MARIA ZAREBINSKA BRONIEWSKA - AUSCHWITZER ERZÄHLUNGEN Heike Duill Marianne Groß Breidensteiner Weg 74 6000 Frankfurt/ M. 90 Telefon 069/7893368 Herausgegeben vom VVN- Verlag Berlin- Potsdam Aus dem Polnischen übersetzt von Mag. phil. Christa Werner Graphische Gestaltung: Georg MeRing Verlag: Spöldzielnia Wydawnicza, Ksiazka i Wiedza, Warschau Ausgabe für Deutschland- VVN Verlag Alle Rechte, besonders das des Nachdrucks, auch auszugsweise vVor- behalten. Copyright 1949 by VVN Verlag GmbH, Berlin-Potsdam. Veröffentlicht unter Lizenz-Nr. 497/6333/49- 8875/49. Druck: Thüringer Volksverlag GmbH, Erfurt(022) 3521/49. ERINNERUNG EINES FREUNDES Im Herbst des Jahres 1908 lernte ich Maria Zarebinska, die später Wladislaw Broniewski heiratete, im Redouten- Theater in Wilna kennen. Damals besaß ich noch nicht die langjährige Erfahrung eines Pädagogen und jenen geschulten, differenzierenden Blick für Menschen, deren Individualität sie für die Schauspielkunst prädestiniert. Außerordentlich lebendig steht mir die ungewöhnlich anziehende Erscheinung dieser Frau vor Augen, ihre anmutige Gestalt und ihr bezaubernder Scharm bleibt allen unvergeßlich, ihrem Kollegen- und Freundeskreise, in dem sie bis zu ihrem Lebensende immer nur mit dem Namen Marysia genannt wurde. Sehr bald befreundete sie sich mit meiner Frau und mit mir. Etwas unsagbar Edles, Aufrechtes bestimmte ihr ganzes Wesen, ihre innere Bescheidenheit und Zurückhaltung, ihr Zartgefühl im Umgang mit Menschen, ihr feines Empfinden gegenüber der Umwelt. Mit den Jahren wuchs sie in das Leben und in das Theaterleben hinein, ihr Urteil gewann an Selbstsicherheit, doch bis zuletzt behielt sie ihr feines Lächeln, bewahrte sie ihr tiefes Verständnis und ihr warmherziges Wohlwollen für die Menschen. Dieses zarte Lächeln, Ausdruck der Verinnerlichung und Reife ihrer Persönlichkeit, war der ihr eigene Zauber auf der Bühne. Dieses Lächeln, das spontan ihre feinen Gesichtszüge belebte, ihre zierliche, distinguierte Gestalt in Verbindung mit dem warmen Timber ihrer verhaltenen Stimme und der vornehmen, zurückhaltenden Diktion- in 5 all' diesem zeigte sich Marysias angeborenes Schauspieltalent. Ihre ganze Persönlichkeit strömte Ruhe, Harmonie und Güte aus. Die Güte war ihr dominierender Wesenszug; um so mehr litten wir darunter, als sie vorzeitig von uns ging, um so größer war unser Schmerz und unsere Trauer, als sie uns für immer verließ. Ihre Güte stellte sie nicht zur Schau, sie lebte in ihr, mit ihrem Wesen organisch verbunden, und die Jahre stählten und veredelten sie. Güte lag in ihrem Gruß, in der ruhigen Art ihrer Unterhaltung, ihre Güte zeigte sich im Umgang mit ihren Kollegen, in ihrer Teilnahme an wichtigen Begebenheiten, in der Fürsorge für ihre Freunde, in der gerechten Beurteilung des Weltgeschehens, in der ablehnenden Haltung gegenüber dem Bösen; sie liebte es, sich mit wertvollen Menschen zu umgeben, deren Gesinnung und Charakter den ihr von der Natur verliehenen Gaben glichen. Güte war in ihrem Lächeln. Alle ihre ,, Charaktereigenschaften" offenbarten sich in Marysias Schauspiel, sie prägten ihr künstlerisches Naturell. Denn nur die Menschen, die in das wahre Wesen der Kunst noch nicht eingedrungen sind, können annehmen, daß sich die Kunst von dem Organismus des Künstlers trennen läßt. Wenn man Marysia Zarebinska gut gekannt und sie einmal auf der Bühne gesehen hat, dann erlebte man in ihrem Spiel die Erfüllung jener Wahrheit, die wir Schauspieler suchen, die immer vor uns steht als unerreichtes, erstrebenswertestes Ziel. Wenn ich mich heute an Marysia erinnere, deren Äußeres immer so jugendlich und mädchenhaft wirkte, sehe ich sie wie ein zartverschleiertes Bildnis in Pastelltönen vor mir. Besonders gut besinne ich den mich auf ihre Rolle als Tochter des Gutsbesitzers Jaracz in der ,, Familie"( Rodzina) von Slonimski darstellte-, wo sie als junges Mädchen durch ihr überlegtes Handeln ihr 6 - - Besitztum vor dem Untergang rettet. Mit besonnener Ruhe, entschlossener Tatkraft und einem nachsichtigen Lächeln für ihren Vater, einen Phantasten, führt sie selbständig die Einrichtung eines Pensionats auf ihrem Gutshofe durch; in dieser von Güte beherrschten Hartnäckigkeit, in der ruhigen Gelassenheit ihrer überzeugenden Worte zeigt sich Marysias echtes Wesen, wie wir es vielleicht nicht gekannt haben, wie es aber nach ihren Anlagen zu erwarten war. Nach der Zusammenarbeit mit Jaracz wirkte sie unter außerordentlich schwierigen Bedingungen in den Theatern der Stadt Warschau, begründete die ersten Bühnen in den Außenbezirken der Hauptstadt und vollbrachte damit eine ungeheuer anerkennenswerte Pionierleistung, die den Einsatz ihrer ganzen Kraft erforderte und ihre ohnehin zarte Gesundheit stark gefährdete. Dann der Krieg, die Übersiedlung nach Lemberg, ihre berufliche Tätigkeit am dortigen Theater, die Rückkehr nach Warschau nach der Besetzung durch die Deutschen, das harte Leben in der Besatzungszeit, die TrenAuschwitz. nung von ihrem Mann und zuletzt - Viele aus unserem gemeinsamen Bekanntenkreise sind dorthin gewandert. Marysia aber gehörte zu denen, um deren Leben wir am meisten bangten. Wir befürchteten, daß sie, bei ihrer schwächlichen Konstitution, bei der ihr mangelnden Geistesgegenwart und Gewandtheit, sich in Situationen, die ihrem moralischen Empfinden zuwider waren, nicht behaupten und dieses furchtbarste Inferno nicht überstehen würde. Sie verbrachte dort und in anderen Lagern volle zwei Jahre. Es war im Frühjahr 1945, in Lodz, als ich um die Mittagszeit das Gebäude des Städtischen Theaterstudios betrat und mir 7 der Hausmeister die Mitteilung machte, daß mich ein Gast in der Kantine dringend erwarte. Nach dem freundlichen Lächeln des Hausmeisters zu urteilen, konnte es sich nur um einen sympathischen Menschen handeln. Eilig ging ich also in die große Speisehalle, und sofort erkannte ich Marysia, die, ,, so als ob nie etwas gewesen wäre", gerade im Begriff war, ein Kotelett zu essen und von Kollegen und Kolleginnen umringt war. Jedesmal, wenn ich meinen Bekannten, die von ihrem mehrjährigen, schicksalsschweren Lageraufenthalt zurückkehrten, begegnet bin, zwang mich eine innere Notwendigkeit, den Gesichtsausdruck des oder der Zurückkehrenden eindringlich und aufmerksam zu betrachten. Es war menschliche Teilnahme, zugleich mit dem interessierten, fragend- forschenden Blick des Schauspielers verbunden. Im Falle Marysias interessierte mich ihr Aussehen, nach der ersten herzlichen Begrüßung, natürlich ganz besonders. Sowohl mir wie auch allen anderen bereitete ihr Anblick eine überaus große Überraschung, so daß wirklich jeder erfreut ausrief: ,, Wie gut siehst du aus!" Nicht lange war es uns vergönnt, uns an ihrem guten Aussehen zu erfreuen. Auffallend und bewunderungswürdig war Marysias Zurückhaltung in ihren Äußerungen über die erlittenen Torturen, über Auschwitz. Sie liebte es nicht, darüber zu sprechen, jemanden mit ihren Erinnerungen zu beeindrucken. Nicht etwa aus dem Grunde, weil es ihr schwerfiel, von diesen Erlebnissen zu reden, oder weil sie vielleicht nicht in der Stimmung war, sondern nur aus ihrem subtilen Empfinden heraus, daß sie zu den wenigen Überlebenden gehörte, während so viele ihrer Kolleginnen mit unendlich vielen anderen Leidensgenossen ums Leben gekommen waren. Ihr Vertrauen zum Leben und ihre Menschenliebe ließen ihr Lächeln unver8 5 sehrt, ihr gütiges, wohlwollendes Lächeln, das wir immer an ihr kannten. Pressevertreter baten sie um die Aufzeichnung ihrer Erinne- rungen. Sie verhielt sich nicht ablehnend, und es ist der Ver- fasserin gelungen, mit der ihr eigenen Schlichtheit die Wahr- heit ihrer Erlebnisse in lebendiger und ergreifender Gestalt festzuhalten. Sehr bald begann sie auch wieder mit ihrer Arbeit am Theater und übernahm die Rolle der Schau- spielerin Maliczewska; manch eine ihrer Interpretationen ließ die Spuren ihrer erlebten Leidenszeit erkennen. Endlich kehrte auch ihr Mann aus der Emigration zurück, ein er- fülltes, harmonisches Leben begann, bereichert durch das dichterische Schaffen ihres Mannes Broniewski, der von seinem mehrjährigen Aufenthalt im Ausland eine Sammlung von erschütternden, eindrucksvollen Gedichten mitgebracht hatte. Im Winter des folgenden Jahres führten wir im Polnischen Heerestheater die Komödie„‚Rache‘‘(Zemsta) von M. Fredro auf. Marysia übernahm die Rolle der Klara, und, obwohl sie dieselbe schon vor einigen Jahren in Lemberg gespielt hatte, arbeitete sie mit einem Eifer und einer Begeisterung daran, in ihrer Darstellung gänzlich neue Konzeptionen und ge- wandelte Ausdrucksmittel zu verwirklichen. Die Regie dieses Stückes unterstand der gemeinsamen Leitung von Jerzy Leszezynski und mir, so war ich auch für die genaue Ein- haltung des Premierentermins und für den weiteren normalen Verlauf der Aufführungen verantwortlich. Es bedrückte mich daher schr, als ich die Beobachtung machte, daß sich Marysias Gesundheitszustand besorgniserregend verschlimmerte und dieser lebensbejahende, arbeitsfreudige Mensch zum min- desten für einige Tage einer dringenden Ausspannung be- durfte. Bald darauf stellte sich eine längere Indisposition her- 9 EINTRETEN ER aus, und unter dem bitteren Zwang der Bühnennotwendigkeit mußten wir, nach vorheriger einsichtsvoller Einwilligung von Marysia, die Doppelbesetzung ihrer Rolle veranlassen, obwohl Marysia ihren Zustand für ungefährlich und nur für eine vorübergehende Unpäßlichkeit hielt. Unermüdlich arbeitete sie weiter. An den Nachmittagen trafen wir uns in unserer Wohnung, probten gemeinsam mit den anderen Darstellern, rezitierten die Texte, diskutierten über den Inhalt, erörterten Probleme der Diktion und des Zusammenspiels der einzelnen Personen untereinander. Diese Zusammenkünfte bildeten die letzte Phase der beruflichen Arbeit Maria Zarebinskas als Schauspielerin. Wie freute sie sich immer über Neuerungen, wie gern wandelte sie ihre alten Formen! Sie spielte in der Premiere, die als Jubiläumsfeier für Grabowski und durch das Mitwirken von Wegrzyn und Leszczynski den Charakter einer Festvorstellung hatte. Sie spielte dann noch einige wenige Male, fast immer mit leichtem Fieber, bis sie sich entschloß, doch lieber im Bett zu bleiben. Und von nun an sollte sie das Theater nie mehr wiedersehen. Die tragischen Folgen der Auschwitzer Erlebnisse hafteten unbemerkt ihrem Organismus an, verharrten eine Zeitlang, bis sie unerbittlich ihre durch das Häftlingsschicksal zerstörte Lebenskraft auslöschten. Von einem Kuraufenthalt in der Schweiz unter der Betreuung erfahrener, mit den modernsten Heilmitteln der Medizin vertrauter Ärzte hoffte man, ihr Leben zu retten, das im Erlöschen war. Marysia sehnte sich in ihre Heimat zurück. Sie hatte immer nur den einen Wunsch, in ihrer Heimat zu sterben. Die Erfüllung ihres letzten Wunsches war undurchführbar. Am 5. Juli 1947 starb sie in dem Züricher Sanatorium Hirslanden. Wladek, ihr Mann, und Maja, ihre geliebte einzige Tochter, kehr10 ten mit ihrer Urne in die Heimat zurück und setzten ihre Asche in Powazki bei. Zwei Dinge sind es, die sie uns als Vermächtnis hinterlassen hat. Das eine sind ihre skizzenartigen Aufzeichnungen aus der Zeit ihres Auschwitzer Martyriums, aus denen uns die würdevolle Ruhe und die natürliche Schlichtheit der Erzählerin ansprechen, und die uns in der von ihr ungewollten literarischen Wirkung in die von Trauer und Ernst erfüllte Stimmung des Häftlings Nr. 44 739 versetzen. Alle diejenigen, die sie gekannt haben, wissen, daß das von ihr Aufgezeichnete auf Wahrheit beruht. Mit jenen aber, denen sie unbekannt war, und die ihre Reminiszenzen lesen, stehen sie gemeinsam unter dem erschütternden Eindruck der erlebten Wahrheit. Und alle werden von der plastischen Gestaltung der Beschreibung und von der wirkungsvollen Prägnanz ihres Stils bei der Lektüre dieses Buches mitgerissen. Und noch ein zweites ist es, was uns von Marysia ZarebinskaBroniewska blieb, ihre Liebe zu den Mitmenschen, die in echter Trauer ihrer gedenken und in deren Erinnerung sie weiterlebt. Im Mai 1948 Henryk Szletynski 11 SINTFLUT Regen ist zweifellos eine segensreiche und sehr nutzbringende Erscheinung. Regen bereitet sogar Vergnügen und Wohlbehagen, wenn man im wetterfesten Mantel, die Hände in den Taschen, so dahin wandert und ein Glühen im Herzen Ruhe findet. Regen in Auschwitz aber ist eine Katastrophe. Nach einem mehrstündigen, verzweiflungsvollen Fußmarsch durch aufgeweichten Lehmboden werden die Holzpantoffeln zur qualvollen Last und hängen wie zwei schwere Steine an den FüBen. Kleid und Wäsche saugen sich am Körper fest wie die ekelerregende, schlüpfrige Haut eines riesenhaften Reptils; vom Kopftuch rinnt das Wasser unaufhörlich über das Gesicht und verursacht unerträgliches Kitzeln. So war es in der zweiten Julihälfte, als der Himmel seine Schleusen öffnete und der Regen einige Tage und Nächte in ununterbrochenen Strömen niederging. Tag für Tag, im Morgengrauen, während des Appells, betrachteten wir mit derselben Hartnäckigkeit den Himmel, nach einem Hoffnungsstrahl, nach einem winzigen blauen Streifen suchend, der uns die ersehnte Aufhellung des Wetters ankünden würde. Doch vergebens, hoffnungslos. Graue, schwere Wolken hingen ständig über uns, und ein Grauen begann sich unser zu bemächtigen. Und gerade in jenen Tagen erzählte eine aus unserem Kreise, daß dieser Regen nie aufhören werde, wie sie in einer Prophezeiung kurz vor ihrer Verhaftung gelesen habe:„ ,, Ein 15 furchtbarer Krieg wird kommen, Sklavenstädte werden entstehen, die Sklaven werden lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Sie werden auf ihrem Rücken gemalte Kreuze tragen und unter deren Last gebeugt zusammenbrechen. Und dann wird ein Regen kommen, der viele Tage und Nächte andauert, und schließlich naht das Weltende. Die zweite biblische Sintflut." Von Furcht ergriffen, fingen manche zu beten an, Angst und Schrecken vor der kommenden ,, Sintflut" erfüllte sie. Inzwischen verbreitete sich eine trostbringende Nachricht. Der leitende Arzt habe angeblich Einstellung der Arbeit angeordnet. Ab morgen sollten Arbeitskolonnen nicht mehr auf dem Felde, sondern auf den Blocks beschäftigt werden. Ein Freudentaumel erfaßte uns bei diesem Gedanken. Endlich würde man vielleicht die Kleidung trocknen können und sich ein wenig ausruhen dürfen? Auf dem kleinen Hof vor unserem Block hatte sich durch die Wassermassen eine Art Bassin gebildet, in dem das Wasser schon bis zu den Knien stand. Und da dieses kleine Höfchen zementiert war und das Wasser keinen Abfluß hatte, sagten wir voraus, daß das Wasser am nächsten Tage Taillenhöhe erreicht haben würde. Der Abendappell fand auf dem Block statt. Die Blockälteste selbst" verkündete, daß morgen niemand zur Arbeit zu gehen brauche. 