Meiner Frau und Mitgefangenen MARIE SCHULTZE- PFAELZER GEB. VON KLEIST zu ihrem ersten Geburtstag in der neuen Freiheit Geschrieben: Juni 1945 bis Mai 1946 in BAYREUTH und BERLIN Rote Roben am Potsdamer Platz ,, Achtung! Terminer Fahne ziehn- Terminer fertigmachen zum Hausvater!" Eine blecherne Ausruferstimme kreischt draußen diesen Befehl. Wer aber noch nicht gelernter Knastologe ist, wird ihn nicht verstehen. Was ist ein Knastologe? Ein Mensch, der schon seit längerer Zeit Knast schiebt, nämlich im Gefängnis sitzt. Und ein Terminer ist ein Untersuchungsgefangener an dem Tage, da er sich endlich vor seinen Richtern verantworten muß. Wer sind meine Richter? Wer bricht über mich den blutigen Stab? Mein Sehnerv flimmert. Mich höhnt eine richterliche Götzenfratze, die ausgerichteten Eisenstacheln sind seine Zähne. In meinen Ohren saust Gebrüll: Im Anfang war der Unsinn, und der Unsinn wurde wie Gott, und Gott war der Terror. Wir befinden uns im ,, Zellengefängnis Lehrter Straße", in einer der ältesten und finstersten Haftanstalten Berlins. Wer die weitschweifigen Bauglieder mit ihren halbzerstörten Zinnen und umkragten Türmen aus einiger Entfernung betrachtet, glaubt eine normannische Zwingburg an wüstem Felsengestade vor sich zu haben, die soeben von Sarazenen gestürmt wurde. Aber es ist nur eine Hochburg des Unrats, und eine der tausend Ratten bin ich. Heute bin ich endlich Terminer, und darum darf ich die Fahne ziehen, genauer gesagt, an der Drahtschlinge neben meiner Zellentür reißen. Draußen auf der anderen Wandseite wird nun gleich ein schwarzweiß gekreuztes Flaggenschild aus dem Mauerwerk fliegen. So melden die Gefangenen ihren Kerkermeistern, daß sie noch nicht als Freiwild verendet sind. Es ist zwischen fünf und sechs Uhr morgens; wir würden, wenn wir schreiben dürften, den 3. Juli 1944 schreiben. Vor dem Gitterfenster bereitet sich ein klarer Sommertag vor; das Frühlicht übergießt die brandigen Backsteinruinen im Hof mit einem fahlen Hauch von verwesendem Purpur. Hocken da nicht auf den Zinnen scharlachkranke Kinder?- 7 - Macht nichts ich will jetzt guter Dinge sein, ich bin heute nicht gefesselt, ich kann die Arme recken, ich sage Ja zum Leben, ich fühle mich erhoben, als gelte es wirklich, eine Fahne zu ziehen, zu hissen. In meiner Flagge blühen die Rosen und alle Regenbogenfarben des Geistes. Ich ahne eine letzte Metamorphose. Gewiß, ich soll heute zum Tode verurteilt werden. Aber zum Tode verurteilt, ist noch nicht hingerichtet. Und der Tod ist vielleicht nur das Tor zum ewigen Garten des Lebens, und das Fallbeil soll der Schlüssel sein. Jedenfalls werde ich heute endlich wieder im hohen Bann der Gestirne stehen. Und ich darf so tun, als ob mein Schicksal in meinen Händen läge. Ich werde reden, ich werde der sein, der ich bin. Wie herrlich, mit den Armen frei durch die Luft zu fahren, als hätte ich Flügel wie der Morgenwind. Jede innere Bewegung durch das Spiel der Hände unterstützen zu können, erhebt uns zu Propheten. Ohne Handschellen ist der Mensch ein gottähnliches Individuum. Und dann soll ich heute auch wieder meiner lieben Frau ganz nahe sein. Zum letztenmal begegneten wir uns leibhaftig vor fast vier Monaten beim Untersuchungsrichter. Der wagte noch alter Kavalier zu sein und nannte sie ,, gnädigste Frau", er wollte sie bis zum Hauptverfahren aus der Haft entlassen, denn sie war schon zwanzig Winterwochen in dem Massenpferch am Alexanderplatz verschrumpft und eingefroren. Die Gestapo verschleppte sie aber nach Ravensbrück ins Lager, bis der rote Haftbefehl des Volksgerichtshofs da war. Ja, dieser Ermittlungsrichter besaß noch Bonhomie; er verlor sich in das Geständnis, vor fünfzehn Jahren als Student aus meinen Leitartikeln seine ersten politischen Vorurteile bezogen zu haben. Solche Scherzos haben wir heute nicht zu erwarten, denn wir kommen vor das Blutgericht der Diktatur. Schadet nichts, ich bin heute für Leben und Lebenlassen. Ich schenke heute sogar den Wanzen an meiner Bettwand das Leben, unter denen ich sonst in der Morgenstunde ein fleckenreiches Blutbad anzurichten pflege. Dafür schäumt das Heil der Hygiene, ich wasche mich mit Genuß und Geräusch in meinem Blechnäpfchen, und ich würde mich auch ohne Spiegel tadellos frisieren, hätte man mich nicht neulich kahl wie einen Affenhintern geschoren. 8 Also nun zum Hausvater, mögen heute die Kalfaktoren allein bei mir kübeln. Gefangene, die den Hausdienst verrichten, heißen hinter Kerkermauern seit altersher Kalfaktoren, und das Kübeln, der An- und Abtransport der unvermeidlichen Behälter, ist die vornehmste Aufgabe dieser Symphoniker der Fäkalien. Hingegen ist die sogenannte Hausvaterei trotz des traulichen Namens eine Erfindung des Teufels. Das sind zwar nur die Kleider- und Wäschekammern, aber unerklärlicherweise begegnet man überall der Gefängnistradition, die rüdesten Wachtmeisterfiguren zu Hausvätern zu machen. Angeblich sind das die energischen Männer, aber das scheint nur so, weil in der Sphäre der deutschen Unteroffiziere Tobsucht für Energie gehalten wird. Da der Umgang mit alten Kleidern den innern Menschen schäbig und rissig macht, ergeben sich die meisten Hausväter dem Suff, der ihre tiefsten Niederträchtigkeiten freilegt. Als ich am Sonnabend, dem 1. April, von den geheimen Bütteln in der ,, Lehrter Straße" ausgeladen wurde, hatte es dort gerade den Osterschnaps gegeben, und die beiden Hausväter torkelten schon mittags wie Kinder, die eben laufen lernen. Beim Filzen( knastologisch für Leibesvisitation) kam ein Bild meiner Tochter zum Vorschein; der Hausvater, von einer Spritwolke beschwingt, zerriß es mit den gemütvoll gelallten Worten: ,, Da bringt der Halunke auch gleich seine Nutte mit." Das nebenbei. Am heutigen Morgen klettre ich nun als Terminer an den gußeisernen Galerien die drei Stockwerke zur Hausvaterei hinab und finde den Vater vom Dienst noch nüchtern. Aber er ist doch wenigstens schlecht ausgeschlafen und ärgert sich über die neue Bügelfalte in der Festhose für den Tag meines Totentanzes. Daher räsoniert er, sie würden mir bald den ,, Bräjen büjeln". Gott, wie groß ist dein Reich! Über mir erschimmert die ganze vierstöckige menschliche Menagerie mit ihren dreihundert Käfigtüren im Milchschein der vollmondsgroßen weißen Lampenkugeln wie ein geheimnisvoller Nebeltag der Schöpfung. - Dann werde ich in einen Leerraum gestoßen, wo sich die Terminer zum Transport zu sammeln haben. Mein Nebenmann stellt sich mit dem Gesicht zur Wand statt zur Tür. Als ich ihn zurechtweise, brummt er mich an: ,, Aber Mann, ich bin doch blind." Richtig, seine Augen wirken auch völlig erloschen. 9 ,, Und trotz der Blindheit Untersuchungshaft?" frage ich teilnehmend. ,, Neun Monate schon", erzählt er in der hastigen Mitteilsamkeit der Gefangenschaft. ,, Aber heute werde ich freigesprochen. Meine Mutter meint, ganz bestimmt. Weißte, weil ich blind bin, wollte ich gern ein Radio haben. Abends ist es so blöde, wenn man nicht kieken kann. Aber ich verdiene nicht viel. Da fand ich im Pappkasten meiner Zerreißmaschinen- zwei Papiere, die faßten sich wie große Geldscheine an. Mein Kamerad sagte mir, das seien Reichskreditkassenscheine, und jeder Schein sei hundert Mark wert. Und da habe ich, weißt du, mit den zweihundert Mark mein Radio bezahlen wollen, aber der Kerl an der Kasse fragt, wo ich die Scheine herhabe, und läßt die Polizei kommen. Und deswegen bin ich hier, aber heute werde ich freigesprochen, das meinst du doch auch?" ,, Armer Kerl", flüstre ich zurück. ,, Tust mir mächtig leid. Aber freisprechen werden sie dich nicht. Unterschlagung kann sich kein Staat gefallen lassen." - ,, Also bist du ein Nazi", sagt er bitter enttäuscht. " Ganz im Gegenteil", versichere ich mit leichtem Seufzer. ,, Auf meiner Spinnkarte"( knastologisch für Gefangenenausweis) ,, steht das große H. mit Punkten dahinter. Das heißt Hochverrat zu mehreren, Hochverrat als Verschwörungsdelikt. Wir kommen heute vors Volksgericht." ,, Au Backe", er rückt erschrocken ein Stückchen von mir ab. ,, Warum machste auch solche Zicken! Hochverrat, so was könnte mir nu gar nich passieren. Aber wenn du mir nicht mal das bißchen Freiheit gönnst, dann brauchen sie mit dir auch kein Mitleid zu haben." Ich ziehe trübe die Schultern hoch. ,, Ein trauriges Mißverständnis. Ich wünsche dir zwar nicht den Freispruch, aber ich gönne dir die Freiheit. Leider willst du mich wohl nicht verstehen." ,, Nein", sagt er böse ,,, ich will dich nicht verstehen, dich schon gar nicht. Sei mal erst blind, dann quatschst du nicht so." Der Tag wird schwül, das Gespräch bedrückt mich. Habe ich herzlos geredet? Schon würge ich an einem andren Mißgeschick. Vor einigen Wochen wurde mein Anwalt durch Bombensplitter und Phosphorbrand verletzt; er hat das Gericht vergeblich um Aufschub des Termins bis zu seiner Genesung gebeten. Gestern schickte man mir einen anderen Verteidiger, einen sehr gelehrten und sehr 10 1 г nervösen Herrn, der sich auch noch für einen totalen Nazi hält, obwohl er seiner biologischen Artung nach das Gegenteil ist. Er spintisierte über politischen Verrat und deklamierte den großen Monolog aus Schillers Wallenstein: ,, Wär's möglich, könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte, nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßte die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht-" Als Erkenntnistheoretiker und Geschichtsphilosoph mag dieser Rechtsanwalt mit dem doppelten Doktortitel auf zwiefachem Gipfel stehen, an seine Talente in der forensischen Praxis vermag ich nicht recht zu glauben. Wallensteins Ende ist für mich keineswegs ermutigend, und auf die Ehre des Vergleichs mit dem interessantesten Hochverräter der deutschen Geschichte lege ich im Augenblick keinen Wert. Wallenstein wurde auf Grund eines illegalen Todesurteils ermordet; der Volksgerichtshof mordet legal, der Unterschied ist nicht groß, und es kommt auf dasselbe hinaus. Die Kalfaktoren rasseln mit Kessel und Kelle. Auf das graue, laue Kaffeewasser verzichte ich, es macht stumpfsinnig und belastet die Blase. Als Terminer bekommen wir heute außer der trockenen Morgenkuhle zwei Doppelkuhlen mit Margarine, sie bilden die tröstende Stärkung am Tag des Gerichts. Ich spüre plötzlich Heißhunger und schlinge alle Kuhlen hintereinander herunter, ich möchte noch viel mehr davon herunterwürgen. Es ist eine dunkle, müde Gier, die in mir mechanische Kau- und Verdauungslust erzeugt; die übrigen Teile meiner Person sind daran kaum beteiligt. Vor den Tortrümmern der verwüsteten Zwingburg wartet schon die ,, grüne Minna", eine schwere motorisierte Minna mit mehreren größeren und kleineren Gitterboxen. Das Volksgericht in der Bellevuestraße ist immer das letzte Fahrziel der ,, grünen Minna"; von der Lehrter Straße sind heute nur zwei Mann vors Volksgericht geladen, mein Tatgenosse Klaus von S. und ich. Leider haben sie Klaus, dessen hohe Gestalt ein paar Meter vor mir einherstelzte, gleich in einen Solo- Käfig neben dem Kraftfahrer gesperrt, wir konnten uns nicht einmal durch Blicke verständigen. In meinem Verschlage, den zwei Sitzbretter durchziehen, wird gelacht und gelästert; in der verdickten Luft ringeln sich die Gemütsbewegungen wie langsame Staubwellen- Ah, die letzte dort, die beim Halten in Moabit in die Ecke 11 gestoßen wurde, müßte doch meine Frau sein. Sie ist es! Ich sehe ein aschgraues, gedunsenes Gesicht mit vorquellenden Augen, sie scheint in diesen Monaten um zwanzig Jahre gealtert zu sein. Ihre frischen Farben sind bis auf die letzte Spur von der Not zerwaschen, ihre Schultern hängen schmal und schlaff, sie kommt ja aus der berüchtigten ,, Frauenmühle", dem Konzentrationslager Ravensbrück im Mecklenburgischen. Ich wage nicht, sie anzurufen, wo sollten meine Gedanken bei ihr anfangen, ich liege in ängstlichem Bann. Sie hat mich erkannt. Aber auch sie scheint über meine Erscheinung befremdet, ich fürchte, ihr kommt mein Kopf um die Hälfte verkleinert vor. - Nur ein paar krause Tränen quellen unter ihren langen Augenwimpern. Sie ist ganz in Schwarz, in beinahe vorschriftsmäßiger Trauertoilette. Ich glaube, früher hätte sie zu diesem Kostüm eine weiße Rose getragen. Mit schwarz behandschuhten Fingern bastelt sie aus einer Tasche ihre Moabiter Mittagskuhlen und wirft mir quer durch den schlenkernden Käfig die Brotstücke zu. Ich nehme sie ohne Dank in fahriger Freude, verspüre schon wieder Heißhunger und beginne sogleich in dumpfer Gier an dem Brot zu kauen und zu schlingen. - - ein Ja, so unberechenbar benimmt sich der Mensch psychologischer Romanschreiber würde mir wohl in meiner Situation alles andere andichten, nur nicht stupide Freẞlust. Wir biegen in die Tiergartenstraße, die verlassenen Millionärsvillen starren als protzige Ruinen in die unbarmherzige Julisonne. In den Vorgärten recken sich die Leuchtkuppeln der Hortensien grell oder sanft über Gipsschutt und Sandsteinsplitter. Die feuchte Blätterhaut des Tiergartens wird von gelben Bombentrichtern vereitert. Zerknüllte Fußgänger schauen einen Augenblick forschend der sausenden Plumpheit unserer ,, grünen Minna" nach; sie mögen wohl denken: was für eine geheime Fracht haben die Nazis da schon wieder geladen? Von beschädigten Heldenbrüsten blinkt das Parteiemaille, das bunte Tarnungspflaster für alles. Diese geduckten Parteimannen auf den verunstalteten Straßen scheinen verzweifelt zu fragen: Was werden die Nazis schon wieder machen? obwohl sie selber seit zwölf Jahren Nazis sind. - Ja, ich beobachte scharf und schnell, weil ich monatelang nichts sah als die grauen Wände, auf denen nur die braunen 12 e e 1 Wanzen spazieren liefen. Ach, alle vom Fluch dieser Zeit verworfenen Wesen wollen mir ihre Schattengeschichte erzählen. Die Luft in unseren Reiseboxen wird dick wie Syrup und süßlich wie Gas. Aber da sind wir schon in der ehemals so hochmütigen, jetzt aber ziemlich abgerupften Bellevuestraße. Hundert Schritte vor uns kreischt der kranke Verkehr um den alten Potsdamer Platz. Wir halten in einer schmalen Einfahrt abseits vom Getriebe der Weltstadt. Es ist noch immer früh am Tage, in den Bäumen zwitschern die Vögel so unbekümmert, als ob in Deutschland noch die Naturgesetze gültig wären. Gestapo- Beamte nehmen uns mit schnöslicher Gewandtheit in Empfang. Jovialer Umgang mit Todeskandidaten liegt ihnen sehr. Was, ich soll schon wieder gefesselt werden? Der Beamte lächelt lieblich: ,, Das sind prima Fesseln. Ganz leicht und bequem!" In der Tat, die Fesseln sind prima, ein Spielzeug aus federleichtem Aluminium, sie blinken wie Schmuckstücke. Wie eine kleine schwarze Katze hat sich meine Frau herangeschlichen. ,, Meine Anwältin", tuschelt sie tröstend ,,, meint, es sei noch etwas Hoffnung." Ich denke, du lieber Himmel, das ist ja zu nett, daß es hier auch Anwältinnen gibt. Im ganzen denke ich aber nur sehr oberflächlich, das Geschehen zieht nur wie ein Trickfilm schattenhaft an mir vorüber. Wo sind wir? Wo ist der Palast dieser Mordjustiz? Ach, der Hauptbau, den ich kannte, ist ausgebombt. Das Haus veränderte schon früher häufig seine politische und seine gemauerte Architektur, es war in der Republik zuerst Reichswirtschaftsrat, auch Verfassungsparlament der preußischen Landeskirche, ich habe da früher schon mit Arbeiterräten und Generalsuperintendenten diskutiert. Und dann kam das Volksgericht. Im Jahre 1935 wurde hier unser Freund Herbert Blank, der ahnungsvolle Kenner der Hitlerei, zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er Otto Strasser einen illegalen Brief in die Emigration geschrieben hatte, in dem zu lesen stand, daß die Reichswehr die Entwicklung des Nationalsozialismus mit Mißtrauen betrachte. Meine Frau und ich, wir saßen damals als Zaungäste einer teuflischen Generalprobe auf leerer Tribüne; der Senatspräsident rüffelte mich, weil ich dem Angeklagten zurief: ,, Kopf hoch, Herbert!" ,, Kopf ab!" wird es heute hier heißen. Kopf ab, Gerhard 13 \ und Marie Schultze-Pfaelzer. Das ist nun die berühmte histo- rische Antithese im Lauf der Dinge.. Wenn Herbert Blank nicht inzwischen im Verlies verendet ist, so lebt er noch heute— im Zuchthaus. Und wenn das Schicksal doch die Synthesis liebt, so müßte es eigentlich uns beide noch einmal in Freiheit zusammenführen. Hoffentlich beugt sich der liebe Gott auch einmal unter den Willen der Geschichtsphilosophen. Zurück in den Augenblick. Der Volksgerichtshof residiert jetzt im Hinterhaus, ihm blieben die tiefen Keller und die blutigen Theaterrequisiten, auch die flinken Schreibmaschinen, auf denen manikürte Mädchen die Todesurteile tippen, immer fein und adrett, ohne Fehler und ohne Geruch. Sie stoßen uns in die feuchte Vorhölle eines Kellerlabyrinthes. In dem dunklen Gange kann ich Klaus v. S. erwischen.„Du, weißt du schon‘, fiebert er mir zu,„mein Anwalt sagt, unsere Sache steht oberfaul. In vier Wochen hauen wir durch den Schornstein ab in den Himmel.“ Mich stecken sie mit zwei Männern aus Plötzensee in einen muffig-feuchten Raum zusammen, mit einem sächsischen Schlossermeister, der in Rußland auf Montage war, und einem spanischen Offizier, der gegen den Faschisten Franco kämpfte und in Südfrankreich von der Gestapo verhaftet. wurde. Der Spanier, der außer einigen Kraftausdrücken kein Wort Deutsch versteht, ist tres heureux, mit mir französisch zu sprechen. Man hat ihm noch nie einen Dolmetscher, geschweige denn einen Rechtsanwalt geschickt. Er weiß überhaupt nicht, wo er sich befindet, hat keine Ahnung, daß er sich heute vor dem Volksgerichtshof auf Tod und Leben verteidigen muß. Ich lese mühsam in seiner deutschen Anklageschrift, die sinnlos in seinem Kittel steckt, es sind acht eng beschriebene Schreib- maschinenseiten. Der Oberreichsanwalt hat also fleißig an dem Fall diktiert, doch es scherte ihn nicht, ob dieser Mensch über- haupt sein Verhängnis erfährt. Jawohl, so werden in diesem Deutschland Diktate gemacht. Er ist wegen Landesverrats und Feindbegünstigung ange- klagt, ich übersetze frei:„trahison par travail pour l’ennemi.“ Aber das will er nicht gelten lassen. Pour l’ennemi, pourquoi? Er hat mit einigen Kameraden und demokratischen Gesin- nungsgenossen, die gleich ihm in Frankreich interniert waren, nach Algier in die Reichweite der Weltdemokratie fliehen wollen. Er begreift nicht, warum er sich deswegen vor dem höchsten 14 ne nee. Strafgericht des deutschen Volkes verantworten solle.„Cour supreme de peuple?— Mais non, cour supr&me des Nazi!“ Da klirrt die Eisentür, man kommt mich holen, mein Termin ist aufgerufen. Auf in den Kampf, Torero! Wir schreiten zu dreien hintereinander in der Reihenfolge der Anklage, ich als Hauptattentäter voran, dann meine Frau, zuletzt Klaus v. S. Gestapo-Mannen halten die Spitze und das Ende des Zuges. Wir marschieren über einen langen Gartenhof, hell glänzen die Aluminiumfesseln im Sonnenlicht. Die Rosen blühen, ein paar Nelken duften betäubend in den warmen winddurchhauch- ten Tag. Vor dem Eingang zum Sitzungszimmer stehen in vorgeschrie- bener Entfernung einige wohlbekannte Gestalten, darunter mein Bruder, der parteigebundene Antifaschist und meine treue Sekre- tärin, auch ein paar Bekannte aus unserm Frohnauer Garten- vorort sind da. Ich winke ihnen allen freundlich mit den nied- lichen Armbändern zu; meine alte Mitarbeiterin scheint ein bißchen zu erschrecken, sie hat wohl noch nie einen Menschen gefesselt gesehen, sie war ja immer eine ordentliche Bürgerin. Ich fürchte, die teilnehmenden Trauergäste werden enttäuscht sein, sie können nicht einmal hier uns die letzte Ehre erweisen — das Begräbnis findet ohnehin im Finstern statt. Unser Fall trägt längst das rote Signum„Geheime Reichssache‘‘, da wird auch bei der Verhandlung die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Wir treten ein: Der Sitzungsraum des Ersten Senats ist’auch nur noch Notquartier dieser durchbombten Diktatur. Das riesige rote Tuch mit dem schwarzen Hakengekritzel knallt durch die fensterarme, kahle Stube. Die dunkelbraune Büste des Herrn Hitler mit der Schlawinertolle strömt billige Dämonie. Sie steht da als groteskes Götzenbild, vor dem die Menschen beten, die bösen Willens sind. Mein Anwalt begrüßt mich mit hüstelnder Spannung. „kreisler will persönlich gegen Sie auftreten‘, sagt er nervös- vertraulich, ‚Kennen Sie Freislers Art?— Nun, Freisler liebt die dramatischen Effekte, Sie dürfen sich dadurch nicht ver- blüffen lassen. Herr Freisler pflegt den Vorsitz nur noch dann zu übernehmen, wenn ihm die sensationelle Ausbeute des Falles groß genug erscheint. Sie brauchen einen stürmischen Verlauf nicht ohne weiteres als ungünstig anzusehen. Manchmal ist Freisler— unter uns gesagt— sogar zur Milde geneigt, wenn er mit sich selber sehr zufrieden war.‘ Ja, dieser Freisler! Ein Abenteurer im flotten Mäntelchen 15 des Juristen. Wollte zuerst in der Sowjetunion als betriebsamer Gernegroß sein Glück machen, wurde dort aber bald als Freibeuter ausgeschifft. Versuchte sich dann in Skandalen einen Namen als Rechtsanwalt zu schaffen und badete seine schmierige Seele in den Gossen der Zeit. In der ,, Kampfzeit" der NSDAP wurde er Nazi- Advokat, gefürchtet als eine GoebbelsRevolverschnauze im Kleinkaliber fürs Amtsgericht. Sein Anwaltsbüro wurde bald der Herd für die brenzligen Gründergeschäfte des nationalsozialistischen Juristenbundes. Schweigegelder ließen den Schornstein rauchen. Schließlich explodierte der Brandherd unter mysteriösen Umständen. Sein saubres Brüderchen, das die Erpressungen besorgte, ging dabei hoch. indem es angeblich Selbstmord verübte. In Wahrheit wurde er von Parteikreisen beseitigt, weil er über gewisse Personen zu viel wußte. So fing die Sache richtig an. Als sich der Brandgestank des Skandals verzogen hatte, stieg Roland Freisler als Phönix aus dem Aschenschmutz, wurde bei der ,, Machtübernahme" Staatssekretär und begann mit der ,, großen Justizreform", das heißt mit der Ausrottung aller Rechtssitten. Schließlich konnte man keinen Würdigeren finden, als das Amt des höchsten deutschen Strafrichters, des Chefpräsidenten des Volksgerichtshofes, zu besetzen war. Der ,, rasende Roland" diesen Beinamen hatte er sich längst mit Recht beim Volk erworben fand endlich die Tribüne, wo er seine mimischen Instinkte als Blutdogge austoben konnte. - - Also da steht er, da steht der ,, rasende Roland". Ecce triumphator! Soeben hat er sich in der Tür den Purpurmantel um die gespitzten Schultern gelegt. Er tut, als fröstle es ihn ein wenig, als müsse er Abscheu verbergen, als koste es ihn Überwindung, den Gerichtssaal zu betreten. Wie er die lange, schmale Hand aus der roten Robe zieht, das ist eine fast unnachahmlich graziös- verächtliche Bewegung. Nun streift ein verlorener Sonnenstrahl den diamantenen Solitär an seinem Finger, er sieht einen Augenblick mit erhabener Wehmut auf das Brillantfeuerwerk, um sogleich die saftigen Lippen zu verschließen, wie wenn er sagen wollte: es hilft alles nichts, auch das Gleisnerische verkommt in der Hölle. Satan, hülle dich ein! Nein, noch rast er nicht, noch ist er ganz verhalten und probiert erst im stillen an sich herum. Noch ist sein Gesicht ganz leer, er wird erst später das hagere Gerüst seines Kopfes mit den Attributen dieser und jener Leidenschaft behängen. 16 U 1 i t r T I t e 1 e S Hinter ihm, dem Priester der Gewalt, erscheinen in gemessenen Abständen die Beamten, die Herren Volksgerichtsräte. Ihnen faltet sich die rote Robe durchaus nicht so selbstverständlich um ihre gut sortierten Glieder, sie sehen knallig kostümiert aus, weil sie keine geborenen Kostümmenschen sind, sondern nur Funktionäre des Alltags. Dem einen ragt trotz dieser platzenden Zeiten und des tödlichen Geschäfts ein gemütvolles Kugelbäuchlein zwischen den roten Schößen der Robe heraus. Dem andern perlen ordinäre Schweißtropfen auf der richterlichen Stirn; warum nur, hier ist's doch nicht heiß, und es geht ja auch noch gar nicht heiß her. Oder tröpfelt bei Ihnen die Angst? Sie kneifen die Auglein halb zu, als wollten Sie lieber mit Gottes Hilfe auch ins nächste Zeitalter erfolgreich hinüberzwinkern. Keine Bange, Herr Volksgerichtsrat! Sollte es nächstens ein wirkliches Volksgericht geben, dann sagen Sie einfach: Ich bin niemals Nazi gewesen, ich war immer dagegen. Ich habe regelmäßig geschlafen, wenn über Todesurteile geredet wurde. Ich war doch nur Beischläfer. Fragen Sie meine Frau. Als die neulich nachts ins Kissen stöhnte, der Hitler sei doch nicht normal, da zeigte ich sie nicht an, sondern brummte nur: Sei doch ruhig, Lieschen wenn man Gehalt nach Sonderklasse bezieht, hat man höhere Pflichten- Entschuldigen Sie, ich schwitze schon! Das alles und noch mehr galoppiert mir in wenigen Stoppuhr- Minuten übers grüne Feld der Phantasie. Denn ich bin ein Rennreiter, und auf den Fersen sitzt mir der Tod. Aber Achtung, da kommt er, der höchste Ankläger in den deutschen Schlachthöfen, der Herr Oberreichsanwalt. Sein Name tut nichts zur Sache, denn er will nur eherne Sache sein. Er hat doch von sich selber gesagt, er sei nur eine ungeheure Maschine, die kein Mitleid kennt. So erwarte ich also einen ungeheuren Nußknacker mit stählernen Kugellagern, einen gewaltigen Zerreißautomaten. Aber da bin ich ein wenig enttäuscht. Er läßt seinen markigen Kopf herabhängen, als sitze der auch nicht mehr ganz fest auf den Schultern. Er zwingt sich zu federnden Bewegungen, doch seine gespreizte Figur ist etwas erschlafft, und so wirkt sein Auftreten etwa wie das eines tänzelnden alten Herrn, der eine Polonaise anführt. Sein rotes Mäntelchen ist schon abgeschabt, steht ihm aber gut, und es hängt vorzüglich nach dem Winde. In Potsdam soll er eine schöne Freundin haben, so erzählt der Gesellschaftsklatsch, die treulose Frau eines Admirals, der lieber in See sticht. So was H t S 2 Kampf 17 mag in dieser lasterhaften Welt passieren, Herr Oberreichsanwalt! Wenn Sie ein Fetischist der Akten sind, so beweist dies noch nicht, daß Sie im nächtlichen Nebenberuf nicht auch noch ein fanatischer Liebhaber sein können. Bitte, ich will keine Beweisaufnahme, ich klage nicht an. Wir Menschen sind alle arme Luder, wenn wir den Purpurmantel ausziehen und in Unterhosen dastehen. Und nun folgen die Herren Laien, die Laienrichter, die hier sozusagen die sprachlose Stimme des Volkes stumm verkörpern. Zunächst das Volk im engeren Sinne: zwei niedrige Mitgliedsnummern der Partei die eine Nummer in dem gelben Lakaiendreß der politischen Leiter, die andere Nummer im braunen SA- Hemd mit silbrigem Lametta. Sie sind nun schon seit über zehn Jahren gelernte Spesenmacher der Nation. Über den Schultern tragen sie beide Schmalztöpfe, denen der Schöpfer Augen und Nasen angemalt hat. Wahrhaft Schmalztöpfe, die überlaufen, auch die Augen sind fettig. Der nächste Laienrichter ist ein Totenkopfträger, ein höherer SS- Führer, der gleichzeitig die Galgenstrick- Verbindung zwischen dem Volksgericht und dem Stabe Himmler versieht. Der Herr ist eigentlich nicht mehr Volk, sondern schon Volksgeißel, ein öffentlich bestellter Geheimspitzel, der zugleich auch Herrn Freisler und seine Räte und Laien zu überwachen hat. Wer zugleich wiederum den geheimen Polizeiagenten beschattet, das wissen wir nicht. Aber man kann sich darauf verlassen, einer hat wieder den Auftrag, den Spitzel zu bespitzeln, das ist bei den geheimen NS- Instanzen immer so. Es ist die propaganda fides, der ewige Kampf zwischen Glauben und ungläubiger Antithese. Ach ja, wo ist die fides heute noch echt? Wer weiß, wie lange dem Freisler noch zu trauen ist! Wahrscheinlich ist nicht einmal mehr der Volksheld Rommel zuverlässig, der den Rummel satt haben soll, seit er vor den Pyramiden schlapp machte. Aber unser SS- Richter im Senat läßt sich noch nichts anmerken. Sein hoher, leicht gespitzter Schädel deutet auf schnelle, wenn auch nicht wurzelfeste Intelligenz. Die Abplattungen an den Schläfen werden gemeinhin als Hang zum Verbrechen gedeutet, aber das wäre in der höheren SS- Sphäre ein bestätigendes Charakteristikum. Als letzter Laienrichter kommt eine Gestalt, die man hier in diesem Milieu der infamen Pose nicht erwartet, ein deutscher 18 T 2 S 1 1 e T General. Die Goldstickerei seines Kragens nimmt sich neben dem roten Pomp der Juristen beinahe ärmlich aus. Sein gestähltes Durchschnittsgesicht versucht sich mit unfrohem Ernst in der bösen Schleimigkeit dieses Parteitribunals zurechtzufinden. Wahrscheinlich sehnt er sich nach dem Gefechtsstand einer Division, er versteht sich besser auf die höhere Mechanik des Massensterbens. Nur ungern hatte er des Königs Rock mit dem Rock des Gefreiten vertauscht. Natürlich hat er auch mal an den Welttriumph der deutschen Kaserne geglaubt, aber das war einmal. Vermutlich glaubt er augenblicklich an fast gar nichts, möchte aber wohl noch die Reste von persönlichem Stolz in diesem verdammten braunen Saustall zur Geltung bringen. Am liebsten würde er durch ein Gewitter die ekelhafte Situation platzen lassen, aber er kann nicht über seinen Schatten springen, er ist immerhin ein General und muß wie ein Denkmal aussehen. Warum hat man ihn in eine Gespensterschlacht hineinkommandiert? Also das war meine gerichtliche Voruntersuchung, Ihr Herren vom Volksgericht. Wenn sie Ihnen mißfällt, so tut mir das nicht leid. Sie werden ja auch meine lebende Leiche sezieren. Bitte, Herr Präsident, es kann losgehen, schlagen Sie das Aktenstück auf. Freisler reckt sich, krümmt sich, reckt sich wieder, seine erhobene flache Hand beschreibt eine langsame, elegant gewölbte Kurve. Die vielen andern Arme, die in die Höhe fliegen, haben den Bogen längst nicht so heraus. - ,, Da haben wir also zunächst diese Sache Schultze- Pfaelzer und Genossen, diesen phantastischen Fall" Freisler hat nachlässig angefangen und sich schnell gesteigert; jetzt fixiert er mich mit kalter Herausforderung. ,, Bleiben Sie stehen und lassen Sie sich doch einmal näher betrachten, mein Herr! Das sind Sie also. Der zerrüttete Intellektuelle durch und durch. Genau so habe ich Sie mir vorgestellt. Und die Frau Gemahlin, die unternehmende, hochgeborene Dame, hat sich gleich mit ins Verderben gestürzt. Und der Dritte im Bunde, das ist er wohl, wenn ich mich nicht irre, der adlige Herr aus dem Baltenland, Globetrotter zwischen Paris, Berlin und Moskau. Also ein west- östlicher Divan! In Moskau haben sich die beiden Herren kennengelernt, das allein spricht Bände. Eine salonbolschewistische Affäre größeren Stils. Da werden wir noch allerhand Pikantes zu hören bekommen. Die Herrschaften wollen gewissermaßen im Namen 2* 19 Deutschlands mit dem Bolschewismus Frieden schließen. Also eine Verschwörung gegen den deutschen Sieg. Und wo werden die mysteriösen Dokumente des Verrats gefunden? In dem Rosenholz-Schreibtisch der geborenen Gräfin, in der Luxusvilla dieser vornehmen Dame, die sich das Heil Europas vom Prolet- kult Moskaus verspricht.“ Er hält inne und horcht in sich hinein. War das nicht gut? Es war ausgezeichnet, er ist mit sich zufrieden. Das macht ihm so leicht keiner nach. Noch vor der Personalienaufnahme die ganze Quintessenz des Falles in so brillanter journalistischer Zuspitzung. Tja, dieser Herr Schultze-Pfaelzer soll sich doch nicht etwa einbilden, wir könnten so was nicht. Wir können das auch und noch viel mehr! Das alles lese ich in Freislers Mienenspiel. Gewiß, er macht es sehr gut, aber man merkt es zu gut, er ist gleich zu tausend- prozentig, zu direkt, man darf nicht gleich alles verpulvern, was man in der Jagdtasche hat, Herr Freisler! Der Oberreichsanwalt sieht vergrämt in die Akten und tut als einziger so, als höre er nichts. Er denkt wohl, im Grunde ist dieser Freisler doch unmöglich, er ist eben nur ein routinier- ter Conferencier, aber kein Senatspräsident. Jetzt erst kommen die Feststellungen zur Person. Freisler haspelt das meiste wie lästige Kleinigkeiten herunter, als wolle er mit seiner Atemtechnik prahlen. Formalitäten haben für ihn nur dann Bedeutung, wenn er sie zur Pointierung seiner foren- sischen Rolle gebrauchen kann. ‚Was machten Sie bei Hinden- burg? Wie haben Sie sich ihm die ganzen Jahre über auf- gedrängt?“. „Von Aufdrängen kann keine Rede sein. Ich wurde berufen. Jedenfalls bin ich ganz ahnungslos, worauf Sie hinauswollen—“ Meine Stimme quietscht wie eine Tür, die lange Zeit, nicht geöffnet wurde. „Schweigen Sie!“ kreischt der Präsident.„Sie haben hier nur zu reden, wenn Sie gefragt werden.— Ahnungslos sagen Sie. Oho, Sie sind kein ahnungsloser Engel! Wie wenig zuverlässig Sie als Mitarbeiter des Herrn Reichspräsidenten gewesen sind — dafür haben wir einen schlagenden Beweis in den Akten. Sie mußten unmittelbar nach dem Ableben des verewigten Herrn Feldmarschalls in seinem Schlosse Neudeck von der Ge- heimen Staatspolizei verhaftet werden. Sie mußten verhaftet werden,— ja, Angeklagter, spielen Sie mir bloß nicht den Ahnungslosen—. Sie wurden verhaftet, weil Sie in dem 20 t t I e t L dringenden Verdacht standen, geheime Staatsvorgänge, die Ihnen in der Umgebung Hindenburgs bekannt wurden, gegen den Nationalsozialismus ausspielen zu wollen. Vielleicht standen Sie schon damals heimlich im Solde von Moskau oder Amerika." ,, Herr Präsident, das muß ich zurückweisen", rufe ich, so heftig ich kann. Aber meine Stimme ist tonlos, ich leide an einer Erschlaffung der Stimmbänder, die alle Gefangenen befällt, die lange Monate in Einzelhaft waren und nur selten sprechen konnten. ,, Herr Präsident", fauche ich in stimmloser Erregung. ,, Ich stehe nicht wegen der alten Hindenburgaffäre hier, sondern wegen angeblichen Hochverrats. Ich kann nicht leugnen, daß ich für einen Sonderfrieden mit Rußland eingetreten bin, weil ich in einem solchen Sonderfrieden im Osten die einzige Möglichkeit sehe, unser Land vor dem Untergang zu bewahren." Meine bleiernen Worte tanzen aber nur wie Kork auf welligem Wasser. Freisler mißt mich mit mitleidigem Hohn. ,, So, so, Sie wollten Sonderfrieden machen. Wie hübsch von Ihnen! Sie, die Frau Gemahlin und der Hausfreund machen Sonderfrieden mit den Sowjets. Sie möchten wohl, daß wir Sie für größenwahnsinnig halten und als Narren behandeln." Eben habe ich ein Teilchen der Wahrheit gestanden. Das Teilchen, das man mir bewiesen hat. Ich spiele vielleicht in dieser Sache am besten den intellektuellen Phantasten. Natürlich klingt es wie leerer Größenwahn, wenn ich sage, daß wir drei mit Rußland Sonderfrieden schließen wollten. Sie sollen glauben, es handle sich nur um eine Marotte von mir. Sobald ich erkläre, daß ein größerer Kreis an dieser Idee beteiligt war, will er Namen wissen. Daß wir direkte und indirekte Fühler nach Stockholm ausstreckten, haben sie zwar irgendwie gewittert, aber sie halten hoffentlich das meiste für närrische Renommage. Vielleicht lenke ich doch lieber noch einmal auf Hindenburg zurück. Dieses unwichtige Thema scheint ja Freisler zu liegen. ,, Meine Verhaftung bei Hindenburgs Tode war eine reine Vorbeugungsmaßnahme. Man sperrte mich damals ins ColumbiaHaus, weil man mir mißtraute. Argwohn zu erregen, ist noch kein Verbrechen. Vielleicht war es mein einziges Verbrechen, daß ich mir Hitler nicht als Hindenburgs Nachfolger wünschte." 2.1 ,, Ha, ausgezeichnet", schrillt Freisler dazwischen ,,, Sie entlarven sich selbst. Sie trieben schon damals Sabotage am nationalsozialistischen Staat!- Aber verfolgen wir Ihr Leben weiter. Jahrelang führten Sie dann ein lichtscheues Dasein, natürlich ohne rechte Arbeit als schriftstellernder Bohèmien. - 41 ,, Halt Verzeihung, Herr Präsident", keuche ich dazwischen. ..Warum lichtscheu? Ich habe in den fünf Jahren von Hindenburgs Tode bis zum Kriegsausbruch sechs Bücher unter meinem Namen veröffentlicht, viel mehr, als mir lieb war. Ich hätte lieber geschwiegen. Mein Name mußte sogar einiges decken, was ich nicht billigte. Ich schleppte meinen Namen wie eine Last. Man besudelte mich in allen Gossen des Büchermarkts. Aber ich flüchtete niemals in die Anonymität. Ich war vielleicht sehr unvorsichtig, aber niemals feige. Jedenfalls war ich alles andere eher als lichtscheu." Warten Sie nur", erwidert Freisler in selbstherrlichem Hohn ,,, ich werde Ihnen Ihre Charakterlosigkeit sofort beweisen. Bei Ausbruch des Krieges, als das deutsche Volk die höchsten Opfer für seine Freiheit und Größe auf sich nimmt- was tun Sie da, Sie angeln nach dem guten Posten! Sie schleichen sich ins Oberkommando der Wehrmacht ein. Und was treiben Sie dort? Sie treiben erbärmliche Zersetzungsarbeit, bis Ihnen der Herr Reichsminister Goebbels auf die Schliche kommt und Sie dann natürlich sofort hinauswerfen läßt." ,, Herr Präsident, eine Bemerkung zu den Personalien des Angeklagten", läßt sich eine rostige Stimme an der rechten Seite des Richtertisches vernehmen. Es ist der General. Freisler stutzt ein paar Sekunden, solch eine Einmischung in seine Alleinherrschaft kommt nur ausnahmsweise bei Neulingen unter den Laienrichtern vor. Er verschluckt seine Zustimmung. Da spricht der General schon mit unpersönlicher Kälte. ,, Ich habe die militärische Vergangenheit des Herrn Angeklagten geprüft. Er wurde laut Mobilmachungsplan durch Kriegsbeorderung vom 20. August 1939 ins Oberkommando der Wehrmacht berufen. Den Akten zufolge war sein Verhalten dort korrekt. Er ist dann von uns auf besonderen Wunsch der höchsten zivilen Stellen ohne Beanstandungen unsererseits verabschiedet worden." Mißmutig setzt der General die Hornbrille ab, die er zur Einsicht in seine Aktennotizen benutzt hatte, und starrt befehlshaberisch in den sonnigen Staub. 22 22 ב e 1 e S , e S 90 n n h n it I n et Durch die tiefe Stille flattert ein Blättchen Papier mit verschämtem Flügelschlag zur Erde. Alles lauscht in den Seltenheitswert der Sekunde. Auch Freisler wartet, indem er das Gefunkel des Solitärs ein wenig spielen läßt. ,, Gewiß, Herr General, gewiß!" Er schickt ein spitzes Lächeln zu dem Vertreter der Wehrmacht hinüber. Hinter dieser suffisanten Verbindlichkeit lese ich als seine Herzensmeinung: Diese Offizierskamarilla vom Oberkommando aus der Bendlerstraße werden wir auch noch eines Tages kleinkriegen. Die Herrschaften sind schon verdächtig genug! Aber nun setzt er sich in präsidiale Positur und spricht in dozierendem Tonfall: ,, Für das Gericht und besonders für mich sind Akten nur Rohmaterial, das wir zum lebenden Tatbestand umprägen müssen. Wir haben es hier natürlich nicht mit militärischen Dingen zu tun. Es handelt sich vielmehr um die schwersten Verbrechen gegen Volk und Staat. Hochverrat galt in der republikanischen Systemzeit als eine Art Kavaliersverbrechen, in dem sich besonders gern die sogenannte alte gute Gesellschaft gefiel. Auch die drei Angeklagten gehören in diese Kreise. Sie sind schillernde Sumpfpflanzen des Untergangs! Ich sage Ihnen aber: es gibt keine Kavaliersverbrechen mehr! Politik ist deutscher Gottesdienst! Hochverräter sind um nichts besser als Raubmörder, im Gegenteil, sie sind schlimmer, sie morden nicht den Einzelmenschen, sondern versuchen den Massenmord an der Nation." Seine faschistischen Satzscharniere klappern in meinen Ohren wie ein Panzer auf Kopfpflaster. Auf der Walstatt der Redeschlacht liegen die ledernen Satzleichen herum. Mich durchschauert die heilige Unschärfe seiner Dialektik. In satter Herausforderung beugt sich Freisler zu dem General herüber, aber der nimmt davon keine Notiz. Doch ist der Herr Oberreichsanwalt nervös geworden, er stochert sich sogar mit dem Bleistift in den Haaren. Man liest aus seiner Mimik: Ja, es ist eine Plage mit diesem Freisler! Nun nimmt er mir bei den Personalien schon das Kernstück meiner Anklagerede weg. Meine Frau kommt an die Reihe: ,, Marie Schultze- Pfaelzer, stammt aus einer gräflichen Linie der Familie Kleist, geboren 30. August 1897 zu Schloß Tschernowitz, Kreis Guben. Aufgewachsen in Potsdam, wo der Vater als Gardeoffizier in Garnison stand. War im Weltkrieg Johanniterschwester. - 23 Stimmt's?" fragt er, weil sie ihn gar nicht beachtet. ,, Stimmt das?", wiederholt er höhnischer. ,, Ich nehme an, daß bei Ihnen immer alles stimmt", sagt sie mokant und ungebrochen trotz ihrer neun Monate Haft. Freisler entfaltet schon die Lippen zu einem Donnerwetter, besinnt sich dann aber auf eine andere Sache und schießt einen dünnen Giftpfeil: ,, Eine Potsdamer Freundin und Standesgenossin von Ihnen mußte vor einigen Jahren als Verräterin hingerichtet werden? Stimmt das auch?" Er lächelt mit süßem Zynismus. ,, Ich zweifle nicht, daß Ihnen alles Sensationelle zugetragen wird." Sie spricht, als wolle sie sich kilometerweit von ihm entfernt halten. Die verteidigende Rechtsanwältin senkt ihr spitzes Kinn, sie hält jetzt wohl alles für verloren. - Aber Freisler nimmt jetzt nicht übel. ,, Wenn Sie dies und jenes aus Ihrem Leben vergessen haben sollten, wir wollen Ihrem Gedächtnis gern nachhelfen. Im Augenblick begnügen wir uns damit, ein besonders dunkles Pünktchen zu beleuchten. Die Sache spielt erst ein halbes Jahr vor Ihrer Verhaftung, da werden Sie sich des Falls noch gut entsinnen. Angeklagte, kennen Sie einen Herrn Bendix? Er war natürlich Jude was sollte er sonst sein! Diesen Juden also, der sich als Musikal- Clown bezeichnete, haben Sie in Ihrer Villa versteckt. Später hat er sich unter mysteriösen Umständen im Grunewald erhängt. Nun, stimmt das? Sie schweigen. Es stimmt, ich habe die Polizeiberichte darüber zu den Akten über Ihr Vorleben genommen. Ja, so war die preußische Gräfin schließlich auf den jüdischen Musikal- Clown gekommen." - Diese Zuspitzung des traurigen Falles Bendix auf eine tolle Kolportage ist mir denn doch zu schmutzig. Ich mische mich ein. ,, Herr Präsident! Da möchte ich Ihnen doch lieber die Angelegenheit Bendix zusammenhängend erzählen." ,, Möchten Sie", grinst Freisler selbstgefällig. ,, Wie nett von Ihnen. Vor der Gestapo spielten Sie wieder mal den Ahnungslosen. Eigentlich gehört die Sache Bendix nicht zu unserem Prozeß, aber sie ist so bezeichnend für das saubere Ehepaar, das wir Ihr Geständnis hören wollen." ,, Gut, meine Herren." Gelassen beginne ich zu erzählen. ,, Das unglückliche jüdische Paar ist tot, und wir sind schwerer Dinge beschuldigt. Damals hatte ich keine Veranlassung, die Gestapo auf die richtige Fährte zu setzen. Also: Herr Bruno Bendix war ein angesehener Berliner Kunsthändler, mit dem 24 ie no wir seit fast zwanzig Jahren familiär verkehrten. Im Laufe der Judenverfolgung wurde sein Geschäft geschlossen und sein ganzer Kunstbesitz geraubt.‘ „Was unterstehen Sie sich‘, ruft Freisler dazwischen.„Sie wissen gut genug, daß die jüdischen Schiebervermögen nicht geraubt, sondern in die schaffenden Hände der Nation zurück- geführt wurden.“ Er ist nicht böse, er protestiert nur in schulmeisterlicher Ge- wöhnung.„Sie haben natürlich der jüdischen Mischpoche Vor- schub geleistet‘, flicht er ein. „Wir wünschten unsern alten Freunden im Unglück zu helfen. Sie wollten sich aber so lange wie möglich aus eigener Kraft über Wasser halten. Da beide musikalisch hochtalentiert waren, versuchte sie sich als Saxophonbläserin, er sich als Musikal- Clown. Das waren nämlich eine Zeitlang noch die letzten kulturellen Arbeitsmöglichkeiten für Juden. Als ihnen das auch gesperrt wurde, hat er sich als Transportarbeiter mit Zement- säcken und Maschinenteilen abgeschunden.“ „Verschonen Sie uns mit Ihrem sentimentalen Geschmuse.“ Seine Schultern zucken verächtlich. „Um der drohenden Liquidation zu entgehen, ließen die bei- den schließlich ihre Wohnung im Stich und suchten Unter- schlupf. Wir besorgten ihnen ein Quartier in unserer Nähe und nahmen sie dann der Einfachheit halber in unserem Hause auf.‘ „Damit haben Sie eben ein schweres Verbrechen eingestan- den‘, unterbricht er.„Angeklagter, hier wird genau proto- kolliert. Wählen Sie gefälligst angemessene Ausdrücke. Von Liquidation zu sprechen, ist bolschewistische Manier.“ „Herr Präsident, wie soll ich mich ausdrücken. Die Gestapo liebt es neuerdings, von ‚ausradieren‘ zu reden, ist ‚ausradie- ren‘ erlaubt?“ 2 Freisler sticht nach mir mit dem kleinen Finger. ‚Sie sind ein gerissener Patron. Als Schriftsteller waren Sie nie um Worte verlegen. Warum wir den Abschaum der menschlichen Gesellschaft vertilgen, weiß heute jedes Kind. Aber Sie und Ihre Frau sind durch und durch verlogen. Sie sollen gleich den Beweis haben. Ich werde jetzt selbst ein Stückchen weiter- erzählen. Schließlich hatte die Polizei die Spur der beiden Flüchtigen gefunden und kam in Ihre Villa, um die jüdischen Herumtreiber festzunehmen. Sie saßen gerade alle vier beim üppigen Frühstück, obwohl die Juden keine Lebensmittelkarten 25 besaßen. Dieser famose Jude Bendix hatte die Stirn, den Beamten eine falsche Legitimation auf den Namen Architekt Robert Lohmüller vorzulegen, und Sie, Herr Schultze- Pfaelzer und Ihre Frau, Sie verbürgten sich dafür, daß Ihre beiden Gäste das Ehepaar Lohmüller seien. Der angebliche Lohmüller verduftete bald, und am Abend, in der Dunkelheit, wurde Ihre Frau dabei betroffen, wie sie der sogenannten Frau Lohmüller half, einen schweren Koffer auf die Bahn zu schleppen. Man schritt zur Festnahme und brachte die beiden Nachtwandlerinnen zum Polizeirevier! Ha, ha, ha!" Er schlägt eine Höllenlache an, von der niedrigen Decke antwortet das infernalische Echo. Ich starre auf das verbogene und verlogene schwarze Kreuz im Dienste des Teufels, das zu Freislers Häupten hängt. Mich bannt der verruchte Pfaffe im höllenroten Talar. Der Oberreichsanwalt ist inzwischen wieder kribblig geworden. Ich lese in seinen zuckenden Brauen: Was geht das Volksgericht diese läppische alte Judengeschichte an! Wir müssen mit den drei Todeskandidaten endlich weiterkommen. Der Erste Senat hat heute noch allerlei Fahrscheine in den Orkus zu vergeben. Jetzt streift der Herr Oberreichsanwalt das Blutgewand zurück und zieht eine ganz gewöhnliche Taschenuhr. Ach, die Zeit verfliegt, und die Verhandlung kommt nicht vom Fleck. Vielleicht will er an diesem lockenden Julitag im dämmernden Abend mit der schönen Frau des Admirals auf einem Potsdamer Havelsee Paddelboot fahren! Merkwürdig, diese Frage beschäftigt mich im Augenblick mehr als die Sorge um Kopf und Kragen. Endlich rafft er sich auf, der große Ankläger, und mustert meine unerschrockene Frau, die zwei Finger in die Taschen ihrer schwarzen Kostümjacke gesteckt hat. ,, Frau Schultze- Pfaelzer, wie ging denn nun die Sache mit der Familie Lohmüller zu Ende?" Unter dem ärgerlichen Blick des Präsidenten verbessert er sich mit Geräusper: ,, Der angeblichen Familie Lohmüller!" Das Kopfschütteln meiner Frau ist mit tragischer Erinnerung belastet. Ja, Frau Lohmüller hat sich damals in meiner Gegenwart auf dem Frohnauer Polizeibüro vergiftet. Drei Stunden lang habe ich tapfer mitgelogen, um sie zu retten. Aber dann hatten die Beamten doch heraus, wer Frau Lohmüller sei. Daraufhin-" 26 ,, Haben Sie gehört, ich bitte das festzuhalten", unterbricht der Präsident,„die Angeklagte hat gesagt, sie habe tapfer mit- gelogen. Welch ein Abgrund der Gesinnung tut sich auf! Sie belügt drei Stunden lang die Staatsautorität und rühmt sich dessen als einer tapferen Tat.‘ „Meine Herren‘, pariert sie,„wahrscheinlich haben Sie noch nie eine dreistündige Judenvernehmung mit Knüppelmusik erlebt.“ „Angeklagte, Sie sind schon wieder unverschämt“, grollt der Präsident.„Ich kann Sie abführen lassen, Sie verjudete Komtesse.“ Meine Frau hat inzwischen beide Fäuste tief in die Taschen des schwarzen Kostüms vergraben. ‚Ich gehe mit Vergnügen‘, bekennt sie freimütig. „Auf den Mund gefallen sind Sie gerade nicht‘, erwidert Freisler in verblüffter Mißbilligung.„Viele von Ihrer Sorte gibt's ja gottseidank nicht.— Aber nun vorwärts. Wir waren bei dem Selbstmord der Lohmüller— sie mogelte Zyankali ins Wasserglas, nachdem sie eine Ohnmacht vorgetäuscht hatte. Also weiter mit dem Schwindel—“ „Verzeihung‘‘, läßt sich eine untertänige Stimme von gegen- über hören.„Verzeihung, soll ich Frau Lohmüller protokollie- ren oder Frau Bendix alias Lohmüller?“ „Auch das noch‘, sagt Freisler verärgert,„protokollierer Sie, was Sie wollen. Als ob es bei diesem jüdischen Ungeziefer auf die Namen ankäme. Ein Name ist da so gut wie der andere gestohlen.‘ „Wir wollen sie doch wieder mit ihrem ehrlichen Namen nennen“, meint die Angeklagte.„Frau Bendix starb im Auto auf dem Transport zum Krankenhaus. Sie starb in meinen Armen. Dasselbe Auto beförderte mich sogleich zur Gestapo in die Burgstraße weiter. Dort ist die Berliner Zentrale für die Judenvertilgung. Den Ausdruck Vertilgung gebrauchten Sie selbst, Herr Präsident. Ich wurde von Mitternacht bis sechs Uhr morgens vernommen. Vier Sturmführer stürmten gegen mich an, Untersturmführer und Obersturmführer— und als auch diese Stürme vorüber waren, wurde ich ins Gefängnis in der Lehrter Straße gebracht. Es war am 13. Februar vorigen Jahres—' „Sie haben damals dreist geleugnet“, greift Freisler ein. „Und Ihr Ehemann hat den Betrug noch frecher unterstützt. Oder wagen Sie das zu leugnen, Angeklagter?“ „Warum sollte ich das heute leugnen, Herr Präsident? Ich habe damals bei der Gestapo zu Protokoll gegeben, wir hätten 27 nicht gewußt, daß die Lohmüllers Juden wären, wir hätten sie für westdeutsche Bombenflüchtlinge gehalten. Ich bin der Meinung, daß wir zu einer solchen Verteidigung durchaus berechtigt waren. Ihre nationalsozialistische Anschauung lehrt den Angriff auf der ganzen Linie. Warum sollte ich mich nicht auf der ganzen Linie verteidigen!" " 1 - Wissen Sie, was Sie fordern?", ruft Freisler pathetisch und zieht zwei Finger aus dem Purpurbusen ,,, Sie fordern Erlaubnis zum Ungehorsam, Freiheit zur Sabotage, Prämie auf Betrug. So wahr mir Gott helfe; entweder werden wir Sie zu Boden zwingen oder wir werden untergehen. Aber ehe wir Sie vernichten, sollen Sie sich noch einmal im Spiegel erkennen." Er verfinstert noch einmal die schneidenden Züge. Dann fährt er fort: ,, Ein paar Tage nach der Festnahme der Ehefrau geht bei dem Angeklagten in Frohnau ein Brief des Juden Lohmüller pardon Bendix ein; darin bittet er tausendmal um Verzeihung, weil das jüdische Ehepaar die ahnungslose Familie Schultze- Pfaelzer getäuscht hätte. Gestehen Sie, dieser Brief war fingiert." ,, Selbstverständlich war der Brief fingiert", erkläre ich bereitwillig. ,, Wir haben den Brief gemeinsam entworfen, er sollte der Gestapo in die Hände fallen und die Freilassung meiner Frau bewirken. Und die Sache hat schließlich auch geklappt." ,, Schämen Sie sich denn gar nicht", schrillt Freisler in scheinmoralischer Entrüstung. ,, Sie gestehen das geradezu mit snobistischem Behagen. Wo haben Sie sich denn mit dem flüchtigen Juden heimlich getroffen?" ,, Gott, wo man sich so trifft. In irgendeiner kleinen Weinstube." ,, Das sieht Ihnen ähnlich. Während die eine Frau vergiftet im Leichenhaus liegt und die andere im Gefängnis schmachtet, veranstalten die beiden Ehemänner ein Saufgelage!" Jetzt reißen dem Oberreichsanwalt wieder die Nervenstränge. Und da er sich gegen Freislers Theaterdonner nicht wehren kann, entlädt er seinen Unmut auf mich. ,, Angeklagter, Sie haben das Vertrauen der Polizeiorgane in der schnödesten Weise mißbraucht. Da hilft Ihnen kein Verteidigungsmanöver." Freisler wirft dem Oberreichsanwalt ein paar scheele Blicke zu. Was mischt der sich ein, wenn er, der Chef höchstselbst, die Sache führt. Freisler kann das jedenfalls noch besser, darum ruft er: ,, Angeklagter, jetzt fehlte nur noch, daß Sie behaupten, die böse Polizei habe den edlen Juden in den Tod getrieben." 28 „Dann hätte ihm die Vorsehung wenigstens besseres Zyankali liefern sollen!‘ Ich bin über meine eigene Pointe verdutzt, so schnell habe ich sie abgeschossen. Aber Freisler spielt im Augenblick nicht mit. Wir haben Kampfpause.-Jedenfalls will ich die Bendix-Tragödie vollenden, bitterböse vollenden. „Nach jenem Saulgelage‘, klage ich in gequältem Diskant „bei dem der edle Jude den Tod seiner Frau erfuhr, nahm er zur Abwechslung selber Zyankali, Aber das Gift war für ihn zu schwach; er brach nur ohnmächtig auf der Straße zusammen, Da spielte er noch einmal bessere Vorsehung, er fuhr in den Grunewald und erhängte sich.“ „Ich habe jetzt genug davon‘, sagte Freisler verdrossen. Et beginnt in den Akten zu blättern. A, es ist eine unauslöschliche Schande!‘ jammert er ganz unvermittelt.„Ja, das ist ein schauriger Skandal.“ Alle Blicke hängen sich betroffen an sein trauerndes Haupt. Das will er haben, jetzt kommt's. „Eine Kleist zersetzt die Wehrkraft der Nation, ein Mit: glied der Familie Kleist treibt im Kriege Hoch- und Landes- verrat. Es ist symptomatisch nicht das gleiche, ob man: als Schultze oder als Kleist den Dolchstoß gegen die Wehrmacht führt, Die Kleist sind eine der berühmtesten Soldatenfamilien unserer Geschichte, Und der größte nationale Dramatiker, der glühende Hasser des Erzfeindes, war auch ein Kleist. Ihr eigener Vater, Ihr einziger Bruder haben im Kriege ihr Leben für Deutschland geopfert. Und Sie fallen hinterrücks die deutschen Waffen an. Wahrhaftig, eine Familientragödie! Ja der Uradel! Die Fürsten sind gelallen, der Adel gräbt sich die Gruft. Weh dem, der die nationalsozialistischen Fanfaren nicht versteht! Wehe dem verlorenen Geschlecht!" Er schauspielert romantische Wehmut und versenkt sich in nationalen Nihilismus. „Noch eine kleine Frage‘, fährt er nach einer genießerischen Pause fort. Listige Aufhellung zieht über das Mienenfeld seiner gekünstelten Gesten. „Angeklagte, wie sind Sie mit dem Feldmarschall von Kleist verwandt?“ lıı glaubt wohl genau zu wissen, daß der Marschall Kleist, der Panzer-Kleist, jetzt beim tollen Gefreiten wieder in Un- gnade ist. Daher kann er sich diesen Ausfall leisten. „Herr Präsident‘, ruft der General ruhig,„wir waren über- eingekommen, militärische Dinge zurückzustellen.‘ ,, Herr General", erwidert Freisler rechthaberisch ,,, es handelt sich um eine Frage über die Verwandtschaft. Solche Fragen gehören durchaus in die Vernehmung zur Person." ,, Herr Präsident", erwidert der General mit kaltem Widerspruch ,,, nötigenfalls bitte ich darüber um Senatsbeschluß." Freislers Lippen verschwinden. Er überlegt. Man fühlt, er ist jenseits seiner Masken verletzt. Der große Komödiant hat plötzlich den Faden der Suggestion verloren. Endlich faßt er sich. ,, Nein, so wichtig ist die Frage nicht." Nach diesem Rückzug rüstet er sich umständlich zu neuer Pose. ,, Wir kommen zur Vernehmung des dritten Angeklagten. Hm, Sie sind zuletzt vom Propagandaministerium ins Kittchen hinübergewechselt. Früher haben Sie mal wegen politischer Umtriebe in Brandenburg gesessen. Das war schon dreiunddreißig, also sind Sie eigentlich zur Kategorie der politischen Berufsverbrecher zu rechnen. Geboren in Lettland, angeblich aus deutschem Blut. In Moskau studiert und seither wohl schon immer asiatisch vergiftet. Sie lächeln, mein Herr? Ihre grinsende ostbaltische Dickfelligkeit behagt uns gar nicht. Nein. Ihr Typus gefällt uns nicht. Sie sind nicht nur äußerlich ein mongoloider Mensch, auch Ihr Lebenslauf stempelt Sie zur Steppennatur. Was wollen Sie überhaupt?" ,, Um das deutsche Volk zu retten, wollte ich an der rechtzeitigen Zerstörung des Dritten Reiches mitarbeiten. Ich habe darüber schon bei der Gestapo kein Blatt vor den Mund genommen." Er spricht beruhigend, rauher und tiefer. Durch seinen Baß ist eine neue, kräftig- gesunde Klangfarbe in die Debatte gekommen. ,, Unser Reich ist das Reich der Deutschen, und wer gegen seinen Führer ist, der ist ein Verräter an diesem Volk", antwortet Freisler geschwollen. ,, Im übrigen traue ich Ihnen auch jeden Verrat an diesem oder jenem Rußland zu." ,, Daß Sie mir alles Böse zutrauen, ist selbstverständlich", sagt Klaus mit breiter, gutmütiger Unhöflichkeit. ,, Vielleicht interessiert sich aber jemand für folgende Tatsache: Als ich 1917 freiwillig in das preußische Heer eintrat, knüpfte ich daran die Bedingung, daß ich niemals gegen das russische Volk, zwischen dem ich aufgewachsen war, zu kämpfen brauchte. Ich könnte niemals ein Feind der Russen sein, daran habe ich festgehalten. Europa wird keine Ruhe haben, ehe nicht Deutsche und Russen Freundschaft halten. Aber Sie sind wohl auch der Ansicht Rosenbergs, daß es zur Zeit keine Russen, sondern nur 30 T >35 1ı I Do u —-%: Bolschewisten gibt. Ich sage Ihnen aber: Rußland lebt, und wenn Deutschland leben will, muß es mit den Russen recht bald einen ehrlichen Frieden schließen und alles wieder gutmachen.“ ‚Wir haben hier keinen politischen Rummelplatz‘‘, wehrt der Präsident in lustloser Ungeduld ab. ‚In Deutschland gibt es gottseidank überhaupt kein leeres Diskutieren mehr. Mich ekelt dies dumme Zeug.— Ich kenne jetzt die Persönlichkeiten der Angeklagten zur Genüge.— Alle drei sind störrische, an- maßende und niederträchtige Charaktere. Wir kommen jetzt zur Beweiserhebung.‘ Der Berichterstatter des Senats hat jetzt das Wort, es ist der Volksgerichtsrat mit dem Kugelbäuchlein. Kurzatmig beginnt er aus der Anklageschrift vorzulesen. Wir haben alle das Manu- skript mit den dreiundzwanzig eng beschriebenen Seiten vor uns liegen, quer über die erste Seite läuft der rote Stempel „Geheime Reichssache‘'. 1». klage*) ich der fortgesetzten, teilweise gemeinschaftlich begangenen Vorbereitung eines hochverräterischen Unterneh- mens, der Feindbegünstigung und der Zersetzung der Wehr- kraft an. Die Angeschuldigten haben in Berlin in Erwartung einer Niederlage Deutschlands eine Verschwörung anzuzetteln versucht, welche die Beseitigung des nationalsozialistischen Regimes und die Auslieferung des Reiches an den Bolschewis- mus zum Ziele hatte, Sie haben auch zersetzende Gerüchte über angebliche deutsche Friedensbemühungen vorbereitet... Verbrechen nach$ 80 Abs. 2,$ 81,$ 85, Abs. 2 u. 3 Nr. 1 u. 3,$ 85, 87, 47, 73 StGB. in Verbindung mit$ 5 Abs. 1 Ne tu2 Abs. 3 KS.St.V.O." Die Paragraphen klatschen und kleckern, der Kugelbäuchige gerät in muntres Schnaufen, als er sich in so zahlreichen Para- graphenpfützen wälzen kann. Dann tischt er in zähem Eifer das Saftgulasch aus Mär- chen und einigen Krümeln Tatsachen auf, das die Gestapo schweißtriefend zusammengerührt und der Oberreichsanwalt noch einmal durchgekocht hat. Zum Schluß ist so viel Unsinn herausgekommen, daß mir die Sonderung von Wahrheit, Unfug und Problematik schon ganz aussichtslos erscheint. » In diesem politischen Hintertreppen-Gewäsch steht beispiels- weise zu lesen, wir hätten behauptet, Himmler, der Reichs- *) Wörtlich aus der RZ des Oberreichsanwalts vom 16. Mai 1944 entnommen, Aktenzeichen 9]. 31 führer SS, wolle, eine Verschwörung anzetteln, um die Verhandlungen mit Sowjet- Rußland in die Hand zu bekommen.' Soll man solchen Gedankenkot eines Gestapo- Kommissars überhaupt ausräumen? Nun höre ich schon wieder, ich hätte zwischen Deutschland, Rußland und Japan einen Dreimächtepakt im Geiste der Komintern schließen wollen. Bin ich ein neuer Hitler? Ach, diese Deutschen! Ihre politischen Fingerspitzen durchwühlen alle Müllkästen der Weltgeschichte und durchschnüffeln allen Schutt. Da höre ich den Kugelbauch murmeln, wir hätten auch noch Bessarabien an die Bolschewisten verkauft. Haben wir nicht vielleicht auch den Nordpol heimlich an die Eisbären ausgeliefert? Wer kann es wissen! Plötzlich klirrt die Stimme Freislers in das träge Geplätscher der Dummheiten. ,, Warum wollten Sie den Führer ermorden? Angeklagter Schultze- Pfaelzer, gestehen Sie!" Es wetterleuchtet um die Wülste über seinen hohlen Backen. ,, Diese Frage kommt mir völlig überraschend, Herr Präsident." So ist es, ich bin wirklich verblüfft. ,, Sie haben sicherlich mit einem Mordplan gespielt. Wie wollen Sie das leugnen?" ,, Für Morde sind ganz andere Herren sachverständig." ,, Machen Sie keine infamen Ausflüchte, Angeklagter. Sie haben zu dem Flieger Marschalski geäußert, Hitler müsse mit oder ohne Gewalt unschädlich gemacht werden!" Ach so, um diese Ecke pfeift der Wind. Dieser Marschalski ist ein Spitzel der ,, Abwehr", ein kleiner Lump, erst wegen Diebstahls verurteilt, dann fahnenflüchtig und deshalb würdig, als Agent der Gestapo hinter den Vorhängen zu schnuppern. Es ist leider richtig, auch ich bin einmal auf den Spitzel Marschalski reingefallen, der seine Dienste als Kurier in AntiHitler- Geschäften anbot. Warum kommt mir eigentlich nicht mein Anwalt zu Hilfe? Ich habe doch schon so manchen Ansturm Freislers selbst im Gegenstoß aufgefangen, wie man in der Bendlerstraße eine hoffnungslose Verteidigung nennt. Aber vom OKW darf ich nicht anfangen. Schließlich ist ja dort unser Plan ausgeheckt worden, mit den Russen wegen eines Sonderfriedens in Verbindung zu treten. Also was sage ich? ,, Ich neige nicht gerade zu Gewalttätigkeiten!" Das ist alles, was mir im Augenblick über die Lippen kommt. Diese Antwort war matt und verpufft; ich fühle es sofort und verliere mich ins 32 e- e 8, ort ins De nn Geratewohl. Aber auch Freisler ist nicht ganz auf dem Posten und läßt sich Zeit. Ich sage gar nichts, ich fühle mich ganz leer und enthalte ihm das Stichwort vor, Er hilft sich mit Schimpfen,„Sie ge- hören zu den niederträchtigsten Menschen unter Gottes Sonne.‘ Aber das zieht nicht. Da kommt ihm endlich eine Erleuchtung. „Sie haben den Führer einen Teppichfresser genannt! Einen Teppichfresser!‘‘ Er wiegt die Silben weinerlich auf der Zunge. „Es ist schlimm genug, daß man solche Schamlosigkeit über- haupt in den Mund nehmen muß. Herr Schultze-Pfaelzer, Sie galten einmal in Berlin als fähiger Journalist— wie tief müssen Sie gesunken sein, daß Sie sich solch ein Dirnengewäsch zu eigen machen.‘ Inzwischen habe ich mich wieder gesammelt.„Herr Präsident, meine Herren! Es handelt sich hier nicht um einen frivolen Scherz, sondern um eine sehr traurige Angelegenheit. Der Aus- druck ‚Teppichfresser‘ klingt vulgär, es mag sein, daß ich dieses groteske Wort in irgendeinem saloppen Gespräch ge- braucht habe. Jedenfalls ist es ziemlich bekannt, daß Herr Hitler an manischen Erregungszuständen leidet. Diese Tatsache macht natürlich gerade überzeugten Nationalsozialisten Sorge— „Halt, halt!“ schreit Freisler mit krallender Hand, ‚Sie Un- verschämter wollen sich womöglich noch als besorgter National- sozialist aufspielen.‘ „Ich habe dazu leider viel zu wenig Talent. Diese Rolle spielen Millionen, die meisten aus Angst. Ich, meine Herren, habe mich hier nur zu verteidigen.— Daß manische Menschen in der aufsteigenden Erregungskurve sich auf den Boden wer- fen und in Bettvorleger, Teppiche, Portieren, Tischfransen und so weiter hineinbeißen, kann Ihnen jeder Psychiater bestätigen. Daß auch Adolf Hitler zu diesen bedauernswerten Menschen gehört, hat mich, als ich es vor zehn Jahren zum erstenmal hörte, aufs tiefste erschüttert.— Es war ein alter, hoher Beamter, der das Unglück hatte, seinem Führer als letzter am Abend eine unangenehme Mitteilung machen zu müssen.— Damals erfuhr er nämlich mitunter noch ungünstige Dinge!— Jedenfalls warf sich Herr Hitler mit manischem Ausbruch auf die Erde, rollte sich in eine Perserbrücke, strampelte mit den Beinen, biß in den Rand des Teppichs und hatte Schaum vor dem Munde, Der alte Beamte war so entsetzt, daß er hinter- her eine Woche herzkrank zu Bett lag. Später wurde mir von Eingeweihten über ähnliche Vorfälle berichtet, ich kenne 3- Kampf 2 3- Kampf 2 33 sogar die Weisung der Adjutanten des Führers, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hätte. Ich bitte über das manische Leiden des Führers seinen Leibarzt Herrn Professor Morell als Zeugen unter Eid zu vernehmen. Ich beantrage das nicht aus Sensationslust, sondern zu meiner Entlastung." Freisler mustert mich mit spöttischer Geringschätzung. , Warum verlangen Sie nicht auch noch die Vernehmung des Führers selbst?" 11 ,, Weil die Gerichte die persönlichen Ansichten von Kranken über ihre Leiden niemals als maßgebend anzusehen pflegen." Das ist unbestreitbar, aber habe ich es wirklich ausgesprochen oder nur sehr deutlich gedacht? Beherrsche ich noch den Weg vom Hirn zur Lippe? Freisler zerreißt jetzt mit der gespreizten Rechten die schwüle Luft. ,, Sie sind wahnsinnig, Herr. Soll ich Sie vielleicht auf Ihren Geisteszustand untersuchen lassen?" ,, Ich bitte darum!" Das wäre übrigens ein Gedanke! Habe ich das laut gesagt? ,, Ich bin in der Verteidigung, Herr Präsident! Die Urteile der Ärzte sind von größter Wichtigkeit. Bin ich vielleicht auch schon krank? Kranke gehören ins Krankenhaus auf keinen Fall gehören sie als unumschränkte Machthaber an die Spitze eines großen Reiches. Das ist meine feste Überzeugung, und wer anderer Ansicht ist, dem will ich mildernde Umstände wegen Geistesschwäche bewilligen." - Wieder weiß ich hinterher nicht genau, was ich davon gesagt und was ich intensiv gedacht habe. ,, Sind Sie fertig mit Ihrem Wahnsinn?" Freisler weidet sich grausam an meinem Eifer. ,, Ich habe Sie schon wie einen Narren schwadronieren lassen. Aber Ihr dialektisches Getue rettet Sie nicht. Sie bleiben ein Hochverräter! Wir haben Beweise. Hier! Da sind zunächst die Textstücke Ihrer Denkschrift, die nach den Kohleblättern im Schreibtisch Ihrer Frau rekonstruiert werden konnten. Und dann sind da noch die Blätter aus Ihrer Waschküche. Damit trieben Sie Zersetzungspropaganda im Oberkommando der Wehrmacht." - Er kramt in den Papieren und wendet sich an den Kugelbäuchigen, dessen müdes Skatspielergesicht ihm offensichtlich mißfällt. Die Ausbeute der Häscher zum Anklagepunkt Hochverrat ist nicht so üppig, wie sich Freisler das wünschte. Sie haben einen gefährlichen Fetzen meiner Denkschrift. Aber alle 34 Tatzeugen unserer Widerstandsgruppe haben dichtgehalten. Die Justizbehörden ahnen nicht, was eigentlich hinter den eisernen Türen des Oberkommandos vor sich ging, und das geistige Unkraut des Spitzels behagte wohl auch Freisler nicht ganz. Der Senatsapparat hat jetzt Streusand im Getriebe. Mein Anwalt benutzt die Stockung, um endlich das Wort zu nehmen. „Herr Präsident, ich habe den Eindruck, daß die Sache Schultze- Pfaelzer noch nicht recht prozeßreif ist. Die Ermittlungen im Oberkommando der Wehrmacht sind sehr dürftig. Man gewinnt kein Bild darüber, ob der Angeklagte mehr der Treibende oder mehr der Getriebene war. Ist er angestiftet worden? Wenn ja, von wem, warum und inwieweit? Die Verteidigung ist an Untersuchungen in dieser Richtung interessiert. Ich glaube, daß wir Zeugenaussagen beibringen würden, die nicht nur für den Angeklagten Entlastung bedeuten, sondern auch objektiv für die breitere Aufhellung des Gesamtfalles dienlich wären. Daher bitte ich zwecks weiterer Zeugenladung um Vertagung.' Er verbeugt sich und nimmt wieder Platz. Der überreizte Präsident läßt seine Augen erlöschen, als wenn er plötzlich Kopfschmerzen hätte. Er wartet neugierig darauf, was er selber tun wird. Jetzt betrachtet Freisler das Gefunkel des Solitärs. Was wer- den ihm die Strahlen eingeben? Er liebt nicht das Geschwätz der Anwälte, er verachtet es, die Kerle werden ja dafür be- zahlt, Er war ja selber einmal Anwalt, und sein eigenes Auf- treten hat in ihm eine sehr schlechte Meinung vom Anwalts- stand zurückgelassen. Alles Humbug. Was meckern die noch! Er, der Präsident Freisler, ist der Herr des Gerichts! Er ist unfehlbar und ein neuer Stellvertreter Gottes. Aber jetzt pfeift er drauf, Er hat im Moment genug, er runzelt geschäftlich die Stirn. Was hat der Kerl gesagt? Nicht prozeßreif? Den Bur- schen wollen wir uns kaufen. Vertagung? Soll er haben, aber anders, als er denkt. Den booten wir aus. Den Anwalt ver- tagen wir auf immer, und dieses bockbeinige Schlachtvieh läuft uns nicht weg.. Das alles lese ich in seinem Mienenspiel. Möglich, daß meine gestachelten Einbildungen übertreiben. Aber ich dramatisiere mich dreifach selbst als Dichter, Held und Zuschauer. Freisler tut noch einmal so, als müsse er gewaltsam nachdenken. Dann sagt er in sattem Ekel:„Die Sache ist vertagt.“ 2* [#07 [0,3 Wie ein Flimmerbild zerstiebt das Gericht. Der Oberreichsanwalt zieht unter seiner roten Robe eine sorgsam verpackte Frühstückssemmel vor und betrachtet sie mit Andacht, ehe er hineinbeißt. Es muß eine knusprige, dickbelegte Semmel sein, sonst würde er sie nicht mit solchem Behagen anbeißen. Und plötzlich überfällt mich wieder der Heißhunger. Warum reiße ich ihm nicht die Semmel weg? Der Hund! Wie kommt er zu der Semmel? Alle meine Sinne kreisen um die guten Bissen. Wo hat er die Semmel her? Hat ihm vielleicht die schöne Frau des Admirals diese frische Semmel in Potsdam an die Bahn gebracht? Als heimliche Liebesgabe? Wie ich ihn beneide, nicht um die fremde Frau, die soll er haben, nur um die Semmel, die Semmel! ,, So kommen Sie doch", sagt mein Verteidiger. Ich starre noch immer auf den Semmelfresser in der roten Robe, der ungeniert an seiner Semmel kaut. Warum frißt er keinen Teppich! Freẞt doch, freẞt! Freßt die Teppiche, die Menschen, die Städte, die ganze Welt! Um mich herum wird alles zum Teppich, ich rolle mich ein. Da packt mich der Anwalt beim Arm. Ich stehe also doch auf beiden Beinen. Freisler, der den Purpur noch einmal über die Schultern rafft, will in Hoheit an uns vorüberrauschen. Da tritt ihm Klaus mit seiner ,, grinsenden ostbaltischen Dickfelligkeit" entgegen. Wahrhaftig, in diesem Augenblick trifft die Glosse des Präsidenten zu. ,, Entschuldigen Sie schon", er zieht dabei ein zerbrochenes Brillengestell aus der Rocktasche und hält es dem großen Gerichtsherrn vors Gesicht. ,, Der Herr Gefängnisinspektor will meine Brille nicht reparieren lassen. Mir steht die Beschwerde beim Gerichtshof zu. Ich bitte sehr darum, mir einen neuen Brillenbügel einsetzen zu lassen." Der Gewaltige zerhackt den armen Klaus von oben bis unten mit dem Beil seines Blickes, nimmt dann wortlos die Brille, birgt sie in den Falten des roten Gewandes und geht. Ein herumstehender Gestapo- Jüngling verzieht das Gesicht zu einer Maulsperre von beinahe ostbaltischer Breite. Im Hintergrunde werden schon dem Spanier die Fesseln zur Verhandlung abgenommen, während sich meine Arme wieder mit den leichten Aluminiumbändern schmücken. Aber an der Kellertür streift sie mir der Beamte ab und meint: ,, Ja, da haben Sie noch' n paar scheene Sommerwochen Jalgenfrist. Lassen Sie sich det Frühstück jut schmecken!" 36 e Π e T 1, וד t es e Π e, in er er er a st. ,, Gratuliere, mai Kutester!" ruft mir der sächsische Schlossermeister entgegen. ,, Ungefässelt, da is nix Peeses bassiert. Da bleib'm Se vorleifig läbn. Hat mer ärscht die Hände aufm Rücken zusammengeklämmt, denn is ma och bald wäch. Igittigitt! Ei, wenn se mich nachher zum Dode verurteilen dun, was mache mer da? Igittigitt!" Der Sachse, der auch in Rußland seinen sentimentalen Sington behalten hat, jammert immer wieder, das gottverdammte Heimweh sei an seinem Unglück schuld. Er habe in Rußland gut verdient und nahrhaft gelebt. Aber die braunen Hunde hätten seiner Familie nicht erlaubt, ihm nachzuziehen, sie hätten seiner Frau versichert, Briefe über sein Wohlergehen habe er unter Zwang der Wahrheit zuwider geschrieben. Schließlich hat ihn die Sehnsucht im Jahr vor dem Kriege nach Nazi- Deutschland zurückgetrieben. Hitlers Krieg gegen Moskau war für ihn ein Kapitalverbrechen, es wird ihm den Kopf kosten, denn er hat es zu laut gesagt. Dreimal war er schon in der Bellevuestraße zum Totentanz. Aber immer brachte ihm ein Zwischenfall Aufschub. Jetzt ist er fertig und fähig zu jeder Unbegreiflichkeit. Unter der losen Hauthülle zucken die Nervenfäden in Anarchie. Und an den Zähnen, die ihm die Gestapo ausschlug, eitern schon wieder die Wurzeln, er kann nichts kauen. Ich erbe sein Frühstücksbrot, ich schlinge es wild herunter und lasse ihn reden und rumrennen, soviel er will. Ich habe wieder Heißhunger, ich könnte beinahe selber Teppiche fressen. Aber dann werde ich auch nervös und immer nervöser, sein Rennen steckt mich an, und nun rasen wir beide unablässig fünf Schritte vorwärts und fünf zurück. Ich seufze: ,, Freisler hat es heute weniger eilig als wir." ,, Was, der Satan selbst? Heute tobt dort oben wieder der Freisler rum? Igittigitt!" Er schüttelt sich wie ein getretenes Tier und scheuert seine Schulter am Eisengitter. Jählings stößt er mit dem Spanier zusammen, den ein einziger Stoß in den Käfig geschnellt hat. Bei Gott, seine Arme sind auf dem Rücken zusammengepreßt, in die schwere eiserne Acht gefesselt. Er scheint noch schlanker und länger geworden zu sein. Den schmalen Kopf hält er weit nach hinten zurückgeworfen, der Hals wirkt unnatürlich langgestreckt, als sei er schon von einem Galgen geschnitten. Der Adamsapfel strebt aus der Körperlinie wie eine scharfe Anklage. ,, Condamné à mort, c'est ça!" Der Sachse versteht die Worte nicht und weiß doch, was sie bedeuten; seine wässerigen 37 Augen gerinnen und werden glasig, während sie den Rücken des Spaniers abtasten. - ,, Tête kaputt- kaputt! C'est ça- kaputt. Fini, fini—" erläutert der Todgeweihte. ,, Na, wird's bald", brummt der Beamte und packt den Sachsen, der im Stacheldraht der Gedanken steckt, wie ein Schlachttier am Genick. Als wir allein sind, beginnt der Spanier wie ein gurgelnder Katarakt zu erzählen, er strudelt in der Erregung spanisch und französisch durcheinander, ich verstehe vieles nicht. Aber soviel erfasse ich doch: der Dolmetscher, den das Volksgericht dem Spanier stellte, war Portugiese und konnte nur wenig spanisch, und der Angeklagte verstand nur wenig portugiesisch. So erfuhren Gericht und Gerichteter nur teilweise, was sie sich zu sagen hatten. Freisler entwickelte einen Film von den Vorgängen, der dem Spanier ganz neu gewesen war: Der Kahn, den die Spanier zur Flucht benutzt hatten, war von der deutschen Wehrmacht beschlagnahmt gewesen. Sie hatten einen Lothringer zur Beteiligung verführt, den man jetzt in eine deutsche Uniform gepreßt hatte. Und das war schlimm. Die andern Flüchtlinge sind damals ,, auf der Flucht erschossen" worden. Hatten sich die Spanier mit der Waffe gewehrt? Der Präsident nahm es an, er hat den berüchtigten nazistischen Annahme- Paragraphen spielen lassen. Denn Freisler lechzte, nachdem wir drei ihm nach zweistündigem rednerischen Durcheinander aus dem Netz geschlüpft waren, nach einem sauber blitzenden Todesurteil. Das alles höre ich in diesem spanisch- französischen Wasserfall rauschen; man ist eben in solchen Situationen mit Hilfe übersinnlicher Horchmittel viel hellhöriger. Immerhin empfehle ich ihm ein Gnadengesuch. ,, Demande de grâce?" Er schüttelt das immer noch zurückgebogene Haupt in stolzer Starre. ,, Jamais, jamais, je suis un espagnol libre." Jetzt wölbt er auch die Brust, als wolle er sich der Schwäche einer Versuchung entgegenwerfen. Als freier Spanier will er unter keinen Umständen die Hilfe der faschistischen Franco- Botschaft in Berlin in Anspruch nehmen, über die er als spanischer Staatsangehöriger das Gnadengesuch zu richten hätte. Er ist ein Sohn der Freiheit und kein Franco- Knecht. 38 Auf dem Zellentisch liegen, in die Mütze gewickelt, des er e e er St er ft Π es I Spaniers dicke Mittagskuhlen. Er schiebt die gefesselten Hände bis zur Hüfte, er beugt den Rumpf zur Tischplatte. Dann fassen die Hände wie eine geöffnete Kneifzange zu und ziehen die Kuhle an den Tischrand. Nun geht er in die Kniebeuge und beißt mit seinen blanken Zähnen in die Brotkruste. Doch die Doppelschnitte klappt auseinander, und die beiden Hälften fallen im Bogen zur Erde. Soll er jetzt wie ein Hund die Brotstücke mit dem offenen Maul vom Estrich schnappen? Schon liegt er lang, schon schnappt sein Mund nach dem großen Brocken, während die gefesselten Hände wie der Stummel eines Hundeschwanzes vom Rücken wedeln. ,, Levez- vous, levez- vous!" Ich wagte mich bisher nicht einzuschalten, er wollte selbständig bleiben. Aber jetzt kann ich's nicht länger mit ansehen, zu grausam ist der nackte Kampf der Kreatur. Schon habe ich die Kuhlenstücke an mich gerissen. Er springt mit einem Satz in die Höhe und hastet in die Ecke, als überfalle ihn plötzlich eine furchtbare Scham. Aber warum sollten gerade wir uns schämen, das wäre Sache unserer Feinde, die uns mit allem Raffinement erniedrigen. Wir sind über die Sprachen und Länder hinweg verbündet, wir sind wirklich Kameraden in der Katastrophe. ,, Komm, Kamerad, ich füttre dich!" Er versteht die gemurmelten deutschen Worte nicht, doch er läßt sich willig mit den Brotstücken füttern, die ich von den großen Scheiben abbreche. Und er iẞt mit derselben leidenschaftlichen Überstürzung, mit der er vorhin von seiner Verurteilung erzählt hatte. Aber dann wissen wir beide nichts mehr zu tun und nichts mehr zu sagen. Seine dunklen Augen lodern schwül durch den Schmutz. Ich spüre den Hauch der Gruft auf der Haut. Ach, wir sind schon in die Unterwelt versenkt, wir siechen schon in einer kleinen Kammer unter der Erde, wir hören ein letztes Summen aus dem Reich der Toten. Noch fegen meine Arme frei im Raum, noch bannt sie nicht die letzte Rückenklammer. Aber einmal bin ich auch so weit wie er, der fremde Kamerad. Ja, einmal kommt auch bei mir der schwere Anfang vom Ende. Und tête kaputt- kaputt, der Tod ist international. Einerlei, wo man endet. In spanischen Richtstätten riecht es auch nicht besser. - Wie wir für dieses Mal aus der Kellerzelle in die Sonne des Julitages zurückkamen, ist in mir untergegangen. Da stehen wir 39 im Dunst des sengenden Nachmittags wieder vor der grünen Motorminna. Unsern Sowjetsachsen haben sie schon in den engen ,, Schrankkoffer" neben dem Führersitz gesperrt. Ich sehe seinen schwammigen, nach Luft schnappenden Kopf durch die eckigen Löcher dieses Stehsarges. Sind seine Arme auf den Rücken gekettet, ist er vom Tode gestempelt? Ich kann es nicht erkennen, denn seine Gestalt ist verdeckt. Auch das Milchglas seiner Augen läßt nichts durch. Herrgott, es ist nicht Neugier, was mich so fürchterlich forschen läßt. Ach, wenn ich doch wüßte, was aus ihm wird! Warum darf ich das meiste nicht wissen? Warum komme ich nicht los von dem Warum? Wir sollten nicht fragen, wir sollten uns selbst die große Ursache sein. Jetzt reißen sie auch den Spanier von meiner Seite und werfen ihn in eine Einzelbox. Ade, mein freier Spanier, wir werden uns nicht wiedersehen! Geh in der Gnade deines Stolzes deinen Gang. Noch einmal fahren wir zusammen durchs brechende Land. Ich fühle noch den entschlossenen Händedruck meiner Frau. Und Klaus trägt wieder seine breite, ostbaltische Dickfelligkeit zur Schau. Wir schleudern, wir fahren, und niemand weiß, warum. Um unsere Körper klebt die Luft wie heißer Brei, und die Feder der Zeit ist zerbrochen. Gott hält den Atem an. Das Licht verqualmt, es riecht nach Brand und Kadavern. Das war Berlin am 3. Juli vierundvierzig. Ein langer, langer Tag. Die Sonne eitert, und das Abendrot hat Blutvergiftung. Mich dünkt, es müßte was geschehen, es stünden uns allen Dinge bevor, die auf die Beine kommen wollen und noch im Gipsverband liegen. Ich bin wahrhaftig bis zum Bersten voll Erleben. Die Schlacken der Materie überfüllen meine Eingeweide. Ich habe wieder dieses böse Brennen am Gesäß. Mich quälen Sachen, die es in der guten Gesellschaft nicht gibt. Wir fahren in den Kurven unserer Passion, wir fahren und bleiben doch auf der Stelle wir kommen von der Vertagung. Wir haben Aufschub. Rote Roben wallen durch das graue Gewölk meiner Vorstellungen. Da halten wir schon in der Schuttwüste vor der Zwingburg in der Lehrter Straße. Mir scheint, das alte Bollwerk der Gewalt sei inzwischen noch weiter zerbröckelt, mir ist, als sänke es tiefer und tiefer in den Sumpfboden dieser Zeit. Es kommt 40 mir vor, als wenn der Schmutz, das Leid, das Unheil, das sich seit Jahrzehnten in den Därmen dieses Hauses. angesammelt hat, nicht mehr in ihm Platz fände und es auseinandertreibe. Vom Gram durchtränkt, vom Fußtritt des Verbrechers geschunden, von Opferkraft der hohen Herzen erschüttert, vermag dieses Haus nicht länger sein herrisches Leben zu behaupten, und so zerfällt es wieder zu der Erde, aus der es anmaßend kam. Hinab in das neue Inferno der Schmach, hinauf in den Turm meines Schweigens! Mir leuchtet ein hochfahrender Genieblitz von Hebbel durchs Hirn: ,, In die Hölle des Lebens kommt nur der hohe Adel der Menschheit. Die andern stehen davor und wärmen sich." Die braune Hölle brennt. Ich friere. Die Julinacht gerinnt zu grauem Eis. 41 Partisanen des Geistes ,, Und noch' ne Einzelhaft? Was hat der Mann?" ,, Hochverrat,- und Hämorrhoiden hat er auch." ,, Sososo. Und Hämorrhoiden hat er auch." Dieser dumpfe Beamtendialog läutet die Revision meiner Zelle am nächsten Sonntag ein. Hochverrat und Hämorrhoiden, eine gute Mischung, eine feine Mischung, die Tragikomik ungewollter Witze. Aber die Hämorrhoiden stechen bösartiger als Witze, sie beißen Tag und Nacht. Pah, Hochverrat, der kostet höchstens den Kopf, und das tut im allgemeinen nicht weh. Es gab in Deutschland zu wenig Hochverräter und zuviel Hämorrhoidenkranke. Ich suche in der Magie des Leidens die Gegenkraft, die mich alles überwinden läßt. Seit fünfmal vierundzwanzig Stunden habe ich das Auge umsonst geschlossen, die Lider wurden mir gegen Morgen nur vom Nachtschweiß schwer. Jetzt sind sie wund. Manchmal springe ich auf den Schemel, um den Schmerz noch mehr zu steigern, weil ich hoffe, ich würde dann ohnmächtig werden und für eine Weile nichts von der fatalen Mischung Hochverrat plus Hämorrhoiden wissen. Aber es hilft nichts, und meine Sinne wollen mich auch nicht für eine einzige wohltätige Sekunde verlassen. Und zum Aufhängen habe ich keinen Strick, man hat mir längst meine Hosenträger weggenommen. Sonst hinge ich schon am Eisengitter vor dem Fenster; ich brauchte nur eine kleine Scheibe einzuschlagen und die Schlinge nach draußen durchzuziehen. Selbstmord wäre höchstes Bacchanal, aber hier gibt es keine Feste. Was ist der Mensch? Aus Kot ist er geboren, und alles Leben wird wieder zu Kot. Und zwischendurch, da jagt man nach den Seligkeiten des Olymps und stürzt in die Passion. Ach nein, hier in der Lehrter Straße, da duftet's nicht nach Nektar und Ambrosia, hier riecht es Tag und Nacht nach Kot, als sei die Welt ein einziger Kübel und der Himmel ein rostiger Deckel darauf. 