OSR 2133 Lieber Mann! Eines Tages drücktest Du mir ein Manuskript in die Hand, und dann habe ich Deine Erlebnisse in den Konzentrationslagern gelesen. Manches war mir bekannt, vieles dagegen neu. Habe ich es doch in den fast sieben Jahren nach Deiner Freilassung bis zum Zusammenbruch nie über mich gebracht, Dich zu fragen nach dem, was Dir begegnet war. Nie war ich die Furcht los geworden, sie könnten Dich wieder holen. Dachte ich darüber nach, so legte es sich wie ein eiserner Reifen um mein Herz. Wieder fühlte ich dann die Last und Schwere jener furchtbaren Jahre der Sorge um Dich. Du hast von Dir aus nicht darüber gesprochen. Nun hast Du alles niedergeschrieben. Der Bann ist gelöst. Ich weiß, daß Du erst jetzt ein freier Mensch geworden bjst. Immer hatte ich das Gefühl, daß hinter Dir ein SS- Mann stünde, stets wach und bereit, bei kleinster Unvorsichtigkeit die Hand auf Deine Schulter zu legen. Einige Vorladungen zur Gestapo in der ersten Zeit nach. Deiner Entlassung versetzten mich in zitternde Furcht. Als Du in selbständiger Stellung später für menschliche Behandlung der Fremdarbeiter unerschrocken eintratst und einen Drohbrief Deines Chefs einstecken mußtest, sah ich Dich wieder jenen Schurken ausgeliefert, die Dir versichert hatten, daß Du ein zweites Mal ,, nicht lebendig das Lager verlassen" würdest. Wir wurden von einigen weiblichen Mitgliedern der Familie, bei der wir auf dem Lande wohnten, mehrmals mit Anzeige bedroht. Sie lauerten vor unserer Tür mit gespitzten Ohren, um festzustellen, ob wir ausländische Machtübernahme Du hast geschrieben, wie sie Dich am 6. März 1933 abgeholt haben, angeblich, um bei Dir privat Haussuchung zu halten. Zwei Männer kamen ins Büro. Sie rissen Plakate herunter und sprachen mit Dir. Du setztest Deinen Hut auf. ,, Wohin?" Mein Herz. klopfte rasend; denn von allen Seiten warst Du gewarnt worden. Du machtest eine beruhigende Handbewegung: ,, Ich bin gleich wieder hier." Nach 5% Jahren kamst Du zurück!- - Wir Angestellten pflegten uns in einem kleinen Café in Berlin zu treffen. Mitte März 1933 ging ich mit einer Kollegin über die Bülowstraße und sah die Fenster des Büros geöffnet. Da sie bei der polizeilichen Versiegelung geschlossen waren, stimmte etwas nicht. Wir gingen nach oben und fanden das Siegel unverletzt. Wir sahen durch den Briefkastenschlitz und trauten unseren Augen nicht. Alle Türen zum Korridor weit offen. Möbel standen kreuz und quer, wir sahen Holztrümmer, abgerissene Tapeten und Vorhänge eine unglaubliche Verwüstung. Dann kam die Hausmeisterin und erklärte weinend, daß 20 SA- Leute in der Nacht durch die Nebenwohnung eingebrochen wären und stundenlang in unserem Büro getobt und' alles zerkleinert hätten. Bücherpakete seien vom 4. Stock in den Hof geflogen und Schreibmaschinen, Telefone usw zur SA- Unterkunft geschleppt worden. Ich fuhr daraufhin mit unserem Buchhalter zum Polizei- Präsidium, wo jemand, der sich Kommissar nannte diese schossen ' wie Pilze aus dem Boden auf unsere Angaben eisig - - Sender hörten( was wir mehrere Male am Tage taten) reagierte und uns anschuldigte, selbst eingebrochen und hätten Dich dem sicheren Tode ausgeliefert, wenn der Hausherr nicht energisch aufgetreten wäre. Überall lauerte das Gespenst GESTAPO- KZ TOD. Conte Ich sprach nicht von meiner Furcht, Du hättest mich ausgelacht, so wie Du 1933 die Warner verlacht hast, die Dich zu einer Flucht überreden wollten. Unerschrocken warst Du auch, als der 20. Juli 1944 alle Pläne zunichte machte, in die Du durch Deinen Freund Carl Mierendorff eingeweiht und einbezogen warst. Ich bekam im Sommer 1944 Dein Testament. Geld und die Mahnung: Sei tapfer! - War ich tapfer? Ich mußte ja an meine Kinder denken. Das zweite sollte wenige Monate später geboren werden.. Sie haben Dich nicht verdächtigt und nicht gesucht. Sie haben Deine Freunde und Mitwisser ermordet. Du aber lebst, Du bist frei, Du darfst arbeiten! Ich will, nachdem ich Deine Erlebnisse im Lager gelesen habe, schildern, was inzwischen draußen geschah, aber nur das Ungewöhnliche soll Raum finden. zu haben. Er gab uns schließlich zwei Beamte mit. Wir gingen in die leerstehende Nebenwohnung, deren Verbindungswand zu unserm Büro eingeschlagen war. Das Bild,.das sich uns bot, würde heute niemand mehr entsetzen, denn die Bomben haben ja die gleichen und vollkommenere Zerstörungen vollbracht, aber damals waren wir erschüttert über diesen Vandalismus. Die Kriminalbeamten knirschten mit den Zähnen und fluchten ingrimmig. Sie waren außer sich, daß ein von ihnen versiegeltes Büro so eigenmächtig betreten und zerstört worden war. Durch einen von der Horde. unbeachtet gebliebenen Wandapparat holte der eine Beamte Auskunft ein beim nächsten Polizeirevier. Er legte dann verblüfft den Hörer hin und sagte: ,, Es ist auf Befehl des Kommissars geschehen." Schweigend verließen, die Beamten mit uns die Stätte der Verwüstung. Was sollte aus uns Angestellten werden? Wir waren in das Heer der Erwerbslosen eingereiht. Ja, waren wir das? Vor mir liegt ein Bescheid vom 21. 4. 1933 des Arbeitsamtes Berlin- Südwest, BerlinFriedenau: -2Gonsen 27007813 ..... da Sie jedoch Ihre letzte Arbeitsstelle" aus politischen Gründen verloren haben.... erhalten Sie bis 5. Juni 1933 keine Unterstützung." Es hat einen langwierigen, harten Kampf gekostet, das Arbeitsamt von dieser Auffassung abzubringen. Inzwischen durfte ich von der Jugendfürsorge einige Mark beziehen und wurde dann der Wohlfahrt überwiesen. Ging ich nicht zum Polizeipräsidium( später Gefängnis Moabit und Plötzensee), um Dir Pakete zu bringen, so stand ich viele Stunden in den zugigen, schmutzigen Korridoren der Wohlfahrts- und Unterstützungsämter herum. Neun Monate dauerte die Arbeitslosigkeit. Meine Stempelkarte ist bunt und voll ausgefüllt, aber ich möchte doch diese schweren Gänge nicht missen. Mir ging es nach den ersten Monaten nicht mehr schlecht, doch ich kam in Berührung mit dem trostlosesten Elend und der bittersten Not. Beim trüben Schein der Flurbeleuchtung lernte ich das Leben von seiner düsteren, unheilvollen Seite kennen. Ich belauschte Gespräche und las in Gesich tern. Als ich nach neun Monaten erfolgloser Suche dem Arbeitsamt die erhaltene Stelle mitteilte und der Schalterbeamte gratulierte, murmelte ein Arbeiter hinter mir: ,, Da haste Glück jehabt, Meechen. Wird ooch nich lange dauern!" Gefängnis und Zuchthaus Weißt Du noch, als wir uns nach neun Wochen Haft zuerst wiedersahen? Zum ersten Mal schritt ich durch die Höfe eines Gefängnisses. Schwere Eisentüren öffneten sich und wurden hinter mir verschlossen. Ich durfte Dich eine Viertelstunde sprechen. Dann sah ich Dich durch ein großes Eisengitter gehen und hörte Deine Schritte auf dem langen Gang. Jch lauschte Du entferntest Dich mit dem Wärter immer mehr. Leise wurde der Hall, immer leiser und verebbte dann ganz. Ich stand vor dem Gitter und konnte es nicht fassen - - Nur dieses eine Mal habe ich Dich in BerlinPlötzensee sprechen dürfen. Aber sehr oft brachte ich Pakete. Wir mußten stundenlang in dem Vorraum des Gefängnisses warten, meistens 50 bis 60 Frauen. Es ging oft sehr erregt zu. Viele weinten. Ich hörte von verschwundenen Männern, aufgefundenen Leichen, von Schüssen in die Wohnungen und grausamsten Mißhandlungen. Ich erfuhr von den Greueltaten der SA in den Kellern der Hedemann- und Papestraße. Einmal hatte eine Frau in den gefüllten Warteraum hineingerufen: ,, Heil Moskau". Sie hatte Glück gehabt. Es war kein Spitzel zugegen gewesen. Am Kanal in der Nähe des Gefängnisses war ein kleines Restaurant. Dort lernte ich eine weißhaarige Dame kennen, die Mutter eines Werner Hirsch. Wir trafen uns dann öfter, und ich hörte, wie schlimm es ihrem Sohn ergangen war. Sonnenburg ist furchtbar, wenn nur Ihr Verlobter nicht nach Sonnenburg kommt!" - " Ich sah aus der Richtung des Gefängnisses einen Trupp heranmarschieren. Ich wußte, daß Deine Übersiedlung beschlossen war. Wohin? ,, Nur nicht nach Sonnenburg!" flehte mein Herz. Da zogt Ihr entlang Warst Du dabei? eine graue Kolonne. Ich wohnte bei Juden. Als der erste Boykott ange-sagt war und die SA vor allen Läden, auch den ,, christlichen" Wache stand, um. die Juden am Einkauf zu hindern, bat mich meine Wirtin, ihr Eẞwaren zu besorgen. Ich habe in meinem Zimmer über diese Bitte zornige. Tränen vergossen, so schämte ich mich meiner Landsleute. Ich sah einem SA- Mann mit so nackt zur Schau getragener Verachtung ins Gesicht, daß er mich straßenweit verfolgte. Einige Wochen fuhr ich zur Erholung nach Hause. In der kleinen Wohnung meiner Mutter trafen sich unsere Freunde aus Harburg und Hamburg, die heimlich und auf Umwegen durch die Heide gekommen waren. Wir sprachen uns aus und sahen mit Sorge in die Zukunft. Am 25. September 1933 schriebst Du in einem ersten Brief aus dem KZ Brandenburg: ,, Erwarte von der Sprechstunde nicht zu viel. Das soll hier anders sein als in Plötzensee." Es war anders. Ein altes, düsteres Gebäude mit Zehn dicken Mauern, das ehemalige Zuchthaus. Minuten Sprechzeit. Links und rechts vom Häftling wie vom Besucher ein