99 In dieser seligen Gewißheit, morgen ausruhen zu können, schliefen wir ein. Aber gleich nach dem Morgenappell erlebten wir die erste Enttäuschung. Es wurde verboten, sich auf das Bett zu setzen, damit die Kanten nicht leiden, man muẞte also entweder stehen oder versuchen, einen Hocker zu erwischen, von denen es nur ganz wenige gab. Kaum hatten wir uns mit dieser traurigen Perspektive abgefunden, als wir durch Schreie am Tor aufgeschreckt wurden und die Auf16 seherin", in hohen Gummistiefeln, mit einem Regencape, auf unserem Block erschien und uns brüllend die Mitteilung machte, daß wir sofort zur Arbeit zu gehen hätten. Nun, es half nichts. Ich nahm an, wir würden irgendwo Abflüsse für das Wasser graben müssen, aber meine Vermutung erwies sich als falsch. Auf dem Motorrad vor dem Tor der ,, Arbeitsdienstführer", der schreckliche Tauber, und unser ,, Blockführer" das hatte etwas zu bedeuten! Der ,, Arbeitsdienstführer" machte gerade seinen Untergebenen heftige Vorhaltungen, weil sie uns nicht um sechs Uhr zur Arbeit hinausgetrieben hatten. ..Die SK hat nicht frei. Die SK muß immer arbeiten! Dafür müssen sie jetzt die versäumte Zeit nachholen." Der Boden war völlig durchweicht, und es goẞ derartig, daß Straßenbau- oder Kanalisationsarbeiten( die wir gewöhnlich zu verrichten hatten) unter diesen Umständen undurchführbar waren. Aus diesem Grunde wurden wir also mit Ziegeltragen beschäftigt. Wir mußten von einem Ziegelhaufen immer gleich mehrere schwere, nasse Ziegel auf einmal abtragen und sie am anderen Ende wieder aufschichten. Dieses Hinundherwaten und-schleppen, mit wirklich ungeheuren physischen Strapazen verbunden, versetzte uns in eine Stimmung grenzenloser Mutlosigkeit und Verzweiflung, so daß ich mich keineswegs über die in meiner unmittelbaren Nähe geflüsterten Äußerungen wunderte: ,, Ja, der Weltuntergang nähert sich unaufhaltsam." ,, Ich sage dir, das mit der Sint flut beruht auf Wahrheit." ,, Es ist wahr, der Herrgott kann solches Unrecht und diese menschliche Qual nicht länger dulden." Die bedauernswertesten Geschöpfe bei dieser traurigen Wanderung waren die alten Frauen. Während ich sie teilnahms2 17 voll betrachtete, kam ich zu der Erkenntnis, daß die Gestalten aus den griechischen Tragödien angesichts dieser erschütternden Gestalten aus der modernen Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts vollends verblassen. Nach einigen Stunden, nachdem sogar auch die Eskorte reichlich erschöpft war, wurde der Befehl zum Rückmarsch in den Block gegeben. Vor dem Tor stand wieder der ,, Arbeitsdienstführer" mit seinem Motorrad; wie von einer Zauberrute berührt, tauchte er ausgerechnet in dem Moment dort auf. Fett wie ein Schwein, feist, in warmer, trockener Kleidung. Unser erbärmlicher Anblick bereitete ihm sichtliches Vergnügen, er stieg eigens ab, stellte sich an das Tor und versetzte jeder, die hindurchging, unter wahnsinnigem Gelächter einen Schlag auf den Rücken. Nachdem er alle durchgelassen hatte, schrie er, als er den See mitten auf unserem Hofe erblickte: ,, Schwimmen! Hier schwimmen! Nun, schneller! Schneller! Schwimmen!"" Unsere Verzweiflung kam nur in unseren Blicken zum Ausdruck. Da er dauernd mit einem verhaltenen Lachen brüllte. nahmen wir seinen Befehl nicht ernst, zögerten, und diese oder jene riskierte sogar ein künstliches Lächeln. Das Wasser war entsetzlich schmutzig und total verunreinigt; auf dem Hofe befand sich nämlich ein provisorisches Klosett, ohne Abzugseinrichtung. Ein Bad in dieser Kloake war wahrlich keine angenehme Perspektive. ,, Also schnell, schwimmen!"" Gerade in diesem Augenblick wurde durch das Tor eine ,, Neue" eingelassen, ein sehr elendes Wesen, mit gelichteten Haarbüscheln( man sah ihr an, daß sie Typhus gehabt hatte) und einer Brille. Was für ein erbarmungswürdiges, tragi18 komisch wirkendes Geschöpf. Demütig und verängstigt bleibt sie am Tor stehen. Kaum hat sie der SS- Mann erspäht, da wird sie auch schon mit einer raschen, plötzlichen Bewegung zu Boden geworfen, in die Pfütze gezerrt, und mit seinen hohen Gummistiefeln spritzend, zieht er sie an den Füßen durch das stehende Gewässer. Unter Ächzen und Stöhnen taucht hin und wieder ihr Kopf auf, ihre Brille ist längst im Wasser verschwunden, sie würgt und quält sich unsagbar. Rücksichtslos läßt der Deutsche sein Opfer schwimmen und lacht sich halb tot vor Vergnügen. Die Situation rettet die geistesgegenwärtige Goralin Kasia. Die Röcke hochgerafft, läuft sie ins Wasser hinein und fängt plötzlich an zu brüllen: ..Schwimmen! Schwimmen! Schwimmen!" und dabei bricht sie in ein gekünsteltes nervöses Gelächter aus. Das Gebrüll des SS- Mannes verstummt für einen Augenblick, völlig konsterniert dreht er sich nach ihr um. Sein Opfer, die Situation erfassend, entwindet sich mit einer schlangenartigen Bewegung blitzschnell den Henkershänden und flüchtet sich, wasser- und schmutztriefend, in die Nähe des Blocks, wo sie an der Wand stehenbleibt. Als ich ihr nachschaute, dachte ich so bei mir: Sollte es doch sein? Ist es doch wahr, daß die Sintflut kommt? Juli 1943 2* 19 ENTLAUSUNG Schon am frühen Morgen fegte die Blockälteste wie eine Furie durch den Block, brüllte und prügelte mehr als gewöhnlich. Vor Wut goß sie einem Häftling bei der Austeilung Kräutertee über die Hand. Wir bemühen uns, ,, ihr nicht in die Quere zu kommen", überzeugen uns, ob auch die Decken auf den Strohsäcken ordnungsgemäß gebaut sind, und warten schweigend ab, bis sie den Befehl gibt, vor dem Block zum Appell anzutreten. Kurz vor Beginn des Zählappells verkündete sie: ,, Morgen ist Entlausung." In ihren schwarzen, bösen Augen funkeln drohende Blitze. Wir bleiben unbeweglich stehen, ohne von diesem wichtigen Ereignis Notiz zu nehmen. Oh, unsere Blockälteste hat vielleicht ein Händchen, das zupackt und durchtrainiert ist. Vor dem Kriege war sie wegen Schlägereien und Raufereien auf der Straße bereits achtundzwanzigmal vorbestraft. Seit 1937 sitzt sie schon hier. Sie ist Deutsche. Erst bei der Arbeit fangen wir an, uns im Flüsterton darüber zu unterhalten, was uns der morgige Tag wohl bringen würde. Wir sind erst seit kurzem Insassen dieses Lagers. Es ist unsere erste Entlausung. 99 , Wißt ihr, ich habe von einer Deutschen gehört, daß wir die 21 ganze Nacht in der, Sauna' sitzen werden", erzählt Eva, die gerade mit der Trage ankommt. ,, Weißt du schon, uns sollen wieder die Haare geschoren werden. Schade, sie sind doch schon so hübsch lang", bedauert eine andere. Auf dem ganzen Block herrscht eine erregte Stimmung ..irgend etwas ist im Gange". Nach dem Abendappell ging ein Raunen durch den Block. Neuigkeiten über Neuigkeiten. Wir laufen von einer Zelle in die andere. Alles soll abgenommen werden, vor allem die Strickjacken, weil sich in ihnen die Läuse besonders festsetzen. ..Angeblich sollen wir neue dunkelblaue Leinenkleider, Schürzen und frische Wäsche bekommen", weiß Jozka die Optimistin zu berichten. - - ,, Das wäre ja herrlich, wenn sie sich endlich unserer Läuse erbarmten", sagt die sich kratzende alte Zukowska. ,, Ach, woher denn, die werden uns gerade neue Kleider geben... Die bleiche Zofia sieht wieder alles schwarz in schwarz. ,, Nichts werden wir kriegen. Wir gehören doch zur SK( Strafkolonne). Uns ist in erster Linie die Vernichtung bestimmt, aber keine neuen Sachen!" Jozka ist darüber empört. ,, Das stimmt gar nicht, daß man uns vernichten will. Gerade gestern traf ich in der Nähe des Leichenhauses meine Bekannte von früher, diese dicke Blonde, die in der politischen Abteilung arbeitet. Da fragte ich sie, ob man schon wüßte, was unsere roten Kreise auf dem Rücken zu bedeuten hätten. 22 Genaueres sei darüber noch nicht bekannt, sagte sie, wir brauchten es keinesfalls tragisch zu nehmen. Wir seien höchstwahrscheinlich Geiseln. Da unsere Angelegenheiten offenbar schwerwiegender Natur seien, würden wir besonders bewacht. Ja, ja, wir sind kostbar. Nach Kriegsende werden wir als erste ausgetauscht werden. Aus diesem Grunde stehen wir auch unter besonderem Schutz und werden auch besser behandelt. Und das stimmt ja auch, denn morgen findet unsere erste Entlausung statt." Kurz bevor das Licht ausgeschaltet wurde, teilte die Blockälteste noch mit, daß sie uns morgen schon um zwei Uhr nachts wecken würde, da vor dem Arbeitsbeginn noch der ganze Block aufgeräumt und saubergemacht werden müsse. Morgen wird nur bis zwölf Uhr mittags gearbeitet. Um fünf Uhr morgens fing es an zu regnen, und unsere vor dem Block in Reih und Glied aufgestellten Strohsäcke und gleichmäßig gefalteten Decken wurden naẞ. Sie vor dem Regen zu schützen, war unmöglich, da der Fußboden im Block frisch gescheuert war und ein ausdrücklicher Befehl des ..Blockführers" es verbot. Schwere, tiefhängende Wolken zogen über uns hin. ,, O Gott, es wird sicher den ganzen Tag regnen", seufzte jemand unter uns. ,, Ja, es ist zu windstill, es wird heute noch gießen. Es wird ja nur bis zwölf gearbeitet, vielleicht kann man sich hinterher in der Badestube unter dem Dach etwas ausschlafen", tröstet Jozka. Kurz vor zwölf brach ein Sturm los, es wurde noch kälter, 23 die nassen Kleider klebten am Körper fest. Das ist mein Ende. Diese Kälte und dieser Regen, das überstehe ich bei meinem geschwächten Gesundheitszustand nicht. Ach, Unsinn, ich bin absolut gesund, sage ich mir, und beiße die Zähne zusammen. - ,, Schnell aufstehen! Mittag holen!" brüllt am Kessel die Blockälteste. Schnell schlucken wir die bittere grüne Suppe hinunter. In wenigen Minuten wird der„ ,, Blockführer" erwartet, uns steht der Gang zur Entlausung bevor. Im ganzen Lager ertönen Trillerpfeifen. Es ist sogenannte„ Blocksperre". Alle Häftlinge halten sich auf ihren abgeschlossenen Blocks auf. Die Arbeit ruht. Ein Schlüsselgerassel am Tor kündet die Ankunft des„ ,, Blockführers an. Wie immer wendet er sich zuerst an die Blockälteste und erteilt ihr leise Befehle. Sein Gesichtsausdruck mit dem stereotypen zynischen Lächeln erinnert an Mephisto in einer von einer kleinstädtischen Laienbühne aufgeführten Faust- Vorstellung. Der Wind treibt neue Wolken herauf. Es beginnt in Strömen zu regnen. Und diese Kälte! Wieder erfaßt alle dieselbe nervöse Angst und Aufregung vor dem Neuen, das jeden Moment eintreten wird. Zunächst ereignet sich nichts Aufregendes. Wie gewöhnlich treten wir zu fünfen an, jede hat ihre Schlafdecke bei sich. Wir marschieren durch eine Seitenstraße in Richtung der kürzlich aufgestellten Bassins. Neben einem ziemlich großen Bassin stehen ungefähr fünfzehn SS- Männer mit umgehängten Gasmasken, alle haben 24 Gummihandschuhe an. Unweit von ihnen erteilt der elegante Doktor Rode in seinen nagelneuen weißen Wildlederhandschühchen Befehle. ,, Alle Decken sind in das Bassin zu legen." Dann haben sich alle nackend auszuziehen und die Sachen in das Bassin zu werfen. Der Regen läßt nicht nach, es gießt immer schlimmer. Das Unglück will, daß ausgerechnet dieser Tag in der zweiten Augusthälfte so kalt, regnerisch und stürmisch wie ein Oktobertag ist. Im Nu entkleiden sich alle, nacheinander werfen sie ihre Kleidungsstücke in das Bassin, stellen sich sofort wieder in Fünferreihen auf und warten auf neue Befehle. Unsere Kolleginnen in den Nachbarblocks sehen uns hinter verschlossenen Fenstern, mit plattgedrückten Nasen an die Scheiben gelehnt, zu. Nachdem sich auch die letzten fünf ihrer Sachen entledigt haben, ertönt das Kommando: ,, Links kehrt, marsch! Richtung Badeanstalt." Ungefähr einen Kilometer zu laufen. SS- Männer begleiten uns. Jetzt erst bemerke ich unter ihnen eine ,, Aufseherin", eine bildhübsche, blutjunge Blondine in hohen Lackstiefeln, in der Hand die sie auf Schritt und Tritt begleitende Reitpeitsche. Ihre zierliche Hand steckt in einem Glacéhandschuh; wenn sie einem aber mit der Reitpeitsche über den Rücken oder in das Gesicht schlägt, das vergiẞt man so bald nicht. Ein junger SS- Mann geht neben ihr her, im Gespräch zeigt er auf unsere entblößten Körper, flüstert ihr irgend etwas zu, worauf sie uns mit zynischem Grinsen betrachten. 25 25 Wir marschieren im Gleichschritt, nackt, blaugefroren Deformitäten unserer Körper zur Schau stellend. alle Neben mir her geht die zweiundsiebzigjährige ,, Mama S.", die, weil sie eben über einen Stein gestolpert ist, noch vor Schmerzen stöhnt. , Meine Dame, vier Söhne und drei Töchter habe ich zu tüchtigen Menschen erzogen. Das war keine Kleinigkeit für uns, als einfache Arbeiter, die mein Mann und ich waren. Ein Sohn ist Richter, der zweite Lehrer, der dritte Beamter, und auch alle Töchter haben ihre Ausbildung erhalten. Wieviel hat man nicht schon im Leben durchgemacht und es überstanden, und man lebt, das lasse ich mir auch von diesem ganzen Lager niemals nehmen. Kopf hoch, meine Kinder, und durchhalten...", so munterte sie uns immer wieder beim Graben oder Ziegelschleppen auf. Arme, arme Alte, denke ich bei mir, indem mein Blick seitwärts auf ihren abgezehrten, verbrauchten Körper fällt, arme Mutter, hättest du, als du deine Kinder großzogst und für sie um eine bessere Zukunft kämpftest, es jemals für möglich gehalten, daß du in deinem zweiundsiebzigsten Lebensjahr nackend vor deutschen Söldnern wirst marschieren müssen? Wieviel kälter muß ihr sein als mir, und wieviel peinlicher ist diese Situation für sie, stelle ich mir, mich in ihre Lage versetzend, vor. Mit gesenktem Kopf geht sie neben mir her, ununterbrochen etwas vor sich hinsprechend. Vielleicht stammelt sie ein Gebet, oder verflucht die Deutschen? In derselben Reihe marschiert in aufrechter, gestraffter Hal26 tung, mit vor Wut geballten Fäusten, ihre jüngste Tochter.