Inhalt Vorwort. Erstes Kapitel: Verhaftet. Seite 6 • 7 • 18 ° Zweites Kapitel: Ein Sprung ins Ungewisse Drittes Kapitel: Senatspräsident Dr. Hermsen spricht Recht. Viertes Kapitel: Lüttringhausen. Das Haus der steinernen Särge. Fünftes Kapitel: Stunden reihen sich an Stunden.. Sechstes Kapitel: Wolfenbüttel. Ein unbelehrbarer 25 45 51 Fanatiker. 64 • • ° Siebentes Kapitel: Hameln. Lob der Einzelhaft. Achtes Kapitel: Der Krieg beginnt.. 68 . 84 Neun es Kapitel: Der Himmel hängt voller Wolken 98 Zehntes Kapitel: Die Kraftprobe. 110 123 ° Elites Kapitel: Organisierter Widerstand. Zwölf.es Kapitel: Sachsenhausen, die„ Hochschule für Politik". 149 Dreizehntes Kapitel: Neuengamme. Enttäuschungen 157 Vierzehntes Kapitel: Vor dem Zusammenbruch.. 168 Fünfzehntes Kapitel: Der Untergang der„, Cap Arcona" 177 Sechz hntes Kapitel: Am Tage der Freiheit.. 187 ° Vorwort Dieses Buch ist kein Tagebuch. Es ist auch keine erfundene Geschichte, sondern ein Rechenschaftsbericht. Die Personen, welche auftreten, haben gelebt und leben zum Teil auch heute noch. Ich habe keine Pseudonyme gewählt. Denn die Figuren des Dramas haben nichts zu verbergen also mögen sie ohne Maske erscheinen. - Alles, was ich schreibe, schreibe ich aus der Erinnerung. Ich habe keine Aufzeichnungen, die mir Anhaltspunkte bieten. Einige Briefe, die die Zeit überdauerten, ein paar amtliche zeitgenössische Schriftstücke sind die einzigen Dokumente aus jenen Tagen. Ihr mögt euch wundern, daß ich Einzelheiten anführe, die so lange zurückliegen. Aber wie sollte ich jemals Ereignisse wie meine Verhaftung, den Sturz ins Ungewisse den Prozeß, das Blutbad in Hameln oder den Untergang der ,, Cap Arcona" vergessen? Und jene Gespräche, die einen so entscheidenden Einfluß auf den Gang der Ereignisse genommen haben sie klingen mir heute noch, während ich dies niederschreibe, in den Ohren! Wie könnte ich sie je vergessen? - Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Und es war ein langer Weg, voll von Hoffnungen und Plänen, von Verzagtheit und Verbitterung, ein Weg, der manchmal in einer Sackgasse zu enden schien und doch wieder einem fernen Ziel zuführte. Ein Weg, der auch heute noch nicht sein Ende gefunden hat. Konstanz, im März 1947. 6 Rudi Goguel. Erstes Kapitel Verhaftet ie schwarze Nacht weicht. Aus abgründigen Tiefen steigen Figuren von leuchtenden Farben. Sie vereinigen sich wie Farbensymphonien märchenhafter Pracht, werden zu Bildern, zu Traumbildern. Langsam formt das gefesselte Bewußtsein die Bilder zu Handlungen, zu Traumhandlungen, bis der erwachende Geist die Oberhand gewinnt über die Mächte der Finsternis. Das Erwachen aus der tiefen Chloroformnarkose gleicht einer Neugeburt. Gab es ein Leben vor der Nacht? Führen Fäden aus jenen fernen vergangenen Welten zu dem neuen Leben? Das gelähmte Gedächtnis kämpft mit der Trägheit und Apathie des Körpers, Erinnerungsfetzen reihen sich aneinander. Wie war es doch: Haben wir nicht eine schwere Schlacht hinter uns? Liege ich nicht als verwundeter Soldat in einem Sanatorium auf der Krim? Wird nicht gleich eine freundliche Schwester eintreten und uns nach unseren Wünschen fragen? Ich schlage die Augen auf und blicke um mich. Ein mittelgroßer heller Raum, weiß in weiß. Die Sonne flutet durch hohe Fenster. Drei weiße Metallbetten, eins rechts und eins links von mir und in jedem ein Mensch, offenbar Mitstreiter der großen Schlacht. ,, Rot Front, Genossen" begrüße ich die Freunde. Keine Antwort. Die beiden richten sich auf, sehen sich an, schütteln die Köpfe, sehen mich wieder an ihre Mienen verraten deutlich ihre Gedanken: der Mensch scheint wahnsinnig zu sein. Pause. - Lange Pause. Mechanisch wandern meine Augen durch den Raum, gleiten über die Sonnenvierecke, die die Fenster auf die Deckbetten zeichnen und bleiben darauf haften. Denn diese Vierecke sind unterteilt in kleine, regelmäßige Vierecke, die Schatten dazwischen gleichen einem Waffeleisen, nein, einem Gitter. So ist es. Vor den Fenstern liegen Gitterstäbe, und mit einem Schlag dringt die ganze niederschmetternde Wirklichkeit ins Bewußtsein: Du bist im Gefängnis! Gefahr! Idiot, weißt du nicht, wo du bist! Du bist in den Händen der Gestapo, sei wachsam, halte deine Sinne zusammen! Sieh dir deine Nachbarn an. Beobachte die Gaunergesichter. Siehst du nicht den einen heimlich lächeln? So kann nur ein Gestapoagent lächeln. Ihr Hunde, glaubt ihr, mich so zu überlisten? Legt euch als harmlose Kranke neben mich ins Bett, um mich auszuhorchen? Eine tiefe ,, Du, Kamerad, wo kommst du denn her?" freundliche Stimme von links dringt an mein Ohr. Keine Antwort. ,, He, du, bist du schwerhörig? Du bist uns aber richtig ins Programm gehagelt. Der Schindelmeier da drüben sollte heute auf die Schlachtbank, sie wollten ihn sterilisieren. Und plötzlich holen sie ihn wieder vom Operationstisch, weil du hier eingeliefert wirst. vom Fürstenwall?" Keine Antwort. Kommst du Eine hohe etwas kindische Stimme von rechts: ,, Karl, muß ich am Samstag noch einmal? Karl, tut's denn auch wirklich nicht weh, Karl?" Die zwei verlieren sich in ein Fachgespräch über Entmannung und Sterilisation. 8 Ich hatte Zeit. Viel Zeit. Ich sprach inzwischen auch mit meinen Kollegen rechts und links, einem Diebstähler und einem schwachsinnigen Sittenstrolch, der auch richtig einige Tage nach meiner Einlieferung sterilisiert worden war. Meist aber dachte ich nach, versuchte mir die Zusammenhänge klarzumachen, die zu meiner Verhaftung geführt hatten. Denn ich war völlig isoliert, ohne Verbindung mit der Außenwelt, und etwas Schweres stand mir noch bevor: der Prozeß. So hatte es angefangen: Am 27. September 1934, früh morgens um 28 Uhr, stieg ich die Stufen eines fünfstöckigen Miethauses im Stadtteil Düsseldorf- Derendorf, Ecke Schwerin- und Seydlitzstraße, empor. Ich trug einen großen Koffer. Das Treppenhaus ar ein geräumiger quadratischer Lichtschacht, die Treppen spiegelblank. - stets Fast täglich ging ich hier hinauf in die Wohnung meiner Freunde Willi Schürmann und Harald Quedenfeld. Willi, groß, mager, ein wenig schielend, mit einer eigenwilligen Künstlermähne, war der typische Bühnenmann geistreich, oft kritisch und immer energiegeladen. Harald, ein nachdenklicher, wenig gesprächiger Mann, verriet mehr den Typus des schaffenden Künstlers. war Bühnenbildner, ein ausgezeichneter Karikaturist und am Klavier. nebenbei unser Interpret Weill'scher Musik Er entstammte einer revolutionären Familie, deren Mitglieder in den verschiedensten Kultur- und Gewerkschaftsorganisationen aktiv arbeiteten. Er Die beiden hatten eine gemeinsame Atelierwohnung im vierten Stock des Hauses, und diese Junggesellenbude war der ständige Treffpunkt einiger Gesinnungsfreunde. Ich steige— wie gesagt— die Stufen empor. Heute habe ich es eilig, denn ich muß anschließend zum Arbeits- amt und habe noch einige andere Verabredungen. Auf einem Treppenabsatz im dritten Stock liegt eine Zigarettenkippe. Sie ist ziemlich lang und zertreten. Mein Blick streift sie. Mechanisch denke ich: Ist hier schon so früh jemand heraufgekommen, stocke instinktiv einen Moment. Dann steige ich weiter, meine flüchtig unter- brochene Gedankenreihe fortsetzend. Vierter Stock. Ich schelle. Drinnen Schritte. Die Tür öffnet sich. „Ah, sieh da, der Herr Go— gu—ell Da haben wir sie ja alle beisammen!” Freundlich:„Treten Sie näher, mein Herr; was haben Sie denn da für einen netten Koffer mitgebracht?” Blitzschnell ist mir alles klar: Der Zigarettenstummel, der Gestapokommissar Wolff, die Haussuchung, und daß wir dieses Mal verloren haben. Das Schicksal hatte mich gewarnt— ich hatte das Warnungszeichen nicht beachtet. So nahm das Verhängnis seinen Lauf, Mein Koffer ist leer— das ist verdächtig. Daß altes zusammengeknülltes Zeitungspapier darin Liegt, beweist einen früheren Inhalt— offenbar verkappte illegale Zei- tungen! Die Ausrede, der Koffer habe zu einem Umzug gedient, scheint Herrn Wolff geradezu kindisch. Zwar, auch das Atelier von Willi und Harald weist nichts Anstößiges auf, keine revolutionäre Literatur, keine Schreibmaschine, keine Wachsmatrizen— indes: ist nicht gerade diese harmlose Aufmachung mehr als verdächtig bei alten, als aktiv bekannten Kommunisten? Wir fahren zum Fürstenwall: drei Delinquenten, drei Beamte. Keiner spricht ein Wort. Ein jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt. Und meine Gedanken sind sorgen- voll. 10 Hätten wir bereits damals den ganzen Umfang der in Gang befindlichen Schlacht und die volle Tragweite gevielleicht hätten wir die Polizisten zum Fenster ahnt - hinausgeworfen. Da aber Verhaftungen an der Tagesordnung waren und die Verhafteten häufig nach ein paar Tagen wieder heimgeschickt wurden, so schwanken auch wir jetzt zwischen Hoffen und Fürchten. * Im Fürstenwall trifft mich der erste Schlag wie ein Keulenhieb: ich sah Franz! Er sah mich starr an, sagte kein Wort, kein Muskel seines Gesichtes verzog sich, er schien mich nicht zu kennen. Was war geschehen? Wie kam Franz hierher? Einige Anzeichen verraten dem Erfahrenen, daß Massenverhaftungen erfolgt sind. Ein Kalfaktor bestätigt meine Vermutung. daß die - etwa Es Eine Viertelstunde später erfahre ich in meiner Zelle durch Verständigung mit den Nachbarzellen, gesamte Organisation des Stadtteiles Altstadt 60 Personen der Polizei in die Hände gefallen ist. wird mir klar, daß hier ein gut eingespielter Spionageapparat am Werk gewesen sein muß. - Wer kann der Spion gewesen sein? Fieberhaft arbeitet das Gehirn. Ein Genosse nach dem anderen passiert Revue, nein, es ist unmöglich. Willi? Harald? Hans oder Rudi? Es war mir bekannt, daß unsere Bezirksleitung vor Mein Freund vier Wochen in Gefangenschaft geraten war. Hans sowie der Organisationsleiter Rudi waren auf der Strecke geblieben. Oskar, der politische Leiter, hatte sich durch abenteuerliche Flucht rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Alle diese Vorgänge hatten wir, Franz und ich, lang und breit beraten, bevor er nach Berlin abreiste. 11 Und nun ist er hier! Franz— seinen bürgerlichen Namen erfuhr ich erst Monate nach seinem Tode— war Bezirksleiter der Gewerkschaftsorganisation RGO. Von Beruf Schneider, klein, behend, mit rundlichem Gesicht, Berliner, etwa 30 Jahre alt, war er unser bester Instruk- teur. Stundenlang hatten wir auf Treffs im Walde oder in einer Genossenwohnung den Neuaufbau unserer Orga- nisation diskutiert. Die Partei lebte damals trotz schwer- ster Nackenschläge in einem Taumel von Optimismus. „Wir haben uns in allernächster Zeit auf große Aus- einandersetzungen vorzubereiten. Wir müssen daher an den Aufbau illegaler Massenorganisationen gehen und sie zum aktiven Kampf führen, um so die Voraussetzungen zum Sturz Hitlers zu schaffen.‘ So hatte Oskar mir den Parteistandpunkt auseinandergesetzt. Das war kurz vor der Röhm-Revolte.; „Was nützt das schöne Bild, das du mir entwirfst, Genosse, so hatte ich eingewandt,„wenn die Wirklich- keit anders aussieht? Geh hinaus in die Betriebe und sieh dich um! Bei Phönix, bei Rheinmetall, bei Mannes- mann haben wir kleine Grüppchen von höchstens zwanzig bis dreißig Aktivisten, und diese Aktivisten verteilen sich noch auf die verschiedensten illegalen Organisationen. Wo sind denn die Massen, die du zum Kampf führen willst? Ich sehe nur passive, indifferente Arbeiter, die zu irgendwelchen Widerstandshandlungen nicht zu be- wegen sind. Bauen wir lieber eine Organisation auf aus wenigen aktiven Kadern und arbeiten wir auf lange Sicht. Dann können wir auch arbeiten!“ Meine Einwände hatten nicht gefruchtet. Die Fiktion eines baldigen Volksaufstandes gegen die Nationalsoziaii- sten beherrschte das Denken unserer führenden Funk- tionäre. ‘Voll Erbitterung war ich zu Franz gelaufen und hatte ihm meine Ansichten entwickelt.„Franz, ich befürchte, wir betrügen uns: selbst. Dein Vorgänger Erwin hatte 12 w meinen Vorschlag, in die Arbeitsfront zu gehen, abgelehnt mit dem Bemerken, wir dürften keine Zeit verlieren, die Entscheidung müsse bereits in nächster Zeit fallen. Unsere Genössen aus dem Saargebiet rechnen für die Abstimmung mit mindestens 60 Prozent für den status quo. Warten wir die Saarabstimmung ab, ob dort das deutsche Volk anders spricht. Ich bezweifle es und sehe schwarz für die Zukunft.” Die Organisation blieb schwerfällig und unbeweglich, die Funktionäre arbeiteten nach altem Schema, mechanisch lief der alte Parteibetrieb weiter. Man sprach vom Terror der Faschisten, vom Schwindel der Arbeitsbeschaffung. Man erklärte, daß auch Hitler die kapitalistische Krise nicht beheben könne. Man war überzeugt, daß die Wahlen gefälscht seien und bereits die Mehrheit des Volkes in Wirklichkeit gegen Hitler eingestellt war. Man fühlte sich als Exponent einer Millionenbewegung, nein: des gesamten werktätigen Volkes und sah nicht die täglich stärker zu- tagetretende Isolierung unserer Aktivisten, die täglich solider werdende Fundierung der Hitlerpartei bis tief in die Massen der Arbeiterschaft hinein. Und trotz aller Fehler blieb die Partei der große Motor. Immer neue Scharen namenloser Helden gingen aus ihren Reihen hervor und blieben auf dem Schlachtfeld. Einige von ihnen werden wir kennenlernen. Und nun: sollte gar Franz der Verräter sein? Riesengroß und drohend steht die Frage vor mir. Wenn Franz der Verräter ist, dann ist jede weitere Verteidigung zwecklos. Gilt es doch, bei der polizeilichen Verneh- mung diejenigen von uns zu schützen, die noch in Freiheit sind. Auf uns selbst kommt es nun nicht mehr an. Die ersten Vernehmungen bringen Licht. Hans und Rudi, die beiden Mitglieder unserer Bezirksleitung, waren offenbar eisern geblieben. Wir kennen uns auch heute nicht! 13 Es ist nicht leicht, zwischen prasselnden Schlägen, überraschenden nächtlichen Blitzverhören, plötzlich unerwarteten Gegenüberstellungen und wieder Schlägen seine Gedanken beisammenzuhalten. Einfach ist es, die Wahrheit zu sagen. Weniger einfach ist es, zu lügen. Meist werden Lügen nicht alt, denn sie haben kurze Beine und werden von den ergrimmten Stapisten mit der doppelten Tracht Prügel belohnt. Schwer, fast unmöglich schwer ist es, zu lügen und doch den Schein der Wahrheit zu erwecken. ,, Kennen Sie Paul A.?" ,, Welche Funktion hatte Richard K.?" ,, War Kläre B. in der Angestelltenkommission tätig?" Jede Frage ein Fallstrick. - ,, Nein, ich kenne Paul A. nicht" wird vielleicht quittiert mit Prügeln und einem Protokoll des Paul, daß er mich sehr genau kennt. - ,, Ja, ich kenne ihn!" kann seine unmittelbare Verhaftung nach sich ziehen, wenn er noch frei ist. Fieberhaft arbeitet das Gehirn, Schweiß bricht aus allen Poren, während der Mund zögernd, ein wenig gleichgültig sagt: ,, Es ist möglich, daß Paul A. mich kennt. denn ich habe eine Reihe Vorträge gehalten. Es ist vielleicht auch möglich, daß ich ihn schon einmal gesehen habe, bestimmt kann ich es erst dann sagen, wenn Sie ihn mir gegenüberstellen... Tun sie es, so weiß ich: unser Paul ist bereits verhaftet. Tun sie es nicht, so mag Paul ungeschoren bleiben. ,, Nein, Kläre hatte keine Funktion, jedermann bei uns wußte es, daß sie Polizeispitzel war, deshalb hatte sich jeder vor ihr zurückgezogen." - Sollte sie tatsächlich für die Polizei gearbeitet haben wird man was ich auch heute noch nicht glaube ihren Berichten künftighin weniger Glauben schenken. War sie kein Spion, so wird meine Aussage sie retten. 14 Dee NE re mer Die Vernehmung führt Dietges, Hilfsbeamter der Stapo, ein junger gewandter Mann in Zivil, die schwarze Horn- brille könnte einem Literaten zugehören. Er ist gebildet und belesen, verkehrt in freundlichem Plauderton und ist ungeheuer wissbegierig. „Was halten Sie von Trotzki?" Er kennt nicht nur die Schriften Trotzkis und seiner Parteigänger, sondern weiß auch ganz genau, wann der letzte Trotzkistenkongreß war und was dabei beschlossen wurde. „Finden Sie nicht, daß die KPO*) mit ihrer Kritik recht behalten hat?” Ich finde es nicht und sage es ihm. Doch all das theoretische Geplauder ist Zwischenakt- musik. Erholungspause. Dazwischen Fragen, die viel wichtiger sind. „Wer hat die„Gewerkschaftszeitung” geschrieben? Wer hat sie vervielfältigt? Wer hat sie verkauft? Wieviel Exemplare? Wo ist die Schreibmaschine? Wo pflegte Franz zu verkehren? Was tat er in Berlin? Bei diesen massiven Fragen pflegen einige SS-Männer irgendwie aufzutauchen, angeführt von einem gewissen Bartsch, einem brutalen, stumpfsinnigen Tier mit niederer Stirn, hohen Stiefeln, Uniform und wenig Umständen. Er pflegt sich mit Faustschlägen anzumelden und mit Fuß- tritten zu verabschieden. Am vierten Vernehmungstag sehe ich klar. Franz war mir gegenübergestellt worden, und ich kannte ihn kaum wieder. Er wankte ins Vernehmungszimmer, das Gesicht zerschlagen und verschwollen. Es war klar, daß er am Ende seiner Kräfte angelangt war— ebenso wie auch ich. Aber sie hatten nichts aus ihm herausgebracht. *) Oppositionelle Abspaltung der KPD 15 Mein häßlicher Verdacht reut mich, denn dies steht fest: mit Franz steht und fällt die Organisation. Er war in Berlin beim Zentralkomitee gewesen. Während seiner Abwesenheit war ich am 7. September verhaftet worden, aber nach acht Tagen wieder auf freien Fuß gekommen. Seit dieser Zeit hatte ich Franz nicht mehr gesehen. Er selbst war inzwischen von Berlin zurückgekommen und hatte ein Zimmer bezogen, das ich ihm durch Freunde besorgt hatte. Wo sich dies Zimmer befand, wußte ich aber selbst nicht. Wie war Franz in das Zimmer gekommen? Wer hatte Franz nach Berlin geschleust? Wer hatte ihn in Düsseldorf wieder in Empfang genommen? Wo war die Düsseldorfer Brief- und Kurier- Anlaufstelle? Wer in Düsseldorf kannte die Adresse des Zentralkomitees in Berlin? Nur Franz und ich konnten diese Fragen beantworten. Und das bezweckte unsere Gegenüberstellung. Sie ging unter gewissen Zeremonien vor sich: Max Brosig, der Gewaltige der Düsseldorfer Gestapo, war persönlich zugegen. Es ziemt sich, ein paar Worte über diesen geheimnisvollen Mann einzuflechten, den in Düsseldorf jedes Arbeiterkind kannte und verfluchte. Ehemals Holzarbeiter und Betriebsfunktionär in einer Waggonfabrik, war er in die Politische Polizei - - zur Weimarer Zeit Ia genannt delegiert worden. Dort war er Jahre hindurch tätig und Spezialist für die Bekämpfung der Kommunistischen Partei. Jahrelang vor 1933 kämpfte er bereits gegen den Roten Frontkämpferbund und gegen den ,, Oktober"*). Der Umschwung 1933 bringt Max Brosig in einen Engpaß. Die beiden großen Rivalen, SA- Standartenführer Lohbeck und SS- Gruppenführer Weitzel, liefern sich 16 *) Illegale Zeitschrift über Strategie Schlachten um die Schlüsselstellung der Polizei. Aber sie können Max Brosig nicht entbehren. So bleibt Brosig.... und wird in wenigen Monaten zum berüchtigtsten Arbeiterhenker und Folterknecht des ganzen Ruhrgebietes. Auf sein persönliches Konto gehen Dutzende von Selbstmorden in den Kellern der Gestapo. Max Brosig selbst leitet die Vernehmung des vierten Tages und das Zusammentreffen mit Franz. Nach acht- stündigem Verhör kehre ich in meine Zelle zurück. Ich war nun buchstäblich am Ende meiner Kräfte angelangt und zog Bilanz. 17 Zweites Kapitel Ein Sprung ins Ungewisse s ist Abend. Ein Abend, den ich nicht vergesse. Vier Schritte vorwärts, kehrt, vier Schritte rückwärts, kehrt— Minuten— Stunden. Dunkelheit bricht ein, die Tagesgeräusche verebben. Drunten im Stall rasselt manchmal eine Kette, ein Huf schlägt auf Stein, dann herrscht wieder Ruhe. Ab und zu das Schnauben eines Kraftwagens, der in den Polizeihof einfährt, um ihn bald wieder zu verlassen: der unheimliche schwarze Mercedes, der die schwierigen Fälle zur nächtlichen Vernehmung in die Reuterkaserne, ins Getreidehaus auf der Bismarckstraße oder in die Nervenklinik Grafenberg brachte, zur Spezialvernehmung, um oft genug mit Todesfracht zurückzukehren. Ab und zu ein Schlüsselklirren, füsternde Stimmen, dann wieder Stille— eine fürchterliche Stille. Du bist allein in dieser großen Stadt, und keiner kann dir helfen. Du allein mußt entscheiden, was richtig ist. und keiner wird dich entschuldigen, wenn du das Falsche tust. Nur du kennst deine eignen Kräfte. Nur du weißt, ob du das Verhör morgen früh überstehst oder ob der Rest deines Willens zerbrochen sein wird. Entschließe dich: willst du warten, versagen und dich dann aufhängen— aus Reue und’ Verzweiflung, weil du als Verräter in die Geschichte eingehen wirst? Oder willst du ein Ende machen, solange du noch Macht über deinen Willen besitzest, bevor es zu spät ist? 18 Ich wußte, daß meine Kräfte nicht mehr ausreichten. Und doch hängte ich mich nicht auf. War es ein Instinkt, oder war es eine unbewußte Rechnung? War es der Gedanke an Lydia, die ein Leben voll von Entbehrungen und Opfern mit mir geteilt hat und die schweren Zeiten des Moorsoldatenlebens, die Strapazen der illegalen Arbeit tapfer aushielt, nur um nun eine traurige und bittere Er- innerung an mich zu behalten und sonst nichts? Ich vermag es auch heute nicht zu entscheiden. Ich entschloß mich, am Morgen über das Geländer zu gehen. Es beginnt die technische Vorbereitung. Wird der Lebenstrieb morgen früh nicht im letzten Moment alle Vorsätze überwältigen? Langsam spreche ich vor mich hin:,„Sechs Schritte, links— rechts, links— recht, links— rechts, dann linke Hand auf das Geländer, rechte Hand Untergriff, Kopf nach vorne." Ich spreche es fünfzigmal hintereinander, bis es fest sitzt, ein unverrückbares Programm, ein kategorischer Imperativ. Die Schuhe bleiben offen, das Hemd bleibt in der Zelle, denn zum Waschraum gehen wir nur mit der Hose beklei- det, und zwar jeweils sechs Mann, ein Beamter vorn, einer hinten. Ich bin der Dritte von vorn.' Aufpassen, daß der Hinter- mann nicht eingreift. Gegen 11 Uhr lege ich mich auf die Pritsche und falle in einen todähnlichen Schlaf. * Das Klingelzeichen ertönt. Der 2. Oktober 1934 nimmt seinen Anfang. Aufstehen. Links— rechts, links— rechts—— Mechanisch und gehorsam arbeitet das Gehirn. Es gibt jetzt keinen anderen Gedanken. 19 2% Mechanisch finde ich die Hose, gehorsam ziehen die Hände die Halbschuhe über die Füße, ohne sie zuzuschnüren. Die Zelle wird geöffnet. Der Todesmarsch beginnt. Links - linke Hand, rechts, links - rechts, links rechts, - rechte Hand, - Kopf nach vorn. Sturz. Drei Sekunden. Schwerer Hammerschlag auf den Kopf. Ein tiefer, dröhnender Orgelton dann Stille. - - Klick, klick, klick tropft Blut auf den Steinboden. Was nun vor sich geht, geschieht in nebelweiter Ferne. Ich liege in einem gläsernen Sarg, Geräusche dringen gedämpft, verworren an mein Ohr, aber nicht bis ins Bewußtsein. Rufen, hastiges Trappen von Stiefeln hoch oben im dritten Stock, eiliges Schließen von Zellentüren und wieder: klick, klick, klick. - Ich fühle nichts und denke nur noch: ,, Wäre es nicht lächerlich, Hilfe zu rufen?" Dann geht alles unter in einem Dämmer von Halbbewußtsein. Man spricht mit mir, ich scheine etwas zu lallen. Man packt mich, schleift mich eine Treppe hinauf, ich höre Gebrüll bin ich es? - Eine schwarze Hornbrille beugt sich über mich mit einem Ausdruck sanften Vorwurfs. Eine Uniform taucht auf, wüste Beschimpfungen, zynische Fragen. Langsam kehrt Bewußtsein ein. Der Polizeioberst erscheint. ,, Warum haben Sie das getan?" ,, Ich kann mir keine Aussagen aus den Rippen schneiden, ich weiß nichts mehr," kann ich hervorbringen und dann: ,, Der Beamte konnte es nicht verhindern, er kann nichts dafür." Der Polizeiarzt analysiert kurz: ,, Gelenkbruch rechter Arm, doppelseitiger Schädelbruch". 20 1» f. n ıS H at st n, ts „Bitte, sagt es meiner Braut——” dann versinkt wiederum alles in der Nacht wohltätiger Bewußtlosigkeit. Am gleichen Morgen, zur gleichen Stunde, fanden sie Franz in seiner Zelle: er hing am Fensterkreuz— tot. * Evangelischer Strafanstaltspfarrer des Gefängnisses Düsseldorf-Derendorf Tagebuch Nr. Düsseldorf-Derendorf, den 2.10. 1934 Fernsprecher Nr. 33107 u. 33108 Privat Nr. 37226 Sehr geehrtes Fräulein Bleicher! Ich nehme an, daß Sie bereits von zuständiger Stelle davon in Kenntnis gesetzt worden sind, daß Ihr Verlobter heute morgen versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Es ist jedoch bei dem Versuch geblieben, und er hat bei dem Sturz noch großes Glück gehabt. Nun ist er im hiesigen Krankenhaus innerhalb des Gefängnisses an der Ulmenstraße. Ich habe bald nach seiner Einlieferung mit ih” gesprochen. Er war ganz klar und bat mich vor allem darum, an Sie zu schreiben. Ueber Ihren Besuch würde er sich sehr freuen. Dieser müßte jedoch, da Ihr Verlobter sich noch in Schutzhaft beändet, vom Herrn Polize'präsi- denten genehmigt werden, da die Gefängnisverwaltung hier- für nicht zuständig ist. Sie müßten also versuchen. einen Besuchserlaubnisschein zu bekommen, falls sie den Wunsch hätten, Ihren Verlobten hier zu sprechen. Im übrigen wollen wir hoffen, daß Ihr Verlobter bald wieder gesund wird und seine törichten Gedanken aufgibt. Hochachtungsvoll! Günther, Pfr. 21 Rudi Goguel Bezirkskrankenhaus Düsseldorf- Derendorf, den 3. 1. 35 36. G. 2465-34 Liebe Lydia! Dies ist mein erster Brief im neuen Jahr: er gilt Dir, wie auch meine Gedanken zuerst und oft bei Dir waren und wenn einmal ein paar trübe Gedanken an Dich herankommen, so wünsche ich mir, daß Du nicht bitter gegen mich wirst, sondern daß Du verstehen mögest, daß mein Weg ein zwangsläufiger ist. Vera Figner hat zwanzig Jahre in der Peter- Pauls- Feste gesessen, und sie war eine Frau, und da sollte ich nicht drei oder fünf Jahre meines Lebens opfern können? Wenn Du mich kennst, weißt Du, daß ich meine vielen tausend Kameraden nicht im Stich lassen kann, genau so wenig, wie viele Patrioten im Weltkrieg aus dem Schützengraben desertiert wären, um bei Frau und Kind zu sein. Rudi. Der 15. Januar beginnt wie jeder andere Tag. Fern von meinen Genossen, die drüben im Untersuchungsgefängnis sitzen, habe ich als einzige politische Lektüre im Lazarett nur den ,, Leuchtturm"*).. Barthou und König Alexander waren in Marseille ermordet worden. Näherte sich bereits die Katastrophe, die einige unserer führenden Funktionäre angekündigt hatten? Kirchenblätter berichteten von großen Demonstrationen der ,, Bekenntnisfront". Gerüchte über die Verhaftung einer katholischen Jugendorganisation unter Generalpräses Wolker in Düsseldorf, die angeblich mit Kommunisten zusammenarbeitete, hatte Barbier kolportiert. konnte man schon mit Zuversicht in die Zukunft sehen, der So *) Häftlingszeitschrift der Justizbehörde 22 22 B) T- n rt ıd J, zeigte sich doch zusehends ein Anwachsen des Wider- standes draußen. Und dann: das rote Ruhrgebiet, wie sollte es Hitler jemals gelingen, hier einzudringen in die Elite der organi- sierten Arbeiterschaft! Der Barbier meldet sich. Er hat einen Zettel in der Hand:„Goguel zur Vernehmung sofort rasieren". Fragen hin und her. Um was handelt es sich? Aber der arme Teufel weiß selbst nicht mehr, als was auf seinem Zettel steht.. Eine Stunde später finde ich mich in einer Abgangs- zelle des Untersuchungsgefängnisses—„Ulm‘ genannt. „Ulm“ ist eine Abkürzung für„Ulmer Höhe‘, wie unser Gefängnis auf der Ulmenstraße in der Arbeitersprache bezeichnet wird. Mein Abtransport zum Polizeipräsidium am Fürstenwall scheint sich zu verzögern. Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt. Draußen hört man Schritte und Kommandorufe. Dann klingt plötzlich eine grammophonartige Männer- stimme an mein Ohr:„Achtung, Achtung, wir bringen jetzt die Ergebnisse der gestrigen Saarabstimmung“. Ein Lautsprecher ist eigens zu diesem Zweck“auf der Kommandobrücke des Sternbaues, der„Zentrale montiert worden. „Achtung, Achtung——", nun wird sich's zeigen, wer recht behält— wir oder ihr. „Achtung, Achtung: Merzig— 89% für den Anschluß, Saarlouis— 91% für, Saarbrücken— 86%, 90% 94%, 95%——." Keulenschlag auf Keulenschlag, Keulenschlag auf Keulenschlag. Das also war die Quittung für unsere Opfer: 90% für Hitler— bei freier Abstimmung! 90% für das Dritte Reich — in einem Industrierevier! 90%— nach dem Brand- stifterprozeß, nach dem Röhm-Putsch! 23 Umsonst der Triumph Dimitroffs in Leipzig über Göring und Goebbels, umsonst das Braunbuch, umsonst unser Kampf. - Ja seht ihr denn nichts? Lauft ihr denn blindlings in euer Verderben? Seid ihr blödsinnig geworden? - Hinausschreien möchte ich es aber es ist ja alles sinnlos. Ich Narr träumte von drei oder fünf Jahren" und glaubte dabei, sachlich und zurückhaltend zu sein. Heute, am 15. Januar 1935 hat das deutsche Volk an der Saar gesprochen, und es hat gegen uns entschieden. Hört ihr's, die ihr nur vom ,, Terror" redet? Hört ihr's, die ihr die Nazis eine Bande krimineller Abenteurer nennt? Hört ihr's alle? Habt ihr euren Feind nicht unterschätzt? Heute bricht eine neue Epoche an: Wir müssen umlernen. Wir müssen um die Seele unseres Volkes kämpfen, um die deutsche Arbeiterschaft, die das Banner Bebels und Liebknechts achselzuckend über Bord warf und sich Devise ,, Heim ins Reich!"- seinem Henker selbst -- ausliefert. - Transport zum Fürstenwall. Vernehmung, Ankündigung eines baldigen Prozeßbeginns ich lasse alles stumpfsinnig über mich ergehen. Am Abend kommt ein Kommunist zurück ins Lazarett. Es ist ein anderer als der, der am Morgen auszog. Das Reden ist ihm vergangen. Und er beginnt zu grübeln. 24 24 Drittes Kapitel Senatspräsident Dr. Hermsen spricht Recht in Saal. Grau, düster, gleichgültig, verstaubt. Er mag manche Tragödie erlebt haben, ebenso gleich- gültig und unbeteiligt, wie er uns heute empfängt. Die meisten von uns betreten heute— am 25. Februar 1935— zum erstenmal einen Gerichtssaal als Angeklagte. Indes vermögen Talare und Roben, hochmütige Amts- mienen und diensteifrige Subalternuniformen uns keine Achtung vor unseren Gegnern einzuflößen. Zu frisch ist noch der Eindruck der spontanen Demonstration, die unsere Freunde draußen auf dem Lutherplatz veranstalte- ten. Mit ermunternden Zurufen und freundlichen Winken hatten sie uns ihre Sympathie gezeigt, bis uns die Polizei ins Gerichtsgebäude trieb und die Menge zerstreute. Es verlohnt nicht, sich mit der Schilderung der Justiz- zeremonie aufzuhalten. Sitten und Gebräuche der Rechts- wahrer und ihrer Lakaien gleichen sich auf der ganzen Welt. Die des Dritten Reiches zeichnen sich bestenfalls durch eine besondere Paarung von Zynismus und offener Brutalität aus. Es kann kein Zweifel bestehen: eine Schlacht wird heute nicht geschlagen. Die schlug bereits die Polizei vor einem halben Jahr. Ein Schauspiel wird heute nicht geboten, denn die Oelifentlichkeit ist ausgeschlossen. In diesem Prozeß, der 14 Tage lang abrollen wird, soll ein jeder von uns auf seinen Widerstandswillen geprüft werden. Danach wird sich das Urteil richten. Aber auch das Urteil wird nichts besagen, denn alle Aktivisten— mögen sie zu drei Jahren oder zu lebens- 25 länglich verurteilt werden - werden die Freiheit erst wiedersehen, wenn das Dritte Reich zusammenbricht. Oder sie werden die Freiheit nie mehr sehen: das Zuchthaus werden sie mit einem Konzentrationslager vertauschen. Der Prozeß wird abrollen wie ein Film, dessen unsichtbare Regisseure die Männer der geheimen Staatspolizei sind, dessen geschickter Operateur der Richter Senatspräsident Dr. Hermsen mit seinem Mitarbeiterstab von Beisitzern, Anklägern und Offizialverteidigern ist. - - Ein Film ohne Zwischenfälle und Sensationen, wenngleich es nicht an einigen heiteren und auch dramatischen Szenen fehlt. Aber ein Dokument von ungeheuerer Eindringlichkeit und spannungsgeladener Wucht. - Eintönig plätschert das Frage- und Antwortspiel von morgens bis abends Montag, Dienstag, Mittwoch, eine ganze Woche lang. Und aus dem Mosaik der einzelnen kleinen Tatbestände wächst die Geschichte des Kampfes zweier Organisationen, zweier Welten. - Hie Sozialismus und Revolution hie Faschismus und Staatsgewalt. Hie Opfermut und Selbstverleugnung hie Verschlagenheit und brutale Skrupellosigkeit. Ein Krieg, dessen Methoden vom Selbstbehauptungstrieb hier vom Vernichtungswillen dort diktiert werden, ein Kampf, der von beiden Seiten kompromiẞlos und mit äußerster Erbitterung und bis zum letzten Ende geführt wird. - * Ein neuer Instrukteur war aus Berlin eingetroffen. Ein proletarischer Typ, ohne besondere Kennzeichen, jedoch Vertrauen erweckend, denn er spricht ,, Funktionärdeutsch". Willi Gather, der frühere Leiter der Ortsgruppe Altstadt, führt ihn bei den Genossen ein. Gather, alter Rotsportler und Aktivist der illegalen Organisation, war im Frühsommer 1934 verhaftet worden. Mit bemerkenswertem 26 26 st 1S t- ei nn Geschick war es ihm gelungen, wieder in Freiheit gesetzt zu werden. „Genossen, so eröffnet er eine Funktionärbespre- chung,„unser Genosse Heinrich ist aus Berlin hierher- gekommen, um sich über den Stand unserer Arbeit zu informieren, und ich glaube, er ist mit uns nicht ganz zufrieden. Ich ersuche euch, zunächst einen kurzen‘Be- richt zu erstatten." Die Genossen erstatten kurze Berichte. Heinrich schweigt zunächst, dann ergreift er das Wort. „Genossen, unser Freund Willi hat recht, wenn er sagt, daß wir in Berlin nicht ganz zufrieden sind. Zunächst habe ich zu beanstanden, daß eure Arbeit nicht genügend in die Breite geht. Ihr seid zu ängstlich und seht nicht, daß wir uns von den Massen isolieren. Ihr druckt Zeitun- gen und verteilt sie kostenlos, aber wer sagt euch, ob sie auch weitergegeben und gelesen werden? Ihr sammelt Beiträge, aber wißt ihr wirklich, wieviel Arbeiter den Mut haben, bei uns Beiträge zu bezahlen, d h.: wie stark wir sind? Auf der anderen Seite: Ihr versammelt euch hier wie zu legalen Zeiten und habt nicht begriffen, daß in der Illegalität die rechte Hand nicht wissen darf, was die linke tut. Wir verlangen von euch, daß ihr eure Zeitungen nicht verschenkt, sondern verkauft und genau abrechnet; daß ihr eure Beiträge ordentlich kassiert und gegen Bei- tıagsmarken abrechnet. Wir verlangen schließlich, daß ein jeder Funktionär allein und direkt mit dem Instrukteur in Verbindung tritt." Es erhebt sich Protest.„Ihr seid Bürokraten mit euren Beitragsmarken, hält man Heinrich entgegen,„die Pro- leten haben Angst und sind unvorsichtig, sie wissen nicht, wo sie sie verstecken sollen. Und überhaupt, sie werden nichts mit uns zu tun haben wollen, wenn wir so etwas von ihnen verlangen!" 27 ,, Was bei uns in Berlin geht," wehrt Heinrich ab ,,, muß bei euch ebensogut gehen. Deswegen bin ich ja hier, um euch zu helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden." Heinrich hat bald Verbindung mit zahlreichen Ortsgruppen. Er arbeitet in Ratingen wie in der Altstadt, bei der Angestellten kommission wie in der RGO*) Eines Tages kommt er mit Gather zum alten Köbes, einem eisgrauen Veteranen der Revolution. Sie verhandeln in der Wohnung von Köbes in der Altstadt. Heinrich bringt neue illegale Zeitungen mit: ,, K 1 greitt an und innalt: Artikel gegen den Nazismus die neuen ,, Emi- Marken". Ihr Erlös ist bestimmt für die Emigranten, daher die Bezeichnung ,, Emi". - Köbes, Kassierer einer Gruppe, macht Ausflüchte. Es hilft ihm nichts. Beide, Gather und Heinrich, zeigen ihm, wie er arbeiten muß. ,, Gib mir einen Schraubenzieher," verlangt Heinrich. Dann schraubt er den Deckel des Lichtschalters ab, steckt die Emi- Marken hinein und schraubt wieder zu. ,, Siehst du, hier wird sie niemand suchen, und die Zeitungen rechnest du gleich morgen ab." Köbes rechnet gleich morgen ab. Aber Köbes wird sich wundern, wenn er übermorgen, in den frühesten Morgenstunden durch unsanftes Poltern an der Türe aus dem Schlaf gerissen wird. Seine Augen werden ihm aus den Höhlen treten, wenn der Stapist an den Deckel des Lichtschalters klopft, ihn gewandt abschraubt und ein Paket Emi- Marken herausholt. Der bestürzte Köbes wird alles abstreiten, denn kein Mensch darf wissen, daß ein Berliner Instrukteur in 28 *) Revolutionäre Gewerkschafts- Opposition uß er, “ ts- ei seinem Haus verkehrt. Nein, er hat auch keine Zeitung verkauft, er ist ahnungslos wie ein neugeborenes Lamm. Köbes wird Schläge bekommen, viel Schläge, bis end- lich der„Instrukteur” in die Vernehmungszelle am Fürsten- wall tritt, ihm freundlich auf die Schultern klopft und sagt: „Du kannst ruhig die Wahrheit sagen, Köbes, es ist doch alles verraten.” Auch jetzt wird Köbes noch nicht die volle Wahrheit erfassen, daß der„Instrukteur” Heinrich ein Zuhälter aus Gerresheim namens Nosbüsch ist und seit Monaten Gestapobeamter, daß die„Emi-Marken“ und„K 1 greift an“ in der Staatlichen ‚Druckerei der Geheimen Staats- polizei hergestellt wurden, und daß seine Beitragsgroschen in die Unkostenkasse der Gestapo flossen. Diese Zusammenhänge werden unserem Genossen Köbes erst voll bewußt, als der Film im Gerichtsaal vor seinen Augen abrollt, und„Heinrich“ im Zeugenstand auftaucht. Und wie Köbes wird es vielen, vielen anderen gehen. Nicht überall hatte die Polizei so leichtes Spiel wie bei Köbes. Als die Verhaftungsflut hereinbrach und sich immer weiter ausbreitete, warfen sich entschlossene Funktionäre dem Feind entgegen. Bedrohte Verbindungsmänner wurden in letzter Minute über die Grenze gebracht, bestehende Ver- bindungen gewaltsam abgerissen und getarnt. Trotzdem geriet manch einer noch in den Strudel. Ich selbst kannte weder Gather noch Nosbüsch. Und doch führten Spuren auf mancherlei Umwegen von dort bis zu mir und zu anderen, die ebenfalls keine unmittei- bare Verbindung ‚nach Berlin’ hatten. Die Organisation war unerfahren im illegalen Kampf, und so konnte sich der erstaunliche Zustand herausbilden, daß unsere Ortsgruppen von zwei Stellen aus instruiert wurden, die hei dem befohlenen„revolutionären Mißtrauen der Illegalität” nichts voneinander wußten: einmal von der 29 illegalen kommunistischen Bezirksleitung aus, dann vom Fürstenwall, dem Gestapo- Hauptquartier aus. - Ich zögere nicht, den Vorwurf zu erheben, daß unsere leitenden Funktionäre verleitet durch eine falsche Einschätzung der Lage, durch eine völlig unbegründete Hoffnung auf einen baldigen Ausbruch offenen Kampfes gewisse Gebote der Illegalität vernachlässigt haben. Sie träumten von illegalen Massenorganisationen, anstatt auf lange Sicht zu arbeiten und die Funktionäre auf ihre späteren Aufgaben vorzubereiten. Und die Partei bezahlte diese Fehler mit ungeheuren Opfern, mit unersetzlichen Verlusten. Hierbei möchte ich ausdrücklich feststellen, daß unsere Spitzenfunktionäre ihre eigene Person ebenso rücksichtslos im Kampf einsetzten. Hugo Paul und Lambert Horn in Düsseldorf gingen als erste den Weg in die Kerker. * Herrn Hermsen unterläuft ein kleiner Regiefehler. Er verdient, der Nachwelt übermittelt zu werden. ,, Frau Tomczak, treten Sie vor. Hierhin, ganz vorne hin. Sie sind also die Frau Tomczak? Sagen Sie, wie alt sind Sie?" ,, 64 Jahre." ,, Und Sie sind in Polen geboren?" ,, Ja, in Polen." ,, Also, erzählen Sie uns mal, gute Frau: da kam der Angeklagte L. zu Ihnen und sagte: ,, Hier habe ich eine kommunistische Zeitung" und dann haben Sie die Zeitung für 10 Pfennige gekauft. Stimmt das so?" - ,, Herr Präsident, bitt' schön um Entschuldigung, nichts hat er zu mir gesagt, hab' ich ihm halt 10 Pfennige gegeben und weiß nicht warum." ,, Sie scheinen Lügen mit der Muttermilch eingesogen zu haben, Frau Tomczak, und sind in Ihren alten Tagen nicht klüger geworden," gedehnt: ,, Sie haben natürlich die Zei30 Im 0S tung in den Rhein geworfen! Sie haben nicht gesehen, daß„Rote Fahne” darauf stand.