SS- Mann. Vor dem Besucher eine Barriere, dann ein Raum, dahinter, vor dem Häftling, eine neue Barriere. Es war sehr beliebt bei der SS, den Besucher nicht zu einem Gespräch mit dem Häftling kommen zu lassen, Sie unterbrachen mit den hergesuchtesten Fragen jeden Versuch einer Unterhaltung. Die zehn Minuten waren auf diese Art herum, wir mußten gehen. Eine Frau sagte:" Und wenn wir " Du gedraußen sind, werden sie geschlagen schlagen? Das war Brandenburg. Erste Begegnung mit der Gestapo Ich war inzwischen, da meine bisherigen Wirtsleute nach Amerika ausgewandert waren, in den Stadtteil Moabit gezogen. Nachdem ich das Zimmer angesehen und gemietet hatte, rief mich der neue Wirt noch einmal zurück, als ich bereits die Wohnung verlassen hatte. Er sah mich forschend an und sagte dann leise: Aber wir sind Juden-- ,, Ja, und-?" fragte ich und fühlte wieder die -3 fast, unerträgliche Scham wie bei dem ersten Boykott. ,, Na, dann ist alles gut!" Der Mann atmete sichtlich auf und seine Frau, die bis zu ihrer Vernichtung sich mein ,, Muttchen" nannte, lächelte mir zu. Hier hatte ich im Oktober 1933 ein eigenartiges Erlebnis. Ein Herr rief an, der sich Lohse nannte. Ob er mich sprechen könnte. Gut, er würde bald da sein. Ich sichtete schnell alle Papiere. Der ⚫ Herr kam, zeigte, wie erwartet, seinė Kriminalmarke, sagte aber, keine Haussuchung machen zu wollen. ,, Ich komme im Auftrage eines Herrn, der nicht. genannt sein möchte, und der von Ihnen einige Auskünfte, haben will." Er wolle diese Sache nicht offiziell aufziehen, sondern wünsche eine Rücksprache in einem Lokal. Nach manchem Hin und Her Lohse verweigerte alle Auskünfte über den Großen Unbekannten nannte er Gerolds Weinstuben am Zoo. ,, Ich hole Sie morgen um 3 Uhr mit dem Auto ab.". Sprach's und verschwand.. - - Herr Abends beriet ich mit Freunden. Wir waren uns darüber einig, daß die Gestapo hier einen eigentümlichen Weg der Inquisition gewählt hatte. ,, Du besteigst auf keinen Fall das Auto!" sagte Ilse. - Am andern Morgen ging ich vorsichtshalber zum Leiter des Polizeireviers Moabit und trug ihm den Fall vor. ,, Können Sie mir einen Beamten zur Sicherheit herschicken?" Er wehrte verlegen ab. ,, Ich zweifle daran, daß die Gestapo auf diese Weise vorgeht, aber wenn die Sache stimmt, bekäme ich Schwierigkeiten." Etwas unwillig sagte er dann: ,, Sie sind mündig und wissen, was Sie tun!" Einige Stunden später früher als verabredet traf Herr Lohse ein. Ich machte keinen Hehl aus meinen Bedenken, ich lehnte ab, ins Auto zu steigen. Er lachte nur. ,, Kommen Sie ruhig mit. Wir fahren zum Thomas- Bräu- Keller in der Anhalt- Straße". Ein großer Dienstwagen, verschiedene Beamte darin. An den Straßenkreuzungen devot grüßende Polizisten. Die Sache stimmte doch. Ein„ gewisser Herr Gran"( er hatte sich Gran vorgestellt und unwillkürlich kam mir der bekannte Filmtitel in den Sinn) redete politischen Unsinn, der auch den Unwillen des Herrn Lohse erweckte. An der Anhaltstraße stiegen wir aus, gingen richtig in den BräuKeller, und ein Herr, der lahmte, trat auf uns zu. Er nannte sich Kriminalrat Heller. Er war höflich, bestellte Essen und Trinken, sprach Allgemeines und kam schließlich zur Sache. Sie heißen...?" usw. usw. ,, Sagen Sie zunächst, wie stehen Sie zur Partei, gehören Sie ihr oder einer ihrer Gliederungen an?" Ich bin etwas unbekümmert in diesen Dingen und sagte ohne weiteres: ,, Ich stehe nicht auf dem Boden. der Partei. Ich verhalte mich loyal und bekämpfe sie nicht".( tat ich doch!) • Er nickte. ,, Gut! Sie waren also bei der Liga tätig?" Ich war verblüfft. ,, Wenn Sie die Liga für Menschenrechte meinen, dort war ich nicht.". Bestürzung, leichte Verärgerung, Papiere werden durchblättért. Schließlich:„ Ja, wo waren Sie denn?" Ich berichtete, daß ich Sekretärin der Zeitung ,, Das Andere Deutschland" gewesen war und mußte dann viele Fragen beantworten. Broschüren und Photos- wurden mir fast ausschließlich Balkan- Gesichter- in großer Zahl vorgelegt. Ich war ahnungslos, war es nahezu tatsächlich. Der Verleger einer Broschüre, auf die sich ihr besonderes Augenmerk richtete, war allerdings mit uns befreundet und sein Verlag stand unter vollem Namen im Telefonbuch des Jahres 1933, auf welche Idee die Herren nicht gekommen sind. Auch diese Klippe wurde mühelos umschifft, das Resultat für Herrn Heller war mehr als mager. Er fragte dann ausführlich nach Dir, Deinen Beziehungen zu den Kommunisten und vieles andere. Am Schlusse dieser Fragen, meinte ich, daß ich ihm ja nun ,, leider" nicht hätte von Nutzen sein können, aber: ,, vielleicht können Sie mir helfen?" Er tat interessiert und bereitwillig. Ich sagte: Fritz Küster ist mein Verlobter!" Er sah mich überrascht an und reichte mir dann die Hand mit den Worten:„ Ich kondoliere!" Diese Rohheit brachte mich etwas aus der Fassung. Er entschuldigte sich. Er habe nur sagen wollen, dies sei sehr betrüblich für mich. Er notierte sich alles und gab mir seine Telefon- Nummer. Dr. Conradi, der Deinen Fall bearbeite, sei ihm gut bekannt. Wir blieben noch eine Weile in angeregter Unter haltung sitzen. Herr Kriminalrat Heller griff General v. Schoenaich an, billigte ihm aber ,, mildernde Umstände zu. Der sei immerhin Idealist( sein Ton deutete an, wie verwerflich ihm dies erschien); sein Gesicht wurde aber geradezu wutverzerrt, als er von Helmuth v. Gerlach sprach. Hier kannte sein Haß keine Grenzen, er nannte ihn einen Schuft. Ich be-. harrte darauf, daß v. Gerlach ein anständiger Mensch sei und nannte ihn mutig, weil es doch niemals feige sein könnte, das Tischtuch zwischen sich und den Standesgenossen so restlos zu zerschneiden. Ab und zu sah ich vorsichtig zu den Uniformierten am Nebentisch herüber. Würde man mich dort hören und evtl. gleich abführen? Bis mir zum Bewußtsein kam, daß ich ja mit den dazu Berufenen sprach und. daß diese mich anhörten, ohne mich zur Ordnung zu rufen. - Und das möchte ich hier festhalten. In all den Jahren meiner Verhandlungen mit der Gestapo habe ich es erlebt, daß der rüdeste Ton, die Drohungen und Einschüchterungen den kleinen Beamten der Gestapo vorbehalten waren. Ich habe auch später bei dem Adjutanten von Himmler stets das Gefühl gehabt, mich in meinen Äußerungen hart an der Grenze des in Hitler- Deutschland Erlaubten zu bewe Zu au no Kr na ful ra PANT ge Z he F u le G fi г т d S n e t d n 1 e n n B e n d n- 1. my nd ng en be en Her bei hl er bewegen, ja sie oft zu überschreiten. Ich habe niemals Zurechtweisungen erfahren, bis auf einen Fall, der auch keine tragischen Folgen hatte und auf den ich noch zurückkommen werde. Einige Tage nach dieser Unterredung habe ich mit Kriminalrat Heller telefoniert. Ergebnis:„ Ich kann nach allem, was ich über Ihren Fall erfuhr, nichts für Sie tun. Später las ich zu meinem Erstaunen, daß Kriminalrat Heller zu dem Reichstagsbrandprozeß das gesamte Anklagematerial gegen die Kommunisten zusammengetragen und in Leipzig das Plädoyer gehalten hat. Zu jener Zeit jubelten die Herzen aller, die die Freiheit liebten, dem tapferen Dimitroff zu und welche Feindseligkeit empfand ich run für Herrn Heller und seine Methoden, die mich vorher, solange sie lediglich meine Person betrafen, nur belustigt hatten. Oranienburg Es wurde Winter. Ein neues Jahr Du kamst nach Oranienburg. -1934- begann. Ja, auch ich weiß, daß hier furchtbare Dinge geschehen sind, daß man sich mit Schaudern und Abscheu abwenden müßte. Ich habe aber in Oranienburg Stunden tiefsten Glücks kennen gelernt. Dankbar genoß ich sie und fühlte mich zeitweise jung und froh. Ich durfte Dich zwei Stunden sehen und sprechen. Wir saßen uns zwanglos gegenüber, tranken Kaffee und aßen Kuchen. Beides konnten die Frauen mitbringen. Ich empfand großes Mitleid mit den Juden, deren Köpfe geschoren waren( wie Eure später auch), und die nur eine Stunde ihre Lieben bei sich haben durften. Ich sah Erich Mühsam und der unendlich schwermütige Ausdruck seiner Augen schnitt mir ins Herz. Öfter lief ,, Himmelstoẞ", der Wachhabende, mit seinem Hund herum. Manchmal brüllte er wie ein Irrsinniger, was mit Gelächter der eingeweihten Frauen quittiert wurde. Sie nahmen das nicht tragisch, und es hatte auch keine Folgen. Es kam eines Tages der seltsame, erregende Brief ohne Kontrollstempel, der gelesen und sogleich vernichtet werden mußte. Etwa so: ,, Gehe bitte zu Frau Selig( Adresse soundso) und bestelle ihr Grüße von ihrem Mann. Fahrt beide morgen nach Oranienburg, nehmt dort die Kleinbahn nach, Velten. Von dort müßt Ihr zu Fuß gehen( folgt Beschreibung und Skizze). An der Försterei vorbei bis Meilenstein soundso. Dort werdet Ihr uns treffen." Frau Selig, die mir fremd war, konnte es zuerst nicht glauben. Wir folgten den Anweisungen. Wir stiegen aus der Nebenbahn, fanden die Försterei, fanden den Meilenstein und. sahen von weitem unsere Männer. Nicht allein, in der Mitte ging jemand in SA- Uniform und bewaffnet. ,, Eine Falle!" flüsterte ich aufgeregt Frau Selig zu. ,, Wir gehen vorüber!" - 9 BOO So verschlossen wir in unserm Innern die Freude über das Wiedersehen, wir umpanzerten uns mit Gleichgültigkeit