- Unsere Augen begegnen und verstehen sich. Auf der anderen Seite habe ich die Goralin Kasia neben mir, aus deren Munde ich unentwegt ein halblautes Gemurmel höre. 59 ,, O Jesu, o Jesu, solch eine Gotteslästerung am hellerlichten Tage. So müssen wir uns von diesen Hurensöhnen führen lassen." ..Sei doch still, Kasia, man wird dich noch schlagen", versuche ich sie zu beruhigen. ,, Sollen sie mich totschlagen. Dann ist dieses Leben mal zu Ende. Für die drei Punkte, die ich schon verkauft habe, diese unmenschliche Strafe. Was für eine Gotteslästerung!" ,, Och!" Und schon traf sie die Reitpeitsche der hübschen Blondine, und ich bekam mit der Spitze auch noch was ab. ,, Halt die Schnauze, singen!" Die an der Spitze marschierenden Deutschen intonierten das übliche Marschlied: ,, Kamerad, wo bist du? Kamerad, wie heißt du?" Wo bist du, Freund? Wo seid ihr, meine Geliebten, alle, die mir einst so nah? Werde ich euch noch einmal wiedersehen? In der Badeanstalt selbst ereignete sich nichts Besonderes. Eiskaltes Wasser wurde uns über den Kopf gegossen. Ohne Handtuch und Seife mußten wir die kalte Dusche über uns ergehen lassen. Mir ist grausig kalt, und wieder einmal über27 kommt mich in dieser Verfassung ein gerührtes Bedauern mit mir selbst.- Mütterchen, wenn du geahnt hättest, als du mich als kleines Kind mit einer warmen Decke zudecktest, daß ich einmal auf dieser Welt so unmenschlich frieren müßte und es auf dieser Erde einmal so schlecht haben würde... Nein, nein, man darf sich nicht bedauern und sich gehen lassen. Nein, ich hatte ja nie ein Mütterchen, auch habe ich nie ein warmes, weißes Bettchen besessen, ich war ja nie Mensch, nie! Nur immer die Nummer 44 739. Es ist ja überhaupt nicht kalt. Ich lächele meiner Nachbarin freundlich zu. Das ganze Gefolge wohnt unserem Bade von der Tür aus als Zuschauerpublikum bei. Von Zeit zu Zeit wirft sich die ,, Kapo" von der Badeanstalt, die dicke Muskele, zwischen uns und, mit dem Gürtel um sich schlagend, stößt sie diejenigen, die sich vor dem eiskalten Wasserstrahl drücken wollen, unter die Dusche. Endlich ertönt die Trillerpeife. Raus- los. Wir gehen in die nächste Halle. Die Aufseherin tuschelt der Kapo etwas zu, die lächelnd in die Mitte des Saales tritt und uns folgende Vorschläge unterbreitet: Von den jungen Mädchen könnten sich diejenigen, die absolut reine und gesunde Körper hätten, freiwillig in den Puff melden. Anmeldungen nimmt die Aufseherin sofort entgegen. Mit knappen, zynischen Bemerkungen erläutert sie die Vorzüge und Vorteile, die ihnen diese Veränderung der Situation einbringen würde. Unverzüglich stürzen achtzehn asoziale Deutsche mit Freudengeheul vorn an den Tisch. Die unsrigen, die deutsche Sprache nur unvollkommen beherrschend, erkundigen sich leise nach dem Sinn dieses sonderbaren Geschehens. Zwei von den achtzehn wurden mit höh28 nischem Gelächter abgewiesen. Zu dürr, zu alt! Fachmännisch betrachtet die Kapo jeden Körper, klatscht mit sichtbarem Vergnügen auf den Brüsten und Hinteren herum. Die Blondine, ein Bein auf dem Hocker, trägt lachend die Nummern in ihr Notizbuch ein. ,, Weißt du", flüstert jemand, daß die Kapo in Kattowitz Puffmama gewesen sein soll?" ..Weiter", wendet sich die Blondine an uns. 99 Wir schweigen. ,, Ach, das ist keine geeignete Ware", sagt die Kapo. ,, Das ist polnischer Dreck, Scheiße." Die Deutschen brechen in ein schallendes Gelächter aus. 99 ,, O Jesu, solch eine Gotteslästerung muß ich, die Tochter eines Gazda, eines Goralen- Hofbesitzers, erleben", erzürnt sich Kasia wieder. ., Singen!" ruft die Aufseherin und schwingt die Reitpeitsche. In der Saalmitte steht die dicke Kapo in ihrem schwarzen Kittel und fängt plötzlich mit einer ausgezeichneten, geschulten Koloraturstimme irgendein deutsches Kabarettlied an zu singen. Ich bin über den Wohlklang dieses Gesangs völlig überrascht. Niemals hätte ich vermutet, daß diese Quadratschnauze einer Bulldogge solch eine Stimme haben könnte. Plötzlich beginnen die deutschen Asozialen sich in den Hüften zu wiegen und wiederholen im Chor den Refrain der nächsten Strophe. Die Freiwilligen für den„ Puff" versammeln sich mitten im Saal und führen einen zynischen, unanständigen Tanz auf. Der Inhalt dieses Liedes scheint ein Lobgesang 29 auf die einzelnen Körperteile zu sein, auf die sie singend zeigen. Der Aufseherin steigt selbst die Schamröte ins Gesicht, und ihre Augen glänzen. Der SS- Mann an der Tür lacht vor Seligkeit. ,, Mama S." bedeckt ihre Augen mit den Händen. Jetzt verstehe ich ganz deutlich, was sie halblaut vor sich hinspricht: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt... dem wird kein Übel begegnen. Auf Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen." 99 Unverhofft tritt aus unserem Kreise eine alte polnische Zigeunerin heraus, zum Skelett abgemagert, schwarz wie der Teufel, mit gespensterhaft hervorstehenden Haarbüscheln, und schon dreht sie sich zum Takt des deutschen Liedes im Kosakentanz. Wie in einem Rausch und Freudentaumel singen die Deutschen noch lauter und klatschen im Takt in die Hände. Immer schneller, immer wilder dreht sich die Alte in kauernder Stellung um ihre Achse, und ihre hängenden, häßlichen Brüste fliegen im Takt wie tragikomische Gebilde mit. Schließlich fällt sie wie ein tanzender Derwisch regungslos zu Boden. Ist das ein Hexensabbat, frage ich mich, Traum oder Wirklichkeit? Ich schaue mich um und bemerke bei der einen oder anderen sogar ein Lächeln. ,, Raus, los, schnell!" Wir gehen hinaus. Und wieder marschieren wir die Lagerstraße entlang zu dem Bassin. Mit Stangen fischen wir aus einer bläulichen Flüssigkeit unsere Decken und Kleidungsstücke heraus. Die nassen, verdreckten, mit Schlamm bedeckten Sachen tragen wir bis zu unserem Block. Erst auf unserem Höfchen dürfen wir sie auswinden und zum Trocknen 30 aufhängen, aber was nützt das in den ununterbrochen anhaltenden Regengüssen. Der nächste Tag war ein herrlicher, sonniger Sonntag. Bis zum Mittag waren fast alle Sachen getrocknet. Doch sofort wimmelte es wieder von Läusen. Den ganzen freien Nachmittag verbrachten wir mit der unermüdlichen Vertilgung dieser Plage. Abends erkrankten nur drei mit vierzig Grad Fieber und kamen in das sogenannte„ Revier". Eine von diesen war die alte Zigeunerin. Nach einigen Tage zeigten uns unsere Kolleginnen, die Leichenträgerinnen waren, ihren nackten, dürren, braunen Körper. 31 RATTEN Als kleines Mädchen habe ich irgendwann einmal eine gefangene Ratte in einer Falle gesehen. Ich weiß nicht warum, aber mich erfaßte damals ein Grauen und ein Ekel bei dem Anblick dieses Tieres mit dem nackthäutigen Schwanz. In meinem späteren Leben bin ich glücklicherweise nicht mehr mit diesem ,, Haustier" in Berührung gekommen bis ich ihm an einem Maienmorgen in Auschwitz wieder begegnete. Wir erhielten den Auftrag, die Abfälle, Ziegel und Steine neben den Krankenbaracken, ,, Revier" genannt, zu beseitigen. - Es war ein selten schöner, sonnendurchglühter Mai mit wolkenlosem, blauem Himmel. Hoch, hoch in den Lüften sang schmetternd eine Lerche. Merkwürdigerweise überflogen andere Vögel fast nie unser Lager, nur die Lerchen hatten. den Mut, sicherlich deshalb, weil sie so hoch in den Lüften fliegen. Den gewöhnlichen grauen Haussperling habe ich dort nicht ein einziges Mal gesehen. An diesem Tage war die Arbeit nicht sonderlich anstrengend. Gelangweilt stand der Blockführer an die Barackenwand gelehnt und schaute in eine ganz andere Richtung, alle Kapos kreischten weniger bedrohlich als sonst und schielten dauernd auf den Brotwagen für die Kranken, um im geeigneten Augenblick einen Laib Brot zu stibitzen. In Anbetracht der günstigen Lage riskierte ich, mich von dem mir zugewiesenen Arbeitsplatz um einige Meter zu entfernen. Vielleicht würde ich dort jemanden treffen, vielleicht etwas Neues erfahren? 3 33 Den richtigen Moment abpassend, näherte ich mich, den Spaten auf der Schulter, der Eingangstür des Blocks. Da bot sich meinen Augen ein grauenerregendes Bild, so daß ich wie angewurzelt stehenblieb. Zwei Häftlinge des Pflegepersonals zogen einer Leiche gerade das Hemd aus. Die Leiche war entsetzlich abgemagert. Die weit geöffneten Augen blickten starr und gläsern zum Himmel empor. Die untere Gesichtshälfte war eine einzige große, fürchterlich zugerichtete Wunde. Der Bauch ebenso. Das war die erste Leiche, die ich in Auschwitz zu sehen bekam. Was ist das?" fragte ich. ,, Was hat ihr gefehlt? Woher diese Wunden?" 99 ,, Ratten", erwiderte eine der Pflegerinnen mit ruhig gelassener Stimme. ,, Gestern abend ist sie gestorben. Bis heute morgen hat sie gelegen, und da sind die Ratten über sie hergefallen und haben sie angefressen." Mit unbeschreiblichem Entsetzen wandte ich mich ab, und in panischer Angst floh ich vor mir selbst. Dieses furchtbare Bild verfolgte mich, und es kam mir so vor, als ob die weit ausgestreckten Arme der Toten nach mir greifen wollten. 99 , Halt! Was machst du hier?" Im Nu kam ich zu mir. Vor mir stand die Aufseherin Käti. ..Was fällt denn dir ein? Wohin läufst du alte Kuh? Hier mach gefälligst weiter Ordnung. Du hast von dieser Seite alles wegzuräumen und sauberzumachen." Demütig ergriff ich die Schaufel, und von neuem machte ich mich an den besagten Kehrichthaufen heran. Plötzlich stoße ich neben einem alten Rasenstück und einem Steinhaufen auf irgendwelche wollige Lumpenreste direkt unter der Baracken34 wand, mit denen ich nicht zu Rande kam, weil sie so fest in der Erde saßen. Hier und da versuchte ich mit dem Spaten diese Stelle abzustechen, und plötzlich vernahm ich so etwas Ähnliches wie Piepsen. Noch einen Spatenstich, da entdeckte ich ein rundes, mit Watte und Spänen ausgelegtes Nest mit lauter winzigen, nackten, blinden Ratten. - Eine rasende Wut packte mich. Alles in mir schrie nach Vergeltung, ich mußte Rache nehmen für diesen entsetzlich verstümmelten menschlichen Körper. Wie wahnsinnig schlug ich plötzlich mit dem Spaten drein und tötete eine Ratte nach der anderen. Ich schlug mit aller Kraft, ganz fürchterlich zu- bis vor meinen Augen so etwas wie ein blutroter Nebel aufstieg. Die letzte Ratte piepste unter dem Schlag meines Spatens. Hinter meinem Rücken stand wieder die Aufseherin Käti. ..Was machst du?" Ratten", antwortete ich und zeigte mit der Hand auf mein Schlachtfeld. ,, O, das ist gut, ausgezeichnet- weitermachen." Dann ging sie wieder fort. Die Hände zitterten mir, und auf meiner Stirn stand der Schweiß. Auf den blutbespritzten Spaten gestützt, blickte ich gen Himmel. Er hatte eine so wundervolle, durchsichtige Bläue und irgendwo in der Ferne im Walde blühten gewiẞ herrlich duftende Maiglöckchen. Auschwitz, Mai 1943 3* 35 KINDER HINTER STACHELDRAHT Von den eigenen Kindern wurde im Lager nur in der ersten Zeit gesprochen, als man diese ,, humanitäre" Einrichtung noch nicht genügend kannte. Als einem das Zuhause noch so greifbar nahe und real vor Augen stand. Als man noch den Glauben und die Hoffnung hatte, daß man bald nach Hause zu den Kindern zurückkehren würde. - In den ersten Wochen unseres Auschwitzer Aufenthaltes drehten sich die Gespräche der Mütter untereinander bei der Arbeit oder in der Freizeit immer wieder um dieselben Fragen: ,, Wie alt ist Ihr Töchterchen?" 99 ,, Dreieinhalb, es hat silberblonde Löckchen und ist so klug. Als sie mich in der Nacht abholten, da..." ..Mein Rysio ist schon zehn geworden. Im Alter von acht Jahren konstruierte er einen kleinen Motor und baute einen kleinen Kahn, der ganz selbständig schwamm." ,, Und ich habe drei zurückgelassen", erzählte eine Tschechin, während sie die schweren Steine schleppte. ,, Mein Junge war fünf, die eine Tochter drei und die jüngste erst sechs Monate alt." ,, O Jesu! Solch ein kleines Würmchen." 99 ,, Nun, ja!" Und so ging es immer in der Runde herum. Nach den Erzählungen der Mütter waren ihre Kinder alle die entzückend37 sten, klügsten und vorbildlichsten Geschöpfe. Schon nach wenigen Tagen wußten wir Mütter alle glänzend über die ,, eigenen Kinder" Bescheid und wer die Mutter von Halinka, Rys oder Marysia war. Alle Kindergeschichten kannten wir auswendig, und allen gemeinsam war die Sehnsucht nach einem Lebenszeichen und die Erwartung auf Post. Jeden Tag in aller Frühe, wenn wir mit Spaten und Tragen bewaffnet, zur Arbeit marschierten, begegneten wir einer Kolonne, die die Toten aus dem Revier heraustrug. Einzeln, in einer langen Reihe, wurden die Leichen, über die nur Fetzen zerrissener alter, grauer Decken geworfen waren, auf Bahren davongetragen. Meistens waren die Tragbahren viel zu kurz, die bloßen Gebeine ragten unter der Decke hervor und schlotterten bei jedem Schritt der Träger hin und her. Von weitem hatte man den Eindruck, als ob sie selbst noch an diesem ihren letzten Marsch teilnähmen. Man konnte sich dem nicht widersetzen, unwillkürlich zu zählen, ohne es zu wollen, mußte man hinsehen. 99. Eins, zwei... fünfzehn, zwanzig, dreiunddreißig..." ,, Wieviel hast du gezählt?" ,, Heute waren es, glaube ich, vierzig, das ist nicht übermäßig viel." ,, Aber wieviel werden es nachmittags sein?" ,, Morgens sind es doch immer mehr." Dann im Winter, als die Epidemien geradezu wüteten und die manchmal sogar tägliche Sterbeziffer durchschnittlich 300- mehr betrug( das war Weihnachten 1943), lagen die Leichen vor den Blocks, nackend, im Schnee und Schmutz, bis sie 38 Lastautos abholten und in die Krematorien brachten. Links hinter den Krankenbaracken führte ein Weg über den Bahndamm zum Krematorium. Wie oft sind dort ganze Züge kerngesunder Menschen ausgeladen worden, die sofort in Fünferreihen ihren Todesmarsch antreten mußten. Und jeden Morgen kam man immer wieder zu demselben Ergebnis, daß die Wahrscheinlichkeit des Überlebens ganz minimal sei. Die noch unlängst unter uns Müttern in starkem Maße vorhanden gewesene Begeisterung für die Kinder ließ immer mehr nach. Und ganz plötzlich, wie auf Befehl, hörte man eines Tages überhaupt auf, von den Kindern zu sprechen. Mir ist so in Erinnerung, als ob dieses Schweigen unmittelbar nach dem Tode der Tschechin eingetreten ist, oder vielleicht irre ich mich auch? In unseren Unterhaltungen existierte der sonst unerschöpfliche Gesprächsstoff über die Kinder einfach nicht mehr, man begann nunmehr über Träume, Intrigen, politische Ereignisse und ausgezeichnete Küchenrezepte zu reden. Aber trotzdem kehrte dieses Thema wieder, es mußte wiederkehren, wenigstens einmal im Monat, wenn die langersehnte Post kam. Mit tränenfeuchten Augen lasen dann die Mütter immer wieder und immer wieder die Nachrichten über ihre Kinder und tauschten untereinander die neuesten Familienereignisse aus. ,, Denk dir, Halina macht in diesem Jahr schon die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, denn als ich von zu Hause fortging, war sie doch noch so ein kleines Ding." ,, Jurek hatte eine Erkältung, aber es geht ihm schon wieder gut. Guck mal, er hat selbst unterschrieben, er malt doch schon ganz schöne Buchstaben." 