,,... besonders jetzt tu Deine Pflicht!" 11545 . besonders jetzt tu Deine Pflicht!" Für gute Mitarbeit im Freundschaftsrat der Pionierfreundschaft " Philipp Muller". Stalinschule Hartha Schuljahr 1954/55. Völker. Pionierleiterin 3... besonders jetzt tu Deine Pflicht!“ BRIEFE VON ANTIFASCHISTEN GESCHRIEBEN VOR IHRER HINRICHTUNG VVN-VERLAG GMBH- BERLIN-POTSDAM 1948. Alle Rechte, besonders die des Nachdrucks, der Übersetzung, auch auszugsweise, vorbehalten. Copyright 1948 by VVN-Vetlag G.m.b.H., Berlin- Potsdam Veröffentlicht unter Lizenz-Nr. 297. Druck:(M 807) Kommunalwirtschafts- unternehmen der Stadt Leipzig, Ratsdruckerei, Graphische Kunstanstalten. Vom Beginn der faschistischen Diktatur bis zu ihrem Zusammenbruch waren die Mauern und Anschlagsäulen unserer Städte immer wieder und wieder mit den blutigroten Bekanntmachungen bedeckt, die mitteilten, daß in der Morgenfrühe eine Hinrichtung stattgefunden habe. Das erstemal am 1. August 1933. Dann in längeren Zeitabständen, bis später, in den letzten Kriegsjahren, die Hinrichtungsmaschine in gesteigertem Tempo und zuletzt ununterbrochen arbeitete. Die Männer und Frauen unseres Landes gingen daran vorüber. Einige mit wehem und empörtem Herzen, die meisten, ohne sich Gedanken darüber zu machen, daß hier das wertvollste deutsche Blut vergossen wurde. Hinter der lakonischen Sprache der Plakate barg sich der haẞerfüllte Kampf der Reaktion gegen den Fortschritt, barg sich der Vernichtungswille der Kriegsbrandstifter, der die glühend und heiß für den Frieden und das Glück unseres Vaterlandes schlagenden Herzen zum Stillstand bringen wollte. Aber trotz aller Todesurteile sprangen immer neue Freiheitskämpfer in die von den faschistischen Henkern gerissenen Lücken. 5 Sie saßen in den Todeszellen und warteten auf ihr Ende. Kurz vor ihrem letzten Gang durften sie ihren Angehörigen schreiben. Sie erhielten ein ärmliches Stück Papier und einen Bleistift. Ihre Wächter standen hinter ihnen und trieben sie an, wenn sie für die paar letzten Worte, die man ihnen zugestand, einige Minuten länger brauchten, als vorgesehen. Angesichts des Todes entstanden hier Dokumente, die von dem unerschütterlichen Kraft- und Siegesbewußtsein der Menschen erfüllt waren, die im Kampf für eine bessere Zukunft ihr Leben eingesetzt hatten. Einfach und schlicht, klar, hart und zuversichtlich sind ihre letzten Worte. Wie ihre Erkenntnis, daß der Faschismus das Unglück der gesamten Menschheit bedeutet, so einfach und schlicht, klar, hart und zuversichtlich war ihr Wille, mit dazu beizutragen, das faschistische Regime zu stürzen. Es entstanden Dokumente von einer ergreifenden Schönheit und Menschlichkeit. Die Faschisten versuchten, unserem Volke einzureden, daß ihre Gegner Untermenschen waren, die vertilgt werden müßten. Aber aus ihren Briefen spricht die Sprache der selbstlosen und liebeerfüllten Menschen, die nie ihr eigenes Glück als den Mittelpunkt ihres Daseins betrachteten, sondern an das Glück und den Frieden des ganzen Volkes dachten und danach handelten. Manche der Briefe, aus der Qual heraus entstanden, nicht das sagen zu dürfen, was das ganze Herz erfüllte, sind darum kurz. Sie sagen nur weniges Private. Aber auch in ihnen klingt der Bekennermut des zu seiner Überzeugung Stehenden. 6 Viele dieser Briefe wurden ihren Empfängern nicht ausgehändigt, denn der faschistische Staat fürchtete auch noch die Worte der Toten. Erst nach dem Zusammenbruch sind sie aufgefunden worden. Viele dieser Briefe gingen den illegalen Weg aus dem Zuchthaus. Denn die Widerstandskämpfer, durch die harte Schule der Illegalität gegangen, suchten nach ihrer Verhaftung sofort Möglichkeiten, um die Verbindung mit ihren Angehörigen und Kampfgefährten herzustellen. Sie verbargen ihre Botschaften in den Kleidern und der Wäsche, die ihre Familien zum Reinigen holten, menschlich denkende Gefängnisbeamte und Anstaltspfarrer brachten sie unter Gefahr ihres eigenen Lebens aus den Kerkermauern. Einige Gefangene verbargen die Niederschrift ihrer letzten Gedanken in den Dielenritzen ihrer Zellen, wo sie erst nach dem Ende der Herrschaft der Gestapo gefunden wurden. In ihnen spricht das stolze Bekenntnis zu ihrem Handeln, die Mahnung an die Überlebenden, den Befreiungskampf weiterzuführen. Geschrieben zwischen Leben und Sterben, pulsiert in den Briefen der unerschütterliche Glaube an den Sieg der fortschrittlichen Kräfte. ,, Vor allem aber denke ich daran, daß die Menschheit sich im Aufstieg befindet", sagt Arvid Harnack angesichts des Galgens. ,, Besonders jetzt tu Deine Pflicht!", ruft Matthias Thesen seiner Frau kurz vor seinem Tode zu. ,, Niemand liebte die Sonne mehr als wir", bekennt Wilhelm Thews in seinem Testament. ,, Ich sterbe für eine bessere Zukunft", schreiben fast alle. 7 Sie waren keine Ausnahmemenschen. Sie waren, wie jeder andere Mensch, erfüllt von der Freude am Leben. Wie jeder andere Mensch liebten sie ihre Familie, ihre Kinder. Aber sie unterschieden sich von den anderen durch ihre handelnde, tatkräftige Liebe zu ihrem Volk, dem sie Krieg und Vernichtung und die fürchterlichen Folgen, die unvermeidlich jeden Krieg begleiten, durch ihren Kampf ersparen wollten. Wenn wir erschüttert ihre letzten Worte lesen, so soll ihr Wille, ihr Vermächtnis uns tief ins Bewußtsein dringen. Ihr heißes Bedauern, am Bau einer neuen, besseren Welt nicht mehr mitarbeiten zu können, wird uns Verpflichtung werden, das zu vollbringen, an dessen Vollendung sie nicht mehr mithelfen durften: den Aufbau eines freien glücklichen demokratischen Deutschlands. Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes 8 Bekanntmachung. Der am 20. Februar 1941 som Bollsgerianshof morgen londesverzaterine Feindbegünstigung und Borbereitung zum pochverra aum Lobe und zum dauernden Berluft der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilte 27 Babre atte Heinz Kapelle aus Berlin it herne hingerichtet morben. Berlin den Juli 1941 Der Oberreichsanwalt beim Bollsgerichtshof. BERNHARD BÄSTLEIN, namBunG Feinmechaniker Von seinen Eltern wurde Bernhard in sozia- listischem Gedankengang erzogen und schloß sich der organisierten Arbeiterbewegung an. Er war lange Zeit Redakteur an kommunisti- schen Tageszeitungen im Rheinland und in Westfalen. Im Mai 1933 wurde er nach einigen Wochen illegaler Arbeit festgenommen und erst im Frühjahr 1940 aus dem Konzentrations- lager entlassen. Nach einiger Zeit fand er die Verbindung zur Hamburger illegalen Organi- sation, die unter seiner Leitung vergrößert wurde und zielbewußt arbeitete. Im Herbst 1942 wieder verhaftet, bereitete die Gestapo seinen Prozeß vor, der ihm den Tod bringen sollte. Aus dieser Zeit stammt das nach- stehende mutige und klare Bekenntnis, das er vor der Hamburger Gestapo, unerschütterlich in seiner Überzeugung, ablegte. Bei einer Bombardierung des Gefängnisses gelang es ihm, im Januar 1944 zu entfliehen. Der Todeszelle entronnen, verbarg er sich nicht, um in sicherem Versteck den Sturz Hitlers abzuwarten. Der tatkräftige, kühne und zähe Mann fand nach Überwindung vieler Schwierigkeiten den Weg zu den illegalen Widerstandskämpfern der Saefkow-Gruppe, zu deren Leitung er dann neben Franz Jacob und Anton Saefkow gehörte. Er wurde am 19. September 1944 im Alter von 49 Jahren hingerichtet Hamburg, den 30. November 1942 Ich betrachte mich als Täter aus weltanschaulicher Überzeugung und bin deshalb gewillt, für meine Tat mannhaft einzustehen. Dabei handelt es sich bei mir nicht um eine Tat, auch nicht um eine Tat, sondern um eine auf verschiedenen Ursachen begründete fortgesetzte Handlung, die mit einer gewissen Eigengesetzlichkeit sich fortlaufend entwickelte. Die Grundlage meiner Einstellung ist meine sozialistische Erziehung im Elternhaus und in der proletarischen Jugendbewegung. Dort lernte ich die Ideen des Sozialismus kennen, für die ich während meines ganzen Lebens mannhaft und ohne Schwanken eingetreten bin. -- Meine illegale Arbeit während des letzten Jahres wurde vorwiegend von zwei Faktoren bestimmt, die meiner Bereitschaft, gegen die bestehenden Gesetze zu handeln, den entscheidenden Anstoß gaben. Der erste Faktor war meine siebenjährige Haft von 1933 bis 1940 - davon vier Jahre Konzentrationslager, während der ich entsetzliche Dinge erlebt, gesehen und gehört habe. Diese Zeit hat mir jede Möglichkeit des Zweifels in bezug auf meine weltanschauliche Grundeinstellung genommen, denn meine Überzeugung, daß eine Gesellschaftsordnung, in der solche Dinge möglich sind, wie ich sie erlebte, beseitigt werden muß, wurde dadurch grundfest gemacht, soweit das bisher noch nicht der Fall war. Der zweite Faktor war der 1939 begonnene zweite Weltkrieg, der in mir alle Erinnerungen an den Krieg 1914 bis 1918 weckte, den ich zwei Jahre als Frontsoldat vor Ypern, an der Somme, vor Verdun und an anderen Frontabschnitten der Westfront mitmachte. Er verstärkte in mir die Überzeugung, daß, solange die kapitalistische Gesellschaftsordnung besteht, es immer wieder zu solchen, alle humanitären Regungen der menschlichen Gesellschaft und ungeheure materielle Güter zerstörenden Kriegen 11 kommen wird. Ich dachte an jene Millionen Menschen, die wie damals ihr Leben auf den Schlachtfeldern ver- lieren würden. Als Kommunist bin ich der Überzeugung, daß die Wirt- schaft, die industrielle Entwicklung der Staaten, neben ihren menschlichen Reserven, den entscheidenden Anteil an der Stärke und Kriegskraft eines Volkes ausmachen. Die Verteilung der kriegswichtigen Rohstoffe, die Be- herrschung der strategisch wichtigsten Land- und See- verkehrswege sowie der geographische Raum und die geographische Lage eines Landes bilden für den Ausgang eines Krieges die entscheidenden Faktoren. Diese, Sieg oder Niederlage in einem Kriege bedingenden Faktoren sind, wie im Kriege 1914 bis 1918, auch im gegenwärtigen Kriege fast restlos auf der Seite der Gegner Deutsch- lands, so daß ich schon bei Beginn dieses Krieges eine Niederlage Deutschlands für unabwendbar hielt. Dazu kam meine Überzeugung, daß dieser Krieg trotz des zwischen Deutschland und der Sowjetunion vor Kriegs- beginn abgeschlossenen Paktes vor den Grenzen der UdSSR nicht haltmachen würde. Ich betrachte die Sowjet- union als den in Wirtschafts- und Gesellschaftsform gegenüber den kapitalistischen Staaten höchstentwickelten Staat, der in schweren, vom Zarismus als Erbe über- nommenen Kultur-, Wirtschafts- und sozialen Zuständen den ersten Versuch in der Geschichte der Menschheit unternahm, eine wahre sozialistische Gemeinschaft zu schaffen. Dieser Krieg hat auch diesen Staat in den kriegsbedingten Strudel der Vernichtung materieller, kultureller und ideeller Güter gezogen und legt auch ihm die ungeheuerlichsten Opfer an Menschen auf. Da für mich der Ausgang dieses Krieges unzweifelhaft feststeht, kam es darauf an, den die Niederlage Deutsch- lands besiegelnden Frieden so schnell als möglich herbei- zuführen, damit an die Stelle der revolutionär durch Kriegsgewalt vorwärtsgetriebenen Entwicklung wieder 12 die Evolution tritt, die auf der Grundlage des Friedens sich aufbauende Entwicklung nach den Gesetzen der Dialektik, wie sie die modernen philosophischen Systeme seit Hegel vertreten. So war meine Arbeit dazu bestimmt, so schnell wie möglich den Frieden und die Beendigung des meiner Meinung nach sinnlosen Blutvergießens herbeizuführen. Diese beiden Faktoren meine siebenjährige Haft und der Krieg waren die Triebfeder, die mich zur illegalen Arbeit anregten. Ich bin dazu weder von jemanden ,, verführt worden, noch bedurfte es dazu einer besonderen Anregung, abgesehen von der Zuspitzung der weltpolitischen Situation. Der eigentliche Anlaß, meine nach der Haftentlassung 1940 angeknüpften Bekanntschaften teilweise zu aktiver illegaler Arbeit zusammenzufassen, war die Erweiterung des Krieges im Osten gegen die Sowjetunion. Seit dem Beginn des Ostkrieges bin ich Schritt für Schritt weitergegangen, bis in Hamburg eine Leitung und eine Verbindung nach Berlin bestand. Ich werde keine Gelegenheit haben, die entsetzlichen Erlebnisse meiner siebenjährigen Haft, die einen entscheidenden Einfluß auf meinen Willen zur illegalen Arbeit hatten, im einzelnen darzulegen; ich werde trotzdem hart für meine Tätigkeit bestraft werden. Das Recht, eine harte Strafe über mich zu verhängen, ergibt sich aus den zur Zeit in Kraft befindlichen Gesetzen, die ich, da ich bewußt gegen sie verstoßen habe, nicht anerkenne. Indem ich jedoch für meine Tat einstehe, erwarte ich, daß auch nur die gesetzliche Härte einer Strafe gegen mich in Anwendung kommt und keine Auffrischung jener Methoden, die ich im Konzentrationslager sah, mich treffen wird. Sollte das dennoch der Fall sein, werde ich bemüht sein, sie ebenso mannhaft zu ertragen, wie ich für meine Tat einstehe. Bernhard Bästlein 13 AUGUST LÜTTGENS, HAMBURG Arbeiter Am 17. Juli 1932 marschierten mehr als 5000 Faschisten durch die Arbeiterviertel Hamburgs. Es kam zu lebhaften Protesten der Arbeiter und zu Zusammenstößen mit der bewaffneten SA. Dabei wurden 16 Arbeiter getötet und zwei Hitlerleute von ihren eigenen Kameraden erschossen. An diesem Tag, der als ,, Altonaer Blutsonntag" bekannt geworden ist, wurde August Lüttgens mit vielen anderen antifaschistischen Arbeitern von der Weimarer Polizei verhaftet und bei Machtübernahme Hitlers der faschistischen Justiz übergeben. Vor Gericht fand August Lüttgens die stolzen Worte: ,, Dieser Antrag, mich zum Tode zu verurteilen, ist die größte Ehre, die einem Revolutionär zuteil werden kann. Auch die Todesstrafe, die gegen mich und gegen meine Mitangeklagten beantragt worden ist, wird die antifaschistischen Arbeiter nicht vom Wege des Kampfes gegen den Faschismus abbringen." Er wurde mit drei seiner Kameraden zum Tode verurteilt und in Gegenwart von 75 politischen Gefangenen, die im Gefängnishof zusammengetrieben wurden, am 1. August 1933 hingerichtet 14 Altona, den 1. August 1933 Liebe Kinder, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, ist Euer Papa nicht mehr da, dann wurde er erledigt, laut Urteil. Also wir sollen uns nicht mehr sehen. Aber wenn Ihr größer seid und die Weltgeschichte studiert habt, dann werdet Ihr begreifen, was Euer Papa war, warum er kämpfte und starb. Auch werdet Ihr begreifen, warum er so und nicht anders handeln konnte. Nun lebt wohl und werdet Kämpfer! Es grüßt Euch Euer Papa 15 BRUNO TESCH, HAMBURG Klempner Bruno wurde als Teilnehmer am ,, Altonaer Blutsonntag" mit vielen anderen Kameraden verhaftet. Er war der jüngste der vier antifaschistischen Arbeiter, die als die ersten unschuldigen Opfer der faschistischen Blutjustiz fielen. Seine Haltung vor Gericht war, wie die seiner drei Kameraden, stolz, aufrecht und unerschrocken. Er wurde am 1. August 1933 im Alter von 20 Jahren hingerichtet 16 Liebe Käthe! Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich nicht mehr am Leben. In einer halben Stunde hat dieses Herz aufgehört zu schlagen. Wir sterben, wie wir gekämpft haben! Vergeßt uns nicht! Vergeßt uns nicht! Aus seinem Tagebuch: Euer Bruno Ich will versuchen, meine Gedanken und Gefühle während der Urteilsverkündung und den Wochen darauf zu schildern. Ich war schon ziemlich auf das Schlimmste vorbereitet, ebenso wie die anderen. Deshalb konnte ich mich bei der Urteilsverkündung auch so gut beherrschen. Erschwert wurde es mir ungemein dadurch, daß ich mich von meiner Mutter, die mich vorher besuchte, sehr innig verabschiedete. Ich habe bei der Verkündung nur ein starkes Rauschen verspürt, und da hindurch drang laut die Stimme des Richters. Nur einmal wäre es beinahe mit meiner Fassung vorbei gewesen, als ich das Weinen meiner Mutter heraushörte. Ich riß mich aber zusammen, denn ich hatte mir geschworen, den Leuten, die ja nur darauf lauerten, kein Schauspiel zu bieten. Der große Umschwung in meiner Stimmung kam erst ein paar Tage später, als die richtige Überlegung wiederkehrte. Als ich mir vorstellte, daß ich erst 20 Jahre alt bin, wirklich nichts getan hatte und dennoch zum Tode verurteilt wurde. Ich möchte wissen, wie sich das Gewissen der SA- Leute, die mich durch ihre Aussagen hineinrissen, bemerkbar machte. Und wie sie geschlafen haben, nachdem sie sich überlegt hatten, daß sie jetzt ein Menschenleben auf dem Gewissen haben. Für mich ist es ein Trost, zu wissen, daß, wenn ich hingerichtet werde, ich in der Arbeiterschaft nicht vergessen bin. Aber wenn ich mir vorstelle, wie meine liebe Mutter jetzt leiden und bangen wird, dann könnte ich wild werden. 2 17 HERMANN FISCHER, HAMBURG Arbeiter Hermann gehörte der Arbeiter- Wehrorganisation ,, Rote Marine" an. Die Wehrorganisationen der Arbeiterbewegung entstanden aus der Notwendigkeit heraus, die Uberfälle und Terrorakte der Faschisten auf Organisationen und Einrichtungen der Arbeiter abzuwehren. Die ihr Angehörigen fielen zuerst dem faschistischen Terror zum Opfer. Nach Machtübernahme Hitlers konstruierte das faschistische Gericht reihenweise Mordanschläge, die angeblich von Antifaschisten verübt wurden und verurteilte Hunderte unschuldiger Menschen zum Tode. Hermann Fischer fiel einer solchen Mordkonstruktion zum Opfer und wurde am 19. Mai 1934 hingerichtet 18 Liebe Henni, meinen Dank sage ich Dir für die Jahre, welche Du mir mit Deiner Person geschenkt hast, glückliche Jahre, die ich an Deiner Seite verleben durfte. Gemeinsam haben wir beide Freud und Leid geteilt. Ich bin stolz darauf, dieses bekennen zu können. Dank sage ich Dir für Deine Liebe, die stark genug ist, das Kommende mit Mut zu ertragen. Zu schwach wiegen Worte, um'das Glück kund- zutun, welches Du mir durch Egon und Edith gegeben hast. Meine ganzen Wünsche begleiten Dich auf Deinen ferneren Weg. Ich werfe mir nichts vor. Was ich tat, verantworte ich mit dem Höchsten, was ich habe, mit meinem Leben. Möge für Euch einst das Glück kommen, für das ich kämpfte und jetzt sterbe. Wenn ich auch falle, die Fahne wird stehen, trotzig und stark. Alle, die vor mir diesen Weg gegangen sind, sind ihn als Männer gegangen. Dasselbe werde auch ich tun. Eine Idee, welche die Einigkeit und die höchsten Ziele der gesamten Ar- beiterklasse mit ihrem eigenen Blut erkämpft, wird Ver- wirklichung finden auf dem gesamten Erdball. Euch allen ein letztes Lebewohll Hermann FIETE SCHULZE, HAMBURG Haienarbeiter Fiete war einer der populärsten und beliebtesten Männer der Hamburger Arbeiterbewegung. Er wurde als der geistige Urheber aller durch die Faschisten provozierten Zusammenstöße zwischen waffenlosen antifaschistischen Arbeitern und schwerbewaffneten SA- Kolonnen angeklagt. Während vieler Wochen versuchte man, seine verhafteten Kameraden vor Gericht zu Zeugenaussagen gegen ihn zu bewegen. Trotz Drohungen und Folterungen bekannten sie sich in öffentlicher Verhandlung zu ihm und bewiesen seine Schuldlosigkeit. Durch die gesamte Welt ging ein Schrei des Entsetzens und der Empörung, als er am 6. Juni 1935 im Alter von 40 Jahren hingerichtet wurde. 20 Schwesterlein! - - Dank für Deine Zeilen. Warum aber so kleinmütig? Du haderst mit den Verhältnissen, die Dir den Bruder nehmen. Warum willst Du nicht verstehen, daß ich dafür sterbe, daß viele nicht mehr einen frühen und gewaltsamen Tod sterben brauchen? Noch ist es nicht so, doch hilft mein Leben und Sterben es bessern. Es kann und darf nicht Eure Aufgabe sein, mein Sterben zu bejammern, denn nur dann wenn Ihr es bejammert ist es nutzlos und verfehlt. Voll erfüllt es seinen Zweck, wenn Ihr es ganz verstehen lernt. Darin kann sich all Eure Liebe und Achtung zu mir zeigen: im Verstehen und Bemühen, gleich mir zu denken und zu handeln. Je besser und je tiefer Ihr das vermögt, um so eher werden Angehörige aufhören können, die Ihren zu beweinen, die gestern und heute fielen und die morgen in noch größeren Massen fallen werden. Denn dann wird dieses Fallen aufhören, aber auch nur dann! Es muß dieses Begreifen nicht mit neuen Strömen von Blut erkauft werden. Es wird es aber, wenn dieses Begreifen nicht sehr bald eintritt. Mein Bemühen war, eine solche Katastrophe zu verhindern. Ich wurde gehindert, es fortzusetzen. Damit kann und wird jedoch die Vollendung nicht gehindert werden. Zurück läßt sich das Rad der Entwicklung nicht drehen. Die Menschen werden in kurzem begreifen lernen, daß es sich nicht einmal ungestraft aufhalten läßt. Herzliche Grüße Euch allen. Fiete 21 23 JOHANNES BECKER, KASSEL Arbeiter Johannes wurde von der faschistischen Justiz angeklagt, im Jahre 1931 bei einem Uberfall auf einen Polizisten beteiligt gewesen zu sein. Durch furchtbare Mißhandlungen erzwang die Gestapo seine Unterschrift unter ein ihn belastendes Protokoll, auf Grund dessen er, ohne bei seinem eigenen Prozeß anwesend zu sein, zum Tode verurteilt wurde. Als aufrechter Antifaschist wurde er am 12. Juli 1935 im Alter von 33 Jahren hingerichtet 22 22 - Mit dem Vorsatz, mich zu töten und aus Furcht vor der Wahrheit hat man es verstanden, mich von dem Termin, der in Leipzig stattgefunden hat, fernzuhalten, so daß es mir unmöglich war, mich vor dem Gericht zu verantworten. So aber bin ich wehrlos niedergetrampelt worden. Wenn es mir nun unmöglich gemacht wird und es mir nicht gelingt, die Wiederaufnahme des Verfahrens herbeizuführen, so bleibt mir noch der Gnadenweg offen. Aber diesen Weg und noch dazu im Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit zu gehen, erachte ich als eine Schmach. Ich will lieber den Golgathaweg der deutschen Arbeiterklasse beschreiten, den viele Arbeiter vorausgegangen sind, als um Gnade flehen. Denn ich weiß, daß dieses Opfer, das ich zu bringen bereit bin, nicht umsonst sein wird. Diese Massenhinrichtungen von deutschen Arbeitern, diese Opfer, sind die ruhmreichen Vorboten einer neuen Gesellschaftsordnung, sind die sichtbaren Zeichen einer herannahenden siegreichen proletarischen Revolution. - 23 23 24 EDGAR ANDRE, samsung Haienarbeiler Seine Kindheit und\ Jugend verlebte Edgar in Belgien. Vor dem ersten Weltkrieg schon war er Mitglied der belgischen antimilitaristi- schen Organisation„Junge Sozialistische Gar- den‘. Nach dem Kriege in Deutschland lebend, schloß er sich der Kommunistischen Partei an und wurde einer der beliebtesten Arbeiter- führer Hamburgs. Ihm galt der besondere Haß der Faschisten. Schon 1931 versuchte die SA, ihn zu ermorden. Bei Machtübernahme Hitlers wurde er sofort verhaftet. Es wurde ihm die intellektuelle Urheberschaft am„Altonaer