Vorwort Ein persönlicher Erlebnisbericht ist dies, keine Chronik. Ich schrieb ihn kurz nach meiner Befreiung für das Provinz- Archiv. Mit anderen Berichten sollte er Unterlage für eine Geschichte unserer Provinz im Dritten Reich sein. Damit ist seine Grenze gezeigt: er bringt einen Ausschnitt, ein Einzelschicksal und nennt die andern nur von dieser Sicht her. Andere haben länger und mehr gelitten, sicherlich noch aufregendere Situationen erlebt, standen auch mehr in der Strudelmitte der Ereignisse, die um unsere Provinz und um Schönstatt brandeten. Der Bericht war darum auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und sollte nicht die übliche Kz.- Literatur vermehren. Aber nachdem gute Freunde ihn im Ausland in die Öffentlichkeit gebracht hatten, mag er auch im Inland dem engeren Freundes- und Bekanntenkreis zur Verfügung stehen. Den Bericht veranlaßte neben der genannten Absicht noch ein Zweites: Der Dank, der mich sprechen läßt: Misericordias Domini et Dominae in aeternum cantabo! Dieses Wort würde wohl zu einem mächtigen Jubelchor, wenn alle anderen ihren Weg berichten würden. Es ist wohl keiner, der es nicht erlebt hätte und dankbar bekennt. - - Einer der Mitbrüder auch er einer, der lange Zeit im Gefängnis war meinte:„ Der Bericht liest sich so spannend, daß ich den Eindruck habe, man vergiẞt darüber das Dunkle und Schwere, was da genannt ist". Richtig! Aber das wird wohl nie einer nachfühlen können. Was ist schon gesagt, wenn man in dürren Worten und Zahlen berichtet: ,, in dem Winter von 1944 auf 1945 starben im Lager bei 15 000 Men5 schen“. Was das im einzelnen an qualvollem, verlas- senem Sterben war, das vermögen wir selbst kaum aus der Erinnerung zu erwecken. Das vermag ein Außenstehender nicht zu erfühlen. Aber es ist ja auch nicht die eigentliche Absicht dieses Berichtes, eine Vorstellung vom Grauen des Kz. zu geben. Tatsächlich hat uns weder das Gefängnis noch das Kz. oft den Humor rauben können und nie den Glauben. Den Glauben, ja das Wissen, daß eine Vaterhand und eine Mutterhand in dem Geschehen spürbar wurde. Und wenn ich frage, wem ich diesen Schrieb widmen soll: nun Herrn Johann-Ernst Fluck und seiner braven Frau Gustl, dem Hauptwachtmeister Zick aus der UHA, und neben diesen lieben Menschen der Dreimal wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt. as- 1m ein las Meine Gefängniszeit Verhaftet wurde ich am 22. Dezember 1942. Der Tag sollte schön werden. Ich hatte mich am Morgen nach der Messe kurz auf das Bett gelegt, denn ich war sehr müde. Es war Dienstag. Am vorherigen Sonn- tag hatte ich 4 Predigten gehalten: zwei in der Ge- meinde, die Männerpredigt im Limburger Dom, eine Jugendpredigt in Eschhofen. So war ich müde Am Nachmittag dieses 22. Dezember 1942 sollte die Generalprobe unseres Weihnachtsoratoriums— die „"Christnacht“ von: Haas.— stattfinden. Ich hatte dazu als Organisten P. Karl K. von Rheinberg her eingeladen. So wollte ich nach dem Gottesdienst nun noch etwas ruhen, um den kommenden Anstrengun- gen gerecht zu werden. Die liebe Weihnachtszeit stand vor der Tür. Wie waren die Pläne doch so schön.“Ich sollte die Mitter- nachtspredigt in unserer Marienkirche halten. Sie war bereits entworfen über die unsterbliche Strophe aus dem Verbum supernum vom heiligen Thomas „Im Kripplein wollt er Bruder sein, im Brote unsere Speise sein, im Tode unser Heiland sein, im Himmel unsere Freude sein“. Dann die Bubenweihnacht, der „heimliche Advent“ am Weihnachtsmorgen. Mit den Ministrantenbuben hatte ich eine schlichte, doch zu Herzen gehende Weihnachtsvorfeier eingeübt— zum erstenmal für Eschhofen. Dann unser Weihnachts- oratorium, das erste Auftreten unseres Mädchen- chores und dann am 27. Heimfahrt und Weihnacht daheim. Dort wollte ich meinen Bruder Werner nach seiner Verwundung treffen. So dachte der Mensch, Gott aber— lachte. Ich hatte mich kaum niedergelegt, als ein Unruhe- gefühl plötzlich mich wieder auftrieb. Ich hatte ein 7 - - Auto hupen gehört und sprang wie von einer bösen Ahnung getrieben ans Fenster. Da sah ich auch zwei Männer an der Kirche vorbei und dann unserem Haus zuschreiten und wußte: die Gestapo. Ich hatte eben Zeit mich anzuziehen, das Bett ein wenig zu ordnen, da war das Alarmläuten schon zu hören und als ich eben an die Tür trete, springt der Gestapo- Beamte an mir vorbei mit den Worten: ,, Aha, dem steht ja die Lüge schon im Gesicht geschrieben. Hm, Geheime Staatspolizei". Und er zeigt mir seine Ausweismarke, indem er mit einem häßlichen Grinsen mich umschreitet. Der andere folgt. Nun beginnt die Durchsuchung meines Zimmers. Ich sehe mit Schrecken, daß sie eine Vervielfältigung der Weihnachtsbotschaft des Papstes über einen künftigen Frieden finden, daß ihnen ein Plan eines Werkbuches zur Einführung in die Schönstatt- Welt in die Hände fällt mit Angabe sämtlicher Mitarbeiter und ihrer Adressen. Einen sehr belastenden Brief meiner Nichte hatte ich gerade noch zusammenknäueln und in den Ofen werfen können, der aber nicht brannte. Das Gefühl, das mich beseelte, war eine gewisse dumpfe Ruhe. Wie es aber immer in diesen Fällen zu geschehen pflegt, reagierten meine Magennerven unmittelbar auf diese Erregung. Kurze Zeit später bat ich also, austreten zu dürfen. Darauf der Gestapomann mit häßlichem Lachen: ,, Na, machen Sie schon in die Hose".( Er drückte es noch um ein gut Stück gröber aus). Und dann folgte eine gründliche Leibesvisitation, weil man befürchtete, ich möchte wichtige Dinge ,, schwimmen" lassen. - - Die Untersuchung nahm sonst ohne jedes weitere Wort ihren Fortgang. Alle möglichen Dinge packte man zusammen. Ein kleines Bündelchen wurde hergestellt und auf einmal hieß es:„ Ziehen Sie sich zivil an, Sie müssen mit". Der 2. Beamte fragt: ,, Soll er das Portemonnaie auch mitnehmen?"„ Natürlich, das Geld gebraucht er doch für seine lange Reise nach Dachau". Ich nahm diese Bemerkung nicht ernst. 8 Per Die auf mer sie Etw Fra Ges hab der Pr In he am ler sch WO La ist fül wi La ve al da 00 m de Ze zu Da me be Vö sta ich Da ge K 1er ich nn Per Auto wurde ich nun nach Frankfurt geschafft. Die Eschhöfer schauen ahnungslos und freundlich auf mich. Dann allerdings, da.ich doch wohl efh merkwürdiges Gesicht gemacht haben muß, blicken sie befremdet. Etwa gegen 2 Uhr werde ich ins Polizeigefängnis Frankfurt a. M. eingeliefert. Ich höre noch, wie der Gestapo-Beamte zu einem Polizeimeister sagt:„Da haben wir wieder so ein schwarzes Subjekt“, und ‚der ihm zur Antwort gibt:„Machen Sie doch kurzen Prozeß, ins Arbeitslager mit ihm und fertig“. In der Aufnahme stehe ich— offenbar ein Verlegen- heitslächeln auf den Lippen. Der aufnehmende Be- amte, einer der übelsten Patrone, die ich kennen- lernte, fährt mich an:„Sie sind doch wohl Deut- scher?“„Ja!“„Sie sind doch Deutscher?“ Keine Ant- wort! Und dann, er, ausbrechend:„An den nächsten Laternenpfahl müßte man Sie aufhängen. Eine Kugel ist viel zu schade für Sie. Da nennen Sie sich Volks- führer und verführen das Volk. Aber Ihr Lachen wird Ihnen noch vergehen. Wir werden Ihnen das Lachen schon abgewöhnen, darauf können Sie sich verlassen“ und in dem Stil weiter. Ich muß alles abliefern, vom Hemdknöpfchen bis zum Hosenträger, damit ich mir nicht etwa die Pulsader öffnen kann oder mich in der Zelle erhänge. Und dann führt mich ein ziemlich brutal aussehender Wachtmeister, der aber im Herzen nicht so schlimm ist, in meine Zelle Nr. 52, 2. Stock. Die Eisentür knallt hinter mir zu.— Ich bin allein. Das erste, was ich in meinem wirbeligen Sinne be- merke, ist der fürchterlich penetrante Geruch oder besser Gestank. Ursache: Der Kübel in der Ecke; ein völlig urinzerfressenes Blechgefäß, das dauernd und ständig einen üblen Geruch verbreitet. Dann hatte ich vor mir die Pritsche: ein Holzbrett in Türgröße. Darauf ein Papierstrohsack, etwa zur Hälfte aus- gefüllt mit Papierwolle, die allenthalben dicke, harte Klumpen bildet. Unbeschreiblich der Sauberkeitsgrad 3. dieses Strohsackes. Mir wird fast übel. Langsam fällt mir auch die andere Umgebung der Zelle auf. Sie ist genau 12 Fuß lang und 5 Fuß breit— meine Schuhnummer gerechnet— das sind 4: Schritt. Da ist außer dem Kübel nur noch ein Wandbrettchen mit dicker Staubschicht; darauf ein Waschbecken,°zer- beult und seines Emailles fast beraubt, und eine ebensolche Kanne Wassers. Sonst nichts! Der Boden der Zelle grauer Beton; die Zellenwände unglaublich schmutzig. Nach und nach sehe ich, daß sie über und über mit Inschriften bekritzelt sind. Ich lese:„Tröste Dich mit mir, ich bin schon 3 Monat hier!“— Ein schöner Trost, denke ich. Damals ahnte ich ja noch nicht, daß ich nicht drei, sondern 6 mal 3 Monate in solcher Zelle hausen sollte.— Ich lese an der Türe: „Ein hoher, französischer Funktionär wurde von der SS nach Deutschland verschleppt und liegt hier seit zehn Monaten fern von der Heimat, fern von Frau und Kind“. Ich sehe obszöne Zeichnungen und derbe Aussprüche, finde aber auch kleine Gebete und tief empfundene Gedichtchen. Beispielsweise ist auf die Unterseite meiner Pritsche eingekritzelt ein franzö- sisches Heimwehgedichtchen, offenbar vom Gefan- genen selbst gedichtet, das mich immer und immer wieder ergreift. Die Zelle ist dunkel, die Sonne kommt nicht herein. Da sitze ich nun am Abend des 22. Dezember. In dieser Nacht mache ich zum erstenmal Bekannt- schaft mit Wanzen; weiß aber nicht, was es ist, das mich da so infernalisch beißt. Ich vermute Flöhe. Ge- schlafen habe ich nicht. Immer und immer wieder lasse ich mir die Möglichkeiten meiner Verhaftung und baldigen Entlassung durch den Kopf gehen. Um 20 Minuten vor 5 Uhr des anderen Morgens werden wir— wie in Zukunft immer— durch den brüllen- den Ruf:„Aufsteh’n! Kübeln!“ geweckt. Ich ordne meine Zelle so gut ich kann. An der Seite steht ein ungefähr haarloser Handfeger. Der Boden ist völlig übersät mit den umherstäubenden Fusseln meines 10 —+ x DEE 9 Fa BP} fällt Sie \eine . Da EEE Strohsackes. Naiverweise denke ich, daß mir bald ein Besen übergeben wird, die Zelle damit zu säubern. Da entlädt sich schon über mein ahnungsloses Haupt ein furchtbares Donnerwetter von seiten des Wacht- meisters, daß ich meine Zelle noch nicht sauber habe und merke nun, daß ich mit dem haarlosen Hand- besen die Sache hätte bewerkstelligen sollen. Ich mache es dann mehr oder minder gut. Die Pritsche muß aufgestellt werden und die Decke in Zigarren- kastenform geordnet werden. Eine Delle in der Decke ruft einen Tobsuchtsanfall des Wachtmeisters hervor. Kurze Zeit darauf werde ich äbgeholt zur ersten Ver- nehmung der Gestapo. Zum erstenmal sitze ich in der„grünen Minna“, d.h. ich sitze nicht, sondern ich stehe eingequetscht mit ca. 30 anderen Häftlingen. Außerdem werden noch eine Anzahl Frauen unter- gebracht. Das Gebäude der Gestapo ist palastartig, breite Trep- penaufgänge mit roten Läufern.— Ich werde in ein Zimmer geführt, wo mich ein riesiges, brutales Hitlerbild anstarrt, und dort beginnt das Verhör. Als Einleitungszeremonie lädt der Gestapobeamte lang- sam und betont einen Revolver und legt ihn_vor sich hin. Er ist an diesem Morgen offenbar nicht ausge- schlafen und sehr schlecht aufgelegt. „Herr Poieß, wir können die Sache ja auch vernünf- tig machen. Wissen Sie, es ist ja viel besser für Sie, Sie geben zu. Wissen Sie, dann werden Sie dem Richter übergeben, Sie haben Ihre Strafe abzusitzen, dann sind Sie erledigt. Im anderen Falle fahren Sie jasschlechter.— So, Herr Poieß, Sie haben ein Hetzgedicht verbreitet: ‚Die Preise hoch, die Läden fest geschlossen’!“— Mir ist es, als wenn mir irgendeiner mit einem Ham- mer vor den Kopf schlüge. Als ich mich von meinem Schrecken erholt habe, platze ich los:„Na also, das ist aber doch allerhand! Das Gedicht kenne ich über- haupt nicht. Das ist das erstemal, daß ich es höre!“ Diese Antwort ruft den ersten'Wutausbruch des Be- all amten hervor:„So fangen Sie nur an! Also so wollen Sie lügen! Gut! Sie werden ja sehen, was Ihnen dar- aus entsteht“. Und dann geht eine Stunde lang Streit zwischen uns beiden, er in Beschuldigung, ich in glatter Abrede. Nachdem er sich notdürftig wieder beruhigt hat, wird also Punkt 1 meines Protokolls niedergeschrie- ben nach meinem Diktat:„Wenn mir vorgeworfen wird, ich habe ein Hetzgedicht(siehe oben) verbrei- tet, so antworte ich, daß ich dieses Gedicht erst ken- nengelernt habe durch das Verlesen des Herrn Ober- sekretärs Th. Ich erbitte Beweise und Zeugen“. Die Stimmung von Herrn Th. ist schon wesentlich ge- reizter und schlechter als er nun mit P unkt 2 be- ginnt:„Herr Poieß, Sie haben den M öldersbrief vor Jungmännern verlesen“,— Nun bin ich mir klar, die Anklage ist glatt aus der Luft gegriffen.„Ich habe diesen Brief nicht ver- lesen“. Der zweite gesteigerte Wutausbruch meines Gegen- über:„Ich hätte Sie doch für klüger gehalten, also so unverschämt zu lügen, das ist mir doch noch nicht vorgekommen“. Und dann schraubt er sich in eine Erregung hinein und will” mich offenbar weich machen durch brutales Geschrei und schlimmste Dro- hungen, so etwa:„Wenn Sie nicht zugeben, werden wir Sie nach Dachau oder Buchenwald schaffen“ usw. Meine Antwort:„30 lebende Jungmänner sind meine Zeugen, daß ich diesen Brief nicht verlesen habe“, Wieder dauert der Kampf in Rede und Gegenrede eine gute Stunde. Er schimpft, tobt, droht, lockt auch dazwischen wieder einmal— ich leugne gleichmütig und ständig, zum Schluß immer wieder mit den gleichen Wendungen. Das Ende: Punkt 2 des Proto- kolls:„Wenn mir vorgeworfen wird, ich habe den Möldersbrief vor Jungmännern verlesen— 30 Jung- männer sind meine Zeugen, daß ich diesen Brief nie verlesen habe. Ich erbitte Beweise und Unterlagen“. 12 Nu Ein get Au Ihr vie wo) Ge Da höl Au vo det vel Me stin rede uch ütig den -0t0- den ung- nie ’en ET Nun folgt der 3. Punkt: Eine Aufzählung verschiedener Äußerungen, die ich getan haben soll. Ich habe den Eindruck, daß diese Äußerungen aus alten Akten mir vorgelesen werden. Ihrem Inhalt nach sind sie so, daß sie von 90 Prozent, vielleicht gar 99 Prozent aller Deutschen gemacht worden sind. Ihrer Form nach kann ich sie mit gutem Gewissen als nicht von mir stammend bezeichnen. Darüber der dritte Wutausbruch, abermals eine Stufe höher. Nun wird mir Dachau ganz entschieden in Aussicht gestellt: ‚Auf 20 Jahre können Sie sich von vornherein gefaßt machen. Sie brauchen nicht zu denken, daß Sie in diesem Krieg das Lager wieder verlassen werden“. Meine Antwort auf alle Beschuldigungen, stereotyp- lakonisch:„Diese Äußerung habe ich nicht getan“— „erinnere mich nicht, eine solche Äußerung je getan zu haben“—„ich weiß nichts von einer solchen Äußerung!“—„Diese Äußerung habe ich ganz be- stimmt nicht getan!“ Das. Protokoll ist im ganzen nur dreiviertel Tipp- seiten lang. Ich unterzeichne, während man ihm die Wut über das geringe Ergebnis dieses Verhörs an- sieht. Während ich noch wartend dastehe, tritt der Kom- missar G. ein. Mit den leisen Schritten eines Pan- ‚ thers schreitet er auf mich zu. Gepflegt,im Äußeren, verhalten und ruhig beim Sprechen. Mit einer leisen, tückischen Stimme fragt er mich.„Was sind Sie?“ „Katholischer Priester“.„Warum sind Sie hier?“— „Das weiß ich selbst nicht!“„Oh, das wissen Sie nicht, na, Pech gehabt“. Und mit einem teuflischen Lächeln geht er in sein Zimmer zurück. Etwa um 1 Uhr komme ich gänzlich erschöpft wieder im Gefängnis an, nachdem mich der Gestapo-Beamte entlassen hat mit der Bemerkung:„Na, jetzt werden Sie ja Zeit haben zu überlegen, ob Sie bei Ihrer Lüge bleiben wollen oder nicht“. Essen kann ich nicht, 13 einmal aus Erregung nicht, sodann: weil das Essen unglaublich schlecht zubereitet ist. Wieder gehe ich unruhig den ganzen Nachmittag in meiner Zelle auf und ab: 4% Schritte hin, 4% Schritt her und überdenke immer und immer wieder das Protokoll. Mir ist klar: diese Beschuldigungen sind glatt erfunden. Steckt eine Denunziation dahinter? Ist das überhaupt erst der Vorwand, um später anderes nachfolgen zu lassen? Dazwischen die unsinnige Hoffnung: vielleicht werde ich doch noch heute oder morgen entlassen, am Heiligen Abend. Qualvolles Dahinschreiten der Stunden. Auch das Stück Brot am Abend weise ich zurück. Wieder eine Nacht: unruhig durch Gedanken, die mich quälen; unruhig durch Ungeziefer, das mich peinigt, und unruhig durch das stündliche Anknipsen des Lichtes( das ist allnächtlicher Brauch im Gefängnis), wobei ich dann durch den Spion( ein groschengroßes Guckloch in der Eisentüre) von einem Wachtmeister beobachtet werde, ob ich mich nicht etwa schon erhängt habe. Der Heilige Abend vergeht in gleichem Grübeln; gleichem Hin- und Herwandeln in der Zelle wie ein Tier; gleich unsinniger Hoffnung, ich könnte an diesem Tage noch entlassen werden dazwischen aber auch religiöse Besinnung und das innere J a zu allem, was kommen soll. In der Nacht schlafe ich nicht. Bin aber auch nicht unglücklich. Im Gegenteil habe ich das starke Gefühl, nun einmal arme Weihnacht mit dem armen Heiland in der Krippe feiern zu dürfen, und siche, schon kommt der erste Gruß von oben. Genau um Mitternacht knirscht leise der Schlüssel im Schloß, das Licht geht an und ein Wachtmeister tritt ein, auf den Zehenspitzen an meine Pritsche herantretend. Frohe Weihnachten, Herr Pater" und er reicht mir die Hand, und einen schönen Gruß von P. Bange und Jung. Die liegen auf dem Gang unter ihnen. Ich habe den beiden auch etwas mitgebracht, aber ich kann ja nicht für alle etwas bringen, das fällt 14 auf, nen bian! Wach und Aber abw oder Ich men Ich Gott nach gar noch hälte letzt Biss das ich ließ anr jene mei Nun die gens über lieg Sich bote Blei cher ist auf.— Herr Pater, was habe ich mich am vergange- nen Tag geärgert bei Ihrer Aufnahme, dieser Gro- bian!“(Er meint die Drohung des aufnehmenden Wachtmeisters, daß die Kugel für mich zu schade sei und ich gehängt werden müsse.)„Das muß sich unsereiner nun anhören und kann nichts dazu sagen. Aber Herr Pater, trösten Sie sich. Wir wollen mal abwarten, wer von Ihnen beiden zuerst hängt, der oder Sie“. Ich kann nicht sagen, wie ungemein mich diese menschlichen Worte rührten. Auf einmal wußte ich: Ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die mit mir fühlen. Die Mitbrüder wissen, daß du hier bist und Gott hat mich gegrüßt.— Darum war der Weih- nachtstag von einer stillen Fröhlichkeit. Ich hielt so- gar Bescherung ab, denn ich fand in meiner Tasche noch einen Apfel, den Fräulein Mary(die gute Haus- hälterin aus dem Pfarrhaus in Eschhofen) mir in letzter Sekunde eingesteckt hatte. Den habe ich Bissen für Bissen als Weihnachtsbescherung gegessen, das erste, was ich seit meiner Verhaftung wieder essen konnte. Mittags gab es ein übles Kraut, das ich nur eben kostete und dann wieder zurückgehen ließ. Abends eine Mehlsuppe, die ich ebenfalls kaum anrührte. Nachher, in der Dunkelheit des Weihnachts- tages, hörte man zaghaft bald aus dieser, bald aus jener Zelle gepfiffen das„Stille Nacht“. Das war meine erste Weihnacht im Gefängnis. Nun folgt die endlos lange Reihe gleichmäßiger Tage, die alle so verlaufen: 20 Minuten vor 5 Uhr mor- gens Aufstehen, dann Säubern der Zelle, soweit die überaus primitiven Mittel so etwas zulassen, dann liegt der ganze lange Tag vor dir bis 7 Uhr abends. Sich niederzulegen auf die Pritsche ist streng ver- boten und durch die ständige Kontrolle unmöglich. Bleibt also nur das Sitzen auf dem harten Hocker- chen, das durch Scharniere an der Wand befestigt ist und das gerade im Rücken den Haltedorn hat, 15 sodaß man sich nicht anlehnen kann; oder der Spa- ziergang im Käfig auf und ab. Kein Buch wird mir gestattet, kein Gebetbuch, kein Rosenkranz, keine Zeitung, keine Arbeit, gar keine Beschäftigungsmög- lichkeit. Das ist schlimm; so blieben einem die lan- gen Stunden in der dämmrigen Zelle nur zum Grü- beln und wieder Grübeln. Bald ritze ich mir auf die Wand neben die naiven oder obszönen Sprüche 14 Kreuzchen, vor denen ich meinen täglichen Kreuzweg bete. Den habe ich mir auf meine Lage selbst zurechtgebetet. Denn in- zwischen bin ich mir ganz klar: nicht die Gestapo hat mich geholt, wie sehr sie auch meint, selbst Treiber zu sein, sie ist doch nur die Getriebene. Mich hat Gott geholt, und ich weiß auch genau warum. Mir sind die Zusammenhänge zwischen meiner Haft und dem 4. Oktober 1942 ganz klar. Allmählich bin ich seelisch durchaus ruhig und habe mich auf alle Möglichkeiten eingestellt, auch mein inneres Ja dazu gesprochen. Ich weiß, daß so keine Sekunde meiner Haft umsonst ist. Ich weiß mich gerade jetzt erst recht eingeschaltet in den Strom des Gnadenkapitals, ich weiß, daß ich mit einer ganzen Anzahl Mitbrüder dasselbe leide und bin im Grunde froh, ja, sogar ein klein wenig stolz darüber.. Schlimm ist's, daß man kaum an die Luft kommt. Da wir ja 10 Pallottiner im Gefängnis sind, gelten wir als Komplizen und werden nur einzeln zum täg- lichen Spaziergang hinausgeführt. Dieser Spazier- gang besteht darin, daß man 5—-10 Minuten auf einem ‚winzigen, mit riesenhohen Mauern umgebe- nen, schmutzigen und verspuckten Hof umgetrieben wird. Trotzdem: Der Spaziergang, das einzige Er- eignis des Tages, bedeutet für den Gefangenen un- geheuer viel und ich empfinde es schmerzlich, daß ich fast 50 Prozent aller Tage(wohl durch Bequemlich- keit der Beamten) garnicht an die Luft komme. Man lebt und verbleicht in seiner Zelle wie’ eine Kar- toffel im Keller. s 16 Schl naht inne bedi ung ist, Stü fleis geb me Au ein soll wei spr: übe „Wi einı krie Schlimm ist drittens der Hunger. Denn obwohl ich nahezu 8 Tage die Gefängniskost kaum anrühre vor innerer Erregung, stellt sich doch endlich das Natur- bedürfnis wieder ein. Man gewöhnt sich auch an die unglaublich schlechte Zubereitung; aber dasschlimmste ist, daß es so wenig gibt: morgens ein maßvolles Stückchen trockenes Brot, mittags eine meist fett-, fleisch- und kartoffellose Rübensuppe(es sollte 1 Ltr. geben, ich erhalte aber meist nur°lı Ltr., wie ich mit meinem Trinkgefäß, das gerade”: Ltr. faßt, wie der Aufdruck bezeugt, feststellen kann), abends wieder ein Stück Brot, das mit Marmelade bestrichen sein sollte, jedoch in der Regel nur Spuren davon auf- weist. Das Essen ist daher monoton der einzige Ge- sprächsstoff, den Gefangene haben, wenn sie- etwa über den Gang sich zurufen:„Wieviel Uhr ist’s?“, „Wie lange noch?“,„Was gibt’s heute abend?“(denn einmal in der Woche gibt es zur Abwechslung eine Suppe— hochbegehrt—),„Kannst du Lebensmittel kriegen mit deiner Wäsche?“-usw., usw. Außer Hunger, Beschäftigungslosigkeit, Raumenge ist es dann noch die Kälte, die uns zu schaffen macht: Der Boden Beton, die Heizung tritt nicht in Tätigkeit, das Fenster— das nur von Beamten ge- öffnet und geschlossen werden darf— wird nach völliger Willkür geöffnet, bleibt an kalten Tagen stundenlang auf, wird an dumpfig-heißen Tagen ganz zu Öffnen vergessen. Am dritter Tag meiner Haft fällt eine Seuchen- quarantäne ein. Typhus herrscht im Haus. Das hat unangenehme Folgen. Das Haus wird streng abgeschlossen. Es darf also Wäsche weder herein noch hinaus. Keine Briefe dürfen geschrieben wer- den. So kann ich auch meine Angehörigen nicht be- nachrichtigen. Wochen später erfahre ich, daß mich mein Bruder besuchen wollte, aber nicht vorgelassen wurde. Ein Weihnachtspaketchen, das er der Gestapo abgegeben hatte, erhalte ich nach vielen Wochen. Die Butter ist ranzig geworden. Die Sachen sind ver- 17 2 Poieß, Gefangener der Gestapo trocknet. Aber gleichwohl ist es mir eine große Freude. Meine Kusine und meine Schwester wollen mich besuchen. Davon erfahre ich erst im nächsten Verhör, ein Vierteljahr später, zufälligerweise. Und doch bringt diese Quarantäne gleich einen Beweis, daß Gottes Finger hinter allem steht. Sie ist der Grund, daß ich am Ende der Quarantäne verlegt werde, nachdem ich die erste der langen Reihen von Entlausungen durchgemacht.- Entlausung bedeutet ein Fest, denn es ist eine Abwechslung im trägen Gleichschritt der Tage und bedeutet die Möglichkeit, vielleicht mit einem anderen im Bad stundenlang( völlig ungekleidet) eingesperrt zu sein und also wieder einmal mit einem Menschen zusammenzutreffen. Gleich die erste Entlausung bringt eine interessante Zusammenstellung. Wir sind unser Vier eingesperrt im Bade und warten auf unsere Kleider, die im Entlausungskessel sind. Es sind 2 SS- Leute und 2 Pfarrer schwarz alle 4. Einer der SSLeute sitzt wegen Mord. Er hat einem, der seiner Frau nachstellte, das Bajonett in den Bauch gestoßen. Er war ehemals Erzieher in der Dehrner Anstalt, kennt Limburg und die Pallottiner. Er erzählt von dem Kz. Buchenwald, wo er als Wachmann eingesetzt war, dunkle, furchtbare Dinge. Aber das Kz. lag für mich ja noch außer jeder Berechnung. Das ist also am Ende der Typhus- Quarantäne, daß ich einen Gang tiefer gelegt werde. - Ich bin kaum in der neuen Zelle, da wage ich es und pfeife einen Liedanfang durch die Ritze der Tür: ,, Jubelnd klingt das Lied der Treue". Nach der 2., 3. Wiederholung tönt die Fortsetzung leise aus der einen Ecke und bald auch aus der anderen, und nun höre ich: ,, Nöckel, bist Du da?" Ich begrüße P. Jung und P. Bange. So sind wir durch die Quarantäne jetzt Familie geworden; können auch nur ganz spärlich durch Rufen über den Gang unsere Gedanken austauschen, pfeifen uns durch Lieder gegenseitig Ermunterungen und Erbauungen zu. 18 - wenn Gera Wac ker Stra dadu fen lasse lich pfif In Ere Und bin dra ich tun ber vor gar dal VO ich Le fän sch ode Zel ged der bin Fr fach geis tür Led roße len sten allll Geraten dabei natürlich manchmal in Gefahr, vom Wachtmeister geschnappt zu werden und in den Bun- ker zu kommen.(Es gab im Gefängnis auch noch den Strafbunker, der sich von der gewöhnlichen Zelle dadurch unterschied, daß man auf dem Boden schla- fen mußte und nur Wasser und Brot bekam.) Wir lassen uns aber im ganzen nicht stören. Allmorgend- lich begrüßen wir uns mit dem trotzig-gläubigen, ge- pfiffenen Gruß:„Wir werden nicht untergehen“. In diese stille Zeit hinein fällt auch ein bedeutendes Ereignis für mich. Ich gewinne einenFreund. Und das ging so: Wir sind ja im Januar 1943. Ich bin ganz im Unklaren über die politischen Vorgänge draußen. Da tönt am Abend des ersten Tages— als ich auf dem neuen Gang war— eine sonore Stimme — offenbar aus der Zelle gerade neben mir—:„Ach- tung, Achtung! Ich verlese jetzt den Wehrmachts- bericht“. Und mit Spannung höre ich die Ereignisse von Stalingrad, die Eroberung von Tripolis, die ganze veränderte Weltlage. Da ich instinktiv fühle, daß die Peripetie von Stalingrad auch die Peripetie von meinem und meiner Brüder Schicksal ist, lausche ich atemlos. Ich merke, wie hinter allen Türen die Leute lauschend stehen; denn man gewinnt im Ge- fängnis einen neuen Sinn. Das Gehör wird über- scharf. Man weiß, ob ein Wachtmeister von rechts oder von links kommt. Man weiß, wie einer in der Zelle steht und spricht. Zum Schluß fühle ich mich gedrängt, meinem Nachbarn zu danken, und das ist der Anfang unserer Freundschaft, denn Nr. 43(ich bin inzwischen Nr. 42 geworden) stellt sich als „Fritz“ vor, das ist sein Deckname, während ich ein- fach als„Max“ fungiere. Und nun beginnen die geistigen und geistlichen Gespräche hinter der Eisen- tür. Fritz ist von Beruf Wirtschaftler, Besitzer zweier Lederfabriken, die er durch eigene Tüchtigkeit in die 19 Höhe gebracht hat. Er ist Doktor der Philosophie, hat in Innsbruck studiert und bei Gemelli in Mailand Versuche über Hirnpsychologie( Experimente) gemacht. Er hat auch Medizin studiert, fast bis zum letzten Examen. Er ist katholisch, hat aber leider wegen eines unglücklichen Religionslehrers während seiner Studienjahre den wahren Anschluß an die Kirche zeitweilig verloren. Er ist ungemein universal gebildet und ein sehr tiefer, warmblütiger Mensch. Im Nu sind wir in philosophische, theologische, politische und andere Probleme hineinverflochten und wir merken, daß der ganze Flur als hörende Gemeinde an unseren Diskussionen teilnimmt. Das Verhältnis zwischen uns beiden wird bald ein sehr warm- menschliches. Als Fritz mir zum erstenmal zaghaft seinen Gute- Nacht- Gruß an die Wand klopfter schläft ja mit mir Seite an Seite- antworte ich, und er gesteht mir später, wie sehr gerade dieses ,, Gute- Nacht- sagen" ihm ein Heimatgefühl gegeben habe. Wir kennen uns nicht vom Sehen, nur vom Hören. Keiner kann sich eine Vorstellung vom andern machen, nur seine Stimme kennt er, und doch sind unsere Herzen schon tief miteinander verbunden. Durch die Freundschaft mit Fritz werden die langen, qualvollen Stunden nicht wenig verkürzt. Denn in diesen Wochen lerne ich den Hunger kennen. Einen nagenden, quälenden Hunger, der einen tagsüber ständig an die Mahlzeiten denken läßt und der mir nachts endlose Träume von üppigen Mahlen und Speisen vorführt. Aber unsere geistige Gemeinschaft hilft uns über solche irdischen Dinge leichter hinweg. Wir sind inzwischen sehr verwildert, da während der Quarantäne weder rasiert noch das Haar geschnitten wird. Ich habe einen Bart, d. h. besser: ein sauerkrautartiges Gebilde. Eines Tages sehe ich auf dem Hof bei einem Wachtmeister einen Gefangenen stehen. Wir mustern uns flüchtig, aber während ich schnellen Schrittes immer wieder das Höfchen aus20 mess sen( Mens fabe lang Schu hohe Aug gehe daß Dre Rüc weil und Esse Zell kom sehr gun Al suc Sch gef der daß Al Offe Bef Inha dun den die bar. auch sind mit will Und ren messe, schaue ich immer und immer wieder auf die- sen Gefangenen. Es ist ein hochgewachsener, schöner Mensch, etwa 30—32 Jahre. Ich denke immer: eine fabelhafte Christusfigur. Das kommt von seinem langen, weichen Haar, das ihm bald bis auf die Schulter reicht, und seinem Christusbart, dazu die hohe Stirn, die gerade, fast griechische Nase und die Augen. Ich kann ihn nicht sprechen hören und wir gehen wieder aneinander vorbei. Ich wußte nicht, daß es Dr. Sch., mein. Nachbar Fritz, war. Drei Monate’ gehen so vorbei. Ich habe mir auf der Rückseite der Pritsche einen Kalender eingekritzelt, weil man sonst jede Zeitrechnung verliert, Werktag und Sonntag sind unterschiedslos. Nicht einmal das Essen ist besser. Tag für Tag wandere ich in der Zelle auf und ab und auf und ab. Nach 3 Monaten kommen die ersten Veränderungen, die uns zunächst sehr hart bedrücken und dann doch wieder die Fü- gung Gottes zeigen. Als erstes Ereignis: Fritz wird ins Unter- suchungsgefängnis verlegt. In den Tagen nach seinem Scheiden habe ich wirklich gegen starke Heimweh- gefühle anzukämpfen. Man hat sich so sehr aneinan- der gewöhnt und das Herz will fast mit Gott hadern, daß man sich schon wieder trennen muß. Als zweites Ereignis: Wir werden verlegt. Offensichtlich haben die Wachtmeister einen strengen Befehl von seiten der Gestapo erhalten, etwa des Inhalts: Sorgen Sie, daß diese Leute keine Verbin- dung untereinander haben. Und so wandere ich auf den obersten Gang in die äußerste Zelle; P. Jung an die andere Ecke, nicht mehr für die Stimme erreich- bar. Wo P. Bange liegt, weiß ich nicht mehr. So ist auch unsere Familie auseinandergerissen und wir sind wieder ganz einsam. Von neuem muß man sich mit dem Gedanken befassen, daß wir um Gottes willen alles, aber auch alles verlassen müssen.— Und nun kommt wieder etwas Sonderbares. nen, Durch meine Zelle läuft ein Heizungsrohr. Die Heizung ist zwar nie in Betrieb, und wir frieren im Winter infolgedessen sehr. Aber urplötzlich kommt mir beim Sitzen der Gedanke, daß sich dieses Rohr doch als Telephon gebrauchen ließe, und es fällt mir ein, daß doch in der Zelle unter mir ein Bekannter vom 2. Stock liegen muß(der SS-Mann, mit dem ich bei der 1. Entlausung bekannt geworden bin). Wir hatten uns früher immer durch ein kleines Marschmotiv über den Gang verständigt. Dieses klopfe ich nun ans Rohr und bin freudig überrascht, sofort die gleiche Antwort zu erhalten. Froh, aus meiner Einsamkeit doch wieder etwas herauszukom- men, lausche ich auf das weitere Klopfen. Und— wer nur hat mir diesen Gedanken sofort eingegeben? — ich beginne bei den Klopfzeichen unwillkürlich mit zu buchstabieren. Es klopft 1, 2, ich spreche: a, b. Es klopft 1, ich spreche a. Es klopft 14mal und ich buchstabiere n. Es klopft 7mal und ich buchstabiere g. Springe vor Erregung auf: Bange!! Das Rohr endet also in der Zelle von P. Bange, von dessen Verbleib ich ja nichts mehr wußte. 10 Minuten spä- ter ist unser Telephon eingerichtet. Die Familie be- steht wieder. Und nun der>s2e2: Am nächsten Morgen wird P. Bange verhört, 3 Tage lang, und schon am nächsten Mittag habe ich den ersten Bericht durchs Klopftelephon. Als ich am 3. Tag in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werde und nun mitten in der Nacht zum Verhör muß(mei- nem zweiten), bin ich völlig ruhig und antworte auf die Fragen des Beamten klar und sachlich, weil ich ja— was er allerdings nicht weiß— durch P. Bange völlig im Bilde bin. So ist der Zusatz zu meinem ersten Protokoll kurz der:„Ich habe meinen Aus- führungen von früher nichts hinzuzufügen“.— Zwar habe ich an diesem Abend wieder einen unsinnigen Wutausbruch des Beamten zu bestehen. Aber der 22 ie im nn [7 entbehrt unter diesen Umständen für mich nicht des Humors. Eine zweite kleine Episode— FügungundFüh- rung— ist in diesem Verhör interessant. Der Be- amte versuchte mich zu düpieren:„Herr, Poieß, geben Sie doch Ihr zweckloses Leugnen auf. Ich habe vor 3 Tagen ihren Pfarrer verhaftet, der sitzt jetzt im Gefängnis von Limburg. Er hat einen Nervenzusam- menbruch gehabt. Der alte Herr hat es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren können: er hat alles ge- standen. Sie haben gemeinsam ausländisches Radio gehört“.— Dieses hätte mich nun wirklich umreißen können; denn es entsprach der Tatsache, wir haben gehört. Ich hatte ständig, fast täglich ausländisches Radio gehört, und zwar in vollbewußter Absicht. Mir war es klar, daß ich mir mein Gewissen nicht aus den Sonntagspredigten von Herrn Dr. Goebbels bil- den konnte; ich wollte mir mein freies Urteil in keinem Augenblick nehmen lassen. Zudem war ich mit früheren Schülern noch in enger Verbindung, und solche, die jetzt der Wehrmacht angehörten, be- suchten mich oft. Sie hatten Gewissensfragen. Z.B. erinnerte ich mich, daß eines Tages Fr. E. Turowski mit der Frage an mich herantrat:„Herr Pater, ist dieser Krieg gerecht?“ Ich antwortete ihm:„Willst du meine Meinung, meine persönliche Meinung, hören?“„Darum frage ich Sie ja!“ Hätte ich solche Jungen und solche Fragen mit einer feigen Ausflucht abtun können? Nein, ich wollte mir mein Gewissen bilden nach dem Grundsatz: audiatur et altera pars. So hatte ich täglich gehört und mit vielen darüber gesprochen. Wenn das herausgekommen wäre, hätte ich meinen Kopf dreimal verwirkt: 1. wegen fortgesetzten Hörens ausländischer Sendung und Verbreitung des Gehörten. 2. Wegen Wehrmachtzersetzung am laufenden Band, weil ich in freimütiger Weise mit einer ganzen Reihe von Urlaubern über die Tagesfragen dispu- 23 tiert und nie aus meinem Herzen eine Mördergrube gemacht hatte. - So 3. Wegen Zersetzung der inneren Front, besonders in meiner Predigt- und Seelsorgstätigkeit. Hier war also der Beamte an einem Punkt, wo er nur des rechten Brecheisens bedurfte, um eine Bresche zu schlagen und dann wäre es um mich geschehen gewesen. Aber mein Fall wäre der Fall vieler, vielleicht sogar der Provinz geworden. war die Äußerung des Gestapo- Beamten brenzlig. Gleichwohl mußte ich in diesem Augenblick wirklich ein Lachen verbeißen. Am Tag vorher hatte ich ein Wäschepaket bekommen und das einzige Mal in meiner langen Haft war es der Pfarrer von Eschhofen selber, der dieses Wäschepaket besorgt hatte. Es lag ein Zettel darin:„ Frankfurt/ Main, Datum des vorhergehenden Tages: Sie erhalten anbei 1 Hemd, 1 Unterhose usw.... Mit freundlichem Gruß Ihr Pfr. Sch." Also der drei Tage vorher verhaftete, zusammengebrochene, im Limburger Gefängnis sitzende Pfarrer hatte mir am Tage vorher ohne das geringste Zeichen eines Nervenzusammenbruchs mit kräftiger Schrift einen Gruß aus Frankfurt geschickt. - So konnte ich zur Verblüffung des Beamten die ruhige Antwort geben: ,, Das kann Herr Sch. nicht gesagt haben, oder aber er hat es wirklich in einem Nervenzusammenbruch gesagt".. Der Punkt fiel ins Wasser. Die Gefahr war abgewendet. Zufall oder Fügung, daß ich die scharfe Waffe in die Hand gespielt bekam? Die Häufung all dieser kleinen Dinge, die doch von so großer Bedeutung waren, läßt mich nur an die Fügung glauben. So hatte ich mit P. Bange die Familienbande wieder geknüpft, aber es war unmöglich, mit P. Jung zu sprechen. In dieser Woche hatten wir einen jungen Stationswachtmeister, der korrekt und freundlich in seinem Benehmen war, wenn er auch vor den Polizeimeistern den ,, Strengen" markierte. 24 Am S auf u Sie". am F sich, er m und aufg zu S und lang Leid Sch Zwa grau gebi sein gest Der Stu die feir ges ges in Fro We in d 194 Br. übe scho Nie im dar dun and Am Samstagabend schließt er nun plötzlich die Zelle auf und-sagt mit barscher Stimme zu mir:„Kommen Sie“. Er führt mich über den weiten Gang und ganz am Ende schließt er eine Zelle auf, die Tür öffnet sich, siehe da: P. Jung. Kurz und wortlos bedeutet er mir durch ein Kopfnicken, ich solle hineingehen, und während er sich als Wachtposten am Treppen- aufgang aufstellt, um vor etwaigen Revisionen sicher zu sein, begrüßen wir uns in der Zelle stürmisch und freudig und nun können wir eine halbe Stunde lang uns aussprechen und erzählen unsere ganze Leidensgeschichte. P. Jung zeigt mir seinen roten Schutzhaftbefehl und es ist ein froher Samstagabend. Zwar sieht P. Jung schrecklich aus: sein Haar ist eis- grau geworden. Er erzählt mir, daß er 76 Pfund ein- gebüßt habe und das sieht man ihm auch an, aber sein Mut ist ungebrochen, wenngleich er mir auch gesteht, daß er. schwere Stunden durchgemacht habe. Der junge Wachtmeister, der mich nach dieser halben Stunde wieder heimführt, hat sich in der kurzen Zeit, die ich noch im Polizeigefängnis war, immer sehr, fein benommen, mir ab und zu mal eine Zeitung zu- gesteckt und mich mittags beim Nachschlag nie ver- gessen. Leider war er bei meinem zweiten Gastspiel in der Klapperfeldstraße nicht mehr da, er war zur Front gegangen. Wenige Tage nach dem Verhör wurden wir plötzlich alle in das Gerichtsgefängnis in der Hammelsgasse verlegt.— Es war am 5. März 1943. Mit mir wurden auch P. Bange, P. Jung und Br. Morper in die Untersuchungshaft-Anstalt(UHA) überführt. Die anderen Brüder waren kurz vorher schon übergesiedelt, sodaß jetzt die ganze Pallottiner- Niederlassung mit ihrem Rektor wieder vereint war im Gerichts-Gefängnis— nur war überhaupt nicht daran zu denken, daß man miteinander in Verbin- dung kam; denn das Gerichtsgefängnis war ganz anders gebaut, vom diensttuenden Hauptwachtmeister 25 leicht zu übersehen, eine Verständigung über den Flur weg durch Sprechen ganz unmöglich. Aber wir wußten doch: wir sind nicht allein. Die Verlegung ließ uns zunächst hoffen, daß unsere Sache vorangetrieben würde. Dies war aber leider in der Folgezeit nicht der Fall. Nach wie vor war ich Polizeigefangener- auch im Untersuchungsgefängnis. Das hatte seine Nachteile. Weiterhin blieb die Gestapo für meine Überwachung zuständig und diese erlaubte in keiner Weise, von den Erleichterungen Gebrauch zu machen, die den Gefangenen im Untersuchungsgefängnis gewährt wurden. So hörte ich Sonntags zwar die Orgel in meiner Zelle, durfte aber nicht zum Gottesdienst. Es war den Gefängnisgeistlichen nicht gestattet, mich in meiner Zelle zu besuchen, was er bei den Untersuchungs- oder Strafgefangenen ohne weiteres durfte. Auch waren die Wachtmeister in der Behandlung der Polizeigefangenen sichtlich zurückhaltend, weil sie offenbar die Gestapo fürchteten. Trotzdem bedeutete unsere Übersiedlung in die Hammelsgasse- wie im Frankfurter Volksmund kurz das Gerichtsgefängnis genannt wird - eine große Erleichterung. Zunächst einmal der Räumlichkeiten wegen. So schmutzig das Polizeigefängnis, so sa uber die UHA. Die Zelle, die nun in den kommenden Monaten mein Heim war, war licht und hell, im 5. Stock gelegen. Nr. 244. Der Boden mit rotem Linoleum belegt. Ein geschlossener Spind, ein Bett, zwar hart, aber doch nicht zu vergleichen mit der Pritsche des Gefängnisses. Saubere, alle 3-4 Wochen gewechselte Bettwäsche; kein Ungeziefer; der Kübel geruchsdicht verschlossen; die übrigen Gegenstände blitzten vor Sauberkeit. Schon dieses war für uns eine äußerst angenehme Überraschung. Sodann war das Essen unvergleichlich besser. Hier erst erkannten wir, daß in der Klapperfeldstr. 