G Vorwort des Herausgebers zur ersten vollständigen Ausgabe - Ein Vorabdruck dieses Buches erschien im Verlag Herbert Kluger, München, im Jahre 1946. Der in der USA- Zone damals herrschende Papiermangel hatte dem Verleger Grenzen gezogen ein gutes Drittel des Originaltextes mußte gestrichen werden. Außerdem enthielt die Münchener Ausgabe eine Reihe von Irrtümern, die inzwischen berichtigt werden konnten und in der vorliegenden Fassung nicht mehr zu finden sind. Der Titel ,, Nacht und Nebel" ist anfechtbar, da seine spezielle Bedeutung nicht das Hauptthema ausmacht. Er blieb nach einiger Überlegung dennoch, da er dem Buch inzwischen zu einer gewissen Volkstümlichkeit verholfen hat. Mein 1933 vollständig zerstörter Fackelreiter- Verlag rechnet es sich zur besonderen Ehre an, daß ihm dieses Werk anvertraut worden ist, womit er nun nach 16 Jahren endlich wieder ein Zeichen seines ungebrochenen Lebenswillens gibt vorerst nur im gastlichen Rahmen des VVN- Verlages, Berlin- Potsdam, dem für diese freundnachbarliche Hilfe gedankt - sei. Walter Hammer zung, -Verzenz5 INHALT Schriftsteller im Dritten Reich Ich werde verhaftet und verhört Im Zellengefängnis der Geheimen Staatspolizei Dachau ist überfüllt Empfang im Konzentrationslager Sachsenhausen Einrichtungen und Gliederung des Häftlingslagers Die Aufnahmeorgie „Bock“ und„Pfahl“ Block 23, Klinkerwerk und Kayser- Kommando Die Tortur des kollektiven Straf- stehens Hat der„Führer“ das gewollt? Zweierlei Blockälteste Bei den tschechischen Studenten Der„Eiserne“ befiehlt kollektives Gegröhl „Perrunje“ mordet, und Böhm entläßt durch den Schornstein Dr. Grausams Trophäen— „Remidemmi!“ Der Mord an 18 000 Russen— „Station Zett“ Korruption an allen Ecken und Enden Massenmörder Hermann Loritz Profite der Sklavenausbeutung Wenn Hitler gesiegt hätte? Verräter verheerend am Werk Scheinheiligkeit bei Todesfällen Es geht bergab mit Hitler Dem Ende entgegen Durchs Turmhaus— zum Tor hinaus 108 115 122 130 136 148 156 166 171 175 190 re ET ETEETEE Vorwort des Verfassers Dieses Buch wurde nicht geschrieben, um Anteilnahme, Bewunderung oder gar Mitleid für seinen Verfasser zu erwecken. Es soll auch keine„ flammende Anklage" sein dazu gebricht es mir an Leidenschaftlichkeit und jenem bodenverwurzelten Haß, der Frauen und Jünglingen eigen. Ich lege keinen Wert darauf, mir eine politische Märtyrerkrone zu schreiben, aber ich bitte, mir die Objektivität, der ich mich befleißige, und die Unbestechlichkeit meines Urteils nicht als Schwäche auszulegen. Ich stand in den fünf Jahren meiner Lagerhaft der Hölle so nahe wie dem Himmel, daß es mir manchmal schien, der dazwischenliegende Erdenweg sei zu schmal, um ihn ungefährdet begehen zu können. Vielleicht war es eine Art traumwandlerisches Schreiten, das mich zwischen Inferno und Jenseits und über die Illusion eines von Tag zu Tag fragwürdiger werdenden Zieles hinaus einen Weg zur wirklichen Freiheit finden ließ. Vielleicht war es mein starker Glaube an die Unbeirrbarkeit und Gerechtigkeit jener Macht, die auch den Gestirnen ihre Bahnen weist und die wir mit vielerlei Namen denn bezeichnen; vielleicht war es auch nur der„ Zufall" Tausende, die kein geringeres Recht auf das Leben besaßen als ich, mußten zugrunde gehen auf diesem furchtbaren Pfad. Aber was immer es war in der Tatsache meiner Rettung erkenne ich die Verpflichtung zum Kampf gegen die Wiederkehr eines Geistes, der so Beispielloses erfand und vollbrachte. Herbst 1945 - - Arnold Weiß- Rüthel 7 ICH WIDME DIESES BUCH all denen, die ich im Konzentrationslager Sachsenhausen als Ehrenmänner und zuverlässige Kameraden kennengelernt habe: Walter Barth+ Paul Bergmann Edgar Bennert Hans Berthold Karl Block Hellmut Bock Friedrich Börth Albert Buchmann Josef Capek f Karl Deppner Harry Doermer Hans Flohr Paul Gmeiner+ Rudi Grosse I Heinrich Grüber Walter Hammer Wilhelm Helmold Emil Herzog Johannes Hoffmann Otto Kriesche Bruno Leuschner Hubert Materlick Carl Mennicke Bruno Meyer Hans Minek Willy Müller Harry Naujoks Erich Ott Rudolf Pechel Karl Raddatz Karl Rebhuhn Walter Riemer Rudi Rotkegel Karl Rüb Rudolf Schaureck Heinz Schumann Gerhard Schwarz Josef Hülsmann Walter Kaul Walter Timm Johannes Verweyen f George Wieber dem Holländer Joop Zwart sowie den norwegischen Freunden Björn Fjeld und Ole Moe, Arnulf Overland und Odd Nansen. Arnold Weiß- Rüthel ehemaliger Häftling Nr. 18 710 I Schriftstellerim Dritten Reich Am 12. März 1940, vormittags gegen 9 Uhr, wurde ich im Gebäude der ,, Geheimen Staatspolizei" an der Brienner Straße zu München von einem Herrn namens Grimm verhaftet und in das im gleichen Hause gelegene Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Es lag folgender Sachverhalt vor: Ich bekleidete in den Jahren 1934-38 das Amt eines Schriftleiters der einmal vielgelesenen Münchener Wochenschrift ,, Die Jugend", die der bekannte Publizist und Herausgeber Dr. Georg Hirth wenige Jahre vor der Jahrhundertwende gegründet hatte. Es gehört nicht hierher, die Schwierigkeiten zu schildern, mit denen ich zu kämpfen hatte, um das alte, nicht mehr sehr bewegliche Schiff über Wasser zu halten, es genügt, wenn ich sage, daß die größte Schwierigkeit darin bestand, mit den diktatorischen Maßnahmen fertig zu werden, mit denen die in jenen Jahren herrschende Staatsgewalt ihre Meinungen und weltanschaulichen Grundsätze vertrat und dabei alles zugrunde richtete, was sich ihr in der Durchführung ihrer„ kulturpolitischen" Pläne als hinderlich erwies. Was auch anderen Zeitungen und Zeitschriften, ja, der gesamten deutschen Presse zum Verhängnis wurde: die Forderung einer totalen ,, Gleichschaltung" mit den obskuren Tendenzen der nationalsozialistischen Kulturpolitik, gereichte auch der ,, Jugend" zum Unheil; auch sie gehörte mit zu jenen kleinen Hindernissen, in denen der nationalsozialistische Staat offenbar eine Gefährdung seiner geistigen Sicherheit erblickte. Schon geraume Zeit vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten hatte sich die Parteipresse veranlaßt gefühlt, sich mit mir zu beschäftigen. Meine Mitarbeit an einer Reihe demokratischer Blätter darunter„ Die Weltbühne“,„ Das Tagebuch" und ,, Der Fackelreiter"-, die Aufnahme meiner - 9 Erzählung„ Musketier Reue" in die im Jahre 1929 bei Gustav Kiepenheuer erschienene Anthologie„ 24 Neue Deutsche Erzähler", in der sich u. a. auch Beiträge von Ernst Toller und Marie Luise Fleißer befanden, meine Beziehungen zum Mitarbeiterkreis der sozialdemokratischen ,, Münchener Post" und schließlich die Aufforderung des Leiters der Berliner Hochschule für Musik, Prof. Schünemann, zur Mitwirkung an der Gestaltung und Herausgabe eines republikanischen Jugendliederbuches hatten mich der Staatsfeindschaft im Sinne der Nationalsozialisten verdächtig gemacht. Später, als Hitler endlich, von der Greisenhand des Marschalls und Präsidenten Hindenburg gegängelt, die letzten Stufen des so heiß erstrebten Thrones erklommen hatte und die Partei dadurch in den Besitz aller Machtmittel gelangte, bekam auch ich die Unerbittlichkeit und die vom Pathos parteiamtlicher Ethik getragene Rachsucht der neuen Herren zu spüren. Den Anfang in der Reihe der mir zur Last gelegten Vergehen bildete ein Gedicht von mir, das irgendwann einmal in der ,, Weltbühne" erschienen war und das im Jahre 1934 plötzlich in einer in Prag herausgegebenen Anthologie„ Lieder der Emigranten" auftauchte. Wie es da hineingeriet, weiß ich heute noch nicht; jedenfalls hatte mir der Mann, der mir diese Ehre erwies, dadurch einige Schwierigkeiten bereitet, denn die im Münchener Zentralverlag der Partei erscheinende Wochenschrift ,, Die Bewegung"( ein Organ des nationalsozialistischen Studentenbundes) apostrophierte das„ Ereignis" und fragte an, wie es möglich sei, daß von einem nicht in der Emigration, sondern greifbar in München lebenden Schriftsteller ein Gedicht in einer Emigranten- Anthologie erscheinen konnte. Da mir der Vorgang selbst nicht bekannt war und Stillschweigen unfehlbar der Anlaß zu weiteren Fahndungen geworden wäre, blieb mir nichts anderes übrig, als der„ Bewegung" mitzuteilen, daß ich keinen Teil habe an der Herausgabe jener Sammlung; ein Umstand, der freilich nichts an der Tatsache meiner Verfasserschaft änderte. Immerhin, die ,, Bewegung" druckte meine Erklärung ab und die Angelegenheit schien damit erledigt. Ja, mehr als das! Die Redaktion der ,, Bewegung" fand sich aus irgendwelchen Gründen plötz10 FLOGER 1 lich bemüßigt, eine Art Freundschaftsverhältnis mit mir anzubahnen. Sie schickte mir einen Herrn namens Klaus Fein in die Redaktion, der offenbar den Auftrag hatte, mir mitzuteilen, daß der Redaktionsstab der„ Bewegung" geneigt sei, sich mit mir zu gemeinsamer Arbeit zu verbinden und uns Beziehungen zu einer einflußreichen Persönlichkeit der Partei zu vermitteln, um der„ Jugend", deren wirtschaftliche Basis stark erschüttert war, wieder auf die Beine zu helfen. Als Verhandlungsort wurde die Pension Gisela vorgeschlagen. Dieses Angebot machte mir wenig Freude. Ich witterte die eigentlichen Absichten der Herren, die wahrscheinlich darauf hinausliefen, die„ Jugend" mit dem Geist der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu infizieren und das Blatt, das als Verlagsobjekt immerhin noch einigen Wert besaß, in die Hand zu bekommen. Ich äußerte diese Bedenken auch gegenüber dem Verlagsdirektor Posselt, der jedoch der Ansicht war, man müsse den Vorschlag wenigstens einmal prüfen, und mir riet, der Einladung zur Besprechung Folge zu leisten. Die Besprechung verlief völlig ergebnislos. Was die Herren von der„, Bewegung" unter wirtschaftliche Hilfe verstanden, war nichts anderes als der Versuch einer plumpen Bauernfängerei. Unter Beibehaltung gewisser äußerer Merkmale sollte die ,, Jugend" vollinhaltlich zu einer nationalsozialistischen Wochenschrift umgewandelt werden und aus dem bisherigen Verlag Georg Hirth in den Parteiverlag Eher übergehen. Selbstverständlich sollten bei dieser Gelegenheit die bisherigen Mitarbeiter geopfert und durch solche aus dem Parteilager ersetzt werden. Was meine Person betraf, so sollte ich zwar den Posten eines Schriftleiters behalten- ja, man erklärte sich sogar eventuell bereit, meine vom Verlag Georg Hirth her datierenden Gehaltsrückstände mit zu überich nehmen und als gerechte Forderung anzuerkennen müßte mich aber selbstverständlich mit der aktiven Mitarbeit eines mir übergeordneten Redaktionsstabes einverstanden erklären, einer Art Überwachungsausschuß, der dafür Sorge zu tragen hätte, daß die„ Jugend" nicht wieder in ihre alten liberalistischen Laster zurückfiele. Ich weiß nicht, inwieweit die Herren, die mir diese Vorschläge unterbreiteten, beauf- - 11 tragt oder ermächtigt waren, ihre Versprechungen in die Tat umzusetzen. Ich erklärte unumwunden, daß es mir unter solchen Umständen und Bedingungen nicht möglich sei, dem Angebot näher zu treten und ging. Die Herren begriffen, daß ich an der nationalsozialistischen Kulturarbeit uninteressiert war. - Die Folgen zeigten sich nach wenigen Tagen. Die„, Bewegung" eröffnete einen neuen Kampf gegen mich, indem sie zunächst eine in der ,, Jugend" veröffentlichte bildliche Glossierung der auf ein skurriles Germanentum zurückgeschraubten Belange der nazistischen Rassenpolitik zum Gegenstand heftiger Anwürfe machte. Sie schimpfte mich ferner einen Pornographen und Judenknecht, weil ich eine Novelle des französischen Schriftstellers Maurice Decobra veröffentlicht hatte. Sie nannte mich einen„ Defaitisten", weil in einer Nummer der ,, Jugend" die Reproduktion einer Zeichnung des Graphikers Niedermayer- Passau erschienen war, ein Blatt, auf dem eine etwas ärmlich gekleidete Frau, eine alte Bäuerin, mit einem kleinen Jungen in einem Abteil 4. Klasse sitzend, dargestellt war. In dieser völlig tendenzlosen Zeichnung entdeckte die ,, Bewegung" die„ bewußte Absicht, Bestrebungen des Nationalsozialismus zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse und Verkehrsmittel im Dritten Reich zu sabotieren und herabzusetzen!" Diese erstaunliche Eröffnung machte mir die Polizei, die mich in dieser Angelegenheit aufsuchte. Ich mußte mich verantworten, mußte zu Protokoll geben, was ich mir bei Veröffentlichung dieses Blattes„ gedacht" hatte! Später, als man mich verhaftet hatte, tauchte auch diese verrückte und da es dort Anschuldigung wieder in meinen Akten auf nun hieß ,, hat auch durch Karikaturen von Einrichtungen des Staates und der Partei seine Gegnerschaft hinlänglich bekundet", bekam ich immer wieder die haarsträubendsten Ansichten über die Verwerflichkeit meiner Person und meines Tuns zu hören. - An sich wäre das alles ziemlich belanglos gewesen, hätte es für mich nicht den Nachteil gezeitigt, daß durch Anwürfe- dieser Art auch andere, weit gefährlichere Kreise auf mich und meine schriftleiterische Tätigkeit aufmerksam wurden. 12 22 S e h 1. So vor allem das ,, Schwarze Korps", das Organ der SS, das fast mit jeder seiner Nummern ein paar ihr„ unliebsame Volksgenossen" an den Pranger stellte und damit praktisch der Gestapo auslieferte; dann der Reichsverband der Deutschen Presse, der bei dieser Gelegenheit erst dahinterkam, daß ich ihm gar nicht angehörte und so gar kein Recht hatte, Schriftleiter zu sein und endlich das Reichspropagandaministerium des Herrn Dr. Goebbels, das mir eine„ warnung" ins Haus schickte. - ,, VerKlügere Menschen, als ich einer bin, hätten damals entweder die Flucht ergriffen oder sich durch eine eben noch rechtzeitige Konversion in die Arme der alleinseligmachenden Partei gestürzt. Mir fehlte dafür das Verständnis. Ich fühlte mich angegriffen und setzte mich zur Wehr. Ich tat, was im ganzen Deutschen Reich damals kein Schriftleiter zu tun gewagt hätte( eine Feststellung, die von einem Angehörigen der Gestapo getroffen wurde), ich reagierte öffentlich auf die Angriffe der Parteipresse und verlieh meinen Rechtfertigungsversuchen offene Worte in Form von Erwiderungen in meiner Zeitschrift. Die Wirkung blieb selbstverständlich nicht aus. Die ,, Bewegung", die sich durch eine meiner Entgegnungen in ihrer Ehre gekränkt fühlte, strengte ein gerichtliches Verfahren gegen mich an. Das Gericht forderte eine Stellungnahme, die ich in schriftlicher Form auch einreichte, aber anstatt nun daraufhin das Verfahren zu eröffnen, teilte man mir mit, daß der Antrag der„ Bewegung" mangels eines klagbaren Grundes zurückgewiesen worden sei. Ich habe mich später oft gewundert, daß sich nicht damals schon die Geheime Staatspolizei in die Vorfälle einschaltete; ja, die Geheime Staatspolizei selbst gab im Jahre 1940 der gleichen Verwunderung Ausdruck mit den Worten: es ist uns unverständlich, daß wir Sie nicht damals schon unschädlich machten. Die Zurückweisung ihres Klageantrags war jedoch mehr, als die ,, Bewegung" vertragen konnte. Sie beschloß meine Vernichtung. Zu diesem Zweck druckte sie einen alten Aufsatz von mir aus der Wochenschrift ,, Das Tagebuch" ab und glaubte damit klipp und klar bewiesen zu haben, daß ich 13 Kommunist und als solcher ein Staatsfeind und Hochverräter sei. Man schickte mir ferner ohne Angabe eines Absenders verbotene Druckschriften und Ausschnitte aus im Reich verbotenen Zeitungen in die Wohnung und in die Redaktion, erwartend, ich würde dieselben in meinem Schreibtisch verbergen oder zu irgendeinem propagandistischen Zweck gebrauchen. Ich trug sie aber, so wie ich sie erhalten hatte, höchst persönlich auf die Polizei und vereitelte damit die Absicht ihrer Absender. Nun führte die Behörde bei mir eine Haussuchung durch; der Erfolg war gleich Null. Man beschlagnahmte lediglich niemals werde ich den Sinn dieser Maßnahme begreifen einen Band von Springers Kunstgeschichte und einige Handzeichnungen eines Freundes und Mitarbeiters. Was immer aber auch für einen Sinn oder Zweck dieser Vorgang haben sollte, eines erreichte man damit auf alle Fälle; ich wurde allmählich zu einer behördlicherseits hinreichend bekannten und verdächtigen Person und war damit der Gefahrenzone des Konzentrationslagers bedenklich nahe gerückt. - Aber nicht nur in der Herbeischaffung derartigen konkreten Materials, dessen Beweiskraft mich irgendwann einmal zu Fall bringen mußte, leistete die Behörde Großes, auch mein Privatleben mußte sich Eingriffe gefallen lassen, die das Maß jedes bis dahin bekannten Polizeirechts überschritten. Die„ Zerrüttung meiner familiären Verhältnisse", womit man auf die im Jahre 1937 erfolgte Scheidung meiner Ehe anspielte, lieferte einen neuen Vorwand zur Intensivierung der polizeilichen Arbeit. Aus mancher Not und manchem verwirrenden Leid, das dem Menschen aus einer seelischen Katastrophe erwächst, konstruierte man nun auch in dieser Richtung ein System von Beschuldigungen, das dem Bild, welches man von mir haben wollte, den entsprechenden Rahmen verlieh. Ohne die mindeste Rücksicht auf die Zurückhaltung des Mannes, die einen in solchen Fällen zum Schweigen verurteilt, wurde hier Privates und Allerpersönlichstes zum Gegenstand staatspolizeilicher Erhebungen und Erörterungen gemacht. Das für mich so Nachteilige daran war, daß der Abscheu vor diesem widerlichen Treiben, das jeder sach14 4 lichen Voraussetzung entbehrte, mich den immer deutlicher werdenden Gefahren gegenüber gleichgültig machte. Es wäre mir damals vielleicht noch möglich gewesen, das Schlimmste abzuwenden, hätte nicht die verhängnisvolle Einmischung einer im undurchdringlichen Dunkel der Anonymität arbei- tenden Macht in meine privaten Verhältnisse in mir eine Art Schwächezustand erzeugt, der mich die Wahrung des vor- dringlichen Sicherheitsprinzips übersehen ließ. Ich übergehe die erbärmlichen Quälereien, denen ich zu jener Zeit ausgesetzt war, es genügt, wenn ich sage, daß ich im Herbst 1937 meine Schriftleiterstellung aufgeben mußte, nachdem nun auch der Aufsichtsrat des Verlages zu der Über- zeugung gekommen war, daß ich durch mein oppositionelles Verhalten und auf Grund der Gefahr, in die ich das Unter- nehmen gebracht hatte, nicht länger„tragbar“ sei. Ich war also wieder einmal ein„freier Mann“ und mußte sehen, wie ich mich auf dem so schwankend gewordenen Boden meiner Existenz über Wasser halten konnte. Mein Freund Dr. Reifferscheidt bot mir zunächst ein Asyl in seinem Sollner Heim. Ich nahm die Gelegenheit wahr und schrieb hier einen Roman in der geheimen Absicht, mir da- durch die Mittel zu einer Flucht aus diesen für mich in jeder Hinsicht unerträglich gewordenen Verhältnissen zu sichern. Leider erschien der Roman erst im Jahre 1940, also zu einer Zeit, da ich mich bereits im Konzentrationslager befand. Das Geld, das ich dafür erhielt, hätte mir einige Monate vorher die Lösung wichtiger Existenzfragen ermöglicht. Außer diesem Roman entstanden Artikel und Buchbespre- chungen; da dies mit einem gewissen Erfolg geschah— soweit auf der sterilen Ebene des nationalsozialistischen Geistes- lebens davon die Rede sein konnte—, wurde die Gestapo neuerdings auf mich aufmerksam. Da sie es offenbar darauf angelegt hatte, mich als denkendes Einzelwesen auszurotten, schickte sie mir— nachdem sie festgestellt hatte, daß ich keinem der beiden„Kulturverbände“ angehörte— neuerdings einen ihrer Gefolgsmänner in die Wohnung. Wieder wurde mein Arbeitszimmer durchstöbert und verdächtiges Schriften- material mitgenommen. Was der Beamte, der schon genannte 15 Herr Grimm, jedoch nicht fand, waren meine seit vielen Jahren mit großer Sorgfalt geführten Tagebücher, die in einem schwer zugänglichen Zwischenfach meines Bücherschrankes verborgen waren. Die Folge dieser neuen Fahndungsaktion war zunächst ein über meine schriftstellerische Tätigkeit verhängtes Arbeitsverbot. Ich durfte nichts mehr veröffentlichen, es sei denn, die Reichsschrifttumskammer erklärte sich bereit, mich als ihr Mitglied anzuerkennen. Daß genanntes Institut dies nicht tun würde, stand für mich fest. Dafür sorgte schon der Vorsitzende der Ortsgruppe München des Reichsverbandes der Deutschen Presse, der Rechtsanwalt Dr. Held, der als treuer Diener seiner Partei den über mich verhängten Boykott nach besten Kräften sanktionierte. Außerdem erhielt ich wenige Tage nach dem Besuch des Gestapobeamten eine nicht miẞzuverstehende„ Einladung" in die Geschäftsstelle der Geheimen Staatspolizei, die sich im ehemaligen Stadtschloß König Ludwigs III., dem sogenannten Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße, befand. Hier, in einem Turmzimmer des 2. Stockwerks, eröffnete mir nun Herr Grimm, daß ich verdächtig sei, der Verfasser einer antifaschistischen Schrift ,, Der Schicksalsweg des deutschen Arbeiters" zu sein. Ich erklärte, daß ich der Verfasser nicht sei. Da ich aber einen Beweis hierfür ebenso wenig erbringen konnte, als die Behörde einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Anschuldigung, ließ man diesen Punkt zunächst offen und legte mir dafür eine Reihe anderer Vergehen zur Last; so unter anderen, daß ich im Jahre 1929, also vier Jahre vor Hitlers Machtantritt, eine Spende in Höhe von 50 deutschen Reichspfennigen für die antifaschistische„ Eiserne Front" gemacht hatte. Da mein Name in der sich im Besitze der Gestapo befindlichen Spenderliste unmittelbar hinter dem des ehemaligen sozialdemokratischen Vizepräsidenten des bayrischen Landtags, Erhard Auer, stand, gewann die Sache offensichtlich an Tiefe und Belastungsschwere. - Man könne mich zwar- so sagte der das Verhör führende Herr Grimm für diese Stiftung an sich nicht mehr verantwortlich machen, da sie längere Zeit vor Hitlers Machtantritt erfolgt sei, aber die Tatsache, daß ich einer den 16 ver- hrift 1 er- einen Be- gung, dafür daß ntritt, n für mein Spen- jemo- ‚hard > und 14 Nationalsozialismus bekämpfenden Organisationen durch eine Geldzuwendung meine Sympathie ausgedrückt habe, sei ein weiterer-Beweis für meine staatsfeindliche Gesinnung. Die Höhe des gespendeten Betrages sei dabei von ganz unter- geordneter Bedeutung, da ohne weiteres angenommen werden könnte, daß ich in einem günstigeren Vermögensfalle ebenso- gut 50 oder 500 Mark für diesen Zweck gegeben hätte. „Sollte“, so schloß Herr Grimm das Verhör,„sich im Laufe der nächsten Zeit herausstellen, daß Ihre Gegnerschaft, die ja ohnedies hinreichend erwiesen ist, sich auch noch in einer anderen, konkreteren Form bekundet, so haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben.“ Damit war ich-für diesmal entlassen, Ich gebe zu, daß es damals, nach diesem ersten Verhör durch die Gestapo, hoch an der Zeit gewesen wäre, den von Herrn Grimm angedeuteten Folgen zu entgehen. Das Land zu ver- lassen, war schon nicht mehr möglich; der Krieg mit Polen hatte seinen Anfang genommen, und jede Ausreisemöglichkeit war unterbunden. Aber was hätte geschehen können: eine sofortige Entfernung allen weiter belastenden Materials, meiner Tagebücher, die sich noch immer in meiner Sollner Wohnung befanden und die einen nicht mehr zu widerlegen- den Beweis für meine Gegsnerschaft erbringen mußten. Aber auch diese Maßnahme unterblieb. Sie unterblieb, weil sich eine Reihe von irritierenden Nebenumständen in den Hand- lungsverlauf einschaltete, Begebenheiten, die es mir im ent- scheidenden Augenblick unmöglich machten, das zu tun, was vielleicht am notwendigsten gewesen wäre. Am Tage des Verhörs auf der Gestapo bot sich mir durch die Verwen- dung eines Bekannten die Gelegenheit, einen Schreiberposten im Verwaltungsausschuß der Münchener Universität zu be- kommen, eine Gelegenheit, die ich mir im Interesse meiner Wirtschaftslage nicht‘entgehen lassen durfte, deren Vor- besprechungen aber ein mehrtägiges Verweilen in der Stadt notwendig machten. Und gerade in diesen zwei oder drei Tagen vollzog sich das Verhängnis. Die Gestapo wiederholte ihren Besuch in meiner Sollner Wohnung, kehrte diesmal das Unterste nach oben und fand nun auch meine Tage- Nacht 2 17 bücher. Damit fiel ihr ein Material in die Hände, gegen dessen Beweiskraft nichts Entlastendes mehr vorzubringen war. Am 28. November 1939 lud man mich zu einem zweiten Verhör, und am 12. März des darauffolgenden Jahres wurde ich durch einen Telefonanruf aufgefordert, in das Wittels- bacher Palais zu kommen, angeblich um mein gesamtes dort noch lagerndes Schriftenmaterial, einschließlich meiner Tagebücher, abzuholen, Ich wußte, als ich mein Arbeits- zimmer in der Universität verließ, daß ich es nie wieder betreten würde. Ein dunkles Gefühl sagte mir, daß die Tage der Freiheit für mich ein Ende gefunden hatten. Noch wäre Zeit gewesen, mich durch Flucht der drohenden Verhaftung zu entziehen, aber meine Mittellosigkeit und meine über- reizte nervöse Anspannung versetzten mich in einen Zu- stand der Apathie. Es blieb mir schon nichts anderes übrig, als dorthin zu gehen, wohin man mich beschied. Ich tat es — und saß zwei Stunden später in der Zelle Nr.13 des Staatspolizeigefängnisses an der Brienner Straße. 18 nn sl Ren werdeverhattet und verhört Das neue Verhör, dem man mich unterzog, berührte nicht mehr den Verdacht der Verfasserschaft einer antifaschisti- schen Flugschrift, sondern ausschließlich meine Tagebücher. Hier hatte man alles beisammen, was die Geheime Staats- polizei so lange gesucht hatte: den unwiderlegbaren Beweis für meine„staats- und volksfeindliche Gesinnung“. In län- geren und kürzeren Aufsätzen, mit statistischen Nachweisen und Tabellen, Gegenüberstellungen und Abbildungen, Zeitungsausschnitten und Originalbriefen hatte ich mich hier so gründlich über den Nationalsozialismus geäußert, daß es anderer Motive zur Verhaftung nicht mehr bedurfte. Es handelte sich bei diesem Kompendium nicht etwa um eine Chronique scandaleuse; es lag mir nichts an der Feststellung jener haarsträubenden Auslassungen, mit denen sich der Nationalsozialismus dem Gelächter der ganzen Welt aus- lieferte. Was ich für meine Zwecke benötigte: den Nachweis der Schuld Hitlers an der planmäßigen Zerstörung und Erniedrigung all dessen, was wir bis dahin in einem reinen und unverdächtigen Sinn als deutsch ansprechen durften, ich suchte die Beweise für diese Schuld und registrierte sie. Der furchtbare Gedanke, daß es wieder dem Belieben eines Ein- zelnen anheimgegeben sei, die Völker in ein namenloses Unglück zu stürzen, trieb mich zu immer neuen Auseinander- setzungen mit dem Phänomen„Macht“, das hier im Zusam- menhang mit den ruchlosen Plänen eines Wahnsinnigen eine ganz besondere Wertung erfuhr, und wenn diese Ausein- andersetzungen im Augenblick auch keine nach außen wir- kende Bedeutung hatten, trugen sie doch wesentlich zu meiner eigenen Erkenntnis und Urteilsbildung bei. Ich wollte nicht blind und uninteressiert an den Entwicklungsmerkma- len und Erscheinungen einer Politik vorbeigehen, von der mir eine innere Stimme warnend sagte, daß sie uns mit einer DR 19 j | | geradezu rechnerischen Sicherheit in eine neue nationale Katastrophe hineinführen würde. Für den Staat bildeten diese Aufzeichnungen zunächst so gut wie gar keine Gefahr, für mich aber hatten sie einen hohen dokumentarischen Wert und schufen in ihrer Eigenschaft als zeitgeschichtliches Material eine Voraussetzung zur Politisierung meines Privatlebens, die mir um so notwendiger erschien, als ich sah, daß man auf der anderen Seite alles aufbot, die Volksmassen für eine sehr gefährliche und unheilbringende Ideologie empfänglich zu machen. Für die Gestapo waren diese Bücher allerdings ein sehr aufschlußreicher Fund, ein glücklicher Fang", wie Herr Grimm sich überlegen lächelnd ausdrückte. Meine Entgegnung, daß Aufzeichnungen dieser Art und die privaten Ansichten einzelner über ein Regierungssystem, selbst im Falle krassester Ablehnung, noch keine direkte Gefahr für den Staat bedeuteten, wurde begreiflicherweise nicht anerkannt. ,, Sie sind als Staatsfeind entlarvt", sagte Herr Grimm ,,, daran können alle Erklärungen nichts mehr ändern und Sie müssen die Suppe, die Sie sich da eingebrockt haben, eben auslöffeln." Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß meine sofortige Verhaftung auf Grund eines Beschlusses des Reichs- Sicherheitshauptamtes in Berlin( es stand damals unter der Leitung des dann im Jahre 1943 in der Tschechoslowakei ermordeten SSObergruppenführers Heydrich) erfolgte, und daß irgendeine Berufung gegen diesen Beschluß unmöglich sei. ,, Rechtsmittel stehen Ihnen nicht zur Verfügung!" wurde ich belehrt ,,, Anordnungen des Hauptamtes sind unumstößlich." Man händigte mir eine Zweitschrift des„ ,, Schutzhaftbefehls" aus, einen roten Zettel, der meine Personalien enthielt und die Gründe zur Inhaftnahme. Ich muß gestehen: ich war zutiefst erschüttert über diesen Gewaltakt, der mich mit einem Schlag aus allem herausriẞ, allen Härten und Unbilden zum Trotz was mir das Leben - - liebenswert gemacht hatte. Vierzig Jahre alt, nach Zeiten bitterer Entbehrungen und Enttäuschungen, und gerade in jenen Tagen aufs neue ent20 20 schlossen, nicht zu kapitulieren, überfiel mich in diesem‘ Augenblick das Verhängnis wie ein apokalyptisches Tier. Ich konnte mich nicht einmäl zur Wehr setzen; jeder Ver- such, mich zu erklären, blieb erfolglos— ich hätte ebensogut in einen tönennen Götzen hineinreden können und er hätte vielleicht eher geantwortet als diese durch nichts zu.bewegende Macht, die unter Verzicht auf alles, was im gewöhnlichen Strafverfahren wenigstehs den Schein der Gerechtigkeit zu wahren sucht, einen Menschen zum Tode verurteilen konnte. „Besser zehn Unschuldige töten, als einen Schuldigen ent- kommen lassen!“ hatte Herr Himmler einmal gesagt— und nach diesem Rezept wurde verfahren. Und ich fühlte mich unschuldig! Nicht vor dem national- sozialistischen Gesetz, sondern vor mir selbst und einer In- sianz, deren das Weltgewissen anrüufende Stimme mich frei- sprach von jeder Schuld. So müßig diese Betrachtung nun auch sein mochte, sie rechtfertigte mein Verhalten und ver- lieh mir jene innere Kraft, die der Mensch in solchen Situa- tionen benötigt, um nicht schon an den äußeren Folgen seines zeitweiligen Schicksals zu scheitern. Meine sofort nach der Verhaftung aufkommende Befürch- tung, man würde mir nun durch die bei dieser Behörde üblichen Methoden weitere Geständnisse und Aussagen er- pressen, erwies sich glücklicherweise als unbegründet. Man behandelte mich vielmehr mit einer geradezu katzenhaften Höflichkeit, bot mir Zigaretten an und erklärte lächelnd, länger als drei bis vier Monate würde meine Haft wohl kaum dauern; den Doppelsinn dieser Bemerkung konnte ich da- mals noch nicht begreifen. Man empfahl mir ferner, mich „in das Unvermeidliche zu schicken, keine Dummheiten zu machen und mich durch gute Führung auszuzeichnen!“ Anschließend an diese trostreichen Instruktionen ging man an die Abfassung eines Protokolls, bei welcher Gelegenheit ich nicht ohne Verwunderung feststellen mußte, daß diese Vertreter und Hüter der deutschen Staatsautorität völlig unfähig waren, auch nur einen einzigen halbwegs verständ- lichen Satz zu formulieren. Ohne die Verlegenheit, in der sie sich befanden, zu verbergen, forderten sie nach einigen 21 - ihr Opfer! - hoffnungslosen Versuchen mich - auf, ihnen doch dabei behilflich zu sein. Ich tat ihnen den Gefallen nicht und machte Einwände lediglich dort geltend, wo man mir ,, der Einfachheit halber" Absichten und Handlungen unterstellen wollte, die in Wirklichkeit niemals bestanden hatten. Nachdem auch dieser Akt, nicht ohne Mühen und Zwischenfälle, erledigt war, nahm man meine Wünsche in bezug auf die Benachrichtigung meiner Angehörigen entgegen. Dann wurde ich in Begleitung eines Beamten zum Erkennungsdienst geführt, wo ich nach gründlicher Fotografierung und Daktyloskopierung Aufnahme im Album politischer Verbrecher und Staatsfeinde fand. Als man mich nach Beendigung dieser Prozedur über den Hof führte, auf dem früher einmal die Karossen eines bayrischen Königs paradiert hatten, überfiel mich ein Gefühl tiefster Wehmut. Da fingen die Büsche und Bäume eben an zu grünen, der Frühling kam und die liebe alte Erde schickte und ich sich wieder einmal an, schön und gastlich zu sein ging in die Gefangenschaft. Irgendwo in der Nähe, jenseits der Mauer auf der Straße, klang lustiges Kinderlachen; ich sah im Geist kleine freundliche Hände sich um einen bunten Gummiball legen und hörte das Trällern einer jungen Frau. In den Häusern gegenüber dem Zellengefängnis standen die Fenster weit offen, weißes und rotes Bettzeug sonnte sich auf den Simsen, ein frischer, würziger Duft strömte aus allem, was da im Licht der Sonne sich bewegte oder ruhte; aber das Tor zum Gefängnis verschluckte den Streifen Tag, der mich in das Innere des düsteren Bauwerks begleitete. 22 22 Anlage 1 GEHEIME STAATSPOLIZEI Berlin SW 11, den 5. 3. 1940 Geheimes Staatspolizeiamt Prinz-Albrecht-Straße 8 IVG2«(ID) H.Nr. W 7361 SCHUTZHAFTBEFEHL Vor- und Zuname: Arnold Weiss-Rüthel Geburtstag und-ort: 21.2.00 München Beruf: Schriftsteller Familienstand: Staatsangehörigkeit: RD Religion: Rasse(bei Nichtariern anzugeben): Wohnort und Wohnung: München, Hohenzollernstr. 13/c wird in Schutzhaft genommen, eründe:; A Er gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Fest- stellungen durch sein Verhalten den Bestand und die Sicher- heit des Volkes und Staates, indem er dadurch, daß er in den von ihm verfaßten Tagebuchaufzeichnungen und in seinem Manuskript der„Volkswitz“ den Nationalsozialismus und Mitglieder der Reichsregierung verächtlich macht, seine staatsfeindliche, auf Zersetzung des Nationalsozialismus hin- zielende Einstellung erkennen läßt und unter Berück- sichtigung seiner ablehnenden Haltung Anlaß zu der Be- fürchtung gibt, er werde sich bei vorzeitiger Freilassung insbesondere in der Kriegszeit gegen die Interessen des Deutschen Reiches betätigen. (D. S.) gez. Heydrich Beglaubist: unleserlich Kanzleiangestellte G.St. Nr. 101a Im Zellengefängnis der Geheimen Staatspolizei Das Zellengefängnis der Geheimen Staatspolizei an der Brien- ner-Tügkenstraße war damals ein noch ziemlich neuer und verhältnismäßig sauberer Bau. Er war nicht sehr groß, bot wenig Bewegungsfreiheit und diente ausschließlich dem Durchgangsverkehr in das Lager, in die Strafanstalt, in den Tod oder in die Freiheit. Es gab große und kleine Zellen. In allen befanden sich die üblichen an der Wand hochklappbaren Metallbetten, ein Klapptisch, zwei Klappbänke, ein kleines Wandregal und ein Wasserklosett, Die Beheizung erfolgte in- direkt, das Fenster lag hoch und war unbequem zu erreichen; längeres Verweilen an diesem Fenster war überdies verboten, was mich nicht hinderte, oft stundenlang in die mir so ver- traute Türkenstraße hinüberzublicken, Erfreulicherweise hatte man mir bei meiner Einlieferung so gut wie gar nichts abge- nommen, so daß ich mir zur Beruhigung meiner Nerven wenigstens eine Zigarette anzünden konnte. Überhaupt ließ sich zunächst alles viel besser an, als ich erwartet oder viel-_ mehr befürchtet hatte. Ich durfte nicht nur meine mitgebrach- ten Zigaretten behalten, ich konnte sogar noch welche dazu- kaufen. Der diensttuende Schließer brachte mir auch eine Speisekarte und teilte mir mit, daß ich mich selbst verköstigen könne, die Hauskost bekäme ich überdies. Ferner gab es Brötchen, Magermilch, Kunsthonig, Marmelade und Bier zu kaufen. Hier hätte der Einwand Berechtigung, daß in anderen Berich- ten über die Verhältnisse in den Gefängnissen der Gestapo wesentlich anderslautende Darstellungen gegeben werden; daß, beispielsweise, die Verhafteten bei Verhören blutig ge- schlagen oder allen möglichen Folterungen ausgesetzt wurden. Ich habe keinen Grund, solche Vorkommnisse anzuzweifeln. 24 Ich weiß, daß Exzesse dieser Art nicht nur vorkamen, sondern in zahlreichen Fällen zur Regel gehörten. Wenn, wie in mei- nem Fall, man von solchen Mitteln keinen Gebrauch machte, so lag das nicht an einer besonders menschenfreundlichen Ein- stellung mir gegenüber, sondern ausschließlich in der Metho- dik eines Ermittlungsverfahrens, die immer nur im Sinne der größeren Erfolgsaussichten zur Anwendung gelangte, wobei der eine auf eine freundliche, der andere auf eine entgegen- gesetzte Behandlung rechnen konnte. Moralische Bedenken spielten dabei keine Rolle. Man verfuhr nach den Grund- sätzen der Zweckdienlichkeit, wobei es vorkommen konnte, daß man Menschen, deren Tod so gut wie beschlossen war, mit ausgesuchtester Liebenswürdiskeit begegnete, während man andere, bei denen es sich vielleicht nur um Bagatellen han- delte, halb zu Tode prügelte, Den krassen Beweis für die Rich- tigkeit dieser Darstellung lieferte mir später das Lager; ich werde bei passender Gelegenheit darauf zu sprechen kommen. Daß man in meinem Fall von der Anwendung eines verschärf- ten Verfahrens Abstand nahm, konnte mir zwar im Augen- blick nur recht sein, war aber durchaus kein Beweis für meine Harmlosigkeit. Hätte ich die Verhältnisse damals schon so gekannt, wie ich sie später kennenlernen mußte, wären mir gerade über diese Freundlichkeit und Nachsicht in der Behandlung die schwersten Bedenken gekommen. Als„Neuling“ war ich indes froh, das Vernehmungszimmer unbehelligt verlassen zu können. Mir genügte, daß man mich mit den abgedroschensten Redensarten und sackplumpen Fra- gen belästigte, Anschuldigungen, die jede vernünftige Wider- legung unmöglich machten, da sie keiner sachlichen Betrach- tung entsprangen, sondern einem trüben Durcheinander rein gefühlsmäßiger und parteidienlicher Observanzen. Auf Fra- gen wie:„Warum haben Sie sich nicht schon längst auf den Nationalsozialismus umgestellt?“ oder„Was haben Sie eigent- lich an Alfred Rosenberg auszusetzen?“ gibt es keine im Augenblick greifbare Antwort; die einzige, die ich eventuell hätte-geben können, durfte ich im Interesse meiner eigenen Sicherheit nicht sagen. So blieb es also meist bei einem Achsel- “ zucken oder Kopfschütteln meinerseits, was von meinen In- quirenten, den Herren Grimm und Baer, jedoch miẞverstanden und als eine Art stummes Zugeständnis an die Richtigkeit ihrer Vorwürfe angesehen wurde. Glücklicherweise fanden nur drei solche Verhöre statt. Nach dem dritten erklärte man mir, daß man über mich nun völlig im Bilde sei und daß ich mich auf einen baldigen„ Abtransport" gefaßt machen müsse, Meine Gefängnistage verbrachte ich lesend, schreibend, rauchend und essend. Zweimal bekam ich Gesellschaft in Person von anderen Opfern der Gestapo. Einmal war es ein junger Flugzeugtechniker, den man der Sabotage bezichtigte, das andere Mal ein Baugeschäftsinhaber, dem man das Abhören ausländischer Sender zur Last legte. Mit ihnen spielte ich Schach, oder wir erzählten uns wechselseitig unsere Verhaftungsgeschichte, wobei wir allerdings darauf bedacht waren, nicht allzu offenherzig zu werden, denn die Vermutung, daß in den Wänden dieses Hauses gut versteckte Mikrofone eingebaut seien, erwies sich, wie ich später vernahm, als nicht ganz unberechtigt. Einmal in der Woche gingen wir baden und zweimal in der Woche wurden wir rasiert, in einer eigenen Friseurstube, wo ich zu meiner Überraschung einen alten Bekannten von mir, den Bauingenieur Politz, traf. Welche Gründe zu seiner Verhaftung geführt hatten und welches Schicksal ihn erwartete, konnte ich damals nicht in Erfahrung bringen, da jede Unterhaltung zwischen den Gefangenen verboten war. Wir mußten uns also mit einem Händedruck begnügen und ein paar rasch geflüsterten Worten, denen ich entnahm, daß P. bereits seit vier Monaten die Gastfreundschaft dieses Hauses genoẞ. Als ich nach Verlauf von drei Wochen immer noch in der Brienner Straße saß, gab ich mich der naiven Hoffnung hin, ich könnte vielleicht den Rest" meiner Haft in diesem verhältnismäßig erträglichen Gefängnis verbringen. Diese Hoffnung erwies sich als falsch. Am 10. April änderte sich meine Lage vollkommen. Die zweite Periode meiner Malefikantenlaufbahn begann, 26 IV 3 " ב t t Z n ch 4 it er 1, f- me به コー Dachau ist überfüllt In den Morgenstunden des 10. April wurde ich nach einer in der Nähe des Gestapohauses gelegenen Polizeikaserne geführt, wo ich mich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen mußte. Gleich nach dem Mittagessen holte man mich zur Geschäftsstelle, wo ich erfuhr, daß ich noch heute in das Polizeigefängnis an der Ettstraße und an einem der nächsten Tage von dort mit einem Sammeltransport nach dem Konzentrationslager Sachsenhausen überführt werden würde. Ich hatte bis dahin von einem Ort dieses Namens nichts gewußt. Herr Grimm erklärte mir, daß es sich um ein Lager in der Nähe Berlins handle. " Weshalb nach Berlin?" wollte ich wissen. ,, Kann ich nicht in Bayern bleiben?" ,, Dachau ist überfüllt!" sagte Herr Grimm. ,, Sonst hätten wir Sie vielleicht dorthin geschickt. Aber trösten Sie sich, Sachsenhausen ist ein Musterlager. Sie haben es dort in jeder Hinsicht besser als hier. Bei guter Führung haben Sie Aussicht, in kürzester Zeit entlassen zu werden." Ich wurde wieder in meine Zelle zurückgebracht. In größter Eile mußte ich meine Habseligkeiten zusammenraffen, unten im Hof ratterte bereits ein großer schwarzer Wagen. In ihm wurde ich nebst einigen weiteren Gefangenen aus anderen Zellen in das Polizeipräsidium an der Ettstraße überführt. Das alles vollzog sich sehr rasch und ließ mir nicht viel Zeit zum Nachdenken. Irgend jemanden zu benachrichtigen war mir unmöglich. Ich hätte gerne meine Kinder noch einmal gesehen, meinen Ältesten, der vor der Einberufung stand und von dem mir ein dumpfes Gefühl sagte, daß ich ihn niemals wiedersehen würde. Dieses Gefühl hatte mich nicht getrogen. Leider erwies mir das Schicksal keine Gnade, unsere Wege mußten sich trennen, für immer. 27 - Das Polizeigefängnis an der Ettstraße war im Gegensatz zum Gestapogefängnis das reine Zuchthaus. Alle Privilegien, die ich dort genossen hatte, gingen mir hier verloren. Man nahm mir alles ab, was ich hatte Bücher, Schreibgerät, Zigaretten, Lebensmittel. Man stopfte mich in eine Zelle, in der sich bereits an die vierzig Personen befanden, und zwar durchaus nicht nur politische Gefangene, sondern eine höchst gemischte Gesellschaft. Alte und junge Männer, gut und schlecht gekleidete, saubere und abschreckend schmutzige, einige mit erträglichen menschlichen Gesichtern, andere mit weniger vertrauenerweckenden,- das alles schrie, tobte, stampfte, brüllte wüst und wirr durcheinander. Die einen sangen, andere beschimpften sich gegenseitig oder liefen wie gefangene Mäuse in dem unfreundlichen schmutzigen Raum auf und ab. Alle Augenblicke thronte ein anderer auf dem guẞeisernen Klosettbecken, dessen Wasserspülung schon längst nicht mehr funktionierte. Trotz des Verbotes wurde heftig gequalmt, nicht etwa Zigaretten oder Zigarren, sondern sogenannte„ Priemtüten", die aus getrocknetem Kautabak und kunstvoll gedrehtem Zeitungspapier hergestellt wurden und die einen Geruch verbreiteten, der sich in Verbindung mit anderen Gerüchen zu einer Atmosphäre verdichtete, die nur durch den idiomatischen Ausdruck ,, Knast" zu beschreiben ist. Als ich diesen Raum betrat und die eiserne Tür sich hinter mir geschlossen hatte, bekundete man sogleich ein respektvolles Interesse für meine Person. Meine bessere Kleidung, mein von der hier vertretenen Allgemeinheit immerhin etwas abstechendes Äußere ließen sie in mir vielleicht eine Art höheres Verbrechergenie vermuten. Als ich ihnen aber sagte, daß ich Schutzhäftling und eines politischen Delikts wegen hier sei, erlahmte ihr Interesse sichtlich. - Ob ich nichts zu rauchen dabei hätte wurde ich gefragt. ,, Nein, hier nicht. Man hat mir alles unten an der Pforte abgenommen." Großes Bedauern bei den einen und ein spöttisches Gelächter bei den anderen. ,, Wie man nur so dumm sein kann!" 28 Ein älterer, ganz sympathisch aussehender Mann trat auf mich zu und empfahl mir eindringlich,„künftig ja nicht mehr so dumm zu sein!“ „Tun Sie bloß nicht alles, was man von Ihnen verlangt“, sagte er im Tone spitzbübischer Väterlichkeit,„sonst sind Sie erle- digst und die Polizei hat keinen Respekt vor Ihnen, Es gibt nämlich hier keine dümmere Behörde als die Polizei' Man wird: glänzend mit ihr fertig, wenn man sie erst einmal durch- schaut hat. Wenn Sie also schon Zigaretten bei sich haben, dann sehen Sie zu, daß Sie die Ware auch herausbekommen, denn die Nacht ist lang und schlafen können Sie vor lauter Wanzen doch nicht.“ Ich versprach, die erste Gelegenheit, die mich mit meinem Gepäck in Berührung bringen würde, zu benützen. Die Ge- legenheit bot sich am gleichen Tag; meine geschiedene Frau, die durch die Gestapo von meiner Ortsveränderung und mei- ner bevorstehenden Verschickung gehört hatte, kam in die Ettstraße und brachte mir Lebensmittel und Zigaretten, Was mir vorher nicht möglich gewesen, gelang mir jetzt; ich steckte alles Mitgebrachte zu mir und kehrte, als die Zeit der Sprech- erlaubnis verstrichen war, in die Zelle zurück, Unter den Insassen dieser Zelle waren zwei, die mich mehr als die anderen interessierten. Der eine, ein Unteroffizier der Luftwaffe, war wegen Verdachts der Fahnenflucht zu 15 Jah- ren Zuchthaus verurteilt und befand sich auf dem Wege in das Militärstraflager Lingen im Emsland. Der andere war ein ehe- maliger sozialdemokratischer Funktionär, der nach dreijähri- ger Haft im Konzentrationslager Dachau nach Berlin über- stellt werden sollte. Der erstere, der Soldat, war ein intelli- genter junger Mann, den das grausame Urteil des Militär- gerichts aus einem zufriedenen Familienleben herausgerissen hatte. Er erzählte mir seinen Fall ohne Umschweife und skiz- zierte damit eine Soldatentragödie, wie sie in dieser Form nur im Staate Adolf Hitlers möglich sein konnte. Der andere, der Sozialdemokrat aus dem Lager Dachau, fesselte oder vielmehr erschreckte mich seines Aussehens wegen; noch nie hatte ich bis dahin einen Menschen in einer so erbarmungswürdigen Verfassung gesehen. Der ganze Mann, dem ein ansgstvoller, 29 fast irrer Blick eigen war, bestand nur noch aus Haut und Knochen. Er hatte Arme wie ein rachitisches Kind und einen Brustkorb, wie man ihn allenfalls auf den Totentanzbildern des Mittelalters sehen kann, Dieser elende und zerfallene Leib war mit faustgroßen brandigen Geschwüren bedeckt, Furunkeln von solchen Ausmaßen, wie sie nur bei einer völligen körperlichen Vernachlässigung entstehen können. Der Mann versicherte mir, daß sein Aussehen sich nicht sonderlich unterscheide vom Aussehen der meisten ,, Schutzhäftlinge" im KL Dachau, und eröffnete mir damit Perspektiven, die mich nachdenklich stimmten. - - Diese beiden Menschen, der Soldat und der Mann aus Dachau, wurden am folgenden Tage mit mir zusammen in eine neue Zelle gebracht, die sogenannte„ Transportzelle", die auch wieder die ominöse Nummer 13 führte und von der uns der Schließer im Vertrauen mitteilte, daß in ihr der Stabschef Ernst Röhm, der ehemalige Intimus Hitlers, erschossen worden sei. Vielleicht sprach der Mann nicht die Wahrheit, immerhin erweckte seine Bemerkung die Rückerinnerung an jene denkwürdige Begebenheit im Juni des Jahres 1934, die so vielen Menschen mehr als die offizielle Berichterstattung je zugab das Leben gekostet hatte. Mord, Tod, ein Sumpf sinnlos vergossenen Blutes, eine einzige rote Spur von Verbrechen zu Verbrechen zeichnete den Erfolgsweg des Diktators, der unbeirrbar und„ stur", wie er sich selber gelegentlich nannte, seine papierenen Doktrinen zu verwirklichen sich vermaẞ. Auch hier war es eine bunte und durchaus nicht gleichwertige Gesellschaft, die in dieser Zelle auf den Abtransport nach einem der zahlreichen Konzentrationslager und Zuchthäuser wartete. Aber auch eine gänzlich unverdorbene Seele befand sich darunter, Hubert M., ein junger Kaufmann aus Königshütte in Oberschlesien; er ging gleich nach mir in die Verbannung nach Sachsenhausen. Er hatte nichts weiter verbrochen, sondern lediglich versucht, dem Paradies Adolf Hitlers durch eine illegale Reise ins Ausland, nach Ungarn, zu entrinnen. Ein Agent der Sicherheitspolizei verhaftete ihn an der Grenze. Aus den bekannten dürftigen Gründen- Verdacht staatsfeindlicher Gesinnung wurde er in Schutzhaft ge30 - & N EEE nommen und nach sechsmonatiger Untersuchunsshaft in das Lager verschickt. Hier erwies sich Hubert M, später als ein treuer und zuverlässiger Freund, der mein Vertrauen im glei- chen Maße genoß, als ich auf das seine rechnen konnte. Der Abtransport aus dem Polizeigefängnis erfolgte in den frühen Morgenstunden des 12. April. Wir erhielten an der Pforte unsere Habseligkeiten zurück, bekamen ferner Brot, Wurst und ein Stück Margarine als Marschverpflegung und wurden im grünen Polizeikraftwagen nach dem Münchener Hauptbahnhof geschafft. Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, Stätten, die einem im Laufe des Lebens lieb und vertraut geworden sind— und dazu gehören für mich die Bahnhöfe ‚ plötzlich aus dem engen Gesichtswinkel des Gefangenen, also eines nicht mehr am freien Genuß solcher Einrichtungen beteiligten Menschen, betrachten zu müssen. Von hier aus hatten wir als glückliche Kinder alljährlich unsere fröhlichen Sommerreisen angetre- ten. Von hier aus war ich unzählige Male bald dahin, bald dorthin gefahren. Wer mit dem Herzen reist und nicht nur mit dem Verstand, wird mich verstehen und wird begreifen, wie mir zumute war, als ich an jenem Aprilmorgen versuchte, mir noch einmal das Bild einer Stadt einzuprägen, die vier Jahrzehnte lang meine Heimat war und von der ich damals nicht ahnen konnte, daß ich sie erst sechs Jahre später als eine wüste Trümmerstätte wiedersehen würde, Der Gefangenenwagen der Polizei, in den man uns verfrach- tete, enthielt eine Reihe von Zellen; in jeder von ihnen hatten zwei bis drei Menschen Platz. Das sehr hoch und ungünstig gelegene und mit einem dichten Maschendraht versehene Fen- sterchen gestattete nur einen beschränkten Ausblick. Über Freising, Landshut, Regensburg ging die Fahrt nach Hof, der letzten Stadt in Bayern. Hier erwartete uns eine Ab- teilung der Polizei, die uns an Handschellen nach dem Gefäng- nis der Stadt brachte. In einem ehemaligen Kloster, in kase- mattenartigen Gewölben, die den primitivsten Begriffen von Hygiene Hohn sprachen, verbrachten wir die Nacht, auf dem nackten Steinpflaster des Fußbodens liegend. Stühle oder Hocker oder überhaupt irgendeine Sitzgelegenheit gab es 2 b} nicht. Dafür gab es Kellerasseln und ähnliche flinke Insekten. Das Abendessen, das man uns in schmierigen Steinguttöpfen verabreichte, bestand aus einer graublauen Wassertunke, in der ein paar Fleischfasern herumschwammen, Das Brot war verschimmelt und nahezu ungenießbar. Dennoch verzehrte ich Suppe und Brot mit jener stupiden Gleichgültigkeit, die über den Menschen kommt, wenn er erst einmal begriffen hat, daß die Freiheit verloren- und das Glück, sie wieder zu erringen, keine Sache der eigenen Entschlußkraft mehr ist. - Am folgenden Tage ging die Fahrt weiter nach Weimar- der Stadt Goethes, dem Mekka der deutschen Kultur. Auch hier kamen wir in einen Keller, ein feuchtes Gelaß, das uns lediglich durch die Freundlichkeit des dortigen Polizeimeisters einigermaßen erträglich gemacht wurde. Zwei Tage lagen wir hier, untätig, dumpf dahindämmernd, im Dunkel hausend und immer tiefer hineingleitend in die Region des Ungewissen, Weglosen. Am Tage nach unserer Ankunft bekamen wir einen„ Zugang", einen Juden aus Jena namens Feuerstein. Jahrzehntelang war dieser Mann Angestellter bei der Firma Zeiß gewesen. Zeugnisse, die er bei sich trug und nicht ohne Stolz herzeigte, legitimierten ihn als einen fleißigen und begabten Arbeiter. Er hatte sich ein kleines Vermögen erworben und war Besitzer eines Hauses in Jena. In dieses Haus mußte er im Jahre 1939 einen nationalsozialistischen Amtsleiter als Mieter aufnehmen. Dem wollte es offenbar nicht in den Kopf, daß im Jahre 1939 und im Zauberreich Adolf Hitlers ein Jude noch Besitzer eines Hauses sein konnte, weshalb er auf Mittel sann, diesem ihm unwürdig erscheinenden Zustand ein Ende zu bereiten. Er denunzierte den Juden bei der Geheimen Staatspolizei unter dem Vorwand, Feuerstein habe ihm, dem führertreuen Germanen, verboten, die Hakenkreuzfahne zu hissen! So plump und geistlos diese Anschuldigung auch war welcher Jude in Deutschland wäre so wahnwitzig gewesen, im Jahre 1939 ein solches Verbot auszusprechen! Gestapo genügte die Angabe des Edelmannes. Feuerstein wurde mit seiner Frau verhaftet, beide kamen ins Konzentrationslager er nach Sachsenhausen, sie nach Ravens- 32 der brück. Es ist kaum anzunehmen, daß sie die Freiheit jemals wiedergesehen haben. Sonst geschah in Weimar nichts, was einer besonderen Er- wähnung wert wäre, allenfalls das, daß der wegen Fahnen- fluchtverdacht verurteilte Unteroffizier von unserem Trans- port getrennt und in Ketten nach dem Bahnhof gebracht wurde. Er bat mich, seine in Ulm lebende Frau und sein Töchterchen zu grüßen und beiden zu sagen, daß er nicht aufhören würde, sie zu lieben; ich versprach es, ohne zu wissen, ob und wann mir das Schicksal Gelegenheit geben würde, dieses Versprechen einzulösen, Wir verließen Weimar an einem hellen Frühlingsmorgen und erreichten gegen Abend Halle, wo wir im Polizeigefängnis übernachteten. Hier kamen wir mit. einem Häftling aus Sachsenhausen in Berührung, der— aus dem Lager kom- mend— zu einer Gerichtsverhandlung nach München fuhr und uns die erste Kunde brachte über die Zustände und Ver- hältnisse im Lager. Diese Mitteilungen waren wenig geeignet, unsere Zuversicht zu stärken. Aber der Mensch in seinem sträflichen Optimismus will mitunter nicht wahrhaben, was seinen Seelenfrieden bedroht, weshalb auch wir zu der An- nahme neigten, daß der Mann entweder nicht die Wahrheit sprach oder zum mindesten schamlos übertrieb. Zwei Tage später mußte ich ihm in Gedanken Abbitte leisten; er hatte nicht übertrieben— und die Wahrheit hatte er nur insofern nicht gesprochen, als er uns die Verhältnisse wesentlich milder schilderte, als sie in Wirklichkeit waren. Von allen diesen Städten, die wir auf unserer Fahrt in die Verbannung berührten, haben wir außer den Bahnhöfen und Polizeigefängnissen so gut wie gar nichts gesehen, Auch nicht von Berlin, das wir am 17. April erreichten, Am Potsdamer Bahnhof wurden wir von Beamten der städtischen Polizei ab- geholt und auch hier wieder an Handschellen über die Treppen hinab zu den zahlreichen Kraftwagen geleitet, die dort standen. Unser Transport hatte durch Zuwachs an den verschiedenen Zwischenstationen einen Umfang von etwa 150 Personen angenommen, lauter für das Konzentrations- lager bestimmte Verbrecher, die nun von der Berliner Bevöl- Nacht 3 33 kerung, soweit sie an jenem Nachmittag vor dem Potsdamer Bahnhof versammelt war, wortlos angestaunt wurden. Es waren bewegungslose, indifferente Gesichter, die uns hier anstarrten, Großstadtgesichter, denen die Billigkeit der Sensation keine Regung ablockte und die äußerstenfalls durch ihre Mienen verrieten, daß sie mit der Politik ihres heißgeliebten Führers einverstanden waren. Durch die verkehrswirbelnde Stadt, die damals noch keinen Bombentreffer aufzuweisen hatte, gelangten wir in unseren rasch fahrenden Polizeiautos, am Brandenburger Tor vorbei, zum Alexanderplatz, wo uns bald das hohe Eisengitter des Polizeipräsidiums von der Außenwelt trennte. Alex! Die Zwingburg der reichshauptstädtischen Sicherheit! Ein massiver Backsteinkasten im erbärmlichen Zierstil der achtziger Jahre, berühmt und berüchtigt wie kaum ein anderes Gefängnis in Deutschland. Es war ein bedrückendes Gefühl, mit dem ich diese Zitadelle des Elends betrat, in dem ein Riesenheer von Beamten bei Tag und Nacht für Sicherheit sorgte. In dem hohen und nüchternen Raum, in dem unsere Aufnahme erfolgte, laborierte dieser Beamtentroß mit Stößen von Formularen und Strömen von Tinte. Es dauerte Stunden, bis unseren Personalien wieder einmal alle verwaltungstechnischen Weihen und Stempelzeremonien zuteil geworden waren und wir, die wir hungrig und zum Umfallen müde waren, endlich in eine jener schauderhaften konnten, jene Massenunterkünfte eingewiesen werden verließartigen Kellerräume, in denen fünfzig Menschen schon an Platzmangel litten, was nichts daran änderte, daß dreihundert darin unterkommen mußten! Die Verhaftungswoge, die damals zu Beginn des Krieges über ganz Deutschland und die von Hitler okkupierten Gebiete hereingebrochen war, fing sich raumsprengend in den bei aller Großzügigkeit der Planung viel zu eng geratenen Unterkünften. Man hatte zwar die Mittel, Tausende und aber Tausende von Menschen dingfest zu machen, sie von ihren Familien zu trennen, aus ihrer Heimat zu vertreiben, von Gefängnis zu Gefängnis, von Lager zu Lager zu schleppen, aber es gebrach an Raum für alle diese Unglücklichen. 34 Man mußte sie zusammenpferchen, wie man Tiere nicht zusammenpferchen würde, Unter völligem Verzicht auf die Anerkennung der primitivsten Menschenrechte bewies die privilegierte Klasse der nicht privilegierten ihre turmhohe Überlegenheit, indem sie mit einem einzigen Fußtritt ganze Armeen von Wehrlosen in den Abgrund stieß, In einem Buch über Hermann Göring, das mir im Gestapo- gefängnis in die Hände geraten war, hatte ich den lapidaren Satz gelesen:„Generalfeldmarschall Göring hat alle Lebe- wesen unter seinen machtvollen Schutz genommen!“ und aus einem Werk des Dr, jur. Bernhard Hecke über die Tier- seele(Greifswald 1939) erfahre ich heute, daß„beim Schwal- benzug alljährlich ermattete Schwalben am Nordrand der Alpen zurückbleiben, Schwalben, deren Kräfte infolge von Al- ter und Krankheit für das Überfliegen der Alpen nicht aus- reichen, Aber wir Deutschen sammeln diese schwachen Schwalben durch Tierschutzorganisationen, bringen sie nach München und lassen sie von dort durch Flugzeuge der Luft- hansa nach Venedig schaffen“. Ich konfrontiere diese tröstliche Mitteilung, die uns über das Schicksal der Schwalben beruhigt und uns über die unvergleichlichen Tugenden der Deutschen aufklärt, jener Massenzelle im Keller des Polizeigefängnisses am Alexander- platz— als sprechendes Beispiel für die ruchlose Arroganz einer Macht, die unter der Maske des fürsorglichen Bieder- mannes ihre Reptilieninstinkte am Menschen austobte. Drei- bis vierhundert lebende Menschen, deren Existenzrecht offenbar hinter dem der Schwalben rangierte, waren hier auf engstem Raum zusammengepreßt, standen, lagen, kauerten, hockten in allen erdenklichen und doch kaum vorstellbaren Stellungen neben-, auf- und wuntereinander; sie krochen auf allen vieren übereinander hinweg, sie bespien sich gegenseitig und verpesteten die Luft mit ihren Ausdünstun- gen. Hier lagen Menschen, die seit Wochen, ja Monaten nicht mehr aus den Kleidern gekommen waren, die keine Gelegen- heit fanden, sich auch nur notdürftig zu ıginigen, hier wimmelte es von Ungeziefer, und alles starrte von Schmutz. Aus Menschen, die bis vor kurzem noch alle Anzeichen einer 3" 35 Be. friedlichen bürgerlichen Gesittung an sich trugen, die sich aller zivilisatorischen Vorzüge unseres Zeitalters erfreuten und es jedenfalls verabscheut hätten, aus der seit Wochen ungewaschenen Schüssel eines unbekannten Vorgängers zu essen, wurden hier seelenlose Kreaturen gemacht, Zwischenwesen ohne Recht auf Leben und Licht. - ,, Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!" lauteten die niederschmetternden Worte über dem Tor zur Höllenstadt Dies, als Alighieri an der Seite Vergils sie betrat sie standen in flammenden Lettern auch über diesem Gemäuer und brannten mir ihren Schauer ins Herz. Denn sie öffneten mir den Weg in eine Welt und in eine Zukunft, die unergründlich war wie das Meer und dunkel wie der Tod. 36 Empfang im Konzentrationslager Sachsenhausen Motto: „Hier hat niemand zu lachen! Der einzige, der hier lacht, ist der Teufel— und der Teufel bin ich!“ Ausspruch des Lagerkommandanten Baranowsky „Die Erfindung von Konzentrationslagern ist englischen Ursprungs!“ lautete der Anfang eines in der Hitlerzeit er- schienenen Berichtes über den Burenkrieg.„Sie hatten keinen anderen Zweck als den der Vernichtung und Ausrottung von Menschen, denen nichts vorzuwerfen war, als daß sie ihre Freiheit liebten und für ihre Freiheit kämpften.“ Da der Verfasser seine Betrachtung über die spätere Ent- wicklung dieser Erfindung nicht weiter verfolgt hatte, nahm ich mir damals bei der Lektüre seiner Worte vor, dies ein- mal an seiner Stelle zu tun. Demnach wäre zu sagen, daß die den Engländern zugesprochene Erfindung jedenfalls in den Kinderschuhen steckengeblieben wäre, hätte uns das gütige Schicksal nicht einen Mann namens Adolf Hitler geschenkt, der sich außer anderer brachliegender Erfindun- gen auch dieser annahm und die Einrichtung von Konzen- trationslagern in einer Weise zur Entfaltung brachte, an der gemessen der primitive Einfall der Engländer kaum noch Erwähnung verdient, Ob Adolf Hitler bereits in den Vor- bereitungsjahren, der sogenannten Kampfzeit, die dann ım Jahre 1934 so bündig formulierte Absicht:„Es wird eine Technik der Entvölkerung entwickelt werden müssen!“ ganz klar und verwirklichungsreif gefaßt hatte, weiß ich nicht— es ist jedoch anzunehmen. Die Forderung, seine politischen Gegner„physisch vernichten zu dürfen“, tauchte jedenfalls 37 schon in einer der ersten Dokumentierungen seiner Ansprüche auf und ist gewiß so alt wie sein berühmter Entschluß, Politiker zu werden. Sie ist zwar nicht gerade sehr menschenfreundlich, aber vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit aus betrachtet einfach und wirkungsvoll. Schließlich, was gibt es Bequemeres als jemand umzubringen, wenn man davon überzeugt ist, daß dieser Jemand nicht mit allem einverstanden ist, was zu tun man selbst für das einzig Richtige hält! So dumm war Hitler nicht, um die Größe der Zahl derer, die mit seinem Tun nicht ganz einverstanden waren, zu verkennen. Er mußte also damit rechnen, daß nicht nur einige, und zwar sondern sehr viele umgebracht werden mußten fortlaufend umgebracht werden mußten, denn mit einmal war das Geschäft nicht zu bewältigen. Es mußten also Orte und Einrichtungen geschaffen werden, mit deren Hilfe diese Massenabschlachtungen technisch durchführbar waren. Diese Orte waren die Konzentrationslager. - Diese Einrichtungen waren die Lagerkrematorien, die Fabriken des Todes. Irgendein rückständiger Philosoph hatte einmal geäußert: er wird immer ,, Der Mord läßt sich nicht organisieren - - eine Einzelerscheinung bleiben!" Was für ein Irrtum! Nichts läßt sich leichter organisieren als der Mord! Unsere Ingenieure wären Stümper, wenn sie das nicht zuwege brächten und unsere Polizeiorgane traurige Hanswürste, wenn sie sich nicht freudigen Herzens daran beteiligten! Gewiß, heute, da ich dies schreibe, herrscht ein allgemeines Entsetzen und ein ungeheurer Abscheu vor dem blutigen Handwerk der Gestapo, aber damals, da es vielleicht noch möglich gewesen wäre, den Anlaß dieses Entsetzens und Abscheus zu verhindern, entblödete sich nicht einmal ein so großer Dichter wie Knut Hamsun, die Konzentrationslager Adolf Hitlers als eine segensreiche Einrichtung anzuerkennen. Als Adolf Hitler mit seinem Spießgesellen Heinrich Himmler die Technik der Vernichtung politischer Gegner ausarbeitete, war der Ort, an dem ich später Zeuge von der Wirksamkeit 38 dieser Errungenschaft werden sollte, eine schuldlose Wildnis. Das Waldstück von Sachsenhausen, am Nordrand der Stadt Oranienburg beginnend, durchschnitten von der Straße Sachsenhausen—Schmachtenhagen, im Osten begrenzt von dem aus dem Lehnitzsee kommenden Hohenzollernkanal und im Westen von der Bahnlinie Oranienburgs—Löwenberg, gehörte bis zum Jahre 1936 der Stadtgemeinde Oranienburg und diente ruhebedürftigen Pensionären und ehemaligen Hofbeamten, die sich hier angesiedelt hatten, zu bescheidener Erholung. Alle diese Leute waren selbstverständlich treue Anhänger des Mannes aus Braunau, von dem sie ja damals noch nicht ahnen konnten, daß er ihnen eines Tages ihre Waldpromenaden und vom Verschönerungsverein gepflegten Spazierwege wegnehmen— und mit in sein Konzentrations- lager einbeziehen würde. Sofort nach der„Machtübernahme“ im Jahre 1933 wurde in der ehemaligen Schultheiß-Patzenhofer Brauerei zu Oranien- burg ein Sammellager für politische Häftlinge eingerichtet, das sich jedoch in der Folgezeit als zu klein und für den eigentlichen Zweck solcher Lager unbrauchbar erwies. Die Notwendigkeit, dieses provisorische Lager aufzulösen, machte die NS-Presse zum Anlaß der Erklärung, daß auf Grund eines Erlasses des Führers und im Zuge einer allge- meinen Amnestie u. a. auch das Konzentrationslager Oranien- burg aufgelöst worden sei. Diese in der Öffentlichkeit die Vorstellung erweckende Mitteilung, die nationalsozialistische Regierung habe nun damit begonnen, die als vorübergehende Einrichtung gedachten Konzentrationslager aufzulösen, ent- sprach insofern der Wirklichkeit, als zu jenem Zeitpunkt das alte Lager Oranienburg tatsächlich geschlossen— das neue Lager Sachsenhausen aber dafür eröffnet wurde! Schon im Jahre 1936 hatte die„Zentralbauleitung der Waffen-SS“ das oben geschilderte Gelände bei Sachsen- hausen, unweit Oranienburg, käuflich erworben und für die Öffentlichkeit gesperrt. Im Spätsommer des gleichen Jahres kamen die ersten Häftlinge aus dem Moorlager Esterwegen zur Rodung des Grundstücks, die ersten Baracken wuchsen aus dem Boden, ein doppelter Drahtzaun sicherte den Bezirk, 39 ein Truppenlager mit Kasernen und Wirtschaftsgebäuden wurde geschaffen, und als ich im April 1940 meinen Fuß in das Lager setzte, war das Ganze bereits eine Siedlung vom Ausmaß einer kleinen Stadt mit etwa 12 000 Einwohnern, von denen etwa 10 000 Gefangene, die übrigen die zu ihrer ,, Betreuung" erforderlichen Wachmannschaften, Angehörige der Waffen- SS, Totenkopfstandarte Niederbarnim, waren. Am 18. April 1940, dem Tag, der in meinem Leben eine so einschneidende Rolle spielen sollte, erfolgte die Fahrt vom " Alex" nach Sachsenhausen in mehreren jener fensterlosen Lieferwagen, die der staatspolizeiliche Ordnungssinn zum Transport von Verbrechern aller Kategorien ersonnen hat. Zusammengepfercht bis aufs äußerste, sitzend die einen, die anderen stehend und das Ganze an jeder Kurve wild durcheinandergeschüttelt, erreichten wir das Außentor des Lagers gegen 2 Uhr nachmittags. Das erste, was wir nach dem Verlassen unseres fahrbaren Gefängnisses erblickten, war eine sich endlos längs der Straße hinziehende, etwa zwei Meter hohe und mit Stacheldraht bewehrte Mauer aus grauen Quadern und zwei an hohen Masten flatternde Fahnen: die Reichsfahne mit dem Hakenkreuz und die schwarze Fahne der SS mit den beiden blitzförmigen Runen. Ich habe diese Fahnen nie geliebt; diesmal aber haßte ich sie aus ganzem Herzen, denn sie flankierten ein Gebiet, das nicht mehr dem Leben und einer freien gedeihlichen Entwicklung Raum bot, sondern der nackten Gewalt und einem Geist, der mir schon in der lakonischen Fassung friderizianischer Staatsräson verdächtig erschien, und der einem hier, bis zur verbrecherischen Härte überzüchtet, einen Schauer ins Blut jagen konnte. Nachdem uns die Polizei verlassen hatte, lernten wir gleich die Vertreter jener Geistigkeit kennen in Person von Angehörigen der Waffen- SS: baumlange, schlaksige Figuren in grauen Uniformen, das Symbol des Todes auf den Mützen, mit Revolvern an den Gürteln und Reitpeitschen in den knochigen Händen. Die alles andere als vertrauenerweckenden Gesichter waren von einer so erschreckenden Ausdrucksgleichheit, daß man unwillkürlich an das restlos geglückte Ergebnis der selectio natu40 ralis, der biologischen Zuchtwahl, denken mußte, Warum auch nicht? Ist es nicht den Termiten im Laufe ihrer erstaunlichen Entwicklung gelungen, einen eigenen Soldaten- typ heranzuzüchten, der unter zwangsläufigem Verzicht auf jede andere Eigenart lediglich dazu berufen ist, sich für die Gesamtheit zu opfern? Warum sollte der Mensch nicht fähig sein, ebenfalls gewisse Spezialtypen mit Kollektivgesichtern, beispielsweise für den heroischen Allgemeingebrauch oder ähnliche Repräsentationszwecke, heranzubilden! Daß der Nationalsozialismus es konnte, bewiesen diese allem An- schein nach serienmäßig hergestellten Köpfe der verschie- denen Unter-, Ober- und Hauptscharführer, die uns jetzt durch das große Lagertor und den sogenannten„Komman- danturbereich“ in das Konzentrationslager schleusten. Das Konzentrationslager, oder wie es amtlich hieß„Schutz- haftlager“ Sachsenhausen bildete in seiner Grundform ein riesiges Dreieck, das in Nähe seiner Basis von einer Straße durchschnitten wurde und infolgedessen in zwei Teile zerfiel: einen dreieckigen und einen trapezförmigen. Der letztere enthielt das sogenannte„Truppenlager“; in ihm befanden sich die Kompanieunterkünfte, Kasernen, das SS-Kranken- revier, das Führerheim, ein Wirtschaftsgebäude mit Küche und Speisesaal, eine Transformatorenstation, Stallungen, Garagen und ein weitausgedehnter Exerzierplatz; ferner, an der Straße gelegen, die langgestreckten Baulichkeiten des SS-Kraftfahrzeugdepots und schließlich die„IKL“, das Ver- waltungsgebäude des SS-Standorts Oranienburg. Der andere „dreieckige“ Teil war das Häftlingslager. Auch dieses zerfiel wieder in mehrere Abschnitte: den schon erwähnten Kom- mandanturbereich an der Basis des Dreiecks mit den Unter- kunftsbaracken für die im Lager diensttuenden SS-Ange- hörigen, einigen Verwaltungsbaracken, der„Politischen Abteilung“ und dem„Erkennungsdienst“, Kammergebäude, Materiallagern, Garagen, der Kommandanturküche mit dem Unterführerheim, dem. Luftschutzkeller in Gestalt einer unterirdischen Kegelbahn, den Häusern des Wachkommandos, einer breiten Grünanlage mit einem Tiergehege, denn nach antiken Mustern hielten sich die Kommandanten des Lagers 41 ( mit Ausnahme des letzten) gerne Bären, Affen und Bluthunde. Dieser Kommandanturbereich war vom eigentlichen Häftlingslager wieder durch eine Mauer getrennt, in deren Mitte sich, genau dem großen Lageraußentor gegenüber, der„ Turm A" befand ein breiter Zweiflügelbau mit einem turmartigen Aufsatz und dem eigentlichen Lagereingangstor, über dem in mächtigen Metallettern das Wort: stand. - Schutzhaftlager In der nach der Straße hin durch ein mit der ermunternden Inschrift ARBEIT MACHT FREI versehenes Gittertor sich öffnenden, etwa fünf Meter tiefen Einfahrt befanden sich rechts die Torwache mit der Blockführerstube und links das Zimmer des Arbeitsdienstführers und die Räume der Postzensurstelle. Im ersten Stock des Turmes A: Zimmer des Rapportführers, der Lagerführer, der Aufnahmeraum mit der großen Häftlingskartei. Im Turmbau: Aufenthaltsraum für die Turmwache und die Kanzel mit dem Maschinengewehrstand. Das hier auf eine drehbare Lafette montierte schwere MG bestrich nach der Lagerseite hin den gesamten Bereich des Häftlingslagers. Leichte Maschinengewehre befanden sich außerdem auf den zahlreichen, die Lagermauer unterbrechenden Wachtürmen. - - Das erste, was uns nachdem wir das Tor in diesem Turm A durchschritten hatten auffiel, war ein weiter öder Platz, der Appellplatz, und um diesen, im Halbkreis gruppiert, die grüngestrichenen Unterkunftsbaracken für die Häftlinge. Auf jeder Stirnwand der dem Appellplatz zunächststehenden Baracken prangten in großen weißen Buchstaben die Wortbestandteile eines Spruchs, als dessen Autor uns später der Reichsführer der SS Heinrich Himmler genannt wurde. In der Reihenfolge von Baracke zu Baracke gelesen lautete dieser Spruch: ,, Es gibt einen Weg zur Freiheit! Seine Meilensteine heißen: Fleiß, Gehorsam, Nüchternheit, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland!" 42 Die Vorliebe der nationalsozialistischen Gralshüter für der- artige Kernsprüche bekundete sich im Konzentrationslager auch noch an anderen Stellen. Es gab kaum einen Amtsraum, in dem nicht irgendeine banale Feststellung Adolf Hitlers oder eines seiner Parteiphilosophen von der Wand leuchtete. So wie ehedem in jedem mehr oder weniger trauten Bür- gerheim Wandsprüche in Holzbrand darauf hinwiesen, daß in diesem Hause altdeutscher Biedersinn und artverwandte Tugenden anzutreffen seien, so erhielt man durch die Barackenwände des Konzentrationslagers Aufschluß über die Vorzüge einer vom Geist des Führers durchdrungenen Lebensweise, wobei kategorische Imperative, wie„Sei wahr!“ oder„Handle nie anders, als dein Führer in deinem Fall handeln würde!“ vorherrschten. Neben diesen von National- ethos strotzenden Tendenzen gab es auch weniger schwierige, bei denen oft scharmante Anspielungen auf gewisse erotische Belange für die muntere Lebensart der SS Zeugnis ablegten. Alle diese Dinge lernte ich freilich erst später kennen. An jenem 18. April mußte ich mich mit dem Weg zur Freiheit, den Herr Himmler mir wies, begnügen. Nachdem wir den Spruch gelesen hatten, erhielten wir den Befehl, seitwärts vom Tor Aufstellung zu nehmen, wo wir, das Gesicht der Mauer zugekehrt, das Weitere abwarteten. Das Weitere kam! Es kam in Gestalt von SS-Männern, deren jeder im Sinne der Exklusivität, die das Lager auszeichnete, nun auf eigene Faust Vernehmungen durchführte und— da sie, wie ich bei dieser Gelegenheit bemerkte, auch mit per- sönlicher Exekutivgewalt ausgestattet waren— das Urteil gleich auf dem Fuße folgen ließ und vollstreckte. Ein. hundertfünfzig erwachsene Menschen aus den verschiedensten Berufs- und Gesellschaftsschichten waren hilflos der sich nun in den brutalsten Formen äußernden Willkür inquirie- render SS-Männer ausgesetzt, Mit Ohrfeigen, Fausthieben, Kinnhaken, Bauch- und Magenschlägen, Fußtritten in den Unterleib oder gegen die Schienenbeine wurde hier an Menschen, die ihre Vergehen entweder in längeren Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen bereits abgebüßt hatten oder denen überhaupt nichts Konkretes nachzuweisen war, eine nach- 43 trägliche Privatjustiz geübt, wobei jeder der Inquirenten es für sein gutes Recht erachtete, seinen Vorgänger an Herzlosigkeit zu übertreffen. Drei ältere jüdische Häftlinge, darunter ein Schriftleiter aus Wien, ferner zwei Bibelforscher und ein Arzt aus Berlin waren bald so grauenhaft zugerichtet, daß sie mit blutunterlaufenen Gesichtern, zerschundenen Beinen und zertretenen Händen vor uns auf dem Betonboden lagen und selbst in diesem Zustand vor weiteren Mißhandlungen nicht sicher waren. Es regnete die Hiebe und Stöße nur so von allen Seiten. Der ermunternde Anreiz, der einer solchen nicht enden wollenden Ausschreitung eigen, schuf nicht zu überbietende Höhepunkte in der Mißhandlung. Die Getroffenen stürzten wie Mehlsäcke zu Boden, wurden wieder hochgerissen, noch einmal geschlagen; die Scherben zerbrochener Brillengläser zerschnitten die Gesichter, Blut besudelte Wäsche und Kleider neben mir, vor mir, hinter mir, auf allen Seiten knickten die Menschen zusammen, andere muẞßten in qualvoller Kniebeugestellung mit ausgestreckten Armen verharren, und nur wenige, darunter auch ich, entgingen einer Züchtigung. - Wieso das möglich war, daß gerade ich mich unter den von einem gnädigen Schicksal Behüteten befand, wußte ich damals nicht. Später, als ich in ähnlichen Situationen das gleiche Glück hatte und darum anfing, über die möglichen Ursachen einer solchen Begünstigung nachzudenken, gelangte ich zu der Gewißheit, daß der Mensch in der Suggestionskraft der Augen ein sehr starkes Abwehrmittel besitzt, wenn es einem Feind gegenüber zur Anwendung gelangt, dessen körperliche Überlegenheit in allen ihren noch so brutalen Äußerungen oft nichts anderes ist als der Ausdruck einer gewissen inneren Haltlosigkeit und Schwäche. Menschen, die einer wehrlosen Kreatur ihre Überlegenheit nur durch Schläge und Fußtritte beweisen können, sind im Grunde keine starken, sondern sehr schwache und unsichere Naturen; sie sind fast immer feige, fast immer abergläubisch und bei aller Roheit in irgendeiner Beziehung sentimental und fast niemals fähig, den Blick eines Menschen, den sie sich zum Opfer ausersehen haben, zu ertragen. Ich habe im Lager diese Erfahrung immer 44 wieder gemacht und auf ihr meine Sicherheit zu gründen versucht. Vielen dieser vom Pathos ihrer politischen Sen- dung überreizten Naturen habe ich durch einen von starken inneren Befehlen gesteuerten Blick die Waffe aus der Hand geschlagen.(Eine Bestätigung der Wirksamkeit dieser Me- thode fand ich in einer alten Anordnung des im Jahre 1940 verstorbenen Kommandanten Baranowsky, die den Wortlaut hatte:„Es ist den Häftlingen grundsätzlich zu verbieten, den Kommandanten oder Lagerführer anzusehen.“ Auch von seiten der Blockältesten erging von Zeit zu Zeit immer wieder die Belehrung:„Der Herr Lagerführer verbittet sich, von den Häftlingen angestarrt zu werden!“) Ich persönlich habe jeden- falls in den fünf Jahren meiner Haft keinen Schlag von einem SS-Mann erhalten; auch an jenem Nachmittag am Tor des Lagers, wie am darauffolgenden Tag im Häftlingsbad, wo sich gelegentlich der Aufnahme die gleichen unmenschlichen Prügelszenen abspielten, entging ich der Mißhandlung. Als die Reihe an mich kam und man mich nach dem Grund meines Hierseins fragte, sah ich dem Frager direkt ins Ge- sicht— während ich kurz und bündig die Antwort erteilte—, daß er die schon zum Schlag erhobene Hand wieder sinken ließ und es aufgab, sich länger mit mir zu beschäftigen. Auch der nächste ertrug meinen Blick offenbar nicht; er wurde unsicher, sah weg, murmelte etwas und schrie mich plötzlich aus der Verborgenheit seines Fluchtwinkels heraus an—„ob ich mir einbildete, das Lager jemals lebend zu verlassen?“ „Nein!“ sagte ich klar und deutlich. Er nickte befriedist; fühlte er sich nün doch als Sieger und feierte diesen Sieg, indem er einem neben mir stehenden jungen Tschechen eine fürchterliche Ohrfeige versetzte, ohne ihn erst lange nach irgend etwas zu fragen. Es war die Ohrfeige, die eigentlich ich hätte bekommen sollen, und so leid es mir heute noch tut, daß ein anderer, völlig schuldloser Mensch sie bekam, so be- stätigte der Vorfall doch die Richtigkeit meines Verhaltens. Dieses sich noch oftmals und mit allen möglichen Variationen einer ad hoc improvisierten Urteilsvollstreckung wieder- holende Verhör dauerte etwa drei Stunden; in dieser Zeit wurde meine aufs äußerste angespannte Aufmerksamkeit auch noch durch eine andere Szene in Anspruch genommen: aus dem Barackenabschnitt des Lagers, für den die von Herrn Himmler formulierten Tugenden„ Opfersinn und Liebe" zuständig waren später erfuhr ich, daß es sich um die sogenannte ,, SK- Isolierung", die ,, Strafkompanie" handelte-, bewegte sich ein langer Zug von in Zebra( blaugrau gestreiften Drillichanzügen) gekleideten und körperlich auffallend heruntergekommenen Häftlingen, von denen je vier eine rohgezimmerte, längliche und schwarz angestrichene Kiste auf den Achseln trugen. Es waren insgesamt sechzehn solcher Kisten. Der Kondukt ging in langsamen müden Schritten über den Appellplatz auf das Tor zu und kam hart an uns vorbei. Über den Inhalt der Kisten konnte kein Zweifel bestehen, der Geruch, der ihnen entströmte, sagte alles. Kondukte dieser Art sahen wir damals im Lager täglich. Erst nach Fertigstellung des im Krankenbaubereich gelegenen großen Leichenkellers, der Tausenden von Leichen Raum bot, und nach Errichtung und Inbetriebnahme des 1. Krematoriums spielten sich diese Bestattungszeremonien mehr im Verborgenen ab. Die Mortalität des Lagers belief sich zu jener Zeit auf etwa 30 Häftlinge im Tag. Daß an jenem Nachmittag, da ein solcher Anblick für uns noch neu war, mein Lebensmut etwas beeinträchtigt wurde, läßt sich denken. Der letzte der sechzehn primitiven Katafalke hatte das Tor noch nicht ganz passiert, als zwei höhere SSOffiziere erschienen, von denen man uns später sagte, daß es sich um den 1. Schutzhaftlagerführer SS- Obersturmführer Forster und dessen Adjutanten, eine fragwürdige Person mit dem Spitznamen„, Onkel Otto", handelte. Forster, ein hagerer knochiger Mensch mit trostlos leeren, ausdruckslosen Augen und einem Kopf, der genau dem glich, den er in Weißblech gestanzt über seinem Mützenschild trug, eröffnete nun seinerseits ein Verhör, das immerhin den Vorteil hatte, daß es dabei blieb. Er begnügte sich mit einem gelegentlichen Schütteln des Kopfes und betrachtete es im übrigen als unter seiner Würde, es seinen SS- Männern gleichzutun. Nachdem er nun von jedem, der noch des Sprechens fähig war, die gewünschte Auskunft erhalten hatte, räusperte 46 6 T EEETTERTTTENT er sich und überraschte uns mit einer Ansprache folgenden Wortlauts: Wir möchten den Kopf nicht hängen lassen! Das Konzentrationslager sei weder ein Zuchthaus noch ein Ge- fängnis. Es sei überhaupt keine Strafe, sondern eine national- politische Erziehungsanstalt besonderer Art, Niemand von uns habe Grund, zu befürchten, man würde ihn schlecht be- handeln; keinem geschähe ein Unrecht— eine gute Führung vorausgesetzt! Diese Worte richtete der Mann an uns, während er mit leerem Blick auf die am Boden liegenden blutenden und leise stöhnenden Menschen starrte. Er sagte dann weiter:„Vor allen Dingen lassen Sie sich niemals zur Flucht hinreißen, sonst ergeht es Ihnen so wie dem Häftling, den wir heute vormittag auf der Flucht erschießen mußten und den ich Ihnen gleich zeigen werde.“ Er winkte— und zwei Häftlinge, die mit ihm gekommen waren und in respektvoller Entfernung gewartet hatten, setzten sich augenblicklich in Trab nach dem Krankenrevier, Einige Minuten später kamen sie wieder, diesmal mit einer blutbesudelten Tragbahre, auf der ein toter halbnackter Mensch lag. Kopf und Oberkörper des Toten wiesen grün und gelb umränderte Einschüsse auf; eine Hälfte der Hirnschale war weggerissen. Er lag mit dem Gesicht auf der Seite, die linke Hand hatte sich, jedenfalls zufällig, unter das Kinn geschoben— ein unendlich friedlicher Zug, ein Zug der Erlösung, endlich gefundener Ruhe lag auf diesem in die Hand geschmiegten Gesicht; es war bei aller Totenblässe und Zerstörung ein gutes und sympathisches Gesicht, jedenfalls ein viel besseres und sympathischeres Gesicht als das jenes Mannes, der uns jetzt den Befehl gab, einen Kreis um die Leiche zu bilden, damit wir uns den Verbrecher genau an- sehen könnten. Wir sahen ihn an. Sahen ihn so lange an, bis der Herr Lager- führer wieder mit seinem dürren Finger winkte und die Leiche fortgetragen wurde. Das Trostlose dieser Episode zu schildern, ist fast nicht möglich. Unter einem leuchtenden Frühlingshimmel— der lange düstere Zug müder Sargträger, der Leichengeruch, der 47 - Erschossene auf der Bahre das Ganze hatte in seiner Plötzlichkeit etwas Unwirkliches, Schemenhaftes. Man mußte sich erst einmal selbst in den Arm kneifen, ehe man begriff, daß dies nicht etwa ein wüster Spuk, sondern die plumpe Wirklichkeit war. Der nicht ganz stumpfe Mensch kommt dabei auf seltsame Gedanken, wie etwa:„ Ist das wahr, daß einmal ein Mann namens Goethe gelebt hat?" oder„ Wozu gehen die Menschen eigentlich in die Schule? Wozu machen sie Gedichte? Warum spielen manche Violine?" Und schließlich die Frage aller Fragen:„ Gott! Was ist das für ein Gott? Wie ist das möglich, daß sich auf dem Kult um seine doch völlig unvorstellbare Person eine angeblich weltbewegende Heilslehre aufbauen konnte?" Alle diese Fragen und Zweifel sind vielleicht töricht und unberechtigt. Aber der Mensch ist in solchen Situationen weder gelassen noch weise. Wie ein erschrecktes Tier versucht er, über seinen eigenen Schatten zu springen, und es gibt in einem solchen Augenblick keine Kreatur auf der Welt, die ärmer daran wäre als er. Wie auf dem Theater der Elisabethanischen Zeit verkündete gegen fünf Uhr am Nachmittag ein Trompetensignal den Beginn des nächsten Akts: den Einmarsch der Arbeitskommandos. Etwa achttausend Häftlinge kehrten in Fünferkolonnen von ihren Arbeitsplätzen in das Lager zurück. Grauenerregende Gestalten befanden sich darunter. Ausgemergelt bis auf die Knochen, mit fahlen, zerknitterten Gesichtern, aus deren von einer krankhaften Schwärze umränderten Augen der Hunger schrie. Auch diese Menschen glichen in ihren meist viel zu weiten Zebrafetzen grotesken Gespenstern. Ihre Bewegungen hatten etwas Fahriges, Abgerissenes, als hingen ihre Gliedmaßen an schnarrenden Drähten. Die plumpen Holzsohlen ihrer Schuhe klapperten auf dem Asphalt der Lagerstraße. Riesige Rollwagen, von Häftlingen gezogen, schwankten durch das Tor; Vorarbeiter kommandierten, SS- Leute schlenderten, die Zigarette schief im Mund, zwischen den sich auf dem weiten Platz verteilenden ,, Blocks" es dauerte eine 48 - einer ußte griff, mpe Same Mann chen arum aller glich, bare Frauen und onen verdes Welt, ndete den gute halbe Stunde, bis das Gittertor mit dem Spruch ,, Arbeit macht frei" sich hinter der letzten einmarschierenden Kolonne geschlossen hatte und der Abendappell begann. Dieser Appell, der den Zweck hatte, die Gesamtstärke des Lagers festzustellen, dauerte zwei volle Stunden. Ob die Länge dieser Zeit bedingt war durch die rechnerische Leistung des Rapportführers Nowacki oder ob auch hier die schnöde Absicht mitwirkte, diese von der Arbeit todmüden Menschen nicht zur Ruhe kommen zu lassen ich wußte das damals noch nicht. Später wurde ich davon überzeugt, daß beide Gründe maßgebend waren. Es ging schon auf acht Uhr, als an jenem Abend endlich das erlösende Signal ertönte und die„ Blocks" sich nach ihren Baracken in Bewegung setzten. Wir, die wir noch immer am Tor standen, wurden eine halbe Stunde später von einem Unterscharführer nach einer leeren Baracke geführt, in der wir, auf dem Boden liegend, wie erschlagen, frierend und vom Fieber der Aufregung geschüttelt, unsere erste Lagernacht verbrachten. beitsvon gende f die von unger el zu ungen Gliedohlen traße. nkten chlenh auf eine Nacht 4 49 Einrichtungen und Gliederung des Häftlingslagers Ehe ich über die Ereignisse des nächsten Tages, des Tages unserer Aufnahme in das Lager, spreche, will ich zum besse- ren Verständnis meines Berichtes einiges über die inneren Einrichtungen und Verhältnisse des Häftlingslagers aus- führen. Die Gesamtzahl der im April 1940 im KL Sachsenhausen Inhaftierten belief sich auf rund 10 000 Menschen. Außer den rein politischen Häftlingen— etwa 4000— gab es eine größere Anzahl von sogenannten„Berufsverbrechern“, Menschen mit kriminellen Delikten, die in den meisten Fällen eine Reihe von Vorstrafen, hauptsächlich Zuchthausstrafen, aufzuweisen hatten; ferner„Asoziale“, kurzweg„Asos“ genannt, worunter arbeitsscheue Elemente, Zuhälter, Spieler, Trunkenbolde und Zigeuner zu verstehen waren, Alle diese Häftlinge trugen auf der linken Brustseite ihres Gewands eine Markierung in Gestalt einer Nummer und eines kleinen Stoffwinkels, der bei den politischen rot, bei den Berufsverbrechern— oder„Be- vauern“, wie man sie nannte— grün und bei den Asos braun, später schwarz war. Neben diesen drei Hauptzruppen gab es noch Angehörige der„Vereinigung internationaler Bibel- forscher“ mit einem violetten— und Personen, die sich gegen den 8 175 vergangen hatten, mit einem rosa Winkel. Die Juden trugen eine Art„Davidstern“, den sie im Staate Adoif Hitlers später auch in der Öffentlichkeit tragen mußten. Weitere Winkelkombinationen dienten zur Unterscheidung der ausländischen Häftlinge, deren Zahl zu Beginn und im weiteren Verlauf des Krieges ständig im Wachsen war. Der rote Winkel unter der Nummer kennzeichnete den Tschechen, die Nummer rechts, den Winkel links getragen— den Polen; ein„U“ zeigte an, daß man es mit einem Ukrainer, ein„N“, 50 daß man es mit einem Norweger zu tun hatte. Außerdem gab es Dänen, Angehörige der baltischen Randstaaten, Jugoslawen, Rotspanier, Italiener, Russen, Franzosen, Belgier, Luxem- burger, ja sogar Neger. Eine weitere Kategorie waren die sogenannten Knochen- männer, ehemalige Angehörige der SS, die hier zu einer Art Strafkompanie zusammengefaßt waren. Ich weiß nicht, wel- cher Vergehen sich diese Leute schuldig gemacht hatten. Sie trugen keine Häftlingskleider, sondern die SS-Uniform, jedoch ohne Abzeichen, falls man nicht die gekreuzten Knochen auf dem Kragenspiegel als solche bezeichnen will. Sie lagen auf einem eigenen Block, waren von jeder Arbeit befreit, erhielten eine bessere und reichlichere Kost als wir und erfreuten sich einer Reihe anderer Vergünstigungen, die ihre Art zu leben in einem auffälligen Gegensatz zu der unseren stellte. Ein Ver- kehr zwischen diesen Häftlingen und uns fand nicht statt. Wir betrachteten sie als SS-Leute, die sie ja auch waren, und der Umstand, daß sie kraft irgendeiner Bestimmung ihrer eigenen Gesetze im Augenblick daran gehindert waren, ihre Funk- tionen als SS-Angehörige auszuüben, war kein Anlaß, sie als Kameraden anzusehen. Sie hatten auch kein Interesse an uns, denn sie standen nach wie vor auf der Seite der SS, die sie in verschiedenen Fällen auch zu besonderen Dienstleistungen heranzog und mit ihnen sehr freundschaftlich verkehrte. Eine Zeitlang gehörten sie mit zum Kommando Feuerwehr, später — etwa um 1943— verschwanden sie ganz aus dem Lager. Ihnen gleichgestellt waren die Ehrenhäftlinge, die Zivil ohne , jede Markierung trugen, im Zellenbau wohnten und ein Ge- haben zur Schau trugen, das den Abstand zwischen ihrer und unserer Welt auffällig betonte; wobei freilich nicht festzu- stellen war, ob sie ihre Haft als eine Ehre ansahen, oder ob die Gestapo es sich zur Ehre anrechnete, sie verhaftet zu haben. Alle diese Häftlinge waren, die Ehrenhäftlinge ausgenommen, nach Haftkategorien verteilt, auf insgesamt etwa 40 Wohn- blocks— so hießen die Baracken— untergebracht, so daß jeder Block von durchschnittlich 250 Insassen bewohnt wurde, Später, als die Zahl der Häftlinge beständig zunahm, änderte 4” hl | A N u dh - sich dieses Verhältnis und es gab Baracken mit 400 bis 500, ja manchmal noch mehr Insassen. Alle übrigen Baracken des Lagers es gab so an die siebzig dienten irgendwelchen anderen Lagerzwecken, waren Krankenrevier, Bekleidungsund Gerätekammer, Kantine und Schreibstube, Werkstätten, Trockenboden, Entlausungsanstalt und Häftlingsbad. Sämtliche Baracken bestanden aus grüngestrichenen Holzbauten in zerlegbarer Tafelbauweise mit doppelter Wandverschalung, auf einem System von Betonpfählen ruhend. Einige waren unterkellert, in den Kellern befanden sich Vorratsräume. Jede derartige Baracke zerfiel in zwei Flügel( A- und B- Flügel), deren jeder einen Schlaf- und einen Wohnraum, den Tagesraum, enthielt. Über einen für beide Flügel gemeinsamen Flur gelangte man in die Klosett- und Waschräume. Letztere waren mit Fußwaschbecken, einer Brause, zwei Geschirrwaschtrögen und zwei Bradley- Waschfontänen ausgestattet. Jeder der beiden Schlafräume enthielt bis zu 200 Betten( dreistöckig übereinandergestellte Eisen-, später Holzbetten). In den Tages- oder Wohnräumen befanden sich an die sechzig schmale Spinden, sechs lange Tische mit Bänken und Hockern, ein Großraumofen, das Bett und der Tisch des Blockältesten, manchmal auch ein Bücherregal, ferner einfache elektrische Pendellampen mit von Häftlingen angefertigten und bemalten Schirmen. Um jeden Block lief ein schmaler Rasenstreifen, dessen sorgfältige Pflege den Häftlingen oblag und der später( ab 1943), als die Lebensmittelverknappung im Reich spürbar wurde, für den Anbau von Gemüse freigegeben wurde. - Für die Sauberhaltung des Blocks und die Aufrechterhaltung der Ordnung war der„ Blockälteste" verantwortlich. Es war dies meist ein langjähriger Lagerinsasse, ein Mann mit„ guter Führung", der mit einer Reihe von Sonderrechten ausgestattet zusammen mit dem Stubenältesten des B- Flügels seines nicht sehr dankbaren Amtes waltete, wobei es in manchen Fällen nicht immer so zuging, wie es im Sinne der Gerechtigkeit wohl hätte zugehen sollen. Auch Blockälteste sind keine Götter manchmal schien es mir sogar, als seien sie das krasse Gegenteil von solchen immerhin will ich - 9 52 Mn zum ehrenden Gedächtnis jenes Metallarbeiters Paul Gmeiner aus Hannover, der am 18. April 1944 einem Luftangriff auf das Flugzeugwerk Heinkel in Oranienburg zum Opfer fiel, gerne zugeben, daß es auch unter den Blockältesten des Lagers Ehrenmänner gab, Menschen mit einem stark aus- geprägten Gerechtigkeitssinn, die es fertigbrachten, uns durch ihre kluge und anständige Führung die Pein des Lagerlebens wenigstens auf Stunden vergessen zu lassen. Es lag in der dem Lager eigenen Verwaltungsart, daß ein- zelne Häftlinge Machtbefugnisse erlangten, die ein sehr hohes Verantwortungsgefühl und eine sehr saubere Gesinnung voraussetzten, sollten sie nicht der Anlaß zu einer bedenk- lichen Korruption werden. Leider waren dieses Verantwor- tungsgefühl und diese Gesinnung nicht immer vorhanden, Rechnet man dazu den mißlichen Umstand, daß die Lager- führung alles unterstützte, was zur Herabminderung der Lagermoral beitrug, daß sie, zum Beispiel, gar nichts dagegen hatte, wenn ein in ihrem Sinne wirkender Häftling einen anderen totschlug— so wird man begreifen, daß sich im Lager mitunter Dinge abspielten, die den Charakter und menschlichen Wert gewisser Häftlinge in ein wenig günstiges Licht rückten. Und dennoch war es in vielen Fällen nicht die Alleinschuld solcher Häftlinge, wenn sie Unheil über Unheil anrichteten. Das Übel lag in dem von der SS hochgezüchteten System, das sich in einer raffiniert ausgeklügelten Weise der menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten bediente, um das Einigkeitsbestreben der Häftlinge zu durchkreuzen. Da die interne Verwaltung des Lagers ganz in den Händen von Häftlingen lag, konnte hier ein verantwortungsbereiter Lagerältester immerhin etwas zur Steuerung der von der SS gebillisten Demoralisation beitragen. Leicht war das nicht, denn es war vor allen Dingen nicht ungefährlich. Jedenfalls setzte es einen ganzen Mann und einen tüchtigen Diplomaten voraus. Einen solchen hatte das Lager mehrere Jahre lang in der Person eines langjährigen politischen Häftlings namen» Harry Naujoks, eines für sein schweres Amt überaus befähig- ten und: gerechten Mannes. Ihm zur Seite standen helfend der zweite und dritte Lagerälteste— der letztere ein„Be- vauer", zur Wahrung der Interessen der kriminellen Häftlinge, ferner das Personal des Arbeitsdienstes mit deni außerordentlich tüchtigen und charakterlich einwandfreien Albert Buchmann an der Spitze, dann der Rapportschreiber und die ,, Läufer". Unmittelbar unterstellte