und taten fremd. Die Männer gingen vorüber, sie waren von uns mit klopfendem Herzen keines Blickes gewürdigt worden. Dann erklang eine sonore Stimme: ,, Aber meine Damen! Warum so fremd?!" Ich stand vor dem SA- Mann' Stemmer. Dir, Stemmer, habe ich in jener Zeit in meinem Herzen ein Denkmal gesetzt. Du hast mit uns, im Anfang ganz gewiß unbewußt, dem ganzen grausamen System der Nazis und Gestapo ein Schnippchen geschlagen. Du warst an jenem ersten Tage noch ein überzeugter Anhänger dieses Systems, aber ein Mensch. Später haben wir Dich oft beruhigen müssen, wenn Du ihnen in großer Empörung die Uniform vor die Füße werfen wolltest. Wir hatten mit Hilfe Stemmers wiederholt Gelegenheit, mit Euch Gefangenen auf diese Weise zusammenzutreffen. Zu einem Ausflugslokal in der Nähe Oranienburgs brachte ich auch einmal Deinen Hund mit, Fritz. Du hattest Dich nach Lux gesehnt. Dann blieben eines Tages Deine Briefe aus. Ich hörte nichts von einem neuen Treffen und war tief beunruhigt. Kurz entschlossen fuhr ich nach Oranienburg und ging zu Stemmers Privatwohnung. Die Tür führte direkt in die Küche. Als ich sie aufmachte, sah ich mich zu meiner grenzenlosen Verwirrung Dir gegenüber. Neben Dir ein Uniformierter und Selig. Ihr hattet Bierflaschen in der Hand und wart in guter Stimmung. Ich murmelte etwas wie ein Irrtum" und schlug die Tür zu. Über den Hof kam Stemmer, der Euch wie sich ergab, zum Holzhacken angefordert hatte, und führte mich im Triumph in die Stube. Dort heckte er dann seinen Plan aus, Euch nach Berlin zu bringen. Je länger er' darüber sprach, je mehr erwärmte er sich dafür. Das allerdings hätte ich mir nie träumen lassen. Es war doch ein Wahnsinn, so furchtbar gefährlich für alle, für Stemmer am meisten. Aber wie schön erschien mir die Welt, die solche Überraschungen bescherte! ,, Ihr dürft nur nicht ausrücken" sagte Stemmer. Nein, das durftet Ihr nicht. Es hätte ihn unter Umständen das Leben gekostet. - Ich verließ sein Haus kurz vor Ladenschluß. Ich lief zum Schlachter und erstand Kottelets, ich ergatterte irgendwo Blumenkohl, das sollte doch ein Festessen werden! Damals wohnte ich mit Ilse zusammen. Welche Freude auch für sie und Freund Willi, wie waren wir überwältigt von dem Ereignis! Es wurde Sonntag morgen. Würden sie kommen? Sie kamen! Frau Selig war auch da, ihren Mann zu begrüßen. Wir hatten ein schönes Frühstück, ein festliches Mittagsmahl. Ihr saßt als freie Männer neben uns, wir lachten und erzählten. Ihr rauchtet genieße-5 risch Eure Zigarren. Nur nicht daran denken, daß gegen Abend das Tor sich hinter Euch schließen würde. Wertvolle, beglückende Stunden... Sie hatten ein Ende. Das Tor schloß sich hinter Euch und mehr als 4 Jahre mußten vergehen, bevor ich wieder mit Dir an einem Tisch sitzen konnte. Einmal, auf der Rückfahrt von Oranienburg, als ich in mir auf den Nachklang der mit Dir verlebten Stunden lauschte, wurde ein Mann von zwei Begleitern neben mich gesetzt. Ich achtete nicht darauf. Erst als die beiden sich mit einem vernehmlichen ,, Heil Hitler!" verabschiedeten, als dieser verhaẞte Gruß störend in meine Gedanken drang, sah ich auf. Und erzitterte. Dieser Mann neben mir hatte kein Gesicht mehr. Es war entsetzlich verstümmelt. Ein Auge fehlte, die schrecklichen Wunden waren mit dünner Haut überzogen. Seine Hände hingen lahm hernieder. Das war zu viel. Ich sah Frau Selig weinen. Ich wollte das nicht und konnte es auch nicht. Eiseskälte durchdrang mich. Auch das war Oranienburg. Sein bekanntes Gesicht. KZ- Arbeitskolonne in Oranienburg Wir draußen - Einer der tapfersten unserer Berliner Freunde war der alte Pastor Franck e. Er hatte im Keller der Hedemann- Straße furchtbare Dinge gesehen, sie niedergeschrieben und in alle Welt verschickt, worauf man ihn sogleich erneut verhaftete. Nach seiner Entlassung ging ich häufig zu diesem unerschrockenen Kämpfer. Ich werde den Tag nicht vergessen, an dem er mir gütig folgendes sagte: ,, Sie sind jung, das Leben sollte vor Ihnen liegen und Ihnen vieles bieten. Niemand weiß, wann unser Freund Fritz wiederkommen wird. Vielleicht niemals. Ich halte es als Küsters Freund für nötig. Ihnen zu sagen, daß Sie nicht aus reinem Pflichtgefühl Ihre Jugend und AussichO ten opfern sollten. Wir werden unsern Freund nicht verlassen, aber Sie sollten sich ernsthaft prüfen, ob Sie den Verzicht auf die Anrechte der Jugend, auch auf unbestimmte Zeit, auf sich nehmen können und wollen." Wie gern hätte ich den lieben alten Herrn umarmt, wie gut taten mir diese Worte. Man konnte auch ohne sie den Weg gehen, den man gehen mußte, aber mit ihnen war alles viel leichter. 1 Anfang Juni 1934 hatten Ilse und ich ein kleines Rencontre mit der Gestapo. Bei Ilses Chef hatte man anläßlich einer, Durchsuchung des Büros das Testament Lehmann- Russbüldts, der im Ausland war, vorgefunden. Daraufhin Haussuchung auch bei uns, wobei der Beamte mit einem triumphierenden ,, Ha!" Deine ganz offiziellen, kontrollierten Briefe aus dem KZ feststellte. Nun waren wir als gefährliche Menschen entlarvt. Es wurde der Hausmeister über uns befragt, eines der unerträglichen Subjekte, das. keinen Frauenarm sehen kann, ohne hineinzukneifen, das jedem Frauenbein mit glitzernden Augen nachsieht. Wir haben ihn oft gehörig abfahren lassen. Diese Kreatur sagte in ihrer ohnmächtigen Wut aus, wir hätten häufig Herrenbesuch. Ich wurde vorgeladen und in einem Ton angefahren, der das verworfenste Geschöpf hätte aus der Fassung bringen können:, Welche Art Herren kommen zu Ihnen?" Ich zählte unsere Bekanntschaften auf. Erühere Angestellte, meinen Vater, der in Berlin wohnte; und als regelmäßigen Gast Ilses Verlobten. Darauf: ,, Entweder halten Sie bei sich kommunistische Versammlungen ab oder Sie haben( hohntriefend) eine andere Art Betrieb." " Konnte ich diesem Kerl nicht an die Gurgel springen, Mußte ich das einstecken? Ich fragte ihn danach. Er öffnete die Tür und sagte eisig: ,, Sie müssen ins Büro..." 66 Kann uns denn eine solch nichtswürdige Null überhaupt beleidigen? Gleiten diese Dinge an uns ab, können sie beiseite geschoben werden? Ich habe es nicht vermocht. Zu jener, Zeit hatte ich öfter Gelegenheit, mit solchen Ungeistern aufeinander zu prallen. Nach einem Ausflug in den Spreewald saß neben mir im Abteil ein Uniformierter mit höherem politischen Dienstgrad. Er fing bald an, in der unflätigsten Weise von Frauen zu sprechen, und das Schweigen Aller, ob Alt oder Jung, machte ihn kühn. Immer abscheulicher wurden die Zoten dieses offensichtlich schwer betrunkenen Repräsentanten des Dritten Reiches, bis ich ihm über den Mund fuhr und ganz bewußt meine Worte wählte: ,, Was, so sprechen Sie zu deutschen Frauen?"( mit stärkster Betonung des ,, deutschen"). Er starrte mich sprachlos an, geriet dann aber in eine maßlose Wut und stieß laute Drohungen aus. 161 6 鸡鸡 Se ste Ba lu st 96 m se m m P. BBB B m el V d ta 11 n 1 It is e n ). in S. Sein Begleiter bat mich dringend, sofort an der nächsten Station das Abteil zu wechseln und am Görlitzer Bahnhof in Berlin schnellstens zu verschwinden. ,, Mein Freund hat eine einflußreiche politische Stellung und ist so betrunken zu allem fähig." Was tat ich? Ich verschwand, und zwar schnellstens. Noch eine Begegnung ganz anderer Art hatte ich mit einem ,, Bonzen". Meine damalige Firma, ein Pressedienst, war dem Zusammenbruch nahe; ich bewarb mich auf Stellungsangebote. Ein Herr rief an, holte mich nach der Bürozeit mit dem Auto ab, fuhr mit mir zur ,, Alten Klause" und bestellte neben Wein das Beste vom Besten. Er müsse doch erst menschlich einen Eindruck gewinnen. Er sei na, ich habe es vergessen. Jedenfalls ein hohes Tier im Nazi- Zoo und damals für die Mark Brandenburg tätig. Die Sekretärin habe ihn auf Reisen zu begleiten, bei Versammlungen zugegen zu sein usw. fand das komisch, es belustigte mich. Nein, es sei eine ganz und gar beschlossene Sache. Er zeigte mir noch einmal alle Vorteile einer solchen Stellung auf und schied dann schließlich mit einem Schade!" von mir.. 99 Alle diese Begebenheiten machten mit das Leben von uns draußen aus. Ich will es dabei belassen, nur die etwas aus dem Rahmen fallenden Dinge zu schildern. Der Nationalsozialismus begann unser Dasein vom Dienst zur Ruhepause und wieder zum Dienst im ewigen Kreislauf zu beeinflussen. Wir Gleichgesinnten suchten und fanden uns. Wir ,, rochen" uns förmlich. In den Büros triumphierten Kriecherei und Angebertum. Wir andern sabotierten den ,, Deutschen Gruß" mit allmählich ausgeklügelter Kunstfertigkeit: Wie wir uns die Hände drückten und einander zublinzelten. Wie heiser waren wir alle, wenn das Horst Wessel- Lied gefordert wurde. Schon vorher gab es ein Geräuspere und Gekrächze. Ale Oberstes Gebot sei ihre Ungebundenheit, verpönt diese Bedauernswerten brachten keinen Ton heraus. der Freund, Verlobte oder Gatte. Ich gestand, einigermaßen verwundert, verlobt zu sein. Ob sich das nicht rückgängig machen ließe? Ich Man könnte unendlich viel hierüber berichten, und ich würde darüber vergessen, daß alles, was ich sagen will, in irgend einem Verhältnis zu Dir stehen