Denk, Österreich...! Denk, Österreich, der vielen deiner Kinder, Die litten, weil sie blieben, was sie sind, Die, eh' sie dich verrieten, Das Blut, das von dem Deinen war, Für dich vergossen! Denk, Österreich, der vielen blanken Augen, Die brechen mußten, Eh' sie noch einmal dich geschaut, In denen aller Glanz der Heimat stand, Als sie erloschen. Die Leiber waren sterblich, Doch mächtiger als Macht und Tod War deiner Söhne Geist! Denk, Österreich, der vielen, vielen Kreuze Der Namenlosen, Die namenlos geduldet, Weil sie dich namenlos geliebt! Sie sind der stille Acker, In dessen Schoß ein heil'ges Testament beschlossen, Das in die Zukunft weist Und bindend bleibt Für alle deine Tage. Laẞ nie die Stunde kommen, In der ihr Opfer Seinen Sinn verliert! Laẞ unverlöschbar, heiß und hell, Die Flamme der Erinn'rung brennen An deine Treuen, Als ew'ges Licht im Dom des Glaubens An deine Sendung Und an deine Seele...! Unsere Bilder Nach Seite 2 Nach Seite 24 Nach Seite 32 Nach Seite 48 Nach Seite 64 Nach Seite 80 Nach Seite 112 Nach Seite 128 Nach Seite 144 Nach Seite 160 Nach Seite 176. . Anselm J. Grand im Atelier( 1945) . Teil einer Postkarte Plan des Konzentrationslagers Dachau Am Pfahl Akelei Plan des Konzentrationslagers OranienburgSachsenhausen Partiturseite: ,, Mutter, hilf!" ,, Atelier" im Keller Im Leichenkeller Partiturseite: ,, Consumatum est" Selbstbildnis Von c meiner He alles jube der deutsc im Wind Gesichter raten. So Stadt de Rausch, voll Bos Rachsuch drückte, nicht aus Voraussic nur Krieg Mörder a Schritte ü und zu ste blicklich angst vor ist die Gr Weit wandern unter Trän und Näch Adern un Zerrissen glück. In Österreich alles Volk Welt bes nienburg- Von Graz nach Dachau „Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt!” Von diesen Worten und Melodien sind Straßen und Plätze ‚meiner Heimatstadt Graz erfüllt. Derbe Schritte lärmen draußen, ‚alles jubelt und grüßt die einmarschierenden endlosen Kolonnen ‘der deutschen Wehrmacht. Rote Fahnen mit Hakenkreuzen flattern ‘im Wind und unter ihnen bewegt sich eine Menschenmenge, deren ‚Gesichter teils Gedankenlosigkeit, teils tiefsten Schmerz ver- ‚raten. Somit pilgern zwei Sorten Menschen durch die Straßen der - ‚Stadt der Volkserhebung‘, Graz. Die eine Gruppe: Sieger, voll Lust, Rausch, Zuversicht und Hoffnung, voll Gemeinheit und Blödheit, ‘voll Bosheit, Eigensinn, Niedertracht und Unmenschlichkeit, voll "Rachsucht und aufreizender Präpotenz. Die zweite Gruppe: Ge- ‚drückte, Traurige, mit Tränen in den Augen. Ihr‘Verhalten kommt ‘nicht aus politischer Weitsicht, sondern aus der instinktiven 'Voraussicht und Erkenntnis, daß dieser größenwahnsinnige Gesang ‚nur Krieg und Elend bedeuten wird. Sie klagen stumm und still die ‚Mörder an, beweinen die alten Mauern und fühlen, daß sie ihre "Schritte über eine Schädelstätte lenken, auf der sie nun zu gehen "und zu sterben gezwungen werden. Diese zweite Gruppe, die augen- ‚blicklich weitaus kleinere, ist auch jene, die hastig und in Todes- angst vor den kommenden Schächern und Schergen flüchtet. Sie ist die Gruppe der Patrioten, der ewig treuen Österreicher! Weit gehen die Tore der Gefängnisse auf und schon nach Tagen ‘wandern durch die Pforten Menschen in die Zellen, in denen sie unter Tränen ihr Schicksal, ihr Ende abwarten. Hart sind die Tage und Nächte, schwer die Herzen. Hastig pulst das Leben in ihren Adern und hinter den hart aufgerichteten, aufrichtigen Stirnen. Zerrissen sind die Seelen, zerfleischt, zerfetzt ist das Familien- glück. In den Herzen aber brennt das Wort, ihr Ziel:„Österreich den Österreichern!' Mag der Stiefel des Nationalsozialismus alle Kultur, alles Volkstum in Scherben treten, mag er vorübergehend auch die Welt besiegen, einmal wird er abtreten und müde zusammen- S sinken! Einmal wird er am Ende sein und wie eine gerichtete Kreatur vom Galgen fallen. Der überhebliche preußische Militarismus, der seit Jahrhunderten der ganzen Welt nur Krieg bedeutete, kann auch diesmal nicht mit der Flagge des„, Friedens" auf diesem Erdenklumpen aufmarschieren, ohne daß die Welt dahinter die Flammenzeichen der Vernichtung erkennt, die der Kriegsfurie den Weg zeigen. Wir sind bereit, unter diesen Scherben, von denen das Lied spricht, eher selbst als Scherben zu liegen, zertreten zu werden, als die Fahne unseres heiligen Landes und dessen Kultur den mordsüchtigen, kriegslustigen Soldatenhorden in die Hände zu geben. So weh es uns tut, so traurig die Tatsache ist wir bezeichnen den Nationalsozialisten in Österreich als den Vaterlandsverräter aller Zeiten, als Vernichter seines Volkes, seiner Heimaterde, als einmaligen, noch nie dagewesenen Geschichtsverdreher und Meister der Lüge, die er zu einer Wissenschaft erhob. - Wir erkennen in ihm den furchtbarsten Massenmörder aller gewesenen und zukünftigen Welt. Jede dieser tragikomischen Figuren müßte, wenn sie nur einen Funken Vernunft aufzuweisen hätte, sehen, daß Österreich durch keinen Militarismus gleich einer Maschine ,, anzukurbeln" ist. Zwingt eine Macht diese Ansicht in unser Volk, wird es eher brechen, als sie gegen sein Blut annehmen können. Die Berge und ihre Menschen ergeben Österreich! Nicht die Stadt, nicht die Maschinen, nicht die Fabriken! Der Quell, der hoch von umwolkten Zinken in Tal und Mulden rauscht, die Wurz, die sich tief in die harte, steinige Erde gräbt, die Blume, die von Höhen zur stillen Straße grüßt, der Wind, der über seinen Bergen rauscht und der Adler, der all die Gipfel königlich umreigt, sind mit den Menschen das Land, unsere Heimat Österreich! Das ist der Pulsschlag unseres Lebens, Trieb und Anfang unseres Werdens und Sinn unseres Seins. Diese unauslöschliche, ewige Tatsache wird bestehen, solange auch nur eines Österreichers Herz schlägt. Sie wird weder ein Diktat noch ein Kaiser ändern können, und alle, die es bisher versuchten, gingen daran zugrunde. Ob dieses Lied: ,, Heute gehört uns Deutschland", auch so tiefen Wurzeln entsprungen ist wie unser Land, bezweifle ich! - ,, Wenn alles in Scherben fällt heute gehört uns Deutschland...!" Was wollt ihr in Scherben schlagen? Die Welt? Habt ihr denn eine andere anderswo? ,, Morgen die ganze Welt!" Wenn ihr sie zerschlagt, habt ihr sie doch nicht mehr! Wer hat denn die Macht, sie zu zertrümmern? Die Faust? Dein Tritt, Militarismus, oder dein Herz, Nationalsozialismus? Ist deine ,, Kultur" eine zerschlagende? Wer warst du, Schreiber dieser Melodie und Worte? Wer bist du, Volk, das dieses Lied zynischester Frechheit uns mit Absicht ins Gesicht schleudert? 6 Jahre uns. Wein Uniformen böden unse Nurschl zu lernen! Nur w für Österre was ich w gedenke e reich nicht erde in H Entwa sammelter namens S Zimmer z mich nied Von unte marschier Spor- und Es d weinte a Kein hing an Da zu zeige meinen meine K Ich zog m war, in wartete. Kaun richt, da lieber, gu kam mit Verfügum Knap die mir g Ich s führte m Spät Justi ein gemacht durch di gäßchen einem D richtete it Jahr- diesmal pen auf- hen der las Lied den, als ısicht in ehmen ‘h! Nicht Juell, der ie Wurz, die von n Bergen igt, sind Anfang Jahre des Kampfes, der Entbehrung, der Tapferkeit lagen hinter uns. Weinend hatten wir die Gewehre in Gruben geworfen, die Uniformen von den Leibern gerissen, in Stuben und auf den Dach- böden unserer Häuser verborgen. Österreich wollte schlafen gehen! Nurschlafen, nicht sterben! Österreich war verurteilt, zu leiden, zu lernen! Nur wenige tapfere Kameraden, die mit mir seit dem Jahre 1937 für Osterreich gekämpft hatten, scharten sich um mich und fragten, was ich weiter zu tun gedächte. Meine Antwort war kürz:„Ich gedenke erst recht für mein Land zu kämpfen! Ich gebe mein Öster- reich nicht auf, mag der Teufel mich selbst über dem Fleck Heimat- erde in Höhen und Lüften zerreißen...!" Entwaffnet, bloß in Uniform, verließen wir die Kaserne. Wir sammelten uns in der Hofgasse in Graz bei einem Kameraden namens Swetina in dessen Wohnung. Dort zog ich mich in sein Zimmer zurück und blieb mit ihm allein. Zum erstenmal setzte ich mich nieder und stützte vor Müdigkeit den Kopf in beide Hände. Von‘unten, aus der schmalen Gasse, dröhnte das Gebrüll der auf- marschierenden Kolonnen, die bewaffnet, undiszipliniert, durch Spor- und Hofgasse zum Karmeliterplatz marschierten. Es dauerte nicht lange, da brach ich völlig zusammen. Ich weinte angesichts der Tatsachen bitterlich.... Kein Wort vermochte ich über die Lippen zu bringen, denn ich hing an meinem Land wie ein Kind an der Brust seiner Mutter. Da es gefährlich war, sich weiter in österreichischer Uniform zu zeigen und da ich keine Zivilkleider bei mir hatte, bat ich meinen Kameraden, er möge in die Feuerbachgasse gehen, um meine Kleider, die ich bei meiner Braut hatte, zu holen. Er tat es. Ich zog mich um und ging mit meiner Braut, die mit ihm gekommen war, in ihre Wohnung, wo meine Großmutter bereits auf mich wartete, Ich hatte nur eine Pistole, die scharf geladen war. .Kaum war ich angekommen, brachte mein Bruder die Nach- richt, daß ein Trupp SS unterwegs sei, um mich auszuheben. Ein lieber, guter Freund, Alfred Blumauer, einst mein Geigenschüler, kam mit seinem Auto angerast und stellte sich mir freiwillig zur Verfügung. Knapp hinter ihm, etwa drei bis vier Häuser entfernt, sah ich die mir gemeldeten Gruppen anmarschieren, die mich holen sollten. Ich sprang aus dem Fenster, verschwand im Auto und Alfred führte mich kreuz und quer durch die Straßen von Graz. Spät nachts kehrte ich in die Feuerbachgasse zurück, wo mir Justi einen neuen Unterschlupf, den sie bei Bekannten ausfindig gemacht hatte, zuwies. Verstohlen und verkleidet huschten wir durch die dunklen Straßen des südlichen Graz. In einem Seiten- gäßchen der Lagerstraße hauste ein altes Pärchen hoch oben in einem Dachzimmer. Zwei Tage und Nächte blieb ich dort. Am 7 dritten Tag wurde ich von ,, lieben, guten" Nachbarn, die ich gar nicht kannte und die mich nie in ihrem Leben gesehen hatten, einem Hauptsturmführer der SA aus der Klusemannsiedlung angezeigt. Am Nachmittag dieses dritten Tages gegen 15 Uhr ließ er die Eingänge des Hauses besetzen. Er drang mit zwei völlig zerlumpten Verbrechertypen in die Wohnung der Alten ein und stellte mich. Er hatte eine scharfgeladene Pistole in der Hand, die anderen Unterweltler trugen Gewehre und in der rechten Rocktasche als zusätzliche Bewaffnung Gummiknüttel. Erst verlangte der SA- Führer meine Papiere. Da ich nur einen Reisepaß hatte, wies ich ihm den vor. Er nahm ihn mir ab, befahl den beiden Posten, mich zu bewachen, und verließ den Raum. Zwei Stunden blieb ich in dieser kleinen Kammer, dann packte mich die Wut. Ich sprang von meinem Sitz auf und befahl den beiden Posten kategorisch, mich zu ihrem Vorgesetzten, dem SA- Führer, zu bringen. Da ich sehr energisch wurde und keine Angst verriet, blieb ihnen nichts übrig, als meiner Aufforderung zu entsprechen. Sie führten mich über die Schönauerbrücke in die Klusemannsiedlung, wo in einem kleinen Häuschen das ,, Gruppenkommando" untergebracht war. Der Hauptsturmführer saß in einem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und unterhielt sich mit einigen sehr zweifelhaften Weibern. Ohne anzuklopfen, ohne mich deswegen zu entschuldigen, ging ich festen Schrittes hinein und verlangte Freilassung und Paẞ. Erst schlug er meine Bitte ab. Als ich aber nicht nachgab und energisch wurde, wies er, da er sich geistig unterlegen fühlte und sich vor den Posten schämte, die beiden SA- Männer an, ins Lager zurückgehen, da er mit mir allein verhandeln wolle. Als die Posten verschwunden waren, sah ich meinen Paß auf dem Schreibtisch liegen. Ich zog, ohne ein Wort zu sagen, die Pistole, griff nach dem Paß und verschwand durch die Tür in den Garten! Mit Eilschritten ging es der Mur zu. Ich war noch nicht weit gelaufen, als über die Hügelböschung des Vorgeländes der Mur ein Rudel Zivilisten mit Gewehren und Armbinden mich verfolgte. Sie schossen blind in die Gegend und brüllten wie eine Löwenherde. Da ich kein Unheil anrichten wollte, sprang ich ins Wasser und schwamm, mit der Pistole im Mund, durch den reißenden Fluß. Brüder bra umzingelt auch Kuri meiner Kla falls im Sp Nicht warteten a ich meiner Bekannten Dort z Sie schossen mir nach und forderten mich auf, zurückzuschwimmen. Ich fürchtete mich nicht, sondern tauchte fallweise unter und kam bei den Puchwerken wieder ans Ufer. Von dort lief ich in südlicher Richtung. Als es Nacht war, floh ich hinaus nach Baierdorf, wo mein Elternhaus steht, und versteckte mich dort im naheliegenden Wald auf Bäumen. Ich richtete mir im Geäst eine geeignete Liegestätte ein und verbrachte dort einige Tage. Meine kleinen Schwestern und 8 Viele Leben für von ihner wieder un Sieger, di zweiflung Die w sich dam ersten St traten, w Bernhard Hauptma Scheid, S Melanie Ivanusch Bobner 5 leutnant Schwarz Blumaue Sie w pest antr ein Wor Tausende einen reg Sonderku Aufgabe, Ober bis nach bekanntg Erdteilen Bei c einen Na regelrech dienst ein behaupte Holl r nicht einem ezeigt. eß er g zerstellte deren The als einen befahl m. packte hl den , dem keine ung zu mannando" nstuhl weifelzu entassung achgab fühlte an, ins aß auf en, die in den nicht es der ch vere eine ich ins h den chwimer und ich in o mein Wald gestätte ern und Brüder brachten mir in der Nacht, obwohl das Haus von Posten umzingelt war, Brot und andere Dinge in den Wald und machten auch Kurierdienste zwischen meinen Kameraden und mir. Eine meiner Klavierschülerinnen, Erika Zola von Baierdorf, war ebenfalls im Spiel und leistete mir gute Dienste. - Nicht lange konnte ich dort bleiben meine Kameraden warteten auf mich. Sie wollten arbeiten für Österreich! So wechselte ich meinen Wohnsitz und nächtigte abwechselnd bei Kameraden, Bekannten und Verwandten in Graz. Dort zog ich im April 1938 eine Freiheitsbewegung auf. Viele Österreicher schlossen sich mir an und traten mit ihrem Leben für die Heimat ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Viele von ihnen fielen, viele flohen ins Ausland. Manche kamen nicht wieder und nur wenige Getreue blieben als Kämpfer gegen diese Sieger, die sich ewig unbesiegt fühlten. Einige wurden aus Verzweiflung und Schwäche zu Verrätern. Die wenigen tapferen, unbeirrbaren Österreicher von Graz, die sich damals zuerst zu ihrem Lande bekannten und von der ersten Stunde an mit mir gegen die große ,,, unfehlbare" Macht antraten, will ich hier in diesem Buche öffentlich nennen. Es waren Bernhard von Noeth, Oberleutnant Paul von Butz, Dr. Maier- Gutenau, Hauptmann Alfred Microys, Peter Maxomus+, Alfred Blumauer, Scheid, Swetina, Baron Marsburg, Ehrenfried Grand, Erhard Grand+, Melanie Grand+, Anselm Grand- Vater+, Elisabeth Friedl, Martha Ivanuscha, Rittmeister Friedrich von Riedel, Johann Gaster, Franz Bobner+, Alfred Schifko, Justine Jodl F, Justine Jodl- Mutter, Oberleutnant Fritz Holl, Dr. Josef Neubauer, Ewald Weger, der Jude Schwarz und der Violinvirtuose Schnee, Erika Zola und Hermann Blumauer- Vater. Sie waren die ersten Unentwegten, die gegen die braune Mordpest antraten. Wenige nur leben mehr. Die anderen starben, ohne ein Wort zu verlieren, für ihre Heimat, für ihr Volk! Hunderte, Tausende schlossen sich bald an, sodaß wir gezwungen waren, einen regelrechten Kurierdienst nach Jugoslawien einzurichten und Sonderkuriere für das Ausland zu bestimmen. Letztere hatten die Aufgabe, mit sämtlichen Ländern Europas Verbindung aufzunehmen. Oberleutnant Fritz Holl war der erste, der über Jugoslawien bis nach Amerika unseren Willen, unsere Kampfentschlossenheit bekanntgab und die Meldungen unserer Freiheitsbewegung in allen Erdteilen verbreitete. Bei der Staatspolizei und den verschiedenen Ämtern hatte ich einen Nachrichtendienst eingeführt, bei Post und Eisenbahn einen regelrechten Funkverkehr, bei Polizei und Grenzschutz einen Kurierdienst eingerichtet, der sich weit über die Grenzen ausbreitete und behauptete. Holl verließ noch im Mai 1938 sein allein dastehendes, altes 9 Mütterchen und ging ohne einen Groschen über die Grenze nach Jugoslawien, wo er die Verbindung mit dem damaligen Minister Koroschetz aufnahm. Koroschetz teilte unseren Plan, in den Grenzgebieten einen Sammeldienst( Flüchtlingsaufnahmestelle) einzurichten, dem damaligen jugoslawischen Staatspräsidenten Stojadinovic mit. Dieser Plan, der auch aufgezeichnet war, enthielt Grenzübertrittsstege und geheime Wege und wurde vom jugoslawischen Staatspräsidenten nach Berlin verraten. Bald darauf erfuhr ich von der Sekretärin des damaligen Polizeichefs der Gestapodienststelle Graz, daß der Plan von Berlin nach Graz weitergegeben worden sei. Kadettfeldwebel Johann Gaster und Oberleutnant Paul von Butz gingen damals auf meine Veranlassung mit Arbeitern, die zwangsweise nach Wilhelmshaven abgeschoben wurden, und hatten den Auftrag, in den Reihen der österreichischen Arbeiter die österreichische Bewegung aufzuziehen. Gaster und Butz, die in den Befestigungsanlagen für Unterseeboote als gewöhnliche Arbeiter auftraten, sorgten für Verbindung mit Seestreitkräften und der gesamten Bevölkerung und schufen so das 1. Kampfterritorial im Norden Deutschlands für Österreich. Bobner und Schifko übernahmen den Kurierdienst zwischen Fritz Holl in Jugoslawien, Slovenska Bistritzka und mir, Martha Ivanuscha arbeitete im außerordentlichen Spionage- und Kurierdienst erst zur Polizei, dann nach Jugoslawien. Peter Maxomus leitete den Verbindungsdienst über Kärnten nach Jugoslawien, Hauptmann Alfred Microys sorgte für militärische Organisation, Dr. Maier- Gutenau führte den politischen Aufbau durch. Alfred Scheidl betreute die männliche, Elisabeth Friedl die weibliche Jugend. Swetina richtete Funkdienst und Nachrichtenstation zur NSDAP ein, Noeth versah den Dienst eines Adjutanten und Baron Marsburg stand im Kurierdienst nach England via Frankreich. Alfred Blumauer stellte mir sein Fahrzeug Tag und Nacht zur Verfügung, damit ich jederzeit flüchten konnte. Es war harte Arbeit, die er übernommen hatte. Ich wurde von meinen Kameraden zum Führer dieser Bewegung bestellt. Meine ganze Kraft widmete ich dieser Berufung. jährige In schlagen. ren Name werden. M Lange ich wiede und offen durch die Beson Ich war nie sicher, verfolgt, wohin ich ging. Mit mir Brüder, Schwestern, Mutter. Selbst meine Großmutter mußte sich trotz ihrem hohen Alter von Nazikreaturen beschimpfen und anspeien lassen! Man kam eines Tages zu dieser 70jährigen Frau, riß meine Bilder von den Wänden, nahm den Säbel herunter, brach ihn und warf ihn zum Fenster hinaus. Man zerfetzte meine Soldatenmütze und drohte, die ,, alte Hexe" umzubringen, wenn sie nicht bald mein Versteck verrate. Brüder und Schwestern wurden auf offener Straße geschlagen und mit Steinen beworfen, der dreijährige Willibald und der vier10 sich der felsstraße ein Wort und ließ haften un jüngere S chen Stra ferenten machte, seiner p schlug i einige D Gründer Verbind Am gedenk von Ral Außerd marschi Sch verhafte zialister mich se und hiel in Kelle Kampf E Sch weil Ge eingespe Mei verletzt meiner nicht m ja nicht pöbelun meister kinderre nach mister GrenzeinzuojadiGrenzschen aligen Berlin Butz angsm den eichiefestiraten, en BeWorden ischen Martha Kurierxomus awien, sation, Alfred bliche on zur Baron kreich. r VerArbeit, wegung Brüder, a trotz speien meine hn und nmütze ht bald chlagen er vierjährige Ingomar wurden von ausgewachsenen Parteischergen geschlagen. Keiner unserer Leute getraute sich mehr, irgendwo unseren Namen zu nennen, weil er riskiere, deswegen erschlagen zu werden. Mir selbst ging es am schlechtesten... Lange vermochte ich mich nicht mehr zu verstecken. Bald ging ich wieder auf die Straße, um für Österreich zu werben. Trotzig und offen stellte ich mich den Horden, die singend und raubend durch die Straßen zogen, entgegen. Besonders entmenscht, niederträchtig und mordlustig benahm sich der illegale SS- Untersturmführer Klaus aus Eggenberg, Bodenfelsstraße. Obwohl ich diesen Menschen nie gekannt, mit ihm nie ein Wort gewechselt hatte, verfolgte er mich auf Schritt und Tritt und ließ mich, so oft er mich irgendwo sah, von der Polizei verhaften und visitieren. Ein unglaubliches Früchtchen war auch der jüngere Sohn der Familie Koch, ebenfalls in Eggenberg, in der gleichen Straße wohnend wie Klaus. Oft wurde ich dem damaligen Referenten Dr. Wallner, einem Illegalen, der nun bei der Polizei Dienst machte, vorgeführt. Er ließ mich von den SS- Knechten, die er zu seiner persönlichen Bewachung im Zimmer hatte, schlagen, doch schlug ich, so gut ich konnte, jedesmal zurück. Er hielt mich stets einige Tage in Haft und ließ mich dann aus mir bisher unbekannten Gründen wieder frei. Ich vermute, daß er das nur tat, um meine Verbindungen, die er suchte, kennenzulernen. Am 25. Juli 1938, als die Nationalsozialisten eine Heldengedenkfeier abhielten, gelang es mir, die Feier durch Abschießen von Raketen und Abbrennen von Kreuzen auf den Bergen zu stören. Außerdem sprengte ich mit einer Gruppe die auf dem Ring aufmarschierenden ersten kleinen SA- Kolonnen. Schon im Mai war der erste meiner Mitkämpfer, Ewald Weger, verhaftet worden. Er wurde in einer verratenen Sitzung mit den Sozialisten festgenommen und dem Landesgericht überstellt. Gegen mich selbst lief ab 25. Juli 1938 ein Haftbefehl. Ich erfuhr davon und hielt mich abermals in sämtlichen Vorstädten, auf Dachböden, in Kellern und Wäldern verborgen und setzte unbeirrbar meinen Kampf fort. Schwarz und Schnee kamen über die Grenze nach Jugoslawien, weil Gefahr drohte, daß sie als Juden in nächster Zeit ebenfalls eingesperrt werden würden. Meine Brüder, vor allem Erhard, wurden öfter sogar schwer verletzt und lagen manchmal tagelang bewußtlos. Ebenso erging es meiner Schwester Melanie. Meine Mutter wußte vor Verzweiflung nicht mehr, was sie tun sollte. Sie konnte ihre kleinen Lieblinge ja nicht verlassen und war jeder Hausdurchsuchung, jeder Anpöbelung völlig schutzlos ausgesetzt. Klaus und der junge Baumeister Musel, die sie einmal besuchten, nannten diese arme, kinderreiche Mutter ,, Verbrechermutter" und drohten, das kleine 11 Häuschen, das da draußen allein am Waldhang stand, anzuzünden und die Familie auszurotten! Sie war eine arme Mutter! Abgehärmt, verfolgt, auf der Straße beschimpft, ging sie ihre Wege durch die Stadt um Hilfe. Sie fand diese nirgends. Ein einziger Kaufmann in der ganzen Umgebung, der unbeugsame Österreicher Josef Valentinitsch, und die Familie Blumauer unterstützten sie nach Kräften. Mein Vater, der inzwischen krank geworden war und sich furchtbar abhärmte, ging seinem Ende entgegen. Kameraden und Kameradinnen hatten oft kaum zu essen und konnten sich Lebensmittel nur geheim, in der Nacht, aus ihren Wohnungen holen. Wir teilten und waren zufrieden, weil wir wußten, wofür wir kämpften, weil wir von dem unerschütterlichen Glauben beseelt waren, daß Österreich wieder erstehen werde. Draußen auf den Straßen rissen die hysterischen Weiber sich die Kleider von den Leibern und schrien: ,, Wir danken unserm Führer! Führer, befiehl, wir folgen!" Ich empfand diese Haltung als unwürdigen Unterwerfungsrausch, der die Gehirne der Massen durchtobte und nach einer von Berlin ausgegebenen Parole nachgeäfft wurde. " T , Wir danken unserm Führer...!" Eine Stimme schrie auf, Sprechchöre schlossen sich an. Wie kleine Kinder hinter dem Vorsprecher die Zeilen eines Verses nachschreien genau so, nur blöder, hörte dieses Geheul sich in Straßen und auf Plätzen an. - - - Ich kann mich genau erinnern: als der ,, Führer" durch die Straßen von Graz fuhr so wurde mir mitgeteilt hatten verschiedene Leute sogar Leitern mitgebracht, um nur ja das Antlitz des einmaligen ,, Retters Österreichs" sehen zu können. Ich wurde während des Führerbesuches von der Polizei festgehalten. Der Tiefpunkt der von draußen eingeführten ,, Moral" wird erreicht, die sich bald im ganzen Land, besonders unter dieser Jugend, ausbreitete. Das Blut stieg einem zu Kopf, wenn man das alles, machtlos gegenüberstehend, mitansehen mußte. Ämter wurden besetzt, Kaufhäuser wurden ausgeräumt, in den Auslagen erschienen Plakate: ,, Arische Firma" oder ,, Unser Gruß ist Heil Hitler" oder ,, Juden ist der Eintritt verboten". Nicht selten sah man vor einem Geschäft einen braun uniformierten Kuli, der jedem den Eintritt verwehrte. Begründung? Das Geschäft wurde von der nationalsozialistischen Partei Österreichs beschlagnahmt und ausgeplündert. So habe ich ein Volk kennengelernt und meine Augen lernten sehen. Ich schämte mich, Österreicher zu sein! In einzelnen Familien wurde gezankt, weil ein Mitglied anderer Ansicht gewesen war und Bedenken ausgesprochen hatte. Es wurde von den eigenen Brüdern, von Schwestern und Eltern nicht nur vor die Tür gesetzt, sondern auch den Polizeistellen angezeigt und hinter Schloß und Riegel gebracht. 12 Die Zirkuseir ein Gesch womöglic wie einer Kommiss Schimpf österreic Gewalt a zu verur deutsch, Unseren wollte m setzen. E schen ve her." Es Sie mal gehen!" Mit komme militäri W haupt zeichn Bauern einmal ruhig s men wa Volk is kommen unmögl Dar sehung" bei Rev öffnet b Sch Mensch politisch war für Ich dre stillen Texte's meine zu brin diesen dungen inden ärmt, h die an in aleniften. htbar und ihren wir ichen - sich serm ungsI von Wie nachch in ch die verAntlitz wurde wird dieser n das den Gruß selten i, der e von t und meine a! nderer wurde ur vor t und Die Fenster der Häuser wurden geschmückt, bekränzt wie ein Zirkuseingang, überall waren Bilder des ,, Führers" ausgestellt. Hatte ein Geschäftsmann ein zu kleines Bild im Schaufenster, wurden ihm womöglich die Auslagescheiben eingeschlagen oder man zerrte ihn wie einen Verbrecher aus seinem Geschäft und trieb ihn vor den Kommissar, der ihn mit einer Serie der unglaublichsten, niedrigsten Schimpfworte überschüttete. Nicht genug damit, versuchte man, die österreichischen Höflichkeitsformen in jeder Anwendung mit aller Gewalt abzugewöhnen und die Sprache mit deutschen Schlagworten zu verunstalten, zu verseuchen. Diese Schlagworte waren weniger deutsch, als dem nationalsozialistischen Übermut entsprungen. Unseren Dialekt, unsere der Eigenart entstammenden Ausdrücke wollte man ausschalten und durch das sogenannte Hochdeutsch ersetzen. Besonders die Höflichkeitsformen wurden von diesen Menschen verspottet. Man sagte nicht mehr: ,, Bitte, kommen Sie einmal her." Es genügte vollauf, wenn man ihn forsch anbrüllte: ,, Komm' Sie mal her!" Es hieß nicht mehr: ,, Bitte, wollen Sie schneller gehen!", sondern: ,, Machen Sie, daß Sie weiter komm'!" Mit einem Wort, man schaltete jede österreichische Zuvorkommenheit und Höflichkeit aus und setzte an ihre Stelle die militärisch- nationalsozialistische Brutalität. Wir, das Bergvolk, wurden wegen unserer Gemütlichkeit überhaupt nur mehr als ,, dämlich" und als sogenannte„ ,, Seppl" bezeichnet. Wie blöd sich das anhörte, wenn ein österreichischer Bauernknecht, der von Geburt an nur im Dialekt gesprochen, auf einmal sich mit den neuen Schlagworten herumbalgte! Man kann ruhig sagen, daß diese Einführungen, die über die Grenzen gekommen waren, den ersten Anstoß zur Unzufriedenheit gaben. Unser Volk ist mit der Natur zu eng verbunden und Brauchtum und Herkommen derart unterworfen, daß eine maschinelle Umkrempelung unmöglich ist. - Danken wir dem Herrgott, daß die nationalsozialistische ,, Vorsehung" unseren Massen ich meine hier bestimmte Kreise, die bei Revolutionen immer wieder auftreten bald die Augen geöffnet hat. - Schlimm und böse war diese Zeit! Ich flüchtete vor allen Menschen und irrte vergrämt in den Wäldern herum. Nicht das politische Moment war mein stärkster Drang. Niederschmetternd war für mich, daß ich nicht, wie bisher, meiner Kunst leben durfte. Ich drehte jedes Wörtchen, jede Melodie, die ich hörte, bei meinen stillen Schritten hundertmal um und suchte den Ursprung jedes Texte's und jeder Melodie. Dabei erinnerte ich mich zu gern an meine ersten Gedichte und Weisen, die ich mühsam aufs Papier zu bringen versuchte. Welch himmlisches Gefühl, zu probieren, diesen Drang eines melodischen Traumes aus Tiefen und Empfindungen plötzlich mit gesteigerter Kraft zu bändigen! Das erstemal 13 weinte ich und machte ein ,, Schnoferl", weil das Aufschreiben nicht so recht gelingen wollte. Etwas war ja auf dem Papier, aber es fehlte noch vieles! Die Phantasie rumorte in meiner Gedankenwelt, aber der Geist war zu schwach und vermochte diese nicht zu zügeln. Auf Schritt und Tritt begleiteten mich seit Tagen und Wochen, wo immer ich auch ging und stand, Worte und Töne. Ich hätte sie vielleicht gut ausdrücken können, wenn ich älter, reifer gewesen wäre so aber schrieb ich, wie ein Kind lallt, das der Mutter erzählt, wie innig lieb es sie habe. Heute noch nicht, morgen vielleicht, dachte ich, als ich immer wieder aufzuschreiben begann und nicht weiter konnte. Es war nicht das, was ich fühlte, was meine Phantasie mir vorzeichnete, sondern eben nur das, was ich in meiner kindlichen Einfalt aufzuschreiben imstande war. Ähnlich ging's mir auch beim Bildermalen. So schöne Figuren und Kinder liefen herum, aber keine, die ich malte, waren so schön wie die, die ich täglich vor Augen hatte. Auch hier galt das: Heute noch nicht, morgen vielleicht! Tage, Nächte schrieb und formte ich seit meinem zwölften Lebensjahr an Worten und Melodien. Heute stehe ich meiner Geisteswelt schon etwas näher, heute höre, sehe, gestalte und schreibe ich mehr als damals, am Anfang; aber noch immer lallt mein Mund von den großen Bildern, die ich vor mir in Nichts und Nebel zerfließen sehen muß. Die Bässe ziehen leise über die Halme der Wiesen, die meine Jugend sahen, breiten sich wie Abendnebel über Gräser und Blumen. Da und dort plauscht eine Oboe aus dem Holzsatz und fromm hauchen die Geigen durch mein Herz. ,, Heut noch nicht, morgen vielleicht!" So balgte ich mich in meiner Sehnsucht nach Musik und Sagen mit dieser zerrissenen Zeit. Werde erst das Gefäß des Schmerzes, das du zu sein hast, wenn du groß werden willst, dann ist das Morgen nicht mehr weit, dann bist du Pinsel deiner Visionen und Feder deiner Gedanken! So sagte ich mir stets, wenn Unvermögen und Versagen zu groß wurden und mich verzweifeln lassen wollten. Heut schaffe und bändige ich mit junger," frischer Hast alles, was mein Inneres mir sagt. Der Geist wird langsam Hammer und mein Herz der Amboß, auf dem ich Gestalt annehmen lasse, was ich bin und fühle. Nur ist es immer noch zu wenig! Noch viel, viel mehr hör und spiele ich in meinen Tiefen, in der Phantasie auf irgendeinem Instrument. Nur das Papier sträubt sich widerspenstig wie ein Narr, meine Phantasien aufzunehmen und festzuhalten. Oft geht jahrelang eine Melodie mit mir. Ein Werk, das wahrscheinlich Reife erntet. Immer wieder versuche ich es aufs Papier zu bringen, immer wieder ergreifen mich Zorn, Schmerz, weil ich das nie Gewollte, weil Unfertige, vor mir auf dem Papier sehen muß. Ich zerreiße das Geschriebene und beschimpfe mich selbst. Grämlich, fluchend, überdrüssig flüchte ich vor der Gegenwart und 14 gehe unzu Weg. Jede raubender gar nicht! umgekehr welt des dauerndes geln unru Höhen, h sich zum Irdlichkei Schöpfun an den H. Jeden At Odem, e Hälmche Schöpfer Wunsch Am von Ve auszuhe Post, di gleich auch di ebenfal erste S Gift ven mich, w der Tege sie, da Kopfspru entsiche Hauptpla ich sofo Auch No haftet. D vereinba gehen un lowski, b Wal brecher, Vernehm Zelle Nr So derer, di Als n nicht ber es nwelt, zügeln. ochen, tte sie wesen Mutter m vielnn und meine meiner g's mir herum, täglich morgen zwölfmeiner e und er lallt ts und Halme dnebel us dem Sagen merzes, s MorFeder zu groß t alles, er und was ich el mehr irgendig wie wahrPapier weil ich - sehen selbst. art und - gehe unzufrieden allem, was sich neben mir fortbewegt, aus dem Weg. Jeder Mensch wird mir zuviel, meine Jugend wird zum zeitich will's ja raubenden Übel. Erdgebunden bin ich geschaffen gar nicht! Ich will nur kurz auf Urlaub hier sein. Heute ist es leider umgekehrt, heute mache ich eine kurze Urlaubsreise in die Geisteswelt des Schaffens! Diese Kürze ist mir eine Qual, ist mir ein fortdauerndes Insichverbrennen, ein währendes Auflodern und Züngeln unruhiger Flammen meines Sehnsuchtsherdes. Hinauf in die Höhen, hinab in die Tiefen, weg von Menschheit und allem, was sich zum Diesseits bekennt. Den Geist entrissen aller schwachen Irdlichkeit, hinweggetragen von den meisterlichen Händen der Schöpfung, das Aug' auf dem Blütenzauber der Natur und das Ohr an den Hämmern des Schöpferpulses, so möchte ich sein und leben! Jeden Atemzug fühlen, der mitschwingt im großen, schöpferischen Odem, eingehen in die Ewigkeit der Werke, selbst im kleinsten Hälmchen, das vom Wind hin und her geschaukelt wird, die Schöpferseele ahnen- das ist meine Sehnsucht, mein heißester Wunsch...! Am 28. September 1938 gelang es der Staatspolizei mit Hilfe von Verrätern, mich um 4 Uhr früh in der Feuerbachgasse 21 auszuheben. Noch am Vortag erhielt ich von Holl aus Jugoslawien Post, die ich einem Kameraden zeigen wollte und daher nicht gleich vernichtete, sondern unter das Tischtuch schob. So findig auch die Polizei war, hat sie diese und andere Korrespondenz, die ebenfalls unter der Tischplatte verdeckt war, nicht gefunden! Ihre erste Sorge war nur, ob ich nicht irgendwo eine Waffe oder gar Gift versteckt hätte. Sie fanden Gott sei Dank nichts und nahmen mich, wie sie erwähnten, zu einer kurzen Vernehmung mit. Auf der Tegetthoffbrücke mußte ich mitten über die Brücke gehen, weil sie, da ich als Sportler bekannt war, fürchteten, daß ich einen Kopfsprung in die Mur machen und ihnen entgehen könnte. Mit entsicherten Pistolen begleiteten mich vier Gestapomänner über Hauptplatz- Sporgasse in das Polizeigefangenenhaus Paulustor, wo ich sofort dem schon bekannten Dr. Wallner vorgeführt wurde. Auch Noeth wurde, wie ich später erfuhr, um die gleiche Zeit verhaftet. Das war ein verfluchtes Pech! Gerade am Vortag hatten wir vereinbart, mit den vorhandenen Aufzeichnungen ins Ausland zu gehen und den Plan mit dem Inhaber eines Zahnateliers, Dr. Brusolowski, besprochen. Ebenso mit Baron von Marsburg. Wallner empfing mich zynisch und nannte mich nur mehr Verbrecher, Taugenichts und arbeitsscheues Individuum. Nach kurzer Vernehmung wurde ich ins Gefangenenhaus geführt und in die Zelle Nr. 15 gesperrt. So war ich zum erstenmal in meinem Leben der Gefangene derer, die mich tödlich haẞten. Als Komponist, Dichter und Maler empfand ich diesen Raub 15 meiner Freiheit als furchtbaren Schlag. Ich schäme mich nicht zu sagen, daß ich in den ersten Stunden vor Verzweiflung wahnsinnig zu werden glaubte. - Gleich einem wilden Tier schritt ich in der Zelle auf und ab. Ich versuchte zum Fenster zu klettern, um etwas von der Freiheit zu sehen, drückte an der Tür und meinte, daß sie vielleicht aufgehen würde. Es war schrecklich! Eine Vorahnung peinigte mich, da ich genau wußte, daß ich viel auf dem Kerbholz hatte es ging um meinen Kopf! Meine Empfindsamkeit, meine Phantasie, die sich mit jeder Stunde mehr und mehr gegen die nüchternen Gedanken wehrten, brachten meine Seele in Aufruhr. Ich war plötzlich abgeschnitten von allen Lieben, von Menschen und Gewohnheiten, von Instrumenten, Pinsel, Staffelei, Schreibbuch und Feder- ich war verzweifelt. drang eine mich, Mutte Nicht D alle Richtu Mutter der Kraft. Ich freie Flecko Endlich nehmung v drehe und zukommen. oder gar E Ununterbrochen suchte ich nach Papier und Bleistift. Ich fand nichts und war lebensmüde vor Gram und Sehnsucht! Da erbarmte sich nach langem Betteln der damalige Traktchef Schneider meiner. Er reichte mir Stift und Papier durch die Klappe, durch die das Essen hereingeschoben wird, und ich hatte die Möglichkeit, meine Phantasien festzuhalten. Ich setzte mich hin, zeichnete erst Notenlinien und begann den ,, Ruf an die Mutter" zu schreiben. An meine Mutter vielleicht, aber ich glaube, mein Rufen und Flehen galt mehr der Mutter des Himmels. Ich fühlte ja mein Ende und wußte, daß ich am Ende meiner Pilgerfahrt war, daß nur der Zufall es schaffen könnte. Meine Klage züngelte himmelhoch, mein Drängen in unerforschte Höhen verbrannte mich mehr und mehr. Freiheit, Leben, arbeiten und glauben, lieben und geben waren das Ziel meiner Sehnsucht. Ich rief die Mutter an, die man mich als Kind lieben gelehrt und bat sie, mich in diesem Grauen zu hören. Unter Tränen schrieb ich Worte und Noten. Mutter, o hörst du mich, Mutter der Gnaden, Dein Kind, es rufet dich! Mutter hilf, o Mutter hilf, Mutter hilf! Mutter, o sieh', dein Kind ringt am Grabe, Mutter, o hilf doch, Mutter der Gnaden, o Mutter hilf, o Mutter hilf, o hilf! Mutter, o höre mich, hör' meine Klage, sieh' meine Träne, Mutter! O sieh' sie doch, Mutter, hilf! Reich' deine Hand mir, Mutter der Gnaden, Mutter, o hilf doch, Mutter der Gnaden, O Mutter hilf, o Mutter hilf, o Mutter-hilf! Wie selig durchlebte ich diese Stunden! Ich war glücklich in diesen grauen Stunden, deren Mahnen ich mit letzter Kraft von mir schob. Auf dem Chor einer alten Kirche stand ich allein und fiedelte das vor mir auf dem Papier Entstehende, während eine alte Orgel mit ihren Bässen dazu murmelte. Aus fernster, unerreichbarer Höhe 16 fügung, die Ich sch Antwort, s Wolken im Gegenstan Kopf schüt nachgeben Wut. Mit diesen Po Ecke! Das suchte im Hilfe herb Nach weil ich zertreten war mir k Nach erschießer Sie tun, al Sie würde: Inzwis nieder und erschienen Als ich die dem Rücke konnte mi auf. Er gin Er brachte ich die Hä Schlagende genagelte noch einige Dort blieb cht zu sinnig nd ab. reiheit mt aufich, da s ging ie sich Hanken ich abheiten, - ich h fand armte neider ch die chkeit, te erst en. An Flehen de und Zufall Drändrang eine Stimme, die meine Worte sang: ,, Mutter, o hörst du mich, Mutter der Gnaden?!" Nicht mehr ich, sondern mein junges Leben rief diese Bitte in alle Richtungen und Höhen. Vielleicht drang sie an das Ohr der Mutter der Gnaden. In diesen Stunden erwachte wieder meine Kraft. Ich beschrieb das vor mir liegende Blatt, und jedes noch freie Fleckchen wurde vollgekritzelt. Endlich wurde ich wieder dem Polizeichef Wallner zur Vernehmung vorgeführt. Er erklärte mir, daß es sich um meinen Kopf drehe und ich mir ja keine Hoffnung machen solle, lebend herauszukommen. Wenn ich übrigens nicht in Kürze die Wahrheit sagen oder gar etwas verschweigen würde, hätten sie Mittel zur Verfügung, die mich bald dazu zwingen würden. - Ich schwieg vorerst und gab auf seine Fragen überhaupt keine Antwort, sondern starrte nur durch das Fenster auf die flüchtigen Wolken in den Höhen. Da sprang er auf und schlug mit einem Gegenstand vom Schreibtisch auf mich ein. Erst wich ich meinen Kopf schützend- von der Stelle, da ich der Meinung war, er werde nachgeben. Als die Hiebe immer stärker wurden, packte mich die Wut. Mit einem kurzen Fauststoß gegen seine Brust beförderte ich diesen Polizeichef zwischen Schreibtisch und Papierkorb in die Ecke! Das dürfte ihm genügt haben. Er bekam keine Luft und versuchte immer wieder mit der Hand das Telephon zu erreichen, um Hilfe herbeizurufen. Nach diesem Schlag rührte ich mich nicht mehr von der Stelle, weil ich genau wußte, daß ich in meiner steigenden Wut den Kerl r. Frei- zertreten hätte. Daß das für mich noch schlimmer gewesen wäre, war mir klar. en das hrt und ieb ich Chilf! och, Mutter! klich in von mir fiedelte e Orgel er Höhe Nach längerer Zeit schrie er: ,, Jetzt, Schwein, werde ich Sie erschießen lassen!" Worauf ich ihm kurz antwortete: ,, Das können Sie tun, aber ich warne Sie, mich vorher noch einmal anzugreifen. Sie würden nicht lebend von der Stelle kommen." - Inzwischen war er aufgestanden. Er ließ sich im Lehnstuhl nieder und drückte auf einen Knopf, worauf zwei Gestapobeamte erschienen, die mich auf seinen Befehl mit Handschellen fesselten. Als ich die Kette um meine Gelenke hatte-- die Hände waren auf dem Rücken gekreuzt- schlugen die zwei Strolche auf mich ein. Ich konnte mich nur schwer wehren. Als das Wallner sah, sprang er auf. Er ging auf mich zu und versuchte abermals, mich zu schlagen. Er brachte aber kaum zwei Hiebe an, da ergriff mich die Wut. Da ich die Hände nicht frei hatte, trat ich mit aller Wucht auf die drei Schlagenden los. Das dürfte gehörig ausgegeben haben, da ich genagelte Bergschuhe trug. Durch den entstandenen Lärm kamen noch einige dazu, die mich überwältigten und in den Keller führten. Dort blieb ich, noch gefesselt, zwei Tage und zwei Nächte und 2 17 jeder Aufseher, der die Türe öffnete, schlug auf mich ein und Zigaretten beschimpfte mich. Noch einmal wurde ich zur Vernehmung geführt, und da sie auch diesmal kein Resultat erzielten, wurde ich in das Landesgericht in die Zelle 159 überstellt. Natürlich hat man mich auch dort, da ich ja entsprechend ,, eingeführt" war, erbärmlich behandelt. Es vergingen etwa acht Tage. Da wurde ich dem mir sehr gut bekannten Untersuchungsrichter Dr. Podotschnig, dem ich äußerst unsympathisch war, vorgeführt. Dieser Kriegsinvalide, der überall als vaterländisch bekannt war, trug auf einmal das Abzeichen der illegalen Nationalsozialisten. Die Vernehmung war nicht schlimm, aber eigenartig zynisch aufgezogen. Ich hatte den Eindruck, daß sie nur der Form halber, dem Gesetz entsprechend, durchgeführt werden mußte. Die folgenden Tage bewiesen, daß die Gestapo tonangebend war und daß das Gericht nur formell amtierte. Bitten oder Beschwerden waren von Haus aus zwecklos, obgleich die Hausordnung davon sprach. Für mich um so mehr, als ich der Gestapo unterstellt war und ausschließlich von dieser vernommen wurde. Erst versuchte man es mit Freundlichkeit, da man glaubte, einen weichen, verzweifelten Menschen vor sich zu haben, der auf Versprechungen und Drohungen sofort hineinfallen würde. Sie wurden bald eines Besseren belehrt und stellten sich daher vollkommen um. Dieser Vernehmungskommission schlossen sich zwei Gestapobeamte an, die vom Volksgerichtshof Berlin entsendet worden waren. Beide waren Doktoren und mit Ermächtigungen ausgestattet, die man mir vorwies. Typische Galgenvögel! Ihr Gesichtsausdruck verriet sie als angelernte Berufsverbrecher. In ihrer Art grobe, kurzgeschorene, engstirnige, preußische Beamte, die auf Grund angeborener Brutalität glaubten, mich in fünf Minuten wie eine Zitrone auspressen zu können. Auf ihre Fragen antwortete ich kurz und im heimatlichen Dialekt, was sie zur Raserei brachte. Sie verstanden mich nicht und drohten, mir die ,, Fresse" krumm und klein zu schlagen, wenn ich nicht bald ,, deutsch" sprechen würde. Das rührte mich nicht und ich plauderte in heiliger Ruhe mein österreichisches Deutsch weiter! Auch wiesen sie darauf hin, daß sie nicht viel Zeit hätten und mit mir ,, kurzen Prozeß" machen würden, wenn ich nicht ,, speien" wolle wie ein junger Hund. Das heißt ins Österreichische übersetzt, wenn ich nicht aussagen würde, was ich wußte. Auch ihre Schläge zwangen mich nicht. Ich blieb fest und ließ sie meinen steirischen Dickkopf spüren, so gut es nur ging. Wochenlang versuchten sie mit allen Mitteln zu erfahren, was sie wissen wollten. Sie sperrten mich in den Keller und ließen mich hungern, doch wurde ich dadurch nur härter und fester. über versch tun hatten. ten wies de Deutschland Fuß gefaßt reichischen ganze Arbe Sie verlief Währen zerlumpten Manuskript diese göttli Von n wieder schm fehlte. Mich p F lich dieser Linie Musi diese Eins Politik zu das nun diese frem als sogen half alles anders se halten kon nicht Rett Welci Widerspri ber meine Österreich aufzuklär Deutsche s um darauf werden wü jähriger Ju meinen Er junger Mer schreiben Gerad jetzt sucht Ich ver Mich Eines Tages kamen Militärgerichtsoffiziere. Sie ließen mich Säle rausch vorführen und benahmen sich auffällig nett. Sie warteten mir meine erste 18 ein und Zigaretten auf, boten mir einen Sitz an und plauschten mit mir über verschiedene Dinge, die mit Vernehmung überhaupt nichts zu und da sie tun hatten. Für mich war ihr Benehmen eine Erholung. Ihr Verhals Landes en wies deutlich darauf hin, daß selbst im nationalsozialistischen mich auch Deutschland, besonders in der Wehrmacht, auch gesunde Ansichten behandelt Fuß gefaßt hatten. Ihr Kommen war begründet, da in der österir sehr gut reichischen Wehrmacht verschiedene Anhänger meiner Bewegung ch äußers ganze Arbeit geleistet hatten. Die Vernehmung dauerte vier Tage. der überall Sie verlief ohne Grobheit, ohne Zwischenfall. zeichen der t schlimm Während dieser schlimmen Tage nahm ich aus dem inzwischen zerlumpten Anzugfutter mein in der Polizeizelle geschriebenes druck, dal Manuskript. Ich las es öfter durch und erinnerte mich zu gern an archgeführt diese göttlichen Stunden. estapo ton Von neuem bekam ich Sehnsucht nach Papier. Ich wollte ja Bitten oder wieder schreiben! Den Bleistift hatte ich noch, aber das Papier die Haus fehlte. er Gestapo Mich peinigte immer wieder die Frage, warum ich denn eigentwurde. lich diesen erbitterten Kampf führte? Ich war doch in erster ubte, eine Linie Musiker, wollte von Politik gar nichts hören und wußte er auf Ver diese Einstellung von der mir aufgezwungenen Notwendigkeit, Sie wurde Politik zu betreiben, genau zu unterscheiden. Mein ganzes Leben, mmen um das nun einen neuen Abschnitt begann, sträubte sich gegen ei Gestapo diese fremden Eindringlinge! Wenn sie auch ähnlich sprachen und et worden als sogenannte ,, Retter" und ,, Aufbauer" gekommen waren usgestattet half alles nichts! Ich hatte sofort die Überzeugung, daß ihr Herz tsausdrud anders sei, daß sein Schlag mit dem unserer Herzen nicht Schritt Art grobe halten konnte. Sie sind nicht nur nicht Musiker, sondern Maschinen, auf Grund nicht Retter, sondern bedenkenlose Diebe. wie eine es Welche Kämpfe spielten sich in meinem Innern ab, welche ete ich kun Widersprüche schrien gegen mich und dann wieder gegen die Räute. Sie ver ber meiner Freiheit, gegen die Unterdrücker meines viel geliebten mund klei Österreich! Wie oft versuchte man, mich bei den Vernehmungen würde. Da ,, aufzuklären", mir klar zu machen, daß auch wir Österreicher mein öster Deutsche seien, wie oft hielt man mir mein musikalisches Talent vor, hin, daß si um darauf hinzuweisen, daß ich gerade in diesem Staat gebraucht en würden werden würde. Man wisse von meinen Konzertreisen als siebzehnas heißt in jähriger Junge nach Italien und in andere Länder, man habe von de, was id meinen Erfolgen gehört, und verstehe nicht, daß ein so begabter junger Mensch sein ganzes Leben einer vollkommen irren Idee verest und liel schreiben und damit zugrundegehen wolle. ging. ,, Gerade für Sie", sagte man ,,, sind jetzt die Tore geöffnet, eben fahren, was jetzt sucht man schöpferisch- schaffende Jugend!" ließen mid Ich vernahm die Worte und mein musikalisches Ich horchte auf. Mich lockte das Publikum, ich hörte den Applaus durch alle ließen mid Säle rauschen und sah das tobende italienische Volk vor mir, als es warteten meine ersten Kompositionen hörte. Wie göttlich war das, wie klagte 2009 19 meine Geige in die lauschende Menge. Ich war damals berauscht, doch mein klares Inneres wußte genau, daß ich musikalisch ein unbeholfenes Würmchen war. ,, Nein erst werden!" sagte ich mir. ,, Jetzt bin ich noch ein lebendes Nichts!" - das Daher biß ich nicht an diesen Köder, den man mir nur zu einem bestimmten Zweck hinwarf. Jetzt erst war die Zeit der Reife gekommen, die mir neue Kraft geben sollte! Das wußte, fühlte ich... - Nach solchen innerlichen Kämpfen kramte ich in allen Ecken, da ich hoffte, irgendwo noch Papier zu finden. Als alles Suchen vergebens war, nahm ich das neben dem Kübel liegende, zugeschnittene Zeitungspapier. Ich riẞ davon die Randseite und schrieb darauf. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen ich schrieb auf einen dieser Zettel die Worte: ,, Ja, du Gott des Tones, du schenkst mir jetzt in diesen grauen Stunden meinen fast verlorenen Pulsschlag wieder." Auf der anderen Seite zog ich Notenlinien und schrieb die Anfangstakte meines entstehenden Werkes: ,, Consumatum est." Papier und Ende ging. So beg Komposition Rettung. Ich nicht dadur ja keine Po schreckliche zu überlebe einem zum Morgen zum die Gestapo daß ein Tei mit einem verraten oc oder aus d Eines könne, fiel Wochenlang summte ich diese paar Takte. Ich baute ziel- und ruhelos gr endlos an etwas, was dann Text und Ton wurde. ,, Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt und all' meine Gebeine gezählet...!" Nach etwa 5 Wochen wurde ich das erstemal als einzelner in den Hof zum Spaziergang geführt. Es war ein rauher Tag und die kahlen, stummen Mauern mit den starken Gittern zerschmetterten mich. An den darauffolgenden Tagen war ich nicht mehr allein, sondern mit einer ganzen Kolonne beisammen. Dabei entdeckte ich, daß in einer Nebenzelle ein mir bekannter Bibelforscher saẞ. Ich bat ihn beim Rundgang um eine Zigarette und wollte ihm plausibel machen, daß ich ihn kenne und daß er mich ebenfalls kennen müsse. Zur Zeit seiner Arbeitslosigkeit war er fast täglich zu meinem Vater gekommen, der ihn eines Tages trotz allen Schwierigkeiten und völliger Unverwendbarkeit in seine Fabrik aufnahm. Dieser Mann, der mich schon als kleinen Jungen gekannt und mich täglich in der Dorfstraße getroffen hatte, wollte mich plötzlich nicht mehr kennen. Er sagte zu seinem Zellenkameraden, während er auf mich wies, er kenne diesen Verbrecher nicht. Mir tat das furchtbar weh. Um so mehr, als ich ja nur aus politischen Gründen und das erstemal in meinem Leben der Freiheit beraubt war. Warum er eine derartige Haltung gegen mich einnahm, war mir unerklärlich. Er wurde ja gleich mir in einer Zelle als ebenfalls unmöglicher Volksgenosse festgehalten! Daß man sich auch hier, in diesen vier Wänden, erhaben fühlen, sich distanzieren wollte, erschien mir vollkommen unbegründet und daher unfaßbar. Endlich konnte ich von dem diensthabenden ,, Fazi", das ist ein abgestrafter Häftling, der mit Arbeiten im Haus beschäftigt wird, 20 20 Zeichen d dem Land welt in V sämtliche Standplat Schreiben Er ve die Gestap Augen. Ich nicht zu e gebung vo jeden Fall war. Daß C worden wa und Schifl Papiere un Auf je eine Korre führt, wo einige Tag Am er Zellentür a und rief m bat um Vo zu antwort stapo wied man mich auscht, ein unPapier und Bleistift bekommen, da mein Stückchen langsam zu ch ein Ende ging. So begann ich neuerlich auf armseligen Papierfetzen meine einem Kompositionen und Dichtungen festzuhalten. Diese Gabe war meine ife ge- Rettung. Ich wäre verzweifelt und närrisch geworden, wenn ich e, das nicht dadurch mir eine geistige Labung verschafft hätte. Ich bekam ja keine Post, durfte nicht schreiben und war Tag und Nacht den Ecken, schrecklichen Vernehmungen ausgesetzt. Mancher Tag war kaum Suchen zu überleben. Nur mit unglaublicher Energie schleppte ich mich von eschnit- einem zum anderen, von einem Abend zum Morgen, von einem darauf. Morgen zum Abend. Um so mehr, als mir langsam klar wurde ieb auf die Gestapo bestätigte diese Vermutung durch vorgelegte Beweise- Chenkst daß ein Teil meiner Kameraden langsam zusammenbrach. Man hatte, n Puls- mit einem Wort, zuviel gesprochen und damit ganze Verhandlungen en und verraten oder der Gestapo die Möglichkeit gegeben, mit der einen ,, Con- oder aus der anderen Aussage mir eine Falle zu stellen. Eines Tages, als das Heimweh unüberwindlich erschien, als ich el- und ruhelos grübelte, wie ich mit der Außenwelt in Verbindung treten könne, fiel mir ein, ein Brieflein aufzusetzen, das mit Hilfe chiffrierter meine Zeichen die Möglichkeit geben mußte, in einem Haus gegenüber dem Landesgericht mit meiner Braut und durch sie mit der Außenelner in welt in Verbindung zu treten. Ich schrieb ihr alles kurz und mit und die sämtlichen Aufzeichnungen auf, bezeichnete in dem Brief meinen etterten Standplatz, das heißt, mein Zellenfenster, und versuchte, dieses I allein, Schreiben einem Häftling, der entlassen werden sollte, mitzugeben. tdeckte Er verriet mich und einen Tag nach seinem Abgang hielt mir mer saß. die Gestapo die Photokopie und das Original meines Schreibens vor lte ihm Augen. Ich war zum Glück klug genug gewesen, politisches Material benfalls nicht zu erwähnen, und hatte mir die Geheimnisse der Zeichentäglich gebung von meinem Fenster aus aufgehoben. Vorerst wollte ich auf z allen jeden Fall einmal wissen, wer von meinen Kameraden eingesperrt war. Daß Gaster, Butz, Noeth und noch einige andere festgenommen annt und worden waren, wußte ich bereits. Größte Angst hatte ich um Bobner plötzlich und Schifko, die Kuriere waren. Hätte man bei ihnen wichtige während Papiere und Unterlagen gefunden- es hätte den Strick bedeutet! Auf jeden Fall es war am 2. Oktober 1938- wurde ich in eine Korrektionszelle in einem Stockwerk des Landesgerichtes geführt, wo ich bei Wasser und Brot in vollkommener Dunkelheit einige Tage bleiben mußte. brik auf aus poliFreiheit einnahm als eben ich auch anzieren anfaßbar das ist tigt wird - - Am ersten Samstag nach dem 22. Oktober ging plötzlich meine Zellentür auf. Ein junger Aufseher steckte den Kopf halb herein und rief mir zu, daß mein Vater am 23. Oktober gestorben sei. Ich bat um Vorführung, er schlug aber die Zellentür zu und ging, ohne zu antworten. Es vergingen Sonntag und Montag. Als ich der Gestapo wieder zur Vernehmung vorgeführt wurde, fragte ich, warum man mich nicht habe zum Begräbnis gehen lassen. Die Beamten 21 erklärten mir, während sie einander angrinsten, daß ich das ja ruhig hätte tun können. Ich hätte mich nur melden müssen! Diese Gemeinheit bleibt mir unvergeßlich. Ich hatte ja gebeten, nur wurde, wie ich später erfuhr, meine Bitte glatt abgewiesen, und zwar mit den Worten: ,, Der braucht bei keinem Begräbnis zu sein, der wird ohnehin bald seinem Vater folgen!" macht sich glaubt man dungen sic Gegenbewe versucht ma Wasser hal Langsa Zeile auf anderen, M jede wehe Silberstern meine Zell der dann, m sich ihm e Schon Tage vor dem Tod meines Vaters hatte ich ein beklemmendes Gefühl gehabt und öfter von ihm geträumt. In diesen Gesichten hatte er immer wieder Abschied von mir genommen und mit seinen Händen auf einen Weg gewiesen, der in einem Lichtschein endete. Ich war also instinktiv gefaßt, nur die Erinnerung an meinen letzten Besuch, als ich ihm mit Dr. Maier- Gutenau die letzten Blumen ins Krankenhaus brachte, drückte mich zu Boden. Er war damals im Bett gesessen und hatte kein Wort mehr gesprochen, sondern mich nur durchdringend angeblickt, als hätte er voraussagen wollen, welches Unglück über uns hereinbrechen werde. Auch Dr. Maier- Gutenau war zutiefst gerührt und sprach tröstende Worte, als wir den Heimweg antraten. In der Tür des Krankenzimmers hatte ich mich noch einmal umgedreht und meinen Vater angeblickt, der mit müde fallender Hand uns nachwinkte. Wir drei, zumindest Gutenau und ich, wußten damals noch nicht, daß wir schon in diesen Tagen dem Tod näher waren, als wir ahnen konnten. Dr. Gutenau, der bald darauf ebenfalls verhaftet worden war, wurde nach Berlin überstellt und wegen seiner aufrechten österreichischen Haltung geköpft. Ich selbst rang seit Wochen mit Tod und Gesetz um mein Leben. Meine Vorahnung vom Hingang meines Vaters veranlaßte mich, einige Gedichte über den Guten zu schreiben. In einem frage ich den ,, Fremden", warum er so spät zur herbstlichen Mahd komme, da längst kein Blümchen mehr die Wiese ziere. In einem zweiten rüttle ich am Tor des Friedhofes und frage den Herrn dieser Welt, wo mein Vater liegt, während ich, an ihn gekettet, von ihm getrennt bin. Was sich in diesen Tagen in unserem Haus an Elend abspielen mußte, ahnte ich wohl. Ich fühlte das Herz meiner Mutter- wie es in mir aussah, wußte draußen niemand... Welcher Lebensdrang angesichts des bevorstehenden Todes in der Kreatur mächtig wird, ist nicht zu schildern. Wie groß in solchen Tagen das Verlangen nach Liebe und Geliebtwerden wird, ist unermeßlich. Wie tief bereut man jedes kleinste Wort der Selbstsucht, die man einen Nächsten spüren ließ! Könnte man es doch zurücknehmen! Jeder Tag, jede Stunde wird zur Qual. Man braucht unaussprechliche Kraft und Energie, sich dem gegenüberstellen zu können. Tägliche Vernehmnugen, Schikanen, Vorwürfe, belastendes Material das wirkt zermürbend. Trotzdem versucht man immer wieder, sich herauszuschlagen, und unbeschreibliche Auffassungsfeinheit 22 Die he Der Ta Ich stellte gelehnt, i Mauer im mich und dig. Unve gende T Erhöhung Tag für tür geöf Kerzen h 24. D ich vor d ,, Aus immer wi Tor der W die Bässe komm' ich Am F stille Zelle meiner He ihr altes Mund und geßlichen ,, Stille das traute So kla Wie hörte innerlich Stille Ich st as ja beten, m, und sein, klemdiesen en und Lichtng an u die Boden. mehr Sätte er rechen sprach ir des meinen e. noch als wir rhaftet er aufg seit e mich, ge ich omme, weiten - Welt, m gespielen wie Todes groß in m wird. Selbstes doch sprechZönnen. Matewieder, Feinheit macht sich bemerkbar. Wenn man auch sieht, daß man verloren ist, glaubt man doch immer, durch hunderttausend Ausreden und Windungen sich befreien zu können. Alle Gegenüberstellungen und Gegenbeweise versteht man geschickt abzuweisen und unablässig versucht man, alles so zu drehen, daß man sich in nächster Zeit über Wasser halten kann. Langsam vergingen die Tage. Täglich schrieb ich Zeile um Zeile auf meine kleinen Papierblättchen, ein Gedicht nach dem anderen, Melodie um Melodie. Erlebnisse brachte ich in Verse, jede wehe Stunde hielt ich fest. Draußen tanzten die Flocken einen Silbersternenreigen einige verirrten sich durch das Gitter in, meine Zelle. Wie gern fing ich einen dieser stillen, stummen Sterne, der dann, mich grüßend, auf meiner Handfläche verging. Oft gesellte sich ihm eine stille Träne, die ungewollt aus meinen Augen tropfte. Die heilige Weihnachtszeit kam näher. - Der Tag des Nikolaus führte sich mit blutrotem Morgen ein. Ich stellte mich auf den Schemel und blickte, an die Zellenwand gelehnt, in die feurig- höllische Glut, die sich über der grauen Mauer immer höher und mächtiger erhob. Heimweh durchzitterte mich und vergangene schöne Jugend wurde in meiner Seele lebendig. Unvergeßlich schön waren dieser Morgen und der ganze folgende Tag. Als Tageshelle sich erhob, stieg ich von meiner Erhöhung. Ich setzte mich hin und schrieb Gedichte und Noten, Tag für Tag, Stunde für Stunde, bis eines Nachmittags die Zellentür geöffnet und ein kleines Weihnachtsbäumchen mit einigen Kerzen hereingereicht wurde. 24. Dezember 1938. Gedrückt und mit gesenktem Haupt stand ich vor dem grünen, heiligen Kleinod. ,, Aus dem Wald komm' ich her", flüsterte das Bäumchen mir immer wieder zu. ,, Von der stillen Erde ewigen Grüns, vom dunklen Tor der Wälder, in denen die Bäume rauschen, wo Millionen Käfer die Bässe summen und die Quelle dir zum Gruß rauscht. Von dort komm' ich, dich einsamen Freund zu grüßen...!" Am Abend wurde das liebe Ding angezündet und durch die stille Zelle knisterten die Lichter. Leis und fern klangen die Glocken meiner Heimatstadt und unsere alte Liesel vom Schloßberg brummte ihr altes Türken- As. Da flossen mir die Tränen über Wangen und Mund und mein Gruß durcheilte alle alten Gassen meiner unvergeßlichen Kindheit. ,, Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht, nur das traute, hochheilige Paar..." So klang das ewige Lied und mir war, als sängen es Englein. Wie hörte ich das Schluchzen der mit mir Leidenden, die, wie ich, innerlich verbrannten. ,, Stille Nacht, heilige Nacht..." Ich stand vor dem grünen Zauber und starrte in die zuckenden 23 Lichtlein. Auf ein Blatt Papier, das unter dem heiligen Bäumchen lag, schrieb ich, indes Tränen tropften... ,, Ich atme Harz und fühle Grün, Seh' Weihrauch durch dein Stübchen ziehn, Den Lichterbaum in deinen Tränen spielen Und deinen Blick nach meinen Fernen zielen. - O such mich nicht ich bin verlassen! Mein Gruß durcheilet alle Gassen, Er flieht mit jedem Glockenton von mir Und kommt wohl heute noch zu dir. In diesem Glockenreigen rauscht Das Lied, das unter Tränen plauscht Mein Mund. Es ist dir zugedacht- Hold himmlisch: ,, Stille, heilige Nacht...!" - Kein Weihnachtsabend wird jemals mehr an mir vorüberziehen, ohne daß ich dieser unvergeßlichen Stunde gedenke! Ich zerbiẞ einige Nadeln. Ich fühlte mich tief im Wald und wanderte in tiefem Schnee weit hinaus über alle Berge, durch alle Täler, weg von aller Menschheit, den höchsten Gipfeln unserer Gletscher entgegen, die sich mit den Wolken verbinden. Ich ging auch über sie und blickte herab auf die erbärmliche Erde. Ich rüttelte am Tor des Friedhofs und ging zu meines Vaters Grab. Ich stieg hinab in seine stumme Kammer und fühlte seine kalten, pulslosen Hände. Ich wollte ihm nur sagen, daß ich an ihn denke, daß Heiliger Abend ist. Ein Jahr vorher hatte er noch meiner klagenden Geige gelauscht. Es war in der Schutzengelkirche zu Eggenberg, wo ich das letztemal sein liebstes Lied spielte. ,, Schlaf' in himmlischer Ruh', schlafe in himmlischer Ruh'." Welch' bittere Stunden hatten wir erlebt! Wie gern erzählte er an solchen Abenden von längst verflossener Weihnachtszeit, die er in Obdach, mitten in den Bergen, als Bauernbüblein erlebt. Auch er kratzte damals eine kleine Geige auf dem Chor des alten Spitalkirchleins, das sein Türmlein so trotzig vor dem Zirbitzkogel gegen den Himmel hebt. Schlaf ruhig, Vater! Schau, dein Sohn kämpft trotzig um die gleiche Erde weiter! ,, Schlaf' in himmlischer Ruh', schlafe in himmlischer Ruh'!" Der Neujahrstag ging mit bitteren Erinnerungen vorüber. Ihm schloß sich ohne Vernehmungen und sonstige wesentliche Aufregungen der Jänner an. Der Februar brachte nichts Ereignisvolles und verlief rasch. 