Vollzugsorgane dieser eben genannten Häftlinge, die in ihrer Gesamtheit kurzweg die ,, Schreibstube" verkörperten, waren die Blockältesten, die innerhalb der Blocks das vorstellten, was der Lagerälteste für das ganze Lager bedeutete. Der Lagerälteste hatte keinen Häftling über sich; sein direkter Vorgesetzter war der Erste Schutzhaftlagerführer, also ein SS- Dienstgrad, dessen Anordnungen und Befehle er befolgen mußte. Doch hatte er auch die Möglichkeit, diesem seinem Vorgesetzten Besserungs- oder Milderungsvorschläge zu machen. Er konnte langsamen Schrittes durch das Lager gehen alles andere mußte laufen! und war vor Mißhandlungen einigermaßen sicher. Neben diesen Vorteilen gab es reichliche Nachteile, die zu erwähnen sich Gelegenheit bieten wird. - - Ich habe in den fünf Jahren meiner Haft etwa sechs Lagerälteste erlebt, der beste und tüchtigste war der schon genannte Harry Naujoks, der schlechteste und niederträchtigste ein asoziales Element namens Kuhnke. Dazwischen wirkten Männer von unterschiedlicher Qualität als letzter ein Berufsverbrecher, - 54 en vu Die Aufnahmeorgie In der Nacht vom 18, auf den 19. April 1940, also in der ersten Nacnt meines Lageraufenthalts, hatte sich ein Häftling, wohl aus Gründen geistiger Umnachtung, aus seinem Block ent- fernt und in irgendeinem Winkel der Effektenkammer ver- steckt. Das Fehlen des Mannes wurde beim morgendlichen Zählappell festgestellt, und die gesamte im Lager dienst- tuende SS machte sich auf den Weg, den Vermißten zu suchen. Es dauerte mehrere Stunden, ehe einige Scharführer sein Versteck entdeckten. Da der Mann offenbar mit dem Leben abgeschlossen hatte, sprang er mit einem Messer be- waffnet aus seinem Schlupfwinkel heraus, warf sich auf einen der SS-Männer und brachte ihm einige nicht unbedeutende Verletzungen im Gesicht und an den Händen bei. Zu weiteren Angriffen kam er nicht, er stürzte von Kugeln durchbohrt zu Boden und starb, Ich erwähne diesen Vorfall, weil er sozusagen die Stimmung des Tages abgab, eine Stimmung, unter deren Einfluß sich die uns zugedachten Aufnahmezeremonien ganz beträchtlich verschärften. In den Vormittagstunden jenes Tages kauerten wir„Zu- gänge“ in Kniebeuge mit ausgestreckten Armen vor dem Häftlingsbad des Lagers, wo die Aufnahme und Einweisung stattfinden sollte. In die Kniebeuge waren wir gegangen auf Befehl eines Hauptscharführers namens Bugdalla, eines der brutalsten und rücksichtslosesten Gesellen, die jemals im Lager Dienst getan haben. Da wir in alphabetischer Reihen- folge aufgerufen wurden, mußte ich, dessen Namen mit einem W anfängt, ziemlich lange in dieser qualvollen Stellung ver- harren. Inzwischen bereitete Herr Bugdalla, zusammen mit seinem Kameraden Beyerle, den vor mir aufgerufenen Zu- gängen einen Empfang, an dem gemessen mir die Prügel- szenen vam Tage vorher wie Liebkosungen erschienen. Noch 55 nie hatte ich einen Menschen mit soviel Lust, soviel Freude und Ausdauer Schläge austeilen sehen, wie an diesem Vor- mittag jenen Herrn Bugdalla. Seine Augen leuchteten vor Glück, sein schmaler asketischer Mund verzog sich In lüsternen Kurven, Schweiß stand auf seiner Stirn, hinter der sich die Gedanken zur Erfindung immer neuer Züchtigungs- arten entwickelten, die Hände mußten ihm eigentlich schon schmerzen, und taten es vielleicht auch, aber er ertrug „heroisch“ den Schmerz und ließ weiter seine knochigen Fäuste in die Gesichter seiner Opfer sausen. Menschen, die in rasender Angst, und weil die Geste der Abwehr nun ein- mal jeder Kreatur angeboren ist, die Hände schützend vor das Gesicht hielten, wurden mit dem Knauf des Revolvers zu Boden geschmettert, denn jede Abwehrbewegung galt als ein versuchter Angriff auf einen SS-Angehörigen und gab diesem das Recht, den„Angreifer“ sofort niederzuschießen. Daß Herr Bugdalla von diesem Recht keinen Gebrauch machte, wundert mich heute noch. Ein Mann, der sich— wie aus seinen Akten, die Herr Bugdalla auf dem Tisch liegen hatte, hervorging— vor zwanzig Jahren einmal— gegen den$ 175 vergangen, dieses Vergehen aber jetzt verschwiegen hatte, wurde nun an Ort und Stelle buchstäblich zu Tode geprügelt. Mich persönlich rettete diesmal das„W“ meines Namens, das mich unter Beachtung der alphabetischen Ordnung an das Ende der Aufnahmeorgie rückte. Schon beim Buchstaben„P“ stellte Herr Busdalla seine Tätigkeit ein— seine Hände schafften es einfach nicht mehr—, er fuchtelte nur noch mit dem Revolver herum und ich schlüpfte ungezüchtigt durch die Tür zum Bad, wo ich mich nach Angabe meiner Perso- nalien meiner Zivilkleider entledigen und der Prozedur des Haarschneidens unterziehen mußte; denn der Sklave trägt das Haupt kahlgeschoren und ist damit eindeutig als Mensch minderer Kategorie gekennzeichnet. Unter der eiskalten Brause des Duschraums erfolgte dann die zu einer ruhigeren Betrachtung der neuen Lebenslage erforderliche Herabminderung der Bluttemperatur. Nackt und triefend vor Nässe wurden wir daraufhin ins Freie gejagt, wo man uns ein Paket aushändigte, das zusammengeballt unsere 56 —e———— BE TE EEELETTITTRET TERN TET STETTEN neue Garderobe enthielt: ein zerschlissenes Hemd, eine Zebrahose aus Sackstoff, eine Zebrajacke, ein Paar Holz- schuhe, ein Paar Socken und eine Tellermütze. Alle diese hundertmal geflickten brüchigen und maßlos schmutzigen Gegenstände waren viel zu klein für mich. Glücklicherweise erklärte sich ein kleinerer Mann, der zu weites Zeug erhalten hatte, mit einem Tausch einverstanden. Wir zogen uns an. Als das geschehen war, kannte keiner den anderen wieder. Ich selbst kannte mich nicht wieder! Als ich in den Spiegel schaute, erschreckte mich der Anblick zutiefst. Ich war kein Mensch mehr, sondern eine Figur. Nach dieser Prozedur des Einkleidens hatte ich nichts mehr, was mich noch an Mein freies persönliches Leben hätte er- innern können— meine Brille ausgenommen. Alles andere war in den großen Sack gewandert, der meine Zivilsachen bis zum Tag meiner Entlassung bewahren sollte. Mit Trauer im Herzen gab ich alle jene Kleinigkeiten ab, zu denen man ein gewisses inneres Verhältnis hat: Füllfederhalter, Notiz- buch, Bilder meiner Kinder, Nagelschere, Kamm und der- gleichen. Noch war ich nicht gefeit gegen die weichen Re- gungen des Gemüts; noch machte mir meine Seele zu schaffen, dieses seltsame Ding, das zum Mörder unseres Leibes werden kann, wenn wir ihm zuviel Bewegungsfreiheit einräumen. Ich hätte an jenem Tag noch weinen können über die Schän- dung meines inneren und äußeren Menschen— aber ich begriff doch schon, daß es besser wäre, dieser Regung nicht nachzugeben, denn ich wollte nicht zugrunde gehen an dieser beispiellosen Vereinsamung. Ich habe denn auch niemals geweint in den Jahren meiner Haft— aber ich freute mich auf den Tag, da ich wieder einmal weinen dürfte, Wie ein Geschenk des Himmels ersehnte ich manchmal das Recht auf Tränen. Aber als der Tag dann kam, merkte ich zu meinem Schrecken, daß ich das Weinen verlernt und die Lieder zum Preise des Lebens vergessen hatte. VIII ,, Bock" und ,, Pfahl" Die erste Station, die dem müden Leib und dem ermatteten Geist etwas Ruhe und Ordnung bot, war der Block 65- die Zugangebaracke. Hier empfing uns ein freundlicher Mann, der kein Interesse daran hatte, uns zu quälen. Hier gab es endlich etwas zu essen Kartoffelsuppe und Brot. Hier durften wir wieder einmal in einem warmen und sauberen Bett schlafen. Hier erhielten wir die erste Belehrung über unser zukünftiges Verhalten im Block und im Lager, auch wurden wir mit der Lagerordnung" vertraut gemacht, die in einer hektographierten Ausgabe an der Wand hing, wie in einem Bauernhaus der Sulzbacher Kalender, und uns Aufschluß gab über alle für das Lager geschaffenen Rechte, Gesetze, Verbote und Strafen. Aus dieser Lagerordnung erfuhren wir, was uns der Herr Lagerführer bereits angedeutet hatte, daß das Konzentrationslager weder ein Zuchthaus noch ein Gefängnis, sondern eine„ Erziehungsanstalt besonderer Art" sei. Noch waren wir nicht weise genug, zu begreifen, welche Bedeutung dieses Adjektivum ,, besonderer" in sich schloß. Aber wir lernten die hunderterlei Verbote kennen, die dem Bewegungsrecht des Häfilings wohlausgeklügelte Grenzen zogen, und vor allen Dingen: die Lagerstrafen, die wir zu erwarten hatten, falls wir es uns einfallen lassen sollten, diese Grenzen zu überschreiten. Da gab es als leichteste Strafe zunächst einmal das ,, Torstehen", die dem Häftling auferlegte, von morgens 5 Uhr bis abends 8 Uhr rechts oder links vom Tor, entblößten Hauptes und mit dem Gesicht zum Turm A zu stehen, was bei sengender Hitze oder bed 20 Grad Kälte zu eigenen Betrachtungen über die„ Geringfügigkeit" dieser Strafe anregte. Dieser einfachen und sinnreichen Strafe, der man sich bereits durch das geringste Vergehen aussetzen konnte, folgte als 58 nächste der„Bock“, das Gerät, das für die Durchführung der im Lager üblichen Prügelstrafe zuständig war. Auf ihm er- hielt man 25 oder 50, in besonders schweren Fällen sogar 100 Stockhiebe auf das Gesäß, allerdings mit der einschrän- kenden Maßgabe, daß im Interesse der Gesundheit des Delin- quenten mehr als 25 Hiebe auf einmal nicht verabreicht werden durften. Die zweite, dritte oder vierte Ration folgte in Abständen von einer Woche, vorausgesetzt, daß der auf diese Weise Gemaßregelte nicht vorher kapitulierte und sich auf Grund der bereits erhaltenen Hiebe in ein besseres Jen- seits begab. Ich habe später die Folgen dieser Züchtigung an verschiedenen Häftlingen gesehen: schwere Verletzung der Gesäßmuskulatur und eiterndes, in Brand übergegangenes Fleisch. Auch dieser Strafe setzte man sich ohne sonderliche Anstrengung aus, Schlechter Bettenbau, ein schmutziges Handtuch im Spind, Besitz eines verbotenen Gegenstandes — oder Rauchen während der Arbeit— das konnten bereits die Anlässe sein zum Vollzug einer Strafe, von der man in den Schulbüchern las, daß Friedrich„der Große“ sie ab- geschafft hatte. Diese offenkundige Fehlleistung des Preußen- königs bereinigte Adolf Hitler durch die Wiedereinführung der Prügelstrafe in den staatlichen Konzentrationslagern, wo sie nach Lust und Laune von diensteifrigen Lagerführern verhängt— und an Menschen vollzogen werden konnte, die so außerhalb aller Gesetze standen, daß selbst ihre Beseiti- gung auf keinerlei Schwierigkeiten stieß, da der Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, solche Maßnahmen grundsätzlich billigte. Der dritte und schwerste Grad der Lagerstrafen, zugleich eine Erpressungsmethode mittelalterlichen Charakters, nannte sich der„Pfahl“, Ihr Erfinder dürfte ein Apachenhäuptling oder irgendein asiatischer Khan der grauen Vorzeit gewesen sein. Sven Hedin berichtet in einem seiner Tibet-Bücher über diese bei irgendeinem von den Segnungen der Kultur und Zivilisation noch nicht angekränkelten Volksstamm übliche Methode: Hochziehen des Delinquenten an den auf dem Rücken gefesselten Händen. Als der bekannte Forscher sich über diese Barbarei entrüstete, konnte er freilich nicht ahnen, daß einst im Reiche Adolf Hitlers, für das er so kräftig die Reklametrommel rührte, einmal genau die gleiche Me- thode an den wehrlosen Opfern einer mit uneingeschränkten Machtbefugnissen ausgestatteten Staatspolizei geübt werden würde. Er hätte sonst bei der Drucklegung seines Werks diese Stelle wohl unterdrückt.(Vielleicht war Herr Hedin sogar der— allerdings unbewußte— Inspirator dieser Einführung einer asiatischen Tortur in Mitteleuropa; bei der außerordent- lichen Wertschätzung, deren sich seine Bücher in den Kreisen der Männer um Hitler erfreuten, wäre das nicht weiter ver- wunderlich.) Zur Anwendung gelangte diese Methode in„Zweifelsfällen“ — also in jenen Fällen, die in den Zeiten einer milderen Rechtsprechung unter dem gütigen Motto in dubio pro reo standen, in den Tagen Adolf Hitlers aber die Wiedereinfüh- rung der Tortur notwendig machten. Die technische Ausführung war die: der von dem Unglück des Zweifelsfalls betroffene Häftling wurde an den mittels einer Kette auf dem Rücken gebundenen Händen an einem starken, etwa drei Meter hohen Eichenpfahl hochgezogen. Berührte der durch seine Eigenlast herabsinkende Körper mit den Fußspitzen den Erdboden, so wurde er nochmals emporgewunden. Die psychologische Wirkung dieser Proze- dur zu schildern ist unmöglich, selbst für den, der den Schmerz, den dieses gewaltsame Hochreißen der Arme ver- ursachte, auszustehen hatte. Mein armer Freund Hubert M. gehörte im Winter 1942 auf 43 einem Arbeitskommando an, gegen das der Vorwurf der Brandstiftung erhoben worden war. Es handelte sich dabei um den Brand der sogenannten „Unterkunftskammer“, die auf Grund fortgesetzter Schiebe- reien und Diebstähle von seiten der SS mit einer nicht mehr zu verschleiernden Unterbilanz arbeitete, so daß man den peinlichen Folgen einer drohenden Revision nur noch durch eine radikale Vernichtung der Kammerbestände ent- gehen zu können glaubte. Da auf diese Weise der Bestand unkontrollierbar wurde und alles schon vorher verschobene oder entwendete Gut auf das zu erstellende Abschreibungs- konto gesetzt werden konnte, brannte die Kammer in der 60 Er BEE PER ERIEBE EREETEREHRITEN Nacht vom 13. auf den 14. November 1943 programmäßig ab, und die Ehre der SS war gerettet. Natürlich mußten für den Brand Schuldige gefunden werden— und diese Schuldigen waren eben die in der Kammer beschäftigten Häftlinge. Da keiner die Schuld freiwillig auf sich nehmen wollte, entstand ein„Zweifelsfall“, und sämtliche Angehörigen des Häftlings- kommandos kamen an den Pfahl. Fünfzehn völlig unschul- digen Menschen wurden auf die oben geschilderte Art die Arme ausgerenkt, die Muskeln zerrissen und weitere, sich oft erst später einstellende Leiden zugefügt. Als ich Hubert M. nach diesem Vorgang aufsuchte, sah ich nur ein zuckendes Bündel, einen an Leib und Seele gebrochenen Menschen vor mir, einen leichenblassen, zerquälten Menschen, in dessen Augen alles Licht erloschen war und der mit weh und. wild über die Platte des Tisches geworfenen Armen von Konvul- sionen geschüttelt wurde. Das war der Pfahl! Das Golgatha des Schutzhäftlings; Aus- geburt einer Phantasie, die im normalen Leben nur Kolpor- tageromane erzeugt und die man einem Karl May gelegent- lich übelnahm. Aber in dieser Übertreibung des Schrecklichen lag der Garant des Unglaubwürdigen. Ein intelligenter SS- Mann sagte mir einmal im Hinblick auf diese Methoden: „Indem man die Maßnahmen ins Unglaubwürdige steigert, schafft man sich eine größere Sicherheit als durch Verord- nungen oder Verbote. Meiner Ansicht nach könnten die Häftlinge ruhig erzählen, was sie gesehen haben— es würde ihnen jedenfalls doch niemand glauben!“ Der Mann hatte vollkommen recht. Aber ich begriff damals auch, daß Goethe und Schopenhauer, Martin Luther und Bach, Erasmus und sämtliche Humanisten umsonst gelebt hatten. Es war eine bittere Erkenntnis. Ein plötzliches Versagen aller geistigen Hilfsmittel, die dem Leben eines Menschen Würde und Rückhalt verleihen. Ich glaubte nicht mehr daran, daß die Menschheit auch nur einen jener Pinselstriche wert war, mit denen Albrecht Alt- dorfer seine Alexanderschlacht gemalt hatte, nem a en een 29 62 War es eine sträfliche Überschätzung geistiger Werte, die uns im Laufe der Jahrhunderte so empfindlich gemacht hatte? Lag uns der Totschlag näher als die vox humana der Kultur? Etwas war von Stunde an zerbrochen in mir; etwas sehr Schönes! Etwas, wovon ich einmal geglaubt hatte, seine Existenz allein würde genügen, um den Unwert ideenlosen Seins in einen Zustand berechtigten Glücks zu verwandeln. Aber was Hamlet nicht überwand wie sollte ich es überwinden! - die te? ur? IX ehr ine sen eln. erBlock 23, Klinkerwerk und Kayser- Kommando Die Zustände und das Leben auf den Blocks, die nun unsere Heimstätten wurden, ließen mir keine Zeit zu spekulativen Gedanken. Ein buntes Gemisch von Angehörigen fast aller europäischen Nationen, die Turbulenz ihrer Bewegungen und die Notwendigkeit der Wahrung des eigenen Existenzrechts beeinträchtigten jede persönliche Regung. Wir aßen, wir tranken, wir schliefen, recht viel mehr konnten wir nicht tun; es war das Notwendigste, aber auch das Wichtigste. Wir aßen Kartoffelsuppe und Schwarzbrot, wir tranken eine bittere schwarze Brühe, die man Kaffee nannte, wir schliefen in unseren schmalen Eisenbetten den schweren bleiernen Schlaf der Entrechteten. In den arbeitsfreien Stunden waren nur wenige im Tag spielten wir wohl auch einmal Schach oder lasen in alten abgegriffenen Bänden illustrierter Zeitschriften; als„ Zugänge" hatten wir keinen Anspruch auf die Benutzung der Lagerbücherei erst nach Ablauf eines Jahres konnte man damit rechnen, ein Buch zu erhalten. Als Zugang hatte man überhaupt keine Rechte, dafür um so mehr Pflichten, wobei man fortgesetzt zu allerlei Nebenarbeiten, wie Flur- und Klosettreinigen, Fensterputzen und Strohsackstopfen, herangezogen wurde. - es Der Vorstand des Blocks, der Blockälteste, überwachte jeden unserer Schritte, immer geneigt, uns zu tadeln oder uns fühlen zu lassen, daß wir noch lange nicht zu den„ ,, Arrivierten" gehörten. Gleichviel welche Rolle man draußen im freien Leben gespielt hatte, ob man Generaldirektor war und eine Armee von Angestellten befehligte, oder Universitätsprofessor, gewohnt über gewisse Dinge des Lebens eine eigene Ansicht zu haben hier galt man nichts, war ein Stein unter Steinen und verstieß gegen den Gemeinschaftsgeist oder die Blockordnung, falls man sich einmal dazu hinreißen lassen 63 sollte, die alleingültige Meinung des Blockältesten oder seines Stellvertreters anzuzweifeln. Auf dem Block 23, dem ich nach Verlassen des Zugangsblocks angehörte, residierte als Stubenältester des B- Flügels ein Individuum namens Arno Musch, der für Häftlinge, die keine Zuchthausstrafe aufzuweisen hatten, kein oder nur wenig Verständnis aufbrachte. Er haßte überdies alle„ Intelligenzler", da es ihm selbst an der mindesten Intelligenz gebrach, und betrachtete es als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn er diesen Vertretern einer ihm unsympathischen Kaste seine Überlegenheit und Macht zeigen konnte. Er war ich bedaure, das sagen zu müssen um kein Haar besser als irgendein SS- Angehöriger, denn auch er hielt den Totschlag für das geeignetste Erziehungsmittel. Er verdächtigte Menschen; die ihm nicht paßten, des Diebstahls und schlug sie mit einem Gummiknüppel oder einem Stuhlbein tot. Er konnte sich das leisten, denn es war niemand da, der es ihm verboten hätte. Er hatte das Gesicht eines Teufels und frönte der Unzucht mit jungen Polen, die er sich mit Marmelade und Zigaretten, die er der Allgemeinheit stahl, dienstbar und hörig machte. - - Mich haẞte er ganz besonders, schon meiner Brille wegen, die mich vor seinen Augen auch nach außen hin als„ Intelligenzler" legitimierte und ihm gegenüber versagte mein ,, hypnotischer Blick". Er behandelte mich wie einen Hund, riẞ mich noch spät am Abend aus dem ersten Schlaf, unter dem Vorwand, ich hätte mir die Füße nicht gewaschen, er stellte mich eine halbe Stunde lang unter die eiskalte Brause und hämmerte mir seine Faust ins Gesicht. Er schickte mich auf das schwerste Arbeitskommando, das es damals im Lager gabin das Klinkerwerk Oranienburg wohl hoffend, daß man mich von dort eines Tages als Leiche in das Lager schleppen würde, wie so viele andere. Er war eine vollkommene Bestie und zitterte nur, wenn nachts plötzlich die Alarmsirenen aufheulten und ein Strom britischer Bomber mit donnernden Motoren das Lager überflog. Dann kroch er aus seinem Bett und starrte durch das Fenster in den von hundert Lichtbündeln durchfurchten Himmel. Bei jedem - 64 Abschuß der Flak zuckte er zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Vielleicht betete er sogar. Aber Gott stand mir näher als ihm. Eines Tages entdeckte der Blockälteste eine Reihe von Unterschleifen und Ver- fehlungen, deren sich Arno Musch schuldig gemacht hatte, und enthob ihn seines Postens. Ich war gerettet, denn er hatte geschworen, mich zu vernichten, und er hielt seine Schwüre. Aber er war zu dumm, um zu begreifen, daß er damit sich eines Tages selber vernichten mußte, denn es ist niemals ein Zufall, sondern immer die Funktion einer höheren Gesetz- mäßigkeit, daß Menschen, die den Abstand zwischen sich und ihren Mitmenschen zur unüberbrückbaren Kluft erweitern, ihre Sicherheit verlieren und selbst in den Abgrund stürzen. Arno Musch mußte den Block verlassen. Er machte sich noch eine Weile als Vorarbeiter unbeliebt, dann wurde er schließ- lich„verschickt“ in ein anderes Lager. Sein Nachfolger ließ mich’ in Ruhe, Ich konnte also unbe- helligt meiner Arbeit nachgehen. Sie war schwer genug. Sie begann morgens um 5 Uhr mit dem Ausmarsch nach dem etwa 2km entfernten.Klinkerwerk, einer von der SS, das heißt von den Sklaven der SS, erbauten Großziegelei in der Lehnitz- schleuse am Hohenzollernkanal. Viertausend Häftlinge be- wegten sich in langen Marschkolonnen Morgen für Morgen und bei jeglichem Wetter aus dem Lager zur Arbeitsstätte. Was für eine Arbeitsstätte! Eine riesige Glashalle in einem weiten sandigen Gelände, In ihr sollten die Ziegel gebrannt werden, die die SS für ihre zahlreichen Bauten benötigte. Zu meiner Zeit war das Werk jedoch noch nicht voll produktionsfähig. Es mußte erst umge- baut werden, da sich nach den ersten Brennversuchen heraus- gestellt hatte, daß es auf Grund von Konstruktionsfehlern keinen brauchbaren Stein herstellen konnte.- Hunderten von Häftlingen kostete dieser Umbau das Leben. Mit den primitivsten Mitteln wurden die meterstarken Beton- fundamente herausgestemmt, wurden die schweren kantigen Brocken in das Freie geschleppt, wo eine Armee von Juden sie zu einem haushohen Berg aufschichten mußte, Hier zitterte und dröhnte alles von Arbeit. Hier wurden die Nadıt 5: 65 alten Brennöfen in Windeseile abgerissen, dort wurden mächtige Maschinenkörper ohne Kran und Winden von Häftlingen aus den Lagern gehoben. Wie ein graues, vielbeiniges Ungeheuer bewegte sich so ein Maschinenleib durch die mit Gerüsten und Bretterstapeln verbaute Halle. Rauch, Staub und beizender Qualm verpesteten die Luft, ein ohrenbetäubender Lärm von schlagenden Hämmern, kreischenden Ketten und Rädern, klirrenden Metallteilen und den schrillen Trillerpfeifen der Vorarbeiter und Werkmeister herrschte von morgens bis abends. Wasser quoll in gurgelnden Strömen aus der Erde und versickerte in breiten schlammigen Rinnsalen zwischen den Geleisen, auf denen hoch mit Sand und Baumaterialien gefüllte Loren, von schweißtriefenden Häftlingen geschoben, durch das Gelände rollten. Alles vollzog sich im Laufschritt, alles mußte rennen, mit Last und ohne Last. Dort zogen Juden eine viele Tonnen schwere Walze über die abgebaute Tontrasse; einem lebenden Fließband gleich stürzten sich 800 tschechische Studenten über hölzerne Laufbrücken in den Bauch einer Zille und entrissen ihm den in Papiersäcken verpackten Zement. Das grauweiße ätzende Pulver rieselte über die schweißnassen Körper, fraß sich in die Haut, in die Lungen neue Lastkähne schwammen heran und fauchten ihren Rauch und Ruß in den Knäuel arbeitender Menschen. Scharführer tobten und schlugen mit dicken Holzprügeln auf die ihnen nicht schnell genug laufenden Häftlinge ein. Menschen brachen zusammen unter der Last eiserner Träger, wurden wieder hochgerissen und schleppten ächzend weiter, die Sklaven der Pharaonen errichteten einst die Pyramiden unter weitaus günstigeren Bedingungen, als die Sklaven Adolf Mich hatte das Hitlers das Großziegelwerk Oranienburg. Schicksal an einen der wenigen noch in Betrieb befindlichen Öfen gestellt, wo wir die aus dem Vortrockner kommenden Steine über holprige Geleise in das Innere des Höllenschlunds schieben mußten. Wenigstens zehnmal am Tag geschah es, daß die im Feuer stehende Lore nicht mehr auf normale Weise aus dem Ofen gezogen werden konnte, der Stein hatte sich verbacken, war verglast und bildete eine formlose Masse, die den Lauf des Karrens behinderte. Wir mußten also in den - 66 0a o ’ glutheißen Schacht hineinkriechen bis vor die Feuerstelle und mit eisernen Brechstangen den aufgequollenen Stein von den Wänden lösen. Bald waren meine Hände und mein Gesicht voller Brandwunden, der Atem ging schwer, strahlende Hitze machte jede Bewegung zur Qual. Aus dem Gluthauch des Ofens ging es dann wieder hinaus in die eiskalte Zugluft der Halle. Es ist mir rätselhaft, wie es möglich sein konnte, daß ich damals nicht schon an Lungenentzündung zugrunde ging. Um die Mittagsstunde trillerten die Pfeifen der Vorarbeiter, im Laufschritt bewegten sich die einzelnen Kolonnen zum großen Antreteplatz vor dem Werk, wo in Hunderten von Kübeln die Kartoffel- oder Kohlrübensuppe bereitstand. Im Stehen wurde gegessen, bei strömendem Regen oder brodeln- der Hitze, bei Schnee und bei Frost. Eine halbe Stunde dauerte diese„Erholung“, dann ging es wieder an die Arbeit, von der uns erst der hereinbrechende Abend erlöste. Gegen sechs Uhr erfolgte nach einem lang- wierigen Zählappell der Rückmarsch ins Lager. Monatelang mußten wir bei diesem Rückmarsch noch riesige Betonbrocken mit ins Lager schleppen, die dort zur Befestigung des Appell- platzes benötigt wurden, Wer einen Tag in diesem Klinkerwerk verbrachte, mußte— bei etwas genauerer Betrachtung der Arbeitsverhältnisse— zu dem Ergebnis kommen, daß hier ein beispielloser Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft getrieben wurde, der sich unmöglich zugunsten der Arbeitsleistung auswirken konnte. In jedem normalen Arbeitsverhältnis würde man eine solche Methode als unsinnig ansehen und darum keinesfalls zur An- wendung bringen. Selbst ein ins Riesenhafte übersteigerter Wirtschaftsimperialismus würde— in seinem eigensten Inter- esse— die Leistung seiner Sklaven nicht grundsätzlich mit Vernichtung belohnen. Im Lager, wo die Notwendigkeit, Ar- beit zu fordern, in einem korrelativen Verhältnis zur Wahrung eines machtpolitischen Sicherheitsprinzips stand, diente diese Methode jedoch zur bestmöglichen Lösung des Häftlingspro- blems schlechthin. Die Arbeiter des Konzentrationslagers waren eben nicht ausschließlich Arbeiter, sondern in erster Linie— in den Augen der Regierung— Verbrecher. Diese 5° 67 sofort zu beseitigen, wäre wirtschaftlich nicht von Vorteil gewesen. Nichts lag also näher, als sie arbeiten und an dieser Arbeit zugrunde gehen zu lassen. Eine weise und praktische Lösung! Der Zynismus, der in dieser Methode steckte, wurde von den Häftlingen klar erkannt, Er fand seinen Ausdruck in dem doppelsinnigen Spruch ARBEIT MACHT FREI, der im Gittertor des Turmes A täglich Tausenden von müden, unterernährten und todkranken Arbeitstieren eine baldige und dauernde Erlösung versprach. Man möchte meinen, daß die Schwere der hier herrschenden Arbeitsbedingungen an sich schon vollauf genügt hätte, die Absichten der SS zu erfüllen, denn mehr, als den Menschen an seiner eigenen Arbeit umkommen zu lassen, konnte man doch kaum verlangen, Dennoch gab es innerhalb dieser Hölle noch eine Separathölle, die ,, Strafkolonne", die von einem Vorarbeiter namens Felix, einer Bestie sondergleichen, kommandiert wurde und die keinen anderen Zweck hatte, als Häftlinge, denen von der Gestapo eine besondere ,, Empfehlung" mit in das Lager gegeben worden war, verschwinden zu lassen. Hier wurden namentlich Juden ,, fertig gemacht", wie das im Lagerjargon lautete. An einer der schwierigsten Geländestellen des Klinkerwerks, in einem zähen Moor, das erbarmungslos jeden verschluckte, der hineingeriet, wurden diese Todgeweihten mit Drainagearbeiten beschäftigt, und weil zwar so lange beschäftigt, bis sie entweder freiwillig von dem Prügel ihres Vorarbeiters um den Verstand gebracht · oder durch einen Fehltritt in das Verderben stürzten. Unvorstellbar ist die Qual, der diese Menschen tagtäglich ausgesetzt waren. Im Laufschritt mit schwer beladenen eisernen Schiebekarren, deren schmales Rad sich bis zur Nabe in den Morast eingrub, schufteten sich diese Unglücklichen in kürzester Frist zu Tode. Da es ihnen unmöglich war, die an sie gestellten Forderungen zu erfüllen, da diese einfach das Maß des Menschenmöglichen überstiegen, schlug der Vorarbeiter Felix mit beispielloser Brutalität auf sie ein, oft unterstützt von einem nicht minder grausamen Scharführer, bis sie zusammenbrachen, in eine Moorlache torkelten und erstickten. - 68 - Ich habe die Leichen dieser Menschen, die man gegen Abend aus dem Moor zog und auf einen mit ins Lager rollenden Kar- ren schmiß, oft genug gesehen. Es verging kein Tag, an dem nicht wenigstens fünf bis sechs Häftlinge auf diese Weise ums Leben gebracht wurden. Der Vorarbeiter Felix hatte seine . genauen Weisungen hinsichtlich der Zahl der zu tötenden Menschen— und er befolgte sie treu, Er wurde dabei dick wie ein Faß, denn er stand im Genuß von soundso vielen Sonder- portionen, die ihm für seine Henkerarbeit bewilligt worden waren. Länger als ein Jahr— äußerstenfalls— hielt es der Mensch in diesem Klinkerwerk nicht aus. Ich werde in einem der folgenden Kapitel ausführlich über den durch die Entwicklung der Zeitgeschehnisse bedingten Wandel in den Arbeitsverhält- nissen des Konzentrationslagers berichten und damit die Er- klärung geben für die Tatsache, daß eine große Zahl von Häft- lingen schließlich doch nicht an ihrer Arbeit zugrunde gehen mußte. In den Jahren 1940 und 41, den ersten meiner Haft— und wie erwiesen auch schon vorher—, lagen die Dinge jedoch noch so, daß nur durch einen Wechsel des Arbeitsplatzes die Gefahr gebannt werden konnte, zu erliegen. Da ich nach vier Monaten Arbeit im Klinkerwerk sozusagen „an der Kippe“ stand, also jenen Zustand erreicht hatte, der . dem Menschen nur noch die Möglichkeit läßt, sich entweder zu wehren oder zu sterben, entschloß ich mich eines Tages, mich nicht willenlos treiben zu lassen, sondern mein Schick- sal selber in die Hand zu nehmen. Der Anlaß war seltsam genug, An einem Sonntagvormittag— an diesem Tage wurde nicht gearbeitet— erhielten ich und einige andere„Zugänge“ den Auftrag, eine Leiche aus der Garage, wo sie aufgebahrt lag, in die Leichenkammer des Krankenbaus zu tragen. Niemand hatte das Recht, sich einem Auftrag zu entziehen, und so ungern ich auch mit Leichen zu tun hatte, ich mußte dem Be- fehl— er kam vom Blockältesten— Folge leisten. Wir gingen also vier Mann hoch nach der Garage, die damals als Leichen- schauhaus diente, nahmen die Leiche aus dem Paradesarg, In den man sie den Angehörigen des Toten zuliebe gelegt hatte, 69 betteten sie in die berühmte ,, schwarze Kiste" und trugen diese durch das Tor über den Appellplatz nach der Leichenkammer des Reviers. Diese Leichenkammer befand sich zu jener Zeit in einer an die Tbc- Abteilung des Krankenbaus grenzenden Baracke. In ihr waren Hunderte von Särgen aufgestapelt, die alle auf den Abtransport in das Lager- Krematorium warteten. Da der Anfall an Leichen größer war als das Leistungsvermögen des Krematoriums, waren viele Leichen schon acht und zehn Tage alt. Der Geruch, der in diesem Raume herrschte, läßt sich schwer schildern. Außerdem trieben Tausende von Fliegen ihr munteres Wesen. Gleich hinter dem Eingang dieser trostlosen Baracke befand sich ein etwa zwei Quadratmeter großer freier Raum, in dem sich ein Tisch, zwei Stühle und ein eisernes dreibeiniges Waschlavoir befanden. Die Wände dieser Kabause wurden an zwei Seiten von übereinandergestapelten Särgen gebildet, und an einer dieser schauerlichen Kisten hing mit Reißzwecken befestigt, gleichsam als Wandschmuck, der Öldruck eines nackten rosigen Frauenzimmers auf einem von Rosen und Lilien umwucherten Sofa. In diesem Raume hauste der Vorarbeiter des Kommandos ,, Leichenträger"; hier trank er seinen Kaffee, rauchte er seine Zigaretten und rasierte er sich an jenem Sonntagmorgen gerade. Er hatte seine liebe Not mit den vielen zudringlichen Fliegen, die sein schaumbedecktes' Antlitz umsummten, aber er wurde schließlich doch fertig mit ihnen und führte sein Verschönerungswerk mit viel Sorgfalt zu Ende. - es war ein Berufsverbrecher - Diesem Mann verdankte ich viel. Er bewies mir durch sein unbekümmertes Verhalten, daß ihn weder Tod noch Teufel daran hindern konnten, sich um die Pflege seines Äußeren zu kümmern. Ich beschloẞ, es ihm gleichzutun und Schritte zu meiner Rettung zu unternehmen. Ich tat diese Schritte sofort. Ich hatte gehört, daß auf Block 35 ein bayrischer Vorarbeiter wohnte, der das sogenannte„ Kayser- Kommando" führte, eine Arbeitsgruppe, die im Hüttenwerk der Firma KayserOranienburg mit dem Sortieren von Metallgegenständen 70 70 sen zu aus uf- N beschäftigt war und sich gewisser wirtschaftlicher Vorteile erfreute. Dieses Kayser-Kommando bekam seine Mittags- kost von der Firma geliefert, ohne deswegen das Recht auf die allgemeine Lagerkost zu verlieren. Wer also hier arbeitete, konnte— da er außerdem noch eine dicke Scheibe Brot extra bekam— so leicht nicht verhungern.| Wiewohl der Andrang zu diesem Kommando groß war, suchte Bil ich noch am gleichen Tag meinen Landsmann auf und lernte I in ihm einen derben, urwüchsigen Bayern kennen, einen il jener abgebrühten Burschen, die mit einer Zähigkeit ohne- A) gleichen jeder nur erdenklichen Anstrengung Trotz bieten können, ohne dabei aus dem inneren und äußeren Gleich- gewicht zu kommen. Ich gefiel ihm glücklicherweise und stieß auf keinerlei Schwierigkeiten, als ich ihn bat, mich in| sein Kommando aufzunehmen. Anstandslos bekam ich meinen|} HN | „Zettel“, eine Bescheinigung, die mein Recht auf Arbeit bei 1 diesem Kommando dem„Arbeitsdienst“ gegenüber beglau- I) bigte, und trat schon am folgenden Morgen bei der neuen| Gruppe an. Mein Glück kannte keine Grenzen! Ich wurde IN bewundert und stieg in den Augen meiner Blockgenossen. IN Wer beim Kayser-Kommando arbeitete, wurde nicht mehr als| „Zugang“ angesehen— und das war für mich eine Errun-| genschaft von weittragender Bedeutung. Schon der erste i ı Arbeitstag bei der neuen Firma ließ sich ganz ausgezeichnet II an und bewies mir, daß ich keinen Mißgriff getan hatte. Das aus einer Feldküche verabreichte Mittagessen war um vieles besser als das im Lager, die Arbeit erschien mir im Gegen-| satz zu der im Ziegelwerk kinderleicht und obendrein unter-| haltsam, und als ich am Abend dieses Tages die Mittagskost IN des Lagers nachempfing, war ich zum erstenmal nach langer Zeit wieder satt und den Umständen entsprechend zufrieden, N Jener Vorarbeiter, mit dem Vornamen Sepp, war zwar in| seiner zivilen Sphäre nicht mehr als ein Zuhälter, aber er j besaß Gemüt und Verständnis für die Sorgen eines Lands-| mannes, so daß ich mich ihm heute noch zu Dank verpflichtet| fühle.| Meine Arbeit bei diesem Kommando bestand im Sortieren von tausenderlei Metallgegenständen, die damals anläßlich einer großen Sammelaktion im Kreise Niederbarnim zu- sammengekommen waren, Gegenstände, unter denen sich manchmal recht interessante und kulturgeschichtlich wert- volle Stücke befanden, Hier ließ sich zu jedem Gerät eine kleine Geschichte erfinden, die Phantasie wurde liebreich befruchtet und das Denkbedürfnis des Menschen, das uns oft über die schwierigsten Situationen hinweghilft, fand reich- liche Nahrung. Man konnte hier Glockeninschriften entziffern und aus alten, längst aus dem Gebrauch gekommenen Wirt- schaftsgeräten auf die Lebensgewohnheiten vergangener, vielleicht glücklicherer Generationen schließen. Hier gab es alte Mörser und Bügeleisen, kupferne Backformen und Kin- derspielzeug, altertümliche Tafelaufsätze, Urväter-Hausrat und Musikinstrumente, Plastiken von ehemaligen Staatsober- häuptern, Kirchengerät und ganze Badewannen voll Weck- uhren. Da funktionierte noch ein mechanisches Spielwerk aus Großmutters Tagen und klimperte, wenn man es aufzog, die Ouvertüre zu„Lucia von Lammermoor“, während uns ein altes verbeultes Mikroskop die Wunder der Kleinwelt auf dem Industriegelände des Hüttenwerkes erschloß. An Regen- tagen setzten wir uns riesige Grammophontrichter auf den Kopf oder hängten uns in Ermangelung von Mänteln irgend- welche Blechbehälter um, daß wir aussahen wie von Hieronymus Bosch gezeichnete Fabelwesen. Wir zerlegten Maschinenmodelle in ihre Bestandteile und lernten die vielen Metalle nebst ihren Legierungen kennen. Es war ein ebenso lustiges wie nahrhaftes Kommando, es wurde nicht geprügelt und getrieben— kurz, ich hatte bald wieder aufgeholt, was ich im Klinkerwerk an Gewicht und Gesundheit einge- büßt hatte. Ä Gerne wäre ich hier möglichst lange geblieben, aber mein Instinkt riet mir, mich für den Winter um etwas anderes umzusehen, eine Arbeit unter Dach in Nähe eines wärmenden Ofens, denn ein Lagerwinter war eine ernste und gefähr- liche Sache, an der viele zugrunde gingen, die sich allzusehr auf den Zufall verließen und keine Sorge trugen, sich in Sicherheit zu bringen vor diesem grausamen Hilfsmittel der SS— der Kälte. Die fortüur des kollekiiven Strafstehens Eine Arbeit außerhalb des Lagers war, wenn es sich nicht gerade um das Klinkerwerk handelte, einer Arbeit innerhalb der Mauer aus verschiedenen triftigen Gründen vorzuziehen, Niemand hielt sich gerne tagsüber im Lagerbereich auf. Man lief zu häufig Gefahr, mit inspizierenden Scharführern zusammenzustoßen. Man mußte jede Strecke im Laufschritt zurücklegen. Man konnte aus den belanglosesten Gründen an das Tor gestellt werden und war dann hier den Roheiten der aus und ein gehenden SS-Leute ausgesetzt. Jeder Häft- ling war froh, wenn er morgens nach dem Zählappell das große Lagertor passiert hatte und sich auf dem Weg zu einer möglichst weit weg gelegenen Arbeitsstätte befand. Nicht immer hatten wir das Glück, gleich nach dem Appell zur Arbeit entlassen zu werden, denn es ging nicht immer alles so glatt, wie wir es wünschten. Der ‚Appell dauerte oft quälend lange, was fast immer ein besorgniserregendes An- zeichen dafür war, daß irgend etwas nicht stimmte. Und es stimmte sehr häufig etwas nicht, Am 21. Oktober 1940 war, zum Beispiel, ein Pole„stiften gegangen“, das heißt, er war ausgerissen und ich erlebte zum erstenmal das sogenannte „Stehen des gesamten Lagers“ bis zur Wiederergreifung des Geflüchteten. Es war dies eine jener merkwürdigen Kollektivstrafen, mit denen man oft Tausende für die Tat eines einzelnen verant- wortlich machte. Zwölftausend Menschen-- soviel waren wir seit dem 18, April geworden— standen an jenem Tag von morgens 5 Uhr bis nachts 11 Uhr, also insgesamt 18 Stunden, in Fünfer- reihen ausgerichtet, auf dem Appellplatz und warteten. Ohne die Möglichkeit auszutreten, ohne Essen und Trinken, ja, 73 ohne die Möglichkeit der uns sonst bei der Arbeit erwärmenden Bewegung, warteten wir Stunde um Stunde auf die erlösende Mitteilung, daß der Geflüchtete wieder ergriffen worden sei. Achtzehn Stunden dauerte das an jenem Tag. Wir standen, sahen die Sonne heraufkommen, sahen es Mittag werden, standen im kalten Rieselregen des herbstlichen Tags bis in die Kühle und Kälte der Nacht hinein und wären vermutlich bis zum nächsten Morgen stehengeblieben, wenn nicht die Royal Air Force der Briten ein Einsehen gehabt hätte. Mit dem Luftalarm, der gegen 11 Uhr begann, wurde auch das Signal zur Beendigung dieser Marter gegeben. - Es ist nicht jedermanns Sache, so lange auf ein und demselben Platz zu stehen. Es gibt Menschen mit Beinleiden oder anderen Gebrechen, außerdem Kranke und Schwache. Man kann sich vorstellen, welche Wirkung diese achtzehnstündige Steherei auf sie ausübte. Hunderte kippten das heißt sie fielen um und mußten in den Krankenbau geschafft werden. Das schlimmste aber war, daß wir am anderen Tage wieder in die völlig durchnäßten Hemden und Kleider schlüpfen mußten. denn wir hatten keine zweite Garnitur, und eine Gelegenheit zum Trocknen war nicht vorhanden, da die Erlaubnis, die Baracken zu heizen, erst Mitte November erteilt wurde. Wie sich eine solche Maßnahme aber im Winter auswirkte, erhellt die Tatsache, daß am 19. Januar 1940 gelegentlich eines zehnstündigen Strafstehens nicht weniger als 430 Häftlinge erfroren. Wir standen später noch öfters viele Stunden, denn Ausbrüche kamen immer wieder vor; fast immer waren es Berufsverbrecher, die uns durch ihre Flucht in diese Lage brachten. Der Freiheitsdrang zerbrach alle Fesseln der Vernunft, denn die Aussichten auf ein Gelingen der Flucht waren gering. Sie waren es schon deshalb, weil wir mitten im Kriege lebten und weil eine Beschaffung von Unterhaltsmitteln ohne den Bezug von Lebensmittelkarten so gut wie unmöglich war. Die meisten Ausbrecher mußten früher oder 74 2 EEE! were TEE EEE I Ge RERGE später durch Raub oder Einbruch versuchen, sich die notwendigsten Existenzmittel zu beschaffen, bei welcher Gelegenheit sie fast immer ergriffen— und in das Lager zurückgebracht wurden. Ihre Bestrafung folgte auf dem Fuß. Bei solchen Anlässen bot die Lagerführung allen Scharfsinn auf, um den Wiederergriffenen einen würdigen und lager- gerechten Empfang zu bereiten. Fünfzehn bis zwanzig jüdische Häftlinge wurden gezwungen, ein großes Trans- parent zu tragen, auf dem in Riesenlettern zu lesen stand: „Hurra! Hurra! Hurra! Ich bin schon wieder da!