Blutsonntag” zur Last gelegt. Sein Prozeß nahm viele Wochen in Anspruch, in welchem er restlos das Material der Anklage als falsch überführte, Durch seine vorbildliche und uner- schrockene Haltung hat sein Prozeß internatio- nalen Widerhall gefunden und stürmische Proteste in der ganzen Welt gegen das Nazi- regime ausgelöst. Er wurde am 4, November 1936 im Alter von 42 Jahren hingerichtet | 12. Juli 1936 Liebe Mutti!: „Alea jacta est!” sagt der alte Römer. Die Würfel sind gefallen. Wie Du bereits aus der Presse erfahren hast, bin ich zum Tode verurteilt. Auch dieses Urteil hat mich nicht aus der Ruhe gebracht. Im Gegenteil— nie habe ich mehr Ruhe gehabt wie jetzt. Das Urteil ist unter allen Umständen ein Fehlurteil, und deshalb ist es meine Aufgabe, die wenigen mir zur Verfügung stehenden Rechtsmittel zu benutzen. Ich spreche von Rechtsmitteln und nicht von Gnade. Ein Gnadengesuch werde ich nicht einreichen, weil ich nicht um Gnade bitte, sondern mein Recht haben will. Da nun das Gericht in letzter Instanz sein Urteil gefällt hat, so bleibt mir nur noch, nachdem ich das Urteil schriftlich vor mir liegen habe, was allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen kann, der Weg eines Wiederauf- nahmeverfahrens, und dies muß unter allen Umständen gelingen. Wie Du siehst, behalte ich wohl meine Ruhe, was nicht gleichzusetzen ist mit Resignation. Ich kann Dir leider nicht alle Gründe, die zum Urteil führten, hier schreiben. Soviel ist aber sicher, daß ich bis zum letzten Atemzug für meine Freiheit kämpfen werde. Ich habe nie den Tod gefürchtet, und auch heute bin ich nicht bange davor. Der eine stirbt im Bett, der andere auf dem Feld im Kampf, und es gehört nicht viel Philosophie dazu, um würdig zu sterben. Man hat mir auch die Ehre abgesprochen. Nun, wohl- an, Millionen Menschen betrachten mich als Ehrenmann, und das ist das Urteil, das mich stärkt und das ich an- nehme, Nur auf den Hinten schreibes Unterkraden wakethan 722 12/7 36 nburniae efangentnentalt 8: ( Unterfuchung& griênguts) Damburg 24 Culbenglacts& Balkontrolle 1033 Andre. Edgar Faŭ Bard. fenbung riderlich mit Bar Brachtung Brinchszeits Montoys. Mimos und Donnerstag von 18-17 UDr. Werannahme: Sonnabende von 11-16 Ubs. headgabe: DienBags von 14-17 Ubr. Baletenname Täglich von 9-11 Uhr, anker Sonnabende. Alle 10 Tage eta Balet im Gewicht bis 10 Btund. Bellere Gendungen( Brichödchen wfw.) werben während diefer gett mich angewen Belungen und Beitschriften dürfen nach erteilter richterlicher Genehmigung nur durch die Bascht vom Berlag d. Bellungsvertrieb bezogen werden. L. Muth, Bamburg, der 12 Juli Graine 1986 fake Alea facta Est soigt an bell Römer, die wickel time gefallen? Wie du bereits aus dur hart bin ich zum tod verwiteit worden. Auch driver urteil hat mich nicht aus meine ruke gebraucht, un Gegentel, wie habe ich, wat ruke ristig gehabt we fer. Mamlich das corteil ist unfor alle umatinate ein fehl withl und deshalb antes meine aufgafs die wenige mir noch mis noch zu norpigung stehends recht mittel " pracke zer buinzen. Ich von rechtht mest von grade. Graden genuch werde ich mint sinneaker weill bitte sonder mein recht baby ich nicht. um gnask will. Und da sap gontut in life instung sein witind gefällt soklist mismos noch wadidem it darf until sobrifftlich vorliegen haton was allerding doch 12. Pleine Reisepreis vulg Brief von Edgar André Hamburg, den 4. November 1936, 3.45 morgens Allerliebste und allertreueste Mutti! Vielen Dank noch für Deine letzten Grüße aus Paris und nun meinen Brief, der allerletzte, den ich überhaupt schreibe. Ich weiß leider nicht Deine Adresse, aber der Rechtsanwalt de Bock aus Brüssel wird Dich schon zu finden wissen. Alles, was ich denke und fühle, weißt Du; deshalb will ich auch nur diese wenigen kurzen Sätze schreiben. Daß ich bis zum Ende der alte bleibe, weißt Du; nur eins will ich noch tun, Dir danken für die zehn schönen Jahre, ja, auch die Jahre, die ich hier verbracht habe. Stets hast Du mir, einer Heldin gleich, treu, tapfer und mutig zur Seite gestanden und Dir habe ich es nun am meisten zu verdanken, daß ich bis zur letzten Stunde gerade und tapfer bleibe. Jeden erreicht das Schicksal, den einen so, den andern anders, den einen früher, den anderen später. Mein Wunsch ist es, daß Du keine Trübsal bläst, suche und finde einen treuen und tapferen Menschen, der weiterhin Dir Stütze und Freund sein soll. Du sollst keine ewige Witwe bleiben, bis zuletzt weiß ich, daß Du oft und gern an Deinen alten Freund und treuen Kameraden denken wirst. Bis zu Ende bleibe ich ein ehrlicher Kerl, habe mich bis zuletzt verteidigt und kehre ins Nichts zurück ohne irgendwelche Gewissensbisse. Lebe wohl, liebe, treue, tapfere und gute Mutti. Viele herzlichste und treueste Küsse; grüß meine Pariser Freunde. Meine letzten Gedanken sind bei Dir. Warum noch viel darüber schreiben, Du weißt, daß nur noch eins über Dir stand. Von Menschen aber bist Du mir das Höchste gewesen. Lebe wohl, glücklich, lange und froh. Noch einmal drücke ich Dich fest ans Herz, meine Augen auf Deinem vor mir liegenden Bild. Bis zuletzt Dein Edie 27 ROBERT STAMM, REM SCHEID Techniker Sein ganzes Leben war von frühester Jugend an dem Einsatz für die Befreiung der Arbeiterklasse gewidmet. Er war Reichstagsabgeordneter. Als Mitglied der illegalen Landesleitung der Kommunistischen Partei wurde er 1935 verhaftet und am 4. November 1937 im Alter von 37 Jahren hingerichtet 28 6 Berlin- Plötzensee, den 4. November 1937 Mein braver kleiner Kamerad! Weine nicht, sei stark. Du warst meine tapfere Kameradin, meine liebe gute Lebensgefährtin. Wie lieb hatten. wir uns, wie reich war der Inhalt unseres Bundes, wie schön unser Gleichschritt. Nun fordert das Schicksal meinen Tod, aber für Dich werde ich weiterleben. Denk darum nicht an meinen Tod, denke an mein Leben. Dann wirst Du erkennen, daß Du Deine ganze Kraft nicht in Trauer um mich einsetzen mußt, sondern im Willen zum Leben, damit ich in Dir weiterlebe, für Dich, für die Eltern und alle meine Lieben. Ich weiß, daß Du tapfer bist. Doch sei auch so ruhig und gefaßt, wie ich dem Tode entgegengehe. In meiner Überzeugung ruhend, von dem Bewußtsein getragen, nach bestem Bemühen und Können als Mensch meine Pflicht getan zu haben, finde ich Ruhe. Nimm Dein Herz in feste Hände, schreite weiter auf dem Wege, auf dem wir in unserem Lebensbunde so glücklich waren. Ich habe in meinem Leben gekämpft, gerungen und gehofft. Leben, kämpfen und hoffen muß der Mensch. Richte Deinen Blick vorwärts. Du bist noch jung, Du darfst noch das Ziel einer glücklichen Menschheit erleben. Grüße alle, die uns wohl gesinnt waren, die uns Freunde waren. Nimm aus glühenden Herzen meinen Gruß. Dein Robert 29 29 30 30 EUGEN WIED MAIER, STUTTGART Redakteur Eugen war ein bescheidener und zurückhaltender Mensch, der seine ganzen Fähigkeiten in der Organisierung des Kampfes gegen den Faschismus einsetzte. Als Mitglied der illegalen Leitung der Kommunistischen Partei Thüringens wurde er 1934 verhaftet und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Seiner Frau, die 10 Jahre in den deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern verbringen mußte, schrieb er seinen letzten hoffnungs- und zukunftsfreudigen Brief. Wenige Tage später wurde er am 12. März 1940 im Zuchthaus Ludwigsburg ermordet Liebste Maria! Deine lieben Zeilen fehlen mir sehr. Seit Wochen warte ich sehnlichst darauf. Sicher liegt es wieder einmal an der Vermittlung. Ich hoffe sehr, daß Du Dich wohl befindest und munter. Dies, und die Zuversicht, daß Du Ende nächsten Jahres, nach Ablauf Deiner Strafe, gesund nach Hause zurückkehren wirst, erhält Dein eigenes Leben. Ich wünsche Dir so sehr, daß Du nach all den Kümmernissen noch viel Frohes und Schönes erleben möchtest. Täglich dachte ich an Dich, denn ich bin Dir sehr verbunden. Ist unser Leben auch ein getrenntes, innerlich ist es unzerreißbar verknüpft, und seine Härte und Schwere wird durch das gemeinsame innere Frohgefühl überstrahlt und durchwärmt. Wenn Du aus meinem letzten Brief vielleicht einen traurigen Unterton herausgehört hast, so mißverstehe mich bitte nicht. Für das Leben im allgemeinen bin ich, wie immer, voller Bejahung, Hoffnung und Zuversicht. Wenn ich auch für mich selbst bei den Umständen wenig erwarte. In einer Zeit, wo die Welt neu geboren wird, wo große Dinge sich vollziehen, tritt das Einzelschicksal zurück. Vor einigen Monaten las ich ein Buch ,, Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts". Obwohl man die Geschichte nicht kalendermäßig abwickeln kann, so umschließt doch dieses Jahrhundert eine ganze Epoche, beginnend mit der französischen Revolution 1789, endend etwa mit dem Weltkrieg 1914-1918. Obwohl Vergangenes auch noch in Gegenwart und Zukunft eine Zeitlang hineinragen kann, auch wenn seine Zeit um ist, so wird doch das Resultat des 20. Jahrhunderts nicht 31 eine einfache Fortsetzung oder Art Wiedergeburt des 19. Jahrhunderts sein, sondern eine Neugeburt der Welt bringen in sozialer, politischer und kultureller Hinsicht und ganz verschieden von dem, was war. Auch für dieses Jahr muß der Winter dem Frühling weichen. Die Erwartung und Hoffnung auf den Frühling und Sommer, die Sonne und Wärme bringen werden, wird sich auch in Dir regen. Sie erfüllen des Menschen Herz immer wieder aufs neue mit Freude. Werdendes, Zukunftsträchtiges, das ist das eigentliche Leben, das ' die Menschenseele beschwingt, so sie empfänglich da- für ist. Es ist jetzt ein Uhr und die Glocken läuten. Es geht auf Ostern zu, dem Symbol der Auferstehung. Sei nun recht innig gegrüßt und geküßt Dein Eugen OTTO SCHREIBER Bäcker Der Faschismus kam an die Macht, als er noch nicht 20 Jahre alt war. Aber schon er- kannte er klar, daß der Weg Hitlers in den Krieg und die Katastrophe führen müsse, Seine zielbewußte Arbeit hetzte die Gestapo auf ihn, vor der er ins Ausland flüchtete. Als Nach- hut der deutschen Besatzungsarmeen kam auch die Gestapo in die unterdrückten Länder Europas und machte blutige Jagd auf die dort kämpfenden deutschen Antifaschisten. Otto wurde verhaftet und am 2. November 1940 im Alter von 27 Jahren hingerichtet 34 Meine lieben Eltern und Geschwister! Wenn Euch diese Zeilen erreichen, befindet sich meine Seele bereits auf der großen Reise. Ich weiß, daß ich mit diesem Brief zu keinem Trost beitragen kann. Nehmt es nicht schwerer als ich. Die Zeit wird die beste Trösterin sein. Schaut, ich verliere nichts als ein unerträgliches Sklavendasein. Leben in der Freiheit war mir der höchste Begriff. Wenn man mir die bürgerlichen Ehrenrechte absprach, so habe ich Euch dazu zu sagen: Meiner Handlungsweise. lag meine Weltanschauung zugrunde, nicht aber persön- liche Vorteile. Ich habe andere Begriffe, Ihr müßt das verstehen. Glücklich derjenige, welcher in der Gewißheit stirbt, mit seinem Leben und Sterben einen Menschheitszweck erfüllt zu haben. Darum, liebe Mutter, so hart das schei- nen mag, es muß ertragen werden. Möge Euch Euer Wille immer die Ziele erreichen lassen, die Ihr erstrebt, Schwe- ster und Brüder. Vater, Du hattest tausendmal recht, wenn Du mir sagtest: Arbeiten, nichts als arbeiten! Wenn es keine produktive Arbeit im üblichen Sinne sein konnte, so doch wenigstens eine an mir selbst. Und die besten Tage meines Lebens waren die, die ich in diesem Sinne erfüllte. Das kann ich heute ruhig sagen. Nun habe ich noch eine Stunde. Ich denke an Euch mit dankbarem Herzen. Stein sagte einmal: „Weil wir sterben müssen, wollen wir tapfer sein.“ So will ich's halten. Die letzte Stunde soll mich nicht weniger tapfer sehen als die, die einst riefen:„Allons'. Lebt wohl, liebe Eltern und Geschwister HEINZ KAPELLE, BERLIN Buchdrucker Heinz war der Leiter einer antifaschistischen Jugendgruppe, die in Neukölln mehrere Jahre arbeitete. Durch Flugblätter und Zeitungen versuchte er die Jugendlichen über Faschismus und Krieg aufzuklären. Er wurde am 1. Juli 1941 im Alter von 27 Jahren hingerichtet 36 e Liebe Mutter, lieber Vater! Ich gehe mutig und gefaßt diesen für manchen Menschen so schweren Gang. Ihr wißt, daß ich aufrichtig und ehrlich durchs Leben gegangen bin und bis zur letzten Stunde mir selbst treu bleiben werde. Es ist gewiß bedauerlich, wenn man so jung sterben muß und noch gar nichts vom Leben gehabt hat. Aber es müssen ja so viele junge Menschen ihr Leben lassen. Euch, meine lieben Eltern und allen Lieben, Euch allen, allen ein letztes Lebewohl. Es grüßt Euch herzlichst Euer Heinz 37 38 38 HANNO GÜNTHER, BERLIN Schüler Hanno besuchte vor 1933 die Rütli- Schule, an der fortschrittliche Lehrer Unterricht gaben, die die Schüler zu gesundem solidarischen Denken und Handeln erzogen. Aus ihr sind viele jugendliche Widerstandskämpfer hervorgegangen. Hanno bildete mit ehemaligen Schulkameraden eine Widerstandsgruppe, die antifaschistische Literatur verfaßte und verbreitete. Er wurde am 3. Dezember 1942 im Alter von 21 Jahren hingerichtet Liebe Mutter! Wenn Du diesen Brief erhältst, lebe ich nicht mehr. Ich hoffe und wünsche von ganzem Herzen, daß Du diese Nachricht ebenso ruhig und gefaßt aufnimmst, wie ich heute mittag die Mitteilung von meiner heute abend zu vollziehenden Hinrichtung entgegennahm. Sei überzeugt, daß ich bis zum letzten Augenblick mich in der Gewalt haben werde, und ich erwarte fest, daß auch Du nicht und niemals verzweifeln wirst, was auch kommen mag. Du schriebst einmal, wir zwei bilden eigentlich eine Einheit, und dies ist auch mein unverbrüchlicher Glaube. Diese Verbundenheit kann nun auf ewig nicht mehr getrennt werden. Bei unverdorbenen Völkern herrscht der schöne Glaube, daß man nach seinem Tode in den Schoß der Mutter zurückkehrt. Dies habe ich, wenn auch in übertragenem Sinne, zu meinem Glauben gemacht. Denn sieh, wenn es eine überirdische Macht gibt, so sind wir doch alle nur Ausdrucksformen Gottes. Mit unserem Tode vereinigen wir uns wieder mit dem Ursprung, der eine früher, der andere später. So sind auch wir von nun ab wieder unzertrennbar vereint. Wir haben alle hier auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen und meine Aufgabe ist nun erfüllt. Ich komme zu Dir zurück. Dir aber wünsche ich, daß Dir noch in einem recht langen Leben viel Gutes und Schönes beschert werde, daß Du Dir Deinen Lebensmut und Deine Lebensfreude nie rauben läßt und daß Du dereinst genau so ruhig und zuversichtlich den unvermeidbaren Gestaltwechsel vollbringst, wie ich ihn zu vollbringen hoffe. Herzlichste Grüße an Dich auf immer von Deinem Hanno 39 JOACHTM GOTTSCHALK, sentin Schauspieler war mit einer jüdischen Schauspielerin ver- heiratet. Vom Propagandaministerium wurde ihm nahegelegt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, die für die Deportation vorgesehen war. Er schied gemeinsam mit ihr aus dem Leben am 6. Dezember 1941 im Alter von 37 Jahren 40 Liebe Maurers! Für Sie ist es schwer für Euch beide laẞt mich das in dieser Stunde sagen, das ,, Du". Lest die letzten Briefe von Kleist, dann wißt Ihr, wie uns ums Herz ist. Lebt glücklich, seid bedankt und gegrüßt über Raum und Zeit von Eurem Gottschalk 41 ARVID HARNACK, BERLIN Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Dr. jur. et Dr. phil. Harnack war ein Gelehrter, der sich auf Grund seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse besonders für die sozialistische Planwirtschaft interessierte. Er bereiste Amerika und die Sowjetunion, betrieb vergleichende Studien und wurde Sozialist. Vom Beginn der Machtübernahme Hitlers ab wirkte er aufklärend unter Intellektuellen und Künstlern. Mit seinem jungen Freund Harro SchulzeBoysen organisierte er eine Widerstandsgruppe, die neun Jahre lang einen ausgedehnten Wirkungskreis in vielen Teilen Deutschlands hatte. Seine Frau Mildred, eine Amerikanerin, seine tapfere Lebensgefährtin und Mitkämpferin, mußte gleich ihm dafür ihr Leben lassen. Er wurde am 22. Dezember 1942 im Alter von 41 Jahren hingerichtet 42 N} Meine Lieben! In den nächsten Stunden scheide ich aus dem Leben. Ich möchte Euch noch einmal für alle Liebe danken, die Ihr mir erwiesen habt, gerade auch in der letzten Zeit. Der Gedanke an sie hat mir alles Schwere leicht gemacht. So bin ich ruhig und glücklich. Auch denke ich an die gewaltige Natur, mit der ich mich so verbunden fühle. Heute morgen habe ich laut vor mir hergesagt: „Die Sonne tönt in alter Weise...” Vor allem aber denke ich daran, daß die Menschheit sich im Aufstieg befindet. Das sind die drei Wurzeln meiner Kraft. Heute abend werde ich noch eine kleine Vorweihnachts- feier veranstalten, indem ich mir die Weihnachts- geschichte vorlese. Und dann kommt der Moment des Scheidens. Gern hätte ich Euch alle noch einmal gesehen, aber das geht nun leider nicht. Meine Gedanken sind aber bei Euch allen, und ich vergesse dabei keinen. Das muß jeder fühlen, besonders Mutter. Seid alle noch einmal umarmt und geküßt von Eurem Arvid Weihnachten müßt Ihr richtig feiern. Das ist mein letzter Wille. Singt dann auch:„Ich bete an die Macht der Liebe’. HARRO SCHULZE- BOYSEN, BERLIN Oberleutnant der Luftwaffe im Reichsluftfahrtministerium Der junge Harro glaubte noch vor 1933 an die Möglichkeit, an der Universität zwischen faschistischen und linksfortschrittlichen Studenten vermitteln zu können. Die Ereignisse nach dem Reichstagsbrand brachten ihn schnell zu anderer Einsicht. Im Laufe der Entwicklung wurde seine Arbeit gegen den Faschismus immer zielbewußter. Mit Arvid Harnack organisierte er in gemeinschaftlicher Arbeit die nach beiden benannte Widerstandsgruppe. In dieser Gruppe kämpften viele Männer und ihre Frauen gemeinsam gegen die Reaktion für den Fortschritt. So erlitt auch Harros Frau Libertas das gleiche Schicksal wie ihr Mann. Er wurde am 22. Dezember 1942 im Alter von 33 Jahren hingerichtet 44 Berlin- Plötzensee, den 22. Dezember 1942 Geliebte Eltern! Es ist nun soweit. In wenigen Stunden werde ich aus diesem Ich aussteigen. Ich bin vollkommen ruhig, und ich bitte Euch, es auch zu sein und es gefaßt aufzunehmen. Es geht auf der ganzen Welt um so wichtige Dinge, da ist ein Menschenleben, das erlischt, nicht mehr sehr viel. Was gewesen ist, was ich getan davon will ich nicht mehr schreiben. Alles, was ich tat, tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus, und in diesem Rahmen müßt Ihr als meine Eltern das Beste annehmen. Darum bitte ich Euch. - Dieser Tod paßt zu mir. Irgendwie habe ich immer um ihn gewußt. Es ist sozusagen mein eigener Tod, wie es einmal bei Rilke heißt. Es wird mir sehr schwer, wenn ich an Euch Lieben denke. Libertas ist mir nahe und teilt mein Schicksal zur Stunde. Ich hoffe nicht nur, ich glaube, daß die Zeit Euer Leid lindern wird. Ich bin nur ein Vorläufer gewesen in meinem teilweise noch unklaren Drängen und Wollen. Glaubt mit mir an die gerechte Zeit, die alles reifen läßt. Ich Ich denke an Vaters letzten Blick bis zuletzt. denke an die Weihnachtsträume meiner lieben kleinen Mutter. Es bedurfte dieser letzten Monate, um Euch so nahe zu kommen. Ich habe ganz heimgefunden nach so viel Sturm und Drang, nach so viel Euch fremd anmutenden Wegen. Ich denke an manchen zurück, an ein reiches und schönes Leben, von dem ich so vieles Euch verdanke, so vieles, das nie gelohnt wurde. Wenn Ihr hier wäret, unsichtbar seid Ihrs, Ihr würdet mich lachen sehen angesichts des Todes. Ich habe ihn längst überwunden. In Europa ist es nun einmal üblich, daß geistig gesät wird mit Blut. Mag sein, daß wir nur ein paar Narren waren, aber so kurz vor Toresschluß hat man wohl das Recht auf ein bißchen ganz persönliche Illusion. Ja, und nun gebe ich Euch allen die Hand und setze nachher eine( einzige) Träne hierher als Siegel und Pfand meiner Liebe. Euer Harro 45 HORST HEILMANN, BERLIN Student Der begabte 17jährige Student entschied sich trotz seiner Zugehörigkeit zur Hitlerjugend für den antifaschistischen Kampf. 