“ „Aber bitt‘ schön, Heır.. nr „Schweigen Sie,"— der Tiger setzt zum Sprung an. „Ihre Unverschämtheit, mit der Sie hier lügen, Frau, wird Ihnen teuer zu stehen kommen. Setzen Sie sich!‘ Die eingeschüchterte Alte schleicht weinend auf ihren Platz zurück. Da erhebt sich ein Rechtsanwalt, macht eine Verbeugung vor dem Gerichtshof. „Verzeihen Sie, Herr Senatspräsident, aber Frau Tomczak ist doch Analphabetin!” Brausendes Gelächter durchzieht den Saal. Der Tiger ist diesmal auf Glatteis geraten. Er verliert momentan die Fassung. „Ich lasse sofort den Saal räumen," faucht Hermsen. In Augenblicken der Erregung pflegt der Präsident die Brille abzunehmen und mit gesenktem Kopf darüber hin- weg den Gegner zu fixieren. Da er ein Gebiß trägt, das sich öfters lockert, so daß der Speichel aus den Mund- winkeln tritt, erweckt er noch mehr den Eindruck eines geifernden Raubtieres. Hermsen hat sich rasch gefaßt. Ueber die Brille hin- weg spricht er in den Saal: „Meine Herrschaften, Sie sind sich über den Ernst der Lage anscheinend nicht im klaren. Ihnen wackelt der Kopf, haben Sie mich verstanden? Das neue Gesetz, das heute zum erstenmal Anwendung findet, sieht für Vor- bereitung zum Hochverrat die Todesstrafe vor!‘ Die alte Frau Tomczak wird das Gelächter mit sechs Monaten Gefängnis bezahlen. * Ein seltsamer Fall: Der Angeklagte Karl Horster hat sich seinen Richtern durch Selbstmord entzogen. Zwischen Weihnachten und Neujahr fand ihn der Stationsbeamte des Untersuchungsgefängnisses in seiner Zelle erhängt auf. 3 Ein Abschiedsbrief lag auf dem kleinen Holztisch. Darin hieß es: ,, Ich kann die Schande, wie ein Verbrecher ins Zuchthaus gesperrt zu werden, nicht ertragen, deshalb scheide ich freiwillig aus dem Leben". Karl hinterläßt eine fassungslose junge hübsche Frau und ein reizendes kleines Kind. Er war kein Held, und seine Motive waren andere als die unseres Genossen Franz. Ihn packte in der Einsankeit ganz einfach die Verzweiflung. Sie gewann die Oberhand und trieb ihn in den Tod. seiner Zelle Ein Toter in einem politischen Prozeß ist kein gewöhnlicher Leichnam wie seine übrigen Kollegen auf dem Friedhof. Im Ringen zwischen Rot und Weiß wird er zu einer Waffe. Wie eine Handgranate wird er auf den Feind geschleudert, um noch weitere Gegner unschädlich zu machen. Um Karl Horster entbrennt im Gerichtssaal eine heftige Schlacht. Die Leiterin der revolutionären Betriebsgruppe im Röhrenverband, welcher Karl angehörte, wird vernommen. Tilde Klose, etwa 40 Jahre, Auslandskorrespondentin, klug, belesen, überlegen, stellt den Richter vor neue Aufgaben. In ihrem polizeilichen Vernehmungsprotokoll steht der Satz: ,, Ich verweigere die Aussage". Hermsen kann sich nicht auf die Aktenbündel der Polizei stützen. Er betritt Neuland. ,, Man hat Ihnen soeben die Abschiedsworte Horsters vorgelesen, Angeklagte Klose. Hier sprach ein Mann, welcher gegen seinen Willen zu Taten gezwungen wurde, die er nicht verantworten konnte und wollte. Sie, Angeklagte, tragen die volle Verantwortung für den tragischen Tod Ihres Kollegen." Zum ersten Male verläßt Hermsen seine kalte, nüchterne Paragraphensprache. Hier spricht der Mensch zum Menschen, der Christ zum verstockten Ketzer. 32 rin ins alb ißt des als 11Sie anem zu en ch ge pe erin, afht lirs n, e, n- gine n- ,, Haben Sie kein Empfinden, was Sie da angerichtet haben? Hängt Ihnen der Leichnam dieses Unglücklichen nicht wie ein Mühlstein am Halse? Ich frage Sie, Angeklagte Klose?" Atemlose Spannung erfüllt den Saal. Wird Tilde unter der Wucht der Anklage zusammenbrechen? Wird sie weinend ihre Schuld erklären? - - ,, Ich als Kommunistin erkläre, daß kein Mensch auch ich nicht Karl Horster gezwungen hat, kommunistischen Ideen anzuhängen oder der Kommunistischen Partei anzugehören. Ich bin der Ueberzeugung, daß der Mensch einen eigenen freien Willen besitzt, sich zu entscheiden, ob er für die Wahrheit eintreten will oder nicht." ,, Diese Behauptung klingt merkwürdig in Ihrem Munde, Klose. Sind nicht die Kommunisten diejenigen, welche den freien Willen des Menschen bestreiten? Hat nicht Marx selbst erklärt, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, daß also der einzelne Mensch gar keine Wahl hat? Sie und Ihre Partei haben Horster dahin gebracht, wo er jetzt liegt auf den Friedhof!" - ,, Diese Auslegung Marx'scher Thesen ist durchaus undialektisch und verrät eine mechanische Betrachungsweise, wie sie uns von unseren Gegnern mit Vorliebe unterschoben wird. Wo kämen wir hin, wollten wir auch unseren Feinden gegenüber diese Betrachtungsweise anwenden?" Tilde sieht dem Präsidenten ins Gesicht, entschlossen zu einer Auseinandersetzung über die philosophischen Grundlagen des Marxismus. ,, Lassen wir das," winkt der rechtzeitig ab, wir sitzen nicht hier, um mit Ihnen über Philosophie zu diskutieren, sondern um Verbrechen abzuurteilen!" Der tote Horster wird wiederum auf seinen Friedhof entlassen, von nun an kann er ruhig schlafen. ,, Ich verweigere die Aussage" ist ein ernsteres Problem. Die Vernehmung Tildes durch den Richter 3 33 33 fördert nicht mehr zutage als das polizeiliche Protokoll, nämlich daẞ Tilde Klose überzeugte Kommunistin ist sonst nichts. Sie hat keine ,, Emi- Marken" nach Berlin abgerechnet, sie las auch nicht ,, K 1 greift an". So wird sie mit vier Jahren Zuchthaus davonkommen. Aber der Präsident wird seine neugesammelten Erfahrungen in seinem Schlußwort in die Worte kleiden: ,, Im Fall Klose hat die Polizei unzweifelhaft Lücken offengelassen, die für den Richter untragbar sind". Max Brosig hat verstanden. Auch Frauen werden in Zukunft Aussagen liefern Weder Tilde noch der Präsident weiß, daß ihr heutiges Bekenntnis zum Kommunismus ihr letztes öffentliches Bekenntnis ist; daß sie nach Verbüßung der Zuchthausstrafe in einem Konzentrationslager elend zugrunde gehen muß, noch ehe der Krieg im Osten ausbricht. Ich glaube aber nicht, daß dieser Gedanke sie sonderlich erschüttert hätte. Menschen wie Tilde Klose ähnlich habe ich mir tionärin, vorgestellt - SO Vera Figner, die russische Revolugehen ihren Wag unbekümmert um Einzelschicksale. Auch wenn es das eigene ist. Düsseldorf feiert Fastnacht. heut' sind wir Prinz Karneval, der unverwüstliche, regiert. Ob Brüning, ob Hitler, ob Demokratie, ob Faschismus fidel, ein Herz und eine Seel'. Die Lokale sind überfüllt, Masken tanzen auf den Straßen. Die Polizeiautokolonne kann nur mit Mühe ihren Weg durch das Menschengewühl bahnen. Wir kommen heute, Fastnachtsdienstag, den 5. März 1935, mit Verspätung in den Gerichtssaal. Während draußen das närrische Düsseldorf tobt, erhebt sich ein rotbackiger junger Staatsanwalt mit Offiziersjargon zur Anklagerede. Sie dauert 5 Stunden. 34 „Im Namen des Volkes beantrage ich," so endet sein Resume— und dann folgt eine Aufzählung, die erheblich abweicht von dem, was wir von den politischen Prozessen unter dem„alten Gesetz” gewohnt waren. 5 Jahre, 7 Jahre, 10 Jahre, das trommelt nur so auf die Zuhörer nieder—„10 Jahre für Tilde Klose, 10 Jahre für Heinrich Niebes, 15 Jahre für Jürgens, 11 Jahre für Feiden, lebens- länglich für Goguel und Emden, Todesstrafe für Hans Schiller, Todesstrafe für Otto Hertel...” Der Film ist abgelaufen. Und jetzt zeigt sich etwas Neues: zwar— die Organi- sation wurde bereits vor 6 Monaten besiegt. Aber nun beginnt ein Kampf Mann gegen Mann. Um Zuchthausjahre wird ‚gekämpft, um Freispruch, nein— um den Kopf wird gekämpft, der einigen unter uns nach der Rede des Staats- anwalts bedenklich wackelt. Es beginnen sich die Geister zu scheiden."Warum soll ich in diesem verfluchten stickigen Saal, wo kein Mensch mich hört, den Helden spielen? Leichtsinn ist kein Mut, und Vorsicht ist keine Feigheit!l Reizen wir den Tiger nicht unnötig, appellieren wir an sein Herz! Geschickt ebnet die Verteidigung die Wege. Sind das etwa Helden und Kämpfer, die wir verteidi- gen? Nein, hoher Gerichtshof, sieh dir unsere kläglichen Mandanten an: Arme, durch Not und Arbeitslosigkeit auf die schiefe Ebene gedrängte Proletarier! Und die Funk- tionäre? Bestenfalls Salonbolschewisten, die sich an ihren eigenen Phrasen berauschten, aber im Grunde genommen harmlose Idioten sind. So klingt es aus beredten Anwaltsmündern, und manch einem kleinen Mann fällt ein Stein vom Herzen, ja, so war es, gerade so. Seht, da ist der arme Peter mit rundem Gesicht und großen erschrockenen Kinderaugen. Er breitet die Arme aus, dicke Tränen rollen über seine Backen, während er beschwörend ausruft:„Meine Frau verlangt nach mir, 35 3* meine Kinder schreien nach mir geben Sie mich meiner Familie wieder!" Das wird man zwar nicht tun, guter Peter, aber du wirst deine drei Jahre nicht absitzen, sondern zur gegebenen Zeit wegen Wohlverhaltens ein halbes Jahr geschenkt bekommen. So wie Peter machen es nur wenige. Die Mehrzahl verzichtet auf Verteidigung. Tilde Klose spricht nicht für sich, sondern für ihr kleine Kollegin Edith, die auch tatsächlich freigesprochen wird. Hans Schiller, Otto Hertel, Niebes und einige Funktionäre verteidigen sich sachlich und mit politischen Argumenten. Sie werden trotzdem nicht zum Tode verurteilt damals war die Situation noch nicht so reif - sondern bleiben am Leben und werden in späterer Zukunft als die Repräsentanten der neuerstandenen Kommunistischen Partei auf der politischen Bühne auftreten. Mein eigener Fall ergibt sich aus folgendem Dokument, das ich zum Februar 1944 und auch da illegal O.J. 920/34 - 948/34. 960/34. 969/34 947/34 1025/34 - 41/35 - ersten Male im zu Gesicht bekam: In der Strafsache gegen den kaufmännischen Angestellten Rudolf Goguel aus Düsseldorf, Litzmannstraße 33, geboren am 21. 4. 08 in Straßburg, wegen Vorbereitung zum Hochverrat hat der II. Strafsenat des Oberlandesgerichtes in Hamm ( Westf.) in den Sitzungen vom 25. Februar 1935 bis 8. März 1935 im Gerichtsgefängnis in Düsseldorf, für Recht erkannt: Es werden bestraft. Goguel mit 10 zehn - - Jahren Zuchthaus. Von den erkannten Strafen sind durch die Untersuchungshaft verbüßt. 36 ler ten nm Arz Goguel 5— fünf— Monate, 9— neun— Tage. Die Kosten des Verfahrens werden, soweit Verurteilung “erfolgt ist, den Angeklagten, im übrigen der Staatskasse auferlegt. Gründe! 9) Goguel: Der Angeklagte, dessen Vater ein Konservatorium leitete, konnte nach Erlangung der Reife- prüfung infolge Geldmangels nicht studieren. Er war des- halb als kaufmännischer Lehrling und Angestellter in ver- schiedenen Betrieben, insbesondere in den Werbe- und Reklameabteilungen tätig. Kurz vor seiner Festnahme war er aushilfsweise in der Kanzlei des Amtsgerichtes in Düs- seldorf beschäftigt. Der Angeklagte Goguel hatte früher dem DHV*) angehört, war aber zusammen mit dem Angeklagten Fuhrmann(63) ausgeschlossen worden. Durch Fuhrmann wurde er dann der RGO zugeführt. Er leitete zusammen mit dem flüch- tigen Benjamin die sogenannte„Sichel, eine Vereinigung kaufmännischer Angestellter kommunistischer Gesinnung in der politische und wirtschaftliche Vorträge gehalten wurden. Wegen dieser Tätigkeit war er im April 1933 in Schutzhaft genommen, aber bereits am 28.10.33 mit Rücksicht auf eine schwere Erkrankung seiner Mutter entlassen. Etwa Januar oder Februar 1934 trat der damalige Be- zirksleiter der RGO,„Erwin“, den Goguel aus der legalen Zeit kannte, an ihn heran und veranlaßte ihn, sich für die illegale RGO-Arbeit zur Verfügung zu stellen. Goguel hatte zunächst Bedenken, da er noch unter Polizeiaufsicht stand, er hat dann aber zugesagt, ist jedoch nach außen wenig in Erscheinung getreten. Es war damals in Aus- sicht genommen, Goguel an anderer Stelle als leitenden Funktionär einzusetzen; er sollte zunächst eine Schule *) Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband 37 38 88 in Holland besuchen, hatte damals aber dazu noch nicht den Mut. für Seit Anfang 1934 ist Goguel dann ununterbrochen die RGO tätig gewesen. Er stand mit den im Bereich des Bezirks Niederrhein tätigen Hauptfunktionären in Verbindung. Nach der im Februar erfolgten Abberufung des ,, Erwin" wurde der RGO- Oberinstrukteur ,, Walter" mit ihm in Verbindung gebracht. Durch den Bezirksleiter ,, Oskar" der KPD lernte er dann im Mai oder Juni 1934 auch den neu eingesetzten RGO- Bezirksleiter Krause kennen. Mit Krause hatte Goguel bis zu dessen Festnahme regelmäßig alle 8-14 Tage einen Treff. Er war gewissermaßen die rechte Hand des Krause und wurde von diesem alsbald aufgesucht, wenn er in Berlin gewesen war. Er besorgte auch für die vom ZK*) eingehende Post des Krause eine Anlaufstelle und durch Vermittlung des Angeklagten Schürmann( 17) für Krause ein Zimmer. Durch die ihm bekannten führenden Funktionäre ,, Oskar" und Krause erhielt Goguel laufend Druckmaterial, insbesondere alles, was sich mit der RGO und dem Zusammenschluß der Arbeiter zum Einheitsverband sowie den Beschlüssen des ZK vom Februar befaßte. Außerdem wurden ihm die den Funktionären durch die Vertrauensleute aus den Betrieben gegebenen Stimmungsberichte zur Ueberprüfung und stilistischen Bearbeitung gegeben. Diese Stimmungsberichte sowie selbstverfaßte Artikel hochverräterischen Inhalts sind in der illegalen Gewerkschaftszeitung", von der seit Ende 1933 nur drei Ausgaben erschienen sein sollen, abgedruckt. Einer der Artikel verhielt sich über Lohnsteuerabzüge, ein anderer über den Zusammenschluß der Gewerkschaften, ein dritter war überschrieben mit Arbeitsschlacht Marneschlacht". *) Zentral- Komitee - "ht für les eT- les it 34 se el- en ld An der Herausgabe der Gewerkschaftszeitung war Goguel maßgeblich beteiligt. Er hat die Ausgaben teilweise redigiert, auch Wachsbogen für die Vervielfältigung besorgt. Für die April-Mai-Nummer hat er sämtliche Artikel auf Wachsbogen geschrieben. Die Schreibmaschine, die er von dem erwähnten Benjamin geschenkt erhalten hatte, hat er zeitweise in der Wohnung seiner Schwieger- eltern Bleicher versteckt gehalten. Später hat er die Maschine an Bleicher verkauft, bei dem sie beschlagnahmt werden konnte.: Gelegentlich einer Auseinandersetzung mit„Oskar über die Beschlüsse des ZK vom Februar bezeichnete dieser den Angeklagten als„Opportunisten“ und regte an, er möchte die von ihm vorgebrachten Gedanken schriftlich niederlegen. Daraufhin hat dann der Angeklagte im Mai oder Juni einen drei Schreibmaschinenseiten umfassenden Artikel„Zwecks Konkretisierung der Februar-Beschlüsse des ZK" verfaßt. In der Abhandlung wird der Standpunkt vertreten, daß es taktisch falsch sei, wenn die Partei wahllos Mitglieder werbe. Es sei zweckmäßig, in den Betrieben gut organisierte Gewerkschaftsgruppen zu bilden, aus deren Mitgliedern dann die zuverlässigsten zur Bil- dung von Parteizellen herausgezogen werden sollen. ı Zwei Durchschläge von diesem Artikel erhielt„Oskar“, einer davon war für dass ZK bestimmt. Sechs weitere Durchschläge übergab der Angeklagte im Einverständnis mit„Oskar' einem Funktionär, den er nur als den„Dicken“ kennen will, damit die Ausführungen in den einzelnen Düsseldorfer Stadtteilen zur Diskussion gestellt werden konnten. Dieser Sachverhalt ist auf Grund des Geständnisses des Angeklagten festgestellt. Er war daher wegen Vorberei- tung zum Hochverrat unter den strafschärfenden Voraus- setzungen des$83 Abs. 3, Ziffer 1 und 3, StGB. zu bestrafen. Bei der Strafzumessung ist berücksichtigt, daß die Zer- 39 setzung der Betriebe als der Grundlage des wirtschatt- lichen Wiederaufbaues besonders gefährlich ist, ferner auch, daß der Angeklagte sich an der Herstellung von Zeitungen maßgeblich beteiligt hat. Erschwerend fiel aber besonders in Betracht, daß der Angeklagte— nach- dem er im Hinblick auf die Krankheit seiner Mutter vor- zeitig aus der Schutzhaft entlassen war— das in ihn gesetzte Vertrauen gröblich mißbraucht hat, ferner auch, daß er die Tätigkeit fortgesetzt hat, während er beim Amtsgericht in Düsseldorf beschäftigt war. Nur mit Rück- sicht auf die Jugend des Angeklagten und darauf, daß er nach seiner unwiderlegten Angabe, die durch den per- sönlichen Eindruck in der Verhandlung bestätigt wird, früher lungenkrank gewesen ist, ist die erkannte Strafe von 10 Jahren Zuchthaus als ausreichend anzusehen. gez.: Dr. Hermsen. * Am Aschermittwoch ist die Verteidigung beendet. Der Donnerstag wird sitzungsfrei sein. Am Freitag werden wir verurteilt. 2 Am Abend dieses Tages fahren wir zurück zur Anstalt, und einigen unter uns mag es schon ein wenig katzen- jämmerlich zumute sein. Neben mir sitzt ein junger Genosse. Im Prozeß hat er eine tadellose Haltung gezeigt — dafür hat man ihm vier Jahre zudiktiert—, der Typ des jungen, von seiner Idee erfüllten Kämpfers. Ich sage zu ihm:„Du, Max, hoffentlich geht uns der alte Tiger beim jüngsten Gericht nicht durch die Lappen!" Und Max antwortet, unerschütterliche Siegeszuversicht im jungen Gesicht: „Da drüben, an jener Laterne, werden wir den Banditen aufhängen!” Ruhiger wird der Abend, die Gedanken schweifen in die Zukunft. Visionen von roten Fahnen, von jubelnden L) 40 alt- ner ron fiel Ihn 10 Arbeitermassen, von gewaltigen Freiheitsfeiern tauchen auf...n,. Max, hast du dir an jenem denkwürdigen Abend träu- men"lassen, daß zwölf Jahre später, ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, wir— du und ich— gemeinsam mit unserem Richter und Henker, den wir aufhängen wollten, das„Demokratische Deutschland‘ aufbauen sollen? Ich vielleicht als„Säuberungskommissar" in Südbaden, du vielleicht als Redakteur im Rheinland, er vielleicht als Oberlandesgerichtspräsident in Westfalen? Max, was hätten wir beide wohl damals getan, wenn uns ein Mensch das prophezeit hätte? Ich glaube, es war gut, daß wir es damals nicht ahnten. * Die Samstag-Ausgabe der„Düsseldorfer Nachrichten“ im Verlag Girardet bringt auf der Titelseite eine fette Schlagzeile: Bluturteile... im Memelländer- Prozeß! Ungeheuerliche Anträge des litauischen Staatsanwaltes gegen die deutschen Freiheits- kämpfer, 7 Jahre, 10 Jahre, 5 Jahre, lebenslänglich..." Die Lokalseite im Innern des Blattes trägt eine minder fette Schlagzeile: „Gerechte Sühne für Hochverräter! Im Düsseldorfer Hochverrats-Prozeß verhängte der II. Straf- senat unter Vorsitz von Senatspräsident Dr. Hermsen folgende Strafen: Hertel: lebenslängliches Zuchthaus; Schiller: 15 Jahre; Goguel: 10 Jahre; Jürgen und Feiden je 9 Jahre; Niebes und Emden: 8 Jahre——", bis hin- unter zu 6 Monaten Gefängnis, welche die alte Frau Tomczak bereits in Untersuchungshaft verbüßt hat. Zehn Angeklagte wurden freigesprochen. Und somit beginnt für uns ein neuer Lebensabschnitt. 41 Intermezzo 1946 Die Einzelheiten verdienen Interesse. Am 20. Februar 1946 erfährt die aufhorchende deutsche Oeffentlichkeit, daß ein Untersuchungsverfahren gegen den inzwischen zum Oberlandesgerichtspräsidenten beförderten Dr. Hermsen eröffnet worden sei. ,, Als sich," so führte der Oberlandesgerichtspräsident Dr. Lingemann, Düsseldorf, einleitend aus ,,, die Anschuldigungen gegen Dr. Hermsen immer mehr verdichteten, ordnete die Militärregierung die Bildung eines Untersuchungsausschusses an, dem außer mir die Herren Generalstaatsanwälte Dr. Klaas aus Hamburg und Dr. Staff aus Braunschweig angehören. Der Ausschuß wird am 20. Februar in Düsseldorf, am 21. und 22. Februar in Hamm, am 26., 27. und nötigenfalls 28. Februar in Hannover sowie am 5. März zum Abschluß in Düsseldorf tagen." ,, In Hannover findet die öffentliche Verhandlung im Landgerichtsgebäude statt. Dr. Hermsen, der nicht anwesend war, bezeichnete sich in einem Exposé als überzeugten Katholiken. Er ist 63 Jahre alt, seit 1913 als Richter tätig, gehörte vor 1933 der Zentrums- Partei an und wurde deshalb 1933 als Landgerichtspräsident in Koblenz abgesetzt, aber schon nach wenigen Monaten, Ende 1933, als Präsident eines Strafsenats für Hochverratssachen nach Hamm versetzt. Diese Funktion sei ihm unangenehm gewesen, er könne aber auf seine schwere Pflicht mit Ruhe zurückblicken. Mitglied der NSDAP, SA oder SS war er nicht." ( ,, Neuer Hannoverscher Kurier", 22. 2. 46) ,, Als erster Zeuge wurde der Senatspräsident Kuhlmann aus Hamm vernommen. Nächst sich selbst bezeichnete Dr. Kuhlmann Hermsen als den fanatischsten Antinazi am Oberlandesgericht Hamm." ( ,, Neuer Hannoverscher Kurier", 22. 2. 46) 42 che den ten ent dien, ermeaus Feam wie im anerter rde geals ach hm mit SS -). ann ete am ) ,, Frau Dr. Wigge hatte mit der Hermsenfamilie Bridge gespielt, und auch sie hielt Dr. Hermsen für einen Gegner der Nazis. In ähnlichem Sinne sprach Senatspräsident Feldkamp, gleichfalls je ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher." ( ,, Hannoversches Nachrichtenblatt", 25. 2. 46) ,, Ueber die ungewöhnliche Objektivität Dr. Hermsens sprach sich der Hammer Rechtsanwalt Quante lobend aus. Dasselbe wurde übrigens auch von Dr. Froningen behauptet. Dieser Herr ist stellvertretender Präsident der Hammer Anwaltskammer, die, wie am Vortage in Düsseldorf in der Verhandlung erklärt wurde, sich einmütig hinter Dr. Hermsen stellte." ,, Ein Herr Reich, Dr. Hermsens Arzt, hatte anzuführen, daß sich kranke Gefangene, die er behandelte, sehr günstig über Dr. Hermsen ausgesprochen hätten, der sie vorher verurteilt hatte. Auf Befragen gab er an, daß er Mitglied der SA und NSDAP war." ( ,, Hannoversches Nachrichtenblatt", 25.2.46) ,, Der Verteidiger Dr. Weber schnitt die Frage an, wer die öffentliche Meinung sei, nach der Hermsen als mit den Nazisten identifiziert erscheine. Er sagte: ,, Die etwa 50 in Hannover vernommenen Zeugen sind nicht die öffentliche Meinung, sie können es nicht sein, da Dr. Hermsen insgesamt etwa 2½ Tausend politische Fälle verurteilt hat." In diesem Zusammenhang erklärte sich Dr. Weber bereit, zu beweisen, daß die sogenannte öffentliche Meinung gegen Dr. Hermsen künstlich in Gang gebracht worden sei." ,, Der Untersuchungsausschuẞ billigte Dr. Hermsen genügend Zeit und das Studium der Protokolle der bisherigen Verhandlungen zu, um ihm billigerweise die Möglichkeit zur Rehabilitierung zu geben. Die nächste Verhandlung wurde daher auf unbestimmte Zeit vertagt." ( ,, Neuer Hannoverscher Kurier". 15. 3. 46) 43 „Der frühere Senatspräsident Dr. Hermsen vom Ober- landesgericht in Hamm wurde von einem Untersuchungs- ausschuß als überzeugter Gegner des Nationalsozialismus von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen freigesprochen. Die britische Kontrollkommission billigte diese Feststel- iungen des Untersuchungsgerichtes.‘ („Südkurier Konstanz’, 31.5. 46) Und somit schlossen sich die Akten zum Fall Hermsen. * 44 n Oberchungsialismus prochen. Feststel- 5.46) Hermsen. Halte Viertes Kapitel Lüttringhausen Das Haus der steinernen Särge alte deine Uhr an, Freund, und stelle den Zeiger zurück. Du betrittst mit uns das Zuchthaus, das ,, Haus der steinernen Särge". Ein Hauch des Mittelalters schlägt dir entgegen. Primitiv und altertümlich knarrt die Staatsmaschine, bereit, dich zu zermalmen, wenn du unversehens in ihr Räderwerk gerätst. Du glaubst an Fortschritt? Schwörst auf die Wissenschaft? Schleuderst ein trotziges ,, und sie bewegt sich doch" gegen die Mauern deiner Zelle? Behalte deine Nerven, armer Freund! Heute magst du noch ein bißchen toben. In einigen Monaten wirst du ruhiger werden, wenn die große Frage drohend vor dich tritt: Unterordnung oder Untergang. Es gibt dann nur noch ein Drittes Wahnsinn. - Und wenn du einige Jahre überstanden hast, wirst du bereits selbst ein Bestandteil dieser wurmstichigen Mühle genannt Strafvollzug sein. Und dann wirst auch du langsam anfangen, selbst Einfluß zu gewinnen, Herrschaft über die Maschine zu erlangen. - - Dein Tag ist streng geregelt. Arbeiten, schlafen, essen teil sich mit absoluter Pünktlichkeit in dein Leben. Bald vermißt du deine Uhr nicht mehr du bist selbst Uhr geworden. - Fern, fernher dröhnt der Ton des Lebensstromes, der sich draußen an den Zuchthausmauern vorbeiwälzt, und seine Wogen schlagen nur gedämpft bis in diese düsteren 45 Räume. Der„Leuchtturm oder das Sonntagsblättchen ver- mitteln dir in wohlabgemessenen Quantitäten Mitteilungen über das Geschehen draußen. Ab und zu ein Brief von zu Hause. Gelegentlich ein kurzer Besuch unter argwöhnischer Aufsicht, so daß dir die ‚Worte im Halse stecken bleiben. Und das sind die einzigen Fäden, die dich mit der Welt, mit deiner Welt verbinden.:; Um so üppiger wuchern Gerüchte, Parolen aller Art, „Habt Ihr schon gehört?” flüstert der Kalfaktor vor der Türe,„in Berlin hat's eine Straßenschlacht gegeben!"— „Sie sind am Ende ihres Lateins!‘ erklärt mit der wohl- berechneten Nachlässigkeit des Bestinformierten der Bar- bier,„in Italien ist bereits die große Amnestie im Gange, nun können sie ja hier auch nicht mehr anders.”— „Nächste Woche kommen alle Langfristigen weg."—„ES gibt Raucherlaubnis.”—„Wir sollen gemustert werden” — kein Tag vergeht ohne eine neue Scheißhausparole. Sei nicht zimperlich, im Zuchthaus spricht man deutsch, und zwar ein kräftiges und treffende. Du wirst noch mehr zu hören bekommen. * Das Zuchthaus Lüttringhausen ist ein Kreuzbau. Das heißt: es ist in Form eines Kreuzes gebaut. In der Mitte befindet sich die Zentrale, von ihr strahlen nach 4 Seiten die 4 Flügel aus. Es hat zwölf Stationen mit je 30 Einzel- zellen. Ferner einige Gemeinschaftssäle. 450 Menschen haben in normalen Zeiten Platz. Die normalen Zeiten gehören der Vergangenheit an. Als wir 50 aus unserem Prozeß das Haus betreten, hat es bereits eine Belegschaft von 900 Mann. Wöchentlich speit der gefräßige Rachen der politischen Gerichte neue Scharen aus. Zu 50, zu 70, zu 100 Mann stark rollen die Transporte an— aus Duisburg, aus Elberfeld, aus Solingen, Remscheid, Düsseldorf, wiederum Solingen. 46 verngen n ein 3 dir die Welt Art, - der Unser Blut ist noch erregt vom Prozeß. Wir kommen als Kriegsgefangene, die eine Schlacht geschlagen haben, und die nun einmal im Kampf unterlegen sind. Was Strafvollzug? Sind wir Ganoven? Wollt Ihr Faschisten uns erziehen? Ordnung und Disziplin schön und gut was sein muß, das muß sein. Aber demütigen lassen wir uns nicht! - - wohlBarange, - ,, Es den" ble. tsch, noch Das Mitte eiten inzelschen Leiten -, hat tlich neue n die ngen, Oha, ein Fragebogen! Das fängt gut an. Aber, wie gesagt, für Ordnung sind auch wir Kommunisten, und nun wir einmal hier sind, haben wir auch nichts mehr zu verbergen. Also, Federhalter her! Name, Vorname, geboren, Eltern, Beruf Ordnung. zusammen. Krankheiten - alles in nun, auch die bringen wir Was ist los? ,, Haben Sie Zwillingsgeschwister?" Komische Frage! Die scheinen zu befürchten, daß die Zwillingsbrüder draußen weiter illegal arbeiten, oder? Nächste Frage: War Ihr Vater...", nein, es stimmt, wir haben uns nicht verlesen: ,, War Ihr Vater Trinker?" ,, Haben Sie besondere Leidenschaften? a) Rauchen? b) Trinken? c) geschlechtliche Ausschweifungen?" ,, Wie oft waren Sie geschlechtskrank?" Mir scheint, hier liegt ein Irrtum vor. Ich sage zu dem Diensthabenden: ,, Herr Oberwachtmeister, Sie haben uns wahrscheinlich falsche Formulare gebracht. Diese hier sind doch wohl für Leute mit Sittlichkeitsdelikten!" ,, Meinen Sie, hier werden für Sie Extrawürste gebraten? Füllen Sie gefälligst den Fragebogen aus und zwar a tempo, sonst werden Sie angezeigt!" Kurz und deutlich pflegen die Antworten im Zuchthaus zu sein, und Metall klirrt in der markanten Beamtenstimme. 47 Nun denn, auf ans Werk. Soll ein statistisches Büro die Beziehungen zwischen Trunksucht und Kommunismus klären! Am nächsten Morgen mag sich bei manchen Antworten der Kanzleibeamte des Zuchthauses die Augen gerieben haben. - Einem alten Altstädter berühmt durch seine abstoßende Häßlichkeit, gefürchtet wegen seines galligen hatte die vorletzte Frage nicht gefallen, er hatte sie korrigiert: ,, Lieben Sie geschlechtliche Ausschweifungen?" Humors Und dahinter kurz und bündig: ,, Ja, jederzeit!" Stunden reihen sich an Stunden, Tage werden zu zu Monaten. Wochen - - - Man sieht sich bei der morgendlichen Freistunde ,, Idiotenzirkus" genannt oder einmal bei einer VorMan nickt führung zu irgendeinem Inspektor oder Arzt. sich aufmunternd zu, oder man schickt sich gegenseitig kleine Kassiber mit Nachrichten. Aber langsam hüllt dich das große Schweigen ein, legt sich um dich, bis auch du anfängst, schweigsam zu werden. Du sitzest über deine Nähmaschine gebeugt und steppst Schuhschäfte. Otto Hertel näht Uniformen, drüben auf C 4, Hans Schiller knüpft Netze auf C 2, Lambert Horn, Aber es der schon vor uns da war, klebt Tüten auf A 3. bleibt das unsichtbare Band, das alle Kommunisten verknüpft, auch wenn sie nicht miteinander diskutieren: Das Gefühl der unbedingten Zusammengehörigkeit. Jedem von uns bleibt es überlassen, wie er sich für seine späteren Aufgaben vorbereitet. Der eine mag sein Pfund, das ihm anvertraut war, vergraben. Er mag auf seinen Lorbeeren ausruhen, an seinen glorreichen Erinnerungen zehren. Und er mag nach 10 Jahren versuchen, dort anzuknüpfen, wo er vor 10 Jahren aufgehört hat. 48 u ür in ‚e- n, at. Und er wird erleben, daß die Welt inzwischen ohne ihn weitergerollt ist. Ein anderer mag die Sonde der Selbstkritik anlegen. Er mag forschen nach den Ursachen unserer Niederlage. Aber er mag vorsichtig sein, daß er in seiner Zelle nicht in den Sumpf unfruchtbaren Grübelns gerät und endlich darin umkommt. Es liegt in deiner eigenen Hand. Nun handle! „Diese Woche wird gefilzt,“ kündigt mein Zellenkollege Wilhelm an.„Richte dich darauf ein.“ Willi ist alter Veteran. Er hat 14» Jahre um. Die lebenslängliche Zuchthausstrafe war in 15 Jahre umge- wandelt worden. Wie die meisten seiner Kategorie hat er den Mord kurz nach dem Weltkrieg begangen. Wie die meisten seiner Faktumskollegen ist er— obgleich ungelernter Arbeiter— sehr belesen. Geschichte, Philo- sophie, Volkswirtschaft sind Wissensgebiete, auf denen er sich ziemlich sicher bewegt. Eine Kiste mit fast hundert wissenschaftlichen Werken in der Zelle— das letzte Ueberbleibsel des„humanen Strafvollzuges aus der Wei- marer Zeit— zeugen von dem Streben eines Mannes, sich weiter zu entwickeln. Daß er keinen Posten im Hause bekleidet, spricht nur für ihn. „Filzen? Ich lasse mich nicht filzen!” erkläre ich kurz, „wenn sie etwas von mir wollen, können sie mich fragen, wie das unter anständigen Menschen Sitte ist!" Ich habe bei der Polizei noch nicht genug gelemt. Wilhelm lächelt, schüttelt leise den kahlen Kopf, schweigt. Er schweigt meistens. Einige Tage später werden wir beim Einrücken vor der Freistunde durch ein Beamten.aufgebot umstellt. Lautes Geschrei ertönt, große Aufregung allerseits. Einzeln werden wir abgeführt. - Dann beginnt das Filzen ein beliebter und oftmals lustiger Beamtensport. Beim Filzen messen sich List und Pfiffigkeit des gewiegten Meschores( Wachtmeister) mit der meist größeren List und Pfiffigkeit des erfahrenen Spitzbuben. Protest von ahnungslosen Neulingen wird im Handumdrehen erstickt. Schneller, als du ahnst, liegen deine Kleider neben dir und werden gründlich visitiert. Der splitternackte Delinquent wird von oben bis unten befühlt, der Hintern berochen, und dann ist die Prozedur beendet. Das Strandgut fliegt auf einen Haufen. In die Zelle zurückgekehrt, findest du einen Trümmerhaufen vor: die Betten sind auseinandergerissen, die Spinde geleert, die Arbeitskisten umgestülpt, kein Plätzchen unbehelligt kann hier tatsächlich noch etwas verborgen sein? - ,, Wollen mal sehen, ob alles noch am Platze ist," meint Wilhelm gleichmütig und kneift die kurzsichtigen Augen zusammen. Er zieht aus einer Spiralfeder des Bettes eine Rolle Priem. Auch Feuerzeug und sonstige Utensilien sind unversehrt. Bereits am Abend erfahren wir, daß auch der in Bau befindliche Detektor- Apparat bei Ernst, einem Lebenslänglichen schräg gegenüber, die Sintflut überstanden hat. Nun haben wir wieder 6 bis 8 Wochen Ruhe. 50 ‚mals und mit ;pitz- land- leine Der fühlt, ndet. IMET- Jjinde une rgen ist,‘ tigen des stige Bau Jens- ‚hat. Fünftes Kapitel Stunden reihen sich an Stunden iese Episode zerstörte mir den Nimbus des unbestech- lichen deutschen Beamten. Es unterlag keinem Zweifel: seit einigen Tagen war dicke Luft. Irgend etwas muß los sein. Zum Teufel auch,; was haben bloß die Beamten? Sie stecken die Köpfe zusammen. Die Kalfaktoren— meist kriminelle Gefangene— gestiku- lieren erregt. Ueberraschend werden Filzaktionen durch- geführt. Markige Beamtenstimmen dämpfen sich und sinken zu aufgeregtem Flüstern herab, wenn ein„promi- nenter”' Gefangener von vorne, von einer Vernehmung, zurückkommt.„Prominent‘”— müßt ihr wissen— ist nicht etwa der kommunistische Reichstagsabgeordnete Hugo Paul oder der Bezirksleiter der KPD Lambert Horn. Die sind kleine Leute: der eine fegt den Hof, der andere klebt Tüten. Nein, die Großen im Reiche von Lüttringhausen, das sind: der Barbier, der Vorarbeiter der Schneiderei, der Bürohausknecht. Sie sind das, was man in der Diplomatie „gut informierte Kreise‘ nennt. Also, nun ist es heraus: der Vorarbeiter der Bastflechter, ein oft vorbestrafter Krimineller mit SV(Sicherungsver- wahrung) ist überraschend von seinem Posten abgelöst worden und sitzt in Absonderung. Man spricht von Schie- bung. Beamte seien verwickelt! Ei, ihr ordengeschmückten Weltkriegsveteranen, die ihr so gerne mit euren Tapferkeitsmedaillen rasselt! Ei, warum seid ihr heute so ängstlich? Es liegt kein Trommel- 51 4* feuer auf der Etappe von Gent. Es droht kein englischer Tankangriff, euer Leben ist nicht in Gefahr! Nein, heute denken sie nicht an Arras und Verdun, unsere tapferen Zellenschließer, sie denken an das Stirnrunzeln ihres Vorgesetzten. Und das ist gefährlicher als Trommelfeuer und Nahkampf. Es treibt wahrhaftig den Schweiß aus allen Poren! Folgendes hat sich zugetragen: Eines Tages kommt ein Brief zur Zuchthausverwaltung. Er trägt als Absender die Bastflechterfirma und als Empfänger die Mutter unseres Bastvorarbeiters irgendwo im Württembergischen. Ferner einen Stempel: Unbestellbar, Empfänger unbekannt verzogen. Der Name des Empfängers ist dem Beamten verdächtig, er öffnet daher den Brief und findet darin folgendes Notizblatt: - ,, Liebe Mutter, ich sandte Dir vergangene Woche ein weiteres Paket mit Basttaschen( folgt Sortenbezeichnung und Anzahl sie geht in die Hunderte) zum Verkauf. Bitte sende mir vom Erlös folgende Sachen( folgt Aufstellung über gewünschte Lebensmittel, Alkoholika und Zigaretten- Mille) an die Adresse von( folgt Anschrift von Zuchthausbeamten)." Der Brief, so ergibt die Untersuchung, ist deshalb unbestellbar, weil die hehlende Spitzbubenmutter überraschend ins Krankenhaus gekommen war und ihre Anschrift bei der Post nicht geändert hatte. Guter Rat ist teuer. Die Vernehmungen ziehen immer weitere Kreise. Es verdichtet sich der Eindruck, daß ein Schieberkonzern aus Spitzbuben, Beamten und Firmenangehörigen seine Tätigkeit in Lüttringhausen ausübte. Eine gerichtliche Untersuchung wird dem Arbeitsinspektor, vielleicht sogar dem Anstaltsleiter das Genick brechen. Was tun? Hier steht das Ansehen des deutschen Berufsbeamten auf dem Spiel! 