24 Teil einer Postkarte Die Akten häuften sich bereits zu Bergen. Die beiden Gestapobeamten aus Berlin hatten ihre Versuche längst aufgegeben und waren nicht wieder gekommen. Nur die österreichischen Beamten Lex und Krasser versuchten noch, mich auszupumpen. Eines Tages fragten sie mich, was ich zu tun gedächte, wenn das tausendjährige Reich fortbestehen würde und ich das Glück haben sollte, meinen Kopf zu behalten. Wie ich mir mein Leben weiter vorstellte. Damals gab ich ihnen kurz zur Antwort, daß ich ,, die paar tausend Jahre", die der Nationalsozialismus bestehen werde, leicht überleben würde. Sie ließen mich auch vom damaligen Gerichtsarzt, Medizinalrat Dr. Lorenzoni, psychiatrieren. Meine absolut gegnerische Einstellung deutete ja in ihren Augen auf Abnormalität. Dr. Lorenzoni schmunzelte und fragte mich, was er über die Untersuchung schreiben solle. Ich erklärte ihm, er könne schreiben, was er wolle und möge sich die Psychiatrierung der Gestapo für einen späteren Zeitpunkt aufheben, wenn sie durch Zeit und Tatsachen aufgeklärt sein werde. Es waren die letzten Tage meiner Vernehmung in Graz. Nach diesen fünf langen Monaten wurde meiner lieben Mutter das erstemal eine kurze Unterredung mit mir erlaubt. Eines Tages kam sie mit meinem jüngsten Bruder, dem vierjährigen Wilhelm. Sie erkannte mich fast nicht mehr. Zu sagen hatten wir uns sehr Ihren Schmerz aber wenig, zu fragen gab es überhaupt nichts. fühlte ich in seiner ganzen unsagbaren Größe und ihr müdes, gramvolles Mutterauge verriet mir ihren unauslöschlichen, nie wieder gutzumachenden Kummer. Wenn wir uns auch nichts sagen konnten wir sprachen stumm und erzählten einander Bände. Ihre Augen durchwanderten meine Züge, ihr Wort verriet mir ihre Qual. Wie fühlte ich, daß sie mich unter ihrem Herzen getragen hatte. Mutter, meine Mutter! - Nach zehn Minuten ging sie. Mit Tränen in den Augen verschwand sie im Dunkel der Gänge dieses grauen, verdammten Hauses. Einige Tage später, nachdem Butz, Gaster, Noeth und ich zu gleicher Zeit vor den Gestapobeamten Krasser geführt worden waren und von ihm eine nationalsozialistische Predigt hatten einstecken müssen, wurde uns mitgeteilt, daß die Vernehmungen vorläufig abgeschlossen seien. Er wünschte uns allen viel Glück für die Zukunft, dann wurden wir in unsere Zellen zurückgeschickt. Was weiter mit uns geschehen sollte, wußte keiner. Wir konnten auch nichts erfahren, aber ein leises Hoffen regte sich doch in uns. Ich blickte noch einmal in meine Zelle 159 zurück und ließ die Tage des Grauens still an mir vorüberziehen, die Tage der Verzweiflung, die ewigen Stunden der Entwürdigung, des Trauerns und der Schmach. Vorüberstreichend zeigten sich mir jeder Tag, jede Stunde... 25 Jetzt bricht vor mir die Decke, die die Scholle monatelang mit ihrem weißen Samt umhüllt hatte. Der Februar fährt abschiednehmend über die Gitter meiner Zelle und sagt mir leise ade. Mir, dem Verlassenen, Zurückbleibenden. Schon wärmt Märzsonne die kahlen Flecken der kalten Mauer, an denen ich mich wärme. Ich fühle den warmen Gruß des Frühlings glückstrahlend auf meinen bleichen Wangen und empfange die Sonnenstrahlen mit derselben feierlichen Dankbarkeit wie eine Frau am Altar ihren goldenen Ring. Ein Finkchen singt grüßend durch das Zellenfenster und kündet mir den Anbruch des jungen Lenzes. ,, Weißt du schon, daß Frühling ist? Brauchst nicht mehr zu weinen...!" So schmettert der kleine Kamerad immer wieder, auf dem Gitter sitzend, während er das Hälschen tief in mein Dunkel steckt. ,, Du kleiner, lieber Gott, der du vor mir stehst im werdenden Hochzeitskleid, du singst mir so viel Schönes durch die alte, vergitterte Lücke." ,, Ich soll den Gruß der Waldfee bringen, Und im gold'nen Morgen dir durchs Fenster singen... Pink, pink...! Vergiß mein nicht, meint deine holde Fee. Wenn du auch Heimweh hast nach ihr, Sollst doch nicht weinen!" So singt das Vögelchen immer wieder. Es erinnert mich, daß es Frühling wird. Ja, sagt es mir ganz leise, ich möge ihm ein Küẞchen geben es werde es zu den Meinen tragen, und wenn es wieder komme, möge ich mit ihm die Hochzeitslieder pfeifen. - Dieses Finkchen liebte ich ganz besonders. Ich werde diese herzerfreuende Stunde nie vergessen, denn als ich dem Sang des kleinen Freundes lauschte, wurde plötzlich meine Zellentür geöffnet und ich wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt. - Dieser erklärte mir freundlich, daß ich, wenn ich den vor mir liegenden Revers unterschreiben würde er enthielt das Versprechen, mich nie mehr politisch zu betätigen, um halb zwei Uhr auf freien Fuß gesetzt werden könnte. Selbstverständlich unterschrieb ich diesen Zettel und voll Freude kehrte ich in meine Zelle zurück. Es war 11 Uhr vormittags und ich konnte die Zeit bis halb zwei Uhr nachmittags kaum erwarten. Schnell versteckte ich meinen bereits großen Pack Manuskripte, Gedichte und musikalische Arbeiten in meine zerlumpten Kleider. Mit einem Teil polsterte ich meine Stiefelröhren aus, wobei ich nur Angst hatte, daß man mich gehörig untersuchen und mir meine Manuskripte abnehmen werde. Wohl hatte ich einmal meinen Untersuchungsrichter informiert, ob aber dieser sich 26 erinnern w war zweife Schrift zu ja das Ver Punkt konnte ich der Freihe Alles behielt ich der festen und malte schöner a Als ic gang ein mich zum brachte. D steckt, wc Noeth, Be teren sab gerichtes er sich Dachau der Mot andere gesetzt. So Papiere, sich an I nun eige von da a skripte m kindlich sprechen kleinen ich mich heit, and mehr, als Bald daß man ich dann Ich b Kleidung Man wul Aufsicht meine M und kein elang chiedade. er, an d auf mit ihren enster hr zu Gitter t. enden ver, daß m ein wenn eifen. herzeinen nd ich or mir Verei Uhr unterZelle O zwei en beiten in tiefelunterte ich er sich erinnern würde und ob die Beamten ein Auge zudrücken würden, war zweifelhaft. Durchlesen konnten sie es allerdings nicht, da die Schrift zu klein und die Quantität zu groß war. Auch mußte ihnen ja das Verständnis fehlen. Punkt halb zwei Uhr erhielt ich meine abgegebenen Sachen. Nun konnte ich es kaum mehr erwarten, daß das große Tor, das mich von der Freiheit trennte, geöffnet wurde. Alles ging in Ordnung. Man durchsuchte mich nicht und so behielt ich meine Aufschreibungen. Ich ging durch den Korridor in der festen Überzeugung, daß mir nun nichts mehr geschehen könne und malte mir die Freude des Wiedersehens bei jedem Schritt schöner aus. Als ich den letzten Stiegengang passierte, sah ich vor dem Ausgang ein Auto. Zwei Gestapobeamte empfingen mich und führten mich zum Wagen, der mich in das Polizeigefangenenhaus Paulustor brachte. Dort wurde ich in die Zelle 8 des zweiten Stockwerkes gesteckt, wo ich das erstemal nach meiner Verhaftung mit denKameraden Noeth, Bobner und Butz zusammentraf. Gaster und Schifko- Letzteren sah ich aus einem Trakt des zweiten Stockes des Landesgerichtes wie ein Tier an seinem Gitterfenster hängen, von wo aus waren bereits nach er sich mit mir durch Zeichen verständigte Dachau abgegangen. Auch Noeth wurde eines Tages von Krasser mit der Motivierung geholt, er sei krank und komme daher in eine andere Zelle. Er wurde aber, wie ich später erfuhr, auf freien Fuß gesetzt. Auch Bobner verschwand eines Morgens. - So war ich bald wieder allein und untröstlich. Ich nahm meine Papiere, die ich versteckt hatte, und schrieb weiter. Notensatz reihte sich an Notensatz. Ich wollte eine Symphonie fertigbringen und war nun eigentlich besserer Laune. Man hatte mir ja versprochen, mich von da aus zu entlassen, und ich bat meinen Referenten, die Manuskripte mitnehmen zu dürfen, was man mir gnädigst erlaubte. Wie kindlich war meine Freude... Diese hatte aber nicht etwa das Versprechen der Entlassung, sondern die Erlaubnis verursacht, meine kleinen Werkchen mitnehmen zu dürfen. An die Einsamkeit hatte ich mich bereits gewöhnt. Einerseits freute mich die künftige Freiheit, anderseits nahm mir der Staat, in dem ich dann leben mußte, mehr, als er mir geben konnte. Bald aber legte sich der Sturm, weil ich mich erinnern mußte, daß man mir schon einmal die Entlassung versprochen hatte und daß ich dann schwer enttäuscht worden war. Ich kam vorerst öfter in die Aufbewahrungskammer für unsere Kleidungsstücke und mußte dort verschiedene Arbeiten verrichten. Man wußte, daß ich keine langen Finger hatte und ließ mich ohne Aufsicht ruhig arbeiten. Ich benützte diese Gelegenheit und legte meine Manuskripte in ein Fach. Ich dachte, wenn ich fortkommen und keine Gelegenheit haben sollte, mit meinen Leuten zusammen27 No Wrack, zutreffen, würde doch die Gestapo diese Sachen den Angehörigen zukommen lassen. Ginge ich aber nach Hause, würde ich sie mitnehmen dürfen, weil ich sie ja nicht bei mir, sondern bei der Polizei verwahrt hatte. Es war gut so. Inzwischen hatten sie mich in die Zelle 23 und von dort wieder in die Zelle 8 gesteckt, aus der sie mich eines Tages um 4 Uhr früh herausholten. Ich wurde in ein Auto gebracht und in Begleitung zweier Schupoleute zum Bahnhof geführt. In einem Extraabteil fuhren wir nach Wien. Dort ging es auf die Elisabethpromenade. Ich kam wieder in eine Sammelzelle und wurde nach zwei Tagen mit mehreren anderen per Bahn nach Salzburg transportiert. Wir brachten die Nacht in einer Polizeizelle zu und wurden vom Bahnhof in Zellenwaggons nach München ins Polizeigefangenenhaus gebracht. Auf einer Seite des Waggons befanden sich Frauen, die gleich uns in kleine Zellen gepfercht waren. Die Bewachungsmannschaft war grob und gab uns nur selten Wasser, zu essen überhaupt nichts. Einige Frauen waren in anderen Umständen und baten öfter um frische Luft oder Wasser, was kategorisch abgelehnt wurde. Zwei von ihnen brachen mehrmals zusammen. In München wurden wir wieder in einer Sammelzelle untergebracht. Von Ungewißheit gepeinigt, warteten wir Stunden auf Erlösung oder Änderung. Schon nach dem Verlassen der österreichischen Grenze hatten wir richtig gespürt, wie fremd wir diesem anderen Land gegenüberstanden, wie fremd, wie anders sie uns empfingen und behandelten. Unmenschlich, derb, hart und scharf. Es gab kein Erbarmen. Keine Bitten wurden erhört wir waren ihnen ein aufgeladenes Übel, ein Volk zweiter Klasse. Wir konnten uns zwar auf dem Transport von Wien nach Salzburg auch keiner außergewöhnlich guten Behandlung erfreuen, doch stand uns der Österreicher, der uns bewachte, wesentlich anders gegenüber. -- Die Fahrt war allerdings eine Pein gewesen. Wir hatten nur ganz kleine, vollkommen verschmierte, vergitterte Fensterchen gehabt, aus denen wir abwechselnd glotzten. Trotz tiefer Erschütterung freuten wir uns kindlich, wenn wir in der Ferne unsere Heimatberge vorbeifliegen sahen, von denen wir Abschied nehmen mußten. Jeder Fleck der grauen, staubigen Straße freute uns und riẞ uns doch Stück um Stück aus dem Herzen. Jede Blume, die sich im Wind neigte, grüßten wir stumm, baten wir um ihren Segen, wenn wir unter ihr ruhen würden. Jedes wandernde Wölkchen, das mit unserem Zug wetteiferte, war uns ein unvergeßlicher Anblick, ein nie mehr weichender Eindruck. Jeden Baum, jeden Stein, jeden Vogel, jedes Blatt grüßten wir in tiefster Ehrfurcht mit abschiednehmenden Gebärden aus diesem rollenden Sarg, der uns in die Ungewißheit führte. 28 28 meiner Nu wenn e die Tür sollten. Ruhe! M Du bist Angst für sich der Gr Leiden wird zu Ka betritt verfolg mir nu Nur so man i oder die kl Gotth gehe die S Zerre uns Gewe schw. rohe folge: loren wie c knech Dorf, sie, c ihren schu L niede geht Lager 1 durch Noch einmal zogen diese Bilder an mir vorüber, als ich, elendes Wrack, zusammengebrochen in der dunklen Zelle kauerte und meiner Vergangenheit ade sagte....! Nun heftet sich wieder das gleiche Gefühl an mich, wie immer, wenn eine Änderung sich nähert. Vor dem Schlafengehen öffnet sich die Tür und ein Beamter kündigt uns an, daß wir morgen abgehen sollten. Uns wäre es lieber, wenn man uns nichts mehr mitteilte. Ruhe! Mit dir, traurige Zellenruh', haben wir uns längst verbunden. Du bist der Herd, der uns erwärmt, wenn uns das Frösteln stiller Angst umklammert. Niemand sehen, keinen Menschen hören, ganz für sich sein mit seinem Elend, ihm jeden Atemzug weihen, das wird der Grundsatz der Verfluchten. Es ist das Leiden, das zum Brot des Leidenden wird. Er muß es haben, er, der immer Heimgesuchte. Es wird zum Freund, zum Ernährer des ihm Geweihten. Kaum wird die Zelle licht. Es mag 3 Uhr früh sein. Der Sonntag betritt die belebte Gruft. Man schläft nicht mehr. Mit offenen Augen verfolgt man das Werden des Tages. Er, der neu Gespendete, wird mir nun, was er immer sein sollte— eine gottgewollte Herrlichkeit! Nur so lernt man das Leben leben, die Göttlichkeit jeder Stunde, die man immer vergebens suchte, finden. Ob trüb oder klar, ob Sonne oder Regen, der Tag wird dankbar verlebt. Es glüht das Herz, wenn die kleinste Freiheitsregung sich deinen Menschenaugen zeigt. Zur Gottheit wird die Stunde, wenn du den Gott in diese trägst. So ward der Tag begonnen. Unten, im düsteren Hof, hört man die Motoren der Autos. Wir gehen hintereinander, die Köpfe erdwärts gesenkt und schweigend, die Stufen hinab. Ungewißheit erfüllt uns, und die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Niemand ahnt die Wirklichkeit. Bald wird sie uns klar. Beim Ausgang in den Hof stehen zwei SS-Posten mit Gewehr, andere umstellen den Wagen. Ein banges Gefühl! Die schwarzen Lurpen! Wie Totengräber stehen sie da. Brutale, gemeine, rohe Gesichter! Sie messen blutdürstig jeden einzelnen und ver- folgen jeden Schritt. Man meint, den Boden unter den Füßen ver- loren zu haben. Es ist ein Augenblick, der die gleiche Ahnung gebärt, wie der Augenblick vor dem Tod. Wer weiß von diesen Henkers- knechten? Alles, was verurteilt ist, neben ihnen zu leben, zu sein, Dorf, Stadt, Land, das ganze deutsche Reich, selbst das Getier kennt sie, die Handwerker des Mordes! Der Mensch sieht sein Blut an ihren Fingern kleben, wo immer er sie antrifft. Wir besteigen rasch und lautlos die Autos. Einige Posten mit schußfertigem Gewehr setzen sich links und rechts vom Eingang nieder. In rascher Fahrt verlassen wir das Polizeigefangenenhaus. Es geht durch das belebte München zur Dachauerstraße, von dort ins Lager Dachau! 18 km fahren wir, ohne daß wir uns vom Platz rühren dürfen, durch das Spalier trostloser Menschenhaufen. Sie schauen uns mit- 23 leidig, von Trauer erfüllt, an und folgen mit den Augen den vorbei- 14 rasenden Wagen, die Fahrt in den fast sicheren Tod! Wir wissen bisher vom Treiben im Lager nur wenig— jetzt aber wird uns langsam alles klar. Schon vor dem Besteigen der Wagen hatte die SS uns aufmerksam gemacht, daß jede Bewegung vom Platz als Fluchtversuch aufgefaßt und daß bei Nichtbefolgung des Befehls, sich nicht zu rühren, sofort geschossen werde. Noch einmal ziehen Häuschen und Gärten, Bäume und Blumen im Sommerkleid an uns vorüber. Es war, als wollten sie uns Abschied sagen, sie, die wir schon so lang nicht mehr gesehen hatten. In höllischem Tempo rollt der Wagen, östlich der Ortschaft hoffen 2 Dachau ausweichend, über Brücken, durch Alleen und an niedlichen Me Ortschaften vorbei ins Lager. Der Eike-Platz, der nach einem; SS-Führer benannt ist, wird in rasendem Tempo passiert, dann sehen TI Ich suc wir eine mächtige SS-Kaserne, und anschließend die Tore des Lagers, Zelle, die auf ein Signal des Wagenführers langsam geöffnet werden. Eine kratzt starke Wache hält das Tor besetzt. Noch eine kurze Straße, dann lich le: rechts— wir stehen vor einer kleinen Brücke, unter der ein helles noch k Bächlein fließt. Dahinter erhebt sich das Jour-Haus, auf dem sich ein W M. G.- Turm befindet. Die Läufe der Gewehre bedrohen den großen| vermo Appellplatz, den wir bereits durch das Gittertor gesehen hatten.| Der Wagen hält. Die SS-Posten springen herunter, nehmen die Gewehre verkehrt in die Hand und treiben uns mit den Kolben von dem stehenden Bus. Ein heißer Tag. Die Sonne brennt mörderisch auf uns. Wir haben Befehl, vor dem Wachgebäude in Reih’ und Glied zu stehen. Stunden schmachten wir dort. Kein Wasser, kein gutes Wort, nur Prügel! Tiefe Kniebeuge seit einer Stunde! Um uns grinsende, schadenfrohe Gesichter. Ein Faustschlag folgt dem andern. Einmal trifft es hier einen, dann dort. So geht es weiter bis zum späten Nachmittag. Durch den geladenen Stacheldraht sehen wir Menschen arbeiten. Sie arbeiten, wie wir es uns nie hatten vorstellen können. Ein Häft- ling, mit einer Binde am rechten Arm, schlägt blind in die schuftende Menge. Dort sinkt einer in den Staub, da bricht einer zusammen. Durch das Tor bringt man einen Toten im Schubkarren von der Arbeit. Ein SS-Führer tritt den Karren um, um zu sehen, ob die Kreatur noch lebe! Als wir gegen Abend durch das Tor getrieben wurden, um uns hinter demselben wieder aufzustellen, lagen vor uns bereits mehrere Leichen, furchtbar zugerichtete Kadaver! Ihre Züge verrieten ein gräßliches Ende. Uns gruselte. Der Angstschweiß stand uns auf der Stirn. Mochte der Himmel das begreifen— wir begriffen es nicht. Trotz der großen Hitze war uns kalt am ganzen Leib. 30 vorbeietzt aber Wagen om Platz Befehls, Blumen Abschied Ortschaft edlichen n einem n sehen Lagers, en. Eine Be, dann helles sich ein großen en. men die ben von risch auf and Glied es Wort, insende, Einmal späten arbeiten. Ein Häftuftende Sammen. von der , ob die um uns mehrere eten ein Mochte I großen Um 18 Uhr marschierte eine Kolonne nach der anderen durch das Tor. ,, Häftling 1230 mit 2000 Häftlingen von der Arbeit ins Lager zurück", lautete die Meldung während des Vorbeimarsches vor den Blockführern, die die Reihen abzählten. So ging es eine halbe Stunde. Der vor uns liegende Platz füllte sich im Nu. Aus allen Richtungen marschierten Häftlinge zu ihren befohlenen Plätzen. Man sah ein hartes Gesicht nach dem andern, jedes zeigte ein seltsames Schmerzensbild. Uns graute, nun zu diesen Haufen gezählt zu werden. Ich weiß nur, daß ich nach zehn Minuten vollkommen von dem Wahn geheilt war, noch einmal an Heimgehen denken oder hoffen zu dürfen, meine Lieben wiederzusehen. Mein Kamerad Hans mußte unter diesen Unglücklichen stehen. Ich suchte angestrengt, konnte ihn aber nicht finden. Das Bild der Zelle, in deren Wand er mit seinen Fingernägeln ,, 16. 4. 1939" gekratzt hatte, begleitete mich ständig. Unter dem Datum stand, deutlich lesbar ,,, nach Dachau!" Armer, treuer Kamerad! Ob er wohl noch lebt? Ein harter, aufrechter Landsknecht! Was half das alles! Ich sah, daß man dem Tod kaum zu entfliehen vermochte... Vielleicht konnte ich den Kameraden finden. Er sollte sehen, daß ich ihm gefolgt war, daß ich das gleiche Los zu tragen hatte und, wie er, ohne mit der Wimper zu zucken, gewillt war, an seiner Seite zu dulden. Nun standen sie da, Kolonne auf Kolonne, in Reihen geordnet. Der Kommandoführer, ein SS- Hauptscharführer, trat mit seinem Stab auf den Platz. Vom Turm schrie ein Posten die Meldung: ,, Turm A ohne Neuigkeit", während der Kommandoführer befahl: ,, Mützen ab, Augen rechts!" Still wie in einer Totenkammer war es, so weit das Auge reichte. ,, Turm A ohne Neuigkeit!" Bis auf ein paar Leichen! Väter von Kindern, deutsche Männer, die 1914 bis 1918 vor dem Feind ihr Leben zu Markt getragen hatten. Hier lagen sie zu Füßen deutscher Brüder, die sie gemordet hatten, weil sie anderer Meinung gewesen waren. Die Mörder brauchten ihr Blut. Ich sah die Wolken des Krieges am Horizont aufsteigen, ich sah euch, Brudermörder, unter den Trümmern schauerlich enden. Das Gewinsel der Kinder wird zum Himmel steigen, die Frucht in den Leibern eurer Frauen wird verflucht werden der gemordeten Brüder wegen...! Spät abends wurden unsere Namen verlesen, dann wurden wir entkleidet. Nackt standen wir unter freiem Himmel. Mit einer Maschine wurden uns die Haare geschoren, was sehr schmerzhaft war, da man den Häftlingen, die damit beauftragt waren, kaum Zeit ließ. 31 Von einem Tisch zum anderen wurden wir gezerrt, um unsere Personalien anzugeben. In der letzten Rubrik stand der schöne Satz: ,, Wer ist nach Ihrem Tode zu verständigen?" Was meine Augen in diesen Stunden sahen, genügte, um das Ende als Trost zu empfinden. Nach Bad, Kleiderfassen und Einkleidung wurden wir freigegeben. Am nächsten Morgen sollte das Weitere kommen. ,, Gott behüte mich davor", dachte ich im Stillen. Wir wurden nun von den Blockältesten, älteren Häftlingen, abgeholt und in den Block mitgenommen. Ich landete auf Block 3. Er war sehr angesehen, weil dort meist Führer politischer Institutionen, die sogenannte ,, Lageraristokratie", untergebracht waren. Hier handelte es sich um Menschen aus kommunistischen Kreisen, ehemalige Reichstagsabgeordnete, Propagandisten usw. Mein Blockältester, ein handfester Krieger, groß und unbändig stark, stammte ebenfalls aus diesen Reihen. Ich fühlte mich direkt geschützt. Er sah mich einmal an, fragte mich, woher ich gekommen sei und sagte auf meine Antwort: ,, Endlich wieder a vernünftiger Mensch." So sprach er von jedem Süddeutschen. ,, Wir werd'n uns schon versteh'n", fuhr er fort, ,, Es is' net so schlimm! Die ersten fufzehn Jahr' ziag'n si' dann geht's glei besser. Gelt, Kleiner?" Bei diesen Worten streichelte er meinen geschorenen Kopf. Mir wurden ein Spind und ein Bett zugeteilt, dann zeigte man mir das Bettbauen. Das war eine heikle Sache für mich, denn wenn ein Blockführer bei einem Häftling nichts auszusetzen fand, waren bestimmt Geschirr oder Bett in Unordnung. Man erzählte mir, daß das ,, Baum" oder ,, 25" zur Folge habe. Zögernd fragte ich, was ein Blockführer in Unordnung gefunden haben müsse, oder, besser gesagt, was diese Leute als unordentlich bezeichneten, um solche Strafen zu verhängen. Die Betten waren doch wie von Baumeistern gebaut. ,, Nichts muß er finden, nur wollen muß er", meinte ein Häftling. ,, Im besten Fall kommst du drei Wochen um dein Mittagessen, wenn du statt zum Essen zu gehen, Betten bauen mußt. Lernst es aber schon halb so schlimm!" - -- ,, Jaund was heißt ,, Baum?" ,, Dazu kommst du auch noch zu rechter Zeit", raunzte er mir zu. Dieses ,, Anroffeln" jüngerer Häftlinge hatte mich am Anfang gekränkt. Später verstand ich, daß diese Leute nichts anderes kannten, da man sie selbst zu jeder Minute auf das gemeinste anpfauchte. Es herrschten eben ein wüster Ton und peinlichste Ordnung. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett.. Anfangs getraute ich mich nicht, das Lager zu besteigen. Wehe, wenn ich morgens das Bett nicht bauen konnte, wie alle andern es durch langjährige Praxis imstande waren! Von Schlaf war also keine Rede. Angst hatte ich und wieder Angst. Schreckliche Bilder quälten mich, Heimweh und alles, 32 Plan des Konzentrationslagers Dachau was sich dazu gesellte, plagten. Ein unheimliches Leben! Auch wurde ich über furchtbare Dinge aufgeklärt, die die SS sich leistete. Als verwöhnt konnte ich mich zwar nicht bezeichnen, aber trotzdem ging das über meine bisherigen Erlebnisse. Es war eine Welt der Gangster, ein Haschen und Raufen um Leben und Erhaltung jede Stunde, jeden Tag, wie ich hörte. Am nächsten Morgen wurden wir dem Lagerführer vorgestellt. Rechts vom Tor traten wir an. Jetzt wird wohl auch entschieden werden, dachte ich, ob ich in die Strafkompanie komme oder nicht. Sie bedeute, hatte man mir gesagt, Kampf auf Leben und Tod. Unter Umständen könne man dort ein Jahr und noch länger festgehalten werden. Mir stieg die Angst in Säulen auf. Anderseits dachte ich: ,, Tausende haben das Pech gehabt, hineinzukommen, und sind wieder herausgekommen-warum soll gerade dir dieses Unglück in deiner großen Sammlung fehlen?" Während meines Sinnens war der Lagerführer mit seinem Stab gekommen. Ein ausgefressener, präpotenter Lümmel stand vor uns, groß, stark, mit ordinärem, blutdürstigem Gesicht: SS- Hauptsturmführer Grünewald. Kaum war er an den Ersten herangetreten, fiel der ihm Gegenüberstehende um. Ein Faustschlag und mehrere Tritte hatten ihn in den Sand geworfen. Während der Arme auf dem Boden lag, trat die Bestie auf dem armen, gemarterten Körper herum. Das Opfer blieb liegen und wälzte sich heulend und zähneknirschend im Sand. Das Blut strömte aus Mund und Nase... Der Lagerführer nahm die Aktentasche, verlas mehrere Namen, schlug noch einmal blind in die Menge und kam dann nach Aufruf meines Namens zu mir. ,, So- du bist das Schwein? Dir werden wir den dämlichen österreichischen Dickkopf schon austreiben!" Schon hatte ich einige Faustschläge sitzen. Der Schädel summte mir mächtig. Dann sagte er noch etwas, aber das konnte ich leider nicht mehr hören, da es in meinen Ohren sang, als wären spielende Orgelpfeifen eingebaut gewesen. Ich konnte nur nach der Geste entnehmen, daß er mich ,, ganz in sein Herz geschlossen" hatte. Noch ein paar Faustschläge für Kameraden hinter mir, dann schrie er: Weg der Haufen!" Wir rannten zurück, dorthin, woher wir gekommen waren. Im Block sagte mir der Blockälteste, daß ich am nächsten Tag zur Strafkompanie versetzt werde. Erst müsse ich aber ins Revier. ,, Armer Teufel", meinten meine Kameraden. ,, Wie wirst du das aushalten? Bist doch der Schwächste unter uns." Ich meinte, ob sie sich nicht täuschten in mir? Anfangs lachten sie mich wohl aus, aber später kam mancher zu mir, um zuzugeben, daß er am Ende seiner Kräfte sei. Man wunderte sich, daß man mir das Lager überhaupt nicht anmerkte. Ich 33 hatte den Anfang bald überwunden und auch Jahre hätten mich nicht unter die Erde bringen können. ,, Mein Fleisch können sie haben- Knochen und Geist bleiben bei mir", behauptete ich immer wieder. Wenn ich gefragt wurde, wie ich mich im Lager eingelebt habe, wiederholte ich diesen Satz. Von Schreiben, Komponieren oder Musizieren war natürlich keine Rede. Man dachte an nichts und stand auf dem Appellplatz wie eine Säule. Allen Wölkchen, die dem Süden zueilten, gab ich Grüße mit. ,, Grüßt mir die Lieben in der Heimat, sagt ihnen, daß ich hier stehe. Sollte ich nicht mehr wiederkehren, laßt meine Zeilen, die ich hinterließ, erzählen von schwer verlebten Tagen und Stunden. Sie werden euch mehr sagen, als ich imstande wäre, wenn ich zu euch sprechen könnte. Lebt wohl, die ihr draußen auf mich wartet...!" Am nächsten Morgen, es war etwa 5 Uhr, nach dem Appell, als Bettenbau und Geschirreinigung erledigt waren, hatte die Angst sich etwas gelegt, da der Appell glimpflich abgelaufen war. ,, Neuzugänge heraus!" - - Wir mußten rechts vom Tor Aufstellung nehmen und leuchteten als Karikaturen( Neuzugänge) schon wegen unserer auffallenden Bekleidung Hosen zu kurz und zerrissen, Blusen zerdrückt, neu gewaschen, Winkel und Nummer bereits aufgenäht, ängstlich wie überall heraus. Jeder Blockführer, der durch geschlagene Hunde das Jour- Tor kam, blieb breitbeinig stehen, grinste und kam dann langsam zu uns. Er fing sich einen nach dem anderen mit den Worten: ,, Du Vogel, komm' mal heraus!", aus der Einteilung, beschimpfte und bespuckte uns, trat uns mit seinen harten Stiefeln zu Boden, und ohrfeigte den und jenen, bis er müde war und ging. Das dauerte ewa 3 Stunden. Immer wieder kam so ein Schurke, um an uns seine Kräfte zu erproben. Endlich erschien ein Lagerläufer. Er führte uns über den Appellplatz in die ersten zwei Baracken rechts von der Lagerstraße ins Revier. Dort standen wir wieder eine Ewigkeit. Jeder Mithäftling, der vorbeikam und uns ansprach, lächelte, weil wir ihm kaum antworteten, wenn er uns eine Frage zuflüsterte. Wir trauten uns einfach nicht! Das, was wir bisher gesehen und verspürt hatten, war ausreichend! Drei, vier Untercapos dieses Reviers kamen mit Listen angelaufen, riefen unsere Namen, worauf wir laut ,, Hier!" zu antworten hatten, und verschwanden eilig. Blockführer sausten auf Rädern daher, traten uns in die Seite und machten sich so die Bahn frei. Ein anderer ließ uns eine halbe ⚫ Stunde wippen oder auf dem Bauch kriechen und ohrfeigte uns. • am Anfan Schädelsta anderen la Wir sahen Kranke und solche, denen Hände oder Füße amputiert werden mußten. Menschen, wie man sie wohl nirgends auf der Welt finden kann. Sie fragten uns durch das Fenster der Baracke, woher wir gekommen und warum wir da seien. Jeder, der uns ansprach, erzählte uns kurz seinen Kreuzweg in diesem Lager. Ein Gruseln lief jedesmal über unsere Rücken, wenn wir daran dachten, daß wir erst 34 die Selbst schon von dort ausg Mensch s vorüber. W wir wollte In ein musizierte schauerlic durchzuse Rad wegw dann in an darüber, d hatte. Sie schmack Z Kein Dort Halb Zwischenr. stündlich bender! Es Menschen. zeigen, der worden w. solcher Un Gesicht sc Moment e Als w höllischen ein Capo, musterte u sei überha glänzend kommen Witz antw zu mir und hm, daß habe, was falls ich r unterstütz kommen u Bald wald, der war. Mit am Anfang dieses Golgathas, an den Stufen dieser schauerlichsten Schädelstätte standen und den Weg noch vor uns hatten, den die anderen längst gegangen waren. Unsere Angst wurde immer größer, die Selbstvorwürfe wurden immer schwerer.„Warum bist du nicht schon vom Auto gesprungen? Warum bist du nicht schon da oder dort ausgebrochen? Alle schauerlichen Vorstellungen, die ein Mensch sich in seiner Phantasie ausmalen kann, zogen an uns vorüber. Was half das? Wir waren einmal da und konnten, wenn wir wollten, die Freiheit sofort erreichen. Durch den Tod...! In einer kleinen Glasveranda, die die Baracken 1 und 2 verband, musizierte ein Zigeunertrio. Der Lärm der Sprechenden übertönte das schauerliche Gewinsel einer Geige, die sich in diesem Elendsgeviert durchzusetzen versuchte. Immer, wenn ein Blockführer anfuhr, sein Rad wegwarf und hereinkam, wünschte er ein Stück zu hören, das - dann in angstvoller Hast heruntergefiedelt wurde. Die SS freute sich darüber, da sie nicht die geringste Ahnung von wirklicher Musik hatte. Sie wollten nur irgend etwas hören und wenn es ihrem Ge- schmack zusagte, war es eben Kunst oder für sie absolute Musik! Kein Mensch kann sich vorstellen, welch ein Bild das ergab. -Dort Halbtote, Hast und Arbeit, Zusammenbrechende, in kleinen 'Zwischenräumen Schüsse von den Türmen, da Musik um Kranke, die stündlich das Ende erwarteten. Hier ein Seufzender, dort ein Ster- bender! Es war das Ergebnis der Überschwenglichkeit ungeratener Menschen, die wohl gelernt hatten, äußerlich Zucht und Ordnung zu zeigen, denen aber kein Gefühl, keine Seele auf die Welt mitgegeben worden waren. Welcher Mensch kann unter solchen Umständen in solcher Umgebung Musik verlangen? Menschen, denen man ins Gesicht schlägt, die man bespeit und tritt, sollen im nächsten ‚© Moment einen Tanz in der Glasveranda vorführen? Als wir einige Stunden zitternd herumgestanden waren und die höllischen Szenen des Lagerlebens gesehen hatten, erschien vor uns ein Capo, und zwar der des Reviers, namens Heiden Sepp. Er müusterte uns mit lächelnder Miene und verschränkten Armen, als sei überhaupt nichts los, als sei er nie eingesperrt gewesen. Er sah "glänzend aus und sprach sehr wenig. Wir fragten, was nun köommen würde, worauf er schmunzelnd mit einem kleinen Witz antwortete. Als er durch die Reihen ging, kam er auch zu mir und fragte mich nach Namen, Herkunft und Beruf. Ich erklärte ihm, daß ich Musiker sei und am Grazer Konservatorium studiert ‚habe, was ihn besonders freute. Er stellte mir in Aussicht, mich— falls ich nicht in die Strafkompanie käme— nach Möglichkeit zu unterstützen. Ich könne in meiner Freizeit ab und zu ins Revier kommen und dort die Armen mit meiner Musik erfreuen. Bald nach ihm kam der Lagerführer, Hauptsturmführer Grüne- wald, der uns bereits am Vortag durch seine Brutalität aufgefallen war. Mit ihm erschienen der Rapportführer und ein noch halber 35 Knabe, den man uns als Arzt bezeichnete. Einer der älteren Häftlinge gab sofort das Kommando: ,, Stillgestanden und Mützen ab!" Luft. Ich daß durch Mahnruf der bei i perite de auf die d Als i kurz, ohn Häftling, Harmonik Im Nu verstummte die Musik. Kein Mensch war mehr zu sehen, von den Fenstern war alles verschwunden, und draußen, auf der Lagerstraße, liefen die Arbeitenden auffallend schneller als sonst. Mit einem Wort, man merkte, der Tod zog durch die Straßen! Nach kurzer Meldung des Capos vom Revier verschwand der Lagerführer in einen der Räume, in dem wir nun nackt antreten mußten. Im Zimmer, daß wir einzeln betreten mußten, saßen der Arzt und der Rapportführer, der jeden Eintretenden mit einem Fußtritt begrüßte und mit einem Fußtritt entließ. Man mußte laut Namen und Beruf angeben, worauf er den einen oder den anderen fragte, was er ,, ausgefressen" habe. Eine Krankheit anzugeben war unvorsichtig. Das löste nur ein Gelächter aus und half nichts. Im Gegenteil, wenn einer sich als herzkrank oder als tuberkulös und schwach bezeichnete, wurde er gerade zu schwerer Arbeit befohlen. Solche Leute flogen nach kräftingen Fußtritten zur Tür hinaus in den Vorraum, wo wir diese Bedauernswerten anfangs auffingen. Wir ließen das aber bald sein, da der Lagerführer, der das bemerkt hatte, herauskam und die Helfenden gehörig verdrosch. Bei dieser Untersuchung wurden gleich auch die Nummern und die Einteilung in die Strafkompanie festgesetzt. Meine Nummer lautete 252.451. Als der letzte Mann den Untersuchungsraum passiert hatte und wir schon eine Ewigkeit vor der Baracke gestanden waren, kam der Lagerführer und befahl, daß die drei Zigeuner ihm etwas vorspielen sollten. Im Nu war die Musik gestellt. Sie spielten einige Stücke, worauf der Capo Heiden dem Lagerführer sagte, daß unter den Neuzugängen sich ein Musiker befände, der aus dem Grazer Konservatorium komme und daher wahrscheinlich etwas könne. Der Lagerführer ließ mich vortreten, überhäufte mich erst mit Vorwürfen, schlug mir ein paarmal ins Gesicht und befahl dann in rohem, kurzen Ton, ihm etwas vorzuspielen. dene bek denen de Gitarre da gefunden Mir war furchtbar zumute! Meine Hände waren blutig vom Hinlegen und vom Auffangen auf den spitzen Kieseln, der Schädel brummte mir von den Faustschlägen. In mir saß die Angst und ich zitterte an Leib und Seele. Dabei vergaß ich aber nicht, daß ich für die Strafkompanie ausersehen war und nun die Möglichkeit hatte, davon vielleicht durch mein Spiel befreit zu werden. Ich ergriff also Geige und Bogen und versuchte mit allen Kräften, etwas zu spielen. Ich wußte selbst nicht, was es war, was da aus meiner innersten Tiefe kam und vielleicht aus Angst und Fassungslosigkeit geboren war. Schon nach den ersten Bogenstrichen verfärbte sich mein Lagerführer. Er drehte sich um und starrte durch das Fenster in die 36 So ha dem Rapp kompanie im Revie mern von schritt in Es w die Mitta Zeichen den Appe lingen ei Platz, auf kurzem F lautlos u rannten, Abmarsc geteilt. M und ich spüren c schoben. ich mich fach als Bald SS- Poste das Hau das Exer weit vo Heimat, getrennt ungepfle Plantage etwa ei Luft. Ich merkte an seinen Zügen, daß ich ihn getroffen hatte und daß durch sein Gehirn, vielleicht durch meine Musik ausgelöst, ein Mahnruf an seine grobe Seele ergangen war. Auch der Blockführer, der bei ihm war, schwieg und rührte sich nicht vom Platz. Mir perlte der Angstschweiß von der Stirn und meine Tränen fielen auf die dunkle, abgeschmierte Geige. Als ich das erste Stück beendet hatte, befahl der Lagerführer kurz, ohne mich anzusehen, weiterzuspielen. Inzwischen kam ein Häftling, Mitglied der Stuttgarter Oper, mit einer chromatischen Harmonika, der mich nun begleitete. Wir spielten verschie- dene bekannte Stücke, leichte und schwerere, darunter einige, zu denen der Opernsänger sang. Bald gesellte sich einer mit einer Gitarre dazu und wir hatten uns nach einigen Takten so zusammen- - gefunden, als hätten wir schon Jahre miteinander gespielt. i So hatten wir etwa eine Stunde konzertiert, als der Lagerführer - dem Rapportführer befahl, meinen Namen aus der Liste der Straf- kompanie vorläufig zu streichen. Dann zogen sie ab und ließen uns im Revier stehen. Noch einmal wurden unsere Namen und Num- mern vom Schreiber des Reviers aufgenommen, worauf wir im Lauf- schritt in unseren Block entlassen wurden. Es war inzwischen Mittag geworden und die Freizeit, vielmehr die Mittagszeit, war vorüber. Es brummte der„Bär" und dieses Zeichen bedeutete, daß wir in der Lagerstraße zum Abmarsch auf den Appellplatz gestellt sein mußten. Jede Kolonne, die aus Häft- - lingen eines Blocks bestand, marschierte singend auf den großen Platz, auf dem jedem Block sein Standplatz zugewiesen wurde. Nach kurzem Appell hieß es:„Arbeitskommando formieren!”, worauf wir lautlos und im Laufschritt zu den neu zugewiesenen Kolonnen “ rannten, den sogenannten Arbeitskommandos, die sich bereits zum Abmarsch rangierten. Wir wurden, wie es hieß, nach Berufen zu- geteilt. Meine Kameraden hatten mich aber schon vorher aufgeklärt, ‚“nd ich wurde von einer geheimnisvollen Hand, ohne dies zu spüren oder zu sehen, in das„Arbeitskommando Plantage” ge- schoben. Dort, so lautete mein Auftrag, so riet man mir, sollte ich mich, wenn der Capo nach Beruf und Stand fragen würde, ein- fach als Gärtner ausgeben. Bald darauf setzte sich die Kolonne, links und rechts von - SS-Posten bewacht, singend in Bewegung. Der Marsch ging durch # das Haupttor, durch das Eicke-Haus, am Eicke-Platz vorbei, über ' das Exerzierfeld längs der Lagermauer der Plantage zu. Im Süden, weit vor uns, sahen wir die schneebedeckten Berge unserer Heimat, die von uns durch eine große, unübersehbare Fläche getrennt waren. Vor uns, nach Osten, breitete sich eine wüste, ungepflegte Fläche aus, die vom Arbeitskommando zu einer Plantage gemacht und bearbeitet werden sollte. Wir marschierten etwa eine Viertelstunde zu unserem Standort, wo es„Arbeits- 37 kommando formieren!" hieß. Zu beiden Seiten der Kolonne gingen mit schußfertigen Gewehren SS- Jungen im Alter von etwa siebzehn Jahren, die ab und zu mit den Kolben auf die Singenden schlugen. Der eine sang zu laut, der zweite zu leise, der dritte hielt nicht Schritt, der vierte war ihnen unsympathisch, und so hieben sie auf die Halbverhungerten, die zum Teil zusammenbrachen und am Wege liegen blieben. Die letzte Kolonne führte Schubkarren und Werkzeug mit und hatte die Aufgabe, die Zusammengebrochenen entweder noch anzuspornen, aufzustehen und mitzumarschieren, oder, wenn es nicht mehr ging, in die Schubkarren zu werfen und mitzuführen. Den Abschluß des Zuges bildeten einige HMP- Posten und Blockführer mit Hunden, die sie von Zeit zu Zeit auf die letzten Reihen hetzten. er imme weiche Loch für nichts! D kommen, Ich wurde vom Capo der Plantage, einem Nürnberger, einem ganz verrückten Kerl, der schon einige Jahre hinter sich hatte, ehe ich aufgeklärt, daß ich, ins Arbeitskommando käme, mich erst bewähren müsse. Das sagte er mir vor sämtlichen anmarschierenden Arbeitsregimentern! Er ließ sich zwei Kannen Wasser geben und überschüttete damit mich und meine Kameraden. Unter höllischem Gelächter der Blockführer, die sich uns gegenüber aufgestellt hatten, wurde mir mein Arbeitsplatz, vorerst das Glashaus, zugewiesen. Die anderen Kameraden, Neuzugänge, die ihren Beruf als Arzt, Jurist, Architekt, Professor oder wurden unter besonderen Offizier zugegeben hatten, Schikanen zu außergewöhnlichen Arbeiten herangezogen, wobei die SS und der Capo diesen Befehl damit begründeten, daß diese ,, Schweine" in ihrem Leben noch nie gearbeitet hätten und hier erst zur Arbeit erzogen werden müßten. Sie wurden als ,, Arbeitermörder" und ,, Volkstyrannisierer" bezeichnet, für die es besser sei, mit dem Schubkarren zu fahren oder in einem Winkel der Plantage zu verrecken. Ein furchtbares Hasten ging nun los. Ich hatte die Aufgabe, Pflanzen in den südlichen Teil der Plantage zum Capo zu bringen, was nur im Laufschritt durchgeführt werden durfte. Hinter mir fuhr ein Blockführer mit einem Prügel, der bei der ersten Ermattungserscheinung, zu der er mich durch das schnelle Tempo trieb, auf mich einschlug. Der Weg dürfte 2000 bis 3000 Schritte lang gewesen sein, und die Erde war locker von vorhergegangenem Regen. Ich sank bis zu den Knöcheln ein und konnte daher nur schwer laufen, wogegen der Blockführer auf einem mit Brettern ausgelegten Steig fuhr. Nach einer Stunde brach ich vollkommen erschöpft zusammen. Ich hatte furchtbare Muskelschmerzen, die mich fast wahnsinnig machten; er glaubte aber, daß er mich mit Prügeln doch zwingen könne, wieder aufzustehen und weiterzulaufen. Ich versuchte es, doch nach drei bis vier Schritten sank ich wieder zusammen. Als 38 bestem gebens daß ich zum Glas leitung a mich hi Moment sie nur a mich da Gesicht, Ich stan um so s Schergen Es liegen b geworde in den S die scho sang wu karren a mußte ü gingen. und ich linge un hinaus Z steckte platz in Der unter de liegen. rührung allen Kr ich trotz halten w Vie sie ware Motto: in die Am Schläge zur Ver ‚ hatte,# käme, Ien an- Kannen ‘er immer noch auf mich einschlug, versuchte ich, mich in die weiche Erde einzugraben. Ich scharrte wie ein toller Hund ein Loch für meinen Kopf und glaubte, geschützt zu sein. Es half aber nichts! Der Blockführer ließ zwei Häftlinge vom Nebenkommando kommen, die mich aufstellen und schlagen mußten, obwohl ich mit bestem Willen nicht mehr weiter konnte. Aber auch das war ver- gebens— ich brach wieder zusammen. Als der Blockführer sah, daß ich nicht mehr konnte, befahl er, mich mit einem Schubkarren zum Glashaus zu bringen und mich mit dem Schlauch der Wasser- leitung anzuspritzen. Man zerrte mich in den Schubkarren, führte mich hinunter, lud mich wie einen Stein ab und im nächsten Moment ergoß sich über mich ein Wasserstrahl. Anfangs zielten sie nur auf das Gesicht, so daß ich bald erstickt wäre. Ich drehte mich daher mit meinen letzten Kräften um und schützte mein Gesicht, indem ich mir wieder mit den Händen eine Grube scharrte. Ich stand auf dem Standpunkt, alles über mich ergehen zu lassen, um so schnell wie möglich zu krepieren und den Händen dieser Schergen durch den Tod zu entgehen. Es dauerte nicht lange, bis ich das Bewußtsein verlor und liegen blieb. Nach einigen Stunden— es war inzwischen Mittag geworden— packten mich zwei Häftlinge. Sie steckten mich wieder in den Schubkarren und führten mich zu der angetretenen Kolonne, die schon abmarschbereit war. Unter Brüllen, Geschrei und Ge- sang wurde ich mit vielen anderen Lebenden und Toten im Schub- karren durch das Tor geführt und links vom Tor niedergelegt. Ich mußte über Mittag liegen bleiben, während die anderen zum Essen gingen. Am Nachmittag, als die Kolonne wieder vorbeimarschierte und ich mich einigermaßen erholt hatte, nahmen mich zwei Häft- linge unter den Armen und schleiften mich am Ende der Kolonne hinaus zur Plantage. Unterwegs brach ich wieder zusammen. Man steckte mich in den Schubkarren und führte mich zum Arbeits- platz in das Glashaus Nr. 1. Der Capo des Glashauses, ein Sudetendeutscher, versteckte mich unter dem Blumentisch und ließ mich dort den ganzen Nachmittag liegen. Ich hatte unaussprechliche Schmerzen, ertrug keine Be- rührung und hing trotzdem an meinem Leben. Ich versuchte mit allen Kräften, mich auf die Füße zu stellen, um zu beweisen, daß ich trotz Hunger und Schlägen, Ermattung und Entmenschung stand- halten würde. Viele meiner Kameraden, die mit mir gekommen waren— sie waren nach einigen Wochen nicht mehr. Sie waren unter dem Motto:„Arbeit macht frei!” durch den Kamin des Krematoriums in die Freiheit gegangen. Am Abend, nach schwerster Arbeit und unmenschlichen Schlägen, griff ich immer wieder nach der Geige, die im Block zur Verfügung stand und rüttelte die Kameraden mit meinem Spiel 39 zu neuer Standhaftigkeit auf. Ich konnte nicht mehr stehen und kratzte sitzend einige kleine Melodien herunter. Es waren aber doch Melodien, es war doch ein Heimatlied, und eben das, was die Kreatur braucht, um durch innerliche Freude wieder Stärke und Sammlung aufzubringen. Alle österreichischen Kameraden unter- stützten mich, brachten mir zu essen, sprachen bei diesem oder jenem Capo vor, um mir leichtere Arbeit zu verschaffen, damit ich sie in meiner freien Zeit mit etwas Musik unterhalten könne. Es dauerte nicht lange, da waren das Spiel mein Bahnbrecher und die Geige das Werkzeug, das der gigantischesten Unmenschlichkeit entgegenzutreten und zu trotzen wagte. Aber nicht nur eine Bahnbrecherin war meine Geige, sie ge- wann bald auch die Herzen, ob es sich nun um SS-Leute oder um Häftlinge handelte. Erst hörten sie von einem Geiger im Lager sprechen, dann suchten sie ihn. Sie fanden mich und verschafften mir sofort eine Geige, weil ich ja keine haben durfte; nun ging das Spiel los. Der Kampf zwischen mir und ihren Herzen war bald entschie- den. Von Melden oder Strafen war keine Rede mehr. Im Gegen- teil, sie kamen immer wieder, öfter auch am Tag, und verlangten Wiederholung. An Sonntagen gab es für mich vorläufig überhaupt keine Arbeit, da ich dem Blockführer im Revier von früh bis abends vorspielen mußte. Ja, es dauerte nicht lange, da lockte ich ihm sogar manche Zigarette aus der Westentasche, und das bedeutete sehr viel. Wer hatte das Glück, einmal eine Zigarette zu erhalten? Fast niemand und erst recht nicht, wer noch ein„Lagerhäschen” war. Meine Kameraden staunten. Ich bekam auch Feuer und rauchte ungehindert an Ort und Stelle, wenn es auch verboten war. Ein neuer Abschnitt meines Daseins begann allmählich. Aber nicht nur für mich brach eine neue Zeit an, sondern auch für das ganze Lager. Ein Lichtstrahl rang sich langsam durch das Grauen. Anfangs schwankten meine neuen Freunde. Einer war mir einmal gut, dann wieder einmal schlechter gesinnt. Kam einer allein, war es bedeutend besser, als wenn er mit Kameraden kam, da die SS auch unter sich sehr mißtrauisch war und fürchtete, angezeigt zu werden, wenn sie mit Häftlingen in näherem Kontakt stand. Vorerst sah es nun für mich besser aus als bisher und auch die Zukunft versprach, erträglicher zu werden. Eines Tages wurde ich auf Grund meines Spiels von einem Blockführer als Hilfscapo auf Freiland 2 in der Plantage bestellt, wo ich die Aufgabe hatte, Bohnenkraut und Minzteefelder zu be- treuen. Ich hatte nur mehr die Leute zur Arbeit einzuteilen, hinzu- führen und zu überwachen. Das sah vorerst sehr schön aus, aber bald mußte ich mich vom Gegenteil überzeugen lassen. Die mir unter- stellten lebenden Leichname waren ja nicht mehr imstande, etwas zu leisten. Ihre Arbeit ging dementsprechend langsam weiter. Das wurde vom Turm aus vom Lagerführer beobachtet und ich, der ich 40 die Ver‘ ; stündlic heit vol oder dal wegen] zweifeln stummel Blockfül als der führer Z Baum!“ Der genehm einen Al der näcl singend Pfahl. 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Erst mußte man zum Revier, wo der Arzt, ohne einen anzusehen, feststellte, daß man dazu tauglich sei. An einem ‚der nächsten Tage stand man dann am frühen Morgen, während die singenden Kolonnen hinter den Mauern verschwanden, vor dem Pfahl. Dieses Strafkommando befehligte der Rapportführer des Bun- kers, der Unterscharführer Zeiß, ein Mordknecht, wie man sich ihn nicht ärger vorstellen kann. Schon der Empfang im Hof vor dem Baum war eine Tortur und die Strafe war eine Marter, gegen die alles verblaßte. Der Capo, der seinerzeit zum Tod verurteilt und später zu lebenslänglicher Haft begnadigt worden war, hatte die Durch- führung über. Er empfing jeden Häftling ruhig und gelassen. Aus seinen Zügen sprachen Elend und Gram, seine Augen verrieten außer Lebensmüdigkeit doch wieder Kraft und Durchdringungsvermögen und ließen jede Kreatur beim ersten An- blick erschauern. Leben und Sterben betrachtete er mit einer Ruhe, die beneidenswert. war. Er kannte keine Furcht, keinen Schmerz, kein Lachen, kein Weinen. Er stand über allem und man merkte sofort, daß er schon lange mit Diesseits und Jenseits abge- schlossen hatte. Er wies mir einen Pfahl zu, stellte mich vor diesen, bestieg das Podest, kehrte meinen Rücken zum Baum, wobei ich die Hände auf dem Rücken kreuzen mußte, und legte mir eine Kette an die Hand- fesseln. Im nächsten Moment zog man meine Hände höher und höher; das Podest wurde unter meinen Füßen weggezogen und ich hing in der Luft. Gleich einem Wurm am Angelhaken krümmte sich mein Körper. Unsagbare Schmerzen durchbebten mich. Die Ketten drohten Fesseln und Knochen zu zerbrechen— es hing ja das ganze Körper- gewicht daran. Das Kugelgelenk des Oberarmes drehte sich aus und der Schmerz war unaussprechlich. Anfangs unterdrückte man seinen Schmerz und biß in die Lippen. Später schrie man, heulte man auf wie ein Hund. Die Zeit wollte nicht vergehen! Kehle und Gaumen trockneten aus, Schaum bildete sich in den Mundwinkeln, das Antlitz verzerrte sich zu einer tierischen Maske. 4 Schrie und wimmerte einer zu laut, sprang der Blockführer mit einem Ochsenziemer vor den Baum und schlug wahllos in das Gesicht und auf den sich krümmenden Leib des Gemarterten. Der Capo, der die Ruhe selbst war, spazierte auf und ab, sah auf die Uhr und tröstete, wenn der Blockführer wegging, mit einigen Worten: ,, Nur noch 20, nur noch 10, nur noch 5 oder 3 Minuten". Nach einer halben Stunde es kam aber auch vor, daß ich eine Stunde, ja auch zwei Stunden am Baum zubrachte, wurde man gelöst. Man mußte dann an das Tor und wenn man dem Lagerführer die Meldung: ,, Häftling Nr.... vom Baum zurück!", erstattet hatte, befahl er: ,, Zur Arbeit, marsch, marsch!" - Wenn man vom Baum kam und dann einen Schubkarren führen mußte, wuchsen die Schmerzen ins Unvorstellbare. Ich kannte viele Häftlinge, die wahnsinnig wurden oder einen Nervenschock davontrugen und, fast Idioten geworden, nicht mehr zu erkennen waren. Ihr Leben war ihnen nur mehr eine Last. Ich weiß mich genau zu erinnern, daß man später in Dachau die Verurteilten wegen ihrer Menge nicht mehr am Pfahl abfertigen konnte, sondern einfach im Bad an einen Querbalken hängte, wie ein Hühnerhändler seine Hühner aufhängt. Wenn dann die zwanzig Geschundenen zu brüllen anfingen, ließ man einen Schlauch an die Wasserleitung anbringen und ein Blockführer spritzte die verzerrten, schreienden Masken ab. Es war der größte Spaß für ihn, wenn der Strahl gerade in den offenen Mund eines Häftlings traf. Vor meinem Transport nach Dachau, so erfuhr ich später im Lager, waren bereits meine Kameraden, der Kadett Johann Gaster, Paul v. Wutz, Alfred Schifko und Franz Bobner nach Dachau gekommen. Mein bisheriges Suchen nach ihnen war jedoch vergebens. Ich fand sie nicht, ich sah sie nicht, niemand kannte sie. Ich traf sie auch bei keinem Arbeitskommando, nicht auf der Lagerstraße, nicht auf dem Appellplatz. Erst später, es ging schon dem Herbst zu, erschien auf einmal Johann Gaster. Er erzählte, daß er mit den anderen Kameraden in der Strafkompanie gewesen sei. Soweit meine Beziehungen es ermöglichten, bettelten ich und mein Geigenspiel um Brot für ihn, der sich nach diesen Strapazen einigermaßen erholen mußte. Bald erschienen auch die anderen Freunde. Bis auf Schifko brachte ich sie mit Hilfe meines Obercapos in das Plantagenkommando, wo sie, wenn auch fast verhungert, wenigstens die Natur genießen konnten, die ihnen hinter den Mauern versagt geblieben wäre. Wir hatten bald erkannt, daß gerade wir Österreicher, die ja zum Großteil aus Intelligenzlern bestanden, von der SS am meisten gequält wurden und daß die Kreaturen darauf ausgingen, alle Osterreicher, die sie als ,, dämliche Katholikenschweine" bezeichneten, zu vernichten. Man stellte sie unter das Kommando eines Capo, der als Berufsverbrecher( BV- ler) galt und unter seiner Nummer einen grünen Winkel trug. Diese Verbrecher wurden von der SS unter42 stützt, d besserte Unt Ein " wurden Phantasi verbreit Häftling verbrech beschäft Wenn d gegentra ging, oh scheinum bestraft End geworde von Pa färbte Sorge, c Essen w Jed alle Sch wollte e in Siche Viele w Sie wur Man er! Reihen Deutsch deutsch Waffen An da man werde. der ein Lager. der in Ca Mensch ten der Lästige Auslän war, un verkau Ein ich mic rer mit in das en. Der Hie Uhr Worten: Nach Stunde, st. Man eldung: r: ,, Zur führen e viele davonren. Ihr Dachau ertigen te, wie wanzig an die zerrten, enn der Säter im Gaster, mau gegebens. traf sie e, nicht zu, erStraflichten, ch nach en auch meines auch e ihnen die ja meisten Ostereten, zu der als - einen unterstützt, die ihnen Brot und Zigaretten zukommen ließ, und sie verbesserten ihre Stellung, je mehr Meldungen erstattet wurden. Unterdessen war der Krieg ausgebrochen. Ein Höllentreiben ging los! Im Lager und auf den Arbeitsplätzen ' wurden angesichts der Verzweiflung und der Hoffnungen, die die Phantasie der Gehetzten entstehen ließ, die unglaublichsten Gerüchte verbreitet. So hieß es, das Lager sollte aufgelöst und die politischen Häftlinge sollten in Freiheit gesetzt werden, dann wieder, Berufsverbrecher und asoziale Elemente sollten entlassen werden und so beschäftigte man sich mit zahllosen Meinungsverschiedenheiten. Wenn der klare Verstand des einzelnen diesen Behauptungen entgegentrat, gerieten die Leichtgläubigen in Wut. Keine Stunde verging, ohne daß Verzweiflung, Hader, Trotz, Zorn und Streit in Erscheinung traten. Anzeigen wurden gemacht und Hunderte wurden bestraft. Endlich löste sich die Spannung. Es war inzwischen Herbst geworden. Die Blätter rauschten und fielen auf die Lagerstraße, die von Pappeln flankiert war. Leise Winde wehten, das Firmament färbte sich und viele, viele Menschen starben. Kummer und die Sorge, das Leben über den Winter zu erhalten, steigerten sich, das Essen wurde knapper, das Hoffen erstarb in allen Seelen... Jede Kommandostelle, jedes Arbeitskommando, jedes Revier, alle Schreibstuben waren beherrscht von der Bestie Hast. Jeder wollte es besser treffen, jeder trachtete, seine Haut über den Winter in Sicherheit zu bringen. Leises Hoffen auf Entlassung flammte auf. Viele wollten sich freiwillig in den Krieg melden, einige taten es. Sie wurden mit Lächeln und Schimpfworten von der Schwelle gejagt. Man erklärte ihnen: ,, Der Führer braucht keine Verbrecher in seinen Reihen die Heimat verzichtet auf die Mithilfe solcher Elemente. Deutschland ist stark genug, um jedem Stoß standzuhalten und die deutsche Erde würde sich schämen, wenn solche Kreaturen im Waffenrock über sie zur Verteidigung antreten würden." - An anderer Stelle erklärte man, der Zeitpunkt sei gekommen, da man uns einfach den Flammen des Krematoriums übergeben werde. Jeder in der Schreibstube Beschäftigte, alle anderen Schreiber der einzelnen Kommandos rannten wie Wahnsinnige durch das Lager. Sie stellten Transporte auf und hielten Nummern und Namen der in Betracht Kommenden in ihren Mappen fest. Capos wie Lagerälteste versuchten, das ihnen unangenehme Menschenmaterial so schnell wie möglich abzuschieben, und brachten den Kompetenten der Schreibstube Namen und Nummern dieser Lästigen zur Kenntnis. Man wollte die Arbeitskommandos auch von Ausländern säubern, was schon lange der Wunsch manchen Capos war, und so wurden Menschen um ein Stück Brot verschoben und verkauft. Eines Abends- es war ein blutigroter Himmel, dessen erinnere ich mich genau- räumte man das Revier. Es waren meist hoffnungs43 lose Fälle, darunter Leute, die man aus dem Weg schaffen wollte, und so wurde plötzlich, noch vor Einbruch der Dunkelheit, ein Kommando zusammengestellt, das diese Kranken auf Tragbahren ins Freie brachte und auf Autos lud. Sie verschwanden auf Nimmerwieder- sehen! Bald darauf sickerte durch, daß man sie mit einem Genick- schuß erledigt und den Flammen übergeben hatte. Das wiederholte sich noch öfter. Immer am Abend, wenn die Sonne sank und nur mehr die Silhouetten von Turm und Stacheldraht, von Maschinen- gewehren und Kaminen sich vom Himmel abhoben, marschierten singende Kolonnen durch das Tor ins Ungewisse. Nur ein kleines Kommando, 100 ausgesuchte Männer, sollte in Dachau zurückbleiben. An einem Sonntag ließ der schon vorher mit der Aufstellung des Kommandos betraute Capo, dessen Vorschläge vom Lager- führer nur mehr bestätigt werden mußten, antreten. Es gelang, den Kameraden Gaster in diesem Kommando unterzubringen. Das war nur durch mein Spiel gelungen, da ich auch beim Capo trotz seiner Abnormalität seit dem Sommer einen gehörigen Stein im Bretthattee Kam ich mit einer Bitte, wurde dieser sofort stattgegeben. Bald war das Lager leer. Der Nebel zog über die stille Halde, Regen und Sonnenschein wechselten. Wir zogen immer wieder auf die Plantage und machten dort Auf- räumungsarbeiten, wie Sicherstellung von Samen und Werkzeug für das kommende Jahr. Es wurden auch Bauvorbereitungen getroffen, weil man plante, am Nordrand der Plantage eine Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung zu errichten. Grabarbeiten und Aus- hebungen hatten bereits begonnen und nun war nur mehr der Bau nach dem Plan eines Münchner Baumeisters fertigzustellen. Im Lager herrschte Ruhe und man war einer ständigen Spannung unterworfen, was nun kommen würde. Wir wurden in einem Glas- haus auf der Plantage untergebracht, wo wir, mit Kommandoführer, Capo und Bewachungsmannschaft hundert Mann, hausen mußten. Schneeflocken tanzten friedlich-leise-zur Erde... Die Arbeit war hart und schwer und von uns wurde immer mehr verlangt. Die Blockführer, gewohnt, durch große Kolonnen alles im Nu fertigstellen zu lassen, glaubten, wir hundert Mann müßten das Gleiche leisten wie tausend. Weiß lag die Ebene vor uns. So weit das Auge reichte, herrschte Friede. Kein Laut störte, kein Schuß knallte vom Turm, kein Lärm war zu hören— Umgebung und Lager glichen einem Friedhof. Wir hasteten und warfen Erde, schleppten Säcke mit Baumaterial herbei, legten Kabel, hoben Gruben und Kanäle aus und schlichteten die Rohre der Kalt- und Warmwasserleitung aufeinander. Eines Tages mußten wir um 4 Uhr früh in das Lager ein- rücken. Dort erhielten wir Befehl, 30.000 Betten von der SS-Unter- kunft in das Lager zu schaffen, aufzustellen und die Baracken als 44 durften Haı wir wal Hunger unserer Arbeit scharfül reißen ı kehrt,$ schläge unseren wegzuf hatten, nit eir Posten gegen: Ty gesuch F sichter ‚ mdre} Überzu Sofort te, und mando Freie wiederGenickerholte nd nur hinenmierten leines leiben. tellung Lagergelang, n. Das Capo Stein sofort Halde, rt Aufeug für troffen, anstalt d Auser Bau annung Glasführer, ten. er mehr lles im ten das eit das knallte glichen cke mit File aus leitung er ein-UnterSS- Unterkunft einzurichten. Wir wurden wüst angetrieben. Erst schleppten zwei Mann ein Bett, dann ging es zu langsam, und nun mußte jeder ein Bett auf den Rücken nehmen und den Weg von der SS- Unterkunft in das Lager im Laufschritt zurücklegen. Am Abend lehnte man, zu Tode erschöpft, an der Wand. Wir glaubten nun, endlich einmal essen zu können, aber das wurde uns untersagt. Wir mußten vielmehr die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag arbeiten und bekamen erst zu Mittag ein Stück Brot, ein Stück ,, Sülze" und eine Schale Kaffee. Wir mußten das Essen hastig hinunterschlingen und sofort wieder die Arbeit aufnehmen. Dann ging es weiter den ganzen Nachmittag, die ganze Nacht hindurch, den ganzen folgenden Tag und wieder die ganze Nacht. Dann erst durften wir in das Glashaus Nr. 3 einrücken. Hautfetzen hingen von den Händen, die Füße waren offen und wir waren bis auf die Haut durchnäßt, so daß es uns schüttelte, Hunger bohrte in uns. Völlig zusammengebrochen standen wir vor unserer kärglichen Stärkung. Es war furchtbar! Wir hätten unsere Arbeit bedeutend früher beenden können, wäre nicht dem Oberscharführer Hofmann immer wieder eingefallen, Baracke Nr. 27 abreißen und das Inventar von Block 1 bringen zu lassen und umgekehrt. Schikanen über Schikanen! Gebrüll, Ohrfeigen, Tritte, Faustschläge. Jedes Prügelholz, das jenen in die Hände fiel, wurde auf unseren Rücken ausprobiert, um uns Tempo beizubringen. Im Glashaus war es fuchtbar. Wir bekamen nur eine Decke, obwohl nicht geheizt wurde, weil die Heizung noch nicht funktionierte. Nach einigen Tagen hörten wir auf der Plantage über den Mauern ein höllisches Motorengeräusch und Kommandostimmen. Singende SS- Kolonnen, etwa 25.000 bis 30.000 Mann, besetzten das Lager. Auf Autos und Panzern konnte man lesen: ,, Auf zum 5- Uhr- Tee nach Paris!" Ein tolles Treiben! Kriegerische Jugendliche, meist betrunken und übermütig, durchtobten das Lager. Der Polenfeldzug war siegreich beendet und nun glaubten sie, die Welt in die Knie zwingen zu können. Als wir eines Morgens wieder ins Lager kamen, um den Dreck wegzuputzen, den diese Knaben in ihrem Übermut verursacht hatten, empfing uns ein schauerliches Bild. Das halbe Lager war mit einem Drahtverhau abgeriegelt und beim Eingang stand ein Posten mit schußfertigem Gewehr, der eigenartigerweise den Lauf gegen seine SS- Kameraden gerichtet hatte. Typhus, Ruhr, Fleckfieber und Cholera hatten diese Horde heimgesucht. In den Lagerstraßen lagen die Leichen und weinende Gesichter glotzten hilflos aus den Fenstern, wenn der Posten sich umdrehte. Sie getrauten sich nicht, den eigenen Kameraden gegenüberzustehen sie durften es nicht. Der Posten hatte nämlich Befehl, sofort auf die Kranken zu schießen, wenn einer von ihnen aus dem - ken als 45 Fenster schauen oder gar seine Baracke verlassen würde, um einige Schritte über die Straße in den nächsten Bau zu seinem Bruder oder zu einem Heimatkameraden zu springen. Ich hatte den Auftrag, mit einer kleinen Gruppe die Leichen aus den Baracken und von den Straßen zu entfernen. Als sie kamen, wurden wir von 17- bis 18jährigen SS- Leuten geschlagen, angespuckt oder ausgelacht, wenn sie vernahmen, daß wir aus dem Aschenhaufen ein Stück Brot fischten, das tagelang neben der Latrine gelegen war. Wir hatten Hunger. Der trieb uns zu diesen Haufen, von denen sie uns mit Gewehren davonjagten. Jetzt, da ihnen das Ende näher war als das Leben, verzweifelten sie und blickten uns flehend an. So erlebten wir eines Tages im ehemaligen Revierblock, als wir Leichen herausräumten, die wüstesten Szenen. Die Jungen fielen uns um den Hals, knieten nieder, baten um Hilfe, um Brot oder Zigaretten und versprachen uns alles, wenn wir ihnen nur einigermaßen helfen wollten. Wir konnten ihnen nicht helfen. Wir hätten sie am liebsten geschlagen oder angespuckt, doch brachten wir es nicht fertig. Wir räumten sie grinsend aus den Schlafstätten und warfen sie wie Säcke durch das Fenster auf die Straße, von wo sie auf einem Moorexpreß, der dem Anhänger eines Lastwagens glich, ins Krematorium geführt wurden. Viele mußten sterben, Hilfe fanden nur wenige, da die SS- Ärzte sich um sie nicht kümmerten. So kam es, daß viele aus Verzweiflung Selbstmord verübten. Wochen vergingen. Dann wurde das Lager geräumt und neue Truppen lösten das Elend der Abgegangenen ab. - Wenn wir im Lager nichts oder nur fallweise zu tun hatten, mußten wir auf der Plantage schwer arbeiten und dafür sorgen, daß der Bau so schnell wie möglich seinem Ende zugeführt wurde. Es war Ende November da wurde ich von einem schauerlichen Fieber heimgesucht. Ich konnte mich nur schwer fortbewegen, denn Krankheit gab es im Lager nicht und Fieber war nur eine ,, Faulheitserscheinung". Weil es bei mir so wie bei anderen Häftlingen eben ein Ausbruch von Faulheit war, wurden wir zu besonders schweren Arbeiten herangezogen. Ich erinnere mich, daß Heiden Sepp, der mir einmal das Fieber maß, schon am Morgen 40,1 Grad Temperatur nachweisen konnte. Trotzdem mußte ich Heizkörper schwersten Formats mit einem Schubkarren allein in die Räume des ersten und zweiten Stockwerkes der Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung bringen. Als der Blockführer, der dort die Aufsicht hatte, sah, daß ich mich nur schwer weiterbewegen konnte, ergriff ihn die Wut und er knallte seinen Gewehrkolben mit aller Wucht gegen meine Rippen. Das ging, bis ich die letzte Fahrt vom jetzigen Parkplatzeingang des Hauptgebäudes, wo Obersturmführer Vogt seinen Kanzleiraum hatte, bis zu den gegenwärtigen Kanzleiräumen des Laboratoriums gemacht hatte. Im 46 letzten Z und desse mit dem mir, mit Mund die tod entgi Das in Ketter gegen da vielleicht Der wollte, k mich nich werk her Ich Wunden auf dem einem u Leben w Wei barmte s für mic zuschind tisch, un weiter b bedeuter Wer niGast wenn er das er de Ihm wie möglichs zu erhal Am Keks zu lein