“ Das gesamte Lager mußte wie zu einer Parade antreten, um Zeuge des erhabenen Schauspiels zu werden. Der Wiederergriffene bekam eine schreiend bunte Narren- kappe auf den Kopf gesetzt, eine große Militärtrommel umgehängt und mußte damit an den auf dem Appellplatz angetretenen Blocks vorbeidefilieren. Unter der fortwähren- den“ Wiederholung des obigen Spruchs und unablässigem Rühren der Trommel wurde er von einem SS-Mann durch die Reihen seiner Mithäftlinge geführt, während die grotesk aufgeputzten Juden das Transparent hinter ihm her trugen. Die vollzählig versammelten Angehörigen der Lager-SS mit sämtlichen Lagerführern an der Spitze hatten ihre helle Freude an diesem Aufzug. Der Bock stand inmitten des Platzes und war mit Papier- blumen geschmückt. Auf ihm festgeschnallt erhielt der Aus- reißer seine 25 oder 50 Peitschenhiebe, und zwar in einem solchen Falle ohne Berücksichtigung seines Gesundheits- zustandes. Mit lauter Stimme mußte er die Hiebe selbst ab- zählen. Keiner zählte länger als bis zwanzig. Dann ging das Zählen in ein gutturales Schreien, Lallen, Heulen und Brüllen über. Dann hörte auch dieses auf und man vernahm nur noch den zischenden Laut der auf den ohnmächtigen Körper niedersausenden Peitsche, In zahlreichen Fällen blieb dem Wiederergriffenen diese höllische Komödie allerdings erspart. Er wurde, falls er sich 75 [Ill | | | || | | | | in den Stunden oder Tagen seiner Freiheit an„ fremdem Volksgut" vergriffen, beispielsweise ein Stück Brot oder ein Fahrrad gestohlen hatte, auf Anordnung des Reichsführers der SS und Chefs der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, sofort aufgehängt. Die Exekution fand auf dem Appellplatz vor dem versammelten Lager statt. Der Galgen wurde aufgerichtet an der Stelle, an der in den Adventstagen eines jeden Jahres der Weihnachtsbaum stand. Das war natürlich kein Zufall, sondern eine wohlerwogene Absicht der Lagerführung, die ja auch in zahlreichen anderen Fällen ihren zynischen Protest gegen christliche Sitten und kirchliche Gebräuche nach Kräften kundtat. So erinnere ich mich, daß im Jahre 1942 die Hinrichtung dreier Häftlinge ausgerechnet in den Morgenstunden des Ostersonntages stattfand. Einmal riẞ bei einer solchen Gelegenheit der Strick, und der Delinquent fiel zu Boden. Was in jenen Zeitläufen, die man gemeinhin als das ,, finstere Mittelalter" zu bezeichnen pflegt, als ein Einspruch von oben angesehen worden wäre und zu einer Begnadigung des Verurteilten geführt hätte, bot in unserem Jahrhundert dem stellvertretenden Lagerführer Wegener die Gelegenheit, sich als guter Pistolenschütze zu erweisen. Er jagte dem noch lebenden Opfer Himmlerscher Gerechtigkeit eine Kugel in den Kopf. - Während in den ersten Jahren meines Lageraufenthaltes als Hinrichtungsgrund stets das oben behandelte Delikt maẞgeblich war, handelte es sich in späteren Fällen in den Zeiten des ,, totalen Arbeitseinsatzes"- meist um ,, Sabotageakte", deren man die Häftlinge beschuldigte. Eines solchen Vergehens wegen wurde im Sommer 44 ein junger, intelligenter und charakterlich einwandfreier Holländer aufgehängt. Sein Verschulden bestand darin, daß ihm, der an einer Stanzmaschine beschäftigt war, eine Metallmatrize unter den Stanzkolben rutschte, was zur Folge hatte, daß der Kolben beschädigt und durch die Auswechselung des Kolbens eine Arbeitsunterbrechung von der Dauer einer 76 halben Stunde notwendig wurde. Was in jedem freien Betrieb und jedem an einer solchen Maschine tätigen Arbeiter ohne die mindeste Absicht einer Sabotage auch passieren konnte, gereichte in diesem Fall einem völlig schuldlosen Menschen zum Verhängnis. Er wurde im Auftrag des Reichsführers der SS als Saboteur gehängt und erfuhr davon erst, als er bereits unter dem Galgen stand. Ein anderer Häftling, der sich aus einer ledernen Sattel- tasche ein Paar Schuhsohlen geschnitten hatte, mußte nach vorherigem Empfang von 50 Stockhieben das gleiche Schick- sal erleiden. XI Hat der ,, Führer" das gewollt? - - Wiewohl alle bis jetzt geschilderten Exzesse noch keineswegs als Höchstleistungen menschlicher Einfallskraft anzusehen sind, da sie gewissermaßen zu den" normalen" Korrektionsmethoden innerhalb des Konzentrationslagers gehörten, möchte ich doch jetzt schon auf eine Frage eingehen, die gelegentlich meiner Vorträge über das KZ des öfteren an mich gerichtet wurde: ob ich der Meinung sei, daß die geschilderten Methoden auf ,, Befehl von oben" durchgeführt wurden, oder ob es sich dabei vielleicht nur um im Grunde unerwünschte, ja möglicherweise unerlaubte Übergriffe einzelner, besonders grausam und sadistisch veranlagter Unterorgane gehandelt habe, Denn so wendete man meist ein es läge dem Deutschen im großen und ganzen doch nicht, andere und namentlich wehrlose Menschen zu quälen; im Gegenteil, gerade in der Gefangenenfürsorge habe doch Deutschland lange Zeit Mustergültiges geleistet. Es sei also gar nicht recht einzusehen, weshalb im nationalsozialistischen Staat der Charakter des Deutschen plötzlich eine so beklagenswerte Wandlung hätte erfahren sollen. Auf diesen Einwand, der die sattsam bekannte Annahme der holden Ahnungslosigkeit des einst so geliebten Führers in sich schließt, erlaube ich mir folgendes zu bemerken: Zunächst erachte ich es für falsch, den Deutschen grundsätzlich als den Menschen zu bezeichnen, der keine Neigung zur Quälerei besitzt. Neigung zur Quälerei ist nichts Außergewöhnliches, sie ist sehr vielen Menschen gleichviel welcher Nation sie angehören eigen und es kann immer nur im System einer so oder so gearteten Erziehung liegen, ob diese Neigung latent bleibt oder nicht. Schon in Zeiten, da die überpersönlichen Gesetze des römischen Rechts es dem einzelnen noch verboten, seinen diesbezüglichen Gelüsten freien Lauf zu lassen, hörten wir gelegentlich immer wieder - - 78 von Gefangenen- oder Zöglingsmißhandlungen, die bald da, bald dort die Gerichte beschäftigten(ungeachtet der Fälle, die aus Gründen einer bis ins Innerste faulen Gesellschafts- oder Klassenmoral vertuscht wurden und darum niemals Gegenstand öffentlicher Debatten werden konnten). Daß in sehr vielen und meist sehr subalternen Deutschen eine starke Neigung zu tyrannischen Äußerungen steckt, bedarf wohl keiner besonderen Betonung. Nirgend in der ganzen Welt erregte der Hüter der öffentlichen Ordnung, der„Schutzmann“, soviel Schrecken wie in Deutschland. Das mag sich in den Zeiten der Demokratie geändert haben, aber noch in der Wilhelminischen Ära galt die Pickelhaube des preußischen Schutzmannes keineswegs als das Symbol obrig- keitlicher Hilfsbereitschaft. Hinter jedem Postschalter, wie überhaupt hinter jedem Schalter, mit denen der„Staat“ seinen Machtbezirk vom Tummelplatz öffentlicher Ansprüche abzugrenzen pflegt, saß bis vor'noch nicht allzulanger Zeit ein uniformierter oder auch nicht uniformierter Tyrann, das heißt ein Mann, der das durch nichts bewiesene Recht für sich in Anspruch nahm, die Menschen, um deretwillen er eigentlich da war und denen er demzufolge eigentlich hätte dankbar sein müssen, anzu- bellen oder in irgendeiner Weise zu schikanieren. Gerade darin war der deutsche Schalterbeamte eine Weltberühmtheit. Seit Friedrich Wilhelm I. und dem„Krückstock“ seines be- rühmten Sohnes galt in Preußen-Deutschland die Uniform als das Sinnbild einer Macht, gegen die es von seiten der „Untertanen“ keinen Widerspruch gab und an der alle zivilen Ansprüche und Meinungen zerschellen mußten. Die berühmte„Staatsräson“, dieses Prokrustesbett staatsbürger- licher Wünsche und Bedürfnisse, der Kadavergehorsam des deutschen Soldaten, die Überheblichkeit des deutschen Berufsunteroffiziers, die in zahlreichen Fällen in offen- . kundige Quälerei ausartete— überall und immer wieder stoßen wir gerade in Deutschland auf die demonstrative Zurschaustellung eines Machtbewußtseins, das in summa schließlich nur die allgemeinen Machtverhältnisse ver- körperte und kein sehr rühmliches Beispiel bot für die Frei- 79 heit des Volkes und die Entwicklung demokratischer Tugenden. Nicht nur in Zeiten des Feudalismus wurden bei uns harte und maẞlose Justizirrtümer begangen und gebilligt, auch später in den Tagen jener Demokratie, die unter dem Zeichen des unseligen Haders zwischen den beiden stärksten Arbeiterparteien stand, erlebten wir sie immer wieder. Eine unverkennbare Prädisposition zum Mißbrauch oder übertriebenen Gebrauch amtlicher Befugnisse war in Deutschland jedenfalls lange vorhanden, Rechnet man dazu nun den Umstand, daß der Sadismus, also die Lust und Freude am Quälen anderer, in viel mehr Menschen wirksam ist, als wir gemeinhin annehmen, so kann man sich ein klares Bild von der Auswirkung solcher Tendenzen machen, wenn der Staat selbst sich des von keinem Privathaẞ beeinflußbaren Rechtes begibt und dafür einen gewissen Teil seiner ihm dienstbaren Organe das Recht einräumt, von jenen Eigenschaften nach höchst persönlichem Ermessen Gebrauch zu machen. Und der nationalsozialistische Staat hat dies getan. Schon die Trennung des Volksganzen in Angehörige 1. und 2. Klasse, die das berüchtigte„ Führerprinzip" propagierte, gab dieser Möglichkeit weiten Raum- und die Schaffung von Konzentrationslagern, die ja völlig ex lege, außerhalb aller für die Öffentlichkeit gültigen Gesetze standen und keiner öffentlichen Kontrolle unterworfen waren, protegierte diese Ausnahmestellung einzelner Organe bis zum äußersten und bot ihnen Gelegenheit, sich unberührt von irgendwelchen Folgen nach Lust und Laune ihrer diesbezüglichen Veranlagung hinzugeben. Als moralische Rechtfertigung kam ihnen dabei jederzeit der Hinweis zustatten, daß es sich ja um ,, Staatsfeinde" oder„ Volksschädlinge" handelte, Menschen, für die das Gesetz eben keinen Schutz vorsah, denn die Bezeichnung ,, Schutzhaft", die in den Köpfen harmloser Bürger die Vorstellung erweckte, sie bezöge sich auf die Interessen des Verhafteten, legte der Staat natürlich im Sinne seines eigenen Schutzes vor dem Verhafteten aus. Zahlreiche junge, aus dem Schulungsbereich der HitlerJugend und der Ordensburgen kommende SS- Dienstgrade, erzogen im Bewußtsein ihrer Bedeutung als staatserhaltende 80 00 sten Eine Iber- land den_ ' am von staat Chtes aren nach und erte, "halb jerte rsten (chen Tan- hnen ‘hen, ‚ die loser E die ı im itler- rade, ende und parteischützende Sicherheitsorgane, ließen sich alljährlich zum Bewachunssdienst in den Konzentrationslagern an- werben. Hier fanden sie nun reichlich Gelegenheit, ühre Tüchtigkeit zu beweisen. Die Exekutivgewalt lag in ihren Händen und die gebrauchten sie so, wie sie das im Interesse ihres Auftraggebers für notwendig hielten. Was dabei her- auskam, weiß man. Es ist nicht anzunehmen, daß ein Mensch, den man zur Ver- nichtung Tausender ermächtigt, einen Zuwachs an ethischen und moralischen Qualitäten zu befürchten hätte. Es bedurfte also gar keines Auftrags von oben, denn der Auftrag lag im System, er begründete sich von selbst durch die Ermächtigung des einzelnen, und man billigte oben einfach alles, was unten geschah. Gewiß, es konnte„laut Vor- schrift“ kein Häftling ohne die Genehmigung des Reichs- führers der SS hingerichtet werden; aber da der Reichsführer der SS diese Genehmigung grundsätzlich, ja sogar nachträg- lich, also nach der bereits vollzogenen Hinrichtung, noch er- teilte, konnte jeder Lagerführer Todesurteile vollstrecken, ohne sich darum zu kümmern, ob eine rechtliche Voraus- setzung vorlag oder nicht. So„verurteilte“ der Lagerführer Suhren im Jahre 1943 sämtliche wegen Amtsanmaßung vorbestraften Schutzhäft- linge des Lagers Sachsenhausen zum Tode, indem er sie in die„Strafkompanie“ des Klinkerwerkes Steckte, und zwar unter der Maßgabe, daß keiner dieser Häftlinge den Baracken- bereich dieses Schreckensortes je wieder lebend verlassen dürfe. Innerhalb von drei Wochen war der Auftrag erfüllt und das Urteil vollstreckt. Ich glaube kaum, daß der Reichs- führer der SS oder Herr Hitler etwas dagegen einzuwenden hatte— obwohl in anderen Lagern Häftlinge mit dem gleichen Delikt unbehelligt blieben. Aber Herr Suhren war im Zivil- beruf Polizeibeamter und erachtete sich zwecks Wahrung seiner Berufsehre für berechtigt, Menschen, die sich einmal ungesetzlicherweise die Befugnisse von Polizeibeamten ange- maßt hatten(dafür aber auch bestraft worden waren), auf eigene Faust„auszurotten“. Selbstverständlich nicht ohne die Genehmigung des Reichsführers der SS! Nacht 6 8l XII Zweierlei Blockälteste - - Unser neuer Blockältester war ein alter Gefangener, der sich etwas darauf einbildete, schon seit dem Jahre 1933 in Schutzhaft zu sein und deshalb auf Neulinge und Anfänger wie mich geringschätzig herabsah. Mein Verhältnis zu ihm war von Anfang an gespannt es mußte etwas in meiner Natur liegen, das mich einer gewissen Menschengruppe unleidlich machte, Ich denke, es handelte sich dabei vorwiegend um solche Menschen, die durch eine vorgefaßte, aber mühsam errungene Meinung etwas engstirnig und ängstlich geworden sind. Ihre eigene Unsicherheit fürchtend, vermeiden solche Menschen gerne jede Diskussion findet eine solche dennoch statt, sind sie demjenigen, der es etwa wagt, ihrer Überzeugung durch eine kritische Bemerkung entgegenzutreten, bitterböse. Unser neuer Blockältester gehörte zu diesen Menschen. Er hatte sich einige Kenntnisse errungen, die ihn jedoch zu einem fortgesetzten Mißbrauch der verwegensten Fremdwörter veranlaßten. Da ich mir nun einmal gestattete, ihn gelegentlich einer kleinen Debatte auf den eigentlichen Sinn eines von ihm mißbrauchten Fremdwortes aufmerksam zu machen, konnte er mich von diesem Augenblick an nicht mehr leiden und schimpfte mich nun auch einen„, Intellektuellen" und zwar einen„, bürgerlichen Intellektuellen". Um mich aber in seinen Augen völlig verdächtig und minderwertig erscheinen zu lassen, wollte es mein Unstern, daß jener Unterhaltungsroman, den ich in meinem Sollner Exil geschrieben und damals dem Berliner Vertriebsverlag Duncker überlassen hatte, jetzt ausgerechnet in der Zeitung ,, Der Angriff" einem nazistischen Revolverblatt erschien, Da diese Zeitung neben vielen anderen im Lager auflag, hatte sich das„ Ereignis" bald herumgesprochen und in einigen Holzköpfen die Vorstellung erweckt, ich stünde dem 82 32 - - Nationalsozialismus„ideologisch“ nahe, denn man konnte sich den Umstand, durch den der Roman in jenes Blatt gelangt war, nicht anders erklären. Daß ich von dem Augenblick an, da ich mein Manuskript an den Verlag verkauft hatte, keinen Einfluß mehr auf die Erscheinungsweise hatte, daß die Ver- handlungen zwischen Duncker und der Redaktion des „Angriff“ sich zu einer Zeit abspielten, da ich bereits im Ge- fängnis saß und ich infolgedessen nicht die leiseste Ahnung hatte, ob, wann und“wo” mein Produkt zuerst erscheinen würde, wollte man nicht begreifen— und da ich keine Lust hatte, langwierige Erklärungen abzugeben, im Gegenteil, einen gewissen Spaß daran hatte, daß ein literarisches Er- zeugnis von mir ausgerechnet in einem Organ der Partei erschien, die mir die Ausübung jeder schriftstellerischen Tätigkeit verboten und mich schließlich sogar eingesperrt hatte, blieb ich in den Augen einiger Lagerkoryphäen ver- dächtig und namentlich in meines Blockältesten Augen eine äußerst fragwürdige Erscheinung. Ich hatte nun also glücklich wieder einen Feind, ohne besondere Anstrengung meiner- seits, und da dieser Feind als Vertreter der im Lager herr- schenden Häftlingshierarchie groß und mächtig war— an mir gemessen—, mußte ich damit rechnen, daß er, wie vor ihm Arno Musch, auf Mittel sann, mich zu„schädigen“. Ich war also auch hier ein„unbequemes Element“ und befand mich dadurch in einer doppelt peinlichen Lage. Denn unser neuer Blockältester, der sich leider nicht die geringste Mühe machte, mich ein wenig näher kennenzulernen, beschloß zu handeln. Da er die Macht und die Möglichkeit hätte, Leute seines Blocks, die ihm nicht paßten,„auf Transport“ zu schicken— eine Möglichkeit, von der jeder anständige Block- älteste nur in den alleräußersten Fällen Gebrauch machte—, setzte er meinen Namen ohne alle Skrupel mit auf die Liste eines Straftransportes nach dem berüchtigten Lager Groß- Rosen, wo schon so viele Häftlinge in den Granit-Stein- brüchen zugrunde gegangen waren und immer wieder Häft- linge zugrunde gingen. Als ich von dieser Maßnahme Kenntnis 6* 83 erhalten hatte, setzte ich mich zur Wehr. Soviel hatte auch ich schon gelernt, daß es keinen Sinn hatte, sich willenlos den Entschlüssen anderer zu beugen, und da ich überdies anfing, meinen Aufenthalt im Lager als eine mich noch zu gewissen Äußerungen verpflichtende Aufgabe anzusehen und ich des- halb nicht das Opfer eines beliebigen Ignoranten werden wollte, ging ich zu Harry Naujoks, dem Lagerältesten, und erklärte diesem die Sachlage. Naujoks war Kommunist; erfreulicherweise einer mit Verstand und Herz! Er machte nicht viel Worte, strich meinen Namen kurz und bündig von der Transportliste und ordnete meine sofortige Versetzung nach einem anderen Block an. Schon am Abend dieses Tages mußte der Herr von Block 23 einsehen, daß er bei aller Macht doch nicht allmächtig war. Wir schieden grußlos, und ich siedelte über auf den Studenten- block Nr,53, der von dem schon einmal genannten Metall-' arbeiter Paul Gmeiner geleitet wurde, einem Mann, der in allem das genaue Gegenteil von dem vorher Genannten war. Mein so leichtfertig handelnder Gegner ließ mir zwar auf Umwegen sagen, daß ich mir nicht einbilden solle, ich wäre durch diese Versetzung seinem rächenden Arm entgangen. aber er kam nicht mehr zur Ausführung irgendwelcher Vor- haben gegen mich. ZweiMonate später wurde er von einer englischen Fliegerbombe, an deren Bergung und Unschädlich- machung er beteiligt war, zerrissen. Ich möchte dieses Ereignis jedoch nicht in ein inneres Ver- hältnis zu der oben geschilderten Begebenheit bringen. Ich habe der Schilderung dieser Episode mehr Raum zu- gebilligt, als sie vielleicht verdient. Aber da ich mir nun einmal vorgenommen habe, mit größter Objektivität alle Gefahren zu schildern, denen der einzelne Mensch im Kon- zentrationslager ausgesetzt war, durfte ich diese an sich nicht besonders wichtige Begebenheit nicht unterdrücken. 84 Fälle dieser Art gab es leider mehrere, Sie steigerten das Gefühl der Unsicherheit, die uns ständig bedrohte, und hinter- ließen oft mehr Bitternis, als das Bewußtsein, von den Scher- gen der SS mißhandelt zu werden; denn diese waren unsere Feinde, von denen wir nichts erwarteten,‘während jene es nicht hätten sein müssen. Um so dankbarer bin ich all denen, die dem Kampf der Häftlinge untereinander, den in den meisten Fällen die zermürbende Psychose der Haft erzeugte, ihre Mitwirkung versagten. XI Beiden tschechischen Studenten Ich lag nun auf dem Biock meines späteren Freundes Paul Gmeiner und lernte hier die tschechischen Studenten kennen, die diese Baracke hauptsächlich bewohnten. Die Gesamtzahl der damals im Lager befindlichen Studenten der Universitäten Prag und Brünn belief sich auf etwa 2000. Der Anlaß zu ihrer Verhaftung ist hinreichend bekannt. Unter einem elenden Vorwand— angebliche„tumultarische Ausschreitungen“ gelegentlich der Beerdigung eines von den Deutschen ermordeten Hochschülers, in Wirklichkeit aber in der Absicht, das Geistesleben der Tschechoslowakei auf Jahre hinaus lahmzulegen, die Intelligenz womöglich ganz auszurotten— hatte man alle diese jungen, in ihrer geistigen Entwicklung stehenden Menschen im Herbst 1939 nachts in ihren Studentenheimen überfallen, verhaftet und zu Tausen- den nach den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt. Vielen hatte man bei der Durch- führung dieser Aktion nicht einmal Zeit gelassen, sich ordent- lich anzuziehen— in Schlafanzügen, Pantoffeln, ja teilweise sogar barfuß kamen sie an, wobei man es an Brutalität und erniedrigenden Schmähungen nicht fehlen ließ. Der Zweck dieser Maßnahme war nicht zu verkennen. Nachdem der Rep- tilieninstinkt Adolf Hitlers die deutsche Wehrmacht zum Raub kommandiert und die Tschechoslowakei durch diesen gemei- nen Überfall ihre Selbständigkeit eingebüßt hatte, galt es, alle Zügel sofort fest in die Hand zu bekommen. Der Griff an das Gehirn eines Staatswesens und die sofortige Lahmlegung seiner geistigen Kraftreserven waren von jeher die zunächst sichersten Mittel zur Beseitigung des gefürchteten metaphy- sischen Widerstands, der die passive Resistenz erzeugt und dem Usurpator tausend Schwierigkeiten bereitet. Überall, wo- hin die Polizeitruppen Hitlers kamen, verfuhren sie so: in Polen, in der Tschechoslowakei, in Norwegen— überall muß- 86 S Paul ennen, denten a 2000. kannt, arische ten die Angehörigen der Hochschulen, Lehrkörper und Stu- ‚denten, in die Gefangenschaft wandern. Was ein derartiger Eingriff in das Leben eines mitten in sei- ner Entwicklung stehenden Menschen bedeutet, kann man sich unschwer vorstellen. Herausgerissen aus dem kunstvoll und organisch aufgebauten System wissenschaftlicher Be- mühungen und Disziplinen, mit einem Schlag, unter Anwen- dung der gröbsten Mittel, in eine völlig andere Beschäfti- gungssphäre versetzt und nun drei oder vier Jahre lang darin festgehalten, muß der an die Kontinuität methodischen Den- kens gewöhnte Geist plötzlich ins Leere, Bodenlose greifen, um schließlich die Beziehungen zu der ihn allein fördernden Materie ganz zu verlieren. Tausende von Menschen, die sich gestern noch mit wissenschaftlichen Problemen beschäftigten, Experimente und Operationen durchführten, sprach- oder rechtsvergleichende Forschung trieben oder sich in den schö- nen Künsten übten, mußten heute Zement ausladen, mit Picke und Schaufel hantieren, Sand karren oder Holzschuhe fabri- zieren— und alles das nicht zu Nutzen und Gunsten des eigenen Vaterlands, sondern unter dem Hü und Hott ent- menschter Uniformträger oder deren Helfershelfer für einen politischen Mordbrenner, der überall dort, wo er einen Vorteil für sich und die Satelliten seiner Partei witterte, eine Feind- schaft vom Zaun brach. Innerhalb des Lagers litten diese Studenten als Vertreter der vielgehaßten„Intelligenz“ unter einer ganz besonderen Antipathie ihrer Vorgesetzten, Das befriedigende Gefühl, einen Mann der Wissenschaft sich mit einem handfesten Werkzeug abmühen zu sehen, wurde von gewissen Leuten im Lager‘voll ausgekostet(ich vergesse die Szene nicht, die sich einmal im Klinkerwerk abspielte, wo ein„grüner“ Vorarbeiter, also ein Bevauer, einem jungen Menschen eine furchtbare Ohrfeige versetzte, weil dieser auf die Frage nach seinem Zivilberuf antwortete: Bibliotheks- assistent). Quälereien aller Art waren auch hier an der Tagesordnung. Gleich im ersten Winter ihres Lageraufenthaltes starben einige Studenten an den Folgen einer Prozedur, der sie sich auf Befehl einiger Blockführer unterziehen mußten. Sie er- 87 1 - hielten den Auftrag, sich gegenseitig in den Schnee einzugraben. Da die Kleidung der Zugänge, sommers wie winters, in nichts als dünnem Drillichzeug bestand viele von ihnen hatten weder Socken noch Fußlappen war eine gesundheitliche Schädigung unausbleiblich. Was die Lage der Studenten verschärfte, war der Umstand, daß der Kommandant des Lagers, der SS- Oberführer Hermann Loritz, sie ganz besonders gefressen" hatte, wie er sich selbst auszudrücken pflegte. Hätte man ihn gefragt: weshalb? wäre er jedenfalls in Verlegenheit geraten, denn außer den allgemeinen und reichlich platten Anschuldigungen, die von den Nazis gegen die Tschechen vorgebracht wurden, gab es wohl keinen die deutschen Maßnahmen rechtfertigenden Grund, Aber was fragten Erscheinungen wie Loritz und Konsorten nach ,, Gründen"! Dennoch gelang es ihnen nicht, die ihrer Meinung nach so lebensuntüchtigen„ Intelligenzler" aus der Fassung zu bringen. Die jungen Leute erwiesen sich keineswegs als verzärtelte Muttersöhnchen. Sie bissen die Zähne zusammen und stellten an allen Arbeitsplätzen ihren Mann. Sie übten eine vorbildliche Kameradschaft und nahmen jede Gelegenheit einer gegenseitigen Förderung nach besten Kräften wahr. Um nicht ganz aus den Bahnen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit gedrängt zu werden, besorgten sie sich Bücher und vermieden in fördernder Erkenntnis aller dem Lagerleben eigenen Wesenszüge jede innere und äußere Vernachlässigung. Bald hatten sie das von oben gegen sie gehegte Vorurteil besiegt. Sie rückten in die besten Stellen, die das Lager zu vergeben hatte, ein, sie waren als Architekten, Vermesser und Rechner im Baubüro, als Konstrukteure in den technischen Betrieben, später auch als medizinische Fach- und Hilfskräfte in der Pathologie und im Krankenbau tätig. Zur besseren Unterhaltung als der im Lager üblichen, gründeten sie einen Gesangschor und ein Streichquartett; beide Gruppen bildeten jahrelang Höhepunkte aller Veranstaltungen im Lager. Alte slawische Volkslieder, liturgische Gesänge und Chöre neuerer Komponisten erklangen in großer Reinheit und Stimmfülle, 88 Da die Lagerführung damals nichts mit zur Pflege des Ge- meinschaftslebens beitrug, im Gegenteil, Bestrebungen dieser Art nach Kräften bekämpfte(beispielsweise durch Einziehung sämtlicher im Lager befindlichen Musikinstrumente, durch Verbote von„öffentlichen Veranstaltungen, gottesdienstähn- lichen Versammlungen usw.“)— gehörte ein gewisser Mut dazu,(IM solche Darbietungen trotzdem zu ermöglichen und durchzu-||| führen, besonders, wenn man gewärtigen mußte, im„Be- i tretungsfalle“ in der lagerüblichen Weise bestraft zu werden.| Hier kam'es nun sehr auf den Blockältesten an, seine I] Autorität dem Lagerältesten gegenüber, sein Geschick, Ver- I anstaltungen der erwähnten Art zu tarnen, für die Be- schaffung von Papier, Schreibmaterial u. dgl. zu sorgen. Paul Gmeiner besaß alle diese Eigenschaften in hohem Maß. Er betrachtete es als seine Aufgabe, den Häftlingen das Leben auf dem Block so angenehm wie nur möglich zu| machen, was ihm auch bestens gelang. Durch ihn erhielt ich ı nun auch endlich, und zwar lange vor Ablauf der üblichen| Wartefrist, eine Lesekarte, die mich zur Benutzung der Lagerbücherei berechtigte. Ein schöneres Geschenk hätte mir damals niemand machen können. Ich entsinne mich noch, mit welcher Gier ich mich auf das erste Buch— es waren die Reisebilder von Viktor von Scheffel— stürzte. Von diesem Augenblick an hatte jede freie Stunde für mich einen reichen und vollen Inhalt. Ich war nicht mehr so ganz gefangen. Der Geist hatte einen Weg zur Freiheit gefun- den— und was uns der Tag an Bitternis und Schrecken auch brachte, das Buch, das mir der Abend gewährte, machte vieles wieder gut. In dieser Bücherei des Lagers, die einer der liebenswertesten Menschen, die ich damals kennenlernte, der Schauspieler Edgar Bennert, leitete, bot sich eine Fülle wertvoller Bücher den Wünschen des Lesers. Neben den Werken der Klassiker N fand ich hier eine stattliche Reihe von Quellen zur deutschen| Literatur- und Kulturgeschichte. Kunstzeitschriften, Nach- schlagewerke, ältere und neue Romane— darunter merk- würdigerweise viele, die auf dem index librorum prohi- bitorum der Nazis standen, wie die Bücher von Sinclair 89 Lewis und Upton Sinclair - ferner Fachliteratur aller Art und eine besonders reichhaltige Sammlung von Reisebeschreibungen, das alles waren Schätze, zu deren Bergung die kargen Stunden meiner Freizeit nicht ausreichten. Erst später, als es mir Edgar Bennert ermöglichte, die Bücherei auch noch abends, ja bis in die tiefe Nacht hinein zu benutzen, konnte ich meinen Lesehunger, der niemals so groß war wie in jener Zeit, voll und ganz befriedigen. Hier bildete sich auch bald ein Kreis von gleichgestimmten Naturen, die, vom Zauber des Buches gelockt, gerne einige Stunden ihres Schlafes opferten, um in den neutralen Bezirken dieser durch keine Lagervorschrift begrenzbaren Welt ihre Gedanken auszutauschen. Ich vergesse die anregenden und fördernden Gespräche nicht, die wir hier mit dem Bonner Philosophieprofessor Johannes Verweyen führten, einem Mann, dessen komplizierten Charakter die absurden Lagerverhältnisse mitunter in ein schiefes und falsches Licht rückten. Ich habe die innere Haltung und unbeirrbare Geisteskraft dieses Mannes immer bewundert und erst in diesen Tagen mit tiefer Erschütterung in einer Tageszeitung gelesen, daß er mit zu den Opfern jener Bestie Kramer gehört, die im Lager BergenBelsen kurz vor Beendigung des Krieges hingeschlachtet worden waren. Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, die Wirkung, die durch die Darstellung düsterer Vorfälle erzeugt wird, durch die Schilderung freundlicherer Begebenheiten etwas abzuschwächen. Der Stoff, aus dem dieses Buch gebildet wurde, bietet ohnehin wenig Erfreuliches. Aber ich halte es für unmöglich, stets nur in schwarzen Farben zu malen; das Bild, das dadurch zustande käme, wäre des Betrachtens nicht wert, auch hätte ich keine Lust, es zu malen. Vielleicht unterscheiden sich meine Aufzeichnungen in diesem Punkt von anderen Darstellungen des gleichen Stoffes, vielleicht macht man mir diese Neigung, gelegentlich auch einmal einen Lichtblick zu geben, zum Vorwurf. Gibt es doch Menschen, die sich durch den Umstand, daß es solche Lichtblicke überhaupt gegeben hat, 90 90 zu der Annahme hinreißen lassen, es sei eben alles doch nur „halb so wild“ gewesen, Diesen Menschen möchte ich den I\ Preis in Erinnerung rufen, den wir Gefangenen für jeden||)} Streifen Helligkeit bezahlen mußten, Denn es war nicht das|| Verdienst der SS, daß wir nicht alle an dem Grauen er- ıl stickten, es war das Verdienst einiger beherzter Häftlinge, I die, ohne auf die mindeste Unterstützung rechnen zu können, h unter ständiger Lebensgefahr und lediglich erfüllt von dem I Bestreben, die allgemeine Not zu lindern, immer wieder ver- i N N suchten, dem Dunkel unseres Lebens auch eine helle Stunde Il abzuringen.| Unser Leben unterstand einem geheimnisvollen, mit den Mitteln des Verstandes kaum zu ermessenden Gesetz. Sein Logos ruhte nicht in der klaren Diktion eines von Generatio- nen geschaffenen und geadelten Rechts, sondern in einem Konglomerat von Widersprüchen, die man so ohne weiteres nicht begreifen konnte und die eine Form der Lebensführung ur notwendig machten, die— von ihrem Anlaß getrennt— wie Il das ungereimte Tun eines Geisteskranken anmuten mußte.(| Wenn sonst alles Handeln des gebildeten und gesitteten| |; Menschen darauf gerichtet ist, den in uns allen schlummern- den Dämon zu besiegen, zu überwinden und die durch ihn|| erzeugten zerstörenden Neigungen in uns wieder in positive, ja schöpferische Werte zu verwandeln, so hatten hier— ganz| s die‘ Nutzen“ und das von Haß, Überheblichkeit,"Arroganz und * Machtmißbrauch gezeichnete Herrschaftsprinzip der Partei eine Rechtslage geschaffen, die zwar nach außen hin den Anschein milder Sitten erweckte, nach innen aber den Mord und das Verbrechen in jeder nur erdenklichen Form prote-| gierte. Wen das Schicksal in diese„Rechtslage“ versetzte,| konnte auf eine normale Befreiung nicht rechnen. Für ihn| \ | | E | | .| im Gegensatz zu dieser fördernden Absicht— der„gemeine| I} | war das Leben zu einer Gefahr geworden, die nicht die Furcht oder die Gleichgültigkeit überwand, sondern die klare Erkenntnis, daß hier Feind gegen Feind stand, und daß jedes Mittel, das der eine zur Anwendung brachte, den | anderen zur Anwendung eines Gegenmittels berechtigte. Der Vorteil, in dem wir uns dabei befanden, war der, daß die engen nn ne 91 Kunst der Überlistung auf unserer Seite sich höher entwickeln konnte als auf der Gegenseite, denn diese hatte derartiges nicht nötig und blieb deshalb im Formalismus und Mechanismus ihrer Methoden stecken. So gelang es uns eben doch immer wieder, Anordnungen von oben zu sabotieren und unserem Leben wenigstens den Reiz des geheimen Widerstandes zu verleihen, Wir sangen, wenn die Lagerführung glaubte, wir hätten längst nicht mehr die Kraft dazu, und errangen uns auf diese Weise doch eine Art Respekt, der uns zwar nicht vor dem Letzten, wohl aber vor mancher vorzeitigen und unliebsamen Einmischung schützte. So kam es im Lager mehr auf die Haltung als auf die Führung des einzelnen an. Eine noch so gute Führung nützte ihm gar nichts. Sie schützte ihn nicht einmal vor Strafe, denn sie wurde ihm bei der Zumessung einer solchen nicht angerechnet. Die Haltung aber, die einer zu wahren wußte, verlieh ihm eine gewisse eigene Sicherheit und wurde auch auf seiten seiner Gegner gewürdigt. Alle Vorteile, die die Gesamtheit der Häftlinge im Lauf der Jahre errang, waren das Produkt dieser Haltung einzelner. Wir hatten diese Vorteile nicht als Geschenk der SS erhalten, sondern wir hatten sie unserem rücksichtslosen Vorgesetzten unter einem sehr hohen Einsatz abgelistet und abgetrotzt. 32 92 XIV Der. Eiserne, beiiehlb kollektives Gegrön! Jeder Häftling(einige mit besonderen Auflagen belastete ausgenommen) hatte das Recht, zweimal im Monat einen Brief an seine nächsten Angehörigen zu schreiben. Dem Kopf der dazu genehmigten Briefformulare war folgender Auszug|| aus der Lagerordnung vorgedruckt: I] „Der Tag der Entlassung kann jetzt noch nicht angegeben| werden. Besuche im Lager sind verboten. Anfragen sind I} zwecklos, Jeder Häftling darf im Monat zwei Briefe oder Postkarten empfangen und absenden. Eingehende Briefe dürfen nicht mehr als vier Seiten ä 15 Zeilen enthalten und müssen übersichtlich und gut lesbar sein. Pakete| jeglichen Inhalts sind verboten. Geldsendungen sind nur| durch Postanweisung zulässig, deren Abschnitt nur Vor-, Ih Zuname, Geburtstag, Häftlingsnummer trägt, jedoch I|| | keinerlei Mitteilungen, Geld, Fotos und Bildereinlagen in Briefen sind verboten. Die Annahme von Postsendun- | gen, die den gestellten Anforderungen nicht entsprechen,| , wird verweigert. Unübersichtliche, schlecht lesbare Briefe| werden vernichtet. Im Lager kann alles gekauft werden. Nationalsozialistische Zeitungen sind zugelassen, müssen u aber vom Häftling selbst im Konzentrationslager bestellt werden. Der Lagerkommandant.“ Diese Legende, die in 12 Sätzen 9 Verbote enthält, erfuhr innerhalb des Lagers als belehrende Ergänzung eine Reihe weiterer Verbote und Vorschriften, Verboten war es, über El den Gesundheitszustand zu berichten oder Dinge zu erwäh-| nen, die irgend etwas mit dem Haftgrund zu tun hatten; ver- boten war es, über Arbeits- und Lagerverhältnisse zu 93 sprechen; verboten war es ,,, durch die Blume" zu schreiben, und verboten war es, einen Brief mit Zeichnungen zu schmücken. Daß unter solchen Umständen der Briefverkehr mit der Heimat sehr einseitige Formen annehmen mußte, wird man begreifen. Wie oft mochten sich Angehörige von Häftlingen darüber gewundert haben, daß sie auf dringende und wichtige Fragen grundsätzlich keine Antwort erhielten. Es handelte sich eben um Fragen, die nicht beantwortet werden durften. Groß war die Zahl der Häftlinge, die sich schwere Strafen zuzogen, weil sie die ihnen gesteckten Grenzen überschritten und einige Worte mit in ihren Brieftext hatten einfließen lassen, die nicht gesagt werden durften. Man hatte Glück, wenn in solchen Fällen nichts weiter geschah, als daß man den Brief zerrissen zurückbekam. Eine Möglichkeit, einen von der Zensurstelle zurückgewiesenen Brief noch einmal zu schreiben, gab es nicht. Jeder zurückgewiesene Brief riẞ ein Loch in das zeitliche Konto unserer Schreiberlaubnis; oft kam es vor, daß Briefe aus ganz belanglosen und unverständlichen Gründen mehrere Male hintereinander zurückgewiesen wurden, dann erhielten die Angehörigen eben monatelang überhaupt keine Nachricht. Wandten sie sich was häufig vorkam in ihrer Sorge an den Kommandanten des Lagers, dann erhielt der betreffende Häftling eine Vorladung zur„ Politischen Abteilung", wo man ihm entweder heftige Vorwürfe über seine Schreibfaulheit machte oder ihn wegen Nichterfüllung seiner Schreibpflicht gleich zur Bestrafung anmeldete. Noch so berechtigte Einwände des Häftlings hatten dabei wenig Zweck denn aus der Zurückweisung mehrerer Briefe resultierte die Politische Abteilung mit Scharfsinn, daß der Häftling eben verbotene Andeutungen gemacht und damit gegen die Lagerordnung verstoßen hatte. dann - - - Aber auch die Briefe, die der Häftling von seinen Angehörigen empfangen durfte, mußten sich Eingriffe seitens der Zensurstelle gefallen lassen. Da gab es Zensoren, die es nicht unterlassen konnten, wie weiland der Alte Fritz, die ihnen 94 zur Durchsicht vorgelegten Briefe mit Randglossen und pädagogischen Marginalien zu versehen. Da konnte man zum Beispiel in einem Brief, in dem eine besorgte Mutter ihrem Sohn empfahl, auch weiterhin ein anständiger Mensch zu bleiben, die mit roter Tinte geschriebene Bemerkung lesen: „War nie anständig, sonst wäre der Lump nicht da!“ Nicht alle Zensoren machten sich diese Mühe; sie schnitten einfach alles, was ihnen nicht paßte, aus dem Brief heraus oder vernichteten den ganzen Brief und ersetzten ihn durch einen Zettel mit dem Aufdruck„Inhalt entspricht nicht der Lagerordnung.“ Ich selbst erhielt öfters einen solchen Zettel anstatt eines Briefes. Was ich aber der Zensurstelle hoch anrechne, ist, daß sie mir die köstlichen Briefe und Zeich- nungen meiner Kinder stets unbeschädigt aushändigte. Reizende, in Buntstift oder Wasserfarben ausgeführte Bilder- bogen, mit naiven Girlanden umränderte Briefchen ver- setzten mich in die liebe Welt der Kinder— und wenn ich auch nicht teilhaben konnte an den großen und kleinen Wundern dieser Welt, so gaben mir diese entzückenden Bil- derbriefe doch etwas vom hellen Schimmer eines Glücks, das der Mensch traumhaft genießt, um es erst in dem Augenblick ganz zu begreifen, da er es verloren hat. Für den Häftling, der jahrelang keine Möglichkeit hatte, seine Angehörigen wiederzusehen und auch niemals wußte, ob er sie überhaupt jemals wiedersehen würde, bedeutete ein Brief unendlich viel. Das Warten auf die Post war eine erregende Vorfreude — der Brief selbst ein hohes und tröstliches Glück. Man wurde nervös, wenn der erwartete Brief nicht kam, eine ganze Woche konnte einem dadurch zur Qual werden. Denn wir hatten nicht viel, woran wir uns freuen konnten, erst später, als durch die notwendig gewordene Schonung der Arbeitskräfte die Zügel im Lager etwas lockerer wurden, sorgten gelegentlich stattfindende Theateraufführungen, Konzerte oder Vorträge für unsere Zerstreuung. In den Jahren 40 und 41 wußten wir von diesen Dingen noch nichts; wir hörten bisweilen den Tschechenchor oder veranstalteten selbst Gesangsabende in den Baracken. Für die Allgemein- 95 heit freilich hatte der Gesang wenig Reiz, denn auch diese an sich so schöne und reine Gefühlsäußerung wurde uns durch schikanöse Verordnungen von oben" zur Last. - - " - - Gustav Sorge, genannt der„ Eiserne Gustav", eine Bestie, die zu erfinden keiner noch so üppigen Phantasie gelänge, und zu jener Zeit Arbeitsdienst- und Rapportführer, machte sich einen Spaß daraus, uns jeden Sonntag nach dem Abendappell der vor dem Abendessen abgehalten wurde singen zu lassen. Nicht um uns damit eine Freude zu machen, denn wir hatten Hunger und kein anderes Interesse, als möglichst schnell den Appellplatz verlassen und in die Baracken gehen zu dürfen. SS- Unterscharführer Sorge kannte dieses unser Interesse selbstverständlich ganz genau. Und eben weil er es kannte, kommandierte er nach glücklich beendigtem Appell„ ein Lied" und zwölftausend Häftlinge, darunter sehr viele Ausländer, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig waren, mußten nun der Reihe nach sämtliche Lagerlieder heruntersingen, die von oben gestattet und, beiläufig gesagt, das Dümmste waren, was ein Mensch sich nur immer ausdenken konnte, Sinnlose, spottblöde Texte, deren dürftiger Inhalt meist in einem schreienden Gegensatz zu unserer Lage stand, mußten unter der Führung eines Häftlings namens Haller heruntergebrüllt werden, und zwar so lange, bis ,, es klappte". Es klappte fast nie, denn was schon einem geübten Chor dieses Ausmaßes und einem geübten Dirigenten nicht leicht gefallen wäre: zwölftausend auf einem riesigen Platz verteilte Menschen zu einem einheitlichen Gesang zu erziehen war hier auf Grund der mangelnden Voraussetzungen schon von vornherein zum Scheitern verdammt. Klappte es doch einmal so hatte die Verzweiflung uns geholfen und weil eine große Anzahl des Singens unkundiger Häftlinge einfach nicht mitsang, sondern nur den Mund auf und zu machte. Das mußten sie allerdings, denn der ,, Eiserne" ging während dieses Massengesanges zwischen den einzelnen Blocks umher und schlug jedem ins Gesicht, der mit geschlossenem Mund dazustehen wagte. 96 - - Gustav Sorge! Ich gerate in tiefe Verlegenheit der geprie- senen Güte Gottes gegenüber, wenn ich an diese Figur, dieses Paradestück schöpferischer Böswilligkeit denke. Wir hatten viele Exemplare ähnlichen Kalibers im Lager: Hermann Campe, Bugdalla, die Gebrüder van Deetzen, den Revolver- helden Schubert, einen kleinen Hysteriker, dem der Speichel von den Lippen floß, wenn er einen Häftling mißhandelte, Oberscharführer Saathoff, die Herren Kniitler, Fickert und Kayser, Kommandeure der Strafkompanie, ferner den „Knochenbrecher“ Lehmann und den Sudetendeutschen Zwejn — aber an dem„Eisernen“ gemessen, waren sie doch alle nur elende Knirpse, denn ich entsinne mich nicht, daß es außer Bugdalla auch noch anderen gelungen wäre, einen Häftling so kurzerhand totzuschlagen, wie das Gustav Sorge mit Hilfe eines Prügels, einer Eisenstange oder eines ähnlichen Instru- mentes fertigbrachte. Es ist mir rätselhaft, wie und wo so ein Mensch vor Beginn der nationalsozialistischen Ära, also ohne das Recht auf Totschlag, existieren konnte, Mir schien es stets, als könnte eine solche Person überhaupt kein irdisches Vorleben gehabt haben, als sei sie im geeigneten Augenblick direkt fix und. fertig aus der Hölle bezogen worden. Sein Gesicht glich auch ganz dem eines Teufels mit Falten und Schründen, erzbösen Augen und allen Zügen des Lasters. Nur Arno Musch und der Krematoriumsvorarbeiter Böhm, auf den ich später zu sprechen komme, hatten noch solche Augen; ich würde die Basilisken beleidigen, wollte ich sie mit den ihrigen vergleichen. Ich kann nicht alles erzählen, was dieser Mann tat, denn er tat immer nur Böses, und ich entsinne mich kaum einer seiner Gebärden, die nicht den Zweck gehabt hätte, irgend etwas Böses anzukündigen. Er kam oft schon früh am Morgen vor dem Wecken bald in diese, bald in jene Baracke und schlug mit einem Prügel oder einer Eisenstange die Häftlinge aus den Betten. Er stürzte in den Krankenbau und trieb tod- kranke Menschen, Verwundete oder Operierte, in das Freie, da er der Überzeugung huldigte, daß es sich bei diesen Leuten nur um„Drückeberger“ handelte. Er warf, während wir bei Nacht 7 97 der Arbeit waren, in den Blocks Tische und Spinde um, zer- störte den kunstvollen Bau der Betten, zerschlug Bilder und Lampenschirme, zerriß Bücher und Zeitschriften und ver- langte Wiederherstellung der alten Ordnung binnen einer halben Stunde oder einer womöglich noch kürzeren Zeit. Vor ihm war auch kein Blockältester sicher, er traktierte sie mit Besenstielen und Stuhlbeinen und warf ihnen, wie ein wüten- der Affe, den nächstbesten Gegenstand an den Kopf. Er war ein vollkommener Teufel— aber er liebte den Gesang und gab die erste Anregung zur Gründung eines Häftlings- orchesters. Ja, er besorgte sogar die erforderlichen Instrumente und ließ sich manchmal die„Post im Walde“ vorspielen oder sonst ein rührendes Lied. Dann stand er, die Arme ver- schränkt, mit gesenktem Haupt, in irgendeiner Ecke, und niemand konnte ergründen, was in seinem Schädel sich abspielte,, Erschien es mir früher als eine beklemmende Vorstellung, Insasse eines Irrenhauses, also Nichtirrer unter Irren zu sein, so erlebte ich nun den noch krasseren Fall, Insasse einer An- stalt zu sein, in der zwar nicht meine Mitinsassen, wohl aber das gesamte Bedienungs- und Bewachungspersonal Irrsinnige waren. Denn eine andere Erklärung für das Verhalten dieser Menschen gibt es nicht, Was sollte man zu einer Erscheinung, wie sie dieser„Eiserne Gustav“ verkörperte, sagen? Oder was sollte man zu einem Menschen sagen, der, wie SS-Unterscharführer Baer, sich die Zeit damit vertrieb, daß er den Häftlingen seines Arbeits- kommandos auf dem Industriehof die Nasen mit schwarzem Eisenlack oder roter Mennigfarbe anpinselte? Und das nicht etwa mit einem frivolen Lächeln, sondern mit einem so an- gespannt ernsthaften Gesicht, wie es uns vielleicht an einem Künstler, der eben ein Meisterwerk vollendet, auffällt. Hier handelte es sich nicht mehr um primitive Quälerei, hier zeigte sich vielmehr so etwas wie ein infantiles Schöpfertum, das sich in den Mitteln vergreift und das hier auf einen totalen Kurzschluß aller geistigen Kräfte schließen ließ. Ich sah einen 88 Scharführer— welcher es war, weiß ich nicht mehr—, der einen Häftling an einer langen Leine wie einen Hund spa-. zierenführte. Ich sah, wie der Rottenführer Nägele sich damit beschäftigte, einem Häftling das Fliegen zu lehren, jedenfalls nahm ich an, daß dies seine Absicht war, denn er ließ ihn auf dem Boden herumhüpfen und flattern wie einen Vogel. Es waren dies Szenen, wie man sie auf den Bildern eines Breughel oder Hieronymus Bosch findet, wo sie eine spukhafte symbolische Bedeutung haben und keinesfalls die Befürchtung erwecken, daß man ihnen auch einmal in der Wirklichkeit eines hellen Erdentages begegnen könnte. Ich überlasse es den Psychologen, sich über die Ursachen einer solchen Entartung die Köpfe zu zerbrechen. XV ,, Perrunje" mordet, und Böhm entläßt durch den Schornstein Unvollständig wäre dieses Kabinett menschlicher Abnormitäten, wollte ich auf die Schilderungen zweier Häftlinge verzichten, die einen vollen Anspruch darauf haben, hier genannt und gewürdigt zu werden. Die beiden Häftlinge waren Böhm und Perrunje. Böhm war ein kleiner und schmächtiger Mensch, etwas schief gewachsen, mit einem leicht gekrümmten Rücken, so daß sein Kopf etwas nach vorne hing und sein Gesicht etwas Lauerndes, Forschendes hatte. Wie von einem Holzbeil in der Hand eines nicht gerade sehr formsicheren Schnitzers zurechtgehauen war dieses Gesicht, es hatte zwei böse und unsichere Augen, die mit ihren huschenden Blicken alles berührten, was ihnen in den Weg kam und dennoch nie lange auf einem Gegenstand verweilen konnten; die Nase war breit und gebogen, das Kinn nahezu viereckig. Ich weiß, es ist das übliche Schurkengesicht, das ich hier schildere, Aber es bot leider keinen anderen Reiz, und die Dickens und Balzac, die Hoffmann und Dostojewski und wie die großen Analytiker der menschlichen Seele alle heißen, hatten ihre guten Gründe, wenn sie gewissen Gesichtern, ganz unabhängig voneinander, die gleichen Formen und Züge verliehen. Böhm war eben eine durchaus exemplarische Figur, hatte auch zwei affenartige lange Arme, an deren Enden die beiden Hände baumelten wie zwei Werkzeuge in Rohguẞ, zu grausigen Taten bereit. Aber ich schäme mich, zu gestehen, daß dieser Böhm ein Politischer war, was ja wohl zu der Annahme berechtigt, daß er irgendwann einmal für ein Menschheitsideal gekämpft hatte, daß er irgendwann einmal den Versuch gemacht hatte, in die Sonne zu schauen und an irgend etwas zu glauben, was unberührt von menschlicher Tücke im Lichtstrahl einer 100 traumhaften Zukunft stand, Das sind natürlich nur glossie- rende Worte, denn in Wirklichkeit hatte dieses Vieh niemals eine klare Vorstellung von den politischen Zielen seiner Partei besessen, geschweige vom Wesen und von der Idee dessen, was die Welt Sozialismus nennt. Böhm war der Chef des Krematoriums; aber er war nicht der einzige seines Genres. Er hatte in der Person von„Perrunje“ einen Verbündeten, der ihm in nichts nachstand, ja sogar — wenn es darauf ankam— noch übertraf. Und es kam darauf an! Perrunje war Schlesier, Oberschlesier, sein wirklicher Name lautete Georg Mandel, mit dem er freilich nie genannt wurde, denn Perrunje war eben Perrunje, nach jenem polnischen Fluch, den er ständig im Munde führte und der jeden seiner in einer harten und holprigen Sprache vorgetragenen Sätze begleitete und bekräftigte. Perrunje war ein untersetzter, molliser Mensch, an dem alles ein wenig schwabbelte wıe Sulzfleisch, mit einem roten Bierbrauerkopf und betörend scheinheiligen Augen. Jeder seiner Blicke war ein offenkun- diger Verrat an der Sache der Menschheit, eine aufdringliche Lüge. Seine Hände waren klein und weich und hatten Kurze, wurstförmige Finger. Er bewegte sich geziert wie ein dickes, kokettes Weib, ganz im Gegensatz zu dem Reptil Böhm, das mehr rutschte als ging. Was Perrunje früher einmal für einen Beruf ausgeübt hatte, weiß ich nicht. Da er einen schwarzen Winkel trug, nehme ich an, daß er sich der Zuhälterei befleißigte, die ja ein sehr weitläufiges und vielseitiges Gewerbe ist. Jedenfalls trieb er nebenher einen kleinen Handel mit Diebesware, war wohl auch Spitzel und Seelenverkäufer, aber auf alle Fälle kein beherzter Bandit, wie so mancher Bevauer, sondern ein feiger und verantwortungsloser Strolch. Im Lager, wo man die Bereitschaft zum Mord mit einem Stückchen Leberwurst, einer Handvoll Zigaretten oder ähn- lichen Gegenwerten bezahlte, wurde Perrunje Blockältester in dem isolierten Bereich der Strafkompanie— einem In- stitut, das für die rasche Beseitigung unliebsamer Häftlinge geschaffen war und für das man einen Menschen als Vor- 101 steher benötigte, der bereit war, diese/ Aufgabe zu erfüllen. Auch Böhm hatte Glück, als er in das Lager kam und zunächst „Vorarbeiter des Stehkommandos“ wurde, ehe seine ehren- volle Berufung an den Verbrennungsofen des Krematoriums erfolgte. Dieses Stehkommando! Es wurde gegründet, als die soge- nannte„Juni-Aktion“ vom Jahre 1938 eine Unzahl arbeits- unfähiger Menschen in das Lager schwemmte. Eine im ganzen Reich durchgeführte Razzia, die einem jeden Gemeindevor- steher oder Ortsbürgermeister Gelegenheit bot, sich mit einem Schlag aller ihm unsympathischen Gemeindemitglieder zu entledigen, brachte viele Tausende von„asozialen Elementen“ in die damals im Aufblühen begriffenen Konzentrationslager: Arbeitsunwillige, Landstreicher, Zigeuner, wilde Buchmacher von den Rennplätzen, Trunkenbolde, heruntergekommene Künstler, darunter sehr viele Musiker, Menschen mit und ohne Vorstrafen, Zuhälter und andere Vertreter unkontrollier- barer Gewerbe, kurz alles, was nicht gerade Verbrecher, aber auch nicht nützliches Mitglied der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft war. Zahlreiche kranke oder alters- schwache Leute befanden sich darunter, auch geistig minder- wertige Personen, Verwachsene und Krüppel, mit denen man selbst in den Konzentrationslagern keinen Staat mehr machen konnte und die nun hierauf den Aussterbeetat gesetzt wurden. Es war dies eine der Methoden, mit denen Adolf Hitler die Arbeitslosigkeit so erfolgreich bekämpfte und die ihm so- viel Anerkennung und begeisterte Zustimmung eingetragen hatten, „Schrotthaufen der Nation“ nannte die SS diese Gemeinschaft unnützer Existenzen, deren kräftigere Exemplare man zum Lageraufbau verwendete, während'alles andere in„Steh- kommandos“ aufgeteilt und der Vernichtung preisgegeben wurde. Die Lokalität dieses„Stehkommandos“ war in Sachsenhausen der leere Schlafsaal einer nicht belegten Baracke. Zusammen- gepreßt wie die Sprotten, unfähig, ein Glied zu rühren, stan- den hier an die 1500 Häftlinge von morgens 6 Uhr bis mittags 12 Uhr und von 1 Uhr nachmittags bis zum Abendappell. 