachricht, daß alle„Rotpunkt-Träger zum Tode verurteilt seien. So oder so—, niemand von uns wird sich retten Können. ‚Wir haben also nichts zu verlieren. Aüßerhalb des Lagers ist schon alles vorbereitet. Jenseits der Weichsel sollen LKWs auf uns warten. Hier ist ebenfalls alles bereit.- Ich arbeite mit meiner Gruppe am Wald. Vör dem Pfiff des Kommandoführers müssen alle . Gruppen an mir vorbeigehen, um in die Gerätekammer zu gelangen. Ich habe mit meinen Kameraden festgelegt, daß sie gerade in dem - Augenblick, da der Pfiff ertönt, bei mir, das heißt dem Ausgangs- punkt unserer Flucht, sein werden. Ich werde mit meinen-Jungen den Wachtposten entwaffnen und schnell auf den Wall laufen, Das soll für alle übrigen das Signal sein. Jeder muß auf eigene: Faust zur Weichsel gelangen.” Er brach. für eine kurze Zeit ab und senkte den Kopf.„Natürlich rechnen wir auch mit großen Verlusten. Ich - denke, daß ungefähr zweihundert Mann auf der Flucht erschossen . oder geschnappt werden. Trotzdem bleiben noch zweihundert am ‚Leben. Und selbst, wenn auch nur fünfzig blieben— da lohnt es sich auch. Diese fünfzig Mann gewinnen das Leben,‘das hier für sie verloren ist.“ Ein neuer Gedanke kam mir. E „Esist schon gut. Was wird aber die eigentliche SK tun? Wie, - sollen sich diejenigen verhalten, welche keine roten Punkte tragen?“ -„Die müssen mit uns gehen. Ihr seid ungefähr vierzig bis fünfzig “Mann. Wenn ihr nach der Flucht noch hier bleibt, wird man euch bestimmt alle als ‚Vergeltungsmaßnahme’ erledigen..., Ich habe das lange überlegt”, fügte er entschuldigend hinzu.„Es gibt’ keinen anderen Ausweg. Nur zehn Prozent aller SK-Männer haben die Möglichkeit durchzuhalten. Uns wird man mit Kugeln— euch mit Knüppeln erledigen. Eine andere Wahl gibt es nicht.” Das war eine richtige-und überzeugende Überlegung. Wir wech- £ selten noch einige Worte, ich erfuhr Einzelheiten über die Flucht, = Br en als ein Pfiff das Ende der Mittagspause verkündete. Die Gruppen kehrten zur Arbeit zurück und ich nahm meinen Platz beim Zuspitzen der Holzpflöcke wieder ein." Erst jetzt konnte ich klare Gedanken fassen, alles Für und Wider abwägen und mich langsam von der Erregung erholen, die mich immer noch beherrschte. Der Plan war zweifellos gut und hatte so wie ihn Lachowicz vorsah, alle Aussichten zu gelingen. - Es war wirklich hoffnungslos, hier zu sitzen, und bei nüchterner Überlegung erschien es unsinnig, ständig auf das Glück zu bauen, das mich bisher während des Aufenthaltes im Lager nicht verlassen hatte. Jeden Tag, jede Stunde oder Minute konnte sich dieses Glück wenden. Eine Laune, irgendein Einfall oder einfach eine schlechte Stimmung eines Kapos oder SS- Mannes genügte, um meine Nummer aus der Kartei der lebenden Häftlinge zu streichen, wie man es schon bei Zehntausenden von Häftlingen getan hatte... Hier wird sich alles schnell und endgültig entscheiden. Gelingt die Flucht, gewinne ich bestimmt das Leben. Gelingt sie nicht dann verliere ich es wenigstens in dem Bewußtsein, daß ich es beim weiteren Verbleib im Lager auch nicht behalten hätte... Ich dachte ruhig, gefaßt und kaltblütig. Mit der rechten Hand spitzte ich die Holzpflöcke zu, so genau wie noch nie. Bis zum Pfiff des Kommandoführers, der zugleich das allgemeine Signal zur Flucht bedeuten sollte, fehlten noch etwa drei Stunden. Hundertundachtzig Minuten! Ich mußte im Geiste über diese Rechnung lächeln, da ich mich der ersten Monate im Lager erinnerte. Damals zählte ich nicht nach Monaten, sondern nach Tagen. Fünfzig Tage oder hundertundfünfzig, das klang schon ernster und ließ mich neue Hoffnung hegen. Wenn ich schon soviel Zeit hinter mir habe und lebe da wird sicher auch alles weiter gut gehen. - Und in der Tat ging es ja auch gar nicht schlecht. Man kann sogar sagen ,, herrlich", denn ich lebe ja noch... Was wird aber in hundertundachtzig Minuten sein? Jetzt sind es schon weniger... immer weniger. Meine Axt bearbeitet das Holz lebhafter. Gerade kommt Kommandoführer Moll aus der Bude heraus. Er stellt sich mit der Miene eines Herrschers auf die Anhöhe und beobachtet das Arbeitsgebiet. Nach einer Weile bemerkt er wohl, daß bei einer Gruppe irgend etwas nicht stimmt, denn er geht rasch auf sie zu. Kurz darauf höre ich Flüche... ,, Es ist interessant, was wohl Herr Moll nach nicht ganz drei Stunden für ein Gesicht machen wird", fährt es mir durch den Kopf. Mit Genugtuung hacke ich weiter. 2' Also wie soll es nun geschehen? Bei dem Pfiff, welcher das Arbeitsende verkündet, soll Lachowicz auf den Wall laufen und seine Jacke in die Luft werfen... Die Gruppen der Häftlinge sollen sich unter Führung der Ein- geweihten in der Nähe befinden, und auf dieses Signal hin soll sich ‚alles auf den Wall stürzen... Auf der anderen Seite des Walles ist das ganze Gelände fast bis zur Weichsel mit dichtem, jungem Wald ‘bedeckt, der mit Sträuchern durchsetzt ist. Die Weichsel ist an dieser Stelle ziemlich seicht, und: von ihrem anderen Ufer winkt.' die Freiheit... *Freiheit! Ich tat einen tiefen Atemzug, Die Luft duftete anders als sonst, sie duftete nach Freiheit! 2 Eben kam Kapo Willi Brachmann mit drei Häftlingen, die fer- tigen Holzpflöcke abzuholen. Ich beschloß, diese Gelegenheit aus- zunutzen. rn „Willi, wie spät ist es schon?” ‚Er schaute auf die Uhr.„Zehn vor drei.” Fünfzig Minuten sind also schon vergangen. Schnelll Gegen vier Uhr ging Lachowicz an mir vorbei. „Alles in Ordnung?" fragte er kurz im Vorbeigehen. Ich nickte mit dem Kopf, Er ging weiter zu anderen Gruppen.+ So vergingen Sekunden, sie wurden zu Minuten und brachten unabwendbar die fünfte Stunde heran. Je schneller die Zeit ver- strich, desto nervöser wurde ich. Ich konnte nicht mehr kühl den- ken. Ich fühlte eine Erregung, einen Reiz in den Fingerspitzen. Ich hatte bestimmt rote Backen und glänzende. Augen. Ich konnte mich “ zwar nicht sehen, aber ich fühlte es. .. Noch fünfzig Minuten... Ich begab mich schon zum dritten Male in die Bude, um. auf.die Uhr, welche dort hing, einen Blick zu werfen. Vierzig Minuten... Sie vergehen jetzt merkwürdig langsam. Jede von ihnefr scheint länger zu sein, als fünf Minuten noch vor zwei Stunden waren. Ich bringe meinen Arbeitsplatz in Ordnung. ‚Die zugespitzten Holzpflöcke ordne ich in Häufchen zu dreißig Stück. Wenn es dreiviertel fünf sein wird, werde ich mit solch einem Bündel auf die Gruppe von Lachowicz zugehen. Sie arbeiten jetzt direkt am. Wall und bündeln Reisig. Noch fünfunddreißig Minuten... Plötzlich“verzieht sich ganz unerwartet der Himmel. Schwere dunkle Wolken ballen sich zusammen, man weiß nicht woher. Ein heftiger‘Wind erhebt sich. i 5 63 Das freut mich. Im Regenwetter werden Moll und seine SSMänner nicht sehr achtsam sein. Es beginnt zu regnen. Zunächst tropfenweise, dann werden diese Tropfen größer und schließlich gießt es wie aus Kannen. Die Kompanie arbeitet weiter. Nach der Meinung unserer Vorgesetzten bildet der Regen kein Arbeitshindernis. Ich knöpfe meine Jacke bis unter den Hals zu und bemerke, wie in demselben Augenblick die Tür der Bude aufgeht und Moll in ihrem Rahmen erscheint. Moll schaut eine Weile auf die Gestalten der Häftlinge, die sich im Regen ducken. Ich lasse keinen Blick von ihm. Er dreht sich langsam um, schaut auf die Uhr und greift in die Tasche. Ich werde bleich. Deutlich fühle ich, wie mir alles Blut aus dem Gesicht weicht. Moll hält die Trillerpfeife in der Hand, hebt sie zum Mund und ein langer schriller Pfiff zerreißt die Luft. Arbeitsschluß! Und die Uhr zeigt halb fünf... Ich wende den Kopf in der Richtung, wo Lachowicz mit seiner Gruppe arbeitet. Sie sind allein und die Entfernung bis zur nächsten Gruppe beträgt ungefähr dreihundert Meter. Was nun? Wie wird sich jetzt Lachowicz verhalten? Der vorher ausgearbeitete Plan wird wohl durchgeführt werden, dessen bin ich mir bewußt. Ich spüre kalte Schweißtropfen auf der Stirn und stehe bewegungslos, wie hypnotisiert. Und plötzlich... Vom Wall he: höre ich einen Schrei und sehe eine in die Luft geschleuderte Jacke. Einige Häftlinge stürmen auf den Wall. Die Gestalt des Postens verschwindet und kurz darauf sehe ich ihn liegen. Die Fliehenden laufen über ihn hinweg. Ich schaue mich schnell um. Die Entfernung zwischen mir und der Fluchtstelle beträgt gute zweihundert Meter. Einige Meter neben mir steht Moll denke ich ganz verwirrt. Wenn ich mich von der Stelle rühre blitzschnell knallt er mir eine Kugel in den Kopf. - Die Häftlinge laufen in heillosem Durcheinander von allen Seiten heran. Die SS- Posten werfen ihre Gewehre hin und jagen den Wall entlang. Ich sehe ganz deutlich Gestalten, die den Wall überschreiten und auf seiner anderen Seite verschwinden. Plötzlich erscheint Karl ,, Dachdecker" mit anderen Kapos oben auf dem Wall. Er hält eine Axt in der Hand und schreit unmenschlich. Einige Meter von ihm entfernt erklimmt der Häftling Pajaczkowski den Wall. Karl wirft sich auf ihn. Eine Weile ringen sie, miteinander. Dann fällt Pajaczkowski von Karls Knüppel getroffen zu Boden. Dieser Augenblick. war ausschlaggebend: Die anderen Häftlinge, die in Richtung des Walles liefen, hielten plötzlich, und Kommando64 SSiese Voreine geneint. im angerde icht. ein einer sten rbei-bee beLuft Die ihin mich e beführer Moll- erinnerte sich auch daran, daß er eine Pistole besaß. Er begann zu schießen, worauf die übrigen Posten von ihren Standplätzen aus ein MG- Feuer eröffneten. Die Kugeln pfiffen um die Ohren der Fliehenden. Ein Getroffener begann verzweifelnd zu schreien, aber Kapo Karls hysterisches Gebrüll übertönte noch den ganzen Lärm. Es kam der Befehl Hinlegen!". Dann hörte man Kommandoführer Molls kreischende Stimme: Für jedes Kopfheben eine Kugel! Alle haben mit der Schnauze auf der Erde zu liegen!" Die Schießerei dauerte noch ungefähr eine Viertelstunde, obwohl man schon längst Herr der Lage war. Den größten Krach machten dabei die SS- Männer, welche zuerst die Gewehre weggeworfen und zu fliehen begonnen hatten. Endlich fehlte es an Munition, denn es trat eine Stille ein. Kurz darauf ein neuer Befehl Molls: ,, Kapos und Vorarbeiter und die Inhaber von grünen Winkeln antreten!" Es versammelten sich ungefähr vierzig Männer. ,, Ihr helft mir beim Antreten der Kompanie und bei der Zählung. Ihr habt das Recht, jeden zu töten, bei dem ihr irgendein gefährliches Vorhaben feststellen werdet. Schnell!" H Mit barbarischem Gebrüll gingen Molls Gehilfen" ans Werk. Man stellte uns in Hundertschaften auf, und nachdem wir gezählt worden waren, hieß es wieder: Hinlegen!" Eine jede Hundertschaft. wurde sofort von einer Abteilung SS- Männer und Trägern von grünen Winkeln umstellt. Jeder Versuch, den Kopf zu erheben, endete mit dem Tode. In den nächsten zehn bis zwanzig Minuten verloren etwa fünfzehn Häftlinge das Leben für zu neugierige Blicke oder zu offensichtliche Bewegungen. In einem Augenblick, da Moll mit entsicherter Pistole an einer Gruppe liegender Häftlinge vorbeiging, versuchte einer, der an Durchfall litt, sich zu erheben und um die Erlaubnis zu bitten, austreten zu dürfen. Moll ließ sich durch den Häftling nicht lange aufhalten. Er setzte ihm die Pistole an den Kopf und drückte ab. Auf die Nebenliegenden spritzte Blut und Gehirn aus dem zerschossenen Schädel. Nach einer halben Stunde war die Zählung beendet