ban stätte. D dem wir nachten Der W Schlafer zweite H lebte. U Imm die Ide Nieman lichen wegen, r eine ı Häft- zu be h, dab Aorgen 7 te ich jein in anstalt sr, def weiter-! owehl- ch die es, WO gegen te, Im € letzten Zimmer dieses Laboratoriums, das noch keinen Boden hatte und dessen Kanalschacht offen war, brach ich zusammen und fiel mit dem Kopf voran in den mit Wasser gefüllten Kanal. Es gelang mir, mit allerletzter Kraft, mich so umzudrehen, daß ich mit dem Mund die Oberfläche des Wassers erreichte und dem Erstickungs- tod entging. Das geschah in jenem Raum, in dem ich später die große Liebe in Ketten erleben durfte, aus der ich mir neue Kraft zum Kampf gegen das Weh holte, wo aber auch die Netze um mein Dasein, vielleicht fürs ganze Leben, gesponnen wurden. Der Blockführer, der mich, wie ich später erfuhr, umbringen wollte, kam an die Stelle meines Zusammenbruchs zurück. Als er mich nicht mehr fand, weil ich mich inzwischen unter dem Mauer- werk hervorgearbeitet hatte, ging er zornig anderen nach. Ich blieb bis zum Abend ohne Hilfe liegen, so daß ich die - Wunden nicht abwaschen konnte. Mir blieb nichts übrig, als täglich auf dem Arbeitsplatz zusammenzubrechen und von Kameraden in einem unbewachten Augenblick versteckt zu werden, um mein Leben wenigstens noch eine Zeit lang zu retten. Weihnachten stand vor der Tür! Am 20. Dezember 1939 er- barmte sich meiner der ehemalige Capo Heiden. Es gelang ihm, für mich beim Kommandoführer Zeiss eine Bettruhe heraus- zuschinden. Ich durfte also meine Schlafstätte unter dem Blumen- tisch, unter dem ich seit Wochen meine Nächte zugebracht hatte, weiter benützen. Nur bekam ich, da ich nicht arbeitete, auch bedeutend weniger zu essen, da die Parole des Lagers lautete: „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen!” Gaster, der seine Schlafstelle neben mir hatte, brachte mir, - wenn er gerade durch das Glashaus lief, ab und zu ein Stück Brot, das er der SS gestohlen oder sich selbst vom Mund abgespart hatte. Ihm wie mir war es hauptsächlich darum zu tun, unser Leben möglichst lange in treuer Kameradschaft bis zum letzten Atemzug zu erhalten. Am 24. Dezember gelang es ihm, irgendwo drei oder vier Keks zu entwenden, die er am Abend an ein kleines Fichtenzweig- lein band. Er brachte es mir ganz verstohlen und geheim zur Schlaf- stätte, Dieses Astchen banden wir an die Füße des Tisches, unter dem wir mit Erinnerungen und Schilderungen vergangener Weih- nachten den Heiligen Abend verlebten. Draußen lag tiefer Schnee. Der Wind heulte durch unser Glasdach, das Eis hing dem Schlafenden vor der Nase, und wir froren unsagbar. Es war der zweite Heilige Abend, den ich hinter Mauern und Stacheldraht ver- lebte. Und noch keine Hoffnung, eher das Gegenteil. Immer enger spann der Tod seine Netze um uns Leidende, die Idealismus und aufrechte Haltung hieher gebracht hatten. Niemand ahnte das Ende seiner Haft. Man wurde einfach in 47 Schutzhaft genommen und diese dauerte so lange, bis die höheren Stellen der SS und des Sicherheitsamtes sie wieder aufhoben. Kein Postverkehr, kein Brief seit dem Herbst! Wir waren hermetisch von aller Welt, vom Leben, von den auf uns Wartenden abgeschlossen und lebten nur von einer Stunde zur anderen, von einem Tag zum nächsten, ohne zu wissen, warum wir eigentlich um unser Leben stritten und kämpften, und welchen Zweck das für die Zukunft haben sollte. Draußen, an den Grenzen unseres Landes, herrschte die Kriegsfurie. Brüder mußten fern der Heimat sterben, die von einem gehaẞten Klüngel regiert wurde. Die Massen stöhnten unter der Peitsche des Staates und duckten sich vor dem Gesetz wie geprügelte Hunde. Draußen wurde um Leben und Sterben, um Dörfer und Städte, um Vieh und Länder, um Haus und Hof, um Zukunft und Vergangenheit gerungen wie bei uns. Es ging um alles! - Ereignisse jagten einander, die Leute verfolgten jede Stunde und jeder Blick galt dem Kommenden. Wir standen ferne, wußten, sahen und hörten nichts, sondern fühlten nur, daß dieses Ringen das Ende eines Volkes bedeutete, das von seinen Führenden weder verstanden noch vertreten werden konnte und das doch eigentlich an diesem Krieg schuld war, den es sich selbst aufgeladen hatte. Die Feiertage gingen vorüber. Wir arbeiteten wie jeden Tag, wie jede Stunde. Starker Schneefall umgab uns. Unser Kaffee mußte um 4 Uhr früh vom Lager gebracht werden und wir konnten uns nur schwer durch das Gestöber arbeiten, da uns die Kräfte verließen. Mit Rücksicht auf mein Fieber erhielt ich die Erlaubnis, im Glashaus 1 zu arbeiten. Trostlos standen wir vor unseren Arbeitsplätzen, verzweifelt starrten wir in die öde Gegend und Heimweh und Erinnerung erschütterten uns. Kein Ziel, keine Hoffnung belebte unser Dasein und so irrten wir geistlos durch Stunde und Tag in die erahnte, haẞerfüllte Zukunft. Am 26. Dezember 1939 erschien eine Kommission, geführt von Obergruppenführer Bohl aus Berlin, die, wie ich im Vorbeigehen hörte, für ein größeres Werk Maler suchte. Das Buch sollte ,, Heilkräutergarten Europas" heißen und von Häftlingen gemalte Bilder enthalten. Einige Professoren und Berufsmaler unter uns wurden nun zusammengerufen, um nach Modellen aus dem Glashaus sofort eine Probezeichnung anzufertigen. Als keiner den Anforderungen der Kommission entsprach, meldete mein Freund Gaster dem diensthabenden Blockführer, daß ich malen könne. Der Blockführer meldete es der Kommission, die mir ein Papier- es war ein Jausensäckchen auf den Tisch warf, worauf ich blühenden Javatee zu zeichnen begann. Schon nach den ersten Strichen riẞ man mir das Blatt aus den Händen und befahl mir, von nun an hier, im Vorraum des Glashauses 1, zu malen. Einige Tage später gesellte sich ein Tscheche namens Kascak zu mir, und nun ver48 - Am Piahl suchten wir beide, so schnell wie möglich einige Bilder fertigzustellen, um unsere Existenzberechtigung nachzuweisen. Es war uns ja nicht egal, ob wir im Freien, jeder Witterung ausgesetzt, oder unter schützendem Dach unser Leben verbrachten. Diese Zeit löste in mir den Drang nach Noten und Instrumenten aus. Vor mir stand ein Blümlein prächtigster Art, das ließ sich tausendmal besingen. Ich unterhielt mich gern mit diesem blühenden Wunder. Kaum verblühte ein Stern, öffnete ein anderer sein Äuglein dem Licht, oder aus dem Stengel züngelte ein frisches grünes Blättchen hoffnungsvoll in die Welt. Wie schön war das mitten im Winter! Schon in der Freiheit waren mir die Blumen die liebsten Kleinode im Erdengarten. Wie oft besang ich eine prächtige Blüte, die sich neben der Baumwurz versteckt hielt, wieviele Gedichtchen schrieb ich über sie, meine liebsten Sprößlinge. Veilchen, diese Himmelstränlein, tropften ihr Blau tief in mein wundes Herz und richteten mich wieder auf. Wieviel Liebenden, fürs Leben Versprochenen bringen sie immer wieder neue Freude, neue Lust am Leben. Selbst den Toten grüßen sie und ihre Hälschen strecken sie noch auf den schwarzen Schlitten, bis sie unter Erd' und Stein vergehen. So standen und prangten sie vor mir, der sie immer kindlich ergriffen betrachtete, wo immer sie der Schöpfer hingestellt. So auch hier. Jetzt, gerade jetzt gaben sie mir Mut und neue Kampfesfreude. Sie richteten mich auf und plauderten in nackter Unschuld Geheimnisse und Schönheiten. Dabei mußte ich Umgebung, Kälte und Hunger vergessen. Ihre Pracht, ihr unbeugsamer Lebenswille, ihre daseinsbejahende Eigenart wirkten solange auf mein Inneres, bis ich zuletzt doch wieder zum Notenpapier griff und die einst begonnene Symphonie in Partitur zu setzen begann. Ich verbarg mein Notenpapier unter dem Zeichenblatt und schrieb, wenn die Umgebung etwas ruhiger war. Kascak paẞte auf, damit niemand mich überraschen konnte und so entstanden Note um Note, Satz um Satz in den vor mir liegenden Zeilen. Akkorde sandten ihre klingende Seele gegen den Himmel. Im Blütenzittern fühlte ich mich leicht und unbeschwert und im Raunen der Natur ging ich gleich einem Käfer durch die blühende Welt, mitten im Hasten und Morden der Menschheit. Gleich blühenden, farbenfrohen Tulpen züngelten die Harfenakkorde, die dankend Gott, dem Schöpfer, zuloderten. Bald aber begann ein furchtbares Ringen zwischen uns und dem Kommando, bezw. den Blockführern wegen dieser Ausnahmestellung. Derartiges vertrug man nicht. Unter solchen Umständen konnte ja ein Häftling sein Leben zu lange erhalten. Also begann man zu intrigieren oder die Günstlinge zu schikanieren. Dazu kam, daß verschiedene Capos oder Häftlinge jedes Zusammentreffen mit einem Kompetenten der SS dazu benützten, uns schlecht zu machen oder festzustellen, daß unsere Arbeit nicht notwendig sei. Jedes die4 49 ser aus purem Neid und Bosheit entfachten Hetzgespräche mußten wir bitter büßen. Man kam dann jedesmal zu uns ins Glashaus, tappte die reinen Malereien mit schmutzigen Fingern ab, warf sie auf den Boden und schmierte auf einer noch nicht fertigen Arbeit herum. War das aus irgend einem Grund nicht möglich, befahl man uns, mit dem Schubkarren zu fahren, wobei man uns, da man ja ohnehin die ganze Woche„faulenzte“, unmenschlich antrieb. Vollkommen ver- schmutzt und durchnäßt kamen’ wir dann in unsere Malecke zurück, Oft bluteten wir abscheulich und wußten nicht mehr, wie wir weiterarbeiten sollten. Der Blockführer stellte sich meist noch hinter uns und überschüttete uns mit Schimpfworten gemeinster Art, woran sich manche Ohrfeige schloß. Als einmal ein Blockführer nichts mehr an uns finden konnte, fragte er Kascak nach seinem Beruf. Dieser antwortete, daß er Journalist sei. „So“, schrie der Blockführer,„vor einiger Zeit sagtest du * Schwein, du seiest Redakteur!” Sofort schlug er, ohne sich aufklären zu lassen, auf den armen Teufel ein. Es war ihm nicht klarzumachen, daß die beiden Berufe identisch seien, im Gegenteil, er schrieb noch eine Meldung, die Kascak wegen Anlügens eines Blockführers belastete. So war immer etwas los und stets versuchte man, uns ein Vergehen unterzu- schieben, um zu beweisen, daß wir für die uns gewährten Ausnahme- stellungen zu schlecht seien. Untersturmführer Neumann, unser unmittelbarer Chef, stellte am Ende noch fest, daß wir zu wenig gearbeitet hätten und ließ uns hundertmal in den Schmutz des Glashauses legen. Er schrie und traktierte uns mit Händen und Füßen und ließ uns schließlich auf das Dach des Glashauses steigen, wo ich laut und deutlich die Worte:„Ich bin ein Schwein mit Eichenlaub und Schwertern!” im alle Gegenden rufen mußte. Er war ein vollkommen verrückter Mensch, der auch sonst, wenn er gar nicht schlecht aufgelegt war, sich ein- fach einen Häftling herausnahm und den armen Teufel fast zu Tode marterte, wobei er sich köstlichst unterhielt. Man war der Ver- zweiflung nahe... Anfang Februar 1940 erschien ein Untersturmführer namens Vogt, der sich als Chef der gesamten Plantage ausgab. Er war ein älterer, ernster Mann, bei dem man seit Tagen feststellen konnte, daß er keinen schlug und daß seine Befehle eindeutig und klar ge- geben wurden. Er fragte, wie es uns gehe, wie unsere Arbeit uns gefalle und erkundigte sich außerdem eingehend um unsere Fami- lien-Verhältnisse. Wir merkten bald, daß es sich um einen Men- schen handelte, der eventuell sogar bereit war, auch aktiv für uns einzutreten. Ich klagte über die Arbeitsverhältnisse und er versprach, daß er uns behilflich-sein werde, eine angenehmere Situation zu schäffen. Wir spürten das bald! Die Blockführer wurden zu ihm gerufen und 50 mußten tappte empfingen wahrscheinlich jene Befehle, die notwendig waren, uns auf den die Arbeit zu ermöglichen. Allerdings, wenn er nicht im Haus oder auf der Plantage war, kümmerten die Block- und Kommandoführer sich nicht um seine Anweisungen, sondern schlugen erst recht auf uns ein. herum. uns, mit ehin die en ver zurück. wie wir h hinter t, woran Eine Beschwerde konnte man ja nicht vorbringen, und so war man völlig hilflos diesen tiefstehenden, unkultivierten Knechten ausgeliefert. Eines Tages, als mir die Sache zu bunt wurde, da eine gut gelungene Malarbeit von einem Blockführer ruiniert worden war, ergriff mich der Zorn. Ich hob die schändlich zugerichtete Zeichnung auf, bis der Untersturmführer Vogt erschien. Da die Zeichnung auch konnte, ihm sehr gut gefallen hatte und da er schon darauf wartete, sie beendaß er det zu sehen, packte auch ihn die Wut. Er setzte sich ins Auto und fuhr, wie er mir sagte, zum Lagerkommandanten und zum Lagertest du führer, wo er eine Beschwerde vorbrachte. Erst war uns das nur recht und wir erwarteten alsbald eine Änderung. Das Gegenteil marmen wurde uns bald klar! Der Lagerführer vertrug auf keinen Fall eine à Berufe Begünstigung oder Beschützung von Häftlingen, noch weniger aber ung, die eine Beschwerde gegen einen Blockführer wegen eines Häftlings. ar immer Draußen, auf der Arbeitsstätte, ging es uns ja besser als zuvor, unterzu drinnen aber, wenn wir ins Lager einrücken mußten, waren wir snahme vollkommen in den Händen des Lagerführers wie des Blockführers der Plantage, die uns nun erst recht schlugen. Wenn wir schon keine Schläge bekamen, durften wir nichts essen und mußten über Mittag am Tor stehen. Auch diesen Zustand brachte ich eines Tages meinem Chef, der inzwischen Obersturmführer geworden war, zur Kenntnis. Ich machte ihm plausibel, daß man auf die Dauer bei solchen Tagesrationen auf ein Mittagessen nicht verzichten könne, da man sonst " in alle bald umfallen würde. Das war auch tatsächlich bald der Fall. Nach Mensch 8 oder 14 Tagen verspürten wir eine ungewöhnliche Schwäche. sich ein. Wir zitterten wie geschlagene Hunde und waren bald nicht mehr imstande, einen auf den Boden gefallenen Pinsel aufzuheben, ohne dabei starkes Schwindelgefühl zu haben. Dies ging dem Obersturmführer so nahe, daß er versprach, über Berlin für Hilfe zu sorgen. f, stellte ließ uns r schrie hließlich tlich die zu Tode der Ver namens war ein konnte Leichter Schnee bedeckte die Erde. Dichte Nebel zogen über die Mauern von Dachau und hüllten die Baracken ein. Seit Tagen sahen wir einen neuen Lagerführer, den Hauptsturmführer Ziel. Er war, klar ge so schien es erst, ein sehr ruhiger, gelassener Mann, der dennoch rbeit uns gemeinste Zynik und Verschlagenheit nicht verbergen konnte. Er ere Fami fuhr mit seinem Auto alle Kommandos ab, ließ sich jeden Häftling zeigen, sprach kurz mit ihm und griff dabei keinen an. Das freute uns und wir waren der festen Meinung, endlich einen menschlichen Lagerführer zu haben. men Men v für uns ch, daß er Es blieb keine Ecke unbesucht, kein Stückchen Erde unschaffen betreten. Er übersah keinen Knopf, keinen Riß in unserer Sträfufen und lingskleidung und durchblickte bald den ganzen Betrieb und dessen 51 Führung. Er verlangte mehr Arbeit, aber das Essen wurde besser als bisher. - - Noch waren wir ein kleines Kommando, das überallhin aufgeteilt wurde. Da es damals für uns Maler wenig Arbeit gab und das Lager wieder in Ordnung zu bringen war es sollten ja wieder wurden auch Kascak und ich verHäftlinge zurückkommen schiedenen Kommandos zugeteilt. So kamen wir einmal zum Kartoffelkommando, wo wir in 25 Minuten einen Waggon Kartoffeln auszuladen hatten, die in Körben im Laufschritt in einen Keller getragen werden mußten. Die Arbeit war sehr schwer und dauerte etwa 20 Tage. Unsere Rücken waren blutig- offen, von den Händen hingen die Hautfetzen. - es waren Am stehend a digung w setzung kam der Unh Schneed Ein andermal kamen wir zu einem sogenannten ,, Eisbrecherkommando". Dort mußten wir die Schollen der Ambs zertrümmern, da größere Schichten sich vor dem Tierpark des Lagers stauten und Umzäunung und Brücken zu vernichten drohten. Dabei passierte es oft, daß wir ins Wasser fielen und dann bei starker Kälte oft 28 bis 32 Grad unter Null den ganzen Tag in nassen Kleidern arbeiten mußten. Diese Arbeit nahm etwa zehn Tage in Anspruch. Dann wieder mußte auf dem Plantagen- Südteil eine Umzäunung geschaffen werden. In unerträglicher Kälte mußte binnen einigen Stunden das Wasser aus dem Grund entfernt werden. Das hieß, daß in dieser harten Erde Gruben auszuheben waren, bis wir Wasser fanden. Es wurde dann sofort Zement abgemacht und in kurzer Zeit standen die befohlenen Zäune. Ein Baumeister würde darüber wahrscheinlich gelacht haben, da er sich gesagt hätte, daß man bei solcher Kälte kein richtiges Zementmaterial fertigstellen könne. Ganz abgesehen davon, daß beim Auftauen im Frühling der Zaun auf dem Boden liegen mußte. Die vorgesetzte SS- Stelle wußte es aber besser! Diese Arbeit war keine Kleinigkeit. Die Kälte war unaussprechlich groß und es war uns nicht gegönnt, uns irgendwo auch nur einige Minuten Wärme zu stehlen. in den S unsere E Nachrich vorigen fehlen w Es w angebrac zwei des weise la man hät Im Lager mußten wir eine Durchzäunung abtrennen, da draußen, in der SS- Unterkunft, noch zu viele Truppen lagen und die Bewachungsmannschaft im Lager untergebracht werden mußte. So wurden die ersten vier Baracken einschließlich der ehemaligen Kantine und der Wäschebaracke für die Bewachungsmannschaft eingerichtet. Hinter diesen vier Baracken wurde Stacheldraht wie ein Vorfeldnetz aufgestellt. Er sollte später mit elektrischem Strom geladen werden. Auch diese Arbeit war bald fertig, obwohl es nicht einfach war, in die gefrorene Erde Löcher zu graben und Pfosten zu setzen. Der Stacheldraht, den wir zogen, klebte bald an unseren Händen und riẞ immer einen Fetzen Haut mit sich, wenn wir ihn losließen. Es hatte damals oft 33 bis 40 Grad C unter Null. Oft konnten wir uns vor Kälte nicht einmal mehr verständigen und es kam nicht selten vor, daß einer vor Schmerz weinte. 52 52 Fiel eine ihm zu h falls unc waren E Augen L ihnen hi Win sah, hat schritter Marsch. diesen s ein Post dieser l und ma fallen. Als Baracke näherer wir im Es war die Tür mit ver uns unc raden E hatte, Kamera indem seien. Eh Verzwe Am 27. April 1940 zog das kleine Plantagenkommando, be- stehend aus 100 Mann, wieder in die Baracken ein. Bald nach Been- digung von Aufräumungsarbeiten in den Baracken, die seit der Be- setzung durch die SS-Truppenteile in furchtbarem Zustand waren, kam der erste Lagertransport von Mauthausen nach Dachau zurück. Unheimliche Nebelwolken verbargen die Erde. Eine schwache Schneedecke hüllte den Boden ein und trostlose Stimmung herrschte in den Seelen der Gestreiften. Einerseits waren wir in Erwartung, © unsere Kameraden wiederzusehen, anderseits hatten wir bereits Techer- mmern, ten und ierteg® S waren leidern spruch, ung ge: einigen} ieß, dal Wasser zer Zeil Nachricht, daß von den Tausenden und Abertausenden, die im vorigen Herbst in andere Lager transportiert worden waren, manche fehlen würden. Es war 10 Uhr vormittags. Da öffnete der Posten das provisorisch angebrachte Tor und hinter dem Stacheldraht erschienen die ersten zwei des Transports. Sie stützten einander und bewegten sich schritt- weise langsam fort. Hinter ihnen kamen drei, dann wieder zwei— man hätte ihr Erscheinen als Marsch der Toten bezeichnen können. - Fiel einer, konnte er sich nicht vom Boden erheben. Versuchte einer, ihm zu helfen, bückte er sich nach seinem Kameraden, fiel er eben- falls und hatte nicht mehr die Kraft, sich aufzustellen. Die Gesichter waren eigenartig von Schmerz und Jenseitigkeit gezeichnet, die Augen lagen tief, die Backenknochen waren vorstehend und über ihnen hing aschgrau eine fahle Haut. Wir konnten niemand wiedererkennen. Wenn man dieses Bild sah, hatte man das Gefühl, Leichen seien lebendig geworden und schritten hinter dem Stacheldraht auf uns zu. Lange dauerte dieser - Marsch. Die SS, die sonst langsames Gehen nicht duldete, mußte vor diesen schrecklichen Gestalten Halt machen. Es kam sogar vor, daß ein Posten oder Kommandoführer halten ließ, damit die Kolonne dieser lebendigen Leichen rasten konnte. Sie wankten wie trunken und man befürchtete, sie könnten in den geladenen Stacheldraht fallen. Als der Zug.einmarschiert war und sich in den zugewiesenen Baracken niedergelassen hatte, gingen wir auf die Suche nach näheren Kameraden, die wir von ganzem Herzen liebten, mit denen wir im Vorjahr unsere Freizeit auf der Lagerstraße verbracht hatten. Es war verflucht! Wir konnten niemand erkennen! Sie, die uns durch die Tür kommen sahen, glotzten uns an, erkannten uns und zeigten mit verkrüppelten, knorpeligen, abgemagerten Händen zitternd auf ns und flüsterten leise unsere Namen. Hier fand ich meinen Kame- taden Bobner wieder. Nachdem ich ihm ein Stück Brot gegeben hatte, erzählte er mir, daß Paul von Butz, einer meiner engsten Kameraden, sowie Major Microys elend zugrundegegangen seien, indem sie, noch halb lebendig, unter einem Leichenhaufen erstickt seien. - Ehe Paul von Butz sein Leben aushauchte, schrie er in seiner Verzweiflung alle Geheimnisse aus. Ein Blockführer, der das hörte, 93 wußte sofort, daß es sich um ein politisches Geheimnis drehte und schrieb die Worte des Sterbenden auf ein Blatt Papier. Später fiel ihm ein, Butz aus dem Leichenhaufen zu bergen, aber leider war es fe zu spät, besser gesagt, Gott sei Dank. Zwei Jahre hatte dieser treue 2 ri Mensch unter größten Qualen standgehalten. Nun, in letzter Minute, gab er das Geheimnis preis. a So erzählte Bobner kurz und immer wieder atemholend das Ende| eines großen österreichischen Helden. Viele Kameraden, denen wir in unserer Freude einen gestohlenen halben Wecken Brot zuschoben, aßen diesen auf einmal. Sie gingen elend zugrunde. Manche, denen| wir einen Würfel Margarine zukommen ließen, konnten sich eben- falls nicht halten und starben bald darauf. Wir merkten, daß.es notwendig war, mit aller Gewalt gegen die Hungernden aufzutreten und sie nur mit kleinen Stücken zu füttern. Viele hatten Ruhr oder Typhus und nur wenige kamen durch. Viele waren elend gestorben und hatten ihre Freiheit durch den Kamin erhalten. Jeden Tag kamen neue Transporte aus allen Gegenden des Reiches ins Lager zurück und es dauerte noch lange, bis die alten Arbeitskommandos zusammengestellt waren. Nun ging es mit neuer Kraft und neuer Hoffnung in ein unbegrenztes jämmerliches Dasein. Morgens, wenn wir angetreten waren, trat der Rapportführer, ein Sachse, vor die Häftlinge und erklärte, wenn Leute in der Einteilung umfielen, sie sollten weniger herumrotzen, sondern ihren Rotz schlucken, dann brauchten sie erstens weniger zu essen und es würden auch viel weniger umfallen. 5 „Oder wollt ihr vielleicht sagen, daß ihr zu wenig zu essen habt? Ich finde, daß ihr noch zu viel bekommt! Uns ist es bedeutend lieber”, fuhr er fort,„wenn das ganze Lager umfällt. Dann brauchen wir keine Aufräumungskommandos, um den Appellplatz und die Lagerstraßen| in Ordnung zu bringen.“; Diesem Sachsen waren immer zu viel Menschen im Lager. Er wäre am liebsten auf dem leeren Appellplatz gestanden. Das kommende Frühjahr war ein furchtbarer Fresser von| Menschenleben. Alle, die sich mit Mühe über den Winter erhalten hatten, raffte es von der Scholle, entzog sie aller diesseitigen Pein. Die Tage und Wochen dieses Frühlings waren erfüllt von Schmerz und Trauer. Früh schon fuhren die Leichenfahrer mit ihrem Moor- expreß durchs Lager ins Revier, um die in der Nacht Verschiedenen| zu holen. Berge von Dahingegangenen gab es und mancher aufrechte‘ Kerl trauerte um seinen Kameraden. Das Lager glich einem Friedhof, in dem wir in unserer Freizeit mit gesenkten Köpfen wandelten. Wir klagten um die guten Gefährten, die uns noch vor kurzem zur Seitez gegangen waren und die einen besser verstanden hatten als ein anderer im entfernten Block liegender Kamerad. 4 Nach kurzer Zeit rückten alle Kommandos wieder zu ihren” Arbeitsstätten aus. Auch wir konnten uns direkt auf die Plantage) 54 nte und ter fiel war es er treue Minute as Ende men wir Choben denen ebengen die füttern. n. Viele Kamin en des ie alten t neuer Dasein rer, ein nteilung en Rotz und es en habt? lieber" ir keine straßen ager. Er ser von erhalten en Pein Schmen m Moor iedenen ufrechte Friedhof ten. Wir Fur Seite als ein zu ihren Plantage begeben, wo nun unsere Malarbeiten abermals begannen. Leider entbrannte zwischen dem Chef der Plantage und der Lagerführung ein furchtbarer Kampf wegen uns, die vom Arbeitskommando Berlin und von Obergruppenführer Bohl von nun an wegen unserer Kunst geschützt werden sollten. - - Bei irgendeiner Gelegenheit es war im April als ich für einen Kameraden, den ehemaligen Gendarmeriemajor Stillfried, zu meinem Vorgesetzten, Arbeitsführer Obersturmführer Vogt ging und für Stillfried bat, weil man diesen hochanständigen, tapferen Kameraden durch Arbeit umbringen wollte, worauf er gegen Blockführer und Capo aufgetreten war, wurde ich, nachdem das Kommando eingerückt und visitiert worden war, zum Lagerführer gerufen, vernommen und sofort in den Bunker gesperrt. Dort wurde ich erst furchtbar geprügelt, weil ich mich für einen Kameraden, der noch dazu Baron und Offizier war, verwendet hatte. Ich war das erstemal in Dachau im Bunker! Dieser eigentliche Arrest des Lagers befand sich hinter der südlichen Lagermauer und hatte rund 200 Zellen. Vor dem Bunker lag ein kleiner Hof, der mit einem Erschießungshof verbunden war und den im östlichen Teil ein Kugelfang abschloß. Wenn man die Tore des Lagers hinter sich hatte und im Vorhof des Bunkers war, konnte man mit gutem Gewissen sagen, daß man, solange man im Hof stand, den Mörderhänden der SS ohne Hilfe ausgeliefert war und nur mehr Himmler über sich hatte. Nachdem ich, ohne gefragt zu werden, ob ich schuldig oder unschuldig sei, geohrfeigt worden war, wies man mir eine Zelle zu, in die ich gleich darauf geführt wurde. Die Tür fiel hinter mir ins Schloß. Ich brummte zuerst einmal vier Tage ohne einen Bissen, ohne Decke in der 22 Meter langen Zelle und wußte nicht, was man mit mir vor habe. Ich wußte ja nicht einmal, warum ich eingesperrt war! Ich schloß vollkommen mit meinem Leben ab und hoffte nicht mehr, ins Lager zurückzukehren. Vier Tage gräßlichster Qual waren nun hinter mir! Immer wieder hörte man draußen auf dem Gang zu den Essenzeiten das Wägelchen vorüberrollen. Verschiedene Zellen wurden ausgelassen, dann kamen solche, deren Verschlag man öffnete, andere, die man nicht öffnete, und zuletzt verklang das Rollen in meinem Ohr, das ich an die Wandung der Tür preßte. Es war nicht Neugierde, sondern das ewige Horchen des lebendig Begrabenen. Welch erschütternder Jammer sich in mir erhob und meine Pulse beschleunigte, vermag kein Mensch auch nur annähernd zu ermessen. Hunger, Angst, Ungewißheit, himmelhoch flammender Lebenstrieb, ewiger Daseinsdrang einer noch nicht ermatteten Menschenkraft dürften wohl die Hauptgründe für die in solchen Fällen auftretende Zerschmetterung sein. Das größte Übel in solchen Situationen ist das Bild der Vergangenheit, die Erinnerung, an der man zu tragen hat. Welch verfluchte Geister diese Seelenfolter verursachen, kommt einem erst dann zu Bewußt55 sein, wenn man als in die Gruft Verdammter vom Schicksal gerettet wird. Man vergißt dann wohl bald das Äußerliche, wird aber immer wieder daran erinnert. Der fünfte Tag brach an. Frühes fahles Licht drang durch die Spalten der Zelle, die mit Brettern verdunkelt war. Aus unergründlicher Ferne hörte ich auffallende Meldungen und um mich, in mir wurde es unheimlich. Das Blut rollte wie Kugelreihen in einem Rohr. Meine Pulse hämmerten und mein Herz krampfte sich zusammen. Hinter meiner dumpfen Stirne arbeitete es, als seien Turbinen in Gang. Immer näher hörte ich die Schritte der Kommenden. Kurze Fragen, kurze Antworten. Als die Spannung ihren Höhepunkt erreicht hatte, stand die Gruppe vor meiner Zellentür. Ich begab mich mit langen Schritten zur Wand gegenüber. Kaum angelangt, konnte ich genau bemerken, daß man den Schieber vom Lugloch vorsichtig und lautlos wegschob. ,, Jetzt wirst du beobachtet", sagte ich mir. Da man sich draußen auffallend ruhig verhielt, da kein Atemzug zu hören war, begriff ich, daß man von mir etwas wollte, daß dieses seltsame Spiel sich um mich drehte. Immer deutlicher vernahm ich das Pochen in meiner Brust, immer ungleichmäßiger, aufgeregter pulsten meine Schläfen. Kalt rollte es über meinen Rücken! Durch die Muskeln meiner Oberarme zuckte es. Nicht mehr mein Wille beherrschte mich, sondern etwas Fremdes, Gigantisches beeinflußte mein Dasein. Die Haut meines Schädels zog sich fast frierend zusammen, als schälte sie sich von Bein und Fleisch. Als dieser Zustand sich bis zum Unwohlsein gesteigert hatte, klirrte ein Schlüsselbund an meiner Tür. Diese sprang auf und vor mir stand der Reichsführer- SS und Chef der Polizei- Himmler! - Ich meldete, wie befohlen war: ,, Häftling Nr. 478 in Untersuchung!", da ich nach der Wiedereröffnung des Lagers, wie alle in Dachau Gebliebenen, eine neue Nummer bekommen hatte. Bald. hätte ich meine alte Nummer gemeldet, Himmler merkte aber die schnelle Ausbesserung nicht oder wollte davon keine Notiz nehmen. ,, Warum?", fragte er mich. ,, Das weiß ich nicht!", gab ich kurz zur Antwort. ,, Dein Arbeitskommando ist?" ,, Botanischer Maler auf der Plantage!", röchelte ich, während ich stramm stand, obwohl ich mich kaum mehr auf den Füßen halten konnte, was Himmler wohl beobachtet haben mußte. Mir war, als fiele ich einmal nach vorn und einmal nach hinten. Ich dürfte wie ein aufgestelltes Brett im leisen Wind gewankt haben. Nun befahl er mir, mit ihm zu kommen. Ich zog schnell meine zerrissenen Schuhe an und schritt, ohne sie zu schnüren, vor den hinter mir gehenden SS- Offizieren, die von drei Männern mit Maschinenpistolen im Anschlag begleitet wurden. Wir gingen den 56 Gang en straße z bestieg. komman sich übe später s das ich offenen gerauch scheiner Nur im Bloc Abrück Kas meine A nehmen sofort z ich im und der nach d sperrt. Auto b sei ich Ob genau, Komma schlech als ich mit ein Hier, fangen ,, daß r funder Na mando M Laufsc meine der di diese heftet dings ten A wachs sturm Jause rettet mmer ch die gründin mir Rohr. mmen. en in Kurze nd die ritten erken, schob. emzug dieses m ich regter Durch lle beflußte nd zuustand elbund ReichsUnteralle in . Bald Der die ehmen. ährend halten hinten. haben. meine or den ern mit en den Gang entlang, durch den Hof und durch das erste Tor auf die Lagerstraße zum Jour- Haus. Dort stand ein Auto, das ich auf Befehl bestieg. Ein Offizier der Gruppe brachte mich zu meinem Arbeitskommando in das Atelier der Plantage. Die Kameraden getrauten sich überhaupt nicht zu fragen, was mit mir vorgegangen war. Erst später schob mir mein Kamerad Kascak heimlich ein Stück Brot zu, das ich verschlang. Er gab mir auch eine Zigarette, die ich in einer offenen Naht meines Uniformrockes versteckte. Gern hätte ich geraucht, doch konnte plötzlich wieder einer dieser Herren erscheinen und mich erwischen. Nun war ich wieder frei. Was vorgegangen war, erfuhr ich erst im Block nach dem Einrücken vom Arbeitsplatz, bezw. nach dem Abrücken vom Appellplatz. Kascak erzählte mir, daß mein Chef, Obersturmführer Vogt, meine Arbeiten dem Reichsführer vorgelegt habe, die Himmler ausnehmend gut gefallen hätten. Himmler habe daher befohlen, mich sofort zu ihm zu bringen. Der O. St. F. habe ihm kurz gemeldet, daß ich im Bunker und daß die Spannung zwischen Lagerführung und dem Kommando der Plantage unerträglich sei. Man habe mich nach dem Einrücken von der Arbeit einfach in den Bunker gesperrt. Daraufhin habe der Reichsführer das Atelier besichtigt, das Auto bestiegen und sofort das Lager aufgesucht. Nach einer Stunde sei ich dann in dem gleichen Auto zurückgeführt worden. Obwohl das für mich eine Genugtuung war, wußte ich doch genau, daß die Atmosphäre zwischen Lagerführung und dem Kommando der Malerei sich nicht bessern, sondern eher noch verschlechtern werde. Das wurde mir am nächsten Tage um so klarer, als ich beim Morgenappell zum Lagerführer gerufen wurde, der mir mit einem Fingerzeig zum Hochspannungsdraht zynisch erklärte: ,, Hier, in diesem Netz, wirst du Schwein dich ja doch einmal verfangen und elend zugrundegehen. Du weißt auch", fuhr er fort, ,, daß nebelige Tage ihre Opfer verlangen und immer wieder gefunden haben. Das wird eines Tages auch mit dir der Fall sein!" Nach diesen Worten befahl er mir, wieder in das Arbeitskommando Plantage einzutreten. Mir blieb nichts übrig, als zu schweigen, umzukehren und im Laufschritt mein Kommando aufzusuchen. Mit welchen Gefühlen ich meine Arbeit wieder begann, kann ich kaum erzählen. Jeder Mensch, der die Macht dieser Totenkopfverbände kannte, weiß genau, was diese Worte bedeuteten, daß der Tod sich an die Fersen jedes heftete, dem man diese Worte ins Gesicht geschleudert hatte. Allerdings vergaß ich nicht, auch diesen Zwischenfall meinem vorgesetzten Arbeitskommandochef zu melden. Die nun täglich, ja stündlich wachsende Spannung schloß uns noch enger zusammen und Obersturmführer Vogt entpuppte sich als wirklicher Beschützer. Zur Jausenzeit ließ er mich holen, um mir über seinen Schreibtisch hin57 weg ein Stück Brot zu reichen, das ich in seinem Arbeitszimmer schnell verschlingen mußte, während er beim Fenster Posten stand und aufpaẞte. Bei einer Gelegenheit verriet er mir auch den Plan, den er mit dem Reichsführer besprochen hatte, und befahl mir, neue Maler, wenn ich sie irgendwo finden sollte, ihm zu melden, anzulernen und das Kommando zu vergrößern. Ich wies auf unser unmögliches Atelier hin und erklärte, daß wir durch das Durchfahren von Schubkarren und den Aufenthalt der Blockführer ständig gestört würden, worauf er mir eröffnete, daß wir unser Atelier in einem Vorgebäude des Glashauses 2 einrichten und später in das Gerätehaus verlegen dürften, das sich mitten auf der Plantage befand. Kaum hatte diese unangenehme Situation sich etwas gebessert, wurde sie von einer zweiten, schrecklicher drohenden abgelöst. Es vergingen kaum zwei Tage, da wurde ich zur Vernehmung ins Lager befohlen. Ich mußte nicht, wie sonst, vor dem Jour- Haus warten, sondern wurde in die Baracke beordert, in der ich schlief. Dort wartete ich auf den Blockführer, der mich zur Vernehmung abholte. Am Tor stand ein Auto, in dem wir durch den Eingang des Lagers auf die Landstraße und nach Dachau zum Bezirksgericht fuhren. Der Ort lag niedlich und zufrieden an einer Erhöhung und eine alte Kirche überragte den alten, ehrwürdigen Markt. Der Blockführer führte mich in das Vernehmungszimmer zum Richter, einem alten Herrn, vor dem ich mich nicht zu fürchten brauchte. Dagegen war der Blockführer das gefährlichste Moment in dieser unerquicklichen Situation. Der Richter fragte mich nach Butz und nach anderen Kameraden und ich wußte gleich, daß es sich um die Aussage Pauls handelte, der vor seinem gräßlichen Tod zu plaudern begonnen hatte. An vieles wollte ich mich nicht erinnern und alles Tatsächliche stellte ich kurz in Abrede. Warum sollte ich jetzt, nach so langer Zeit, zu sprechen beginnen? Das hatte ich nicht notwendig. Ich schwieg also. Als ich das Protokoll unterschrieben und mit dem Blockführer das Haus verlassen hatte, sagte er mir, daß er wegen meiner Angaben, die seiner Meinung nach nur freche Lügen gewesen seien, beim Lagerführer Meldung erstatten werde. Das bedrückte mich. Ich kannte nur zu genau die Folgen einer solchen Meldung und es blieb mir daher nichts anderes übrig, als alles im Gedächtnis festzuhalten, was ich bei Gericht ausgesagt hatte. Kaum waren wir im Lager angelangt, stand ich bereits vor dem Lagerführer, der mich wie immer mit den Worten: ,, Siehst du, Vogel, jetzt bist du schon wieder bei mir!", begrüßte. Nach längerem Ausfragen und einigen Faustschlägen, die nicht einmal schmerzhaft ausfielen, entließ er mich. Der Blockführer schikanierte mich, wenn er auf meinem Arbeitsplatz Dienst hatte oder wenn er mich im Lager traf, doch legte sich auch dieser schlimme Zustand nach einigen Wochen. Wohl mußte ich noch öfter zu Vernehmungen ins Bezirks58 gerich meiner men w dem ic hätte D Scholl sich C klaren im Sü schlag von S drauß Phant mistis helfer E Juder ihre A Unter ten H sollte den diese liche polni Kom Eẞvo ten w er g und schle ausg ten C ihne: Zwec von sie H Leib Krie derr Mem F zimmer stand n Plan ir, neue , anzu daß wir alt der daß wir ten und auf der bessert 5st. ung ins us waref. Dort bholte gers auf Der Ort Kirche te mich vor dem kführer on. Der und ich der vor Swollte zin Abbeginich das verlas e seiner erführer nur zu daher was ich or dem Vogel m Ausaft auswenn er m Lager einigen Bezirks gericht, doch das Ergebnis war immer gleich Null. Dafür dankte ich meinem Herrgott aufrichtig. Wehe, wenn man mir auf etwas gekommen wäre oder wenn ich nur das Geringste zugegeben hätte, nachdem ich vorher erklärt hatte, nichts zu wissen. Meine letzte Stunde hätte geschlagen. Der Frühling war inzwischen durch Schöpfungsurkraft aus allen Schollen, aus den letzten Enden des Gezweigs getreten. Es lockerte sich die Erde und Krokus grüßte uns. Kiebitze durchpflügten die klaren Lüfte und die Wolken zogen über unseren Häuptern zu den im Süden gipfelnden Bergen. Schnell, noch schneller suchte ein Herzschlag den anderen einzuholen und die Lebenslust in uns schwoll von Stunde zu Stunde. Hoffnungen stiegen auf! So gebar die Erde draußen und in uns den Frühling. Wie alljährlich, entstanden in der Phantasie der Häftlinge immer wieder neue Vermutungen und optimistische Meinungen, die ihnen über ihre schweren Tage hinweghelfen sollten. Es ging die Parole durch das Lager, daß wir gefangene Polen und Juden bekommen sollten, daß die Arbeitskommandos verstärkt und ihre Ausfälle aufgefüllt werden würden, und Blockführer, vorgesetzte Untersturmführer und Kommandoführer in den Arbeitsstätten hielten Hetzreden gegen das polnische Volk, das in Kürze eintreffen sollte. Man erklärte uns, daß wir mit Prügeln bewaffnet werden würden und daß jeder Capo verpflichtet sei, mit allen Mitteln gegen dieses kulturlose Volk aufzutreten. Es sei notwendig, diese unmögliche Rasse aus der Welt zu schaffen. Bald trafen die ersten Transporte ein, hauptsächlich Juden und polnische Hochintelligenz. Auch der Plantage wurde ein größeres Kommando zugewiesen, nachdem man die Ankömmlinge ihrer Ringe, Eẞvorräte, Zigaretten und Pelze beraubt hatte. Die schwersten Arbeiten wurden ihnen zugewiesen, und wo sich einer blicken ließ, wurde er geschlagen und verhöhnt. Sie glichen keinen Menschen mehr und wurden, nachdem man ihr Land zerstört und ihre Familien verschleppt hatte, als vernichtungswertes Übel angesehen. Draußen, im Freiland, unter offenem Himmel, jeder Witterung ausgesetzt, standen sie an ihren Arbeits- und Sterbestätten und trotzten dem Ende mit unvergleichlichem Mut. Niemand von uns konnte ihnen helfen. Gern hätten wir es getan, da wir längst wußten, was die SS bezweckte. Die armen Teufel erzählten uns von den Schrecken des Krieges, von den rücksichtslosen Schlägen, die der Nationalsozialismus über sie hatte niedergehen lassen. Hier erfuhren wir, welche Opfer an Leib und Seele ein Volk zu ertragen hat, wenn über dasselbe die Kriegsfurie hinwegbraust. Keiner wußte etwas von Frau und Kindern, keiner etwas von Hab' und Gut, von Teurem, an dem der Mensch hängt. Sie waren arm! Mit gläsernen Augen standen sie uns trostlos, mit bittenden 59 Blicken gegenüber. Man hatte das Gefühl, daß einer, wenn er uns ansprach, um sein Leben bat, ehe er noch wußte, ob man es ihm überhaupt nehmen wolle! Rücksichtslos, ob schuldig oder unschuldig, wurden sie von der SS seelisch und moralisch gegeißelt und zu Tausenden in die Kamine des Krematoriums gezwungen. Immer neue Transporte kamen an. Viele Autos verschwanden im Dunkel der Nächte in den Hof des Bunkers, aus dem man bis zum frühen Morgen, oft auch den ganzen Tag, die Pistolenschüsse vernehmen konnte, mit denen man sie durch Genickschuß erledigte. Hell standen die Flammen tage- und nächtelang im Rachen der Krematoriumsöfen. Rauchqualm, dunkle Ballen von Wolken überzogen unsere Halde nach allen Richtungen, als wollten sie die Allmacht als Zeugen gegen die entmenschte Menschheit anrufen. Söhne und Väter blickten tränenden Auges diesem Wolkengespinst nach. Sie wußten, daß dort die Seelen ihrer Brüder, Väter, Söhne und Freunde zogen. Auf der Plantage wurden von ihnen die Grab- und Planierungsarbeiten durchgeführt und jeder Blockführer, jeder Capo schlug auf die zu Skeletten abgemagerten Leiber ein. Ich zitterte an Leib und Seele vor Wut und grübelte Tag und Nacht, wie man helfen könnte. Bald hatte ich den richtigen Weg gefunden. Erst arbeitete ich einen Arbeitsorganisationsplan aus, mit dem mehr Leistungen als bisher erzielt werden konnten. Es gelang mir, das dem Obersturmführer Vogt plausibel zu machen, der ja bestrebt war, Berlin in kürzester Zeit ein Meisterwerk vorzuführen. Da der Bau der Untersuchungsanstalt dem Ende zuging und Laboratorium und Untersuchungsanstalten in Betrieb gesetzt werden sollten, versuchte ich, erst einmal die Stelle als Hauptcapo an mich zu reißen und den bisherigen Capo, der durch die lange Haft fast ein Narr geworden war, abzusetzen. Dies gelang mir. Er wurde eines Tages dem Arbeitskommando im Lager zur Verfügung gestellt und ich übernahm seinen Posten. Als Stellvertreter schlug ich meinen Kameraden Johann Gaster vor, der bald darauf meine Stelle bekommen sollte, damit ich mich mit Innenorganisation befassen könnte. Das geschah ebenfalls in kürzester Zeit. Gaster übernahm die Capostelle. Ich versuchte, jeden Häftling nach Beruf und Können einzuteilen, richtete Kanzleien und die Evidenzhaltung des Betriebes ein und hatte bald eine bedeutend ruhigere, bessere Situation für alle geschaffen. Auch das Lagerkommando, das die Hauptzentrale bilden sollte, wurde von mir erweitert. Otto von Dahmen, der dem Sterben nahe war, holte ich erst einmal vom Freiland ins Glashaus und, da er akademischer Maler war, von dort ins Atelier. Otto Dahmen, der der Älteste in unserem Kommando war und auch gesundheitlich einen besonderen Tiefstand erreicht hatte er war Sorgen tisch ko er ständ Revier mando und der Die An aus Do vom S worder der Vit Fakulta mandie die sch über m das, w fährde maßen des K Arbei den m ihren dem S dings tage vollst dann Dach Ic anlag die in verstä einge gena aufgr daß Zwei nahm auf geho mit unab seine 60 1er uns es ihm Her unegeißelt gen. nden im bis zum sse verdigte. hen der n überdie All. 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Im Laboratorium, in der Pflanzenuntersuchungsstätte und in der Vitaminuntersuchungsabteilung stellte ich die gesamte Krakauer Fakultät der Botanik ein, die erst zum Graben von Kanälen kommandiert war. Da man die Intelligenzler verfolgte, versuchte ich, alle, die schweren Arbeiten zugeteilt waren, langsam zu sammeln und über meinen Chef für das Plantagenkommando anzufordern. Ich tat das, weil ich gerade auf ihn den nötigen Einfluß hatte und die Gefährdeten gegen Anfeindungen verschiedener Blockführer einigermaßen schützen konnte. Kanzleien waren ja durch Betrieb und Größe des Kommandos notwendig, und so versuchte ich, sie an diesem Arbeitsplatz nach und nach einzurichten. Erst organisierte ich bei den mir bekannten Capos die Freistellung dieser Intelligenzler von ihren bisherigen Arbeitsplätzen und eines Tages wurden sie dann dem Stehkommando zur Verfügung gestellt. Wir konnten sie allerdings nur einzeln herausnehmen und als Angeforderte für die Plantage in unsere Arbeitskolonnen einreihen. Auch dies gelang mir vollständig. Ich stellte diese Menschen zuerst in die Glashäuser, nahm sie dann einzeln und vorsichtig, da es ja der SS nicht paßte, sie unter Dach zu wissen, mit allen möglichen Ausreden in die Trockenanlagen des Gerätehauses und von dort aus, Mann um Mann, in die inzwischen eingerichteten Kanzleien und Lagerräume. Selbstverständlich hatte ich darüber zuerst mit SS- Obersturmführer Vogt eingehend gesprochen. Der betreffende Häftling wurde ebenfalls genau unterrichtet, damit er, wenn ihn ein Block- oder Lagerführer aufgriff, sofort Rede und Antwort stehen konnte. Es war wichtig, daß er seine einwandfreie Versetzung nachweisen konnte, ohne Zweifel heraufzubeschwören. Wurde trotz diesen Vorsichtsmaßnahmen und richtigen Unterlagen einer dieser Angeforderten oder auf die Plantage Versetzten von seinem Kommando dennoch weggeholt oder bei der Ausrückung zurückgehalten, setzte Vogt sich mit der Lagerführung in Verbindung. Der Mann wurde dann als unabkömmlich bezeichnet und vom Lager befehlsgemäß wieder seiner Arbeitsstätte zurückgegeben. Der Stellvertreter Vogts, Untersturmführer Neumann, war eine 61 unmögliche, närrische Kreatur, die vor Blödheit und Gemeinheit nicht mehr wußte, was sie anfangen sollte. In seiner unmenschlichen Grobheit schlug er arbeitende Häftlinge, die er als Proleten und Verbrecher bezeichnete. Tagelang beriet ich mit meinen Kameraden und engsten Freunden, wie man das verhindern und Neumann sicher und für immer ausschalten könnte. Vorerst tastete ich bei Vogt, um etwas über die gegenseitige Einstellung der beiden zu erfahren, und machte auf verschiedene Befehle aufmerksam, die Neumann trotz klaren Weisungen Vogts herausgegeben hatte. Eines Tages überzeugte ich Vogt, daß Neumann seinen Plänen entgegenarbeite und hinter seinem, Vogts, Rücken Verrat gegen die Lagerleitung treibe. Jeder Blockführer hatte früher gemacht, was er wollte, und seinem Zorn, jeder durch Trunkenheit entstandenen Zügellosigkeit freien Lauf gelassen. Dazu war jeder Häftling gerade gut genug, einem SS- Kuli als Spielball zur Verfügung zu stehen. Sehr viele kamen ums Leben, wenn ein SS- Mann Lust hatte, zu schießen, während ein anderer schlug und der dritte am liebsten einen Intellektuellen im Freiland schikanierte, bis dieser wie eine Ratte verreckte. Das war, seit meine Stellung bei Vogt sich eindeutig gefestigt hatte, für die Plantage endgültig vorbei. Mich freute das und ich arbeitete und feilte mit Eifer an jeder groben Scharte, die sich noch zeigte. Nicht meine gegnerische Einstellung zum Nationalsozialismus war der Hauptgrund, daß ich jetzt überall, wo es nur möglich war, gegen unsere Widersacher auftrat und alles, was diese gut fanden, einfach negierte. Diesen Menschen konnten ja nie Ordnung und Disziplin beigebracht werden. Außerdem waren sie ohne jede Herzensbildung. Dumm, ungeschickt, ungebildet, demolierten sie alles, was ihnen in die Hände gegeben war. Ich verglich sie mit Affen, die boshaft alles anglotzen und erst dann Freude empfinden, wenn der Gegenstand ihrer Neugier zertrümmert vor ihnen liegt. Schon ihre Erziehung war mehr als mangelhaft und sie brüsteten sich nur mit ihrer militärischen Dressur, die mit Können nichts zu tun hatte. Viele konnten überhaupt keinen Brief verfassen und kamen beschämt zu uns, wenn sie ihrem Mädchen oder einem Vorgesetzten schreiben wollten. Da waren sie rührend und man spürte Kind und Tier zugleich in ihnen. Was sie, Befehle blind ausführend, hinter dem Stacheldraht imstande waren, bildete einen gräßlichen Gegensatz zu dem Benehmen, das sie jedesmal zeigten, wenn sie etwas brauchten. Unbeholfen standen sie da und warteten geduldig. Wo ihnen der Vorgesetzte fehlte, fehlte ihnen alles. Wir brauchten geraume Zeit, bis wir diese flegelhaften Wilden einigermaßen behandeln konnten. Viele oberflächliche Beobachter werden mir widersprechen, weil sie nur die Schattenseiten dieser Menschen kennen. Ich aber 62 weiß von SS- Zwang eine ärml ein junge Geigenspi der Mind erst einer dir den K Dann hatten, s merkte, d notwendi SS- Mann die Geig Oder: ,, W herumjag Nich daß sie so daß D einer sol mand, au hätte. 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Diese Kerle gaben mir erst einen Tritt und befahlen dann: ,, Schweinehund, spiele, bevor ich dir den Kragen umdrehe!" Dann, wenn sie das Spiel gehört und einigermaßen verdaut hatten, standen sie verlegen da und entschuldigten sich. Man merkte, daß sie nicht anders konnten. Woher hätten sie alle lebensnotwendigen Formen auch nehmen sollen? Wie oft sagte ein SS- Mann zu seinem Kameraden, wenn er das Spiel gehört hatte, auf die Geige weisend: ,, Da sieht man, welch blöder Hund man ist!" Oder: ,, Warum muß unsereiner in dieser Uniform dastehen und sich herumjagen lassen?" Nicht selten bemerkten SS- Leute im Gespräch untereinander, daß sie vor einem Häftling, der etwas könne, ein Nichts seien, so daß man oft sogar gezwungen war, tröstend einzugreifen. Bei einer solchen Gelegenheit hielt ich ihnen manches vor, was niemand, auch ich nicht, vor dem Spiel auch nur anzudeuten gewagt hätte. Die Geige hatte mir Bahn gebrochen und die Straße zu ihrer Seele freigemacht. Sie war imstande, manche Strafe für viele meiner Kameraden einfach vom Papier zu wischen. Sie war es auch, die mir den Block der Häftlinge schuf und manchen Zank und Streit unter ihnen aus der Welt schaffte. - Zwei Häftlinge standen einander feindlich gegenüber, sprachen schon Monate nicht miteinander da war ich plötzlich inmitten dieser Gegensätzlichkeiten und spielte. Erst wichen sie einander mit den Blicken aus, um nicht etwa Gelegenheit zu finden, ein Gespräch anzuknüpfen. Doch das Spiel war stärker als sie. Es zwang und so sie allmählich doch und das erste Wort fiel: ,, Siehst du was sperrt man ein!" - Das genügte und sie reichten einander wieder die Hände. Was half es, einander auszuweichen, wenn die Sehnsucht nach Musik sie rief? Wenn man hören wollte, ging man eben dorthin, wo musiziert wurde. Dort tropfte das Spiel kühlendes Öl in die Wunden der Streitenden. So war es nicht nur bei uns in der gestreiften Masse üblich, genau so war es auch bei der SS. Der Blockführer, der mit dem anderen in Zwietracht lebte, traf von nun an seinen Gegner auch im Revier, wo Musik gemacht wurde. Und wenn sein Herz dann voll war, wenn er, berauscht vom Zauber der Töne, seelisch taumelte, sagte er dem Genossen ruhig, daß dieses Spiel ihm gefalle und daß man solche Geiger im Lager schützen müsse. So war von nun an mir auch die Möglichkeit gegeben, zu63 gunsten vieler Häftlinge das Herz des verrohten Blockführers zu erweichen und zu öffnen. Unter uns gab es oft sehr große Konkurrenzen und Wettspiele. Ich suchte, wo immer ich konnte, die Musik einzuflechten und in den Vordergrund zu schieben, um solche Spiele in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Anteilnahme der Häftlinge, die das hörten, wurde so groß, daß Gesprächsstoff für die ganze Woche vorhanden war. Selbst auf den Arbeitsplätzen wurden lebhafte Debatten geführt. Schließlich beteiligten sich sogar die Blockführer daran, die kritisierten oder beim Aufeinanderprallen der Meinungen Schiedsrichter spielten. Es war ja ganz klar: der Herr Blockführer mußte doch etwas von Musik verstehen und wenn er fühlte, daß zwei etwas unbeholfen sich über Musik unterhielten und nicht ins Reine kamen, gab er, da er die Spieler kannte, seinen Text dazu. Kam ein Blockführer aber zu den Musikern, die sich über ein solches Thema unterhielten, redete er gern mit und überschüttete die Debattierenden während ihrer Arbeitszeit mit tausend Fragen. Er wollte ja etwas wissen, viel mehr wissen, als ihm bisher gegönnt war. Er litt an Wissensdurst und trank, wann und wo er trinken konnte, wobei oft der ganze Nachmittag oder Vormittag vergingen. Es wurde dann nichts gearbeitet, aber man kam dem Blockführer näher und dieser wieder lernte durch die Diskussion den Häftling näher kennen und respektieren. So merkte bald auch die SS, daß wir ihre geistige Unterlegenheit, wenn notwendig, zwar auszunützen verstanden, uns aber auch ihrer erbarmten. Sie begannen sich daher langsam zu schämen, wenn sie auf geistig weit überlegene Menschen einschlugen. Ein völlig neuer Wind strich durchs Lager, ein Wind, der die Behandlung der Häftlinge wesentlich zu ihrem Vorteil zu beeinflussen begann. Wer da noch im Weg stand, wurde einfach durch die Meinung der Blockführer, die natürlich übergewichtig auf Seite der Musik waren, niedergetreten oder weggefegt. Somit hatte die Geige, wie so oft im Leben, nicht nur mich, sondern mit mir Tausende gebändigt und umgeformt. Ich kann mit ruhigem Gewissen sogar sagen, erzogen. - Nur einer stand uns füchterlich im Weg der schon genannte Untersturmführer Neumann. Der ließ sich von keinem Blockführer etwas erklären und jede Für- und Vorsprache verlief im Sand, war im Gegenteil noch gefährlich. Wie oft traten seine SS- Schulkollegen für uns ein da sie Untergeordnete waren, fielen sie völlig in Ungnade. Solche Vorsprachen fanden aber ihren Niederschlag in Fragen an mich, die mir alles verrieten. So etwa: ,, Ich hörte, daß Sie ein großer Musiker seien. Was spielen Sie?" - In solchen Augenblicken versuchte ich, dem Frager näherzukommen. Das ging so weit, daß er mich während der Arbeitszeit in seine Wohnung führte, wo ich ihm auf einer von ihm zur Verfügung 64 Akelei( entstanden im Malkommando des KZ) gestellten Geige vorspielen mußte. Noch weiter ging die Annäherung. Im Gemeinschaftsraum stand ein Klavier, auf dem ich ihm meine Kompositionen vorspielte. In diesen Stunden war er nett und untertan wie alle diese primitiven Geister. Im nächsten Moment aber kaum hatte man die Tür hinter sich geschlossen- schlug der Kerl auf den nächsten Häftling, der ihm unterkam, wie ein Wilder ein. Jeder Versuch, ihn zu bewegen, den Häftlingen wenigstens etwas nachzusehen, blieb erfolglos und brachte ihn erst recht zur Raserei. - So blieb mir nichts übrig, als den Unhold auf diesem Fleck Bluterde mit gemeinsten Waffen unschädlich zu machen. Es galt ja das Leben der leidenden Häftlinge, das Leben manchen Vaters, Bäutigams oder Sohnes einer gemarterten Mutter oder Frau! Eines Tages versuchte ich, einen Freilandscapo, mit dem ich zuerst alles genau besprochen hatte, zu überreden, er möge sich opfern. Ich befahl ihm, einen einen Postenträger, der auch Häftling war und als Liebkind Neumanns diesem alles hinterbrachte, so zu ohrfeigen, daß er Neumann Meldung machen würde. Dieser Häftling war ein grauenhafter Gangster, der viele Kameraden auf den Pfahl und über den Bock gebracht hatte. Da Vogt von mir so weit beeinflußt war, daß er öffentlich das Schlagen auf der Plantage verboten hatte und da ich genau wußte, daß Neumann sich dadurch nicht abhalten lassen würde, war das die geeignetste Methode, diesen Gegner zu Fall zu bringen. Als der Häftling verprügelt war, führte ihn sein erster Weg zu Neumann. Der tobte und schlug den braven, anständigen Capo, der vollkommen einverstanden war und bei Vogt einen großen Stein im Brett hatte. Nach diesem Vorfall machte ich Meldung und Vogt bestimmte Neumann zum Rapport. Die Entzweiung zwischen den beiden war gelungen! Der Capo wurde von Vogt gedeckt und meine Aufklärung über Neumann und den Postenträger, der ein Berufsverbrecher war, hatte genügt, um diesen BV- er vom Arbeitsplatz abzukommandieren. Die Gegensätze zwischen Neumann und Vogt wurden immer größer und unerträglicher. Es brauchte nur noch einen kleinen Anstoß und Neumann mußte fallen. Ich überlegte und spann mein Netz um diesen Massenmörder. Endlich fiel mir ein, daß wir auf der Plantage Minzteefelder hatten, die mit verschiedenen anderen Kräutern und Pflanzenwerk den sogenannten ,, Deutschen Tee" ergaben. Die Mischung wurde sehr geheim gehalten und man erfuhr nie, woraus dieser ,, Deutsche Tee" eigentlich zusammengesetzt war. Gleichzeitig erinnerte ich mich, daß Vogt um die Geheimhaltung der Mischung sehr besorgt war. Eines Tages, als das Rezept dieser Teemischung bei der Zusammenstellung der Pflanzen, die ich malen sollte, in meine Hände gelangte, schrieb ich es mir auf einer Schreibmaschine, die nur von Neumann benützt wurde, ab. Diesen Zettel warf ich in einen Papier5 65 korb in Neumanns Kanzlei, die sich außerhalb der Untersuchungsanstalt befand. Da wir Häftlinge keine Schreibmaschine besaßen und dieser Zettel dann von mir ,, aufgefunden" wurde, mußte ich Vogt den Vorfall sofort melden. Er stellte fest, daß es sich um die geheime Teemischung handle und der Zettel auf der Schreibmaschine Neumanns geschrieben worden war. Damit war Neumann verdächtig, das Geheimnis der Teemischung in die Öffentlichkeit gebracht zu haben. Er wurde sofort durch Kommandobefehl aus Berlin aus dem Arbeitsverhältnis ausgeschlossen und an die Front versetzt. Damit war das Kommando von einem Schrecken erlöst, aber auch vor großem Unheil behütet. Viele Unglückliche, die Neumann in die Hände gefallen waren, hatten ihr Leben lassen müssen oder waren zu Krüppeln geschlagen worden. Den Schmutz meiner Handlungsweise tilgte das Bewußtsein, manches Leben erhalten, die Tränen mancher Frau, die ihren Mann oder Vater wieder erhielt, getrocknet zu haben. Ich brauchte mich daher dieser schmierigen Tat nicht zu schämen. Nicht allzulange dauerte es, da bekamen wir statt des Untersturmführers Neumann einen älteren, gesetzten, sehr anständigen und aufrichtigen Zivilbeamten namens Fülle, der nun die Geschäfte des Untersturmführers besorgte. Da er seinerzeit bei der Polizei gewesen war, erschien er in Polizeiuniform. Er verschaffte sich dadurch bei den Blockführern kolossalen Respekt, was sich wie ein Lauffeuer über die ganze Plantage verbreitete. Wir Maler unterstanden nur mehr dem Obersturmführer Vogt. Kein anderer Vorgesetzter vom Arbeitskommando hatte mit uns zu schaffen, noch durfte er uns draußen im Arbeitsbereich bestrafen. Dafür hoben sich gewisse Blockführer alle Gemeinheiten, die sie uns sonst nicht zukommen lassen konnten, für den Lagerbereich auf. Wenn wir einrückten, fielen sie wie losgelassene Kettenhunde über uns her. Da der Krieg außerhalb unserer Mauern in vollem Gang war und die Welt gespannt die Ereignisse verfolgte, während bei uns im Lager öfter Radioansprachen Hitlers und anderer Leute übertragen wurden, versuchte ich, einen Plan zu entwerfen, der eine illegale Kampffront im Lager zum Ziel hatte. Diese Front sollte nicht mit Waffengewalt gebaut werden. Sie hatte die Aufgabe, noch engeres Zusammengehörigkeitsbewußtsein und Kameradschaft zu pflegen. Vor allem machte die Zeit es notwendig, etwas zu schaffen, was uns für den Fall, daß das Regime zusammenbrach, stark erhalten sollte. Nicht Politik, nicht Rache sollten die Gründer dieser Front sein. Es durfte auf einer solchen Schädelstätte keine auseinanderlaufenden Ansichten geben, es konnten die Zusammengeketteten nicht eigene Wege gehen, weil die Ketten sie banden. 66 Mit D fach, Uberz In vollko fragte Das W Häftli werde so kla Wese zu se uns z vielle wir w mit S Bogen Mögli B von b Selbs umge Natio Wir s Ecke Faust Wüns D mach ich z des k lange konn nisse um s seine Politi Natic will Mens Brot Das Men Gast suchungs nd diese den Vor eime Tee ine Neu der Tee de sofor ltnis aus löst, abe Neuman issen ode mer Hand alten, die er erhielt hmierige des Unter ständige Geschäfte er Polize affte sich h wie ein rer Vog mit uns z bestrafen n, die si ereich auf runde übe Gang wa d bei un eute über r eine ille wollte nich abe, noch dschaft z u schaffen stark er der diese keine aus sammenge e bander ,, Mit mir gegangen, mit mir gefangen, mit mir gelitten", hieß es einfach, und, wenn notwendig, auch ,, mit mir krepieren!" Das mußte Überzeugung und Einstellung aller Häftlinge werden! - Im Lager waren alle Schattierungen der politischen Parteien vollkommen einig. Wir wußten genau, daß kein Hieb, der uns traf, fragte, ob er einem Österreicher oder einem Reichsdeutschen galt. Das Verbrennen nach den Seinen war das natürliche Leid jedes Häftlings. Weg mit Kette und Nummer, einmal wieder Mensch werden war unser Ziel. Daß das Regime fallen mußte, war uns so klar wie den Leuten draußen. Dazu konnten wir wohl nichts Wesentliches beitragen, außer, uns zu erhalten, immer vorhanden zu sein. Was sollten wir, wenn die Front brach, tun? Uns hinstellen, uns zusammenknallen lassen wie räudige Katzen? Sollten wir hier vielleicht streiten, welche ,, Richtung" die bessere wäre? Sollten wir während der Hinmetzelung von Häftlingen auf Plakaten und mit Schlagworten zu raufen beginnen? Vielleicht mit Geige und Bogen die Maschinengewehrkugeln auffangen? Nein! Wer die Möglichkeit hat, zu beginnen, beginnt. Auf das Ziel kommt es an! Bis auf kleine persönliche Gegensätze waren wir einig und von brennendem Haß erfüllt, der eigentlich nur mehr dem Lager galt. Selbstverständlich vergaßen wir nicht, daß unser Elend, die uns umgebende Niedertracht vom ganzen verführten Volk, das sich zum Nationalsozialismus bekannte, heraufbeschworen worden waren. Wir spürten den geringsten Rückschlag, der sich irgendwo in einer Ecke der Heimat bemerkbar machte, und wußten jedesmal, wenn die Faust uns traf, daß es irgendwo im Land oder an der Front nicht den Wünschen des Nationalsozialismus entsprechend gegangen war. Durch meine Musik und meine Malerei, die mich bekannt gemacht und den Schlüssel zur verschlossenen SS geboten hatten, fand ich zahlreiche Möglichkeiten. Ich wollte weder Führer noch Held des kommenden Tages sein. Außerdem war die Zeit vielleicht noch lange nicht reif. Man wußte auch zu genau, daß man bald sterben konnte. Also war mir jedes Auftreten fremd und eklig. Zeitverhältnisse und vor allem die Menschheit widerten mich an. Im Kampf um sein Leben kann man den Menschen hassen lernen, wenn man seine naturbedingten Schwächen nicht kennt. Von solchen Leuten Politik zu ertragen, ist zu viel verlangt. Überhaupt- nach dem Nationalsozialismus sich eine Partei vorzustellen, ist unmöglich. Wer will nach einer Niederlage noch einer Partei angehören? Einem Menschen trauen? Das deutsche Volk wird einstimmig die Worte ,, Brot und Leben, Freiheit und Gerechtigkeit" in alle Welt rufen. Das wird die Politik der Zukunft sein. Für mich bleibt die Kunst ewige und einzige Richtlinie und der Mensch gilt mir als notwendiges Übel der Schöpfung. Ich besprach mit den engsten Kameraden, hauptsächlich mit Gaster, der mir nicht nur als fähig, sondern auch als treu und ver5* 67 schwiegen bekannt war, meinen Plan. Dann gingen wir unerschrocken an die Durchführung, die nach Rücksprache mit den anderen führenden Häftlingen aller Parteien mir übertragen wurde. Ich zögerte nicht und richtete in den Außenkommandos einen weitverzweigten Nachrichtendienst ein, der uns über das Geschehen draußen auf dem laufenden halten sollte. Dazu mußten auch in Reparaturwerkstätten, Waffenmeistereien, Fabriken, SS- Unterkünften und in sonstigen Lagern Nachrichtenstellen eingerichtet werden. In jedem Block wurden also Gruppen aufgestellt, die die Organisierung der Verläßlichsten durchführten. Es waren kaum drei Tage nach dieser Besprechung vergangen, da hatten wir in der Feinmechanikerwerkstätte eine regelrechte Auslandabhorchstation eingerichtet, die uns täglich und stündlich die Nachrichten aller Auslandsender übermittelte. So unglaublich es klingen mag, ich hatte das Glück, diese Organisation in kurzer Zeit auch in die Formationen der SS- Bewachung zu tragen. Dadurch war für einen größeren Kreis von Häftlingen ein schriftlicher Verkehr mit der Außenwelt möglich. Jeder wollte doch endlich wissen, was daheim los war. Im Arbeitskommando auf der Plantage war es uns leicht, durch unmittelbaren Verkehr untereinander rasch vorwärtszukommen und auf die maẞgebenden Capostellen die Fähigsten zu bringen, die die Aufgabe hatten, die vorgesetzten SS- Stellen mit allen Mitteln zu zersetzen und zu unterminieren. So hatte bald der eine oder andere einen andere einen Blockführer als Freund: der Capo der Tischlerei den Verwalter, da er illegal verschiedene Möbel liefern konnte, während die Capos vom Glashaus, vom Bau und die vom Lagerplatz über Gemüse, Zement und Koks verfügten. Ich selbst hatte meine Position beim Obersturmführer Vogt beträchtlich gefestigt und genoß alle Vorteile, die ein Häftling nur wünschen konnte. Sämtliche Befürwortungen, die ich ihm vorlegte, wurden blind unterschrieben und wurde einer geschlagen oder drohte ihm Arrest, genügte eine Intervention bei meinem Chef, um die Angelegenheit sofort zu bereinigen. Allerdings stieg mit meinen Bravourstückchen nicht nur die Verantwortung. Auch der Verfolgungswahn wuchs und brachte mir sorgenvolle Stunden und Tage. Bald benahm sich einer unvorsichtig oder es drohte ein kleiner Streit zwischen Häftlingen, der zu großen Auseinandersetzungen, oft sogar bis zum Verrat führen konnte. Kurz, mein Kopf steckte von 24 Stunden meist 20 in der Schlinge. Mir war es oft auch nicht gelungen, wenn es hätte sein müssen, über eine Postenkette ins andere Kommando zu kommen. So ließ ich mich beim Teetransport zwischen den Säcken verpacken. Im Anhänger fuhr ich dann in den anderen Arbeitsbezirk, um mich mit den verantwortlichen Kameraden in Verbindung zu setzen. 