1939 lernte er auf einer Studienreise in Paris durch französische Freunde sozialistische Gedankengänge kennen. Nach Berlin zurückgekehrt wird er Hörer von Harro Schulze- Boysen und bald sein enger Mitarbeiter. Er übersetzte ausländische Berichte, hörte Funksendungen ab und erwies sich bei aller Jugend von großer Umsicht und Disziplin. Vor der Gestapo zeigte er eine mutige unbeugsame Haltung. So tapfer und aufrecht wie seine gereiften und älteren Freunde nahm er das Todesurteil auf sich und wurde am 22. Dezember 1942 im Alter von 19 Jahren hingerichtet 46 Meine lieben Eltern! Noch einen Abschiedsbrief in der letzten Stunde. Seit kurzer Zeit weiß ich, daß ich den Abend nicht überleben werde. Die letzten Zeilen und die allerletzten Gedanken und Wünsche gelten Euch. Ich habe ganz und gar abgeschlossen und bin nur noch in Sorge um den Schmerz, den ich Euch gerade vor Weihnachten bereiten muß. Wenn ich wüßte, daß Ihr mir verzeihen könnt und vielleicht sogar ein wenig stolz auf mich seid, würde ich vollkommen glücklich sterben. Ich sehe nichts Tragisches in meinem Ende. Die ganze Entwicklung ist so schicksalhaft verlaufen, sie hing so völlig an Zufälligkeiten und Kleinigkeiten, daß ich sie gar nicht anders als naturhaft über Euch und mich verhängt ansehen kann. Ich habe den erhabenen Trost, daß es nicht schlecht enden kann, weil wir den Zusammenhang des Ganzen nicht kennen. Mein Leben ist so schön gewesen, daß ich die Einheit der göttlichen Harmonie auch durch meinen Tod hindurchklingen höre. Ich habe den Antrag gestellt, meine Leiche auszuliefern und ich möchte gern mit meinen Freunden bestattet werden. Für alles Liebe und Gute bin ich Euch so dankbar. Behaltet mich in der Erinnerung lieb, so lieb, wie ich Euch immer gehabt habe. Ich sterbe stark und sicher. In Liebe Euer Horst 47 ELISABETH SCHUMACHER, BERLIN Graphikerin Elisabeth war eine begabte Graphikerin, eine warmherzige Frau, die tief die schrecklichen Wunden, die der Krieg unserem Volke schlug, empfand. Als bewußte Antifaschistin schloß sie sich der Widerstandsgruppe Schulze- Boysen/ Harnack an, um mitzuhelfen, die größte Katastrophe zu verhindern. Ihre große Liebe für die leidende Menschheit brachte sie aufs Schafott. Sie wurde am 22. Dezember 1942 im Alter von 38 Jahren hingerichtet 48 Ach, Ihr Mütter! Zunächst: Die Erschütterung des Wiedersehens ließ mich nicht genügend auf Euch eingehen, obgleich ich doch in soviel Liebe und Dankbarkeit an Euch denke. Ich bin so froh, Toni, daß ich Dich wenigstens einmal sehen durfte. Durch Kurt hörte ich schon, wie tapfer und energisch Du bist. Du hast eine so unendlich schwere Aufgabe, zu der ich Dir von ganzem. Herzen die nötige Kraft wünsche. Und Du, liebe, liebe Mutter! Mein Gedanke an Dich ist nur Sorge vor allem. Ich hoffe, daß Dein armes Herz dadurch, daß Toni mehrmals mit Kurt sprechen durfte, sich wieder ein bißchen erholen konnte von dem furchtbaren Schrecken, der Dir sicherlich so sehr geschadet hat. Ein Trost ist mir, daß der tägliche Lebenskampf Euch ein wenig von dem nutzlosen Grübeln abhält. Daß Ihr so wunderbar für uns sorgt, erfüllt mich mit Rührung und Dankbarkeit. Aus jedem Ding, das Ihr uns gebt, erkennt man so stark, wie liebevoll Ihr bemüht seid und wie es Euch gelingt, Euch in unsere Lage hineinzuversetzen. Nur dürft Ihr Euch, bitte, bitte, meinetwegen nichts absparen. Seht, ich habe noch viel zuzusetzen und habe doch immer wenig gebraucht, und der Umsatz hier in der Ruhe ist doch sehr gering im Gegensatz zum aufreibenden Leben draußen. Ach, Ihr Lieben! Wie gerne würde ich Euch anders Und Euch danken, als mit solch kümmerlichem Brief. trösten. Das Schwerste für mich ist, die Ursache zu solchem großen Herzeleid zu sein. Aber ich bitte Euch alle um das eine: Schämt Euch unserer nicht. Ihr wißt, daß wir keine Untermenschen 49 50 50 - - sind, daß wir Ihr kennt die Zusammenhänge nicht unserer besten Überzeugung folgten unter Hintenansetzung von Sicherheit, Ruhe und Bequemlichkeit. Daß Ihr nun so schwer darunter zu leiden habt, ist für mich das Härteste und trifft mich viel schlimmer als mein eigenes Los. Ich habe immer so gern überall geholfen, nun kann ich das nicht mehr. Glaubt mir, das ist unsagbar schwer. Übrigens ist für mich tröstlich, daß es Herbst ist. Im Frühjahr muß das Anszimmergebundensein einem viel härter ankommen als jetzt. Es ist eine Gnade, soviel schöne Erinnerungen zu haben, und ich bitte Euch, Ihr Lieben, denkt auch Ihr oft in Dankbarkeit und nicht in Trauer an alles schöne Gemeinsame, z. B. Muttchen, an unseren wundervollen letzten Sonntag zu zu dritt im Garten. Wie selig war Kurt darüber. Ich umarme Euch in inniger Zuneigung in Liebe und Sorge Eure Elisabeth KURT SCHUMACHER, BERLIN Bildhauer Bereits als Sechzehnjähriger fand Kurt Schumacher den Weg zur Arbeiterbewegung und zum wissenschaftlichen Sozialismus. Er studierte an der Berliner Kunstakademie und war zuletzt Meisterschüler von Prof. Gieß. Nach der Entlassung seines verehrten Lehrers im Jahre 1936 verließ auch er als Protest gegen die faschistische Kunst- und Geistesunterdrückung die Kunsthochschule. Der Bildhauer Kurt Schumacher schuf eine bedeutende Anzahl sehr verinnerlichter revolutionärer Kunstwerke, von denen seine Porträts und großplastischen Arbeiten, besonders aber seine Plastik der Arbeiter, von der Gestapo vernichtet wurden. Nur einige Reliefs, wie ,, Der Totentanz" sind aus seinem Kunstschaffen erhalten geblieben. Sie beweisen, wie sehr der Künstler für seine sozialistischen Inhalte eine neue Form suchte und fand. Unablässig war er seit 1933 illegal gegen den Nazismus politisch tätig. Als Mitglied des Kopfes der Widerstandsgruppe SchulzeBoysen/ Harnack stellte er die Verbindung zu vielen Betriebsgruppen her und sorgte für Weiterleitung von Flugblatt- und anderem Propagandamaterial. Er wurde am 22. Dezember 1942 im Alter von 37 Jahren hingerichtet 52 52 Von Beruf bin ich Bildhauer, Holzschnitzer. Riemenschneider, Veit Stoß, Jörg Ratgeb waren meine großen Kollegen, vor denen ich mich voll Demut im Dunkeln beuge. Sie starben an der Seite der Bauernrevolutionäre, im Kampfe gegen Fürsten und Kirche, gegen die Reaktion. Sie konnten nicht blind mit ansehen, wie die Bauern unter der Fron zugrunde zu gehen drohten. Ihr Herz zwang sie auf die Seite der Aufständischen gegen eine Reaktion, welche die Zeit zu ihren Gunsten festhalten wollte. Deshalb sind ihre Kunstwerke auch so unendlich schön, weil sie in der Zeit standen. Denn nur die Werke der Künstler haben Weltgeltung, sind unsterblich, die im seinen Konflikten gesellschaftlichen Geschehen und standen und stehen, die eine kleine Welt in einer größeren Welt darstellen. Warum führte ich nicht ein zurückgezogenes Künstlerleben, abseits aller Politik? Weil dann eben diese Kunst nur eine kleine Geltung gehabt hätte und nicht unsterblich lebendig gewesen wäre. So sterbe ich lieber, als daß ich das belanglose Leben der Vielen, Allzuvielen gelebt hätte. Es war wenigstens ein großes Ziel. Da außerdem das Dritte Reich nur seiner Kunst den Weg freigab, der Kunst einer politisch zum Untergang verurteilten Sache, war es zwangsläufig für mich, meine künstlerische Freiheit im politischen Kampf gegen ein nicht lebensfähiges chaotisches System zu erkämpfen, getreu den mittelalterlichen Vorgängern. Kann je ein Mensch das Maß an Schmerzen, Kummer, Not, Elend und Verzweiflung ermessen, das all die Armen zu erdulden haben, weil sie an eine friedliche Ge53 553 meinschaft der Völker glauben, die mit ihrer Hände Arbeit ein menschenwürdiges Dasein schaffen können, jenseits der Barbarei des Krieges, mit den ungeheuren technischen und organisatorischen Mitteln der Neuzeit großen Wohlstand erreichend, der Friede bedeutet. Ich war nicht genügend stumpfsinnig und hatte ein zu fühlendes Herz, um nicht auch mitbestrebt zu sein, das zu erringen. Deshalb bin ich hier. „Der Mensch unterscheidet sich vom Tier da- durch, daß er denken und danach handeln kann mit eigenem Wollen. Furchtbar das Los einer menschlichen Hammelherde, die zur Schlachtbank gejagt wird, und weiß nicht'wofür.” Gefesselt, unter fast ständiger Beobachtung geschrieben. Ich weiß, daß meine, unsere Weltanschauung siegt, wenn auch wir, die kleine Vorhut, fallen. Wir hätten gern dem deutschen Volk das Härteste erspart. Unsere kleine Schar hat aufrecht und tapfer gekämpft. Wir konnten nicht feige sein. KONRAD BLENKLE, BERLIN Bäcker Ein intensives Studium der wissenschaftlichen Arbeiterliteratur führte ihn als ganz jungen Menschen in die Reihen der proletarischen Jugendbewegung. Ein hervorragender Funktionär, wurde er bald Mitglied des Reichstages für die Kommunistische Partei und war viele Jahre lang der jüngste Abgeordnete Deutschlands. Seine klaren und treffsicheren Artikel, in denen er die Aufrüstung des deutschen Monopolkapitals für einen neuen Krieg an den Pranger stellte, brachten ihn schon vor 1933 auf einige Jahre in Festungshaft. Nach der Machtübernahme Hitlers arbeitete er illegal in Schlesien und Berlin. Er ging ins Ausland, kam aber wiederholt illegal nach Deutschland zurück, um an der Organisierung von Widerstandsgruppen mitzuwirken und mit seinem klugen Rat und seiner reichen Erfahrung seine antifaschistischen Freunde im Lande zu unterstützen. 1940 wurde er in Dänemark von der Gestapo verhaftet und am 20. Januar 1943 im Alter von 41 Jahren hingerichtet 56 An sein Kind Ich muß von Dir scheiden, lebe wohl! Ich habe den letzten Nachmittag verlebt und gehe dem Ende ruhig entgegen. Als Kämpfer habe ich gelebt und werde als Kämpfer sterben. Für eine Idee eintreten zu können, ist eine große ehrenvolle Sache. Das gibt mir Kraft bis zum Letzten. Du bist der Mensch, der mir am nächsten steht. Deine Liebe und Verehrung waren für mich das Wertvollste. Wenn ich mein Leben rückschauend betrachte und Bilanz ziehe, so kann ich im großen und ganzen zufrieden sein. Aber auch ich war ein Mensch mit Schwächen und Fehlern. Trotz alledem weiß ich, daß mein Leben wertvoll war und ich Nützliches geleistet habe. Meine letzte Mahnung an Dich ist: Handle immer verantwortungsbewußt, arbeite unablässig an Deiner Vervollkommnung, schone Dich nie, wenn es um Großes geht und Du Dich einsetzen mußt! Lebe wohl und denke immer an Deinen Dich innig liebenden Vater 57 552 WILHELM THEWS, BERLIN Tiefbautechniker Nachdem Wilhelm einige Zeit Mitglied des Jung- Stahlhelms war, erkannte er, daß sein jugendlich reiner Wille, sich für ein glücklicheres Deutschland einzusetzen, für militärische Parademärsche und Eroberungsabsichten der deutschen Rüstungsindustrie miẞbraucht wurde. Er schloß sich kurz vor der Machtergreifung Hitlers der Kommunistischen Partei an und wurde einer ihrer besten Mitkämpfer. Nach dreijähriger illegaler Tätigkeit in Berlin ging er nach Spanien und kämpfte als Oberleutnant der Internationalen Brigaden auf der Seite der um ihre Freiheit ringenden spanischen Arbeiter und Bauern. Die deutschen Besatzungsmächte in Frankreich setzten einen Preis auf seinen Kopf. Wilhelm entfloh aus einem französischen Konzentrationslager und flüchtete nach Spanien. Er geriet, wie viele andere Spanienkämpfer, in die Hände der Gestapo, wurde zum Tode verurteilt und am 8. Februar 1943 im Alter von 32 Jahren hingerichtet 58 Berlin- Plötzensee, den 8. Februar 1943 Mein letzter Wille! Mein letzter Tag neigt sich dem Ende zu, und so heißt es scheiden. Scheiden von Euch, die Ihr mir so lieb waret, scheiden vom Leben, vom Kampf, den ich über alles stellte und von Euch Kameraden, die Ihr mir zur Seite standet. Und wenn ich jetzt am Ende zurückblicke auf die Zeit- auf unsere Zeit so stelle ich glücklich und zufrieden fest, daß dieses Leben schön und wert gewesen war, gelebt zu werden. Das Glück hat mich immer reich beschenkt. Mit einer herrlichen Jugend und einem friedlichen, vorbildlichen Elternhaus. Das danke ich Euch, Vater und Mutting! Sonnentage waren die Zeit, da wir Jungens wanderten oder später auf der Havel segelten. Ich danke Euch allen, Freunde in aller Welt, die Ihr mir in schönen wie in schweren Zeiten Lebensgefährten gewesen seid. Ich denke an Euch, meine lieben Drei in Danmark, an die sorglosen Tage, als wir auf dem Lille Belt fischten, und an Euch, Anneliese, Asucion, Carmen und Denise und die vielen anderen alle, deren Namen längst vergessen und deren Taten nur geblieben sind und bleiben werden. Meine Gedanken sind bei Euch, Ilse, Lene und Gerhardt, die Ihr seit langem sehnsüchtig auf Nachricht von mir wartet. Habt Dank alle, es war trotz allem doch eine schöne, herrliche Zeit! Und immer wieder hat das Leben mich vor Aufgaben gestellt und mich wählen lassen zwischen Kampf oder Verzicht. Wir haben das Leben nie verachtet, niemand, glaube ich, liebte die Sonne mehr als wir! Aber um des höheren Zieles willen haben wir es an die zweite Stelle gesetzt und an die erste Stelle den Kampf! Den Kampf unserer Zeit mit all seiner Brutalität und Gemeinheit, mit seinem Haẞ und seinem Grauen und mit der Gewißheit, 59 59 daß am Ende unserer wartet das Zuchthaus, die Kugel oder das Beil. - Und wenn ich jetzt am Ende meinen Blick nach vorne richte, so weitet sich meine Brust, denn ich sehe vor mir Eure strahlende neue Welt, für die wir gekämpft haben. Ich sehe vor mir Eure Zeit, die frei von Haß und voll Liebe ist, in der die Sonne ohne Unterlaẞ scheint. Ein weites Feld voll Arbeit, ein schöner Frühlingsmorgen der Völker bricht an. Der jahrtausendealte Traum der Menschheit wird zur Wirklichkeit ,, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". Nicht mehr das Gebet um unser täglich Brot wird Euch belasten, und Euer Kampf wird die ehrenvolle Arbeit sein, die uns Menschen zu den wahren Höhen dieser Erde führen wird. Ihr werdet kühn die Sterne vom Himmel holen, deren Glanz wir nur ahnten und deren schwacher Schein doch schon unser Leben vergoldete. Unsere Zeit wird Euch einmal ferner und fremder sein als uns die Pyramiden des alten Ägypten. Aber eins wird uns und Euch durch alle Zeit verbinden: die Freude am Leben! - Darum sollt ,, Freude, schöner Götterfunken...!" Ihr auch nicht an diesem letzten meiner Tage trauern; diese Welt, die ich hinter mir lasse, ist es nicht wert. Ihr sollt diesen Tag zu einem Fest der Freude machen in dem Bewußtsein, daß ich diesen letzten Gang mit einem freudigen Lachen geschritten bin, weil ich weiß, daß wir das Maß unserer Zeit nur füllen, damit uns der Morgen gehöre. - Ex oriente eben lux! In diesem Geist sollt Ihr immer an mich denken. So laßt mir einen Platz in Eurem Herzen, damit ich in Euch weiterlebe! Das ist mein letzter Wille! ,, Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!" Euer Wilhelm 60 60 nit 1er en, le! Im TEE E B % BELIEBEN Berlin-Plötzensee, den 8. Februar 1943 Min leiv Vater und Mudding| Draußen lacht die Sonne vom strahlend blauen Himmel, und ein frischer Ostwind jagt über die frühlingsahnende Erde. Wen: die Götter lieben, den nehmen sie jung zu sich! Und die Götter und das Glück waren trotz allem mir noch bis zum Schluß treu. Ich habe Euch noch ein- mal sehen dürfen, und an meinem letzten Tag bescherten sie mir noch dieses herrliche Wetter. Ein Omen soll mir das sein, daß die Liebe und das Licht den Tod überwinden, Ich weiß, daß es viel schwerer ist zu überleben, als sich zu opfern! Ich weiß, daß das Schicksal Euch schwer zu tragen gibt, aber ich weiß auch, daß Ihr es tragen und mich und mein Leben verstehen werdet. Man kann vom Leben nicht alles verlangen. Ihr habt alles getan, um mir das Leben schön und leicht zu machen. Eure Sorge und Liebe haben mir in schweren Stunden bei- gestanden. Ich habe mir mein Leben selbst gestaltet. Wir Thews waren immer einer großen Leidenschaft fähig gewesen. Wir sind nicht von Blume zu Blume geflogen. Wo wir einmal ja gesagt hatten, haben wir unsere ganze Leidenschaft mit Herz und Seele freudig gegeben. Mein Leben war reich an Höhen und Tiefen, es war schön. Man kann nicht alles erleben, und ich glaube, daß es ein großes Glück ist, auf der Höhe seines Lebens, in seiner Kraft gehen zu dürfen. Sicher hätte auch ich gerne noch manches erfüllt. Gerne Familie und Kinder gehabt. Nun, es hat nicht sollen sein. Darum wollen wir nicht rechten und hadern mit dem Schicksal. Die nach uns kommen, werden es vollenden. So danke ich Euch heute, wie nur ein Sohn seinen Eltern danken kann. Wenn ich heute so ruhig und 61 freudig meinen letzten Weg gehe, so doch nur, weil Ihr mir das Rüstzeug fürs Leben in jeder Lage gegeben habt. Min leiv Mudding, möchte Dir noch manches viele sagen. Aber Du weißt ja, daß meine Liebe Euch gehört. In Gedanken lege ich meinen Kopf in Deine lieben, lieben Hände, damit sie mich segnen. Deine Hände, die jahraus, jahrein für uns geschafft haben. Deine Hände, die mich so oft getröstet und mir als Kind die Tränen getrocknet haben. Liebe heilige Hände meiner Mutter. - Min leiv Vater, ich umspanne in Gedanken Deine Hand und sehe Dir in die blanken Augen. Schöpfe aus Deinen klaren Blicken Kraft und Stärke. Hol fast! Und wenn die See auch grob und hart ist. Kiek ut! Mögen alle Thews nach uns sich unserer und unserer Zeit nur mit Stolz erinnern. Laẞt Euch umarmen und fest und stark ans Herz drücken. Was von uns unsterblich ist, wird sich zu der großen Symphonie der Liebe und Freude vereinen. Unser Leben war die Überwindung des Bösen. ,, Ich hab's gesagt und nehme es nicht zurück. Leben heißt lieben, lieben ist Glück." Lebt wohl und trotz allem laßt uns das Leben und das Lachen nicht verlernen. Ich bleibe mit meinem Geist und meiner Seele bei Euch und unter Euch. Euer tiefdankbarer Sohn 62 Wilhelm boa ב JOACHIM WERBER, BERLIN Kaufmann Joachim war Jude und sollte deportiert werden. Um der brutalen Vernichtung durch die faschistischen Mordkommandos in Polen zu entgehen, wählte er den Freitod im Januar 1942. 64 Januar 1942 Ich nehme nun Abschied von allen lieben Menschen und auch von Ihnen. Meine Lebensuhr ist abgelaufen. Einen Abtransport überstehe ich nach all den Strapazen nicht mehr. Der Tod wird mein Erlöser sein. Ich möchte Ihnen dafür danken, daß Sie mir in so vielem behilflich waren. Wenn ich auf dem großen jüdischen Friedhof liegen werde, besuchen Sie mich. Kein Grabstein wird mich legitimieren, aber trotzdem war mein Leben Mühe und Arbeit. Ich gehe nun auf Hitlers Wunsch, aber einmal wird auch er ein ,, Hier ruht" sein. Sie werden es hoffentlich noch erleben. Ich muß jetzt meine große Reise antreten. Ich wünsche, daß es einmal anders gehen wird, als es sich die Hitlerburschen denken. Leben Sie wohl, ich bin ganz ruhig und drücke Ihnen nochmals die Hand. Ihr Joachim Werber 99 65 Dr. MAX JOSEPH METZGER, FREIBURG Katholischer Geistlicher Generalleiter der Christkönigsschwestern Bei dem Versuch, während des Krieges ein Memorandum nach Schweden zu bringen, das Friedensprobleme und die künftige friedliche Zusammenarbeit der Völker behandelte, wurde er verhaftet und am 17. April 1943 im Alter von 56 Jahren hingerichtet 66 Auszug aus seinen Briefen an die Christkönigsschwestern ...Ich habe in diesen Tagen viel betrachtet über den Heiligen Geist.„Pneuma“ nennt ihn die Schritt, d.h. eigentlich Hauch, Odem, auch Wind! Es ist der warme Lebensodem, der aus dem Innersten Gottes kommt. Man kann dafür auch„die strömende Liebe” sagen. Dieser Lebenshauch Gottes erfüllt das All. In ihm leben wir und bewegen wir uns. Durch ihn werden wir auch unter- einander verbunden. Es war mir anfangs schwer, die Luft der so gemischten Gemeinschaft zu atmen, aber es ist mir zum Bewußtsein gekommen, daß gerade das etwas von der Liebesgemein- schaft ist, die wir doch von Christus her besonders an- streben. Im Hauch, in dem wir alle von unserem Lebens- innersten etwas nach außen geben, verbinden wir uns, ob wir wollen oder nicht, miteinander— alle, die die gleiche Luft atmen. So ist Gottes Wille, daß wir durch das wechselseitige Ein- und Ausatmen der gleichen Luft gleichsam ineinander übergehen. Gemeinschaft pflegen! Seit ich mir das zum Bewußt- sein gebracht habe, stehe ich mit einer gewissen Freude, trotz natürlicher Hemmungen, in dieser Gemeinschafts- verbundenheit. Trotzdem habe ich noch nie im Leben es so empfunden, wie hier, wie vereinsamt wir gläubigen Christen doch eigentlich in dieser Welt stehen. Wenn ich an meine Umgebung denke, dann komme ich mir vor wie ein welt- ferner Idealist und Träumer, der in einer anderen Welt lebt. Darum ist es gut, daß man diese wirkliche Welt erlebt und sich nicht verkapselt in einem Isolierraum (unsere Gemeinschaft könnte einem als solcher vor- kommen im Vergleich mit der Umgebung, in der ich augenblicklich lebe). Wenn ich so von meiner Umge- 67 bung spreche, so denke ich dabei z. B. nicht zuletzt an den Vorsitzenden des deutschen Freidenkerverbandes, der bis vor ein paar Tagen mein Bettnachbar war. Nein! Trotz der weltanschaulichen Kluft, die uns trennte, standen wir uns doch in gegenseitiger Achtung näher als andere. Ich fand in ihm einen Charakter, der vornehm und gerecht urteilte und gute Kameradschaft pflegte. Ich möchte meinen, in ihm wirkt unbewußt etwas weiter von christlicher Erziehung vieler Jahrhunderte. Ja, ich möchte irgendwie einen solchen Menschen eher zur Gemeinde Christi rechnen, als so viele Getaufte, deren Seele unberührt geblieben ist vom heiligen ,, Pneuma" Christi. Ich habe nicht das Recht, über das jenseitige Schicksal eines Menschen zu urteilen. Jedenfalls aber ist es mein Glaube, daß ,, verloren" im eigentlichen Sinne und zur Hölle bestimmt nur ist, wer wider seine Gewissensüberzeugung stand. Wieviel Christen sind da freilich schlechter daran als die Heiden."