39 Manchmal wurde eine der Mütter in das Büro gerufen, wo ihr für einige Sekunden eine Photographie ihrer Kinder, die in dem Brief eingelegt worden war, gezeigt wurde. Tränenüberströmt kehrte die Unglückliche dann zurück und erzählte schluchzend: ,, Ich sag' euch, wie groß und hübsch sie geworden sind, und gut sehen sie alle aus." 66 Hin und wieder kam auch mal eine Kinderphotographie im Paket durch, die in einer Zuckertüte oder in irgend etwas anderem versteckt und der Revision entgangen war. Ich erinnere mich genau, wie mir eine Mutter freudestrahlend eines Tages die im Paket gefundene Photographie ihres Kindes zeigte. Es war ein sehr häßliches Kind, mit abstehenden Ohren, elend und schielend. Nach der Erzählung der Mutter hätte der Kleine von geradezu cherubinischer Schönheit sein müssen. Offenbar sah sie meinen Augen eine leise Enttäuschung an und sofort bemerkte sie: ,, Sieh nur an, wie sie ihn mir zugerichtet haben, die Härchen haben sie ihm abgeschnitten, dadurch sind seine häßlichen Öhrchen so zu sehen. Mit dem einen Auge schielte er schon immer, bloß ich habe dir nichts davon erzählt." ,, Er sieht wirklich elend aus, aber er ist doch sehr niedlich", sagte ich tröstend. So tauchte das Kinderproblem immer wieder auf. Auf der Hauptstraße, der sogenannten„ Lagerstraße", lief immer ein kleines Mädchen, mit langen, blonden Zöpfen herum; es war immer sehr hübsch angezogen und trug eine Armbinde, auf der ,, Läuferin" stand. Dieses Kind war ein slowakisches Judenmädchen, dessen ganze Familie umgebracht worden war. Irgendeine SS- Frau hatte sich dieser reizenden, gar nicht jüdisch aussehenden Kleinen erbarmt und sie vor dem Verbrennungs40 tode errettet. Die ihr aufgetragenen Bestellungen erledigte sie mit Windeseile, unbekümmert lief sie zwischen den Totenbahren einher, auch die ewig rauchenden Schornsteine bemerkte sie nicht und ahnte nichts von dem Schicksal der Tausende, die täglich umgebracht wurden. An warmen Sommertagen zog sie sich oft zwei- bis dreimal um, immer wieder sah man sie in neuen Kleidchen, gewiß ahnte das Kind nicht, woher sie stammten, daß man sie ihren Altersgenossinnen, die eben verbrannt worden waren, ausgezogen oder aus deren Gepäck herausgenommen hatte. - Von weitem war die Gestalt dieser Kleinen meinem Töchterchen so täuschend ähnlich, daß sich mir jedes Mal, wenn ich sie sah, das Herz zusammenkrampfte. Mit einer inneren Unruhe wartete ich jeden Morgen, ob die kleine„ Läuferin" wohl wieder auf der Lagerstraße vergnügt herumspringen würde, oder ob etwa in der Nacht... Doch Gottes Gnade geht wunderbare Wege... Solch ein fröhliches, hübsches Kind aber war eine gute Lagerreklame bei der Ankunft von Neulingen. Bei dem Anblick dieses sorglos spielenden, sich in Freiheit tummelnden Kindes erfüllten die Herzen keine bösen Ahnungen vor dem verhängnisvollen Gang zum Bad auf dem Weg in das Krematorium. Bis zum letzten Augenblick meines Aufenthalts in Auschwitz ging es der Kleinen ,, ausgezeichnet". Außer diesem kleinen Mädchen sah man eine Zeitlang in der Wache am sogenannten„ Tor" einen entzückenden dreijährigen Zigeunerjungen, wie aus Schokolade. Er war der Liebling der SS- Frauen, denen man oft mit dem Kleinen auf dem Arm mit seinem unzertrennlichen Teddybären begegnete, oder er stand vor der Wache und salutierte, sobald ein Deutscher durch das Tor ging. Die Karriere dieses niedlichen, kleinen, in der Wache diensthabenden Zigeunerchens ging jedoch nach einigen Wochen zu Ende. Er starb. Fast unmittelbar darauf wurde jedes 41 Mutterherz erneut aufs tiefste erschüttert, als nämlich ein Kindertransport aus Rußland im Lager eintraf. Blauäugige Russenkinder, bleich wie die Schatten, im Zustand völliger Erschöpfung, nach einer über vierzigtägigen Fahrt. Blasse, verängstigte Kindergesichter schauten uns durch die Barackenfenster an. Die ältesten Kinder waren vierzehnjährig bis zu einige Monate alten Säuglingen. Der jüngste„ Häftling" war erst vier Monate alt; die ihn auf dem Arm haltende Mutter zeigte uns weinend sein winziges, stark geschwollenes Ärmchen mit der frisch tätowierten Nummer. Uns Müttern kamen die Tränen. So standen wir uns oft gegenüber, nur durch die trüben Fensterscheiben der Elendsbaracken getrennt, und blickten uns teilnahmsvoll an, vereint in der gemeinsamen Sorge und Angst um das Schicksal dieser blassen, elenden, numerierten Kinder. Am nächsten Tage streckten hungrige Kinder ihre Händchen nach einem Stückchen Zucker oder etwas Zwieback aus. Wie oft mußte man den erschütternden Anblick kleiner Kinderleichen auf der Totenbahre ertragen, wie oft traf man Mütter mit kranken, verhüllten Kindern auf dem Wege zur Ambulanz ―und jedesmal senkte man tiefergriffen den Kopf und fühlte im Herzen immer wieder denselben Schmerz, den nur eine Mutter kennt. So verlief das Lagerleben keineswegs eintönig, obwohl es diesen Anschein erwecken könnte; es ereignete sich eigentlich ständig irgend etwas Aufregendes, was die Menschen bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seele erschütterte, wogegen sich alles in ihnen auflehnte und das die edelsten, menschlichen Gefühle verletzte. Es war im Herbst, als sich die Zahl der russischen Kinder wohl schon um die Hälfte verringert hatte, da verbreitete sich 42 im Lager plötzlich die Nachricht, daß die Russenkinder fortkämen. Die Mütter sollten hierbleiben und die Kinder in ein besonderes Kinderlager gebracht werden. Die Mütter mußẞten ihre Kinder persönlich in die Badeanstalt bringen, sie selbst noch baden und anschließend der Transportleitung übergeben. Das Lager erfüllte ein einziges Wehklagen, ein Schluchzen, Jammern und Stöhnen, Ausbrüche tierischen Leids. Mütter flüchteten mit ihren Kindern in ihrer Verzweiflung irgendwohin, versteckten sich in den Klosetts, verkrochen sich in Gräben und Löchern. Es half alles nichts, sehr bald hatte man alle entdeckt, entriß ihnen die Kinder und stellte sie in Reih und Glied vor der Badeanstalt auf. Und wieder standen wir uns wortlos gegenüber, sahen uns unter Tränen an, weinende Mütter. Nach einigen Tagen zeigte mir eine Mutter, deren drei Kinder abtransportiert worden waren, einen kleinen, heimlichen Zettel, von uns ,, Grips" genannt, den sie von ihrer ältesten zehnjährigen Tochter bekommen hatte. ,, Mama, gräm Dich nicht, sei guten Muts, weine nicht um uns. Ich werde schon für Saszka und Tania sorgen. Saszka hat unterwegs überhaupt nicht geweint. Hier werden wir es, glaube ich, ganz gut haben. Ich bin doch schon ein großes Mädchen, ich werde Dich nie vergessen, Mama, und auch Ruẞland nicht. Ich weiß, wie man nach Hause kommt..." Die letzten Worte waren auf dem zerdrückten und verschmierten Zettel so verwischt, daß ich sie nicht entziffern konnte. Diese Kinder waren tatsächlich in ein Kinderlager in das Gebiet von Posen gekommen. Das bestätigten Auschwitzer Pflegerinnen, die den Transport begleitet hatten und den 43 zurückgebliebenen, beunruhigten Müttern vielleicht die letzten Grüße ihrer Kinder überbrachten. Nach dieser Nachricht atmeten alle etwas auf. Dieser leichten Entspannung folgte jedoch sehr bald eine neue Katastrophe! In einer Nacht waren Tausende jüdischer Kinder, die in den sogenannten„ Familienlagern" untergebracht waren, liquidiert worden. Wie oft hatten wir die hinter Stacheldraht spielenden Kinder beobachtet. Es hieß ganz offiziell, daß gerade diese ,, Familien"- Lager als eine Art ,, Reservat" erhalten bleiben sollten. Die Lagerinsassen hatten ganz andere Rechte als wir. Die Familien wohnten zusammen, wurden zu keinen Zwangsarbeiten herangezogen und bekamen auch bessere Verpflegung als wir. An jenem unglückseligen Tage war alles wie immer und ganz normal. Um fünf Uhr nachmittags bekamen die Kinder zum Abendbrot süße Milchgrütze, und wenige Stunden später begann die Aktion der Überführung in das Krematorium. Seit jenem Tage entfesselte sich eine wahre Vernichtungsorgie. Aus der Tschechoslowakei, Ungarn, Holland, Belgien und Frankreich trafen Tag und Nacht Transporte mit Hunderttausenden von Juden zur Vergasung ein. Alle Krematorien waren in Betrieb, die Öfen reichten nicht mal für diese Massenverbrennungen aus. Daraufhin wurde befohlen, Gruben von riesenhaften Ausmaßen auszuschachten, in denen, wie man hörte, Berge von Kinderleichen verbrannt werden sollten. Damals habe ich Hunderte von Kindern aus den Zügen aussteigen und in den Tod gehen sehen. Jetzt, während ich das Erlebte aufzeichne, wundere ich mich noch darüber, daß ich als Mutter, die nicht nur ihr eigenes Kind, sondern alle Kinder auf der Welt liebt, damals nicht irrsinnig geworden bin. 44 - Tagelang verfolgte mich ein Gesicht oder eine Gestalt aus dem Zuge der totgeweihten Kinder. Wie oft hatte ich sie hinter dem Stacheldraht spielen sehen, ob es das kleine Mädchen in dem grünen Mäntelchen war, ein ballspielender Junge oder das Baby im rosa Strampelhöschen auf den Armen seiner glücklichen Mutter. Bis an mein Lebensende werde ich einen bestimmten Sonntagmorgen im Frühling nie vergessen. Man hatte den Eindruck, als hätten die Massenexekutionen etwas nachgelassen. Transporte kamen nicht an, und die Rauchwolken schienen sich auch etwas gelegt zu haben. Auf meinen Spaten gestützt, blickte ich die Todesstraße, die heute menschenleer war, entlang. Mein Gott, vielleicht werden sie doch endlich die Transporte einstellen, dachte ich und spürte, wie so ganz selten in Auschwitz, daß mein Herz für einen Augenblick ganz still wurde. Plöglich sehe ich aus der Richtung der Krematorien einen Kinderwagenzug kommen. Die Häftlinge hatten den Befehl erhalten, die leeren Kinderwagen auf den Bahnhof zu fahren. Im ersten Augenblick versuchte ich noch, die Reihen zu zählen, aber bald merkte ich, daß es sich um eine unübersehbare Menge handelte, die ich zahlenmäßig gar nicht so schnell erfassen konnte. Weiße, elfenbeinfarbene, dunkelblaue, hellgrüne, größere und kleinere Wagen defilierten vor meinen Augen, und in jedem dieser Wagen hatte ja noch kurz vorher ein rosiges, gesundes Baby gelegen, die Zukunft und das Glück seiner Eltern. Bei dem Anblick dieses nicht enden wollenden Zuges fiel mir eine Schilderung meiner Freundin, einer Arztfrau, ein, die kurz vor Kriegsausbruch von einer Auslandsreise zurückgekehrt 45 war und mir über ihre Reiseeindrücke berichtet hatte. Dieses Arztehepaar hatte alle bekannten, modernen Säuglingsheime Europas besichtigt. Voller Anerkennung und Begeisterung äußerte sie sich über die deutschen Kinderheime und Erziehungsstätten. Unter anderem erzählte sie mir von ihren Beobachtungen in einem deutschen Gebirgsort, wo sich ihr das Bild eines Morgenspazierganges der Säuglinge besonders eingeprägt hatte. Ein langer Zug von Hunderten von Kinderwagen, in denen gepflegte, rosige, pausbäckige Säuglinge lagen, bewegte sich auf einer Gebirgsstraße entlang zum Sonnenbad auf die Berge. Und wie anders war dieser Zug, den ich erleben mußte! Aber wieso denn, diese leeren Wagen waren gewiß für irgendwelche modernen Kinderheime, für die Kinder ,, der auserwählten Rasse" bestimmt. Während dieser Zeit war der leitende Arzt, Dr. Mendele, Spezialist für Rassenkunde. Außerdem beschäftigte er sich mit medizinischen Untersuchungen auf dem Gebiet der Zwillingsforschung. Und wiederum wimmelte es in unserem Lager von Kindern. Von jedem Transport wurden die Zwillinge abgesondert und in einem besonderen Spitalblock untergebracht. In der Nähe dieses Blocks war ich mit dem Pflastern eines Weges beschäftigt, und so hatte ich Gelegenheit, die reizend anzusehenden Zwillinge, ungarische Kinder, die sich oft wie zwei Wassertropfen ähnelten, zu beobachten. Zum Glück ahnten diese armen ,, Kaninchen" nichts von ihrem Schicksal, sorglos vergnügten sich die Kinder bei Spiel und Gesang. Als Auschwitz schon lange hinter mir lag, sah ich diese frohe, glückliche Kinderschar noch vor mir und die Melodie eines Kinderliedchens klang in mir nach, die ich am Vor46 tage meiner Abreise noch wie einen Abschiedsgruß von ihnen auf den Weg nahm. Durch ein eigenartiges Zusammentreffen verschiedener äußerer Umstände erlebte ich während meiner Haft in einem Konzentrationslager in Thüringen Ende Januar 1945 zufällig die Evakuierung jenes Kinderlagers, in das ,, unsere" Kinder seinerzeit gebracht worden waren. Dabei fiel mir wieder das zerknüllte Zettelchen der zehnjährigen tapferen Wala ein. Von einer Anhöhe aus sah ich unten den vorbeifahrenden Zug und dachte voller Ergriffenheit: vielleicht würde ich sie erkennen, vielleicht wiedersehen? In offenen Güterwagen wurden die Kinder, in ihrer armseligen, dürftigen Kleidung, bei Schnee und Eis, ohne genügenden Proviant, evakuiert. Schon einige Tage war dieser Kindertransport unterwegs. Auf jeder Station wurden einige Kinderleichen herausgeworfen. ,, Das auserwählte Kulturvolk" rettete die Kinderseelen vor ,, der barbarischen Vernichtung des Ostens". 