102 „Vorarbeiter“ dieser Jammergestalten, das heißt der Mann, der sie zu den entsprechenden Zeiten in die Baracke hinein- und wieder hinaustreiben mußte, war der Häftling Böhm, der sehr bald begriffen hatte, daß sich aus der Haut anderer leicht Riemen schneiden ließ und daß auch das Konzentrationslager seinen Mann ernährte, wenn man nur eben ein Kerl war und über den nötigen Witz verfügte. Damals war SS-Standarten- führer Baranowski, seines klobigen Aussehens wegen„Vier- kant“ genannt, Kommandant des Lagers, Da ihm die Aufgabe oblag, alles Morsche und nicht mehr Gebrauchsfähige vom Lagerbestand abzusetzen, beauftragte er den Häftling Böhm mit der Durchführung dieser Aufgabe, und Böhm führte sie durch. Mit einem selbstgeschnitzten Prügel traktierte er von Stunde an seine Schutzbefohlenen täglich so ausgiebig, daß ihnen das Kopfweh verging und sie zur Reise in die Ewigkeit keiner weiteren Vorkehrungen mehr bedurften. Er war damit zum amtlich bestallten Totschläger geworden, Er bezog Extra- vergütung in Form von doppelten Portionen und Zigaretten. Er trug, um sich in seiner Würde von anderen Häftlingen zu unterscheiden, eine dunkelblaue Schirmmütze und war nie ohne seinen Eichenknüppel zu sehen. Es ist schwer zu sagen, wie sich in seinem Kopf die Welt und die Zukunft dieser Welt, die ja auch die seine war, malte. Pläne hatte er gewiß; es waren Pläne elementaren Stils, denn er rechnete damit in all.der Unschuld, die Gelichter seines Schlages auszeichnet, eines Tages als reicher Mann aus dem Lager zu gehen, unter dem Arm jene Margarineschachtel, die man nach seinem Tode bei ihm fand und die bis zum Rande gefüllt war mit den goldenen Zähnen und Zahnprothesen all derer, die er im Laufe seiner Tätigkeit als Krematoriums- chef in den Ofen geschoben hatte. Er war ein praktischer und realistischer Mann, der nicht einsah, weshalb man den gol- denen Mund einer Leiche der Vernichtung durch das Feuer anheimgeben sollte; er entbrach ihm also die Zähne— wozu ihn übrigens ein amtlicher Befehl voll ermächtigte— und baute auf diesen das Glück seiner Zukunft, Dieser treue Diener seines Herrn, der noch unberührt von dem Geist der erst später zu so hohem Ansehen gelangten 103 ,, Technik der Entvölkerung" den Totschlag als eine Art liebgewordenes Handwerk kultivierte, war gleichwohl ein Lehrling gemessen an Perrunje. - Perrunje, dem die nicht minder ehrenvolle Aufgabe zugefallen war, die Belegschaft der Strafkompanie nicht über die Zahl der vorhandenen Betten hinauswachsen zu lassen, entledigte sich des immer wieder anfallenden Überschusses auf eine wesentlich kunstvollere Weise als Böhm, Ich weiß nicht, ob es seine eigene Erfindung war, oder ob er nur auf alte bewährte Erfahrungen zurückgriff, jedenfalls bediente er sich mit Vorliebe des kalten Wassers zur Durchführung seiner drastischen Kuren; allerdings nicht wie der selige Pfarrer Kneipp zu Heilzwecken, sondern vielmehr zu deren Gegenteil. Ein starker, auf die Herzgegend gerichteter eiskalter Wasserstrahl soll, bei einer entsprechend ausdauernden Behandlung, die gewünschte Wirkung hervorrufen. Diese im Sommer erfolgreiche Methode steigerte Perrunje im Winter zu einer noch wirkungsvolleren Prozedur: er bespritzte seine im Freien vor der Baracke aufgestellten Opfer mit Wasser und gab sie hier dem Erfrierungstod preis. Selbstverständlich gab es noch eine Reihe anderer Beseitigungsmethoden. In ähnlicher Weise wie bei der in Kapitel IX geschilderten Strafkolonne des Vorarbeiters Felix auf dem Klinkerwerk wurden auch hier im Lager Häftlinge, deren man sich entledigen wollte, während der Arbeit zugrunde gerichtet. Beim Bau des großen Luftschutzkellers auf dem Exerzierplatz des Truppenbereichs wurde täglich. ein gutes Dutzend geopfert. Man ließ die auf schwankenden Brettern stehenden, durch Hunger, Mißhandlungen und Kälte geschwächten Menschen einfach durch einen energischen Stoß in die Tiefe des gegrabenen Schachtes fallen, wo sie entweder mit zerschmettertem Schädel liegenblieben oder derartige Verletzungen davontrugen, daß es sich nicht lohnte, sie erst noch einmal gesund zu machen. Sie kamen ins Revier, wo sie mit einer Spritze von allen weiteren Leiden erlöst wurden. In dieser Strafkompanie Perrunjes befanden sich vorwiegend Häftlinge, die sich durch ein Vergehen gegen den§ 175 straf104 kenden d Kälte n Stoß nt- Il bar gemacht hatten und deren Beseitigung man für erfor- derlich hielt; ferner’ Häftlinge mit Sittlichkeitsdelikten, sehr viele Juden und Bibelforscher, aber auch Häftlinge ohne alle Vorstrafen oder Kameraden, die sich in irgendeiner Weise gegen die Lagerordnung vengansen hatten. Es war keine Kunst, Herrn Perrunje in die Hände zu fallen; ein unbe- dachtes Wort konnte schon der Anlaß dazu werden. Kom- mandeure dieses grausamen Instituts waren die SS-Schar- führer Knittler, Kayser und Fickert, von denen sich nament- lich die letzteren zwei durch ihre beispiellose Roheit aus- zeichneten. Später, in der zweiten und dritten Periode der Häftlings- behandlung, ließen auch hier die Exzesse etwas nach. Die Häftlinge der Strafkompanie wurden fast nur noch als „Schuhläufer“ verwendet, das heißt, sie mußten im Auftrag der„Gesellschaft für Wirtschaftsausbau“ Kunstsohlen ein- laufen. Es wurden zu diesem Zweck eigene Prüfstrecken mit unterschiedlichem Straßenbelag gebaut. Diese Prüf- strecken zogen sich um den ganzen Appellplatz und mußten von den Schuhläufern so lange begangen werden, bis die von der„Gesellschaft für Wirtschaftsausbau“ geforderte Strecke von 40 Kilometern zurückgelegt war. Es ist schade, daß weder Böhm noch Perrunje als Kronzeugen für ihre schaurigen Taten auftreten können. Böhm starb am Flecktyphus im Zellenbau des Lagers unmittelbar nach Beendigung der in einem späteren Kapitel geschilderten großen Massenexekution russischer Kriegsgefangener, an der er als Krematoriumsvorarbeiter wesentlich beteiligt war— und Perrunje sah man drei Jahre später an einem: Strick hängen, kurz vor der Besetzung Oranienburgs durch russische Truppen. Beide, Böhm und Perrunje, waren im Grunde nur Hand- langer, Tagelöhner des Mords im Dienste von Verbrechern, die das deutsche Volk als die Retter Europas pries. .„„Es wird eine Technik der Entvölkerung entwickelt werden müssen!“ hatte Adolf Hitler im Frühjahr 1934 gesagt, als man ihn über seine Kolonisationsabsichten im„Ostraum“ 105 - befragte und er gab unverzüglich den Auftrag zur Verwirklichung dieser Idee. Alles, was in den Konzentrationslagern oder anderen Gefangenenlagern der SS Dienst tat, wuchs auf in diesem Geist der Vernichtung. Was in den Köpfen einiger zu Beginn ihrer blutigen Laufbahn vielleicht noch Bedenken erregte, unterlag schließlich der Gewöhnung, wurde zum staatserhaltenden Geschäft, zum Beruf. Man organisierte den Mord wie das Verkehrswesen, man entledigte sich überflüssiger und unerwünschter Geschöpfe auf eine immer sachlicher werdende Art und unterzog sich dieser Tätigkeit mit der gleichen Ruhe, wie sie allenfalls das Diktat eines Dienstschreibens auch gestattet. Es ist unvorstellbar, was aus der politischen und bürgerlichen Moral, aus der Gesittung Deutschlands, ja ganz Europas geworden wäre, wenn Adolf Hitler diesen Krieg gewonnen hätte. Was die Böhm und Perrunje als mit Butterstullen und Zigaretten gekaufte Helfershelfer des Reichsführers der SS, des Leiters des Reichs- Sicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, und des gesamten„ Sicherheitsdienstes" schlechthin taten, war erst ein bescheidener Anfang. Noch lagen keine genauen Direktiven vor, noch befanden sich die vom großen Manitu geforderten Entvölkerungsmaßnahmen im Stadium der Entwicklung. Noch begnügte man sich mit den kleinen Handlangern, die den Knüppel, den Wasserschlauch schwangen, um zu töten. Eine große Kollektivformel der Vernichtung mit bis ins Detail gehenden Ausführungsbestimmungen lag noch nicht vor. Das äußerste, was geschehen konnte, war, daß man die Menschen in den Steinbrüchen, den Tongruben und Kanalisationsschächten zugrunde gehen ließ- oft fünfzig an einem Tag, aber doch noch viel zuwenig, um den auf die Eroberung und„ Kultivierung" des Ostraums gerichteten Sinn des Führers zu befriedigen. Da begann im Sommer 1941 der Krieg mit der Sowjetunion. Mit einer geradezu bewunderungswürdigen Ahnungslosigkeit über die militärischen Machtmittel und die innere politische Widerstandskraft der Russen stürzte sich Herr Hitler auf den„ Feind", der ihn bis Stalingrad siegen und sich dabei im Rausche der Erfolge verzetteln ließ. Damals in der ersten Phase des Rußland106 feldzuges hielt Hitler den Zeitpunkt für gekommen, seine Entvölkerungsaktion mit den nun auch technisch vervoll- kommneten Mitteln großen Stils durchzuführen, In den Lagern Maidanek(Lublin), Bergen-Belsen und Auschwitz waren die Voraussetzungen für derartige direkte Aktionen geschaffen worden. Hier wurden Russen, Polen und Juden in unvorstellbaren Mengen vernichtet. Hier rollten die mit„rassefremden Elementen“ beladenen Eisen- bahnzüge direkt in den Lagerbereich. Hier qualmten aus dreißig und mehr Schloten die Öfen der Krematorien, langten Nacht für Nacht die mit toten Menschen befrachteten LKWs aus den kleineren Lagern, die über keine eigene Ver- brennungsanlage verfügten, in die großen Vernichtungs- stationen. Eine Industrie der Vernichtung hatte sich auf- getan. Leichen wurden fabrikmäßig hergestellt und nicht nur verbrannt, sondern auch zu Propagandazwecken in wäl- dern verscharrt, wo man sie ein halbes Jahr später, diesmal als angebliche Opfer der Russen, wieder ausgrub, um— wie im Falle Katijn— der längst mißtrauisch gewordenen Welt die ruchlose Komödie vom moralischen Kriegsziel der deut- schen Armee vorzuspielen, Das Sterben war im Reich Adolf Hitlers kein von den Schwingen der Gottheit beschattetes Ereignis mehr, sondern - eine laut Anordnung vom Soundsovielten durchzuführende kolonialpolitische Maßnahme Adolf Hitlers, der man sich unterziehen mußte wie einer Impfung oder der Volkszählung. Wer ist noch naiv genug, von den„Schrecken der Franzö- sischen Revolution“ zu sprechen, von denen die Geschichts- und Romanschreiber zehren seit den Tagen des Thermidors. Die pathetische Schaustellung todgeweihter Christen in den Zirkusarenen Roms, die Opfer der Inquisition in Spanien oder des Hexenwahns in Deutschland, was sind sie, alle diese Schauerrequisiten einer staubig gewordenen Geschichtsschrei- bung, gemessen an den Mordorgien Adolf Hitlers! Der furcht- kare Preis, den das deutsche Volk für diese Politik seines Führers bezahlen mußte, war die Antwort auf die Tat eines Mannes, der sich anmaßte, die Welt aus den Angeln der Ge- sittung zu heben. 107 Fugen XVI Dr. Grausams Trophäen ,, Remidemmi!" - Kurz vor meiner Versetzung nach dem Block 53 hatte ich das Kayser- Kommando verlassen, da mir der Arbeitsdienst einen Schreiberposten im Krankenbau des Lagers in Aussicht stellte. Dort saẞ in einer der Schreibstuben der älteste Sohn des am 28. Juni 1914 in Serajewo ermordeten Erzherzog- Thronfolgers Franz Ferdinand, Herzog Ernst von Hohenberg. Er befand sich seit der Annexion Österreichs durch die Truppen Hitlers in Haft, war zuerst im KZ Dachau, wo man ihn in einer Sandgrube schaufeln ließ, dann im Granit- Steinbruch des Lagers Flossenbürg und schließlich in Sachsenhausen. Hier hatte man es aufgegeben, ihn noch länger zu quälen; er erhielt eine Schreiberstelle im Revier und sollte im Frühjahr 1941 entlassen werden. Als Ersatz für ihn hatte man mich ausersehen und von Hohenberg sollte mich in mein neues Amt einweisen, Schon nach wenigen Tagen stellte sich heraus, daß es mit der Entlassung Hohenbergs noch eine gute Weile habe, jedenfalls hielt der Rapportführer Campe meine Überstellung ins Revier für überflüssig und ich mußte den kaum angetretenen Posten wieder aufgeben. Besonders unglücklich war ich darüber nicht, denn das Revier galt damals als ein gefährliches Pflaster, auf dem der„ Eiserne Gustav" sein Unwesen trieb. Auch dieses Institut diente zu jener Zeit mehr der Vernichtung als ernstlichen Heilzwecken. Sein Leiter, der SS- Untersturmführer Dr. Ehrsam( von den Häftlingen Dr. Grausam genannt), machte sich namentlich dadurch berühmt und beliebt, daß er die Ambulanz, also die tägliche Untersuchung der kranken Häftlinge, im Freien, morgens 6 Uhr auf dem Appellplatz durchführte. Da er das auch im Winter so hielt, kann man sich unschwer ein Bild machen von den Heilerfolgen dieses Mannes. Die meisten Kranken starben schon vor ihrer Einlieferung in den Krankenbau, denn Dr. Ehrsam hatte auch die Gewohnheit, Häftlinge, die 108 das einen ellte. sam gers sich rs in Sandagers Chatte chielt 1941 ausAmt raus, Weile Überkaum klich sein sein Zeit Sein Häfturch liche gens him chen nken bau, die an Lungenentzündung erkrankt waren, erst eine Zeitlang ans Tor zu stellen, wo der Wind besonders heftig blies und das Seinige mit zur baldigen und endgültigen Heilung der Betreffenden beitrug. Auch im Inneren des Reviers herrschten bedenkliche Zustände. Es gab hier keine fachlich vorgebildeten Pfleger, keinen sachkundigen Sanitäter, keinen wohlwollenden Arzt Es wurde viel mit Injektionen gearbeitet, an deren Folgen die Menschen dahinsiechten und schließlich starben. nicht sehr gute Beziehungen zu einem der hier diensttuenden Pfleger besaß, tat besser, sich auf eigene Faust gesund zu kurieren. Wer VerFür Juden und Ostvölker bedeutete der Krankenbau fast ausnahmslos die Endstation ihres Lagerlebens. Schon die Aufnahme in das Revier war mit den größten Schwierigkeiten verbunden, denn sie setzte ein stundenlanges Stehen vor der Ambulanzbaracke voraus. Wer nicht hohes Fieber nachweisen konnte, wurde wieder zurückgeschickt. zur Amputation letzungen geringfügiger Art führten oft ganzer Gliedmaßen. Die vernachlässigten Wunden gingen in Brand über, und die schmutzstarrenden Verbände bildeten eiternde Infektionsherde. Kranke, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten, kamen auf einen jener schauerlichen Massenblocks, die hinter den Paradebauten des Reviers, in denen sich die Ambulanz, die Operationssäle, die Röntgenstation, Zahnstation und die Büroräume befanden, den eigentlichen Krankenbau ausmachten, nämlich jenen Komplex trostloser Baracken, in denen die Kranken zu Hunderten mangels Pflege und Nahrung umkamen. Hier herrschten Zustände, die jeder Beschreibung spotteten und die erst eine Besserung erfuhren, als gegen Ende des Jahres 1943 auch Häftlingsärzte im Krankenbau zugelassen wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Kranken ausschließlich von Laien oder SS- Ärzten behandelt. Schuld an solchen Zuständen trug natürlich nicht ein Mangel an Medikamenten oder Verbandstoffen. Diese Dinge waren alle reichlich vorhanden, wie überhaupt die ganze klinische 109 Einrichtung des Krankenbaus als vorbildlich zu bezeichnen war. Laboratorien, Röntgenstation, die septischen und aseptischen Operationsräume, Apotheke, das Medikamentenlager, Pathologie, alle für ein solches Institut charakteristischen Einrichtungen befanden sich in einem sauberen, tadellosen Zustand. Aber welchen Zwecken dienten sie? Ich gebe gern zu, daß in Sachsenhausen etwas weniger experimentiert wurde als in Dachau oder Buchenwald, was nichts daran änderte, daß auch hier der Kranke nur Material war, zur Beseitigung reif. Im übrigen spielten sich im Bezirk dieser Heilanstalt die merkwürdigsten Dinge ab. So war im Frühjahr 1941 ein rumänischer Berufsverbrecher ins Lager gebracht worden, der das Interesse der gesamten SS dadurch erregte, daß er am ganzen Körper tätowiert war. Es gab an diesem Menschen nicht eine weiße Hautstelle. Selbst die Fußsohlen wiesen Tätowierungen auf, und als man ihm das Haupthaar abrasierte, sah man, daß die blauen und roten Ornamente, Zeichnungen und Spruchbänder sich sogar über den Scheitel erstreckten. Dieser seltsame Mensch war im übrigen vollkommen gesund und würde normalerweise noch leben, wenn nicht die SS- Ärzte auf den Einfall gekommen wären, sich der Haut dieses Mannes als einer Trophäe von ganz besonderer Eigenart zu bemächtigen. Der Mann wurde wenige Wochen nach seiner Einlieferung durch eine Injektion getötet, seine Haut abgezogen und gegerbt. Jahrelang schmückte diese schauerliche Rarität eine der Wände des anatomischen Hörsaals. Auch die in den Schreibstuben des Krankenbaus tätigen Häftlinge hatten kein beneidenswertes Los. Sie galten in den Augen des ,, Eisernen" und des Rapportführers Campe als ,, faule Hunde", mußten oft stundenlang auf dem Appellplatz stehen und ,, Sport machen", wie man im Lager das Rollen, Hüpfen und Inkniebeugesitzen nannte. Sehr groß war also mein Verlangen, an dieser Stelle zu wirken, nicht. Ich meldete mich deshalb beim Arbeitsdienst und bekam nun einen Posten als ,, Hülsensortierer" in einer der Baracken der Verwaltungswerkstätten, der zwar an sich recht bedeutungslos war, aber den Vorteil hatte, daß man im Warmen sitzen und keinen SS110 voll- wenn h der derer ochen seine diese Hör- Häft- den faule tehen ipfen Ver- mich n als ıngS- aber nSS- Dienstgrad als unmittelbaren Vorgesetzten hatte. In dieser Stellung konnte man wenig„auffallen“. Man war einiger- maßen sicher vor Schikanen und brauchte das bißchen Kraft, das man noch hatte, nicht zu verzetteln, denn die Arbeit— Sortieren von Patronenhülsen— war einfach und leicht, allen- falls etwas stumpfsinnig, aber da sich unter meinen Arbeits- kameraden mehrere Studenten, einige intelligente Beamte der polnischen Eisenbahn aus Danzig, ein Lehrer und ein junger Architekt befanden, machte sich auch dieser Nachteil nicht allzustark fühlbar. Alles in allem: wir hatten unsere Ruhe. Da wir nichts produzierten, was den Augen eines SS-Angehörigen hätte begehrenswert erscheinen können, waren wir vor unliebsamen Besuchen ziemlich sicher. Was einem in jenen Jahren an einer exponierten Stelle stündlich drohte— sich einer der barbarischen Lagerstrafen auszu- setzen—, war hier beinahe ausgeschlossen. Die Sicherheit eines Postens und damit die der Person, die ihn bekleidete, richtete sich also nicht nach der Höhe des Ansehens, den sie genoß, sondern nach dem Grad der Möglichkeit, sich dem Interesse der SS-Angehörigen zu entziehen. Ganz sicher war man freilich vor solchem Interesse nie, Das Unheil konnte sich ja auch zu Hause, das heißt im Block, abspielen, wo man vielleicht durch einen schlechten Bettenbau oder ein ähnliches Vergehen aufgefallen war, während man selbst bei der Arbeit saß. Mehrere Male geschah es auch, ‚daß man mittags oder abends nach Hause kam, hungrig und müde und in stiller Vorfreude auf das Stückchen Brot mit Wurst oder Margarine, und dann von folgendem Anblick betroffen wurde: sämtliche Einrichtungsgegenstände des Tagesraums waren auf die Erde geworfen, die Spinden waren geleert und gestürzt, die Beine der Tische und Stühle ragten in die Luft, Brot, Suppe, Wurst oder was es sonst gerade gab, bildeten einen einzigen Haufen Unrat, in den Ritzen der Dielen versickerte eine schmutzige Brühe, Bücher und Bilder, Kohlenstücke und Holz, Wasser- kannen, Schöpfkellen und Mülleimer, mit einem Wort: alles, was die Baracke enthielt, war dem Zerstörungswahnsinn eines Blockführers, des„Eisernen“ oder des Rapportführers Campe, zum Opfer gefallen. Der Blockälteste thronte auf den Trüm- 111 mern seiner Welt und erklärte uns den Grund dieser Maßnahme: Unordnung und Unreinlichkeit im Block. - An solchen Schreckenstagen blieben wir ohne Mittagessen oder gingen wir ohne Abendkost zu Bett. Aber auch hier mußte man sich auf nächtliche, überfallartige Besuche gefaßt machen. Denn um die gleiche Stunde, da wir uns zur Ruhe legen mußten, gingen die Angehörigen der Lager- SS in das Führer- oder Unterführerheim, um sich hier durch reichlichen Alkoholgenuẞ in jene Stimmung zu versetzen, die ihnen zur Durchführung nächtlicher Lagerexpeditionen und Blockinspektionen erforderlich schien. Wenn dieser Augenblick eingetreten war meistens gegen 1 oder 2 Uhr-, zogen sie gröhlend und wetternd in das Lager, gingen in die nächstbeste Baracke und veranstalteten nun hier einen Tumult und ein Durcheinander, daß man meinte, von Teufeln heimgesucht zu werden. Nicht selten eröffnete ein in den Schlafsaal gezielter Pistolenschuẞ dieses ,, Remidemmi"- wie der amtliche Lagerausdruck dafür lautete-: aus schwerem, bleiernem Schlaf gerissen, taumelten wir in die Höhe, da schlug uns auch schon das wüste Gezeter der im Dunkel mit ihren Prügeln oder Peitschen wild um sich hauenden SS- Leute in die Ohren. Wer flink war und die nötige Geistesgegenwart besaß, verkroch sich unter das unterste Bett, noch flinkere sprangen einfach aus dem Fenster, falls sie das Glück hatten, in der Nähe eines solchen zu liegen. Irgendeinen ,, erzieherischen Sinn" hatten diese Vorgänge nicht; sie galten mehr als Belustigung nicht für uns! und hörten auf zu der Zeit, da sich ein anderer nächtlicher Besucher, ein gewaltiger, furchtbarer Besucher mit Phosphorkanistern, Sprengbomben und Luftminen einen Weg in das Reich bahnte. Vor diesen Gästen kapitulierte der nächtliche Übermut der SS- und erst um den Preis des allmählich in Schutt und Trümmer sinkenden Berlins bekamen auch wir unsere Ruhe. - - - Die ersten, allerdings noch vereinzelten Angriffe auf die Reichshauptstadt erfolgten bereits im Jahre 1940; einen schweren, nachhaltigen Charakter nahmen sie aber erst zwei Jahre später an. Dennoch wurde bereits im Frühjahr 41 das Kommando ,, Bombensucher" geschaffen, dessen Aufgabe es 112 Maßgessen ch hier gefaßt Ruhe in das hlichen en zur Blockenblick gen sie stbeste nd ein cht zu ezielter LagerSchlaf schon moder n. Wer erkroch einfach e eines hatten - ung- ich ein rer Beminen apitum den kenden uf die einen st zwei 41 das abe es war, die in oder in der Umgebung von Berlin niedergegangenen Blindgänger oder Bomben mit Zeitzündung zu entschärfen und unschädlich zu machen. Es wurden zunächst ,, Freiwillige" zur Bildung solcher Kommandos aufgerufen. Um den gefährlichen Einsatz schmackhafter zu machen, stellte die Lagerführung solchen Häftlingen, die dreimal an der Aktion teilgenommen hatten, die Entlassung in Aussicht. Zwar glaubten wir nicht an die Ehrlichkeit dieses Versprechens, aber es fehlte trotzdem nie an Freiwilligen, wiewohl mehrere dieser Kommandos nicht wieder in das Lager zurückkamen; sie gingen in die Luft, wurden von den vorzeitig explodierenden Bomben zerrissen und in Atome zerfetzt. Es erübrigt sich zu betonen, daß niemals ein Häftling auch nicht nach dreißigmaliger Teilnahme aus dem Lager entlassen wurde. Das einzige, was man ihm zubilligte, war, daß er sich die Haare wachsen lassen durfte und täglich etwa 200 Gramm Brot mehr erhielt. - - - Aber war dieser Preis den Einsatz eines Lebens wert? Spielten hier verborgene vaterländische Gefühle eine Rolle oder das Bedürfnis, sich bei der Lagerführung beliebt zu machen? Ich bilde mir ein, genügend Kenntnis von der Häftlingspsyche zu besitzen, um sagen zu dürfen, daß keiner der hier in Frage gestellten Gründe maßgebend war für den Entschluß zur Teilnahme. Was viele politische Häftlinge und nicht die schlechtesten- veranlaßte, die Suchaktion mitzumachen, war der sich auch in anderen gefährlichen Situationen bekundende Geist der Unbeugsamkeit und Furchtlosigkeit. Diese Menschen hatten längst erkannt, daß allein durch die Haltung, von der ich bereits gesprochen habe, der Lagerführung ein gewisser Respekt abgetrotzt werden konnte, ein Respekt, der sich nicht auf den einzelnen bezog, den wir alle aber für unseren inneren, seelischen und geistigen Kampf gegen das Regime benötigten, da in ihm doch so etwas wie eine stille Kapitulation, eine gewisse Schwäche eingeschlossen war. Wenn der Kommandant Baranowsky oder irgendein anderer Quälgeist, nachdem er einen Häftling eine Stunde lang an den Pfahl hatte hängen lassen, ohne auch nur das geringste Geständnis zu erpressen, etwas resigniert oder verwundert den Kopf schütNacht 8 113 telte, dann war dies ein Sieg für uns alle. Man konnte alles Wir mit uns machen, aber nicht alles dadurch erreichen. starben alle nicht gern, aber wir zeigten keine Furcht vor dem Tode, in welcher Form er uns auch zugedacht war. Darum gaben wir auch in dieser Sache der Lagerführung keine Gelegenheit, uns Feiglinge zu nennen. Das war nicht der ,, Trotz der Kommune", wie gewisse Leute das zu bezeichnen pflegten, da sie selber zu minderwertig waren, um zu begreifen, daß es über alle politischen Probleme hinaus eine erhaltende Moral gibt, die zu hüten der wahre Mensch gerade dort am nötigsten hat, wo ein gesetzloser Zustand herrscht und alle Laster, deren die Menschheit fähig ist, zu finden sind. Wir hatten Verräter und Schurken unter uns ich bedaure, es sagen zu müssen aber gerade aus diesem Grund mußten die, die keine waren, und es waren glücklicherweise die meisten, sich ein eigenes Gesetz schaffen. Und in dieses Gesetz, das jeden Verstoß durch eine sehr harte, aber unerläßliche Folgerung entsühnte, fiel die Pflicht der Bereitschaft, für sich selbst und damit auch für die anderen geradezustehen, bis zur letzten Konsequenz. - Es gab Helden unter uns, die ihre Treue mit dem Leben bezahlten, nicht um andere zu töten, sondern anderen zu nützen. Ihnen bin ich diese Feststellung schuldig. 114 987-444 e alles Wir t vor I war. hrung nicht zeichim zu s eine gerade rrscht finden - ich diesem licherUnd in e, aber BereiteradeLeben ren zu XVII Der Mord an 18 000 Russen ,, Station Zett" Im Hochsommer des Jahres 1941 kamen russische Kriegsgefangene ins Lager. Sie waren bei den Kämpfen im Osten der Waffen- SS in die Hände gefallen. Sie brachten viele Tote mit, Kameraden, die auf dem Transport gestorben waren. Aber auch die Lebenden befanden sich in einem trostlosen Zustand, sie hatten gehungert und alle Entbehrungen durchlitten, die der Krieg dem gefangenen Soldaten auferlegt. Es waren an die zweitausend Mann, die nun in zwei leeren Baracken innerhalb eines besonderen Gevierts der Strafkompanie untergebracht wurden. Kurz zuvor hatte die ,, Bauleitung Oranienburg der Waffen- SS und Polizei" den Auftrag erhalten, auf dem Industriehof des Lagers ein Gebäude zu errichten, dessen Raumaufteilung und Inneneinrichtung bei unseren im Baubüro tätigen HäftlingsArchitekten einige Verwunderung erregte. Durch die Zimmerleute, die an der Aufstellung des Gebäudes beteiligt waren, erfuhren wir bald Genaueres über seine Beschaffenheit. Eine provisorische Grundrißzeichnung, die uns einer der Handwerker anfertigte, ließ uns über den Zweck dieses Bauwerks nicht länger im unklaren. Zu derselben Zeit, da wir uns in der Verborgenheit eines Werkstattwinkels mit dem Studium dieser Planskizze beschäftigten, rollten vier LKWs in den Industriehof, deren jeder eine merkwürdige Maschine anlieferte: vier mächtige heizkesselähnliche Apparate aus grauem Metall mit Feuerungstüren, großen backofenartigen Verschlußklappen, Ventilen und Druckmeßgeräten; auch über den Zweck dieser Maschinen konnte bei näherer Betrachtung kein Zweifel bestehen. Wir ahnten, daß etwas Außergewöhnliches bevorstand. 8" 115 Die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte sehr rasch. Es handelte sich bald um einen etwa 30 Meter langen, 18 Meter breiten Holzschuppen, der in seinem Inneren mehrere eigenartige Räume enthielt, deren gemeinsamer Eingang nach einem von hohen Palisaden gebildeten Hof hinaus lag. Verfolgte man auf der Rißzeichnung von diesem Hof aus den Weg durch die gesamte Anlage, so gelangte man erst in eine Art Windfang und von diesem in einen großen, fast quadratischen Raum, in dem mehrere lange Bänke mit Kleiderrechen- wie man sie im Auskleideraum einer Badeanstalt findet aufgestellt waren. Von hier aus führte eine Tür in einen mehr langen als breiten Raum, der einen Tisch, mehrere Stühle, einen Glasschrank mit medizinischen Instrumenten und dergleichen enthielt. Ein kleines, fensterloses Kabinett bildete das Verbindungsstück zwischen diesem und einem großen, gleichfalls fensterlosen Raum, dessen Wände aus doppelter Balkenverschalung mit dazwischengelagerter Glaswolle- Isolierung bestanden; in die eine Schmalwand war eine schlitzartige Scharte gearbeitet, vor welcher eine Meßlatte mit verschiebbarem Winkelstück, wie man sie zur Feststellung der Körpergröße verwendet, stand, Hinter der Wand mit der Scharte lag ein vom Freien aus erreichbarer Gang, während die der Meẞlatte gegenüberliegende Wand besonders stark armiert und augenscheinlich als Kugelfang ausgebildet worden war. Es muß noch erwähnt werden, daß die Wände dieses Raumes mit buntgestreiften Vorhängen verkleidet waren und daß der Fußboden an der Stelle, wo die Meßlatte angebracht war, aus einem rot gestrichenen Eisenrost bestand. In diesem Raum befand sich eine zweite Türe; sie öffnete sich in eine geräumige Halle, deren Boden mit Sägemehl und Sägespänen bedeckt war. Das breite Tor dieses Raumes stellte die Verbindung her zu den im Freien, in einem Brettergeviert aufgestellten Verbrennungsöfen, vier fahrbaren Feldkrematorien, die man hier auf einen stabilen Unterbau montiert hatte und die dann auch später im Neuen Krematorium des Lagers Verwendung fanden. Als die Zurüstung der hier geschilderten Baulichkeiten so weit gediehen war, daß die Anlage in Betrieb genommen werden konnte, fand im September 1941 die erste 116 t Sonderaktion, die Erschießung von etwa 500 russischen Kriegsgefangenen, statt. - Die Aktion begann abends nach dem Appell, der diesmal nicht länger als zehn Minuten dauerte. Sofort nach dem Signal zum Einrücken mußten sämtliche Häftlinge den Platz im Laufschritt verlassen und sich in die Baracken verfügen. Von hier aus konnten wir nun die weiteren Vorgänge gut beobachten. Wir sahen, wie ein großer fensterloser Kraftwagen, der später auch als„, Gaswagen" Verwendung fand, am Gittertor der Isolierung vorfuhr und wie etwa 50 Russen durch eine Gasse von SS- Leuten in das Innere des Wagens getrieben wurden. Alles vollzog sich sehr rasch. Die Wagentür klappte ins Schloß und der Karren rollte davon durch den Turm A, den Kommandanturbereich und an den Baulichkeiten der ,, Deutschen Ausrüstungswerke" vorbei in den Industriehof. Was sich hier und im weiteren Verlauf der Aktion die folgenden Nächte hindurch abspielte, wissen nur wenige Häftlinge aus eigener Anschauung; vorausgesetzt, daß noch einer von ihnen unter den Lebenden weilt. Man hatte ein Kommando von Berufsverbrechern mit dem schon erwähnten Böhm als Vorarbeiter gebildet, dessen Aufgabe es war, die Leichen der Ermordeten aus der Leichenhalle in die Verbrennungsöfen zu schaffen. Dieses Kommando wurde streng isoliert und kam mit den übrigen Häftlingen des Lagers nicht in Berührung; es wohnte in einer eigenen Baracke auf dem Industriehof und erhielt Truppenverpflegung und Alkohol. Trotzdem ließ sich der Verkehr zwischen den Angehörigen des Kommandos und dem Lager nicht ganz unterbinden, weshalb wir schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit genauestens Bescheid wußten über den technischen Verlauf der Aktion. Da sich außerdem die grausige Anlage unmittelbar hinter der westlichen Lagermauer befand, konnten auch wir im Lager einen Teil der äußeren Vorgänge, die ja unschwer auf die inneren Vorgänge schließen ließen, wahrnehmen. Wir sahen die Tag und Nacht mächtig qualmenden Schlote der vier Krematoriumsöfen, wir hörten das Brausen und Rauschen der großen Motorfeuerspritze und den musikalischen Lärm eines auf höchste Tonstärke gedrehten Lautsprechers - beide 117 Geräte hatte man eingeschaltet, um etwaige Tumulte der Gefangenen und vor allen Dingen die in Abständen von fünf Sekunden fallenden Pistolenschüsse zu übertönen. Laut Berichten, die wir auf Umwegen und über die Häftlinge verschiedener Verpflegungsbetriebe, die wiederum mit dem Kalfaktor des Krematoriumskommandos in Berührung kamen, erhielten, vollzog sich die Exekution in der Weise, daẞ jeweils 50 Gefangene in den Auskleideraum geführt wurden, wo sie sich, unter dem Vorwand, entlaust, untersucht und gebadet zu werden, ihrer Kleider entledigen mußten. Von hier aus kamen sie in das„ Untersuchungszimmer", wo von einigen ,, SS- Ärzten" eine Scheinuntersuchung durchgeführt wurde. Jeder Untersuchte mußte dann durch den Zwischengang in den eigentlichen Exekutionsraum treten, wo er, unter dem Winkelstück der Meßlatte stehend, den tödlichen Genickschuß empfing. Diesen gab ein SSSchütze, der sich in dem hinter der schlitzförmigen Scharte befindlichen Raum aufhielt, durch eine Bohrung im Vertikalstück des Meßwinkels ab. Da dieser Meßwinkel veränderlich war, je nach der Körpergröße des Opfers, traf der Schuß in sämtlichen Fällen sein Ziel. Sofort nach Entfernung der Leiche erfolgte durch ein in das Untersuchungszimmer geleitetes Lichtzeichen die Fortsetzung der Aktion, das heißt die Erschieẞung des nächsten Gefangenen. In den ersten dieser Exekutionsnächte war an Schlaf nicht zu denken. Unsere Baracke befand sich in nächster Nähe der Hinrichtungsstätte, von dieser nur durch eine Mauer und den elektrischen Drahtzaun getrennt. Immer und immer wieder, fast die ganze Nacht hindurch, hörten wir das An- und Abfahren des grauen Wagens, das Dröhnen der Motorspritze und dumpf die in monotonem Gleichmaẞ fallenden Schüsse. Wir hatten schon viel gesehen und erlebt in diesem Lager; man war auf das Äußerste gefaßt. Wir hatten gesehen, wie am 9. November 1940 dreiunddreißig junge Polen vor dem Turm A entkleidet wurden, wie man ihnen mit Blaustift eine Nummer auf die Brust malte und wie man sie im Lastwagen nach dem Industriehof schaffte, wo man sie in einer Sandgrube erschoẞ. Wir wußten, daß dort hinten Fürchterliches 118 geschah, aber wir hatten nicht an die Möglichkeit einer so mechanisierten Organisation gedacht, nicht an die Techni- fizierung des Mordes, den automatischen Totschlag, Nun zeigte es sich, daß die„Technik der Entvölkerung“, von der Hitler gesprochen hatte, keine Floskel war, sondern Schauer- liche Wirklichkeit. Es erübrigt sich, die Frage nach den Gründen einer solchen Maßnahme zu beantworten. Hitler selbst hat die Antwort gegeben. Das Eingeständnis der Absicht, das Slawentum aus- zurotten, den Bolschewismus„auszumerzen“, alles Rassen- fremde und der Germanisierung Europas Hinderliche zu „vernichten“, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Verwirklichung folgte der Idee auf dem Fuße, Daß die Durchführung der erforderlichen Maßnahmen nur in den der Öffentlichkeit unzugänglichen Bezirken der Konzentrations- lager erfolgen konnte, ist verständlich, denn nach außen mußte das„Dritte Reich“ selbstverständiich das bleiben, was es, den scheinheiligen Ideologien des Nazismus gemäß, zu sein vorgab: das Reich der Schönheit, der Ehre, das Paradies aller Schaffenden, der Hort guter Sitten, des europäischen Anstandes und der kulturellen Würde. ie Sicherheit, in der man sich wiegte, als die deutschen Truppen fast widerstandslos bis Leningrad vordrangen(daß man mit„einem guten Fernglas schon ins Innere der Stadt schauen konnte“), die felsenfeste Überzeugung, daß der Krieg mit Rußland gewonnen, der„Endsieg“ nur noch eine Frage von Wochen sei, dazu die von amtlichem Frohlocken durch- zitterte Erklärung Goebbels„Der Ostfeldzug siegreich beendet!“— alle diese im Wonnerausch einer mißverstan- Genen Stunde geborenen Trugschlüsse bestimmten Herrn Hitler, sein wahres grauenhaftes Gesicht zu zeigen, noch ehe eine solche Demaskierung aus taktischen Gründen geraten schien, Er machte sozusagen kein Herz mehr aus seiner Mör- dergruke. Der Erfolgstaumel des Dilettanten war über ihn ge- kommen und er fühlte sich schon als der Herr dieser Welt. So wie er bereits im Winter 1941 seine Architekten Speer und Kreis mit dem Bau von grandiosen Siegesdenkmälern auf der Krim und in der Nähe Moskaus, in Narvik, Afrika 119 EEE TEST TEEREDTT ET ERSTE TEE TE - - und an der Kanalküste beauftragte, so fing er auch allzu zeitig! mit seinen nicht minder grandiosen Abschlachtereien an, um die nur für den germanischen Menschen bestimmte Erde von allen Rassenschlacken des Ostens zu säubern. Was auf diesem Gebiete noch alles geplant war, ergab sich für uns aus folgendem: im Dezember 1941 erging von seiten der„ Zentralbauleitung der Waffen- SS" an die Bauleitung Oranienburg der Befehl zum sofortigen Bau der sogenannten ,, Station Z"( wie die Bauwerksbezeichnung lautete), eines Gebäudes, das im Grunde nichts anderes war als die steinerne und technisch verbesserte Wiederholung des oben geschilderten Exekutionsschuppens. Dieser Neubau erschien den Bauherren aus verschiedenen Gründen erforderlich: erstens war der Holzbau nicht schalldicht, man hörte trotz Inbetriebnahme von Motorfeuerspritze und Lautsprecher das Geschrei der Opfer und die Schüsse im Exekutionsraum, zweitens mußten die bis dahin im Freien stehenden Verbrennungsöfen vor den Einflüssen der Witterung geschützt werden, und drittens trug man sich mit der Absicht, einen eigenen Gasraum einzurichten, da wie die Erfahrungen im Vernichtungslager Auschwitz gezeigt hatten*) durch - - *) Ich verweise hier auf die Aussagen des SS- Obersturmführers Heinisch vor dem Kriegsgericht der 4. Ukrainischen Front in Charkow am 15. Dezember 1943, die nachstehenden Wortlaut haben: ,, Somann( der Leiter des Sicherheitsdienstes im Kreis Breslau) erzählte mir vom Lager Auschwitz, wo zur Vergiftung der Gefangenen Gas angewandt wurde. Den Gefangenen sagte man, daß sie an einen anderen Ort überführt würden. Den ausländischen Arbeitern erklärte man, sie würden nach der Heimat zurückgeschickt. Unter diesem Vorwand schickte man sie ins Bad. Die Personen, die vernichtet werden sollten, betraten zunächst eine Baracke mit der Aufschrift, Desinfektion', wo sich die Männer, Frauen und Kinder getrennt entkleideten. Dann wurde ihnen befohlen, in eine andere Baracke mit der Aufschrift, Bad' zu gehen. Während die Leute sich wuschen, wurden besondere Ventile geöffnet und in den Raum strömte Gas, woran die Leute starben. Die Leichen wurden in besonderen Ofen verbrannt, in denen bis zu 200 Leichen gleichzeitig verbrannt werden können." ( Gerichtsprozeß in Moskau über die Bestialitäten der faschistischen deutschen Okkupanten in Charkow.) 120 Vergasung eine viel größere Anzahl von Menschen in einer verhältnismäßig viel kürzeren Zeit, als das durch Erschießung möglich war, beseitigt werden konnte. Im Januar 1942 wurde mit dem Bau dieser„Station Z“ begonnen. Im März wurde das alte Krematorium abgerissen und der Neubau in Betrieb genommen. Den ganzen Winter hindurch wurden die Exekutionen fortgesetzt. Als im April 1942 die Aktion für„vorläufig beendigt“ erklärt wurde, belief sich die Zahl der Ermordeten auf 18 000! XVIII Korruption an allen Ecken und Enden Im Frühjahr 1942 suchte die ,, Unterkunftskammer der Verwaltung" einen Buchhalter. Mein Freund Hubert M., der dort als„ ,, Läufer" tätig war, empfahl mich dem Vorarbeiter des Betriebes, der seinerseits meine Überstellung beim Arbeitsdienst beantragte. Am 1. April verließ ich das Kommando ,, Hülsensortierer" und trat meine neue Stellung an. Sie unterschied sich in jeder Beziehung von der vorherigen. Ich saẞ nun wieder einmal seit längerer Zeit in einem sauberen Büroraum, hatte einen eigenen Schreibtisch, einen eigenen Kompetenzbereich und einen anständigen Vorgesetzten. SS- Unterscharführer Wilhelm Rügheimer, ein älterer Reservist, unterschied sich von den meisten seiner aktiven Kameraden durch seine unverkennbare Abneigung gegen die im Lager üblichen Korrektionsmaßnahmen, seine Großzügigkeit uns Häftlingen gegenüber und seinen Unglauben an den Endsieg. Er war mit tausend Dingen nicht einverstanden, stöhnte und ächzte unter dem„, Druck der Verhältnisse", wie er das nannte, und erwirkte uns, wohl zur Milderung dieses Drucks, gelegentlich ein Sondereinkaufsrecht für die Kantine des Lagers, Diese Lagerkantine, in der laut Kopfvermerk auf den Briefbogen ,, alles gekauft" werden konnte, war wohl die einzige Lokalität, die man nicht mit Schrecken, sondern mit einer gewissen Zuversicht und Hoffnung betrat. Hier sollte es früher einmal tatsächlich alles gegeben haben, Ältere Häftlinge, die diese glorreiche Zeit erlebt hatten, schwärmten noch jetzt gelegentlich von den Wundern dieses Lokals, von den Zervelatwürsten und Schinken, den Mandeltorten und Streuselkuchen; zu meiner Zeit war von all diesen schönen Dingen leider nichts mehr vorhanden, es gab nur noch Brot, Sauerkraut, Quarkkäse und rote Rüben. Einige Monate lang wurden wir von hier aus allerdings auch mit„ Karo" belie122 fert, einem von den Maizena-Werken hergestellten malz- artigen Brotaufstrich, den wir in beträchtlichen Mengen verkonsumierten und von dem böse Zungen behaupteien, es sei nur eine Art Versuchsprodukt, aus Steinkohle gewonnen und infolgedessen gesundheitsschädlich. Ich habe wenigstens hundert Büchsen dieses Produkts vertilgt, ohne auch nur die geringste gesundheitliche Schädigung feststellen zu müssen und teilte darum das allgemeine Bedauern, als die Lieferung dieses uns so lieb gewordenen Süßstoffes eines Tages ein- gestellt wurde. Leider hatte auch diese Verkaufszentrale, die unter dem Sammelbegriff Kantine in unserem dürftigen Dasein eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte, einen beträchtlichen Schönheitsfehler: die Preise, die sie für ihre Leistungen forderte, standen meist in keinem Verhältnis zum wirklichen Wert oder Unwert der Ware. So konnte man zum Beispiel einen Laib Brot nur erwerben, wenn man gleichzeitig eine Mundharmonika, einen Rasierapparat oder ein Kilo Kartoffel- salat mit erstand. Das Brot kostete nicht mehr als 60 Pfennig, aber die Mundharmonika, das Haarwasser oder der Kartoffel- salat war unter 2,50 Reichsmark nicht zu haben, so daß summa summarum das Brot schließlich auf 3,10 Reichsmark zu stehen kam. Der Zweck, den die SS-Kantinenverwaltung mit diesem Verkaufssystem verfolgte, war nicht zu ver- kennen, Selbst in Zeiten des größten Warenmangels gelang es ihr auf diese Weise, das Unternehmen lukrativ zu ge- stalten— also durch die Pflege von Koppelungsgeschäften, die zwar außerhalb des Lagers im ganzen Deutschen Reich bei schwerer Strafe verboten waren und die schon manchen, der sich gegen dieses Verbot verging, in das Konzentrations- lager gebracht hatten. Auch dieser Circulus vitiosus erschien mir stets als ein hübsches Symbol für die von den Nazis So hochgepriesene Geschäftsmoral. Bezeichnenderweise wurde dieses Koppelungssystem nur so lange aufrechterhalten, als die Häftlinge ihre Einkäufe aus eigenen Mitteln bestreiten mußten; später, als nach Gründung des Arbeitseinsatzes die Häftlinge vom Lager aus entlohnt wurden, befleißigte sich die Kantine eines reelleren Geschäftsgebarens, denn bei 123 der geringen Höhe unseres ,, Einkommens" wäre kaum ein Häftling in der Lage gewesen, einen Einkauf zu machen, wenn die Kantinenverwaltung an dem alten Verkaufsprinzip festgehalten hätte. Mit Ausnahme der Eẞwaren stammten alle anderen Gegenstände, die hier zum Verkauf gelangten, aus Beutebeständen der SS, namentlich die Zigaretten und der Tabak, von welchen Artikeln oft riesige Mengen vorhanden waren; daß diese an uns und nicht an die Angehörigen der SS verkauft wurden, hatte seinen Grund in der notwendigen Wahrung gewisser Zollbestimmungen, denn die in Jugoslawien, in der Tschechoslowakei und in Frankreich erbeuteten Zigaretten waren unbanderoliert und durften im Interesse des freien Außenhandels nicht an Zivilisten abgegeben werden. Da die SS- Angehörigen aber in dem Augenblick, da sie größerer Mengen dieses begehrten Artikels habhaft werden konnten, diese sofort zu Schiebergeschäften mißbrauchten, wurde solche Ware ausschließlich an Häftlinge verkauft, die ja keine Möglichkeit hatten, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Selbstverständlich fanden die SS- Angehörigen auch jetzt noch Mittel und Wege, um in den Besitz solcher Rauchware zu gelangen; sie ließen sich dieselbe einfach durch Häftlinge besorgen und sabotierten damit die Verordnungen ihrer eigenen Verwaltung. In dieser Kantine deckten wir also unseren Bedarf an zusätzlichen Lebensmitteln, vorausgesetzt, daß solche vorhanden waren. Da dies nur im großen, nicht im Einzelverkauf, geschehen konnte, geriet man in eine gewisse Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst des sogenannten Kantineneinkäufers, eines vom Blockältesten eingesetzten Häftlings, der das gesamte Block- Einkaufsgeschäft zu besorgen hatte. Gehörte man einem Kommando an, dessen Chef an der Ernährungslage seiner Häftlinge oder was meistens der Grund war an der Beschaffung von Zigaretten für den eigenen Bedarf nicht ganz uninteressiert war, so konnte man auf dem einfacheren Weg des„ Kommando- Einkaufs" die Kantine benützen. Hierzu war ein Antrag des Dienststellenleiters erforderlich. Nicht alle Dienststellenleiter ließen sich 124 - - dazu herbei, einen solchen Antrag zu stellen,— denn das roch immer ein wenig nach„Häftlingsbegünstigung“—, aber Unterscharführer Rügheimer tat es. Er war selbst ein Freund guten Essens und hatte— was ich ihm heute noch hoch an- rechne— nichts dagegen, daß wir uns auf dem Warenboden Kartoffeln kochten oder sonst irgendwelche einfache Speisen zubereiteten, obschon das strengstens verboten war. In dieser Atmosphäre des Mords, der Vernichtung, in dieser Luft, die tagtäglich geschwängert war von dem widerlichen Geruch gebratenen Menschenfleisches, in dieser ewigen Sorge um das eigene Leben fühlte man sich dem Schicksal zu Dank verpflichtet, wenn es einem keinen Teufel, sondern einen Menschen zum‘Vorgesetzten gegeben hatte. Ich empfand diese Wohltat in jenen Monaten besonders stark; eine all- gemeine Nervosität hatte sich des ganzen Lagers bemächtigt. Die Erschießung der Russen, die Inbetriebnahme der„Sta- tion Z“, die immer wieder auftauchenden Gerüchte von neuen und noch umfassenderen Vernichtungsmethoden— alle diese schon eingetretenen oder noch zu erwartenden Ereignisse waren nicht dazu angetan, uns zu beruhigen. Ein neuer Lagerführer namens Suhren eröffnete seine Tätigkeit mit Einführung verschärfter Methoden. Wir mußten uns die Haare bis auf die Länge von drei Zentimeter stehen und dann eine von der Stirn bis zum Nacken reichende Gasse, die sogenannte„Suhren-Allee“, hineinschneiden lassen. Viele von uns, darunter auch ich, empfanden diese neue und auf- fällige Schändung ihres äußeren Menschen als entehrend und schmerzlich. Es genügte also nicht, daß wir Streifen an den Hosen, Kreuze auf dem Rücken und Nummern auf der Brust trugen— wir wurden auch noch am Körper ge- zeichnet. Als eines Abends während des Appells Leute her- ausgerufen wurden, die der Kunst des Tätowierens mächtig waren, entstand sofort die Parole, daß wir nun alle, wie die Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz, eine Nummer auf den Arm tätowiert bekommen sollten, Das Gerücht bewahrheitete sich zwar nicht, aber es übte nun doch einmal seine Wirkung aus. Wir waren fest überzeugt, daß weitere, diesmal auch uns betreffende Massenexekutionen zu erwar- 125 ten waren. Fast täglich fanden nun auch öffentliche Hinrichtungen statt. Aus den belanglosesten Gründen wurden Häftlinge vor den Augen des gesamten Lagers gehängt. Bald war es der Vorwurf der Sabotage, der gegen sie erhoben wurde, bald der Vorwurf der Meuterei. An dem Tag, da der SSObergruppenführer Heydrich in seiner Eigenschaft als Protektor in der Tschechoslowakei ermordet wurde, ereilte 80 Prozent aller im Lager befindlichen Juden das Schicksal der Vernichtung. Wie vorher die Russen, wurden sie im grauen fensterlosen Lastwagen nach dem Industriehof und dort in die Gaskammer geschafft. Tag und Nacht rauchten die vier Schlote des Krematoriums; der stinkende Qualm zog sich in breiten Schwaden über das Lager und gemahnte uns zu jeder Stunde an die Wertlosigkeit unseres Lebens und an die Gefahr, die uns drohte. Noch genoß die SS den Rausch ihrer Siege, ihrer Allmacht und Größe, Ihre Arroganz und Überheblichkeit kannte keine Grenzen. Der zweite Lagerführer Grünewald, ein Mensch, der schon im Lager Dachau Erhebliches geleistet hatte, inspizierte die Arbeitsplätze und brachte unbarmherzig jeden Häftling, der etwas tat, was seiner Ansicht nach gegen die Lagerordnung verstieẞ, zur Anzeige. Er selbst nahm am Strafvollzug teil und feuerte die Schläger durch ermunternde Zurufe zu besonderer Heftigkeit an. In dieser schlimmen, entnervenden Zeit, die nichts bot als die Furcht vor dem Morgen, vor einer sich immer deutlicher abhebenden Gefahr, fiel es mir schwer, meinen dienstlichen Obliegenheiten die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihnen der Ordnung halber gebührte. Dazu kam, daß sich die Geschäftsbücher der Kammer in einem Zustand heilloser Unordnung befanden. Die Bilanzen mußten ständig frisiert werden, die Effektivbestände stimmten nicht überein mit dem gebuchten Bestand. Schiebereien und Diebstähle der SS erzeugten ein kaum noch zu entwirrendes Durcheinander. Jede Monatsabrechnung machte ein neues Scheinmanöver notwendig. Das Schlimme daran war, daß ich mich selbst mitschuldig machen mußte an dieser Verschleierungstaktik, denn ich hatte als Häftling kein Recht, die Verwaltung auf 126 0t- auf die Unhaltbarkeit dieser Zustände aufmerksam zu machen. Aber selbst wenn ich dieses Recht besessen hätte, wäre ich wohl kaum auf den Gedanken gekommen, davon Gebrauch zu machen;‘was ging mich schließlich der ganze Betrieb überhaupt an? Da mich die Umstände aber nun einmal zwangen, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen, mußte ich mich im Interesse meiner eigenen Sicherheit auf irgendeine Weise vor den unheilvollen Folgen dieser verantwortungs- losen Geschäftsführung schützen. Für verschiedene Ver- brauchsmittel mußte ich doppelte Bestandslisten führen, und es war kein geringes Kunststück am Monatsletzten, das Soll mit dem Haben in Übereinstimmung zu bringen, Bald fehlten dreitausend Stück Seife, dann wieder zweihundert Woll- decken— es war meine Aufgabe, dieses Minus, wenigstens dem Schein nach, auszugleichen, die fehlenden Bestände „irgendwie“ unterzubringen. Schiebung und Korruption hatten damals im Lager einen Höhepunkt erreicht. Der Kommandant, Oberführer Loritz, einer der rücksichtslosesten und übelsten Burschen, die aus der Hohen Schule des Traditionslagers Dachau hervor- gegangen waren, ging selbst mit leuchtendem Beispiel voran. An sämtlichen Arbeitsplätzen des Lagers wurde für seinen eigenen Bedarf produziert. Er ließ sich Jagdwagen und ein Flugzeug bauen, ein ganzes Dutzend schnittiger Boote, dar- unten ein Motorboot, er ließ sich Möbel und andere Einrichtungsgegenstände anfertigen; Gürtler und Sattler, Schuster und Schneider waren für ihn und seine Familie tätig, ja, er baute sich in St. Gilgen am Wolfgangsee ein prächtiges Landhaus, zu dem das gesamte Baumaterial vom Lager Sachsenhausen mit LKWs nach der etwa 800 Kilometer entfernten Baustelle im Salzkammergut geschafft werden mußte, Dieses Haus kostete Herrn Loritz keinen roten Heller, denn das Material war gestohlen, und gebaut wurde es von Häftlingen. Daß dieses belehrende Beispiel bei zahlreichen Unterorganen keine Neigung zur Sparsamkeit erweckte, gibt zu keiner Verwunderung Anlaß. Der Küchenchef Rackers plünderte die Vorräte des Proviantraums und deckte sich auf die großzügigste Weise für den Winter ein. Riesige Kessel 127 mit eingemachtem Schweinefleisch wurden für ihn verlötet und durch das Tor in seine Wohnung geschmuggelt. Der Kammerchef Höppkens und sein Adlatus SS- Unterscharführer Schöller vergriffen sich an den Kleider- und Goldbeständen der Lagerverwaltung. Es handelte sich dabei zwar um ohnehin schon gestohlenes Gut, denn Kleider wie Wertsachen stammten aus dem Besitz der in Auschwitz und Lublin ermordeten Juden, aber da auch bei der SS der Grundsatz Quod licet Jovi, non licet bovi maßgeblich war, mußten Höppkens und Schöller, als ihre Tat ruchbar wurde, den Gang in die Ewigkeit antreten; im Herbst 1944 wurden sie auf dem Industriehof erschossen. Auch der Kommandant Hermann Loritz wurde seines Amtes enthoben. Da er aber immerhin Oberführer war, also im Offiziersrang stand, wurde er lediglich in ein anderes Lager ,, strafversetzt". Es würde mich wundern, wenn er dort von seinem Talent, zu betrügen, keinen Gebrauch gemacht hätte. - Leider wurden bei derartigen Strafmaßnahmen gegen SSAngehörige stets auch Häftlinge in Mitleidenschaft gezogen, denn ohne die wenn auch unfreiwillige- Mitwirkung von Häftlingen waren Vorkommnisse, wie die oben geschilderten, kaum denkbar. Häftlinge saßen in allen Betrieben und Magazinen. Sie hatten zwar kein Recht, ihre Vorgesetzten- und Vorgesetzter war jeder SS- Mann an irgendwelchen Verfehlungen zu hindern, aber sie wurden mit zur Verantwortung gezogen, wenn das Unternehmen miẞglückte. Die wenigsten Häftlinge hatten ein Interesse an einer erlaubten oder unerlaubten Bereicherung ihres Chefs, aber sie wurden meist als mitschuldig befunden, wenn eine Überschreitung der Amtsbefugnisse sich nicht länger verheimlichen ließ. Wollte das SS- Gericht zur Klärung des Falles die näheren Umstände wissen, dann wurden die an der betreffenden Dienststelle tätigen Häftlinge als Zeugen vernommen. Der Häftling sollte nun vor der SS etwas gegen die SS aussagen. Ein undenkbarer Zustand: Sagte er nichts aus, so hängte man ihn an den Pfahl, um auf diese Weise ein Geständnis von ihm zu erpressen. Sagte er aber etwas aus, so konnte er damit rechnen, von den Kameraden des durch seine Aussagen Belasteten 128 — und das waren sämtliche Angehörigen der Lager-SS vom Kommandanten abwärts!