52 52 glischer Verdun, s Stirncher als tig den mmt ein der die unseres Ferner nt verdächtig, s Notizche ein ichnung Verkauf. gt Aufka und rift von alb unüberare Anse. Es ern aus TätigUnterar dem er steht Spiel! Seht, kein Engpaß ist so eng, daß sich nicht ein deutscher Beamter doch hindurchzwängt. Eines Tages kommt unser Vorarbeiter auf Transport, niemand weiß, wohin. Die Aktendeckel schließen sich. Die stinkende Kloake wird zugedeckt. Kurze Zeit später wird man erfahren, daß er einen Posten im Zuchthaus Siegburg erhalten hat. Warum ich diese beiden Episoden erzähle? Seht, das sind die Beamten, mit denen wir 10 Jahre lang gesammenleben werden, die wir uns geneigt machen sollen, mit denen wir unzählige Diskussionen führen werden. Natürlich sind nicht alle so. Aber, ihr werdet lachen: wenn unser Drama zu Ende geht, werden eine Reihe von diesen Beamten, die uns filzen, die schieben, die uns das Leben schwer machen und uns anschnauzen, auf unserer Seite stehen und treue Helfer beim Endkampf sein. Stunden reihen sich an Stunden, Tage werden zu zu Monaten. Wochen - - Ab und zu ein Brief von Lydia und das ist meine Welt. Auch Wilhelm und ich haben uns nicht mehr viel zu sagen. Schweigend sitzen wir an unseren Arbeiten. Lediglich die täglichen Verrichtungen Essen, Schlafen, die Ver- dauung, das Putzen liefern noch Gesprächsstoff. Zu ungewohnter Stunde rasselt der Schlüssel im Schloß. ,, Goguel, zur Vorführung!" Ein Blick auf den Kalender es ist der 14. Juli 1935. Während ich erste Garnitur anlege, kreisen die Gedanken. Mißtrauen ist die zweite Natur des Gefangenen. Kann eine Anzeige vorliegen? Hat jemand ein gefährliches Gespräch belauscht? Will dich gar die Gestapo vernehmen? Ich bin mir keiner Schuld bewußt, aber mit einem Gefühlt der Abwehrbereitschaft gehe ich vor dem schnauz53 53 bärtigen Beamten her. Wir halten beim Zimmer des Gleich darauf werde ich hinevangelischen Oberlehrers. eingerufen. Herr Hildebrand ist ein weißhaariger Herr mit weißem Er ist hochSchnurrbart und mildem Gesichtsausdruck. Bauch von beachtlichen gewachsen und rüstig. Einen Dimensionen pflegt er einem Paukenschläger ähnlich mit rückwärts geneigtem Oberkörper vor sich herzutragen. Er ist Christ und leitet die sogenannte ,, Schule". Belehrungsstunden für freiwillige Teilnehmer, sowie den evangelischen Kirchenchor. Daß er kein Nazi ist, ist mir bereits bekannt. Er Ich stehe vor seinem Schreibtisch, in Erwartung. spielt mit einem Brieföffner und hält einen geöffneten Brief in der Hand. Auf dem Tisch bemerke ich meine Will er Straftakte, ein noch dünnes Aktenbündelchen. mit mir diskutieren? Es wird meine erste politische Diskussion mit einem höheren Strafvollzugsbeamten sein. ,, Ich muß Ihnen eine sehr traurige Mitteilung machen," beginnt er zögernd, unablässig mit dem Brieföffner spie,, Hier ist ein lend; dabei blickt er mich aufmerksam an. Brief Ihrer er studiert den Absender, zieht die Akte zu Rate -ja, Ihrer Stiefmutter, die Ihnen vom Tod Ihres Vaters Kenntnis gibt. Er ist bereits am 7. Juli gestorben und wurde in Heidelberg beigesetzt. Wie ich hier lese, ist er einem Schlaganfall erlegen. Wie alt war Ihr Vater?" ,, 71 Jahre." Zu Die Es fällt mir schwer, mich jetzt zu konzentrieren. plötzlich und unerwartet kam die Todesnachricht. Gedanken schweifen zurück zu manchen schönen Stunden im väterlichen Musikerheim, ungeachtet mancher persönlicher und zum Schluß auch politischer Entfremdung. Denn, obgleich mein Vater alter Sozialdemokrat und Freidenker war, hat er sich in den letzten Lebensjahren mehr und mehr einem dunklen Mystizismus zugewandt und hatte 54 54 r des "h hin- veißem hoch- tlichen lich.— tragen. Beleh- evan- st mir 192, Er ffneten meine Nill er litische sein.— achen,“ r spie- ist ein e Akte d Ihres storben er lese, Vater?" en. Zu t. Die Stunden persön- . Denn, idenker »hr und d hatte die Bahnen des historischen Materialismus verlassen. Trotz allem aber war er im Innersten seines Herzens Sozialist geblieben. Wir sprechen über den Verstorbenen— Hildebrand teil- nahmsvoll, ich mit Wärme und voll Erinnerungen. „Goguel, und nun seien Sie einmal ganz ehrlich, ange- sichts Ihres toten Vaters: war das wirklich nötig, daß Sie hier sind, hätten Sie nicht auch einmal an Ihre Angehöri- gen, an Ihre Eltern denken sollen? War das alles nötig?" Ich sehe Tilde Klose vor Gericht. Vergessen Tod und Trauer: hier geht es um Ueberzeugung! „Es war nötig, Herr Oberlehrer, oder glauben Sie, daß Martin Luther in Worms sich durch Rücksicht auf seine Familie zu einer anderen Ueberzeugung hätte bringen lassen? Er sagte: Hier stehe ich, ich kann nicht anders — und wer kann gegen seine Ueberzeugung handeln?" „Nach seiner Ueberzeugung soll man handeln, jawohl, wenn diese die richtige ist"— Hildebrands Stimme, die leicht schulmeisterliche, bekommt wärmere Töne.„Aber sehen Sie denn immer noch nicht, daß Sie auf dem falschen Wege sind? Heute, wo das ganze Volk begeistert hinter dem Führer steht?" „Was richtig und was falsch ist, kann erst die Ge- schichte erweisen. Auch hinter Luther stand niemand, als er in Worms einzog, und hatte er etwa nicht recht?" „Luther war eine einmalige Persönlichkeit, daher seine kompromißlose Stärke. Aber’— mit einem milden Spott in der Stimme—„wollen Sie sich denn mit Luther ver- gleichen?" „Die Bibel sagt: ‚O daß Ihr heiß wäret oder kalt, so Ihr aber lau seid, will ich Euch ausspeien aus meinem Munde’ Mit diesem christlichen Grundsatz sind wir Kommunisten durchaus einverstanden." Schüttelt nicht den Kopf, sondern denkt daran, daß ich 27 Jahre zählte und aus einem monatelangen Schweigen 53 kam. Wer hätte da die Schleusen seiner unüberlegten Beredsamkeit zu dämmen vermocht? ,, Nun sagen Sie aber," lenkt der Oberlehrer langsam zu einem anderen Thema über ,,, was haben Sie denn am heutigen Staat auszusetzen? Die Arbeitslosigkeit ist beseitigt, die Schornsteine rauchen wieder, überall geht es aufwärts, was wollen Sie noch mehr?" ,, Herr Oberlehrer, eine Frage steht nach wie vor offen: wer wird die Rechnung bezahlen?" Seine Hände suchen zwischen herumliegenden Broschüren, während sein Blick zum Fenster schweift. Ein Propagandaheftchen über den Vierjahresplan kommt zum Vorschein. Hildebrand blättert suchend, aber ich wehre ab: ,, Ich kenne Propaganda. Die Fragen, die ich stelle, werden in dieser Broschüre nicht beantwortet. Dazu muß man Statistiken zu Rate ziehen und eigenes Denken." Ich muß gestehen: auf dem Gebiete der Volkswirtschaft bin ich besser zu Hause als im Reich Martin Luthers. Unversehens war ich in Eifer geraten, ich sah nicht mehr die Schranke zwischen Strafvollzugsbeamten und Gefangemich reizte das Thema. nen - Der Oberlehrer zieht seine Uhr, dann erhebt er sich, überreicht mir den Trauerbrief und gibt mir die Hand. ,, Ueberlegen Sie sich alles in Ruhe, Goguel! Sie können wieder in Ihre Zelle gehen." Ich berichte Wilhelm. Ich knüpfe Erwartungen an die Unterredung. Ist es mir gelungen, ihn zu überzeugen? Wilhelm hört schweigend zu, sagt lange kein Wort. Dann meint er beiläufig: ,, Der Hildebrand ist nicht schlecht, aber ein alter Fuchs. Was glaubst du denn, aus welchem Grund er sich mit dir unterhält und deine Akte danebenlegt, he?" Verächtlich spuckt er zum Fenster hinaus. ,, Alles Scheiße!" und dann rattert die Nähmaschine, meine fällt ein, Schweigen erfüllt wieder die Zelle. 56 Begsam nam I bent es offen: schüropaVore ab: erden man schaft thers. mehr angesich, Hand. önnen n die en? Wort. Fuchs. mit dir Alles e fällt Ein Kassiber! Er schiebt sich durch die Türritze. Ich nehme ihn an und öffne ihn. Ein Gedicht von 4 Strophen, und das ist alles. - nach Ich bin kein Freund von Lyrik. Wie aber mag es kommen, daß ich diese vier Verse heute noch soviel vor mir sehe, daß meine Lippen die Worte sprechen und keines vergessen haben? Jahren - Max Witkowski, mein Mitangeklagter, ist der Verfasser, und hier sind seine Verse: Zu Lüttringhausen im Berg'schen Land auf einem kahlen Berge, da steht ein Zuchthaus, weit bekannt als das Haus der steinernen Särge. Drin sind Soldaten der Revolution im braunen Zuchthauskleid, die sind trotz Terror, Haß und Hohn zum letzten Kampf bereit. Hörst du im Hof den befehlenden Ton? Hörst du das Kommandieren? Kennst du auch die Soldaten schon, die da exerzieren? Es sind Soldaten der Revolution im braunen Zuchthauskleid, die sind trotz Terror, Haß und Hohn zum letzten Kampf bereit. Wir tragen ruhig unser Los mit trotzig finstern Blicken, ist auch die Sehnsucht noch so groß, sie soll uns nicht ersticken; denn wir sind Soldaten der Revolution im braunen Zuchthauskleid, die sind trotz Terror, Haß und Hohn zum letzten Kampf bereit. 57 Wenn am Tage der Freiheit wehn die roten Fahnen draußen, dann werden auch wie ein Mann stehn die Gefangenen von Lüttringhausen. Dann sind die Soldaten der Revolution im braunen Zuchthauskleid, mit Freuden trotz Terror, Haß und Hohn zu kämpfen und sterben bereit. Jahre später werde ich in der vergitterten Arrestzelle des Zuchthauses Hameln sitzen. Ohnmächtige Wut wird mich würgen und ein tiefer Haß gegen die Unterdrücker wird in mir brennen. Da wird aus der Tiefe der Vergessenheit eine leise Stimme tönen: ,, Wenn am Tage der Freiheit wehn die roten Fahnen draußen..." und dann, Brüder: Vergessen der Zorn, vergessen der Haß! Ist unser Leben nicht doch lebenswert? Haben wir etwa umsonst gelitten? ,, Wenn..." ja, Max: wenn! Aus Briefen an Lydia: 19. 1. 36... ich beschäftige mich seit einigen Wochen systematisch mit Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie, wobei ich entdecke, daß hier in meinem Wissen Förderlich ist mir gewaltige Lücken zu schließen sind. hierbei mein neuer Zellenkollege, Verkaufsleiter einer schwedischen Firma in Düsseldorf. Wir harmonieren ausgezeichnet! 17. 5. 36... leider fehlt eben das authentische Zahlenmaterial. So konnten wir uns z. B. nicht schlüssig werden, ob heute auch ein Münzausfuhrverbot besteht für deutsches Silbergeld, wenn nein, auf welche Weise es im Ausland eingelöst wird und zu welchem Kurs. W d g ZU d u 19 st Fi di a! st hi zä ha E G se ei Be m er Ferner, ob die zu Er si ko deutsche Registermark noch gehandelt wird und zu welchem Kurs, bzw. ob es dafür auch sogenannte ,, schwarze" Kurse gibt... 58 elle ird ker ise ten der Och hen OSOsen mir ner ausenden, ches and die hem rze" 13. 9. 36... wie es zu erklären ist, daß der Kurs der Wiederaufbauanleihe nur noch auf 70 steht und wodurch die Kapitalzusammenlegung bei AEG von 3 zu 1 hervorgerufen wurde.. für uns ist die Lektüre des ,, Leuchtturm" jedesmal zu vergleichen mit dem Auflösen komplizierter Rätsel. Aus dem Wust sich widersprechender, einander aufhebender und lakonisch kurzer Meldungen, die an die Zeiten von 1917 erinnern, ist kaum noch ein Zurechtfinden... 15.11.36... übrigens fehlen erwartungsgemäß im statistischen Jahrbuch 1935 alle neueren Angaben über die Finanzlage und verwandte Gebiete. Wenn ich sagte, daß die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsablaufes mir durchaus geläufig sind, daß ich nur das Tempo nicht zu bestimmen vermöchte, so gibt doch die Göring- Rede immerhin auch hierüber einigen Aufschluß ( Ihr müßt nicht denken, daß ich nicht auch ab und zu zärtliche Worte für meine Frau in meinen Briefen gefunden habe, doch die gehören nicht hierher!) - - und da will es mir im Hinblick auf die politischen Ereignisse der letzten Monate erscheinen, daß ich allen Grund habe, die Entwicklung unserer persönlichen Lage vorsichtig formuliert als denkbar unsicher anzusehen. Ich habe natürlich die felsenfeste Zuversicht auf eine bessere Zukunft. nur kann es keiner von sich mit Bestimmtheit sagen, ob er sie selbst zu Gesicht bekommt wenigstens, wenn man politischer Gefangener ist. - Es war uns gelungen, auf einer Zelle zusammenzukommen. Heinrich Niebes war es ebenso gegangen wie mir, er hatte die erste Zeit mit Kriminellen oder Indifferenten zusammengesessen. Als ich bei ihm einzog, erschrak ich. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, straff spannte sich die gelbliche Haut über die Gesichtsknochen. Er konnte das Anstaltessen nicht vertragen und war buch59 stäblich am Verhungern. Isolierung niederdrückend. Daneben wirkte die geistige Bald herrschte reges Leben in unserer Zelle! Erinnerst du dich noch, Heinrich, an unsere endlosen Diskussionen in nächtlicher Stunde über Inflation und Deflation, über Währung und Goldpreis? Hart sind wir manchmal aneinandergeraten, aber zum Schluß beugte ich mich der Autorität meines Freundes. Denn ein seltener Fall: Heinrich war nicht nur ein hervorragender Wirtschaftsfachmann, sondern ein glänzend geschulter Marxist, der in den Kapiteln von Mehrwert und Akkumulation des Kapitals ebenso zu Hause war wie im Börsenteil der Bergwerkszeitung. - Die Erinnerungen an das mit Heinrich gemeinsam verlebte Jahr gehören zu den schönsten meiner Haftzeit. Gesichter kommen, Gesichter gehen. Seit Wochen schon ist der Bau mit fast 1200 Mann belegt, und immer neue Transporte rollen an. Woche um Woche werden Transporte zusammengestellt und in andere Strafanstalten dirigiert. So wird das revolutionäre Ruhrgebiet zum schier unerschöpflichen Nachschubzentrum für die Zuchthäuser von halb Deutschland. Nach Siegburg, Rheinbach, nach Butzbach, Münster, Herford, nach Hameln, Celle, in die Moorläger von Papenburg und Meppen werden Gruppen von je 50 bis 100 Mann abdetachiert. Eines Tages ist Hans Schiller verschwunden. Er wird in Hameln landen und noch eine wichtige Rolle in unserer Geschichte spielen. Andere Genossen folgen nach. Es ist nichts anderes als ein großes Glücksspiel, abhängig von hundert Zufälligkeiten, ob man auf Transport kommt oder nicht. Wer Pech hat, endet in Celle und wird 5 Jahre Einzelhaft absitzen. Oder er kommt ins Moor und ist vielleicht in einigen Monaten tot. 60 eistige innerst ssionen , über al anch der r Fall: schaftsst, der s KapiBergm vereit. Vochen immer gestellt s revoNachchland. , Herenburg ann abEr wird unserer 2. el, abansport Einzelelleicht Ist dir das Glück hold, so kommst du in einen humanen Bau und kannst deine Kräfte entfalten. ,, Wie Allah will," sagt der Moslem. Lassen wir die Dinge an uns herankommen, noch sind wir hier. * Der ganze Bau summt wie ein aufgeregter Bienenschwarm. In Spanien ist die Revolution ausgebrochen! Max weiß es als erster. Was, wie, wo ein Funke springt von Zelle zu Zelle, die politische Zuspitzung der letzten Monate entlädt sich. Ist es soweit? Beginnt der große Endkampf? Schon der Abessinienkrieg im verflossenen Herbst hatte die Gemüter heftig erregt. Mit Begeisterung hatten wir von Negerdemonstrationen in USA gelesen. Ras Nasibu, der erfolgreiche Kommandeur der Südfront, Ras Seyum, der Partisanenführer im Norden, General de Bono, der Verlierer der Schlacht um Makalle, waren geläufige Namen. Die Berichterstattung im ,, Leuchtturm" schwankte anfänglich zwischen Sympathie für den Negus und Hochachtung für die italienische Armee. Schon damals waren mehrere Genossen der Meinung gewesen, daß die große, die letzte Auseinandersetzung begonnen hätte. Aber Dann war Addis Abeba gefallen, der heldenmütige Widerstand der Aethiopier zusammengebrochen. weiterhin lag Gewitterstimmung in der Luft. Und nun Spanien! Niemand weiß Einzelheiten, aber in einem Punkte sind wir uns alle einig: Spanien wird die große Kraftprobe! Widersprechende Nachrichten lösen einander ab. - erschossen" - ,, Die Flotte meutert, auf den Kriegsschiffen wehen rote Fahnen" ,, Der Monarchistenführer Calvo Sotelo wurde ,, Ein General Franco ist zu den Aufständi,, Cabanellas hat ein Komitee ge,, Largo Caballero ruft zum Generalstreik auf" wer kämpft nun eigentlich gegen wen? schen übergegangen" bildet" -- - - 61 29 62 Das erste Licht bringt das katholische Kirchenblättchen: Unter der Ueberschrift: ,, Rußland - Spanien - Mexiko" ertönt ein lautes Klagegeschrei über geschlossene Kirchen, demonstrierende Anarchisten, roten Terror. Bald sehen wir klarer: Jene Aufständischen, zu denen Franco übergeht, und die meuternden Matrosen mit den roten Fahnen sind zwei Parteien und nicht eine. Diese stehen hüben, jene drüben, und dazwischen toben Barrikadenkämpfe. Ungeheuer ist die Wucht dieses Dramas der ersten spanischen Kriegswochen. Spanien hat gelernt! Der rückständige spanische Arbeiter, der primitive spanische Bauer hat zu den Waffen gegriffen, bevor der Faschismus sie ihm aus der Hand schlug. Das Schicksal des deutschen Proletariats war ein Warnruf für unsere Klassengenossen drüben im Westen. Sympathiestreiks in Frankreich, Sitzstreikwelle in USA, Volkseine gefront in China, in Finnland, in der Tschechei waltige rote Welle braust über die Welt. Sie wird nicht vor Deutschlands Toren Halt machen. - Dimitroffs trojanisches Pferd hat Früchte getragen. Die Eine Zeit unMassen folgen mit Elan den roten Parolen. beschreiblicher Begeisterung bricht an auch in Lüttringhausen. Das Bewußtsein der internationalen Arbeitermacht drückt sich aus in jedem Wort, in jeder Gebärde unserer Genossen. Bald kenne ich Spanien besser als Deutschland. Wir zeichnen Karten und stecken die Front ab. Wo liegt Guipuzcoa, wo Caen, wie läuft die Front bei Irun, wie droben in Asturien und Galicien ein Blick auf die Karte, und wir sind im Bilde. - Im Ueber den Sieg Rotspaniens herrscht kein Zweifel. weißen Hinterland werden die Partisanen den Feind zermürben. Bald muß Frankreich folgen... tchen: »xiko” rchen, denen it den Diese ırrika- ersten rück- Bauer us sie Warn- Sym- Volks- ne ge- | nicht n. Die sit un- ittring- rmacht Iinserer WÄR. jt Gui- droben e, und 2]. Im ıd. Zzer- Inzwischen rasseln in Lüttringhausen die Nähmaschinen, klopfen die Schusterhämmer und streichen Kleisterpinsel über Tütenpapier. Auch jetzt verrinnt Stunde um Stunde, werden Tage zu Wochen— aber immer vernehmlicher klingt es in uns: „Wenn am Tage der Freiheit wehn die roten Fahnen draußen..." 63 Sechstes Kapitel Wolfenbüttel Ein unbelehrbarer Fanatiker will! W Allah hat gewollt, aber er hat ein Einsehen. Nach fast 10 Monaten gemeinsamer fruchtbarer Studienarbeit schickt er Heinrich Niebes und mich gemeinsam auf Transport nach Wolfenbüttel und befördert uns auf die Schneiderstube im ,, Roten Haus", was aber beileibe keine Anspielung auf die Insassen bedeutet. ,, Rotes Haus" heißt unser Gebäude, weil es aus roten Backsteinen besteht, während das Graue Haus" einen grauen Verputz trägt. Jenes beherbergt Zuchthäusler, dieses Untersuchungs- und Strafgefangene. Nun gilt es umlernen. Das Land Braunschweig hat alte NS- Tradition. Hier wurde Hitler deutscher Regierungsrat. Hier gab es ein ,, Drittes Reich" en miniature bereits vor der Machtergreifung, und wir spüren dies recht deutlich im Strafvollzug. Hier gibt es nur noch ausnahmsweise Vergünstigungen. Der Umgangston der höheren Beamten läßt auf häufigen Verkehr mit Hunden schließen. zu Ich habe nicht die Absicht, euch mit der Schilderung der Spezialschikanen einer jeden neuen Strafanstalt langweilen. Die Methoden sind überall unterschiedlich, überall gleich borniert und überall gleichermaßen uninteressant wenn man nicht just gezwungen ist, sich mit ihnen im Zustand der Notwehr auseinanderzusetzen. - Ob in Wolfenbüttel die Arbeitsverhältnisse, ob in Celle das Filzen, ob in Hameln das Putzen von überflüssigen 64 rer Stumeinsam uns auf beileibe as roten einen Chäusler, hat alte rungsrat. eits vor deutlich igungen. häufigen ilderung stalt zu chiedlich, unintersich mit en. in Celle flüssigen Zinkgeschirren oder die Spindordnung zur besseren Zermürbung der Gefangenen ausgenützt wird, ist für unsere Geschichte belanglos. Ich berichte aus Wolfenbüttel lediglich ein Erlebnis, das von entscheidender Bedeutung für meine Haftjahre werden wird. Hier in Wolfenbüttel habe ich meine letzte, selbstverschuldete Niederlage erlitten, und sie gab den Anstoß zu jenen Ereignissen, die ich in den folgenden Abschnitten berichten werde. Die Sache fing an mit einem Antrag auf Zahnbehandlung. Ein Antrag von nebensächlicher Bedeutung. Ein blutjunger Assessor Typ eines HJ- Ordensburg- Junkers - sitzt hinter seinem gewichtigen Schreibtisch. ,, Zuchthausgefangener Goguel. 2287, bestraft wegen Vorbereitung zum Hochverrat mit 10 Jahren Zuchthaus, bittet eintreten zu dürfen." Dienstliche Meldung. Militärische Haltung. Nachlässiges Blättern in Akten, leises Räuspern, eine Zigarette wird dem Etui entnommen und genießerisch angezündet, würzig zieht der Duft in meine Nüstern, leise klirrt ein goldenes Armkettchen. ,, Was wollen Sie?" Ich trage mein Anliegen vor. Pause. Erneutes Blättern. - ,, Aha. soso. Da sind Sie also auch einer von den Verführern!" Der junge Assessor hat Erfahrung im Umgang mit Gefangenen und ist offenkundig stolz darauf. ,, Das muß ein Mißverständnis sein. Ich bin hier nicht wegen Sittlichkeitsdelikten, sondern als politischer Gefangener." Ich bekenne offen, es kochte in mir. Und nun folgt Schlag auf Schlag. ,, Halten Sie den Mund! Blasen Sie sich nicht auf! Sie sind Kommunist und haben das Volk aufgehetzt!" 5 55 65 ,, Ich habe niemanden aufgehetzt, sondern meine Ueberzeugung vertreten, wie das jeder anständige Mensch lut." ,, Das nennen Sie anständig, sein Vaterland zu verraten?" ,, Ich habe mein Vaterland nicht verraten." ,, Ihr Kommunisten seid doch international und seid noch stolz darauf!" ,, Wir sind ebenso international wie die Faschisten. Der Beweis liegt in Spanien!" - Wie Pistolenschüsse ,, Das ist etwas ganz anderes." waren Rede und Gegenrede gefallen. Nun besinnt sich der junge Assessor. ,, Sagen Sie mal, glauben Sie etwa, daß Sie jemals aus dem Zuchthaus herauskommen werden?" ,, Nein. Ich habe mich damit abgefunden, daß ich mein Leben in faschistischer Gefangenschaft beschließen werde." Er höhnisch: ,, Da tun Sie gut dran." der Nächste". Dann ,, Hinaus Ich gestehe, noch 5 Minuten Diskussion, und ich hätte der grünen Rotznase ein paar hinter die Ohren geschlagen oder ich wäre explodiert. - Unbegreiflich: aber mein Antrag auf Zahnbehandlung wird genehmigt. - Wie gesagt so fing es an. Ich hatte Aufmerksamkeit erregt; bald bekam ich die Aufforderung, am Schulunterricht teilzunehmen. Es ist am besten, ich gebe jetzt dem Schullehrer, einem würdigen Gesinnungsfreund des Assessors, persönlich das Wort. Der Bericht, den er über mich anfertigte, gelangte Und zu meiner Kenntnis. 8 Jahre später erst 1944 er erklärte mir mancherlei, was mir bis dahin unbegreiflich war. - - Sein Wortlaut ist mir nicht mehr geläufig, sein wesentlicher Inhalt lautet folgendermaßen: am ,, Der Zuchthausgefangene Goguel ist Teilnehmer Bereits in den ersten Unterrichtsstunden Schulunterricht. zeig poli auf stel ren Ges übr WO er deu mu bea hal nic An sic Fel set ve un 99 66 n n zeigte sich, daß G., der eine gewisse Autorität unter den politischen Gefangenen genießt, einen nachteiligen Einfluß auf die Kursusteilnehmer ausübt. Durch verfängliche Fragestellungen versuchte er mich abzutasten( wörtlich!), während er durch Zwischenbemerkungen oder auch nur durch Gesten wie Kopfschütteln, Achselzucken und Lachen den übrigen Gefangenen seine Ansichten mitzuteilen trachtete. Bei der Besprechung der nationalsozialistischen Volkswohlfahrtsorganisation in der letzten Unterrichtsstunde hat er offen erklärt, daß der Führer seine Versprechungen dem Ich deutschen Volke gegenüber nicht gehalten habe. mußte ihn daher aus dem Schulunterricht entfernen und beantrage, da ich ihn für einen unbelehrbaren Fanatiker halte, seine Verbringung in Einzelhaft." Leider ist mir die wörtliche Wiedergabe des Berichtes nicht möglich, da die Zuchthausverwaltung in Hameln auf Anordnung des Generalstaatsanwaltes in Celle eine Einsichtnahme in meine Akten verweigerte. Dies geschah im Februar 1946! Die unmittelbare Folge des Berichtes war meine Versetzung in Einzelhaft, welche ich erst drei Jahre später verlassen werde. Entzug jeglicher Lektüre und Stellung unter besondere Kontrolle. Mir wurde klar, daß es nun an der Zeit sei, abzureisen. 67 5* Er Siebentes Kapitel. Hameln Lob der Einzelhaft nd siehe, am 10. März 1937, räumten wir das ,, Rote Unda Haus" und rollten ab nach Celle, von Sch lang das in I stre I WO wir uns Sch S der wöh nähe in alle Winde zerstreuten. Meinen väterlichen Freund Heinrich sollte ich erst acht Jahre später unter eigenartigen Umständen wiedersehen. Allah hat es gewollt. Hameln! Altehrwürdiger Stockhof! Mit deinen dicken Quadermauern, mit deinen kleinen vergitterten Fenstern, durch die so mancher sehnsüchtige Blick hinaus auf den sonnigen Weserfluß, auf die zum Greifen nahen grünen Weserberge schweifte. mit deinen winkligen Gängen und den engen kalten Zellen sollst du sieben Jahre meines Lebens sehen, sollst mir ein Stück Heimat werden! Du wirst der Schauplatz dramatischer Ereignisse, aber auch die Stätte tiefer innerer Wandlung werden. Hameln, heut' gilt mein Gruß dir und vielen, vielen Freunden, Mitgefangenen, Beamten, Zivilisten, die zu einer Zeit ihr Herz entdeckten, als es noch gefährlich war. Damals, am 10. Juli 1937, empfing uns der ,, Stockhof" so unfreundlich, wie eben ein beliebiges Zuchthaus beliebige Neuankömmlinge aufnimmt: kalt, nüchtern, gleichgültig. Und kalt, nüchtern, gleichgültig wird Monate, Jahre Ibis die Zeit reif ist. ons erfül unge D liche die ziald I sach Erbit Ungl mit kamp RFB er bleiben, B Hitle griff. 68 Der Stockhof ist ein winkliger weitverzweigter Bau. Er gliedert sich in zwei Teile. Der eine, das sind große Schlaf- und Arbeitssäle, Werkstätten und Betriebe, mit langen Fluchten, winzig kleiner Schlafkojen. Der andere, das ist der Zellenflügel. Ein Extrabau mit 90 Einzelzellen in drei Stockwerken. Der Zellenflügel nimmt uns auf. Für mich beginnt strenge Einzelhaft. Die Isolierung ist hermetisch, die Kontrolle scharf, das Schweigen um dich überwältigend. Schwer gelingt die Verbindung zu Mitgefangenen. Bei der Freistunde, beim Baden, bei Vorführungen wachen argwöhnische Beamtenaugen über jeden gegenseitigen Annäherungsversuch. Oft verrät ein leises Klick des., Spions" an der Zellentüre, daß ein Zellenschließer seine Pflicht erfüllt, und dich beobachtet in deiner Einsamkeit. Und doch habe ich nach einem Monat bereits einen ungefähren Ueberblick. Die Verhältnisse in Hameln zeigen einen grundsätzlichen Unterschied gegenüber allen anderen Strafanstalten: die Mehrzahl der politischen Gefangenen besteht aus Sozialdemokraten. Ich bin eine Erklärung schuldig, warum ich diese Tatsache herausstelle. In unseren Reihen herrschte eine tiefe Erbitterung gegen die Sozialdemokraten, die wir für unser Unglück verantwortlich machten. Warum haben sie nicht mit uns gekämpft? Warum sind Braun und Severing kampflos von der Bühne gegangen? Warum hat man den RFB verboten? Warum das Mißtrauen gegen uns? Bis heute waren uns Sozialdemokraten, die aktiv gegen Hitler kämpften, illegal, organisiert, ein unbekannter Begriff. In allen Zuchthäusern und Lägern gab es Kommu69 nisten, nochmals Kommunisten, höchstens ab und zu einmal einen SAP- Mann*) und natürlich einige Bibelforscher. Diejenigen unter uns, welche die Sozialdemokraten als ,, Stütze der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse" bezeichnet hatten, ja, als ,, Sozialfaschisten", schienen Recht behalten zu sollen. Hameln sagt etwas anderes: 120 Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei mit zwei bis zehn Jahren Zuchthaus, verurteilt vor wenigen Monaten wegen illegaler Organisationstätigkeit in Hannover und Umgebung, bevölkern von den annähernd 250 Mitgliedern das Haus. Wir Kommunisten sind dagegen eine kleine Minderheit. Auch sie, die ,, Stützen der Bourgeoisie", sind streng isoliert wie wir, legen nachts die Kleider heraus wie wir ( denn sie sind ebenso fluchtverdächtig wie wir). hatten Miẞhandlungen durch Gestapo und SS wie wir. Zus ver sch Au kal nä Tis Fut nu abz das ger Auch sie erfahren me Blä Es kann nicht ausbleiben: bald finden sich auf der Station der Fluchtverdächtigen eine Reihe Funktionäre zur politischen Aussprache zusammen. Karl Adolphs, Hans Schiller, der ein Jahr vor uns hier ankam, Anton Teschner aus Essen, ferner die Sozialdemokraten Franz Nause und Walter Spengemann aus Hannover sowie Gustav Hoppe aus Hildesheim bilden mit mir zusammen einen Debattierklub. Bald werden noch mehr Genossen hinzukommen. Ich sagte: Debattierklub. treffende Bezeichnung. las Sch sag Ka sat wie der um Das ist wohl die einzig der Pro Ein Klub mit Diskussionsmethoden, die nicht gerade landläufig sind. Hans Schiller, unser bester Mann, eröffnet das Thema: Er wird seine Gedanken über rec sagen wir einmal: die ma hab *) Sozialistische Arbeiter- Partei, eine linke Abzweigung der SPD 70 - Zusammenhänge von Tauschwert und Preis einer Ware vermittels eines mühsam beschafften Bleistiftstummels schriftlich fixieren. Er klebt seinc 6 Blatt umfassenden Ausführungen in 6 Kaffeetüten als Futter ein. Der Tütenkalfaktor, ein sozialdemokratischer Genosse, wird mir am nächsten Tage ein Paket Kaffeetüten mürrisch auf den Tisch werfen und knurren: ,, Schläuche nachkleben, das Futter hält nicht". Der zellenschließende Beamte läßt eine ernsthafte Warnung vom Stapel, flicht beiläufig einige Worte von Kostabzug und Arrest ein. Zerknirscht gelobe ich Besserung. Kaum hat sich die Zellentüre geschlossen, so reiße ich das Bündel auf. Bald habe ich die sechs Tüten ausfindig gemacht. Am nächsten Tage kleben die sechs Blatt als Futter in meinen Trockengemüsebeuteln, zusätzlich drei weiterer Blätter, die meine Gegenargumente enthalten. Sie verlassen meine Zelle; zwei Stunden später wird ein leichter Schlag an der Türe ertönen, und eine leise Stimme wird sagen: ,, Die Sache ist in Ordnung". Nun weiß ich, daß Karl Adolphs den Schrieb hat. In acht oder zehn Tagen wird Hans Schiller seinen Aufsatz mit sechs Antworten zurückerhalten und das Ergebnis wiederum schriftlich zusammenfassen. Nun mag Anton oder Karl ein neues Problem anschneiden. Und so debattieren wir Woche um Woche, Monat um Monat. Die Probleme des dialektischen Materialismus, der politischen Oekonomie, moderner Währungsfragen, die Probleme von Strategie und Taktik werden bewältigt. Der Stockhof in Hameln kann mit einer gewissen Berechtigung den Ruf für sich in Anspruch nehmen, die erste marxistische Fakultät des Dritten Reiches beherbergt zu haben. Ich erhebe meine Stimme zum Lob der Einzelhaft. 71 Nur wer sie erlebt hat, wird mich ganz verstehen. Ungemein schärfen sich die Sinne, die durch nichts abgelenkt werden. Schon in wenigen Monaten vermagst du zu unterscheiden, ob der Beamte soeben Zelle 85 oder Zelle 86 aufgeschlossen hat. Mit unfehlbarer Sicherheit erkennst du, welcher Beamte gerade gegenüber aufschließt. Jeder Beamte hat seinen eigenen Handgriff. Wenn du verbotene Dinge tust, Kassiber schreibst, eingeschmuggelte Tageszeitungen liest, wird deine Hand automatisch die oft trainierte Schutzbewegung ausführen, sowie ein ungewohntes oder verdächtiges Geräusch dein Unterbewußtsein erreicht, und du wirst dich bisweilen fragen: Warum habe ich den Brief soeben versteckt? Denn du erinnerst dich, nichts gehört zu haben aber dein Unterbewußtsein hat gehört, ohne dich. - Auch wenn du früher ungeschickt warst, wirst du gewitzigt durch bittere Erfahrungen dir eine überlegene Technik aneignen, deinem Nebenmann Kassiber oder andere Dinge zuzustecken. Instinktiv suchen deine Augen unauffällig alle Gefahrenwinkel ab, wo mögliche Beobachter lauern könnten, ehe du zur Tat schreitest. Bald weißt du jeden Beamten richtig einzuschätzen und weißt, wie weit du bei jedem einzelnen gehen kannst. Auch mit dem Bestgesinnten wirst du auf dem Boden bewaffneter Neutralität stehen, denn deine Erfahrungen haben dich gelehrt, wie unberechenbar bisweilen oder vielmehr recht oft Menschen sein können. Und wenn du diese Schule einige Jahre hinter dir hast, wirst du mit milden Oberlehrern oder blutjungen Ordensjunkern eine andere Sprache reden als ich es getan habe. Aber dies ist nur die eine Seite der Einzelhaft. Ungeheures wird von deinem Willen verlangt. deinem Körper, mehr noch von Der Mensch ist nun einmal ein Gesellschaftstier. Er hat Stimmungen, die wie Winterstürme über ihn brausen. Er hat Stunden, in denen ihn 72 en. gedu der Leit eßt. -inand en, ein Men enn ein ene der Jen oband st. been der nn mit ne on ein erhn tiefste Verzweiflung übermannt, in denen Schatten aus allen Ecken kriechen, um ihn zu quälen. Und dann ist er allein. - - Was nützt dir, nüchterner pflichtgetreuer Funktionär, deine nüchterne pflichtgetreue Ueberlegung, daß draußen alles gut steht, daß die Welt auch ohne dich ihren yorgeschriebenen Gang zu ihrem Ziel zu deinem Ziel hinrollt? Was hilft dir dein eifriger Appell an dich selbst, daß du auch auf diesem, deinem jetzigen Posten deine revolutionäre Pflicht zu erfüllen hast, wenn deine Nervenkraft erlahmen will, wenn du nur noch den einen Satz vor dich hinstöhnst: ,, Ich kann es nicht mehr aushalten ich kann nicht mehr..." - - Hast du im Gebirge die Sonne schon einmal aufgehen sehen? Sieh, so ähnlich ist dir zu Mute, wenn die Tür sich öffnet und ein Brief hereinflattert: Guten Tag, lieber Rudi, heute wollen wir wieder ein wenig plaudern wie geht es Dir.." Erbarmungslos wird deine Selbstkritik, aber ebenso schonungslos wird deine Kritik an anderen. Die Jahre der Einzelhaft waren es, die mich später befähigt haben, das Massensterben in den Todesmühlen" zu erleben, ohne weich zu werden. 17 Unsere Diskussionen nehmen hitzige Formen an. Es kann nicht ausbleiben, daß wir von den sachlichen, objektiven Themen abweichen und uns ausgesprochen persönlichen, subjektiven Problemen zuwenden. Und die entscheidende Frage ist und bleibt nach wie vor: Warum ist alles so gekommen, wie es gekommen ist? Welche Fehler haben wir gemacht, daß es uns nicht gelang, die Massen in Deutschland von der Richtigkeit unserer Thesen zu überzeugen? Es ist notwendig, daß ich an dieser Stelle verweile und meinen Bericht unterbreche. - Wir Kommunisten sprechen Funktionärdeutsch eine Sprache, welche vom Geist des wissenschaftlichen Sozia73 lismus geformt ist, die aber in ihrer abstrakten Formulierung von vielen nicht verstanden wird. Wir arbeiten nach einem gewissen Schema: die politische Lage wird analysiert, zergliedert, und Ursachen und Wirkungen des gegenwärtigen Zustandes einer genauen wissenschaftlichen Prüfung unterzogen. Alsdann werden Beschlüsse gefaßt, was die Partei nunmehr zu tun hat, um. eine Aenderung der vorgefundenen Lage, ein Weitertreiben der Dinge in der Marschrichtung auf das Endziel: den Sozialismus, zu erreichen. Die Analysen, welche z. B. das ,, EKKI"*) von Zeit zu Zeit ausgab, entbehrten nicht einer großartigen Wucht der Auffassung. Ich entsinne mich noch deutlich der Beschlüsse des 10. EKKI- Plenums im Jahre 1932. ,, Die relative Stabilisierung des Kapitalismus ist beendet. Wir nähern uns einem Turnus von Kriegen und RevolutioKann man die damalige Situation mit weniger Worten treffender kennzeichnen? nen . ,, Der Faschismus, insbesondere der Nationalsozialismus, ist die Diktatur des reaktionären Flügels des Großkapitals..." Soll man heute, nach dem Nürnberger Prozeß und allen Enthüllungen, welche der Zusammenbruch gebracht hat, ein einziges Wort von dieser These abstreichen? ,, Der Staat ist das Instrument der herrschenden Klasse zum Zwecke der Niederhaltung der unterdrückten Klasse er bedient sich zur Aufrechterhaltung seiner Macht wechselweise des Betruges und des Terrors..." Werden nicht mit diesen beiden Sätzen die tieferen Zusammenhänge zwischen Weimarer Demokratie und dem Dritten Reich Adolf Hitlers offenkundig? Die hintergründigen Querverbindungen, welche von den Männern des Großkapitals sowohl zu den Regierenden der Systemzeit als auch zu den Gewaltigen von Großdeutschland reichten? 74 *) Exekutiv- Komitee der Kommunistischen Internationale zu der Be- »la- Nir tio- ger Ihr werdet euch vielleicht noch des letzten Wahl- kampfes im Jahre 1932 erinnern, als die Kommunistische Partei die denkwürdige Feststellung traf, die sich nachher als ein geradezu prophetisches Wort erwiesen hat: „Wer Hindenburg wählt, der wählt Hitler— und wer Hitler wählt, der wählt den Krieg!“ Ich könnte euch noch viele solcher Thesen zitieren. Ich beschränke mich auf diese wenigen, um euch einen Einblick in die Mentalität eines kommunistischen Funk- tionärs zu geben. In allen diesen Fragen konnte es natürlich keinerlei Differenzen in unseren Reihen geben. Die Geister schie- den sich, als die Frage auftauchte:„Und warum haben die Kommunisten die Lage richtig eingeschätzt, aber nicht die richtigen Konsequenzen gezogen?“ In monatelangem Grübeln, in mancher schlaflosen Nacht in meiner Zelle habe ich mich gefragt: Wie soll ich mir erklären, daß im Ruhrgebiet die Arbeiter zwar kommunistisch wählten, aber gleichzeitig ihre proletari- schen Klassenkampf-Organisationen, die Gewerkschaften, in Scharen verließen?_Krampfhaft hat sich die Partei bemüht, diese in der Arbeiterschaft vorhandene Strömung zu dirigieren:„Hinein in die Gewerkschaften“— lautete der Kampfruf heute,„Heraus aus den Gewerkschaften"— erschallte es morgen, als es sich zeigte, daß die Arbeiter eben doch nicht hineingingen, trotzdem wir sie dazu auf- forderten. „Einheitsfront mit den Sozialdemokraten’— lautete der Kampfruf heute,„Kampf den Sozialfaschisten"— ertönte es morgen. Konnte es ausbleiben, daß bei diesem Zickzack-Kurs im Schöße der Partei die verschiedensten Richtungen entstanden, daß ein heftiger Kampf um die„Generallin’e‘ der Partei entbrannte® Da waren die„Rechten“, die Versöhnler, welche sich in die KPO, in die SAP ab- sonderten, welche sich um die„Weltbühne‘ und andere ®{R) Zeitschriften gruppierten. Da waren die„Linken“, die Sektierer, deren Abgott später Heinz Neumann wurde mit seiner Kampfparole:„Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!" Glaubt aber nicht, Freunde, daß wir uns über diese Punkte sehr rasch einig wurden! Es gab auch im Zucht- haus Genossen, und zwar keineswegs schlechte Genossen, die von einem gewissen Unfehlbarkeitswahn besessen waren, welche in jedem Kritiker einen„Agenten der Bourgeoisie im Schoße der Partei‘ sahen, und welche diese Kritik als„Zersetzungserscheinung” erklärten. Ich aber konnte mich mit einer solchen Auffassung nicht abfinden. Denn wie sollen wir in Zukunft Fehler vermeiden, wenn wir nicht über die vergangenen Fehler sprechen?