und man stellte fest. daß zwanzig Häftlinge fehlten. Außerdem lägen am Ende der Kolonne noch zwei Häftlinge, die man beim Überschreiten des Walles ergriffen hatte. Beide waren bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt worden; man hatte sie nur deshalb nicht getötet, weil man sie noch zum Verhör brauchte. Moll e ich eiten Wall hreiheint hält von Karl fällt Linge, ando5 Mütze ab SS- Oberscharführer Moll hielt eine kurze, aber kernige" Rede, woraus hervorging, daß wir alle dumme Hunde wären, daß wir uns täuschten, wenn wir der Ansicht wären, diese Flucht hätte uns 65 gelingen können, und daß wir letzten Endes alle dafür verantwortlich wären. Nachher wurden wir mit einer doppelten Postenkette umgeben und marschierten in Richtung des Lagers ab. Unterwegs begegneten wir einigen Autos mit SS- Männern, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Sie fuhren an die Stelle des Aufruhrs, um die Flüchtigen zu suchen. In einem Sonderauto fuhr eine Meute von Polizeihunden. In Friedhofsstimmung kehrten wir ins Lager zurück. Auf dem Hofe des Blocks nahmen wir wie zum Appell Aufstellung und die Kapos nahmen auf Molls Befehl eine Leibesvisitation vor. Das kleinste Taschenmesser wurde als Waffe betrachtet, und nach einigen Minuten dauernder ,, Bearbeitung". trug man seinen Besitzer unter die Mauer. Nach der Visitation begann man unsere Nummern aufzurufen. Die Aufgerufenen stellte man in Reihen zu zehn Mann wie zum Appell auf. Auf diese Weise wurden die Namen der Flüchtigen ermittelt. Gegen Abend kam Moll noch einmal. Er befahl, die inzwischen angekommenen Tagesrationen der Küche zurückzusenden und hielt wieder eine kurze Rede: ,, Ich weiß, daß die Flucht seit längerer Zeit vorbereitet war. Wenn ihr bis morgen früh die Namen der Urheber nicht bekannt gebt, wird die ganze Strafkompanie erschossen. Verstanden?" Jawohl!" ,, Auf die Blocks weggetreten!" Nach einigen Minuten lagen wir still und schreckerfüllt in unseren Kejen.. XII. Kapitel Am nächsten Morgen teilte man uns vor dem Appell in zwei Gruppen ein. Die eine umfaßte sämtliche Träger der roten Punkte, die andere alle übrigen Häftlinge. Die ,, Rotpunkt- Träger" bildeten beim Appell den rechten Flügel; wir nahmen den Platz beim Tore ein. Nachdem der Blockführer das Rapportbuch abgenommen hatte, fiel das Kommando: Die alte SK zum Ausmarsch zur Arbeit fertigmachen! Die roten Punkte bleiben zurück!"- Eine verhältnismäßig kleine Gruppe der ursprünglichen SK stellte sich schnell in Fünferreihen in Richtung des Ausgangstores auf. Wir waren alle zusammen etwa achtzig Mann, ein Drittel davon Kapos und Vorarbeiter. Ihre Mienen ließen nichts Gutes ahnen. Ich schaute mich um. Am Ende der Kolonne stand mein ,, Beschützer" Willi Brachmann. Von einer Vorahnung erfaßt, ging ich zu ihm hin. 66 wortkette wegs Zähne mn die e von f dem d die Das nigen unter rufen. zum en erschen hielt war. ekannt llt ip zwei unkte, Flügel; er das e roten stellte uf. Wir Kapos chaute Willi FO Willi..." Was ist los?" ,, Ich fühle mich heute schwach. Könnte ich nicht unter einem: Vorwand auf dem Block bleiben?" Willi schaute mich überrascht an. ,, Bist du verrückt geworden? In dieser Hölle? Hast du eine Ahnung, was hier heute los sein wird?" ,, Ich habe keinen roten Punkt! Ich bleibe auf dem Block als Kranker. Und außerdem-... Vielleicht gelingt es mir, um Wasser in die Küche zu gehen. Angeblich soll im Magazin ein neuer Transport SS- Würste angekommen sein!" Dieses Argument überzeugte meinen Gesprächspartner. Er führte mich zum Blockältesten, und die Angelegenheit meines Verbleibens wurde im günstigen Sinne entschieden. Außer mir befanden sich noch andere. Träger der ,, schwarzen Punkte" auf dem Block. Es waren Maurer, welche die Räume für den Blockältesten fertigstellten, zwei Nachtwächter und der Stubenälteste. Wir stellten uns zusammen an die Tür und unterhielten uns lebhaft. Da erschien ganz unerwartet Blockführer Moll. Er trat so plötzlich ein, daß wir keine Zeit mehr hatten, auseinanderzugehen. Feindlich schaute er uns an und schrie: ,, Blockältester!" Der erschrockene Rudolf meldete sich. Wie befohlen zur Stelle". Was machen hier diese Hunde?" Er zeigte auf uns. ,, Alles raus auf den Hof!" Statt unseren Aufenthalt auf dem Block zu erklären, sprang der Blockälteste zu unserer Gruppe, versetzte dem Nächststehenden einen Schlag in die Zähne und brüllte laut:* ,, Alles raus auf den Hof! Aber schnell!" Eine Minute später bildeten wir die erste Zehnerreihe der., Rotpunkt- Träger". Nach der Besichtigung des Blocks erschien Moll wieder in der Tür., Was? Ihr verfluchten Banditen, ihr steht noch?! Alles in Kniebeuge!" Der Befehl wurde blitzschnell ausgeführt. 13 ,, Na, habt ihr's euch in der Nacht überlegt? Wer hat mir etwas zu sagen?" Er schrie weiter, indem er mit seinen kleinen Schweins augen die Reihen musterte. Allgemeines Schweigen war die Antwort ,, Wir werden ja sehen!" sprach er höhnisch weiter. ,, Bald kommt der Lagerführer. Dann werden wir in einer anderen Sprache reden. Er machte eine Kehrtwendung und begab sich zum Tor. Eine Weile später erhob ich mich und ging zum Block ältesten. ,, Was willst du hier?" 67 ,, Ich möchte das Mißverständnis aufklären", begann ich, aber ein gutgezielter Kinnhaken drängte mir den Rest des Satzes in die Kehle zurück. ,, Hau ab! Ich habe keine Lust, euretwegen etwas abzukriegen. Marsch in die Reihe!" In meiner Abwesenheit wurde mein Platz besetzt und ich war gezwungen, mich als erster aufzustellen. Nach einigen Minuten schrie der Torhüter, welcher durch eine Lücke im Tor die Lagerstraße beobachtete: ,, Der Lagerführer kommt!" Rudolf brachte nervös seine Jacke in Ordnung, riß die Mütze vom Kopf und schrie uns zu: ,, Achtung! Noch tiefer in die Knie!" In der nächsten Minute leuchteten im offenen Tor die grünen Uniformen der Eintretenden auf. Es waren lauter ,, Prominente" aus Auschwitz. Allen voran schritt der Nachfolger von Fritsch, der Lagerführer aller Auschwitzer Lager, SS- Hauptsturmführer Aumeier, eine unscheinbare Gestalt in glänzenden Stiefeln, mit einer riesigen Pistole, die vom Koppel bis an die Knie herunterhing. Ihm folgte der Arbeitsdienstführer SS- Hauptsturmführer Schwarz, dahinter SSUntersturmführer Heßler, SS- Hauptscharführer Palitsch, Fitze, der Chef der politischen Abteilung", Kriminalobersekretär, SS- Untersturmführer Grabner und zuletzt nser Block- und Kommandoführer Moll, Eine kurze Meldung des Blockältesten. Aumeier schreitet mit energischen langen Schritten die Front des Blocks ab, was bei seiner. kleinen Gestalt etwas komisch aussieht. Er bleibt einige Meter vor mir stehen. Hinter ihm hält gehorsamst die Meute seiner Leibgarde. Ich fühle deutlich ein Würgen in der Kehle, ein erstickendes Gefühl beim Einatmen der Luft. Aumeier stützt theatralisch seine Hände in die Hüften. " ,, Ihr verfluchten Banditen!" fährt er uns an. Er hat eine fistelnde, kreischende Stimme. ,, Einen Aufruhr wolltet ihr machen, was? Er atmet schneller. Man merkt, wie er sich an seinen eigenen Worten erhitzt. Ich werde euch einen Aufruhr zeigen, ihr verfluchten Hunde!" Er bricht für einen Augenblick ab, schaut mit seinen kleinen, beweglichen Augen auf die Reihe der Hockenden, und plötzlich ist er mit einem Sprung bei mir. In demselben Augenblick fühle ich, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Es wird mir schwarz vor den Augen. Das alles dauert einen Bruchteil einer Sekunde. Schnell beherrsche ich mich und hebe meinen Kopf etwas höher. Aumeier ergreift den Häftling, der neben mir in hockender Stellung 6itzt, am Kragen. Er reißt ihn hoch: ,, Na, du tollwütiger Hund! Sag' mir, wer den Aufruhr vorbereitet hat?" Seine knöcherne kleine Hand knöpft in der Zwischenzeit das 68 er ein Kehle egen war inuten LagerMütze rünen e" aus , der meier, esigen folgte er SSe, der Unterführer et mit seiner. er vor' garde. Gefühl nde in telnde, 5? Er Vorten uchten seinen und enblick chwarz kunde. höher. ellung ereitet eit das Pistolenfutteral auf. Der aus der Reihe gerissene, etwa zwanzigjährige Junge ist kreidebleich. Er hat große, himmelblaue Augen, mit denen er unbeweglich vor sich hinschaut. Seine blutleeren, blauen Lippen pressen sich zusammen. ,, Du willst nicht antworten, du Hund!" Die knöchernen Finger reißen einen großen Revolver aus dem Futteral heraus. Siehst du das?" Der lange Lauf trifft den Jungen auf die Nase. Wer hat die Flucht aus dem Königsgraben vorbereitet?" 39 Die Lippen des Häftlings pressen sich noch fester zusammen. Sle verschwinden fast. Die Frage Aumeiers bleibt ohne Antwort. Ungefähr vierhundert Häftlinge beobachten dies mit angehaltenem Atem. Der Lagerführer gibt es immer noch nicht auf. Er setzt den Revolverlauf auf die vorgestreckte Brust des Häftlings. ,, Ich gebe dir die letzte Gelegenheit, dein Leben zu retten. Ich zähle bis drei. Wenn du auf meine Frage nicht antwortest, werde ich dich wie einen Hund erschießen. Verstehst du?" Stille... 11 , Wer hat die Flucht vorbereitet?" Aumeiers Stimme kreischt, zischt und knirscht, wie wenn man ein Messer am Glase- wetzt. Stille.. ,, Ich beginne zu zählen. Eins.. " Die Brust des Jungen beginnt sich etwas schneller zu bewegen. Die Augen erstarren in furchtbarer Angst. ,, Zwei..." Jemand aus der Mitte der ersten Reihe wird bewußtlos. Er fällt vor die Reihe. Seine Augen sind halb geschlossen, Schaum rinnt aus dem geöffneten Mund auf die Erde. ,, Drei..." Der knöcherne Finger des Lagerführers zieht am Abzug des Revolvers. Ein Schuß fällt. Der Junge bäumt sich unnatürlich auf, zieht mit breit geöffnetem Munde gewaltig die Luft ein, macht eine Halbumdrehung und fällt plötzlich kraftlos wie ein Holzklotz auf die Erde. Der Pistolenlauf raucht noch. Aumeier schreit Moll an: ,, Die ersten Zehn aus der Liste vorlesen. Schnell!" Moll greift nervös in die Tasche, zieht irgendwelche Papiere hervor, blättert darin und ruft schließlich auf: ,, 13486." ,, Hier!" ertönt die Stimme des Aufgerufenen aus den letzten Reihen. ,, Vortreten!" So treten zehn Mann vor. Ihre Gesichter sind nach dem Block gewandt, ihren Rücken kehren sie den Hockenden zu. Zwischen ihnen und uns stehen die SS- Männer, Aumeier schiebt sich vor. Er 69 steht einen Meter vor den Aufgerufenen. Wieder stützt er seine Hände in die Hüften. ,, Habt ihr gesehen?" Seine Hand zeigt mit der Pistole auf den Hegenden Toten. So werden alle enden, welche versuchen ,, sich ans zu widersetzen. Ich gebe euch eine Minute Z., damit ihr eure Aussagen machen könnt..." Er steckt den Revolver ins Futteral und schaut auf die Uhr: ,, Noch fünfzig Sekunden." Jetzt geht er um die Gruppe der Stehenden herum zu den SS- Männern. Flüsternd spricht er mit Palitsch und Heßler, dann ruft er Moll, dem er unverständliche Befehle erteilt. Alle drei ziehen ihre Pistolen heraus. Aumeier kehrt zu den schweigenden zehn Mann zurück. ,, Na, habt ihr's euch überlegt?". Stille... Nun gibt Aumeier ein Zeichen mit der Hand. Palitsch, Heßler und Moll stellen sich mit blanker Waffe hinter die ersten drei stehenden Häftlinge. ,, So wollt ihr nicht sprechen?" stellt der Lagerführer fest und geht zugleich vorsichtig auf die rechte Seite. Also..." Er winkt zum zweiten Male mit der Hand. Es fallen drei Schüsse zugleich. Drei Körper fallen dumpf zu Boden. Die Schießenden stellen sich hinter die nächsten drei. ,, Na, habt ihr euch noch nicht entschlossen?" Aumeiers Stimme klingt ironisch. ,, Ich habe Zeit. Und an Kugeln wird es uns nicht fehlen." Von neuem winkt er mit der Hand. Wieder drei Schüsse, drei furchtbare Löcher in den Hinterköpfen, drei Tote sinken zur Erde... Die Henker schieben sich weiter, wie Marionetten... ,, Na? Ihr schweigt immer noch? Ihr seid nur noch vier Mann. Wollt ihr nun aussagen?" Stille... Aumeier zieht seine Pistole. ,, Feuer!" kommandiert er seinen SS- Männern und schießt selbst auf den vierten Häftling. Er zielt schlecht. Der in die Brust getroffene steht längere Zeit still, bis er plötzlich unheimlich zu schreien beginnt. SS- Hauptscharführer Palitsch ,, verbessert" fachmännisch die Ungeschicklichkeit seines Vorgesetzten. Ein Schuß aus einer Entfernung von zwanzig Zentimeter läßt den Häftling verstummen. Der elfte Körper fällt zu Boden. Rund um den Kopf eines jeden ein dunkler Blutfleck auf der Erde. .Die Henker kehren zu der SS- Gruppe zurück, die gelassen ihre Zigaretten raucht und ihre Beobachtungen austauscht. Sie machen den Eindruck von Theatergästen, welche die eben beendete Vorstellung kommentieren. Aumeier begibt sich ebenfalls zu ihnen. 