soll. Darum zurück nach Oranienburg. Nach dem 30. Juni 1934 Du hast vom 30. Juni 1934 gesprochen. Als ich am 1. Juli zum Lager kam, sah ich SS- Wachen davorstehen. Sie erlaubten mir lediglich, Dir das Paket abzugeben. Alle Häftlinge waren auf dem Hof angetreten. Da war Erich Mühsam, der am andern Tag nicht mehr leben sollte. Kurz vorher hatte ich seine Frau kennen gelernt.... Abschied von Oranienburg. Nach einigen Tagen besuchte mich Selig, den man entlassen hatte, und bat, ich möchte für Deine beschleunigte Entfernung aus dem Lager sorgen, für Überführung ins Gefängnis odgl. Du seist in größter " Lebensgefahr. An diesem Abend versuchte ich verzweifelt, den Anwalt zu größter Aktivität anzutreiben. Er versprach. alles, aber auch er war ja ohnmächtig und gab bald darauf den Auftrag als aussichtslos zurück. Dieser Anwalt hatte damals die Verteidigung einiger wegen Spionage angeklagter Damen der Aristokratie übernommen. Als ich in jenen Tagen bei ihm vorsprach, erschütterte mich das völlig veränderte Aussehen dieses sonst so frischen, jüngeren Mannes. Sein Gesicht war aschgrau, die Augen glanzlos. Auf meine besorgte Frage sagte er, daß er die letzten Stunden vor der Hinrichtung der Frauen miterlebt habe. Es war über seine Kraft gegangen, er schien völlig niedergebrochen. Welch seltsame Wege führte mich mein Wunsch, Dir( und damit mir) zu helfen! Hatte ich nicht als Redaktionssekretärin im Pressedienst für einen führenden Stahlhelmer, Heinz, öfter Artikel aufnehmen müssen? Ich hörte jetzt, daß man ihm nach dem 20. Juli 1944 den 12jährigen Sohn erschossen hat. Ich suchte ihn damals in der Redaktion des..Stahlhelm" auf. Er hörte mich liebenswürdig an, als ich ihn bat, mir eine Unterredung mit einer hohen Nazi- Persönlichkeit zu vermitteln. Als Antwort zog er ein Schubfach auf, darin lag eine Pistole. ,, Sie ist geladen", sagte er ,,, und wenn die Tür aufgeht und eine braune oder andere Nazi- Uniform erscheint, dann schieße ich. Ich werde mein Leben so teuer wie möglich verkaufen. Wissen Sie nicht, wie-. viele meiner Freunde am Schreibtisch niedergeknallt worden sind?" Er gab mir eine Schilderung des 30. Juni. ,, Wissen Sie nicht, daß in der Gestapo einer des anderen Feind ist? Dort sitzen die Köpfe locker wie noch nie." Also deswegen hatte der lange SS- Mann im Sturmhelm, der jeden meiner Schritte im GestapoPalais begleitete, so höhnisch gelacht, als ich nach diesem oder jenem Sachbearbeiter frågte. Ach, den wollen Sie sprechen?" Kurzes Gelächter. Ebenso beim nächsten Namen. Ich hatte den Kerl für verrückt gehalten! ' Also auch Herr Heinz wußte keinen Rat. Heute kann ich erst ermessen, wie berechtigt. Seligs Warnungen waren, in Gefahr Du ge welch furchtbarer schwebt hast. Lichtenburg Der erste Besuch dort. Ein Ermunterungs- Grog im Café zur Mühle des kleinen Städtchens Prettin bei Torgau. Dann der Gang zum Lager durch hohen Schnee. 20 Minuten Sprechzeit. Erlaubt war nur die Erörterung persönlicher Dinge. Nichts über Deine Haft, über meine und Deiner Freunde Versuche, Dich herauszubringen. Sobald darüber ein Wort fiel, schaltete sich der Wachmann ein und drohte mit vorzeitigem Abbruch der Sprechzeit. Wie gern würde ich Dir erzählt haben, daß sich Dein getreuer Freund Kudrnofsky sogar mit weitreichenden Plänen zu Deiner gewaltsamen Befreiung mit Hilfe ausländischer Hier tanzte die SS Freunde, vor allem Edo Fimmens, des Leiters der Internationalen Transportarbeiter- Föderation, trug. Oft saß ich da, von Angst gepackt, ich hätte Dir nichts mehr zu sagen, ein Schweigen würde entstehen, das ebenso verhängnisvoll sein würde wie verbotene Gespräche. Manchmal entstand eine solche Leere in meinem Gehirn. Hätte ich jene 20 Minuten schweigend bei Dir sitzen dürfen, so wäre das beredter gewesen als Worte, aber dieses erzwungene Ausfüllen der Zeit, diese Begrenzung auf Familiäres! Wohl hatten wir einiges Geschick, andere Dinge so zu verbrämen, aber manchmal ließen sich Verstand und Gefühl eine solche Vergewaltigung nicht gefallen und eine wahre Panik bemächtigte sich meiner, die Angst: nun weiß ich nichts mehr.. Ich gewöhnte mich daran, Dich vor blutjungen Burschen stramm stehen zu sehen, zu wissen, daß sie Dich auschnauzen, Dir ins Wort fallen konnten. Ich weigerte mich, dies bewußt zu erleben, dann schaltete ich mein Denken aus. Die Lichtenburg habe ich zu allen Jahreszeiten kennen gelernt. Im Sommer wie im Winter saẞ ,, Café zur Mühle" Prettin ich in der Zeit bis zum Abgang des Zuges im Café am Bahnhof. Im Sommer tanzte dort im Garten die SS, und auch ich wurde eines Tages von einem dieser Garde aufgefordert. Die Vorstellung, mit dem Blick auf die Lichtenburg mit dem SS- Mann zu tanzen, dieẞ mich erschaudern. Der Mann' wußte doch, was ich an dem Ort gewollt hatte, nirgend woanders brachten die Besucher die Wartezeit zu. Ich stand einmal im strömenden Regen eine Stunde vor dem großen, Tor, während die SS an der Schwelle der Wachstube feixte. Bebend vor Kälte und Nässe durfte ich schließlich hinein. Ich war völlig verstört, als mich ein bayrischer SS- Mann in mir unverständlichem Dialekt anredete. Ich glaubte mich angeschnauzt und fühlte mich miserabel. Da brachte er mir einen Stuhl an den Ofen, heizte gut ein und war ganz Mensch. Einmal war eine Frau im Lokal, die einen Verwandten besuchen wollte. Ihr junger Begleiter hatte die hohe Stimme und das ganze Gebaren derer, die man 175er nannte. Auf der Rückfahrt bestätigte mir die Frau, daß es ihrem Verwandten sehr schlecht ginge. Sie hätten alle eine Binde um das Knie, mit einem Buchstaben gekennzeichnet. Eines Tages kam zu mir der frühere SPD- Abgeordnete Franz Künstler und einige Male besuchte ich auch ihn und seine Frau. Er war durch die Hindenburg- Amnestie im August 1934 entlassen worden und überbrachte mir Deine Grüße. Künstlers Gesundheit war durch die Haft schwer beeinträchtigt worden, seine Nerven gaben nach. Aber geistig war er durchaus lebendig und an allem interessiert. ,, Wir haben vieles falseh gemacht", bekannte er freimütig.. ,, Ich habe das alles immer wieder mit Fritz besprochen. Aber aus den Fehlern muß man lernen." Auch der ehemalige Oberpräsident von Schlesien, Hermann Lüdemann besuchte mich mehrmals nach seiner Freilassung. So bekam ich von Dir und Deinem Lagerleben ein lebendigeres Bild. Das Jahr 1934 ging zu Ende, bald würde das dritte Jahr Deiner Haft beginnen. - 8- 11 5, er k B n n e Le se t, T er te Hie mir ht mit d- ch ennd eit en, chben Ich en. ien, ach em itte Die Lichtenburg Fehlschläge Ich hatte in regelmäßigen Abständen Gesuche um Deine Entlassung geschrieben, teils an die Gestapo, teils an den damaligen Innenminister Hermann Göring gerichtet, die dieser sicher nie zu Gesicht bekommen hatte. Die Gestapo schrieb Jahre hindurch stereotyp: ,, Ihr Gesuch für den Schutzhäftling Fritz Küster gibt mir nach Prüfung des Sachverhalts keine Veranlassung, die angeordnete Schutzhaft aufzuheben." 0 Ich verwahrte mich dagegen. Als Deine Sekretärin wäre ich. doch über alles unterrichtet gewesen. Sie schüttelte theatralisch den Kopf und fuhr mit unerträglich verlogenem, sentimentalem Pathos fort: ,, Fassen Sie sich, mein liebes Kind. Nur Gott kann Ihnen helfen. Beten Sie, beten Sie für Ihren Verlobten. Helfen Sie ihm, sein Schicksal zu tragen " undsofort. Dann wurde die tremolierende Stimme der ehemaligen Schauspielerin mit einem Schlage kalt und messerscharf. ,, Wer hat Ihnen eigentlich meine Adresse gegeben?" Ich sprach von einer Person, die sie nichtsahnend genannt habe. Ich sei ohne deren Wissen hier. Jetzt wurde die fromme Frau eine harte, unerbittliche Erpresserin. Sie nannte Namen, drohte, schrie mich an, sie müßte mich eigentlich verhaften lassen. Es sei eine Schmach, daß ich es wagte, so anonym zu ihr zu kommen. Wieso eigentlich anonym? Ich hatte ihr doch meine Verhältnisse klar gelegt. Dann nannte sie Lottchens Namen. Ich wollte verneinen, ebenso energisch wie bisher den Kopf schütteln, war aber, wie ich peinvoll verspürte, wie mit Blut übergossen. ,, Also, sie war es!" Ich habe alles getan, um die furchtbare Frau zu beruhigen und fuhr sofort zu Lottchen, um ihr zu berichten. Sie hat dann einigen Auf diese Weise kam ich nicht weiter. Eines Tages erzählte die ehemalige Kollegin vom„, Anderen Deutschland" Lottchen, daß sie nach Feierabend für eine Schwägerin von Rudolf He ẞ( wenn ich mich recht erinnere, eine Frau Regierungsrat Stolze, Ärger gehabt, wurde später aber in Gnaden wieder Briefe schreibe. Dort seien auch öfter Prinz Auwi und andere Größen am Nazi- Himmel vertreten. Eine Schwägerin von He ẞ... Es mußte mir doch einmal gelingen, an diese führenden Leute heranzukommen. Eine Frau würde mich doch am ehesten verstehen, am schnellsten bereit sein, zu helfen. ,, Hast Du etwas dagegen, wenn ich zu dieser Frau gehe?". Das stets hilfsbereite, unbedingt zuverlässige Lottchen hate nichts einzuwenden.. Die Dame öffnete selbst. Sie führte mich zuerst in ihr Schlafzimmer und nach meinen einleitenden Worten in das Wohnzimmer, das durch eine Schiebetür mit dem Nebenraum verbunden war. Sie öffnete sorgsam diese