68 Die immer zum Kampf aufgelegte Jugend des Lagers, gewohnt, dem G Sie wa Standh an ihre junge Leben Das sogena und gu Ich über L bringer wenn E delte. hatte C richter Wir sp Musik wir un tag im Lager währe: Im Revier sich se Harmo wir Sc Gänge Freude perlen Blick zu, un schluc stichig starb. W dann Musik ten. A sen w steher finde. konnt schlä с Das W wird. 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Ein Wiener Friseur namens Kotzlik war der Hauptcapo, wenn es sich um die Beschaffung von Instrumenten und Noten handelte. Er war der sogenannte ,, Rüsselputzer" des Lagerführers und hatte die Aufgabe, sämtliche Kommandanten zu rasieren und herzurichten. Also mußte er das Sprungbrett zur Lagerführung werden. Wir spielten ja, aber wir wollten mehr, wollten nicht zuletzt die Musik als Brücke zwischen uns und der SS benützen. Bisher hatten wir uns als Quartett und als Sextett zusammengetan und jeden Sonntag im Revier und in den verschiedenen Blocks gespielt. Das ganze Lager atmete unter den Klängen auf und jeder Hörer erlebte sich während dieser Zeit als Mensch. Immer angesehener wurden die Spieler, auch bei der SS. Im Revier wurde sogar getanzt und selbst der größte Krüppel freute sich seines Lebens wieder. Mit einem Sänger, der die chromatische Harmonika meisterhaft beherrschte und wunderbar sang, gingen wir Sonntag früh von Bett zu Bett, von Zimmer zu Zimmer. In den Gängen spielten wir gleich für eine ganze Abteilung. Manche Freudenträne dankte uns, mancher Sterbende schlummerte unter perlenden Tönen hinüber. Bei Beginn der Serenade tastete sein Blick die Wände entlang, dann neigte er das Haupt dankend uns zu, um unter den letzten Akkorden einzuschlummern. Wie oft schluchzte auch ich! Viele Tränen vertrockneten auf dem wurmstichigen, dunklen Lack meiner Geige, indes mancher Zuhörer lautlos starb. Während wir jeden Abend nach schwerer Arbeit einmal in dem, dann in einem anderen Block konzertierten und so mit der Zeit das Musikmachen ,, legalisierten", gab es darüber verschiedene Ansichten. Auf der einen Seite standen die Jugend und alle, die entschlossen waren, gegen die Möglichkeit eines Zusammenbruches aufzustehen. Die andere Seite, für die ich nur schwer eine Bezeichnung finde, verwarf alles, was nicht von ihren Gehirnen gelenkt werden konnte. Daß die Zeit solchen Menschen das Werkzeug aus den Händen schlägt, können diese bürokratischen Philosophen nicht begreifen. Das Volk will Taten sehen und am Leib verspüren, daß ihm geholfen wird. Es will bei Lebzeiten eine Daseinsverbesserung spüren und 69 nicht einen Himmel erwarten, den es nicht findet. Außerdem muß zwischen der Masse und der sie vertretenden Schicht die trennende Mauer fallen. Ich will solche Menschen fragen:„Warum, glauben Sie, hat es nach jedem Regierungszusammenbruch Verfolgungen des gewissen Bürgertums gegeben?” Es sind nicht immer Regierende, die als solche von der Masse verfolgt werden, nein! Verfolgt werden jene, die mit dem Volk nichts gemein haben wollen, die den geistig Schwächeren mit Verachtung von sich schieben und mit dem schlecht angewendeten Wort„Proletarier‘' beschimpfen, die ihr Kind mit der Begründung: „Die müssen dir zu minder sein!”, aus dem Kreis der anderen her- ausreißen und die jede angeborene Fähigkeit dem nicht von der Hochschule gekommenen Apostel einfach absprechen. Daß dieses Nichtanerkennen des Nebenmenschen einen Minderwertigkeits- komplex des Hochstudierten voraussetzt, der oft viele Hosen durch- wetzen muß, während der andere ohne diese Schulen das Seine mit- bringt, ist in vielen Fällen wahrscheinlich. Es ist beschämend für uns Österreicher, daß man diese Sucht, mehr scheinen zu wollen als man ist, in dem kleinen Land nicht abschaffen kann, daß einige Windfiguren politische Auseinander- setzungen, ja sogar Revolutionen verursachen können. Man versteht ja, daß diese von Geburt aus zu warm gehaltenen Ableger von Kampf und Verantwortung nichts wissen wollen, daß sie mit sogenannten geistig-diplomatischen Funken lieber den schmierigsten Betrug dulden und verüben, als Dienstmädchen und Bügelfalte einzubüßen. Diese Egoisten sollen aber nicht die Gefahr übersehen, die ihnen mit Recht einmal drohen wird. Was man nicht kann, nie erlernen wird, soll man lieber lassen, statt es mit gemeinen "Verbrechen erreichen zu wollen. Ähnliches gab es im Lager auch. Geld hinschieben und dafür den Freßkübel im Waschraum oder im Klosett ausschmieren zu dürfen, war solchen Leuten oft nicht zu minder. Es ging natürlich auf Kosten der Masse! Der arme Essenausgeber brauchte Geld oder Zigaretten— dafür zwickte er von jedem Schöpfer so viel ab, daß man es manchem Häftling vom eingefallenen Gesicht lesen konnte: Ist so etwas notwendig? Ein solcher Mensch wird seinen gestreiften Bruder von damals nicht kennen wollen. Er wird ihn weder erkennen, noch wird er ihm helfen. Er vergesse aber nicht, daß die großen Massen der Kleinen die Großen zu Fall bringen können! Der Schreibtisch darf nicht zwischen unliebsamen Parasiten und hilfesuchendem Volk stehen. Dieser oft unsichtbare, aber immer spürbare Schreibtisch muß und wird von Zeit und Volk auf die Seite geschoben werden. Meine Seele beugte sich vor der untergehenden Sonne. Nach langer Zeit hatte ich endlich wieder einen Brief empfangen, dessen 70 ne 4 ver gen I mis I zauscl I aber ı Mens: imme) senkt drück l weiß Rolle j Auftr falls konn ten,] zielt, Brotz der] Butte große Tod I antr: dure als zue! Arb Hin m muß nnende hat es ewissen on der mit dem ren mit endeten indung: en hervon der 5 dieses igkeitsdurchine mitSucht, d nicht manderaltenen en, daß er den men und Gefahr an nicht emeinen d dafür eren zu atürlich eld oder ab, daß konnte: damals wird er sen der sch darf em Volk reibtisch werden. e. Nach , dessen Inhalt mich schwer traf. Mein Bruder Erhard, der immer sagte, er wolle erst nach einem Wiedersehen mit mir sterben, mußte durch die verfluchte Hetze des Gegners jämmerlich zugrundegehen. Ich war tief erschüttert und rannte gleich einem Tier hinter seinen Käfiggittern vor dem geladenen Stacheldraht hin und her. Niemand konnte helfen und ich brauchte ungeheure Kraft, mich wieder aufzurichten. Schon einige Tage vorher war Bobner, der aus meiner Heimatstadt stammte, zu mir gekommen. Er hatte auch Post erhalten und mir mitgeteilt, daß meine Braut sich verheiratet habe. Ich hatte damals Menschen sehr gern und wenn einer, den ich ins Herz geschlossen hatte, sich von mir trennte, tat es mir furchtbar weh. Solch plötzlicher Fall in leidvolle Tiefen bereitete mir jedesmal kolossale Pein. Man hatte sein Herz vergeben im Drangrausch seiner Reife, man trank vom Kelch der Jugend und war bald berauscht. Das sind unausbleibliche Kinderkrankheiten! Wie tief das aber meine empfindsame Musikerseele traf, ist anders eingestellten Menschen oder Durchschnittsgeschöpfen unverständlich. Es war immer so, daß man im Lager auf Wellen schritt, die sich hoben und senkten. So ging es nicht nur mir, so ging es allen! Diese Zeit drückte einen vollkommen nieder und riß zu Boden. Um so böser war das alles für mich, als Verrat drohte. Ich weiß genau, daß Künstlerneid und Eifersucht auch hier eine große Rolle spielten. Bei vielen kam dazu die Angst, ihre Position durch mein Auftreten gegen die SS und deren Methoden zu verlieren. Jedenfalls hatte ich dafür gesorgt, daß sie mir momentan nichts antun konnten und hatte ihnen alle Wege, die sie einschlugen, abgeschnitten. Im Lager wie in den Arbeitsstätten hatte ich große Vorteile erzielt. Es war mir sogar möglich, für das Arbeitskommando Plantage Brotzubußen und andere Zulagen herauszuschlagen. Das Kommando der Plantage bekam vormittags ein Stück Brot, später sogar ein Butter- oder Wurstbrot, was bei unserem Ernährungszustand eine große Rolle spielte. Die Entziehung eines Stückes Brot hatte ja oft in kurzer Zeit den Tod zur Folge. Ich ging so weit, dem Obersturmführer Vogt einen Konfinierungsantrag vorzulegen und ihn zu bitten, er möge das Malerkommando durch eine Eingabe nach Berlin in ein Verhältnis bringen, das man als Ehrenhaft bezeichnet, um es der Willkür der Lagerkommandantur zu entziehen. Erst schüttelte Vogt den Kopf. Ich wies aber auf meine Arbeit hin und erklärte, daß unter solchen Verhältnissen Künstler nie arbeiten könnten und daß ein auch nur scheinbares Freiheitsverhältnis Arbeit wie Produktion steigern würde. Ich wies ihm auch genau den Weg, auf dem er mein Ansuchen dem Reichsführer SS Himmler so unterbreiten könne, daß dieser es positiv erledigen müsse. Außerdem rechnete ich ihm den Zeitverlust vor, den wir 71' durch Mittageinrückung, Mittagzeit, Ausrücken zum Appellplatz und Wiederausrückung hatten und machte ihm den Vorschlag, uns über Mittag mit einem oder zwei Posten auf unserer Arbeitsstätte zu lassen, da wir in dieser Zeit viel Arbeit leisten könnten. Das akzeptierte er sofort und nun gings los! Erst machte Vogt eine Eingabe an die Lagerführung, die ergebnislos blieb. Dafür schlug die Wahl des Weges über Berlin wie eine Bombe ein, da man uns von dort die gleiche Menage vorschrieb wie der Be- wachungsmannschaft. Ein Mann mußte das Essen holen und die beiden Posten wurden mittags von der Küche gestellt. Sie.begleiteten den Essenholer des Malerkommandos auf die Plantage, ohne uns freilich immer alles zu geben, was sie in Wirklichkeit gefaßt hatten. Wir bekamen zum Beispiel keine Orangen, keinen Eiersalat und keine Mehlspeisen— das strichen sie uns einfach. Aber auch das gewöhnte ich ihnen bald ab. Ich bat Vogt, er möge bei uns Stich- proben machen und sich dann erkundigen, was wirklich ausgegeben worden war. Auch das geschah und mein vorgesetzter Kommandant beschwerte sich bei der Lagerführung. Er sagte zwar nicht, daß die SS uns Speisen vorenthalte, sondern daß vermutlich schon in der Küche von Häftlingen gestohlen werde. Das war zwar unmöglich, aber da die Lagerführung wußte, daß jede Beschwerde mit einer Mel- dung nach Berlin verbunden war, da ein Durchschlag dorthin ging, war sie sofort bereit, kräftig einzugreifen. Von nun an bekamen wir das gleiche Essen wie die SS. Für mich persönlich hatte das bessere Essen keinen Wert. In mir begann eine Krankheit ihre Netze zu spinnen und ich nahm trotz der besseren Verpflegung statt zu immer mehr ab. Der Kampf, der heraufbeschworen war, gestaltete sich nicht einfach und war mit wachsenden Aufregungen verbunden. Eine Anzeige löste die andere ab und ich als Capo war ständig den Vorwürfen und Gemeinheiten des Lagerführers ausgesetzt. Früh um 5 Uhr wie abends um 10 Uhr stand ich vor ihm. Er ohrfeigte und schlug mich grundlos, so daß mir Essen und Arbeitslust vergingen. Ich versuchte mit allen Mitteln, mich zu wehren und grübelte Tag und Nacht, wie ich mir helfen könnte. Ständige Beschwerden bei meinem Kommandanten mußten ja auch bald lästig werden und eines Tages konnte er meiner ewigen Klage überdrüssig sein. So trachtete ich zu bremsen und nichts mehr vorzubringen. Das ging aber nicht lange. Der Lagerführer durch- schaute meine Methode bald und trachtete, mich so schnell wie möglich in den Bunker zu bringen. Er prophezeite mir sogar, daß ich bald dahinten verrecken würde. Ich wußte, daß eine Beschwerde, wenn man sie ähnlich ihrem Wortlaut nach Berlin weiterbefördert hätte, mich als frechen An- zeiger entlarven würde. So wurde jede Anzeige mit den ver- schiedensten Untermalungen und verbrecherischen Einfällen so aus- geschmückt, daß daraus alles zu ersehen war, ohne daß der Verdacht 72 pellplatz lag, uns stätte zu te Vogt b. Dafür e ein, da der Beund die gleiteten hne uns t hatten. alat und auch das ms Stich gegeben mandant daß die m in der möglich, ner Melmin ging, men wir Wert. In ch nahm Kampf, war mit e andere einheiten 10 Uhr 5, so daß Mitteln, ir helfen mußten r ewigen hts mehr er durchnell wie , daß ich ch ihrem hen Anden ver so ausWerdacht auf mich fallen konnte. Auch wurden solche Anzeigen nicht gleich, sondern erst geraume Zeit nach ihrem Anlaß vom Stapel gelassen. Sie kamen auch nicht immer von der Plantage, sondern wurden nicht selten erst dem Obergruppenführer Pohl, der sehr oft in Dachau war, vorgelegt und dann so gedreht, daß Pohl nach einer Erkundigung gezwungen war, in Berlin eine Meldung für uns loszulassen. Der Lagerführer tobte wie ein Wahnsinniger, wenn er in einer Woche drei, vier Sonderbefehle wegen uns einstecken mußte. Um so mehr, als eines Tages sein Beförderungsgesuch von seiner vorgesetzten Stelle glatt abgewiesen wurde, weil man ihm Unfähigkeit, siehe Arbeitskommando Plantage, vorwarf. Damals glaubte ich, meine letzte Stunde zu erleben. Ich wurde aus irgendeinem Grund eines Morgens glatt in den Bunker gesperrt, in dem ich 14 Tage brummte, ohne vernommen zu werden, ohne zu erfahren, weshalb man mich eingesperrt hatte. In diesen 14 Tagen bekam ich nur zweimal Essen, dafür bei der Entlassung 25 Doppelschläge mit dem Ochsenziemer. Sie trafen mich so unglücklich, daß sie meine Nieren verletzten, so daß ich über ein Jahr an den Folgen litt. Trotz allem wurde in diesem Jahr viel geleistet und für unser Kommando ein kolossaler Vorsprung geschaffen. Mein Atelier wurde vom Adjutanten Hitlers, von Himmler, Reichssäckelwart Schwarz und vielen anderen Persönlichkeiten des In- und Auslandes besucht. Dabei gab es stets zahlreiche Bestellungen, die uns wohl freuten, die aber nichts eintrugen. Wäre damals nicht zufällig Himmler gekommen, wären aus den 14 Tagen vielleicht dreimal soviel geworden. Allerdings konnte niemand mir die 25 Schläge herunternehmen und was 25 Doppelschläge für einen Menschen bedeuten, will ich später genau schildern. Der Sommer neigte sich langsam seinem Ende zu. Der Herbst begann sich leise bei Baum und Strauch anzumelden. Viele Menschen waren dahingegangen, viele waren gekommen und die Frucht begann zu reifen. Auch wir wurden herbstlicher. Das Menschliche in uns wurde schwach, Hoffnungen schliefen langsam ein und immer größer wurde das Bangen um unser Leben. Die Bäume rauschten, die Felder blühten, die Erde prangte voll Frucht und Reife. Der Schnitter sah über die Felder und freute sich der kommenden Ernte. Das Jahr 1940 neigte sein Haupt. Wir aber warteten inmitten einer verfluchten Menschheit auf ein Lichtchen, das uns die unheilschwangere Finsternis der Zukunft erhellen sollte.. Der zwölfte Monat hauchte langsam sein Leben aus. Nebel stiegen über das Moor und Flocken tanzten ihren Winterreigen. Hungrig, müde lehnte ich am Fensterbalken. Meine Kehle würgte das Elend. Teilnahmslos wanderten meine Augen über die kahle, 73 fremde Erde und manche Träne erpreßte mein Sehnen nach bitterer Jugendzeit. Trotz allem— es waren doch schöne Tage gewesen! In es ihnen lebte ja Freiheit! Es war einmal!: Sag mir, Himmel, soll ich jetzt schon mein Ende finden? Oder sind mir noch einige sorglose, freudenreiche Tage gegönnt? Denk’ nicht! Nimm deine Palette, male! Großmütterchen mit den Enkelkindern wartet ungeduldig auf dem Brett. Ich schlage noch einige Farben ins Haar. Silbrig ist es schon. Auf meinem Haupt wird es auch langsam Herbst. Du bist achtzig Großmutter. Erst siebenundzwanzig bin ich. Ich muß mich setzen. Meine Füße drohen, mich nicht mehr zu tragen. Warum? Blöde Frage! Hunger! Es gibt nichts zu essen! Male! Weihnachtliche Stimmung. Sternchenreigen vom Himmel in heiliger Einsamkeit. Wo ‚sind die vielen brennenden Bäumchen, unter denen ich manches wunde Herz mit meiner Geige aufrichtete? Zur Helle entzündete? Ich war immer in Schmerz gehüllt, ja, aber, es waren unvergeßliche, traumschöne Stunden... Da drunten die alte, vielgeliebte Heimatstadt mit unzähligen weißen Häubchen auf den Giebeln. Dumpfes Geläute. Wie pochte das Herz, wenn hoch vom Turm die alten Krippenlieder klangen, wenn das„Stille Nacht, heilige Nacht” an die Geburt des lockigen Kindes erinnerte. . Oft war ich mit meiner Geige durch die dunklen Gassen ge- irrt und hatte mich mit jedem Kind gefreut, das das Christkind suchte. „Hast du es gesehen?” Dann erzählte ich ihm, daß ich sogar mit ihm gesprochen hätte. Und wenn das Geschichtchen zu Ende war, lief der Kleine schnell, es den Geschwistern wieder zu erzählen. Wie schön waren damals jeder Tag, jede Stunde! „Ich atme Harz und fühle Grün, seh’ Weihrauch durch dein Stübchen zieh’n, den Lichterbaum in deinen Tränen spiegeln...“ Es war der erste Heilige Abend, den ich in den Gemäuern des Grauens mitmachte. Kalte Zelle, leere Mauern, Totenstille und Einsamkeit. Dem Liebchen galten die wenigen Zeilen, dem Mädchen, das mich längst vergessen, längst an anderen Lippen hing... Gott, dich suche ich! Erhör' mich Verworfenen! Jetzt kommt er wieder, dieser große Tag. Ob ich ihn wohl noch erleben oder, wenn er anbrach, schon an Vaters Seite liegen werde? Er geht um mich mit seinem Geist und schmunzelt, spielt mit seinen Fingern auf meiner Palette und läßt aus seiner Welt ein leises Klingen an mein Ohr pochen, als wollte er sagen:„Ihr beneidet uns, ihr armen Leiber!" 74 bitterer esen! In ? Oder t? mit den schon achtzig nt mehr essen! mel in mchen ichtete? a, aber, zähligen pochte langen, ockigen sen geristkind n hätte. schnell, ern des it. Dem h längst an wohl e liegen pielt mit in leises det uns, Der zu Boden rollende Pinsel unterbrach mein Wandern. Ich erschrak, kalt lief es über den Rücken. Seid ihr Toten in meinem Atelier? Mahnt ihr mich? Eigenartig ist dies Gefühl... Habt ihr mir etwa in der Ferne mein Großmütterchen geraubt, das verlassen am Fenster sitzt und näht? Laßt sie mir, ich will sie wiederfinden! Geht das nicht, dann nehmt mich still von hier! Male, Verrückter, mahnt ein Chor... Der Capo schlug an sein Eisenrohr. Es war Mittag. Alles rannte zur Kolonne. Sie mußten gezählt werden. Dann ging es fort. Nur ich und meine Maler, die im Nachbarraum waren, wir arbeiteten weiter. ,, Posten auf befohlener Stelle", gröhlte der draußen vor der Tür. Es waren Posten mit Gewehr, die uns bewachten. ,, Auf die Türen! Wollen sehen, ob ihr arbeitet!" ,, Jawohl", lautete meine Antwort. Ich pflegte das laut und wegwerfend zu sagen. Dabei verfluchte ich den bezahlten Mordgesellen. Da hörte ich Schritte sich meinem Fenster nähern. Wer mochte das sein? Zuerst kam ein großer Bernhardiner, dann ein holdes Ding. Gibt's doch nicht, Verrückter! Doch! Ein Maidlein war's. Ein wunderschönes, blondes Kind! Ein Christkindengel! Helfender Himmel, hast du die Wolken von dir gejagt? Blüht uns endlich Freiheit? Die Stunde hemmte den Schlag in meiner Brust. Ja, es war ein Weib voll Jugend! Sie schritt still und mit gesenktem Haupt ihrem vierbeinigen Beschützer nach. O, wäre sie mein gewesen in dieser Stunde gestorben! Das Herz pochte in meiner Brust... - ich wäre gern Male! Verrat' dich nicht, es kann dein Leben kosten...! Phantasie schenkte mir eine Zukunft. Ich warf die Farben wüst aufs Brett und umarmte dabei in Gedanken das Dingelchen in meiner alten Heimatgasse. - Ein paar Augenblicke stand mir der Himmel offen dann verschlang der Flockenreigen das liebe Bild. Wie schön wäre es gewesen, unterm Lichterbaum mit ihr im Strahl der Kerzen eine Träne des Glücks zu weinen! Fraulichkeit, dein Bild hat Gott mir in die Brust gelegt. Woher kamst du? Wohin gingst du? Ich fühlte wieder mein Herz... Eine neue Stunde schlug Du wirst deinen Odem durch die Hölle tragen, am Ende lacht dein Mund den Satan aus! Ich will alles zwingen. ... Es vergingen Wochen, bis ich feststellen konnte, wo dieses herrliche Ding sich aufhielt. Dann erzählte mir ein wohlgesinnter Posten, wie er das Mädel zum besten halte. Er sehe sie öfter ins Dorf fahren, kenne ihre Wohnung, habe schon oft mit ihr gesprochen. 75 Ach, wie weh das tat!- Verrückter, male! Bist doch Gefangener mit Nummer und Sarg- stempel! Male, es wird besser sein!... Nein, und wenn der Teufel vor mir steht! Jedesmal, wenn dieser Posten kam, erzählte er, daß er sie bereits nach Hause begleitet habe, im Kaffeehaus zum Tanz hole und viel mit ihr plaudere. Es gab mir jedesmal einen Stich ins Herz. Der Schuft!— Aber meine Stunde mußte noch kommen! Ich fühlte es. Ich hatte keine Ruhe mehr. Oft weinte ich, oft fluchten meine zitternden Lippen. Liebe Worte hörte ich aus längst verrauschten Tagen, Ortchen und längst verstummte Weisen wurden lebendig. Kein Pinselstrich mehr, ohne mit dir ein gutes Wort geplaudert zu haben. Du wohnst in meinem Herzen! Der Hunger schwand, vergessen waren die Tage der Hölle! Ich wollte das Tor zum neuen Leben sprengen. Herr, gib mir, wonach meine Seele schreit! Nur sie kann ver- gessen lassen... Straf’ mich nimmer weiter, Himmel, entbinde mich von jedem auf mir lastenden Fluch! Nimm hinweg, was mich bedrückt, fang’ auf die heiße Bitte! Ich weiß, o Herr, du geißelst, weil du mich zum Menschen formen willst. Löse mich von meinem bösen Ich...! Furchtbare Tage lösten einander ab. Draußen kleidete der Winter die Erde in stilles Weiß. Sterben um mich— und ich will erst zu leben beginnen! In ewigen Welten herrscht das Gesetz: Platz dem Willen, dem, der die Erde bejaht! Die mich zu Boden schmettern wollen, wer sind sie? Ein Nichts, das nicht weiß, daß es Nichts ist. Stunden, Tage flohen. Immer wieder schlich ich aus meinem Atelier, um sie zu sehen, die so nah, so weit. Nächte grübelte ich. Fast glaubte ich, die Sinne zu verlieren. Da kam der Tag des heiligen Nikolaus. Wie dich beschenken, ohne daß jemand es merkt? Wie dir mein Rufen kundtun? Mein Kamerad, der gute Hans, wußte, daß es ernst um mich stand. Er sah, wie oft ich unwillig den Pinsel fallen ließ und fühlte, was in mir vorging. „Um dich ist es geschehen, ich seh’ es kommen! Sie werden dich umlegen. Du wirst dich verlaufen! Du hast vergessen, daß wir nicht mehr leben dürfen! Du spürst die Kiste unter deinem Sitzleder nicht mehr!" Er wies zum qualmenden Kamin des Krematoriums ınd flüsterte mir ins Ohr:„Da oben seh’ ich dich sitzen und als Wolke in deine Heimat ziehn! Das blonde Gift weint dir wohl keine Träne nach, fang’ dich doch wieder. Bleib bei uns, male!“ Ich starrte in die Weite und flüchtete zu meiner Staffelei, denn Tränen standen in meinen Augen. 76 nd Sarg ie bereits d viel mit Chuft! en meine auschten ebendig plaudert er Hölle! ann verentbinde was mich geißelst, meinem dete der nnen! In dem, der wer sind meinem pelte ich. Wie dir um mich ließ und werden sen, daß deinem ms und s Wolke l keine Staffelei ,, Recht hast du, Hans! Aber halt' die Wellen eines Flusses auf!" Es nahte der Abend. Nikolaus wollte wieder Einkehr halten. Da fiel mir im letzten Augenblick etwas Wunderbares ein. Unten, im Glashaus, gab es Sträucher zum Besenbinden. Aus denen ein Rütchen gebunden, mit silbriger Farbe bemalt und ein das war das Richtige. Gedacht, rotes Bändchen draufgemalt getan. Nur brauchte ich für alle Kanzleien eine Rute, sonst fiel es auf. - Ihr, der Liebsten, noch ein Kärtchen dazu gesteckt, das der mir gut gesinnte Posten übersehen mußte! Gefährlich war es. Das Leben stand auf dem Spiel, aber es mußte gelingen! Hastig fertigte ich fünfzehn Ruten an. Eine besonders behutsam für sie. Jetzt noch einen Verwalter, der unten Dienst versah, überreden. Auf keinen Fall durfte er merken, worum es ging. Es gelang. Er kam zu mir, nahm die Ruten und ging. Am nächsten Morgen erfuhr ich zu meinem Entsetzen, daß er die Rute als sein Geschenk übergeben hatte. Verflucht! Das Kärtchen warf mein Posten vom M.- G.- Turm der Holden, die auf dem Weg nach Hause war, zu. Es verriet, wie ich später erfuhr, seine Herkunft! Ein zweiter Verwalter, der mir sehr gewogen war, nahm mich eines Tages mit in das Laboratorium, wo ich das Mädel sehen sollte. Vor Feude konnte ich nicht weiter malen. Aber wie sah ich aus? Kahl geschoren, das gestreifte Kleid des Verbrechers auf dem Leib und unter dem Herzen die Nummer 78. Da gehörte Liebe dazu! Doch -frisch gewagt ist halb gewonnen. Mir klopfte das Herz bis zur Kehle, als wir vor der Tür des Labors standen. Ich stellte die Pflanzen weg, die ich pro forma mitgenommen hatte und klopfte leise und zaghaft an. Eine freie Stimme sagte ,, Herein!" Ein schmuckes, blondes Ding saß am Labortisch und verzehrte lustig und beineschwingend einen Apfel. Sie unterhielt sich fröhlich mit dem Verwalter. Ich sprach vorerst kein Wort, beguckte sie, versuchte, einige Worte hervorzustammeln, und schwieg wieder. Erst später fragte sie mich, ob ich wüßte, wo das Kärtchen hergekommen. Es müsse vom Atelier stammen, da es nur dort solches Papier gebe. Erst schämte ich mich, dann aber gab ich es doch zu. Mit etwas strengerer Stimme erklärte sie, es sei eine Gemeinheit, daß der Posten ihr so etwas zugeworfen habe. Ein erleichterter Seufzer verließ darauf meine tiefste Seele. ,, Ach, bin ich froh," dachte ich ,,, daß es doch nicht er ist. Wenn auch ich es noch lange nicht bin, ist es so doch bedeutend besser! Wie aber nun weiter?" ,, Und die Rute?", fragte ich verlegen wie ein Mädchen. ,, Bekam ich vom Verwalter", war die Antwort. 77 „Verfluchter Schuft,“ dachte ich.„Er also? Nicht ich?” Aber auch da kam langsam ihr Wissen um die Herkunft über die roten Lippen. Leider war für diesmal die Sprechstunde vorüber. Von neuem, noch mehr als zuvor, jagte und brannte mein Blut. Schwer schleppte ich mich durch die Plantage in mein Atelier. Tränen im Aug’, den Kopf gesenkt. Noch einen Blick warf ich zurück zum Fenster. Wann wird ein Tag die große Feierstunde bringen? Damit sank ich neben meiner Staffelei zusammen... Mensch, wie du vergißt, wie dein Herz ertrinkt in der Tiefe schöner Augen! Alles Weh versinkt. Du stehst nackt vor dir selbst. Unglücklicher! Welkte dir im Leben nicht schon mancher Rosen- strauch? Erheb’ dich gegen deine Kreatur! Flieh’ zu den Ver- blichenen, frag’ sie, was ihr Geist nach der Entseelung der Leiber sah und entdeckte! Nimm den Spiegel und schau in deine Ver- gangenheit! Du wirst in deinem Spiegelbild unzählige Wunden fin- den, die du jetzt vergessen willst, Verrückter! Tag und Nacht tönten alle Chöre der Vernunft— ich überhörte sie, weil Gottheit„Liebe‘ mich berauschte. Weil das Gesetz des Ge- schlechtes meinen Geist unterwarf. Trotz Umzäunung und Tod willst du zeugen? Leben geben? Deines verlängern mit deiner Kraft, deiner Liebe, weil du es enden siehst?! Du sollst es! Gerade da, wo du das Menschliche mit aller Gewalt verneinst, will die Kreatur befreit werden. Gehälftet bist du, Geschöpf, ohne den dir mitgegebenen Puls- schlag des anderen Geschlechts. Du siehst, es naht das Gewitter— ' und trotzdem gehst du aus! Ich sah den Schmerz vor meinen Augen sich aufbauen und baute mit. Jeder Blick verriet mir Wärme. Es war nicht nackte Er- barmung, nein, es brannte still ein Flämmchen, das von ihr noch nicht bemerkt wurde, bis es durch die Zeit zur Flamme ward. So wollte es die Schöpfung, so wollte ich es. So grübelte ich, so fand ich mich und die Welt. Schwer war mir die Brust und langsam begann Müdigkeit in meinen Händen aufzutreten. Ich spürte den Schlag meines Herzens. Stich auf Stich. Träne um Träne. Male, Verrückter! Nur nicht müde werden. Lebe! Ein Leben sucht dein Leben, wie du es suchst. Vergrämt irre ich im Meer der Farben. Ich nage am Pinselstiel, bis er kaum mehr zu verwenden ist. Himmel hilf! Mach’ endlich mein Dasein wieder erträglich! Wochen vergingen. Das Christkind war in Städten und Landen gewesen. Mich hatte es vergessen. Warum? Alle Leute erzählten einander ihre Feierstunden. Uns war nichts gegönnt? Wir waren die Todgeweihten, Nummern des Friedhofs, Verstoßene. Nicht wert zu atmen. Verfluchte, mit dem Teufel an den Fersen. Warum? Weil wir größer waren als die blinde Menge, der man die Augen verband. 78 h?" Abe die roten n neuem schleppte Aug', de er. Wann ch neben der Tiefe Hir selbst er Rosen den Ver er Leiber eine Ver nden fin überhörte z des Ge mgeben? es enden mit aller men Puls witteruen und ackte Er ihr noch ward. wer war Händen uf Stich n Leben inselstiel endlich Landen erzählten aren die wert zu m? Weil verband Ich brach langsam zusammen. Draußen schmolzen Schnee und Eis. Im späten Sommer war es gewesen. Da war eines Tages der Verwalter mit Skiern ohne Bindung gekommen, die ich auf den Brettern anbrachte. Damals schon pulste es in mir, als ich erfuhr, daß sie ihr gehörten. Jetzt tauchte in mir die gleiche Sehnsucht auf. Sie beschleunigte meine Pulse, wenn ich sie auf den Brettern in nebliger Ferne vorüberhuschen sah. Nicht die Weite trennte mich von ihr- der Stacheldraht riß das Herz entzwei, der mir die Möglichkeit nahm, ihr den übervollen Becher meines Sehnens zu reichen. Ich mußte bei meiner Palette bleiben und war an Tod und Ende gebunden... Zum Wahnsinn trieb mich ihre Lebenslust. Eifersucht bohrte mir tiefste Wunden. Hunger fraß mir Kraft und Fleisch, Weh grub Furchen in mein Gesicht. Tränen rannen über meine Wangen. Allein ich trug Farbe um Farbe auf mein Brettchen. - Wann, Herr, schenkst du mir die Stunde? Soll ich welken wie tausend andere? Welken? Das hieße deinen Odem verneinen! Vorüber waren die Feiertage, Jahreswechsel. Jede Stunde schlich boshaft, schmerzsäend dahin. Ich fühlte, sah den von ihr nicht gewollten Schlag, der mich dennoch traf. An Herz fehlte es. Fehlte es nicht, würden die Menschen ihr Leben nochmal so lange leben! Nehmt so ein trauliches, aufblühendes Wesen in eure Hände, öffnet das Leben. Was findet ihr? Schönheit, die zur Herrscherin wird! Der Busen breitet sich gleich einer Blüte und will empfangen. Vorerst aber empfangen werden! Bestaunt, umworben, zuletzt besiegt sein! Trotz aller Einsicht, ungeachtet aller begreiflichen Menschlichkeiten, vermochte ich den Schlag nicht zu überwinden. Die Tage raubten meine Brüder, oft zwanzig bis dreißig in zwölf Stunden. Völlig vernichtet, mußten manche Kameraden auf Schubkarren ins Lager gebracht werden. Dann noch Appell und nachher - vielleicht- Ruhe. Nein, es ging nicht mehr! Einige riefen nach Frauen, Kindern, dann erlöste sie der Tod. Viele in der Kolonne Marschierende fielen aus ihren Reihen. ,, Auf geht's!", rief der Hintermann. Selbst er torkelte nur mehr. Weiter, weiter! ,, Geht nicht!" Und schon lag der Kadaver im Straßengraben. Noch einige Fußtritte vom Posten. Der Kommandoführer probierte noch seine Stiefel an den Rippen des Gefallenen aus. mit!" ,, Geht nicht mehr," lallte der Liegende. ,, Ein faules Schwein bist du, verfluchter Hund!" ,, Geht nicht-" - ,, Verreckter Hund! Capo, nimm das Schwein im Schubkarren 79 ,, Jawohl, Herr Kommandoführer!" Die Reihen der Kolonnen wankten an dem Sterbenden im Graben vorbei. " 1 Sie sangen. Ehe der Karren den Verbrecher" aufnehmen konnte, röchelte der Held den letzten Atemzug. Uns fror. Wir hatten kärgliche Lumpen auf dem Leib. Entblößten Hauptes, über dem die Flocken tanzten, ging es dem Tor zu. ,, Schwarzbraun ist die Haselnuẞ", sangen heisere Kehlen. Aus zweitausend müden, würgenden Hälsen erklangen Heimatlieder. Vor unseren Augen, weit, ach wie weit und in Wolken gehüllt, grüßten unsere Berge. Österreich, Vaterland! Vielleicht mein letzter Gruß ins Stübchen meiner Mutter... Trostlos, unerträglich lag vor uns die trübe Ferne. Keine Hoffnung, kein Ende. Wann kann ich dich, heiliger Heimatboden, wieder betreten? Und wie? Werde ich gehen oder rollt ein Wagen mit meiner Asche durch deine Heiligkeit? Es peitscht der fremde Sturm die blassen Wangen. Das Auge starrt benäßt zu dir, mein Heimatland! Hörst du den Ruf der Brüder klagen? Hörst du den Todgeweihten Abschied sagen? Verlassen röchelt er Ade an Weib und Kind. Wohlan, mein Leichnam wird die Siege schauen- Hab Mut, du Bruder, kämpf und stirb! Kiebitze durchpfeilten die Lüfte und schrillten über Feld und Flur. Blümlein reckten ihre Hälschen himmelwärts, Bäume rauschten wieder, Mücken tanzten um unsere schweißigen Gesichter und labten sich an unseren Wunden. Da und dort wankte ein Geschlagener, drüben auf der Plantage sank ein Geprügelter zur Erde. Schon Tage vor dem Tod eines Menschen konnte man beobachten, wie er suchend umherirrte, keine Ruhe fand, bis er eine Wassergrube gefunden hatte. Unbemerkt schlich er dann von der Arbeit und suchte die Grube, in der man ihn bald darauf tot fand. Viele Tausende waren es, von denen ich mich vor ihrem Ende verabschiedete, weil ich in ihren Zügen las, was sie selbst noch nicht wußten. Jeder Frühling verlangte mehr Opfer als alle anderen Jahreszeiten und so konnte man gerade im jungen Jahr dieses Suchen nach Sterbestätten häufig beobachten. Da der Siegesrausch sich über ganz Europa verbreitete und der Nationalsozialismus seine Zukunft in rosigstem Licht sah, hatte man die Bestialitäten gegen uns hinter dem Stacheldraht verschärft. Man rechnete immer mehr mit Kriegsgefangenen und erklärte, daß diese uns leicht ersetzen würden. Man marterte uns wie nie vorher, ließ uns mehr als je hungern. 80 Die Speisen, die man uns nun verabreichte, wiesen bei ,, bester Plan des Konzentrationslagers Oranienburg- Sachsenhausen Zubereitung" auch nicht im entferntesten eine Ähnlichkeit mit Schweinefutter auf. Das machte sich natürlich überall bemerkbar. Schon im Februar, als ich noch die Kolonne vom Lager zum Arbeitskommando führte, ergab sich am Morgen wie am Mittag ein gräßliches Bild. Als Capo hatte ich den Auftrag, jeden Tag 2000 Mann zusammenzustellen. Diese Masse wurde in 20 Hundertschaften unterteilt und jede Hundertschaft hatte einen Untercapo, der seine Leute vor dem Abmarsch in der Zweitausenderkolonne durchzählte. Wenn er am Ende war, fielen in der Mitte oder am Ende innerhalb zehn Minuten rund zwanzig bis dreißig Kameraden um. Dieser Zustand hatte eine Panik zur Folge. Ich sollte die Kolonne so schnell wie möglich aus den Lagerstraßen führen, wobei sie am Tor von der SS in Gegenwart des Lagerführers nachgezählt wurde. Der Weg zum Tor erforderte rund 100 Schritte. Auf diesem Marsch hatte ich keine 2000, sondern bestenfalls rund 1800 Häftlinge aufzuweisen. Die Blockführer waren daher ungeduldig und schlugen blind in die Reihen, der Lagerführer verabreichte mir einige Ohrfeigen und die Untercapos wurden ebenfalls geprügelt, weil die Kolonne nicht die befohlene Zahl aufwies. So mußten während des Abmarsches ein Capo oder mehrere in der letzten Reihe marschieren, gegebenenfalls sofort herausspringen und aus dem Stehkommando die gelichteten Reihen auffüllen. So kam es auch, daß man Zusammengebrochene einfach aufstellte und wie ausgestopfte Strohpuppen in der Einteilung mitzerrte. Sie lagen dann draußen auf dem Arbeitsplatz herum, bis man wieder einmarschierte. Draußen auf dem Arbeitsplatz spielten sich ebenfalls die unmöglichsten Szenen ab. So kam es sehr oft vor, das ein Häftling, der am Rand des Feldes mit Arbeiten beschäftigt war, zu einem der dort stehenden Posten gerufen wurde, der ihm die Mütze vom Kopf oder aus der Hand riß, diese über die Postenkette schleuderte und dem Armen befahl, sie zu holen. Der zögerte erst- überhaupt, wenn es ein älterer Häftling war, weil er wußte, was im nächsten Moment geschehen würde. Er wurde dann vom zweiten Posten gezwungen, seine Mütze zu holen, worauf mehrere SS- Leute das Feuer auf ihn eröffneten. Der jüngere Häftling, der das noch nicht kannte, sprang blind hinaus, guten Glaubens, daß das nur ein Spaß sei, wofür er mit seinem Leben bezahlen mußte. Im Arbeitskommando, das beim Bau beschäftigt war, fing man sich einen Krüppel heraus, dem man in die große Zementmaschine zu kriechen befahl. Man legte ihm sanft drei, vier kopfgroße Steine dazu und ließ die Maschine laufen. Nach nicht langer Zeit waren sämtliche Knochen des Unglücklichen zersplittert und zerschlagen. Für die Blockführer war das eine beliebte Unterhaltung. Für uns war es ein schauerlicher Anblick. Im Winter, wenn man diese Mordmaschine nicht verwenden konnte, erlaubte man sich andere Späße. Man warf Häftlinge kopfüber ins Wasser und ließ sie dann 6 81 den ganzen Tag im Freien bei 30 Grad Kälte Schubkarren führen, Mir ging es sehr oft so. Fror das Wasser am Körper und lehnte man sich wo an oder führte man den Schubkarren, blieben die Hautfetzen kleben. Auf dem Freiland 2, einem an Freiland 1 ange- schlossenen, noch nicht bearbeiteten wilden Gelände, das für den Arbeitskommandochef, Obersturmführer Vogt, nicht besonders gut übersehbar war, da er sonst in solchen Fällen ja eingriff, wurde die größte Menschenjagd eröffnet, die ich bisher erlebte. Dorthin kamen nur Juden, Priester und Häftlinge, die sich nach Meinung der Blockführer etwas hatten zuschulden kommen lassen. Auf diesem Freiland wurde das Menschenmaterial regelrecht „aufgearbeitet“. Eine Kolonne, die etwa mit Erdarbeiten beschäftigt war, wurde derartig angetrieben, daß die Verzweifelten, Zusammen- brechenden, in Gruppen über die Postenkette in den Tod flüchteten. Menschen, die nicht mehr gehen konnten, krochen auf allen Vieren und wurden durch das Feuer der SS von unsäglicher Pein erlöst, Viele wurden närrisch und fingen, sich auf ihre Schaufeln stützend, an, Vorträge zu halten. So ein junger Mann, der im Wahnsinn in Freiland 2 ein Schachbrett sah, auf dem dem König durch die Pferde schachmatt angesagt wurde. Er torkelte dabei wie ein Schwerbetrunkener und zeigte auf den Kommandoführer, den er anschrie und für den„König“ hielt, während er uns und sich selbst als die Pferde ansah, die dem König schachmatt boten. Darauf kam der Arbeitskommandoführer mit einigen Blockführern, die sich um diesen armen Narren stellten und ihn ein paarmal zu Boden schlugen, weil sie glaubten, daß er nur Komödie spiele. Als sie merkten, daß er wirklich ein Narr sei, zertraten sie seinen Brustkorb, so daß die Rippen durch Fleisch und Haut traten. Er starb unter fürchter- lichsten Qualen und stammelte dabei— immer unverständlicher werdend— die Worte„Schachkönig“ und„Pferd“, bis er für immer einschlief. Beim Karpfenteich, der eben angelegt wurde und noch sehr wenig Wasser hatte, hielt man Häftlinge mit dem Kopf voraus, während man ihre Beine rückwärts hochhob, so lange ins Wasser, bis sie ertranken. Andere wieder mußten sich in die Pfütze knien, worauf sie von Häftlingen so lange mit Wasser überschüttet wur- den, bis sie erschöpft zusammenbrachen und ertranken. Die Häftlinge mußten diese Henkerarbeit tun, da sie von den Block- führern unter undenklichen Schikanen dazu gezwungen wurden. Auch der Hunger machte sich überall gräßlich bemerkbar. Zigeuner fanden einen krepierten Hasen, der den ganzen Winter im Freien gelegen hatte. Sie balgten sich um das Aas auf der Erde und als ich sah, daß sie es essen wollten, trieben wir mit Prügeln die Hungernden auseinander. Einige fanden in der Erde Gladiolen- zwiebeln, die sie kurzerhand auffraßen, worauf sie furchtbare Bauchkrämpfe bekamen und starben. Gräser und Blattwerk zählten zu den begehrenswertesten Nahrungsmitteln. Wenn aber einer im 82 en führen nd lehnte eben die d1 ange s für der nders gut n. Block Brot stahl und angezeigt wurde, mußte er für die paar Bissen mit dem Leben büßen. Das Jahr 1941 hatte schrecklich begonnen und eine unübersehbare Zahl von Opfern aufzuweisen. Trostlos ging ein Tag nach dem andern vorüber und jede Stunde bedeutete Verzweiflung. iff, wurde Über 2000 Priester waren hier im Lauf der Zeit zusammene. Dorthin getrieben worden. Vom jüngsten bis zum Greis litten sie schon Meinung Monate für Glauben, Überzeugung und Beruf im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Unzählige dieser Opfer regelrecht hauchten ihr Leben aus und traten den gleichen Weg an wie ihr eschäftigt Vorbild Christus. Er führte über den Kreuzweg Deutschlands nach usammen Golgatha Dachau. üchteten Schon als sie nach ihrer Einlieferung auf dem Appellplatz anen Vieren getreten waren, rüttelte uns ein schauerliches Bild aus unserer ein erlöst Apathie. Nach allen nur erdenklichen Verspottungen spie man die stützend Priester an, schlug sie sogar. Brevier, Bibel und andere Andachtshnsinn in bücher riß man aus ihren Händen. Man schlug damit so lange in durch die ihr Gesicht, bis die Fetzen flogen. Mit den Rosenkränzen, die sie wie ein trugen, riß man sie zu Boden, zerrte man sie auf dem Kieselstein er, den er so lange herum, bis die Gesichter der Gewürgten blau anliefen! sich selbst arauf kan e sich um schlugen en, daß er o daß die - fürchter tändlicher Dis er für noch sehr of voraus as Wasser itze knien üttet wur den Block wurden. pemerkbar en Winter ,, Er soll euch retten, wenn er kann!" Man wies gegen den Himmel und meinte Christus, nahm ihnen schließlich die Rosenkränze ab und warf sie in eine Ecke. Viele dieser Priester küßten himmelwärts blickend die Kreuze und gaben ihre Kränze dann erst den schauerlichen Knechten. Alte Männer, fast Siebzigjährige, weinten dabei wie Kinder, weil sie ihren Herrgott, den sie ihr Leben lang in Ehren getragen, jetzt hergeben und zusehen mußten, wie man die Kleinode in den Schmutz trampelte. Wie oft stieg ein Bild vor uns auf, das Christus in der Mitte seiner Gegner zeigte, verspottet und angespien. Was haben wir in 2000 Jahren gelernt? Nichts! Ein Volk, das sich als Kulturträger bezeichnet, muß wissen, daß dazu die Bildung des Herzens und des Geistes notwendig ist. Ein Volk, das morden geht, ein ,, Führer", der es dazu anlernt, und Beide verdienen nicht, neben Völkern ken. Die mißbraucht, ist kulturlos. mit Kultur zu leben! Ein Volk, das in sogenannten Bildungshäusern Bilder einer Zeit der Unkultur vor Augen führt, um dann in noch größere Unkultur zu verfallen, diese Bilder in den Gotteshäusern aufzuzeigen, ist rückschrittlich und verdient die Vernichtung! Das 20. Jahrhundert verlangt das Bekenntnis zum Leben in seiner harmonischesten, menschlichsten, eigentlichen Form und nicht Phrasen, die von Tatsachen erschlagen werden. Wenn man nicht ist, was man sein müßte, darf man nicht von Kultur sprechen! Will man sein, was man nicht ist, muß man mit aller Kraft des Herzens und des Geistes trachten, es zu werden. Das zeigt dann die ersten Spuren eines Willens zur Kultur. of der Erde it Prügel Gladiolen furchtbare erk zählten r einer im 6 83 Bezeichnet man den Katholizismus als eine vor 2000 Jahren modern gewesene Seelenbildung, findet man ihn heute veraltet, wäre es Pflicht des vermeintlich Fortgeschrittenen, die Träger und Vertreter der christlichen Weltanschauung zumindest als Exponen- ten einer Kultur zu respektieren, die ein unvergängliches Licht in| eine Welt brachte, die ein Hitler in Finsternis stürzte. Kann man das nicht, ist man geistig zu schwach, lassen die Überzeugten sich?®| nicht überzeugen und in die neue Zeit führen, ist das ihre Sache. Was die Apostel des Nationalsozialismus uns zeigten, was sie mit den Priestern aufführten, läßt sie als Lehrer auf der Kanzel| kei der Unkultur erkennen. Nur weil sie Priester waren, wurden? reis jene geschlagen und zur schwersten Arbeit herangezogen. Überall im Freiland, bei grimmigster Kälte, in Sturm und Regen, Mi ob alt oder jung, sie wurden gejagt und gehetzt wie Ratten, dief. man endlich aufgestöbert hat! Es zeigte sich deutlich die Aus- rottungsabsicht der SS, der deutschen Staatsführung. Wehe, wenn man einen erwischte, der nur einen Moment sich aufrichtete oder? m rastete, er war erledigt! Knieend, mit gefalteten Händen, brachen sie, himmelwärts schauend und stumm, dem Jenseits vertrauend, zusammen. Nicht selten kam es vor, daß Priester von Capos, also von Häftlingen, die das Schicksal dem Himmel fluchen gelehrt hatte, mißhandelt und den SS-Knechten ausgeliefert wurden. Unter den Häftlingen war ein Teil der Überzeugung, daß der Pfaffe die Schuld am Weltelend trage. Viele wieder wollten nur der SS zu Willen sein und schlugen auf die„Kuttenträger“ los, wenn ein SS-Mann des Weges kam. Wem ging es nicht so? Jeder vonf 4 uns hatte irgend eine„Schuld“. Der eine, weil er Bibelforscher, also„Narr‘‘, der andere, weil er Pfaffe, also„Schädling“ war, der dritte weil er Verstand oder Titel hatte, und der vierte, weil er sich eine andere politische Anschauung erlaubte... „Ecce homo!” i Endlich legte sich der Haß gegen die Priester. Es war direkt_ auffallend! Wir erfuhren aber bald, daß der Vatikan bei der deut- schen Regierung interveniert hatte. Plötzlich bekamen die Priester eine Baracke zugewiesen, die ausgeräumt und in der eine Art Kapelle eingerichtet wurde. Schon früher einmal, es war bald nach der Machtübernahme Hitlers, war in Dachau eine Kapelle gewesen, die aber aufgelassen wurde. Es durfte nun jeden Morgen eine Messe gelesen, diese durfte allerdings nur von Priestern besucht werden. Jedem anderen Häftling war das an Wochentagen streng untersagt. Blockführer hatten die Aufsicht und kontrollierten genau, ob außer Priestern andere Lagerinsassen den Gottesdienst besuchten. Sie waren wütend, weil sie früher als sonst im Lager erscheinen fi ı, mußten und trieben es daher besonders arg. Sie pfiffen während der]„ Messe Soldatenlieder und Schlager, gingen zum Altar vor und} „assistierten‘‘ mit lustigen Gesten oder sie schlugen die Andächtigen. 84 00 Jahre Besuchte ein Häftling am Sonntag eine Messe, merkte man sich e veralte seine Nummer. Er wurde dann zu besonders schweren Arbeiten aus Träger um seiner Einteilung herangezogen. Expone es Licht Kann ma eugten sic hre Sache en, was s der Kanz en, wurde .ב und Regen Ratten, di h die Au Wehe, wen chtete oder en, brachen vertrauend Capos, als elehrt hatte ng, daß der ten nur der " los, wenn Jeder vo belforscher g" war, der arte, weil war direk ei der deu die Prieste Art Kapell Id nach de ewesen, d eine Mess cht werde g untersag n genau, t besuchter r erscheine während de tar vor und Andächtige Die Priester hatten anfänglich den schwersten Stand, den man im Lager überhaupt haben konnte. Nun aber wurde ihnen die Außenarbeit verboten, sie mußten im Lager bleiben und brauchten nur Blockarbeiten zu verrichten. Allerdings hatten sie für Krankenblocks und Quarantäneabteilungen vor dem Appell um 5 Uhr früh im Laufschritt den Kaffee herbeizuschaffen. Das war keine leichte Arbeit, diese schweren Blechkübel, die für neunzig Personen Kaffee enthielten, zu zweit zu tragen. Dabei geschah es sehr oft, daß man im Laufschritt Kaffee ausschüttete und sich die Hände verbrühte. Da sie also nicht mehr arbeiten mußten und auch ein besseres Essen hatten als alle anderen, stieg der Zorn der SS und ihrer Führung noch mehr. Man befahl ihnen Liegestunden einzuschalten, und zwar vor- und nachmittags. Nach jeder Liegestunde mußten aber die Betten peinlichst genau gebaut werden. - Der Bettenbau war eine komplizierte Angelegenheit und eine der ausgesuchtesten Schikanen der SS. Kein Bett war ihrer Ansicht nach richtig gebaut, jedes wurde herausgeschmissen, und man mußte, statt etwa mittags zum Essen anzutreten, Bettenbau üben und lernen. Dadurch verlor man natürlich sein Mittagessen! er war ein Nur einem einzigen Priester aus Böhmen ganz junger Seelsorger gelang es, durch Angabe eines anderen Berufes dem Capo gegenüber, auf der Plantage zu bleiben. Niemand wußte, daß er Pfarrer war und man hielt ihn für einen biederen Landarbeiter. Er war überall sehr gut zu gebrauchen und fiel wegen seiner Geschicklichkeit angenehm auf. Ich allein kannte sein Geheimnis und schob den guten Freund durch jede drohende Gefahr. - Nun, da im Lager wieder Messe gelesen werden durfte, wollten verschiedene Katholiken auch beichten und kommunizieren. Im Lager selbst ging das nicht, und so suchte ich den jungen Priester für diese geheime Seelenarbeit zu gewinnen. Er willigte ein und es gelang uns, den Katholiken auf dieser Elendserde den Herrgott näherzubringen. — - Es war rührend, dem Seelsorger im gestreiften Kleid zuzusehen, wie er an einer Ecke vorsichtig das Gebäude beobachtend einem Häftling die Beichte abnahm. Das geschah während der die Schaufeln weiter Arbeit. Ohne Unterbrechung wurden geschwungen und Erde in großem Bogen über die Böschung geschleudert. Dabei sprachen die beiden Menschen über Seele und Gott. Nicht mehr wie im Beichtstuhl, wo der Beichtende beschämt seine Augen schließt und mit gesenktem Haupt seine Vergehen bekennt, wo der Seelsorger mehr zeremoniell ihm gegenüber sitzt und den Herrgott um Vergebung bittet. 85 So wie Christus am Kreuz mit dem Schächer sprach und diesem die Leiter in den Himmel reichte, so sprachen die beiden Häftlinge. Zu solcher nie mehr erreichbaren Gottnähe führte der Priester, selbst an Händen und Füßen blutend, verhungert und verzerrt, dem Bereuenden die Leiden Christi vor. Er führte ihn über die Schädelstätte, auf der einst Christus für seine Übermenschlichkeit sterben mußte, weil die Menschen dieser Erde ihn verfluchten. So vermochte der die Peitsche Spürende, Gottverlassene, in sich zu lauschen. Er, der noch vor einer Stunde seinen Bruder aus Angst um sein eigenes Leben bewußt übersah, dem brachte der Seelsorger die Seligkeit des Himmels näher, die der Gefolterte zu erreichen versuchte. Obwohl die beiden Häftlinge die Schaufeln schwangen, obwohl ihre sinkende Körperkraft sie bei jeder Bewegung aufseufzten ließ, standen sie abseits. Sie stiegen den Berg der Kreuze hinan. Sie standen auf ihm, sie litten, bluteten und dürsteten, wurden verhöhnt und flohen in eine andere Welt. Der Herr hat sie gerufen... Immer mehr Beladene fanden sich bei dem Priester ein, immer ein anderer schaufelte neben ihm und niemand fiel es auf. Sonntags, wenn die Glocken aus den Fernen riefen, blickte der Priester gegen den Himmel und segnete verstohlen mit kleiner Geste die vor ihm liegende Erde, auf der die Menschen standen und fielen. Wenn die Dachauer Kirchenglocke ihr Geläute dem Wind anvertraute, der es dann über unseren Häuptern erklingen ließ, ging der Priester mit einem kleinen Körbchen von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte und speiste mit gebrochenen Hostien die Gotteshungrigen. Ich ging auf diesem Wege mit ihm. Als Capo konnte ich ihn gegenüber dem Blockführer und Arbeitskommandoführer mit verschiedenen Ausreden decken, und so war sein Gang möglich. Leider war es eines Tages, da er einem Sterbenden im Wasserloch noch Trost gespendet hatte, mit seiner Tätigkeit zu Ende. Er mußte von nun an im Lager, und zwar im Priesterblock, bleiben. Da lösten wir seine Aufgabe anders. Ich nahm die Beichtzettel der Häftlinge entgegen und überbrachte sie ihm. Er schrieb die Bußen darauf und am folgenden Sonntag um 4 Uhr früh nahm ich die Hostien aus seiner Hand entgegen. Ich barg sie unter meinem Häftlingsrock auf der Brust und ging damit auf die Plantage. Draußen, wenn durch das Sonntagsschweigen es im Glockenturm durch alle Wipfel brummte, reichte ich das gebrochene Brot des Herrn stumm aus einem Körbchen den Wartenden. ,, Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen!" - Mir ging es bereits bedeutend besser, nur brachte ich es nicht übers Herz, neben meinen Leidensgenossen das Essen zu verzehren, das ich für meine Malerei erhielt. Ich teilte es mit einigen Kameraden, die ich in meinem Atelier untergebracht hatte. Es waren der ehemalige Bürgermeister von Wien, Richard Schmitz, der mit der 86 Uberset polnisch Freund, mit der Tei wenn Umsom Zusamm Fressen Täs Tausen zu sehe Kanzlei aufhielt Oberstu Bri eines T Sic sondern aufgege andere dings Schöne auch E Zufall Di versetz Es sturmf Reichs Vom L reichte kamen Maler und e Schlaf Wasch mußte wöche keinen E über daß i führe Ι Lager lich diese ftline Prieste Tt, de Schäde sterbe So ve sicht Ang elsorge reiche wanger ng au Kreu en, wu hat s imme f. Son Prieste este di fiele ind an eß, gin ätte Gottes konn oführe ng mo Wasser Ende. E bleiben chtzette rieb die nahm e unter ie Plan Glocken ne Bro Heilige es nicht rzehren Kamera ren de mit de Übersetzung ausländischer Pflanzenbücher beschäftigt war, der polnische Musikprofessor und Meistergeiger Kulavik und sein Freund, ein polnischer Architekt namens Kovalski. Letztere waren mit der Anlegung des Herbariums beauftragt. Teilweise schämte ich mich vor den anderen Kameraden, wenn ich das Essen an der hungrigen Kolonne vorbeitrug. Umsomehr traf es mich innerlich, wenn vor meinen Füßen einer zusammenbrach, dessen Kadaver ich mit diesem gottverfluchten Fressen überschreiten mußte. Täglich drängte es mich, das geliebte Maidlein zu sehen. Tausend Ausreden führten mich immer ins Freiland, um ihr Fenster zu sehen und hundert Vorwände führten mich in die Nähe dieser Kanzlei oder des Laboratoriums, in dem Elfi, so hieß die Maid, sich aufhielt. Auch mein Kamerad Cisniak hatte in der Sekretärin des Obersturmführers Vogt ein Liebchen und sein Glück gefunden. Brieflein wurden nun getauscht, harmlos wurde getändelt, bis eines Tages da und dort unser Verhalten auffiel. Sicher hatte ich Vorteile, die diese Situation nicht nur mir, sondern auch den anderen brachte. So trug ich Post, die von ihr aufgegeben oder für uns empfangen wurde. Auch Zigaretten und andere Dinge konnte man sich auf diesem Weg verschaffen. Allerdings birgt ein solcher jugendlicher Rausch ungeahnte Folgen. Schöne Tage folgten. Sie gaben einem wohl innerlich Kraft, doch auch Entkräftung. Was schwerer wog, mußte man der Zeit und dem Zufall überlassen.. Die Anfangstage des Jahres 1941 brachten mir nur Glück und versetzten mich in berauschende Hoffnungen. Es war der April gekommen. Eines Tages erklärte mir Obersturmführer Vogt, daß wir auf Grund unserer Leistungen vom Reichsführer SS Himmler zu Sonderhäftlingen ernannt worden seien. Vom Lager kam ein Blockführer, der uns eine violette Binde überreichte. Wir mußten sie sichtbar am Arm tragen. Im Lager bekamen wir zwei Zimmer in einem Block zugewiesen, die uns sechs Maler von allen anderen Häftlingen trennten. Wir hatten einen Ofen und ein eigenes Klosett, Tischtücher und Blumen im Tagesraum, Schlafstätten mit Leintüchern und Überzügen, weiße Betten und Waschgelegenheit. Wir durften unsere Haare wachsen lassen, mußten täglich rasiert werden und hatten dabei Gelegenheit, wöchentlich zu schreiben und Post zu empfangen. Wir wurden von keinem Menschen mehr angegriffen und waren selig. Einerseits freute es mich, daß ich mich der Lagerführung gegenüber so durchgesetzt hatte, andererseits war es mir nicht recht, daß ich von nun an ein gehobenes Dasein gegenüber den anderen führen sollte. Dieser Zustand hatte aber auch noch andere Vorteile. Der Lagerführer, der uns von nun an öfter besuchte und außergewöhnlich freundlich war, wurde zugänglicher und lernte uns auch vom 87 Menschlichen her näher kennen. Wir bekamen mit ihm innerlichen Kontakt, was eines Tages zwischen ihm und mir zu einer Aussprache führte. Bei dieser Gelegenheit konnte ich verschiedene Ungerechtigkeiten, die sich im Lager ereignet hatten, ihm zugunsten der Häftlinge vor Augen führen. Er zeigte Verständnis und bald spürte man im Lager eine bessere Stimmung. Eines Abends, als der Lagerführer Ziel mich beim Schreiben einer Symphoniepartitur antraf, fragte er, welche Instrumente ich spiele, da er von früher wußte, daß ich die Geige beherrsche. Als er dabei die Frage aufwarf, warum man im Lager noch keine Musikkapelle organisiert habe, wies ich darauf hin, daß uns ein Klavier und die Möglichkeit fehlten, die nötigen Proben abzuhalten, und entwickelte auch zugleich einen Plan, wie und aus welchen Personen eine Kapelle sich zusammensetzen lasse. Er hieß meinen Vorschlag gut, verschaffte uns ein Klavier und erlaubte uns die Besorgung von Notenmaterial. Bald konnten wir ihm ein nettes Orchester vorführen. Proben wurden gestattet, und so oft von auswärts höherer Besuch kam, mußte dieses Orchester konzertieren. Für das ganze Lager war das von großer seelischer Bedeutung. Oft wurde es bei diesen Konzerten sehr spät und Blockführer, Kommando- und Lagerführer unterhielten sich mit uns, wodurch die Fühlung immer enger wurde. Kurz, die Musik war auch hier der Schlüssel zu den bisher versperrten Innentüren der SS. Nicht lange gönnte mir das Schicksal diese schönen und in vielen Tausenden neuen Lebensmut weckenden, Trost spendenden Stunden. - Mein ständiges Zusammentreffen mit Elfi gab den Anstoß. Man fürchtete in meinem Malkommando- so gab man mir gegenüber vor daß eines Tages das an sich harmlose Verhältnis auffliegen und das ganze Kommando in den Bunker bringen könne. So entstand zwischen mir und drei Kameraden meines Malkommandos eine Differenz nach der anderen. Sämtliche Entwürfe, die von mir kamen, wurden nun abfällig kritisiert, was deutlich auf eine planmäßige Hetze wies. Ich stellte den Capo, warf ihm Verschiedenes vor und wies ihn zurecht. Er leugnete jedoch entschieden und beteuerte immer wieder, daß er nur in meinem, beziehungsweise in unserem Interesse mit dem Chef spreche. Die Spannung zwischen uns wurde immer größer und das Arbeiten infolge der sich steigernden Angst immer unerträglicher. Durch die Verbindungen dieses Capos stieg und festigte sich seine Position und sein Kampf gegen mich wurde immer heftiger. Der 1. Mai war gekommen. Elfi hatte erfahren, daß am- 2. Mai mein Geburtstag sei, und machte einen Bekannten aufmerksam, daß sie um 3 Uhr nachmittags ins Betriebsgebäude kommen und mir dort ein kleines Geschenk hinterlegen werde. Wenn sich eine 88 Mög ein Poste wir z Bishe wir e die warf Word ergal schn des den aus C ich r Gesc bürs nur geso der So k sons der nien gete führ Bloc Him geg Ate bew stär ges gefa We rec haf bel Bru üb gri die be lichen Ausedene unsten bald reiben te ich rsche. keine ns ein abzund aus se. Er nd eren wir et, und chester lischer BlockS, WOI auch SS. und in enden Anstoß. gegenhältnis könne. mman bfällig stellte cht. Er daß er it dem d das licher seine er. 2. Mai rksam en und h eine Möglichkeit ergebe, könnten wir dort zusammentreffen. Der Mann, ein sehr aufgeweckter, raffinierter Bursche, bereitete trotz dem Posten diese Zusammenkunft glänzend vor und so kam es, daß wir zum erstenmal länger als sonst miteinander sprechen konnten. Bisher waren wir immer nur ganz kurz beisammen gewesen. Was wir einander zu sagen hatten, schrieben wir auf kleine Zettelchen, die wir einander im Vorbeigehen in die Hand drückten oder zuwarfen. Einmal, es war kurz vor dem 1. Mai, als ich beauftragt worden war, das Klavier des Pfeffermeisters Fülle zu stimmen, ergab sich die Möglichkeit, Elfi kurz zu sprechen. Wir küßten uns schnell, ohne vorher viel zu reden und verschwanden in den Gängen des sogenannten Betriebsgebäudes. Am 1. Mai trafen wir uns in den Kanzleiräumen. Unser Bekannter unterhielt den Posten, dem er aus der Betriebskantine einige Flaschen Bier gebracht hatte, während ich mit Elfi sprach. Später mußte der Aufpasser einen Eimer mit den Geschenken ins Gerätehaus bringen. Er hatte ihn mit Malwaschbürsten vollgestopft, so daß man den Eindruck hatte, er enthalte nur Handwerkszeug. Der Posten hatte sich inzwischen gehörig angesoffen. Ich kam nun und leistete ihm Gesellschaft, damit auch der andere Häftling mit seinem Bräutchen verschwinden konnte. So konnten wir uns gründlich aussprechen und alles sagen, was uns sonst nicht möglich war. Allerdings ging das nicht ohne Wissen der Gegner. Auch dieses ,, Vergehen" erfuhr mein Chef bald, obwohl niemand außer uns Malern davon wußte. - - Noch im Mai so wurde mir vom stellvertretenden Chef mitgeteilt hatte Vogt eine Meldung nach Berlin an den Reichsführer SS Himmler losgelassen, der mich am 28. Juni durch den Blockführer vom Arbeitsplatz holen ließ. Anscheinend wollte Himmler nicht gleich zugreifen, damit mein Chef der Lagerführung gegenüber nicht zu belastet dastehe. Schon einige Tage vorher wurde mir das Verlassen meines Ateliers strengstens verboten und dem Posten befohlen, mich zu bewachen. Fülle, der absolut Mensch war, hielt mich dennoch ständig auf dem Laufenden, so daß ich genau wußte, was mit Elfi geschah. Eines Tages wurde ihr Vater gerufen, der in einem Auto angefahren kam. Erst glaubte ich, daß dieser Offizier der deutschen Wehrmacht unsere Situation würde retten können, aber ich verrechnete mich gehörig. Er hatte zu tun, Elfi vor momentaner Verhaftung zu schützen, um so mehr, als er als Nichtnationalsozialist bekannt war. Malen konnte ich nun nicht mehr. Es war, als bräche mir der Brustkorb vor Sehnsucht. Kaum nahm ich Pinsel und Palette, so übermannte mich der Schmerz. Ich legte beide wieder zur Seite und grübelte neben der Staffelei. Nur die Partitur meiner Symphonie, die dem Ende zuging und an der ich unwahrscheinlich fleißig arbeitete, tröstete mich und half mir, die trüben Gedanken zu über89 winden. Auftönten Baß und Cello, die durch das fließende Them£ i rumorten. Immer wieder versuchten sie, in den Vordergrund zu treten und die Sätze der momentan sprechenden Instrumente zu übertönen. Gleich fernem Donnerrollen rangen sich die Läufe aus tiefsten Tiefen zum Licht empor. Sie wollten gehört werden, weil der Gram sie geboren, sie wollten erzählen, weil sie sich als Sprecher des Innern fühlten. Sie wollten in die Welt der Menschen, an die Wandung der Herzen pochen, um sie zu Öffnen, sie wollten sagen, was der Mund nicht mehr sagen konnte. Mein Mitwisser und ich wurden am 28. Juni 1941 um 12 Uhr mittags von einem Blockführer in den Bunker abgeführt. Vor dem Eingangstor des Lagers blickten wir, ohne ein Wort zu sagen, zurück und grüßten stumm, die Augen voll Wasser, unsere Liebsten. Was folgen würde, wußten wir: das Schlimmste! Wir hatten uns nur noch im- Flüsterton einige Worte zugesprochen. Sie lauteten:„Eisern bleiben bis in den Tod!" Damit begann das Rennen ums Leben, das man bisher mit Mühe und Findigkeit erhalten hatte. Kein Mensch konnte ahnen, was weiter geschehen würde, was in den nächsten Sekunden eintreten konnte, da die Willkür der SS unberechenbar war. Hier brach ich zusammen und rief das erste- mal täglich die Hilfe des Himmels an. Die unmöglichsten Vorwürfe machte ich mir, ich verfluchte die Stunde, in der mir dieser Einfall gekommen war, in der ich dem Trieb gehorcht hatte. Einige Tage voll Ungewißheit vergingen.; Der Hunger stieg. Es war der vierte Tag und noch immer öffnete kein Mensch meinen nachtdunklen Verschlag. Erst'sah es aus, als würden sie mich ohne Vernehmung einfach verhungern lassen. Am fünften Tag wurde das Falltürchen geöffnet und der Bunker- kommandant Zeiß schrie herein:„Drecksau, gib deine Eßschale her!” Als ich sie ihm übergeben hatte, wischte er mit seinen schmutzigen Fingern in derselben herum, schimpfte und warf mir, als ich schon fest der Meinung war, jetzt werde ich doch etwas be- kommen, die Schale mit den Worten zurück:„Das nennst du Schwein sauber?” Der Verschlag war somit für weitere vier Tage ver- schlossen. Ich hatte keinen Zorn, nur Hunger. Er tat derartig weh, daß ich aufweinte und mich einige Stunden nicht trösten konnte. Auch am 6,, 7. und 8. Tag öffnete sich die Tür nicht. Kein Essen, keine Vernehmung! Am neunten Tag wurde ich zur Vernehmung in die politische Abteilung geführt. Dort wurde ich von einem Gestapobeamten, einem netten älteren Herrn, ruhig und gelassen vernommen. Er schrie mich nicht an, er schlug mich nicht, er erkannte sofort die wahre Sach- lage und meine Aufrichtigkeit und bedauerte nur, daß ich nach diesem Erfolg so schnell um die Früchte meiner Arbeit gekommen war. Nach dieser Vernehmung wurde ich vom Blockführer nicht in 90 \ nee 2 Ba Essen, tische einem mich Sach- nach mmen cht in die Zelle, sondern zum Lagerführer gebracht, der mit mir allerdings anders sprach. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, holte er aus der Ecke einen Ochsenziemer, mit dem er, ohne ein Wort zu sagen, mir blind ins Gesicht und auf den Kopf schlug. Ich konnte mich kaum wehren und verlor meine Standfestigkeit. Ich begann zu wanken und es wurde mir übel. „Jetzt bist du dort, wo ich dich haben wollte!“, schrie er mich an,„jetzt bekomme ich auch noch deine Knochen, das Fleisch habe ich schon!‘ Er meinte damit, aushungern habe er mich schon lassen, nur das Verbrennen fehle noch. Mit diesen Worten entließ er mich. Der Blockführer, der mich begleitete, schlug mich unterwegs eben- falls und brachte mich Wankenden in die Zelle zurück. Dort sank ich zusammen! Nicht lange konnte ich liegen. Der Kommandoführer schaute durch das Guckloch in die Zelle und sah, daß ich nicht, wie vorge- schrieben, auf und ab ging oder stand, sondern mich auf den Boden _ gelegt hatte. Er öffnete die Tür, brüllte mich an und trat auf meinem Körper herum. Als er merkte, daß ich nicht mehr aufstehen konnte, rief er den Capo vom Bunker. Sie brachten mich in den Hof an den Pfahl, wo sie mich, die Hände mit Ketten nach rückwärts gebunden, einen Meter über den Boden hochzogen. Der Kommandoführer befahl dem Capo, mich zwei Stunden hängen zu lassen und dann in die Zelle zurückzubringen. Ich hing schon eine Weile, da wurde mir sehr übel und ich hatte Brechreiz. Ich konnte das Wasser nicht mehr halten und auch Kot trat aus. Dann verlor ich das Bewußtsein. Erst im Hof, wo sie mich mit kaltem Wasser abspritzten, kam ich wieder zu mir. Ich kroch auf allen Vieren auf der Flucht vor dem eisigen Strahl nach allen Richtungen. Ich kam mir vor wie ein Tier... Von Todesschmerzen gequält, krümmte ich mich wie ein Wurm. Wenn ich die Kraft besessen hätte, ich glaube, ich hätte mich selbst im Sand verscharrt. Immer wieder erwischte mich der Wasserstrahl und jedesmal hätte ich schreien können. Meine Zunge klebte am Gaumen und ich war dennoch nicht imstande, das Wasser vom Boden aufzusaugen. Noch eine Stunde quälte mich der Kommando- führer. Als er glaubte, daß ich ohnehin bald krepieren werde, ließ er mich wieder in den Bunker sperren. Dort schlummerte ich ein. Am nächsten Morgen erwachte ich auf dem Boden. Nun ging es von vorne an. Nachdem ich schwarzen, unge- zuckerten Kaffee bekommen hatte, wurde ich von einem Blockführer geholt. Erst ging es wieder zum Gestapobeamten, der mir diesmal sogar Zigaretten gab und auf meine Bitte, man möge doch wenigstens das Mädchen in Ruhe lassen, versprach, alles zu tun, was getan werden könne. Er merkte meine Erschöpfung und fragte, was mit mir geschehen sei, da ich unkenntlich fremd aussehe. Auf meine Antwort schüttelte er den Kopf. Ich merkte, daß ihm meine Be- handlung durch den Lagerführer mißfiel, und wenn er auch nicht 91 helfen konnte, so war sein Benehmen doch ein Trost. Er meinte, er werde mich bis Mittag bei sich sitzen und erst in der Mittagszeit zurückführen lassen.„Bis dahin”, fuhr er fort,„ist der Lagerführer beim Essen und wird sich nicht die Zeit nehmen, Sie wieder zu massakrieren.“ So geschah es. Am Nachmittag, es war etwa drei Uhr, wurde ich wieder dem Lagerführer vorgeführt. Er wollte mein Geständnis, daß ich mit Elfi ein intimes Verhältnis unterhalten habe. Das war bei Gott nicht nur nicht wahr, sondern auch nicht möglich. Er las mir ein Protokoll vor, demzufolge ich meinen Kameraden davon erzählt hätte, und als ich auch das zurückweisen mußte, ließ er mir sofort 25 Doppelschläge verabreichen. Als ich noch auf dem Block hing, fragte er mich abermals. Auch diesmal mußte ich verneinen, worauf er mir noch einmal 25 Hiebe geben ließ. Abermals verneinte ich! Er zog nun die Ketten um meine Fesseln derartig zusammen, daß ich wie ein junger Hund aufwimmerte. In seiner Wut zerkratzte er mein Gesicht und bohrte seine Fingernägel in meine Wangen, wobei er immer wieder schrie:„Ich zerfleische Dich noch, Hund, verfluchter!" Dabei keuchte und schnaufte er wie eine gejagte Ratte. Ich glaubte nicht mehr lebend von der Stelle zu kommen und vertiefte mich schweigend ins Gebet, während der Schuft mich immer wieder anschrie und schlug. Ich weinte nicht, sondern verbiß meinen Schmerz, obwohl mein Unterleib wie gelähmt war und meine Zunge am Gaumen klebte. Todesschmerzen umdräuten mich und mit den Kreuzworten Christi:„Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist‘, schlummerte ich ein. Zweiundvierzig Tage und Nächte, in denen ich nur neun Mahl- zeiten erhielt, vergingen. Meine Gebeine, die sie gezählt hatten, spürte ich bei jeder Bewegung. Am letzten Martertag impfte man mich gegen Fleckfieber und ließ mich samt meinem Kameraden ein- kleiden. Wir gingen auf Transport! Mit Trostworten und der Ver- sicherung, daß dem Mädchen nichts geschehen sei, verabschiedete sich der Gestapomann von uns und wir bestiegen ein Auto, das uns ins Polizeigefangenenhaus München brachte. Dort blieben wir einige Tage, dann ging die Fahrt nach Hof, wo wir in einer Zelle des Gerichtes übernachteten. Am nächsten Morgen führte uns ein Polizeiwagen nach Halle, anschließend nach Dresden. Auch dort blieben wir nur vier Tage, dann ging es in Zellenwaggons nach Berlin. Hunger und Durst hatten wir wie Wanderer, die Wochen durch die Wüste irrten. Wir waren mit Ketten aneinander gefesselt und sprachen oft stundenlang nicht. Wir waren müde und starrten geistlos, mit gesenkten Köpfen, in die Zukunft. Mit Tränen in den Augen trösteten wir einander und schwiegen wieder, bis einer weinte. So fuhren wir zwölf Stunden. Der Zug hielt und wir wurden von Schupoleuten mit wüstem Geschrei aus dem Wagen gejagt. 92 PB ET einte, szeit ihrer er zu e ich dnis, war Er las avon r mir Block inen, einte men, atzte mgen, Hund, jagte und mich erbiẞ neine d mit eich Mahl atten, man einVeredete , das wir Zelle s ein dort nach Hurch t und rrten egen urden jagt Oranienburg- Sachsenhausen Berlin, eine Stadt, vor der mich fröstelt! Ja, noch mehr! - In einen ihrer Bahnhöfe rollte unser Zug, in dem wir in Zellenwaggons eingepfercht waren. Normal konnten in einem Zellenabteil drei Menschen Platz finden nun waren sechs und acht Häftlinge hineingeschlichtet worden. Drei davon mußten auf den Bänken stehen, da sonst das Atmen unmöglich gewesen wäre. Es war ja August! Er ließ sich seine Wärme nicht nehmen. Wir waren bis zur Haut durchnäßt. Auch stank es in diesem Käfig, als wären Affen die Bewohner gewesen. Da die Stadt verdunkelt sein mußte, damit die feindlichen Flieger kein Ziel hatten, war es finster wie in einem vollkommen abgeschlossenen Raum. Es hieß aussteigen. Zwei Aufsichtsbeamte, Polizisten, stießen uns zur Tür hinaus. Nun standen wir damit einem unsagbaren Angstgefühl im Herzen inmitten dunkelster Nacht. Kaum fühlte ich festen Boden unter den Füßen, riß mich ein Polizist beim Arm. Er versetzte mir einige Faustschläge ins Gesicht, griff nach meinem rechten Arm und umschnürte mein Handgelenk mit einer Kette. - ,, Marsch, Verbrecher!", lautete der Befehl. Im Dunkel herumsuchend, zog mich nun der Beamte durch finstere Mauergänge einem Ausgang zu. Nach einigen Fußtritten kamen wir nun glücklich in einem Hof an. Dort standen einige vollkommen geschlossene Autos bereit, in die wir verladen werden sollten. Erst aber mußten die sogenannten Verbrecher sich hier auf dem augenblicklichen Standplatz sammeln. Der eine wurde auf dem Boden herangeschleift, der andere wurde unter Prügelhieben herbeigetrieben. Auf diese Art und Weise kamen wir allmählich zusammen. ,, Marsch, marsch, in die Wagen!" Ja, in welche? Es standen ja mehrere da! Den Beamten ging es zu langsam. Es waren durchschnittlich junge Kreaturen, Typen des SS- Mannes oder der vielbesprochenen, unmenschlich- rohen Henkergestalten der so hoffnugsvollen deutschen Nazijugend. Nach fürchterlichem Geprügel und Geschrei waren wir nun endlich in den 93 Wagen. In einer Ecke desselben landete ich nach einigen Stößen. Hinter mir kamen die anderen alle. Der Wagen, der bereits weit überfüllt war, so daß ich mich gezwungen sah, auf den anderen Kameraden herumzusteigen, weil ich bereits zu wenig Luft bekam, rollte nun ins vollkommen Ungewisse. Wer wußte wohin? Keiner wußte Bescheid! Mein Kamerad und ich kannten wohl unser Ziel, aber wer garantierte uns dafür? Wir beide ganz sicher nicht, denn wir hatten Erfahrungen gesammelt in den Jahren. Wen und wie viele hatte man transportiert, die nie wiedergekommen waren! Mich trieb dieser Zustand im Wagen fast zum Wahnsinn. Im Stillen betete ich, der Herr möge mir doch noch die Kraft zum Aushalten geben. Wenigstens bis zum ersten Ziel. Stundung! Stundung!! Schenk mir mein Leben nur noch kurze Zeit und laß kommen, was mag— ich will es tragen, aber das nackte Leben lasse mir! Einmal muß ja der Tag der Erlösung kommen! Oh, du fürchterliches, ewiges Gebet! Nach einer halbstündigen Fahrt wurden wir, wie wir später er- fuhren, im Gefangenenhaus auf dem Alexanderplatz— Alex genannt — ausgeladen. Endlich! Es war furchtbar, in dem Wagen noch länger um Luft förmlich zu kämpfen. Zuerst wurden wir nun in eine Kanz- lei geschleppt, wo unsere Akten, die immer mitgeführt werden muß- ten, überprüft wurden. Anschließend ging es in raschem Tempo in die Kellerräume des Alex. Rund dreißig von uns kamen in Raum 2, die anderen in Raum 1 und 3 usw. Ein älterer Beamter öffnete die Kellertüre. Erst erschrak ich. Ein noch nie dagewesener Anblick begegnete uns. Ein dunkler Raum, zirka acht oder zehn Quadratmeter groß, wurde von einer mit Papier umhüllten, schwach leuchtenden Lampe erhellt. Links stan- den ein paar Holzbänke, einen Meter breit, und vor uns lag eine Menschenmasse, einer auf dem anderen, auf dem Boden! Wir hatten lange zu tun, bis wir über die Ruhenden mit unseren Füßen hinweg- kamen. Kreuz und Quer lagen sie da. Hungrige, verzweifelte, blasse Larven! Einmal da, einmal dort schrie einer im Schlafe auf. Endlich hatten wir einen Platz zum Stehen gefunden, von dem wir uns bis zum nächsten Morgen nicht wegrühren konnten. Wir standen kaum, da plagten uns schon die gräßlichen Läuse und Wanzen. Es war furchtbar. Man durfte, um sich einigermaßen der lästigen Tiere zu erwehren, keinen Fuß ruhig stehen lassen. Also war Marsch an Ort und Stelle notwendig. Rückwärts in der Ecke befand sich ein immer offenstehendes Klosett, das ständig besetzt war. Viele von den Leuten waren ja bereits krank! Einige Säulen stützten die Decke, dazwischen war eine Schnur gespannt, an der Kleidungsstücke getrocknet wurden. Der graue Steinboden unter unseren Füßen war so bestreut mit Wanzen und allem möglichen Ungeziefer, daß er einem Sandweg glich. Den 94 Mantel, den wir mitgebracht hatten, mußten wir entweder anziehen oder in den Händen tragen. Die Hitze war wahnsinnig! Zur Wasser- leitung, die ebenfalls hinten in der Ecke angebracht war, konnte man überhaupt nicht kommen, weil man sonst alle Leiber hätte zusammentreten müssen. Also war das aussichtslos. Außerdem hatten wir noch einen höllischen Hunger und dazu nichts an Rauch- waren! Was tun? Da war guter Rat teuer. Erst glaubte ich, es keine Stunde länger mehr auszuhalten. Es muß gehen! Hoffentlich ist es nicht umsonst! Das war mein ständiger Gedanke, der mich außer Angst und Schmerz noch plagte. Ich litt bereits unsagbar. Wasser- halten konnte ich nicht mehr, ich lief ständig mit nasser Hose herum. Die Menschen, die das lesen, werden sich manches denken! Ja, das können sie mit Recht! Mir selbst machte es nichts mehr aus. Auch furchtbare Kopfschmerzen verließen mich seit Wochen nicht mehr. Es wird wohl Hunger gewesen sein, denn ein Schwindelgefühl ließ mich kaum mehr auf den Füßen stehen, die Kleider hingen an mir wie auf einem Kleiderstock. Lustig! Die Schuhe waren zu groß, der Hemdkragen war um x Nummern zu weit, den Hosenriemen konnte ich auch nicht mehr gebrauchen. Also enger um die Mitte! Socken hatte ich zur Zeit keine und das war gut, denn meine Waden hätten sie doch nicht halten können. Ich hätte sie mir im strengsten Falle um den Bauch binden können, um nicht auf ihnen herumsteigen zu müssen. Es war tatsächlich lustig um mich bestellt. Verdreckt wie ein Aschenträger, unrasiert wie ein Höhlenbewohner, hungrig wie ein Löwe und hilflos wie ein Mädchen ohne Kleidungsstücke bei einer Überraschung! Verbrecher im wahrsten Sinne des Wortes. Unglück- lich, überunglücklich. Keine Stunde verstrich, ohne daß ich über Liebste, Mutter und Geschwister nachgrübelte, ob ich sie wohl noch einmal wiedersehen würde im irdischen Drängen und Hasten. Am nächsten Morgen, als der Boden so allmählich zu leben begann, traute ich meinen Augen nicht. Unzählige fragliche Figuren, nette Herrchen, richtige Verbrecher, die sich mit uns schon über- haupt nicht mehr abgaben. Es waren zum Großteil Polen, die tags- über Dienst versahen, wie zum Beispiel Kanzlei aufräumen uSW., Leute, die auf Umwegen die unmöglichsten Geschäfte mit den Beamten abwickelten. Diese sogenannte Haftaristokratie hatte bereits durch Karten- spiel und Zigarettenhandel Pelzmäntel, neue Kleider, Uhren und noch viele andere Schätze erarbeitet. Sie hatte auch ein Plus bei den Aufsehern. Bald kam ich darauf, daß sie uns für Zigaret- ten und andere Dinge auch Briefe an die Angehörigen übermittelte. Eine direkte Unterwelt, aber das machte mir sogar noch Spaß! Sie rauchten, tranken, aßen und ließen sich’s recht gut gehen. Einer von ihnen, der Stuben- oder Arrestälteste, hatte sogar das Faust- recht. Jeder, der ihm nicht paßte, wurde auf Verlangen des Hohen Rates gehörig verprügelt. Das kann lustig werden, dachte ich mir. Meine Kameraden fragten mich, ob es etwas zu rauchen gebe, was ich aber verneinen mußte. Auch Brot war bisher unerschwingliches Genußmittel. - man Ich zog die Uhr heraus, aber kaum hatte ich einen Blick darauf geworfen, kam schon so ein Unterweltler und fragte, was ich dafür haben wolle. Oder ob ich vielleicht sonst noch etwas hätte könne hier alles gut verschneiden, wie sie das Verkaufen nannten. Angst und bange konnte einem werden, wenn man diese Welt noch nicht kannte. Auch das hereingebrachte Essen der Gefangenenverwaltung konnte vom Zellenrat beschlagnahmt werden. Hätte man sich gewehrt, wäre man bis zur Unkenntlichkeit geschlagen worden. Und hätte man sich gar erlaubt, eine Beschwerde bei den Aufsehern vorzubringen, wäre man nicht zuletzt auch noch bei diesen Herren gehörig in Ungnade gefallen. Der Aufsichtsbeamte war doch an beiden Händen gebunden. Also hieß es, gute Beziehungen anknüpfen mit der momentanen Regierung des Gefangenenhauses. Kam ein Beamter zum Dienst, der noch nicht für derartige Dinge gewonnen war, stiegen die Preise der Waren. Der Chef des Rates war ein netter Verbrecher, ausgepichter Nationalsozialist, der mit uns politischen Kollegen natürlich keine große Freude hatte. Um 7 Uhr gab es schwarzen Kaffee und dazu eine Schnitte Brot. Mittags Mehlsuppe und abends kam es wie morgens. Eine Stunde Spaziergang in einem schmalen Hof, in den das ganze Jahr keine Sonne scheinen konnte. Durch die kleinen Gitterfenster, die noch zur Hälfte mit einem Blechkasten verdeckt waren, hörte man einige Namen rufen. Die Rufer wollten wohl ihre Komplizen finden, die zufällig im Hofe auf Spaziergang waren! Im Gänsemarsch marschierten wir im Kreis herum. In der Mitte hielt eine verbissene Galgenfigur mit Pistole Wache wie ein Tierbändiger im Zirkus. Trostlos! Man hatte immer das Gefühl, nichts mehr zu sein. Tage vergingen. Der Körper war wund gekratzt, der Hunger gestiegen und die Wut himmelhoch angeschwollen. Daraus kann nur Haß erwachsen, Haß gegen jene, die die Welt mit Lügen überschütteten. Haß gegen jene, die die Lüge zur Wissenschaft erhoben. Gegen die ,, Retter Europas". Reformatoren? Erbauer einer Kultur? Das sind ja unverantwortungsvolle Galgenfiguren! Diktatoren des Elends! Räuber seligen Idylls! Vernichter des Menschentums! Mit einem Wort: Berufsverbrecher!! Und wir? Wir sind die Schutzhäftlinge, die man vor der Bevölkerung angeblich schützen will, damit sie nicht erschlagen werden! Das Volk würde uns ja angeblich zerreißen, wenn es uns in die Hände bekäme! N uns S Fünfun die Ze sonde Ei Uhr fr ken. M nicht Wir w die W Prüge Bahnh Sachs W nicht eine formie reitge noch Verbr ken u den a hatter Mund doch sich E keine Kräfte wage biß v 20 Mi nannt Von C A bleibt Lynch I keine wußt sam. Anal leid die C hand 96 Nett so! Bisher waren es nur die sogenannten Kulturträger, die uns schlugen und massakrierten, auf die Bäume zogen, mit Finfundzwanzig das Sitzleder versohlten, lebendig eingruben, durch die Zementmaschine ließen usw., nicht das Volk, nicht der Feind, sondern nur sie, die uns Retter sein wollten!! Eine Woche war nun vergangen. Endlich eines Tages um vier Uhr früh verlas ein Beamter unsere Namen. Es hieß zusammenpak- kon. Mit uns war noch ein Jude, ein alter, korpulenter Herr, der sich nicht mehr so wie wir bewegen konnte. Er zählte bereits 72 Jahre. Wir waren ihm natürlich gerne behilflich. Nun hieß es wieder auf } die Wagen. Genau so wie bei der Herfahrt erging es uns nun wieder: “©) Prügel, Geschrei und Getöse. Man beförderte uns in Ketten zum ‘#} Bıhnhof und dort in Eisenbahnwagen. Das Ziel war Oranienburg- ) Sachsenhausen. Wir waren kaum im Bahnhof angekommen, der Zug stand noch nicht völlig still, da stürzte SS zu den Türen herein und trieb uns wie ene tolle Horde hinaus. Vor den Wagen hieß es Fünferreihen formieren. Es wurde abgezählt und dann kamen wir in das dort be- reitgestellte Auto. Wie wir in dasselbe gelangten, weiß ich heute moch nicht. Auf alle Fälle so wie immer, wenn man es mit diesen " Verbrechern zu tun hatte: Fußtritte, Schläge mit Fäusten und Stök- kcen und Hundepeitschen. Wir beide wußten ja längst Bescheid, aber den anderen erging es sehr schlecht. Bis sie in die Wagen kamen, hatten sie bereits Beulen und das Blut rann ihnen in Strömen aus Mund und Nase. Der alte Jude glaubte anfangs, sein Alter würde doch die SS-Leute ein wenig zurückhalten, aber da verrechnete er sich gehörig. Gerade ihn— weil er nicht mehr konnte, weil er zu keiner Arbeit mehr fähig war—, gerade ihn schlugen sie mit allen Kräften. Nun mußten wir 56 Mann in einen kleinen Schnellast- wagen. Im ersten Augenblick glaubte ich, erdrückt zu werden. Ich biß vor Schmerz die Zähne zusammen. Nun ging es dahin, etwa 2) Minuten, ins Konzentrationslager oder Anhaltelager, wie sie es mannten, Dasselbe hatte nicht immer den gleichen Namen. Es hing won den Besuchern ab, die öfter aus befreundeten Staaten kamen. Aber das war ja schließlich egal. In der Geschichte ist und Heibt es die Hölle Nazideutschlands! Die organisierte Mord- und Uynchfabrik! _ Im Auto vielleicht zu erwähnen, daß es nicht mehr gehe, daß keine mehr hereinkommen sollten, wäre Selbstmord gewesen. Wir wußten das und machten die anderen auch sofort darauf aufmerk- sam. Die Begleiter waren, wie üblich, ungelernte, arbeitsscheue, rohe “nalphabeten, geschulte Henker, Mörder, die kein Erbarmen, Mit- !kid oder sonst eine gute Regung kannten. Sie grinsten, wenn sie die Opfer vor sich hatten. Erst beguckten sie dieselben wie Pferde- ‚ Händler verkäufliche Tiere, dann fragten sie einen der Zitternden: 97 „Schwein, was hast du ausgefressen? Deinen Namen sollst du sagen, du Drecksau! Warte, du kannst etwas erleben!“ „Hast vielleicht noch Kinder auch? So? Das werden wohl auch solche Ratten sein wie du, Dreckschwein!“ Einer fragte mich gleich bei der Aufstellung am Bahnhof, wie lange ich noch zu leben gedächte. Ich solle mich nur ja keinen falschen Hoffnungen hingeben und vielleicht gar ans Heimgehen denken! Also das war ungefähr der Ton dieser Bestien. Und da sollte man vielleicht noch sagen, man habe zu wenig Platz im Wagen? Es wäre wirklich Selbstmord gewesen! Endlich, nach langer Zeit im Durchgang des Haupttores des Lagers angekommen, hieß es:„Raus!!!” Alles im Tempo und schon in Reih und Glied: angetreten. Um uns zwanzig bis fünfundzwanzig höhnische, freudestrahlende Ver- brecherlarven. So standen sie, breitspurig, die Hände in die Hüften gestützt, die Mütze etwas im Nacken oder den Schild derselben über das rechte Auge gezogen. Aus ihren Gesichtern schrie die Mordlust. Es fehlte nur noch der Befehl:„Los! und wir wären zer- rissen gewesen. Das war der gewohnte Anblick, diese Trupps. So hatten wir sie ja schon jahrelang vor uns. So schmachteten wir jetzt schon seit Ewigkeiten, ganz wie die Maus in den Krallen der Katze. Halb erschlagen und doch noch am Leben. Mit kurzen Wor- ten: Spielbälle! Was wird nun werden? Ein trüber, regnerischer Tag. Es ging durchs Tor, das die Auf- schrift trägt: Arbeit macht frei! Ein festes, geschmiedetes Eisen- gitter, das zur rechten Zeit auch elektrisch geladen werden konnte. Rechts ein Fenster, das die Blockführerstube zeigte. Auch dort grin- sten einige schadenfrohe Gesichter heraus. Wie oft erinnerte mich ihr Anblick an die Knechte aus den vierzehn Stationen des Leidens Christi! Immer wieder das gleiche Bild! Wir haben seit Christi Zeiten nichts Besseres gelernt, nur Schlechteres angenommen. Gleiche Brutalität, gleiche Un- menschlichkeit, gleiche Präpotenz! Dieselbe Atmosphäre wie in Dachau, nur gab es hier anfäng- lich in den Uniformen Abwechslung. Man sah nur dunkle Reithosen und Röcke von den ehemaligen preußischen Ulanen- und Marine- korps, nur ohne Bänder. Sonst war alles gleich. Hier sinkt einer unter den Hieben eines Blockführers in den Staub, dort, zwischen den Baracken, kriecht ein Kadaver längs der Bretterwand, kaum noch von den Beinen getragen. Wir mußten uns links vom Tor in Fünferreihen aufstellen, das Gesicht der schrecklichen Mauer zugewendet. Ein wunderbarer An- blick! Vor uns ein schmaler Wiesenstreifen, den ein enger Geh- steig durchbricht. Am Anfang desselben erhebt sich eine Warn- 98 Ist du | auch f, wie einen gehen Sollte agen? S des n. Um P > Ver- Tüften selben ie die N ZEI- ps. So r jetzt n der ‚ Wor- ° Auf- Eisen- onnte. t grin- mich eidens elernt, e Un nfäng- thosen farine- in den IF g5 der n, das© er AN r Geb N warn tafel, auf der schwarz der Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen gemalt ist.„Neutrale Zone, es wird sofort geschossen.” Dann kam noch ein schmaler Rasenstreifen, nach ihm ein hoher Zaun aus Stacheldraht, der wie der darauffolgende mit Starkstrom geladen war. Hinter diesem liefen ein Karrenweg, der zu den MG-Türmen führte, und eine hohe Steinmauer, die die Türme verband. Auch auf ihr war in einigen Reihen geladener Stacheldraht angebracht. Auf den Turmspitzen standen Scheinwerfer, die nachts ihren hellen Lichtschein über das ganze Lager warfen. Unter ihnen drohten die MG-Mündungen zu uns. Ständig geladen, immer feuerbereit, so hatten wir sie als grinsenden Tod vor den Augen. Kaum durften wir unsere Augen nach links oder rechts bewegen, denn in unseren Reihen gab es schon wieder furchtbare Prügel und zusammen- sinkende Menschen. Vorerst waren die Mordgesellen noch am ‚unteren Ende unseres aufgestellten Zuges. Wenn sie nur dort bleiben würden! Aber nein, sie wechselten ab. Einmal fingen sie sich unten,. dann wieder bei uns ein Opfer heraus. Man zitterte an Leib und Seele, denn sie waren unsagbar roh. Bald hätten sie mit ihren genagelten Stiefeln uns die Knochen in Trümmer getreten. Aber auf alle Fälle waren einige Rippen ge- brochen. Und niemand von uns getraute sich, den Platz zu ver- lassen, es wäre ja auch denkbar unklug gewesen, da.es unzählige Opfer gekostet hätte. Man würde damit unschuldige Familienväter an die Wand gebracht und unzähligen Kindern den Vater geraubt haben. Also schweigen und opfern, lange konnte es doch unmöglich mehr dauern. Draußen in den Fernen wütete der Krieg. Er mußte doch eine Änderung bringen, eine Erlösung schaffen! Meine Augen erhoben sich gegen den trüben Himmel und ein stilles Gebet entstieg meinem Herzen. Was magst du wohl jetzt in unerreichbarer Weite treiben, du mein Mädel? Mag hier mein neues Ringen um Tod und Leben doch nicht umsonst sein! Du hast dich zu meinem Leidensprinzip dazugesellt. Es ist nicht mehr mein Freiheitskampf allein, der mich dazu bestimmte, nein, du bist nun das heilige Wesen, für das ich einen neuen Kampf zu tragen habe. Seelische Spannungen, Kämpfe, innerliches Daseinsringen größten Ausmaßes begannen ihre Ein- flüsse zu üben. Vorher hatte ich doch leichter getragen— es war ja nur mehr mein dreckiges Leben zu verteidigen, jetzt aber waren es auch die Liebe, die mich anfocht, der durch sie entfesselte Schmerz, Kummer, Sorge, mörderische Eifersucht, unablässige Grübelei, Angst um sie, die mich still in ihrem Herzen eingebettet. Ihr Dasein war doch in größter Gefahr! Ich war der Schlüssel, der Anlaß ihres Existenz- kampfes, ja noch mehr. Durch mich gab es Plänkeleien in ihrem 7% 99 Heimathause, Sorgen um das Kind, das in Nacht und Wind die Mutterstube verlassen und ins Nichts geflohen war. Meine Angehö- rigen waren ja alles eher als Menschen, die helfen konnten, und wenn auch, dann fehlte ihnen in diesem Fall jedes Verständnis für mein Vorgehen. Mutterliebe mußte also dem Geschöpfchen am meisten fehlen! Armes, hilfloses Ding, dich riß ich ins Elend! Ich nahm dich und warf dich in die Lebensschlacht der Menschheit. In die Armee der Odemsucher, der Brotsucher. In das Meer der Unglücklichen, in die Nacht des Grauens und vielleicht umsonst! Du aber, Herr- scher über alles und über mich, du weißt meine aufrichtige Liebe, du kennst auch meine Reinheit, du darfst das nicht vernichten lassen, du mußt uns in deine Hände nehmen, ob tot oder lebendig, gleich, diesmal soll das Blut uns bis zum Ende unseres letzten Augenblickes binden. Vereinen, bis der Tod uns scheidet. Ewig oder nie! Du umschwebst meine verweinten Augen, wo immer ich meine Blicke auch hintue. In meinem Pulsschlag hämmert dein Herz. Für dich, meine gefallene Bergheimat, kreist mein Blut. Für Euch, mein Volk und Boden, such’ ich Odem. Ihr seid es wert, für Euch zu leben und zu sterben, Heimat. Gassen, Häuschen, Gipfel und Zinken er- halten mich in diesem Grauen. Heimat, deine Bejahung und Liebe, Vermehrung und Formung erhalten mein Leben. Deine Busen, Mutter, tränken mich und stillen meinen Hunger und meinen Durst. Du bist die Herrin und Göttin meines Existenzkampfes um Sein oder Nichtsein. Deine Wälder und Quellen, Heimat, raunen und rauschen um mich. Es geht um alles oder nichts!! Heimat, Vaterhaus! Selbst der alte Stein der längst zerfallenen Mauern sucht und ruft seinen Wächter. Der Baum am Brunnen summt sein altes Lied. Vater und Mutter fanden dort einander— er summt sein altes Lied. Die Urgroßeltern tauschten unter seinem grünen Dach den ersten Kuß und ver- sprachen sich fürs Leben. Kein Aschenflaum von beiden regt im Winde sich heut’ mehr, nur er erzählt von alten Tagen, täglich, immer wieder, wenn ein Mensch vor ihm steht, und den Riesen bestaunt. Da fängt er zu plaudern an und führt ihn Jahrhunderte zurück. Er lädt den Jungen in seine Arme und weist ihn flüsternd unter sein Dach zum Plauderstündchen mit der Allerliebsten. Er, der immer war! Und dort steht das alte Kreuz, es zeigt den Christus. Unter ihm der Betstuhl, der vom Wurme durchfressen. Ja, er trug das Leid und die Sorgen meiner Vorfahren, all der Erdenpilger, deren Blut in meinen Adern rollt. Er gab ihnen Trost und neue Liebe, er schmiedete die Treue fürs ganze Leben! Er— den man vergessen will, er, den man verspottet, mit aller Gewalt aus Erd’ 100 A en A ne pn “und Wurz reißen will. Er wacht und leidet weiter, mit ihm aber auch du, ewiger Sucher! Dort steht die Behausung, lieblich und klein. Schindeldach und Stroh decken den uralten Stein, aus dem uns kleine Fensterlein grüßen, deren Bänklein bunte Blumen tragen. Sie erhalten das Dunkel in ihnen und beleben das Gemäuer wie Augensterne, die dunkel, lebendig und liebevoll aus dem Antlitz des Gebirglers grüßen, der den alten Stein seit hunderten von Jah- ren verteidigte und mit seinem treuen Blut schützte. Auch ihm droht, alle Unmenschlichkeit zu durchleben. Du glaubst, ich will mit deinem Zerfall eingeäschert werden, vermodern? O nein, ich weiß, mit mir brauchst du das neue Kleid, die neue Jugend, auf daß auch du mit mir den neuen Schritt halten kannst. Aber der Pulsschlag muß der gleiche geblieben sein. Dein Stil muß mich an dich binden und für ewig verpflichten. Kein Förster baut sich ein Hochhaus auf in seinen Wäldern, denn das würde entweder die Försterei oder ihn begraben. So stehst auch du, mein Heimathaus, im stillen Grün und war- test auf deinen Beleber. Und wenn eine Menschenklasse glaubt, den Tannenbaum mit Eichen schmücken zu können, dann rate ich ihnen ärztliche Hilfe. Sie werden daraufkommen müssen, daß man ein Eichhörnchen nicht im Mäusenest aufziehen kann. R Und wenn eine reformierende Vereinigung im Weltengetümmel meint, daß sich der Gebirgsbauer im Salonfrack wohlfühlt oder am liebsten mit dem Luftschiff seine Schafe hüten würde, dann soll diese Gemeinde es versuchen, den Wald mit Taschenmesser und im Frack abzuholzen. Ich glaube, sie werden ihr Vorhaben bald aufgeben. Und wenn solche Menschen weiter glauben, man erziehe jemand in der Schule zum Komponisten oder Dichter, wenn er eigentlich zum Rennfahrer berufen ist, dann werden beide eher sterben müssen, ehe sie ihr Ziel erreichen. Und habt ihr die Sitten und Gebräuche in des Dorfes Hütten zerstört und an die Stelle der bodennahen, verwitterten Bauten Gesellschafts- und Hochhäuser gesetzt, dann habt ihr das Herz der ehemaligen Beleber dieser alten Mauern eben vernichtet. Mit solchen Experimenten wird jede Kultur zerstört, die Milch aus dem Busen der Mutter gesaugt und das Leben dem Säugling genommen. Und wenn der Preuße glaubt, seine Soldatenlieder dem Ge- birgler mit aller Gewalt eintrichtern zu können, dann soll er den Kanarienvogel den Schrei des Kauzes oder umgekehrt zu lehren versuchen. Ich warte gerne und werde vor ihm den Hut zur Erde senken, wenn ihm das gelingen sollte. Aber ich glaube, es werden mein Warten ebenso wie seine Bemühungen umsonst bleiben. So sicher bin ich, daß mein Volk im Grunde sich treu bleibt, im strengsten Falle nur die Feder auf dem Hute wechselt! Unter. 101 seinen Krempen trotzt dieselbe harte Stirn wie zuvor. Gott sei Dank! Täglich und stündlich erlebten wir das mit unseren Kameraden. Sie blieben hart und wurden nur noch härter, sie blieben treu und wurden nur noch treuer! Nach einer Stunde voll Verspottung und Prügeln kam, von seinem Stab umgeben, der Lagerführer. Er war ein kleiner, älterer Mann, aus dessen Gesicht wie aus dem seiner Knechte das Unter- menschentum sprach. Ein Oberscharführer, der seine Mappe unter dem Arm trug und dem Lagerführer zur Seite stand, verlas unsere Namen. Die von Dachau überstellt wurden, meinte er, sollten sich links ans Tor stellen. Jetzt war es schlimm um uns geworden, denn das war der Platz der Delinquenten, der Todgeweihten. Besondere Aufmerksam- keit auf sich zu lenken, bedeutete Entsetzliches. Am Tor nun wurden wir von den dort stehenden Figuren erst einmal von oben bis unten gemessen, befragt und geschlagen. Die auf der rechten Seite wurden inzwischen schon mit sämt- lichen Lagermethoden vertraut gemacht. Erst einmal weit über eine Stunde tiefe Kniebeuge mit Wippen, dazwischen Fußtritte von rückwärts, Bauchtritte von vorne. Ja so- gar den auf dem Boden Kauernden wurde mit aller Kraft ins Gesicht getreten, andere wieder mußten sich im Schmutz des Bodens herum- balgen usw. Uns, Gott sei Dank, ließ man vorläufig in Ruhe. Aber auch das war nicht gut! Wir wußten ja schon zur Genüge, was in dieser Hölle gut und schlecht war! Alles andere verlief wie im anderen Lager. Leo und ich fragten uns:„Was mögen die nur mit uns vor- haben?‘ Ein Kamerad, der schon einmal da war, wußte einiger- maßen Bescheid. Nur diesmal blieb auch sein Denkwerk stecken. „Kann schlimm, aber auch gut sein‘, meinte er im Flüsterton zu mir.„Wenn nur nicht der ‚Eiserne Gustav’ da ist, dann ist's schon besser!" „Eiserner Gustav?“, dachte ich.„Na, soll schon, wird uns auch nicht ganz fressen.“ Später allerdings habe ich böse und gute Erfahrungen gemacht mit dem Eisernen Gustav! Nerven hatten wir beide schon keine mehr und somit war auch inzwischen meine Hose wieder durchnäßt. O Gott, wenn nur das einmal aufhören würde! Wenn ich wenigstens da nichts mehr zu leiden hätte, ich wäre schon bedeutend glücklicher! Ja, was will der Mensch nicht alles! Immerhin hatte jetzt für mich die schrecklichste Zeit begonnen, das wußte ich. Was nun auch an Kleinigkeiten vorgekommen sein. mag, war nicht erwähnenswert. Daß man am Tage x-mal mit den Fäusten begrüßt wurde oder mit dem Schaufelstiel einige über den 102 un N"J a9 Dank! Q, Sie 1 und , Von Iterer Inter- ı trug e von Ss Tor ar der ksam- n erst samt- ippen, Ja so- esicht eTUMm- h das "Hölle Kopf oder ins Kreuz bekam, war ja nicht wichtig. Das war ja der Puls des Tages, darüber sich Gedanken zu machen, war nicht am Platze. Wir beide nun, Leo und ich, wurden jetzt ausgesprochen ge- suchte Objekte. Erst einmal mit„Hinlegen‘,„Auf marsch-marsch” und so fort in die Bekleidungsbaracke, wo uns der Verwalter mit Faust und Fuß empfing. Im unmöglichsten Tempo wurden die Haare ge- schnitten, wobei leider auch die Haut mitging. Im selben Tempo mußten wir uns umziehen. Unsere Kleider wurden in Säcke getan, dann gab's Holländer-Holzschuhe und jetzt wurde gelaufen! Tiefe Kniebeuge, im Staub wälzen— die undenk- barsten Sachen wurden mit uns aufgeführt. Wir kamen an einem Jauchenwagen vorbei. Dort hieß man uns den Hals unter den Hahn halten und dann wurde aufgedreht! Die stinkende Jauche wurde so beim Halse in die Kleider gelassen, daß sie bei den Schuhen wieder herausrann. Ja, selbst getrunken mußte sie werden und außerdem mußte man noch das Gesicht damit waschen. Wir kamen nicht zum Er- brechen, denn darauf folgten wieder so furchtbare Prügel, daß wir gar nicht daran denken konnten. Und das ging nun so weiter bis zum Abendappell. Ich spürte kaum noch den Boden unter den Füßen. Hunger! Hunger! Weh auf Weh! Schmerz auf Schmerz! Stich um Stich lösten sich ab. Dann hieß es zum Appell! Weit über 10.000 Helden standen nun ausgerichtet in Reih’ und ‘Glied vor und hinter uns. Viele kehrten erst von ihrer Arbeit zu- rück. Eben traf wieder ein Trupp ein. Der Capo gab die Meldung: „Nr. 3475 mit 1200 Häftlingen von der Arbeit ins Lager zurück.“ Hinten wurden einige in die Reihe geschleppt, andere von vier Mann auf der Achsel ausgestreckt getragen, der Rest halbtot im Schubkarren angefahren. Drei von diesem Ortskommando hatten auf dem Felde irgend- wo Kartoffeln gefunden, das heißt, gestohlen, obwohl sie noch halb grün waren. Die Täter wurden eruiert. Und nun mußten diese Leute, die Kartoffeln im Munde haltend, links am Tore Kniebeuge mit dem Rücken zu uns machen, und zwar während der ganzen Nacht bis zum nächsten Morgen, da wir sie auf dem Boden liegend wieder- sahen! Strafweise! Sie waren ja Diebe! Nicht Hungrige, nein, Diebe! Andere wieder hatten während des Tages zu wenig gearbeitet, sie mußten nach dem Appell ebenfalls bis spät in die Nacht hinein am Tor stehen bleiben. Dort wieder stand ein ganzes Arbeitskommando, weil der Block- führer irgend eine Meldung gemacht hatte. Die Leute selbst wußten nicht warum. Der Capo wurde abgelöst, er bekam fünfundzwanzig hinaufgemessen und dann ging es in den sogenannten Bunker! Das 103 war Arrest! Wie lange, wußte nur der Lagerführer, und ob einer überhaupt wieder herauskommt, wußte nur der liebe Gott allein! Im Nu waren wir abgezählt und nun kam der Abmarsch in die Blocks. Mich hatte es gehörig gefröstelt in der nassen Hose. Die Ka- meraden stießen mich herum, ich stank ihnen zuviel, sie hatten mich noch nicht gekannt, und so war ich das arme Übel in der Menschen- horde. Mein Blockführer, ein älterer Mann, hatte etwas mehr Ver- nunft und befahl den Kameraden, mich in Ruhe zu lassen.„Was wollt ihr denn von dem verhungerten Elend da?" Ich sah ja fürch- terlich aus und war wirklich erbarmungswürdig. Vielleicht sah man schon den Tod an meinen Fersen kleben, ich sah es ja nicht! Ich wollte es auch nicht merken. Für mich gab es nur eine Parole, und die war: Alles oder nichts! Leben oder sterben! Sie noch einmal sehen, wenn auch vielleicht von anderen Armen beschützt, aber doch wenigstens sehen! Blutrot sank die Sonne hinter dem Kamin des Krematoriums. Eine Rauchsäule stand drohend über dem Kiefernwald, aus dem einige Raben schrien, sonst war alles totenstill. Der Lagerführer nahm den Appell ab. Es wurde„Mützen ab’ befohlen und„Augen rechts!” Wie Säulen standen sie da, die Märtyrer, die Helden von Sachsen- hausen! Keine Wimper zuckte! Bereit, alles hinzunehmen, mochte kommen, was wollte, und fiel der Himmel über uns, es mochte uns einerlei sein. Wir standen und warteten, wir hungerten und kämpf- ten, wir arbeiteten und starben....! Diesmal ging es sofort nach dem Appell in den Block. Die Ko- lonnen marschierten in ihre Lagergassen, jeder Zug seinem Block zu. Dort noch einige Belehrungen vom Blockältesten, denn der be- kam Druck von oben, und dann„Weggetreten!” in die Räume. Ja und ich? Ich konnte doch nicht wieder so wie ich stank und aussah in die Stube? Ich stellte mich erst im Vorraum unter die kalte Dusche, dann wusch ich die Kleider aus. Und nun stand ich da, nackt wie ein Ochse auf der Wiese. Zum Glück hatte ein Kamerad eine ille- gale Hose verborgen, die er mir nun leihweise überließ. Dann erst konnte ich mich in die Stube wagen, denn ich hatte noch genug vom letzten Abend. Inzwischen war mein Essen aber bereits aufgefressen, ich hatte also wieder einmal nichts. Immer nichts! Am vergangenen Abend waren mir noch Bett undSpind zugewiesen worden. Das erstere mußte sofort wie eine Schachtel gebaut werden: eine Decke, ein Kopfkeil und ein Laken. Laken gab es zu dieser Zeit noch, später hieß es auch auf das verzichten. Dabei war ich aber nicht einmal mehr in der Lage, mich gegen Anpöbelungen zu wehren. Ich war schachmatt! Ausgespielt, des Lebens nicht müde, sondern nur ohne Kraft. Meine Energie zuckte nur noch fallweise auf, wenn mir das Wasser am Halse stand. Sonst war ich bereits das Nichts. 104 beiner allein! in die Die Kaen mich mschenhr VerWas fürch ht sah nicht! Parole, e noch schützt, ms. Eine einige I nahm rechts!" achsenmochte hte uns kämpfDie KoBlock der beJa und ssah in Dusche, ckt wie ne illenn erst ug vom h hatte Abend e mußte Copfkeil hieß es gegen elt, des zuckte d. Sonst Auch unter den Kameraden gab es harte Kämpfe, politische Ansichten verschiedener Richtungen. Speziell wir spürten das empfindlich und mußten natürlich schwer darunter leiden. Ebenso wie in Dachau, hatte ich hier das Gefühl, daß es zu einer Palastrevolution kommen mußte. Aber wer sollte sie hier zur Durchführung bringen? Ich war viel zu schwach und auszahlen würde sich's wohl auch nicht mehr. Wie lange noch, dann würde auch ich den Flammen zum Fraẞ hingeworfen werden. Wie lange noch, und die Raben würden auch aus meinem Leibe dort hinter der Mauer ein Stück herausholen. Wie lange noch, und ich würde irgendwo im Staub, der Liebsten denkend, den letzten Hauch tun, wie tausend andere hier in diesem Heer! ,, Alles oder nichts!" Oft stand ich einsam, abendliche Glut umhauchte mein stilles Grübeln. Da schaute ich meine Arme an und weinte, denn sie glichen dem, der das Symbol des grauen Endes ist. Nichts als Knochen! Still lauschte ich meinen trüben Tiefen, sie sagten etwas, was ich selbst nicht glauben konnte: ,, Ja, du wirst! Dein Ende sieht dies Fleckchen Erde nicht! Raff' dich auf, du wirst noch selbst der Schrein des Lichtes." Ich aber glaubte es nicht. Wer hätte mir noch Lebenskränze winden sollen, wenn ich das Ende vor meinen Augen hatte? Niemand! Und doch verließ mich alles Hoffen nicht. Die Liebste schwebte vor mir in allen Formen. Auch sah ich sie in anderen, liebevollen Händen. Im stillen Kusse beugte sie sich dem Liebenden. Ich sah das Bild und konnte nicht mehr stehen. ,, Geh!", so rief die innere Stimme. ,, Geh, Verrückter!" Täglich wartete ich auf Post. Ich schrieb und schrieb immer wieder jeden zweiten Sonntag. Die erste Zeit kamen die Brieflein wohl noch regelmäßig, aber nun wartete ich längst vergebens, es war mir keines mehr vergönnt. Wo mochte denn jetzt der Teufel mir die Ketten schmieden? Vor Gram vermochte ich trotz allem Hunger nicht zu essen. Sie war mir näher, sie, für die ich gerne litt, ja auch gestorben wäre. Herr, wenn du es mir befohlen hättest! Tage, Wochen schwerster Arbeit vergingen. Kein Ende der ausgesuchten Qual war abzusehen. Und immer wieder lauschte ich ihrem zarten, lieben Stimmchen: ,, Du hast mein Wort, nur glaube an mich!" Menschen kamen und gingen. Keine Hoffnung zeigte sich mir. Kein Brieflein kam mehr in meine Hände. Vergebens das Warten. Es war umsonst! Wochen schlichen an mir vorbei. Tiefe Spuren hinterließen sie. Aus vielen Wunden blutete ich, meine Hände waren offen, die Füße waren durch die Holzschuhe blutig gerieben. Eine Wunde verheilte, die nächste kam. In der Lunge spürte ich ein leises Stechen. Das Herz pochte und schmerzte. Seit Tagen regnete es, als wäre der Himmel offen gewesen. Mein Kamerad und ich trugen Mist in den Garten, abwechselnd 105 auch Jauche. Die Sehnen schmerzten unsäglich. Bis auf die Haut waren wir seit Tagen durchnäßt, und am Morgen mußten wir immer wieder in die nasse gestreifte Uniform! Es schüttelte uns, wir froren. Wind durchzog das Lager, es war kalt. In meinem Rücken machte sich der Schmerz immer mehr bemerkbar. Unglück- liche Tage, schlaflose Nächte. Was sollte noch werden? Den ganzen Winter in Gottes freier Natur? Jetzt, da ich nicht mehr konnte? Hab’ Erbarmen, Himmel über mir, sieh doch, mein Ende will sich nähern. Ich kann doch nicht mehr, laß mich sterben, aber martere mich nicht! Schenk’ mir wenigstens ein Lebenszeichen von meinem Lieb oder von meiner Mutter! Dann könnt’ ich leichter tragen! Eines Tages wurden wir zum Rapportführer befohlen. Er war ein gefürchteter, roher Sachse. Als wir vor ihm standen, beguckte er uns, dann las er die Akten und fragte mich: Warum bist du hierher versetzt worden?“ Darauf zu antworten war sehr schwer. Weil ich sie liebte? Auf- richtig liebte? Ich antwortete: „Ich liebe ein Mädchen und kam mit ihm fallweise zusammen, das heißt, wir haben einander brieflich verständigt. „Ja und dann?“ „Ja und dann nichts mehr.” „50, so“, schrie er,„dir werd’ ich noch zeigen, was das heißt, Briefe schreiben! Du kommst mir nicht mehr aus dem Lager und wehe dir, wenn du dich unterstehst, ihr auch nur einen einzigen Brief zu schreiben. Ich werde die Zensur schon aufmerksam machen! Glaube nur ja nicht, daß du noch einmal heimkommst. Ich werde dir das Lager zur Hölle machen! Arbeiten wirst du, bis du umfällst, Schwein, erbärmliches! Was tatest du in Dachau?“ „Zuletzt malte ich für die Reichsführung‘, gab ich zur Antwort. „So kannst du auch Köpfe malen?“ „Jawohl“, war meine Antwort. Sie war mein Glück, das fühlte ich sofort. „So, dann werde auch ich einmal gemalt, verstanden?“ „Jawohl!“ „Und du?‘, sprach er, zu meinem Kameraden gewendet. „Du bist wohl auch so ein Schwein, euch helf’ ich schon noch!" Da er scheinbar zu faul war, aufzustehen, blieb er sitzen und ließ uns abtreten mit den schönen, oft gehörten Worten:„Weg der Haufen!“ Wir waren schneller, als wir selbst glauben konnten und liefen wieder zu unserer Arbeit. „Glück gehabt‘, meinte mein Kamerad,„der kann närrisch werden!" Dann wurde wieder weiter gearbeitet. Wir trugen weiter, wartend auf kommende Dinge. Ob gut oder schlecht, es hieß nur abwarten und geduldig tragen. Die Tage umkrallten erbarmungslos mich armes Geschöpf. Zu- tiefst krampften sie sich mir ins Fleisch. Aus allen Wunden quoll 106 er und inzigen erksam ist, Ich bis du ntwort. ; fühlte| mir das Blut. Ein Fieberschauer nach dem anderen schüttelte mich. Ich zitterte stumm an Leib und Seele. Knirschend griff ich Steine und Balken an. Zu meinen Füßen vernahm ich täglich Röcheln, ein Bruder hauchte im Staub sein Leben aus. Ein andrer küßte den Boden, und dachte still:„Heute noch nicht, morgen vielleicht!“ Die Peitschen umzuckten unsere Leiber. Erdwärts sank der Müde. Er wußte, daß es um ihn geschehen war. So ging es täglich, stündlich. Eines Morgens um vier Uhr früh rief mich der Arbeitsdienst. Er befahl mir, im Kommando der Maler anzutreten.„Endlich“, dachte ich,„folgt einigermaßen Ruhe.‘ Das gleiche geschah mit meinem Kameraden Leo. Wir kamen hin und ich blieb in diesem Kommando. Leo mußte zu den Anstreichern. Es lag bereits Reif auf Dach und Gras. Tiefer Herbst. Der Capo dieses Kommandos war ein Schweizer. Anfänglich waren mir alle recht gut gesinnt, später aber traten Neid und Eifersucht auf. Die dort beschäftigten Künstler waren Tschechen, sehr nette und in- telligente Menschen, aber wer läßt sich schon verdrängen? Für sie hieß Arbeit eben auch Brot und Leben! Brot insofern, als wir jeden Tag ein Stück Brot als Zubuße erhielten. Das machte alles aus! Leben war es für sie, weil sie der Willkür der Blockführer nun zum größten Teil entzogen waren. Da ich von Dachau aus als Maler in Berlin besonders gut an- geschrieben war, hatten sie natürlich große Angst. Sie tauschten mir Farben aus und mußte ich einmal weg, malten sie auf meinen Arbeiten herum, was ein Aquarell am wenigsten verträgt. Es war fürchterlich! Das Zusatzbrot wurde mir in etwa vier bis acht Wochen in Aussicht gestellt, und so ging es fort. Es war alles eher als angenehm. In Ol durfte ich überhaupt nicht arbeiten. Die Olfarben nahmen die anderen, die damit bei den SS-Leuten große Nummern hatten. Es kamen zu mir öfter Führer, die einige Aqua- relle mitnahmen, was natürlich wieder großen Haß auslöste. Ich konnte mich kaum halten, denn hinter meinem Rücken gab es Klagen und Verleumdungen bei Capo und Verwalter. Eines Tages begannen nun auch die ihren Zorn an mir aus- zulassen. Man entzog mir die Arbeit an den Aquarellen und ich mußte Spielzeug für Kinder malen. Auch das machte mir Spaß. Ein Pferdchen, eine Wiege, ein Würfel waren ja Dinge, die das Christ- kind den Kindern bringen sollte. Wie ich schon öfter erlebt hatte, gab es auch heuer eine SS- Weihnachtsfeier, zu der die SS-Frauen ihre Kinder mitbrachten. Sie wurden von der Frauenorganisation beschenkt. Das Bessere holten die Führer sich natürlich vorher schon bei uns ab. Das bekam das gewöhnliche Volk gar nicht erst vor die Augen! Mir war es egal. Ich arbeitete, spielte im Geist mit den Kindern und ließ die Jugend an mir vorüberziehen. Längst vergangene Tage kamen wieder und 107 | I ließen sich in ihrem Feierkleide sehen. Oft war mir die Kehle wie zugeschnürt. Ich sah meine Geschwister mit allen Kindern unseres Dorfes, wie sie spielten und sich durch alle Gassen tummelten, den Baum im Lichterglanze— ich träumte von einer Zukunft! Es war zwar sehr unzeitgemäß, an anderes als an das Verenden zu denken, aber trotz allem tat ich es gern. Es flog dabei ein Tag nach dem anderen vorüber und ich kam mit niemand ins Gespräch. Es war mir auch lieber, wenn kein Mensch mich anredete, Wieder waren Wochen vergangen. Endlich, an einem schönen Sonntag, als wir nach der Arbeit einrückten, war wieder Post von meiner Allerliebsten da. Als ich die Schrift auf dem Umschlag er- kannt hatte, begann ich zu zittern. Vorerst war ich nicht imstande, den Brief zu öffnen— ich hatte noch nie dagewesene Hemmungen. Vorläufig trug ich ihn also in der Tasche herum. Auch hatte ich große Angst, da ich nach den Erklärungen des Rapportführers weder an sie schreiben noch von ihr Post empfangen durfte. Ich wußte ja auch nicht, ob der Brief etwa absichtlich durchgelassen worden war— aber mir war es schon egal. Nach langem Zögern öffnete ich und las. Las noch einmal, wieder! Ich traute meinen Augen nicht— sie schwor mir neuerlich Liebe und Treue! Schnell ging ich zu Leo. Ich ließ ihn lesen und beobachtete seine Haltung. Oft hatten wir wegen Elfi gestritten und immer wie- der versuchte er, mir auf irgendeine Art weh zu tun. Fand er das Geringste, warf er es mir ins Gesicht. Auch war er jetzt an und für sich schlecht zu sprechen auf mich, weil ich zu den Malern und er zu den Anstreichern gekommen war. Was konnte ich dafür? Seine Tat in Dachau war eben denkbar schlecht gewesen. Außerdem war er der Typ eines Trinkers und wirklich ein asoziales Element. Seine Angeberei war unerträglich, sein Können dagegen ließ alles zu wünschen übrig. Eine richtige, große, norddeutsche Fresse! Wer vertrug das gerade hier, wo alles bis zum Zerreißen gespannt war? Niemand! Auch war Leo sehr falsch. Er hatte Gelegenheit, im Block zu organisieren und tat das auch. Von Woche zu Woche nahm er zu, während ich kein Stück Brot im Spind hatte. Da es ausgemacht war, alles zu teilen, was in unseren Fingern blieb, tat ich wie ver- sprochen. Er aber verschenkte sein Essen im Block und ich hungerte., Bei den Asozialen und Berufsverbrechern gab es Eßwaren in Hülle und Fülle. Aus ihren Reihen stammten ja die Capos, die in Küche und Keller als Aufsichtspersonen angestellt waren. Wenn auch nur mit faulen und schlechten Zutaten gekocht wurde, war es doch Essen, das den Magen füllte. Für jede von uns Kreaturen war nicht die Qualität, sondern die Quantität maßgebend und von größter Wichtigkeit. Immer loser war unsere Kameradschaft geworden und wir wichen einander sogar aus. 103 sch nö wa mil Na zu übe mic mi fer wi ge chle wie Dorfes, n Baum erenden ein Tag espräch. schönen ost von hlag erstande, mungen. atte ich tführers fte. Ich elassen Zögern meinen pachtete mer wieer das und für und er ? Seine em war t. Seine lles 7u e! Wer nt war? m Block Lahm er emacht wie verungerte. aren in die in Wenn war es ern die and wir ,, Einmal kommt er schon wieder", dachte ich. Einmal war er schon von mir abhängig gewesen und ich hatte für ihn getan, was möglich war. Ein zweitesmal würde es anders sein. Auf alle Fälle hatte ich den Brief und Hoffnung, Kraft und Energie lebten ersichtlich in mir auf. Am nächsten Sonntag erwartete ich wieder einen Brief, aber auch das Antworten ließ ich mir nicht nehmen. So schrieb ich der Großmutter, die mir in ihrem Namen Antwort gab. Die ,, Herren" in der Zensurstelle waren viel zu blöde! Es war ein Zufall, wenn sie etwas erwischten. Ich war überaus glücklich und von solcher Lebensfreude beseelt, daß ich mich direkt zurückhalten mußte. Es schien mein Temperament mit mir durchzugehen. Ein Spielzeug nach dem anderen stellte ich fertig und ein Tag nach dem anderen zog mit Windeseile vorüber. Das Elend im Lager berührte mich überhaupt nicht mehr. Gab es wieder einmal einen Schlag, schüttelte ich ihn einfach ab wie ein geprügelter Hund. Freude hatte ich zu jeder Arbeit. Was ich machen mußte, ob angenehm oder unangenehm, war mir gleich. Mein Leben begann ja wieder zweckerfüllt zu werden. Draußen, vor den Baracken, wirbelten die Flocken. Weihnachtliche Stimmung zog durch unsere Elendsgassen, in denen sich das Elend seit Ende September immer mehr vergrößerte. Es waren viele Tausend russische Gefangene eingeliefert worden und jeden Tag, wenn es dämmerte, zogen die erdbraunen Kolonnen an uns vorbei. Furchtbar war der Anblick. Ein Mensch, der das nicht gesehen, kann sich vom Erhaltungstrieb eines Menschen keine Vorstellung machen. Einzelne Gefangene kamen auf dem Bauch durchs Tor gekrochen, andere wurden auf den Schultern geschleppt. Sie waren verhungert, verwundet, verlaust! Was sollte noch werden? Für uns gab es schlimme Tage, grauenhafte Stunden im Anblick des Massensterbens. Eines Abends, es war ein sonniger Herbsttag, mußten wir alle nach dem Appell in die Blocks verschwinden. Ich lag im Block 27, der sich im zweiten Ring befand. Von da aus, und zwar von der rückwärtigen Seite, war es möglich, zwischen Block 26 und 27 das Eingangstor des Lagers zu beobachten. Über die Mauer hörte man Motorengeräusch und Kommandostimmen. Nach nicht allzulanger Zeit wurden rund 2400 Russen in Fünferreihen durch das Tor getrieben, durchwegs ganz junge und frische Leute, die, mit Brotsäcken und Mänteln ausgerüstet, einmarschierten. Auf den Rücken ihrer Uniformen waren mit Ölfarbe die Buchstaben SU gemalt. Am Ende des Zuges befanden sich allem Anschein nach Kranke, Verwundete und Verhungerte, die den Strapazen nicht gewachsen waren. 109 Diese Gruppe, sowie eine darauf folgende mit etwas intelligenteren Menschen, wie dem Aussehen nach zu schließen war, mußten sich links vom Tor aufstellen und auf weitere Befehle warten. SS- Blockführer begleiteten die Kolonne. Sie waren mit Hundepeitschen und Pistolen bewaffnet. Die vorherige Begleitmannschaft bestand ebenfalls aus SS, der Waffen- SS entnommen, ausgerüstet wie regelrechtes Militär mit Stahlhelm, Gewehr, Gasmaske und Brotbeutel. Sie blieb vor dem Eingangstor und übergab den Blockführern ihre bisherige Aufgabe. Links vom Eingang, zirka 200 Schritte über den Platz, war das Lager für die Kriegsgefangenen. Über dem Eingang war eine weiße Tafel angebracht, die folgende Aufschrift trug: KriegsgefangenenArbeitskommando. Ein öffentlicher Betrug! Täglich kamen neue Kolonnen an und alle mußten in diesem verhältnismäßig kleinen Lager in nur ganz wenigen Blocks untergebracht werden. Woher kamen die Menschenmassen? Wohin brachte man dieselben? Sie konnten auf keinen Fall Platz haben! Nun wurde von der Lagerleitung eine Wache zusammengestellt. Wer sollte die Wache sein? Zu unserem größten Entsetzen wurden ältere politische Häftlinge dazu bestimmt. Es waren solche, die seinerzeit irgendeine kommunistische Führerstelle bekleidet hatten. Komisch! Warum gerade die? Warum gerade Häftlinge? Allerdings hatten diese nur Außenwache. Sie wurden mit Prügeln bewaffnet und hatten sich zweistündlich abzuwechseln. Wochen vergingen. Immer neue Kolonnen kamen dazu. Teile, Gruppen von zirka 300 Mann, stellte man ans Tor und führte sie später hinter die Mauer. Uns war ja längst klar, was mit ihnen geschah! Die Russen, die von niemand verstanden und prinzipiell nur deutsch angesprochen wurden und deutsche Befehle erhielten, taten sich schwer und waren arm. Verstanden sie etwas nicht, wurden sie so lange geschlagen, bis sie instinktiv entweder erraten hatten, was man von ihnen wollte oder endlich unter Prügeln zusammenbrachen. Jeden Morgen oder Abend, wenn man vorbei kam, sah man regelmäßig nackte Leichen vor den Fenstern liegen. Ja, noch mehr! Diese waren durchwegs angefressen und mußten, um von den Hungrigen nicht ganz verzehrt zu werden, streng bewacht werden. Fürchterlich sahen die Kadaver aus! Der Blockführer stand mit einer Hundepeitsche zwischen den Baracken und jagte sie, die sich kaum noch auf den Füßen halten konnten, durcheinander. Niemand verstand ihn. Es war ein fürchteıliches Chaos! Mitunter, wenn die Blockführer schlechte Laune hatten, schossen sie blind durch die Fenster in die Menge. Viele von den SU- Leuten lagen überhaupt nur mehr auf dem Boden und konnten sich nicht mehr von der Stelle rühren. Sie waren schach110 matt. mehr erhiel T von i Treibe waren noch Mens zeug S Hunde Wer Wer einer durfte einen Art? K E dann ern a gebro Ecke erheb einer N an et Lüge des ahnte Es v letzt falsc glau Hoff sich nich Dies wei Gef intel]j- EN war, Warten, Hunde- Inschaft gerüstet ke und 1 Block- war das e weiße ngenen- diesem s unter- Wohin aben! gestellt. wurden he, die hatten, lerdings >]n be- ı. Teile, hrte sie it ihnen jell nur hielten, -hlagen, n ihnen Morgen nackte , durch" ht ganz ‚en den ürchter” Laune , Viele jen und schach” i matt. Konnte ein Mann nicht mehr aufstehen, bekam er auch nichts mehr zu essen. Und selbst die anderen, die noch etwas bekamen, erhielten so wenig, daß sie glatt zum Sterben verurteilt waren. Täglich, immer wieder, lagen sie da, die Ausgelöschten. Wer von ihnen war am Krieg schuld? Wer von diesen Menschen war Treiber und Hetzer zu diesem Krieg? Ich will es sagen:„Keiner! Es waren durchwegs Bauern, Landarbeiter und Jungen, die weder da noch dort ein Wort mitsprechen konnten oder durften, es war ein Menschenmaterial, das im Krieg vielleicht das erstemal ein Flug- zeug gesehen hatte!: Sie wußten nur, daß sie gefangen waren und sich vor der Hundepeitsche zu ducken hatten, wenn diese über ihre Köpfe pfiff. Wer hatte das Recht, diese Menschen aus der Welt zu schaffen? Wer bestimmte über ihr Leben? Nur Deutschland! Noch dazu in einer Art, die man in der Geschichte bisher noch nicht kannte. Wer durfte sich das Recht nehmen, einen gefangenen Vater der Familie, einen Sohn der Mutter zu nehmen? Und zwar in unmenschlichster Art? Kopfjägermethoden waren hier an der Tagesordnung. Erst hatte man sie zu Tode gequält, halb verhungern lassen, dann durch einen Dolmetscher gefragt, wer von ihnen zu den Bau- ern arbeiten gehen wolle. Da war ein Rummel unter ihnen aus- gebrochen. Wer wollte das nicht? Selbst der, der röchelnd in der Ecke lag, der es kaum mehr hörte, versuchte, sich vom Boden zu erheben. Aber er konnte ja nicht mehr! Ja, aber leben wollte auch er! Nun standen sie vor dem Tor. Einer rannte den anderen nieder, einer trat den anderen zu Boden. Schrecklich! Und keiner dachte an etwas anderes als an die Arbeit. Keiner ahnte, daß es grausame Lüge war, was man ihnen in Aussicht gestellt hatte! Keiner von ihnen wußte, daß er in einigen Stunden im Ofen des Krematoriums sich zum letzten Male erheben würde. Niemand ahnte es! Jedem schwebte nur Eines vor den Augen: Arbeit, Brot, Freiheit! Alles oder nichts! Lastautos rollten an. Ein großer Wagen nach dem anderen. Es war 19 Uhr. Die Sonne sank im Westen und grüßte zum letzten Male die Todgeweihten. Dann begann das Hasten um das falsche Leben. Jeder wollte zuerst auf dem Wagen sein, jeder glaubte, das Leben so am schnellsten gerettet zu haben. Falsche Hoffnung! Alles Lüge! Sie wußten noch immer nicht, wen sie vor sich hatten! Sie kannten noch immer nicht die„Blüte‘ Deutschlands! Sie kannten den Siegesrausch dieser Blinden nicht. Sie ahnten nicht, daß diese Menschen sich als Herren der ganzen Welt fühlten. Diese unglückliche Meute! Man konnte sie nur bedauern und be- weinen! Da standen sie nun, die Mordbuben! Lachend peitschten sie die Gefangenen in die Wagen. Die dabei umfielen, blieben gleich liegen 0 und die Kameraden standen auf ihren sterbenden Körpern. Nun wurden noch drei vor dem Auto Niedergebrochene hinaufgeworfen, blind in die Masse der Delinquenten geschleudert. Und dabei gab es rohes Gelächter! Es war lustig um die Peitschenschwinger! Sie hatten Unterhaltung. So, und jetzt, da die Wagen überfüllt waren, wurden Zeltplachen darüber gezogen. Dann ging es los! Ein Auto nach dem anderen, eine Menschenschar nach der anderen. Hinten rief ein Russe in seiner Sprache den Brüdern zu: ,, Halt, sie bringen uns um!" Da fielen seine eigenen Kameraden über ihn her und schlugen ihn zu Tod. Und nur er allein fühlte die Wahrheit, er allein roch den Tod! So führten sie täglich dreißig und noch mehr Autos mit Opfern auf die Schießstätte, die hinter dem Krematorium in die Tiefe gebaut war. Welche Szenen sich da abspielten, kann jeder Mensch sich ausmalen... - - Außer dieser Schießstätte bauten sie noch eine raffinierte Schlächterei. Eine Baracke mit mehreren Räumen. Im ersten Raum stand ein Arzt ein verkleideter, gewöhnlicher Blockführer mit einem Abhorchgerät der die Leute, die sich im Vorraum entkleiden mußten, empfing, untersuchte und dann einzeln in den nächsten Raum befahl. Dieser war mit Wandfliesen vollkommen ausgetäfelt. Hinten war in der Wand eine Vertiefung, in die der Mann sich zur Maßabnahme stellen mußte. Kaum stand er dort, krachte es von rückwärts und er fiel mit Genickschuß zu Boden. Alle Spuren wurden dann sofort entfernt, während an allen Ecken Lautsprecher lärmten. Tag und Nacht ging das Morden! Wer noch laufen konnte, mußte im Laufschritt zur Sterbestätte. Und draußen wurden sie zu haushohen Bergen geschlichtet und verbrannt. Wer das miterlebte, konnte nur zum Himmel rufen: ,, Herr, das kannst du nicht gesehen haben, sonst wäre der Boden unter den Füßen dieser Menschen geschwunden!" Will etwa ein Nazi aufstehen und sagen, das habe die Führung nicht gewußt? Wenn wir in kurzer Zeit, es waren kaum eineinhalb Wochen vergangen, 24.000 Menschen auf diese Art entseelten und wie Holzscheite aufschlichteten? Das war organisierte Arbeit, wohlbedachte Fleischerei! Im Lager konnte man kaum mehr Luft holen, es roch überall nach süßem, verbranntem Menschenfleisch! Die Rauchsäulen nebelten die ganze Umgebung ein und zogen bis dreißig Kilometer weit über die Dächer Berlins! Aus den Kaminen der Öfen knisterten die Flammen hell und schreiend gegen den Himmel, so daß die Lagerführung sich veranlaßt fühlte, die Sache etwas einzudämmen. Es war ja Fliegergefahr und der Himmel war blutrot angehaucht. Schwärme von Raben und Krähen wanderten zum Leichenhaufen, 112 und wenn man selbst dorthin wollte, mußte man die Tiere mit Prügeln und Steinen verjagen, sonst war man seines Lebens selbst nicht mehr sicher. Da will diese. Meute von rotem Terror sprechen, wenn man in Rußland gefangene SS- Angehörige tötet! Ich glaube, da ist keine Art zu schlecht, und wenn, dann strafte sie nur der Herrgott! Er, der alles das sah und jeden Verzweifelten um Hilfe rufen hörte! Er, der wußte, was geschah! Dabei war das nicht das einzige Lager, in dem solches Morden vollbracht wurde! Das geschah fast in jedem KZ, ja, oft sogar in noch größerem Ausmaß als hier! Die Leichenhaufen mußten nun streng bewacht werden. Nicht, weil man fürchtete, daß Leichen verschleppt werden könnten, sondern weil nach einiger Zeit die Haufen sich langsam belebten. Die Gefangenen waren zum Teil schlecht getroffen, es kam also nicht selten vor, daß plötzlich ein blutüberströmter nackter Kerl vor einem stand. Und jetzt ging die Jagd erst los! Die Blockführer, die bei solchen Anlässen meist betrunken waren und kaum stehen konnten, waren nicht imstande, den Flüchtenden, der ja keinesfalls weit weglaufen konnte, sondern sich irgendwo in einem Bretterstoẞ verschloff oder mit den Händen wie ein wahnsinniges Tier sich in die Erde grub, zu erschießen! Häftlinge aus dem Krematorium wurden gerufen. Sie mußten die Ärmsten mit Spaten oder anderen herumliegenden Gegenständen erschlagen. Sehr oft kam es auch vor, daß ein scheinbarer Leichnam sich vor der Einführung in den Ofen gehörig zu wehren begann. Leider half ihm das nichtser wurde überwältigt und lebend verbrannt! Szenen, die nur der Teufel ersinnen konnte, folgten. Wir hatten unsere Köpfe erdwärts gesenkt. Keinem Menschen, ja selbst keinem Verbrecher konnte bei solchem Anblick ein Lächeln möglich sein. Nun wußten wir auch, was passieren würde, wenn diese Mordbrenner den Krieg verlieren sollten. Wie oft wurde uns das unter die Nase gerieben. In mir brannte es! Aber was dagegen tun? Die Capos sowie die Blockältesten und der Arbeitsdienst standen mit uns politisch anders Denkenden auf schlechtem Fuß. Sie waren die Diktatoren des inneren Lagers. Nur sie hatten zu essen, nur sie konnten sich Wäsche verschaffen und keiner von ihnen half den anderen. Und wir? Wir kamen in die bitterste Lage! In ein Revier oder in eine Krankenabteilung konnten wir überhaupt nicht kommen, denn auch die Capos dieser Stellen gehörten zu den anderen und hatten überall Einfluß. Hatte ein SS- Verwalter in Werkstätten oder in einer anderen Abteilung einen Wunsch, mußte er sich erst mit dem Capo der Abteilung in Verbindung setzen, da der SS jedes Organisieren bei strengster Strafe verboten war. Hatte aber der Capo die Sache in 8 113 die Hand genommen, klappte es. Er wußte ja im gegebenen Fall mit allem abzufahren. Der Verwalter war also in jeder Beziehung vom Capo abhängig.; Brauchte ein Verwalter einen Brief, wurde dieser von einem Intelligenzler geschrieben. Der Capo gab den Befehl und der Brief wurde wunschgemäß verfaßt. Das alles ließ ich durch meinen Kopf ziehen. Ich sprach auch mit dem einen oder anderen meiner Kameraden darüber, was man wohl dagegen tun könne, stieß aber immer auf Widerstand. Wenn ihnen auch das Wasser bis zum Munde reichte, sie waren immer zu feige. Trotz allen Angstgesängen dieser Würmer ließ ich nicht locker. Anfangs schwieg ich und ließ die Zeit an mich herankommen, später wurde ich der Gangster. Und das war das Bessere. Tage, Wochen vergingen. Einmal bekam ich Post, dann wieder nicht. Ich fühlte, was kommen mußte und kam. Mir waren die Hände gebunden— kein Wörtchen konnte ich davon schreiben. Ach, wie weh das tat! Fliehen wollte ich, aber wohin? Selbst Hand an mich legen? Blödsinn! Ich war vielleicht später imstande, noch alles zu meinen Gunsten zu ordnen. Eigentlich war das etwas zuviel Optimismus! Die Arbeit nahm in den letzten Wochen schrecklich zu. Es mußte in den Nächten gearbeitet werden. Da kam nun wieder ein Führer mit Extrawünschen, vielleicht für sein Liebchen. Und ich, das verhungerte Wesen, mußte dafür arbeiten und wieder arbeiten.