70 seine f den sich eure tteral er um Sternd anverHeßler ei stegeht t zum mpf zu 1. timme nicht Cöpfen, Mann. selbst getrofchreien nnisch er Entn. Der en ein en ihre machen WorstelDie letzten Ereignisse scheinen ihn nicht berührt zu haben. Mit einer sicheren Bewegung greift er nach seinen Zigaretten, nimmt ein Streichholz, zündet es an, schaut eine Weile zu, wie es abbrennt, bläst es aus, wirft es auf die Erde und macht einen tiefen Zug. Erst dann nimmt er am Gespräch teil. Das Ergebnis ist, daß zehn weitere Häftlinge aufgerufen werden. Diese bekommen den Befehl, die Erschossenen zu entkleiden und die Leichname am Eingangstor in eine Reihe zu legen. Nach ungefähr zwanzig Minuten haben sie ihre Arbeit beendet. Am Tor liegt auf einer Seite ein Haufen blutbefleckter Lagerkleidung, auf der anderen Seite liegen in einer Reihe elf Menschenkörper, der älteste von ihnen konnte wohl sechsundzwanzig Jahre alt sein. Nun versuchen die zehn Häftlinge in ihre Reihen zurückzukehren, aber Aumeier hält sie an. ,, Was, ihr denkt wohl, daß dies schon alles ist? In einer Linie antreten!" Die Geschichte wiederholt sich. Nach einigen Minuten liegen alle mit zerschossenen Schädeln. Die nächsten zehn Häftlinge kehren nach Entkleidung der Toten ungehindert in die Reihen zurück. Aumeier hat es offenbar satt. Er ruft den Blockältesten heran. Rudolf meldet sich etwas unsicher und mit klappernden Zähnen. ,, Diese Hunde", beginnt der Lagerführer ,,, erhalten nichts zu fressen. Wenn sie sich bis vier Uhr nicht entschlossen haben, ihre Anführer auszuliefern, werden alle erschossen." Die letzten Worte spricht er sehr laut und, indem er sich an alle wendet, fragt er: ,, Habt ihr verstanden?" Diesmal antwortet ihm niemand. Aumeier schaut eine Weile erstaunt auf die Reihen, endlich spuckt er aus und geht in der Richtung des Tores. Seine SS- Leibgarde folgt ihm. Und hinter ihnen schloß sich das Tor. Da begann Rudolf mit dem Taschentuch seine schwitzende Stirn abzuwischen. ..". Er schüttelte mehrere Male ,, Menschenskinder... So was den Kopf und nahm plötzlich eine merkwürdig. tapfere Haltung ein. ,, Alles setzen!" brüllte er laut, worauf er noch dem Torhüter zurief: ,, Und du paß auf! Wenn jemand in Sicht kommt, so gib ein Zeichen!". Stolz auf seine ,, heldenhafte" Anordnung begab er sich auf den Block. Auf dem Hofe wurde es jetzt laut. Alle sprachen erregt durcheinander. Einige ernstere Häftlinge gruppierten sich um die ,, Latrinenkarre". Sie sprachen dort etwas miteinander, und daraufhin trat einer von ihnen, Dr. Jablonowski aus Warschau, vor die Front: ,, Kameraden, gebt mal acht! Es unterliegt keinem Zweifel, daß Aumeier sein Wort halten wird. Nach Verständigung mit einigen 71 Kameraden haben wir fünf Mann beschlossen, uns bei Moll zu melden und auszusagen, daß wir die Urheber der Flucht gewesen seien..." Die Reihen der Häftlinge verstummten. " Dr. Jablonowski fuhr fort: Unserer Meinung nach ist das die einzige Möglichkeit, die Gesamtheit zu retten, wenn von einer Rettung überhaupt die Rede sein kann. Diejenigen Kameraden, die mit mir beschlossen haben, sich vor Moll anzuklagen, sind sich dessen voll bewußt, daß sie erschossen werden Ich sage das deshalb, damit ihr im Falle eines Gelingens unseres Planes euch keine Gewissensbisse mehr darüber macht, euer Leben auf unsere Kosten gerettet zu haben. Das wäre alles, was ich euch sagen wollte... Er nickte mit dem Kopfe und verschwand in der wogenden Menge. , Alles geriet in Bewegung. Von allen Seiten drängte man zu Dr. Jablonowski, um, ihm die Hände zu drücken und zu danken. Eine Hoffnung bemächtigte sich der Herzen. Der Gesprächston wurde lebendiger, alle hatten das Gefühl, daß damit die ganze Angelegenbeit erledigt sein würde. Der Blockälteste, dem man das Vorhaben der Häftlinge meldete, schüttelte wieder den Kopf. Das verstehe ich überhaupt nicht... sich freiwillig zum Totschießen melden... Das ist ja schön, aber ich hätte mich dazu nicht entschließen können." Trotzdem schien er innerlich ergriffen zu sein von dem Vorhaben dieser Menschen. Er verschwand im Block und erschien nach ein paar Augenblicken mit zwei Broten und Wurst. ,, Die fünf Männer, die sich bei Moll melden wollten, mal herkommen!" Sie drängten sich durch die Reihen zu ihm hin. ,, Hier hat jeder von euch ein halbes Brot und ein halbes Pfund Wurst. Aber ihr müßt das allein aufessen", fügte er streng hinzu.. Ungeachtet dieser Aufforderung wurden die Brote und die Wurst unter diejenigen verteilt, welche in der Nähe standen. Gegen Mittag kehrte das Arbeitskommando von der Arbeit zurück. Auf einer alten Fuhre brachte man neunzehn Leichen gefahren, Leichen derjenigen Häftlinge, die während der Arbeit erledigt worden waren. Es stellte sich heraus, daß gleich nach dem Verlassen des Blocks Kommandoführer Moll mit dem Motorrad zum Königsgraben" gefahren war. Dort war bis zu seiner Ankunft alles ganz ruhig verlaufen. " Die Kapos und Vorarbeiter waren damit beschäftigt, die gestrigen Ereignisse zu kommentieren und widmeten den arbeitenden Häftlingen keine besondere Aufmerksamkeit. Sofort nach seiner Ankunft ließ Moll alle Funktionskräfte antreten und gleich darauf begann man mit der Arbeit". Im Laufe der nächsten Viertelstunde wurde fast die Hälfte der ganzen Gruppe 72 erledigt. ‚Ich weiß nicht, zu welcher Gruppe ich gehört hätte, wenn ich zur Arbeit gegangen wäre. Ich sah noch ziemlich schlecht aus, und Leute solchen Aussehens waren als erste Opfer gefallen. Nach dem Mittagessen trieb man alle alten SK-Männer auf den Block und befahl ihnen zu schlafen. Vom Schlaf war natürlich keine ‚Rede. Alle erwarteten mit größter Spannung die ‚vierte Nachmit- tagsstunde. Einige Minuten vor vier Uhr rief man einige Kapos auf den Hof heraus. Es kamen Karl„Dachdecker”, Boginsky, Neumann und Brachmaänn.- Durch. die Wandlücken beobachteten wir'die Vor-- “ auf dem Hof. Die Kapos verschwanden mit Moll hinter dem Tor. Als’ sie einige Zeit darauf zurückkehrten, trug jeder.von ihnen eine große Drahtrolle auf dem Rücken, die sie vor dem Block ab- warfen. Gegen vier Uhr. erschien SS-Hauptscharführer'Fitze, der Lager- führer von Birkenau, und Schillinger, der Rapportführer dieses La- gers. Fitze trug eine Mappe mit Papieren unter dem Arm.'Man brachte das Tischchen des Blockältesten und einen Stuhl aus dem Block heraus. Fitze setzte sich und breitete auf dem Tischchen die Papiere aus. Kurz darauf lief, Schillinger zum Tor, und.als er zurück-’ kam, begleiteten ihn einige SS-Männer, die schußfertige Maschinen- pistolen trugen. Sie nahmen die‘Plätze beim Tor ein und stellten sich-nach Schillingers Anweisung auf. In diesem Augenblick näherte sich Dr. Jablonowski- in Beglei- . tung seiner vier Kameraden dem Tisch. Fitze hörte ihm ruhig zu, ‘sah alle fest an und sagte darauf: Al „Es ist zwecklos! Ich habe eure Aussagen jetzt nicht mehr: nötig, denn ihr werdet alle nach Kattowitz gebracht. Dort werdet ihr der * Reihe nach verhört.” Er winkte mit der Hand ab und vertiefte sich weiter in die Papiere..Dr. Jablonowski und seine Kameraden kehrten auf ihre alten Plätze zurück. Fitze erhob sich. „Mäl herhören! Um’ eine gerechte Untersuchung durchzuführen, werdet ihr alle nach Kattowitz geschafft. Dort wird man feststellen, _ wer von euch die Verantwortung für die gestrige Flucht trägt. Ihr könnt ganz beruhigt sein, dem Unschuldigen wird kein Häar vom- Kopfe fallen. Um den Transport zu erleichtern, werdet ihr alle ge- bunden. Jeder von mir aufgerufene Häftling tritt an den Tisch. Er setzte sich wieder.hin und winkte den Kapos. Diese hatten in der - Zwischenzeit den Rolldraht aufgewickelt.; "Das- Verlesen der Nummern begann.: Jeder Aufgerufene trat an den Tisch, gab seine Personalien an und verschränkte zugleich die Hände auf dem Rücken, die die Kapos geschickt mit dünnem Draht zusammenbanden. Mit einem Stück Draht band man fünf Häftlinge aneınander, wobei die rechten und linken Flügelmänner mit der *„ nächsten Fünferreihe verbunden wurden. So schuf man eine züsam- 73 mengedrahtete Kolonne, die ungefähr dreihundertvierzig Personen umfaßte. Als die letzten schon ,, bearbeitet" waren, wurde das Ganze von SS- Männern umgeben, die mit Maschinenpistolen bewaffnet waren. Bald darauf ertönte das Kommando: ,, Im Gleichschritt marsch!" - Langsam und mit den Drähten klirrend, rückte die Kolonne in Richtung des Tores. Auf dem Block trat eine unheimliche Stille ein. Durch die Lücken der Wand drang der eintönige Marschtritt zu uns .hinein, der in seiner furchtbaren Monotonie gespenstisch klang... Als die letzten Reihen das Tor durchschritten, gab man uns schnell das Abendbrot und schickte uns schlafen. Bis spät in die Nacht noch besprachen wir die ,, Expedition" nach Kattowitz... Und schon am nächsten Tag früh erfuhren wir beim Kaffee- Empfang in der Küche, daß man sämtliche ,, Rotpunkt- Träger" gestern abend nicht in den Kattowitzer Zug, sondern in das kleine Häuschen gebracht hatte, das zwei Kilometer vom Lager entfernt lag. Dort wurden alle während der Nacht vergast. Während der Nacht flammten blutig graue Feuerzungen aus dem Wäldchen, welches das Haus umgab, gegen den Himmel.... ( XIII. Kapitel Einige Tage später wurde ich während der Arbeit zu Kapo Karl gerufen. Er stand immer noch in dem Rufe, die Häftlinge zu erledigen, deshalb gehorchte ich diesem Befehl nicht. Statt zu Karl begab ich mich zu Willi Brachmann. Dieser hörte mich ruhig an und sagte: ,, Du mußt aus der Kompanie verschwinden. Heute halte dich bis zum Arbeitsschluß in meiner Nähe." Während dieses Gesprächs kam ,, Dachdecker" wütend zu uns herübergelaufen. ,, Hast du nicht gehört, daß ich dir befohlen habe, dich bei mir zu melden, was?" Er versetzte mir mit dem Knüppel einen Schlag auf den Kopf und holte schon zum zweiten Male aus, als Willi ihn an der Hand faßte. ,, Laß ihn vorläufig in Frieden. Ich brauche ihn." ,, Das geht mich nichts an. Den habe ich schon lange auf dem Kieker." Willi richtete sich auf. ,, Du sollst ihn vorläufig in Ruhe lassen!" sagte er leiser, aber mit einer deutlichen Drohung in der Stimme. Willi war in dieser Zeit zum ,, Oberkapo" der SK vorgesehen, deshalb gab es Dachdecker auf. Fluchend ging er davon. 