47 - PELAGIA - Pelagia war neunzehn Jahre alt, mittelgroß, untersetzt, mit einem runden, rosigen Gesicht. Bei ihrem Anblick das Gesicht wirkte durch das kurzgeschnittene Haar noch pausbäckiger, und die Wangen hatten immer eine lilarot getönte Färbung fühlte ich mich stets an eine Zwiebel, eine junge, gesunde, etwas bläulich aussehende Zwiebel erinnert. Seit anderthalb Jahren war Pelagia bereits im Konzentrationslager Auschwitz, in dieser Zeit hatte sie viele Krankheiten durchgemacht, selbst Typhus und Wassersucht hatte sie überstanden. Schwerste Strafarbeiten hatte sie, zum ,, Feldarbeitskommando" gehörend, zu verrichten, und zwei Monate war sie wegen Diebstahls wegen unerlaubter Aneignung eines Tellers Suppe- dem SK( Strafkommando) zugeteilt worden. Fast alle Mädchen, die mit ihr in einem Transport aus der Gegend von Stanislau hergebracht worden waren, waren inzwischen gestorben. Pelagia war am Leben geblieben. Sie war gesund, fröhlich und, wie sie selbst zugab, fing es an, ihr blendend zu ergehen! - ,, Und zwar deshalb, weil ich zu leben gelernt habe", fügte sie erklärend hinzu. - Pelagia erhielt eine Funktion sie hatte, als sie das letzte Mal auf dem Revier lag, bei der Blockaufseherin und der Pflegerin Gefallen gefunden, anstatt sie wieder in das Lager 49 zum Feldarbeitskommando zurückzuschicken, bemühte man sich, ihr eine Dauerbeschäftigung im Krankenblock zu verschaffen. Pelagia wurde Putzfrau. Zu ihren Obliegenheiten gehörte nicht nur Aufräumen und Wischen, sondern in den Auschwitzer Spitalsbaracken gestaltete sich diese Art von Tätigkeit gänzlich anders als im normalen Putzfrauendasein. Mit dieser Funktion bekleidete sie einen sehr verantwortungsvollen Posten, von dem das Schicksal manch eines Menschenlebens abhing. Die Ärztin untersuchte die Kranken, gab der Pflegerin ihre Anweisungen, die meistens nur in der Verabreichung von Arzneien( sofern überhaupt solche vorhanden waren) und im Messen der Temperaturen bestanden, während die eigentliche Pflege und Betreuung der Patienten Aufgabe der Putzfrau war. Zu ihrem Wärterinnendienst gehörten alle Handreichungen, wie: das Waschen der Kranken, die Verteilung der Suppenmahlzeiten, das Reichen der Steckbecken, die Begleitung der leichter Erkrankten auf die Toilette außerdem das Aufräumen, das Bettenmachen und dergleichen mehr. Kurz, sehr viele Arbeit und eine ungeheure Verantwortung. Wohl gab es auch pflichttreue und aufopfernde Pflegerinnen - leider aber nur sehr wenige-in Pelagias Revier wurde die ganze Arbeit des Pflegepersonals auf sie abgewälzt. Anfangs gab sich Pelagia redliche Mühe. Vom frühen Morgen an arbeitete sie unermüdlich und eifrig, reichte den Kranken die kleine, mit etwas Wasser bedeckte Waschschüssel, gab ihnen geduldig die Nachttöpfe und rannte in die Kantine nach Suppe oder Salat für ihre Kranken. Nachdem sie sich eingearbeitet hatte und ihren Verpflichtungen zur Zufriedenheit der Blockaufseherin und der Pflegerin nachkam, brauchte sie nicht mehr zu fürchten, in der Kälte aufs Feld hinausgejagt zu 50 werden, und zusehends ließen ihre Anstrengungen und Lei- stungen nach. Stundenlang konnte sie auf ihrem mittleren Etagenbett sigen, mit den Beinen schaukeln und philoso- phische Reden führen: „Das Allerwichtigste ist, das Lager zu überstehen. Das ist hier nun schon mal so, keiner sollte sich um den anderen scheren, denn jeder ist allein und hat mit sich zu tun. Wenn man sich nicht selbst zu helfen weiß, ist man verloren.“ In dem Bett unter ihr lag eine Schwerkranke mit Typhus und Nierenkomplikationen. Die Ärztin hatte diese lebensgefähr- lich erkrankte Frau Pelagias besonderer Obhut anempfohlen und angeordnet, sie sollte ihr öfter etwas zu trinken geben, es sei das einzige, was sie vielleicht noch retten könnte. Pelagia lachte die Ärztin liebenswürdig an und versicherte ihr dienst- beflissen, alles tun zu wollen, aber sie dachte gar nicht daran oder wollte nicht daran denken. Die bewußtlose Kranke lag mit einem ganz verschwollenen Gesicht da, schnappte ab und zu wie ein Fisch nach Luft, stammelte manchmal einige unver- ständliche Laute oder streckte hilfeflehend die Arme aus. „Pelagia, gib doch der Frau unter dir etwas zu trinken“, baten die Nachbarinnen in den anderen Krankenbetten, ‚sieh “ doch, wie sie sich quält... Pelagia aber rührte sich nicht von ihrer Lagerstätte, unter- brach für einen Augenblick das Gesumme eines Liedchens oder ihre üblichen philosophischen Betrachtungen, sah kalt und mit- leidlos auf die Kranke herunter und gab als Antwort: „Ihr Wasser geben, wozu? Sie sehen doch selbst, daß es.mit ihr zu Ende geht, wozu soll sie sich noch länger quälen?“ „Pelagia. es ist frevelhaft, so zu reden.“ 4r ,, Eh... hier muß jeder selber zusehen, wo er bleibt. Als ich vor anderthalb Jahren hierher kam, da hat sich auch kein Mensch um mich gekümmert, ich mußte mir auch selbst helfen. Wenn es ihr bestimmt ist, zu leben, dann kommt sie durch, wenn nicht dann eben nicht." - Bedauerlicherweise hatte das Lagerleben in ihr alle schlechten Eigenschaften, die die menschliche Natur besitzen kann, wirksam werden lassen. Sie war nicht nur herzlos und egoistisch, sondern auch wahnsinnig habgierig und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Sobald eine Kranke ein Paket bekommen hatte, änderte sich momentan Pelagias Verhalten der Betreffenden gegenüber. Sofort zeigte sie lebhaftestes Interesse am Wohlbefinden der Patientin, schüttelte ihr bereitwilligst den Strohsack auf, wusch sie, versprach, sich um ein frisches Hemd zu bemühen oder rohe Kartoffeln zu beschaffen, um abends davon eine Suppe zu kochen. Zum Schluß wurde sie dann mit etwas Eẞbarem aus dem Paket beschenkt, kroch wieder in ihr Bett, stellte tiefbefriedigt fest, daß das Allerwichtigste im Lager Essen und Sturheit sei, und anschließend verzehrte sie die erhaltenen Gaben. Einige Patientinnen, die laufend Lebensmittelpakete bekamen, machten Pelagia zu ihrer gefügigen, treuen Dienerin, und bereit die alles für sie tat, auf einen Wink reagierte war, auch die launenhaftesten Wünsche zu erfüllen. - Noch einen verabscheuungswürdigen Charakterzug entdeckten wir bei Pelagia: wenn Schwerkranke Pakete erhielten, nahm sie Pelagia stillschweigend in Verwahrung. Anstatt den Inhalt des Pakets gegen ein Medikament, eine Einspritzung, Milch oder ein sauberes Hemd einzutauschen( der Tauschhandel 52 blühte leider), verzehrte Pelagia den Inhalt selbst. Wie oft äußerte sie in abfälliger, zynischer Weise: ,, Ich esse die Wurst von der, die da bewußtlos liegt und bestimmt bald stirbt. Sollte sie doch am Leben bleiben, bis dahin verderben die Lebensmittel sowieso..." Hemmungslos leerte sie ein Paket nach dem anderen und ließ es sich gut sein. - - - und Wenn das Licht abends ausging, hörte man von ihrem Bett Papierrascheln dann packte sie die Pakete aus regelmäßiges Schmatzen. Pelagia wurde von Tag zu Tag feister und fetter. Manchmal sah ich sie mir so an und dachte, der Vergleich mit einer Zwiebel ist eigentlich unzutreffend. Eher ähnelt sie einer Kupfermünze, die wie sie zwei Gesichter hat. Den Vorgesetzten und„ Begüterten" begegnete sie stets mit einer gleichbleibenden Liebenswürdigkeit, den Armen und Bedürftigen gegenüber zeigte sie sich grausam und gefühllos. Warum lehnte sich niemand dagegen auf? Warum beklagte sich kein Mensch? Mein Gott, das wäre erfolglos gewesen, und niemand hätte es wagen dürfen. Wir waren ja alle viel zu krank und völlig hilflos... Nur ganz selten ließ Pelagias Gesichtsausdruck die Spur einer Gefühlsbewegung erkennen, und zwar dann, wenn sie ein Heimatliedchen sang. Ihre Augen blickten in diesen Momenten wehmütig in die Ferne und bekamen einen feuchten Glanz. Ein Anruf in dieser Stimmung genügte: Pelagia, Wasser, oder Pelagia, komm doch mal einen Augenblick her und sofort nahm ihr Gesicht wieder diesen düsteren, bösen, verbissenen Ausdruck an. Meistens reagierte sie auf das Rufen überhaupt nicht, oder sie trollte sich schließlich doch von ihrem Lager herunter und stieß wutschnaubend folgende Worte aus: - 53 ., Wenn die doch alle bloß schneller krepierten, der Mensch hat aber auch keine freie Minute für sich." - Jeglicher Versuch, ihr gut zuzureden, ihr klarzumachen, welche Befriedigung und welches Glück die Erfüllung des Samariterdienstes einem Menschen geben kann wurde ihrerseits mit einem höhnischen Gelächter beantwortet. Als eine sogar einmal von Christus zu sprechen begann, sie an die Geschichte des barmherzigen Samariters und an die Grundpfeiler des christlichen Glaubens zu erinnern suchte, erwiderte Pelagia verächtlich: ,, Wenn es wirklich einen Gott gäbe, dann würde es auf Erden keine solche Hölle geben, wie diese hier. Dann dürfte es Gott nicht zulassen, daß die Menschen so unschuldig leiden." Nur ein Beispiel, warum säße sie denn hier? Wegen nichts, weil sie sich nicht bei dem Arbeitsamt gemeldet hatte, wie angeordnet worden war. Sie war allein und hatte für ihre kranke Mutter zu sorgen und was geschah? Der Gemeindevogt - zeigte sie an, daraufhin holte man sie eines Nachts und verschleppte sie hierher. ,, Hören Sie bloß auf, mir mit dem lieben Gott den Kopf zu verdrehen. Wie viele Mütter kommen hier schuldlos um, irgendwo bleiben ihre Kinder verlassen zurück und Gott sieht es und wendet es nicht ab." Mit dem alten, verbissenen Zug um den Mund stieg sie wieder in ihre Lagerstätte und begann zu essen. Die Baracke war in sogenannte Stuben eingeteilt, die nur im Sprachgebrauch des Lagers als solche galten, nicht aber in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Im Innern der Baracke standen Säulen, und der Raum zwischen den einzelnen Säulen wurde als Stube bezeichnet. In jeder Stube schaltete und waltete eine Putzfrau. - 54 Unter den vielen Reinmachefrauen aber herrschte keineswegs Friede und Eintracht. Sie ärgerten sich gegenseitig, eine schob der anderen den Kehricht zu, sie vertauschten absichtlich ihre Wassereimer, klauten einander das Wasser aus den Kübeln- denn das Wasserholen war mit einem weiten, beschwerlichen Weg durch schmutziges, unwegsames Gelände verbunden kurz, es gab ewig Zank und Streit, einig waren sie nur dann, wenn es darum ging, etwas zu ,, organisieren", zu ergattern oder zu erhandeln. Eines Tages ging die Putzfrau von der gegenüberliegenden Stube fort, um Wasser oder auch ein Paket zu holen... und blieb sehr lange fort. In der Zeit ihrer Abwesenheit gerade schrie und jammerte eine Kranke nach einem Schluck Wasser... Sie bat, sie flehte... Offenbar hatte keine ihrer Nachbarinnen mehr Vorrat, um ihr Verlangen zu stillen. Es war so um die Mittagsstunde auf dem Block war weder eine Ärztin noch eine Pflegerin zugegen. Pelagia saß wie gewöhnlich auf ihrem Bett, aß einen schönen, rotbäckigen Apfel, das Jammern und Stöhnen der Kranken rührte sie überhaupt nicht. ,, Pelagia, ich habe Wasser, trag es doch der kranken Frau hin, man kann es ja nicht mehr länger mit anhören." -- ,, Das ist nicht meine Stube, das ist nicht meine Patientin. Sie geht mich nichts an." ,, Pelagia, gib ihr doch etwas von meinem Kaffee, es ist ja unmenschlich, zuzusehen, daß sich jemand derartig quält." - ,, Das ist nicht meine Stube, das ist nicht meine Patientin. Sophie kommt gleich wieder, die gibt ihr dann was zu trinken. Die würde mir schön übers Maul fahren, wenn ich es wagen würde, mich in die Pflege ihrer Kranken einzumischen." 55 Das Schreien der Kranken ging in ein Röcheln über, zuletzt verstummte sie... Als die Putzfrau Sophie endlich zurückkam, berichteten ihr die Nachbarinnen aufgeregt, daß die alte Frau, die gestern eingeliefert worden sei, wohl im Sterben läge und die Ärztin oder die Pflegerin gerufen werden müßte.. Sophie beugte sich über die Kranke, faßte sie an den Kopf, an die Hand, bewegte sie hin und her, kein Lebenszeichen mehr, sie holte die Ärztin. Nach wenigen Minuten kam sie mit der Ärztin zurück, die den Tod feststellte. ,, Die Leiche muß sofort herausgeschafft und vor den Block gebracht werden, die Betten werden dringend gebraucht", bestimmte die Ärztin, sah sich im Block um und rief: ,, Hallo, Pelagia, komm mal her, du mußt beim Heraustragen der Leiche mithelfen." Voller Wut kroch sie von ihrem Lager herunter, stieg über den Heizkörper und trat an das Leichenbett. Plötzlich erbebte der ganze Block durch einen unmenschlichen Schrei! Pelagia stürzte sich auf die Tote und gab furchtbare, fast tierische Schmerzenslaute von sich. Niemand hatte im ersten Augenblick recht begriffen, was geschehen war. Endlich war es der Ärztin gelungen, Pelagia von der Toten loszureißen. ,, Mutter! Mein einziges Mütterchen!" weinte und brüllte sie unaufhörlich, immer wieder warf sie sich auf ihre tote Mutter. Die Leiche lag schon auf der Bahre, und der von Sophie geschien das stützte Kopf- mit den weitgeöffneten Augen herzzerreißend weinende Mädchen anzusehen. 56 - Auf dem Block herrschte Totenstille, nur das Schluchzen und Winseln des Mädchens war zu hören. Nach einer Weile begannen die Kranken zu flüstern: ,, Vielleicht ist es ein Irrtum, wie sollte ihre Mutter hierher gekommen sein? Warum wußte sie nichts davon, daß ihre Mutter hier war...?" ,, Aber woher sollte sie es denn wissen, daß man ihre Mutter auch hierher gebracht hat...? Sie sitzt hier schon so lange und ihre Mutter ist sicherlich erst seit ganz kurzer Zeit hier und war erst in der Quarantäne." ,, Das ist anzunehmen, denn sie hat ja auch einen ganz frisch abrasierten Kopf." 57 ZINA Neue ,, Pensionärinnen" gesellten sich für gewöhnlich nach dem Abendappell zu uns. Ihre Versetzung zu der sogenannten SK ( Strafkolonne) hing meistens mit irgendeinem Vergehen innerhalb des Lagers zusammen. Fast immer hatte die betreffende Delinquentin bereits die Sofortstrafe verbüßt, das merkte man dem zerschlagenen Gesicht an und an den sonstigen Spuren der vielseitig und reichlich angewandten pädagogischen Mittel, über die unsere Vorgesetzten, mit Tauber an der Spitze, den wir den ,, Dentisten" nannten, verfügten. Bei der Ankunft auf unserem Block brachen die meisten zusammen und ließen sich schluchzend irgendwo nieder. Wir gingen dann sofort auf sie zu und versuchten zu trösten. Nach einer Weile beruhigte sich die ,, Neue" wieder und fragte uns nach unserem Ergehen: ,, Ist es hier wirklich so furchtbar? Ist die Arbeit hier wirklich so schwer? Wieviel Suppe bekommt ihr? Stimmt es, daß man hier nie mehr lebend herauskommt?" An einem herrlichen Juliabend kam wieder eine Neue zu uns. Sie brach nicht in Tränen aus, auch in ihrem Gesicht prägte sich weder Angst noch Entsetzen aus. Ruhig, beherrscht sprach sie mit der Blockältesten, fragte nach ihrer Unterbringung und schritt mit aufrechter Haltung, hocherhobenen Hauptes durch den Block zu dem ihr zugewiesenen Platz. Sie war ungewöhnlich hübsch. Von hoher Gestalt, ein sehr regelmäßiges, 59 gut geschnittenes Gesicht und große, blaue Augen in dunkler Umrahmung. Uns allen fiel ihr Verhalten auf. Ihre Schweigsamkeit löste sich, als sie bald einige Ukrainerinnen und Polinnen umringten und sie voller Interesse und Anteilnahme zu examinieren begannen. ,, Bist du Russin?" ,, Ja." Woher kommst du?" ,, Aus Woroschilowgrad." ,, Liegt deine Verhaftung schon lange zurück?"" Unruhig wippte sie hin und her, runzelte ihre schwarzen, gradlinigen Brauen und antwortete schließlich: ,, Mir kommt es schon sehr lange vor." ,, Und weshalb haben sie dich verhaftet?" ,, Wie, weshalb? - Weil ich Russin bin." ..Warum aber bist du zu uns gekommen?" ,, Das weiß