42 „A191 zur Zentrale kommen“, schrillt es durch die Menagerie. AI 91, das bin ich. A ist mein Flügel, II ist mein Stock- werk, 91 meine Zellennummer. Also strample ich die steile, glatte Eisentreppe herunter; es muß sehr fix gehen, sonst muß ich nämlich nochmals heraus, im Sauseschritt herunter und wieder herauf und herunter. Wenn man nämlich an den richtigen Kerl gerät, wird hier viel böser geschliffen als auf dem Kasernenhof. Die grünen Justizler haben jetzt auch schon Hunger, und die Bestien unter ihnen sättigen sich am liebsten durch Sadismus. Bei jedem Schritt in die Tiefe der Treppenhalle fahren mir schnelle Dolche und langsame Bohrer ins Gesäß. Diese ver- dammten Kreislaufstörungen, das kommt davon, wenn man monatelang gefesselt war. Und die Fessel kommt vom Terror wie die Armut von der Powerteh. Ich möchte aufbrüllen vor Schmerz, noch lieber möchte ich mich in die Tiefe stürzen. Aber der Blick in die Tiefe ist trügerisch. Überall sind gegen Selbstmordgelüste Drahtnetze aus dünnem Stahl gespannt, ich würde mir nur das Nasenbein und die Kniescheibe brechen, und das lohnt nicht, damit käme ich vielleicht noch nicht einmal ins Lazarett. In der Besuchszelle wartet mein Anwalt. Er macht ein Ge- sicht, als hätte ihn der Freisler auch schon in den Fingern. Und so ist es auch. Er will ihn allerdings nicht verhaften, sondern im Gegenteil entlassen. Er hat ihm die Sache Schultze-Pfaelzer entzogen und möchte ihn sogar von der Liste der Anwälte beim Volksgericht streichen lassen. Was ist der Grund? Er hat sich ärgern müssen, hat sich überrumpeln lassen, und das verträgt ein Freisler nicht. Eigent- lich hat er sich über den General geärgert, aber an den kann er vorläufig nicht heran. Doch dem Anwalt kann er an den Magen fahren. Was hat der doch gesagt? Die Sache Schultze- Pfaelzer sei noch nicht prozeßreif, hat er gesagt. Das ist eine unerlaubte Kritik, das ist eine Herausforderung des Senats, das ist politische Unzuverlässigkeit. Wir werden ihn kriegen! Der Mann hat mal vor fünfzehn Jahren eine rechtsphiloso- phische Schrift veröffentlicht, die entpuppt sich jetzt als libera- listisch verseucht. Und so einer hat sich in die Anwaltschaft des Volksgerichtshofs eingeschlichen. Raus mit ihm! 43 Das alles erzählt mir der doppelte Herr Doktor tief bekümmert. Er ist ein Mann von akademischem Ehrgeiz, sehr ängstlich auf sein Prestige bedacht, der hinter einer langen Geistesfassade seine bürgerliche Enge verbirgt. ,, Und das Schlimmste an allem ist, daß ich wirklich Nationalsozialist bin", versichert er mir hoch und heilig. Für ihn gibt es jetzt nur noch seinen Fall, der meine existiert für ihn nicht mehr. 33 , Worin besteht denn nun eigentlich Ihre nationalsozialistische Überzeugung?", wende ich prüfend ein. Einen Augenblick sieht er mich etwas mißtrauisch an, dann plädiert er los: ,, Auf die straffe Ausrichtung kommt es an, vor allem für uns Juristen. Vorher waren wir im Begriff, der Anarchie zu verfallen. Es wurde zuviel gemeint und zu wenig entschieden. Jetzt lenkt eine starke Hand das öffentliche Geschehen, und die deutsche Führung wird der Welt eine bessere, einheitliche Er bricht ab. Die Sache wird ihm peinlich. ,, Müssen wir das nicht anerkennen?" ,, Wollen Sie anerkennen, wo Sie mit Recht empört sind!" schleudre ich ihm entgegen. ,, Wem hilft denn die starke Halunkenhand? Was Sie jetzt kränkt und schädigt, ist doch nur die freche Laune eines größenwahnsinnigen Komödianten." ,, Gewiß, gewiß", erwidert er beklommen ,,, der Fall Freisler ist nicht nur für mich bedauerlich. Aber seine Erscheinung ist doch nur eine einzige wunde Stelle in der Führerschicht des Nationalsozialismus. Aber ganz oben finden Sie doch wirklich korrekte Leute mit großen Energien. Nehmen wir zum Beispiel mal den Reichsaußenminister von Ribbentrop, den Neuorganisator Europas! Der ist doch nicht nur äußerlich ein ganz erstklassiger Mann." ,, Gut, nehmen wir Ribbentrop. Darf ich Ihnen von meiner ersten Begegnung mit Ribbentrop erzählen. Es war im Dezember 1918, in jenen düstern Übergangswochen in Berlin. In der Budapester Straße, der heutigen Hermann- Göring- Straße, nahe dem Potsdamer Platz leitete Erzberger die deutsche Waffenstillstandskommission. Der vielgeschäftige, vielumstrittene Mann hielt dort täglich eine Pressekonferenz ab, zu der ich erscheinen mußte. Meistens hatte er homines novi von den Linksparteien um sich, aber eines Tages tauchte neben dem Minister ein eleganter Leutnant in schmucker Husarenattila auf. Ich denke: Donnerwetter, wie kommt Erzberger zu dem 44 feudalen Husaren? Da will ein Herr aus der alten Gesellschaft im andern Lager Karriere machen, wie interessant. In meiner journalistischen Neugier befrage ich nach Schluß der Sitzung einen Legationsrat, der als wanderndes Personallexikon vom Protokoll der Wilhelmstraße bekannt war. Ach, Sie meinen den Ribbentrop', lacht der, ja, das ist der typische Abenteurer, wie er nur in solchen Katastrophenwochen möglich ist. Also Herr Ribbentrop ist gar kein Leutnant, er hat sich vor kurzem selbst dazu ernannt, nämlich als sein Schneider die prächtige Attila fertig hatte. Er ist im Kriege Vizewachtmeister der Reserve geworden, als Leutnant kam er nicht in Betracht, weil er früher einmal wegen Straßenraubs verurteilt war. Um die Strafe nicht abzusitzen, ging er nach Kanada und wurde dort Eisenbahn- Tramp. Jetzt möchte er via Erzberger Diplomat werden. Aber passen Sie auf, wenn Sie dem Ribbentrop draußen begegnen. Auf dem Mantel trägt er kein Leutnantsachselstück, sondern die rote Armbinde, da ist er gleichzeitig für die marxistische Straßenrevolution richtig angezogen.' Also, was sagen Sie zu diesem korrekten Knaben, Herr Rechtsanwalt? Aber warten Sie, die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Etwa zehn Jahre später begegne ich Herrn Ribbentrop wieder, und zwar auf einer Gesellschaft in einem uradligen Hause Berlins. Da wird mir Herr Ribbentrop als Herr von Ribbentrop vorgestellt. Ich denke an den Husarenleutnant bei Erzberger mit der roten Armbinde und muß mich beherrschen, um nicht loszulachen. Also inzwischen hat er sich selbst in den Adelsstand erhoben! Man erzählt mir, der Mann hat eine arme Tante gehabt, die besaß das Adelsprädikat und übertrug es gegen eine Rente durch Adoption auf ihn, aber die Rente ist der Ehrenmann schuldig geblieben. Ja, wahrhaftig, Herr Rechtsanwalt, er ist ein erstklassiger, korrekter Mann, der Herr von Ribbentrop! Und Ellenbogen hat er weiß Gott. Als Erzberger ermordet und bei den Linksern nichts mehr zu holen war, da stellte er sich wieder auf den Bedarf der feinen Leute um und wurde internationaler Reisender für eine Sektmarke. Ein Tausendsassa, nicht wahr? Ein Mann, wie geschaffen, um im Nazi- Zeitalter den Kontinent auf den Kopf zu stellen. Nun, ich sage Ihnen, seine Staatsverträge sind genau soviel wert wie sein Leutnantspatent und sein Adelsdiplom. Als Jüngling begann er seine Laufbahn mit Straßenraub, indem er einer alten Dame die Handtasche wegriß. Als Naziführer setzte er das Geschäft des Straßenräubers fort, indem er die alte - 45 Dame Europa auf allen Landstraßen dieses Kontinents ausplünderte." Mein Anwalt hält die Handflächen wie Schutzschilde über die Ohren gewölbt, als wolle er nichts mehr hören. ,, Das ist ja schauderhaft", stöhnt er. ,, Ich wünschte, das wäre alles nicht wahr. Seien Sie um Gotteswillen nur vorsichtig. Sie haben sich da schon wieder mindestens ein Todesurteil an den Hals geredet. Ich will ja nichts gehört haben." Noch einmal wendet er sich mit einer zögernden Drehung mir zu. ,, Verzeihen Sie, aber ich komme davon nicht los. Ist Hitler wirklich ein Teppichfresser? Nach Ihren Erklärungen vor dem Volksgericht Aber wenn er wirklich Teppiche friẞt - mit Verlaub zu sagen, ja dann ist er doch verrückt ja, darüber könnte man selber wahnsinnig werden. Ich muß an Lombroso denken Sollte bei ihm Genie und Irrsinn-" - - - ,, Irrsinn auf jeden Fall", diagnostiziere ich. ,, Immerhin haben Millionen dem Größenwahn des Gröfaz zugejubelt." ,, Entschuldigen Sie, was hat denn schon wieder dieser Gröfaz zu bedeuten?" ,, Größter Feldherr aller Zeiten! So ließ er sich von Göring feiern, und im OKW behielt er diesen Ehrentitel in militärischer Abkürzung. Aber bleiben wir bei Hitlers echter psychischer Erscheinung. Früher zeigte seine hemmungslose Rednergabe einen gewissen Anflug von Genialität. Sein rhétorisches Temperament war zwar reichlich ideenflüchtig, aber äußerst suggestiv. Allmählich wurden seine demagogischen Energien stumpfer und plumper, sie zeigten schon die ersten Spuren von Verblödung. Seine Wutanfälle, seine Zerstörungspathologie, vor allem das Kristallzerschmeißen und das Teppichfressen sind ohne Zweifel affektepileptisch, gehören also in das Gebiet der Scheinepilepsie auf hysterischer Grundlage. Ob Hitlers eigentliche Geisteskrankheit im übrigen Schizophrenie oder Paranoia ist, ob er an labilem oder fixem Wahn leidet, darüber kann man vielleicht verschiedener Meinung sein. Ich möchte mich eigentlich für die erste Auffassung, für Spaltungspsychose mit wechselnden Wahnideen entscheiden. Aber die Diagnose auf Paranoia hat gewiß auch mancherlei für sich, denn im allgemeinen ist ja die formale Ordnung des Gedankengangs bei ihm erhalten, während sich zugleich das fixe Wahnsystem bei ihm einheitlich fortentwickelt. Auch seine Beeinträchtigungs- und Verfolgungsideen, zum Beispiel in der Judenfrage, wirken fix und paranoisch. Dennoch möchte ich bei einer Pathographie 46 e unseres Herrn Adolf Schicklgruber, genannt Hitler, auf schizophrenes Irresein, auf sprunghafte Wahnverwirrung plädieren. Denn Sie finden bei Hitler immer wieder impulsive Verkehrtheiten trotz eines guten Gedächtnisses. Sie können immer deutlicher beobachten, wie seine Persönlichkeit zerfällt, wie sie im Denken, Fühlen und Handeln schizoid auseinanderbricht, wie ja auch die Deutschen sich immer wieder aufspalten." ,, Aber ich bitte Sie um alles in der Welt, sind Sie Politiker oder Irrenarzt?" ruft der Anwalt hilflos. ,, Deutschland ist doch schließlich kein Irrenhaus!" ,, Es ist ein Irrenhaus", entgegne ich mit Bestimmtheit. ,, Sie merken das nur nicht mehr, weil Sie im Prinzip bereitwillig mitspielen und nur bei kleinen, persönlich erlebten Einzelheiten mit Vernunftkritik zu meckern wagen. Aber das geht nicht nur Ihnen so. Jede Massenpsychose vernichtet allmählich das normale Urteil." Jetzt will er die große deutsche Psychose mit ahnungslosen Einwänden verteidigen. ,, Aber Sie werden doch nicht im Ernst behaupten wollen, daß alle unsre heutigen Führer verrückte Narren sind. Es gibt doch da auch nüchterne Männer, reine Zahlenmenschen, Wirtschaftler, Finanzgrößen, klare, sachliche Köpfe, etwa den markanten Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsidenten." - ,, Herr Funk als nüchterner Mann! Verzeihen Sie, das kommt mir geradezu besoffen vor. Also bleiben wir bei Funk. Wir sind zufällig nicht nur Landsleute, sondern er ist auch mein Conmulus, wir haben zusammen am Gymnasium in Insterburg Abitur gemacht, nachdem wir mindestens fünf Jahre lang die gleiche Schulbank gedrückt hatten. Unser Gymnasialdirektor warf ihn nur deshalb nicht aus der Anstalt, weil er als Harmoniumspieler bei den Morgenandachten unersetzlich war. Er war hochmusikalisch und auch von ungewöhnlicher Allgemeinbegabung, die ihn alles spielend lernen ließ. Aber er neigte schon früh zu alkoholischen und erotischen Exzessen. Daß er sich manchmal fürchterlich betrank, das hätte man ihm im damaligen Ostpreußen nicht übel genommen. Als er aber eine bezechte, nackte Kellnerin auf dem Billard schwer verprügelt hatte, wäre ihm das beinahe an den Kragen gegangen. Dann studierten wir zusammen in Berlin, wir alten Insterburger wohnten größtenteils am Bahnhof Savignyplatz, wo es immer neue Sensationen um ,, Funkus" gab. Einmal warf er die Unterkleider einer Freudendame aus dem vierten Stock auf die - 47 - Straße, ein andermal schmiß er im Suff einen Droschkenkutscher vom Bock aufs Pflaster und jagte mit dem Pferdefuhrwerk im Galopp davon, warf dem verfolgenden Schutzmann eine Bierflasche an den Helm usw. Gewiß, er konnte auch spaßhaft sein, als er z. B. bei einem Orgelkonzert den Damen der Gesellschaft stinkende Salzheringe in die Pelzmuffs praktizierte. Sein Säuferherz schützte ihn vor den Kriegsgefahren, und so hatte er reichlich Gelegenheit, die schwarzen Märkte zu durchforschen. Wenn Sie mich fragen, wie ein verbummelter Musikstudent ausgerechnet als Börsenjournalist nach oben kommt, so erkundigen Sie sich mal bei alten Mixern aus der Esplanade- Bar. Funk verkehrte überall, wo die besseren Inflationsgewinnler jeuten und Spekulationstips besprachen. Sein enormer Scharfsinn kam hinter alle ihre Schliche. Er nutzte seine Überlegenheit rücksichtslos zu Geschäften aus. Seine außerordentliche Gedächtniskraft ließ ihn alle Kniffe und Sünden im Kopf behalten. Wenn sie nicht wollten, daß er über ihre Geschäftslage, über ihre Bilanzierungen unliebsame Enthüllungen oder Gerüchte weitertrug, so mußten sie zahlen.- Mit anderen Worten, sie mußten inserieren, sie mußten spenden, wie Herr Funk es befahl. Er beherrschte die Börsenpresse, scheinbar als kritischer Journalist, in Wahrheit als Erpresser. Ehe sich die großen Aktiengesellschaften mit dem Bilanzensatan Funk verkrachten, zahlten sie lieber, wenn auch mit der Faust in der Hosentasche. Es war in jedem Falle billiger und kraftsparend, wenn sie freiwillig zahlten. Aber wenn sie zahlen mußten, dann sollte auch die Konkurrenz nicht weniger bluten, und so verrieten sie noch obendrein an den verhaßten Funk, was der liebe Nachbar auf dem Kerbholz hatte. Ja, er war eine herrliche Sumpfblüte des Spätkapitalismus.- Zum Weinrausch und Geldrausch kam schließlich der Machtrausch. Wie wäre es, wenn man die deutsche Wirtschaft einfach an einen tüchtigen politischen Unternehmer verkaufte. Dazu schien ja dieser Herr Hitler aus München der richtige Mann zu sein. Das Geschäft mit Hitler kam zustande, die deutsche Industrie begann die Schulden der Nazi- Partei zu übernehmen, Herr Funk wurde Staatssekretär, Minister, Reichsbankpräsident. Und wissen Sie, wie sein Sozialismus aussah? Perversen Jungens schenkte er hinterher Reichsbanknoten mit seiner Unterschrift. Aber genug. Mir wird schon übel. Es riecht in der Lehrter Straße sowieso nicht gut!" 48 ,, Mein Gott, mein Gott, wenn das deutsche Volk davon er ch 20 k- n, Zu er en er 1- in te ne nd Der ntD- se, er. enHer nd len en, nk. ine sch es, gen err häft die rde sen kte ber aße führe. Sagen Sie, haben Sie noch mehr von solchen furchtbaren Geschichten?" ,, Noch ein Witzchen zum Abschied, Herr Rechtsanwalt. Ein Witzchen über den Teppichfresser. Die Sekretärin meines Gestapo- Häuptlings kannte ihn schon, aber die war besonders ausgekocht. Also hören Sie: Hitler kommt in ein Teppichhaus und kauft eine, Gebetsbrücke aus ganz wundervoll weichem Buchara- Gewebe. Als er gezahlt hat, fragt der Verkäufer:, Soll ich den Teppich zuschicken lassen oder wünschen der Herr ihn gleich hier zu verspeisen?"" Mein Exanwalt sucht sich durch ein Gelächter aus der Verstrickung zu ziehen. ,, Gott erhalte Ihnen recht lange Ihren goldenen Humor!" Dann macht er sich schnell aus dem Staube. Ach, mir ist gar nicht humorig zumute, der Hämorrhoidenteufel stiehlt mir die spärlichen Fleisch- und Fettreste, in denen bisher mein Gerippe verpackt war. Immer besser kann ich an meinem Körpergestell Knochenanatomie studieren. So also sieht das Schlüsselbein aus? Als dürrer Bügel spannt es sich über eine tiefe Mulde. Nur an den Beinen, kurz über den Knöcheln bilden sich neue Polster, aber das sind wasserhaltige Schwellungen, die beim Gehen einen sperrigen Widerstand entgegensetzen. Eigentlich sollte ich auf Knien danken, daß ich nicht mehr gefesselt bin. Welchem Umstande ich diese neue Daseinsgunst, verdanke, ahne ich nicht, vielleicht nur einer Vergeßlichkeit der Beamten, einer weitverbreiteten Berufseigenschaft der Kerkerknechte, die sich freilich viel häufiger zum Nachteil der Gefangenen auswirkt. Ansonsten regiert mich eine logische Kette der Übel: die lange Einzelhaft ohne Arbeit führt zum Mangel an Bewegung, die Gliederruhe zur Kreislaufstörung, daraus entstehen die Hämorrhoidenschmerzen, die allen Schlaf verbannen. Wer nicht schläft, spürt den Hunger um so schlimmer. Der Magen möchte wenigstens betrogen werden, er friẞt auch Baumrinde und Unkraut, aber auch davon ist leider nur wenig greifbar. Dem Magen kommt es nur noch auf Fülle an, er gibt sich schon mit einer beliebigen Masse zufrieden, an der er seine Arbeitslust versuchen kann. Ach, dieses mißhandelte Kesselchen möchte noch immer fleißig sein. Unser Mittagessen ist meistens auch nur noch ein Rohstoffgemengsel niedrigster Art, ein Flüssigkeitsaggregat fast ohne 40 er4 Kampf 49 Kalorienwert. Entweder gibt es gelbes Wasser von uraltem Sauerkohl oder grünes Wasser von frischen Spinatstrunken. Aber ich könnte diese beizenden Suppen eimerweise saufen. Jawohl, ich würde ganze Eimer, ganze Fässer, ganze Bassins davon vertilgen! Und wenn mir schon der Bauch geplatzt wäre, ich würde weiterschlürfen! Der Herr über diese wäßrigen Herrlichkeiten ist der Oberkalfaktor, er hat diese bunte Brühe in vollen und halben Kesseln zu verschenken. Wenn er zum Beispiel draußen durch das Gehege der Treppen brüllt: ,, Aujust, noch' n halben!", so vernimmt man mit ehrfürchtiger oder ergrimmter Gier, daß der Gewaltige sich heute herbeiläßt, an einige Günstlinge des Schicksals diverse Nachschläge in die Schüsseln zu kellen. Einen halben Kessel zum Nachschlag nach Gunst und Laune hält er meistens in der Hinterhand. Eigentlich soll jeder mal drankommen, aber wer nicht in der Gnade steht, hat sehr, sehr wenig Aussicht. Unser Oberkalfaktor ist ein Kriegswirtschaftsverbrecher von der besseren Sorte, er war jahrelang gewerbsmäßiger Schwarzschlächter, und ein paar kleine Urkundenfälschungen sind ihm dabei auch mit unterlaufen. Er trägt einen prächtigen, prallen Wanst und einen geröteten Rüsselkopf, an dem besonders der breite Faltenwurf unter den Ohren etwas Schweinemäßiges hat. Man denke ja nicht, daß er von den Wassersuppen, die er zu verzapfen hat, so fett geworden ist. O nein, er findet in der Küche weit bessere Sachen, er handelt beim Gärtner mit Tabak, beim Hausvater mit Sprit, im Lagerkeller mit Bouillonwürfeln. Er selber friẞt Karnickelbraten aus dem Wachtmeisterstall. Er schlachtet nämlich die Viecher und verschiebt auch noch die Felle. Heute läßt er sich wieder mal dazu herab, mir einen privaten Besuch in der Zelle zu machen. Ich muß zunächst vernehmen, daß die große Tube Zahnpasta, die ich ihm schenkte, um ihn gnädig zu stimmen, nicht viel taugt. " ,, Hm, prima siehste nich aus." Mit geringschätzigem Bedauern taxiert er den blassen Rest meines Lebendgewichts. ,, Weßte wat, ik mechte dir helfen. Morjen macht'n Freund von mir wech. Der könnt'' n bisken Jold gebrauchen. Wenn dein Ring echt ist, wär da vleicht wat zu machen. Also zeig' schon det Ding mal her." 50 Er streift mir, ehe ich mich dazu äußere, den Trauring von der abgemagerten Hand, an der er schon ganz lose saß. ‚Is 585 gestempelt. Jut is.'n bisken dünn is er ja, Du bist doch wat Besseres, müßtest eijentlich och'n dicken Ring haben.“ Ich zucke zurück, ich möchte mich weigern; der Gedanke, daß dieser Bursche mit meinem Ehering abziehen will, ist mir widerlich. Auf.der Innenseite des Ringes ist ein Datum ein- graviert, das nur uns beide angeht, die wir den gleichen Ring tragen. e Er ist auch in der Form kein gewöhnlicher Verlobungs- ring, er besteht aus drei schmalen, in sich verschmolzenen Ringen, die Glaube, Hoffnung, Liebe als eine heilige Drei- einheit symbolisieren. Solche Ringe trug man im klassisch- romantischen Zeitalter, heute sind sie in Deutschland fast unbekannt, Der Rüsselköpfige merkt meinen Widerstand, er fühlt aber ebenso meine Schwäche heraus, meine Schwachheit an Leib und Seele. ‚Mensch, vasteh’ mir richtich, wir machn een ehrlichet Tauschjeschäft. Ich krieje man bloß den dünnen Ring, und du krichst Nachschlag noch und noch. Sollst die Plauze orntlich vollkriejen. Nachschlag vier janze jeschlagne Wochen.— Na wat denn, wat denn, wenn det keen jutet Jeschäft vor dir ist!“ Mein Ring befindet sich längst in seiner Tasche, die Weige- rung käme zu spät und wäre von vornherein gefährlich gewesen. Ja, ich hätte bei Ablehnung des ‚‚Geschäfts‘‘ riskieren müssen, daß ich in Zukunft zur Strafe nur einen halben Schlag oder auch noch weniger bekommen hätte, Wer nicht schnell verhungern will, darf es in der Lehrter Straße nicht mit dem Oberkalfaktor verderben. Die Wacht- meister kümmern sich um solche Kleinigkeiten nicht mehr. Laßt doch den Kerl verrecken, was ist dabei, von solchem Mistzeug bekommen wir jetzt mehr als zuviel! Mein dicker Schwarzschlächter und Ringräuber hält sich an den Zwangsvertrag mit der ollen, ehrlichen Zuverlässigkeit der Korruption. Ich erhalte meinen Nachschlag pünktlich und reich- lich. Es kommt mir jetzt vor, als nähmen die Kohlfluten, die Graupengewässer, die spinatgefärbten Pfützen überhaupt kein Ende. Gold gab ich für Wasser, fürwahr, es ist eine teure Brühe, und sie kostete mehr als Gold, ich gab das Unterpfand des engsten Bundes, den die Menschen schließen. Noch will meine Linke spielerisch an dem Ringe drehen, wie sie es seit achtzehn Jahren gewohnt war. Ich kann nur noch a" 51 über die große Dreiheit des Korintherbriefes nachsinnen. ,, Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen!" Sei stille, mein Herz! ,, Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden Die Weissagungen des Hitler- Reiches verhallen schon im Sturm der Wahrheit, und seine Sprache der Gewalt ist nur noch klingende Schelle. Halte still, du kleine, kühne Frau! Die Liebe höret nimmer auf. Sie bedarf nicht des goldnen Reifs, sie ist ewig auch ohne Symbol. ,, Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht..." Ja, es ist doch manchmal gut, wenn man als unwissendes Kind diesen Korintherbrief auswendig lernte. Um der Liebe von Angesicht zu Angesicht auch in der Dunkelheit zu dienen, schlürfe ich die Schläge und Nachschläge der Suppengewässer. Aber bald will mir scheinen, als würde dies bräunliche und grünliche Naß in der Schüssel immer mehr statt weniger. Alle Gier ist dahin, es schmeckt jetzt widerlich. Mein Erhaltungstrieb macht wilde Bemühungen. Hinunter mit dem Zeug! Nur noch zehn Löffel, dann ist es geschafft. Aber vorher quillt mir schon das grüne Mittagswasser durch die Nase. Die Wanzen und Läuse haben sich mit den tückischen Saboteuren meines Kreislaufs verbündet. In halber Ohnmacht besitze ich leider noch soviel Halbbewußtsein, daß ich die hundert kleinen Bisse spüre und mir die Körperhaut zerkratze. Nun brennen die blutigen Streifen. ,, Die paar Wanzen und andern Bienen fressen noch lange keinen auf", versichert der Grünrock mit der Ohrfeigen- Visage dieser Autorität. In bitterster Stunde, während der Schmerz in meinen Gelenken splittert und ich kaum die Schenkel rühren kann, kommt mich meine alte Mutter besuchen. Da sitzt sie weiß und gebeugt. Ich reiße mich zusammen, sie soll nichts merken. Gewiß, ich verbeiße das Stechen, aber ich sehe und erlebe sie nur wie durch einen wallenden Schleier. Sie weint, in mir ist alles zerstört, ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich fürchte, daß ich gleich etwas Törichtes machen werde. ,, Ach Gott, du hast schon den scheuen Blick von der Seite, den ich von entlassenen Häftlingen kenne, die an der Tür um 52 Brot baten." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, da will sie mir schon wieder etwas Tröstliches sagen. Mein Zustand verträgt nicht die Urteilsstrenge, die sie früher in unserer Unterhaltung gewöhnt war. ,, Diese Lehrter Straße soll ja auch das finsterste Haftlokal von Berlin sein", klage ich ohne Überlegung. Da ist die Dummheit raus. ,, So' ne Frechheit", kräht es aus der Amtsvisage. ,, Die Sprechstunde ist abgebrochen. Kommt das nochmal vor, gibt's vierzehn Tage Dunkelzelle." Ich höre meine Mutter noch einmal aufweinen, dann schnappt die Tür zu, und ich taumle willenlos im Schatten der Marterstraße. Die Tage kriechen wie Läuse und schwer wie blutgesättigte Wanzen. An der sogenannten ,, Freistunde", an diesem steifen Spazierenrennen im Kreise, kann ich nicht mehr teilnehmen. Aber ich kann die gewundene Schlange der Marschierer von meinem Fenster aus beobachten, es ist die deutsche Lebenskrise im Kreise. Zwei schwarze Raben sitzen auf dem Müll und sehen Die Hände wieder mal verbotenerweise in den Hosentaschen, ein Filzhütchen keck im Genick, stelzt da mein Tatgenosse Klaus in seiner ostbaltischen Dickfelligkeit. Und ich, was macht mein Privatleben? Ich wehre mich jetzt mit ganz neuen Abwehrinstinkten gegen das geheime Reißen der Krankheit. Ich fülle mich mit Schöpferdrang, ich verhalte mich gewissermaßen poetisch. Wenn ich sagen wollte, ich dichte, so wäre das schon übertrieben. Genau genommen, dichte ich mich selber um. Zur echten Neuschöpfung würde meine Kraft noch nicht oder nicht mehr ausreichen. Und so dichte ich an mir selber herum, ich dichte meine älteren Gedichte um, ich gieße sie in die Elegien des Augenblicks, forme sie in den Rhythmus der inneren Stunde. Es regnet, es stürmt, die Wassermassen klatschen an das Zellengitter. Petrus kübelt, sagt der Knastologe, ich aber dichte eigene Strophen um: Neigt euch nieder, Wolken, Daß ich euch umarme! Ströme, Regen, daß ich Mit den Tropfen selbst zerrinne! All ihr trunknen Stürme unterm Himmel, Blast mir euer Wüten In die schlaffen Adern... 53 55 Meine Lippen hauchen die schmiegsamen Silben, und Gott Phantasus dichtet weiter um, ich verhalte mich schöpferisch. Und ich fühle, wie dabei die schlaffen Adern praller werden, wie der Flugwind der Seele auch den Puls des Blutes treibt. Der Pegasus beflügelt meine Schenkel und trägt mich in das Land, das keine Hämorrhoiden kennt. Ach, ich möchte meine sämtlichen Werke umdichten, das Leben hat unendliche Variationen, und der Geist kann alte Bindung lösen, um sie anders zu knüpfen. Jede Stimmung hat hundert Reizschwellen, man kann sie zu anderen Höhen lenken, und man kann sie wieder im Silber der Ferne verklingen lassen. Die Welt ist Rausch, die Krankheiten quellen wie Perlen. Ja, es ist eine Wollust, aus der Zone der Krankheit Schaffensgefühle zu sublimieren. Man verdichtet, umdichtet diese Welt und jene, man ballt sie zu Bomben, man trennt sie zu fliegenden Fahnen, man baut sie zu Türmen und reißt die Mauern ein, man baut aus Regenbögen Brücken über jede Kluft. Man sucht Erlösung in neuer Geburt, man sucht sich selbst zu vollenden, indem man zerstört und Auferstehung posaunt. Das Suchen und Schaffen im Material der Seele wirkt wie ein Heilungsprozeß. Eine Entzündung hat mich befallen, in der die innersten Krankheitsstoffe herauseitern. Die Verse eines Verfemten fallen mir ein, eines großen Kranken, den ich jetzt schon deshalb so liebe, weil sie ihn so hassen: Krankheit ist wohl der tiefste Grund Des ganzen Schöpferdrangs gewesen. Erschlaffend konnte ich genesen, Erschlaffend wurde ich gesund. Es ist der kranke Jude Heinrich Heine, der in seinen Schöpfungsliedern dieses Bekenntnis fand. Vielleicht würde er heute vor Lachen gesund werden, wenn er wüßte, daß diese Hakenkreuzler sein schönstes Lied mit dem Vermerk abdrucken: Deutsches Volkslied, Dichter unbekannt. Übrigens ertappe ich mich in der Gefangenschaft immer häufiger beim Zitieren von Sprüchen und Versen aus dem Schatze der Kultur. Früher habe ich solchen Gedankenschmuck geflissentlich gemieden, sobald er in meinem Bewußtsein aufglänzte und sich zur kostenlosen Benutzung anbot. Lieber mühte ich mich um eigene Formung, auch wenn sie viel schwächlicher blieb. Aber jetzt in einsamer Drangsal beglückt mich 54 das Bündnis mit allen großen Geistern, ich leihe mir gern die Hilfe der alten Autoritäten. Man ist nicht mehr einsam, wenn man sich von den Meistern bekräftigen läßt, daß uns das gleiche Erlebnis vereint. Die Tage lösen sich auf in linienlose Leere; wann werden sie wieder Konturen bekommen? Seit meine Schmerzen linder wer- den, ersehne ich Ereignisse. Das Leben bedarf der Akzente. Hinter den abfallenden Schalen der Dinge muß endlich..ein Kern zum Vorschein kommen. Heute schreiben wir den 20. Juli, es scheint ein Tag wie andere zu sein. Lautlos wuchs die Glut des Tages, und lautlos sank sie wie- der ins Ewiggleiche der Nacht. Kein Knall zerriß den grauen Gummi dieser Stille. Die Wende des neuen Lichts bringt end- lich den 21. Julimorgen. Wird das heute wieder ein Schmerzenstag? Meine Nerven‘ vibrieren in Erwartung. Irgendwo klirrt eine Eisentür, und ich spüre zusammenfahrend einen Stich bis in die Zehen. Sie kommen noch immer nicht mit dem Morgenbrot. Endlich schwappt das braune Kaffeewasser aus dem Kessel in meine Schale, ich höre draußen ungewohntes Gemurmel und erhasche noch einige Gesprächsfetzen—„alles durcheinander"- „immer noch nichts Genaues, wer nun ermordet ist.‘ Dann schlägt ein Stiefelabsatz gegen meine Tür, und eine unbekannte Stimme ruft durch den kleinen Glasspion:„Hallo, Mann— sie haben auf den Hitler geballert—“ Meine Gedanken spannen sich wie gereizte Tiere im Käfig.— Geballert!— Ist er getroffen? Man weiß wohl noch nichts Genaues. Ich versuche eine logische Kette zu schmieden: Es muß sich um ein Attentat auf Hitler handeln, er muß verletzt sein, es muß ein größerer Menschenkreis in Mitleidenschaft gezogen sein, sonst würde man die ganze Sache geheimhalten wie in früheren Fällen, von denen ich wußte— Wie das durch meinen Schädel wirbelt, wie die Gedanken doch zu Bestien werden und alles überrennen! Das sind nicht mehr die dünnen Scheidewasser des Denkens, das ist der Ur- strom der Instinkte— Die Lavaworte Heinrich von Kleists gegen den Bedrücker von damals mobilisieren sich auf meinen Lippen:„Schlagt ihn tot, das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht.“ Ich war lange ein theoretischer Gegner des politischen Mor- 55 des. In Staub mit den Theorien! Schlagt ihn tot, den deutschen Massenmörder! Schlagt ihn tot, werft seine Leiche ins Feuer! Niemand soll mehr mit seinen Knochen Götzendienst treiben. Streut seine Asche in die tiefste Kloake, auf daß sie sich mit dem Gedärm des Erdteufels vermische! Ich will die Hand küssen, die ihn erschlug! Ja, ich rase. Ich springe durch den kleinen Raum, ich habe zum ersten Male wieder das Gefühl, daß mich meine Füße wirklich vorwärts tragen. Über Gräbern und Trümmern brechen wir auf! Die Sonnenräder der Geschicke sprühen. Wo bin ich? Heute ist Freitag, heute muß der Figaro kommen. Freitag vormittag wird in allen Berliner Gefängnissen rasiert, falls es nicht der erzürnte Himmel verhindert. Unsere Figaros sind erstklassig, das heißt, sie rasieren miserabel, aber sie haben alle die neuesten Nachrichten auf Lager, und Nachrichten sind immer gut, auch wenn sie nicht ganz stimmen. Den vorletzten Figaro hat der ,, Haifisch" gefressen. Der ,, Haifisch" ist unser Gefängnisinspektor, so genannt, weil sein Profil an einen Hai erinnert. Also die Sache war so: Der Figaro hat die Ölsardinen des Haifisches gefressen, und zwar gleich in größeren Dosen, und dafür hat der Haifisch den Figaro gefressen, mit anderen Worten, er hat ihn auf vier Wochen in die Dunkelkammer geschickt. Draußen klappern schon Kasten und Schemel des neuen Figaro, zehn Zellentüren öffnen sich, der Beamte hat es eilig, wir drängen in das Zwielicht der Galerie, jeder zischelt ihm Fragen entgegen. Ich bin zum Reißen gespannt wie eine Stahlseite. ,, Sachte, Herrschaften, sachte", wehrt der Figaro ,,, ick kann mir doch den Mund nicht fusselig reden. Also, der Hitler ist noch nicht verreckt. Leider nicht. Sie haben ihm' ne Ladung Sprengstoff an seine weiche Birne geschmissen, aber das Aas ist noch immer nicht tot. Immer die Falschen erwischt es. Irgend so'n kleiner Bürofritze ist wech, und ein paar große Tiere sind verwundet. Wie? Wer? Na, wartet mal. Also die Offiziere sind's gewesen die vom Oberkommando der Wehrmacht. Und der, der den Strengstoff geschmissen hat, ist sogar ein Graf, ein Oberst glaube ich, wartet mal, ja, so hieß er Graf von Stauffenberg - 11 - , Was?" rufe ich. ,, Stauffenberg? Tatsächlich Stauffenberg?" 56 Alle richten plötzlich Blicke, wie Nadeln nach meiner Ecke. -Vielleicht war ich unvorsichtig. Angste schlingen sich um meine Kehle. War da Verrat im Spiel? Wie konnte ein Stauffenberg fehlen! Das ist ja zum Tollwerden. Ich kann keinen Ton mehr herausbringen, und das Interesse wendet sich von mir ab, denn meine Nerven scheinen nur ins Sinnlose überspannt zu sein, und das ist hier alltäglich. ,, Kinder, ick kann euch flüstern", erzählt der Figaro, während er tut, als beseitige er wirklich die Bartstoppeln ,,, in Berlin ist verdammt was los gewesen, und heute benimmt sich die Polizei, als sei schon Revolution. In der Bendlerstraße war gestern' ne jroße Schießerei, und an der Potsdamer Brücke hat's auch geknallt. Und aus Wünsdorf ist die Panzerdivision losgezuckelt, die wollte auch gegen Hitler marschieren, und den Goebbels hätte das Wachregiment beinahe verhaftet, na, ick sage schon, Klamauk ist noch und noch. Und vielleicht ist morjen schon richtige Revolution und Frieden." ,, Frieden", summt das ungläubige Echo unserer ,, Rasierer" wie im Chor. Das hohe Vokalgewoge der Internationale zittert gedämpft durch die Galerie. Und mancher, der mit dem echten Sozialismus noch keine Berührung hatte, haucht beseeligt ein paar Töne mit. Das quillt anders aus der Menschenbrust als der blutrünstige Horst- Wessel- Schrei aus der Moabiter Gosse. Die Begriffe OKW und Wünsdorfer Panzer elektrisieren mich. Die Wünsdorfer waren zurückgehalten für den letzten Ernstfall, wenn es gegen Hitler ginge! Schon steige ich auf springende Säulen der Vision. Ich sehe mich auf dem Lukendeckel des Panzers stehen. Um mich her wogt hungerndes, dürstendes, sehnendes Volk. Und tausend Hände recken sich zum verhüllten Himmel. Ich will mit ihnen sein, ich will die abertausend Hände drücken, bis sie wachsen, immer länger und länger, immer höher und höher, bis sie in den Himmel reichen und den Vorhang zerreißen. Da umfließt es uns in goldner Helle: Friede, Freiheit! Eben noch blind und taub vom Strahl und Donner des Krieges, umarmen wir uns mit Kinderträumen im Herzen. Brüder, die Pforte steht uns offen, die Pforte zur Heimkehr in den Geist und die Liebe! Unter mir aber, im Bauch der Maschine, knattern nicht mehr tödliche Entzündungen, ich höre den friedlichen Hammerschlag des neuen Schaffens, es riecht schon nach Brot und nicht mehr 57 nach Brand. Und aus dem grauen Erz der Panzerwände sprieBen die Sonnenstrahlen und reifen zu gelben Ahren. Und in den Armen halte ich die ewige Geliebte der Menschen, die niemals alternde Frau, die Freiheit! Alle Geister erwachen, die Liebe siegt! Ich will nicht sterben, es ist eine Lust zu leben, und wenn in meinem Leibe tausend Zangen zerren! Nichts mehr von feiger Selbstzerstörung, ich gebe mir Befehl, ich gebe mir den unumstößlichen Befehl: Du lebst, und du wirst leben! Roland Freisler, ich spotte deiner, du blutiger Hanswurst! Hinab in deine Hölle! In unsern Panzern fährt der neue Geist. Aus unsern Panzern flammt das lebendige Wort. - Seid ihr schon da, kommt ihr mich retten? Ich höre draußen allerlei Gedröhn steht ihr schon in der Lehrter Straße? Gebt ihr schon Vollgas, um die letzte Ziegelmauer zu durchstoßen? Seid ihr schon da? Ich warte. ,, A III 91 zur Zentrale kommen." Ich bin aufgerufen, holen sie mich schon? Steht ein Wünsdorfer Panzer vor dem Tor, mich heimzuholen? In den nüchternen Disharmonien der Gefängniszentrale schüttle ich die Wunschträume ab. Mein neuer Verteidiger ist da, er kommt wie gerufen, er soll mir ein besserer Figaro sein. Vor mir sitzt ein sehr schlichter, vielleicht etwas grämlicher Herr. Er spricht ohne jeden Aufwand. ,, Ich habe mit großer Teilnahme von Ihrem Schicksal gehört." Das hat er nicht originell, aber warm und nett gesagt. Ich taxiere die Menschen schnell und genau, seit ich nur noch so wenigen begegne. Dieser Mann ist kein Nazi und will auch keiner sein. Ich frage sofort, was draußen los sei. 11 ,, Ach, nichts Gutes", antwortet er trübe. Das könnte doppelsinnig sein, aber in seinem Mund klingt es nur naiv bekümmert. Wirklich nichts Gutes", fährt er fort. ,, Der Aufstand der Offiziere scheint schon endgültig gescheitert zu sein. Ein miẞlungenes Unternehmen ist schlechter als gar keins. Herr Himmler dürfte jetzt mächtiger sein als je zuvor. Gestern abend wurden ein paar tausend Verhaftungen vorgenommen. Mindestens ein paar hundert davon kommen vors Volksgericht. Wieder deutsches Blut, das nutzlos vergossen wird. Es gelang mir heute 58 u re , morgen noch, mitten in dem großen Büro-Trubel Herrn Freisler zu fassen.‘ „Er raste natürlich, der blutige Hanswurst.‘ „Bleiben wir bei der Sache‘‘, sagt er düster.„Sie haben es mit Freisler total verdorben.‘ „Ist er also nicht mit sich zufrieden gewesen?‘ höhne ich mit der Genugtuung eines Galgenhumoristen. „Ach, seine Urteile werden in der nächsten Zeit noch schärfer ausfallen.‘ „Sie meinen, köpfen ist ihm jetzt zu milde, er will uns hängen sehn?“ „Als Anwalt muß ich mich etwas zurückhaltender ausdrücken. Aber ich muß Ihnen offen sagen: Sie haben bei Freisler keine Aussicht, mit dem Leben davonzukommen. Das Todesurteil ist sicher, wenn nicht—“ Er bricht ab und sinnt, ‚Wenn nicht—?‘ frage ich gedehnt, „Wenn nicht— wiederholt er zögernd.„Wenn nicht Ihre Erkrankung so schwer sein sollte, daß Sie vorläufig nicht vor Gericht zur Urteilsfällung erscheinen können. Das Urteil darf ja nicht in Ihrer Abwesenheit verkündet werden. Wenn ich Sie so ansehe, halte ich Sie eigentlich nicht für verhand- lungsfähig.“ Er wirft mir einen bedeutungsvollen Blick von der Seite zu. „Hm, Sie wollen sagen, wer mich ansieht, wird mir glauben, wenn ich behaupte— hm—, wegen dieser oder jener Störun- gen nicht verhandlungsfähig zu sein.“ „Vielleicht‘‘, erklärt er in kluger Zaghaftigkeit.„Vielleicht hilft es doch eine Weile, wenn ich dem Gericht schriftlich mit- teile, ich hätte Sie in keinem verhandlungsfähigen Zustand an- getroffen. Sie müßten natürlich Ihren schlechten Gesundheits- zustand— sagen wir mal— etwas unterstreichen— vielleicht bessert sich inzwischen die Situation— verstehen Sie mich recht—“ Ich nicke bedächtig. ‚„Gewiß verstehe ich. Dem Verhängnis ein paar kleine Korrekturen aufzwingen. Die Sterne etwas umgruppieren! Unmöglich ist nur, was man für unmöglich hält.“ „Do dachte ich früher auch. Aber in diesen Jahren rosiger Überschätzungen bin ich Pessimist geworden‘, seufzt der Anwalt. „Aller guten Dingen sind drei: Sie sind mein dritter Ver- teidiger. Warum sollte ich nicht mit Ihnen etwas fortune haben?“ 59 Ä R " h v k A gengen e EEE h Er lächelt in liebenswürdigem Weltschmerz. ,, Hoffentlich kommen Sie heute wenigstens nach Tegel. Das Tegeler Gefängnis ist immerhin erträglicher als diese schreckliche Lehrter Straße. Wie ich heute im Volksgericht hörte, wird die Lehrter Straße für die verhafteten Verschwörer freigemacht." ,, Verschwörer! Warum sagen Sie nicht Freiheitskämpfer! Warum zollen Sie nicht den Männern, die dem Nazi- Wahnsinn Widerstand entgegensetzen, Ihre Bewunderung?" Ungläubig fragend sieht er mich von der Seite an. ,, Glauben Sie wirklich, daß diese- sagen wir diese Aufständischen ernste politische Überzeugungstäter sind? Oder haben wir es vielleicht nur mit mißvergnügten Konjunkturisten zu tun, die bei Hitler keine Chance mehr sehen und aus Mangel an Erfolgen aufsässig geworden sind?" Seine kritischen Worte treffen mich wie ein Dolch. Denn ich spüre plötzlich das Berechtigte seines Zweifels. Gibt es noch Helden in solcher Zeit? Hätten wir nicht alle miteinander viel früher die Tapferkeit des Herzens beweisen müssen? Wenn nun ein unerbittliches Weltgericht nur von der Revolte der Konjunkturritter sprechen wollte? Ach, das Heldentum zerblättert im Winde der Wirklichkeiten wie eine prunkende Mohnblume in der Julinacht. Ich möchte die Augen schließen und nur noch in edlen Phantasien leben, ich fürchte die Wahrheit, möchte in heldische Spiegelungen tauchen. , Herr Rechtsanwalt", sage ich krampfhaft ,,, haben sich die Männer nicht in den Brand der Übel gestürzt wie Märtyrer in den Scheiterhaufen?" Ich fühle mich von meinen Worten nicht mitgerissen, und ich reiße ihn erst recht nicht mit. 11 ,, Ich habe keine Illusionen mehr, es ist schon zuviel in uns verbrannt", erwidert er gedämpft. Er reicht mir die Hand. ,, Und vergessen Sie mir nicht, daß Sie am Leben bleiben wollen." Das große Umräumen in den Berliner Gefängnissen geht gleich los. Die Unruhe wächst. Draußen werden Befehle gebrüllt und zurückgenommen. Das Packen kann nicht schnell genug gehen, bald stehen wir neben der Zentrale schwerbeladen und schweißtriefend aufgereiht. Wie immer in solchen Fällen geschieht dann vier Stunden lang nichts. Jetzt kommen sie, besiegte Rebellen und verspätete Bekenner. Sie wollten keine Verlierer sein, und nun sind sie doch verloren. 60 Es mögen ihrer zweihundert sein, sie werden in der schmutzigen Tiefe des B- Flügels aufgereiht. Daß wir ihnen noch begegnen, ist offensichtlich ein Regiefehler, der ,, Haifisch" jagt mit schnappendem Rachen herum und sucht, wen er zunächst von seinen Leuten verschlingen könnte. Das erste, was an der barhäuptigen Mannschaft ins Auge fällt, sind ihre wirren Haare. Sie stehen in schweren Fesseln und können sich die zerzausten Strähnen nicht glattstreichen. Manche Schädel und Gesichter sind blutunterlaufen; es ist das nächtliche Werk der Kolben und Knüttel im Gestapobereich. Zwischen dem Feldgrau leuchtet Marineblau; zwei breitvergoldete Unterärmel melden einen Admiral. Ich kenne ihn; in den Aufständen nach dem ersten Weltkrieg war er ein erzreaktionärer Kapitän und bei den roten Revolutionären als Bluthund verhaßt. Jetzt hat er den Goldarm gegen den Mörder der Freiheit erhoben und wird für die Sache des Fortschritts sterben. Aber es kommt auf das Ende an, das letzte Opfer entscheidet. Wofür wir sterben müssen, dafür haben wir auch gelebt! Da stehen Männer in Trotz und Not, darunter halbe Kinder und Greise, Offiziere aus drei Zeitaltern. Dort flammt das alte Karmesin des Generalstabs an der Hose auf, es ist der Oberstleutnant W., ich wußte niemals recht, ob ihm zu trauen war; verzeihen Sie mir, Sie Schwerdurchdringlicher, Ihr Fall ist jetzt entschieden. Und dort der junge Hauptmann A., der das heiße Herz auf schneller Zunge trug. Ich hatte manchmal Angst um ihn. Was suchte man hinter Ihrer zerrissenen Rockbrust? Woher die Tropfenbahn des Blutes? Haben Sie nun heute nacht bei der Gestapo Ihren Mund zu viel oder zu wenig aufgemacht? In dem Getümmel unseres Abmarsches suche ich ihm zuzunicken, ah, jetzt hat er mich erkannt, um seine zerrissenen Lippen zuckt es schmerzlich erfreut. Ade, wenn ihr keine Helden wart, so endet als Helden! Im Hofe steht ein Bereitschaftssturm Gestapo mit blitzneuen Maschinenpistolen. Die Luft ist draußen mit dörrender, würgender Hitze geladen. Auf der Erde kriecht ein trockner Moderduft. In diesem geilen Sonnenglast krabbeln wir wie Ungeziefer. Die Atmosphäre lechzt vergebens nach Reinigung. Und die Deutschen sind gestern wieder einmal um eine Erlösung betrogen worden. Wir hocken gepreßt und gedrückt auf offenen Lastwagen. Es geht die lange, schnurgerade Müllerstraße hinauf gen 61 Norden. Die Fußgänger schleichen an den monotonen Stucktrümmern entlang, als fürchteten sie sich vor Entdeckung. An allen Brücken und Bahnübergängen lauern Posten mit Schießmaschinen. Also doch nach Tegel, wie der Anwalt für mich hoffte. Ich fürchte mich ein wenig vor dem kommenden Nervenkampf mit den Hausvätern, diesen Giftdrachen der deutschen Gefängnisse. Bei diesen heutigen Temperaturen werden sie wohl nicht betrunken sein, aber vielleicht von den Strahlen der politischen Hitze gestochen. Wir warten lange in einer düsteren Halle mit vernagelten Fenstern auf die ungastliche Aufnahme. Die Gerüchte wuchern urwäldlerisch wie Orchideenblüten in der tropischen Diktatur der Sonne. Manche fabeln von Befreiungsdivisionen, die auf Berlin marschieren sollen. Andre erzählen, Himmler sei erschossen. Ich wage nichts dergleichen mehr zu hoffen. Aber der Iwan hat die deutsche Mittelfront total durchbrochen, die Russen nähern sich der ostpreußischen Grenze, die roten Armeen drücken ihre Klammern schon um Warschau. Die Deutschen haben doppelt versagt, als Eroberer und als Empörer. Jetzt geht die hohe Rolle der Befreiung auf die Feinde über. O armes Deutschland, du Herzland der Völkertragödien! Ich muß dich erst mithassen, um dich noch einmal mitlieben zu dürfen! Das große Zellenhaus von Tegel schimmert in sauberer Feuchte, als hätte ein großer Auswanderungsdampfer eben klar Schiff gemacht. Und auch mein kleiner Einzelbunker hält auf Reinlichkeit, ich finde sogar ein Wasserglas und einen hölzernen Brotteller. Nur diese Luft! Welch fürchterliche Luft! Zwischen Himmel und Erde wallt die kochende Glut. Das wird die Nacht der unerlösten Seelen. Der Mond stößt Angstschweiß aus, da hängt er am niedrigen Bleidach des Firmaments, von giftsüßen Nebeln triefend überspielt. Ein wahres Menschenfresserklima! Alarm. Eine Bombe kracht. Irgendwo splittert ein Fenster, was geht's mich heute an. In der Morgendämmerung gedeihen die Krankheiten des Gemüts wie Parasiten. Ich möchte meinen Geist in Aufruhr bringen, ich möchte alle Krankheiten der Welt aus der Gehirnhaut fiebern. 62 Hört es, ihr geheimen Mächte, mein Geist wird ein Rebell! Es ist noch früh, als man mich holt. Wohin? Gleichviel wohin! Mein Geist ist ein Rebell! Wenn der Aufstand der verschworenen Hirne und Herzen gescheitert ist, dann rebelliere ich als Einzelgänger des Zeitgeschehens. In einem gutgescheuerten, karboldurchdufteten Sprechzimmer soll ich warten. Wer kommt denn da? Hergott, das ist ja mein alter Gestapo- Quälgeist, der Kommissar Neumann von IVa der Hochverratsabteilung im Sicherheits- Hauptamt. Ich war ja fast fünf Monate sein Kellergast in der Prinz- AlbrechtStraße. ,, Nicht wahr, das ist immer ein Vergnügen, wenn sich so alte, gute Bekannte wiedersehen!" Er schaut mich so treuherzig an, als seien wir wirklich einmal beinahe befreundet gewesen. Die schleimige Biedermannsart gehört zu seinem Geschäft. Er. pflegte eine volkstümliche Schmuserrolle zu spielen, bis er schließlich losbrüllte: Herr, wollen Sie durchaus, daß ich meine richtige, tolle Tour kriege! Ich schweige in matter Überraschung. ,, Na, hören Sie mal, mein Lieber, wie sehen Sie denn aus", fährt er fort. ,, Sie gefallen mir aber auch gar nicht. Da sehnen Sie sich wohl nach den Fleischtöpfen der Prinz- Albrecht- Straße? Ja, so gut wie bei der Gestapo hat man's in den Gerichtsgefängnissen natürlich nicht. Bei uns bekamen sie doch regelmäßig ihre gute Medizin." ,, Sofern mir nicht Ihre netten jungen Herren die Flaschen auskippten und dafür Urin einließen." Über meine Offenherzigkeit sind wir beide verblüfft, doch er wird nicht böse. ,, Na, wenn schon! Spaß muß sein bei der Leiche, sonst geht keiner mit. Aber darüber keine Feindschaft. Ich will Ihnen helfen, aber Sie müssen mir auch helfen. Eine Hand wäscht die andre. Das ist nun mal in der Welt so häßlich eingerichtet." ,, Häßliche Einrichtungen sind mir bei Ihnen immer vertrauter geworden, besonders bei Ihnen, Herr Kommissar." ,, Da schlägt's dreizehn! Nun hören Sie aber auf. Wo ich Sie immer so riesig anständig behandelt habe. Was ist denn Ihnen schon passiert! Doch einfach gar nichts. Vielleicht mal einen Freundschaftsdruck vorn auf die Pfoten, wenn Sie uns aber auch gar nichts erzählen wollten. Oder ein bißchen Rumpfbeugen, übrigens eine sehr gesunde Körperübung." ,, Und die nassen Stricke um den nackten Oberkörper, wenn 63 man bei zehn Grad Kälte im halboffenen Gang aufs Waschen warten mußte." Ich bin immer kühner geworden. ,, Herr, das haben Sie wohl im süßen Morgenschlummer geträumt. Aber schön, wir wollen mal nicht so sein. Bißchen Spaß muß sein bei der Leiche! Warum wart ihr auch morgens beim Waschen immer so verdattert. So' ne kleine Aufmunterung mit der Wäscheleine hat noch keinem was geschadet. Einer muß euch doch kitzeln, das ist doch ein hübscher Ersatz für die fehlenden Weiber. Hahaha!" - Er meckert fröhlich vor sich hin und zieht sein dickes Zigarrenetui aus der hinteren Hosentasche. ,, Zigärrchen gefällig? Was, noch immer Nichtraucher? Dann wird's aber wirklich bald Zeit, daß Sie wieder anfangen. Rauchen ist das beste Mittel gegen Hunger. Und hilft auch gegen allen Schiet und so. Nicht wahr, mein bester Herr Schultze- Pfaelzer, Sie könnten sich grün und blau darüber giften, daß Ihr großartiger OKWPutsch so' ne aufgelegte Pleite geworden ist." ,, Herr Kommissar, ich weiß nicht, es ist noch nicht aller Tage Abend." ,, Da haben Sie recht. Die Sache ist noch nicht ausgestanden. Das dicke Ende kommt nach. Diesmal wird nicht gefackelt. Immer feste die Rübe runter. War ja auch' ne dolle Geschichte. Sie wissen natürlich nur, was heute alle wissen. Aber ich will mal zu Ihnen nicht so sein. Ich will Ihnen einiges erzählen, obwohl Sie es nicht um mich verdient haben. Denn Sie waren ja immer schweigsam wie ein Massengrab, wenn die Sprache auf unser geliebtes OKW kam." ,, Herr Kommissar, ich bin ganz Ohr." ,, Kinder, Kinder, angeteigt habt ihr die Geschichte nicht schlecht. Militär, Diplomaten und Kommunisten unter einem Hut. Und die Regierungspöstchen waren schon verteilt bis zu den Landräten runter. Die Querverbindungen zur Wirtschaft kennen wir, da konnte ich heute schon einen ganz großkotzigen Wehrwirtschaftsführer hoppnehmen. Aber im Auswärtigen Amt, da tun die Herren Grafen und Konsorten, als bestände ihr ganzes Dasein nur aus kleinen, albernen Amtsgeheimnissen. Wir müssen da noch einigen von diesen vornehmen Herrschaften auf die Sprünge kommen. Nun hören Sie mal, mein Bester, Sie verknüpfen ja mit dem Auswärtigen Amt noch von früher her so allerlei heimliche Liebesbande, das wäscht kein Regen ab also bitte was hat der Oberst Scharvetter mit dem Legationsrat von Kehl in dem Friedrichshagener Hause eines 64 - - n S er - e - te 0. en V- er 10 п. It. e. All n, en he ht wa zu aft en mt, hr en. afer, mer gen em nes früheren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zu tun gehabt?" ., Sie wollten mir einiges erzählen, Herr Kommissar, und nun fragen Sie mich?" ,, Schultze- Pfaelzer, seien Sie bloß kein Frosch! Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Ihre Sache steht ganz mies. Ihr Köpfchen ist heute nichts mehr wert, aber sehen Sie, Todesurteil ist noch nicht Strick um den Hals und noch nicht Fallbeil im Genick. Sie wissen, die Gestapo kann alles, wenn sie will! Warum sollte man nicht auch mal einen Hochverräter begnadigen, wenn er durch einen wertvollen Dienst gezeigt hat, daß er immer noch fürs Vaterland was nütze ist. Also bitte, zieren Sie sich nicht, seien Sie kein Frosch." Ich ziehe meine Stirn in Falten, als sei ich im Banne gequälten Sinnens. ,, Herr Kommissar", ich mime jetzt verwirrte Hilflosigkeit, ,, Sie müssen mit mir etwas Nachsicht haben. Mein Gedächtnis fährt seit einigen Wochen Karussel, ein scheuẞlicher Zustand. Je mehr ich über vergangene Dinge nachdenke, desto weniger bringe ich sie zusammen. Ich verwechsle manchmal schon die geläufigen Tatsachen. Einfach gräßlich, sage ich Ihnen. Vorgestern kam ich nicht davon los, die GPU für die Gestapo zu halten. Oder umgekehrt! Bin ich überhaupt in Berlin oder Moskau das ist hier die Streitfrage, damit werde ich überhaupt nicht mehr fertig." - - Der Gestapo- Beamte rundet und spitzt den Mund zu einer Schnute, als ob er aus Bremen wäre. ,, Faule Fische, mein Lieber. Faule Fische, die stinken schon! Da möchte sich mal wieder einer auf der meschuggenen Tour versuchen. Herr! Uns dürfen Sie damit nicht kommen, da wird nichts draus. Damit können Sie höchstens irgendeinen alten Kaffer von der Justiz anschmieren. Bei uns sind diese Touren gänzlich abgemeldet." ,, Sie meinen die Folterwerkzeuge, Herr Kommissar?" Ich versuche mein Gesicht ins Harmlose zu entleeren. ,, Gefoltert wird doch nur noch in Argentinien, nicht wahr? In unserem freien Deutschland gibt's doch so was nicht. Ja, in Argentinien! Ich wollte immer mal nach Argentinien reisen, bin aber bloß bis an die Wolga gekommen. Im Gefängnis verwechselt man so leicht die Richtung." Wir warten beide, was jetzt folgen soll. ,, Hat der Mensch Töne!" ruft er endlich in einer Mischung aus Arger und Belustigung. Jetzt spielt mir der Mann tat5 Kampf 65 “ sächlich verrückt. Wo jibbts denn sowat! Herr, Sie haben lange keine Daumschrauben an den Pfoten gehabt.“ Da wir uns hier in keinem Gestapohause befinden, sondern bei den„alten Kaffern von der Justiz‘, ist er völlig mit seinem SS-Latein zu Ende.; Plötzlich packt ihn die Wut, er läßt eine fürchterliche Ver- wünschung fahren und schlägt die Eisentür hinter sich mit Donnergepolter ins Schloß. Also da habe ich wirklich auf einmal verrückt gespielt. Eigent- lich ganz aus heiterm Himmel. Ich wollte einer kleinen Ver- legenheit entfliehen und bin gewissermaßen in die Verrücktheit hineingestolpert. Es war gar nicht so schwer, und ich hatte ohne Zweifel einen dramatischen Enderfolg. Ich behauptete siegreich das Kampffeld. Was hat doch Freisler gesagt?„Sie sind wahnsinnig, Herr, soll ich Sie vielleicht auf Ihren Geisteszustand untersuchen lassen?“ So hat er gesprochen, obwohl ich ihm damals mit dialek- tischer Klarheit entgegentrat. Jetzt eben habe ich zum ersten Male ganz eindeutig blühenden Blödsinn geredet, sozusagen überlogischen Unsinn, wie ihn nur eine in schizoider Richtung angekränkelte Natur erzeugt. Habe ich mir nicht gelobt, mit der Waffe der Krankheit für das Heil meines Kopfes zu kämpfen? Wer gegen übermächtige Feinde bestehen will, muß sich tarnen. Der Geist ist leichter zu tarnen als der Leib, denn er lebt und wirkt in unsichtbaren Gefilden. Und darum muß auch Krankheit des Geistes leichter zu tarnen und vorzutäuschen sein als Krankheit des Leibes. In den Sitz des Verstandes dringen keine Röntgenstrahlen. Heureka, ich werde verrückt! Narrheit, sei meine Waffe! Wenn der Aufstand der Panzerritter zerbrochen ward, dann bleibt nur der Aufstand des Geistes, die Tarnung des Gehirns! Ich streite mit der Macht des Wahnsinns für die Vernunft, durch künstliche Umnachtung für das Licht. Ich schreite durch das Fegefeuer der Verwirrung in eine neue Klarheit. Denn in der Finsternis wird Gott wachgerüttelt, damit er uns leuchtet in die Heiterkeit des neuen Lebens. Wir müssen erst im Land der blinden Schatten kämpfen, um einzugehen in das siegende Leben. Ich werde Tollheit träumen, um durchzuhalten in der„List der Vernunft‘, wie Hegel das nennt. 66 I n s! h S st S 515 st Ich muß die Technik der Verrücktheit lernen, das wird sehr mühsam sein. Ich muß mich selber besser belauern können, als es die andern tun. Wo liegen die Grenzen der Psychiatrie? Ich glaube, die Psychiater wissen vom Menschen auch nicht mehr als die Philosophen. Zu allererst müssen die andern überhaupt zur Kenntnis nehmen, daß ich verrückt geworden bin. Wie sag' ich's meinem Kinde? Zuerst muß ich's Herrn Freisler, wissen lassen, damit er mich auf meinen Geisteszustand untersuchen läßt. Ich werde ihm ein Briefchen schreiben, ein reizendes Briefchen, an dem er seine Freude haben soll. Das ist leicht gesagt und schwer getan. Eine lange Geduldsprobe, bis ich Schreiberlaubnis, Briefpapier, Tinte und Feder zusammenorganisiert habe. Es dauert volle fünf Tage, und als ich dann loslegen will, streikt die rostige, brüchige Feder. Ich finde also reichlich Zeit, den Brief an Freisler im Geiste immer wieder neu zu schreiben. Was ich schreibe, darf nicht einfach Blödsinn sein, sondern muß gewissermaßen ein richtiger Blödsinn werden, ein psychisch beglaubigter Quatsch. Wir brauchen also zunächst ein Motiv mit krankhaftem Einschlag, und es muß dem Juristen wie dem Psychiater naheliegend erscheinen. Ein solches Motiv ist die Angst. und zwar eine Angst, die wahnhaft über die Wirklichkeiten hinausgreift und sie verwechselt. Eine Dosis bittre, schwarze Galle darf in die Tinte des Briefschreibers einfließen, damit die melancholische Depression auf Grund von heftiger Gemütsüberreizung ihren Niederschlag findet. Aber ich muß mich hüten, meine Gegner auf billige Weise anzupflaumen. Nein, gerade in meiner neuen ,, Krankenunschuld" muß ich bescheiden sein. So konstruiere und dichte ich an dem Briefinhalt, tagelang, nächtelang. Als ich dann endlich alles Schreibmaterial beisammen habe, bleiben mir zur Niederschrift nur zehn Minuten Zeit, da die Tinte sofort wieder woanders gebraucht wird. Da steht nun schlicht und deutlich zu lesen, daß ich wachsende Angst vor den bösen Bolschewisten hätte, die mich schon seit Jahren ins Bein beißen. Ich bäte den lieben Volksgerichtshof, mich doch endlich etwas besser zu verstecken. Da der Herr General Freisler neulich so freundlich zu mir gewesen sei, hoffte ich, daß er meine Verfolger bald verhaften ließe. Er möchte sich doch mit meinem Anwalt in Verbindung setzen, dem ich den Befehl gegeben hätte, noch einmal nach Stockholm 5* 67 zu reisen, um den Beweis zu erbringen, daß ich wirklich für den Frieden und keineswegs als Kriegshetzer gearbeitet hätte. Dieses klägliche Potpourri von falschen Melodien schicke ich vorsorglich ,, eingeschrieben" an den Ersten Senat des Volksgerichtshofs ab. Dieses Schreiben wird dreimal quittiert. Es ist ein gewichtiger Aktus. St. Bürokratius legt die Finger falsch an die Hosennaht. Ich hatte bei dieser Schriftstellerei den Federhalter von Zeile zu Zeile etwas weiter zwischen den Fingern durchgeschoben, so daß er zuletzt schon etwas steuerlos über das Papier glitt, wodurch dann der Eindruck wachsender Zittrigkeit entsteht. Dieses Tarnungsmanöver kenne ich aus der Graphologie; auf solche Weise kann man sogar die weisesten Handschriftendeuter stutzig machen. Harre, mein Herz, jetzt muß Freisler diesen Blumenstrauß meines Geistes schon seit Tagen in den Händen halten. Was wird er tun? Von meinem dritten Anwalt, der trotz seiner Leichenbittermiene mein Glücksanwalt werden soll, muß er auch schon die Kunde haben, daß mit mir nicht mehr zu verhandeln sei. Sei still, meine Seele, irgend etwas wird sich ereignen. Ich verhalte mich auch nicht mehr poetisch- schöpferisch, ich. döse einfach den Ereignissen entgegen. Eines Morgens heißt es endlich: Schultze- Pfaelzer zum Sanitätsrevier. Dann stehe ich in der krummen Reihe der sogenannten ,, Krankmelder". Einer nach dem andern, der jammervoll hineinhumpelt, kommt wie von einem Stahlbad verjüngt ganz schnell herausgehüpft. Aber diese überraschenden Heilungen bewirkt nicht die wundersame Kur eines großen Arztes, sondern das Donnergeschnauze eines Sanitätswachtmeisters, der nach der unendlich flüchtigen Betrachtung durch einen approbierten Medizinalbeamten mit dem Spitznamen ,, Fernseher" die rüde Diagnose liefert. Durch die offenstehende Tür der Revierstube sehe ich mir diesen ärztlichen Unfug eine Weile an. Meine Hoffnungen sinken auf den Nullpunkt, ich denke: gleich wirst du dran sein. Der stumme Medizinmann wird dich zehn Sekunden strammstehen lassen, und dann wird der Wachtmeister die Musik krähen, die dich wieder hinausbegleitet. Bevor ich dran bin, sehe ich mich in der Revierstube um. Die medizinischen Ausrüstungsstücke sind hier nur Requisiten wie 68 in einer Theaterszene, die im Sprechzimmer eines Arztes spielt. Diese nickelblanken Kugeln da haben noch keinem Heilung geblinkt. Alle diese Schalen, Flaschen, Spiegel, Instrumente sind nur für Besichtigungen so blank geputzt. Ich muß an das Matthäuswort denken: ,, Ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und allen Unflats!" Tarnung gegen Tarnung! Nein, ihr Herrschaften, ich heuchle nicht wie ihr aus gleichgültigem Herzen. Wenn ich heuchle, kämpfe ich. Ich bin ein Aufständischer, ein Partisane des Geistes. So, jetzt komme ich dran. Ich stehe einen Augenblick in dem stickigen Nebel totaler Interesselosigkeit. Dann sagt der Wachtmeister nach einem Blick in die Liste: ,, Das ist er." Und der stumme Funktionär der Gerichtsmedizin beschäftigt sich mit meinem nackten Gerippe etwas länger als mit den andern, es mögen zwanzig Sekunden sein. Wortlos malt er ein paar Zeichen und murmelt: ,, Darf ich jetzt bitten!" Hinter einem grünen, durchsichtigen Gazeschirm erhebt sich eine kräftige Gestalt und schreitet mit betontem Vollgewicht auf mich zu. Offenbar ein andrer, ranghöherer Arzt. Seine Blicke sind voll routinierter Freundlichkeit, seine Haut ist allzu gut geschabt, als ob er sich alle paar Stunden rasiere, und auch seine Kleidung ist für einen prominenten Mann um einen Stich zu sorgfältig. Die ganze Erscheinung erweckt den Eindruck, als täte er in allem eine Nüance des Guten zuviel. Jedenfalls ist er keine von den Durchschnittsgestalten der Gefängnisse. Also bin ich bereits ein Sonderfall. Denn dieser exklusive Fachmann verschwendet sein kostbares Urteil nicht an jeden kranken Knastologen. ,, Also wir haben die Sache satt, wir spielen nicht mehr richtig mit? Nicht wahr, Herr Schultze- Pfaelzer, wir sind mit den Nerven fertig, wir wollen es mal anders rum versuchen. Bitte schön, versuchen wir." Seine Stimmbänder sind um eine Idee zu gut geölt. Sogar das Nichtssagende ist bei ihm um eine Kleinigkeit zu bedeutungsvoll. Er wartet, ich warte auch. Ich bin mir über meine künftige Rolle noch längst nicht klar. Nur nicht unvermittelt den wilden Mann markieren! Ich weiß ja, daß die meisten Simulationsversuche an der wüsten Übertreibung scheitern. Auch der Unsinn hat seine Sinngesetze, auch das Chaos entfaltet sich nach Prinzipien. 69 Zunächst will ich schweigen, das ist noch immer eine goldene Parole. Ich schüttle angstgehemmt den Kopf. ,, Na, wollen wir denn gar nichts sagen? Haben wir nicht irgend was auf dem Herzen?" Jetzt behandelt er mich wie ein kränkelndes Kind, das eine gewisse Schonung verdient, auch wenn es eben ungezogen war. Es hilft nichts. Seine Unterlippe schwillt und füllt sich mit Unwillen.., Ja, wenn Sie widerspenstig sind, dann müssen wir Sie in eine ärztliche Behandlung nehmen, die Ihnen nicht gefallen wird." Aha, das dürfte wohl so eine Art von amtlichem Irrenarzt sein. Jetzt muß ich endlich etwas von mir geben. Nur Mut, mein Partisanengeist, greif' nur hinein in den überfließenden Topf der Torheiten! ,, Retten Sie mich", stöhne ich auf. ,, Wenn mich die Bolschewisten noch lange eingesperrt halten, dann nützt mir der ganze deutsche Volksgerichtshof nicht mehr. Ooooh!" Nach dem langen Seufzer falle ich wieder in dunkle Apathie. Hinter der mürben Maske arbeitet mein kämpfendes Hirn. Was habe ich ihm da eigentlich vorgespielt? Wie wäre mein Verhalten psychiatrisch zu deuten? Offenbar eine depressive Psychose. Aber das ist nicht genug, das genügt doch höchstens für den Augenblick. Ich muß bessere, planvollere Einfälle haben. ,, Angstpsychose mit Verwechslungskomplexen", flüstert der Altere feierlich. ,, Er macht uns einfach zum Narren, Herr Obermedizinalrat", brummt der Jüngere. Also der Wichtigtuer ist der Obermedizinalrat und Chefarzt von Tegel, ich glaube Büttenberg soll er heißen. Noch weiß ich nicht, daß er ein großer Gerichtsspezialist für mente captus ist. Die beiden Arzte ziehen sich hinter den Gazeschirm zurück. während ich scheinbar geistesabwesend auf die Spritzflecken an der Wand stiere und meine Hände vor dem Magen verkrampfe, als wäre ich noch gefesselt. Als mich eine Fliege belästigt, wackle ich unwillig mit dem Kopf, ohne die Hände zur Abwehr zu bewegen. Da die Fliege noch nicht weichen will, mache ich einen heftigen Schritt zum nächsten Schrank und reibe den Kopf am Holz, um die Fliege zu vertreiben. In den Zeiten der Fesselung konnte ich mich manchmal nur auf solche Weise der Insekten erwehren, diesen Selbstschutz hatte ich früher bei Pferden beobachtet. 70 = Ich merke, wie mich die beiden Ärzte durch den Schirm mit gelangweilter Berufsneugier verfolgen. „Eine gewisse Haftpsychose ist nicht zu verkennen“, sagt Dr. Büttenberg leise. ‚Ich kann ihn verstehen, weil er seine Silben im Bewußtsein seiner personellen Wichtigkeit stark artikuliert. i „Etwas Haftpsychose haben schließlich viele, und ich glaube, der Mann übertreibt. Körperlich runtergekommen ist er ohne Zweifel, ich denke aber, es wird genügen, wenn wir ihm vier- zehn Tage Vormittagsbrei und etwas Magermilch geben.“ Der Ungesprächige hat nur dem Chef zu Ehren eine so lange Rede wegen eines einzigen dämlichen Gefangenen gehalten. „Möglich, daß Sie recht haben, Herr Kollege“, sagt Bütten- berg langsam.„Aber für diesen Fall interessieren sich bereits die höchsten Instanzen. Gestern nachmittag wurde bei mir im Auftrag des Herrn Reichsministers Goebbels telephonisch an- gefragt, ob es sich bestätige— Er spricht ein paar Sekun- den lang leiser.„Was ist da zu machen? Schicke ich ihn so, wie er sich aufführt, zum Termin— ja, das gibt Malheur. Da ist es schon besser, ich nehme ihn für eine Weile zur Beob- achtung ins Lazarett.‘ „Ganz wie Sie wünschen, Herr Obermedizinalrat.— Marsch, der Nächste!‘ Wie von einem geheimen Luftdruck befördert, stehe ich wie- der draußen im Treppenhause und reihe mich an die gereckte Krankenschlange. Meinen dritten Vordermann müßte ich eigent- lich kennen, ich bin ihm bestimmt schon begegnet. Aber wo? Dieses glänzende schwarze Haar, dieser hohe, sich rhythmisch leicht in den Hüften wiegende Körper— jetzt wendet er sich etwas zur Seite, ich sehe ein schöngeschnittenes Profil in hell- dunklem Bronzeton, wahrhaftig das Bild eines jungen Mannes, wie man es nicht häufig erblickt und noch schwerer vergißt. Nun weiß ich Bescheid. Es mag so ziemlich zwölf Monate her sein, jawohl, es war im August 43, als ich ihm begegnete. Wie kommt er hierher? Wie bin ich schließlich selber hergekommen? Ein Platztausch ist nicht schwer, das gehört zur Knast- kameradschaft, sobald kein Wächterauge lugt. Bald bin ich unmittelbar hinter ihm. „Buon giorno, Signore!“— Er dreht sich erstaunt nach mir um. Kein Zweifel, diese schwarzblau leuchtenden Augen im blanken Guß des Kopfes sind nicht alltäglich.„Ich habe die Ehre, Sie zu kennen, entsinnen Sie sich nicht mehr?“ 71 Sein verlegenes, vielleicht etwas argwöhnisches Kopfschütteln sagt nein. ,, Es war im Hotel Kaiserhof. Ich saß wohl mindestens eine Stunde in Ihrem Ecksalon nach dem Wilhelmplatz; es war ein sanfter Sommernachmittag, und Sie boten mir zum Abschied noch ein Glas dunklen Chianti aus Ihrer florentinischen Heimat." In seinen Zügen beginnt es zu leuchten. ,, Dottore, dottore, Sie waren auch nicht echt!" Ich finde seine Antwort etwas fatal und doch famos. Es ist ein zeitgemäßer Gefängnishumor. Seine erwachten Temperamente steigern sich zum Übermut. ,, Ach, wie entzückend hatten wir beide uns getarnt! Nicht wahr? Sie waren so wenig Nazi wie ich Faschist. Ich glaube, Sie kamen, um mich zu fragen, wie der Deutsche Verlag zu guten Bildreportagen aus Oberitalien gelangen könnte." ,, Stimmt", bestätigte ich belustigt ,,, so sagte ich. Das gab ich vor. Natürlich interessierten uns solche Reportagen nicht im geringsten. Die SS- Zensur in Italien hätte ja doch nur einfältige Mussolini- Propaganda durchgelassen. Die Sache war so: Meine heimlichen Vertrauten im Oberkommando der Wehrmacht sagten mir: Im Kaiserhof soll ein neuer Geheimchef der frischgebackenen faschistischen Republik sitzen. Man vermutet aber, dieser Mussolini- Agent sei auch schon zersetzt und spiele heimlich à la Badoglio. Gehen Sie doch einmal unter einem journalistischen Vorwand hin und fühlen Sie dem Herrn auf den Zahn. Vielleicht können wir ihn für uns gewinnen kam ich zu Ihnen." ,, Und wie fanden Sie mich?" fragt er froh gespannt in der selbstbewußten Manier eines verwöhnten Schauspielers. ,, Offen gesagt, ich fand Sie charmant, aber politisch ziemlich harmlos. Ich hatte den Eindruck, Sie wären vor allem nach Berlin gekommen, um Ihre giovinezza zu genießen. Als Sie nämlich aus dem intimeren Gemach etwas holen gingen, wurden im Türspalt einige Locken sichtbar, die einem entzückenden Blondkopf gehörten. Locken und Charme waren echt." Er lächelt verschmitzt. ,, Nun, wir brauchen uns heute nichts mehr zu verheimlichen. Aber bleiben Sie mir weg mit der giovinezza! Davon habe ich reichlich genug. Ich mute Ihnen ja auch nicht zu, die Fahne Horst Wessels hochzuhalten." ,, Schön und gut, Signore! Daß Sie nicht mehr an Mussolinis Hymne erinnert werden wollen, begreife ich. Für ihn und seine Sache gibt es keine Jugend mehr. Aber da fallen mir 72 - - andere, bessere giovinezza- Verse ein, die von Ihrem Florentiner Landsmann, dem großen Medicäer! Sie müssen gütigst entschuldigen, ich habe mir im Knast das Zittern angewöhnt. Also gestatten Sie schon, daß ich Ihren prächtigen Lorenzo beschwöre: ,, Quant' è bella giovinezza, Che si fugge tuttavia! Chi vuol esser lieto, sia: Di doman non c'è certezza." Seine Sinne genießen den Wohllaut der alten Strophe mit. Aber dann verschleiern sich seine blanken Augen. ,, Ach, ich liebe die Freiheit noch mehr als die Frauen. Aber in Deutschland habe ich gar keine Hoffnung mehr. Das Volksgericht will mich wegen Sabotage verurteilen, und da gibt es nur den Tod. Ich bestehe aber darauf, daß ich nach Mailand ausgeliefert werde. Natürlich würde ich dort vom faschistischen Kriegsgericht erschossen. Doch man richtet keinen hin, den man nicht hat. Unterwegs will ich nämlich zu den Partisanen entfliehen. Das ist in dem zerrütteten Oberitalien schon bedeutend leichter als in Deutschland. Sie werden mir noch manche Kugel nachschicken. Und manchmal bin ich schon so müde, daß ich wünschen möchte, eine träfe mich." Ich streiche über seine gepflegte, vom Kampf ums Leben noch nicht gehörnte Hand und wiederhole: ,, Chi vuol esser lieto, sia! -Oder in freiem Deutsch: Willst du frei sein, wage es!" Sein Dankesblick ist beinahe zärtlich. ,, Wie wollen Sie es denn wagen?", fragt er ratsuchend. Ich weiche aus und fahre mir über die Stirn, als deute ich. an, daß meine Rettung aus dem unsichtbaren Chaos hinter dieser Stirnwand wachsen soll. Er versteht mich nicht. ,, Waren Sie eigentlich auch in die unglückliche deutsche Geschichte vom 20. Juli verwickelt?" - ,, Unglückliche deutsche Geschichte", spreche ich langsam nach. ,, Das ist das rechte Wort. Die ganze deutsche Geschichte ist eine Kette von Unglücksfällen. Si, si, Signore! Immerhin bin ich stolz, daß ich in die Vorgeschichte des 20. Juli verwickelt war. Ja, ich bin ein Vorläufer gewesen, gehörte gewissermaßen zu einem Spähtrupp, wurde leider schon dreiundvierzig als Hochverräter verhaftet. Tatsächlich habe ich aber schon seit neununddreißig gegen den verrücktesten aller Weltkriege in der Bendlerstraße Sabotage getrieben." 73 ,, Wie konnten Sie eigentlich an einer hohen Dienststelle gegen den ganzen Apparat arbeiten?", fragt er mit halbgläubigem Kopfschütteln. ,, Die äußeren Widerstände waren nicht so stark, wie Sie denken. Die Intelligenz- Schicht unserer Offiziere befand sich in einer zwiespältigen Verfassung. Zu welcher Treue und Untreue durfte man sich bekennen? Viele wanden sich unter einem inneren Fragezeichen. Das entscheidende Unheil von der Nation abwenden zu wollen, erforderte eine Tapferkeit, die mehr einsetzte als das gewöhnliche Leben, nämlich die Ehre der tieferen Existenz. Wir hatten im nassen Schatten des Verrats zu kämpfen, und viele fürchteten die unsichtbaren Keulen der Schande. So brachten es die Schwächeren nur zum Zynismus. Das sah in praxi folgendermaßen aus: Ein hoher Offizier an der Spitze meiner Hauptabteilung äußerte sich über mich einmal so: Lassen Sie den Schultze- Pfaelzer und Konsorten doch ruhig anteigen. Wenn die ganze Geschichte schief geht, haben wir wenigstens einige unter uns, die nachweislich von vornherein dagegen waren. Also das sind die schwächeren Gestalten, die Zyniker. Die schlechteren Kerle waren jene, die sich vorsichtig auch am Verrat beteiligten, um in der Sekunde, in der der Aufstand mißlingen sollte, noch mit Entrüstung den Rückweg zur Hitler- Diktatur zu finden. Das sind die Schwächlichen und die Schäbigen, die sollte der brave Landser an der Front verachten, nicht uns, die wir den ehrlichen Weg zum erfolglosen Umsturz und zum Volksgerichtshof gegangen sind." Seine Augen glühen auf wie glimmende Holzkohlen in der Zugluft. ,, Ach, wie bin ich glücklich", jubelt er gedämpft, ,, glücklich, daß ich zuletzt doch zu den Konsequenten des Umsturzes gehört habe. Ich will ehrlich sein, es war für mich sehr schwer. Ich habe geschwankt. Ich war meiner selbst noch fast bis zuletzt nicht ganz sicher. Aber jetzt ist das vorbei, jetzt erreichen mich Schwäche und Schlechtigkeit nicht mehr." ,, So muß es sein", bekräftige ich. ,, Das Bewußtsein der letzten Konsequenzen ist das einzige, was uns Kraft geben kann. Kraft zum Kampf, uns für eine neue Zeit zu erhalten." Er nickt in heller Versonnenheit. ,, Gut, das machen wir. Aber wie wollen Sie sich schützen?" ,, Ich muß wieder unecht werden, Signore!" Und während ich das sage, komme ich mir plötzlich lächerlich vor, daß ich losplatze. Die Stimmungsextreme wohnen so nahe, Pathos kippt 74 י [ , n ] י g in die Posse. Der Landsmann Macchiavellis zeigt ein leichtes, schönes Erschrecken. ,, Si, si, Signore", bestätige ich. ,, Wieder unecht! Ich tarne mich. Ich tarne meinen Geist, ich werde verrückt! Das ist ja das Niederträchtige an dieser Diktatur, daß sich der Geist immer tarnen muß. Alles läuft in fremden, lügnerischen Kostümen herum. Keiner darf der sein, der er ist. Aber einmal werden wir doch Schluß machen mit diesem Todesfasching." ,, Todesfasching", stöhnt er. ,, Ach, wie fürchterlich!" ,, Wir wagen unser Leben für das Leben", rufe ich mit leiser Stärke. ,, Die Hitlerianer sterben nur für den Tod. Ich spare mich auf für das Leben. Chi vuol esser lieto, sia, das ist meine letzte certezza." Wir drücken uns noch einmal die Hand, ich merke schon Unruhe bei meinen Nachbarn, gleich wird man uns abholen. ,, Leben Sie wohl, viel Glück für die Flucht. Wir bleiben verbunden als Partisanen des Geistes." Und mit romantischem Pathos hauche ich dem Abmarschierenden nach: ,, Grüßen Sie die tapferen Partisanen des unsterblichen römischen Volkes." ,, Achtung, Krankmelder vorwärts, marsch!" Achtung! Der Aufstand gegen die Tyrannis der Lüge geht weiter. Ich tarne mich mit dem Geiste gegen die rohe Gewalt! Ich schwinge jetzt die geistige Partisanenwaffe, den Morgenstern des Denkens! Geist, werde Tat! Jeder kämpfende Gedanke verlängert das Leben. Je mehr du gedacht hast, desto länger hast du gelebt! I т t t h ot 75 Ich werde manisch- depressiv Meine durchgewürfelte Habe im blauen Bettbezug, so wanke ich über den gepflasterten Gartenweg in die zweistöckige rote Kasernenvilla des Lazaretts. Ich könnte auch munter ausschreiten, denn ich fühle mich trotz der Sacklast leicht wie ein Federball. Alles wirklich Schwere liegt vor mir. Aber ich wanke lieber, um mich in meine Rolle einzufühlen. Manchmal verdrehe ich die Augen, um in mimischer Übung zu bleiben. Der begleitende Wachtmeister beachtet mich nicht, für ihn bin ich nur eine Gefangenenbuch- Nummer, die krank geschrieben ist und ins Lazarett geschafft wird. ,, Ein Mann von Haus I ins Lazarett." Er übergibt mich der Aufnahme. Ich warte in der Ecke, bis der Lazarettverwalter von seinem Schreibtisch aufsieht und mich bemerkt. Er trägt einen blütenweißen Mantel und sieht unendlich entfernt aus, und aus beziehungsloser Ferne nimmt er mich wahr. Das gefällt mir, das muß mir die Rolle erleichtern. Interessierte Leute kann ich nicht gebrauchen. Wieder mal die fragenden Rubriken. Ich gebe die Personalien mit zerrütteter Langsamkeit, mache aus Vorsicht ein paar kleine Fehler. Unbekümmert trägt der Verwalter alles ein und fragt dann unbeteiligt nach der Krankheit. Ich wiege nur trübe den Kopf und wiege ihn wieder. Er wartet, aber der unruhige Hilfssanitäter mit den eckigen Bewegungen hat Eile. Der Verwalter, mit seinen Gedanken in irgendeiner kriselnden Ferne, starrt auf den Überweisungszettel. ,, Ach so", summt er nach einer Pause. ,, Das ist der. Na, auch gut. Mit dem stimmt was nich. Der wird beobachtet." ,, Runter mit ihm in den Keller, in den Dunkelbunker für Beobachter?" ,, Nee", sagt der Verwalter, als müsse er sich erst besinnen. ,, Soll er nich. Der soll nach oben. Legen wir ihn nach 29." ,, Also zu dem Durchgedrehten?" 76 ,, Ach was, durchgedreht", antwortet der Verwalter. ,, Bei mir D, Ir gar nicht erst vormachen. Also dann ist das erledigt.‘ ist der Schlenk nicht durchgedreht, ich lasse mir solche Touren Dem Mann mit der eckigen Hast soll ich folgen. Ich schleiche mit dem Sack die Treppe hinauf; süßsäuerlich schlägt mir die warme Krankenluft entgegen.„Dalli, dalli. Schleppt so'n Mensch die ganze Lumpenwirtschaft mit. Fix, fix, wird’s bald?“ Ich lege die Hand auf die Stirn und seufze abgründig auf. „Luft holen können Sie nachher. Schweinerei ist das! Anjejeben wird hier nicht. Die Lumpen kommen nachher zum Hausvater. Wer hier anjibt, kriegt morjens keen Kaffee. Rin da!“ Er reißt die Zellentür auf.„Und wenn Sie klingeln, wenn Sie dämlich klingeln, dann hol’ Sie der Henker! Die Klingler hab’ ich jefressen, die soll der Henker holen!“ Nein, ich werde nicht klingeln, schießt es mir klug durch den Kopf, ich habe mich ja hier eingemogelt, damit mich der Henker nicht holt.. Aber das ahnt diese eilige Hilfsfigur nicht. Die Krankenzelle 29, in der ich soeben lande, macht einen beinahe freundlichen Eindruck; ich bin ja mit dem Wohnen auch nicht mehr verwöhnt. Drei Eisenbetten füllen den ganzen . Raum, aber ein großes Fenster, das nur zur Hälfte mit Pappe vernagelt ist, führt ins Freie, in den Gartenhof, und das Grün einer Baumkrone schimmert herein. In dem Bett, das dem Fenster am nächsten steht, hockt eine wächserne, gebrechliche Menschengestalt, die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen. Ich bemerke zuerst eine fliehende Stirn mit anschließender hochgebürsteter Mähne; die süchtigen Augen haben einen schillernden Glanz, Das ist also der, über den man sich nicht einig war. Wie sagten sie doch? „Durchgedreht‘‘, wenn ich recht gehört habe. Oder auch nicht durchgedreht? Einerleil Oder vielmehr gar nicht einerlei. Alles ist wichtig. Jeder Umstand kann mit mir Schicksal spielen. Ich habe das bockige Fatum rumzukriegen. Also Achtung, aufgepaßt! Fürs erste hauche ich nur ein dünnes Gutentag und lasse mich mit dem Seelenblei der Schwermut aufs Bett sinken. „Servus“, sagt er mit wienerischem Tonfall. ‚Wo kommen’s denn da hergeschneit? Wie schaut's mit Ihnen aus?“ Was soll ich antworten? Soll ich normal sein? Oder ver- rückt? Oder abwechselnd beides? Ich muß Entschlüsse fassen, ich muß handeln. Es ist vielleicht sicherer, wenn er mich für meschugge hält. Denn wer kann wissen, welch Geistes Kind er ist. Wahrscheinlich kein Nazi. Aber ist er zuverlässig? DT Wenn er etwas übergeschnappt sein sollte, so ist er jedenfalls unberechenbar und legt mich womöglich ohne Absicht rein. Zudem beginnen jetzt eben wieder meine Schmerzen. Will jetzt die echte Krankheit der unechten einen Streich spielen? Es bohrt in den Hämorrhoiden. Das Sitzen tut mir weh, ich brauche gar nicht zu simulieren, ich bin doch wirklich krank, ich wiege nur noch 91 Pfund. Bei einer Größe von 1,76 ist das ungefähr 30 Pfund unter dem Normalgewicht. Vor einem Jahre wog ich 154 Pfund; ich habe also 63 Pfund in der Haft verloren, davon das meiste in der grauenhaften Lehrter Straße. Jawohl, ich bin krank, ich gehöre wirklich ins Lazarett. Wie sehe ich denn aus? In meiner Heimat würde man sagen: wie'n Vergiẞmeinnicht mit Spucke. Während dieser halb statistischen, halb lyrischen Selbstbetrachtung schweige ich mich unnatürlich lange aus, indem meine Blicke wie Irrlichter durch die Zelle kriechen und flitzen. Also nun frischauf, ich muß beweisen, wen mein Zellenpartner vor sich hat. ,, Mir ist nämlich der Teufel in den Hintern gefahren", sage ich weinerlich. ,, Mit seiner spitzen Kralle sticht er mir im Darm herum. Es ist nicht zum Aushalten. Und ich kann den Teufel nicht austreiben." Maskenhaft starrt mich mein Gegenüber an. Dann faßt er sich mit den Gesten gesträubten Entsetzens in den Haarbusch. ,, Das habe ich ja immer gefürchtet, mal legen sie mir noch solch einen rein." Er seufzt vor sich hin. ,, Da kann man nix machen. Aber warten Sie mal, ich kann vielleicht noch von Ihnen lernen. Mir fällt es nämlich so schwer, benommen zu sein. Ich muß nämlich benommen bleiben, sonst fliegt man hier raus. Nein, nein, was rede ich da schon wieder, ich bin nämlich wirklich benommen. Weil ich nämlich falsche Medizinen. kriege. Mir fehlt nämlich Digitalis fürs Herz, und meine echten Ampullen mit Pernaemyl liegen beim Hausvater. Dafür werde ich jetzt langsam mit Arsen vergiftet. Aber nun bleiben Sie bloß ruhig! Sagen Sie gar nichts, ich werde Sie in Ruhe lassen. Ich werde Sie nur beobachten. Pst! Sprechen Sie nicht, legen Sie sich erst mal hin. Sonst machen Sie mich noch total verrückt, und dann gibt's bestimmt ein Unglück." Er hat abwechselnd mit sich und zu mir gesprochen. - Auf solches Gerede war ich nicht vorbereitet. Die Sache wird- viel schwerer, als ich dachte. Meine Gedanken müssen erst mal den Tatbestand sezieren. Was tun? 78 |— u— u DE N n i ! ö f | Maximilian Schlenk— so heißt er nach den großen: Kreide- buchstaben auf der Krankentafel zu seinen Häupten— setzt sich eine große Brille auf und fixiert mich mit seinen arsen- blanken Augen, er bohrt an meiner einundneunzigpfündigen Erscheinung herum, als wäre er selber der Teufel, der in mir wütet. Eines erkenne ich klar: so geht das nicht. Wir müssen uns verständigen oder trennen. Entweder spielen wir nach außen beide verrückt und kommen überein, daß wir untereinander normal sind. Oder er überläßt mir allein die Rolle des Geistes- kranken und bemüht sich, möglichst vernünftig zu sein. Oder wir benehmen uns gegeneinander verrückt, gleichviel, ob man's ist oder nicht— dann wird man den einen doch bald absondern müssen. „Herr Schlenk, wir müssen uns zusammenreißen“, sage ich in verständigem Ernst,„wir sind Gefängniskameraden. Wir wollen miteinander reden, als ob uns gar nichts fehle. Wenn Sie sich vor Arzt und Aufsehern meschugge benehmen müssen, bitte, das ist Ihre Sache, das geht mich nichts an. Und wenn ich nach außen hin durchgedreht bin, dann habe ich meine Gründe, und das bleibt meine Sache. Aber wir dürfen uns hier in der Zelle nicht auch noch das Leben sauer machen.