74 ,, Hast du gehört?" Ich nickte wortlos mit dem Kopf. „Heute bist du noch in Sicherheit, aber für den morgigen Tag übernehme ich keine Garantie. Benachrichtige deine Freunde, damit ‚sie dich aus dem Block herausholen."! Bis zum Arbeitsschluß wich ich‘nicht. von seiner Seite. In. der Zwischenzeit schrieb ich. einen kurzen Brief an Kukla: Mein Lieber! Ne: Pr u "Willi.ist der Meinung, daß ich aus der Kompanie verschwin- den muß.” Wenn Du etwas in meiner Angelegenheit tun Kannst, bitte ich doch sehr darum. ‚Karl„Dachdecker" versuchte mich heute zu erledigen, aber Willi verhinderte es. Solltest Du etwas unternehmen können, dann sprechen wir nach miteinander. Wenn nicht, dann: vergiß nicht, nach dem Verlassen des Lagers meine Familie zu grüßen... Servusl.: Ba2lA- ‘Diesen Brief gab ich auf dem Rückwege, als wir an der Küche ‘ vorbeigingen, einem Kameraden mit der Bitte, ihn sofort dem Häft- ling 702, das heißt Kukla, zu überbringen. 5 Bis zum Abend wartete ich voller Unruhe. Ich konnte mir noch nicht vorstellen, auf welche Weise man mich aus dem Block heraus- holen würde, aber ich war sicher, daß Kukla alles in Bewegung setzen würde, um mir zu helfen. i Bei jedem’Offnen der Tür sprang ich auf, aber bis zum Gong" schlag kam niemand.; und mit lauter schwarzen Gedanken über. das, was der morgige Tag bringen könnte, legte ich mich schlafen. Ich konnte _ jedoch nicht einschlafen und'wälzte mich von einer Seite auf die. anderg. Ich versuchte mir einzureden, daß der nächste‘ Tag doch noch„günstig verlaufen würde, aber beruhigen konnte ich mich nicht. Sobald ich die Augen zumachte, sah ich die fettleibige Ge- .stalt Karls, seine schlechten Augen, in denen man nichts Mensch-. ‚> liches ‚mehr. wahrnehmen‘konnte. Vor meinen Augen zogen die Bilder von Karls Tätigkeit vorüber. Ich sah von neuem die grau- sigen Szenen, wie er andere Kameraden würgte und die schreck- liche Gewißheit des nächsten Tages stand mit Entsetzen vor mir... . Gegen elf Uhr nachts knarrte plötzlich die’ Tür. Jemand kam auf "den Block. Ich hielt‘den Atem an und horchte gespannt auf. Man sprach ziemlich laut mit dem Blockältesten und gleich darauf. hörte sach rufen: 4 25 „Kranke antreten!’\ 5 i ‚In der nächsten Minute war ich unten. Instinktiv fühlte ich hier eine Rettung. Auf dem Korridor stand neben der Tür in Begleitung des Blockältsten der Oberpfleger des Lagers, Jub Bernatzik. Wan- \ D) 75 kend näherte ich mich ihnen. Ich setzte so gut ich konnte eine Leidensmiene auf und begann mit zitternder, gebrochener Stimme über Kopfschmerzen und Brechreiz zu klagen. Ich hatte meine Leidensgeschichte noch nicht beendet, als plötzlich Karl erschien. ,, Was, dieser Hund? Der ist gesund wie ein Bulle. Die faulste Sau in der ganzen Kompanie. Es kommt gar nicht in Frage, daß er Jub Bernatzik schaute Karl unter den Brillengläsern hindurch an. ,, Vorläufig fragt dich niemand nach deiner Ansicht, Karl. Ob dieser Häftling krank oder gesund ist, entscheide ich und nicht du. Und ob er faul ist oder nicht, das geht mich wenig an. Und was deine Bemerkung Es kommt gar nicht in Frage' angeht, so kommt es eben nicht in Frage, daß du dich in meine Tätigkeit einmischst!" Er sagte das alles mit ruhiger, gelassener Stimme, ohne von Karl die Augen abzuwenden. Dann griff er in die Tasche, zog den Fiebermesser heraus, schaute ihn prüfend an, schlug ihn herunter, schaute ihn wieder an, und ohne ein Wort zu sagen, schob er mir ihn in die Achselhöhle. Als dann Jub weiter mit dem Block ältesten sprach, ohne Karl überhaupt zu beachten, begann mich die Angst zu ergreifen. Ich wußte doch genau, daß ich weder Fieber noch sonstige Krankheiten hatte. Deshalb fürchtete ich, daß sich Jub aus der Affäre ziehen würde, wenn er nicht irgendwelche Beweise hatte, um mich für krank zu erklären, und daß ich mit Karl auf dem Block bleiben müßte. Diese Möglichkeit rückte den morgigen Tag um einige Stunden näher heran. So verstrichen einige Minuten. Endlich nahm Jub mir den Fiebermesser ab, und da er inzwischen seine Brille eingesteckt hatte, reichte er ihn dem Blockältesten. ,, Schau mal, Rudi, wieviel Grad..." In diesem Augenblick wurde es mir wirklich heiß. Rudi schaute eine Weile hin und sagte: ,, Achtunddreißig fünf!" Mir blieb die Spucke weg. ,, Zeig mal die Zunge!" hörte ich Jubs Stimme. Mechanisch führte ich den Befehl aus. ,, Na ja. Ganz normal. Hast du etwa Schmerzen in der Lebergegend?" Eifrig nickte ich mit dem Kopf. Ich war zur Zeit im Stande, alle möglichen Schmerzen zugleich zu empfinden. Ja, sogar heftige", versicherte ich begierig. ,, Und außerdem habe ich heute einige Male erbrochen.". Bernatzik nickte verständnisvoll mit dem Kopfe. ,, Das ist typisch! Flecktyphus!" urteilte er, dann wandte er sich an den Blockältesten: ,, In Anbetracht der Ansteckungsgefahr für den Block nehme ich ihn sofort mit in den Krankenbau. Schreibe mir gleich einen Überweisungszettel aus!" 76 elper nsau an. Ob du. as mt -t!" arl erute die ch, erge der um ck tur ch ne ute erlle e", ale chl en: ihn reiWährend der Blockälteste in seinem Zimmer verschwand, wandte sich Bernatzik an Karl: ,, Na, wie stehst du jetzt da?" Dachdecker spuckte wütend aus und entfernte sich wortlos. Nach einigen Minuten durchschritt ich das Tor des Blocks 7". Dort hatte man alle Häftlinge untergebracht, die an einer ansteckenden Krankheit litten. Außerdem befanden sich da noch Häftlinge aus allen Auschwitzer Lagern, die man wegen Arbeitsunfähigkeit zur Vergasung bestimmt hatte. Im Zimmer des Blockältesten, wo sich Viktor Mordarski befand, wartete Kukla schon auf mich. Bei meinem Anblick zwinkerte er mit den Augen, putzte seine Brille, klopfte mir auf die Schulter und zog unter dem Koppel zwei ,, SS- Würste" hervor. ..Es ist gelungen! Gut! Hier hast du etwas zum Zubeißen und verliere nicht den Kopf. Aus jeder Lage kann man herauskommen, man muß sie nur entsprechend zu meistern wissen." Er wandte sich an Bernatzik: Ging es glatt?" Der Oberpfleger nickte ernst mit dem Kopf: ,, Die medizinische Wissenschaft hat Flecktyphus festgestellt und der Herr Blockälteste hat uns höchst persönlich die Temperatur angegeben. Dann meinte er zu mir: Was guckst du mich so dumm an? Du bist typhuskrank! Eigentlich müßte ich dich sofort ins Bett stecken, aber.. ich habe ein weiches Herz und eine Vorliebe für blonde Menschen. Ich erlaube dir deshalb, noch bei uns zu bleiben." ,, Unter der Bedingung, daß der Blockälteste den geehrten Zugang vorschriftsmäßig entlaust und desinfiziert", fügte Kukla humorvoll hinzu. Die Typhusläuse gehen angeblich sehr gern auf fettleibige Menschen..." Er schaute Bernatzik bedeutsam an. ,, Ich habe seit meiner frühesten Kindheit Typhus nicht gern gehabt." Plötzlich wurde er ernst: Und du, Blockältester", wandte er sich an den bisher schweigenden Blockältesten Viktor ,,, bereite für den Leichnam eine anständige Koje mit einem Strohsack und zwei Decken." ..Bist du verrückt geworden?! Woher soll ich einen Strohsack nehmen?" Kukla rümpfte die Nase: ,, Deinen eigenen, wenn es nicht anders geht. Du iẞt gern Fische, glaube ich. Gerade diese Woche hat mir der Kapo vom Fischkommando, einige Kilo versprochen. Und während meines letzten Besuchés im Hauptwirtschaftslager( H. W. L.) gelang es mir, eine Kiste mit Margarine zu bemerken. Deshalb habe ich noch einige Margarinestücke zu vergeben. Na also?" Viktor wurde rot. ,, Ich habe ihn doch nicht deshalb auf den Block genommen, weil ich etwas von dir erwarte", begann er, aber Kukla unterbrach ihn: ,, Ich weiß. Vielleicht aus Sympathie für seine grü77 nen Augen. Wir lassen uns nichts vormachen, Herr Blockältester. Kurz gesagt: Bekommt er einen Strohsack und zwei Decken oder nicht?" ,, Er bekommt sie." ,, So gefällst du mir. Ein Pfund Fisch und ein Stück Margarine werden morgen in deiner Einsiedelei eintreffen. Und nun, meine Herren, wer spät schlafen geht, der gähnt den ganzen Tag, in diesem Sinne also! Er klopfte mir noch einmal auf die Schulter und verschwand. Nach einigen Minuten erhielt ich meinen Schlafplatz. Ich hatte eine Koje ganz allein zu meiner Verfügung, einen Strohsack und zwei ziemlich dicke Decken. Ich wickelte mich fest darin ein und fühlte mich vielleicht das erstemal im Lager glücklich! Lagerglücklich! In der rechten Hand hielt ich ein Stück Wurst, welche herrlich duftete, in der linken ein Viertel Laib Brot. Ich aẞ ganz langsam und in der Gewißheit, von niemandem gestört zu werden, Heß ich mir jeden Bissen gut schmecken, denn im Geschmack unterschied sich solch eine SS- Wurst in keiner Weise von der Vorkriegs- Jagdwurst. Lange nach Mitternacht schlief ich ein. - XIV. Kapitel " Der Block Nr. 7, den man im Lager als Vorzimmer zum Krematorium" bezeichnete, war in vier Stuben eingeteilt. Die erste bewohnten die Genesenden und ähnliche Angeber" wie ich, die .zweite die Schwindsüchtigen und Häftlinge mit einer inneren Krankheit, die dritte die Typhuskranken und die vierte Stube die Durchfallkranken und solche, die eines operativen Eingriffes bedurften. Auf jeder Stube befanden sich fünfzehn dreistöckige Schlafkojen, welche nach der üblichen Lagerart für zweihundertsiebzig Kranke berechnet waren. So konnte man theoretisch auf die vier erwähnten Stuben tausendundachtzig Kranke aufnehmen. Bei meiner Ankunft auf diesem Block betrug die Anzahl der Kranken über achtzehnhundert. Das Krankenpersonal bestand aus dem Blockältesten Viktor Mordarski, dem Schreiber Eduard Piosecki, den Pflegern Bogdan Glinski und Stephan, einem jungen Mediziner aus der Tschechoslowakei, und schließlich dem Arzt Dr. Kŕause. Der Blockälteste und der Schreiber kamen für die Krankenpflege nicht in Frage, weil sie an sich schon zu sehr mit Verwaltungsarbeit belastet waren, So standen eigentlich für achtzehnhundert Kranke nur drei Pfleger zur Verfügung. Zum Unglück erkrankte noch einer von ihnen, nämlich der Tscheche, nach einigen Tagen an Typhus. Im ganzen Block befanden sich etwa hundert Decken und einige Strohsäcke. Weder Toiletten noch Waschräume waren vorhanden, die übrigens in ganz Birkenau nicht zu finden waren. Die Kranken 78 wuschen sich. nicht und ihre natürlichen Bedürfnisse erledigten sie, ähnlich wie die ganze SK, auf dem Hofe, der mit einer Mauer’ um- geben war. SR= Die monatliche Zuteilung an Arzneien, welche später Dr. Krause .. zur. Verfügung hatte,"bestand aus etwa fünfzehn Papierbandagen, hundert Gramm”Wäatte, Gaze und Zellstoff sowie aus einigen kleinen - Gefäßen mit Salbe, wie zum Beispiel Ichthiol und Zinksalbe gegen Krätze und ähnliche Krankheiten. Dazu kamen noch einige Gramm Pulver, wie Aspirin, Tanalbin, Kohle usw. Mit diesen Vorräten mußte man natürlich den ganzen Monat haushalten. Unter solchen Umständen konnte man den Kranken‘auch nicht die geringste ärzt- liche Hilfe bringen. Dr. Krauses und Bogdans ganze Arbeit bestand darin, die Leichen aus den Kojen zu tragen- und ihnen die Nummer auf die ‚Brust zu schreiben.