ich nicht. Erst haben sie mich geprügelt und dann eingesperrt." Mit einer stolzen Geste hob sie ihren Kopf und schwieg. ..Und was für ein Zeichen hast du auf dem Rücken?" Daran kann man nämlich den Grund der Bestrafung erkennen. Ania, die mit ihr zusammen in der Zelle saß, warf einen Blick auf ihren Rücken. Ein roter Kreis auf weißem Feld. ,, Das bedeutet, daß du entweder politisch schwer belastet bist oder einen Fluchtversuch unternommen hast." Sie schwieg sich 60 weiter aus, ohne ihre Gesichtszüge zu verändern. Alsbald gingen die neugierigen Kolleginnen auseinander. In den nächsten Tagen hatte ich Gelegenheit, sie bei der Arbeit zu beobachten. Sie blieb immer unverändert schweig sam und ging stets in ihrer stolzen, aufrechten Haltung verträumt und träge einher. Aus dem Verlangen heraus, etwas mehr über sie zu erfahren, sprach ich sie einmal an: 39 Wie heißt du?"" ..Zina." ,, Und wo hast du früher gearbeitet?" Sie blickte mich so verwundert an, als ob sie gerade aus einem Traum erwacht war. ,, Nun, ich meine, was du zu Hause gemacht hast? Ob du einen besonderen Beruf ausgeübt hast?" ,, Ich war noch nicht beruflich tätig. Ich war noch in der Ausbildung und studierte auf der Hochschule." ,, Ach so, wie alt bist du denn?". ..Dreiundzwanzig. Sie sah älter aus. 66 Unter uns reifte mehr und mehr die Überzeugung, daß die geheimnisvolle Zina bestimmt in eine sehr interessante politische Geschichte verwickelt gewesen sei. Eines Tages hörte ich bei der Arbeit, einige Schritte von mir entfernt, einen entsetzlichen Lärm. Der„ ,, Blockführer", die 61 99 ,, Aufseherin" und einige deutsche Kapo"-Frauen prügelten jemanden. Wen schlagen sie dort bloß und wofür?" - ,.Die Zina die Russin. Herta hat sie angezeigt, weil sie zu wenig Steine in der Trage fortschafft." Das Schreien ließ nach. Die Gruppe verlief sich. Zina wischte sich mit dem Ärmel das aus der Nase strömende Blut ab. Das war ein tragischer Tag in Zinas Leidensgeschichte als Häftling. Unsere Aufseher hatten beschlossen, Zina, die groß, jung und kräftig war, mit besonders schweren Arbeiten zu beschäftigen. Fortan mußte sie die schwersten Steine schleppen, die schwersten Schubkarren stoßen, und dabei schlugen sie unbarmherzig auf sie ein, ergingen sich in ironischen Redensarten, wie: ,, Wer nicht arbeitet, der braucht auch nicht zu essen". Zina ertrug alles mit düsterer Gelassenheit, ohne Tränen, nie verbarg sie rein instiktmäßig ihr Gesicht in den Händen dadurch reizte sie die Henkersknechte noch mehr. Eines Tages erschien sie bei der Arbeit und erklärte ganz entschlossen, daß sie nicht mehr weiterarbeiten würde. Eine neue Tracht Prügel half nichts. Nach der Rückkehr auf den Block stellte sie sich nicht nach ihrem Mittagessen an, sondern setzte sich abseits der Anstehenden hin. Als eine ihr die Hälfte ihrer Portion anbot- lehnte sie dankend ab. Auch das Abendbrot verweigerte sie. Wir waren um Zinas Ergehen außerordentlich besorgt. Gerade das Essen war im Lager von so großer Wichtigkeit. Ich bat ihre Altersgenossinnen, einige Ukrainerinnen und Russinnen, auf Zina einzuwirken und ihr gut zuzureden. Es war doch ein Jammer um dieses aparte und hübsche Mädchen. Auch ich selbst ließ nichts unversucht. 62 ..Du mußt durchhalten, du mußt weiterleben", redete ich ihr zu. ,, Du mußt in die Heimat zurückkehren. Weißt du, Zina. ich habe gehört, daß die Rote Armee ständig im Vormarsch begriffen ist und auch uns hier bald befreien wird." Aufmerksam horchte sie bei diesen Worten auf und sah mich mit forschenden Blicken an. ,, Warum, warum schlägt man mich nur so? Ich bin doch genau solch ein Mensch wie sie." Zina hörte auf niemanden und reagierte auf kein Zureden. Eine besondere Vorliebe und Zuneigung hatte sie zu Frau. Szybinska, einer Warschauerin, gefaßt, die von uns ,, Mama" genannt wurde. Mama nahm für Zina die Brotration entgegen, auch die Suppe, die die Blockälteste verteilte, Mama war die einzige, von der Zina das Essen annahm. Manchmal nachts schlich sich Zina in Mamas Zelle, weckte sie und bat, da sie hungrig war, um ein Stückchen Brot. Die Alte nahm sich in rührender, aufopfernder Fürsorge ihrer an, auch bei der Arbeit verlor sie dieses Mädchen nie aus den Augen und hatte sie stets in ihren Gedanken. Nach Möglichkeit richtete sie es so ein, daß auch Zina beim Verlesen von Steinhaufen mithalf. ,, Komm nur, Zina, komm nur, das Aussortieren der Steine ist die allerleichteste Arbeit", redete sie ihr, halb polnisch, halb russisch sprechend, zu. Zina warf einige Steine auf den Haufen, und dann ließ sie ihre schönen, blauen Augen versonnen in die Ferne schweifen. ,, Nun, arbeite, arbeite, mein Liebes, sonst kommt der, Blockführer oder die Herta und schlagen dich wieder." Sie fuhr zusammen. 63 ., Wofür? Wofür schlagen die mich so? Ich bin doch ein Mensch..." ,, Nun ja", versuchte ,, Mama" ihr klarzumachen. ,, Sieh, Kind, wir sind doch hier in einem Konzentrationslager, hier müssen alle arbeiten, sonst ergeht es uns schlecht." ., Sollen sie uns doch totschlagen, dann ist diese Qual wenig. stens mal zu Ende." Mit gedämpfter Stimme fuhr sie fort: 59 , Wenn wir alle geschlossen uns weigerten, für sie zu arbeiten und auch das Essen ablehnten... was wäre... dann?" 78 Gott behüte uns davor, mein Kind, daß Gott bewahr'. Was für Ideen! Sie würden uns alle auf der Stelle erschießen. Das wäre ja Aufruhr, wie kannst du nur an so etwas denken." ., Mögen sie uns doch erschießen. Ist das ein Leben?" Die Alte senkte ihren Kopf, seufzte und murmelte etwas vor sich hin. Zina, einen Stein in der Hand, schaute nach dem Himmel. Von Tag zu Tag wurde sie elender, sie zog sich immer mehr in sich zurück, und Anzeichen von Schwermut kamen in ihrem Wesen beängstigend deutlich zum Ausdruck. Eines Morgens stellte ich höchst verwundert fest, mit welchem ungewöhnlichen Eifer Zina beim Graben beschäftigt war. Erfreut ging ich auf sie zu. Sie war gerade dabei, ein etwas längliches Beet von innen mit dem Spaten glatt zu streichen. ,, Was machst du denn da, Zina?" ,, Das wird mein Grab", antwortete sie mit einem mich ganz unheimlich berührenden Lachen. 64 ,, Zina, du darfst an so etwas nicht denken, eines Tages kehrst auch du nach Hause zurück, du mußt durchhalten, es dauert nicht mehr lange ganz bestimmt nicht." - Für meine Worte fand sie nur ein verneinendes Kopfschütteln. Sie kauerte sich auf den Boden und saẞ so den halben Tag über, völlig dieser Welt entrückt, da und stierte unverwandt vor sich hin, ohne auf einen Anruf oder einen Stoß zu reagieren. Der Herbst kam, die Tage wurden kalt und unfreundlich. Zina weilte nur noch als schweigender Schatten unter uns. Eines Tages nach dem Abendappell legte sie sich auf die Erde und weigerte sich, wieder aufzustehen. Der ,, Blockführer" nahm sie mit; alle glaubten, zum Vergasen in das Krematorium, aber diese Vermutung entsprach nicht der Wirklichkeit. Das letzte Mal sah ich sie am Heiligen Abend, hoch aufgerichtet in ihrem Bett sitzend, nackt, in der Zelle für Irrsinnige, wo sie ruhig auf ihr Ende wartete. Auschwitz 1943 6 65 TAUBEN Liebster! Ich schreibe an Dich, in dem Bewußtsein, daß Dich mein Brief nie erreicht. Solch ein Schreiben ist zwar hoffnungslos! Dennoch muß ich es tun. Mit größter Mühe habe ich mir einen Bleistift und einige ziemlich unbeschädigte Stücke Papier Packpapier von eingegangenen Paketen beschafft und habe mir vorgenommen, den heutigen Tag Dir zu widmen und an Dich zu schreiben. Einen Brief, der Dich nie erreicht... - - - Solch ein Tag, solch ein Entschluß ist ein großer Luxus in meinem augenblicklichen Leben. Sogar ein recht gefährlicher Luxus. Immer denke ich an Dich, mit Deinem Namen auf den Lippen erwache ich und entschlummere ich, daß ich überhaupt noch am Leben bin und körperlich leidlich durchhalte, verdanke ich meiner großen Liebe zu Dir, die mich täglich stärkt. Bisher durch so viele Jahre habe ich noch nie den Mut gefunden, an Dich zu schreiben. Heute tue ich es zum erstenmal. Und weißt Du warum? Weil in der Welt Frühling sein soll. Das ist sogar sicher! Ich liege im obersten Etagenbett im Auschwitzer Krankenrevier und sehe durch ein winziges, schmales Fensterchen entsprechend wenig von der Außenwelt. Dieser begrenzte, kleine Ausschnitt umfaßt den Stacheldraht, dahinter den mit Rasen bedeckten Bahndamm, auf dem ich die ankommenden und abfahrenden Züge beobachten kann und dann... nein, davon erzähle ich Dir - 59 67 lieber am Schluß meines Briefes, oder vielleicht auch gar nicht. Der steile Abhang des Bahndamms leuchtet in hellem, zartem wundervollem Grün— jemand sagte, heute sei der 15. April und draußen schiene die Sonne. Ich sehe sie nicht, doch ich fühle sie. Aus der inneren Freude am Sonnenschein und unter dem hinreißenden Zauber des frischen Grün faßte ich den Entschluß, Dir zu schreiben.... Unter dem Eindruck der Frühlingsstimmung tauchen alte, liebe Erinnerungen in mir auf. Irgendwo in der Ferne sehe ich blühende Gärten, weiße Blütenblätter bedecken die Erde. Ich erinnere mich eines Tages, als wir beide zusammen von Lublin nach Jastkowo fuhren. Weißt Du noch? Unter blühen- den Bäumen fuhren wir dahin, in uns war ein so seltener Frieden, es ist mir unvergeßlich, und dann die andachtsvolle Stille auf dem Jastkowoer Friedhof. Auf dem Rückwege er- zähltest Du mir von Deiner ersten Schlacht, dabei fiel mir eine Kindheitserinnerung ein, ein Erlebnis im Frühling, der erste, der sich mir im frühen Kindesalter eingeprägt hat. Diese Erinnerung schnitt mir ins Herz, und für Sekunden wurde dieser tief im Innern verborgene Schmerz wieder fühl- bar. Ich wollte Dir davon erzählen, aber ich tat es nicht, um unsere frohe Stimmung nicht zu trüben. Wozu sollte ich ge- rade heute davon sprechen? Ich kann es ihm später einmal erzählen, überlegte ich mir. Es kommt noch zurecht. Wir wissen ja beide, daß wir unzertrennlich zusammengehören. Einmal werde ich ihm von dem ersten Frühling in meinem Leben erzählen... Es blieb dabei, es kam nicht mehr dazu. Das Schicksal hat uns jäh auseinandergerissen, durch unendliche Weiten, ja 68 vielleicht durch Meere, sind wir voneinander getrennt. Ich ahne es nicht. Auch weiß ich nicht, ob wir uns jemals wiedersehen. Es wird mir schwer, zu schreiben, aber wer weiß, ob das nicht der letzte Frühling ist, den ich erlebe. Nein, nein, was sollen diese pessimistischen Gedanken. Nur nicht an die Zukunft denken. Ich will Dir nun von dem ersten Frühling aus meiner frühesten Kindheit erzählen... Am Rande eines kleinen Städtchens, mitten im Garten, stand unser Häuschen, das eine Veranda schmückte. Es war das letzte Häuschen, und dahinter blickte man auf weite, mit gelben Dotterblumen bedeckte Wiesen, durch die ein Weidenweg führte. Vor dem Hause befand sich ein großes Blumenrondell, in dessen Mitte ein Stamm dunkelroter Rosen, der an einen hohen Pfahl angebunden war, auf dessen Spitze eine große, buntschillernde Glaskugel thronte. Diese Kugel sah wunderhübsch aus und erschien mir damals riesenhaft groß und märchenhaft schön. Diese Kugel war auch etwas Besonderes, sie war einmalig im ganzen Städtchen. Oft standen barfüßige, schmutzige Judenkinder am Gartenzaun, plapperten leise miteinander und zeigten bewundernd und kopfschüttelnd auf die farbige gläserne Kugel. Von weitem sah ich den Kindern zu, beneidete sie, daß sie barfuß gehen durften, im Sande und in Pfützen waten und miteinander spielen konnten. Ich hatte keinen Bruder als Spielgefährten, ich war das einzige Kind. Ständig kränkelte ich, meine Eltern verzärtelten mich sehr und dennoch fühlte ich schon damals eine unbändige Sehnsucht in mir nach etwas Unbekanntem. Ich besinne mich noch heute ganz genau, wie ich Tag für Tag an der Gartenpforte stand, mich auf den Querbalken stellte und erwartungsvoll den Weidenweg entlang schaute. In meiner Kinderphantasie - 69 stellte ich mir vor, daß von dort einmal das Glück käme oder sich ein Märchentraum erfüllte... Es muß ein herrlicher Frühlingstag gewesen sein- ich sehe das zarte, erste, saftige Grün und die Maiglöckchen ganz deutlich vor mir. Meine Mutter pflückte gerade ein Sträußchen und sagte zu mir: ,, Sieh mal, das sind Maiglöckchen, behalte dir diesen Namen." Ich wiederholte:„ Maiglöckchen", und seitdem habe ich diese Blümchen mit den kleinen Glöckchen nie mehr vergessen. Zwischendurch hörte man das Holpern eines Wagens, Peitschenknallen, und auf einmal hielt eine Kutsche vor unserem Hause. Mein Großvater kam uns besuchen. Er war sehr groß, hatte eine stark gebogene Nase und einen langen Schnurrbart. Ich hatte Angst vor ihm, denn er sprach sehr laut, und wenn er mich auf die Backe küßte, piekte er mich immer mit seinen Bartspitzen. Nicht der Großvater war die Attraktion für mich, die flotten Braunen sondern die hübschen Kutschpferde interessierten mich am meisten. Aber etwas anderes entdeckte ich noch auf dem Bock saß jemand in wunderlicher, phantastischer Kleidung, die Zügel in den Händen haltend. -- - Nachdem der Großvater meine Mutter und mich begrüßt hatte, zeigte er stolz auf den Kutscher und sagte: ,, Seht mal, was ich dem Georg für eine Livree besorgt habe. Ein hübscher Krakowiak, was?" Weißt du, damals war es Mode, die Kutscher in der Tracht der Krakauer Landschaft herauszuputzen. Warum man das eigentlich tat und hübsch fand, weiß ich gar nicht mal. Der Krakowiak jedenfalls rief mein ganzes Entzücken hervor und bezauberte mein Kinderherz, ich war damals vier Jahre 70 alt. Die schmuckvollen farbigen Stickereien und Verzierungen, die klingenden, goldenen Ringlein am Gürtel, die Mütze mit der wehenden Pfauenfeder beglückten mich. Ich entglitt der Umarmung meines hageren, stattlichen Großvaters und schlüpfte durch das Seitenpförtchen auf den Hof, wo sich der Pferdestall und der Hühnerhof befanden. Georg war auch gerade eingetroffen und begann die Pferde auszuspannen. Eine ganze Weile mochte ich wohl schüchtern an der Wand gestanden haben, bis er mich freundlich lächelnd entdeckte, die Pfauenfedermütze zurechtschob und mich anredete: ..Nun, komm nur her, kleines Fräuleinchen." Ich ging auf ihn zu. Die Pferde hatten im Pferdestall schon ihr Heufutter bekommen, und Georg setzte sich auf einen Baumstumpf, um mit mir zu plaudern. Er fragte mich, wie alt ich sei, wie ich heiße, ob ich Pferde gern hätte, ob mir auch seine Krakauer Tracht gefalle. Auf alle seine Fragen antwortete ich ohne Scheu, und so wurden wir sehr bald gute Freunde. Plötzlich kam am blauen, durchsichtigen Himmel ein Schwarm weißer Tauben angeflogen. Georg sprang auf, fing auf ganz eigene Art zu pfeifen an, mit der Mütze zu schwenken und siehe, die Tauben begannen über unseren Köpfen zu kreisen. Das muß ein besonders wirkungsvolles Bild gewesen sein, denn ich sehe es heute noch so lebendig vor mir, als ob ich es mir eben auf einer Photographie betrachtet hätte. - ,, Hast du Tauben gern, Kleine?" ,.Sehr gern." ,, Dann will ich dir mal ein Pärchen mitbringen." ,, Lebendige?" 