“ Mein Gott, jetzt habe ich vor ihm kapituliert, ich merke es erst, als ich den verständnisvollen Hohn in seinen Mienen lese. „Also schön, ich bin durchaus nicht schwer von Begriff“, er- widert er mit spielerisch lächelnden, schmalen Lippen. Sein Mund wirkt eigentlich nur als Strichschatten in dem schmalen Wachsgesicht. Seine Persönlichkeit hat allerlei Anlagen, ist aber nicht fertig geworden. Jedenfalls kein stabiler Durch- schnittsmensch, sondern ein schwieriges Individuum. Ein Stück- chen Psychopath. „Ich begreife vollkommen“, fährt er fort,„daß man sich gezwungen sieht, den Verrrückten zu spielen, ich müßte es eigentlich auch viel regelmäßiger tun. Ich habe es auch schon versucht. Aber wissen Sie, die Ärzte nehmen mich dabei niemals ernst, sie tun so, als ob ich mich gar nicht verrückt gebärdete. Vielleicht müßte ich noch stärker auftragen, etwas toller übertreiben. Aber gerade das fällt mir so schwer. Sie haben den Bogen besser raus!“ Seine Anerkennung erfreut mich nicht. Was nutzt es, gut gespielt zu haben, wenn man nicht durchhält, wenn manssich 79 gleich darauf enthüllt. Kein Zweifel, ich habe hier versagt. Wenn das so weitergeht, bin ich verloren Der Zufallsgenosse muß zum Verbündeten erzogen werden, anders geht es nicht. Wir müssen uns helfen, und dazu wollen wir umeinander Bescheid wissen. Da ich fühle, daß ihn mein volles Vertrauen angenehm berühren würde, beginne ich ihm eine kurze, ausgewählte Geschichte meiner Nöte zu erzählen. ,, Volksgericht", unterbricht er mich ,,, ich auch. Ich war auch beim Freisler. Hat mich runtergeputzt, daß ich gar nicht wußte, ob ich noch lebe. Und dann mußte er doch vertagen." Wie die Fügung doch die Duplizitäten liebt! Daß er auch als Anti- Hitlermann vom ersten Senat verarztet wird, bringt uns automatisch näher. Nun will ich seine Geschichte hören. Da poltert ein Lazarettkalfaktor ins Zimmer, ein weißblonder herkulischer Mann mit unwahrscheinlich hellblauen Augen und mächtigen roten Greifarmen. ,, Ich bin der Niko", versichert er treuherzig mit einem quetschenden Akzent ,,, der Niko aus Holland, daß du's gleich weißt. Eigentlich bin ich der Leichenträger. Wir wollen jetzt baden gehn." Ein gemütliches Haus und bald als treue Seele bewährt. Er beschäftigt sich lieber mit den Lebenden als den Toten. Vorläufig bilden die Leichen noch die Minderheit. Im Baderaum stehen zwei ehemals weiße Wannen von gewaltigem Tiefgang. Niko läßt die Hähne laufen, das heiße Wasser dampft, und ich rüste mich zu dem ungewohnten Genuß. Wie das wohltut, in der warmen Flut zu plätschern. Niko setzt sich neben mich auf den Stuhl und dreht sich eine Zigarette, nachdem er festgestellt hat, daß der Wachtmeister unten ist. " , Verdammt mager", sagt er prüfend ,,, da darfst du nicht so heiß baden und auch nicht lange. Wir werden dich ein bißchen rausfuttern. Man muß doch was auf den Knochen haben. Ich bin immer für gut essen und trinken gewesen. Die Deutschen fressen nämlich im allgemeinen nur im Ausland, da aber machen sie gleich Kahlfraß. Na, ich hab' das Hungerleben in Deutschland nie mitgemacht. Dafür sitze ich schließlich hier und lebe sogar im Knast nicht schlecht. Aber wart' mal, ich sorge auch für euch ganz gut. Und für Politische erst recht. Du mußt nur aufpassen, daß dich der Doktor Wernicke nicht gleich rausschmeißt." Ich erfahre, daß der Dr. Wernicke hier der Visitenarzt ist, der alle zwei Tage durch die Zellen stampft. Er sei ein teil80 S weise stumpfsinniger und teilweise tobsüchtiger Greis von über siebzig, der in einer grünen Phantasieuniform mit Korken- zieherhosen herumlaufe, weil er mal irgendwo Militärarzt ge- wesen wäre. Man sage in Hinterindien und mit extra Tropen- koller. Wenn man sich vor ihm schneidig brüllend melde, sei alles in Butter, dann dürfe man meistens hier noch etwas weitermachen. Wer aber maulfaul bleibe, fliege gleich raus. Das klingt meinen Ohren durchaus nicht verlockend. Mehr - Vergnügen machen mir Nikos Geständnisse über seine Straftat. Also er ist ein zwangsverschickter junger Lastwagenfahrer aus Amsterdam, der zuletzt mit einem Milchwagen durch Potsdam kutschierte. Dabei habe er täglich seine fünf Liter Vollmilch geschlaucht, was ihm ja sichtbar gut getan hat. Aber einmal sei er von einem Schupo geschnappt worden, da habe es wegen Kriegswirtschaftsvergehens neun Monate Gefängnis gesetzt. In seiner Heimat würde er natürlich als Politischer gelten, denn in den freien Niederlanden sei das Milchtrinken sehr geschätzt und durchaus nicht wie in Nazi-Deutschland fürErwachsene verboten. Inzwischen habe ich herrlich gebadet und fühle mich wie neu geboren. Jetzt möchte ich mich in mein weiches Frohnauer Bett legen und in die Demokratie hinüberträumen. Leider bin ich für unabsehbare Tage und Nächte dienstver- pflichtet, habe die seltsame Aufgabe, verwirrt zu sein, was mir heute durchaus nicht gelingen will. Warum sollte ich auch vor diesem braven, schlichten Niko eine Manie oder Paranoia schau- spielern. Seine wirklich gesunde Art ist entwaffnend. Liest er meine Gedanken? Er sieht mich pfiffig an, als er mir den blauweiß gestreiften Lazarettkittel reicht. „In dieser Kluft‘‘, erklärt er,„sieht beinahe jeder wie ein Kranker aus, Ich glaub’, dir fehlt nichts Besonderes. Hast wohl auch die Terminkrankheit, willst nicht vors Volksgericht. Kann man verstehen. Mal holen sie dich aber doch. Für ewig hat sich noch keiner gedrückt, außer so—‘. Seine Handbewegung deutet auf Erhängen.„Aber das ist Unsinn. Man haut noch früh genug in die Grube. Also zunächst viel Glück. Mach’s gut!“ Als er mich zur Zelle bringt, faßt er mich vor der Tür noch einmal beim Arm.„Daß du mit dem Schlenk zusammenliegst, ist ja gerade nicht gemütlich. Da mußt du aufpassen, der ist bald zu allem imstande. Er wird nämlich allmählich durch- gedreht, weil er seine Krankheit immer mehr übertreibt, um nicht mehr zum Termin zu gehn. Womöglich hängt er sich eines Nachts noch auf. Und dann heißt es, du hast es nicht ver- 6 Kampf 81 hindert. Wie willst du dann beweisen, daß du unterdessen fest geschlafen hast? Solch eine blöde Geschichte haben wir erst vorige Woche gehabt. Sie hängen sich immer an die Röhre von der Heizung." Das sind ja reizende Aussichten, denke ich. Aber ich bin jetzt auf den Wiener doch neugierig geworden. Also bitte, Herr Schlenk, erzählen Sie! ,, Die Weiber sind dran schuld, nur die Weiber!" bricht Schlenk bei erster Gelegenheit mit hoher, ein wenig weibischer Stimme los. - ,, Ohne die Weiber säße ich heute noch bei meiner Mutter, ja, und sie hat mich oft genug gewarnt. Maxl, Maxl, laß die Finger von den Madels! Sie müssen nämlich wissen, ich hatte früher bei den Mädchen kein Glück. Oder immer nur für kurze Zeit, und ich konnte mich nicht losreißen, wenn sie mir den Abschied gaben. Um eine hab' ich noch anderthalb Jahre gelitten, es war zum Wahnsinnigwerden. Sie gab mir keine Ruh', ich konnte nicht schlafen, und dabei hatte sie inzwischen schon einen ganz ekelhaften alten Kerl geheiratet. Endlich fand ich eine andre, das war schon im Kriege, ein ganz junges Ding von sechzehn Jahren, Ilonka hieß sie, und so niedlich, wirklich sehr niedlich und so süß und so lieb, und denken Sie bloß, die kriegt mich doch rum, daß ich mich freiwillig als Soldat melde. Mich, ausgerechnet mich, wo ich doch mit Leib und Seele Antimilitarist gewesen war! Also ich wurde Flieger, bloß der Ilonka zuliebe, weil das Madel ihren Freund durchaus in einer Fliegeruniform am Arm haben wollte. Ja, so blöde war ich! Können Sie sich überhaupt vorstellen, daß ich Soldat war? Es ist doch zum Lachen. Na, lange hat der schlechte Spaß auch nicht gedauert. Ich wurde krank, ich wurde richtig krank, ich war schon immer anfällig gewesen, litt viel an Nasenbluten und Schwindelanfällen, aber bei dem widerwärtigen preußischen Kommiẞ bekam ich eine Anaemie mit allen Schikanen.- Alles Unglück kommt vom Militarismus, nur der ewige Friede kann uns retten. Ein Weltfrieden, wie Roosevelt ihn will! Übrigens, haben Sie Wells gelesen? Den Engländer Wells? Der hat recht, ich schwärme für Wells ich" - - ,, Einen Augenblick." Ich falle ihm ins Wort. ,, Halten Sie doch einmal an. Was kümmert uns Wells? Meinetwegen später. Aber im Augenblick handelt es sich um Sie. Wissen Sie, was Sie haben? Ideenflucht, jawohl, Ideenflucht!" 82 Entgeistert starrt er mich an, seine Augen haben einen leeren Mer Ze nn Glanz. ‚Ideenflucht? Was ist das? Etwas Psychologisches, nicht wahr? Ich habe mich auch mit Philosophie befaßt, leider noch nicht genug, die Kurse an der Volkshochschule beginnen erst spät abends. Das müßte man ändern, ich bin nämlich abends viel zu müde— „Halt, halt‘‘, gebiete ich,„das war schon wieder Ideenflucht. Also hören Sie zu, Ideenflucht hat man, wenn man bei seiner Erzählung immer den Faden verliert, wenn man zuviel Neben- sächliches einschaltet und die Zielvorstellung vergißt. „Wie interessant! Also ich habe Ideenflucht‘, er lächelt bei- nahe geschmeichelt. ‚Und hat das etwas zu bedeuten?‘ „Ideenflüchtige Reden ohne Verwirrung sind eine typische Erscheinungsform des manischen Krankheitsbildes. Die Manie gehört zu den leichteren Geisteskrankheiten, kehrt allerdings bisweilen wieder. Aber sie ist fast immer heilbar.“ Meine wissenschaftlich gekühlten Worte hat er zunächst ganz ruhig aufgenommen, aber dann sprüht er los:„Herr, wollen Sie mich frozzeln, oder wollen Sie im Ernst behaupten, daß ich verrückt bin?“ „Keins von beiden‘, entgegne ich überlegen, ‚ich stelle nur fest, daß Sie eine manische Anlage haben. Warum regen Sie sich auf? Warum rasen Sie? Manie kommt vom griechischen waivoncı zu deutsch rasen— vielleicht sind Ihnen mal die Mänaden begegnet, die besoffenen Weiber, die den Wein- gott Dionysos zu begleiten pflegen. Sie haben es ja mit den Weibern! Kurz und gut, Sie zeigen eine manische Tendenz, auch wenn Sie im Moment noch nicht rasen. Die Stimmung des manischen Menschen wechselt sehr schnell, immer neue Empfindungen und Vorstellungen tauchen bei ihm auf. Bald reagiert er heiter, bald entsetzt, bald zornig, bald nieder- geschlagen. Manische reden gewöhnlich viel. Auch ich bemühe mich um ein manisches Auftreten. Vielleicht haben Sie die Güte, mich darauf aufmerksam zu machen, wenn ich mit Erfolg den Manischen spiele und es Ihnen zuviel wird.‘ Er- reibt sich. nervös die welke Stirnhaut.„Sie wollen also behaupten, ich sei wirklich ein manisch Rasender, und Sie spielten das nur?“ i „Das wollte ich ungefähr dem Sinne nach andeuten, aber nicht hundertprozentig zum Ausdruck bringen. Und Sie be- lieben eben manisch zu übertreiben. Ich sprach bei Ihnen nur von manischer Tendenz, von einer Neigung, die vielleicht von Ihrer Anaemie, von Ihrer Bluterkrankung herrührt. Vielleicht 6* joe} 2 je) ist bei Ihnen die Blutzufuhr zum Gehirn zu unregelmäßig geworden. Sie merken doch, Herr Schlenk, wie fabelhaft schnell und weitschweifig ich kombiniere. Das gehört zu meinem eigenen manischen Krankheitsbild. Achten Sie bitte darauf. Alle Weitschweifigkeit, alle kombinatorische Sprunghaftigkeit, die nicht in unlogische Verwirrung ausartet, ist ihrer Natur nach manisch." Abwehrend hält er mir seine weißen Hände entgegen. ,, Ich verzichte darauf. Lassen Sie mich bloß in Ruhe. Sonst rase ich noch wirklich! Nein, ich denke nicht daran. Ich lege immer noch Wert auf meine Gesundheit. Ich habe nicht den geringsten manischen Klaps." - Dazu kann ich nur beifällig nicken und doziere weiter. ,, Bei den Manischen besteht im allgemeinen keine Spur von Krankheitseinsicht. Meine Diagnose ist also richtig. Je mehr Sie leugnen, desto mehr bestätigen Sie mein Gutachten. Sehen Sie, beim Melancholiker zum Beispiel, dem extremverwandten Gegentypus des Manikers, findet man volle Einsicht in den gleichmäßig traurigen Zustand. Der Melancholiker gibt sogar ganz offen zu, daß er Selbstmordgedanken hat, der Maniker aber bestreitet das entschieden, er regt sich sogar darüber auf, wenn man ihm seine Lebensüberdrüssigkeit und Selbstmordideen nachsagt." Mein Leidensgefährte springt zitternd aus dem Bett. ,, Herr, jetzt machen Sie aber Schicht. Gesund will ich werden! Warum piesacken Sie mich? Warum verdächtigen Sie mich? Ich finde nichts so schrecklich wie den Tod. Leben will ich, denn ich habe ja immer so lange bei Muttern gesessen und Pech bei den Weibern gehabt und viel zu wenig gelebt. Mein Leben soll erst beginnen, wenn ich hier raus bin. Und ich könnte mich sogar selber aufhängen, wenn ich hinterher ein schöneres Leben im Jenseits fände. Kommt noch etwas nach dem Tode? Was meinen Sie ich glaube kaum." - Wieder nicke ich Zustimmung. ,, Sie bestätigen erneut, was ich diagnostiziere. Es fehlt bei Ihnen jede Einsicht in den manischen Zustand. Sie wissen jetzt gar nicht, daß Sie immer in Gefahr sind, aus der manischen Sucht, ein bequemes Idealleben zu suchen, einen Anschlag auf Ihr reales Jammerleben zu verüben. Am liebsten würden Sie für Ihren manischen Kadaver auch noch Unsterblichkeit verlangen." Er kriecht auf sein Lager zurück. ,, Entschuldigen Sie", sagt er jetzt voll unsicher tastender Sanftmut. ,, Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir noch eine Aufklärung geben wollten. 84 c “535 vw rn, ‚a5 seh nel Sie meinten, meine Blutzufuhr zum Gehirn funktioniere nicht, Wie kann ich das beweisen, damit ich noch längere Zeit im Lazarett bleiben darf? Es wäre ja großartig, wenn ich wieder mal was Neues fände. Unregelmäßige Blutzufuhr zum Gehirn — das klingt doch nach was!“ „Mein lieber Herr Schlenk‘‘, ich klopfe ihm freundschaftlich auf die Schulter, ‚‚wir verstehen uns nach und nach. Zunächst ist allerdings nur bewiesen, daß es mit Ihrer Manie seine Rich- tigkeit hat. Ihr letzter Stimmungswechsel zur liebenswürdigen Entschuldigung war verblüffend beweiskräftig.“ „Und habe ich etwa keine falsche Blutzufuhr zum Gehirn?", trumpft er auf.„Ich habe sie! Mein Blut ist eben total kaputt! Nichts als weiße Blutkörperchen! Und ich weiß auch, wer daran schuld ist! Die Ärzte sind daran schuld, die Ärzte, die mir immer falsche Medizinen geben, wenn ich sie um die richtigen bittel‘‘ Jeder Satz ist eine,schnelle Anklage. „Stimmt, stimmt, Herr Schlenk. Was Sie sagen, ist aus- gezeichnet. Immer andre Schuldige zu suchen, ist schon wieder echt manisch. Erst waren die Weiber dran schuld, dann der Militarismus, und jetzt sind es die Ärzte!“ Maximilian Schlenk sinkt ganz in sich zusammen. Ich weiß nicht, ob er alle meine Beweise in sich aufnimmt. Er ist mit seiner Anaemie beschäftigt. „Elf Monate und drei Wochen bin ich schon in Haft“, be- richtet er jetzt mehr melancholisch versonnen als manisch erregt. „Elf Monate und drei Wochen‘, wiederholt er monoton. ‚Meine Knie versagen, bald werd’ ich überhaupt nicht mehr laufen können. Seit meine Anaemie perniziös ist, helfen auch die Spritzen nur noch ganz vorübergehend.“ „Woher wissen Sie, daß ihre Anaemie perniziös geworden ist?‘ Die Frage stelle ich mit lauernder Überlegung, denn ich möchte herauskriegen, ob er sich den perniziösen Charakter einbildet. Und wenn es so ist, wo kommt die Einbildung her? ‚Ja, die Anaemie ist allmählich perniziös geworden, ich habe es gleich befürchtet. Und meine Angst war richtig. Natürlich hüteten sich die Gefängnisärzte, mir das zu sagen. Aber ich habe es im Lexikon nachgelesen. Es stimmt. Alles, was da über das perniziöse Stadium des Leidens steht, trifft auf mich zu.‘ Aha! Er trägt sich seine Leiden aus dem, Lexikon zusammen. Das ist auf leichten Stufen geistiger Erkrankung so üblich. Melancholische grübeln, Manische ereifern sich über medi- 85 zinische Abhandlungen. Aber wo hat er im Knast das Lexikon her? Also bitte, lieber Schlenk, im Vertrauen! ,, Eigentlich soll man nicht darüber sprechen." Doch er läßt sich schließlich zur Vertraulichkeit herab. ,, Das große Lexikon, das wir hier im Lazarett haben, ist eigentlich nur für ältere Lazarettkundschaft, für die Stammgäste. Die Neuen kriegen es nicht. Erst nach längerer Bewährung wird es einem mal rausgerückt. Der Verwalter weiß von dem Lexikon nichts, es ist nicht erlaubt, und ganz neu ist es auch nicht mehr. Einige Deckel fehlen. Und sogar einige Bände. Alle Buchstaben kann man also nicht nachschlagen." Immerhin eine wichtige Information. Tatsächlich unschätzbar in einem solchen Lazarett. Für einen malade imaginaire schon eine Fundgrube und für mich vielleicht die Lebensrettung. Also ich werde darin Studien machen, meine Kenntnisse der Geisteskrankheiten verfeinern. Hoffentlich sind die Buchstaben G und M vorhanden. PP ,, Mädiziiin, Mädiziiin!" hallt es von draußen über den Gang. ,, Das ist der Medizinkalfaktor Franz", erklärt mir Schlenk. , Wer was haben will, muß sich melden, sonst vergißt es der Franz. Der Franz ist nämlich mal richtig verrückt gewesen, der. war ein paar Jahre im Irrenhaus, er soll sogar getobt haben. Im ersten Weltkrieg hat ihn eine Granate verschüttet. Und ganz in Ordnung kam er wohl nie. Hat seinen Dachschaden behalten, man sieht es schon an der Steilfalte auf seiner Stirn. Jetzt sitzt er hier für ein halbes Jahr, weil er aus einer Bauernscheune einen Korb mit Pflaumen geklaut hat. Der Gendarm hat ihn mit seinem vollen Rucksack erwischt, und da hat der Franz dann angegeben, er habe die Pflaumen im Dämmerzustand geklaut. Glauben Sie an einen solchen Dämmerzustand?" Eine schwierige Frage; da müssen wir uns erst den Franz besehen. ,, Mädiziiin, Mädiziiin", singt Schlenk mit seinem lyrischen Tenor, und schon steht Franz mit seinem Umschnallkasten, den die Berliner Bauchladen nennen, in der Zellentür. Franz ist ein untersetzter Mann mit grauen Koteletten und einem knabenhaft zurückgebliebenen, netten Gesicht, in dem ganz unvermittelt die Steilfalte steht. ,, Der Schlenk von Neunundzwanzig kriegt nischt mehr", sagt Franz mit väterlicher Strenge. ,, Heute morgen haste das schwarze Arsenzeug wieder ausgespuckt. Und zum Niko haste gesagt, das kommt dir vergiftet vor. Nee, solche Zicken spielen 86 m 15 o D wir hier nicht.‘ Inzwischen hat er mich entdeckt.„Ein Neuer? Na, wo piept's denn bei dir? Äußerlich oder innerlich? Ich bin nämlich gelernter Krankenpfleger.“ „„Äußerlich und innerlich, beides‘, antworte ich diplomatisch. Und weil er damit noch nicht zufrieden ist, füge ich hinzu: „Hämorrhoiden äußerlich— und Nervenleiden innerlich.“ Während er umständlich überlegt, gerät seine Steilfalte in Bewegung. Man könnte die Langsamkeit seines Denkprozesses geradezu filmen. Endlich setzt er wieder zum Sprechen an.„‚Die Hämorrhoiden, die kriegen wir mit einer Abführbrühe klein. Prima gekocht, ich verstehe was davon. Jeden Abend ein Gläschen von einem gelben Saft, und die Biester kapitulieren. Aber die Nerven, die Nerven— Er schüttelt den Kopf, sein Blick verliert sich in der Ferne. „Da kann man nischt machen. Da muß man abwarten, ob man damit alt wird oder nicht. Wer lange mit den Nerven zu tun hat, lebt auch lange.“. Hilflos grinst er über seinen abge- standenen Witz und will gehen. „Hallo, Franz‘, ruft Schlenk hinterher.„Unser Neuer ist Fachmann für meschugge. Ich glaub’ beinahe, der ist mal Irren- arzt gewesen. Da mußte dich ranhalten.“ Halb verlegen, halb mißtrauisch bleibt Franz mitsamt seinem Bauchladen noch einmal stehen. „Is wahr? Aber Arzt biste nich. Sonst wüßt ich's schon, Gefangene Ärzte werden bei uns im Lazarett als Kranke gleich abgesondert, damit sie nicht mitkurieren. Das können nämlich die Anstaltsärzte nicht vertragen, wenn ihnen einer ins Hand- werk pfuscht. Aber vielleicht biste sowas ähnliches, Pillen- dreher oder'n andrer Giftmischer, was?“ Er blickt sich angestrengt um, als suche er Hilfe, besinnt sich wieder mit zuckender Stirnfalte und wischt sich den Schweiß. „Was ich bin, ist eine lange Geschichte‘, lenke ich ab.„Aber so was Ähnliches könnte ich vielleicht auch noch darstellen.“ „Ich muß gehen“, sagt Franz in sichtlicher Erschöpfung.„Ich komme hier heut sowieso mit der Medizin nicht zu Rande. Ich muß jetzt gehn.‘ Er rührt sich aber noch immer nicht von der Stelle, überlegt noch einmal in stummer Änspannung.„Näch- stens muß ich wieder ans Versorgungsamt schreiben. Da kannst du helfen. Wegen meines Dämmerzustandes muß ich nämlich schreiben.‘ Meine Krankenzelle dämmert langsam in die leere Nacht 87 hinüber, draußen zeichnet sich die dunkle Laubkulisse der Platane vom bleichen Hochsommerhimmel ab. Mein Notgenosse wälzt sich in ruhelosem Halbschlaf. Ich fühle mich überwach, ich rieche wieder den sauren Odem der Schmerzensanstalt, deren brütende Stille hin und wieder von Lungenröcheln und Angstrufen zerrissen wird. ,, Schlafen Sie schon?" Ich verneine. ,, Dann sagen Sie mir doch endlich, was haben Sie eigentlich mit mir angestellt?" Die Frage kommt kläglich heraus. ,, Neben Sie's mir nicht übel, lieber Schlenk. Ich habe Sie gewissermaßen als Versuchskaninchen benutzt. Ich wollte mir die Symptomatik des Manischen einprägen. Ein schwieriges geistiges Gebilde erarbeite ich mir gern im Dialog. Man nennt das die sokratische Methode. Ich bin Ihnen für die Art, wie Sie reagierten, sehr dankbar. Es ist mir bei den Experimenten klar geworden, daß ich mich vor dem Herrn Obermedizinalrat nicht rein manisch aufführen, sondern der Erleichterung halber eine depressive Abwechslung bieten werde." ,, Sie sind also wirklich kein Spitzel?" ,, Wie kommen Sie darauf?" Er stammelt an einer Antwort herum, spricht von der drückenden Befürchtung, mich hätte vielleicht die Gestapo oder sonst wer geschickt, um ihn zu überwachen, zu überlisten, um ihn reinzulegen, damit Freisler vor Gericht noch mit einer besonderen dramatischen Sensation aufwarten könne. ,, Unsinn", entgegne ich mit Entschiedenheit. ,, Freisler hat jetzt ganz andere Sensationen. Außerdem habe ich sowas eher zu fürchten. Bei mir geht es immerhin um drei Menschenleben. Wenn Sie zum Beispiel, Herr Schlenk, mich reinlegen wollten, dann hätten Sie drei Leben auf dem Gewissen. Aber Ihre Sache liegt bestimmt viel harmloser." ,, Wo denken Sie hin", entrüstet er sich ,,, wo ich doch mindestens zwanzig Frauen verführt habe." ,, Nanu, ich dachte, Sie wären ein besonderer Pechvogel in der Liebe." ,, Verstehen Sie mich doch richtig", sagt er etwas unwillig, ,, es handelt sich natürlich um politische Verführung. Ich ging in Wien im vorigen Sommer abends meistens in den Stadtpark, da saßen auf den Bänken die Madeln und Frauen dutzendweise herum. Sie dachten gewöhnlich an einen Soldaten, aber sie nahmen zur Aushilfe auch mal mit einem Zivilisten vorlieb. Also man quatschte sie an. Und ihre dritte Frage lautete 88 a A 222 Ri u 4 1 Bi immer: wann ist der Krieg zu Ende? Dann legte ich los. Ich bin doch Austromarxist bis auf die Knochen. Und ich nahm kein Blatt vor den Mund. Wenn der Hitler, das Schwein, erst mal weg ist, dann wird Ruhe sein, eher nicht! Damals hatten sie in Rom gerade den Mussolini abgesägt. Nein, so billig darf der Hitler nicht wegkommen, sagte ich. Für den ist der Strick schon gedreht! Die meisten Weibsen waren begeistert. Wie die sich freuten, daß ich so feste drauflosredete. Eine meinte, dann würde die Revolution wohl nicht mehr weit sein. Und eine war ganz wie närrisch vor Freude, Sie sprang und tanzte und schrie: Dafür mußt a Busserl kriegen, du lieber Bub. Sie gab mir auch den Kuß, während die andern sich totlachten. Aber da war noch so'n tückisches Biest aus Norddeutschland im Hintergrund. Mit der hatte ich folgendes Gespräch geführt: Ich sage: Küß die Hand, grüß Gott, wie schaut’s? Sie ant- wortet kaltschnäuzig: Heil Hitler! Darauf ich: Du kannst mich mal von hinten.— Vornehm war das gerade nicht, das gebe ich zu— aber die Hitlerei ist doch noch viel säuischer. Also dieses Miststück hat einen Schupo geholt.— Wehrkraft- zersetzung!— Jetzt kneift sie als Zeugin, schreibt, sie könne wegen Schwangerschaft nicht kommen.— Was sagen Sie zu dem Saumensch?— Mir hat sie den Strick gedreht, aber jemand hat ihr ein Kind angedreht, wahrscheinlich doch ein SS-Mann, die sind doch extra dafür da. Ja, so steht’s, was sagen Sie nun?‘ „Wir wollen jetzt schlafen, Herr Schlenk. Nach acht Monaten darf ich zum ersten Male wieder jemandem gute Nacht wünschen!‘ Aber ich kann nur so tun, als ob ‚ich schliefe. Die Vor- täuschung, das künstliche Alsob im"Tun und Lassen scheint meine totale Bestimmung. Das Fleisch muß dem Geist gehor- chen. Habe ich nicht das Heer der Gedanken in fünfzigjährigem Kampf mit-Himmel und Erde geübt und gestählt: Wohlauf, ihr Gedanken, ihr Truppen des Geistes, macht euch bereit zur Entscheidungsschlacht! Ich werde morgen zum manisch-depressiven Irresein starten: Dabei brauche ich keine gleichmäßige Veränderung des Ge- mütslebens durchzuhalten. Als Melancholiker müßte ich immer trübsinnig sein; da könnte der Simulant also leicht ertappt werden, wenn er mal seine Schwermut vergißt. Nur als Maniker aufzutreten, verpflichtet zu dauernder Erregung, ist also sehr anstrengend. Eine manisch-depressive Störung hingegen bringt 89 einen Wechsel von manischen und melancholischen Anfällen; schwereren manischen Ausbrüchen können leichte depressive Zustände folgen und umgekehrt. Wie oft und in welcher Stärke der Umschwung erfolgt, bleibt meistens ungewiß. Tritt eine gewisse Regelmäßigkeit im Wechsel ein, so spricht man von zirkulärem Irrsinn. Dabei gibt es gewöhnlich eine krankheitsfreie Zwischenzeit. Und diese Atempause brauche ich. Es darf nicht Mißtrauen erwecken, wenn ich gelegentlich als ganz normal ertappt werde. Eine scharfe Grenze zwischen zirkulärem Irresein und dem unregelmäßigen Auftreten der manischen und der depressiven Zustände kennt die Psychiatrie offenbar nicht. Und darauf baue ich meinen psychischen Feldzugsplan. Ich erinnere mich auch, daß manische und depressive Leiden den Vorzug haben, in sehr vielen Fällen heilbar zu sein. Das ist für mich wichtig. Die Ärzte müssen meine Wiederherstellung für wahrscheinlich halten. Andernfalls würde natürlich das Verfahren gegen meine Tatgenossen, gegen die Frau und den Freund, von dem meinigen abgetrennt, und ich könnte höchstens mich selber retten. Falls sie mich nicht als zwecklosen Fresser abspritzen". Dieses neue Verfahren heißt, Euthanasie". 71 17 Wahrscheinlich wäre eine schwere Geisteskrankheit, zum Beispiel die Paranoia, in intellektueller Beziehung leichter zu schauspielern. Denn bei dieser paranoischen Zerrüttung, dieser , Verrücktheit" im engsten Wortsinne, verdichten sich die krankhaften Vorstellungen zu einem logisch durchgearbeiteten Wahnsystem. Der Standort, den die Paranoiker gegenüber der Umwelt einnehmen, ist völlig verrückt worden, die Wahnpsychose hat ihren festen Platz bezogen. Man brauchte sich also nur einmal eine verrückte Geschichte zusammenzureimen, sie logisch fest zu verankern, und dann könnte man ständig ein und denselben Spielfilm laufen lassen. Doch nein! Es geht nicht! Ich muß gerade den Verdacht auf Paranoia vermeiden, schon deshalb vermeiden, weil ich diese Krankheitsrolle niemals abbrechen dürfte, wenn es mir etwa richtig erschiene. Viele Psychiater sind kaum zu bewegen, von ihrer Diagnose abzugehen. Daß ein Irrer sich selbst für gesund erklärt, macht auf sie höchstens einen krankhaften Eindruck. Alle diese Erwägungen stellen sich freilich nicht mit einem Schlage ein, sie sind die mühsam gefilterten Tropfen aus hundert 90 (4 . Su j $ f \ Bohrungen in den tieferen, älteren Gedächtnisschichten meines Bewußtseins. Aber nun sind wir gerüstet. Komme, was kommen mag. Narrheit, du bist im Zuge. Nimm deinen Lauf! Am nächsten Morgen tönt es schleppend durch den Gang: „Alles fertigmachen, alles fertigmachen für den Arzt.” Maximilian Schlenk spuckt in das blecherne Waschgeschirr und putzt es aus Leibeskräften. Niko erscheint mit einem trocknen Schrubber und wienert dem rissigen Linoleumboden blanke Flecke an. Dann rollt und grollt aus der Ferne dunkles Gewitter. ‚„Un- verschämter Lümmel, raus mit dir!“— ‚Das ist der Wernicke‘', erläutert Schlenk, ‚der Weißbart tobt schon wieder, dem hat sicher wieder einer vergeblich eine Krankheit vorgeschwindelt.‘' Der Riegel klappert, da ist er schon. Ich stehe mit erhobe- nem Arm, die Hand militärisch grüßend an der Stirn, und brülle ihn an:„Zelle— neunundzwanzig— belegt— mit— zwei— Mann!“ Ich brülle, daß man es einen halben Kilometer weit über einen Kasernenhof hören würde, „Was brüllt der Mann so?“ fragt Dr. Wernicke ganz trocken . vor sich hin, er scheint nicht einmal ungnädig zu sein, eine sehr laute Meldung ist ihm offenbar immer noch lieber als eine zu leise. „Was hat der Kerl denn, was ist da los?“ fragt er mit einem Seitenblick nach dem Verwalter, der sich wie immer hinter dem Arzt möglichst unsichtbar hält.„Ich weiß nicht‘, sagt er aus- weichend,„aber der Herr Obermedizinalrat will ihn beobachten,“ ‚‚D0, So, so‘, murmelt Wernicke in seinen weißen Spitzbart, „Ist bei dem'ne Schraube locker, was? Na, der Herr Ober- medizinalrat läßt doch sonst nicht mit sich spaßen. Ausziehen!“ Mit fliegender Eile reiße ich mir den Kittel und das Hemd vom Leibe.„Ruhig, Mann!“ Er glotzt in meine Pupillen, ich grinse ihn in manischer Ausgelassenheit fröhlich an.„Das findet der auch noch lächerlich‘, meint der Arzt mit leichter Mißbilligung, aber er wird nicht böse, Jetzt beklopft er die Kniescheibensehnen. Da darf man das Bein nicht künstlich versteifen, das merken die Ärzte sofort und nehmen es übel. Infolgedessen sind meine Kniescheiben- sehnenreflexe, also die Zuckungen der Unterschenkel, normal, Aber die Bauchmuskeln kann ich verhalten, das merkt er wohl nicht. Gelungen! Schon stellt er mit dumpfer Verwunderung fest:„Der Bauchreflex ist weg.“ Mit kindlichem Vergnügen lache ich ihn an und streiche das al a das meinen Bauch zur Höhle macht.„Mein Bäuchlein— i— hi— hil" „Der tut, als hätte er einen gesoffen. Na, geben wir ihm abends einen Teelöffel Brom.‘ Er dreht sich schwerfällig auf dem Absatz um, die erste Visite ist glücklich überstanden. „Sie haben Schwein gehabt‘, sagt Schlenk.„Ich habe Blut und Wasser geschwitzt. Daß der sich das gefallen ließ. Wie der sonst alle zusammenstaucht, daß die Wände wackeln. Nun reden Sie doch, wie finden Sie ihn?“ „Beginnende Dementia senilis“, antworte ich kurz. „Heißt das nicht Altersirrsinn?‘‘ Ich nicke und setze sachlich belehrend hinzu:„Das Gehirn nimmt im Alter ab, es wird bei alten Leuten leichter, öfters kommt es auch noch zu einer krankhaften Veränderung des Nervengewebes, dann beginnt der Altersschwachsinn, zunächst in der Regel mit der abnehmenden Fähigkeit, geordnete Gespräche zu führen. Unser Weißbart begnügt sich schon damit, primitive Einzelbemerkungen zu machen. Noch haben sie inneren Zusammenhalt, aber all- mählich wird der loser und loser.“ Abends kommt Franz mit der Medizin.„Mensch, hast du’'n Dusel!‘‘, versichert er mir.„Brom, Mann Gottes, Brom! Das kriegt doch einer nur, wenn er beim Weißbart ganz groß ange- schrieben ist. Der läßt dich sicher’ne Woche und länger in Ruhe.“ Die langen, warmen Tage kommen mit leisen Vogelstimmen und verschweben blau ins Nichts. Draußen auf der ergrauenden Rasenfläche des Vorgartens brennt ein vielstrahliger Stern aus roten Geranien, seine Leuchtkraft hebt sich triumphierend von dem verschmutzten Braunrot der Gefängnismauern ab. In den schweren, lang- stieligen Blättern der Platane klimpert der Wind. Und träge tropft die Zeit.— Und nichts geschieht, was nach höherer Schickung aussehen könnte. Schlenk bemitleidet mich, Niko sorgt für Gemüsesuppen samt Nachschlag, Franz bringt abends den Löffel mit salzigem Brom und berichtet über seinen Dämmerzustand, damals als die Pflaumen in seinen Rucksack flogen. Wann wird Herr Dr. Büttenberg, der Obermedizinalrat, Chefarzt und Schicksalsgott, wohl von sich hören lassen? Ich warte, warte auf das Stichwort, ich habe meine Rolle gut studiert. Wenn ich nur Zeitungen hätte! Ja, wo’bleibt meine Zeitung! 92 "Ich kann als ‚‚Untersucher‘ den ‚„Völkischen Beobachter‘' ver- langen, um ihn zwischen den Zeilen zu lesen. Glauben die etwa, ich sei nicht verrückt genug für dieses Blatt? Das darf ich mir als Manischer nicht gefallen lassen. Als Melancholiker könnte ich höchstens darüber weinen. Bei nächster Gelegenheit springe ich in den Korridor und beginne, die Stimme allmählich stei- gernd, zu schreien: „Wo bleibt meine Zeitung— meine Zeitung muß ich haben — meine Zeitung— wo bleibt meine Zeitung— was gibt es Neues in der Zeitung?...“ „Sind Sie varrikkt geworden“, hallt es antwortend um die Ecke. ‚Schweinerei ist das.“ Aha, die Schweinerei ist der Lieblingsbegriff des Hilfs- wachtmeisters, der gleich am ersten Tage den freundlichen Wunsch ausdrückte, mich solle der Henker holen. Das könnte dir so passen. So weit sind wir noch nicht. Nein, ich bin mutig, ich schreie noch einmal: ‚Was— gibt— es— Neues— in— der— Zeitung?“ Jetzt kommt er ganz nahe und befiehlt:„Nehmen Sie mal die Brille ab!‘ Ich gehorche. Aber er schlägt nicht. Er stiert mir nur zornig in die Augen und dann in den Halsausschnitt, zuletzt in das Hosenloch über meinem Knie. Er möchte mich am liebsten inwendig inspizieren. Sie nennen ihn hier ja die„Filzlaus®»weil er bei der Zellen- revision die Gepiiogenheit hat, mit den Fingern bis in die hintersten Ecken der Wandspinde zu wühlen. Wahrhaftig, eine Filzlaus! Ich breche in mein schönstes manisches Gelächter aus. Nun macht er fuchswild kehrt und läuft den Herrn Verwalter holen. Nach einigen Minuten, während ich noch immer vorschrifts- widrig und feixend im Korridor stehe, kommt der Verwalter bedächtig die Treppe herauf. Er ist allein, er hat die Filzlaus unten gelassen. Sieh da, er hält unterm Arm einen Packen mit mehreren Nummern des„Völkischen Beobachters.“ „Herr Schultze-Pfaelzer, Herr Doktor“, sagt er mit ruhiger Bestimmtheit.„Wir wollen doch mal vernünftig miteinander reden. Sie sollen Ihre Zeitungen haben, hier sind sie. Sie sollen sie jeden Tag bekommen. Aber Sie müssen mir ver- sprechen, daß Sie mir kein Theater machen. Ich habe meine Arbeit und will nicht gestört sein. Was Sie mit den Ärzten machen, geht mich nichts an. Ich bin nicht Arzt, ich bin Ver- walter. Ich lege Wert darauf, daß mir keiner rumtobt oder die 93 Betten vollpinkelt, Wer sich bei mir vernünftig benimmt, der hat’s auch gut bei mir, Ich tue keinem was.‘ Ich schlage geräuschlos die Hacken meiner Filzschuhe zu- sammen,„Jawohl, Herr Verwalter, Jawohl, Sie sollen mit mir zufrieden sein! Vielen Dank, Herr Verwalter!‘ Habe ich das nun gut oder schlecht gemacht? Wollte er mich nur auf die Probe stellen? Aber nein doch, der gute Mann ist so, wie er sich gibt. Der will seine Ruhe haben. Der sagt kein überflüssiges Wort. Also lassen wir ihm seine Ruhe, Und ich habe meine Zeitungen, ich habe wieder einen kleinen Sieg zu buchen, Sogleich vertiefe ich mich in die Blätter, die für mich die Welt bedeuten. Dabei merke ich, wie Schlenk, dessen Blicke an meinen Mundwinkeln hängen, mein bewegtes Mienen- spiel mitmacht. Ich habe ja längst bei ihm eine kleine Nach- ahmungspsychose festgestellt. Deshalb klatsche ich in einer leichtbeschwingten Manie in die Hände, und schon klatscht er mit. ‚Warum klatschen Sie, Herr Schlenk, Sie wissen doch noch gar nicht, was ich gelesen habe und was ich daraus schließe?‘ Er meint, es würde schon was Gutes sein, er vermutet eine neue russische Offensive. „Falsch geraten, aber Ihr Vertrauen ehrt mich. Der Iwan hat zwar vor Warschau haltgemacht, aber im Grunde haben Sie völlig recht. Unsre##tter rücken heran, diesmal ist es die angelsächsische Woge. Der Umschwung im Westen ist da. Die Amerikaner sind bei Avranches entscheidend durchgebrochen.”” „Bei Abrank— wo liegt Abrank?‘ „Avranches, Avranches‘, verbessere ich und zeige in der Zei- tung, wie es geschrieben wird. ‚Den Namen müssen Sie sich merken, der Ort geht in die Weltgeschichte ein." „Falls Sie nicht im Augenblick wieder mal in Ihrer ver- dammten manischen— Manie übertreiben! Man weiß ja bei Ihnen gar nicht mehr, wann Sie echt sind und wann Sie Ihre Rolle spielen.‘ „Oho, oho, jetzt bin ich echt. Ganz echt. Das müßten Sie doch fühlen. Der Atlantikwall durchstoßen!— Wenn das nicht eine historische Wende ist. Avranches, Sie kennen nicht Avranches, ist auch nicht zu verlangen, aber ich war da. An einem wundermilden Wintertag vor anderthalb Jahren habe ich bei der Autofahrt von Rouen nach St. Malo in Avranches zu Mittag gegessen. Der Aperitif war noch alt und der Blumen- kohl frisch vom Felde. Ein Landstädtchen in der Westnorman- 94 — 2 min Zuger sen I- die lerr bei Ihre u a a are Sn SU we die, nicht weit vom großen Golf, nicht weit von St. Michel, der alten Felsenburg hoch oben über den Wassern. Der einsame Inselberg wird von magischen Architekturen gekrönt. Drei Jahrtausende sind kultisch eingeschachtelt. Hier opferten schon die Druiden. Ich verlor mich an das Meißelwerk eines Kreuz- gangs und wurde eingeschlossen. Damals nur versehentlich, ob- wohl ich längst genug am Hakenkreuz gesündigt hatte.‘ Mein Gedächtnis bewährt sich vorzüglich, aber vielleicht müßte ich doch wieder etwas ruhiger und weniger schwatzhaft werden. Sonst gewöhne ich mir manische Unsitten auch privatim an. „Haben denn die Deutschen zugegeben, daß der Atlantikwall zerbrochen ist?‘ fragt-Schlenk nach einem flüchtigen Blick auf die Zeitung. „Nein, gewiß nicht‘, erkläre ich mit Augurenlächeln, denn ich habe ja in der Bendlerstraße selber mal kurze Zeit in der täglichen Werkstatt des Wehrmachtsberichtes gesessen.„So macht man das nicht. Solch eine Katastrophe setzt man nach acht Tagen als längst bekannt voraus. Bis dahin spricht man höchstens von Einbrüchen und von leicht zurückgedrückter Front. Aber die amerikanischen Panzer rollen schon durch die ganze Bretagne, sie stehen vor der bretonischen Hauptstadt Nantes, sie nähern sich von Osten der deutschen U-Boot-Basis Lorient, wo die Betondome der Werft- und Hafenbunker aus der Flachküste aufragen, ungeheure Brutstätten der Seeräuberei. Und auch nach Westen scheinen die amerikanischen Panzerrudel schon in Richtung Le Mans—Paris unterwegs zu sein.‘ Es ist, als hätten die stumpfen Wände des Lazarettgebäudes Ohren und Nerven bekommen. Der Umschwung in Westeuropa zittert bis an diese grauen Türen. Niko zwinkert mit den schweren Augenlidern, er meint, jetzt könne man sich langsam zur Heimfahrt fertigmachen. Der neueste Radiobericht erwähne schon:Le Mans auf dem Wege der Amerikaner nach Paris. Zeitungen seien jetzt unbezahlbar geworden, und im Augenblick sei ich fast der einzige Ge- fangene im Lazarett, der sie bekäme, Da könne ich mich doch durch Ausleihen bedeutend ‚aufbessern‘, Er werde mir gleich den ersten Bewerber um ein Nachabonnement zuführen, seinen besonderen Schützling Theo, den armen Mann ohne Hände— Nun, ganz so schlimm steht es doch nicht mit ihm, wie sich herausstellt, als sich Theo glücklich bei uns eingeschlichen hat. 95 Aber es fehlt auch nicht viel. An der linken Hand besitzt er nur einen Daumen, die andern Finger hat eine Handgranate im ersten Weltkrieg weggerissen. Und nun wurde ihm im Mai dieses Jahres im Alex auch noch die Rechte durch Bomben- splitter schwer beschädigt. Drei Finger sind weg, und der Zeigefinger liegt noch gefährdet im Streckverband, und unser alter Doktor Weißbart schneidet an den Eiterherden herum. Wenn der Theo Pech hat, wird er das Lazarett nur mit zwei- Daumen verlassen. Theo besitzt noch immer Humor, er meint, zum Daumenabdruck im Verbrecheralbum lange es noch. Im übrigen muß Theo, wie das hier üblich ist, seine Ver- haftungsgeschichte erzählen. Er. gehört schon seit beinahe zwei Jahren als Polizeigefangener zum Bestande des Alex, was natürlich völlig rechtswidrig ist Die Gestapo hat ihn verhaftet und angeklagt, aber dieselbe Gestapo wünscht nicht, daß er vor den Richter kommt, denn sie hat Grund genug, die öffentliche Verhandlung zu scheuen. - Theo war Kaufmann, er handelte mit Büromöbeln, die sein Schwager in einem kleinstädtischen Fabrikbetrieb herstellte. Im Krieg wurde ihm die Spitzel-SS, der Sicherheitsdienst, als Zwangskunde zugewiesen; er konnte deren Ansprüche infolge von Material- und Menschenmangel bald nicht mehr erfüllen, man drohte ihm mit Bestrafung wegen Sabotage, wenn er seine Lieferungen nicht steigerte. Aber gleich darauf erschienen bei ihm sogenannte„Sonder- beauftragte‘ der SS und ließen durchblicken, die Sache könnte man„beilegen‘, wenn er dem„geheimen Fürsorgefonds‘ der Schutzstaffeln einige Spenden zufließen ließe. Er spendete also, um geschäftlich Luft zu bekommen. Als er sich aber bei neuer Drohung auf seine Spende berief, erklärte eine andere SS-Stelle diese Spenden und diesen Fonds für ein Märchen. Er legte darauf die Quittungen vor und wurde prompt wegen „aktiver Bestechung‘ festgenommen. Tatsächlich war er einer „Erpresserbande‘‘ innerhalb der Spitzel-SS zum Opfer gefallen. Diesen Sachverhalt entnahm ich nicht nur seinen Erzählungen. Ich las die haarsträubenden Vernehmungsprotokolle, von denen er sich im Laufe der langen Zeit illegal einen Durchschlag besorgen konnte. Gangstertum und politische Polizei waren hier zur unterirdischen Einheit zusammengewachsen. Doch Theo regt sich über diese Gemeinheiten gar nicht mehr auf, er nennt sich einen dummen Gimpel, der den schlauen SS-Strolchen auf den Leim gekrochen sei. Wenn er seinen 96 rechten Zeigefinger behalten darf, will er die Welt sogar noch erträglich finden. Theo ist der erste, der mit mir wetten möchte, daß der Krieg noch in diesem Herbst zu Ende gehen würde, was ich leider stark bezweifeln muß. Maximilian Schlenk hat geträumt, daß die Katastrophe am 9, November 1944 eintreten werde. Er hat sich in einem Zimmer gesehen, in dem das Kalenderblatt dieses Datum trug. Durch das Fenster blickte er auf ein brennendes Gebäude, das Hitlers neuer Reichskanzlei ähnlich gesehen hätte. Von Flammen zu träumen, bedeutet Glück. Eines Abends rasselt Niko noch nach der Abschließung der Zellen mit der Klappe des Türspions. Er gibt die letzten Radio- meldungen durch: Die Amerikaner sind nun auch in Südfrank- reich gelandet, und im Norden stoßen die Panzer auf Versailles, für die Deutschen ein ominöser Ort. Weil ich nicht an die Friedensschalmeien für diesen Herbst zu glauben vermag, nennen sie mich im Lazarett den Mies- macher. Ich muß mich verteidigen. Herrschaften, denkt doch mal nach: an einen schnellen Frieden im Zeichen der bevor- stehenden deutschen Niederlage zu glauben, heißt doch den Nazis Vernunft und. Gefühl für. Verantwortung zutrauen. Frei- willig von der Macht zurücktreten, weil sie ihre historische Partie verloren haben, das wäre gegen das Gesetz des Terrors, nach dem sie angetreten sind. Paßt auf, sie werden noch die Keller Berlins verteidigen, nicht mehr in der Hoffnung auf Sieg, sondern um den Tag hinauszuschieben, an dem sie als Kriegsverbrecher verurteilt werden. Nur einer ist unter uns, der an den Nazis doch noch ein gutes Haar lassen möchte, unser Medizinalkalfaktor Franz. Er kratzt sich linkisch an den grauen Koteletten und meint:„Ihr könnt ja gegen die Nazis sagen, was ihr wollt. Aber mir haben sie meine Rente als Kriegsopfer erhöht, um elf Mark fünfzig im Monat erhöht. Das ist immerhin was.“ „Ach, Mann“, entgegnet ihm Schlenk, ‚du hast in deinem Dämmerzustand gar nicht gemerkt, daß sie dir dafür das doppelte an Steuern abgezogen haben. Ich bin doch Buchhalter, ich weiß, daß sie immer eine Mark mit großem Geschmuse drauflegen, um stiil und leise zwei Mark wegzuholen.“ Das möchte nun Franz ja auch nicht bestreiten. Er leide ar; der geheimen ‚Sprekotz‘‘-Krankheit, da wisse man nicht immer, 7 Kampf 97 was los sei. ,, Nein, ich wußte überhaupt nicht, wie die Pflaumen in meinen Rucksack gekommen sind!" Der wissenshungrige Schlenk will hören, was es mit der ,, Sprekotz"-Krankheit für eine Bewandtnis habe. ,, Sprekotz" wer hat eine Ahnung von ,, Sprekotz"? Franz meint, es sei lateinisch. Aha, er soll doch mal vorschriftsmäßig verrückt gewesen sein. - Also praecox also Dementia praecox, das sogenannte Jugendirresein! Das ist es, bestätigt er. Das habe er ja auch schriftlich bei seinen Papieren, es hätte ihm schon eher einfallen können. Und die Papiere führt er sogar in seiner blauen Kalfaktorhose bei sich. Das letzte Gutachten ist erst einige Monate alt, die Heilund Pflegeanstalt in Wittenau hat es ausgestellt. Ich lese: ,, Der kriegsbeschädigte Unteroffizier und städtische Krankenpfleger Franz K. ist hier vierzehn Tage lang auf seinen Geisteszustand untersucht worden. Nach den Akten hat er von 1918 bis 1920 an Dementia praecox gelitten und ist dann als geheilt entlassen. Er hat eine geringfügige Verminderung des Denkvermögens zurückbehalten. Für den ihm jetzt zur Last gelegten Diebstahl ist er jedoch verantwortlich zu machen." ,, Ja, mein Lieber, der ersehnte Jagdschein ist das nun gerade nicht", bemerke ich mit Bedauern. ,, Was hat man dich bei der Untersuchung in Wittenau denn eigentlich gefragt?" Franz gibt mit einer geringfügigen Verlangsamung des Denkvermögens Auskunft: ,, Was er mich gefragt hat, ja- was hat er mich gefragt. Sagen Sie mal, hat er gefragt, wie denken Sie denn so über den Krieg? Ich wollte eigentlich was Dämliches sagen, aber dann traute ich mich doch nicht; ich weiß nicht mal, ob ich wirklich Angst hatte, na jedenfalls sagte ich ich denke, sagte ich, daß wir siegen werden!" - Wir lachen. Theo gestikuliert mit seinem. linken Daumen. ,, Du Schafskopf, das ist zwar eine ganz gewaltige Verminderung deines Denkvermögens, aber den Examinatoren des Dritten Reiches mußte die Antwort als völlig normal erscheinen!" ,, Damals, als du die praecox hattest, wie war das?", fragt Schlenk als Studiosus der Geisteskrankheiten. ,, Hast du auch den wilden Mann gespielt?" Franz nickt träumerisch, ja, er habe auch manchmal getobt und sei dann mit der scheußlichen nassen Kompresse gewickelt worden. 98 Ich überprüfe mein altes Buchwissen von der Dementia praecox, der häufigsten Psychose, wenigstens der häufigsten in den Irrenhäusern. Leider kann ich an Hebephrenie, an Jugend- irresein, nicht mehr erkranken, ich bin dafür schon zu alt. Wenn man die Vierzig- überschritten hat, ist eine solche Er- krankung nicht mehr glaubhaft. Schade, sie wäre einfach zu spielen, es genügt dabei, sich möglichst töricht zu benehmen, aber man darf sich über die Umwelt noch ziemlich gut orientiert zeigen. Die Sinnestäuschungen können beliebig dumm und ver- worren sein. Da dürfte man sich alles leisten, was einem schauspielerisch gerade einfällt. Aber leider nichts für mich. Mir kommt es ja nun darauf an, ein zuverlässiges Vademecum für mein Simulantentum zustande zu bringen. So erwäge ich unablässig und verwerfe, was nicht zu mir paßt. Oft über- anstrenge ich den Gehirnkasten so, daß mir der Schweiß läuft und die Ganglien durch den Schädel schmerzen. Nur nicht ver- gessen, daß beim ersten manischen Stadium unsinnige Heiter- keit und-übertriebene Größenideen auf der Tagesordnung stehen! Der Weißbart Wernicke sei gesegnet, er hat mich gestern gutmütig angeglotzt:„Na, wenn wir mit dem da nichts machen können, dann soll er sich wenigstens den Bauch vollschlagen. . Geben Sie ihm mal Kartoffelbrei!‘“ Der Schlag Kartoffelbrei “ macht mich angenehm träge, ich möchte weniger nachdenken, innerlich auf Urlaub gehen, ein bißchen verblöden. Der Teufel hole die ganze Psychiatrie. Nun drückt der unbekannte Spielleiter meines Kranken- dramas auf den Klingelknopf, das Zeichen schrillt durchs Stockwerk: Der Schultze-Pfaelzer soll zum Herrn Ober- medizinalrat! Ich lasse meinen Geist noch einmal auf Probetouren laufen. Sei mannhaft und manisch! Unruhe ist die erste Bürgerpflicht! Mit sprunghaft beschleunigten, aber unsicheren Schritten steure ich auf den Herrn Obermedizinalrat zu. Er macht mit dem lässigen Wohlwollen des gewandten Arztes die einladende Handbewegung:„Nehmen Sie Platz, Herr Doktor, nun, wie geht es uns jetzt?‘ Ich habe mich nur auf der Stuhlkante niedergelassen und wippe leicht motorisch, als müßte ich mich zu plötzlichem Auf- stehen vorbereiten. ‚Danke, danke tausendmal, Herr— Herr Geheimrat, danke Ihnen unendlich, daß Sie mir das Leben gerettet haben. Jetzt geht es wieder bergauf, ich habe einen Y jo 09 Schaffensdrang- einen Schaffensdrang, sage ich Ihnen, Sie werden über mich staunen. Ich werde der Welt beweisen-" Ich breche ab und sehe ihn glückstrahlend an, naiv und gläubig, die gelöste Heiterkeit meiner Mienen soll ungewollt und organisch wirken. Denn ich muß mich vor jener schlechten Verstellung hüten, mit der die unbegabten Laien beim Liebhabertheater in jäher Willkür ihre natürlichen Ausdrucksregungen zu vergewaltigen pflegen. Über den Unterschied zwischen bloßer Verstellung und beseelter Mimik hat doch der ehemalige Burgtheaterdirektor Alfred von Berger Entscheidendes gesagt, ich habe seine Vorträge als Student in Wien gehört: Die Innervation von Wort und Gebärde strömt aus einheitlicher Quellenzentrale der Phantasie. Ja, ich muß jetzt unerschütterlicher Fachmann für alle psychischen Fragen sein. ,, Sie haben mir gar nichts zu danken", erwidert Büttenberg mit freundlicher Abweisung. ,, Ich will Ihnen nur helfen, wieder ruhiger zu werden." Seine großen, klugen Augen betrachten mich mit interessierter Skepsis, doch hat mein Auftreten offensichtlich keinen Argwohn bei ihm erweckt. Ich erhebe mich, als hätte mich eine Nadel ins Gesäß gestochen, tue aber so, als geschehe es ganz unabsichtlich, als merkte ich gar nicht, daß ich aufgestanden wäre. Von der motorischen Beschleunigung meines Gehabens darf ich gewissermaßen selber nichts gemerkt haben. So verlangen es die Spielregeln echter Schauspielerei. ,, Ihre Hilfe, Herr Professor, Herr Geheimrat, ist ja für mich so unendlich wertvoll, Sie geben mir einen Auftrieb einen Auftrieb, sag' ich ja ich möchte am liebsten Galopp laufen. Ich wäre zu einem Weltrekord fähig, vielleicht darf ich erst einmal im Garten einen Dauerlauf machen." - - ,, Sitzen sollen Sie, die Hände stillhalten und sich besser überlegen, was Sie sagen", mahnt er wie ein Lehrer. Scheinbar nehme ich jetzt erst wahr, daß ich inzwischen aufgestanden bin, stutze darüber und wandre harmlos durchs Zimmer, als hätte ich seine Mahnung überhört. Er belauert meine Schritte, die stoßweise schnell, aber immer wieder etwas gehemmt und ganz ziellos sind. ,, Ja, was glauben Sie, Herr Geheimrat, wie ich mich jetzt wieder fühle leicht wie ein Gummiball und so kräftig, - - daß ich die Sträucher dort draußen glatt ausreißen könnte. Halten Sie mich etwa für schwachsinnig, Herr Geheimrat, o da 100 mn u o/ 1 vi di irren Sie-sich kolossal, ich weiß haarscharf Bescheid. Die Bol- schewisten können mir gar nichts tun, Wenn Sie mir weiter zur Seite stehen, dann werden wir gemeinsam die Bolschewisten total niederkämpfen, restlos besiegen. Haben Sie keine Angst, wir beide schaffen das schon!“ Seine Stirn bewölkt sich mit Unwillen. ‚Aber, aber! Was soll das? Passen Sie doch mal auf. Lassen Sie doch die Bolschewisten aus dem Spiel. Sie sind vom deut- schen Volksgerichtshof angeklagt, weil Sie gegenüber den Bolschewisten eine ganz unbegreifliche und unerlaubte Hal- tung eingenommen haben. Das müssen Sie‘sich wieder klarmachen. Ich habe hier Ihre Anklageschrift und werde Ihnen mal was daraus vorlesen zur Auffrischung Ihres Gedächtnisses.‘ Mit schreckhaftem Aufzucken wehre ich ab.„Lassen Sie nur, Herr Geheimrat. Das ist alles geheim. Das ist streng geheim. Davon wollen wir lieber gar nicht sprechen. Sonst hört noch Moskau mit. Es gibt Wände mit eingebauten Mikrophonen. Man soll das Schicksal nicht herausfordern. Aber ich werde das Schicksal meistern, ich bin in der richtigen Stimmung. Schenken Sie mir weiter Ihr Vertrauen,- dann ist alles gut, dann wird sich alles, alles wenden.“| Dr: Büttenberg rückt etwas näher an mich heran, in seinen Zügen mischt sich Unbehagen mit Energie und gutem Willen. „Wenn Sie mein Vertrauen wünschen, müssen Sie sich wirklich mehr zusammennehmen. Ich glaube, Sie könnten sich besser in der Gewalt haben, aber Sie lassen sich ja gehen!‘ „Gewalt, Gewalt, Herr Geheimrat‘ rufe ich mit pathetischer Armbewegung,„ich will mich in der Gewalt haben, das will ich. Aber das genügt mir nicht. Ich will gewaltiger als das Schicksal sein, Sonst gehen die Pferde des Schicksals— warten Sie, wie heißt doch das schöne Wort? Ist es von Schiller oder von Goethe—“ Während ich mit heftigem Hin und Her der Stirnfalten das Zitat suche, macht sich der Obermedizinalrat auf einem großen, weißen Bogen Notizen, was ich mit Befriedigung feststelle. Er nimmt mich also genügend ernst, oder genauer gesagt, genügend unernst. Aber ich darf mich tatsächlich keinen Augenblick gehen lassen, tue es auch durchaus nicht, ich muß mich in meiner Rolle sattelfest halten. Denn plötzlich begegne ich dem kontrollieren- den Blick des Arztes. Wollte er mich überraschen, ertappen, 101 während ich mich unbeobachtet wähnte? Aber ich jage nur in deutlich gespielter Zerquälung dem Zitate nach. Als ich es endlich habe, springe ich in Positur und lege in getragenem Tonfall los: ,, Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch und" und hier stocke ich tatsächlich, entsinne mich nur noch dunkel, daß Goethe meint, wir müßten den bewußten Wagen vom Steine hier und vom Sturze dort abhalten. Jedenfalls war mein Steckenbleiben echt, also keineswegs schauspielerisch vorgesehen. ,, Und? Na und weiter?" Büttenberg forscht aufmerksam in mich hinein und scheint sogar ein ganz klein wenig belustigt. ,, Ist's nicht schon allerhand, Herr Geheimrat, daß ich überhaupt noch was aus Goethes ,, Egmont" zitieren kann? Wer kann das überhaupt! Da werden Sie doch nicht annehmen wollen, ich hätte ein schlechtes Gedächtnis. Ich konnte früher sehr viel auswendig, ohne es direkt gelernt zu haben. Bin wieder ganz auf der Höhe. Wenn Sie es wünschen, lerne ich den ganzen ,, Faust" in vier Wochen auswendig. Was meinen Sie, wollen wir es versuchen? Sie lernen auch, und wir sehen dann, wer's besser kann. Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit-" Ich habe noch einmal den Anfang wiederholt, jetzt jedoch absichtlich abgebrochen, um eine nervöse Unzuverlässigkeit zu markieren. Er läßt sich nicht stören und notiert weiter. ,, Herr Geheimrat, ich bitte Sie", rufe ich flehentlich, er blickt auf, ich weiß nicht recht, ob spöttisch oder teilnehmend. ,, Herr Geheimrat, die unsichtbaren Geister, von denen schon Goethe gepeitscht wurde, sind da. Kein Wunder, wenn hinter mir die Bolschewisten her sind-" Ich schnappe nach Luft, ich atme tief. ,, Lassen Sie nur", begütigt der Obermedizinalrat ,,, für heute ist's genug. Ruhen Sie sich oben aus. An den Nachmittagen können Sie Bettruhe halten. Ich werd' es auch noch dem Verwalter sagen." Noch eine tiefe, schlaffe Verbeugung, und ich wanke großspurig zur Tür hinaus. Oben finde ich Schlenk in heller Erregung. ,, Wie war es?", schreit er mir entgegen ,,, warum reden Sie nicht? Sie wissen doch, ich bin telepathisch veranlagt, ich habe Ihre ganze Prüfungsangst mitleiden müssen." Ich rüttle seine Schulter. ,, Wenn Sie Fernseher sind, dann müßten Sie auch schon wissen, daß es gut gegangen ist. Sogar 102 T vorzüglich. Ich war manisch bis in die Fingerspitzen. Meine sinnlose Heiterkeit artete aus bis zu wild übertriebenem Bewegungs- und Tätigkeitsdrang. Dann neigte ich zur Selbstüberschätzung und zeigte falsche Größenvorstellungen. Auch die Ideenflucht kam eindrucksvoll zur Geltung. Die Keime künftiger Depression waren schon durch einen Anflug von Verfolgungswahn zu spüren. Und jetzt darf ich mich zur Belohnung nachmittags ins Bett legen." ,, Ja, Sie haben es gut", sagt Schlenk gedehnt, ich fühle in seinen Augen Mißgunst glimmen. Als ich ihn forschend ansehe, fährt er fort: ,, Ja, ja, so ist das immer. Eine Krähe hackt der andern nicht die Augen aus. Sie sind Akademiker, darum tun Ihnen auch die Ärzte nichts." ,, Nein, mein Lieber", widerspreche ich ,,, die sogenannten Akademiker, genauer gesagt, die Leute mit den festen Traditionen in den geistigen Berufen gebärden sich so, als hätten sie bloß noch Existenzberechtigung, wenn sie von Bauern abstammen und zackige Soldaten sind. Glauben Sie mir, meine akademischen Standesgenossen rümpfen die Nase, weil ich es wagte, aus der legalen Hürde der feinen Leute auszubrechen und mich jetzt wie ein Verbrecher durch diesen Dreck da schleifen lassen muß." ,, Was sollen wir uns streiten", lenkt Maximilian ein, dem es nur um eine soziale. Plänkelei, nicht um eine gesellschaftskritische Untersuchung zu tun war. Er ist mit sich, genauer mit seiner Vergangenheit unzufrieden. Er hat sich selbst sehr lieb und ist auch in seine Krankheit verliebt. Er betrachtet sich als Unterdrückter, weil sein Vater Gepäckträger und seine Mutter Köchin war. Aber nicht deshalb ist er ein kleiner Buchhalter geblieben, sondern weil er als Achtzehnjähriger in den Stadtparks hinter den Mädchen herrannte und die Kurse im Abendgymnasium bald wieder schwänzte. Neulich vertraute er mir in traumatischer Nachtpsychose seine letzte kühne Einbildung an. ,, Wenn ich als Märtyrer heimkehre, müssen sie mich zum Bürgermeister wählen." Wenn jeder halbintellektuelle Wiener gleich Bürgermeister werden wolle, würde es ja bald sozialen Mord und Totschlag geben, wende ich dagegen ein. Er nimmt es übel, und ich werde deutlicher. ,, Wenn die Halbintellektuellen auch noch der Märtyrereitelkeit verfallen, dann sind sie bald überhaupt nicht mehr zu brauchen, weder zum Bürgermeister noch zum Buchhalter." 103 Während ich auf dem Bett liegend psychiatrische Studien an mir selbst treibe, sitzt Schlenk stundenlang am Fenster und wartet, ob nicht unten auf dem Gartenweg eine erregende Mädchengestalt erscheinen will. Im Notfalle gibt er sich auch mit einer fünfzigjährigen Beamtin zufrieden, es ist doch immerhin ein Weiberrock. Und er kann sich ja noch immer mit den süßen Gesichtchen der Filmdamen trösten, die er als Ansichtspostkarten wohlverwahrt in seinen Taschen und Päckchen mit sich trägt, seitdem ihm die barbarischen Wachtmeister schon eine kleine Galerie von schönen Frauen an seiner Zellenwand beschlagnahmt haben. ,, Kommen Sie schnell", durchbricht er aufgeregt das Mittagsschweigen. ,, Da sehen Sie, die da, eine ganz Fesche, und was die für erstklassige Beine hat, eine wirkliche Dame." ,, Beruhigen Sie sich", dämpfe ich ab ,,, zu einer Dame gehört sehr viel mehr als erstklassige Beine. Solche Beine wachsen wild, zur Dame wird man erzogen." Jetzt erst sehe ich hin und hebe die Stimme in frohem Erkennen. Die Dame da unten ist meine Tochter." " 1 Maximilian greift in jäher Verwirrung nach seinem Spiegelscherben, um nachzuschauen, ob seine Frisurtolle auch in Ordnung sei. Seine schönen Rindsaugen glänzen in leerem Widerschein. Ich werde nach unten geholt, und bei aller Freude begleitet mich eine Bangigkeit. Ich weiß, der Herr Obermedizinalrat befindet sich im Hause, sein Zimmer liegt neben dem kleinen Besuchsraum. Wenn er nun hinzukommt oder auch nur horcht? Ich kann doch vor meiner Tochter nicht den Geistesgestörten spielen. Sie würde natürlich in die Echtheit meiner Krankheit keinen Zweifel setzen und alle meine Angehörigen an ihrem Erschrecken teilnehmen lassen. Ich muß also wenig und leise sprechen, um meine Lebensspuren möglichst zu verwischen. Die Begrüßung vollzieht sich beinahe wortlos. Ursula betrachtet verlegen bald meinen alten blau- weißen Kittel, bald ihre neuen dunkelroten Wildlederhandschuhe mit den schwarzen Steppästen. Die Geschichte ist ihr äußerst peinlich. Wie kann ein Herr aus gutem Hause, und noch dazu ihr eigener Vater, ins Gefängnis kommen! Vielleicht gerade deshalb sagt sie: ,, Vati, das ist ja hier gar nicht so schlimm. Ich habe mir sowas viel grauenhafter vorgestellt." ,, Junge Frau", wirft der Aufseher ein ,,, im Gefängnis leben 104 aut "= u en A ge Tee x 7 3 & E: auch Menschen.‘ Die Menschen reden ja so gern von dem, was sie nicht befolgen. Gefangenenwärter sprechen darum gern von Menschlichkeit. i „Vati, hoffentlich darfst du bald wieder raus aus dem Laza- rett! Du bist wohl bloß erkältet gewesen, ich merke es noch an deiner tonlosen Stimme!‘ Kind, Kind, wenn du wüßtest! Sie erzählt von ihrer Hauswirtschaft in Wernigerode, von ihren Hühnern, vom Kirscheneinmachen, ja die Kirschenernte war besonders gut, doch leider gab es nicht so viel Zucker, wie man gebraucht hätte. Aber man müsse sich behelfen, es sei eben Krieg. „Ja, es ist noch immer Krieg‘, nicke ich mechanisch und betrachte ihr hübsches, von keiner Not berührtes Gesicht. Ursula, denke ich dir geht es besser als den meisten Frauen. Du hast ein schönes Haus, du hast einen tüchtigen Mann. Und er braucht nicht in die Bluthölle. Er ist Ingenieur und darf daheim an zuverlässigen Maschinen stehen. Ursula hat nach’ allen Himmelsrichtungen eine loyale Seele und seit ihrer Maidenzeit beim Arbeitsdienst einige hitleri- anische Spritzflecken im Gemüt. Ach, ich habe mich jahrelang viel zu wenig um die gute Ursula gekümmert. Wenn ich das nur noch einmal nachholen dürfte! Sie ist wahrhaftig ein liebes Kind, und wenn sie jetzt denkt, wer im Gefängnis sitzt, der müsse doch unrecht haben, so habe ich sie eben nicht zum geistigen Widerstand gegen diese Zeit erzogen. Schade, meint Ursula, daß sie nicht die letzten Monate für mich absitzen könne, ihr würde das nichts machen, sie sei ja so viel jünger. Die letzten Monate! Ursula, ale: du auch die Wehrkraft zersetzen!— Dein Wort in Gottes Gehörgang! Paris ist immer- hin gefallen, und es geht schon auf Metz. Nach kurzen Monaten als Triumphator aus dem Kerker zu steigen, das möchte jetzt wohl so mancher. Nein, man muß in diesem Welttheater immer vollen Eintrittspreis bezahlen, das Schicksal gibt keinen Rabatt. Zum Abschied wagt mir Ursula ein Päckchen Keks in die Hand zu drücken. ‚Stecken Sie’s schnell weg. Oben rin in den Frack!““ Auch der Wachtmeister will mal in aller Heimlichkeit menschlich sein. Mundus vult decipi, die Welt will betrogen sein, lernten wir als kleine Lateinschüler, ohne uns viel dabei zu denken. Ein geschmuggeltes Päckchen Keks bringt mich auf große Gedanken. 105 Hegel meint, alles Wirkliche sei auch vernünftig. Das ist ein gewaltiges Wort, ich liebe es. Aber stimmt es auch? Durch Unsinn zur Vernunft. Der Lebenswille adelt den Betrug. Hinter den Kulissen des Irrsinns wächst die neue Wirklichkeit. Wieder taucht eine Woche ins fern hindonnernde Elend. Verdun ist gefallen, das Sternenbanner weht in Brüssel und Lüttich, das Kriegsgeschehen hämmert schon wieder am deutschen Westwall. Meine Wenigkeit hat Frieden gehabt. Ich warte täglich auf den Fortgang der ärztlichen Offensive gegen die Tarnstellung, die mein umstrittenes Haupt bezogen hat. Büttenberg strahlt so siegessicher, als ich mit hängendem Kopf und eingezogenen Schultern im Türrahmen stehe. ,, Kommen Sie, ich denke, wir werden uns heute vorzüglich verständigen." Er streicht sich gutgelaunt und zufrieden die Hände, er möchte seine Sache heute auf möglichst zwanglose Weise weiterkriegen. Aber ich stehe noch immer auf demselben Fleck, setze mimisch zu Bewegungen des Weiterschreitens an, doch komme ich dabei höchstens um einen halben Schritt weiter. Ich habe nämlich eine Zwangsneurose eingeschaltet. Das neurotische Symptom besteht in der Zwangsvorstellung, ich dürfe mich nicht dem Fenster nähern. Aber davon lasse ich noch nichts merken, man kann nur erkennen, daß ich nicht von der Stelle komme und selbst darüber ganz verzweifelt bin. ,, Ja, was haben Sie denn, was ist denn da schon wieder mit Ihnen los?" Er ist offenbar mehr neugierig als ungehalten. Als ich immer noch nicht weiterkann, erhebt er sich leicht und kommt mir mit ausgestreckter Hand entgegen. Behutsam wie ein gutes Kindermädchen faßt er mich beim Arm und will mich vorwärts ziehen. Ich zittre ein wenig, starre schmerzerfüllt auf den Boden und sage schließlich in ängstlich bittendem Ton: ,, Ach, Herr Direktor, wenn Sie gestatten würden, dürfte ich nicht hier bleiben? Ich möchte nämlich nichtverzeihen Sie schon tausendmal ich möchte nämlich nicht ans Fenster. Eigentlich geniere ich mich, das zu sagen, es ist mir so peinlich, aber Sie sind ja Arzt-" ,, Da müssen wir beide gleich mal nachsehen. Ich bin selber gespannt, was es da am Fenster gibt. Vorwärts!" Mit diesen entschlossenen Worten packt er mich fester, nun muß ich ihm 106 “ „ freiwillig folgen, er hat meine Hemmung auf psychoanalytisch geschickte Art verdrängt und ist jetzt der Stärkere. Wir stehen an dem großen Fenster zum Gartenhof. Vor uns erhebt sich der dicke, glatte Stamm der Platane, der sich schon auf niedriger Höhe in dicke Arme teilt. ‚Na, was sehen wir denn? Ich finde nichts Besonderes. Es ist alles wie immer. Sie dürfen sich bloß nichts einbilden. Sie müssen sich immer vor Augen halten, daß hier alles in Ordnung ist. Nirgends sind Sie so sicher aufgehoben wie bei uns. Hier kann Ihnen nichts passieren.“ Jetzt habe ich einen schwachen, einen fehlerhaften Moment, ich verliere den mimischen Anschluß, denke wie ein normaler Mensch darüber nach, was jetzt zu machen sei. Und endlich mime ich meine depressive Sinnestäuschung viel zu gekünstelt. „Das sind doch Schlangen, die da am Baum in die Höhe kriechen.“ Es klingt nicht glaubhaft, ich weiß es sofort, ich kann es aber nicht mehr ändern, nicht einmal durch Wiederholung bessern.„Die Schlangen“, hätte ich vielleicht sagen sollen, „die Schlangen kriechen ja immer noch rum.‘ Tatsächlich habe ich aber nicht aus mimisch innerviertem, visuellem Erlebnis ge- sprochen, sondern einen intellektuell ertüftelten Einfall vor- getragen. So leicht ist Herr Büttenberg denn doch nicht zu täuschen. Da könnte ja schließlich jeder- kommen und ihm den Verrückten vorspielen. Seine ganze Haltung wird anders, er stellt sich mir- schroff gegenüber, mustert mich kalt und stellt die schneidende Frage:„Sie behaupten also eine Gesichtshalluzination zu haben?“ Was soll ich darauf antworten? Bin ich verloren? Wenn meine nächste Äußerung eine Dummheit wird, dann muß ich seinen verächtlichen Zorn zu hören bekommen: scheren Sie sich raus, Sie sind entlarvt. Schon spüre ich eisigen Angstschweiß im Nacken. Ich habe Furcht, eine echte Furcht vor längst be- fürchteten und vor unbekannten Dingen. Und meine echte Angst muß mich retten, es ist die natürliche, gesunde Menschen- furcht vor dem Tode. Eine gesunde Angst befähigt mich, die kranke Zwangsangst überzeugend darzustellen. Die Psychiatrie hat eine eigene Lehre von den Phobien, den Furchtzuständen, ausgebildet. Ich brauche sie jetzt nicht im einzelnen zu kennen, ich muß es einfach wissen, ich-will siegen. ‚‚Warum helfen Sie mir nicht?‘ schreie ich verzweifelt. ‚So 107 helfen Sie mir doch, sonst erwürgen sie mich!" Ich lasse es zweifelhaft, ob ich den Schlangen diese Würgeabsichten zutraue oder anderen geheimnisvollen Attentätern. Von den Schlangen will ich heute lieber nicht mehr reden. Mit dem Schlangenwahn hatte ich Pech, ich hätte mich lieber mit einer leichten Gehörshalluzination produzieren sollen, denn erstens sind akustische Sinnestäuschungen viel häufiger, und dann lassen sie sich natürlich bei simulierender Darstellung viel leichter mimisch bewältigen, weil das Auge, dieser verräterische Menschenspiegel, nicht mitzuwirken braucht. Die verschlossenen Blicke des Herrn Obermedizinalrats heften sich an meinen Mundfalten fest, er möchte jede Silbe meiner Rede einzeln verhaften, um den Worten das Geheimnis zu entreißen. Sein Schweigen scheint zu sagen, ich solle weiterspielen. Meine Bewegungen müssen, da ich mich zur Zeit im Zustande der melancholischen Depression befinde, auffällig langsam sein, ich bitte also mit halb gelähmter Zunge um ein Glas Wasser, und als er Gewährung nickt, brauche ich mindestens eine volle Minute, um das Glas zur Hälfte zu füllen und einen kleinen Schluck zu trinken. Schon setze ich mit einer Angstgrimasse ab und murmle wie im Selbstgespräch: ,, Wenn das bloß nicht vergiftet ist bitter wie Blausäure- pfui, und der schwarze Faden drin, das ist wohl schwarze Galle." - Im gleichen Augenblick starre ich Büttenberg mit echtem Schreck, in einem ureigensten Entsetzen an. Herrgott, das war gewagt, ich habe eben zwei Halluzinationen kombiniert, eine Geruchs- und eine Gesichtshalluzination. Ob diese Verbindung überhaupt im psychiatrischen Regelbuch vorkommt, weiß ich nicht, auf jeden Fall wird sie nicht häufig sein. Und dann, wie unvorsichtig, von schwarzer Galle zu reden, wo doch Melancholie auf deutsch nichts anderes als Schwarzgalligkeit heißt. Ich bin demnach einer sprachlichen Assoziation erlegen. Meine Angst darüber ist wahrhaftig echt und deshalb offenbar gut gespielt, ich fühle es, ich lasse nun die Mundstellung lähmender Furcht eine ganze Weile auf ihn einwirken. Endlich scheint er zu erweichen, seine steinerne Ruhe geht in nervöse Planlosigkeit über. Ich spüre aus seinem Unterbewußtsein ein Mitleid aufquellen, das sich gegen sein ärgerliches Unbehagen in der festeren Bewußtseinsschicht durchzukämpfen hat. Jetzt siegt das Mitgefühl über das Mißtrauen, er spricht 108 Pr} in mildem Bedauern auf mich ein: ‚Warum quälen Sie sich so? Ich tue Ihnen doch nichts, kein Mensch tut Ihnen was.“ Er wirft in ein zweites Glas eine Droge, gießt Wasser zu und rührt um. ‚So, das können Sie wirklich trinken, das ist ein Gegenmittel.‘‘ Ich zögere noch ein wenig, sehe ihn ver- schüchtert an und trinke mit langsamen Ruck-zuck. Es schmeckt ätherisch, ich merke eine entspannende, ausgleichende Wirkung oder ich bilde sie mir wenigstens ein. Holla! Obacht, daß du nicht die Maskierung verlierst! Wie nett und wohltuend würde es sein, wenn man jetzt mit - Herrn Dr. Büttenberg als vernünftiger Mensch ein bißchen . plaudern dürfte, zum Beispiel über das interessante wissen- schaftliche Problem der Halluzination beim normalen Menschen. Oder noch näher läge ganz einfach die Frage nach den Kriegs- aussichten. Glaubt er wohl, daß die deutschen Nazi-Armeen am Westwall dem Ansturm der Angloamerikaner endgültig Halt gebieten können? Er glaubt es wohl nicht, ich halte ihn für zu klug. Oder glaubt er an die Vernunft der Gerichts- medizin, die mich zwingt, ihn hier zum Narren zu machen, weil ich keine Lust habe, dem bankrotten Hasardeur Schicklgruber, genannt Hitler, meinen Kopf zu opfern? Um solchen natürlichen Fragen nachzuhängen, habe ich jetzt Zeit genug, denn ich sitze wieder still in Kummer versunken artig auf dem Krankenstühlchen und brüte Schwermut. Ihm aber gönnt die Problematik meiner Krankheit keine - Ruhe. Er möchte zu Schlüssen kommen. Dazu steckt er sich eine Zigarette an und raucht sie mit hastigen Zügen. Als er den Rest zerdrückt hat, langt er seufzend nach der zweiten. Beinahe könnte mich meine Erziehung zur Höflichkeit ver- führen, ihm Feuer zu geben, denn die Streichhölzer liegen jetzt näher bei mir als bei ihm. Nein, bloß nicht, ich blase Trübsal und habe geistig abwesend zu sein! Dr. Büttenberg kommt noch immer nicht mit sich ins Reine, Ich möchte ihm helfen, ich kenne den Fall ja besser. Bitte, schreiben Sie: vor vierzehn Tagen zeigte er deutlich manische Symptome,'heute äußert sich sein Gemütsleben als Schwermut, verbunden mit verschiedenen halluzinatorischen Angstaus- brüchen. Wir haben es mit einem ziemlich durchschnittlichen Fall von manisch-depressivem Irrsinn zu tun— _ Aber Büttenberg schreibt nicht. Er spitzt in einer labilen Willenshaltung schon zum zweitenmal seinen Bleistift an. Seinen Füllfederhalter hat nämlich in voriger Woche der zer- 109 streute Medizinalkalfaktor Franz in einem leichten ,, Sprekotz"- Anfall mit einer Injektionsspitze verwechselt und im Desinfektionskessel stundenlang zerkochen lassen. Jetzt legt Herr Büttenberg seine Taschenuhr auf den Schreibtisch und starrt das Ziffernblatt an, als wolle er die Zeiger festhalten und dadurch Zeit gewinnen. Wie unnormal sich doch auch Leute benehmen, die sich bestimmt für ganz normal halten. Er schreibt noch immer nicht. Ach, wenn ich ihm doch einhelfen dürfte! Ich habe ihm heute die Sache vielleicht ganz unnötig schwer gemacht, ich hätte mir die Einleitung mit der Zwangsneurose schenken sollen. Möglich, daß er an Platzangst denkt, zu der dann der halluzinatorische Verfolgungswahn, die Schlangenaffäre, nicht gut passen würde. Ja, man soll niemals mehr angeben, als nötig ist, um den andern in eine fromme Täuschung zu wiegen. Seid einfach, einfach, einfach! Diese dumme Angeberei! Nächstes Mal bin ich vernünftiger und humaner gegenüber dem normalen Beobachter, dessen Seelenleben auch geschont werden muß, wenn es nicht ins Labile gleiten soll. ,, Wir müssen noch einmal Geduld haben", spricht er vor sich hin und wischt sich einige Perlen von der Stirn. ,, Sie kriegen Fußbäder, abwechselnd kalt und warm.- Ich werde schon dahinterkommen", grollt es halblaut hinterher. Als ich mich am offenen Zimmer des Verwalters vorbeischleichen will, erblicke ich dort meine Eltern, deren Besuch mir völlig unerwartet kommt, denn ich dürfte erst in einigen Wochen wieder Sprecherlaubnis für Angehörige haben. Ich fange den freudigen Schreck noch rechtzeitig in mir auf, denn meine Rolle weist mir unabwendbare Pflichten zu. Ich schalte das Bewußtsein auf höchste Alarmstufe: wenn sie der Obermedizinalrat bestellt haben sollte, wie verhalte ich mich? Solche Konfrontationen mit Angehörigen sind in der psychiatrischen Diagnostik beliebt, das Verhalten des Kranken soll sich bisweilen schlagartig verändern, manchmal sogar verbessern, wenn die nächsten Verwandten ihnen unvermutet gegenüberstehen. Ich vermute, daß sich dabei die Erinnerungskraft an gesunde Tage neu belebt und eine gewisse Krisis im Zustande des Patienten hervorruft. Da sitzen die beiden Achtzigjährigen, von der Last des ehrwürdigen Alters gebeugt und doch mit jener sich nie verleugnenden Sicherheit aus jenen langen Jahrzehnten, da sie mit Recht zu der herrschenden Schicht in Deutschland gehörten. 110 b- Gewiß, sie demütigen sich vor der unbegreiflichen Fügung, die ihnen die Schlammflut dieser Zeit nicht ersparte, aber sie er- niedrigen sich nicht. wenn sie den Sohn in carcere et in vinculis et in tormentis besuchen, wie mein Vater sagen würde, der sich nach alter Humanistensitte so gern lateinisch ausdrückt. Noch sehen sie mich nicht, und ich kann mich auf das Kom- mende vorbereiten. Aber der Verwalter sieht mich und ruft, da sei ich. Als er feststellt, daß ich so lange beim Chefarzt drin gewesen sei, auf den meine Eltern fast eine Stunde warten, da schüttelt er den Kopf wie über eine Sache, die mal wieder nicht geklappt hat. Es stellt sich heraus, daß sie schon vor zwei Stunden hier sein sollten und wollten, aber durch einen Luftalarm wurde die Verabredung mit dem Obermedizinalrat gestört. Inzwischen hat er mich allein„‚beobachtet‘‘. Soll sich jetzt ein zweiter psychi- scher Vernehmungsakt anschließen? Mir graut vor einer Fami- lientragödie. Meine Gedanken agieren dramatische Dichtung aus der Wirklichkeit. Aber wieder einmal habe ich Glück in tiefster Not. Der Herr Obermedizinalrat hat unmittelbar hinter meinem Rücken die Anstalt verlassen. Er tat es in höchster Eile, hatte sich eigentlich schon verspätet, mußte dringend zur Sitzung im Volksgericht. Der Luftalarm in früher Stunde hatte auch ihm den Vormittag durcheinandergebracht, ich aber konnte den Alliierten da oben für die Störung dankbar sein. Meine Empfindungen sind schon ins Mimosenhafte über- züchtet, daher überwältigt mich die Rührung, als ich meinen alten lieben Eltern in die Arme sinke. Doch die Kluft zwischen ihrer und meiner Welt hebt sich nicht auf. Mütter pflegen sich um ihre Söhne viel länger zu sorgen als Väter. Wenn deı Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn erst einmal seinen Austrag und seinen versöhnlichen Ausklang.gefunden hat, dann begleitet der Vater gewöhnlich nur noch wie ein wohlwollender Betrachter den weiteren Lebensweg des Sohnes. Die Mutter aber nimmt, je weiter der Sohn durch seine Reifezeit wandert, meistens mit wachsender Leidenschaftlichkeit Partei, sei es bei einer Heirat, sei es bei seinen größeren Siegen und Niederlagen im Daseinskampf. Auch meine Mutter lebt mit ihren achtzig Jahren unvermin- dert für mich und mit mir. Meine Gefangennahme vermag sie nicht zu verwinden, sie leidet mehr als ich, sie ist untröst- lich und wünscht meinen Gegnern die Hölle, wenn sie auch 111 ihren wahren Herzenszustand gesellschaftlich. klug zu verschleiern weiß. ..Jetzt haben sie dich auch noch krank gemacht", sagt sie mit scharfem Vorwurf gegen die ungenannten Schuldigen. In ihren Augen haben jetzt die nazistischen Staatsanwälte, Richter, Polizisten, Banditen und Mörder Schuld, die man mit höflichen Allüren hassen muß. Mein Vater hält mich einfach für unschuldig, aber nicht aus Blutinstinkt, sondern aus der Überzeugung, daß Ideen, derentwegen ich verhaftet bin, nicht vaterlandsfeindlich sein könnten. Er will sich jetzt persönlich dafür einsetzen, daß mein Prozeß beschleunigt und bald zu Ende geführt wird. Ja, er meint, ich würde nach großer Kontroverse vor Gericht als verkannter Patriot gerechtfertigt und freigesprochen werden, denn ich hätte doch wohl nur einen Wechsel der Regierung erstrebt, um Deutschland einem ehrenvollen Frieden entgegenzuführen. Das aber sei doch in kritischen Zeiten gerade die Pflicht eines aufrechten Mannes. In diesem Sinne spricht er auch zu mir bedächtig mit gelassenen Worten. Er spricht aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Sein marmorweißes, hochgewölbtes Haupt steht vor mir wie ein strenger Senatorenkopf der Republik Alt- Rom, in dem nur seine eigene Welt regiert. Seiner catonischen Sauberkeit könnte ich gar nicht begreiflich machen, daß die deutschen Strafrichter von heute als Kreaturen einer politischen Mörderclique Schweinehunde sein müssen. Nein, das würde er nicht einsehen, er würde sagen, Gott hat ihnen das Richteramt verliehen. Was mir in der Not der Stunde besonders am Herzen liegt, das kann ich nur meiner Mutter verständlich machen. Frauen vermögen sich schon seit Evas Zeiten besser in Dinge einzufühlen, die im Lichte der äußeren Ordnungen nicht bestehen. Während sich der Herr Verwalter seinem Schrank zuwendet, flüstre ich meiner Mutter zu: ,, Ich muß übertreiben, meine Krankheit ins Verrückte übertreiben. Angstige dich also nicht. Wenn du hörst, ich sei nicht normal, dann weißt du, daß ich es darauf anlege. Wenn es nötig wird, sagst du, du hättest mich auch zerrüttet gefunden, nämlich geistig nicht verhandlungsfähig darauf kommt es an." - ,, Ach, ach", sagt sie halb überrascht und halb begreifend, ., muß das sein, na, wenn es sein muß! Aber wer zwingt dich dazu, und wer soll es glauben?" 112 Zum ersten Male, seit ich im Gewahrsam des Volksgerichts bin, darf mir meine Mutter ein Freßpaketchen zustecken. Schon zweimal mußte sie es nach Hause zurücknehmen und war so traurig, daß sie selbst davon keinen Bissen nehmen konnte. Aber sie würde, wenn ihre mütterliche Gabe zehnmal zurück- gewiesen wäre, doch das elftemal wieder genau so liebevoll alles herrichten, was sie hat. Als ich aber mit dem Päckchen beseligt nach meiner Zelle hinaufwanke, muß ich ausgerechnet der Filzlaus in die Arme laufen.„Was ist das? Was? Zu essen? Unerhört! Aus- packen!‘ Die Filzlaus wartet aber nicht ab, bis ich das blaue Schleifchen um die weiße Hülle löse, sondern reißt das Messer heraus und fährt hinein. Die Kuchenkringelchen fallen zerkrümelt zu Boden. Seine blanke Klinge spießt einen mit Pflaumenmus gefüllten Papp- becher auf.„Schweinerei ist ‚das!“, erklärt er mit neuem Grimm in altgewohnter Ausdrucksweise. Er bohrt und wühlt in der schwärzlichen Masse.„Da können Feilen drin versteckt sein!“, erläutert er und bekräftigt noch einmal: ‚Schweinerei ist das!