„Die tägliche Anzahl an Toten betrug __. auch achtzig bis hundert Personen. Da man jedoch die-Kranken aller Auschwitzer Lager auf Block 7 brachte, konnte man täglich hundertfünfzig bis zweihundert Häftlinge als„Neuzugang“ buchen. Wie ich im vorhergehenden Kapitel schen erwähnte, waren alle eingelieferten Kranken meistens zur Vergasung bestimmt. Die da- mälige Aufnahmefähigkeit der provisorischen Gaskammer im Bir-° kenwäldchen und die des Krematoriums, wo man die Leichen der _ Vergasten verbrannte, betrug’ bis zu fünfhundert Menschenkörper wöchentlich. Soviele Kranke wurden auch immer von unserem - Block„abgefahren". Nach jeder„Auswahl" blieben. aber immer ‘noch über tausend Kandidaten zurück, welche, der Reihe nach den Tod’erwarteten.: Ihre Anzahl erhöhte sich täglich infolge der neuen Zugänge. So ging das nun Woche für Woche. x Das, was ich auf Block 7 sah, übertraf alles, was ich überhaupt ‚bisher im Lager gesehen hatte. Sobald die Schlafkojen besetzt waren, legte man’ die Neuzugänge auf den Lehmboden des Korri- dors. Nachdem auch diese Plätze ausgenützt- waren, lagen die Neuen ‚Tag und Nacht auf dem Hofe, unbedeckt und meistens auch‘ohne Kleidung. Grundsätzlich nahm man jedem Durchfallkranken, der nur einmal seinen Platz verunreinigte, die Hosen"weg. Bewußtlose phantasierten— Sterbende stöhnten— die Luft war voll-von ekel- erregendem Gestank des Durchfalls und des Eiters, den-die unbe- deckten furchtbaren Phlegmonen und. Nekrosen- ausschieden. Die -Knochenbrandwunden der Leidenden waren besonders furchtbar an- zusehen. Sölch eine-Wunde nahm zunächst grünliche Farbe an. Nach einigen Tagen bildete sich ein schwarzer Rand und aus dem Eiter- herd krochen kleine, weißgelbe Würmer heraus.. Sie vermehrten ‘sich unheimlich schnell und bedeckten bald den ganzen Körper des Kranken, der in diesem Stadium der Krankheit sein Bewußtsein schon längst verloren hatte.°.,. Re) Auf Schritt und Tritt konnte man solche Bilder een Diejenigen “ Kranken, welche ihr Bewußtsein noch besaßen, ‚versuchten sich zu erheben, sobald jemand vom Personal vorüberging, und baten mit Lippen, welche das Fieber schwarz gebrannt hatte, um den Tod, ob- wohl es allen klar war, daß sie„vergast werden sollten. Manchmal geschah es, daß ein SS-Mann.n Uniform auf dem Block erschien. Dann streckten sich die ausgetrockneten Hände der- Kranken nach ihm aus, umfaßten seine Stiefel und bettelten mit ihren unnatürlich glänzenden Augen um den Gnadenstoß. „Ich kann nicht mehr aushalten! Wenn ihr an gr glaubt— tötet mich!” Ein Fußtritt und ein Lachen war‘die Antwort; wonach ein Ge- nesender den Befehl erhielt, die„verunreinigten” Stiefel zu säubern.= Die Auswahl zur Vergasung fand gewöhnlich dienstags statt. An- diesem Tage kam-aus Auschwitz SS-Obersturmführer Entres herüber, und es erfolgte die übliche Krankendurchsicht. Alle Kranken wur- den ohne Rücksicht‘auf ihren Gesundheitszustand auf den Hof ge- trieben und in Zehnerreihen aufgestellt oder hingelegt. Entres ging- die Front ab, indem er einen wohlabgemessenen Abstand hielt. Nun entschied er— rechts zur Vergasung— links auf den Block zurück. Die zur Vergasung.bestimmten Häftlinge blieben gleich ‚auf dem: Hof. Allen anderen wurden auf’ dem Block neue Plätze zugewiesen. Während der Dauer der Durchsicht wurde der ganze Block sauber gemacht, denn.es war die einzige Gelegenheit. Die gesünderen und stärkeren Kranken ordneten unter Bogdans oder Dr, Krauses Leitung die Kojen, kratzten den Kot ab, scheuerten mit dem Morgenkaffee_ die Wände und sammelten schaufelweise Lehm, Ausscheidungen der Durchfallkranken und Müll, der sich im Korridor anhäufte, Nachher wurde der ganze Block mit Chlor bestreut. Man öfinete die Tür, se damit der beißende-Geruch auslüftete, und es erfolgte eine zweite „Auswahl”. Diesmal wurden den Kranken die Stuben. zugeteilt,.und da es ja gar keine Möglichkeit gab, die Schwerkranken zu retten, versuchte es Dr. Krause wenigstens mit den leichteren„Fällen" Die„Besten”' wurden demnach auf Stube eins und. zwei geführt, die ‚Typhuskranken, bei denen Aussichten auf Genesung bestanden, auf Stube dreı und der Resf auf Stube vier. Die Bewohner der dritten und vierten Stube befanden sich mei- stens schon in solch einem Zustande, daß’sie keine ‚Speisen mehr aufnehmen konnten. Ihre Portionen wurden, deshalb täglich unter die ersten zwei Stuben aufgeteilt, das war die einzige mögliche Hilfe für die leichteren Fälle. Dieser Portionenaufteilung war es auch zu verdanken; daß dreißig ‚bis vierzig vom Tode bedrohte Menschen« jede Woche Block 7 verlassen konnten. Nachdem Entres den Block verlassen hatte, begann die unheim- N .80 0b» dem - mit - liche Arbeit des Blockältesten und des Blockschreibers. Binnen einigen Stunden wurden die zur Vergasung bestimmten Häftlinge auf LKWs verladen und zur Gaskammer gefahren. Bis zu dieser Zeit = mußte der Schreiber ihre Karteikarten heraussuchen und sie dem -„Transportleiter-aushändigen. Man mußte die tätowierte Nummer eines jeden Kranken von seiner Hand ablesen und für den noch = lebenden Häftling eine„Todesmeldung“ mit einer erdichteten Todes- _ ausschreiben. All das mußte in etwa zwei Stunden erledigt werden, nicht zu vergessen, daß die durchschnittliche Anzahl an “Opfern bei jeder„Auswahl” etwa fünfhundert Personen betrug. So- 25 bald diese Arbeit beendet war, begann die„Vorbereitung“ zum Transport. Die Kranken, welche aus eigenen Kräften das Auto be- "steigen konnten, wurden vorn hingestellt, die schwächeren hinten hingelegt. * Die Autos kamen vorgefahren, man stellte.die Treppen an und die Verladung begann. Zwei Mann stiegen auf das Auto, die anderen zwei blieben unten. Diejenigen, welche unten standen, schrieben ‘die Nummern auf, die anderen wiesen dem Kranken auf dem Auto IE seinen Platz zu. Ein Auto konnte ungefähr achtzig Kranke auf- _ nehmen. Zum Tragen der Bewußtlosen wurden sogenannte„Leichen- kommandos“ verwendet. Das waren großgewachsene, Burschen, 2= welche, die Lagerführung zusätzlich verpflegte.- Jeder ergriff mit der einen Hand einen, mit der änderen den anderen Kranken am Kragen und schleifte sie am Boden’ zu den Autotreppen. Im Auto wurden die schwerkranken Menschen schichtweise aufeinandergelegt, die schwächsten. zu unterst, die, welche noch hörbar gestöhnt hatten,_ 7 oben darauf. Die Kranken wurden unter der Aufsicht einiger SS- “— Männer aufgeladen, die die ladenden Häftlinge mit Peitschen an- trieben. Nachdem der Hof leer war und das letzte Auto durch das 2 Tor fuhr, begann man’ aufzuräumen. Da ich ja gesund war, meldete ich mich zur Arbeit. Nach einer Stunde streute man Chlor auf den sauberen Hof und erwartete den neuen„Zugang“.‘So ging es. viele Monate, lang auf Block 7. Nach meiner Rückkehr auf den Block stellte ich fest, daß in der Zwi- schenzeit etwas Ungewöhnliches geschehen war. Der.Blockälteste und der Schreiber zankten miteinander und fuchtelten mit den _ Händen, wobei Viktor irgendeinen Zettel in der Hand hielt. Es hatte. sich herausgestellt, daß beim Vergleich der aufgeschriebenen' Num- mern mit der Liste der abgegebenen Karteikarten ein großer Irrtum - entstanden war. Man hatte dem Transportleiter eine falsche Karte ausgehändigt. Der Häftling, dessen Karte und„Todesmeldung” er. _ empfangen hatte— befand sich noch‘auf dem Block, und Dr. Krause hoffte, ihn am Leben zu behalten. Die Personalkarte des zur Ver- _ bestimmten Häftlings dagegen war in der Kartei geblieben. E In dem allgemeinen Durcheinander, welches zur Zeit der Transportvorbereitung immer herrschte, konnte man solch einen Fehler sehr leicht begehen. Das ganze Blockpersonal beriet nun, was man in diesem Falle tun sollte. Da seit der Abfahrt des letzten Autos nicht mehr als zwei Stunden verstrichen waren, beschloß man, zum Rapportführer zu gehen, den ganzen Irrtum aufzuklären und die falsche Karteikarte durch die richtige zu ersetzen. Das schien die einfachste Lösung zu sein. Viktor beruhigte sich, nahm den Beweis des unglücklichen Irrtums mit und begab sich zum Tor, wo sich die Blockführerstube befand. Er kam jedoch viel eher zurück, als man es erwartet hatte, Sein Gesicht war rot und seine Augen bewegten sich unruhig. Der Blockführer vom Dienst, SS- Rottenführer Eckhardt, begleitete ihn. " , Wo ist der lebende Tote'?" war die erste Frage des SS- Mannes. Jemand lief ihn holen und in der Zwischenzeit hielt Eckhardt. einen Vortrag: ,, Ihr seid hier alle Schafsköpfe! Wahrscheinlich ist bei euch schon eine Schraube locker! Ihr denkt wohl, daß wir SS- Männer nichts anderes zu tun haben als suchen, streichen und berichtigen. Verrückt seid ihr geworden! Formell betrachtet lebt der Häftling, dessen Karteikarte der Transportführer mitgenommen hatte, nicht mehr... Seine Todesmeldung liegt ja bereits auf der Schreibstube. Damit hier brach er ab, denn man weitere Verwicklungen vermeidet" 1 in der Tür erschien gerade der besagte Häftling, den ein Hilfspfleger führte. Es war ein junger Holländer, der zwar ziemlich abgemagert, aber sonst noch leidlich aussah. Er meldete sich vorschriftsmäßig bei Eckhardt und nahm eine stramme Haltung an. Über die Ursache seines Erscheinens hatte man ihn bis jetzt nicht aufgeklärt. ,, Du bist das? Hm... Du siehst ja ausgezeichnet aus!" Er sah ihn vom Scheitel bis zur Sohle genau an. Kehrt um!" Der Holländer machte gehorsam eine energische Kehrtwendung. ,, Erstklassig!" In der Stimme des Blockführers klang eine deutliche Anerkennung, obwohl seine Hand inzwischen die Pistole herauszog. Mach mal ein paar Kniebeugen und dreh dich nicht um!" Die Knie des Häftlings federten einige Male. Eckhardt trat näher heran und hob den Revolver. Schnell setzte er den Pistolenlauf an den Kopf des jungen Mannes und zog ab. ,, Erledigt! Jetzt braucht ihr nichts mehr zu ändern. Der Inhalt der Meldung stimmt nun mit der Wirklichkeit überein." Er steckte die Waffe ein und wandte sich an den bleichen Viktor: ,, In Zukunft erledigt allein solche Irrtümer. Durch diese dumme Angelegenheit mußte ich meinen Skat unterbrechen." Die letzten Worte wurden ganz ärgerlich gesprochen, wonach Herr Rottenführer Eckhardt gemächlich den Block verließ. 82 32 sportsehr an in Stunehen, durch sein. tums efand. Sein Blockannes. einen schon nichts Veressen hr... Damit denn fleger agert, mäßig rsache ah ihn länder deutle hert uml" näher Lauf an Inhalt steckte Cukunft genheit wurden rdt ge - Zwei Leichenträger entkleideten den Toten und trugen ihn unter die Mauer. XV. Kapitel Zu Beginn der nächsten Woche erfuhren wir auf Block 7, daß der vorgesehene Transport infolge eines Umbaues des Krematoriums und der Gaskammer' nicht in der üblichen Zeit abgehen würde. Trotzdem trafen auf dem Block ununterbrochen neue Zugänge ein, so daß die Anzahl der Kranken in Kürze zweitausend zu erreichen drohte. Es trat ein verhängnisvoller Zustand ein. Nicht der geringste Platz war vorhanden, um die Neueingelieferten auf dem Block aufzunehmen, und sogar der Hof war dermaßen mit kranken Häftlingen ausgefüllt, daß man sie schon schichtweise aufeinanderlegen mußte, Man beschloß nach einer kurzen Beratung, Viktor zum leitenden Arzt von Birkenau, dem Häftling Dr. Roman Zenkteller, zu schicken, um mit seiner Hilfe auf den Lagerältesten einen Druck auszuüben, damit er für die Kranken einen zweiten. Block bereitstellte. Dies schien eine so einfache Angelegenheit zu sein, daß man ein Hindernis auf dem Wege zur Verwirklichung dieses Vorhabens nicht erwartete. Nach einiger Zeit kehrte Viktor zurück. Dr. Roman Zenkteller und der Lagerälteste von Birkenau, der Grünpunkt- Träger Leo Wietschorek, begleiteten ihn. Dieser, ein ehemaliger Berufsverbřecher, war in Leipzig zum Tode verurteilt, ein paar Tage vor der Hinrichtung begnadigt und nach der Gründung des Auschwitzers Lagers dort hingebracht worden. Im Lager bekam er gleich einen guten Posten und verfügte über Leben und Tod der Häftlinge. Er war ein fast zwei Meter langer Kerl mit breiten Schultern, länglichem Gesicht und charakteristisch tiefer Stirn. Neben ihm sah Dr, Zenkteller etwas komisch aus. Ein kleines Männchen mit einem krummen Rücken, einer langen Nase und etwas zu langen Händen. Diese zwei Männer entschieden über das Menschenschicksal in Birkenau. Jeder Plan der SS fand in ihnen ein ausgezeichnetes Werkzeug zu seiner Verwirklichung. Nun führte Viktor diese beiden auf den Hof. Mit Mühe schlängelten sie sich durch die Menge der liegenden Kranken und gelangten zum Block. Unterwegs versuchte Viktor seine Bitte zu begründen und wies auf die liegenden Jammergestalten hin. Endlich hielten sie vor der Schreibstube des Blocks. ,, Ja... Hm... Der Block ist tatsächlich überfüllt", stellte Leo fest. ,, Aber ich habe keinen anderen Block, den ich für diesen Zweck verwenden könnte. Du mußt dir irgendwie Rat wissen." Viktor machte eine ratlose Handbewegung. 