... Nun ist es also geschehen! Ich bin ruhig! Ich habe Gott mein Leben angeboten für den Frieden der Welt und die Einheit der Kirche, er hat es angenommen. Seit Freitag bin ich nun in Brandenburg/ Görden. Es ist die letzte Station. Etwas schwerer, aber ich kämpfe halt wieder aufs neue. Was für Gedanken macht man sich in meiner Lage. Es ist gut so, daß man hoch oben wohnt, da ist man dem Himmel nahe. Ob ich ihm nahe bin? Möchte der Herr mir bis zuletzt die Gnade der Treue schenken, trotzdem das Herz was für ein lebensfrohes, lebenshungriges natürlich gegen den geistlichen Willen aufbegehrend... Aber ich will mich keinen trüben Gedanken ergeben. Sie ergeben sich nur zu leicht, wenn man in Fesseln sein und damit auch schreiben muß. Es ist nicht einfach, auch wenn man im Glauben ,, ja" sagt... Ich glaube ja auch, doch muß ich manchmal dazu sagen: Herr, hilf meinem Unglauben. - 68 ב I ! ב ב ב e 1 ב Zur Zeit lese ich ,, Die Dämonen" von Dostojewski. Es ist zwar diese Welt mir etwas fremd, aber wieviel Zeitgemäßes läßt sich aus ihm immer lernen. Amüsiert hat mich der Ausdruck: ,, Beamten- Ekstase", den ich gestern bei ihm las. Ich mußte an viele persönliche Erlebnisse denken und mußte schmunzeln. Schmunzeln ist auch eine Gnade, von der leider die Theologen nichts schreiben.... Und nun bitte ich Euch, versucht Ihr mich zu verstehen. Es ist mir leid, daß ich Euch Not und Sorgen bereitet habe. Aber ich tröste mich damit, daß ich nach bestem Gewissen meinem Volk und Vaterland zu dienen suchte. Spätere Zeiten werden mich gerechter beurteilen. Es war ja immer mein Verhängnis, daß ich der Zeit etwas voraus war und daher nicht verstanden werden konnte. Es kann aber niemand seinen Auftrag verleugnen! Wir alle haben ja solidarische Menschheitsschuld zu sühnen durch das Leid, das heute alle betrifft. Wir wollen darum tapfer und bereit unser Maß auf uns nehmen. a I t t Der Friede des Herrn sei überreich mit Euch allen Br. Paulus 69 69 HERMANN GEISEN, HOER/ Grenzhausen Keramiker Hermann stand seit frühester Jugend in den Reihen der Arbeiterbewegung. Bei Machtantritt der Faschisten mußte er vor dem Zugriff der Gestapo flüchten und seine Heimat verlassen. Er kämpfte als Kommandeur der ,, Centurio Thälmann" und später als Offizier in den Reihen der Internationalen Brigaden in Spanien, wurde verwundet und verlor ein Auge. Während des Krieges beteiligte er sich an der antifaschistischen Aufklärungsarbeit unter den deutschen Soldaten in Belgien. Er wurde verhaftet und am 21. April 1943 im Alter von 43 Jahren hingerichtet 70 Berlin-Plötzensee, den 21. April 1943 Mein Junge! Mein letzter Gruß für Dich, mein lieber, lieber Junge. Ich werde heute, an dem Geburtstage Deiner Mutter, hin- gerichtet. Am 12. Januar wurde ich vom Volksgericht wegen meiner politischen Tätigkeit gegen das 3. Reich zum Tode verurteilt. Bereuen tue ich meine Handlungen nicht, denn ich habe sie aus Überzeugung getan. Mit ruhigem festem Schritt werde ich den letzten Gang machen. Es grüßt Dich zum letzten Male Dein Vater BRIEF EINER UNBEKANNTEN JÜDIN Hier sprach ein Mensch für Millionen seiner unglücklichen Leidensgefährten, die aus allen Ländern Europas in die Ghettos Polens und Rumäniens getrieben und dort vernichtet wurden. Das letzte erschütternde Lebenszeichen einer jüdischen Frau, die wenige Tage später, Ende April 1943 vernichtet wurde 72 I . d t e Meine Teuren! Tarnopol, den 7. April 1943 Bevor ich von dieser Welt gehe, will ich Euch, meine Liebsten, einige Zeilen hinterlassen. Wenn Euch einmal dieses Schreiben erreichen wird, sind ich und wir alle nicht mehr da. Unser Ende naht. Man spürt es, man weiß es. Wir sind alle, genau so, wie die schon hingerichteten unschuldigen, wehrlosen Juden, zum Tode verurteilt. Der kleine Rest, der vom Massenmorden noch zurückgeblieben ist, kommt in der allernächsten Zeit an die Reihe. Es gibt für uns keinen Ausweg, diesem grauenvollen fürchterlichen Tode zu entrinnen. Gleich am Anfang( im Juni 1941) wurden ca. 5000 Männer umgebracht, darunter auch mein Mann. Nach sechs Wochen habe ich nach fünf Tagen langen Herumsuchens unter den Leichen( die vor der Ziegelei umgebracht und von dort nach dem Friedhof geschafft wurden) auch seine gefunden. Seit diesem Tage hat das Leben für mich aufgehört. Ich habe mir einst selbst in meinen Mädchenträumen keinen besseren und treueren Lebensgefährten wünschen können. Es waren mir nur zwei Jahre und zwei Monate vergönnt, glücklich zu sein. Und nun? Müde vom vielen Leichensuchen, war man ,, froh", auch seine gefunden zu haben, kann man diese Qualen in Worte kleiden? .. David ist ,, erledigt". Ach, wie gut geht es ihm schon. Er hat alles hinter sich. Uns erwartet noch die Todeskugel. Am 31. August begann die große Aktion. Damals verloren wir unsere geliebte, gute, aufopfernde Mutter. Man brauchte 3000 Opfer. Es handelte sich damals wieder um einen neuen Trick. Die arbeitenden Personen und deren Familien bekamen spezielle Stempel von der Polizei in ihren Arbeitsdokumenten und sollten angeblich von dieser Aktion befreit sein. Es sollte sich wieder, wie im März, um nicht arbeitsfähige Leute und Kinder handeln. Wieder suchten unsere eigenen jüdischen Ordnungsmänner in den Wohnungen und Verstecken ihre Todesopfer. Bubi und ich gingen zur Arbeit. Mama und Papa blieben zu Hause. Sie hatten ja doch die ,, Lebens73 Stempel". Wir wurden beim Grenztor nicht durchgelassen. Bubi und ich wurden auf den Platz der Opfer geführt und waren überzeugt, nicht lebend durchzukommen. Viele wurden an Ort und Stelle erschossen. Wir flüchteten, und es gelang uns zu entkommen. Ich kam glücklich ins Büro. Dort saß ich nun, und da draußen warteten Tausende auf den Tod. Ach, wie soll ich Euch das schildern? Nachmittags erfuhr ich, daß Mama und Papa auf dem Platz gesehen wurden. Ich mußte weiterarbeiten, konnte nicht helfen. Da habe ich geglaubt, verrückt zu werden. Aber man wird nicht verrückt. Dann hörte ich, daß man nichtarbeitende Frauen also bloß Hausfrauen nicht herausbekommen konnte. Sollte ich nun trauern und weinen, daß ich meine Mutter verloren oder mich freuen, daß ich noch den geretteten Vater hatte? Ich wußte es nicht. Kann man das noch begreifen? Kann man das noch verstehen? Sollten nicht normalerweise Hirn und Herz platzen? - Nun lebten wir ohne Mutter weiter. Die treue, gute Seele, das gute Mutterherz!... Inzwischen kamen die alltäglichen Sorgen und der weitere schwere Kampf ums blöde, ums sinnlos gewordene Dasein. Man mußte wieder übersiedeln, das Ghetto wurde zum anderen Male verkleinert. Denn die Wohnungen der Ermordeten waren doch nun frei geworden. Und man lebte weiter. - - Am 5. November war Sonntag. Ganz unverhofft, um 11 Uhr vormittags, wurde das Ghetto umzingelt und der Tanz begann aufs neue. Ich hatte damals besonderes ,, Glück". Ohne von einer Aktion etwas zu ahnen, bin ich zehn Minuten, bevor das sage und schreibe Ghetto umzingelt wurde, hinausgegangen. Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Verhältnisse. Man wird so abgestumpft. Wenn man von den Allernächsten jemand verlor, reagierte man kaum mehr. Man weinte nicht, man war kein Mensch mehr, ganz aus Stein, ganz ohne Gefühl Keine Nachricht machte Eindruck. Man ging sogar schon ganz ruhig zum Sterben. Die Leute auf dem Platz waren gleichgültig und ruhig. 74 26. April 1943 Ich lebe noch immer und will Euch noch schildern, was vom 7. bis zum heutigen Tage geschehen ist. Also es heißt, daß alle jetzt an die Reihe kommen. Galizien soll vollständig judenfrei gemacht werden. Vor allem soll das Ghetto bis zum 1. Mai liquidiert sein. In den letzten Tagen sind wieder Tausende erschossen worden. Bei uns im Lager war Sammelpunkt. Dort wurden die Menschen- opfer sortiert. In Petrikow schaut es so aus: Vor dem Grabe wird man ganz nackt entkleidet, muß niederknien und wartet auf den Schuß. Angestellt stehen die Opfer und warten, bis sie dran sind. Dabei müssen sie die ersten, die Erschossenen, in den Gräbern sortieren, damit der Platz gut ausgenutzt und Ordnung ist. Die ganze Prozedur dauert nicht lange. In einer halben Stunde sind die Kleider der Erschossenen wieder im Lager. Nach den Aktionen hat der Judenrat eine Rechnung von 30 000 Zloty für verbrauchte Kugeln bekommen, die zu bezahlen waren... Warum’ können wir nicht schreien, warum können wir uns nicht wehren? Wie kann man so viel unschuldiges Blut fließen sehen und sagt nichts, tut nichts und wartet selber auf den gleichen Tod? So elend, so erbarmungslos müssen wir zugrunde gehen. Glaubt Ihr, wir wollen so enden, so sterben? Nein! Nein! Wir wollen nicht! Trotz aller dieser Erlebnisse. Der Selbsterhaltungs- trieb ist jetzt oft größer, der Wille zum Leben stärker geworden, je näher der Tod ist.. Es ist nicht zu begreifen. Meine Lieben! David liegt auf dem jüdischen Friedhof. Wo Muttchen liegt, weiß ich nicht, sie wurde nach Balaec verschleppt. Wo ich begraben sein werde, weiß ich nicht. Wenn Ihr vielleicht nach dem Kriege hinkommt, dann werdet Ihr bei Bekannten erfahren, wo die Transporte aus dem Lager hingebracht wurden. Es ist nicht leicht, Ab- schied für immer zu nehmen. Lebt wohl, lebt wohl... ERIKA VON BROCKDORFF, BERLIN Sozialreferentin Einfach und schlicht, fröhlich und voller Freude am Leben, ging Erika ihren Weg. Ihr klares, aufrechtes Denken, ihre Auflehnung gegen geistigen Zwang und sinnlose Vernichtung der Menschen an der Front, führten sie in die Reihen der Widerstandskämpfer. Ernsthaftes Studium marxistischer Werke vertieften ihren Willen zur Mithilfe am Sturz der Kriegsanstifter. Sie arbeitete bis zu ihrer Verhaftung in der Schulze- Boysen/ Harnack- Gruppe. Nach dem sie erstmalig zu zehn Jahren Zuchthausstrafe verurteilt wurde, fand auf Befehl Himmlers ein neuer Prozeß statt, der das geforderte Todesurteil brachte. Sie wurde am 13. Mai 1943 im Alter von 31 Jahren hingerichtet 76 Mein Cay! Wie magst Du in diesen Tagen um mich gebangt haben. Ich habe wohl mehr an Dich gedacht, als an mich. Ich weiß, daß, wenn Du zehn Leben hättest, Du sie alle für mich hingeben würdest. Aber hier kann mir ja nun wirklich niemand helfen. Diesen Weg müssen wir alle allein gehen. Noch mein letzter Atemzug wird ein Dank an das Schicksal sein, daß ich Dich lieben und mit Dir sieben Jahre leben durfte. Ich hätte Dich so gerne noch einmal gesehen, aber da ich keinerlei Vergünstigungen haben soll, bin ich zu stolz, eine vergebliche Bitte zu tun, ebenso, wie ich auch kein Gnadengesuch geschrieben habe, weil mein Tod ja eine beschlossene Sache ist. Ich halte mit Dir Zwiesprache, mein Liebes. Eben habe ich mir von Dir das Versprechen geben lassen, daß Du nicht lange traurig sein wirst, denn Du würdest mir die Ruhe für die letzten Tage rauben, die ich doch brauche, wenn ich durch das dunkle Tor gehe. Niemand soll sagen können von mir, ohne zu lügen, ich hätte geweint und am Leben gehangen und darum gezittert. Lachend will ich mein Leben beschließen, so wie ich das Leben lachend am meisten liebte und noch liebe. Mein lieber Cay, nun will ich mich von Dir verabschieden. In dieser Not blieb uns kein Freund als Mut und schneller Tod. Sei mir zum letzten Mal gegrüßt, mein Liebes. Was ich Dir schon einmal sagen konnte, muß ich Dir auch in dieser Stunde sagen: Mein Leben war ohne Dich nichts, es hat durch Dich erst Sinn und Inhalt bekommen. Das bewährt sich jetzt. Denke ab und zu an mich, aber sei nicht traurig. Ich bin gefaßt und sehr ruhig. Es tröstet mich die Einsicht in die Notwendigkeit. Alles Gute für Dich, für Deine Zukunft. Deine Erika 77 WALTER HUSEMANN, BERLIN Werkzeugmacher und Redakteur Voll sprühenden Lebens und starker Begabung, wählte der junge Werkzeugmacher nach gründlichem Selbststudium die Laufbahn eines Redakteurs. Er war langjähriger Mitarbeiter der ,, Roten Fahne". Gemeinsam mit seinem Freund und Vater saß er bis 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach seiner Entlassung fand er die Verbindung zu den ehemaligen ,, Rote Fahne"-Redakteuren John Sieg und Wilhelm Guddorf, mit denen gemeinsam er einen Teil der illegalen Schriften der Schulze- Boysen/ Harnack- Gruppe mit Nachrichten belieferte und redigierte. In der Untersuchungshaft erregte er durch seine ungebrochene und stolze Haltung die Bewunderung seiner Mitgefangenen. Er wurde am 13. Mai 1943 im Alter von 33 Jahren hingerichtet 78 Name des Briefschreibers: Gelesen: Berlin Plögenfee, ben. Rönigsdamm 7 19_ Haus J Mein liebe Vater Sex suck! Ich erbe als was sich gelebt habe: als Klarin kampfs! Fonist leight with Kommunist z namen polange man nicht dafür zu blüter hat. Ab as wirklich eine war, deceist man erty w die Hunde der Beratung gekommen ist Ich bin es, Vases: Ich habe alles get hus mun mich zu retten, ja, wh habe meine Vergangenheit in gewins Weine verleichnet muse mich zu retten und nor allem auch um andere nicht in diese Geschichte him ein zu ziehen. Es hat sie gever wilt germützt, aber den ande – very fris die hat Das ist s Thin Tront 9 Brief von Walter Husemann Ich suche leicht weil ich wein, warm l derben min. Beiten werden in with se langse Zeit einen scheeran Ive haben. Das ist meine Überzeugung. Hert bleiben, Vats, hart! Nicht nachgeben! Deuke in fuchs schwachen Hinde an dies letzte Fordring Deines Johnses' Hally Letzte Seite des Briefes von Walter Husemann Mein lieber Vater! Sei stark! Ich sterbe, als was ich gelebt habe, als Klassenkämpfer. Es ist leicht, sich Kommunist zu nennen, solange man nicht dafür zu bluten hat. Ob man wirklich einer war, beweist man erst, wenn die Stunde der Bewährung gekommen ist. Ich bin es, Vater! Erweise Dich Deines Sohnes würdig! Überwinde den Schmerz! Du hast noch Deine Aufgabe zu erfüllen. Du hast sie doppelt und dreifach zu erfüllen, denn Deine Söhne sind nicht mehr. Armer Vater, aber auch glücklicher Vater, der seiner Idee das Beste opfern mußte, das er zu geben hatte. Der Krieg wird nicht mehr lange dauern, und dann ist Eure Stunde gekommen. Ich habe nichts zu bereuen im Leben, höchstens, nicht genug getan zu haben. Mein Tod wird aber auch wohl die versöhnen, die mit mir nicht immer einverstanden waren. Ach Vater, Du Lieber, Guter! Wenn ich nicht fürchten müßte, daß Du unter meinem Tod zusammenbrichst! Hart bleiben, hart; hart. Jetzt mußt Du beweisen, daß Deine Überzeugung nicht in einem romantischen Ideal, sondern in unerbittlicher Notwendigkeit wurzelt! Ich sterbe leicht, weil ich weiß, warum ich sterben muß. Die mich töten, werden in nicht so langer Zeit einen schwereren Tod haben. Das ist meine Überzeugung. Hart bleiben, Vater, hart, hart. Nicht nachgeben! Denke in jeder schwachen Stunde an diese letzte Forderung Deines Sohnes Walter 81 HILDE COPPI, BERLIN Sekretärin Hilde wurde gemeinsam mit ihrem Mann Hans im September 1942 als hochschwangere Frau wegen ihrer Arbeit in der SchulzeBoysen/ Harnack- Gruppe verhaftet. Einen Monat, nachdem sie ihrem Sohn Hans das Leben gegeben hatte, wurde ihr Mann hingerichtet. Auch die junge Mutter wurde zum Tode verurteilt. Hans und Hilde Coppi haben jeden Schritt ihres gemeinsamen Lebens im bewußten Einsetzen ihrer Person für die schnelle Beendigung des unser Vaterland zerstörenden Krieges getan. Sie durften den Frieden nicht mehr erleben und sich nicht lange an dem so sehr erwarteten Kinde freuen. Als es acht Monate alt war, wurde auch die junge Mutter zum Schafott geführt. Sie wurde am 5. August 1943 im Alter von 34 Jahren hingerichtet 82 ie a— DE= in bi y Meine liebe Mama, lieber Papa, Kurt und Gerdal Jetzt gehe ich den Weg, den ich mir wünschte, mit meinem großen Hans zusammengehen zu können. Aber ich hatte ja erst eine Aufgabe zu erfüllen, unser aller Gemeinsames, unseren kleinen Hans in die ersten Lebens- monate zu leiten. Vielleicht bleibt von dem Stolz und der Freude, mit der ich es tat, und die er mit der Mutter- milch zu sich nahm, etwas an ihm haften und aller unser Hoffen und Wünschen für ihn. Ihr werdet ihm Begleiter sein für den Anfang seines Lebens; daß Ihr all Eure Liebe über ihn ausstreuen werdet, weiß ich; ebenso, daß Ihr versuchen werdet, ihm Vater und Mutter nach Mög- lichkeit zu ersetzen. Um eines aber bitte ich Euch in- ständigst und bei allem, was Euch lieb und teuer ist: Verlaßt meine Mutter nicht, später nicht, nie-niemals, sie braucht Eure Liebe, Euren Beistand, Eure Hilfe am nötig- “ sten, bin ich doch tatsächlich Ihr Ein und Alles gewesen. Der kleine Hans wird ihr über vieles hinweghelfen, aber nicht über alles, und Euch wird es ebenso gehen.— Eben erhalte ich noch Eure lieben Briefe, Muttis und Deinen, Mama. Wie freue ich mich, wieviel Freude Ihr jetzt schon an unserem kleinen Sohn habt. Nun nehme ich Euch beide an die Hand, wenn ich die letzten Schritte tue. Dann wird es mir leichter. Für all Eure Liebe und Sorge um uns danken wir Euch. Wieviel schöner wäre es gewesen, wenn wir Euch den Kummer hätten ersparen können. Aber es sollte nicht sein. An alle, alle, die uns gern haben, letzte herzliche Grüße. Seid tapfer, haltet den Kopf hoch und werdet, soweit es angeht, glücklich mit unserem kleinen Hans, der einer großen und glücklichen Liebe entsprossen ist. Wir haben uns auch heute noch sehr lieb und diese Liebe über- lassen wir Euch. Eure Hilde 83 Meine Mutter, meine herzgeliebte Mutti! Nun ist es bald so weit, daß wir Abschied nehmen müssen für immer. Das Schwerste, die Trennung von meinem kleinen Hans, habe ich hinter mir. Wie glücklich hat er mich gemacht! Ich weiß ihn gut aufgehoben in Deinen treuen lieben Mutterhänden, und um meinetwillen, Mutti, versprich es mir, bleibe tapfer. Ich weiß, daß Dir das Herz brechen möchte, aber nimm es fest, ganz fest in Deine beiden Hände. Du wirst es schaffen, wie Du es immer geschafft hast, mit dem Schweren fertig zu werden, nicht wahr, Mutti? Der Gedanke an Dich und das Herzeleid, das ich Dir zufügen muß, war und ist mir der unerträglichste; daß ich Dich allein lassen muß, in dem Alter, wo Du mich am nötigsten brauchst. Kannst Du mir das je, jemals verzeihen? Als Kind, weißt Du, wenn ich immer solange wach lag, beseelte mich der eine Gedanke: vor Dir sterben zu dürfen. Und später hatte ich den einen Wunsch, der mich ständig bewußt und unbewußt begleitete: ich wollte nicht, ohne ein Kind zur Welt gebracht zu haben, sterben. Siehst Du, diese beiden großen Wünsche haben sich erfüllt, also somit mein Leben. Ich gehe nun zu meinem großen Hans. Der kleine Hans hat so hoffe ich das Beste von uns als Erbe mitbekommen. Und wenn Du ihn an Dein Herz drückst, ist Dein Kind immer bei Dir, viel näher, als ich Dir jemals sein kann. Der kleine Hans so wünsche ich hart und stark werden mit einem offenen, warmherzigen, hilfsbereiten Herzen und dem grundanständigen Charakter seines Vaters. Wir haben uns sehr, sehr lieb gehabt. Liebe leitete unser Tun. ,, Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen", sagt Goethe. - - - - soll Meine Mutter, meine einzige gute Mutter und mein kleines Hänschen, all meine Liebe ist immer ständig um Euch, sei tapfer, wie ich es auch sein will. Immer Deine Tochter Hilde 84 Student 86 WALTER KLINGENBECK, münchen am 5. August 1943 im Alter von 19 Jahren hingerichtet Walter war Mitglied einer katholischen Jungschar. Seine tiefe Erbitterung über die Auflösung der katholischen Vereine brachte ihn schnell in Gegensatz zum Faschismus. Er sammelte eine Gruppe gleichdenkender Jugendlicher um sich, die gemeinsam den Widerstand organisierten. Sie beschrieben die Straßen mit Losungen gegen den Krieg, verteilten Flugblätter und suchten die Ver- bindung zu anderen Widerstandskämpfern. Mit drei seiner Kameraden wurde er zum Tode verurteilt. Sein Brief ist an einen seiner Freunde, der begnadigt wurde, gerichtet. Er wurde München-Stadelheim, den 5. August 1943 Lieber Jonny! Vorhin habe ich von Deiner Begnadigung erfahren. Gratuliere! Mein Gesuch ist allerdings abgelehnt. Ergo gehts dahin. Nimms net tragisch. Du bist ja durch. Das ist schon viel wert. Ich habe soeben die Sakramente emp- fangen und bin jetzt ganz gefaßt. Wenn Du etwas für mich tun willst, bete ein paar Vaterunser. Leb wohl. Walter ADAM KUCKHOFF, BERLIN Schriftsteller und Dramaturg - Aus einem reichbewegten bürgerlichen Leben kommend, ging Adam Kuckhoff den Weg des sozialistischen Menschen. Ein Dichter, der die Wahrheit gestaltend suchte, wurde er ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen den Faschismus. 1933 reihte er sich sofort in eine Gruppe von Antifaschisten ein, die Arbeiter und Angestellte, Künstler und Offiziere umschloß. Im illegalen Kampf wurde sein Wort zu einer scharfen, zielsicheren Waffe gegen den Raubkrieg Hitlers. Ein Teil der flammenden Aufrufe der Schulze- Boysen/ HarnackGruppe an das deutsche Volk, sich gegen die Weiterführung des Krieges zur Wehr zu setzen, stammt aus seiner Feder. Er wurde am 5. August 1943 im Alter von 55 Jahren hingerichtet 88 Meine Gretal Ich weiß, daß es schwerer ist für Dich, als wenn Du mit mir gegangen wärest, aber ich muß mich freuen, daß Du— ich hoffe es— bleibst, für den Sohn, für alles, was nur in Dir so lebendig ist. Ich fühle es ganz klar vor- aus, ich weiß, wie Du leben wirst, wenn Du wieder in Freiheit bist. Für das, was alle Deine Briefe atmeten. Gern, und für vieles fruchtbar, hätte ich weitergelebt, so sinnlich gegenwärtig ist mir gerade heute so mancher Augenblick mit Dir, mit Euch gewesen, wie es nur sein kann, wenn man den Tod vor sich— und hinter sich hat. Aber der Sinn eines Lebens fließt aus ihm selbst, aus allem, was gewesen ist, wirklich gewesen ist, mit allem, wofür man lebte und kämpfte. Es war mit Dir, ich wiederhole es noch einmal, die volle Erfüllung. Wie viele Menschen können von sich aus sagen, daß sie glücklich gewesen sind? Was noch? Nichts blieb, so wie wir zusammengingen, von dem Größten bis zum Geringsten, ungesagt und un- getan. So war. es, als wir uns zuletzt gesehen, so ist es geblieben. Was noch in diesen Stunden zu sagen wäre, steht in den Briefen an die anderen, ich brauche es nicht zu wiederholen. Falls ich für die Deinen nicht Zeit und Raum habe, sag ihnen, wieviel sie mir, besonders auch Mutters Briefe, gewesen sind und wie glücklich ich bin, Dich ihnen erhalten zu wissen. Es ist drei Uhr. Kurz, bevor ich gehe, schicke ich Dir meinen letzten Gruß. Adam KÄTE TUCHOLLA, BERLIN Sekretärin Ihr kurzes Leben war von ununterbrochenem Kampf gegen den Krieg erfüllt. Gemeinsam mit ihrem Mann, der am gleichen Tage mit ihr hingerichtet wurde, arbeitete sie neun Jahre lang in einer Berliner Widerstandsgruppe. Wegen ihrer Unerschrockenheit konnte man ihr die schwierigsten Arbeiten anvertrauen. Sie stellte illegale Verbindungen her und sorgte für die Unterbringung illegaler Widerstandskämpfer, die aus dem Ausland zurückkehrten. Sie wurde am 28. September 1943 im Alter von 33 Jahren hingerichtet 90 An die Schwiegermutter Meine geliebte Mamal Dies werden meine letzten Zeilen an Dich sein. Bald hat alles ein Ende und ich bin dankbar dafür. Dir, meine Arme, nur eins: Sei tapfer heutel Ich bereue nichts. Viel großes Wissen nehme ich mit mir. Und Dir noch einmal: Du must leben! Du wirst über alles Niederschriften bekommen, die Zeit ist nicht mehr fern. Sieh, mein Armes, mein Leben war reich, und un- auslöschlich werde ich einst in vielen Herzen leben. Sei stark, wie ich es bin. Ich habe mein Leben der leidenden Menschheit ge- weiht, das soll Dein Trost sein. Du weißt ja nichts dar- über, aber einmal wirst Du alles hören. Dich habe ich sehr geliebt, und verzeih, daß ich Dir trotzdem soviel Kummer mache. Tröste Dich, es gibt un- sagbar viel trauernde Mütter mit Dir. Laß mir die Ruhe, die ich verdient habe. Du, mein Liebes, leb wohl! Ich gehe ein in das große Geschehen und bin froh, denn ich habe gelebt zum Werden der Menschlichkeit. In Liebe bis zur Ewigkeit Dein Kind MARTIN Redakteur WEISE, BERLIN Martin kam aus der Wandervogelbewegung. Lange Zeit war er Leiter des Erwerbslosen- ausschusses in Neukölln, wurde Bezirksver- ordneter und arbeitete als Redakteur der „Roten Fahne‘. Nach ihrem Verbot im Jahre 1933 setzte er seine Mitarbeit bei der Heraus- gabe der illegalen„Roten Fahne” fort. Dafür wurde er 1934 zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt und bis 1939 ins Konzentrationslager gebracht. Nach seiner Entlassung schloß er sich der Berliner Widerstandsorganisation an, deren Leitung er bald angehörte und die in gedanklichem Austausch der praktischen Er- fahrungen der Arbeit mit den illegalen Wider- standskämpfern in Hamburg stand. Seine Gruppe gab eine Fülle wichtiger und grund- sätzlicher Schriften heraus, unter anderem die Zeitung„Innere Front” und eine Broschüre: „Nationalsozialismus, die Herrschaftsform des Monopolkapitalismus'. Martin wurde am 15. November 1943 im Alter von 40 Jahren hingerichtet 92 Du meine liebe Frau, mein guter Kamerad! Und Ihr, meine geliebten Eltern, liebe Geschwister! Die letzte Stunde meines Lebens ist angebrochen. Leider hat man mir wenig Zeit für diese Abschiedszeilen gelassen, aber die Fesseln. Dazu ein stumpfer Blei- stift, so daß das Schreiben recht schwer ist. So muß ich das Viele, das ich gern noch in einigen Stunden zu Euch gesagt hätte, in wenige Worte zu fassen suchen. Es ist gut, das alles Wesentliche bereits in unseren letzten Briefen enthalten war, so daß ich das alles nicht noch einmal zu wiederholen brauche. Vor mir liegen Eure so lieben Abschiedsbriefe, vor mir liegt Dein Bild, mein liebes Weib, das ich bis zur letzten Minute vor Augen haben werde. Vor meinen Augen steht auch Ihr alle, meine Lieben. Vor meinem Geist aber steht vor allem bis zu meinem Verlöschen das Schöne und Große, was mir mein Leben wertvoll gemacht hat, stehen alle Lieben, die mit mir in den letzten Jahren so eng verbunden waren. Dir, mein gutes Kerlchen, will ich vor allem noch sagen, daß Deine ganze Größe noch nie so stark zu mir gesprochen hat, wie in wachsendem Maße aus Deinen letzten Briefen, aus denen ich die frohe Gewißheit mit- nehmen kann, daß Du Dich aus dem niederschmetternden Schlag, der Dich jetzt trifft, wieder zu einem neuen Leben, zu neuer Kraft, Gutes zu wirken, zurückfinden wirst. Wenn es auch noch so schwer wird, ich weiß, Du wirst es um meinetwillen schaffen. Das ist das Schönste, was ich aus Deinem Brief entnehmen kann, der so ganz aus unserem gemeinsamen Geist heraus geschrieben ist. Das ist es auch, was den Tod leicht macht, bei allem Bedauern darüber, daß noch so vieles ungetan bleibt. Nämlich das Wissen, daß das Wertvolle, das ich wirken konnte, bleibt— nicht nur-in Eurem Gedächtnis, sondern als weiterwirkendes Tun. Es ist etwas Eigenartiges um diesen, Deinen letzten Brief. Das, was ich selbst in den Mittelpunkt meiner letzten Zeilen stellen wollte, steht dort bereits als Leit- gedanke. Jene Zeilen aus Goethes Türmergedicht. Nichts hätte besser zeigen können, wie sehr wir in diesen Jahren in unserem Empfinden eins geworden sind. Diese Genugtuung erfüllt mich ganz. Mag in meinem Leben manches Irren, mag darin viel Unzulänglichkeit gewesen sein. Immer war es erfüllt, und ich habe es voll ausgekostet. Nun mahnt man schon— es ist soweit! Den Dank brauche ich Euch allen nicht noch einmal für Eure tausendfältige Liebe auszusprechen. Für Euch muß das Leben weitergehen. Dir, mein Liebes, würde ich noch einmal einen guten Kameraden wünschen, so absurd Dir das in diesem Augenblick klingen mag. Und nun möchte ich Euch alle für die schwere Zeit der nächsten Zukunft so stark wissen, wie Ihr, liebe Mutter und liebe Greti, Euch beim letzten Besuch gezeigt habt. In diesem Sinne Euch allen, allen die letzten innigen Grüße und Küsse von Eurem Martin mal CHARLOTTE GARSKE, BERLIN Kontoristin Charlotte und ihr Mann Erich Garske waren führende Mitglieder einer Widerstandsgruppe, die von Berlin aus mit Widerstandskämpfern des Ruhrgebiets und der holländischen Emi- gration arbeitete. Im Ruhrgebiet und Berlin erschien eine Fülle von Flugblättern und her- vorragenden Zeitungen, wie der„Friedens- kämpfer“ und das„Ruhr-Echo”, an deren Re- daktion und Ausgestaltung beide einen großen Anteil hatten. Charlottes Brief ist an ihren fünfzehnjähri- gen Sohn gerichtet. Sie teilte das Schicksal ihres Mannes und wurde am 16. Dezember 1943 im Alter von 37 Jahren hingerichtet 96 en e, ID miLin Meine Liben! for ist burz vor dem Sang.