KONZENTRATIONSLAGER BUCHENWALD „Recht oder Unrecht, mein Vaterland“ steht in großen Lettern über dem Eisentor des Konzentrationslagers Buchenwald. Es ist der Etters- berg bei Weimar und an diesem der Nordabhang, von dem die Sonne so lange Zeit ihr Antlitz abwendet und ihre wärmenden Strahlen versagt. In dem Lager befindet sich ein Naturschutzdenkmal, die Goethe- eiche. Dieses Denkmal, die Erinnerung an einen großen Deutschen, an jene Geistesgrößen, die Licht, Leben, Gottheit bedeuten, wirkt an dieser Stelle als starker Kontrast zur Jetztzeit. Finsternis und Tod überschatten die Sonne und das Leben. Hölle und Teufel regieren im deutschen Vaterlande, und der Irrsinn dieser Teufel ist Staatsregie geworden. Ich soll vom Konzentrationslager Buchenwald berichten, so fordert es meine Pflicht. Immer wieder habe ich die Feder aus der Hand gelegt, wenn ich mich an diese Arbeit heranwagte, und doch muß ich einmal damit beginnen, denn das Gebot der Pflicht gegenüber der ganzen Menschheit, gegenüber meinem deutschen Vaterlande, gegen- über den unzähligen Opfern, gegenüber meinen lieben Freunden und Kameraden, welche dort ihr Leben aushauchten, verlangt kategorisch, daß ich endlich diese Arbeit beginne. Ich wehre immer noch ab, die Grausamkeiten zu schildern und erinnere mich der Worte eines Häft- lings, eines jungen polnischen Rechtsanwaltes, als er zu mir sagte: „Die Entsetzen und Leiden der Menschen in diesem Lager in Worte zu kleiden, dazu fehlt uns die Sprache. Es müßte erst wieder ein Dante geboren werden, der allein nur das Können besaß, die Worte zu finden, um zum Ausdruck zu bringen, was an Entsetzlichem Men- schen erdulden.“ Und ich möchte immer noch nicht damit beginnen, den Schrei der Gefolterten und das Stöhnen der Sterbenden in mir wachzurufen. Ich spreche lieber von guten Freunden, von meinen Kameraden, die ich immer noch an meiner Seite wähne, wenn mir die grausame Wirk- ne nicht schreiend zum Bewußtsein brächte,: daß sie längst tot sind. Helmut Trinks, der sonnige Junge, der jugendliche Kamerad, mein Leidensgenosse, mit dem mich das Schicksal im Lager etwa zwei Jahre lang verband. Die meisten Häftlinge des Lagers kannten Helmut Trinks, ihn, der immer ein aufmunterndes Wort für seine Kameraden hatte, stark im Willen und Charakter, anpassungsfähig an alles, was guten Regungen entsprang. Er war vor der Nazizeit Führer der sozialistischen Jugend in Sachsen gewesen, und als die Gestapo später in seinem Zimmer eine größere Zahl illegaler Druckschriften fand, da war es um ihn geschehen. Für die Gestapo war die große Zahl der gefundenen Schriften ein herrlicher Fang, denn nun konnten ebenso viele Menschen hinter Schloß und Riegel gebracht werden. Aber nicht ein einziger Name wurde von Helmut Trinks angegeben, trotz der grausamen Folterungen, die an ihm vorgenommen wurden. Er blieb bei der Behauptung, daß er nicht wisse, wie das Paket Flugschriften in sein Zimmer gekommen sei. Der Volksgerichtshof sprach ihn frei. Und dann brachte ihn die Gestapo in das Konzentrationslager Lichtenburg und später nach Buchenwald, vier Jahre lang, bis ihm unverhofft die Tore in die Freiheit geöffnet wurden. Die Bemühungen seines krank gewordenen nervenzerrütteten Vaters hatten endlich Erfolg gehabt. Es war kein Tag vergangen, an dem Helmut Trinks nicht das Bedürfnis zeigte, mit mir, dem wesentlich älteren, einige Worte zu sprechen, und diese Worte wirkten bei mir wie Balsam, wie ein Trunk auf durstige Lippen. Ein Jahr später habe ich das Lager verlassen können. Es waren dann einige Monate vergangen, als Helmut Trinks