Tür, nebenan saßen Gäste. Sie fragte mich laut und herablassend: ,, Was wünschen Sie, Fräulein?". Ich sagte erneut meinen Vers her und fühlte, daß dieser Schritt falsch und sinnlos war. Nun konnte ich nicht zurück. Die Dame sagte: ,, Ihr Ver⚫ lobter hat Sie belogen. Unser herrlicher Reichsmarschall läßt keinen Menschen jahrelang ohne Urteil in Haft." 9 aufgenommen. Erste Englandfahrt Damals war ich oft bei dem englischen Leiter der Quäker- Organisation, Mr. Corder Catchpool, der sich Deiner Sache mit Wärme angenommen hatte. Ich war häufig Gast in seinem Hause in Schlachtensee und spielte mit den Kindern. Meine Gesundheit drohte zu jener Zeit abzusinken und eines Tages hörte ich Corders Frage: ,, Möchtest Du nicht mal nach England zur Erholung?" Daß der so viel Ältere väterlich ,, Du" sagte, schätzte ich sehr. Ich nach England? Ja, wie sollte ich dort hinkommen. ohne Beziehungen, Geld, Sprachkenntnisse. ,, Hast Du das Geld für die Hinfahrt?" verfolgte Corder dås Thema. Ja, das glaubte ich zu haben. Aber wieso? ,, Laß mich nur machen." Und Corder schrieb an liebe Menschen drüben, er bekam schnellstens eine -9 . Antwort: ,, Wir würden uns nur zu sehr freuen, Fritz Küsters Braut aufzunehmen." Mr. Runham- Brown aus London hatte unterschrieben, die Adresse stand gedruckt da. Es war kein Traum, keine unhaltbaren Versprechungen waren gemacht worden. Ich war es, die eines Tages via Vlissingen abfuhr, die auf dem Dampfer Corder und seine Frau Gwen, die nach Birmingham wollten, traf. Ich wurde in Harwich in den Zug gesetzt, ich kam richtig in London an. Drei Monate war ich von Liebe und Fürsorge umgeben. Ich machte einen Ausflug nach Irland, verlebte herrliche 14 Tage in Devonshire und hatte Tea mit Lord Ponsonby im House of Lords. Auf Reisen wurde ich unter dem Namen ,, Schmidt" vorgestellt. Deutsche Spitzel sollte es zur Genüge geben, und ich wollte wenigstens in England nicht den Mund halten müssen. Auf seinem schönen Landsitz in Surrey hatte ich in Gegenwart Runham Browns eine Unterredung mit Lord Allan of Hurtwood, natürlich unter meinem Namen. Lord Allan war einige Zeit zuvor in höchster Mission durch Europa gefahren und hatte auch Hitler gesprochen. Auf Betreiben unserer englischen Freunde habe er Deinen Fall zur Sprache bringen wollen, sei aber auf eisige Ablehnung gestoBen. Er könnte mir jedoch zusichern, daß man Dich nicht schlagen würde. Wir gerieten in eine lebhafte Debatte, als Lord Allan die Auffassung vertrat, England müsse sich mit Hitler- Deutschland verständigen, nur so sei uns zu helfen. Ich vertrat den Standpunkt, daß die Situation der demokratischen Kräfte dadurch immer trostloser würde, was er nicht zugab. Er war von bestem Willen beseelt, uns zu helfen. Wohin hat diese Auffassung maßgeblicher englischer Kreise geführt? Wie haben wir uns verlassen und isoLiertgefühlt, als England eine Gelegenheit nach der anderen vorübergehen ließ, dem Nazitum Einhalt zu gebieten! Damals hätte es keine oder nur wenige Opfer auf beiden Seiten gekostet. Eines Tages bat mich Mr. Runham Brown, mein verehrter Gast- und Ratgeber, eine besondere Mission zu übernehmen. Er habe eine Dame zu sich gebeten, die ständig für Hitler- Deutschland in der öffentlichkeit Reklame mache. Ich lernte sie( als Fräulein Schmidt aus Hamburg) kennen und sagte, sie müsse doch wohl sehr lange und an verschiedenen Plätzen in Deutschland gelebt haben, da sie eine so gründliche Kenntnis unserer Verhältnisse zeige. Sie antwortete zögernd:„ Ich war vier Wochen bei einer Familie in Bonn." Vier Wochen und in Bonn, damals eine Hochburg der Nationalisten! Als sie es sagte, wurde mir mit großer Freude bewußt, daßichinEngland nicht zu schweigen, nichts einzustecken, nichts zu beschönigen brauchte. Ich brachte alles vor, was zu sagen war. Die Dame wurde immer verlegener. Ich griff sie nicht an, sprach nur so in den Raum hirein von KZ und Gestapo, vom Leben in und außerhalb des Lagers. Als ich schwieg, saß sie in Tränen aufgelöst und tief erschüttert da. Sie bedankte sich auf das wärmste bei mir und wollte nie mehr ihre sicher wohlgemeinten ,, aufklärenden" Vorträge halten. Als ich abfuhr, wußte ich Deine Sache bei Mr. Brown und Grace M. Beaton in den besten Händen. Sie würden jede Möglichkeit erschöpfen, um Dir zu helfen.. Der richtige Tip . brachte Im August 1935 mußte ich zurück nach Deutschland und mein erster Gang war zur Gestapo. Ein zunächst ärgerlich kleiner Zwischenfall- mich ein Stück weiter. Deine Akten waren nicht auffindbar. Seit Stunden saß ich schon auf dem Flur und hatte mich doch vom Büro nur kurz beurlauben lassen. Schließlich wurde mir in dem einen Zimmer eröffnet, die Akten seien einfach nicht da. Da versågte meine Beherrschung. Ich erklärte bitter und schärfer, als ich wollte: ,, Kein Wunder, daß dann Leute jahrelang in Schutzhaft bleiben!". Das nächste war der Wutausbruch eines der Herren, der mich hinausverwies. Nun glaubte ich, mir alles verscherzt zu haben. Aber jener zornbebende Herr kam aus dem Zimmer, ging ⚫ auf mich zu( ich zog seelisch den Kopf ein) und sagte ganz sanft: ,, Was möchten Sie denn?" Ich setzte ihm alles auseinander, erzählte von meinen vergeblichen Bemühungen und meiner Ratlosigkeit. ,, Ja, Sie haben das falsch gemacht. Schreiben Sie alle Eingaben nur noch an die Adjutantur des Reichsführer SS Himmler. Dies ist der richtige Tip. Sagen Sie bitte niemand, daß ich ihn gab." Ich fand das nett von Kriminalrat Futh und schrieb sogleich an Himmler direkt, den ich um eine Unterredung bat. Ich hatte um telefonischen Bescheid gebeten, worüber meine Bekannten kopfschüttelnd lachten. Aber nach einigen Tagen wurde ich von seinem Adjutanten, Major Frodien, angerufen. Niemand in einem demokratischen Staat, in dem Menschenwürde etwas gilt, kann sich einen Begriff davon machen, welche Sensation es im HitlerDeutschland verursachte, mit dem Adjutanten des Verbrechers Himmler in Kontakt zu kommen, geschweige denn von ihm angerufen zu werden. Ich war im Büro, viele Schreibmaschinen klapperten. Auf mein Geheiß war alles still und dann hörte ich den hohen Herrn sagen, daß er sich von einer Unterredung nichts verspreche. 9 ic Fi sp V st of to lo a F V S a - -10 n r f n g ,, Also, Sie wollen mich nicht empfangen?" fragte ich ohne Umschweife. Da lachte er, verneinte meine Frage und bestellte mich zum nächsten Nachmittag. Eine lange Zeit habe ich mit Major Frodien gesprochen. Auf meine wiederholte Bitte, doch den Versuch Deiner Entlassung zu machen, meinte er: ,, Das können wir uns in diesem Fall nicht leisten. Ein Fritz Küster ist und bleibt unser unerbittlicher Gegner Er wird uns seine Loyalität zusichern und könnte auf Grund seiner Überzeugung gar nicht anders handeln, als uns auf Schritt und Tritt zu schaden. Seien Sie froh, daß wir ihn nicht erschossen haben!" Ich entgegnete mit Bitterkeit: ,, Es läßt sich darüber streiten, ob es humaner ist, einen Mensch durch Haft ohne Ende zu zermürben oder durch einen Schuß zu töten". Hierauf sagte er schnell: ,, Es ist ja keine endlose Haft. Eines Tages wird er entlassen." Mit diesem Bescheid konnte ich gehen. Eine ,, Vertrauensrätin" Das Jahr 1935 nahm ein Ende, 1936 begann. Seit zwei Jahren war ich nun in einer nicht idealen, aber doch gesicherten Stellung als Stenotypistin. Es handelte sich um eine angesehene Firma mit vielen Angestellten. Ich hatte mich mit den meisten angefreundet und wußte nichts von einer Feindschaft. Der Chef des Hauses, ein bekannter Mann im Wirtschaftsleben, hatte mich seinerzeit, da ich auf Empfehlung kam, selbst engagiert und gefragt: ,, Sie kommen von der deutschen Friedensbewegung her. Sind Sie auch heute noch Anhänger dieser Idee?" Als ich ein freudiges Ja!" antwortete, meinte er: Das war sehr unklug von Ihnen. Ich dürfte Sie eigentlich nicht engagieren." Da bei drückte er mir herzlich die Hand. Er war seit langem über die Sorgen und Nöte, Dich betreffend, unterrichtet. öfter hatte er ein aufmunterndes Wort für mich, und als einer seiner Herren, der sich selbständig machen wollte, mich eines Tages als Sekretärin zu engagieren wünschte, warnte er mich mit den Worten: ,, Das ist nichts für Sie, der Mann ist Nazi". Im Frühjahr 1936 wurde ich plötzlich zur Vertrauensrätin gerufen. Ein älteres Fräulein, nicht ohne Witz und Verstand, jedoch noch mit Ansprüchen an das Leben, auf die keiner so recht reagieren wollte sie hatte mich als Opfer ausersehen. Niemand machte ihr noch einen Vorwurf daraus, daß sie vor 1933 bei einer russischen Handelsgesellschaft einschließlich KP- Mitgliedschaft tätig war. Sie war ja doch gezwungen" worden, wie sie auch heute wohl ihre vertrauensrätliche Stellung im Hitler- Reich als Zwang darstellen wird. Sie eröffnete mir, daß die Ehre und das Ansehen des Hauses den weiteren Verbleib einer Angestellten nicht zulasse, die in so enger Beziehung zu einem KZ- Häftling stünde. Auf meine Entgegnung, ich würde die Sache dem Chef unterbreiten, drohte sie, diesem die größten Schwierigkeiten machen zu wollen. ,, Er hat in dieser ganzen Zeit alles gewußt und Sie nicht entfernt. Sie würden ihm nur schaden." Der Zeitpunkt