\ Versetzt euch in die Lage eines Kämpfers, dessen Armee eine vernichtende Niederlage erlitten hat. Er kennt sein Ziel, und er kennt den Weg. Und er sieht, daß trotzdem dieses Ziel nicht erreicht wurde, daß im Gegenteil der Feind auf der ganzen Linie gesiegt hat. Ich bin durch die Schule der Selbstkritik gegangen. Ich bekenne offen: Manchmal bin ich über das Ziel hin- ausgeschossen, manchmal bin ich in eine Sackgasse ge- raten. Aber die Liebe zu meiner Partei und der Blick auf unser großes Endziel haben mich immer wieder auf den richtigen Weg gebracht. y Heute, nach 8 Jahren, weiß ich, daß die Zeit meiner Einzelhaft die politisch fruchtbarste meines Lebens war. * Es war mir aufgefallen, daß die meisten Briefe, die ich nach Hause schrieb, beanstandet wurden. Entweder hatte ich über die Zeilen geschrieben oder hatte ein Wort ausgestrichen oder hatte mein Körpergewicht an- gegeben— kurzum, jedesmal wanderte mein Brief zu den Akten, und ich erhielt Genehmigung, einen neuen Brief zu schreiben. Das gleiche'spielte sich bei zahlreichen 76 die mit sie iese chtsen, ssen der iese Lung Chler hler ssen Er Leht, im gen. hingeauf den iner war. die eder ein anden Brief hen einlaufenden Briefen ab, die mir stückweise vorgelesen wurden und ebenfalls zu den Akten wanderten. Ich wußte, daß unser Briefzensor der Anstaltspfarrer war. Und die tollsten Gerüchte über diesen geheimnisvollen Mann erfüllten das Haus. Noch jung an Jahren, mit dunklen feurigen Augen und gewaltiger Predigerstimme, war er nicht nur ein„, Deutscher Christ", sondern auch Nazi- Amtswalter, solchermaßen eine Synthese zwischen Faschismus und Christentum findend. Er war regelmäßiger Gast in Hans Schillers Zelle, und es war eigentümlich, welch außerordentlichen Einfluß Hans auf diesen fanatischen Mann ausübte, der eine ausgesprochen menschliche Sympathie für Hans hegte. Eines Tages erscheint Pfarrer Bormann auch in meiner Zelle. Mit weltmännischer Höflichkeit lädt er mich zu einem Spaziergang im Hofe ein. Meine Ansichten über Kommunismus und Christentum möchte er kennenlernen. ,, Herr Pfarrer, ich bin in einem evangelischen Pfarrhaus großgeworden," so beginne ich vorsichtig ,,, und muß sagen, daß sich christliche und kommunistische Gesinnung meiner Ansicht nach sehr wohl vereinbaren läßt." ,, Dann stehen Sie, Goguel, mit Ihrer eigenen Partei im Widerspruch." Wir bleiben stehen und beginnen zu gestikulieren. ,, Es ist Lenin selbst, der das Christentum als Ausfluẞ bürgerlicher Ideologie bezeichnet. Und er nennt es einen unüberwindlichen Hemmschuh für die proletarische Revolution und den sozialistischen Fortschritt." Nanu, spricht hier ein alter Bolschewik? ,, Mir sind die Ansichten Lenins zu dieser Frage leider nicht mehr geläufig. Vielleicht hat er das in irgendeinem anderen größeren Zusammenhang gesagt." Holla, gute Idee! ,, Wären Sie, Herr Pfarrer, so freundlich, mir den betreffenden Leninband leihweise zu überlassen? Dann 77 könnte ich Ihnen auch meine Stellung zu dieser Frage genau präzisieren?" ,, Das geht leider nicht," lächelt er verschmitzt ,,, nein, das geht absolut nicht. Uebrigens haben Sie eine Braut Ja, ganz recht, in in - wo ist das doch gleich? Konstanz. Sagen Sie, war Ihre Braut nicht Mitglied der KPD?" ,, Aber wo denken Sie hin, Herr Pfarrer, Frauen pflegen sich nicht für Politik zu interessieren, und ( Lydia, ich erröte, wenn ich an deinen vorwurfsvollen Blick denke, aber..). ,, Sagen Sie das nicht, es gibt eine Reihe von Frauen von bedeutendem politischen Format, denken Sie an Vera Figner!" Nanu, woher weiß er denn das? ,, Ganz beiläufig: Sie schrieben neulich an Ihre Braut, sie solle einen gewissen Bernhard aufsuchen und zerrissene" äden anknüpfen. Handelt es sich da um einen Parteigenossen von Ihnen?" Der Brief war beanstandet worden, weil ich über den Rand geschrieben hatte, und er liegt heute noch bei den Akten. Bormann scheint ihn auswendig zu kennen, und langsam wird der Kerl mir unheimlich. Ich versichere ihm, daß ,, Bernhard" ein Pfarrerssohn aus Kandern sei und ein alter Schulkamerad von mir. Es ist ein dialektisches Vergnügen, mit Bormann zu sprechen. Er verknüpft die Neugier eines Gestapobeamten mit christlicher Moral und ist ein amüsanter Plauderer. Wir trennen uns nach einer Stunde mit höflichem Händedruck. Er lädt mich zum Kirchenbesuch am Sonntag ein. Bald wird er mich auch im Religionsunterricht erblicken. Nach heftigem Für und Wider entschließen wir uns, entweder gar nicht oder aber alle geschlossen zur Kirche zu gehen. Somit gehen wir alle. 88 78 ter öf- am eI- ns, he Es war ein denkwürdiger Gottesdienst. Aus früher Jugend gewohnt, vor der Predigt die luthe- „tische Liturgie zu hören, traue ich meinen erschrockenen Ohren kaum, als an Stelle der drei Glaubensartikel und des Wechselgesanges von Pfarrer und Gemeinde ein mar- kiges Zitat von Walter Flex(dem„Wanderer zwischen zwei Welten‘) deklamiert wird, während vom Chor vier- stimmig der Deutsche Christenchoral„Ich hab‘ mich er- geben mit Herz und mit Hand..." erschallt. Ich erwarte nun mit Bestimmtheit, daß Herr Bormann mit dem Schwert gegürtet die Kanzel betritt. Doch vor- läufig behaupten für die Predigtdekoration noch die Bäffchen das Feld. Wir konstatieren: ein Kirchenbesuch spart zwei Seiten Kassibertext, denn wir können nebeneinander sitzen und in den Pausen bequem flüstern. Wir beschließen, von nun ab die Kirche regelmäßig zu besuchen.° Bald wird sich ein Murren im Bau erheben.„Seht sie euch an, die Herren Funktionäre, jetzt rennen sie in die .Kirche, um sich beim Pfaffen anzubiedern“— und die Genossen haben gewissermaßen nicht unrecht. Denn es gibt keinen Mann im Zuchthaus, der stärker verhaßt wäre als Bormann. Er ist verantwortlich für jede erdenkliche Brutalisierung des Strafvollzuges, unnachsichtig erzwingt er eisernste Disziplin. Oft sieht man kriminelle Gefangene tränenden Auges aus seinem Zimmer schleichen, während drinnen unter dem Kruzifix das Kanzelorgan donnert: „Sie haben noch viel zu wenig bekommen, Sie alter Sitten- strolch, scheren Sie sich heraus und lassen Sie sich nicht mehr bei mir blicken!‘ Aber wir nehmen das üble Odium auf uns: Gegenwärtig ist es nicht an der Zeit zu demonstrieren. Wir haben um jeden Schritt Bewegungsfreiheit zu kämpfen. Und wenn ich drei Jahre später auf der Heldentafel des Zuchthauses unter die lange Reihe der kriegsgefallenen 79 Zuchthausbeamten mit Tusche und Pinsel den Namen ,, Bormann, Oberleutnant der Infanterie" zeichnen werde, und dahinter den Vermerk gefallen in Rußland", dann wird eine leichte Neugierde mich erfüllen, ob Bormann, der böse Geist von Hameln, beim jüngsten Gericht unter den Böcken oder den Schafen auftauchen mag. Inzwischen tobt draußen das ,, Deutsche Christentum". Erst sind es wie gewöhnlich nur Fetzen von Gerüchten. Dann bekommen die Gerüchte Zusammenhang. Die Hamelner Synagoge wurde von erregten Hamelner Einwohnern in der Nacht zum 9. November 1938 in Brand gesteckt. Was zum Teufel haben sie mit den Juden? Wann wird das emporte Volk in den Stockhof eindringen und auch uns den Garaus machen? Bei manchem reift der Gedanke: Lebendig sollen sie uns nicht kriegen. Wenn sie kommen, dann gibt es Kampf ums Leben. Mancher prüft sein Zelleninventar auf handfeste Hiebwaffen. Die Fensterstange oder ein Schemelbein sind die einzigen in Frage kommenden Instrumente. Die Zellentür läßt sich von innen nicht zusperren, sie ist zu massiv und bietet keinen Anhaltspunkt. Nun denn, mögen sie kommen! Langsam wird es stiller um die Juden. Ein fröhlicher SS- Mann und Oberwachtmeister erscheint eines Tages im Zellenflügel und hält den versammelten Kalfaktoren eine Ansprache. Im ganzen Haus ist dieser Beamte beliebt, er ist jovial, kameradschaftlich, öfters leicht angetrunken, er ist unübertrefflich im Schweinigeln und zu jeder Schiebung mit Gefangenen aufgelegt. - - Die Sache sei Er erzählt von dem Spaß, den sie die SS- Leute an jenem bewußten Abend gehabt hatten. ganz groß gewesen, und wie gesagt für die Beteiligten. 80 - ein Mordsspaß Nun, a Bohne dabei war, dann brauchen wir die „Zellen noch nicht zu verrammeln. Vor Leuten wie Bruhns haben wir keine Angst. Mit ihm wollen wir wohl fertig werden.; Bald lesen wir im„Leuchtturm“, daß die Judenprogrome in ganz Deutschland als Ausdruck der spontanen Völkswut stattgefunden hatten, Die blutige Fratze hat für einen Moment ihre Maske gelüftet. Immerhin gilt es, auf der Hut zu sein. Auch sonst entwickeln sich die Dinge beunruhigend. Irun, San Sebastian, Bilbao— bald fällt Santander, bei Oviedo wird der Rest der roten Nordarmee geschlagen. Auch im Süden verstärkt sich die weiße Streitmacht. Verzweifelte Demonstrationen der Volksfront in aller Welt sind kein Ersatz für Panzer und Flugzeuge. Rote Gegenoffensiven bei Badajoz und Huesca bleiben stecken. Der zähe Stellungskrieg tritt an Stelle der Vor- märsche. Aber die Schwäche Rotspaniens wird immer sichtbarer. Gegen die Intervention der faschistischen Mächte kann Caballero und später Negrin nichts Eben- bürtiges in die Waagschale werfen. Diese Erkenntnis ist bitter. Der Ausbruch des Krieges in Ostasien mag dem Anti- faschismus erneuten Auftrieb geben, doch entwickelt sich auch hier bald ein ähnliches Bild. Warum hilft Rußland nicht? Inzwischen setzt Hitler-Deutschland seinen Siegeszug ohnegleichen fort. Oesterreich, Sudetenland, dann die ganze Tschechei, das Memelland wird deutsch. In unbe- greiflicher Verblendung verbündet sich eine faschistische polnische Regierung mit Hitler, um an Stelle der erhofften Slowakei mit ein paar Quadratkilometer Olsagebiet. ab- gespeist zu werden, während sich der strategische Ring bereits um Polen schließt. 81 1 S Im Innern wird Macht und Ansehen Hitlers stärker und stärker. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Sudetendeutschen ebenso wie ein Teil der Oesterreicher Hitler zujubeln. In Frankreich endet die große Volksfront mit einem erfolglosen Generalstreik. Das Münchener Abkommen sieht die faschistischen Mächte auf dem Höhepunkt ihres Triumphes. Warum schweigt Rußland? Der In Rußland selbst, belagert von den AntikominternMächten, werden Verschwörungen aufgedeckt. Tuchatschewski- Prozeß, die großen Trotzkisten- Prozesse zeigen Verbindungen der Opposition zu Deutschland und Japan. Rußland muß Sabotage und Spionage durch radikale Säuberung abwehren. Wohin treiben die Dinge? Heute, nachdem das Drama zu Ende ist, sind die Zusammenhänge klar. Aber damals, nur informiert durch braune Nachrichtenquellen, war es uns fast unmöglich, volle Klarheit zu erlangen. Zehnmal greifst du zum ,, Leuchtturm", liest, gehst in deiner Zelle auf und ab, vergleichst mit früheren Meldungen, suchst Widersprüche, die dir Aufklärung verschaffen ja, wohin treiben wir? - Nichts haben wir, als eine gründliche marxistische Schulung. Sie ist unser einziges geistiges Rüstzeug. Unermüdlich diskutieren wir, immer wieder analysieren wir die Lage. Und es reift die Erkenntnis in uns mit Riesenschritten treiben wir der großen Auseinandersetzung entgegen. Und darum schweigt Rußland! Bereits Anfang 1939 wirft Karl Adolphs die Meinung in die Debatte, daß Rußland sich mit Deutschland verda ständigen wird. Dann harren wir der Dinge, die kommen sollen. 32 82 Inzwischen verschlechtert sich unsere eigene Lage unaufhaltsam. Das Essen wird weniger, die Arbeitszeit länger, die Pensen werden erhöht, die Briefzensur ver- schärft sich, Hausstrafen wegen geringfügigster Vergehen werden erhöht. Gefangene, welche gemeinschaftlich eine Zelle bewohnen, erhalten Sprechverbot— die ganze Wucht eines terroristischen Strafvollzugs lastet immer unerträg- licher auf uns. Das Jahr 1938 ist das schwerste Jahr des politischen Gefangenen... Von Papen in Moskau! Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft diese Meldung das deutsche Volk. Uns trifft sie nicht unvorbereitet. Fieberhaft verfolgen wir die Ereignisse. Dann be- schließen wir, zu handeln. Jetzt gilt es, Bewegungsfreiheit zu bekommen— und zwar um jeden Preis, Heraus aus dem Zellenflügel, auf Biegen oder Brechen! Tünnes gelingt es als erstem, auf einen Tütenklebersaal im Vorderhaus zu kommen: er war herzleidend und bekam in letzter Zeit öfters Anfälle auf seiner Einzelzelle. Erich Willeck siedelt in die Tischlerei über. Bald folgen Her- mann Volz und Paul Kozielski nach. Unsere SPD-Genossen in den Betrieben bemühen sich nach Kräften, uns aus der Einzelhaft herauszuholen. Ich selbst werde für die Waschküche vorgeschlagen. Der Arbeitsinspektor lehnt ab. Unruhige Wochen folgen, dann geht eines Tages die Meldung durchs Haus: Die deutschen Armeen sind in Polen einmarschiert. Der Krieg ist ausgebrochen! 83 6* a E s ist soweit. - Achtes Kapitel Der Krieg beginnt Man bewegt sich in den ersten Tagen Man muß sich erst daran ein wenig unbeholfen. gewöhnen, daß nicht nach vier Schritten eine Wand oder eine Türe den Weg versperrt. Man kann es sich nicht so schnell abgewöhnen, Selbstgespräche vor sich hinzumurmeln. Man fühlt sich fast ein wenig unangezogen, die weiten Räume verwirren etwas. Der Lagerraum der Firma Ernst C. Behrens, Papierverarbeitungswerke, Alfeld( Leine) ist ein Paradies. Weit und breit kein Beamter. Man kann stundenlang darin sitzen oder zwischen den Papierballen spazierengehen, und man kann reden, laut reden, ohne daß es ein Mensch hört, ohne daß ein ,, Klick" des., Spions" an der Türe verrät, daß ein argwöhnischer Beamter lauscht. Dieser Lagerraum wird dreiviertel Jahre lang mein Paradies. Ja, so ist der Krieg! Während draußen die ersten Toten eingescharrt werden, bringt er uns die erste Bewegungsfreiheit. Die Firma beschäftigt im Zellenflügel etwa 100 Tütenkleber. Der Meister der Firma, ein Zivilist mit Dienstmütze, Zellenschlüssel und Beamteneid wird ebenfalls bald eingezogen. Seine Vollmachten gehen auf Willi Peper über, einen Gefangenen, der von nun ab mit dem Rang eines Vorarbeiters die Firma selbständig leitet. ,, Los, Jungens, ihr müßt Kleister kochen. Hier in diesen Eimer zehn Liter ,, Spezial". Heute klappt es. Onkel Luis hat Dienst auf Station III." 84 b I a S a n H I h d a Z V a W R Willi ist nicht nur ungeheuer frech, sondern er hat sich auch in kürzester Zeit sowohl bei seinen Kollegen als auch bei zahlreichen Beamten eine gewisse Autorität verschafft. Ihm zur Seite steht Robert Kellner, ein Sozialdemokrat aus Hannover. Bald war es ihm gelungen, auch mich als seinen Helfer aus der Zelle zu holen. In zwei Stunden erscheinen wir auf Station III. ,, Herr Wachtmeister, schließen Sie uns mal die Zellen auf, wir müssen Kleister ausgeben," sagt Willi zum Diensthabenden. Beide schmunzeln ein wenig. Die Zellen werden geöffnet. In Zelle 64 sitzt ein Genosse, ein kleiner melancholischer Geselle, fast nur Haut und Knochen. ,, Du bekommst heute Spezialkleister für deine Pergamynbeutel," kündigt Willi an ,,, tu ihn in ein Extragefäß. Er ist noch warm, laß ihn abkühlen." Der goldgelbe dampfende Brei wandert in einen sauberen Blechnapf. Weiter - Zelle um Zelle. Zehn Mann bekommen ,, Spezial", und sie sind merkwürdig erfreut. runzelt Zelle 85 meldet sich: ,, Ich muß heute Spezialkleister haben," erklärt der Ganove kategorisch. Willi die Stirn. Gib ihm etwas," knurrt er ärgerlich. Dann, als die Zelle wieder geschlossen ist, meint er gleichmütig zu Onkel Luis: ,, Der Drecksack hat Lunte gerochen, es wird Zeit, daß er hier verschwindet". Wir halten Kriegsrat. Willi wird den ,, Drecksack" für Außenarbeit vorschlagen. Er wird sich zwar verbessern, aber für uns gilt: Safety first! Inzwischen beginnt in zehn Zellen ein behagliches Schmatzen. Der goldgelbe Spezial" ist noch Friedensware; reines Weizenmehl, Wasser und Salz sind seine Bestandteile. Mit einem Zusatz von Margarine Rübensaft ist er ein köstliches Frühstück. oder 55 85 Robert ist mit den Dingen unzufrieden. Er ist alter Metallarbeiter, groß geworden in der SPD und spricht im allgemeinen wenig.. Wir haben öfters über die inter- nationale Lage gesprochen und sind meist gleicher Meinung. Heute sind wir entgegengesetzter Meinung: „Finnland, so erklärt er mir,„ist das klassische Land der Demokratie. Ich kenne Leute, die dort waren und die Verhältnisse studiert haben. Sie haben mir über- einstimmend berichtet, wie es dort aussieht. Und es sieht gut aus. Rußland wird die Arbeiter der ganzen Welt gegen sich haben— besonders jetzt, nach dem Vertrag mit Hitler! „Was heißt hier Demokratie?‘ wende ich ein.„Zu- nächst ist Finnland ein kapitalistischer Staat, wie etwa Schweden oder die Schweiz oder irgendein anderes Land. Mir ist nicht bekannt, daß in Finnland der Sozialism.us herrscht. Folglich treibt Finnland zunächst kapitalistische Politik. Und was die idealen Verhältnisse betrifft, so wolle dich freundlichst an 1918 erinnern. Dort sind die Weiß- gardisten am brutalsten gewesen und die Klassenkämpfe am heftigsten!” „Das war. Aber heute ist nicht damals. Hat nicht Finnland im spanischen Krieg auf Seite der Roten ge- standen? Finnland war auf dem Weg zum Sozialismus, und glaube nur nicht, daß die Rote Armee mit Gewalt ein System dort einrichten kann, welches das Volk ab- lehnt.“ Finnland ist ein Prüfstein für Marxisten. Seit dem Russenpakt haben sich die Geister merklich geschieden. „Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein— sagt Lenin. Und das sagen auch wir Kommunisten. Ich bin der Meinung, daß Ruß- land nicht ohne Grund gegen Finnland Krieg führt. Er- innere dich an die Gerüchte, daß deutsche Truppen in Finnland stehen sollen.“ 86 ,, Gerüchte, Gerüchte," wehrt Robert ab ,,, ihr Kommunisten habt stets Argumente. Aber Tatsache bleibt Tatsache: Rußland hat das kleine Finnland überfallen. Ich nenne das Imperialismus. Und Rußland hat sich mit Hitler verbündet. Ich nenne das Verrat an der Arbeiterschaft der ganzen Welt. Und ihr werdet eure Quittung schon bekommen." Es hilft nichts. Mir fehlt die Ueberzeugungskraft, denn ich habe nur eins in die Waagschale zu werfen: Vertrauen zur Führung des sozialistischen Staates. Aber ich kenne nicht die Tatsachen, die das Handeln Rußlands bestimmen. Wir gehen auseinander und wissen, daß uns etwas trennt. aber Ich vermag es nicht in eine Formel zu bringen ich weiß, wir haben noch einen langen Weg vor uns, his wir uns finden werden. Die Zeit vergeht im Flug. - ,, Ich habe den Neuen gesehen," berichtet eines Tages Willi ,,, und er sieht gar nicht vertrauenerweckend aus." Willi ist nicht nur frech und energisch, sondern auch ein sehr kluger Realpolitiker. Da sein Faktum kein unmittelbar politisches ist, ist er unser Eisbrecher schlechthin und weiß das auch. Aber er tut es gern. ,, Man sagt, er sei SS- Führer," ,, stimmt das denn?" frage ich beiläufig, ,, Einen Dienstgrad scheint er nicht zu haben, aber der SS gehört er bestimmt an. Ich sprach mit ,, Schweinebacke", und er hat es mir bestätigt. Die Beamten sind recht miẞtrauisch, denn er hat einen forschen Ton Leib." am ,, Hier wird er nicht viel erreichen," wirft Robert ein, ,, denn unter den Beamten sind wenig Nazis, und auch die Inspektoren sind alles alte Leute, die sich von einer Rotznase nicht kommandieren lassen." ,, Uebrigens," Willi setzt seine Brille ab und schüttelt seine blonden Haare aus der Stirn, er sieht bestimmt nicht 87 wie Vierzig aus und wie der Vater eines großen Jungen, ,, hört man, daß der Vorarbeiter von Abteilung II entlassen wird. Schorse" dies war der Spitzname des Arbeits,, hat mich nach einem geeigneten Kandidaten - - inspektors gefragt. Das wäre etwas für dich, Rudi!" Ich winde mich wie ein Aal, die Sache kommt mir unerwartet. ,, Das wird wenig Zweck haben, ich werde Und wenn niemals aus dem Zellenflügel herauskommen. er bei dieser Gelegenheit erfährt, daß ich gar nicht in meiner Zelle sitze, sondern hier auf dem Lager arbeite, wird er mich bestimmt wieder in die Zelle stecken." ,, Du bist verrückt," erklärt Willi kategorisch. ,, Man muß immerhin den Versuch machen. Ich werde mit ihm reden. Der Posten ist für uns außerordentlich wichtig!" Auch Robert redet mir gut zu. Ich erbitte mir Bedenkzeit und frage erst bei Hans Schiller und Karl Adolphs. ,, Wenn du hinkommen kannst," beschwört mich Hans durch den Ritz seiner Zellentüre ,,, dann mußt du unbedingt gehen. Jeder Posten für uns ist eine eroberte Festung!" Gut. Ich bin einverstanden fi a ih S G I F a a r i n Z S V e Würdevoll Also das ist mein Reich. Amtlich heißt es ,, Abteilung II" und ist ein großer Tütenklebersaal. schreitet der Diensthabende mit mir durch den Raum und erklärt mir die Hausordnung und meine Obliegenheiten. ,, Auguste" hat trotz seines Spitznamens nichts Weibisches an sich. Er trägt einen Zwicker, der Kopf sitzt auf einem gedrungenen Hals. Die mittelgroße, gesetzte Persönlichkeit mit tadellos gepflegter Uniform strahlt Autorität und Würde aus. Nie hörte ihn jemand laut sprechen. Gewählt sind seine Ausdrücke. Nie wird ein Unberufener den distanzierenden Kreis durchbrechen, den dieser korrekte, pflichtgetreue Beamte um sich gezogen hat. Er ist ge88 Z € T I C fürchtet, keiner liebt ihn, aber viele achten ihn. Streng ahndet er jeden Seitensprung. Aha, da sitzt auch Tünnes. Unbefangen trete ich auf ihn zu und reiche ihm die Hand. SO an, Befremdet ruft mich Auguste zu sich. Er betont jede Silbe nachdrücklich: ,, Fangen Sie hier nicht Go- gu- el, machen Sie sich nicht gemein mit den Leuten. Ich liebe das nicht." ,, Oh, Herr Oberwachtmeister, das ist doch ein alter Freund von mir..." ,, Das ist einerlei, Go- gu- el, nehmen Sie meinen Rat an: halten Sie sich zurück, sonst werden Sie hier nicht alt." Wohin bin ich geEiseskälte dringt mir ans Herz. raten? Ach, wäre ich nie geboren, oder säße ich wieder in meinem Zellenflügel! Bin ich ein Mensch, oder ein mit Paragraphen überzogenes Skelett? Ich beiße die Zähne zusammen. Nun heißt es aushalten Meine Mitarbeiter im Lagerraum der Firma Friedrich Höxter( Weser), Serong, Papierverarbeitungswerke in welche die Abteilung II gemietet hat, sind Kriminelle. Hier muß bald Mir bleibt jedes Wort im Halse stecken. eine Aenderung eintreten! Bald gelingt es mir, mit Tünnes auf eine Schlafkoje zu kommen. Ihm schütte ich mein Herz aus. Tünnes ist eisern, nie hat er gewankt, er, der alte Kämpfer vom Kapp- Putsch, der vor den Gewehren der Freikorps an der Wand stand und wie ein Wunder dem Tode entronnen war. ,, Sei auf der Hut," erklärt Tünnes, ,, Auguste ist ein mißtrauischer Hund. Er liebt es, einen gegen den anderen auszuspielen. Ueberall im Saal sitzen Zuträger, die ihm Zettelchen schreiben. Auch in deinem Lagerraum wirst du dauernd überwacht." ,, Warum, Tünnes, bist geworden?" du hier nicht Vorarbeiter 99 89 Ich kenne seine Abneigung, irgendeinen Posten ein- zunehmen, aber ich will ihm einmal auf den Zahn fühlen. „Du kennst die Verhältnisse doch viel besser als ich. Warum hast du überhaupt noch keine Funktion im Hause?" „Ich?'‘— sein Kamm sträubt sich wie bei einem ge- reizten Truthahn,„sehe ich so aus, als ob ich Handlanger für diese Banditen spiele? Das wäre noch schöner! Das kommt auf keinen Fall in Frage!” „So, aber mir mutest du zu, diesen„Handlanger” zu spielen! Du siehst zwar die Notwendigkeit ein, daß irgendeiner von uns hier Kalfaktor oder Vorarbeiter spielt. Und warum tust du es nicht?” „Ich mache euch ja gar keine Vorwürfe, aber laßt mich in Frieden," beendet Tünnes mit einer entschiedenen Hand- bewegung die Diskussion.„Spielen wir lieber eine Partie Schach." Und alsbald marschiert Rot gegen Weiß auf dem Brett der 64 Felder. i * Sauer wird mir mein Posten. Die Atmosphäre ist stets mit Mißtrauen und Spannung geladen. Es ist unmöglich, hier warm zu werden. Einige Genossen sitzen draußen im Tütenklebersaal an einem Tisch und bilden eine Art Tafelrunde. Ich aber in meinem Lagerraum bin allein. Sie genießen die Stun- den, wenn einmal statt Auguste etwa Onkel Luis, Schweinebacke oder Heinrich, der Ziegelbäcker, dem Saal präsidiert. Dann erschallt dort ab und zu ein gedämpftes Gelächter durch den Raum. Oft schleichen leise Beamtensohlen vor die Lagertür. Oft klickt der„Spion‘ am Lagerraum. Oft wird über- raschend die Lagertüre aufgerissen und ein argwöhnischer Zwicker mustert die Ecken. Dieser Zustand muß beendet werden. Ich entschließe mich, zu handeln. 90 un un Ol ni de da de br Eines Morgens melde ich mich dienstlich bei Auguste und bitte ihn, einen Streitfall zu schlichten zwischen mir und einem kriminellen Gefangenen namens Franz. Er nimmt uns auf den Flur hinaus. ,, Herr Oberwachtmeister," beginne ich sehr förmlich, ,, dieser Mann hier hat gestern verleumderische Behauptungen gegen mich aufgestellt. Er sagte zu Ihnen, ich hätte in Ihrer Abwesenheit die politischen Gefangenen bei der Arbeit begünstigt. Ich ersuche den Mann, in meiner Gegenwart vor Ihnen den Nachweis zu führen." ,, Aber das scheint ein Irrtum zu sein, Go- gu- el, oder haben Sie---," sein Blick sucht Franz, seinen Vertrauensmann, fragend. ,, Verzeihung, Herr Oberwachtmeister, er hat Ihnen persönlich gegenüber gestern nachmittag um 5 Uhr 40 diese Behauptung aufgestellt. Und zwar an diesem Fleck, auf dem wir stehen." Den Stier an den Hörnern gepackt: ,, Er hat zwar geflüstert, aber Sie müssen wissen Franz flüstert, hört man bequem jedes Wort in unserem Lager. Besonders dann, wenn man sein Ohr an die Türe hält, wie ich das gestern getan habe." - wenn Es tritt eine Stille ein. Was wird geschehen? Wird mich wegen Unverschämtheit die Treppe herunterwerfen? er Franz ringt nach Worten. Ich gehe noch einen Schritt weiter: ,, Wenn Sie, Herr Oberwachtmeister, der Meinung sind, daß ich meine Pflicht nicht erfülle, bitte ich um meine Ablösung." Ich weiß, es bestehen gewisse Spannungen zwischen dem Arbeitsinspektor und Auguste. Und ich weiß ferner, daß die Firma Serong mich nicht fallen lassen wird. ,, Was haben Sie dazu zu sagen?" ermannt sich endlich der Beamte mit drohendem Stirnrunzeln zu Franz gewandt, ,, haben Sie etwas gegen Goguel vorzubringen?" Merkwürdigerweise hat bringen. Franz heute nichts vorzu91 ,, Dann seien Sie in Zukunft vorsichtig mit ihren Aeußerungen! Und Sie, Go- gu- el, haben bisher Ihre Arbeit zu meiner Zufriedenheit ausgeführt. Machen Sie weiter so!" So, das war der erste Streich! Auf unserer Zelle feiern Tünnes und ich diesen ersten Sieg mit einer echten Zigarette. Der ersten, die ich seit 5 Jahren rauche. Ich glaube, die Spitzelei wird nachlassen. Auch Frankreich liegt am Boden. In einem unbeschreiblichen Tempo wurde der Westfeldzug beendet. Sind die Gegner wirklich überrascht worden? Hat man das vorausgesehen? Unerträglich wird die Arroganz der Nazibeamten. Offiziell hört man zwar kein Wort gegen den Bolschewismus. Aber ich koche innerlich, wenn ich die siegestrunkenen Reden höre. Die ersten eingezogenen Beamten kommen auf Arbeitsurlaub zurück. Sie kommen nicht mit leeren Händen und berichten Wunderdinge über ihre Heldentaten. Die Elsässer haben ihnen zugejubelt, die Französinnen buhlten um ihre Gunst. Der Buchbinder, ein kleiner Lebenslänglicher, ruft mich und einige andere eines Tages geheimnisvoll zu sich und zeigt uns ein Buch. Es ist ein Tagebuch eines der Rückkehrer. Auf der vorletzten Seite lesen wir: Ste fre Zw Ha Ko An gel La sin Du hat Bal kü der Ha aus Ja Mi Fü nin tig spa ,, Je t'aime - sche täm - ich liebe dich." ,, Veux- tu dormir avec moi - wö tü dormir awek moa ga willst du bei mir schlafen?" üb Brausendes Gelächter erschallt in der Buchbinderei. die Ei, wenn das seine Alte wüßte, wie würde sie dem Bü Vater ihrer vier Kinder den Kopf waschen! Und vor so was leisten wir ,, Ehrenbezeigungen"! Ob int wi 92 Wir‘ Vorarbeiter bekommen‘weiße Binden mit einem Stempel darauf. Wer sie trägt, kann sich im ganzen Haus frei bewegen. Jeder Beamte muß ihn durch verschlossene Zwischentüren hindurchschieusen.; Trotz allen Ereignissen draußen ist unser Einfluß im Hause gewachsen. Willi, unser Eisbrecher, und jetzt mein Kollege, hat wiederum einige von uns auf Posien dirigiert. Andere sind auf anderen Wegen.aus dem Zellenflügel gelangt. Die Tischlerei steht unter dem Kommando von Hannes Lau, einem Hannoveraner Sozialdemokraten. Bei ihm sind Jan Piepenpott aus Nordhorn und Paul Langer aus Duisburg untergekommen. Auch Karl Tuttas aus Essen hat jüngst dort angefangen. In der Küche arbeitet Albert Schröder aus Duisburg. Bald wird Hermann Behrens aus Wuppertal in der Wasch- küche auftauchen. Auf Außenkommandos sind verschie- dene Genossen verteilt. Den Holzhof kommandiert Franz Hanke, ein alter Essener Genosse. Bald wird Fritz Schäfer aus Düsseldorf: in die Schneiderei übersiedeln, und Jonny Jansen aus Emden Bäcker werden. Nur Hans Schiller, Karl Adolphs und Alois Pfaller aus München bleiben im Zellenflügel. Aber was das Wichtigste ist: Walter Spengemann, ein Führer der Hannoveraner Sozialistischen Jugend, über- nimmt die Bücherei. Für den politischen Gefangenen ist die Bücherei wich- tiger als Essen und Trinken. Walter— wir werden ihn später noch genauer kennenlernen— meistert seine Auf- gabe geradezu genial. Bald haben wir einen Ueberblick über den Bestand. Interessante politische Werke machen die Runde. Ja, auch auf Neuanschaffungen hat der Bücherkalfaktor Einfluß. Bald wird er das Vertrauen des Oberlehrers gewonnen haben und Einblick in wichtige interne Vorgänge des Anstaltslebens nehmen. Walter wird unser wichtigster Mann werden. 93 ,, Ich bitte den Herrn Vorarbeiter um einen Pinsel und eine Kleisterschale." Der da vor mir steht mit zusammengeklappten Stiefelabsätzen und in straffer militärischer Haltung ist ein braungebrannter Bursche mit verwegenen Gesichtszügen und einem Gemisch von Frechheit und Devotion im Auftreten. ,, Nanu," betrachte ich den seltsamen Vogel, ,, was bist du denn für einer?" Er rührt sich nicht vom Fleck, sondern schnarrt militärisch: ,, Strafgefangener Holzmeier, aus dem Lager IV Papenburg, Balkenträger, bittet um Pinsel und Kleisterschale". eine Kriegsneuerung. ,, Balkenträger" ist Wer den schwarzen Balken als Abzeichen auf seiner Uniform trägt, sitzt f Vorauszahlung im Zuchthaus. Nach der Absicht des Gesetzgebers beginnt seine Strafe erst am Tage des Kriegsendes. Es kann vorkommen, daß ein Mann im Jahre 1940 zu einem Jahr Zuchthaus wegen Diebstahls verurteilt wird, aber noch Neujahr 1945- nach 5jähriger Anwartschaft, die er im Zuchthaus verbracht hat auf die Verdem er verbüßung des eigentlichen einen Jahres, zu urteilt wurde, wartet. - Ich ,, Hör' mal zu," nehme ich mir diesen Volksgenossen vor ,,, erstens gibt es hier keinen Herrn Vorarbeiter. heiße Rudi und bin Gefangener wie jeder andere auch. Zweitens unterhalte ich mich grundsätzlich nicht mit Mitgefangenen, welche hier Soldaten spielen und militärische Haltung annehmen. Wenn du etwas willst, rede deutsch wie ein vernünftiger Mensch." Ueber sein Gesicht geht ein Aufhellen; Devotion verwandelt sich im Nu in Vertraulichkeit. war das ,, Ja, weißt du, Kollege, bei uns im Moor anders. Wenn du da nicht dann haut er dir halt ein vor dem Kapo stramm stehst, paar in die Schnauze. Die 94 meisten von uns sind Soldaten, und da hat man das eben so gelernt." ,, Nun, wir hier sind keine Soldaten, und du wirst gut daran tun, diese Methoden schleunigst abzulegen." In den letzten Monaten hat ein Zustrom von Kriegstätern" aller Art eingesetzt mit Delikten, von denen man sich zu unseren Zeiten nie etwas hätte träumen lassen. Die Schwarzschlachter, die Devisenschieber, die ,, Heimtücker", sonstige Kriegswirtschaftsverbrecher stellen ein großes Kontingent. Bald werden sie in unserem Zuchthaus eine Kompanie aufstellen können. Dann Verbrechen gegen die ,, deutsche Ehre", Jungens, die mit Polen- oder Russenmädels poussiert haben. ,, Fahnenflüchtige", d. h. Leute, die zu früheren Zeiten wegen Urlaubsüberschreitung ein paar Tage Arrest bekamen, heute aber schreckung ins Zuchthaus gesteckt werden. Eine besondere Rolle werden die Sittlichkeitsverbrecher spielen, meist homosexuelle Jugendführer oder Jugenderzieher. Viele von ihnen sind alte Nazis, schimpfen aber heute wie die Rohrspatzen auf das Dritte Reich. Einige wiederum versuchen durch Anbiederung an Beamte Karriere zu machen. zur AbNur eine Kategorie vermisse ich: Leute, die draußen den Widerstand gegen den Staat organisiert haben. Leute unseres Schlages! Was mag aus unserer Organisation geworden sein? Sind sie draußen so vorsichtig geworden, daß die Gestapo die Fäden verloren hat? Oder sind sie eines natürlichen Todes verstorben? Die Nazis im Bau beginnen sich zu regen. ,, Hier hat anscheinend die Kommune das Heft in der Hand," murren sie. Man muß jedes Wort auf die Waagschale legen. Bald wird Jonny Jansen wegen einer unbedachten Aeußerung vier Wochen in Arrest fliegen und im Zellenflügel landen, den er kurz vorher verlassen hat. 95 95 Ein alter Sittenstrolch mit steifem Bein pflegt draußen im Saal Hetzreden gegen uns zu halten. Die halbe Abteilung hört ihm zu, wenn der Beamte einmal auf dem Gang verschwindet, um ein paar Züge durch die Lunge zu jagen. Tünnes sträuben sich die Haare. ,, Du, Heinz," beginnt er mit Donnerstimme, zu seiner Tafelrunde gewandt der Saal horcht auf. ,, Wie alt war sie, Heinz?" 9 Jahre alt war sie? Und verführt hat sie ihn, den armen Alten! So ein Schwein!" Brüllendes Gelächter erhebt sich. Der Sittenstrolch verstummt. Er wird 14 Tage einen großen Bogen um uns machen. - Im Keller traf ich die ersten ihres Transportes. Hautüberzogene Skelette und Jammergestalten, die mich und Jeden Eingeborenen um Brot und Essen anbettelten. Aus Celle war ein Transport mit zirka 50 Juden eingetroffen. Wohlgemerkt nicht aus einem KZ, sondern aus dem preußischen Zuchthaus Celle. Viele mit schlecht vernarbten Striemen auf Arsch und Rücken, der älteste fast 70 Jahre, der jüngste 19 Jahre alt. - Der Transport kommt geschlossen auf meinen Saal. Sie erhalten den Davidstern auf ihre Uniform und einen kleinen Ghetto in der Abteilung eingerichtet an denen sie abgesondert sitzen und arbeiten. - Tische, Wir verhandeln mit dem Küchenbullen und mit dem Sanitäter. Der humane Flügel der Beamten unter Führung des Werkmeisters, eines streng religiösen 65jährigen Beamten mit unerschütterlichen Grundsätzen, des Arbeitssekretärs, eines Katholiken und unbeugsamen Antifaschisten und des Oberinspektors, eines alten Kämpfers der NSDAP jawohl, trotzdem! setzt durch, daß alle Juden Essenzulage erhalten. Bald werden viele von ihnen auf Außenarbeit gehen und in einigen Monaten bis zu 30 Pfund - zunehmen. - 96 96 Sie berichten Scheußliches aus Celle. Sie waren in den Außenarbeitslagern Molmshorn und Nürspokel untergebracht und hatten einen Vorgeschmack ihres späteren Schicksals erhalten. Bei uns atmen sie auf, werden langsam wieder zu Menschen. Ihre Straftaten"? Devisenschiebung. Rassenschande, Betrug. Nur ein einziger von ihnen sitzt wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Erwin Lipmann, alter Hamburger RFB- Mann, liebt seine Rassengenossen nicht. ,, Schau sie dir an," pflegt er zu sagen ,,, was tun sie? Sie schieben Devisen und poussieren, aber meinst du, du könntest sie zum Kämpfen bewegen? Ausgeschlossen!" in Deutschland denn keinen Gibt es mehr... Widerstand 7 97 Neuntes Kapitel Der Himmel hängt voller Wolken wei Ereignisse von strategischer Bedeutung.— Ich habe mein Lager von Kriminellen gesäubert. Alfred Jahn ist als zweiter Vorarbeiter eingezogen.— Und draußen imSaal hat Tünnes nach langem heftigen Sträuben das Kommando als Saalältester übernommen. Alfred Jahn ist alter Sozialdemokrat und„Schufo- Führer‘*) aus Hannover. Die mächtige Figur mit grauer Mähne wirkt imposant. Er ist verschlossen. Selten sieht man ihn lachen, und dann nur grimmig. Aber er wird eine wichtige Rolle in unserer Geschichte spielen. Alfred kam erst drei Jahre nach den übrigen Hanno- veranern in den Bau. Ein Krimineller versuchte eine Anbiederung: „Sag' mal, Kamerad, du heißt Alfred?.Da sind wir ja Namensvettern! Na denn, auf gute Freundschaft—" und streckte ihm die Hand hin. Alfred mustert ihn über die Brille hinweg, dann sagt er:„Für dich heiße ich Jahn, mein Vorname ist Hundert- vierunddreißig Strich Neununddreißig....“ dreht sich um und läßt den Ganoven stehen. Auguste ist zunächst mißtrauisch gegen den neuen Funktionär. Doch hat sich zwischen uns ein modus vivendi herausgebildet. Der Zwang, den Kriminellen— insbesondere den asozialen Kriegs- und Militärtypen— *)„Schutz-Formation” des sozialdemokratischen Wehr- verbandes„Reichsbanner" 98 a gegenüber einen gewissen Grad von Ordnung und Gerech- tigkeit aufrechtzuerhalten, verweist ihn auf uns. Und dies ist auch der Grund, weshalb er das Kriegsbeil gegen Tünnes begräbt. Er fürchtet ihn zwar, aber er anerkennt seine Autorität. Er weiß: Tünnes ist unbestechlich bei der Essenausgabe. Er weiß: täglich raucht Tünnes seine Zigarette, ohne daß es je gelang, ihn dabei zu erwischen. Und das nötigt ihm eine gewisse kriminalistische Hoch- achtung ab. Wir teilen uns in die Arbeit: Tünnes und seine Ge- treuen übernehmen die Funktion eines Betriebsrates. Sie bringen jede Beschwerde über Geschäftsführung oder über Mißstände aller Art an mich heran. Alfred und ich kämpfen bei der Arbeitsverwaltung um bessere Bedin- gungen. So gelingt nach langem Kampf eine Herabsetzung der Akkordsätze, eine Aktion, die ich gemeinsam mit Willi durchführe. Wir sind zwar jetzt Konkurrenten— er ver- tritt die Firma Behrens in Alfeld, ich die Firma Serong in Höxter. Aber in diesem Punkt sind wir durchaus einer Meinung. In der Schublade meines Schreibmaschinentisches liegt ein Dokument. Es ist eine Verfügung, und ihr Text lautet: „Es ist den Vorarbeitern der Firma Serong streng unter- sagt, an Beamte Pergamentpapier als Butterbrotpapier aus- zugeben. Es darf grundsätzlich Papier an Beamte nur gegen Vorlage einer Genehmigung des Arbeitsinspektors aus- gegeben werden". Dieses Schriftstück ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Je länger der Krieg dauert, um so größer wird der Waren- hunger. Wer über Sachwerte verfügt, repräsentiert Macht. Der Vorarbeiter verfügt über Sachwerte— der Beamte ledig- lich über Warenhunger. 