plötzlich wieder vor mir stand. Soldat war er geworden. Aus Frankreich zurückgekehrt, in einem Nachbarstädtchen in Garnison, hatte er meine Adresse gefunden. Und nun stand er wieder vor mir, vor meiner Familie, ein Sonnenstrahl in grau empfundener Zeit. Noch einige Male hatten wir die Freude, ihn als Gast bei uns zu sehen. Bei den Unterhaltungen über die entsetzlichen Geschehnisse im Konzentrationslager Buchenwald sagte er, daß nach Beendigung des Krieges und der Nazizeit große Scheinwerfer mit Richtung zum Himmel in immerwährender Tätigkeit der Nachwelt berichten sollten, was dort in einer fluchwürdigen Zeit an der Menschheit geschehen sei. Hunderte von Kilometer weit müsse jeder daran erinnert werden, daß dort auf dem Ettersberg einstmals menschliche Bestien im Riesenformat gehaust hätten. Helmut Trinks rief noch einmal an, als er sich mit seinem Truppenteil auf dem Bahnhof befand. Er mußte mit nach dem Osten, hoffte, dort recht bald in Gefangenschaft zu kommen. In seinem letzten Brief schrieb er: ,, Seit einigen Tagen fahren wir mit 40 km Geschwindigkeit durch mannshohe Distelfelder, wohin, wissen wir nicht, es sieht aus, als sei es ein Rennen mit dem Tode." Dann kam ein Brief an ihn gerichtet wieder zurück mit dem Vermerk: ,, Für Groß- Deutschland auf dem Felde der Ehre gefallen!" 4 Rudi Opitz. Er arbeitete mit mir und war recht bald mein Freund geworden. Immer wirkte sein Wesen, sein Charakter in der grausamen Umgebung so wohltuend, so lindernd auf seine Kameraden. Er, der kleine jugendliche Mann aus Leipzig, ging den Weg des Todes. Sein Nachtlager war nicht weit von dem meinigen. Ungewollt konnte ich ihn immer wieder beobachten, wenn er, bevor er einschlief und morgens aufwachte, heimlich eine Photographie betrachtete. Es war seine junge Frau und sein Kind, deren Bild er versteckt bei sich trug. Und dieses wurde ihm zum Verhängnis. Niemand durfte eine Photographie besitzen. Als er eines Tages mit dem Kommando zu seinem Arbeitsplatz, der photographischen Abteilung ausrückte, wurde von den Häschern, die ihn am Tor genauer untersuchten, diese Photographie gefunden. Er wurde sofort von seinem Kommando entfernt. Und nun fiel sein Todesurteil. Die Photographie wurde an die Verwaltungsstellen weitergeleitet. Einer der Spürhunde der SS entdeckte, daß diese Photographie etwas stärker als normal sei und meldete diesen Umstand dem Lagerkommandanten. Sie wurde auseinander getrennt. Zwischen Rückwand und dem Bilde fand man eine zweite Photographie, die Aufnahme der Leiche eines bekannten Leipziger Schauspielers, der in bestialischer Weise von der SS umgebracht worden war. Rudi Opitz wurde nun wochenlang in seiner Arrestzelle gefoltert, um mehr aus ihm herauszuholen. Von meinem Arbeitsplatz sah ich, wie er noch einige Male aus seiner Zelle herausgeholt und auf dem Prügelbock von zwei sattgefütterten Scharführern unmenschlich durchgepeitscht wurde. Sein Schicksalsweg war uns klar. Eines Morgens erfuhren wir, Rudi Opitz ist tot. Er habe sich erhängt. Recht oder Unrecht. ,, Habe ich schon jemandem Unrecht getan?" fragt der Lagerführer Rödl den Lagerältesten, einen Häftling. ,, Nein, Herr Sturmbannführer!" lautet prompt die Antwort. Nun, es gibt kein Recht, mithin auch kein Unrecht. Diese machttrunkene Meute der SS weiß nur eins, daß alles Recht ist, was sie tut. Sie sind die bis zur höchsten Vollendung entwickelten Verbrecher an Hilflosen, Verbrecher von Riesenformat, wähnen im trunkenen Irrsinn im Recht zu sein. Und nur so ist es zu begreifen, was sie tun. Ich wurde nach Beendigung meiner Gefängnisstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat im Januar 1938 von Berlin nach dem Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Das Lager war einige Monate vorher errichtet worden. Die Zahl der Häftlinge betrug etwa 2000. Meine Häftlingsnummer war 1407. Und hier beginnt die Zeit, deren Geschehnisse und Eindrücke wohl jeden, der sie erlebte, bis an das Lebensende belasten. Abgesehen von der Zeit in den Händen der Gestapo hatten wir es bei den Gefängnisbeamten immer noch mit Menschen zu tun, oft sogar mit sehr wohlwollenden, die uns sichtlich unser Los zu erleichtern suchten. Ich 5 denke u. a. an den alten Oberhauptwachtmeister Misch im Strafgefängnis Tegel. Buchenwald ist die neue Bezeichnung für Ettersberg, von den Konzentrationslagergründern wahrscheinlich zum Zwecke der Illegalität dieses Lagers umgeändert. Der Nordabhang des Ettersberges ist das Gelände, dessen Bezeichnung Buchenwald zum Fanal des Abscheues werden muß gegen die größten Unmenschlichkeiten im 20. Jahrhundert, vielleicht ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit überhaupt. In den Buchenbestand sind Lichtungen gehauen, ein provisorischer Stacheldrahtzaun und provisorische Wachtürme, Maschinengewehrposten der SS auf Hochsitzen umsäumen einen Quadratkilometer Waldfläche. Ueberall ist auf schwarzen Schildern der weiße Totenkopf angebracht, der uns auf Schritt und Tritt angrinst. Die Totenkopfverbände der SS und aus diesen zu Sonderkommandos ausgesuchte und geeignete Mannschaften sind Herren über Leben und Tod der Schutzhäftlinge. Ein Gefangenenauto, das uns, 16 Gefangene, von Weimar zum Lager bringt, übergibt uns der Lagerleitung. Nun beginnt der Empfang. Wir waten sofort durch Schlamm. SS- Posten mit Karabinern bringen uns ein Stück weiter zu einer Baracke, in der sich die Registratur befindet. Die mit Stiefeln versehenen Posten gehen auf ausgelegten Brettern und Bohlen, darauf bedacht, daß wir immer nur durch den Schlamm müssen. ,, Ihr Schweine, Ihr Hunde!" scheinen die gebräuchlichsten Ausdrücke ihres Wortschatzes zu sein. Vor der Baracke werden wir in einen Schlammhaufen gestellt und verlangt, still zu stehen. Hinter dem Barackenfenster sitzt ein Kindergesicht in SS- Uniform, das oft nach uns blickt, uns anschreit und droht, falls wir etwas rühren. Es ist der Rapportführer des Lagers, der SS- Scharführer Hackmann. Einige Stunden bleiben wir in diesem nassen Schlammhaufen und ohne Kopfbedeckung stehen. Es ist Anfang Februar, wir zittern am ganzen Körper vor Kälte und Nässe. Bei Beginn der Dunkelheit werden wir ohne Abfertigung ins Lager gebracht. Es setzt Tritte und Stöße, und als einer von uns strauchelt, schlägt ein SS- Mann so lange auf ihn ein, bis er lang im Schlamm liegt. Nun scheint die Bestie befriedigt zu sein. Wir werden zur Schreibstube ins Lager geführt, die von Häftlingen geleitet wird. Hier werden wir registriert. Und nun waten wir weiter durch den Schlamm nach der Effektenkammer, um als Konzentrationslagerhäftlinge eingekleidet zu werden. In der Baracke 22 treffe ich die ersten Bekannten aus meiner Heimat, und in später liegender Zeit weiß ich, daß sie meine Schützlinge und Lebensretter geworden sind. Der nächste Tag bringt uns nochmals abwechselnd sechs Stunden lang in den Schlammhaufen von gestern und in die Baracke der Registratur. Mit unflätigen Ausdrücken der Posten bedacht, werden wir im Gang der Baracke mit dem Gesicht dicht an die Wand ge6 stellt, während die Posten hinter uns auf- und abgehen. Wir können nicht sehen, was sie hinter uns tun und sind jeden Augenblick