war gut gewählt. Der Chef war verreist und um alles in der Welt wollte ich ihm nicht Schwierigkeiten bereiten. Einige Herren schäumten vor Wut über diese Maßnahme. Zwei überzeugte Nazis schlugen meinetwegen den größten Krach, ein Mitglied des Vorstandes war sehr empört und machte keinen Hehl daraus vergeblich. Die Mädels brachten mir eine Sympathiekundgebung in Form eines Hutschenreuther- KaffeeServices und Blumen. Die ältere Dame stand allein auf weiter Flur, aber sie war unter ein paar hundert Angestellten, unter denen die große Mehrzahl natürlich auch teils garnichts wußte, teils aus Feigheit schwieg, allmächtig. Grace hat eine Idee Wie tröstlich, nach diesem Erlebnis wieder nach England gehen und freie Luft atmen zu können! Ich konnte mich nun geläufig Englisch verständigen und an der Arbeit meiner Freunde verständnisvollen Anteil nehmen. Grace M. Beaton und Runham Brown haben sich mit mir unermüdlich über alle Möglichkeiten, Dir zu helfen, unterhalten. Dabei blieb es nicht. Grace hatte eine Idee. Die Olympiade Berlin 1936 stand vor der Tür. Sicher würde sich jetzt Hitler Stimmen aus dem Ausland gegenüber willfähriger erweisen als sonst. So arbeitete sie ein Schreiben an Hitler aus, das von allen maßgebenden Persönlichkeiten Englands aus politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Bereich unterschrieben werden sollte. Alle Parteien, alle Konfessionen sollten beteiligt sein. Ein Appell an die Menschlichkeit war beabsichtigt, kein Wort von Politik sollte fallen. Wie glühten wir für diese Idee! Grace ging sofort ans Werk. Sie schrieb unzählige Briefe bis in die Nacht hinein. Ihr zarter, kränklicher Körper erhielt nicht Schonung, nicht Ruhe. Und die Unterschriften der Verantwortlichen im weiten England kamen ins Haus. Wer hätte je eine solche Autogramm- Sammlung besessen? Ich bat: ,, Laßt auch mich helfen. Laẞt. auch mich Briefe schreiben." Mr. Brown und Grace gaben ihre Zustimmung. Zunächst wählte ich H. G. Wells. Er war uns Deutschen vor allem ein Begriff. Ich schrieb ganz aus Eigenem, in einem Englisch, das nach Grace ursprünglich und nichtenglisch, angeblich aber umso. wirkungsvoller war. Als ich den, Brief verschließen wollte, fiel mir ein, daß unser Freund Kurt B. einst Erzieher der Wells Söhne gewesen war. Kurz entschlossen schrieb ich in einem Nachsatz, daß Kurt B. grüßen lasse. Mein Gewissen war nicht sehr belastet, denn wie gern hätte mir 11 dieser Grüße aufgetragen, wenn er von meiner Englandreise gewußt hätte. ,, Mr. Wells bittet Miẞ Andreas zum Tee", das war das immerhin stolze Resultat meines Briefes. Ich habe Mr. Wells dann mit unserm Plan bekannt gemacht. Zunächst lehnte er ab, gab aber schließlich mehr und mehr diese Haltung auf. Endlich sagte er: ,, Ich bin bereit zu unterzeichnen, wenn es der Bischof von Birmingham( dessen Name zuvor. gefallen war; ebenfalls tut. Es wäre ein besonders reizvoller Kontrast, wenn der Name des Freidenkers H. G. Wells neben dem des Bischofs von Birmingham erschiene." Dabei leuchtete sein Auge humorvoll auf. Er legte auch Wert auf die Unterschriften von Lord Allan of Hurtwood und Lord Ponsonby. Grace hat den Ausspruch yon Wells dem Bischof von Birmingham übermittelt und prompt dessen Unterschrift erhalten, wodurch die von Wells gesichert war. Ich hatte nun Mut bekommen. Darf ich an Bernard G. Jhaw, Lord Cecil und Lloyd George schreiben? Grace lachte über meinen Eifer. Shaw war der einzige, meines Wissens der ganzen Aktion, der auch auf eine zweite Frage überhaupt nicht antwortete. Lloyd Georges Privatsekretär rief mich zu sich. Ich bekam dort keine Unterschrift, wurde aber eingehend gehört und alle Umstände gewürdigt. Man würde sehen, was zu macher sei. Eine weitere Einladung kam von Lord Cecil. Ich erhielt sie, als ich mit gepackten Koffern abreisebereit in der hall stand. Zu einem bestimmten Termin mußte ich die neue Stellung in Berlin antreten. Wie habe ich es bedauert, Lord Cecil nicht gesprochen zu haben! Es wäre mir unendlich wichtig gewesen, Noch auf dem Schiff habe ich ihm alles schriftlich dargelegt: und den Brief in Holland abgesandt. MITSUBISHI SHOJI KAISHA Mein neuester Arbeitgeber war eine bedeutende japanische Handelsgesellschaft. Zum ersten ersten Mal kam ich in Berührung mit Japanern. Ich sollte englische Korrespondenz schreiben, eine Aussicht, die mich begeisterte., Dies würde doch einmal etwas ganz anderes sein. Ich sollte mich nicht täuschen. Zunächst gab es da keinen„, Deutschen Gruß". Wir deutschen Angestellten machen shake hands und boten uns die Tageszeiten. Das Verhältnis war ungezwungen und für mich sehr anziehend. Japanische, englische und deutsche Wortfetzen erreichten mein Ohr. Der Fernschreiber, die Telefone gingen pausenlos, Schreibmaschinen klapperten, Telegramme kamen und gingen und mußten dechiffriert werden. Wer hat wohl je mit größerem Elan eine solche Stellung angetreten als ich? Ich sagte, daß der Deutsche Gruß nicht angewandt wurde. Darum gab es aber doch fanatische Nazis unter uns, nur waren sie in der Minderheit. Die meisten waren indifferent. Eines Tages summte ich im Waschraum ein verbotenes Lied. Plötzlich kam aus einer der Toiletten ein junges Ding hervor und sagt: Andreas, du bist entdeckt. Mensch, sag mal gehörst du zu uns?" Ich bejahte freudig, fragte dann aber doch vorsichtshalber, was ,, uns" bederte. Darauf sagte das muntere Wesen: ,, Du mußt es keinem sagen, ich war 2 Jahr im KZ!" Ich staunte das kleine, kecke Ding an. ,, Ja, wieso denn?" Sie lachte. ,, Ach Gott, ich wollte eben halt mal Blumen auf Rosa Luxemburgs Grab legen. Da stand die Gestapo hinter mir und sagte: ,, Wissen Sie, wer hier liegt?" Ich:„ Ja." Der: Wollen Sie die Blumen immer noch hierher legen?" Ich sagte in meiner Verwirrung ja und bekam dann ein halbes Jahr KZ. Straferschwerend war, daß ich so deutsch aussah und dicke blonde Zöpfe hatte. Ich war auch mit der Wirtin von Horst Wessel zusammen. Das war ein schreckliches Weib." So erzählte die. Trudel. Am folgenden Tag sagte nach einem Gespräch meine mir gegenüber sitzende Kollegin, die gleich mir ihre Stellung erst angetreten hatte: ,, Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sagen Sie es bitte keinem. Mein Mann sitzt seit langem aus politischen Gründen im Zuchthaus." Wir schlossen einen Dreibund. Ich lernte den Kreis um diese beiden Kolleginnen kennen, es waren Kommunisten. Sie waren wie wir verfolgt, sie wurden gepeinigt und in die Konzentrationsläger gebracht. Ich sah in ihnen Verbündete. Sie auch in uns? Einėr sagte zu mir: ,, Wenn es einmal anders kommt, seid Ihr Pazifisten die ersten, die wir aufhängen." Und die japanischen Kollegen? Um Gotteswillen Kollegen! Sie standen turmhoch über uns, sie waren Götter, thronten erhaben in den Wolken und kamen nur herab, um vor Japanern ihre mehr oder weniger tiefen Kotaus zu machen. Aus dieser Wolke flatterte dann auch am ersten Tage ein Telegramm auf meinen Tisch- ohne Kommentar. Ich war nicht würdig, aufgeklärt zu werden. Verständnislos fragte ich einen deutschen Kollegen. Also das Telegramm sollte dechiffriert werden. Ich meinte: welch unhöflicher Geselle! Aber da wurde ich belehrt, daß die Japaner mit uns Deutschen nur das Allernotwendigste, rein Geschäftliche redeten, auch das nur zu leitenden Herren, im übrigen durch Mittelsmann. Niemals käme ein Gruß über ihre Lippen, keine Bitte 12SC SO ZU h F ' te M d P N 14 b T f S I k i 扫 n U d er ze t ce e น e und kein Danke. Wir seien einfach Luft. Am schlimmsten sei es, wenn eine vom weiblichen Personal aufhöre, Luft zu scin. Es gäbe nämlich Dinge, zu denen sich auch ein Japaner mit deutschen Frauen herablieẞe. Ich erschauderte, sah hoch und blickte gerade in Funabashis schwarze Augen, die mich von wei' tem wie glühende Kohlen zu verzehren schienen. Möchte ich doch für ihn Luft sein! - Als das Telegramm fort war, war mir schlimm zumute. Ich klammerte mich immer wieder an den Gedanken, daß Du ja kommen würdest Die Olympiade begann und war vorüber. 