26 das E auch größt zusta mit Hier und Gefa krieg dert hart E.Sch Wei ware Re ware soga einn Fer Spa als hat Blu hoh mar zieh Die einz dru die wec Spa den wi r sere das Essen nicht nur schlecht zubereitet war, sondern auch— was wir später bestätigt fanden— der größte Teil der Lebensmittel, die den Gefangenen zustanden, von den Wachtmeistern im Einverständnis mit dem leitenden Hauptmann verschoben wurde. Hier in der UHA waren die Speisen gut zubereitet und offenbar wurde in strenger Rechtlichkeit den Gefangenen alles gegeben, was ihnen, wenn auch bei kriegsmäßiger Beschränkung, zustand. Ja, ich wun- derte mich immer, wie der Küchenwachtmeister, ein harter, aber ehrlicher Westfale— Hauptwachtmeister E.— den Speisen, trotz der Kriegsmängel eine solche Schmackhaftigkeit verleihen konnte. Weiter die Behandlung durch das Personal. Hier waren alles Justizangestellte, die noch in der alten Rechtlichkeit und Ehrlichkeit erzogen waren und die Gefangenen streng, aber gerecht, ja sogar höflich, behandelten. Hier war man wieder einmal ein„Sie“. Ferner: jeden Tag wurde man genau'/: Stunde zum Spaziergang herausgeholt. Der Hof, bedeutend größer als der im Polizeigefängnis, blitzsauber gehalten, hatte sogar— was mich sehr freute— ein kleines Blumenrondell in der Mitte; zwar war er durch die hohen Mauern ringsum schattig. Gleichwohl hatte man versucht, Chrysanthemen in diesem Rondell zu ziehen und das Beet mit Farnkräutern umgeben. Die Chrysanthemen kamen auch wenigstens ver- einzelt in diesem Jahre zur Blüte. Der tiefe Ein- druck, den dieses Stückchen Natur auf mich machte, die Freude, die Knospe, Blatt und Blume in mir er- weckte, zeigt am besten ein Gedicht, das auf diesen Spaziergängen entstand: Die Mauern drohend steigen, Es starren Stäbe, fahles Grau, Doch oben darf sich zeigen Ein Stück vom schönen Himmelsblau. Und in dem Zelt, dem blauen, Schwebt eine Taube weiß und fern; 27 Ich will nach oben schauen, Denn dieser Himmel stammt vom Herrn. Der Sonne Strahlendolden, Lichtboten aus dem bess'ren Land: Ein Dritteil sie vergolden Der grauen Öde dieser Wand. Ein Lüftchen spür' ich gehen, Das bringt den Frühling mit von fern, Ich will nach oben sehen, Denn diese Sonne stammt vom Herrn. Der Stein dröhnt von den Schritten, Die stumpf und stet die Runde zieh'n; Ich schaue hin zur Mitten: Dort sproẞt im Beet das erste Grün. Mein Herze fühl ich beben, Die Seele dringt durch Zwang und Trott, Denn dieses grüne Leben Und diese Knospe stammt von Gott. er mi scher auch naht merk mürr die h ein S wort im N habe der war wirk und Dies Sehnen hinter Stäben, Dies gleiche Schreiten in der Haft, Ist's nicht ein Bild vom Leben, Von erdenmüder Wanderschaft? Doch soll's mich nicht bedrücken, Ein Strahl schon dringt durch Qual und Spott; Ich will nach innen blicken, Denn meine Seele lebt in Gott. Die UHA sollte aber bald in noch tieferem Sinne ein Heim für mich werden: Das erste Erlebnis hatte ich gleich nach 3 Tagen. Wir wurden zum Spaziergang geführt. Dabei ging es immer sehr streng zu. Wir mußten im Abstand von etwa 5 Meter gehen. Es durfte nicht gesprochen werden. Ich will gerade unten um die Ecke biegen, als mich ein stattlicher, etwas beleibter, weißhaariger Hauptwachtmeister es war der sogenannte ,, Hausvater" schon der Name ist bezeichnend für die andere Haltung des Gerichtsgefängnisses gegenüber der Roheit des Polizei- und Gestapo- Gefängnisses als also dieser Herr in barschem Tone ruft: ,, He, Sie da, kommen Sie mal her!" In stramm vorschriftsmäßiger Haltung stehe ich vor ihm. Er sieht mich mit einem mürrischen, bösen Gesicht an, als ob 28 - fährt wird habe folge mein dara den war knir wird in s seine däch mun zurü mein gerad der d das H auch fange einer in Haus me ein Wir ng es von ochen egen, aariannte nend es gefängruft: vorsieht als ob - - er mich fressen wolle und knurrt: ,, Sie sind katholischer Priester, was?" Oha, denke ich, geht das hier auch so los? Antworte die Hand an der Hosennaht ,, Jawohl, Herr Hauptwachtmeister!" Dann merklich leiser von ihm aber mit der gleichen mürrischen Miene:„ Ich bringe Ihnen übermorgen die heilige Kommunion!" Das Wort ging mir wie ein Schlag durch mein Herz. Ich vergaß jede Antwort und da war er auch schon abgebraust. Ich wurde im Nu sehr aufgeregt. Man bedenke: monatelang habe ich nun die Tröstungen des Gottesdienstes und der heiligen Kommunion entbehrt. Aber ein weiteres war mir sofort klar: wenn der Wachtmeister mir wirklich die Kommunion bringt, dann setzt er Kopf und Kragen dafür ein. Falls die Gestapo dieses erfährt, ist er nicht nur seiner Stelle verlustig, sondern wird schwerstens bestraft; tut er es also doch, dann habe ich einen Freund im Gefängnis. In der darauffolgenden Nacht habe ich nicht geschlafen. Wie vor meiner ersten heiligen Kommunion habe ich mich darauf vorbereitet, nun wieder nach langen Monaten den Heiland zu empfangen. In aller Herrgottsfrühe war ich bereits auf und als eben erst der Tag graute, knirscht leise der Schlüssel im Schloß, der Riegel wird zurückgeschoben und siehe da: mein Hausvater in seiner besten Uniform tritt ein und zieht unter seinem Mantel eine Bursa hervor. Er kniet andächtig beiseite und ich kann mir die heilige Kommunion reichen. Nachdem ich ihm die Bursa wieder zurückgegeben, versucht er leise und geräuschlos meine Zelle wieder zu verlassen, aber o weh gerade hat er die Zellentür geöffnet, da geht draußen der diensthabende Wachtmeister vorbei. Mir schlägt das Herz fühlbar. Ich weiß, was das bedeutet; erlebe auch später oft genug, daß Wachtmeister wegen Gefangenenbegünstigung weil sie etwa Gefangenen einen Brief zugeschmuggelt oder Essen besorgt haben im gleichen Polizeigefängnis saßen wie wir. Der Hausvater dreht sich sofort um und brüllt mich an: - - 29 ,, Also machen Sie das mit der Wäsche so, wie ich Ihnen das gesagt habe, damit man nicht immer dieselben Schwierigkeiten hat!" Schließt die Tür zu und ich kann ein Lachen nicht verbeißen. Zwar bin ich fest überzeugt, daß der Diensthabende genau weiß, daß hier Unlauteres getrieben wird, aber vielleicht ist er in seinem Herzen selbst der Übelste nicht. An diesem Tag bin ich voll hoher Freude. Nun weiß ich mich nicht mehr einsam. Es zeigt sich denn auch, daß der Hausvater eine ganz große Nummer ist. Er flucht zwar wie ein Türke, daß es durch das ganze Haus schallt, ist mit sämtlichen Wachtmeistern verstritten und behandelt die Gefangenen grob wie ein Holzfäller. Im Herzen aber ist er ein echt gläubig- katholischer Mann, der aus religiöser Überzeugung sich eine Freude darausmacht, uns allen vor allem den gefangenen Priestern- zu helfen. - - Uns allen! Ja, wir sind hier in der UHA eine große Familie. Unser 10 sind wir hier eingesperrt. 10 Pallottiner. Ich sehe allerdings nur einen täglich beim Spaziergang weil er mit mir auf dem gleichen Gang liegt, Br. Kunkel, unseren Bäckermeister, der nun schon seit 3 Jahren ohne Grund im Gefängnis sitzt. Ich gebe ihm jeden Morgen den Segen und öfters auch die Absolution beim Spaziergang. Die anderen sehe ich nicht- aber wir hören uns. Denn, wenn in der Frühe morgens nachdem die Glocke zum Aufstehen läutet erste Fenster aufgeht, tönt auch bald unser Gruß gepfiffen über den Hof:„ Wir werden nicht untergehen!" Es pfeift von allen Seiten. Wir sagen uns in unserer Art ,, Guten Morgen". - schauer muß ic kommt sein, de gesagt, waren Rasier daß w Eines gehe, fährt nach es kei eine S mal, s Frit Freihe Chef beitet Zeit z Haus Zunid wenig Allmo Spazie Wacht höre i den Ar lin- Kor das jeden M obgleic unbeka ist, die und zä mir so Was da in aus hat Ich bin schon ein paar Wochen in der UHA, da fällt mir bei meinem Spaziergang im Treppenhaus- das man von oben bis unten durchschauen kann der sogenannten Packerei ein hochgewachsener, feiner Kerl auf. Immer wieder muß ich zu ihm hin30 ° ich die- schauen und es kommt mir so die Erinnerung: den muß ich doch irgendwo gesehen haben. Eines Tages kommt mir die Erleuchtung: sollte das etwa Dr. Sch. sein, der„Fritz‘ aus dem Polizeigefängnis?— Wie gesagt, wir hatten uns s. Zt. nie gesehen. Wenigstens waren wir uns bei dem einen Mal, als wir uns beim Rasieren nach der Quarantäne trafen, nicht bewußt, daß wir es waren, kannten uns nur an der Stimme. Eines Morgens, als ich gerade in seiner Nähe vorbei- gehe, sage ich leise:„Grüß Gott, Herr Doktor!“ Er fährt herum, sagt aber kein Wort. Als ich wieder nach dem Spaziergang auf meiner Zelle bin, dauert es keine 5 Minuten, da klopft es an meiner Tür und eine Stimme flüstert durch den Türspalt:„Sagen Sie mal, sind Sie Herr Poieß?“ Und nun ist’s wirklich Fritz, der da draußen steht. Er hat eine ziemliche Freiheit im Hause; denn sein Verwandter ist der Chef des Gefängnisses, Oberstaatsanwalt X. Er ar- beitet in der Packerei und das ermöglicht ihm, von Zeit zu Zeit unter irgend einem Vorwand durchs Haus zu gehen. Wir begrüßen uns mit großer Freude. Zunächst freilich bleibt unsere Verbindung auf wenige Dinge beschränkt. Allmorgendlich grüßen wir uns vor und nach dem Spaziergang— heimlich, verstohlen— damit die Wachtmeister es nicht merken. Im Pfeif-Konzert höre ich auch täglich eine neue Stimme. Er pfeift den Anfang des Adagio-Teiles von Beethovens Vio- lin-Konzert. Daran erkenne ich ihn. Auch er pfei? jeden Morgen mit„Wir werden nicht untergehen!“— obgleich ihm der Sinn dieser kleinen Melodie noch unbekannt ist. Aber, daß es die Pallottiner-Familie ist, die sich grüßt, das hat er bereits gemerkt und zählt ‚sich zu uns. Wieder wird das Gefängnis mir so heimischer.- Was das Gefängnis weiter dem Polizeigefängnis vor- aus hat, ist etwas ganz Wichtiges: 31 Ich darf arbeiten! Gleich in den ersten Tagen bekomme ich eine Papierarbeit zugewiesen. Sie ist, leicht. Nun gehen die Stunden für mich schnell dahin. Arbeit ist hier wahre Freude. Das hat auch zur Folge, daß der Arbeitswachtmeister verschiedentlich zur Kontrolle kommt. Mein Pensum beherrsche ich leicht und gut und bei solchen Gelegenheiten schlüpft auch wohl Fritz mit ein. Wir begrüßen uns kurz und sagen uns das eine oder andere Wort. Er vermittelt mir auch sofort eine weitere Vergünstigung: Eines Morgens klopft es an meiner Tür. Ich springe hinzu und draußen flüstert eine Stimme:„ Pax tecum!" Hallo, denke ich, ein Lateiner! ,, Et cum spiritu tuo!" Da sagt's draußen:„ Ich bin der Bibliothekar. Du mußt mich kennen. Ich bin der Lehrer von Villmar und habe dort die Orgel gespielt." Freilich kannte ich ihn, denn in Villmar war ich ja wie oft zur Jugendpredigt, die ich dort hielt. Auch er ist ein Opfer der Gestapo wegen seiner katholischen Einstellung. Da er aber bereits Untersuchungsgefangener ist, hat er die Bibliothek des Gefängnisses zur Verwaltung. Und nun besorgt er mir allsonntäglich denn nur Sonntags dürfen wir lesen - ein Buch nach meinem Wunsche. Das letztere war wichtig, denn die anderen Gefangenen bekommen die Bücher wahllos. Der erste Sonntag: ich habe ein Buch. Es ist ,, Der Kampf um Rom" von Felix Dahn. Ich kenne es wohl aus früherer Zeit, aber welche Freude es für mich an diesem Tage war, wieder lesen zu können! Noch um 10 Uhr, 211 Uhr( Sommerzeit) stehe ich auf meiner Pritsche, um am Fenster die letzten Spuren des Lichtes zu erwischen, und lese, lese. Vorher war mir bereits eine andere Freude zuteil geworden: Durch die Vermittlung des famosen, bereits vorgestellten„ Hausvaters" bekam ich eine Heilige Schrift, das Neue Testament, für 32 stär gegen durft stehe der H Hl. S SO V die Ora mir fand Das Auch vate Was Bre 3 ständig auf meine Zelle Das war zwar auch gegen die Vorschrift der Gestapo(Gestapo-Gefangene durften all diese, den sonstigen Gefangenen zu- stehenden Vergünstigungen nicht bekommen)— aber der Hausvater macht sich nichts daraus. Als ich die Hl. Schrift zum erstenmal in der Hand hielt, war ich so voll Freude, daß ich— wie einst im Mittelalter die Gläubigen oft taten— die Schrift sozusagen als Orakel benutzte. Ich sagte:„so Gott, nun sage Du mir ein Wort!“ Schlage auf’s Geratewohl auf und fand die Stelle Lukas 21,9—19: „Wenn ihr von Krieg und Umsturz hört, dann laßt euch nicht erschrecken. Denn dieses muß zuerst ge- schehen, jedoch ist das Ende noch nicht gleich da“. Und.r fuhr fort:„Volk wird sich gegen Volk erheben und Reich gegen Reich. Gewaltige Erdbeben, Pest und Hunger wird es an vielen Orten geben. Schreckbilder und fürchterliche Zeichen werden am Himmel erscheinen. Vor all dem aber wird man an euch Hand anlegen; man wird euch verfolgen, euch an die Synagogen und Gefängnisse überliefern, vor Könige und Statthalter euch schleppen um meines Namens willen. Doch dies wird euch zum Ruhmeszeugnis werden. Dann nehmt euch vor, nicht schon im voraus euch zu sorgen, wie ihr&uch verteidigen werdet; ‚ich ‚werde euch Beredsamkeit und Weisheit geben, der von allen euern Gegnern keiner widerstehen und widersprechen kann. Ihr werdet sogar von Eltern und Brüdern ausgeliefert werden und von Verwandten und von Freunden, und manche aus euch wird man töten. Von allen werdet ihr um meines Namens willen ge- haßt werden. Und doch soll nicht ein Haar von euerm Haupt verloren gehen. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr euer Leben gewinnen.“ Das war nun wirklich ein Gotteswort in meiner Lage! Auch den Rosenkranz hatte mir der gute Haus- vater bald zugeschustert. Was ich allerdings noch immer vermißte war mein Brevier. Der zweite Hauptwachtmeister an der 33 3 Poieß, Gefangener der Gestapo Aufnahme hatte mir dieses verweigert mit der Be- gründung, das sei streng verboten von der Gestapo und wenn so etwas herauskäme, so würde ihm das nicht nur seine Stelle kosten, sondern auch noch schwere Strafe dazu. So fragte ich garnicht danach, bis eines Tages der Hausvater, der mir nun schon ein guter Freund war und mich in stillen Stunden, z. B. an Sonntagnachmittagen heimlicherweise besuchte, zufällig nach dem Brevier fragt und da er erfährt, daß ich keines habe, brüllt er mich an:„Warum haben Sie denn nichts gesagt, Sie Dummkopf, das könnten Sie doch nun schon lange haben!“— Frei- lich, nun mußte er warten, bis die nächste Wäsche kommt, dann der Frau Bescheid sagen und dann wird sie es beim übernächsten Schub bringen können. Ich muß hier etwasnachholen: Schon seit dem ersten Tage meiner Haft hatte ich einen guten Schutzengel, eigentlich waren es.zwei: Herrn Johann-Ernst Fl. und seine Frau Gustel — unsere Nachbarn aus Eschhofen. Was dieses gute Ehepaar in treuer Anhänglichkeit all die Monate für mich getan, ist ihnen nicht zu danken. Zunächst mußte Joh. Ernst am ‚hochheiligen Weih- nachtstag des Jahres 1942 aus, im zu erkunden, wo- hin mich die Gestapo eigentlich verschleppt hatte. Er war freilich vergeblich nach Limburg zum Gefängnis, zum Landratsamt und an andere Stelle gegangen— hatte nichts rausbekommen. Am Dienstag nach Weihnachten kam er nach Frankfurt a. M. und ging hin in den Löwenrachen, alias Lindenstr.: GESTAPO- Hauptquartier, und erkundigte sich frisch-fröhlich nach P. Poieß und wann ich wieder entlassen würde, da ich ja nichts begangen hätte.— Das bekam ihm freilich schlecht. Er wurde auf Herz und Nieren durchsucht, und nur der großen Virtuosität, mit der er den harmlos Dummen spielte, hat er es zu ver- danken, daß Th. ihn wieder unbehelligt entließ.— Das Verhör hatte ihm zwar Schrecken eingejagt, 34 ETEREEEETTTT TUT aber Frau Gustel stärkte wieder den gesunkenen Mut und die Erkundung begann aufs neue. Er bekam her- aus, daß ich im Polizeigefängnis saß. Von da an brachte er mir unter großen Schwierigkeiten, ab- wechselnd mit seiner Frau jede Woche meine Wäsche. In den ersten Wochen waren ihre Versuche vergebens, denn wegen der,schon erwähnten Quarantäne wurde keine Wäsche angenommen. Ca. 8&—10 Wochen mußte ich damals in derselben Wäsche zubringen, die na- türlich dementsprechend aussah. Aber sie ließen nicht nach und endlich war die Türe geöffnet. Natürlich versuchten sie es auch gleich mit einem Butterbrot. Das wurde ihnen aber rundweg abgelehnt. Sie machten aber jede Woche die zirka 65 km-Reise treu, um mir die Wäsche zu bringen. Ich ahnte damals nicht, wer mir so treu beistand. ‚In der Folgezeit aber sollte ihre Arbeit doch für mich noch große Bedeutung gewinnen, so jetzt, wo der Wachtmeister sie veranlaßt, mir mein Brevier zu bringen. Bis dahin stellt er mir sein eigenes Volks- brevier zur Verfügung und ich kann nun auch wieder die heiligen Zeiten mitfeiern. Es wird also immer schöner in der Untersuchungs- anstalt und mir fehlt wirklich fast nur die Frei- heit. Freilich vermisse ich noch ein anderes sehr: Arbeit!— Nicht die körperliche, die habe ich ja jetzt, und zwar eine Arbeit, für die mir die gesamte Damenwelt Dank wissen muß: ich arbeite Haar- schützer für Dauerwellen. Für diese Arbeit bin ich ja dankbar. Sie geht mir flott von der Hand und läßt Zeit zum Simulieren. Was ich aber ersehne ist: Arbeitin meinem eigenen Fach. Wieder etwas geistig tun zu dürfen. Und nach der langen Abstinenz quellen die Gedanken in meinem Gehirn. Jetzt schreiben zu können! Und eines Tages wird auch das Wirklichkeit. Durch meine Papierarbeit bin ich ja im Besitz von Papier, freilich merkwürdigen Formats. So muß ich meine 35 - - ersten Arbeiten auf lange schmale Papierröllchen schreiben, aber s'ist doch Papier. Ein Bleistiftchen wird mir bald vom Bibliothekar zugeschmuggelt und ich beginne zunächst einmal mit Übersetzungsarbeit. Schon im Polizeigefängnis habe ich um die quälenden Stunden auszufüllen und abzukürzen alle mir bekannten Hymnen und Sequenzen des Breviers und des Missales soweit ich sie auswendig wußte - singgerecht und sinngerecht im Versmaß der Originale und möglichst dichterisch übertragen. Aber dort mußte ich sie sozusagen auswendig lernen, denn ich konnte ja nicht schreiben. Das hemmte ein Arbeiten sehr. Jetzt nun schrieb ich diese Kinder meiner Muse mit Muẞe nieder und übersetzte nach und nach eine ganze Reihe der Hymnen des Breviers und die Sonntagshymnen unter dem Titel„ Lieder des Lichtes", die Hymnen von Fronleichnam, fast alle Hymnen der Gottesmutter, auch alle Sequenzen. Dann ging ich zu Größerem über. Ich arbeitete an dem Entwurf eines Buches. Eine Homiletik im Sinne Schönstatts. Predigten machte ich am laufenden Band. Aber hier muß ich noch etwas einfügen: - - Als meine ersten Arbeiten sich langsam häuften, war. ich in Nöten: wo tust du sie denn hin? Man mußte auch in der UHA von Zeit zu Zeit mit Zellenrevisionen rechnen. Im Polizeigefängnis waren sie regelmäßig jede Woche, verbunden mit einer Leibesvisitation. Nun, auch hier wurde mir mein Freund der Hausvater zum helfenden Retter. Ich bat ihn, die Sachen für mich aufzubewahren. Dazu erklärte er sich auch gleich bereit. Dann wurde ich kühner und machte zum erstenmal den Vorschlag: ,, Könnten Sie das nicht der Frau mitgeben, die meine Wäsche abholt?" Ich dachte so: wenn er die Sachen bei sich behält und hier in Frankfurt passiert etwas durch Feindeinwirkung, dann sind die Sachen verloren; wenn ich sie aber zu meinen Verwandten schaffen könnte, dann wären sie da, wenn ich einmal 36 wieder wären dieses ich so keine wissen an die von d ich fr das M könne sinen. endlic herges sagen. lichen meist er wi die S lange leiste Tag floß aus. trieb rade Gesta Arbei So w Kloste Trapp Von 2 die h Gotte wußte einem Freun Das z eine w hen hen und eit. uäalle iers Bte der ber enn Ariner und und des alle zen. Cine ten ich war. ẞte siogelbesund bat erich lag: eine Chen was verditen mal - wiederkäme- oder, wenn ich nicht wiederkäme, wären sie mein Nachlaß. Er aber fuhr mich auf dieses Ansinnen hin an: ,, Sie sind wohl verrückt, ich soll mich mit einer Frau einlassen. Es gibt keine Frau, die den Mund halten kann, und Sie wissen, was davon abhängt. Der Th. würde mich ja an die Wand stellen lassen, wenn er nur die Hälfte von dem wüßte, was wir hier treiben!" Das sah ich freilich ein, andererseits aber glaubte ich, für das Mundhalten meiner guten Gustl eintreten zu können und auch für das Mundhalten meiner Kusinen. Denn auf dem Wege über die Wäsche war endlich auch die Verbindung zu meinen Verwandten hergestellt. Ich wagte ihm aber nichts mehr zu sagen. Da scheint Gustl selber durch ihre freundlichen Äuglein das Herz des bärbeißigen Hauptwachtmeisters Z. gerührt zu haben und eines Tages schloẞ er wieder meine Zelle auf:„ Los, los, wo sind denn die Sachen, sofort herausgeben, ich kann nicht mehr lange warten", und damit war der Durchbruch geleistet. Von jetzt ab arbeitete ich rasend. Was der Tag nur an Licht hingab, das nützte ich aus, und so floẞ Päckchen für Päckchen meiner Elaborate hinaus. Das gab mir auch innerlich einen großen Auftrieb, ja eine diebische Freude. So war ich doch gerade wieder in der Arbeit tätig, von der mich die Gestapo vor allen Dingen fernhalten wollte: Die Arbeit für das Reich Gottes. So war meine Zelle Nr. 244 bald zu einer wahren Klosterzelle geworden. Allerdings lebte ich wie ein Trappist, war aber innerlich ganz glücklich und froh. Von Zeit zu Zeit brachte mir mein guter Hausvater die hl. Kommunion. Des Sonntags konnte ich dem Gottesdienst wenigstens geistigerweise beiwohnen, wußte überhaupt, ich bin mit dem Heiland unter einem Dach! Habe Arbeit und allmählich auch die Freundschaft des Stationswachtmeisters errungen. Das zeigt sich darin, daß ich„ Nachschlag" bekam, eine wichtige Sache. Denn immer noch war das Essen, 37 wenn auch gut, so doch knapp. Bös wurden allerdings in diesen Tagen die Fliegerangriffe. Langsam steigerten die Engländer und Amerikaner die Wucht ihrer Tages- und Nachtangriffe. Wir wurden bei solchen Angriffen einfach in unserer Zelle gelassen. Trotzdem war ich in diesen Zeiten sehr ruhig, ja, wir schliefen bei nächtlichen Alarmen ungestört weiter. - Das zweite Unangenehme während dieser Zeit waren die Verhöre bei der Gestapo, d. h. eigentlich hatte ich nur ein Verhör. Dieses aber wurde bös und zeigte wieder deutlich den Kampf zwischen dem Drachen und der Gottesmutter. Eines Tages wurde ich wieder in der„ grünen Minna" zur Lindenstraße geschafft. Ich dachte frohen Herzens, holla, du bekommst Besuch. Darum war ich etwas leichtsinnig und habe nicht, wie ich es hätte tun sollen, vorher meine Taschen entleert. So trug ich in diesen Taschen einige zusammengerollte Papierstreifen und darauf den ganzen Entwurf einer Schönstatt- Homiletik. Dazu war auch noch der kleine Bleistift in meiner Tasche. Ich hatte sorglos ohne Namensdeckung geschrieben und wenn diese Zettel einem Beamten in die Hand fielen, wußte er: 1. Er hat verbotener Weise einen Bleistift. 2. Er arbeitet in seiner Zelle, und zwar für Schönstatt. 3. Der steht mit der Außenwelt in Verbindung. - Als ich in das Zimmer II B 1 eintrat das war das Zimmer vom Gestapomann Th.- empfing mich anstatt der freundlichen Gesichter meiner Verwandten das wutverzerrte Gesicht des Gestapo- Beamten und gleich fiel er mit einem tollen Wutanfall über mich her: ,, Sagen Sie mal, was haben Sie da in Ihrem letzten Brief geschrieben?" Ich wußte nicht, was er meinte. Der Anlaß seiner Wut war ein kleiner, harmloser Satz. Er lautete: meine Verwandten sollten sich Trost schöpfen aus dem Philipper- Brief. Ich 38 konn harm Der men schon verst Heili alldo nun eine schl mut nich P. K Soga alle 2 ganze stelle Schri glaub durch Ungli freili auch etwa " Das f die G „ Das digte aus. Jetzt Dacha Im Ve sichtli wollte tatt. das nich and- nten über rem was inel, soll- Ich TE EEE konnte bei der Niederschrift nicht ahnen, was dieser harmlose Satz auslösen würde. Der Hintergrund der ganzen Erregung und schlim- men Behandlung war folgender: P. Kentenich, der schon seit 1942 in Dachau war, hatte es meisterhaft verstanden, durch Zitate und Anspielungen auf die Heilige Schrift über Dachau und die Verhältnisse alldort Aufschluß nach außen zu geben. Eines Tages nun waren die Vervielfältigungen dieser Briefe bei einem Frl. H. von der Gestapo gefunden und be- schlagnahmt worden. Obgleich ihnen die Gottes- mutter die Augen hielt, daß sie den eigentlichen Sinn nicht begriffen, so hatte dieses doch zur Folge, daß P. Kentenich in Dachau ein Schreibverbot bekam. Sogar ein Lagerbefehl wurde herausgegeben, daß alle Zitate aus der Hl. Schrift verboten seien, und die ganze Affäre war offensichtlich an alle Staatspolizei- stellen gemeldet worden. Kaum hatte Th. mein Schriftzitat gelesen, als er in seinem Mißtrauen glaubte, ich wollte meinen Verwandten versteckt da- durch etwas mitteilen. Er griff zur Bibel und das Unglück wollte, daß es die Luther-Bibel war. Die freilich hatte ich nicht benützt und konnte darum auch nicht wissen, daß gleich die erste Überschrift etwa so lautete: „Des gebundenen Pauli Danksagung ob seiner Gefangennahme, Gebet, Zuversicht und Ver- mahnung zum beständigen Glaubenskampfe.“ Das faßte Th. ohne weiteres als eine Ohrfeige gegen die Gestapo auf und brüllte nun in erregter Wut: „Das wird Ihnen-teuer zu stehen kommen“. Er hän- digte mir bei dieser Gelegenheit den Schutzhaftbefehl aus. Ich mußte unterschreiben und er drohte mir: „Jetzt können Sie sich also auf Ihre Reise nach Dachau vorbereiten“. Im Verlauf dieses Verhörs, bei dem er jetzt in offen- sichtlicher Wut ein Geständnis von mir erpressen wollte, wurde er tätlich, griff mich an, boxte mich 39 verschiedentlich in heftiger Weise und drohte, mir mit dem Schlüsselbund ins Gesicht zu schlagen, fing sich dann aber im letzten Augenblick noch einmal. Durch den Ton dieses Verhörs war ich nun doch in Aufregung geraten und dies wirkt sich bei mir leicht und schnell auf die Magennerven aus. Ich schwitzte vor Erregung, zog ahnungslos mein Taschentuch aus der Tasche, um mir den Schweiß abzuwischen, und dabei fällt mir ein Röllchen zur Erde. Nun bekam ich wirklich einen tödlichen Schreck. Wenn er dieses Röllchen sieht, ist er im Bilde, was ich in meiner Zelle treibe, das wird zunächst eine Leibesvisitation zur Folge haben, dann eine Zellenuntersuchung. Sein Mißtrauen wird sofort die Frage vorlegen: wo bleiben die Sachen, die er fertigstellt, und wer ist der Wachtmeister, der mit ihm in Verbindung steht? Das hätte einen Rattenschwanz von unangenehmen Folgen haben können. Da er aber an diesem Tag geradezu irrsinnig wütend war, wagte ich nicht, mich zu bücken, suchte nur mit dem Fuß das Röllchen zu verbergen und betete Stoßgebete zur Dreimal wunderbaren Mutter wie nie in meinem Leben. Es hing ja nicht nur mein, sondern auch das Wohl des Hausvaters davon ab. Plötzlich fuhr er mich wieder von der Seite an, als wenn er meine innere Unruhe bemerkt hätte: ,, Setzen Sie sich gerade vor mich hin, damit ich Sie immer im Auge behalte!" Ich stehe auf. In diesem Augenblick fällt sein Blick auf das Röllchen. Er stürzt mit einem Sprung darauf zu, als ich mich wie absichtslos danach bücken will und hält es triumphierend in der Hand. Nun brach mir wirklich der Angstschweiß aus. Er geht zu seinem Schreibtisch, nimmt ganz langsam und betont sein Federmesser und fragt mich unterdes: ,, Was ist das?" Ich antwortete:„ Ein Papierröllchen!"„ Das sehe ich! Was soll das?" Ich sage: ,, Damit kleben wir Seifentüten!" Jetzt schneidet er ganz langsam das Röllchen auf und während mir das Herz bis zum Halse klopft, zieht er es langsam auf: es ist leer! 40 — - - Wie leere Tasche das de immer sie nic halt zu ist Ihr das le suchte meine für ku heftig dringe nun k verga legen Aber schöp Meld Und sagt ren Nied nach Klo absch ich ru In di mal klare zurüc völlig der e im G mit, werd seelis nung mir fing mal. min icht tzte aus und xam eses iner tion Sein bleider Das Folgemich n zu vunhing Hausvon e behin, tehe das , als will rach seietont as ist „ Das leben gsam zum eer! - -Wie sich dann nachher herausstellt, das einzig leere Röllchen von den vielen, die ich noch in der Tasche habe. Er schaut mich an: ,, Warum haben Sie das denn in der Tasche?"" O", sage ich ,,, wir müssen immer die Tüten damit zusammenkleben, und damit sie nicht in der Zelle so herumliegen, habe ich sie halt zusammengeklebt und bei mir getragen!"„ Das ist Ihr Glück!", sagte er mit Betonung und wirft das leere Röllchen in seinen Papierkorb. Er untersuchte nicht wie so naheliegend gewesen wäre- meine Taschen und ich atme erlöst auf. Aber nur für kurze Zeit. Denn dieser letzte Schreck war zu heftig für meinen Magen. Ich fühle auf einmal die dringende Notwendigkeit auszutreten. Das darf aber nun keineswegs geschehen, sage ich mir, weil ich von vergangenen Verhören weiß, daß bei solchen Gelegenheiten immer eine Leibesvisitation vorangeht. Aber bald bin ich in fruchtlos innerem Kampf erschöpft und sage: so Mutter, jetzt mußt Du es machen. Melde mich dann:„ Herr Th., ich muß austreten!" Und die Mutter macht es. Er schaut mich an und sagt dann zum gegenüberstehenden Beamten: ,, Führen Sie ihn hinunter!" Vielleicht war es die erste Niederlage, die er eben erlebte, die ihn nicht weiter nachforschen ließ. So aber konnte ich nun durch das Klo der Gestapo meine gefährlichen Schriftstücke abschwimmen lassen. Als ich wieder zurückkam, war ich ruhig. In diesem Verhör wurde mir allerdings zum erstenmal die Möglichkeit, daß ich nach Dachau käme, klarer und tiefer. Als ich etwa um 1 Uhr in die UHA zurückkehrte, war ich von der inneren Aufregung völlig erschöpft und aufgerieben. Das machte sich in der ersten seelischen Depression, die ich im Gefängnis erlebte, bemerkbar. Ich rechnete damit, vor Ostern schon nach Dachau überführt zu werden, und die Karwoche stand stark unter diesem seelischen Eindruck. Dachau bedeutete ja die Hoffnungslosigkeit während ich nach der Lage meines 41 Falles bis jetzt noch stark mit einer Freilassung gerechnet hatte. Am Karfreitag war ich innerlich soweit, daß ich auch den Bissen ,, Dachau" geschluckt hatte, und bot in einer Weihe, die ich am Karfreitag machte, der Gottesmutter mein Leben auch für Dachau an. Ich arbeitete freilich während dieser ganzen Zeit weiter. Die Stimmung dieser Tage zeigt ein zweites Gedicht, das ich in meiner Zelle beim Anblick der hochziehenden Wolken, die ich durch die schräggestellten Blendscheiben einzig sehen konnte, niederschrieb.( In der Klapperfeldstr. waren Blindscheiben; in der UHA waren schräg gestellte Blenden vor den Fenstern, die wenigstens einen Blick zum Himmel gestatteten, hin und wieder auch einen Vogel, eine Biene, einen Schmetterling sehen ließen.) Das k fängn feiert Gotte Durc meine geben ten. kühn wegs meine ausfall auf ih aber e Blau, blaues Firmament, Gold, gold'ner Sonnenschein, Segelnde Wolken weiß, Fächelndes Lüftchen mild: Grüße des Lebens. Amsel, dein Morgengruß, Drossel, dein Flötenruf, Jagender Schwalben Schrei, Summender Bienen Ton: Grüße des Lebens. Ferne, ganz ferne tönt, Silbern ein Kinderlied, Spielender Buben Lust, Friedlicher Arbeit Lärm: Dort ist das Leben. Ach, hinter Gittern ich, Lausche dem Glockenton, - haupt in sein der Ze helfen leeren Ein an durfte mir tr wacht, konnte flossen schüch auch Ach, hinter Scheiben blind geschn Sehnend die Seele weint, Währe Leben, o Leben! Dacha Aufwärts nur geht der Blick: dem le Ruhig die Wolke zieht, Ruhig der Himmel blaut. genen 42 ng geich sohluckt freitag ch für dieser Tage Zelle lie ich sehen waren estellte einen er auch sehen Ruhig die Sonne steht Über dem Leben. Aufwärts das Herze denn! Über den Dingen erst, Froh schon erwartet mich Ewige, tief ewige Fülle des Lebens. Das kommende Osterfest, das erste, das ich im Gefängnis erlebte, war trotzdem schön. In meiner Zelle feierte ich in Gedanken das Osteropfer mit. Am Gottesdienst teilnehmen durfte ich freilich nicht. Durch eine geradezu unverschämte Dreistigkeit. meines guten Hausvaters war mir Gelegenheit gegeben, zuvor bei dem Gefängnisgeistlichen zu beichten. Er rief mich zu diesem Zwecke einfach ganz kühn in seine Hausvaterei herunter und fuhr unterwegs einen Wachtmeister, der sich nach dem Grund meines Ganges erkundigen wollte, so fürchterlich ausfallend an, daß der aus Wut über diese Frechheit auf ihn losschimpfte und mich völlig vergaß. Damit aber erreichte er eben seinen gewollten Zweck. Überhaupt wurde er in der Folgezeit immer erfinderischer in seinen Liebesgängen. Einmal holte er mich aus der Zelle, wie wenn ich ihm bei einer Arbeit eben helfen solle, dann sperrt er mich in der nächsten leeren Zelle ein und dort kann ich kommunizieren. Ein andermal kam er noch am späten Abend und ich durfte dann das Allerheiligste die ganze Nacht bei mir tragen als lebendiger Tabernakel; der Heiland wacht, während ich schlafe, und am anderen Morgen konnte ich wiederum kommunizieren. Allmählich flossen auch kleine Brieflein ein. Zunächst ein schüchterner Gruß meiner guten Gustl. Dann wurde auch von mir schon ein längeres Briefchen hinausgeschmuggelt. Während ich nun auf meinen Abtransport nach Dachau warte, geschieht etwas Unerwartetes. Bei dem letzten Verhör hatte ein Satz meines Mitgefangenen P. Dr. Bange eine große Rolle gespielt, um 43 - mich zu erpressen. Dieser hatte sich in einem Verhör den Ausdruck entwischen lassen: er habe mich verschiedentlich gewarnt nämlich in Bezug auf Erzählen von Feindnachrichten. Daraus schloß der Gestapo- Beamte kurzerhand: er ist gewarnt, also hat er gesprochen. Ich konnte durch meinen guten Hausvater dem P. Bange das mitteilen, der sagt mir gleich, daß er dieses in einem ganz anderen Sinne gesagt habe. Bei seinem nächsten Verhör läßt er zu Protokoll geben:„ Ich habe gewarnt und nicht verwarnt. Gewarnt, daß er das nicht tun solle, nicht verwarnt, weil er es etwa getan hatte"- Gleichwohl versuchte Th., auf diesen Satz gestützt, vielleicht auch auf eine Denunziation hin, meine für ihn so hoffnungslose Angelegenheit doch gerichtsfähig zu machen. Denn das war bei allen 56 Verhaftungen, die er in unserer Provinz vornahm, sein einziges und letztes Streben: wenigstens einen anständigen Prozeß gegen uns herauszuschinden. Das hätte der Gestapo Anlaß gegeben, gegen unsere Provinz vorzugehen und die Häuser einzuziehen, und dahinter stand die letzte Absicht: unsere Arbeit für Schönstatt die sie zwar nicht wußten, aber ahnten und auch vermuteten in der Folgezeit unmöglich zu machen. - - So übergab er mich eines Tages dem Untersuchungsrichter. Bei dessen Verhör, im Beisein von Gestapomann Th., merkte ich, daß unter gewöhnlichen Umständen der Untersuchungsrichter mich gleich in Freiheit gesetzt haben würde. Wohl um mir selbst gut zu sein, sprach er dann doch die Untersuchungshaft aus. Zunächst war ich darüber heillos froh. Gleich am nächsten Sonntag durfte ich zum erstenmal am Gottesdienst teilnehmen, durfte zur Messe dienen und bekenne: vor Freude sind mir die Tränen heruntergelaufen. Die Behandlung war freier. Man schloß mich schon einmal aus und ich arbeitete mit anderen zusammen, etwa beim Kübel- und EimerPutzen, konnte mich also wieder einmal unterhalten. 44 Die Fr die da werder Das ein verlief empört der v des Ve für W besser mens radezu Gegen seiten Juriste Von In Behan dies g Erfahr von ih den sta toko erhobe sei, w Ich wil wähne Da wa forsche sonst gläubi lange, mir ge wirkli geben. überha daß G stapo erregt erhör verif Er3 der So hat em P. dieses einem „ Ich aß er s etwa diesen ciation enheit ar bei Z vorgstens schingegen einzuunsere ußten, FolgemungsstapoUmich in selbst mungsfroh. erstenMesse Tränen Man ete mit Eimerhalten. Die Freude dauerte allerdings nur kurze Zeit und die darauffolgende Enttäuschung sollte eine bittere werden. Das einzige Verhör von seiten des Staatsanwaltes verlief sehr gut. Der Staatsanwalt war offensichtlich empört über die Unzulänglichkeit und Grundlosigkeit der vorgebrachten Punkte. Als er zum Abschluß des Verhörs das Protokoll formulierte, war ich Wort für Wort damit einverstanden. Ich hätte es nicht besser zu meinen Gunsten formulieren können. Auch menschlich wurde ich von ihm sehr höflich, ja geradezu freundschaftlich behandelt, im wohltuenden Gegensatz zu der unmenschlichen Behandlung von seiten der Gestapo. Ebenfalls merkte man ihm den Juristen an, der streng auf sachliche Gründe hielt. Von Interesse war, daß er mich zum Schluß nach der Behandlung seitens der Gestapo fragte. Er schien dies grundsätzlich zu tun, wohl weil er dabei große Erfahrungen gesammelt hatte und sammelte. Als ich von ihm entlassen wurde, hatte ich allerdings sofort den starken Eindruck: auf Grund dieses Protokolls kann kein Gerichtsverfahren erhoben werden. Ob dieses für mich gut oder schlecht sei, wußte ich nicht. Ich will an dieser Stelle noch ein paar Menschen erwähnen, die mir in der UHA Gutes erwiesen haben: Da war ein Wachtmeister M. Er war ernster Bibelforscher, allerdings nicht so verdreht, wie ich sie sonst wohl im Gefängnis fand. Ein wirklich frommer, gläubiger, feinfühliger Mensch. Mit ihm habe ich lange, religiöse Gespräche geführt. Immer trat er mir geradezu ritterlich entgegen und wir haben uns wirklich in den Gesprächen gegenseitig etwas gegeben. Er war in der Behandlung der Gefangenen überhaupt sehr fein. Er erzählte mir verschiedentlich, daß Gefangene eingeliefert seien, die von der Gestapo blutig geschlagen und gepeinigt wurden. Ihn erregte das aufs heftigste. 45 Sodann muß ich dem ersten Hauptwachtmeister B. ein gutes Zeugnis ausstellen. In welch feiner Weise hat er mir die Nachricht vom Tode meiner Mutter überbracht. Sie starb im Juni. Er brachte mir selbst das Telegramm. Hatte es, da es von der Gestapo kontrolliert worden war, wieder zugeklebt, wie ich merkte, weil er sich genierte, mir ein geöffnetes Telegramm bei solcher Gelegenheit überreichen zu müssen. Als ich ihm sagte:„ meine Mutter ist gestorben", drückte er in wirklich feiner Weise sein Beileid aus und gab mir gleich die Erlaubnis, nach Hause zu schreiben. Vom Tode meines Vaters wurde ich schon bevor die Gestapo den Brief durchlesen hatte durch Wachtmeister Z. und Wachtmeister M. benachrichtigt und in diesen Tagen haben wirklich alle bekannten Wachtmeister sich sehr fein benommen. - - Und dann kam eines Tages der harte Schlag. Die Zellentür geht am Morgen auf. Der Wachtmeister sagt zu mir:„ ,, Packen Sie zusammen, Sie sind entlassen". Ich starre ihn verständnislos an.„ Los, los, machen Sie sich fertig, Sie sind entlassen". Ich darauf: ,, Wirklich entlassen?" ,, Na was denn sonst! Packen Sie Ihre Sachen zusammen und machen Sie nicht so langsam"!" Ja, meinen Sie, in die Freiheit entlassen?" ,, Na, du lieber Gott, was stellt der Mensch sich an! Wohin denn sonst? Erst will er nicht hinein und jetzt will er nicht heraus". Inzwischen hatte sich ein anderer bekannter Wachtmeister dazugesellt. ,, Mache Se nor langsam" in schönem hessischen Dialekt.„ Den Zug um 2 Uhr bekommen Sie nicht mehr nach Limburg. Sie müssen schon den um 416 Uhr nehmen". In heftigster Erregung packe ich meine sieben Sachen zusammen, es geht zur Hausvaterei. Mein guter Z. ist leider nicht da. Sein Stellvertreter bestätigt mir:„ Jawohl, Sie sind entlassen". Ich frage:" Kann ich jetzt nach Hause gehen?" ,, Ja, sicher!", sagte er ,,, wenn Sie die For46 malitäte Aufnah ausgeza Wertge und and gung fe sich auf einen auch w ich bin Herr a Wacht Du li werden erhalte Mir ist Ein Be straße schmutz Aufenth Polen- T Hauses einer Blaukre Haus, u Gott sei nimmt in wah zuckt m ich beka würde Sie Ihre klar: du später Ohne w festgeha Der Sch Meinun ister B. Weise einer brachte on der eklebt, ein geüberMutter Weise aubnis, eines po den Z. und Tagen er sich hlag. meister nd entos, los, ch darsonst! men Sie reiheit lt der will er Inzwimeister hönem Commen on den packe ht zur a. Sein nd entHause ie Formalitäten noch abgewickelt haben". Ich mußte zur Aufnahme, ich bekam den Lohn für meine Arbeit ausgezahlt: RM 28. Ich bekam meine sämtlichen Wertgegenstände wieder zurück: Hut und Mantel und anderes. Dann war auch bei mir die Überzeugung fertig: du wirst entlassen. Alles verabschiedete sich aufs freudigste von mir. P. Bange läßt mir noch einen Gruß ausrichten. Dr. Sch. freut sich und ist auch wieder etwas bedrückt durch den Abschied und ich bin ganz duselig vor Glück. Auf einmal sagt der Herr an der Aufnahme: ,, Sie werden jetzt durch den Wachtmeister herübergeführt ins Polizeigefängnis". ,, Du lieber Himmel, was soll ich denn da?"