71 „Ja, natürlich. Die kannst du dann selbst großziehen.“ „Das möchte ich schrecklich gern.“ „Nun gut.“ Auf der Schwelle des hinteren Hauseingangs, der in die Küche führte, erschien meine Mutter mit einem Tablett, mit einem Gläschen Schnaps und Wurstbrot für Georg. Da entdeckte sie mich auf einmal. „Was machst du denn hier?“ „Wir beide plaudern ein wenig zusammen. Auf Ihr Wohl, gnädige Frau, und das des kleinen Fräuleins“, sagte er, indem er meiner Mutter das Tablett mit dem Imbiß abnahm. Nach dem Trunk verzog er das Gesicht, schüttelte sich und wischte sich mit der Hand über den Mund. Er gefiel mir wirklich zu gut. Meine Mutter nahm mich auf den Arm und ging mit mir ins Haus. Niemandem vertraute ich Georgs versprochenes Tauben- geschenk an. Lange mußte ich auf seinen Besuch warten. Die Maiglöckchen waren längst verblüht, meine Mutter hatte das Rondell inzwischen mit anderen Blumen bepflanzt. Die Bäume hatten anstatt ihres duftigen Blütenkleides große, grüne Blätter. Da endlich kam Georg wieder. Während er noch vor dem Hause auf dem Kutscherbock thronte, gab er mir schon Zeichen und deutete auf ein Körbchen hin, das zu seinen Füßen stand. Hastig begrüßte ich meinen Großvater und entwischte wieder durch dasselbe Pförtchen auf den Hof. Schon von weitem strahlte mich 12 R } Georg an, zeigte auf das Körbchen, das er mir aber erst nach dem Füttern der Pferde übergab. Endlich nahm er das zugedeckte Körbchen vom Kutscherbock herunter und winkte mir zu. Vorsichtig hob er den Deckel hoch und drinnen saßen, eng aneinandergeschmiegt, die beiden Täubchen. ,, Hier hast du sie. Es sind Pfauentauben, ganz zahme Tiere." - Darauf nahm er eine in die Hand, löste die Schnur von den zusammengebundenen Füßchen und setzte sie auf seine Handfläche. Auf seinen Pfiff flatterte die Taube davon und begann über unseren Köpfen zu kreisen. ,, Das hier ist das Männchen, das kannst du an seinem grünlichen Gefieder erkennen; das Weibchen ist etwas gräulicher", erklärte er mir, während er es von der Schnur befreite. Kurz danach flogen beide im Kreise über uns herum. Aber nicht nur das: auf einen besonderen Pfiff hin setzten sie sich auf Georgs Schulter, auf den Kopf, pickten Erbsen aus seiner Hand. Eine von ihnen flog auch auf meine Schulter. Ich war überglücklich. In diesem Augenblick öffnete sich die Haustür, und wie bei dem letzten Besuch trat meine Mutter aus dem Hause, um Georg zu bewirten. ,, Was ist denn das?" 99 ,, Tauben. Lebende, zahme Tauben, die mir gehören." ,, Woher hast du sie?" ,, Georg hat sie mir mitgebracht." Georg lächelte verlegen, meine Mutter aber sah mich strafend an; dann glitt ihr strenger Blick über Georg zu den Tauben. 73 59 , Was wollt Ihr dafür haben, Georg?", fragte sie. ..Wie denn?" ,, Nun, wieviel Ihr für die Tauben haben wollt? Wir können sie doch nicht für umsonst annehmen!" Georg machte ein ergrimmtes Gesicht und wurde feuerrot. ,, Ach, bitte, gnädige Frau, ich habe sie als Geschenk für die Kleine mitgebracht. Ich nehme keinen Pfennig dafür. Sie sind ja von meiner eigenen Zucht, ein zahmes Pärchen, da hat die Kleine etwas zum Spielen." Meine Mutter ging kopfschüttelnd, erregt, mit dem Tablett fort, und im Weggehen sagte sie: ..Auf keinen Fall können wir dieses Geschenk so annehmen. Vorerst schönen Dank." Aus der Küche holte ich mir Erbsen zum Füttern, und bis zum Mittagessen spielte ich mit Georg zusammen mit den Tauben. Beim Mittagessen erzählte meine Mutter dem Großvater und dem Vater von Georgs Geschenk, beide waren sehr überrascht und wunderten sich, wie dieser Mann bloß auf diese Idee gekommen ist. ,, Das ist ja einfach nicht zu glauben", meinte mein Großvater, ..kein Bauer verschenkt etwas umsonst. Da steckt doch was dahinter. Sicher hat er sich mit jemandem geprügelt oder sonst etwas verbrochen, und nun will er sich auf diese Weise die Protektion des Richters sichern." 74 Mein Vater, aufs äußerste aufgebracht, pflichtete ihm bei: Ja, natürlich, natürlich, ganz richtig, daß mir das nicht gleich eingefallen ist! Also, meine Liebe", wandte er sich an meine Mutter ,,, du zahlst ihm unbedingt einen Rubel dafür. Sollte er ihn nicht nehmen, dann soll er die Tauben wieder mitnehmen." Während dieser ganzen Unterhaltung fühlte ich mich sehr getroffen, war todunglücklich und konnte schließlich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Als meine Mutter das bemerkte, sagte sie zu meinem Vater etwas auf französisch, und das Taubengespräch wurde abgebrochen. Ich war nicht imstande, auch nur ein Häppchen herunterzukriegen, die Angst, ich könnte die Tierchen wieder verlieren, schnürte mir förmlich den Hals zu. Gleich nach dem Mittagsmahl rannte ich auf den Hof zu Georg und den Tauben, für die Georg in der Zwischenzeit einen primitiven Taubenschlag oben im Pferdestall gezimmert hatte. Nun war er gerade damit beschäftigt, die Tauben anzulocken und an ihre neue Behausung zu gewöhnen. Es war am späten Nachmittag, die Sonne sank dem Westen zu, als meine Mutter auf den Hof hinauskam. Wieder trug sie das sakramentale Tablett mit dem Imbiß für Georg in der Hand, neben dem diesmal ein silberner Rubel lag. Meine Mutter bewirtete Georg, er leerte mit Vergnügen das Glas, verzog sein Gesicht, spuckte kräftig in die Gegend und sagte den üblichen Trinkspruch: ..Auf das Wohl der gnädigen Frau und des Töchterchens!" Daraufhin versuchte meine Mutter erneut, Georg plausibel zu machen, daß er auf alle Fälle das Geld annehmen müßte, denn sie wolle sich für das Taubengeschenk revanchieren. 75 Georg wiederholte noch einmal, daß er dem Kinde damit eine Freude bereiten wollte und für kein Gold der Welt etwas dafür annehmen würde. ,, Nun, dann möchte ich darum bitten, die Tauben wieder mitzunehmen", sagte die Mutter scharf. Georg schob seine Müge gerade, pfiff, und schon kamen die Tauben auf ihn zugeflogen. Innerhalb weniger Sekunden geschah etwas Grauenvolles. Georg faßte die beiden Tauben an den Füßchen, legte sie auf den Hauklotz, neben dem eine Axt lag, und hackte mit einem Hieb beiden die Köpfchen ab. Die zuckenden, blutenden Tiere warf er mir mit den Worten vor die Füße: ,, Wenn das Opfer dem Propst nicht willkommen ist, so geh in den Stall, Kalb!" Ich schrie wie am Spieß. Die Mutter riß mich fort und trug mich auf ihren Armen in das Haus. Am Abend bekam ich hohes Fieber, und in den Fieberphantasien sah ich immer wieder die entsetzlich zugerichteten, blutigen, bunten Tauben vor mir.( Damals war ich einer Gehirnhautentzündung nahe.) Dieses Erlebnis hat sich mir so eingeprägt, daß mir beim Anblick eines smaragdgrünen Rasenteppichs noch jahrelang auf dessen Grunde das Bild meiner' verstümmelten toten Tauben erschien. Und auch heute auch hier sind sie mir erschienen unter den Hunderten von Beinen, die ich durch das schmale Fensterchen sehen kann. Ich habe Dir noch nichts davon geschrieben, daß auf diesem Bahngeleise Tag für Tag ungezählte Züge eintreffen. Von den Menschen, die dort aussteigen, kann ich nur die Füße sehen, die bald dorthin wandern, wo sie der sichere Tod erwartet. Stundenlang liege ich hier, in meinem Blickfeld 76 wimmeln lauter Beine, von Männern, Frauen und Kindern mit gutem oder schlechtem Schuhwerk bekleidet, die alle bald aus meinem Gesichtskreis verschwinden und in das Krematorium marschieren. Es ist Frühling. Sonne erhellt die Welt, Liebe und Freiheit- und gleichzeitig diese Grausamkeiten, die Menschen ihren Mitmenschen zufügen. Warum? Stunden um Stunden liege ich nun hier, ein frisches, grünes Rasenstück vor meinen Augen, und darauf immer wieder neue Beine von unglücklichen Menschen, die in den Tod gehen müssen und ich bin genau so hilflos und ohnmächtig wie damals als vierjähriges Mädchen. Heute ist es noch viel grausamer; damals konnte ich schreien, heute darf ich das nicht einmal. -- - Mein Liebster, einziger Freund, verzeih, daß mein erster Brief an Dich nach so vielen Jahren so voller Traurigkeit ist. Du bist Dichter vernimm meinen Ruf: fühle, daß ich heute an Dich geschrieben habe, antworte mir mit einem Gedicht. Ich will und darf nicht den Glauben verlieren, ,, daß es eine Liebe gibt, die siegt". Wie sehne ich mich nach Deinen Gedichten, wie gern hätte ich sie bei mir... Kein Gedicht, kein Lebenszeichen und so oft keine Hoffnung mehr... Rasen, Beine, Stacheldraht. Einige Fetzen Papier, auf denen ich schreibe. Wie könnte mein Brief in diesem Dasein anders klingen? 77 72 KONZERT Das Orchester machte einen sehr merkwürdigen Eindruck. Die Ausführenden waren Frauen, stets in einheitlicher Kleidung: dunkelblaue plissierte Röcke, mit weißen kurzärmeligen Blusen oder dunkelblaue Kleider mit weißen Punkten. Als Gruppenaufnahme, zur Veröffentlichung in einer illustrierten Zeitung bestimmt, hätte man diesem Bilde etwa folgende Überschrift geben können:„ Damenorchester spielt täglich vor zahlreich versammeltem Publikum"... usw. In der Instrumentenbesetzung nahmen die zahlreichen Mandolinen den ersten Platz ein, außerdem waren einige Geigen, Violoncelli, Trommeln, wohl auch ein Saxophon vertreten. Klanglich herrschte das Mandolinenspiel und der düstere Trommelschlag vor. Die zitternden Klimpertöne der Mandolinen milderten zwar den musikalischen Gesamteindruck, doch irgendwie verliehen sie dem ganzen Ensemble eine lächerliche Note. Dafür wirkte die Trommel gewaltig, unheimlich, durchdringend. Die dumpfen Trommelwirbel erinnerten, trotz ihres andersgearteten Rhythmus, unwillkürlich an die Ankündigung besonders aufregender Attraktionen im Zirkus, vor dem Salto mortale eines Seiltänzers oder sonst einer mit Spannung zu erwartenden Zirkusvorführung. Bei dieser musikalischen Ansage besonders attraktiver Programmnummern pflegen den Zuschauern leichte Schauer über den Rücken zu laufen. Der Salto mortale, den die ,, Zirkuskünstler" zum Takt dieser Trommel vorzuführen hatten, hatte auch seinen ganz spezifischen Charakter. Die riesenhafte Zirkusarena, die diejenigen zu Zeiten Neros bei weitem übertraf, war das Konzentra79 tionslager Auschwitz, und die Seiltänzer die täglich im Morgengrauen marschierenden Frauenkolonnen in unübersehbaren Fünferreihen verschiedener Nationalitäten, Klassen, Rassen und Altersstufen. In aufrechter, strammer Haltung, die Blicke aufmerksam geradeaus gerichtet, den linken Fuß sorgfältig dem Marschtempo der Trommel und dem Kommando: ,, Links, links, links und links!" angleichend, das die übereifrigen Vorarbeiterinnen unentwegt wiederholten, marschierten sie Tag um Tag in Reih und Glied. Das war kein gewöhnlicher Fußmarsch, der einem inzwischen zur täglichen Gewohnheit hätte werden können, nein, das war unser täglicher, großer, kollektiver Salto mortale. Die geringste Unachtsamkeit, eine momentane Erschöpfung, eine augenblickliche Furcht oder ein plötzlicher seelischer Zusammenbruch genügte, um den Seiltänzer zu Fall zu bringen und ihn in den Abgrund zu stürzen. Sobald das Tor hinter uns lag, das dröhnende Getrommel und das Zittern der Mandolinen verhallte, trat eine vorübergehende Entspannung ein: das Tor hatte man glücklich passiert!... Die für gewöhnlich im graubeigenen Auto stehende Reklameschönheit, die Lagerkommandantin ,,, Aufseherin" Mandel, war mal nicht herausgesprungen, um mit ihrem in Glacéhandschuhen steckenden Händchen jemanden ins Gesicht oder auf den Kopf zu schlagen. Die Aufseherin Dreschler, die die Füße und Knöpfe kontrollierte, hatte heute mal nicht das geringste auszusetzen. Der Schrecken des Lagers, Tauber, stand mit gekreuzten Armen, in napoleonischer Haltung da, ohne daß er wie der Blitz den Gummiknüppel zur Hand hatte, um dreinzuschlagen. Ein herrlicher Morgen, die aufgehende Sonne taucht den Himmel in rosarotes Licht, und die Tauperlen auf den Feldern glitzern wie Silber. Links am Horizont zeichnen sich Gebirgs80 kuppen in graublauem Dunst ab, und die schneebedeckten Gipfel schimmern in rosa getönter Färbung. Ein allgemeines Aufatmen, es ist alles ohne Zwischenfall geglückt, der Tag hat gut angefangen. Die ersten Übungen auf dem Seil sind gut verlaufen. Das Herz hüpft einen kurzen Augenblick vor Freude und möchte am liebsten aus dem Käfig herausspringen und wie ein Zirkuskünstler zu dem Besitzer sagen: voilà! Weiterhin muß man sehr aufmerksam und achtsam sein die zweite Nummer des Tagesprogramms läuft an und dauert bis zum Mittag um zwölf Uhr. Jetzt heißt es, überlegt arbeiten und sich nicht überanstrengen, seine Kräfte sparen, ohne daß die Aufseher etwas merken, immer in der Reihe bleiben, sich nicht entfernen, sonst bekommt man unweigerlich den Knüppel oder die Hundezähne zu spüren.