99 7* Oft und öfters knarrt der Schlüssel im Schloß und auf leisen Sohlen schleicht ein Beamter in den Lagerraum mit Wünschen. Er kommt heimlich, denn jedermann im Haus weiß, daß Auguste persönlich völlig unbestechlich und bedürfnislos Serong wacht. aus. - wie ein Argus über das Lager der Firma Kriminelle Vorarbeiter nützen ihre Macht skrupellos Der Betrieb VI- Pantoffelmacherei ist ein stinkender Morast. Von Zeit zu Zeit erfolgen Ablösungen wegen Schiebung. Doch haben wir in diesem Betrieb keinen Mann. Er bleibt bis zum Ende in kriminellen Händen. - K g S h E n d n NaziZ e -- Wir gehen nach anderen Gesichtspunkten vor. beamte bekommen grundsätzlich nichts. Unsere politischen Freunde und wir zählen bereits eine ganze Anzahl können jederzeit auf unsere Hilfsbereitschaft rechnen, sofern es sich um Befriedigung kleiner persönlicher Be-dürfnisse handelt. Und zwar ohne Gegenleistung. Für uns steht hier die Frage der Solidarität. Ich muß ein paar erklärende Worte über unseren Beamtenkörper einschalten. Durch die kriegsbedingten Ereignisse sind zahlreiche Beamte eingezogen. Das Arbeitsamt hat irgendwelche Zivilisten an die Anstalt dienstverpflichtet. Seht, da erscheint eines Tages ein Gastwirt aus KleinBerkel, ein Bauer aus Rumbeck, ein invalider Ziegelbäcker aus Aerzen und tritt seinen Dienst an. Bald wird das Kontingent dieser ,, Hilfsaufseher" über 20 Mann betragen, bei einer Gesamtstärke des Aufsichtspersonals von 70 bis 80 Beamten. Und sie werden die ,, Verhaltungsmaßregeln" des Zuchthausdirektors zwar kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen aber als praktische Arbeitsmenschen das tun, was ihnen vernünftig erscheint. Was kann ihnen denn passieren? Wer-. den sie entlassen, so kann ihnen das nur recht sein. Denn ihr häuslicher Betrieb wächst der Frau sowieso über den 100 a d a S j S V a - Kopf. Etwas peinlicher ist wohl der Entzug von„, Vergünstigungen" zum Beispiel Vorzugseinkauf von Anstaltstabak, oder von Anstaltsgemüse oder von Anstaltsholz. So entwickeln sich die Hilfsbeamten zu einem Element des gesunden Menschenverstandes gegenüber dem Paragraphentum der Justizbehörde. Aber auch unter den Berufsbeamten weist Hameln einen großen Prozentsatz Vertreter einer ausgesprochen humanen Richtung auf. Es scheint der ,, Stockhof" trotz seines mittelalterlichen Namens eine Atmosphäre auszuströmen, die von anderen Anstalten merklich verschieden ist. Ein nach Hameln versetzter Celler Beamter ist meist nach zehn Worten an der brüllenden Kommandostimme Zu erkennen. Unsere ausgesprochenen Feinde sind neben jungen SAMännern, die seit Jahren als Hilfsbeamte fungieren, vor allem von der Front zurückgekehrte frontunfähige Soldaten besonders jüngere Jahrgänge. Meist fanatische Nazis, meist brutal und skrupellos nach unten, zackig und aufstiegbereit nach oben, machen sie uns das Leben schwer. Sie werden allerdings erst in den letzten Kriegsjahren in den Vordergrund treten. Vorläufig sind Einzelfiguren. sie Seine Ueber allem thront der ,, Neue", Regierungsrat SS- Mann Stöhr, der sich in diesem Sumpf von Humanität und gesundem Menschenverstand denkbar unbehaglich fühlt. strengen Verfügungen pflegen irgendwie im Sande versickern, seine Versuche, aus Hameln eine SS- Musteranstalt zu machen, bleiben irgendwie stecken. - zu Fr wird andere Seiten aufziehen und damit den Grundstein zu einer Einheitsfront von Gefangenen und Beamten legen. Draußen tobt der Bombenkrieg. Hameln scheint eine Oase des Friedens zu sein. Briefe aus der Heimat berichten von den ersten Verwüstungen im Ruhrgebiet. 101 - ich lag ließ man uns antreten. Bereits einige Tage nach Kriegsausbruch damals noch im Zellenflügel - Der Polizeiinspektor, ein alter Weltkriegsveteran, der die merkwürdige Synthese eines humanen Strafvollzuges mit unbedingter Treue zum Führer und felsenfestem Glauben an den Endsieg in sich vereinigte, gab die LuftschutzbeEr schloß: ,, Als stimmungen über Verdunkelung bekannt alter Weltkriegssoldat halte ich es zwar für ausgeschlossen, daß je ein feindlicher Flieger sich über den Westwall Aber hinweg bis hierher nach Hameln verirren wird. wir müssen einmal die gesetzlichen Bestimmungen befolich weiß das. Aber ich gen. Das mag unbequem sein habe selbst vier Jahre lang draußen in Dreck und Scheiße gelegen und dagegen sind die vorübergehenden Beschränkungen unserer Bequemlichkeit eine Lappalie". Es war gleichsam eine Antwort auf seine Rede, als einige Wochen später ein erster kleiner Störangriff auf Hameln erfolgte. Ein paar zerstörte Häuser in der Bahnhofsgegend, ein Blindgänger nächst der Wesermühle bei der großen Straßenbrücke, das war das Ergebnis. Dann blieb es lange Zeit ruhig. Drei Jahre später wird der Inspektor auf dem Hof stehen und die amerikanischen Geschwader zählen, die stolz und silberglänzend ihre Bahn nach Osten ziehen, kleine Hameln nicht beachtend. das lächerlich Und wenn er den 700. gezählt hat, wird er sein Fernglas einstecken und sich die schmerzenden Augen reiben. wird aber auch dann in seinem Glauben an den Endsieg nicht erschüttert sein und getreulich seine anbefohlenen Pflichten tun. Wahrlich, seltsame Menschen gibt es in Deutschland. a li d n P S i T a W 0 V B g V Er E Inzwischen wälzt sich der Krieg weiterhin über Europa. Norwegen, Griechenland, Kreta fallen in deutsche Hände. Dann beginnen unvergeßliche Wochen für uns. hier muß ich noch ein Intermezzo einflechten. q b a Doch " I 1 102 Walter, unser Bücherkönig, hat mir etwas Wichtiges anzuvertrauen. Dieser kleine, quecksilbrige und jugend- lich aussehende Hannoveraner ist der erklärte Liebling der meisten Beamten. Es gibt nichts im Hause, was er nicht nach 24 Stunden weiß. Und sein Einfluß auf den Gang der Ereignisse wird im letzten Kriegsjahr in der Praxis größer sein als der des Regierungsrates. Endlich gelingt die Unterredung. Sie findet in: gedämpfter Tonart statt. Oefters blicken wir uns um, ob nicht Unberufene in der Nachbarschaft aus einem dunklen Gang oder Treppenhaus auftauchen. „Ich habe eine Entdeckung gemacht,“ Walter ist sicht- lich erregt.„Du scheinst ein Vergnügen zu finden, mich auf die Folter zu spannen—.” Ich weiß, daß Walter Spengemann Neuigkeiten nur unter brutalem Zwang preis- gibt. Er erinnert mich an das Bibelwort:„Da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine”. „Also, heraus mit der Sprache———. „Ich habe den„Giftschrank” gefilzt und grandiose Ent- deckungen gemacht,“ flüstert er. Nur wenige Einge- weihte wissen, daß der„Giftschrank” das Allerheiligste der Bücherei ist: Verbotene und daher ausgeschiedene Bücher, die aus unerklärlichen— oder sagen wir einmal genauer: aus begreiflichen Gründen nicht eingestampft wurden. „Rate, was es noch gibt!" Ich bin ahnungslos wie ein Lamm.„Sinclair Lewis: Die Landstraße”— crescendo „Upton Sinclair: Petroleum’— appassionato„und den ganzen Heine!“— Das ist wirklich großartig. Wir bereden die Ausleihmethoden und wer in Frage kommt als Bezieher. Bald sind die Formalitäten erledigt. „Weißt du, Walter,“ frische ich alte Erinnerungen auf. „Ich staune bisweilen über die Borniertheit der Faschisten. Unser Nazilehrer in Wolfenbüttel z.B. war bestimmt kein Dummkopf, aber er hatte eine Schwäche für Adelige. So ließ er„Die Memoiren eines Revolutionärs” ruhig in der 103 Bücherei, da er den Fürsten Krapotkin von vornherein für einen Weißgardisten hielt. Und hätte er ,, Als Bergarbeiter im Ruhrgebiet" vom Grafen Steenbock- Fermoor bis zu Ende gelesen, dann wären ihm vielleicht doch die Haare zu Berge gestiegen. Dies hier in Hameln ist jedenfalls ein Glanzstück!" Wir verabschieden uns schmunzelnd. Es ist klar: die weiße Armbinde gibt mir Bewegungstreiheit im Hause. Aber jeder gewöhnliche Außenarbeiter erfährt mehr Neuigkeiten als ich, und was wichtiger ist oft aus erster Quelle. - In steigendem Maße werden Gefangene zu landwirtschaftlichen Arbeiten eingesetzt. Sie bringen der Anstalt pro Tag 3 Mark ein, während ein Tütenkleber nur 75 Pfennig pro Pensum für den Staat verdient. Kommandos von 15-20 Mann gehen zum Gut Hastenbeck, zur Zuckerfabrik Oldendorf, zum Steinbruch oder zu Gleisbauarbeiten. Fliegende Kommandos ziehen auf die Dörfer zu Erntearbeiten. Und je größer der Außenbetrieb ist, desto mehr lockert sich die Disziplin. Trotz Filzens bringen unsere Kameraden Zeitungen, Essen und Tabak auf die Schlaf- und Arbeitssäle. Und vor allem: sie bringen etwas mit von der Stimmung, die draußen herrscht. Jeder Außenarbeiter, der aus irgendeinem Grunde einen Tag nicht ausrückt und auf meinem Tütenklebersaal als Gast erscheint, wird ausgepreßt wie eine Zitrone. Tünnes, Alfred und unsere übrigen Genossen nehmen ihn ins Kreuzverhör. - Was ist los? Irgendetwas liegt in der Luft! Wir spüren deutlich im Bau eine Art nervösen Vibrierens. Ueberraschend werden Transporte zusammengestellt alle Langfristigen ab nach Celle. Hans Schiller und Karl Adolphs verschwinden, wir können nicht einmal Abschied nehmen. Alois Pfaller, Karl Tuttas, Walter und ich 104 können uns mit Not halten. Franz Nause aus Hannover war bereits vorher schwer krank nach Belin zur Operation transportiert worden, von wo wir bald die Nachricht seines Todes erhalten. Verfügungen sind in Vorbereitung, welche die politischen Gefangenen von allen Posten entfernen sollen. Wir erhalten weiße Streifen auf die Uniform genäht zum Unterschied von den Kriminellen. Bald wird ein neuer Erlaẞ den Kahlkopf als letzte Modeschöpfung verkünden, und unsere Frauen werden sich beim nächsten Besuch die Augen reiben, ob wir es auch wirklich sind. ,, Ich habe den Brief selbst gesehen," erklärt ein Außenarbeiter ,,, er schrieb: ,, Wir sind in der Ukraine, den genauen Ort kann ich Dir nicht mitteilen. Bald werdet Ihr von uns in der Zeitung lesen" Klar, jetzt geht es durch Rußland über den Kaukasus zum Suezkanal." ,, Du bist vollkommen wahnsinnig geworden. Wenn deutsche Soldaten in Rußland sind, dann sind sie desertiert und arbeiten vielleicht dort in einer Fabrik. Etwas anderes ist unmöglich." Er wird saugrob: ,, Was fragst du mich, wenn du alles besser weißt? Du willst Kommunist sein und rennst blind durch die Welt! Rußland hat ein Militärbündnis mit Deutschland geschlossen. HJ- Führer sind nach Rußland abgereist und werden dort mit Jungkommunisten zusammentreffen. Warte noch ein paar Tage, dann werden die ersten russischen Divisionen nach Westen rollen!" Mir wird förmlich schwindlig Ich kenne die Grundsätze der proletarischen Klassenkampfpolitik und weiß. daß kein Wort wahr sein kann. Schon bestätigen andere Gefangene das Gehörte: Ein Besuch aus dem Ruhrgebiet hat auch so einen Brief aus Rußland gesehen Hannoveraner und Hamburger wissen das gleiche. - Noch toller! Ein Beamter hält uns nachmittags einen kleinen Vortrag in unserem Lagerraum: Sein Schwager 105 hat gestern die ersten russischen Soldaten auf dem Hamelner Bahnhof persönlich gesehen... Mensch, was nützt dir dein Verstand? Wuchtige, massive Tatsachen bauen sich vor dir auf. Du weißt, sie können nicht stimmen. Aber sollten sich draußen denn ganze Lügenkonzerne gebildet haben? - - Wir besprechen bei Gelegenheit die Sache. Ich lege meinen Standpunkt klar: Alle Anzeichen lassen auf eine staatlich organisierte Bluff- Flüsterpropaganda schließen. Ich rechne mit Krieg im Osten. Wir stimmen ohne Zaudern überein, daß an ein Militärbündnis zwischen Deutschland und Rußland nicht gedacht werden kann. Karl Tuttas spricht über die Stellung der Kommunisten zum nationalen Befreiungskampf der Völker soeben ist der Aufstand in Belgrad ausgebrochen und über unsere Haltung zur russischen Außenpolitik. Sein Standpunkt wird sich in den folgenden Ereignissen voll und ganz bestätigen und ihn zu unserem politischen Kopf heranwachsen lassen. Karl Ruhrgebietskumpel war mein Nachfolger im Fürstenwall in Düsseldorf geworden: Mit gebrochenen Beinen und schwerer Rückgratsverletzung hatten sie ihn aus dem Polizeipräsidium getragen. Seit Jahren schleppte er sich an zwei Krückstöcken ungebrochen durch die Zuchthäuser und wird mit Walter den Einmarsch der Alliierten in Hameln als Organisator einer bewaffneten Widerstandsgruppe gegen die SS erleben. - Und es kam über Nacht! - * Eines Morgens finde ich mich wieder in meiner Zelle im Zellenflügel. Mit mir ist Walter Spengemann zurückgekehrt. Tünnes blieb vorne. Die politischen Funktionäre werden großenteils von den Außenkommandos zurückgezogen und kleben wieder Tüten. Auch von den wichtigsten Posten im Haus verschwinden sie. Indes: Unsichtbare Kräfte halten ihre Hand über mir. Der Arbeitsinspektor teilt mir kurz und barsch mit, daß 106 id h k V a a W A g d C C f t T 1 ich meinen Posten auf Abteilung II weiter auszufüllen hätte gern tue ich es nicht, aber ich habe im Moment keinen anderen"( damals sah ich noch nicht ein leises verdächtiges Zwinkern in den Augen dieses trotz alledem aufrechten Nationalsozialisten), schlafen muß ich aber auf alle Fälle von nun ab im Zellenflügel. Auf Verfügung des Anstaltsleiters. Der Erlaß des Regierungsrates ist wohl berechnet: Er will die politischen Funktionäre im Zellenflügel isolieren. Aber die Durchführung dieses Erlasses geht als Muster genialer Sabotage in die Geschichte ein: In den Anstaltsbüchern erscheine ich als Zellengefangener, in der Praxis bin ich ab heute ständiger Verbindungsmann zwischen dem isolierten Zellenflügel und der Abteilung II. Auch die anderen Genossen kehren nach einiger Zeit unauffällig auf ihre Posten zurück. Der Ostkrieg beginnt. Wir sind gerüstet ,, Und ich sage dir: In vier Wochen ist Rußland erledigt." Und er Es ist Willi, der diese Ansicht von sich gibt. drückt in diesem Satz die allgemeine Meinung aus. Für uns beginnen die schwersten Zeiten unserer Gefangenschaft. Die zwei Jahre zurückgedämmte Kommunistenhetze tollt sich in unvorstellbarer Weise aus. Täglich bringen and die Außenarbeiter neue Hiobsbotschaften: Bialistok Minsk, Lemberg, Ukraine überall dringen die deutschen Heere vor. Die Nazis im Tütensaal mustern uns höhnisch unter Die Nazis den Beamten - und provozieren offen. tragen die Köpfe hoch und wiegen prüfend ihre Gummiknüppel in den Händen. Die anderen schweigen. ,, Vorarbeiter," beginnt freundlich ein Tütenkleber eines Morgens ,,, in vier Wochen ist der Krieg im Osten aus," und betrachtet mich aufmunternd. ,, Wenn du davon überzeugt bist," schlucke ich meine Wut herunter ,,, schlage ich dir ein Abkommen vor: erste 107 Woche Riga—Kiew, zweite Woche Leningrad—Moskau-- Rostow, dritte Woche Ural—Kaukasus, vierte Woche Ost- sibirien. Für jeden Kilometer, den unsere Truppen hinter diesen Linien zurückbleiben, lieferst du eine Tüte gratis ab. Für jeden Kilometer, den sie überschreiten, schanke ich dir eine Tüte. Einverstanden?“ Nein, er ist nicht einverstanden. Zwar: vom Sieg ist er felsenfest überzeugt. Aber als vorsichtiger National- sozialist will er trotzdem kein Risiko eingehen. „Aber bitte," nun betrachte ich ihn aufmunternd,„soll- test du tatsächlich im Unrecht bleiben mit deiner Prognose — was Gott verhüten möge!— so kannst du mit deinen Gratistüten einen wesentlichen Beitrag zum Siege leisten. Das ist dann sozusagen dein WHW.“ . Diesmal habe ich die Lacher auf meiner Seite und habe das Gesicht gewahrt. Aber die Stimmung wird immer unerträglicher. In unseren Reihen gehen die Meinungen erbittert aus- einander. Tünnes erklärt, der Rückzug ist vorbereitet und organisiert. Doch nach dem Fall Charkows wird er unruhig. „Eine Armee, die stets zurückweicht, muß auf die Dauer demoralisieren. Das kann nicht ausbleiben.“ Karl Tuttas spricht von örtlichen Ueberraschungs- momenten, welche die Deutschen ausgenutzt haben. Doch ich wehre mich mit Heftigkeit gegen diese Auffassung. „Zehn Jahre haben die Nazis den Krieg im Osten vor- bereitet. Der Aufmarsch einer Millionenarmee kann nie- mals unter Ausschluß der Oeffentlichkheit vor sich gehen,” entgegne ich.„Wenn sich die Russen dann noch über- raschen lassen, gehören die Verantwortlichen an die erste beste Laterne,— Im übrigen war die Haltung der Russen im Falle Belgrad alles andere als ein Zeichen von Schwäche.” Jeder Tag bringt neue Hiobsnachrichten. Dann lesen wir es eines Tages schwarz auf weiß:„Die Rote Armee 108 + er AD er we fi ist vernichtet. Auf russischem Territorium existieren nu noch versprengte Banden. Die Gefahr aus dem Osten ist endgültig beseitigt". So verkündet Reichspressechef Dr. Dietrich. Wir wissen, es kann nicht stimmen. Andererseits können wir nicht glauben, daß eine Lügenpropaganda sich derartig versteigen könne. Der Himmel hängt voller Zweifelswolken. * Der erste Ausländertransport trifft ein. Es sind zirka 60 Tschechen. Sie verteilen sich auf verschiedene Abteilungen des Hauses. Mit ihnen weht ein neuer kräftiger Wind in den Bau herein. - Sie waren Mitglieder verschiedener Widerstandsgruppen in Prag, Brünn und anderen Orten. Sie gehören politisch allen möglichen Richtungen an von Kommunisten links außen bis zu den Sokols und militärischen Kreisen rechts und sie zeichnen sich durch zweierlei aus: durch eine vorbildliche nationale Solidarität und durch einen unerschütterlichen Glauben an die Stärke Rußlands. Bald stehen wir in herzlichen Beziehungen zu den tschechischen Kameraden. Wenn ich euch heute, Freunde von drüben, vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen sehe: Karel Zaruba, Ferdinand Rypar, Ossip Kucera und deinen Namensvetter, den kleinen Leutnant, den sie in Hameln begraben haben, Dr. Kusak, unseren Häftlingsarzt. die beiden Slamas, den dicken und gemütlichen Leutnant Zak und endlich dich, Pitter, unser Nesthäkchen dann will es mir scheinen: es war doch notwendig, daß wir uns kennengelernt haben. Ich glaube, wir haben den Nachweis geführt, daß der gemeinsame Kampf für gemeinsame Ideale sehr wohl die nationalen Schranken niederreißen kann. Heute, Freunde, wird es an euch sein, der Welt zu verkünden, daß ihr auch damals schon deutsche Antifaschisten und Revolutionäre gefunden habt. 109 Zehntes Kapitel Die Kraftprobe [ nzwischen tritt ein Zwischenfall ein: die erste Frucht Kraftprobe zwischen ihnen und uns. - zugleich Am 30. September 1941 erscheint der Erste Hauptwachtmeister Hentrich er kam vor kurzem von einem Moorlager nach Hameln und ist ein alter Haudegen, abwechselnd jovial und großzügig oder barsch und brutal- beim Idiotenzirkus nachmittags. Unvermutet fängt er Streit mit mir an unter dem Vorwand, ich ginge nicht schnell genug in der Reihe der übrigen. Er nimmt mich aus der Reihe heraus und treibt mich in den Zellenflügel hinein, eine längere Alkoholfahne hinter sich her ziehend. Im Beisein des dortigen Diensthabenen Koke fällt er mit Faustschlägen über mich her. Dann schleppt er mich in den Keller, und bearbeitet mich dort unter Fußtritten und Faustschlägen so lange, bis ich am Boden liege. Er ist blaurot im Gesicht und brüllt dabei:„ Du bolschewistisches Mistvieh! Ich dreh' dir das Bajonett im Leibe herum! Ich mache dich kalt!" Einen des Weges kommenden Kalfaktor scheucht er mit einem Nasenschnauben hinweg. ,, Beschweren willst du dich, du Hund? Renne nur hin zu deinem Arbeitsinspektor und zu deinem Werkmeister dann wirst du etwas erleben!" Ich entsinne mich nicht, jemals mit diesem Beamten eine Differenz gehabt zu haben. Ich stehe vor einem Rätsel. Was ist zu tun? Ich habe mich nicht zur Wehr gesetzt. Aber ich habe keine Zeugen für mich. 110 Als ich auf meine Abteilung zurückkehre, herrscht Aufregung im Saal. Von allen Seiten werde ich mit Fragen bestürmt, was es im Keller gegeben habe. Auguste betrachtet mich prüfend von der Seite, dann kann er seine Neugierde nicht länger verbergen und befragt mich. Ich berichte ihm den Vorfall. Er blickt erschrocken. ,, Go- gu- el, ich habe nichts gesehen und kann daher auch nichts für Sie tun. Aber versuchen Sie es immerhin und melden Sie es dem Arbeitsinspektor," spricht er zögernd und wohlüberlegt. ,, Das werde ich nicht tun, Herr Oberwachtmeister." Und damit kehre ich ihm den Rücken und ziehe mich in meinen Lagerraum zurück. Wir halten Kriegsrat ab. Auch Alfred Jahn ist der Meinung, ich solle den Beschwerdeweg über den Arbeitsinspektor einschlagen. Tünnes rät sogar zu einer direkten Demarche beim Anstaltsleiter. ,, Glaubt ihr denn in diesem Hause an einen Instanzenweg?" halte ich ihnen entgegen ,,, oh, ihr Harmlosen! Was wird geschehen? Er streitet alles ab. Er nimmt seine Aussage auf seinen Beamteneid, und alles bleibt beim alten. Aber nächste Woche steigt die nächste Prozedur." Andere Genossen raten mir, die Sache einschlafen zu lassen. Du kannst ja doch nichts machen, du bist nun einmal in ihrer Gewalt," das ist der Tenor ihrer gutgemeinten Ratschläge. ,, Laẞt mich in Frieden. Wenn ihr mir nichts Besseres zu sagen habt, dann macht gefälligst, daß ihr hier herauskommt. Ich lasse diese Angelegenheit auf gar keinen Fall auf sich beruhen!" Und dann beginne ich zu grübeln. Es ist ein gewagtes Unternehmen, das ich vorhabe. Ein Unternehmen, das in einem Konzentrationslager oder wahrscheinlich auch in manchem anderen Zuchthaus von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Ob es in Hameln gelingt, kann ich heute noch nicht sagen. 111 ,, Mach dich morgen früh auf ein Geschrei gefaßt," sage ich abends vor dem Abrücken zu Tünnes. Tünnes sieht mich prüfend an: ,, Mach keine Dummheiten," meint er beiläufig. Dann verabschieden wir uns mit einem festen Händedruck. Nachdenklich und zögernd gehe ich zum Zellenflügel zurück. Ich will alle erdenklichen Möglichkeiten ausschöpfen, bevor ich zur Tat schreite. Ich befrage den Oberwachtmeister Koke, ob er gegebenenfalls bereit sei, den Vorfall so weit er ihn miterlebt hat. zu bezeugen. ,, Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. Was geht das mich an..." - Nun weiß ich Bescheid. Fräulein Lydia Bleicher, Düsseldorf. - Hameln, den 1. Oktober 1941. Es wird Ihnen hierdurch mitgeteilt, daß Ihr Besuch am 5 10. 1941 nicht stattfinden kann, da sich der Strafgefangene Goguel in Lazarettbehandlung befindet. Sein Zustand ist nicht besorgniserregend. Der Vorstand des Zuchthauses Hameln Der Fall erregte Aufsehen. gez.: Stöhr ,, Warum haben Sie das gemacht?" fragte der Arzt im Städtischen Krankenhaus, in das man mich eilends gefahren hatte, während er den Arm zunähte. ,, Ich befand mich in Notwehr," erklärte ich ihm und berichtete den Zwischenfall in allen Einzelheiten. Krankenschwester stand kopfschüttelnd dabei. ,, Wieviel Blut haben Sie verloren?" erkundigte er sich. ,, Es waren genau 2 Liter." ,, Woher wissen Sie das so genau?" ,, Nun, ich habe in meiner Waschschale vorher das Quantum mit Wasser abgemessen und habe zum gegebenen Zeitpunkt eben abgestoppt. Zudem wußte ich, daß die 112 1 7 H 3 I i a S Die 1 S I Zelle in 5 Minuten aufgeschlossen würde, denn es war morgens halb 6 Uhr." Eine Stunde später liege ich im Krankenrevier des Zuchthauses. Der Sanitätsbeamte Hartmann, mit dem ich bisher ein erträgliches Verhältnis hatte, hatte mich sehr unfreundlich empfangen. Er schien mich nicht mehr zu kennen. Ich werde in eine Einzelzelle gebracht und bleibe mir selbst überlassen. Eine ungewisse, spannungsgeladene Atmosphäre legt sich um mich. Ich warte auf Nachricht von meinen Freunden. Ich warte vergebens. Ich warte auf irgendeine Sympathiekundgebung meiner vorgesetzten Beamten, des Werkmeisters, des Arbeitsinspektors ich warte vergebens. Acht Tage lang bin ich von der Welt abgeschnitten. Und nun wird mir klar: diese Schlacht hast du verloren. Du hast deine Kräfte überschätzt, Freund! Du hast die Sympathie, die dir einige Beamte entgegenbrachten, für bare Münze genommen. Es wird Zeit, daß du dir dein Lehrgeld zurückzahlen läßt. Solange du nicht gelernt hast, die Menschen nach ihren Taten einzuschätzen, wirst du stets Schiffbruch erleiden... - was ich nicht weiß - - heftige Inzwischen toben Kämpfe im Bau. Auguste ruft am ersten Morgen Alfred Jahn zu sich und bietet ihm an, meinen Posten zu übernehmen. Er soll sich einen Helfer selbst aussuchen. Alfred schüttelt sein mächtiges Haupt die Mähne ist abrasiert kategorisch und erklärt: Vorarbeiter ist Goguel. Und so lange er im Revier liegt, kommt kein anderer in diesen Lagerraum." Und vor dieser unerschütterlichen Festigkeit weicht Auguste zurück. - 11 Tünnes, Walter Spengemann, Willi und die andern diskutieren inzwischen mit unseren Beamtenfreunden und schaffen eine Stimmung gegen Hentrich, die sich in nächster Zeit kundtun wird. Doch von alledem erfahre ich nichts. Bis zum 8. Oktober. 8 113 Dann stehe ich vor dem Gewaltigen persönlich. Es ist unser erstes Zusammentreffen. Er ist ein noch junger Mann mit sympathischen Gesichtszügen. Seine leichte bayerische Mundart verleiht ihm in meinen Augen etwas fast möchte ich sagen Landsmannschaftliches. - Aber ich werde übel empfangen. ,, Es liegt eine Anzeige gegen Sie vor, Strafgefangener Goguel, daß Sie sich am 1. Oktober die Pulsader aufgeschnitten haben. Während unsere Soldaten draußen an der Front liegen, haben Sie keine anderen Sorgen, als hier mit Ihrem Leben zu spielen! Man sollte Sie in Arrest sperren und überhaupt nicht mehr herauslassen! Schämen Sie sich überhaupt nicht?" ,, Herr Regierungsrat, ich habe keineswegs mit meinem Leben gespielt," erwidere ich. Er scheint mich für irrsinnig zu halten. ,, Wie nennen's denn das, sich die Pulsader aufzuschneiden? Wollen's etwa abstreiten, daß Sie das in selbstmörderischer Absicht getan haben?" fährt er mich grob an. ,, Meine medizinischen Kenntnisse sind ausreichend, so daß nichts Ernstliches passieren konnte." Meine Antworten scheinen ihm unerwartet zu kommen. Er hatte wahrscheinlich einen von Verzweiflung getriebenen Selbstmörder erwartet. Ich ,, Also, was wollten Sie denn damit bezwecken?" glaube, ein gewisses berufliches Interesse bei ihm feststellen zu können. ,, Die Sache ist so, Herr Regierungsrat," erläutere ich meinen Standpunkt sachlich, ,, nachdem mich der Erste Hauptwachtmeister Hentrich im Keller schwer miẞhandelt hat, standen mir zwei Wege offen. Der erste war der Beschwerdeweg...!" ,, Und warum sind's denn den nicht gegangen? Haben's etwa kein Vertrauen zu mir?" unterbricht er mich. 114 ,, Zu Ihnen schon, Herr Regierungsrat, aber nicht zu dem Weg, der zu Ihnen führt. Zeugen sind keine vorhanden, nachdem Herr Koke nichts gesehen haben will. Hier steht also Aussage gegen Aussage, und zwar eine Aussage. unter Beamteneid gegen eine Gefangenenaussage, von vorneherein ein aussichtsloser Fall. Denn soweit ich den Ersten Hauptwachtmeister einschätze, wird er nicht zugeben, mich mißhandelt zu haben." ,, Der Oberaufseher hat dies in Abrede gestellt," bestätigt er. ,, Gut", fahre ich' fort ,,, blieb also der zweite Weg: die Sache auf sich beruhen zu lassen. Nachdem nun Herr Hentrich mir weitere Prügel angedroht hatte, mußte ich bereits am folgenden Tage mit einem neuen Zusammenstoß rechnen. Weder meine Ehrbegriffe noch meine verantwortliche Funktion als Vorarbeiter in diesem Hause gestatten es mir, derartige Dinge widerspruchslos hinzunehmen. Ohne Zweifel hätte ich mich bei einer Wiederholung von Miẞhandlung zur Wehr gesetzt und den Ersten Hauptwachtmeister niedergeschlagen." Ich bin blaß, und der Schweiß steht mir in dicken Tropfen auf der Stirn. Die Knie zittern mir. Der Blutverlust macht sich bemerkbar. ,, Sie selbst, Herr Regierungsrat, werden mir bestätigen, daß ich in diesem Fall heute ohne Kopf vor Ihnen stünde. So blieb für mich nur der eine Ausweg: Flucht ins Revier, um die Behörden auf den Ernst des Falles hinzuweisen." - Stöhr sitzt nachdenklich hinter seinem Schreibtisch. Es tritt eine Pause ein. Eine Fliege summt am Fenster. Draußen hört man das Knarren eines Holzfuhrwerks, das Klirren schwerer Schlüssel und das Schlagen der mächtigen Hoftore. Dann beginnt er zu sprechen. Und beim dritten Wort weiß ich: ich habe gewonnen! 8* 115 Er erklärt, daß er meinen Aussagen Glauben schenkt, und daß er von Hentrichs Lüge überzeugt sei. Da aber Hentrich seine Aussagen unter Eid gemacht habe, könne er nichts gegen ihn unternehmen, es sei denn, ich stellte Strafantrag bei der vorgesetzten Dienstbehörde, das wäre der Generalstaatsanwalt. Das lehne ich entschieden ab. Es genügt mir, wenn der Fall in meinen Akten festgehalten wird, so daß ein berufeneres Tribunal sich einmal zu gegebener Zeit damit befassen kann.: „Und somit,“ schließt Stöhr, und ein freundlicher Unterton schwingt mit,„bestrafe ich Sie mit 14 Tagen Arrest wegen Selbstbeschädigung, weil Sie eine Unter- suchung erzwingen wollten. Sie erhalten 3 Monate Straf- aufschub mit Bewährungsfrist und treten ab heute Ihren alten Posten als Vorarbeiter wieder an. Sie können gehen.” Und ich gehe. Von diesem Tage an hatte ich freie Hand bei Stöhr! Es war mir nicht zumute wie einem Triumphator. Ich war lediglich erschöpft, zu Tode erschöpft. Im Lazarett packe ich schweigend meine Sachen zu- sammen, ohne dem plötzlich gesprächig werdenden Sani- tätsbeamten Beachtung zu schenken. Müde schleppe ich mich zu meiner Abteilung und melde mich zum Dienst zurück. Auguste— durch mein unvermutetes Auftreten er- schreckt— hat sich schnell gefaßt. Mit Tünnes und Alfred tausche ich einen festen Händedruck, dann stehe ich ein wenig geistesabwesend im Saal, Da erhebt sich der Arzt Levy, ein stiller, ernster Mann, der unter den tragischsten Umständen ins Zuchthaus ver- schleppt worden war, er kommt zu mir, drückt mir wort- los die Hand und geht auf seinen Platz zurück. 116 Und dann kommen sie von allen Tischen, einer nach dem andern, defilieren an mir vorbei und geben mir die Hand. Auguste steht an seinem Beamtenpult, sprachlos. Was noch nie geschah: er duldet diese Massen- Insubordination stillschweigend. Ich gestehe, mir standen Tränen in den Augen. Die Auswirkungen des Sieges zeigen sich sehr schnell. Hentrich wird in der gleichen Woche auf Außenkommando geschickt. Drei Monate später wird er die Anstalt verlassen. In diesen drei Monaten habe ich ihm keinerlei Ehrenbezeigungen mehr erwiesen. Auch die übrigen Beamten werden ihr Verhalten korrigieren. Ein Jahr lang wird man im Stockhof keinen weiteren Miẞhandlungsversuch an Gefangenen erleben. Ich selbst ziehe an diesem Tage aus meiner Einzelzelle zu Walter Spengemann und Willi auf Zelle 73. Trotz aller Solidaritätsbezeigungen unserer Genossen in Küche und Bäckerei werde ich einige Wochen später meinen Tribut zahlen müssen: Füße und Beine sind vom Wasser dick geschwollen, das Herz verweigert den Dienst. Intermezzo 1946 Konstanz, den 24. 6. 46 An den Generalstaatsanwalt Celle Im Verlauf meiner elfjährigen politischen Haft war ich vom November 1936 bis Mai 1937 Insasse des Strafgefängnisses Wolfenbüttel, vom Mai bis Juni 1937 im Zuchthaus Celle, von Juni 1937 bis 27. 9. 1944 im Zuchthaus Hameln. In befinden mir meiner Strafvollzugsakte sich, wie bekannt ist, eine Reihe von Dokumenten, welche schwer 117 belastendes Material gegen verschiedene Strafvollzugsbeamte enthalten. Es handelt sich um: 1. ein Gutachten des Anstaltsoberlehrers von Wolfenbüttel vom Januar 1937 2. das Protokoll einer schweren Mißhandlung, begangen durch den Ersten Hauptwachtmeister Hentrich in Hameln vom 1. Oktober 1940 3. ein Abgangsgutachten des Anstaltsoberlehrers Ostermayer aus Hameln vom September 1944. Mein Antrag an die Leitung des Zuchthauses Hameln auf Ueberlassung von beglaubigten Abschriften wurde abschlägig beschieden mit der Begründung, daß der Generalstaatsanwalt in Celle dies nicht für erforderlich hält. Es wurde mir mitgeteilt, daß entsprechende Anträge durch einschige Amtsstellen einzureichen wären. Ein von der KZ- Betreuungsstelle Konstanz an das Zuchthaus Hameln gerichtetes diesbezügliches Schreiben blieb beachtet. unNach dem Urteil, welches von höheren deutschen Justizbeamten über meinen Richter, den Senatspräsidenten Dr. Hermsen, gefällt wurde, habe ich nicht das Vertrauen, daß gegen die schuldigen Strafvollzugsbeamten nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit verfahren wird. Meine Erfahrungen als Säuberungskommissar für die oberbadische Wirtschaft haben diese Ansicht in mir bestärkt. Ich richte daher an Sie das Ersuchen, mir die entsprechenden Schriftstücke zugänglich zu machen, damit ich persönlich die Strafverfolgung in die Hände nehmen kann. Abschrift dieses Schreibens übermittle ich zur Veröffentlichung dem ,, Neuen Hannoverschen Kurier", der Freiheit" in Düsseldorf sowie einigen anderen politischen Tageszeitungen. Rudi Goguel. 118 Der Generalstaatsanwalt - - VI 29-3 St. A.- Celle, den 10. Juli 1946 Herrn Redakteur Rudi Goguel Konstanz Auf Ihr Schreiben vom 24. Juni 1946 Ich sehe mich zu meinem Bedauern außerstande, Ihnen Schriftstücke aus Ihrer Personalakte zugänglich zu machen. So weit Sie beabsichtigen, Strafanzeigen zu erstatten, wird es genügen, daß Sie auf den Inhalt der Personalakte Bezug nehmen. Unabhängig davon werde ich den Inhalt Ihrer Personalakte daraufhin überprüfen lassen, ob Anlaß besteht, von Amts wegen Strafverfahren gegen die damaligen Vollzugsbeamten einzuleiten. In eine Nachprüfung darüber, ob das Schreiben der KZBetreuungsstelle Konstanz beim Zuchthaus in Hameln eingegangen ist, bin ich nicht eingetreten, da dieser keine Auskunft erteilt und ihr keine Akten übersandt werden können. Es wird lediglich etwaigen Ansuchen der Badischen Landesstelle zur Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus in Freiburg i. Br., welche eine dem Badischen Ministerium des Innern angegliederte Instanz ist, entsprochen werden können. Der Generalstaatsanwalt Beglaubigt: Maasberg, Justizangestellte. Celle, den 9. August 1946 - VI 29 Herrn Redakteur Rudi Goguel Betr.: Ermittlungsverfahren gegen den Ersten Hauptwachtmeister Hentrich wegen Körperverletzung im Amt. Bezug: Ihr Schreiben vom 24. VI. 46 Nachdem ich Ihre Personalakte vom Zuchthaus Hameln eingesehen habe, habe ich den Oberstaatsanwalt in Han119 nover angewiesen, ein Ermittlungsverfahren gegen Hentrich wegen Körperverletzung im Amte einzuleiten. Sie werden über den Ausgang des Verfahrens unterrichtet werden. gez.: Dr. Moericke Beglaubigt: Ebeling, J. O. S. Notiz aus meinem Tagebuch vom 24. 3. 47: ,, Ueber den Ausgang des Verfahrens gegen Hentrich ist hierorts nichts bekannt." Zurück zum Jahre 1941. Es gibt keinen pflichtgetreueren Beamten als Auguste. Die allgemeine Lockerung der Disziplin kann ihn nicht eine Minute lang von seiner vorgeschriebenen Beamtenbahn ablenken. Längst schon sind andere Beamte dazu übergegangen, ihre Station gelegentlich eigenmächtig zu verlassen, wenn sie Bedürfnis nach Luftveränderung haben oder durch ein kleines Privatgespräch auf den Gängen und im Hofe die Oede der Dienstzeit etwas unterbrechen wollen. Nein, nicht eine Minute verläßt Auguste seinen anbefohlenen Posten. Hier steht er, hier wird er stehen oder sterben. Und doch gibt es im Leben Situationen, wo man ganz einfach einmal seinen Posten verlassen muß. Dann pflegt er Tünnes mit einem kleinen Zettelchen zum Oberaufseher zu senden, folgenden Inhalts: ,, Herrn Ersten Hauptwachtmeister Hentrich. Zwecks Verrichtung eines Bedürfnisses bitte ich um Vertretung auf Abteilung II. Eilt! Durchfall! 120 Heil Hitler! gez.: Unterschrift." Mit angstvoll aufgesperrten Augen ruft er Tünnes nach: ,, Eilen Sie, Hausreiniger, laufen Sie!" Tünnes wird die Treppe hinunterfliegen, aber beim Oberaufseher ein wütendes Knurren hören, und zwischen den Zähnen vernimmt er deutlich: ,, Soll doch der Hampelmann in die Hose scheißen!" Nein, Herr Hentrich, spielen Sie nicht mit dem Feuer! Sie kennen ihre Beamten nicht! Auguste wird Ihrem Befehl Folge leisten, aber er wird nicht von seinem Platze weichen ohne ausdrückliche vorgesetzte Anweisung. Seht, muß ein Oberaufseher nicht seine helle Freude an solchen Untergebenen haben? Der Oberaufseher hat keineswegs Freude an Auguste. Im Gegenteil: einig zwar in der Liebe zum Führer, stehen sie im übrigen wie Hund und Katze. Und einige Wochen nach meinem Zwischenfall wird sich ein noch ernsterer Vorfall ereignen. ,, Was soll ich tun," fragt mich Auguste ratlos sehen mich seine weit aufgerissenen Aeuglein an. ,, Geben Sie mir einen Rat, Goguel, ich habe volles Vertrauen zu Ihnen. Vor versammelter Belegschaft machte der Herr Erste Hauptwachtmeister Anstalten, mich zu schlagen. Ich habe die Absicht, mich beschwerdeführend an den Herrn Regierungsrat zu wenden. Können Sie nicht bezeugen, daß der Herr Erste Hauptwachtmeister wiederholt verspätet zum Dienst erschienen ist?" ,, Herr Oberwachtmeister," rede ich ihm gut zu ,,, mit solchen Kleinigkeiten werden Sie nichts erreichen. Sie müssen schon aufs Ganze gehen. Am besten wäre es, Sie brächten Hentrich so weit, Ihnen tatsächlich ein paar herunterzuhauen. Dann läge der Fall klar!" Auguste greift sich an den Kopf: ,, Goguel, was reden Sie da? Ich sollte..? Nein, Goguel, ich bin ein alter Beamter, der stets seine Pflicht erfüllt hat. Würde das geschehen, dann würde dieses Herz" er schlägt sich. - ,,, dieses Herz würde aufhören dröhnend auf die Brust zu schlagen!" Ich zucke die Achseln. Was soll ich ihm sonst sagen? 121 ,, Goguel," fährt er gedämpft fort ,,, Sie haben vor einigen Wochen auf einen Strafantrag gegen den Ersten Hauptwachtmeister verzichtet. Ich verspreche Ihnen, wenn Sie die Klage jetzt einreichen, meine volle Unterstützung. Wollen Sie das tun, Goguel?" Oha, das sind ganz neue Perspektiven ,, Nein," erkläre ich kategorisch ,,, das werde ich nicht tun, Herr Oberwachtmeister, denn ich bin hier Gefangener und habe im Gegensatz zu Ihnen kein Vertrauen zum Instanzenweg. Dagegen bin ich gerne bereit, falls Sie meinen Fall zur Sprache bringen wollen, alles zu bezeugen. Ferner benenne ich Ihnen meinen Freund Fritz Schäfer aus Düsseldorf, der von Hentrich im Lager im Emsland schwer mißhandelt worden ist. Er wird Ihnen ebenfalls zur Verfügung stehen." Auguste hört nachdenklich zu, geht sinnend auf und ab, springt zwischendurch zum ,, Spion", um einen Blick in seine Abteilung zu werfen. Denn heute hat er zum erstenmal seinen Posten eigenmächtig verlassen: die Insubordination hat bereits Auguste erreicht, und das ist der Anfang vom Ende. Wir trennen uns mit einem festen Händedruck und dem Gelöbnis, treu gegen den gemeinsamen Feind zusammenzuhalten. - - Augustes Beschwerde wird Gott sei gepriesen! gogenstandslos. Denn der Herr Erste Hauptwachtmeister geht nächste Woche ab zum Zuchthaus Celle. 