„ Na, Sie werden vielleicht noch eine polizeiliche Belehrung erhalten. Das ist so gebräuchlich". Mir ist nicht mehr wohl bei der Sache. Ein Beamter führt mich also in die Klapperfeldstraße. Ich trete ein. Das Gefängnis ist noch schmutziger, noch übelriechender als beim ersten Aufenthalt dort. Seither haben die Russen- und Polen- Transporte und die ständige Überfüllung des Hauses das ohnehin vernachlässigte Gefängnis zu einer wahren Höhle gemacht. Der Geruch des Blaukreuzgases ist geradezu unheimlich stark im Haus, und nun stehe ich wieder in der Annahme. Gott sei Dank ist ein anständigerWachtmeister da. Er nimmt meine Personalien auf und ich sage nun schon in wahrer Angst: ,, Ja, ich bin doch entlassen!" Er zuckt mit der Schulter. ,, Man hat mir doch gesagt, ich bekäme noch eine polizeiliche Belehrung und ich würde entlassen!" ,, Davon wissen wir nichts, geben Sie Ihren Hosenträger her". Und nun wußte ich ganz klar: du wirst nicht entlassen. Wenige Minuten später schlug die Eisentüre wieder hinter mir zu. Ohne weitere Begründung werde ich von der Gestapo festgehalten. - Der Schlag war zunächst zu heftig: Eben noch der Meinung, ich bin frei und nun wieder in die - 47 gänzliche Unsicherheit hingegeben. Nun hieß es von neuem sich innerlich fangen und sein Ja zum oftmals gegebenen Opfer sagen. Die Zelle, in die ich hineingeraten bin, ist entsetzlich schmutzig, das Essen noch viel schlechter, als in meinen ersten Hafttagen. Ich, der ich verwöhnt bin durch die Untersuchungshaft, bin wieder in den alten Zwang eingekettet, von morgens 5 Uhr bis abends 7 Uhr untätig auf der Zelle zu sein. In dieser zweiten Haftzeit bin ich nur noch ganz selten an die frische Luft gekommen. Das Essen war nicht nur schlechter, sondern noch viel weniger geworden. Die alten Wachtmeister, die uns früher Gutes getan, waren nicht mehr da. Es schien mit alldem noch nicht genug. Die Gleich in der ersten Nacht werde ich wieder von Wanzen überfallen. Doch dieses Mal nicht zu Zehnen, sondern buchstäblich zu Hunderten. Ich halte es keine Viertelstunde auf der Pritsche aus. ganze Nacht sitze ich auf meinem Hocker und werde im Sitzen von dem Ungeziefer gepeinigt. Das Weiche der Augen ist mir gänzlich angeschwollen, sodaẞ es aussieht, als sei ich von Bienen gestochen worden. In den wenigen Minuten, in denen bei der Kontrolle das Licht angemacht wird, fange ich aber- und abermals die Peinigenden. Am Morgen habe ich fast ein ganzes Zeitungsblatt voll erlegter Wanzen. Ich bin an diesem Morgen in einer furchtbar deprimierten Stimmung. Zu der seelischen Enttäuschung, zu der miẞlichen Veränderung nun auch noch dieses. Ich lasse am anderen Morgen den Sanitätshauptwachtmeister rufen und halte ihm einfach wortlos die Zeitung mit der erlegten Wanzenlegion unter die Nase. Er sagt:„ Alle selbst gefangen?" Ich sage: ,, Du lieber Himmel, hätte ich die ganze Nacht durchfangen können, dann sollten Sie erst einmal was sehen". Darauf er: ,, Dann müssen Sie verlegt werden. Die 48 Zelle gegen schmu man Kamp ist ma die W lich V sonst wied Mein bin i net e den durch man den H umge schüss einem dieses mans Wach suche tuende wenn hilft I sämtli men 4 stehen versuc Fenste Dann vom 4 angrif doch n Nacht ein B 4 Po Ses von oftmals ch hins Essen fttagen. chungstet, von auf der anz selsen war iger gefrüher ien mit der von icht zu ch halte us. Die d werde Weiche Sodaß es worden. Controlle and aberfast ein Ich bin mierten zu der S. tshauptwortlos unter die age:„ Du chfangen sehen". den. Die Zelle muẞ sofort vergast werden". Ich werde in eine gegenüberliegende Zelle getan, die zwar auch sehr schmutzig und auch verwanzt, aber doch so ist, daß man über diese Wanzen bei ständigem, eifrigem Kampfe einigermaßen Herr werden kann. Sowieso ist man nicht mehr überempfindlich; und doch seien die Wanzen gelobt; denn auch sie waren offensichtlich Werkzeuge Gottes. Sie haben mich nicht umsonst aus der Zelle hinausgebissen. Es sollte sich wieder einmal ein tiefer Sinn darin zeigen. Meine erste Zelle war an der Hofseite gelegen. Jetzt bin ich an der Straße und diese Zelle ist ausgerechnet eine, in der durch Fliegerschaden eine der blinden Scheiben zerstört ist, sie ist ersetzt durch eine durchsichtige. Gleich habe ich herausklamüsert: wenn man das Brett aus dem Spind herausnimmt und über den Hocker legt, den Kübel darauf stellt, darauf die umgekehrte Waschschüssel baut und auf diese Waschschüssel meine Wasserkanne, so kann man, wenn es einem gelingt, das Gleichgewicht zu behalten, durch dieses Fenster auf die Straße schauen. Freilich muẞ man sich arg in acht nehmen vor den diensttuenden Wachtmeistern. Und bei einem der nächsten Versuche werde ich auch richtig geschnappt. Der Diensttuende, ein bissiger SS- Mann, sagt mir: ,, Wehe Ihnen, wenn ich Sie noch ein einziges Mal erwische, dann hilft Ihnen kein Herrgott und kein Gebet, dann sind sämtliche Vergünstigungen erledigt und Sie bekommen 4 Wochen Bunker". Die Vergünstigungen bestehen darin, daß ich Wäsche empfangen darf. So versuche ich in Zukunft nicht mehr, durch dieses Fenster zu schauen. Dann kam der erste, große Luftangriff vom 4. auf den 5. Oktober. Es war der erste Großangriff. Bis dahin waren die Angriffe z.T. schwer, doch nicht von solcher Schwere gewesen. In dieser Nacht aber solten wir zum erstenmal erleben, was ein Bombenteppich sei. Kurz nach dem Alarm, 4 Poieß, Gefangener der Gestapo 49 bei dem wir immer unsere Pritsche verlassen, aber im Dunkeln in unserer Zelle verbleiben mußten, wurde die ganze Gegend durch Leuchtbomben taghell erleuchtet. Ich sah dann ganz in der Nähe auf einmal den ersten Christbaum niedergehen. Noch wußten wir damals nicht, was das zu bedeuten hatte, aber dann war für eine halbe Stunde ununterbrochen gewaltiges Motorengeräusch, das sich mit Flakfeuer zu einem Höllenlärm verband, zu hören. Kurze Zeit später vernahmen wir das erste schürfende Geräusch, das uns dann später so wohlbekannt wurde: das Geräusch vom Ausklinken der Bomben und Luftminen. Jetzt erhob sich eine furchtbare Panik in den Zellen. Wir merkten die unablässig sich folgenden Einschläge ganz in der Nähe und die Gefangenen schrieen laut: ,, Herr Wachtmeister, Herr Wachtmeister, lassen Sie uns raus, lassen Sie uns in den Keller. Herr Wachtmeister, ich habe Frau und Kind zu Hause, ich habe vier Kinder". U. ä. m. Manche schrieen und heulten vor Angst, und im Frauengefängnis war die Panik womöglich noch schlimmer. Wieder andere schlugen mit allen möglichen Gegenständen gegen die Türen in der freilich vergeblichen Hoffnung, diese Eisentüren sprengen zu können. Ich selbst war zwar verhältnismäßig ruhig, kniete mich unter dem Fenster auf den Boden, weil ich mich da wenigstens vor Splitterwirkung am sichersten glaubte, und dann betete ich. Als nach der halben Stunde das Flakfeuer abebbte, da war über ganz Frankfurt ein einziger blutroter Schein der brennenden Häuser, und Rauchschwaden zogen in dicken Wolken über unser Gefängnis dahin. An Schlafen war in dieser Nacht nicht mehr zu denken, so hatte dieses Erlebnis alle erregt. Man sprach laut über den Gang, diskutierte erregt alle Einzelheiten noch einmal durch und beklagte sich heftig, daß man uns so ohne weiteres in den Zellen belasse. Dem Gefängnis war außer Fensterschäden in dieser Nacht kein Schaden erwachsen. In unmittelbarster Nähe jedoch waren 50 einige lieger An d zu e dieser auf d Ordn einan einma Turm Mome schaff chen, sehen haftig gasse haftig nicht derlic kann beme Schw einer Wach durch will, den geric „ Auf beau verfi aus Mit stäti ein V weil unbe einige Häuser gänzlich zerstört und das in der Nähe liegende neue Gericht brannte lichterloh. An diesem Morgen war ich doch nun zu neugierig, zu erfahren, wie die Umgegend des Gefängnisses diesen Angriff überstanden habe. So verließ ich mich auf die Unaufmerksamkeit der Wachtmeister, deren Ordnung ja auch durch den Angriff völlig durch- einander gebracht worden war, und baute wieder einmal mit Waschbecken und Wasserkanne meinen Turm auf den Kübel, um mir wenigstens für einen Moment einen Blick auf meine Umgebung zu ver- schaffen. Kaum aber schaute ich durch das Fenster- chen, es war noch in der ersten Morgenfrühe, was sehen meine erstaunten Augen? Kommt da wahr- haftig um die Ecke Klapperfeldstraße-Heiligkreuz- gase meine Schwester, meine eigene, leib- haftige Schwester und meine älteste Kusine. Daß ich nicht von meinem Turm herunterfiel, war verwun- derlich. Ich klopfe ans Fenster und winke, was ich kann. Suche mich durch lebhafteste Bewegungen bemerkbar zu machen und siehe da— das vive Schwesterchen hat mich auch schon bemerkt und tut einen Quiekser, der zu normalen Zeiten die ganze Wachmannschaft alarmiert hätte. Ich mache ihnen durch Zeichen verständlich, daß ich etwas schreiben will, um es ihnen hinauszuwerfen. Nun hatte ich in den vergangenen Tagen ein Schreiben des Amts- gerichtes erhalten, das wortwörtlich also lautete: „Auf Antrag des Oberstaatsanwaltes, als Sonder- beauftragten des Sondergerichts Frankfurt a. Main, verfüge ich, daß Sie sofort in Freiheit zu setzen sind, aus den berechtigten Gründen dieses Antrages. Amtsgerichtsrat XY“. Mit diesem Schreiben hatte ich also die amtliche Be- stätigung in der Hand, daß das Gericht es ablehnte, ein Verfahren gegen mich zu eröffnen, offensichtlich, weil die vorgebrachten Beschuldigungen gänzlich unbegründet, unbewiesen und unwichtig waren. Ich 5l erhielt kurze Zeit darauf auch ein Schreiben vom Staatsanwalt, das mir mitteilte, ein Verfahren gegen mich werde nicht erhoben. Das Schreiben des Amtsrichters nun wollte ich meinen Verwandten hinauswerfen und schrieb kurz meine Lage und meine Aussichten auf die Rückseite. Als Resultat teilte ich ihnen mit: ,, Also kommen nur noch zwei Dinge in Frage: entweder Freilassung oder Dachau". An Dachau glaubte ich zwar selber noch nicht, wollte aber meine Verwandten darauf vorbereiten für alle Fälle.. Ich wickelte ein Steinchen in dieses Papier hinein, das ich aus einer Luftschutztüte entnahm, dann warf ich es zum Fenster hinaus und sah gleich darauf, wie meine Verwandten abbrausten. Ich war über diesen Streich aus mehrfachen Gründen froh. Zunächst einmal waren meine Verwandten nun über meine Lage im klaren, so glaubte ich wenigstens. Was ich ja nicht wußte, war: daß der Zettel anstatt auf die Straße in den Lichthof vor dem Gefängnis gefallen war. Hätte ich das gewußt, so hätte ich tausend Nöte gehabt, da ich dann jeden Augenblick damit rechnen mußte, daß er von einem Wachtmeister entdeckt wurde und zur Gestapo weitergeleitet worden wäre. So war ich darüber in seliger Ungewißheit. Zweitens freute ich mich, daß wir nun eine Möglichkeit entdeckt hatten, uns zu sehen. Ich rechnete, daß in der nächsten Zeit die treue Gustel oder Johann- Ernst, wenn sie mir meine Wäsche brachten, nicht versäumen würden, mich auf die gleiche Weise zu sehen. Und meine Gedanken gingen schon weiter. Ich wollte ihnen einen Plan übermitteln, wie ich etwa schriftlich mit ihnen in Verbindung bleiben könnte. Immerhin: hätten mich meine Wanzen nicht aus der Zelle gebissen, so hätte ich meine Verwandten nie zu sehen bekommen. So wäre auch alles folgende nicht eingetreten. Und ferner: Wäre ich eine Minute früher zum Fenster gestiegen, so hätte ich sie nicht gesehen und eine Minute später, hätte ich sie nicht 52 mehr Nach es wa wir e Das w letzte morge meint verda Am n wiede halter hannZeit. kein und Wied mit e mit gitte ihn Fens er s zu ö erlau nicht habe helfer Spind Kübe Kann sen T Angst mit m Auger Gang den. davon stapo mehr gesehen. Zufalloder Fügung? An diesem Nachmittag besuchten mich dann diese beiden und es war sogar der Gestapobeamte nicht dabei, sodaß wir eine volle Stunde beieinander bleiben konnten. Das war fein. Ich fragte betont:„Habt ihr meinen letzten Brief bekommen?“ und meinte den Zettel von morgens. Meine Kusine antwortete fest:„ja, ja.“ Sie meint meinen letzten Brief. Diesem Mißverständnis verdanke ich meine Seelenruhe. Am nächsten Freitag, dem Wäschetag, besteige ich wiederum meinen Turm, nachdem ich die Wäsche er- halten habe. Wirklich: drüben an der Ecke steht Jo- hann-Ernst. Freudige Begrüßung nach dieser langen Zeit. Wir müssen natürlich vorsichtig sein, daß uns kein Wachtmeister entdeckt; aber mit den Augen und Händen kann man sich auch allerlei sagen. Wieder will ich einen Zettel hinauswerfen mit einem abenteuerlichen Plan. Ich werfe ihn auch mit großem Schwung, da verfängt er sich im Eisen- gitter und kommt so unglücklich zu liegen, daß ich ihn nicht greifen kann, aber auch das geöffnete Fenster nicht mehr geschlossen werden kann, weil er sich in die Mitte eingeklemmt hat. Das Fenster zu Öffnen und zu schließen ist nur dem Wachtmeister erlaubt und der muß es also merken, wenn es mir nicht gelingt, den Zettel vorher zu entfernen. Nun habe ich aber wirklich Angst. Ich denke: helfe, was helfen mag, so oder.so. Ich baue meinen ganzen Spind ab von der Wand, lege ihn quer auf das Kübelgestell, darauf wieder Waschbecken und die Kanne und balanciere von der Pritsche aus auf die- sen Turm. Während Johann-Ernst mit sichtlicher Angst meinen Turnkünsten zuschaut, versuche ich mit meiner Zahnbürste den Zettel zu angeln, jeden Augenblick gewärtig, von der Straße aus oder vom Gang her von einem Wachtmeister entdeckt zu wer- den. Doch es geht gut. Dies aber"überzeugt mich davon, daß dieser Weg, hinter dem Rücken der Ge- stapo Verbindung zu bekommen, nicht wohl gangbar 53 ist. Nun ist aber eine drängende Unruhe in mir, um jeden Preis einen solchen Weg zu finden, denn die Tage sind mir wieder schrecklich. Von 5 Uhr morgens bis abends 7 Uhr ohne jede Beschäftigung, nur dem Hunger und der gähnenden Leere überlassen, das hält der stärkste Mensch auf die Dauer nicht aus. Zudem hatte ich in der Hammelsgasse nun so schön wieder mit meiner Arbeit begonnen. Ja, wenn ich doch nur arbeiten könnte! Aber es fehlte ja alles, bis auf ein winziges Bleistiftstümpchen, dem Geschenk meines guten Engels, das ich in der dicksten Naht meines Überziehers verborgen hatte und das so der Kontrolle des aufnehmenden Wachtmeisters im Polizeigefängnis entgangen war. Ich grüble und grüble immer wieder und eines Tages ist mein Plan fertig. Mir gegenüber lag ein sogen.„ gefallener Engel", das ist ein SS- Mann, der wegen eines Sittlichkeitsverbrechens eingesperrt war. Dieser Mann war in Frankfurt daheim und hatte Frau und Kind. Wir hatten an den Abenden, wenn wir uns unbeobachtet wußten, wohl über den Gang miteinander gesprochen und ich hatte ihm den Kopf öfters zurechtgesetzt; denn er litt an seelischen Depressionen. Er nun versuchte verschiedentlich mit seiner Wäsche einen Kassiber hinausgehen zu lassen( so nennt man die geschmuggelten Briefe der Gefangenen). Er fing es ganz schlau an, machte sie feucht, rollte sie zusammen und befestigte sie innen an der Hemdnaht. Dieser Weg schien mir einmal zu gefährlich für meine Absichten; denn wenn schon ein harmloser Gruß mit vier Wochen Bunker und Entzug sämtlicher Vergünstigungen, z. B. Wäscheempfang u. a. m. bestraft wurde, so wären die Dinge, die ich hinausschaffen wollte, allzu interessant für die Gestapo gewesen, hätten überdies meine Verwandten und die Gustel in die größte Gefahr gebracht, auch eingesperrt zu werden. Und dann boten die kleinen Zettel, die er auf diesem Weg hinausschaffen konnte, ja auch 54 nur fü an, me Aber sagte ich ha Da k „ Ich h und D lich kl schlech Rasier Spazie war z begehr gewor So, nu einem darauf Limbu sorgt treuer meine der S Eschh hemde die Ri ich m Mansc alles w die W man s gestell könnt schrie Wen alle H passer mögli Wir yachtet nur für wenige Worte Platz. Mir aber kam es darauf an, meine begonnene Arbeit fortsetzen zu können. Aber plötzlich war die Erleuchtung da. Eines Tages sagte ich meinem Gegenüber:„Ein Messer müßte ich haben, wenn ich doch nur an ein Messer käme!“ „Da kann ich Dir helfen!“, kam sofort die Antwort. „Ich habe auf dem Hofe eine Rasierklinge gefunden und Du kannst die Hälfte davon bekommen“. Wirk- lich klingelte am nächsten Tage durch die Ritze der schlecht schließenden Eisentür eine durchgebrochene Rasierklinge auf meinen Boden. Er hatte beim Spaziergang einen unbeobachteten Moment benutzt, war zu meiner Tür gesprungen und hat das heiß- begehrte Messerchen durch den Spalt hindurch- geworfen. So, nun konnte es losgehen. Nun wußte ich mit einem Male, warum ich in einer dumpfen Ahnung darauf bestanden hatte, daß meine Wäsche nicht von Limburg aus, sondern von meinen Verwandten be- sorgt wurde. Sie wurde nach wie vor von dem treuen Ehepaar Fluck abgeholt. Diese schickten sie meinen Verwandten in Nord-Westfalen zu und nach der Säuberung ging sie wieder über den Weg von Eschhofen an mich. Ich nahm eines meiner Ober- hemden und trennte mit dem Messerchen vorsichtig die Rücknaht der Manschette auf. Dann zerschnitt ich mein sauberstes Taschentuch so, daß es in die Manschette genau hineinpaßte— Knopflöcher und alles wohl beachtet.— Ich überlegte genau, wie etwa die Wäsche kontrolliert werden könnte, z.B., daß man sie gegen das Sonnenlicht hielt. Als ich fest- gestellt hatte, was man auf diesem Weg entdecken könnte, richtete ich mich dementsprechend ein. Dann schrieb ich auf das Leinenläppchen folgendes: „Wenn Ihr dieses entdeckt, so richtet in Zukunft alle Hemdmanschetten, Brusteinsätze und Schulter- passen zu Taschen ein, legt ein doppelt gefaltetes, möglichst dünnes, festgewebtes Tüchlein hinein— 59 Battist oder Waschseide - leicht gestärkt und sauber eingepaßt und eingebügelt, daß auch gegen das Licht gehalten nichts merkbar ist. Legt sodann Garn dazu. Eine Nadel steckt in die Naht des Hemdkragens Spitze mit einem Tröpfchen Klebstoff sichern, daß die Nadel nicht wandern kann und nicht gefühlt wird beim Durchsuchen. In die Hemdenseitennaht Bleistiftminen einnähen, etwa 2-3 cm lang und so, daß man sie nicht fühlen kann. Wenn ihr dies begriffen habt, so schreibt im nächsten Brief: Julla hat Rheuma"!( Julla war der Name meiner Schwester.) -- - Nun war die Frage: wie bekomme ich das ohne Nadel ' wieder zugenäht? Aber auch das wurde geschafft! Zunächst fand ich eine Büroklammer. In stundenlanger, mühseliger Arbeit wurde sie auf dem Betonboden spitz geschliffen. Ein Öhr konnte ich freilich nicht hineinbeißen, aber da half ich mir so: Aus meinem alten Handfeger Gott sei Dank, er stammte noch aus dem„, 2. Reich" und die wenigen Borsten, die er hatte, waren also echte RoẞhaarBorstenriß ich eine Borste heraus, nicht zu dünn, nicht zu dick, wie ich durch Probieren feststellte. Dann trennte ich aus dem Hemdensaum mir einen Faden heraus, knüpfte ihn an die Borste, stach mit der gespitzten Büroklammer wie mit einer Ahle vor und führte den Faden mit der Borste nach, wie es der Schuster macht. Ich machte so feine Stiche, daß auch das geschärfteste Wachtmeisterauge an dieser Naht nichts mehr entdecken konnte. Aber: werden nicht auch meine Kusinen diese brillante Naht übersehen, mir meinen kostbaren Brief in die Wäsche stecken und kaltblütig auswaschen? Ich wußte mir zu helfen: Ich nahm mein Messerchen und trennte aus einem Maccohemd das Schildchen mit der Aufschrift: ,, Prima 2- fädig Macco" heraus. Dieses nähte ich nun in das Leinen hemd. Dieses so folgerte ich, 56 wird den gewiß m Wort: M übersehe ein Kreu nicht gan So, nun g Wäschew äußerster als der na scharfen gangen. allerdings und Kreu es dann konnten. Von nun Unmenge fünf in d riert. stiftmine lein kam tete wi dichte tik au Nun hatt denn alle zunächst die mühs bekam ic des Auf sein, dur Der Hu freude Hunger fort ins sack ode Mit der ASLc Borste , feine erauge Aber: rillante in die n? Ich einem schrift: hte ich ‚rte ich, wird dem Wachtmeister nicht auffallen, aber ganz gewiß meiner Kusine. Und ich schrieb darunter ein Wort: Manschette. Und damit sie’s ja nicht übersehen, sticke ich noch mit einem blauen Faden ein Kreuz darüber, mit der Roßhaar-Borste eine nicht ganz einfache Sache! So, nun gab ich das präparierte Hemd beim nächsten Wäschewechsel hinaus. Wochen wartete ich nun mit äußerster Spannung auf den Brief. Und siehe da: als der nächste Brief kam, hatte Julla Rheuma! Dem scharfen Auge meiner Kusine war es also nicht ent- gangen.— Später erzählte sie mir, daß mein Hemd allerdings schon im Wasser war, als das Schildchen und Kreuz meiner Kusine in die Augen fiel; daß sie es dann vorsichtig trockneten und gerade noch lesen konnten.— Von nun an klappte es großartig. Ich erhielt eine Unmenge von Oberhemden— manchmal vier bis fünf in der Woche— und alle waren schön präpa- riert. Die Nadel kam, der Faden kam, die Blei- stiftminen kamen und auch die präparierten Tüch- lein kamen in Mengen. Und ich arbeitete, arbei- Fetemwieder wild drauflos:: Predigten, Ge- Bacehte Übersetzungen, die-Kateche- aus dem Geiste Schönstätts. Nun hatte ich Beschäftigung von morgens bis abends, denn alles mußte ja in größter Vorsicht geschehen: zunächst die Geistesarbeit des Entwerfens, sodann die mühselige Arbeit des Schreibens— aber darin bekam ich bald Routine, drittens die spannende Arbeit des Aufpassens, denn immer mußte ich ja gewärtig sein, durch den Spion beobachtet zu werden. Der Hunger war groß, aber meine Arbeits- freude war noch größer und ließ mich selbst den Hunger vergessen. Wenn ich die Tüchlein nicht so- fort ins Hemd einnähen konnte, wurden sie im Stroh- sack oder an anderen kniffligen Orten aufbewahrt. Mit der allwöchentlichen Zellen- und Leibesvisitation 97 mußte ich immer rechnen- aber man war ja allmählich ein routinierter Schwerverbrecher. Man kannte die Eigenarten der Wachtmeister und wußte sich ihnen anzupassen. Es war ein wenig aufregend, aber gerade das brachte einen über die langen Stunden hinweg. Nun konnte ich weiter arbeiten und in meinem Beruf tätig sein. Wenn das die Gestapo gewußt hätte! Doch gerade dieser Gedanke machte mir diebische Freude, daß ich über sie hinweg gerade wieder in dem tätig sein konnte, von dem sie mich doch mit Gewalt entfernen wollte. Gustel war gänzlich ahnungslos, welch kostbare und gefährliche Fracht sie aus dem Gefängnis abholte. Meine Verwandten aber sammelten in Sorgfalt alles, was ich niederschrieb. Nach meiner Entlassung sah ich mit einer gewissen Rührung das Blechkästlein, das sie immer mit zum Luftschutzkeller geschleppt hatten und darinnen die gesammelten Tüchlein. So war für mich wieder ein Weg zur Beschäftigung gefunden, und das hat mir über die langen Monate meiner weiteren Gefängnishaft hinweggeholfen. - - Das Essen wurde von Tag zu Tag schlechter und meine Gesundheit war wie sich bald zeigen sollte doch sehr angegriffen. Ich wäre wohl überhaupt nicht durch diese Zeit gekommen, wenn nicht in diesen Wochen Gustel versucht hätte, mit meiner Wäsche etwas Lebensmittel einzuschmuggeln und es gelang ihr, der Unermüdlichen, und auch JohannErnst, dem Treuen, zunächst einmal drei Butterbrote mit durchzugeben natürlich ohne Wissen der Gestapo und ganz gewiß gegen ihren Willen. Die große Freude, die ich durch diese drei Butterbrote hatte, kann ich kaum beschreiben, aber sie genügten, um mir den Magen, der ja überhaupt nichts mehr gewohnt war, gründlich zu verderben. Nun sah ich mit sozusagen großem Heißhunger dem nächsten Wäschefreitag entgegen. Und siehe: Gustel hatte die 58 drei Bu noch ein durch m erstemal strahlen sie mich wohl sch anfing. ohne no Wie sie gebracht gelang Auglein, Butterbr immer f für mor aber wa aushielt freilich ich träu Im übr dahin. wieder mich re Und wi Eines T Verlesu Minna" der Nar kam ei digste Ich kon weile N durchz Nach m gefäng Monate ien. ter und | zeigen ı] über- ın nicht meiner und es [ohann- tter- Wissen len. Die drei Butterbrote schon auf fünf erhöht und auch noch einige Äpfel dabeigelegt. Als ich sie nachher durch mein Fensterchen sah— es war übrigens das erstemal, daß ich sie sah— zeigte ich ihr freude- strahlend einen Apfel; sah aber dann sofort— als sie mich hinter dem Gitter erblickte(und ich muß wohl schlecht ausgesehen haben)— daß sie zu weinen anfing. Sie zog ihr Taschentuch und verschwand, ohne noch einmal aufzuschauen. Wie sie mir später sagte, hat sie es nicht übers Herz gebracht, sich noch einmal umzuschauen. Von da ab gelang es ihr mit guten Worten und freundlichen “Äuglein, die Wachtmeister zu bestimmen, ein paar Butterbrote mitzugeben. Und darauf wartete ich immer fieberhaft. Ich teilte dann ein: zwei für heute, für morgen eines und'am Sonntag wieder zwei. Oft aber war der Hunger so groß, daß ich es einfach nicht aushielt und alles hintereinander aufzehrte Dann freilich war wieder Schmalhans Küchenmeister und ich träumte vom kommenden Freitag. Im übrigen flossen die Wochen gleichmäßig ruhig dahin. Wochen und Monate vergingen, ohne daß ich wieder ein Verhör gehabt hätte. Die Gestapo schien ‚ mich rein vergessen zu haben. Dann kam wieder ein aufregendes Ereignis. Und wieder spürte ich den Finger Gottes. Eines Tages war es mir am Morgen, als ob bei der Verlesung der Gefangenen, die mit der„grünen Minna“ zur Lindenstraße befördert werden sollten, der Name Heinrich Schulte gefallen sei. Mir kam ein schwarzer Verdacht. Sollte der hochwür- digste Pater Provinzial nun auch eingekerkert sein? Ich konnte es fast nicht glauben. Es war mittler- “ weile. November geworden und mein Verdacht wurde durch zwei Momente verstärkt: Nach meiner erneuten Übersiedlung in das Polizei- gefängnis wurde ich zunächst einmal jeden Tag mit “ 59 anderen Gefangenen zum täglichen Spaziergang hinausgetrieben. Das hatte große Vorteile und bedeutete für einen Gefangenen viel: 1. man war sicher, daß man überhaupt hinauskam; denn die große Schar Gefangener mußten sie jeden Tag hinauslassen bei den Einzelgefangenen drückten sie sich, wo sie konnten. 2. Dauerte der Spaziergang länger, da die Wachtmeister die einfache Arithmetik anwandten: wenn ca. 50 Gefangene eine Viertelstunde draußen sind, braucht 1 Gefangener nur den fünfzigsten Teil davon. 3. Bekam man Gesichter zu sehen, konnte vielleicht sogar ein Wörtchen flüstern in einem unbeobachteten Augenblick. Mit einemmal wurde ich wieder allein in den Hof geführt. Also dachte ich mir gelte ich wieder als Komplize! Dann hörte ich wenige Tage später, wie nachmittags gegen vier Uhr der Polizeimeister durch das Treppenhaus brüllte: ,, Zweiter Stock: Schulte von der Gestapo zurück!" Ich kam nicht von dem Gedanken los: das ist Pater Provinzial. Aber wie sollte ich das herausbekommen? Ich beauftragte mein Gegenüber, der in den Hof sehen konnte, Einzelgänger zu beobachten, beschrieb ihm genau den Pater Provinzial, doch er konnte mir keine Bestätigung geben. Dann kam der Freitag: ich sollte die Wäsche bekommen und freute mich auf die Butterbrote. Es wurde 10 und 11 Uhr. Nun muß doch Gustel dagewesen sein, dachte ich immer wieder und stieg auf meinen Turm und schaute zum Fenster hinaus. Mit einemmal sah ich sie. Sie stand ganz betrübt auf der Straße, zeigte mir die wohlbekannte gelbe Tasche und machte mir durch Zeichen verständlich, daß ihr nichts abgenommen worden war. Ich war sehr betrübt. Es war wieder einmal eine Typhusepidemie, wenigstens hegte man den Verdacht- und darum Quarantäne. Fast hätte ich mit Gott gehadert. Warum bekomme ich die paar Butterbrote nicht wo ich doch so hungrig bin. Was sollte das bedeuten? Aber 60 - am näc es so k Quaran fangene Kompli aber es Wachtn mich all er wohl und so wurden hinaus Spiritua währen im raus sehe, w hastig lassen d würden Angst, doch no sich son hören, Auf der säcke v P. Wim zu beko Zeichen kümme einer E kommer und flü Glaube eine W stapo- V verleug unterge sie wa werden iergang and ber sicher, e Schar Essen wo sie da die andten: raußen en Teil konnte em unrde ich dachte e! mittags s Trepvon der t Pater mmen? en Hof eschrieb nte mir bekomwurde ewesen meinen einemauf der Tasche daß ihr ehr bepidemie, darum Warum wo ich ? Aber am nächsten Tag sollte es mir klar werden, warum es so kommen mußte. Wie immer bei einer SeuchenQuarantäne fand die Haupt- Vergünstigung der Gefangenen statt: die Entlausung. Nun hätte ich ja als Komplize allein hinuntergeführt werden müssen, aber es war ein Samstagnachmittag, und der gute Wachtmeister K. war wahrscheinlich zu bequem, mich allein zur Entlausung zu führen. Auch glaubte er wohl, daß am Wochenende keine Kontrolle komme, und so schloß er mich mit den andern aus und wir wurden zum Bade geführt. Ich trete auf den Gang hinaus und wen sehe ich dort? P. Wimmer, den Spiritual von Limburg, mein eigener Seelenführer während der Theologenzeit; P. Wimmer höchstselbst im rauschenden Bart. Ich sehe sein freudiges Gesicht, sehe, wie er auf mich zugehen will. Ich mache ihm hastig bemerkbar, daß er sich keinesfalls anmerken lassen dürfe, daß wir beide zusammengehörten, sonst würden wir beide wieder eingeschlossen. Voller Angst, ob der Wachtmeister zum guten Schluß nicht doch noch darauf komme, daß wir beide wie sie sich sonst ausdrücken- ,, zum gleichen Verein" gehören, drücken wir uns immer in den Ecken herum. Auf dem Hof müssen wir das ,, Stroh" unserer Strohsäcke verbrennen; es ist Holzwolle oder Papierwolle. P. Wimmer sucht immer wieder mit mir Verbindung zu bekommen, während ich ihm verzweifelt durch Zeichen kundtun will, daß er sich nicht um mich kümmern soll. Er kennt freilich das Zeremoniell einer Entlausung noch nicht. Ich aber weiß ja, was kommen wird. Schließlich steht er doch neben mir und flüstert: ,, crede nihil, quod tibi proponatur!" Glaube nichts von dem, was man dir sagt!" Das soll eine Warnung an mich sein für ein künftiges Gestapo- Verhör. Ich zische nur: ,, Hauen Sie ab!" und verleugne ihn krampfhaft. Dann werden wir hinuntergeführt. Die Kleider werden uns abgenommen, sie wandern in den Entlausungskessel. Wir aber. werden ins Bad eingesperrt zu etwa 20 Mann und " 61 kaum ist die Tür hinter uns zu, da sage ich eigentlich müßte ich sagen juble ich: ,, So, jetzt haben wir 2 Stunden Zeit, uns in Ruhe alles zu erzählen". Es war ja ein uns bis dahin ungewohntes Bild, daß mein ehemaliger Spiritual und Seelenführer und ich nun pudelnackt nebeneinander Besprechung halten dürfen. Aber sage mir einer, daß nicht darin der Finger Gottes sich zeige. Wieder einmal wird der Plan der Gestapo durchkreuzt. P. Wimmer konnte mir alles berichten:„ P. Provinzial, P. Gerharz, P. Karl Friedrich und ich sind verhaftet worden und sitzen nun hier. Es geht um P. Provinzial, dem man mit aller Gewalt etwas anhängen möchte aus allen möglichen und unmöglichen Gründen. Durch ihn hofft man die ganze Provinz zu treffen. P. Gerharz und ich sollen ihn belasten. Gegen uns liegt nichts vor. Über Sie hat der Th. folgendes gefragt....." Und nun erfahre ich wieder einmal haargenau, was mein guter Freund Th. von mir wissen will. Ich bin gewappnet und auf die nächste Zeit vorbereitet. Unter der Brause stehend, beichte ich wieder nach langen Monaten. Bin also nach diesen 24 Stunden wieder völlig im Bilde. - Ja, die Verbindung zur Familie ist wieder hergestellt. und aufgenommen, und das nur deswegen, weil Quarantäne war. Jetzt weiß ich also, warum ich hungern mußte. Am nächsten Dienstag ist Gustel auch bereits wieder da. Der Seuchenverdacht hat sich nicht bestätigt. Die Quarantäne wird aufgehoben, ich bekomme meine Butterbrote. Gustel berichtet mir später, daß sie Schwierigkeiten bekam, weil ja der Wochentermin, Freitag, noch nicht erreicht war. Aber da hat ihr eine Wachtmeisterin geholfen und vermittelt.. Wir sind also wieder zu vier im Gefängnis. In dieser Zeit sind abermals verschiedene schwere Fliegerangriffe. Die Nervosität im Gefängnis bei jedem dieser Angriffe ist nur um so größer. Immer die gleichen Panikerscheinungen, das Schreien und Brül62 len d Angs abteil mich Rings aber d So na im Ge auch Freud guten schmu Pflau Wach und n ihr so einem nachts lichen grafie Erstk Gnad mir se den A die ga Ich w sehr auf d die m freud Weih lich. Wäsch zu Hi in der Vorw Hause ganze in sti serharz t nichts , was h bin yereitet. er nach Stunden rgestellt sn, weil ch hun- te] auch ich nicht ich be- tet mir ] ja der ar. Aber ınd vel- In diesel Flieger- Juniz len der Gefangenen aus den Zellen, besonders die Angstschreie der eingesperrten Frauen im Frauen- abteil. Es sind Stunden der Todesangst, die auch mich körperlich immer anfälliger, nervöser machen. Ringsherum fallen immer mehr Häuser in Schutt, aber dem Gefängnis ist bis jetzt noch nichts passiert. So naht langsam das zweite Weihnachtsfest, das ich im Gefängnis verlebe. Dieses Mal will ich es, wenn auch arm mit dem armen Heiland, doch in großer Freude verleben. Am Heiligabend gelingt es der guten Gustel sogar, mir 2 Stück Kuchen mit einzu- schmuggeln: ein Stück Apfelkuchen und ein Stück Pflaumenkuchen, allerdings gegen den Protest des Wachtmeisters, der ihr erklärt, das sei das letztemal und nur in Anbetracht, daß Weihnachten sei, daß er ihr soviel abnehme, um es mir auszuhändigen. Mit einem weißen Taschentuch decke ich"mir am Weih- nachtsmorgen das Tischchen. In Ermangelung jeg- lichen Weihnachtsschmuckes stelle ich mir zwei Foto- grafien von meinen Nichtchen Carla und Christa, dem Erstkommunionkind, auf; dazu ein Bild vom kleinen Gnadenkapellchen zu Schönstatt; und nun habe ich mir selbst Bescherung gehalten mit dem Kuchen und den Äpfeln von Gustel. Dann feiere ich im Geiste die ganze Weihnachtsliturgie. Ich war an diesem Tage wirklich ganz froh gestimmt, sehr im Gegensatz zu der allgemeinen Stimmung auf dem Gang. Weihnachten im Gefängnis, das kam die meisten sehr hart an. Aus meiner Weihnachts- freude heraus wollte ich nun den Angehörigen einen Weihnachtsbrief schreiben, einen verbotenen natür- lich. Ich hatte, da mir in der letzten Zeit meine Wäschepost schon nicht mehr genügte, Taschentücher zu Hilfe genommen, die ich in meine Jacke einnähte, in den Rücken und in die Ärmel, die dann unter dem Vorwande, sie müsse ausgebessert werden, nach Hause wanderte. Und so schrieb ich auch jetzt ein ganzes Taschentuch voll. So verbrachte ich den Tag in stiller Freude, stillem Gedenken an die Heimat, 63 emsigem Schreiben und manchmal auch einem kurzen Wort über den Gang zum Gegenüber, der gerade an diesem Festtag besonders schwermütig war, er dachte viel an Frau und Kind. Der Tag wäre allerdings bald böse ausgegangen; denn des Nachmittags beschlich uns ein Wachtmeister mit Filzpantoffeln, entdeckte drei, die über den Gang gesprochen hatten, und suchte den Vierten und der war ich. Nie werde ich verstehen, wie er gerade diesen Tag, an dem sich alle Menschen Gutes tun, zu solch heimtückischem Werk erwählte. Die anderen drei kamen erbarmungslos in den Bunker. Ich saẞ in Angst und habe schleunigst den schönen Weihnachtsbrief wieder ausgewaschen, da ich eine Zellenvisitation befürchten mußte. Sie kam Gott sei Dank.nicht. Ich hörte zwar, wie mein Gegenüber vernommen wurde, man wollte ihn erpressen, den 4. Mann zu nennen. Er verriet mich aber nicht. Später flüsterte ich ihm zu:„ Wenn Euch Nachteile erwachsen, melde ich mich freiwillig!" Er antwortete: ,, Keinesfalls, Du kannst uns nicht nützen und von mir bekommt er's nicht heraus!" Wäre es herausgekommen, so wäre außer dem Bunker Entzug aller Vergünstigungen die Folge gewesen, d. h. ich hätte keine Wäsche mehr von draußen empfangen können und das hätte nicht nur Gustels Butterbrote gekostet, sondern, was noch schlimmer war, meine Hemdenpost zum Gewaltabschluß gebracht. Von der Verrohung der Wachtmeister und der geistigen Verwilderung durch den Nationalsozialismus, gleichzeitig von der unmenschlichen Behandlung der Juden, erlebte ich ein furchtbares Beispiel. Auf unserem Gang lag wenige Zellen weiter ein jüdischer Rechtsanwalt, der früher in Frankfurt ansässig war, nach dem Judenprogrom aber nach Frankreich gezogen war. Dort war er nach der Eroberung Frankreichs festgesetzt worden und, nachdem er schon jahrelang in einem Judenlager dort inhaftiert war, 64 war Mor Wir gefü stre meis gege die ihm Der uns sein Jude er i bear schr schw kom hast hau Rec wie bear doch sein dur erst hätt Urte Ung Opf näm den es s So es v nich 5 kurzen ade an dachte ; denn ter mit Gang nd der gerade es tun, -n Bunst den men, da ie kam ein Geerpresch aber NachEr antnützen - Wäre zer Enten, d. h. empfanButterer war, racht. r geistialismus, rung der Auf unüdischer sig war, eich geFranker schon ert war, war er nun nach Frankfurt überführt worden. Eines Morgens nun war ich Augenzeuge folgender Szene: Wir wurden zum Spaziergang auf den Hof herausgeführt und mußten uns deshalb auf dem Gang unter strengem Stillschweigen aufstellen. Der Wachtmeister Gr., ein brutaler, kleiner Kerl, der aber uns gegenüber immerhin einige Form bewahrte, öffnete die Zelle des jüdischen Rechtsanwaltes und bedeutet ihm durch eine Kopfbewegung herauszukommen. Der gehorcht. Er stellt sich, wie ihm angewiesen, zu uns ins Glied. Plötzlich überfliegt der Wachtmeister seine Liste und stellt fest, daß dieser Gefangene ja Jude sei, stürzt ohne weiteres auf ihn zu, und indem er ihn fortwährend mit Tritten und Faustschlägen bearbeitet, treibt er ihn in seine Zelle zurück, laut schreiend: Was willst denn du verfluchtes Judenschwein hier? Mach, daß du in deine Zelle zurückkommst. Warum lebst du überhaupt noch? Warum hast du dich nicht aufgehängt? Ihr Juden habt überhaupt kein Recht zu leben. Die Wanzen haben mehr Recht zu leben, wie ihr. Euch müßte man totschlagen wie die Wanzen", und ihn ständig mit seinem Stiefel bearbeitend, trieb er den völlig Unschuldigen, der doch nur seinem Befehl gehorcht hatte, wieder in seine Zelle zurück, und das war diesem Wachtmeister durchaus eine ehrenvolle Handlung. Er wäre höchst erstaunt gewesen, wenn man dieserhalb Vorwürfe hätte machen wollen, so verwirrt war bereits die Urteilskraft. "" Ungefähr viermal während dieser Zeit war ich das Opfer grausamen Irrtums geworden, insofern ich nämlich am Morgen aus meiner Zelle geführt wurde wie man mir sagte zur Entlassung. Nach Stunden bangender Hoffnung stellte man dann fest, daß es sich um einen Namens- Irrtum handle. - - So glaubte ich auch am Morgen des 21. Januar, als es wiederum hieß: ,, Packen Sie Ihr Zeug zusammen" nicht anders, als es sei wieder ein Irrtum wie schon 65 5 Poieß, Gefangener der Gestapo so oft. Aber diesmal wurde ich wirklich entlassen, freilich nicht in die Freiheit, sondern wieder in die UHA. Das Polizeigefängnis war überfüllt und so wurde ich wieder einmal zur Abwechslung verlegt, blieb aber weiter Polizeigefangener. Immerhin: für mich war das eine sehr frohe Überraschung und die UHA kam mir geradezu wie die Heimat vor und wie ein Stück Himmel nach der Hölle Klapperfeld. Leider war bei der Aufnahme mein Engel nicht zugegen, denn er war krank. Als ich aber, auf meine Zellenzuweisung harrend, auf dem Gang stand, stellte sich zuerst freudestrahlend Fritz ein. Das war ein frohes Wiedersehen und ein unverhofftes dazu. Er sorgte denn auch gleich durch seinen Chef, den famosen Hauptwachtmeister G., der inzwischen den Arbeitsbetrieb übernommen hatte und dessen rechte Hand im Arbeitsgang Dr. Sch. geworden war, daß ich eine Zelle zu ebener Erde bekam, dem Auge der diensthabenden Wachtmeister fast ganz entzogen und in der Nähe seiner eigenen Zelle. Nun begannen ein paar schöne Wochen. Zunächst brachte schon der folgende Tag, der 22. Januar, der Todestag unseres ehrwürdigen Stifters, eine frohe Überraschung. Ich wurde zur Lindenstraße abgeholt und hatte Besuch vom Bruder und von der Schwester. An diesem Tag habe ich den Weltrekord im Essen gebrochen. Th. war nicht anwesend; der diensttuende Gestapomann erlaubte gnädigst, daß mir zu essen vorgesetzt werden durfte. Ich tat, was ich konnte, und war nach der vorhergehenden Hungerperiode wohl vorbereitet. Die leise Furcht, ich könnte mir den Magen verderben mit den ungewohnten Himmelsgaben, schlug ich leichtsinnig in den Wind. Endlich aber konnte ich nicht mehr und der Butterbrote waren doch noch viele. Ich wollte sie zurückgeben, weil ich ja wußte, daß in die UHA keine Lebensmittel mitgenommen werden durften. Der Gestapomann aber meinte großspurig, wenn er es 66 erlau man An d ger rede glück stehe Tasc dann ins such 2 Bu Will meis Kuch Haup Sie, ,, Ne erwa die supp ten, mit das Paus Dan Fuß Um Arb und Grie hatt ich gese wie der auch Fol Und \ keine N. Der ‚er& erlaube, dürfe ich es schon. In solchem Fall darf - map nicht widersprechen. An der Pforte der UHA empfängt mich ein gutmüti- ger Hauptwachtmeister. Ich denke:„Nun gilt’s!