“ Filzlaus, Filzlaus, denke ich, wenn du nur nicht die Zwangs- neurose kriegst. Filzlaus, nimm dich in acht, damit ich dir nicht tichtig manisch komme! Dachschaden in Tegel Der Volksgerichtshef fordert Herrn Maximilian Schlenk aus Wien für den 10. Oktober in die Schranken. Als ihm die grüne Zustellungsurkunde zwei Wochen vorher in die Zelle gereicht wurde, fühlte er sich zu schwach, um sie persönlich zu quittieren. Aber das half ihm nichts, der Beamte unterschrieb selbst und klemmte die Ladung über die Fiebertafel zu Häupten des Bettes. - Maximilianich muß ihn neuerdings Maxl nennen, weil man ihn daheim so nannte möchte um jeden Preis verhandlungsunfähig sein oder werden. Er gibt sich sogleich die größte Mühe dazu und will seine Anstrengungen in diesen vierzehn Tagen noch weiter planmäßig steigern. Ich sehe dieser schon beinahe nazistisch überspannten Leistungssteigerung mit einiger Besorgnis entgegen. Unser alter Weißbart will sich nämlich von Schlenk durchaus nichts Neues und nichts Stärkeres mehr vorspielen lassen. Ich warne ihn und alle andern ernstlich vor dem Simulieren, denn alle Fälle, die ich bisher beobachtete, endeten hoffnungslos im schlimmsten Arfestbunker. Gewiß, der Maxl hat allen Grund, den bösen Volksgerichtshof zu fürchten. Es setzt ja neuerdings in der Bellevuestraße Todesurteile wie am laufenden Band. Die Herren haben die letzte falsche Scham verloren. ,, Köpfe rollen noch und noch", so schildert der Sanitätswachtmeister K., den die meisten Gefangenen nur als die ,, schwarze Pest" kennen, im Verwalterzimmer, in dessen Nähe ich mich gerade herumdrücke, die neue operative Lage der Front des höchsten Strafgerichts. Die ,, schwarze Pest", ein schöner ,. fetter Mann mit Heldenbaß und schwarzen Locken, pflegt die Tekas, die Todeskandidaten von Tegel, auf ihrer letzten Fahrt zu begleiten. Jedenfalls ist die ,, schwarze Pest" über alle Wege, die in Berlin vom Leben zum Tode durch den Henker führen, gut unterrichtet. Zartgefühl braucht man der ,, schwarzen Pest" nicht nachzusagen, doch verstreut sie auch ihre Ge114 S e St es e T t I. e e де 10 J.. e t e er meinheiten noch mit schnoddriger Eleganz. So erteilt sie beispielsweise einem Teka den guten Rat: ,, Paß uff, det du wenigstens die Neese ins Jesicht behältst, wenn dir die janze Birne in die Jegend fliegt." Unser empfindsamer Maxl hört sowas nicht gern, obwohl er immer wieder nach der neuesten atmosphärischen Tendenz in der Bellevuestraße fragt. Seit dem 20. Juli wirken sich die politischen Hochspannungen in der Strafjustiz immer blutiger aus, und die meisten Sachen, die vorher mit fünf bis sieben Jahren Zet geahndet wurden, enden jetzt in der Mordkammer. Neulich haben sie wegen einer kleinen Meckerei einen bekannten Filmregisseur der Ufa hingerichtet; er konnte nur noch seiner Braut beim Abschied die letzten Regieanweisungen für den Film mitgeben, an dem er gerade arbeitete, als man ihn in die Ewigkeit abholte. Die ,, schwarze Pest", der wir natürlich diese wahrhaft dramaturgische Darstellung verdanken, bemerkte dazu: ,, Schade, det der sich nich noch selba ene anständje Jasche zahlen konnte, als se ihm selba am Jaljen jefilmt haben." Für die prominenten Staatsverbrecher des Juli- Unternehmens vom Leutnant und Legationssekretär aufwärts bis zum Feldmarschall und Minister hat Herr Freisler neuerdings einen Sonder- Senat gebildet. Der erste Senat, zu dem wir beide von der Tegeler Lazarettzelle 29 gehören, ist jetzt sozusagen nur noch ein Todessenat zweiter Klasse. Unserm Senat präsidiert jetzt ein Nazirichter mit dem bezeichnenden Familiennamen Stier. So wird also Schlenk die Ehre haben, in der kleinen Arena am Potsdamer Platz zu einem Stierkampf anzutreten. Das rote Tuch trägt dieser Stier bereits als Robe um die Schultern, es braucht ihm also nicht erst vorgehalten und umgehängt zu werden. Wie es um Maxls Krankheit wirklich bestellt ist, darüber weiß ich eigentlich auch nicht viel besser Bescheid als Dr. Büttenberg über die meinige. Allerdings ist seine Anaemie beinahe Tatsache, zwar längst nicht mehr durch Blutuntersuchung, aber durch Blässe und Schwäche bewiesen. Wieweit die Schwindelanfälle aber Schwindel sind, weiß Maxl selbst nicht genau. Als perniziös hat er sein Leiden selbst mit Hilfe des braven Lexikons gekennzeichnet. Schlenk gehört zu denen, die nicht gesund werden wollen, weil sie nicht die Vorteile des Krankseins verlieren möchten; jetzt hat er ja noch besonders akuten Anlaß, den chronischen Charakter seines Zustandes zu betonen. Aber mit der sogenannten Benommenheit und mit dem Hin8* 115 fallen in vorgetäuschter Knieschwäche wird er nicht weit kommen. Der Volksgerichtshof läßt die Opfer, die nicht laufen können oder das wenigstens vorgeben, auf einer Tragbahre zur Anklagebank schleppen, und für Benommene, für Leute, die mit dem Nerventatterich auftrumpfen, hat man im Bellevuekeller einen Prügelbock, an dem erfahrene SS- Büttel praktizieren. Maxl will also die Benommenheit, die er bisher vornehmlich durch Disziplinlosigkeiten zur Kenntnis gab, zu Fieberdelirien steigern, denn im Lexikon steht, daß chronische Anaemie oft mit plötzlichen Fieberanfällen verbunden sei, bei denen der Kranke deliriere. Die natürliche Fügung ist ihm in ungewöhnlicher Weise zu Willen, denn eines Nachmittags fiebert er wirklich, und zu unser aller Erstaunen wird 40,8 gemessen und durch Wiederholung bestätigt. Diese hohe Fieberzahl, zu der wohl der autosuggestive Wunschwille viel beigetragen hat, alarmiert den Verwalter und sogar den Spitzbart, der in einer Art von sachlichem Ärger den Kopf schüttelt und vor sich hingrollt: ,, Nanu, wird der olle Angeber auch noch wirklich krank!" Leider ist am nächsten Tage das Fieber schon fast verschwunden, und mit den Delirien ist es überhaupt nichts geworden. Maxl schaut in seliger Ermattung nach der steilen Fieberkurve auf der Tafel über seinem Bett, als sei sie ein Schutzbrief. Die ausgebliebene Raserei der Sinne ersetzt er durch jenen Zustand, den man einen alkoholfreien Schwips zu nennen pflegt und der ihn dazu befähigt, sämtliche Wiener Heurigenlieder mit schmalziger Musikalität herunterzuschluchzen. Als Niko im Auftrag des Verwalters kommt, um Schlenk zur Ruhe zu mahnen, fliegt ihm ein Lederpantoffel an den Schädel. Das ist selbst dem gutmütigen Niko zu viel, er rückt dem Maxl mit einem nassen Lappen zu Leibe. Maxl schreit, als käme ihn schon die ,, schwarze Pest" zur Schlachtbank holen. Der Krach ist da, und bald verbreitet sich im Lazarett die Fama, der Schlenk habe einen Tobsuchtsanfall bekommen. Ich mache mir jetzt um den armen Maxl wahrhaftig mehr Sorgen als um mich. Man hat sich in den sieben oder acht Wochen doch schon sehr aneinander gewöhnt, und er ist im Grunde ein liebes Kerlchen, wenn ich's auch nicht leicht mit ihm habe. Ich fürchte, man hält ihn für einen allzu erfolgreichen Verführer in den politischen Gefilden der Wiener Lustgärten, was er als Don Juan bestimmt nicht war. 116 > FE vo . Und als Schauspieler in der Rolle eines Verhandlungs- unfähigen wird er leider-auch erfolglos sein, denn er simuliert gewissermaßen den Simulanten, man glaubt ihm nicht einmal die Krankheit, die er wirklich hat, sondern man meint, er spiele oder parodiere mit Geschick und Leidenschaft einen Menschen, der die Umwelt zum Narren halten will. Übrigens, einen Simu- lanten zu simulieren— das wäre etwas, das mich diabolisch reizen könnte. Wenn Schlenk zum Beispiel bei Mondschein herumtaumelt, nach der Nachtwache klingelt und dem ungnädigen Beamten vorwimmert, seine Abendmedizin sei verfälscht gewesen und nun wüte eine Sprengpatrone in seinem Hirnkasten, ja das alles erinnert an so brillantes Komödiantentum, daß man ihm für das belustigende Nachtstück Beifall klatschen möchte, sofern man nicht über die Störung zur Unzeit wütend ist. Aber nicht einmal die„schwarze Pest‘‘ kann ihm ernsthaft böse sein, sie erklärt nur höhnisch, von den Kopfschmerzen könne er leicht befreit werden, wie ja. auch Zahnausreißen das beste Mittel gegen Zahnschmerzen sei. Der alte Dr. Wernicke hat schon dreimal die Beziehun- gen zu Maxl unterbrochen, jedesmal mit demselben trübe wütenden Ausruf: ‚Den verrückten Kerl will ich nicht mehr sehn.“ Es scheint freilich, als sei die Zelle 29 gegen unerwünschte Personalveränderungen gefeit, die sonst in diesem Hause das Alltägliche sind. Ich unterstehe ja nicht der ärztlichen Juris- diktion des Weißbartes, er könnte nur den Chefarzt bei der Entscheidung über mich„beraten“, aber darauf verzichtet er, weil ihm mein Fall nicht geheuer ist. Er liebt die Begrüßungsformeln, die er den Stammgästen des Lazaretts gegenüber gebraucht, stereotyp zu wiederholen: ‚Der da ist auch noch immer da‘, erklärt er ständig mit schiefem Stirnrunzeln und Naserümpfen in beinahe drolliger Resignation und halber Verzweiflung. ‚Der da‘ bin ich, und ich habe mich daran schon wie an,einen Rufnamen gewöhnt.„Geben Sie dem da man was zum Abführen, der is ja schon zwei Monate nicht an der frischen Luft gewesen.‘ Wo er wie bei mir eine Indivi- dualität: wittert, noch dazu eine rätselhafte, zieht er sich auf das indirekte ‚‚der da‘' zurück. 2 Die standhafte Dachkrone unserer Platane verliert nun mehr und mehr die brandigen Blätter, die in melancholischem Reigen durch die klare Oktoberluft auf den sterbenden Rasen nieder- 117 sinken. Für mich ist die Platane der Schlangenbaum. Ihre gewundenen Aste, die mich einmal zu falscher Halluzination verführt haben, ringeln ihre nackten Arme immer drohender in kahle Höhen. Wollen sie meine Erinnyen sein? Der wilde Wein an der Lazarettmauer glüht blutrot und schamrot wie diese Zeit. Wir Zwitterexistenzen zwischen Tod und Leben empfinden jede neue Stunde wie eine langsame Nebelwoge, die allen festen Grund in losen Trug verwandelt. Zerbricht des Himmels harter Bogen über uns? Wir aus der Zelle 29 sind zwei kranke Blätter, die ins Chaos treiben. Das Chaos schickt seine lärmenden Boten meist bei Nacht. Man weiß, es sind die Bombenflieger und die Flak, aber wir betrachten gar nicht mehr die technischen Ursachen des großen Durcheinanders, wir ducken uns wie Tiere im Unwetter und vergessen wieder, wenn das ärgste vorüber ist. Wann waren die Flieger zum letzten Male da? Heute nacht? Einmal? Zweimal? Dreimal? Wie war das gestern Nacht und vorgestern? Ach, wir wollen dieses Chaos gar nicht mehr entwirren! Aber manchmal prägt das wilde Himmelsschwert doch seine Narben in unsere Tiefe. Wir haben Freitag, den 6. Oktober, zehn Uhr vormittags, laut Sonnenstand an unseren Bettpfosten. Die Sirenen schreien, ich würge gerade den Liter trocknen Kartoffelbrei hinunter, und Schlenk präpariert einen neuen Schwindelanfall. Wir lassen uns durch den Alarm zunächst nicht stören und kriechen erst unter die Decken, als auch die Zelle 29 von der Tollwut befallen wird, die im weiteren Umkreis schon im Schwange war. Da! Fensterreste, Schranktüren, Schüsselscherben, Wäschefetzen jagen durch den tobsüchtigen Raum. Und fürchterliche Menschenschreie gellen durch die Stille, die dem Donnergepolter folgt. Die Eisengitter vor der Fensterhöhle haben sich verbogen. Draußen vernebeln gelbe Schwaden den Ausblick. Wir warten und halten den Atem an. Endlich unterscheidet man unten die wimmelnden Trägerkolonnen. Auf den Bahren liegen die blutig zerquetschten Körper unverhüllt. Zwei Träger stolpern mit ihrer Last und lassen den unförmigen Leichnam fallen. Die Filzlaus stiert in das klaffende Schädelloch des Toten und heult die beiden wankenden Gestalten der Lebenden an: ..Schweinerei ist das." 118 na u N 3 7m© ] ı.% Oben hinter dem zerstörten Fenster zählt der zitternde Schlenk mit weißen Lippen und verquollenen Augen die Opfer des Unheils, mitunter hebt er die Stimme, und die Zahl wird hörbar:„Vierundzwanzig!— Sechsundzwanzig! Sechsund- dreißig!— Neununddreißig!‘“ Er spielt den Buchhalter der Katastrophe. Die Toten bettet man in unsern Lazarettkeller, die Sterben- den bleiben im Vorraum, und die wenigen, bei denen noch Hoffnung ist, kommen ins sogenannte Operationszimmer. Um die Leichtverletzten kümmert sich niemand. Eiligen Schrittes erscheint der Chefarzt Dr. Büttenberg in einer neuen, gutsitzenden Uniform,.in die er angesichts dieser schlachtopferreichen Stunde geschlüpft ist. An der Hüfte trägt er eine große Pistole und sieht in diesem Aufzuge noch mehr nach einem Zivilisten aus. Heute habe ich sicherlich vor ihm Ruhe, während ich sonst an den Vormittagen immer kribbeliger den hellen Zeigerstrahl unserer Sonnenuhr an der Zellenwand verfolge, immer des Aufrufs zu einem neuen Zweikampf um meinen Geist und Kopf gewärtig. Zunächst aber rüstet sich Schlenk zu seinem Schicksalstag. Genauer genommen, er rüstet noch einmal krampfhaft ab, er bleibt, als er zur Einkleidung zum Hausvater soll, steif wie ein Brett im Bett liegen und behauptet, sich nicht rühren zu können. Dann schließt er die Augen und markiert die Starre eines Leichnams. Die böse Filzlaus, die ihn holen soll, macht heim- lich die Probe aufs Exempel, indem sie ihn unversehens mit einer tückischen Nähnadel in die Schulter piekt. Da springt der empfindliche Maxl wie ein Tennisball in die Höhe und steht auf den Beinen wie ein Leichtathlet. Armer Maxl! Ich gebe ihm wenigstens ein vierblättriges Kleeblatt, das mir ein guter Geist-im Brief geschickt hat, als Amulett auf den Weg. Zwei Tage vergehen, in denen ich die Einzelhaft wieder als Abwechselung empfinde, Meine Sorge um Maxl nimmt freilich zu, er wird wohl nicht mehr wiederkommen, da er bis jetzt nicht zurück ist. Nach einem Todesurteil pflegt man den neuen Teka sofort zu isolieren. Da klappert in später Stunde, es muß schon 9 Uhr abends sein, das Schlüsselbund in der Zellentür, und Maxl hüpft wie ein lustiges Eichhörnchen, nur sehr viel geräuschvoller, in unsre alte Bude, Um diese beschwingten Knie könnte ihn jeder 119 Sportler beneiden. Auch sonst macht er einen völlig ungewohnten Eindruck, er wirkt vielleicht noch komischer. ,, Servus, grüß Gott, da bin ich! Ich habe denen was gezeigt. Die können mir sonst was! Sieben Jahre Zet! Es hätten meinetwegen auch zwanzig sein können. Zu Weihnachten ist der Krieg sowieso zu Ende." ,, Gratuliere von Herzen, mein lieber Maxl. Bestellen Sie sich nur rechtzeitig eine Bettkarte nach Wien. Zu Weihnachten sind nämlich die Schlafwagen immer ziemlich ausverkauft." ,, Ach was", wehrt Schlenk in edelmütiger Bescheidenheit ,,, ich fahre auch dritter Klasse. Wir wohnen ja gleich am FranzJosef- Bahnhof, da kann ich mich nachher ausschlafen. Aber ich telegrafiere, und meine Mutter wird mich vom Zuge abholen." Er lächelt selig, als sei er nicht zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, sondern soeben freigesprochen. Auf der linken Stirnseite trägt er zwei große Heftpflaster, die sich in Falten legen, wenn er sein Gesicht zu bübischem Lachen verzieht. Wie hat er die Wunden empfangen? Ist er mißhandelt worden? Erst allmählich schäle ich aus seinen ideenflüchtigen Erzählungen heraus, was sich in der Bellevuestraße ereignet hat. Also Maxl ist es zunächst durchaus nicht gut gegangen. Er mußte die Nacht vor der Verhandlung auf dem Alex in einer Zelle verbringen, nicht viel größer als die unsrige, in die man über vierzig Menschen zusammengepfercht hatte. Nur einige konnten auf Schemeln hocken, viele mußten abwechselnd auf einem Bein die Nacht über stehen. Maxl wünschte umzufallen oder sich wenigstens darin weiter zu üben, doch er fiel nur den fluchenden Nachbarn an die Brust, und es regnete Püffe. Maxl wurde jedenfalls am andern Morgen in einer fürchterlichen Verfassung in die ,, grüne Minna" geladen und wirkte bei seiner Ankunft schon wie eine Leiche auf Urlaub. Von der Verhandlung selbst vermag er nicht mehr viel zu erzählen. Der Stier mit dem roten Tuch sei anfangs ganz friedlich gewesen, er habe ihn sogar beinahe mitleidig angeschaut. Aber dann hatte Schlenk dem hohen Gerichtshof seine anaemische Benommenheit vorgeführt, und da ist der Stier bald wütend geworden und hat schließlich ausgerufen: ,, Solch ein Kerl ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen." Und darauf hat ihn der Oberreichsanwalt als einen verwahrlosten und niederträchtigen Burschen verdonnert. Solche Strolche müßte 120 U Z f a e . man ausmerzen, hatte der Reichsanwalt zuletzt gerufen, und dann fiel das große Stichwort: ,, Darum beantrage ich die Todesstrafe." In diesem Augenblick wurde es Maxl gelb und grün vor den Augen, er brauchte keine Benommenheit zu mimen, er brauchte nicht mehr zu übertreiben, sich nicht einmal anzustrengen. Plötzlich war er einfach weg, lag da wie ein gefällter Baum, man hatte es ordentlich krachen hören, und er lag von mehreren Kopfwunden blutüberströmt. So konnte denn niemand die Echtheit seiner Ohnmacht bezweifeln. Die Sitzung wurde unterbrochen, bis er sich wieder halbwegs erholt hatte, und nun konnte der Pflichtverteidiger doch wirklich mit einem guten Anknüpfungspunkt um Milde bitten. Bald war sich auch der Gerichtshof einig. Da die Minderwertigkeit des Angeklagten teilweise auch auf körperliche Leiden zurückzuführen sei, wären sieben Jahre Zuchthaus und sieben Jahre Ehrverlust als ausreichende Sühne anzusehen. Heil Maxl! Von nun an haben wir alle unsre Freude an seiner Gesundheit, er iẞt und schläft und bleibt guter Dinge. Als er in glückstrahlender Unbefangenheit dem Spitzbart von seinem Termin berichtet, schüttelt der wieder einmal das müde weiße Haupt und brummt durch den geschlossenen Mund vor sich hin: ,, Sieben Jahre Zuchthaus, und da freut er sich, der Mann ist ja doch nicht normal." Auf in den Kampf, Torero! Maxls Wiener Heurigen- Lippen flöten mir die Carmen- Melodie zum Geleit, als ich endlich wieder zum psychischen Verhör beim Herrn Obermedizinalrat abgeführt werde. Ich will mich, nachdem ich einmal vorwiegend manisch und ein zweites Mal vorwiegend depressiv geschauspielert habe, dieses Mal halbwegs normal gebärden und nur mit leichterer Psychopathie behaftet sein. Es liegt mir ja daran, die Entscheidung möglichst hinauszuschieben und die leicht verdächtige Tatsache zu rechtfertigen, daß ich doch bei meinem langen Gastspiel im Lazarett sehr oft als halbwegs Normaler angetroffen werde. ,, Guten Tag, Herr Obermedizinalrat! Wie geht es Ihnen! Wünsche wohl geruht zu haben. Die Vögel sangen heute morgen so schön!" Das klingt nicht verrückt, aber auch nicht angemessen. Er ist offensichtlich überrascht. Noch einmal scheint er jedes meiner 121 Worte nachprüfend auf die Waagschale zu legen. Dazu beißt er sich auf seine großen, etwas wulstigen Lippen. ,, Die Vöglein im Walde, die sangen so schön, so wunderschön", trällere ich halblaut und unbekümmert vor mich hin und blicke träumerisch durchs Fenster, wo sich zur Rechten über der Gefängnismauer ein blaugrüner Kiefernwald am Horizont verliert. ,, Die Vöglein im Waaaalde", trällere ich weiter, aber ziemlich leise und rücksichtsvoll. ,, Ach, lassen Sie die Vöglein in Ruhe", sagt er unwirsch, aber nicht böse. ,, Sie haben selbst den Vogel. Aber jetzt bleiben Sie mal bitte einen Augenblick hübsch vernünftig, Sie können es nämlich, wenn Sie wollen. Was Sie da eben summten, ist ein altes Soldatenlied aus dem vorigen Weltkrieg. Sie werden es damals als Soldat gesungen haben. Sie haben doch Neunzehnhundertvierzehn gekämpft?" Ich nickte ernst und verständig. ,, Zu Befehl, Herr Obermedizinalrat. Ich habe aber vor allem an der Schlacht der Geister teilgenommen, an der ewigen Schlacht in den Lüften über den katalaunischen Feldern! Sie wissen doch, Herr Obermediznalrat. Der Kampf ist nicht leicht und noch nicht zu Ende. Auf welcher Seite kämpfe ich eigentlich mit? Meine Phantasie geht nämlich manchmal mit mir durch. Wenn ich ins Feld reite, dann reitet mich so leicht", ich breche ab. - Büttenberg äußert sich nicht, er rümpft nur die Nase und saugt an seiner Zigarette. Wir warten beide, jeder auf den andern. War das nun zu stark verwirrt oder etwa zu normal? Merkte man etwa den Schalk, der mir im Nacken saẞ? Es wird mir schwer, meine eigene geistige Mischung zu taxieren. Ich habe gar zu große Lust auf etwas Eulenspiegelei, aber ich darf mich dabei nicht erwischen lassen. Eulenspiegeleien würden innere Überlegenheit bedeuten, ich bin aber heute nur ein armseliger kleiner Psychopath. Endlich muß er das Schweigen brechen. ,, Mein Lieber, Sie sind lange nicht so dumm, wie Sie sich anstellen. Also jetzt aufgepaẞt." Seine schulmeisterliche Energie reißt aber plötzlich wieder ab, er überlegt sich jetzt, worauf ich aufpassen soll. Erst zündet er sich eine neue Zigarette an; die Sache ist eben doch nicht so einfach. 122 ,, Also", fährt er fort ,,, Sie wissen noch gut genug Bescheid, sogar über die Schlacht auf den katalaunischen Feldern. Sehen Sie, zufällig kenne ich die auch, damals kämpfte Europa gegen die Hunnen, gegen die Horden aus dem Osten von damals. Die Hunnen von heute sind die Bolschewisten, und in diesem Kampfe um Europa sind Sie zu unsern Feinden übergelaufen, Sie woll- ten sich den Moskauer Bolschewisten in die Arme werf@n. Und dafür müssen Sie bestraft werden. Wir wollen uns nichts vor- machen. Auf Verrat steht im Kriege Todesstrafe. Also warum wollen Sie feige sein! Lassen Sie die Mätzchen. Es hilft Ihnen doch nichts. Verstehen Sie, Feigheit macht alles nur noch schwerer.“ Er sprach mit ruhiger Suggestionskraft, er war mir im Augenblick überlegen, hatte mich gewissermaßen überflügelt. Achtung! Wenn ich mich jetzt mit ihm auf eine halbwegs vernünftige Diskussion einlasse, nein, dann macht er einfach den Sack zu, dann bin ich verloren. Es geht nicht mit der ver- nünftigen Tour, wenigstens so nicht. Das kommt von der Eulenspiegelei. Ich darf ihn nicht veräppeln, so verlockend das ist. Es handelt sich. wirklich um keinen Bierulk, sondern um ein Spiel auf Leben und Tod. Also muß ich wieder einiger- maßen verrückt werden. Ich werde manisch, das. ist jetzt wieder dran, und ich hatte damit bisher auch das meiste Glück. Deshalb springe ich auf und beflagge mein Gesicht mit heite- rem Lächeln. ‚Ja, ja, Herr Geheimrat! Ich denke, wir ver- steh’'n uns ganz famos. Warum sollte ich feige sein, kommt gar nicht in Frage. Ich und feige! Wir ziehen wieder zu Felde, heißa, immer feste druff! Die Fahne hoch, und wenn die Welt voll Teufel wär! Nicht wahr, so hieß es doch in dem alten Trutzlied Martin Luthers? Also mit Martin Luther gegen die Bolschewisten! Die Reihen fest geschlossen, der liebe Gott imarschiert!‘ Seine Mienen werden finster, in seiner Unterlippe hängen Drohungen, er ist ernstlich böse, er will mich jetzt ohne Gnade kleinkriegen. Das weiß ich, ehe er spricht. Ich weiß nur nicht, ob er mich aus politischer Überzeugung oder aus, ärztlicher Jägerlust fangen will. „Setzen Sie sich gefälligst hin,‘ Er brüllt auf wie ein Kom- paniechef, ‚Zum Donnerwetter, wer hat Ihnen denn erlaubt, hier einfach rumzurennen.“ Ich laufe weiter, ich rase um den großen Tisch. Ein Stuhl fliegt um, ich hebe ihn auf, ich schwenke ihn hoch und setze ihn so hart auf den Boden, daß die Dielen dröhnen. ,, Ach, jetzt wollen Sie mir auch noch den wilden Mann vorspielen. Freundchen, da wird nichts draus." ,, Momentchen, Herr Geheimrat. Lassen Sie lassen Sie. Ich muß mich üben. Immer feste druff! Sonst geht mir noch die Puste aus. Ich melde mich freiwillig, ich bin so gesund, und so jung kommen wir nie mehr zusammen. Also auf in den Kampf, den Bolschewisten einen Pereatschluck! Auf in den Kampf! Der liebe Gott marschiert mit ruhig festem Tritt!" Während ich ausgelassen um den Tisch trabe und meine Redensarten herausstoße, versuche ich ihn doch zu beobachten. Er greift schon wieder nach einer Zigarette, das ist ein gutes Zeichen, dann weiß er nicht weiter, dann stockt seine Weisheit. Ja, es ist anstrengend, Gerichtspsychiater zu sein! Beantragen Sie eine zweite Raucherkarte! Aber denken Sie nicht, ich hätte es leichter! Mir macht dieser Blödsinn, zu dem das Tollhäuslerspiel des Hitlerismus uns alle beide verurteilt, schon lange keinen Spaß mehr. ,, Hören Sie mal zu!" Er ruft mich in einem Ton an, als wolle er einlenken. ,, Wenn ich Sie mit Ihrer Mutter zusammenbringe, werden Sie sich dann auch so benehmen?" Diese unerwarteten Worte versetzen mir einen elektrischen Schlag. Ich hemme meinen Schritt, ich bin wirklich bestürzt, obwohl ich doch eigentlich damit hätte rechnen müssen. Jedenfalls bin ich jetzt aus der manischen Rolle gefallen und biege mich wohl am besten ins Depressive um. Da ich echte Rührung spüre, fällt mir der zwanglose Übergang ins Weinerliche nicht schwer. ,, Ach, meine gute Mutter! Sie wird noch vor Kummer sterben, wenn ich dauernd verfolgt werde. Retten Sie Deutschland, Herr Geheimrat. Dann retten Sie auch meine Mutter und mich!" Der Gedanke, daß mich meine liebe, alte Mutter auch einmal verlassen müsse, überfällt mich wie eine schwarze Regenwolke. Schon triefen die Tränen, und diese stillen Tropfen in den Augenwinkeln sind nicht für das Schauspiel bestimmt. Ein graues Gefühl der Verlassenheit kriecht auf mich zu und schlägt mich melancholisch in nasse Tücher. Der Obermedizinalrat setzt schon wieder eine Zigarette in Brand, es muß die letzte sein, ich habe gezählt. Wenn er gar nichts mehr zu rauchen hat, wird er für heute Schluß machen. Ich habe in jüngeren Jahren lange genug geraucht, um mich noch in die Nervenseele eines Rauchers einzufühlen. Vorläufig hat er noch zu rauchen, und mir rinnen die sentimentalen Tropfen. 124 OTSie. och und den den ine en. tes eit. gen ätte lernge als amhen rzt, und chte nermoch tten eine mal lke. den Ein lägt e in gar hen. moch hat ,, Hm", sagt er ,,, hm! Also es hilft nichts." Er räuspert sich, er besieht seine gut geschnittenen, blanken Fingernägel. Er rückt an seiner Krawatte, sie sitzt tadellos. ,, Hm, hm." Die Zigarette nähert sich ihrem Ende, er drückt sie vorzeitig aus. Jetzt kommt's. Noch einmal räuspert er sich und holt tief Luft. ,, Wissen Sie, was Sie sind? Hysterisch sind Sie! Das sind sonst meistens nur Weiber! Weiber und Feiglinge! Manchmal kann man ihnen die Hysterie auch austreiben! Na, wir wollen mal sehen. Und nun machen Sie, daß Sie in Ihre Zelle kommen. 11 Also ich bin hysterisch! Das ist immerhin etwas! Ein Erfolg oder ein Miẞerfolg? Warum in aller Welt bin ich nicht mit manisch- depressiver Totalstörung behaftet? Kopfschüttelnd steige ich die Treppe hinauf. Warum soll ich durchaus hysterisch sein? Herr Obermedizinalrat, ich bitte Sie, haben Sie nichts von Kraepelin gehört? Kraepelin ist doch der Vater der modernen Psychiatrie. Sogar ich, der ich nur von der Wundtschen Psychologie her einen Gastbesuch bei der psychiatrischen Wissenschaft machte, habe in seinen Schriften dies und das und, wie ich hoffe, das Wichtigste gelesen. Ich müßte mich sehr irren, wenn es nicht auf Folgendes ankäme: früher beurteilte und unterschied man die Geisteskrankheit zumeist nach den Symptomen, das gab eine ziemlich starre, dutzendfache und häufig wiederspruchsvolle Klassifizierung. Die Leitidee Kraepelins war die psychiatrische Krankheitseinheit, er ging von dem Totalbild einer Erkrankung aus und faßte demgemäß zum Beispiel manische und depressive Wechselerscheinungen zur Krankheitseinheit zusammen. Aber davon will unser Herr Sachverständiger offenbar nichts wissen. War mein Bohren und Stochern im Humus alter Kenntnisse vergebens? Also ich muß hysterisch werden. Sie haben hier zu befehlen, Herr Chefarzt, also werde ich hysterisch sein! Wie man das macht? O bitte, bilden Sie sich nicht ein, ich wäre jetzt mit meiner Kunst zu Ende. Erstens habe ich wohl selbst noch einigen Schimmer vom Wesen der Hysterie und dann ja wozu hätten wir das Geheimarchiv des Hauses, das alte Lexikon? Die Bände lagern hinter dem Pantoffelkasten in der Wäschekammer. - ,, Niko, Niko, ich brauche H- ha muß es gleich haben!" 11 - - ypsilon. Schnell! Ich , Was ist los?", ruft Maxl, der immer neugierige Maxl. ,, Maxl, ich bin hysterisch!" Dabei fletsche ich die Zähne und fen. 125 fuchtle ihm mit erhobenen Fäusten vor der Nase herum. ,, Erschrecken Sie nicht, ich muß jetzt Fratzen schneiden wie der Leibhaftige!" Ich strecke ihm die Zunge aus. ,, Maxl, meine Zunge wird dick wie ein Hefekloß, warten Sie mal ab, das kommt noch. Und dann müssen wir lernen, einen soliden Krampf zu kriegen. Lachkrampf gefällig oder drei Stunden Beinestrampeln?" Da kommt das Lexikon. Schlagen wir nach. Also Ha . ypsilon. Hysterie ,, auf keine bestimmte Altersstufe beschränktes Nervenleiden" gut. - Weiter: ,, Hysterie, Neurasthenie und Zwangsneurose bilden eine zusammenhängende Gruppe funktioneller, d. h. nicht durch organische Veränderungen bedingter nervöser Krankheitserscheinungen( Psychoneurosen), die durch abnorme Reaktion auf die Schwierigkeiten des Lebens veranlaßt sind."- Sehr gut! Also Hysterie gehört mit der Zwangsneurose zusammen, das ist mir neu, aber einleuchtend. Ha, darum kam er auf Hysterie! Ich spielte ja neulich eine kleine Zwangsneurose, aber Hysterie ist etwas Allgemeineres, es ist wohl die psychische Krankheit mit den mannigfachsten Symptomen. Hysterie ist vielleicht oft Herr Büttenberg, seien wir ehrlich eine Art von Verlegenheitsdiagnose. - - - Übrigens formuliert das Lexikon vorzüglich: ,, abnorme Reaktion auf die Schwierigkeiten des Lebens" das sind goldene Worte, die wir uns einprägen wollen. Dieses Leben ist eines der schwersten, stöhnt eine alte Redensart, und die abnorme Reaktion darauf erlebt man beinahe tagtäglich und sogar bei Menschen, von denen man es nicht erwartet hätte. Lesen wir weiter: ,, Häufigste und wichtigste Ursache der Hysterie ist die vererbte Veranlagung." Auch das war mir unbekannt, aber wahrscheinlich hat er es gewußt. Warum interessierte er sich sonst für meine Eltern? Er möchte wohl prüfen, ob sich auch bei ihnen hysterische Erscheinungen finden. Leider werden sie ihm nicht dienen können, meines Vaters würdevoller Ernst, meiner Mutter selbstbeherrschte Klugheit sind alles andere als hysterisch. Vielleicht muß auch ich noch einmal umschulen auf eine dritte Tour. Aber vorläufig sind wir hysterisch, diese Krankheit kommt immerhin aus dem Urgrund des Seins, sie hat von der Quelle alles menschlichen Lebens, nach der Gebärmutter, ihren Namen. ,, Dauererfolge sind nur durch Entfernung aus der schädlichen Umgebung zu erzielen." Ach, du wackres Lexikon, das sagst 126 En 3 Sun du wirklich ausgezeichnet! Könnte man dich unserm Ober- medizinalrat nur ganz dicht vor die Augen halten. Gefängnisse sind wohl schon immer eine„schädliche‘‘ Umgebung gewesen, und nun gar zur herrlichen Nazizeit. Und für Hysteriker sind sie das reine Gift. Auf das Allheilmittel des Köpferollens noch und noch, das die„schwarze Pest‘‘ vorschlagen würde, möchte meine Bescheidenheit lieber verzichten. Wieder bescheide ich mich in Geduld, auch wenn das gar nicht hysterisch ist. Der Herbststurm zaust im letzten goldbraunen Schleierstoff der‘alten Linden, die den steinernen Pfad zur Anstaltskirche schmücken. Die Platane vor meinem Fenster wehrt sich mit verkrampften Armen gegen die Vergänglichkeit. Stürme fegen den Himmel grün. Aus dem Baumstamm züngeln die Schlangen, die Erinnyen meiner verwüsteten Gegenwart. Der Blätter- wirbel im Hof der Verdammten hat den düstern Rhythmus nordischer Balladen. Ich spüre die Schauder Ossians. Man muß wohl Iyrischer Dichter hinter Gittern sein, um das nachzu- empfinden. Gefangene werden ja gern zu Dichterlingen, sofern sie nur einen illegalen Bleistift besitzen. Heute feiert meine liebe Mutter ihren achtzigsten Geburts- tag, wir haben den 1. November. Schon seit dem Erwachen weilen meine dankbaren Gedanken bei ihr. Aber ich habe ihr keinen Glückwunsch schicken können. Gewiß, es hat mich niemand daran gehindert, ich hätte ohne Umstände rechtzeitig schreiben können, aber ich durfte es ja aus einem intimen Grund nicht tun: ich bin nämlich geistes- gestört. Schreibe ich vernünftig, so gefährde ich meine letzte Existenzform, schreibe ich verrückt, so wird der Brief entweder nicht befördert oder ich mache ihr mit meinen Zeilen mehr Kummer als Freude. Mittags ruft Niko in die Zelle, ich solle mal schnell ans Fenster gehen, ganz schnell! Herrgott, ich traue meinen Augen nicht, da unten steht Käthe, meine alte, treue Sekretärin. Nein, es ist keine Sinnestäuschung, da steht sie leibhaftig mit dem kleinen, zerdrückten Hütchen und dem alten Regenmantel; sie ist ja schon lange ausgebombt und hat wirklich nichts mehr anzuziehen. Offiziell besuchen darf sie mich nicht, der Volks- geriehtshof hat meinen Antrag abgelehnt, denn sie besitzt nicht die Eigenschaft als Angehörige, obwohl sie in diesem Jahre e einem Vierteljahrhundert zu mir gehört wie meine rechte and. Anno 1920 engagierte ich sie als jüngste Stenotypistin für meine Zeitung, sie war damals achtzehn, kam aus der Kleinstadt und hatte ein linkisches Auftreten. Da sie so schrecklich tüchtig war, wurde sie bald bei mir Privatsekretärin. Wenn ich im Laufe der Zeiten meine Stellungen wechselte, nahm ich sie mit, und wenn ich zeitweilig selbständig arbeitete, ging es schon gar nicht ohne sie. Seit ich samt Frau verhaftet bin, betreut sie meine alten Eltern in meinem Frohnauer Hause, denn auch sie sind schon seit dem Vorjahre ausgebombt. Käthe grämt sich nächst meiner Mutter am meisten von allen Menschen über meine Gefangenschaft, sie ist unablässig bemüht, meine Lage mit List und Hartnäckigkeit zu erleichtern. Im Gestapo- Hause in der PrinzAlbrecht- Straße kannte sie keine Furcht vor den frechen SSStrolchen. Einmal vernahm ich dort von weitem folgendes Zwiegespräch: ,, Det Määchen von dem Fünfer is schon wieder da." ,, Schmeiß se raus!" ,, Det sachste so. Die jeht nich wech. Die läßt sich nich rausschmeißen." Und der Fünfer, nämlich ich, bekam seine Wäsche und sogar sein belegtes Butterbrot. Nun ist Käthe stellvertretende Hausfrau in Frohnau geworden, sie hat sogar den ganzen Garten mit Gemüse bestellt und schickt meiner Frau und mir darüber Ernteberichte. Käthe steht jetzt also, wie aus dem Boden gezaubert, im Lazaretthof unterhalb meines Fensters und winkt. Wie ist sie nur hierhergekommen? Wie in aller Welt durchschritt sie drei verschlossene Tore? Das ist ja eine Tibet- Expedition. Ja, wenn man freilich fünfundzwanzig Jahre bei einem alten Berliner Journalisten mitarbeitete, dann hat man etwas gelernt. Dann läßt man sich eben keine Türen vor der Nase verschlossen halten. Ich bin ordentlich stolz auf sie. Niko hilft mir das Fenster öffnen. So, nun können wir miteinander sprechen. ,, Guten Tag, Herr Doktor, sind Sie auch wirklich gesund?" ,, Guten Tag, Käthe, ja ich bin gesund, es geht mir alle Tage besser. Mein Kopf funktioniert wie noch nie!" Schockschwerenot, da muß gerade ein Wachtmeister vorüberkommen. Jetzt gibt's ein Hakenkreuzbomben- Donnerwetter. Aber Käthe sagt nur naiv und schalkhaft ,, Heil Hitler!" Er hebt ein wenig die Hand und trottet weiter. Gott, muß der Mann gedöst haben. Käthe sah wohl gar zu ungefährlich aus. 128 für einlich ich sie chon alten hon iner genund inzSSndes eder nich mfer, gtes worund im sie drei wenn liner Dann ssen mitauch Tage VOTnerHeil iter. T ZU ,, Soll ich Ihrer Frau Mutter heute Ihre Glückwünsche ausrichten?" ,, Von ganzem Herzen bitte ich drum." Jetzt weiß ich, warum sie kam, sie wollte heute Botin zwischen mir und dem achtzigjährigen Geburtstagskind sein. Aber wie sie kam, das bleibt ihr Geheimnis. Nur einen Zipfel lüftet sie, als sie sagt: ,, Geburtstagskuchen habe ich mitgebracht, ich habe ihn bei dem jungen Mann in der Gärtnerei abgegeben." Also über die Gärtnerei, deren Glashäuser an der rechten Seite des Lazaretts liegen, hat sie sich eingeschlichen. Das hat sie geschafft, und keiner hat sie zur Umkehr gezwungen. Schließlich können doch nicht sämtliche Tegeler Beamten heute im Tran sein. Es ist wie ein Wunder. Und es wäre eine Meisterleistung für jeden Reporter. Von der Genugtuung über dieses Bravourstück der Tüchtigkeit und Treue zehre ich noch länger als von dem Geburtstagskuchen. Maxls Stunde hat geschlagen, er kommt in das Zuchthaus Straubing, ist wohlgelaunt und singt einige Abschiedsarien. Zuchthäuser in kleinen Orten sind beliebt, da pflegt mit ihnen ein großer Landwirtschaftsbetrieb verbunden zu sein, der besseres Futter gewährt. Maxl gedenkt sich jedoch an der Bewirtschaftung nicht zu beteiligen, sondern wieder schwer anaemisch zu werden, er hat ja damit in Tegel soviel Glück gehabt. Warum soll man arbeiten, wenn man auch so seine Milchzulage bekommt. Und warum soll man sterben, wenn man im Notfalle im rechten Augenbick in Ohnmacht fällt! Ich drücke ihm teilnehmend die weißen, arbeitsscheuen Pfötchen, die vor dem Weißbart so fiebrig zittern konnten. ,, Sobald Sie Bürgermeister von Wien sind, schreiben Sie mir eine Ansichtskarte mit den gotischen Rathaustürmen." Sein Nachfolger kommt einige Tage später in die Zelle, es ist ein Jugendlicher, ein schmächtiges Kerlchen mit einem durchtriebenen Gesicht. Die Filzlaus, die ihn bringt, stellt den Jüngling auch gleich vor: ,, Dolles Früchtchen! Schweinerei ist das! Wenn der Zicken macht, hauen Sie ihm gleich den Hintern voll." Der Kleine antwortet, als ihm der Wachtmeister den Rücken dreht, mit Worten und Gebärden, die bedeutend unflätiger sind. Er nennt sich Kurtchen, lümmelt sich in Kleidern aufs Bett, klappert mit den Stiefeleisen und ruft: ,, Jetzt bring mir mal wat Knorkes zu lesen, so'n anständjen Krimi- vastehste." Der Bengel ist ja gut, der kann so bleiben! Die Filzlaus 9 Kampf 129 scheint ausnahmsweise einmal recht zu haben.„Mein Junge“, gebe ich gemütlich zurück,„dir werde ich erst mal die Hosen stramm ziehen.‘ „Auch jut‘‘, grinst er befriedigt,„na, denn woll'n wir jute Kameraden sein. Morjen krieje ick wat zu roochen, dann kriechste och wat ab. Und ne Pulle Kohnjack, juten Kohnjack, werde ich och bald wieder rinkriejen, ohne Kohnjack is ja uff der Welt nischt los.‘ Nein, dieses Kurtchen, der kann wirklich so bleiben. Warum hat man diesen Bengel überhaupt zu mir in die Zelle gelegt? Ist er krank? Er scheint mir eher übergesund. Die Aufklärung gibt mir draußen eine Stunde später Niko, der Mann für alles. Also die Zelle 29 hat sich jetzt unten schon den Traditionsruf als Obdach für Leute erworben, bei denen eine Schraube locker ist oder die einen Klaps oder einen Dachschaden haben. Niko berichtet das mit einer Art verschämter Vertraulichkeit. Ob Kurtchen wirklich einen Dachschaden hat? Wer kann das wissen! Er soll mit seinen sechzehn Jahren schon soviel auf dem Kerbholz haben, daß der Jugendpfleger die Untersuchung auf Geisteskrankheit beantragt hat. Also Verdacht auf Jugend- irresein, auf dementia„Sprekotz‘‘, um mit Franzl zu reden. Wir wollen uns den Jungen doch näher auf Herkunft und Vorleben ansehen. Er gibt nur allzu bereitwillig Auskunft, und der Ruhm seiner Heldentaten erfüllt schon die ganze Anstalt, seine zahlreichen Tatgenossen in Tegel, auch lauter Halb- wüchsige von fünfzehn und sechzehn, sorgen dafür. Sie sind jetzt sogar auf verschiedene Häuser und Flügel des Gefängnisses auseinandergelegt, denn die Wachtmeister fürchten sich vor ihren gemeinen Streichen. Jedenfalls bilden sie, mit Kurtchen an der Spitze, das totale Erziehungsprodukt der Hitlerjugend. Die Lausbuben terrorisieren schon den Terror. Aus seinen eigenen und aus den fremden Berichten, bestätigt durch die Klagen des Jugendpflegers, zeichnet sich mir bald ein Lebensbild von Kurtchen ab, und das sieht dann folgender- maßen aus: Sein Vater tummelt sich seit sechs Jahren auf allen Kampf- und Raubplätzen Europas als SS-Führer, um andere Völker mit den Segnungen nationalsozialistischer Erziehung zu be- glücken. Seine Mutter leitet in einem Gebirgsdorf den Haushalt eines Entbindungsgestüts für uneheliche Kinder von Nazi- Fräuleins jeden Alters, die sich der SS bevölkerungspolitisch zur Verfügung stellten. 130 In der Schule kam Kurtchen nicht vorwärts; um so besser machte er sich in der Hitlerjugend, wo er sehr schnell zum Hordenführer und dann zum Oberhordenführer befördert wurde. Selbstverständlich befehligte er auch die schwache Tante, die ihn mit Geld und Hausschlüssel versehen mußte. Für das andere sorgte er selbst. Kurtchen hatte bald keinen rechten-Spaß mehr an der lang- weiligen Kleinkaliberbüchse, wie er sie zum Schießdienst im Bann erhalten hatte. Er sehnte sich nach einer richtigen „Kanone‘‘, etwa nach der großen Polizei-Mauser oder einer anderen großkalibrigen Pistole mit hundert Schuß Munition, Die kostete aber hintenherum viel Geld, unheimlich viel Geld, und was man der Tante klauen konnte, reichte dazu nicht aus, Also mußte man Geschäfte machen, was war dabei, wo doch alle Welt herumschob. Und es ging besser, als er gedacht hatte, besonders für Zigaretten wurden allmählich phantastische Preise gezahlt. Leider wurde die Ware immer knapper. Woher nehmen? In den Läden gab es Zigaretten, Süßigkeiten, Schnäpse, noch und noch. Ein Griff über'n Tisch, ein Steinwurf ins Fenster, es war so einfach. Wo ganz Europa von der deutschen Herren- rasse ausgeplündert wurde, konnte der Edeljüngling Kurtchen, jetzt wohlbestallter Fähnleinführer der Hitlerjugend und künf- tiger Anwärter der SS, doch wohl so ein paar poplige Handels- männer, die meistens sowieso keine guten Nazis waren, ein bißchen erleichtern. Es ging vorzüglich. Die Sachen fanden reißenden Absatz, und dabei verschleuderte Kurtchen nichts, er kannte die ge- sprochenen Preise, und er sprach sie diktatorisch selber. Am ergiebigsten waren nächtliche Stoßtrupp-Unternehmen, die mußten vorher gut ausbaldowert werden. Dazu brauchte man immer mehr Hilfskräfte, die paar Jungen, die von vornherein freiwillig mitmachten, langten nicht. Wozu war man Fähnlein- führer! Er setzte nächtlichen Dienst an. Die Geschichte ging immer besser, man mußte sich schon Keller in Vororten be- sorgen, um die Waren zu lagern. Um nicht dabei beargwöhnt zu werden, hatten sie sich als Tischlerlehrlinge mit Säge und Hobel verkleidet, die gelegentlich Kästen, Truhen und Schränke abstellten. Die Uniformtaschen des Hitlerkleides schwollen immer dicker, sie waren mit Hundertmarkscheinen und Ge- schäftspapieren gefüllt. Man hatte sich übrigens längst ganz erstklassig mit Waffen ausgerüstet, denn man konnte nie wissen, ob man nicht doch af 131 mal so einen blöden Hilfspolizisten umlegen mußte. Die Waffen kaufte man in gewissen Lokalen, die auch zur Kundschaft gehörten, von Deserteuren, die Geld brauchten und für das Schießzeug keine Verwendung mehr hatten. So trieben sie Super- Sabotage an der Zeit. Besonders üppig zahlte Kurtchen für die neuen Maschinenpistolen, Modell 43, die waren prima. Um die bemühten sich vor allem ausländische Arbeiter, und bald war Kurtchen Lieferant jener Partisanenkreise, die sein Vater auf dem Balkan, im. Appenin und in den Pyrenäen aufhängen ließ. Aber beide Beschäftigungen nährten ihren Mann. Doch eines schönen Tages brach die Herrlichkeit des Sohnes unvermutet zusammen. Ein Hitlerjugendgenosse, der sich bei der Verteilung der Beute benachteiligt fühlte, zeigte aus Rache die ganze Bande an. Nun kamen die rätselhaften Ladeneinbrüche, zu deren Bekämpfung man übrigens auch die Hitlerjugend aufgeboten hatte, heraus. Kurtchen und die anderen jungen Gangster wanderten nach Tegel. Als der Jugendpfleger die Protokolle über Kurtchens kriminellen Werdegang gelesen hatte, standen ihm die Haare zu Berge. Der Mann schien wohl die deutsche Nazi- Jugend bisher nur durch die Rosa- Brille der Goebbels- Propaganda gesehen zu haben. Er ließ sich das hoffnungsvolle Bürschchen im Gefängnis vorführen und war auch noch erstaunt, als Kurtchen keine Spur von Reue zeigte, sondern sich mit seinen Taten homerisch brüstete. Er fand, ein solcher Mensch könne unmöglich normal sein. Sein individueller Irrsinn sollte das System entlasten. So kam der nazistische Musterknabe in meine Zelle. ,, Was, das ist der große Räuberhauptmann?" brummelt der alte Spitzbart, der ihn untersucht. ,, So'n Dreikäsehoch. Der ist über Dächer geklettert und hat zwei Beamte angeschossen. Na sowas! Und der soll krank sein. Puls normal, Lungen gesund. Täglich hundert auf den Hintern!" - - Auf eine diskrete Bemerkung des Verwalters erwidert Dr. Wernicke laut: ,, Was, geschlechtskrank war der Lümmel auch! Na so ein Ferkel. Wie alt ist doch der Bursche? Sechzehn Jahre und drei Monate! Nächstens gehen noch die Pimpfe zu den Weibern. Wirklich schon ausgeheilt, sagen Sie. Na, sehn wir lieber nochmal nach. Ein paar Spritzen wollen wir ihm für alle Fälle noch geben." - Kurtchen lauert immer ungeduldiger auf ,, wat zu roochen"; endlich funktioniert der Schleichweg. Niko hat sich doch er132 S e コー ch e- m es STR.S ei ne 1- I- en ele. ur zu g- ne ch DIen. elt er en. gen ert mel die gen en erweichen lassen. ,, Is noch wat Jutes aus Jriechenland, keene miese deutsche Einheitsware. Von denen haben mir die Hunde zwanzigtausend beschlagnahmt, aber ick hab noch een zwotes Lager von der Sorte, det is nich verpfiffen. Wenn ick hier rauskomme, dann hab ick noch reichlich von allem, wat man so braucht." Ich bezweifle, daß er so schnell wieder auf die Menschheit losgelassen wird. Er blinzelt höhnisch mit seinen kleinen Augen: ,, In einem halben Jahr melde ick mir zur Waffen- SS. Dann bin ick beinahe siebzehn, und dann nehmen se mich. Die nehmen noch janz andre. Und schießen kann ick wie einer vom Zirkus. Vier Schießpreise habe ick bei der HJ jekricht." ,, Ja, in die Waffen- SS gehörst du hin, da kommt es nicht so genau drauf an, wen man alles über den Haufen schießt. Da brauchst du bloß noch einen Kursus im Hängen." ,, Mensch, du hast et erfaßt. Uffknüpfen, det ist das richtije. Ob es dafür Kurse jibt? Da mache ick mit. Wenn eener richtig baumelt, det muß dufte sein." Ich nicke ihm zu: ,, Zum Schluß wird auch noch für dich ein Galgen übrigbleiben." Er grinst. ,, Aber vorher möcht ick noch' n paar jute Apricot trinken, Apricot Brandy, nur den echten von Bols. Ick hab davon noch' ne Kiste mit funfzig Pullen einjekellert. Det is ' ne Sache." Er schnalzt mit der Zunge. ,, Na, wenn wir erst mal raus sind aus dem Knast, krichste davon och wat ab. Bei mir kostet die Pulle bloß hundertachtzig Emm. Det is wie jeschenkt." Jeder Tag kann einen neuen Überfall des Gerichtsarztes bringen. Dr. Büttenberg hat mich im Laufe des November nur einmal vorführen lassen; ich weinte und hatte Angst, er gab mir eine Beruhigungspille und schickte mich zu Bett, er war offensichtlich zu einer Kampfsitzung nicht aufgelegt, vielleicht hatte er zu wenig Zigaretten. Aber ich ahne, daß ein neuer Großkampf bevorsteht. Ich muß beweisen, daß meine Hysterie nicht etwa eine kleine Haftpsychose war, sondern aus tieferer Wurzel kommt und sich verschlimmert. Jetzt haben wir Ende November, es ist die häßlichste Jahreszeit, der Regennebel zieht schon gesunde Seelen in den nassen Sack der Depression. Ach, mir ist elend zumute. Das Leben schwillt dahin wie ein weiches Geschwür, das nicht reifen will. Wozu bin ich noch auf dieser eiternden Welt? Auch der Kriegsgott hat sein . 133 Antlitz verhüllt und liegt in krankem Schlaf. Die Vulkane speien jetzt immer an derselben Stelle. Ich lechze vergebens nach der Katastrophe. Um Aachen tobt eine ungeheure Völkerschlacht, und an der Saar sind Hochöfen der Kriegshölle in Betrieb. Aber noch fallen keine Entscheidungen, es steht jetzt fest, der Krieg geht in diesem Jahre Vierundvierzig nicht zu Ende. Die Stimmung unter den Gefangenen, die vom Kriegsende etwas zu erhoffen haben, verschlechtert sich wieder. Sogar der gute Niko ist mürrisch geworden, er wollte Weihnachten daheim bei dem Maisje, seiner Braut in Amsterdam, verbringen. Die Enttäuschung verführt zu pessimistischen Übertreibungen: Dieser Krieg überdauert vielleicht, wie der Dreißigjährige, die meisten Menschen, die seinen Ausbruch erlebten. Dauert er auch nur noch ein Jahr, so ist meine Aussicht, das Ende zu erleben, gering. Sehr lange halte ich das Verrücktsein nicht mehr durch, die tragische Posse muß einmal enden. Dr. Büttenberg hätte längst sein Urteil sprechen müssen; warum zögert er? Ist er wirklich ratlos, ist er zu gewissenhaft? Von dem Medizinkalfaktor habe ich erfahren, daß der Volksgerichtshof neulich schon schriftlich angefragt hat, wie es um mich stünde. Die Schwere der Anklage lasse eine weitere Verzögerung des Prozeßganges nicht geboten erscheinen. Ich warte, alle warten. Worauf wartet Büttenberg? Daß ich ihn nicht durchschaue, macht mich erst recht nervös. Ob er mich retten will? Aber wie? Mein Anwalt besucht mich. Er weiß zuerst nicht recht, wie er sich mir gegenüber verhalten soll. Daß ich hundertprozentig simuliere, möchte ich ihm nicht verraten, das könnte ihn doch beruflich beschweren. ,, Mir unbegreiflich", erklärt er ,,, wie Sie das fertig bekommen, sich vier Monate ergebnislos auf den Geisteszustand beobachten zu lassen." Er schüttelt wohlwollend das grämliche Haupt. ,, Sehen Sie, Herr Rechtsanwalt, ich bin hysterisch. Der Herr Obermedizinalrat hat es selbst gesagt. Auch als Hysterischer neigt man dazu, sich bisweilen völlig exaltiert zu benehmen, gewissermaßen sich krankhafter darzustellen, als man wirklich ist." Ich sehe ihn bedeutungsvoll an. ,, Ach so, Sie wollen sagen, daß Sie mit einer kleinen künstlichen Nachhilfe Ihre Krankheit verdeutlichen. Hm, ich habe Sie anfangs dazu ermuntert und wünsche Ihnen natürlich als Verteidiger und als Mensch alles Gute. Aber wo soll das schließ134 nn SEE bald nicht aus.“ lich hinführen? Sie reiben sich dabei auf. Der Krieg ist so ‚‚ Vielleicht noch erst mal ein Gastspiel im Irrenhaus?‘, frage ich in leiser Vorsicht, „Sie meinen, daß der Obermedizinalrat Sie zu einer weiteren Beobachtung in die Heil- und Pflegeanstalt schicken wird? Einen so kranken Eindruck werden Sie kaum machen. Hm, hm, da müßten Sie dort schon mit dem, wie soll ich sagen— mit dem hysterischen Übertreiben sehr viel Glück haben. Dauererfolge solcher Art sind wenig wahrscheinlich. Seien Sie froh, daß Sie vorläufig im Tegeler Lazarett so gut aufgehoben sind.“ Bin ich gut aufgehoben? Wie leicht sich die Leute von drau- Ben’ so etwas vorstellen. Wenn sich wenigstens irgend etwas ereignete, das mir wieder kämpferischen Auftrieb gäbe! Ich möchte mich wenigstens als Hysterischer richtig bewähren. Wie’ wäre es mit hysterischen Krampfanfällen? Das will um so mehr überlegt sein, je unüberlegter es wirken soll. Draußen verkrampfen sich die letzten Gräser im ersten Frostreif. Krampf sei die Parole. Das einzig Neue ist zunächst ein Kalfaktorenwechsel. Auch die kleinen Dinge sind hier sehr wichtig. Franz, der Medizin- mann, wird entlassen. Ich habe ihm ein fabelhaftes Schreiben an das Versorgungsamt aufgesetzt. Es beginnt ganz klar und sachlich, damit die Behörde weiß, was er will, aber allmählich verwirrt es sich, Worte fallen weg, Gedanken kreuzen und ver- knäulen sich. Zum Schluß behauptet Franz, er habe die Pflaumen wahr- scheinlich gar nicht in den Rucksack organisiert, sondern auf- gegessen, denn nach dem Ende des Dämmerzustandes hätte er furchtbare Leibschmerzen bekommen und auf mehreren Statio- nen aussteigen müssen, um eine Toilette aufzusuchen. Zuletzt sei es ihm dabei schlecht ergangen, und dann wäre er auch noch in seiner unangenehmen Lage eingeschlafen. Wenn das nichts hilft! Ich dichte mit einer gewissen Schadenfreude kleine Be- triebsunfälle des Zeitbewußtseins. Jedenfalls habe ich das mit einem kleinen diabolischen Ver- gnügen aufgesetzt. Überhaupt bemerke ich bei mir eine stei- gende gerichtsmedizinische. Dichteritis. Der Nachfolger von Franz ist auch ein invalider Soldat, aber ein junger aus dem zweiten Weltkriege, der bei Stalingrad durch Granatsplitter ein Auge verlor. Martin, so heißt er, war ein wohlgestalteter und fesch gekleideter Kaufmann aus der 135 er a Te Se STERRIESIE FR u en Versicherungsbranche; durch die Verwundung hat sein Äußeres gelitten. Auf das gute Aussehen hält er aber auch im Gefängnis viel, indem er stündlich seinen Scheitel wichst und auch die Kalfaktorhose nur mit tadelloser Bügelfalte trägt. Seine Vorliebe für den äußeren Menschen hat ihn auch ins Gefängnis gebracht. Im Kriegslazarett Lublin war dem Gefreiten Martin versprochen worden, daß er die schwarze Binde bald ablegen könnte, da er ein Glasauge erhalten sollte. Aber wie so viele Nazi- Versprechungen blieb auch diese uneingelöst. Martin ließ es gewiß nicht an Rührigkeit beim Erinnern fehlen, im Gegenteil, er schrieb nach seiner Entlassung, er würde sich erst zur zivilen Arbeit melden, wenn er endlich das versprochene Glasauge erhalten hätte. Darauf wurde er sofort zur Dienstleistung in einer ganz miserablen Stellung befohlen. Er wiederholte seine vorläufige Weigerung und wurde darauf, ohne überhaupt vor den Richter geladen zu sein, zu einem Jahr Gefängnis wegen Arbeitsverweigerung verurteilt. Seit dieser Stunde pfiff er auf den Dank des Vaterlandes. Daher wurde er in Tegel sofort ein warmherziger Förderer der Politischen; mir versprach er schon am zweiten Tage, von Niko eingeweiht, mich in meinem Kampfe gegen die Mordrichter des Volksgerichts zu unterstützen. Eine Vorahnung sagte mir, daß ich solche Hilfe noch dringend brauchen würde. Als ich mich schon an seine schwarze Binde gewöhnt hatte. war sie eines Morgens weg und Martin einfach nicht wiederzuerkennen. Er trug wahrhaftig ein Glasauge, er hatte es vom Kalfaktor des Hausvaters, in dessen geheimen Kramladen er geraten war, gegen ein Päckchen Tabak eingetauscht. Das Glasauge hatte einem verstorbenen Gefangenen gehört, der es vor der Fahrt ins Krematorium zurücklassen mußte. Böse Zungen kolportierten die Greuelmär, es wäre vorher mit dem abgeschlagenen Kopf in den Sägemehl- Sack gefallen. Leider war das Kunstauge blau und Martins natürliches Auge braun. Vielleicht wäre das noch nicht das schlimmste gewesen, aber Martins Augenhöhle war größer als der gläserne Ersatz, und so verschob sich das Augenbild unter grotesken Bewegungen, wenn Martin seine Mienen spielen ließ. Mir wachsen jetzt im Halbtraum blaue und braune Glasaugen aus dem Türschlitz entgegen. Endlich sind meine intellektuellen Vorbereitungen zu dem hysterischen Krampfanfall fertig. Morgen in aller Frühe soll 136 e S le ет t. h e f. זב 8. n I T, m er n ge Z, ENANN コー zt m ll er steigen und etwa zwei Stunden dauern; die ,, schwarze Pest" und Niko haben Dienst im oberen Stockwerk. Dr. Wernicke ist nicht zur Visite zu erwarten, der Fall muß also gleich dem Obermedizinalrat gemeldet werden. Manches muß ich dem Zufall überlassen. Glücklicherweise ist mir allmählich über Hysterie doch viel mehr wieder eingefallen, als das Lexikon wußte. Vor allem erinnere ich mich, daß hysterische Krampfbewegungen nicht ziellos sind wie die epileptischen. Der hysterische Bewegungskrampf muß den Charakter von Angriffs- und Abwehrbewegungen haben: Während der Epileptiker im Anfall blaß, ohne Ausdruck und fast leblos daliegt, malen sich im Gesichtsausdruck des Hysterikers die Affekte wie Zorn, Schmerz, Angst aufs deutlichste. Das habe ich früher in Aufsätzen über die Epilepsie gelesen und jetzt wieder in die Helle des Bewußtseins hinaufgepumpt. Ich weiß es also, aber wird es auch Dr. Büttenberg wissen? Meine guten manisch- depressiven Leistungen nahm er auch nicht gebührend zur Kenntnis. Gewiß, ich könnte den Krampfanfall unterlassen, niemand zwingt mich dazu. Aber ich bin nun einmal als Hysteriker abgestempelt und muß einen Grad dieses Leidens vortäuschen, der wirklich als ernstere Krankheit anerkannt wird. Sonst könnte Büttenbergs Gutachten etwa lauten: ein bißchen hysterisch infolge langer Untersuchungshaft, aber im allgemeinen verhandlungsfähig. Krampfanfälle irgendwelcher Art pflegen sich aber meistens bei schweren Hysterieanfällen einzufinden wenigstens nimmt das mein Gedächtnis an. Sicher ist jedenfalls, daß Krampfanfälle bei Hysterikern häufig sind, und ich glaube, daß sich Bewegungskrampf leichter simulieren läßt als Starrkrampf. Wenn ich die winterliche Erstarrung draußen an den Sträuchern studiere, so scheint auch ein stückweises Absterben meiner Glieder zur Jahreszeit zu passen. Im Grunde muß ja gerade das komplizierte hysterische Krankheitsbild leichter vorzutäuschen sein als jede andere Geistesstörung. Es ist bekannt, daß sich hysterische Menschen fast nie verletzen, wenn sie zu Boden fallen, während sich Epileptiker fast regelmäßig blutig schlagen. Sodann aber liegt in allem hysterischen Gebaren eine gewisse Tendenz zur Schauspielerei. Der Kranke zeigt häufig eine Art Sucht, sich in die Leidenssymptome zu stürzen, in die Krankheit zu fliehen und 137 die Anfälle sogar scheinbar absichtlich zu wiederholen, wenn er beobachtet wird. Es handelt sich dabei um Veränderungen derjenigen Störungsform, bei der die Affektsphäre unter dem Reiz von außen den Willen beeinflußt. Diese Erscheinungen sind es sogar, die manche Psychiater veranlassen, eine Simulation bei vielen verdächtigen Fällen in Abrede zu stellen und anzunehmen, die Geisteskranken spielten ihre Krankheitsformen vor fremden Augen und Ohren besonders gern, weil sie dabei eine Befriedigung ihrer abnormen Libido fühlten. Gerichtsärzte dürften freilich zu dieser Meinungsgruppe kaum gehören, sie werden zu oft von allzu schlechten Komödianten der Pseudo- Verrücktheit betrogen. Achtung, der Morgen graut, es geht los. Ein heiserer Schrei zerreißt die Stille, den langgezogenen Ton durchzittert jähe Furcht. Mein Oberkörper fällt aus dem Bett, er zuckt und stürzt sich auf die flatternden Arme. Das Lazarett hat sein Morgen- Malheurchen. Kurtchen fährt aus dem Schlaf, ich freue mich, ihn von dem guten Ruhekissen seines schlechten Gewissens gescheucht zu haben. Er will mich ins Bett zurückheben, ich schlage um mich, schreie wieder, zucke, zittre, rolle mit den entsetzten Augen, schreie, schreie, setze alle Gesichts- und Halsmuskeln in gezerrte Bewegung. Jetzt klingelt Kurtchen Sturm, die ,, schwarze Pest" erscheint, besieht sich den Schaden und meint in ihrer zynischen Torheit: ,, Der hat wohl Brennspiritus gesoffen." Dann verschwindet die Pest und schickt Niko, der mir einen kalten Umschlag machen soll. Niko ist eingeweiht und spielt seine Rolle mit rauhem Humor. Seine Versuche, mich wieder richtig zu betten, scheitern, weil sie scheitern sollen. Mein Schreien bekommt allmählich einen Rhythmus, der mir die Anstrengung erleichtert. Das Zittern und Zucken will geübt sein, ich darf meine Kräfte nicht verschwenden. Die Mimik des Entsetzens braucht ja vor keiner Übertreibung zurückzuschrecken, hemmungslose Gesten sind übrigens nicht so aufreibend wie halbwegs beherrschte. Jedenfalls stelle ich mit innerer Zufriedenheit fest, die Sache macht sich, der Krampf wirkt auf die hinzukommenden Wachtmeister und Kalfaktoren durchaus echt und überzeugend. Als der Verwalter nach einer Stunde zum Dienst erscheint und gleich zu mir heraufkommt, bin ich schon etwas ruhiger; ihm darf ich auch nicht zuviel Unbequemlichkeiten machen, wir 138 enn gen em ter in ten onmen LeiIzu rei ähe und sein dem Izu ich, gen, geint, meit: ndet hlag mor. weil inen tern vereiner sind denacht ister meint ger; , wir haben ja miteinander einen Friedensvertrag. Immerhin kann ich ihm nicht ersparen, den ganzen An- und Zwischenfall notieren und Dr. Büttenberg melden zu müssen. So werde ich denn schon nach einer Weile von Nikos kräftigen Leichenträger- Armen nach unten geschleppt und auf Büttenbergs Untersuchungssofa gebettet, wo ich zitternd und angstverzerrt zur Decke starre und Arme und Beine verdrehe, als wollte ich probieren, wie weit sie gebrauchsfähig sind. • ,, Na, Sie strampeln ja wie ein ungezogener Knabe", sagt Büttenberg ungerührt, und wie mir scheinen will, sogar mit einer gewissen höhnischen Neugier. Dann betastet er mich: ,, Übrigens ist von dem stupor nicht viel zu merken. Der Anfall geht ja überhaupt sehr schnell vorüber." Soll ich ihm das Gegenteil beweisen und mich wieder verkrampfter in die Angst hineintoben? Aber ich fühle mich doch schon zu sehr abstrapaziert, es würde mehr ungewollt ratlos als ungewollt angstgepeitscht aussehen. Daher beschließe ich, mich dem andern Extrem zu vertrauen und einen Schlafanfall zu markieren; der braucht, wie ich zu wissen glaube, nur ein paar Minuten zu dauern. Also schließe ich die Augen, lockre die Glieder und bin weg. Offenbar bin ich infolge meiner Erschöpfung nach dem zweistündigen Wüten tatsächlich eingeschlafen. Als ich aufwache, scheint mir die seltene Vorwintersonne ins Gesicht, während vorher alles ziemlich düster war. Meine Umwelt sieht kalkig und gläsern aus, die Dinge knistern leise und sind so spröde, daß man sich an ihnen schneiden kann. Ich muß wohl doch länger geschlafen haben und sehe mich etwas verstört im grellen Zimmer um. ,, Ich soll wohl meinen ganzen Vormittag mit Ihnen vertrödeln", knurrt der Obermedizinalrat. ,, Schläft der Mensch hier wie' ne Ratte und schnarcht sogar. Na Freundchen, der Schlaf war ziemlich normal." Er spielt an seiner Uhr und denkt nach: ,, Wissen Sie, was Sie sind? Ein Feigling sind Sie. Sie haben Angst, eine ganz bestimmte Angst, nämlich Angst vor dem Gericht, vor der verdienten Strafe. Und da führen Sie sich auf wie ein hysterisches Weib." Ach, wenn ich doch jetzt mit ihm diskutieren dürfte! Herr Obermedizinalrat, hat nicht jeder Mensch das Recht und sogar die Pflicht, um sein Leben zu kämpfen? Was soll daran feige sein? Ich mache mir die Sache doch wirklich nicht bequem. Ich 139 rate Ihnen, erst selber fünf Monate verrückt zu spielen, ehe Sie von Feigheit reden. Leider darf ich das alles, was sich schon wieder hinter meinen zusammengebissenen Zähnen aufstaut, nicht aussprechen. Dieser verdammte Sonnengott vor dem Fenster. Ich möchte diesen blitzäugigen Himmelsdetektiv ohrfeigen. Der Verräter wird es noch an den Tag bringen! Wie sagte Büttenberg doch? Ich führe mich hysterisch auf, ja, so sagte er. Soll das vielleicht schon das Vorspiel zu meiner Entlarvung sein? Nein, ich habe keinen Augenblick Zeit zum Atemholen, ich muß weiterkämpfen. O, diese demaskierende Sonne! Nach Schlafanfällen, besonders nach längeren, weicht doch wohl zuweilen aus den Gliedern die natürliche Empfindung und Biegsamkeit, es kommt zu einer wächsernen Starre, bei der die Stellung der Glieder nicht der Schwerkraft folgt. Das ist die sogenannte Katalepsie. Schon beim normalen Menschen findet sich im ausklingenden Halbschlaf manchmal etwas Vergleichbares: die einzelnen Glieder ,, schlafen ein", sie sind zugleich überempfindlich und empfindungslos, sie gehorchen nicht dem Diktat des Willens, der sie in eine andere Lage umschalten möchte. Daher lasse ich also den rechten Arm gewinkelt in der Luft erschlaffen und zugleich erstarren. Ich glaube, er fühlt sich jetzt wirklich so an, als sei er nicht Fisch und Fleisch, sondern aus einer Art Gallert, als gehorche er nicht den gewöhnlichen Körperfunktionen. Und diese kataleptische Vorspiegelung findet sofort die Aufmerksamkeit des Arztes, während ich mich ahnungslos stelle und scheinbar gar nicht bemerke, was ihm bei mir auffällt. Bald lese ich in seinen Mienen, an der Sache müsse doch mehr dran sein, als er anfangs angenommen hat. Ohne Zweifel ist Dr. Büttenberg äußerst gewissenhaft. Er zündet sich wieder einmal eine Zigarette an, geht an den Schreibtisch und notiert. Wenn ich das doch zu lesen bekäme. Übrigens eine Idee! Ich muß versuchen, diese Notizen in die Hände zu bekommen, denn er legt die Blätter in ein Schreibtischfach, und das scheint unverschlossen zu sein. Dr. Büttenberg klingelt, ein Wachtmeister wird sichtbar. ,, Sie können dem Kranken nach oben helfen." Dem ,, Kranken"! Das klingt wie Musik. Ich muß an mich halten, daß ich nicht vor Wonne gesund werde. 140 ehe minter aus.Ich Der nauf, meiner Izum rende doch g und er die st die findet leichgleich dem alten Luft sich ndern lichen gelung mich m bei doch weifel n den käme. in die Greibntbar. mich Oben erwartet mich noch ein kleines Vergnügen. Kurtchen ist für gesund erklärt, ich gönne es ihm. Er soll in ein ,, Ertüchtigungslager" kommen. Dann wird man ihn wohl bald als SS- Vorkämpfer nach Polen schicken, dazu ist er schon tüchtig genug. Jedenfalls bin ich ihn los. Nun kann ich mit meinen Freunden Niko und Martin in meiner Zelle geheimen Konvent halten. Martins Glasauge funkelt, dahinter schwelt die Rache, er hat den ,, Dank des Vaterlandes" zu erwidern. Ein Jahr Gefängnis, weil er auf Recht und Versprechen bestand. Ich putsche ihn noch kräftig auf, denn ich kämpfe gegen diesen Gewaltstaat und brauche Verbündete. Schon am nächsten Tage bringt mir Martin die Aufzeichnungen Dr. Büttenbergs, er hat sie sich für eine Stunde aus dem Schreibtisch ,, ausgeliehen". Ich verschlinge natürlich das Gekritzel der schlecht leserlichen Arztehandschrift. Gewiß, ich finde nichts Überraschendes, aber ich brauche nicht erschrocken und nicht enttäuscht zu sein. Er spricht von Zwangsneurose und Angstvorstellungen auf hysterischer Grundlage. Zwar hätte ich nach seiner Annahme einige Male absichtlich übertrieben, doch sei das bei Hysterikern noch kein Beweis für Simulation. Sehr wahr, theoretisch vollkommen richtig, Herr Obermedizinalrat! In der letzten Eintragung heißt es, nun seien auch Krampferscheinungen aufgetreten, die allerdings merkwürdig widerspruchsvoll verliefen. An den Volksgerichtshof hat er geschrieben, er könne meine Verhandlungsfähigkeit leider immer noch nicht bejahen, doch hoffe er mich bis Jahresende dahin zu bringen, daß ich bei energischem Zufassen offenbar imstande sein würde, meine Sinne besser zusammenzunehmen. Falsch, ganz falsch, Sie sollten doch eigentlich bemerkt haben, daß ich mich um so tiefer verspinne, je mehr Sie mit Kasernenkräften dreinfahren. Ich habe mich selbst in geistige Nacht gehüllt, aber Sie sind mit der allgemeinen Verblendung geschlagen. Ich enteile wie ein Spuk, und Sie treffen nur auf Ihre schmerzende Stirn. Wir haben wieder ein amerikanisches Großgewitter am hellen Vormittag hinter uns. Ich weiß noch, daß ich meinen Rücken wie einen Katzenbuckel krumm machte, um das einstürzende Deckengewölbe aufzufangen. Aber es kam nicht, es 141 55 blieb im letzten Augenblick doch oben. Dafür scheint aber der Dachstuhl rebellisch geworden zu sein, er hat sich teilweise „abgesetzt‘‘, wie der Modeausdruck lautet, der die Niederlagen der trunkenen Millionen bemäntelt, die das Lügenkreuz auf der falschen Adlerbrust tragen. Durch die zersprungenen Fenster grüße ich erschüttert die blutigen Bahren der erschlagenen Mitgefangenen. Unsere Filz- läuse saßen natürlich im sicheren Keller. Alle Toten, vorläufig etwa vierzig an der Zahl, sind wieder Häftlinge; statt in die Deckung geführt zu werden, waren sie doppelt eingeschlossen worden, wie es der Himmler wollte. Bis in den dämmernden Nachmittag hinein liegt die qual- mende Stille nach dem Sturm über dem Lazarettgebäude. End- lich kommt Niko mit weißer Wunderschürze voll Brotkuhlen. „Nimm heut soviel du willst, es gibt doch vor übermorgen nichts Warmes. Die Küche ist ausgebombt. In den großen Kessel mit den Dienstag-Graupen ist die Decke runtergesackt. Der dicke Oberkoch ist zu Mus zerquetscht, das hat er nun davon, sein fettes Hinterkastell hat ihm gar nichts genützt. Und wir haben hier Dachschaden, schweren Dachschaden. Der Himmel wird uns in die Bude regnen. Und die Heizung ist auch kaputt.“ „Ja, der Himmel kommt über uns, und die Hölle heizt uns ein“, bestätige ich. Denke ich oder döse ich? Ich döse hinter dem Chaos her. Immerhin hat mir das Chaos zunächst vier Kuhlen-Brot eingebracht, die Kuhle zu 125 Gramm gerechnet. Jedes Gramm ein Fünkchen Widerstand. Also Dachschaden im Lazarett. Meinetwegen, wenn ich nur meinen eigenen Dach- schaden behalten darf. Es wird kalt, ich friere und spüre dabei meine Einsamkeit eisiger. Überhaupt läßt mich die Kälte alle Dinge beißender empfinden. Draußen ist der unschuldige Schnee vor Schreck und Scham zu schmutzigem Schorf geworden. Drinnen fehlt die warme Suppe, und als sie nach einigen Tagen wieder dampft, ist sie dünn wie Spülicht. Vormittags schreit der Magen nach dem gewohnten Kartoffel- brei. Manchmal kann noch der gute Niko helfen, aber ich lerne schon wieder die bohrenden Spiralen des Hungers kennen. Die Notküche reicht nicht aus, und der lahme Wille erst recht nicht. Der Krieg soll alles entschuldigen. Aber wer entschuldigt mich? Was bin ich doch für eine sinnlose Schneeflocke im sinnlosen Wettertreiben! 142 \ er der weise lagen z auf rt die Filzläufig in die ossen qualEnduhlen. morgen roßen sackt. T nun nützt. Der g ist uns minter vier chnet. en im Dachmkeit ender kund t die mpft, offelJerne Die nicht. mich? osen Neues Golgatha Liebe, du heilige Bindekraft, dich erlebt keiner so mächtig wie der Gefangene, den sie aus allen Fugen seines Lebens gerissen haben. Ja, es gibt viele Gemeinschaften, und alle tun sie so, als wenn sie das blanke Schild der Treue für sich gekapert hätten. Wo aber einer wirklich Treue braucht, da sind die markigen Treuschwüre flüchtig wie Wasser. Nur die Liebe ist treu, und nicht einmal alle Liebe.. Sinnenliebe versiegt nach der Sättigung. Die Wahlliebe, in der sich Geist und Herz verschmelzen, ist beständiger. Aber endlos unergründlich webt und waltet die Mutterliebe. Meine gute Mutter darf mich noch einmal besuchen. Sie geht schon wieder etwas gebeugter, aber sie ist geistesfrisch wie eine letzte Blume am Wintermorgen. Auch ihr neuntes Jahrzehnt kann höchstens den Körper niederdrücken. Ihre Nerven sind überwach. Sie erzählt von ihrem Geburtstag. Als sie noch beim Kaffee saßen, kam das geflügelte Unheil, und sie mußten in den Keller. Unserm Hause wurden dabei alle Glasaugen eingeschlagen. Das ist nur ein unscheinbarer Splitter im Alltag, aber leider schlug die Furie meinem Vater auf die Brust, und er konnte auch jetzt noch nicht mitkommen. Dafür hat die gute Käthe meine Mutter begleitet. Sie bringt mir ihren silberschimmernden Handspiegel mit. Ich hatte sie vor Wochen um einen Spiegel gebeten, gewiß nicht aus Eitelkeit, aber aus einer Anwandlung, die ja im normalen Dasein als Selbstverständlichkeit erfüllt wurde: man muß zuweilen auch sich selbst im Ebenbild erleben. Man sucht sich, um sich seine Existenz zu beweisen. Käthes Handspiegel hatte früher an dem polierten Griff eine rosa Schleife. Sie fehlt, sie wäre auch eine falsche Flagge neben der grauen Sphinx der Zeit. Spieglein, Spieglein in der Hand! Was ist das Allerärgste im Land? Ich muß nach dem Spiegel greifen und hineinschauen. Mein Erschrecken tut weh wie das Zerren an einer Geschwulst. Ich 143 kenne mich nicht mehr, das ist eine fremde Fratze. Beinahe wäre mir der Spiegel aus der Hand gefallen. Meine Mutter versteht mich sofort, sie meint, man wundre sich immer über sich selbst, wenn man sich eine Zeitlang nicht im Spiegel gesehen hätte. Ich sollte aber beruhigt sein, ich wäre nicht mehr wie im Sommer ein bloßer Schemen meiner selbst. Ich bin wieder eine umhegte Persönlichkeit, aber eine abgründige. Es kommt mir plötzlich vor, als ob die beiden heimlich das Gewebe meines Geistes abtasten. Sicherlich tun sie das, sie machen sich ja Sorgen. Zum mindesten möchten sie doch prüfen, ob das Verrücktspielen meinem Verstand nicht schadet. Ich bin nur noch ein menschliches Bündel für Beobachter. Mich quält das. Ich spüre einen manischen Trieb, vom Stuhle zu springen und durch den Raum zu rasen. Aber während ich die Versuchung mühsam unterdrücke, empfinde ich immer krasser das Groteske meiner Situation. Dabei stöhne ich auf: ,, Ach, nur einen Tag lang möchte ich unbeobachtet durch die Gegend schlendern!" ,, Wenn du jetzt draußen wärst, müßtest du mit diesem Volkssturm marschieren", sagt meine Mutter. Aus ihren Worten höre ich heraus, daß man ,, draußen" diesen sogenannten Volkssturm, den ich nur aus der Zeitung kenne, auch nur als heroisches Narrenspiel wertet. So klammere ich mich an das einzige pflichtmäßige Spiel, in dem ich noch mitspiele.;, Für mich gibt es nur noch eine Aufgabe", erwiderte ich düster. ,, Ich muß mich mit meinem Leiden beschäftigen. Ich bin doch hysterisch." Wer sagt das?", fragt meine Mutter mit dem spitzen Lächeln der Ungläubigkeit. ,, Unser weiser Medizinmann! Seine ärztliche Autorität der Herr Sachverständige des Volksgerichts", erkläre ich sarkastisch durch die Zähne. ,, Herr Obermedizinalrat Doktor Büttenberg", sagt meine Mutter mit Nachdruck. Sie ist noch aus früherer Zeit gewohnt, alles Amtliche ohne Rücksicht auf den Wert sehr korrekt zu nehmen. ,, Der Herr Obermedizinalrat will mich jetzt gleich empfangen. Wir dachten schon, unser Besuch würde nicht mehr nötig sein, nachdem wir ihn vor fast drei Monaten verfehlt hatten. Aber jetzt bat er dringend um einige Bücher von dir. und ich bringe sie ihm heute." 144 4 " einahe undre nicht wäre selbst. e abch das s, sie doch nicht el für ringen Verer das ch, nur Gegend iesem ihren 180kenne, piel, in AufLeiden pitzen ät der astisch meine wohnt, ekt zu gleich mehr erfehlt on dir, Käthe deutet auf ein wohlverschnürtes Bücherpaket, das aus ihrer Einkaufstasche ragt. Sie hat alle meine Bücher in den verschiedenen Fassungen und Ausgaben entstehen sehen, samt ihren Verschandelungen, sie hat sie getippt, sie hat die Korrekturen gelesen, sie kennt ihre Schicksale und Grotesken besser als ich. ,, Welche Bücher habt ihr denn mit? Echte oder getarnte oder gefälschte?" ,, Den großen, Hindenburg', von vierunddreißig und die, Luftschmiede von Dessau', also ein historisches und einen Roman", erklärt mir Käthe ganz sachlich. ,, In eingestampftem Zustande wären sie bekömmlicher", höhne ich. ,, Beides angebräuntes Ragout aus Historie und Roman, aus Tatsachen und Schwindel. Alles verdreht, verlogen, verrückt wie ich selber und diese Zeit." ,, Aber wieso denn nur?" fragt meine Mutter. 97 , Ganz einfach", sage ich mit grimmiger Betonung. ,, Hindenburg und Professor Junkers sind beides Männer, deren Lebensende durch den heutigen Machthaber tragisch verdorben wurde. Junkers wurde in den Tod gehetzt, und Hindenburgs Grab mußte mit einer elenden Legende zugedeckt werden." ,, Was soll das schon wieder heißen?" mischt sich in plumper Neugier der Kontrollwachtmeister ein. Ach richtig, der Mann ist ja auch noch da. Ich bin noch immer kein ausgelernter Knastologe. Ach was, ich bin unzurechnungsfähig, ich habe den intellektuellen Jagdschein. ,, Das sind so meine Marotten, Herr Wachtmeister. Mit mir geht's manchmal so durch. Ich klettere an meinen Gitterstäben in den goldenen Mond und schreibe Weltgeschichte für die wilden Hanswurste hier unten. Meine Dichterphantasie ist' n bißchen hysterisch geworden." Käthe lacht wider Willen, der Beamte zieht sich mit einem leeren Schmunzeln aus der Affäre, meine Mutter legt die Mundwinkel in strenge Falten. Sie miẞbilligt das Zeitmilieu, aber auch meine Travestien. ,, Herr Doktor, ich habe neulich geträumt", sagt Käthe leise und langsam ,,, Sie hätten mir neue Fassungen für den Schluß der beiden Bücher zum Abschreiben gegeben. Und da dachte ich, die letzten Exemplare von der alten Fassung könnten wir dem Herrn Obermedizinalrat bringen. Ja, Herr Doktor, ich träume manchmal, daß wir wieder zusammen arbeiten werden. Das ist mein fester Glaube!" 10 Kampf 145 Gute, treue Käthe, wie bin ich dir dankbar! Das richtet auf und macht fest. ,, Wie schön von Ihnen", sage ich laut. Aber dann reitet mich doch schon wieder der Teufel, der manische oder der hysterische Teufel, ich weiß es nicht, doch ich füge hinzu: ,, O ja, die neuen, die echten Schlußfassungen für die curricula vitae dieser beiden schwer zu deutenden Deutschen von gestern können wir erst im siebenten Reich schreiben. Ja, und noch ist nicht mal das vierte Reich ausgebrochen." ,, Entschuldigen Sie, Herr Wachtmeister", sagt meine Mutter in hoheitsvoller Bitte um Verständnis: ,, Er ist mit den Nerven herunter. Die Zeiten sind zu schwer." ,, Lassen Se mal, Muttchen", beruhigt der Beamte in seiner denk faulen Stumpfheit ,,, hier im Lazarett kommt's nicht so drauf an, was einer redet. Vielleicht hat er Fieber." Die warmen Strümpfe, die mir Käthe gestrickt hat, muß ich streicheln, ehe ich sie in die blau- weiße Krankentoga stecke. Nun geht meine Mutter zum Herrn Obermedizinalrat. Wieder tut sie einen Passionsgang für mich. Ach Mutter, warum mußt du immer wieder für mich nach Golgatha! Mit dem Spiegel in der Hand und den Strümpfen am Busen ziehe ich heimwärts in die Zelle. Der Spiegel hat einen magischen Zauber, ich sehe mich immer wieder anders verzerrt. Schließlich habe ich ja reichlich Zeit für physiognomische Studien. Meine ganze Gesichtsachse scheint schief zu stehn, nicht nur die Nase. Aber soll nicht jeder Mensch zwei verschiedene Gesichtshälften haben, eine richtige und eine falsche? Wie dem auch sei, ich finde mich scheußlich, und daß ich überhaupt die Neigung spüre, mich schön oder scheußlich zu finden, ist unmännlich, also im Grunde- hysterisch! Vielleicht hat Büttenberg recht. Vielleicht bin ich wirklich! Hah, was bin ich, wie bin ich, wer bin ich? Eine Fratze grinst mich aus dem Spiegel an, eine Gauner-, eine Idiotenfratze. Als freches Fragezeichen stehe ich vor mir selbst, eine platzende Maske vor der Entlarvung! Vielleicht bin ich wirklich schon hippokratisch gezeichnet! Ich könnte den Spiegel an die Wand schmeißen, wie ich es neulich mit dem albernen Buch gemacht habe. Aber da kommt zum Glück mein Freund Martin mit dem Glasauge und greift begeistert nach dem großen, blanken Handspiegel, als wäre ihm soeben ein köstlicher Traum in Erfüllung gegangen. Seither kommt er alle paar Stunden, um den Sitz 146 et auf Aber ische füge ir die schen Ja, utter erven einer at so Bich ecke. ieder nach usen chen ließdien. I nur edene Wie überden, wirkEine eine mir eicht Snnte dem dem andlung Sitz seines Scheitels und seines teuer eingehandelten Auges zu überwachen. Meine Verdrießlichkeit steigert sich immer häufiger in den Wunsch hinein, als unwiderruflich Verrückter aus der trüben Verantwortung dieses Daseins zu fliehen. Nur fort von hier, heraus aus diesem Medusentempel, gleichviel wohin! Ich kann die geschlängelten, gifttropfenden Platanenäste vor meinem Fenster nicht mehr sehen, womöglich werde ich nächstens vor den Schlangen knien müssen. Ach, wenn das doch erst soweit wäre! Ich will in die Klapsmühle, ich bin ein Hofnarr der Hitlerei, das ist mein Ernst. Jawohl, ich will im Narrenhaus untertauchen, denn die gewöhnliche Welt ist zum Tollhaus geworden. Mutter, wo bist du? Dr. Büttenberg läßt mich holen, gut, ich bin gerüstet, heute werde ich mich so benehmen, daß er mich morgen ins Irrenhaus schaffen läßt. - Der Herr Obermedizinalrat ist die Freundlichkeit selbst. ,, Also, mein lieber Doktor", sagt er einladend ,,, machen Sie sich's bequem, tun Sie, als ob Sie zu Hause wären. Ich möchte mich mal mit Ihnen über einige Dinge unterhalten, die mir bei der Lektüre Ihres, Hindenburg' durch den Kopf gegangen sind. Also, Ihr Hindenburg' hat mich vier Abende gefesselt.- Hochinteressant, wie Sie Ihr eigenes Erleben in Geschichtsdarstellung umsetzen. Sie sind ja doch mal Hindenburgs Helfer gewesen. Nun sagen Sie mir aber vor allem eins: wie kamen Sie eigentlich zu der scharfen Ablehnung Hitlers, wo doch der von Ihnen verehrte Hindenburg seinen Reichskanzler Hitler zum Nachfolger bestimmte?" Was soll ich ihm auf diese Gescheitheit erwidern, ich bin doch hier kein Supergehirn aus dem Hauptquartier, nur ein verzweifelter Todeskandidat, der ins Irrenhaus flüchten will. Aber geht der sicherste Weg ins Haus des Wahnsinns nicht über die ganze Wahrheit? Ich werde die Wahrheit reden, da muß man mich im Dritten Reich für verrückt halten. Nur ganz kleine Kinder und Irrsinnige wagen in Hitlers Landen auszusprechen, was ist. ,, Herr Obermedizinalrat", erwidere ich mit Eindringlichkeit, ,, es ist ja gar nicht wahr, daß Hindenburg Hitler zu seinem Nachfolger wünschte. Bis in seine letzten Lebenstage hinein erklärte er, daß er die Entscheidung über seine Nachfolge Gott anheimstellen müsse. Er nannte Hitler immer nur den böhmischen Gefreiten, ich schwöre es Ihnen." 10° 147 ,, Aber ich bitte Sie, es steht doch klipp und klar in seinem Testament zu lesen. Und Sie haben doch in Ihrem Buche dieses Testament mit abgedruckt!" ,, Verzeihung, Herr Obermedizinalrat, da habe ich Sie irreführen müssen. Ich konnte diesen falschen Testamentstext in meinem Buche nicht verhindern. Ich saß damals nämlich auch in einem schutzlosen Bunker und konnte mich noch weniger wehren als heute, wo ich wenigstens verrückt bin. Schon damals war ich den Herren Machtergreifern als Wissender im Wege, und darum griffen sie mich. Am Tage nach Hindenburgs Tode wurde ich in Neudeck verhaftet. Der Gestapochef Heydrich nahm mich fest und ließ mich durch sechs Mann schwarze Garde nach dem Columbia- Haus in Berlin transportieren. Hu, war das ein Weg! Waren Sie mal in diesem finstern Bluthaus? Es ist jetzt abgerissen! Also als Hitler vom Irrtum der Nation gewählt war, ließ man mich wieder raus. Man hatte mich genügend mit Fußtritten traktiert. Es war nur ein Irrtum, und Irrtümer regieren seither die Stunde. Ich mußte unterschreiben, daß ich über die Testamentssache wie ein Toter schweigen würde, andernfalls hätte ich im Krematorium über alle Irrtümer der Geschichte nachdenken können. Inzwischen hatte das Propaganda- Ministerium mein Manuskript auf das gefälschte Testament hin umfrisieren lassen. So kann ich also nur hoffen, daß Sie, der Sie hier Gottes Stelle bei mir vertreten, mich noch so lange leben lassen, bis ich die Wahrheit um den Globus kabeln kann. Übrigens, Herr Obermedizinalrat, wenn Ihnen die Geschichte zu irrsinnig erscheinen sollte bitte sehr-, in Ihrem Schreibtisch liegt meine Anklageschrift. Da können Sie wenigstens nachlesen, daß mich die Gestapo in Hindenburgs Sterbehause am Morgen nach seinem Tode wegen politischer Unzuverlässigkeit verhaftete. Auch ein unzuverlässiger Kopf wie der meine hat manchmal lichte Momente." - - Büttenberg hatte sich während meiner heftig hingeschleuderten Erzählung mehrfach Aufzeichnungen machen wollen, aber den Stift immer wieder erregt auf das Blatt zurückgeworfen. Jetzt erhebt er sich jäh und sagt mit stoßendem Atem: ,, Was sind Sie für ein seltsamer Mensch! Man weiß tatsächlich kaum noch, wen man vor sich hat. Wenn es nicht wirklich erwiesen wäre, daß Sie in Hindenburgs Umgebung gelebt und die Bücher geschrieben hätten, dann würde man eben wissen, woran man 148 kome War WE > Se 5 D)[1 ij a 1 E: Ri he 1 bei Ihnen ist. Aber so? Ja, Menschenskind, wollen Sie denn die ganze Weltordnung auf den Kopf stellen?‘ Nein, das will ich nicht, ganz im Gegenteil. Die Weltordnung steht auf dem Kopf. Und die Akrobaten sind Verbrecher. Sie haben alle Dinge durcheinandergewürfelt. Ich möchte sie wieder zurechtrücken. Aber ich schweige und grüble. Barmherziger Himmel, was habe ich nur gesagt? Was ich gesagt habe, wäre ja bei einer irrenärztlichen Untersuchung so ziemlich gleichgültig, aber wie ich das Gespräch geführt habe, darauf kommt es an! So wie ich sprach, so redet. be- stimmt kein Geisteskranker. Es war nicht nur alles logisch— das kommt auch bei Gestörten vor—, sondern meine Be- hauptungen waren nicht in der Fiktion, sondern in der Wirk- lichkeit verankert. So wie ich sprach, gehöre ich nicht ins Irrenhaus, sondern vor Gericht, sogar vors Gericht der Geschichte! Das habe ich nun davon, er wird mich nicht ins Irrenhaus schicken, sondern zum Volksgerichtshof! Ich habe mutwillig verspielt, vielleicht nur in einem Anfall von dummer Eitelkeit. Aber was hilft’s, ich muß bis zum Ende kämpfen. Jetzt kämpfe ich nicht mehr um meinen Kopf, ich kämpfe für die Wahr- heit! Soll er mit mir machen, was er will, ich kämpfe endlich einmal für die Wahrheit, und wenn es mich den Kopf kostet! Der Teufel hole die Tarnung! „Wollen Sie meine Aussagen über Hindenburgs Testament nicht zu Protokoll nehmen, Herr Obermedizinalrat? Das wäre doch ein Bissen für den Volksgerichtshof! Da könnte doch der rasende Roland Freisler wieder mal Gesinnungen simulieren wie noch nie! Ja, mit einem solchen Schauspieler kann ich mich nicht messen. Der versteht sein Geschäft. Muß sich sonst so oft mit Lappalien abrackern, muß Köpfe rollen lassen, die nur ein bißchen gemeckert oder am fremden Radio genascht haben, Aber einen großen Staatsbetrug enthüllen, das ist doch eine Aufgabe, des Blutes der Edlen wert. Eine fabelhafte Tribunalszene für einen Staatskomödianten wie Freisler.. Und Sie werden als medizinischer Großinquisitor assistieren!‘ Ich habe mich in Hitze geredet und rufe mit letzter Steige- rung:„Riskieren wir mal alle unsern Kopf, Herr Ober- medizinalrat!