122 Elftes Kapitel Organisierter Widerstand raußen brüllt der Krieg. Die gewaltigste Niederlage D'aller Zeiten beginnt sich abzuzeichnen: Stalingrad. Durch unzählige Kanäle und Kanälchen rieseln die Nachrichten vom Katastrophenwinter im Osten herein. Besucher aus allen Teilen Deutschlands, Neuankömmlinge aus Etappengefängnissen, verurteilte Soldaten, beurlaubte Beamte alle wissen von den Schrecken des russischen Winterkrieges zu berichten. Und langsam dringt der Rundfunk durch die massiven Mauern des Stockhofes: der Soldatensender West ,,, Hier spricht England", Radio Moskau und andere Sender sprechen zu uns durch unsere Beamtenfreunde. Unvergeßliche Abende auf Zelle 73! Bis in die späten Nachtstunden sitzen wir drei und berichten uns die Neuigkeiten des Tages. Willi hat sich korrigiert: Heute weiß er, daẞ Hitlers Armeen keineswegs unbesiegbar sind. Walter steht in reger Verbindung mit seinen inzwischen entlassenen Hannoveraner Parteifreunden. von der Illegale Briefe finden den Weg zu uns und erzählen Nazis wachsenden Niedergeschlagenheit der draußen. Von einer immer lauter werdenden Kritik in den Reihen der Opposition. Unvergeßliche Abende, an denen wir Pläne schmieden für die Zukunft ,,, wenn am Tage der Freiheit wehn die roten Fahnen draußen". Unser kleiner Walter ist stets energiegeladen. Er kann es nicht abwarten, sich draußen so schnell wie möglich in die politische Arbeit zu knien. Und tatsächlich wird 123 er einer der ersten sein, die nach dem Zusammenbruch sich ins Kampfgewühl stürzen. Er gerät außer sich, wenn ich ihm die Freuden eines mehrmonatigen Erholungsurlaubes in leuchtenden Farben schildere. Aber er weiß, daß ich ebenso wenig wie er es übers Herz bringen werde, mich auf die Bärenhaut zu legen, wenn draußen die Arbeit ruft. Inzwischen gibt unsere eigene Lage genug zu denken. Die Ernährung hat sich zusehends verschlechtert. Epidemien grassieren im Bau, die Todesfälle im Lazarett mehren sich. Und dabei werden die Anforderungen des Staates immer stärker und rücksichtsloser. Oft stehen wir vor der Frage: sollen wir unsere Posten niederlegen und in die Opposition gehen? Bis jetzt hat man von uns noch nichts verlangt, was uns in den Augen der Mitgefangenen zu Bütteln des Zuchthauses erniedrigt hätte, wie das etwa bei einem KZ- Kapo der Fall wäre. Noch ruht der Gummiknüppel im Stockhof. Noch schweigt der Denunziant wenn auch ingrimmig noch fehlt der Schwarze Markt, das Krebsgeschwür der Not. - Es gibt nur noch wenige politische Gefangene der ersten Garnitur. Nicht genügend, um alle Schlüsselpositionen zu besetzen. Immerhin: Karl Tuttas hat die Matratzenstopferei übernommen, Fritz Schäfer regiert in der Schneiderwerkstatt, Jan Piepenpott rückt in der Küche zum Vorarbeiter auf, auch Jonny Jansen kommt wieder in der Bäckerei unter. Und Alois Pfaller wird zur Domag abkommandiert. Die Domag ist ein neues Rüstungskommando. Es ist der Ehrgeiz des Chefs, einen möglichst großen Prozentsatz der Gefangenen in der Rüstung arbeiten zu lassen. Und das ist mehr als bloßer Ehrgeiz. Denn Stöhr kalkuliert ganz folgerichtig, daß die Rüstungsgefangenen" von der über Deutschland sich wälzenden Musterungswelle verschont bleiben. Hameln braucht also nicht zu befürchten, eines Tages wegen Mangels an Menschenmaterial seine Pforten schließen zu müssen. Hier kämpft jeder um seine 124 Existenz und seine UK- Stellung. Warum nicht auch der Gewaltige persönlich? - Das Domag- Kommando wird bald auf 100 Mann gebracht werden und wird ein wichtiges Verbindungsglied zwischen diesem Hamelner Großbetrieb mit fast 2000 Mann Belegschaft darunter die Mehrzahl Ausländer und uns Gefangenen darstellen. Neben der Eisengießerei Concordia und der Waggonfabrik Kaminsky wird die große Teppichfabrik Mertens heute Flugzeugteilefabrik große Kommandos übernehmen. Unseren Genossen in diesen Betrieben fällt die Aufgabe zu, unter den Belegschaften den Boden für künftige Solidaritätsaktionen vorzubereiten. - Unsere eigenen, die Tütenbetriebe, kämpfen verzweifelt um ihre Existenz. Mit vereinten Kräften gelingt es uns, die Betriebe Serong und Behrens im Hause zu halten. Einsichtige Bundesgenossen in der Arbeitsverwaltung kämpfen gemeinsam mit uns gegen den regierungsrätlichen totalen Rüstungswahn. Und es gelingt zunächst. Wir Immer schwieriger werden die Transportverhältnisse. Wochenlang läßt sich kein Vertreter meiner Firma mehr im Bau blicken. Der Versand bereitet stets neue Widerstände. Es ist fast unmöglich, Waggons zu bekommen. Da Beamte nicht in der Lage sind, mit der Bahn und den Speditionsfirmen zu verhandeln, geben unsere Firmen uns Vorarbeitern Vollmachten, selbst verhandeln. zu werden dieses Monopol nicht mehr aus den Händen geben, vielmehr weiter ausbauen. In einem Jahr wird Walter Spengemann fast täglich seine Sympathisierenden- Gruppe bei der Güterabfertigung persönlich besuchen und in zwei Jahren wird er mit dem neuen Anstaltslastwagen fröhlich nach Hannover fahren, um seinen überraschten Eltern einen illegalen Besuch abzustatten. Inzwischen erfolgen die ersten Musterungen. schwindet der eine und der andere frohgemut Bald ver- nur hier heraus, hat er sich gewünscht, und hat sich womöglich 125 freiwillig gemeldet. Wir bleiben UK. Aber von manchem neugebackenen Soldaten berichtet die Mär, noch ehe der Krieg zu Ende geht, daß seine Gebeine im Osten oder auf dem Balkan eingescharrt wurden. * Die Geschichte verfolgt mich unablässig. Ich habe bislang mit niemandem darüber gesprochen. Aber die dunklen Ahnungen quälen mich je länger je mehr. Folgendes hat sich ereignet: Tünnes bekam vor einer Woche die Scheidungsklage zugestellt. Acht Jahre hat sie gewartet, und nun geht sie ihres Weges! Wie stolz war Tünnes auf seine Viktoria! Stundenlang konnte er erzählen von seinem Eheleben: und da gab es keinen Schimmer von Miẞhelligkeiten. Sie war nicht nur seine Frau, sondern auch Genossin und Kampfgefährtin. sein Dann kam eines Tages - ein Brief. - es mag zwei Monate her Darin schrieb sie, sie wolle sterben, sie sei lebensmüde, und sie könne es nicht mehr ertragen. Tünnes war außer sich. Wie ein gefesselter Tiger rannte er in seinem Käfig hin und her jetzt erst zeigte sich, wie sehr er sie liebte. - Und dann kam der Keulenschlag: sein Bruder teilte ihm mit, daß Vicky seit Monaten ein Verhältnis mit einem SA- Mann hatte. Daß sie mit ihm heimlich in Ferien gereist sei und daß die Familie daraufhin sich von dem ehrvergessenen Weibe losgesagt habe. Ich war besorgt um Tünnes so schwer traf ihn der Schlag. - Aber es wurde noch schlimmer. Die Scheidungsklage reichte ein Rechtsanwalt ein, und sie lautete, daß Vicky als aufrechte deutsche Frau nicht länger den Namen eines wegen Hochverrats bestraften Zuchthäuslers tragen könne. Dazu schrieb sie noch einen Privatbrief an Tünnes, daß sie ihr ganzes Leben lang unter seiner Tyrannei gelitten habe und nun endlich die Konsequenzen ziehen wolle. 126 Ihr kennt Tünnes! Er schwor, daß er sie totschlagen werde, sobald er nach Hause käme. Und es war aussichtslos, mit ihm auch nur ein Wort zu reden. war eine Welt zusammengebrochen. Hier Und von diesem Tage an begann auch ich darüber nachzusinnen, wie ich einem drohenden Unheil begegnen könne. Aus einem Brief an Lydia: .. ich und meine Kameraden haben die beiden Ruhetage viel von Zuhause gesprochen, von unseren Angehörigen und von dem, was uns mit Euch da draußen zusammenhält. An solchen Tagen pflegt man denn auch Rückschau zu halten, und man versucht sich vorzustellen, wie sich einmal die Zukunft gestalten mag, teils mit Zuversicht, teils mit Besorgnis! - Es läßt sich nicht bestreiten so habe ich gestern argumentiert daß im Laufe der Jahre die Fäden zwischen uns immer spärlicher und dünner werden. Die tausend Dinge des Alltags, die man früher gemeinsam zu beraten pflegte, machst Du heute mit anderen Leuten ab, ebenso wie auch ich, und das Leben besteht nun einmal zum großen Teil aus solchen Alltäglichkeiten. Fremde Leute, die ich nicht kenne, treten in Deinen Gesichtskreis ein, ebenso wie auch Du nicht diejenigen Menschen kennst, die mir hier am nächsten stehen. Und da kann es denn ganz sachte und unmerklich kommen, daß man schließlich nur noch an der gemeinsamen Erinnerung gemeinsamer Erlebnisse zehrt wie das bei ganz alten und abgeklärten Leuten der Fall ist. Ich sehe hierin eine gewisse Gefahr, die auch beim besten Willen nur sehr schwer überwunden werden kann: die Gefahr des Auseinanderlebens. Man glaubt, daß man dort wieder anknüpfen kann, wo man aufgehört hat. Und eines Tages muß man dann feststellen, daß das nicht mehr möglich ist! - 127 Ich sehe nur ein Mittel, das diese Gefahr beseitigen kann, nämlich das ganz bewußte Hinarbeiten auf ein gemeinsames Ziel. Weißt Du: getrennt marschieren, vereint schlagen. Du zum Beispiel kennst ganz gewiß meine Lebensziele, meine Auffassungen von dem, was man mit Recht und Unrecht' bezeichnet, und mehr als das, was ich für meine Pflichten halte. Dies ist immer ein ganz bestimmter Wegweiser. Auch ich bemühe mich, immer wieder zu erforschen, inwieweit Dein verändertes Milieu, Dein Beruf, die allgemeinen Verhältnisse Deine Ansichten beeinflußt haben. Das ist allerdings für mich sehr viel schwerer als für Dich, weil mir eben von hier aus alle Maßstäbe fehlen. Trotz alledem habe ich die Zuversicht, daß es uns nach soviel Jahren der Trennung gelingen wird, ein gemeinsames Leben aufzubauen, und daß die schweren Opfer, die wir nun einmal bringen mußten, uns auch befähigen werden, wieder voll und ganz zusammenzufinden. Vergiẞ nie, daß Du das Los von vielen ungezählten Frauen teilst, und daß große Zeiten auch große Menschen verlangen..." - Ein jeder von uns macht solche Krisen durch. Klein und hilflos fühlt man sich, und alles Grübeln kann keinen Lichtblick zeigen. Es liegt wie eine dumpfe Schwüle in der Luft. Die Nervosität teilt sich den Zellenfreunden mit. Eine schlechte Nachricht von draußen und tagelang gehen wir stumm aneinander vorbei, gereizt, verbissen. Dann geht uns alles viel zu langsam. Dann hadern wir mit unserem Schicksal. Dann verlieren wir Mut und Selbstvertrauen. Dann erst wird das Leben wahrhaftig zur Hölle. Bis dann eines Tages unser immer fröhlicher Ferdinand Rypar, der nach Willis Abgang auf unsere Zelle gezogen ist, freudestrahlend erscheint und einen Brief seiner Frau in der Luft schwingt. Sie liebt ihn zärtlich, er sie nicht weniger, und jedes Wort ihres Briefes atmet Anhänglichkeit und Zuversicht. Bilder werden hervor128 geholt und zum hundertsten Male bewundert. Und dann werden die alten Geschichten wieder lebendig und einer tröstet den andern. Und dann kommt eines Tages auch für dich ein Brief, und du weißt, du hast ihr unrecht getan. Und die düsteren Tage sind vorüber. Ein neuer Erlaß verbietet das Fressen von Kartoffelschalen. Das Stehlen roher Steckrüben wird mit Strafe belegt. Gleichzeitig wird ein jeder, der sein Pensum nicht leistet, auf verkürzte Ration gesetzt. Vier Wochen nach dieser Verfügung zeigen sich die Auswirkungen: im Betrieb V- Geschoßkorbflechterei erreichen 85 Prozent der Belegschaft ihr Pensum nicht mehr. Wie war das möglich? Essenausgeber und Vorarbeiter sind Kriminelle. Der Vorarbeiter hat im Einvernehmen mit dem Unternehmer eine Verschlechterung des Pensums erreicht. Dadurch erhalten 85 Prozent, die nunmehr ihr Tagessoll nicht mehr erreichen. weniger Essen. Das übrige Essen wird unter die 15 Prozent ,, Fleißigen" verteilt. Die Fleißigen: das sind der Essenausgeber, der Vorarbeiter und derjenige Korbflechter, der einen Tribut entrichtet. Ich vermute, Ich spreche mit dem Arbeitsinspektor. daß der Beamte erfahren genug ist, meine Argumente für richtig zu be.inden. Das ist mir bis jetzt öfters gelungen. Aber diesmal zuckt er die Achseln: er will nichts tun. Es ist mir bekannt, daß der Unternehmer mit ihm persönlich befreundet ist. So wird alles beim alten bleiben! Nun mache ich folgenden Vorschlag: Wer in der Korbflechterei sein Pensum nicht erreicht, möge bei mir Tüten kleben. Ich verpflichte mich, daß der Mann in meinem Betrieb vom ersten Tage an sein volles Pensum leistet, also auch volle Ration erhält. Bei mir gibt es bis zum letzten Tage so gut wie keinen Unterpensisten, also auch keine Kostabzüge. Ich verfüge über einen Fonds von 9 129 einigen hundert Tütenpensen, mit denen ich Anfänger und Ungeschickte— sofern sie keine Nazis sind—„finan- ziere‘. Auch Walter macht es in seinem Betrieb ebenso. Trotzdem zeigt die nächste Wiegung, daß in meinem Betrieb 7 Mann— das sind 12 Prozent der Belegschaft — weniger als einen Zentner wiegen. Gefangene, die ihr Pensum nicht leisten, werden unserm fröhlichen, meist angeheiterten Arzt vorgeführt. Dr. Brand — er hat sich seinen irdischen Richtern durch einen zu frühen natürlichen Tod entzogen, während sein Sanitäts- büttel Hartmann bei den Kämpfen um Hameln im. Früh- jahr 1945 den Tod finden wird— setzt bei guter Laune für Invaliden das Pensum auf Einhalb, Zweidrittel, Drei- viertel des Normalsatzes fest, oder auch nicht. Seht, in der Korbflechterei ist ein verstockter Sünder, der mit vorsätzlicher Bosheit— seine leicht hervorquel- lenden Augen können die Sabotageabsicht nicht ver- bergen!— von Tag zu Tag weniger arbeitet. Schlimmer: Er zerschneidet Material und vernichtet dadurch wert- volle Rohstoffe. Die erste Woche Arrest wird ihn gefügig machen. Weit gefehlt! Nach seiner Rückkehr aus dem Arrest setzt unser Kollege(er ist übrigens Devisenschieber, ein weit gereister Kaufmann und kann daher nicht dumm sein) sein Treiben in verstärktem Maße fort, wahrscheinlich in der irrigen Absicht, mit seinem Dickkopf durch die Wand zu rennen. Freund, die Wand ist dick und hart! Nach dem dritten Arrest bei Wasser und Brot wird er etwas über 70 Pfund wiegen. Unser Arzt hat die Arrestfähigkeit jeweils schrift- lich bestätigt. Im letzten Monat wird er ganze drei Pensen liefern. Auf Vorhaltungen seines Stationsbeamten werden seine Froschaugen störrisch ins Leere blicken. Nun— für Arzt und Anstalt ist es nunmehr eine ‚Prestigefrage, nicht nachzugeben. Unser Kollege kommt in Absonderung in den Zellenflügel. 130 Es kommt noch schlimmer! Der Kalfaktor wird durch einen teuflischen Gestank zur Zelle 32 gelockt, wo unser Freund eingesperrt ist. Ein Blick durch den ,, Spion" verrät ihm die Ursache des Gestankes: drin hat das Skelett einen Teller vor sich und frißt seinen eigenen Kot... Der Beamte des Zellenflügels ist ein einsichtiger Mann. Ei schafft den Mann ins Lazarett, wo er nach ein paar Wochen krepiert. Inzwischen hat der Lazarettkalfaktor den Arzt auf einen kleinen Umstand aufmerksam gemacht, den dieser offenbar übersehen hat: die Krankenakte weist aus, daß unser Kollege Syphilitiker war und sich im Stadium der Gehirnparalyse befand. Der Arzt scheint die gerichtsmedizinische Ansicht vertreten zu haben, daß dieser Zustand unter das ,, Heimtückegesetz" fällt. Mit abscheulicher Hinterhältigkeit hat das Gehirn des Delinquenten den Staat verhöhnt. Es zersetzte sich, ehe der Strafzweck erfüllt war! Warum geschieht nichts? Die Stimmungsberichte sind günstig. Es scheint draußen nur noch Kriegsmüde zu geben, aber keine Nazis mehr. Und trotzdem: es geschieht nichts! Oder geschieht am Ende doch etwas? Und man verheimlicht es uns? Nein, das ist unmöglich! ,, Karl, ich bin mit den Dingen unzufrieden!" Karl Tuttas, Fritz Schäfer, Tünnes und ich sitzen zusammen in meinem Lagerraum. ,, Kein Mensch kann mir weismachen, daß der Terror in Deutschland größer ist als beispielsweise in der Tschechei oder in Frankreich. Dort sind große aktive Widerstandsbewegungen bei uns rührt sich nichts! Heute müßte es für einen politischen Funktionär ein Vergnügen sein, in den Großbetrieben zu arbeiten, bei der Stimmung. Aber irgendwo muß etwas nicht stimmen." - ,, Zunächst müßt ihr berücksichtigen," wendet Karl, unser führender Kopf, ein ,,, daß die Mehrzahl der Betriebsarbeiter an der Front steht, in den Betrieben sind vielfach ausländische Gruppen, die sich schwer verständigen kön9* 131 nen, viele Frauen, und dann herrscht eben ein unvorstellbares Spitzelsystem. Ein großer Teil der klassenbewußten Arbeiterschaft ist eingezogen, so daß die ganze Lage anders beurteilt werden muß." ,, Gut," räume ich ein ,,, nehmen wir an, viele von uns sind an der Front. Warum geschieht nichts an der Front?" Ich führe Beispiele an von Genossen, die an der Ostfront gefallen sind. Warum sind sie nicht desertiert? Warum haben sie nicht die Waffen gegen die eigenen ,, Himmelstöße" umgedreht? Tünnes argumentiert, daß an der Front heute vielfach eine aussichtslose Situation besteht. ,, Die Partisanen können keine Gefangenen mit sich herumschleppen. Noch weniger können sie sich mit Ueberläufern befassen. Das verbietet ihre primitivste Sicherheit. Und ebenso wenig können sie einem deutschen Soldaten ansehen, ob er Kommunist ist oder nicht." Ich gestehe auch diese Notlage zu. Aber wie stellen sich unsere Genossen zu der Tatsache, daß auch abgeschnittene Truppenteile Wolchow, Ukraine, später die Atlantik- - Brückenköpfe in Frankreich auf verlorenem Posten kämpfen, ohne zu kapitulieren? Wer zwingt sie dort zum Kämpfen? Außer einer Handvoll Offiziere? Heftig stoßen sich die Ansichten im Raum. Das Verhalten der Truppe hat keine Parallele zum ersten Weltkrieg, wo das Schimpfwort ,, Kriegsverlängerer" von den kriegsmüden Soldaten selbst erfunden wurde. Es ist unmöglich, sich ein Bild über die wahren Verhältnisse zu machen. Wir wehren uns gegen den Gedanken, daß die Truppe auch heute noch kampfgewillt ist und ein zuverlässiges Instrument in der Hand ihrer nationalsozialistischen Führer. Und schließlich: Gab es nicht einen Paulus, von dem wir bereits Wundermärchen vernehmen? Ach, ein Paulus macht noch keinen Frieden! Bittere Ueberraschungen stehen uns noch bevor. 132 Alfred Jahn hat uns verlassen. Es war uns nicht gelungen, ihn vor Sachsenhausen zu bewahren. Er war Sozialdemokrat, und ich nehme an, daß er es auch heute noch ist. Ich war Kommunist, und bin es auch heute noch. Wir haben wenig über grundsätzliche Fragen diskutiert, aber ich weiß heute so gut wie damals: wenn es zu kampfen gilt, dann verlasse dich auf Alfred. Einige Monate später scheidet auch Tünnes von uns. Tünnes war ein kompromiẞloser Kämpfer. Auch sein Ehedrama hat ihn nicht erschüttert. Sein Abschied von Auguste war dramatisch. Er übersah die dargebotene Hand und erklärte: ,, Sie, Herr Oberwachtmeister, haben vor einem halben Jahr in der bewußten Angelegenheit eine feindliche Haltung gegen mich eingenommen, obwohl ich im Recht war, und das vergesse ich Ihnen nicht." Mag Auguste seine Aeuglein angstvoll aufreißen und ihm gut zureden wir stehen immerhin im vierten Kriegsjahr Tünnes bleibt ungerührt. Ein Jahr später wird eine Meldung zu uns hereinflattern, daß Tünnes das Essener Polizeigefängnis in Richtung Dachau verlassen hat. - * Bei uns in Hameln läuft der Film programmgemäß. In kurzer Zeit ereignen sich zwei offene Zusammenstöße zwischen Hilfsbeamten und dem Gewaltigen. Heinrich, der Ziegelbäcker, hat Walter die Geschichte brühwarm berichtet. Also - im Beamtenunterricht erscheint am Donnerstag Stöhr persönlich. Er beginnt eine donnernde Philip. pika über die Pflichten der Beamten. Er klagt über Defaitismus und offene Zersetzung. Beamtenfrauen hätten in Hameln öffentlich behauptet, die Frau Stöhr mit ihrer Siebenzimmerwohnung ginge in keine Fabrik arbeiten, dabei sei die Sache so: seine Frau sei krank, und die Wohnung Hier meldet sich Huckepuck zu Wort. Huckepuck ist von der Ostfront zurückgekehrt, fanatischster Nazi des Hauses und Hilfsbeamter. 133 ,, Das war meine Frau, Herr Regierungsrat," erklärt er kurz. Stöhr verlangt, daß Frau Huckepuck sich entschuldigen soll bei der kranken Frau Stöhr. ,, Das wird meine Frau nicht tun, denn sie ist ebenso krank wie Ihre Frau, hat keine Siebenzimmerwohnung und arbeitet doch in der Fabrik." Die Beamten sehen sich verstohlen an. Wird Huckepuck nicht auf der Stelle verhaftet? Der bleibt seelenruhig, zeigt auf sein steifes Bein und wirft beiläufig ein Wort über seine guten Beziehungen zum Kreisleiter ein. - Huckepuck, verhaßt im ganzen Haus, läuft von diesem Tag an mit einer leichten Gloriole ums Haupt durchs Haus. Mut hat der Kerl nickt man beifällig. Das wird allerdings den neuen antifaschistischen Heiligen nicht verhindern, bereits in der nächsten Woche seine politischen Denunziationen gegen Gefangene im alten Umfange fortzusetzen. - das weiß Meuterei ist eine ansteckende Krankheit jeder alte Militarist. Einige Wochen später schnauzt Stöhr im Gang des Verwaltungshauses den diensthabenden Hilfsaufseher in grobem Ton an. Die beiden Häftlingsschreiber in den Verwaltungsbüros trauen ihren Ohren kaum, als sie draußen folgenden Disput hören: ,, Herr Regierungsrat, ich verbitte mir diese Tonart!" ,, Was wollen's, verbitten wollen's sich sind Sie verrückt geworden?" - ,, Ich bin nicht verrückt und verbitte mir jede weitere Beleidigung von Ihnen!" ,, Sofort kommen's rauf in mein Büro." ,, Ich komme nicht herauf." Mit Nachdruck: ,, Ich erteile Ihnen den dienstlichen Befehl, sofort auf mein Büro zu kommen." ,, Und ich werde diesen Befehl nicht befolgen.". Brav, alter wackerer Schachtmeister, zeige ihm die Zähne. 134 Der Beamte dreht sich um und geht. Stöhr fliegt in sein Büro. Er ist außer sich. In einer Stunde geht die Kunde von Mund zu Mund. Nachmittags treffe ich ihn, unsern alten Schachtmeister. Es ist einer von denen, auf die wir uns verlassen können. „Wie war's denn heute morgen?" erkundige ich mich. Er erzählt mir den Vorgang. Er ist ein bescheidener Mann, der keine Heldentaten aus seinem Kampf mit dem Chef macht. Ich persönlich bin der Meinung, daß er mehr Tapferkeit an den Tag legte, als mancher ordenge- schmückte Held, der seinen Mut auf Befehl von oben leuchten läßt. „Nun, und wie ging die Sache aus?” forsche ich weiter. „Nach einer halben Stunde schickte er mir den Kalfak- tor mit einem Zettel“, berichtet er schlicht.„Da stand drauf, ich möchte so freundlich sein und zu ihm kommen. Nun, dann bin ich hingegangen. Dann sagte er, er sei halt aufgeregt gewesen. Und dann hab ich das gleiche gesagt — es hat ja auch gestimmt. Nun, und zum Schluß stand er auf, gab mir die Hand und sagte: ‚Alsdann, Herr Hölscher, geben's mir Ihre Hand, alsdann wollen wir uns wieder vertragen.‘ Ich drücke ihm unsere wärmste Sympathie aus, und er freut sich. * „Was heißt NN?" fragte Walter unsern Freund Onkel Luis, als die Neuankömmlinge im Zellenflügel unterge- bracht waren. „Tja“, meint Onkel Luis nachdenklich,„das wird wohl heißen: Nazi-Nachfolger!“ Zweifellos traf er den Nagel auf den Kopf. Die zwei- hundert Zugänge, die in allen Listen das Zeichen NN er- hielten, waren belgische und französische Freiheitskämpfer, die bei uns als Gäste in Schutzhaft sind. Der jüngste, der Schüler Andr&— 16 Jahre— war der erklärte Liebling aller Kalfaktoren. Sein 18jähriger Bruder sitzt in einer 135 Nachbarzelle. Der Aelteste, ein über 70jähriger belgischer Professor, kann sich im Zellenleben nicht zurechtfinden und leidet sehr. Die Haftbedingungen dieser isolierten Gefangenen sind erbärmlich. Sie dürfen nicht schreiben oder Post empfangen. Jede Vergünstigung ist ihnen versagt. Sie erhalten kein Bettzeug mehr. Der Barbier muß sie alle 14 Tage mit der Haarschneidemaschine rasieren, angeblich wegen Seifenmangels. Kurzum, alle Schikanen werden auf NN losgelassen. Walter ist ihr Vorarbeiter. Bald hat er persönliche Verbindung angeknüpft mit einigen NN- Führern. Wir starten eine Kampagne für eine menschenwürdige Behandlung dieser politischen Gefangenen. Der Hilfswachtmeister Dörries, SA- Mann, versucht, Ende 1943 im Zellenflügel das Prügeln einzuführen. Er wurde von uns beobachtet. Alsbald findet im Zimmer des Werkmeisters eine Konferenz statt, in der Walter nachdrücklich auf die Nachkriegsfolgen für uns Deutsche insgesamt hinweist. Schon tauchen damals auch bei uns die Gedanken der Kollektivschuld auf. Der Werkmeister zögert keine Minute. Dörries erhält eine scharfe Verwarnung, kommt zur Strafe auf den Hof und wird im Zellenflügel nicht mehr gesehen. Auf Außenarbeit! Könnt ihr euch vorstellen, Freunde, wie mir zumute ist? Wie trinkt der bleichsüchtige Körper die Sonne? Wie freuen sich die schlapp gewordenen Muskeln über die Betätigung. Wie behaglich verdaut der anspruchslose Magen das erste ,, Zivilessen"! Du siehst die ersten Frauen herumlaufen, auf den Straßen: Sind das Wesen aus dieser Welt? Nein, es sind Abgesandte des Himmels. Sie laufen nicht sie schreiten daher. Sie lächeln dich an, graziös ist jede ihrer Bewegungen. 136 - Es dauert Tage. bis du bemerkst, daß deine eine Freundin leicht hinkt, daß die andere vorstehende Zähne hat und die dritte etwas zu breite Hüften. Unvergeßliche erste Tage! - Früh um 5 Uhr der Mond steht noch bleich am Himmel poltert ein Pferdefuhrwerk mit 10 Mann und einem Beamten durch das schlafende Städtchen. Wir liegen im Stroh vergraben, man raucht ein Pfeifchen und schaut träumend in die Luft. Langsam rötet sich der Horizont im Osten. Wir fahren durch Wälder und über Berge heute nach Diedersen. morgen nach Königsförde, heute mit dem Pferdefuhrwerk. morgen mit der Eisenbahn oder mit dem Trecker. Die Arbeit ist schwer: Rübenziehen, Dreschen, Kartoffelnlesen, Baumstümpferoden sind für den Stubenhocker Probleme. Sie werden bewältigt wobei mir persönlich zugute kommt, daß ich auf Grund eines Abkommens mit dem Werkmeister nur wochenweise hinausgehe auf wechselnde Kommandos, aber im übrigen meinen Tütenbetrieb beibe halte. Während meiner Abwesenheit führt Sepp Knau Nachfolger von Alfred Jahn die Geschäfte. Heute, am 26. Juli 1943, sind wir nach Tündern verpflichtet. Unser Kommando hat sich im Schlafsaal 4 versammelt, wir warten fröstelnd auf das Ausrücken. ,, Heute wird es mies werden," meint ein kleiner alter Schnauzbart. ,, Tündern ist eine verrufene Gegend. Ich war im letzten Jahr da. Nee," er spuckt mißmutig aus, ,, eine Gesellschaft von dreckigen Geizkragen." Eintönig plätschert das Gespräch dahin. Längst sollten wir ausgerückt sein. Was mag los sein? ,, Paßt auf," flüstert einer ,,, da scheint eine Filzaktion im Gang zu sein. Hört ihr nicht draußen das Hin- und Herrennen?" Wir hören deutlich draußen auf den Gängen eilige Schritte, unterdrückte Kommandorufe - irgend etwas 137 H S 6 H ,, Halt, 1 stimmt da tatsächlich nicht. Sorgfältig wird Feuerzeug und Tabaksbeutel verstaut. Sicher ist sicher. Dann wird plötzlich die Tür aufgerissen. ,, Kommando Tündern, raustreten!" tönt ein Kommando. Onkel Luis ist Kommandoführer keine Sorge! - Wir treten an. Auch der Oberaufseher, der Hausvater und der Polizeiinspektor sind bereits da. ,, Sind hier Ausländer dazwischen?" fragt der Erste Hauptwachtmeister. Zwei melden sich. ,, Links raustreten." Dann fragt er jeden einzelnen nach seinem Faktum. ,, Diebstahl, 175, Wehrkraftzersetzung links raus Diebstahl." - weiter." - Mich fragt er nicht - ,, Sittlichkeit, Devisen, nochmals wir kennen uns. ,, Gut, mit sieben Mann abrücken!" Auf dem Hof steht der Gewaltige persönlich, in SSUniform, breitbeinig, und läßt jedes Kommando an sich vorbeidefilieren. Als wir passieren, erblickt er mich und ruft mich zu sich. Onkel Luis ist etwas nervös. ,, Goguel, Sie sind der einzige politische Gefangene, der heute ausrückt. Ich erwarte von Ihnen einwandfreie Haltung." Kehrt. Abmarsch. - Was ist bloß los? Unterwegs bekomme ich Onkel Luis zu fassen. ,, Sagen Sie, was ist denn passiert?" frage ich ihn. Onkel Luis sieht sich vorsichtig um, dann nimmt er mich beiseite und flüstert: ,, Sagen Sie noch niemand gestern wurde Mussolini verhaftet. In Italien ist die Revolution ausgebrochen..." etwas - - Hei, wie heute die Garben in die Maschine fliegen! Heissa brummt der Motor! Köstlich mundet der kümmerliche Fraẞ( gerade heute arbeiten wir beim größten Geizkragen von Tündern), noch einmal so hell jubeln die Lerchen draußen: Das Strafgericht hat begonnen!! 138 a Intermezzo 1946 Hameln, den 14. 8. 46. Karl Stöhr, Reg. Rat Sehr geehrter Herr Goguel! Wundern Sie sich bitte nicht, wenn ich Sie anschreibe. Zwar hatte ich auch schon früher Ihnen gegenüber ist Sympathien wegen Ihrer geraden Haltung, aber es etwas Besonderes, wenn man als Bittender heute kommt. Herr Stühn hat mir nahegelegt, mich an Sie zu wenden, und zwar in folgender Sache: Da ich Ich möchte mir die Anfrage erlauben, ob Sie mir ein berufliches und bzw. oder politisches Leumundszeugnis ausstellen können. Ich will das Entnazifizierungsverfahren betreiben und benötige einige Gewährsmänner. und zwar erst 1941 aus Süddeutschland( Bayern) kam, nach hier, habe ich mit wenigen hier Verbindung bekommen, zumal ich mich von politischen Kreisen fernhielt und auch nicht erkannte, wer seinerzeit von den Aus andern Menschen nicht zu den politischen zählte. Bayern selbst kann ich auch keine Bestätigungen mehr erhalten, obwohl entlastende Grundlagen genügend da wären. Mein Heimatstädtchen ist fast völlig zerstört, und die Zeugen sind meist tot, vor allem mußten meine Eltern und Großeltern in den letzten Tagen durch Bomben ihr Leben lassen. Wir haben dort unten alles und das Von Liebste verloren, leider auch die internen Zeugen. den Geschwistern meiner Frau kamen in den letzten Tagen Vom Total3 um, ferner 2 Schwägerinnen und 1 Neffe. verlust aller Vermögen überhaupt nicht zu reden. Selbst wenn ich ein kleiner Aktivist gewesen wäre, hätten wir doch sicherlich genügend gebüßt. Die Entnazifizierung ist für unsereinen nicht leicht. Weil ich einen höheren juristischen Dienstgrad hatte, wird das auf die politische Stellung entsprechend übertragen, und 139 J schon war ich ein ,, alter" und ,, hoher" Nazi. Tatsache ist dagegen- und was ich Ihnen sage, ist genau so wahr, wie seinerzeit Ihr Wort, daß Sie mir gaben daß ich in die Partei Mai 1937 eintrat, keinerlei Amt hatte, 1937 mich zur SS meldete. Erstmals tat ich Dienst, als ich nach langer beruflicher Abwesenheit vom Wohnsitz in Hameln seẞhaft wurde und 1943 zum Dienst herangezogen wurde. Dabei habe ich nie eine Verpflichtung oder Vereidigung mitgemacht. In der SS bin ich nur bis zum Rottenführer gekommen, 1944 erklärte ich meinen Austritt. In meiner Heimat waren wir ständig als schwarz verschrien. Ich hatte dauernde Beargwöhnungen und Hintansetzungen mitzumachen, deren Einzelheiten hier zu weit führen würden. 1933 war ich mit einem großen Teil meiner studentischen Bundesbrüder als Opposition gegen die SA in den Stahlhelm eingetreten, später im Oktober wurden wir übergeführt" in die SA, und 1935/36 warf man mich als für die SA unbrauchbar wegen Untreue heraus. 1937 sollte sich für mich die Uebernahme ins Beamtenverhältnis entscheiden. Der Personalreferent in Bamberg befürchtete meine Ablehnung wegen Parteilosigkeit. Ich solle einstweilen in eine Gliederung, und zwar in die SS eintreten, bis da wegen der Abstammung ich aufgenommen würde, würde inzwischen die Parteimitgliedschaft kommen, dann könne ich die SS wieder fahrenlassen. Und so geschah es, dann wurde ich sie nicht mehr los. Ich hatte dann hier so einige Schwierigkeiten: Bespitzelung durch Beamte in der Anstalt, 1944 ein Verfahren wegen defaitistischer Aeußerungen aus dem Jahre 1941 beim Justizminister, anschließend wegen der gleichen Sache ein Kreisgerichtsverfahren durch den Umsturz in letzter Minute überholt schließlich leistete man sich gegen mich noch eine Unzuverlässigkeitsbeschuldigung bei der Ortsgruppe und SSHimmler. Was bin ich froh, daß hierfür wenigstens noch die meisten Unterlagen vorhanden sind. In der Anstalt 140 - - - beide und - tat ich nur meine Pflicht. Manche halten mich heute für zu streng. Ja, in einem solchen Betrieb mußte Ordnung sein. Ich kann aber versichern, daß ich nur die Korrektheit erstrebte, und zwar sowohl bei den Gefangenen als auch bei den Beamten, und Ordnung muß sein, und man kann sie in einem solchen Fall nicht durch zu lockere Zügel halten. Wer sich aber anständig führte, hatte es bei mir gut. Inzwischen werden Sie ja durch die Presse so manches über das Zuchthaus Hameln gehört haben, wohl auch im Rundfunk. Ich war schon auf zwei Prozessen als Zeuge, darüber, daß in den letzten Tagen die gefährlicheren Gefangenen vergiftet und notfalls erschossen werden sollten. Dieser Befehl kam von der Kreisleitung, die sich alle Macht angemaßt hatte und mich selbst bei Verweigerung mit dem Tode bedrohte. Es waren fürchterliche Stunden für mich. Ich konnte es abbiegen und brachte die letzten Leute den Herren noch aus den Fingern. Es wären etwa 1000 Personen in Frage gekommen. Der Befehl wäre sehr leicht auszuführen gewesen, viel schwerer war es, ihn zu umgehen. Mancher Politiker würde heute nicht mehr leben. Ich möchte ja davon nicht gerne reden, weil Eigenlob manchmal stinkt. Ich bin aber heute so froh, daß ich damals die Stärke zum Verweigern aufbrachte. Wenn ich es nicht müßte, würde ich es kaum erwähnen. Nur über eines komme ich nicht hinweg, daß man mich über 1/2 Jahr in politischer Haft festhielt, obwohl ich doch gar nichts angestellt hatte. Ich glaube aber, daß das mit den genannten Vorgängen zusammenhing. Ich will versuchen, die Politik von einer höheren Warte aus zu betrachten. Im Amte bin ich noch nicht wieder, ob ich wieder reinkomme, weiß ich nicht, es kostet einen Versuch. Zur Zeit arbeite ich als Tüncherhelfer in Fabrikhallen bei einem Stundenlohn von 70 Pfennigen. Es ist unter anderem in diesen Fabriken sozial gesehen äußerst interessant. Zwar habe ich als Student schon ähnlich gearbeitet, um meine 141 Studienkosten zu verdienen, heute aber ist dieser Arbeits- einsatz für mich auch eine soziale Frage. Jedenfalls kann ich viele Erfahrungen interessanter Art machen. Nun, Herr Goguel, habe ich Ihnen einiges mehr er- zählt, damit sie etwas von mir wissen. Nochmals, es ist keine Uebertreibung oder Unwahrheit dabei. Es geschah, damit Sie sich ein Bild von mir machen können. Wenn Sie mir eine den Tatsachen entsprechende Bestätigung (2fach) senden könnten, wäre ich Ihnen dankbar. Wenn nicht, bin ich Ihnen selbstverständlich auch nicht böse. Grüßen Sie mir inzwischen den herrlichen Bodensee und Süddeutschland, nach dem ich wieder so bald als möglich ziehen werde, auch wenn ich in-einen anderen Beruf, gleich welcher Art, kommen werde. Ergebene Grüße Ihr Karl Stöhr. * Sepp Knau, Silberschmied, Spanienkämpfer, Revolutionär von echtem Schrot und Korn— ein neuer Typ. Die Spanienkämpfer bringen frischen Wind ins Haus. Es sind nur drei Mann— zwei Kommunisten und ein Sozialdemokrat— aber sie haben das, was uns alten Ein- geborenen fehlt: Erfahrungen! Sepp, alter Bielefelder Funktionär, hat die Emigration und Spanien ausgekostet bis zur Neige. Interbrigadist seit 1936, erlebt er den Zusammenbruch im Jahre 1939 in Barcelona. Französische Internierungslager, Saharabahn, wiederum Frankreich(gefesselt wurden sie durch Mar- seille geführt, denn das damalige Frankreich sah in den Spanienkämpfern unerwünschte Bazillen),. Arbeitsbataillon im Krieg, Auslieferung an die Gestapo nach dem Waffen- stillstand, endlich Hameln: das sind die Stationen seines bewegten Kämpferlebens. Sepp ist ein Mann mit selbständigen Ansichten und scharfem kritischen Blick. Mit lebhaftem Mienenspiel des 142 faltigen Gesichts malt er uns Kampfszenen und Lagererlebnisse in bunten Farben, je nach Belieben atemlose Spannung oder Lachsalven auslösend. Die Rolle der Anarchisten, der Aufstand der POUM, Dolores Ibarruri und Caballero werden vor unseren Augen lebendig. Bei den Diskussionen mit den Spaniern kommt uns alten Zelleninsassen zum ersten Mal deutlich zum Bewußtsein, daß sich in unserer revolutionären Arbeit verschiedene Ströme zusammenfinden werden. Strömungen, die durch den Zwang der Verhältnisse der letzten Jahre ganz verschiedene Menschentypen geschaffen haben. Seht, die Emigranten haben uns mancherlei voraus. Wir wollen das nicht abstreiten: Sie sind belesen und bestens informiert, haben praktische Schulung in Strategie und Taktik auf den verschiedenen europäischen Kriegsschauplätzen erhalten. Sie standen stets in Verbindung mit irgendwelchen zentralen Parteistellen. - - Es möchte uns manchmal bedrücken, daß wir in diesen 9 Jahren abseits vom großen politischen Strom gelebt haben, isoliert von den umwälzenden Geschehnissen. Aber dann sehen wir in Rede und Gegenrede plötzlich, daß in der Beurteilung unserer eigenen der deutschen Situation sie, die Emigranten, es sind, welche sich isoliert haben. Ihnen fällt es schwerer, sich von den Vorstellungen der spanischen oder französischen Verhältnisse zu lösen und die deutsche Mentalität zu begreifen. Trotzdem werden wir uns in der zukünftigen politischen Arbeit aufs beste ergänzen. Sepp zaubert Zukunftsbilder. - ,, Soso, aha, also wie heißen Sie? Dörries heißen Sie? Stimmt das?" Mit einem aufmunternden Lächeln: ,, Dann sind Sie wahrscheinlich der ,, Eseltreiber", nicht wahr? So hat man Sie doch genannt." Das Gesicht legt sich in strenge Falten: Wie? Das wissen Sie nicht? Nun, das ist auch gar nicht nötig! Es genügt, wenn ich es weiß! Also, Dörries, treten Sie mal näher. Erzählen Sie uns doch 143 - - - mal, was Sie am 13 September 1943 getrieben haben, denn das interessiert uns ganz außerordentlich." Die Augenbrauen ziehen sich ungläubig erstaunt in die Höhe: ,, Das wissen Sie auch nicht mehr? Nun, dann denken Sie einmal ein wenig nach: Da hatten Sie also Dienst im Betrieb Serong kann das stimmen? Sehen Sie: Immerhin etwas! Dann kennen Sie also auch den Zeugen Altenburg aus Hamburg, nicht wahr?" Crescendo, die Stimme bekommt langsam markantere Töne: ,, Den kennen Sie auch nicht? Ei, sieh mal einer an. das ist ja hochinteressant! Vielleicht kann ich Ihnen ein wenig auf die Sprünge helfen. Das war derjenige, den Sie an dem bewußten Tag vor versammelter Belegschaft gedehnt und drohend ,, verprügelt haben! Nein? Davon wissen Sie nichts? Uebrigens: Warum zittern Sie so?" Väterlich besorgt: ,, Beruhigen Sie sich doch! Es tut Ihnen ja keiner etwas!" Sepp legt eine kleine rhetorische Pause ein, um den verängstigten Delinquenten verschnaufen zu lassen. Dann fährt er fort: ,, Sagen Sie, Dörries, Sie sind doch sonst ein ganz anständiger Mensch, nicht wahr? Sehen Sie: Endlich mal eine Zustimmung! Dann sind Sie doch auch der Auffassung, daß Mißhandlungen etwas Abscheuliches sind, nicht wahr?" Und nun ganz leise: Was würden Sie für eine Strafe festsetzen für einen Mann, der wehrlose Gefangene mißhandelt ich meine jetzt ganz allgemein, denn Sie sind ja offenbar unschuldig- Jetzt mit Metall in der Stimme: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Nicht wahr, Dörries, das ist doch auch Ihre Meinung? Oder?" - Wie die Katze mit der Maus, so spielt Sepp mit dem zukünftigen Delinquenten, der vorläufig noch draußen im Tütensaal das Kommando führt. Es dämmert im Lagerraum. Wir sitzen im Kreis um Sepp herum, ein paar Mann von uns alten, und eine Vision von Vergeltung und Gerechtigkeit schwebt durch 144 das vergitterte Fenster herein: Jawohl, so wird es einmal kommen: Auge um Auge... so dachten wir damals! * Inzwischen geschieht einiges. Die ursprünglich von der deutschen Propaganda bagatellisierte Landung in Marokko wird zum Ausgangspunkt einer sich immer wuchtiger vorwärts schiebenden Walze, welche die Deutschen aus Afrika drängt, sich über Sizilien aufs italienische Festland vorarbeitet und tief in Europas ,, weichen Unterleib" eindringt. Die Luft ist mit Spannung geladen. Plötzlich bricht das Unwetter los: Am 6. Juni erkämpfen sich die ersten Invasionstruppen auf der Halbinsel Cotentin die Landung. Wochenlang verfolgen wir das atemraubende Hin- und Herwogen der Kämpfe, ohne ein eindeutiges Bild der Situation zu gewinnen. Regelmäßige illegale Berichte, die uns von Walter Spengemanns Mutter in meisterhafter Fassung zugehen, verschaffen uns allmählich Klarheit. Der letzte Akt bricht an. Bald folgt Schlag auf Schlag. Ein schwieriges Problem: Ist der Staat tatsächlich das Instrument der herrschenden Klasse, wie der Marxismus das lehrt? Soll es stimmen, daß die führenden Wirtschaftskreise auch heute noch in der Lage sind, Hitler jederzeit zu beseitigen, wenn seine Politik ihren Interessen zuwiderläuft? - Bei manchen Genossen zeigt sich eine andere Auffassung. Ihr kennt den Zauberlehrling ,, die ich rief, die Geister werd' ich nun nicht los!" Denn seht, so sagten sie: seit der Invasion konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß der Krieg verloren war. War es von Vorteil für die deutsche Industrie, weiter zu kämpfen bis zur vollständigen Zerstörung aller materiellen Werte? 