& vird mr besonders swer wenn ich an Poh danke ich hoffe aber, daß er weis, was er schuldig ish and bile bich alle in him, daß er eine vermifliger Man wird. Ihr alle rift, was ich i Luben geweren bin und darines ist mine allas so imfuplus. Aber wenn es ist gewaltiger als das thicksal, so ist's dir lust des inerplisses rägt. saltet kuch das immer für vertigen, entragt the sinch dieses gouse. Raw erS- Leen risal tet 7 Brief von Charlotte Garske Meine Lieben! Es ist kurz vor dem letzten Gang. Es wird mir besonders schwer, wenn ich an meinen Sohnemann denke, ich hoffe aber, daß er weiß, was er uns schuldig ist und bitte Euch, alles zu tun, daß er ein vernünftiger Mann wird. Ihr alle wiẞt, was ich im Leben gewesen bin und darum ist mir alles so unfaßbar. Aber ,,, wenn etwas ist gewaltiger als das Schicksal, so ist's der Mut, der's unerschüttert trägt." Haltet Euch das immer vor Augen, dann ertragt Ihr auch dieses ganze Schwere. Mein lieber Sohnemann, vergiß niemals, was wir Dir waren. Immer, wenn Dich etwas anficht, denke an uns. Ich wünsche Dir noch ein recht gutes arbeitsreiches Leben, auch alles Gute für Deine Frau, die Du Dir mal nimmst. Liebes, sei nicht traurig, und wenn nicht, Zähne zusammengebissen und durch. Heute vor acht Tagen warst Du noch bei mir. Es ist mein letzter Gedanke, der Dir gilt. Also nochmal, sei immer vernünftig. Es küẞt Dich ganz lieb immer 98 Deine Mutti GEORG SPETTMANN, BERLIN Kaufmann Wie so viele aufrechte Antifaschisten, wurde Georg in den Soldatenrock hineingezwungen. Aber unter dem Hoheitszeichen schlug sein Herz stark und kühn für die Freiheit. An der Front von Reval suchte er die Verbindung zu den estländischen Partisanengruppen, um an der schnellen Beendigung des Krieges mitzuhelfen. Er wurde verhaftet und fiel unter den Kugeln des Standgerichtes am 30. Dezember 1943 im Alter von 33 Jahren 100 rde en. lug reidie endes und Meine innigstgeliebte gute Mutter! Heute sind es nun vier Wochen seit meiner Verurteilung, und vielleicht ist dieses mein letzter Brief an Dich. Denn ich muß täglich damit rechnen, im Morgengrauen von hier abgeholt zu werden, um meine große Reise anzutreten. Ich lese noch einmal Deinen Brief vom 30. November 1943 und gebe Dir hiermit zugleich auch meine Antwort: Ja, meine liebe Mutter, Du hast recht, ,, Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben", und ich sage Dir, daß ich meinem Geschick nicht böse bin. Sollte ich noch einmal leben können, ich würde mit Freuden denselben Weg gehen. Diese Freude nun hat mich auch heute nicht verlassen, und in mir ist Ruhe, weil der Kampf nun zu Ende geht. Aber nicht als Besiegter sterbe ich, sondern darf auf meinen Grabstein schreiben: Nicht vergebens! Dabei denke ich an alles, was gewesen ist, geworden ist und noch werden wird, und nehme die stolze Gewißheit und Genugtuung mit mir, dab nun alles seiner großen Verantwortung entgegengeht. Ich weiß, Mutter, Dir sind meine Worte nicht zu schwer, und wie immer, so verstehen wir uns auch heute. Dieses Verstehen und unsere Liebe wird kein Ende haben. Ich muß nun Abschied nehmen von allem. Aber der Abschied von Dir ist mir der schwerste. In stillem Gedenken sage ich allen Lebewohl. Du, meine liebe Mutter, sei still und bleibe ruhig, denn Du weißt nun, ich bin ungebrochen, und wenn auch oft traurig so doch stolz und ohne Furcht. Ich habe im Leben nun alles - 101 bestellt, und was noch übrigblieb, weiß ich bei Dir in guten Händen. Dir, Mutter, kann ich es mit Worten nicht ausdrücken, wie sehr ich Dich mit dem Herzen Deines Kindes noch einmal liebe. Komm, mein Muttchen, laß Dich noch ein- mal umarmen. Ich schaue Dir in Deine lieben Mutter- augen und küsse Dein tränennasses Antlitz. Mein Herz und meine Liebe lege ich somit in Deine Hände, und nichts kann es Dir nehmen, auch nicht der Tod. Trotz allem war dieses Leben schön, und dafür danke ich Dir. Noch einmal umarme, grüße und küsse ich Dich, Mutter! Dein Sohn Georg KARL LINDEMANN, BERLIN Arbeiter Karl Lindemann war ein Anhänger der katholischen Kirche. Er hielt seine Weltanschauung als christlicher Arbeiter für unvereinbar mit dem Faschismus. Er wußte, daß der Krieg unserem Volke nur Katastrophe und Elend bringen könnte. Er hörte die ausländischen Sendungen und diskutierte die Nachrichten mit seinen Arbeitskollegen. Dafür wurde er zum Tode verurteilt und am 8. Mai 1944 hingerichtet 104 Meine Lieben! In diesem Brief will ich Euch nur kurz mitteilen, daß ich seit dem 16. März nicht mehr in Berlin bin, sondern in Brandenburg. Am 14. März habe ich Euch von Berlin einen langen Brief geschrieben. Hier hat der Tommy noch keine Bomben abgeworfen, es ist alles ganz. Des- halb kann man wenigstens des Nachts mal wieder ruhiger schlafen, denn das Zuchthaus liegt ganz außerhalb der Stadt. Aber immer kommt mir der Gedanke wieder, daß ich zum Tode verurteilt bin. Man sitzt in der Zelle und wartet ‚auf die letzten Stunden und den Tod, der einen von allem erlöst. Betet jeden Abend einen Rosenkranz für mich, daß mir das Sterben nicht so schwer wird. Es grüßt Euch alle noch einmal, zum letztenmal, recht herzlich Euer Karl PAUL GESCHE, BERLIN. Tischler Freidenker und Gewerkschafter, war Paul aufs engste mit dem Kampf der Arbeiterklasse um ihre Befreiung verbunden. Es war selbstverständliche Pflicht für ihn, in diesem Sinne zu einer Zeit weiterzuarbeiten, als eine brutale Verfolgung aller Hitlergegner einsetzte. 1935 wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung suchte er erneut Anschluß an die Widerstandsbewegung und fand ihn bei der Uhrig- Gruppe. Das war eine große Organisation, die auf betrieblicher Grundlage in Berlin, München, Dortmund, Essen, Hannover und Tirol arbeitete und ihre Verbindungen bis nach Holland und Dänemark hatte. Paul gehörte der Organisationsleitung dieser groBen Bewegung an. Er wurde am 21. August 1944 im Alter von 37 Jahren hingerichtet 106 Lieber Kamerad Willil Bitte die schlechte Schrift zu entschuldigen, aber es geht nicht anders. Ich bin gefesselt— ein 5 Minuten vor Zwölf Stehender. Ich möchte Dich bitten, Dich an ein Ge- spräch zu erinnern, das wir beide einmal führten. Du sagtest, wenn es mir schlecht gehen sollte, könnte ich Deine Hilfe in Anspruch nehmen. Nun ist heute der Zeit- punkt eingetreten. Heute an dem Tage, an dem die„Ver- treter des Volkes’ mich zum Tode verurteilt haben, sind meine Gedanken nicht nur bei Euch allen, die vielleicht . noch einmal die Vollendung sehen dessen, was wir uns erträumt haben, sondern es gehen auch andere Gedanken in mir herum. Kurz— es ist die Sorge um meinen Klaus. Ich bitte Dich nun, wenn es Dir möglich ist, die Erziehung meines Jungen etwas zu unterstützen. Sollten sich beson- ders gute Anlagen bei ihm finden, so bitte ich Dich, diese fördern zu helfen. Es ist mein letzter Wunsch. Wenn ich die Gewißheit habe, daß er das später verwirklichen helfen kann, was ich mir als Lebensaufgabe gestellt habe, so will ich mit dem Bewußtsein zum Schafott gehen, zu meinem Teil das getan zu haben, was gut und gerecht war. In der Hoffnung dessen, daß ich und meine Kameraden die letzten Opfer dieses Systems geworden sind, grüße ich Dich und die Freunde alle und möchte Euch zurufen: „Nicht an unseren Gräbern zu weinen seid Ihr da, son- dern von unseren Gräbern sollt Ihr den Glauben und die Stärke für das Große und Gerechte unserer Sache mit heimtragen für eine bessere und schönere Zukunft.” Dank und Gruß Dir als Letztes Paul 107 JOSEF HUFNAGEL, DUNSCHEDE Bauer Josef war ein Bauer, der mit Liebe an seinem Hof und seiner Erde hing. Er sah die furchtbaren Leiden, die Hitlers Krieg über Deutschland brachte und suchte nach einem Weg, auf dem man der Katastrophe entgehen könnte. Er hörte die ausländischen Sendungen, die die wirkliche Lage an den Fronten mitteilten, und sprach mit seinen Freunden über die kommende Niederlage. Dafür wurde er am 5. Juni 1944 im Alter von 40 Jahren hingerichtet 108 Meine Lieben! Mein letzter Brief, den ich Euch schreibe. Das Gnaden- gesuch ist abgelehnt worden. Ich werde um 15 Uhr hin- gerichtet. Also lebt wohl, und in der Ewigkeit sehen wir uns wieder. Haltet den Kopf hoch. Mein Leben ist nun zu Ende. Es sind heute wieder viele, die sterben müssen. Die schwarzen Wagen kommen, die holen uns als Leichen ab. Wir werden verbrannt hier. In einer Stunde bin ich tot. Trauert nicht zu viel um mich. Nochmals viele herzliche Grüße sendet Euch allen Josef CHARLOTTE EISENBLÄTTER, BERLIN Sekretärin Das jüngste von zehn Kindern einer Arbeiterfamilie, früh verwaist und ohne Unterstützung, hatte Charlotte einen schweren Lebensweg. In zähem Selbststudium schuf sie sich eine gute Wissensgrundlage. Seit 1919 gehörte sie der sozialistischen Jugendbewegung an. Sie arbeitete besonders in der Arbeitersportbewegung, aus deren Reihen viele illegale Kämpfer hervorgingen. Charlotte gehörte zu ihnen. Sie schrieb einen Teil des wertvollen und umfangreichen Flugblatt- und Informationsmaterials der Uhrig- Gruppe auf ihrer Maschine. Nach fünfmonatiger Untersuchungshaft kam sie für fast zwei Jahre in das Konzentrationslager Ravensbrück, um dann in einem Prozeß zum Tode verurteilt zu werden.- Ihre vierzehn Jahre ältere Schwester, die Mutterstelle an ihr vertreten hatte, nahm sich nach der Verkündung des Todesurteils das Leben. Charlotte wurde am 25. August 1944 im Alter von 41 Jahren hingerichtet 110 tet Meine lieben Freunde und Bekannten! Am Vortag zu meinem Prozeß— heute ist Sonntag— drängt es mich, Euch allen noch einmal zu danken für Eure Güte und Liebe, mit welcher Ihr mich in der Frei- heit und besonders in den zwei Jahren meiner Inhaftie- rung beglückt habt. Diese Liebe und Güte wird mich auch das Schwerste ertragen lassen, denn es besteht kein Zweifel, daß ich ein Todesurteil erhalte. Ihr sollt deshalb aber nicht trauern, ich habe ein reiches Leben gehabt, wie es viele nicht haben, die 60 Jahre oder noch älter werden. Ich habe so viel glückliche Stunden genossen bei der Arbeit, im Freundeskreis und auf meinen Reisen. So ging mein Kampf letzten Endes nur dahin, allen Menschen zu solchen glücklichen Stunden zu verhelfen. Diese Erkenntnis gewann ich auf meinen vielen Wanderungen und Reisen, und glaubt mir, so sehr ich das Leben liebe, so gerne sterbe ich für diese meine Idee. Als junges Mädchen fand ich einen Spruch von Plato, den ich mir zum Lebensziel und Inhalt setzte: Denken was wahr und fühlen, was schön und wollen, was gut ist. Darin erkennt der Geist das Ziel des vernünftigen Lebens. Nun geht das Leben zu Ende, es ist Schicksal, man ent- geht ihm nicht. Darum gedenkt meiner in Liebe und trauert nicht. Ich wünsche Euch Gesundheit, damit Ihr einst am Aufbau unseres Vaterlandes mithelfen Könnt. Es umarmt Euch in Liebe und Dankbarkeit Eure Lotte ae GEORG FLEISCHER, BERLIN Maschinenbauer Im ersten Weltkrieg als Sanitäter eingezogen, lernte Georg den Krieg aus tiefster Seele hassen. Er gewann die Erkenntnis, daß, wenn man gegen den Krieg kämpfen will, man gleichzeitig gegen das Monopolkapital als den gefährlichsten Kriegstreiber kämpfen muß. Er war lange Jahre, bis zur Machtübernahme Hitlers, Betriebsrat und setzte 1933 seine Betriebsarbeit illegal fort. Bei Siemens- ApparateBau in Marienfelde faßte er seine fortschrittlichsten Kollegen in einer Widerstandsgruppe zusammen, die jahrelang den Zusammenhalt wahrte und unter der Belegschaft systematisch Aufklärung über Hitlers verderbliche Politik verbreitete. Er wurde am 14. August 1944 im Alter von 55 Jahren hingerichtet 112 I} Brandenburg, den 14. August 1944 Meine liebe Emma und Kinder! Einen letzten Gruß von Eurem Papa, der am 14. August 1944 von Euch gegangen ist. Heute früh ist mir eröffnet worden, daß ich um 11.30 Uhr hingerichtet werde. Liebe Frau, wir sollten uns nicht mehr sehen. Bleibt tapfer, lebt wohl! Ich sterbe für eine bessere Zukunft. Nochmals einen letzten Gruß Euer Papa ERNST KNAACK, BERLIN Hilisarbeiter Wertvolle Traditionen der Arbeiterklasse bestimmten die Kindheit und Jugend Ernst Knaacks. Sein Großvater, der aus einer alten Sozialistenfamilie stammte, gehörte während der Novembertage des Jahres 1918 zu den bewaffneten Verteidigern der jungen deutschen Revolution. In der Atmosphäre der ständigen Auseinandersetzungen mit der in Deutschland immer stärker werdenden Reaktion aufgewachsen, wurde Ernst ein Kämpfer für den Fortschritt. Von den Mordkommandos der SA gesucht, mußte er lange Zeit illegal leben. Er beteiligte sich an der Herausgabe von illegalen Zeitungen und Flugblättern, wurde 1935 verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Entlassung nahm er sofort die illegale Arbeit wieder auf. Er arbeitete im Rahmen der Uhrig- Gruppe, für die er Verbindungen zwischen Berlin und den anderen Städten aufrechterhielt. Er wurde am 28. August 1944 im Alter von 29 Jahren hingerichtet 114 Lieber Bruder! Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Es sind ja nur noch Tage. Für mich und meinen Lebens- willen werden es jetzt nur noch Stunden sein. Ich habe nun eine Bitte an Dich, lieber Bruder, eine Bitte für die Zukunft. Was mir besonders auf dem Herzen liegt, das ist die Entwicklung meines Kindes. Es ist nicht so sehr die Sorge um die materielle Sicherstellung ihrer Zukunft, als vielmehr die Erfüllung meines Wun- sches und meiner Hoffnungen, die ich an die Erziehung und damit an ihre Entwicklung knüpfe..Ich habe die feste Zuversicht, daß die neue Generation die Probleme unse- rer Zeit nicht mehr kennenlernen wird, daß mit und durch sie auch eine neue Zeit aufkommt. Wirtschaftliche Sor- gen und drückende materielle Daseinsbedingungen, wie sie auf uns lasteten und unser Leben vor allem be- stimmten, werden wohl für sie und damit auch für meine Tochter nicht mehr bestehen. Jedoch in der Formung durch die Verhältnisse ist auch die individuelle Beein- flussung durch die unmittelbare Umgebung enthalten, der Teil der Erziehung, der durch die Eltern oder den Lebens- kreis für die Formung individueller Charaktereigen- schaften am bestimmendsten sein kann. All die unerfüll- ten Hoffnungen und Wünsche, all das, was ich dem Leben nicht abgewinnen konnte, wollte ich in meine Tochter legen, all das sollte sich in ihr erfüllen. Nun bitte ich Dich, lieber Bruder, Dich Ursulas später anzunehmen, daß sie einmal ihren Vater kennen wird, daß sie einmal verstehen wird, wer ihr Vater war und warum er starb. Wenn Du ihr dann einmal später diesen Abschiedsbrief an Dich zeigen kannst oder mit ihr davon sprechen wirst und sie mich dann versteht, bewußt ver- steht, und nichts weiter an ihrem Vater findet als Gleiches in ihr, dann, lieber Bruder, wirst Du meine letzte 115 Bitte erfüllt haben und meine Tochter Fortsetzung meines Lebens sein. Mein Leben ist nun abgeschlossen. Mein Leben ist nicht vollendet, denn noch wollte ich erst bewußt leben, noch war ich voller Vorsätze und glaubte, noch viel leisten und erreichen zu müssen. Mein Leben hat nicht in der Summe der Leistung seine Vollendung gefunden, sondern wird jäh und gewaltsam abgebrochen. Es ist Vollendung im Tod, weil ich nicht anders leben konnte. Ich will nicht sagen, daß mir das Sterben leicht wird mit meinen kaum 30 Jahren, es ist ein schwerer Gang, der bitter genug wird. Jedoch werde ich ruhig und gelassen meinen letzten Gang antreten. So ruhig und gelassen, wie ich im Bewußtsein bin, stark und fest und vor allem mir selbst treu geblieben zu sein. Denn so schwach ich auch oft im Leben in persönlichen Dingen gewesen bin, so unbeugsam war ich doch in einem: meiner Pflicht, so wie ich sie mir selbst gestellt, in der grundsätzlichen Haltung meiner Lebensauffassung. Darum werde ich ruhig und gelassen die Richtstätte betreten und ruhig und gelassen sterben. Dies ist mein ganzer Stolz, den ich im Leben gehabt, sonst liebe ich das Wort Stolz nicht, es hat für uns einen schlechten Klang. Jedoch auf diese Haltung im Leben, die gewiß mitunter sehr schwer durchzustehen war, um mir selbst treu zu bleiben auf diese meine Haltung und in allen Situationen unbeirrt feste Lebensauffassung bin ich stolz. Eins noch gibt mir die unendliche innere Ruhe zum Ertragen meines Schicksals, ein freies, unbelastetes Gewissen. Ich habe niemandem etwas Schlechtes zugefügt, habe nicht die geringste Schuld am Schicksal anderer. Ich werde sterben in der ruhigen Gewißheit, daß niemand mir fluchen wird, daß mich keine Schuld trifft am Leiden anderer, daß ich in jeder Beziehung unbelastet blieb, und wenn man meiner gedenken wird, dann nur im Guten. 116 Ich gehe von der Welt in der festen Zuversicht, daß mein Opfer nicht nutzlos war. Daß auch unsere Asche Dünger für eine neue Welt ist. Daß auch unsere Kinder einst in einer neuen, besseren Welt lebend, unser Leben und Opfer verstehend, so leben können, wie wir es eI- strebten. Dies, Bruder, sind nun meine Gedanken, die ich Dir noch als Abschiedsgruß für Dich und alle Freunde mitteilen wollte. Sage allen Freunden und Kollegen, die Dich nach mir fragen, daß ich ruhig und zuversichtlich gestorben. Sage dies auch einmal meinem Kinde, wenn es ver- ständig genug dafür sein wird. Sage dies allen, die um mich trauern und zeige ihnen diesen meinen letzten Abschiedsgruß an alle. Lebt denn wohl all Ihr Lieben und Freunde, lebe wohl, lieber Bruder. Ernst GEORG SCHRÖDER, BERLIN Elektroschweißer Vor der Machtübernahme Hitlers war Georg Stadtverordneter der Sozialdemokratischen Partei. Seiner Weltanschauung getreu versuchte er auf einen Freund seines Sohnes, der Mitglied der Hitlerjugend war, aufklärend einzuwirken. Er wurde von ihm denunziert und am 11. September 1944 im Alter von 39 Jahren hingerichtet 118 Meine Lieben alle zusammen! Dies ist der letzte Brief, den ich Euch schreibe. Der Justizminister hat alle Gnadengesuche abgelehnt. Ich habe die Überzeugung, daß ich mein Schicksal unschuldig erleide, deshalb gehe ich dem Ende gefaßt entgegen. Ich habe nur für Euch gestrebt und das Wohl der Menschheit gewollt. Euch vor allem eins: Lermnt, lernt, lernt! Wissen- ist Macht und bewahrt Euch davor, charakterlose Menschen zu werden. Herzliche Grüße und Küsse fürs ganze Leben Euer Papa ANTON SAEFKOW, BERLIN Autoschlosser 120 In einer Arbeiterfamilie groß geworden, entschied sich der junge Anton Saefkow für den Weg des Freiheitskampfes der Arbeiterklasse. Er wurde bald ein hervorragender Organisator der Kommunistischen Partei und arbeitete vor 1933 im Ruhrgebiet und in Hamburg. Nach dem Machtantritt Hitlers verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, organisierte er die politische Weiterbildung und gegenseitige Hilfe der politischen Gefangenen untereinander, besonders aber für die Kameraden in den Todeszellen, die allein und isoliert von aller Gemeinschaft ausgeschlossen waren. Diese Solidaritätsarbeit wurde entdeckt und brachte ihn bis 1939 ins Konzentrationslager. Nach seiner Entlassung richtete er alle seine Kräfte auf das Ziel, eine große Widerstands- organisation zu schaffen, die— in den Be- trieben ihren Ausgangspunkt nehmend— im- stande sein würde, einen schnellen und ge- rechten Frieden herbeizuführen und die ver- suchte, alle fortschrittlichen Kräfte, gleich welcher politischen Weltanschauung, in einer gemeinsamen Kampffront gegen den Faschis- mus zusammenzufassen. Mit Bernhard Bästlein und Franz Jacob, in gemeinsamer kameradschaftlicher Zusammen- arbeit, baute er eine Organisation auf, die in den Betrieben von Berlin, Sachsen, Thüringen, Magdeburg und Hamburg arbeitete, und deren Verbindungen bis nach Schweden reichten. Mit den linken Kräften der Männer des 20. Juli fanden vorbereitende Aussprachen statt. Die Gestapo deckte diese größte Widerstands- organisation der letzten Kriegsjahre wenige Monate vor dem Zusammenbruch auf. Anton Saefkow wurde am 19. September 1944 im Alter von 41 Jahren hingerichtet 121 Zuchthaus Brandenburg, den 9. September 1944 Du meine Änne! Es gibt Höhepunkte im politischen und im persönlichen Leben. Der Krieg hat mit seiner