14 Tage lagen hinter mir und Du: kamst nicht. Aber in einem Schreiben des Anwalts hieß es: ,, Die Entlassung ist vom Reichsfiskus wiederum abgelehnt worden." Auch heute noch fühle ich bei diesem Satz, dieser lakonischen Erklärung die würgende Pein, die mich damals anfaßte. Alles umsonst! - Dies war die schwerste EnttäuEine rühmliche Ausnahme machte ein Herr Hatori, der grüßen und danken konnte und uns allen sympathisch war, und ein zweiter junger Mann, dessen schung in all den Jahren Deiner Haft! Name mir entfallen ist. Ich hatte es mir bald angewöhnt, die erledigte Arbeit mit betonter Nachlässigkeit auf den japanischen Tisch flattern zu lassen. Mein Bedürfnis ist es, freundlich zu grüßen, aber es ging auch ohne. Ich sah, wie die Japaner zur Olympiade die großen Herren waren und wie sie die Fähnchen auf der Landkarte steckten und so in China einmarschierten. Und ich haßte sie darum. Neue Enttäuschungen Mit welch großen Hoffnungen war ich von England fortgegangen. Diesmal mußte es glücken. Ich suchte den neuen Anwalt auf, den Deine Freunde für Dich erwählt hatten. Dieser sagte mir klipp und klar: ,, Die Entlassung Ihres Verlobten steht unmittelbar bevor. Nur eins kann sie noch unterbinden: eine Aktion aus dem Ausland, gleich welcher Art." Ich war fassungslos. ,, Ist es denn ganz bestimmt?" ,, Ja, ganz bestimmt. Die Entlassung wird in etwa 14 Tagen erfolgen. Es ist aber nicht daran zu denken, wenn sich das Ausland irgendwie engagiert." War dieser Mann ein Hellseher? Er konnte doch nichts von meiner Englandreise wissen. Auf das äußerste bestürzt verließ ich das Anwaltsbüro, Du solltest also ganz bestimmt in 14 Tagen da sein, wenn keine. Mir drehte sich alles im Kopfe herum. Welche Situation! Ich erinnerte mich Hitlers drohender Haltung bei seiner letzten Rede, als er von einer Auslandsintervention im Falle Litten sprach. Und jeden Tag konnte das Schreiben, das dem dev'schen Außenminister direkt ausgehändigt werden sollte, herausgehen. Diese herrliche. Aktion, verbunden mit so ungeheurer Arbeit, sollte nun null und nichtig sein. Aber sie war ja für Dich unternommen worden und Du würdest nun ohne sie frei sein, ja, mit ihr bestimmt nicht. Ich mußte schnell handeln. Ich dachte nur daran, daß Du kommen würdest. Ein Telegramm etwa folgenden Inhalts ging nach London: ,, Stop knitting size does not fit other pattern wanted"( höre mit dem Stricken auf Größe falsch anderes Muster gewünscht). - Himmler reagiert 1936. Herbst - Winter... - aber negativ 1937. Neue Eingaben, neue Ablehnungen; eine weitere Unterredung mit Himmlers Adjutanten Major Frodien. Ergebnislos. In Paris soll etwas über ,, schwere Miẞhandlung Fritz Küsters" geschrieben worden sein. Ich fürchtete Rückschläge für Dich. Ich wollte auch sehen, was in Frankreich zu tun möglich war. So fuhr ich nach Paris. In den Redaktion des„ Pariser Tageblattes" bat ich Herrn Dr. Misch, den früheren Chefredakteur der Vossischen Zeitung", den ich von Berlin her kannte, möglichst jede Nennung Deines Namens zu verhindern. Er fragte mich, ob ich im Vorraum bei der Anmeldung meinen Namen angegeben hätte. Er sei vor Nazi- Spitzeln nicht sicher. Ich hatte dies getan und konnte nur das Beste hoffen. Jedenfalls nahm ich mir vor, der Gestapo im Notfall den wahren. Grund meiner Reise zu sagen: meinen Verlobten vor Artikeln über ihn zu schützen. Abends traf ich Herrn Dr. Misch bei einer gemeinsamen Bekannten und gab ihm einen Bericht über das Leben im Dritten Reich. Viel konnte ich in Paris nicht ausrichten, dafür versuchte mich ein früher sehr bekannter kommunistischer Rechtsanwalt für Spionagedienste zugunsten Rußlands heranzuziehen. Dabei war ich wie damals in der„ ,, Alten Klause" interessiert und belustigt. Das Leben ist bunt, so manches Absurde tritt an einen heran! - Am 8. Juni 1937 habe ich ein neues Gesuch an Himmler gerichtet. Aus dem Wunsch heraus, alle Möglichkeiten für Deine Entlassung auszuschöpfen, schlug ich ihm diesmal vot, Dich versuchsweise auf drei Monate zu entlassen und mich statt Deiner solange in Haft zu nehmen. Um die Verantwortlichkeit auf beiden Seiten klar zu machen, sollte er uns Gelegenheit zu einer standesamtlichen Trauung im Lager kurz vor Deiner Entlassung geben.. Darauf kam der erste und einzige Brief von Himmler selbst: 13 ,, Ihren Brief vom 8. 6. 37 habe ich erhalten. Ich habe ihn persönlich gelesen. Ihren Vorschlag kann ich leider nicht annehmen. H. Kimber Du wurdest nicht nur nicht entlassen, sondern nach Buchenwald überführt. Dein schlimmstes Jahr begann. Nachrichtenhelferin wider Willen Zu dieser Zeit wurde ich vom Polizeirevier nach Einholung von Auskünften für würdig und fähig befunden, im damals, noch geheim arbeitenden Nachrichtendienst eingesetzt zu werden. Meine Wirtin hatte mir gesagt, daß sich ein Polizeibeamter wiederholt eingehend nach mir erkundigt hatte, was mir einen nicht geringen Schrecken eingejagt hatte. Als des Rätsels Lösung bekam ich jedoch eines Tages eine keinen Widerspruch duldende Verpflichtungsurkunde und mußte nun zwangsweise teilnehmen an Deutschlands Kriegsvorbereitungen. Alles war bei uns streng geheim und unter Strafe gestellt. Ich habe nie begriffen, warum ich dieser„ Ehre" teilhaftig geworden bin. Damals waren die meisten dieser Nachrichtenhelferinnen Studentinnen. In unserem Arbeitsbuch standen wir je nach unserem Werdegang mit einer Nummer verzeichnet. Diese Nummer befand sich auch auf dem Polizeirevier auf unserer Karteikarte. Ich nehme danach an, daß mein Besuch der Hochschule für Politik von 1930 bis 1932 maßgebend gewesen ist. Etwas möchte ich hier noch einfügen. Bei einer Übung im Frühjahr 1938 sprach unseré Ausbildnerin von der Möglichkeit eines Krieges. Eine rief: ,, Aber daran ist doch garnicht zu denken!", worauf unsere im übrigen sehr nette Führerin mit geheimnisvoller Miene sagt: ,, Kinder, Kinder, wartet.nur bis zum Herbst!" Wußte sie damals schon, daß unsere Minderheiten in Böhmen so ,, unmenschlich drangsaliert" werden würden? - Übrigens traten auch hier die Gegensätze zwischen Wehrmacht und Partei zutage. Der Deutsche Gruß wurde von uns nicht angewandt. Eine andere Ausbildnerin äußerte sich eines Tages sehr empört über diese Tatsache, worauf die oben erwähnte Kollegin ruhig erwiderte: ,, Innerhalb der Familie ist dieser Gruß auch nicht üblich. Ich muß also annehmen, daß sich die Mädels hier sehr wohl und gewissermaßen wie im Schoße der Familie fühlen." Neue Ausblicke, Eine große Freude brachte mir in diesem Jahre der zweimalige Besuch von Grace Beaton in Berlin. Sie hatte die Reise mit ihrem Aszt unternommen und wollte für Dich und Deine Leidensgefährten verschiedene Pläne ausführen. Da hörte ich dann von einem Unbekannten, der. ein ganz neues Projekt zu Deiner Rettung entwickelt hätte. Dieser Herr würde sich eines Tages bei mir melden. Mit neu belebter Hoffnung sah ich diesem interessanten Treffen entgegen. Weihnachten 1937. ? wird mitgeteilt, daß Häftlinge in einem Konzentrationslager keine Weihnachtspakete empfangen dürfen." Im Januar 1938 kam dann die erwartete Autforderung eines Herrn v. Z., ihn in seinem Hotel aufzusuchen. Ich hatte eine längere Unterredung mit ihm und bekam Einsicht in seine Korrespondenz mit Henlein, dem Führer der Sudetendeutschen, SeißInquart und anderen Nazi- Häuptlingen, aber auch sonstigen namhaften politischen Persönlichkeiten. Herr y. Z. plante nun Deinen Austausch gegen zwei sehr bekannte in der Tschechoslowakei arrestierauf te, Nationalsozialisten, deren Freilassung er Grund seiner weitreichenden Beziehungen glaubte garantieren zu können. Henlein sollte ihm eine Empfehlung an Himmler verschaffen. Dies war geschehen und v. Z. hatte mit diesem eine Unterredung. Er nannte auch seine Gegenforderung für die Hilfe bei der Entlassung der beiden Nationalsozialisten: Deine Freilassung. Die Verhandlungen zogen sich noch hin, auch als ich Herrn v. Z. ein zweites Mal in Berlin traf. Nachher stellte sich dieses Unternehmen auch als vergeblich heraus. Die Nazis waren auf Grund anderer Dinge entlassen worden. Später erst erfuhr ich, daß Herr v. Z. seine Bemühungen' um Dich mit Erfolg fortgeführt hat. Es soll ihm gelungen sein, mit Hitlers Lieblingsneffen(?) in Verbindung zu treten, der dann speziell in Deiner Sache zu Hitler nach Berchtesgaden gefahren sein soll. Hatte dies Deine Entlassung im August 1938 zur Folge? Wir wissen es nicht. Jedenfalls stand es damals recht schlecht um im Frühjahr 1938 unsere Sache. - 1 Am 1. März 1938. ging ein neues Gesuch heraus: ,, Wenn Sie mir am 30 9. 37 mitteilen ließen, daß eine Schutzhaftentlassung ,, zurzeit noch nicht erfolgen" könnte, so möchte ich Sie fragen, ob es denn nicht jetzt sein kann, denn dieses NOCH NICHT hat mich mit der Hoffnung und Gewißheit erfüllt, daß die Zeit der Freilassung nun nicht mehr in so nebelhafter Ferne wie bisher liegen kann." Zu meiner Überraschung erhielt ich am 10. März eine Sprecherlaubnis die weit früher beantragt und, da aussichtslos, von mir halb vergessen worden war. Ich habe mir den Wortlaut genau abgeschrieben: <-14-> S h l n ") er n 38 es m s: ne te, -in er f- S- rz d. ar. ,, Geheime Staatspolizei Geheimes Staatspolizeiamt II D Haft- No. 15g/ 1153/ 36g Berlin, 10. März 1938 Fräulein Ingeborg Andreas, Berlin- Tempelhof. wird hiermit ausnahmsweise die Erlaubnis erteilt, den in dem Konzentrationslager Buchenwald einsitzenden Schutzhäftling Fritz Küster, geb. am 11. 12. 89 in Obereinzingen in Gegenwart eines Beamten für die Dauer von 30 Minuten zu sprechen. Die Genehmigung ist aus folgenden Gründen erteilt worden: Ob sie eine ihr in Aussicht gestellte Wohnung mieten solle. Die Ansicht des Küster ist dabei ausschlaggebend, da sie allein aus finanziellen Gründen nicht entscheiden kann. Die Sprecherlaubnis ist nur auf vorstehende Angelegenheiten zu, beschränken, insbesondere darf der Grund der Inschutzhaftnahme und damit zusammenhängenden Fragen nicht erörtert werden. Preußische Geheime Staatspolizei Geheimes Staatspolizeiamt im Auftrage gez. Berendorff Über den Führer der Totenkopfverbände und KL, Berlin NW 7, Friedrichstr. 129 an Fräulein Ingeborg Andreas, Berlin. Der Führer der SS- Totenkopfverbände und Konzentrationslager, Berlin NW 7. 