10 145 Ich vertrat den Standpunkt, daß die Bourgeoisie nach wie vor genügend Druckhebel in der Verwaltung und ins- besondere in der Armee besaß, um ihren Willen durchzu- setzen. Wenn der Krieg begonnen wurde im Interesse der herrschenden Klasse, dann mußte diese Klasse auch sein Ende bestimmen können— oder jede geschichtliche Logik hatte ihren Sinn verloren. Aber das Attentat vom 20. Juli? Zeigte sich nicht ge- rade hier, daß die Bourgeoisie Hitler abschütteln wollte, daß es aber zu spät war, weil sie inzwischen ihre Macht aus den Händen gegeben hatte? Ist heute nicht offenbar geworden, daß Hitler und seine Partei Amok läuft? Freunde, antwortete ich ihnen, der Putsch ist miß- glückt, weil die entscheidenden Teile der Bourgeoisie eben gerade nicht hinter den Putschisten standen, sondern auch heute noch Hitler stützen. Es waren nur einige oppositionelle Elemente, die das Attentat organisiert und getragen haben. Denn, so argumentierte ich weiter, es ist vollkommen absurd, anzunehmen, daß eine so mächtige Klasse wie das deutsche Finanzkapital die Kontrolle über ihre eigenen gewaltigen Produktionsmittel aus der Hand geben sollte. Warum sich das Kapital entschlossen hat, bei Hitler bis zum Schluß auszuharren, war mir allerdings unklar. Denn von einer Hoffnung auf Wende des Kriegsglücks konnte nicht gut mehr die Rede sein. Und daß bei den wohlinformierten Politikern von Kohle und Chemie die Hoffnung auf eine Spaltung der Alliierten bestand— eine Ansicht, die nicht einmal in unseren Reihen einen ein- zigen Tag ernsthaft Fuß fassen konnte— war noch weni- ger anzunehmen.; Wie gesagt: Diese Frage mußte ich offen lassen. Aber mir scheint, daß nach den Aussagen des Wirtschafts- ministers Funk in Nürnberg sich meine Ansicht als zu- treffend erwiesen hat. 146 Das Chaos bricht über uns herein. Mit dem Vorrücken der Alliierten in Ost und West schmilzt der deutsche ,, Lebensraum" von Woche zu Woche zusammen. Gefängnisse und Lager werden evakuiert und ins Landesinnere verbracht. Hameln ist eine Art Umschlaghafen. Transporte aus dem Rheinland rollen an. Sie bringen eine Flut von Flöhen und Läusen mit, die sich mit Windeseile über das ganze Haus ergießen. Platz ist nicht mehr da. Es fehlt an Kleidung, an Lebensmitteln, es fehlt an allem. Von Ordnung und Menschlichkeit ist nun keine Rede mehr. Die Dinge wachsen uns über den Kopf: Die letzten Monate in Hameln werden schrecklich sein. So rückt mein Abgangstag heran. ,, Ich beneide dich", sagt Walter am Vorabend. ,, Jetzt wirst du nach Sachsenhausen kommen und da die Elite aller Nazigegner antreffen. Leute, gegen die wir hier nur kleine Provinzpinscher sind. Dort weht ein internationaler Wind! Du wirst nun noch vor Toresschluß die letzten Semester einer wirklichen politischen Hochschule absolvieren!" Ich muß euch noch einmal bitten, Freunde: Schüttelt nicht eure Häupter! Haltet uns nicht für schwärmerische oder verzückte Wiedertäufer oder fanatische Gläubige. Nichts wäre verkehrter als das. Wir waren nur eins: Realisten. Und das hat uns vielleicht davor bewahrt, vor der Zeit abzuwracken... Wir malen uns mit umständlicher Breite aus, wie sie in den Lägern sicherlich große revolutionäre Organisationen besitzen, in denen die Besten der Besten beweisen, daß sie die Lehren aus den langen Jahren der Illegalität gezogen haben. Es klopft. Dreimal kurz spricht England". - einmal lang. Aha ,,, Hier ,, Come in, Sir", ruft Walter. Ein Schlüssel klirrt, unser Freund Heinrich, der Ziegelbäcker, besucht uns, um Abschied zu nehmen. 10* 147 „Na, Langer, laß die Ohren nicht hängen, wenn du noch nicht gleich zur Mutti kommst. Lang geht's nimmer.“ „Nee, Hein,“ ertönt's im Chor,„keine Sorge!"„Denn weißt du‘, erläutere ich unsern Standpunkt,„lieber ist's mir schon, wenn draußen die roten Fahnen wehn und die Glocken läuten zu unserer Begrüßung und man uns in Ehren herausholt'. „Du, Hein“, flachst Walter,„Du mußt langsam an- fangen Posaune blasen lernen. Onkel Luis stellt schon die Kapelle zusammen für den proletarischen Freiheits- marsch." Wir rauchen gemeinsam eine Abschiedszigareite. Hein war der letzte von unseren Beamtenfreunden, der mir Lebwohl sagte. Heute— am 27. 9. 1944— weiß jeder Beamte, was kommen wird. Einige von ihnen werden bis zum letzten Tage ihre Henker-Allüren nicht ablegen und im Chaos des Umsturzes ein verdientes Ende finden. Aber andere werden sich beim Anmarsch der Alliierten und beim Kampf um Hameln als wahre Genossen erwei- sen. Kein Wunder also, daß zum Abschied von allen Seiten Segenswünsche ertönten, und daß das Hände- schütteln kein Ende nehmen wollte, Walter, mein Junge, und du, Karl Tuttas— lebt wohl, ihr Lieben, lebt wohl bis zur ersten großen Freiheitsfeier draußen— in Berlin, oder in Hannover, oder irgendwo im Ruhrgebiet... 148 Zwölftes Kapitel Sachsenhausen Die Hochschule für Politik" sitzen wir beieinander. Ein Daus Düsseldorf, unter denen en Paar Sozialdemokra der Reichstagsabgeordnete Gerlach, dann ein Spanienkämpfer aus Remscheid, Alfons Neumann( sein Bruder war unser Vorarbeiter in Lüttringhausen und liegt vor Leningrad begraben) und allerlei fahrendes Volk. Zweifelhafte Figuren mit abenteuerlichen Geschichten. Wir alle wollen zum., Alex", die meisten von da nach Sachsenhausen. Was hört man von Sachsenhausen? Sachsenhausen ist näher als ihr denkt, Freunde! Kaum haben in der Nacht die Sirenen ihre Luftwarnung ausgeheult, da wird der Saal aufgerissen und in die Finsternis ein Schub Menschen hereingeschoben. Taschenlampen schnarren und flammen sekundenweise auf zehn Zebrafiguren stehen zwischen den Holzpritschen. - Nach einer Minute ist der stockdunkle Raum von klatschenden Schlägen, Fluchen und Geschrei erfüllt: ein Saalinsasse wird von der Pritsche heruntergeprügelt, weil ein Zebra seinen Platz haben will. Dazwischen erschallen unaufhörlich entrüstete Flüche und selbstbewußte Beteuerungen. Bald weiß es der Saal: die zehn sind Kapos*), die das Lager Arnheim von holländischen Häftlingen evakuiert haben und nun mit einem SS- Führer auf der Heimreise begriffen sind. *) Häftlinge, die Vorarbeiterposten bekleiden 149 Am Morgen werden wir feststellen, daß alle auf ihrer Zebrauniform Häftlingsnummern aufgenäht tragen, aber keiner hat einen farbigen Winkel— das Zeichen seiner Häftlingskategorie. „Der Dicke da, Felix heißt er, ist ein Genosse von uns,” flüstert mir Alfons zu. Bald gelingt es uns, Felix in ein Gespräch abseits von den‘anderen zu verwickeln. „Sag mal," frage ich ihn nach Austausch der üblichen Personalien,„seid ihr alle Kommunisten? Ein jeder von euch nennt sich hier„alter Bolschewik‘, aber daneben höre ich nur Geschichten von Fressen und Schieben, von Puff und Prügeln. Ich muß schon sagen, Dicker, bei uns im Zuchthaus haben wir uns über andere Dinge unter- halten!‘ „Ja, mein lieber Junge," der Dicke hat etwas Väter- liches an sich,„du mußt eben gründlich umlernen. Hier sind wir nicht im Zuchthaus, weißt du, sondern in der rauhen Wirklichkeit.“ Er dämpft seine Stimme bis zum Flüstern, während seine Aeuglein unruhig umhereilen:„Nur drei von uns sind politisch: das ist der Kleine, er heißt Martin und ist aus Sachsen; dann der lange Bayer— Julius Baumgarten. Die andern sind kriminell, aber wir haben vereinbart, ohne Winkel zu reisen. Pst," er legt den Finger auf den Mund,„laßt euch nicht merken, daß ihr Bescheid wißt!" Wir sehen uns an, Alfons und ich, ein leises Ver- wundern im Blick. Die Dinge werden schon an uns herankommen. Aber seltsam sehen diese Dinge aus. Das war im Polizeigefängnis Hannover... Ich will mich nicht mit den Einzelheiten des KZs. Sach- senhausen aufhalten. Es wird genug Leute geben, die darüber berichten. Dagegen möchte ich euch den Ein- druck schildern, den die politischen Verhältnisse dort auf uns machten. 150 Es gibt ein gewisses Milieu, eine Atmosphäre, die sich dir mitteilt, wenn du in ein Haus, eine Gemeinschaft kommst. Wer wie ich durch viele Zuchthäuser und ähnliche derartige ,, Gemeinschaften" geschleift wurde, bekommt eine Witterung für die Dinge. Da sind lauter Kleinigkeiten, etwa: wie ein Gefangener einen vorübergehenden SS- Mann grüßt, wie ein Ausländer mit einem Deutschen spricht, wie die Betten gebaut sind und dergleichen, die Tonart, die Lagersprache kurz alles das vermittelt ein Bild, - welche Elemente hier den Ton bestimmen. Bis zum Nachmittag hatte ich folgendes beobachtet: der Blockälteste Arthur, ein Rotwinkel mit niedriger Nummer, hatte drei Ausländer verprügelt, und zwar mit einem Knüppel. Der Stubenälteste Heinrich, ein Rotwinkel und wie ich später erfuhr, Bergmann aus Duisburg und Bekannter von Tünnes kochte sich sein Mittagessen( Bratkartoffeln mit Fleisch und Rotkraut) auf seinem elektrischen Kocher, während die übrigen Gefangenen den Schweinefraß vorgesetzt bekamen. Unsere zehn Kapos bekamen einen Extratisch und einen eigenen Hausknecht zugewiesen. Sie bekamen so viel Essen wie sie wollten, aber die meisten holten aus ihren Rucksäcken eigene Lebensmittel Konserven, Wurst, Butter heraus. - Am Abend war mir klar geworden: hier regiert BV*)! Die nächsten Tage sollten mir weiteren Aufschluß geben. Bereits am folgenden Morgen diktiert mir der Blockälteste eine Stunde Kniebeuge, da ich, als er mich ansprach, die Hand in der Hosentasche behielt. *) Häftlingskategorie ,, Berufs- Verbrecher" mit grünem Winkel im Gegensatz zu den politischen Gefangenen mit rotem, Bibelforschern mit violettem, Asozialen mit schwarzem Winkel. 151 Wutschnaubend stürze ich zu Felix. ,, Felix, du bist hier alter Lagerfuchs, gehe zu dem Kerl hin und sag' ihm, wer ich bin. Er scheint mich für einen Kriminellen zu halten!" ,, Mein Junge," Felix' etwas fette Stimme klingt wiederum väterlich ,,, ich gebe dir einen guten Rat: Mach deine Stunde Kniebeuge und rede hier nicht so viel. Der weiß schon ganz genau, wer du bist, aber hier herrscht nun einmal Disziplin!" an. Julius Baumgarten, der Bayer, sieht mich verächtlich Dann meint er wegwerfend: Was ist schon dabei? Ihr Herren aus den Zuchthäusern müßt nicht so empfindlich sein. Ihr müßt erst das mitmachen, was wir erlebt haben. Dann habt ihr vielleicht Grund zum Jammern vorher nicht!" Gut. Ich stehe Kniebeuge. - Abends verkünden uns die zehn Kapos, daß wir übrigen vier ,, Reichsdeutschen"( von politisch war keine Rede) an ihrem Honoratiorentisch Platz nehmen dürfen. Am folgenden Morgen begann das Drama. Kurz nach dem Wecksignal um 3 Uhr ertönt ein fürchterliches Geschrei aus dem Waschraum. Ich stürze hinaus. Dort ist eine Schlacht im Gange. Die Kapos reißen Holländern und Russen die Hemden vom Leib. Latten und Peitschen sausen durch die Luft auf nackte Körper. Ich sehe Julius Baumgarten aus Dachau, der sich selbst mit Vorliebe als ,, alter Bolschewik" bezeichnet, bei der Arbeit. ,, Ihr verdammten Schweine," gröhlt Julius ,,, ihr wollt euch nicht waschen! Herunter mit den Klamotten! Euch wollen wir wohl Ordnung beibringen!" Ich gerate in das Gedränge, bekomme auch einige Hiebe und schlage mich durch das Gewühl zum Schlafraum durch. Dort erhebe ich meine Stimme: ,, Da draußen sind ein paar Idioten wahnsinnig geworden. Die prügeln wie die 152 Iırsinnigen auf die Muselmänner los. Die werden sich noch was wundern!“ So und ähnlich leere ich meinen Kropf aus. Die an- gesammelte Wut muß von der Leber. Beim Kaffee, um 6 Uhr, erhebt sich Julius Baumgarten aus Dachau zu folgender Rede:„Da ist hier so ein frommer Salonkommunist aufgetaucht. Der Kerl glaubt, uns alien KZlern Vorschriften machen zu müssen. Wer heute noch nicht weiß, daß wir Deutsche hier im Lager zusammen- halten müssen, der mag auch zu seinen russischen Schütz- lingen gehen und mit ihnen aus einem Napf fressen. An unserem Tisch hat dieser Herr- nichts verloren!" Urteil: Der Zugang Goguel wird verurteilt, am.‚Russen- tisch zu sitzen(die Russen bekamen pro acht Mann eine Eß-Schale, aus der sie nacheinander mit einem einzigen Löffel fressen mußten). Der Zugang Goguel wird feierlich aus dem Kreis der deutschen Häftlingsaristokraten ausge- stoßen, in den er gestern erst aufgenommen war. Er muß beim Appell sämtliche Schikanen, die der Blockälteste diktiert— stundenlange Kniebeugen, auf dem Bauch her- umrutschen, rollen und hüpfen— mitmachen. An diesem Abend hat mich Heinrich Niebes nach langem Suchen entdeckt. Es wird ein Wiedersehen, wie ich es selten erlebte. Vor dem Block gehen wir auf und ab in der Lager- straße. Ich schütte Heinrich mein Herz aus. „Heinrich, wo sind wir hier hingeraten? Sind das unsere Leute? Ich armer Irrer, mit welchen Illusionen bin ich hierhergekommen? Eine Hochschule des revolu- tionären Klassenkampfes hoffte ich hier vorzufinden, die Besten der Besten.... und was sind das hier für Kerle? Banditen, Banditen und nochmals Banditen. Nimm mir’s nicht übel, Heinrich, ich möchte langsam die Brocken hin- werfen.“ 153 ,, Du kommst in eine schlechte Situation," nimmt Heinrich seinen Bericht auf. Er bekleidet einen Posten im SSProviantamt, ist gut in anständiges Zivilzeug gekleidet und hat mir Lebensmittel und Tabak mitgebracht. Er gibt mir einen Ueberblick über die gesamten Verhältnisse in Sachsenhausen: ,, Soeben ist eine SS- Untersuchungskommission im Lager an der Arbeit. Der Lagerälteste, ein Aso, hat umfangreiche Denunziationen vom Stapel gelassen. Eine Reihe politischer Funktionäre wurde von ihren Posten als Blockälteste und Kapos abgelöst und eingesperrt. Sie sollen ein Verfahren im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli bekommen." Wenige Tage später wird Ernst Schneller, ehemaliges Mitglied unseres Zentralkomitees, mit 27 Funktionären auf ,, Transport" gehen. Im Lager wird man sie als Todeskandidaten abschreiben. ,, Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht," fährt Heinrich in seinem Bericht fort ,,, das Lager wimmelt von Spitzeln und Provokateuren. Vertraue nicht auf den roten Winkel. Auch unter den politischen Gefangenen sind korrumpierte Elemente. Jedes unbedachte Wort, besonders wenn du hier neu und unbekannt bist, kann dir Kopf und Kragen kosten." Noch lange sprechen wir miteinander. Von Heinrich erfahre ich auch, daß Lambert Horn, unser kommunistischer Führer vom Niederrhein, tot ist. Vor allem aber erhalte ich Einblick in die politische Vorgeschichte der Konzentrationslager. Nicht überall liegen die Verhältnisse so wie hier. In allen Lägern hatten unsere Funktionäre den Kampf aufgenommen, um die Kommandostellen der HäftlingsSelbstverwaltung zu erobern. In einigen Buchenwald - z. B. in war es ihnen gelungen, die wichtigsten Posten zu besetzen und den kriminellen Einfluß zurückzudrängen. Auch Sachsenhausen stand längere Zeit unter 154 unserem Einfluß, der vor einigen Wochen von der SS zum Teil gebrochen worden war. waren, von Was das bedeutet, war klar: Jeder eroberte Kapo- oder Blockältestenposten bedeutete vielleicht Lebensrettung für Hunderte von Häftlingen. Denn die kriminellen Kapos Ausnahmen abgesehen, in ihrer Masse demoralisierte Typen von bisweilen satanischem Format. Dort, wo sie regierten, war die wahre Hölle auf Erden. Dort hatten auch politische Kapos einen harten Stand, waren gezwungen, sich dem kriminellen Milieu anzupassen und gerieten unter Umständen selbst in den Sumpf. Zwischen Rot- und Grünwinkeln tobten in manchen Lagern wahre Vernichtungskämpfe. Mancher Funktionär fiel nicht als Opfer der SS, sondern im Krieg gegen die Grünen". Der Kampf gegen den grünen Einfluß war gleichbedeutend mit dem Kampf gegen die allgemeine Demoralisierung, gegen die Brutalisierung der Behandlungsmethoden, gegen die SS und den Nationalsozialismus schlechthin. Daß nicht alle Funktionäre die Erwartungen erfüllten, die man in sie setzte, sondern selber Opfer der Verhältnisse wurden, mindert die Bedeutung dieses Kampfes in keiner Weise. Soweit Heinrichs Bericht. Nun bin ich im Bilde. Manches wird mir verständlich, was bisher rätselhaft schien. Wir trennen uns zu später Nachtstunde. * Heinrichs Besuch hat für mich weittragende Bedeutung. Blockältester, Stubenältester und Kapos haben sehr wohl beobachtet, daß mich ein ,, Prominenter" aufgesucht hat. Sie werden merklich höflicher. Als am folgenden Abend Heinz Westfale, Alfred Jahn, Hannes Lau die beiden Letzteren Vorarbeiter bei der DAW*) und die - *) Deutsche Ausrüstungs- Werkstätten, ein SS- Unternehmen 155 Düsseldorfer Genossen Heinrich Weinand und Küppers von der Bekleidungskammer ankommen, um mich in Sachsenhausen willkommen zu heißen, erfährt mein Prestige eine weitere Stärkung. Der Stubenälteste teilt mir höflich mit, daß ich wieder am Tisch der„Reichsdeutschen“ Platz nehmen dürfe. „Ihr könnt mich allesamt am Arsch lecken,‘ leider kann ich mich wieder nicht beherrschen,„jetzt bleibe ich, wo ich bin.“ Drehe mich um und gehe ab. Alfons, der dicke Felix und andere kommen mir nach und reden mir gut zu. „Mach keinen Blödsinn, Rudi, du kannst hier nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen! Reize nun die Leute nicht weiter, sonst wirst du doch noch den kürzeren ziehen.‘ Und ich hätte tatsächlich den kürzeren gezogen. Während Heinrich, Alfred Jahn und die anderen sich bemühen, mich irgendwo in einem Betrieb unterzubrin- gen, kommt der kleine Martin und warnt mich. Er hat gehört, wie Julius Baumgarten, der Bayer, mit zwei kriminellen Kapos über mich verhandelt hat. Sie sprachen davon, daß ich die Russen zum Widerstand gegen die Lagerordnung aufgehetzt hätte, und daß man mir das Handwerk legen müsse. Jetzt wird mir klar, in welcher Gefahr ich mich befinde. Felix erklärt mir rundweg— und diesmal ist seine Stimme keineswegs väterlich—,„auf derartigen Delikten stehe grundsätzlich die Rolle.“ / Drei Tage später geht ein Transport von 2000 Mann ab. Wir Zugänge sind alle dabei. Auch Felix geht mit uns, Gerlach aus Düsseldorf war bereits gestorben. Aber Julius Baumgarten bleibt in Sachsenhausen. Ich bin gerettet. Vierzehn Tage meines ersten Semesters in der„Hoch- schule für Politik" liegen hinter mir. Bald soll ich weitere Erfahrungen sammeln. 156 Dreizehntes Kapitel Neuengamme Enttäuschungen Ich übertreibe nicht. Zwischen einem Kapo oder einem einem Muselmann, Neuling ,, Kretiner" besteht ein sozialer Unterschied wie etwa zwischen einem General und einem Rekruten. in Dachau nennt man ihn bezeichnenderweise - - - Die Schreibstube in Neuengamme arbeitet mit Tag- und Nachtschicht. Wir vier von der Nachtschicht Felix hatte mich dort untergebracht, er selbst bekam die Leitung eines Blockes mit Revierkranken sitzen in einem Nebenraum der Schreibstube und schreiben endlose Namenslisten: Polnische Juden, ungarische Juden, Franzosen, Holländer, Zugänge, Abgänge, Transporte, Totenlisten Der Lagerälteste, ein Genosse namens Köbes aus Köln, schläft nebenan im Büro. Sein polnischer Hausknecht bereitet ihm abends seine Mahlzeit auf unserem Kanonenöfchen. Ein halbes Pfund Margarine wandert in die Pfanne, ein guter Gulasch aus Büchsen oder ein Stück frisches Fleisch, Bratkartoffeln oder Puree, ein andermal gebackene Nudeln der Duft zieht betäubend in unsere an den stinkigen Lagerfraß gewöhnte Nasen. Später dringt der leichte Rauch amerikanischer Zigaretten durch die Türritzen, wenn Köbes mit einigen anderen Prominenten wichtige Probleme diskutiert. - Da ist z. B. ein peinlicher Zwischenfall passiert: der polnische Leibdiener von Köbes wurde durch einen miẞgünstigen SS- Blockführer erwischt, als er gerade ein 157 leckeres Dinner zum Harem hinüberschmuggeln wollte. Er bekam 25 auf den Arsch, hat aber seinen Herrn und Meister nicht verraten. Nun soll er abgelöst werden. Ich habe selten gesehen, daß Köbes einen Muselmann geschlagen hat. Er ist ehrlich, kein Verräter und im allgemeinen beliebt. Sein einziger Fehler ist, daß er durch eine Bordellschöne etwas demoralisiert ist. * Eines Tages blättere ich in der Kartothek. Ich bin nun schon vierzehn Tage im Lager und habe bislang kein bekanntes Gesicht entdeckt. Bei einer Lagerbelegschaft von 12000 Mann ist dies keineswegs einfach. Ich fühle mich verlassen und unglücklich. Wie gesagt: ich blättere in der Kartothek und stoße auf einen Namen: Knau, Josef, Spanienkämpfer, Block 24. Vor Schichtbeginn gehe ich abends nach Block 24 und gehe suchend von Tisch zu Tisch. Da sitzt er! Sepp, alte Seele, du lebst noch!! Sepp legt sein faltiges Gesicht in noch tiefere Falten — ein Zeichen seiner heftigen Rührung. Bald habe ich das Wichtigste erfahren: Sepp ist Gruppenführer in einer Abteilung der Metallwerke. Er hat etwa 20 Mann unter sich, ohne deshalb Kapo oder Vorarbeiter zu sein. Bald sprechen wir über das, was uns beide bewegt. Was ist los in Neuengamme? Geradeheraus frage ich ihn:„Wer ist hier unser poli- tischer Kopf?“ Die Antwort setzt mich zunächst in Verblüffung. Dann beginne ich langsam zu begreifen. „Eine geschlossene politische Organisation existiert in unserem Lager nicht. Einzelne politische Kapos haben persönliche Gefolgschaften, bekämpfen sich aber zum Teil gegenseitig sehr ‚heftig. Den Begriff„Parteidisziplin” kennen unsere Prominenten nicht. Einen, der mir selbst geholfen hat, und den wir augenblicklich für den besten Kopf halten, wirst du kennenlernen. Er heißt Gustav und 158 wird demnächst Kapo im Schmiedebetrieb auf dem Industriehof werden." - Er endet bezeichnende Duplizität fast mit den gleichen Worten wie Heinrich Niebes in Sachsenhausen: ,, Vorsicht, Vorsicht, nochmals Vorsicht Kein Wort zu viel, Ohren und Augen auf". Er ist Sepp sehe ich nun täglich. Bald sind wir unzertrennlich und ziehen auf einen gemeinsamen Block. Mitglied einer Gruppe von durchweg sympathischen Genossen, meist Spanienkämpfern. - Ich lerne dort Heinrich Fiebiger, einen sudetendeutschen Genossen kennen er wird später wichtige Funktionen erhalten und bis zu seinem Tod seine revolutionäre Pflicht erfüllen. Bei Sepp sehe ich zum erstenmal Hermann Waldvoigt aus Hannover, einen unserer hervorragendsten Genossen, der gleich mir zehn Jahre Zuchthaus hinter sich hat, davon acht Jahre Einzelhaft in Celle. Nach den ersten Sätzen, die ich mit Hermann wechsele, fühle ich eine verwandte Seele. Es ist merkwürdig, wie schnell wir uns in unseren Ansichten finden. Er hat eine ähnliche Entwicklung in Celle durchgemacht wie ich in Hameln. Er hat die gleichen Krisen der Selbstkritik durchlebt und ist zu ähnlichen Resultaten gekommen in der Einsamkeit seiner Zelle. Sepp, Hermann und ich bilden ein Triumvirat. Wir teilen Tabak und Brot miteinander, es gibt keine Frage, die wir nicht gemeinsam besprechen und keinen Beschluß, den wir nicht gemeinsam fassen. Bald sind wir drei im ganzen Lager als das unzertrennliche Kleeblatt be' annt. Gustav, der Schmiedegewaltige, weist äußerlich entfernte Aehnlichkeit mit dem dicken Felix auf. Er ist alter Lagerinsasse, Berliner Genosse und Metallarbeiter und hat etwas Prüfendes, Abtastendes, ein wenig Undurchdringliches an sich. Man sieht, bittere Lagererfahrung hat diesen mittelgroßen, gewichtigen, bebrillten Mann mit 159 fettem Doppelkinn mißtrauisch gemacht. Gustav hat eine Solidaritätsaktion organisiert. Er versorgt eine Reihe Genossen regelmäßig mit Brot. Auf Sepps Fürsprache werde ich in den Kreis aufgenommen. Selten spricht Gustav über die politische Lage. Meist aber über Nebensächlichkeiten, während seine Augen immer wieder unbewachte Momente seines Gegenübers zu erspähen suchen. Er scheint ein vorbildlicher Funktionär zu sein, scheint über gute Beziehungen zu Russen, Serben und anderen Ausländern zu verfügen und ist meist über die neuesten Ereignisse draußen gut informiert. Wir beschließen, daß mich Gustav als Magaziner und Schreiber in seine Schmiede nimmt. Sein Vertrauen ehrt mich, ich nehme mit Freuden an. Es ist an der Zeit, ein paar Worte über die Rolle der SS zu verlieren. Wenn ich bislang nichts über die SS gesagt hab SO soll das nicht heißen, daß diese Organisation im Lager unsichtbar geblieben wäre. Ich darf aber bei euch voraussetzen, daß ihr den Film Todesmühlen" gesehen habt, daß ihr die Mörderprozesse von Auschwitz, Dachau, Belsen, Mauthausen und Neuengamme in den Zeitungen verfolgt habt und daher über den Charakter und die politische Rolle der SS im Bilde seid. Aus diesem Grunde will ich hier nicht von dem Terror der SS reden, unter dem wir täglich und stündlich lebten, sondern davon, wie das gesamte KZ- System sich auf den einzelnen Menschen auswirkte: wie der Kriminelle zum reißenden Tier wurde oder wenn er im Innersten nicht schlecht war, ganz einfach kaputt ging; wie einzelne Genossen im Laufe der Jahre dem ständigen Demoralisierungsdruck nicht standhielten, besonders, wenn sie zunächst mit den besten Absichten - - leitende Posten annahmen; wie endlich andere Genossen, und zwar die 160 Mehrzahl, durch den moralischen Sumpf zu immer neuem Widerstand angestachelt wurden und über sich selbst hinauswuchsen, ein Heldentum verkörpernd, um dessen Größe nur die Eingeweihten wissen. Kein Ritterkreuz schmückt die Tapfersten aus den Todesmühlen, als Namenlose haben sie ihre Menschenpflicht getan. Ich bin mir dabei vollkommen im klaren, daß unsere Gegner die Schilderung eines demoralisierten Kommunisten mit Behagen aufgreifen werden. Sie mögen nicht vergessen, diesen Absatz meines Berichtes jeweils zu zitieren. Sie mögen weiterhin zur Kenntnis nehmen, daß sie damit nur ihre eigene menschliche Erbärmlichkeit offenbaren. Es ist billig, ein Heldenepos vom KZ zu singen und die Rollen einseitig zu verteilen. Wollte man totschweigen, daß auch aufrechte und anständige Genossen im Laufe der Jahre der Demoralisierung verfallen sind, so würde man ein Märchen aus Tausendundeinenacht erzählen, aber keine Tatsachen berichten. Ich meine, die ganze menschliche Tragödie nicht besser charakterisieren zu können als an solchen Einzelbeispielen. Ich will zeigen, mit welch unerhörten Schwierigkeiten die Organisation Tag für Tag zu kämpfen hatte. Für uns war die Partei die einzige Kraftquelle. Organisiere dich oder gehe unter das war der Wegweiser im KZ. - Ich gebe mich keiner Selbsttäuschung hin, daß ich wahrscheinlich nach ein oder zwei Jahren KZ- Aufenthaltes für meine Person den Weg alles Fleisches gegangen wäre: in das Krematorium. Der dicke Gustav versicherte mir immer wieder, daß der primitive Trieb ,, einfach am Leben zu bleiben", ein Faktor war, der in jede politische Rechnung im Lager eingesetzt werden mußte. Er hat einen Menschentyp geschaffen, der durch Anpassung an die Lagerverhältnisse eben am Leben blieb, während die anderen zugrunde gingen. Ich kann nur sagen, daß mir die Logik dieser Entwicklung vollkommen 161 11 einleuchtete Aber ich selbst hätte die notwendigen Konsequenzen niemals ziehen können und habe zu diesem Menschenschlag auch niemals ein Verhältnis finden können. Ich weiß es nicht ganz genau: wahrscheinlich waren sie bessere Lagerfunktionäre als ich. Trotzdem befürchte ich, daß ihnen die Rückkehr in halbwegs normale Zivilverhältnisse schwerer fallen wird als mir. " Auf alle Fälle wiederhole ich: einem jeden, der nicht selbst in den Todesmühlen" seine Lebensprobe bestanden hat, spreche ich das Recht ab, über einen Lagerfunktionär zu Gericht zu sitzen. Das möge er uns, den Ueberlebenden, überlassen! Und nun wieder zurück nach Neuengamme. * In der Schmiede entwickeln sich die Dinge inzwischen eigentümlich. Ich sitze mit meinem Chef, dem dicken Gustav, in der Meisterbude. In dem 60 Mann starken Betrieb arbeiten alle Nationalitäten, unter den Deutschen befinden sich Kriminelle, Bibelforscher und auch Nazis. Gustav ist magenkrank. Er kann den Lagerfraß nicht zu sich nehmen, was man ihm im Grunde nicht übelnehmen kann. Dieser sieht folgendermaßen aus: nimm einen Haufen ungewaschener Kartoffeln, wirf sie in einen Topf mit Dreck und Speck oder vielmehr mit Dreck und ohne Speck; nimm einen Haufen Steckrüben, schneide sie in Scheiben, zu waschen brauchst du sie nicht; lasse Kartoffeln und Rüben mit Wasser überfluten, gib Salz und ein wenig Buchweizengrütze dazu und lasse den Schleim halbgar kochen. Diese braune stinkende Brühe friẞt du Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag du friẞt sie im Oktober, November, Dezember, im Januar und Februar. - Du glaubst, du krepierst? Nicht unbedingt. Ich habe vier Monate lang fast ausschließlich von diesem Fraẞ gelebt und bequem zwei bis drei Liter zu 162 mir nehmen können. Ich sah Russen, die es auf fünf Liter brachten, wenn sie soviel ergatterten. Die meisten mußten sich mit einem Liter begnügen. Wie gesagt: Gustav kann dieses Essen nicht vertragen. Wie alle Kapos kocht er sein eigenes Essen. Die ersten Tage sagt er nichts, dann beginnt er so nebenher: „Dein Vorgänger hier, der Arthur, hat für seinen Kapo das Essen gekocht und alles organisiert." „Ich komme mit dem Lageressen aus, und auf Organi- sieren verstehe ich mich nicht." Wir sprechen über dies und das. Gustav, der Un- durchdringliche, arbeitet wieder alleine an seinem Koch- topf. Ein andermal:„Es ist hier im Lager gar nicht einerlei, ob du an der Lore stehst oder ein Dach über dem Kopf hast. Wenn ein Kapo einen Mann in seine Bude nimmt, erwartet er auch, daß der sich erkenntlich zeigt.‘ Gustav spricht immer gerne etwas indirekt, gleichsam beiläufig. „Höre zu, Gustav,” sage ich, denn ich kann unklare Verhältnisse nicht ertragen,„wenn du von mir verlangst, daß ich deinen Hausknecht spielen soll, dann ziehe ich vor, an die Loren zu gehen. Entweder wir sind Genossen oder aber du bist mein Vorgesetzter. Im letzeren Fall steht es dir frei, einen Haussklaven an meiner Stelle anzustellen.” Es schließt sich ein längeres Gespräch an. In seinem Verlauf kommen wir überein, daß ich aus der Schmiede ausziehe. * Heute abend sind Sepp und ich Gast beim dicken Felix. Felix ist gutmütig und hilfsbereit und lädt uns öfters ein. Er ist heute niedergeschlagen und wortkarg. Sein Block ist überfüllt. Es sind Revierkranke, hautüberzogene Skelette, die Sardinen gleich die Strohsäcke belegen. 163 Während wir uns unterhalten, sehe ich zum Ofen hin- über. Dort brät sich Felix‘ krimineller Adjutant in einer Pfanne Bratkartoffeln. Die Skelette befinden sich in ständiger Bewegung. In langem Zuge strömen sie barfuß zur Latrine hinaus, an der Tür regelt ein Stubendienst den Verkehr der hinaus- und hereinflutenden Menschen- schlangen. Sie müssen am Ofen vorbei. Bei der Annäherung blähen sich die Nüstern, ziehen gierig den Duft von heißem Fett und Zwiebeln ein. Die stumpfen erloschenen Augen starren auf die Pfanne. Die Schritte verlangsamen sich. Wie gebannt will das Skelett in Ofennähe stehen bleiben. Es ist erschreckend, wie ähnlich sich all diese Menschen sehen, nachdem der Totenschädel Fleisch und Fett verloren hat. Mann kann nicht sagen: dieser ist Arbeiter, jener ist Professor, dieser Franzose, jener Russe. ‚Dort der Kleine, mit dem spitzen Gesicht— ist das nicht Harm Giesen, unser Genosse aus Emden? Täglich schicken wir ihm Lebensmittel herüber, Felix betreut ihn, so gut er kann— aber es ist alles vergebens: die Ruhr frißt den Menschen von innen auf. Automatisch, maskenhaft— so gleitet Skelett an Skelett vorüber. Ein wütendes Schnauben des athletisch gebauten Adjutanten scheucht die Figuren von Zeit zu Zeit vom Ofen, bringt die Schlange in raschere Bewegung. Sie alle sind dem Tod verfallen— die Epidemie verschlingt die Menschen wie im Mittelalter. Felix kann eine tiefe Erregung nicht mehr meistern. „Was soll ich machen,“ sagt er leise, und es klingt gar nicht mehr väterlich, sondern hilflos und verloren, während eine Träne über die fette Backe rollt.„Wenn ich es nicht tue, hänge ich morgen selber. Es geht hier reihum, am letzten Mittwoch war ich dran.“ Er stockt, schluckt ein paarmal heftig, dann packt er mich am Arm. 164 ,, Es wäre doch einmal zu untersuchen," werfe ich ein, ,, ob tatsächlich alle Blockältesten das Aufhängen besorgen. Früher hat auch der Lagerälteste die Prozedur besorgen müssen, aber du wirst mir zugeben, daß Ernst Saalwächter es bis heute nicht getan hat." Auch Sepp redet ihm zu. Wir bestärken ihn, beim nächsten Mal, wenn er wieder an der Reihe ist, den Henkersdienst zu verweigern. Felix macht den Eindruck eines innerlich gebrochenen Menschen. Ob ihn heute abend eine Ahnung seines baldigen Todes gestreift hat? Eine Ahnung, daß er in sechs Wochen von den brennenden Deckenbalken der ,, Cap Arcona" begraben wird und elendiglich verbrennen muß? Wir kehren heim in unseren Block, Sepp und ich. Unser Block beherbergt fast sämtliche Kapos des Lagers, und diese etwa 50 Prominenten bilden unter den 500 Blockinsassen eine gehobene Schicht für sich. Aber ihre Anwesenheit verschafft dem Block Vorteile. Hier wird weniger gefilzt, auch die hygienischen Verhältnisse sind erheblich besser als in den anderen Blöcken. Musik empfängt uns am Eingang. Die polnische Kapelle spielt, eine Saalecke ist abgesperrt, Girlanden und Sprüche schmücken die Wände und die Spinde: der Küchenkapo feiert Abschied. Morgen wird er zur WaffenSS gehen. Prominente Gäste sind geladen. Ein Faß Bier ist angestochen, Tabaksqualm erfüllt die Luft. Heute geht es hoch her. Die Blockinsassen bekommen Freibier, die Kapelle bekommt Zigaretten und Getränke soviel sie wollen. Belegte Brote werden den geladenen Gästen herumgereicht. Dann wird es still. Der Klavierspieler intoniert, der Geiger fällt ein, die einschmeichelnden Harmonien streichen durch den Saal: ,, und wieder geht ein schöner Tag zu Ende..." 165 Bald klingt der Refrain im Chor, während die Schnapsflaschen aus den Ecken gezogen werden. Zwei Homos erheben sich und wiegen sich im langsamen Dreivierteltakt zur Melodie. Vergessen ist der Kapoknüppel, vergessen der Muselmann: lebt heute. Freunde, denn morgen sind wir tot_ wei weiß? Uns würgt der Ekel. Schweigend schieben wir uns durch das Gedränge und gehen in den Schlafsaal. In dieser Woche erreichte das KZ Neuengamme mit über 260 Toten pro Tag seinen Rekord. Die Sirene heult. In der Finsternis des Schlafraumes regt es sich. Klappern ertönt, Gähnen und unterdrücktes Fluchen. Eine Tür wird aufgerissen, gröhlende Stimmen dröhnen durch den Raum: ,, Luftalarm! Alle Mann in den Bunker! Los, los, Tempo, Tempo! Keiner bleibt droben." Bald schieben sich die Menschenmassen durch den Block, stolpern die Treppe in die Finsternis der Lagergassen hinunter und streben dem Bunker zu. Kapos bilden rechts und links Spalier und treiben den zähen Menschenbrei mit Peitschenhieben zur Eile an. Geschrei erfüllt die Luft, Drohungen und Flüche, Flehen und Winseln. Es ist der reinste Hexensabbat. Am Bunkereingang steht Lutz Pfeifer aus Berlin, der kleine gefürchtete Luftschutzkapo. In der Faust hält er einen riesigen Ochsenziemer, der unbarmherzig auf Köpfe und Rücken herniederprasselt. Man sagt, Lutz sei wahnsinnig. - Der Bunker gleicht einer riesigen Sardinenbüchse. Eng aneinandergepreßt stehen die Figuren zum Sitzen ist kein Platz da. Bald ist die Luft zum Schneiden dick, die ersten Ohnmächtigen werden herausgeschleppt. In einer Ecke brennt eine Kerze. Die Ecke ist abgesperrt. Vier Kapos spielen dort Skat und rauchen Zigaretten. Ein ewiges Crescendo und Decrescendo erfüllen den Raum. Gesprächsfetzen dringen ans Ohr, dort wird eifrig 166 diskutiert, hier drängen sich einige eng aneinander, um im Stehen ihren Schlaf fortzusetzen. Dann ertönt irgendwo eine laute Stimme. Ein Häftling hat eine Kiste bestiegen und überragt die Menschenmenge. Auf seiner Brust leuchtet ein violetter Winkel. Fanatismus brennt in den tiefliegenden Augen seines ausgemergelten Gesichtes. Mit volltönender Stimme beginnt er, und bald herrscht um ihn herum Schweigen. ,, Es ist die Hierarchie, die uns ins Verderben geführt hat. Und es sind die Politiker aller Richtungen, die unser Volk dem Abgrund zuführen. Geht in euch! Leset nach, was geschrieben steht in der Heiligen Schrift: Es wird kommen der Tag, da ich euch alle vernichten werde. Wir, die Auserwählten Jehovas, rufen euch zu: Der Jüngste Tag ist gekommen. Es wird Schwefel regnen über Sodom und Gomorrha. Aber nur die Zeugen Jehovas werden das Strafgericht überstehen und eingehen ins Himmelreich!" Sind wir hier in ,, Dantes Unterwelt"? Oder sind wir hier in den Katakomben des alten Roms, wo die Urchristen sich versammelten, um dem Wüten Kaiser Neros zu entgehen? Es ist ein wildromantisches Bild: sieh dir die fieberglänzenden Augen der Zuhörer an. Blicke in das fanatisch verzerrte Gesicht des Predigers, und dann frage dich: gibt es hier noch eine menschliche Vernunft? Gibt es hier noch Argumente angesichts der tierischen Not und der wahnsinnigen Ekstase? 167 Vierzehntes Kapitel Vor dem Zusammenbruch lfred Baumbach aus Hamburg sitzt heute abend schweigsam an unserm Tisch. Dieser ausgezeichnete Hamburger Funktionär ist die Seele eines kleinen Kreises, in dem lebhaft diskutiert.wird.. Heute ist er— wie gesagt— geistesabwesend. „He, Alfred, was hast du denn? Ueberhaupt, hast du nicht eine Beule am Kopf? Du hast doch sonst keine solch dicke Stirne!" Alfred schüttelt den Kopf. Er scheint ein Erlebnis hinter sich zu haben, über das er nicht ohne weiteres hinwegkommt. Wir werden ernstlich besorgt.„Nun sprich doch schon, was ist denn passiert?