\ Abends oder morgens, wenn wir aufhörten zu arbeiten und vom Arbeitsplatz in den Block zurück wollten, stieß uns der Qualm der verbrannten Leichen um. Ging man über den Lagerplatz, sah man am Eingang des Russenlagers— an dem man ja vorbei mußte, ob man wollte oder nicht— die Berge von Leichen. Kaum hatte man den grauenhaftesten Fraß, den man sich nur denken kann, verschlungen, hieß es antreten. Wo man den Men- schen Unruhe und Unzufriedenheit bringen konnte, tat man es, und zwar ausgiebig. Schrieb man einen völlig harmlosen Brief, der nur dem Aus- druck nach etwas kompliziert war, fand man in der Zensur bereits das Schrecklichste heraus. Der Brief wurde zerrissen und dem Block zurückgegeben. Anschließend gab es eine Vernehmung, die im besten Fall mit einer Tracht Prügel endete. Nur weil man vielleicht mitgeteilt hatte, daß man kränklich sei. Die SS wußte genau, daß die Bevölkerung im Bilde war! Hätte einer der Angehörigen einen solchen Brief bekommen, hätte er daraus doch schließen können, daß es dem Mann im Lager schlecht ging! 114 Fall mit ng vom meinem Her Brief ch auch was man d. Wenn mmer zu t locker. m, später wieder aren die chreiben. legen? meinen smus! zu. Es vielleicht Ste dafür und vom alm der ang des llte oder sich nur en Menes, und em Ausr bereits em Block die im vielleicht ar! Hätte hätte er schlecht Somit konnten wir uns mit unseren Angehörigen praktisch überhaupt nicht verständigen. Oft ließ man solche Briefe auch wochenlang in der Zensurstelle liegen. Erst recht dann, wenn man merkte, daß das Schreiben dem Gefangenen Nutzen bringen oder Beruhigung bedeuten konnte. Sadismus im höchsten Ausmaße! Schrieben die Lieben von daheim, daß sie von einer Parteioder sonstigen Dienststelle günstige Nachricht erhalten hätten, so daß der Mann Freude gehabt hätte, wurde der Brief sofort vernichtet und dem Häftling überhaupt nicht zur Kenntnis gebracht. Hatte der Herr Zensurbeamte schlechte Laune oder ein neues Mädchen obwohl er ohnehin Frau und Kind hatte und wollte er seine Holde treffen, wurden unsere Briefe, die ihm Zeit geraubt hätten, eben in den Ofen gesteckt. Wer vermochte da etwas dagegen zu sagen? Niemand! - - So ging es auch mir damals sehr schlecht. Was ich auch schrieb, es mußte alles durch die Blume gesagt werden. Es kam dennoch alles zerrissen zurück. Schrieb ich verständlich, sahen sie daraus meinen Seelenzustand, dann kam der Brief ebenfalls zurück. Es war immer das Gleiche. Und gerade zu der Zeit, da sie aus meinen Briefen einigermaßen Verzweiflung lesen konnten, war es direkte SS- Pflicht, dieselben zu vernichten. Monatelang bekam ich Post von meiner Liebsten, die fragte, warum ich nicht schreibe. Dann kam immer weniger und weniger. Wo blieb dein Versprechen? Wo dein Wort? Wo deine Liebe zu mir? Fühlst du denn nicht, wie ich leiden muß? Hast du im Trubel der Stadt mein Bild vergessen? Oder machte man dir, wie tausend anderen, klar, daß ich nicht mehr nach Hause kommen werde? So daß du wohlbedacht die große Liebe langsam versickern läßt? Ich war am Ende und rannte nicht weit von allen Todesnetzen umher. Sollte oder sollte ich nicht? - Dort die Tafel mit dem Totenkopf einen Schritt näher und ich bin Ziel der Maschinengewehre oder Opfer des Starkstroms. Eine Qual, aus tiefstem Brunnen des Leids geschöpft. Schweige und zähle die Hiebe! - Weine, aber ertrage sie! Noch schlechtere Tage sollten folgen. Die gefangenen Russen hatten außer Ungeziefer auch noch Krankheiten mitgebracht. Das wurde in den SS- Kreisen festgestellt. Dabei wurde aber vergessen, daß das Fleckfieber, das sich nun ausbreitete, aus dem ,, Alex" Gefangenenhaus in Berlin- gekommen war. Es mehrten sich die Fälle. Bei uns waren sie anfangs zwar nicht zu häufig, dagegen traten sie stark bei den Blockführern und in der SS- Kaserne auf. Dazu kamen noch die Ruhr und der Hungertyphus. Sie häuften sich ganz besonders in unserem Lager. Und 8* 115 ärztliche Hilfe gab es ja kaum. Wenn schon ärztlich eingegriffen wurde, dann geschah es, weil dadurch entweder die SS gefährdet war oder weil man eine Abwehr suchte und mit unseren Leuten am besten Proben anstellen konnte. Wieviele der Häftlinge liefen mit Phlegmone herum, und zwar so lange, bis dem Betreffenden die Maden über den von ihm selbst angefertigten Verband rollten! Welche Schmerzen solch ein Mensch hatte, kann sich wohl kaum jemand vorstellen. Ruhrkranke mußten arbeiten, bis sie neben ihrer Arbeit ver- endeten. Es ist leichter, darüber zu sprechen, als die vielen grauen- haften Situationen schriftlich zu schildern. Das wird wohl kaum einem Menschen wahrheitsgetreu gelingen. Von einem Ruhrkranken weiß ich zu erzählen, daß er solange herumlief, bis ihm die Gedärme mit dem Kot während der Arbeit austraten, bis er neben seinem Schubkarren starb! Er war bei der Planierung des Lagerplatzes beschäftigt. Fleckfieberkranke liefen so lange herum, bis sie einfach um- fielen. Wir mußten wohl eines Tages zur Impfung, aber das war reichlich spät. Mir selbst ging es damals schon nicht mehr gut. Ich hatte in Dachau sechs Impfungen bekommen, bevor ich nach Oranienburg-Sachsenhausen kam, und nun impfte man mich ebenso oft. Wir traten im Hofe des Reviers an und zwar als erster Schub gleich tausend Mann. Die Impfung besorgte ein im Revier beschäf- tigter Schlosser oder was er sonst von Beruf war. Jedenfalls etwas Ähnliches! Und außerdem noch ein SS-Mann, der sich dafür interessierte und eben willkürlich zustach. Dies war ja gerade noch nicht das Schlimmste. Die Hauptsache war, man konnte nach Berlin melden, daß das Lager geimpft worden sei. Trotz dieser unmenschlichen Zustände starben verhältnis- mäßig wenig Gefangene. Sehr groß allerdings waren die Opfer bei den Russen und nicht zuletzt bei der SS. Fast alle Blockführer suchte das Fleckfieber heim, und zwar vor allem jene, die als Hauptmörder bekannt waren. Eigenartig— ja fast unheimlich! Es zog Frau Rache über die Mauern und suchte die Mörder heim. Uns war dies sehr recht. Endlich, wenn auch nichts Besseres folgte, waren diese Schurken einmal weg! Es kam der Befehl, über das Lager die Quarantäne zu ver- hängen. Und nicht zuletzt die Generalentlausung. Jeder Mann hatte sein ganzes Hab und Gut unter dem Arm und wanderte inmitten seiner Kameraden vom Block zur Entlausung, die im rückwärtigen Lagerteil eingerichtet war. Einer Zigeunerstadt glich das Lager! 116 ingegriffen gefährdet en Leuten und zwar ihm selbst in Mensch Arbeit veren grauenwohl kaum er solange der Arbeit var bei der infach umer das war hr gut. bevor ich man mich ster Schub er beschäf Jedenfalls sich dafür erade noch en, daß das verhältnis Opfer bei Blockführer me, die als eimlich! Es heim. Uns eres folgte, ne zu verm Arm und Entlausung Diverse Kleinigkeiten verlor man unterwegs und die folgende Kolonne, die das Zeug fand, wußte damit natürlich nichts anzufangen. Man hatte ja sowieso nichts, wenn man aber sein letztes Taschentuch auch noch verlor, das ohnedies keinem mehr gleichsah, sondern eher einer Klöppelarbeit glich, so war das ein schwerer Verlust. Wir stauten uns vor den Eingängen. Standen stundenlang herum und blödelten. Endlich kamen wir an die Reihe. Beim Eingang gab es noch eine furchtbare Stockung, da jeder der Erste sein wollte. In einer Ecke des Vorraumes zog man sich ganz aus und verstaute dort seine Habseligkeiten. Zuerst Haareschneiden. Mit den zwei Haarschneidemaschinen wurden zwei- und noch mehr tausend Häftlingen die Haare geschnitten. Alles ging rasch. Diese Schneiderei war eine bittere Sache. Außer den Haaren ging meistens auch die Haut mit. Vom Ohr hing dann gleich ein Hautfetzen herunter, wir bluteten alle, als wären wir dem Fleischer in die Hände gefallen. Dabei standen wir dauernd nackt herum. In einen Raum war eine große Menge hineingepfercht worden. Hier war es kalt, daß man kein Wort herausstammeln konnte, dort gab es ein gemischtes Bad: einmal heißes Wasser, daß man am ganzen Körper völlig verbrüht war, dann im nächsten Augenblick eine eiskalte Dusche. Man hätte wahnsinnig werden können. Hatte man das alles glücklich hinter sich gebracht, wurde man mit einer Flitspritze, die mit Kuprex gefüllt war, bespritzt. Dieses Zeug brannte höllisch. Dann stand man wieder zwei gute Stunden in einem eiskalten Raum und wartete auf seine Habseligkeiten, die ausgerufen wurden. Dabei ging es wieder recht lustig zu. Erst hörte man einmal seinen Namen nicht, dann konnte man wieder mit dem besten Willen nicht bis zum Tisch vordringen, wo man seine Kleider in Empfang nehmen sollte. Dieselben waren ebenfalls entlaust worden. Sie wurden dazu in den Öfen erst schön ausgebreitet, ein Stück wurde auf das andere gelegt und dabei geriet alles bunt durcheinander. Dann erhielt man seine Sachen, die ja die Nummer irgendwo aufgenäht hatten, über die anderen Köpfe hinweg zugeworfen. Im ersten Saalabschnitt ging aus dem zusammengeschnürten Bündel das Hemd, im zweiten wieder irgend etwas anderes verloren. Zum Schluß konnte man von Glück sagen, wenn man wenigstens seine Hose wiederfand. Lustig, so was! Wenn's gut ging, konnte man nach drei bis vier Wochen durch Zufall wieder etwas von seinen Habseligkeiten finden. 117 Nach der Entlausung wurden wir in einen anderen Block ver- legt. So kam ich auf Block 51 und später auf Block 37. Dort lagen wir nun wie die Heringe zusammengeschlichtet. Keiner war im- stande, sich während der drei Wochen, die wir dort verbringen mußten, auch nur einmal während der Nacht halb umzudrehen. In einem Block, in dem sonst kaum 300 Häftlinge Platz fanden, wurden jetzt 500, 700 und noch mehr untergebracht. Ein Tisch war mehreren Gruppen zugeteilt. Normal konnten an einem derselben zwölf Mann Platz finden, jetzt waren in einer Gruppe 30! Man faßte sein Essen, stellte sich auf die Straße und aß. Im Block war es einfach unmöglich geworden. Man war draußen allerdings im Nachteil. Erstens war es kalt, zweitens pfiff der Wind, daß man sich kaum auf den Füßen halten konnte und drittens wurde die Suppe zum dicken Koch, weil der Sand vom Winde in die Suppe getragen wurde. Und zuletzt standen neben einem zehn und noch mehr Häftlinge, die nur darauf warteten, daß man etwas übrig ließ. Manchmal, wenn man sehr verstimmt war, kam es viel- leicht vor. So ein armer Teufel hatte vielleicht einmal in der Woche das Glück, eine Schale mit Pellkartoffeln zu erwischen. Außerdem war die Entlausung völlig umsonst. Nach derselben krochen die lieben Tierchen oft erst recht auf dem Hals herum. Das Fleckfieber wurde also genau wie vorher weiter übertragen. Post gab es zu dieser Zeit keine, auch durften wir nicht schrei- ben. Damit war man von der Außenwelt vollkommen abgeschlossen. Inzwischen war das Lager eine internationale Kolonie ge- worden. Franzosen, Holländer, Russen, Tschechen, Belgier, Leute aus Holländisch-Indien, Norweger, Italiener, Polen, Afrikaner, Chinesen, Japaner und Spanier waren außer den Männern aus allen Gauen Deutschlands vertreten.' Jede Nation hielt sich gehörig zusammen und unterhielt sich friedlich. Selbst gesanglich gab es schöne Darbietungen unter uns Häftlingen. Nur eine Nation war das Gegenteil— es handelte sich um Norddeutsche. Das war die zerrissenste Körperschaft in diesem großen Elendshaufen. Alle anderen halfen ihren Kameraden. Man konnte Bilder der Kameradschaft sehen, die einen zu Tränen rühr- ten. Es war rührend anzusehen, wenn einer dem anderen ein paar Kartoffeln nachtrug und ihn fütterte, wenn dieser selbst nicht mehr imstande war zu essen. Außer Polen, Russen und Franzosen, die aus allen Schichten ihres Volkes zusammengewürfelt waren, gab es bei den anderen nur Hochintelligenz, Künstler, Professoren, Philosophen, große Bau- meister und Ingenieure mit Namen. Sie waren alle gleich, alle vom gleichen großen Elend heimgesucht. Es gab keinen Unterschied. Offiziere fremder Nationen, Kameraden voll höchster Anständigkeit, ja, ganze Universitäten samt den Studenten aller Fakultäten 118 ck verlagen ar imringen en. fanden, mten an einer and aẞ. raußen Wind, rittens nde in m zehn etwas es vielWoche selben m. tragen. schreilossen. ie geLeute ikaner, us allen elt sich ter uns Ite sich diesem n. Man m rührin paar t mehr hichten anderen Be Baulle vom schied digkeit, cultäten hauchten auf diesem grauen Boden teilweise ihr Leben aus. Generale und Fürstlichkeiten, sogar vom alten österreichischen Kaiserhaus der Habsburger traf ich einen an. Er war von einer Kameradschaft, Selbstzucht und Uneigennützigkeit beseelt, daß einem die Tränen in die Augen stiegen, wenn man sein Tun und Handeln verfolgte. Ich hatte selbst oft Gelegenheit, in der nächsten Nähe dieses Habsburgers zu sein. Seine erhebende Anständigkeit strahlte direkt erwärmend über mich hin. In jeder Beziehung, in allem, ja selbst in den schrecklichsten Lagen, war er uns ständig ein Vorbild. Und dieser Habsburger war nun Gefangener des ,, Führers"! Eine Gemeinheit, die bisher noch nicht übertroffen worden war. Eine Anmaßung, die sich nur ein Narr leisten durfte. Wie konnte man einen völlig unschuldigen Menschen als Gefangenen halten, noch dazu in einer solchen Räuberhöhle? Als Geisel kam er ja ebenfalls nicht in Frage! Der ,, Führer" hatte doch Österreich angeblich befreit! Und er, der weder mit Politik, noch mit sonst etwas zu tun gehabt hatte, ihm raubte man einfach sechzig Monate von seinem Leben? Nur weil er genau so unterm Herzen seiner Mutter sein Leben empfangen hatte wie jeder andere Mensch auch? Und gerade sie aus dem Kaiserhaus Habsburg hatten das Pech, eine derartige Narrenzeit Deutschlands zu erleben, die die Geschichte überhaupt nicht imstande ist, jemals zu schildern. Und tut sie es dennoch, dann kann Deutschland sich für alle Lebenszeit schämen! Was das polnische Volk betrifft, kann Hitler auf diese seine ,, Heldentaten" besonders stolz sein! Erst schoß man auf geflüchtete Frauen und Kinder, die sich in den Wäldern vor Warschau versteckt hatten. Selbst ein Hirtenknabe mit Kuh und Hund wurde im Vorbeiflug von den Maschinengewehren und Bordwaffen niedergestreckt. Dann nahm man die Soldaten gefangen und zuletzt kamen die deutsche SS und Polizei, sperrten die Straßen ab und nahmen alle Jungen und Mädchen, die ihnen in die Hände fielen, mit. Man steckte sie in Konzentrationslager, wo man sie dann einfach systematisch ausrottete. Sie waren nun da, verstanden nicht deutsch und bekamen dafür noch eine Tracht Prügel. Nicht vergessen darf man, daß diese Leute zur Umschulung hierhergebracht worden waren. Und wie erging es denn den Studenten dieser Nationen? Sie mußten durchweg schwere Arbeiten vollbringen, wurden bei Bauten, Straßenanlagen und Plantagearbeiten verwendet, mit einem Wort, sie mußten tun, was sie nie in ihrem Leben getan hatten. Jeder von ihnen war natürlich unbeholfen. Und deshalb regnete es Schläge. 119 Solch ein junger Mensch, der ja im schönsten Wachstum war, hatte natürlich Hunger und viel, ja viel zu wenig zu essen und außerdem noch zu wenig Schlafgelegenheit. Vom seelischen Leiden will ich gar nicht sprechen. Wie ein Pole nun von den deutschen„Kulturmenschen” behandelt wurde, spottet jeder Beschreibung. Er war der„Sau- polak‘, der Sklave, das Nichts! Er wurde verhöhnt und verstoßen. Von seinen Eltern hörte er überhaupt nichts mehr. Im besten Falle traf er seinen Vater zufällig ebenfalls im Arbeitskommando, wo sie sich herzlichst umarmten und sogar dabei durfte niemand sie er- wischen, sonst verdächtigte man sie sofort, homosexuell zu sein, was von der SS gleich aufgegriffen wurde. Kein Mensch konnte etwas dagegen unternehmen. Man kann wohl sagen, daß sie zu den Ärmsten gehörten, weit hinter den wirklichen Berufsverbrechern. So gemartert sah ich noch kein Volk! Dabei war unter ihnen ein gutes Menschenmaterial, gebildet und intelligent, vor allem aber Menschen mit tiefstem Empfinden. Was die Russen und Ukrainer betrifft, kann man, wie bei den Polen, die gleiche Behauptung aufstellen. Sie waren das Futter des Sadismus der SS. Die Ukrainer wurden später ins große Lager gebracht und zur Arbeit eingeteilt. Diese durchwegs jungen Menschen machten an- fänglich einen fürchterlichen Eindruck. Nie mehr kann ich das Bild vergessen, als zum ersten Male die Ukrainer losgelassen wurden! Wie ein Schwarm von Fischen zogen sie los und zu unserem Block. Es war, als wäre man an einem Teich gestanden und hätte dort die Tierchen mit guten Leckerbissen gefüttert. Zehn und noch mehr standen auf einmal um einen von uns und guckten uns an, als hätten sie die erste Begegnung mit Menschen gehabt. Bald kamen wir darauf, daß sie nichts anderes wollten als Zigaretten. Arm— sagte man sich, aber wie ging es denn uns? Nach der Zigarette folgte die Bitte um Brot. Ja, wo denn das nur hernehmen? Wir gaben das letzte, was wir noch im Spind hatten, den halbver- hungerten Kameraden.„Iß!' Ja!" sagte er, dankte und aß, indem er sich vor unseren Füßen auf dem Boden niederließ. Dem Affen gleich, dem Menschen ähnlich. Wie kamen sie über- haupt hierher? Sie waren doch genau so wie unser Österreich„be- freit? Ganz einfach, man versprach ihnen gute„Arbeit und Ver- dienst im Reich, stellte sie zu Transporten zusammen und über- führte sie in Konzentrationslager! Bitter! Haus und Hof mußten sie verlassen. 120 war, m und Leiden chen" ,, Sautoßen. Falle wo sie sie ersein, onnte , weit noch ebildet Finden. ei den er des nd zur en anale die zogen hätte noch ns an, kamen rm garette Wir lbverFüßen überh ,, beVerüberDa es natürlich durchwegs junge Leute waren und da man befürchtete, daß sie Kommunisten seien, wurden sie zur Umschulung, wie man ihnen vorspiegelte, ins Lager gebracht. Bekleidet wie wir, numeriert wie wir, gefangen wie wir! Genau wie uns hatte man sie von allem, was sie hatten, befreit! Junge, rüstige Burschen, die in einigen Monaten dem Hunger erlagen. Schwere Arbeit und fast kein Brot. Bei den Franzosen war es etwas anders. Sie waren alle aus einer uns benachbarten Kohlengrube, also Bergleute. Sie hatten dort gestreikt und die Arbeit auf kurze Zeit eingestellt. Warum? Ja, sie verdienten eben zu wenig. Als die Deutschen in Frankreich einmarschiert waren, hatten sie die Löhne der Bergarbeiter gekürzt und längere Arbeitszeit angeordnet. Es war ganz einfach. Vorher war das Einkommen schon sehr kläglich und jetzt, durch die ,, Schützer" von Arbeit und Arbeitern, war es noch kläglicher als zuvor. Eines Tages trugen sie ihre Schmach dem dort diktierenden Kommissar vor. Das Ende vom Lied? ,, Arbeiten und schweigen oder eingesperrt werden!" Keiner konnte sich vorstellen, daß man sie gleich auf Jahre. hinaus verschleppen, ja, daß man sogar die Frauen internieren würde! So waren sie zu uns gekommen, wo sie im Freiland arbeiteten. Für sie gab es von Anfang an kein Dach und keine Hilfe. Der Tod riß auch bei ihnen fürchterliche Lücken. Erst hielten sie sich, dann aber fielen sie, den Fliegen gleich, einfach um. Einer nach dem anderen verendete, grüßte noch Weib und Kind und verschied. Unter den Holländern befanden sich zum Großteil Offiziere, Künstler und Studenten. Bei den Offizieren handelte es sich fast durchwegs um Seeleute, die in den Häfen gelegen waren und nach Holländisch- Indien hatten auslaufen wollen. Der Krieg überraschte sie. Die deutschen Truppen wollten von ihnen nichts, aber die Partei brachte sie wie Verbrecher hinter Schloß und Riegel. Daß natürlich ein Volk, das überfallen wurde, nicht gut auf den neuen Herrn zu sprechen war, ist klar! Erinnern wir uns nur an das Ende des Weltkrieges. Besetzung heißt natürlich nie Befreiung. Diese Meinung vertritt leider nur der Nationalsozialist. Wo in Europa wurde jemand befreit? Die Ostmark? Von wem und wovon? Wir hatten erst seit der Befreiung Kommissare! Vorher, finde ich, waren wir vollkommen frei. Und ehe der Nazi sich ins Innere einmischte und den Bürgerkrieg entfesseln wollte, waren wir noch freier! In Holland das gleiche, und wo war es nicht so? In welchem Staate Europas regierte ein anderes Volk als das eigene? 121 Leider erlebt man Geniales nie oder nur sehr selten. Man findet kaum einen Führer, der nach seiner Niederlage Hand an sich legte, weil er das Volk ins Unglück geführt, sondern nur, weil er nicht mehr das sein konnte, was er bisher war. Wie freuen wir uns, wenn uns ein anderes Volk ehrt und schätzt! Wie werden wir angespornt von der Eleganz der Nachbar- kultur! Wie schätzt mich der, den ich verehren muß! Und wie ver- achtet mich ein Volk, das ich nicht anerkenne, das ich brutal ver- nichte? Wie sehr aber hat dann der sich Rächende sich verrechnet! Denn hier war ja nicht das Volk, sondern der Völkling. Es ging schon gegen Weihnachten, da hörte ich, während ich Spielzeug malte, im Nebenraum der Werkstätte den Ton einer Geige. Langsam lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück, legte den zu bemalenden Würfel weg und lauschte. Meine Kehle war wie zugeschnürt und um meinen Atem rang ich förmlich. Meine Kameraden, die wußten, daß ich Musiker war, baten mich nun, ihnen etwas vorzuspielen, was ich auch tat. Am Nachmittag wurde ich dem Kapellmeister, einem norddeutschen Komponisten, auch Häftling, vorgestellt. Derselbe beabsichtigte, eine Kapelle zusammenzustellen. Von der Lagerleitung wurde es bewilligt und nun wollte er mich als Konzertmeister verwenden. Ich versprach ihm mein Mitwirken und die absolute Mitarbeit bei der Organisation der Kapelle. Wir arbeiteten nun eifrig. Was tat man nicht alles für die Kunst! Wir durften uns im Laufe der Zeit auch Instrumente schicken lassen. Trotz schwerster Arbeit, Hunger und Sorge gelang es uns, ein stattliches Orchester zusammenzustellen. Wir suchten uns einen Raum zum Proben, in dem wir fast täglich zusammenkamen. Hier im Lager gab es ja gute Kräfte, Sänger von Staatsopern, Musiker von Ruf, Komponisten und Schauspieler. Ich hatte nun die Ehre, Violinkonzerte zu geben und war über- glücklich, mit den alten Meistern in ihrer Sprache zu reden. Leider wurden wir von der Notwendigkeit einer Isolierung wegen der wütenden Seuchen überrascht. Neuerliche Quarantäne! Also wieder das ganze Hab und Gut auf den Rücken und wie eine Zigeunerhorde losgezogen. Entlausung und Umsiedlung in einen anderen Block. Wieder mehr Hunger, wieder keine Schlafgelegenheit und noch mehr Arbeit waren das Resultat. Vor allem, und das traf uns am meisten, gab es zu solchen Zeiten keine Post. Menschliche Wracks brachen zusammen. 122 Sindet egte, nicht = und hbare ververhnetl hrend einer e den I wie baten - Am schen tigte, de es enden. eit bei ir die mente ms, ein einen . Hier usiker überierung and wie d noch olchen Der Leichenführer war von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr abends unterwegs. Von Block zu Block, von Baracke zu Baracke fuhr er und holte sich die sterblichen Überreste unserer Kameraden. Der Mann war ein unheimlicher Vogel. Er war als Berufsverbrecher ins Lager gekommen und hatte seit Jahren keine andere Beschäftigung, als seine toten Brüder stumm und lautlos zu transportieren. Sein Gesicht glich dem einer räudigen Eule. Eine abnormale Hakennase teilte sein krätziges Gesicht. Sonst war er ein grober und gefühlloser, kräftiger Bursche, der, wenn es sein mußte, den Sterbenden noch mit einem gehörigen Schlag ins Genick schneller ins Jenseits beförderte. Auch ging die Mär im Lager, daß er nirgends zum Fenster hineinschauen durfte, wenn er mit seinem Wägelchen einen Toten holte. Es war aber auch eigenartig mit diesem Totenvogel. Guckte er irgendwo beim Vorbeifahren hinein, so hatte er in diesem Block am nächsten Tag auch schon eine Leiche abzuholen. Ging oder stand man zwischen den Baracken und sah ihn herannahen, flüchtete man vor ihm. ,, Der Totenvogel!", hieß es, und alles war weg. Ich dachte immer, mit diesem Kerl will ich nie zusammenkommen. Leider verrechnete ich mich gehörig. Später mußte ich sogar sein Vorgesetzter werden. Und nun hatte ich Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen. Immer dicker kam das Elend. Es schien, als hätte der Teufel die Hölle zu uns ins Lager verlegt. Fast jeder, dem man unterwegs begegnete, war ein wandelnder Leichnam. Angsterfüllt schritt man seinem Block hin und her. Die Blockführer mieden das Lager, für sie war es fast der sichere Tod, wenn sie mit uns in Berührung kamen. Es starb aber auch einer nach dem anderen. Draußen vor der Mauer, Richtung Krematorium, stieg Qualm gegen den Himmel. Flammen züngelten. Tag und Nacht hörte man in gleichen Abständen das Abschießen von Menschen. Rabenschwärme kamen von weit her, um sich auf den Leichenhaufen den Fraẞ zu holen. Vollkommen von der Welt abgeschnitten, standen wir in unserer Freizeit in Häufchen beisammen. Frierend rieten wir herum, was dagegen zu machen sei. Das Treiben ging so weit, daß wir sicher behaupten konnten, daß das Ende uns nun erreicht habe. Jeder betete im stillen nach seiner Art. Wohin man kam, hörte man das Jammern um Frau und Kind, um die Liebste, um Jugendzeit und Vergangenes, gleich einem alten Paare, das nur mehr die schwere Truhe erwartet. Trübe, regnerische, neblige Tage drückten noch mehr unsere elende Stimmung. Endlich ging auch das langsam dem Ende zu. Statt des triefenden, langweiligen Regens wirbelten nun lustig weiße Flocken über 123 Früh unsere Totentrommel. Und nun war es gleich besser. Man stand in seiner Freizeit an einer Ecke der Straßen und unterhielt sich mit den wirbelnden Sternchen. Ließ Heimat, Haus und Gasse, Leben um Leben an sich vorüberziehen, bis alles das eine Träne aus dem Sinnenden lockte und ihn zwang, das gefährliche Spiel abzubrechen. Wie viele sprangen nach solchen schönen Minuten aus Verzweiflung und Heimweh in den geladenen Stacheldraht! Hunderte in einem Jahr! ,, Häftling Nr. 39.407 auf der Flucht erschossen!", lautete dann die Meldung vom Turm B an die vorgesetzte Stelle. ,, Vater, du suchtest dem Schicksal zu entfliehen?", fragten Frau und Kind, vor der Urne stehend. ,, Du, der du immer froh und lachend jeden Schlag pariertest? ,, Ja!", sprach die Urne. ,, Ich wollte zu euch, und nun habt ihr mich!" Ein höllischer Sturm, der von der Ostsee über uns hereinbrach, trieb die Flocken wüst durcheinander. Uns fror erbärmlich. Nach dem Abendbrot, das weitaus nicht reichte, meinen Hunger einigermaßen zu stillen, floh ich zur verabredeten Stelle, die ich mit meinem Kameraden, einem Priester, am Morgen desselben Tages vereinbart hatte. Niemand durfte mich dabei ertappen; es war äußerst gefährlich, mit einem Priester in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen. Was wollte ich mit ihm, dem Verfluchten? Mit dem ,, Ubel", wie man ihn allerorts nannte? Was wollte ich von ihm? Ich bat ihn, mir eine Beichte abzunehmen, was er auch tat. Erwischen durfte uns wohl keiner, ja, eine leiseste Verständigung genügte schon, um sterben zu müssen. Ruhig und gelassen nahm er mich bei der Hand, um mich in die dunkelste Ecke des Lagers zu führen. ,, So", sprach er ,,, hier wollen wir mit unserem Herrgott reden! Und zwar nicht wie kleine Kinder, sondern wie Menschen mit ihm reden sollen, die unter seiner Geißel leiden. Und gerade du dürftest wohl auch noch zurechtkommen", meinte er. Der Herr möge dir über deine letzten Stunden hinweghelfen angesichts dieses himmelschreienden Elends!" Plötzlich trieb mich der Sturm von ihm ab. So sah er sich genötigt, mich in seine Arme zu nehmen und zu führen. Er sprach vom Leiden Christi, das dieser ohne Zorn und ohne jeden Vorwurf gegen den Himmel hingenommen. Sprach von meinem Sterben und meinte, daß ich es leicht überstehen würde. ,, Ja, sag du mir, Freund, meinst du wirklich, daß mein Zustand derart schlecht ist?" ,, Ja", sagte er ,,, willst du ihn verleugnen?" Ich mußte ihm sagen, daß ich ans Sterben noch lange nicht dächte. Ich fühlte Kraft genug in mir und glaubte, wenigstens den 124 mein klag best sagte ja d wen Nim fen, Woc laufe dich sage wen weg nich unse des dete bräu Bloc und Mir die über Men trag che ling den sch Kun ein Wol kni stand ch mit en um s dem echen. = Vernderte dann ragten ertest? abt ihr brach, Hunle, die selben hrlich, stehen. wie ch tat. digung mich in reden! mit ihm ürftest möge dieses er sich sprach orwurf Sterben Zustand e nicht ens den Frühling noch zu erleben. Und bis dahin würde der Himmel sich meiner erbarmt haben. Wir tauschten unser Leid aus und ich klagte und meinte, daß eine Post von meiner Braut mich wohl bestimmt wieder aufrichten würde. Er tröstete mich still und sagte: ,, Aber, was willst du denn mit einer Braut? Du kannst sie ja doch nicht mehr glücklich machen als kranker Mensch! Und wenn sie dir nicht schreibt, hat sie dich bestimmt schon vergessen. Nimm die Stunde, wie sie dir gegeben wird. Kopf hoch und kämpfen, dem Herrn vertrauen und abwarten, das ist deine Pflicht. Wochenlang schon sehe ich dich leiden, mit gesenktem Kopf herumlaufen und tiefvergrämt herumirren. Ich fühle mich verpflichtet, dich zu ermahnen und dich einigermaßen aufzurichten. Und zwar sage ich dir, daß ich damit den Stärksten unter uns aufrichten will!" ,, Den Stärksten?", fragte ich. ,, Nennst du mich noch stark?" ,, Ja", grollte er ,,, du bist noch immer der Stärkste unter uns, wenn du willst, und wir rechneten mit dir. Und jetzt willst du wegen einer Frau zusammenklappen? Raff dich auf! Wenn sie dir nicht treu bleiben kann, dann verdient sie dich auch nicht, und unser Herr straft solche Menschen. Sei nun gesegnet im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geists. Amen!" Inzwischen hatten wir seinen Block erreicht und er verabschiedete sich mit den Worten: ,, In alter Frische!" Das war so der gebräuchlichste Gruß bei uns. Dann stolperte ich durch Pfützen und dunkelste Nacht meinem Block zu. Da gab es zu kämpfen! Der Sturm war hart und stark und peitschte winselnd über mich hinweg. Oft mußte ich rasten. Mir war auch ganz komisch zumute. Mein Ohr hörte noch immer die Worte des Priesters: ,, Den Herrn erwarten und die letzte Stunde überstehen, ist nur noch deine Pflicht!" Jetzt? Schon so jung? Ein Mensch, der voller Erwartung ist? Nur weil die Füße ihn nicht mehr tragen? O nein, jetzt noch nicht, später, erst viel später! Ich atme Harz und fühle Grün, seh' Weihrauch durch dein Stübchen zieh'n, den Lichterbaum in tausend Tränen spiegeln... Ja, einst und jetzt! Hier stand ich im Verbrecherkleid, Häftling Nr. 39.123, zu Weihnachten 1941. Statt Bäumchen mit strahlenden Kerzen Leichen mit bleichen Gesichtern! ,, Du, wach auf! Was schläfst du hier in Sturm und Wind auf schmutziger Straße? Komm, wach auf! Heiliger Abend ist!" Am Arm packte ich einen Kameraden. Ich schüttelte den Kumpel einmal gehörig. Es half alles nichts, ich schlug ihm schon ein paarmal ins Gesicht, versuchte, ihn durch ein paar zarte Stöße mit den Füßen wachzukriegen. Alles umsonst! Er tat nicht mit. Er wollte nicht mehr! ,, Willst du vielleicht hier so mutterseelenallein verrecken...?" Nichts Neues! Aber ich wollte es nicht glauben! Noch einmal kniete ich mich mit dem rechten Bein auf seine Brust und schüttelte 125 ihn. Vielleicht schlief er vor Schwäche und Hunger? Sehen konnte man nichts, es war stockdunkle Nacht. „Wach auf, Kumpel! Heiliger Abend ist!" Nein, er wollte nicht mehr, der Sturm nur antwortete, heulte um unsere beiden Gestalten und floh wieder vor uns. „Oh, grüß du, Wind, die Seinen, und sag ihnen, daß ihr Vater- schläft!" „Komm, wir wollen gehen, im Block ist's wärmer!” So redete ich noch immer auf den Schläfer ein. Da es nichts half und mein Reden wie auf einen Stein wirkte, nahm ich den Kerl über die Achseln und schleppte ihn zum nächstliegenden Block.„Komm, noch ein paar Schritte sind es, komm nur, komm!" „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht...., so hörten wir das Lied von den Häftlingen singen. Der Sturm flötete seine Melodie dazu und einige Mundharmonikas umrankten die alte Weise von Gruber. „schlafe in himmlischer Ruh, schlafe in himmlischer Ruh....!" Jetzt sind wir im Vorraum der Stube. Wie siehst du eigentlich aus? Und wer bist du? Das heißt: wie lautet deine Nummer? Es ist leider schon zu spät, dich zu fragen, wer du bist! Du, armer Teufel! Hättest du das Sterben nicht vorverlegen können? Oder für später aufheben? Heute, am 24. Dezember 1941? „schlafe in himmlischer Ruh....!' Nun stehen sie da, die Brüder, um deine Sterblichkeit! Alles verstummt und trauert um den fremden Kameraden. Durch die Tür hört man das Knistern und Winseln der Flammen des naheliegen- den Krematoriums. Menschliche Hüllen brennen, Söhne der herrlichen Heimat! Wie schauerlich sich das Winseln der Gluten anhört. Immer wieder Menschen um Menschen. Haufen um Haufen von Leichen erstehen. Kein Ende nimmt diese höllische Rösterei. Oben, am Ende des zehn Meter hohen Kamins, schlagen noch die Flammen heraus und erhellen die schweigende Halde. Seit Tagen, Wochen, ja sogar schon Monaten züngeln die Feuerzungen schreiend gegen den Himmel. Und heute, da die ganze Welt, ob Freund, ob Feind, von einer gewissen Friedensstimmung beeindruckt wird und die Stunde der Geburt des Jesuskindleins feiert, jedem Kind das Herz im Leiblein noch einmal so schnell vor Freude pocht und keiner, selbst nicht der größte Tyrann, in Wut mit Blut seinen Dolch beschmutzt, da gibt es doch einen, den der Teufel seiner Fesseln entledigt, der herzlos selbst über Weib und Kind hinwegschreitet, um zu mor- den und seine Opfer zu verbrennen. Es ist der SS-Mann, der Hüter des Deutschtums und seiner 126 xonnte heulte Vater redete d mein er die Komm, 11 ..", so flötete en die h...!" entlich Es ist Teufel! später Alles die Tür liegene der Immer Leichen m Ende heraus sogar en den n einer de der Leiblein st nicht utzt, da atledigt, zu morseiner Kultur. Der Garant der gegenwärtigen und kommenden Generationen! Der Zukunft! Betrunken, unter sich raufend und spielend, trampelt die SS mit ihren groben, genagelten Stiefeln vollkommen entmenscht auf den Leibern der Toten, auf den von ihnen heute, am 24. Dezember 1941, hingemordeten deutschen Brüdern! Es ist der Mensch die Bestie in all der Schöpfung! ,, Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht..." ,, Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?" So schriebst du einst, Schubert- Franzl! Ein Bruder sagt über unsere Zeit den treffenden Satz: ,, Sie werden die Toten beneiden." Wir tun das schon seit Jahr und Tag und weinen dabei. Erst bedauern wir den Sterbenden, weil wir vor dem Sterben eine gewisse Angst haben. Er hat's vollbracht! Dann weinen wir aber nicht mehr! Würden wir schon vorher geweint haben, was bedeutend vernünftiger gewesen wäre, es würde keiner mehr von Vollbringen und Erlösung sprechen. Wenn du, Mensch, nicht besser das Leben gestalten kannst als bisher, dann stelle keinen mehr in die Welt, den dann der Tod erst erlösen muß, sondern stirb ab, rotte dich selbst aus und sei erlöst! Dem Letzten aber sage ich noch, er möge der Schöpfung eine Hymne hinterlassen mit dem Titel: Wir haben es vollbracht! So gingen wir mit Humor und gekünstelter Arbeitsfreude ins neue Jahr. Am Morgen des 1. Jänner besuchte man die engeren Kameraden und wünschte jedem die Freiheit. Oft bekam man die Antwort: ,, Alle gehen wir mit den Beinen voraus durchs Tor in die Heimat! Prosit Neujahr!" ,, Jung!" Damit verschwand der Antwortende mit einem Schmunzeln. Feiertage waren immer schlimme Zeiten für die Häftlinge. Die älteren Menschen konnten sich besser im Zaum halten, die Jüngeren dagegen nicht. Eines Tages packte sie das Heimweh und trotz aller Aussichtslosigkeit, daß die Flucht gelingen könnte, rannten sie heroisch wie Irre in den Tod. So auch jetzt einer. Neujahr und die Weihnachtstage überwand er, dann aber konnte er nicht mehr. In der ersten Woche schon floh er aus seinem Außenkommando. Alle zur Verfügung stehenden Wachen der SS, der Ortsgruppen usw. wurden zur Verfolgung des armen Toren eingesetzt, während wir im Lager auf dem Appellplatz stehen mußten, bis er gefunden wurde. 10 127 Die Arbeitszeiten wurden eingehalten, Freizeit und Nacht standen wir. Eisige Kälte, peitschende Stürme begleiteten nun unser Unglück. Schwächere und Kranke mußten also ganz sicher daran glauben. Sie fielen in der Einteilung plötzlich um und mußten dann auf dem Boden liegenbleiben. Und wenn so einer dann bei 28 bis 30 und noch mehr Grad Kälte stundenlang den anderen Kameraden zu Füßen lag, war er verloren. Niemand durfte ihm helfen. So gab es bei den Tausenden von Krüppeln auch ebenso viele Krepierende. Es gab wieder einen Haufen von Leichen. Dabei waren nicht einmal alle der Umgefallenen tot! Im Keller wurden dann alle aufeinandergeschlichtet, und der, der eben Glück hatte, kam oben auf den Haufen zu liegen. Der Unglückliche, der unten lag und noch nicht ganz tot war, mußte auf diese Weise unbedingt ersticken. Am nächsten Morgen, wenn man den Keller öffnete, standen plötzlich drei, vier nackte Gestalten vor einem, auf deren Oberschenkel mit Tintenstift etwa geschrieben war: Geb. am 1. 6. 1910, gest. am 3. 1. 1942. Es kam aber auch vor, daß ein SS- Mann die Armen mit einem Genickschuß nach ihrem ,, Glück" noch glücklicher machte. Nach diesem Muster ging es nun schon seit den ersten Wochen des Jahres 1942. Ein wahrhaft trostloser Anfang! Am Schlusse dieses Katz- und- Maus- Spieles kam eines Tages die Maus mit einer großen Trommel um den Hals trommelnd durchs Tor marschiert. Mitten auf dem Platz stand ein Block bereit, den der Delinquent nach seinem Rundgang besteigen mußte. Zwei der SS- Männer, mit Stahlruten bewaffnet, standen da mit aufgekrempelten Ärmeln. Grinsende Gesichter sah man hinter den Schlagenden, der Herr Lagerführer, der Herr Lagerarzt, der Überwacher der Zeremonie, der Rapportführer und viele andere Neugierige waren da. Der Flüchtling wurde nun am Kopf gepackt und über den Block gestreckt. Und es ging los! 25 Doppelschläge aus allen Leibeskräften der Schlagenden bissen sich ins Fleisch der Maus"! Oft genug schlugen sie dem Ärmsten das Rückgrat ab oder die Niere wurde dabei zerrissen, immer aber wurden die Beckenknochen schwer verletzt. Viele traf der Herzschlag, andere wieder starben nachher unter furchtbaren Schmerzen. Nach dieser ,, Kulturzeremonie" wurde der Eingebrachte in den Bunker gesteckt. Dort blieb er 42 Tage liegen. Jeden vierten Tag bekam er etwas zu essen. Wurde das Geschirr am vierten Tag nicht in Ordnung befunden, bekam der Insasse erst am achten Tag wieder etwas. Sonst gab es Brot und Wasser, hartes Lager und dunkle Zelle und Prügel, sooft der Herr Scharführer die Zelle betrat. War der Geflüchtete mehr als einen Tag unterwegs gewesen, wurde von der Lagerleitung ,, Einbruch" angenommen, der angeblich in der Nacht durchgeführt worden war. 128 ,, Atelier" im Keller Das wurde nicht ohne Absicht angeführt, denn während der Nacht unterlag der Einbrecher dem Luftschutzgesetz und in diesem Falle wurde die Todesstrafe über ihn verhängt. So wurde die Flucht eben angenommen und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler gemeldet. Nach 42 Tagen torkelte der Häftling, einem vollkommen Betrunkenen gleich, endlich aus dem Bunker. Hunger war der Grund, daß er beim Gehen das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte. Auf dem Platz standen seit 4 Uhr früh die Häftlinge. Am Ende der über den Platz führenden Straße stand ein Galgen. Dem Delinquenten wurde nun vor den Zwanzigtausend das Urteil kurz und bündig verlesen: ,, Wegen Einbruch bei Verdunkelung und Flucht wurde der Häftling Nr...... zum Tode durch den Strang verurteilt. Heinrich Himmler, Reichsführer- SS." Der Ärmste betrat nun ruhig und gelassen, mit lächelnder Miene, den Galgen, richtete sich die Schnur um den Hals selbst, winkte seinen Kameraden noch einmal zu und starb. Genau um 6 Uhr früh war die Schau beendet. Während der Zeremonie stand der Stab der Lagerführung mit dem Arzt breitbeinig um den Galgen und machte sich über die Gesten des Sterbenden lustig. Anschließend stotterte der Lagerführer, von Angst und Gewissensbissen geplagt, vor den Zwanzigtausend eine kurze, meist unverständliche Rede. Worauf ihn zwanzigtausend Gesichter schmunzelnd anglotzten, als wollten sie sagen: ,, Du hängst später oben, genau so!" Die Kolonnen marschierten darauf zur Arbeit ab und defilierten an dem Lagerführer, Richtung Ausgang, vorbei. - Aus meinem Arbeitskommando- Kunstmaler wurde ich entlassen. Weihnachten waren vorüber. Manches Pferdchen und Spielzeug, von mir angefertigt, war vielleicht auch schon längst nicht mehr, denn die Kinder, wie wir ja alle wissen, haben solche Sachen nur kurze Zeit gern, dann werden sie in eine Ecke geworfen und vergessen. Somit war meine Arbeit für das Jahr 1941 beendet. Brotzulage und Dach waren mir nun auch entzogen worden und ich war verurteilt, den ganzen Tag in Sturm und Schneegestöber zu stehen. ,, Stehkommando" bezeichnete man diese geistreiche Beschäftigung. Mein Gesundheitszustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Für die Nacht besaß ich eine einzige Decke! Da ich im dritten der aufeinandergestellten Betten schlief und da sich über mir der Lüftungsschacht ein kleiner Holzaufbau mit Dach-- befand, war ich bis zum Morgen mit einer zwei Zentimeter hohen Schneedecke zugedeckt. Mich fror. Anfangs schlief ich nur in - 129 } Y kurzen Abständen, und erst nach längerer Zeit konnte ich mich so daran gewöhnen, daß ich einigermaßen schlief. Sonntags, während die anderen Häftlinge ihre Briefe lasen, die sie von ihrem Lieb, von Mutter, Freund und Frau erhalten hatten, irrte ich stundenlang im Flockenrausch umher. Da quälten mich böse Bilder und Gedanken. Ich sah mein verlorenes Lieb in glücklichen Stunden und das Gesichtchen stand immer vor mir. Draußen in Gottes freier Natur, unter Tann’ und fliehendem Gefieder, sah ich sie in Sport und Liebelei verfangen, im tiefsten Rausch der Jugend. „Hast recht‘, dachte ich in einer besinnlichen Stunde wieder, „warum sollst du trauern, vielleicht deine Jugend vergessen wegen eines Menschen, der doch längst zu den Toten zählt? Hast recht, lebe, solange du und dein Sein lebens- und begehrenswert sind! Später vielleicht ist es schon zu spät.” Anderseits wieder leitete mich das Kind in mir. Gram, unaus- löschlicher, nie endenwollender Schmerz belastete mich derart, daß ich mein langsam grau werdendes Haupt stets zur Erde geneigt trug. Langsam flüchtete ich vor dieser Welt, es wurde Zeit für mich, mich mit dem Jenseits zu befassen. Und so wartete ich, schon unwillig werdend, auf die erlösende Stunde. Aus den Stehkommandos wurden wir zu schwerster Arbeit herangezogen, und noch elender als alles andere arbeitende Volk — als die irgend Verwendbaren— behandelt. „Muselmann‘ war unsere Bezeichnung. Darunter verstand man eine kranke, dahinsiechende, kaum mehr auf den Füßen stehende Kreatur, die nicht einmal mehr das wenige Essen, das man ihr vor die Füße warf, verdiente.„Krematoriumsanwärter”,„Sargbe- wohner‘ und„Friedhofsanwärter” war unsere nunmehrige Bezeich- nung. Die Nummer, die in Kürze ausschied, der Häftling„Musel- mann‘', der in Bälde den Flammen übergeben werden sollte. Nun war auch ich dort angelangt, wohin ich nie hätte kommen sollen, dort, wo man, ehe man hinkommt, sich durch freiwilligen Verzicht aufs Leben glücklich machen kann. Der Muselmann Nr. 39.123, der unglücklich in Vergessenheit Geratene, der Einzelgänger ohne Freund und Heimat, ohne Lust und Leben, der, an einer Schnur seinen Sarg hinter sich herziehend, die Straße zum Friedhof wandelte, und sehnsüchtig mit betautem Auge Ausschau nach dem Tore hielt— dieser„Muselmann” war ich: Ein Tag voll Schrecken neigte sich vor meinem Antlitz. Die Sonne grüßte mit ihrer letzten Strahlen allerletzten Glut. Ein kleines Stehkommando rückte mit mir als Abladekommando in das Klinker- werk aus. Wir hatten Autos mit Baumaterialien entladen. Die schweren Zementsäcke, die ich schon seit dem Morgen auf dem Rücken trug, drückten mich bis zum Abend bereits zu Boden. Keinen 130 ich die ten ten das dem sten der, gen cht, Find! ausart, eigt für chon -beit Volk man ende vor gbeeichuselmen ligen mheit und , die Auge ch... . Die eines nkerDie dem einen Schritt konnte ich mehr tun. Ein Hieb nach dem anderen sauste mir über den Rücken. Als ich nun endlich in der Pfütze lag, mit dem Gesicht nach unten, und nicht mehr aufstehen konnte, befahl der Blockführer den übrigen Häftlingen, die Zementsäcke der beiden letzten Autos, die damit beladen waren, auf mich zu werfen. Das Blut, das mir aus unzähligen geschlagenen Wunden strömte, färbte bereits die Lache. Oh, sie labte mich, sie war zum Brunnen des in der Wüste Sterbenden geworden, der seine letzten Wunden in ihr kühlen konnte. Du also bist der Platz meines Endes, der letztbegangene Quadratmeter meines Kreuzweges!- Herr, geh nun du mit mir! Noch einmal richtete ich mit gesammelten Kräften meinen Oberkörper auf. Meine Augen schlug ich, indem ich still den Herrn um ein schnelles Ende bat, gegen den Himmel auf. Dann aber sank ich wieder zurück in die Pfütze und ein Schlag von rückwärts nahm mir das Bewußtsein. - - Zwei Stunden dürfte ich noch nach Aussagen meiner Kameraden dort gelegen haben, da kam der Lagerführer des Weges. Er rief den Blockführer, der mich auf alle Fälle tot ins Lager bringen wollte, von der Stelle. Mich aber befahl er den Kameraden auf die Säcke zu legen und dann ins Lager- woher wir gekommen zu bringen. - Mir brummte der Schädel, während die Kameraden mich trugen. Von allen Seiten meines Gesichtes tropfte Blut. Nur Weite des Himmels vermochte ich von allem zu unterscheiden, sonst nichts. Schmerzen fühlte ich nicht mehr, alles war tot. Ich hatte keine Kraft im Denkvermögen mehr, nur unverständliche Laute tauchten neben mir auf und unter. Während des Tragens überfiel mich ein ungewöhnliches, noch nie dagewesenes Unwohlsein. Ich mußte brechen. Nach und nach begann ich wieder die unheimlichen Schmerzen zu fühlen. In jeder Faser meiner Muskeln zuckte es. Wir gingen durch das Tor unseres Lagers. Rechts davon mußten sie mich hinstellen. Mit aller Kraft und Anstrengung versuchte ich, mich auf den Beinen zu halten, aber es war umsonst. Einem aufgestellten Brette gleich, fiel ich, ohne mich auffangen zu können, auf den Boden. - - Noch einmal ließ ich mein Leben vorüberziehen. Trostlose Schmach trauriges Beginnen ganz wenig Freude war in diesem Bilderbuch zu sehen. Die Geige, das einzige Ding, begrenzte mir einige Stunden, sonst aber war nichts mit mir gegangen. Noch am Schlusse schenkte Gott mir Farbe und Pinsel und das Auge, das in Blumen und Menschen mich eine Welt erblicken ließ, die gleiche wie die der Töne, herrlich und erhaben, ein Himmelreich inmitten aller Irdlichkeit. Sie beide, Geige und Pinsel, entzündeten mir selbst in den schwersten Stunden freudumrankte Träumereien. Sie waren Totengräber elendester Zeit und zugleich die Be9* 131 schwinger und Befruchter meines kläglichen Daseins. Jetzt sollte ich auch noch meinen geliebten Werkzeugen Ade sagen? Noch in den letzten Tagen durfte ich mit meinem Mozart, mit Beethoven und vielen anderen längst Verblichenen von ewigen Freuden plaudern. Oh, wie sprachen sie alle sanft und tief zu mir! Wie oft reichten diese Lieben mir mit ihren Worten das Brot, wenn ich hungrig vor ihrem Altar saß. So ist's— hier sind Brot und Geist deiner großen Freunde. Nimm aus ihrer Hand, die rein und ebenso schwergeprüft wie deine, früh gefaltet ward zum ewigen Gebet. Oh, ihr geliebten Meister, nehmt mich sinkenden Schüler in eure Arme, laßt mein Spiel ertönen und teilt mich ein in den Ring der Symphoniker des Leichenchores. Schön waren, trotz aller Menschenschlächterei, die letzten Stunden der vergangenen Tage. Wie viele mochte mein Geiglein dort getröstet haben, die so hinter dem Orchester, die Augen ge- schlossen, träumten und am nächsten Tag ihren Leib der Erde übergaben. Damals sprach ich still für mich die glücklichen Worte: „Heute noch nicht, morgen vielleicht!“ Während ich in meinen Träumereien auf dem Boden lag, wurde hinter mir der Appell abgehalten. Ich hörte die Tritte der mar- schierenden Kameraden, die Kommandostimmen der Blockältesten und Blockführer. Doch bald war Totenstille hinter mir. Auf einmal näherten sich mir derbe Schritte. „Willst du nicht aufstehen, du faules Schwein? Das war die gleiche Stimme wie die des Blockführers, der mich schon am Nachmittag hatte morden wollen. „Das ist der Dachauer Maler, der mit einer Beamtin ein Ver- hältnis anbahnte. Er wollte ihr den Kopf verdrehen, dieser Ver- brecher! Außerdem hatte die Dame ohnehin einen sS-Führer als Verehrer, Herr Lagerführer, Sie werden ja den dortigen Apotheker gekannt haben? Es war SS-Untersturmführer Müller‘, so meldete er weiter. „So, also das ist dieser Lump? Für den weiß ich schon etwas. Der kommt nachher gleich zu der Russenkolonne!“, antwortete der Lagerführer im Weggehen.} Der Blockführer blieb zurück, drehte mich dann höhnisch um und sagte grinsend: „Damals war's schön, gell, so mit der Blondine, aber warte nur, heute wird's noch schöner, da hinten, du weißt ja!" Er zeigte mit seiner Rechten zur Erschießungsstätte. Wie blieb mir das egal! Im Gegenteil— dahinten ging es doch bedeutend schneller! Wie aber kam er zu dem Namen„Müller“? Wohl wußte ich, daß Elfi mit dem Dachauer Apotheker näher bekannt war, daß er sich aber gerade diesen Menschen als Rachegrund hernahm, blieb mir ein ewiges Rätsel. 132 Bald darauf verschwand dieser Mordknecht. Er schlug den Weg zu den mir zur Linken stehenden Russen ein, die wohl zur Er- schießung ausgesucht waren. „Gott sei Dank‘, murmelte ich vor mich hin.„Nur meine Lieben sollen mir noch Träumerei der letzten Stunde sein und sie, für die ich gern lächelnd sterbe, sie, die mir einmal alles gewesen war. Wo bist du? Würdest du mich hier sehen, du müßtest mir dein Herz erschließen, du müßtest in Tränen mir einen Becher Wasser reichen, auf daß ich, wieder gestärkt von deiner Hand, zu einem neuen Leben, das ich ja so gerne leben würde, aufblickte. Du aber bist ferne. Sei gesegnet in der Ferne von mir, der, im Schmutz kriechend und sterbend, deine Füße küßt“. Inzwischen war es schon Nacht um mich geworden. Meine Knochen konnte ich vor Kälte nicht mehr bewegen. Unter den Kom- mandos, die da einrückten, erkannte ich meinen Kameraden Arthur — einen älteren Herrn aus Berlin—, der gute Beziehungen zum Revier hatte. Wie mir nachher erzählt wurde, eilte er nach dem Appell sofort dorthin und machte einen ihm sehr gut bekannten und bei den Ärzten sehr einflußreichen Capo auf meine Lage auf- merksam. Dieser unternahm sofort Schritte für mich und besprach mit dem Arzt meinen Zustand. Freilich konnte der, wenn er wollte, etwas unternehmen. Nun war die erste Russenkolonne zum Erschießen abgeführt wor- den. Ich, der nun nicht mehr länger gewillt war, in Sturm und Eis zu liegen, kroch auf dem Bauch zur nächstfolgenden Kolonne vor, die in Kürze abtransportiert werden sollte. Allerdings hatte niemand hier das Recht, mich zu erschießen, aber die Herren hielten es für besser, mich auf irgend eine Weise geschickt unter den Haufen der Delinquenten zu bringen, um so ein krüppeliges Wesen einfach mit . der ihnen zur Verfügung stehenden Motivierung:„Auf der Flucht erschossen” aus der Welt zu schaffen. Wer hinderte sie daran? Wer fragte nach mir? Wer hätte sich dagegen zur Wehr setzen können? Niemand!{ Plötzlich trat ein Offizier, ein Arzt, zu mir. Er hob meinen Kopf in die Höhe und fragte mich: „Bist du der Anselm? Der Dachauer Maler!“ Stumm nickte ich. Ich erkannte ihn nicht. Dann verschwand er durch das Tor. Nach seinen Blicken zu den Fenstern des ersten Stockes konnte man annehmen, daß er das Zimmer des Lagerführers aufzusuchen gewillt war. Er kam nach kurzer Zeit wieder und ließ mich von den Russen auf die andere Seite des Tores legen. Längst war die Kolonne nicht mehr, längst hatten sie ihre Seelen dem Himmel und alle Sterblichkeit den Flammen übergeben, da holten mich zwei Häftlinge auf Weisung des Lagerführers vom 133 Tor weg. Im Block wusch ich mir, nachdem ich mich einigermaßen erwärmt hatte, mein Gesicht und die Hände vom Blute rein. Mein Kamerad Arthur, der mir dabei behilflich war, half mir noch ins Bett, deckte mich zu und wünschte mir eine gute Nacht, während er mit seinen Händen zart meine Wangen streichelte und dabei die Worte flüsterte:„So ein Hexenmeister der Geige darf noch nicht sterben!“ j Am nächsten Morgen wurde ich mit einem Laufzettel gesucht. Ein Laufzettel wurde nur dann gebraucht, wenn der Häftling ins Revier aufgenommen werden sollte oder vom Arzt auf Wunsch irgend einer Behörde untersucht werden sollte. Ich bekam vom Läufer den Laufzettel:„Häftling Nr. 39.123, geb. am 2. 5. 1913, um 8 Uhr beim Arzt im Revier 1 zu melden.” Was sollte das? Sollte ich entlassen werden? Oder hatte viel- leicht Berlin mich angefordert? Hatten die Herren am grünen Tisch eingesehen, daß man einen Menschen, der harmlos sein Herz verlor, nicht umbringen konnte? Oder brauchten sie mich zum Malen? Mit allen möglichen Fragen mich quälend, arbeitete ich mich, nur schwer weiterkommend, vorwärts ins Revier. Der Arzt fragte mich nach meinem Gesundheitszustand, wäh- rend seine Augen hastig den vor ihm liegenden Akt durchflogen. Tausend für- und widersprechende Gedanken durchblitzten mein nichtsahnendes Gehirn. Laß kommen, was da kommen mag, du kannst es ohnehin nicht ändern. Hier bist du der Spielball des Schicksals! „Herzinsuffizienz', sagte der Arzt.„Bleibt hier!" Er drückte auf einen am Schreibtisch angebrachten Knopf, wor- auf ein Sanitätsunteroffizier das Zimmer betrat und stramm vor dem Arzt stehenblieb. „Der Mann bleibt hier!‘, befahl der Arzt, indem er auf mich zeigte.„Er soll sich ein Zimmer aussuchen, das ihm zusagt, und wenn er’s gefunden hat, soll er sich wieder bei mir melden!" „Jawohl!', antwortete der Unteroffizier und befahl mir, mit ihm zu kommen. Ich war ganz eigenartig vom stillen Glück überrascht worden. Zimmer aussuchen? Ja, hält mich denn der Herrgott in seinen Hän- den? So etwas gab es doch bisher nicht? Ich war doch immer mit den unwahrscheinlichsten Martern gequält worden— eine der- artige Umwälzung war mir noch nie vorgekommen! Doch was war in diesem verrückten Staat nicht alles möglich! Einfach alles! Gestern sterben müssen, heute verwöhnt werden, morgen vielleicht gekreuzigt mitten auf dem Appellplatz hängen nn in ein hohes Amt eingesetzt werden, war nie unwahrschein- ich! 134 Unwahrscheinlich wäre nur gewesen, wenn einmal ein wirk- licher, großer, gemeiner Berufsverbrecher zu uns gekommen wäre, die man durch den Rundfunk aller Offentlichkeit als Verbrecher hinstellte. Was mochte da nur dahinterstecken? Bald sollte ich es er- fahren. Nachdem ich in einem Zimmer untergebracht worden war, meldete ich mich beim Arzt zurück. Er stand auf und führte mich in sein Privatzimmer, das nun mein Arbeitszimmer werden sollte. Natürlich nur unter der Bedingung, daß ich ihn porträtieren und allen sonstigen Wünschen, die er mir bei Gelegenheit sagen wollte, nachkommen würde. Damit gab er mir den Schlüssel ünd ließ mich allein im Zimmer stehen. „Lustig, sagte ich leise vor mich hin., Farben und Pinsel? Und was man sonst noch alles braucht? Or- ganisieren wahrscheinlich! Ja, wenn diese Herren etwas wollten, mußte es her! Dabei war es uns streng verboten, einem SS-Ange- hörigen etwas zu machen. Wehe, wenn einem Vorgesetzten das für einen Untergebenen Fertiggestellte gefiel— dann wurde der Häftling auf das strengste bestraft und die Arbeit wurde dem Untergebenen weggenommen und vernichtet— das heißt, beim Vorgesetzten aufbewahrt. Oh, wie schön war es hier! Man hatte einigermaßen zu essen, von allen Blockführern sah man den ganzen Tag nichts und konnte daher auch nicht mißhandelt werden, auf dem Appellplatz mußte ich auch nicht mehr in Sturm und Regen, Schnee und Eis, bei Tag und Nacht stehen— mit einem Wort, für mich war es der Himmel auf Erden. Nur eines, was mich sehr bedrückte, war mir dort nähergerückt als je zuvor: das Ende der Menschen, das man draußen, vor dem Eingang des Reviers, nicht mehr beachtete! Ja, tagelang sah ich mir das Fangspiel zwischen Tod und Menschen an, bis endlich der Mensch in einer Ecke seines Leidens erschöpft in die Hand des Fangenden fiel. Gerade dort konnte man von zehn Menschen neun enden sehen. Sie suchte ich täglich auf, sie, die scheiden mußten, sie, die mit jeder Faser an guten Hoffnungen hingen. Sie ging ich trösten "und stärken. Und oft hätte ich mit ihnen gerne getauscht! Sie hatten Weib und Kind, die Liebste und alle Getreuen und mußten sterben. Sie, die hoffnungsvoll in alle Zukunft blicken konnten. Und ich, der längst Vergessene, mußte leben? Frühling war es wieder! So sang ein Stimmchen in jeder Brust. Jeden Geist umregte stilles Werden. „Frühling! Noch einmal umtanzten uns, abschiednehmend, spärlich und schüchtern, einige große Flocken, die von der bereits unaufhaltbar 135 durchbrechenden Sonne des rufenden März, noch ‚ehe sie die graue Erde küssen durften, aufgesogen wurden. Der noch mit Eisschuppen bedeckte Erdbusen ließ sich aber nicht mehr bezwingen. Er grüßte die Menschen mit seinem Werden und seinem emsig da und dort reifenden Grün, gleich einem zur Knospe heranblühenden Maidlein, das seiner kindlichen Schale überdrüßig, dieselbe einfach abwirft, weil sie ihr Werden stört. Ebenso entstand in uns und draußen zu unseren Füßen das Werdende, das unaufhaltbare Kommen und Vollbringen, Beseelen und Sehnen nach Freiheit und Ungebundensein. Frühling sind wir wie sie, die Scholle, die wir begehen, wie er, der Acker, der, neu gefurcht, gleich unseren Adern an Hand und Bein, vor uns sich geheimnisvoll ausbreitet. So läßt der Herr zu deinen Füßen die Erde wieder blühn! Streift über dunkle Scholle sein heilig Sammetgrün. O trinke, selbst der Frühling, Aus diesem dein Erstehn! Was immer du auch tun magst, bedenke am Beginn das Ziel der frohen Pläne, und Deiner Taten Sinn... So betrat ich, Pilger, auf den Pilgerstab gestützt, die Scholle der Erde und des Lebens, das beispiellose Gleichnis meines Kom- mens und Vergehens. Mein unterdrückter Genius wollte zum Lichte, wollte den Odem aus dem Zauberborn der Schöpfung saugen. Ich konnte den Druck nicht länger ertragen, ich mußte mich gegen mich und meine Ketten aufbäumen, mich gegen alle Schmach und unnütze Demütigung stemmen. Auftrag um Auftrag wurde mir erteilt. Dem einen eine Land- schaft, dem anderen ein Stilleben oder ein Porträt. Wohin sollte ich mit meiner Zeit? Der Tag ward mir zu kurz. Die Nacht, die mir praktisch ohnehin nur zur Hälfte zur Verfügung stand, brauchte ich dringend, um mich endlich ein bißchen erholen zu können. Zuerst mußte ich die Wünsche meines Arztes erfüllen, der meine„Maschine” wieder zurechtgerichtet und mir durch illegale Traubenzuckerinjektionen mein Leben wiedergegeben hatte. Sein Wunsch war ein Porträt von ihm. Vorläufig besaß ich jedoch weder Pinsel noch Farben, keine Leinwand, keinen Rahmen. Alles, was dazu nötig war, fehlte mir. „Organisieren!', meinten alle, denen ich mein Leid klagte. Schön! Aber der Malercapo, dem diese Requisiten zur Ver- fügung standen, wollte ja davon nichts wissen und mir auf keinen Fall das nötige Werkzeug in die Hand spielen, das ihm selbst bisher 136 die größten Dienste geleistet hatte. Das wäre ihm natürlich alles eher als angenehm gewesen. Eines Tages kam ich nun mit Druck, den mein Lagerarzt in- direkt durch den Sanitätsunteroffizier auf ihn ausüben ließ. Darauf erhielt ich endlich einige Farben und Pinsel. Ganz schäbige Reste hatte ich da in meiner zitternden Hand. „Malen bedeutet für dich die Rettung, Wiedersehen und noch mehr!