—„erledigt“ zu werden, Man wird begreifen, daß mir unter solchen Umständen in meiner Eigenschaft als Buchhalter der Unterkunftskammer nicht sehr wohl war. Da ich freiwillig den sehr heiß gewor- denen Platz nicht verlassen durfte, gab ich meinem Chef schließlich Gelegenheit, mich zu entlassen. Im September 1942 ließ ich mir ein Buchungsversehen zuschulden kommen, das ihm einen„Anpfiff“ von der Verwaltung eintrug; da er überdies merkte, daß ich längst kein Interesse mehr an der Arbeit hatte, riet er mir, mich nach einem anderen Posten umzusehen. Das hatte ich bereits vorher getan. Am 29. Sep- tember verließ ich die Unterkunftskammer ohne Groll und trat am 1, Oktober eine neue Stellung an im Verwaltungs- büro der„Luftschiffbau Zeppelin G. m. b. H,“ in Oranienburg, einem Unternehmen, das als Rüstungsbetrieb der SS und der Wehrmacht fast ausschließlich mit Häftlingen arbeitete. Hier lief ich keine Gefahr, in Korruptionsaffären verwickelt zu werden, denn das Werk diente der Reparatur von SperT- ballonen, einem Artikel, der den privaten Bedürfnissen irgendwelcher SS-Angehörigen nichts Verlockendes bot, XIX Massenmörder Hermann Loritz Die oben geschilderten Zustände in der Unterkunftskammer der Verwaltung geben zu der eingehenderen Betrachtung jenes schon flüchtig erwähnten Vorfalls im Winter 41 auf 42 Anlaẞ, bei welcher Gelegenheit mein Freund Hubert M. die furchtbaren Leiden des ,, Pfahls" kennenlernen mußte. Damals hatten die in jeder Hinsicht korrupten Verhältnisse, die in jenem Betrieb herrschten, eine Brandstiftung notwendig gemacht, deren Folgen die in der Kammer beschäftigten Häftlinge zu tragen hatten. Ich stehe nicht an, als eigentlichen Urheber dieses Verbrechens den damaligen Kommandanten des Lagers, den SS- Oberführer Hermann Loritz, einen ehemaligen Polizeibeamten aus Augsburg, zu bezeichnen. Ich werde auf diesen Mann noch öfters zu sprechen kommen, denn er dürfte in der Geschichte der Konzentrationslager als eine Erscheinung von ganz besonderer Prägnanz figurieren, und wenn ich auch nicht in der Lage bin, die genaue Zahl der Menschenleben anzugeben, die dieser Mensch auf dem Gewissen hat, so darf ich wohl ohne Übertreibung sagen, daß sie in die Hunderte geht. - - Als an jenem Novembertag des Jahres 1941, morgens gegen 2 Uhr, die Unterkunftskammer in Flammen aufging, wollte es der Zufall, daß auch in dem Bevauerblock 13 ein Feuer ausbrach, dessen Ursache insofern leicht zu klären gewesen wäre, als es der Brandstifter ein offenbar geistesgestörter Häftling vorzog, anstatt sich zu retten, in den Flammen mit umzukommen, Nichtsdestoweniger ordnete Oberführer Loritz an, daß die gesamte Belegschaft des Blocks etwa 200 Häftlinge ,, zur Strafe" an das Tor gestellt würde. Das Thermometer zeigte an jenem Morgen 22 Grad unter Null! Die Kleidung der Häftlinge bestand aus dem gestreiften Drillichanzug und dem sogenannten„ Mantel", einem papierdünnen, aus durchlässigem Sackstoff gewirkten Kleidungsstück, das weder 130 - gegen Kälte noch Regen einen hinreichenden Schutz bot. Die Folge der Anordnung des Kommandanten war, daß gegen 7 Uhr morgens bereits 18 ältere Häftlinge in die dem Erfrie- rungsstod vorausgehende Ohnmacht gefallen waren und be- wegungslos auf dem vereisten Betonboden der Lagerstraße lagen. Ein mitfühlender Blockältester veranlaßte hierauf den Abtransport dieser Halbtoten, um sie durch geeignete Maß- nahmen wieder ins Leben zurückzurufen. Als Kommandant Loritz durch irgendeinen Scharführer von dieser eigenmäch- tigen Handlung des‘ Blockältesten Kenntnis erhalten hatte, ließ er durch seinen Rapportführer Hermann Campe die 18 Häftlinge wieder an das Tor schaffen, wo sie gegen 11 Uhr vormittags an den Folgen der barbarischen Kälte starben. Inzwischen waren auch noch andere Häftlinge diesem furcht- barenSchicksal verfallen, während diejenigen, die diese Tortur überstanden, schwere Erfrierungen an Händen und Füßen und im Gesicht davontrugen, Zu derselben Zeit, da sich dieses ereignete, wurden im Hof des Zellenbaus die in der U-Kam- mer beschäftigten Häftlinge an den Pfahl gehängt, da gegen sie der Vorwurf der Brandstiftung erhoben worden war, ob- wohl jedermann im Lager über die wirklichen Ursachen Be- scheid wußte. Auch an diesen Häftlingen verursachte die unmenschliche Marter schwere Gesundheitsschäden, und nur der hingebenden Pflege, die ihnen ihre Blockkameraden nach Beendigung der Prozedur zuteil werden ließen, blieb es zu verdanken, daß sie mit dem Leben davonkamen. Der Inspirator all dieser Grausamkeiten, der Kommandant Hermann Loritz, stammte aus der berüchtigten„Dachauer Schule“, wo er in den Jahren vorher hinreichend Gelegen- heit gefunden hatte, sich die erforderlichen Fähigkeiten in der Ermordung von Häftlingen zu erwerben, Rücksichtslos und ohne das geringste Empfinden für die Leiden anderer ließ er bei jedem noch so geringen Anlaß das ganze Lager stundenlang stehen, eine Methode, die zahllosen Menschen das Leben kostete. Stundenlanges Üben im Abnehmen und Aufsetzen der Mützen wechselte unter seiner Führung ab mit langem, schmerzhaftem Verweilen in der Kniebeuge, ja, ein- mal erging sogar der Befehl, in dieser Stellung— und zwar PS 131 im Gleichschritt schieren. - vom Appellplatz in die Blocks zu marHäftlinge, von denen Herr Loritz überzeugt war, daß sie unter Anwendung besonders qualvoller Methoden in den Tod befördert werden mußten, ließ er so lange ,, rollen", bis sie unter den Fußtritten irgendeines Scharführers buchstäblich verendeten. Ich entsinne mich eines gewissen Dr. Hammer, eines Arztes aus Berlin, der auf diese Weise vor den Augen des ganzen Lagers zu Tode gefoltert wurde. Zu keiner Zeit wurde im Lager so ausgiebig und so oft geprügelt wie unter Oberführer Loritz. Er räumte den Blockältesten mehr Rechte ein als irgendein anderer Kommandant, enthob anständige und humane Blockälteste ihres Amtes und setzte SS- hörige Kreaturen für sie ein. Durch solche Maßnahmen wurde uns das Leben zur doppelten Qual, denn wir waren jetzt nicht nur den Grausamkeiten der SS ausgesetzt, sondern auch noch innerhalb des Blocks den sadistischen Launen eines Menschen, der gleich uns das Häftlingsgewand trug, auf Grund des„, Vertrauens" aber, das er beim Kommandanten des Lagers genoß, jede nur erdenkliche Schandtat ungestraft begehen konnte. Auf Block 23, wo ich längere Zeit lag, machte sich der bereits erwähnte Stubenälteste Arno Musch kein Gewissen daraus, Menschen, denen er den Untergang geschworen hatte, bis zu einem bestimmten Termin„ fertig" zu machen. Ich sah mit eigenen Augen, wie er im Abortraum der Baracke einen jungen sterbenden Häftling aufforderte, ein Lied zu singen. Als der schon in die Agonie hinüberdämmernde Junge dieser Aufforderung nicht nachkam, schlug ihm der Häftling Musch so lange ins Gesicht, bis er einsah, daß es ein Toter war, den er züchtigte. Dieses Vieh von einem Menschen verbot uns, vor Mitternacht auszutreten, und schlug unbarmherzig jeden zu Boden, der es wagte, diesem Verbot zu trotzen. Der Grund zu dieser Verordnung war, daß er in dem Raum, in dem er schlief und durch den jeder, der austreten wollte, hindurch mußte, nicht gestört sein wollte. Er„ unterhielt" sich um diese Zeit mit irgendeinem minderjährigen Polen und traktierte ihn mit Eẞwaren, die er der Blockgemeinschaft durch irgendwelche betrügerische Manipulationen entzogen hatte. 132 Dieser Stubenälteste Musch erfreute sich eines starken Rück- haltes beim Rapportführer Nowacki, der wiederum beim Kommandanten Loritz in hohem Ansehen stand, Es war gänzlich unmöglich, irgend etwas gegen die Bestie zu unter- nehmen, und es gereicht dem späteren Blockältesten Fritz Wollbaum zu hohem Verdienst, daß er es dennoch fertig- brachte, das Untier zu beseitigen. Aber Musch war nicht der einzige dieser Art, wiewohl ich noch einmal betonen möchte, daß durchaus nicht alle Block- ältesten die ihnen vom Kommandanten Loritz gebotenen Möglichkeiten ausnutzten. Es gab hervorragend anständige Menschen unter ihnen, wie Paul Gmeiner und den ehemali- gen Reichstagsabgeordneten Max Lademann, der leider bei der Bergung einer Fliegerbombe sein Leben lassen mußte. Viele von diesen aufrechten und grundanständigen Kame- raden führten den Kampf gegen die uns bedrückenden Ver- ordnungen der Lagerleitung mit einer bewunderungswür- digen Taktik und Konsequenz, wobei ihre eigene Sicherheit oft aufs äußerste gefährdet wurde und nur durch den eiser- nen Zusammenhalt gewisser Gruppen wieder gefestigt wer- den konnte. Viele von ihnen wirkten als wahre Väter ihres Blocks, jedes Unheil abwehrend und ständig darauf bedacht, uns durch Vergünstigungen aller Art, durch menschliche Hilfe und: Beistand das Ungemach des Tages vergessen zu machen. Es ist unmöglich, die tausend Kleinigkeiten aufzuzählen, mit denen ein Blockältester das Leben der Häftlinge erträglicher gestalten konnte; aber ich freue mich, feststellen zu dürfen, daß uns diese wichtige Hilfe in zahlreichen Fällen zuteil wurde und dadurch die von einem Kommandanten angeord- neten Maßnahmen eine spürbare Milderung erfuhren,° Für die Durchführung der von Loritz gegebenen Befehle war ein Konsortium von SS-Menschen verantwortlich, die kein Teufel hätte besser erfinden können. Die Rapportführer Nowacki und Campe wetteiferten mit Persönlichkeiten wie Gustav Sorge, Bugdalla und Schubert um die Erfindung von stets neuen und sich an Grausamkeit überbietenden Korrek- tionsmethoden. Die absolute Rechtlosigkeit, die unser Leben völlig entwertete und nur noch von Zufälligkeiten abhängig 133 machte, kam uns nie so stark zu Bewußtsein wie unter dem Regime Loritz. Die Zahl der Häftlinge, die ,, auf der Flucht" erschossen wurden, mehrte sich. Die SS machte sich einen Spaß daraus, Häftlinge, die mit den robusten Gepflogenheiten der Lagerbewachung noch nicht vertraut waren, über die Postenkette zu jagen, indem sie beispielsweise dem betreffenden Häftling die Mütze vom Kopf riß und in weitem Bogen fortschleuderte. Auf den Befehl, die Mütze wiederzuholen, rannte der Ahnungslose in die entsprechende Richtung, geriet dabei über die Postenlinie und bekam, ehe er sich's versah, eine Kugel in den Leib. Auf der Flucht erschossen! Menschen, die auf diese ruchlose Art ums Leben gebracht worden waren, wurden rechts oder links vom Tor niedergelegt, wo man ihnen ein Schild auf die Brust band mit der Aufschrift:„ Auf der Flucht erschossen!" " An einem Sonntag im März 1942 standen zwei russische Kriegsgefangene aus irgendeinem Grund vor dem Turm A, in Nähe des Fensters der Blockführerstube. Nachmittags gegen 3 Uhr hörte man plötzlich einen Schuß und sah einen der Gefangenen zu Boden stürzen. Zwei Sekunden später fiel wieder ein Schuß, und auch der andere Russe sank leblos um. Viele Stunden lagen die beiden Leichen am Tor. Was waren die Gründe zu dieser spontanen Exekution? Ein Scharführer hatte sich das kleine Sonntagsvergnügen geleistet und, aus dem Innern der Blockführerstube schießend, die beiden Russen umgelegt". Wer zog ihn dafür zur Rechenschaft? Niemand! Im Gegenteil, vielleicht gratulierte ihm der Kommandant Loritz am Abend dieses Tages zu dem Schießerfolg. Schießübungen dieser Art veranstaltete mit Vorliebe der SS- Unterscharführer Schubert, ein kleiner, schlanker Mensch mit krankhaft fanatischen Zügen, der bei jeder Gelegenheit zur Pistole griff und ohne weiteres schoß. Ging er nachts durch das Lager, gefiel es ihm, durch ein Barackenfenster in den Schlafraum des Blocks zu schießen. Mit welchem Erfolg das war ihm dabei völlig gleichgültig. Eine andere, vielversprechende Einrichtung ging unter Loritz ihrer Vollendung, das heißt ihrer Inbetriebnahme entgegen: der Hundezwinger Oranienburg. In dieser Anstalt wurden 134 - Rassehunde— Wolfshunde und Bulldoggen— auf den Mann dressiert. Als Dressurobjekt diente eine Puppe in Häftlings- kleidern. Es war allerdings nicht immer eine Puppe, denn ich habe mit eigenen Augen Häftlinge gesehen, denen die wütenden Tiere sämtliche Kleider vom Leib und furchtbare Wunden ins Fleisch gerissen hatten. Ob und wie viele Häft- linge bei diesen Dressurakten ihr Leben lassen mußten, kann ich jedoch nicht sagen, Manchmal beteiligte sich Oberführer Loritz an der Durchführung der von ihm angeordneten Strafmaßnahmen. Ich werde darüber gelegentlich der Schilderung der Verhält- nisse im Bauhof der SS-Neubauleitung Oranienburg sprechen. Der Lebensstil dieses Mannes, der einst als Schutzmann für die Sicherheitsverhältnisse der Stadt Augsburg mit verant- wortlich war, darf ohne Übertreibung als großartig bezeichnet werden. Er hielt sich Reitpferde, ein Flugzeug, Automobile, einen Jagdwagen aus Mahagoni, er bewohnte ein prunkvolles Haus in der SS-Siedlung Sachsenhausen und ließ sich ein nicht minder komfortables Haus in St. Gilgen am Wolfgang- see bauen. Daß es ihm— auch in Kriegszeiten— an nichts mangelte, dafür legte sein Äußeres ein beredtes Zeugnis ab. Dick wie ein Walroß und strotzend von Gesundheit schritt er gelegent- lich die Front seiner Häftlinge ab, diese Armee grauen Elends, die gerade unter seiner Leitung mit der Verköstigung so knapp gehalten wurde wie nur immer möglich. Er war ein würdiger Vertreter seiner Gesellschaft, die mit einer Unverantwortlichkeit sondergleichen die ganze euro- päische Menschheit in Krieg und Grauen gestürzt hatte und die mehr Morde auf dem Gewissen hat, als sämtliche Poten- taten der Weltgeschichte zusammen. 135 XX Profite der Sklavenausbeutung Zu derselben Zeit, da durch die Eröffnung des Zweigwerkes Oranienburg der„ Luftschiffbau Zeppelin G. m. b. H." der industrielle Charakter des Konzentrationslagers eine Ausweitung erfuhr, machte sich im gesamten Arbeitsbereich des Lagers eine Wandlung von weittragender Bedeutung bemerkbar. Zum besseren Verständnis dieses Vorganges muß ich noch einmal auf die schon in Kapitel IX gemachten Äußerungen über die damaligen Arbeitsverhältnisse im Lager zu sprechen kommen. Ich verweise dabei auf den Bericht über das Klinkerwerk und bemerke ergänzend, daß die dort geschilderten Zustände ihren Charakter nur so lange erhalten konnten, als sie von den entwicklungsbedingten Einflüssen der Kriegswirtschaft unberührt blieben. Inzwischen hatten die Ansichten über die Dauer und den erhofften Verlauf des Krieges einige Änderungen erfahren. Der Feldzug gegen Rußland und Amerikas Eingreifen in die Ereignisse in Europa hatten die Aussichten auf eine baldige, für Deutschland siegreiche Beendigung des Krieges stark beeinträchtigt. Die leichtfertige Annahme, daß Rußland kapitulieren würde, verlor von Monat zu Monat an Wahrscheinlichkeit; die unverkennbare Tatsache, daß man sich über das Kriegspotential des Gegners in verhängnisvoller Weise getäuscht hatte, zwang zu gewaltigen Anstrengungen, die schließlich zur verzweifelten Proklamation des„ totalen Krieges" und des totalen Arbeitseinsatzes führten. Wie alle Wirtschaftsbetriebe im Reich, mußten auch die in den Konzentrationslagern untergebrachten die verschiedenen, durch die Fortsetzung des Krieges verursachten Bewegungen mitmachen, was zur Folge hatte, daß der eigentliche Zweck jener Lager nicht mehr in vollem Maß erfüllt werden konnte. Man fing an zu begreifen, daß die planmäßige Vernichtung von Arbeitskräften allmählich zu einem progressiven Verstoß 136 gegen die dringendsten Forderungen der Kriegswirtschaft ausarten mußte, weshalb die in den Jahren vor dem Krieg ausgeklügelten Formen der Häftlingsbehandlung nicht länger angewandt werden durften, wollte man nicht auf die Ein- schaltung der Häftlingsarbeitskraft in den allgemeinen Pro- duktionsprozeß verzichten, Schon im Laufe der Entwicklung und des Ausbaus der SS ergab sich die Notwendigkeit, Lager verschiedener Kate- gorien zu schaffen, wobei solche Lager, die bestimmt waren, die ökonomische Basis der SS zu bilden, als Lager 1. Ordnung bezeichnet wurden(z. B. Dachau, Sachsenhausen, Buchen- wald, Neuengamme), während Lager 2. und 3. Ordnung, wie Mauthausen, Natzweiler, Flossenbürg, Auschwitz, Lublin, Bergen-Belsen, sich ganz auf den ursprünglich für alle Lager charakteristischen Vernichtungsbetrieb spezialisierten. Das Bestreben der SS, sich in jeder Hinsicht autark, also völlig unabhängig von jeder äußeren Beeinflussungssphäre zu machen, schuf in den zuerst genannten Lagern die Notwen- digkeit zur Errichtung von Betrieben, in denen sowohl auf wirtschaftlichem wie weltanschaulichem Gebiet Garantien für die Selbständigkeit der SS gegeben waren, denn nur SO konnte die SS das werden, was sie nach Ansicht Hitlers sein mußte: das stählerne Rückgrat der Partei, unbeeinflußbar, jeder Kontrolle und jeglicher Pflicht zur Rücksichtnahme ent- hoben. Der Ordenscharakter, der diese Gemeinschaft aus- zeichnete und sie zu einer Phalanx der nazistischen Macht erstarken ließ, sollte durch die Schaffung und Ausweitung einer eigenen Ordenswirtschaft auch in materieller Hinsicht immer strengere und ausschließlichere Formen annehmen. Aus diesem Grund verfügte die SS über eigene Wirtschafts- güter von beträchtlichem Ausmaß mit reichen Beständen an Zuchtvieh, weiten Anbauflächen, Blumen- und Nutzgärtne- reien, Plantagen zur Kultur von Medizinalkräutern, Seiden- raupenzucht und Kleintierfarmen, Lehrküchen, Werkstätten und Bauhöfen, ferner über eigene Fabriken zur Herstellung des gesamten SS-Bedarfes, die unter der Firmenbezeichnung „Deutsche Ausrüstungswerke“ und„Bekleidungswerk der Waffen-SS“ Zweigwerke in fast allen Konzentrationslagern 137 1. Ordnung unterhielten. Hier wurde alles hergestellt, was die SS als Truppe und die SS- Dienststellen, aber auch die einzelnen SS- Angehörigen und deren Familien benötigten: Monturen und Lederzeug, Polsterund Sattlerwaren, Bürobedarfsartikel, Möbel, Teppiche, Kleider, Schuhe, Kinderspielzeug, Radioapparate und wissenschaftliche Instrumente, kurz alles, was dem Zweck der Eigenständigkeit der SS dienstbar gemacht werden konnte. In den SS- eigenen Bauhöfen wurden sämtliche Bauvorhaben, von der Vorplanung bis zur schlüsselfertigen Übergabe, ausgeführt. Eine eigene Porzellanmanufaktur fertigte Schmuckund Gebrauchsgegenstände der Keramik, eigene Laboratorien, Versuchswerkstätten, Ziegeleien und Kiesgruben, Schotterwerke, Steinbrüche, Lebensmittelfabriken und Medizinallager, Druckereien und Verlage vervollständigten das Bild wirtschaftlicher Autonomie, das durch den Krieg noch eine gewaltige Ausweitung erfuhr durch die Angliederung zahlreicher Rüstungsbetriebe. Betriebe dieser Art waren: das SSKraftfahrzeugdepot, die kraftfahrtechnische Versuchsabteilung, das Nachrichten- Zeugamt, das Haupt- Zeugamt, verschiedene Sendestationen( in Sachsenhausen ,, Herz As" und ,, Fuchsbau"), das Amt B III, ferner Munitionsfabriken, Granatengießereien, Flugzeugwerke usw. usw. Betrachten wir die verschiedenen Produktionsgruppen aller SS- eigenen Betriebe, soweit sie in Lagern untergebracht. waren, so ergibt sich für Sachsenhausen in der Reihenfolge ihrer Entwicklung etwa folgendes Bild: Gruppe I: Lagerbetriebe Gruppe II: SS- Dienstbetriebe Gruppe III: SS- Rüstungsbetriebe von 1933-1945 von 1941-1945 von 1942-1945 Da jede der drei Produktionsphasen sich aus ganz verschiedenen zeitlichen Bedingungen und Forderungen heraus entwickelte, mußte auch in bezug auf die Behandlung der an der Durchführung dieser Wirtschaftspläne beteiligten Häftlinge von Zeit zu Zeit eine Wandlung eintreten. In der Zeit von 1933 bis 1941, also im Rahmen der 1. Produktionsphase, hatte man durch die zahlreichen Verhaftungen 138 mehr Arbeitskräfte gewonnen, als man zu brauchen glaubte, denn an die Möglichkeit eines Krieges von so langer Dauer und an die fortgesetzte Steigerung der eigenen Schwierig- keiten dachten die Unternehmer ja zunächst noch nicht. Hier gab es also kein bequemeres„Ausgleichsmittel“, als sich der überschüssigen oder nicht mehr arbeitseinsatzfähigen Kräfte gewaltsam zu entledigen. Es war dies die Zeit, in der man den Arbeitenden an seiner Arbeit zugrunde gehen ließ, da man ihn jederzeit durch eine neue, noch unverbrauchte Kraft ersetzen konnte. In der zweiten Periode der Lagerbewirtschaftung— in den Jahren 1941 bis zum Zusammenbruch— sah die Sache inso- fern etwas anders aus, als man jetzt Wert legte auf die Her- anbildung und Erhaltung von Spezial- und Facharbeitern. Die Schaffung einer Reihe von Sonderbetrieben machte diese Auslese notwendig; das Vernichtungsprinzip erstreckte sich jetzt schon nicht mehr gleichmäßig auf alle Häftlinge, sondern nur noch auf Arbeits- und Leistungsunfähige, auf Geistes- kranke und Juden, Als man dann gegen Ende des Jahres1942 durch die Weiterent- wicklung der totalen Kriegswirtschaft gezwungen war, eineSS- eigene Rüstungsindustrie ins Leben zu rufen, machte sich in der Häftlingsbehandlung abermals eine Änderung bemerkbar. Jetzt galt es, da die Menschenverluste an den Fronten ins Unermeßliche stiegen und der Bombenkrieg in der Heimat einen Rüstungsbetrieb um den anderen lahmleste, jede Ar- beitskraft nach Möglichkeit zu schonen, gleichviel ob es sich dabei um Spezialisten oder Hilfsarbeiter handelte. In diese Periode fallen nun die verschiedenen Besserungen, auf die ich weiter unten zu sprechen komme, und die mit dazu bei- getragen haben, daß ab 1943 die Lage der Häftlinge etwas erträglicher wurde. Für die SS bedeutete diese von oben angeordnete Besserung insofern einen Vorteil, als sie nun durch eine streng planwirt- schaftlich organisierte Ausbeutung der Häftlingskraft ihre finanzielle Kapazität ins Riesenhafte steigern konnte. Die unverkennbare Großzügigkeit in der Anlage ihrer Unterneh- 139 - men wurde gewährleistet durch die von Tausenden und aber Tausenden von Häftlingen unentgeltlich geleistete Arbeit. Ja, es wurde jetzt an dem einzelnen reichsdeutschen Häftling nicht nur das verdient, was er an effektiver Arbeit leistete, sondern das Lager erhielt für ihn noch eine Bezahlung in Höhe von 2,50 Reichsmark pro Tag von der für den Häftling zuständigen Heimat- Fürsorgebehörde. Da der Aufwand des einzelnen Häftlings Kost, Kleidung, Wäsche und Unterkunft, evtl. ärztliche Betreuung von der SS selbst mit nur 60 Pfennig täglich berechnet wurde, ergab sich für die SS pro Kopf ein Gewinn von 1,90 RM im Tag. Allerdings nur für den Kopf des reichsdeutschen Häftlings. Die Hunderttausende von ausländischen Arbeitskräften brachten, sofern sie in SS- eigenen Betrieben tätig waren, außer ihrer Arbeit nichts ein, aber auch diese Arbeitsleistung war noch beträchtlich mehr wert als das, was dem Häftling dafür von seinem ,, Brotgeber" geboten wurde. - - Dieser durch rücksichtslose Ausbeutung der Häftlingskraft erzielte Gewinn erfuhr aber noch eine beträchtliche Steigerung dadurch, daß für sämtliche in der Privatindustrie also in nicht SS- eigenen Betrieben tätigen Häftlinge von den Unternehmern ein Tagewerklohn in Höhe von 6,- RM für den Fach- und von 4,- RM für den Hilfsarbeiter an die Amtskasse der SS bezahlt werden mußte. Von diesem Verdienst eines Facharbeiters, der sich im Monat auf 180 RM belief, erhielt der Häftling ab 1943 eine Leistungsprämie in Höhe von bestenfalls 40,- RM. Rechnet man dazu die 60 Pfennig täglich, die der Häftling dem Lager kostete, so belief sich der Gesamtlohn des Häftlings auf monatlich 401858 RM. Den Rest seines Verdienstes 120 RM plus 75 RM, die die Heimatbehörde bezahlte, also insgesamt 195 RM, steckte die SS ein. Bei Hunderttausenden in nicht SS- eigenen Rüstungsbetrieben schaffenden Häftlingen( männlichen und weiblichen) ein überaus einträgliches Geschäft, Welcher Art waren nun die Besserungen, die dem Häftling unter der Einwirkung kriegswirtschaftlicher Erfordernisse zuteil wurden? Die erste gewaltige und einschneidende Neuerung erlebten wir im Spätherbst 1942, als der Reichsführer der 140 SS und Chef der Deutschen Polizei die generelle Erlaubnis zum Empfang von Lebensmittelpaketen jeglichen Umfangs erteilte. Um hier nicht die irrige Meinung aufkommen zu lassen, es könnte sich dabei um eine menschliche Anwandlung jenes Mannes gehandelt haben, weise ich gleich zu Anfang darauf hin, daß der Anlaß zu dieser Erlaubnis in erster Linie durch die verpflegungstechnischen Schwierigkeiten geboten war, in denen sich das Lager befand, als es sich vor_die Auf- gabe gestellt sah, 20000 Menschen für eine schwere und kriegswichtige Arbeit bei Kräften zu halten. So wie man uns früher gestattete, uns auf eigene Kosten und zum Vorteil der SS Zusatznahrung in der Kantine des Lagers zu kaufen, so gestattete man uns jetzt den Empfang von Lebensmitteln, die sich unsere Angehörigen in den weitaus meisten Fällen vom Mund absparen mußten, denn was es hieß, im Kriegswinter 1942/43 jemandem ein viertel Pfund Butter oder eine Tafel Schokolade zu schenken, wissen die, die diese Zeit mitgemacht haben. Um also für die SS zu arbeiten, durften wir uns nun auf Kosten unserer Angehörigen verpflegen; aber in.der Lage, in der wir uns befanden, waren wir glücklich, daß wir es durften, Die Ernährungsverhältnisse im Lager hatten nach Einstellung des Brotverkaufs einen Tiefstand erreicht, der auch durch die gelegentliche Abgabe von rohem Sauerkraut oder Selterswasser nicht wieder gehoben werden konnte. Der Hunger, der aus den Augen aller sprach, ließ die rapide Aus- breitung epidemischer Krankheiten befürchten. Der kata- strophale Mangel an Vitaminen und anderen Nährwerten, ohne die der Mensch eben nun einmal nicht leben kann, be- schleunigte den Kräfteverfall. Skorbut, Furunkulose, die Wassersucht und ähnliche, durch Diätfehler hervorgerufene Leiden machten sich im wachsenden Ausfall von Arbeits- kräften bemerkbar. Auch der Geisteszustand der Häftlinge erfuhr eine merkwürdige Beeinflussung; mein Erinnerungs- vermögen ließ in einer so erschreckenden Weise nach, daß ich mich zum Beispiel einmal einen ganzen Tag lang nicht mehr der Namen meiner Kinder entsinnen konnte. Eine Stumpf- heit sondergleichen hatte sich unserer Sinne bemächtigt, die nur noch auf die sich zwangsläufig einstellenden Gedanken 141 an irgendwelche unerreichbare Speisen reagierten. Menschen, die in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht daran gedacht hatten, sich um die Geheimnisse der Kochkunst zu kümmern, erfanden jetzt Kochrezepte oder schnitten sich solche aus den Zeitungen aus, um sie stets bei sich zu haben und desto gründlicher studieren zu können. Auf dem großen Müllhaufen hinter der Küche, der nach Rübenabfällen, verfaulten Kartoffelschalen und in Verwesung übergehenden Knochen stank, krochen schauerlich ausgemergelte Häftlingsgestalten herum und rissen sich gegenseitig den stinkenden giftigen Unrat aus den Händen, um ihn mit wilder Gier zu verschlingen. Zahlreiche Häftlinge starben am Genuß dieser Dinge oder irgendwelcher Wurzeln und Kräuter, auch Baumrinden, die sie von ihren Arbeitsplätzen mit ins Lager brachten. Auf dem Bauhof hinter der westlichen Lagermauer sah ich eines Tages einen alten holländischen Juden, der auf einem Rasenstück kniete und mit vor Kälte zitternden Händen das spärliche Gras abrupfte, um es sich in den zahnlosen Mund zu stopfen. Im Kartoffelkeller der Küche wurden rohe Kartoffeln, ja selbst Schalen vertilgt, und an irgendeiner Baustelle schmierten sich ukrainische Häftlinge das Isolierfett von elektrischen Kabeln auf ein Stück steinhartes Brot. Was unter solchen Verhältnissen der Erlaẞ Heinrich Himmlers für uns bedeutete, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung. Ein Atemzug der Erlösung ging durch das ganze Lager, ein fühlbarer Strom neuer Lebenskraft, den lediglich die bange Furcht, man könnte die uns zugedachten Pakete unterschlagen, quälend beeinträchtigte, Ich habe später gehört, daß in verschiedenen anderen Lagern tatsächlich ein großer Teil der für die Häftlinge bestimmten Pakete von der SS veruntreut wurde. In Sachsenhausen war dies die Objektivität zwingt mich zu dieser Feststellung nicht der Normalfall. - Die Zahl der Pakete, die täglich einliefen, ging in die Tausende. Man sah deutlich, in welchen Ländern noch ein gewisser Wohlstand herrschte. Franzosen, Tschechen und Norweger erhielten riesige„ Kisten", die letzteren durch das dänische und schwedische Rote Kreuz, die ihre Sendungen in eigenen LKWs direkt in das Lager leiteten. Auch die Polen 142 sung 1euer e die räch- jeren > be- hsen- lieser Tau- Nor- das en in Polen B ge- hatten immer noch Speck in beträchtlichen Mengen zu ver- senden, während die Pakete der Deutschen schon den ganzen Mangel, den die Göringsche Forderung„Kanonen statt Butter“ verursachte, erkennen ließen. Mit um so größerer Dankbar- keit nahmen wir hin, was unsere Eltern, Frauen, Geschwister und Freunde uns schickten. Endlich konnte man einmal wie- der ein Stückchen Kuchen, einen Apfel oder gar ein Ei essen. Bohnen, Grieß, Hirse, Mehl, Zucker und Trockenmilch waren köstliche, hochwillkommene Gaben. Auf allen Herdstellen des Lagers, in den Werkstätten und Büros wurde gekocht und geschmort, meistens unter den schwierigsten Umständen, denn natürlich war das Kochen offiziell nur in der Baracke und nurin den Freistunden gestattet. Die Ausgabe der Pakete erfolgte allabendlich in den Blocks unter Beisein eines SS- Dienstgrades, eines Blockführers, der den Inhalt der Pakete zu überprüfen hatte. Der Empfang von Alkohol war verboten. Die zweite, fast zur selben Zeit eingetretene Neuerung war, daß wir uns die Haare wachsen lassen durften; das heißt, nur den Angehörigen der„germanischen Rassen“, also Deutschen, Norwesern, Dänen und Holländern, ward diese Vergünstigung zuteil, Die dritte, nicht minder begrüßenswerte Wandlung dieser an plötzlichen Reformen so reichen Zeit: der Kommandant Her- mann Loritz und sämtliche ihrer Brutalität wegen berüchtig- ten und gefürchteten SS-Bestien wurden in der Zeit von März bis August 1942„abgelöst“! Sie verschwanden spurlos von der Bildfläche, und an ihre Stelle traten mit dem neuen Kommandanten, SS-Standartenführer Kaindl, ältere Reser- visten, die sich durch ihren Mangel an Mordgier und Tot- schlagsgelüsten wohltuend auszeichneten. Der Lagerführer Suhren wurde nach Ravensbrück, in das Frauenlager, ver- setzt; Lagerführer Grünewald verschwand gleichfalls; die Nachfolger dieser beiden Unmenschen, deren Schuld keine irdische Strafe zu entsühnen vermag, waren die Untersturm- führer Kolb und Höhne, zwei Beamte, die im Vergleich zu den beiden vorhin Genannten als wahre Engel zu bezeichnen sind, Das um die gleiche Zeit ergehende Verbot, Häftlinge zu mißhandeln, wurde auch jetzt nicht immer befolgt, schränkte 143 SA m aber die allzu heftigen Exzesse spürbar ein. Der Laufschritt wurde abgeschafft, die Erlaubnis zur Durchführung von kulturellen und sportlichen Veranstaltungen erteilt. Man hätte Tränen des Glücks vergießen können über eine solche Wandlung in den Verhältnissen, hätte man dabei auch nur ein einziges Mal das Gefühl gehabt, daß sie aus Gründen der Menschlichkeit erfolgte. Aber sie erfolgte aus Gründen der Zweckmäßigkeit. - - Die Arbeit in allen Betrieben lief jetzt auf Hochtouren. Tag und Nacht lärmten die Maschinen in den Hallen und Werkstätten der Lagerindustrie. Unsere Freistunden wurden gekürzt, Waffen wurden produziert und Ausrüstungsgegenstände. Hunderte von Bombensuchern- jetzt Ukrainer und Polen fuhren täglich nach Berlin, um die nicht explodierten Luftminen zu beseitigen. In den ausgedehnten Waldungen von Sachsenhausen wuchsen Barackenstädte aus dem Boden. Das Baubüro wurde erweitert und der Arbeitseinsatz gegründet. Mit der Schaffung dieser Dienststelle verschwand ein weiterer Übelstand, der bis dahin Tausenden von Häftlingen das Leben erschwert, vielen sogar das Leben gekostet hatte: der kollektivistische Arbeitszwang! Bestand bis dahin die Verfügung, daß jeder„ Zugang" ohne Ansehen der Person und ohne Berücksichtigung seiner zivilberuflichen Tätigkeit als Hilfsarbeiter arbeiten mußte, so sorgte jetzt eine eigene Behörde für einen möglichst individuellen Einsatz der Häftlinge. An Hand einer neugeschaffenen, umfangreichen Kartei, die unter Anwendung des Hollerithverfahrens einen genauen Nachweis der vielen unterschiedlichen Berufe und Berufsgruppen ermöglichte, konnte jetzt jeder Häftling an den Platz gestellt werden, an dem er auf Grund seiner Fähigkeiten das Beste zu leisten vermochte. Da die immer vielgliedriger werdenden Betriebe einen sehr großen, kaum zu befriedigenden Bedarf an Spezialkräften aller Art anmeldeten, konnte es jetzt kaum noch geschehen, daß beispielsweise ein Elektroingenieur mit Pickel und Schaufel arbeiten mußte. Einen weiteren direkten Vorteil für uns Häftlinge brachte diese Neuerung auch insofern, als die Krankenpflege jetzt nicht mehr ausschließlich in Händen von SS- Ärzten und un- oder angelernten Pflegern 144 chritt , von eine | auch ünden ünden 1. Tag Nerk- n ge- egen- T und lierten n von n. Das ündet, eiterer Leben ollek- ügung, | ohne ehörde ge, An unter ichweis en er- sestellt ste ZU jenden Bedarf t kaum ur mit irekten h inso- 3lich in flegern lag, sondern in solchen von Häftlingsärzten, also Fachleuten aus allen Gebieten der Medizin. Unter ihnen befanden sich zahlreiche tüchtige Chirurgen, Internisten, Spezialärzte und Röntgenologen, die, da sie ja selbst Häftlinge waren, für das Wohlergehen ihrer Patienten in einer wahrhaft vorbildlichen und positiven Weise Sorge trugen. Durch die großzügige Zu- wendung von Medikamenten, Verbandstoffen, hochwertigen Nahrungsmitteln und dergleichen von seiten der norwegischen Häftlinge— denen wir in jener Zeit unendlich viel Gutes zu verdanken hatten— konnte nun das Krankenbehandlungs- wesen in einer wirklich fruchtbaren und erfolgversprechenden Form gehandhabt werden. Die Mortalität des Lagers, die sich jahrelang auf einer erschreckenden Höhe gehalten hatte, sank zusehends ab, Auf einen Durchschnitt von täglich nur drei Todesfällen herabgemindert, nahm sie die Furcht vor dem Krankwerden von uns. Kein„eiserner Gustav“ störte mehr die für den Heilprozeß so notwendige Ruhe des Kranken, kein„Dr, Grausam“ hielt mehr seine Ordinationsstunde im Freien ab, es wurden zunächst keine tödlichen Spritzen mehr verabreicht und keine Häftlinge mehr zu wissenschaftlichen Experimenten mißbraucht. Der bereits vorgeplante Ausbau einer eigenen„Skelettiereinrichtung“ wurde ad acta gelegt, kurz, man konnte ohne die bereits zum Trauma gewordene Angst vor dem Krankenbau krank werden und auf eine Wiederherstellung rechnen. Unter der tüchtigen und mensch- lich einwandfreien Führung des Krankenbauältesten George Wieber arbeitete ein Stab von deutschen und ausländischen Ärzten und Pflegern Tag und Nacht für die sanitäre Betreu- ung des Lagers, die bald eine solche Höhe erreichte, daß selbst SS-Angehörige es in zahlreichen Fällen vorzogen, sich von Häftlingsärzten, anstatt von ihren eigenen Truppenärzten, behandeln zu lassen. Gegen Ende des Jahres 1943 erwirkte uns der inzwischen zu einer weitläufigen und sehr präzis arbeitenden Behörde aus- gewachsene„Arbeitseinsatz“ eine weitere Vergünstigung in Form von Prämienscheinen, die Geldeswert besaßen und bis zur Höhe von 40 Reichsmark monatlich für den einzelnen an die Häftlinge ausgegeben wurden. Es lag ein nicht zu unter- Nacht 19 143 schätzender Reiz in alesem System. Stand die Höhe des Betrags oft auch in keinem Verhältnis zu der Höhe der Leistung, so machten die Verhältnisse, in denen wir uns befanden, doch den Erwerb von Prämienscheinen erstrebens- wert, schon weil man nur mit solchen Scheinen die so lebens- wichtige Zigarette bekommen konnte. Außerdem gab es jetzt auch Bier— ein alkoholfreies Malzbier—, das uns besser schmeckte als der bittere Lagerkaffee und in vielen von uns die Illusion eines gewissen Luxus erweckte. Durch diese Prämienscheine war es uns überdies möglich, auf Geldzu- wendungen von zu Hause zu verzichten. Betrachtet man alle diese Neuerungen und Besserungen in ihrer Gesamtheit, so möchte man meinen, ein Born reiner Menschenliebe habe sich plötzlich aufgetan, um uns durch rine Flut von Wohltaten zu entschädigen für alles Leid der ver- gangenen Jahre. Die Sonntage und freien Stunden verliefen jetzt nicht mehr so trostlos wie früher. Es fand nur noch ein Appell täglich statt. In der geräumigen Trockenbaracke der Wäscherei hatte sich ein Theater etabliert. Szenen aus„Faust“ wurden unter der fachmännischen Leitung von Edgar Bennert, einem ehemaligen Mitglied des Düsseldorfer Schauspiel- hauses, aufgeführt. Gerhart Hauptmanns„Biberpelz“ gelangte zu einer eigenartigen und dennoch trefflichen Darstellung. Eine von jungen, talentvollen Norwegern gebildete Schau- spielergruppe spielte Szenen aus„Peer Gynt“, und die Fran- zosen lieferten eine temperamentvolle Aufführung der Sonett- szene aus„Le Misanthrope“ von Moliere, Vorträge, Variete- und Kabarettvorstellungen wechselten ab mit Konzerten der Lagerkapelle unter der Leitung des ehemaligen Militär- kapellmeisters Peter Adam, der jetzt auch an den Sonntagen die einmarschierenden Arbeitskommandos mit schmetternden Märschen empfangen mußte. Sportliche Wettkämpfe(jedes größere Kommando hatte eine eigene Fußballmannschaft) lockten an den schönen Sonntagnachmittagen Tausende auf den großen Appellplatz, kurz, man wußte gar nicht, wie man dem Schicksal danken sollte dafür, daß die Aussichten auf einen deutschen Sieg von Monat zu Monat geringer wurden, denn— so merkwürdig das klingen mag— nur unter der 146 en. a => 5 Suggestion dieses Geschehens wuchsen die Anstrengungen der Lagerführung, uns das Leben erträglich zu machen, Sollten wir vergessen, was man uns vorher angetan hatte? War plötzlich der erleuchtende Geist der Besinnung über unsere alten Quälgeister gekommen? Benötigte man jetzt vielleicht auf einmal dem hellhörigen und alleswissenden Ausland gegenüber eine Art Führungsattest, durch das man der empörten Menschheit glaubhaft zu machen versuchte, in den deutschen Konzentrationslagern herrsche jetzt eitel Freude und Sonnenschein? Ich glaube, daß weder der eine noch der andere der hier nm Frage gestellten Gründe maßgeblich war für die unverkenn- bare Besserung unserer Lage. Denn während wir im KZ Sachsenhausen in den Genuß dieser Vorteile kamen, lief die Vernichtungsmaschinerie in den Lagern Auschwitz, Mai- danek und Bergen-Belsen auf Touren. Während wir durch Zugeständnisse aller Art unsere Arbeitsleistungen steigerten, wurden dort Millionen von Menschen in die Gaskammern geschickt. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum gewesen, hätten wir in der zeitweiligen Besserung unseres Loses eine aus ethischen Erkenntnissen stammende Folgerung gesehen. Keine der uns zuteil gewordenen Neuerungen ließ uns auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß dieses Entgegen- kommen nicht von langer Dauer seim konnte. Gewiß, wir wurden nicht mehr gequält, weil man unsere Arbeitskraft brauchte, aber wir waren uns auch im klaren darüber, daß eben in dem Augenblick, da sich alle diese Anstrengungen als nutzlos erweisen würden— und dieser Augenblick mußte kommen!—, wir auf eine„Gnade“ von seiten der SS nicht rechnen konnten. Der alte Scharführerspruch:„Für jeden von euch ist eine Kugel gegossen!“ hatte nichts von seiner Bedeutung verloren, Wir waren nach wie vor„Tote auf Urlaub“; nur mit dem Unterschied, daß man den Toten jetzt gestattete, in ihrer Urlaubszeit Fußball zu spielen. 