gewärtig, einen Schlag oder Stoß versetzt zu bekommen. Einer hat ein dürres Aestchen in der Hand und vergnügt sich damit, einzelnen von uns am Kopf und im Gesicht herum zu prickeln. Einen Bibelforscher nimmt er sich unter schamlosen Verhöhnungen ganz besonders vor. Wir tragen nun die Häftlingskleidung der Konzentrationslager, nicht einheitlich, da sie aus abgetragenen alten Uniformen der Polizei, Manchesterröcken usw. besteht. Drei Gruppen von Häftlingen sind in diesem Lager. Politische, Kriminelle und Bibelforscher. Die politischen Häftlinge tragen rote, die kriminellen grüne und die Bibelforscher blaue Markierung. Tuchstreifen in diesen Farben auf dem Rücken, an den Brustseiten dienen mit dazu, die Menschenwürde herabzudrücken. Das Schuhzeug ist schlecht. Nasse Füße sind ein Dauerzustand. In jeder der Holzbaracken befinden sich etwa 150 Häftlinge, die beim Appell stets in Zehnerreihen antreten müssen. Ein Häftling ist Blockältester, fungiert als Funktionär eines SS- Scharführers als Blockführer, der zu den Appellzeiten dem Lagerführer Meldung macht. Der Lagerführer ist der SS- Hauptsturmführer Weiseborn, auf den ich im Weiteren noch zu sprechen komme. Der erste Gesamteindruck ist, daß hier im Herzen von Deutschland eine SS- Stadt errichtet werden soll, zu der die Häftlinge die Sklavenarbeit verrichten müssen. Außerhalb des Lagers mit Stacheldrahtzaun 1st eine größere Zahl von Kasernenbauten in Angriff genommen. Planungsmäßig abgesteckt ist ein großes Gelände. Zu Ausschachtungen, Steinetragen, anderen Bauarbeiten und im Steinbruch werden die Häftlinge in großer Anzahl mit schwerer Arbeit beschäftigt. Die einzelnen Arbeitsgruppen werden von der SS mit scharf geladenen Gewehren bewacht. Es gibt eine innere und äußere Postenkette und beide lauern auf ihre Opfer. Ich werde einer Steineträgerkolonne zugeteilt. Im Durchschnitt sind wir 16 Mann als Bespannung eines groBen Pferdewagens. Steine, Kies, Baumstämme und Baumaterial sind zu transportieren. Durch verschlammte Wege müssen wir den Wagen ziehen, oft bis über die Knöchel in zerstampftem Lehm und Wasser. Ein krimineller Häftling mit langen Zuchthausstrafen ist unser Vorarbeiter. Es ist eine Passion des Lagerführers Weiseborn, kriminelle Häftlinge als Vorarbeiter einzusetzen, die das Recht haben, uns, die politischen Gefangenen, in ihrem Arbeitskommando zu mißhandeln. Auflehnung gibt es nicht, denn darauf warten sie alle, dann führt der direkte Weg zu Folterungen und zum Tode. Und es wird uns recht bald klar, die Aufgaben der SS sind in erster und letzter Konsequenz, die Gegner des Nazisystems auszurotten. Ueber die Folterungen werde ich noch später sprechen. 7 Die Nässe und Kälte und das lange Stehen im Schlammhaufen üben bei mir schon ihre Wirkung aus. Nichts bleibt im Magen, alles geht ab wie Wasser. Ich verfalle schon sichtlich. Die Kameraden aus meiner engeren Heimat sind sehr besorgt um mich und geben mir gute Ratschläge. Wehe dem unbekannten Häftling, welcher niemanden hier vorfindet, der sich für ihn interessiert und ihm hilft. Er geht meistens recht schnell zugrunde. Es gibt ein Lagerlied, seine erste Strophe lautet: Wenn der Tag erwacht, eh die Sonne lacht Die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn Hinaus in den grauenden Morgen Der Wald ist schwarz und der Himmel rot Wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot Und im Herzen, im Herzen die Sorgen. Der Tag mit seiner schweren Bürde beginnt wirklich sehr zeitig. Um 5 Uhr wird geweckt, um 6 Uhr Antreten auf dem Appellplatz, auf den die Scheinwerfer von den