“, dachte ich. Also heißt es, aus Nichts etwas hervorbringen! Das Ol zur Verdünnung wurde mittels eines Rezeptes vom Sanitätsunteroffizier herbeigebracht, und nun ging es los. Eine außerordentlich gefährliche Sache im Konzentrationslager! Erstens war es verboten, ohne Genehmigung des Komman- danten für SS-Mitglieder zu arbeiten oder auf ihren Befehl eine Arbeit fertigzustellen. Zweitens, wurde man dabei ertappt, konnte niemand einen schützen. Im Gegenteil— selbst der Auftraggeber schüttelte auf Be- fragen seines Vorgesetzten sein unschuldiges Haupt und beteuerte, nichts zu wissen. Und drittens hatte man unverhältnismäßige Strafe zu erwarten. Also war das ein Spiel, das man unter Umständen mit dem Leben bezahlen mußte. Daher hieß es, größte Vorsicht walten zu lassen. Ich drehte den Schlüssel in der Tür des Privatzimmers des Arztes um, um mich einzuschließen, guckte aber vorher öfter aus dem Fenster und prüfte gleich einem Fuchs die ganze Gegend mit wohlgeschultem Auge. Alles in Ordnung! In einer Ecke des Zimmers, die von außen nicht sofort erblickt werden konnte, richtete ich meine Requisiten. Meinen bespannten Rahmen stellte ich so auf, daß ich zu jeder Zeit im gegebenen Augenblick damit verschwinden konnte. Ja, selbst der Arzt fürchtete sich vor einer eventuellen unglück- lichen Minute, in der man mich ertappen konnte, und prüfte mich eingehend auf meine Schnelligkeit und Findigkeit, indem er einige Male den Lagerführer spielte und mich zu überraschen versuchte, was ihm aber jedesmal mißlang. „Ein alter Lagerfuchs!”, schmunzelte er zufrieden und ging. Kaum hatte ich eine Woche gemalt, konnte ich beweisen, wie sehr ich dem Lagerkommandanten samt seinem Stab überlegen war. Es war ein regnerischer Dienstagnachmittag, als plötzlich an - meiner Tür heftig geklopft wurde. Gerade mitten in der Arbeit wollte jemand herein. Mein Arzt konnte es nach dem vereinbarten Klopfsignal nicht sein, und so stieg mir die Angst durch Mark und Bein bis weit über das Genick. Nicht rühren, war der erste Grundsatz. Draußen vor der Tür wurde es still und auffallend ruhig. Es erweckte den Anschein, als wüßte der Klopfer genau, was sich hinter den vier Wänden ab- 137 spielte. Ich stand da und wartete wie eine Säule auf den nächsten Schritt, der mir verraten sollte, wohin der da draußen wollte. Kälte durchzuckte meinen Rücken. Vernehmung, Bunker, Auspeitschung, Baum hängen— alle ihre netten Methoden durchflogen mein Ge- hirn.. „Wo ist der Schlüssel hier von dieser Tür! Kruzifix!', brüllte der vor der Tür Stehende durch den langen Gang. Ich erkannte die Stimme des Lagerkommandanten, eines uns wohlbekannten, rück- sichtslosen Menschenfressers. Schnell nahm ich das Bild, die Pinsel an der Brust zwischen Haut und Hemd versteckend, ließ die Farben in den Taschen ver- schwinden und kroch lautlos durchs Fenster, indem ich noch den Lumpen, mit dem ich die Fenster hie und da überholte, mitstreifte. Ich lehnte das Bild steil an die Barackenwand, ging von Fenster zu Fenster und tat, als hätte ich den Befehl, sie zu reinigen. Inzwischen meldete sich der von einem Häftling herbeigeholte Lagerarzt beim Kommandanten. Als ich durchs Fenster zurück in mein Zimmer wollte, öffnete sich die Tür desselben und der Arzt führte seinen unguten Gast herein. Nun putzte ich auch hier die Scheiben. „Häftling Nr. 39.123 zum Fensterputzen befohlen!”, schrie ich meinem Arzt, der, bleich wie eine Mauer, das Zimmer betrat, ent- gegen. Seine zaghaft herausgelallten Worte, mit denen er seinem Vor- gesetzten auf dessen Fragen antwortete, verrieten sein sehr be- lastetes Gewissen. Als er aber, sich rasch erholend, das von Farben und Pinseln völlig geräumte Zimmer sah, überlief seinen ernsten Mund ein stilles Lächeln. „Gut!”, antwortete der Arzt, der inzwischen auch noch vom begleitenden Stab des Kommandanten mit einem zivilen Gast über- rascht worden war. Nach kurzer Begrüßung und sich unterhaltend verließen die Ankömmlinge das Revier. Mein Arzt, der sie bis zum Tor begleitet hatte, kam nun wieder, sich den kalten Angstschweiß von der Stirne wischend, zurück. „Verflucht und zugenäht!”, stieß er fast atemlos hervor, indem er sich setzte. „Du bist doch ein alter Fuchs! Wo hast du denn das Bild?“ „Das Bild?', fragte ich zurück, als hätte nie eines existiert. „Ja, das Bild!“, meinte er erschrocken. „Suchen Sie einmal! Ich glaube nicht, daß Sie es finden werden‘, antwortete ich in aller Ruhe. Da war er gespannt. „Das wär’ ja zum Lachen, in diesem Zimmerchen so ein Bild nicht zu finden!". Er fuhr aus seinem Sessel auf und suchte jeden Winkel, jedes kleinste Versteck ab. Dann stand er vor mir wie ein ten alte ng, Gellte die ickhen verden ifte. ster olte in Arzt die ich entVorbeseln ein wom bercend zum weiß dem den Bild eden ein Esel, der nicht mehr weiter weiß, starrte mein froh lächelndes Gesicht an und meinte dann, von der Überraschung beeindruckt: ,, Bei euch Gaunern ist man doch immer und auf alle Fälle der Beschmierte! Du bist noch imstande, einen lebendig und ohne daß man's merkt, zum Teufel zu tragen!" Er warf mir einige Zigaretten zu und verschwand. Ein paar Tage später besprachen wir ein neues Versteck, in dem ich mehr Ruhe haben sollte. Ich verlegte mein ,, Atelier" in die Keller und Kanalschächte und räumte alle meine Habseligkeiten in die geheimnisvollen Tiefen. Eine Eisentür im hintersten Winkel des Kellers, durch die ich mich gebückt arbeitete, war der Eingang zu einem durch das ganze Revier führenden Kanalschacht, der nur spärlich von elektrischen Lampen beleuchtet werden konnte. Von diesem führten links und rechts kleinere, bedeutend niedrigere Gänge, die äußerst schlecht beleuchtet waren, zu anderen Schächten. Ich kroch nun mit meinen Habseligkeiten, einen geeigneten Platz suchend, durch viele solche dunkle Gänge, stolperte, schlug mir an zwanzig nicht gesehenen Gerümpelhaufen die Knochen blutig und fand zu allerletzt bald nicht mehr zurück. Wasser tropfte von Wand und Decke. Ich stieg bald da, bald dort in eine bis zu den Knöcheln reichende Pfütze, fiel von einer Grube in die andere, verlor vor lauter Hasten und Tummeln ein kostbares Farbtiegelchen oder eine Tube, die ich erst nach langem Herumtasten in stündiger Irrfahrt einer versperrten Eisentür, durch die ich unheimliches Getöse, Schleifen auf dem Boden, Fallen von knochigen Fleischteilen wie im Fleischerladen, Herumrücken von leeren Kisten, Auffallen von Schädeln auf Stein und noch mehr unheimliche Geräusche hören konnte. Ich stand still, fühlte mein Blaẞwerden und lauschte atemlos. Kein Wort von Menschenlippen konnte ich vernehmen, nur schleifende, scheinbar mit Gummischuhen bekleidete Füße reinigten hastig den Steinboden. Es hörte sich an, als würden Geister und Entseelte sich da nebenan in einer unheimlichen tiefen Gruft bewegen. Ich horchte und horchte, legte meine Sachen behutsam und leise zur Seite und preßte mein Ohr an die feuchte Steinwand. - So stand ich eine Ewigkeit da mein Herz vernahm ich bis zum Hals angstgehetzt pochen und noch immer war kein Wort von Menschen zu hören. " I - , Was mag sich da in diesen Tiefen abspielen?", fragte ich mich, und tausend Bilder des Schreckens, alles schon Erlebte und Gesehene stiegen wie ein Film aus der vor mir schleichenden Dunkelheit auf. Gleichmäßiges, von weither kommendes, pistolenähnliches Knallen kaum hörbar durchbrach die unheimliche Stille. - - 139 Jedesmal sah ich dabei vor mir einen zusammensinkenden Leichnam. Wieder, wieder und wieder— Menschen? Ist es möglich? „Sie morden ja seit dem Herbst schon‘— antwortete mir meine innere Stimme. Da ging mir ein Seufzer durch.„Und wann bist du an der Reihe? Heute noch nicht, aber morgen vielleicht!” So resignierte ich, auf dem Boden kauernd, eine ganze Weile. Auf einmal waren Worte zu vernehmen. Schnell legte ich mein Ohr wieder an die Steinwand: „Kumpel war's!" „Was?", fragte der andere zurück,„mein Kumpel? Warum mußte denn der verrecken? Nach diesen Worten fiel ein nackter Körper zu Boden. „Ist wahrscheinlich in den Draht gelaufen!“ ‚Ja, man sieht's an seinen Verbrennungen. Guck einmal!“ Dann war eine kurze Zeit Stille. „Den haben sie ja anständig zerschossen, sieben Löcher an einer Stelle! „Maschinenpistole‘, meinte der andere wieder. „Tja, stecken wir uns noch eine an?", fragte einer den anderen. Gleich darauf hörte ich das Anzünden. „Ob’s uns wohl auch noch erwischen wird?" ‚‚ Vielleicht!‘ „He!”, rief da ein dritter dazwischen. „al „Die Leichen kann man dem Leichenführer mitgeben, sind sechsundachtzig Stück, werden heute noch verbrannt! Sollen aber auf die Kisten Obacht geben, sonst verlieren sie zum Schluß noch einige Trümmer und ich geh’ an den Baum.” Bald erkannte ich an dieser rauhen Stimme den Capo der Pathologie. Er war ein netter, lieber, gerne singender Geselle, von dem man sich aber im Lager die schrecklichsten Geschichten erzählte. „Der Leichenschneider", hieß es, wenn er des Wegs daher- schaukelte, und alles bestaunte ausweichend den unheimlichen Ge- sellen. Er war so ein richtiger Hafengangster. Äußerlich rauh und hart, innerlich aber weich wie eine Blüte, dem nicht selten auch eine Träne im Auge klebte. Er wußte uns viele graue Geschichten von seinem im Lager erlernten Handwerk zu erzählen. Wir horch- ten oft mit offenem Munde zu und kaltes Gruseln übermannte uns, Alle von ihm in Stücke geschnittenen Leichen tanzten, auf ihn zeigend, an uns vorüber, als wollten sie seine Erzählung bestätigen. Damals am Abend, als ich ihm auf der Geige vorspielte, saß er in einer Ecke und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ihn brach die Geige förmlich. Und als ich den Schlußton verklingen ließ, sprang er mit Tränen in den Augen von seinem Sessel auf, warf mir einige Zigaretten hin und rannte in der Richtung Leichenkeller da- von. So war erimmer. Sprach man von seinem schönen Daheim, so fuhr er einen hart an und sagte: „Halt’s Maul, hier ist dein Daheim, sonst rutschst du mir einmal unters Messer! Diese blöde Grüblerei, kriegen bloß immer Heim- weh davon!“ Und bald darauf verschwand er. Ging man ihm nach, konnte man den armen Teufel bei den Toten finden. Ging ihm eben auch nahe, das ständige Zerstückeln von Leichen, schließlich waren es ja seine Kameraden. Heute aber grollte er fürchterlich in diesem geheimnisvollen Keller. Lange lauschte ich, bis die Knochen mir vor Angst langsam zu schlottern begannen. Dann suchte ich die weggelegten Mal- utensilien auf dem Boden wieder zusammen und scherte mich von dieser unheimlichen Stelle. „Hier kannst du nicht malen, da wirst du verrückt! Die immer- währende Leichenschleiferei auf dem Boden bringt einen ja ganz aus dem Häuschen. Hau wieder ab!“, murmelte ich vor mich hin und schaute mich noch ein paarmal um! Mir war, als käme mir einer nach und ein Zug von Bleichen wolle mich zurückrufen. „Komm und sieh dir’'s an!“ Plaudite amici, comoedia finita est! Nach langem, angstvollem Herumirren in dieser Unterwelt fand ich endlich eine passende Stelle in einem Nebengang. Licht gab es hier nicht, nur ein kleiner, matter, gebrochener Schein von der Lampe des Hauptkanals belichtete den Anfang des Eingangs meines neuen„Ateliers“. „Gut, hier wird gemalt!” Hinter mir in der Ecke gab es einige zerfallene Kistenteile, alte Blechbüchsen und Säcke. Ein paar Ker- zen, die ich mitgebracht hatte, sollten mir als Beleuchtung dienen. Allerdings durfte ich nur eine von den wenigen anzünden, denn was dann, wenn sie verbraucht waren? Eine alte Kiste diente mir als Staffelei, einige Brettchen und die Steine ergaben eine Sitzgelegen- heit. Geradestehen war unmöglich. So arbeitete ich recht vergnügt, und bald schon hatte ich mich eingelebt. Ein Photo des Arztes diente mir als Modellbehelf für dessen Porträt. Konnte ich nicht mehr weiter, verließ ich die Tiefe, sperrte recht vorsichtig und womöglich lautlos die Eisentüre auf, huschte den langen Kellergang an der Küche vorbei und die Stiege empor, schlich in die Nähe des Arztes, durchwanderte sein Gesicht auf- merksam mit meinen Blicken, und verschwand wieder, wie ich gekommen, in die Tiefe. Einige Male besuchte mich mein Modell. Er setzte sich auf einen von mir errichteten steinernen Sitz und beguckte sich mein märchen- haftes Atelier. 141. „Manchmal steigt mir ein Grauen auf, wenn ich da sitzel‘, meinte er.„Ist doch ein eigenartiges Gefühl hier in diesen Räumen!“ Einmal sprang einem eine Ratte über die Stiefel, dann wieder pfiffen einige Mäuschen aus der dunklen Ecke. „Unheimlich! Aber das Bild wird trotzdem sehr schön!‘“, mur- melte er zu seinem Porträt, das er vor sich, genau beobachtend, in beiden Händen hielt. Dann gab er mir eine Zigarette und ließ sich wieder durch viele Gänge zum Ausgang führen, wo er glück- strahlend, erlöst vom Dunkel, wieder verschwand. Ja, ja, die Mäuschen, sie sind von Menschen nicht gerne ge- sehen, und hier waren sie meine liebsten Gäste. Gestern, als ich meine Farben auf die Leinwand brachte, war es so drollig mit den kleinen Dingelchen. Erst hatten sie wahr- scheinlich Fangen gespielt und dabei mein Oltiegelchen ganz über- sehen. Denn als ich meine Farben verdünnen wollte, war mein Tiegelchen umgeworfen und das Ol rann auf dem Boden. Ich fluchte und schimpfte wie ein Rohrspatz und schaufelte dann mit einem flachen Pinsel das ausgeschüttete Ol, so gut es ging, wieder in das Tiegelchen zurück. Als ich wieder eine Weile in dem Gesicht vor mir herum- gepinselt, da ein Licht und dort einen Schatten auf Nase und Mund getan hatte, huschten mir wieder Tierchen über meine Holzsockel. Ich legte meine Palette zur Seite und beobachtete das lustige Spiel. Auf einmal kollerte mein Tiegelchen samt dem Ol wieder auf dem Boden herum.: „Luder, erbärmliche! Da kann man ja nicht genug Augen im Kopf haben bei euch! Schon liegt der Dreck wieder da! Himmlische Baßgeigen! Diese verrückten Rabenviecher! Laßt euch ja nicht erwischen!" So schimpfte und fluchte ich einige Zeit und dann war es end- lich ruhig um mich. Als ich alle Ecken mit meinen zornigen Blicken absuchte, guckte eine da, die andere dort und eine dritte aus der Kistenecke ganz verdutzt hervor. Wie kleine Kinder, die etwas angestellt, dafür gescholten worden waren und einem dann das Mitleid aus dem Herzen ziehen. Genau so! Diese kleinen Lumpen sahen einen fragend an und standen da, als hätte man ihnen Unrecht getan. „Gut“, dachte ich,„mußt eben dein Ol höher stellen.” Später, als ich meine Palette wieder zur Seite legte, mir eine Zigarette anzündete und meine Arbeit kritisierend betrachtete, krabbelte es auf meiner Palette! Als ich näher hinsah, hatten mir diese Kerlchen die Farbwürstchen bunt durcheinandergetrampelt und waren davongelaufen. Da kam mir das Lachen aus. Mit bunten Füßchen liefen sie nun durcheinander in den Ecken herum und waren scheinbar sehr erfreut, daß sie mir meine Farben mischen helfen durften. Mit 142 nte der urin ich ckgewar hrberein hte em das umund kel. biel. Hem im che cht endken der was das pen echt eine ete, mir pelt sie sehr Mit der Zeit taten mir die kleinen Tiefenbewohner sehr leid. Ich konnte es nicht mehr, wie bisher, übers Herz bringen, mein mitgebrachtes Stück Brot allein zu essen. So legte ich ihnen nun auf meine zweite, nie gebrauchte Palette ein Stückchen hin. Erst waren die kleinen Missetäter sehr mißtrauisch. Sie holten sich ihren Bissen nur, wenn ich nicht da war. Später dagegen waren die Kleinchen sehr ungehalten, wenn sie nicht zur gleichen Zeit wie ich ihre Jause bekamen. Sehr niedlich und traut fraßen sie von nun an direkt von der hingehaltenen Palette und erschraken selbst bei kleineren Bewegungen nicht mehr. ,, Ein recht tolles Atelier!", sagte einmal ein Kamerad zu mir. ,, Du mußt diesen Zirkus einmal malen, wenn du wieder in Freiheit bist! Selbst der Film wird daran seine Freude haben. Der Zirkus unter der Erde! Künstler in den Katakomben des zwanzigsten Jahrhunderts!!" Scherz, mein Bruder, neben mir, Und tanz im Glück der Farben, Teil dein Brötchen mit dem Tier, Eh' du zu mir getragen. Trag lautlos deinen Schmerz, die Qual, Und tue heil'ge Pflicht. Wenn einst das Horn der Toten schallt, Dann lösch auch du dein Licht. Nimm mit das bunte Farbgewirr, Das Brettchen und den Pinsel, Komm mit allem dem Getier, Mit Fluchen und Gewinsel! Schlag zu im Rücken deine Tür, Tritt in den Staub das Weh', Komm, Streifen- Legionär, zu mir, Und sag der Welt ade! Noch viele Modelle lernten mein Atelier kennen und alle überkam ein Gruseln schon beim Eintritt. Auch mir selbst ging es nicht anders. Kaum tat ich den Schritt zur letzten eisernen Tür, durchrann mich ein kalter Schauer. Vielleicht waren es die toten Wächter, die von drüben hergeeilt kamen, die Tore zu ihrer Welt zu hüten? Vielleicht war es die Welt, der ich in jeder Stunde meines Lebens nahe stand, aus deren kühlen Fernen ich mir meinen Odem holte? Vielleicht war ich der nächste Wächter dieser dunklen Burg im Frieden? Vielleicht der Freund der Toten? 143 Immer wieder suchte ich die Stelle auf, an der ich das Schleifen der Leichen hörte, und immer wieder blieb ich betend zwischen dem dunklen, feuchten Gemäuer stehen. ,, Vater unser, der du bist in dem Himmel, geheiliget werde dein Name, dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden..." Täglich und immer war das Privatzimmer des Arztes meine Zufluchtsstätte. Dort sperrte ich mich ein, wenn Heimweh oder der tiefe Schmerz mich heimsuchten. Morgens um 5 Uhr, oft noch früher, überholte ich mit Bürste und Lappen den roten Boden. Ich fütterte die kleinen Goldfischlein, die mich immer wieder trösteten, und sann durchs Fenster in die kommende Morgenröte. In einiger Entfernung erhob sich über dem Rasen die Warnungstafel mit dem Totenkopf vor dem geladenen Stacheldraht. Posten trabten mit ihren schweren Stiefeln zwischen Mauer und Draht ihren Türmen zu und führten auf einem Schubkarren, der von Häftlingen geschoben wurde, das Frühstück für die Nachtwache mit. Leises, einzelnes Gezirp der Vögel und unheimliches Gekrächze aus den Lüften, das die Krähen im Morgenfluge ausstießen, belebten den Morgen. Sie holten sich da drüben ihr Frühmahl. Dort, wo müder Rauchqualm den Schlot verließ, unter dem der letzte Leichnam der Nacht verglühte und zusammenfiel. Dort, wo sich nackte Leiber zu Bergen häuften und die grinsenden, starren Larven zu dem Mond starrten, dort holte sich der schwarze Segler täglich sein Teil. Ein neuer Tag des Schreckens war angebrochen. Vom Turm A ertönte in aller Morgenfrühe das Wecksignal. Alt und jung, todkrank und schwach, egal, sie sprangen alle wie von Hunden gehetzt aus ihren Betten, von ihrem Baumwollager. Ein Regewerden und hastiges Leben, ein Rennen um Leben und Tod durchzuckte das Lager der gestreiften Legionen. Keiner wußte, ob er sein Bett am Abend wieder finden würde. Alles rannte, flüchtete vor den auf Rädern durchfahrenden Blockführern. Sie kontrollierten, ob wohl auch jedermann auf seinen Füßen stand. Es gab ja kein Erst- sterben- Müssen, es gab nur Lebendige und Tote. Hastig wurde das Bett gebaut, gewaschen und der schwarze Kaffee hinter die Binde gegossen, die Stube reingefegt und schon ertönte das Signal zum Appell. Alles stand in Reih und Glied vor seiner Baracke, Mann und Maus vor seinem Block! ,, Rechts um!", kommandierte der Blockälteste. ,, Im Gleichschritt- marsch!" Und eine Menschenschlange nach der anderen wälzte sich, einem Leichenzug ähnlich, aus der Lagerstraße zum Appellplatz, der das Ende jeder Straße war. 144 Im Leichenkeller Innerhalb 30 bis 40 Minuten standen 20.000 Menschen in Reih und Glied, Kopf auf Kopf ausgerichtet, abgezählt, wie eine Friedhofsmauer schweigend, da. Blockführer durcheilten die leeren Räume zwischen den einzelnen Zügen, zählten die Reihen durch, nahmen die Meldungen der Blockältesten entgegen, empfingen die schriftlichen Meldungen jedes einzelnen Zuges und kommandierten nach bereits abgezählten Zügen den Ring: ,, Stillgestanden! Augen rechts!" Die Blockführer begaben sich an den Anfang der Lagerstraße, wo der Rapportführer mit einer Liste die Meldungen entgegennahm. Er kontrollierte in seiner Aufzeichnung, die vom Lagerschreiber angefertigt wurde, die Lebenden und die Toten. när. ,, Heute stimmt es wieder einmal!" ,, Gott sei Dank!", murmelte leise jeder dastehende KettenlegioNach zirka 30 bis 40 Minuten wird vom Rapportführer dem kommenden Lagerführer Meldung erstattet. ,, Schutzhäftlinge, stillgestanden! Mützen ab! Augen rechts! Das Lager mit 19.992 Schutzhäftlingen zum Morgenappell angetreten!" ,, Gut, der Haufen!" ,, Arbeitskommando formieren!", lautet kurz und rauh die Antwort des Lagerführers, der mit stechenden, suchenden Blicken die Köpfe der 20.000 Kettenlegionäre überfliegt. ,, Nichts gefunden!"( Wahrscheinlich wieder betrunken und zu faul, etwas zu finden.) " 1 Gott sei Dank". Das ist nun das zweite Dankgebet der gestreiften Helden. - formiert! ,, Mützen auf- rührt euch! Arbeitskommando Marsch!", ertönt nun das Kommando des Lagerältesten, der nebst Ausstellungen, Befehlen und kommenden Hundzereien vom Rapportführer das Kommando übernahm. Nun eilen im Laufschritt 20.000 Menschen, ihre Arbeitskolonnen suchend, kreuz und quer, den Nächsten zusammentretend, über den Appellplatz. In zehn Minuten steht auch dieser Arbeitshaufen abmarschbereit am befohlenen Ort. Das Hornsignal zum Abmarsch erschallt neuerdings vom Turm A. Das Kommando des Reviers trabt im Gleichschritt durch das eiserne Reviertor. Noch einen schnellen Blick zum Abschied den Goldfischlein zugeworfen, und dann vor zur Befehlsabnahme in die Kanzlei des Arztes. ,, Häftling Nr. 39.123 bittet gehorsamst, eintreten zu dürfen." ,, Ja, komm her, Anselm, ich hab' für dich sehr viel Neues an Arbeit", sprach der Arzt zu mir, während er die Akte, die auf dem Tisch vor ihm lagen, durchblätterte. 10 145 „Mußt mir Läuse malen!" „Nicht verstanden, Herr Lagerarzt!" „Läuse werden nun gemalt!“ „Jawohl!" „Na, das kann was werden’, dachte ich.„Läuse zu malen!“ Ich schmunzelte. „Ja, ja‘, fuhr der Arzt fort, mich mit mißtrauischen Blicken betrachtend,„den Bazillusträger des Fleckfiebers!" „Alles, alles daransetzen, damit die Zeichnung ganz groß wird, sie kommt dann ins Hauptquartier.” Nach einer kurzen Erklärung am Mikroskop haute ich mit meinen kleinen Skizzen und Anmerkungen, die ich mir schnell an- gefertigt hatte, in das Zimmer Nr. 13 ab. Nun ging's los. Eine Laus nach der anderen wurde mir vom Häftlingsarzt aus dem Russenlager hergebracht. Die eine in natura, die zweite mit Kuprex behandelt und die dritte vergast. Jener Arzt war auch Häftling und wegen Verdachtes der Abtreibung von Leibesfrucht als Berufsverbrecher in Vorbeugungs- haft genommen worden. Er war der Leiter der Kuprexversuche im Russenlager und hatte den Befehl, die Untersuchungen wie Forschungen zu dirigieren. „Kommst heute noch zu mir“, meinte er. Damit legte er mir wieder einige krabbelnde Dinger hin. „Guckst dir einmal den ganzen Laden bei mir an, und wenn ich selbst noch nicht dort sein sollte, dann wartest du einfach auf mich, ich komm dann schon!“ „Ja, aber wie sieht's denn in diesem Russenlazarett aus?“, fragte ich mißtrauisch.„Man vernahm doch, daß dort die schreck- lichsten Krankheiten hausen sollen. „Hungertyphus, Fleckfieber und Ruhr! Phlegmone und Tuber- kulose sind ebenfalls dort zu Hause, mein Jung! Also, sieh dich vor, wenn du kommst!‘, mahnte er im Hinausgehen, „Jawohl! In alter Frische!”, schrie ich ihm nach. Ruhr, Hungertyphus, ja, ja, mit Lastautos führte man dort die Leichen heraus. Ein fürchterliches Bild. Ein mit Plachen überzogener Lastwagen rumpelte die rückwär- tige Straße dem Tor des Krematoriums zu. Er hatte die Menschen wie altes Knochengerümpel aufgeladen. Köpfe, Füße und Hände hingen über die Bordwand, und als der Lenker den Wagen vor dem Tor stoppte, verlor er gut zehn Stück von seiner unheim- lichen Ladung. Es erweckte den Anschein, als wollten die Leichen vor dem Ofen flüchten, als der zu Boden wandernde Rauchqualm sie empfing. Ein schauerliches Bild! Trotz allem aber beneideten wir diese uns angrinsenden Fratzen. Tod ist Erlösung, ist Sieg über diese 146 Ich cken wird, mit 1 anVom d die der ungshatte ren. r mir n ich mich, aus?", reckTuberh vor, ort die ckwärschen Hände en vor nheimeichen alm sie diese diese Schmach und Kulturschande, ist Zeugnis unserer rechten Kampfführung, ist der Adelsorden, den der Himmel den Helden in größter Anerkennung schenkt. Bald darauf leckten die Zungen der lodernden Flammen den Himmel. Die Toten aber schritten weiter und riefen uns, ehe gegen sie gegen den ewig blauen Thron stiegen, Mut und Kraft zu. Uns zu folgen ist deine Pflicht, lebender Streiter, Uns zu grüßen, größte Heiligkeit. Unser Blut und Leiden sind die Fahne, um die ihr euch scharen müßt. Unser Sarg ist dumpfe Trommel, die dich zum Sterben rufen wird. Den Sieg tragen wir Bleichen über euch, Brüder. Der Tod haftet an der Fahne der Mörder! Sie haben ihr Banner mit dem geschmückt, was sie uns waren und was sie treffen wird: Das schwarze Ende ,, Der Tod!" Eine Weile stand ich nun vor den Posten, die die Tore des Russenlagers streng bewachten. Oben, über dem eisernen Gitter, erhob sich die lange, weiße Tafel mit den schwarzen Lügenbuchstaben: ,, Kriegsgefangenenarbeitskommando!" Nach langem Zögern faßte ich den Entschluß, um Eintritt zu bitten. ,, Häftling Nr. 39.123 bittet gehorsamst, eintreten zu dürfen. Im Auftrage des Lagerarztes habe ich hier zu tun!" Ohne mich einer Antwort zu würdigen, deutete der Posten mit seiner Hundspeitsche auf den Eingang. Ich öffnete und erschrak schon beim ersten Schritt. Durch ein Spalier von nackten Leichen führte mein Weg zum Eingang in das sogenannte ,, Lazarett"! In einer Reihe zählte ich 56, in der zweiten 48 Kadaver, die teilweise an den Oberschenkeln, dem Gesäß zu, schon angefressen waren. Nun betrat ich die Baracke. Im ersten Raum, in den ich kam, kauerten auf dem Boden, im Kreis sitzend, elf nackte Russen. Der Anblick war niederschmetternd. Zu Skeletten ausgehungert, suchten sie, langsam die Knochen bewegend, Läuse in ihren Habseligkeiten. Kein Wort bewegte ihre blassen Lippen. Ihr Gesichtsausdruck wie ihr müder Blick waren nicht mehr von dieser Welt. Sie glotzten um sich und starrten mich aus ihren großen Augen an, als würden sie in mir ihr Ende sehen. Mit den Unterkiefern kauten diese Armen wie das Vieh nach der Mahlzeit. Als ich den Capo fragte, warum diese Elenden so zugerichtet seien, schüttelte er die Achseln und klopfte den ihm zu Füßen Sitzenden leicht auf die Schulter. ,, Sie haben nichts zu fressen! Brennholz für unser Krematorium!" 10% 147 Mit diesen Worten strich er dem Nächsten zart übers Haar. Ein leises Schmunzeln überzog ihr Gesicht, als hätten sie verstanden und wären erfreut gewesen, daß sie zum ,, Brennholz" erhoben wurden. Stumm winkte der Capo mir, mit ihm zu kommen. Hinter mir waren Holzwände, aus rohen Brettern zusammengenagelt, die einem Schweinestall ähnliche Türen aufwiesen. Verschläge! Er öffnete lautlos einen Schlag und zeigte mit dem Finger auf die halb sitzenden, halb liegenden Kreaturen. Russen in zerfetzten Uniformen stützten einander. Es gab kein Fenster, keine Luftöffnung in diesem Loch. Dem Hungertod nahe, wälzten sich einige von ihnen, einen schmerzlich klagenden Ton ausstoßend, auf dem Boden in der Holzwolle. Im zweiten Schlag, den der Capo öffnete, der gleiche Anblick. Nur mit dem Unterschied, daß neben den Lebenden bereits Tote lagen und daß die Lebenden, mit den Händen zeigend, keinen Laut mehr von sich gebend, auf die Toten wiesen, als wollten- sie uns darauf aufmerksam machen, daß unter ihnen bereits Leichen seien. Der dritte Schlag war bereits eine Leichenkammer. Mit friedlich grinsenden Gesichtern, aus denen man die ersehnte Erlösung lesen konnte, lagen sie da. Zwei Jungen im achtzehnten Lebensjahr hielten sich noch krampfhaft umarmt. Es war ein Bild, das Bände erzählte. Ein Bild der Kameradschaft, die bis in den Tod und noch weit darüber hinaus reichte. Inzwischen war der Häftlingsarzt gekommen. Er zeigte mir die weiteren Verschläge, erklärte mir die Versuche und bedauerte den von der Lagerführung künstlich und mit aller Gewalt heraufbeschworenen unmenschlichen Zustand. ,, Hier stehst du inmitten eines Massengrabes! Wir arbeiten und helfen Tag und Nacht, stehlen oben im Revier Arzneien und Injektionen, damit wir den armen Teufeln nur einigermaßen die Stunden erleichtern können. Wir geben unser Essen und betteln herum, aber leider können wir ihnen kein Brot verschaffen und den Mordbuben die Peitsche aus der Hand reißen, was natürlich das Wichtigste wäre und für jeden wenigstens das nackte Leben bedeuten würde. Wenn man diese Menschen beobachtet, springt einem das Herz im Leibe. Sie tragen mit vorbildlicher Geduld! Sie können sich nur schwer äußern, überlegen jedes Wort fünfzigmal, um ja nicht irgendwie unangenehm aufzufallen, bevor sie es über die Lippen lassen. Die Antworten kannst du dir ja denken. Der Blockführer, wenn er gerade dazukommt und sieht, daß man dem einen oder dem anderen hilft, fragt gar nicht erst herum, sondern schlägt blind mit seiner Hundspeitsche über die hilfesuchenden Gesichter. Daher sind diese armen Teufel wie geprügelte Hunde scheu und sie ängstigen sich schon beim Öffnen der Türen. Wer 148 g 1 6 t H H b S Ο Z U e g S t li noch imstande ist, sich zu verkriechen, tut es. Der andere hin- gegen sucht in der erbarmungslosen Verbrecherlarve Mitleid zu erwecken. Oft, wenn ich ein Stück Brot in den Mund nehme und dabei vergesse, daß hier so viele Augen sehnlichst danach schauen, treten mir Tränen aus den Augen. Ich gehe hinaus und speie das gekaute Stückchen in den Sand. Wer kann neben diesen Menschen noch einen Bissen hinunterwürgen? Kein Mensch mehr, nur Tiere!” Inzwischen kamen wir in eine zweite Baracke, in den soge- nannten Isolierblock. Dort waren in einem Saal 300 Fleckfieber- kranke auf Holzwolle auf dem Boden gebettet. Zwei Posten patrouil- lierten vor ihnen mit meist schußbereiten Gewehren. An der Tür war ein Plakat angebracht, das in russischer und deutscher Sprache das Eintreten wegen Fleckfieberkranken verbot. Wir aber traten ein. Hier lagen sie in Massen, ohne rechte Hilfe, Tote und Lebende, durcheinander. Viele von ihnen waren bereits irrsinnig und war- teten auf die Erlösung bringende Injektion, die sie ins Jenseits befördern sollte. Von den schon Verblichenen waren Dutzende bereits von ihren eigenen Kameraden angefressen. Stücke waren aus den Leibern gebissen, Hautfetzen neben den Blutenden bewiesen den nicht zu beschreibenden Hunger der Verbannten. Der Arzt und sein Arbeitskommando ließen fast jeden Tag zwei bis drei Eßkübel aus der Küche verschwinden. Sie transportierten diese geheim in das Revier und verteilten dann den Inhalt an ihre Sorgenkinder. Wehe, wenn man dahintergekommen wäre, es hätte jedem von diesem Arbeitskommando das Leben gekostet. Was half das alles? Nichts war es für diese sterbenden Menschen! Sie waren zum Sterben verurteilt, zu Tode gequält. Tief erschüttert, vergrämt und meiner eigenen Haut überdrüssig, verließ ich das Revier. Noch ehe ich das Tor hinter mir zufallen ließ, drehte ich mich um und grüßte das Spalier der Leichen. Da stand er schon, der Posten mit der Hundepeitsche, der unser Kommen bereits vernommen haben mußte. „Häftling Nr. 39.123 vom Revierarzt des Russenlagers zurück!”, schrie ich dem vom Verbrechen Gezeichneten ins Gesicht.; Was hast du eingesteckt, dämliches Schw£in?”, fragte er mich, dabei mit der Peitsche in meinen Hosentaschen herumwühlend. Es war ja eigentlich verboten, offene Säcke zu besitzen, dieselben muß- ten zugenäht sein. „Nichts, Herr Scharführer!’, antwortete ich, „Was heißt nichts,-blöder Hund!“, fuhr er mich an. Ich schwieg, während er mich weiter abtastete. Als er nichts bei mir fand, ließ er mich einige Zeit stehen und spazierte pfeifend vor mir auf und ab. Wieder auf mich zukommend, grollte er mich weiter an: „Vertrotteltes Katholikenschwein, bist Ostmärker, was?" „Jawohl, Herr Blockführer!” | N UM N „Hau ab, und laß dich vor mir nirgends mehr blicken! Hast du mich verstanden?“ „Jawohl!“ Kaum hatte ich zum Abhauen eine Vierteldrehung gemacht, schlug der Feigling mir mit der Peitsche ins Gesicht. Tränen im Auge, von höllischer Wut gehetzt, rannte ich über den Appell- platz in mein Zimmer Nr. 13. Nicht der Schmerz allein war es, der mir die Tränen aus den Augen holte, o nein, Schläge waren wir längst gewöhnt, wir waren abgehärtet, unempfindlich gegen solche Streiche. Aber unsere Ehre, unser Herz und Stolz waren dadurch empfindlich in den Schmutz gezerrt. Sich von einer arbeitsscheuen, unmöglichen, keine Lebensberechtigung aufweisen- den, uniformierten, unheimlichen Lumpenkreatur schlagen zu lassen und sich nicht wehren zu dürfen, das war furchtbar für unsere Ehre.: Von der Unmenschlichkeit dieser Tyrannei gehetzt, raste ich im Zimmer auf und ab. Am liebsten wäre ich, einem Amokläufer gleich, durch das Fenster in den geladenen Stacheldraht gerannt. Weg, weg von dieser Menschheit! Anderseits konnte dieses Elend doch nicht ewig andauern. Alles nimmt ein Ende, jedes Drama hat seinen Schluß. Kopf hoch, Gedrückter, Augen auf, Vergrämter! mahnte die innere Stimme. Du weißt selbst gar gut, wie schnell man nach einem kleinen seelischen Riß verkommen, innerlich zu- sammenbrechen und schließlich ins Gras beißen kann. Geh heim! Was? Sehe ich recht, oder bin ich ein Narr? Ein Brief? Auf meinem Tisch ein Brief? Elfriede, du! Du kommst nun wirklich wieder zu mir? Du— du fühlst mein Herz noch? Himmel, bist du das Sprachrohr meiner Liebe, meiner Tiefe? Vernimmst du, ewige, unerreichbare Weite, meinen Ruf, mein Leiden, mein langsames Absterben? Ein Brief von Elfi? Zitternd öffne ich den Umschlag. Vielleicht ist es die endgültige Absage? Nein! Sie hält noch immer! Sie liebte mich also doch!— „Schreib doch endlich!“ So klingt ihr Brieflein aus. Du fandest also noch keinen richtigen Lebenskameraden! Man merkt aus deinen Zeilen, deine Worte sind gestammelt, sind gesucht und kaum gefunden worden. Arm bist du! In einem Netz verfingst du dich und ein Bettler will sich dir nähern. Leider bringt er dich, Opfer, aus dieser festgesponnenen Liebe nicht heraus. Arm und hilflos irrst du darin, gleich einem wilden Tier, das sich aus dem Käfig retten will. Es ist umsonst— was der Himmel wob, bricht der Mensch nicht mehr. Nun hast du mich wieder zur rechten Zeit erreicht. Mein Leben bebt in Zorn und Überdrüssigkeit. Die Ehre zerfetzt, das Fleisch genommen, so finden deine Worte mich. So willst du mich nun trösten. 150 ± du no cht, im belles, aren gen aren iner senEssen sere ich ufer nnt. lend ama mter! nell zueim! Auf u einer eite, von ltige !- aden! sind Netz ringt raus. sich mmel r zur gkeit. Worte Behutsam faltete ich den Brief wieder zusammen. Ich gab ihn in den Umschlag zurück und steckte ihn in die Brusttasche. Ein kleiner Sonnenstrahl wärmte meine Kühle. Ihn nahm ich mit in meine dunklen Tiefen. Um mich spielten froh die Mäuschen, hie und da feuchtete ein von der Decke fallender Tropfen meine müde Hand. Bald war mein Weh wieder dahin, vergessen, verraucht, wie der Mensch dort drüben im Ofen. Wieder und wieder las ich das Brieflein, so oft mein Gram sich meldete, trank ich die trauten Zeilen. Bis der Brief in Stückchen zerfiel. Den halben Brief hatte ich längst verloren, aber die Reste der Zeilen stellte ich wieder zusammen. Ich las, bis schließlich eines Tages das letzte Wort der unvergeßlichen Liebsten in Staub verlorenging. ,, Deine Elfi-!" Abend war's nun wieder, die Kolonnen schritten müd' und schwer über den Appellplatz. Ein Leichenzug! Blut kostete auch dieser Tag. Ein Kraftwagen mit Leichen passierte soeben das Tor unseres Reviers. Es waren die Opfer der schweren Arbeit, der Brutalität. Erdwärts den Blick in den Sand gelenkt, die Geige in der Linken, so wankte ich über den Platz der Baracke zu, wo wir die Proben abhalten durften. Damals spielten wir das Viotti- Konzert Nr. 23. Wie lange ist es her, seit ich das mir so tief ins Herz gebettete Violinkonzert spielte? Damals war ich noch frei von jeder Kette. Heute steh' ich am Altar der Kunst, vor dir, du großer Meister, und du empfängst mich Narren im Kleide des Verbrechers. Tröste mich, durchblute mich mit deinem Geist, mit deiner Seele, mit deiner begnadeten Persönlichkeit! Immer schneller werden meine Schritte, immer größer wird das Drängen in mir, die Sehnsucht nach seinen tönenden Worten. Durch die Weite empfangen mich die Tonleitern und kurz probierten Sätze der Musiker. Ich erkenne den Streichersatz des Andante. Ja, ja, du bist Viotti! Ein wildes Getöse, ein Aufschrei der Instrumente umarmt mich Kommenden. Die Stunde wird zum Feiertag, zum Sonntag, zum Himmel inmitten der Hölle..! Der Kapellmeister, der bereits acht Jahre die Kette an Leib und Seele trug, ließ gerade die Bläsergruppen einstimmen und überprüfte sorgfältig das A der Streicher, als ich hastig den nur schwach beleuchteten Raum betrat. Bald wurde es totenstille um mich. Das Orchester begann das wuchtige Vorspiel. Ein überirdisches Rollen und Mahnen der Bässe, die sich in die Stimmen der Geigen mischten, fing mich und riß mich aus den Klammern des freudlosen Tages. Die Feierlichkeit der Akkorde bezauberte mich, umrauschte meine Wehmut. Ich konnte nicht mehr da sein, es riß mich empor in die Gigantik der Musik, in die Lebendigkeit des Geistes des Schöpfers dieser Töne.. Fest klemmte ich meine Geige unter das Kinn, mein 151 Herz bebte in meiner Brust, dehnte und schwellte mir meinen kranken Atem. Nach einem Seufzer aus den Tiefen, der gleichzeitig jede Fessel brach, erleichterte ich meine Gebundenheit, spielte mir den Schmerz von der Seele, erhob mich in das Reich der Schöpfenden und träumte weit von dieser Erde in einer auserwähl- ten Welt. Alles versank um mich! Jeder Kummer verstummte, alles, was ich bin und will, sprach aus meiner Geige! Was ich stets ver- schwieg und tief begrub, es lag nun sprechend-offen vor dir, Menschheit, unterm großen Himmel, der uns kommen und vergehen läßt. Mit dem Intermezzo von Mascagni und der Kleinen Nacht- musik von Mozart klang die Probe aus. Oh, wie schön waren diese paar Stunden! Stunden, die jeden Hungernden von uns sättigten und vergessen halfen. Rings um uns standen einige müde Kame- raden, die am Schluß kaum aus dem Block zu bringen waren. Auch sie träumten mit uns und empfanden gleich uns, auch sie entriß die Gottheit Musik allem Elend und Verderben. In gedrückter Stimmung torkelte ich über den Platz nach mei- nem Zimmerchen. Wenn ich nach den Proben auch nie guter Laune war, weil ich immer noch weiter und weiter üben wollte und mich nie gesättigt fühlte, am liebsten bis zur völligen Ermattung auf dem Podium geblieben wäre, war ich doch noch der Glücklichste von allen. Ich konnte mich in ein Zimmerchen zurückziehen’ und dort weiterträumen, brauchte das Hasten und Treiben im Block nicht mehr mitmachen und war vor allem der Willkür der Blutdürstigen entronnen, gegen die sich alle anderen stets und immer mit Todes- verachtung stellen mußten. Willi, der Leichenschneider, erhielt eines Tages Befehl vom Arzt, mich in die Pathologie zu führen und dort über den gesamten Betrieb genauestens aufzuklären. „Peterle, mein gutes Peterle, was hab’ ich dir getan— hab’ keine Ruh!“, so sang er schon den Gang entlang und rief mich mit diesem Lied. Falls ich in einem der Krankensäle gewesen wäre, hätte ich ihn hören müssen, und sofort gewußt, daß er mich damit suche. „Peterle, mein gutes Peterle'— und schon riß er singend die Tür meines Zimmers auf. Blieb eine Weile, die Hände in den Hosen- taschen, die Mütze schief aufs rechte Aug’ gedrückt, wie ein rich- tiger Hafengangster in der Tür stehen und guckte mir gleich einem verdutzten Mädchen zu, während ich, ohne mich umzusehen, weiter am großen Zeichenbrett arbeitete.. „Was hab’ ich dir getan, find keine Ruh‘!”, sang er mich weiter an, weil ich mich noch immer nicht verleiten ließ, ihm Aufmerk- samkeit zu schenken. „Ja, Willi, was hat's denn? Komm'rein und mach die Tür zu, du alter Lump!', sprach ich ins Zeichenblatt hinein. Er ließ sanft 152 die Tür hinter sich zufallen und sang, sich vor dem Aquarium niederlassend, ruhig weiter, indem er dabei die kleinen Gold- fischlein mit einem Pinselstiel zu reizen versuchte. Willi hatte ein helles, wirklich schönes Stimmchen, äffte damit sämtliche Film- stars nach und traf jeden der Künstler großartig. Nach einer Weile, als ihm das Spiel mit den kleinen Fischen nicht mehr genug Zer- streuung bot, kam er näher und guckte sich meine Arbeit an. „Was hör’ ich, Peterle, du sollst der Chef der Pathologie wer- den? Du halbe Portion? Lächerlicher Zwerg, dich tragen doch die Toten fort!“ „Wie kommst du denn auf den Blödsinn?‘, fragte ich ihn und legte meine Stifte zur Seite. „Bin soeben zum Arzt gerufen worden und habe dort den Auf- trag bekommen, dich in das Werkl einzuführen.‘—„Peterle, mein gu-tes Peterle", sang er frisch und munter weiter. Ich unterbrach ihn und fragte noch einmal, ob das auch Tatsache sei. Er spaßte so viel, daß man kaum etwas Ernstes annehmen konnte. „Doch“, fuhr er fort. Er hielt mir seine Rechte hin und lächelte. „Wetten?“ „Dummkopf!“, grollte ich ihn an.„Will doch von der Menschenschlächterei gar nichts wissen! Was soll ich denn in die- sem Fleischerladen? Und was ist denn dann mit dir?“ „Entweder hängen s‘ den Willi oder er geht heim!“, antwortete er mir. „Wäre ja gar nicht auszumalen, Willi. Deine zwei Kinderchen und deine Frau würden ja in die Luft gehen vor lauter Freude!” „Glaub es nicht!”, antwortete Willi mit gesenktem Haupt. Eine tiefe Trauer schien den Lebenskünstler überfallen zu haben. „Meine Frau schrieb längere Zeit nicht mehr, und als ich dann wieder einmal Post bekam, fragte sie mich im Brief, was ich zu einer Scheidung sagen würde. Auch sie hat man von mir zu trennen versucht. Überall das gleiche Lied. Allen unseren Frauen wird das Gleiche in Aussicht gestellt:„Ihr Mann kommt nicht mehr, schlagen Sie sich ein Wiedersehen aus dem Kopfe“.; Jedesmal, wenn meine Frau bei der Gestapo nachfragt, gibt man ihr diese Auskunft. Und wie lange kann eine Frau mit zwei Kindern dem standhalten?“; „Ach Willi, wenn es eine Frau ist, die zutiefst mit dir ver- bunden ist, kann sie doch gar nicht mehr von dir! So versuchte ich, ihn zu trösten. Er ließ sich aber nicht davon abbringen, denn dieser Gedanke hatte sich schon seit Jahren in seinem Gehirn fest- gebissen. Wer konnte wissen, was zwischen den beiden Herzen ge- wesen? So lenkte ich ab und fragte ihn gleich wieder, was mit mir - in dem Fleischerladen werden solle,£; „Wie ich dir schon sagte, du übernimmst in Kürze meinen Posten!“ 153 ,, Verfluchter Laden, ob man einmal seine Ruhe haben könnte in dieser Mordgrube!", schimpfte ich und schlug mit der Faust auf den Tisch. ,, Was soll ich denn an den Leichen herumschnitzeln? Man soll diesen endlich ihre Ruhe gönnen! Menschen sind ja schließlich kein Fetzen Papier, den man bis zum letzten Eckchen ausnützt." ,, Ja, alles recht schön", mischte Willi sich ein ,,, aber was ändern du oder ich daran? Vor allem sage ich dir eines- wenn du meinen Posten übernehmen solltest, dann heißt es erstens Nerven haben und zweitens schweigen wie ein Grab!" Wir konnten uns leider nicht länger unterhalten, weil der Lagerarzt mich rufen ließ und mir Befehl gab, die Pathologie zu übernehmen und mich von meinem Vorgänger Willi einführen zu lassen. Bei dieser Unterredung machte mich der Arzt auf manches Unangenehme aufmerksam, das nicht Willi, sondern mehr den Leichenführer betraf. So sollten unter anderem die gerissenen Goldzähne der Leichen über einen SS- Angehörigen verschoben und viele Dinge den Toten entwendet und verkauft werden. Anfangs sträubte ich mich mit Händen und Füßen dagegen und wollte auf keinen Fall diese unangenehme Arbeit übernehmen, aber der Arzt befahl und versprach, mich mit all seiner Macht zu unterstützen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als Leichenschneider zu werden. Willi, der inzwischen auf mich gewartet hatte, rieb sich vor Freude und schadenfroh die Hände und sang mich mitleidig an: ,, Peterle, mein armes Peterle, was hat dir der am Tisch getan, gibt eh schon Ruh'!" an. ,, Vieh mit Haxn!", schrie ich ihn halb ernst, halb schmunzelnd ,, Hat doch keinen Zweck, Dummerl, lächerlicher Zwerg", meinte er. Dann nahm er mich bei der Hand und zerrte mich in den Fleischerladen Pathologie! Immer schon hatte ich dieses geheimnisvolle Haus gemieden, immer war ich den Leichenfahrern ausgewichen, wenn sie ihre Kisten mit den Entseelten aus dem Keller transportiert hatten, und war diesen schwarzen Gesellen entflohen. Ein unheimliches Gruseln hatte ich, als mir einmal befohlen wurde, Särge aufzuladen. Nie mehr, so schwor ich damals, lasse ich mich für ein derartiges Geschäft erwischen. Und jetzt mußte ich! Dir ist befohlen worden, deine Kameraden zu zerstückeln und zu Präparaten zu verarbeiten. Du wirst jetzt der Leichenschneider, vor dem das Lager flüchtet, wenn er des Weges kommt! Du bist verurteilt, verachtet, und wirst gemieden werden von deinen Mitmenschen! Geh hin und schneid! Sie waren deine Freunde, deine Brüder! Geh hin in ihre Welt und lerne sie verstehen! Geh hin, der du ihnen so nahe warst, und schneide! 154 - IF Willi, mein Lehrer, war eines Morgens entlassen worden. Draußen prangte der Mai, Blümchen hoben ihre Hälschen himmel- wärts. Jeder Schritt, den ich unter ihren lieblichen Häuptern tat, entfachte tiefstes Heimweh, unsagbare Sehnsucht nach der Freiheit, nach Heimat und Vaterhaus, nach Geschwistern und Liebsten. Kaum aber war mir dieses Werden um mich vergönnt. Ganz kurze Stun- den, ja oft nur Minuten, blieben mir und meinem Kameraden, einem Professor der Berliner Universität, übrig, dann ging es wieder in die Tiefen des Grauens, in die Welt der Vergänglichkeit, in die Gruft, in der meine starren Brüder geduldig warteten. Nur er, der Kompo- nist und Professor, dessen geistiger Horizont sich weit über den Alltagsmenschen spannte, blieb mit einigen anderen mein treuer Kamerad. Alles andere flüchtete vor mir, dem Leichenschneider, dem Totengeiger, wie sie mich nun zu nennen pflegten. „lotengeiger‘, flüsterte einer dem anderen ins Ohr, wenn ich mit einer Leiche in der Tiefe der Pathologie verschwand. Der zweite dürfte nicht recht verstanden oder den Namen eigenartig gefunden haben, weil er den Sprecher fragte:„Wie sagtest du eben?" „Totengeiger!“ Als sie bemerkten, daß ich das Gespräch gehört haben mußte, entflohen sie still und eilig meinen Augen. Mich fröstelte am ganzen Körper. Als ich wieder in den Leichenkeller. kam, setzte ich mich auf einen Sarg und grübelte nach. Warum Totengeiger? Plötzlich fiel mir ein, daß ich vor eini- gen Tagen meine Komposition auf der Geige im Leichenkeller probiert und außer den starren Grinsern auch noch viele lebende Gäste gehabt hatte. Eine Stunde vor dem Totenkonzert sezierte ich einige Leichen und der Professor schaute mir zu. Auf einmal fragte er nach meiner neuen Symphonie, wie weit ich bereits gekommen sei und wie es mir dabei gehe. „Adagio!', antwortete ich, während ich krampfhaft das stumme Herz des Toten in meiner warmen Linken hielt.„Insuffizienz und Hungertyphus’ war damals diagnostiziert worden. Meine Augen starrten durch das geöffnete Fenster gegen den Himmel. Ewige Stille umgab uns beide, nur einige große Fliegen surrten über den auf dem Boden liegenden Entseelten. „Das Adagio, Herr Professor, dürfte gut werden”, fuhr ich fort, indem ich das Herz des Bruders auf die eingefallene Bauchhöhle legte. :„Du teilst meinen Genius’'— bei diesem Satz blieb ich stehen. Als ich dem Professor das Wort Genius tonmäßig erklärte und trotz Vorsingen und Vorpfeifen nicht klar genug explizieren konnte, ergriff ich den hinter mir liegenden Tintenstift, zeichnete die fünf Linien auf den Oberschenkel der Leiche und setzte die Noten in 155 dieselben ein. Keinem von uns fiel dabei auf, daß wir doch die Leiche beschmiert hatten. Der Professor fand den Notensatz ausgezeichnet und äußerte den Wunsch, ihn einmal auf der Geige zu hören. Da die Leiche fertig seziert war, wurden ihre Organe wieder in den Leib gesteckt, der zugenäht und in den Keller gebracht wurde. Ich hatte seit Mittag meine Geige versteckt gehalten, um sie am Abend zur Probe gleich bei der Hand zu haben. Als nun der ungeduldige Kamerad den Satz für sich wiederholte, dabei die herumliegenden Toten anglotzte und außerdem die Intervalle falsch summte, packte mich die Wut. Ich holte aus der Ecke hinter den Särgen die versteckte Geige und spielte ihm das Adagio vor, indem ich mich der Noten bediente, die ich dem Toten auf den Oberschenkel gezeichnet hatte. Freilich blieb es nicht bei dem Adagio, sondern es ging weit darüber hinaus. Ich ließ meiner Phantasie freien Lauf und spielte wie ein Wahnsinniger. Der Professor saß auf einem Sarg in dunklem Winkel. Um ihn und mich lagen die nackten Toten kreuz und quer. Gegenüber erhob sich ein Haufen aufgeschlichteter Leichen und eine davon, die wohl heruntergerutscht sein dürfte, lehnte wie schlummernd an dem Haufen. Dorthin starrte der träumende Musikus. Mein Spiel dürfte draußen vernommen worden sein. Etwa zwölf Fahrer, die gerade vorher 70 Leichen ins Krematorium geführt hatten, standen da und dort im Leichenkeller und horchten aufmerksam zu. Dieses seltene Konzert wiederholte sich öfter. Dort probte ich auch meine Soli für Geige und Orchester und jedesmal gab es eingeschlichene Gäste, die mir wohl daher den furchtbaren Namen ,, Der Totengeiger" gegeben hatten. Mag es für alle Welt ein Rätsel sein, mag auch behauptet werden, man könne in solcher Umgebung nicht spielen, ich muß gerade das Gegenteil sagen. Nirgends auf der Erde gab es einen Platz, der mir auch nur annähernd diese Inspirationen gebar, wie gerade dieser. Diese Vervollkommnung des Leidens, die in die Züge der Geschiedenen eingemeißelt war, erschütterte nicht nur meine Jugend, sie entzündete auch das Feuer und die Schmerzenstiefe meiner Symphonie in Es und As. Das symphonisch- oratorische Werk, das weder ein Oratorium noch eine Symphonie darstellt, kann von mir selbst nur als Bekenntnis bezeichnet werden. Das heißt, mein Inneres bekennt sich zu aller Welt und ruft seinen vergrabenen Schmerz in alle Räume des Himmels und der Erde. Der Mensch vermag nur einen begrenzten Teil des aufgebürdeten Leids zu ertragen. Wenn diese Grenzen überschritten werden, spricht nicht mehr er, sondern seine Tiefe, nicht mehr sein Gefühl, sondern die Verzweiflung. 156 V W W fü ge m di a B V Sa 0 e g S a H P B I I K h d fi h S S H S e a N die ause zu eder acht um nun die lsch den dem Oberagio, tasie B auf kten ufgetscht arrte Etwa führt merke ich einamen wererade , der erade Gegend, einer porium enntaller e des nzten übernicht Alles, was ich empfand und fühlte, alles, was mich niederrang, versuchte ich in Ton und Wort wiederzugeben. Der Welt mit Worten zu sagen, wie mir war, erwies sich als unmöglich. Das Wort allein genügte nicht, und so ergänzte ich, sagen wir, übermalte ich nicht nur das Wort, sondern auch die innerliche Wortfülle mit dem Ton, mit der Musik. Und da Geist und Ohr nicht genügten, um meinen innerlichen Ruf der Welt verständlich zu machen, nahm ich auch noch Farbe und Pinsel zu Hilfe. Ob ein Außenstehender imstande ist zu verstehen, welch Bedürfnis ein Sensiblet nach solchen Eindrücken hat, die er der anderen Welt mitteilen will, mag hier zur Debatte gestellt werden. Bisher habe ich diese Fähigkeit bei keinem gefunden. Professor Verweyen war der Einzige, der annähernd alles das mit Worten sagen konnte, was er sah und fühlte. So weiß ich bis heute nicht, ob dieses musikalische Werk Bekenntnis, Tiefe und alle Schauer aufweist, die mein Aug' gesehen, mein Ohr gehört, mein Herz empfunden und mein Geist erfaßt hat. Ich weiß bisher nur, daß der ganze Leidensweg durch diese unmöglich zu beschreibende Schädelstätte und das Z- Kommando Anstoß zu diesem Werk war. Wie oft am Tag hielt ich das Herz eines Kameraden in meiner zitternden Hand, wobei es mir kalt über den Rücken lief, weil ich es noch pochen hörte, wiewohl es nicht mehr pochen konnte. Ich sah sein Bild und das der Seinen oft im Innern des aufgeschnitenen Organs. Ich sah die Tränen seiner Mutter, die dieses Herz unter ihrem trug. Ich sah den schlummernden Kopf seiner Liebsten an seiner Brust ruhen und sah die Bilder seiner Erinnerungen, die durch seine Kammern zogen, als er spürte, daß das Ende kam. Wie oft und gern hätte ich mein Herz herausgerissen, in meiner Faust zerdrückt und hingehauen, weil es auch ein Menschenherz war, wie jenes, das ich vor mir hielt. Oft bohrte ich mit den Fingern verzweifelt in den Gängen dieses Fleischklumpens und suchte, was ich nicht finden konnte, und andere nicht finden werden. So hielt ich vor kurzem hundert Herzen von Siebzehnjährigen in meinen Händen und mir war, als hätte ich die Knospen aufblühender Tulpen vom Stengel gerissen. Diese 17jährigen Jungen wurden eines Tages aus dem russischen Gefangenenlager ausgesucht. Sie mußten vor der Revierbaracke antreten, wo der Arzt sie untersuchte, ob sie ein gutes, vollständiges Gebiẞ hätten. Dann stellte er sie vor die Kolonne. Hundert waren es, deren Herzen durch meine Hand gingen, weil sie ein gutes Gebiß aufwiesen. Gleich nach dieser Untersuchung bekamen sie eine Spritze verabreicht. Zwei Stunden später wurden sie müde, setzten sich nieder und schliefen ein. Ich erinnere mich ganz genau, ich mußte diese Toten von den anderen getrennt in die linke Leichenkellerecke schlichten und dann die Köpfe von den Leibern trennen. Es war ein Freitag. Am Morgen um 6 Uhr hatte ich es begonnen. Ich legte zur Wand auf157 einander aufgeschlichtet drei Leichen, deren Gesichter dem Boden zugewendet waren, und setzte mich auf dieselben. Zog mir den ersten Jungen, der unmittelbar vor mir lag, heran, stellte meine Füße dazwischen und trennte, indem ich ihm mit dem Messer bis zum letzten Wirbel den Hals durchschnitt, den Kopf vom Leib. Da man täglich und immer wieder mit Toten herumwarf, wie man ein Stück Holz oder einen Sack wegbefördert, hatte man kein Empfinden mehr für solch kalte, abgestorbene Kadaver. Man summte oder pfiff sich dabei ein Liedchen, ohne sich etwas zu denken, und schnitt hurtig drauflos. Es mußte ja alles im Tempo geschehen. Es gab in diesem Keller oft schauerliche Laute, wenn zum Beispiel ein Toter, den man so über die Schleife herunter in den Keller schleppte und zur Ecke warf, wobei er noch halb sitzend an der Wand lehnte, plötzlich mit seinem Schädel auf den Stein fiel. Man kümmerte sich nicht mehr darum. Es kam auch nicht selten vor, daß ein noch nicht ganz Gestorbener noch einmal einen Seufzer von sich gab oder sich in der Kiste, in der noch ein zweiter lag, sich noch einmal umdrehte. In solchen Fällen mußte man eben nachhelfen. So ähnlich war es auch an diesem Freitagnachmittag. Im Hintergrund, in einer dunklen Ecke, vernahm ich einen Laut, als fiele ein Erstarrter mit dem blanken Schädel zu Boden. Da ich zu bequem, vielleicht auch zu müde war, und viele Säulen davorstanden, sprang ich nicht auf und kümmerte mich nicht, was in diesem grauen Dunkel vorging. Ich schnitt einen Kopf nach dem anderen ab und rollte ihn gleich einer Kegelkugel hinter die Säulen in diese dunkle Ecke. Es dürften drei bis vier Köpfe gewesen sein, die ich nacheinander hinschob. Auf einmal begann ein Lebewesen furchtbar zu schreien und zu toben. Ich sprang, das Messer noch in der Rechten, auf und rannte dorthin, von wo der Laut gekommen war. Zu meinem Entsetzen sah ich einen auf dem Rücken liegenden höheren SS- Offizier, dem Dienstgrad nach Brigadeführer, der wie ein Wahnsinniger mit Händen und Füßen ausschlug und um Hilfe schrie. Ich packte diesen armseligen Gast und zog ihn durch die dunklen Gänge dem Eingang zu, wo er frische Luft bekommen sollte. Ich setzte ihn auf die Stufen, holte Wasser, öffnete ihm die Uniformbluse und beruhigte ihn. Als er sich erholt hatte, verlangte er ein Auto und den Arzt. Ich lief um beide und als der Doktor kam und fragte, was mit ihm geschehen sei während ein Blockführer, der ihn begleitete, mir sofort die Pistole an die Brust setzte- erklärte er, daß ich ihm nichts getan habe. Er sei aus Neugierde in den Keller gestiegen, plötzlich von Unwohlsein befallen worden und habe das Bewußtsein verloren. - Als er wieder aufwachte und noch nicht ganz zu sich gekommen war, sah er um sich lauter abgeschnittene Menschenköpfe, die ihn zur Verzweiflung brachten. Da schrie er um Hilfe. 158 Der Arzt brachte den hohen Funktionär ins Revier, ich wurde V La k ge D A W ra St H Z b h V Z S e C N N den den eine bis Da ein den oder nitt b in oter, und nte, sich icht sich umIm als zu Vors in dem ulen sein, esen moch men den wie Hilfe die ollte. Uningte ktor Locktede in und xomTöpfe, urde vom Blockführer sofort abgeführt und zu einer Vernehmung zum Lagerführer gebracht, der mich erst gehörig schlug und nach einem kurzen Protokoll wieder entließ. Einerseits gedrückt, anderseits in gehobener Stimmung, lief ich in meinen Pathologiekeller zurück. Dort schnitt ich wieder weiter... ,, Peterl! Walter, der Schriftsteller sucht dich schon den ganzen Abend!", meinte der Professor aufgeregt zu mir. Was er nur für Wünsche haben mochte? Walter war einer meiner liebsten Kameraden. Zur Zeit des Parteienkampfes in Deutschland war er Schriftsteller bei einer roten Zeitung. Nebenbei verfaßte dieser vom Hunger Gehetzte kleine Gedichte, die er da und dort bei anderen Zeitungen anbrachte. Ein vom Leben Geprüfter, von der Wiege bis heute. Ein Studium, das ihn zum Apostel des Buches gemacht hätte, interessierte ihn nicht und dazu langte auch das Geld nie. Was hätte dieser begabte Mensch auch davon gehabt, wenn er zum Doktor promoviert worden wäre! Er wäre seinem Innern viel schuldig geblieben und hätte seinen Geist krank gemacht. So war es besser, er blieb und bleibt, was er war und ist. Es kann dem Denker völlig egal sein, ob er das Händeküssen erlernt hat oder nicht, ob er zur richtigen Person ,, Gnädige" sagt oder nicht, ob er zum angezogenen Kasperl ,, Exzellenz" sagt oder umgekehrt. Er hat sich nur vor der Natur und dem wirklichen Genius zu beugen, der ihm etwas bedeutet, und nicht vor einem Menschenschreck. Man gebe etwa einer Musikgröße, die nie imstande war, Musik zu machen, noch weniger, zu gebären, den Professortitel nicht, und sie müßte als gewöhnlicher Musiker sterben, wie Mozart, Beethoven oder Schubert. Walter gehörte also zu den Denkern ohne Doktortitel, und war eine geistige Erscheinung, die litt, aber die Augen richtig im Kopfe hatte. Mit enthusiastischer Anhänglichkeit las er am Abend nach Dienstschluß im Zimmer die Werke von Kant und Nietzsche. Am Tag war er beim sogenannten Erkennungsdienst als Photograph und Entwickler tätig. Mit der sogenannten Lageraristokratie stand Walter stets auf gutem Fuß. Er brachte mir die Neuigkeiten, die sich draußen und innerhalb der grauen Mauer abspielten. - - ,, Lageraristokratie" das war die Bezeichnung für jene Häftlinge, die auf Grund ihrer Schlauheit eine gute Position erreicht und es verstanden hatten, sich bei ihren vorgesetzten Blockführern und der Lagerleitung Liebkind zu machen. Sie waren die sogenannten ,, Bereuer", die ihren Vorgesetzten einerseits ihren guten Willen zeigten, anderseits den Kameraden gegenüber die schlauen Abhorcher spielten, die absolut notwendig seien, um den Vernichtungsapparat, der gegen alle eingesetzt war, zu erkunden und zu beobachten. Sie waren, kurz gesagt, die Geschlagenen, die den 159 nächsten Schlag nicht mehr zu ertragen glaubten. Für alle Welt verständlich. Ich will die Armen nicht kritisieren der Selbsterhaltungstrieb macht die Bestie im Menschen frei. - Auf alle Fälle hatte diese Klasse außer guten Beziehungen zu Küche und Bekleidungsverwaltung auch große Bestimmungsrechte. Sie bekleideten Posten als Lagerälteste, Stellvertreter, Lagerschreiber, Läufer, sie besetzten sämtliche Capostellen, Kommandos und Werkstätten und bestimmten zusammen mit dem SS- Personal das Atemrecht des Mitbruders. In ihnen war jede Menschlichkeit zerschlagen, verneint! Verrat folgte auf Verrat. Die kleinste Unstimmigkeit oder der unerfüllte Wunsch eines vorgesetzten Capos genügte, das Würfelspiel des Lebens verspielt zu haben und in der nächsten Stunde sein Leben in einer Ecke auszuhauchen. Wie war es fürchterlich, als an einer Arbeitsstätte zwei Kameraden, ein polnischer Realschulprofessor und ein anderer Pole, die Stahlhelme spritzten, plötzlich die Sympathie ihres Capos verloren hatten. Ein harmloses Gespräch bedeutete ihr Ende. Die beiden wurden von der SS beschuldigt, die Spritzschicht zu dünn aufgetragen zu haben, damit die Kugeln des Feindes leichter durchgehen sollten. Sie wurden abgeführt und in den Bunker gesperrt, von wo sie nach kurzer Vernehmungszeit eines Morgens, als die Sonne die trübe Heide grüßte und über den schauerlichen grauen Mauern aufging, durch ein Spalier von 20.000 Seelen vor den Galgen geführt wurden, der von Häftlingen um 3 Uhr früh am Ende dieser Straße errichtet worden war. Ein kurzer Befehl des Reichsführers SS Himmler, der vom Lagerführer vorgelesen wurde, verkündete den nichts Ahnenden den Tod um 6 Uhr früh. 20.000 Augenpaare rollten wie strahlende Scheinwerfer in Kreuzform vor den Schritten der beiden Delinquenten, die in aufrechter Haltung unschuldig und lautlos dem Galgen zuschritten. Der erste bestieg schweigend die letzte Stufe seines Lebens. Er blickte fest und unerschüttert seinen Kameraden an, während ihm ein Häftling die Schlinge um den Hals legen mußte, die der Held selbst richtete. Mit einem Fußtritt wurde dann die kleine Holzstufe zu seinen Füßen herausgetreten und der halbverhungerte Kadaver hing im Glanz der aufgehenden Sonne, die ihm der Allmächtige als letzten Gruẞ sandte. Der zweite streifte, ohne sich zu rühren, mit ruhigem Blick den Sterbenden und die offenen Särge. Sechs Uhr war es. Nach zehn Minuten, als sein Bruder nach kurzem Rütteln aus der Schlinge in den Sarg gefallen war, betrat der zweite den Galgen. Während ihm die Schlinge um den Hals gelegt wurde, erhob er die rechte Hand. Er grüßte seine Kameraden und starb dann ebenfalls lautlos. Auch er rollte kurze Zeit darauf entseelt aus der Schlinge in den zweiten Sarg, zur Linken seines Bruders. 