‘ Er legt mir mit der abgeklärten Geste ärztlicher Fürsorge die Hand auf die Schulter. ‚Warum diese manische Aufregung? Lieber Herr Doktor, ich habe die Pflicht zu untersuchen, ob 149 Ihre Geisteskräfte in der Haft gelitten haben. Mehr nicht, und das genügt, ich quäle mich jetzt bald ein halbes Jahr mit Ihnen ab. Aber jetzt bin ich mir darüber klar, Ihre Geisteskräfte sind vorzüglich, Sie werden sich mit dialektischem Geschick vor dem Volksgerichtshof zu verteidigen wissen." Also doch manisch!- Ich höre es trotz meiner totalen Niederlage mit Genugtuung. Bin ich endgültig ein verlorener Mann? Mein überschwenglicher Versuch, aus dem falschen Operettenflitter eines Gerichtshofs der Gewalt das echte Drama eines Volksgerichtshofes zu machen, ist elend gescheitert. Wie konnte ich auch so was im Dritten Reich für möglich halten! Das zu wähnen, grenzt doch an Idiotie und ist mindestens Geistesschwäche. ,, Noch eine Sekunde, Herr Obermedizinalrat. Es war sehr närrisch von mir, an die echte Gerechtigkeit des Volksgerichtshofes zu appellieren. Ich sehe es ein. Es war ein manischer oder ein hysterischer Anfall, eines von beiden, Sie können entscheiden. Ich bin jetzt eben gar zu häufig durchgedreht. Das liegt an dem schlechten deutschen Klima von heute, das einen eben manisch und hysterisch macht." Ich feixe dabei wie ein Geistesschwacher, er beobachtet mich schärfer und unfreundlicher. ,, Kokettieren Sie nicht mit Ihrer Hysterie. Überlassen Sie das gefälligst den Kokotten!" - Also doch noch hysterisch. Bietet sich da ein letzter Rettungsanker? ,, Ach, helfen Sie mir doch, Herr Geheimrat, helfen Sie mir doch, ich bin so hysterisch." Das war schlecht, das war schauspielerisch miserabel und ganz einfach dumm. Ich kann heute nicht simulieren, absolut nicht. Ich bin heute ein talentloser Schmieren- Simulant. Büttenberg hat das erfaßt. Seine Blicke durchdringen mich wie Messerchen und zerren mein Inwendiges schichtweise nach außen. ,, Sie haben Ihrer Mutter erzählt, ich hielte Sie für hysterisch. Wenn ich Sie nun aber für einen Simulanten hielte!" - Ich schüttle sinnend den Kopf. ,, Simulieren ich habe schon gehört, das soll in Gefängnissen vorkommen. Wie macht man das hier, Herr Obermedizinalrat?" Was habe ich da eben gesagt? Das war wirklich zu albern. 150 ich ıch ıbe cht Ich kann nicht mehr schauspielern, ich bin total verdummt und geistesschwach. Jetzt gebe ich mir auch noch vergeblich einen grüblerisch zerfahrenen Ausdruck. Es hilft nichts mehr. Ich kann nicht. Noch einmal ruht auf mir ein schwerer, langer Prüfungs- blick. ‚Deshalb halte ich Sie doch nicht ohne weiteres für gesund. Ich werde Sie auf den Termin zum Volksgerichtshof begleiten und bei der Verhandlung feststellen, wie Sie sich be- finden. Sie ahnen vielleicht gar nicht, daß Sie manchmal wirk- lich einen recht kranken Eindruck machen.“ Wirft er dem Ertrinkenden doch noch einen Rettungsring zu? Wie soll sich der Moriturus anklammern? Büttenberg hat mir jetzt kühle Wannenbäder verordnet, da- bei soll meine ganze Körperhaut gebürstet werden. Niko und Glasauge besorgen diese kalte Abreibung. Wir beraten, was weiter zu tun sei. Ich bin mit meiner psychiatrischen Weisheit ziemlich zu Ende, vielleicht kann jetzt-nur noch ein ganz schlichter und total gesunder Menschenverstand weiterhelfen. Niko, Martin, was meint ihr? „Mensch, jetzt mach doch einmal feste in Verfolgungswahn“, schlägt Glasauge vor.„So als wollten dich dauernd tolle Hunde ins Bein ‚beißen.‘ Ich überlege und reibe planlos die Stirn. „Weißt du was?‘”Das Glasauge strahlt erleuchtet.„Du stellst das Fressen ein. Aber kein blöder Hungerstreik. Du behauptest, der ganze Fraß sei vergiftet. Jammere doch den Wachtmeistern vor, daß die Bolschewisten dir heimlich Cyankali in die Suppe schütten. Feine Sache, was? Du zauberst denen ordentlich was vor, und wir lachen uns scheckig.“ Ich überlege. Vielleicht gar nicht übel. Mit kleinen Mätzchen richte ich nichts mehr aus. Ein letzter, äußerster Versuch mit wilden Mitteln muß gewagt werden. Ultimo ratio des Irrsinns. Also hysterische Dämmerzustände, schwerer Angstwahn mit Bewußtseinstrübung, Erregungskrampf, etwa mit zuckenden Augenlidern. Später vielleicht noch das berühmte Aneinander- vorbeireden. Hm, gemacht. „Nur eines, Kinder!— Ich werde wieder durch den Hunger kolossal Gewicht verlieren.“ „Unsinn“, sagt Niko.„Wir bringen dir natürlich dein Fressen hinterher, wenn’s keiner sieht.“ „Na klar“, bekräftigt Martin.„Bei der Wachtmeister- 151 EIER a Sonne ablösung um drei Uhr bringen wir dir, was du brauchst. Außerdem kann für den Notfall etwas Freßbares unter dem Pantoffelkasten stehen." Dankbar drücke ich ihnen die Hand. Sie sind doch gute und schlaue Jungens, sie haben wirklich meinem armseligen, verfolgten Geiste auf die Sprünge geholfen. Aber heute holt mich Niko noch einmal in das Bade- und Konferenzzimmer. Jemand wünscht mich zu sprechen, bittet mich zu einer illegalen Unterredung; wer kann das sein? Der Niko tut so geheimnisvoll. Pst! Er hat meinen Namen genannt. Wahrhaftig, ich bin überrascht. ,, Mein Gott, Herr Gesandtschaftsrat!" ,, Schön guten Tag, verehrter Herr Doktor! Wie geht es Ihnen?" Vor mir steht eine große, hagere Gestalt im grauen Gefängnishemd, im Begriff, in die Badewanne zu steigen. Der kluge Adlerkopf mit den blanken. harten Augen gehört einem Manne, der auch schon seit fünfundzwanzig Jahren das politische Pflaster der Wilhelmstraße getreten hat. ,, Sie brauchen sich wirklich nicht zu wundern", fährt er fort. ,, Ich repräsentiere hier den 20. Juli. Morgen übrigens zum letzten Male. Morgen werde ich nämlich endlich auch hingerichtet. Fast fünf Monate in Fesseln, es war reichlich. Aber mal geht Gott sei dank doch alles zu Ende." So phrasenlos wie seine Worte, so unpathetisch sind seine Gesten. Er steigt gemächlich ins Badewasser und beginnt sich mit Nachdruck und sichtlichem Genuß die Arme und Schultern zu seifen. An seinen Armgelenken sehe ich die roten Druckringe der Fesselung, seine kräftige Muskulatur überwindet die Steifheit der geknechteten Glieder. ,, Eine wahre Wohltat ist das", prustet er mit schäumendem Kopf. ,, Habe mir in dem kalten Käfig noch einen elenden Rheumatismus geholt. Aber zum Abschied ließ ich mir noch Höhensonne, Massage und Wannenbad verordnen. Wollte doch wenigstens mit saubrer Schale und ohne steifes Genick in den ewigen Jagdgründen antreten.- Na, da macht man schon wieder Witze, und ich hatte mir geschworen, die Sache jetzt wirklich gebührend ernst zu nehmen." ,, Ich bewundere Ihren Stoizismus, Herr Gesandtschaftsrat." Da habe ich eine leere Gesellschaftsfloskel gesprochen, wie armselig! Aber etwas mußte ich schon sagen, und es war mir unmöglich, eine Wendung zu finden, die der Brennstärke dieser Augenblicke entsprochen hätte. 152 . fel- und VeI- tet ee „Nil admirari, ich habe mir das schon seit 1933 abgewöhnt‘, erwidert der Diplomat gelassen.„Übrigens, was machen Sie hier Gutes, mein lieber Doktor? Als ich vor einem Jahr von Ihrer Verhaftung erfuhr, da dachte ich noch: Der Schultze- Pfaelzer ist ja sein Leben lang unvorsichtig gewesen. Den hätten sie eigentlich schon viel früher schnappen müssen. So was kann dir als ausgekochtem Diplomaticus natürlich nicht passieren. Und nun haben sie mich beim Wickel, und wie!“ Er scheuert mit beiden Handflächen seinen mageren Hals. ‚War doch anständig von dem Büttenberg, mir noch Höhen- sonne und Wannenbad zu bewilligen. Ich glaube, das ist sogar gegen die hiesige Kleiderordnung. Na, wenn schon, einen letz- ten Wunsch wird der Mensch ja haben dürfen. Früher gab’s ja eine sogenannte Henkersmahlzeit. Mancher arme Sünder soll sich einen ganzen Trog mit Zwetschgenknödeln bestellt haben. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich werde erst froh sein, wenn die Geschichte vorüber ist.‘ Ich schweige, mir fällt gar nichts Passendes ein, und ich will nicht schon wieder etwas Triviales sagen. So muß er denn das Gespräch allmählich wieder aufnehmen. „Hören Sie mal, mein Bester, eine dumme Frage. Ich habe mal irgendwo gelesen, die Stricke, mit denen sie einen aufhängen, würden vorher eingeseift. Ob das stimmt?“ „Ich habe es auch mal gelesen‘, erwidere ich dumpf.„Im übrigen, was stimmt denn überhaupt noch in dieser schlimm- sten aller Welten?‘ Er bestätigt mit eifrigem Nicken.„Sie haben recht, mein Bester. Es ist alles eitel. Das steht, wenn ich nicht irre, schon in der Bibel. Na, Bibelforscher bin ich nie gewesen, und jetzt ist's für mich etwas zu spät. Ja, es ist alles eitel. Siebenund- zwanzig Jahre bin-ich Diplomat gewesen. Und was ist das Fazit? Nicht zehn Pfennig ist meine praktische Lebensarbeit wert. Siebenundzwanzig Jahre Lebensarbeit für Deutschland! — Sie kennen ja unser Auswärtiges Amt. Neben den üblichen Gesellschaftslöwen und Mittelmäßigkeiten doch viele gelehrte und sogar viele feine-Köpfe. Jedenfalls stellen wir im Durch- schnitt nicht schlechtere Könner als die alliierte Partei der victuri, der totalen Beherrscher von morgen.— Und was haben wir getan? Ich bitte Sie, was ist denn die einzige wich- tige Aufgabe jeder Außenpolitik? Sich Freunde zu schaffen, die was taugen. Alles andere ist doch nur Schaum. Wir haben 153 in dem ersten Weltkrieg die Erfahrung gemacht, daß wir uns alles leisten können, nur nicht einen Zweifrontenkrieg. Und was hat die deutsche Politik nach dieser reichlich teuren Erfahrung betrieben? Sie hat einen neuen, noch größeren Zweifrontenkrieg vorbereitet. Oder etwa nicht? Was empfiehlt dieses Gassenjungenlied, das wir als Staatshymne singen mußten: den Kampf gegen Rotfront, also gegen Moskau, und im gleichen Atemzug den Kampf gegen Reaktion, nämlich gegen London und New York. Also frischfröhlicher Zweifrontenkrieg. Dagegen war das Auswärtige Amt und überhaupt alle höhere Einsicht machtlos. Ich sterbe auf einem Scheiterhaufen meines Metiers und auf dem Trümmerfelde des Reiches. Unser Volk ist politisch talentlos, es kann nur Predigtbücher schreiben." - Er macht eine Wirkungspause. ,, Das war mein Schwanengesang. Bitte darüber keine Diskussion mehr." Dann springt er aus dem Wasser, das hinter ihm aufsprüht und zusammenschlägt wie ein Sinnbild der Ohnmacht. Wieder weiß ich nichts Angemessenes zu antworten und folge nur mit Gesten wie ein Parkettbesucher, vor dem sich eine große Welttragödie entfaltet. ,, Einige müssen schließlich als Geschichtsschreiber übrig bleiben. Genauer gesagt, als Memoirenschreiber. Schreiben Sie auf, was Sie erleben! Unsere große Geschichte zerläuft ja jetzt wie ein rohes Ei, das ein Betrunkener auf die Straße schmeißt." ,, Es ist grauenhaft", stöhne ich auf und empfinde mich im nächsten Augenblick wieder banal, als sei ich ein hysterischer Komödiant. , Wie haben Sie sich eigentlich ein Jahr lang an sämtlichen Henkersknechten des Dritten Reiches vorbeischlängeln können? Ich bin nicht neidisch. Und von morgen schweige ich wie ein Grab." Er fragt mit einer letzten beruflichen Neugier des Diplomaten, der sich pflichtgemäß für fremde Geschäftsgeheimnisse interessiert. Ungefärbt und ausführlich berichte ich von meinen manischen Kampftänzen mit Dr. Büttenberg. Der Gesandtschaftsrat hört mit dem sachlichen Ernst eines Fachmannes, der in den Künsten und Techniken der Verstellung ebenfalls Bescheid wissen muß, nachdenklich zu. Dann urteilt er langsam: ,, Dieser Büttenberg ist ein hochintelligenter Mann, der in dies psychiatrische Schachspiel gewissermaßen unglücklich verliebt ist. Sonst hätten Sie die 154 sines Jung och- | ge- J die Partie wahrscheinlich schon verloren. Denn ich kann eigent- lich nicht finden, daß Sie sich in der Stegreifkomödie mit be- sonderem Schauspielerruhm bedeckt hätten. Aber ich muß gestehen, ich hätte die Rolle nicht fünf Minuten spielen können. Man muß Phantasie dazu haben. Ich wäre zu nüchtern, zu prosaisch zum Simulanten größeren Stils. Sie aber können das. Sie sind nämlich letzten Endes Romantiker, und die können über Abgründe hinwegfliegen, während Realisten wie ich— springen müssen. Und dann springe ich häufig zu kurz.“ Inzwischen trocknet er sich sorgfältig ab und frottiert sich kräftig die Brust und die Beine. Im Türrahmen steht schon die „schwarze Pest‘ und hält die Handfesseln zum Aufstreifen und Einschnappen bereit. „Alsdann gute Nacht, mon cher frere in politicis. Ich ver- erbe Ihnen diesen fetten und wohlriechenden Seifenrest. Waschen Sie sich gut, die Welt ist schmutzig geworden. Einmal verschäumt dieses letzte Stückchen Seife auch ins Nichts, wie ich verschäumen werde. Und wir hinterlassen keine Spur. Wir alle müssen wie ein weißes Wölkchen in der Ewigkeit ver- dunsten. Aber Sie müssen noch Ihre Maske tragen, Sie roman- tischer Simulant. Dieser Ort sei Ihre Katharsis! Läuterung von allen solchen Leiden!“ Offenbar verziehe ich unbewußt das Gesicht. ‚Nur nicht weich werden‘, sagt er leichthin und setzt befehlend hinzu: „Und nun machen Sie, daß Sie in Ihre Gummizelle kommen!“ Was sich bei mir in den nächsten Tagen abspielt, ist wirk- lich ‚„‚Gummizelle“. Ich muß alle Irrenromantik realistisch übersteigern, muß exakt meine Krankheit durchhalten, nämlich den Verfolgungswahn, der sich einige Tage lang verschlimmert. Heute gibt es den beliebten„Rumfutsch‘, wie es in der Knastsprache heißt, das ist eine Rumfordsuppe aus Graupen. Als der Kessel an meiner Zelle vorrollt, halte ich die Schüssel auf dem Rücken versteckt.„Das könnte euch so passen, wenn ich mich mit dem Zeug vergiften ließe!“ „Waas?‘ glotzt die Filzlaus. ‚Sie sind auf einmal wieder durchgedreht! Waas? Schweinerei ist das!‘ Ich schimpfe halb- laut murmelnd auf die bösen Bolschewisten, die immer aus einer Gießkanne Cyankali sprühen lassen, wenn der Kalfaktor Martin bei mir auskellen will, Zwei Stunden später bringt das Glasauge meinen geheimen Rumfutsch und hält dann mit Niko leutselige Kritik. ‚Mensch, 155 DEF ETRE a u= a das hast du prima gemacht, die Filzlaus hat sich über deine Giftgeschichte hinterher noch anständig gegiftet. Und dann hat die Filzlaus noch Extrameldung an den Weißbart geschrieben." Also wird mir Dr. Wernicke bei der Visite morgen früh besondere Beachtung schenken. Darauf muß ich mich einstellen. Ich habe für ihn eine Sonder- Attraktion. In den letzten Wochen pflegte Wernicke nur ein paar Augenblicke wie ein geborstenes Säulenbild vor meiner Zellentür zu verharren und zu seufzen: ,, Der da ist auch noch immer da." Oder zur Abwechslung: ,, Werden wir denn den da überhaupt nicht los?" Hauptsache ist ja bei ihm, daß man kraftvoll und schmissig meldet. Sobald ich brülle: ,, Zelle neunundzwanzig, belegt mit einem Mann", ist er zufrieden und hat bei mir sein Tagewerk vollbracht. Einige Male wollte ich ihm freilich etwas mehr zu tun geben, denn schließlich soll jeder Gehaltsempfänger auch mal fürs Geld etwas leisten. Deshalb rief ich: ,,- belegt mit zehn Mann", was er mit der Diagnose quittierte: ,, Jetzt sieht der da alles zehnfach." Und ein andermal stach mich der Hafer, ich mußte ihn etwas neckischer zum besten halten und rief: ,, Zelle neunundzwanzig eine Frau belegt von einem Mann." Er schüttelte kummergebeugt das greise Haupt und sagte: ,, Jetzt fängt der da auch noch zu schweinigeln an." - ,, Siebenundvierzig drei null sechsundachtzig." 11 - - Was hat der da?" fragt Wernicke unwillig. ,, Herrgott, können Sie denn nicht hören, ich melde mich schon zum drittenmal. Hier ist siebenundvierzig- drei null- sechsundachtzig. Wer dort? Wenn Sie sich nicht endlich richtig melden, hänge ich ab." ,, Herr Doktor, ich glaube, der telephoniert", wirft der Herr Verwalter in schlichter Beflissenheit ein. ,, So was ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen", sagt Wernicke mit schwerem Kopfschütteln und geht. Schon am nächsten Morgen kommen die beiden wieder. ,, Hier ist siebenundvierzig drei null- drei null sechsundachtzig", rufe ich in geschäftlicher Hast. - ,, Er telephoniert schon wieder", sagt Wernicke ratlos. ,, Und es stimmt sogar", fällt der Verwalter ein. ,, Ich habe im Telephonbuch nachgesehen. Es ist seine eigene Nummer in Frohnau. 156 A g O W lu Π d d K ti K b i d a h d W e V T Z P Z hüber t. Und eißbart rüh bestellen. Augentür zu er da." rhaupt hmissig egt mit gewerk geben, al fürs it zehn ht der etwas wanzig e kumder da e mich nullrichtig er Herr ", sagt ,, Hier ufe ich ,, Und Telerohnau. Als ich dort anrief, meldete sich seine Mutter. Sie läßt ihn grüßen, und sein Vater auch." Bravo, Herr Verwalter. Sie sind ein feiner Kerl geblieben, obwohl ich bei Ihnen mit diesen neuen Touren vertragsbrüchig werden mußte. Ich darf Ihnen nicht einmal für die Übermittlung des Grußes danken. Denn ich befinde mich doch im hysterischen Dämmerzustand und verstehe Sie nicht recht-. Jedenfalls weiß ich doch nun, daß meine lieben Eltern auch die letzten schweren Luftangriffe gesund überstanden haben. Dr. Wernicke sinnt, er ist zur Säule erstarrt, er sinnt, und das fällt ihm nicht leicht. Mich dünkt, aus dem geplatzten Kapitäl seines Hirnes riesle der Alterskalk. Beginnende dementia senilis, sagt der Psychiater. 11 - Wenn dem da seine Eltern noch leben" grübelt Wernicke und richtet das gekniffene Auge auf die Geburtsdaten meines Krankenschildes- ,, dann müssen sie doch wohl beinahe- hundert Jahre alt sein." Er sieht mich fragend an, als wenn ich ihm einhelfen solle. Kopfrechnen ist nicht mehr seine starke Seite. Er rechnet immer noch, ich darf ihm leider nicht helfen, das könnte meinen Dämmerzustand stören. Nun gibt er das Nachrechnen auf. ,, Die müssen immerhin uralt sein", sagt er zum Verwalter. ,, Von denen wird er wohl den Klaps nicht geerbt haben. Na, jedenfalls melden Sie mal dem Herrn Obermedizinalrat, daß bei dem da die Telefonitis ausgebrochen ist." Gut, dann werde ich wohl noch diesen Mittag vorgeführt werden, meine mimischen und geistigen Telefonanschlüsse sind heute tadellos in Ordnung. Ich will heute auch mal ausgiebig dissimulieren, nämlich Gesundheit vorschützen, obwohl ich doch nach meinem ganzen Gebaren gar nicht gesund sein kann. Eine echte Dissimulation ist ja eigentlich angesichts meiner tatsächlichen Gesundheit gar nicht möglich, denn sie besteht darin, daß ein wirklich Kranker sich planvoll bemüht, seinen wahren Zustand zu verbergen, etwa um aus der Irrenanstalt entlassen zu werden. Kranke sind nämlich durchaus imstande, vorübergehend Gesundheit vorzutäuschen. Ein selbstbewußter Triebwille durchstößt dann also die Nebeldecke des Dämmerzustandes und führt ein Gesundheitsspielchen auf, bis der prüfende Arzt den schönen Schein durch seine Enthüllung zerreißt. Ich kann allerdings nur so tun, als ob ich dissimulierte. Also 157 muß ich gewissermaßen eine Dissimulation simulieren, eine reichlich verzwickte Angelegenheit, aber ich bin als Hysteriker auf eine fast verwirrende Vielfalt pathologischer Symptome angewiesen. Bei meiner ursprünglichen manisch- depressiven Laufbahn wäre alles leichter gewesen. Einfacher, aber auch keine Allerweltssache ist das Phänomen des ,, Vorbeiredens", in dem ich mich mit der ,, Telefonitis" versucht habe. Man verleugnet alltägliche Erfahrungen, zum Beispiel, daß man zum Telephonieren einen Telephonapparat braucht. Man handelt sinnvoll in einzelnen Gliedteilen des Denk- und Tatgeschehens, aber das Ganze stimmt nicht. Bei Antworten trifft der Vorbeiredner ein logisch richtiges Ziel, also etwa die Telephonverbindung mit einer richtigen Berliner Amtsnummer, aber die Aussagen über den Charakter seines Telephongesprächs sind irreal und schief. Diese Gedankengriffe exerziere ich also; es ist das psychiatrische Rüstzeug, mit dem ich Büttenberg entgegentrete. ,, Na, wir sind heute mal zur Abwechslung wieder verrückt?" Die Blicke des Obermedizinalrates lassen mich nicht erraten, ob er mehr auf ärztliche Fürsorge oder mehr auf ärgerliche Ironien gestimmt ist. ,, Herr Geheimrat", sage ich, denn ich gebe ihm grundsätzlich einen falschen Titel, sobald ich radikal aus der Wirklichkeit flüchte. ,, Herr Geheimrat, ich muß mich über Herrn Dr. Wernicke beklagen, er läßt mich nicht mehr telephonieren. Wenn mich meine Mutter anruft und ich mich gerade am Apparat zu melden beginne, dann trennt er mir einfach die Verbindung. Sie haben mir doch neulich bestätigt, daß ich gesund sei. Und ich fühle mich jeden Tag gesünder. Das Telephonieren strengt mich beispielsweise überhaupt nicht mehr an. Und mein Gedächtnis hat sich auch gewaltig gebessert. Ich weiß zum Beispiel wieder alle Telephonnummern von meinen Verwandten und engeren Bekannten auswendig. Meine Telephongespräche sind wirklich notwendig, um wieder die Fäden zur Außenwelt herzustellen. Und das Telephonieren erfrischt mich, man ist wieder mitten im Leben. Heute abend werde ich mir erlauben, auch Sie einmal zu Hause anzuklingeln, da haben Sie sicher mehr Zeit. Ich liebe zuweilen solche ungestörten Telephonplaudereien am Abend, wenn ich die Quasselstrippe auch nicht solange besetzt halte wie meine verstorbene Frau-" ,, Nun halten Sie aber endlich die Luft an. Ihre Frau sitzt 158 en, eine teriker me anLaufPhänoConitis" n, zum apparat en des t. Bei Ziel, erliner seines psychiückt?" rraten, erliche dsätzrklichHerrn nieren. de am ch die aß ich s Telehr an. Ich meinen TeleFäden frischt werde ingeln, solche ch die meine sitzt wie Sie im Kittchen! Das kann sich ja auf die Dauer kein Mensch anhören. Wenn Sie wirklich von Ihrer Gesundheit derart überzeugt sind, dann gehören Sie einfach ins Irrenhaus!" Ins Irrenhaus! Das ist Musik in meinen Ohren. Und Büttenberg ist schon ein ziemlich gescheiter Beobachter, er hat gemerkt, daß ich dissimuliere. Aber traut er mir zu, daß ich auch noch die Dissimulation simuliere? Jedenfalls weiter in dieser Richtung. Wie wäre es, wenn ich Büttenbergs sanitäres Haftlokal mit einem Irrenhaus verwechselte? 11 Geben Sie mir endlich schriftlich, daß ich gesund bin. Herr Geheimrat, ich lasse mich nicht länger als Geisteskranken behandeln, sonst muß ich die Hilfe des Gerichts in Anspruch nehmen. Ich habe sowieso noch auf dem Gericht zu tun, aber jetzt, wo ich wieder völlig bei Kräften bin, ist das eine Kleinigkeit. Ich bin alt genug, um mit dem Gericht allein und ohne Hilfe fertig zu werden. Also bitte, schreiben Sie mir einen Entlassungsschein, damit ich endlich dieses trübe Narrenhaus verlassen kann. Sobald ich dann meine Differenzen mit diesem sogenannten Volksgericht in Ordnung gebracht habe, trinken wir beide mal bei Kempinski eine gute Flasche." Büttenbergs Ärger schlägt in offenes Wüten um. Er haut mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, daß ihn hinterher sichtlich die Finger schmerzen. ,, Jetzt hab ich's satt. Jetzt ist's genug. Sie sollen was erleben. In den Verrücktenbunker mit Ihnen. Und dann ab ins Irrenhaus." Ich reagiere auf seinen Ausbruch mit einer Heiterkeit, die ich nicht erst zu spielen brauche, denn ich bin von Herzensgrunde auf vergnügt. ,, Also beruhigen Sie sich, Herr Obermedizinalrat, Sie sind überarbeitet und brauchen Erholung. Nehmen Sie Urlaub. Gehen Sie vierzehn Tage in den Wintersport. Aber vorher schreiben Sie meinen Entlassungsschein. In diesem Sinne Grüß Gott." Ich will gehen und wende mich schon nach einer leichten Verbeugung zur Tür. ,, Halt", ruft er knirschend hinter mir her, als wolle er, um nicht der zuletzt Besiegte sein, sich noch einmal zum Kampfe stellen. ,, Noch eins! Sie haben gestern und vorgestern behauptet, Ihr Mittagessen sei vergiftet. Eine schwere Wahnidee, in der Wiederholung schon ein kompletter Dämmerzustand. Und dabei spielen Sie gleichzeitig den Gesunden und legen sogar ein 159 - also betont optimistisches Temperament an den Tag. Bitte, wie reimt sich das zusammen? Da stimmt was nicht. Hochgradige Euphorie und Verfolgungswahn dicht nebeneinander ich lasse mir das nicht bieten." Er ist außer sich. ,, Aber Herr Obermedizinalrat, warum erregen Sie sich so? Nein, diese Nervosität, Sie müssen wirklich ausspannen." Ich spiele nicht nur den Überlegenen, ich habe wirklich die Oberhand. - ,, Ich bitte Sie um alles in der Welt", fahre ich fort, nachdem ich mich überzeugt habe, daß er vorläufig wieder entwaffnet ist ,,, was ist schon dabei? Denken Sie, jetzt, wo ich kurz vor der Entlassung stehe und guter Dinge bin, jetzt, ausgerechnet jetzt werde ich mich noch von meinen Feinden vergiften lassen? Natürlich mißgönnt man mir die Freiheit und möchte mich um die Ecke bringen, das ist nun mal in dieser bösen Welt so eingerichtet. Aber ich lasse mich dadurch in meiner guten Laune gar nicht stören. Es geht auch ein paar Tage mal ohne Mittag! Im übrigen wollte ich Sie gar nicht mit der Geschichte belästigt sehen, wer hat Ihnen überhaupt die Sache gesteckt? So ein paar lächerliche Vergiftungsversuche! Nicht der Rede wert. Und nun will ich Sie nicht länger in Anspruch nehmen. Ruhen Sie sich ordentlich aus! Vergessen Sie aber darüber nicht meine Entlassungspapiere!" Während ich schon nach dem Türdrücker greife, explodiert seine ohnmächtige Wut. ,, Ich verbitte mir das, was fällt Ihnen ein! Man sollte Leute wie Sie nicht erst noch ins Irrenhaus bringen, sondern einfach aufhängen! Was bilden Sie sich überhaupt ein! Vergiftungsversuche in meinem Lazarett, so was gibt es nicht! Sie werden essen, was man Ihnen vorsetzt. Und wenn Sie die Nahrung verweigern, werden Sie künstlich ernährt. Das ist nicht angenehm, das tut weh, aber das schadet Ihnen gar nichts- Ihnen schon gar nichts." ,, Verzeihung, Herr Obermedizinalrat", flöte ich freundlich von der Tür ,,, soll ich nun ins Irrenhaus oder soll ich aufgehängt werden? Aber schreiben Sie lieber meine Entlassungspapiere, ich habe jetzt auch genug." " Büttenberg schmettert die Fäuste auf die Schreibtischplatte: ,, Machen Sie, daß Sie rauskommen!" Nun bin ich also nach urwüchsiger Kraftsitte rausgeschmissen, leider nicht bis nach draußen vor die Anstaltstür. ,, Der telefoniert noch immer", sagt jetzt der Weißbart schon 160 reimt radige - also ch so? " Ich h die chdem affnet or der echnet giften möchte bösen meiner ge mal it der pt die suche! Ann Sie odiert Leute infach ungserden hrung angeIhnen ndlich aufungslatte: issen, schon mit einer gewissen Befriedigung; die Bestätigung seiner diagnostischen Vermutung scheint ihn unbewußt zu erfreuen. Eines Morgens war ich freilich infolge echter Kopfschmerzen unaufmerksam und vergaß, ihn mit einer Telefonnummer zu begrüßen. Wernicke wartete noch ein paar Sekunden und fragte dann verdutzt. ,, Ja, warum telefoniert der da nicht mehr?"_ Der Mensch ist ein Sklave im Trott. Weihnachten steht vor der Tür, für mich das zweite Lichtfest im Kerker, und dieses Jahr auch noch in der Krankenzelle. Voriges Jahr im Gestapo- Keller habe ich überhaupt nicht gemerkt, daß es so etwas wie eine deutsche Weihnacht gibt, ich war gefesselt und hatte um die Jahreswende wochenlang mit niemandem ein Sterbenswörtchen sprechen können. Hier in Tegel geistert durch die Adventszeit die frohe Botschaft, es würde am heiligen Abend eine große Bockwurst von echtem Pferdefleisch geben, auch soll nachmittags im Treppenhaus eine Weihnachtsandacht mit Topftanne stattfinden. In meinem Herzen weihnachtet es freilich durchaus nicht. Zunächst hat Büttenberg einen kleinen Racheakt verübt, er ließ mir die Leseerlaubnis entziehen, was bedeutet, daß ich Zeitungen nur noch illegal mit größter Verspätung bekomme. Zudem erwartet mich der Schlauch für die künstliche Ernährung, der den Schlund recht bösartig kitzeln soll. Meine Hintenrum- Versorgung wird immer schwieriger, denn der Obermedizinalrat läßt mich jetzt ständig bespitzeln; ich muß mir immer wieder Allotria ausdenken, damit die Aufpasser zu berichten haben, was es auf dem Sportfeld meiner Gehirnathletik neues gibt. Immer schwerer leide ich unter dem Mangel an frischer Luft und Bewegung, ich weiß auch niemals, was in einer Stunde mit mir geschehen wird, weiß nie, wohin der Wind der ärztlichen Launen mich wehen wird, ich bin ja nur eine verlorene Flocke im schmutzigen Schaum. Alle inneren Ordnungen sind zerstört. Und draußen vergreist ein schauriges Jahr. Sodann bedrückt mich die böse Mär von einer deutschen Offensive im Westen. Nazi- Deutschland bläst noch einmal in den Ardennen Siegesfanfaren, und hohe Beutezahlen beleben wieder die eingetrocknete Hoffnungsphantasie derer, die nicht alle werden. Gewiß, mein insgeheim noch klarer Kopf, mein ansonsten heißumstrittenes Köpfchen, läßt sich nicht täuschen: 11 Kampf 161 ' es handelt sich um eine Propagandaoffensive, einen blutigen Betrug, dem das letzte große Grauen folgen wird. Ich höre das Rosseschnauben der Geschichte durch die Fensterpappe. Noch wirkt die hitlerianische Nervensäge auf die verschleierten Gemütsfronten. Noch einmal bebt die antifaschistische Menschheit. Noch einmal wirkt das braune Wüten und kilometert Beulen in den Ring um den geschrumpften Machtraum. Die Offensive wirkt bis in unser Leidenshaus, sie macht Niko so kopfhängerisch, daß er meinen ,, Geheimfraẞ" vergiẞt. Sie wirkt auch, aller besseren Einsicht zum Trotz, auf meine eigene Stimmung, ich simuliere mir selbst den echten Wahn, ich werde irgendeiner Krankheit zum Opfer fallen. Vielleicht entsteht aus der Kratzwunde an meinem Knie eine Blutvergiftung. Vielleicht ist die Schluckbeschwerde im Halse schon das Vorzeichen einer Diphtheritis, die in voriger Woche sechs Mann auf der großen Isolierzelle hingerafft hat. Ja, man lebt nicht ungestraft sechs Monate lang als gesunder Patient im Hause des natürlichen Todes, während der unnatürliche Tod ein paar Straßen weiter wartet. Allmählich suggeriert man sich die Krankheiten der Genossen des Elends, und als Hysteriker könnte man sie sogar wirklich bekommen. - - Nur auf die Weihnachtsfeier freue ich mich geradezu kindlich. Niko und ich umkleiden den Tisch, der als Altar dienen soll, mit Kiefernzweigen, die das Christkind heimlich niederlegte. Auch ein Harmonium ist da, und ein Spieler probt an den alten Melodien herum. Auf der kleinen Weihnachtstanne stehen zwei Lichtlein, ein gelbes und ein rotes. Bei einer dämmrigen Vorfeier mit den Kalfaktoren deklamiere ich die Weihnachtsbotschaft des Lukasevangeliums in der Ursprache vor. A v ὑψίστοις Θεῷ καὶ ἐπὶ γῆς εἰρήνη ἐν ἀνθρώποις εὐδοκίας. Das Glasauge meint, mein Köpfchen sei noch verflucht auf der Höhe. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Wann wird Friede auf Erden sein? Vorläufig schwillt der Unfrieden weiter. Der Antichrist Himmler predigt Terror auf Erden. Das Blut der Gemordeten dampft um alle deutschen Horizonte. In den Vernichtungslagern vergasen sie unschuldige Menschen tagaus, tagein zu Tausenden. Aber das alles kann der Weihnachtsbotschaft nichts von ihrer ewigen Herrlichkeit rauben. ,, Schultze- Pfaelzer in die Zelle", schreit mich plötzlich die Filzlaus an. ,, Na wird's bald, was rennt der Mensch hier noch rum!" 162 igen das eiersche kiloaum. Niko eine ich entung. VorMann nicht ause paar die erindenen ederden tehen rigen chtsξα ἐν Sauge den sein? immampft vernden. S von ch die hier ,, Herr Wachtmeister, heute ist Weihnachten, und in zehn Minuten beginnt die Feier." ,, Aber nicht für Sie", schnauzt mich die Filzlaus an. ,, Schweinerei ist das! Und nun marsch in die Zelle!" Als ich zögere, gibt er mir einen Stoß und donnert hinter meinen Hacken die Eisentür zu. In meiner geschändeten Seele kocht eine unchristliche Wut empor. Mit Füßen und Fäusten poltre ich gegen die aufklirrenden Metallplatten. Ich bin nicht nur sittlich empört, ich bin auch manisch und hysterisch, ich kann mir so was leisten. Außerdem ist mir alles egal, so wütend war ich hier noch nie. ,, Schweinerei ist das!" brüllt die Filzlaus in ebenfalls gesteigertem Zorn. ,, Wenn Sie nicht auf der Stelle ruhig sind, wird Ihnen die Weihnachtsbockwurst entzogen!" ,, Was schert mich die Bockwurst", tobe ich weiter. ,, Ihre Bockwurst können Sie sich sauer kochen, raus will ich, Weihnachten will ich feiern!" Inzwischen ist der Herr Pfarrer erschienen, das Harmonium präludiert in meinen Krach mit der Filzlaus hinein. Dieser Herr Pfarrer ist zwar kein Friedensengel, aber ein höflicher Kirchenbeamter. ,, Es tut mir unendlich leid, daß ich Sie von der Weihnachtsfeier ausschließen muß. Ja, es ist mir sogar unendlich peinlich. Aber der Volksgerichtshof hat ausdrücklich befohlen, daß seine Gefangenen an der Weihnachtsfeier nicht teilnehmen dürfen." Nun gut, die Kirche wäscht ihre Hände in Unschuld. Aber sollte es dem Herrn Pfarrer nicht auch peinlich sein, den runden Parteibonbon mit dem Hakenkreuz auf dem Lutherrock zu tragen! Er will doch nicht mit jenem sogenanten Reibi, dem ,, Reichsbischof" von Hitlers Gnaden, in Wettbewerb treten mit jenem Kirchenfürsten und Nazilakaien, der als ehemaliger Divisionschristus der Palästinafront von 1917 mit dem Eisernen Halbmond auf der Brust den christlichen Altar betrat. Der Reibi hatte nämlich gar nicht bedacht, daß die arabischen Schriftzeichen auf seinem Halbmondorden eine freundliche Aufforderung des Propheten Mohammed zum Kampfe gegen die Ungläubigen enthielten. Ja, die Welt steckt voller Widersinn, und auch mit der Gottesgelahrtheit ist das eine verwickelte Sache! Lutherrock mit Hakenkreuz ist eine windige Tracht und keine feste Wehr und Waffen. Aber wenn die Nachfolge Christi so schwer ist, warum soll ich dann nicht am Weihnachtsabend den Freisler mitsamt 11° 163 seinem heidnischen Volksgerichtsladen kräftig verfluchen. Ich balle die Faust und flehe um Rache. ,, Vom Himmel hoch, da komm ich her ich bring euch gute, neue Mär", so singen sie draußen. Unsinn, denke ich ingrimmig hinter der Kerkertür, eine neue, gute Mär würde es sein, wenn eine Bombe vom Himmel hoch herunterkäme und den Mörderklub in der Bellevuestraße hinwegfegte! Noch ahne ich nicht, daß mich der Himmel in sechs Wochen erhören will. Meine unweihnachtliche Haẞstimmung hält noch an, als ich trotz meiner Unbotmäßigkeit das rosig- pralle Wurstgeschenk empfange. Aber ich mag sie nicht anrühren. Ich verschmähe Geschenke, und sogar solche aus gutem Pferdefleisch. Wir dürfen uns heute ein Stündchen länger des elektrischen Lichtes erfreuen und haben auch noch einen Liter Nachschlag Lindentee bekommen. Die Teebrühe schenkt der neue Hilfskalfaktor Mirko aus, ein serbischer Student aus Belgrad, eine schlanke Heldenfigur mit feurigen Augen und schwarzer Schmachtlocke, ein echter Balkanheld. Mirkos Glutaugen flammen Entrüstung; er erzählt, man habe ihm, während er den Teekübel holte, seine Weihnachtsbockwurst geklaut, auf die er sich als lange verhinderter Fleischesser schon so sehr gespitzt hatte. - In politischer Geberlaune überreiche ich nun Mirko die meine, und gleich ist mir wirklich weihnachtlich zu Mute. Er ist zu Tränen gerührt, umarmt mich und küßt mich nach slawischer Festsitte auf die Wange. Wahrhaftig, er duftet ein wenig nach konzentriertem Alkohol wie er das nur fertig gebracht hat! Sollte es ihm gelungen sein, an den streng behüteten Medizinschrank des Verwalters zu kommen? Aha, man hat ihm wohl die Bockwurst geraubt, während er auf der Lauer lag, um von dem Spiritus einen Weihnachtschluck zu naschen! Mirko sitzt wegen Sachbeschädigung in Untersuchungshaft, eigentlich ist er aber ein hochpolitischer Fall. Man hatte ihn vor drei Jahren, wie die meisten Belgrader Studenten, zur Zwangsarbeit nach Deutschland gelockt, und zwar mit der lügnerischen Vorspiegelung, er würde nach einem Jahr Fabrikarbeit seine Studien an einer deutschen Technischen Hochschule vollenden dürfen. Er mußte aber unter niederträchtigen Arbeitsschikanen in einem Stacheldrahtlager nördlich der Reichshauptstadt weiterfronen. Um sein elendes Dasein doch wenigstens etwas zu beflügeln, legte er sich auf die illegale Schnapsherstellung und 164 machte den heimischen Slibowitz in Ermangelung von Zwet- schengeist mit Hilfe eines Suds von Kunstpfeffer. Eines Abends, als er mit Leidenskameraden ein ansehnliches Gläschen aufs eigene Wohl geleert hatte, packten ihn die Geister des Aufruhrs, als er gerade die Potemkin-Kulisse „Schönheit der Arbeit‘‘ durchschritt, die den luftlosen Werk- behausungen als eine optisch-soziale Täuschung vorgebaut war. In der Mitte dieses gepflegten Gartenhofes breitete sich wie ein riesiger Götzenmoloch die überlebensgroße Tonbüste des Herrn Dr. Robert Ley, des obersten deutschen Sklavenhalters, aus.| In einer spontanen Eingebung warf Mirko die leere Flasche dem tönernen Moloch an den Kopf, wobei sich herausstellte, daß dieser Kopf völlig hohl und nicht einmal mehr mit leeren Versprechungen gefüllt war. Nach seiner Festnahme beteuerte Mirko, um nicht des eigenen Kopfes verlustig zu gehen, er sei betrunken gewesen und habe in dem tönernen Monument das Porträt des Fabrikbesitzers vermutet. Jawohl, er hätte gemeint, dieser Mann wäre wohl nur deshalb in der Lage gewesen, sich selber wie ein Landesfürst ein Denkmal zu setzen, weil er ent- gegen den nationalsozialistischen Wünschen so schlechte Löhne zahle. Zu dem Attentat hätte sich Mirko auch in trunkenem Zustand niemals hinreißen lassen, wenn er nicht den vermeint- lichen Kapitalisten für einen Saboteur der nationalsoziali- stischen Arbeitsordnung angesehen hätte, Der Untersuchungsrichter, erzählt Mirko weiter, hätte zwar bei diesen Beteuerungen wiederholt bedenklich den Kopf ge- schüttelt und einmal gebrummt, da hätte er sogar die Leute vom Balkan für weniger dumm gehalten. Aber dann lautete die Anklage doch nur auf Sachbeschädigung und groben Unfug. „Dem Ley, mein lieber Mirko‘, erkläre ich mit fröhlichem Lachen,„hat einer der Größten im Reiche europäischen Geistes — unser deutscher Dichter und Denker Gotthold Ephraim Lessing— bereits in genialer Vorahnung ein würdiges Denk- mal gesetzt. Niko brachte mir neulich aus den Tegeler Biblio- thekstrümmern einige Lessingbände. Da’ fand ich auch das Sinngedicht wieder, das ‚An den Ley‘ betitelt ist. Es lautet folgendermaßen: ‚Der gute Mann, den Ley beiseite hat gezogen— Was Ley ihm sagt, es ist gelogen! Wie weiß ich das?— Ich h ö r ihn freilich nicht, Allein ich seh doch, daß er spricht!‘“ ,, Brüderchen", sagt Mirko nachdenklich ,,, ich will ja gewiß kein gutes Haar an diesem Ley, an diesem Arbeiterverräter und Erzlügner lassen aber weißt du, ganz im Vertrauen, ein bißchen Schwindel muß schon sein. Wie zum Beispiel sollte ich sonster zieht verstohlen eine ehemalige Parfümflasche aus den baumwollenen Busenfalten seines weiten Lazarettchitons- ,, aber sag es niemandem weiter, auch dem Niko nicht, der ist doch hinter dem bißchen Schnaps wie ein Igel her.- Na, dann Prost, so sagt ihr doch in Deutschland!" Es ist ein ehemaliger Sechsundneunzigprozentiger, der inzwischen durch allerlei Beimischungen auch nicht edler geworden ist. Aber immerhin, es ist eine Weihnachtsüberraschung, und so behalte ich schließlich die zweite Knast- Weihnacht doch noch in gutem Andenken. Zu Neujahr erwartet mich eine noch viel schönere Überraschung. Käthe taucht wieder auf, sie steht wie eine dea ex machina mitten im Gartenhof, noch näher vor meinem Fenstergitter als damals. Nein, sie leidet wirklich an keiner Angstneurose, doch muß es eine magische Macht gewesen sein, die ihr schon wieder den dreifach versperrten Weg erschlossen hat. ,, Glückauf für das Jahr der Befreiung!" ruft sie durch die hohlen Hände, während ihr langer, grüner Schal wie die Standarte der Hoffnung im kalten Winde flattert. - ,, Käthe, Glückauf euch allen Kraft und Trost! Es lebe die Freiheit!" Ihre großen, guten Augen schimmern, sie winkt mit den beiden, in langen Jahrzehnten abgearbeiteten, treuen Händen. Diese rastlosen Hände! Meine Mutter schrieb mir, daß Käthe nicht davon abzubringen sei, jetzt Nacht für Nacht die schwere, langweilige Stanzarbeit für einen Fernschreiber zu machen, um Geld zu verdienen für mich. Denn die Nazis wollten mir doch wohl das Haus und alles Geld beschlagnahmen; wovon sollte ich also leben, wenn ich wieder rauskäme? Du braves, naives Mädchen! Wenn die Nazis weg sind und ich befreit werde, dann darf ich wieder arbeiten wie in alten Zeiten. 11 Und zum drittenmal brülle ich durch das Gitter: ,, Es lebe die Freiheit!" Mir ist, als spaltete ich mich auf im Vorgefühl der Erlösung, und während ich noch hier bin, hat mein befreiter Geist den Kerker überwunden. Im Schwung der Seele habe ich gar nicht bemerkt, daß der Kontrollbeamte vom Feiertagsdienst soeben die Kerkertür geöffnet und schon den Gummiknüppel gelockert hat. Jetzt 166. hat, den ‘zieht er sich mit den Worten;„Ach so, das ist der Verrückte!‘ entschuldigend zurück. Meine Freiheitsgöttin dort draußen scheint wieder so plötz- lich verschwunden, wie sie erschienen war. Ist ihr Bild nur eine Vision gewesen, das überreizte Neujahrs- wähnen eines hysterischen Literaten? Nicht doch, da biegt sie ja am Treibhaus um die Ecke, noch einmal winkt der grüne Hoffnungsschal. Nun weiß ich es wirklich: Das Jahr der . Befreiung bricht heute an. Ich werde nicht untergehen. Aber Gott zerstöre in diesem Jahre das Hakenkreuz, das Unglücks- kreuz, das Pestmal des Landes! Gott schickt mir jetzt die Russen zu Hilfe. Sie kommen wie biblische Rächerscharen, sie vollstrecken den Spruch gerechter Vergeltung. Endlich kommt, was ich kommen sah. Was so viele kommen sahen und doch nicht sehen wollten! Wogegen sich nur künftige Todeskandidaten auflehnten! Die Schicksalsmaschine, die Hitlers Hybris gen Osten in Gang setzte, walzt nun zu uns heran. Bei Warschau hat sie die Weichsel überquert, in meiner Geburtsstadt die Angerapp. Aus Lodz, das fünf Jahre Litzmannstadt hieß, fliehen die Deutschen in ganzen Völkerschwärmen. Das Elend der ge- hetzten Haufen, die jetzt durch den östlichen Januarsturm in den polnischen Schneewüsten westwärts zurückjagen, muß grauen- haft sein. Schreckensbilder bedrängen meine Phantasie, Mitleid be- lichtet den gräßlichen Filmstreifen, der sich in meinem Bewußt- sein abrollt. Mitleid auch mit euch, ihr mitschuldigen Opfer von heute, die ihr kein Mitleid spürtet, als die Besiegten von damals in bitterste Lebensnot kamen. Auch die Deutschen sind zuletzt nur arme, verführte Menschen, mögen sie auch zwölf Jahre lang die Humanität bespuckt haben. Wehe, ihr Unglück- lichen. Die Deutschen haben das Philosophem vom totalen Kriege, also vom Kriege gegen Schwangerschaft, Kindersingen und Greisenschwäche geprägt. Und wie furchtbar tiefsinnig ihr euch noch aufführt, wenn ihr den Mord an der Menschheit als die höchste Offenbarung geschichtlicher Ordnung gepriesen habt. Ihr schämtet euch nicht, als angebliche Geisteserben von Kant und Hegel auf die Katheder und Tribünen zu treten, um das Ethos des Galgens mit purpurnen Phrasen zu feiern.— 167 ES RITTER TER FIR mn a ee So, ihr seid unschuldig, ihr wißt von nichts? Schuldig sind wohl nur die Gauschulungsleiter, die diese bluttriefende Weltbetrachtung in die leeren Schädel trichterten. Da fällt mir gerade ein ganz kleines Erlebnis Anfang Dezember 1939 auf einem kleinen Bahnhof bei Posen ein. Ich hörte polnische Zivilgefangene in einem Güterzug lamentieren, es war gegen Abend, und es regnete trostlos. ,, Haben die Menschen da drin denn heute wenigstens schon etwas zu essen bekommen?" fragte ich eine Schwester, die gerade Bohnenkaffee für ihren Freund kochte. ,, Nein", erklärte die junge Hakenkreuzschwester patzig. ,, Und die kriegen auch nichts, heute nichts und morgen nichts." Als ich sie finster musterte, zuckte sie die Achseln und ließ sich zu einer Begründung herab. ,, C'est la guerre!" sagte sie ohne Bedauern. Es waren vielleicht die einzigen französischen Worte, die das herzlose junge Ding gewußt haben mochte. Aber da höre ich schon einen Verteidiger mit dem falschen Zungenschlag der Diktatur einwenden: was beweist denn schon das bißchen Herzensträgheit einer dummen Gans! Also dann bitte ein anderes Erlebnis, eine Woche später in Lodz, dem düsteren Hauptquartier der Webstühle. Das GrandHotel in der Petrikauer Straße hatte eine prächtige Nazi- Festkulisse vorgebaut; Baldur von Schirach war nämlich gekommen, um die angeblich volksdeutsch gesinnte Polenjugend von Lodz zu befeuern. Während ein paar Haufen halbverhungerter polnischer Bürschchen an dem fetten, selbstzufriedenen Baldur vorübermarschieren mußten und als die Vorkämpfer der künftigen ,, deutsch- europäischen Jugendgenerationen" begrüßt wurden, waren ein paar hundert widerspenstige Jungpolen, die man zum Abtransport zusammengetrieben hatte, in einem Bretterschuppen außerhalb der Stadt tatsächlich verhungert und erfroren, Ich ließ die Mitteilung nachprüfen. Und sie stimmte bis in alle haarsträubenden Einzelheiten. Sobald die Flügeltüren des Schuppens geöffnet wurden, fielen die blaugefrorenen Leichen wie verdorbene Stapelware heraus. Als ich daraufhin den Gebietsführer der Hitlerjugend, einen Studienreferendar, zur Rede stellte, war der Edelpädagoge nicht im geringsten verlegen. ,, Aber wir haben doch", lächelte er mit der verbindlichen Sicherheit eines Karrieristen ,,, mindestens zehn Millionen Polen zuviel, wir können doch eine solche 168 sind Welttmir 9 auf mische gegen schon r, die atzig. chts." ließ te sie ischen 2. Ischen schon ter in randFestmen, Lodz ischer VOIkünfWUIpolen, e, in ch rüfen. eiten. urden, Stapeleinen nicht er mit estens solche kompakte Masse nicht eindeutschen. Da müssen sie doch peu à peu verschwinden, am besten so schnell und unauffällig, wie es die Kriegsverhältnisse gestatten!" Noch nicht kleinlaut, Herr Verteidiger am falschen Ort! Sie meinen, es handle sich um einen unreifen jungen Mann, dem die Kriegspsychose in den Kopf gestiegen sei wie früher ein Bierkommers. Dann ein drittes Erlebnis, weitere acht Tage später in Warschau. Ich hatte dort eine Aussprache mit einem hohen Richter, jetzt Mitglied des obersten Feldgerichts der Besatzungsarmee. Dieser weißhaarige Herr war gewiß kein Prototyp der Nazijugend, sondern schon Richter Seiner Majestät des Königs von Preußen gewesen. Es handelte sich bei unserem Gespräch um den berüchtigten Fall Fritzsch, der damals in eingeweihten Kreisen die Gemüter bewegte. Hitler hatte während des Polenfeldzuges befohlen, den früheren Chef der Heeresleitung, Generalobersten von Fritzsch, meuchlings zu beseitigen. So sagte man. Die Einzelheiten blieben mysteriös. Nur sein Tod durch Schüsse von hinten war Tatsache. Ich hatte aus Berlin die Weisung mitbekommen, auch den Fall Fritzsch atmosphärisch noch einmal zu sichten. Als ich. an hoher kriegsgerichtlicher Stelle vorfühlte, mußte ich eigentlich damit rechnen, auf finstres Schweigen zu stoßen, aber der alte würdevolle Gerichtspräsident ließ sich mit mir in eine längere rechtsphilosophische Unterhaltung ein. ,, Nehmen wir an, der Herr von Fritzsch sei wirklich ein Blutopfer der Staatsräson geworden, ja, wäre das denn wirklich ein Grund zur Erregung? Ich weiß natürlich nicht im geringsten, was sich wirklich ereignet hat, ich möchte es auch gar nicht wissen. Aber gesetzt den Fall dann wäre doch nur ein Staatsschädling rechtzeitig gefallen. Fritzsch war der Heros der Mißvergnügten. Nun bedenken Sie, es ginge mal während des Krieges etwas schief schon wäre der Führer der Rebellion vorhanden. Bitte rein theoretisch 11 - " , Verzeihung", wende ich ein ,,, hier liegt doch nicht einmal Tatverdacht vor, überhaupt kein Anzeichen für die strafbare Handlung, überhaupt nur die theoretische Möglichkeit, die Tat könnte einmal in der Zukunft versucht werden, also nur vages Mißtrauen, und dafür den Tod?" ,, Bemühen Sie sich doch nicht um überalterte juristische Erwägungen", sagte ausgerechnet der alte Jurist, der sich als 169 junger Übernazi fühlte ,,, wir brauchen ein schöpferisches Recht, das die Ganzheit des völkischen Geschehens sieht. Im neuen Volksstaat wird es notwendig sein, auch schon diejenigen Elemente auszumerzen, die eine Disposition zum Staatsfeind in sich tragen." Und darum, Herr Verteidiger, ein Beispiel für den Naziterror aus brutalem Demonstrationswillen. Es war wieder in Lodz, und es mag wieder acht Tage später gewesen sein, als meine Dienstreise durch das eroberte Polen wieder rückwärts ging. Während ich ganz ahnungslos beim Frühstück in der Glasveranda eines Kaffeehauses saß, begann man draußen in der Mitte des großen Platzes mit einer tollen Flaggenhissung. An den Bannerquerhölzern von acht hohen Fahnenmasten wurden acht lebendige Menschen hochgezogen. Die waren an den Armen mit Stacheldraht auf das Querholz gekreuzigt, jawohl so gekreuzigt, daß die Drahtstacheln tief in ihr Fleisch einschnitten. Die acht Gekreuzigten starben erst nach einigen Stunden an den Marterhölzern vier Meter hoch über der Erde mit verzerrten Gesichtern, die nach Erschlaffen der Nacken fast bis auf die Brust herabhingen. Die acht waren Juden. Sie gehörten demselben Volke an wie ein gewisser Kruzifixus aus Nazareth. Natürlich hatten wir am Offizierstisch im Kaffeehaus die Sache nicht stillschweigend hingenommen. Wir waren sofort zum ,, Höheren SS- und Polizeiführer" von Lodz gegangen. Der höhere, hohe Herr bedauerte, uns nicht persönlich zu Diensten sein zu können, aber seine Adjutantur stünde uns mit Untersuchungen zur Verfügung. Der Adjutant war ungemein höflich -man werde ja gleich hören, was da los sei. Er ging ins Nebenzimmer, um deswegen zu telephonieren, er kam wieder, bot neue Zigaretten an und ging wieder telephonieren. Sein Gesicht hatte die nervöse Arroganz des verlegenen Frechlings. Aber dann kam er strahlend, er hatte alles aufs beste aufklären können. ,, Also die acht Juden mußten wegen Sabotage gehenkt werden, weniger wegen ihres eigenen Vergehens als wegen des allgemeinen passiven Widerstandes unter der jüdischen Bevölkerung." Die acht Juden hätten ein Arbeitskommando gebildet, das den Auftrag hatte, mit Spitzhacken den gemauerten Obelisk des ehemaligen Kosciuszko- Denkmals abzutragen. Schon in der ersten Arbeitsstunde wären drei Spitzhacken zerbrochen. Da mußte man natürlich durchgreifen, denn sonst könnte man 170 lings. - otage 15 als di elisk 7 in ‚chen. man N en erleben, daß morgen vielleicht pro Mann fünf Spitzhacken ent- zweigehen würden. Also bleibe gar nichts anderes übrig, als ein Exempel zu statuieren. „Aber warum denn kreuzigen?“ Der Adjutant weiß auch darüber gut Bescheid. ‚Was man kreuzigen nennt, ist nur eine Abart von Hängen, übrigens wegen des semitischen Beigeschmacks eine unerwünschte, da haben Sie recht. Wenn das Hängen mit Stacheldraht wie eine Kreuzigung gewirkt hat, so ist das allerdings schr wenig zweck- mäßig gewesen. Der Vollzug der Hinrichtungen ist außerdem nicht Kommandosache, sondern Exekutionssache, In dieser An- gelegenheit müßten sich die Herren an den Führer des Bereit- schaftssturmes zwo wenden.“ Am anderen Morgen mußte ich weiterfahren, nur um einen unauslöschlichen Eindruck reicher, ich habe acht Menschen den Kreuzestod sterben sehen—. Genügt Ihnen das, Herr Verteidiger? Sie meinen, der Vor- gang sei in der Tat ziemlich grausam gewesen, indessen seien die Hinrichtungen doch aus wohlerwogenen Gründen von oben her verfügt. Alles hat seine Ordnung gehabt, und der Stachel- draht war nur ein Kriegsersatz für den Strick gewesen. Draht war zweifellos billiger und leichter zu beschaffen als das teure Seilererzeugnis aus echtem Hanf. Nun, Herr Verteidiger, da Sie sich am deutschen Ordnungs- geist erwärmen, will ich Ihnen auch noch die SA-Ordnungs- polizei von Lodz vorstellen, die ich noch am gleichen Tage auf der Petrikauer Straße als Schillers segensreiche Himmelstochter walten sah. Die Stadt Lodz liegt an die beiden Seiten der einen langen Hauptstraße angeklebt, so daß die Fußgänger, oft viele Male am Tag, die Straße überschreiten mußten. An den wichtigsten Querstraßen wurden nun von der SA die Juden, die man durch große, gelbe Davidsterne auf Brust und Rücken als Verdammte kenntlich gemacht hatte, zu Haufen gestaut. Nun ertönte ein Pfiff, der Straßendamm war frei, und die Zusammengedrängten mußten von beiden Seiten aus versuchen, im Sturmschritt das andere Ufer zu erreichen. Aber sie stießen in der Mitte zusammen und begannen eine Prügelschlacht auf Tod und Leben. Sie wußten ja, was ihrer harrte, wenn sie nicht vor dem nächsten Pfiff auf der rettenden Gegenseite angelangt waren. Alle Zurückgebliebenen wurden nämlich nach dem zweiten Signal von den Wachtposten sofort mit langen Dressur- 171 RE ie. Zu u a Aa nz Er peitschen und kurzen Hetzpeitschen bearbeitet. Und konnten sich die Gestürzten und Zertretenen auch vor dem dritten Pfeifensignal nicht wieder aufraffen und den Straßendamm räumen, so wurden sie von den braunen Polizisten niedergeknallt. Natürlich durfte das arme, gelbbesternte Freiwild die Petrikauer Straße nur an diesen ,, Übergängen für Juden" überqueren. Sie hätten wahrscheinlich bald die weiteren lebensgefährlichen Versuche eingestellt, wenn es nicht von Zeit zu Zeit eine Gnadenfrist gegeben hätte, in der auch diese Unglücklichsten unter dem Himmlerschen Himmel unbehelligt blieben. So lockte man sie immer wieder zu einem Würfelspiel mit dem Schicksal. Wer in mehreren Wettkämpfen mit Geißel und Kugel Sieger blieb, möchte dieses wilde Spiel mit dem Tode noch einmal versuchen. Das Unheil hat eine verführende Fratze! Je toller sich das Glücksrad dieses Lottos dreht, desto stürmischer werden Nummern verlangt, denn jede Nummer ist eine Chance! Und die Nummern kosten nichts, sie kosten nur den Einsatz des Lebens, und was ist das Leben eines Lodzer Juden im Dezember 1939 wert! Ja, so billig konnten sie niemals an der Börse mitspielen, die kleinen und die großen Handelsmänner von Lodz! Die Sache kostet nicht mal einen halben Zloty Eintrittsgeld, und man zahlt auch keine Verkehrs- und keine Lustbarkeitssteuern. Das muß man nutzen. Gewiß, man könnte eine halbe Stunde Umweg durch den Vorort machen, man könnte überhaupt zu Hause bleiben, dann brauchte man nichts zu riskieren. Aber ein Leben ohne die Gesellschaft des Dämons ist langweilig. - - Nun, Herr Verteidiger, Sie frösteln, es läuft Ihnen kalt vom Rücken? Haben Sie sich auf der Pétrikauer Straße erkältet?- Gut, wir wollen nach Hause gehen. Meinen Sie nicht, daß Hitler doch wenigstens für blutige Zirkusspiele sorgte, wenn er schon kein Brot geben konnte? Nein, Sie wehren ab. Auch gut. Aber finden Sie nicht doch, daß die Ordnungsmänner der SA sich wenigstens im Schießen auf bewegliche Ziele üben konnten? Sie wollen nichts mehr hören? Sie werfen Ihre Papiere mit allen Nazithesen unter den Tisch! Also wollen wir für heute Schluß machen. Es ist spät und wirklich kalt. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend, und es wird in Deutschland noch viel kälter und stürmischer werden. - Als ich wieder innerlich allein bin, wandre ich noch einmal auf den eisigen Landstraßen der Erinnerung von Lodz nach Litzmannstadt und weiter von Litzmannstadt durch diesen 172 nnten Pfeiumen, Petriüberbenseit zu glückieben. el mit el und Tode ratze! stürst eine or den Juden en, die Sache man Das UmHause er ein t vom et?- , daß enn er b.- mungsegliche ? Sie ! Also Firklich wird. inmal nach diesen Januar 1945 nach Lodz zurück, wie sich die befreite Stadt seit einigen Tagen wieder nennt. Zwischen den beiden Straßenseiten der Zeitgeschichte, zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern dehnt sich die klirrende Brücke quer durch den polnischen Winter. Hunderttausende von Nazideutschen sind auf der Flucht aus Litzmannstadt, auf der Flucht vor den Rächern. Wieder bleiben die Gestürzten hilflos liegen, wenn sie das Brausen des Krieges erreicht. Sie erstarren im Schnee, sie versinken im Sumpf, sie verbluten in Trümmern. Der Ostwind peitscht um ihre erfrorenen Ohren, in ihren Adern gerinnt die Gewissensangst. Ihr habt nicht hören wollen, als man euch warnte: geht nicht nach Litzmannstadt, es ist immer noch das polnische Lodz, es gehört euch nicht. Geht nicht, sonst kommt der Pole noch nach Breslau, Aber jetzt ist es so weit, jetzt nähert sich der slawische Heerbann der schlesischen Hauptstadt. Granaten heulen um PreuBens Wiegenstädte, um Königsberg und Marienburg. Aus den Hunderttausenden, die entwurzelt im weißen Chaos treiben, sind Millionen geworden. Mit Peitschenschlag und Feuerbrand, mit Hungersqual und Seuchengift wüten die Furien der Vergeltung. Hörst du, wie schaurig sie schallen, die Posaunen des letzten Tages! Das große Weltgericht ist da! Die Fanfaren umheulen das Gitter vor meinem Pappfenster. Auch mein armes Heimatstädtchen ist untergegangen. Apokalyptische Traumschatten gespenstern um meine schlaflosen Lider. Nun reiten sie auf ehernen Rossen heran, die Legionen des Ostens, und über ihnen flattern die Wimpel neuer Ideen. Verkohlte Hakenkreuze rauchen auf den frischen Gräbern. Wie eine Opferflamme schwelt das erste Morgenrot. Wache ich, träume ich? Die Stunde blutet zwischen Traum und Tag! Wo bin ich? Ach, ich war noch einmal eingeschlafen. Niko hat mich nicht geweckt, jetzt erzählt er mir, Doktor Weißbart habe gesagt: ,, Laßt den da mal ruhig weiterpennen, dann muß er nicht immer telephonieren." Aber da schrillt schon der Fernsprecher meiner Geschicke: Der Schultze- Pfaelzer zum Herrn Obermediznalrat. ,, Na, heute machen wir aber keine Faxen!" begrüßt er mich eindeutig energiegeladen. ,, Heute müssen wir endlich fertig werden", fährt er fort, da ich undurchdringlich schweige. Also er will heute mit mir fertig werden. Die Zeitkrisis brennt auch in seinen Fingerspitzen. Wohlan, Herr Sachver173 ständiger, dann machen wir heute keine kleinen Faxen, wir machen große Schicksalsdämmerung. Zum Abschied soll Herr Büttenberg ein Dämmerspiel erleben, das ihm nicht jeder ordinäre Hysteriker zu bieten hat. Meine Sinne und Gedanken kommen soeben aus Lodz. Sie kommen von dem neuen Golgatha. Acht Juden hingen an den Kreuzeshölzern, mit Stacheldraht langsam zu Tode gemartert. Und meine Erinnerungen kommen auch vom bluttriefenden Gladiatoren- Zirkus auf der Petrikauer Straße, wo sich die Ausgestoßenen der Ara Hitler freiwillig in den Kampf stürzten, um dem Übermut der Herrschenden ein erregendes Schauspiel zu bieten. Morituri te salutant! Schon blendet neue Zeitgeschichte auf: Die morituri von gestern sind victuri geworden, Moskau ante portas. Die Fülle der Gesichte brennt in mir. Wache ich, träume ich? Ach, ich bin wohl noch immer nicht wach, meine Seele schwimmt im Blutsee der Geschichte. Heute finde ich's zum ersten Male kalt, bitterkalt in Dr. Büttenbergs großem Ärztezimmer. Aus Oberschlesien kommen keine Kohlen mehr, der Iwan hat die Gruben besetzt. Ich sehe, Sie reiben sich die frostigen- Finger, Herr Obermedizinalrat. Bald gibt es auch in Berlin Kehraus. Das Spiel geht zu Ende, geben Sie es auf. Jetzt beobachten wir nur noch die Weltgeschichte. Die ganze Welt ist lazarettbedürftig geworden. Aber Büttenberg tut, als merke er nichts. ,, Wo haben Sie eigentlich Ihre Gedanken?" fährt er mich an. ,, Meine Gedanken weilen noch auf Golgatha". Ich spreche mystisch und erschüttert und lasse die Augen geschlossen. ,, Auf dem neuen Golgatha in Lodz.- Die acht gekreuzigten Juden lassen mir keine Ruhe mehr. Heilig sei der Stacheldraht, mit dem sie ans Kreuz gefesselt wurden." - ,, Da hört sich doch alles auf", braust Dr. Büttenberg los. ,, Jetzt wollen Sie auch noch auf die religiöse Tour." - Nun reiße ich die Augen auf und lasse sie flackern. ,, Die Gedanken wandern weiter in die Weltlichkeit, sie wandern von Golgatha nach Rom, in den Zirkus. In Lodz macht die Entfernung keine tausend Schritte. Schon stehen wir am Circus maximus, und drunten in der Arena kämpfen die Verdammten um ihr Leben. Von Nero zu Hitler ist nur ein Schritt. Zirkus, Zirkus überall! Da wälzen sie sich schon im Blut. Ave, Caesar! Ave! Aber sie künden sich heute schon als victuri an. - A 174 Der Obermedizinalrat ist außer sich, er schleudert die Papiere vom Tisch und rast, als warte auf ihn selbst schon eine stille Gummizelle. ‚Im Irrenhaus wird es Ihnen auch nicht besser gehen als beim Volksgericht!“ Ich warte den Hinauswurf nicht ab, sondern gehe schon selber. Aber aus dem Türrahmen rufe ich noch zurück:„Das Volksgericht ist tot, es lebe das Weltgericht!“ Auf das Rasen der Historie folgt die kleine, dunkle Stille im Gefängnislazarett. Die Zeit hält den Atem an, Golgatha liegt hinter einer Nebelwand. „Der Schultze-Pfaelzer kommt auch bald auf den letzten Transport“, hat die„schwarze Pest“ zu Niko geflüstert. Letzter Transport? Das klingt nicht gut, das riecht mir viel zu sehr nach„schwarzer Pest‘. Doch zunächst bekomme ich Besuch, der Anwalt ist wieder da. Er begrüßt mich mit einer Miene, als wolle er mir zu meinem eigenen Ableben kondolieren.„Sie wer- den nun also doch fortgebracht. In welche Anstalt, steht noch nicht fest.— Ich fürchte, der Obermedizinalrat hält Sie jetzt für unheilbar.‘ „Großartig!‘‘ Ich reibe mir die Hände.„Dann kann ich also in einem stillen Anstaltswinkel ungestört das Ende des Krieges abwarten, etwa nach dem Horazschen Motto: Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!“ „Wo denken Sie hin‘, sagt der Anwalt bekümmert,„In einem haben Sie recht, der Orbis wird tatsächlich bald nur noch aus Ruinen bestehen. Und Sie scheinen noch immer den Kopf recht hoch zu tragen. Aber Ihre Lage ist ernster, als Sie meinen. Wenn Sie nach sechsmonatiger Lazarettbeobachtung als unheil- barer Fall ins Irrenhaus eingeliefert werden— so wird man Sie— hm— hm— wahrscheinlich bald liquidieren— hm— hm— durch eine Injektion beseitigen. Es besteht die Anweisung vom Reichsgesundheitsführer— „Reichsgesundheitsführer‘, falle ich höhnend ein.„Reichs- gesundheitsführer ist fast so schön wie Reichsbräuteschule.“ „Ach Gott, was nützt uns schon das Mokieren.‘‘ Der Anwalt sieht mich mit Betrübnis an. ‚Vielleicht— daß ich Ihnen noch etwas raten könnte, Ich glaube ja eigentlich nicht, daß die Ärzte Sie gleich in den ersten Wochen töten werden. Wenn Sie sich also dort nach einiger Zeit bequemen wollten, wieder geistig gesund zu erscheinen, so könnten Sie immerhin noch einmal Zeit gewinnen. Sonst sind Sie unweigerlich verloren.‘ 175 Wieder blinzle ich ihn ironisch an. ,, Ja, was man von mir so alles verlangt, Herr Rechtsanwalt! Da soll ich mich einfach dazu bequemen, wieder gesund zu sein? Glauben Sie denn, das sei alles so leicht? Glauben Sie, ich brauche mich nur zu bequemen, heute verrückt und morgen normal zu sein?" ,, Herr Doktor," sagt er mit traurigem Ernst ,,, es ist für uns alle sehr schwer. Als Anwalt habe ich die Aufgabe, Ihnen nach besten Kräften Beistand zu leisten, ohne mich mitschuldig zu machen. Ich erlebe Sie als einen geistig gesunden Menschen. Gleichzeitig will Sie der psychiatrische Sachverständige der Berliner Gerichte für unheilbar geisteskrankerklären. Darüber eigene Kombinationen zu äußern, gehört nicht zu meinen Pflichten. Ich erwäge lediglich die günstige Möglichkeit, die sich aus der einzigartigen Entwicklung Ihres Falles ergibt." ,, Verlassen Sie sich darauf, ich werde mich in jedem Ernstfall zu allem bequemen, was nötig ist. Ich werde auch im Irrenhaus aufpassen und mein bißchen Scharfsinn zusammennehmen. Nun erzählen Sie mir aber bitte, wie es draußen steht. Sehr lange kann der böse Zauber doch nicht mehr dauern." Er sieht mich sorgenvoll an. ,, Böser Zauber! Verehrter, man muß jetzt vorsichtig sein.- Ach so, pardon, ich vergaß es ganz, Sie haben ja Redefreiheit, Sie sind unheilbar und direkt zu beneiden. Wir andern Sterblichen müssen den Mund halten. Ach ja, der böse Zauber dieser letzten Wochen- ich wage einmal Ihr Wort zu wiederholen hat mir übel mitgespielt. Ich hatte meine Frau in Litzmannstadt in Sicherheit gebracht-" Ich springe auf und starre ihn mit geweiteten Augen an. Und diesen psychischen Schreck habe ich nicht wie sonst gespielt, sondern ohne Regie bekommen. - ,, In Litzmannstadt in Sicherheit gebracht?" stammle ich erschrocken nach. ,, Ausgerechnet in Litzmannstadt? In Lodz?" ,, Ja, warum denn nicht?" fragt er betroffen. ,, Litzmannstadt galt als ziemlich bombensicher, außerdem war die Ernährung dort besser." ,, Um Gotteswillen, Herr Rechtsanwalt." Ich bin noch halb betäubt und weiß nicht recht, weshalb ich das eigentlich sage. ,, In Litzmannstadt, in Lodz, werden jetzt vielleicht die Deutschen gekreuzigt wie damals die Juden- Ich breche ab und möchte die Worte in mich zurücksaugen. Aber dann erzähle ich ihm das Inferno, von Lodz, das sich vor einem Lustrum begab. 176 on mir infach n, das zu beür uns n nach chuldig Menrstänk ergehört ünstige Ihres nstfall enhaus ehmen. Sehr ehrter, gaß es direkt halten. ge einelt. Ich 11 cht n. Und espielt, mle ich Lodz?" nnstadt ährung ch halb hsage. Deutsaugen. ich vor ,, Entsetzlich", stöhnt er. ,, Unser armes, deutsches Volk hat sich dem Teufel verschrieben. Und meine Frau befindet sich auch in diesem furchtbaren Mahlstrom der Vergeltung. Es ist ja so schwer, das allgemeine Schicksal zu begreifen, man bleibt gewöhnlich in seinen privaten Nöten stecken, ich jetzt auch." ,, Völker werden leichter wahnsinnig als Individuen", philosophiere ich, weil mir nichts Besseres einfällt. ,, Aber Völker werden auch leichter wieder gesund." Es ist ein billiges Philosophieren, das ihn nicht trösten kann. Wir sitzen da und schweigen verständnisvoll. Wie wohl mir das tut, mit einem klugen, anständigen Normalmenschen ohne Aufpasser und ohne Tarnung in dialektischer Gemeinschaft zu sein. ,, Sie wissen natürlich nicht, daß man die Russen übermorgen vor Küstrin erwartet?" Er spricht jetzt endlich etwas aus, was schon eine Weile in ihm gewühlt hat. Als ,, Mann von draußen" erlebt er das Auf und Ab der Gespräche längst nicht so intensiv wie der Gefangene, für den ein Gespräch den elementaren Kontakt mit der Welt bedeutet. ,, Darauf kommt es nicht mehr an, auch Küstrin wird fallen", sage ich selbstsicher. ,, Der Osten marschiert. Als die Russen vor zwei Jahrhunderten die Oderlinie niederkämpften, war der Osten nicht am Zuge. Hitler beschwört vergeblich das friderizianische Zeitalter, die Russen werden diesesmal nicht kehrt marsch befehlen. Friedrich der Große war nur ein Glanzprodukt aus dem Jahrhundert der Kabinettskriege. Damals bediente sich der Weltgeist der Geschichte monarchischer Frühstückslaunen, heute sind die Völker Funktionäre der entscheidenden Gesellschaftskämpfe." ,, Teufel auch, Sie legen ja ordentlich los!" ,, Wir wollen wieder stoppen, Herr Rechtsanwalt. Sonst überwältigt uns noch das neue Riesentempo der Zeitgeschichte. Seit ich wegen totaler Geistesstörung keine Zeitungen mehr bekomme, schreibt mein Gehirn die fabelhaftesten Leitartikel. Man sollte den Journalisten immer mal für eine Weile die Gazetten entziehen. Wir Zeitungsmenschen ohne Zeitung, das ist ein phantastischer Zustand auch Raffael hätte ohne Arme und Pinsel wahrscheinlich weniger himmelblau gemalt." ,, Aber ich bitte Sie, Herr Doktor", lächelt der Anwalt verlegen ,,, Sie dürfen sich meinetwegen nicht derart in geistige Unkosten stürzen." ,, Aber wir alle werden uns in moralische Unkosten stürzen 12 Kampf 177 müssen, wenn die Zeit des Wahns vorüber ist." Ich bin ganz plötzlich aus der Ironie in die heilige Selbstanklage hinübergewechselt. ,, Ein Stückchen Hitler wütet in uns allen. Der Faschismus ist auch eine allgemeine, zeitgenössische Krankheit, von der sich keiner ausnehmen kann. Hitler ist die Verkörperung eines ganzen Zeitalters, das mit manischer Überheblichkeit, mit krankhafter Selbstanbetung geschlagen ist. Und wenn ich hier verrückt spiele, so tue ich vielleicht gar nichts anderes, als daß ich Hitler parodistisch überhitlere. Weil ich den Wahn mit einem Überwahn beantworte, konnte ich mich wohl nur der bösen Absichten meiner Hitler- Schergen erwehren. Wenn ich noch einmal die Freiheit wiedersehe, dann wird Hitler nicht mehr sein. Und darum frage ich schon heute: wer war er? Hier hatte ein bornierter Mensch ohne Einsicht und ohne Güte das buchstäblich und bedingungslos verwirklichen wollen, was alle andern nur als geistige Versuchung erlebt hatten. Hitler ist also kein Ausnahmefall, sondern ein überdeutliches totales Symptom. Wenn wir Hitler wirklich überwinden wollen, müssen wir den bösen Wahn überwinden, der nicht den Übermenschen, sondern nur das Übertier, die Raubbestie schuf. Also schlicht gesagt, wir müssen aufhören, das Bestialische zu bewundern, wir müssen innerlich umkehren. Wer sich einfach dahin ausreden will, ihn betreffe das alles nicht, der behält Hitler immer noch in seinem Blut." Der Anwalt war wie ein Angeklagter zusammengesunken. Jetzt richtet er sich sinnend wieder auf. ,, Sie sprechen aus der Tiefenperspektive Ihrer furchtbaren Erlebnisse. Wir in unserer dürftigen Freiheit bohren nicht so heftig hinter die Wand der Erscheinungen. Aber Sie haben recht. Ohne den Willen zur Läuterung hilft es uns nichts, von dieser Zeit erlöst zu sein. Sie, Herr Doktor, haben jetzt eben das große Geständnis abgelegt. Sie wissen, ein Geständnis gehört zu jedem großen Fall. Vor Freisler hatten Sie nichts zu gestehen. Jeder muß sich einmal offenbaren, sei's in seinem Willen zur Güte oder zur Niedertracht. Wir brauchen die Beichte, und das Volk muẞ dabei gleichzeitig Beichtkind und Beichtiger sein. Diese Beichte ist eine sozialhygienische Notwendigkeit, ein säkularisiertes Sakrament der Nation. Ich werde heute nacht noch schlechter schlafen als sonst. Aber um Gotteswillen, die Sprechzeit ist längst vorbei." Der Anwalt springt auf und schüttelt mir die Hände. - ,, Entschuldigen Sie, Herr Rechtsanwalt", versuche ich zu 178 in ganz inübern. Der ankheit, rkörpelichkeit, wenn ich eres, als ahn mit mur der enn ich er nicht war er? ne Güte en, was - Hitler totales müssen enschen, schlicht undern, in ausHitler sunken. aus der unserer and der len zur zu sein. nis aben Fall sich einder zur lk muß Beichte risiertes chlechter zeit ist celt mir ich zu lächeln ,,, wenn ich mit einer groben Bürste an unsern Wunden gescheuert habe." Er hält noch immer meine Hände und lächelt verstehend zurück. ,, Und nun glückauf für Ihre Fahrt ins Irrenhaus!" ,, Sie haben schon von mir gelernt, Herr Rechtsanwalt. Glückauf für die Fahrt ins Irrenhaus! Hahaha! So könnte ich mich ausgedrückt haben. Bravo! Wenn Sie das zu einem normalen Menschen sagen, hält er Sie glatt für verrückt." ,, Ja, wahrhaftig, wir müssen alle durch den Wahn hindurch! Aber jetzt muß ich wirklich gehen! Sie werden ja den Kopf auch weiterhin hoch tragen, Herr Doktor. Hoffentlich bleibt er fest genug dazu." In der nächsten Woche gibt es nur gesteigertes Nocturno der Luftangriffe. Auf dem Schlachtfeld des Wahnsinns nichts Neues. Dann stößt der Niko plötzlich so wild die Tür auf, als wolle er mich aus einem brennenden Gebäude retten., Weißt du schon, der Stalin ist gefangen. In der großen Kesselschlacht bei Küstrin. Mit dem Stalin sind drei Millionen Russen geschnappt." 11 ,, Niko, Mensch, halt die Luft an. Das ist der größte Tatareneinfall der Nazipropaganda. Aber schon ein äußerst schwindsüchtiges Rennen! Wer hat den Irrsinn verzapft?" ,, Ein Wachtmeister hat die Nachricht von der Ortsgruppe mitgebracht. Jetzt stehen sie alle rum und können vor Aufregung kaum reden. Einer meinte, Hitler werde den Stalin vielleicht persönlich im Lustgarten hinrichten." ,, Und solche Idioten wollen nun einen Stalin greifen und selbst die Welt verändern?" schreie ich in manischer Entrüstung. Am nächsten Morgen kommt Niko erleichtert wieder. ,, Du hast recht gehabt. Es ist alles Unsinn gewesen. Die Deutschen gehen sogar noch weiter zurück. Bei Küstrin und Frankfurt wird schon um die Oderbrücken gekämpft. Es wimmelt in Berlin von Flüchtlingen aus der Mark und aus der Lausitz. Auf den zerbombten Berliner Bahnhöfen soll es ganz fürchterlich hergehen. Und dann etwas ganz Schreckliches!" ,, Was denn, was ist denn heute so besonders schrecklich?" ,, Den kleinen Kindern", sagt der gutherzige Niko mit feuchten Augenwinkeln ,,, sind die Hände abgefroren. In offenen Güterwagen wurden sie durch die fressende Februarkälte trans12° 179 portiert. Über hundert solcher Kleinerchen kamen gestern hier in Tegel ins Kinderheim, immer zu sechsen in ein Bett. Und viele Händchen sollen überhaupt schon ganz schwarz geworden sein." Sie büßen für die Sünden der Väter, geht es mir schwarz durch den Kopf den stabilen Kopf, den Kampfpreis für sechs Monate Schattenschlacht des Geistes. Via mala von Lodz nach Berlin, jüngste Etappenstraße menschlicher Leiden nach menschlicher Schuld. Mein nächstes Nocturno durchwogt ein eisiger Traum. Mich fröstelt, mein Kopf erfriert. Er erfriert so heftig, daß er amputiert werden muß. Merkwürdigerweise tut das gar nicht weh. Es ist nur etwas unbequem, ohne Kopf daliegen zu müssen und zu sehen, wie der selbständig gewordene Kopf sich entfärbt und sich in schimmernder Helle aus der Dunkelheit hebt. Ist er jetzt aus Schnee, oder hat er sich in Gips verwandelt? Ich möchte nachfühlen, aber ich kann ihn nicht anfassen, denn meine Hände sind steif und an den Rumpf gefesselt. Jetzt rollt der weiße Kopf die Wand hinauf, jetzt schwebt er frei im bläulichen Dämmer des Raumes, jetzt steht er auf einem hohen Modelliertisch und hat einen dünnen Eisenhals. Er ist jetzt in graugrüne Erde zurückverwest, wahrhaftig, das ist ja das Tonmodell im Atelier am Kurfürstendamm, und die schlanken Finger der Künstlerin kneten dran. Wieviel Jahrmillionen ist das her? Träume ich noch oder wache ich schon wieder? Wo ist mein Kopf? Gottseidank, da ist er, er sitzt wie gewöhnlich auf meinen Schultern. Aber keine Frauenhand streichelt ihn. Inzwischen identifiziere ich auch den zweiten Kopf meines Traums. Der Bronzeguß steht auf poliertem Granitsockel im Boudoir meiner Frau in unsrem Hause in Frohnau. Der weiße Gipsguß, der durch den Traum gespensterte, steht bei Ursula in Wernigerode. Eine Zeitlang stand er Unter den Linden in der Akademie der Künste. Damals war darunter zu lesen: Dorothea Charoll, Büste eines Berliner Chefredakteurs.' Heute könnte Iman darunterschreiben: Kopf eines Sechsmonats- Simulanten. Hoffentlich hat der Frohnauer Kopf inzwischen keinen Bombenvolltreffer gekriegt. Splitter würden ihm wenig machen. Hoffen wir, daß er nicht wegen seines Metallwerts geklaut ist. Er muß doch an Stelle des vorläufig verhinderten Hausherrn die Russen als Befreier in Berlin begrüßen. Ich fasse mir noch einmal an den Kopf. Das ist ja zum 180 n hier Und geworchwarz sechs z nach menschMich amput weh. en und mtfärbt bt. Ist t? Ich denn webt er f einem haftig, m, und Jahrst mein ich auf 1, meines kel im weiße sula in in der orothea könnte anten. keinen machen. aut ist. errn die ja zum Wahnsinnigwerden, diese Hetzjagd der Erinnerungen. Ich muß hier raus. Wer pocht da? Wer läßt den Schlüssel kreischen? Draußen liegt schwarze Nacht. ,, Schweinerei ist das!" Also ist das die Filzlaus. ,, Schweinerei ist das!" Was ist denn überhaupt los? Um diese Zeit? Es muß gegen Morgen sein. ,, Hallo!" ,, Schweinerei ist das!" Der elektrische Lichtstrahl blendet mit weißer Nadel, jetzt sehe ich endlich meine ,, Schweinerei". Ich habe die Verdunklungspappe, die der übliche Luftangriff gestern abend umwarf, nicht wieder aufgerichtet. Also raus aus dem Bett. ,, Sofort fertigmachen zum Transport", befiehlt die Filzlaus. Und hinter der Filzlaus steht schon die schwarze Pest", sie grinst mich an wie ein advocatus diaboli und singt in ihrem schönsten Heldenbaß: ,, Uff Transpooort, uff Trans- poooort!" ,, Was ist denn los? Wer telephoniert denn da schon wieder?" frage ich wie üblich in gespielter Verwirrung. ,, Vielleicht looft ihr och direktemang den Bolschewisten in die Arme. Die vastähn sich och uff'n letzten Transport." Mir zittern doch ein wenig die Hände, als ich eilig in die Hosen fahre. Wohin geht der letzte Transport? Nach welchem neuen Golgatha? 181 Höllenfahrt zu Wasser und zu Lande Sechs Monate und sieben Tage hatte ich in der essigsauren Schwüle des Tegeler Gefängnislazarettes gelegen, ein freiwilliger Kranker, denn gesund zu sein, von amtswegen gesund zu sein, bedeutete für mich den sichern Tod. Nun stand ich leicht schwankend im Winde des Februarmorgens; der Himmel wischte mir mit blauen und grauen Tüchern die Stirn. War das Gefüge meiner Gedanken noch festgebaut wie die Knochenwand über der Schläfe? Meine Finger spielten immer wieder mit der goldenen Uhr in der Rocktasche. Sie tickte, sie zeigte 8 Uhr morgens, ich hatte sie nach einer Anstaltsuhr gestellt. Gerade vor einer Stunde hatte ich sie zurück bekommen, es gab wieder winderfüllten Raum und tickende Zeit. Es gab sogar einen Sekundenzeiger! Wie der sich beeilen mußte, um nicht den Anschluß an die Weltordnung zu verlieren! In den Eiskellern des Sicherheits- Hauptamtes, in den Wanzenbrutstätten der unergründlich verschmutzten Lehrterstraße schufen nur Kälte und Hitze, Qual und Wut einen Pendelschlag zwischen gestern und morgen. ,, In drei Gliedern antreten!" Mein Gott, ich war wieder Mann in einer Masse, ein Gefangener zwar und einer aus dem Abschaum der Gemeinschaft, einer, der nicht einmal Herrn Hitler Heil wünschen darf. Aber ich bin doch wenigstens als Verbrecher ein Mann, der ernst genommen wird, der immerhin das Recht hat, von den Beamten des Großdeutschen Reiches mißhandelt zu werden. Ein halbes Jahr und länger war ich nur ein Narr der Gerichtsmedizin, ein lebender Lazarettkadaver mit einem scheinbar zerbrochenen Geistes- Uhrwerk im Schädel. ,, Na, woll'n Se mal Ihre Lumpen festhalten, Sie blöder Opapa!", raunzt es aus einer schiefen Wachtmeister- Visage. Mein Kleiderbündel ist aufgelockert, ein Strumpf hat sich im Straßenkot selbständig gemacht, sinnlos quellen die Krawatten und manche andre Überflüssigkeit. Mich läßt es gleichgültig, denn meine Augen haben drüben an der Straße ein Kind er182 gsauren freigesund ebruargrauen en noch Meine in der atte sie He hatte Raum ! Wie Welt-Hauptchmutzal und wieder us dem Herrn tens als mmerhin Reiches ich nur aver mit ädel. blöder Visage. sich im awatten chgültig, Kind erspäht, ein unschuldiges Kind, es weiß noch nichts vom bösen Nazikrieg, hält wohl die Bomben für Naturgewitter. Ein reines Kind trippelt über die sündige Erde; mir ist feierlich und einen Augenblick fast rührselig zumute, ich sah so lange kein Kind! Stinkend und ächzend springt ein schlecht gespeister Motor an, der Lastwagen wackelt, als wolle er bald in sich zerfallen. ,, Rauf mit euch", brüllt die Schergenstimme. ,, Wer sich auch bloß einmal umdreht, wird sofort erschossen." Wir rücken zusammen wie Fischkonserven, schauen einander forschend in die hohlwangigen, unrasierten Gesichter. " 1 , Wo soll das hingehen?" Achselzucken. Einer will natürlich wie immer über alles Bescheid wissen. ,, Berlin wird geräumt. Die Russen sind im Anmarsch. Wir sollen bei Straußberg Panzersperren bauen." Unsicheres Kopfschütteln. ,, Du auch politisch?" ,, Aber Kinder, da scheinen wir hier - ,, Du auch Volksgericht?"- ,, Na ja alle politisch zu sein!"- klar, Volksgericht! Sogar erster Senat!" ,, Dann hat dich wohl auch der Freisler in der Mache?" - ,, Hatte, willst du wohl sagen, der Bluthund beißt nicht mehr." ,, Nanu, ist Freisler denn inzwischen selbst verschütt gegangen?"- ,, Der läßt keinen mehr hängen und köpfen. Vor vier Tagen, am 3. Februar, am vorigen Sonnabend also, bei dem großen Tagesangriff auf Berlin, ist der Herr Präsident samt seinem Mordladen total zerbombt. Der Freisler soll wie eine Fackel gebrannt haben! Ein Inspektor der Bellevuestraße hat es gleich mittags einem Anwalt erzählt." Grabesstille, auch der Atem schweigt. Wir fühlen uns als Ohrenzeugen des Schicksals. Freisler's Ende ist ein Gottessignal. Der Lastwagen schlingert in den notdürftig zugeschütteten Bombenlöchern der Straße, wir purzeln durcheinander, es ist, als schaukeln wir in den großen Kurven des Geschehens. In meinem wachen Gehirn rotiert ein bißchen Geschichtsphilosophie. Die großen forensischen Henkersknechte der Weltgeschichte sind niemals alt geworden. Freisler war Hitlers böser Schatten. Wann holt die Hölle den Unmenschen? ,, Hast du ein Stück Zeitungspapier? Ich hab' trockne Kartoffelschalen."- ,, Mensch, ick denke, mit dem Roochen warten wir, bis wir uns det Massenjrab jeschaufelt haben." ,, Wat denn! Wat denn!" ,, Na Mensch, denkste, die werden uns leben lassen? Den Russen ausliefern? Gekillt werden wir! Ja, wir sind nur ausgesuchte Politische beim Transport. Hochverrat usw. Tja, wenn 183 wir wie im Gefängnis in der Mehrzahl Kriminelle wären! Vor Kriminellen fürchtet sich der Hitler nicht. Die ältesten Parteigenossen waren doch gelernte Langfinger und Homosexuelle." Wir halten mit jähem Ruck in einem verwüsteten Gelände. Chaos in allen drei Dimensionen. Es ist eine gründlich desorganisierte Gegend, gewissermaßen eine neue totale Raumlosigkeit. In der Höhendimension wird die Zerstörung durch verbogene Hebekräne repräsentiert. Dies war einmal der Berliner Westhafen. Der Zufall will es, daß ich ihn vor zwanzig Jahren mit eingeweiht habe. Die Seidenröhren der Festteilnehmer funkelten mit den Aufstiegs- Parolen um die Wette. Dann frühstückten wir Caviarbrötchen mit einem Glas Sherry. Jetzt fällt mir ein, daß ich meine Morgen- Kuhle im Eifer des Aufbruchs ungegessen und unverhökert in der Tegeler Lazarettzelle gelassen habe. Welch ein Leichtsinn! Vor uns stolziert in nervösen Schritten ein Herr im Jägerhütchen mit hohem weißen Stehkragen und blanker Aktentasche. Die Lippe ziert ein struppiges Führerbärtchen, auf der Mantelklappe leuchten die Abzeichen der N.S.