“ und rede auf ihn los wie ein Buch. Wir sind auch schon glücklich am Glaskasten vorbei, da bleibt er plötzlich stehen und fragt:„Haben Sie noch etwas in der Tasche?“„Jawohl, Butterbrote und Kuchen“.„Ja, dann müssen Sie die halt hier an der Pforte aufessen, ins Gefängnis dürfen sie nichts nehmen“. Ich ver- suche es noch einmal, bringe mit Gewalt auch noch 2 Butterbrote hinunter, dann geht es beim besten Willen nicht mehr. Nun tat es dem Hauptwacht- meister doch leid, daß er mir das Übrige und den Kuchen abnehmen sollte. Er führte mich zum ersten Hauptwachtmeister und der knurrte mich an:„Machen Sie, daß Sie in Ihre Zelle kommen“. Und das hieß: „Nehmen Sie es mit“. Aber, o Schreck: in der Zelle erwartet mich mein Mittagessen: eine Erbsensuppe, die man sogar warm gestellt hatte. Eine Erbsen- suppe! Eine Erbsensuppe stehen lassen nach Mona- ten, in denen es werktags wie sonntags nur Rüben mit Wässer oder Wasser mit Rüben gegeben hatte, das gab’s einfach“nicht. Eine Stunde machte ich Pause, dann ging auch die Erbsensuppe hinterher. Danach war mir, als hätte ich einen anständigen Fußball verschluckt. Um 5 Uhr öffnete sich wieder die Zellentür, der Arbeitswachtmeister erscheint und hinter ihm Fritz und bringt mir— einen Pudding: einen leibhaftigen Grießpudding! Der Himmel weiß, woher er ihn hatte. Und es war eine große Schüssel! Hier durfte ich schon aus Höflichkeit nicht nein sagen, ganz ab- gesehen davon, daß durch die Träume meiner Nächte wie oft ein steifer, milchsüßer Grießpudding gewan- dert war. Und ich tat, was ich konnte, wenngleich auch mit größtem Mißtrauen wegen der etwaigen Folgen.„Das kann nicht gut gehen“, dachte ich. Und dann war noch das Abendessen zu leisten: wie- 67 U d RIES TEDE derum Suppe mit Brot, und Dr. Sch. konnte es nicht unterlassen, mir einen Brotnachschlag zuzustecken, und auch das habe ich noch bewältigt. Aber ich dachte doch am Abend: ‚Lieber, ehrwürdiger Stifter Vin- zenz Pallotti(es war ja, wie gesagt, sein Todestag, also ein Fest unserer Gesellschaft), lieber Vater Vin- zenz Pallotti, wäre es nicht besser gewesen, wenn Du Deine Gaben ein klein wenig mehr verteilt hät- test?“ Aber das Wunderbarste war doch dies: nicht mal einen verdorbenen Magen habe ich mir geholt. Man wollte überhaupt in der Folgezeit mich in kür- zester Frist wieder auffüttern. Es gab Nachschlag auf Nachschlag, und in drei Wochen holte ich im Ge- richtsgefängnis 16 Pfund auf. Dr. Sch. meinte aller- dings, ich hätte auch furchtbar ausgesehen und hätte, so wie ich war, nicht mehr lange weiter- gemacht. Und das ist wohl möglich, denn mein Ge- wicht war ein Beträchtliches unter 100 Pfund ge- sunken. Inzwischen stellte sich auch Wachtmeister„Engel“ wieder ein. Das gab eine frohe Begrüßung, und ich nahm sofort meine alte Arbeit wieder auf. Er sorgte wahrhaft väterlich für mich. Jeden Mittag organi- sierte er für seine Arbeiter, die er beschäftigte, in der Küche einen Essensrest, und dann hörte ich sei- nen eiligen Schritt, die Tür ging auf und es hieß: „Los, die Schüssel her!“ Und sobald Gustel zum erstenmal dagewesen war, kam er tagtäglich mit einem oder mehreren wohlgeschmierten Butter- broten. Dann und wann auch mit einem süßen Gruß von den Schwestern aus dem Carlshaus. Dieses Carlshaus entwickelte sich in der Folge zum Ver- schwörernest. Dort in der Klausur der Schwestern trafen sich der Engel und die Verwandten, dort fand der Tausch statt. Und auch noch anderweitig sorgte der Engel wieder. Er brachte mir oft und oft die hl. Kommunion.‘ Dann wagte er schließlich noch ein Letztes. 68 Schon verschiedentlich hatten wir wieder heftige Angriffe zu bestehen gehabt und Frankfurt sank zu- sehends mehr in Trümmer. Da kam der Großangriff vom 18. auf den 19. März. Diese Nacht war besonders schlimm und auch die UHA verlor fast sämtliche Fenster und die meisten umliegenden Häuser brann- ten lichterloh. Ich kniete während dieser Nacht unter dem Fenster und konnte vor Erregung nicht einmal ein ganzes Vaterunser beten.„Vater unser, Vater unser...“ bete ich immer wieder wie ein Stoßgebet, während Bomben und Luftminen mit unheimlich zischendem Geräusch niedergehen und die Wände! von den Detonationen rings erbeben. Jeden Augen- blick denke ich:„Jetzt sind wir dran!“ Eingesperrt in der Zelle war das Gefühl der Ohnmacht nur umso stärker. Die Nerven vibrierten förmlich und im Hause schrieen und tobten die Gefangenen mehr denn je. Nach diesem ganz besonders schweren Angriff war am folgenden Tage große Unruhe und Unordnung und Aufregung im Hause. Diesen allgemeinen Trubel nutzte nun mein guter„Engel“ zu einer ganz super- schlauen und frohen Überraschung aus. Er kommt plötzlich zu mir, der ich im Gefängnis- arbeitszeug mein kleines Stanzmaschinchen bediene und kommandiert:„Los, kommen Sie mit!“ Ich, wie ich bin, in Filzpantoffeln, Schürze und Gefängnis- jacke ihm nach. Er schließt die Sakristeitür der Ge- fängniskapelle auf, und wie ich hineinkomme, ist auf dem Tisch, dem Ankleidetisch, der Altar völlig zur Messe bereitet, mit Altarstein und allem Zubehör. Und nun begreife ich und ziehe mich zur Messe an. Er schließt sich mit mir ein und so lese ich nach 16 Monaten zum erstenmal wieder am Nachmittage des St. Josefsfestes die hl. Messe. Das war ein großes Erlebnis, und ich muß gestehen, daß es mir die Tränen in die Augen trieb. Nun konnte ich endlich das Memento für die vielen Toten machen, war doch im Juni meine Mutter gestorben, 69 im Juli der Vater, im November mein Bruder gefallen und am 4. März auch noch mein guter Onkel, der mich als rüstiger Jüngling von nur 80 Jahren noch vor kurzem im Gefängnis besucht hatte. Ihrer aller und der vielen, vielen Toten, der gefallenen und gestorbenen Mitbrüder, gedachte ich nun, während mir mein ,, Engel" die Messe diente. Ich mußte die Schlauheit des guten Z. wahrlich bewundern. Ganz richtig hatte er kalkuliert, daß sich in diesem Trubel bestimmt keiner zur Sakristei verlaufen würde. Er hatte sich bei den Schwestern im Carlshaus Meßwein und Hostien beschafft, in der Stille alles vorbereitet und mir eine solche Überraschung bereitet. " Im Monat April hat er es dann noch einmal gemacht. Das zweitemal war es wieder an einem Josefstag, am Schutzfest des hl. Josef. Das drittemal aber, am ersten Sonntag im Mai, wurde es ein Abenteuer. An diesem schönen Sonntagnachmittag glaubte er die Gelegenheit gar zu günstig, holte mich ab und wieder las ich in der Sakristei die hl. Messe. Als er mich nun aber in meine Zelle zurückschleusen wollte und vorsichtig die Gegend vorher ausspionierte, kam er mit der Hiobspost zurück:„ O weh, o weh, die ganze Blase"( gemeint waren die diensthabenden Wachtmeister) ist vor dem Glaskasten versammelt". Der Glaskasten ist der Mittelpunkt des Gefängnisses, von wo aus der erste Wachtmeister wie eine Spinne alle Gänge übersehen und beobachten kann. ,, Was machen wir nun? Wir müssen über den 5. Stock. Drücken Sie sich ganz an die Wand!" Wir steigen zum fünften Stock hinauf. Ich hinter ihm her, immer an der Wand lang. Plötzlich erschallt ein Ruf vom Glaskasten:„ He, Flurarbeiter fünf, Flurarbeiter fünf, was machen Sie da oben?" Offenbar hält man uns für Gefangene, die zur Arbeit auf dem Flur ausgeschlossen sind und also zu dieser Zeit unrechtmäßig und unkontrolliert da oben herumlaufen. Wir 70 hast stür stell schli mich auch Stim dann bin verk späte die das Wi habe habt diese Zelle ich v nen Wir lerge ein aus mög saus Zell könn Ich Eng war im wal eige die Men leuc Jetz Gan r geOnkel, ahren Ihrer mund hrend hbe3 sich i verrn im n der Übermacht. g, am r, am er. er die wieder mich te und am er ganze Vacht" Der es, von ne alle machen rücken ünften an der Glasrfünf, an uns ur ausnrechten. Wir وو hasten weiter. Da wird man aufmerksam und sofort stürzen eine Anzahl Diensthabende los, um uns zu stellen. Schnaufend biegt mein ,, Engel" um die Ecke, schließt kurzerhand die nächste leere Zelle auf, stößt mich hinein und schließt wieder ab. Dann höre ich auch schon Fußgetrampel und dann eine erstaunte Stimme: ,, Ach du bist das. Warum meldest du dich dann nicht?" Darauf die knurrige Antwort: ,, Ja, ich bin doch kein Flurarbeiter". Und die Wachtmeister verkrümeln sich wieder langsam. Zehn Minuten später schleicht mein Z. wieder herzu, öffnet leise die Tür und holt mich, der ich klopfenden Herzens das Weitere abwarte, heraus. Er befiehlt mir kurz: Wir gehen jetzt auf sieben, in die Sanitätszelle. Sie haben Kopfschmerzen". Und wenn ich sie nicht gehabt hätte, hätte ich sie jetzt. Kopfschmerzen, wie dieses Abenteuer ausgehen wird und ich gut in meine Zelle zurückkomme, d. h. um meinetwillen brauche ich weniger Kopfschmerzen zu haben, aber um meinen guten„, Engel", der ist es, der hier alles riskiert. Wir schleichen ins Nebengebäude, von dort ins Kellergeschoß, steigen von dort auf, müssen aber noch ein kurzes Stück überqueren, das vom Glaskasten aus eingesehen werden kann. Ich verkrieche mich möglichst hinter seinem breiten Rücken und so sausen wir los und gelangen auch glücklich in meine Zelle, wo er erlöst aufatmet: ,, Das hätte schief gehen können!" - Ich hatte aber in dieser Zeit noch einen zweiten Engel. Und das war Dr. Sch., der Fritz. Denn dieser war ja noch immer jetzt auch schon im 2. Jahrim Gefängnis, ebenfalls durch einen unerhörten Gewaltakt der Gestapo. Ihn zu erzählen, würde eine eigene Geschichte erfordern. Sie würde aber auch die allem Recht hohnsprechende Behandlung von Menschen unter der Gestapo- Herrschaft grell beleuchten. Jetzt sollte unsere Freundschaft so recht aufblühen. Ganz abgesehen, daß er unermüdlich für mein leib71 liches Wohl besorgt war und mir, da er außer im Arbeitsbetrieb auch noch als Flurarbeiter beschäftigt war, tagtäglich Essenszuschlag an Brot und mittags Suppe zukommen läßt, weiß er es einzurichten, daß er fast täglich eine oder mehrere Stunden auf meine Zelle kommt. Es bedarf dazu freilich aller möglichen Tücken und Schliche. Aber er bringt es fertig, und nun sind die Wochen unserer tiefen Gespräche, unserer philosophisch- theologischen Diskussionen, unserer politischen Überlegungen, unserer Lebenserinnerungen, unserer Zukunftsbefürchtungen und Zukunftshoffnungen. Des Sonntags bringt er es sogar fertig, mit Hilfe des Hauptwachtmeisters G., mich ausschließen zu lassen, und auf dem Arbeitsraum des Hauptwachtmeisters verbringen wir einen köstlichen Sonntag, wobei er sogar den Tisch zum Mittag und Kaffee weiß deckt. Wir, zum Schein etwas arbeitend, erholen und baden in stundenlangen geistigen Gesprächen unsere Seele. Was wir uns in solchen Stunden gegenseitig geben konnten, wird wohl keiner je vergessen. Die Stimmung dieser Zeit drückt sich in folgendem Gedicht aus: Und es kommt der Tag, und ich weiß es gewiß, Da wird das eiserne Tor aufgeh'n. Durch's Herz mir geht es wie Stich und Riẞ, Auc der Zell Zell daß spre " eine Zell den ben So Fre 72 Und ich werde draußen, draußen steh'n. Und ich atme die andere, die freie Luft, Der Arbeit Lärm und der Buben Geschrei, Und die Weite lockt und die Ferne ruft, Und das Leben, Leben pulset vorbei: Und ich bin frei! Erv Die Und ich werde die Lieben, Lieben seh'n! Ich tret' in den liebvertrauten Raum: Ist alles wie einst, ist alles wie neu! Ist all wie ein wunder- zarter Traum: Daheim! Es quillt die Trän' ohne Scheu, Und ich bin frei! Und es kommt der Tag, und ich weiß es gewiß, Da wird die Türe der Heimat aufgeh'n. Die Sehnsucht schmilzt und die Bitternis zun sch fur fän daf der Sp po > Und es kommt der Tag, und ich weiß es gewiß, Da werden die Tore der Welt aufgeh’n: Die mich hielt, die letzte Kette zerriß, Und ich werde vor meinem Gotte steh’n. Welt, Schuld und Leid und Zeit versinkt, Des Raumes Kerker: vorbei, vorbei! Und die Seele ein seliges Wissen trinkt, Daß hier, erst hier die Heimat sei. Dann bin ich frei! Auch in den furchtbaren Bombennächten ist Fritz, der während dieser Zeit als Sanitätsmann aus seiner Zelle ausgeschlossen wird, immer wieder an meiner Zelle, unterrichtet mich von allem und verspricht, daß er bei etwaigem Unglück die Zellentür sofort sprengen will. Eines Nachts sehe ich, wie er mit "einem Besen di& schrägen Blindfenster vor meiner Zelle zerschlägt und mir dadurch freie Aussicht auf den Hof verschafft. Das hatten natürlich„die Bom- ben getan“. So war er immer um mich besorgt und aus dieser Freundschaft heraus entstand folgendes Gedichtchen: Freund im Glück? Hundert Stück! Freund im Leid? Kostbarkeit! Wo Liebe brennt, Nichts je trennt. Wen Gott dir eint: Wahrer Freund! Erwähnen muß ich hier die drei letzten Großangriffe. Diese Angriffe— der erste in der Nacht vom 18. zum 19. 3.— waren in ihrer Ausdehnung die schlimmsten und haben den inneren Teil der Frank- furter Stadt völlig niedergelegt. Die Panik im Ge- fängnis war dementsprechend und ich muß gestehen, daß auch mir in der halben Stunde, da ich unter dem Fenster kauerte, weil ich mich wenigstens vor Splittern hier am sichersten fühlte, das Herz hörbar pochte und ich die physische Todesangst erlebte, 13 nicht fähig, ein ganzes Vaterunser oder Ave Maria zu beten, sondern immer nur Stoßgebetchen stam- melnd, in jedem Augenblick eines Bombentreffers gewärtig. Gerade das Bewußtsein, ohnmächtig in der Zelle eingeschlossen zu sein, nichts tun zu kön- nen, verstärkt die Angst. Ein Glück nur, daß ich durch Fritz immer wieder auf dem Laufenden ge- halten wurde. Er war in dieser Nacht auf dem Dach, um das Gefängnisdach vor den ringsherum wütenden Bränden zu schützen. Am anderen Morgen brannte ganz Frankfurt. Dieser Tag, der 19., ist für mich ein denkwürdiger. Es war der Tag, an dem ich durch die Vermittlung meines„Engels“ die Messe lesen konnte. Und noch ein Zweites brachte der Tag, wo- ran wiederum Fritz schuld war. Am Nachmittag holte mich Hauptwachtmeister G. aus meiner Zelle und setzte mich zur Arbeit in der Packerei ein. Nach 17 Monaten konnte ich so zum erstenmal mit Kame- raden arbeiten. Wir konnten miteinander sprechen und vor allem konnte ich längeren Umgang mit Freund Fritz pflegen. Schon an diesem Tage gelang es Dr. Sch., mich ‚mit Hilfe eines befreundeten Wachtmeisters auf das Gefängnisdach zu führen. Ich sah das an allen Ecken und Enden brennende Frank- furt. Nach Monaten der Haft mein erster Blick in die’freie Weite. Aber welch ein Blick! Er war wie ein Symbol des vergehenden Deutschland. Ich sah den völlig zerstörten Flügel des Gerichtsgebäudes und wie man mit Riesenbaggern daran arbeitete, die über 150 Toten des darunterliegenden öffentlichen Luftschutzkellers zu bergen, 45 Mädchen einer Mädchenschule darunter. Bei einem Angriff war auch die Klapperfeldstraße schwer getroffen worden und nicht mehr bewohnbar. Eine Anzahl Gefange- ner waren umgekommen, jedoch keiner meiner Mit- brüder, von denen ja immer noch vier im Polizei- gefängnis waren, darunter auch P. Schulte, der Pater Provinzial. Aber die Gefangenen mußten nun in andere Gefängnisse verlegt werden. P. Schulte 74 Maria stameffers tig in könaß ich en geDach, enden annte ch ein durch lesen g, womittag Zelle Nach Kamerechen g mit gelang deten en. Ich Frankick in ar wie ch sah päudes te, die lichen einer f war worden fanger Mitolizeie, der en nun ulte - kam nach Darmstadt und wurde dort zur Arbeit in der Kiesgrube eingesetzt; P. Karl Friedrich und P. Gerharz wurden in das SS- Sonderlager Hinzert bei Trier überstellt. Hier muß man sich das RechtsKuriosum vor Augen halten, daß P. Gerharz und P. Wimmer nicht wegen eigener, vorgeworfener Verfehlung verhaftet waren, sondern um gegen Pater Provinzial zu zeugen unter dem zeugen Druck monatelanger bösartiger Haft; da sie nichts gegen P. Provinzial ausgesagt hatten, wurde folgendes klassische Urteil gegen sie gefällt:„ Ihr Schicksal heißt Schulte. Wer für einen Mann wie Schulte eintritt, muß auch sein Schicksal teilen". Aber auch gegen P. Provinzial brachte man trotz eines achttägigen Verhörs von morgens bis abends nichts zusammen, um eine Anklage auch nur versuchen zu können. Das war Rechtsprechung des Dritten Reiches. P. Wimmer kam in ein fürchterliches Massenquartier in der ehemaligen Judensynagoge. In Dachau erst sollte ich meine Mitbrüder wiedersehen und war wahrhaft erschrocken, als ich die lebenden Gerippe, die abgezehrten Elendsgestalten zum erstenmal sah. Unser Haus, die UHA, war wirklich das einzige Gebäude weit und breit, das nicht getroffen oder beschädigt war. Nach den weiteren Angriffen vom 22. auf den 23. und den Tagesangriff am 23. war buchstäblich die ganze Innenstadt ein Trümmerhaufen, und einzig das Gerichtsgefängnis, in dem wir saßen, unversehrt. Natürlich hatten auch wir Fensterschäden, Risse in den Mauern u. a. m. Das hatte zur Folge, daß ich mir eine böse Erkältung und dann einen schlimmen Rheumatismus zuzog, sodaß ich kaum meine Kleider an- und ausziehen konnte. Aber immerhin, wir hatten ein Dach über dem Kopf, wenn es auch nur ein Gefängnisdach war. Nach dem 23. gelang dem famosen Fritz ein weiteres Husarenstückchen. Er ließ mich durch einen gutmütigen Ersatzwachtmeister ausschließen mit der 75 Begründung, ich sei Sanitäter. Er hängte mir einen Verbandskasten um und nahm mich mit in den Luftschutzkeller, und nach einigem Zögern nahmen die Wachtmeister dies als eine vollzogene Tatsache an. Fritz sorgte in der Folgezeit immer dafür, daß ich ausgeschlossen wurde aus meiner Zelle, und mit meinem Tarn- Verbandskasten thronte ich dann in dem immerhin unter der Erde liegenden gesicherten Sanitätskeller. Das gab wenigstens eine Beruhigung bei den immer noch häufigen Alarmen, obwohl sich die Groẞangriffe in der Folgezeit nicht wiederholten. Alles wäre gut gewesen, wenn, ja wenn nicht eben der Nazi- Wachtmeister M. gewesen wäre. Nach etwa drei Wochen gelockerter Arbeit entdeckte dieser hämische Mensch auf einmal, daß ich als Gestapo- Gefangener garnicht ausgeschlossen werden dürfe, und er brachte diese Entdeckung sofort zum ersten Hauptwachtmeister. Nun war dieser natürlich gezwungen einzugreifen, und M. hatte ihm offensichtlich die Hölle so heiß gemacht, daß er gleich ganz gründlich verfuhr. Er versetzte mich in den dritten Stock in die Nähe des Glaskastens, sodaẞ also meine Zelle und Zellentür immer unter den Augen des ersten Wachtmeisters lag. Als ich in meiner neuen Zelle saß, überkam mich ein Gefühl großer Trostlosigkeit. Zum soundsovielten Male also wieder eine Trennung von allem. Hier würde es Fritz unmöglich sein, auch nur ein Wörtchen durch die Tür zu flüstern. Hier konnte es mein ,, Engel" kaum mehr wagen, mir ein Butterbrot zuzuschmuggeln oder die anderen wichtigen Geschäfte mit mir zu tätigen, ich war abgeschlossen von allem. Aber am folgenden Morgen schon vor dem Aufschluß knirschte der Schlüssel im Schloß und mein„ Engel", der Unentwegte, kommt mit den Butterbroten. Angst genug und Herzklopfen bis zum Halse habe ich freilich ausgestanden, und auch er war sich der Gefährlichkeit dieser Lage wohl be76 - - wußt meist Auge jeden warte mehr Schlie Sie m könnt legen der W schien das w an, da nenst ten. brüllt los, S dienst „ Der wend dem Frech gißt u in di sich b der M und fertig er hal kriegs umso Jugen fahre paar beiter er hi mute über ich in Gefühl Male würde rtchen mein ot ZU- schäfte allem. n Auf- ß und jt den js zum uch eT hl be- wußt. Er benutzte den Morgenrapport der Wacht- meister zu diesem Besuch und das hätte ihm jeden Augenblick schief ausgehen können. Aber er kam jeden Morgen, obwohl ich ihn mit Herzklopfen er- wartete und ihm endlich sagte, er möge doch nicht mehr kommen, ich hätte zu sehr Angst um ihn. Schließlich machte ich ihm den Vorschlag:„Holen Sie mich doch zum Strümpfestopfen herunter, dann könnten Sie mich doch wieder auf den Gang 1 ver- legen“.— Dem Hausvater lag nämlich die Besorgung der Wäsche und Kleider ob.— Zunächst zögerte er, schien durchaus abgeneigt und redete sich heraus, das wolle er mir nicht zumuten, das ginge doch nicht an, daß ich als Priester die verschwitzten Gefange- nenstrümpfe stopfen würde. Das ließ ich nicht gel- ten. Am folgenden Tag aber riß er die Türe auf und brüllte in meine Zelle:„Nun, packen Sie zusammen, los, Sie kommen auf 1 zum Strümpfestopfen“. Der diensttuende Wachtmeister will Einspruch erheben. „Der ist doch gerade erst verlegt worden!“ Da wendet Z. die altbewährte Methode an und wirft dem diensttuenden Wachtmeister eine so haushohe Frechheit an den Kopf, daß der vor Wut mich ver- gißt und sich verdrückt. Ich werde nun wirklich ganz ‘in die Nähe der Hausvaterei verlegt und es zeigt sich bald, warum der„Engel“ gezögert hat. Er war der Meinung, ich wäre der Arbeit nicht gewachsen und er bekäme nicht die nötige Anzahl Strümpfe fertig. 300 Paar pro Woche und Donnerstag mußte er haben und die Strümpfe wiesen begreiflicherweise kriegsmäßige Löcher auf. Aber ich hatte ja nicht umsonst den Spitznamen„Schneider Nöckel“ von Jugend auf und war in aller Nadelarbeit wohl er- fahren. Er war hochbefriedigt, als es sich nach ein paar Tagen herausstellte, daß ich seinen besten Ar- beiter um 50° in der Leistung übertraf. Das hätte er hinter einem Schwarzrock natürlich nicht ver- mutet. Nun ließ sich alles gut an und Z. war ein über das andere Mal in meiner Zelle. Dann hieß es: m ,, Kommen Sie mal mit, ich muß Ihnen was Schönes zeigen", und er führte mich auf seine Hausvaterei, wo er einen großen Fliederstrauß hatte. Ich ergötzte mich an den Blüten und darüber freute er sich. Dann wieder mußte ich als Dolmetscher bei den vielen Fliegergefangenen amten. Dann kam er zu einem Plauderviertelstündchen und so fort. Und so wäre es eine schöne Zeit gewesen, wenn es nicht aber das wußte keiner von uns die letzte Woche gewesen wäre. - Hier muß ich etwas nachtragen.. Es war schon einige Wochen vorher, da ich eines Morgens plötzlich wieder von einem Polizeiwachtmeister abgeholt wurde. Zunächst dachte ich, ich hätte Besuch bekommen. Es war der feine Polizeiwachtmeister Ma., und ich merkte gleich, daß er sehr beklommen in seinem Wesen war. Bald hatte ich es dann herausbekommen, was er mir erst garnicht sagen wollte. Ich wurde zu einer ärztlichen Untersuchung geführt. Als ich das aus ihm herausgebracht hatte, ging es mir wie ein Stich durch's Herz:„ Das bedeutet Dachau! Das ist die Untersuchung auf meine Lagerfähigkeit." Er gab mir darin auch recht, wiewohl er nichts Genaues wußte, und suchte mich dann sofort zu trösten: Das sei ja auch für mich eine Erlösung, wenigstens in vielen Dingen, daß ich nun wenigstens aus der Einzelhaft herauskäme, unter Mitbrüder. Ich weiß noch, wie er mir als Trostgrund anführte: ,, Wahrscheinlich können Sie in Dachau auch Sport treiben". Immerhin: so vor die Tatsache gestellt, mußte ich mich doch zunächst seelisch zu fassen versuchen. Als ich drüben in der Zelle auf den Arzt wartete, fühlte ich mein Gebetbüchlein, das ich s. Zt. von meinem „ Engel" bekommen hatte, in der Tasche meines Mantels. Ich nahm es heraus und sagte mir im Innern: ,, So, lieber Gott, jetzt sag' Du mir ein Wort!" Ich schlug auf's Geratewohl auf und fand Psalm 19: 78 So, d mir die H gera mein gang ,, Da auf Weis mein trạch zuwa Es s wirk denn gewi geäu Str wurd An Sonn im aben plötz Trän stück und den ich a chönes aterei, rgötzte Dann vielen einem wäre - aber Foche meines wachtch, ich Polizeidaß er d hatte st garztlichen herausdurch's Unterir darin Ste, und ja auch Dingen, herauser mir können ßte ich hen. Als e, fühlte meinem meines r im InWort!" " salm 19: ,, Der Herr erhöre dich am Tag der Trübsal.... Deine Opfer möge segensschwer er machen... Ich weiß, der Herr errettet den Gesalbten. Mit Roß und Wagen mögen andere sich brüsten.... Zu Falle kommen sie und stürzen, wir aber Richten uns empor und stehen fest". So, das hatte mir also Gott gesagt, so sprach ich zu mir und eine große Ruhe kam über mich. Endlich die Entscheidung nach 15 Monaten. Zufällig wurde gerade in dem Augenblick, als ich vom Arzt kam, mein Mitbruder P. Karl Friedrich, zum Spaziergang auf den Hof geführt. Ich konnte ihm zuflüstern: ,, Dachau!" So war er im Bilde. Die Untersuchung auf Lagerfähigkeit wurde von einem SS- Arzt in der Weise durchgeführt, daß er mit spitzem Finger meine Hand nahm, die Innenfläche 2 Sekunden betrachtete und sich dann wortlos wieder seiner Liste zuwandte. Das war alles. Es sollten aber doch noch Wochen vergehen, ehe ich wirklichen Bescheid über meine Zukunft bekam; denn bis jetzt war ich ja nur auf Vermutungen angewiesen. Auch der Arzt hatte sich in keiner Weise geäußert. Ich hatte mich gut in mein neues Amt als Strumpfstopfer eingelebt und mein ,, Engel" wurde von Tag zu Tag kühner. An einem Dienstagmorgen nach eben jenem MaiSonntag, an dem ich nachmittags meine letzte Messe im Gefängnis gelesen hatte mit der geschilderten abenteuerlichen Rückfahrt zu meiner Zelle, kommt plötzlich der„ Engel" und ich sah, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen. Er hält ein Aktenstück in der Hand und platzt ganz betrübt heraus: ,, Da, nun kommen Sie doch nach Dachau!" und er zeigte mir, was er eigentlich nicht tun durfte, den Akt, auf dem kurz und bündig vermerkt ist, daß ich am 11. Mai über Nürnberg nach Dachau trans79 portiert werde, wo ich am 12. Mai eintreffen würde. Diesmal kostete die Botschaft mich nur einen tiefen Atemzug. Seelisch war ich ja längst darauf vor- bereitet, ja ich freute mich gewissermaßen darüber, daß endlich eine klare Entscheidung getroffen wurde. Freilich kam mir noch einmal die Ungerechtigkeit des ganzen Verfahrens zu Bewußtsein. Nach meiner Entlassung durch den Staatsanwalt war ich wiederum 8 Monate in Polizeihaft, ohne ein Verhör, ohne daß weitere Belastungen gegen mich vorgelegen hatten. Zum Schluß werde ich kurzerhand und ohne Angabe der Gründe einfach nach Dachau geschickt; vermut- lich, wenn nicht höhere Fügung eingreifen würde, für den Rest meines Lebens. In diesen zwei letzten Tagen haben mir alle Bekannten des Gefängnisses viel Liebes getan. Wachtmeister Z. konnte sich gar- nicht genug tun im Erweisen von Liebesdiensten. Er schmuggelte mir einen langen Brief nach Hause. Er brachte mir Gebäck, sogar— ich erinnere mich dessen noch gut— zwei Marzipanstangen. Er kam immer wieder, um mich zu ermuntern, fand mich aber munter und durchaus gefaßt. Sodann auch Dr. Sch., dem mein Abschied sehr naheging, zumal auch seine Zukunft für ihn gänzlich im Dunkel lag. Und auch mir wurde gerade der Abschied von ihm sehr schwer. Erwähnen möchte ich noch den guten Wacht- meister Schl., der mir am Morgen der Abreise zwei Leberwurst-Brötchen brachte, wie er sagte:„Als Gruß von meiner Frau“. N Am Donnerstagmorgen war ich dann zum Transport bereit. In aller Herrgottsfrühe weckte mich Z. und ich konnte die letzten Stunden bei ihm auf der Hausvaterei verbringen, bis es dann endlich scheiden hieß, und er sagte sichtlich schweren Herzens:„So, Herr Pater, jetzt muß ich Sie in die Entlassungszelle einsperren, weil Sie jeden Augenblick geholt werden können“, und dann ergriff es mich tief, daß er die Türe der Hausvaterei schloß, sich vor mir nieder- kniete und um meinen priesterlichen Segerf bat. Das 80 Furde. iefen vorüber, urde. gkeit einer erum e daß atten. ngabe rmutwürde, etzten nisses garn. Er se. Er mich kam mich ch Dr. auch Und sehr Vachte zwei Gruß nsport und af der meiden 5:„ So, gszelle werden er die miederat. Das - war der Abschied von meinem„ Engel". Dann saß ich in der Abgangszelle. Wieder war eine Episode für mich vorbei. Was würde kommen? Immerhin sah man, trotzdem man sich alle möglichen Vorteile aufzählte, dem berüchtigten Dachau mit gemischten Gefühlen entgegen. Noch tags zuvor hatte ich eine kleine Szene erlebt, die einer gewissen Komik nicht entbehrte, wiewohl sie nicht geradezu ermutigend war. Wir hatten als Kalfaktor oder Flurarbeiter einen ulkigen Landstreicher, der den putzigen Spitznamen„ Professor" trug. Dieser war seinerzeit einen Monat in Dachau gewesen. An diesem Abend half ich draußen etwas bei der Arbeit. Wachtmeister Schl. wollte mich offensichtlich etwas zerstreuen, und nun gab mir der„ Professor" bei dieser Arbeit folgenden ermunterungsvollen Ausblick: ,, Ich will Ihnen lieber nix sagen von Dachau, es ist besser. Es kann ja auch schon jetzt besser sein wie früher, aber na, ich will lieber nix sagen. Eins rat' ich Ihnen aber: bei dem Aussteigen aus der Bahn nur nicht der Letzte, sonst haben Sie gleich den Stiefel in dem... und das sage ich Ihnen, nur nicht der Letzte beim Ausziehen, wenn es ins Bad geht, sonst hast wieder einen Stiefel im.. aber ich will lieber nix sagen. Und nur nicht der Letzte beim Anziehen, aber ich will lieber nix sagen, ich war ja bloẞ vier Wochen dort. Aber monatelang nachher hat mir der Druck und die Angst noch hier um den Magen gesessen. Aber ich will lieber nix sagen." Aus der hartnäckigen Wiederholung des ,, ich will lieber nix sagen!" sprach ja keine große Ermutigung für mich. .... Endlich wurde ich abgeholt und zur grünen Minna gebracht. Sie war vollgepfropft. Die Gerichtswachtmeister verabschiedeten sich aufs allerhöflichste, sogar der Inspektor sagte mir: ,, Halten Sie durch, Herr Poieß, vielleicht dauert es nicht mehr allzulange". Dieser Abschied machte den Polizeiwachtmeister, 6 Poieß, Gefangener der Gestapo 81 der mich abholte, sichtlich verduzt. Er mußte wohl denken: das muß aber ein hoher Herr sein, und so bekam ich einen extra Fensterplatz in der Minna. Dies ermöglichte mir, das völlig zerschossene Frank- furt zu sehen auf der Fahrt und ich mußte wieder feststellen, wie geradezu wunderbar wir in der UHA beschützt worden waren. Am Hauptbahnhof wurden wir in ein Verließ unter Tage gesperrt. Schmutzig über die Maßen war es. Und hier waren meine künf- tigen Transportgefährten. Zunächst sah man nur eine Menge unrasierter Gesichter, bleiche, abgezehrte Gestalten, heruntergekommene Anzüge, und es hätte unsjederfüreine Versammlung von Schwerverbrechern halten müssen. Bald aber gliederte sich diese Menge und man macht Bekanntschaften untereinander. Da war dann der Ingenieur H., Luxemburger, der nach Mauthausen kam. Da war der Operettentenor und Leiter der Abteilung für Operette an der Rawag, Viktor Fl., der seinerzeit mit Richard Tauber zu- sammen das„Dreimäderlhaus“ aus der Taufe ge- hoben hatte, Jude und eine internationale Berühmt- heit. Da war Georg B., ein Kaukasier vom reinsten Wasser, dawaren zwei Bürschchen Iwan und Fedor Ni- lolaiewitsch D., 16 und 18 Jahre alt, die einen sehr sauberen Eindruck machten und viele andere. Wir wurden dann von einer Eskorte Polizisten abgeholt und durch die gaffende Menge zum Bahnhof geführt und hier in den Gefängniswagen geladen. Zu viert und sechst hatten wir eine kleine Zelle mit vergit- terten kleinen Fensterchen. Am Morgen dieses Tages war ich mit zwei Luxemburgern zusammen, mit In- genieur H. und einem gut katholischen Jungmann namens B. H. war ein hochgebildeter Mann, hatte im Kongo gearbeitet, war Mitglied einer illegalen Organisation gewesen. Er sagte zu mir:„Ich gehe nicht unschuldig. Ich weiß, wofür ich nach Maut- hausen komme, aber ich finde es für eine Unver- schämtheit und Ungerechtigkeit, daß man mich, den Luxemburger, wegen Hochverrates verurteilt“. 82 e wohl and so Minna. Frankwieder UHA urden mutzig künfn nur ezehrte s hätte rechern Menge er. Da r nach or und Rawag, er zufe gerühmteinsten dor Nien sehr e. Wir bgeholt geführt u viert vergits Tages mit Ingmann , hatte Illegalen ch gehe MautUnverich, den urteilt". - -- Mit ihm hatte ich dann ein sehr interessantes Gespräch über Bildungs- und Erziehungsfragen und die künftige Aufgabe der Kirche. Am Nachmittag fand eine Umgruppierung statt und ich kam mit dem Operettentenor Fl. zusammen. Dies wurde ein hochinteressanter Nachmittag. Durch ein paar Fragen brachte ich Fl. auf alte Erinnerungen. Er war am Burgtheater im Schauspiel gewesen noch zu Kainz' Zeiten, war dann aber zum Operettenfach übergesiedelt, wie er sagte, weil er es leid war, immer zu hören ,, Großartig, Herr Fl., schade, daß Sie nicht einen halben Kopf größer sind". Er konnte interessante Erinnerungen aus dieser seiner Burgtheaterzeit bringen und wunderte sich sichtlich über meine Kenntnis der Verhältnisse am Burgtheater, der Namen sämtlicher Schauspieler von Rang usf. Dann berichtete er von seiner Laufbahn als Operettenstar, von seiner Freundschaft mit Lehàr, von ihm zeigte er mir ein Bild mit eigenhändiger Widmung, von seinen Rollen als Prinz Orlow, Zarewitsch, seinen Tourneen mit Richard Tauber, seiner schönen Zeit im Theater„ An der Wien" und vergaß in seliger Erinnerung ganz seine eigene dunkle Geschichte. Er war mit einer Vollarierin, Katholikin, verheiratet gewesen, und da deren Sohn, sein Stiefsohn, ein bekannter Jagdflieger gewesen war, so war ihm die Vergünstigung gewährt worden, seine todkranke Frau in Luxemburg zu pflegen. Nach ihrem Tode wurde er dann sofort verhaftet und nun sollte er in das Kz. Maria- Theresienstadt bei Prag überführt werden. Er berichtete, und andere Gefangene bezeugten es, wie er in Frankfurt empfangen wurde. Er war ja durch den Davidstern als Jude kenntlich. Er wurde gefragt: ,, Was haben Sie in dem Koffer?" Er wollte hinzufügen: antwortete:" Ich weiß nicht!" ,, weil die Gestapo ihn selbst gepackt hatte und ich ihn erst auf die Bahn nachgesandt bekam", da hatte er schon ein paar wohlgezielte Fausthiebe im Gesicht. Frage: ,, Sind da Messer drin?" Als er wie- 83 derum„Ich weiß nicht!“ sagen mußte, wiederholten sich die rohen Boxschläge ins Gesicht. Er stand auch sichtlich unter einer Furchtpsychose, wenn er nur einen Wachtmeister sah. Dieser einsame Nachmittag im Zug war für ihn aber ein seltenes Erlebnis, in dem die ganze schöne Vergangenheit vor ihm leben- dig wurde. Ich amüsierte mich über sein Erstaunen, das er an den Tag legte darüber, daß ich als Priester in Theaterdingen und sogar im Operettenfach da- heim war und Kenntnisse an Namen und Künstlern ‘zeigte. Er war auch religiös sehr interessiert und durch die Schicksale und insbesondere durch die letzten Tage und Leiden seiner Frau für Fragen des Glaubens aufgeschlossen.\ Aber schließlich nahm diese Fahrt doch ein Ende. Wir langten in der Dunkelheit in Nürnberg an und nun mußte ich es zum erstenmal erdulden, daß mir Handschellen angelegt wurden. Wir wurden zu zweit und zu dritt aneinandergekoppelt und so mit einem großen Polizeiaufgebot wiederum durch die gaffende Menge in einen Bahnhofskerker geführt, dort in fürchterlicher Enge untergebracht. Wiederum fiel mir hier das russische Brüderpaar Iwan und Fedor D. auf. Sie saßen da und hielten sich eng um- schlungen. Dann wurden wir wie Sardinen in die grüne Minna verpackt und in unser Nachtquartier überführt, eine ehemalige Turnhalle. Alldort war schon eine riesige Menge Gefangener. Sie lagen zum kleineren Teil auf schmutzigen Strohsäcken, zum größten Teil auf dem unglaublich verdreckten Fuß- boden. Wir mußten nun dazwischen ein Plätzchen finden, und so blieb uns nichts anderes übrig, als ebenfalls auf dem Fußboden Ruhe zu suchen. In dem gleichen Saal waren an der Seite die Kübel zum Austreten, unglaublich verschmutzt, stinkend, größ- tenteils übergelaufen und die ganze Umgebung ver- schmierend. Zu essen bekamen wir an dem Abend nichts, und als ich mein Stücklein Brot, das ich noch bei mir hatte, verzehren wollte, mußte ich feststellen, 84 IRRE NE daß es mir längst gestohlen war. Schlafen konnte “ich in dieser Nacht nicht. Frühzeitig schon wieder ging ich, bei dem Schein des trüben Lämpchens, das den weiten Raum erhellte, auf und ab. Da sah ich in einer Ecke einen älteren Mann sitzen, den ich als Confrater, als Geistlichen erkannte. Ich stellte mich ihm vor und er stellte sich als Religionslehrer K. aus Aussig vor. Er war 63 Jahre alt und wegen einer Bagatelle zunächst zu mehreren Jahren Ge- fängnis verurteilt gewesen und war nun auch auf dem Weg nach Dachau. Er stand ganz unter dem Eindruck:„Ich werde das nicht überleben“. Als alter Mann, der dazu noch körperlich sehr gebrech- lich war und eine Rückenverwachsung hatte, konnte er die Strapazen, die fürchterliche Umgebung und die dunkle Aussicht nur schwer verwinden. Ich tat mein Bestes, um ihm Mut zu machen. Er war auch sichtlich froh, nun einen Leidensgefährten bei sich zu haben. Am anderen Morgen wurden wir mit einer dünnen Suppe abgespeist und nun mußten die kaum geknüpften Bekanntschaften bereits wieder gelöst werden. Viktor Fl. war an diesem Morgen gänz niedergeschlagen nach der schönen Abendzeit vom Vortage. Ing. H. ging in eine andere Richtung. Wir mußten uns aufstellen und unser Flügelmann war ein baumlanger, unheimlich magerer Russe, der phänomenal dreckig war. Aber sein gutmütiges, feines Gesicht ließ mich ihn immer wieder betrach- ten. Bald sollte ich ihn auch näher kennenlernen. Wiederum wurden wir gefesselt zum Bahnhof ge- führt und nun im Zuge von der Totenkopf-SS emp- fangen. Waren wir am Vortage einigermaßen an- genehm gefahren, so wurden wir jetzt zu sechs in eine kleine, für zwei Mann bestimmte Zelle ein- gepfercht und eingesperrt. Die Fahrt war langweilig und erschöpfend und unsere Stimmung wurde immer einsilbiger, je näher wir Dachau kamen, und endlich waren wir da. Dachau -Da standen wir nun auf dem Bahnhof Dachau und wurden von zwei SS-Leuten empfangen. Hier brauchte es keiner Fessel und keines Aufgebotes von Polizisten. Der furchtbare Eindruck der SS genügte auch so. Wir wurden in einen Autobus verpackt in geradezu unglaublich ungehöriger Enge. Ich konnte weder sitzen noch stehen noch liegen, sondern ich schwebte in halsbrecherischer Verrenkung irgendwie. Nur die Menge machte es unmöglich, daß man jeden Augenblick fiel. Dann ging es ab, bald durch eine ganz neue Siedlung, eine Straße der SS. Schon sahen wir die ersten Kolonnen der Häftlinge in ihrer Zebrakluft, blau-weiß gestreift, von bewaffneter SS und Hundeführern mit Hunden geleitet. Wir kamen durch eine Siedlung schöner Häuschen, in denen lauter SS-Familien wohnten, über einen mit schönen Blumenanlägen ausgestatteten, weiten Platz, dem Eicke-Platz, so benannt nach dem Erbauer und ersten Kommandanten des Dachauer Lagers, an einem großen, schönen Gemeinschaftshaus der SS vorbei und endlich waren wir vor der Hauptwache. Dahinter eine breite Betonstraße, rechts und links große Wirtschaftsbetriebe, ein Bekleidungslager der SS, Bäckerei, größe, riesige Schreinereien und Tisch- lereien, dann durch Baracken der Wachmannschaften hindurch wieder auf eine breite, blumengeschmückte, betongepflasterte Straße und hier hielt das Auto. Wir stiegen aus und wurden zum erstenmal re- gistriert. Es ging verhältnismäßig ruhig. Als ich meinen Namen nannte, dieser weitergegeben wurde, sagte der SS-Beamte nur spöttisch:„Pfaffe“, ebenso bei Herrn Kühnel, dann marschierten wir in einer Kolonne. Durch hohe Verwaltungsgebäude kamen? 86 wir wieder auf eine breite Betonstraße, über eine Brücke, die über einen Bach führte und standen nun vor einem größeren Haus, darüber ein Turm ragte, in der Mitte ein großes, eisengeschmiedetes Tor mit der Inschrift„Arbeit macht frei!