160 Partiturseite: ,, Consumatum est" Consumatum est! Lautlos defilierten 20.000, ohne mit der Wimper zu zucken, an den Mördern vorbei. Sie zogen zur Arbeit. - Am nächsten Tag, es schien bereits Programm zu werden, wurde die Legion abermals früher als sonst auf den Appellplatz befohlen. Zwei Russen gingen den letzten Weg. Zu diesem Schau- spiel wurde der Rest des Russenlagers, der den Winter überlebt hatte, auf den Appellplatz getrieben. Beide Jungen, die in ruhiger Haltung und mit festen Schritten dem Tod in die Arme liefen, wen- deten nach Verlesung des Urteils, das durch einen Dolmetsch über- setzt wurde, ihre Häupter zu uns und warfen verachtende Blicke auf die blutbesudelten Larven ihrer Mörder, Beide erhoben, als sie die erste Stufe des Galgens betraten, ihre rechte Hand, die zur Faust geballt war, und grüßten. Sie waren der Sabotage beschuldigt. Ich erinnere mich, daß im Sturm des Herbstes an einem Samstag abends zwei vom Hunger schrecklich zugerichtete _ Russen ans Tor gestellt wurden. Am Sonntag standen sie noch immer da, steif wie zwei Säulen, blau wie das Wasser, die Augen geschlossen. Der Sturm tobte weiter. Es wurde Sonntag Mittag. Noch immer standen sie da. Plötzlich, um 15 Uhr, krachte aus einem vor ihnen geöffneten Fenster der Blockführerstube ein Schuß. Der links stehende Russe sank zusammen. Kaum hatte der rechte sich gebeugt, um seinem Kameraden zu helfen, krachte ein zweiter Schuß. Auch er brach, über die Brust des ersteren fallend, zusammen. Bis spät am Abend ließ man die beiden am Tor liegen. Jeder Mann, der über den Appellplatz ging, mußte an den beiden vorbei. Erst am Abend, nach dem Appell um 17,30, wurden die beiden mit einem Leichenfahrer in das Krematorium _ hinter der Mauer geführt und in die Kisten zu den Leichen geworfen, - die auf ihre Verbrennung warteten. Am nächsten Morgen, als der Leiter und Blockführer des Krematoriums in seiner Stube bei fröhlicher Radiomusik in seinem Fauteuil saß, faul eine Zigarre schmauchte und dem emporsteigenden - Rauch folgte, ging plötzlich die Tür auf. Einer der beiden Russen . stand in derselben. Das Blut tropfte von dem nackten Körper, denn jede Leiche wurde vor der Verbrennung entkleidet. Er hob beide Hände mit letzter Kraft bittend gegen den Himmel und stammelte einige russische Worte. Er wird um sein Dasein gebeten haben! Grinsend sprang der Blockführer von seinem Sitz empor. Er nahm den Spaten, der in einer Ecke des Zimmers lehnte, und ver- setzte dem Bittenden unzählige Hiebe gegen den Kopf. Der Zu- sammenbrechende starb endlich auf der Schwelle der Kanzlei des Krematoriums. Häftlinge räumten den Erlösten in die Kiste zu . seinen steifen Brüdern. 1 161 Viele Nächte verfolgten mich diese Bilder. Selbst im Traum erschienen sie mir. Am Morgen, vor dem Appell, kam Walter in mein Zimmer und erklärte mir, daß er mich noch im Lauf des Tages in einer wichtigen Angelegenheit sprechen müsse. Die Verzweiflung sei so hoch gestiegen, daß in nächster Zeit auf irgend eine Weise Abhilfe geschaffen werden müsse, wenn auch ein Drittel des Lagers daran glauben sollte! Er war aufgeregt, sein Odem stockte in seiner Kehle und mir war, als hörte ich sein Herz brechen. Ich wußte nun, daß es sich um große Dinge handelte und daß die Aufgabe nur mit Einsatz des Blutes aller zu lösen sein würde. Als Walter in Hast meine Stube verließ und gegen den Appellplatz rannte, während ich sinnend durch das Fenster gegen die Mauer starrte, erhoben sich durch den Stacheldraht die drei Kreuze des Ölbergs! Erst glaubte ich, wahnsinnig zu werden, dann wendete ich mich und ging in den Keller der Pathologie. Ich sprach betend zu meinen toten Brüdern. Das Auto des Klinkerwerkes, das mit 16 schrecklich zugerichteten Toten das Tor des Reviers passierte, warf die Leichen mitten auf den Weg des Reviers. Fleischfetzen hingen ihnen vom Leibe, teilweise waren sie nur mit einer Jacke bekleidet. So lagen sie zu Füßen ihrer Kameraden, die sie betrauerten. Es war 18 Uhr. Ich betrachtete die verzerrten Physiognomien, die die Opfer beglotzten. - es war inzwischen 19 Uhr geWalter, der nach dem Appell worden zu mir wollte, lenkte, als er die Leichen erblickte, seine Schritte zu den Entseelten. Er zog die Mütze und stand wie ein Betender vor den Märtyrern. Dann wendete er sich mit gesenktem Haupt von ihnen und kam schweren Schrittes zu mir, der ich noch immer wie eine Säule am Fenster stand. " , Was sagst du nun?", sprach Walter tieferschüttert, mit Tränen in den Augen zu mir. Ich gab ihm keine Antwort und führte ihn in mein Zimmer, wo wir geraume Zeit schweigend herumstanden. ,, Siehst du", sagte er nach einer langen Weile ,,, das alles müßte von uns abgeschafft werden! Kein Volk, kein Mensch kann die Vernichtungswut dieser vom Teufel entfesselten Meute ermessen!" ,, Zwei von denen draußen", erzählte Walter weiter ,,, wurden heute im Klinkerwerk auf unmenschliche Art getötet. Ein Blockführer ließ an einem Hydranten einen Schlauch anbringen, dessen Ende die beiden Märtyrer in den Mund bekamen. Dann ließ er den vollen Wasserstrahl mit aller Stärke in die Kehlen der beiden strömen. Es dauerte nur kurze Zeit, dann brachen sie lautlos zusammen! Der Lagerführer des Klinkerwerkes erzählte das dem Leiter meiner Abteilung in fröhlichster Stimmung, und meinte, daß man 162 mermer einer ei so hilfe aran mir sich z des Opellm die reuze ndete etend erichmitten Leibe, sie zu mien, hr geseine ie ein nktem noch Tränen te ihn anden. müßte n die essen!" wurden ch anxamen. Kehlen men sie Leiter B man so am schnellsten die Gegner des Nationalsozialismus vernichten könne. Meine Wut kannst du dir nicht vorstellen. Ich hätte diesem Schuft am liebsten die Gurgel durchgebissen! Wer aber vermag das, wenn dann darauf jeder zehnte Kamerad erschossen wird? Alles das und die dahingegangenen Opfer zwangen mich eines Tages, Mut zu fassen und eine Handvoll Todesverächter um mich zu scharen, die sich mit Einsatz ihres Lebens verpflichteten, mit mir im gegebenen Augenblick dagegen aufzutreten. Da wir uns bis heute nicht schlüssig sind, wie man dem Gegner am besten auf den Leib rücken könnte, und da ich genau weiß, daß du, Peterl, in Dachau schon einmal mit Erfolg dagegen auftratest, komme ich nun zu dir und bitte dich, auch in deinem Kreis zu tun, was in deiner Macht steht, um endlich Hilfe oder Abwehrmöglichkeiten zu schaffen." Walter erzählte weiter, daß es, so weit er informiert sei, weniger an der SS als an der Lageraristokratie liege, die durch Interesselosigkeit und Feigheit dieses Unheil durch Verrat heraufbeschworen hatte. Gerade im Revier konnte man das deutlich beobachten. Kreaturengesindel, das diesem Kreis angehörte oder sich als dessen Teil fühlte, brauchte weder Erlaubnis vom Lagerarzt Lagerarzt noch Unterstützung vom Lagerführer, um in das Revier zu kommen. Wogegen andere Kameraden, vom Lagerführer als gesund bezeichnet, vor dem Revier zusammenbrechend starben. Blockälteste und Lagerälteste hatten auch täglich aus der Küche wie aus dem Revier das beste Essen und Zwischenmahlzeiten, während selbst der im Revier Liegende verhungern mußte. So verschwanden drüben in der Ruhrkrankenabteilung plötzlich Butter und Milch, die den Genesenden verabreicht werden sollten. Man kann hier nur von solchen Genesenden sprechen, die auf ihrem Arbeitsplatz entweder Hervorragendes geleistet hatten oder durch Schiebereien mit ihren Vorgesetzten enge verbunden waren. Der gewöhnliche Arbeiter im Lager konnte weder von einem Revier sprechen, noch dasselbe in Anspruch nehmen. Er war verurteilt, neben seiner Schaufel zu verenden. In der Versuchsabteilung der Lungenkranken, die in zwei Abteilungen mit Medikamenten, bezw. mit Nahrungszuschüssen behandelt wurden, waren durch den Lagerältesten und seine Clique Eier- und Speckrationen gehörig gekürzt worden. Auch das Verbleiben in solchen Abteilungen hing nicht vom Lagerarzt ab. So kam es vor, daß einige Kameraden mit Fieber an die Arbeitsstätte geschickt und die Lieblinge dieser Meute hineingesetzt wurden. Ein Capo, der gerade in der Schusterei beschäftigt war, vermittelte Ärzten und Unterführern Schuhe für die ganze Familie, und er durfte daher völlig gesund im Revier bleiben, so lange er wollte. 11* 163 Hatte er irgendwo gute Kameraden, denen er einmal Erholung ver- schaffen wollte, erhielten sie ebenfalls Eintritt ins Revier, wofür einfach Kranke hinausgeworfen wurden. In der Bekleidungskammer war es ebenso: Lagerälteste, Block- älteste usw. bekamen aus den Zivilbeständen Pullover und Woll- westen, durften sich kleiden, hatten Beschuhung und Unterwäsche, wogegen der andere, wenn man bei ihm eine Wollweste fand, die nicht vom Lager ausgegeben worden war, von diesen Leuten einfach gemeldet wurde. Das gleiche war in der Paketannahme der Fall. Pakete durften den Häftlingen nicht verabreicht werden, also wurden sie geöffnet. Brauchbares wurde für die SS herausgenommen, und wenn etwas übrig blieb, erhielten es die Blockältesten oder deren Helfershelfer. Es war schrecklich, wenn man jahrelang von Krautsuppe lebte, und der Mitkämpfer, erhoben zum Blockältesten und Helfershelfer, bei Tisch Speck und Mehlspeise verzehrte. Es würgte einen, wenn man, fast nackt, den ganzen Winter mit einer Decke schlafen mußte, während der Blockälteste nebenan mit fünf und sechs Decken, Wollweste und Unterwäsche schlief. In der Pathologie wurden den Toten die Goldzähne gezogen und mit Hilfe der SS, die Prozente erhielt, nach draußen verschoben.. Wäschestücke der SS-Delinquenten wurden zwischen den Capos des Krematoriums aufgeteilt und mit Hilfe von SS-Angehörigen den Familien der Capos per Post zugesandt. Ja, es kam nicht selten vor, daß so ein Schuft Tausende von Mark ergaunerte. „Also“, meinte Walter,„wir wollen es dir vollkommen über- lassen, wie du dieser Verbrecherwelt entgegentreten und damit deinen Kameraden vielleicht für später, wenn du nicht mehr da sein wirst, helfen willst.“ Ich versprach Walter, zu tun, was ich konnte. Ich hatte ja schon, wie in Dachau, eine schöne Zahl von handfesten Leuten gesammelt und wußte nur noch nicht, wann und in welcher Stunde man diesen Verbrechern auf den Leib rücken konnte. Da ich aber mit dem erst kürzlich eingesetzten Lagerarzt auf freundschaftlichem Fuß stand, war mir dadurch ein Ausweg, besser gesagt, eine kleine Lichtquelle geboten. Erst aber hieß es, den Mann gewinnen und hundertprozentig zu überzeugen, daß auch auf diesem schrecklichen Feld Menschlichkeit notwendig sei. Das war die erste Aufgabe, die ich mir stellte. Nicht nur meine erste Aufgabe war es, sondern auch meine heilige Pflicht gegen die Kreatur. Und gerade damals, da ich erst vor einigen Stunden vom sogenannten Z-Kommando eingerückt war, von dem schauerlichsten Mordplatz, den ich bisher kennengelernt hatte. 164 werofür ockollche, and, uten ften net. was lfer. ebte, lfer, inter enan lief. ogen ben. s des den von überHamit r da von und icken ezt auf Desser tig zu chkeit te. meine st vor war, elernt Draußen lagen sie in Haufen, halb lebend und tot. Sie waren mit einem Lastzug hergeführt worden, um verbrannt zu werden. Seit Wochen fuhren jeden Morgen, aber auch in der Nacht, Züge durch das Tor, durch das man alles führte, was die breite Menschheit nicht sehen und hören durfte. Wir nannten es das ,, schwarze Geleise". Vor einigen Tagen hatte es begonnen. Ein langer Lastenzug, dessen Maschine von SS bedient wurde, pfauchte durch das Tor. Auf Motorrädern und in Autos kamen SS- Einheiten mit Maschinenpistolen und Handgranaten herangesaust. Sie stoppten ihre Fahrzeuge, sprangen herunter und umzingelten den Zug. Die Mannschaft des Z- Kommandos, bestehend aus lauter Häftlingen, bewaffnet mif Prügeln und Schaufeln, mußte die Türen dieses Lastenzuges öffnen, der mit lebenden und toten Menschen voll beladen war. Die unteren Schichten waren tot und bereits in Verwesung begriffen. Die oberen Schichten lebten halb und halb. Erst sollten wir sie heruntertreiben, als das aber nicht möglich war, weil diese Menschen nicht mehr die Kraft besaßen, herunterzusteigen, mußten wir sie einfach herunterwerfen. Alle Altersstufen waren vertreten. Vom Säugling bis zu Achtzigjährigen männlichen und weiblichen Geschlechtes. Ohne Bekleidung, ohne Beschuhung, ohne jeden Bissen Brot. Es waren meist Einwohner russischer Dörfer oder Städte, aus denen man die Bewohner einfach mit der SS abführte und auf Transport schickte. Essen und Trinken brauchten sie nicht sie wurden ja nicht als Arbeitskräfte, sondern als Brennmaterial für das Krematorium geliefert. Ausrottung nannte man das kurz. - In vielen Waggons lebten die Leute noch. Sie wurden von der betrunkenen SS- Garde über den Leichenhaufen zur Erschießungsstätte getrieben. Diese nackten, kaum sich auf den Füßen haltenden Knochengerüste rannten wie Narren über die Leiber ihrer Nächsten und baten in ihrer Sprache um Leben oder Essen. - Die SS schoß mit Maschinenpistolen so lange auf die flüchtenden Scharen, bis der letzte sich sterbend der Erde zuneigte. Als dieser Zug entladen war es war inzwischen Nacht geworden- und die Halde sich wie ein schweigender Friedhof ausnahm, blieben nur wenige Posten zurück. Die anderen rasten mit ihren Maschinen wieder davon und verschwanden im Dunkel der Nacht. Am Morgen bewegten sich einige Haufen dieser am Vortag dahingemordeten Menschen, die nun mit Spaten, Prügeln und anderen Mordwerkzeugen totgeschlagen werden mußten. Viele von ihnen, die noch glaubten, sich irgendwie retten zu können, fand man in die Erde eingegraben, wo sie ihren Verwundungen erlagen oder erstickten. Sie scharrten sich mit letzter Kraft in die Erde, um den Mördern zu entgehen. Das alles half nichts! Ein anderer Zug kam mit Narren angefahren, die zum Großteil, wie wir feststellen mußten, keine Narren, sondern nur von der 165 Gestapo zur Verzweiflung gebracht oder durch ein Erlebnis fast verrückt geworden waren. Meist waren es Menschen, die der In- telligenz angehörten, hohe Parteifunktionäre, die sich gegen einen Befehl Hitlers gestellt hatten oder Menschen, die aus irgendeinem Grund der Partei im Weg waren. Sie mußten sich nackt ausziehen und wurden dann in die Vergasungsbaracke geschickt, wo das Z-Kommando die inzwischen Vergasten nach kurzer Zeit wieder wegräumen mußte. Ob Mann oder Frau, Kind oder Großvater— alle wurden in einen Raum zusammengepfercht, in dem zu sterben sie verurteilt waren. Was sich in diesen Räumen abspielte, kann jeder ermessen! ‘Viele wußten ja doch schon, was mit ihnen geschehen sollte, und gaben daher Bilder des Grauens und der Verzweiflung ab. Selbst- verständlich waren auch wirkliche Narren darunter, die einerseits iustige, anderseits unaussprechlich furchtbare Szenen aufführten. Einige hohe Parteifunktionäre, darunter auch Offiziere der deut- schen Wehrmacht, wurden nicht verbrannt. Ihre Leichen mußten gewaschen und rasiert werden. Die Kopfeinschüsse wurden verklebt und gepudert und dann brachte man die Leichen in eine Aufbah- rungshalle, die vom Besichtigungsraum, von dem aus die Ange- hörigen ihren aufgebahrten Verblichenen ansehen konnten, durch eine Glaswand getrennt war. Oft holte ich mit einigen Kameraden einen versperrten Sarg aus der unterirdischen Erschießungshalle und gab dem völlig zer- schossenen Schädel wieder eine annehmbare Form. Bei Geköpften wurde der Körper nicht mit aufgebahrt, sondern nur mit Papier unter der Leichendecke angedeutet. Viele solche Hingerichtete wurden dann einige Tage später:in Berlin mit hohen Ehren zu Grabe getragen. Angesichts dieser Tatsache und zahlloser Grausamkeiten, die ich aus Gründen der Menschlichkeit nicht schildern will und auch nicht in der Lage bin, jemals zu Papier zu bringen, um nicht un- sinnige Rachelust zu entfesseln, bat ich den zweiten Lagerarzt, Frohwein, gegen diese im Lager hausende Verbrecherwelt aufzu- treten und die Übergriffe, die immer mehr und mehr Opfer kosteten, abzustellen. Ich führte diesen Dr. Frohwein in alle mir bekannten Schlupf- winkel dieser Verbrecherbanden, wo er sich von der menschen- unwürdigen Gemeinheit und den grenzenlosen Verbrechen, die vielen das schrecklichste Ende brachten, überzeugen konnte. Er schenkte mir diesmal um so eher stundenlang Gehör, als er von dem Besuch im Z-Kommando totenblaß und vollkommen zusammen- gebrochen zurückgekehrt war. Was draußen direkt und bewußt angerichtet wurde, war im Lager indirekt durch diese organisierte Clique verbrochen worden. Die Opfer, die draußen haufenweise herumlagen, wurden im Lager durch infame Verbrecherscheinheilig- 166 er ilt n! nd st- its ut- en >bt 3e- arg eI- ten er ete die ıch rzt, ‚eD, en- die Er von en“ ußt orte oise lig: ‚keit tropfenweise verschuldet. Außerdem bat ich ihn, er möge bei der Lagerführung dahin wirken, daß draußen auf der Erschießungs- stätte wie im Krematorium eine andere Form der Hinrichtung ge- funden werde. Er versprach mir, dies zu tun, nur werde er sich erst einige Tage genauest überlegen, wie und wann er diese heikle Angelegenheit vorbringen könne. Meine Unterredung mit Dr. Frohwein war um 10 Uhr abends beendet. Er war gerade dabei, sich umzuziehen und nach Hause zu gehen, da stürzte plötzlich sein Kollege, Dr. Schmitz, herein, der sein Präparat gegen Phlegmone auf Operationsbasis jetzt in der Nacht ausprobieren wollte. Erstens war er kein Operateur und zweitens hatte er etwas zuviel getrunken. Da er aber ein vor- gesetzter Arzt war, half kein Zureden. Er befahl, sofort 20 Häftlinge herführen zu lassen, die er selbst noch in dieser Nacht operieren wolle. Es wurden nun in Rollwagen und gehend 20 Häftlinge her- beordert, die sich auf den Tisch legen mußten und ohne Narkose geschnitten wurden. Jedem Kranken wurden mehrere plan- und ziellose Schnitte, die bis zum Knochen reichten, beigebracht und in die Wunden kaum verweste Fleischstücke eingebettet, die wir vorher aus Muskelpartien geschnitten hatten. Sie entwickelten im Verlauf des fortschreitenden Zersetzungsprozesses Gase. Das Resultat war, daß gut 50 Prozent der Armen in einigen Stunden tot waren und daß die Leichen in kurzer Zeit blau und grün anliefen. Sie wurden als sehr gefährlich bezeichnet und es mußte daher vor der Sektion jede Fliege im Sezierraum getötet werden, wenn man nicht der Gefahr laufen wollte, bald ebenso grün oder blau angelaufen auf dem Brett zu liegen. Es war überall Willkür am laufenden Band. Wäre damals Dr. Frohwein nicht ganz energisch dagegen auf- getreten, hätte dieser Narr noch weitere 50 Menschen, vielleicht noch mehr, kalt lächelnd umgebracht. Dieser Vorfall begründete meine Bitte an Dr. Frohwein noch mehr. Er blieb bis zum Morgen im Revier und ging dann sofort zum Lagerkommandanten, um diesem das am Vortag Besprochene diplomatisch beizubringen. Am späten Nachmittag kam er schmun- zelnd wieder und erzählte mir— herzensgütig, wie er war— von seinem 100prozentigen Erfolg. Allerdings hatte er den Brigadeführer Glücks in Anspruch genommen und war mit diesem schweren Geschütz zum Lagerführer gefahren. Da Glücks die Abschaffung dieses unmöglichen Zustandes im Lager verlangte, blieb dem Herrn Lagerkommandanten, dem ja jeder Zustand egal war, nichts übrig, als einzugreifen. So hatten wir mit einem Schlag das Lager von den unsauberen Elementen gereinigt. Capos wie Blockälteste wurden ausgewechselt und sonstiges schmutziges Zeug, das ihnen Hilfsdienste geleistet hatte, flog aus den Arbeitsstätten, wo es auf Kosten krepierter 167 Kameraden nicht allzu schlecht gelebt hatte. Die Hauptschuldigen gingen in den Bunker und wurden nach Untersuchung strafweise in andere Lager verschoben. Es war auch wirklich höchste Zeit. Ich erinnere mich oft, wie diese Gesellen das sogenannte Bombenkommando verrieten und verkauften. Dieses Kommando bestand vorerst aus Freiwilligen, die auszurücken hatten, um Blindgänger auszugraben, bzw. unschädlich zu machen. Man versprach ihnen nach zehnmaligem Einsatz die Freiheit. Als diese Häftlinge aber merkten, daß die Versprechungen nur leere Phrasen waren und daß keiner die Freiheit sah, meldete sich keiner mehr. Es war ja auch klar. Viele Kommandos waren ausgerückt und nicht mehr gekommen. Dafür wurden sie mit militärischen Ehren und mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse aufgebahrt. Und SS- Posten hielten die Totenwache! Es wurde nun befohlen, daß die Blockältesten täglich früh eine gewisse Anzahl von Häftlingen zu stellen hätten. Wenn sie dies nicht fertigbringen sollten, würde man ihnen mit 25 Hieben nachhelfen. Nun suchten die Blockältesten alle Häftlinge heraus, die ihnen oder einem ihrer nächsten Freunde nicht paßten oder unsympathisch waren. So glaubte man, den einen oder den anderen auf billige Weise und auf dem schnellsten Weg aus der Welt zu schaffen. Nun war auch das vorbei und der arme, kleine Häftling brauchte beim Morgenappell nicht mehr zu zittern und zu bangen, daß man ihn vielleicht, weil er gestern dem Herrn Blockältesten keine heute auf unfreiwillige Zigaretten hatte verschaffen können, - Himmelfahrt schickte. - Wir waren auch in diesem Lager nicht rückschrittlich und hatten alles darangesetzt, hier so wie in Dachau mit aller Geschicklichkeit auf allen Linien, die einem Häftling zur Verfügung standen, vorzustoßen. Seit Monaten erlaubte man uns, eine Blechund Streichkapelle zusammenzustellen, was uns mit unmöglichsten Mitteln auch wirklich gelang. Der Jourhaus- Friseur Schubert, ein guter Musiker und nicht zuletzt auch Komponist, besorgte von draußen die zusammengeschlagenen Instrumente der SS, die bereits auf den Abfallhaufen herumlagen. Die Erlaubnis bekam er auf ganz einfache Art und Weise. Er hatte ja nur Kommandanten und die gesamte Lagerführung zu rasieren und ihnen die Haare zu schneiden. Er wartete bei dieser Gelegenheit auf einen passenden Moment und säuselte dann dem Lagerführer, Kommandanten, Adjutanten oder sonst Einflußreichen solange in die Ohren, bis diese, an nichts denkend, die Erlaubnis gaben. Im Lager wurden die verbeulten Instrumente wieder ausgebügelt, gelötet und ergänzt, so daß man sie bald verwenden konnte. Fehlende durften gekauft oder von zu Hause geschickt werden. In zwei Monaten hatten wir Instrumente und Notenmaterial für 168 ten ein yon its auf ınd jen Ad- Se, ge nte: jen. für ® t : BEER UP re er EEE En ER eine volle Blechmusik und für ein großes Streichorchester bei- sammen. Noch zwei Monate brauchten wir, um zu proben. Nach dieser Zeit führten wir in einer Baracke, die uns ebenfalls zur Ver- fügung gestellt wurde, schöne Konzerte auf. Es fehlte uns ja nicht an Künstlern, da auch Opernkräfte aus aller Herren Ländern mit- wirkten. Das letztemal war es das Viotti-Konzert 23 gewesen, das ich mit dem Orchester aufführte. Diesmal waren wir bereits weiter, so daß wir sogar mit Einaktern, Trompetensoli usw. aufwarten konnten. Ich selbst hatte die Rolle eines Musik-Clowns zu spielen, der völlig unmusikalisch war und am Schluß das Viotti-Konzert aus einer Spielgeige hervorzauberte. Unter den Gästen hatten wir natürlich auch SS, die Lagerärzte, den Kommandanten und Lager- führer. Wir schufen damit eine Brücke zwischen Häftlingen und ihren Massenmördern. So konnten wir viel Unglück und Willkür verhüten, die sie für uns bereit hatten. Außerdem freute sich jeder Häftling die ganze Woche auf den kommenden Sonntag, der ihm für die folgende Woche eine seelische Stärkung war. Es wurde auch kritisiert. Die eingesperrten Zeitungsmenschen und Kritiker ließen die Künstler zu sich kommen und warfen ihnen das Schlechte wie das Gute offenherzig vor, so daß eine Steigerung der Leistung erzielt wurde. Gerne ging ich zu den Proben, die mich aus den Verzweiflungen des ganzen Tages rissen und das mich verfolgende Bild der Toten,°» die mich auch in der Freizeit mit grinsenden Fratzen anstarrten, verblassen ließen. Wir übten jetzt das Paganini-Konzert mit Orchester ein, das wir zu Weihnachten 1942 aufführen wollten. Es war der 1. November, ein Samstag. Da probte ich das letztemal. Als ich in meine Baracke zurückgehen wollte, fand ich den Weg nicht mehr. Ich war durch die A-Vitaminose nachtblind geworden und sah keinen Schritt weit. Ich tastete einmal links, einmal rechts. Der gewohnte Gang war mir diesmal fremd. Ich fühlte unbekannten Boden unter mir und arbeitete mich vorsichtig weiter. Es war dort sehr gefährlich. Unweit von der Probebaracke war eine Ecke des geladenen Stachel- drahtes und hatte man den Weg nicht gefunden, um rechtzeitig rechts auf den Appellplatz abzubiegen, bestand die Gefahr, in den Stacheldraht zu rennen. Auf einmal hatte ich erhöhten Boden unter meinen Füßen und beim nächsten Schritt fühlte ich, daß ich an den Vordraht des elektrischen Netzes stieß, der ja noch nicht geladen war. Nun kehrte ich schnell um, aber in diesem Moment blitzte hinter mir schon der Scheinwerfer auf, der fallweise die Grenzen des Lagers ableuchtete. Ich legte mich sofort nieder und streckte mich in dem kleinen Hohlweg vor dem Stacheldraht aus, weil ich genau wußte, daß im nächsten Moment geschossen werden konnte. Durch diese Geistes- gegenwart erhielt ich mein Leben. 169 Der Scheinwerferkegel wich von meiner Stelle ab. Ich hatte wieder Orientierung, stand auf und ging meiner Baracke, Revier 1, zu, wo ich mich in mein Zimmer begab. Im Zimmer waren viele Kameraden anwesend, die mir erklärten, daß ich morgen entlassen werden sollte. Sie hätten das gehört. Erst glaubte ich an einen Spaß, doch dann erinnerte ich mich, daß mir vor einigen Wochen Franz, der Schriftsteller, eine Beobachtung erzählt hatte. Auf dem Tisch seines Kommandoführers, der Entlassungen und Aufnahmen durchführte, hatte er eine mich betreffende Anfrage des Hauptamtes Berlin gesehen. Der damalige Lagerälteste, Fritz Horn, ein alter Haudegen und österreichischer Offizier, erhielt vom Lagerkommandanten Weisung, vom Capo der Bekleidungskammer die Zivilkleider der am nächsten Tag Abgehenden herrichten zu lassen. Jetzt hatten wir die Sicherheit, daß meine Entlassung bevorstand. Allerdings konnte es auch etwas anderes sein. Erstens bekam man Zivilkleider, wenn man auf Transport in andere Lager ging oder den Gerichten zur Verurteilung überstellt wurde, zweitens konnte man im Zivil auch zur Erschießungsstätte wandern, wo man die Himmelfahrt billig antreten durfte! Auf alle Fälle wurde mein Fagottkasten hervorgeholt und die Auspolsterung losgerissen, worauf ich sämtliche Adressen meiner Kameraden, deren Frauen ich zu verständigen hatte, wie die Reste meiner Partituren dahinter versteckte und das Futter wieder anklebte. Jeder Besucher hatte nun die Hände voll zu tun. Die Mütze wurde ausgetauscht, einer hatte eine schlechte und meine war gut, der andere hatte eine unmögliche Bluse, die er gegen meine tauschte und so waren wir vollauf beschäftigt. Bald stand ich im schäbigsten Lumpenkleid inmitten meiner Kameraden und wir hielten vorsichtig und leise unseren Abschiedsabend. Ich mußte ihnen leise noch einige Stücke auf der Geige vorspielen und meinen Weg durch diesen Jammer schildern. Es gab viel Lustiges, aber auch Trauriges zu erzählen und man freute sich wie ein kleines Kind, wenn man die Erinnerungen in letzter Minute austauschen konnte. Damals ging ich nicht mehr zu Bett. Nach der Verabschiedung- es war inzwischen 12 Uhr geworden- schlich ich zu meinen toten Kameraden in den Leichenkeller, wo ich den Rest dieser Nacht verbrachte. Ich ging schwer, da ich mit ihnen wie mit meinen Kameraden eng verbunden war und mir ein Leben in der Freiheit gar nicht mehr vorstellen konnte. Auch war ich zur Zeit ruhrkrank und hätte lieber hinter dem Stacheldraht mein Leben beendet. Am frühen Morgen, es war der 2. November 1942, wurde ich noch vor dem Appell zum Jourhaus befohlen, wo ich an der linken Seite des Tores Aufstellung nahm. Es war ein regnerischer Tag und der Himmel schüttete sein Wasser über mich. Stundenlang blieb ich dort stehen. Ich verzweifelte beinahe, denn sämtliche 170 ıte jet tt. nit Bilder der Ungewißheit und des Grauens zogen an mir vorüber und meine Phantasie malte sich manches Schreckliche aus, das vielleicht kommen konnte. Um 8 Uhr erschien ein Blockführer, der befahl, mit ihm zu kommen. So lief ich neben ihm, der auf dem Fahrrad fuhr, durch den Vorgarten des Jourhauses, wo die ein- zelnen Kommandos untergebracht waren. Während des Laufes be- fahl er nur:„Richtung links, Richtung rechts” oder„Baracke 5“. In der ersten Baracke bekam ich einen Wisch zugeschoben, den ich unterschreiben mußte, dann durfte ich 75 Reichspfennig einstecken. Erst erinnerte ich mich überhaupt nicht an diese 75 Pfennig, die ich bei der Einlieferung im Jahre 1938 bei mir gehabt, hatte. In der zweiten Baracke bekam ich Uhr und Taschenmesser. Dann mußte ich ins Lager in die Ankleidebaracke zurücklaufen, wo mein Anzug, Mantel und Hut, Handschuhe und Schuhe bereit- gestellt waren. Vorerst wurde ich auf meine Bitte in Begleitung des Blockführers zum Lagerarzt geführt, wo ich mich verabschieden und Fagott und Geige abholen durfte, dann, als ich bereits um- gekleidet war, ging es zum Lagerführer, der mir erklärte, daß ich der Volksgemeinschaft wieder zurückgeführt werde. Ich müsse mich mit einem Revers verpflichten, nirgends zu erwähnen, was ich im Lager erlebt und gesehen. Täte ich es dennoch,. käme ich sofort ins Lager zurück. Was dies bedeuten würde, müßte ich ge- nau wissen. Dabei besaß er die Frechheit, mir plausibel machen zu wollen, daß man Verbrecher und politische Häftlinge in der Behandlung unterscheide und daß das deutsche Volk mich in seine Reihen aufnehmen werde. Antworten konnte ich nicht. In mir kochte das Blut! Am Schluß gab er mir die Hand und grüßte mich mit„Heil Hitler!". Diesen Gruß hätte ich wiederholen sollen, ich tat es aber nicht. Er erklärte mir, er könne mich weiter im Lager festhalten, wenn ich seiner Aufforderung nicht Folge leiste. Ich verneinte kurz:„Ich kann auf diese Zeit, die ich hier verleben mußte, nicht mit Scheinheiligkeit antworten— eher bin ich bereit, ins Lager zurückzugehen.“ R Darauf übergab er mich wieder dem Blockführer, der mich durch den Park bis zum äußersten Torposten begleitete. Dort wies ich meinen Entlassungsschein vor, das große eiserne Tor öffnete sich und ich stand vor den Mauern dieser ewigen Mordgrube! Der Wind peitschte durch die Straßen. Patrouillen hielten mich an und verlangten von mir den Entlassungsschein. Am Ende der Mauer forderte noch einmal ein Vorposten mit gefälltem Gewehr Ausweispapiere. Ich zeigte sie ihm und er ließ mich mit den Worten „Leb wohl, armer Hund!“ weitergehen. Nun führte mein Weg durch eine bewaldete Gegend nach Oranienburg. Ihr herbstliches Kleid rauschte im Wind und die At wispernden Blätter in göttlichsten Farben flogen in mein durchnäßtes Angesicht. Ich war müde. Ich lehnte mich an einen Baum und sann erst einmal geraume Zeit. Noch einmal ließ ich meinen Weg vorüberziehen, dann raffte ich mich langsam auf und ging mit gesenktem Haupt weiter. Immer wieder hörte ich Kommandostimmen. Die Fratzen meiner gestorbenen Kameraden, die mich täglich und nächtlich begleiteten, gingen auch hier, auf diesem einsamen Freiheitsweg, mit mir im gleichen Schritt und Tritt. Ich glaubte, wahnsinnig zu werden, und es kostete viel Mühe und Energie, bis ich mich langsam an Freiheit und an den irdischen Zauberacker gewöhnen konnte. Bald stand ich im Bahnhof Oranienburg. Auch hier dauerte es eine Zeit, bis ich mich entschlossen hatte, mit meinen Ausweispapieren die Fahrkarte am Schalter abzuholen. Als ich die Zettel wortlos durch den Schalter schob, guckte das diensthabende Fräulein mich an. Es reichte mir eine Schachtel Zigaretten und die Fahrkarte. Nun trat ich mit der S- Bahn die Fahrt nach dem Berliner Anhalter Bahnhof an. Nur mit Mühe konnte ich mich über die Stufen des Waggons arbeiten, da mir die Kräfte fehlten. Im Zug setzte ich mich nicht, wie alle anderen Fahrgäste, nieder. Ich blieb am Fenster stehen und freute mich über die Natur. Am 4. November, morgens 5 Uhr, rollte mein Zug in den Wiener Westbahnhof ein. Die Stadt war mir fremd geworden. Alles Treiben war mir widerlich. Seit meinem Abschied von der Heimat hatte mein Österreich seinen Charakter vollkommen verloren und ich fühlte mich zuerst wie im Ausland. Überall gab es nur Hasten und militärisches Treiben und in jedem österreichischen Gesicht sah man Unzufriedenheit. Um 1 Uhr mittags fuhr mein Zug vom Wiener Südbahnhof nach Graz. Kaum war ich eingestiegen, kam der Schaffner. Er beglotzte mich, nachdem er meine Karte gesehen, rief mich zur Seite und fragte, ob ich aus einem Konzentrationslager käme. Als ich bejahte, nahm er mich bei der Hand und führte mich in ein Zweite- Klasse- Abteil, wo er mir einige Zigaretten und ein Stück Jausenbrot reichte. Es war das erste Essen, das ich seit meiner Entlassung empfing. Ich weinte. Nicht aus Freude! Mich würgten der Hunger und die Tatsache, daß ein fremder Mensch mir ein Stück Brot reichen mußte. Übern Semmering und durchs Mürztal schnaufte der Zug meiner Heimatstadt zu. Um 12 8 Uhr abends rollte er im Grazer Hauptbahnhof ein. Erst fürchtete ich mich, weil ich glaubte, daß man mich hier abermals von der Gestapo festnehmen lassen würde. Ich schob mich daher mitten unter die Menschenmassen und ließ mich dem Ausgang zutreiben. 172 Nun stand ich da, an der Schwelle meiner Heimatstadt, an der ersten Stufe meines wieder beginnenden ungewissen Lebens- weges. Vor mir lag die Nacht. Fremd war das Gesicht meiner Heimatstadt und meine Pulse schlugen wie Hämmer auf härtesten Stahl. Ich steh vor nichts, gleich wie ich angefangen, Die Welt gab mir das Nichts als Hab’ zum Pilgern mit. Mein Trost blieb es und war bis hierher mitgegangen, Das Nichts dem Nichts in einem Kettenglied! O Welt, du weißt genau, was du mir damit hast gegeben, Ich fluche nie, mir tatst du damit recht, Hätt’ ich statt Nichts ein goldbedachtes Leben, Ich könnt’ nie werden, ich wär’ zu dem zu schlecht! So bin gezwungen ich, aus allem Nichts doch zu erstehen, Und wurde wie der Stein, der aller Welt ein Wert. Das Nichts wird bald zum Zwecke sich erheben, Weil es dazu gezwungen wie in der Faust das Schwert! Nun steh’ ich da vor meiner Heimat Tore, Verfolgt, gehaßt wie all das Nichts der Welt. In meinen Augen stehet ewig nur die Träne, Vor meinen Füßen das geleerte Feld! Der Hunger schwächte die Sehkraft meiner Augen, ich irrte hastig durch die Stadt, gleich einem Narren. Fremd waren Menschen und Gemäuer, alles, was war. Angstvoll tastete ich mich vom Bahnhof zur Straßenbahn. Geplagt von Schmerzen, verfolgt von Sorge um die Meinen. Was werden sie mir alles erzählen? Wo mochte mein Lieb in diesen Stunden sein? Erst wollte ich den Straßenbahnwagen nicht besteigen. Noch warten, dachte ich. Ich sah Leute, die ich als Kinder gekannt, nun als Frauen und Männer. Gott sei Dank, sie alle kannten mich nicht mehr, die einst ein Stück meiner Welt gewesen. Sie sind mir fremd. Plötzlich steht neben mir ein Kind. Wer bist du? Du bist schon so groß wie ich und hast Augen wie ich. Wer magst du sein? Meine Brust dehnt sich vor Schmerz und Freude. Du bist zu groß, um mein Kind zu sein. Du trägst aber die Locken nußbraun wie dieses. Ein Unglück trennte mich von dir seit deiner Geburt. Ich sah dich zwölf Jahre nicht. Du lagst noch in deiner Wiege, als ich von dir in aller Stille Abschied nahm. Ich küßte deine weichen Wangen. Wie heute strahlte dein Augenstern. Du 173 hier, du kannst es doch nicht sein?! Du bist zu groß! Im Innern kettest du mich aber doch! Ich spüre, du ahnst mich. Deinen Herz- schlag fühl’ ich leis’ in meiner Brust. Und demnach mußt du es sein! Da springt ein andres Ding zu ihr und grüßt zaghaft:„Servus, Inge!" Da ward ich bleich, ich fühlte es. Mein Atem stockte. Du trägst den Namen, den dein Mütterchen dir einst gab. Dich fragen? Könnte ich! Am Ende bist du es und triffst den Vater hier auf dem Weg nach dem Heimathaus. Dein Blick— er haftet noch immer an meinem Gesicht. Du kannst nicht los! Du bist mein Blut, mein Ich. Ich fühl’ es. Du bist das Kind, das seinen Vater sucht, ich bin der Vater, der sein Kind nie fand. Da steigt sie aus. Die Station wird von der Schaffnerin aus- gerufen. Noch einmal schaut sie zurück und geht. Die Nacht ver- schlingt mir das Kind. Sie muß es sein! Hier, unweit von der Halte- stelle, wohnt seit Jahren ihr Mütterlein. Mein Inneres sprach ein ernstes„Ja! Da hält der Wagen schon an meiner Haltestelle. Noch einige Schritte— dann bin ich vor dem Haus meiner Großmutter. Ob sie noch lebt? Lange hörte ich nichts von ihr. Seit mein Lieb ihr Haus verließ. Eine Weile stehe ich da, gucke durch die Nacht zum Fenster, an dem sie immer gesessen. Ein mattes Licht läßt der verschlossene Fensterbalken durch, so wie damals, als ich ging. Du schläfst! Vielleicht für immer schon! Ich fühle Nässe auf meinen Wangen, die Tränen, die hier schon Furchen gruben. Am Steinstock des Gartentores sank ich hin und weinte bitter- lich. Ich raffte mich auf und ging die alte Treppe hinauf. Die Haus- frau schickte ich voraus. Sie sollte das alte Mütterchen vorbereiten. Ich wollte nicht der Tod in ihrer Freude sein! Vor der Türe blieb ich stehen und lauschte. j „Nein‘, hörte ich.„Der lebt nicht mehr, der kann doch nicht mehr kommen!“ „Und doch‘, erwiderte die Hausfrau,„ich sprach ja selbst mit ihm!“ „Nein, nein‘, zitterte es zurück. Da konnte ich nicht länger vor der Tür bleiben. Mit festen Schritten trat ich hin vor sie, die krank im Bett lag. „Und doch, ich bin's!", sagte ich. Es war die letzte Kraft, die ich aufbringen konnte. Dann schwiegen wir und weinten. Ich wollte fragen, wohin mein Lieb gegangen. Ich war jedoch lahm vor Schmerz. Da flüsterte der alte Mund, umrollt von Tränen, was ich gewußt. „Sie konnte dich nicht mehr erwarten— sie ist verlobt. Sie konnte nicht mehr glauben, daß du wiederkommst. Man sagte uns, 174 u u 15% a ee„ER u Me ‚e b 0 T, 1e t! n, daß du spätestens im Sommer kommen würdest. Wir nahmen es als bitteren Bissen des Trostes, aber du kamst nicht. Auch erhielten wir kein Schreiben von dir. Nichts deutete darauf hin, daß wir dich jemals wiedersehen würden. Da ging sie fort. Nichts hörte und sah ich mehr von ihr.‘ Da wollte auch ich zurück in jene Schmerzenswelt, aus der ich gekommen, in der das Sterben Freude war. „Warte!”, fuhr sie fort, indem sie mir das kurze, graue Haar streichelte,„vielleicht findest du sie doch wieder!" Ich schwieg. Wer konnte da noch ein Wort von seiner Zunge lösen? Ich nicht. So war die Freiheit mir eine Last. Für sie litt und weinte ich tausend Stunden. Jetzt war sie fort, vielleicht ins falsche Glück. Ich wollte sie suchen! Verzeihen, was ihr Herz verbrochen, und noch mehr. Nur finden mußte ich sie, nur einmal unter ihren Blicken gehn! Ihr Herz durfte mich nicht übersehen! Auf raffte ich mich zum Kreuzgang nach meinem Heimathaus. Mutter und Geschwister wollte ich wiederfinden. In meine Arme . drücken, ehe ich vielleicht zum letzten Gang sie verließ. Ich eilte verdrossen durch Nacht und Wind den Berg hinan zum Kirchlein, wo mein Vaterhaus auf hartem Stein ragt. Der Wind rauschte mir zum Gruße. Da stand es wie damals. Wer verteidigte dich, stolzes Haus? Was mochte durch deine Räume an Tränen und Schmerzen gezogen sein? Leise schritt ich durch die finsteren Räume. Alles schlief. Noch einmal blieb ich stehen vor der Tür des Schlafzimmers. Ich brauchte Zeit, mich zu fassen, die Kraft zu sammeln, die ich nötig hatte, um mich auf den Füßen halten zu können, wenn ich meine Lieben erblickte. Da rief angsterfüllt der Mutter Mund. Sie hatte mich gehört. „Wer ist's, wer hat sich eingeschlichen? Macht Licht, Kinder! Ein Räuber hat sich eingeschlichen!”, schrie sie gellend. Sie ließ mich kaum zu Wort kommen. „Nein, Mutter‘, antwortete ich.„Ich bin’s, der Selmo!' „Lügner!“, schrie sie auf, während das Brüderchen zitternd ein Lichtlein entzündete. „Ein Räuber bist du, Hilfe!”, schrie sie wie eine Wahnsinnige. „Du hast wohl die Kleider meines Sohnes, aber du bist es nicht, du hast ihn ermordet, und dich zur Flucht seiner Kleider bemächtigt!” „Nein, Mutter, ich bin’s wirklich!‘ rief ich zornig.„Du mußt mich doch erkennen!“ Da schlug sie beide Hände vors Gesicht und weinte. „Nein, du bist es nicht, du bist der Mörder meines Sohnes, geh’ von diesem Haus, du siehst eher einer Leiche ähnlich! Nein— du bist es nicht!“ 175 Lange dauerte es, bis ich sie überzeugt hatte. Sie kam zögernd, mit der Lampe in der Hand, im Nachthemd zu mir. Sprachlos, niedergeschmettert, mit Tränen im Auge, lehnte ich an der Bettwand. Sie leuchtete mir ins Gesicht. ,, Ja, du bist mein Kind, mein Selmo!" Genau so war es mir bei der Großmutter ergangen. Erst als ich ihr alle meine Sachen und Kleider aufgezählt, den Platz geschildert, wo sie diese aufzuheben pflegte, hatte sie ihr Enkelkind erkannt. ,, Kommt, Kinder, der Selmo ist wieder da!", rief die Mutter. Da kamen zögernd, im Schlafrock, die Schwestern, erst vorsichtig den Kopf zur Tür hereinsteckend. Sie waren groß und stattlich geworden in diesen sechzig Monaten. Mein Mütterchen stand nun da, umgeben von jungem, hoffnungsvollem Leben. Die Geschwister bauten sich stolz, mit verschränkten Armen, vor ihrem großen Bruder auf. Sie konnten es nicht fassen. Nicht alle waren es mehr. Tod, Krieg und Haß der Feinde, die nicht in mir allein den Gegner fanden, hatten der Mutter noch zwei Brüder genommen. Einer stand im Norden ,, gegen jeden Feind", der Jüngere starb, nachdem er vergebens mit den Tagen gerungen, um mich noch einmal zu sehen. Vater ruhte längst in kühler Erde. Die beiden Jüngsten waren in eine Erziehungsanstalt gesteckt worden. Aus den wunden Herzchen vor mir tropfte heißes Blut im Schmerz um die Verstorbenen. Wie viel hatten sie mir zu erzählen, als sie mich, den Bruder, erkannt hatten! Endlich faßte ich Mut und fragte meine Angehörigen um mein Lieb. Sie mußten es doch wissen! ,, Ja", meinte mein Schwesterchen ,,, das will ich dir alles der Reihe nach erzählen". Wir ließen uns im Bauernstübchen nieder und sie begann: ,, Eines Tages kam ein liebes, nettes Ding zu uns. In den Händen trug sie schwere Koffer. Erst berichtete sie vom Unglück, das euch durch Verrat traf, dann von ihrer Flucht von Dachau nach Graz. Sie erzählte folgendes: , Am 25. Juni 1941, es war ein schöner Samstag, wurde ich zum Chef der Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung in Dachau gerufen. Es war SS- Obersturmführer Vogt. Dort wurde mir vorgehalten, daß ich mich mit dem Häftling Nr. 78 näher eingelassen hätte. Ich wies das natürlich energisch zurück, es war ja auch nicht wahr! Wir hatten uns Liebe und Treue geschworen und einander für das Leben verpflichtet. Außerdem waren seine Entlassung vom Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, sowie Einstellung als Kunstmaler in die Versuchsanstalt versprochen worden. Es folgten lange Vernehmungen. Man drohte mir auf das Gemeinste, vor allem damit, mich auch ins Lager zu stecken, und 176 Selbstbildnis sagte, daß der Häftling Nr. 78 längst zugegeben habe, mir Briefe geschrieben zu haben. Ich erklärte, ihn lieb zu haben und gab einige harmlose Briefchen zu, in denen wir aber immer wieder nur gegenseitige Liebe und Treue beteuerten. Wir waren ja auf Brieflein angewiesen, da wir uns nur sehr selten und dann nur in Gegenwart von SS- Posten sprechen konnten. Nun sollte ich mich verpflichten, alles schriftlich festzuhalten. Da mir aber die Helden der SS nur allzu gut bekannt waren, erzählte ich meiner Mutter alles, was vorgefallen war. Sie wußte ja von meinen Beziehungen zu Selmo oder Peterle, wie ich ihn getauft hatte. Auch sie fand keinen Rat, und nun sollte ich alles meinem Vater vortragen, der seit Kriegsbeginn als Offizier bei der Wehrmacht war. Er machte mir zornig seinen Standpunkt klar, setzte sich aber dann doch in seinen Wagen und fuhr zu meinem Chef. Nach einer längeren Besprechung willigte dieser ein, die Sache totzuschweigen und einschlafen zu lassen. Er gab darauf meinem Vater sein Offiziersehrenwort als SS- Führer und wir glaubten nun alles in Ordnung. Einer Schufterei, wie sie nun folgen sollte, hielten wir ihn doch nicht für fähig. Es wurde Montag und ich ging ahnungslos ins Büro. Plötzlich wurde ich zum Chef gerufen. Dort wurde ich trotz Ehrenwort fristlos und ohne Zeugnis entlassen und die ganze Angelegenheit wurde der Gestapo gemeldet. Ich eilte sofort nach Hause, packte mit Einwilligung meiner Eltern meine Koffer und fuhr am nächsten Tag nach Graz. Mein Peterle wurde Dienstag, den 27. Juni, von SS- Posten in den Bunker abgeführt. Was weiter mit ihm geschah, weiß ich nicht. Nun bin ich also hier bei euch und warte, bis man mir mein Peterl wieder gibt!' Wir waren mitten im Umbau unseres Hauses, erzählte meine Schwester weiter, und so konnten wir Elfi nur kurze Zeit unterbringen. Da fanden wir für sie ein Zimmerchen weiter unten im Nachbarhaus. Am Tag nach ihrer Ankunft ging Elfi ins Arbeitsamt, das ihr bei der Firma Anton Hofstätter in der Gleisdorfergasse eine Stelle zuwies. Sie hatte noch nicht lange gearbeitet, da fuhr eines Abends die Gestapo vor. Sie verhaftete Elfi und führte sie mit dem Auto fort. Man brachte sie ins Polizeigefangenhaus. Großmutter schrieb sofort einen Brief an Elfis Eltern, die gerade an einem bayrischen See zur Erholung waren. Der Brief erreichte sie also erst nach einigen Tagen. , Rauh und kalt war die Zelle', erzählte Elfi., Von meinem kleinen Fenster aus sah ich die Gitter, hinter denen wohl auch Selmo gesessen haben mochte. Eine Vernehmung nach der anderen plagte mich. Man warf mir vor, was mir eingefallen sei, mich mit einem Verbrecher zu unterhalten und sogar zu verloben, verdächtigte mich, politische Papiere aus dem Lager geschmuggelt zu haben, und versicherte mir zuletzt, daß ich nie wieder die Freiheit erleben 12 177 würde. Ich aß nichts und weinte nur. Außerdem war mir sehr kalt, denn ich trug nur ein Dirndlkleid. Als einziges Hab und Gut hatte ich ein Taschentüchlein. Mit meinen Gedanken war ich immer bei meinem Peterl und seinem Leiden. Konnte ich doch nun erst ermessen, was es heißt, eingesperrt sein, getrennt von allen Lieben! Inzwischen unternahm mein Vater Schritte bei der Münchner Gestapo und nach sechs Tagen wurde ich wieder auf freien Fuß gesetzt. Ganz arm war ich. Nicht einmal die paar Pfennige hatte ich, um mit der Straßenbahn nach Hause fahren zu können. Großmutters Hausfrau, die mich nach meiner Entlassung herumirren sah, hielt mich an und drückte mir 20 Pfennig in die Hand. So konnte ich wenigstens nach Hause fahren. Als ich heimkam, sank ich neben dem Tisch in Großmutters Arme und weinte!' Für Elfi war das sehr viel gewesen. Sie hatte keine Ahnung vom schmutzigen Leben gehabt, sie war ein Kind, das im Elternhaus beschützt wurde. Es traf sie um so mehr. Zum Glück bekam sie ohne Vorwurf ihre Stelle wieder. Herr Hofstätter hatte volles Verständnis, da er kein Anhänger dieses Gesindels war. Dort hatte Elfi Arbeitskolleginnen, die ihr immer wieder von mir abredeten, erzählte mein Schwesterchen weiter. ,, Lange Zeit blieb sie in ihrer Freizeit immer daheim. Sie ging nur ins Büro und kam abends nach Hause. Der Schmerz um dich wurde größer und größer. Als sie ihr Zimmer deinetwegen aufgeben mußte, als man ihr auch sonst überall etwas in den Weg legte, verlor sie sich. Freundinnen, gesellige Abende, nette Herren kamen und Elfi war eine Dame, die schließlich jeder Gesellschaft Freude machte. Der Schmerz um dich, das ferne Elternhaus, alles trug dazu bei. Uns wurde sie immer fremder. Kam sie spät abends nach einer vielleicht äußerlich schön verlebten Stunde nach Hause, nahm sie dein Bild, das immer auf ihrem Schreib- und Nachttischchen stand, und weinte. Oft nahm sie sich vor, dir zu schreiben. Sie begann einmal, zweimal, dreimal zuletzt mahnte sie die Stimme des Gewissens und sie zerfetzte unter Tränen den Brief. So ging es monatelang. Sie wurde immer trostloser, ihr Dasein wurde immer fürchterlicher. Manchmal war sie nahe daran, sich das Leben zu nehmen. Nur der Gedanke an dich und die Hoffnung, daß vielleicht doch noch einmal alles gut werden könnte, hielten sie zurück. Sie hatte aber nicht mehr die Kraft, dir zu schreiben. Nach vierzehn Monaten schmerzlichen Wartens lernte sie einen Feldwebel der Luftwaffe kennen, der ihr nach kurzer Zeit die Ehe versprach. Sie machte ihm zwar von Anfang an klar, daß sie nicht wisse, was geschehen würde, wenn du eines Tages wieder kämst, aber dann gab sie ihm doch ihr Wort. Wir trafen sie mit ihm eines Nachmittags am See. 178 e d t, 139 er B ce 3- n 100 k g m es on - ng hr erge B- as er ch er Oft al, nd Sie er. er incht en The ht st, es Trotz allem blieb ich ihr als Freundin treu. Ich konnte sie nicht verlassen. Sie hatte ja keinen Menschen mehr, der zu ihr hielt. Im Juni bekamen wir von der Gestapo die Mitteilung, daß du kommen würdest. Ich teilte ihr das mit. Anfänglich konnte Elfi die freudige Nachricht gar nicht glauben, dann ließ sie sich durch den Beamten überzeugen. Wochen vergingen, in denen sie wieder treu auf dich wartete. Du kamst aber nicht. Da wurde sie müde. Bei der Gestapo teilte man ihr mit, daß du überhaupt nicht mehr kommen könntest. Du seiest tot. Nach diesen Worten wies man ihr die Tür. Verweint kam die Ärmste nach Hause. Peterl tot? Ihr wurde das zuviel. Als ihr Bekannter eines Tages erfuhr, daß er versetzt werden sollte, als sie nun endgültig die Gewißheit hatte, daß auch du nicht wiederkommen könntest, packte Elfi ihre Koffer. Sie fuhr nach Hause zu ihren Eltern. Das war im vergangenen Monat, also Anfang Oktober. Seither wissen wir nichts mehr von ihr." Mein Herz schmerzte. Ich hielt mit beiden Händen meinen Kopf und verhüllte mein Gesicht, um das Weinen zu unterdrücken. Wut und Schmerz fraßen an mir. Krank, niedergeschmettert wie ein Kind nach Prügeln, hockte ich in meinem Stuhl. Ich weinte bis zum nächsten Morgen. Das mußte sie für mich leiden? Und einen Monat vor meiner Ankunft verließ sie die Stadt? Fühlte sie denn nicht mein Kommen? Sie, die mir Treue bis zum Tod geschworen? Was sollte nun mein Leben? Zwecklos fühlte ich es in meinen Händen liegen. Trostlos schlich jeder Tag vorbei. Ich war Gefangener des Schmerzes, Gefangener der Freiheit. Was tat ich da, im Friedhof meiner Hoffnungen? Der Herr hatte mich verflucht, verworfen, er machte mir das Leben zur Hölle, er peitschte den Leib, bis er vor seinen Füßen in Schmutz und Staub verschwand. Er, den ich um sie zu jeder Stunde gebeten!... Am nächsten Tage mußte ich mich bei den Behörden melden. Trotzig und kampfbereit stand ich vor ihnen, die mir täglich und stündlich den Tod gegönnt. Erst verweigerte ich den Gruß: ,, Heil Hitler!"; die Frage, ob meine Gesinnung sich geändert habe, verneinte ich. Dann hielt ich ihnen ihre Gemeinheiten vor und wies auf das Elend, das sie dem Volk gebracht hatten. Früher war ich ein ,, Narr" gewesen, als ich versuchte, ihnen klarzumachen, daß der Nationalsozialismus nur Krieg bedeute, als ich ihnen offenbarte, daß dieser die Dimensionen des Weltkrieges weit übertreffen werde. ,, Heute sage ich Ihnen", fuhr ich wutentbrannt fort ,,, daß die Städte Deutschlands in Schutt und Asche zu unseren Füßen liegen, daß ihre Bewohner mit Weib und Kind, Tier und Wagen flüchten werden wie gehetzte Tiere. Sie werden zu Vernichtern unserer jahrtausendalten Kultur, zu Schändern unserer Gelehrten und ihrer Werke. Sperren Sie mich ruhig weiter ein, bringen Sie mich um, mir ist es völlig egal", schrie ich ihnen über den Tisch zu. ,, Ich 12* 179 bleibe, was ich war, und kämpfe für meine Überzeugung, bis ich von Ihren Füßen zertreten werde! Österreich den Österreichern!" Ich wurde ernstlich verwarnt. Man teilte mir mit, daß man mich in einigen Tagen rufen werde, worauf ich stumm grüßte und den Heimweg antrat. Allerdings, gerechnet hatte ich nicht mehr damit. Fest entschlossen war ich, mein Leben nun erst recht dem Kampf und der geliebten Heimat zu opfern. Mehr denn je! So schwor ich vor meinem Gott!! Mehr denn je, bei meinem toten Vater!... Am folgenden Tag, es war der 6. November, als ich bei Großmütterchen im Stübchen saß und im fernen Gewölk mit meinen Blicken irrte, kam die Post. Ein Brief an Großmutter. Abgestempelt in Dachau. Die Schrift verriet Elfchen. Hatte sie denn von meiner Heimkehr schon Kenntnis? Oder? Ich konnte nicht finden, was sie dazu getrieben hatte, auf einmal zu schreiben. Als ich den Umschlag geöffnet hatte, erschrak ich zu Tode. Verlobungsanzeige! 11 Wir geben bekannt..." Das verriet Trotz! Aber warum das? Ich konnte es mir denken. Zwischen Elfi und Großmutter mußte sich auch rein Persönliches abgespielt haben. Ich schwieg und fragte nicht. Es lohnte nicht mehr. Ich las, las wieder, noch einmal und immer wieder, bis mir das Bild in Tränen entschwand. Dann griff ich zur Feder und schrieb gleich auf die Rückseite der Verlobungsanzeige: ,, Liebes Elfchen! Ich danke Dir und Deinen lieben Angehörigen für die nette Verlobungsanzeige. Wenn sie auch für mich ein Dolchstoß mitten durchs Herz ist, wünsch' ich Dir und den Deinen alles Gute, das Leben und Welt Euch bieten können. Der Herr möge Euch beschirmen und segnen bis zum Ende! Dein Peterle!" Den Umschlag adressierte ich an Elfis Mutter, die ich nicht kannte. Warum gerade an sie, wußte ich nicht. Vielleicht war es Eingebung, vielleicht verzweifelter Trotz, vielleicht Schmerz. Als Antwort auf diesen Brief kam ein Telegramm, das die Ankunft Elfis und ihrer Mutter für kommenden Samstag in Aussicht stellte und die Bitte um Besorgung von Zimmern in einem Hotel enthielt... 180 1. Nun stehe ich vor Nichts, gleich wie ich angefangen, Die Welt gab mir das Nichts als Hab zum Pilgern mit. Mein Trost blieb es, und war bis hieher mitgegangen, Das Nichts, dem Nichts in einem Kettenglied. 2. O Welt, du weißt genau, was du mir hast damit gegeben, Ich fluchte nie, mir tatst du damit recht, 1 t e Hätt' ich statt Nichts ein goldbedachtes Leben, Ich könnt' nie werden, ich wär' dazu zu schlecht. 3. So bin gezwungen ich, aus allem Nichts doch zu erstehen Und wurde wie der Stein, der aller Welt zum Wert. Das Nichts wird bald zum Zwecke sich erheben, Weil es dazu gezwungen wie in der Faust das Schwert. 4. Nun steh' ich da, durchbohrt an Leib und Seele, Beginnen kann vor Gram ich längst nicht mehr. - Ich kann nur irren gleich dem Toten selber, Bis ich eingereiht ins große Leichenheer. Ein Kampf ums Leben war vorüber. Ein Kampf für Nichts! Wenn es einen Gott gibt, kann er dieses Ringen nicht ohne Krönung vorübergehen lassen. Nein! Meine ehrliche Liebe so traurig zu bezahlen! Weg alle meine Hoffnungen, zunichte gemacht der Zweck meines Lebens. Was ich bin und habe, ist ein kranker, totgegrämter Kadaver! Du, Elfi, ich fühl' es in jeder Faser, bist ins falsche Glück gehetzt worden. Ich brach zusammen gleich einem brennenden Haus. Meine Energie glich den Resten des brennenden Heims. Es gibt keinen Anfang, kein Ende, keine Stütze. Die Ruhr, die mich schon seit Wochen marterte, nahm kein Ende. Ich wurde schwächer und schwächer. Kaum konnte ich noch das Haus verlassen. Unter Menschen durfte ich mich längst nicht mehr bewegen. Aus den Füßen trat Eiter. Leichenvergiftung? Im Rücken und auf der Brust stach es, als wären tausend Dolche am Werk gewesen... Zu einem Arzt konnte ich nicht gehen, denn der, den ich in Anspruch hätte nehmen dürfen, war Nationalsozialist. Ein Mann, der mich seit dem Kampfjahr 1934 kannte und bei mir Gefangener war. Er würde mir höchstens eine Spritze gegeben und damit ewige Ruhe verschafft haben. Nur meine lahme Energie konnte mein Arzt sein. Die lag aber selbst hilflos vor meinen brechenden Füßen. Dem Irren gleich, wankte ich durch die Heimatgassen. Mich grüßten das Grün, die rauschenden Wipfel, ich flüchtete zu ihnen und konnte ihnen doch nicht mehr danken. Vor mir lag lautlos, stumm, die Geige, meine Braut. Auch sie schwieg! Ich nahm sie zur Hand, entlockte ihr einige Töne, mußte sie aber gleich wieder weglegen. Sie war krank mit ihrem Spieler. Sie brauchte mein Herz, und das schlummerte vor Müdigkeit. Sie schwieg mit meiner Lust, sie starb mit mir und allen Freuden der Schöpfung! Vor mir lag die unfertige Partitur. Sie wartete auf ihre Vollendung. Auch sie würde zu meinen Lebzeiten nicht verstanden 181 1. S t StIb I b Le n S e! 64 PUH ie ht el werden. Sie erzählt vom Leiden, von der Notwendigkeit des Schmerzes, der das Leben erst zum Ganzen macht, vom Sterben, das zur Geburt wird, vom Auferstehen, wenn der Mensch zweckerfüllt gelebt. So will ich ermahnen? Wieder Mut einflößen? Und bin selbst nicht imstande, Mut in mit zu entfachen? Wie tief fällst du selbst in einer Stunde, und du willst mit Vorwürfen überschütten? Ja, halt Einkehr, Menschheit, lausch deinen Tiefen, glaub an das Wort, das dich, Sünd'ge, stets mahnt! Lausche und glaube! Tröste sie, die dich vergessen, nicht verstanden haben, und damit dich selbst! Am folgenden Samstag arbeitete ich schon seit Mittag an meinen Konzeptionen. Abend wurde es wieder. Stiller Nebel umhüllte die Fluren. Die Nacht schlich leise und heilend in und um jedes Heim. Der Mond durchbrach den Schleier und leuchtete mit seinem Laternchen in jedes glückliche Gesicht, in jeden Hof, in jedes lauschende Herz. So strich er auch mit seinem Silberbart über mein Notenpapier. Unter dem Herrgott im Winkel zündete ich mir ein Lichtlein an. Ich ließ ihn erzählen und lauschte seinen Worten. ,, Sie haben meine Hände und Füße durchbohret und alle meine Gebeine gezählet. Ein Wurm bin ich geworden, kein Mensch mehr, der Leute Spott und die Verachtung des ganzen Volkes, solang der Odem sie beglücken wird. Meine Zunge klebt am Gaumen, es siedet das Blut in meinen Adern, Todesschmerzen umdräuen mich. Mich dürstet, und keiner, der mir Labung böte! Alle, die mein Antlitz schauen, spotten mein." Mitten im Redener erzählte in göttlicher Mildestand vor mir eine ältere, stattliche Dame. Mütterliche Züge, große, dunkle Augen leuchteten aus ihrem Gesicht. ,, Selmo?" Ja". ,, Gott sei Dank, daß ich Sie treffe. Es war schon lange mein Wunsch." ,, Auf ihren Brief, Selmo, der mich sehr hart berührte, mußte ich kommen!" Jetzt erst wußte ich, daß ich es mit der Mutter meiner Allerliebsten zu tun hatte. Es war meine zweite Begegnung im Leben mit einem Menschen! Innerlich und äußerlich nur Mensch! Die Mutter in tiefster Reife, mit weitem Blickvermögen. Man hatte, wenn man so Aug' in Aug' die Worte tauschte, das Gefühl, das pochende Herz eines Menschen in Händen zu halten. Eines, das man geöffnet vor sich liegen hat. Offen wie ein aufgeschlagenes Buch! Ja, sie allein hatte schon damals für uns beide Gefühle aufgebracht, damals, als wir uns trotz unserer Nähe fern wie ein Planet dem anderen waren. 182 e e י e r 1 5 e I Damals war sie uns beiden schon wahre Mutter. Hüterin meines ersehnten Weibes! Wir sprachen nicht lange. Auf einmal ging die Tür auf und Elfchen trat vor mich hin. Ein lautloser, fester Händedruck. Kein Wort vermochte ich über meine Lippen zu bringen. An ihrer linken Hand strahlte stolz der Verlobungsring. Willst du mir trotzen? Dein Kommen ist ja offener Widerspruch zu diesem kindlich- netten, fraulichen Eigen! Was soll der Ring? Diesen Liebsten hattest du doch schon längst vergessen, dir der Gedanke kam, mich aufzusuchen! als Nun bist du wieder dort, wo du angefangen. So zuckte es mir durch Gehirn und Mark. Kurz hielt ich Elfi den Lebenswandel, den sie in Graz geführt hatte, vor. Stark wollt' ich sie nicht treffen, außerdem hätte ich ihrem Mütterchen weh getan. Auch mein Herz ließ es ja gar nicht zu. Welcher Mensch, der einmal wirklich gelitten, wäre imstande, dem anderen weh zu tun? Das kann nur einer, der nie Mensch war, nie Mensch wird. Eigentlich hat man anderen Menschen überhaupt nichts vorzuwerfen. Erst prüfe man sich selbst, dann schweige man, und wenn man sich selbst geprüft hat, werfe man sich seine eigenen Fehler vor. Dem armen Ding vor der Mutter zu sagen, daß es schlecht gehandelt habe, war überhaupt ein Zeichen von Blödheit. Sie wußte ja selbst Bescheid, außerdem kündigte ihr Kommen den Willen zum Gutmachen an. Warum dann das Wesen lästern, vielleicht damit sein Vorhaben zerstören? Ihr Wille war Einsicht, ihr Kommen war die Reue! Trotz allem merkten beide, daß ich nur aus Schmerz gesprochen, daß jedes Zürnen mir ferne lag. Noch spät in der Nacht begleitete ich die lieben Gäste ins Hotel. Dort mußte nun der kleine Trotzkopf mit sich kämpfen! Wir verabredeten uns für nächsten Mittag im Hotel! Wie versprochen, war ich da. Lautlos, ohne uns vorher ausgesprochen zu haben, küßten wir uns. Wem Gott einmal ein Herz versprochen, dem schenkt er es auch. Selig ist der Reigen alles Lebens, die Seele bist du, o Mensch. Das Ringlein ließ ich ihr. Nie hätte ich es von ihrer Hand genommen. Wenn auch mein Gesundheitszustand traurig war, wurde doch durch das Wiederfinden meine Energie gekräftigt. Einige Tage himmlischer Lust wurden mir durch sie geschenkt. Tage der Liebe, der Freude, ja, Tage meiner Neugeburt. Himmelwärts suchte nun meine Hoffnung einen neuen Weg. Kraft bezog meine Tiefe, Kraft erhielten Fleisch und Geist. Die Vergangenheit soll mir eine Lehre bleiben. 183 Wir traten hin vor unsere Mütter und baten um ihren Segen. Dankten Elfis Mutter, daß sie uns einander wiederschenkte. Elfchen verriet mir nun, wie ihr zumute war, als sie mich aufgeben mußte. ,, Und noch bitterer war es", sagte sie ,,, als ich mich verlobte und dann von dir die Glückwünsche erhielt. Aus war es mit mir, und wenn ich ihm mein Wort hätte halten müssen, wäre ich unglücklich bis zu meinem Tod geworden. Ich fühlte deinen Schmerz und wußte, daß ich dich suchen und finden würde. Als dein Brief kam, wußte ich, daß ich das dem anderen gegebene Wort nie würde halten können. In mir brannte es. So kam ich zu dir... Allüberall im Tummeln der Menschenmassen sah ich dich oder dein Bild. Im Wettlauf der Buchstaben meiner Schreibmaschine tauchte dein Gesicht plötzlich auf. Ich erschrak und ließ die Maschine schweigen. Ihr Schlummern störten meine Tränen. Meine Freundinnen nahmen mich zärtlich an der Hand und führten mich in den Hof. Sie wußten, daß mein Herz einsam war. , Elfi, du brauchst Zerstreuung, geh in den Freistunden mit uns ins Kaffee oder ins Konzert', so redeten sie mir zu. Ich war zu schwach geworden, um mich den Verlockungen des Großstadttrubels noch länger entgegenzustellen. Mein unglückliches Temperament riß mich von dem guten Willen, der mich anfangs beherrschte. Von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Freunden zu Freundinnen, von einem Barzauber zum andern trieb mich die Sehnsucht, die durch dich in mir entfacht war. Wo immer ich deine Heimatsprache hörte, hörte ich dein liebes Wort. Mein Herz fühlte die Macht einer großen Liebe. Trat ich in später Abendstunde vor dein Bild, verfluchte ich mich und die vorher verlebte Stunde. In Tränen schwand dein Gesicht, und in diesem Moment fühlte ich den Schmerz, der dich umgab. Während meines Gebetes für dich betrog ich dich. Du riefst mich um Hilfe, weil sich der Tod an deine Fersen hängte, du wolltest noch aus allen Fernen Worte mit mir tauschen und ich ließ sie ungehört an mir vorüberfliehen. Ich sah dich nach mir greifen und wendete mich ab und lauschte den Worten aus fremdem Mund. Ich wußte mir nicht mehr zu helfen vor Leid und Schmerz. In dich aber grub ich damit ein Leid, das vielleicht bis zu deinem Ende sein wird. Wohl spricht dein Blick mir Verzeihung, in deinen Zügen aber klagt unauslöschlich aller dir bereitete Schmerz! Nun bin ich bei dir und bleibe...!"