- Gesinnungsindustrie. Es soll ein Staatsanwalt oder ein noch höheres Staatstier sein. Zuweilen späht er in die Tiefe des Gewässers, in der einige Kohlenkähne schlummern. Eine winterliche Wasserpartie auf den Havelseen? In einem Schlepper hämmern Dieselkräfte. Wohin? Wohin? Aus hellgrauen Nebeln quillt ein schmaler, langer Menschenzug, die Reihen wirken seltsam verkrampft. Welch gespenstischer Pilgerchor! Frauen sind es, zu zweien an je einem Handgelenk durch die Stahlfessel zusammengespannt. Alle Lebensalter vom Mädel bis zur Greisin, Blondzöpfe und weiße Strähnen, bilden Glieder an einer Leidenskette. ,, Unsere Damen!" ruft winkend mein Nachbar. ,, Die Damen vom Volksgerichtshof." Hat man sie tatsächlich aus dem Frauengefängnis in der Barnimstraße gefesselt in Marsch gesetzt? Es ist, wie sie später erzählen, kein Propagandamarsch für das Goebbels- Berlin gewesen; dem volks- und zeitgenössischen Publikum war ziemlich unheimlich zumute. Sollen wir die Kahnfahrt in Damenbegleitung machen? Auch die Meinige müßte darunter sein! Seit wir uns vor acht Monaten auf der Fahrt zum Volksgerichtshof in dem sommerglühenden, rollenden Käfig wiedertrafen, haben wir nichts Sicheres voneinander gehört. Man hat meiner Frau erzählt das erfuhr ich durch Andeutungen in den Sprechstunden- ich sei ein 184 - ! Vor artei- telle,“ lände, indlich Raum- durch T Ber- wanzig stteil- Wette. herry. er des zarett- Jäger- tasche. lantel- ustrie. T sein. einige ie auf ‚rate, schen- pensti-- Hand- ebens- weiße )amen ;. dem ch ge- marsch mössl- ’ Auch onaten enden, ; vol- erfuhr “om sei ein wenig durchgedreht, durch Haftpsychose etwas meschugge ge- worden, nicht gerade arg, aber doch immerhin so durchein- ander, daß man mich einem hohen Senat eben bis auf weiteres nicht vorzeigen könne. Hält sie mich nun wirklich für verrückt? Welche Sorgen, welche Hoffnungen macht sie sich? Sie ist's! Da steht sie! Wie ein gerupfter Vogel! Wie zausten Monde der Not an ihrem Habitus! Ihr Bisampelz sträubt sich in grotesken farblosen Stacheln. Auf die Stirn fällt die Haar- welle grau, die ich am letzten Freiheitstage noch blond wie Haselnüsse kannte, Jetzt versucht sie mir zuzulachen! Mein Gott, eine breite dunkle Lücke am Mund, zwei Vorderzähne_ fehlen, sind auf dem Schlachtfelde der Konzentration und der Gefängnisse geblieben! Ich lächle so geistesklar, wie ich kann, meine grüßende Erwiderung. ‚Hier jibts janischt zu grinsen‘', brüllt ein vielbesternter, aber wenig erleuchteter Oberwacht- meister los. Doch sie hat mich verstanden. Ihre geweiteten Augen glänzen mir zu: Du Schalk! Deine Raserei ist erkannt! Dein Wahnsinn rettet uns! Inzwischen treffen neue Trupps von Gefangenen zu Fuß und zu Wagen im Westhafen ein; das sind die Moabiter, und der große Schub dort kommt aus Plötzensee, wo sich sonst im Laufe der Woche die vielen Fallbeilopfer für den nächsten blutigen Freitag zusammenfinden. Aus der breiten Masse der„Untersucher‘‘ aus Moabit reckt sich stolz und schnittig wie ein Botschafter, gutgebügelt und gutgebürstet wie immer, unser unternehmungslustiger Tat- genosse Klaus v. S. Er winkt mit jovialer Würde, seine Miene leuchtet Anerkennung für meine halbjährige Verhandlungs- unfähigkeit. Ich tippe an meine Stirn, er streicht mit den Fingern am Halse entlang, wir verstehen uns: Hätte ich nicht verrückt gespielt, so wäre das Schriftstellerehepaar Schultze- Pfaelzer und der als Ministerialreferent getarnte Verschwörer Klaus v. S. jetzt längst um einen Kopf verkürzt durch den Krematoriumsschornstein gen Himmel gefahren. Wir haben reichlich Zeit, in allen Signalsprachen Mienen und Muskeln zu verrenken. Nachdem ein halber Tag vertrödelt ist, sollen wir plötzlich in zwei Minuten, wie das so üblich ist, in den dunklen Kohlenbunkern der Lastkähne verstaut sein. Also werden wir Hals über Kopf auf Leitern in den Abgrund hin- untergestoßen. Wir stürzen in eine Dantesche Unterwelt. Wir zappeln im bodenlosen Sumpf, wir ertrinken in der sauren Luft wie Fliegen in dicker Milch. 185 nn SE Jetzt fällt mir aber ein passendes Wallenstein- Zitat ein: ,, Eng ist die Welt, doch das Gehirn ist weit, und hart im Raume stoßen sich die Sachen." Die enge Welt der Tiefe besteht aus zweietagigen rohen Balken- Verschlägen, niedrig wie Hundekojen. Die Sachen, die sich hier hart im Raum stoßen, sind in der tropfenden Dunkelheit nicht zu unterscheiden, in der Hauptsache dürften es spitze Schrauben, Kohlenkrümel, Nagelschuhe und menschliche Ellenbogen sein. Armes Hirn, hier hilft kein Wahn und keine transzendente Weite. Unser Lager bildet ein Papiersack, bitte, die Finger fühlen es nicht nur die Sacktextilie ist aus Papier, sondern auch die Füllung besteht aus Papierschnitzeln. Das Bett hat nicht nur eine sehr zähe Substanz, sondern auch den Vorzug der leichten Lösbarkeit in den emsig aus allen Richtungen quellenden Wasserrinnen. Man ruht also zwar in keinem Feder-, aber in einem Breibett; einer, an dem ein Nazi- Propagandist verloren ging, behauptet kühnlich: ,, nasse Papiermasse soll ähnlich wie Moorschlamm ein ausgezeichnetes Mittel gegen Rheumatismus sein." Als sich die Wellblech- Luke über der Dachmitte dröhnend schließt, wird es in den Kojen stockfinster. Aber ein unsichtbares Bataillon von Kehlen krächzt heiseren Lebenswillen durch den Riesensarg. Irgendwo klappern leere Konservenbüchsen als Behälter der Notdurft. Sie reihen sich bald zu einem infernalischen Quellstrom des Gestanks und der Bosheiten zusammen. - Da Der Mensch ist ja, wie schon die alten Griechen gemerkt hatten, ein Gemeinschaftstier und hockt auf dem Haufen. Dunkel zuckt erstickendes Gelärm. Wie aus einem Gummisack faucht tote Luft aus den Bronchien des Lebens. sitzen nun die schwersten politischen Jungen, fast alles Todeskandidaten, unbewacht und unbeobachtet wie in einem parlamentarischen Couloir zusammen! Eng ist dieser Kahn fürwahr, aber der menschliche Geist ist weit, schweift unendlich über Fronten und Grenzen um den Erdball. In diesem Schiffsrumpf, der durch das abendliche Treibeis der Havel zieht, fiebert jetzt die Freiheit, während draußen die deutschen Normalgehirne geknebelt sind. Hier ist jede politische Meinung erlaubt und erwägenswert. Hier wuchert üppige Demokratie. Ist Eisenhower ein vorsichtiger Feldherr? Wie denken Sie über Stalins diplomatische Taktik? Und was war eigentlich am 20. Juli in Deutschland los? Wir 186 ,, Eng Raume t aus undeind in Hauptschuhe Et kein fühlen ch die nt nur eichten lenden ber in t verlähnRheuShnend n unwillen ervenald zu Bosgemerkt Haufen. misack - Da Todesparlairwahr, ch über srumpf ert jetzt gehirne abt und nhower diplos? Wir haben ja, wie es durch die Finsternis rauscht, ein paar Überlebende von der bluterstickten Rebellion an Bord. Da wird man ja wohl noch heute Nacht allerhand zu hören bekommen. Mein Kojennachbar zur Rechten heißt Schorsch und ist ein trotziger Antimilitarist, ein querköpfiger Menschenfreund mit zerknittertem Gesicht. Er war auf einigen gestapopolizeilichen Umwegen aus Kopenhagen gekommen, wo er seit Dreiunddreißig das dänische Asylrecht genoß. Das Dritte Reich hatte den sozialistischen Emigranten jetzt zwangsweise aus der Fremde heimgeholt, wenn auch nur zum Gastspiel bei den Henkern. Schorsch ist ein strenger Magister des internationalen Marxismus, auch ein wackrer Fanatiker der Illegalität, der manchen Flüchtling den Naziklauen entrissen und über die Meerenge ins schwedische Paradies hinüberrettete. Schorsch hat schon einen jungen Halbpolen in seinen proletarischen Schulungsfängen und trichtert ihm materialistische Dialektik ein. Ich vernehme eben, wie sich unsere zweibeinigen Artgenossen von den Menschenfressern bis zum Kapitalismus durchgerungen haben. Das Beil des braunen Reiches träfe bestimmt in Schorsch kein unschuldiges Haupt. Aber mein Kojengenosse zur Linken hat sich nicht einmal gegen Naziparagraphen vergangen, er ist ein Opfer des schlechten Gewissens der SS. Der junge Sohn des Schweizer Großindustriellen A. kam nach Deutschland, um Präparate einer chemischen Fabrik seines Vaters abzusetzen. Ach, dieser harmlose Jüngling ahnte nicht, daß die netten Kerle in Berlin, die ihm ihre Freundschaft aufdrängten, Beamte des Geheimdienstes waren und den sprachenkundigen Schweizer zum Agentendienst in Nordafrika werben wollten. Als A. entrüstet ablehnte, drehten sie den Spieß um und ließen ihn wegen angeblicher Spionage zugunsten der Alliierten verhaften. Der Volksgerichtshof scheute sich nicht, den Haftbefehl wegen Spionage trotz aller Schweizer diplomatischen Proteste aufrecht zu erhalten; Gestapobeamte, die zu weit gegangen waren, sollten gegen Kompromittierung gedeckt werden. A. ist derart verbittert über den Lauf dieser unheimlichen deutschen Welt, daß er sich nur noch selten zur Aufnahme von Nahrung entschließt, er befindet sich in stillem Hungerstreik. Wir versuchen ihn wie ein Kind zu füttern, er sträubt sich sanft, beschränkt sich auf matte Anklagen, und da er nicht zum Widerstande geschaffen war, mußten wir ihn zwei Monate später in tränende Frühlingserde senken. 187 Das fahle Morgenlicht des zweiten Transporttages schimmert durch die geöffnete Luke wie ein lungenkranker Mond. Jetzt wird uns manches klar, was wir bisher nur durch die Nase geahnt hatten. Oben der Ozon aus dunkelblauem Kiefernwald am Havelufer, unten die brodelnde Pestilenz. Man hat uns gestern nur ein Stückchen Brot mit salziger Paste als Nahrung mitgegeben, nun meldet sich der bösere Bruder des Hungers, der Durst. Viele Mägen und Schlünde meutern, die Wachthabenden verordneten das billigste Heilmittel: es gibt auch weiterhin nichts zu trinken. Die Oppositionen heulen in Därmen und Kehlen. Doch es hilft nichts; von oben regnet es durch die umlärmte Luke unflätige Drohungen. Wir sollen nun endgültig erschossen werden. Aber statt der Kugeln werden aus einem Papiersack zerkrümelte Brote auf unsere Köpfe hinabgeschüttelt. Hände greifen mit gekrallten Fingern, es hagelt Flüche und Püffe. Brüllend schwillt die Woge des Chaos, die Krümel liegen im Unrat, und schließlich sausen Gummiknüppel gegen gesträubte Rücken. Der Urheber dieser Unordnung ist ein roher Beamtenrüpel aus Moabit, der sich Inspektor und Transportleiter nennt. Wie man es bei niederträchtigen Naturen häufig findet, ist der Mann überdies feige. Wenn wir ,, Wasser! Wasser!" schreien, hält er sich die Ohren zu. Er drückt sich stets aus unsrer Reichweite und wagt nur noch durch einen Spalt auf uns zu wettern. Wir fahren nur bei Tageslicht, wovon wir freilich kaum etwas sehen; bei sinkender Dämmerung liegen wir am Ufer und frieren in der leichengrauen Kälte ein, während die Wachtmeister am Feuer die Margarine verbraten, die sie als Reiseproviant für uns empfangen und unterschlagen haben. Nur einer von uns hat Zutritt zur Oberwelt, das ist der helldunkle Zeitgenosse Charlie, ein Motorenspezialist, der zuweilen unserer Dieselmaschine auf die Sprünge hilftt. Wenn Charlie nicht tatsächlich viel von Motoren verstünde, so würden wir ihn nur für ein imaginäres Rätsel, für eine Spukfigur halten, die sich zu mitternächtlicher Stunde in den Kreis unsrer Vorstellungen schleicht. Sein erwiesenes technisches Können verleiht ihm Wirklichkeit, alles andre an ihm wirkt wie eine Ausgeburt ungewöhnlicher Einbildungen. Auch der blauschwarz blitzende Haarschopf über den unstet funkelnden Augen erinnert an Geistermasken aus einer romantischen Oper. Die ganz prosaischen Gemüter behaupteten freilich später, 188 mert Jetzt Nase wald tuns rung gers, achtauch Däret es 1 nun zerHände Püffe. en im äubte rüpel Wie Mann ält er weite etwas rund WachtReisehellweilen Charlie en wir alten, Vorvere eine chwarz en erspäter, sie hätten den Charlie immer schon für einen gewöhnlichen Hochstapler gehalten, und die Sachverständigen nannten ihn einfach einen Psychopathen. Mir ist er ein Rätsel geblieben, dieser Mechaniker der Phantasmagorien. Wer kann den Wahn entlarven? So einfach ist das mit den Manien nicht. Für die im Orkus des Schiffes beim Nebel der Instinkte überhöhen sich seine Wort und Gesten. Sie reißen uns in eine Welt, in der das Unwahrscheinliche wüst wuchernde Geltung gewinnt. ,, Wißt ihr, wieviel Motoren ich täglich bei den Sowjets aus der Steppe hinterm Ural wachsen ließ? Ich weiß es nicht mehr, und es war auch gar nicht mehr möglich, sie zu zählen. Es war ein Wald von Motoren, es mögen täglich dreißigtausend und mehr gewesen sein, die ganz aus silbrigem Leichtmetall über die langen Fließbänder angelaufen kamen, als seien sie einem unendlichen Strom entwachsen. Erst summten sie melodisch dunkel, als hätten sich alle Bienenschwärme Asiens zu einem Parlament vereinigt. Aber wenn ich in meinem lautlosen Chefauto an den endlosen Reihen der Prüfstände vorbeifuhr, dann begrüßte mich überall ein Vollgasgebrause, als hätten sich alle Orgeln der Welt zu einem Domkonzert auf den Schroffen des Himalaja zusammengefunden. Ja, ich habe der russischen Taiga einen ungeheuren Odem eingeblasen!" Fabelhaft, Charlie!" ,, Sag, Charlie, wann ist der Krieg zu Ende? Du mußt es doch wissen!" ,, In sechs Wochen, Jungens. Dann werde ich natürlich sofortim Flugzeug abgeholt. Ihr wiẞt ja, ich bin amerikanischer Fliegeroffizier. Habe ja neunmal den Atlantik überflogen, damals, als das noch schwierig war. Selbstverständlich werde ich sofort eine Luftflotte zur Versorgung Deutschlands herankommandieren. Alle anderen Verkehrsmittel sind veraltet. Zuerst will ich meine Plantagen am Kongo mobilisieren. Schon seit Ausbruch des Krieges habe ich dort die Vorräte für den Tag des Waffenstillstandes stapeln lassen. Jungens, die Kakaomassen! Da liegt Kakaopulver wie Sand in der Sahara. Vielleicht erzeugt man einen elektrischen Wirbelsturm und läßt die losen Kakaoberge als Wanderdünen nach Europa abtreiben." ,, Charlie, wie ist das mit dem Bohnenkaffee? Kakao macht durstig und stopft, ich bin mehr für Bohnenkaffee!" - ,, Jungens, Kaffeebohnen na ja, für die erste Zeit lasse ich ein paar Geschwader Kaffeebohnen aus Brasilien rüber189 fliegen. Sie könnten die Säcke gleich aus der Luft entleeren, vielleicht über den früheren Exerzierplätzen, das gäbe dann mal einen sympathischen Hagel. Im übrigen pachte ich sofort nach dem Kriege den Spreewald und verwandle ihn durch Höhensonne in eine tropische Kaffeeplantage. Und statt der sauren Gurken, die bisher im Spreewald wuchsen, ziehen wir dann süße Ananas. Tropische Oasen in Deutschland- das ist die nächste große Sache, die ich ankurble. Ich lasse mir jetzt nämlich die Umwandlung der Sonnenenergie in Höhensonne patentieren." - Wenn ich Charlies magischen Haarschopf betrachte, dann wundre ich mich nur, daß er nicht auch wie sein berühmter Vorläufer Münchhausen, der sich am Schopf aus dem Sumpfe zog, einfach an diesem phantastischen Schopf aus dem Knastsumpf des Kahnorkus klomm. Wer Charlie wirklich war, haben wir nie erfahren. Später stellte er sich tatsächlich den Amerikanern als amerikanischer Fliegercaptain vor, obwohl er kein Wort Englisch konnte. Er zwang ihnen wochenlang seine Suggestionen auf. Nach einigen weiteren Münchhausiaden landete er dann wieder, da ihm kein Psychiater Hilfe brachte, dort, woher er gekommen war, hinter den schwedischen Gardinen. Ein Gegenstück zu Charlie bildet ein sozialistischer Arzt, der bei unsern Lagebesprechungen die Rolle des Schwarzsehers spielt. Dr. K., ein überscharfer Analytiker jeder sozialen Wirklichkeit, war entschieden ein politischer Pechvogel. Als radikaler Marxist emigrierte er dreiunddreißig ins Elsaß, vierzig nach Jugoslawen, einundvierzig nach der Ukraine. Überall war ihm das Hakenkreuz auf den Fersen. Er verspricht sich in unserm Erdteil nichts Gutes mehr und fürchtet, die faschistische Krankheitsperiode Europas könne noch Jahrzehnte dauern. Täglich ist seine Stirn von neuen, tieferen Erwägungen zerfurcht. Seine nächstliegenden Sorgen sind die Seuchen, dann fürchtet er für unsere allgemeine und seine besondere Geistesverfassung. Bakterien und Chimären haschen nach uns. Und dann würden alle Kahntransporte ab Magdeburg von den Bombenfliegern restlos erledigt. Im übrigen müssen wir in spätestens neun Tagen verhungert sein. Und wenn wir auch dann noch nicht tot sind, so gibt es unweigerlich nach dem Zusammenbruch des Hitlerismus einen unvorstellbaren Bürgerkrieg. in dessen Blutmeeren die letzten Deutschen umkommen müßten. 190 eeren, dann sofort durch att der en wir das ist r jetzt sonne dann hmter umpfe KnastSpäter mischer te. Er einigen mkein hinter Arzt, sehers Wirks radivierzig all war ich in stische auern. n zerdann Geistess. Und on den wir in r auch ch dem Bürgerommen Wissen Sie, man sollte fliehen", murmelt er düster mit verschränkten Armen. ,, Wenn man nur wüßte, wohin! Gibt es noch irgendeine Lücke, durch die man entkommen könnte?" Grüblerisch verliert er sich in seine Seufzer. Wohin wir jetzt wirklich fliehen, ist eigentlich die wichtigere Streitfrage. Das Zuchthaus Brandenburg hatte uns mit kameradschaftlicher Erbsensuppe begrüßt, aber unsere ausgehungerten Mägen weit unterschätzt. Zum ersten Male sah ich die offizielle Zuchthausuniform des Hitler- Reiches, schwarzer Rock mit gelbem Ärmelbalken und breiten gelben ,, Generals" streifen an der Hose. Gelb ist die Farbe der Seuchenflagge, ein internationales Schrecksignal. Gelb ist das Signal der Schmach für Juden und andre Ausgestoßene. Aber die Schandfarbe leuchtet für politische Dulder zuletzt wie der goldene Schmuck auf einem Ehrenkleid. Wir sollen in das anhaltinische Zuchthaus Coswig an der Elbe gepfercht werden, wenn die Anstalt noch irgend Platz schaffen kann. Freilich drängen sich die Transporte aus allen kriegsbedrohten Räumen nach Mitteldeutschland zusammen, und vielleicht bleibt für uns nur Notasyl in Schnee und Schlamm oder der verläßlichste Gewahrsam einige Klafter unter der Erde. Unsre Arche Noah liegt im wässerigen Vormittagsdunst in den Kanalschleusen vor Magdeburg. Aus rauchiger Ferne starren die dürren Schlote der Industrie. Da setzt das angloamerikanische Bomben- Unwetter in rollenden Schlägen ein. Die Schiffswände dröhnen und schwanken. Fontänen zischen. Die Wasser klatschen und strudeln. Nun sind wir auch noch in eine Seeschlacht geraten. War das ein Volltreffer? Wir taumeln im orkanischen Untergang. Unser Eisenkahn scheint sich erst nach vorne aufzurichten, dann auf die Seite zu legen. Durch die berstende Luke schäumt grüner Gischt. Bald wissen wir, daß eine Schleusenkammer getroffen ist. Wir werden nun wohl gut und gerne noch zwei Tage länger hier herumliegen, natürlich ohne Suppe und vielleicht wieder ohne Trinkwasser. Aber dafür sind die Wasserratten in Aufruhr geraten. In dieser Nacht an der toten Schleuse kommt die Debatte über das deutsche Drama vom 20. Juli 1944 in Schwung und macht die Köpfe, die schon längst von Erkältungsschauern geschüttelt sind, noch heftiger erglühen. Frage an das Schicksal: Soll man die berühmte hitlerianische 191 ., Voorrrsäähung" loben, die den Anschlag im Führerhauptquartier scheitern ließ? Oder ist die näherliegende Ansicht, das Mißlingen des Attentats sei zu bedauern, die richtigere? Ich persönlich erkläre mich mit der Vorsehung, die den Herrn Hitler zunächst noch einmal rettete, einverstanden. Dabei argumentierte ich so: Wäre Hitler am 20. Juli getötet worden, dann wäre zwar der Krieg bald zu Ende gegangen, aber die deutsch- faschistische Bewegung wäre damit nicht in sich zusammengebrochen. Der Nazismus würde dann aus der Lüge, nur Hitlers gewaltsamer Tod hätte Deutschlands Sieg verhindert, neue Kraft gesogen haben, ähnlich wie der deutsche Nationalismus nach 1918 aus der Dolchstoßlegende. Jetzt nimmt ein Verschwörer des 20. Juli das Wort, der auch am Abend dieses Krisentages im Oberkommando in der Bendlerstraße zugegen war. Er wurde von dort zum Gestapo- Keller in der Prinz- Albrecht- Straße auf den Schub gebracht. Daß er nach allen Folterverhören und Todesukassen der Machthaber noch immer lebt, er, der politische Berater des Grafen Stauffenberg- das kann er nur als eine Gnade des Herrgotts betrachten, der eine Zunge der Wahrheit überleben ließ. Unser Gewährsmann, Dr. G., ein temperamentvoller, energiegeladener Schwabe, ist von Hause aus protestantischer Theologe und Kirchendiplomat; in die antinazistische Militärpolitik mischte er sich um der abendländischen Kultur willen, die er vom Barbarismus des Hakenkreuzes erlösen wollte. ,, Glauben Sie ja nicht, der 20. Juli sei schlecht vorbereitet gewesen." Seine warme Stimme hat etwas schlicht Überzeugendes. ,, Es ist erstaunlich", fährt er fort ,,, daß ein so großer Kreis von Verschwörern lange Monate an den Vorbereitungen arbeiten konnte, ohne daß etwas verraten wurde. Die Gestapo hat ja bis zum letzten Augenblick nichts gewußt. Das hat sie am meisten in Wut gebracht. Unsere Reihen zeigten vor und nach der Verhaftung gute politische Disziplin, obwohl die Beteiligten aus den verschiedenartigsten politischen Lagern herkamen. Es wirkten ja bei uns ebenso Kommunisten wie Monarchisten mit. Es wäre ungerecht, wenn man die Bewegung als reaktionär abtun wollte. Niemand wollte gestrige Dinge wiederherstellen, jeder war sich der ungeheuren Weltveränderungen bewußt. Wir kamen spät. Aber wir kamen vielleicht noch zu früh, doch wir konnten nicht länger warten, der Kreis war schon zu groß. Wenn die Gestapo nicht blind war, so mußte sie allmählich dahinterkommen. Wir mußten handeln! 192 rhauptAnsicht, tigere? Herrn Dabei worden, ber die sich zuer Lüge, verhindeutsche Her auch er Bendo- Keller Daß er chthaber Grafen Herrgotts B. energieTheologe rpolitik , die er rbereitet Überzeuo großer eitungen Gestapo hat sie vor und wohl die gern herMonargung als e Dinge verändevielleicht er Kreis war, so Thandeln! Sonst hätte das deutsche Volk womöglich nie erfahren, welche starke Gruppen deutscher Opposition schon bereitstanden, um die Befreiung von innen her wenigstens zu versuchen. Wir mußten der Welt beweisen, daß wir kein Opfer scheuten." Es ist ein melancholisches Feuer, das in Dr. G.'s leidenschaftlichen, dunklen Augen glimmt. Alle seine Freunde holte der Würger Tod. Ihm wurde jene Verlassenheit zudiktiert, die auch eine Auslese zur Berufung ist. ,, Es ist ein Jammer, daß Deutschland zu keinem großen Partisanenaufstande gegen die Hitlerknute mehr fähig ist", ruft ein baumlanger, junger Kraftmensch, dem man erst vor einigen Tagen die Glieder entfesselt hat, die so manchen Sprengstoff- Koffer schleppten. ,, Bei revolutionären Erhebungen machen Offiziere aus den alten Gesellschaftsschichten immer die meisten Fehler", doziert ein altgelernter, abgeklärter Klassenkämpfer. ,, Sie können sich nicht an die unterirdische Luft der Illegalität gewöhnen. Einer verriet sich mal dadurch, daß er in der Verkleidungsrolle als Hausknecht sich nicht selbst die Stiefel putzen wollte. Revolutionen müssen von unten kommen. Denn Revolution von oben läuft immer auf eine Art Faschismus hinaus." ,, Ohne echte Sozialisierung hat alles revolutionäres Gerede und Getue gar keinen Sinn", erklärt der unerbittliche Ostpreuße Ewald, eine kategorische, imperative Natur, die in der Politik keine Halbheiten dulden mag. Noch immer trägt er das Achselstück als Sonderführer, obwohl er als marxistischer Hochverräter eigentlich ins tiefste Fegefeuer des Soldatenstandes gehört. Zu unserm Erstaunen besitzt Ewald sogar noch eine Dienstpistole; sie ist zwar nicht geladen, aber dafür schießt sein Geist ökonomische Dialektik und kritisches Mißvergnügen. Ohne die Probleme um Revolutionen, Revolte und Verrat gelöst zu haben, ohne über 9. November und 20. Juli im klaren zu sein, richten wir uns wieder zum schlaflosen Dämmern auf dem nassen Papierbrei ein. Wie wird das Datum lauten, das die Freiheit bringt? Ein paar Fieberkranke schreien in Wirrträumen auf. Gräßlich gellt ihr Wahn durch den Schiffssarg. Die Brotklumpen, die am sechsten Tage der Kahnfahrt durch unsere Luke herabfallen, sind in der Seeschlacht verdorben. Neben mir prüft einer die mißhandelte Gottesgabe mit sachver13 Kampf 193 ständigen Fingern und meint: ,, Wenn ich Korinthen hätte, würde ich daraus noch eine ganz anständige Brotsuppe machen." Ich nehme die Sache mit heiligem Humor und erwidere: ,, Wenn ich Korinthen hätte, dann hätte ich wahrscheinlich auch Stangenspargel und Krebsschwänze, und dann könntest du dir deine Brotsuppe sauer kochen." Wir lachen. ,, Ich finde das gar nicht lächerlich", sagt er würdevoll. ,, Ich bin nämlich Gastronom. Habe schon die elegantesten Gaststätten geleitet." ,, Hm, hm", schnalze ich mit der Zunge. ,, Ich hätte jetzt gerade Appetit auf baltisches Herrenragout. Das wirst du dann wohl kennen." Er muß gestehen, daß er es nicht kennt, und bittet mich um das Rezept. ,, Also man nehme", erkläre ich, während ich das Schimmelbrot in Klümpchen drücke ,,, man nehme das abgelöste Schenkelfleisch eines fetten Hahns und schneide es zu Rouladen, die man mit gehackter Kalbsniere fülle. Das lasse man dann in saurer Sahne, im Osten Schmand genannt, aufschmoren. Darauf wird die restliche Kalbsniere mit Kaviarschmand oder Lachsschmand und Champignons als dicke Soße rübergegossen." ,, Bravo", sagt er ehrlich begeistert. ,, Das ist eine Sache. Muß ich sofort aufschreiben. Also baltisches Herrenragout. Ich mache es bei der nächsten Gelegenheit." Mittags legen wir auf dem linken Elbufer in Coswig an. Weit dehnt sich die schilfgraue Flußniederung mit überschwemmten Wiesen, mit starren Pappeln und kopfhängerischen Weiden. Über den Wassern krächzen die Krähen. Die Häuser des Städtchens ducken sich zwar verschämt an das erhöhte Ufer, doch dafür drängeln sich die Eingeborenen um so dreister an die Gefangenenschiffe. Ein paar vollbusige Weiber mit hohen Frisuren und dreckigen Stöckelschuhen sprühen moralische Erhabenheit, als wir aus der Luke zum Tageslicht wanken. Einer aus unsern Reihen bückt sich auf die unterste Stufe einer Gartenpforte, um sein Schuhband zu schnüren. Schon ruft ein zehnjähriger Hitlerpimpf: ,, Mutti, soll ich dem Strolch auf den Kopf spucken?" ,, Das Beste an Coswig wird wohl noch sein Zuchthaus sein", bemerke ich nebenbei. ,, Wir wollen die feine Gesellschaft dieser kleinen, rabiaten Nazistadt im übrigen unter sich lassen." ,, Vor Zuchthäusern graut es mir", sagt mein schüchterner Nachbar. ,, Ich bin doch Untersuchungsgefangener. Habe nur 194 e, würde en." Ich Wenn ich Stangendir deine sagt er chon die Ette jetzt du dann nnt, und läre ich, Ke ,,, man ahns und albsniere Schmand albsniere gnons als e Sache. nragout. an. Weit wemmten Weiden. es Städtfer, doch r an die it hohen ische Eren. Einer ufe einer ruft ein auf den Luchthaus eine Gegen unter üchterner Habe nur einmal ein bißchen gemeckert. Da kann ich doch höchstens eine kürzere Gefängnisstrafe kriegen." ,, Ach was", werfe ich väterlich ein ,,, Zuchthaus ist die wahre Liebe. Gefängnis ist was für kleine Gauner. Zuchthaus ist schon richtig. Ich habe als junger Mensch zwei Jahre im Zuchthaus zugebracht. Denke gern an die Zeit zurück. War eigentlich recht nett." Mein Nachbar faßt mich beim Arm. ,, Nanu? Um Gottes willen. Ich denke, du bist' n Hochpolitischer. Und jetzt bist du auf einmal' n oller Krimineller. Schon mit zwo Jahren Zet in der Jugend. Verdammt noch mal. Man kennt sich bei euch Knastbrüdern doch niemals aus." - ,, Also ich kann dich beruhigen. Paß auf: Ich war als Primaner in Insterburg zwei Jahre beim Zuchthauspfarrer in Pension. Das Pfarrhaus war an die große Mauer des Anstaltsberges gebaut. Von meinem Mansardenfenster aus konnte man gut in den Hof hineinsehen. Na, kurz und gut, da habe ich auch so meine Zuchthauserinnerungen. Zum Beispiel wollte ich mal ein befreundetes Mädchen auf meine Bude locken. Ich erzählte ihr, auf der Mitte des Hofes stände das Schaffot, sie wollte es sehen. Es war aber nur ein erhöhter Beobachterplatz für den Aufseher der Freistunde. Die junge Dame fand jedoch den Anblick so gruslich, daß sie mir trostbedürftig in die Arme sank." Nun bin ich schon mitten in den Zuchthauserinnerungen aus meiner Jugend und erzähle weiter: ,, Damals schrieb ich ein Trauerspiel, es ist sogar noch während meiner Zuchthauszeit am Insterburger Stadttheater aufgeführt worden. Die Berliner Presse, und zwar gerade das Blatt, dessen Chefredakteur ich später einmal werden sollte, machte sich über die Aufführung unter der Spitzmarke, Auch eine Schülertragödie lustig. Aber das hinderte meine Bühnenheldin, die Römerin Flavia, nicht, in meiner Zuchthausbude ihren Tee zu nehmen. Unter den Häftlingen der Strafanstalt war damals ein Schauspieler, ein Künstler von Rang, der einen Meineid geschworen hatte, um eine geliebte Frau vor Schmach zu bewahren. Das imponierte mir gewaltig, und ebenso entzückte mich sein schmetterndes Organ. Er mußte mir die Heldenrollen, die ich in Jamben gegossen hatte, deklamatorisch verlebendigen. Allerdings konnte ich ihn nicht nach Belieben zu mir rufen lassen, aber er hatte sich im Zuchthaus als Fachmann für elektrische Klingelleitungen ausbilden lassen. Sobald im Anstaltsrevier 13° 195 eine Klingelanlage versagte, wurde er bestellt. Ich sorgte dafür, daß die Klingelleitung im Pfarrhause recht oft den Betrieb. einstellte, indem ich ein Stückchen Streichholz unsichtbar in das kleine mechanische Gehäuse klemmte. Tags darauf erschien er in meiner Mansardenstube, es gab Kognak, Kuchen, Zigarren, damals alles keine Kostbarkeiten, und bald zitterten durch die schlemmerischen Lüfte unsere Heldenmonologe. Ja, die gute, alte Zeit! Auch die Knastschieber hatten ihren Anteil an der großväterlichen Gemütlichkeit. In der Anstalts- küche dampften Schweinsohren, und am Sonntag gab es Mohn- fladen. In meiner Erinnerung leben Zuchthäusler als eine Sorte wohlgenährter Menschen. Wir dagegen sind wahrhafte Elends- figuren. Man braucht uns nur zu photographieren und die Bilder mit der Unterschrift zu versehen: ‚Verhungerte Opfer des Bolschewismus‘. So fälschten Hugenberg und Hitler. Bald werden sich andere finden.“ Der Coswiger Zuchthausdirektor will uns unter gar keinen Umständen aufnehmen, im äußersten Fall will er ein Dutzend behalten, sich im übrigen aber durch eine Nudelsuppe loskaufen. Die Nudelsuppe ist-dick, fett und sehr heiß. Man leckt sich die Finger, und mancher von Hunger und Fußtritten ruinierte Magen kommt zur Empörung. So erzeugen die Leiden die Rebellionen am laufenden Band. Wir starren auf ockerfarbene Mauern mit begräbnisschwar- zen Fensterkreuzen. An den Zäunen kleben grelle Drohungen. Mit hundert Fratzen grinst der: Tod. Aasvögel warten, ob niemand verreckt. Unsere Weiterfahrt soll die überlastete Reichsbahn bewerkstelligen. Wir zittern im nässenden Schnee- wind, die Schwachen fallen in den Schlamm. Endlich quietschen ein paar alte Güterwagen. In den vordersten kommen„unsere Damen‘, sie werden nicht ganz so eng zusammengedrängt wie wir Männer, von denen an die achtzig in jedem Waggon Platz finden müssen. Natürlich geht es nicht ohne viehische Töne und Fußtritte. Die Luftklappen sind zugenagelt, das würde man Tieren nicht zu bieten wagen, aber wir sind ja auch beileibe kein wertvolles Rindvieh, sondern politische Gefangene, die niedrigste Sorte von Lebewesen. Es gibt zwar noch Ritzen, durch die der feuchte Februar hin-- einpfeift, aber die Luft hier innen wird stündlich stickiger, und unsere Lungen keuchen wie ein altes Pumpwerk. Zwischen den Beinreihen der Stehenden kann jeweils eine Gruppe mit der Schmalseite auf der Schulter liegen. Manche sinken bald irgend- 196 me dafür, Betrieb ar in das schien er Zigarren, Burch die ten ihren Anstaltss Mohnne Sorte Elendsund die te Opfer ler. Bald ar keinen Dutzend skaufen. eckt sich ruinierte iden die sschwarrohungen. arten, ob berlastete Schneeuietschen ,, unsere rängt wie gon Platz Töne und ürde man h beileibe gene, die bruar hinstickiger, Zwischen pe mit der ld irgendwie in der Raumlosigkeit zusammen und durcheinander; es ist ihrer Erschöpfung gleichgültig geworden, wie die Materie mit ihnen Fußball spielt. Wie beneiden wir die Läuse um ihre Freizügigkeit! Ja, das Ungeziefer führt ein Götterleben. Die Wanzen sind Souveräne der Schöpfung, wir aber sind so eingekesselt, daß wir uns nicht einmal die Nase wischen können. Als die Nacht vorüber ist, stehen unsere Wagen irgendwo im Wirrwarr. Wir kamen nicht vorwärts, wir sind nur auf den Gleisen herumgeschleudert worden. Die Schienen unter uns begannen minutenweise im Feuerzauber der Luftgewalten zu tanzen. Großangriffe auf mitteldeutsche Industriezentren: wir sind ja nicht weit von Dessau, die Sirenen tuten, einmal, dreimal, Luftalarm, Luftwarnung, Entwarnung, Luftalarm. Alle Dinge klirren und beben. Durch die Wandritzen dringt brennender Widerschein. Am nächsten Nachmittag rumpeln wir langsam von dannen. Nur einmal hat sich inzwischen die Schiebetür geöffnet. Es gab viel Flüche und kein Brot, einen Krug mit dem kostbaren Wasser kippte ein mutwilliger Wärter vor uns auf den Bahndamm. Die Qualen des Tantalus. Im Halbdunkel setzt es plötzlich Tumult, man hört an dem Klatschen und dem Kampfgröhlen, daß sich einige prügeln. Wer hat die Nerven verloren? ,, Solch ein Mistvieh sollte man einfach totschlagen!" ,, Aufhängen den Hund!" ,, Ja, was ist denn eigentlich los? Kinder seid doch vernünftig." ,, Das Schwein hat uns reingerissen." ,, Verraten hat uns der Strolch. Alles brühwarm der Gestapo verpfiffen. Totschlagen die Kanaille!" Eine Gruppe von braven Hochverrätern aus Bremen drischt auf ihren ehemaligen Anführer ein, der unter den Daumenschrauben der Gestapo Namen preisgegeben und Geständnisse gemacht haben soll. ,, Dem soll der Brägen wie Dünnpfiff aus den Ohren spritzen", kreischt die schaurige Hysterie der Durstenden. ,, So, Sie sind 1914 dritter Kürassier gewesen, Herr Kamerad? Da müssen Sie doch den Rittmeister Grafen Wartenberg noch gut gekannt haben." ,, Aber gewiß doch, Sie meinen den Alexander, der die große Nummer bei Hof hatte. Mit seinem jüngeren Bruder Hans war ich mal auf Reitschule. Wenn Sie Dohna- Ulan waren, müssen 197 Sie doch auch im November die Schlacht bei" Sie sprechen leiser, sonst könnte sie jemand für Reaktionäre halten. Aber dann werden sie wieder mutiger, und man hört: ,, Ich hatte damals in der Eskadron den langen Borcke, den pommerschen Fritz, der selten was sagte, aber wenn er mal was sagte! Na also, ich sah ihn vor fünf Monaten gefesselt auf dem Alex wieder. Ja, als sie ihn in diesem Kriege wieder einzogen, hatte er tagelang beim Unterricht auf dem Kasernenhof stumm wie ein Fisch dabei gestanden. Aber dann platzte ihm der Kragen, und er sagte: ,, Leute, das merkt euch, bei mir wird nicht gemeckert und nicht gehitlert." Dr. G. und ich, wir vertreiben uns die bittre Zeit mit poetischen Auffrischungen. Wir sprechen über die ewigen Werte des Humanismus, ich zitiere auf griechisch ein Liebesgedicht der Sappho, die einen göttergleichen Knaben besingt. Auch in deutscher Sprache lasse sich die sapphische Strophe wohllautender als jede andre formen, und zum Beweise deklamiere ich mit überschnappender Stimme Strophen des edlen Heinrich Leuthold: ,, Leihe nie dein Leid dem Gezänk der Menge, Nachtigallen fliehen das Geräusch des Marktes, Aber im stillen strebe der Flug der Seele Früh nach Vollendung." ,, Du, Kamerad Dokterchen, det is aber nich von Horst Wessel?" fragt ein junger, naiv- verschmitzter Kumpel aus dem Ruhrgebiet. ,, Nein", sage ich ernst ,,, das ist bestimmt nicht von Horst Wessel. Wenn Horst Wessel wieder der Zuhälter vom Wedding ist, dann ist dies wieder deutsche Literatur." Studienrat M., einer der ältesten unter uns, hatte in seinen Religionsstunden gelehrt, ein Christ müsse sich auch inmitten dieser Welt des Hasses ein Herz voll Liebe bewahren. Und man solle für die unschuldig verfolgten Juden beten, die jetzt in den Lagern getötet würden. Ja, das ist ihm selbst sehr schlecht bekommen, die Gestapo hat ihn lahm geschlagen und seiner Zivilkleider beraubt, und der ,, Hausvater" des Gefängnisses schickte ihn in einem dünnen Baumwollhemd auf den Transport. Jetzt krümmt sich der Studienrat unter einer Nierenentzündung, während sein weißes Gesicht schon eine gottversöhnte Milde zeigt. Als wir gegen Abend auf freier Strecke hinter Leipzig halten, 198 men ber tte hen Na lex atte wie en, geetierte icht uch phe eise des Forst dem orst Hing inen tten man den lecht iner sses mort. ung, eigt. ten, zerren zwei Wachtmeister seinen Leichnam aus dem Wagen und werfen ihn den Bahndamm hinab. Es ist unser erster, nicht unser letzter Toter am Wege. Ruhrartige Leiden quellen in Kot und Qual. Der Arzt springt auf den Haltepunkten verzweifelt von Waggon zu Waggon; mir bringt er freilich einen lieben Trost und ein Geschenk. Mein gutes Weib hat sich ein Stück Brot für mich vom Mund abgespart und es mir durch ihn mit einem humorvollen Kassiber- Briefchen übersandt. Unsere Reise geht durch Thüringen auf Süddeutschland zu, man spricht davon, wir kämen in ein bayrisches Zuchthaus." Auch von dem weltberüchtigten Lager Dachau ist die Rede. Wir flüchten vor dem russischen Iwan, aber bald werden wir vom Ami, der am Rande der Pfalz steht, nur noch ebenso weit entfernt sein. Der Meldegänger Charlie bringt endlich genauere Kunde, und ausnahmsweise stimmt es, was er sagt. Wir kommen nach Bayreuth, in ein großes Zuchthaus, das hauptsächlich mit politischen Ausländern, mit tschechischen, belgischen und französischen Partisanen belegt ist. Also Bayreuth! Es sind gemischte Empfindungen, die bei dem Namen in mir aufklingen. Für den Norddeutschen, für den Preußen ist Bayreuth so etwas wie eine süddeutsche Verwandtschaft, ein kleineres Potsdam in der Fremde. Und dann ist dieses liebliche Tal zwischen Fichtelgebirge und Frankenjura der Musensitz Jean Pauls, des Humorphilosophen und Menschenfreundes. Ich sehe ihn träumerisch schreiben: in der einen Hand die Leine mit dem weißen Spitz, in der andern das Pfeifenrohr und im Ränzel Liederbuch und Weinflasche. Aber seinen Weltruf verdankt Bayreuth eben doch Richard Wagner, dem man unbefangener gegenüberstand, als er noch nicht zum Hofopernheros des Dritten Reiches ernannt war. Wagner war ein Mann von höchstem Lebensformat, über seine Musik kann man streiten. Nicht streiten darf man über die widerlich verlogene Art, mit der Hitler, Ley und Goebbels das Erbe des Bayreuther Meisters in die Weihrauch- Drecklinie ihrer Tages- und Massenpropaganda schleppten. Als Hüterin der Kultur wollte Bayreuth ein kleines deutsches Athen an der Mainlinie sein, doch die Stadt hatte leider Pech damit, zuletzt als Hort der Pädagogik, als Gausitz des infantilen Nazi- Schulmeisters Schemm. Das alles schießt mir durch den Kopf, als Bayreuth zu unserem Reiseziel wird. Mein Gott, wie ideenflüchtig die Gedanken 199 schon wieder ausschwärmen! Wie weit die gelockerten Bögen der Seele schwingen! Gibt es nicht Dinge, die mich näher berühren? Man sagt jetzt, der Volksgerichtshof würde uns nach Bayreuth folgen. Dann würde die Stadt auch noch den hochnotpeinlichen Ruhm finden, unsre Märtyrer- Gebeine zu beherbergen. Oder winkt uns in Bayreuth ein zweites Leben? Die wichtigste Forderung des Tages heißt freilich: lebend ankommen. Mehr als einer kämpft den letzten, nackten Daseinskampf, und in Gefahr sind wir alle. Wen wird man morgen über den Bahndamm werfen? Heute sollen es neun gewesen sein. Lieber lebendig hinaus! Eine Fluchtpsychose geistert durch die würgende Luft. Alle scheinen zu ahnen, daß sich etwas vorbereitet. Aber keiner überlegt. Nur die Instinkte sind wach. Wer hat die obere Seitenklappe der Wagenwand aufgerissen? Wer steckt da den Kopf und die Schultern in die Nachtluft hinaus? Schneller, schneller! Man drängelt nach. Einige sind wohl schon ins Ungewisse abgesprungen. Andere klettern und springen hinterher. Und wieder andre versichern später, sie hätten von einem großen Aufbruch zur Flucht verwirrend geträumt. ,, Franz, bist du noch da?" höre ich einen Schlaftrunkenen lallen. Der Morgen graut durch die Ritzen, man reibt sich den Spuk aus den entzündeten Augen. Wo steckt eigentlich Dr. K., unser Arzt? Er fehlt, er ist heimlich auf und davon. Jetzt verstehe ich freilich seinen Seufzer, es sei zu grauenhaft, als Arzt nicht helfen zu können. Sein pessimistisches Gemüt hielt uns alle für Todeskandidaten. Da wollte er lieber allein in den Untergang springen. Einen Tag später findet man ihn in einem Straßengraben liegen, er hat eine schwere Bauchfellentzündung. Aber der Pechvogel soll zuguterletzt doch noch ein gesundes Glückskind werden. Er fällt einer echten Sanitätskolonne in die Hände. Heil dem wackren Lazarattgehilfen, der heimlich den Arzt kurierte! Wir vermissen diesen und jenen, der ihm gefolgt ist, jedenfalls ist so ungefähr ein Dutzend von uns ,, stiften gegangen". Der Herr Inspektor gerät aus dem Häuschen, sein Doppelkinn, das von der unterschlagenen Margarine täglich vollfetter geworden ist, läuft in Angst und Arger blaurot an. Wir bleiben auf der Station. Er donnert über den Schotter. Er brüllt, wir seien Verräter, weil wir nämlich die entwichenen Kameraden 200 gen bemach chherDend insgen ein. urch Worach. sen? luft sind und sie end nen puk ser tehe micht alle teraben der kind inde. Arzt denen". xinn, geiben wir aden nicht verraten haben. Was wußten wir andern überhaupt? Wir hatten doch nur geträumt. Aber wir seien Aufrührer, und jetzt herrsche Standrecht, da müßten wir auf der Stelle erschossen werden. Fesseln zu zweien, und dann dort hinter den Güterschuppen! Die Maschinenpistole rasselt schon. In dreißig Sekunden werden wir alle erschossen sein. Mein Gott, warum leben wir denn immer noch? Erst sollen wir nämlich ,, gefilzt" werden. Manch einer vermag sich dabei nicht mehr auf den Beinen zu halten und bricht splitternackt auf dem zerwühlten Haufen seiner Effekten zusammen. Die Transportschergen sammeln nur dürftige Beute ein, Taschenmesser, Nagelfeilen und als einziges Beweisstück für den Umsturz Ewalds Pistole. Ewald wird gefesselt in den Abort für Männer bugsiert. Der Bahnhofsvorsteher protestiert, daß man seinen Abort durch Erschießen verunreinige. Mein Gott, wir leben noch immer, wann werden wir nun endlich erschossen? Die Geschichte wird schon wieder langweilig. Jetzt mischt sich Bürokratius ein. Wer trägt die Kosten für die Beseitigung unsrer blutigen Kadaver? Die Bahnhofskasse lehnt die Haftung ab. Spesen für Massenmord sind im Etat nicht vorgesehen. Man sucht einen Platz, wo wir selber unsere Gräber schaufeln können. Halt! Erst muß noch die Fahndungsanzeige aufgesetzt werden. Dazu sind Vernehmungen nötig. Der Bürgermeister kommt. Landwacht und Volkssturm soll gegen die entsprungenen politischen Verbrecher eingesetzt werden. Bürokratius feiert telegraphische Orgien. Die bayerischen Polizeibeamten scheinen etwas Schadenfreude darüber zu empfinden, daß den grosschnauzigen Herren Beamten aus Berlin dieses Malheur passiert ist. Jedenfalls legt man hier durchaus keinen Wert auf unsre Leichen. Wir müssen weiter. Mit dem Füselieren ist das vorläufig nichts. Doch unser Inspektor brütet Rache. Wir sollen, solange die Fahrt dauert, keinen Tropfen Wasser, keinen Bissen Brot mehr bekommen. Man rechnet noch mit zwei Reisetagen bis Bayreuth, denn es geht nur noch im Schneckentempo auf Nebenstraßen durch die Gebirge. Die Strafe trifft uns lebensgefährlich. Tatsächlich bricht schon gegen Abend eine Art Hungerdelirium aus. Die Gespräche versickern. Die Lungen gehen rasselnd, als seien sie Kettengetriebe. Lippen und Zunge schmatzen sich mühsam etwas Speichel zusammen. Ein Fiebern201 der beginnt mit seiner eigenen Stirn gegen das Wagenholz zu trommeln. Ein anderer verröchelt mit blasigem Schaum vor dem Munde, niemand bemüht sich, diesen Krankheiten eine Deutung mit auf den Weg zu geben. - Aber das alles bleibt Vorspiel zu einer großen Wahnsinnsszene. Plötzlich brüllt es von hinten ,, Feuer Feuer!" und unwiderstehlich tolle Fäuste bahnen sich einen Weg durch das Dickicht der andern menschlichen Körper. Blutunterlaufene Augen rollen fürchterlich. Ein Getroffener setzt sich zur Wehr und schlägt mit seinem Lineal zurück. Jetzt hat der Wahnsinnige eine Schnittwunde an Nase und Backe, der Blutquell färbt die Umstehenden rot. - ,, Ich bin der Führer persönlich, kniet vor mir nieder, sonst werde ich euch die Gurgel abbeißen", droht der Tobsüchtige. Da zaubert jemand knotige Bindfäden aus der Hose und schlingt sie dem Rasenden um die Handgelenke. Bald liegt er an Armen und Füßen verschnürt wie ein sperriges Bündel in der Ecke, sein Stöhnen wird allmählich rhythmischer, und in seinem Atem zuckt nur noch das Leid geschundener Kreatur. ,, Herr Wachtmeister, einer ist schon vor Durst verrückt geworden", kreischt jemand durch den Spalt an der Schiebetür. ,, Von mir aus sollt ihr Strolche alle verrückt werden", kommt es von draußen zurück. ,, Wir machen erst auf, wenn wir angekommen sind, und dann werdet ihr hoffentlich alle verreckt sein." ,, Die Höllenfahrt", stößt einer ächzend durch die Zähne. Totenruhe liegt über unserm letzten Reisetag. Wir zählen keine Stunden mehr. Ohne Form und ohne Farbe tropft die Zeit wie heißes Blei. Als sich wieder die Tür öffnet. quillt uns ein unwahrscheinlich blauer Himmel entgegen. Das Auge stürzt sich wie ein Schwimmer in den unendlichen Azur. Sind wir im elyseischen Jenseits angekommen? Silberne Sonnen blenden den Blick. 202 Götzendämmerung in Bayreuth d S e I er e. es - t 1. t - T- en ie 120 コー in en In der Frische des Vorfrühlings blüht rings umher ein Gemeinwesen, das noch nicht die Fäuste des Krieges gespürt hat. Blinkende Fensterscheiben, saubere Gehsteige, festlich geschwungene Dächer. Die Bürger von Bayreuth tragen den Kopf noch so selbstgerecht im Nacken, als könne es hier überhaupt kein Verderben regnen; sie sehen sogar noch ziemlich gut hitlerisch aus. Aber was wissen wir Verdammten vom eigenen Befinden? Wir fühlen uns vom eigenen Ich hinweg ins Grenzenlose verschlagen; mir ist, als rutschte ich über Watte und hätte eine Spirale in meinen Kniekehlen. Mein Kopf, mein vorläufig wieder mal geretteter Kopf, summt wie ein Bienenkorb und scheint auch so schwer, so groß zu sein. Die Luft riecht bitterscharf wie Knoblauchsaft, und aus der braunen Wiese steigt es süßlich- faulig wie von gerinnendem Blut. Aber jetzt drehen sich die kahlen Kronen der Alleebäume vor meinen Augen stärker, als sie der Sturm zu schütteln vermöchte: die optische Täuschung ist eine Folge der elftägigen Höllenfahrt nach Bayreuth kein Zweifel, mir ist schwindlig. Noch taumele ich neben den andern in Reih und Glied, aber schon will der Augenblick nahen, wo ich für nichts mehr verantwortlich bin. Jetzt kurvt die Allee vor mir einem Abgrund zu. Es ist die St. Georgener Markgrafenallee, die früher Zuchthausallee hieß, was aber den Bewohnern der stattlichen Sandsteinhäuser miẞfiel. Solches erfahre ich aber erst später, wie ich auch erst später feststelle, daß die Allee sich gar nicht krümmt, sondern ganz gerade verläuft. Am Rande des Abgrunds, den sich meine überreizten Sinne einbilden, bedrohen mich stürzende und steigende Mauern eines verwitterten Quaderbaus, auf dem ein Türmchen mit dem Kreuz auf der Spitze Galopp reitet. Die Kreuzspitze stürmt auf mich zu, ich ducke mich, ich falle, ich höre noch, wie eine ganz ferne Stimme murmelt: ,, Laß den mal erst auf seinen Klamotten liegenbleiben, der Kerl sieht ja wie' ne Weißwurst aus!" 203 Wie schön, daß ich hier liegen darf. Schmerzlos und immer selbstzufriedener liege ich, es ist gleichgültig, ob meine Eindrücke stimmen oder nicht. Es berührt mich auch nicht, als rauhe Arme mich auf einen Handwagen packen und abbefördern. ,, Der Muselmann macht och nich mehr lange", hallt es zu mir herüber wie aus einem Sprachrohr. Nicht mehr lange? Wie gut, daß es nicht mehr lange dauern soll! Sie nennen mich also schon Muselmann. Das ist der knastologische Fachausdruck für Moriturus. Einerlei! Sie tragen mich ins Spital, denn wir sind in Süddeutschland. Spital, das klingt so gemütlich nach warmer Ofenbank, nicht so preußisch schnarrend wie Lazarett. Aber in der großen Spitalzelle stinkt es nach bissigem Lysol, und der strenge Geruch macht meine Sinne wieder klarer. Auch die Kälte dringt wie Massage durch Mark und Bein; der Fußboden aus rissigem Zement zeigt vereiste Pfützen. Ich sinke auf einen plumpen Strohsack und merke, wie sich vor meinen Augen allmählich die Umwelt wieder ordnet. Vor mir auf der hellblauen Wandtünche hängt an schwarzem Holzkreuz ein Schmerzensmann, wir sind in Bayern. Von der gegenüberliegenden Wand starrt mich noch ein zweiter Kruzifixus an, und ich sehe jetzt wahrhaftig nicht doppelt; das Lysol hat mich wieder wach gemacht, aus dem kleinen Zusammenbruch emporgerissen. Meine Spitalgenossen scheinen kränker als ich zu sein. Sie liegen teils steif, teils zuckend auf den benachbarten Strohsäcken, Opfer des männermordenden Transports. Als Oberkalfaktor stellt sich uns bald ein belgischer Arzt aus Brüssel vor, ein semmelblonder, wohlgenährter Herr, dem die schwarze Zuchthausuniform mit den gelben Peststreifen vorzüglich sitzt. ,, Bonjour, messieurs les partisans!" begrüßt er uns kordial und schöpft bayrisches Blaukraut, in Norddeutschland Rotkohl genannt, aus dem Kessel. Seit zwei Tagen hatte ich nichts mehr in den Magen bekommen, und so schlinge ich, da sich kein Spitalgenosse an dem Essen beteiligen mag, gleich drei Liter- Schläge hinunter; mein Magen hält mich für verrückt und schnauzt mich an. Draußen dröhnt lautes Gepolter und Geschimpfe auf. Die Tür wird aufgestoßen, sie tragen einen beinahe leblosen Körper hinein, den blutige Kleider- und Wäschefetzen dürftig bedecken. Es ist einer der Unglücklichen, die im Durst- Delirium in den Wahnsinn fielen und zuletzt im Bremserhäuschen des 204 ‘ Waggons an Händen und Füßen gefesselt abgestellt wurden. Jetzt liegt er in apathischer Hilflosigkeit, aber er scheint sich im Rausch der Selbstzerstörung mit der Kleidung auch die Haut vom Leibe gerissen zu haben. Man wirft ihn jetzt krachend auf den Strohsack, und ich bekomme die Weisung, mich von Zeit zu Zeit um ihn zu kümmern. 3 „Trinken, löschen, die Welt brennt‘, stöhnt der Wahnsinnige. "Ich reiche ihm den schweren Wasserkrug und stütze seinen Kopf. Er stiert in den Krug, reißt am Henkel und würde das steinerne Gefäß zur Erde schmettern, wenn er noch die Kraft dazu hätte.„Der ist mit Blut vergiftet‘, zischt er mich an, will aufspringen, fällt vom Lager und windet sich völlig zer- schunden unter die Bettstatt. Also Verfolgungswahn!— mir wird ganz unheimlich zu Mut. Sein Wahn ist echt, goldecht, überdenke ich, mein eigener Wahn war gottseidank nur gut und listig gespielt, eine Nottäuschung. Armer Muselmann, deine Lippen entfärben sich schon wie ein im Wasserglase altgewor- denes Veilchenblatt. Um Mitternacht schlägt er noch einmal in kurzem, qualvollem Rasen mit Armen und Beinen aus, dann reckt er sich und ist tot. Und gegen Morgen hebt sich auf dem andern Strohsack noch einmal eine kranke, hohl gurgelnde und pfeifende Brust zum letzten Leidenston. Akute Pneumonie. Wieder exitus letalis. Im ersten Tagesgrauen wähne ich, das dritte Opfer dieser Nacht zu werden; man zwackt mir mit einer Zange stück- weise die Glieder ab. Als ich in kaltem Angstschweiß erwache, sind mir nur die Beine abgestorben. Aber es hält mich nicht länger auf dem Stroh, ich trommle mit den Fäusten gegen die Tür, daß die Riegel klappern; der Wächter wütet mit rasselndem Schlüssel heran, doch mein Mundwerk geht schneller:„Zum Teufel noch mal mit eurem Sterbekäfig, mit eurer gottverdammten Leichenbude!‘‘ Meine Stimme über- schlägt sich und reißt ab. Dem Wachtmeister bleibt sein bajuwarischer Fluch im Halse stecken. Es wird Sonntag, ich höre verwehte Klänge von Kirchen- glocken. Das Wellglas des Zellenfensters verzerrt jede Sicht; wenn ich die schmale Luftklappe öffne, sehe ich den Ausschnitt eines altertümlichen Hofes. In einem kahlen Kastanienbaum hängen gemütvolle Starkästen. Die Märzwürze der Luft läßt 205 ER Rate ee A nein an nr i I | R a R F ERÜRLE REIT NGET NESSGERTTESERIEN) schon auf die gelbfüßigen Hüpfer hoffen. Wie wunderbar klingen die Stimmen der ersten Singvögel für uns Gepeinigte. Singen sie schon wirklich oder singt meine Seele? Man muß nur wacker die Melancholien herunterschlucken mein tapfres Herz erspare dir die depressive Leier, sie ist jetzt überflüssig und unnütz. - Mein Leidensnachbar löst sich aus dem dunklen Bann der Krankheit, reibt sich die verschwollenen Augen und fragt, was wir hier eigentlich sollten. Darauf ist schwer zu antworten. ,, Ja", erklärt er statt meiner ,,, ich war nämlich zum Tode verurteilt. Vierzehn Tage auf dem Rücken gefesselt, dann sollte plötzlich neu verhandelt werden, wie mir der Anwalt schrieb. Warum, weiß der Henker! Aber ich kam auf Transport und habe keine Ahnung, was jetzt wird. Sonst hauen sie einem womöglich doch noch den Kopp in die Pfanne. Aber wohl nicht gleich, solange man krank ist, bleibt man doch liegen. Mich hat nämlich ein Wachtmeister auf dem Weg vom Schiff zur Bahn mit dem Gummiknüppel links und rechts auf den Bauch geprügelt. Da kriegte ich Nierenkolik. Mein Essen mußt du für mich verstecken. Ich fresse später für zehn. Aber so halbtot darf einen doch nicht der Henker holen." Die Logik seiner Reden ist gewiß nicht ganz bezwingend, ich verstehe ihn schon. Als Kranker fühlt er sich immerhin noch am sichersten. Er versucht sich aufzurichten, sinkt aber wieder aufstöhnend zusammen. " - , Verflucht, die Nierengegend ist aufgequollen wie'n Hefenkloẞ. Was hab' ich schon groß gemacht, ich bin doch bloß mit dem Genossen Albert dafür gewesen, daß wir wieder einen roten Landarbeiterverband gründen oder ist das etwa nicht richtig? Sollen uns die Betrüger von der Deutschen Arbeitsfront ewig zum Narren machen? Ich bin Arbeiter, und ich hab für drei gearbeitet. Und spät abends noch im eigenen Stall und Garten. Ich wohne nämlich auf einer Siedlung bei Landsberg an der Warthe. Jetzt ist ja der Russe drin, na der Russe wird schon den letzten verkappten Nazi kriegen. Also mich hat die Gestapo geschnappt, als wir im Schuppen bei meinem alten Genossen Albert' ne Versammlung abhielten wegen dem roten Landarbeiterverband. Ich habe bloß in unserer Siedlung antifaschistische Mitglieder geworben, da bin ich doch so gut wie unschuldig, und dafür ein Todesurteilne, ich danke!" - ,, Mit deiner Unschuld ist das im Dritten Reich nicht gerade weit her", erwidere ich als Fachmann für alle politischen 206 ar te. B es sig Her as de te b. port sie phl en. iff Hen Gift SO ich ch -55 Her enmit men cht tsab nd erg ird die ten em ung gut e!" ade hen Delikte. ,, Das ist eine ganz ehrliche und solide Vorbereitung zum Hochverrat. Und der Kopf deines Genossen Albert scheint mir sehr lose zu sitzen." ,, Ach, mein Gott, den armen Albert, den haben die braunen Banditen schon Freitag vor drei Wochen geköpft. In der Nacht, ehe sie ihn wegbrachten, klopfte er noch an meine Zellentür und klagte herzzerreißend:, Emil, Emil', jammerte er ,, wenn du nach Hause kommst, grüß mir meine Frau, die Lotte, und meine Tochter, die Frida. Grüß alle, alle, die ganze Heimat von mir." Und dann ist am Sonntag drauf meine Frau, die Ida, bei mir gewesen, und sie brachte mir von seiner Frau ein ganzes gebratenes Karnickel, das sollte eigentlich der Albert essen, aber der Albert brauchte es nicht mehr, der war ja schon Kopp ab und tot. Na, ich sage schon, mir blieb das gute, fette Karnickelfleisch beinah im Halse stecken." ,, Über' n knusprigen Karnickelbraten geht nichts, am besten mit pikanter Kräutersauce", läßt sich jemand vernehmen, der bis zur langen, scharfen Nasenspitze in die Decke eingerollt ist. Wir sehen verdutzt nach seinem Lager hinüber. ,, Bitte", sagt er selbstbewußt ,,, ich muß es wissen, ich habe jahrelang in Frankreich Kaninchen gezüchtet. Die Franzosen haben besonders schwere, fleischige Rassen, die Aufzucht ist sehr lohnend. Ich möchte es später in meiner Heimat im Harz mit einer richtigen großen Kaninchenfarm versuchen." Emil, dem damals der Karnickelbraten des Toten beinahe im Halse stecken geblieben war, ist neugierig auf die französischen Kaninchen. ,, Was wolltest du in Frankreich, wenn du aus dem Harz bist?" ,, Ich türmte nach Frankreich", erzählt er ,,, weil ich nicht in Hitlerdeutschland Knast oder Konzertlager schieben wollte. Das ist jetzt zehn Jahre her, 1935 war es, ich studierte in Göttingen Medizin und hatte die Nase von der Hitlerei schon mächtig voll. Also ich kolportiere ein paar neue saftige Witze, Göringwitze, Goebbelswitze usw. Da denunziert mich doch ein Hakenkreuz- Halunke ganz offiziell bei Universitätsrichter und Partei. Ich haute Hals über Kopf nach Frankreich ab. Dort wollte ich weiterstudieren, aber ich bemühte mich ein bißchen zu langsam um das schnelle Französisch. Schließlich wurde ich Heilpraktiker, Menschen- und Viehdoktor in einem lothringischen Dorf. Im übrigen Kaninchenzüchter, Trichinenbeschauer, Hundedresseur und was sonst noch so vorkommt. Plötzlich macht Hitler seinen Krieg, ich flüchte vor den Nazi- Soldaten nach 207 Innerfrankreich. Ich mußte Franzose werden und wurde bald darauf als französischer Sanitäts- Sergeant eingezogen. Bei der Abrüstung der französischen Truppen falle ich doch noch den deutschen Behörden in die Hände. Die erkennen mich als Franzosen nicht an, hängen mir, weil ich im Kriege in einer fremden Wehrmacht gedient habe einfach Landesverrat an, transportieren mich vors Berliner Volksgericht. Da warte ich seit drei Jahren auf den Termin, warte und warte, bis ich verfaule, denn meine Akten sind unterwegs ausgebombt." - Der Exmediziner und Hundeabrichter spricht dann von einer geheimnisvollen Krankheit, von einer Nervenlähmung im Hinterkopf, die ihn manchmal unfähig mache, auch nur ein Glied zu rühren und irgendetwas zu denken. Man müsse ihn dann einfach liegen lassen und warten, bis mit der Muskelkraft auch sein Gedächtnis wieder funktioniere, aber er verzieht die Mundwinkel bei diesen Worten, als nähme er sich nicht ganz ernst. Der Fall scheint mir verdächtig, und nach einigen Tagen bin ich in dem Eindruck bestärkt, der Mann habe einige pseudomedizinische Quacksalbereien an sich selbst probiert. Jetzt spielt er Hokuspokus mit einem Leiden, an das er in wachsender Haftpsychose bisweilen auch schon glauben mag. Er versucht es auch mit lächerlich belanglosen Kuren, indem er zum Beispiel die Handflächen stundenlang der Sonne entgegenhält. Das soll den Magnetismus des Weltalls auf ihn übertragen. Er ist ein psychischer Scharlatan, gewissermaßen ein verschämter Simulant. Ach, wieviele ringen hier irgendwie am Rande des Irrsinns! Unser Stabsarzt, ein junger SS- Schnösel, der mit einem Reitstöckchen ins Spital geschlenkert kommt, will sich mit uns allen medizinisch nicht einlassen. Inzwischen sind uns schon ansehnliche schwarze, blonde und graue Bärte gewachsen; endlich erscheint ein Friseur mit der Haarschneidemaschine, um uns damit Kinn und Backen zu scheren. Auch so sehen wir noch ziemlich flauschig aus, meine lose Kinnhaut faßt sich an wie eine Kamelhaardecke. Als meine Schonzeit abläuft, werde ich mit Sack und Pack in ein kleines Zellenloch gestopft, das ich schon für überfüllt halte, weil es nur eine Klapp- Pritsche und schon zwei Mann Belegschaft hat. Mit den Zellengenossen, denen ich so dicht auf den Leib rücken muß, als solle ich ihre Atmung belauschen, harmoniere 208 bald ei der den als einer at an, te ich vereiner ntered zu meinauch Mundernst. in ich eudoJetzt chsenverzum hält. agen. vere am Reitallen sehncheruns noch n wie ack in erfüllt Mann Leib oniere ich gar nicht. Der eine ist ein ungebärdiger Seemann, der im hohen Bogen durch die Zelle spuckt und vortrefflich zu zielen weiß. Er versucht seine Spucke in den Spion zu lancieren, sobald sich dort ein Wächterauge blicken läßt. Der andere ist ein herkulischer Pferdeschlächter, der mir immer wieder erzählt. daß er früher sechzig gekochte Eier in einem Niedersitzen essen konnte. Die Eier scheinen noch heute in seinem Leibe Gasanstalt zu spielen, und dagegen hilft keine Politik. Um des faulen Friedens willen bin ich still, auch wenn sie mir beim Kartoffelempfang die drei fleckigsten hinlegen. Endlich werden wir wieder einmal umquartiert, und ich komme jetzt zu meiner Freude mit meinem guten, alten Tatgenossen Klaus zusammen, ein schöner Zufall, der gewiß nicht im Sinne des Erfinders der Strafprozeßordnung lag. Klaus kann sich mit dem tschechischen Kalfaktor auf russisch unterhalten, sie haben sich infolgedessen angebiedert, und das glückliche Resultat ist eine ganz neue Zeitungsnummer, Bayreuther Kurier vom 5. März 1945, die er triumphierend unter der Strickweste vorzieht. Die amtlichen Wehrmachtsberichte werden jetzt immer mehr zum schwatzhaften Gestammel. Abwehrsiege nach rückwärts sind an der Tagesordnung, Kraftworte überdröhnen vergebens die Ohnmacht. Wenn man die Schwaden der Ausflüchte wegbläst, so ist der deutsche Westwall an drei Stellen durchbrochen, zwischen Wesel und Bonn dringen die anglo- amerikanischen Heeressäulen auf das Rheinufer vor. Der Weltgeist bläst zum letzten Sturm. Die Rache rollt heran, wenn auch nicht mit den Siebenmeilenstiefeln der Gefängnisphantasien. Die Weltgeschichte marschiert unaufhaltsam gegen Hitler- Deutschland. Es ist ein Vormarsch dialektischen Geschehens, der einzige Weg zur Rettung, die wir glühend herbeisehnen. Und doch preßt sich mir das Herz zusammen, wenn ich miterlebe, wie man Deutschland zerschmettern muß, um die Deutschen zu retten. Die Sirenen heulen auch hier Alarm, sie tun es mehrfach am Tage, doch nichts geschieht, weder kommen die Bomber, noch steigen die Leute in die Luftschutzkeller. Es ist, als ginge der ganze Luftkrieg die Bayreuther nichts an, sie wissen nur vom Hörensagen, was moderne Bomber bedeuten. Klaus und ich spielen mit blauroten Frostfingern, in die Decke gewickelt, Schach. Wenn er mich beinahe besiegt hat, 14 Kampf 209 streiten wir nervös über meine Fehler. Ansonsten streiten wir, wie lange der Krieg noch dauern könnte. Ich sage sechs Wochen, er drei Monate, darüber kriegen wir einen kleinen Krach. Der Dritte in unserm Zellenbunde ist ein Kantinenwirt aus Luckenwalde, der die Zäune antihitlerisch bepinselte, weil er Deutschland am Verhungern sah. Er selber hat inzwischen über einen Zentner Lebendgewicht verloren, ist darüber beinahe schwermütig geworden und raucht trübsinnig seine getrockneten Kartoffelschalen in Zeitungspapier. Nur wenn der Kessel mit dem Essen- Nachschlag in unsere Nähe rückt und die Hoffnung auf eine Kelle Nachkost wächst, dann spitzt er ein wenig die Ohren. ,, Von heut ab hört das Faulenzen auf", poltert es eines Morgens von draußen. Klaus wird umgehend in Zuchthausuniform gesteckt und soll ,, Heeresschneider" werden. Wir andern werden vorläufig Heimarbeit auf der Zelle bekommen. Zu diesem Zweck wird mir ein Sack mit geschnittenen, polierten, gebrannten und gelochten Holzteilen vor die Füße geschüttet. Wir sollen diese Holzstückchen abwechselnd mit kleinen Strohröllchen auf Drähte ziehen und netzartige ,, Tischtuchschoner" fabrizieren. Eine Woche lang basteln wir diesen unnützen Kitsch, und wir werden dabei zur Eile getrieben, als ob es sich um das Wohl und Wehe der Rüstung handle. Meine Fingerspitzen werden rissig und gehörnt, sie schmerzen mich des Nachts, und ich fange an, sie wie ein Säugling zu lutschen. Ich muß meine Hände ruinieren, um Tischtücher zu schonen, obwohl es längst kein bürgerliches Gedeck mehr gibt. Diese Schoner repräsentieren die ganze deutsche Sinnlosigkeit. Klaus ist nun doch nicht zu den Schneidern gekommen, aber er friert wie ein Schneider und schielt nun arbeitslos aus einer Zelle schräg gegenüber. Die schäbige, schlecht passende Schand- Uniform schlampt um den verdorrenden, frostgeschüttelten Körper, und ich sehe, was auch meiner harrt. Es wäre wirklich Zeit, daß die Amis kämen! Sie schlagen jetzt bei Remagen einen Brückenkopf über den Rhein. Und unsere- pardon, die Hitler- Deutschen haben ihre Offiziere erschießen lassen, die nicht rechtzeitig die Rheinbrücken sprengen ließen. Im Tone blutrünstiger Befriedigung teilt das Herr Himmler als Chef der Nazi- Verteidigung mit. Heil uns, wenn sie sich selbst liquidieren! 210 wir, chen, .ב t aus eil er schen beiegeder d die r ein eines hausWir n. Zu erten, üttet. tron oner" d wir Wohl erden nd ich meine ängst äsenaber einer sende schütwäre er den m ihre Rheinligung mit. g Es ist ein unvergeßlich ekelhafter Tag, dieser 19. März 1945. Ich werde geschunden und gebrüht. Es beginnt, indem ich mit Sachen, Decken, Geschirr und Arbeitsmaterial beladen qualvoll und sinnlos im Gang herumgehetzt werde. Dann schiebt sich alles über eine enge Treppe zum ,, Hausvater" hinauf, bei dem es hier noch ruppiger und roher zugeht, als das sonst schon bei Gefängnis- Hausvätern üblich ist. Halb entkleidet, mit losen Bündeln bepackt, werde ich schließlich die Treppe wieder heruntergejagt, verliere meine Briefe, meinen beinahe noch unersetzlicheren Bleistift. Die ungewohnte frische Luft läßt mich schon wieder schwindlig werden, ich taumle über Höfe, durch eine Allee, falle wieder über meinen aufgelösten Krempel zusammen, Landschaft und Schornsteine fahren um mich Karussel. Da spüre ich einen kraftvollen Stiefel- Fußtritt im Gesäß, es ist der Wachtmeister mit der runden Rüsselschnauze und der strahlenden Gesinnungsbijouterie auf dem Busen. ,, Dir Aas, dir kenne ich-" Mehr höre ich nicht mehr, denn ich bin ihm mit einem Verzweiflungssprung nach vorwärts entflohen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als meine mitten auf dem Weg verstreuten Sachen aufzusammeln und hinter mir herzutragen. Hahaha! Die Entlausungsanstalt des Zuchthauses ist ein Meisterwerk der Schikane und Vernichtung, gleicherweise gegen Menschen und Material gerichtet. Als ich die Hölle endlich hinter mir habe, bin ich am ganzen Leibe von überheißen Duschestrahlen verbrüht. Die rot entzündete Haut sträubt sich unter Weh und Ach gegen die grobe, in hundert Falten herumscheuernde Anstaltskleidung. Ihre Weite wirkt wie ein Hohn; oder ist hier etwa eine Mastkur geplant? In dem Entlausungsofen haben sich Kamm und Zahnbürste zur Wellenform verbogen, und ich selbst bin nur ein Fragezeichen auf Holzpantoffeln von übermenschlichen Massen. Ich komme zu dem neuen Frühlingskommando ,, Forstkultur". Ach, wie will ich mich der Sonne und den Winden entgegenwerfen. Aber erst eine Handvoll Schlaf. Er will in den eisigen Steinlöchern unter der dünnen Baumwolle nicht kommen. Der Schlaf beliebt uns zu narren und entschwebt als schmerzliches Wunschbild wie eine treulose Mädchengestalt. Draußen im Treppenhaus ticken ein paar Pendeluhren mit blechernem Klingklang, sie schlagen die vollen und halben Stunden. Aber sie schlagen falsch, sie verwirren den Schlaf14° 211 losen, der die reale Überwindung der Zeit am Stundenschlag nachprüfen will. Warum schlug das siebenmal? Es ist doch höchstens drei. Verfluchte Wirtschaft, dieser falsche Zeitenschlag im großen Chaos zwischen den Epochen. Der Morgen schiebt einen dünnen hellen Finger in die Zelle. Das Arbeitskommando rüstet sich. Wenn man nur nicht mit den Riesenpantoffeln kopfüberfliegen wollte. Antreten mit EBgeschirr. Der Wachtmeister ist außer sich in gespieltem Zorn, weil man sich schon das schwarze Krätzchen im halbdunklen Korridor auf den Schädel gestülpt hat. Abmarsch zur ,, Forstkultur". Wer schwatzt, bekommt kein Mittag! Mit dieser liebenswürdigen Ankündigung führt sich bei uns der Herr Werkmeister ein, der Sachverständige für ,, Forstkultur". Er hat eine niedrige Stirn, ein kupfernes Gesicht und flachsfarbene Barthaare. Der Berliner würde sagen, man weiß nicht, ob das Luder dof oder tückisch ist. Bald werden wir wissen, er ist beides. Die Vögel jubilieren im Lohengrinstil, wie es sich für die Musikstadt Bayreuth gehört. Die Stadt liegt mit barocken Zwiebelhauben, mit schweren Firsten und zarten Türmchen, mit grüßenden Säulenportalen und bläulichem Ernst des Buchsbaums wunderschön in den Talkessel geschmiegt, sicherlich viel schöner als die Opernkulissen, wie sie das ungefüge Bühnenhaus dort auf halber Höhe zu bieten hat. Die Linienanmut wetteifert mit dem Farbenduft der Bayreuther Horizonte. Diese sanfte Hügellandschaft mit ihrem freundlichen Ausgleich von Nähe und Ferne ist gerade für uns politische Zuchthäusler, die wir in einem äußersten Extrem des Daseins leben, ein schmiegsamer Trost. Für eine Weile sind Hunger, Kälte und schneidende Gelenkschmerzen vergessen. Der Tannenwald duftet wie ein Drogerieladen. Zwei Jahreswenden ist's her, seit ich zum letztenmal den Odem der Baumwelt in mich trank. Aus glühenden Schleiern steigt mit Flammenzungen das Sonnengestirn, die Nebel an den Hängen umranden sich mit feinen Orangebändern. Wir wandeln im Licht. Ein Eichhörnchen treibt im übermütigen Genuß der Freiheit mit uns, den Gefangenen, seine kecken Scherze, obwohl doch jede Unterhaltung mit uns aufs strengste verboten ist. Nun haben wir den Pflanzgarten des Forstes erreicht, er liegt auf der Kammebene des Bergrückens und ist sorgfältig mit hohem Drahtgeflecht eingegittert. Ein langer hölzerner Schup212 lag och enelle. den EBorn, klen Kein sich für Gegen, wer-die cken hen, chsviel enBayrem uns des sind resaumdas mit örnden Intert, er gmit huppen dient als Schlechtwetterschutz, aber gewiß nicht für uns. Der Werkmeister pustet sich zu einer wilden Ansprache auf und warnt vor Sabotage. Wer ihn zum Narren halte, dem werde er es eintränken. Ein merkwürdiger Arbeitspädagoge. Der Pflanzgarten hat braunroten Lehmboden, das fette Erdreich glänzt und klebt. Ein Würmchen ringelt sich. Die schmalen Beete sind mit Laub- und Nadelpflanzen verschiedener Jahrgänge bestellt, schwellende Büsche wechseln mit Stecklingen. Wir haben die Baumkinder behutsam aus dem Mutterboden zu lösen, zu sortieren und zu bündeln. Man hat das bald begriffen, man weiß schon, daß die Wurzeln der Laubpflanzen besonders empfindlich sind, daß man sie so wenig wie möglich bei den Spatenstichen verletzen darf. Wir sind eifrig bei der Sache; der Körper will sich im Ringen mit der zähen Lehmmaterie spannen und entgiften: Kurzum, wir sind tüchtig und anstellig. Aber gerade das mißfällt dem Herrn Werkmeister. Zuchthäusler haben doch widerspenstig zu sein, damit man sie ducken, schurigeln, verhöhnen, beschimpfen und schlagen kann. Wozu hält sich denn das Dritte Reich seine Aufpasser? Etwa, damit sie sich mit der Arbeit zufriedengeben und das Maul halten müssen? Weit gefehlt! Es gilt Autorität zu beweisen, zu zeigen, daß der Staatsverbrecher als Rindvieh und Schurke unverbesserlich ist. ,, Waas, das sollen hundert Stück sein?" Er reißt das Bündel auf und prüft nach. Es stimmt leider. ,, Sie haben aber eine freche Fratze gemacht, noch einmal und Sie kriegen eine Watschen!" ,, Waas, Sie sind noch immer bei dem ersten Rücken? Nachmittags werden Sie nasses Moos tragen, bis Sie umkippen."- ,, Waas, so schnell fertig? Das ist reine Pfuscharbeit, Sie liederlicher Patron!" ,, Waas, Sie haben diese wertvolle Wurzel mit dem Spaten angekratzt! Das ist Sabotage! Wissen Sie, was auf Sabotage steht?" Der Mann ist von Natur borniert und durch lange Zuchthaus- Gewohnheiten auch noch böse geworden. Das entschuldigt ihn ein wenig. Gemein wirkt er eigentlich erst, wenn er sich schlau vorkommt. Auch meine Nase gefällt ihm nicht. Ich bin gerade bemüht, in ein noch unbepflanztes Ackerstück der Absteckschnur entlang Gehfurchen zu treten. ,, Der alte Depp da weiß wohl noch nicht, was vorn und hinten ist." Der alte Depp bin ich. 11 , Warum treten Sie die Furche von unten nach oben, statt -213 von oben nach unten?" Ich schweige, was soll ich auch antworten, denn wo hier oben und unten ist, ja, das ist doch reine Ansichtssache, und es ist doch völlig gleichgültig, an welchem Ende man anfängt. Jetzt will er wissen, wo ich herstamme. Ich nenne Berlin, und das reizt den Bajuwaren. ,, Schaut's an, ein Berliner, ich dachte immer, die Berliner sind helle, und Sie können nicht mal links und rechts unterscheiden." Jetzt beschuldigt er mich schon, links und rechts verwechselt zu haben; die kleine Verleumdung ist psychologisch interessant zustande gekommen. Ich warte geduldig auf weitere Zurechtweisungen, aber er hat genug und bleibt seiner bösen Unlogik treu, wenn er mich abschließend anfährt: ,, Was steh'n Sie überhaupt rum. Denken Sie, wir sind zum Vergnügen da. Machen Sie gefälligst weiter, Sie alter Depp!" Mein Nebenmann ist ein baumlanger Ingenieur, der kaltblütig genug war, um jahrelang im Keller seines Laboratoriums eine Bombenwerkstatt zur Versorgung europäischer Partisanen zu betreiben. Diesen Hünen, der mit dem Spaten wie mit Streichhölzern hantiert, möchte der Werkmeister gar zu gerne klein kriegen. Er jagt ihn so lange kreuz und quer durch den Pflanzgarten, bis er mit einer Fußblase hinkt. Dann beäugt er den Fuß von weitem und erklärt, er werde ihn wegen Selbstverstümmelung zur Anzeige bringen, denn der Fuß wäre heil geblieben, wenn man ihn rechtzeitig mit einer Binde umwickelt hätte. Am nächsten Morgen beim Ausmarsch verspricht uns der Himmel wieder einen wunderbaren Tag; noch ist es bitterkalt, und die steifen Hände vermögen kaum die Blechschüssel zu halten. Die Vögel singen heute, als gelte es, den Brautchor aus Lohengrin noch zu übertrumpfen. Frühlingsanfang, stellt einer fest, ja, das Datum stimmt, Frühlingsanfang, wie hoffnungsvoll das klingt. Heute sind unsere Sinne nicht mehr allein den Wipfeln und Gipfeln zugewandt, wir sehen auch schon wieder, was auf der Erde kreucht und fleucht. Frauen und Kinder, aus allen Schichten und in den ungewöhnlichsten Aufzügen, schleppen Handwagen mit frisch geholzten Fichtenstämmen hügelab. Auf die fragenden Blicke bekommt man halblaut zu hören: ,, Mit dem grünen Zeug sollen wir nun Suppe kochen! Ist der verdammte Krieg nicht bald zu Ende?" Hoher Volksgerichtshof, hörst du das? 214 anteine chem erlin, liner nterechts gisch tere ösen eh'n da. kaltiums anen mit gerne den gt er bstheil ums der kalt, el zu tchor stellt hoffund f der chichHandf die dem mmte Aber der Herr Werkmeister hat jetzt irgend was läuten hören:., Welcher Höllenhund hat da eben geschwatzt?" Ein Vorwitziger wagt es, den Herrn Werkmeister etwas zu frozzeln. ., Herr Direktor", sagt er ,,, ich meinte, der Krieg dauert noch fünf Jahre und endet bestimmt mit unserm totalen Siege." ,, Ihr sollt eure Goschen halten, ihr Deppen", antwortet der Werkmeister unwillig. ,, Ich trau euch Mordsviechern nicht, ihr Spitzbuben, ihr denkt wohl, jetzt kämt ihr frei. Wenn erst die neuen deutschen Waffen raus sind, dann hört die ganze Sauwirtschaft auf." Ja, die ,, Wuwas", die Wunderwaffen, sie sind jetzt die dunklen Dämonen in diesem Vorfrühling. Unser Forstkommando setzt sich aus etwa fünfzig evakuierten Berliner und Breslauer Gefangenen zusammen. Die Breslauer haben unterwegs nicht weniger durchgemacht als wir Flüchtlinge aus Berlin. Sie wurden in kleinen Trupps auf Transport gebracht und haben auch wirklich haarsträubende Dinge erlebt. Eine Gruppe war nach Lauban, in die Stadt der Taschentücher, umquartiert, als die Russen dorthin überraschend vorstießen. Der Weitertransport mußte zu Fuß erfolgen, aber die Kranken und Schwachen sollten unter keinen Umständen lebend zurückbleiben. Der Ortsgruppenleiter gab bei der Räumung die Weisung, alle nicht marschfähigen Gefangenen zu erschießen. Es waren vierzehn Mann, die nicht weiter konnten, darunter mehrere Greise und Krüppel. Der Wachtmeister, der die Erschießung im Gefängniskorridor mit seiner Dienstpistole vornahm, weilt heute auf der Forstkultur unter uns, unser Werkmeister hat ihn zu seiner Unterstützung mitgenommen. Wie sieht ein vierzehnfacher Mörder, der sich schönster Freiheit erfreut und uns brave Zuchthäusler bewacht, eigentlich aus? Nun, es geht ihm vorläufig im Schutze des Dritten Reiches ausgezeichnet. Er trägt eine flottgeschwungene Mütze mit goldenem Hakenkreuzadler, er ist wohlgenährt, seine hohen Stiefel blinken blankgewichst. Eben schneidet er sich bedächtig mit dem Taschenmesser ein Scheibchen Speck und legt es sorglich auf die Brotschnitte. Und niemand würde ihn für einen vierzehnfachen Mörder halten, denn er gibt sich bedächtig und wohlwollend. ,, Überanstrengen Sie sich bloß nicht", sagt er zu mir, als ich einen Haufen Sträucher auf die Schulter wuchte, ., Sie sind nicht mehr der Jüngste." Kein Zweifel, der Mörder ist besonders nett. 215 Stundenlang muß ich ihn bei meiner Arbeit heimlich beobachten. Hat er kein schlechtes Gewissen? Er unterhält sich mit den Gefangenen beinahe kameradschaftlich, ohne sich anzuschmusen. Man würde ihn, wenn man nichts von ihm wüßte, für einen ganz normalen Durchschnittsdeutschen halten. Verrät er sich durch gar nichts? Kommt nicht doch ein Funken angeborener Brutalität zum Vorschein? Eher wirkt er behutsam, als er mit einigen von uns über die Kriegsaussichten plaudert. Man wisse ja noch nicht genau, wie alles kommen werde, aber die Russen wären ja nun einmal im deutschen Osten drin, und man müsse sich mit ihnen vertragen. Überall werde schließlich mal ein Auge zugedrückt. Er sei für Leben und Lebenlassen. Dabei zwinkert er freundlich mit den Lidern. Ja, er ist ein Gemütsathlet, unser Herr Mörder! Vielleicht fällt ihm zwischendurch mal ein, wie er die vierzehn blutigen Leichen in die Aschengrube geschmissen hat. Und wie hat wohl die Flasche Schnaps geschmeckt, die ihm nach getaner Arbeit aus den Beständen der NS- Volkswohlfahrt spendiert wurde? Man kennt sich eben mit Mördern nicht aus! Die Breslauer erzählen, er hätte das fünfzehnte Opfer des Transportes retten wollen, als sein Amtsgenosse einem unterwegs zusammengesunkenen Gefangenen mit dem ,, Radiergummi", nämlich mit dem Gummiknüppel, über den Mund ,, gekitzelt" hatte. Aber der Niedergebrochene hatte nicht nur die Zähne ausgespuckt, sondern gleich soviel Blut gekotzt, daß da nichts mehr zu machen war. Schade, schade! Ja, der andere Gefangenenwärter, der Mann mit dem Radiergummi, der es nur zum einfachen Mörder gebracht hatte, sah auch nicht so aus. Er hatte Hängeohren, richtige Eselsohren, er sah sehr viel eher ulkig als gemein aus, aber er prügelte im Suff, er hatte zuviel von dem Volkswohlfahrts- Schnaps getrunken. Unser Vierzehnfacher war nüchtern geblieben, er hatte ja überhaupt nur ganz korrekt auf höheren braunen Befehl gemordet. Ansonsten war er für Leben und Lebenlassen. Als seine Überlebenden zuletzt in einen offenen Viehwagen bei zehn Grad Kälte gepfercht wurden, tröstete er mit der launigen Bemerkung, in fünfzig Jahren spräche kein Mensch mehr davon. Dieser Mörder bleibt eben ein Gemütsmensch! Und für einen Blaugefrorenen hatte er tatsächlich ein Büchschen mit Frostsalbe bei der Hand, und einem Zitternden soll er seine Thermosflasche mit lachendem Trost an die bleichen 216 cobsich anSte, ein Et er hten men chen rall eben ern. eicht igen wohl rbeit ? auer ortes amlich atte. ausichts Hiersah mren, e im maps ze ja geAls bei migen von. chsIl er chen Lippen gehalten haben. Welch ein rätselhaftes Wesen bleibt doch der deutsche Mensch auch noch als Mörder! Alle drei Tage wird jetzt die Brotration um ein Viertel gekürzt, das Suppenquantum sinkt von einem Liter auf dreiviertel und dann auf einen halben; jetzt hört der Gemüsebrei auf und wird durch Kartoffeln ersetzt, die sich dann mehr und mehr auf die Kartoffelschalen beschränken. Da muß doch etwas dahinter stecken! Mein neuer Zellengenosse ist Arzt, er hat sogar als Magenspezialist und Ernährungsphysiologe in einer großen oberschlesischen Industrieklinik gearbeitet. Außerdem war Dr. M. vier Jahre lang Lagerarzt in dem weltberüchtigten Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, da ist er hellsichtig, jedenfalls äußerst mißtrauisch geworden; er kennt alle gröberen und feineren Methoden, mit denen man politische Gefangene in eine bessere Welt befördert-.. Was geht da vor? Dr. M. ist ein Mann, der gewissermaßen über allen Standpunkten, Lagen und Lagern steht, er ist gänzlich erhaben über Gut und Böse, über Meinungen und Intrigen, er geht mit lässiger Neugier darauf aus, das spröde Ding an sich zu suchen. Daher lehnt er es ab, Deutscher oder Pole zu sein, er ist lediglich Oberschlesier, und als Oberschlesier hält er wieder den oberschlesischen Staat, den er eigentlich gründen wollte, für eine Fehlgeburt. Hitlerdeutsche wie Pilsudskipolen betrachten ihn gleichermaßen als Landesverräter. Jetzt interessiert ihn nur die eine Frage, nach welchem statistischen Prinzip man uns durch Hunger um die Ecke bringen wolle. Mit den tschechischen Kalfaktoren und noch höheren Zuchthausprominenten steht der sprachgewandte M. auf vertrautem Fuße. Da erfährt er, was der Bayreuther Gauleiter Wächtler über die Stadt und über das Zuchthaus verhängt hat. Die Stadt mußte, weil der oberste Gaubonze nach Naziart die Rekordziffern liebt, viel mehr Flüchtlinge aus Ost und West in diesen Wochen aufnehmen, als sie versorgen kann. Daher hatte das noch normal versorgte Zuchthaus alle Vorräte abzugeben. Die Kürzungen sollen so lange fortgesetzt werden, bis das auf über zweitausend Gefangene angeschwollene Zuchthaus wieder auf die Hälfte gesunken ist. Wenn das nicht humane Vorsorge ist! Was ist der Breslauer Wachtmeister mit seinen schäbigen vierzehn Morden auf fremden Befehl doch für ein Waisenknabe gegen den Massenmörder Wächtler! Aus unserer Zelle muß der dritte Mann daran glauben. Das ist der rheinische Fabrikbesitzer und Stabsfeldwebel 217 Sch., der seine Sympathie für den 20. Juli mit zehn Jahren büßen soll. Jetzt liegt er noch, den Kopf mit einem blauen Schnupftuch bedeckt, die dürren, langen Beine über das Fußbrett des Bettes gerückt, auf der schmutzigen Matratze und grübelt. Er grübelt dem Qualtraum aller Techniker nach, dem perpetuum mobile, und glaubt allen Ernstes, im Gefängnis die Lösung gefunden zu haben. ,, Wenn man drei verschieden große Gewichte so an den Hebelarmen eines Waagebalkens aufhängt, daß-", er doziert es mehrmals am Tage. Wir hören nachsichtig zu. ,, Es ist eine typische Unterernährung hormonaler Drüsen", flüstert Dr. M. ,, Ja, wir müssen planmäßige Ernährungsakrobatik treiben." Also Ernährungsakrobatik nach ärztlicher Vorschrift: Morgens darf man das warme Kaffeewasser nur in kleinen Schlücken trinken. Mittags hat man das halbe Morgenbrot in die Suppe aus Kartoffelschalen zu brocken. Nachmittags wird die zweite Hälfte des Morgenbrotes scharf gekaut und gut eingespeichelt. Abends werden die zwei Kartoffeln mitsamt der Schale langsam gegessen, hinterher wird der Tee mit dem zweiten Brotstückchen zu einem Brei verrührt. ,, Denke dir den Magen als ein perpetuum mobile", sagt der Arzt zu dem traumseligen Sch., der beim technischen Grübeln immer wieder die Technik der persönlichen Selbsterhaltung vernachlässigt. Dennoch kommen wir zusehends weiter herunter. M. betrachtet und befühlt uns jeden Abend wie Versuchstierchen. ,, Übrigens ist das Verhungern längst nicht so dramatisch, wie es in Hungerturmszenen geschildert wird", versichert er sachlich, ,, die Verhungernden bleiben größtenteils apathisch. Die Gestapo von Auschwitz hatte mit den langsam Verhungernden verhältnismäßig wenig Scherereien. Dennoch ist die EngrosVernichtung durch Vergasen wesentlich zweckmäßiger. Denn bis man einen Schub Todeskandidaten durch den Hunger endgültig los ist, das dauert doch immerhin seine zwei bis drei Wochen. Mit Vergasen sind aber zweitausend Mann bequem an einem Tage zu schaffen." ,, Menschenskind, Doktor, hör' auf", falle ich dem kalt referierenden ehemaligen Lagerarzt hitzig ins Wort ,,, das ist ja grauenhaft. Wie kann man solche Schreckensdinge derart kalt betrachten! Mir drehen sich schon sämtliche Därme um." , Beruhige dich, mein Lieber", erwidert der Arzt. ,, Im Notfalle hab ich für dich noch ein paar bessere Tabletten zur 218 Jenn Abkürzung. Im übrigen bist du nicht Mediziner und verstehst nicht, daß auch die Frage nach zweckmäßigen Todesformen zu den wissenschaftlichen Problemen der Biologie gehört.