( Der Hund wirkte völlig harmlos: mit seiner gutartigen Schnauze hätte man ihn für ein durchaus friedliches Haustier halten können.) Zwischen zwölf und einhalb ein Uhr ruhen die zu Tode ermatteten Glieder aus, und der hungrige Magen wird mit einem brühheißen, dicken Brei abgespeist. Die Sonne glüht, ein Glück, daß es nicht regnet. Bienen summen um die Blumen am Wegrand, und weiße Lämmerwölkchen kräuseln sich am Himmel. Jemand prophezeit Regen, die Wölkchen und die klare Sicht auf das Gebirge seien sichere Anzeichen dafür. Eine andere bemerkt dazu, daß ihr Regen bei ihrem Herzleiden lieber sei als Sonne. Sie hält einen Augenblick inne und greift nach ihrem Herzen. In ihren Augen steht die bange Frage: Wieviel Sonnentage wird dieser immer schwächer arbeitende Motor noch durchhalten? Eine andere wiederum empfindet das Sonnenwetter als Wohltat für ihren Gelenkrheumatismus, der ihr bei der Feldarbeit im Regen unerträgliche Schmerzen verursacht. Allmählich verstummen die Gespräche ganz, jeder sehnt sich nur nach Ruhe, nach völliger 6 81 Entspannung. Da ertönt schon der schrille Pfiff und gleich hinterher der Befehl: ,, Aufstehen!" Der vor Hitze und Durst japsende Hund erhebt sich als erster und gibt durch Bellen das Zeichen zum Aufbruch. Den Vormittag hat man glücklich überstanden, jetzt heißt es bis zum Abend durchhalten, nach derselben Devise wie am Vormittag. Nach getaner Arbeit der lange, ermüdende Rückmarsch ins Lager. Nur nicht daran denken, wie sehr die Füße, die Hände und das Kreuz schmerzen, noch steht uns ein fast zweistündiger Abendappell bevor. Erträglich ist nur der eine Gedanke, wieder ist ein Tag geschafft. Noch ein siegreicher Tag! Ein Tag der Freiheit näher, vielleicht auch dem Tode... Von weitem empfangen uns schon die bekannten Orchesterklänge am Tor. Die Mandolinen und Geigen jubeln und frohlocken, summen wie Insekten auf dem Felde, und die Trommel warnt und mahnt: Achtung, Achtung, links, links, links und links. Die gesenkten Häupter schnellen nach oben, die Körper straffen sich, die Fünferreihen werden hastig ausgerichtet, und die ersten Reihen passieren bereits das Tor. Und wieder steht die schaurigschöne ,, Aufseherin" Mandel kontrollierend neben ihrem Auto, die bösen Blicke der übrigen SS- Männer und SSFrauen gleiten prüfend über die Kolonnen. Wird es gelingen, unbehelligt hindurchzukommen oder nicht... Ein kleines, zartes Mädchen, das inmitten einer Gruppe marschiert, erwischt es. Auf dem Felde hatte sie sich ein Sträußchen Tausendschönchen gepflückt, es sich angesteckt und vergessen, es vor dem Einmarsch zu verstecken oder noch rechtzeitig fortzuwerfen. Man zerrt sie aus der Reihe, entreißt ihr die Feldblumen, zertritt sie und prügelt auf das arme Geschöpf ein. Die Kolonne marschiert unerschütterlich weiter. Und das Orchester spielt. Das Mädchen kniet mit blutüberströmtem Gesicht am Weg82 rande und hält in ihren nach oben ausgestreckten Händen zwei schwere Steine. Von den Tausendschönchen blieb keine Spur, hunderte von Tritten haben sie zermalmt, und das zarte, knieende Mädchen war vom Trapez abgestürzt. Kein tödlicher Fall, aber ein bedrohlicher Sturz. Sicherlich wird sie morgen in der SK( Strafkolonne) mitmarschieren. In der ersten Zeit spielte das Orchester nur zweimal täglich, am Morgen und am Abend, manchmal auch am Sonntag vormittag. Als die Transportzüge mit den ungarischen, für die Vergasung vorgesehenen Juden immer häufiger wurden, ordnete die Lagerleitung zweimal wöchentlich Platzkonzerte auf dem Terrain des Spitals an, um angeblich zur Unterhaltung der Kranken beizutragen. Zu diesem Zweck eigens mußten wir den Platz für das Orchester herrichten. In der Mitte befand sich eine große, quadratische Rasenfläche, von der ein Teil, mit Steinplatten ausgelegt, Standort des Orchesters wurde; auf die Steinplatten mußte mit Kalk eine Harfe gemalt werden. An den Ecken des Platzes entstanden Blumenanlagen, aber die Blumen wollten seltsamer Weise nicht gedeihen trotz sorgsamster Pflege welkten sie dahin. Auf dem Gelände um den Platz herum war noch viel Arbeit zu leisten: aus flachen, gleichgroßen Steinchen mußte ein Weg angelegt werden. Da auch ich mit dem Pflastern dieses Weges beschäftigt war, hatte ich Gelegenheit, diesem ersten Konzert beizuwohnen. Auf der Erde knieend, fügte ich mühsam Steinchen an Steinchen. Das Orchester traf auf dem Platz ein. Notenständer wurden aufgestellt, Noten ausgebreitet und die Klappstühlchen hingestellt. Eine hochgewachsene, biegsame Frauengestalt nahm ihren Platz vor dem Orchester ein, hob den Dirigentenstab, als erstes Stück erklang ein sentimentaler Walzer. Aus allen Krankenblocks kamen die Kranken heraus, einige waren gut zu Fuß, andere schleppten sich, in graue Decken 8. 83 eingehüllte Gestalten, mit geschorenen Köpfen und eingefallenen Gesichtern, dahin. Manche trugen einen Arm in der Armbinde, einige hatten bandagierte Köpfe. Alle waren derartig geschwächt, daß sie sich kaum auf den Beinen halten konnten und sich auf den Boden hockten oder setzten. Janina, eine frühere Pflegerin, schwer lungenkrank, wird von ihren Kameradinnen auf der Bahre hergebracht und in den Schatten gestellt. Von allen Seiten strömt das grau- nackte Publikum. Das gleißende Sonnenlicht scheint unbarmherzig auf das ganze Leid und Elend dieses menschlichen Siechtums herab. Die erdfarbenen, fahlen Gesichter der Kranken und die frischen, rotbäckigen Musikerinnen, welch ein Kontrast! Die Walzermelodie ist verklungen. Begeisterter, anhaltender Beifall, voller Dankbarkeit leuchten die Augen der Kranken. Die Dirigentin klopft mit dem Stab an das Pult, hebt die Arme und verharrt einen Moment, das Orchester spielt ,, Solveigs Lied" von Grieg. Unter diesen wehmütigen, zu Herzen gehenden Klängen neigen sich die Köpfe der Zuhörerinnen im weiten Kreise. Es folgt ein Duett: ein fröhliches Operettenlied. Eigenartig wirkt dieses im Kabarettstil vorgetragene Couplet. Inmitten der grauen Schatten dieser menschlichen Gestalten vergaß ich, ganz in die Musik vertieft, meine Pflastersteine. Plötzlich fühlte ich, wie sich jemand über mich beugte. Vor Schreck zuckte ich zusammen und erstarrte fast: der diensthabende SS- Mann ,,, Weißhälschen" genannt. Ich fürchtete, eine Tracht Prügel zu bekommen, aber nein. Er neigte sich noch tiefer zu mir herunter und sagte: ,, Du mußt arbeiten, du darfst der Musik nicht lauschen, das Konzert ist nicht für euch, sondern für die Kranken bestimmt. Verstanden?" Ich nickte zustimmend, nahm eiligst meine Pflasterarbeit wieder auf. Einen Augenblick blieb er noch in meiner Nähe stehen, dann entfernte er sich wieder. Mit dem linken 84 Auge nach ihm schielend, stellte ich tiefbefriedigt fest, daß er mich nicht mehr weiter beobachtete, sofort ließ ich meine Arbeit wieder ruhen und widmete mich den musikalischen Genüssen. O weh, wie sonderbar klang so manche Melodie, die dieses Orchester spielte... Auf dem Gleise, dicht hinter dem Stacheldrahtzaun, fährt wieder ein neuer Zug ein. Viele Menschen steigen aus. Das Orchester spielt gerade eine verführerische, einschmeichelnde Melodie. Aus der am Zuge versammelten Menschenmenge winkt uns jemand fröhlich zu... Schwere, tiefhängende Rauchwolken werden vom Winde herübergeweht, erschüttert frage ich mich: Vielleicht bedeutet es ein Glück für sie, unter Orchesterklängen in den Tod zu gehen, nichts ahnend, welch grauenvolles Ende ihrer harrt...? So gingen sie dahin, zurück blieben Berge von Sachen und Gepäckstücken. Unermüdlich spielt das Orchester, ein Stück nach dem anderen und der Musik lauschend, eilten meine Gedanken zu Dir; in vielen verschiedenen Ländern, Städten und Gegenden suchte ich Dich, bis ich Dich endlich fand und plötzlich vor mir sah... Strahlend und unbekümmert saẞest Du auf der Terrasse eines großen Kaffeehauses in einer fernen, unbekannten Stadt. Neben Dir eine junge, entzückende Frau; aus hohen Kelchen, die vor Euch standen, nahmt Ihr den labenden Trunk. In Eurer Umgebung Menschen über Menschen, in Ruhe und Freiheit lebende Menschen... und im Hintergrunde spielte ein Orchester dieselbe Melodie wie hier, und Euch schien dieselbe Sonne wie mir. Nach Sekunden entschwand meine Vision. Ich lächelte und dachte: Wie sehr wünschte ich, daß das Geschaute Wahrheit wäre! Sei glücklich und sorglos, genieße das Leben frei und ungebunden. Es ist genug, daß ich hier den Weg von Steinen baue. 85 ABSCHIED VON ZOFIA PRAUSS Im April 1944 verbreitete sich im Frauenlager AuschwitzBirkenau die Nachricht, daß ein großer Häftlingstransport von Polinnen aus Majdanek eingetroffen sei. Der Transport wurde in Brzezinki( in der Nähe des Krematoriums) angehalten und nicht auf das Terrain unseres Lagers heraufgelassen. Diese Nachricht deprimierte uns außerordentlich. Bisher fanden alle arischen Transporte nach der Erledigung der Formalitäten im Lager Aufnahme. Natürlich entstanden sofort im ganzen Lager sehr beunruhigende, pessimistische Gerüchte, dieser Frauentransport sei der Vernichtung durch Vergasen bestimmt, man wartete nur noch auf den Liquidierungsbefehl aus Berlin. Glücklicherweise erwiesen sich alle diese schaurigen Gerüchte als unwahr, und nach einigen Tagen bereits marschierten die„ Majdanekerinnen" in unser Lager ein. Ich lag damals als Rekonvaleszentin nach Flecktyphus und Ruhr im Spital und hatte dadurch Gelegenheit, meine Landsmänninnen fast unmittelbar nach ihrer Ankunft kennenzulernen. So erfuhr ich, daß dieser Transport fast nur aus Alten, Kranken und Schwachen bestand und von Ärzten und Pflegepersonal begleitet worden war. Die neuangekommenen Pflegerinnen standen freundlich lächelnd unter uns und gaben auf Hunderte von Fragen geduldig Antwort. Als wir von ihnen erfuhren, daß die meisten 87 im ,, Pawiak- Gefängnis" in Warschau gesessen hatten, begann das Fragen von neuem, jeden interessierte, etwas über das Schicksal seiner Bekannten zu hören. Ich beugte mich aus dem Bett und wandte mich an eine Pflegerin mit der Frage: ,, Ist mit diesem Transport zufällig Frau Zofia Prauß mitgekommen?" ,, Ja, sie ist auch dabei. Sie ist im Revier auf Block siebzehn untergebracht." - Im Pawiak war ich nämlich mit ihrer Tochter Jadwiga Jedrzejewska-in einer Zelle zusammen. Ihre Herzensgüte, Hilfsbereitschaft und Aufopferung wird allen Leidensgefährtinnen bis an ihr Lebensende unvergeßlich bleiben. Ich hatte miterlebt, wie sehr sich Jadwiga um das Schicksal ihrer Mutter in Majdanek sorgte. Ich versuchte nun, so schnell wie möglich mit ihrer Mutter in Verbindung zu kommen. Da ich schon das zweite Jahr in Auschwitz war, von zu Hause Pakete erhielt, kannte ich die Lagergepflogenheiten zur Genüge und auch die verschiedenen Möglichkeiten, wenigstens die lebensnotwendigsten Dinge für das entbehrungsreiche, armselige Häftlingsdasein zu beschaffen. Vielleicht kann ich der Greisin doch mit diesem oder jenem helfen und ihr eine kleine Freude bereiten, dachte ich. Auf einem kurzen„ Grips" teilte ich ihr mit, daß ich die Frau von Wladyslaw Broniewski sei, den sie persönlich kenne, daß ich im Pawiak mit ihrer Tochter Jadwiga zusammen gewesen sei und daß ich ihr im Rahmen des Möglichen helfen wollte. Außerdem schickte ich ihr ein Päckchen mit Weißbrot, Zucker, Zigaretten und anderen brauchbaren Sachen. Nach einigen Stunden erhielt ich schon die Antwort von ihr. Auf einem zerdrückten grauen Papierfetzen hatte sie 88 mit einem abgebrannten Streichholz mühsam einige Zeilen gekritzelt, daß sie über mein baldiges Kommen hoch erfreut sei. Diese Bitte klang sehr einfach, aber wie schwer war sie zu erfüllen. Den Kranken war bei der Einlieferung in die Spitalsbaracke die Zivilkleidung abgenommen worden, man verfügte nur über das eine Hemd, in dem man im Bett lag, und darin durfte man ja nicht von Baracke zu Baracke laufen, na, und schließlich... Aber für alles fand man im Lager einen Ausweg. Meine Nachbarinnen hatten in ihren Strohsäcken Zivilkleidung versteckt und halfen mir mit einer Bluse und einem Rock aus. Jetzt war nur noch etwas Geschicklichkeit erforderlich, sich nach dem Abendappell unbemerkt aus dem Block zu verdrücken und nach Nummer siebzehn zu gelangen. Unauffällig schlich ich mich durch die Baracken, und ohne von dem Dienstpersonal auf Nummer siebzehn behelligt zu werden, war ich im Block verschwunden. Nun kam eine neue Schwierigkeit: ich kannte Frau Prauß persönlich nicht und wußte auch nicht, in welchem Bett sie lag. Sollte ich fragen? Oder würde man mich als Fremde erkennen und hinauswerfen? Aber auch diesmal hatte ich Glück- bereitwilligst gab mir eine der Insassinnen Auskunft und wies mich auf die alte. weißhaarige Dame im ersten Etagenbett. Einen Augenblick stand ich wortlos da, was sollte ich sagen, wie sie in ihrem Schweigen stören. In ihrem Bett sitzend, schaute sie mit ihren großen, dunklen Augen vor sich hinabwesend, in sich gekehrt... Nach einer ganzen Weile entschließe ich mich, näher heranzugehen, stelle mich auf die Zehenspitzen und spreche sie an: 99 Guten Abend. Sie wollten mich kennenlernen. Da bin ich." In diesem Augenblick leuchten ihre Augen in jugendlichem 89 Glanz auf. Sie streckt mir beide Hände entgegen, drückt meinen Kopf an sich und flüstert mir ins Ohr: ,.Erst sag mir einmal, glaubst du an den Frühling der Völker?" Staunen und eine unsagbar tiefe Ergriffenheit bemächtigt sich meiner... ,, Ich glaube daran", sage ich unter Tränen. ,, Glaubst du an den Sieg der Weltrevolution und an die totale Vernichtung des Faschismus?" ,, Ich glaube daran", wiederhole ich, wie einen Schwur. ,, Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen, mein Kind", sagt sie noch. ,, Sicherlich kannst du irgendein Gedicht von Wladek auswendig. Sag mir doch eins auf, gerade jetzt verlangt mein Herz so sehr danach." Wir unterhalten uns im Flüsterton, hastig, um nichts zu vergessen... Von Jadwiga, vom Pawiak, schnell flüstere ich ihr noch einige Verse ins Ohr, denen sie mit Tränen in den Augen lauscht. Dann erzählt sie mir flüchtig noch aus ihrem Leben, von ihrer letzten Rede auf einer Kundgebung am 1. Mai, von den Demonstrationen in der Zeit um 1905, von den damaligen Kämpfen des Proletariats. Dabei leuchten ihre Augen voller Glut und Begeisterung erzählt sie aus ihrer Vergangenheit, und man vergiẞt ganz ihre zweiundsiebzig Jahre. - Unerbittlich rinnen die Minuten, es ist höchste Zeit, aufzubrechen, ich muß in meine Baracke zurück. Das Abschiednehmen fällt mir furchtbar schwer. Wir beide fühlen, daß wir in diesen wenigen Minuten eine teure Freundschaft geschlossen haben. Noch einmal drückt sie meine Hand und sagt zum Abschied: 90 ,, Halte dich stark, Kind. Wir werden diese Schurken überdauern. Ihre Herrschaft ist bald zu Ende!" - Draußen vor der Baracke erquickt mich herrliche Maienluft. Ich sehe weder Stacheldraht, noch das flammende Feuer des Krematoriums ich höre über mir das Rauschen der roten Standarten; wie wunderbar, siegreich wehen sie in der Luft. Ich sehe um mich herum keine gestreifte Sträflingskleidung mehr, ich sehe einen Zug freier, glücklicher Menschen. Ich fühle mich wie berauscht. Unerschütterlich ist mein Glauben an den Sieg der Revolution. Zofia Prauß starb an dem Tage, an dem die Rote Armee in das von den Deutschen verlassene Lager einmarschierte. Ich weiß nicht, ob sie mit dem Bewußtsein starb, daß die Freiheit schon so nahe sei... Vielleicht es war zuviel des Glückes für ihr müdes Herz. - 91 INHALTSVERZEICHNIS Erinnerung eines Freundes. Sintflut. Entlausung 5 15 21 Ratten 33 • Kinder hinter Stacheldraht 37 Pelagia. 49 Zina. 59 Tauben. Konzert. 67 79 Abschied von Zofia Prauß . 87 93