15. März 1938 Das Betreten des KL Buchenwald wird genehmigt. Besuchszeit von 9-11 und 14-16 außer Samstag und Sonntag. Sprechzeit: 30 Minuten unter der vorgeschriebenen Bewachung. Besuchsschein ist von der Kommandantur zu den Akten zu nehmen. i. A. gez. Liebehenschel Der Führer der SS- TV KL SS Sturmbannführer." Buchenwald Am 27. März. fuhr ich nach Weimar. Mit Mühe gelang es mir, einen Taxichauffeur zu der Fahrt nach Buchenwald zu bewegen. ,, Dann ist mein Auto völlig verdreckt und keine weitere Fahrt mehr möglich." Er sagte unterwegs: ,, Arbeitet Ihr Verlobter drauBen?" Ich wußte es nicht. ,, Warum?" ,, Nun, man nennt dies hier den, Totengrund'." Wir hielten vor einem Schlagbaum. Der Chauffeur fuhr zurück. Lange Zeit stand ich vor der Barriere, den Redensarten der SS- Lümmel preisgegeben. Ich sah im weiten Umkreis die Unterkünfte der Wachmannschaften. In eine dieser Baracken, in der SSLeute auf Pritschen. lagen, wurde ich geführt. Ein Posten telefonierte, legte den Hörer hin und sagte mit einem prüfenden Blick zu mir: ,, Mensch, der Alte kommt selbst!" ER kam und alles nahm Haltung an. Er sagte zu mir:„ Sie sind telefonisch avisiert worden. Kommen Sie!" Jetzt war ich erstaunt, Unterwegs fragte der ,, Alte", der gar nicht aft, aber ein Lagerführer war: ,, Sagen Sie mal, wie haben Sie das angestellt, daß Sie Sprecherlaubnis bekommen haben?" ,, Ich habe sie beantragt, ist es etwas Besonderes?" Er lachte kurz auf. ,, Du lieber Gott, so etwas gibt es doch gar nicht!" . Wir durften uns, durch keinerlei Barriere getrennt, 30 Minuten im Beisein des ,, Alten" sprechen. Dieser schaltete sich nur einmal ein und fragte Dich: ,, Nicht wahr, Sie sind im Baubüro tätig?" Ich merkte, daß Frage und Antwort für mich bestimmt waren. Er wußte nicht, was mir diese Äußerung nach jener Bemerkung des Chauffeurs bedeutete. Einmal fragtest Du: ,, Hast Du jetzt eine Eingabe gemacht? Ich erfuhr davon." Die 30 Minuten waren herum. Ich ging langsam den langen Weg nach Weimar zurück. Ich dachte daran, daß ich auf ,, Totengrund" stand und meine Füße waren wie Blei. Wie lange noch? Eine Freundin hatte vor kurzem gesagt:„ ,, Ist es nicht toll, daß wir geschworenen Pazifisten den Krieg, der doch kommen wird, herbeisehnen müssen, weil wir sonst verschlungen werden von dieser braunen Pest!" Aber Lord Allan und viele andere glaubten an Verständigung. Schlagermusik tönte vom Lager herüber. Der Schlamm war unbeschreiblich. Zäh haftete er an den Schuhen fest. Wie ich mich aus dem Schmutz heraussehnte nach etwas Reinem, Schönem, einem guten Buch, zarter Musik oder einem Gespräch! Kurz vor Weimar kam mir ein kleiner weißhaariger Mann mit einem unendlich gütigen, klugen Auge. im Altmännergesicht entgegen. Er sah mich forschend an und blieb zweimal stehen, als ich den Blick zurückwandte. Ich hätte ihn ansprechen sollen,- in mir war eine große Sehnsucht nach einem Menschen. Wieder in England Lieber Mann, dieses Jahr 1938 ist auch mein. schwerstes gewesen. Es erschien mir so trostlos und beeinträchtigte meine Gesundheit. In England fand ich eine mehrwöchige Erholung. Ein zweites Mal lud mich H. G. Wells zum Tee und ich hatte auch eine Begegnung mit Frau Professor Litten, der Mutter des bekannten Rechtsanwalts. Sie litt schwer unter dem Freitod ihres Sohnes im Lager Dachau. Aber sie fand doch die Kraft, mich zu ermuntern. Allmählich war jeder Pessimist geworden, ohne rechten Glauben. an Deine baldige Entlassung. Die Dinge spitzten sich politisch sehr zu. Aber Frau Litten erklärte mit Bestimmtheit, Du würdest bald da sein. Während wir Arm in Arm im Garten ihrer Gastgeber spazieren gingen, sann ich darüber nach, wann der Name Litten. für mich schon einmal einen besonderen Klang gehabt hat. Und dies war meine Erinnerung. In der Hochschule für Politik in Berlin war der Vortrag des bekannten Professors der Rechte Litten aus Königsberg angekündigt worden. Der Kollegsaal war bis auf den letzten Platz besetzt, der Direktor Wolfers und andere Dozenten zugegen. Lebhaft interessiert waren wir alle den Ausführungen Littens gefolgt und gaben Beifall und Ablehnung je nach Temperament kund. Dann war der Vortrag zu. Ende. Ich sehe, daß der Professor sich durch mehrere Reihen der Studenten einen Weg bahnt. Er kommt zu meinem grenzenlosen Staunen auf mich zu und reicht mir die Hand. Ich sage verwirrt: ,, Herr Pro-15 A fessor, kennen Sie mich?" Er lächelt. ,, Doch, ich kenne Sie sehr gut. Ja, sehr gut." Noch einmal drückt er meine Hand und geht dann, von den andern Dozenten begleitet, hinaus. Die andern bestürmen mich mit Fragen, woher ich den Professor kenne. Ich wehre. ab. Ich fühle unbestimmt, was dieser hatte ausdrücken wollen und nun kommt mir meine Frage so üerflüssig vor.. Sieben Jahre später führt der Zufall mich in England mit seiner Frau zusammen. Sie sprach von ihrer Sorge um den Gatten, der noch in Deutschland war. Ich habe noch nicht erfahren, wie es ihm später ergangen ist. Die Jüdin Lessie Das war ein schwerer Abschied von allen englischen Lieben. Wann würden wir uns wiedersehen? in der Zeitung hatte ich von schlimmen Ausschre tungen in Berlin gegen die Juden gelesen. Diese Berichte würden ohne jeden Kommentar gegeben, was ich nicht begriff Die indifferente Haltung der englischen öffentlichkeit fing an, mich zu irritieren. Bei Einkäufen für Mrs. Beaton wurde ich öfter gefragt:„ Na, was macht Euer Herr Hitler? Dürft Ihr wirklich nicht Eure Meinung sagen und schreiben?" Wenn ich das bejahte, schüttelten sie lachend den Kopf. Nein, so was!" Als ich sie fragte, ob sie denn gar nicht daran dächten, daß ihnen Herr Hitler" ⚫ auch einmal gefährlich werden könnte, lachten sie wiederum. Uns? Aber davon kann doch gar keine Rede sein!" Ich fuhr bekümmert heim. Wie immer machte ich in Hannover Haft. um an. andern Morgen zu Deinen Eltern zu fahren. Wie zuvor. wollte ich beim Roten Kreuz für einige Stunden übernachten. Ich trug im Bahnhofsbüro meine Bitte einer gestrengen Stehkragendame Potsdamer Typ vor und erfuhr ein hartés..Nein!". TOP Ich fragte: ,, Ist alles besetzt?" und hörte:„ Gehen Sie doch, ich sage Nein!" 99 Ein Herr war mit im Zimmer und sagte vermittelnd: Es ist wirklich alles besetzt." Darauf kreischte die Schwester: ,, Raus mit Ihnen! Ich sage raus!" Empört ging ich zur Tür, um einen Polizisten zu rufen, als die Worte fielen:„ Dieses verdammte Judenpack soll doch sehen, wo es bleibt!" Ich wandte mich um und sagte ruhig: ,, Sie werden dies noch sehr bereuen!", worauf der Herr sich als Kriminalbeamter auswies und meinen Paẞ forderte. ,, Sie ist die Jüdin Lessie!" schrie das Weib. Der Beamte gab ihr achselzuckend meinen Paß. Die Schwester brachte die Beleuchtung auf 100 Kerzen und musterte mich. Aufgeregt ging sie zum Gästebuch, blätterte darin und rief: ,, Sie haben ja schon mal hier übernachtet!" دو „ Ja." Sie fuhr leiser fort: ,, Ich habe dahinter geschrieben: , War sehr dankbar." Nun hätte ich tast gelacht. Das Rote Kreuz erteilte Zensuren für das Verhalten nach einigen Stunden. Pritschenschlafes? Die gute Schwester zeigte Sammetpfötchen. ,, Ich habe Sie verwechselt, liebes Kind. Ich bin überarbeitet. Die Beleuchtung war schlecht."( Drohend zu dem die Beleuchtung war Herrn: Hören Sie, die schlecht!"). Dann schrie sie mich wieder an: ,, Warum sind Sie aber auch so braun! Und die schwarzen Haare!". Ich war wirklich durch die Sonne verbrannt wie ein Indianer und für die Haare konnte ich nicht. Als Kuriosum sei bemerkt, daß kurz zuvor im Abteil ein Herr von der Gestapo in Berlin ein ganz besonderes Interesse für diese meine Bräune mitsamt der Schwarzhaarigkeit an den Tag gelegt und mich, um ein Wiedersehen gebeten hatte.. Die Schwester brachte mich nun fast mit Gewalt zu einer Pritsche( von denen mehrere unbesetzt wa-ren!), deckte mich zu, nannte mich ,, ihr liebes Kind" und sah wie eine Mutter nach mir, daß mir ja kein Leid geschah. Diese schändliche Kreatur! Immer wieder dachte ich: Wenn ich nun wirklich eine Jüdin gewesen wäre!" Ich weinte vor Scham, daß ich mich auf die Pritsche habe drücken lassen. Ich hätte ihr ins Gesicht spucken sollen, obwohl das nicht fein gewesen wäre.Ⓡ So sah mich, von Englånd kommend, Deutschland im Juni 1938 an. Nicht Freiheit aber Entlassung Am 5. August 1938 schrieb ich ganz impulsiv, wenn auch ohne Hoffnung auf Erfolg, an Himmler: 9 ..Ich denke daran daß Sie am 29 Juli in der Universität Breslau gesagt haben: Wir dürfen nicht vergessen. daß jeder einzelne ein Glied der Kette ist. die ohne ihn unterbrochen und geschwächt wird. Und ich denke auch mit viel Bitterkeit daran. daß ich seit so vielen Jahren trotz Jugend und Gesundheit abseits stehen muß° Am 13. August 1938 wurden Dir die Tore des Konzentrationslagers geöffnet, aber erst 7 Jahre später sollte Dir die wahre Freiheit wieder gegeben werden. Daß wir sie beide nutzen, zeigt dieses Buch und ,, Das Andere Deutschland".*). Geschrieben im November 1945. *) Die Verfasserin hatte damals nicht geahnt. daß die Lizenz für die Zeitung erst nach zwei Jahren errungen werden konnte. Rotationsdruck C. W. Niemeyer, CDB. 292, Hameln, 2. 48, KI. ,, C"