8. 83 Aber wie?" Jetzt mischte sich Dr. Zenkteller in das Gespräch ein: ,, In Auschwitz hat man schon seit längerer Zeit ein Mittel, um Überfüllungen im Krankenbau zu verhindern", sagte er vielsagend. ,, Ich verstehe nicht." ,, Du wirst es abends verstehen. Gehen wir, Leo!" Sie kehrten um und verließen den Block. Nach einer Stunde kam ein Melder aus der Blockführerstube. Der Blockführer soll sofort zum Rapportführer!" Da nun Viktor gerade abwesend war, machte sich der Schreiber Piasecki auf den Weg. Nach einer knappen Viertelstunde kehrte er mit einer finsteren Miene zurück. ,, Das soll der Teufel holen!" fluchte er schon auf der Schwelle. , Wißt ihr, was mir das Rindvieh gesagt hat?" Wir schauten ihn neugierig an. 41 ,, Also, wir sollen den Menschenüberschuß im Block auf eigene Faust beseitigen. Einen neuen Block erhalten wir nicht, die Zugänge werden weiterhin eintreffen, die Transporte sind allerdings eingestellt. Wenn es so weiter bis zum Ende der Woche geht, erreichen wir eine Anzahl von viertausend Kranken. Ich werde, verrückt." ,, Und was rät Zenkteller zu tun? Er muß sich doch um diese Angelegenheit kümmern?" bemerkte Dr. Krausé naiv. Piasecki wurde rot vor Wut. ,, Zenkteller ist noch ein viel größeres Schwein, als alle anderen SS- Männer zusammengenommen. Er macht dumme Mienen und erwähnt stets die angeblichen Auschwitzer Gebräuche. Man wird sich wohl aufhängen müssen. Wieviel Tote gibt es denn heute?" fragte er den schweigenden Bogdan. ,, Bis jetzt ungefähr hundert Mann." ,, Ein Wahnsinn! Eben benachrichtigte mich der Rapportführer, daß ein neuer Zugang zu erwarten sei. Gestern fand in allen Auschwitzer Blocks eine Auswahl statt und wieder hat man uns über dreihundert Personen zugewiesen. Gebt doch einen Rat, was zu tun ist!" In diesem Augenblick kam Viktor. Er machte sich mit der Lage vertraut, dachte einen Augenblick nach und sagte: ,, Es gibt nur einen Ausweg: Ich gehe zu Leo und gebe ihm die Binde des Blockältesten ab. Ich habe keine Absicht, auf diesem Block verrückt zu werden, und viel fehlt nicht mehr dazu." Wir gehen zusammen!" beschloß Piasecki. Und ohne ein Wort mehr zu verlieren, verließen sie den Block. Bogdan sprach noch einige Worte mit Dr. Krause, riß die Mütze vom Kopf, warf sie auf den Boden und sagte: ,, Ich gehe mit ihnen. Ich denke nicht daran, in dieser Hölleallein zu bleiben." .84 um and. ten der apber er lle. ihn ene ge einhen Anren ersich agte rer, schBreiist!" Lage die sem Lock. vom Hölle Alle drei Männer kehrten viel schneller zurück, als man es eigentlich erwartet hatte. Viktor ließ sich sorgenschwer am Tisch nieder- und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Bogdan begann in der Kartei zu kramen und Piasecki fluchte schon zum zweiten Male auf der Schwelle. ,, Bestien! Säue verfluchte! Diese Hunde möchte ich gern in meine Hände kriegen. Mit der Rasierklinge würde ich sie zerschneiden, einsalzen und sie über einem freien Feuer langsam braten." ,, Ist denn was Neues geschehen?" fragte Dr. Krause. 11 Was Neues? Nichts Besonderes! Wir hörten nur alle drei, daß ein Konzentrationslager kein Unternehmen ist, wo man einen Posten verlassen kann... Wer die Befehle nicht ausführt, wird als Saboteur behandelt. Und für die Saboteure sind die Kugeln bereit Kurz gesagt, wir erhielten den Befehl, hundert Kranke für die Spritzen auszusuchen. Am Abend kommt irgend so ein Schwein und führt die ,, Operationen" aus. Das soll ein ,, Überfüllen" verhindern." ,, Das ist ja grauenhaft!" Plötzlich erhob sich Viktor. Ich gehe und mache Läusekontrolle. Er wandte sich zu Piasecki: ,, Du sorgst dafür, daß bis sechs Uhr die Männer für die Spritzen ausgesucht sind." Er. nickte mit dem Kopf und verließ schnell den Block. Eine kurze Zeit herrschte Schweigen, dann brach Piasecki los: ,, Habt, ihr den Herrn Blockältesten gehört? Ausgerechnet jetzt hat er sich an die Läusekontrolle erinnert. Und ich soll die Leute zum Tode aussuchen. Zum Glück bin ich nicht dümmer als Viktor. Es ist mir eben eingefallen, daß der Blockälteste von Block 4 mich gebeten hatte, auf seinem Block einige Umschläge zu machen..." Er erhob sich und nahm den an der Wand hängenden VerbandsKasten. ,, Ich gehe also raus. Und du, Bogdan, sorgst dafür, daß alles in Ordnung ist." ,, Der Schlag soll dich treffen!" unterbrach ihn Glinski. ,, Ich werde ebenfalls einen Grund finden, um den Block zu verlassen. Denkt gar nicht, daß ich dümmer bin als ihr seid. Ubrigens bleibt ja noch Dr. Krause da. Es wird ihm ja viel leichter sein, eine Auswahl zu treffen als, mir. Er ist doch ein Arzt!" Dr. Krause wurde blaẞ. ,, Ich bitte euch, laßt mich nicht allein. Versteht mich doch. Ich bin Arzt. Ich soll helfen, heilen und nicht morden... und dazu bin ich noch Jude! Wenn ihr einen Befehl nicht ausführt, so werdet ihr trotzdem glimpflich davonkommen. Mich wird man sofort töten... Habt doch Erbarmen." Die Stimme des alten Arztes zitterte. Tränen traten ihm in die Augen. Piasecki blieb noch. Eine Weile schaute er auf den zitternden Arzt, dann warf er den Verbandskasten auf den Tisch: 85 ,, Ich muß feststellen, daß wir alle Schweine sind. Krause hat Recht. Ich verlasse den Block nicht!" ,, So bleibe ich auch!" beschloß Bogdan. Während der nächsten Minuten erörterte man die Lage und ver suchte einen befriedigenden Ausweg zu finden. Karcz, einer der anwesenden, bis jetzt schweigenden Häftlinge, mischte sich nun in das Gespräch ein. Er war ein ehemaliger Führer einer polnischen Refterbrigade und wurde nach einem sechswöchigen Aufenthalt im Bunker von der örtlichen Gestapo der Strafkompanie überwiesen, woher man ihn später ebenfalls auf Block 7 gebracht hatte. ,, Entschuldigt, daß ich das Wort in einer Angelegenheit ergreife, die nur das Blockpersonal angeht. Aber langsam verliere auch ich die Fassung. Denn worum geht es euch allen eigentlich? Den hundert Kranken das Leben zu retten? Nein! Retten könnt ihr sie auf keinen Fall. Es geht euch nur darum, daß ihr zum Tode dieser Menschen nicht beitragen wollt. Ja oder nein?" Ein allgemeines Kopfnicken beantwortete seine Frage. 11 Wenn ihr also die Todeskandidaten nicht wählen wollt, wenn ihr keinen Mut habt, am Morde der anderen Häftlinge mitbeteiligt zu sein, so habt doch wenigstens den Mut, dies eindeutig zu sagen. Ihr wollt ja an dieser Tat nicht teilnehmen und ich sehe auch keine Macht, die euch dazu zwingen könnte. Im schlimmsten Falle verliert ihr das Leben, aber wenigstens als Menschen und nicht als gemeine Mörder, wenn auch gezwungener Weise. Das ist doch ganz klar..." Die Stille, die nun nach diesen Worten eintrat, dauerte ziemlich lange. Sie lastete schwer auf uns allen. Endlich nahm Piasecki das Wort: ,, Du hast recht, Janek. Das ist doch tatsächlich ganz einfach, was du da gesagt hast und müßte mir eigentlich gleich eingefallen sein. Man sieht, daß ich im Lager schon ganz das klare Denken verlernt habe. Ich danke dir!" Er reichte Karcz die Hand, welche. jener fest drückte. P Die zwei Stunden, welche wir bis sechs Uhr noch zur Verfügung hatten, verbrachten wir im allgemeinen Gespräch. Dabei fiel kein Wort über das zur Frage stehende Thema. Einige Minuten vor sechs Uhr kam Dr. Zenkteller auf den Block. ,, Na, alles fertig?" Piasecki schüttelte den Kopf. ,, Nein!" ..Wieso denn? Ihr solltet doch hundert Personen für die Spritzen auswählen." Piasecki machte sich weiter an seiner Kartei zu schaffen. Was heißt ihr?" 86 at er 0- as efim en, fe, ich unauf en = nn igt en. ine erals Sch ich das ch, len ken che ung Zein chs zen Was ,, Na, ihr hier, auf dem Block." ,, Nein, Herr Doktor, wir werden niemanden auswählen!" Zenkteller schaute ihn erstaunt an. ,, Was soll das bedeuten? Meuterei?" " " ,, Keine Meuterei!" erwiderte ruhig Piasecki, ohne den Kopf von der Kartei zu heben. Es gibt einfach auf dem Block niemanden, der eine sachliche Auswahl durchführen könnte. Ich weiß in der Kartei, den Rapporten und den Meldungen Bescheid. Der Blockälteste hat seine Arbeit im Lager. Das Pflegepersonal ist dazu wenig geeignet und der einzige Arzt ist schon seit zwei Tagen krank... Außerdem richten wir uns nicht nach den Auschwitzer Gebräuchen, welche Ihnen ja so sehr gefallen. In Auschwitz ist übrigens die Auswahl eine Sache der SS- Männer und nicht der Häftlinge." ,, Aha. Ich verstehe schon. Die Herren sind zu zart veranlagt, was? Ich werde es nicht unterlassen, diesen Vorfall dem Lagerführer zu melden. Und vorläufig bitte ich, die Kranken zur Durchsicht vorzubereiten. Ich werde persönlich die Auswahl vornehmen." ". Wie Sie denken." Um halb sieben Uhr standen auf der Stube Nr. 4 hundert nackte Häftlinge, welche Dr. Zenkteller zum Tode bestimmt hatte. Alles war in unheimlicher Erwartung des Professor" Clairs, der den Kranken die todbringenden Spritzen verabreichen sollte. Gegen sieben Uhr kam aus der Blockführerstube ein Melder und brachte die Nachricht, daß Clair nicht kommen würde. Nach einer kurzen Überlegung lief Zenkteller schnell zum Rapportführer. Nach einer Viertelstunde kehrte er wieder zurück. Unter dem Arm trug er einen Sterilisator und in der Hand eine Flasche mit einer grauen Flüssigkeit. Ich sprach mit dem Rapportführer. Ich werde allein die Spritzen geben. Da ich jedoch kein Phenol habe, werde ich Lysol gebrauchen. Hoffen wir, daß alles gut gehen wird. Vier Mann brauche ich dabei zur Hilfe," Ohne ein Wort zu sagen ,, teilte ihm Piasecki vier Hilfspfleger zu. Es ging schlimmer, als Dr. Zenkteller es annahm. Das Lysol, zwar nicht schlecht, um Insekten zu töten, erwies sich jedoch zu schwach, um damit Menschen zu beseitigen. Die eingespritzte Fünf- ZentimeterDosis war gänzlich ungenügend. Die Kranken, welche die Spritzen empfangen hatten, begannen unmenschlich zu schreien. Sie fielen unter furchtbaren Schmerzen zu Boden, aus dem Munde brach ein schaumiges Blut hervor. Es entstand ein Tohuwabohu, in dem Zenkteller den Kopf gänzlich verlor. Mit der vollgepumpten Spritze lief er von einem Häftling zum anderen, um die Dosis zu ergänzen. Die restlichen Todeskandidaten liefen mit unheimlichem Geschrei