Konzentration aller Kräfte seinen Höhepunkt und in Kürze seine Entscheidung erreicht. Mit der Entscheidung steigert sich die Zahl der Opfer, die wir, die Freund und Feind, bringen müssen. Wenn ich nun auch sterben muß, so habe ich das große und vielleicht schmerzende Glück, Dir vor meinem Tode noch schreiben zu können. Wir beide, mit unserer großen Liebe, sollen und müssen uns für immer trennen. Schon mit diesem Brief will ich Dir, mein Kamerad, danken für das Große und Schöne, das Du mir in unserem gemeinsamen Leben gegeben hast. Am 5. September bin ich vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Erst heute, mit diesen Zeilen, habe ich wegen der Gedanken an Euch die ersten nassen Augen nach dem Urteil. Denn das Weh, das mich zerreißen könnte, hält der Verstand zurück. Du weißt, ich bin ein kämpferischer Mensch und werde tapfer sterben. Ich wollte immer nur das Gute. Der Höhepunkt unseres persönlichen Lebens ist unser Kennenlernen vor 3/2 Jahren und unser reifes Genießen, unsere schöne Zeit. Nur die Dichtkunst kennt wolkenloses Glück und ewige Jugend. Unsere Wolken waren kriegsbedingt, waren Wolken der Sorge. Freud und Leid, so wie es war, ist die Einheit unserer kurzen, großen, reifen Liebe. Nur ich weiß, daß unser Bärbel ein bewußtes Kind dieser großen, mächtigen Liebe ist. Gerade, weil ich Dich kenne, ist mir nicht bange um Ernährung und Erziehung unserer Tochter. Mutti! Fühle Dich umarmt und fühle Dich geküßt wie in den schönsten Tagen. Grüße alle Menschen, die mich schätzen und lieben. Lebet wohl! Immer bin ich, bis zu Deiner letzten Stunde 122 Dein Anton JOHANN PIERSCHKE, BERLIN Lokomotivführer Wie SO viele antifaschistische Arbeiter wurde Johann 1936 wegen seiner Arbeit gegen Faschismus und Kriegstreiber zu 11/2 Jahren Gefängnis verurteilt und bis 1939 im Konzentrationslager festgehalten. Er schloß sich sofort nach der Freilassung der UhrigGrúppe an. Im Betrieb Bucharski bildete er eine Widerstandszelle, die aufklärend und werbend unter den Kollegen auftrat. Er wurde am 14. August 1944 im Alter von 44 Jahren hingerichtet 124 eiter beit zu 1939 hloß rige er und urde chtet Meine liebe gute Frau! Kannst Du Dir so etwas vorstellen, Margot... bald bin ich nicht mehr, in einer Stunde war ich einmal... Liebe Margot, quäle Dich nicht zu sehr, nimm es Dir nicht so zu Herzen, wir müssen ja alle einmal sterben. Ach, ich weiß, daß sich das alles sehr leicht sagen läßt, doch... Grüße mir die Kinder und erzähle ihnen später alles. Ich habe gehofft und gewartet auf Dich diese Tage, um Dich noch einmal zu sehen, das konntest Du aber nicht wissen, sei's drum. Nun muß man sich noch beeilen, daß man fertig wird. Muttchen, ach mein liebes Muttchen, wird sie weinen um ihren Sohn, tröste sie, liebe Margot und rede ihr gut zu, ja? Könnte man Euch helfen, aber man kann es ja nicht.... Sag der Mutter, daß ich ja gestorben bin, wie sie es immer gewünscht hatte. Auch sterben muß man können, Margot, es geht nicht anders, es muß sein! Ich sehe Dich die Hände ringen, wenn Du die Nachricht erhältst, daß ich hinübergegangen bin, verzeih mir Margot, daß ich auch dieses Dir noch antun mußte... verzeih mir alles, mein Lieb.... Meine Liebe, Gute, was soll ich Dir noch schreiben? Ich kann nicht mehr, die Zeit ist um, Margot! Nun sei Du mir herzlichst gegrüßt und tausendmal geküßt. Lebe wohl, und werde mir glücklich... Liebe gute Margot, liebe Geschwister, liebe Mutter... 125 PETER HABERNOLL, BERLIN Peter erkannte trotz seiner Jugend, daß mit der Eroberung fremder Länder und mit der Unterdrückung fremder Völker nur unsere eigene Vernichtung heraufbeschworen würde. Er zog die Konsequenz aus seiner Erkenntnis und wurde zu einem Hitlergegner, der als Soldat in den Reihen seiner Truppe aufklärend arbeitete. Er wurde am 20. September 1944 im Alter von 19 Jahren standrechtlich erschossen 126 Ihr Lieben, liebe kleine Mutti! Ich komme zu wenig aus einem sorglosen, schönen, glücklichen Leben, als daß das Unglück nun restlos niederschmetternd für mich wäre. Es kommt nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern in ein Leben, das voller Widerstände, voller körperlicher und seelischer Qual für mich war. Ich fürchte den Tod so, wie ich Gott fürchte, und liebe das Leben, wie man es eben nur als Neunzehnjähriger lieben kann. Aber ich weiß, daß der Tod für mich keine Strafe sein kann. - Es ist schwer, sein Leben nicht mehr verteidigen nicht mehr darum kämpfen zu können. Das mögt Ihr nun, soweit es irgend möglich ist, tun. Nein, ich bin nicht mehr so hoffnungsfroh, wie ich war, aber ich bin fern der Verzweiflung und ruhig. Und doch: So lange die Sonne mir scheint und ich den Himmel über mir sehe, will ich an das Leben, an mein Leben glauben... Es ist soweit! Ich bin ruhig, wie noch nie in meinem Leben, und zuversichtlich. Ich wußte es seit Tagen und Wochen, wenn ich es auch vor Euch und mir nicht wahrhaben durfte. Meine Brüder werden das tun, was ich nicht tun konnte müssen es tun. - Daß ich heute erschossen bin, soll niemandem verheimlicht werden. Überbringt all den Kameraden, die mit mir unter einer Fahne standen, den letzten Gruß. Meinen Körper kann man töten, doch mein Geist wird unter den Kameraden mitmarschieren, wenn einst die Trommel schlägt für eine menschliche Gerechtigkeit. Ich habe gestanden als Mann. Als Kämpfer gehe ich von dieser Welt und reiche all denen die Hand, die für die Sache um die Befreiung Deutschlands und der Arbeiterklasse gefallen sind. Meine Lieben! Bleibt getrost, wie ich es bin. Ich küsse und umarme meine kleine Mutti! Peter 127 OTTO HAASE, BERLIN Konditor Mit einigen Freunden versuchte er, gegen die sinnlose Weiterführung des Krieges anzukämpfen. Er gehörte zur Leitung der illegalen Widerstandsgruppe bei Borsig- Rheinmetall, die eine Reihe von Flugblättern herausgab, in Verbindung mit russischen und französischen Zwangsarbeitern stand und die Lage dieser deportierten Arbeitssklaven auf alle Arten zu erleichtern suchte. Bei dieser Arbeit wurde er verhaftet und am 26. September 1944 im Alter von 45 Jahren hingerichtet 128 e י ] I ] e t Liche Vora, liebe Kinder& lube Eltern! Wenn the diesen Brief bekommt kute. Her ein: kopfor po bin ich nicht mate unter vagt weißß es ja fürsten prin. liebe d'ora, wie die stats warat Sun dit der Kinder an. Sage Ihnen, dass it alles wir für pre und der Zukünft getan habe. Ich habe stets das Gute, das Beste gewollt. Wo it an dies, like Fora, oder an den Kindern, oder anlind, leebe Eltor chuldig genorden bin, vergebt es mir. Rotschen, Mast und bith usine. Kapfer diesen Wir vorausgegangen. litter Eltern. Ich hätte mich gerne Wieder. geschen, chen, aber un poll es mitt sein. kim lieber dieser& liebe Forgelinen, part kurer shütte eine Stütze, daß sit unvere Kleine Helga diordas Leben bringt. Berikt kuperutti& Opia& dena Frende. Und Du liebe Helgalein pli Mutti&& Opa's & Oma's Sonnenstein Liebe Kinder Gott Ihnen Liebe und lubt aut luk untereinander. Es word die Reit kommen. wo aut Iche mit verstehen werdet, dend wo it. gerechtfertigt sein mode. Schöne& rolle Ich habe um das Gute gewollt. Ich habe mit geliebt unser 9 Brief von Otto Haase Liebe Dora, liebe Kinder und liebe Eltern! Wenn Ihr diesen Brief bekommt, so bin ich nicht mehr unter Euch. Sei tapfer, liebe Dora, wie Du es stets warst. Nimm Dich der Kinder an, sage ihnen, daß ich alles nur für sie und ihre Zukunft getan habe. Ich habe stets das Gute, das Beste gewollt. Euch, meine lieben Eltern, hätte ich gerne wiedergesehen, aber nun soll es nicht sein. Liebe Kinder! Gebt ihnen Liebe,und liebt auch Euch untereinander. Es wird die Zeit kommen, wo auch Ihr mich verstehen werdet und wo ich gerechtfertigt sein werde. Ich habe nur das Gute, Schöne und Edle gewollt, ich habe Euch geliebt, unser Vaterland und das deutsche Volk. Viele sind vorausgegangen, aber keiner wird den Weg umsonst gegangen sein! Ich trage an keiner Schuld gegenüber der Menschlichkeit, und das macht mich stark. Mein Gewissen ist rein! Ich wünsche Euch, meine Lieben, und dem deutschen Volk und'meiner Heimat eine schöne Zukunft. Euer Otto und Vater 130 KÄTE NIEDERKIRCHNER, BERLIN Angestellte Ihr ganzes kurzes Leben war ausgefüllt von der Arbeit für die Arbeiterbewegung. Schon mit zwölf Jahren ist Käte Mitglied der PionierKindergruppen, dann wirkt sie in der Arbeitersportbewegung ,, Fichte" unter den Frauen. Während des großen Streiks der BVG- Arbeiter Ende 1932 wird sie, als sie die Arbeiter auffordert, den so mächtig begonnenen Streik zum siegreichen Ende zu führen, verhaftet. 1933 muß Käte Deutschland verlassen. Aber die Sehnsucht nach der Heimat und der Wille, sich in Deutschland der kämpfenden Friedensfront anzuschließen, sind unbezwinglich stark. 1943 kommt sie illegal zurück, wird verhaftet und ein Jahr lang durch die Zuchthäuser und Konzentrationslager geschleppt. Als sie allen Quälereien und Mißhandlungen der Gestapo gegenüber standhaft bleibt und ihre Kameraden nicht verrät, wird sie zur Vernichtung nach dem Frauenlager Ravensbrück überstellt. Die Kameradschaft und Solidarität der gefangenen Frauen erleichtern ihr ihre letzten Stunden. An ihre Genossinnen sind ihre letzten mutigen Briefe gerichtet. Sie fiel am 27. September 1944 im Alter von 34 Jahren unter den Kugeln der SS 132 21. September 1944, abends. Vier Tage bin ich nun schon hier in der Zelle, und noch immer hat mir niemand gesagt, warum, weshalb. Es ist so schwer, mit dem Leben abzuschließen, wenn man noch so jung ist, Ich bin hier mit drei Frauen zusammen, die teils geistig anomal, teils minderwertig sind. An Aussprachen ist überhaupt nicht zu denken. Warum wartet man mit dem Morden so lange? In meinem Kopf dreht sich alles. Ich erwäge alle Mög- lichkeiten. 23. September 1944, abends. Meine liebe, gute Hilde. Ich bin so froh, daß wir uns noch getroffen haben. Du hast Dich wirklich wie ein treuer Kamerad gezeigt und mir noch so viel Liebe erwiesen, ich danke Dir. Alle Kameraden, die mich gar nicht kannten, alle waren so gut zu mir. Jeden Tag schließe ich mit dem Leben ab und denke, heute abend ist es so weit, und die Nacht ist ent- setzlich. Dann fängt wieder ein Morgen an, und die Qual beginnt von neuem. Werden sie heute kommen? 25. September 1944, abends. Heute will ich Abschied nehmen von meinen Lieben. Ich habe eine Ahnung, daß ich nicht mehr lange hier bin. Meinem lieben, treuen Vater müßt Ihr sagen, daß ich ihm keine Schande gemacht habe. Ich habe niemanden verraten. Meine Gedanken sind ständig bei ihm. So gern hätte ich ihn noch einmal ge- sprochen. Meine gute Mutter, meine Schwester Mia, meine Brüder, allen meine letzten Grüße. Mia, wir hat- ten uns gerade die letzten Jahre so gut verstanden. Ver- geßt Eure Katja nicht. 27. September 1944, morgens. Heute früh war der Schutzhaft-Lagerführer bei mir und hat mir mein Urteil vorgelesen in so einer höhnischen, gemeinen, dreckigen Art, diese Bestie! Sie sind ja das Morden gewohnt und haben eine besondere Freude, sich an den Qualen ihrer Opfer zu weiden. Bei mir hat er aber kein Glück. Also wird es wohl heute abend passieren. Ich hätte doch so gerne die neue Zeit erlebt. Es ist so schwer, kurz vorher gehen zu müssen. Lebt alle wohl, vielen Dank noch ein- mal für alles Gute, was Ihr mir in der kurzen Zeit angetan habt. Grüßt alle: Hilde, Maria, Sterndl, Mimi, Hermi, wenn ich mir was wünschen könnte, so müßt Ihr mir jetzt das Lied„O sing mir ein Lied, daß ich scheiden muß" singen. 133 MATTHIAS THESEN, DUISBURG Dreher Seit Ende des ersten Weltkrieges stand Matthias in den Reihen der Arbeiterbewegung und wurde Reichstagsabgeordneter der Kommunistischen Partei. 1933 aus seiner illegalen Tätigkeit heraus verhaftet, verbrachte er vier Jahre im Zuchthaus. Nach Verbüßung der Haft in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt, hörte sein Kampf auch hinter Stacheldraht nicht auf. 1939 wurde er im Konzentrationslager als Häftling noch einmal wegen seiner Arbeit im Zuchthaus, wo er eine kommunistische Zelle organisiert hatte, wegen Vorbereitung zum Hochverrat festgenommen und bis 1943 ins Zuchthaus zurückgebracht. Nach seiner Rückkehr in das Lager Sachsenhausen stärkte er wieder unermüdlich die Moral und Standhaftigkeit seiner Leidensgefährten. Den gleichen Geist atmet sein letzter Brief, den er illegal seiner Frau übersandte. Er wurde mit 26 Mitgliedern einer großen Widerstandsorganisation des Lagers Sachsenhausen nach elfjähriger Gefangenhaft am 11. Oktober 1944 im Alter von 53 Jahren erschossen 134 Sachsenhausen, Block 58, den 24. September 1944 Brief erhalten. Noch bin ich am Leben. Besonders jetzt tu Deine Pflicht! WERNER SEELENBINDER, BERLIN Arbeiter Werner war Arbeitersportler. Als mehrfacher Deutscher Meister im Halbschwergewicht war sein Name über die deutschen Grenzen hinweg bekannt. Seit frühester Jugend mitten im politischen Leben stehend, gab er den Kampf gegen Hitler auch nach 1933 nicht auf. Auf Auslandsreisen stellte er den Kontakt zwischen der Uhrig- Gruppe und den deutschen Emigranten her. Er beherbergte von der Gestapo gesuchte Widerstandskämpfer und verbreitete Flugblätter, die einen schnellen Frieden forderten. Er wurde am 24. Oktober 1944 im Alter von 40 Jahren hingerichtet 136 Brandenburg, den 24. Oktober 1944 Lieber Vater, Geschwister, Schwägerin und Friedel! Die Stunde des Abschieds ist nun für mich gekommen. Ich habe in der Zeit meiner Haft wohl alles durchgemacht, was ein Mensch durchmachen kann. Krankheit, körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben. Ich hätte so gerne gemeinsam mit Euch, mit meinen Freunden und Sportkameraden die Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten, die das Leben nach dem Kriege zu bieten hat und die ich jetzt doppelt zu schätzen weiß, verlebt. Es waren so schöne Stunden, die ich mit Euch verbrachte. Das Schicksal hat es nun leider nach furchtbarer Leidenszeit anders über mich bestimmt. Ich weiß aber, daß ich in Euren Herzen und dem vieler Sportkameraden einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewußtsein macht mich stolz und stark und wird mich in der letzten Stunde nicht schwächer finden. Lieber Vater! Leider kann ich Dir diesen Schmerz nicht ersparen, nachdem ich Dir durch meine sportlichen Erfolge recht viel Freude gemacht habe. Also, lebt wohl! Ich weiß, Ihr werdet mich nicht vergessen. Grüßt nun bitte alle Bekannten und Sportkameraden recht herzlich. Lebt alle, alle wohl! Euer Werner Seelenbinder 137 JUDITH AUER, BERLIN Angestellte Judith arbeitete während der ganzen Zeit der faschistischen Diktatur illegal. Bis zum Tage ihrer Verhaftung war sie in der SaefkowGruppe tätig. Tapfer und unerschrocken verteidigte sie vor den Richtern ihre Weltanschauung und ihren Kampf gegen den räuberischen Krieg, trotzdem ihr Herz heimlich blutete bei dem Gedanken an ihr Kind, das groß genug war, um den Verlust der Mutter schmerzlichst zu empfinden. Sie wurde am 27. Oktober 1944 im Alter von 39 Jahren hingerichtet 138 Plötzensee t 1 i g Meine geliebte kleine Tochter! Meine liebe, kleine, beste Kameradin! Ich habe den Wunsch, Dir noch einiges besonders ans Herz zu legen. Zunächst Dein Beruf. Du möchtest Kindergärtnerin werden. Ich billige Deinen Wunsch von ganzem Herzen. Aber denke dabei stets an Deine eigenen Erfahrungen, mein Liebes, und vergiß manchmal, was Du gelernt hast, was Dir beigebracht wurde. Vor allem laẞ Dich stets von der Liebe leiten. Die Fehler, die man aus wahrer Liebe begeht, sind niemals Sünden, sondern immer wieder gutzumachende Irrtümer. Du mußt nun einen großen Schmerz tragen. Vergrab Dich nicht darin. All die Freude, die ich Dir nicht mehr bereiten kann, mein Liebling, versuche anderen, z. B. Deinen kleinen Schützlingen, zukommen zu lassen. Die Freude, die man anderen bereitet, strahlt stets auf einen selbst zurück. Sie wird Dir helfen, all das Schwere zu tragen und Dich trösten. ,, Freude, schöner Götterfunken" ist Beethovens schönstes Werk. Und doch schrieb er es- in einer Zeit, da er sehr elend war. Lies einmal über sein Leben nach. Ich muß jetzt Schluß machen. Bleib stark und tapfer, mein Geliebtes. Ich weiß, Du wirst niemals verlassen sein. Grüß alle Lieben. Ich selbst werde alles mit innerer Ruhe und Gefaßtheit ertragen. Lebe wohl und sei noch einmal in Gedanken geküẞt und umarmt von et Deiner Mutti 139 ERNST WITTE, BERLIN Fernmeldemonteur Ernst war Antifaschist. Tief durchdrungen von der Notwendigkeit, für den Frieden einzutreten, sprach er zu seinen Bekannten von der unausbleiblichen Niederlage Deutschlands. Er wurde am 26. September 1944 im Alter von 46 Jahren hingerichtet 140 25. September 1944. Liebe Lotte und Irmgard! Die letzte Stunde ist gekommen, ich muß Abschied nehmen, ohne Euch noch einmal sehen zu können. Ich gehe ungern aus dieser Welt. Seid beide stark! Bald kommt der Tag der Befreiung, denn der Krieg ist bald aus. Ich gehe nun den Weg, den so viele schon gegangen sind. Lebt wohl! Euer Papa 141 HERMANN DÜLLGEN, DÜSSELDORF Bauarbeiter 1930 Stadtverordneter in Neuß, 1933 Kandidat der Kommunistischen Partei für den Preußischen Landtag, das sind kurze Daten aus dem inhaltreichen Leben Hermann Düllgens. Er hatte ein stets hilfsbereites Herz für die Nöte seiner Umwelt. 1936 wurde er aus seiner illegalen Arbeit heraus verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. 1943 einem Häftlingskommando zugeteilt, das die gefährliche Arbeit des Bomben- Entschärfens verrichten mußte, benutzte er diese Gelegenheit sofort zu einem Versuch, mit der illegalen Organisation in Verbindung zu kommen. Er schrieb Entwürfe und Artikel, die für eine illegale Zeitung bestimmt waren. Dafür erneut und dieses Mal zum Tode- verurteilt, wurde er - - am 27. Oktober 1944 im Alter von 44 Jahren hingerichtet 142 Frankfurt, den 9. September 1944 Mein lieber alter Vater, liebe Geschwister! Der alte Goethe schrieb einmal: ,, Nichts Menschliches blieb mir fremd." Ich glaube, der alte weise Herr hat sich geirrt. Viel Menschliches hat er wohl kennengelernt und auch nachgekostet, ob er aber die Leiden und Kümmernisse eines Menschen des 20. Jahrhunderts kennenlernte, bezweifle ich mit Recht. Hat er auch nur eine einzige tolle, furchtbare Bombennacht erlebt? Nein! Denn bis zu seiner Zeit hatte menschlicher Geist noch nicht so furchtbare Vernichtungsmittel ersonnen. Goethes Liebling, Napoleon der I., kämpfte noch mit Kanonenkugeln, die man hüpfen sah. Heute dagegen? Heute würde wahrscheinlich dem sprachgewaltigen Goethe das Ausdrucksvermögen versagen, angesichts der ungeheuerlichen Vernichtungsleistung menschlichen Geistes. Vielleicht, daß sein Freund Schiller eine mordende Bombennacht in Form der ,, Glocke" zustande brächte, wenn er das Zerstörungswerk menschlicher Genies betrachtete. Zerstörung hier, Zerstörung dort. Vernichtung überall. Soeben tönt gerade die Sirene und kündet neue Vernichtung an. Ob sie auch ertönt, wenn meine Vernichtung vollendet wird? So ist es, meine Lieben! Was ich freiwillig nie tun würde, ist mir nämlich durch Spruch des Volksgerichts am 7. September in Darmstadt zudiktiert worden. An diesem Tage woben die alten, zukunftsrüstenden Nornen des Schicksals den Todesknoten in meinen Schicksalsfaden. Noch ist mir eine kleine Frist gegeben. Diese möchte ich gerne ausgefüllt sehen mit Eurem Besuche, was mir noch auf der Seele brennt, mit Euch besprechen und noch einmal, zum letzten Male, in verwandte Augen schauen. Euer Hermann 143 IRENE WOSIKOWSKI, HAMBURG Sekretärin Bis 1935 arbeitete Irene illegal in Deutschland und flüchtete, um sich der Verhaftung durch die Gestapo zu entziehen, nach Frankreich. Dort setzte sie ihren Kampf gegen Hitler fort. Während des Krieges arbeitete sie in einer großen illegalen Widerstandsorganisation. Sie sprach mit Hunderten von Soldaten in Marseille, um sie von der Notwendigkeit der schnellen Beendigung des Krieges zu überzeugen und gewann neue Mitkämpfer für die Sache des Friedens. Sie wurde verhaftet und rettete durch ihre unbeugsame Haltung und Schweigsamkeit vor der Gestapo viele deutsche, französische, italienische, polnische und tschechische Widerstandskämpfer, mit denen sie zusammen gearbeitet hatte. Sie wurde am 27. Oktober 1944 im Alter von 35 Jahren hingerichtet 144 Meine liebe Mutter! Ich bin sehr traurig, daß Du zu allem Unglück, welches Du bereits in Deinem Leben erfahren mußtest, nun auch noch diesen Schmerz erfährst. Was kann ich Dir da nur Tröstendes sagen? Daß in diesem Kriege schon so viele ihr Leben lassen mußten? Und ich wünsche mit aller Kraft, daß Eberhard Dir erhalten bleibt und seine Kinder Dir Freude und Ablenkung geben werden und Ersatz für Dein Kind, das Du jetzt vielleicht bald verlieren wirst. Dieser Gedanke an Dich, liebe Mutter, die ich über alles lieb habe, ist mir überhaupt der schmerzlichste. Sonst trage ich mein Schicksal mit Fassung, wie Du es ja nicht anders von mir erwartest und hege noch die leise Hoffnung, daß das Schlimmste eventuell noch abgewandt werden kann. Und diese Hoffnung sollst Du auch nicht verlieren, liebe Mutter. Nun wünsche ich Dir alles Gute und hoffe, daß es Dir auch unter den augenblicklichen Umständen nicht zu schlecht geht und Du alles gut überstehst, daß Du für all Dein jetziges Leid später noch einmal ein Entgelt erhältst. Ich umarme Dich von ganzem Herzen und küsse Dich recht innig, meine liebe Mutter, Deine Irene 145 10 BERNHARD ALMSTADT, ern Angestellter Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus, in dem Bernhard wegen seiner antifaschisti- schen Arbeit zwei Jahre lang festgehalten wurde, suchte und fand er von neuem die Ver- bindung mit den illegalen Widerstandskämp- fern. Er arbeitete als wichtiges Mitglied in der Saefkow-Gruppe für den Sturz des Hitler- regimes. Er wurde am 6. November 1944 im Alter von 47 Jahren hingerichtet 146 Brandenburg, den 6. November 1944 Meine liebe Erna, liebste Susi! Es ist soweit. Es heißt Abschied nehmen! Die Fesseln hindern sehr. Trotzdem einige Worte. Ich habe Euch großen Kummer gemacht, und Ihr habt mir nur Liebe und Zuneigung geschenkt. Seid mir deshalb nicht böse, ich wollte nur das Gute. Vergeht auch nicht in Trauer. Euer Leben muß weitergehen, und ich wünsche Euch für die Zukunft viel Glück und Freude.. Der Tod kann auch ein Erlöser sein. Ich sehe in ihm keinen Feind, sondern einen guten Mann, der einen furchtbaren Zustand beendet. Grüßt alle Verwandten und Freunde von mir. Ich scheide, ohne Feinde zu haben. Euch gilt mein