“ „Genug, genug!‘ Ich schließe die Augen. Riecht es schon nach Gas? Welcher Teufel bohrt in meinen Eingeweiden! Bei einer Heimkehr ins Zuchthaus finden wir eine veränderte Atmosphäre vor. Schweigend mustert uns der Oberverwalter von der Seite. Auch die andern Beamten bleiben stumm. Worauf wartet man? Wir werden gezählt, gesiebt, noch einmal aufgerufen und gezählt. Weggetreten! Am Abend erfahren wir vom tschechischen Kalfaktor doch noch, was gespielt wird. Die politischen Gefangenen dürfen nicht mehr die Anstalt verlassen, unser Außenkomando wird aufgelöst. Ade, Pflanzgarten! Ade, schöne Welt! Sind wir wieder Todeskandidaten? Wann sollen wir erschossen werden? Und wo? Man möchte es doch gern rechtzeitig wissen! Am Sonntag lädt ein Lastwagen große Hafen von Schanz- zeug ab, schwere Schaufeln und Spitzhacken, Wir müssen das Gerät ganz sinnlos auf den Dachboden schleppen. Das Zucht- hausgelände soll in Verteidigungszustand gesetzt werden. Schanzgräben? Unterirdische Laufgräben? Oder sollen wir mal wieder unsere eigenen Gräber schaufeln? Die Parolen jagen sich. Was steckt in der schwarzen Kiste? Wir bleiben arbeitslos auf unsern Zellen. Arbeitslos und hungrig grübeln wir über das Geheimnis der schwarzen Kiste, Die Leitung der Anstalt ordnet strenge Nachrichtensperre an. Das Radio im Beamtenzimmer wird in aller Stille abmon- tiert, Allen Wachtmeistern ist eingeschärft, gründlich nach Zeitungsblättern zu filzen. Aber merkwürdig, es muß Verbindungslinien geben, die viel heimlicher als Ätherwellen laufen. Man erfährt jetzt einfach alles, und es stimmt sogar. Am Mittwoch wissen wir, daß die Amerikaner vor Würzburg stehen. Wieviel Kilometer liegen zwischen Würzburg und Bayreuth? Zum ersten Male wird die Kilometerfrage akut. Es sind immerhin noch mindestens 200 Kilometer Luftlinie. Wer hat eine alte Landkarte? Ein Geschäftstüchtiger will die Karte, die er einem Bibliotheksbuch gewaltsam entliehen hat, gegen eine Kuhle Brot verhandeln. Nein, das wäre denn doch zu teuer. Unser täglich Brot ist ja jetzt auf etwa 60 Gramm zusammengeschrumpft, es sind zwei dreieckige Stückchen, gewissermaßen kleine Brottortenstückchen, und wie Marzipantorte wird jeder Bissen von der Zunge geehrt. 219 Be en nn ER EEE a EEE Ich recke den Kopf an das halbblinde Fenster hinauf. Die schwellenden Knospen der Kastanien glänzen wie brauner Lack. An den Teichrändern grünen die Gräser. Aus kahlen Zweigen sprieẞt es dottergelb. Ich deklamiere den Osterspaziergang aus Goethes ,, Faust": ,, Im Tale grünet Hoffnungsblick..." Das Fest der Auferstehung bricht an. Im christlichen Bayern vergönnt man uns heute Gottsdienst, aber wir sollen aus Sicherheitsgründen nicht in die Kirche hinüber, man hat einen Notaltar auf dem Dachboden hergerichtet. Zur evangelischen Feierstunde drängen viele, die sich sonst zu keiner Religion bekennen. Ostern ist das große Lebensfest, das Fest der erfüllten Verheißung. Wir glauben an unsere Auferstehung zur Freiheit. Wer nicht glaubt, wird in den allerletzten Karwochen unseres Leidens nicht durchhalten - Der Geistliche darf nicht aussprechen, was uns und ihn bewegt. Wenn er uns ans Herz greifen will, muß er erst einen theologischen Wandschirm vorhalten. Geisterhaft rauschen die monddurchflossenen Nächte, aber die blassen Tage kriechen auf Schleichwegen, die großen Fügungen des Geschehens nehmen einen Anlauf, aber dann sinken sie in sich zusammen, die Zeit schleppt sich stöhnend hin, die Ereignisse stoppen ab. Die Sirenen der Lüfte klagen und beschwören. Alarm, Alarm, Alarm. Geschwader über Geschwader dröhnen vorüber. Aber die Nachrichten werden wieder flügellahm. Man kämpft noch immer um die Mainbrücken von Würzburg, und im Ruhrgebiet und in Hessen scheint sich nichts zu rühren. Wird es eine Kampfpause geben? Hapert es mit dem Nachschub? Doch nun erbrausen wieder die neuen Völkersignale des Ostens. Die Russen überrennen von Ungarn her die österreichische Grenze, sie stehen vor Wien, sie durchschneiden von Süden her die breiten Ortsbänder der alten Donaustadt, und nun geht es westwärts auf der Stromstraße des NibelungenSchicksals. Hilfe! Wir verhungern! Das zweite Brotstückchen bleibt aus. Ich setze das Mahlwerk der Kiefer im Leerlauf in Bewegung, versuche mir einzubilden, ich hätte mürbe Makronen zwischen den Zähnen. In den wachen Nächten fiebert mein Hirnkasten hegelianische Geschichtsphilosophie, ich wende die dialektische Methode auf unsern Zustand an: Wenn unsere Hungersnöte die Antithese zu den Verheißungen des Dritten Reiches sind, dann muß bald 220 ck. gen aus est nst, die erlösende Synthesis. beginnen. Denn der Weg durch die Geschichte ist der Weg zur Vernunft, diesen Glauben soll mir kein empörter Magen entreißen. Triumph, die Panzer bohren sich in den Thüringer Wald, der Stoß in die mitteldeutschen Herzlande ist geglückt. Noch immer mischt sich ein Grausen in dieses Triumphieren, noch immer zuckt die Hand, die ein Jubelwort zur Niederlage des Vaterlandes schreiben muß. Doch die Logik der geschicht- lichen Vollstreckung ist unerbittlich: dieses Reich muß unter- gehen, damit wir leben können. Wieder und‘wieder schwirren die Bomberpulks über den Mittagshimmel.— Nein, das war doch.— Ja. das ist ja— wahrhaftig— der erste Angriff auf Bayreuth! Es kracht und klirrt, die Erde bebt. Gewiß, uns Berlinern ist das nichts Neues. Doch dieser Todesdonner ist nicht einer von beliebig vielen, er bedeutet den Anfang vom Ende. Mit ungeheuren _ Lungen werden die Fanfaren der Wende geblasen. Neben mir hockt auf dem erschütterten und schaukelnden Bettrand der oberschlesische Arzt. Er gibt mir einen Stoß in die Rippen und meint prosaisch:„Höchste Zeit, daß die hier auch was auf den Deckel kriegen!“ Dem Angriff folgt eine lange, gelähmte Stille. Zwei Stunden vergehen. Dann rasseln wieder die Schlüssel des Beamten, der bei den ersten Einschlägen in den Keller gerannt war. Er tritt in die Zelle und ist auffällig mitteilsam:„Ein Haus am Bahn- hof ist kaputt, und zwei Verwundete hat's gegeben.‘ Wir glauben ihm nicht, er belügt uns auf Befehl. Ein paar Tage später kommt der Bayreuther Anwalt, dessen Besuch ich erbeten habe, ein liebenswürdiger altbayerischer Justizrat im weißen Haar, der sich mit gutbürgerlichem Er- schrecken meine ganze Leidensgeschichte anhört. Er wird meine Frau, die drüben im Gefängnis des Landgerichts eingekellert ist, sofort besuchen und ihr berichten, daß ich nicht nur immer noch lebe, sondern auch meine gesunden fünf Sinne beisammen habe. Der Volksgerichtshof hat sich tatsächlich in letzter Stunde hier in Bayreuth noch einmal zu bösem Tun versammelt. Gestern hat er sogar, wie mir der Justirrat erzählt, noch zwei Todesurteile und hundert Jahre Zuchthaus diktiert. Doch was soll das! Ich spotte seiner Senate. Packt die Blutkostüme in die Mottenkiste. Wir brauchen sie vielleicht noch zu einem Film. Mir kann der Todessenat nämlich nichts mehr anhaben, denn er hat noch in Berlin feierlich beschlossen, daß ich zunächst in 221 ET u ET A nenn nn EZ BE a ee a a EFT ERER einer Irrenanstalt nach der Wahl des Oberreichsanwalts für einige Zeit zur Beobachtung interniert werde! Diesen Beschluß enthielt das einzige Schreiben, das mich nach längerem, gewissermaßen zur Sache gehörenden Irrlauf in Bayreuth erreichte. Der freundliche Herr Justizrat kann meinen fiktiven Dachschaden von Tegel noch immer nicht recht fassen und meint, mein Oberstübchen müsse wie eine Stahlkammer gepanzert sein. Das könnte man von Bayreuth nach dem ersten Luftangriff nicht sagen, denn es soll im Innern der Stadt schon ziemlich schlimm aussehen. Auch die genieumwobene Wagnervilla , Wahnfried" hat einen Volltreffer ins Kupferdach des Bibliotheksaales erhalten. Es dämmert schon, als ich mich von dem guten Justizrat verabschiede. Durch das Zwielicht des Hofes dampft und würzt der Frühling, die Blattknospen der Kastanien haben die braunen Glanzhüllen aufgesprengt, und in den Sträuchern am Wasser wippen Vögel mit bunten Brüsten. Der Herr Gauleiter könnte eher den Frühling aufhalten als den Siegermarsch der Befreier. Rücken die Amerikaner auf Bamberg? Jawohl, vor Bamberg stehen sie. Kein Bamberger Reiter wird sie abwehren, er hat sich einmauern lassen. Am ersten Sonntag nach Ostern setzt der zweite Luftangriff ein. Es ist ein langweiliger früher Nachmittag. Unsere rollenden Magenwände lauern schon auf die beiden Pellkartoffeln, die uns der Sonntag noch zu bieten verspricht. Da geht es los. Aha, das gilt den Kasernen. Unsere Betten schwanken im Bombensturm. Der Montag beschert uns nichts als blinden Alarm und Kartoffelschalen, der Dienstag dasselbe. Da meldet sich abends am Türspion eine befreundete Stimme. Sie meldet sich auf tschechisch und gibt eine Sonderinformation des geheimen tschechischen Partisanen- Dienstes an Dr. M. vertraulich weiter: Der Gauleiter hat eben ein paar braune Bonzen in voller Kriegsbemalung in unser Zuchthaus einliefern lassen. Die ersten neuen politischen Knastkollegen von der andern Seite! Es sind Landräte, Kreisleiter und Bürgermeister des Dritten Reiches. Sie waren für Einstellung des bewaffneten Widerstandes. Bonzendämmerung- Götzendämmerung! - Bomben auf ,, Wahnfried". Haftbefehle gegen braune Bonzen. Wir liegen in der letzten großen Kurve. Götzendämmerung in Bayreuth-die germanischen Götter sind in Deutschland wieder schlafengegangen. 222 für hluß geichte. Dachmeint, sein. ,, Liberated house of correction" griff mlich villa blioverwürzt unen asser mals auf erger griff llenfeln, slos. n im und Bends auf eimen eiter: voller Die Seite! Dritten ViderBonerung chland ,, Achtung! Alle herhören! Wenn der Feind in die Anstalt kommt, werden die Zellen geöffnet. Jeder nimmt seine gerollte Decke über die Schulter und tritt draußen vor die Tür." Der Oberverwalter schnarrt es mit verdünnter Stimme durch den Gang, und ein Geraune und Gemurmel antwortet ihm. Man wägt noch mehrfach die schwerwiegenden Worte auf der Zunge und im Hirn: ,, wenn der Feind in die Anstalt kommt..." Unser Feind ist es nicht, aber hier in diesem Hause hat manch einer Grund, seine Feinde zu fürchten. In den Gängen brüten die Instinkte. Es ist noch früher Morgen, eben schlug es sieben Uhr, und der Kalender in unserm ungeduldigen Zeitbewußtsein zeigt Mittwoch, den 11. April 1945. ,, Wie wär's, wenn wir uns mal erstklassig rasierten", meint der oberschlesische Zellenfreund und ärztliche Berater. ,, Die Angelsachsen“, ergänzt er ,,, legen nämlich auf gutrasierte Backen besonderen Wert. Wer mit Stoppelbart erscheint, ist von vornherein bei ihnen abgemeldet." Wir seifen uns nach allen Regeln der Rasierkunst ein, obwohl wir eigentlich noch ziemlich wasserscheu sind, denn in unseren dürren Gebeinen rumort der Hungerfrost, und kein wärmender Sonnenstrahl dringt in unser steinernes Zellenloch. Nun warten wir und horchen, wir warten weiter und horchen und horchen, doch es rührt sich nichts. Nirgends Schritte, alles mäuschenstill. Nächstens müßte man das Krabbeln des Ungeziefers vernehmen. Endlich wenigstens die Alarmsirene; ihr Geheul ist allerdings nur alltäglich. Aber dann prasseln die Bomben, und der Wackeltanz der befestigten Dinge beginnt. Auch das ist keineswegs neu, wir erwarten ja mehr und sind mit andern Spannungen geladen. Die Zelle schlingert wie die Arche Noah vor Magdeburg. ,, Verflucht und zugenäht. Mensch, halt dich fest, damit du nicht in den Kübel fliegst. - - Verdammt nochmal!" 223 Das war wie Steinschlag im Hochgebirge. Draußen sausen Gesimstrümmer durch den Hof. Zehn Meter näher, und wir brauchten keine Befreiung mehr. Noch einige Male ducken wir uns im Hagel der Steine, wähnen durch einen geöffneten Ab- grund ins Bodenlose zu sinken. Alles verfinstert sich draußen in lehmigen Farben des Qualms. Und bald tritt wieder die große, graue Stille ein. Nachdenklich streicht sich der Doktor über das Kinn:„Nun sind wir wenigstens güt rasiert!" Aber sie kommen nicht, Erst am Abend gibt's eine Über- raschung. Bei der Nachtkontrolle kommt der Herr Oberver- walter persönlich. Seine Stimme hat alles Metallische ver- loren, sie hört sich an, als klopfe ein Schüchterner an eine hölzerne Pforte.„Nachher darf jeder in den untersten Flur hinuntergehen. Die Zellentüren müssen daher offen bleiben.” Was das ‚nachher‘ bedeutet, verschweigt er diplomatisch. Eine unerhörte Neuerung, wir vermögen sie kaum zu fassen. Wahrhaftig, die Türen sind offen! Man kann sie nach Be- lieben öffnen und schließen, man kann den Kopf hinaus- strecken, man könnte sogar die Nachbarn besuchen. Bald schleichen wir wie Mäuse an den Wänden entlang, gedämpftes Kommen und Gehen, Begrüßen und Fragen raschelt durch den Korridor. Von drüben sah man über die Dächer von St. Georgen und weiter über Stadt und Land. Man sah! Jetzt sieht man ein Chaos von Rauch und Staub, von zerrissenem Gebälk und Mauerwerk. In den Hintergründen züngeln gelbliche Flammen, leuchten dunkelrote Horizonte, In Trümmern liegt Bayreuth. Dies war der Großangriff der Vernichtung. Mußte das sein? Schon am nächsten Tage hören wir: es mußte nicht sein, Der Ami hatte friedliche Übergabe vorgeschlagen, als die deutsche Heeresmacht bei Bamberg auf- gesplittert war. Aber der Gauleiter wollte noch einmal die “heroische Maske wahren. Ohne das geringste Mittel der Ab- wehr, ohne ein Flakrohr, ohne eine Jagdmaschine, gab man die wehrlose Gauhauptstadt völlig zwecklos der Zerstörung preis. Wir sind ohne Licht und ohne Wasser, wir haben nur Hunger und Hoffnung. In der kalten Finsternis wärmt und leuchtet uns das Gefühl der Gemeinschaft, wir dürfen uns mit vielen Händedrücken finden, mit vielen Gesprächsfäden zusammen- schnüren. 224° Sen wir wir Abdes Jun ererereine Flur 41 n." Sen. BeusHald tes den und ein und men, der Fren abe aufdie Abdie reis. mger htet elen nenIm Morgengrauen des Donnerstag erreicht uns das erste verworrene Geräusch des Kampfes auf der Mutter Erde. Abschüsse bellen auf, und Einschläge lärmen kurz hinterdrein, der Erzmund der Kanonen. Ich schätze, da der Schall ungefähr mit der Windrichtung kommt, die Entfernung noch auf fünfzehn Kilometer. Bayreuth ist kein strategisch wichtiger Punkt. Was die Amis zur Eile treiben könnte, wäre die Verjagung des Gauhäuptlings und die Befreiung der politischen Zuchthausgefangenen. Natürlich wissen sie, daß der Volksgerichtshof seinen Vorrat an Opfern in Bayreuth geborgen hat. Was wird aus dem Gefängnis des Landgerichts geworden sein, wo die Frauen sitzen ,,, unsere Damen"? Der Bau liegt wie ein altes Herrenhaus tausend Schritt von unserer Anstalt ab. Gerade in dieser Richtung schienen die schlimmsten Himmelsspenden zu fallen. Aus sorgenvollem Sinnen reißt mich die Stimme eines Wachtmeisters: ,, Schultze- Pfaelzer, die Anstaltsleitung läßt Ihnen mitteilen, Ihre Frau ist gerettet!" Der Himmel ist uns also gnädig gewesen. Aber das heißt doch, daß andre, womöglich die meisten, nicht gerettet sind! Wie steht's damit? Aber der Mann ist schon wieder fort. Die meisten Wachtmeister halten sich seit gestern nicht länger als unbedingt nötig bei uns auf. Sie verschwinden, sobald sie ihren dienstlichen Auftrag erfüllt haben, sie wissen nicht, was tun. Noch sind wir durch den Engpaß der politischen Gefahren nicht durch. Noch kann jeden Augenblick von oben her der Befehl kommen, uns noch schnell ins Land des Schweigens zu befördern, so will es das böse Staatsgewissen. Wahrscheinlich ist dieser Befehl schon da. Vielleicht wird unser ganzes Trachten und Harren zuletzt vergeblich sein. Schon wieder rasieren wir uns, als müßten wir für alle Fälle zum Empfang gerüstet sein. Aber wir fühlen dabei deutlicher: so billigen Kaufes gibt uns das Schicksal nicht frei. Nachmittags neuer Luftalarm, die Sirene röchelt nur, als sei sie schwer verwundet. Zum ersten Male seit den anderthalb Jahren Haft darf ich vor der Bombengefahr in Deckung gehen. Wir sollen uns in eine beliebige Zelle des Untergeschosses auf Gastreise begeben. Der Raum, den ich betrete, ist schon ziemlich gefüllt. Es sind Litauer, ich habe sogar eine ganze litauische Exil- Regierung vor mir. Sie wollen wohl gerade Kabinettssitzung abhalten, 15 Kampf 225 eine neue Unabhängigkeitserklärung loslassen. ,, Besitzen die Herren vielleicht neuere Nachrichten über die Lage?" Das litauische Informationsministerium weiß Bescheid. Also die Stadt Bayreuth soll bis zum letzten Mann verteidigt werden. Der Gauleiter läßt aber zugleich seinen prunkvollen Silberschatz mit schnellen Wagen in den Bayerischen Wald befördern, er soll dort vergraben werden. Er hofft wohl, die Welt sei so rund wie sein Bauch und würde sich wieder drehen. Vor allem aber, was ist gestern passiert? Das Gefängnis des Landgerichts ist in einen Sandsteinhaufen verwandelt. Ich danke Gott noch einmal für die Rettung meiner Frau und der Zuchthausleitung für die humane Nachricht. Der Gewährsmann der Litauer hat die überlebenden Frauen selbst gesehen, sie mußten sich, zerschunden wie sie waren, gegenseitig selbst aus dem Schutt herausziehen. Ach, wieviele freiheitsdürstende Menschenkinder blieben zerschmettert unter den Trümmern liegen. Aber die Summierung der Tragödien schwächt das Entsetzen eher ab. Den Lebenden dröhnt der dunkle Gesang der Granaten glückauf. Die Geschütze rücken näher, schießen sich ein. Alle zwanzig, dreißig Sekunden erst Einzelschüsse, dann Salven. In den Zellen klappert es hinterdrein. Die Flieger lassen ihre Linsenblicke kreisen und werfen nur Flugblätter ab, die wie bleiche Riesenfalter über düstre Dachruinen flattern. Den deutschen Warnsirenen ist der letzte Leidenston im Halse steckengeblieben. Sie schwiegen für immer. Die Frühlingsnacht senkt ihre Schwingen tiefer. Waffenlicht zerreißt das blaue Dunkel. In gesicherten Talstellungen jenseits des engeren Bergkranzes um Bayreuth liegen die Panzervorhuten der Amerikaner versteckt, sie breiten in größeren Abständen Einzelfeuer über alle größeren Fahrstraßen und ihre Kunstbauten, dazu verwerten sie ihre Fliegeraufklärung vom Nachmittag. Der regelmäßige Brauseton der Abschüsse und Einschläge hat allmählich etwas Ermüdendes, wir sind in der letzten Ruhe vor dem Sturm. Im Hauptbau des Zuchthauses, im Treppenhaus vor dem Verwaltungszimmer brennen noch immer Kerzen und Ölfunzeln. Das Schimmerlicht, das rötlich aus den kleinen Flammenkörpern strömt, umflackert die verbissenen Gesichter der Gestapo- Führer, die hier schon seit Stunden auf den Anstaltsdirektor warten. 226 die Iso erlen ald die en. nis Ich der uen en, iele ter Hien ten Alle en. hre wie im Licht eits VorAbhre vom und der dem zeln. mender altsEin alter Bürobeamter, der selber nichts entscheiden kann, hat die Herren bis jetzt vertröstet. Ja, der Herr Direktor muẞ doch schließlich jeden Augenblick kommen, mal werde doch die Besprechung in der Stadt zu Ende sein. Leider kann man nicht telephonieren, das Fernsprechnetz ist ebenso zerstört wie die Wasser-, Gas- und Stromversorgung. Die Zeit rückt näher, der Direktor kommt nicht. Unruhig sieht der SS- Führer auf das Leuchtzifferblatt der Armbanduhr. ,, Länger können wir nicht warten", erklärt er unwillig. ,, Bestellen Sie dem Herrn Direktor, die politischen Gefangenen müssen morgen unbedingt erschossen werden. Die Anordnung des Sicherheitshauptamtes für den Fall der Gefahr besteht seit langem, der Reichsjustizminister hat ausdrücklich zugestimmt. Dem Herrn Direktor müssen die Verfügungen bekannt sein, wenn nicht, so habe ich hier Abschrift. Sollten die Kriminellen nicht genügend ausgesondert sein, so schadet das nichts, auf ein paar Tote mehr oder weniger kommt es wirklich nicht mehr an. Also am frühen Morgen komme ich wieder. Die Leichen schaffen wir fürs erste in den abgelassenen Teich und schütten ein Faẞ Chlor drüber. Wenn Sie hier unter Ihren Wachtmeistern nicht genug Feuerkraft haben, so holen wir uns noch einen Zug von der Waffen- SS aus der Eremitage. Also haben Sie alles verstanden?" - - - Der alte Beamte sucht sein Erschrecken so gut wie möglich zu verbergen. ,, Jawohl, Herr Hauptsturmführer, verstanden schon. Ich bin doch alter Soldat. Aber wenn Sie gestatten es würde sich doch allein bei uns um über tausend Menschen handeln. Ich will ja natürlich nichts gesagt haben, aber ich meine zum Beispiel schon die Sache mit den Leichenrein technisch ich meine nur-" - - Mißtrauisch legt der SS- Führer das kalte Gesicht in Falten. ,, Da machen Sie sich keine unnützen Sorgen. Also auf morgen früh. Heil Hitler!" Ist es ein Zufall, daß der Herr Direktor ausgerechnet heute nacht so lange ausbleibt? Oder sollte er sich absichtlich fernhalten? Nun, ihn, den alten Beamten, der immer nur seine Pflicht tat, geht das nichts an. Oder doch? Wenn etwa der Amerikaner morgen nach St. Georgen hineinkäme und fände die tausend Leichen Nein, nein, lieber nicht. Der Herr Direktor weiß wohl schon, was er tut, der wurde rechtzeitig Nazi, und jetzt drückt er sich wieder rechtzeitig. 15* - Die elektrischen Uhren im Zuchthaus stehen still, aber die 227 Zeit eilt weiter, fühllos und unbestechlich. Die ersten Vogel- stimmen zwitschern in den nebelnassen Morgen hinein, in den Morgen des 14. April im Jahre des Heils 1945 nach der Zeiten- wende, - Das Auto der Gestapo mit den beiden weißen Siegrunen im schwarzen Totenwimpel ist wieder da. Der alte Beamte grüßt etwas verstört, Nein, der Herr Direktor ist noch immer nicht gekommen. Auch die Frau Direktor hat keine Ahnung. Viel- leicht ist der Herr Direktor auf dem Wege durch die Finsternis in einen neuen Bombentrichter gefallen. Ärgerlich verzieht der SS-Führer die Lippen.„Das ist ja der reine Schlafmützen-Betrieb. Und an solch einem Tage. Meine Zeit ist kostbar. Es ist schon wieder geplündert worden. Bis acht Uhr sollen die Standgerichte erledigt sein.— Aber das sage ich Ihnen! Wenn Ihr Direktor weiter unsichtbar bleibt, dann nehme ich heute nachmittag die Sache rücksichtslos in die Hand. Sonst entwischen uns die Staatsverbrecher noch zum Feind. Also dann auf heute nachmittag, sagen wir fünf Uhr. Das Kommando für die Exekution bringe ich mit. Für die Arbeit mit den Leichen holen wir uns außerdem noch einen Trupp Arbeitsdienst. Heil Hitler!“ Wir, die wir nun noch bis fünf Uhr nachmittags Gnadenfrist haben, werden vormittags wieder ins Untergeschoß geholt, damit uns doch ja keine Bombe oder Granate ein Härchen krümme. Unwillkürlich muß ich an einen armen Berliner Mit- gefangenen denken, der sich noch am Tage vor der Hinrichtung im Lazarett das steife Genick massieren ließ, Das Gefecht lebt auf. Die amerikanischen Panzer operieren in losen Halbkreisen um die Stadt, die nur von dem Bayreuther Genesungsbataillon und einigen zusammengerafften Verstär- kungen, darunter zwei Batterien, verteidigt wird. Das Duell der Geschütze wird ein paarmal energisch und klingt dann wieder ab. Die Einschläge des Angreifers liegen zeitweilig in der Nähe der Anstalt, offenbar will er die Besetzung einer Fabrikfront am Rand von St. Georgen verhindern, die einen Rückzug der Deutschen nach Osten sichern könnte, Auch die Maschinenpistolen krächzen schon heiser in das großkalibrige Kriegsorchester hinein. Ein paar niedrig hinziehende Flug- zeuge werfen kleinere Störungsbomben in den Kampfraum, den sie von Zeit zu Zeit auch mit Bordwaffen abtasten. Durch dünnen Nebel blinkt Metall. 228 elBen enim üßt icht ielnis ja ge. Hen. ber ibt, die zum Jhr. die nen rist olt, chen Mitung eren ther tärDuell Hann g in einer inen die rige lugaum, urch Für jeden Kriegskundigen ist es klar, daß es die Deutschen mit einer gewaltigen Übermacht an schweren Waffen zu tun haben, sobald die Amerikaner zu einem Entscheidungskampf ansetzen. Das bißchen Artillerie kann gegen die amerikanischen Panzerkolosse nichts ausrichten. Wir Gefangenen, die wir ja wichtige Objekte dieses Kampfes sind, erörtern die militärischen Aussichten leidenschaftlich. Um unsre Höfe hängt eine silberne Musik. Die Himmelsklänge rufen nach uns. An den Eisengittern, die den Mittelkorridor gegen die unteren, mit Gefangenen überfüllten Seitengänge abschließt, entsteht ganz plötzlich stürmisches Massengewoge, das sich in die Gänge fortpflanzt. Was ist, was gibt's? Händeschütteln, Umarmungen, tränenfeuchte Augen. Jähe Bilder der Rührung. Hoffentlich träumen wir nicht? Nein, nein, wir träumen nicht. Die Amerikaner sind da. Mir schlägt unser illegaler Bombenfabrikant, der lahme Riese aus dem Pflanzgarten, vor Freude seine private Panzerfaust auf den Schädel, daß ich gleich ein Befreiungsfeuerwerk vor Augen sehe. ,, Also ich ziehe gleich heute nachmittag ins Hotel und lasse mir einen Eierkuchen bringen", prahlt ein Optimist. ,, Eierkuchen und Schlagsahne", ergänzt ein Genießer. ,, Unsinn', widerspricht ein Sachverständiger. ,, Eierkuchen wird ohne Schlagsahne gefressen, aber zu Apfelkuchen ist sie das Richtige. Übrigens gab es Schlagsahne schon seit Jahren nur noch bei der Emmy, der hohen Frau in der Schorfheide. Na, die wird jetzt auch bald ihr letztes Hemd allein waschen." Wir lachen, wir klatschen in die Hände. Wir besehen uns im Spiegel. Heute hatten wir im Drang der Erwartungen doch wieder das Rasieren vergessen, und so müssen unsere Befreier nun mit uns so vorliebnehmen, wie Gott die Bartstoppeln sprießen ließ. - Drüben am Eisengitter gibt es neue Unruhe. Die Gesten sehen nach Enttäuschung aus. Die Amerikaner sind fort? Was denn? Wie denn? Ja, sie sind wieder fort. Sie waren überhaupt nur mit einem Panzerspähwagen gekommen, wollten mit der Zuchthausleitung nur als Parlamentäre verhandeln. Der Stadt Bayreuth überbrachten sie vorher eine letzte Aufforderung zur Kapitulation, aber der deutsche Truppenbefehlshaber lehnte in militärischer Verblendung die Übergabe ab. 229 Da nahmen die amerikanischen Unterhändler den Rückzug über St. Georgen, um dem Zuchthaus mit Rücksicht auf seine internationalen Insassen einen humanen Vorschlag zu machen. Wenn das Bombardement in einer halben Stunde wieder einsetzt, sollen die Gefangenen in die Waldränder östlich vom Luftwaffenlazarett evakuiert sein, dort wird ein Streifen von fünfhundert Meter Breite nach Möglichkeit vom Beschuß verschont bleiben. Der Direktor der Anstalt will tun, was er kann. Jedenfalls treten wir alle im Hofe zum Abmarsch an. In Sechserreihen rücken wir ab, eine lange Kolonne von über tausend Mann, in den schwarzen Zuchthausuniformen leicht kenntlich und noch leidlich geordnet. Die Wachtmeister, die als Begleitmannschaft bestimmt sind, haben sich schwer bewaffnet; man weiß nicht recht, gegen wen. Wir sehen das mit Argwohn. Wieder hängt die Schneide der Ungewißheit über unsern wehenden Scheiteln. Was hat man mit uns vor? Wohin geht der Marsch? Von vorne sickert das Gerücht nach hinten durch, wir würden auf deutschen Geheimbefehl mutwillig zwischen die Linien getrieben und sollten als Kugelfang dienen. Eine Umschau im Gelände unterstreicht noch diese Befürchtung, denn die Amerikaner müssen rechts hinter, die Deutschen links vor uns sein. Wir werden ganz offenbar den verstreuten deutschen Nachhuten zugetrieben, sollen vielleicht in der Gewalt der Waffen- SS den Rückzug mitmachen. Unsere Stimmung schlägt in Parolen der Panik um. Die Parole der Wachtmeister lautet noch eine Weile: wer stiften geht, wird erschossen. Einige schießen tatsächlich, aber sie schießen in die Luft. Die Reihen haben sich schon gelockert, die Glieder wellen in losen Haufen auseinander. Es geht über wasserquietschende Wiesen, über Gräben und frischgepflügte Acker. Ich stolpere fortwährend über meine hölzernen Pantoffelgiganten, einmal sause ich in den braunen Sumpf eines kleinen Granattrichters. Da setzt die Kanonade wieder ein, fast gleichzeitig aus allen Richtungen. Für einige Minuten ein wahres Höllenkonzert. Vorläufig läßt sich überhaupt nicht ausmachen, wer da schießt und wohin man zielt. Auch in den Lüften setzt es ein, die Bordwaffen singen, als es unten ruhiger wird, heiser und abgerissen aus den weißen Mittagswolken. Hier und dort bricht einer von uns nieder, manchem ist alles gleich, ein paar wollen gar nicht mehr mitgeschleppt werden. 230 jon len eßt die ab- les len, oe re ee vor AR a che ee Geschoßtreffer sind ganz selten, aber Erschöpfung und Nerven- zerrüttung zwingen immer mehr von uns zu Boden. Das Hungerelend war zu arg. Am Fuß der Waldhügel, auf die wir zuhalten, spritzen Erd- fontänen auf. Fast sieht es so aus, als ob wir uns zu einem Angriff auf die deutsche Stellung entwickelten, wir, die schwarz- gelbe Zuchthaus-Infanterie. Jeder handelt, wie es ihm der Augenblick eingibt. Alle Befehle sind ins Grenzenlose verhallt, jede Bindung ist zerrissen. Schon tauchen wir im niedrigen Dickicht unter. Über uns orgeln die schweren Granaten, vor uns peitscht der trockene Kurztakt der Maschinengewehre, hinter uns steigen die braunen Qualmsäulen aus dem Stadt- panorama, vorne hellen freundliche Sonnenflecke das grüne Walddunkel auf. Jeder schleicht und kriecht jetzt für sich. Noch sehe ich zwischen den hohen Kiefernstämmen und dem buschigen Unterholz allerlei Gestalten in schwarzen Gefangenen- röcken und grünen Wachtmeistermänteln umhertappen. Aber dann bin ich allein, nur die Lärmwoge des Gefechts umbraust mich wie eine ungeheure Glocke. Wo bin ich, wo strebe ich hin? Bin ich unversehens stiften gegangen? Jedenfalls habe ich mich ganz ohne Absicht selbständig gemacht. Wohlauf, ich bin ein freier Mann im freien Wald! Die Mütze ab, es lebe die Freiheit! Ich nehme meine Holzpantoffeln in die Hand, der Nadel- boden ist trocken und manchmal glatt wie Parkett. Ein Rinn- sal plätschert zwischen Kieselsteinen, ich netze meinen brennen- den Schlund, Jetzt legt sich eine breite Bodenfalte vor meinen Fußpfad. Mein Gott, was bedeutet der Buckel da? Ein MG. im Anschlag, kein Zweifel! Das Rohr scheint geradeaus auf mich gerichtet. Da bewegen sich ein, zwei, drei Stahlhelme über der Deckung. Es sind Deutsche— und wer bin ich? Sie winken mir gebieterisch. Ich gehorche. Ein Feldwebel übernimmt das Verhör? ‚Wer bist du?“ „Ein Politischer vom Zuchthaus Bayreuth." „Hast was gegen Hitler gesagt?“ „Gesagt und getan.“ „Na ja, vielleicht hast du recht gehabt.‘ Mir fällt eine Last vom Herzen; die Männer lassen also mit sich reden. Darum frage ich jetzt ganz naiv, was sie hier eigentlich wollten. Sie mochten nicht recht mit der Sprache heraus, dafür bieten sie mir eine Zigarette an und wundern sich, daß ich als Kohldampfschieber Nichtraucher bin. Ihr 231 ET a EEE er Rn er DAR. a ne letztes Brot haben sie leider eben gegessen. Jedenfalls möchten sie mir etwas Gutes tun. ,, Hast du Geld?" fragt der Feldwebel. Ich verneine. Er zückt einen Zwanzigmarkschein. ,, Hier nimm, wir sind jetzt alle arme Luder." Ich muß erzählen, was unten los ist. Viel weiß ich ja selbst nicht, aber meine Vermutungen und ihre Erlebnisse ergänzen sich. Die amerikanischen Panzer rollen von Kulmbach her alles zermalmend gen Südosten. Bayreuth ist nicht zu halten. Sie könnten sich vielleicht auch jetzt noch durchschlagen, aber lohnt sich das noch? Seit Bamberg lassen sie sich ohne Zweck und Verstand herumhetzen. Nein, es lohnt sich nicht mehr. Wo soll das hin? Der Krieg geht zu Ende, Hitler hat sein großes Spiel verloren, warum sollen sie noch mitmachen? Auf Gefangenschaft haben sie keine Lust. Am besten wäre es, man ginge auf Arbeit zum Bauern. Ob ich mitkommen wolle? Ich erzähle, daß meine Frau mit mir gefangen sitzt, ich kann sie nicht im Stich lassen. Das finden sie auch. Zum Abschied hängen sie mir einen ihrer Karabiner um. ,, Damit kannst du jetzt mal deine Henkersknechte verhaften." Es ist herrlich, wieder einmal bewaffnet zu sein, wenn man so lange Zeit ein erbärmlicher Sklave war. Dennoch bin ich besonnen genug, die Knarre bald wieder wegzuwerfen. Denn ein amerikanischer Befreier könnte meine Freude an der Waffe falsch verstehen. Eine Weile streife ich einsam und doch mit allem Leben stark verbunden durch den frühlingsfrohen Wald. Zuweilen sehe ich die. Umrisse eines Leidens- und Glückgenossen hinter Holzstapeln und Wacholderbüschen verschwinden. Plötzlich steht, wie aus der Erde geschossen, mein Zellenkumpan Dr. M., vor mir. ,, Bruderherz", ruft er mit seiner östlichen Breite, die sich jetzt zu einem komisch wirkenden Pathos beschleunigt ,,, Bruderherz, Goldjungchen, alter Knaststiebel, laß dich umarmen, dieser Mistkrempel ist aus. Fünf ganze Jahre haben mir die Banditen gestohlen! Aber jetzt wollen wir mal den Spieß umdrehen!" Wie zur Bekräftigung grollen und donnern jetzt die Panzer heran, daß der weiche Bodenteppich unter uns zu beben scheint. Da schießen von einer kleinen besonnten Lichtung aus ein paar wilde Hitler- Bengels auf eine niedrig kurvende, amerikanisch besternte Maschine. Der Schlachtflieger muß sich mit der Bordwaffe wehren und trifft in einen Schwarm von flüch232 ten Er etzt bst zen les en, ne cht hat en? es, Te? ann m. E # 1 1. SO Deein ffe ben len ter enmer Ben stinf etzt zer int. ein erimit ch11 tigen Zivilisten, zu deren angeblichem Schutz die dummen Jungen sich in den Kampf eingemischt haben. Ein sterbender alter Mann, ein paar verletzte Halbwüchsige sind der sinnlose Erfolg dieser fanatischen Soldatenspielerei beim bittersten Ende. , Wir besetzen jetzt die Hustenburg", empfiehlt Dr. M., den es in sanitäre Regionen zieht. Die Hustenburg ist das naziamtlich mit dem bombastischen Namen ,, Gesundheitsburg" verzierte Heim der NSV, das im Kriege als Reservelazarett dient. Der langgestreckte Bau liegt unter uns auf halber Höhe des Waldsaumes, vom Dache blutet das rote Kreuz als riesige Fürbitte. Als wir eilig in die Auffahrt biegen, sehen wir schon einen amerikanischen Panzer auf der Rampe halten. Hurra, hurra! Drüben auf der Turmbalustrade von St. Georgen hängt die weiße Fahne der Kapitulation, das Gefecht verzieht sich in letzte Winkel an den Straßenausgängen. Nahe der Bahnlinie brennt ein Tank, von einer letzten deutschen Panzerfaust getroffen, mit gelblicher Stichflamme in der Pappelallee. ,, Sind wir jetzt eigentlich Gefangene?" fragen uns zwei nette blau- weiß geschürzte Lazaretthelferinnen, die wir um ein Stückchen Brot anbetteln, weil wir die Begierden in der Magengegend nicht länger unterdrücken wollen. Wir erklären sie vorläufig für unsere Privatgefangenę, sie dürfen sich höchstens loskaufen, aber sie haben nur ein Stückchen Zwieback in der Schürze. Um uns zur Feier des Tages ordentlich den Bauch zu füllen, dringen wir in den Pferdestall, in das warmduftende Gemach des Milchgauls ein und borgen uns aus dem Vorrat des Krippensetzers ein paar Futterrüben aus. Verwundert schaut der alte Grauschimmel zu, er sah wohl niemals Angehörige der zweibeinigen Herrenrasse sich auf sein Pferdefutter stürzen. Was nun? Wir treiben im Strome des Umschwungs. Auf der Straße nach St. Georgen drängen schon die Heimkehrer zu Tal. Bürger und Zuchthäusler haben sich einander zugesellt, als müßte das so sein, als hätte es nie die strenge moralische Absonderung gegeben. Schon hört man die ersten offenen Herzensbekenntnisse gegen Hitler. Was verkrampftes Konjunktur- Geschimpfe und was ehrliche Absage ist, läßt sich natürlich nicht unterscheiden. Jedenfalls möchte jetzt keiner als Nazi außer Diensten zur Partei der Besiegten gehören. Jeder ist plötzlich vom Unsinn dessen überzeugt, was er bis heute agierte. Die Hakenkreuz233 Diktatur hat ja keine Charaktere, sondern höchstens gefügige Hampelmänner erzogen. Unten in der Talmulde von St. Georgen, wo der Schienenstrang die Straße schneidet, haben zwei olivgrüne Panzerungetüme Posten gefaßt. Ihre Rohre ragen wie Schlagbäume. Weiter hinten am Bahndamm gellen noch die letzten Säuberungsschüsse. Die Amis, frische und freundliche Sportgestalten, haben schon die Vollzugsgewalt übernommen. How are you? - Zivilisten links sammeln und aufschließen! Zuchthausgefangene in Uniform dürfen auf der Straßenmitte sofort passieren. Die Wachtmeister haben ihre Waffen zusammenzulegen und treten an als Gefangenentransport. Einer von uns kommandiert: ,, Rechts um!. Ohne Tritt marsch!" Die meisten von ihnen machen verdutzte Gesichter, einige tun so, als wenn sich jemand einen schlechten Scherz mit ihnen und mit der Bürokratie der Weltordnung erlaubte. Links und rechts des Weges frische Kampfspuren, zerfetzte Bäume und Stromleitungen, Erdkrater in der Pflasterung, zerbrochene Dachfirste, herausgerissene Fensterkreuze Wirkungen der Panzerartillerie. In den Leuten, die hier wohnen, zittert noch der Schrecken nach, aber stärker schwingt in ihnen das Gefühl, der Tiefpunkt der Schickung sei überwunden. ,, Ach, Verzeihung", ruft eine grauhaarige, beherzte Frau uns zu ,,, die Herren sind doch aus Böhmen, oder nicht ich meine Tschechen aus dem Zuchthaus, politische Gefangene" - - sie stockt, als sie meine Verneinung in den Mienen liest. 11 - , Verzeihung" erwidere ich ebenso höflich ,,, Verzeihung, pardon, jetzt im Schlußakt dieser Katastrophe sind größtenteils Deutsche eingesperrt worden." Das alte Frauchen peilt mutig die Lage an.. ,, Wer gegen die Nazis war, kommt doch jetzt frei, aber dafür werden sicherlich viele Nazis eingesperrt werden." , Wir wollen es hoffen", sagt Dr. M. mit trockener Bekräftigung. ,, Hoffentlich aber niemand von den Meinen", legt sie los, ,, ich habe nämlich Sorgen wegen meiner Tochter. Die ist jetzt schon ziemlich lange bei den Tschechen, in dem SS- Rasse- Amt in Prag. Und deshalb habe ich Sie ja angesprochen. Ich dachte, hier im Zuchthaus sind noch wie früher lauter Tschechen. Aber 234 gige menzerme. beaben ausfort menvon Die SO, mit etzte zerKunken iefuns meine T ung, tenpeilt doch perrt Belos, jetzt Amt chte, Aber vielleicht wissen Sie auch, was mit den Deutschen in Prag geschehen wird? Meine Tochter ist nämlich im Grunde gar nicht für die Nazis, aber sie konnte sich doch von ihrem SS- Mann nicht trennen. Ein Jahr ist sie mit ihm gegangen, und gleich Zwillinge hat sie gekriegt. Heiraten wollten sie auch noch nicht, aber er hat sie nach Prag in eine gutbezahlte Stellung mitgenommen. Kontoristin hatte sie gelernt, aber in Prag, da mußte sie- Gott, man darf es eigentlich nicht so laut sagen also da hat sie im vorigen Jahre Juden aussortiert, natürlich nur auf den Listen. Aber wenn das rauskommt, ich meine, sie kann ja nichts dafür, daß es so war, dann könnte ihr womöglich was passieren. Aber sie ist gar nicht mehr für die Nazis gewesen, und mein Mann, der als Eisenbahner jetzt zwischen München und Nürnberg fährt, hat sogar manchmal den englischen Sender gehört." - ,, Juden aussortieren ist jetzt ein schlechtes Geschäft geworden", meint M. sarkastisch. ,, Da können wir nur hoffen", setze ich tröstend hinzu ,,, daß es ihr noch besser ergehen wird als denen, die sie aussortiert hat.". ,, Mußte, mußte", fällt die Mutter energisch ein ,,, was glauben Sie wohl, wenn die da erst gemeckert hätte! Nach Ravensbrück ins Lager wär' sie gekommen, wie unsere junge Nachbarin, die gesagt hat, jetzt werde sie fürs Kind wohl nur noch Windeln aus Klosettpapier bekommen. Wenn die Hintergründe nicht so tragisch wären, müßte man wirklich lachen. Ja, die Welt ist aus der Fasson gekommen, und wir mit ihr. Wer bringt das alles wieder in Ordnung? ,, Wenn es morgen nur nicht regnet", sinnt unsere Bayreutherin. ,, Unsere linke Dachhälfte ist jetzt beinahe weg. Aber das alles ist ja nicht so schlimm, ich habe nur Angst um die beiden Buben, die haben es seit ein paar Tagen im Halse, und heute fiebern sie. Und ein Arzt ist doch überhaupt nicht mehr zu kriegen." ,, Da sehen Sie, wozu es gut ist, wenn man ein Zuchthaus in der Nähe hat", erklärt Dr. M. ,, Ich bin nämlich Arzt. Da sollen die Buben nach fünf Jahren wieder meine ersten Patienten sein. Ich vermute, daß es die Zwillinge sind, die beiden unerwarteten SS- Kinder." Er vermutet richtig. Wir treten in das kleine Eckhaus, an dem ein Schild besagt, daß die Querstraße Matrosengasse heißt. 235 „Warum eigentlich Matrosengasse?‘‘ frage ich in der alten Neugier meines Journalistenberufes. „Hier war doch mal ein großer See‘, erklärt die Alte,„Es hieß doch St. Georgen am See, und das Zuchthaus war doch mal das markgräfliche Seeschloß. Das hab ich noch in der Schule gelernt,“ Merkwürdig, wie sich die Welt verändert. Ich will mich mit dem verwunschenen Seeschloß noch näher beschäftigen. Wozu hat man denn mitten in der Weltgeschichte jongliert, Die Zweizimmerwohnung, die zur Zeit sechs Menschen beher- bergt— nämlich außer der Großmutter und den beiden Enkel- kindern noch drei ausgebombte Tanten—, ist warm und blitzsauber. Uns, die wir aus eisigen Gefängniszellen kommen, erscheint sie als der Gipfel der Gemütlichkeit. Wir lassen uns in zwei Polstersitze fallen, wie seltsam das schaukelt, wenn man jahrelang nicht weich gesessen hat. Dr. M. wäscht sich gründlich die Hände, die noch die Spuren der Pferdefutterrübe trugen, und untersucht die junge SS-Brut mit Hilfe eines Löffels. Kräftige Rasse, aber Angina- verdacht. Eine Hals- und Brustpackung wird schon helfen. Die Tanten haben derweilen in der Küche hantiert, es duftet nach fetter Kohlsuppe, und da kommt sie schon, wir sind herz- lich eingeladen. Wer lange Zeit aus waschschüsselähnlichen Gefäßen den Massenfraß geschlungen hat, findet solch bürgerliche Teller? chen spielerisch. Wir essen vier Tellerchen voll, oder es mögen auch fünf gewesen sein, der letzte rechnet als Nachschlag. Danach fallen wir über die Brotlaibe her, und ein Schmalz- topf hat sich auch noch angefunden. Ein großes Rundbrot, ein Vierpfünder, verschwindet wie Munition im Schlund der Ge- schütze. Der Schmalztopf stammt von einer Schwarzschlach- tung im Fichtelgebirge, man brauche ihn ja jetzt nicht mehr zu verstecken, meint die Wirtin. Wir sorgen dafür, daß ohnehin nichts mehr zu verstecken wäre, Ja, es ist beinahe Nacht, als wir draußen an der Ecke der Matrosengasse stehen. Dr. M.'beklatscht die Stelle, wo bei ihm in alten Zeiten die Wölbung des Leibes saß, ‚‚Wieder volle Spannung in den Magenwänden! Jetzt fehlt noch der Mokka zum Nachtisch.“ Kaum ist ihm das Wort entfahren, da sehen wir schon auf der Hauptstraße eine amerikanische Feldküche dampfen. ‚Poli- tical prisoners?‘‘— ‚Yes, Sir, welcome, Sir!“ 236 alten Es doch in der ch mit Wozu meherEnkelund mmen, n uns wenn hdie junge ginaFen. Huftet herzden ellernögen malzt, ein -Gelachhr zu nehin e der o bei volle okka auf PoliSchon haben wir einen Becher Mokka in der Hand, es ist tatsächlich echter Bohnenkaffee. Wie das duftet und munter macht! Und weil wir so begeistert schlürfen, wird uns auch noch ein breakfast für morgen früh als Konservenbüchse in die Hand gedrückt. ,, Thank you very much, good bye." ,, So, und jetzt wollen wir doch mal nachsehen, was unser altes, liebes Zuchthaus macht. Ich bin ordentlich neugierig!" , Gemacht", nickt der Arzt. ,, Es ist auch Zeit, daß man nach dem langen Tage wieder in sein Hotel kommt." 11 ,, Es war ein heißer Tag, und siegreich war er auch", bestätige ich. ,, Übrigens war es der weitaus kürzeste Feldzug meines Lebens." Als wir das Zuchthaus- Hotel erreichen, steht dort gewissermaßen als Portier der neuen Bewirtschaftung ein kleiner Knirps in schwarz- gelber Gefangenenuniform und schlenkert mit einem gewaltigen Gummiknüppel. An dem schiefen Krätzchen trägt er eine rot- weiße Schleife, um den Arm eine rot- weiße Binde, und in der Linken rasselt der große Schlüsselring. Er fuchtelt mit dem Szepter aus Hartgummi, dem Zeichen seiner neuen Amtsgewalt, und schüttelt unwillig das Haupt. ,, Nix daitsch." Sind wir schon so weit? Nix daitsch? Das ging etwas schnell! Dr. M. spricht ihn auf tschechisch an, sofort salutiert er mit der Gummiwaffe und reißt beflissen vor uns den Torflügel auf. Während wir noch den letzten Feldzug gegen Brot und Schmalz führten, haben nämlich die Tschechen, die kompakte Mehrheit der Zuchthausgefangenen, mit amerikanischer Erlaubnis die Leitung des Zuchthauses übernommen und alle Macht an sich gerissen. ,, Dann sind wir also jetzt Gefangene der Tschechen", stelle ich gottergeben fest, als wir die Treppe zu unserem ,, Hotelzimmer hinaufsteigen. Dr. M. verdreht ein wenig die Augen und seufzt: ,, Wenn man sich alles so richtig überlegt, ist die Welt doch ein ziemliches Affentheater!" Noch ist der Kampf um den Kopf nicht restlos bestanden. Nach Mitternacht geht es draußen in den Bergen mit Sperrfeuer los. Am Himmel treiben sich viele verdächtige Nachtschwärmer rum. Und in der Stadt sollen Geister des Aufruhrs, der echten Sabotage und der leeren Unruhe, ihr Unwesen treiben. Die Nazis sollen ihre geheime Terrororganisation, den ,, Wehrwolf", mobil gemacht haben. 237 Wieder beginnt die Nervenphantasie bei jedem Krachen und Klirren mit Hochdruck zu arbeiten. Gewännen die Hitlerianer auch nur für wenige Stunden noch einmal die Oberhand, so wäre das unser sicherer Tod. Im ersten sonntäglichen Morgenlicht fühlt man sich wieder von den Wogen der Freiheit gehoben; man geht von Zelle zu Zelle, um einander mit drastischem Händeschütteln zu beglückwünschen. Die meisten sind wieder freiwillig heimgekehrt; einige, die noch gründlicher als wir den ersten Schritt ins freie Leben genossen haben, kehren völlig abgekämpft im Laufe des Sonntags zurück. Jedenfalls stimmen wir fast alle darin überein, daß es klüger und bequemer, wahrscheinlich sogar interessanter ist, unsere offizielle Freilassung abzuwarten. Allerdings sehen wir uns schon in den Wunschträumen nach ein paar Tagen auf irgendwelchen romantischen Pfaden heimwärts eilen. Die Tschechen, unsere neuen Herren und Zuchtmeister, empfinden entschieden weniger romantisch. Daß sie gleich gestern abend drei Anstaltsschweinen den Todesstoß versetzten, um uns am Sonntag mittag ein kräftiges Festgulasch zu verabreichen, findet unsern vollen Beifall. Aber sie heften auch an das Anschlagbrett im Korridor allerlei Weisungen, an die wir uns halten sollen, ausschließlich in tschechischer Sprache. Das ist denn zuviel verlangt, und wir erklären unser Unvermögen, Anordnungen auf tschechisch entgegenzunehmen. Dobrze, sagen sie, dann werden wir alles in der englischen Weltsprache mitteilen! Wir finden aber, daß Deutsch in Deutschland auch noch immer eine Weltsprache sei. Mit den tschechischen Knastgenossen, die jetzt die Herrschaft über St. Georgen antraten, sind wir im Kampf gegen Hitler verbündet gewesen. Jetzt werden die Beziehungen schwieriger. Das tschechische Grand- Hotel zum befreiten Zuchthaus serviert uns freilich heute ein Schweinsgulasch von gigantischer Kalorienzahl mit tausend braunroten Fettaugen. Auch die Darmkatastrophen sind kostenlos. Im übrigen bleiben wir eingesperrt. Denn die Amerikaner wollen erst prüfen, ob wir wirklich alle Helden und Märtyrer sind oder ob nicht vielleicht der eine oder der andere auch unter demokratischer Sonne ins Zuchthaus gehört. Einzelne detektivisch Begabte benutzen den neuen Wirbel, um die Speisekammern der bisherigen Beamten einer sachlichen Nachprüfung zu unterziehen. Es ergibt sich schnell, daß 238 und ner SO eder zu ickhrt; ins ufe iger sere uns endmptern um raban wir Das gen, chen in errgen gen eiten von gen. eiben , ob nicht scher , um chen daß mehrere von ihnen die Gefangenenküche, also uns, bestohlen haben, denn die Zwanziggramm- Packungen mit Butter, die man uns seit drei Wochen entzogen hat, finden sich pfundweise in Haufen unter den Privatvorräten unserer früheren Peiniger vor. Solchen Leuten gegenüber, die sich an unserer ärmlichen Nahrung mästeten und mitleidlos unsere Hungerqualen ansahen, braucht man nicht zimperlich zu sein. Da können sie auch noch ein paar Gläser mit eingemachten Früchten hergeben, denn der Himmel hat auch für uns im vorigen Jahr die Kirschen reifen lassen. Nachmittags öffnen uns die tschechischen Herren den alten Schloßhof als Lustgarten. Nun kann ich also wieder auf kulturelle Entdeckungsreisen gehen; ich tue es mit Andacht. Die stolz geschwungene barocke Freitreppe zum Hauptgeschoß des Mittelschlosses ist mir jetzt nicht mehr verwehrt. Ich blicke durch die hohen Fenster über der Empore in den reichgegliederten Festsaal, dessen weiße Stuckwände mit überraschender Reliefperspektive in das Deckengemälde münden, das eine klassische Apotheose im Geschmack der unbeschränkten Potentatenzeit vor zwei Jahrhunderten darstellt. Um Sinn und Zweck dieser hochfürstlichen Schöpfung ganz zu erfassen, muß ich erst einen kleinen Einbruch in die Bibliothek verüben. Der Bücherkundige merkt schnell, daß sie seltene Schätze birgt, die sich sonst niemals den ,, Büẞern" so hießen unsere Vorgänger hinter den Kerkertüren Belehrung und Vergnügen erschlossen. - zu Da fällt mir gleich ein schöner alter Band in die Hände, in Bayreuth gedruckt anno 1750 ,,, Beschreibung des im Fürstenthum Bayreuth zu sanct Georgen am See errichteten Zucht- und Arbeitshauses, auf Befehl einer hohen Deputation abgefaßt von Adam Chriftof Riedel, der Zeit Predigern daselbst". Markgraf Georg Wilhelm von Brandenburg- Bayreuth fühlte sich gedrungen, im Geiste der beginnenden Aufklärung ein Zucht- und Arbeitshaus in seiner künstlich gezüchteten Lieblingsresidenz St. Georgen bei Bayreuth zu errichten. Das war im Jahre 1713. Bald wurden die ersten ,, Züchtlinge" in dem klosterähnlichen Neubau eingekerkert. Georg Wilhelm, ein Autokrat von reinstem Wasser, gab sich ähnlich wie sein despotischer Nachfahr Adolf Hitler den fragwürdigsten Neigungen auf Kosten seiner Untertanen hin. Er erweiterte den Fischweiher am Stadtrande von Bayreuth zu einem schiffbaren See, 239 ließ sich von ausländischen Ingenieuren kleine Schlachtschiffe für diesen See bauen, schaffte sich eine prächtig kostümierte Matrosengruppe an, die nun auf diesen Gewässern gewaltige Seeschlachten aufführen mußte, bei denen die Kanonaden dem schaulustigen Hofe zugleich ein großartiges Feuerwerk à la mode boten. Am Seeufer entstand das Märchenschloß St. Georgen mit phantastischen orientalischen Motiven, wie geschaffen als Lustsitz für die markgräfliche Maitresse. Doch übergehen wir seine landesväterlichen Orgien diskret. Mich persönlich interessiert an den Beschreibungen des weiland Predigers Riedel besonders die Stelle über die markgräfliche Zuchthauspädagogik, wo er von ,, verstellten Krankheiten und deren Heilung" spricht. Auf die Simulanten hat er es ganz besonders abgesehen. ,, Da wir hier der Verstellung gedenken", schreibt er stolz und weise ,,, so wollen wir davon sogleich melden, daß solche aufs genaueste erforschet und geprüfet wird. Vielen weiß der Geist des Betruges auch hierher ins Zuchthaus dermaßen nachzufolgen, daß sie der Arbeit und gerechter Bestrafung durch erdichtete Krankheiten und Leibes- Zufälle entgehen wollen. Diese hatten eine außerordentliche Geschicklichkeit, so oft sie wollten, in Wahnsinn zu verfallen, den aber der ietzige Zuchthaus- Verwalter oft wieder zu heilen wußte. Eine im Jahre 1742 puncto Adulterii( wegen Ehebruch) sich hier befindliche Manns- Person wußte vornehmlich diese Krankheit nach eigenem Belieben anzunehmen. Weilen aber die eigentlichen Merkmahle dieses Übels nicht vollkommen bei ihm wahrzunehmen, hat der Verwalter eine unterlaufene Betrigerey billig besorget, und ihm den im Zuchthaus üblichen modum, dergleichen verstellte Krankheiten zu heilen durch einen seiner Cameraden heimlich eröfnen, zugleich aber vor fernrem Betrug warnen lassen. Bei fortdauernder Bosheit, da auch die Drohungen und Vermahnungen des Geistlichen aus Gottes Wort nichts fruchten wollten, bohrt man ihm einsmals, auf eingelaufener gnädigster Erlaubnis, mit einem spitzigen instrument in die Fus- Sohlen, darauf er sogleich über Schmerzen klagete und sich aufrichtete. Er verfiel aber zugleich auf den Teufel, welcher ihm in seiner schrecklichen Gestalt erscheine, und solche abentheuerliche Bewegungen mit seinem Leib vornähme. Weilen nun des Predigers Vermahnungen nichts fruchten wollten, wurde auch diese 240 chiffe mierte altige dem à la 6 St. e geDoch des markrankmat er stoly solche B der nachdurch ollen. ft sie uchtsich rankr die ei ihm. gerey dum, einer Beund Fruchfener in die e und seiner e BePredidiese durch die Schläge ausgetrieben, daß er in guter Gesundheit noch geraume Zeit im Zuchthaus verbliebe, und öfters gestunde, wie er Gott und Menschen betrogen habe. Ein gleiches gieng mit einer Weibs- Person vor sich, welche, um die Umstehenden mehr zu verblenden, Seife in den Mund nahm, und dahero im Paroxismo( in der Raserei) mit dem Mund auf eine unbegreifliche Art schäumen konte. Noch eine andere bediente sich eines rothen Pulvers, womit sie iedermann glaubend macht, daß ihr die Heftigkeit der Krankheit das Blut aus dem Munde trieb. so sie aber bey Ermangelung des Pulvers nicht mehr bewerkstelligen konnte. Merkwürdig ist, daß, so oft diese Personen zur Erde fielen, sie gemeiniglich vorhero einen bequemen Ort sich ausersehen. Die wirkliche Entdeckung des Betrugs hat das dabei gebrauchte Procedere gerechtfertigt. Vielleicht mag diese gegebene Nachricht Lesenden nicht gar ohne Nutzen sein." - Vielen Dank, Herr Prediger, ich habe Ihre Nachrichten nicht ohne Nutzen gelesen! Sie bestätigen mir, daß Simulieren in Kerkersnöten niemals eine leichte Sache war. Vielleicht hätten Sie aber meinen Fall doch milder beurteilt und auf die ,, Heilung" mit Hilfe eines spitzigen Instruments verzichtet. Dr. Büttenberg war ein Laie, er hätte mich mal an den Fußsohlen kitzeln müssen. Im übrigen, Herr Prediger: Ich habe durch ,, verstellte Krankheit" meinen wackelnden Kopf, mein Leben retten müssen, auch noch dazu das Leben meiner Frau und meines Tatkameraden. Gott hat unser Leben beschirmt, er hat unsere Rettung gewollt. So habe ich zwar einige Menschen betrügen müssen, niemals aber habe ich dabei Gott betrügen können. Oder haben Sie dagegen noch etwas Theologisches einzuwenden, Herr Prediger? Nicht? Nun also, das freut mich. Im übrigen hätte ich trotz aller Prügeldrohungen des Zuchtknechts doch lieber in St. Georgen von 1750 als in St. Georgen vom Februar, März und April 1945 hinter Schloß und Riegel sitzen mögen. Denn damals erhielt jeder Arrestant am Mittag und Abend je ein Seidel Mittelbier, außerdem pro Tag zwei Pfund, jawohl, tausend Gramm Brot. Das warme Mittagsgericht wiederholte sich niemals während der Woche, am Sonntag wurde zu den Klößen in Schmalz geröstetes Weißbrot gereicht, und an den Feiertagen gab es Fleisch nach Belieben. Züchtlinge, die auf Sauberkeit hielten, durften sogar in Feder16 Kampf 241 betten schlafen, und die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Wie schaurig und bedrohend war dagegen der Fortschritt in Hitlers Heilzone. Die Zeit der grausamen Hungerkuren ist vorbei. Doch jetzt brechen die Mangel- Krankheiten nachträglich immer quälender aus, die Lazarette füllen sich. Überall hapert es mit Stoffwechsel und Blutkreislauf. Und in den nächsten Wochen stehen wir in St. Georgen fast täglich an einem offenem Grabe. Die Bibelsprüche sprudeln. Zwei alte Trompeten machen Trauermusik. Weiße Blütenzweige liegen auf den geteerten Särgen. Wir sind sehr nachdenklich. In unsere Zelle zieht nach dem Tode des unglücklichen Erfinders jetzt eine raumfüllende Gestalt, die auf drastische Weise ihrem Wiederaufbau lebt. Sagen wir es auf gut deutsch, der Dicke ist ein Freßsack. In der Zeit der Entbehrungen hat er von seinen Fettpolstern gelebt, die ihm jetzt wie geleerte Säcke an Gesicht und Körper herumhängen. Diese Säcke so schnell wie möglich wieder zu füllen und zu vergrößern, ist sein einziges Lebensziel. Er pfeift auf die Politik, er will volle Schüsseln haben, er vertilgt das ganze überschüssige Brot der Etage. Unser Freßsack verschlingt alle Reste, erbettelt, erhandelt sich überall einen Anteil, wo jemand sich ein paar gute Extrabissen organisiert hat. Und als ihm einmal ein abweisender Kalfaktor die Tür vor dem flehenden Giermaul zuschlägt, beginnt er zu zittern und zu weinen. Sogar des Nachts steht er fast stündlich auf, um an einem Brotkanten zu knabbern und an einer Wurst zu schmatzen, die er vor uns verheimlicht hat. Auch diese futtergeile Groteske gehört zur Soziologie unsrer Leiden. Die Entscheidungen der großen Geschichte sind zwar unabwendbar, aber noch nicht vollzogen. Der Krieg tobt weiter, doch es kommt uns vor, als verhielte er noch einmal den Atem. Zwischen Fichtelgebirge und Böhmerwald versteift sich noch einmal die Front, wir wähnen bisweilen sogar den Kanonendonner zu hören. Der russische Generalsturm auf Berlin hat begonnen. Ich nehme an der Verteidigung und Befreiung meiner Heimatstadt Berlin mit dunkel widerstreitenden Stimmungen Anteil. Meine Phantasie reicht nicht aus, um mich gleichzeitig auf den Seiten 242 ngeFortjetzt ender chsel ir in ibelusik. sind Erische tsch, at er Säcke Chnell einvolle t der ergute Fisenlägt, achts nabvernsrer unabweiter, Atem. noch onen. Ich stadt Meine Seiten der Sieger und der Besiegten zu erleben. Mein Haus, mein Garten, meine Straße werden von denen verteidigt, die mich vernichten wollten. Die Angreifer, die meine Heimat zerstören müssen, kommen als meine Freunde. So etwas kann man logisch begreifen, aber in der Seele geht das nicht klar. Am wachen Tage träume ich in zerrissenen Bildern vom Unglück der gewaltigen Stadt, die sich in dreißig Jahren langsam mein Herz eroberte, die mich im Glanz und im Elend sah, die mir lachte und die mich schlug. Der Bayreuther Frühling lächelt uns Befreiten, aber noch keineswegs Freien. Gegen Abend sitzen wir im Hauche des Lenzes am Rande des schillernden Teiches, in dessen grünlichem Wasser rosige Goldfischchen zappeln. Ja, leuchtende Goldfische im Zuchthausteich welche Wunder hält die Welt immer wieder bereit. Eigentlich sollten dort unsere Leichen unter Chlor schlummern. - ,, Morgen", scherzt ein Durchtriebener ,,, gibt es Kuchen zum Frühstück, da ist doch Führersgeburtstag." Wir besitzen ein treffliches Mittel, um an der letzten Führergeburtstags- Feier teilzunehmen: wir haben wieder ein Radio, oder wir haben sogar deren mehrere; in jedem Stockwerk ist ein Lautsprecher im Betrieb, und da hier Deutsche, Tschechen, Franzosen, Polen und Holländer Ohrenschmaus halten, schnattert das durchs Treppenhaus wie beim Turmbau zu Babel; und dazu kommt noch der laute und hitzige Kampf um die Schaltknöpfe. Aber darüber ist man sich einig: man muß Dr. Josef Goebbels zum letztenmal als Geburtstags- Festredner hören. Was wird ,, Klumpfüßchens Wunderhorn" diesesmal zu erzählen haben? Klumpfüßchen ist nicht im geringsten verlegen, er verrenkt seine Stimme in Ehrfurcht vor dem Führer, der sein Volk zu dem größten Siege seiner Geschichte führen würde. Unseren herzlichen Glückwunsch! Aber mein Lachen wird zum Krampf, ich lebe in den Pathologien des drahtlosen Wahns. Wir schalten um auf Londondas kostet ja in Bayreuth keine zehn Jahre Zuchthaus mehr. Auch London liefert sein Scherflein zum Ehrentag. Hitler und Goebbels treten hier sogar höchstselbst mit ihren Schallplatten- Stimmen auf. Der Führer Europas zerschmettert endgültig den bolschewistischen Giftdrachen. ,, Die Kremlmauern wanken schon!" Doch die Berserkerwut dieses größten Zerstörers aller Zeiten läßt im Augenblick nur noch die Holzwände des Lautsprechers erzittern. 16" 243 Ich möchte nichts mehr hören, nichts mehr sagen, ich möchte taubstumm sein und nur dem Hämmern meines Herzens lauschen. Da bringt für mich dieser Führergeburtstag noch eine nette Überraschung, die mir der gute Tatgenosse Klaus bereitet. Er trug eine schwere Ledertasche mit geheimnisvollem Inhalt und langte zuweilen hinein, um eine kleine Spende zu verteilen, sei es Büchsenmilch, sei es eine Kekspackung. Jetzt greift er in die Tiefe seiner Organisationstasche und entnimmt ihr eine verheißungsvolle Flasche, es ist wahrhaftig Burgunder. Welch ein Wohlgeruch, als der Pfropfen fliegt! Das blutrote, mystisch funkelnde Naß fließt in die Aluminiumbecher. Schon duftet die erdige Süße des Abendlandes. Wir lassen die Becher klirren. ,, Zunächst einen Hochachtungsschluck auf uns selbst, auf unsere Gesundheit, auf dein kluges, krankes Köpfchen, das uns gerettet hat." Wir trinken, und ich spüre, wie sich dieses rettende und gerettete Köpfchen, das solchen Trank nicht mehr gewohnt ist, in leichten Wahngebilden wiegt. ,, Und jetzt einen Verachtungsschluck auf Hirsch und seine Henker!" Er zieht eine Grimasse, als wäre der Wein plötzlich Galle geworden, als hätte ihn ein Tropfen aus dem Drachenpfuhl vergiftet. Heil Hirsch! Heil Hirsch! Hirsch ist niemand anders als das heutige Geburtstagskind. Wir nannten ihn Hirsch in der Tarnungssprache der Berliner Ministerien, weil er sich einmal ein Wappen mit einem Hirschgeweih anfertigen ließ. ,, Und nun noch einen Spezialschluck auf deine liebe Gattin, unsre treue, tapfere Tatgenossin!" Bilden die Deutschen denn überhaupt noch eine Nation? Die deutschen Politischen des Zuchthauses sollen sich wie die andern zu einer Volksgruppe zusammenschließen und Obleute wählen. Wie einfach und doch wie schwer! Wir haben kein Farbensymbol, keine landsmannschaftliche Fahne. Wir haben auch sonst keine Einmütigkeit, kein gemeinsames Ziel außer der negativen Einstellung zum Nazismus. Gewiß, wir sind darin echt deutsch, daß die meisten geneigt sind, den Nebenmann für einen Schädling zu halten, weil er anders zu denken gewohnt und andrer Herkunft ist. Nun rauschen in deutschen Landen die demokratischen Wortströme auf, aber die Deutschen haben leider so furchtbar wenig Talent zur Freiheit. Sie reden noch mehr als andre von Kameradschaft, 244 chte hen. mette - Er und , sei entaftig egt! umWir auf das ieses mehr seine Galle fuhl ders hin einattin, Die dern Thlen. liche meinsmus. neigt eil er rauauf, t zur chaft, aber dann schlagen sie sich doch lieber den Schädel ein. Diese politische Unreife auch bei den politisch aktiven Naturen wirkt erschütternd. Der Faschismus ist tot, es lebe irgendeine neue Unvernunft. Spaltpilze des Mißtrauens breiten sich aus, die heimliche Verdächtigung wütet. Traut ihm nicht, er ist noch schlimmer als ein Nazi! Ach, wie sind wir bitterböse geworden! Wir haben keine Farben, keine Fahne. Das Hakenkreuz ist zerbrochen. Keine Fahne könnte sich durchsetzen, die rote ist ja international. Daher beschließt die deutsche Gruppe, ein rotes Band im Knopfloch zu tragen. Ein rotes Protestbändchen. Es soll nur Protest gegen Hitler sein. Wo bleibt die Nation? Nur die Sprache vereint uns und das trübe Wissen um die Fragezeichen. Die Österreicher fallen als erste ab, sie werden wieder Ausländer mit einem rot- weiß- roten Farbenband auf der Brust. Elsaß- Lothringer schlüpfen jetzt wieder bei der Trikolore unter. Es lohnt sich. Eine französische Liebesgaben- Kommission ist da, die sie unter ihre Fittiche nimmt. Bald sieht man sie mit einer Champagnerflasche und einer Dose Erdbeerkompott unter den Armen als jüngste Glieder der vereinten Nationen einherziehen. Zuchthäusler mit Sektpulle, das muß doch photographiert werden! Am Abend stiftet mir ein netter, schon etwas feuchtfröhlicher Straßburger von seinem Überfluß; aus der großen Zinktube quillt aber nicht etwa seine heimische Gänseleber, sondern vollfetter Tilsiter Käse aus meiner ostpreußischer Heimat. Bei der deutschen Gruppe zu bleiben, ist jedenfalls in diesen Wochen äußerst unvorteilhaft. Wer kann sich sonst noch aus dem Staube machen? Luxemburger, Memelländer und Danziger verlassen das scheiternde Schiff, das sich nur mit einer antifaschistischen Oppositionsfahne beflaggen kann. Wann wird sich der Flensburger absetzen und wann die Bayern? Vorerst erleben die deutschen Politischen einen krassen Rückfall in die Knechtschaft. Die Reibereien mit den Tschechen hatten sich allmählich verschärft. Hundert Kleinigkeiten stauen sich schließlich zu einer Affäre zusammen. Unsere deutschen Obleute begehren auf, im Schloßhofe steigt eine stürmische Protestversammlung der deutschen Gruppe, die zündenden Reden sind ehrlich, aber nicht diplomatisch. Da zwirbelt der Zuchthauskommandant, ein Oberleutnant aus Prag, sein schwarzes Schnurrbärtchen: Ich werde euch Deutschen 245 schon zeigen, was die Glocke Europas geschlagen hat! Ganz Deutschland ist jetzt zum Zuchthaus geworden. Befehl an die tschechische Kalfaktoren- Wache, die Deutschen sind sofort wieder in ihre Zellen einzuschließen. Natürlich schreien wir mannhaft unsere Entrüstung in die Lüfte hinaus und in das amerikanische Kontrollzimmer hinein. Die Amis meinen weise lächelnd, erst sollten wir uns fügen, dann würden sie schon dafür sorgen, daß die Sache geschlichtet werde. Können Sie lesen, meine Herren aus USA, was drüben am Portal in großen roten Buchstaben von der weißen Tafel leuchtet? Da steht:., Liberated house of correction- Maison de steht: ,, Liberated correction liberée Befreites Zuchthaus von Bayreuth." - Fast wie ein Sprechchor wiederholen noch einmal grimmige Kehlen: Liberated house of correction! Die Amerikaner blinzeln: ,, O yes." " Aber dann knallen doch die Kerkertüren hinter uns zu. Nur ein unentwegter Freiheitsheld schließt sich lieber trotzig selbst am stillsten Orte ein. Dort posaunt er erfolgreich seinen letzten Protest. Wir andern müssen unsre letzte Zellenhaft vor der Zeitenwende verbüßen. Sie dauert vier Stunden. Dann sind wir auch liberated. Die Amis holen uns zum zweiten Male raus. Und wieder danken wir die Freiheit nicht uns selbst. 246 Ganz chen rlich naus Amis würerde. I am uchIm Amazonen- Camp de mige blinNur elbst tzten itenauch Und Seid mir gegrüßt, ihr Gipfel, von weißen Wolken, von Segeln der Sehnsucht umwallt! Auf den Höhen weht das Glück, es hatte einmal goldene Locken. Ich wandre bergan den leuchtenden Locken zu. Im Tale hinter mir liegt die Stadt Bayreuth, in bleichen Farben verschwommen, in blauen und kupfernen Tönen zerschmelzend wie Nymphenburger Porzellan. Und seitwärts in der Ferne die verbrannte Spinnerei, die spielt ja Heidelberger Schloß. Die Wunder des natürlichen Lebens öffnen sich in herrlichen Kreisen. Jede Knospe droben, jedes feuchte Sandkorn darunter glänzt mir die Botschaft zu: wir sind wieder Kinder des Kosmos geworden, wir dürfen wachsen, jubilieren und weinen. Und wenn wir vergehen müssen, wollen wir doch nicht mit Handschellen hinsinken, sondern frei sein wie die Tiere des Waldes und die Götter auf den Gipfeln. Die Masken fallen, wir dürfen wieder die sein, die wir sind. Die weiten Hängewiesen neben dem Bergpfad sehen so frisch und bunt bezogen aus, als stammten sie aus der Künstlerwerkstatt. von Hans Thoma. Man möchte sich hineinwerfen und mit den Beinen strampeln wie ein kleines Kind. Aber ich habe es eilig, und eigentlich ist mir feierlich zu Mute. Ja, ich habe heute Feiertag, fünf Stunden Urlaub von der letzten Phase der Gefangenschaft, fünf Stunden Urlaub zum Besuch meiner Frau, die dort oben auf dem Bergkamm, auf der wohlbekannten ,, Forstkultur", im neuen Camp der weiblichen Gefangenen haust. Seit Tagen werde ich sehnlichst erwartet, und doch wird es für uns beide eine Überraschung sein. Anderthalb Jahre lebten wir zwangsweise nebeneinander her, räumlich nicht weit entfernt, doch getrennt durch schwere Gitter, verbunden durch die Not, doch jeder von der eignen Lebensgefahr umlauert. Nie findet man nach langer Trennung einen gleichen Menschen wieder, jeder Atemzug verwandelt uns, und die Monde 247 unter der Geißel von Gestapo und Volksgericht zählen nicht wie gewöhnliche Kriegsjahre doppelt, sondern zehnfach. Vielleicht wird der eine den andern ganz gealtert finden, vielleicht erleben wir uns beide als verjüngt, denn wir haben den Tod besiegt. In das Vorgefühl des freien Wiedersehens drängen sich auch die dunklen Gewalten. In welchen neuen Abgrund führt der Weg zurück? Und welche lieben Menschen soll ich nie mehr sehen? Im nassen Lehm des Hohlweges kommt mir ein altes Weiblein mit hochbepacktem Wägelchen entgegen. Sie sieht die gelben Schandstreifen auf meinen Kleidern, und schon fährt ihr der Schreck in die Glieder, sie möchte sich am liebsten in die Lehmwand wühlen, aber die Ängste und das zähe Erdreich wurzeln sie fest. ,, Grüß Gott, was haben Sie denn Gutes geladen?" Ich spreche sie nur an, um ihr die Begegnung zu erleichtern. ,, Herr, es ist wirklich nur Holz. Es lohnt sich für Sie nicht." ,, Sie irren sich, Muttchen", sage ich heiter. ,, Ich bin kein Räuber. Die wirklichen Räuber werden jetzt endlich eingesperrt. Hier schenke ich Ihnen als Unterpfand der neuen Zeit einen Malzbonbon." Sie nimmt ihn zögernd. ,, Herr, meine drei Söhne gibt mir keiner wieder!" Im letzten Hohlweg vor der Höhe tritt mir wieder jemand entgegen. Wer ist das? Mein Gott, bin ich das etwa selbst? Wie kann ich denn außer mir selbst sein? Ich drücke meine Fingernägel ins Fleisch, um mich selbst zu fühlen. Doch es hilft nichts. Hier stehe ich, ich kann an mir nicht zweifeln, und da drüben bin ich auch, ich kann's nicht ändern. Und wenn ich nicht schnell an mir vorbeikomme, werde ich noch mit mir in Streit geraten. Nein, mein Gegenüber gefällt mir nicht, dieser Kerl da schaut ja aus, als sei er eben dem Zuchthaus oder dem Tollhaus entsprungen. Seine Backenknochen stechen spitz und verzerrend unter den eingefallenen Schläfenwänden hervor, um das Kinn und die Mundwinkel hängen ihm die langen gelbgrauen Bartstoppeln wie gebleichtes Seegras, und die Haare fallen ihm wie Unkraut in den Nacken, als wollten sie den Scharfrichter um die freie Genickbahn für den großen Schnitt betrügen. In seinen aufgerissenen Augen flackert Heuchelei. Dieser erbärmliche Knabe da nährt in seinem verschrobenen Schädel Tyran248 cht elcht Tod uch der ehr ein Den der m- zeln che at." 11 ein rrt. men mir and st? eine ilft da ich Fin da aus werdas uen hm ter In IMannengelüste, er ist ein Narr, der sich an seinen eigenen Gehirnfäden aus dem Morast ziehen möchte. Abscheulich sind die kranken Grimassen. Dieser Tollhäusler scheint ein verkorkster Militarist zu sein, der vor dem Selbstmord fürs Vaterland die Flucht ergriffen hat, er ist wohl in alle Lügen und Barbereien verfilzt, die dieser Zeit im kranken Zellengewebe sitzen. Jetzt macht er einen schleicherischen Schritt auf mich zu, er scheint zu grinsen, daß ihm die Kiefern klappern. Jetzt kracht es in seinem ganzen Gerippe, als wolle er mich in seinen bevorstehenden Zusammenbruch hineinreißen. ,, Machen Sie gefälligst Platz, mein Herr." Warum bin ich zu dem mißratenen Anti- Ich so höflich?- Die Erscheinung vergräbt die Hände im schmutzigen Lazarettkittel und fährt sich hysterisch ins struppige Haar. ,, Spiele dich bloß nicht auf, mein Junge", höhnt das Anti- Ich. ,, Du willst jetzt was Besseres sein, weil sie dich wieder laufen ließen. Du wirst in der Freiheit doch bloß wieder Dummheiten machen und mit dem nächsten Gewalthaber Krach kriegen. Es wäre schon besser gewesen, die Nazis hätten dir noch das faule Köppchen vom Wirbel rasiert und sich nicht von dir bemogeln lassen. Du bist ausgerissen, du Drückeberger! Bilde dir nur nicht ein, du könntest jetzt als Gottes Ebenbild den Sieger über die Finsternis spielen. Aber du bist noch immer gefesselt, auch wenn du die Fesseln nicht siehst, du bleibst ewig in der Zwangsjacke, und du entkommst dem Irrenhaus nicht, auch wenn es sich weitet, auch wenn du tausend Kilometer Spielraum kriegst und wenn Millionenmassen mitspielen. Denn wir alle sind arme Schizophrene, von oben bis unten zerspalten, in Hälften zerrissen. Heute manisch, morgen depressiv, heute Helden, morgen Feiglinge, heute verhungert, morgen übersättigt, heute Nazis, morgen Friedensapostel. Wo willst du hin, nach links oder nach rechts, nach vorn oder hinten? Laß dich begraben, aber lege dich gleich in zwei Särge, damit die eine Hälfte nicht heimatlos weiterspukt. Auch Deutschland ist in Teile zerrissen wie deine Gedanken. Willst du mit dem einen Fuß im Westen und mit dem anderen im Osten stehen, du Doppelmensch ohne Land, du Zwitter des Schicksals!" Ein scharfer Windstoß fährt mir in die Kniekehlen und reißt mir die Beine auseinander. Auf beiden Seiten des Hohlweges flattern Wolkenfetzen am zerrissenen Himmel. Gespaltenes Fichtenholz liegt hüben und drüben aufgebahrt. Soll es das Holz für meine beiden Särge sein? Soll meine Doppelexistenz 249 hier zwischen Zwang und Freiheit zu Ende gehen! Wenn ich das Ich in meinen Fingerspitzen, das Ich meiner hoffenden Seele nicht in den nächsten Augenblicken die Oberhand gewinnt, so bin ich verloren! Da hilft kein Diskutieren, ich muß das Fratzenbild vernichten und hindurch. Schon fegen meine Arme wie Schwerter der Erhebung durch die Luft, und ich fühle den Triumph der Ganzheit in meinen Handgelenken. Hebe dich weg, du Trug aus der Tiefe! Da beginnt der Unhold drüben zu wanken, mein Gegen- Ich weicht, es schneidet mir noch eine gemeine Grimasse, dann flieht es vor den Fäusten meiner erwachten Kraft. Es läuft in manischem Schwung davon, und ich höre es heulen in depressiver Verwünschung. Nun schrumpft es mit der Entfernung und verschwindet wie ein toller Hund im grünen Gelock zwischen Sträuchern und Bäumen. Die Bahn ist frei, ich atme tief, die Finger zittern wie nach schwerem Werk. Und wenn ein neuer Goliath aus dem Engpaẞ wächst, er wird mich nicht mehr schrecken, ich überwinde mein Gegen- Ich durch Gesundheit und mein Über- Ich durch Mäßigung. Das ist mein Verlöbnis mit der Zukunft, und die junge Birke dort ist mein Zeuge. Birke überm Hohlweg, weise mir den Weg! An dem breiten Drahttor des Pflanzgartens spannt sich eine bemalte Stoffbahn; es muß ein ehemaliges Bettlaken sein, auf dem jetzt zu lesen steht: ,, Political prisoners camp". Im Hintergrunde flattern über den Tannenbäumchen auf einer Wäscheleine jene intimeren, mehr oder minder rosigen Gewänder, die ohne Zweifel dem zarten Geschlecht gehören. Lustig blähen sich die Hemdchen und Höschen im Frühlingswind. Aus geöffneter Tür ergießt sich ein Wasserschwall. Die hochgeschürzten Damen des verflossenen Volksgerichtshofes machen offenbar gründlich Kehraus. Ich störe die tapferen Amazonen beim Großreinemachen, aber mein Erscheinen lähmt mit einem Schlage ihren Eifer, ich fühle mich plötzlich als Zielscheibe für viele Blicke, die mir sehr vieldeutig scheinen. Ehe mich die Arme meiner Frau berühren, hat sie ihren Besen wie eine triumphierende Lanze in die Luft geworfen! Noch liegt eine ungewisse Fremdheit wie eine kosmische Hülle zwischen ihr und mir. Meine Sinne umfangen sie noch nicht ganz, ich spüre die Eigenheiten ihres Wesens wie ein Wertstück, das mir noch nicht gehört. 250 en t, as ch en ch חר S- ng ck ch aß in Bige mir ne uf ere- die en ffen ar en, ich nir Sen och ille cht ck, Aber ehe ich die Wiedergefundene ganz zurückerobern kann, muß ich mich dem Chorus der andern politischen Amazonen bekannt machen. Sie umstehen mich mit unverhohlener Neugier, mit jener naiven Offenheit, die nur unter Schicksalsgeschwistern möglich ist. Für manche bin ich gewissermaßen schon ein alter Bekannter. Worüber sollten sich auch die gefangenen Frauen unterhalten, sie bangten um ihre Männer mehr als um sich. Also das bin ich nun, so sehe ich also leibhaftig aus nein, sie hätten sich mich ganz anders vorgestellt, vielleicht als Verschwörer mit schwarzem Spitzbart. Aber sie nehmen auch meine illusionslose Existenz in Kauf und wollen sich nach alter Knastsitte durch ein paar kleine Gastgeschenke beliebt machen; so komme ich im Handumdrehen zu einem Taschenspiegel, einem Drehbleistift, einem Schlips und einem hartgekochten Ei. - Alle Lebensalter vom ausgekrochenen Backfisch bis zur Matrone sind vertreten, aber wenn ihnen eines gemeinsam ist, so dürften das die politischen Temperamente sein. Und doch kommt es mir vor, als sei der Sinn fürs Häusliche und Gemütliche in diesem Lagerschuppen, der nur Strohsäcke und rohe Schemel bietet, besonders nett entwickelt. Das Leben besteht ja, wenn die Schicksalsräusche verfliegen, wieder aus hundert kleinsten Kleinigkeiten. Mit einem Bändchen, einem Blümchen, einem Liliputkissen und irgendeinem Porzellantorso haben sie die nackte Armut behaglich gemacht. Schon dampft vor mir im Blechnapf eine heiße, süß- würzig duftende Suppe, und im Eierbecher gibt es hinterher zum Anstoßen sogar etwas Alkoholisches, ein geheimnisvolles Gemix aus den Resten, die von fröhlichen Anbiederungsversuchen der Ami- Garde vor dem Tore übriggeblieben sind. Wenn meine Frau den Mund mit lebhaften Sprechgebärden öffnet, macht ihre Zunge jedesmal eine drollige Eskapade, sie hat ja ihre Vorderzähne auf dem Altar der Freiheit geopfert. Aber ein dentistischer Künstler, den sie während der donnernden Bayreuther Schlußkatastrophe unten im Lazarett erwischt hat, will ihr ganz fix die ,, dritten Zähne" wachsen lassen. ,, Sagen Sie, Herr Doktor, ich werde doch spätestens nächste Woche nach Berlin reisen können?" fragt die elegant- nervöse Dame neben mir, die sich eben aus dem Bettbezug des Zuchthauses ein kokettes Röckchen geschneidert hat. Ich mache wohl ein ziemlich verblüfftes Gesicht. 251. ,, Nun, ich denke", fährt sie fort ,,, man wird sich einen Wagen mieten, auf dem Flugplatz zum Beispiel dort drüben soll es noch ganze unterirdische Teiche voll Benzin geben." ,, Sie sind eine prachtvolle Optimistin", gebe ich stirnrunzelnd zurück. ,, Sie wissen wohl nicht, daß in Berlin noch die grauenvollsten Straßenkämpfe toben. Zwischen Potsdamer Platz und Tiergarten, also in Freislers ehemaligen Jagdgründen, stehen russische Panzer, und in den Bunkern der Reichskanzlei trotzt noch immer Adolf der Wahnsinnige und zögert, den dreißig Millionen Menschen nachzufolgen, die seinetwegen sterben mußten. Ich schätze, der Krieg geht in etwa acht Tagen zu Ende. Aber dann kommt erst die schaurige Bilanz. Das Ausmaß der Katastrophe wird fürchterlich. Glücklicherweise besitzen die meisten zu wenig Phantasie, um sich überhaupt vorstellen zu können, was die Nazis angerichtet haben. Sie können froh sein, wenn Sie in einigen Monaten Berlin erreichen können, nicht im Auto, aber vielleicht im Viehwagen." - - ,, Aber ich habe doch Eile", widerspricht sie mit großen, starr verwunderten Augen. ,, Ich bin doch schließlich ein Ausnahmefall. Was geht mich das Schuldkonto der Nazis an. Ich muß meinen Mann suchen. Mein Mann ist Halbjude, oder ganz genau Dreivierteljude, er hat jahrelang für antifaschistische Flugblätter Karrikaturen gezeichnet ich sage Ihnen, es ist ein einzigartiger Künstler. Sie hätten mal seinen Göring als Weihnachtsmann sehen sollen! Ich habe die Druckstöcke nach der Schweiz geschmuggelt. Leider wurden wir zweiundvierzig geschnappt. Man nannte die amüsante Geschichte Hochverrat. Ich bin aber immer so durchgerutscht. Mein Anwalt sagte, ich müßte schon seit zwei Jahren tot sein. Von meinem Mann weiß ich seit damals nichts mehr. Aber ich glaube, daß er noch lebt. Sie werden ihn doch nicht vergast haben, wo er beinahe Halbjude ist? Nicht wahr, nur Volljuden durften vergast werden? Jedenfalls muß ich meinen Mann jetzt suchen- sofort- sofort was geht mich Hitlers letzter Fuchsbau an. Und wenn man mich nicht gleich nach Berlin läßt- dann fahr ich einfach zu Eisenhower." - Um ihre Augenlider spielen die Neurasthenien. Kein Wunder bei drei Jahren Haft unter Todesdrohung. Hinter ihrem leidvollen Übereifer steckt eine rührende Hilflosigkeit. Der blonde Kegel ihres Haargeflechts schwankt immer heftiger in der Gemütsbewegung. ,, Aber bitte, bedenken Sie", wende ich ein ,,, leider befinden 252 sich jetzt viele Tausende in der gleichen ünglücklichen Lage. - Wenn die nun alle sofort per Auto nach Berlin fahren wollten oder gar in Eisenhowers Hauptquartier.— Also haben Sie Geduld. Ich hoffe- wenigstens, daß wir im Laufe des nächsten Monats endgültig in die Freiheit entlassen werden. Bei den Amerikanern geht hier alles langsam.“ Sie zieht eine leicht gekränkte Grimasse und sieht wie ein erstauntes Kaninchen aus.; „Ach was, ich brauche nicht Auto und nicht Viehwagen”, meint die Rothaarige, die sich durch rote Schleife mit Hammer und Sichel voll Stolz als Kommunistin bekennt.„Ich schlage mich einfach zu Fuß zu den Sowjets durch, und überall, wo die rote Fahne weht, da bin ich zu Hause.” Die„rote Trude‘“, wie sie im Frauenlager genannt wird, erntet sogleich ein kräftiges Bravo ihrer Genossinnen, deren " unbedingte Führung sie hat. In ihrer Natur sind Derbheit und Pathos echt gemischt. Aus einem massigen Körper spricht ein - feingeschnittener Mund, und der dünne Nasenrücken will nicht recht zu diesen Fäusten passen. Ein Menschenkind, in Schwere geboren, aber zum Fortschritt beflügelt, eine Kreuzung von Mandoline und Morgenstern. Elf Jahre hat sie illegal gearbeitet, ohne entdeckt zu werden. Als man sie im vorigen Jahr doch endlich schnappte, sprang sie vor der Gestapo aus dem zweiten Stock des Hauses durchs Fenster in den Garten und wäre beinahe entwischt, aber der gebrochene Knöchel hemmte das Tempo ihrer Flucht. Wir haben ihr später ins. Stammbuch geschrieben: Rote Fahnen, rote Haare, Rotes Herz und rotes Blut, So bezwangst du diese Jahre. Glühe weiter! Mach’ es gut! Ja, mach’ es gut, rote Trude, du tapfere rote Partisanin. Jetzt wirst du nicht mehr hungern, und rote Lieder darfst du wieder singen, gleich morgen am 1. Mai vor den bekränzten Bildern von Lenin und Stalin in der Treppengalerie des Zucht- hauses.