“ Durch dieses Tor marschierend waren wir im eigentlichen Gefangenenlager. Dieses ist ein Rechteck von ungefähr 240x600 m, genau nord-südlich—ost-westlich ausgerichtet. Es ist von einer Betonmauer!'und einem elektrischen Stacheldraht umgeben, davor etwa 10 m sogenannte neutrale Zone. Auf dieser standen im Abstand von etwa 20 m große. Schilder mit Totenköpfen und Schilder mit der Warnung:„Wer diese Zone betritt, wird ohne Anruf erschossen!“ Das ganze Karree wurde von 7 Türmen unterbrochen, in denen jeweils 3 Maschinengewehre aufgestellt waren, die das ganze Lagerfeld beherrschten. Im Süden des Lagers waren die Wirtschaftsgebäude, der sogenannte Schubraum, in dem die Zivilkleider der Häftlinge aufbewahrt wurden, das Bad, die Küche in der Mitte, die Wäscherei und die Kammer, in der die Häftlings- kleider ausgegeben wurden. Hinter diesen Gebäuden befand sich noch ein SS-Straflager, in denen die so- genannten„gefallenen Engel“ hausten: SS-Leute oder Polizei, die irgendetwas ausgefressen hatten und hier ihre Strafe abbüßten. Vor dem Wirtschafts- gebäude war zunächst ein großer Platz, der die ganze Breite von 240 m umfaßte, der sogenannte-Appell- platz. Hier fanden morgens und abends die Zähl- appelle statt. Oft stundenlang. Einmal mußten die Gefangenen hier, weil 2 Gefangene fehlten, 48 Stun- den ohne Unterbrechung stehen. Dann kam, genau von Süden nach Norden, die Lagerstraße, etwa 20 m breit. An beiden Seiten lagen nun die Blöcke: die geraden auf der Ost-, die ungeraden auf der "Westseite, im ganzen 30. e 87 Ein Block war ein niedriges, langgestrecktes Gebäude von etwa 98X9 m. Er umfaßte vier Stuben, die jeweils in Tages- und Schlafraum zerfielen, mitten zwischen ihnen lagen Toilette und der Waschraum. Die Stuben hätten etwa 50 Mann ohne Bequemlichkeit fassen können, waren aber zur Zeit meiner Ankunft mit etwa 200 belegt und gegen Ende unserer Haft mit 360 auf unserem Block, auf anderen Blocks mit 400, ja 500 Menschen. Zwischen den Blocks war eine 7 m breite Straße, die sogenannte Blockstraße. Wir, die wir eingeliefert wurden, mußten in der ersten Nacht, da wir später abends ankamen, im Bad übernachten, bekamen aber doch noch eine Suppe und ein Stück Brot, das allerdings für den ganzen folgenden Tag mitreichen mußte, und konnten uns niederlegen auf den Bänken. Nun hatte ich mein erstesfrohes Erlebnisin Dachau. Ich wußte ja, daß sechs meiner Mitbrüder bereits hier waren. Hatte aber keine Ahnung, wie und wann wir einmal zusammentreffen würden. Da kam abends ein Häftling, der eine Armbinde trug mit der Aufschrift ,, Lagerpolizist", zu uns herein und fragte: ,, Sind Geistliche hier?" Herr Kühnel und ich melden uns. Wir mußten unsere genauen Personalien angeben. Wir fürchteten, das möchte etwas Ungutes bedeuten, aber nach einer halben Stunde kam der Häftling zurück und brachte in einem Papier ein Stück Kuchen und ein Stück Brot, der erste Gruß meiner Mitbrüder an mich. Der Lagerpolizist war mit den Personalien zum Priesterblock gegangen und hatte uns angemeldet. Das ließ mich schon etwas heimischer werden. Der Gedanke:„ Die Familie denkt an dich und sorgt für dich" machte mich richtig froh und so schlief ich in dieser Nacht trotz der harten Bänke gut. Der nächste Tag allerdings sollte fürchterlich werden. 88 Es Hoc mei mei mor In d Dor säm pack den zun gest Die lösc dies scho zum was auss nun dan terl Rus war Dre bra allz dan Was sieg wir hall geg Kle kam une übe war fall es Geen, die mitten hraum. equemmeiner de unnderen en den nannte wurden, abends er doch erdings te, und atte ich chau its hier ann wir abends er Auffragte: melden ien anUngutes sam der ier ein e Gruß Fist war egangen chon etFamilie richtig rotz der sollte - - Es war ein kühler, ja kalter Morgen. Dachau ist ein Hochmoor, und wenn die Sonne nicht scheint, ist es meist ungemütlich kalt dort, da von den Bergen her meist ein scharfer, kalter Wind weht. Dieser Maimorgen war besonders frostig und unfreundlich. In der Frühe wurden wir zum Schubraum gebracht. Dort mußten wir uns vollständig entkleiden. Unsere sämtlichen Sachen wurden in einen Papiersack gepackt. Nun wurden wir, nackt wie wir waren, über den Appellplatz getrieben zum Bad. Dort wurden. zunächst im Maschinenraum unsere Personalien festgestellt und wir bekamen unsere Gefangenennummer. Die meine war 67 959.- Der Mensch war ausgelöscht. Nur eine Nummer war ich fortan. Von diesem Raume gings ins Bad. Dort wurden wir geschoren, und zwar am ganzen Körper, auch äußerlich zum Sklaven gemacht. Ahnungslos suchte ich dann, was nun weiter käme, wurde dabei von einem brutal aussehenden Kerl geschnappt, der offenbar der Meinung war, ich hätte mich drücken wollen, und wurde dann am ganzen Körper eingerieben mit einer fürchterlich beißenden Desinfektionslösung. Ich sah, wie Russen sich vor Schmerzen krümmten, und auch ich war kurze Zeit später nicht mehr zu gebrauchen. Drei Tage hat mich dieses Zeug fürchterlich gebrannt, als wenn mich Messer schnitten. Um nicht. allzusehr Schmerzen leiden zu müssen, gingen wir dann unter die Brausen. Es kam aber nur kaltes Wasser und als wir noch nicht sauber waren, versiegte das Wasser ganz. Etwa 4-5 Stunden standen wir dann zitternd und frierend und vor Schmerz halb ohnmächtig, in dem kalten, zugigen Raum, bis gegen Mittag das Wasser kam. Danach wurden uns Kleider ausgehändigt, fürchterliche Lumpen. Ich bekam eine völlig zerfetzte Unterhose, ein löcheriges, unendlich oft geflicktes Hemd, eine Hose, an der überhaupt kein Knopf, dafür umsomehr Löcher waren, breit und unbequem, eine viel zu enge, ebenfalls ganz zerfetzte Jacke, keine Strümpfe, aber 89 Holzpantinen, die mir viel zu groß waren und in denen ich keinen Schritt tun konnte ohne Schmerzen. Dann ging's im Marsch und in Fünfer- Reihen zum sogenannten Zugangsblock. Ich war völlig erschöpft und fiel unterwegs viermal der Länge nach auf den Boden, und weil ich in den Schuhen nicht laufen konnte, verknackste ich mir dabei meinen Fuß. Endlich liefen wir im Zugangsblock, Block 15, ein. In der ersten Stube mußten wir uns aufstellen, versteht sich, vorher die Pantinen ausziehen, um den blitzblank gefegten Boden nicht zu verschmutzen. Hier standen wir fast wiederum eine Stunde. Aber in meinem Elend hatte ich hier das zweite frohe Erlebnis: Ein junger Mann mit blonden Haaren tritt auf einmal zu mir und fragt mit fremdländischem Akzent: ,, Sind Priester hier?" Ich antwortete: ,, Ich bin selber ein Priester". ,, Sind Sie vielleicht der Pater Poieẞ?" Ich antwortete mit freudigem Erstaunen: ,, Ja!" Darauf er:„ Ich bin ein Schönstatt- Priester, ein Pole. Mein Name ist Ignaz J. Einen schönen Gruß von Pater Kentenich, wollen Sie noch kommunizieren? Ich habe das Allerheiligste bei mir". Wie froh war ich! Und dann zog er ein Büchlein aus der Tasche, darin lag zusammengefaltet ein Zettelchen und in diesem Papierchen die heilige Hostie. Heimlich und vor den anderen verborgen kommunizierte ich so zum erstenmal in Dachau. Wir wurden der 4. Stube zugeteilt. Im Schlafraum befanden sich etwa 150 Betten zu 3 übereinander. Die obersten so hoch, daß man darin sich nicht sitzend aufrichten konnte. Wir waren 400 in diesen 150 Betten und lagen zu siebt in 3 nebeneinander gelegten Pritschen, jede etwa 80 cm breit. Hitze und Gestank waren fürchterlich. Ich lag auf den obersten Betten. Ich spürte schon an diesem Abend, daß ich Fieber hatte und erkältete mich voll90 ends um die Näch In di Diese war Einn über und ben, dann ten zu g dem der fang Müd man steh ältes men ger oft muß wur sich drän Ich sich ters sich den Ich seh und in Schmer-Reihen llig erge nach en nicht meinen lock 15, fstellen, um den mutzen. e. auf einAkzent: n selber Poieß?" a!" Darin Pole. ruß von munizieWie froh aus der ettelchen Heimunizierte eteilt. ten zu 3 an darin aren 400 3 nebencm breit. lag auf diesem mich voll- ends in der kommenden Nacht. Denn es mußten- - beiderseits um nur in etwa zu Luft zu kommen die Fenster offen stehen. Und in Dachau sind die Nächte kalt, auch wenn der Tag warm war. In diesem Zugangsblock lag ich etwa vier Wochen. Diese Zeit galt als Seuchenquarantäne. Sie war für uns eine häßliche Zeit aus vielen Gründen. Einmal die fürchterliche Enge; die Stube durfte tagsüber kaum benutzt werden. Wir wurden bei Wind und Wetter auf die enge Blockstraße hinausgetrieben, wo sich auf dem schmalen Raum von 7X98 m dann ca. 1500 Personen bewegen mußten. Wir durften keine Hocker mit hinaus nehmen, oder doch nur zu ganz wenigen Zeiten. Wir durften auch nicht auf dem Bordstein sitzen. Des öfteren erlebte ich, wie der SS- Blockführer mit einem dicken Prügel auf Gefangene einschlug, die es gewagt hatten, sich vor Müdigkeit auf diesen Bordstein zu setzen. So war man den ganzen Tag gezwungen zu gehen oder zu stehen. Das Essen war sehr mager. Die Stubenältesten waren brutal und quälten durch ihr Benehmen die Gefangenen. Dazu kamen die Stunden langer Appelle, bei denen wir, oft in quälender Hitze, oft bei Wind und Regen, auf einem Fleck stehen mußten. Viele und auch ich waren krank. Gearbeitet wurde nichts. Stille, besinnliche Geistesarbeit für sich selbst konnte man wegen des fürchterlichen Gedränges aber auch nicht machen. Aber es gab auch Schönes. Ich war den 2. Tag auf dem Zugangsblock, da drängt sich des Morgens durch den Trubel eine kleine, untersetzte Gestalt durch, ich sehe in ein lachendes Gesicht und wäre ihm vor Freude und Jubel fast um den Hals gefallen: Pater Kentenich steht vor mir! Ich kann garnicht sagen, wie sehr mich dieses Wiedersehen freute. Das aber muß ich sagen, daß er in 91 dieser Zeit auf dem Zugangsblock und später immer wie ein Vater und eine Mutter zusammengenommen für uns gesorgt und sich gemüht hat. Tagtäglich während dieser Zeit brachte er mir allerlei Gutes und die besten und wohlschmeckendsten Dinge, die er geschickt bekam, sodaß nicht nur ich, sondern auch vier Priester von meiner Stube davon reichlich essen konnten. Gegen mein Fieber brachte er Medikamente. Gegen den quälenden Durst brachte er mir Bier. Jeden offenen oder heimlichen Wunsch sah er mir vom Auge ab. Und erst was er mir und vielen anderen geistig gab! Diese Betreuung von seiten des Herrn Paters war das größte Gnadengeschenk, das uns in Dachau wurde. Zu essen hatte ich also nun, aber ich konnte nicht, und nun muß ich von meiner Freundschaft mit Mischa - reden. Ich erwähnte früher schon den langen, schmutzigen Russen. Wie ein Schwan so weiß war er aus dem Bad hervorgegangen. Er war wochenlang auf Transport gewesen, wobei er sich nie waschen konnte, nie aus den Kleidern kam, auf dem bloßen Boden schlafen mußte usf., kein Wunder, daß er dabei herunterkam. Aber das war nur äußerlich. Innen hatte er wie ich bald merken sollte, eine goldene Seele, die sprach schon aus seinen klaren, blanken Augen. Viele der Russen, und wer hätte es ihnen verdacht, bekamen hungrige Augen, wenn irgendein Kamerad ein Stück Brot aẞ. Sie waren ja ausgehungert. Manche strichen dann um einen herum, manche baten auch flehentlich ,, Chleb, Brot". Mischa bat nicht so, obwohl er entsetzlich mager und ausgehungert aussah. So kam es, daß ich ihm am 2. Tag mein Lageressen gab. Da leuchtete die Freude auf seinem Gesicht. Um sich erkenntlich zu zeigen, sammelte er wie selbstverständlich und stillschweigend von da an immer das Eßgeschirr aller 92 32 Pries beka konn rend Dank deuts doch ich v stell Denn deres der imme beka Stube halfe ganz auf n länge hin. sorgt digke mir und d einzu nehm desw Wir hoher wohl von H und ken Aben längs mein derba etwas mit F Priester ein, um es zu spülen. Das gefiel mir und so bekam er mein Essen, da ich ja selbst nicht essen konnte, täglich. Da war es nun erstaunlich und rüh- rend zu sehen, wie erfinderisch er wurde, um seine Dankbarkeit Zu beweisen. Er verstand kein Wort deutsch, ich kein Wort russisch. Aber Mischa sah doch immer alles. Gleich am ersten Morgen hatte ich vergessen, mir frühzeitig Holzpantinen vom Ge- stell zu besorgen, auf die immer ein Sturm losging. Denn die Pantinen-mußten abends auf ein beson- deres Gestell abgestellt werden, morgens ging dann der Sturm auf die besten los und übrig blieben immer ein paar, die keine oder unmögliche Wracks bekamen, worauf dann die übliche Schreierei der Stubenältesten— wobei sie oft mit Schlägen nach- halfen— losging. Als es zum Appell pfiff und ich ganz hilflos mich umsah, legt mein Mischa die Hand auf meine Schulter,— er war, wie gesagt, bedeutend länger als ich,— und hielt mir ein paar Pantinen hin. Er hatte meine Not gesehen und frühzeitig ge- sorgt. Stand ich auf dem Hofe und konnte vor Mü- digkeit kaum stehen, siehe da, auf einmal schiebt mir Mischa einen Hocker zu, den hatte er gestohlen und dabei war er Gefahr gelaufen, eine Tracht Prügel einzuheimsen; denn einen Hocker aus der Stube zu nehmen war ja verboten. Manchen Schlag hat er deswegen einstecken müssen. Wir standen stundenlang beim Appell und ich mit hohem Fieber. Mir wurde schwindelig und ich wäre wohl zusammengebrochen, auf einmal unterfaßt mich von hinten einer. Mischa hat sich still herangemacht und hält mich nun mit seinen immerhin noch star- ken Armen bis zum Ende des Appells. Ich litt des = Abends an quälendem Durst. Auf einmal kommt, = längst nachdem wir alle auf unseren Pritschen lagen, mein Mischa mit dem Kochgeschirr. Er hat es wun- derbarerweise fertig gebracht, bei dem Stubendienst eiwas Tee zu ergattern. Zehnmal hatte man ihn ” mit Püffen davongejagt, das elftemal speist man die 93 lästige Fliege mit einem Löffel Tee ab. Als er an meiner großen Freude sieht, daß er das Richtige ge- troffen hat, steht er von da an jeden Abend pünktlich mit dem Kochgeschirr voll Tee am Bett. Wie oft wird er aus der Stube hinausgetriebeh und doch er- gattert er zum Schluß einen Schlag Tee und bringt ihn mir, obgleich er selbst auch großen Durst hatte, das war ja die Generalkrankheit auf unserem Block; denn Wasser durfte wegen Seuchengefahr nicht ge- trunken werden. Getränke aber kamen in geringen Mengen und selten auf den Block. An einem Sonn- tagabend hatte ich Mischa mein Brot gegeben. An diesem Abend hatten wir ein Stück Wurst bekom- men. Ich hatte Besuch, Pater Kentenich und andere Herren waren bei mir. Mischa hielt sich ganz ehr- fürchtig in respektvoller Entfernung. Als die Herren sich aber entfernt hatten, kommt er treuherzig zu mir und bietet mir sein Stück Wurst an, als Gegen- gabe für das Brot. Das habe ich; freilich nicht ge- nommen, aber Freude gemacht hat es mir. An einem Tag habe ich einen hohen und einen tiefen Holzschuh erwischt und kann darin schlecht laufen. Da kommt Mischa mit einem dicken Holzpantoffel, macht mir durch eine Gebärde vor: ich liefe„a la Goebbels“ und bietet mir die Pantine an, und so’ ist er in 100 kleinen Dingen erfinderisch, immer dabei, mir seine Dankbarkeit zu bezeugen: sei es, indem er in stunden- langer, geduldiger Arbeit mein stumpfes Messer am Bordstein schärft, sei es, daß er absolut darauf be- steht, meine Taschentücher, die wegen meiner Er- kältung arg mitgenommen sind, zu waschen, sei es, daß er beim Erscheinen Pater Kentenichs auf dem Block mich gleich alarmiert mit dem Ruf:„Gut Pop kommen!“ Überglücklich ist er, wenn ich ihm eine Zigarette verschaffe. Langsam lernen wir uns gegen- seitig verständigen. Ich erfahre, daß er Michael Massytsch heißt und aus Saparoshe am Dnjepr stammt, daß er 19 Jahre alt ist, daß er Furchtbares im Arbeitslager und dann, als er später wegen der 94 zu, Ge Ja Sie tre el eir abı sin anz ehr- e Herren jerzig ZU s Gegen- ‚Gut Pop ihm eine"' ns gegen- . Michael m Dnjep! ‚rchtbares Y+ schlechten Behandlung durchbrannte, im Straflager erlitt. Beim Baden sehe ich, daß der ganze Körper von Striemen ehemaliger Mißhandlungen und den Narben der Phlegmone— das sicherste Zeichen von Unterernährung und Hunger— bedeckt ist. Trotzdem - wir uns kaum etwas sagen können, wird es eine mehr als gewöhnliche Freundschaft, fast ein Verhältnis wie Vater und Sohn. Mir macht es Freude, dem armen, ausgehungerten Jungen, der einen offensicht- lich guten Charakter zeigt, mit Lebensmitteln zu unterstützen. Und er ist grenzenlos dankbar. Auch Pater Kentenich hat seine Freude an unserem Verhältnis und es ist ergötzlich zu sehen, wie die beiden miteinander radebrechen. Er ist aber der Einzige nicht, für den ich zu sorgen habe. Man könnte ja freilich rechts und links aus- teilen, soviel Not und Hunger ist da. Aber das geht janicht. So wählt man sich ein paar Schützlinge aus, und mir sind ja schon in Frankfurt zsyei Pflesesöhne zugeführt worden: Iwan und Fedor. Auch ihre Geschichte ist traurig. Iwan war kaum 14, Fedor 16 Jahre und ihre Schwester Maria 18 Jahre alt, als sie in der Abwesenheit der Mutter, die gerade Ge- treide fortbrachte, vom Arbeitsdienst zwangsweise abgeholt werden. Die beiden Jungens kamen zu einem Bauern nach Ostpreußen, das Mädchen zu einem Winzer an die Mosel. Das wäre gut gewesen, aber nach drei Monaten werden die Jungen in einen Rüstungsbetrieb in Essen gesteckt. Sie hüngern dort furchtbar und müssen schwer arbeiten. Als ich Iwan sehe, ist er 17 Jahre alt, kann aber seine Finger nicht mehr gerade biegen, so verarbeitet sind sie schon.(Später— ich weiß es noch genau— habe ich Iwan veranlaßt, Fingerübungen und Hand- training zu betreiben mit der Begründung:„Sonst bekommen Iwan nix Braut!“ Er lachte, aber er hat es doch getan.) 95 In dieser Not hecken sich die beiden einen naiven Plan aus. Sie hatten ein paarmal ein Paketchen von der Schwester an der Mosel bekommen und denken sich: da wird es gut sein. Brennen also eines Tages durch und kommen auch bis Bernkastel, wo die Schwester wohnt. Dort stellen sie sich dem Bürgermeister und suchen um Arbeit nach. Der aber übergibt sie kurzerhand der Gestapo, und nachdem sie kurze Zeit im Trierer Gefängnis gewesen, werden sie nach Dachau verbracht. Das ist ein typisches Schicksal und auf solche Weise sind viele junge Russen oder Polen im Lager ge- landet. Schon auf dem Transport fiel mir ihr sauberes Aus- sehen auf. Sie waren auch noch ziemlich gut in Zeug. Sie hingen sehr zusammen und man sah sie immer wieder, auch jetzt auf dem Block, miteinander gehen, der Jüngere den Arm um den Nacken des Älteren gelegt, der Ältere hat ihn in der Mitte um- gefaßt. Iwan spricht schon ganz gut deutsch und auch Fedor kann sich einigermaßen ausdrücken. Bald gebe auch ich ihnen zu essen mit und daraus hat sich eine dauerhafte Freundschaft entwickelt. Fedor war auf einer Mittelschule gewesen, war geistig sehr interessiert, suchte nach Büchern, aber auf dem Zu- gangsblock gab es so etwas ja nicht. Iwan war ein richtiger 17jähriger Flegel, doch guten Charakters. Religiös waren beide gänzlich unwissend. Iwan er- zählte, seine Großmutter habe noch Ikone gehabt und gesagt: lieber ließe sie sich totschlagen, als daß sie sie hergäbe. Die Mutter habe manchmal in einem Buch gelesen, von einem gewissen Jesus Chri- stus, der am Kreuz gestorben ist.(Der dolmetschende polnische Priester, der mit mir zusammen auf dem Zugangsblock ist, machte mich darauf aufmerksam: er spricht von einem gewissen Jesus Christus wie wenn wir von Buddha sprechen.) Dunkel erinnerte er sich auch noch, früher einmal um Ostern in der Kirche gewesen zu sein. Sonst aber ist er religiös 96 naiven etchen en und so eines tel, wo h dem er aber achdem werden e Weise ger gees Ausgut in sah sie inander zen des te umch und en. Bald aus hat Fedor tig sehr em Zuwar ein rakters. wan ergehabt als daß n einem us Chritschende auf dem merksam: stus wie erinnerte n in der religiös - völlig frei von Begriffen. Ich stelle dies in der Folgezeit fast bei der ganzen jungen russischen Generation fest. Sie sind areligiös erzogen, jedoch nicht im Haẞ gegen die Religion. Im großen und ganzen sind es saubere, sittlich intakte Burschen, die, wenn sie verdorben wurden, meist in den Lägern verdorben wurden. Das ist überhaupt das Furchtbare, und ich kann es auf diesem Zugangsblock schon feststellen: viele junge Leute, aus ihrer Heimat gerissen und aus ihrer bergenden Umgebung, sind hier Entwurzelte. Lagerleben verdirbt, besonders wenn es mit Hunger, großem Hunger verbunden ist. Viele junge Menschen haben, gedrängt und verführt und von Hunger getrieben, schließlich für ein Stück Brot Leib und Seele hingegeben. Schon in den ersten Tagen beobachte ich auf dem Zugangsblock, wie einer vom Blockpersonal ,,, ein Grüner",(„ Grüne" nennt man solche, die einen grünen Winkel tragen, es sind Kriminelle), einen 12jährigen Polenjungen, der offensichtlich beim ganzen Blockpersonal als Puppenjunge fungiert, schamlos mißbraucht. Vor solchem Schicksal möchte ich Iwan und Fedor behüten und nehme mich darum besonders ihrer an. Was die Russen im allgemeinen betrifft, so sind sie, haben sie zu essen, durchaus gutmütig und in jedem Fall hilfsbereit und kameradschaftlich. Untereinander können sie zwar über Kleinigkeiten sich blutig schlagen, vergessen aber auch nicht, dem gleichen Kameraden die Hälfte der geschenkten Zigarette anzubieten. Durch die Bank sind sie völlig ausgehungert und oft wahre Skelette, sind auch vielfach schwer mißhandelt worden. Kein Wunder, daß ihr Sinnen und Trachten einzig und allein auf die Ergatterung eines Stückchens Brot ausgerichtet ist. Brot ist ihr National- Nahrungsmittel. Da sie ja gänzlich auf sich gestellt sind, keine Pakete bekommen, so sind sie immer hungrig; denn das Essen ist schon jetzt weit unter dem Existenz- Minimum und wird von Tag zu Tag schlechter. Schon am dritten Tag 7 Poieß, Gefangener der Gestapo - 97 bin ich Zeuge einer gräßlichen Szene auf dem Zugangsblock. Da ist ein Pole mit einem fürchterlich ausgehungerten Körper und Gesicht. Er hat in einer Nacht aus einem Spind ein Stück Brot gestohlen. Er ist erwischt worden und nun beginnt eine grausame Prozedur. Zuerst schlagen der Stubenälteste und ein russischer Dolmetscher wild auf ihn ein, bis das Gesicht blutüberströmt ist. Besonders dem russischen Dolmetscher sieht man an, welch viehische Befriedigung ihm dies bereitet. Der SS- Blockführer kommt, die Sache wird ihm gemeldet und er boxt den Polen kunstgerecht nach Strich und Faden, bis er blutüberströmt am Boden liegt. Dies alles wird mit einer gespielt sittlichen Entrüstung getätigt. Man redet von Kameradschaftsdiebstahl, als ob diese ausgehungerte Masse, eng zusammengepfercht, überhaupt Kameradschaft halten könnte, als ob der Pole nicht eher aus Hunger denn aus Bosheit das Stück Brot genommen. Das Gesicht blutverschmiert, wobei immer wieder auf ihn eingeschlagen wird, muß er schließlich zunächst eine Stunde einen Hocker mit gestreckten Armen in Kniebeuge halten. Danach wird er für den ganzen Tag auf diesem Hocker auf die Blockstraße gestellt, mit einem Schild, darauf in vier Sprachen die Schrift:„ Ich bin ein Kameradschaftsdieb!" Was hierbei besonders widerlich ist, ist die Tatsache, daß Häftlinge, die beispielsweise nicht davor zurückschrecken zu„, organisieren",- wie der Fachausdruck lautet hier den sittlich Entrüsteten spielen, während man ihnen ansehen kann, daß sie hieraus nur ihre Selbstbefriedigung bei der Tortur suchen. Der Pole ist so ausgehungert, und man sieht ihm das auch an, daß er nach zwei Tagen rückfällig wird. Er vergreift sich am Paket eines Mitgefangenen. Die darauf erfolgende Tortur ist unbeschreiblich. Mit Hockern, mit Stuhlbeinen, mit Gummiknüppeln, mit Fäusten wird auf ihn losgetrommelt. Er muß tagelang auf dem 98 - Hocker stehen, immer wieder von neuem wird er ge- schlagen. Besonders roh allerdings nimmt ihn der SS-Blockführer her. So gibt uns der Zugangsblock ein rechtes Bild von der Lagerhölle. Mir allerdings und den priesterlichen Mitbrüdern wird die Hölle verschönt durch die Liebe und Sorge, die uns die Mitbrüder vom Block 26 schon hier angedeihen lassen. Ein frohes Ereignis wurde für mich mein Namenstag. Daß P. Kentenich mich täglich besuchte und in rührender Sorge pflegte, habe ich bereits berichtet. Am dritten Tag erhalte ich auch Besuch von P>Joseft Pischer. der am längsten von uns Pallottinern, schon seit vier Jahren, in Dachau ist. Er ist eisgrau geworden, ob- wohl er nicht älter ist als ich. Aber sein Geist ist ungebrochen und-in stundenlangen Gesprächen be- richtet er von der Schönstatt-Arbeit im Lager. Ich freue mich schrecklich, endlich in den Priesterblock zu kommen, um auch in der Schönstatt-Arbeit mit- tun zu können. Leider zieht sich die Quarantäne noch hinaus. Der 28. Mai war Pfingsttag. P. Kentenich stellt mir in Aussicht, daß man mich am diesem Tag in den Priesterblock hineinschmuggeln wolle. Zwei Tage ist allerdings auf dem Priesterblock große Aufregung. Einer der berühmten Filzungen findet statt. Diese besteht und bestand in diesem Falle darin, daß sämt- liche Dinge und Einrichtungsgegenstände, Spinde mit Inhalt, Betten, Strohsäcke, Pakete, worin die Gefan- genen ihre wenigen Habseligkeiten, das Ersatzhemd, wenn sie ein solches hatten, und anderes aufbewahr- ten, kurz sämtliche beweglichen Gegenstände unter- sucht und wahllos auf die Blockstraße hinausbeför- dert werden. Abgesehen davon ist es immer eine 99 große seelische Aufregung, weil Dinge gefunden werden können, die verboten sind, z.B. schwarze Briefe, Aufzeichnungen, die man Sich gemacht hat und die man ja irgendwo aufbewahren muß und an- deres mehr. Am Abend. nach der Filzung ist dann das gesamte Inventar regellos auf der Blockstraße verstreut und die Häftlinge, hunderte auf dem Block, müssen zusehen, wie sie wieder zu dem Ihren kom- men und Ordnung schaffen. Am Samstag wiederholte sich dann dieses Theater. So hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, Pfingsten zu meinen Mitbrüdern zu kommen. Außerdem wird unsere Absperrung ver- schärft, wegen wirklich aufgetretener. Seuchenfälle und noch ein drittes Unglück kommt hinzu. Mein Fieber steigt und ich fühle mich am Pfingst-Samstag sehr elend. Wieder ist P. Kentenich der rettende Engel. Er bringt mir Novalgin-Chinin und, nachdem ich eine ziemlich heftige Dosis davon genommen, schwitze ich in der Nacht zweimal ein Hemd durch. Am Pfingstmorgen scheint aber das Fieber wirklich gebrochen. So schwach ich auch bin, freue ich mich doch, als P. Fischer mich und drei andere Priester von der Stube abholt. Er hat den Pförtner mit Zigaret- ten bestochen und es gelingt uns auch, vom Stuben- ältesten oder Blockältesten ungesehen, zu entkommen. Ein wirklich„dreispänniges“ Amt erlebe ich nun mit Predigt und mehrstimmigem Gesang und danach kann ich noch mit meinen Mitbrüdern zusammen Kaffee trinken. Wie groß diese Pfingst- und Namenstagsfreude für mich ist, das zu schil- .dern ist einfach unmöglich. Man bedenke, daß ich nun 18 Monate in Einzelhaft gewesen war, man be- denke alle Ereignisse der letzten Tage und halte da- gegen die himmlische Schönheit des liturgischen Amtes. Dann müssen wir wieder auf unseren Block zurück. Aber die Freude des Wiedersehens ist groß. Wie zer- 100 lumpt ich allerdings aussah, bewies die erstaunte Frage eines Priesters vom Block 26:„Ist der auch Priester?“ Auf dem Zugangsblock gewinne ich auch einen Freund. Mir fällt ein Häftling auf, der auf eine unnachahm- lich feine Art hilfsbereit ist. Bald bekomme ich her- aus, er ist auch Priester, Pole, und heißt Alois P. Da dieser bereits eine Woche auf dem Zugangsblock ist, so kennt er sich in vielen Dingen schon aus und hilft. Er besorgt mir eine Mütze, die man bei der Witterung und wegen des kahlgeschorenen Kopfes hier braucht. Er besorgt dem alten Herrn Kühnel, der ganz elend erkältet ist, einen Pullover; er ist unermüdlich, auch den anderen zu helfen. Wegen dieser Selbstlosigkeit gefällt er mir. Bald geraten wir in ernste Gespräche und er zeigt sich sehr in- teressiert für Schönstatt. Er scheint mir auch sehr geeignet dafür und ich hoffe im stillen, schon hier auf dem Zugangsblock einen für unseren Schönstatt- kreis gewonnen zu haben. Sein Schicksal ist auch bezeichnend: er ist im Lager, weil er polnischen Gläubigen seiner Pfarrei auf polnisch Beicht hörte! Herr K. bekommt in diesen Tagen zum erstenmal men schrecklichen Durchfall. . Wie schlimm das unter diesen Umständen ist, erlebe ich nun. Der arme Herr liegt im Schlafsaal zwischen sechs anderen eingepfercht, muß oft und oft des nachts heraus. Die Kameraden werden ungeduldig, er selbst gerätin peinliche Lagen, aber selbst in den de- mütigendsten Umständen sind immer Hunderte um einen herum. Man spottet über ihn und eines Tages schlägt ihn der russische Dolmetscher mit voller Wucht ins Gesicht, weil er das fürchterliche Ver- brechen begangen hat, seine Holzpantine, in die er eine Schnur einziehen wollte, auf die Tischkante zu stellen. Ich kann und will im folgenden keinen wissen- schaftlichen Bericht vom Lagergeben, einen Erlebnisbericht möchte ich bieten, der Episoden herausgreift, allerdings ich meine bezeichnende. nur Die - Gesamtsituation - eines Konzentrationslagers hat seinerzeit P. Kentenich in einem Schwarzbrief bündig und treffend gezeichnet. In diesem Brief benützt er die Tarnung, als ob er auf die Hl. Schrift anspiele. Wenn man also im folgenden Satz, den er schrieb, das Wort ,, Dachau" für ,, Korinth" einsetzt, so hat man die kürzeste, aber auch vollständige Charakterisierung eines Kz. Er schrieb: ,, Alex( das war P. Menningen) wird den hl. Paulus nicht verstehen, wenn er sich nicht vor Augen hält, daß Korinth eine Sklavenstadt, eine Narrenstadt, eine Hungerstadt, eine Todesstadt war." - äußerlich Zu Sklaven waren wir gemacht schon und die ganze Lageratmosphäre war darauf angelegt, uns innerlich dazu zu machen. - Eine Narrenstadt war dieses Lager, in der die SS wahrhaft teuflische Späße mit Tausenden und Abertausenden von Menschen trieben. Warum z. B. irgend ein unsinniger Befehl gegeben wurde, das war nie zu ersehen. Und eine der ersten Erfahrungen, die einem ältere„, Lagerhasen" beibrachten, war die:„ Das Fragen nach Gründen wirst Du Dir noch abgewöhnen!" Eine Hungerstadt, das erlebte ich schon jetzt im Zugangsblock, wenn auch nicht am eigenen Leibe. Dank der Hilfe meiner Mitbrüder konnte ich schon manchem anderen helfen, leiblich und auch geistig. Denn tagtäglich besorgte mir P. Josef 102 F H A 1 f V H srlich arauf r die und 2.B. ‚ das nrun- war noch jetzt genen > onnte und Josef SH Fischer oder der gute Kaplan Grafenberger aus der Mainzer Diözese in einem Wybert-Döschen die hl. Kommunion, die ich dann auch anderen Konfratres, die mit mir auf dem Zugangsblock waren, reichen konnte. Allerdings immer versteckt und heimlich. Aber ringsherum starrte einen der Hunger an aus den bleichen Gesichtern und übergroßen Augen vieler, vieler Russen, Polen, Italiener, Slovenen, die keinen hatten, der half. Darunter sehr viele Jugend- liche. Und ich sollte noch grauenhafter die Wahrheit dieses Wortes„Hungerstadt“ kennenlernen. Eine Todesstadt! Das freilich habe ich erst im folgenden Winter erlebt, als ca. 15000 im Lager starben und man vom Todesgrauen rings umgeben war. Wenn ich darum im folgenden auch Freudiges. berichte, so muß man sich immer vor Augen halten, daß es auf. diesem dunklen Hintergrund sichtbar wurde. Endlich schlägt für uns die Stunde, daß wir auf den Prıeste rblo.ck kommen. Das ist für uns ein Freudentag! Nun sind wir unter den Kameraden. Zwar sind auch hier die Verhältnisse sehr beengt, aber wir sind doch mehr daran gewöhnt, aufeinander Rücksicht zu neh- men. Wir haben jeden Morgen Möglichkeit, am Gottesdienst teilzunehmen. Wir können kommunizie- ren und wir können einander geistig und leiblich helfen. Als ich auf den Priesterblock kam, war die Stube mit etwa 200 Menschen belegt, d.h. also, 200 Menschen müssen in einem Raum von 9X9 m leben. Diese drangvoll fürchterliche Enge, die sich ständig steigert, da ja immer neue Priester dazukommen, aber keiner entlassen wird, ist die schlimmste Tortur für uns, denn sie wirkt täglich, stündlich, am schlimmsten bei Regentagen, weil man sich dann auch nicht auf der Blockstraße aufhalten kann, und 103 an Feiertagen, weil dann alle den ganzen Tag da- heim sind. In der Nacht ist es gleichfalls sehr schlimm. Die meisten sind alte Herren, viele mit Alters- gebrechen, viele krank, erkältet sind alledurch die Bank und allein die Luft in dem Schlafsaal ist eine unerträgliche Tortur. Wer z.B. gezwungen ist— und dazu gehöre auch ich— im 3. Stock zu hausen, in den dumpfen, fürchterlich schwülen Som- mernächten, die aber gegen Morgen in Dachau plötz- lich in eine unangenehme Kühle umschlagen, der ist besonders übel dran. Drei Tage bin ich auf dem Block, da kommt die erste unangenehme Überraschung. Ich hatte gehofft, noch etwas von der Arbeit verschont zu bleiben, um mich etwas zu erholen, werde aber an diesem dritten Tag zur Arbeit geholt und zwar zur Gärtnerei außen. Mit etwa 25 anderen zusammen bilden wir unter einem Priester als Kapo ein Sonderarbeitskommando. Ich werde nun umgekleidet ins sogenannte Zebra, in die blau- weiß-gestreifte Häftlingskluft, die alle jene tragen, die außerhalb des elektrischen Drahtes arbeiten. Das gesamte Kommando beträgt etwa 180 Mann. Die Arbeit wäre an sich nicht schlecht gewesen, wenn ich nicht— und viele meiner Mitbrüder— völlig heruntergekommen gewesen wären. Wir mußten eine Straße bauen und zunächst Rasen stechen und Erde fortfahren in kleinen, plumpen Handkarren. Es wurde zwar nicht übermäßig ge- trieben, weil ja unser Priester-Kapo einen Schutz bot, gleichwohl fiel mir die Arbeit ungemein schwer und ich war in den ersten Tagen und Wochen völlig erschöpft. Besondere Qual bereiteten mir dabei noch die Holzschuhe, in denen ich nur mit großen Schmer- zen gehen konnte. Immerhin, dem Gefängnis gegen- über war die Arbeit gesund. Allerdings war das Dachauer Klima tückisch. Ein Hochmoor, das immer 104 vom Gebirge her von einem kalten Wind bestrichen wurde. Auf einen glühend heißen Sommertag folgte unmittelbar wieder Regen und Wind. Auch bei schlechtem Wetter mußten wir arbeiten. Das Zebra- Zeug war dünn und wir froren darin sehr, doch an die Arbeit hatten wir uns auf die Dauer gewöhnt. Darhatrte ich Pech und wurde nach ein paar Wochen in das Kommando „Liebhof“ überstellt. Der Liebhof war eine Versuchsanstalt und wir wurden als„Un- kraut-Kommando“ eingesetzt. Auf riesigen Majoran- und Bohnenkrautfeldern hatten wir mit den Händen das Unkraut auszurupfen, immer auf den Knien liegend. Zunächst einmal war hier ein ge- meiner, tückischer Verwalter tätig und der Kapo war ein wüster Schläger und Schreier, eine ihm willig ergebene Kreatur. Er hetzte und trieb ohne Unterlaß, man durfte sich nicht einmal auf die Hacken setzen, geschweige denn aufstehen und so mußten wir von morgens 6 bis abends 6 Uhr mit einer Stunde Mittagspause, von der allerdings Ab- märsch von etwa 20 Minuten abgerechnet wurde. Immer und eintönig das Unkraut rupfen, bei Sonne oder Regen und jedem Wind und Wetter. Mich schmerzten nach ein paar Tagen die Knie unerträg- lich und ich kam, wenn ich morgens in der Messe eine Kniebeuge machen wollte, nicht mehr vom Bo- den hoch, dazu die böse Treiberei. Oft und oft kam es vor, daß wir gänzlich durchnäßt mit triefenden Kleidern zu Hause ankamen. Dann blieb uns nichts anderes übrig, als die Kleider am Leibe zu trocknen, denn Ersatz hatten wir nicht; und so waren die Kleider oft tagelang feucht. Wenn dann noch der Wind von der Seite blies und man sich auch nicht durch Bewegung Wärme verschaffen konnte,— die _ Pflänzchen waren millimetergroß und das Unkraut entsetzlich stark und verwachsen,— so kam man oft in recht verzweifelte Stimmung. Dieses Unkraut- 105 jäten dauerte monatelang in fürchterlicher Eintönigkeit. Am ersten Sonntag, nachdem ich auf den Priesterblock gekommen, führte mich P. Josef Fischer in die eben neu gegründete erste Führergruppe der Schönstattpriester ein. Da lernte ich liebe, unvergeßliche Kameraden kennen, die sich uns für Lebenszeit verbanden: Der Kleinste und Bravste, ein Tscheche, Waclav S., ein Priester aus Prag; dann zwei Polen, Ignatz J., den ich ja bereits am ersten Tag auf dem Zugangsblock kennengelernt hatte, und Boleslaus B.; ferner ein Speyerer Priester Ludwig B.; P. Josef Fischer und ich, das war die Gruppe. Unsere Gruppenversammlungen hielten wir am Sonntagnachmittag auf der Lagerstraße oder dem Appellplatz, dessen Ostteil um diese Zeit umlagert war von solchen, die den sich ständig folgenden Fußballspielen zusahen, sozusagen dem einen und einzigen gestatteten Vergnügen in Dachau. Diese Menschenmauer bot uns Deckung vor neugierigen SSAugen. Ich lernte in diesen fünf Mitgefangenen und Gruppenbrüdern ebenso fromme Priester wie feine Kameraden kennen.. Allabendlich fanden wir uns mit P. Kentenich zusammen, der uns eine religiöse Exhorte hielt aus der Geisteswelt Schönstatts. Diese unsere geistige Arbeit hielt uns aufrecht, ja, lieẞ uns die Strapazen und unangenehmen Begebnisse des Lagers nicht nur tragen, sondern innerlich verarbeiten und auswerten. Ich will hier die Situation unseres Blockes ein wenig näher beschreiben. Block 26 war Priesterblock, und zwar waren gegen Schluß auf ihm Priester von 23 Nationen. Auf Block 28 waren polnische Priester- später wegen Raumenge und ständigen Zustroms aus anderen Lagern auch solche aus anderen Nationen. Die Zahl der polnischen Priester betrug nahezu 800. Ebensoviele waren seit 1941 106 im I sche tione Deut ganz vers gesa Wie Die Jah denz beit liche weit nich derli stan konn mer Hun tres karr ins bend alles dere fürc schil sich mut folg laub Ein mei P. erst sich ntönigriesterherin hrerein. Da ennen, clav S., matz J., gangsferner Fischer ir am er dem mlagert en Fußnd eine Menen SSmen und ie feine vir uns eligiöse . Diese ja, ließ ebnisse ch verockes Prieuß auf 3 waren ge und solche en Prieeit 1941 im Lager umgekommen. Die Zahl der reichsdeutschen Priester war etwa 325. Von den übrigen Nationen fehlen mir die Zahlen. Doch waren wir Deutsche nachher weitaus in der Minderheit. Im ganzen zählte Block 26 ebenfalls etwa 700 Priester verschiedener Nationen. Etwa 1000 Priester insgesamt sind seit 1941 im Lager Dachau umgekommen. Wie waren die Priester umgekommen? Die erste böse Periode war das Jahr 1942, das Jahr des Hungers. Damals bestand die Tendenz, die Priester zu vernichten. Sie waren zur Arbeit eingesetzt, bekamen aber nicht die sonst übliche Brotzulage. Das Essen war, wie schon bemerkt, weit unter dem Existenz- Minimum. Pakete durften nicht empfangen werden. Da war es nicht verwunderlich, daß aus dem Hunger bösartige Seuchen entstanden, Bauchtyphus und Hungerruhr. Nur schwer konnten Priester ins Revier kommen. In den Sommermonaten des Jahres 1942 starben infolgedessen Hunderte von Priestern einen elenden Tod. Konfratres berichteten mir, daß man abends auf Schubkarren die Leichen der unterwegs Verstorbenen mit ins Lager hineinschaffte, daß man Todkranke, Sterbende mit zum Appell schleifen mußte, daß Priester alles mögliche grüne Zeug, Kartoffelschalen und anderes aßen vor Hunger, daß die Ruhr, der Durchfall fürchterliche Szenen hervorrief. Und dabei noch die schikanöse Behandlung seitens der SS! Gebessert hat sich dieses furchtbare Priestersterben erst, als, vermutlich durch Vermittlung des Hl. Vaters und infolge der politischen Lage, von oben herab die Erlaubnis zum Paketempfang gegeben wurde. Ein Opfer des Hungers wurde in diesen Monaten mein Mitbruder P. Albert Eise. P. Allebrod berichtete mir: als er P. Eise zum erstenmal im Lager gesehen, habe der vor Schmerzen sich krümmend auf einer Abfalltonne gesessen und 107 ihm damals schon gesagt:„ Ich mach's nicht mehr lange!" Der starke, hochgewachsene Mann hat die Hungerperiode nicht überstanden. Noch im Mai hatte er den Priestern die Mai- Predigten gehalten im Sinne seiner Schönstatt- Sendung. Nicht viel später kam er ins Revier und starb dort wirklich einen elenden Tod. wegen der Hungerruhr im Bette lag, roh aus Der Priester- Kapo meines Gärtner- Kommandos, der damals Pfleger im Revier war, berichtete mir als Augenzeuge folgendes: Man habe P. Eise noch an seinem Todestage, als er seiner nicht mehr mächtig dem Bett gerissen, in den Waschraum gebracht und dort den völlig Entblößten mit Schrubbern bearbeitet und wieder ins Bett geschafft. P. Fischer, zu der Zeit selbst ruhrkrank im Revier, hatte sich das heilige Öl beschafft, schlich sich eine Decke umgeschlagen in die Stube, wo P. Eise lag, und unter dem Vorwand, ihm ein Glas Wasser zu bringen, spendete er ihm mit einem Kreuzzeichen die hl. Ölung. Eine Kapelle auf dem Priesterblock. Dies war gegen Ende des Jahres 1942. Bereits etwas früher wurde auch den Priestern gestattet, auf ihrem Block eine Kapelle zu haben. Die erste Stube ward zum Kapellenraum freigegeben. Alles darin, Altar mit Tabernakel, Leuchter, der Mutter- Gottes- Altar, der Ankleidetisch, war von Häftlingen selbst hergestellt und im Laufe der Jahre war es, wenn auch ärmlich, so doch sauber, ja, sogar mit einer künstlerischen Feinheit ausgestattet worden. Waren auch die Engel auf dem Tabernakel aus Konservenbüchsenblech ausgeschnitten, so waren sie doch sehr modern und schön. Die Symbole vor dem Altar waren zwar nur aus Pappdeckel, aber sehr sakral und fein entworfen je nach der Zeit des Kirchenjahres wechselnd. Eine Statue der Gottesmutter war uns von auswärts geschenkt und auch gestattet worden. Die 108 - Leu Häf wir ten, Das gew wie dier kon mit tete ster Spä des der die sam wir Got in Got leid und die hät Spi übe und bitt gel wie ter Es dra wäh ihr Pol dur Bli Leuchter waren zum Schluß schöne Einlegarbeit von Häftlingen aus den Tischlerbetrieben. So konnten wir jeden Morgen um 4 Uhr einen Gottesdienst hal- ten, bevor das Lager aufstand. Das wäre soweit gut gewesen, wenn die Enge nicht gewesen wäre. So wurde auch der Gottesdienst wieder zu einer Tortur.: Wir standen beim Gottes- dienst wie die Heringe im Raum, nur die Vordersten konnten den Altar sehen, die anderen mußten sich mit der Gegenwart begnügen; aber auch das bedeu- tete uns viel. Anfänglich war es nur deutschen Prie- stern gestattet, an dem Gottesdienst teilzunehmen. Später, d.h. im letzten Jahre, oder besser gegen Ende des letzten Jahres, lockerte sich die Aufsicht nach der Richtung— mit der Zahl der Häftlinge verlor die SS, die sowieso durch Abgang an die Front zu- sammengeschrumpft war, den Überblick—, sodaß wir wenigstens am Sonntag stillschweigend auch Gottesdienst für die polnischen Priester hatten. Ja, ‘in der letzten Zeit wurde von morgens bis abends Gottesdienst gehalten, freilich nur an Sonntagen. Wie leid tat es uns, daß wir keine Laien zulassen durften und es waren tausend und abertausend im Lager, die gerne, allzugerne einen Gottesdienst besucht hätten. Das aber war strengstens untersagt und Spitzel in der Hand der Lagerleitung wachten dar- über. So mußte an Sonntagen der Blockschreiber und Blockpförtner sich vorne hinstellen und uner- bittlich jeden zurückweisen, der sich etwa einschmug- geln wollte. Gleichwohl haben wir immer und immer wieder Laien eingeschmuggelt, allerdings mit größ- ter Vorsicht. Es war oft rührend zu sehen, wie vor dem Stachel- draht, der den Block-Eingang absperrte, sich Laien während der Messe versammelten, um von dort aus ihr beizuwohnen; wie einer, der im Winter vom Polenblock her sich an ein Fenster geschlichen hatte, durch Hauchen das Eis zu entfernen suchte, um einen Blick auf den Altar zu gewinnen. Wie drin einer 109 aufmerksam wurde und ihm ein Löchlein freiwischte. Vielen Laien aber brachten wir wenigstens den Hei- land in der Brotsgestalt. Man hielt morgens, wenn man kommunizierte, ein geöffnetes Zettelchen in der Hand, darauf legte der austeilende Priester eine oder mehrere hl. Hostien, Man barg ‚das Zettelchen in einem Büchlein in der Seitentasche und dann traf man auf der Lagerstraße seinen Klienten, der kom- munizierte selbst dann in einer verborgenen Ecke. Oft wurde auch durch Priester auf anderen Blocks heimlich ein Gottesdienst organisiert. So z. B. um die Weihnachtszeit von unserem Ignaz J. auf dem armen Seuchenblock 25, wo er einfach auf der Stube einen Gottesdienst las. Das hätte ihm freilich schlecht gehen können, aber wegen der grassierenden Typhus- Epidemie von der er selbst kaum genesen war,— war eine Kontrolle ja nicht zu befürchten. Was unsere Gottesdienste anging, so wurde auch allsonntäglich gepredigt. Weihnachten 1944 hatten wir sogar ein Pontifikalamt. Auch dies war echt„Dachau-gemäß“. Alles mußte von Häftlingen hergestellt werden. Nur den Bischof hatten wir so. Das war der Bischof P. von Clermont-Ferrand, der mit einem der Natzweiler Transporte angekommen war. Man hatte dabei den Bischof genau so rück- sichtslos wie jeden anderen behandelt. Auch er hatte den Hunger- und Dursttransport überstanden.