letzter Atemzug, er ist erfüllt voller Dankbarkeit für Dich. Lebt wohl! Kopf hoch! 10° Euer Bernd 147 EMIL WOELK, BERLIN Ingenieur Der kinderreiche Haushalt seiner Eltern konnte dem begabten Jungen nicht die Mittel zum Besuch einer besseren Schule geben. So wurde er Motorenschlosser. Erst als dreißigjährigem Mann war es ihm durch die Mitarbeit seiner tapferen Frau möglich, ein Studium zu beginnen und ein hervorragender Ingenieur zu werden. Trotz seines wirtschaftlichen Aufstiegs vergaß er niemals seine harte Arbeiterjugend und blieb fest bei seiner antifaschistischen Weltanschauung. Als Mitglied der Saefkow- Gruppe bildete er in seinem Betrieb Sum- Vergaser AG. eine illegale Zelle, von wo aus die Flugblätter, die zum Sturz des Hitlerregimes, für einen schnellen Frieden aufforderten, ihren Weg zur Belegschaft fanden. Er wurde am 13. November 1944 im Alter von 41 Jahren hingerichtet 148 Zuchthaus Brandenburg, den 13. November 1944 Meine liebe Annegret, meine teure, gute, tapfere Lebenskameradin, lieber Peter, liebe Ulla, liebes Linda- kind. Nun ist das Ende gekommen. Die doch noch immer bei Euch und bei mir vorhanden gewesene Hoffnung ist nun gescheitert. Euch zu verlassen für immer, ist so unsagbar schmerzlich und schwer und ebenso bitterlich bitter, ja noch stärker und größer wird es für Dich, meine Liebste, sein. Die Zeit, die so gelassen und gleichmütig an allen Veränderungen jeden und allen Seins vorüberzieht, wird auch einmal das erste schlimme und schmerzlichste Weh Euch lösend lindern helfen. Ab 15 Uhr wird das Urteil vollstreckt werden. Ich bin weiterhin ruhig und gefaßt und gehe den letzten Gang in Gedanken daran, wie viele Menschen ihn schon vor mir gehen mußten. Vor meinen Augen werden Bilder stehen von zukünftiger Gestaltung des Menschengeschlechtes, vom Siege der Zukunft, wo über Blut, Angst, Qual, Sorge, Not und Tod eine Freiheit kommen wird, in der die Menschen ohne Gewalt mitein- ander leben werden. Meine Gedanken umkreisen Dich und die Kinder, und ich spüre auch Deine Nähe, meine Liebste. Vor meinen Augen taucht Ihr alle auf. Ich denke an den kleinen und an den großen Peter mit seinen nachdenklichen Gesichtszügen, an Lindas strah- lendes Lächeln, an Ullas stillvergnügte Züge bei ihrer Reifeprüfungsfeier. An Deine lieben, so guten, schmerz- erfüllten Züge bei Deinem letzten Besuch. Ich muß auf- hören. Dein Liebster Denke an den Humboldtbesuch von Tegel und an den Spruch an dem Denkmal: „Niemand hat größere Liebe denn daß er sein Leben läßt für seine Freunde." HERBERT TSCHÄPE, BERLIN Arbeiter Herbert gehörte zu der Generation junger Menschen vor 1933, die aus eigener Anschauung die Härte des Arbeiterlebens kennenlernte. Ihr Weg führte sie konsequenterweise zur marxistischen Arbeiterbewegung. Bei Beginn der faschistischen Diktatur saẞ Herbert ein Jahr im Gefängnis, arbeitete dann illegal weiter und mußte 1935 in die Tschechoslowakei emigrieren. Als Franco seinen Aufstand gegen die spanische Volksrepublik begann, eilte er den spanischen Arbeitern zu Hilfe. Er wurde Offizier in den Internationalen Brigaden. In Frankreich verbrachte er zwei Jahre im Konzentrationslager und wurde von der Gestapo nach Sachsenhausen überführt. Im Auftrage der Widerstandsorganisation der politischen Häftlinge des Lagers Sachsenhausen wurde seine Flucht aus dem Lager organisiert, damit damit er an der Arbeit der Saefkow- Gruppe in Berlin teilnehme. führte das schwere Leben des illegalen Revolutionärs. Er übernahm die Leitung der Arbeit ,, Nationalkomitee Freies Deutschland" und organisierte die Verbindung der vielen Einzelgruppen untereinander. Am Geburtstage seiner Mutter wurde er Er am 27. November 1944 im Alter von 31 Jahren hingerichtet 150 Liebes Muttchen! Noch nie ist mir das Schreiben so schwer geworden, wie bei diesem, meinem letzten Brief an Dich. Ich muß Deinem Mutterherzen einen sehr großen Schmerz bereiten und habe Dir so bitterwenig Trostreiches zu sagen. Aber dieser Brief muß geschrieben werden, denn ich stehe tief in Deiner Schuld und muß mich für unendlich viel bei Dir bedanken. Am 24. Oktober bin ich vom 1. Senat des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt worden. Wie es dazu kam, wirst Du wahrscheinlich schon erfahren haben. Die einzige Beruhigung für mich ist, daß Du an Hertha so viel Freude erlebst, wie ich Dir Kummer bereitet habe. Sie hat Dir Enkelkinder gegeben, in denen Du etwas Glück finden wirst. Ihr dürft überzeugt sein, daß alle meine Gedanken und zärtlichsten Gefühle bis zum Schluß Euch gehören, meine Lieben. Es ist mein sehnlichster Wunsch, daß Ihr, und vor allem Du, mein Muttchen, Euch durch meinen Tod nicht allzusehr betrüben laßt. Haltet Eure Herzen offen für jedes bißchen Freude und Glück, das Euch das Leben noch bieten mag. Denk an Deine Enkelkinder, Muttchen, sei ihnen allzeit eine gute und fröhliche Großmutter. Noch einmal sage ich Dir, Muttchen, Dir gehört all meine Liebe und Dankbarkeit. Liebe Mutter! Nur noch eine Stunde, dann ist es überstanden. Es ist heute Dein Geburtstag, und ich bin froh, daẞ Du es heute noch nicht erfährst. Ich bin vollständig gefaßt und bitte Dich nur noch einmal, nimm auch Du es nicht zu schwer. Alles, was ich Dir zu sagen habe, ist bereits gesagt oder kann hier nicht gesagt werden. Seid alle, meine Lieben, noch einmals aufs innigste bedankt für Eure Liebe. Verzeiht mir allen Kummer, den ich Euch bereitet habe. Ich grüße und küsse Euch zum letzten Male Herbert 151 am 30. November 1944 im Alter von 34 Jahren hingerichtet 152 GERTRUD LUTZ, GEB. SCHLOTTERBECK, STUTTGART Kontoristin Die Stuttgarter Arbeiterfamilie Schlotterbeck wurde vom ersten Tage des faschistischen Regimes an grausam verfolgt. Vater, Mutter und Brüder wurden immer wieder verhaftet. Gertrud selbst verbrachte drei Jahre im Ge- fängnis und Konzentrationslager. Ihr Mann fiel kurz nach der Geburt ihres Kindes an der Front. Trotz aller erlittenen Mißhandlungen arbeiteten alle Familienmitglieder unermüd- lich am Sturz des Faschismus weiter. Sie gaben einem Illegalen Unterkunft und halfen, eine Widerstandsgruppe zu organisieren. Ihre Arbeit wurde verraten.: Gertrud wurde zu- sammen mit ihren Eltern, nahen Freunden und Bekannten, von denen einige nichts mit mit der illegalen Arbeit zu tun hatten, ver- haftet. Ein Bruder wurde ermordet. Gemein- sam mit ihren Eltern, ihrer Schwägerin und fünf Freunden wurde Gertrud Liebe Alma und Otto! - Ich wende mich heute an Euch! Es geht mir um mein Kind und an meine Angehörigen kann ich mich nicht wenden, da ich von diesen nichts weiß. Ich befinde mich seit dem 10. Juni hier in Schutzhaft. Wie lange diese Maßnahme dauern wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Klein- Wilfriede wurde mir am 10. Juni sofort genommen und in das NSV- Kinderheim nach Waiblingen gebracht. Nie werde ich das herzzerreißende Weinen des Kindes vergessen, als es mir von fremden Händen genommen wurde. Es könnte immerhin sein, daß das Kind eines Tages auch noch die Mutter der Zeit zum Opfer bringen muß. Da möchte ich vorsorgen. Ich bitte Euch also, wenn das Schlimmste eintreten sollte, nehmt Euch des Kindes an, seid ihm Vater und Mutter und erzieht es zu einem rechten Menschen. Vergeßt aber nie, unserm Kind, wenn es einmal in ein verständiges Alter gekommen ist, vom Leben und Sterben seiner Eltern zu erzählen. Ich wünsche unserem Kind ein glücklicheres Leben, als es das meine bisher war. Möge es nie solche Schläge im Leben bekommen. Für mich war das Kind ein unsagbares Glück, insbesondere als mich die grausame Nachricht von Walters Tod traf. Heute bereitet mir das Kind schmerzlichen Kummer. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Kindchen wäre mir nie geschenkt worden. Daß mein Herz voll Bitternis ist, versteht Ihr vielleicht, vielleicht auch nicht. Bleibt gesund und wohlbehalten. Mit vielen herzlichen Grüßen Eure Trudel 153 ELLI VOIGT, BERLIN Fabrikarbeiterin Uber den Arbeitersport kam Elli mit der sozialistischen Bewegung in Berührung. Noch als freier Mensch mußte sie durch alle Leiden gehen, die den Widerstandskämpfern von der faschistischen Diktatur gebracht wurden. Ihr Lebensgefährte saß sechs Jahre im Zuchthaus und im Konzentrationslager. Doch das schreckte sie nicht zurück. Illegal mit einer Berliner Gruppe arbeitend, nahm sie die Verbindung mit den russischen und französischen Zwangsarbeitern auf, denen sie Flugblätter und Zeitungen in ihrer Sprache brachte und sie über die militärische und politische Lage unterrichtete. Sie wurde am 8. Dezember 1944 im Alter von 32 Jahren hingerichtet 154 8. Dezember 1944 Mein lieber Kameradl Es ist mir vergönnt, mich noch von Dir zu verab- schieden, was leider den meisten Menschen nicht möglich ist. Ich weiß, Du würdest, wenn es in Deiner Macht stände, mir das Schwerste abnehmen. Doch jeder muß für das, was er getan hat, selbst einstehen. Meine Liebe zu Dir macht es mir leichter, als ich glaubte. Daß ich Dich bis ins Grab liebe, brauche ich wohl nicht zu ver- sichern, Sei den Kindern immer das, was ich an Dir hatte, ein Kamerad! Wie es Dir geht, ist mir nicht be- kannt, aber ich glaube doch, wie immer gut. Meine Gedanken sind bei Dir und zu Haus. Alles Weinen ist jetzt zwecklos. Meine Kinder, Omi und Du machen mir den Abschied unsagbar schwer. Doch ehe das Bewußt- sein richtig da ist, wird alles vorbei sein. Ich danke Dir für kurze, glückliche Stunden und hoffe, daß Dir das Leben noch Angenehmes bringen wird. Sei weiterhin das, was Du bisher warst, ein gerader aufrechter Mann. In der Hoffnung auf das Leben gehe ich in den Tod. Ich gehe im Glauben an ein besseres Leben für Euch. Stark wollen wir sein. Meine besten Wünsche für Dich und die Kinder sind Dir gewiß. Letzte Grüße und Küsse Deine Elli WILLI BÄNSCH, BERLIN Schlosser Wegen seiner antifaschistischen Tätigkeit wurde Willi 1936 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung ins Arbeitslager Wuhlheide überführt, nahm er von dort die Verbindung mit der Widerstandsgruppe Saefkow auf. Er flüchtete aus dem Lager und arbeitete bis zu seiner erneuten Verhaftung länger als ein halbes Jahr illegal in Berlin. Er wurde am 11. Dezember 1944 im Alter von 36 Jahren hingerichtet $ 156 et er ie f- d g n. S it Meine supre! Um 1250 ist es Er hany en Branden Zy. 11. 87, 44. passiert. Durch den behen. lie ves em Feldmarschall, Denke Zuen. em. Habe ich dich gekränkt, Es war. обе да уве Zithe. ich dich für alles um der zug. mic tericht dabei, Richle die, meine supe dein form noch ein vijok, geht. Das grean ze Spk eres Leben sowe.. mehr lou je, Vide for for Mitti e wollen, the he wen ance vid Willkur es le 21. Twile the domit, days in feiten in denen dis found durchbrection, Hele Lom ben von Blut opform will. put 2nd. Schon in die Fenliette. und wir? schem ' kein opfor. andh. nicht das Reeinste, ist umsonst. Jel ober de innerlich mig on. Weize dein Putschen. P mit vielen Kupen Dein dich innemer 2 nochmalo lie ven ater willi PS. In Fesseln habe ich meinen letzten for so geskieden. Pür. Brief von Willi Bänsch Brandenburg, den 11. Dezember 1944 Meine Elli! Um 12.30 Uhr ist es passiert durch Erhängen. Habe ich Dich gekränkt, so bitte ich für alles um Verzeihung. Es war nie Absicht dabei. Richte Dir Dein ferneres Leben noch ein bißchen ein. Der ganze Spuk dauert nicht mehr lange. Viele Grüße an Mutti. Tröste sie damit, daß in Zeiten, in denen die Sonne durchbrechen will, Hekatomben von Blutopfern nötig sind. Schau in die Geschichte, und Du wirst sehen, kein Opfer, auch nicht das kleinste, ist umsonst. Ich sterbe innerlich ruhig. Mit vielen Grüßen nochmals 158 Dein Willi OTTO ENGERT, LEIPZIG Zimmerer Vor 1933 war Otto Abgeordneter der Kommunistischen Partei im Thüringischen Landtag. Unermüdlich arbeitete er 11 Jahre lang an der Beseitigung der faschistischen Herrschaft, bis er 1944 als führendes Mitglied der Leipziger Widerstandsgruppe der Organisation Saefkow verhaftet wurde. Seine Frau Milda erhielt eine hohe Zuchthausstrafe und Otto wurde am 11. Januar 1945 im Alter von 49 Jahren hingerichtet 160 m- d- ng I- er on da to tet Gfgb. Nr.: 2984/44 Bel Sendungen an mich auf äußerem Umschlage links oben angeben Name: Engert Eßwaren, Genußmittel, Tabakwaren, Seife, Zahnputzmittel, Pomaden, Salben usw. werden nicht angenommen Geld zur Bestreitung persönlicher Bedürfnisse kann in der Anstaltskasse dienstags und freitags von 0 bis 13 Uhr eingezahlt werden. Zusendung aller Gegenstände anderer Art bedarf der vorberigen Genehmigung. Keine Briefmarken senden! Untersuchungshaftanstalten Dresden( Hauptanstalt), Dresden A 24, George- Bahr- Str. 5,... Main liebe, gute Milda. Ihr Lieben alla! hut Mit der heutigen Ingeschiede ich we Eucher Menn Leben ſoch erfüllt. Ich gebe es hin, ein dem Larauftsein, daß geten zu haben, wozu mich Überzeugung and Ichlicht gevangen. Nur for Mine The mich verstehen, das icht es waum ich bitte, darüber, ob das was ich And insting and not sining non wird ein ſt, die Geschichten. scheiden.. Meine liebste lehte Wilde! Dir danke ich für all die große Liebe Güte und teue, mit der Dä 25 Jahre mich umgeben haft. Ich wünsche Der alles, alles girls. Die selbst genwählter Treisgauche, Wo de hingefft 1666 Brief von Otto Engert 11 Meine liebe, gute Milda! Ihr Lieben alle! Mit dem heutigen Tage scheide ich von Euch, Mein Leben hat sich erfüllt. Ich gebe es hin in dem Bewußt- sein, getan zu haben, wozu mich Überzeugung und Pflicht zwangen. Nur so könnt Ihr mich verstehen, das ist es, um was ich bitte. Darüber, ob das, was ich tat, richtig und notwendig war, wird einst die Geschichte entscheiden. Meine liebste, beste Milda! Dir danke ich für all die große Liebe, Güte und Treue, mit der Du 25 Jahre mich umgeben hast. Ich wünsche Dir alles, alles Gute. Dein selbstgewählter Trauspruch„Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen” erfüllt sich allerdings buchstäblich. Bestattet mich in Altenburg. Schreibt einmal:„Sein Leben und Sterben galt der Freiheit des Volkes." Ich denke an Dich bis zur letzten Minute. Dein Otto n .. at 5, d Le प n 11 1. 11* ALFRED FRANK, LEIPZIG Kunstmaler Mensch und Künstler bildeten in ihm eine reife Einheit. Wie er seine Werke in den Dienst der Befreiung der Menschheit stellte, so setzte er seine ganze Persönlichkeit im Kampf gegen die Hitlerdiktatur ein. Schon 1933 erhielt er ein Jahr Gefängnis wegen seiner antifaschistischen Arbeit. Nach der Entlassung beteiligte er sich wieder unermüdlich an der Organisierung des Widerstandskampfes gegen Faschismus und Krieg. Er wurde 1944 erneut verhaftet und am 12. Januar 1945 im Alter von 61 Jahren hingerichtet 164 Gfgb. Nr.: 2968144 Bel Sendungen an mich auf äußerem Umschlage links oben angeben Name:. franks e en 0 of i- g er en ut EBwaren, Genußmittel, Tabakwaren, Seife, Zahnputzmittel, Pomaden, Salben usw. werden nicht angenommen. Geld zur Bestreitung persönlicher Bedürfnisse kann in der Anstaltskasse dienstags und freitags von 9 bis 13 Uhr eingezahlt werden. Zusendung aller Gegenstände anderer Art bedarf der vorherigen Genehmigung. Keine Briefmarken senden! Untersuchungshaftanstalten Dresden( Hauptanstalt), 10 Dresden A 24, George- Bähr- Str. 5 ,. Meme liebe Ger gelöst Sebewohl gu 121.45. + Soeben wurden mir die Fessell um Dis nochmals ein senden. Wir waren alle nochmals zusammen und erwarten heute unser korperliches Ende Wir sind alle gefasst and einer ist" tupferer als des pudere. Ich wolle. Du könntest aus sehen. Die Trung Best haben was in Pen Zellen geloo den die was dost mehr als traurig. Hoffentlich hast Du memen Das memen Loiref erhalten dem ich Dir an 5, M. ze schrieben habe. Ich glaubte schon am 4. Danach hinunter zeführt werde was Jesshalb nicht won un überrascht als ich in Deinen Armen. Im landde und ich dich nochmals on mein Herg ( 7.44) M/ 1060 Brief von Alfred Frank et Meine liebe Gertrud! Dresden, den 12. Januar 1945 Soeben wurden mir die Fesseln gelöst, um Dir nochmals ein Lebewohl zu senden. Wir waren alle nochmals zusammen und erwarten heute unser körperliches Ende. Wir sind gefaßt und einer so tapfer wie der andere. Ich wollte, Du könntest uns sehen. Die Traurigkeit haben wir in den Zellen gelassen. Hoffentlich hast Du meinen Brief erhalten, den ich Dir am 5. d. M. geschrieben habe. Ich glaubte schon am 4., daß ich hinuntergeführt würde, und war deshalb nicht wenig überrascht, als ich in Deinen Armen landete und ich Dich nochmals an mein Herz drücken konnte. So vieles hätte ich gern mit Dir besprochen, aber in der Überraschung hatte ich keine klaren Gedanken und habe so vieles vergessen, was ich noch mit Dir besprechen wollte. Doch ich glaube, daß Du alles schon selbst richtig machst. Auch hier geht es Tempo, Tempo, so daß ich nicht auf Einzelheiten eingehen kann. Deshalb will ich mich kurz fassen. Bleib gesund und halte den Kopf hoch, so wie wir den Kopf noch so lange hochhalten, bis die Gewalt unseren Nacken niederzwingt. An alle herzliche Grüße und ein kräftiges Lebewohl. Im Geiste bei Dir trotz Hunger 166 Dein Alfred ERICH EGERLAND, BERLIN Verwaltungsbeamter 1933 wurde Erich, der der SA als aufrechter Antifaschist bekannt war, verhaftet, in das berüchtigte Columbiahaus gebracht und sehr schwer mißhandelt. Er emigrierte nach Prag und wurde bei Besetzung der Tschechoslowakei festgenommen. Im Konzentrationslager verstand er es, durch seine starke Persönlichkeit auf die SS- Wachmannschaft einzuwirken und bei ihr Zweifel an der Richtigkeit der Hitlerschen Politik zu erwecken. Sein Brief reißt das schwere Schicksal des von seiner Familie getrennt lebenden Revolutionärs auf. Er wurde wegen seiner aufklärenden Diskussionen mit einigen SS- Leuten im Lager Sachsenhausen am 1. Februar 1945 im Alter von 37 Jahren erschossen 168 KZ Sachsenhausen, den 27. Januar 1945 Mein liebes, schwergeprüftes Friedelchen! Abermals habe ich mit wahrer Erschütterung nach dem Empfang Deiner und Ditas Zeilen über unseren Leidensweg, ganz besonders jedoch über Deine Verfassung, in tiefster Sorge nachgedacht. Fort flogen meine Gedanken zu jener entscheidungsschweren Stunde, als ich, nach dem Aufenhalt im Columbiahaus einigermaßen wiederhergestellt, in die Emigration ging. Das ist nun zehn Jahre her. Wir haben uns seitdem nicht wiedergesehen. Damals fehlte mir noch nicht der Mut, Dir ,, Lebewohl" zu sagen. Niemals im Leben kann ich vergessen, wie Du weinend und immer wieder zögernd auf der Lichtenrader Chaussee standest. Mir war es klar, daß es möglicherweise ein Abschied auf immer sein würde. Und so ist es denn auch eingetroffen. Gewaltige Ereignisse von einschneidender Bedeutung gehen heute an allen Menschen vorüber, nicht ohne rücksichtslos tiefste Spuren zu hinterlassen. Es bleibt kaum einer von diesen Vorgängen verschont. Überall werden Menschen, die sich liebhaben, auseinandergerissen. Fürchterliche Leiden, wohin man sieht, und der Schrecken ist noch nicht zu Ende. Nachdem sich der klare Kopf im einzelnen alle die gewaltigen, geschichtlich einzigartigen Entwicklungsphasen des letzten Jahrzehnts vor Augen geführt hat, muß er nun vernunftmäßig die tragische Rolle des Individuums in einer durchaus anderen Weise bewerten, als das Herz sie eingeschätzt wünschen. Hier befinde ich mich in einem entsetzlichen Zwiespalt. Verstandesgemäß kann ich meine Rolle, auch Deine und die der Mitleidenden, richtig eingruppieren. Die geschichtliche Prognose war im wesentlichen richtig. Die Träger dieser 169 geschichtlichen Entwicklung mußten mit einer Märtyrerrolle rechnen, die unter den gegebenen Umständen die denkbar tragischste sein mußte. Richtig war auch ferner die Behauptung, daß alle diejenigen, die geglaubt haben, durch Ausweichen vor den ihnen geschichtlich gestellten Aufgaben und ihre widerspruchslose Anpassung an die für sie scheinbar günstige Konjunktur straflos davonzukommen, einem Grundirrtum unterlagen, der bitter, bitter geahndet werden würde. Das, was wir z. B. trotz jahrzehntelanger Trennung und trotz unseres Kampfes uns noch erhalten haben, nämlich das Leben, haben andere schon längst verloren, obgleich sie glaubten, das Schicksal müsse ihnen ob ihrer Feigheit, ihres Stillhaltens und ihres Schweigens oder gar Mitmachens gnädig sein, gleich einem Straußen, der die Gefahren nicht sieht, weil er den Kopf in den Sand steckt. Die Geschichte ist dabei oftmals sehr großzügig. - Lager - Zehn Jahre Trennung sind keine Kleinigkeit. Ob ich diese Jahre nun bei mir nehme: Zuchthaus Moor Bomben Hunderte, ja Du wirst es kaum glauben, Tausende von Leidensgenossen sind um mich her verreckt. Oder ich nehme sie auf Deiner Seite: Sorge um die Existenz, der Kampf ums Dasein in seinen mannigfaltigen Variationen, die Auseinandersetzungen mit der Gestapo, die Pflicht dem Kind gegenüber, die ständige Angst um mich, dazu auch Bombengefahr, Krankheit und die Reibungen des täglichen Lebens. Alle diese Jahre haben uns keine Freude gebracht und konnten ohne Mühe ein Gemüt, eine Seele zerstören. Und doch! Diesen Widrigkeiten hätte ein starker, selbstbewußter Mensch trotzen können, wenn nicht noch andere, gefährlichere Umstände ganz allmählich ihr zersetzendes Gift ausgebreitet hätten. Der Boden war ja durch den zermürbenden Kampf günstig vorbereitet. Dieses Gift, vom Gesichtspunkt des Destruktiven und 170 Konstruktiven aus gesehen, waren die sie - Herzensnöte. - nennen wir Mein liebes Friedelchen! Hattest Du mich jemals aus tiefstem Herzen lieb, so mußte ja eine längere Trennung von mir Deinen halben Tod bedeuten. Und das spricht unzweideutig aus allen Deinen Zeilen. Die schönsten Jahre des Lebens zum Opfer gebracht! Wofür? Das ist eine verhängnisvolle Frage. Der Verstand kann sie beantworten. Er geht an die Beantwortung heran, wie der Arzt mit dem Messer an eine Wunde. Ihn schmerzt der Schnitt nicht, er weiß, daß und wie er vollzogen werden muß. Auch der große Schnitt mußte sein, Friedel! Uns zwar schmerzte er, konnte tödlich sein, vor allem im Herzen. Und nun fragst Du, warum gerade wir? Nein, alle! Alle, auch die, die nicht wollten oder konnten, bekommen die Rechnung vorgelegt. Das beweist jetzt die Geschichte mit Stahl und Eisen. So sagt der Verstand. Antwortet aber das Gefühl, dann wird es furchtbar. Und glaube etwa nur nicht, daß ich mein Empfinden eingesperrt hätte, während man mich eingesperrt hat. Die Vorstellung Deiner Leiden und Qualen und die eines unschuldigen Kindes, das nicht einmal ahnt, welch ein Anrecht es auf die Liebe, Sorge und Hilfe des