‘ Es ist allerlei passiert. Bald wissen wir, daß Alfred ein Paket von zu Hause bekommen hat, welches er vorhin auf der Poststelle abholen sollte. Auf dem Heimweg zum Block war er auf dem Appellplatz von einer Schar Russen überfallen worden, die ihm das Paket abnahmen und ihn niederschlugen, als er sich zur Wehr setzte. Die Russen genießen keinen guten Ruf im Lager. Man pflegt zu sagen:„Hier sieht's aus wie bei den Russen!” oder:„Bist du ein Russe?”— was soviel heißen will wie: bist du ein Mensch niederer Gattung? Das Russenproblem macht uns viel zu schaffen. Da sind einmal die Kriegsgefangenen, meist gute Kameraden und glühende Patrioten. Aber die Mehrzahl dieser. Re- präsentanten des Sowjetvolkes sind kriminelle Elemente, die teilweise in der deutschen Armee gedient haben und 163 etwa wegen Kameradendiebstahls, Plünderung oder ähnlicher Delikte ins Lager gesperrt wurden. Der Begriff von Solidarität ist ihnen unbekannt. Der Begriff von Ordnung ist ihnen widerwärtig. Wenn bei der Essenausgabe alle übrigen in der Reihe stehen und ihr Essen ordnungsgemäß in Empfang nehmen, so sind es meistens ein paar Russen, die sich zum zweitenmal hinten anschließen, sich vordrängen oder sonstwie ihre Kameraden übervorteilen wollen. Sie hassen alles, was nicht russisch ist. Sie kennen keinen Unterschied zwischen einem deutschen Genossen und einem deutschen Faschisten. Sie empfinden die Männer der holländischen oder französischen Widerstandsbewegung nicht als ihre Bundesgenossen. Sie kämpfen mit primitivsten Waffen um die nackte Erhaltung ihrer Existenz. Kann es ausbleiben, daß man mit Fingern auf sie zeigt? ,, Seht Sie euch an, das sind nun eure Genossen, sie haben in ihrem ganzen Leben nichts anderes gesehen als Bolschewismus! Das sind die Vertreter der neuen Gesellschaft, jenes Paradieses, das ihr auch bei uns in Deutschland einführen wollt!" Kommunisten Es sind nicht nur Nazis, die so argumentieren. Auch Sozialdemokraten, ja, viele enttäuschte sprechen so, denn sie haben die tieferen Ursachen dieses Zustandes nicht erfaßt. ,, Wenn unsere russischen Genossen nicht eimnal in der Lage sind, ihre eigenen Landsleute zu erziehen, wie können sie dann überhaupt international wirken?" - Freunde, die ihr so sprecht, ihr werdet vier Wochen nach der Befreiung erleben, daß eure russischen Genossen die Gruppe ihrer Landsleute in ausgezeichneter Disziplin Aber hier im Lager trotzführen und erzogen haben. dem ihr selber drinnen lebt wißt ihr immer noch nicht, wie es in Wirklichkeit zugeht. Die russischen Offiziere existieren in ihrer eigenen nationalen Gruppe vollkommen illegal. Nur wenige wissen, daß ein Major, Träger des - 169 Leninordens, und einige Hauptleute der Roten Armee unter den Häftlingen sind. Erfährt es die SS, so werden sie morgen ins Krematorium wandern. Der Russenblock wimmelt von Spitzeln und Provokateuren. Jeder Versuch, sich zu organisieren oder Aufklärungsarbeit zu treiben, wird im Keim erstickt. Wenn das Lager schon eine Hölle ist, dann ist der Russenblock die tiefste und unterste Stufe der Hölle. So mag es kommen, daß auch gute russische Genossen sich zu ausgesprochenen Nationalisten entwickeln. Ist das verwunderlich? Hermann Waldvoigt zieht mich am Aermel aus dem Block heraus. Wir pflegen sonntags einen Bummel über den Appellplatz zu machen. Meist ist Sepp dabei. Heute sind wir alleine offenbar hat Hermann mir Wichtiges mitzuteilen. - Nach den ersten Sätzen horche ich auf. ,, Also du wirst mit Sepp und Fiebiger zusammenarbeiten. Und ihr werdet die Gruppen in Block 24 übernehmen..." Dann entwickelt er mir das weitere Aktionsprogramm. ,, Du kennst meinen Standpunkt, Hermann," erwidere ich sofort. ,, Voraussetzung für eine gedeihliche Organisationsarbeit ist, daß wir sämtliche Kapos und Blockältesten grundsätzlich aus dem Spiel lassen. Von diesen Leuten verspreche ich mir keine gute Arbeit." Ich habe mich später davon überzeugt, daß mein Standpunkt überspitzt war. Damals war er jedenfalls noch unerschüttert. ,, Ich werde dich", fährt Hermann fort, ,, mit Hans Schwarz bekanntmachen. Er ist aus Dachau gekommen und arbeitet in der politischen Abteilung. Er ist unser Kopf hier, bei ihm laufen die Fäden zusammen. Ich selbst werde eine bestimmte Funktion übernehmen. Wir brauchen keine 170 Einzelheiten zu verlieren. Ich arbeite also nicht in eurer Gruppe." So also hat sich das Blättchen gewendet! Köbes, der Lagerälteste, war seit einigen Wochen mit anderen zusammen zur Waffen- SS eingezogen worden. Seit das sein Nachfolger, Ernst Saalwächter aus Düsseldorf, Lagerregiment übernommen hat, vollzieht sich langsam unter dem Einfluß der illegalen Leitung die notwendige Wandlung. Der kriminelle Einfluß auf führende Rotwinkelkapos nimmt ab. Die Geister beginnen sich zu scheiden. ,, Auch mit den ausländischen Gruppen", beendet Hermann seinen Bericht ,,, haben wir gute Verbindung. Die Norbeliefern uns mit Rote- Kreuz- Paketen, ebenso die weger Holländer, Franzosen und Tschechen. Bei den Russen liegen die Verhältnisse schwierig, weil sie mit kriminellen Elementen stark durchsetzt sind. Wir müssen unsere russischen Genossen einzeln unterstützen und dabei äußerst vorsichtig sein." ,, Sind eigentlich Leute von der Gewitteraktion" beteiligt?" erkundige ich mich. ,, Gewitteraktionäre" sind die Vorbeugungshäftlinge, die im Zusammenhang mit dem Hitler- Attentat verhaftet wurden meist ehemalige sozialdemokratische Funktionäre, dazwischen auch vereinzelt ehemalige Kommunisten. Sie ,, Gewitteraktion" ist eine der witzigen SS- Amtsbezeichnungen für bestimmte Verhaftungsunternehmungen. war die letzte ihrer Art nach dem ,, Frühlingswind“ und nach ,, Nacht und Nebel", abgekürzt NN, was wir in Hameln mit ,, Nazinachfolger" übersetzten. ,, Was willst du mit diesen Leuten anfangen?" Hermann rümpft verächtlich die Nase. Wenn du mit ihnen diskutieren willst, reden sie und bloß davon, wann sie wieder nach Hause kommen Ich daß der oder jener gestern entlassen worden sei. glaube, daß nur vereinzelte Leute für uns brauchbar sind. " 171 Dagegen müssen wir uns grundsätzlich von den„Tor- sperren‘ fernhalten, auch wenn sie gute Genossen sein sollten.‘ Ich begreife. Die„Torsperren” sind die zum Tode Ver- urteilten, die bisweilen monatelang Abend für Abend auf ihre Hinrichtung warten. Das Torsperrkontigent beträgt etwa 100 bis 120 Mann. Fast abendlich werden einige von ibnen nach Aufruf ihrer Nummer abgeführt und im Bunker gehängt. Einmal waren es 48 Holländer auf einmal. Täglich werden die gelichteten Reihen durch Zugänge aufgefüllt. Martin Jenssen, ein guter Genosse aus Flensburg, war- tete so 9 Monate lang auf den Galgen— Tag für Tag— um dann wenige Tage vor unserer Befreiung doch noch ein tragisches Ende zu finden. Ich lerne Hans Schwarz kennen, einen stillen unschein- baren Oesterreicher, der in seinem politisch bewegten Leben italienische, polnische, österreichische und deutsche Gefängnisse und Läger absolviert hat. Er entwickelt uns seine Ansichten über die kommende Entwicklung. „Mit einem unmittelbaren Friedensschluß können wir nicht rechnen“, meinf er,„es ist durchaus möglich, daß sich einzelne deutsche Widerstandsgruppen noch monate- lang isoliert verteidigen. Von diesem Standpunkt müssen wir ausgehen, wenn wir unsere eigenen Widerstandsmög- lichkeiten ins Auge fassen.” Wir werden sehen, wie recht Hans behielt. In kurzer Folge macht mich Hermann mit dem jungen Andre, dem Führer der belgischen Gruppe, mit Franzek » Wojnarski, einem der wenigen polnischen Genossen— die überwältigende Mehrzahl sind Chauvinisten Londoner Richtung und antirussisch eingestellt— ferner mit Her- mann, dem Führer der hervorragend disziplinierten jugo- slawischen Partisanengruppe und mit anderen Ausländern bekannt. Michail Sacharow, Hauptmann der Roten Armee, und Alexander Chomenko, Oberleutnant, kenne ich bereits aus der Schmiede und habe mich mit diesen beiden hervor- 172 ragenden russischen Kommunisten eng angefreundet. Durch sie erhalte ich Einblick in die verwickelten innerrussischen Verhältnisse. * Im Baubüro der Waffen- SS, in welches ich aus der Schmiede übergesiedelt bin, komme ich mit einer sehr aktiven Gruppe in Berührung. Willi Grunewald aus Berlin ist einer der wenigen alten Funktionäre, die die Jahre im Lager überstanden haben, ohne einerseits Kapo zu sein und ohne andererseits kaput gegangen zu sein. Er spricht laut und eindringlich, er schüttelt das mächtige Haupt und gestikuliert mit ausdrucksvollen Gebärden. In seinem kleinen Magazinraum versammeln sich häufig SS- Leute, um aufklärende Vorträge von Willi zu hören. Willi ist das Haupt dieser Gruppe, die sich ebenfalls in die große Organisation eingegliedert hat. Aber die eigentliche Seele des Klubs ist Josef, ein staatenloser Jude polnischer Herkunft, ein vielbelesener Theoretiker, der in verschiedenen Ländern politisch tätig war. Josef ist ausgesprochener Fanatiker. Mit eindringlicher Wucht vertritt er seine Ansichten. Stettin und Breslau werden selbstverständlich polnisch, daran kann es keinen Zweifel geben. Seine Argumente sind historisch und geographisch untermauert. Wir widersprechen heftig. ,, Was hat Chauvinismus mit Sozialismus zu tun? Gibt es in Stettin oder Breslau einen auch nur nennenswerten polnischen Bevölkerungsteil?" werfen wir ihm vor. Wie sollen wir in Deutschland politische Massenarbeit leisten, wenn unsere ausländischen Genossen durch derartige Forderungen es uns unmöglich machen, die Idee der nationalen Befreiung zu verwirklichen? Josef spricht von der Sicherheit. Und dann fährt er ein wenig verächtlich fort: ,, Die Kommunisten in Deutschland müssen erst durch die Tat beweisen, daß sie Garantien geben können. Wohin wäre die Sowjetunion gekommen, 173 wenn sie sich auf euch verlassen hätte? Auf die Solidarität des deutschen Proletariats." Sie hat besser daran getan, sich auf die Rote Armee zu verlassen. Euch wird man helfen, wenn ihr Taten vollbringt. Dann könnt ihr eure Forderungen anmelden, und nicht vorher!" Josef hat uns nicht überzeugt. Vorläufig klafft eine tiefe Schlucht zwischen ihm und uns. Es scheint, daß wir in unserem Innersten immer noch befangen sind vom Gedanken an die Hilfe von draußen. Noch ist uns nicht ins Bewußtsein gedrungen das tiefe Mißtrauen gegen alles Deutsche, das auch in den Reihen unserer ausländischen Genossen Wurzeln geschlagen hat. Aber wir wissen, daß wir die nationalen Interessen unseres Volkes nicht weniger konsequent vertreten werden als es unsere polnischen Genossen für ihr Vaterland tun. Vorausgesetzt, daß wir den Kurs bestimmen.. * Die Situation wird kritisch. Kanonendonner dröhnt über die Elbe herüber. Täglich kreisen englische Aufklärer über dem Lager und werden von uns als die Boten der kommenden Freiheit begrüßt. Die SS wird nervös. Man beobachtet die üblichen Auflösungserscheinungen. Sollen wir uns selbst befreien? Sollen wir nicht in den letzten Tagen wenigstens um unsere Freiheit kämpfen? Die Frage wird nach allen Seiten diskutiert. Noch haben wir keine Waffen. Noch ist die Zersetzung in den Reihen der Häftlinge durch kriminelle Elemente zu groß. Noch sind wir zu isoliert und zahlenmäßig zu schwach als Organisation. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlägt ein Aufruf des Lagerführers ein. Abends wird er durch die Blockältesten bekanntgegeben. . ,, Jeder deutsche Häftling, der sein Vaterland liebt, wird aufgefordert, sich bis morgen in eine Liste einzuzeichnen, welche in der Häftlings- Schreibstube aufliegt." 174 b I I I a f 0 e a I T U f H a I S Z S 1 Was wollen sie von uns? Es sickert durch, daß man uns bewaffnen will. Man scheint auf den Gegensatz zwischen Deutschen und Ausländern zu spekulieren. Es soll eine Lagerpolizei aus deutschen Häftlingen eingerichtet werden. Wir können Waffen kriegen! Es ist klar, daß wir uns geschlossen melden! Wir müssen verhindern, daß die kriminellen Grünwinkel die Waffen in die Hand bekommen! Wenn wir erst die Waffen haben, dann haben wir bald das Heft in der Hand. So und ähnlich schwirren die Meinungen durcheinander. Die Partei gibt die Weisung aus: Schreibt euch sofort in die Liste ein. Sepp, Hermann und ich besprechen die Lage. ,, Ich weigere mich, mich in diese Liste einzutragen", erkläre ich kategorisch. ,, Habt ihr die Stimmung unter den ausländischen Gruppen genau beobachtet? Eine Bewaffnung hat nur dann Zweck, wenn jeder Bewaffnete auch genau weiß, was er mit seiner Waffe zu tun hat. Was wird Josef machen, z. B., wenn er den Befehl bekommt, als bewaffneter Polizist eine russische Meuterei niederzuschlagen. Wird er sich weigern, zu schießen, wird er sein Gewehr umkehren und auf die SS schießen?" ,, Die Gefahr ist groß", pflichtet mir Sepp bei ,,, daß wir uns von den Ausländern isolieren. Die Lagerpolizei wird das Symbol der Unterdrückung und des Terrors sein. Man kann nicht wissen, ob Kriminelle in der Polizei Zwischenfälle provozieren, die wir nicht verhindern können. Du hast recht, Rudi, auch ich werde mich nicht beteiligen." Mehrere Genossen schließen sich uns an. Wir stoßen auf erbitterten Widerstand von Josef und anderen Genossen unserer Partei. ,, Es ist Selbstmord, was ihr treibt", ruft Josef ,,, und selbst, wenn wir nicht bewaffnet werden, so dient es doch zu unserer Tarnung. Wer sich nicht meldet, den können sie schnell feststellen und werden ihn als Saboteur sofort unschädlich machen." 175 ,, Nun, ich lasse es darauf ankommen. Bewaffnet oder nicht, ich melde mich nicht. Und damit ist für mich die Diskussion zu Ende." Ich habe meinen Standpunkt vertreten, trotzdem am Morgen auch Michail Sacharow mir auf meine Anfrage geantwortet hatte: ,, Es ist besser, ihr werdet Polizei, als die Kriminellen." Aber Michail hatte nicht viel weiteres zu sagen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß er nicht ganz ehrlich war. Am Abend treffen wir uns auf dem Appellplatz. ,, Nun, Rudi", fragt Michail in seinem gebrochenen Deutsch ,,, hast du dich eingeschrieben in die Liste?" ,, Sehe ich so aus, Mischka? Ich habe einmal nein gesagt, und also melde ich mich auch nicht. Sie haben mir zwar gesagt, daß ich gegen die Parteidisziplin verstoße. Aber ich kann nun einmal nicht anders. Und Sepp und Hermann und eine ganze Reihe anderer haben es ebenso gemacht wie ich." Michail lächelt. Dann geht er auf mich zu, umarmt mich. Er schüttelt mir beide Hände, zieht einen Aluminiumring vom Finger und steckt ihn mir an die rechte Hand, dann dreht er sich um und geht wortlos weg. Nun weiß ich, daß ich richtig gehandelt habe. Es wird keine Lagerpolizei aufgestellt. Denn es ist bereits zu spät. Es werden keine Repressalien gegen die Nichtmelder angewandt. Denn auch dazu ist es zu spät. Einige Tage später wird man das Lager evakuieren. Indessen: zu einem Widerstand kam es auch jetzt nicht. Noch war die Organisation zu schwach und zu unentschlossen mit oder ohne Waffen! - n S m W n h K e S 176 Z b น V Fünfzehntes Kapitel Der Untergang der Cap Arcona" Ich bin frei. Unendlich weit dehnt sich die Ostsee. Ein grauer Himmel hängt darüber. Von ferne her grüßen die grünen Ufer der Travebucht. Da ist Neustadt, dort drüben die U- BootSchule, die Kirche, eine Landzunge, der Hafen Das Wasser der Ostsee ist kalt an diesem 3. Mai. Die schweren Lederschuhe haben sich voll Wasser gesogen, das Hemd klebt am Körper, Rock und Hose ziehen wie ein Schwamm nach unten, denn ich konnte mich meiner Kleider nicht entledigen. Eine Stunde habe ich geschwommen. Ich habe versucht, das ferne Ufer zu erreichen. Aber die Strömung war gegen mich. Ich habe meine Bemühungen eingestellt und treibe willenlos im Wasser. Langsam dringt die Kälte immer näher ans Herz. Hände und Füße sind abgestorben. Das Gehirn verfällt in einen Zustand wohltätiger Lähmung. Soll dies das Ende eines langen Weges sein? Soll ich heute, wo in Deutschland die Glocken läuten und die Kanonen schweigen, soll ich heute hier elendiglich ersaufen? Ich habe mich damit abgefunden. Ertrinken ist kein schwerer Tod. Ein ganzes Leben zieht noch einmal vorüber: Hameln, der Gerichtssaal, die Lagerhölle, und dazwischen wie ein heller Schein die Erinnerungen an ein besseres Leben, Erinnerungen an dich, Lydia, mein Kind, und an die unvergeßlichen Stunden, die wir zusammen verlebten. 12 177 Es müßte ein Wunder geschehen, sollte ich aus dieser Wasserwüste lebendig herauskommen. Es lohnt nicht, sich mit Gedanken an eine Rettung zu beschweren. Träumen wir lieber... *% Die„Cap Arcona” ist ein großer Luxusdampfer von 26000 Tonnen. Hier mögen sich ferienfrohe Menschen auf den weißen Decks getummelt haben, mögen in den Liegestühlen geruht oder in den Unterhaltungsräumen sich im Tanze gewiegt haben. Als wir Häftlinge das Schiff betraten, war von der früheren Pracht nichts mehr zu sehen. Verwahrlost bot es sich uns dar. In der Ecke eines Zwischendecks war ein Haufen nackter Leichen aufgestapelt— das unvermeid- liche Begleitbild eines deutschen Konzentrationslagers. Drüben, kaum 200 m entfernt, lag die„Thilbeck“, ein grö- ßerer Frachtdampfer, dahinter die„Athen. Auf der an- deren Seite die„Deutschland“ und dazwischen einige klei- nere Schuten. Elftausend Menschen harrten auf diesem schwimmen- den KZ der Freiheit. Rundum schwammen wie bissige Wachhunde deutsche U-Boote— bereit, jedes Schiff in den Grund zu bohren, dessen Belegschaft meutern und den Weg in die Freiheit gewaltsam suchen sollte. Wir Fünftausend auf der„Cap Arcona‘ sind bunt durch- einandergewürfelt. Gruppen aller Nationalitäten bevölkern das Schiff. Wir Deutschen stellen nur ein Kontingent von einigen hundert Mann. Nur wenige Freunde haben sich auf unserem Schiff zusammengefunden. Hermann Wald- voigt und ich bewohnen eine kleine fensterlose Kajüte mit noch zwei anderen Genossen, Walter Block, Kapo im Lager, ist Schiffsältester. Der Schauspieler Erwin Geschonnek, der bereits in Neuengamme— trotzdem er Blockältester war-—- als hervorragender Funktionär zu- sammen mit Hans Schwarz die politische Arbeit geleitet hatte, liegt einige Kajüten weiter. Michail Sacharow kom- 178 ti OD mandiert den Bananenbunker, die Unterkunft der Russen, tief unten im Schiffsbauch, die dort schlimmer als Galeerensklaven ohne Luft und Licht zusammengepfercht sind. Auch André. der Belgier, ist an Bord, ebenso mein ehemaliger Chef, der dicke Gustav und mein väterlicher Freund Felix. Es herrscht eine ziemliche Ratlosigkeit. Was haben sie mit uns vor? Unsere Kabine ist Beratungsort der politischen Leitung. Geschonnek, Waldemar Molls, Hermann und ich als Vertreter der deutschen Gruppe diskutieren die Lage. - - ,, Wir haben hier hundert Mann SS an Bord. Die 4 bis 500 Marinesoldaten sind wie zahlreiche Diskussionen bewiesen haben nicht feindlich gegen uns eingestellt. Wenn wir jetzt nicht die Initiative ergreifen, werden wir erleben, daß sie uns noch am letzten Tage in die Luft sprengen." ,, Ich vermute", wirft Hermann ein ,,, daß der Schlag gestern abend bereits ein derartiger mißglückter Versuch war. Sie haben zwar nach der Explosion behauptet, ein benachbartes U- Boot sei in die Luft geflogen. Aber unsere Installateure haben heute morgen berichtet, daß sie heute nacht ein großes Leck im Schiffsbauch abgedichtet haben. Und seitdem liegt ja auch die ,, Cap Arcona" wieder gerade. Sie hatten sich verrechnet: unser Tiefgang ist gröBer, als sie angenommen hatten. So konnte das Schiff sich nur auf die Seite legen, aber nicht voll Wasser laufen. Immerhin müssen wir uns unterhalten, was wir unternehmen wollen, um einen weiteren derartigen Anschlag zu verhindern." Wir reden hin und her. Solange die U- Boote uns umschwärmen, ist an eine Aktion auch dann nicht zu denken, wenn die Marinesoldaten mit uns gehen. Gerüchte besagen, daß der Kapitän in scharfer Differenz mit dem SSKommandeur liegt. Auch auf anderen Schiffen soll es ähnlich sein. Der Kapitän sei entschlossen, auf keinen Fall Gewaltmaßnahmen gegen die Häftlinge zuzulassen. 12* 179 „Wir können hier über unsere Lebensgefahr reden so lange wir wollen“, unterbricht Willi Neurath, ein alter Kölner Genosse, die Erörterungen,„und werden doch nichts ändern.— Wichtiger ist, daß wir uns zunächst über die politische Lage unterhalten. Vor allem ist notwendig, daß wir ein Komitee bilden, dem Vertreter aller Nationa!i- täten angehören. Wir müssen auch die Stimmung der Kri- minellen in Betracht ziehen. Auch unter ihnen gibt es gule Elemente, welche ein gewisses Ansehen genießen. Es wäre falsch, jetzt schon etwas gegen die Grünen zu unterneh- men, so lange sie noch gemeinsam mit der SS die größere Macht darstellen.“ „Gut“, nimmt Erwin Geschonnek den Faden auf,„wir müssen also ein Programm aufstellen und insbesondere auch die verschiedenen nationalistischen Tendenzen bei den Ausländergruppen bekämpfen. Die Russen stellen momentan eine gewisse Gefahr dar. Wenn sie ihren poli- tischen Führern aus der Hand gleiten, muß man Aus- schreitungen befürchten, die sich nicht nur gegen die SS, sondern auch gegen die deutschen Häftlinge richten.” „Wißt ihr überhaupt“, Hermann wird sichtlich erregt, „unter welchen Verhältnissen die Russen hier hausen? Gestern war Mischka bei uns. Er hat rundweg erklärt, daß er bei nächster Gelegenheit ins Wasser springen wird. Einige Russen haben gestern nacht einen Fluchtversuch unternommen. Mit einer Ausnahme sind sie ertrunken. Der Eine wurde von der Marine aufgefischt und wieder zu- rücktransportiert. Täglich sterben Dutzende und verpesten die Luft im Bananenbunker. Wir müssen unter allen Um- ständen etwas für die Russen tun. Wenn Mischka schlapp macht, dann müssen die Verhältnisse schon nicht mehr menschlich sein.“ „Man muß Michail auf seine revolutionären Pflichten aufmerksam machen“, erklärt der dürre Waldemar,„was heißt hier: ins Wasser springen. Ein Kommunist hat auf 180 2. seinem Posten auszuhalten, wenn ihn die Partei dorthin stellt." Mir steigt die Galle hoch. ,, Reden ist Silber, lieber Waldemar, denn du sitzt nicht im Bananenbunker. Ich habe Verständnis für Mischka. Es gibt eben Situationen, wo man nicht mehr kann. Und ich will euch ganz offen erklären, auch ich bin am Ende meiner Kräfte. Sind das die Lehren, die wir aus zehnjähriger Erfahrung gezogen haben, daß wir heute, am letzten Kriegstag, uns wehrlos abschlachten lassen wie die Lämmer? Ich bin der Auffassung, wenn es schon soweit ist, dann sollte man wenigstens kämpfend untergehen." Die Beratungen ziehen sich in die Länge. Eine Delegation wird Sacharow aufsuchen und seinen Widerstandswillen stärken. Die Führer der nationalen Gruppen werden noch heute zusammentreten und ein Programm ausarbeiten. Es sieht vor allem die geordnete Uebergabe des Schiffes an die Engländer, welche bereits drüben vor Neustadt liegen, vor. Auch die deutschen Kriminellen sollen zunächst, soweit wie möglich, einbezogen werden, bis die Lage gestattet, gegen sie vorzugehen. Aber Beschlüsse für den Fall, daß die SS uns hier auf dem Schiff liquidieren will, kommen auch heute noch nicht zustande. Geschrei erfüllt die Luft und unterbricht mein Dahindämmern. Ich pendle im Wasser hin und her und lege mich auf den Rücken. Das Die Cap Arcona" gleicht einer riesigen Fackel. Mittelschiff ist in ein Flammenmeer gehüllt, am vorderen und hinteren Ende des Schiffes stehen zusammengedrängt noch Hunderte von Häftlingen, die den Sprung ins Wasser scheuen. Aus den Bullaugen quellen Menschen, die Wasserfläche um das Schiff herum ist besät mit Köpfen von brüllenden, gurgelnden, heulenden Gestalten, welche zwischen 181 Balken und Planken herumtreiben. Erbitterte Kämpfe um jedes schwimmende Stück Holz finden statt. Erbarmungslos wird der Schwächere unter Wasser gedrückt, bis ein letztes Röcheln verrät, daß er als Konkurrent um den Platz an der Luft ausgeschaltet ist. Mit lautem Krachen wälzen einige Häftlinge Tische und Schränke über das Vorderdeck und wuchten sie über die Reling hinunter ins Wasser. Wehe dem, der gerade unten schwimmt. Drüben die ,, Thilbeck" liegt auf der Seite, aber sie brennt nicht. Auch dort im Wasser rundum Köpfe, Köpfe und nochmals Köpfe, vereinzelte sieht man weit draußen auf dem Weg zum Ufer. Keiner wird schwimmend das Ufer erreichen. Sie alle werden erlahmen und in einigen Tagen als Wasserleichen an Land geschwemmt werden. Es gibt keine Rettung, so nahe das Ziel auch winkt. Am Ufer stehen Menschen, ganz Neustadt weiß, was hier geschieht. Aber keiner kommt, um zu retten. Und dann schwillt das eintönige Geschrei auf einmal zum Fortissimo an. Die Wasser geraten in Bewegung. Majestätisch neigt sich die ,, Cap Arcona" aut die Seite. Wasser strudeln auf, es zischt, und Dampfwolken quellen hoch, als die brennenden Schiffsteile ins Wasser rutschen. Die Menschentrauben, die noch auf Vorder- und Hinterdeck hingen, rutschen über das schräge Deck ins Wasser und werden zum größten Teil ein Opfer der Wirbel und des riesigen Soges, der das Wasser in die Tiefe zieht. Eine kleine Schaluppe, die etwa 50 Mann faßt, liegt abseits von der ,, Cap Arcona". Wer sich ihr nähert, wird von den Insassen mit langen Stangen totgeschlagen. Zehn Mann mehr Belastung bedeuten vielleicht den Tod für alle. Ich bin müde. Noch in der gestrigen Nacht hatten wir in unserer Koje getagt. Das Gerücht von Hitlers Tod war nun auch zu uns gedrungen. Seit wir Neuengamme verlassen hatten, sind 182 wi tri ge die na lic SS W te St un W Bu au k da di 122 W h b h 3 h BB li S wir von der Welt abgeschnitten. Dort hatten unsere Elektriker für regelmäßigen Radiodienst gesorgt. Die Meldungen des Engländers und des Russen wurden täglich an die Funktionäre ausgegeben, so daß wir einen ziemlich genauen Ueberblick über die Lage hatten. Anders auf der ,, Cap Arcona". Hier waren wir lediglich auf Gerüchte und auf Nachrichten aus Kreisen der SS oder der Marine angewiesen. Wir waren fieberhaft erregt. Könnt ihr euch vorstellen, wie Menschen zumute ist, die nach zehn Jahren am letzten Wegweiser stehen: Freiheit oder Tod? Wir fühlten ein Stück der ungeheuren Verantwortung, welches wir auf uns luden, wenn wir nichts unternahmen. Aber auch, wenn wir das Falsche taten. Und dann war alles ganz anders gekommen. Heute morgen war ein englischer Beobachter über die Bucht geflogen und hatte unsere Flotte durch Funkspruch aufgefordert, die weiße Fahne zu hissen und an Land zu kommen. Wütendes Gebell der Schiffsflak der ,, Thilbeck" hatte das Flugzeug empfangen. Auf der ,, Cap Arcona" wehte die Reichskriegsflagge. SS bevölkerte das Deck. Die Zebras waren unsichtbar im Schiffe drin. Um 11 Uhr erscholl der Ruf im Schiff: ,, Die ,, Athen" hat die weiße Flagge gehißt und dampft zum Ufer!" Bravo, braver Kapitän, du bist der einzige, der Mut und Entschlosheit zeigt. Du wirst eingehen als einer der Tapferen des 3. Mai, und daß du die SS auf deinem Schiff überwältigt hast, werden wir dir hoch anrechnen. Um 3 Uhr erfüllt Motorengeräusch die Luft. Schwere Bomberstaffeln kreuzen von Westen auf. Knattern von Bordwaffen, dumpfe Einschläge, und dann ein fürchterlicher Krach: das Schiff erbebt in seinen Grundfesten. Krach! Krach! noch einmal Krach! Das Schiff schwankt hin und her. Kabinentüren springen auf. Entsetzte Menschen stürzen aus allen Löchern. 183 Wer beschießt uns? Sollte das ein SS- Staffel sein? Habt ihr nicht bemerkt, daß die SS schon vor einer Stunde Schwimmwesten ausgegeben hat und das Schiff verlassen wollte? Und wir Idioten diskutieren über Komitees und ordnungsgemäße Uebergabe! ,, Feuer! Feuer!" gellt es durch das Mittelschiff. Es knistert und prasselt und ein beizender Qualm wälzt sich durch die Kojengänge. Ein paar Beherzte stürzen zum Feuerwehrschlauch. Andere bedienen die Pumpe. Aber es kommt kein Wasser. Irgendwo scheint ein Hahn abgestellt zu sein. - Das Fallreep hängt an der offenen Luke. Unten liegt die kleine Schaluppe. Entschlossene Funktionäre sperren den Zugang zur Luke ab und drängen die panischen Menschenmassen gewaltsam zurück. Ein Gang bleibt frei die ersten Verwundeten werden herausgetragen. Leicht Verletzte werden von Sanitätern vorbeigeführt. Einer, dem der Unterkiefer weggerissen ist, torkelt vorüber, eine breite Blutspur nach sich ziehend. So werden 20 Mann über das Fallreep heruntergelassen. Dann ertönt ein neuer Schreckensruf: ,, Achtung, Bordwaffen!" Und schon tacken Maschinengewehre. Getroffene schreien auf und fluten von der Luke zurück. Die Flugzeuge sind Engländer. Inzwischen hat das Feuer mit rasender Eile um sich. gefressen. ,, Schneller, schneller, wir verbrennen hier!" kreischen heisere Stimmen aus den Kojengängen. Mit unwiderstehlicher Wucht drängt der Menschenbrei irgendwie hinaus ins Freie. Das Grauenhaftes muß sich unten im Schiffsbauch abspielen. Revier, welches siebenhundert Schwerkranke und Sterbende beherbergt, ist ganz unten zwischen den Maschinen eingerichtet. Nur zwei eiserne Leitern führen von dort hinauf zum Licht. Wie Trauben hängen diejenigen, die sich noch fortschleppen können, an den Sprossen der 184 Leite sicht stürz men, Him über J Selbs hina den meh stür Was eine nach im Beir ster es eine hin von beh sch gel zus Ni au als Leiter. Rücksichtslos tritt der Vordermann auf Kopf, Gesicht und Schultern des Untermannes, bis er hinunterstürzt. Dann bricht mit lautem Krachen die Leiter zusammen, die Ueberlebenden sehen von Ferne ein Stück grauen Himmel leuchten, während die Flammen von allen Seiten über ihnen zusammenschlagen. Jetzt reißen auch an der Luke die letzten Bande einer Selbstdisziplin. Die brennende Decke stürzt in die Halle hinab und begräbt Hunderte von brüllenden und winselnden Menschen unter sich. Hier gibt es keinen Einzelwillen mehr. Durch die Luke quellen die Figuren ins Freie und stürzen ins Wasser oder auf die Schaluppe, von wo sie ins Wasser hinuntergestoßen werden. Ich selbst werde in eine Kajüte gedrängt. Hier steht das Bullauge offen. Einer nach dem anderen zwängt sich hindurch und verschwindet im Wasser unten. Endlich bin auch ich an der Reihe. Beine zuerst hinaus! Die Hüftknochen hängen am Fensterrand fest. Schneller, schneller, den Hinterleuten dauert es zu lange. Ein wuchtiger Schlag auf den Kopf, und mit einem mächtigen Schwung sause ich durch das Bullauge hinunter in das Wasser. Ich fühle nicht kalt und nicht warm. Ich merke nichts von einer gebrochenen Rippe. Ich denke auch nichts. Mich beherrscht nur ein Gefühl: jetzt bist du frei. Und dann begann ich zu schwimmen. * Sollte ein Wunder geschehen? Rettungsboote in Sicht! Das müde Gehirn zwingt sich zur Konzentration. Es ist schwer. Eine Stunde im eiskalten Wasser hat den Körper gelähmt. Denk an deine Lieben zu Hause, beiß die Zähne zusammen. Alle Energie auf einen Punkt konzentriert. Nicht mehr träumen. Rufe! Winke! Sie müssen dich sehen! Zwei Minensuchboote rauschen heran. Dort wird einer aufgefischt, hier ziehen sie einen aus dem Wasser... also sind wir doch nicht verloren? 185 Ich rufe. Ich winke. Ein leises Lallen ist alles. Drei Handbreit über die Wasserfläche hebe ich den Arm. Dann sinkt er schwer und.gefühllos ins Wasser herunter. Dann geschieht etwas. Schüsse peitschen durch die Luft. Ganze Maschinengewehrsalven ertönen. Kleine Was- serfontänen zeigen, daß Einschläge ins Wasser erfolgen. In das allgemeine Geschrei mischen sich helle Todes- rufe. Ein paar Meter vor mir wirft einer die Arme hoch. Ein lautes Gurgeln. Dann ist er verschwunden. Freund, wacht eine höhere Hand über dir? Sei froh, daß du nur gelallt hast vorhin. Sei froh, daß du deine Arme nicht höher heben konntest. Sie haben dich nicht gesehen. 186 ein Sechzehntes Kapitel Am Tage der Freiheit Du armer Irrer! Hast du denn tatsächlich geglaubt, daß man dich retten will? Hast du denn nicht gesehen, daß nur gut uniformierte, mit Schwimmgürtel versehene SS- Leute aufgefischt wurden? Hast du tatsächlich geglaubt, daß es auf dieser Welt auch noch Menschen gibt? Es wird Zeit, daß du die Segel streichst. Mit Illusionen bist du vor 11 Jahren ins Zuchthaus gewandert. Und mit Illusionen schwimmst du heute noch in der Ostsee. Packe ein, mein Freund, du scheinst nichts zu taugen für dieses Leben. Die Schaluppe hat sich in Bewegung gesetzt. Eng gedrängte Gestalten verteidigen ihr Rettungsboot gegen alle Angriffe. Keiner kann sich nähern, ohne rücksichtslos mit Rudern und Knüppeln niedergeschlagen zu werden. In Die Schaluppe steuert kerzengerade auf mich zu. zehn Minuten hat sie mich erreicht. Die Schiffsspitze streicht an meinem rechten Arm vorbei, herabbaumelnde Beine treten gegen meinen Kopf. Aber die Ruder und die Stangen sind zu lang, um mich treffen zu können. Ich blicke nach oben. Harte mitleidslose Gesichter, bedacht auf ihr eigenes Leben, bedacht, mich mit Gewalt unter das Wasser zu drücken, wenn ich den Versuch machen sollte, mich an das Schiff anzuklammern. Fremde Gesichter. Feindliche Gesichter. Und dann ein bekanntes dazwischen. ,, Mischka, Mischka, kennst du mich nicht?" 187 Oben ertönen erregte Stimmen. Dann packen mich zwei drei Fäuste am Rockkragen und zerren mich auf Deck. Und dann weiß ich nichts mehr. * Wir sitzen auf der Terrasse des kleinen Landhauses am See und schlürfen Tee. Wir sitzen in bequemen Sesseln. Leise Radiomusik tönt aus dem Haus. Aufmerksam gießt die Hausfrau von Zeit zu Zeit die geleerten Tassen nach. Zigarettenrauch ringelt sich in kleinen Wölkchen. Ach, ist es denn möglich? Der Blick schweift über die spiegelblanke sonnenglitzernde See bis zu den fernen Gestaden der östlichen Travebucht, und eine wohlige Ruhe hüllt uns ein wie ein weicher zärtlicher Mantel. Wir plaudern ein wenig, dies und das, dann schweigen wir wieder ein wenig und genießen das Leben mit einem gewissen ungläubigen Erstaunen. - Nie wieder Kasernen, nie wieder Uniformen, nie wieder militärische Kommandos, nie wieder die barbarische Janitscharenmusik, Abzählen, Marschkolonnen, numerierte Sklavenherden endlich wieder Mensch sein und sonst nichts! - - Drüben ragt der Schiffsrumpf der Cap Arcona" aus dem Wasser, dahinter die ,, Deutschland", daneben die ,, Thilbeck" und rundum glatte See und Frieden. Vielleicht werden noch ein paar Tage lang verbrannte Leichen ans Ufer geschwemmt werden, dann wird der Mantel der Vergessenheit sich über die Katastrophe des 3. Mai breiten. ,, Die Engländer waren außer sich, als sie die Bescherung am Strand vorfanden," nahm Hans Frölich, unser Gastgeber, seinen Bericht wieder auf. ,, Auf der kaum 600 Meter langen Uferstrecke lagen noch über 100 Leichen von Männern und Frauen zum Teil mit Knüppeln totgeschlagen. Wen sie von der SS und von den U- Boot- 188 schülern gekriegt haben, den haben sie an Ort und Stelle erledigt.“> „Und wieviel waren nun insgesamt auf den Schiffen?" wendet sich die Hausfrau an Paul Weißmann, ehemals Sanitäter in Neuengamme und Spanienkämpfer. „Insgesamt“über 10.000 Häftlinge, davon sind etwa 8000 zugrunde gegangen.“ Wieder schweigen wir und lassen die Gedanken schwei- fen. Wir denken an Zuhause. An die Zukunft... „Ich hatte ein Erlebnis, und dann noch eines— und ich weiß noch nicht, was ich damit anfangen soll,” beginne ich nach einiger Zeit.„Hört zu: Als ich triefend naß und halb bewußtlos durch die Straßen von Neustadt torkelte— am Hafen plünderten sie, in der Stadt plünderten sie, wäh- rend gerade die ersten englischen Tanks anrollten—, ja, da wußte ich buchstäblich nicht, was ich nun eigentlich sollte. Schließlich ging ich zu einem Tank hin und fragte den Engländer.„O, come on!“ sagte der und nahm mich mit in das nächste beste Haus. Da waren schon welche drin, und zwar Häftlinge. Er redete ein paar Worte mit denen, und dann kam einer von ihnen auf mich zu und fragte mich nur:„Deutscher? Ich sagte:„Ja, und dann hieß es im Chor:„Raus, du Schwein, hinaus mit dem Kapo!“ Ich sagte:„Ihr seid verrückt, wann bin ich je Kapo gewesen?‘—„Ihr seid alle die gleiche Sorte, mach, daß-du raus kommst! Nun sah ich, daß es Belgier waren. „Kennt ihr denn nicht euren Andre?”-——„Andre ist tot, und das ist gut so!“ rief einer. Der Engländer zuckte mit den Achseln und knurrte zwischen den Zähnen:„I'm sorry,‘ drehte sich herum und ging. Ich ging ebenfalls, bis mich Mischka auf der Straße auflas.— Dann das zweite Erlebnis: Gestern wurde— wie ihr wißt— ein Transport kriegsgefangener Kurlandkämpfer ausgeladen. Ich habe einmal„Im Westen nichts Neues" gelesen und habe mir daraufhin die Jungens betrachtet: Erst formierten sie sich, ein Ritterkreuzträger vorneweg. 189 - dann hieß es: Im Gleichschritt marsch wie im finsteren Frieden, dann: Singen und so sind sie durch die Stadt marschiert. Die Neustädter standen Spalier, in den Fenstern standen Kaffeekannen, Kuchen haben sie herangeschleppt und gewinkt haben sie. Warum sind wir nicht besser Soldaten geworden? Uns haben sie kaum einen Schluck Wasser gegönnt und haben möglichst die Türen zugeschlossen denn wir haben natürlich nicht gesungen und hatten auch keine verwegenen Mützen auf, sondern waren zerlumpte Vogelscheuchen. - - - Im Aber habt ihr gehört gestern im Radio den ersten Empfang der tschechischen KZ- Häftlinge in Prag? Flugzeug sind sie angekommen, man hat sie auf den Schultern nach Hause getragen trotzdem sie zerlumpt waren. Und das ganze Volk hat ihnen zugejubelt. dir schon einmal einer hier zugejubelt, Erwin?" - Hat Erwin Geschonnek, einer der wenigen überlebenden politischen Gefangenen, gibt keine Antwort. Mich aber beschlich eine dumpfe Ahnung, die in wenigen Wochen Wirklichkeit werden wird, wenn wir auf einem Hamburger Amt wie Bettler empfangen und ,, einem Arbeitsamt überwiesen" werden, wenn wir in weiteren Wochen wie Landstreicher unser deutsches Vaterland durchziehen und zu Hause von einem wohlgenährten und selbstzufriedenen Amtsarzt argwöhnisch und herablassend begutachtet werden. Der Traum von den jubelnden Arbeitermassen, von den wehenden Fahnen und der revolutionären Begeisterung ist ausgeträumt. Max, mein Freund, es war eine Fata morgana, die du damals, vor 10 Jahren, uns vorgezaubert hast, als du uns prophezeitest, daß ,, am Tage der Freiheit wehn die roten Fahnen draußen!" 190 Es war ein langer Weg, den wir gewandert sind, und es war, weiß Gott, ein beschwerlicher Weg. Aber, Freunde: Wir werden noch einen langen Weg vor uns haben. Bis zum Ziele...