(Als damals ein Transport von Compiegne eintraf, waren gegen 500 Tote in den verschlossenen Wagen. In einem Waggon waren etwa 100 Leute eingepfercht. Unterwegs starben vor Durst und Hunger eine große Anzahl. Die Toten blieben bis zur Ankunft im Lager in den Waggons.)— Auch er, der Bischof, wurde völlig nackt in das Bad getrieben, am ganzen Körper geschoren, stand nackt mit anderen lange Zeit auf dem Appellplatz, wurde in die Lumpen eines Ermordeten eingekleidet, kam auf den Zugangsblock in die Enge zu sieben auf drei 110 di Ste sel P3 in au gle Be Ste set de ha im vischte. en Hei, wenn then in ter eine telchen nn traf r komn Ecke. Blocks um die armen pe einen schlecht Typhuswar, wurde en 1944 lies war ftlingen wir so. and, der kommen so rücker hatte en.( Als f, waren gen. In epfercht. me große m Lager das Bad and nackt z, wurde det, kam auf drei Pritschen und war völlig entkräftet und im Äußern natürlich, wie immer zu Anfang, völlig zerlumpt, als er auf unserem Block eintraf. Freilich sorgten schon seine französischen Konfratres und das deutsche Block- Personal bald dafür, daß er in besseres Zeug kam, was allerdings immer noch vogelscheuchenmäßig aussah. - - Nun aber wurde ihm von uns näherhin vom Peter B. zunächst ein Bischofshabit genäht aus ,, organisiertem" Stoff, der im Lager dazu verwendet wurde, die rosa Winkel für Sittlichkeitsverbrecher herzustellen! Das war also sein Bischofsgewand. Bischofsschuhe wurden gefertigt, eine Bischofsmitra aus Pappendeckel mit Stoff überzogen, ein Bischofskreuz in den Wirtschaftsbetrieben gemacht aus den Stoffen, aus denen man Zigarettenspitzen verfertigte, aus gleichem Stoff einen Bischofsring. Pater Sp., ein Benediktiner, entwarf und schnitzte einen Bischofsstab aus Birnbaumholz, das er wiederum im Wirtschaftsbetrieb organisierte, und so ausgestattet hielt der Bischof dann am Weihnachtstag das Pontifikalamt. Noch größer war die Freude am folgenden Tag, da hatten wir sogar eine Primiz in Dachau. Karl L. aus der Diözese Münster, war schon 5 Jahre im Lager und schon bei seiner Einlieferung schwer lungenkrank. Sein Befinden hatte sich natürlich von Jahr zu Jahr verschlimmert, und war um die Weihnachtszeit so, daß man einen baldigen Tod befürchten mußte. Er war früher ein bekannter Jugendführer der Münsterer Diözese gewesen. Begreiflich war die Sehnsucht in ihm groß, doch noch zu seinem Ziel zu kommen; und nun hatten wir ja einen Bischof, warum sollten wir auch da nicht eine Priesterweihe haben; und am 1. Advent- Sonntag wurde er geweiht. Sein Glück war groß und unsere Anteilnahme innig. Wir Schönstätter freuten uns deshalb noch mehr, weil er ja zu unserer Familie gehörte. 111 Freilich, so etwas war verboten, das durfte nicht zur Lagerleitung kommen. Aber wir wagten es, und an diesem 2. Weihnachtstag war mit einer Kontrolle auch nicht zu rechnen, da wollten die SS- Leute selbst daheim sein. Und so hielt er an diesem Tag seine Primiz, die gleichzeitig sein erstes und einziges Meßopfer bleiben sollte. Nach der Befreiung des Lagers wurde er in ein Sanatorium überführt und konnte zwar noch vom Totenbett aus seinen Eltern den priesterlichen Segen geben, nicht aber mehr zelebrieren. Er starb bald. Das waren geistige Höhepunkte. Dazwischen aber lag doch immer wieder der graue Alltag. Der war auch auf unserem Priesterblock drückend und schwer. Mein Pater Provinzial hat die Lage einmal treffend so gezeichnet: ,, Das Gefängnis war eine Schule der Heiligkeit, Dachau ist eine Probe der Heiligkeit". - Wirklich, eine Nervenzerreißprobe war Dachau schon wegen der Enge, mit der wir aufeinander gepackt waren. Diese Enge war die größte Tortur. Man könnte viele Greuel- Berichte von Dachau geben, von unmenschlichen Strafen und Grausamkeiten berichten und das in unzähligen Fällen aber das traf doch immer nur einzelne. Diese drangvolle Enge aber war eine ständige Peinigung aller. Es erforderte Himmelsgeduld, sich immer friedlich aneinander vorbeizuschieben. Um die Mittagszeit war ein beängstigendes Gewühl in den Stuben. Sitzplätze für alle waren nicht vorhanden, an den Tischen konnte vielleicht der zehnte Teil Platz nehmen. Die anderen mußten in Geduld harren. Geduld bra dul kön Fri Ge daf in Da jed sein mu der vor Lag und gle Ha del Da sch nah We mit dur der es Ich hun faß Ge te ein ihn obl wa auc fur hei der 112 8 Cht zur ind an ntrolle Leute .Z, die T blei- in ein h vom ı Segen b bald. n aber ster- reffend u schon l gepackt ortur. 1 geben, iten be- das traf Enge friedlich ttagszeit Sn. Sitz- den Ti- neil brauchte man, um zu seinem Spind zu kommen, Ge- duld, um sein Paket vom Spind herunternehmen zu können, Geduld, wenn morgens sich 700 in kürzester Frist an 2 Fontänen mit 16 Kränen waschen sollten; Geduld von morgens bis abends. Und es konnte sein, daß man 8 Stunden heroisch Geduld geübt hatte und in der neunten die Nerven mit einem durchgingen. Da waren die Lauskontrollen, bei der sich jeder entkleiden. mußte und alle Unterwäsche und seinen Körper einer Kontrollkommission darbieten mußte. Da war der primitive Kachelofen, der notdürftig dazu eingerichtet war, daß man— vorausgesetzt, daß Holz oder Kohle da war, die vom Lager nicht gestellt wurden,— daran kochen konnte, und nun waren es jeden Tag 100 und mehr, die zu gleicher Zeit irgend etwas kochen wollten, sei es ein Hafermus, sei es einen Tee oder irgend etwas: Nu- deln, Erbsen oder was sie sonst geschickt bekamen. Da mußten diese 100 sich wieder aneinander vorbei- schieben. Kein Wunder, daß es trotz guten Willens nahezu ständig Konfliktsstoffe gab. Wer ganz ohne jede Aufregung immer mit gleichbleibender Ruhe, ja mit frohem Gesicht durch diesen Trubel ging, wen all das nicht anfocht, der war fürwahr ein vollkommener Mann. Ich war es nicht, aber P. Kentenich war es gewiß. Ich habe ihn nur lächelnd und rechts und links ein humorvolles Wort sprechend mit immer gleicher Ge- faßtheit durch diesen Trubel gehen sehen. Geduld erforderten auch die Lagerkrankhei- ten. Sie waren die zweite Tortur des Lagers, die eineallgemeine Peinigung darstellten. Von ihnen will ich kurz berichten... Da war natürlich der obligate und häufige Durchfall. Im Jahre 1942 war er epidemisch, gegen Ende 1944 wieder häufiger auch bei den Priestern auftretend, auf anderen Blocks furchtbar grassierend. Wie schlimm war diese Krank- heit unter diesen Umständen. Wenn beispielsweise der arme Pater: G., ein italienischer Dominikaner, 113 Poieß, Gefangener der Gestapo wenn - - Nacht für Nacht sieben-, ja neunmal hinaus mußte; die Leute auf dem wie es 1942 vorkam Appellplatz nicht mehr Herr ihrer Gedärme waren und dann mit Fieber einfach in dem Waschraum mit Schrubber und Bürste behandelt wurden; erst recht aber, wenn sie, wie es beispielsweise auf Block 30 geschah, sich selbst überlassen blieben und buchstäblich im eigenen Schmutz verkamen. Ein Benediktiner- Abt starb buchstäblich auf dem Klo sitzend, wohin ihn die Mitbrüder gebracht hatEinen Jesuitenpater sah ich dort auch im erbärmlichsten Zustand. Wenige Stunden später war er tot. Auf Block 30 war es so, daß sie überhaupt keine Matratzen mehr hatten und auf dem rohen Holz liegend dem Tode entgegenröchelten; und das dort zu Hunderten. Neben dem Durchfall, der Hungerruhr oder dem Bauchtyphus waren die Phlegmone eine häufige Krankheit: fressende Geschwüre, zum Teil bösartig wuchernd, zum Teil lokal beschränkt, die aber monate- und jahrelang nicht zum Heilen gebracht werden konnten. Viele Häftlinge, darunter auch Priester, hatten Arm oder Bein verloren um solcher Phlegmone willen, so ein slowenischer Prälat M., dessen rechter Arm amputiert werden mußte, weil er nicht ins Revier zugelassen wurde; oder der Priester Sch., dessen Bein verloren ging, wegen der groben Nachlässigkeit des behandelnden SS- Arztes. Beim Bad sah man manchmal Russen, deren Körper über und über bedeckt waren mit den dunkelbraunen, großen Narben solcher Geschwüre. Viele starben auch daran. P. Fischer laborierte über ein Jahr, ich selber monatelang an solchen fressenden Geschwüren. Hier wäre anzufügen, daß die Krankheiten noch vermehrt wurden durch die Versuchsstationen an lebenden Menschen, ein dunkles Kapitel der Kz's und Dachaus. In Dachau waren es besonders drei Arten von Versuchen, die an Gefangenen 114 ußte: dem varen n mit recht k 30 stäb- dem hat- N er- ons haupt rohen d das - dem eine Teil t, die n. ge- unter n um Prälat nußte, sr der n der ‚rztes. ‚örper |brau- arben Jahr, , Ge h vel- ne n s Ra es be- genen durchgeführt wurden. Priester nahm man eine zeit- lang mit Vorliebe zu den Malaria- Versuchen. Es wurde ihnen künstlich eine Malaria eingeimpft und sie dann versuchsmäßig so oder so behandelt. Priester mußten sich monatlich zur Fütterung infizierter Tsetse-Fliegen stellen, d.h., ihren Arm in die Be- hälter stecken und sich von diesen Fliegen stechen und das Blut abzapfen lassen. Mancher ist deswegen zugrunde gegangen. Mancher hat für sein Leben lang die Folgen der Infizierung zu tragen, da die Malaria-Anfälle periodisch wiederkehren. Eine zweite Art von Versuchen waren Phlegmon- Impfungen. Phlegmone wurden auf alle möglichen Körperteile, z. B. Magen oder andere, künstlich über- tragen und wiederum Beobachtungen und Versuche an lebenden Menschen angestellt. Eine dritte und böseste Art waren die Versuche für die Luftwaffe, die beispielsweise darin be- standen, daß Gefangene in natürlichem oder künst- lichem Fieber plötzlich in eiskaltes Wasser geworfen wurden, daß. sie hohen Druck oder Temperatur- unterschied ertragen mußten und ähnliches. Wurden sie dabei ohnmächtig, so wurden oft mit den haar- sträubendsten Mitteln Wiederbelebungsversuche ge- macht, die sich einer Schilderung‘durch die Feder entziehen. Zu all diesem wurden die Gefangenen ge- zwungen. Zur Krankheit gesellte sich auch der Hunger! Dieser traf den Priester-Block allerdings nur zu Zeiten. Als für das Lager Paket-Erlaubnis gegeben wurde, war die Hunger-Gefahr für die Deutschen und die deutschen Priester vorüber. Auch An- gehörige besetzter Länder konnten zu Zeiten Pakete erhalten. Den Priestern wurde reichlich geschickt, sodaß sich Kommunisten— die sich auch im Lager an der Klerisei ständig rieben und umgekehrt— zu der Bemerkung veranlaßt sahen:„Man kann von den 115 Pfaffen sagen, was man will, aber das Volk haben sie hinter sich, das sieht man an ihren Paketen". Das gab dem Priesterblock Gelegenheit zu einer großzügigen caritativen Tätigkeit. Aber, was man auch schenkte: gegen die zehntausend Hungernden des Lagers war es nur wenig. Und was der Hunger da bedeutet, sei in einem kleinen, kennzeichnenden Erlebnis aufgewiesen: Des Mittags wurde die Lagersuppe in Thermophoren vor die einzelnen Blocks gestellt. Seinerzeit war es die Aufgabe der Priester gewesen, diese schweren, gefüllten Thermophoren im Laufschritt von der Lagerküche zu den einzelnen Blocks zu tragen- eine Arbeit, von der ältere Häftlinge immer noch mit Schaudern erzählten. Als später die Priester in die Arbeits- Kommandos eingegliedert wurden und Russen diese Arbeit übernahmen, waren auf einmal gedrungene, breite Wagen bereit, um sie zu fahren, der sogenannte„ Moor- Expreẞ". Die leeren Thermophoren wurden wieder an die Block- Pforte gestellt. Man kann sich darauf verlassen, daß sie nach besten Kräften ausgekratzt waren. Gleichwohl fiel jeden Mittag und Abend eine Truppe von hungernden Russen, Polen und anderen über diese leeren Thermophoren her und suchte sie mit Holzstücken und Ähnlichem noch einmal auszukratzen. Das war nun streng verboten mit der Begründung: dadurch würden Seuchen übertragen. Infolgedessen fiel die Lagerpolizei rücksichtslos über diese armen, hungernden Menschen her und prügelte nur so darauf los. Und ich sah, wie einer, der den aushebbaren Einsatz dieser Thermophore hielt und auskratzte, sich gleichgültig den Buckel verprügeln ließ und weitermachte in seinem Geschäft- obgleich die Lagerpolizei gewiß nicht schlecht geschlagen hat. Ein anderer versuchte, mit dem Einsatz zu fliehen und fiel der Länge nach auf schlammiger Lagerstraße. Seine Prügel bekam er obendrein. 116 ren ren, der och ster und mal ren, vel- ren. ıppe iber mit zen. ung: ssen nen, dar- ‚ren tzte, und die hen gel- Dabei: was war das zumeist für eine Lagerkost! Folgendes Begebnis ist bezeichnend. Wir waren im Winter zu etwa 200 eingestellt, in der„Gärtnerei außen“ Rotkohl umzusetzen. Es war ein schlammiger Februartag; nasser Schnee bedeckte die Felder. Man hob die Mieten ab, schnitt das Faulende von den Köpfen herunter und setzte die gesunden Köpfe zu- rück. Achtlos hatten wir die faulenden Reste in den Schlamm fallen lassen, als plötzlich der Verwalter mit dem Kapo erschien, worauf es einen fürchter- lichen Krach gab. Wir mußten die faulenden Reste mit Gabeln wieder aus dem Schlamm heben und auf Wagen verladen. Sie kamen in die Häftlingsküche. Das war der Rotkohl, der ohne Kartoffeln nachher als„Lager-Suppe“ gereicht wurde. Und trotzdem: der Hunger ließ die armen Menschen eher die Tracht Prügel einstecken, als auf diese erbärmliche Kost verzichten. Kein Wunder, daß Hunger und Seuchen gemeinsam ihre Todesopfer forderten. Zirka 15000 sind im Winter 1944/45 im Lager gestorben. Eine nüchterne Zahl, die ein furchtbares Grauen verbirgt. 7800 Typhus-Sterbefälle während des Januar und Februar. Diese Zahlen hat ein Priester-Häftling, der in der Lager-Kartothek arbeitete und sich heimlich die täg- lichen Todesmeldungen aufschrieb, von Dezember 1944_bis März 1945 gezählt. Ein Priesterblock- schreiber vom Todesblock 30 hat von Ende 1944 bis März 1945 1500 Todesfälle auf seinem Block ver-- zeichnet. Der Block war durchschnittlich mit 1200 Leuten belegt, also sind in dieser Zeit mehr als der ganze Block gestorben. Der Block wurde immer durch Neuzugänge aufgefüllt. Was vom Lager aus für diese Kranken getan wurde, war denkbar einfach: der-Block wurde mit Stachel- draht umgeben, für jeden Besuch gesperrt und sei- nem Schicksal überlassen. Auf Block 30 pflegte man es so zu halten: 117 - Wer Fieber bekam, dem wurde von seinen zwei Decken eine genommen und er mit der andern auf eine der beiden letzten Stuben verlegt. Dort starben täglich manchmal 20, 30, ja 50 Leute auf einem Zimmer. Was mag das für ein einsames, trostloses und hilfloses Sterben gewesen sein? Polenpriester meldeten sich freiwillig wie auch Deutsche auf andere Blocks, um als Stubenälteste Dienst zu tun. Vier polnische Stubenälteste der Stube 2, Priester, wurden hintereinander von der Seuche ergriffen, drei davon starben. Sie meldeten sich, um wenigstens in etwa priesterlichen Beistand leisten zu können. Aber es ging einfach über ihre Kraft. Wer gestorben war, wurde völlig nackt auf die Blockstraße hinausgeworfen. Dort lagen 30, 40 Leichen manchmal tagelang, der Schnee fiel darauf und wenige Meter seitwärts kauerten die Überlebenden, um ihre Lagersuppe zu essen. Viel grauenhaftes Leid ist hier gelitten, von dem keiner berichten kann und wird, und viel verborgenes Heldentum geleistet worden. Dafür ein kleines Beispiel: Auf der Vierer- Stube von Block 30 war ein älterer Kölner Mann, der wegen einer harmlosen Bemerkung ins Kz. gekommen war. Dieser nahm sich seiner Kameraden nach Kräften an, pflegte die Kranken, betreute die Sterbenden, entfernte die Toten. Ein Schönstatt- Priester R.- ein Landsmann und Bekannter brachte ihm des öfteren Lebensmittel, was natürlich streng verboten war. Eines Tages reichten wir ihm ein Brot durch das mit Stacheldraht vergitterte Fenster, und R. sagte zu ihm: ,, Sorge nur, daß du nicht selbst krank wirst!" Scherzend meinte der gute und fromme, alte Mann:„ Mein Fleisch können sie haben, meine Knochen bekommen sie aber nicht!" Nun, das Fleisch hatten sie wohl längst. Er war mager wie ein Kleiderständer. Aber auch seine Knochen bekamen sie. 14 Tage später schon 118 W ti U d W PDBBBAADHI W J g lo te D K H e d W li a E F P e S war er„durch den Kamin gegangen“— wie der poe- tische Dachauer Ausdruck hieß.— Und noch ein typisches Lagerbild: Dem Priester-Block 26 gegenüber liegt der Todes- Block 25. Allmorgendlich sehen wir in langer Reihe die nackten Leichen liegen. Als der Toten mehr werden, deckt man die Blockpforte mit Decken ab. Aber zu Zeiten werden diese doch emporgehoben. Da sehe ich eines Tages ein Bübchen von etwa acht Jahren an der Blockpforte stehen, die Händein den Hosentaschen, die Beine gekreuzt; pfeifend schaut er gleichgültig auf die Lagerstraße, um zu sehen, was dort vorgeht. Und der Hintergrund zu diesem sorg- los pfeifenden Jungen: eine lange Reihe ausgemergel- ter, unbekleideter Leichen, die wenige Schritte hinter ihm liegen. Das ist überhaupt eines der grauenvollsten Kapıteli Dachauss: Die Kinder! Hunderte von Kindern von 5—15 Jahren im Lager: elternlos, pfleglos und hoffnungslos! Was diese Kin- der an Grauen sehen, was sie erleben müssen und was an ihnen geschieht, wenn nicht ein verantwort- licher und charaktervoller älterer Freund sich ihrer annimmt, das ist unmöglich zu beschreiben. Ein Transport von ca. 120 Judenkindern ist mir in Erinnerung, die von SS mit geladenen Maschinen- Pistolen eskortiert, ins Lager verbracht wurden und ein paar Tage hier verweilten. Es waren lauter Ju- den, der älteste 15 Jahre. Die Kinder schrieen, als sie ins Bad gebracht wurden. Sie meinten, es ginge zur Vergasung. Das kannten sie von Auschwitz her. Der Älteste wurde von einem Priester angesprochen und sagte:„Wir wissen genau, was uns passiert, das- selbe, was unseren Bltern zugestoßen ist“. Tatsäch- lich hörte ich später, daß diese Kinder in einem Seitenlager Kaufbeuren durch Spritzen umgebracht worden sind. 119 Man wurde solchem Todesgrauen gegenüber leicht abgestumpft, ja roh. Und wir danken es P. Kentenich, daß er immer wieder zur Besinnung und Betrachtung trieb und uns mahnte, unser seelisches Feingefühl den Dingen und Menschen gegenüber nicht zu verlieren. Er zeigte uns das Lager als Demonstration des entgotteten und darum diabolisierten Menschen und bewahrte uns durch seine tägliche Betreuung davor, daß durch die zermürbende Lageratmosphäre unsere Seelen ermüdeten und verarmten; er half uns, daß wir das Lager wirklich als Probe der Heiligkeit und Schulung zu Kommendem benutzten. Hier will ich nun erzählen von Freunden im Lager. Da war Marcel R., ein französischer Theologe aus Blois, gebürtig aus Louè. Ihn führte mir der liebe Gott geradewegs zu. Es war eines Tages in der Ernte. Wir waren in der„ Gärtnerei außen" mit Haferschneiden beschäftigt, eine Arbeit, die wegen der Abwechslung für uns schön, aber auch schwer war. Kräftige Russen gingen mit der Sense voran und wir mußten den ganzen Tag den stark mit Disteln verunkrauteten Hafer aufnehmen und binden. Da wir bereits zwei Tage so gearbeitet hatten, war ich am dritten Tag froh, als ich zum Aufstellen der Puppen abkommandiert wurde. Da konnte ich wenigstens meinen Rücken gerade machen. Die Freude war allerdings von kurzer Dauer. Der Kapo kommt auf mich zu. Er war Priester wie wir. ,, Nimm dich des kleinen Franzosen an!" Ich war wütend. Jetzt muẞte ich die schöne Arbeit verlassen und wieder hinter der Sense hergehen; und dann sah ich den kleinen Franzosen. Er war wirklich sehr klein, schmal und bleich und sah aus, wie ein Bübchen von 16 Jahren. Er reichte mir kaum bis an die Schultern. Er war 120 a h S n V f 6 a Z G а ‚Toh, immer tung gefühl u ver- s ent- nd be- davor, unsere 1s, daß sit und ge aus r liebe ' Ernte. Hafer- en der ar Wal. an und Disteln PT. Da jch am pen ab- igstens je wal mt auf lich des ‚ mußte ‚ hinter kleinen nal und Jahren. Er war kaum von einer Rippenfell- und Lungenentzündung genesen, aus dem Revier entlassen worden und sollte auf Transport kommen. Um ihn davor zu retten, hatte man ihn schnell in die„Gärtnerei außen“ ge- steckt; nun sollte er arbeiten, der kaum Genesene, noch garnicht wieder zu Kräften Gekommene. Was war da zu machen? Da mußte man die Arbeit ein- fach für ihn mittun. Ich tat es und er, der nur ge- brochen deutsch sprach, auch offensichtlich noch schüchtern war, sah mich mit dankbarem Blick an. Am zweiten und folgenden Tag war aber die Freund- schaft schon enger. Er taute auf, und es stellte sich heraus, daß er ein springlebendiger, quicklebhafter, echter Franzose war. Er saß voll von Liedern, konnte alle Schlager mit sämtlichen Strophen, auch deutsche, und sein Liederbuch„Jeunesse qui chante“ von A-Z auswendig. Es interessierte mich sehr, besonders französische Chansons und alte Volkslieder kennen- zulernen. Ich brachte ihm dann einen Apfel, dann ein Stück Kuchen. Seine Dankbarkeit fühlte ich, wenn er auch nichts sprach. Er war mit 10 Theologen von Blois zwangsweise nach Deutschland überführt und man hatte die 10 Theologen ausgerechnet unter 250 Frauen in eine Fabrik eingegliedert. Auch in ihrem Arbeitslager waren sie zur Hälfte Frauen, zur Hälfte Männer gewesen, das war in Nürnberg. Dann hatte er einen Brief an einen Freund in Norwegen geschrieben, darin ein Satz der Gestapo-Zensur miß- fiel, er wurde gefangengesetzt und kam nach Dachau. Von Anfang an verfolgte ihn das Unglück. Er war dauernd kränklich, zunächst Erkältung, dann Lun- genentzündung, dann Rippenfellentzündung, dann wieder Erkältungen am laufenden Band. Mit den.El- tern hatte er keine Verbindung. Bald merkte ich, daß ihm auch körperlich geholfen werden mußte. Eines Tages hatte man ihm seine Schuhe gestohlen, ohnehin waren sie sehr wackelig gebaut. Ich konnte ihm neue besorgen, er hatte einen sehr kleinen Fuß, Nr. 36. Kurze Zeit darauf waren ihm diese zum 121 zweitenmal gestohlen. Auch diesmal konnte ich ihm Schuhe, wenn auch reichlich große, verschaffen und dann griff ich ihm mit Lebensmitteln unter die Arme und so wurde unsere Freundschaft von Tag zu Tag enger. Bald merkte ich auch, daß er für unsere Schönstattsache aufgeschlossen war. Und obgleich es mit unserer Unterhaltung nicht so einfach war, er kauderwelschte ein unmögliches Deutsch, so verstanden wir uns doch. Er war nicht auf unserem Block, weil er in seinen Papieren als Arbeiter und nicht als Theologe geführt wurde. Alle Bemühungen, ihn herüberzuziehen in unseren Block, blieben vergeblich. Als nun im Herbst die Gartenarbeit aufhörte, rückte die Gefahr für ihn heran, auf Transport gesetzt zu werden. Nun versuchte man auf unserem Block auf meine Fürsprache hin, ihn als Stubendienst herüberzuziehen. Gerade sollte er im November auf unseren Block kommen, da brach in seinem Block der Typhus aus und die Quarantäne wurde darüber verhängt. Nun saß der arme Kerl auf seinem Zimmer inmitten Hunderten von Leuten, von denen Tag für Tag 20, 30 ja mehr starben. Tag für Tag brachte ich ihm Lebensmittel, Butterbrote, Kuchen und anderes, was wir hatten, mußte es ihm heimlich durch den Drahtzaun reichen. Tag für Tag brachte ich ihm morgens in der Frühe die heilige Kommunion in einem Blechkästchen. Oft schrieben wir uns lange Briefe, aber die Wochen vergingen und die Seuche wütete weiter. Er, der junge, lebenslustige Kerl, mußte Tag für Tag ein fürchterliches Sterben in nächster Nähe erleben. In diesen Monaten wurde aus dem Kind, der er noch war, ein reifer Mensch. Es kam das Weihnachtsfest, schon lange hatte er keinen Gottesdienst mehr gehabt. An diesem Tag wollte ich ihn doch auf unserem Block haben, deswegen bestach ich mit Zigarren, einer Kostbarkeit im Lager, seinen Blockältesten und er erlaubte wirklich, daß Marcel R. am Weihnachtstag morgens auf unseren Block schlüpfen konnte. Nun durfte er am Pontifikalamt teilnehmen. Wir lud gen Pa gro Bri em bar WO gen wa und De kla ste da lan hei Se gro Wi and lich ihr wa che göt Dr sei ve ga Se tag ve un Wi die im un wa 122 h ihm n und Arme u Tag Insere ich es ar, er rstan- Block, ht als n her- eblich. rückte weiter. ür Tag ıtsfest, hr ge- f unse- garten, en und nachtS- konnte. n. Wir luden ihn zum Essen ein. Er blieb den ganzen Mor- gen bei uns und wir beschenkten ihn auch mit einem Paket. Eß- und Rauchwaren, seine Freude war über- groß. Aus dieser Freude heraus schrieb er mir einen Brief, in dem er, sonst.in diesem Punkt fein empfindsam und zurückhaltend, seiner tiefen Dank- barkeit Ausdruck gab. Da er sein Herz geöffnet, ant- wortete ich ebenso offen und das bedeutete eine un- gemeine Vertiefung unserer Freundschaft. Zusehends war er auch in unsere Geisteswelt hineingewachsen und war der Franzosen-Priester-Gruppe beigetreten. Der Weihnachtstag endete allerdings mit einem Miß- klang insofern, daß einer unserer Konfratres fest- stellte, daß ein Mann vom Seuchenblock bei uns war, da mußte er wieder zurück und dann dauerte es nicht lange, da packte ihn, der doch dauernd von Krank- heit gequält war, auch die fürchterliche, tückische Seuche, das Fleckfieber. Nun war ich um ihn in größter Angst, er war janur eine„Handvoll“ Mensch. Wir Schönstätter hatten um ihn— wie um manchen anderen— einen Gebetssturm begonnen und wirk- lich, er kam durch. Freilich hat die Krankheit aus ihm einen Schatten seiner selbst gemacht und er war doch so nicht viel. Rührend die kleinen Brief- chen, die von ihm kamen, manchmal in einem er- götzlichen Deutsch. Rührend das Vertrauen auf die Dreimal wunderbare Mutter. Rührend vor allem seine Opferbereitschaft, seine Ganzhingabe, das Zur- verfügungstellen seines Lebens. Genesen, doch noch gänzlich erschöpft, wurde er wieder auf seinen Seuchenblock zurückgebracht, auf dem immer noch tagtäglich eine Menge Leute starben, und wiederum verkehrten wir durch zugeschmuggelte Briefchen und durch die kurzen Besuche am Stacheldraht. Wiederum brachte ich ihm die hl. Kommunion. In ‘diesen Wochen aber wurde unser Verhältnis gerade im steten Umgang mit dem Tod zur letzten Tiefe und Feste gestaltet. Als ich von Dachau fort mußte, war er immer noch hinter dem Stacheldraht, seine 123 Briefe bewahre ich schon jetzt als kostbares Andenken. Wiedersehen werden wir uns gewiß. Ich habe früher erzählt von meinen Pflegesöhnen Iwan und Fedor. Dieses Verhältnis sollte eines Tages jäh enden. An einem Abend kam Fedor zu mir, er war aufgeregt, bis zu Tränen erregt.„ Ich komme auf Transport!" Er war ausgesucht worden für einen Transport nach Mauthausen. Das war schlimm aus vielen Gründen. Zunächst: Mauthausen war als Vernichtungslager bekannt. Sodann: jetzt wurde er auch noch von seinem Bruder Iwan getrennt, das letzte Stück Heimat wurde ihm grausam entrissen. Ferner: hier hatte er mich, hatte die Unterstützung, die ich ihm kraft unserer Pakete geben konnte, hatte den geistigen Austausch; denn ich sagte schon, daß er ein geistig reger Mensch war. Er war auch ganz niedergeschlagen und sah düster für seine Zukunft. Er glaubte nicht daran, die Heimat lebend je wiederzusehen. Ich setzte ihm sein Köpfchen zurecht, sagte ihm, daß der Krieg nur noch wenige Monate dauern könne. Ich rechnete ihm vor, daß ich der Ansicht sei, spätestens Mai sei er beendet. Es komme also nur darauf an, die letzten Monate durchzustehen. Hast du es ein paar Jahre ausgehalten, wirst du es diese Wochen auch noch fertigbringen, selbst wenn du allein bist. Jetzt mußt du durchbeißen." Er meinte:„ Ja, aber uns Russen wird man bestimmt vorher noch umlegen." Obgleich ich mir selbst nicht sicher war, daß dies nicht geschehen könnte, tröstete ich ihn doch darüber hinweg. Ich versorgte ihn mit Brot für ein paar Tage und auch mit einem Stück Speck, gab ihm immer und immer wieder gute Worte und schließlich schied er denn auch getröstet, wenn auch schweren Herzens.„ Ich dich nicht vergessen, Pater", sagte er immer wieder zum Schluß. Iwan kam es zwar auch schwer an, doch tröstete er sich damit, daß er bei mir blieb. Wenige Wochen später " 7 124 aber port ich i gela Ja, z aus, auf als H Mut men Söhn ter, Als dum läng klein Iwan Mut eine Mutt täto stoch was " Mutt Auch vers gen, er w noch Opfe er w seine Was ten kehr 3. es Anor. en. An fgeregt, sport!" ort nach ründen. chtungsch noch e Stück er: hier ich ihm geistier ein niedernft. Er wiedermt, sagte dauern Ansicht me also ustehen. st du es st wenn en." Er estimmt st nicht tröstete ihn mit m Stück e Worte - aber kam er ganz bestürzt, er war für einen Transport nach Neuengamme bestimmt. Wiederum mußte ich ihm sein junges Köpfchen zurechtsetzen. Bei ihm gelang es schneller als beim tiefsinnigeren Fedor. Ja, zum Schluß malte er sich sogar aus: ,, Wenn Krieg aus, dann ich nach Stalino, dann ich nehmen Sack auf Schulter" er wollte damit sagen, er würde als Bettler gehen- ,, und dann gehen wo Haus, wo Mutter wohnen, dann ich klopfen und wenn kommen, dann ich sagen:, Na, Mutter, hast du noch Söhne?' Dann sie erzählen, oh, ich zwei Söhne und Tochter, aber weg, ich nicht glauben, daß noch am Leben". Als er soweit gekommen war, sagte ich ihm:„ Du dummer Iwan, bis dahin hat dich deine Mutter schon längst erkannt." Darauf er:„ Oh, wie ich weg, ich so klein und jetzt ich groß, Mutter nicht mehr kennen Iwan." Mich ergriff es tief, wie er diesmal von seiner Mutter sprach. Aber sehr häufig habe ich bei Russen eine ganz zarte Liebe und Anhänglichkeit an die Mutter bemerkt. Einer hatte auf seiner Brust eintätowiert ein Kreuz, ein Herz von einer Lanze durchstochen und darum eine Schrift. Als ich ihn fragte, was sie bedeute, sagte er mir: ,, Nicht vergessen, was Mutter sagen."" Das schien mir schön und sinnig. Auch Iwan wurde von mir mit Brot und Zigaretten versorgt. Ich gab ihm noch besonders gute Mahnungen, sich nicht verderben zu lassen von Kameraden, er war ja viel leichtsinniger wie Fedor, war bis jetzt noch gut und sauber, aber wie leicht konnte er das Opfer von Verführung werden; und dann war auch er weg, nicht ohne daß er mir zum Abschied noch seine Kette für ein Messer schenkte, als Andenken. Was ist aus ihnen geworden? Leben sie noch, konnten sie und die Schwester in die Heimat zurückkehren? et, wenn rgessen, 3. Iwan er sich n später 125 Von unserer Schönstatt- Arbeit - " wäre noch zu berichten. Das Leben im Lager erwies sich wie gesagt als nervenzerrüttend und einer Gemeinschaftsarbeit garnicht förderlich. Wenn Leute müde von der Arbeit kamen und auch auf dem Block kein besinnliches Plätzchen fanden, sondern Gedränge, Lärm und Unruhe, so stand den meisten nicht der Sinn nach religiöser Betätigung. Wir aber wußten, daß die Gottesmutter mit uns durch unsere Lagerzeit etwas besonderes vorhatte. Was war ihre Absicht? Sicherlich wollte sie uns im Sinne der„ Inscriptio" innerlich ganz bereit machen für ihre künftigen Pläne. In diesem Sinne sollte Dachau für uns gleichsam ein Schönstatt- Terziat werden. Daß es dieses werden konnte, ist dem Beispiel und der ArUnbeit von P. Kentenich zu verdanken. ermüdlich schaffte er, sowohl am Gedanken- und Ideengut Schönstatts, als auch an der Formung von Schönstatt- Führern. Hinter seinem Beispiel blieben wir alle weit zurück. Aber es ließ uns doch nie in Ruhe und trieb uns trotz Trubel, Gedränge, trotz Lärm und entnervender Umgebung immer wieder zum Auftrieb im eigenen Wesen. Neben P. Kentenich war es besonders P. Josef Fischer, der in unermüdlicher Treue nur eines kannte: Schönstatt unter den Priestern heimisch zu machen, Schönstätter zu gewinnen, sowohl unter den Mitbrüdern als auch unter den Laien. Er, der immer von Krankheit Gequälte, der am längsten der niederzwingenden Atmosphäre des Lagers ausgesetzt war, hatte sich seinen unentwegten Idealismus nie rauben lassen und hat durch sein Beispiel und seine apostolische Tat zur Verwirklichung der Sonderaufgaben, die uns die Gottesmutter in Dachau stellte, viel beigetragen. Zuerst war das Bildung der Schönstätter Internationale. Hatte die Gottesmutter 25 Nationen zu uns auf den Block geführt, so war es für 126 uns uns wa sen We Pri geb ge wa lau P. gle un vor wu ter wü und det jed suc Du off son Da sta bei pri er der ein Ar wa gen jun ein dru und get r erwies nd einer n Leute m Block ern Gemeisten Wir aber unsere war ihre der„ Inre künffür uns Daß es der Aren. Unen- und ung von blieben ch nie in ge, trotz r wieder P. Kener, der chönstatt önstätter als auch heit Genden Atch seinen und hat Tat zur uns die ragen. stätter mutter 25 war es für uns naheliegend, Schönstatt und seine Aufgabe für unsere Zeit in diese Nationen hineinzupflanzen. Es war von vornherein klar, daß dies nicht durch Massenbewegung geschehen konnte, sondern auf dem Weg von Seele zu Seele geleistet werden mußte. Alle Prinzipien, die bei der Gründung Schönstatts maẞgebend waren, mußten hier sinngemäß wieder angewandt werden. Die ersten, die zu uns stießen, waren wohl die beiden Polen Ignatz J. und Boleslaus B., die durch lange persönliche Kleinarbeit von P. Josef Fischer aufgeschlossen wurden. Ungefähr gleichzeitig stießen auch ein Elsässer, August H. und ein Lothringer, Leo F. zu uns, die dann später von Heinz D. besonders eingeführt und betreut wurden. Beide waren gediegene, quellklare Charaktere, die zwar weniger theoretisch führend sein würden, aber wohl durch inniges Erfassen der Idee und durch große Treue Führer sein konnten. Es bildeten sich bald 2 Führergruppen, von denen wieder jeder eine Gruppe betreute bzw. aufzubauen versuchte. Mir gelang nach langen Monaten endlich der Durchbruch in die Seele von Alois P. Dieser war offensichtlich gnadenmäßig von der Gottesmutter besonders erwählt, sträubte sich aber innerlich lange. Dann freilich erkannte er den Sinn und Wert Schönstatts sehr tief und kam rückhaltlos zu uns. Die Arbeit von Waclav S., eines tschechischen Schönstattpriesters, verdient ganz besonderer Erwähnung, da er mit Josef der Zäheste und Treueste, wohl auch der Erfolgreichste war. Ihm gelang die Gründung einer Laiengruppe, darin ein tschechischer junger Architekt, ein Ingenieur und ein Lehrer vereint waren. Außerdem betreute er Priester und Theologen seines Volkes und gewann schließlich noch einen jungen Russen Petro. Unser Streben war: alle zu einer Entscheidung, die in einer Weihe ihren Ausdruck fand, zu führen. Die Arbeit war mühselig und nicht immer von überzeugender Begeisterung getragen, aber wegen innerer Treue zum Schluß doch 127 mit Segen gelohnt. Das Bild der Bewegung in Dachau war gegen Ende folgendes: Zwei Führergruppen bestanden, die eine von P. Josef Fischer, die andere von Heinz D. geleitet. Daneben eine Anzahl Gruppen: eine französische Priestergruppe, darin auch mein kleiner Theologe Marcel R.; eine italienische Priestergruppe, die sich gegen Ende der Dachauer Zeit konsolidierte und gleich mehrere Gruppen bildete. Zum Schluß kamen noch Holländer dazu. P. Fischer betreute auch eine Anzahl holländischer Laien. Wir dürfen hoffen, wenigstens einige gewonnen zu haben. - Wenn sich das in der Zukunft bewahrheitet, ist die Internationale lebensfähig gegründet. Daneben bemüht sich P. Kentenich ebenfalls mit Erfolg um die Begründung des Marien- BrüderWerkes. Die ersten Noviziate von zwei Marienbrüdern wurden in Dachau durchgemacht. Endlich war für P. Kentenich die Planung und der Aufbau des Familienwerkes besonderes Anliegen. Auch hier sind zum mindesten Ansätze in Dachau gelegt worden. Die Durchsicht, Durchplanung und Durchformung der Gesamtfamilie war Gegenstand häufiger Aussprachen mit P. Kentenich, der das Werk in seiner letzten Größe und Schönheit enthüllte. Auftrieb erhielt unsere Arbeit durch die vielen Beweise, daß die Gesamtfamilie mit uns lebte und litt. Insbesondere wurde zu den Marienschwestern eine lebendige Bindung geknüpft. Aus unserer Arbeit will ich eine Szene besonders hervorheben und eingehender beschreiben: Die Weihnachtsfeier der ,, Werkzeugsgruppe". Weihnachten