„Von dem Amur bis zur Beresina, von der Taiga bis zum Kaukasus—“‘ Und morgen zum Weltfeiertag wollen die Rotarmisten feierlich in Berlin einziehen! Mein Urlaub in die feminine Freiheit geht zu Ende. Durdıh 253 REIFEN TFT ET ETF er En N EB die zerzausten Fichten glutet draußen das Abendrot. Die Amazonen begleiten mich zur Drahtsperre. Über die blauen Kronen streicht ein Eichelhäher. " 1 Wer hat dich, du schöner Wald", trällert ein Mädchenmund. ,, Abschied von der NS- Baumgemeinschaft", lacht meine Frau, ,, nun haben wir wieder unsern Wald." ,, Der Witz ist schon so alt wie Methusalem", spottet die Trude. ,, Laẞt mal, Kinder", sage ich ,,, der Witz ist nicht nur alt, er ist auch schon reizlos, weil er nicht mehr verboten ist. Aber wir sind wieder jung, seit die unechten Gemeinschaften aufgehört haben." Zu Pfingsten sollen wir völlig frei sein, so hat es uns der amerikanische Captain im Zuchthaus versprochen. Aber der deutsche Amerikanismus kommt nicht vom Fleck. In den Direktionszimmern von St. Georgen tagen mit vielen Tintenstiften die Prüfungsausschüsse. Wir Hochverräter gelten als Vorzugsklasse, wir sollen nun eigentlich ohne weiteres einwandfrei sein. Ein Hochverräter muß gestehen, daß er früher einmal Sturmführer der SA gewesen ist. Soll er nun verdammt oder belohnt werden? Ist er zum Faschisten oder zum Antifaschisten zu stempeln? Die Frage wird zum Konflikt wie alles in Europa, und die Ansichten darüber sind leidenschaftlich geteilt. Noch ehe wir alle Freiheitspapiere in der Tasche haben, treibt uns die Ungeduld in die überfüllte, zu einem Drittel zerstörte Stadt, die uns sehr zwiespältig zwischen offenem Argwohn und unaufrichtiger Freude empfängt. Eines Abends liegen auch wir beide wie unverhofft in zwei weißen bürgerlichen Federbetten. Hei, wie gut man sich in den warmen, weichen Hüllen wälzen kann! Wir gehen auch weiterhin nach den dampfenden Zinkkesseln des Zuchthauses zu den Mahlzeiten, unser Dasein kreist um Schlafen, Essen, Frühling und Lektüre. Die Kleiderfrage bewegt uns noch nicht, man ist noch an das graue Zuchthaushemd gewöhnt und an das schwarze ,, Ehrenkleid" mit dem gelben Schandstreifen. Ich betrachte die Welt unter dem Gesichtspunkt der Atempause. Zeitungen gibt es nicht, und das Radio bietet nur ein abgerissenes Chaos von Greuel- und Katastrophengeschichten. Wir sitzen im alten Hofgarten unter den weißen Festleuchten der blühenden Kastanien. Durch die schnurgeraden Alleen 254 mamen nd. au, die er ber ufder der ekten gsfrei mal der ten pa, ben, ttel mem wei den terden ling ist arze emein ten. nten Jeen schlendern Amisoldaten mit drohender Maschinenpistole, auf dem Rücken, aber manche von ihnen schieben einen deutschen Kinderwagen. So renkt sich alles Menschliche wieder ein. Die bemoosten Sandstein- Amoretten besehen ihre Kratzwunden und lächeln verschämt. Auch die grünen Parkflächen, jetzt von Bomben wie von riesigen Maulwürfen mit Lehmklumpen überstrudelt, werden eines Tages wieder so aussehen, wie es Gott und die Gärtner gewollt hatten. ,, Übrigens, da fällt mir ein", sage ich auf einem Abendspaziergang zu meiner Frau ,,, seit heute mittag sind wir- frei. Im Vorbeigehen bekam ich auf dem Korridor unsere Entlassungspapiere in die Hand gedrückt. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht." Wir besehen uns die Scheine. Da steht in zwei Sprachen zu lesen, daß wir wieder ,, freie deutsche Bürger" seien. ,, Das klingt ja vielversprechend", meint sie belustigt, und fährt dann nachdenklich fort: ,, Aber weißt du, ich hatte mir im Knast die Freiheit eigentlich noch viel freier vorgestellt. Man ist hier draußen auch dauernd eingeengt und von Verboten umgeben. Und dann die Schwellungen über dem Knöchel, dicke Beine sind was Ekelhaftes. Das kommt nur von den vielen fetten Suppen! Die Hungerkost hatte auch ihr Gutes, man blieb elastisch wie ein Ball." Ja, so ist nun der Mensch. Immer will er das, was er nicht hat. Immer sehnen wir uns nach den andern Dingen, sogar die bitterste Not hat noch nachträglich ihre Lockungen. Natürlich hatte ich längst den Vorsatz gefaßt, meine Abenteuer mit dem Volksgericht, in den Gefängnissen und in Büttenbergs Lazarett für das verehrliche Publikum niederzuschreiben, also meinen ersten Aufzeichnungen die literarische Form zu geben. Es ist ja schließlich mein Beruf. Aber so weit ging nun mein Eifer als Reporter doch nicht, daß ich nur deswegen Hochverrat verübt und den Kopf riskiert hätte. Im düstern Hofe eines stillgelegten Bayreuther Zeitungshauses schlage ich mein publizistisches Hauptquartier auf. Wie fliegen die Zeilen leicht und munter auf das Papier nach dieser langen unfreiwilligen Pause; ich werde sobald nicht aufhören, zumal es in Bayreuth unendlich viele Bleistifte gibt. Ja, Bleistifte ist das einzige, was in dieser ausgeplünderten Stadt im Überfluß vorhanden ist, das liegt ganz einfach an der fränkischen Pley- Feder- Tradition. Frau D., das ,, erstaunte Kaninchen" aus dem Amazonenlager 255 im Bergwald, ist meine Privatsekretärin geworden. Sie treibt mich zur Eile, um Manuskriptfutter für den alten Schreibklapperkasten zu kriegen, auf dem sie mit erstaunten Sinnen kopfschüttelnd und kopfnickend meine Erlebnisberichte tippt. Sie hat die eilige Autoreise nach Berlin zu dem vermißten Gatten vorläufig aufgesteckt, und da möchte sie nun die Nerven, diese Unruhgeister, durch Arbeit betäuben. Ich habe eine Linotype- Maschine aus der Druckerei für den Satz meines künftigen Buchtextes ankurbeln lassen. So fliegen also auf meinen ,, Redaktions"-Schreibtisch immer gleich die feuchten Fahnenabzüge. Ich bin nun schon wieder ,, Schriftstellereibesitzer", aber auch diese Publizistik ist nur gespenstisches Alsob, nur ein Gewohnheitsspiel ohne Wirklichkeit. Neulich ging ich zur Reportage aufs Feld der Politik und des Todes. Wir gruben den ermordeten Gauleiter aus. Den Bayreuther Gauleiter Wächtler, den versoffenen Fettwanst, hat sein einstiger Stellvertreter und Rivale am Tage vor dem Fall Bayreuths in einem Gebirgshotel, einer alten Bonzen- Schlemmerstätte, erschießen lassen. Die Niedermetzelung auf angeblichen Führerbefehl war ein Racheakt dafür, daß ihn Wächtler hier einmal demütigte und dem Gespött preisgab, als er dem trunkenen Untergebenen befahl, eine Sektflasche in der Kniebeuge auf einen Zug zu leeren. Das ging nicht gut und gab ein Satansgelächter. Auf jenen Weinrausch folgte jetzt nach Jahren des Hasses Blutrausch in letzter Minute. Nun graben die Amis die Leiche des tyrannischen Trinkers aus und photographieren sie. Ich zeige das barbarische Bildchen den Bayreuthern im Wirtshaus, und ihnen will das dünne Bier der Bußezeit nicht mehr recht schmecken. Gewitter zucken über Bayreuth und reinigen den glutdurchdunsteten Talkessel. Wir sind im Fichtelgebirge gewaltig eingeregnet; mein neuer blauer Papierstoffanzug, auf den ich so stolz war, umschlottert mich als zerlaufener Lappen. Gestern habe ich unterwegs mit heimkehrenden Landsern wie ein dummer Junge unreife Apfel geschüttelt. Unsere Extrawurst im Keller hat die Katze gefressen. Aus dem Haus der schlechten Erziehung, dem einstigen Sandstein- Olymp der deutschen Hakenkreuzpädagogen, werden Stapel angebrannter und durchweichter Weltanschauungsfibeln à la Rosenberg geschleppt. Doch zwischen Schutt und Unfug blühen hochfürstlich die roten und weißen Gladiolen, wie sich das für eine barocke Residenzstadt gehört. 256 eibt eibnen ppt. Sten die den egen. die iftent. des Baysein Baymerchen hier keeuge ein ren Amis eren im micht rcheinh so stern mer eller Erkenchter Doch und stadt Meine Frau erzählt mir, sie ist im Städtchen schon wieder wie früher gefragt worden, ob sie einen Schriftsteller kenne, der auch Schultze- Pfaelzer hieße. - ,, Du weißt noch gar nicht, daß man den Schriftsteller inzwischen umschulen wollte, ich sollte du rätst es doch nicht also ich sollte Bürstenbinder werden." Sie sieht mich ungläubig an und erwartet einen Witz. - ,, Im Ernst! Also höre, in der Lehrterstraße hatten wir einen Arbeitsinspektor, der war auf seine Weise ein tiefsinniger Ökonom. Schultze- Pfaelzer, was macht man bloß mit einem Menschen wie Ihnen für den Fall, daß Sie nicht hingerichtet werden! Sie haben rein gar nichts gelernt. Wer aus dem Zuchthaus kommt, kann sich nur noch mit der Arbeit seiner Hände ernähren. Ich rate Ihnen gut, Sie hätten hier Gelegenheit, das Bürstenbinden zu erlernen. Das lernt auch noch so'n alter, ungeschickter Kerl wie Sie. Viel Handwerkszeug brauchen Sie da nicht. Den kleinen Bindeapparat können Sie im kleinsten Kochkeller aufstellen. Viel springt natürlich nicht dabei raus, aber wenn Sie fleißig sind, langt's sogar noch für' ne Flasche Bier."" ,, Gott", sagt sie verdutzt ,,, und das hätte uns passieren können!" ,, Nein", widerspreche ich ,,, die Flasche Bier wäre ungetrunken geblieben. Unsereins kann wohl unter der Fuchtel ein paar Monate Steine karren, aber nicht zwanzig Jahre freiwillig Bürsten binden. Ich wäre nicht imstande, als eine kleine Vergeßlichkeit Gottes durchs Leben zu humpeln." ,, Stimmt schon", lächelt sie nachdenklich ,,, aber sag' das nicht so laut, sie halten dich sonst für einen Erzreaktionär." - ..Man wird doch immer wieder falsch taxiert", erwidere ich melancholisch. ,, Da kommt es auf ein Schock Trugschlüsse nicht an. Aber je älter ich werde, desto wichtiger wird mir die Ehrlichkeit vor mir selbst. Nach den zwölf Jahren inmitten von Tarnung und Heuchelei will man um so entschiedener bekennen. Ich suche jetzt mit einer wahren Wut die Wahrheit." ,, Hoffentlich sperren Sie dich nicht bald wieder ein. Sonst werde ich Waschfrau, das sage ich dir! Auch wenn dir meine Finger hinterher nicht mehr gefallen." ,, Du bist ein tapferes Herz", entgegne ich sinnend. ,, Ich kann vielleicht nur in Gedanken tapfer sein. Mein Mut ist die radikale Bereitschaft zu neuen Einsichten." ,, Na, so groß sind doch die intellektuellen Opfer jetzt nicht 17 Kampf 257 mehr." Sie möchte kein geistiges Preziösentum bei mir aufkommen lassen. ,, In der Demokratie kann doch schließlich jeder sagen, was nottut." ,, Du irrst." Mein Einspruch klingt schmerzlich. ,, Gewiß, jetzt könnte jeder bekennen, was er meinen muß. Aber wer wagt es? Eingestehen, daß auch unsere bisherigen Vorstellungen bis in ihre Wurzeln abgestorben sind, das ist sehr, sehr schwer! Sieh mal, nicht nur Hitler war auf falschem Wege. Die meisten Deutschen haben sich dreißig Jahre über die geschichtliche Stunde getäuscht. Aber Lenins unheimliche Prognosen für Europa sind eingetroffen! Was folgt daraus? Ach, wir werden die Frage heute nicht lösen. Ich habe Urlaub von der Politik genommen. Aber morgen suchen wir eine neue, echte Welt." Wir müssen uns beeilen, daß wir noch rechtzeitig ins Zuchthaus zum Essen kommen. Es soll doch heute süße Grießsuppe geben. Unterwegs gesellt sich zu uns ein ehemaliger Leidensgenosse; er macht an diesem heiteren Sommertage ein Gesicht, als erwarte er in nächster Minute den Weltuntergang. Seinen Vater haben sie noch im Januar zum Tode verurteilt und hingerichtet, er selber kam mit sieben Jahren Zet davon. Verdunkelt ihm des Vaters blutiger Schatten das Licht der Freiheit? Wir suchen nach helfenden Worten. ,, Da lest", stößt er rauh heraus und zieht ein zerknittertes Briefchen hervor. Es ist ein Gruß von der Mutter, ein heimwärts wandernder Landser hat den Brief als schwarze Post befördert. ,, Du machst ja Augen wie Suppenteller", sagt meine Frau, die mich beim Lesen beobachtet. ,, Wenn ihr beide hops gegangen wärt, hätten eure Hinterbliebenen dafür noch neunhundertsechzig Eier berappen können", sagt unser Zuchthauskamerad mit bitteren Mundwinkeln. ,, Aber ihr seid ja Leute mit dicken Moneten, da hätten eure Erben einfach' nen Scheck geschrieben, und die Spesen für die Guillotinearbeit wären gedeckt gewesen.' " ,, Spesen für die Guillotine? Was ist das mit den neunhundertsechzig Mark?" fragt meine Frau in begriffsstutziger Besorgnis. ,, Stimmt schon", entgegne ich spitz. ,, Stimmt genau. Die Hinrichtung kostet pro Nase vierhundertachtzig Mark, hätte für uns beide neunhundertsechzig Mark ausgemacht. Übrigens sind gelungene Operationen in Kliniken, bei denen der Patient 258 f- ch 6, wer n- chr ge. ge0- ch, on ue, aus en. se; erter chelt Vir tes imost au, erpen ndten für unger Die Fatte gens ient ebenfalls zu Tode befördert wurde, schon erheblich teurer gewesen." ,, Du sprichst in grauenhaften Rätseln", beklagt sie sich. Nun erkläre ich endlich den schaurigen Sachverhalt. Die Witwe des hingerichteten Betriebsassistenten Lehmann konnte die Rechnung für die Ankurbelung des Fallbeils in Höhe von vierhundertachtzig Mark, die ihr die Gefängniskasse Plötzensee übersandte, nicht bezahlen. Da kam der Gerichtsvollzieher und pfändete das gute Eßzimmer, das dann allerdings die fremden Bomben unter Pfandbruch bald darauf vernichtet haben. Frau Lehmann meint, sie werde doch das Geld jetzt nicht mehr zu bezahlen brauchen. Ja, Frau Lehmann, Sie dürfen die vierhundertachzig Mark dem dritten bis zehnten Reiche schuldig bleiben. Man schuldet Ihnen mehr! Aber wer weiß, ob sich bei uns nicht bald wieder ein Justizbüttel findet, der das Blutgeld gewaltsam einkassiert. Ich fürchte nur, die süße Grießsuppe im Zuchthaus wird uns heute doch sehr bitter sein!- Mir ist meine Frau noch immer eine Schilderung ihrer Monate im KZ- Lager Ravensbrück, der bösen Frauenmühle, schuldig geblieben. So gern sie sonst plaudert, über die KZ- Zeit schweigt sie sich am liebsten aus. ,, Weißt du", sagte sie einmal ,,, KZ war im Grunde viel bedrückender als Zuchthaus, obwohl es offiziell die mildere Strafe war. Im Gefängnis und Zuchthaus sind immer nur Hunderte oder wenige Tausende von Unglücklichen beieinander, und diese noch in ziemlicher Isolierung, während ein KZ doch geradezu eine offene Großstadt des Elends ist, eine Stadt mit langen Lagerstraßen, endlosen Wohnblöcken und vor allem mit Krematorien! In den Strafanstalten war man auch noch immer ein bißchen durch die Dusseligkeit der kleinen Bürokratie geschützt, im KZ aber war alles von vornherein auf Niedertracht und Vernichtung zugeschnitten." An einem schönen Sommerabend sitzen wir auf der stillen Halbinsel inmitten der verwilderten Wasserkunst des Röhrensees, die ersten Lichter spiegeln sich im magischen Orange der flaschengrünen Fläche. Eine Traumlandschaft umflimmert uns, die alles Erlebte entbindet. Da lösen sich in ihr die verkrampften Erinnerungen, mit einem verhaltenen Lächeln sucht sie die Erschütte17* 259 rung zu mildern, die noch als geheimes Beben in ihrer Erzählung nachzittert. ,, Da schwimmt ja Asche auf der Suppe, rufe ich eines Tages, als endlich der Kübel mit dem wäßrigen Mittag kommt. Ich arme Anfängerin wußte noch nicht, daß dies die Asche von der Esse' ist. Die sogenannte Esse ist nämlich das Krematorium. Die Totenasche flog im scharfen Luftzug mit durch den Schornstein hinaus. Zuweilen legte sich der Rauch von der Leichenverbrennung ganz dick auf die Küchen und verdunkelte alles. Anfangs drehten sich mir, sobald ich die schwarzen Flocken auf unsrer Kohlrabibrühe sah, die Därme um, aber allmählich macht Wirklich einen der tierische Hunger völlig gleichgültig. peinigend war das stundenlange Warten in Reih und Glied, wenn wir splitternackt zu Hunderten im Regen auf kaltem Stein zum Arztappell formiert standen. Jawohl, splitternackt, so standen wir einmal acht Stunden in Nässe und Kälte, klappernd und blaugefroren, Alte und Junge, Kranke und Gesunde, viele mit eiternden Wunden, mit Hautausschlag, mit Prügelstriemen und Hundebissen." ,, Mit Hundebissen? Ja wieso denn Hundebisse?" - ,, Attila, faß! war ein beliebter Ruf, wenn irgendeinem zweibeinigen SS- Vieh gerade nichts Besseres einfiel. Besonders auf ängstliche Weiblein wurden gern die Hunde gehetzt. Attilas scharfe Zähne haben manch einer von uns breite Beinnarben Übrigens, als Andenken an Ravensbrück zurückgelassen. wenn wir so mit bloßen Beinen und Brüsten in der Zugluft warteten, mußten wir schnurgerade ausgerichtet sein, und wenn irgendein Körperteil ungebührlich herausragte, gab es gleich mit der Reitpeitsche aufgezählt. Ständig umlungerten uns wie Insekten irgendein paar SS- Schweine, die ihr sadistisches Vergnügen dabei suchten. Eines Tages erklärte uns unsere Stubenälteste, eine altbewährte Kriminelle, diejenigen von uns, die noch nicht kurzgeschoren seien, dürften sich melden zum Dienst im Bordell. Wer diesen Dienst mit Liebe!- versieht, kommt nach einem Jahr frei. Nun, die Aussicht auf besseres Essen und spätere Freiheit war so verlockend, daß sich auch manche Frauen meldeten, sogar Mütter von kleinen Kindern, deren Väter im Felde standen. Übrigens hat keine der Frauen ihr Ziel erreicht, denn bald wurden ihre Körper von Hautkrankheiten entstellt, und sie siechten weiter im Lager, jetzt auch von der Schande gezeichnet. Ich hatte das Glück, als ausgebildete Krankenschwester nach einiger Zeit in eine 260 - - er S, ch er m. コー S. - of ht ch d. m xt, P- de, eli- IS as en ns, oft nn ich vie erere ns, um auf Haf men der won ger, ick, eine Krätze- Kolonne zu kommen. So zog ich täglich von früh bis spät als ,, Krätze- Tante" mit meiner Salbenkiste unterm Arm durch die Lagerstraßen. Natürlich war das bißchen Salbe gegenüber den Tausenden von Geschwüren und oft eigroßen Eiterbeulen fast ohne praktischen Wert, eine sanitäre Vortäuschung.- Bald sah ich den Leidensgenossinnen an, wie lange schon das Lager an ihnen zehrte. Die Stammgäste schienen alle gleichen Alters zu sein, gleichviel, ob man junge Mädchen oder Großmütter vor sich hatte. Ihr Kopf ist verschrumpft und wie abgenagt, das Gesicht scheint nur noch aus den Augen zu bestehen. Wenn man eine Haarsträhne anfaßt, bleibt das Haar an den Fingern kleben wie die Fellhaare eines Tierkadavers. Ihre Haut ist grau wie helle Asche oder gelblich wie Eiter gefärbt und am ganzen Körper schwammig und schuppig und von roten Kratzmustern gezeichnet- Plötzlich drängt sie sich in schnellem Schreck ganz eng an meine Seite: ,, O Gott, wie sehe ich denn eigentlich aus?" Fürchtet sie in diesem Augenblick der krassen Erinnerung, sie sei auch nur als ein angefaultes Stück Opfer in die Welt zurückgekehrt? Sie fährt sich mit dem Finger über die Lippen, sie streicht sich zitternd über die Haare. Aber sie greift nicht zum Taschenspiegel, sie scheut sich vor ihrem eigenen Angesicht, als sei sie seit damals für alle Zeit gezeichnet, als müsse sie sich vor einem dauernden Mal der Schmach und des Aussatzes fürchten. Endlich höre ich ihre tonlose Stimme: ,, Nein, ich darf nicht daran denken! Sonst weiß ich gar nicht, ob dieser bunte Sommer nicht ein täuschender Traum ist mit gräßlichem Erwachen. Ich muß es zudecken wie ein Grab, das Entsetzliche, sonst gewinnt es wieder Gewalt. Ich will nicht mehr davon sprechen, sonst halten sie mich noch für eine Lügnerin." ,, Es ist sehr schwer, davon zu sprechen", nicke ich gepreẞt, ,, denn die Gewissen der Menschen sind verhärtet, sie wollen nicht hören, was geschah, weil sie es nicht fassen können. Sie leugnen die Untaten, die um sie her verübt wurden, aus dunklem Selbsterhaltungstrieb. Ja, sie wehren sich dagegen, daß solche Dinge in ihrem Zeitalter möglich wurden. So panzern sie sich gegen die Wahrheit, nicht aus Übermut, sondern aus Angst. Sie werden die KZ- Geschichten hassen, im Wort, im Bild, im Buch, denn sie betrachten das alles als Anklagen gegen sich selbst. Was nützt dem Einzelnen die individuelle Schuldlosigkeit, wenn der Fluch die ganze Generation befleckt." 261 ,, Leichenasche in der Mittagssuppe!" stöhnt sie plötzlich noch einmal auf. ,, Es war die modernste Form des Kannibalismus. Die Verdammten fraßen zuletzt sich selbst!" ,, Bitte, bitte, schweig!" Ich flehe sie an. ,, Das Raubtier aus den germanischen Urwäldern ist erlegt. Das Herren- Tier ist tot." Aber manchmal rotiert die Drehbühne dieser Zeit zwischen Leichenhalle und Lachkabinett: St. Georgen hat über Nacht einen neuen deutschen Zuchthausdirektor bekommen; er hat sich ganz auf eigne Faust dent hohen amerikanischen Behörden in Empfehlung gebracht. Dieser geheimnisvolle Dr. P. soll alter Jurist und aus einem KZ- Lager zugewandert sein. So erzählt es die Fama weiter, sie berichtet auch, daß er sich zwar ungern blicken lasse, sich dafür aber um so eifriger für die Küche interessiere, nicht für die Küche der Gefangenen, sondern für seine eigene Sonderverpflegung. Na, wenn schon! Vielleicht hat er viele Jahre gehungert. Warum sollen wir dem menschenscheuen Herrn Direktor nicht einen kleinen kameradschaftlichen Besuch machen! Vielleicht hat er viele Jahre hinter Stacheldraht verbracht und kann sich nur langsam an den Trubel freien Lebens gewöhnen! Also melden wir uns an; meine Frau, die als Folge der Höllenfahrten wieder Wasser in den Füßen hat, kann nur mühselig humpeln. Wir haben einen triftigen Anlaß. Jener freche Feigling aus Berlin, der sich auf der Höllenfahrt nach Bayreuth an unserer Margarine mästete, soll den Schmuck der weiblichen Gefangenen, der ihm als Transportleiter von dem Berliner Frauengefängnis anvertraut war, unterschlagen haben. Ein großer, eleganter Herr empfängt uns überhöflich. Flachsblonde Haare geben seiner Erscheinung eine aparte Note, sie liegen an den Kopf geklebt wie eine Perücke, und möglicherweise ist's auch eine. An seinem gepflegten Händchen glitzert spielerisch ein Edelstein, ich fühle mich unwillkürlich an Freislers diamantenen Solitär erinnert. Er pflichtet uns mit allen hellen und tiefen Registern seiner Überzeugung bei. Ja, dieser Volksgerichtshof sei eine ganz infame Einrichtung gewesen. Und diesen Nazi- Strolch von Gefängnisinspektor, den wollten sie schon kriegen. Er sei überhaupt für rücksichtslose Strenge gegen alle, die uns Schaden zugefügt hätten. 262 N ‚u 1 wine ea Re “ ee er Befriedigt stehe ich auf, aber die Meinige meint, irgendwie erscheine ihr der ganze Direktor als schleimiges Fragezeichen. Als wir draußen im Vorzimmer mit seiner Sekretärin über die Niederschrift sprechen, frage ich so nebenher, in welchem Lager ihr Direktor eigentlich gewesen sei. Die bieder-adrette Bayreutherin macht ein Gesicht, als hätte sie die benachbarte Essigfabrik austrinken müssen. Es dauert drei Wochen, bis mir dieses Gesicht verständlich wird. Also was höre ich als neueste Zeitsensation? Gestern hat die amerikanische Geheimpolizei unsern Herrn Direktor verhaftet, er sitzt jetzt in seinem eigenen Zuchthaus, aber nicht mehr bei Schnitzel und Spargel, sondern eingeschlossen in der Einzelzelle. Aber einen alten KZ-ler! Was hat er denn schon wieder aus- gefressen? In Ungnade wegen einer Bagatelle? Meine verehrten Zeitgenossen, halten Sie sich fest. Der Herr Direktor war niemals KZ-ler, er war zuletzt— Staatsanwalt beim Volksgerichtshof! Und was tat er, was verbrach er? Er ließ ein paar Tage vor unserer Befreiung durch die Amerikaner in unserm Gefängnis- hof politische Gefangene erschießen, die einige frischgelegte Hühnereier im Hof gefunden und ausgetrunken hatten. Das sollte Plünderung sein. Jawohl, meine Zeitgenossen, genau so war es! Die Amis waren auf den geschniegelten Terroristen reingefallen, ‚weil er einmal als Student in Amerika ihre education genossen hatte, Ach, so schwankt dieses Menschenreich zwischen Leichenhalle und Lachkabinett! Aber unsere wackern Amazonen lachen nicht, sie kämpfen mit den Tränen weiblicher Empörung. Rot glühen die Herzen auf den Straßen von Ravensbrück nach Bayreuth. 2 RE er EB I EE Er an Zeitgesicht und Weltgericht Die Trümmer der Katastrophe wirbeln über das Land. In einer Bayreuther Dachkammer hause eine Baronin Kleist, die mit ihren kleinen Kindern aus der Tschechoslowakei geflohen sei, hört meine Frau. Durch die Wappengemeinschaft der roten Füchse betrachtet sie die Unbekannte auch ohne Verwandtschaft als..Kusine". ,, Eine ganz wundervolle Frau, die Kusine", sagt die Meinige, als sie von ihrem Besuch zurückkommt. Neunundreißig mußten sie ihr Gut im Baltikum verlassen und wurden zwangsweise in der Nähe von Prag wieder seßhaft gemacht. Da ihr Mann der SS nicht gefiel, hat man ihn von der Scholle geholt und in die Montur gesteckt. Sie wurde auch noch wegen des 20. Juli verhaftet, denn sie hatte in Prag einen Vetter, der Mitverschworener war. Beim Zusammenbruch begann für sie ein neuer Leidensweg. Erst verfolgt von den eigenen Leuten, dann von den Tschechen, dann von amerikanischen Tieffliegern durch den Schenkel geschossen. Flucht mit dem Treck, dann die Wagenburg mit aller gestapelten Habe durch ein paar Kanister von oben in Flammen. Der Mann von den Partisanen in einem Lazarett überfallen und getötet. Schließlich landete sie mit ihren Kindern und einem letzten Rucksack auf einem Bayreuther Strohsack. Und sie ist wirklich wundervoll, diese Annemarie von Kleist. Es ist, als schritte eine Zauberin durch diese grauenvolle Zeit. Ihre Augen haben den dunklen Schimmer von altem Chinalack, und ihre Glieder schweben göttlich über allem Unheil. Sie hat noch in russischer Sprache ihr Abitur gemacht und dann in England studiert. Sie liebt gleich uns Paris, doch ist sie vehemente Deutsche geblieben, sie erinnert in nichts an die müde Internationale der Blaublütigen, obwohl sie in sieben Sprachen die Welt betrachtet. Was mag wohl aus ihrer edlen Reitstute geworden sein, die sie auf der Flucht in einer fremden Scheune zurücklassen 264 mußte? Wahrscheinlich ist sie längst zu grauer Pferdemager- wurst verarbeitet. Ja, so vergeht die Glorie dieser Welt, und nur der Adel bleibt, der uns aus Geist und Herzen kommt. Wie würden wir ihr helfen, wären wir nicht selber noch so hilfsbedürftig. Indessen irgendeine Kleinigkeit erobere ich fast täglich zur Huldigung für unsere schöne Kusine, ein paar Bonbons oder eine frühe Saftbirne. Ich möchte sie füttern, wie man einen kostbaren Hausvogel füttert. Aber sie nimmt es nur für die Kleinen. Die Gesichter dieser lieblichen Kinder hat die Not dieser letzten Monate schon allzu wissend gemacht. Manchmal ist mir, als müßten wir wohlmeinenden und doch so ohnmächtigen Er- “wachsenen uns vor den forschenden Augen solcher Kinder fürchten. Der Zeiger des Jahres rückt langsam weiter über das ver- worrene Zifferblatt. Alle warten und lauschen, doch niemand weiß, worauf. Das Zeitgesicht ist schmerzend verschwollen. - Der Fernblick durchs Fenster streift schon die ersten leeren Stoppelfelder. Von der buschigen Weide fallen die schmalen Blättchen lederbraun. Es regnet unerbittlich. Wir fühlen zum ersten Male die Neige des Jahres. Womit werden wir uns wärmen? Die Sorge sitzt mir im Nacken wie das Rheuma aus dem Keller der Prinz-Albrecht-Straße. Die schöne Kusine gleitet aufs Sofa. Ihre Schenkelwunde brennt, das Geschoß des Tieffliegers hat das Nervengewebe zerrissen, und bei schlechtem Wetter spürt sie jede Faser. Sie muß sich langlegen, ich hole meine alte graue Zuchthausdecke und packe sie ein. Hinter ihrer samtbespannten Stirn tobt ein Wogenprall von Ge- fühlen und Gedanken. Ich vernehme ihren stummen Schrei. Sie will nicht arm und alt und elend sein, sie mag noch nicht verzichten. „Annemarie, du mußt wieder heiraten‘, tröste ich.„Eine Frau wie du.‘ Sie sieht mich dankbar, beinahe zärtlich an und bittet um eine Zigarette. Ich denke, sie wird doch keinen Pisepampel heiraten, und die andern sind meistens tot. „Wir wollen doch um sechs zur Schneiderin gehen“, sagt meine Frau, mit emsiger Nadel über ihre Stickerei gebeugt. Wer sie jetzt so sprechen hört, würde ihr kaum zutrauen, wie sie einmal mit Freisler gefochten hat, der ihr erklärte, viele von ihrer Sorte dürften ihm nicht kommen. Annemarie hat heute kein Interesse an der Schneiderei.„Es 265 Fe N Er A seen TE Ir ee Re EHESTEN VE re ist schrecklich", sagt sie sie zu mir ,,, daß man keinem Menschen mehr befehlen kann. Immer muß man sich bedanken. Ich halte das nicht länger aus." " 1 Was willst du", beschwichtigt meine Frau. ,, Sei froh, daß du lebst und frei bist, das ist heute viel." ,, Du hast gut reden", widerspricht die Kleistin. ,, Du hast wenigstens noch einen Mann. Ich denke, deiner läßt sich ganz gut um den Finger wickeln." Dabei sieht sie mich liebevoll an, ich versuche verbindlich zu lächeln, und meine Frau läßt ein drolliges Räuspern hören. Vier Stunden später, als wir beide schon zu Bett gehen, klingelt es an der Wohnungstür. Ich öffne, draußen steht dic Kleistin mit einem Herrn. ,, Das ist mein Mann", sagt sie atemlos. ,, Er ist wieder da." Also die Tschechen haben ihn nicht erschlagen, wie ja auch Odysseus der Zyklopenkeule entging und meine Wenigkeit dem Satan in der roten Robe. Auf jede Ilias folgt eine Odyssee. Auf allen deutschen Landstraßen spielen sich jetzt Millionen von Odysseen ab. Unser Odysseus aus dem Geschlechte Kleist ist schon über vier Kontinente gewandert, er besitzt sechzehn Autoführerscheine, darunter amerikanische, indische und chinesische. Aber er hat dabei niemals den Herrenfahrer verleugnet, und er reiste, um zu erkennen, daß alle Wege wieder nach Hause führen. In welches Nachhause? Ja, er ist trotz allem ein preußischer Junker geblieben, ein pommerscher Krautbaron. Die Rasse ist nicht kleinzukriegen, auch wenn sie Umwege über Honolulu und den Hitlerismus macht. Natürlich ist der Junker Kleist ein scharfer Gegner der Agrarreform in Ostelbien. Kann man es den Betroffenen verübeln? Nun, auch meine Frau gehört zu den Verlierenden. Aber wir haben uns damit abgefunden, daß auch alles Erbe einmal endet. Wir schlagen uns freiwillig auf die Seite der Notwendigkeit. Denn es ist diesmal wirklich notwendig, dem historischen Großgrundbesitz in Deutschland den Garaus zu machen. Wo geschichtlicher Ablauf verspätet nachexerziert wird, geschieht das nie mit Samthandschuhen. ,, Es handelt sich gar nicht um uns", erklärt der Vetter ,,, es handelt sich um den Lebensbedarf der Nation. Die kleinen Höfe produzieren zu wenig, wir brauchen Getreidefabriken." ,, Aha, mein Lieber", pariere ich ein wenig ironisch. ,, Die gottgewollten patriarchalischen und autoritären Bedürfnisse 266 hen alte daß mast anz an, ein men, die da." auch dem Auf von über rerber ste, - In cher e ist lulu der verAber mal digchen Wo ieht ,, es Höfe Die schreibst du schon ab und verschanzt dich hinter den ökonomischen. Aber auch diese ziehen jetzt nicht mehr, wir brauchen keine Kriegsautarkie. Ich habe mindestens zehn Jahre meines Lebens für verlorene Kriege gedarbt, für militaristische Herrschaftsträume dieser und jener Säbelraßler, das genügt mir. Gewiß, ich habe in jungen Jahren mitgerasselt, aber ich habe zugelernt. Doch ihr Junker wolltet nicht lernen. Dreimal hat euch die deutsche Geschichte Warnschüsse um die Ohren geknallt. Zuerst 1807, dann 1848 und zuletzt noch einmal 1918. Dreimal kamt ihr glimpflich davon. Immer wieder suchtet ihr die politische Schuld auf die unterdrückten Schichten abzuwälzen. Immer wieder erhofftet ihr das Heil von Blut und Eisen. Jetzt habt ihr alles verspielt." ,, Erlaube mal", opponiert er mit höflicher Energie. ,, Wir Krautbarone haben diese Nazi- Diktatur, diese Ausschreitungen wildgewordener Unteroffiziere, durchaus nicht gewollt." ,, Nein, den Himmler- Terror mit seinen viehischen Massenmorden wolltet ihr nicht", bestätige ich ihm. ,, Ihr wolltet mit eurem alten Meister Hugenberg den aufgeklärten Gewaltstaat der Privilegierten. Das Gebrüll des böhmischen Gefreiten wolltet ihr in Kauf nehmen, damit eure eignen Knechte um so besser strammstehen. Aber die Kommisköppe mit den Stallmanieren drückten euch an die Wand, und die Pöbelinstinkte der Soldateska machten die Flötentöne. Ich habe noch Anfang dreißig viele von euch gewarnt. Wer für Hugenberg ist, wählt Hitler, habe ich damals gesagt. Aber jetzt ist es zu spät. Wenn ihr in Zukunft wieder eure tausend Hektar unterm Pfluge haben wollt, dann müßt ihr schon in die argentinischen Pampas gehen." Er ist zu weltmännisch, um gekränkt zu sein, er fühlt sich auch nicht persönlich getroffen, aber zur Verteidigung seiner Sippe verpflichtet. Das ist nun wieder dieser Ritterinstinkt, den ich an seinesgleichen schätze. Jedenfalls gehört er, ohne meine Meinungen zu teilen, zur Demokratie der anständigen Leute. Gerade damit hapert es sehr. Die Natur der Deutschen steckt voll gefährlicher Rätsel. Die neuen Pharisäer sind da. Wehe, du warst ein Nazi, ich aber war ein heiliger Mann, ein Antihitler bis auf die Knochen, vom Scheitel bis zur Sohle! Was, du warst kein Nazi? Aber deine Möbel, die sehen mir so aus, als hättest du sie mal sehr billig bei einer Arisierung vom liquidierten Juden erworben! nisse 267 Die Säuberiche ziehen umher und suchen, wen sie abreiben. Auch ich soll gesäubert werden. Wahrscheinlich bin ich ein Spitzel höheren Ranges, eine geheime Oberkreatur der SS oder etwas Ahnliches, vielleicht auch ein getarnter Agent des Generalstabs. Jedenfalls bin ich durchaus ,, nicht in Ordnung". Ich soll untersucht werden. Vielleicht trage ich auf der Brusthaut eine tätowierte Hundemarke der SS, wer kann das wissen? Da mein Beruf jetzt im Schatten des Sternenbanners kümmert, lasse ich mich vom Spiel der Fügung in einen fremden wehen, ich werde Strafverteidiger. Bitte, lachen Sie nicht, ich plätscherte schon in allen Fakultäten. Schließlich habe ich mir schon einmal als Student medizinisch kunstgerecht die Fäden aus der Nase gezogen, mit denen ein Mensurhieb genäht war. An Gräbern habe ich auch schon gesprochen, als sei ich ein gelernter Pfarrer. Und als sie mich 1940 nach der Maßregelung in die Fabrik stecken wollten, da kroch ich für ein paar Monate als Lateinlehrer an einer Oberschule unter. Und habe ich nicht schließlich als Jüngling auch Jus getrieben, wenn auch nicht gerade amerikanisches. Denn wohlgemerkt, ich bin ein Verteidiger beim amerikanischen Militärgericht, beim einfachen, das im alten Zuchthaus St. Georgen tagt, und beim mittleren Court im großen Saal der Regierung. Ich arrangiere Kreuzverhöre wie ein geriebener Advokat. Ja, ich hatte Erfolge, meine Klienten müßten mit mir zufrieden sein. Mildernde Umstände, Bewährungsfrist, Freispruch das alles hab' ich schon in meiner kurzen Laufbahn erreicht, für andere natürlich. Ich selber stehe allerdings auch noch ,, mit einem Fuß im Zuchthaus" wer kann es wissen, in Zeitläuften wie diesen. - ,, Grüß Gott, Herr Doktor, ich schließe sofort das Anwaltszimmer auf", so begrüßen mich jetzt die beflissenen Zuchthausbeamten, wenn ich vor den blanken Gitterstäben in der Vorhalle stehe. Mir kommt jetzt unser altes Zuchthaus beinahe gemütlich und traulich vor. Man schüttelt einander die Hände, man fragt: ,, Na, Kinder, wie geht's, was macht das Geschäft?" Die ganze Zuchthausdirektion von St. Georgen besteht jetzt aus P. G.'s( Political prisoners), nämlich ehemaligen politischen Gefangenen. Die Welt hat sich umgedreht, die Häftlinge sind die Herren geworden. Wir alten St. Georgener aus den letzten Schreckenstagen der Nazizeit vermögen uns freilich auch nach Monaten immer 268 ben. ein SS gent Ordauf Kann ners emkulmedienen chon mich , da Oberauch Denn chen St. der ener mit frist, aufHings n es altsausVornahe inde, ft? jetzt chen sind agen mer noch nicht von der Zuchthäuslerei zu lösen. Man läßt dort die Stiefel besohlen und die Hemden waschen, man kauft dort Gemüse und Blumentöpfe, man läßt sich sein Brennholz zerkleinern, und man organisiert dort sogar gelegentlich eine Kanne Frankenwein. Ja, es ist ein braves, freundliches Zuchthaus geworden. Uns beiden borgt es sogar, als wir uns wieder ein eigenes eheliches Schlafgemach aufbauen, die dazu gehörigen Betten, und so bleiben wir auch weiterhin durch die wechselnden Monde der Freiheit den Zuchthausmatratzen verhaftet. Aber unsere Sehnsucht fliegt nach Hause, nach dem großen Berlin und nach dem kleinen, schönen Waldwinkel Frohnau am Rande der ehemaligen Weltstadt. Denn wir wissen ja, dieses Berlin ist jetzt die größte Ruinenstätte, die dieser wandelbare Erdball jemals trug. Wie Berlin jetzt aussehen mag? Unsere Phantasie hat sich längst auf apokalyptische Bilder eingestellt. Ich bin ja schon neulich in Nürnberg und Frankfurt stundenlang, kilometerweit durch die grotesken Trümmerreste deutscher Herrlichkeit von einst gewandelt. Laßt das Verblichene vergangen sein, es kommt auf das Leben an, auf alles, was in uns und um uns lebendig blieb. Ob sie noch leben? Wer von unsern Lieben hat die deutsche Sintflut überlebt? Meine Mutter müßte, wenn sie noch auf dieser umgepflügten Erde weilen sollte, jetzt bald einundachtzig werden. Zum achtzigsten Geburtstag durfte ich ihr nicht Glück wünschen, weil ich ihr keine Narrenworte schreiben wollte. Wie hat sich mein ehrwürdiger Vater mit diesem abgründigen Chaos auseinandergesetzt? Und wo mag jetzt die treue Käthe walten? Wie geht's der sanften Ursula? Wir haben ein halbes Jahr vergeblich auf ein Lebenszeichen von den Unsrigen gewartet. Jetzt muß endlich einer von uns auf die Reise, auf die Suche gehen. Ich kann jetzt meiner Klienten wegen nicht fort. Aber die tüchtige Gefährtin wird auch dieses Abenteuer wagen. Wir nehmen Abschied. Sie will sich hinter Hof beim russischen Grenzkommando melden. Vier Wochen vergehen ohne Lebenszeichen. Es wird novemberlich. Die goldenen Eichenkronen vor meinem Fenster am Bayreuther Festspielhügel entblättern sich zu dunkel drohendem Gewirr. Endlich höre ich an einem dumpfen Sonntagmorgen draußen ihre helle Stimme. Wir liegen uns in den Armen. Ja, wie siehst du denn aus?" Sie lacht. ,, Bis kurz vor die Haustür - - 269 ist alles gut gegangen, aber dann bin ich vor Freude lang hingefallen." Über dem Rucksack hat sie die nach Soldatenart gerollte Decke wie zwei Flügel quergespannt. Dazu trägt sie einen schnittigen Tuchmantel mit raubtiergrellem Ozelotkragen. Wahrhaftig, sie sieht katzenhaft verwegen aus. ,, Und nun vor allem eins. Wer lebt?" Ich frage in beklommener Vorsicht, um wenigstens doch etwas Tröstliches zu hören. ,, Sie leben alle, alle. Sogar die beiden Achtzigjährigen sind munter. Die treue, Käthe ist immer noch bei ihnen. Mutter läßt sich sogar wieder ein neues Kleid machen. Käthe hat für die russischen Soldaten Wäsche gewaschen und dafür Brot und sogar Fleisch für alle drei bekommen." Dann muß die Reisende zwischen den deutschen Welten im Zusammenhang erzählen. ,, Also denke dir, sogar das Häuschen ist uns treu geblieben, obwohl doch um Frohnau zuletzt nach OKW- Bericht auch noch die Artillerieschlacht tobte. Jetzt ist der Ort französisch, vorher war er russisch. An unserm Gartentor hängt ein Schild: Die Besitzer dieses Hauses, Dr. SchultzePfaelzer und Frau, wurden 1943 von der Gestapo verhaftet und dem Volksgerichtshof überwiesen. Sie sind bisher aus der Gefangenschaft noch nicht zurückgekehrt. Das wurde von den Siegern respektiert. Sie sind doch unsere Befreier. Eine kurze Zeit haben russische Offiziere das obere Stockwerk bewohnt. Sie stellten unten auf den Schreibtisch zwischen unsere Bilder einen Blumenstrauß und wünschten uns glückliche Rückkehr." - ,, Also auf den Rosenholzschreibtisch", unterbreche ich vergnügt ,,, in dem die Gestapo das verräterische Kohlepapier gefunden hat. Das Rosenholz stach ja noch dem verflossenen Freisler in die Nase. Jetzt können wir drüber lachen." ,, Die Eltern", fährt sie fort ,,, erfuhren erst Ende August, daß wir noch leben. Man hatte uns schon ziemlich aufgegeben, denn sie hatten ja von den furchtbaren Leichenbergen der politischen Gefangenen gehört. Nun kamen die Gratulanten, auch dein Anwalt meldete sich, er gestand, er hätte den Erfolg deiner Rettungstour doch nicht für möglich gehalten, es sei wie ein Wunder. Ach, und nun habe ich wieder oben im Schatten deines Kopfes geschlafen, nein, er ist nicht geklaut. Sogar dein Frack und dein Pelz sind noch da und mein Blaufuchs. Aber die Hauptsache, du bist da." Ich müßte mich mitfreuen, doch meine Gedanken sind schwer. 270 TELLER TTETETETRITETER % Plötzlich ist das Gewesene wieder da, und ich mag die ge- bliebenen Dinge nicht willkommen heißen. Die Lasten, die ich verloren glaubte, stellen sich wieder ein, sie werden mir Pflich- ten vorschreiben, die ich schon abgeworfen hatte. Denn das Eigentum ist fragwürdig geworden, und der Besitz ist drückend. Das Erraffte will immer wieder verteidigt werden gegen Bom- ben, Motten und Gerichtsvollzieher. Ich bin kein Bürger mehr. Aber ich kann die Vergangenheit nicht abschütteln. Schon senken sich die Lasten, die Sorgen wieder auf die befreiten Schultern. Ich spüre die alten Pflichten wie einen unendlichen Rucksack, ich schleppe wieder an meinem Lebensgepäck. Die Welt ist eine Rumpelkammer, die wir nicht loswerden. Dennoch! Es geht wieder vorwärts, wie schwer es auch sei. Berlin ent- läßt mich nicht, ich werde mitmachen müssen, wenn der größte Trümmerhaufen des Erdballs seine Überbleibsel aktiviert. In den Akten steht noch immer, ich gehörte ins Irrenhaus, und darum brauche ich ein Attest, das meine geistige Gesundheit bescheinigt. In Bayreuth soll es einen Psychiater von Ruf geben. Also gehen wir hin, lassen wir uns wieder einmal untersuchen, und diesmal freiwillig. Die Anstalt, in der Herr Dr. Wach als Chefarzt für Gemüts- leiden praktiziert, liegt am Rande der Stadt auf einer lieblichen Anhöhe, vor der sich das wellige Maintal wie im Hauch der Weintrauben-öffnet. Die fensterfrohen Villen dieses großen Privatinstituts für Heilung und Pflege stehen hinter langen, rostigen Friedhofsgittern. Die Irrenanstalten pflegen im Gegensatz zu den Zuchthäusern auf einen freundlichen Rahmen besonderen Wert zu legen. Doch die Spaltung zwischen gewoll- ter Helle und ungewollter Düsternis läßt mich stutzen. In der Ferne ballt sich der Ocker des toten Laubwalds. Ich klingle am Tor, ein gestreifter Zerberus steckt den Kopf heraus und fragt, was ich wünsche. Es genügt ihm nicht zu erfahren, daß ich Herrn Dr. Wach besuchen möchte, er will wissen, wo es denn bei mir fehle. Darauf war ich nicht gefaßt, was soll ich ihm sagen, was bekennen? Mir fällt im Augenblick nichts anderes als die Wahrheit ein. „Ich halte mich für gesund“, versichere ich ehrlich, ‚aber ich habe mal längere Zeit verrückt gespielt, und da möchte ich mich mal auf meinen Zustand untersuchen lassen.“ Halb mitleidig, halb mißtrauisch mustert er mich. ‚Ne faule Sache‘‘, meint er.„Na, dann gehn Sie mal schon, wir nehmen eigentlich keine Kranken mehr an.“ IE ER: TEEN ET A Bald sitze ich einem Mann von behutsamer Gelehrtenart gegenüber. Er versteht mich schon nach wenigen Sätzen, sein Interesse wächst, wir gewinnen menschlichen Kontakt. Ich muß ausführlich erzählen, er kennt Dr. Büttenberg aus Tegel dem Namen nach als angesehenen Fachmann. Als ich ihn um ein Zeugnis über meine geistige Gesundheit bitte, zuckt aus ihm zum erstenmal eine Ablehnung. ,, Solche Atteste pflegen wir Psychiater im allgemeinen nicht zu geben. Das geistige Symptombild der Menschen ist sehr veränderlich. Welche Phasen psychischer Entwicklung jemand durchgemacht hat, läßt sich hinterher nicht mehr feststellen." Aber ich trage ja meine ,, Krankheitsgeschichte" auf mehr als dreihundert bedruckten Blättern bei mir, ich brauche sie nur aus der Mappe zu nehmen. ,, Bitte, hier ist das werdende Buch, der Satz ist bis auf den fehlenden Schluß sogar schon einmal umbrochen. Haben Sie Lust, die Selbstdarstellung meiner Schauspielerei als Geisteskranker als Erster zu lesen und zu kritisieren? Ich kann Ihr Urteil noch in das letzte Kapitel mit hineindrucken." Dr. Wach erklärt sich gern zu einer schnellen Lektüre bereit. Es sei leichter, über ein Buch als über eine menschliche Psyche zu urteilen. ,, Übrigens", fügt er hinzu ,,, es ist Geisteskranken eigentlich nie gelungen, über ihr Leiden bedeutsame literarische Enthüllungen zu machen." ,, Wenn die meinigen also wesentlich sein sollten, wäre ich schon als Simulant entlarvt." Wir lächeln uns an. ,, Es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten", erklärt er, ,, einen Facharzt wirklich zu täuschen. Man könnte eine primitive Wahnpsychose, etwa einen Verfolgungskomplex, für kurze Zeit erfolgreich simulieren, außerdem ein manisch- depressives Krankheitsbild, besonders in seinen depressiven Phasen. Im übrigen wird der Sachverständige die Täuschungsversuche immer bald durchschauen, es fragt sich nur, ob er von seiner Entdeckung Gebrauch machen will. Natürlich kommt es auf Gründe und Gegengründe an." Ich schildere ihm meinen Kampf um den Kopf und vernehme mit einer gewissen Genugtuung, daß mein Tip aufs ManischDepressive ein richtiger Einfall war. Meine psychiatrischen Grunderwägungen haben sich jedenfalls bewährt. Dennoch möchte mein Kritiker von vornherein bezweifeln, daß es mir über ein halbes Jahr gelungen sei, den Dr. Büttenberg von der völligen Echtheit meiner Psychose zu überzeugen. Es wolle 272 - N schon viel bedeuten, wenn ich durch immer neue willkürliche Komplizierungen meines vorgespielten Zustandes erreicht habe, daß ihm neue Zweifel aufgestiegen seien. Leider können wir vorläufig Dr. Büttenberg nicht selbst darüber befragen, denn er soll jetzt, da sich das Segel der Macht in Deutschland inzwischen gedreht hat, in seinem eige- - nen Tegeler Gefängnis sitzen, Ich war für ihn ein so zeitrau- bender, zuletzt so ärgerlicher Fall, daß ich annehmen darf, er denkt noch immer mit einem gewissen Kopfschütteln an unsere kämpferischen Sitzungen zurück. Büttenberg wollte mich nicht in den Tod schicken, aber er freut sich wohl auch nicht, wenn ich mich noch so manisch munter mit ihm befasse. Bis zum nächsten Sonntag will Dr. Wach mit der Lektüre meines Textes fertig sein. Dann werden wir bei einer Tasse Tee den ganzen Fall noch einmal gründlich überprüfen. Was damals nur ein grobes Mittel zur Selbstbehauptung war, will jetzt als geistige Leistung in einer Welt der höheren Zwecke bestehen, Ich möchte am liebsten die einzelnen Situationsbilder meines pseudologisehen Spiels wiederholen, das Einzelne ver- bessern und das Ganze steigern, als ob ich an einem Schauspiel schriebe und nach der ersten mimischen Erprobung die Ver- feinerungen und Verstärkungen anzubringen hätte, Die gelebten Nöte des Lebens sträuben sich gegen die Aesthetisierung. Es muß bei den Mängeln in meiner Nach- schöpfung kranker Zustände bleiben, denn nur mit allen wirk- lichen Fehlern, mit allen psychischen Naturwidrigkeiten wird das Unechte des Simulierens als Leistung echt. Darin bestärkt mich auch Dr. Wach, als ich ihn am Sonntag darauf zu stiller Dämmerstunde in seiner Wohnung besuche. „Gewiß, Sie haben manches regelwidrig, also als psychische Krankheit falsch gespielt, äber verbessern Sie um Gotteswillen nicht daran in Ihrer literarischen Niederschrift, das würde gerade ihren Wert beeinträchtigen.— Im übrigen haben Sie Ihre halbjährige Rolle mit einer geistigen Kraft und Überlegen- heit gespielt, die Sie über jeden Verdacht, Sie könnten tatsäch- lich in ein psychisches Minus geraten sein, unbedingt erheben. Wenn irgendwelche bösen Zungen Ihnen nachreden wollten, Ihre Gesundheitsakten seien wohl auch nicht ganz in Ordnung, dann brauchten Sie nur dieses Buch als schlagenden Gegen- beweis ins Feld zu führen. Jedenfalls sind die Energieleistungen Ihrer Nerven und Ihres Willens außerordentlich, ich möchte sagen, einzigartig gewesen. Das schafft nur ein geistig sehr 18 Kampf 278 geweckter Mensch, und auch der nur, wenn es um Kopf und Kragen geht.-Eine primitive Natur würde sich auch beim Simulieren nicht über die triebhaften Außerungen erheben können, und ein erkranktes Triebleben bedarf im allgemeinen keiner so langwierigen Nachprüfung, da hätte sich der beobachtende Arzt schon bald entscheiden müssen. Auch die manisch- depressive Symptomatik, die Sie vorspielten, hätte den Arzt nicht so lange im unklaren lassen können. Hätten Sie keine falschen Extraeinlagen aus anderen Krankheitsgebieten geliefert, dann würde er Sie eben schon bald als ernsten manisch- depressiven Verdachtsfall an die Heil- und Pflegeanstalt abgeliefert haben. Und wie ich Ihnen schon sagte, ist es möglich, mit dieser Art des zirkulären Irreseins auch den Psychiater irrezuführen. Dann hätten Sie also gerichtsmedizinisch mindestens den Schutz des§ 51, Absatz 2, bekommen, also die mildernden Umstände wegen eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit, und wären selber nicht zum Tode verurteilt worden. Aber Sie hätten Ihre Frau und Ihren Freund nicht retten können. Es gelang Ihnen jedoch, Ihren Herrn Büttenberg durch die Vorspiegelung verwickelter psychischer Phänomene, die sich nicht zusammenreimen ließen, immer wieder unsicher zu machen. Mit einem gewissen Recht könnte man sogar sagen, Ihre Fehler, Ihre allzu phantasievollen Sondertouren haben Sie gerettet. Büttenberg wollte äußerst gewissenhaft sein, er konnte sich bei seiner Autorität gegenüber dem Volksgericht leisten, Ihren Fall so ungewöhnlich zu verzögern." ,, Glauben Sie nun, Herr Doktor, daß mich Büttenberg schließlich völlig durchschaut hat?" ,, Ich möchte beinahe annehmen, daß ihn diese Frage zum Schluß nicht mehr interessiert hat, daß er diese Verantwortung zuletzt einfach von sich gewiesen hat. Als pflichttreuer Beamter wäre es ihm wider den Strich gegangen, eine Entscheidung zu unterzeichnen, die gegen seine Überzeugung gewesen wäre. Da aber allmählich das tragische Kriegsende vor der Tür stand, glaubte er es nicht mehr nötig zu haben, in Ihrer Sache medizinischer Richter zu sein. Er wollte Sie einfach bis zur großen Wende in eine Anstalt abstellen, wo Sie fern vom Schuß waren. Zu jener verhältnismäßig kleinen Gruppe der berüchtigten Nazi- Psychiater im Fahrwasser der SS hat er jedenfalls nicht gehört." ,, Also gut, wenn er wieder in Freiheit ist, will ich ihn zur Abwechslung überprüfen, so wie er ja jetzt zur Abwechslung 274 und meim ben Finen zobdie den Sie eten sten egeist den Bizimen, echteilt micht teninoungar ren maft lksberg zum ung nter g zu Da and, edioßen ren. gten icht zur lung statt meiner hinter Schloß und Riegel sitzt. Schade, daß ich nicht mit meinem Buch so lange warten kann. Aber vielleicht besorge ich mir von ihm noch einen Epilog für die zweite Auflage. Jetzt, Herr Doktor Wach, müssen Sie mir noch kurz erklären, worin meine ungereimten psychischen Phänomene bestanden." - - ,, Ich denke da in erster Linie an die Schlangengeschichte. Wie Sie die feuchten Platanenäste für Schlangen hielten dabei hat Ihnen die Fruchtbarkeit Ihrer dichterischen Anschauung einen Streich gespielt. Diese Gesichtshalluzination mit dem ganzen Drum und Dran paßt nicht in die leichte depressive Störung, die Sie geplant hatten. Solche Scherze leisten sich nur hochgradig Schizophrene, und deren Krankheitsbild läßt sich nicht einfach nachahmen, weil man dabei den tatsächlichen Zerfall der Persönlichkeit darbieten muß. Sodann aber dürfte ein Fachmann niemals auf Ihren angeblichen Stupor hineinfallen. Wenn Sie schon eine Gliederstarre markieren, so ist die Begleitung durch Geschrei der reine Unfug. Im übrigen halte ich etwa Ihre sogenannte Telephonitis nur für einen humoristischen Einfall." ,, Sie wissen doch, daß ich mich in die letzten großen mimischen Unkosten nur gestürzt habe, weil mich Büttenberg durchaus zu einem Hysteriker stempeln wollte. Ich habe diese Verlegenheitsdiagnose noch nach Kräften durch allerlei Mätzchen unterstützt." ,, Bitte, unterschätzen Sie mir den Dr. Büttenberg nicht", wehrt sein Bayreuther Kollege ab. ,, Wenn er Ihr allgemeines Verhalten in der langen Reihe der Untersuchungen als Hysterie bezeichnet, hat er vollkommen recht. Hysterie ist nach dem heutigen Stande der Wissenschaft kein klinisches Krankheitsbild, das sich nach Einzelsymptomen abgrenzen ließe. Hysterie ist eine abnorme Reaktionsweise auf Lebenskrisen. Sogar in ihren körperlichen Ausdrucksformen bleibt die Hysterie eine durch Affekt und suggestive Idee bedingte psychische Reaktionsform. In vielen Fällen, auch im Ihrigen, bedeutet Hysterie eine teils instinktive, teils zielbewußte Benutzung des primitiven Selbstschutzes bis zum Übergang zur Simulation. Nach einer etwas anderen Auffassung steckt in allen hysterischen Symptombildern eine Tendenz, ein Wille zur Krankheit, eine Flucht in die Krankheit, ein Krankheitszweck, jedenfalls ein Täuschungsversuch, gleichviel ob man sich selbst oder andere betrügen will." 18* 275 ,, Danach hätte also Dr. Büttenberg bei mir einen zielbewußten Willen zur Krankheit vermutet", suche ich zu folgern. Dr. Wach bestätigt. ,, Gut", fahre ich erheitert fort. ,, Dann bin ich im Grunde doch verrückt gewesen. Wenn die Flucht in die Krankheit hysterisch ist und einen Krankheitszweck, den habe ich doch weiß Gott verfolgt so müßte man alle Schauspielerei mit krankhaften Zuständen in die Zone des Wahnsinns verweisen." - ,, Sie belieben zu übertreiben", mahnt er belustigt. ,, Gewiß, ich übertreibe, um nur für eine Sekunde zu zeigen, wie leicht die Grenzen zwischen Vernunft und Unvernunft zu verwischen sind." ,, Stimmt, stimmt", bestätigt er wieder. ,, Darum müssen wir uns hüten, die dünnen begrifflichen Wände wegzudiskutieren." ,, Noch eins, Herr Doktor, haben Sie gelesen, daß einer von Hitlers medizinischen Trabanten jetzt seinen atomisierten Führer als Hysteriker mit einem Hang zu exzessiven Wutanfällen gekennzeichnet hat? Wie erklärt sich die Hysterie des Teppichfressens? Welcher Zwecktrieb steckt dahinter? Vielleicht, daß er damit seinem eignen übermenschlichen Wahn beweisen wollte, er könne als viehischer Gott die ganze bunte Materie verschlingen. Wenn man Teppiche fressen kann, muß man dann nicht auch die Welt erobern können?" ,, Sie beginnen jetzt satirisch zu politisieren", wendet er ein. ,, Bleiben wir in der medizinischen Sphäre. Sie haben natürlich schon vom Bewegungssturm und vom Totstellreflex gehört. Bewegungsstürme beginnen mit Zittern und Strampelei. Die psychomotorischen Phänomene bei Hitler unterscheiden sich nur quantitativ von den tendenziösen Affektentladungen des ungezogenen neurotischen Kindes. Wenn sich Hitler in den Teppich einrollt, so ist das ein Totstellreflex, er will sich im Augenblick nicht länger mit dieser widerspenstigen Welt herumärgern. Und wenn er in den Teppich beißt, so ist das eine hysterische Symbolhandlung, er will gewissermaßen mit der Bestrafung des Teppichs die gesamte ihm zur Zeit verhaẞte Umwelt züchtigen." ,, Ausgezeichnet, Herr Doktor. Entschuldigen Sie, wenn ich immer noch etwas Neues auf dem Herzen habe. Darf ich Sie zum Schluß ganz offen fragen, ob Ihnen in Ihrer ärztlichen Praxis schon ein Fall begegnet ist, der sich mit dem meinigen vergleichen ließe?" 276 ten ach im meit ich erei nns en, zu sen zuvon ten Wuterie ter? ahn inte muß ein. lich BeDie sich des den im Welt das mit aßte ich Sie chen igen Er deutet mit der Hand nach einer dunkel getönten Plastik auf dem Bücherschrank. ,, Das ist ein solcher Fall." Die Büste hatte ich längst bemerkt und beliebäugelt. Ich gehöre zu den Leuten, die man in Künstlerkreisen die Kopfjäger nennt. Das Studium des menschlichen Antlitzes in der künstlerischen Nachbildung ist mein Steckenpferd. Die ,, menschliche Landschaft", wie ich den Kopf zu nennen pflege, finde ich viel reizvoller als den Akt und das Genre. Darum hatte ich mit dem eindrucksvollen Kopf sogleich verstohlene Zwiesprache gehalten. ' So kann ich also gleich als Kunstrichter losdozieren, was mir ja so lange von Goebbels verboten war. ,, Die Porträtähnlichkeit bei gleichzeitiger Durchbildung des statuarischen Aufbaus ist ganz vortrefflich. Der Meister hat sich zu allem übrigen auch noch eine minutiöse Mühe gegeben, um Sie bis in den kleinsten Zug zu erfassen und festzuhalten." ,, Nun, er hatte auch genügend Zeit dazu. Ich mußte ihn monatelang beobachten, und da konnte er sich derweilen an meiner Physiognomie schadlos halten. Ja, ich hatte mit ihm in ähnlicher Weise zu exerzieren wie Dr. Büttenberg mit Ihnen. Kennen Sie den Bildhauer M.?" 11 ,, Nur ganz oberflächlich. Er war doch wohl vor längerer Zeit durch einige größere Staatsaufträge bekannt geworden." , Ganz recht. Das ist er. Ein guter Künstler, aber ein sehr schlechter Soldat. Der Mensch kann eben nicht alles sein. Begreiflicherweise liebte er den Militarismus nicht, sondern erging sich über seine Peiniger in respektlosen Außerungen. Schließlich wollte man ihm wegen Wehrkraftzersetzung an den Kragen. Da flüchtete er in die Psychose und wurde mir vorgeführt. Ich war damals, Beratender' bei der deutschen Südarmee auf der Krim. Der Fall interessierte mich, vor allem wegen des wertvollen Künstlers, der für die Brutalitäten des Kriegslebens nicht geschaffen war. Wie künstlerische Naturen so oft, besaß er eine völlig labile Konstitution. Er simulierte nicht schlecht, die Rolle lag ihm, sie kam ja seinem phantastisch gelockerten Wesen entgegen. Er benahm sich durch und durch hysterisch, und er besaß auch gewisse hysterische Anlagen. Ich habe ihm zuletzt den wirklichen Befund, also auch die absichtsvollen Täuschungsversuche, auf den Kopf zugesagt. Als Laie würden Sie sagen, ich habe ihn, entlarvt"." ,, Bei der Entlarvung hätte ich dabei sein mögen", grinse ich 277 ein bißchen hysterisch, dann reiße ich mich sachlich zusammen. ,, Bleiben wir noch einen Augenblick im Medizinischen, Herr Doktor. Wie würden Sie den Vorgang der Entlarvung wissenschaftlich umschreiben?" - ,, Das kann ich wohl nur mit den schwerfälligen Worten gelehrter Sprache tun. Also versuchen wir's. Wir finden bei , entlarvten Individuen, die uns die bewußte Vortäuschung später zugeben müssen, daß doch auch diese bewußten Produktionen von dem unerbittlichen Triebwerk psychophysischer Kausalität erfaßt, durch dieselben Gesetzmäßigkeiten der Gewöhnung, Einschleifung, Reflexverstärkung, ja der Persönlichkeitsspaltung weiterentwickelt zuletzt genau dieselben Bilder liefern können wie bei den andern Patienten, bei denen von vornherein der echte Triebinstinkt der hysterischen Erkrankung überwog. Ich sehe also keine Notwendigkeit, jede, Entlarvung eines Hysterikers der Laienwelt gleich als Schwindel zu denunzieren." - Wir sind inzwischen vor die Büste getreten; er hebt den schweren Tonkopf in die Höhe und weist mir eine Signierung am Nackenansatz. ,, Sie lesen hier neben seinem Namen das Wort Caesar. Das ist eine ironische Anspielung auf seine Simulation. Er hatte es in seiner hysterischen Schauspielerphase nun einmal mit Caesar und suchte mir eine Caesarrolle vorzugaukeln. Man könnte in diesem Komplex eine mehr oder minder bewußte Karikierung des Militarismus suchen." ,, Wollen wir hoffen, daß sich der soldatische Wahnsinn jetzt in Deutschland ein für allemal totgelaufen hat." Ich bin in die düstersten Gedanken hinabgetaucht. ,, In einem Blutsumpf ist die schimmernde Wehr versunken. Es war ein Untergang in Unehren. Als Wüterich gegen die eigene Nation vollendete sie das Zerstörungswerk, diese unsere letzte Führergarnitur mit Achselstück. Ohne Rücksicht darauf, was aus dem total verführten Volke wird, sprengte sie noch in erbärmlicher Heldenangst vor der Katastrophe die letzten Brücken und Vorratskammern. Ihre Ehre hatten sie freilich schon längst bei den Massenmorden an Millionen von Wehrlosen auf ewig besudelt. Fluch und Schande! Ach, es ist grauenhaft, daß Deutschland durch seine ererbten Kriegerinstinkte so unbegreiflich in Schuld geriet." Mit tiefem Seufzer breche ich ab und starre auf den klaren, festen Männerkopf, den ein deutscher Künstler mit den Händen formte, die ihm zur Würgearbeit für Hitler zu schade waren. 278 lerr en ten bei 7 uk- 3 her} Da heult in unser Schweigen die Sirene wie eine wilde Gehörs- halluzination, Ich fahre manisch hoch. Herrgott, wie schaukeln Raum und Zeit! Ich hätte schon vor einer halben Stunde. Ab- schied nehmen müssen, um noch vor der nächtlichen Straßen- sperre um halb elf daheim zu sein. Die Bomber kommen nicht mehr, nur noch die Jeeps der Militärpolizei. Wir nähern uns einem Zustand, den die Heuchler Frieden nennen. „Sie können nicht mehr nach Hause, Sie müssen hier schlafen‘, erklärt Dr. Wach. „Ich habe Sie zu unersättlich ausgefragt‘, bekenne ich schuldbewußt,„Das war nun wieder mal eine hysterische Disziplinlosigkeit. Mein armer Kopf ist mit mir durch- gegangen. Zwar ist nicht jeder Hysteriker ein Künstler, aber vielleicht sind die Kampfhysterien meines Kopfes doch meinem Buche gut bekommen. Hoffentlich ist diese nächtliche Störung Ihrer Häuslichkeit der letzte Unfug, den ich in der Sache gegen Schultze-Pfaelzer und zwei andre anrichte.“ „Halb so schlimm, bitte keine Depressionen“, lacht mein Psychiater.„Ich fürchte nur, Ihre Frau Gemahlin wird sich Sorgen machen, wenn Sie nicht nach Hause kommen.‘ „Schließlich weiß Sie ja, wo ich mich befinde.“ „Eben deshalb‘‘, meint er.„Sie weiß, Sie haben einen Besuch im Irrenhaus gemacht. Und dort sind Sie festgehalten worden. Bedenken Sie nur: Sie müssen in einer Anstalt bleiben, vor der die Leute drei Kreuze machen.“ Ich weiß nicht recht, ob der Doktor scherzt oder sich wirk- lich beunruhigt. Eine Groteske ist's auf jeden Fall» Ich muß ihn beschwichtigen. „Sie kennen nicht meine Frau, Herr Doktor. Nein, die hatte noch nicht einmal Angst, als sie mich monatelang für verrückt halten mußte, Nein, die traut mir zu, daß ich mich absichtlich heute hier einsperren lasse, rein um der Pointe willen, daß ich doch noch in der Klapsmühle gelandet bin. Sie ist ja eine Journalistenfrau.— Ich aber schwöre Ihnen, daß mir solche_ Sensationshascherei fernlag, daß ich nur den rechtzeitigen Aufbruch vergessen habe.‘ „Schön und gut, aber nun ist für heute genug geredet, jetzt wird geruht“, befiehlt der Doktor. Er richtet mir ein Lager auf der großen, weichen Couch. Und wieder heult draußen die Sirene. Es ist das zweite und letzte Nachtsignal. Ich lasse den müden, aufgewühlten Kopf auf das Kissen fallen. 279 Wo bin ich? O mein Gott, ich liege schon wieder in einem falschen Bett! Ich ziehe die Decke über den Kopf, ich habe vorerst genug simuliert und gestanden. Wann mündet das schmerzende Licht der Welt in die heilige Finsternis? Genug! Wo sind die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit? Wann werden wir weise sein? Wann wird uns unsere Schuld vergeben? Ich warte. Gute Nacht. Ich liege wieder im fremden Bett, aber ich möchte wenigstens meine eigenen Gedanken denken- Wann betten wir Deutsche wieder den freien Kopf auf eigenem Pfühl? Wann werden wir wieder zu Hause sein? Erst betten wir uns für drei Monate zum Bayreuther Winterschlaf. Die Gefäße der Zeit bleiben leer oder füllen sich nur mit endlosem Brei aus Gerstengrütze. Manchmal lassen wir uns von den Schneeflocken des Fichtelgebirges überschütten. Aber mit dem ersten Krokus- Farbenreigen am Bayreuther Festspielhügel zieht es mich nach Berlin. Dieses Mal muß die Meinige das fremde Haus hüten. Eine schwere Mappe mit Memoiren- Gepäck schleppe ich mit. Ich reise als sogenannter Umsiedler über Würzburg, Bebra, Eisenach, nächtige viermal in zerstörten Bahnhöfen, lasse mich zweimal entlausen, zwanzigmal abstempeln und zerquetschen. Aber dann lande ich wahrhaftig in den kahlen, kalten Riesenreliquien Berlins. Ich halte Einzug durchs Brandenburger Tor, das in die milchige Märzluft gestrichelt ist, als sei es Piranesis Paestum- Stichen nachgebildet. Man wird in Zukunft vergleichende Ruinenkunde treiben müssen. Man lehre uns die Schönheitsgesetze des Zerbrochenen, man verscheuche den Kummer durch die Ästhetik des Kaputten. Abends bin ich daheim in Frohnau, und keiner von den Meinen wundert sich. Alle tun, als sei gar nichts passiert, als sei mein Kommen selbstverständlich. Nur ich selber finde es noch ziemlich unwahrscheinlich, daß ich wieder da bin. Staunend sehe ich mich in meinem großen Arbeitszimmer um. Da hängen ja die Trümmer massenhaft an den Wänden. Sie hängen da freilich schon seit zwanzig Jahren, es sind einige Originalblätter des großen italienischen Meisters der Kupferstich- Trümmer. Als wir sie damals zur Hochzeit geschenkt bekamen, krittelte jemand, Piranesi zur Gründung eines jungen Hausstandes, das sei doch sehr unzeitgemäß. Ich hatte mich an das mächtige Helldunkel dieser zerborstenen Fassaden allmählich so gewöhnt, daß mir die leibhaftigen Ruinen, in die 280 a gen sich Berlin schon vor drei Jahren zu verwandeln begann, ganz vertraut vorkamen. Jetzt sind meine Piranesis immer zeit- gemäßer geworden. Sinnend betrachte ich die Mauerrisse hinter den Ruinen- bildern, die Tapeten bilden Fetzen wie wildgewordene Land- karten. Das war der Luftdruck einer Fliegermine, der hier rauhe Wirklichkeit spielte. Zu Piranesis Zeiten mußte man künstliche Ruinen errichten, wenn der Zahn der Zeit zu lang- sam war. Das hat man heute in Berlin nicht nötig. Am nächsten Tage rüste ich mich zu einem Ausflug auf den steinernen Ozean der Überbleibsel und Erinnerungen. Ich habe ein Ziel, ich suche eine Straße, meine Straße, die Stätte der Verruchtheit, die große Leidensgasse. Sie heißt Prinz Albrecht-Straße. Wenn du eintrittst, grüßen dich zur Rechten gewaltige Säulenschäfte, wahrhaft zyklopische Blöcke, jetzt durch wüste Sprengnarben zu einer Sandsteinklamm zurückverstümmelt. Hinter der ehemaligen Prachtfassade waren einmal die musealen Kostbarkeiten der Völkerkunde aufgespeichert. 1918 hatte man auf die Säulen mit Blutfarbe„Volkseigentum‘ aufgepinselt; das erübrigt sich heute, denn inzwischen sind die hohen Schatz- hallen durch die Bomben bereits in den Orkus hinabsozialisiert. Zur Linken aber kriecht ein niedriges Kasernengefängnis mit burgimitierenden Mauern um den Straßenanfang; das ließ sich Herr Göring für seine Leibwache aufmauern, als die Herren noch nicht daran dachten, sich Cyankali-Ampullchen füllen zu lassen. Hinter den runden Schießscharten tobten sich seine Privat-Janitscharen aus, die jeden Mittag um zwölf lametta- behangen von ihren Polizeiflitzern sprangen. Heute schleichen hier Rucksackgebückte mit zerstörten Seelen, iie lose Peitsche der Schmähung im Munde. Dies also wäre der Auftakt meiner Straße. Der Pseudo- Renaissance-Palazzo dahinter repräsentierte das unverfälschte 19, Jahrhundert und im übrigen das preußische Volk, das meistens von Grafen und Millionären vertreten wurde; doch durfte schließlich auch der Zehngebote-Hoffmann einziehen und seine Brandreden gegen das Dreiklassenwahlrecht halten. Als hier das Königswappen mit den kronentragenden Keulen- _ männern zerbrach, kamen die Arbeiter- und Soldatenräte, die wenigstens die parlamentarische Rauchfreiheit einführten. Leider kriegten sich die Herren bald so heftig in die Wolle, daß ein Vernünftiger, um Bürgerblutvergießen zu verhindern, 281 ä } 1 nl a | ' N Ri hi A 2 139 N en re die Hauptsicherung im Keller ausschraubte, so daß die Kampfhähne im Dunkeln danebenschlugen. Dann herrschte hier jahrelang republikanisches Zwielicht, in dem zum Beispiel ein schwarzer Mann namens Franz von Papen sich im Intrigieren übte. Schließlich beschlagnahmte der leibesmächtige und-prächtige Hermann das Haus mit den kilometerlangen grünen Smyrnas und tausend gelben Klubsesseln für seine cäsarische Hofhaltung und machte daraus eine Schlemmergaststätte für seine Rekordflieger. Er selber geruhte bisweilen, erschöpft von den vielen Kostümproben, hier in schwellendem Ecksofa noch vor der offiziellen Mittagstafel ein gebratenes Entchen und ein paar Gläschen hundertjährigen Sherry einzunehmen. Aber jetzt bitte wieder auf die andre Seite, Prinz- AlbrechtStraße Nr. 8, eine unvergeßliche Hausnummer, von außen ziemlich schlicht, aber wartet nur, der Bau hat es in sich. Das war mal die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums, einst ein schöner Anziehungspunkt für ästhetisch angehauchte Studenten aller Fakultäten und besonders aus dem zarten Geschlecht. Aber als der Diktator von gegenüber seine Expansionsgelüste auf die andere Straßenseite ausdehnte, flogen die Sammlungen mit den zarten Figurinen im schönen Mai auf den Hof und weichten wochenlang im Frühlingsregen. Man brauchte das Gebäude für bessere Zwecke, denn es gab ja so viel böse Menschen, denen die große Zeit noch nicht recht gefiel und die einer Sonderkur durch die Geheime Staatspolizei bedürftig waren. Bald zog ein schwarzer Doppelposten neben der Freitreppe auf, und zwei baumlange Totschlägertypen klapperten unter den zackigsten Gliederverrenkungen über das Pflaster, grauenhafte Karikaturen des Preußendrills; wenn sie brüllend ablösten, fuhr den Leuten der Schrecken in die Glieder, und Frauen ließen manchmal ihre Taschen fallen. Ich mußte hier auf dem Wege zum alten Zeitungsviertel, das am andern Ende der kurzen Prinz- Albrecht- Straße beginnt, ziemlich oft vorbei, wenn ich es eilig hatte, sonst machte ich einen Umweg. Natürlich wünschte ich niemals mit dem Innern Bekanntschaft zu machen, meine journalistische Neugier war dafür nicht groß genug. Aber eines Tages mußte ich auch( zum ersten Male) unfreiwillig zwischen den beiden langen Kerlen hindurch. Drinnen herrschte vorerst ein ruppiger Bohèmebetrieb mit flotten Späßen und vielen vorurteilslosen Tipp282 mädeln, und nur ganz allmählich gelangte man durch eine Zone des süßlichen Zynismus in den Bereich der abgründigen Bos- heiten. Damals fuhren sie mich in schwarzer Lacklimousine wie einen fremden Diplomaten in das Tempelhofer Golumbia- und dort—, aber ich wollte mich nur an das Inferno der Prinz-Albrecht-Straße erinnern. Also inzwischen hatten sie dort die berüchtigten Katakomben gebaut, die Kellergefängnisse, die ein modernes Gegenstück zu den Bleikammern Venedigs sein sollten, so erzählte man. Und wieder dachte ich, es genüge durchaus, sie vom Hörensagen zu kennen. Ja, eines Abends, es war im November 1943, schien ‘der ganze Gestapokomplex in zischenden Flammen zu stehen, mit den Rauchschwaden wirbelten riesige Papierbündel in die rote Luft, und ich stand, aus dem Zeitungsviertel kommend, in der Nähe und freute mich, in ehrlicher Tücke triumphierend, da würden sich auch meine politischen Akten in Wohlgetallen auflösen, Aber acht Tage später saß ich plötzlich tief drin, zwei Meter unter der Erde, der vergitterte Spalt zum Erdboden ließ frei- gebig frische Luft und Schneewasser hinein, denn die Verglasung war zerbrochen und die Heizung ebenso; ich hatte über den Bombensegen im Gestapo-Bezirk zu früh frohlockt. Wenn ich das kaffeefarbene Wasser eine Stunde stehenließ, hatte ich Eiskaffee in der Schale, und da meine Hände durch die Fesse- lung sehr kälteempfindlich waren, hatte ich mir den Putzlappen um die Finger gewickelt. Von meinen Mitgefangenen sah ich jeden Morgen um sechs beim Antreten'zum Waschen die nackten Rücken mit den bunten Schwären, So standen wir eine halbe Stunde oder länger in der geißelnden Zugluft im Nebel- licht der gelben Birnchen und warteten, bis es im Galopp zum Waschbecken ging, und wenn was nicht klappte, sausten nasse Stricke um die Schultern. + Vier Monate habe ich einsam diese triefenden Kasematten mit bevölkert, und als ich endlich in der grünen Minna weiter verfrachtet wurde, schwollen am ehemaligen Hotel Prinz Albrecht schon die Fliederknospen über dem Schutt. Aber einmal war ich inzwischen doch an einem hellen Wintertag den Fesseln und dem Käfig entronnen, da durfte ich an der Seite meines Kriminal-Kommissars durch den alten Albrecht-Park trotten, der die Rückseite des Gestapo-Haupt- hauses mit dem einstigen Prinzen-Palais verband, dessen Front auf den Arkadenhof in der Wilhelmstraße ging. Damals war 283 das Palais schon zum braunen Gerippe gebrannt; hier hatte Herr Himmler als der Satansgeist über den Greuelkellern residiert, bis ihn die Rache aus der Höhe vertrieb. ,, Schade", sagte der Kommissar, als wir vor der gespenstischen Gartenfassade standen. ,, Macht aber nix, es gibt noch genug Schlösser in Europa, die wir zur Vergeltung ausräumen können. Und nun schießen Sie endlich los! Wie war das mit der Denkschrift für Stockholm?". Sonst hatte er Woche für Woche oben im Hauptbau vier Treppen hoch in der ungemütlichen Abteilung vier, den Untersuchungsbüros für Hochverrat, mich mit seinen drastischen Vernehmungen vergeblich gezwackt. Diesmal versuchte er es auf die ,, süße Tour", weil die Kellerhäftlinge von der prickelnden Luft beim ungewohnten Spaziergang meist gesprächig wurden. Auch ich begann zu erzählen, ja sogar zu schwatzen, aber durchaus nicht das, was er wissen wollte. Ich erzählte von einem Festabend im Albrecht- Palais, den ich vor fünfzehn Jahren mitgemacht hatte. In der Halle zwischen den denkmalshohen Porzellanvasen vor der strahlenden Bronzegalerie empfing uns König Amanullah von Afghanistan, der mit Familie und Hofgefolge dem Deutschen Reich einen Staatsbesuch machte und hier mit blitzender Agraffe an der Stirn residierte. Wir hatten herausbekommen, daß der mohammedanische König nach dem Ritus des Landes eine jüngere Schwester der Königin als Nebenfrau gefreit hatte, was aber bei den Besuchen in Europa streng verschwiegen wurde. Natürlich fanden wir die Nebenfrau besonders faszinierend. Um jetzt meinen Kommissar für die Stunde Parkluft zu honorieren und ihn von gefährlicheren Themen abzulenken, erzähle ich ihm auch diese Pikanterie. Er betrachtet das Geschichtchen mit bevölkerungspolitischer Sturheit und meint, nach den großen Männerverlusten möchte er ein solches Verfahren auch in Deutschland nach dem Kriege als Beitrag zum Wiederaufbau empfehlen. Zunächst haben wir nun aber erst mal gründlich abgebaut; nicht nur Amanullahs Glanz ist dahin, auch das düstere Sicherheits- Reich des Herrn Kaltenbrunner ist verblichen. Nun bin ich also gleich nach meiner Heimkehr ins alte, geliebte Berlin die fünfhundert Meter der Prinz- AlbrechtStraße ein paarmal hinauf und hinab geschlendert. Und immer, wenn mein Fuß an der heute so öden Nr. 8 vorbeikommt, stockt 284 hatte ellern enstinoch umen s mit vier Interschen er es ckelnrächig aber e von nfzehn malsempamilie mesuch Hierte. König önigin men in wir die uft zu en, eras Gemeint, s Verag zum gebaut; düstere en. us alte, brechtimmer, stockt er und wagt nicht, die Verlassenheit dieser großen, grauen Ruine zu betreten. Zuviele Tragödien, stumme und echolaute, haben sich hier abgespielt. Decken wir das Grauen gnädig zu. Nur einen einzigen, schweren Blick in das Kellergeschoß an der Hofseite habe ich mir schließlich abgerungen. Vom Märzhimmel fallen die blassen Tropfen wie Tränen. Da gähnt in der Tiefe eine sinnlose Leere. Aus den Wänden dunstet Verwesung. Die Klappritschen sind schon abmontiert, aber der listige Schiebemechanismus an der sargdeckelhaften Tür ist noch schamlos zu Diensten. Das war die sechs, die Zelle neben der meinigen, sie gehörte einem katholischen Priester von heiliger Haltung. Ach, ich mußte ihm einmal beim Abstreifen der Kleider helfen, denn er hatte zehn grün vereiternde Fingerspitzen, das kam von den Daumenschrauben bei der Scharfen Frage. Genug, ich wollte keine Greuelgeschichten aufwärmen, die Leute wagen nicht daran zu glauben. Aber das kommt davon, wenn man mit solchen Erinnerungen im wunden Gemüt durch die Skelette der Prinz- Albrecht- Straße spazierengeht! Mich fröstelt, und ich möchte nachschauen, ob die Menschen auch wirklich keine grünen Finger mehr haben. Ich wandere tagelang durch das Berliner Meer der steinernen Grimassen. Ich suche nicht mehr die Erinnerung an den Lärm der Erlebnisse, ich suche mich selbst. Wo bin ich, wohin gehen wir? Wir wollen anders werden, ich rechne mit mir ab, ich halte inneres Gericht. Wir müssen uns verändern, damit sich die Welt verändert, damit das nicht mehr wiederkommt, was war. Im Efeu an meinem Frohnauer Hause nistet jetzt ein Schwalbenpaar. Die erste Primel blüht. Die Welt wird wieder warm. Das Postfräulein mit der kessen Faltmütze reicht mir ein Telegramm über den Gartenzaun. Telegramm aus Bayreuth. Aber nicht Bayreuth, sondern Nürnberg ruft. Sie halten dort seit Monaten Abrechnung, alle Orgeln jüngster Blutgeschichte brausen noch einmal auf. Ja, in Nürnberg steigt der letzte Parteitag. Ich soll dort Zeugnis ablegen. Meine Frau darf mitkommen. Sie empfindet es wie eine Belohnung des Schicksals. Ich hole sie aus Bayreuth, und dann fahren wir zum letzten Reichsparteitag der NSDAP. Durch das Amtsgrau der Labyrinthe im großen Hause des Gerichts erstrahlen die weißen Lackhelme der Konstabler wie Leuchtfeuer in der Nacht. Fremde Finger durchwühlen Akten285 mappe und Handtasche nach Utensilien der Gewalt; jeder Deutsche ist verdächtig. Sind wir Zuschauer oder Zeugen, Gäste oder Angeklagte, Richter oder Verteidiger? Ein Weißhelm öffnet die letzte Pforte, und die Weichheit der Teppiche verschluckt den Schritt. Höre ich Sphärenmusik? Es ist nur die magische Dissonanz zwischen Lautsprecher und Naturstimme. Wir zwängen uns in ein sanft ansteigendes Theaterparkett, wir lassen uns in den Klappsitz des Fauteuils fallen und wagen einen vorsichtigen Blick auf die Bühne. Dort ist eine weitläufige Tribunalszene aufgebaut, auf der rechten Querseite das erhöhte Gericht, auf der linken die zwanzig Satans- Marionetten der deutschen Tragödie, dazwischen der breite forensische Markt. Der Prozeß hat ein langes, zähes, nur noch manchmal aufgepeitschtes Leben. Es dauert eine Weile, bis man in dieser Atmosphäre mitatmen kann. Zappelt man nicht selber am Draht des Geschehens, durch Bügel, Muschel und Strippen eingefangen in die Telephonie des Schicksals? Jeder kann mit einem Zauberkästchen spielen, das neben dem Sitz zur Schaltung lädt. Dreht man die Zeiger richtig, so ist die alte babylonische Sprachenverwirrung durch den polyglotten Trick der Technik überwunden: man hört in der eigeen Sprache mit, was drüben auf der Szene in der fremden Sprache dem Munde der Wortführer entflieht, und man hört es so blitzartig, so laut und so leise, wie man will. Also da sitzen sie nun als Strandgut der Historie, und die Bretter, auf denen sie die klägliche Rolle der Unschuldigen spielen wollen, bedeuten nicht mehr die Welt. Es lohnt sich schon, den Operngucker zu bemühen und ihre Gestalten, ihre Physiognomien von heute ganz nahe an das Auge und die Erinnerung heranzuholen. Denn hinter unseren Stirnen sind sie noch in den grellen Indianerkostümen lebendig, in denen sie zwölf Jahre lang diese bombastischen und blutigen Spektakelstücke aufführten. Ach, wie jämmerlich ist doch der Mensch, den wir so gern für Gottes Ebenbild halten. Nimm ihm die Sterne und Schärpen, das Blendwerk der Macht, von der Brust, und der Mensch ist nur noch ein Bastard Gottes auf der Hintertreppe des Lebens. Vielleicht ist Frau Klio, die Muse im Purpurgewand der Historie, nur eine feile Gauklerin auf dem Jahrmarkt der Nichtigkeiten. Diese Nürnberger Entlarvung wirkt als Kammerspiel Gottes, als eine sehr irdische Generalprobe des Jüngsten Gerichts. 286 jeder eugen, it der ? Es und endes teuils Dort echten anzig mder zähes, e mits Gegen in auberDreht chenübern auf Führer leise, nd die Idigen t sich , ihre ie Ernd sie en sie takelMensch, m die Brust, uf der Muse in auf arvung eneralWas ist aus dem Herrn Reichsmarschall, dem prallen Moloch der Macht, geworden? Die leeren Säcke aus Menschenhaut und Uniformstoff schlagen um das ungeduldige körperliche Überbleibsel traurige Falten. Ein abgrundböses Auge irrlichtert durch die Szene und tastet die spröde Umwelt ab, ob sich hier denn gar kein Narrenvolk mehr vergewaltigen ließe. Ja, dieser teuflische Blick, das ist jener von der Vernunft losgelöste Wille, der sich in grausamer Menschenverachtung zum Herrn über alle Kreaturen und alle Schätze der Erde aufwerfen wollte. Und die anderen? Frau Klio hat in ihrem Höllenkoffer Drittes Reich zu wenig Originalmasken gehabt, die noch jetzt nach der Sintflut infernalische Bedeutung vortäuschen könnten. Ribbentrop, der hochfahrende Europareisende in Champagner und Völkerblut, spielt den dienernden Handlungsgehilfen, der jetzt leider durch eine unverständliche Pleite die Stellung verloren hat. Mancher spielt auch gar nichts, sondern gibt sich nackt als die Erbärmlichkeit, die er ist. Ich aber schließe die brennenden Augen und schalte das laufende Band der eigenen Gesichte nach rückwärts. Jetzt drehe ich zwei Jahre zurück, überfliege Zeit- und Zonengrenze und lande in der Bellevuestraße in Berlin am Potsdamer Platz. Wieder brennt eine heiße Frühe über Trümmerfeldern. In dem schwülen Amtszimmer tagt der Volksgerichtshof der Hakenkreuz- Diktatur. Die Büste Hitlers gespenstert mit wüsten Kinnbacken vor seiner bluttriefenden Fahne. Die Richter haben sich in ihren blutroten Roben verschanzt, ihre schneidenden Blicke suchen, wen sie ohne viel Aufwand töten können, der erste Senat hat heute noch viele Todeskandidaten zu erledigen. Einer von ihnen bin ich. Freisler, der Großmeister des forensischen Terrors, springt auf und läßt den berühmten Solitär auf seinem Ringfinger blitzen. Dieses hier ist kein Kammerspiel Gottes, sondern ein Veitstanz toller Menschen. Aber ich bin in ihrer Macht und erbebe vor dieser blutigen Demontage der Schöpfung. Doch Gottes hilfreicher Zeitenengel reißt mich los und trägt mich wieder auf den letzten Parteitag in Nürnberg, und Hitler ist mit seiner Fahne verbrannt, und Freisler ist ausgelöscht, und die Schergen warten auf das Schwert des Gerichts. ,, Weißt du noch, wie wir vor Freisler standen?" flüstert meine Frau. Ich schüttle den Kopf. Sei still, meine Seele, und triumphiere nicht. Sei bescheiden mein Herz, und brüste dich nicht. Auch wir Sieger über Freisler sind geschlagen. Ich greife 287 nach der Hand der Gefährtin, als wir das große Labyrinth verlassen, das dieses Tribunal umschließt wie unbekannte Adern das göttliche Herz der Geschichte, Die Straßenbahn kreischt. Vor rötlichen Renaissance- Trümmern strahlt eine weiße Narzisse. Ich spüre die Losung des kommenden Tages: Über allen Wahnsinn siegt der klare Mut. Wir haben den Tod überlistet. Aber haben wir uns selbst überwunden? Wir waren unserer Mitwelt lange entfremdet und sehen jetzt Deutschland wie durch ein Fernrohr in weitem Ab- stand vor uns liegen, es sieht mit allen seinen erloschenen Kratern wie eine Mondlandschaft aus. Durch die kalten Splitter des Gewesenen kriechen die Dämonen und suchen verstummte Seelen, sie aufs neue zu Besessenen zu machen. Laßt uns Widerstand leisten, wenn die Verführer wieder anstürmen. Die Dämonen hatten uns mit Ketten gebunden, nun sind wir frei und wollen sie auf immer verbannen, Seien wir tapfer, wem uns die Teufeleien der Tiefe wieder umbuhlen. Die Dämonen kommeir heute manisch und morgen depressiv, sie blähen uns heute zum Größenwahn und erniedrigen uns morgen zur Ver- zweiflung. Darum wollen wir den nüchternen Mut zur Vernunft und zum Fortschritt in uns stark machen. Wir wurden von Fremden befreit, aber nun müssen wir uns selbst befreien. Wir‘ wollen die Dämonen austreiben, die Welt verändern und die Menschen-vom Wahnsinn heilen, u Ich pflücke die weiße Narzisse am Straßenrand, ich reiche sie’ der Gefährtin meines Glücks und meiner Leiden. Die weißen Blütenblätter seien reine Segel in die Zukunft. Dieser rote Ring darum beschließe das Bekenntnis: Wir widerstehen dem alten Wahn. Wir haben den neuen Mut zur Menschenliebe.