10° 147 XXI Wenn Hitler gesiegt hätte? Die ,, Luftschiffbau Zeppelin G. m. b. H.", der ich von Oktober 1942 bis zum März 1943 als Bürosklave angehörte, war ein Rüstungsbetrieb und unterstand als solcher der Kontrolle durch die Wehrmacht bzw. SS. Er beschäftigte sich mit der Das Reparatur und Neuanfertigung von Sperrballonen. Hauptwerk befand sich in Friedrichshafen am Bodensee. Der bekannte Konstrukteur Dr. Dürr kam zur Eröffnung des Zweigwerkes persönlich nach Oranienburg und rief auch uns Häftlingen einige ermunternde Worte zu. Als Chef des Unternehmens fungierten die Herren Strobl, Möller und Langer, als Büroleiter ein Herr namens Pührer. Dieser letztere war mein direkter Vorgesetzter; ich freue mich, ihm das Zeugnis ausstellen zu dürfen, daß er viel Verständnis für uns Häftlinge zeigte. Er gehörte nicht zu jenen Unentwegten, die in einem Konzentrationslagerinsassen unter allen Umständen einen Verbrecher zu sehen beliebten. Er verschaffte mir eine Reihe von Erleichterungen, war stets außerordentlich höflich und zuvorkommend und ließ mich nie das Drückende meines ,, Standes" durch ein überhebliches Benehmen, wie ein solches Herrn Strobl eigen war, fühlen. Wir arbeiteten sehr gut miteinander, und wenn mein Interesse an der Reparatur von Sperrballonen auch nur sehr gering war, so tat ich doch mein möglichstes, um die Stellung zu halten. Ich war den ganzen Tag vom Lager abwesend, hatte einen hellen und warmen Büroraum, einen lieben Kameraden in der Person des später einer gemeinen Intrige zum Opfer gefallenen Kommunisten Bruno Leuschner und den Umgang mit Zivilpersonen, die mir etwas von der Welt da draußen erzählen konnten und uns auf dem laufenden hielten über die Entwicklung der militärischen und politischen Dinge. Im übrigen hatte ich den Eindruck, daß das Reparaturwerk, in dessen Verwaltung ich saß, seinen Zweck in einem nur sehr 148 n Oke, war ntrolle mit der Das e. Der ng des ch uns Unteranger, re war Ceugnis Häftdie in tänden ir eine höflich meines ie ein en sehr Daratur ch doch ar den en und Person allenen Zivilrzählen ie Enturwerk, ur sehr bescheidenen Maß erfüllte. Die Organisation des Ganzen lag sehr im argen; es wurde mehr geredet als getan, mehr geplant als geschafft, mehr geschrieben als gehandelt. Die Herren Strobl, Möller und Langer führten zwar auf Kosten des Betriebes ein für Kriegsverhältnisse recht bekömmliches Leben, aber ich bezweifle, daß jemals ein von dieser Firma reparierter oder angefertigter Sperrballon ein ernsthaftes Hindernis für die englischen und amerikanischen Bomber bedeutete. Berichte„ nach oben", an das Oberkommando des Heeres, erzählten zwar von glänzenden Erfolgen, ausgezeichnetem Fortschritt der Produktion, Steigerung der Fertigung und dergleichen, aber Herr Pührer erklärte mir nicht ohne Ironie, daß solches im Interesse des„ Führerprinzips" läge, denn man wolle„ oben" nur günstige Resultate haben, da man noch weiter oben( nämlich der„ Führer" selbst) das sichere Funktionieren der deutschen Rüstungsindustrie geradezu angeordnet und nicht das geringste Verständnis für die Meldung von Fehlschlägen habe. Dieses Bildchen reihte sich würdig an meine Vorstellung von der Größe und Macht der deutschen Kriegswirtschaft und von der Wirkung des„ Führerprinzips" auf die Arbeitsmoral und den Produktionseifer des deutschen Volkes. Im Februar 1943 wurde das Kommando„ Ballonbau" wieder abgestellt. An seine Statt kamen Frauen, auch in der Verwaltung. Der„, totale Krieg", den Herr Goebbels mit strahlendem Pathos proklamiert hatte und dem unsere schönsten deutschen Städte ihre totale Zerstörung verdanken, zwang eine große Anzahl von Frauen und Mädchen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch in Haushalten, Restaurants, Ladengeschäften und derlei Betrieben tätig waren, in die Rüstungsindustrie hineinzugehen. Durch die Zerschlagung aller kleinbürgerlichen Unternehmen, von denen der Nationalsozialismus zu Beginn seiner glorreichen Ära behauptete, sie ständen unter seinem ganz besonderen Schutz, durch die Schließung der Gaststätten und zahlloser Kleinhandelsgeschäfte wurden große Menschenmassen frei, die nun alle in die Kriegswirtschaft überführt werden sollten. Der ,, Ballonbau" folgte diesem Zuge der Zeit und stellte sich auf weibliche Belegschaft um. Das Häftlings149 kommando löste sich auf und ging in andere Betriebe über. Mich beorderte der Arbeitseinsatz in das Baubüro der„ Bauleitung Oranienburg der Waffen- SS und Polizei", wo ich ein neues und überaus interessantes Arbeitsgebiet vorfand. Besser als an irgendeiner anderen Stelle des Lagers gewann ich hier aufschlußreiche Einblicke in die vielerlei Vorhaben der SS. Ein reiches Archiv an Plänen, Bauzeichnungen, Statistiken, Schriftwechsel und ähnlichem Aktenmaterial lieferte mir die Unterlagen für viele in diesen Bericht eingestreute Notizen. An Hand dieses Materials erfuhr ich Wesentliches über die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte des Lagers. Die Pläne und Baubeschreibungen in den Übergabeverhandlungen unterrichteten mich von Zweck und Raumgliederung der einzelnen Bauwerke. Durch sie erhielt ich Kenntnis von mancher charakteristischen Tatsache, zum Beispiel, daß es im Zellenbau Räume mit schalldicht gedoppelter Wandung gab, daß der Exekutionsraum in der„ Station Z" im Herbst 1942 in einen Gasraum umgebaut worden war, daß das ,, Haus Eicke", die Dienstwohnung des Obergruppenführers Eicke, einundeinehalbe Million Reichsmark gekostet hatte und daß die ,, Kaserne III", auf deren Konto Unsummen von Baugeldern verrechnet wurden, in Wirklichkeit überhaupt nicht existierte! Vorstand und Leiter des Baubüros war der SS- Untersturmführer Köhlinger, ein kleiner Hypochonder, der gerne tobte und schrie, aber gemessen an seinem Nachfolger, dem Hysteriker Josef Schnöll aus Salzburg, zu ertragen war. Im Sommer 1943 wurde Köhlinger als Bauleiter zum SS- Truppenübungsplatz Kurmark bei Lieberose versetzt, ich muß sagen: leider. Denn er war immer noch ein kleineres Übel als der ebengenannte Schnöll, der zwar persönlich feige war, wie alle Drückeberger, nach außen hin aber als todesmutiger Offizier figurierte, der leider keine andere Gelegenheit hatte, seine Unerschrockenheit zu beweisen, als daß er seine bei ihm tätigen Häftlinge mit Ohrfeigen traktierte, ihnen die Arbeitsportionen oder die Prämienscheine entzog, dafür aber bei Luftangriffen auf die Stadt Oranienburg als einer der ersten in seinem bombensicheren Unterstand verschwand. Butter150 - Über, „Bau- ich ein Besser Ch hier otizen. er die Die lungen ıg der is von daß es indung Herbst „Haus Eicke, ıd daß ı Bal- t nicht ‚rbeits- yer bei ‚ ersten Butter- weich wurde dieser Mann erst in dem Augenblick, da die „Sonderkommission“, eine Einrichtung, über die ich noch sprechen werde, auch die Korruptionsfälle auf dem Bauhof unter die Lupe nahm und eine Reihe von buchführenden Häftlingen als Zeugen vernahm. Ein Jahr vorher standen Bauhof und Baubüro als Arbeits- kommando in keinem besonderen Ansehen. Der schon öfters erwähnte Kommandant Hermann Loritz, derin Ermangelung eigener produktiver Fähigkeiten sich viel auf den Baustellen herumtrieb und Werkstätten inspizierte, hegte ein grundsätz- liches Mißtrauen gegen die Arbeitsfreudigkeit der Häftlinge und hielt es für angebracht, namentlich den auf dem Bauhof tätigen Häftlingen durch rasch improvisierte Strafmaßnahmen zu imponieren, Gelegentlich der Errichtung der sogenannten „Sonderhäuser“— vier im Sicherheitsbereich des Lagers, aber außerhalb der Lagermauer erbaute Einfamilienhäuser, die als Unterkünfte für ganz besonders prominente Häftlinge dienten(eines davon bewohnte mehrere Jahre lang der ehe- malige österreichische Bundeskanzler Schuschnigg mit seiner Familie)— erschien SS-Oberführer Loritz fast täglich auf der Baustelle, wo er durch Brüllen, Toben, Fußtritte und Ohrfeigen, die er verabreichte, die Bauarbeiten auf seine Weise zu beschleunigen versuchte, Da diese aber trotz alle- dem nicht die von ihm gewünschten Fortschritte fmachten, ließ er eines Sonntagnachmittags sämtliche auf dem Bauhof beschäftigten Häftlinge— auch die des Baubüros— zU einem großen Strafexerzieren auf dem Appellplatz antreten. In welcher Form dieses Exerzieren sich abspielte, erhellt die Tatsache, daß nach Beendigung desselben— abends gegen 8 Uhr— 17 Tote auf dem Appellplatz lagen. Loritz selbst kommandierte diese Aktion; später wurde er von dem SS- Unterscharführer Bayerle abgelöst, der ihm an Brutalität in nichts nachstand und seine sichtliche Freude daran hatte, wenn wieder ein Häftling als Teiche in einen Barackenwinkel getragen werden mußte. Als nach Beendigung dieses Spek- takels die unglücklichen Teilnehmer daran endlich ihre Ba- racken aufsuchen durften, war kaum noch einer von ähnen fähig, aufrecht zu gehen; hinkend und blutend, über und über 151 besudelt vom schwarzen Staub des Appellplatzes, torkelten sie in die Blocks, während Herr Loritz unter dem Tor des Turmes A stand und mit düsterem Behagen dem Abmarsch dieser Elendskolonne zusah. Als ich in das Baubüro kam, war dieser Mann glücklicher- weise schon nicht mehr Kommandant des Lagers. Es waren dadurch auch auf dem Bauhof und vor allem im Baubüro ruhigere Verhältnisse eingetreten, die mir die Möglichkeit gaben, meiner gewiß nicht uninteressanten und vor allem für mich sehr aufschlußreichen Arbeit einiges Interesse entgegen- zubringen. Denn hier spiegelten sich alle Arbeitsvorgänge im Lager, und wer die Augen offen hielt, sah mehr, als man an anderen Stellen sehen und beobachten konnte. Eines der interessantesten, von mir oft bewunderten Doku- mente war der große„Generallinienplan“, wenn ich dieses Papier so nennen darf, der den geplanten Ausbau des Kon- zentrationslagers Sachsenhausen nach dem Kriege veran- schaulichte. Diesem Plan zufolge sollte das Lager in einer so großzügigen Weise umgebaut und erweitert werden, daß es die Unterbringung von mindestens 50000 Häftlingen er- möglichte. Da Sachsenhausen nicht das einzige Lager war, dem eine solche wahrhaft„gigantische“ Erweiterung, um eine beliebte nazistische Metapher zu gebrauchen, zugedacht war, kann man sich ungefähr einen Begriff davon machen, was der Nationalsozialismus noch alles vorhatte, um das deutsche Volk an den Segnungen eines gewonnenen Krieges teilhaben zu lassen. Daß es sich bei diesem„Generallinienplan“ nicht etwa um die Niederschrift von in spielerischer Laune er- sonnenen, sondern um die vorsorgliche Dokumentierung sehr realer und realisierbarer Absichten handelte, bestätigt ein ein- ziger Blick auf die berüchtigten„Ostraumpläne“ Hitlers, die ja nichts Geringeres vorsahen als eine völlige Unterwerfung des Slawentums zugunsten des„germanischen Wehrbauern“, Zur Verwirklichung dieser ebenso monströsen wie ruchlosen Idee sollten die allerorts geschaffenen Konzentrationslager das ihrige beitragen, teils als„Auffanglager“ zur Bewältigung der durch die Entvölkerung des Ostens für die Verschickung ins Reich freigewordenen Menschenmassen, teils als„Ver- 152 nichtungslager" zur sofortigen Beseitigung aller Kranken und Arbeitsunfähigen, und endlich als„ Arbeitslager" zur Aufnahme und Unterbringung der für den raschesten Wiederaufbau der deutschen Städte eingesetzten Ostarbeiter, Keiner dieser Menschen hätte jemals seine Heimat wiedergesehen. Nach dem alten Demagogenprinzip, den zur Fron gepreßten Menschen für seine Arbeit nur so lange zu entlohnen bzw. leben zu lassen, wie die zu bewältigende Aufgabe seiner Mitwirkung bedurfte, hätte Hitler nach einem gewonnenen Krieg seine Aufbaupläne mit seiner Entvölkerungstechnik erfolgreich. gekoppelt und damit zweifellos die ungeteilte Bewunderung seiner ihm blindlings ergebenen Anhänger gefunden. Da, wie der Generallinienplan des KL Sachsenhausen verriet, auf den Ausbau der Krematoriumsanlagen ein ganz besonderer Wert gelegt werden sollte, kann man sich unschwer vorstellen, in was für einem innigen Verhältnis eine solche Bewunderung zu der ,, sittlichen Idee" jenes Vorhabens gestanden hätte. Ein nicht minder interessantes Bauvorhaben, das zu 80 Prozent sogar noch fertiggestellt wurde, war das„, Sonderlager II", als dessen Übergabetermin der 1. Juni 1944 angesetzt war. Dieses„ Sonderlager", an der von Schmachtenhagen nach Sachsenhausen führenden Straße gelegen, bestand aus einer Reihe von sehr sorgfältig ausgeführten Steinbaracken, Einzelunterkünften für je einen oder zwei Häftlinge mit Trennmauern, die jede Unterkunft gewissermaßen in ein kleines Lager abteilten. Jede Unterkunft enthielt einen Wohn- und einen Schlafraum, ein eigenes Bad, Zentralheizung und einen kleinen„ Beobachtungsraum", letzteren offenbar für den SS- Posten. Ein eigener Lazarettbau mit Schwesternzimmern und Arztwohnung, ferner ein sehr weitläufig ausgestattetes Wirtschaftsgebäude, ein Bibliotheksbau und ein separates Haus für Besucher ließen darauf schließen, daß dieses bis zum 1. Juni 1944 unter allen Umständen fertigzustellende Lager nicht für gewöhnliche Staatsfeinde, etwa meines Schlages, sondern für eine Elite von solchen gedacht war. Der Druck, der seitens der Zentralbauleitung auf die Durchführung und Beschleunigung der Bauarbeiten ausgeübt 153 wurde, begründete diese Annahme hinreichend. Meine Vermutung, daß die Fertigstellung dieses Lagers mit dem Zeitpunkt irgendeiner geplanten Aktion zusammenfallen sollte, wurde auch noch durch andere Anzeichen bestätigt. Fortgesetzte Überwachung der Bauarbeiten durch Bauführer, die nicht zum Oranienburger Baustab, sondern zur Zentralbauleitung Berlin gehörten, der strikte Befehl, die Zentralbehörde durch wöchentliche Bauberichte vom Stand und Fortschritt der Arbeiten laufend zu unterrichten, die Belehnung des Bauwerks mit der höchsten Dringlichkeitsstufe alle diese Symptome ließen obige Schlüsse zu, ohne daß man Gefahr lief, daneben zu raten. Als im Mai 1944 dieses Bauwerk erst zu etwa 70 Prozent fertiggestellt war und auch keine Hoffnung mehr bestand, daß es zu dem angesetzten Termin übergabereif sein würde, erreichte die Nervosität der ausführenden Organe ihren Höhepunkt. Glücklicherweise lag die Schuld der Nichterfüllung der von der Zentralbauleitung gestellten Bedingungen nicht auf seiten der Häftlinge, Ein nicht mehr zu behebender Materialmangel war die Ursache. Die Arbeiten mußten oft wochenlang eingestellt werden, da das erforderliche Material hauptsächlich Installationsmaterial - - nicht mehr angeliefert werden konnte. Das Merkwürdigste an diesem Vorgang war, daß nach dem 20. Juli 1944, also nach dem Tag des Attentats auf Adolf Hitler, in dessen Hauptquartier, kein, aber auch nicht mehr das geringste Interesse an der Fertigstellung des Lagers bestand. Ob hier ein korrelativer Zusammenhang bestand zwischen den Anstrengungen hier und dem Vorkommnis dort, kann ich nicht beurteilen. Das letzte seltsame Bauwerk, das noch während der Zeit meiner Tätigkeit im Baubüro in Auftrag gegeben wurde, war ein Lagerbordell. Im Frühjahr 1944 wurde es unter der Bauwerksbezeichnung„ Sonderbau B" in Angriff genommen und im Juli des gleichen Jahres fertiggestellt. Es bestand aus einer geräumigen, ziemlich sorgfältig ausgeführten Baracke mit allen für den besonderen Zweck eines solchen Gebäudes erforderlichen Räumen, sanitären und hygienischen Einrichtungen. Als Haus der Freude(!) diente es später zehn weib154 ise lag uleitung Ein nicht he, Die ‚da das material N ach dem If Hitler, bestand. zwischen kann ich lichen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück zum Aufenthalt. Der Ort, an dem es aufgebaut wurde, hätte Menschen, deren seelische Resonanz noch nicht völlig er- loschen war, mit einem sanften Schauer erfüllt; es grenzte unmittelbar an die Pathologie und stand über dem großen Leichenkeller des Lagers. Die Türen zu den einzelnen Kabinetten, in denen zwei entrechtete und um die letzte Würde ihres Menschentums betrogene Seelen den ärmlichen Rausch ihrer Sinne genießen durften, waren mit runden Schauiöchern, sogenannten„Spionen“, versehen. IE XXII Verräter verheerend am Werk " Wenige Wochen bevor die in den vorigen Kapiteln geschilderten Besserungen unsere äußere Lage beeinflußten, waren die bis dahin tätigen Häftlinge der Lager- Schreibstube und anderer Kommandostellen ihrer Ämter enthoben worden. Aus Gründen, die jeder Logik entbehrten und die man einfach konstruierte, weil man die wirklichen Ursachen nicht nennen wollte, wurden Häftlinge wie Harry Naujoks, Albert. Buchmann, Rudi Grosse, Karl Schirdewan, Wilhelm Girnus, Fritz Selbmann, Werner Starke und andere, die sich um das Lager zu unseren Gunsten sehr verdient gemacht hatten, eines Tages verhaftet", in den Zellenbau gesperrt und nach Verlauf von 8 Wochen Dunkelarrest in das berüchtigte Steinbruchlager Flossenbürg„ strafversetzt". Als Vorwurf wurde gegen sie erhoben, einer Konspiration kommunistischer Elemente führend anzugehören und eine Art Häftlingsfürsorge im Sinne der„ Roten Hilfe" ins Leben gerufen zu haben. Die Gründe, aus denen man diese Männer vernichten wollte, wurzelten in der Tatsache, daß keiner von ihnen bereit war, sich für die Interessen der SS, also gegen das Lager, gebrauchen zu lassen. Das schnöde Ansinnen, als„ verlängerter Arm der SS" Verrat zu üben an den Interessen ihrer Mithäftlinge, hatte sich diesen Männern gegenüber als fruchtlos erwiesen. Da man aber, unter Berücksichtigung der für das Lager geplanten Neuerungen, unbedingt einige Kreaturen benötigte, die bereit waren, die Stimmung im Lager zu überwachen und eventuell aufflackernde Widerstandsbewegungen sofort nach oben" zu melden, mußten die Genannten, die dazu nicht zu gebrauchen waren, entfernt und durch willigere Personen ersetzt werden. Im Vernichtungslager Flossenbürg sollten diese achtzehn Häftlinge, die zur besonderen Charakterisierung einen blauen Punkt auf ihren Jacken tragen mußten, langsam zugrunde gehen, und nur durch eine bei156 spiellose Solidarität und Kameradschaft in diesem berüchtig- ten Steinbruchlager gelang es, sie zu retten und den größten ‘ Teil der Genannten am Leben zu erhalten; sie wurden 1945 befreit. Die Furcht der SS vor dem Auftreten einer gewissen Resistenz war zu jener Zeit nicht ganz unbegründet, Der Glaube an einen deutschen Sieg, der im Lager begreiflicher- weise nie besonders stark war, hatte im Verlauf des für Deutschland immer verhängnisvoller werdenden Feldzugs gegen Rußland bedenkliche Einbußen erlitten. Da nun gerade in jener Zeit, da das schleichende Gift des Zweifels auch in den Herzen vieler SS-Angehörigen seine Wirkung ausübte, eine durchgreifende Änderung in der Häftlingsbehandlung zu erwarten war, da ferner zahlreiche SS-Dienstgrade, die durch ihr rücksichtsloses Verhalten noch gewisse Garantien für die Unterdrückung irgendwelcher Gegenbewesungen boten, entfernt und durch weniger prinzipienfeste Reser- visten ersetzt werden sollten, glaubte die Lagerführung auf die Einschaltung neuer und anderer Sicherheitsmaßnahmen nicht verzichten zu können, Durch die von oben befohlene Ausweitung der Betriebe, die wiederum eine Aufteilung des gesamten Häftlingsbestandes in viele größere und kleinere Gruppen notwendig machte, wurde die Überwachungsmöglich- keit unverkennbar beeinträchtigt; es standen auch lange nicht mehr so viele Posten zur Verfügung wie früher. Die geplanten Besserungen gaben überdies der BefürchtungRaum, daß das Selbstbewußtsein der Häftlinge Formen annehmen könnte, die im Widerspruch standen zu der geforderten Subordination, Eine Entpolitisierung des Lagers, zum min- desten eine Ausschaltung jeder antifaschistischen Beein- flussungsmöglichkeit, erschien daher— vom Standpunkt der SS— dringend geboten. Es mußten also an die Spitze der Häftlingsgemeinschaft Leute gestellt werden, die bereit waren, mit der Lagerführung„konform“ zu gehen, die nicht davor zurückschreckten, die politische Homogenität des Lagers zu durchkreuzen und der SS alle erforderlichen Angaben zu machen über die eventuelle Bildung von Zellen, in denen eine dem Faschismus entgegenwirkende Ideologie ihre Wurzeln 157 schlagen konnte. Aus diesem Grund wurden die Häftlinge Naujoks, Buchmann und Rudi Grosse, die konkrete Kom- munisten waren, entfernt und an ihre Stelle setzte man, nach einigen mißglückten Versuchen mit anderen Politischen, die Häftlinge Kuhnke, Gallipavi und Volck, denen man noch die Kreatur Kokoschinski, einen Mann, der je nach Gelegenheit bald Pole, bald Deutscher war, zugesellte. Als Lagerälteste fungierten Kuhnke und Volck. Kuhnke war kein Politischer, sondern ein„Aso“, ein Mann mit zahlreichen Vorstrafen; er wurde Lagerältester Nr. 1. Als zweiter amtierte der politische Häftling Herbert Volck, ein ehemaliger Offizier und Baltikumkämpfer, angeblicher Inhaber des Ordens pour le me£rite, Schriftsteller und Ver- fasser eines antikommunistischen Romans„Die Wölfe“. Volck war, aus mir unbekannten Gründen, zu lebenslänglicher Konzentrationslagerhaft verurteilt, was zu der Vermutung Anlaß gibt, daß er, dem Nationalsozialismus nahestehend, sich durch irgendeine Verratsaffäre diese Strafe, die, soviel ich weiß, nicht von den ordentlichen Gerichten verhängt wurde, zugezogen hatte. Jedenfalls handelte es sich bei ihm um eine jener abenteuerlichen Offizierstypen, die nach dem ersten Weltkrieg keinen festen Fuß mehr fassen konnten, im Baltikum eine Rolle spielten, geheimen Militärorganisationen angehörten, Fememorde begünstisten und ausführten und bald auf dieser, bald auf jener ultranationalen Seite ihr jeder klaren Direktive entbehrendes Heil suchten. Solchen Menschen ist die Neigung zum Verrat angeboren. Sie haben ihr ganzes Leben damit bestritten, haben wechselnd Erfolge und Nieder- lagen dadurch erlitten, sie lassen sich zu allem, was ihnen einen Vorteil verspricht, gebrauchen und wären jedenfalls außerstande, eine konkrete Ansicht über ihr Verhältnis zu dem Begriff und Gebilde„Staat“ zu formulieren. Auch Volck hatte in dieser Hinsicht gewiß keine konkreten Vorstellungen. Da er zu lebenslänglicher Haft verurteilt war, also für ihn keine Aussicht bestand, auf„normale“ Weise jemals wieder in Freiheit zu gelangen, glaubte er wohl durch seine An- biederung an die SS eine Chance für seine Befreiung entdeckt zu haben. Da er die russische Sprache beherrschte, fand er 158 zunächst als Dolmetscher Verwendung, kam als solcher mit der Lagerleitung in Berührung, der gegenüber er sich jeden- falls als Feind der„Kommune“ erklärte. Er war also der geeignete Mann für Vigilanten- und Zuträgerdienste. Wie allen Menschen seines Schlages gebrach es ihm an Weitblick und Klugheit, Er witterte einen augenblicklichen Vorteil und setzte die hundertmal erwiesene Undankbarkeit der SS dabei völlig außer Rechnung. Er beging— genau wie Kuhnke— zuletzt die katastrophale Dummheit, daß er mit der SS schließlich gegen die SS laborierte, was seinen Sturz in den Abgrund unausbleiblich machte. Das Schmerzliche daran war lediglich, daß er in gemeinsamer Arbeit mit den oben ge- nannten Ehrenmännern eine große Anzahl tausendmal wert- vollerer Menschen, als er einer war, ins Unglück brachte! Zu dieser Zeit war ein neues, höchst eigenartiges Kommando entstanden, eine Art Sicherheitstruppe, die bei Luftangriffen als Lagerschutz in Erscheinung trat und, mit Schaufeln be- waffnet, gewisse Punkte des Lagers besetzte. Kommandant dieser Truppe war ein Berufsverbrecher namens Maschke, der seiner merkwürdigen militanten Neigung wegen den Spitznamen„Luftmarschall Maschke“ führte und sich dieser Auszeichnung durch ein entsprechendes Verhalten würdig erwies. Er trug, wie ein SS-Mann, einen Stahlhelm, Reit- stiefel und Schulterriemen. dazu allerlei kindlichen Zierat auf dem Jackett, kleine Metallpropeller und eine gedrehte Schnur, an der eine Pfeife hing. Dieses seltsame Subjekt ent- faltete in seinem Amt als Sicherheitsoffizier bald eine weit über seine eigentlichen Funktionen hinausgehende Tätigkeit, indem auch er sich zu Zwecken mißbrauchen ließ, die geheim- nisvoll und verbrecherisch waren. Er beteiligte sich mit Hin- gabe und Energie an den Verhören von sogenannten Polizei- häftlingen, worunter angeblich Plünderer und Saboteure zu verstehen waren, und war in dieser Eigenschaft die rechte Hand des Rapportführers Böhm, der— mit der Pfeife im Mund— diese Häftlinge zur Exekution auf den Industriehof führte. Ehe dies geschah, entpreßte ihnen jedoch Luft- marschall Maschke Geständnisse durch die grausamste Be- handlung, die man sich nur immer denken kann. Dafür genoß 159 er das Vertrauen seiner Auftraggeber in einem so hohen Maß, daß er sich frei wie ein SS-Angehöriger im Lager be- wegen konnte. Er war ein grausiger Narr, ‚dem man mit scheuer Vertraulichkeit begegnen mußte, wenn er einem die Ehre seiner Unterhaltung erwies, eine jener düsteren Existen- zen, wie sie nur in Konzentrationslagern möglich waren, und ein würdiges Gegenstück zu den obengenannten Häftlingen Kuhnke, Kokoschinski und Volck. Auch Gallipavi war eine solche dunkle und katilinarische Existenz. Er hatte schon in anderen Lagern sein Unwesen getrieben und galt in den Augen der Lagerführung gewisser- maßen als ein Koryphäe der Gemeinheit. Zusammen mit dem Häftlingsdolmetscher Siegel, der im Herbst 1944 in die SS eintrat und an der Niederschießung von russischen Kriegs- gefangenen im Januar 1945 persönlich beteiligt war, und dem „Luftmarschall“ Maschke leistete auch er Großes auf dem Gebiete der Angeberei, Zwei weitere Kreaturen dieses Schlages waren der Blockälteste Jahnke, der ebenfalls beim Sicherheitsdienst landete, und der schon vorhin genannte „Volksdeutsche“ Kokoschinski, ein ehemaliger Lehrer, der schon in den Jahren 1941/42 für die Gestapo arbeitete und der jetzt, als Vorarbeiter der Poststelle, seine Fähigkeiten als. Vertrauensmann der SS beweisen konnte, Diese„Männer“— Häftlinge wie wir— waren also nun, nachdem man Naujoks, Buchmann und Grosse in die Ver- bannung geschickt hatte— unsere Vorgesetzten. Selbstver- ständlich wußten wir über jeden von ihnen gründlich Be- scheid. Sie alle zusammen hatten in dem schon erwähnten „Arbeitseinsatz“ einen grimmen und mächtigen Feind; seiner gegen die Verräterei dieser Menschen gerichteten„Neben- arbeit“ war es zu verdanken, daß sowohl Kuhnke als auch Volck und Kokoschinski eines Tages strauchelten und, hof- fentlich, das Schicksal gefunden haben, das sie sich tausend- mal verdient hatten. Das Eigenartige an diesen hier zur Sprache kommenden Er- eignissen lag in der Absonderlichkeit einer Organisation, die erst im Frühjahr 1944 in Erscheinung trat und als sogenannte „Sonderkommission“ unter dem Vorsitz eines Herrn namens 160 hohen ager beman mit nem die Existenren, und aftlingen narische Unwesen ewissermit dem die SS Kriegsund dem auf dem n dieses alls beim genannte rer, der tete und eiten als also nun, die Verelbstverlich Bewähnten d; seiner „ Nebenals auch und, hoftausendden Eration, die genannte namens Corneli in einigen Räumen des Verwaltungsgebäudes der SS- Totenkopfstandarte Oranienburg amtierte. Es ist mir heute noch nicht ganz klar, in wessen Auftrag und aus welchen Gründen diese Kommission eingesetzt worden war. Einer im Lager kursierenden Parole zufolge, handelte es sich um eine Maßnahme Himmlers, die den Zweck verfolgte, Mißstände, die im Lager eingerissen waren, zu überprüfen und zu beseitigen. Was für Miẞstände darunter zu verstehen gewesen wären, ist schwer zu sagen, denn Miẞstand war letzthin alles. Ich kann auch hier nicht annehmen, daß irgendwelche menschlichen Erwägungen die Beweggründe dafür gewesen sein könnten. Fest steht, daß die Kommission mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet war und als Beauftragte des ReichsSicherheitshauptamtes fungierte. Sie stand über der Lagerführung und hatte ein Aufgabengebiet mit zwei verschiedenen Zielrichtungen. Erstens sollte sie wohl im Sinne der schon erwähnten Notwendigkeit das Lager von„, kommunistischen Elementen" säubern( ich bin überzeugt, daß die Beseitigung der alten Häftlingsschreibstube auf ihr Betreiben erfolgt war), zweitens richtete sich ihr Augenmerk auf die durch allerlei Korruptionsfälle belastete Lagerführung und die dieser angegliederten und unterstellten SS- Dienststellenleiter. Es waren also nicht nur die Häftlinge, die den Auftrag dieser Kommission zu befürchten hatten, sondern in einem vielleicht noch höheren Maß die im Lager diensttuenden SSAngehörigen selbst. Da die Lösung der einen Aufgabe in einem gewissen Verhältnis zur Lösung der anderen stand, war es klar, daß Häftlinge, die gegen die Häftlinge aussagten, nicht davor zurückschrecken durften, auch gegen die SS auszusagen. Es war dadurch der einzigartige, ich darf wohl sagen groteske Zustand geschaffen, daß zwei so erbitterte Gegner wie Häftlinge und SS nun auf einmal einen gemeinsamen Gegner hatten. Man kann sich vorstellen, mit welchen Augen die Lagerführung in dieser Situation jene Häftlinge betrachtete, die diesem Gegner eine Handhabe boten und ihm durch ihre Aussagen Material lieferten, das letzten Endes auch die SS belastete. Selbstverständlich versprach die SonNacht 11 161 derkommission jenen Häftlingen - Kuhnke, Volck, Kokoschinski usw. das Blaue vom Himmel herunter. Selbstverständlich sicherte sie ihnen Straffreiheit zu, ja, darüber hinaus sogar Belohnung und Entlassung. Denn nur so und nicht anders ist das selbstbewußte Handeln und Auftreten zu erklären, das die Genannten in der Zeit ihrer Tätigkeit für die Kommission an den Tag legten und gegen das weder der Kommandant noch die Lagerführer etwas ausrichten konnten. Welcher Art war nun die Tätigkeit jener Häftlinge, die sich nicht entblödeten, dem Ansinnen der Sonderkommission Folge zu leisten? Das erste, was geschah, war, daß der Sittlichkeitsverbrecher Kuhnke eine„, weitausgedehnte kommunistische Verschwörung" entdeckte, denn irgend etwas mußte ja geschehen, um das Vertrauen der Kommission zu rechtfertigen. Auf sein Betreiben hin wurde in der isolierten Baracke Nr. 58 des Lagers ein„, Untersuchungsblock" eingerichtet, in dem alle an dieser angeblichen Verschwörung beteiligten Häftlinge inhaftiert und vernommen werden sollten. Natürlich wurden diese Vernehmungen mit den im Lager üblichen Mitteln durchgeführt, Dabei wurden einige Häftlinge so furchtbar geschlagen, daß sie in den Krankenbau überführt werden mußten. Irgend etwas Stichhaltiges für die Kuhnkeschen Anschuldigungen ließ sich dabei nicht erbringen. Außer der ohnehin bekannten Tatsache, daß die meisten der hier festgehaltenen Häftlinge einmal der Kommunistischen Partei angehört hatten- aus welchem Grund sie sich ja auch im Konzentrationslager befanden!-, wurde so gut wie gar kein Beweis für eine tatsächliche Verschwörung erbracht. Dieser Mißerfolg schwächte zwar das Vertrauen der Kommission zu dem Angeber, änderte aber nichts am Los der Beschuldigten. Denn da die Kommission ihren Miẞgriff nicht eingestehen wollte was der Fall gewesen wäre, wenn sie die von Kuhnke Beschuldigten in Freiheit gesetzt, das heißt wieder in das Lager gelassen hätte, verschickte sie die unschuldigen Opfer des Verrats nach dem Vernichtungslager Mauthausen bei Linz. -162 - Ei Hier wäre zu untersuchen, ob und inwieweit der von Kuhnke und seinen Kumpanen ausgesprochene Verdacht im Grunde falsch oder begründet war. Heute kann gesagt wer- den, daß die politischen Widerstandsgruppen im Lager tat- sächlich über einen viel größeren Aktionsradius verfügten, als das seitens der SS erkannt oder angenommen wurde. Eine rein ideologische Konspiration gegen den Faschismus bildete schon, ohne besondere organisatorische Vorbereitungen, die Grundlage eines gemeinsamen Widerstandswillens, auf der sich— wenn auch in einer sehr schwer erkennbaren, weil gut getarnten Form— die einzelnen positiv arbeitenden Wider- standsgruppen aufbauten, Die positive Arbeit, die hauptsäch- lich aus den in allerlei Schlüsselstellungen tätigen politischen Häftlingen geleistet wurde, erstreckte sich in erster Linie auf die Sabotage von Anordnungen, Beobachtung der SS, Besei- tigung von Aktenstücken und Karteikarten, Nichtdurchfüh- rung von Transportvorschriften und Verbreitung von Nach- richten der Auslandssender, die von den in SS-Dienststellen beschäftigten Häftlingen mit abgehört werden konnten. Durch die internationale Zusammensetzung der Häftlingsgesamtheit war es auch immer wieder möglich, Beziehungen zu anti- faschistischen Auslandssruppen herzustellen und Vorberei- tungen zu treffen für den Tag, an dem die nationalsozialisti- sche Macht zusammenbrechen und die Verbindung mit den amerikanischen oder russischen Truppen aufgenommen wer- den mußte. Diese Arbeit, die sich begreiflicherweise nicht vor den Augen der Häftlingsmehrheit vollzog, erweckte selbstver- ständlich den Verdacht derjenigen, die sich durch ihre offen- kundige Bereitschaft zum Verrat in die wichtigsten Positionen der Häftlingslagerleitung gedrängt hatten und die in Sachsen- hausen glücklicherweise keine politischen Häftlinge, sondern Berufsverbrecher und Asoziale waren. Denn obgleich Galli- pavi, Kokoschinski und Volck den roten Winkel der politi- schen Gefangenen trugen, waren sie den Voraussetzungen ihrer Haft gemäß nur insofern Träger eines politischen Ge- dankens, als sie nicht gegen, sondern für die SS und damit für den Nationalsozialismus arbeiteten. Als Zuträger des Zu- trägers Kuhnke gingen sie bei der Sonderkommission zwar " 163 j | | N aus und ein und taten ihr möglichstes, um sich der hohen Stellung, in die man sie eingesetzt hatte, würdig zu erweisen. Aber auch sie konnten schließlich nichts herbeizaubern, was in sichtbarer Form eben nicht vorhanden war. Was sie aber immerhin zuwege brachten, war die oben berichtete Verschickung zahlreicher anständiger und aufrechter Kameraden in das Lager Mauthausen. Das furchtbarste Verbrechen aber, das im Zuge dieser Aktion begangen wurde, geschah am 11. Oktober 1944. In den Abendstunden dieses Tages wurden 27 politische Häftlinge, überzeugte und bedingungslose Antifaschisten, nach jahrelanger Zuchthaus- und Lagerhaft von einem bewaffneten SS- Aufgebot aus dem Lager geführt und erschossen. Alfred Ahrendt Heinz Bartsch Erich Boltze Fritz Bücker Emil Dersch Ernst Fürstenberg Willi Grübsch Arthur Hennig Rudolf Hennig Dietrich Hornig Otto Kröbel Erich Mohr Hans Rothbart Josef Rutz Wilhelm Sandhöfel August Sandtner Kurt Szalek Ernst Schneller Gustav Spiegel Sigismund Szredski Mathias Thesen Ludgar Zölligkofer Benoit Morceau André Bergeron Rudolf Mokry Roger Robine Josef Tschub In dieser Atmosphäre der höchsten Unsicherheit, in der jeder gleichviel ob Kommunist oder nicht von uns - - täglich Gefahr lief, von einem jener Dunkelmänner an den Galgen gebracht zu werden, konnte nur durch eine stumme, verbissene Zurückhaltung und durch ein wortloses Zusammenwirken aller in einflußreichen Stellen wirkenden Häftlinge eine Abwehrfront gegen diese das ganze Lager bedrohende Gefahr geschaffen werden. Eine dieser Stellen, die direkten 164 Einfluß auf die Geschehnisse im Lager nehmen konnte, war der Arbeitseinsatz, dem ich nach meinem Ausscheiden aus dem Baubüro im Frühling 1944 angehörte. Als Leiter dieser Dienststelle amtierten der SS-Unterschar- führer Rehn und die Unterscharführer Rose und Drechsel. Da auch diese drei ein begründetes Interesse daran hatten, Er- scheinungen wie Kuhnke und Konsorten unschädlich zu machen, hatten wir durch sie in unserem gleichen Bestreben eine Deckung nach„oben“. Zwar gelang es uns nicht, das nun schon einmal angerichtete Unheil wiedergutzumachen, aber die Entfernung von Kuhnke, Kokoschinski und Volck setzten wir durch. Die Hauptarbeit leistete dabei ein Häftling, der, auf Grund seiner umfassenden Kenntnisse der gesamten Lager- verhältnisse und seiner weitreichenden Beziehungen zu den Häftlingen anderer Dienststellen, das für die Kaltstellung der Genannten erforderliche Material herbeischaffen und der Lagerführung in die Hand spielen konnte. Ihm war es in erster Linie zuzuschreiben, daß die Sonderkommission ihre schützende Hand von den Verrätern zurückzog und es der Lagerführung anheimstellte, mit ihnen nach Gutdünken zu verfahren. Der Häftling Kuhnke wanderte nach Empfang von 50 Stock- hieben in das gleiche Lager, in das er an die sechzig unschul- dige Kameraden gebracht hatte— nach Mauthausen. Volck ging in das Steinbruchlager Buchenwald und Kokoschinski nach Ravensbrück, Sollte einer von diesen Menschen noch unter den Lebenden weilen, so überantworte ich ihn hiermit der öffentlichen Gerichtsbarkeit. er XXI Scheinheiligkeit:bei Todestallen Viermal im Jahr, in Abständen von je drei Monaten, unter- richteten sich die Leitstellen der Geheimen Staatspolizei über das Verhalten der von ihnen in die Konzentrationslager ver- schickten politischen Häftlinge. Es fanden zu diesem Behuf sogenannte„Anfragen“ statt, die sich in der Form vollzogen, daß der betreffende Häftling zum Lagerführer bestellt und von diesem, nach oft stundenlangem Warten, über einige längst bekannte Vorgänge und Daten befragt wurde, Der Neuling, dem zum erstenmal das Glück einer derartigen An- frage zuteil wurde, rechnete dabei mit der Aussicht auf eine baldige Entlassung. Er verankerte seine schon etwas brüchig gewordene Hoffnung in der Vermutung, daß man sich „draußen“ für ihn interessierte, daß er eben doch nicht so ganz verlassen und vergessen sei, wie er es argwöhnte, Er ahnte noch nicht und wollte dies zunächst auch nicht glauben, daß mit derartigen Anfragen lediglich der Erfüllung einer Formalität Genüge geschah und daß noch niemals ein Häft- ling auf Grund einer solchen Anfrage entlassen worden war. Ich hatte später einmal durch Indiskretion eines in der Politi- schen Abteilung tätigen Häftlings die Gelegenheit, den Wort- laut der Rückantwort, die der Lagerführer Forster der Ge- heimen Staatspolizei-Leitstelle auf eine solche Anfrage er- teilte, kennenzulernen; er lautete:„Nicht entlassungsreif, da faul und zu keiner Arbeit willig!“ Diese kurze und lapidare Erklärung, die natürlich eine Lüge war, ging in Abschrift zu den Akten und diente bei nächster Gelegenheit als Grundlage für die weitere Qualifikation des Häftlings. Die Angehörigen des Häftlings, die den Versuch machten, ihren Vater, Sohn, Gatten oder Bruder aus dem Lager herauszubekommen, erhielten dann von dem mit der Bearbeitung der Sache beauftragten Beamten der Gestapo die frostige Mitteilung, daß an eine Entlassung des Betreffen- 166 den vorläufig nicht zu denken sei, da der Häftling laut Bericht des Lagerführers sich noch nicht ,, gebessert" habe. Es gab aber auch noch andere Methoden, die unter Umständen schon beschlossene Entlassung eines Häftlings zu hintertreiben, die hauptsächlich dann angewandt wurden, wenn man den betreffenden Häftling aus irgendwelchen Gründen noch brauchte. So ersah ich beispielshalber aus Bauleitungsakten, daß der tschechische Häftling Pleticha, dessen Entlassung vom ReichsSicherheitshauptamt bereits angeordnet war, erst vier Monate nach dieser Verfügung tatsächlich entlassen wurde. Pleticha war Vorarbeiter des Baukommandos„ Pumpenhaus II" und wurde in dieser Eigenschaft so lange festgehalten, bis das Bauwerk fertiggestellt war. Er wurde der Gestapo gegenüber als ,, im Augenblick unabkömmlich" bezeichnet. Diese Farce der„ Anfragen" hörte im Jahre 1942 auf, nicht in dem Sinne, daß von diesem Zeitpunkt an die Lagerführung eine bessere, das heißt der Wahrheit entsprechende Auskunft erteilt hätte, sondern sie unterblieb überhaupt. Die Zahl der Entlassungen war überaus gering. " - Die von vielen Häftlingen gehegte Hoffnung auf einen„, Gnadenerlaẞ des Führers" oder eine allgemeine Amnestie" zeugte zwar in einer fast ergreifenden Weise für die harmlose Gemütsart der Hoffenden, erfüllte sich aber nie. Entlassungen größeren Stils erfolgten nur im Falle der tschechischen Studenten, die im Jahre 1943 in zwei größeren Trupps das Lager verließen. Auf Entlassung konnten ferner Häftlinge rechnen, die mit einer Polin verkehrt hatten und aus diesem Grund in das Lager gekommen waren; sie wurden meist nach drei oder sechs Monaten wieder in Freiheit gesetzt falls sie nicht vorher gestorben waren. Denn die Anfälligkeit der Häftlinge war gerade in den ersten drei Monaten ihres Lageraufenthaltes am stärksten. Die krasse Umgestaltung aller Lebensgewohnheiten, in zahlreichen Fällen der jähe Entzug von Alkohol oder anderen Rauschgiften, dazu Hunger und Kälte, bewirkten einen sehr raschen Kräfteverfall, und Menschen, die an Ordnung und Regelmaß in der Lebensführung gewohnt waren, fielen oft erschreckend schnell zusammen. Die seelische Erschütterung tat dabei das übrige. Der Mangel an 167 innerem Halt, meist die Folgeerscheinung einer depressiven Veranlagung, erzeugte eine gefährliche Indolenz gegen die harten Bestimmungen der Lagerordnung. Wer erst einmal die barbarischen Methoden der körperlichen Züchtigung über sich hatte ergehen lassen müssen, fand meist kein Zurück mehr. Widerstandskraft und Trotz waren gebrochen. - - War ein Häftling in dieses Stadium der körperlichen und seelischen Entkräftung gelangt, so bezeichnete man ihn als ,, Muselmann", für den es kaum noch eine Rettung gab. Da ihm sein Zustand von den SS- Ärzten als eine Art Vergehen, Heimtücke oder Arbeitsscheu vorgeworfen wurde, konnte er auf eine Genesung nicht rechnen. Er starb und wurde ,, durch den Schornstein entlassen", das heißt er wurde verbrannt. Viele Jahre hindurch belief sich die Sterblichkeitsziffer im Lager auf 30 Häftlinge täglich. Lungenentzündung, Wassersucht, Phlegmone, Dysenterie, Tuberkulose, Mißhandlungen und vor allem die völlig unzulängliche Krankenbehandlung waren die hauptsächlichsten Todesursachen, Häftlinge, die ihr erbärmliches Los nicht mehr länger ertragen mochten, begingen Selbstmord. Sie erhängten sich oder liefen was noch einfacher war ,, in den Draht". Jede Berührung des mit elektrischem Strom geladenen Drahthindernisses, das mit der Lagermauer parallel lief, verursachte eine sofortige Herzlähmung. Da das Überschreiten der sogenannten„ neutralen Zone" eines Rasenstreifens, der vor dem Drahthindernis lag verboten war und die auf den Türmen verteilten SSPosten berechtigte, von der Waffe Gebrauch zu machen, hatte der Betreffende, der auf diese Weise den Tod suchte, meist nicht lange zu leiden. Vom Starkstrom gelähmt und von einigen MP- Geschossen durchbohrt, blieb er im Stacheldraht hängen, aus dem der Leichnam erst nach Verlauf von einigen Stunden entfernt und in die Pathologie gebracht wurde. Die Verbrennung erfolgte im Krematorium des Lagers, Die Angehörigen eines jeden Verstorbenen erhielten durch die Lagerverwaltung die Nachricht, daß der Häftling Soundso am Soundsovielten im Krankenbau des Lagers an den Folgen einer Blutkreislaufstörung gestorben sei. Die Urne mit der Asche des Verblichenen würde ihnen- falls sie Wert darauf - 168 legten - gegen Voreinsendung des Betrages von 2,50 Reichsmark zugeschickt". - - Nicht alle Angehörigen gaben sich mit der Urne einer schwarzen Blechbüchse zufrieden. Manche wollten die Leiche noch einmal sehen und fuhren zu diesem Zweck mit Kränzen und Blumen nach Sachsenhausen, wo die Lagerführung in weiser Voraussicht einen Paradesarg bereit hielt, in welchem die Leiche des Häftlings feierlich aufgebahrt wurde. Ein Angehöriger der SS, meistens der Rapportführer oder gar der Herr Lagerführer selbst, machte bei dieser Gelegenheit den trauernden Hinterbliebenen die Honneurs und bedauerte aus tiefstem Herzen, daß der Kranke trotz sorgfältigster Pflege nicht mehr zu retten gewesen wäre. Hatten die Angehörigen den scheinheiligen Händedruck des hohen Herrn entgegengenommen und so„ getröstet" den Kommandanturbereich des Lagers wieder verlassen, flogen Kränze und Blumen in die Müllgrube, die Leiche des Häftlings in eine schwarze Kiste- und der feierliche Akt war zu Ende. Da die oben angeführte Sterblichkeitsziffer eine Durchschnittszahl ist und es in Wirklichkeit Tage gab, an denen 50 bis 60, ja Hunderte von Häftlingen starben( wie an jenem in Kapitel X geschilderten Wintertag), hatte das Kommando ,, Krematorium" stets alle Hände voll zu tun. Oft standen die schwarzen Kisten in hohen Stapeln vor dem Eingang des Gebäudes, auf dessen qualmender Esse oft nachts noch die Flammen tanzten wie die zuckenden Seelen der in die Freiheit des Himmels entlassenen Toten. Untertags zogen Krähen in breiten Schwärmen vom nahen Walde über das Lager, das im nebelfeuchten Grau eines Herbsttages einen so trostlosen Anblick bot, daß man kaum an die Wirklichkeit seiner Existenz glauben mochte. Kahl und baumlos, wie von der Schere des Teufels herausgeschnitten aus dem Bild der lebendigen Welt, weitete sich der in seiner Leere gähnende Platz, eine Arena der Verzweiflung, ein Zirkus der grausigsten Spiele, die der Mensch je erdacht und geübt. Hier hatten wir triefend vor Nässe oft viele Stunden gestanden, hatten schwerbeladene Karren geschoben oder in den Schößen unserer gestreiften Jacken den Sand fort169 geschleppt, der aus irgendeiner Baugrube geschaufelt wurde. Hier lagen an jedem Morgen in Decken gehüllt die Leichen der über Nacht in den Baracken verstorbenen Kameraden. Tot, leer und stumm war alles, die Ruhe eines lebendigen Grabes lud allem Geschehen ihre drückende Last auf und entrechtete unsere Herzen. Es gab in den Jahren meiner Haft wohl kaum einen Tag, an dem ich nicht wenigstens einmal an die Möglichkeit einer Befreiung aus dieser Lagerhölle gedacht hätte. Wir lebten ohne Hoffnung, und die Zeichen der Freiheit verwandelten sich für uns in ein Sinnbild der Tücke und ließen uns die Aussichtslosigkeit unserer Lage noch fühlbarer werden. Darum machten uns die Vögel das Herz schwer, die über uns hinweg nach dem nahen Walde flogen, denn sie erinnerten uns an die lähmende Last, die wir als bodenverhaftete Kreaturen zu tragen gezwungen waren, die uns daran hinderte, dieses Mauerwerk zu verlassen, und uns jeder erdenklichen Willkür preisgab. Uns bedrückten die ragenden Wipfel der Bäume, die uns an das blühende Leben des Waldes gemahnten, darin Myriaden kleiner und für das Auge so unscheinbarer Lebewesen sich ihrer von Gott gegebenen Freiheit erfreuten, und wir erzitterten und froren beim Lachen der Kinder, das manchmal von irgendwo an unsere Ohren drang, denn es schien uns ein spottender Laut aus den Regionen jener reineren Welt, die man uns genommen hatte. Wenn über uns in der Bläue des Abends eine Wolke dahinschwamm, wie ein Segler auf großer Fahrt, dann errechnete unser Geist den Verlauf ihres Weges und kehrte verzweifelt in dieses Ödland des Grauens zurück. Was kaum einem Menschen da draußen, jenseits der Mauer, versagt war, einmal, und wäre es nur auf die Dauer einer Stunde, allein zu sein mit sich und seinen Gedanken, war hier ein traumhafter Wunsch, dessen Erfüllung kein noch so entschiedener Wille zu erzwingen vermochte. 170 XXIV Es geht bergab mit Hitler - - Die Massenexekution russischer Kriegsgefangener, über die ich in Kapitel XVII ausführlich berichtet habe, wurde im April 1942 abgebrochen und auch später nicht fortgesetzt. In den Wintermonaten des Vorjahres war im Lager der Flecktyphus ausgebrochen, der als erste Opfer das Leben einiger SS- Scharführer forderte. Dieses Ereignis, das in den Kreisen der Lagerführung die ärgerliche Erkenntnis erweckte, daß der Tod auch vor dem silbergestanzten Symbol seiner Hoheit- keinen dem Totenkopf auf den Mützen der SS- Angehörigen- Halt machte, lieferte den Anlaß zu durchgreifenden Gegenmaßnahmen. Die totale Entwesung und Desinfektion sämtlicher Lagerbauten und Häftlingskleider wurde angeordnet und durchgeführt. Schutzimpfungen fanden statt, die Inbetriebnahme einer eigenen Entlausungsanstalt und strenge Isolierung der Kranken verhinderten eine Ausbreitung der Seuche. Eine allgemeine Quarantäne wurde verhängt und die Arbeit auf die Dauer dieser Sperre in sämtlichen Betrieben eingestellt. In dieser Zeit wagte sich kaum ein SS- Mann in das Lager, was bei uns die Angst vor der Seuche herabsetzte und die Stimmung erhöhte. - - Da außer den in den lebensnotwendigen Wirtschaftsbetrieben Küche, Keller, Proviantraum tätigen Häftlingen der weitaus größte Teil der Lagerinsassen auf die Dauer einiger Wochen arbeitslos war, beschäftigten wir uns mit dem Sortieren von Zivilkleidern, die kurz vorher auf mehreren LKWs in das Lager geschafft worden waren. Es handelte sich um eine Sendung aus Auschwitz. Sie bestand aus Tausenden von Bekleidungsstücken Anzügen, Mänteln, Frauen- 1 und Kinderkleidern, Schuhen, Wäsche und dergleichen Gegenständen, die man den in den Lagern Auschwitz und Maidanek ermordeten Juden abgenommen hatte und die nun zu weiterer Verwertung in das„ Bekleidungswerk der Waffen- SS" wanderten, Hier wurden sie zunächst einmal 171 - auf darin verborgene Schmuckgegenstände, Geldscheine und Münzen untersucht; riesige Mengen an Wertsachen fielen auf diese Weise der SS in die Hände, die Zahl der erbeuteten Uhren war so groß, daß ein eigenes Uhrenmagazin mit Werkstatt, in der an die dreißig Uhrmacher saßen, eingerichtet werden konnte. Mit den Kleidungsstücken verfuhr man anders. Zu derselben Zeit, da nach dem barbarischen Winter 1941 auf 1942 Herr Goebbels das deutsche Volk zu einer großen Wollsachenspende für die Soldaten der Ostfront aufrief, wurden im Lager Sachsenhausen- und jedenfalls auch in anderen Lagern ganze Waggonladungen voll Pelzwerk, Unterkleidern, Mänteln, Handschuhen, Strümpfen und Socken in einen Schuppen gestopft und gehortet, Berge von Schuhen, von Männer-, Frauen- und Kinderstiefeln wurden verbrannt. Mit den noch gut erhaltenen Anzügen aus oft erstklassigen Stoffen bereicherten sich verschiedene an der Quelle sitzende SS- Angehörige oder verwandten sie als willkommenes Tauschmittel zu allerlei Schiebergeschäften. Die schon etwas abgetragenen Stücke, aber wurden ,, markiert", das heißt mit roten Streifen und Kreuzen bemalt, und gingen in die Häftlingsbekleidungskammer, von wo sie schließlich an uns ausgegeben wurden. Hätte einer von diesen Anzügen, die wir jetzt tragen mußten, plötzlich zu sprechen angefangen, er hätte uns furchtbare Dinge erzählt von den Fabriken des Todes, die Adolf Hitler und Heinrich Himmler im Osten Europas geschaffen hatten, von jenen Feldern und Zonen der Lager Auschwitz und Lublin, in denen täglich Hunderte von Menschen unter den Klängen des von Lautsprechern gegröhlten Liedes ,, Muß i denn" ums Leben gebracht wurden. Er hätte uns erzählt von den grausigen Schanzarbeiten, die die dem Tode Geweihten verrichten mußten, von den kilometerlangen Laufgräben, an deren Rand die mit Maschinenpistolen ausgerüsteten SS- und SD- Männer in den zuckenden Menschenhaufen im Innern der Gräben hineinschossen und von der noch stundenlang wogenden Erde, die über den oft nur verwundeten Opfern eines beispiellosen Tyrannenwahns aufgeschüttet und mit Chlorkalk getränkt wurde. 