hatten wir nach einer Vorbereitung im Kreise der Familie schön verbracht. Die Bescherung 128 f n V A S V S t a 6 achau Josef ische 2ologe ’e, die e und camen ndi- einige ung im herung der Franzosen. durch P. Kentenich war besonders fein und herzlich ausgefallen, kein Wunder, daß wir mitten in der Weihnacht, als wir noch ausnahms- weise auf der Blockstraße auf und ab gingen, im vollen Mondschein, uns sehr froh und hochgestimmt fühlten. Am 1. Weihnachtstag, abends, wollten wir mit un- serer Gruppe Weihnacht feiern. Äußerlich konnten wir dazu garnichts tun. Innerlich wurde sie um so schöner. Gegen Abend, als ein runder Mond über der Küche stand und den Appellplatz hell beleuch- tete, gingen wir sechs gemeinsam auf dem Appellplatz auf und ab. Wir hatten uns folgendes vorgenom- men: Ein jeder erzählt zwanglos ein Weihnachts- erlebnis aus seinem Leben. Ludwig B., der Speyerer Priester, begann mit seiner „Weihnacht bei den Tippelbrüdern“. Er erzählte, wie sie daheim sich an einem Weihnachtsfest vorgenom- men, diesmal die Brüder der Landstraße, die Ver- lassenen und Verwaisten, besonders zu betreuen und ihnen im Weihnachtsfest ein Heimgefühl und eine Erinnerung an die Schönheit der Religion zu geben. Sie hatten die Tippelbrüder aufgelesen, im warmen Heim, im schöngeschmückten Saal, sie bewirtet und ihnen nicht nur die Nahrung des Leibes, sondern auch der Seele gegeben. Da ging diesen armen Menschen, die längst keine Heimat mehr besaßen, das Herz auf. Schön konnte uns Ludwig berichten, wie um die Mitternacht, als die Weihnachtsglocken klangen, einer im Namen aller gesprochen hatte, und wie sein religiöses Gefühl aus dem Innern her- vorbrach. In dem Leuchten der Augen dieser armen, alten Leute war ihnen selbst die schönste Weih- nachtsfreude geworden. Hans Kostron berichtete von seiner„Weihnacht mit den Meßbuben“. Wie P. Köster und er die Bubenschar auf Weihnachten vorbereitet hatten, wie sie den Speicher durchstöbert und die alte Krippe 129 Poieß, Gefangener der Gestapo aufgestöbert und erneuert hatten, wie gebaut, ge- zimmert, geleimt und gestrichen wurde und wie sie diese Arbeit nicht nur als ein fröhliches Basteln, son- dern auch als eine seelische Bereitung zum Fest auf- faßten. Wie dann die Buben-Weihnacht auch auf die alten Leute übergriff und wie sie ein fröhliches Weihnachtssingen alter, schöner Lieder vorbereite- ten und aufführten. Das war im Sudetenland, wo viel katholisches Gut seit dem Josefinismus ver- schüttet lag und in dieser Feier einmal wieder ur- kräftig aufbrach. Als Dritter berichtete ich„Die letzte Weihnacht im Studienheim Schönstatt“. Immer war um die Weih- nachtszeit bei den Buben das Gerücht aufgebrochen: wir dürfen nach Hause. Als aber ihnen in diesen Weihnachtsferien, die die letzten im Studienheim sein sollten, freigestellt wurde, heimzugehen, da gingen sie nicht. Auch die Rheinbacher kamen und es sollte schöne Weihnacht werden. Längst wußten wir aus unserer Arbeit, daß man soviel aus der Ge- meinschaft herausholt, als man hineinsteckt an Opfer und Arbeit. Deswegen war es unsere Sorge, daß alle etwas Reelles, Lebendiges beitragen mußten zum Feste. Da war die oberste Klasse, die den Speise- saal zu einem märchenhaft schönen Raum umgestal- tete. Die nüchternen Kugeln der Lampen wurden zu Kronleuchtern umgearbeitet. Mit Flechtarbeit und Holzsägearbeit wurde ein künstlerischer Tischschmuck hergestellt, Leuchter wurden gefertigt und kunst- voller Wandschmuck. Auch der Schmuck des Baumes und der Tannengirlanden wurde sinnig aus religiösen Motiven selbst hergestellt, sodaß am Weihnachtsabend der Saal wunderschön war. Das kostete viel Arbeit, machte aber umso größere Freude. Da war die andere Klasse, die das Weih- nachtsliederbüchlein herstellte, das war mühselig und erforderte alle Kräfte und eine gute Organi- sation. Der kleine, lichthaarige Ludwig M. stellte sich dabei als fähiger Leiter und unerbittlicher 130 gee sie sonauff die liches reite, wo verTurht im Weihchen: liesen heim , da und ßten GeOpfer Balle zum peiseestalen zu t und muck KunstI des g aus 3 am Das ößere Weihhselig rganistellte licher Tyrann heraus. Es wurden Noten geschrieben, Randleisten gemalt, Matritzenabzüge hergestellt, geschnitten, gebunden, geklebt und schließlich war ein hübsches Büchlein in lachsfarbenem Umschlag mit Silberschmuck entstanden, darin 60 unserer schönsten Weihnachtslieder. Nun konnte gesungen werden zur Feier. Wieder andere hatten die Klassenzimmer und Erholungsräume von jeder Erinnerung an die Schulzeit befreit und in heimliche Wohnstuben umgestaltet. In jeder befand sich ein Kripplein, hier ein Rinden- Kripplein, dort eine Felshöhle, dort ein ganz modernes Stilgebilde, alles wurde selbst hergestellt und all das mußte mit viel Opfer erkauft werden. Dann kam die Vorbereitung der Familienfeier, denn am Sonntag in der Oktav sollten die Angehörigen eingeladen werden, um mit ihren Buben ganz schöne Schönstatt- Weihnachten zu feiern. Und feine Schönstatt- Weihnachten sind es dann auch geworden. Und das Geheimnis war: Wir hatten alle dafür geopfert und aus diesen Opfern erwuchsen allen die eigentlichen Weihnachtsfreuden. Von einer ,, Weihnachtsfeier im Schneesturm des Sudetengaues" erzählte uns P. Fischer: - Josef war da in eine kalte Gegend hineingeraten. Was ihn mehr als die Kälte des Winters bedrückte, war die Kälte der Herzen. Durch den Einfluß des Josefinismus und eine unglückliche Vergangenheit war das Glaubensleben seiner Pfarrei-( die er übrigens, von Schönstatt vor der Gestapo fliehend, dort im Sudetengau übernommen hatte; und gerade dort wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Dachau gebracht) sehr erkaltet und erstorben. Und nun hatte Josef einen Generalsturm auf die Herzen eingesetzt, insbesondere über den Weg der Kinderherzen, die er sich bald aufschloß und die er zu kleinen Aposteln erzog. Weihnachten sollte einen besonderen Vorstoß in die Herzen der Erwachsenen bedeuten und da setzt nun zwei Tage vor Weihnachten - 131 dieser böse Schneesturm ein. Meterhoch liegt der Schnee. Er wird vom Wind aufgewirbelt, sodaß er stellenweise sieben Meter hoch sich türmt. Und der Wind macht es unmöglich, sich nach draußen zu wagen. Wenn das so bleibt, wird kein einziger Weih- nachten in der Kirche sein— und erst recht kein Kind! Aber Josef ist nicht der Mann, der vor solchen Schwierigkeiten.kapituliert: da muß eben der liebe Gott gezwungen werden durch Gebet und Opfer! (Wie Josef dieses erzählt, müssen wir schmunzeln: ja, ja, so kennen wir ihn, als einen Mann, der Ge- walt braucht gegen sich, gegen die Schwierigkeiten und gegen den lieben Gott; er wird auch mit dem Schneesturm fertig werden, ahnen wir schon jetzt.) Wir müssen schmunzeln, wie er erzählt, daß er eine Vigilmesse mit ausgesetztem Allerheiligsten vor einer einzigen Frau hält und wie er dann— so drückt er sich aus— den Segen mal ordentlich in den Wind hineingegeben und dabei gebetet hat: „Heiland, nun nimm doch unseren armen Leutchen, die so viele Opfer in den Bergen bringen müssen, die Weihnachtsfreude nicht. Sie haben sich schon so sehr auf Weihnachten gefreut und deine Priester, die auf steinigem Ackerboden arbeiten, versprechen sich soviel für die Seelen von einer schönen Weih- nachtsfeier. Laß doch den Wind aufhören.“ Und immer wieder während des Tages schaut er zum Fenster hinaus in den rasenden Sturm und betitelt. Und siehe: abends gegen 8 Uhr tritt Windstille ein bis zum Stephanustag einschließlich. Josef konnte mit seiner Gemeinde ein schönes Weihnachtsfest feiern. Am ergreifendsten war wohl die„Weihnachts- Erzählung“ von unserem Maly Benjamin,‘ dem klei- nen Tschechen Waclav S. Was ieh leider nicht be- richten und nachahmen kann, ist das ergötzliche Deutsch, in dem er erzählte, so: wenn er eine Straße„steinigen“ ließ und meinte„pflastern“. Die 132 t der aß er d der en zu WeihKind! olchen - liebe Opfer! nzeln: er Gekeiten t dem jetzt.) r eine n vor - SO lich in at: tchen, müssen, hon so riester, rechen WeihUnd r zum bettelt. lle ein konnte chtsfest nachtsm kleicht beStzliche er eine ". Die Geschichte selbst aber war ergreifend. Er berichtete von ihrem ,, Weihnachtsfest in den Kasematten des Kz. Maria- Theresienstadt". Mehrere Priester waren dort als Gefangene zusammen mit tschechischer Intelligenz und anderen Leuten. Da beschloß man nun, in der Weihnachtsnacht ein feierliches Amt zu halten. Das sagte sich leicht, aber man bedenke: nichts, aber auch garnichts war vorhanden, um eine Messe zu feiern; nicht Kelch, nicht Gewand, nicht Altartuch, nicht Kreuz, nicht Hostie, nicht Wein, garnichts. Und mit Zähigkeit und gegen alle Widerstände und alle Aufsicht hat man sich alles nach und nach beschafft. Ein Wasserglas war der Kelch, ein Blechstück von einer Konservendose die Patene. Mühselig hat man sich aus Taschentüchern Kelchtüchlein bereitet. Als Meßgewänder dienten alte Kaftane von polnischen Juden. Wein und Hostie hatte man bei der Arbeit draußen unter Lebensgefahr sich zu beschaffen gewußt. Aber man hatte ja auch kein Meßbuch. Alle Priester taten sich zusammen und langsam haben sie aus dem Gedächtnis die Meẞgebete rekonstruiert; die feststehenden Teile gingen ja leichter, aber die wechselnden Teile mögen vielleicht nicht in jedem Wort übereingestimmt haben. Auch Kerzen beschaffte man. Und nun war es ein ganz armes, ganz schönes Weihnachtsfest. Mitten in der Nacht, als man zwischen zwei Kontrollgängen sich vor der Überraschung sicher glaubte, sang man ein Hochamt. Man sang es allerdings nur mit leiser Stimme, die nicht über die Türe hinausdringen durfte. Gläubige und Ungläubige nahmen daran teil, denn es war eine Gemeinschaftszelle, ein Redakteur einer Zeitung ebenso wie arme Arbeiter. Und wie uns Waclav berichtet, mit welcher Andacht und Freude sie nach Monaten der Entbehrung den Heiland empfangen haben, da haben wir sein Kauderwelsch längst vergessen und sind ergriffen von diesem Bild: die heilige Messe in der Weihnachtsnacht in den Kasematten des berüchtigten Kz. Maria133 “ Theresienstadt, der Friedenskönig hält Einzug im Ort der Schrecken. Und dann erzählt uns Bolek von den Weihnachts- bräuchen in seiner polnischen Heimat. Da sind gar viele, die ich nicht mehr behalten habe und gar schöne Gebräuche sind es, wie wir ja auch in diesem Lager gemerkt haben, daß die polnische Nation wohl die ist, die noch die meisten lebendigen Volks- lieder singt. Weihnachts- und Hirtensingen ver- anstalteten sie und alle Lieder waren von allen durch alle Strophen auswendig gewußt: Man merkte: hier war das Lied wirklich noch Volkslied und nicht literarische Angelegenheit. So feierten wir Weihnachten. Eine Weihnacht der Erinnerung und als alle ihre Erlebnisse berichtet hatten, da war es späte Mitternacht und wir waren froh. Wir gingen noch zum Block 23, der wegen Seuche abgesperrt war. Hier hauste unser Gruppen- Bruder Ignaz J. Er hatte sich freiwillig nach über- standener Seuche wieder zur Arbeit in diesem Todes- block gemeldet, weil man annahm, daß solche, die die Seuche schon einmal durchgemacht hatten, widerstandsfähiger gegen sie seien. Durch ein kleines Löchlein im Zaun begrüßte er uns. Wir tauschten Weihnachtsgrüße und-geschenke. Und er erzählte, wie er es diese Nacht gewagt und auf einer Stube Gottesdienst, die heilige Messe gefeiert hatte zur übergroßen Freude der vielen armen Katholiken, von denen manche jahrelang nicht mehr der Messe hatten beiwohnen können. Als wir zu unserem Block zurückkamen, wurde eben der kleine, wohlbekannte Totenkarren an uns vorbeigeschoben, mit dem man Einzeltote vom Block holte. Wir nahmen, wie wir es immer zu tun pfleg- ten, unsere Mützen ab und beteten für den Ver- storbenen. Gleichzeitig machte uns das in aller Freude wieder auf den dunklen Hintergrund, auf die gespenstische Silhouette des Kz. aufmerksam. 134 Denn kam Neujahr 1945. Was sollte uns dieses Jahr bringen? Menschlich ge- sprochen war für uns keine Aussicht. Die letzten Monate waren durch steigende Nervosität gekenn- zeichnet. Ständig kamen Transporte evakuierter Lager in das Kz.; ständig mehrte sich darum der Zu- zug auf die Blocks. Zu 400, ja zu 500 waren die Leute.auf einer Stube zusammengepfercht. Bene in welchem Zustand waren die Neuangekommenen! Ein Bild für viele: An einem Tag waren gegen 800 neue Häftlinge an- gekommen. Sie hatten einen Tag und eine Nacht völlig nackt auf dem Appellplatz zubringen müssen, weil man einfach keine Kleidung für sie hatte; ihre Privatsachen aber wurden ihnen nicht gelassen. Dann wurden sie dürftig mit Hemd und Unterhose bekleidet, endlich zum Block zugelassen. Da kamen sie nun gewankt, wandelnde Gerippe, mit grinsen- dem, bleckendem Totenschädel; 30jährige junge Männer und Männer in der Mitte ihres Lebens taste- ten mit zitternden Knien Schritt vor Schritt, weil sie sich kaum aufrecht halten konnten. Und wie waren sie gekleidet! Hier ein langer Kerl mit einem kleinen, dürftigen, durchlöcherten Unterhöschen und einem Hemd, aus dem die blanken Schultern und die bloßen Rippen starrten. Das war alles! Man wußte diese Menschen einfach nicht mehr un- terzubringen und deswegen mußte Knall und Fall der ganze Polen-Priester-Block geräumt werden. Die Polen kommen auf unseren Block nach der mathematischen Überlegung: wo 200 hineingehen, gehen auch 400 hinein, wenn man sie hineinsteckt. Während des Umzugs standen die Armen auf der Lagerstraße in Wind und Wetter. Wir erbarmten uns ihrer und ließen sie in unsere Kapelle gehen. Sie standen aber da so eng, daß sie sich noch nicht 135 mal auf den Boden setzen konnten. Viele brachen zusammen und sehr viele konnten gegen Abend noch nicht mal den kurzen Weg zum Nachbarblock machen. Wir trugen sie hinüber. Gerade wurde der Tee ausgeteilt oder was man mit diesem Namen be- zeichnete, und man sah Gefangene, die ihr Stück Brot erhalten hatten— essen konnten sie es nicht, dazu waren sie zu schwach— aber sie hielten es gegen ihre Brust gepreßt, unartikulierte Laute aus- stoßend und auf den Teekessel hinweisend. Sie wollten zu trinken haben und waren nicht mehr im- stande, vor Schwäche und Ausdörrung noch ihren Wunsch in Worten herauszubringen.. Noch über eine Woche sahen wir sie so, nur mit dün- nem Hemd und Hose bekleidet, oft bei Regen und Wind auf ihrer Blockstraße. Und am nächsten Mor- gen machte mich August H. auf das schreckliche Bild aufmerksam: Der Moor-Expreß war vorgefahren und man lud einen nach dem andern der nackten Gerippe auf— schon in der ersten Nacht war eine große Anzahl ge- storben— man lud sie auf, wie man Holzscheite auflädt. Auch unsere Familien-Gemeinschaft hatte in diesen letzten Wochen noch einen Todesfall zu ver- zeichnen: P. Richard Henkes, der sich freiwillig als Kantineur auf einen Zugangs- Seuchenblock hatte einsperren lassen, wurde von der Seuche ergriffen und starb innerhalb von fünf Tagen. Durch die Bemühungen von P. Kentenich gelang es uns, daß wir ihn in einem kleinen Ver- schlag neben dem Revier aufbahren konnten. ı Zu gleicher Zeit waren zwei polnische Priester gestorben. Der kleine, stallartige Verschlag war von Priestern heimlich mit weißen Bettdecken ausgeschlagen worden. Man hatte die bereits sezierten Toten in den bekannten blechausgeschlagenen Lagersärgen 136 rjestert chlagen oten IN rsärgen (mit Blech ausgeschlagen, weil sie immer wieder be- nutzt wurden, sie dienten ja nur zum Transport zum Krematorium) aufgebahrt, mit einer weißen Decke bedeckt und die Särge mit Blumen schön geschmückt. All das natürlich ohne Vorwissen der SS. Und abends haben wir unseren lieben Mitbruder dann eingesegnet; sogar gesungen haben wir, leise aller- dings. P. Kentenich und ich sangen vor, die an- deren respondierten. Und nebenan, ca. 4—5 Schritte weg war ein Stapel von etwa 70 sezierten Leichen aufeinandergeschichtet, die des Abtransportes zum Krematorium harrten. P. Kentenich aber hatte durch Vermittlung von Pfarrer Richard Schn. mit dem Krematoriums-Kapo, einem uns wohlgesinnten Häftling, Verhandlung auf- genommen, und der hat dann die Leiche von P. Hen- kes einzeln verbrannt, sodaß wir seine Asche später nach der Befreiung mitnehmen konnten. Ein ganz typisches Dachau-Erlebnis geschah mir zwei Tage später. Mittags hatten wir uns(wir: das war die Schönstattfamilie unserer tube) zusammengefunden und hockten im Schlaf- saal— verbotenerweise— auf den Bettkanten, um wenigstens hier essen-zu können. P. Kentenich fungierte wie immer als sorgender Vater, teilte aus, was uns gute Menschen aus der Gesellschaft und aus der Bewegung geschickt hatten. Ich will gerade in mein Butterbrot beißen, da sehe ich auf der Bett- kante ein Säckchen stehen. Ich dachte im ersten Augenblick: darin müssen wohl Erbsen sein, die man uns geschickt hat. Dann aber sehe ich eine lateinische Schrift und lese:„Die richtige Asche des im Herrn verstorbenen Pallottiner-Priesters Pater Richard Henkes.“ Vor 10 Tagen hatte ich ihn noch lebend und froh ge- sehen. Und nun hielt ich in einer Hand mein Butter- brot, in der andern die Asche meines Mitbruders und dachte damals:„So wenig bleibt von dir übrig!“ 157 P. Provinzial lag zu dieser Zeit an einer schweren Lungenentzündung erkrankt auf der ZweierStube mit 40 Grad Fieber, und auch für ihn bedeutete es ein ziemlich kräftiges Memento mori, als P. Kentenich ihm das Säckchen seines Kursgenossen P. Henkes ans Bett brachte zum Aufbewahren, bis man es aus dem Lager nach Freising bringen konnte. Das war Dachau! Eines Tages aber hörte ich hinter dem letzten Block abends, wenn der Wind danach ging, ein leises Geräusch, das mich sofort in Aufregung versetzte. Ich rief meine Mitbrüder und sie bestätigten mir dann: das ist Kanonendonner! Die Front rückt heran! Es sollten allerdings noch Wochen vergehen, bis sie Dachau erreichten. Und wir waren gänzlich im Ungewissen, was man vorher mit uns anstellen würde; nur daß die Entscheidung nahe war, das kroch mit einer fiebrigen Nervosität immer mehr an uns heran. Die Tages- Angriffe der Flugzeuge mehrten sich und auch die Nachtangriffe. Aber die machten uns im Lager keine Schwierigkeit. Längst hatten wir erkannt, daß das Lager von feindlichen Fliegern genau gekannt und unbehelligt gelassen war; ja, wir merkten, daß in der Nacht die Lagerecken mit lang stehenden roten Leuchtkugeln gekennzeichnet wurden offensichtlich zum Schutz des Lagers. - Aber würden auch nicht wir eines Tages auf Transport gesetzt werden? In einer Nacht bekamen wir einen großen Schrecken, als uns und den Polen- Block mitten in der Nacht eine mit Karabinern bewaffnete SS- Formation von den Pritschen auftrieb und uns alle auf der Blockstraße versammelte. Wir dachten: ,, Nun geht's los!" Aber dann war es nur eine Kontrolle, ob Waffen auf den Blöcken versteckt gehalten würden. Solche und ähnliche Ereignisse sorgten aber immer dafür, uns in seelischer Aufregung zu halten. Freilich, auch in 138 die lich WI Pl hir en Pr sch las Ma da Un wi SC los ni Da Fi diesen Wochen war die Schönstatt-Familie eigent- lich immer ruhig und froh, denn über allem waren wir doch davon überzeugt: Mater habebit curam! Plötzlich schnellte unser Hoffnungsbarometer hoch hinauf. An einem Tag wurden acht deutsche Priester entlassen. Dann ging das Gerücht: Alle deutschen Priester werden: entlassen. Tatsächlich wurden auch, schön nach dem Alphabeth, täglich gegen zehn ent- lassen, auch fünf meiner Mitbrüder im Laufe des März; und zu unserer Freude war auch P. Kentenich darunter. Und ebenso plötzlich stoppte die Entlassungsaktion wieder. Vermutlich wollte die SS noch ein politi- sches Tauschgeschäft machen, mußte bald die Zweck- losigkeit einsehen und war an den Entlassungen nicht weiter interessiert. Das Barometer sank wieder beträchtlich. P. Josef Fischer aber hoffte beharrlich: Maim-.achtfrei! sch daf daf - Der Todesmarsch - Am 26. April 1945, gegen 9 Uhr morgens, wird unser Block von einer Hiobspost überrascht. Der Blockälteste Gerhard M. läßt den Block zusammenrufen. Man sieht es seinem bedrückten Gesicht an, daß er uns keine gute Mitteilung zu machen hat. Der ganze Block tritt an. Zirka 1400 Priester aus 25 Nationen. G. teilt uns mit: ,, Ich habe euch die Nachricht zu überbringen, daß das ganze Lager Dachau evakuiert wird. Bis Mittag hat ein jeder seine Sachen zu packen. Er darf mitnehmen: 2 Decken und seine persönlichen Habseligkeiten. Ich warne euch aber, nehmt nicht zuviel mit. Ihr wißt ja, was ein Transport bedeutet. Das habt ihr ja jetzt oft genug gesehen. Um 12 Uhr muß das ganze Lager marschfähig auf dem Appellplatz antreten, nur die Fußkranken bleiben zurück". Wie ein dumpfer Schrecken ist uns diese Nachricht in die Glieder gefahren. Ja, wir wissen, was ein Transport bedeutet. Haben wir doch in den Wochen und Monaten vorher oft genug die Elendskolonnen an uns vorüberwanken sehen, die lebenden und toten Gerippe, die Überlebenden der vielen Transporte aus allen Gegenden. Haben gesehen, wie in den Tagen nach ihrer Ankunft Hunderte dahinstarben, haben gehört, wie auf den Märschen Hunderte buchstäblich am Wegesrand verreckt sind und haben uns von den fürchterlichen Strapazen erzählen lassen. Nun sollten also auch wir auf Transport gesetzt werden, und zwar, wie wir hintenherum hören, nach Tirol, ins Ötztal. Dort will sich, so heißt es, die SS verteidigen bis zum Letzten. Uns ist sofort klar: jetzt ist das Ende angebrochen. Dies sind die entsch für Win brie in Da gef hab non die übe sich mit stin Got näc bie Des Um ma Win den eina sere päc zeig ..D " Und der vom natz und alle dan noch 140 rd unser Blockammensicht an, hen hat. ster aus gen, daß Bis MitEr darf en Habnicht zubedeutet. Um 12 auf dem bleiben Nachricht was ein Wochen kolonnen and toten ransporte in den starben, arte buchaben uns n lassen. etzt werren, nach s, die SS ort klar: die entscheidungsreichen Tage für uns. Wir wissen längst, daß der Amerikaner bei Augsburg steht. Wir wissen, daß sich in den nächsten Tagen unser Schicksal entscheiden muß. Vorläufig aber heißt dieses Schicksal für uns ,, Der gewisse Tod". Wir erfahren später, daß ein eigenhändiger Himmlerbrief also verordnet hat: kein Häftling darf lebend in die Hand der Alliierten fallen. Das gesamte Lager Dachau wird evakuiert. Als Begründung war beigefügt: die befreiten Häftlinge von Buchenwald haben sich grauenhaft gegen die Bevölkerung beMit dieser satanischen Lüge sollen wohl die etwaigen Gewissensbedenken der SS- Führer überwunden werden. Am Abend dieses Tages äußerte sich einer der Lagerführer zynisch: sie rechneten damit, daß 10 Prozent der Häftlinge an ihren Bestimmungsort überkämen. nommen. - Gottseidank verhinderte der Trubel des Packens zunächst ein grübelndes Nachdenken. Binnen kurzem bietet unser Block das Bild völliger Zerstörung und Desorganisation. ganze Lager - Um 12 Uhr steht steht das das marschbereit auf dem Appellplatz. Wir Schönstätter haben uns zusammengefunden. Wir wollen sorgen, daß wir auf dem Wege beieinander bleiben. Haben wir auch die meisten unserer Sachen zurücklassen müssen, so ist unser Gepäck dennoch schwer genug und wie sich bald zeigen wird zu schwer. Plötzlich heißt es: ,, Die Reichsdeutschen heraustreten!" Und nun müssen wir uns von unseren lieben Brüdern verabschieden. Vom Waclav aus der Tschechei, vom August aus dem Elsaß, vom Aloys, Boleck, Ignatz und den vielen anderen Polen, von Franz Z. und von meinem kleinen Freund Marcel R., von allen französischen und italienischen Freunden und dann werden wir zum Jourhaus geführt. Marcel ist noch immer im Seuchenblock 30. Wir hatten uns 141 wenige Tage vorher schon verabschiedet, weil die deutschen Priester noch mit einer Entlassung rech- neten, aber das war trügerisch. So konnte ich ihm nur noch kurz die Schreckensnachricht bringen. Der Abschied ging uns beiden sehr nah. Da sind wir nun etwa 1300 Reichsdeutsche. Die Kranken dürfen und müssen zurückbleiben. Vom Mittag bis zum Abend stehen oder hocken wir nun dort auf unserem armseligen Gepäck in der prallen Sonne. Wir sind noch in unserer Lagerkleidung, müssen also für die Außenstehenden ein merkwür- diges Bild bieten. Denn unsere Kleidung— die ja meist von Ermordeten stammt, ist bunt zusammen- gewürfelt und arg mitgenommen. Ungefähr. die Hälfte von uns allerdings tragen„Zebra“ und wir sind froh darüber wegen der Tiefflieger. Wir hoffen, so als Häftlinge erkannt zu werden, und das bestätigt sich auch später. Mit mir zusammen sind meine Mitbrüder: P. Pro- vinzial Heinrich Schulte, und P. Josef Fischer. Ich bemühe mich, P. Schulte’s Paket zu einem trag- baren Rucksack umzugestalten, damit er es bequemer tragen kann. Inzwischen werden auf dem Appellplatz außer uns Reichsdeutschen noch etwa 1500 litauische Juden und gegen 3—4000 Russen zum Transport zusammen- gestellt. Wir erhalten Verpflegung 1/4 Brot pro Tag, für 2 Tage eine Dose Konserven- fleisch, etwas Käse und Margarine. Doch haben wir an diesem Tag kein Abendessen. P. Fischer kommt plötzlich mit einem Entschluß zurück,“Er sagt:„Mem Ent- schluß steht fest“. Nimmt seinen Rucksack und ent- fernt sich in der Richtung des Blocks. Es gelingt ihm, den Appellplatz zu überschreiten und die wach- habenden SS-Leute zu passieren, da diese gerade 142 tri sc Ic [ ha Wi so) klı ZU nä eir eil die g rech- en. Der Tkwür- - die ja Ammen- ihr. die ınd wir hoffen, jestätigt Pro- ischer. m trag- >quemer Ber uns den und ammen- z nserven- ‚ben wir einem in Ent- und ent- ; gelingt je wach- , gerade dadurch abgelenkt werden, daß ein Kontingent Rus- sen einen vorbeiziehenden Brotwagen überfällt. Die „Mutter vom guten Rat“, deren Fest wir heute be- gehen, hat P. Josef Fischer ‚wahrlich einen guten Rat gegeben, da er schon in der nächsten Nacht von einem heftigen Gelenkrheumatismus befallen wird. Sämtliche Glieder schwellen ihm in der Folgezeit an und er kann weder Knie noch Arm beugen.— Außer ihm blieben noch P. Gerharz und Br. Edel im Lager zurück. Die anderen Mitbrüder waren kurz zuvor entlassen worden. Der P. Provinzial und ich überlegen, ob wir den gleichen Schritt tun sollen. Da man in diesem Falle aber nicht sagen kann, was besser ist, im Lager zu bleiben oder zu marschieren— der Tod erwartet einen in beiden Fällen—, und da P. Provinzial meint, hier Gottes Finger nicht sehen zu können, entschließt er sich mitzumarschieren und ich will ihn nicht verlassen. Gegen Abend haben wir noch ein kleines, erhebendes Erlebnis: Die Türe des sogenannten Ehrenbunkers öffnet sich und ein hochgewachsener Mann mit Frau und Kind tritt heraus, von SS-Leuten geführt. Ein österreichi- scher. Priester ruft:„Schuschnigg!“ und wir springen auf und eilen auf ihn zu. Er winkt uns zu. Ich stehe ihm gerade am nächsten. Er reicht mir die Hand und drückt sie warm, indem er mit leiser, doch eindringlicher Stimme sagt:„Halten Sie aus, halten Sie durch!“ Er winkt uns noch einmal zu und wird dann vorbeigeführt.— Er ist weißhaarig, doch sonst aufrecht und elastisch. Auch die Frau und das kleine Töchterchen winken und lächeln uns zu. In- zwischen ist es 9.30 Uhr abends geworden. Da werden wir in Bewegung gesetzt. Etwa 6—700,(2000 treffen in dieser Nacht und am nächsten Tage noch auf unseren Zug). So bilden wir eine lange Schlange von ca. 8000 Menschen. 143 Wir verlassen also endgültig das Lager Dachau und es sind eigentümliche Gefühle, als wir das große Eisentor passieren. Freude kommt aber nicht auf, da wir ja in die völlige Ungewißheit hineinschreiten. Der Weg geht nach München- Allach. Schon die ersten Kilometer zeigen uns, wie ungewöhnt wir des Marschierens sind, und lassen uns ahnen, was unser harrt. Wiederum ein kleines Erlebnis. Ein Radler in einem Lederol- Mantel fährt langsam unsere Reihe entlang. Plötzlich entdeckt er uns Priester, springt ab und es stellt sich heraus, daß es ein vor kurzem entlassener Dachauer- Priester ist. Leise tauschen wir mit ihm Frage und Antwort. Erfahren, daß der Amerikaner schon in der Gegend von Freising steht und sind nun zwischen Hangen und Bangen, ob wir vielleicht doch noch befreit werden, oder ob es der SS gelingen wird, uns vorher aus der drohenden Umklammerung herauszutreiben. Von Stunde zu Stunde werde ich müder. Schließlich bin ich dermaßen erschöpft, daß jeder noch so kleine Aufenthalt mich in den Straßengraben hinsinken läßt. Ich habe Blasen an den Füßen. Ich merke, wie rechts und links die Leute schlapp werden. Bei einer längeren Pause schenke ich 3/4 meines Rucksackes weg, weil ich ihn nicht mehr tragen kann. Wir marschieren in dieser Nacht gegen 44 km auf Umwegen, durch München- Pasing, wieder Fliegern ausweichend, bis kurz vor Starnberg. Am Morgen bin ich halbtot. Auch P. Provinzialist arg mitgenommen. Wir wanken nur noch apathisch dahin. Im Morgengrauen sehe ich die ersten Toten unserer Kolonne am Wegrand liegen. Ich zähle fünf, davon mindestens einer mit Kopfwunde. Aber man ist so erschöpft, daß man das nur stumpf zur Notiz nimmt. Der Marsch wird immer lang144 6 S f T I W S น M V W A L d a Z 10 samer, da die Leute einfach nicht mehr können. Die SS treibt. In der Bewachungsmannschaft sind aller- dings noch viele Wehrmachtler, die uns nicht bös ge- sinnt sind. Alle 5 Meter ein Posten mit Karabiner oder Maschinenpistole. In jeder Hundertschaft ein SS-Hundeführer mit Hund. Trotzdem erfahren wir am übernächsten Tage, daß in dieser Nacht eine An- zahl von uns zum Teil im Einverständnis mit den Posten entflohen sind, zum Teil sogar von den Posten begleitet. Wir haben leider nicht das Glück, in der Nähe eines verständigen Postens zu sein, sind im übrigen auch zu erschöpft, um überhaupt solche Gedanken zu fassen. gegen I1 Uhr morgens gelangen wir auf den vorgesehenen Rastplatz, eine Waldlichtung. Hier liegen nun die 8000, von zahlreicher SS-Wachmannschaft umlagert. Wir lagern an der Würm, und das erste, was wir tun, ist, uns in der kalten Würm gründlich zu waschen. An Essen denken wir kaum, sondern sinken toterschöpft zum Schlaf nieder auf den Boden, wo es gerade ein jeder für gut findet. In der Nacht hat es geregnet. Jetzt ist wenigstens etwas Sonnenschein. Um 1/27 Uhr abends werden wir wieder aufgetrieben. Der Marsch wird fortgesetzt. In dieser zweiten Nacht wird uns das Marschieren unendlich sauer. Die Füße sind wund. Besonders schmerzen mich die Gelenk- und Hüftknochen. Immer mehr sinken am Wegrand nieder und die Zahl der Toten: steist rapide. Man bedenke, daß viele von ihnen vor kurzem erst von einem solchen Transport in Dachau eingetroffen waren und körperlich ganz erschöpft und aufgezehrt waren. Auch P. Provinzial hat ja kaum seine schwere Lungenentzündung überstanden, die ihn an den Rand des Grabes brachte. Zum Unglück fängt es auch 145 Poieß, Gefangener der Gestapo noch an zu regnen. Wir werden naẞ. Das Zeug liegt unerträglich schwer auf einem. Dazu treibt der Rapportführer unangenehm scharf. In Starnberg gibt es eine Stockung. Wir sollten ursprünglich über Weilheim auf Mittenwald zu marschieren, doch sind die Panzerspitzen der Amérikaner gegen Weilheim vorgestoßen wie wir später hörten. Wir müssen deshalb über den See zur Münchener Seite hinüber und marschieren dort in der Nacht weiter. - Im grauenden Morgen wankt unser Elendszug durch Wolfratshausen. Wir sind vor allen Dingen ganz ausgedörrt. Einige von uns versuchen, von Leuten am Wege Wasser zu erhalten. Die SS wehrt es uns mit Kolbenschlägen. Wir haben gehofft, in Wolfratshausen Quartier zu machen, müssen aber sehen, daß man uns belogen hat. Wir werden weitergetrieben. Es regnet in Strömen. Ich bin ganz verzweifelt. Lasse mich am Wegrand in einen Graben niederfallen. P. Provinzial versucht mich aufzurichten. Ich lasse die ganze Kolonne an mir vorbeimarschieren, raffe mich dann doch wieder auf und wanke hinterher. Wir werden immer ungeduldiger und schreien ohne Rücksicht auf die Folgen, daß wir endlich rasten wollen. So läßt man uns für kurze Augenblicke in einem völlig durchnäßten Tannenwald niedersitzen. Ich habe nur den einen Wunsch: ruhen, ruhen! Ich bin darum ganz verzweifelt, als man uns nach ungefähr 1/4 Stunde wieder auftreibt. Inzwischen regnet es in Strömen. Wir wandern noch eine halbe Stunde. Dann sieht man, daß es unnütz ist, und treibt uns wieder in den Wald. Dort lagern wir im Regen. Ich gehe auf Wassersuche, finde nichts. Komme zurück und sehe, daß ein Russe auf meinem Mantel liegt, sich gerade meiner Konservendose bemächtigend. Ich habe sie ihm abgeholt, sofort geöffnet und 146 will mir etwas zu Gemüte führen. Lasse für einen Augenblick mein Messer außeracht, da ist mir mein Messer gestohlen. Ich suche mein Messer, da ist mir meine Konservenbüchse gestohlen und ich habe das Nachsehen. In der Nacht hatte ein kleiner Pole sich angeboten, mir zeitweilig meinen Rucksack mit un- seren letzten Habseligkeiten zu tragen. Ich hatte ihm viele Dinge geschenkt und er wollte sich dankbar erweisen. Auf unserem Rastplatz war der Pole nicht mehr vorhanden. Durch Nachforschungen bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß er wahrscheinlich auch am Wege zusammengebrochen ist. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. Aber auch meinen Ruck- sack nicht. Schließlich war einem aber auch schon alles gleich. Wir versuchten zu schlafen, wurden aber durch eine merkwürdige Unruhe geweckt.| Inzwischen hat sieh nämlich Aufregendes begeben. In München war eine neue Regierung ausgerufen, die in ständigen Radiosendungen zur Übergabe auf- forderte. Dadurch unsicher gemacht, wußte die SS nicht, was sie beginnen sollte. Ein Wehrmachts- oefızıer, Dr. DH. aus Köln a. Rh.—- wie.ich später feststellte—, hatte in einem'kühnen Ent- schluß sich auf seinem LKW. in unser Rastlager her- einbegeben, der SS rundweg erklärt: die Wehrmacht übernähme die Gefangenen. Der Marsch dürfe nicht fortgesetzt werden. Er sei vom Kommandierenden General beauftragt, den Transport zu übernehmen und die SS-Offiziere würden abgelöst. DieserAufenthaltundderStreich des Wehrmachtsoffiziers, der dazu keinerlei Auftrag hatte, sondern aus eigener Initiative han- delte, wobei er rechnete, daß jeder halbe Tag Aufent- halt unser Leben retten könnte— und mit dieser Rechnung hatte er ja auch recht gehabt— hat uns dem Tode entrissen. 147 Wir lagerten nämlich bis zum Abend. Dann allerdings war sich die SS wieder ihrer Sache sicher. Wir konnten aber an dem Abend nicht weiter und waren auch noch am folgenden Tag auf unserem Rastplatz. Die SS wartete auf Befehle von oben. Der Aufenthalt dieser zwei Tage hat uns gerettet. In der ersten Nacht hatten wir ein aufregendes Erlebnis. Die SS machte eine Razzia auf Russen, unter dem Vorwand, die Russen hätten das Lebensmittelmagazin überfallen wollen. Sie trieben unter wüsten Kolbenschlägen alle Russen an einen Ort zusammen. Bei geringstem Zögern schossen sie wild drauf los. Ich hörte am anderen Morgen, daß mehrere Häftlinge zwei Massengräber ausheben mußten, wo die Toten verscharrt wurden. Hierbei fragte ich:" Wo bleiben denn die Toten, die es unterwegs gegeben hat?" und erfuhr, daß diese von einer Aufräumungskolonne jeweils seitwärts im Walde an Ort und Stelle verscharrt würden. Als wir diesen Rastplatz Wolfratshausen verließen, fand P. Pies, ein Jesuitenpater, von dem ich gleich noch berichten will, nachher noch 28 weitere Tote, die vor Erschöpfung dort gestorben waren. In der zweiten Nacht hatten wir ein noch aufregenderes Erlebnis. Ich hörte plötzlich den Namen eines Priesters nennen, war sofort hell wach und verstand aus Gesprächsfetzen, daß ein Lastkraftwagen unter der Leitung des vorher aus Dachau entlassenen P. Pies da sei. Er wolle kränkliche und alte Geistliche abholen und ins Revier schaffen. Die Sache verhielt sich so. P. Pies hatte einen JesuitenFrater in hohe Offiziers- Uniform gesteckt. Dieser düpierte die unteren SS- Führer, indem er vorgab, den Auftrag zu haben, altersschwache und kränkliche Priester in ein Revier zu überführen. In Wirklichkeit wollte P. Pies womöglich alle Priester entführen. Die SS wurde durch Austeilung von Zigaretten und Schnaps gefügiger gemacht. Außerdem lud man Brot für die Gefangenen ab. 148 Ich weckte den P. Provinzial. Der glaubte die ganze Sache nicht recht und packte vorsichtig erst noch die wenigen verbliebenen Sachen zusammen. Ich lief in- zwischen zum Wagen. Durch das Auftauchen weiterer Häftlinge war die wachhabende SS inzwischen un- ruhig geworden und drohte_zu schießen. Ich lief nochmals zum P. Provinzial zurück. Aber inzwischen mußten sich P. Pies und seine Helfershelfer ent- schließen, sofort abzufahren, damit das ganze Unter- nehmen nicht vereitelt würde. Und als ich zurück- kam, war der Wagen abgefahren. Wir hatten die letzte’Gelegenheit zu unserer Be- freiung verpaßt. Immerhin hatte P. Pies für alle Deutschen Brot gebracht. Bere hattenmin den letzten Tagen näm- lich nur!ı Brot, etwa 20 g Margarine und ein Scheibchen Käse als gesamte Tagesration an Essen erhalten. Durch P. Pies war es möglich, jedem Deutschen nochmals 1/;s Brot und!/2 kleine Konservendose Fleisch zu geben. Wir mußten dieses heimlich tun, denn hätten die Russen dieses gemerkt, wären sie nicht zu halten gewesen und es hätte Mord- und Totschlag gegeben. P. Provinzial wurde von den Deutschen mit dem unangenehmen Amt des „gerechten Verteilers“ betraut. Aber für alle Ge- fangenen hätte es ja auch nicht im entferntesten gelangt. Inzwischen war auf diesem Lagerplatz die Nervosität der Leute immer mehr gestiegen. Alle Augenblicke passierteirgend etwas.: Dann entdeckte einer, daß ihm etwas gestohlen war, dann faßte man einen und prügelte ihn halbtot oder -ganz tot. Mit eigenen Augen sah ich, wie man einen Deutschen, der einen Rucksack genommen, in bru- talster Weise— wenige Meter von mir entfernt— erschlug und die Leiche dann auf die Wiese hinaus- schleifte, wo die 8000 ihre Bedürfnisse verrichteten. 149 Deutlich erinnere ich mich des blutüberströmten Gesichtes und wie ich ihm innerlich bedingungsweise die Absolution gab. Auch uns wurde das letzte Päckchen mit einigen • unsere letzteBrotstückchen und Zwiebäcken Habe gestohlen. - Ebenfalls entdeckte ich, daß mir meine letzte Decke gestohlen war. Ich sah sie aber in der Nähe, stürzte darauf zu, ergriff sie und geriet alsbald in einen heftigen Streit mit ein paar Kapos. Diese waren, offenbar durch die SS ermuntert, in den letzten Tagen wieder hochgekommen, während sie vorher wegen ihres bösen Gewissens merkwürdig kleinlaut geworden waren. Ich hielt meine Decke krampfhaft fest und erhielt von einem einen wuchtigen Schlag ins Gesicht. Ich hätte mich eher totschlagen lassen, als die Decke herzugeben. Kapo R., ein in Dachau berüchtigter Schläger, von dem man wußte, daß er nicht wenige umgebracht hatte, kam auf mich zu und sagte:„ Wenn du jetzt nicht ruhig bist, dann stoße ich dir das Messer zwischen die Rippen, und du mußt nur nicht meinen, das wäre ein Scherz von mir. Das haben wir ganz schnell. Du bist nicht der Erste, den ich hinüberbefördert habe. Und merke dir nur, Bürschchen, zwischen uns beiden ist's noch nicht aus." Ich merkte, daß er im nächsten Augenblick fähig gewesen wäre, seine Drohung wahr zu machen. Sowieso wurde das Raufen und Schlagen in jeder Minute schlimmer, denn die SS kümmerte sich garnicht mehr darum, wie es im Innern des Lagerplatzes zuging. Sie hatte nur einen dreifachen Kordon um das Lager gestellt. Am Montag wurden wir wieder aufgetrieben Kurz vorher war der schon erwähnte Wehrmachtsoffizier H. wieder in einem LKW. erschienen, zusammen mit einem Vertreter des Landrates. Er hielt vom LKW. aus eine kleine Ansprache an uns. Wir S Z Η r g V S S 1 S V Z f S € I e 150 imten weise nigen letzte Decke en, das Em nüber- hchen, nerkte, ı wäre, ‚de das immer, darum, e.hatte stellt. er machts- zusam- ir hielt 5. wir würden nach Königsdorf in ein ehemaliges HJ-Lager geführt werden. Dort hätten wir wenigstens ein Dach über dem Kopf und dort blieben wir und würden den Amerikanern übergeben. Die Aufregung und Spannung war bei den Leuten inzwischen unerträg- lich groß. Man fragte den Offizier, ob wir von den SS-Leuten oder von- Wehrmachtsoffizieren begleitet würden. Er suchte uns zu beruhigen:„Es seien auch Wehrmachtler dabei.