auseinander. Auf 87 Nr. 4 verblieben nur ungefähr fünfzehn halbtote Menschen und Dr. Zenkteller, der mit Blut besudelt monströs aussah. Er schimpfte andauernd auf seine Gehilfen, doch nach einiger Zeit verstummten sowohl seine Schreie wie auch das Stöhnen der Sterbenden. Von einer Fortsetzung seiner ,, Arbeit" konnte keine Rede mehr sein. Übrigens hatte es auch Dr. Zenkteller satt. Bevor er den Block verließ, sagte er noch zu Piasecki: ,, Das ist gar nicht so einfach, wie es mir schien..." Man ließ ihn jedoch ohne Antwort. Er wischte seine Hände im Handtuch ab und sagte noch in der Tür: ,, Ich gehe zu Leo. Wir müssen etwas anderes ausdenken." Am nächsten Tag erfuhren wir, was diesęs ,, andere" war, Früh am Morgen erschien in Begleitung des Lagerführers Leo und Doktor Zenktellers ein Sonderkommando, das aus zwanzig Häftlingen bestand. An der Spitze dieses Kommandos stand ein berüchtigter Mörder aus dem Lager, namens Götzel. ,, Diese Männer", erklärte SS- Hauptscharführer Fitze dèm Blockältesten ,,, verbleiben auf Block 7. Sie gehören nicht zum Personal und unterstehen nur mir persönlich. All das, was die hier tun werden, geschieht auf meinen Befehl. Ihr alle, Blockältester, Vertreter und Pfleger, habt nichts zu sagen. Die zwanzig Mann erhalten dreifache Lebensmittelrationen. Verstanden?" ,, Jawohl!" Am Nachmittag desselben Tages begann Götzels ,, Arbeitskommando" zu arbeiten. Man verhängte die Hälfte der Stube 4 mit Decken und verwies alle Kranken auf andere Stuben. Dann begab sich Götzel in Begleitung von vier stämmigen Burschen seines Kommandos auf den Hof. Er ging an den einzelnen Kranken vorbei und zeigte mit dem Finger auf sie. Im nächsten Augenblick führte man sie in den abgetrennten Raum der Stube 4. Hier nahmen sie die anderen Männer des Kommandos in Empfang. Es folgte nun ein kurzer Prozeß: Ein Schlag mit dem Knüppel auf den Nacken machte den Kranken bewußtlos.. Darauf trat ein Kommandomann dem Liegenden auf die Kehle und drückte sie so lange mit dem Fuß, bis der Tod eintrat..... So hat man das Problem der Überfüllung auf Block 7 gelöst. Götzels tägliches Arbeitspensum" schwankte zwischen hundertfünfzig und zweihundert Kranken... XVI. Kapitel Symek Rosenthal war ein kleiner Handwerker in Cichenau. Die Kriegsumstände hatten ihn von einem Ort zum anderen getrieben, von einem Ghetto ins andere geworfen. Endlich landete" er mit 88 d Dr. e anmten Von sein. verde im Früh Doktor en betigter Blockrsonal er tun Verhalten skom4 mit m Burzelnen chsten ube 4. pfang. el auf Komlange gelöst. undertu. Die rieben, er mit einem großen Transport seiner Glaubensgenossen in Birkenau. Seine restliche Familie, der Vater, der Bruder und seine Frau, teilte mit ihm dasselbe Schicksal: Der ganze Transport wurde auf dem Auschwitzer Bahnhof sofort geteilt. Symek mußte nun ohne seine Familienangehörigen zu Fuß ins Lager marschieren, während der andere Teil des Transportes, so erklärte ein SS- Offizier, mit Autos ins Lager gefahren werden sollte. Im Lager bekam Symek auf die linke Hand eine Nummer tätowiert, man nahm ihm alles ab, was er besaß, schor ihm den Kopf kahl und ,, entlauste" ihn. Seine Lagerbekleidung bestand jetzt aus einem zerrissenen Lumpen, auf dessen Brustteil er einen sechszackigen Stern und einen kleinen Lappen mit derselben Nummer, die man ihm auf die Hand tätowiert hatte, annähen mußte, dann kam noch ein baumlanger SS- Mann und begann die Neuankömmlinge zu prügeln. Es war ihm gleichgültig, wen und wohin sein dicker Knüppel traf. Symek Rosenthal hatte in den vergangenen drei Jahren so manches gesehen: In den Ghettos Leichen von Menschen, welche der Hunger oder die Kugeln des SS- Mannes getötet hatten, zu Tode gemetzelte jüdische Arbeitskołonnen. Und doch hatte im Ghetto alles etwas anders ausgesehen als hier im Lager. Im Ghetto hatte er noch Glück gehabt. Man hatte ihn nicht oft geschlagen, denn immer war es ihm gelungen zu fliehen, sich irgendwo zu verbergen. Im Ghetto hatte man ja ein abgeschlossenes Häuserviertel zur Verfügung, wo doch noch andere Menschen wohnten und wo man sich überall wohl zu Hause fühlen konnte. War es denn zu verwundern, daß Symek Rosenthal im Ghetto trotz allem keine Angst verspürt hatte? Hier aber war es ganz anders. Die Baracke war dunkel und abgeschlossen. Der lange SS- Mann bearbeitete einen mit seinem dicken Knüppel und fliehen konnte man aus diesen vier Wänden nicht. Deshalb verstand Symek Rosenthal erst jetzt den Wandel seiner Lebenslage; dort, im Ghetto, war man zwar mit Mauern umgeben, aber dennoch frei. Hier, im Lager, gab es nur prügelnde SS- Männer und mißhandelte Häftlinge. Symek Rosenthal geriet das erstemal seit drei Jahren in Verzweiflung, das erstemal lernte er die Angst kennen. Nach ungefähr einer Stunde wahllosen Herumprügelns ermüdete der SS- Mann. Hier und dort lagen massakrierte Menschen. Der SS- Mann besah sich die anderen und befahl ihnen anzutreten. Keuchend fragte er, ob nun jetzt alle genau wüßten, wie es im Konzentrationslager herginge. ,, Jawohl!" antworteten alle. In der Tat war jetzt jeder über das, was ihn im Lager erwartete, genau orientiert. Der SS- Mann schritt die Front ab und wählte ungefähr dreißig Häftlinge aus, unter anderen auch Symek Rosenthal. Die mußten sich in Dreierreihen aufstellen und mit ihm nach Block 3 marschieren. 89 Dieser Block war ähnlich wie die SK und Block 7 vom restlichen Lager durch eine Mauer getrennt. Auf dem Hofe hält der SS- Mann. In einem fast väterlichen Tone erklärte er den Häftlingen, daß sie keine Furcht zu haben brauchten und daß es ihnen im Lager gut ergehen würde. Zu essen und zu trinken sollten sie ebenfalls genügend haben. Zwar würden sie zu einer unangenehmen Arbeit verwendet werden, aber bei dieser Arbeit würden sie bestimmt das Lager durchhalten. Wenn aber einem von ihnen diese Arbeit trotzdem nicht gefallen sollte, so könnte er sich ja bei ihm melden. Der Blockälteste von Block 3 trug ebenfalls einen Stern auf der Brust. Er nahm alle karteimäßig auf und sie durften jetzt auf die Stuben gehen. Auch ihr Schrecken, der SS- Mann, verschwand plötzlich, nachdem er vorher seine Rückkehr für vier Uhr morgens angekündigt hatte. Die Neuangekommenen bemerkten sofort, daß sie auf den Stuben fremde Plätze eingenommen hatten. Auf den Kojen lagen noch Decken, Bekleidung, und vor allem Lebensmittel in Mengen, wie man sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Blockälteste bemerkte dazu, daß sie alles, was sie hier vorfänden, als ihr Eigentum betrachten dürften. Das klang etwas merkwürdig, aber niemand überlegte es lange. Man stürzte sich auf das Essen, denn man hatte seit mehreren Tagen keins mehr zu sehen bekommen. Weißall diese herrbrot, Butter, Schmalz, gute Würste, Honig, Zucker lichen Genüsse waren reichlich vorhanden. Während der nächsten Stunde sprach niemand ein Wort. Alle aßen schweigend und dachten an nichts. Und dann ging jemand zum Blockältesten, um ihn zu bitten, die gefundenen Sachen anziehen zu dürfen. Der Blockälteste erlaubte es.: - Nun wurde die Bekleidung anprobiert, die Nummern und Sterne wurden angenäht. Symek Rosenthal war, zuerst mit dem Nähen fertig. Er suchte einige dicke Wolldecken zusammen und legte sich hin. Alles war ihm unverständlich. Man hatte ihn doch nicht ins. Lager gebracht, damit er sich an Weißbrot und Butter sattessen sollte. Hier war doch etwas nicht in Ordnung. Die Sachen, die sie auf dem Block gefunden hatten, konnten nicht aus dem Lager stammen. Gab es doch im ganzen Verpflegungsmagazin des Lagers kein einziges Stück Weißbrot, kein Gramm Butter, von den herrlichen Würsten ziviler Herkunft ganz zu schweigen. Zweifellos hatte er jedoch diese Sachen auf seiner Koje vorgefunden. Woher waren sie gekommen? Wer hatte sie hierhergebracht? Und wo war nun dieser Mensch? Im Augenblick, als sie den Black betraten, gab es dort niemanden zu sehen, und doch fand man in jeder Koje Spuren ihrer Bewohner. Über solchen Erwägungen schlief Symek Rosenthal ein. 90 a B2AP d d S a T e d e C S f S Z i Früh am Morgen weckte ihn ein Lärm, und kaum war er zur Besinnung. gekommen, da faßte ihn jemand am Fuß und zerrte ihn aus der. Koje, Im Halbdunkel gewahrte er die ihm bekannte Gestalt des großen SS-Mannes von gestern. In fünf Minuten waren die ‘dreißig Mann zum Antreten bereit. Es wurde abgezählt und sie mar- ‚ schierten los._:= B e Das Lager‘war noch leer. Sie durchschritten das Tor, durch. wel- . ches sie gestern das Lager betreten hatten und befanden sich. jetzt auf einem morastigen Wege.‘Nach einigen Kilometern Weges be- traten sie einen kleinen Birkenwald. Hier, verbot eine Tafel unter Todesstrafe das Betreten des Wäldchens. Sogar die SS-Männer - mußten einen besonderen Passierschein haben. Bald erblickten sie ‘ einige Häuschen, die mit Stacheldraht umgeben waren. Rings, um| den Drahtzaun standen mit Maschinenpistolen bewaffnete SS-Posten. 'Symek Rosenthal begann sich zu fürchten. Instinktiv spürte er, daß er. vor der Enthüllung eines grausigen Geheimnisses stand. Vor einem der Häuschen befahl der große SS-Mann zu halten. Gehorsam hielten alle. Der SS-Mann zog seine Pistole hervor und sagte, daß sie schon an Ort und Stelle wären. Sie würden auch - gleich mit der Arbeit. beginnen. Und wenn es jemandem nicht ge- fiele, der könnte sich bei:ihm melden! Hier wies eı bedeutsam auf seine Pistole hin. Danach teilte man die ganze Kolonne in Gruppen zu zehn Mann ein. Der SS-Mann bestimmte für jede Gruppe einen Vorarbeiter, den er für die Schnelligkeit und Genauigkeit der Arbeit “verantwortlich machte. Symek wurde der Gruppe zugeteilt, die im - Hause arbeiten sollte, vor dem sie gerade hielten.- Das Häuschen sah von außen etwas merkwürdig aus. An Stelle »der üblichen Fenster war&n. große Klappen angebracht, die wie Fen- sterläden aussahen und die man mit eisernen Schrauben schließen ‘konnte. Da, wo diese Klappen an den Öffnungen“ fest anliegen sollten, waren$ie mit Gummi versehen, der eine genaue Abdich- ‘tung gewährleistete.:;; "Auf‘das Kommando:„Zur Arbeit!’ betraten die Häftlinge unter der Führung eines SS-Mannes das Häuschen. Es war in zwei Teile geteilt. Links befand. sich eine Tür mit der Inschrift„Warteraum” -— und an der rechten Tür hing eine Tafel in drei Sprachen mit der « Inschrift„Baderaum”.:\ [%% y ©»" Symek und seine Gruppe betrat zunächst den„Warteraum.. Eine Anzahl Handkoffer lagen‘auf den Fußböden, die Bänke und Kleider- "haken waren. voll Bekleidungs- und Wäschestücken. Der SS-Mann “ befahl, das alles in einen Schuppen zu tragen, welcher sich hinter\_ dem Häuschen befand. Zur Bekräftigung seines Befehls versetzte er jemandem. einen Fußtritt in den Unterleib. Mit, einem Sprung war Symek in der gegenüberliegenden Ecke des Warteraumes. Er war : i 9 gerade im Begriff, den ersten besten Koffer zu ergreifen, als er in der Hand eines Kameraden, der mit einem großen Haufen von Anzügen und Sachen an ihm vorbeiging, eine merkwürdig bekannte Männerjacke erblickte. Er warf den Koffer hin und hielt den Vorbeigehenden an. Nervös zerrte er die abgetragene Jacke aus dem großen Bündel heraus und hielt sie ins Licht. Deutlich fühlte er, wie es ihm dunkel vor den Augen wurde, wie er nach Atem ringen mußte. Diese Jacke hatte noch gestern abend sein Vater getragen. Er schluckte den plötzlich dick gewordenen Speichel herunter und griff mit zitternder Hand in die Jackentasche. Die alte, durch jahrelangen Gebrauch abgenützte braune Geldbörse seines Vaters kam zum Vorschein. Er kannte sie gut, denn sein Vater entnahm ihr nicht nur einmal das Geld, um ihm Süßigkeiten zu kaufen oder um in späteren Jahren größere Beträge für ihn zu bezahlen. Unbeweglich, wie betäubt stand er eine längere Zeit da, ohne verstehen zu können, wie die Jacke seines Vaters hierhergekommen war. Wo ist nun sein Vater? Ein Schlag und die kreischende Stimme des SS- Mannes brachten ihn zur Besinnung. Er knickte zusammen, warf die Jacke weg und rannte mit den nächsten zwei Koffern zur Tür hinaus. Wo ist mein Vater, wo? Dies war in den nächsten Minuten der Inhalt seines Denkens. Er lief ununterbrochen in den Warteraum, trug schwere Koffer hinaus, doch diese Frage ließ ihm keine Ruhe. Die gebückte, graue Gestalt des Vaters stand vor seinen Augen, seine Stimme klang ihm in den Ohren. Wo ist er?... Der Warteraum war inzwischen leer geworden und die arbeitenden Häftlinge begaben sich in den Schuppen. Auf Befehl des SS- Mannes mußten sie Anzüge, Mäntel, Wäsche und Schuhzeug sortieren, die Taschen entleeren, die Koffer öffnen. Alles, was sich darin befand, mußten sie in entsprechende Kisten werfen; die Lebensmittel in die eine, auf welcher ,, Lebensmittel" geschrieben stand, die Seifen, Zahnpasten, Kölnisch Wasser in eine andere und die Arzneien in eine dritte Kiste. Das vorgefundene Gold, Geld und alle Kostbarkeiten mußten sie zum SS- Mann hintragen, der vor einem ziemlich großen Kästchen saẞ. Symek begann die Sachen seines Vaters herauszusuchen. Er fand sie fast alle. Plötzlich schrie ein Häftling unheimlich auf und fiel besinnungslos zu Boden. Es entstand ein Durcheinander, der SS- Mann erschien. Man goß einen Eimer Wasser auf den Kopf des Häftlings und bald er92 in Annte vös und den atte ich I in zte sie um Beeine nes ten und Er aus, Stalt den -beides zeug sich ensdie Arzalle nem fand gslos Man derlangte er die Besinnung wieder. Als er aufstand, fragte ihn der SSMann, was ihm geschehen war. Der noch halb bewußtlose Häftling platzte heraus: ,, Das sind die Sachen meines Jungen... Wo ist er? Was habt ihr mit ihm getan?" Der SS- Mann lachte auf, zog seine Pistole und gab einen Schuß ab. Er tat es mit derselben Ruhe, mit der er eine Zigarette anzünden würde. Der Häftling verstummte. Er fiel zu Boden und blutete stark. Einige Male zuckte sein Leib, er öffnete breit seinen Mund, seine Augen und blieb bewegungslos liegen. Der SS- Manň steckte die Waffe ein und sagte im gewöhnlichen Tone, als ob es einen derartigen Vorfall nicht gegeben hätte: ,, Werft ihn auf den Hof hinaus!" Seit diesem Augenblick dachte Symek Rosenthal nicht mehr darüber nach, wo sich sein Vater befinden könnte. Gedankenlos entleerte er einen Koffer nach dem anderen und verteilte mechanisch ihren Inhalt auf die einzelnen Kisten. Als diese Arbeit beendet war, befahl der SS- Mann anzutreten. Er zählte die Gruppe und begann mit der Leibes visitation. Nun kehrten sie wieder ins Häuschen zurück. Der SS- Mann hielt vor der Tür des ,, Baderaumes". ,, Alle Leichen raustragen!" Jetzt hatte niemand eine Frage mehr, niemand wunderte sich, als man die Tür geöffnet hatte. Die kahlen Wände waren weiß gestrichen und der Betonfußboden war mit einem Holzgitter bedeckt, wie es in einer Badeanstalt üblich ist. An der Decke waren kurze Rohre befestigt, die mit Duschen versehen waren. Und auf dem Fußboden. Leichen. Nackt, furchtbar verkrampft, eine auf der anderen. Aus den toten gläsernen Augen starrte Schrecken und Schmerz... Der SS- Mann machte sich wieder bemerkbar. Er schlug jemanden und begann zu schreiben. - seinen Die zitternden Hände faßten die kalten Leiber und trugen sie hinaus. Symek Rosenthal trug schon den fünften Leib auf den Hof. Nach jedem Eintreten in den ,, Baderaum" schaute er sich stumpf um. Endlich fand er beim nächsten Male, was er suchte Vater! Dieser lag auf dem Fußboden, mit anderen Leibern bedeckt. Er war etwas bläulich angelaufen, doch irgendwie anders, als die restlichen Toten. Sein langer grauer Bart bedeckte seine Brust, die Augen hatte er geschlossen. Symek Rosenthal bückte sich und nahm den Vater auf seine Arme. Er konnte keinen Gedanken fassen und bewegte sich wie hypnotisiert. Er hob den Vater an die Brust und hielt ihn fest mit beiden Armen. Vorsichtig begann er zu gehen, langsam, wie bei einem Leichenbegängnis. Als er bei dem Leichenhaufen ankam, der vor dem Häuschen aufgeschichtet war, stand er eine Weile still und suchte mit den Augen einen guten Platz. Dann legte er ihn an die Seite des ganzen Haufens, damit man niemanden mehr auf den Vater legen konnte. Béhutsam legte er den Leichnam 93 hin, schaute ihn mit Ehrfurcht einen Augenblick an und kehrte zur Arbeit zurück. Am Abend desselben Tages wurde das Geheimnis der vorgefundenen Lebensmittel und Bekleidungsstücke auf Block 3 gelüftet: Diese gehörten dem vorhergehenden Sonderkommando", welches, hundertachtzig Mann stark, eines Tages auf Autos verladen und. nach Auschwitz gefahren wurde. Dort hatte man alle auf dem Hofe des Krematoriums erschossen.. Von diesem Tage an wurde Symek Rosenthal ein anderer Mensch. Selten sprach er ein Wort und lachte nie. Dafür arbeitete er jedoch mit einer merkwürdigen Selbstverleugnung. Wenn er dagegen auf den Block zurückkehrte, legte er sich sofort schlafen. Man bezeichnete ihn deshalb als einen vorbildlichen Arbeiter des ,, Sonderkommandos". " Eines Tages erkrankte er an Typhus und wurde bei uns, das heißt auf Block 7, eingeliefert. Zugleich kam ein besonderer Befehl des Kommandoführers, Symek Rosenthal zur Vergasungsdurchsicht" nicht vorzustellen. Es dauerte nicht sehr lange, da überwand der kräftige Organismus die Krankheit und Symeks Gesundheitszustand wurde immer besser. Ich schloß nähere Bekanntschaft mit ihm und erst nach etwa zwei Wochen erfuhr ich von ihm diese Ereignisse, seine eigene selbstgeschilderte Leidensgeschichte. Seit diesen Tagen plauderten wir öfter, XVII. Kapitel Mitte Juli rief mich Viktor. ,, Ich habe dir eine unangenehme Sache mitzuteilen", begann er sofort, als ich kaum den Platz eingenommen hatte. ,, Vom 1. August wirst du zur SK zurückkehren müssen. Es ist eine Änderung eingetreten, welche den Verbleib gesunder Häftlinge auf dem Block unmöglich macht", fügte er entschuldigend hinzu. ,, Wenn es sein muß", erwiderte ich kurz. Viktor schaute mich fest an. " Wie lange bist du eigentlich schon in der SK?" ,, Fünfzehn Monate." Er kratzte sich am Kopf.. ,, Menschenskind! Hm als ob er einen Einfall hätte. ." Plötzlich blickte er mich scharf an, ,, Hast du dich schon zum Rapport gemeldet?" ,, Zu was für einem Rapport? Zum Strafrapport mußte ich vergangenes Jahr antreten. Demzufolge wurde ich eben zur SK verurteilt." 94 7„Hat:man dir die Strafzeit angegeben?“ ‚Ich schüttelte den Kopf. „Nein,“\: „An deiner Stelle würde ich mich an den Lagerführer mit der ‚Bitte wendeh, mir das Strafmaß bekänntzugeben. Es ist doch kein -"Risiko. Im schlimmsten Falle bekommst du für diese Frechheit eins auf die Zähne." N a Ich überlegte kurz. Es war bestimmt kein schlechter Gedanke. als ein weiterer Aufenthalt in der SK konnte.mich ja . nicht treffen.{ "„Wie macht man das?"- De „Ganz einfach... Ich bringe dir heute abend das Rapportbuch. Theoretisch hat doch jeder Häftling das Recht, sich persönlich an den Lagerführer zu werden, wenn er denkt, daß ihm Unrecht ge- “ schieht.....‘‘ Viktor lachte.„Ich habe ja noch nie gehört, daß jemand. sc weit gekommen wäre. Gewöhnlich verschwand er schon. unter- wegs, doch ungeächtet dessen sahen viele Ausländer, welche das Lager.besichtigten, das Rapportbuch und' waren, voller Anerken- nung für die Gerechtigkeit unserer Vorgesetzten. Hm... Du bist ja. auf meinem Block ‚und kannst deshalb so manche Instanzen um- gehen. Den Blockältesten‘und Blockführer ‚brauchst du.nicht zu be- fürchten. Und mit dem Rapportführer werde. ich schon reden, damit er dich weiter läßt... Ich.mache ihm gerade täglich Umschläge. Na also?“ RZ, ee „Bringe das Rapportbuchl“ entschloß ich mich. Abends schrieb ich auf irgendeine Seite, daß der Häftling 8214 den Lagerführer persönlich in einer Lagerangelegenheit zu sprechen wünscht. Viktor bestätigte es und fügte noch hinzu, daß die An- ‚gelegenheit nur der-Lagerführer persönlich erledigen kann. ‘Am Morgen wanderte das Rapportbuch nach Auschwitz. Die nächsten Tage verflossen jetzt‘ in nervöser Erwartung. Wird meine Bitte angenommen oder abgelehnt? Sie wurde angenommen! Eines Tages. kam ein Zettel aus der :'Schreibstube, daß"ich um zehn Uhr marschfertig beim Tor warten soll. Die besten Glückwünsche meiner Kameraden begleiteten mich,. _ als ich eine Stunde später die Auschwitzer Straße entlang mar-: ‚schierte. Im Lager teilte man mir aus der Schreibstube einen Schrei- ber, namens Kurt Makula, zu und mit ihm zusammen begab ich mich _»in den Arbeitsraum.des Lagerführers. a, Vor der Tür mußte’ ich: jedoch haltmachen. Ich‘war so gereizt 'und.nervös, daß ich keinen normalen Laut aus der Kehle heraus- _ bringen konnte. Etwas schnürte mir die Kehle zu, die Knie schlot- „terten und die Hände zitterten... a eR) Kurt verstand wohl meinen Zustand, denn er sprach nichts und klopfte mir nur auf die Schulter. Endlich beruhigte ich mich. Noch einmal wiederholte ich die Meldeform und klopfte an. Ein kurzes ,, Rein!" war die Antwort. Ich machte die Tür auf, ließ Kurt vor und trat schließlich selbst ein. Wie eine Geigensaite gespannt, nahm ich Haltung an und brachte meine Meldung so laut wie nur möglich vor, eingedenk dessen, daß solches Gebrüll das einzige Mittel ist, die Anerkennung der sogenannten ,, amtlichen Stellen" zu erzwingen. ,, Häftling 8214 meldet sich gehorsam mit der Bitte...") Aumeier, den ich aus der Zeit des Gemetzels der ,, RotpunktTräger" gut kannte, schaute mich neugierig an. ,, Na, was willst du denn?" Ich nahm mich noch einmal zusammen und schrie, daß die Scheiben dröhnten: ,, Vor fünfzehn Monaten wurde ich durch SS- Hauptsturmführer Fritsch zu fünfundzwanzig Stockschlägen und Strafkompanie verurteilt. Weil ich während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in der Strafkompanie kein neues Vergehen begangen habe, bitte ich den Zeitpunkt der Beendigung der Strafe festzusetzen.. Aumeier schaute mich wie ein Wunderding an. " ,, Was? Du hast fünfzehn Monate in der SK verbracht? Das ist ja unmöglich! Wie hast du das gemacht?" sagte er wirklich erstaunt. ,, Ich habe fleißig gearbeitet!" schrie ich wieder. Er nickte mit dem Kopf. ,, Eigentlich müßte ich dich zur Ausstellung schicken. Du bist ja eine Rarität im Lager." ,, Es gibt noch seltenere", warf ich schnell hinzu. " Tatsächlich? Gibt es noch welche, die noch länger als du in der SK sitzen?" ,, Ich kenne drei Mann: Gibs, Pilecki und Röhmer." " ,, Hm... hm.... Er notierte die drei Mann und sagte dann. ,, Na, du kannst dir den schwarzen Punkt abtrennen. Ich entlasse dich aus der SK. Aber nur deshalb, weil du dich gut geführt hast. Verstanden?" fügte er noch schnell hinzu. ,, Jawohl!" ,, Hau abl" Ich schlug die Hacken zusammen. ,, Häftling 8214 bittet abtreten. zu dürfen..." " Als ich mich auf der Lagerstraße befand, schien die Sonne heller denn je... 96