172 ב e S t " , S d r t Wuẞten wir damals auch noch keine Einzelheiten über die in ihrer Scheußlichkeit nicht zu überbietenden Vorkommnisse in jenen Lagern, so ahnten wir doch all das Grausen und alles Leid, das über die vom Nationalsozialismus beherrschte Menschheit hereingebrochen war. Was uns der tote Gegenstand verheimlichte, schrie uns die nahe Wirklichkeit deutlich ins Ohr. Die Nachbarschaft des Mordes, in der wir dahinlebten, selbst nie wissend, ob und wann auch uns dieses Schicksal ereilen würde, verdichtete unser Wissen und Fühlen zu dem einzigen, brennenden Wunsch, den Tag zu erleben, an dem eine eherne Hand die Welt von dem Ungeheuer befreite, das mit der lächelnden Miene eines Bonvivants durch einen Ozean von Blut watete und die Menschheit mit blechernen Phrasen bediente. Jede Meldung von neuen„ Absetzbewegungen", wie eine um keine Umschreibung verlegene Propaganda den unaufhaltbaren Zusammenbruch der deutschen Fronten nannte, war Musik in unseren Ohren, wenn uns die Gegenwart lauernder SS- Menschen auch oft zu einer bekümmerten Miene zwang. Jeder Fortschritt der von Herrn Hitler mit verzweifelter Herausforderung bespöttelten Invasion im Westen brachte uns der Erfüllung unseres sehnlichsten Wunsches näher. Wir träumten von befreienden Luftlandetruppen der Amerikaner und Engländer, die wie rettende Heerscharen aus den Wolken auf unser Lager herabschwebten, und als am Abend des 20. Juli 1944 die alarmierende Meldung von dem Attentat auf Hitler aus den Lautsprechern drang, wußen wir, daß trotz Miẞlingens des Anschlages die beglückende Stunde des Zusammenbruchs dieser Blutregierung nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. So drängend war unser Wunsch schon geworden, daß wir gar nicht mehr an die Folgen dachten, die ein Gelingen des Anschlages für uns Häftlinge bedeutet hätte. Seltsamerweise löste die Nachricht von dem Ereignis bei den Angehörigen der SS diesmal so gut wie gar keine Bewegung aus. Ich kann nicht annehmen, daß die Ursache dieser auffälligen Gleichgültigkeit darin zu sehen war, daß die Attentäter keine Kommunisten, sondern Vertreter der Generalität 173 waren. Die Mörder des Schandbuben Heydrich waren auch keine Juden, und doch hatte man nach dem Bekanntwerden des Attentats auf den Protektor zahllose Juden dafür umgebracht. Aber schon die Absetzung und Gefangennahme Mussolinis fand im Lager kein nachhaltendes Echo. Zwar ließ die Lagerführung alle Häftlinge aufrufen, die im Geruch standen, die Kunst des Hellsehens zu beherrschen alle Chiromanten, Astrologen und ähnlichen Geheimwissenschaftler mußten antreten und an Hand von Schriftstücken, die man ihnen vorlegte, und mit Hilfe des Siderischen Pendels sich um die Ausfindigmachung des Duce bemühen, aber sonst geschah nichts. Jetzt, da sich der Pfeil gegen den großen Häuptling selbst gerichtet hatte, bemühte man nicht einmal die Wahrsager. Man brachte einige höhere Offiziere ins Lager, darunter den durch Schüsse schwer verletzten Grafen von Hardenberg, und wenige Tage später einige Tausend Berliner und Leipziger Bürger, biedere Handwerker und kleine Beamten, die früher einmal einer Linkspartei angehört hatten und von denen man offenbar annahm, daß zwischen ihnen und den Verschwörern irgendeine geheime Beziehung bestand; sie wurden bald wieder entlassen. Und doch hatte jenes Ereignis Tausenden von Menschen das Leben gekostet, aber ihre Abschlachtung machte sich diesmal in keiner das Lager betreffenden Begebenheit spürbar; das einzige, was hier davon zu bemerken war: eine leichte, jedoch unverkennbare Nervosität, die in dem Maße stieg, als die Nachrichten von den Fronten, die sich ja bereits in bedenklicher Nähe der Reichshauptstadt befanden, einen Mißerfolg nach dem anderen meldeten. Das Gefühl, daß der Krieg möglicherweise doch nicht mehr zu gewinnen sei, übte seine bedrückende Wirkung aus. Die einst so stolze Haltung der Prätorianer des Führers erlitt merkliche Einbußen. Man wußte auf einmal nicht mehr, wie man sich den Häftlingen gegenüber verhalten sollte. Muẞte man freundlich zu ihnen sein oder sie gleich niederschießen? Die Ungewißheit der Lage schuf ein überaus labiles Verhältnis zwischen unseren Vorgesetzten und uns, und die schicksalsentscheidende Frage: quousque tandem? schwebte wie ein drohendes Menetekel über dem gesamten Lager. 174 XXV B r t 1 r ב ב S r e 1 r e e 3 1 S - Dem Ende entgegen Schon im Mai des Jahres 1940- fünf Wochen nach meiner Einlieferung in das KZ war eine Musterungskommission der Wehrmacht im Lager erschienen, um die Angehörigen des Jahrganges 1900 auf ihre Wehrtauglichkeit zu untersuchen. Die Untersuchungen, die mehrere Tage dauerten, fanden in der Baracke 14 statt und zeichneten sich durch keine allzu große Gründlichkeit aus. Auch ich wurde zur Musterung befohlen und nach wenigen Minuten k. v. geschrieben. Da ich nicht vorbestraft war, stellte man mir frei, eine Waffengattung zu wählen, und ich entschloß mich zur Artillerie. Für das Brustbild des Wehrpasses wurden wir in Zivil fotografiert, der Paẞ kam zu den Akten, die Kommission reiste wieder ab, und die Angelegenheit schien erledigt. - Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß die Regierung- noch dazu diese Regierung. sich eines Tages auf den Heldengeist der von ihr in die Konzentrationslager verschickten Staatsbürger besinnen würde. Die Untersuchung erschien uns als eine Formalität, wie irgendeine andere auch, und der peinliche Gedanke, daß man mich einmal zur Verteidigung einer Sache, die nicht meine Sache war, zwingen könnte, verlor sich im Laufe der Jahre. Drei Jahre später, im Sommer 1943, wurden alle im Lager befindlichen Berufsverbrecher, die ihre Wehrwürdigkeit auf Grund ihrer Zuchthausstrafen eingebüẞt hatten, zum Kampf um die Ehre und Freiheit ihres Vaterlandes aufgerufen. Die Meldung war freiwillig, und die Truppe, zu der diese Freiwilligen abgestellt werden sollten, nannte sich„, SS- Panzerdivision Dirlewanger". Die Geschichte dieser Division ist die Geschichte eines Verbrechers. Der Mann, dessen Namen sie führte, hatte sich als höherer SS- Offizier die Ungnade seines obersten Kriegsherrn zugezogen, dann aber doch wieder Gnade gefunden und sich das Recht erworben, eine 175 - Bewährungsformation, die für den rücksichtslosesten Einsatz in vorderster Linie und hauptsächlich zum Kampf gegen Partisanen ausersehen war, zu kommandieren. Da der Chef dieses im vorhinein verlorenen Haufens gewiß nichts anderes war als ein ausgemachter Gauner, sollte nach Ansicht der obersten SS- Führung auch seine Division nur aus Gaunern bestehen. In Wirklichkeit gehörten ihr aber auch sehr viele höchst ehrenwerte Männer an, Soldaten, die sich auf diese oder jene Weise der Wahnsinnsstrategie Adolf Hitlers widersetzt hatten und vom Militärgericht zu längeren Freiheitsstrafen, ja sogar zum Tode verurteilt worden waren. Da man aber nicht einsah, weshalb diese ,, ehrlosen Gesellen", die sich für das Wohlergehen der oberen Parteigrößen nicht opfern wollten, keinen Teil haben sollten an den Schrecknissen des Krieges, steckte man sie in die Division Dirlewanger, wo ihnen noch einmal Gelegenheit geboten werden sollte, sich durch" Tapferkeit vor dem Feind" auszuzeichnen und als ehrenwerte Soldaten zu sterben. Denn sterben mußten sie wohl dafür sorgten schon die Feldgendarmerie der SS und die oberste Heeresleitung. - Zu diesem Himmelfahrtshaufen durften sich also im Sommer 1943 auch alle Träger eines grünen Winkels melden. Viele meldeten sich. Ob dabei vaterländische Interessen maßgeblich waren oder die vage Hoffnung, auf diese Weise die Freiheit wiederzuerlangen, will ich hier nicht untersuchen. Im August 1943 verließen etwa 300 Berufsverbrecher in SS- Uniformen das Lager und wurden ohne Waffen und unter ausgiebiger Bewachung zur Division gebracht. Ich möchte bei dieser Gelegenheit und angeregt durch das reizende Quidproquo in der Verwandlung von Berufsverbrechern in SS- Männer ein paar aufklärende Worte über das Verhältnis der politischen Häftlinge zu den krim!- nellen einschalten. Die Vorstellungen, die über diesen Punkt in der Öffentlichkeit kursieren, decken sich in vielen Fällen nicht mit dem wahren Sachverhalt. Übertreibungen in Richtung beider Möglichkeiten trüben das Bild bald zuungunsten der einen, bald zum Nachteil der anderen Partei. Die allerorts verbreitete Meinung, daß sämtliche im Konzentrations176 atz sen hef Tes der ehr auf ers rel- ie, icht ıck- rle- den ben erie M- Sell eise ter- ‘her und lager untergebrachten Berufsverbrecher ausgemachte Schur- ken waren, daß sie als Vorarbeiter und„Kapos“, wie man sie in verschiedenen Lagern nannte, sich der größten Ver- brechen an anderen Häftlingen schuldig machten, daß sie auf der Seite der SS standen und in jeder nur erdenklichen Form Verrat übten— diese Meinung ist falsch und darf im Interesse einer von den Grundsätzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit gelenkten Betrachtung nicht unwider- sprochen bleiben, Es darf vor allem nicht übersehen werden, daß auch die in den Konzentrationslagern untergebrachten Berufsverbrecher ihre Strafen, die ihnen von zivilen Ge- richtshöfen zudiktiert worden waren, verbüßt hatten; daß es sich bei ihnen also nicht um Sicherheitsverwahrte han- delte, sondern um Menschen, die im Sinne einer überpartei- ischen Rechtsordnung den gleichen Anspruch auf Freiheit erheben konnten wie die politischen Häftlinge. Nicht jeder der erst durch die nationalsozialistische Rechtspflege zu „Berufsverbrechern“ gestempelten kriminellen Häftlinge trieb das Verbrechen als Beruf, es gab darunter beispiels- weise Ärzte, die sich gegen den von den Nazis mit ganz besonderer Schärfe gehandhabten Abtreibungsparagraphen vergangen hatten. Bedenkt man, was für ein ehrenwerter, weil menschlicher Anlaß einem solchen Vergehen zugrunde liegen kann, so wird man in der Beurteilung eines solchen Menschen, den der Faschismus zum Berufsverbrecher er- niedrigte, einige Vorsicht walten lassen müssen. Selbst- verständlich handelt es sich bei dem von mir angeführten Beispiel nur um Ausnahmen, Einzelfälle einer individuellen Tragik, die sich keineswegs verallgemeinern lassen, und der weitaus größte Teil der im KZ untergebrachten kriminellen Häftlinge gehörte zweifellos zu jener Kategorie von Men- schen, die aus ihrer verbrecherischen Anlage eine Profession machen und insofern als Feinde jeder Gesellschaftsordnung anzusprechen sind. Aber in jedem demokratischen Staat wird der Verbrecher für seine Tat nach Maßgabe eines über- persönlichen Gesetzes bestraft und nach Verbüßung seiner Strafe wieder in die Freiheit gesetzt, falls nicht die beson- dere Schwere seines Vergehens andere Maßnahmen erforder- Nacht 12 IR, lich macht. Die Fortsetzung der Freiheitsberaubung auch nach Verbüẞung der vom Gericht ausgesprochenen Strafe, wie dies im nationalsozialistischen Staat üblich war, ist unmoralisch und ein Verstoß gegen jede Rechtssicherheit, der schließlich das allgemeine Rechtsbewußtsein erschüttern muß und jeder nur erdenklichen Willkür Tür und Tor öffnet. Da also der im KZ untergebrachte kriminelle Häftling als ein Opfer derselben Willkür anzusehen ist, die auch den politischen Häftling seiner Freiheit beraubte, hatten wir keinen Grund und kein Recht, in dem Berufsverbrecher innerhalb des Lagers a priori einen Gegner zu sehen. Daß der ideologische Unterschied zwischen den Taten des einen und den Taten des anderen gewisse innere Gegensätze erzeugte, die sich dann im Rahmen der zwangsläufigen Gemeinschaft oft zu einer offenkundigen Feindseligkeit ausweiteten, ist verständlich und folgerichtig. Aber nicht alle Berufsverbrecher boten in dieser Hinsicht Anlaß zur Klage. Es gab auch unter ihnen viele, die in einer sehr freundschaftlichen und kameradschaftlichen Weise der allgemeinen Schicksalslage Rechnung trugen und sich in keiner Form gegen die für uns alle gültigen Gesetze des Zusammenlebens vergingen, wie es ja auch umgekehrt unter den Politischen welche gab, deren Walten und Wirken keine noch so großherzige Betrachtungsweise zu rechtfertigen vermöchte. Jedenfalls, wenn die im Herbst 1943 vollzogene Gleichstellung von Berufsverbrechern mit den Angehörigen der SS zu einem Vergleich Anlaß gibt, so bin ich, was den menschlichen Wert der beiden betrifft, geneigt anzunehmen, daß die Verwandlung von SS- Angehörigen in Berufsverbrecher mir sinnvoller erschienen wäre als das Gegenteil! Von den 300 zur Division Dirlewanger abgestellten Bewerbern lebten im Januar 1944 nur noch zwölf. Einer, der den Versuch gemacht hatte, sich dem ehrenvollen Auftrag, für seinen Führer zu sterben, durch Flucht zu entziehen, wurde in das Lager zurückgebracht und vor unser aller Augen gehängt. Im Frühjahr 1944 erging der Aufruf zum zweitenmal. Wieder meldeten sich einige Hundert und auch von diesen waren 178 - im Herbst des gleichen Jahres nur noch einige wenige am Leben. Im Spätsommer 1944 wurde das Recht der Meldung zur Division Dirlewanger auch auf die politischen Häftlinge ausgedehnt, das heißt auf solche, die wegen Hochverrats oder Vorbereitung zum Hochverrat vorbestraft waren. - Da man in diesem Fall damit rechnete, daß die Zahl der Meldungen keine allzu große sein würde, ließ der Lagerführer Kolb alle für die Aktion in Betracht kommenden Häftlinge auf dem Appellplatz antreten und richtete an sie nun die listige Frage, wer von ihnen nicht bereit sei, für das bedrohte Vaterland zu kämpfen. Durch diese Formulierung erhielt die Frage einen sehr suggestiven Charakter. Jeder der auf diese Weise Befragte wußte, daß eine Nichtmeldung einem hundertprozentigen Eingeständnis der Gegnerschaft gleichkam und jeder wußte auch, welche Folgen ein solches Eingeständnis nach sich ziehen würde. Es wurde später oft darüber debattiert, ob es nicht ehrlicher und tapferer gewesen wäre, wenn alle Befragten einmütig dieses Bekenntnis abgelegt, die Frage nach der Bereitschaft zum Kampf verneint hätten. Ich halte die Untersuchung für müßig. Wer viele Jahre im Konzentrationslager gelebt und tausend Tode durch ein nicht geringes Aufgebot an seelischen und körperlichen Kräften überwunden hat, will zuletzt nicht an einer rhetorischen Tücke zugrunde gehen. Er betrachtet sein Leben nicht als ein Geschenk des Zufalls. Die Verpflichtung, die In allem ruht, was der Mensch sich wirklich erkämpft hat, gibt ihm das Recht zum Gebrauch aller Mittel, die imstande sind, ihm das wiederzugeben, was er bei diesem Kampfe verlor. Für den Häftling ist das die Freiheit. Nicht, um sich dem Genuß eines nach individuellen Gesichtspunkten und rein subjektiven Bedürfnissen geordneten Lebens hinzugeben, benötigt der politische Häftling die Freiheit, sondern um den Kampf, um dessentwillen er die Freiheit eingebüßt hat, siegreich zu Ende zu führen. Ich bewundere diejenigen, die auf die kasuistische Frage des Lagerführers Kolb vor die Front traten und sich damit zu ihrer Gegnerschaft klar und eindeutig bekannten, aber ich Nacht 12a 179 - verstehe auch vollkommen alle anderen, die, entschlossen, über den gefährlichen Weg der Beteiligung die Initiative wiederzuerlangen den Anschein ihrer Bereitschaft erweckten. Gelogen hatten wir in ähnlichen Fällen tausendmal; keiner von uns wäre so keck, um nicht zu sagen verrückt gewesen, der Lagerführung seine tiefsten Geheimnisse auf die Seele zu binden, und wenn je die Verschleierung wahrer Absichten berechtigt war, dann bestimmt in diesem Fall. Gewiß, die Aussichten auf ein Gelingen des geheimen Vorhabens waren gering; aber nicht geringer als die Aussichten derer, die es vorzogen, nein zu sagen. Die einen rechneten mit der Möglichkeit, zu den Russen überlaufen zu können, die anderen mit der Möglichkeit, von der SS nicht umgebracht zu werden. Ich lasse dahingestellt sein, welche Hoffnung am meisten berechtigt war. Die Zahl der politischen Häftlinge, die im Herbst 1944 das Lager verließen, um in der Uniform von SS- Männern zur Division Dirlewanger zu gehen, belief sich auf einige Hundert. Viele von ihnen sind gefallen. Die nur unvollständigen, durch die Furcht vor der Zensur entstellten Berichte, die wir später von einigen der ins Feld geschickten Kameraden erhielten, lieferten uns kein aufschlußreiches Bild über die Verhältnisse bei der Formation Dirlewanger. Als ich später, im April 1945, selbst in russische Kriegsgefangenschaft geriet, traf ich einige KZ- Kameraden, die wenige Wochen vor Kriegsende zu Dirlewanger gekomwaren, im Kriegsgefangenenlager Posen wieder. Sie wußten nichts vom Schicksal jenes ersten Aufgebots und verdankten ihr eigenes Leben nur dem glücklichen Umstand, daß schon wenige Tage nach ihrem Einsatz die Kapitulation der um Berlin zusammengezogenen Truppen erfolgte. men Zu derselben Zeit, da die ersten wegen Hochverrats und Vorbereitung zum Hochverrat vorbestraften politischen Häftlinge an die Front kamen, erhielten auch die politischen Häftlinge, die keine Vorstrafe aufzuweisen hatten- darunter auch ich, die Vorladung zu einer neuen Musterung. Diese wurde im Krankenbau des Lagers unter Leitung von SSÄrzten durchgeführt. Auch diesmal erhielt ich das Prädikat ,, k. v." und die tröstliche Versicherung, daß ich demnächst 180 zur Wehrmacht abgestellt werden würde. Da ich mir im Lager angewöhnt hatte, schicksalhafte Ereignisse bis zu jenem Punkt, wo sie eine konkrete Form annahmen, ausreifen zu lassen, ließ ich den Dingen ihren Lauf, den ich in diesem Fall sowieso nicht hätte beeinflussen können, und wartete alles Weitere geduldig ab. Aber ich hatte zum erstenmal das bestimmte Gefühl, daß das Glück, mit heiler Haut diesem Inferno zu entrinnen, gelächelt hatte. Das Jahr 1944 ging zu Ende, ohne daß die Wehrmacht sich meiner erinnerte. Daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, leuchtete jetzt bereits dem letzten SS-Schützen ein. Die stolzen Fahnen, die jahrelang über dem Eingang des Lagers geflattert hatten, wurden seit Monaten nicht mehr gehißt. Der Ausdruck un- erschütterlichen Vertrauens zu der Politik ihres Führers und die Miene herrenmenschlicher Überlegenheit in den Gesich- tern der SS-Offiziere, Dienststellenleiter und Blockführer waren erloschen. Jetzt kam es nur noch darauf an, welche über unser Schicksal entscheidenden Befehle von oben zu erwarten waren, Denn, daß irgend etwas geschehen mußte, war klar. Und es geschah. Der erste Befehl lautete auf„Evakuierung“ des Lagers. Irgendeiner geheimen Abmachung zufolge sollten diejenigen Häftlinge, deren körperliche Verfassung einen Fußmarsch: von etwa 300 Kilometern zuließ, bis„zuletzt“ im Lager verblei- ben, um dann mit der SS und deren sämtlichen Angehörigen 'nach dem Konzentrationslager Nordhausen im Harz zu mar- schieren. Alle anderen— und das war die Mehrzahl— sollten in mehreren Transporten nach dem Auffanglager Bergen- Belsen und dem KL Mauthausen geschafft werden. Um die Durchführung dieses Befehls in die Wege zu leiten, versammelte der Kommandant des Lagers, SS-Standarten- führer Kaindl, sämtliche Blockältesten, zahlreiche Vorarbeiter und mehrere im Verwaltungsbereich tätige Häftlinge um sich und führte ungefähr folgendes aus:„Die Stunde, da das La- ger aus militärischen Gründen geräumt werden müsse, sei nahegerückt, Ein Teil der Häftlinge, vor allem die Kranken 12a* 181 und Schwachen, müßten zu diesem Behuf in andere Lager ge- bracht werden, während die Gesunden und Marschfähigen mit einem längeren und gewiß anstrengenden Fußmarsch zu rechnen hätten.“ „Ich erwarte von Ihnen allen“, so schloß der Kommandant seine Rede,„daß Sie im Augenblick der Gefahr zusammen- stehen und mit uns einig gehen, daß Sie bei der möglicher- weise eintretenden Notwendigkeit, die Frauen und Kinder der SS schützend in Ihre Mitte zu nehmen, sich des Vertrauens würdig erweisen, das ich in Sie setze!“ Ich erwähne diese Begebenheit, weil sie einige nicht un- interessante psychologische Schlüsse in bezug auf den Wandel in den Verhältnissen zwischen SS und Häftlingen zuläßt. Standartenführer Kaindl gehörte zwar nicht zu jener Sorte von Kommandanten, die in der Geschichte der Konzen- trationslager mit Recht als„Bluthunde“ bezeichnet werden, aber er war nichtsdestoweniger ein williges Ausführungs- organ für alle von Hitler und Himmler geforderten Scheuß- lichkeiten, mithin ein Vertreter jener totalen Macht, die der Nationalsozialismus verkörperte und zu jeder nur erdenk- lichen Untat gebrauchte. Er mußte sich sagen, daß ein solcher Appell ein vollendeter Wahnsinn war, Oder rechnete er tat- sächlich damit, daß sich im Augenblick der Gefahr— der für uns ja nur der Augenblick der Befreiung sein konnte— auch nur ein Häftling schützend vor die Frauen und Kinder der SS stellen würde? Es handelte sich bei diesem Appell an die Menschlichkeit derer, die man bis dahin als Feinde be- trachtet und behandelt hatte, entweder um eine grobe Finte oder um den Ausdruck der Hilflosigkeit, in die man mittler- weile geraten war, jedenfalls aber um eine Unverfrorenheit, von der man nicht weiß, ob man sie belächeln oder beklagen soll. Vielleicht läge hier sogar der Anlaß zu einer Bewunde- rung nahe, hätte uns der Nationalsozialismus nicht schon SO oft die Gelegenheit geboten, ihn als ein Konglomerat kaum denkbarer Widersprüche kennenzulernen, Bedürfte aber der Opportunismus dieser Partei eines Beispiels von allerhöchster Symbolkraft— hier wäre es gegeben. Mehr konnte man tat- sächlich nicht verlangen. Ich wunderte mich nur, daß uns 182 der Kommandant in jener erhabenen Stunde nicht mit „Kameraden“ angesprochen hatte. Noch ehe wir uns von dem Schrecken erholt hatten, der die unmittelbare Wirkung jener Ansprache war, wurde mit der praktischen Durchführung des Evakuierungsbefehls begonnen. Was Bergen-Belsen bedeutete, wußte unter den Häftlingen damals noch niemand. Selbst wir, die im Arbeitseinsatz saßen und sonst im allgemeinen recht gut informiert waren über die Verhältnisse in den verschiedenen Lagern, konnten über dieses in der Lüneburger Heide gelegene Lager und seinen Kommandanten Kramer etwas Genaueres nicht in Erfahrung bringen. Hingegen bestanden über die Zustände im KL Mauthausen keine Zweifel. Von dort waren gelegentlich Häftlinge nach Sachsenhausen gekommen und hatten uns eingehend in- formiert. Aus Bergen-Belsen war nie jemand gekommen. Die Überführung von etwa 12000 Häftlingen begann im De- zember 1944; sie machte eine gewaltige Verringerung der Belegschaften in den einzelnen Betrieben erforderlich, Ver- schiedene Betriebe wurden ganz eingestellt. Unter den nach Bergen-Belsen verschickten Häftlingen be- fand sich auch der Bonner Philosophieprofessor Johannes Verweyen, den ich in einem der vorigen Kapitel bereits ein- mal erwähnt habe. Wiewohl wir über die Verhältnisse in - Belsen nicht unterrichtet waren, hatte ich doch das dumpfe Gefühl, daß dort Dinge geschähen, wie man sie von Ausch- witz und Maidanek her kannte, und groß war demzufolge mein Schrecken, als mir Verweyen eines Abends mitteilte, er habe sich freiwillig zum Transport nach Bergen-Belsen gemeldet, da er den Anstrengungen eines längeren Fuß- marsches nicht gewachsen sei. Ich versuchte, ihn zu einer Zurücknahme dieser Freiwilligenmeldung zu veranlassen, und verhehlte ihm meine Befürchtungen nicht, Aber Verweyen schüttelte den Kopf und meinte:„Und was geschieht mit mir, wenn ich hier bleibe?“ Darauf konnte ich ihm keine Antwort geben. Keiner von uns wußte, was mit ihm geschehen würde. Die düstere Ah- 183 nung von etwas Schrecklichem, das uns allen bevorstünde, ließ es wirklich gleichgültig erscheinen, ob man hier blieb oder nach Belsen ging. Verweyen war derselben Ansicht. Er beharrte auf seinem Entschluß und ging wenige Tage später direkt in den Tod. - Die Evakuierung des Lagers wurde inzwischen fortgesetzt. Alle zum Verwaltungsbereich Sachsenhausen gehörenden Außenlager wurden, sofern sie in der militärisch bedrohten Zone lagen, aufgelöst und ihre Insassen in aufreibenden Fußmärschen nach Oranienburg in Bewegung gesetzt. Aus GroßRosen, Küstrin, Bad Saarow, Briesen, Lieberose und anderen Himmelsrichtungen kamen Tausende von Häftlingen, darunter zahlreiche ungarische Juden. Die Strapazen, denen diese Unglücklichen ausgesetzt waren, bevor sie nach Sachsenhausen gelangten, sind nicht zu beschreiben. Viele starben unterwegs oder wurden, nachdem sie vor Entkräftung zusammengebrochen waren, von den SS- Begleitmannschaften erschossen und am Wege verscharrt. Mit furchtbaren Erfrierungen, blutenden, in schmierige Lappen gewickelten Füßen, ohne Mäntel und warme Unterkleidung, schleppten sie sich in langen Zügen durch das Tor, in der trügerischen Hoffnung, nach all diesen unsagbaren Anstrengungen hier etwas Ruhe, einen Napf Suppe und ein Stück Brot zu bekommen. Aber die meisten von ihnen und die Juden ohne Ausnahme wanderten direkt und ohne noch einmal in dieseni Leben ihren bohrenden Hunger gestillt zu haben, in die Gaskammer der„ Station Z" auf dem Industriehof, die ihren Betrieb wieder in vollem Umfang aufgenommen hatte. Die große Massenabschlächterei hatte wieder begonnen. Sie stand unter dem Zeichen einer spürbaren Hast, denn die Fronten rückten näher und näher. Im Oderbruch stießen die Russen, allen Anstrengungen spottend, mit einer Riesenarmee über die zahlreichen Wasserarme der Oder und Warthe vor. Frankfurt war gefallen, ein Angriffskeil der Sowjets näherte sich bereits der Stadt Müncheberg. Im Westen kamen die amerikanischen und britischen Truppen in vernichtenden Ellmärschen auf die Reichshauptstadt zu, Schwärme von schweren und leichten Bombern, Jagd- und Tieffliegern im Gefolge. 184 - - Nacht für Nacht öffneten sich die Feuerschleusen dieses don- nernden Stroms über den Ruinenfeldern Berlins. Längst hatte die Stadt kein Profil mehr; ein brennender, schwelender Schutthaufen, in dem Millionen zerquälter Menschen hausten, war sie geworden, Der Flammenschein ihrer Brände leuchtete bis nach Oranienburg, bis in das Lager, wo der Qualm aus den Öfen der Krematorien in den glühenden Himmel stieg und wo auf dem Appellplatz oder in dem Geviert der alten. Russenisolierung täglich neue Elendstransporte für die Reise ins Jenseits zusammengestellt wurden. Aus Holland kam ein neuer Zustrom von Häftlingen. Das Lager Herzogenbusch war geräumt worden, seine Insassen befanden sich auf der Fahrt nach dem KL Sachsenhausen. In Viehwagen gepreßt— oft bis zu 120 Menschen in einem Wagen—, kamen sie an, ein Drittel von ihnen verhungert, erstickt oder erfroren. Als die Wagentüren geöffnet wurden, rollten die schon mehrere Tage alten Leichen auf den Bahn- damm; ein Scharführer, dessen Herz noch nicht völlig ver- härtet war, schilderte mir den Eindruck, den dieser Anblick auf ihn gemacht hatte. Den ganzen Zug entlang lagen die Toten mit vor Kälte erstarrten Gliedern neben dem Geleise; vier LKWs mit Anhängern waren erforderlich, um die furchtbare Fracht vom Bahnkörper weg in das Krematorium zu Schaffen. Eine Woge des Grauens rollte über das östliche Deutschland. In meilenlangen Kolonnen bewegten sich die Trecks der vor den Schrecken des Krieges fliehenden Zivil- bevölkerung in Richtung Berlin, nicht wissend, welches Schicksal sie dort erwartete. Zu ihnen stießen die Marsch- staffeln der Häftlinge, hohlwangige, graue Gestalten mit aus schwarzen Löchern stierenden Fieberaugen, kaum noch einer Bewegung fähig, eine grausige Heerschar des furchtbarsten Elends, das je über ein Land gekommen war. Die Zentral- anstalten des Mords mit ihren großangelegten Maschinerien waren bereits in russischer Hand. Was dort nicht mehr ge- schehen konnte, mußten die Lager im Innern des Landes bewältigen, In Buchenwald, Sachsenhausen, in Belsen, Maut- hausen und Dachau, in Flossenbürg und Theresienstadt, überall, wo der Herostratenwahn Adolf Hitlers der Mensch- 185 - heit ein wohlorganisiertes Sterben bereitete, leierten die Orgeln des Todes ihre grausige Moritat.„, 3000 jüdische Häftlinge aus Lieberose und Schwarzheide auf Antrag des Rapportführers von der Lagerstärke abgesetzt" lautete der lakonische Spruch in den täglichen Veränderungsmeldungen der Verwaltung. 3000 heute, 2700 morgen, 800 gestern man machte sich schon nicht mehr die Mühe der Addition. Aber der Wehrmachtsbericht meldete große Erfolge deutscher Verbände im Raum von Küstrin, und Herr Goebbels stellte noch immer die greifbare Nähe des deutschen Sieges als ein vom Mythos der Geschichte verheißungsvoll umrauschtes Faktum fest. Wer dieses infernalische Theater aus der Perspektive des Konzentrationslagers miterleben mußte, wird sich heute noch manchmal wachrütteln müssen aus dem Alptraum jener Tage. Denn hier gipfelte alles Grauen der Zeit in einer einzigen Formel der Vernichtung hier waltete der Tod nicht mehr als ein großer Gott der Seele, sondern wie ein Fäuste besoffener Henker, der laut randalierend seine schwang und die zahllosen Opfer seines eisernen Griffes mit Verachtung bespie. - Die entnervende Spannung, in die uns die Turbulenz der Ereignisse versetzte, war kaum noch zu überbieten. Was nicht verschickt oder vergast wurde, mußte sich durch erhöhte Arbeitsleistung sein kümmerliches Recht auf das Leben erringen. Baukommandos zur Herstellung von Panzersperren rückten aus. Das Lager selbst wurde befestigt. Für den Ausbau der HKL( Hauptkampflinie) wurden Häftlinge herangezogen. In der Waffenfabrik wurde eine neue ,, Panzerfaust" ausgearbeitet. Nebenher gingen Häftlingsgruppen als ,, Versuchskommandos" in irgendein geheimes Rüstungswerk, wo an ihnen die Wirkung neuer Kampfmittel und Kampfstoffe ausprobiert wurde. Die meisten kamen nicht wieder. Im Januar und Februar 1945 entledigte man sich der 2000 Tuberkulosekranken, die der Krankenbau beherbergte, indem man sie„ auf Transport" schickte. Diese Transporte erfolgten im grauen, fensterlosen Todeskarren; sie nahmen 186 5 t e 1 ihren Ausgang vor dem Tor des Turmes A und endeten fünf Minuten später in der Gaskammer. Im Krankenbau herrschte verzweifelte Stimmung. Ein Beauftragter Himmlers war erschienen und bestimmte an Hand der Krankentabellen die Opfer für die ,, Station Z". Eine Angstpsychose, die sich bald über das ganze Lager verbreitete, hatte Kranke, Pfleger und Ärzte gepackt. Eine eigene Lichtleitung nach dem Industriehof wurde gelegt und gab dem Gerücht von bevorstehenden weiteren Massenabschlachtungen neue Nahrung. Der krampfhafte Versuch, sich durch möglichst harmlose Gespräche der dumpf lastenden Furcht vor dem Kommenden zu erwehren, kam über den ersten Ansatz nicht hinaus und machte durch sein jähes Versagen alles noch gespenstischer und grauenvoller. Stumme, fragende Blicke, auf die es keine Antwort gab, begegneten einem überall, und von Stunde zu Stunde sank die Hoffnung um einen Strich tiefer, rückte das Bild einer längst unwahrscheinlich gewordenen Welt weiter von mir weg, bis es völlig im Dunkel verschwand. Im Februar erhielten die Verwaltungsbetriebe des Lagers den Auftrag zur sofortigen Vernichtung sämtlicher Akten, Karteien, Listen, Korrespondenzen, Baupläne usw. Die Zivilkleider sämtlicher Häftlinge wurden nach BergenBelsen geschafft. Die Belegschaft des Arbeitskommandos Krematorium wurde verdoppelt. An einem grauen und kalten Wintermorgen im Januar 45 hörten wir zum erstenmal von Erschieẞungen politischer Häftlinge, die bis dahin an verschiedenen Verwaltungsstellen tätig gewesen und als„ Geheimnisträger" gegolten hatten. Wir alle waren solche Geheimnisträger. In der Nacht hatte man sie aus den Baracken geholt und in den Industriehof geführt. Einige wollten fliehen. Sie wurden niedergemacht. Die Schüsse gingen durch die Wände der im Kommandanturbereich gelegenen Baracke des Arbeitseinsatzes. Eines der Geschosse schlug dicht über meinem Arbeitsplatz in den Schutzkasten einer Schreibmaschine. 187 Was in jener Nacht geschah, wiederholte sich in einer der nächsten Nächte. Diesmal waren es die vierzig luxemburgischen Polizeibeamten, die sich mannhaft geweigert hatten, in die SS einzutreten. Sie wurden erschossen. Erschossen wurden sechzig russische Kriegsgefangene, die der zur SS übergegangene Häftlingsdolmetscher Siegel der Konspiration verdächtigt hatte. An jedem Abend wurden jetzt zwanzig Juden aus der Baracke 19, in der sich eine Geheimdruckerei des Sicherheitsdienstes befand, nach dem Krematorium beordert, zum Transportieren von Leichen, Jeden Abend waren es zwanzig andere Juden, denn die von der vergangenen Nacht kehrten nicht wieder; sie wurden nach getaner Arbeit, wie alle anderen, in die Zone des Schweigens geschickt. Wir wußten nun, daß der Augenblick greifbar nahe gerückt war, da auch wir damit rechnen konnten, aller Transportschwierigkeiten durch den kurzen und einmaligen Marsch nach dem Industriehof enthoben zu werden. Die Aussichtslosigkeit unserer Lage, das zermalmende Gefühl absoluter Hilflosigkeit, durchströmt vom Gedanken an die verheißungsvolle Nähe des Endes, des Zusammenbruchs, der Erlösung Europas von dem scheußlichen Monstrum, das noch immer im Schmuck eines Idiotenbärtchens in Weltgeschichte machte in diesem Widerspiel der Empfindungen, die uns stündlich beherrschten, nahm unser so brüchig gewordenes Verhältnis zur Welt und zum Leben zuletzt die Formen einer krankhaften Heiterkeit an, die uns ein irres Lächeln und ein irres Reden abrang. - ,, Sterben ist nichts, aber Angst haben ist mehr als Sterben!" Und dabei war es nicht einmal die Angst vor dem Tode, denn die hatten wir längst nicht mehr, aber tage- und nächtelang - Wochen hindurch die erbärmlichste Art des Sterbenmüssens vor Augen zu haben, ist mehr, als ein Mensch zu ertragen vermag. Denn die Gründe dieses zu erwartenden Vorgangs ermangelten jeder höheren Notwendigkeit, sie waren bübisch und infam bis ins letzte, und es war in diesen Tagen keiner unter uns, der nicht lieber von einer Fliegerbombe zerrissen worden wäre, als von einer ihres angemaẞ188 ten Existenzrechts längst entblößten Macht wie eine lästige Katze erwürgt zu werden. Wer von uns wagte in dieser Zeit noch zu schlafen? Wie soll ich das Grauen jener Nächte schildern, in denen wir stundenlang in die drohende Stille des Dunkels hinauslauschten, um bei jedem Geräusch, das etwa das Klirren des großen Gittertors oder der Motor eines Kraftwagens verursachte, aufzufahren wie in einem Fieber- rausch, geschüttelt von einer furchtbaren Ahnung, daß nun- mehr der graue fensterlose Todeskarren in das Lager rollte, um seine Fracht, von der wir nicht wußten, aus welchen Opfern sie diesmal bestehen würde, aufzunehmen. Einige von uns wechselten jeden Abend ihre Schlafstätte in der törichten Hoffnung, dem sinnlosen Schicksal zu entgehen. Andere bewaffneten sich mit irgendeinem schweren Gegen- stand, da sie nicht kampflos fallen wollten und entschlossen waren, ihr Leben nur um den Preis eines anderen zu ver- kaufen. „Cette nuit peut-etre!“—„Diese Nacht vielleicht!“ las ich einst an der Wand im Dormitorium eines Trappistenklosters, und dieser drohende Spruch stand in unsichtbaren Lettern über dem Bett eines jeden von uns. XXVI Durchs Turmhaus- - zum Tore hinaus! Am 27. Februar 1945, vormittags 10 Uhr, erhielt ich eine Vorladung zur„ Politischen Abteilung". Vorladungen zu dieser Behörde waren im allgemeinen nicht sehr beliebt. Sie konnten zwar eine bevorstehende Entlassung bedeuten, aber ebensogut alles andere. Häufig kam es vor, daß sich irgendein neuer Komplex zum Straffall eingestellt hatte, daß die nimmermüde Gestapo neues, natürlich meist belastendes Material aufgestöbert hatte und damit den betreffenden Häftling in neue Schwierigkeiten brachte. Hier auf dieser Politischen Abteilung saßen viele Jahre lang die rücksichtslosesten Beamten, die das Lager aufzubieten hatte, Menschen, die an Stelle eines sachlichen Ermittlungsverfahrens die ihnen weit wirkungsvoller erscheinende und mit Hilfe von Peitschen und Ochsenziemern durchgeführte Erpressungsmethode setzten, daß ein Häftling, der vor dieses Tribunal geladen wurde, mit Recht als ein„ geschlagener Mann" zu bezeichnen war. Später, etwa im Jahre 43, machten sich auch hier mildere Sitten bemerkbar, und da die Politische Abteilung außerdem auch alle den Wehrdienst betreffenden Angelegenheiten zu bearbeiten hatte, wiegte ich mich in der stillen Hoffnung, daß es sich nunmehr bei dieser Vorladung um etwas derartiges handeln möge. Diese Hoffnung trog nicht. - - Ein SS- Unterscharführer der Dienststellenleiter der Abteilung eröffnete mir kurz, daß ein Stellungsbefehl für mich vom Wehrbezirkskommando Bernau bereits im September des vergangenen Jahres eingelaufen sei und daß das Reichs- Sicherheitshauptamt mich zum Heeresdienst freigegeben habe. ,, Ihrer Entlassung steht somit nichts mehr im Wege. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß eine Nichtbefolgung des Stellungsbefehles oder ein wehrwidriges Verhalten, 190 ! t h n n d e S r n e r g go r S h wie Zersetzung der Wehrkraft durch antinationalsozialistische Propaganda, Feigheit an der Front oder Überlaufen zum Feinde, für Sie und Ihre sämtlichen Blutsverwandten die nachteiligsten Folgen haben würde. Ihre Eltern, wenn Sie noch welche haben, Ihre Frau, Ihre Kinder, ja Ihre Geschwister würden in einem solchen Falle von uns ausgelöscht. Sind Sie sich darüber im klaren?" Ich bejahte. " ,, Wir sind zu diesen Maßnahmen gezwungen", erklärte der Mann ,,, da wir gerade in letzter Zeit in dieser Hinsicht sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir befinden uns heute in einer Lage, die uns keinerlei Sentimentalität gestattet. Ich sage das zu Ihrer Information und zur gefälligen Darnachhaltung. Ordnen Sie jetzt Ihre Angelegenheiten an Ihrem Arbeitsplatz. Ihre Entlassung kann frühestens am 2. März, also in drei Tagen, erfolgen." Ich konnte gehen. Ich ging. Ging wie ein Betrunkener, wie ein aus qualvollen Träumen Erwachender. Der Weg und die Bäume und Büsche, die langen grünen Baracken und alles, was meine Augen in sich hineinsogen, als sei es bereits das Bild einer reineren Welt, drehte sich in einem wirbelnden Tanz. Mein Herz schlug so heftig, daß ich die pochenden Laute bis in meine Schläfen spürte, und ein Bedürfnis, laut herauszuheulen oder zu schreien, saß würgend in meiner Kehle. Der Weg in die Freiheit lag vor mir. Nicht in die Freiheit, die ich meinte und die mein Herz begehrte, aber doch in die Freiheit. Sie gab mir das Recht und die Möglichkeit des persönlichen Handelns zurück. Was jetzt auch immer geschehen mochte dem Lagertod war ich entronnen. Fünf Jahre war mir das Schicksal gnädig. Jetzt, da die Verhältnisse in diesem Lager Formen angenommen hatten, die ein Entrinnen aus dem Inferno sehr fragwürdig erscheinen ließen, bot es mir noch einmal die rettende Hand. Ich wußte: es würde mich auch weiterhin nicht im Stiche lassen. Ich war ihm zu Dank, zu tiefstem Dank verpflichtet. Gewiß, ich hatte mich nie gleichgültig und stumpf dem oft blind waltenden Zufall überlassen. Ich hatte den Wert 191 meines Lebens um so höher geachtet, als der Haß ihn verminderte. Ich hatte der Sorge um die Erhaltung meiner physischen Existenz viel innere und äußere Spannkraft geopfert, vielleicht mehr, als mir von der Natur für diesen Zeitraum zugebilligt worden war. Ich hatte mein Konto überzogen und wußte, daß in späteren Jahren der Freiheit einmal die Gegenrechnung präsentiert werden würde. Aber ich wußte auch, daß eine lenkende Hand, die nicht aus den Bezirken der irdischen Mächte in mein Leben eingriff, mir den Weg in die Freiheit vorgezeichnet und geöffnet hatte. Und doch war mir jetzt nicht so fröhlich zu Sinn, wie der glückliche Umstand es wohl hätte fordern dürfen. Freuen, wirklich innerlich und herzhaft freuen konnte ich mich nicht, wenigstens nicht darüber, daß ich nun selber einer jener Menschen werden sollte, denen man den schnöden Beruf, andere totzuschießen, aufgezwungen hatte, nur weil ein verzweifelter Bösewicht keinen Ausweg mehr sah. Aber ich war dennoch auch wieder tief glücklich über diese Wendung der Dinge, denn schon allein die Aussicht, in wenigen Tagen endlich wieder einmal nach eigenem Ermessen und ohne Bewachung über eine Straße gehen zu dürfen, erschien mir als etwas unsagbar Köstliches und Großes. Also frei sollte ich sein! Frei in dem Maße, als es zu sein diese Zeit ihren unglücklichen Kindern gestattete. Ich konnte nicht gehen, wohin es mir beliebte, wohin mich mein Herz zog ich konnte nicht tun, was ich wollte, aber ich hatte jedenfalls das Recht, vor einem blühenden Garten stehenbleiben zu dürfen, ihn zu betrachten, einem Kind etwas Freundliches zu sagen, einen Brief zu schreiben nach meinem Sinn und mit anderen freien Menschen zu sprechen. Ja, vielleicht diese Hoffnung kam mir zwar zögernd und fand keinen sicheren Halt, aber sie war da, weil ich sie beschwor und weil ich sie brauchte, um dem Gefühl des Glücks eine tragende Schwinge zu verleihen-, vielleicht konnte ich sogar die Menschen, die ich liebte, und wäre es nur für die Dauer einer Stunde, sehen, sprechen und umarmen. Denn ich war fünf Jahre fort gewesen. Nicht in Afrika oder Persien, nicht in 192 den Eisfeldern der beiden Pole und nicht in den Steppen Asiens, sondern weiter, viel weiter fort, in jener terra inco- gnita, die als erklügelte Schöpfung dem Gehirn eines Dämons entsprungen und auf keiner Landkarte zu finden war. Und dieses unselise Ödland, diese Insel des Grauens am Rande der Welt, an den äußersten Grenzen des Lebens durfte ich verlassen, Was konnte mir noch Schlimmes besesnen? Was waren alle Schrecken der Front, was war die entfesselte Hölle des Kriegs gegen diese Mördergrube, in der ich fünf Jahre gelebt hatte. Gelebt! Ich muß sagen„gelebt“, denn wir haben das Wort noch nicht, das diesen Zustand des Seins so benennt, daß jeden, der es nur hört, das Grauen kalt über- läuft. Und gerade darum müßten wir es haben, dieses Wort. Denn ich ahnte im Weiterblick auf das Kommende, daß die Menschheit da draußen sich nicht mitschuldig bekennen würde an all dem Gemeinen, das ihr Halbgott ersann. Sie wird es nicht kennen wollen und nicht wissen. Sie will nicht mehr von dem Schrecken empfangen als jenen billigen Schauer, der ihr auch aus den Zeilen eines Kolportageromans ent- gegenweht. Sie wird unseren Berichten keinen Glauben schenken und uns der Übertreibung beschuldigen. Und eines Tages wird sie es überhaupt satt haben, sich damit zu be- schäftigen und alles längst vergessen haben, wenn irgendwo in der Verborgenheit ihres eigenen Schoßes ein neuer Unhold sich rest, zu neuer Untat bereit und zu neuem Unheil ent- schlossen. Aber was bedeutete mir dies in dem Augenblick, da die Tatsache meiner Entlassung mich nicht nur mit be- scheidenen Hoffnungen erfüllte, sondern mehr noch mit der klaren Erkenntnis, daß dieses für die Dauer von Jahrtausen- den geschaffene Gebäude nun, nach Verlauf von knapp zwölf Jahren, vor seinem unhaltbaren Einsturze stand. Noch konnten und würden viele von seinen stürzenden Trümmern erschlagen werden— vielleicht auch ich. Was lag daran! Jetzt, da die Zahl der dem Wahnsinn zum Opfer Gefallenen eine noch nicht meßbare Höhe erreicht hatte, sollte an die letzte Hekatombe des ersten Triumphs keine müßige Trauer verschwendet werden. Ich ging in die Freiheit. Die Kameraden, die ich von dieser Aussicht in Kenntnis setzte, beglückwünschten mich. In dem einen und anderen regte sich das Bedürfnis, mir zu sagen, daß der Gang in die Freiheit unter solchen Umständen auch nicht viel mehr sei als der Gang in den Tod. Ich verstand sie. Ich gab ihnen recht, aber ich verabschiedete mich von allen mit dem Ausdruck der Hoffnung auf ein Wiederbegegnen in einem freieren und besseren Deutschland. In der fünften Morgenstunde des 2. März erhielt ich die so sehnlich erwartete„ Vorladung zum Rapportführer", mit der jede Entlassung eingeleitet wurde. Ich war nicht der einzige, der das Lager verließ. Auch andere mußten zur Wehrmacht. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten: ärztliche Untersuchung, Bad, Umkleidung auf der Effektenkammer in die Zivilkleider irgendeines ermordeten Juden( unsere eigenen Kleider waren bereits nach Bergen- Belsen geschickt), unterschrieb ich in der Politischen Abteilung den berühmten Vertrag, der jeden entlassenen Häftling verpflichtete, tiefstes Stillschweigen zu wahren über alle Einrichtungen des Lagers, nichts zu sagen über irgendwelche Vorfälle, gleich welcher Art, und anzuerkennen, daß bei der Abgabe dieser Erklärung keinerlei Zwang auf ihn ausgeübt worden sei. Man händigte mir einen Entlassungsschein und den Stellungsbefehl aus; durch diesen erfuhr ich, daß ich mich binnen 24 Stunden bei der 23. Artillerie- Ersatz- und Ausbildungsabteilung in Jüterbog, Altes Lager, zu melden habe. Meine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit meinen Angehörigen war zunichte. Der Lagerführer, dem wir nach Erledigung dieser Dinge noch vorgestellt wurden, empfahl uns, als tapfere Soldaten für den Führer zu sterben, salutierte und ging. Wir gingen auch. Ein Blockführer begleitete uns durch den Kommandanturbereich, durch das große Außentor und bis zum äußersten Posten an der Straße nach Oranienburg. Ich war frei! Ein Singen lag in der Luft, ein seltsames Dröhnen und Brausen, als begleiteten mich Heerscharen fröhlicher Engel 194 auf meinem Gang in das Leben. Alle Büsche und Bäume, ob- gleich noch schmucklos und starr von der Kälte des Winters, schienen mir zu freudigem Blühen bereit. Die Welt nahm mich auf mit den ehrlichen Armen des Lichts, nach dem ich fünf Jahre lang gehungert hatte. Hinter mir lag es: das Lager! In seiner kalten Versteinerung lag es da, umwuchert vom tödlichen Gespinst grauer Drähte, umzingelt von Mauern und Türmen, mit denen dieses zer- brechliche Gebilde Mensch niedergehalten werden mußte, um nicht den Gang eines Uhrwerks zu stören, an dessen Kette das Gewicht einer unermeßlichen Schuld von Sekunde zu Sekunde tiefer sank. Noch klirrten die Hämmer in den Werkstätten der Macht, noch rasselten die Transmissionen über den Drehbänken, zwischen deren Spindeln und Backen die letzten Granaten sich formten, noch qualmten die Schlote des Krematoriums und verpesteten mit ihrem stinkenden Rauch dieses Dreieck des Mords.\ Aber irgendwo in den: Wolken kündete ein himmlischer Mund die Heraufkunft des Frühlings. Ich wendete mich. Ein Gedicht Gottfried Kellers fiel mir ein, und ich sprach seinen tröstlichen Schluß vor mich hin: „Wenn einmal diese Not lang wie ein Eis gebrochen, dann wird davon gesprochen wie von dem Schwarzen Tod. Und einen Strohmann baun die Kinder auf der Heide, zu brennen Lust aus Leide und Licht aus altem Grau’n,“