Vaters hat. Um alles das und um die Harmonie glücklicher Eltern unwissend betrogen, es wirft mich fast um. Laẞ die knappen Worte meiner Sprache auf Dich wirken, wie sie sind. Genau so denke ich. Nur kann ich nicht alle die Empfindungen und Gedanken, die mich nie loslassen, in Worte kleiden. Wenn Du mich noch liebst, so wirst Du aus den Zeilen alles herauslesen, was ungeschrieben bleibt. Ich bin ja froh, endlich einmal so viel zu Papier bringen zu können und damit wenigstens ein biẞl den Kernpunkt unseres Lebens zu streifen. Das ist hier ein großes Kunststück, weil gefährlich, wie Du weißt. Doch glaube mir bitte, ich fühle und verstehe 171 sehr vieles unserer Angelegenheiten, wenn vielleicht auch nicht alles. Das aber dürfte mit der Unzulänglichkeit des Mannes auf diesem Gebiete entschuldbar sein. Zum Schluß Friedelchen! Es dauert nicht mehr lange. Verlaẞ Dich darauf. Und so kurz vor dem Ziel dürfen wir das Rennen nicht aufgeben. Ich strotze noch voll Lebenskraft und Energie. Mag der Kampf noch härter werden, ich vertrage weiterhin manchen Puff und hoffe, mit Dir noch schöne Zeiten verleben zu können. Du sollst mir nicht umsonst die vielen Jahre die Treue gehalten, gelitten und schwerste Qualen erlebt haben, während andere lachten. Aushalten um jeden Preis! Eine andere, schönere Zeit steht vor der Tür. Wir nähern uns ihr sprunghaft. Es wäre mir fast unvorstellbar, wenn jetzt, da die Umrisse dieser besseren Zeit für uns schon zu erkennen sind, der eine oder andere versagen sollte. Alles rings um mich hätte mich schon längst ruiniert, wenn nicht das Wissen um die Dinge der Entwicklung und meine tiefe Liebe zu Dir und dem Kind mir immer wieder die Wege gewiesen hätten, die einzig und allein richtig sind. Voraussetzung ihres zielbewußten Beschreitens sind Kraft und Mut und Ausdauer. Du meine Sehnsucht aller zehn Jahre. So, wie Du in der Zeit unserer ersten Liebe tapfer für mich eingetreten bist mir unvergeßlich, so wirst Du die Jahre hindurch geblieben sein und mich nicht enttäuschen. - Sei tausendmal gegrüßt und geküẞt von Deinem Erich 172 GERTRUD SEELE, BERLIN Krankenschwester Gertrud versuchte, wie viele Menschen in allen Orten Deutschlands, den gehetzten und verfolgten Juden zu helfen, die infolge der Rassenhetze schlimmste menschliche Erniedrigung, Deportierung und schließliche Vernichtung zu erleiden hatten. Für ihr edles warmherziges Handeln wurde sie zum Tode verurteilt und am 12. Januar 1945 im Alter von 27 Jahren hingerichtet 174 Meine liebe kleine Tochter Michaela! Heute muß Deine Mutti sterben. Ich habe nur zwei große Bitten an Dich, kleines Dirnlein. Du mußt ein braver und tüchtiger Mensch werden und den Großeltern viel Freude machen. Meine besten Wünsche gebe ich Dir mit auf Deinen Lebensweg und bitte Dich, mich lieb zu behalten und nicht zu vergessen. Ich weine innerlich heiße Tränen um Dich und die Eltern. Lebe wohl, geliebtes kleines Töchterchen. In Gedanken umarme und küsse ich Dich. Deine verzweifelte Mutti t 175 HERMANN DANZ, SCHMALKALDEN Messerschmied Hermann Danz war seit frühester Jugend Mitglied der Arbeiterbewegung. Mit 23 Jahren ging er nach der UdSSR. Innerhalb von zwei Jahren beherrschte er die russische Sprache so vollkommen, daß er als Dolmetscher und Lehrer tätig kein konnte. Seine Arbeit führte ihn weit durch die Sowjetunion, bis in die kleinsten Dörfer Sibiriens. Zuletzt war er als Übersetzer und Sprecher am Moskauer Rundfunk beschäftigt. 1933 kehrte Hermann Danz zur illegalen Arbeit nach Deutschland zurück. Seine erste Verhaftung erfolgte im November desselben Jahres. 1936 aus dreijähriger Zuchthaushaft entlassen, widmete er sich aufs neue dem antifaschistischen Kampf. Als Leiter der illegalen Kommunistischen Partei Magdeburgs wurde er in Verbindung mit der Widerstandsgruppe Anton Saefkow im Jahre 1944 zum zweiten Male verhaftet und am 5. Februar 1945 im Alter von 38 Jahren hingerichtet 176 Mein liebes Mädchen! Nur wenige Tage trennen mich noch von dem Urteilsspruch, nicht aber von der Entscheidung. Diese fiel am Tage meiner Verhaftung. Als ich in Potsdam ,, vernommen" worden war, wußte ich, daß das Todesurteil nur noch durch besondere Ereignisse abgewendet werden konnte. Meine Hoffnung auf solche war gering, und so stellte ich mich von Anfang an auf den Tod ein. Nun steht er unmittelbar bevor. - Es ist ein sehr eigentümliches Gefühl, in einer engen Zelle zu sitzen, getrennt von allem, was einem lieb und teuer ist auf dieser Erde, und zu wissen: Nie wieder wird es werden, wie es war. Hinter allen Gedanken, die sich mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigen, steht das unerbittliche ,, Nie wieder!" Ich sah, wie die Sonne täglich langsam sank und wußte, nie wieder werde ich erleben, daß sie täglich höher steigt. Als die Weinblätter am Kerkerfenster sich zu färben begannen zuerst ganz zart, kaum merkbar, dann täglich mehr und mehr, bis sie schließlich in leuchtendem Rot erstrahlten, um zu verblassen und abzufallen erschienen sie mir als ein Symbol meiner Lage. So unerbittlich und unaufhaltsam wie dieser Prozeß des langsamen Absterbens, so unerbittlich verrinnt auch meine Zeit. Noch nie habe ich Blätter in solcher Schönheit sterben sehen wie dieses Mal, da es zugleich das letztemal war, daß meine Augen solches sahen. Sie sind tot, die Blätter vor meinem Fenster, das letzte ist abgefallen, und auch meine Stunde ist nun gekommen. Freilich, die Blätter werden wiederkehren. Schon in wenigen Wochen beginnen sie zu rüsten, um im kommenden Frühjahr in strahlender Schöne in die Sonne zu lachen. Alles wird wieder sein, wie es war. Nur ich werde nicht mehr sein. ,, Nie wieder!" Bin ich deshalb verzweifelt? War ich es in den letzten Wochen? Nein! In dem Maße, in dem die Überzeugung 12 177 - wuchs, daß nichts mich retten würde, wuchs in mir die Kraft, mein Schicksal mit Fassung zu tragen. Das Laub muß abfallen und verwesend als Dünger dienen. Nur so kann neues Leben wachsen. Und so sind auch wir, die wir für eine schöne und bessere Zukunft sterben, nichts als- es ist ein hartes Wort Kulturdünger. Ohne unser Sterben kein neues Leben, keine Zukunft. Noch steckt die Menschheit tief im Tierreich und die Gesetze ihrer Fort- und Höherentwicklung sind noch dieselben wie dort. Es ist ein grausamer Kampf, in dem das Bessere sich nur durch Ströme von Blut durchsetzen kann. Wie in den vergangenen Jahrtausenden, schreibt auch heute noch die Menschheit ihre Geschichte mit ihren edelsten Säften, mit ihrem Blut. Es wird eine Zeit kommen, da sie den entscheidenden Schritt tun und sich endgültig aus dem Tierreich lösen wird, wo aus den Nachfahren des ,, Pitecantropus" tatsächlich der ,, homo sapiens" wird. Dann erst wird die eigentliche Menschheitsgeschichte beginnen. Nicht mehr Blut und Feindschaft werden die Kampfmittel sein, sondern Vernunft und Verstand. Viel spricht dafür, daß wir uns diesem Zustand in raschem Tempo nähern, im Begriff stehen, eine jahrtausendelange Geschichte abzuschließen und ein neues Kapitel zu beginnen. das erste menschliche - Es ist ein schönes Gefühl, mein Mädchen, an dieser Entwicklung sein kleines Teilchen beigetragen zu haben. Der Tod ist eine natürliche Erscheinung, alle Kreatur muß sterben. Wer aber sein Leben hingibt für die Sache, macht sein Sterben zu einer Tat! Ein solches Sterben ist schön, bei aller Grausamkeit, weil es nicht nutzlos ist. Liebes Evchen! Ich weiß, Dich trifft das schwerere Los. Und wäre ich an Deiner Stelle, ich sähe den Dingen nicht so ruhig ins Auge, wie ich es jetzt tue. Und doch muß ich aufrechterhalten, was ich Dir schon einmal sagte: ,, Leben ist ein Befehl, er lautet: lebe!" Du hast noch Aufgaben in diesem Leben, denke immer daran! 178 Ich habe Dir bisher verschwiegen, daß unser lieber Atti schon vor etwa einem Monat zum Tode verurteilt wurde. Er lebt, während ich dies schreibe, schon sicher- lich nicht mehr. Ich habe also keine Illusionen. In etwa vier Wochen werde ich nicht mehr unter den Lebenden sein. Das neue Jahr, das auf jeden Fall und unwiderruflich den Beginn der neuen Zeit, den Anfang eines neuen Abschnitts der Geschichte der Menschheit bringen wird, werde ich nicht mehr erleben. Ich sterbe am Ende der alten Zeit, damit die anderen die neue be- ginnen können. Bin ich deshalb traurig? Nein! Ich bin zufrieden, daß mir das Schicksal die Möglichkeit gab, bis dicht an die Schwelle der Zeitenwende zu gelangen und mich kurz vor meinem Tode einen Blick hinüber tun ließ in die eben beginnende neue Zeit. Es werden für die, die diesen Krieg überstehen, noch lange Jahre voll bitterer Mühen, Not und Sorgen kommen. Doch wird sich dies alles leichter ertragen lassen, weil es im Dienste des Neuen, des Positiven geschieht, weil es die Zukunft, das Glück der Menschheit verbürgt. Wie ich schon sagte, mein. Herz schlägt nicht schneller, wenn ich daran denke, daß ich in wenigen Tagen sterben soll. Doch ich will nicht verschweigen, unangenehm ist mir der Gedanke an die Art, in der das vor sich gehen wird. Wenn ich zu wählen hätte, würde ich Erhängen vor- ziehen. Ich weiß, daß man auf diese Weise sehr schnell und schmerzlos stirbt, unbemerkt, so wie der Schlaf eintritt. Der Schlaf, den die Alten den kleinen Bruder des Todes nannten.; Ich möchte immer weiter schreiben, ohne Unterlaß meine Seele vor Dir ausbreiten. Denn solange ich Dir schreibe, ist mir, als seist Du bei mir und schautest mich liebevoll an. Doch es drängt die Zeit. Und so will ich zum Schluß Deine Worte benutzen:„Über Raum und Zeit‘ leb wohl, mein Evchenl Dein Hermann 179 CLAUS BONHOEFFER, BERLIN Direktor der Lufthansa Claus war einer der fortschrittlichen Menschen, die den Krieg unter allen Umständen zu einem schnellen Ende führen helfen wollten. Mit Arvid Harnack in Gedankenaustausch stehend, jede Handlung, die den Sturz Hitlers herbeizuführen beabsichtigte, unterstützend, schloß er sich dem Kreis der Männer um den 20. Juli an. Er wurde ohne Urteil am 23. April 1945 von der Gestapo ermordet 180 Liebe Eltern! Ich richte diesen Brief zu Papas Geburtstag an Euch beide. Die Wünsche, die nie so brennend waren wie in diesem Jahr, gelten Euch gemeinsam. Es sind die Wünsche der ganzen Familie. Die Hoffnung, daß sie wie durch ein Wunder ganz unversehrt aus dem großen allgemeinen Unglück hervorgeht, wage ich fast nicht auszusprechen. Es geht ja längst wie eine Naturkatastrophe über die Menschen hinweg, und die Natur ist verschwenderisch. Ich glaube aber, daß das Ungewitter über unserem Hause bald vorübergeht. Die Verfolgungen werden ein Ende haben und den Überlebenden wird es sein wie den Träumenden. Daß dieser Frieden Euch noch lange nach Eurem Kummer wohltut und daß Ihr ihn noch recht genießt, ist mein Wunsch und meine Bitte. Die Gewißheit, daß Euch allen ein neues Leben wieder beginnt, ist so schön. Auch mein Schicksal kann sich wohl noch plötzlich wenden. Ich bin aber darauf gefaßt, daß mein Leben bald abläuft. Diese beiden Möglichkeiten scheinen so denkbar weit auseinanderzuliegen, daß ich als Mensch von Fleisch und Blut mich doch immer wieder umstelle und unter dem Eindruck dieser ersten Frühlingstage auch in schwachen Stunden schwanke. Aber ich will ja nicht nur leben, sondern mich eigentlich erst einmal auswirken. Da dies nun wohl durch meinen Tod geschehen soll, habe ich mich auch mit ihm befreundet. Bei diesem Ritt zwischen Tod und Teufel ist der Tod ja ein edler Genosse. Der Teufel paßt sich den Zeiten an und hat wohl auch den Kavaliersdegen getragen. So hat ihn dann die Aufklärung idealisiert. Das Mittelalter, das auch von seinem Gestank erzählte, hat ihn besser gekannt. 181 Es ist jedenfalls eine sehr viel klarere Aufgabe, zu sterben, als in verworrenen Zeiten zu leben, weshalb seit je die glücklich gepriesen wurden, denen der Tod als Aufgabe bestimmt war... Wie es nun auch kommen mag, ein gemeines Schicksal ist mir erspart. Ich wünschte sehr, daß die Kinder, die ja inzwischen wieder größer geworden sind, Euch recht nahekämen. Aber ich will in die unübersehbare Zukunft nicht mehr eingreifen, um keine Bindungen zurückzulassen. Nun lebt wohl, lieber Papa, liebe Mama. Wir wollen aus diesen Ostertagen neue Hoffnung schöpfen, daß dieses Jahr den äußeren und seelischen Frieden bringt. Euch umarmt Euer dankbarer und glücklicher 182 Claus CÄSAR HORN, BERLIN Angestellter Trotz seiner Jugend war er ein unermüdlicher illegaler Kämpfer. Er arbeitete unter den Sportlern und wurde 1936 zu 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung nahm er die Widerstandsarbeit sofort wieder auf. Er wurde Soldat. Ein wichtiger Funktionär der Saefkow- Gruppe, suchte er unter seinen Kameraden aufklärend zu wirken. Mit Nachrichten und Flugblättern informierte er sie über die aussichtslose Lage an den Fronten und diskutierte mit ihnen über die Möglichkeiten zur schnellen Beendigung des Krieges. Er wurde am 19. März 1945 im Alter von 30 Jahren hingerichtet 184 Zuchthaus Brandenburg, den 1. März 1945 Den Freunden gebührt zuerst mein aufrichtiger Dank, soweit sie sich in der Zeit der furchtbarsten Not meiner über alles geliebten Frau und Kinder in wirklich aufopferungsvoller Fürsorge angenommen haben und ihnen durch Zuspruch und Trost das allzu harte Schicksal tragen halfen. Laẞt meine letzte Bitte an Euch, Ihr Freunde, zur Sorge werden: Helft meiner Frau und meinen Kindern, einen neuen Weg ins Leben finden, beweist ihnen gegenüber wahre Brüderlichkeit, dann handelt Ihr in meinem Sinne. Mein geliebtes Irmchen, meine gute Kameradin auf meinem letzten Wege! Durch unsere Liebe, durch Dich, habe ich die größte Köstlichkeit empfangen, ein neues Leben, unseren Jungen. Wir haben ein junges Blümchen gepflanzt, möge nun der dunkle Schatten, der über Dich fällt, es nicht ....., damit es etwa gar früh zu welken anfängt. Du bist wie der starke Baum, an dem sich der Keimling hält und emporwachsen kann, aber sieh, daß Du es trotzdem von Dir hältst und es selbst zum festen schmiegsamen Stämmchen wird, mit festen Wurzeln in der dauernden wohlgegründeten Erde ruhen würde, damit Du Dich selbst einmal daran festhalten und aufrichten kannst. Gib ihm diesen Ausdruck Goethischer Welt und Weltschauens immer mit auf den Weg: ,, Geh, gehorche meinen Winken, Nutze deine jungen Tage, Lerne zeitig klüger sein. Auf des Glückes großer Waage Steht die Zunge selten ein. Du mußt steigen oder fallen, Du mußt herrschen und gewinnen Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Amboß oder Hammer sein." 185 Die kommende Zeit wird unsere Kinder zu dialektisch veranlagten Menschen erziehen, dessen bin ich gewiß. Wir wollten sie darauf mit unserer geringen Bildung vorbereiten. Nun ist diese Kraft durch meinen Abschied geteilt. Laẞ später einmal alles, woran wir uns nur ahnend und strebend anlehnen konnten, zum Inhalt ihres Lebens werden: Musik, Bücher, das was ist, das Schöne, das Gute und die Liebe. Und deshalb sei alles, was uns beiden in unserer Zusammenarbeit Inhalt des Lebens war, nun auch ihr Eigentum, auch Anhalt zu meinem Gedenken. Im Kreise der ganz wenigen Freunde möge Dir Hilfe und wahre Menschenliebe zuteil werden. Lebe wohl! 186 Dein Cäsar RUDOLF SEIFFERT, BERLIN Rohrleger Unter der Losung ,, Krieg dem imperialistischen Kriege" demonstrierte er 1929 mit vielen tausenden antifaschistischen Arbeitern gegen die Kriegstreiber und die Machtansprüche Hitlers. Die Polizei schoẞ in die Menge der fordernden Arbeiter. Rudolf wurde verwundet. Ein Bein mußte ihm amputiert werden. Aber unermüdlich stellte er sich weiter in den Dienst für das Wohlergehen seines Volkes. Seine illegale Betriebsgruppe, die er im Siemens- Wernerwerk gebildet hatte, schloß sich der großen Widerstandsorganisation Anton Saefkows an. Er gab mit seinen Kameraden eigene Flugblätter für seinen Betrieb heraus. In der Todeszelle gelang es ihm, seine letzten Briefe an seine Frau heimlich zu schreiben und in seiner Beinprothese zu verstecken, die der Frau nach seinem Tode zugestellt wurde. Er wurde am 29. Januar 1945 im Alter von 36 Jahren hingerichtet 188 Brandenburg, im Zuchthaus, im Januar 1945 In der Todeszelle! Tag und Nacht sind die Hände übereinander gefesselt, nur zu den Mahlzeiten frei. Durch das einfache Fenster weht die eiskalte Winterluft. Der Heizkörper in der Zelle wird nur stundenweise erwärmt. Temperatur am Tage höchstens 10 Grad Wärme. Der Körper sträubt sich mit aller Gewalt gegen die Kälte, doch ist es zwecklos, da die innere Wärme fehlt, der Hunger an den Därmen nagt. Ständig hungern, ständig frieren. Nachts mit einer Decke auf dem Strohsack ist es noch schlimmer. Du krauchst zusammen wie ein Embryo, die Decke über dem Kopf, und versuchst, Dir mit Deinem eigenen Atem Wärme zu spenden. Wenn Du dann morgens durchgefroren aufstehst und hoffst, daß Du Dich mit dem Kaffee etwas erwärmen könntest, dann stellst Du fest, daß er meistens kalt ist. Die trockene Kruste Brot ist für den hohlen Zahn, das Mittagessen sowie das Abendbrot viel zu wenig. Der Hunger wird von Tag zu Tag größer. Auf einem kleinen Nachttopf mußt Du die Bedürfnisse verrichten. Das ist Kultur im Dritten Reich. Von menschlicher Behandlung keine Spur. So vergeht ein Tag wie der andere. Du sitzt hier und wartest, Woche um Woche, bis sie Dich holen zum Totmachen. Du bekommst keinen Bescheid, ob Dein Gnadengesuch abgelehnt ist, wann Deine Hinrichtung ist. Nichts, nichts. Du wartest und wartest wie auf einem Schlachthof das Vieh, das zur Schlachtbank geführt wird. Das Schlachten von Menschen geschieht in folgender Weise: Eines Tages, meist ist es ein Montag, geht die Zellentür auf, Dein Name wird gerufen. Der Beamte fragt: ,, Haben Sie ein Testament gemacht?" Und wenige Zeit später lebst Du nicht mehr. So rein geschäftsmäßig geht man mit Menschenleben um. Ist das noch Kultur? Und 189 so geht es Montag für Montag, Woche für Woche, Monat \ für Monat, jeden Montag 25 Stück— ja Stück!! Das ist die Amtssprache für Menschenleben. Ein Stamm von zweihundert zum Tode Verurteilten füllt hier das Brandenburger Zuchthaus. Ein dauerndes Kommen und Gehen ins Nichts. Aber alle, einer wie der andere, aufrecht und entschlossen, gehen sie zum Schafott, denn sie wissen, ihr Opfer war nicht umsonst. Die neue Zeit bahnt sich an. Liebe Hilla, so mancher gute Kamerad ist vor mir aus der Zelle gegangen, genau in der geschilderten Weise. Kameraden, an die man sich gewöhnt hatte, Kameraden, mit denen man hätte die Welt umkrempeln können. Ja, liebe Hilla, so warte nun auch ich, bis mein Name gerufen wird, aufrecht und entschlossen. So lebt denn alle wohl, die Ihr mir lieb gewesen seid. Rudolf j Zuchthaus Brandenburg, den 15. Januar 1945 Liebe Hilla, liebe Kinder! Große Zeiten bahnen sich an. Eine neue geschichtliche Epoche bricht über Europa herein. Als Folge des Krieges, der um die Neuaufteilung der Welt geht, steht der Sozialismus. Deutschland wehrt sich gegen diese geschichtliche Notwendigkeit. Sage unseren Kindern später, wenn schon, denke ich, ein Stück dieses Weges zurückgelegt ist, ihr Vater wurde dafür hingerichtet. Von einem brutalen System, welches sich mit aller Gewalt gegen den Fortschritt sträubte. Von einem System, welches das Menschenleben nicht achtete, nur um des Profites willen. Wenn unsere Kinder größer sind und selber denken können, werden sie erkennen, daß mein Opfer nicht umsonst war. Wenn erst die Fahnen des siegreichen Proletariats über Deutschland wehen, dann ist der Schritt zum Sozialismus Tatsache geworden. Und dieser Schritt ist nicht mehr fern. Unsere Kinder werden dann eine Welt mit aufbauen können, die ihrem Vater bei seinem Kampf vorschwebte. Auch das wird noch ein schwerer Kampf sein, von der proletarischen Diktatur bis zur sozialistischen Gesellschaftsordnung. Es ist die größte Aufgabe, die je die Menschheit gehabt hat. Was ist ein Menschenleben gegenüber der Erreichung dieses großartigen Zieles? So gehe ich denn aufrecht und gefaßt unter die Guillotine. Euer Vater 191 VERZEICHNIS DER BRIEFE Seite Almstadt, Bernhard André, Edgar Auer, Judith 146 24 138 Bänsch, Willi Bästlein, Bernhard Becker, Johannes. 156. 10 22 Blenkle, Konrad • 56 Bonhoeffer, Claus Brockdorff, Erika von Coppi, Hilde Danz, Hermann Düllgen, Hermann Egerland, Erich Eisenblätter, Charlotte 180 76 82 176 142 168 110 • Engert, Otto 160 Fischer, Hermann 18 Fleischer, Georg. 112 Frank, Alfred 164 Garske, Charlotte 96 Geisen, Hermann Gesche, Paul 70 106 Gottschalk, Joachim. Günther, Hanno Haase, Otto • Habernoll, Peter.. Harnack, Arvid Heilmann, Horst.. Horn, Cäsar.. Hufnagel, Josef Husemann, Walter.. Kapelle, Heinz Klingenbeck, Walter.. Knaack, Ernst. Seite 40 38 . 128 .. 126 . 42 46 184 .. 108 78 36 . 86 .. 114 Kuckhoff, Adam. Lindemann, Karl. Lüttgens, August.. 88 $ 104 .. 14 Lutz, Gertrud 152 Metzger, Max $ 66 Niederkirchner, Käte .. 132 Pierschke, Johann .. 124 Saefkow, Anton 120 Schreiber, Otto Schröder, Georg.. 34 .. 118 Schulze, Fiete. Schulze- Boysen, Harro. Schumacher, Elisabeth Schumacher, Kurt Seite 20 44 48 52 Seele, Gertrud .. 174 Seelenbinder, Werner 136 Seiffert, Rudolf 188 Spettmann, Georg Stamm, Robert Tesch, Bruno 100 28 16 Thesen, Matthias 134 Thews, Wilhelm • 58 Tschäpe, Herbert 150 Tucholla, Käte 90 unbekannte Jüdin 72 Voigt, Elli. 154 Weise, Martin. 92 Werber, Joachim Wiedmaier, Eugen. 28 64 30 Witte, Ernst. Woelk, Emil Wosikowski, Irene. .. 140 148 144 Die Briefe sind im Original wiedergegeben. Dem Wunsch der Angehörigen entsprechend wurden Sätze privaten Inhalts fortgelassen. In einigen Fällen wurden grammatikalische Verbesserungen vorgenommen Die Sammlung, Sichtung und den biographischen Teil besorgten Eva Lippold Luise Kraushaar Richard Bauerschäter Karl Schirdewan Dem Redaktionskollegium gehörten ferner an: Dr. Harald Poelchau Ottomar Geschke Friedrich Wolf Karl Raddatz Dank allen Angehörigen der gemordeten Freunde, die uns die letzten’ Briefe überließen. _ Dank dem Parteivorstand der Sozialistischen Einheits- partei Deutschlands für die Einsichtnahme in seine Archive, Der Verlag plant die Herausgabe einer großen Bibliotheks- ausgabe der letzten Briefe. Alle Angehörigen und Freunde von gemordeten Opfern des Faschismus werden gebeten, letzte Briefe, Tagebücher, Arbeiten aus den Kerkerzellen mit Hin- weisen auf die politische und private Persönlichkeit der teuren Toten an die Berliner Geschäftsstelle des VVN-Ver- lages, Berlin W 8, Friedrich-Ebert-Straße 30/31, zu übermitteln. —— „.. besonders jetzt tu Deine Pflicht! 64