“ Einige von uns schrieen:„Wir gehen nicht mehr mit der SS, wir sind genug belogen und betrogen worden!“ Der Offizier suchte uns dar- zustellen, daß wir nichts zu fürchten hätten, der Be- fehl sei vom Kommandierenden General gegeben worden. Nur noch 16 km, dann wären wir am Ende unserer Leiden. Zurufe aus unserer Schar, ob er uns sein Offiziers-Ehrenwort verpfände. Er prallte sichtlich zurück und beruhigte uns noch einmal mit eindringlichen Worten. Kurze Zeit später war das Bild schon ein ganz anderes. Bye Dachauer. Lagerführer Ruppert erschien auf der Bildfläche. Wir mußten antreten. Wurden genau wieder durchgezählt, in Hundert- schaften eingeteilt. Die Wachen waren verstärkt worden. Wir sahen nur SS. Wir fühlten uns von dem Offizier direkt belogen und betrogen und ich schimpfte laut:„Das ist also das Ehrenwort eines deutschen Offiziers!“ Es war uns allmählich klar, daß wir liquidiert werden sollten. Zunächst hofften wir aber noch auf das HJ-Lager bei Königsdorf. Es wurde Abend, es wurde Nacht, es regnete wieder in Strömen, es ging ein unangeneh- mer, kalter Wind, der Regen ging in nassen Schnee über. Wir wurden durch Königsdorf hindurch- getrieben. Kein Lager ist zu sehen. Wir werden weitergetrieben. Das Schneetreiben wird immer stärker. Wir kommen kaum voran, da die Straße mit Militär überfüllt ist. Immer mehr unserer Leute sehe ich am Wegrand sterben. 151 Als wir fast am Ende unserer Kräfte waren, wurden Mitternacht vom wir plötzlich um Wege abgetrieben und hinuntergetrieben in ein kleines Waldtälchen. Der Boden war schlammig, Schnee und Regen durcheinander. Auf dem Talkessel fanden wir schon ein paar hundert Jüdinnen vor, die, ebenfalls zu Tode erschöpft, auf dem blanken Boden lagen. Wir sanken hin, ein jeder wo es sich gerade traf, hier ein Russe, hier ein Priester, hier ein litauischer Jude oder eine Jüdin. Dazu war die Nacht stockfinster. Wir konnten die Hand vor den Augen nicht sehen. Auf dem Talgrund versuchte man durch einige Feuerchen etwas Licht hervorzubringen, doch ließen der Regen und die Feuchtigkeit dies kaum zu. Die SS trieb uns mit wütenden Kolbenschlägen auf engstem Raum zusammen. Hier lagerte dann ein jeder, wie er konnte, d. h. es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den nassen Boden zu legen. So tat auch ich. Meine nunmehr einzige Decke, die völlig durchfeuchtet war, notdürftig um mich schlagend, legte ich mich mit einigen Kameraden, Priestern, möglichst eng zusammen. Aber die Kälte weckte mich nach etwa einer Stunde schon wieder auf. Doch blieb ich vor Erschöpfung einfach liegen bis zum grauen Morgen. Hier war es, wo wir uns allesamt schon eine Erkältung des Unterleibs zuzogen, denn der tauende Schnee sank unaufhörlich hernieder. Es tropfte von den Zweigen und es floẞ am Boden. Ich muß hier noch etwas nachholen. Da wir allmählich gemerkt hatten, daß dieser Marsch, noch einige Tage fortgesetzt, unsere Gesundheit, wenn nicht unser Leben kosten würde, hatten wir, d. h. mein Provinzial und ich, uns gesagt: so oder so gehen wir doch dem Tode entgegen, wir versuchen also, falls wir wirklich weitergetrieben werden, auszureißen. An dem Nachmittag nun, als wir nach Königsdorf getrieben wurden, kam P. Provinzial zu mir wäh152 urden vom ilchen. durch- on ein ; Tode sanken Russe, 7 eine onnten m Tal- etwas n und ns mit zusam- e, d.h. uf den e nun- t war, ch mit zusam- a einer or- EI- Morgen. Erkäl- Schnee on den „llmäh- , einige n nicht h, mein hen wil so, falls „reißen. ir wäh- rend des Marsches und sagte:„Ich werde jetzt ver- suchen zu fliehen. Suchen Sie mich also nicht, wenn ich verschwunden bin, und gehen auch Sie bei der ersten besten Gelegenheit los, ohne auf mich zu war- ten. Wir müssen das einzeln und getrennt versuchen, weil es gemeinsam zu gefährlich ist.“ Er ging zu seiner Hundertschaft zurück und fand dort bald dar- auf einen ihm bekannten Laien, den um die katho- lische Sache hochverdienten Herrn A. aus Augsburg. Dieser war herzkrank und konnte nicht mehr weiter. P. Provinzial übernahm sein Gepäck und schleppte ihn am Arm weiter. Hier schien sich eine Möglich- keit zu bieten, aus dem Zuge herauszukommen. An günstiger Stelle vor einem Dorf blieb der Kranke am Wegrand sitzen, und sein Begleiter erklärte der fra- genden und drohenden SS, er müsse den völlig zu- sammengebrochenen Mann unbedingt in einem Hause unterbringen. So konnten beide in ein Haus treten und landeten in einem großen Kuhstall. Die Leute waren freundlich und boten kuhwarme Milch an, die beide ahnungslos auch tranken, während einige später hinzugekommene Russen erst Salz hinein- streuten. Beide wollten sich in der Dunkelheit in ein anderes Dorf flüchten, damit die SS ihre Spur ver- liere. Aber ringsum waren alle Brücken gesprengt, und der Kranke konnte nicht mehr weiter. Da die Leute entgegenkommend ein Obdach und dem P. Provinzial als Priester, dem man vertrauen konnte, auch ein Versteck anboten, blieben beide über Nacht. Am folgenden Morgen aber kamen die SS-Streifen, stöberten alle zurückgebliebenen Häftlinge auf und luden sie auf einen Bulldogg. Bei dem Drohen und Toben der SS verloren die braven Quartierleute völlig die Nerven. P. Provinzial wollte sie nicht in Gefahr und Schwierigkeiten bringen, kam darum selbst aus seinem Versteck und ließ sich auf den Bulldogg verfrachten. Der Kranke mußte auch mit, und P. Provinzial half ihm nach besten Kräften wie- der weiter. Bald wurde die Fracht wieder abgeladen. 153 Und so kroch dieser Invaliden-Transport von etwa 150 Leuten aus allen Nationen und Altersstufen ohne jede Verpflegung am 1. Mai unter Schneetreiben die Landstraße entlang, bis er nachmittags gegen 4 Uhr wieder auf unseren Zug stieß, der in einem Walde im Schnee lagerte. Ich selbst hatte mir unterdessen auch überlegt, ob ich fliehen sollte Nun war ich, wie oben bemerkt, zunächst noch der Meinung, wir würden in ein Hitlerjugend-Lager geschafft und hielt es für besser, mit allen Gefangenen, sozusagen offi- ziell, in die Hände der Amerikaner zu geraten. Weil ich hin- und herschwankte in meiner Über- legung, zog ich die Offenbarung des hl. Johannes, die ich in der Ketterausgabe. bei mir trug als einziges religiöses Büchlein, heraus, schlug sie auf’s Gerate- wohl auf und ließ, wie ich so oft an den dunklen Punkten meiner Wanderung getan habe, sozusagen Gott sprechen. Ich fand: Geh. Off. 14,7—12: Er‘(der Engel) rief mit lauter Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre. Denn gekommen ist die Stunde seines Gerichtes. Betet ihn an, der Himmel und Erde, Meer und Wasserquellen erschaffen hat. Ein zweiter Engel folgte ihm und rief: Gefallen, gefallen ist das große Babylon, das von dem Glutwein seiner Unzucht alle Welt hat trinken lassen (Jer 50,7). Nach ihm kam ein dritter Engel, der mit lauter Stimme rief: Wenn jemand das Tier und sein Bild anbetet und sein Zeichen empfängt auf Stirn oder Hand, so soll er trinken von dem Zornwein Gottes, der unvermischt ein- geschenkt ist im Becher seines Zornes. Er wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamme. Und der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten und das Zeichen seines Namens an sich tragen. Hier gilt es auszuharren für die Heiligen, die Gottes Gebote und den Glauben an Jesus bewahren. Dieses Wort machte mich mit einem Schlag inner- lich ruhig. Ich sagte mir: jetzt will ich den Weg zu Ende gehen, wie es auch komme. Eine Stunde spä- 154 fie] ter wäre es sowieso nicht mehr möglich gewesen zu entfliehen, da die SS offenbar besondere Anweisung hatte und die Wachen verschärft wurden. Inzwischen graute der Morgen des KrNdı. - Da ich nicht nur völlig durchnäßt und erkältet war, sondern durch die unmögliche Lage am Boden auch unerträgliche Schmerzen hatte, stand ich in der ersten Frühe bereits auf und konnte so das Folgende gleich gut beobachten. Ringsum lagen in allen möglichen Stellungen die völlig erschöpften Kameraden. Auf den Bäumen lag dicker Schnee. Es schneite noch immer weiter und wir hatten den 1. Mai! Der tauende Schnee tropfte unaufhörlich auf die Schläfer. Plötzlich weckte sie eine wilde Schießerei der SS und im Nu trieb diese auch mit Kolbenschlägen und wütendem Geschrei die tausenden wie tot Lagernden auf. Wir merkten bald, daß in der Nacht eine SS-Ablösung gekommen war, wie wir nachher vermuteten, aus der nahen Junker-Schule der SS von Bad Tölz. Es war junge Totenkopf-SS, äußerst brutal und ge- mein. Die Gefangenen, die zum Teil selbst durch die Schießerei, durch das Geschrei und durch das Gedränge der über sie Hinstolpernden nicht aus ihrem todtiefen Schlaf aufwachten, wurden einfach durch Fußtritte und Kolbenschläge aufgetrieben. Es entstand eine Panik. Es sah wirklich so aus, als ob wir im nächsten Augenblick niedergeschossen wür- den. Dazu wußte keiner, was man eigentlich beab- sichtigte, wo hinaus der Weitermarsch etwa gehen sollte, wo der Weg war, und die SS wurde mit jeder Minute rasender. Ich sah, wie ein SS-Mann einem Priester den Karabinerlauf mit voller Wucht fünfmal hintereinander in die Rippen stieß, daß dieser um- fiel. Man trieb uns in aller Hast den Berg quer hin- aus. Da wir aber so viele waren, hinderte der eine den anderen. Man rutschte in dem schlammigen 155 Gelände aus, fiel hin, die anderen über einen hin- weg und die SS ständig dreinschlagend hinterher. Ich war in der vergangenen Nacht auf eine Gruppe von Mitbrüdern gestoßen, die ein kleines Wägelchen mitführten, um Gepäck für Alte und Kranke darauf zu legen. Gebeten, mitzuziehen, war ich zu dem Wagen getreten, und auch wir wurden nun den Berg quer hinaufgetrieben, eine Arbeit, die wir fast nicht gepackt hätten, da es über Baumwurzeln, über Steine die steile Böschung hinaufging. Oben war ich bereits ganz erschöpft, da wurden wir zu viert, zwei Priester und zwei andere, wieder hinuntergetrie- ben auf die Talsohle. Drunten lag halb im Bach, halb auf dem Ufer ein sterbender Jude. Man sah, daß ihm die Augen bereits brachen. Er war nur mehr ein Gerippe und leichenfahl. Ein junger SS-Mann, zwischen 20 und 25 Jahren, bearbeitete ihn mit den Stiefeln und schrie:„Der simuliert nur, eben war der noch ganz lebendig, raus mit ihm, los, heraus- reißen und den Berg hinauf.“ Der andere Priester war bereits über 60 Jahre. Wir zerrten, selbst bis zu den Knien im Bach stehend, den armen Men- schen mit Mühe die Böschung heran und sollten ihn nun hinauftragen und das in Eile. Mit meinen Brü- chen hätte ich das sowieso kaum fertiggebracht. Es stand am Wege ein eiserner, doppelrädriger Karren. Wir baten, den fast Toten wenigstens da hinauflegen zu dürfen, was gnädigst gestattet wurde, und dann wurden wir mit dem Kolben, wieder in größter Eile, den Berg quer hinaufgetrieben. Als ich oben ankam und wieder zu den Kameraden stieß, war ich völlig erschöpft und ich sah, daß der Marsch von neuem begann. Das Wetter war weiterhin sehr schlecht. Es wehte oben ein unangenehmer, scharfer Wind, der uns Schneeflocken mit Regen untermischt ins Ge- sicht trieb. In diesen grauen Morgen, in das Schnee- treiben und in die Hoffnungslosigkeit und Ausweg- 156 losigkeit wurden wir hineingetrieben. So müde wie ich war, weiß ich doch genau, daß mir ein Gedanke durch den Kopf ging und ich dachte: „90, Gottesmutter, wie der1.Mainunan gefan- gen hat, das weiß ich jetzt; jetzt bin ich einmal gespannt, wie er enden wird.“ Dieses war an diesem Tag mein einziges Morgen- gebet; denn wir waren viel zu erschöpft, um über- haupt zu denken. Stumpf.trottete die lange Häft- lingskolonne wieder ihres Weges. Wir gelangten° bald nach Bad Tölz und wurden nun am hellichten Tage durch die Stadt getrieben. Offenbar war es der SS darum zu tun, uns möglichst schnell aus’der drohenden Umklammerung durch die Amerikaner zu treiben. Längst schon war unser Weg nicht mehr südwärts, sondern ostwärts. Und wäre es gelungen, uns wirklich durch die Lücke, die sich schließende Lücke, hindurch zu bringen, so hätten wir gewiß weitere Tage Gewaltmärsche machen müssen. In Tölz, das offensichtlich von Evakuierten über- völkert war, bildeten die Menschen an unserem Wege zu beiden Seiten Spalier. Stumm standen die Leute und starrten uns mit schreckerfüllten Augen an. Man sah ihnen das Mitleid an, doch wagte keiner für uns einzutreten. Es war auch zwecklos. Ein paar Frauen, die versuchten, uns Brot zu geben, wurden von der SS mit lautem Schimpfen zurückgetrieben, die ohne weiteres mit Kolben wieder auf die Ge- fangenen einschlug. Oberhalb der Stadt wurden wir an der’Junkerschule der SS vorbeigetrieben und hier gab es eine Rast auf dem Wege. Schon stieg bei uns wieder die Hoffnung, daß wir vielleicht hier unter Dach gebracht würden. Wir lehnten uns erschöpft an die Mauer. Den Schnee kratzten wir uns von der Mauer zusammen, um den quälenden Durst zu löschen. Die letzte Verpflegung, !/s Brot, hatten wir am vorhergehenden Tage be- 157 kommen. Nicht einmal Wasser hatten wir unter- wegs gefunden; denn den Bach unseres Rastplatzes hatten wir in der Dunkelheit überhaupt nicht ent- decken können. Nach 10 Minuten aber ging es schon weiter, über Tölz hinaus, durch das erste, zweite und dritte Dorf. So sehr ich auch Ausschau hielt, ob ich etwa unter- wegs fliehen könnte, etwa: dadurch, daß ich seit- wärts in eine Kirche träte in einem unbewachten Augenblick: es war an diesem Tag wegen der schar- fen Wache nicht möglich. Es zog sich um uns immer mehr SS zusammen, die offenbar auf dem Rückzug vor den nachdrängenden Amerikanern waren. Ein Mitbruder versuchte es an diesem Tag, kam auch in die Kirche hinein, wurde dort wieder aufge- stöbert und es wäre ihm beinahe bös gegangen, wenn er sich nicht hätte auf einen Posten berufen können. Kurz hinter Tölz sah ich am Wege einen Gefangenen im Straßengraben liegen mit einer Schläfenverwundung. Zunächst dachte ich, er sei gefallen. Er war bereits tot. Als ich im Laufe des Tages mehrere solcher Toten sah, die alle eine Stirn- oder Kopfverletzung hatten, kam ich zur Überzeu- gung, die mir nachher auch von fast allen Mitbrü- dern bestätigt wurde, daß es sich um Kopfschüsse handelte. Im übrigen war bei den meisten ein Nach- helfen durch Kopfschuß gar nicht mehr nötig. Apathisch waren wir so bis zum späten Nachmittag gewandert. Da wurden wir hinter einer Panzer- sperre wieder seitab in den Wald getrieben. Hier lagerte eine riesige Menge von SS, die sich offen- sichtlich auf ihrem Rückzug hier gesammelt hatte. Uns sank vollends der Mut; denn nun war uns klar, wir sollten mit der SS zusammen noch in das Ötztal geschafft werden, und diese SS würde sich bis zum letzten verteidigen wollen und gewiß keinen von uns lebend in die Hände der Amerikaner fallen las- sen wollen. Es hieß dann bald, daß wir in der Nacht 158 ' kzug kam jfge- gen, ufen inen >iner r sei > des tirn- rzeU- tbrü- nüsse Yach- ittag nzer- Hier ‚ffen- hatte. klar, stztal ; zum , von n]as- Nacht an diesem Ort bleiben würden. Das Schneetreiben hatte den ganzen Tag angedauert und der Schnee lag bereits sehr hoch an diesem 1. Mai. Mein Schuh- werk war völlig zerrissen. Sowieso war ich ja durchnäßt vom Regen und vom Bach. Wir versuch- ten, uns wenigstens eine notdürftige Liegestätte zu bereiten mit Tannenzweigen. Unangenehm war aber der pfeifende Wind, gegen den wir unsere Decken aufzuspannen versuchten. Dafür hatten wir nichts, uns zuzudecken. Da von den 35 noch beim Zuge weilenden Priestern Verschiedene kaum mehr laufen konnten— auch ich hatte Blasen an den Füßen und gesteigerte Hüftschmerzen— so schlug ich vor, ob’s Zweck habe oder nicht, doch einmal beim SS-Obersturmführer, der den Zug leitete, vor- stellig zu werden, ob wir Priester, ältere und kranke darunter, nicht in eine Scheune oder in das nächste Dorf zum Pfarrer gebracht werden könnten. Der Pfarrer könnte uns zumindestens in der Kirche un- terbringen, dann hätten wir doch ein Dach über dem Kopf und wären aus dem Schneetreiben heraus. Eine Kirchenbank erschien in unserer Vorstellung wie ein Himmelbett. Dominikanerpater-Stumpf, als unser Abgeordneter, trug dieses dem SS-Obersturm- führer vor. Dieser— es war nicht mehr der brutale Lagerführer Ruppert— zuckte mit der Achsel und entließ P. Stumpf ohne Antwort. Inzwischen war ein Pferd gefallen und mußte notgeschlachtet werden. Häftlinge schlachteten den Gaul und er wurde auch den Häftlingen überlassen. Er wurde förmlich in Stücke gerissen, wobei es fast Mord und Totschlag gegeben hätte, und ich sah Russen und Juden, die die blutigen Stücke ohne jede weitere Zubereitung so verzehrten. Priester sah ich, die ein Stück des Pferdefleisches auf ein Holz- stäbchen aufspießten, ein paar Mal über ein Feuer- chen hin- und herwandten und sich dann auch an ihr Mahl machten. 159 Verpflegung bekamen wir gegen Abend: 1/10 Brot. Die ausgehungerten Menschen waren allmählich wie Tiere geworden. 2 Priester, 1 Kapuzinerpater und 1 Jesuitenpater, waren, als sie sich etwas von unserer Gruppe entfernten, von einer Bande überfallen und gänzlich ausgeraubt worden. Sie hatten weder Decke, noch Brot oder sonst etwas. Es nahte der Abend. Inzwischen hatte sich P. Provinzial wieder eingefunden. Trotzdem ich sehr betrübt war, daß ihm sein Fluchtplan nicht gelungen war, so freuten wir uns doch, wieder beisammen zu sein und das Ende gemeinsam erleben zu dürfen. Um diese Abendstunde konnten wir noch nicht anders glauben, als daß es ein düsteres Ende würde. Es war inzwischen von den SS- Führern beschlossen worden, einige Kranke in einer Scheune unterzubringen. Gegen 9.30 Uhr abends wurden wir auf einmal von P. Stumpf aufgerufen: ,, Alle Priester sofort antreten!" Da wir instinktiv fühlten, was das bedeuten konnte, holten wir in aller Eile die Verstreuten zusammen, wir waren 35. Wir standen am Wegrand und da wurde uns folgendes bedeutet: ,, Sie setzen sich auf den Marsch in das nächste Dorf. Am Dorfrand empfängt sie ein SS- Mann. Dann werden sie dem Pfarrer übergeben." Wir wurden in einem Nu sehr aufgeregt. Bedeutete das die Freiheit? Wir weckten noch einige Laien, die uns nahestanden und schoben sie stillschweigend als„ Priester" in unsere Schar. Als wir uns nun in Marsch setzten, standen am Wege zwei Judenbüblein, der eine 11jährig, der andere 13jährig, ein Pole und ein Slowake. Beide weinten bitterlich. Sie waren durch ihren Dolmetsch bei dem SS- Führer vorstellig geworden, daß sie ins Revier geschafft würden. Sie hatten völlig vereiterte Füße 160 F K T S n V V I S 11 rot. wie und sellen der sich ich gebeiben och nde Ssen terauf ante, men, da auf rand dem eunoch sie Als Wege dere inten dem evier Füße und waren den Anstrengungen des Marsches einfach nicht mehr gewachsen. Kurz entschlossen nahmen wir sie mit und als wir nun marschierten, merkten wir, daß kein Posten mehr bei uns war. Da wußten wir: Jetzt gehtesin die Freiheit! Und an dem Abend dieses 1. Mai gegen 10 Uhr stampften wir des Weges. Wir beteten, hielten unsere erste Maiandacht: den Rosenkranz, die Gottesmutter- Litanei und andere bekannte MuttergottesGebete. So müde wir waren, ich glaube, daß wir selten im Leben andächtiger gebetet haben. Dann langten wir in dem Dorf an. Waakirchen hieß es. Ein SS- Mann war nicht zu sehen. Wir gingen aus eigenem zur Kirche und standen da, keiner sprach ein Wort, als fürchtete jeder das Traumhafte unserer Lage durch ein lautes Wort zu zerreißen und wieder die hoffnungslose Wirklichkeit von heute morgen zu sehen. P. Stumpf ging zum Pfarrhaus, wir warteten. Es dauerte eine Weile, bis P. Stumpf mit dem Pfarrer zurückkehrte. Es war ja schon Nacht. Bei unserem Anblick liefen dem guten Pfarrer Hunk- linger die Tränen über die Wangen. Mit großer, mitbrüderlicher Freundlichkeit hieß er uns willkommen und führte uns in die Kirche. Die sollte in dieser Nacht unser erstes Asyl, unsere erste Heimat sein. In der Sakristei begrüßte er uns alle, schaffte Decken herbei, ließ einen warmen Tee kommen, und wir selber brachten ihn davon ab, uns noch etwas Essen zu bringen, weil wir wußten, es wäre uns nicht bekommen. Und dann schliefen wir auf den Kirchenbänken, in dem beglückenden Gefühl, daß in der ersten Nacht unserer Freiheit der Heiland im Tabernakel unser Gastgeber sei, und bevor ich einschlief, wußte ich in einem tiefen Glücksgefühl und sagte der Gottesmutter: ,, Ja, liebe Gottesmutter, jetzt weiß ich, wie der 1. Mai endet! 11 Poieß, Gefangener der Gestapo 161 Dein Mai macht uns frei!" Und das war mein Abendgebet. Dieses Wort:„ ,, Dein Mai macht uns frei!" hatten wir, allerdings mehr als hoffendes Gebet; denn als vernünftige Erwartung, in den letzten Monaten häufig im Lager gesprochen. In der Sakristei hatte ich an diesem Abend noch ein kleines, tief ergreifendes Erlebnis. Die zwei kleinen Juden standen da, der 11jährige Heinrich, ein polnischer Jude, und der 13jährige, ein kleiner Slowake, und beide weinten, dieses Mal aber vor lauter Freude und Glück. Sie erzählten mir. Beide hatten Eltern und sämtliche Geschwister in Auschwitz verloren, waren also ganz allein auf der Welt. Der 13jährige, bereits fünf Jahre im Lager, der 11jährige eingesetzt zur Aufräumungsarbeit auf dem bombardierten Flugplatz München- Schleißheim, und ich werde nie vergessen, wie der 11jährige mit glückhaftem Stimmchen immer wieder sagte:„ Und nun hat mir der liebe Gott doch geholfen!" Am andern Morgen war ich beim ersten Dämmern wach. Ich richtete mich auf, hockte mich auf der Bank hin, zog die Decke eng um mich und schaute in die dunkle Kirche hinein. Ich hatte ein unnennbares Glücksgefühl. Nach den Erschöpfungen der letzten Tage, nach dem furchtbaren Todesgrauen der letzten Tage und Wochen, nach der Unsicherheit, was mit uns geschehen würde, ja, nach der gewissen Todesaussicht, die doch noch während des gestrigen Tages vor uns gestanden, war es nun auf einmal, als wenn alles dahingeschmolzen wäre und versänke, als ob es schon garnicht mehr wahr wäre. Ich konnte immer wieder nur das Eine denken: frei, daheim. Daheim im wirklichen Sinne, bei Vater und Mutter, denn dort vorne im Tabernakel war ja Gott und langsam, langsam grüßte mich in dem Licht des heraufziehenden Morgens von allen Seiten das Bild der lieben Muttergottes: dort der 162 ein hr 5e- ein 1en ‚ol- lo- iter ten 'eT- 13- ige al- ich ern der ute nn- ven 5° uen. 1eT- der geschmückte Altar der Maienkönigin; dort das Bild der Immaculata; dort im Fenster aufglühend von dem ersten Licht des Tages das Bild der Rosenkranz- königin. Ich habe nichts gebetet an diesem Morgen, sondern war einfach in einer seltsam ruhigen Weise glücklich. Ich meine, seit diesem Augenblick einen Vorgeschmack davon zu haben, wie das ist, wenn das Gewand unserer Zeitlichkeit von uns abfällt. Die letzte Strophe meines Gedichtes war in wunder- samer Weise Wirklichkeit geworden: „Welt, Schuld und Leid und Zeit versinkt, Des Raumes Kerker: vorbei, vorbei! Und die Seele ein seliges Wissen trinkt, Daß hier, erst hier die Heimat sei. Dann bin ich frei!“ Die Kirche war eine schöne Barock-Kirche, wie sie in Oberbayern ja so häufig sind. Ihr Gold und Far- benschmuck war nach der fürchterlichen Eintönig- keit und Farblosigkeit des Moorlagers Dachau wirk- lich für uns wie ein Bild des Himmels. Bereits früh, um 6 Uhr, las P. Stumpf die hl. Messe, wir andern kommunizierten. Bald war auch die Kirche von Gläubigen angefüllt. Der Pfarrer hielt eine kleine Ansprache, erklärte den Leuten, wer diese schmutzigen, verwahrlosten, unrasierten und unge- pflegten Gestalten da vorne seien, und sichtlich tief gepackt und zu Tränen ergriffen bat er die Leute, mitzuhelfen, uns in gute Pflege zu nehmen. Das haben die Leute denn auch an den nachfolgenden Tagen reich und überreich getan. Ich sah, wie die beiden Judenbüblein, die zunächst noch lange, sehr lange geschlafen hatten, später auf den Bänken kauerten, die Händchen gefaltet und mit einer An- dacht, die ihresgleichen sucht, den heiligen Hand- lungen folgten. Sie hatten das innere Bedürfnis, Gott für ihre wunderbare Errettung zu danken. Und danach wurden wir geteilt. Die Hälfte zog ins Pfarrhaus, die andere Hälfte richtete sich in der Sakristei ein. Da brannte schon ein helles Feuer- 163 chen, denn immer noch lag draußen Schnee. Wir konnten endlich unsere Sachen trocknen. Bald kamen Milch, Lebensmittel aller Art. Wir aßen das Fleisch, frischgebackenes Brot und tranken zum ersten Mal nach vielen Jahren Vollmilch, warme Vollmilch- das Dümmste allerdings, was wir in dem Augenblick tun konnten. Die Folgen sollten sich nur allzubald zeigen. Und dann wurden wir langsam zu einzelnen Familien gebracht, die sich darum beworben hatten, einen Priester oder auch zwei aufzunehmen. Inzwischen hatte die SS die 8000 Gefangenen einfach im Wald sich selbst überlassen und war in dieser Nacht eiligst geflohen. Am Morgen des folgenden Tages kamen dann die ersten Amerikaner durch das Dorf. Wir waren durch sie befreit. Für das Dorf bedeutete es freilich eine ungeheure Belastung, auf einmal von 8000 Häftlingen, ausgehungerten Gestalten, von denen die meisten bereits eine Hungerruhr hatten, Russen und Juden, überschwemmt zu werden. So konnte auch garnicht ausbleiben, daß unerquickliche Verhältnisse für das Dorf heraufbeschworen wurden. Aber daran waren ja schließlich nicht die Häftlinge schuld. Fünf Tage später wurden alle Gefangenen mit Ausnahme der Priester von den Amerikanern zusammengezogen und in der SS- Junker- Schule in Bad Tölz untergebracht. - - Für uns Priester begann bei allem Glück eine böse Zeit: denn am nächsten Morgen waren wir alle ohne Ausnahme von einem ruhrartigen Durchfall ergriffen. Die Ursache war wohl bei allen eine schwere Unterleibserkältung, Darmkatarrh. n D W W AABB □> 6 n V T b a S 19 e d n k g u I P N Z f e p U fa SO SO Magen- und m W in G ha P. Provinzial und ich waren. bei einem Gestütsbesitzer Schnellinger aus München, der hier draußen sein Landgut hatte, untergebracht, im klei164 Ire Fr ts eT- IS- jas ıge me er ölz ine wir sen jen ınd ‚jet lei- nen Hauserdörfel— etwa eine halbe Stunde vom Dorf Waakirchen dem Tegernsee zu gelegen. Wir waren hier auf das freundlichste aufgenommen worden. P. Provinzial lag gleich drei Tage wie ein nasser Sack im Bett und hörte und sah kaum etwas von den Geschehnissen ringsum. Ich hielt mich zwei Tage noch ziemlich gut aufrecht. Der P. Provinzial berichtete später, daß ich an diesem ersten Abend, als wir zu Bett gingen, folgendes laute Selbstge- spräch gehalten habe: „Ein Bett, ein richtiges Bett, ein weiches Bett, sogar ein sehr weiches Bett. Ich kann mich nach rechts drehen, ich stoße an keinen andern; ich kann mich nach links drehen, es drückt mich nirgends; ich kann mich nach rechts drehen, es drückt mich nir- gends. Ich kann mich quer legen, wenn ich will, und keine Laus und kein Floh. Ein wirkliches Bett!“ ‚ Ich selbst weiß, daß ich in der ersten Nacht den P. Provinzial immer wieder auf den draußen rau- schenden Regen aufmerksam machte. ‚Nun stellen Sie sich vor, wir lägen noch alle draußen im Wald, im strömenden Regen!“ Nach zwei Tagen lag ich auch auf der Nase und dann gleich so gründlich, daß ich zwei Tage und zwei Nächte alle halbe Stunde hinaus mußte. Wir fasteten radikal, sehr zum Leidwesen der Leute, die uns zu gerne mit allem Guten gepflegt hätten. Als es mir dann nach drei Tagen etwas besser ging, packte es den P. Provinzial aufs neue sehr schwer. Unangenehm war uns, daß wir den Leuten zur Last fallen mußten. Unsere Wäsche war so entsetzlich schmutzig. Sie mußte gewaschen werden. Sehr er- schrocken war ich, als ich am dritten Tage Läuse bei mir entdeckte. Jetzt wurde ich besorgt: Wer weiß, ob wir nicht evtl. den Leuten den Ruhr-Typhus noch ins Haus schleppen?! Zunächst hielt ich auf das Genaueste wieder wie in Dachau dreimal gewissen- haft Lauskontrolle. Dann drängte ich, daß wir zu 165 einem Arzt gingen, um Sicherheit zu bekommen. Das konnten wir nach etwa einer Woche, und der Arzt konstatierte bei uns eine Blutruhr, jedoch nicht ansteckender Art. Das beruhigte uns, und langsam, langsam mit allen möglichen Dingen aufgepäppelt, ging es uns besser. Beim P. Provinzial allerdings immer wieder mit Rückfällen. Und nun richteten sich unsere Gedanken heim wärts. Aber vorläufig sah es noch nicht so aus, als ob wir bald nach Hause könnten. Alle Brücken im Umkreis gesprengt, die Bahn völlig lahmgelegt, es sah nicht so aus, als ob wir vor Wochen oder Monaten weiter könnten. Am ersten Sonntag sprach P. Stumpf in der Maiandacht zu den Leuten von Waakirchen. Am Himmelfahrtsmorgen predigte ich und nachmittags in der Maiandacht sprach P. Provinzial. Die Kirche war jeweils sehr voll. Die Leute nahmen sichtlich Anteil an unserem Schicksal. Dann gingen die Tage für uns ruhig dahin und die Sehnsucht nach Hause wurde immer größer. Es kam der Pfingsttag, am Pfingstnachmittag predigte ich in der Maiandacht. Am Tag vorher war es P. Provinzial wieder ganz elend zu Mute. Er hatte ständig Ohnmachtsanfälle, lag den ganzen Tag zu Bett, konnte garnichts zu sich nehmen und war anscheinend auch etwas gedrückt. Am Pfingsttag erklärte er: ,, Heute geht es mir zum ersten Mal besser." Am Nachmittag, als ich von der Predigt heimkam, brachte ich die Nachricht, mit, es könne in der nächsten Woche möglich sein, daß wir mit einem Kohlentransport nach Freising gelangten, oder wenigstens in die Nähe von Freising. hatten dieses als erstes Hoffnungszeichen betrachtet wie auch all die und waren mit den Hühnern andern Tage, zu Bett gegangen. Das Bett war ja noch immer unser großes Erlebnis. - - a F E ESF F " S to V li W e 166 en. der cht am, elt, ngs wir Jmsah ten Jaiimin che lich Cage ause am cht. ganz Fälle, sich Fickt. zum der t, es wir gten, Wir chtet die war Es war bereits dunkel geworden, als wir unten ein Stimmengewirr hörten, dann kam sehr aufgeregt Frau Schnellinger zu uns herauf und sagte: ,, Hochwürden, Sie müssen noch einmal aufstehen, Sie sollen heute schon weg, unten ist der Pfarrkurator von Waakirchen und noch ein Herr." Wir wurden aus ihrem Reden nicht sehr klug und ich sage beim Anziehen zum P. Provinzial: ,, Du lieber Himmel, das sieht ja gerade so aus, als ob wir wieder verhaftet werden sollten" und ich habe das Wort eben ausgesprochen, da tritt langsam, mit einem strahlenden Lächeln mein Mitschüler und Kursgenosse, Mitgefangener aus dem Klapperfeldgefängnis und Rektor des Limburger Hauses P. Dr. Bange durch die Tür ein. P. Provinzial sitzt auf dem Bettrand, als sei er Lots Weib, und ich nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt sage: ,, Den Heiligen Geist in eigener Person hätte ich jetzt eher erwartet als Dich!" Im Nu waren wir in die allergrößte Aufregung versetzt; denn wir wußten sofort, was das bedeutete. P. Bange stand draußen auf der Landstraße mit einem Autobus, um uns heimzuholen. In 10 Minuten waren wir reisefertig. Bedankten uns aufs herzlichste bei der Familie, die wir möglichst bald wieder zu besuchen versprachen, und dann begann die abenteuerliche Heimfahrt. Am Freitag vor Pfingsten war es P. Bange nach langen Verhandlungen gelungen, von der Stadt Limburg einen Autobus freizubekommen mit dem nötigen Benzin, um Priester von Dachau heimzuholen. Die Militärbehörde hatte bereitwilligst einen Paẞ ausgestellt und er fuhr nun nach Freising, weil er meinte, den Großteil von uns dort anzutreffen. In Freising erlebte er eine traurige Überraschung. Er traf als einzigen Br. Morper, und keiner wußte, 167 wo die anderen waren. Weiterfahrt nach Dachau. Dort erfährt er, daß drei: P. Fischer, P. Gerharz und Br. Edel sich noch im Lager befinden, daß über dem Lager von seiten der Amerikaner Seuchen-Quaran- täne verhängt sei und die anderen: P. Provinzial und ich, unbekannten Ziels verschleppt seien. Vom Pfarr- herrn von Dachau geleitet, wendet er sich an den Jesuitenpater Pies in Pullach. Der kann ihm die Wegrichtung unseres Weges bezeichnen und den ver- mutlichen Ort, wo wir stecken. P. Bange fährt mit seinem leeren Autobus ab, kommt nach Waakirchen, erfährt dort, daß wir im Hauserdörfel wohnen, und hat uns am Pfingstabend gefunden. Wir fahren weiter nach Tegernsee, laden dort unseren P. Meißner auf, der als Sanitäter dort im Lager ist, werden aber in dieser Nacht höflich von Amerikanern arretiert und in einem Kranken- haus untergebracht. Im Luftschutzkeller bereitet man uns Nachtlager und dort schlafen wir, d.h. wir sollen schlafen, die Erregung läßt mich nicht schlafen. Keine Sekunde in dieser Nacht kann ich die Augen zutun. Lange muß mir P. Bange alles von daheim berichten. Wir erfahren, daß die Hei- mat in Limburg unversehrt den Krieg überstanden, daß Schönstatt ganz und unversehrt ist“ Von den Verwandten weiß er nichts zu berichten. Am Morgen können wir abfahren und sammeln etwa zehn weitere Priester aus der Umgebung auf, dann geht es nach Rottmannshöhe, wo wir gast- freundlich bewirtet werden. Wir nehmen wieder etwa vierzehn Priesterunterwegsauf. In Pullach über- nachten diese, während wir noch an diesem Tage nach Dachau weiterfahren. Dort treffen wir beim Pfarrer die drei, die am Morgen durch einen Milch- wagen, unter Decken versteckt, aus dem Lager her- ausgeschmuggelt worden waren. Dann geht es nach Freising weiter und wir treffen dort die ersten Mitbrüder. Bis spät in die 168 % hau. und Hem anund arrden die wermit men, und dort Hort lich eneitet d. h. icht ich alles Heiden, den meln auf, gasteder berTage beim ilchherwir die Nacht eifrigster und freudigster Gedankenaustausch. Hier werde ich aus meiner Lagerkleidung befreit und durch die Güte einer Dame wieder in priesterliches Schwarz eingekleidet. Am nächsten Morgen gilt es eine große Sorge zu lösen. Durch die Mehrfahrten ist der Benzin zur Neige gegangen. P. Bange bemüht sich, bei den Amerikanern Gasolin zu bekommen. Es wird ihm auch versprochen, aber wir warten stundenlang. Schon ist unsere Hoffnung auf den Nullpunkt angekommen. Wir wollen abfahren, da trifft auf einmal ein Priester, der sieben Jahre in Dachau gesessen hatte, aus der Umgegend ein, er stammt aus Dietkirchen bei Limburg. Große Freude, nun können wir ihn mit nach Hause nehmen. Wir sagen uns: ,, Jetzt wissen wir, warum wir warten mußten." Ein wenig später bekommen wir den ersten Kanister geschenkt und kurze Zeit darauf noch einmal zwei Kanister. In großer Freude, aber auch in großer Eile saust nun unser Autobus um die Platzecke; auf einmal schreien wir alle hell auf, alles winkt, denn draußen schreitet gerade der Herr Kardinal Michael von Faulhaber vorbei. Er winkt freudig zurück. Wir können aber den Autobus nicht so schnell zum Stehen bringen. Er ist inzwischen in ein Haus eingetreten. Einer von uns springt hinter ihm her und dann sehen wir den Kardinal mit ausgebreiteten Armen wieder aus dem Hause kommen. Er geht quer über die Straße auf uns zu und kommt in unseren Autobus. In überströmender Liebe und Freude begrüßt er jeden Einzelnen von uns. Wir küssen ihm den Ring. Er fragt nach unserem Schicksal, beglückwünscht uns, freut sich mit uns, daß es nun in die Heimat geht, drückt uns aber- und abermals die Hand und gibt uns zum Schluß seinen bischöflichen Segen. Ein Erlebnis, das wir nie vergessen werden. Am wenigsten wird es der Chauffeur vergessen, der in seinem Leben noch nie einen Kardinal 169 sah und gleich dreimal von ihm die Hand bekam. Er war erschüttert. In bester Stimmung geht es nun nach Pullach, wo wir die restlichen Priester aufladen. Aber noch sind wir nicht alle zusammen. Es muß ein weiter Umweg gemacht werden. Wir fahren nach Wald- see ins Württembergische. Die Nacht vorher war fast ganz im Gespräch mit den Mitbrüdern vergangen. Diese Nacht wollen wir durchfahren, denn tagsüber hatten wir verschiedene Pannen. Es ist also die dritte Nacht, in der wir nicht schlafen können. Wir kommen gegen 3 Uhr in Waldsee an. Bis wir den Pfarrer gefunden und ge- weckt haben ist es nahezu 5 Uhr geworden. Sofort beginnen wir mit der Zelebration in der wunder- baren Waldseer Barock-Kirche. Inzwischen stöbert P. Bange Fräulein Warth auf: die ‚„Schönstätter- Generalvikarin‘“.— Diesen Namen hat sie von uns Dachauern bekommen wegen ihrer unermüdlichen Sorge für uns.— Sie hatte schon vorher für eine ganze Reihe entlassener Dachauer-Priester gesorgt. Nun holt sie uns nach der Messe alle 30 zusammen in ihr Haus und bringt das. Kunststück fertig, allen ein Bett oder ein Sofa, oder irgendeine Ruhestätte zu besorgen. So können die zum Teil gänzlich er- schöpften älteren Herren doch wenigstens ein paar Stunden ruhen, denn P. Bange, der Unermüdliche, befindet sich schon mit dem Autobus auf dem Weg zum Bodensee, um auch die letzten noch Außen- stehenden, P. Allebrod und P. Friedrich heimzu- holen. Da aber. Fräulein Warth, die uns in den vergange- nen Jahren in Dachau durch ständige Paketsendun- gen betreut hat und der wir also zu größtem Dank verpflichtet sind, von Dachau hören will, so verkneife — da es doch einer tun muß— ich mir den Schlaf und erzähle, weiß aber noch genau, daß ich, ent- setzlich müde, wie ein Automat gesprochen habe, als ob das Ganze gar nicht wirklich wäre. 170 es| In Sch uns Pfi hol De abe Bei sch fen sah Zer Abi sch dar Par wei = Um 2 Uhr etwa können wir abfahren und nun geht h es über die Rauhe Alp. ch In Ennabeuren wollen wir den grandiosen ter Schlußpunkt unserer Heimholung setzen, indem wir d- P. Kentenich aufnehmen. Da erfahren wir zu unserer heimlichen Enttäuschung, daß auch ihn am Er Pfingsttag P. Menningen mit einem Wagen abge- vir holt hat. ne Der Zwischenfälle waren auf der Reise unzählige, "ht aber immer wurde uns sofort geholfen. 270 Liter in Benzin erhielten wir von deutschen und amerikani- Je. schen Behörden. Fuhren wir platt, platzte ein Rei- “ fen, war auch immer eine Hilfe in der Nähe. Wir er- sahen die Sorge der Gottesmutter über uns sichtbar. ort Zerstörte Brücken zwangen uns zu vielen Umwegen. ar Aber wir fuhren die ganze Nacht durch, die vierte uns schlaflose, und waren am Morgen in Frankfurt, und en dann ging es über Königstein, wo wir unsere letzte = Panne hatten. Wir mußten mit einem platten Rad gt. weiter nach Limburg fahren. en Bonmmerstaesmach Pfingsten len trafen wirim Mutterhausein. ie Der Empfang war wunderbar. Jar Am darauffolgenden Sonntag schloß unsere Reise ® mit einem feierlichen Dankamtin unserer u Marienkirche. Ich hielt die Predigt und in der E> Dankandacht am Nachmittag sprach wiederum P. = Provinzial. An diesem Sonntag war ich auch in =| meine Pfarrei Eschhofen gefahren und wurde in einem unbeschreiblich freudigen und herzlichen Pr Empfang, bei dem die Pfarrei aus mir einen voll- a ständigen Narren machte, begrüßt. ei Das ganze Dorf war auf den Beinen, und als ich dem laf Wagen entstieg, nahmen mich die Jungmänner in er die Mitte und führten mich der Kirche zu. Die Freude als des Wiedersehens war so groß und ungeheuchelt, daß I mir bei der Begrüßung die Stimme versagte. Ich u: erfuhr, wie Tag für Tag für mich gebetet worden war. Wie sehr Leid miteinander verbindet, das faßte eine Frau in dem kurzen Wort zusammen:„Früher waren Sie Pater Poieß, jetzt sind Sie unser Pater“. Und in der Kirche sah ich Frau Gustel wieder. Sie weinte. Dann hielt ich das Dankamt. Undichfragenun: Habe ich nach allem das Recht an dem Satz zu zweifeln, der mich von Kindheit an begleitet hat, und der so eigentlich unsere Schönstätter Parole ist: MATER HABEBIT CURAM? den Bte her er". Sie zu mat, 此 过 ist: Der Verfasser wurde am 12. 1. 1904 in Herne in Westfalen geboren. Er trat 1925 in die Gesellschaft vom Katholischen Apostolat Vinzenz Pallottis ein. 1931 zum Priester geweiht, widmete er sich der Jugenderziehung und der Lehrtätigkeit im Studienheim Schönstatt, Vallendar/ Rh. Als dieses 1938 vom nazistischen Regime zwangsweise geschlossen wurde, erhielt er einen Ruf an die Theologische Hochschule Limburg. Seit seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Dachau hat er an der gleichen, inzwischen nach Schönstatt verlegten Hochschule den Lehrstuhl für Homiletik und Katechetik inne. Golour& Grey Control Chart e Blue Cyan Green vellow Hed Magenta White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black