Lagereingangstürmen gerichtet sind. Die einzelnen Blocks müssen geschlossen heranrücken, und da der Weg durch Wasserpfützen und nassen Schlamm führt, in welchem die Füße stecken bleiben, fassen sich die Häftlinge in den einzelnen Reihen an, um diejenigen, welche im Schlamm irgendwo stecken bleiben, mitzuziehen. In der Nähe des Toreinganges geht nun der Zählappell, die für die Lagerleitung wichtigste Angelegenheit, vor sich. Die Zählung der einzelnen Blocks und dann die Gesamtzahl muß stimmen. Lebend oder tot, das ist egal, wichtig ist nur die richtige Gesamtzahl. Sterbende und sogar Tote müssen auf dem Appellplatz mit antreten, damit sie bei ihren Blocks mitgezählt werden können, denn die Zahl ist ja das Wichtigste. Es kommt vor, daß durch einen Aufrechnungsfehler die Gesamtzahl nicht stimmt, und dann dauert der Zählappell mit seinen üblen Begleiterscheinungen oft recht lange. Es regnet und schneit. Die Massen frieren. Nicht selten sterben die mitgebrachten Kranken während des Appells. Sie bleiben liegen bis zum Abrücken auf die Arbeitsplätze. Die Nacht ist noch nicht zu Ende. Mit SS- Eskorte geht es zum Tor hinaus, nachdem wir uns vor unseren Wagen gespannt haben. Am Tor empfangen wir die Begleitposten, welche täglich wechseln, um keinen Kontakt mit den Häftlingen aufkommen zu lassen. Es ist den Posten verboten, mit den Häftlingen zu sprechen, damit sie immer in dem Glauben gehalten werden, daß wir Schwerverbrecher sind. Ein ausgehängter Befehl des Lagerkommandanten Koch an die SSTruppe lautet: ,, Ich mache darauf aufmerksam, daß es den Posten verboten ist, mit den Häftlingen zu sprechen. Sie haben sich stets vor Augen zu halten, daß auch die anständig erscheinenden Häftlinge Verbrecher sind." Trotz dieses Verbotes sprechen sie nach einiger Zeit mit uns, wenn wir abseits und aus den Augen der Vorgesetzten 8 Z BE e. or 民 er 35 sind. Am meisten staunen sie, wenn wir ihre Fragen nach der Länge unserer bisherigen Haftzeit beantworten. Oft schauen sie uns ent-geistert an, wenn sie von fünf oder sechs Jahren hören, Die Arbeit ist schwer, die Nahrung unzureichend, der Hunger ein ständiger Begleiter. Nach kurzer Zeit gibt es bei mir geschwollene Beine, geschwollene Füße. Meine Freunde interessieren einen Sanitäter für mich, der mich zum Arzt bestellt. In der Revierbaracke sieht es furchtbar aus. Der Andrang der Kranken und Schwachen ist so stark, daß es oft Tritte und Schläge setzt, um sie hinauszubefördern. Die Bein- und Fußkranken erhalten Wechselbäder, das ist ein Waschbecken mit kaltem und eins mit heißem Wasser, in das sie abwechselnd die Füße stecken. Der Arzt verordnet drei Tage Schonung, aber bevor diese Schonung beginnt, muß der Lagerführer, der Hauptsturmführer Weiseborn, erst darüber entscheiden. Er, ein ehemaliger Gefängniswärter, bezeichnet sich selbst als Oberarzt und läßt sich vor Arbeitsbeginn die vom Arzt als krank bezeichneten Häftlinge vorführen. Ich bin der zweite in der Reihe. Der erste Häftling antwortet auf die Frage: ,, Was haben Sie?" ,,, Drei Tage Schonung wegen Lungenbluten!" ,, Wie oft haben Sie Lungenbluten?" ,, In den letzten Tagen dreimal." ,, Sofort in den Steinbruch" war die Antwort des Lagerführers. دو , Was haben Sie?" ,, Ich habe geschwollene Füße und Beine", antwortete ich. ,, Was? Sie haben Ihr ganzes Leben lang noch nicht gearbeitet. Sofort in den Steinbruch!" Und an die Posten gewandt sagte er diesen: ,, Diesen Kerl sofort an die Loren." So landete ich im Steinbruch, der ständigen Mordstätte des Konzentrationslagers Buchenwald. Etwa 150 Häftlinge arbeiten hier. Etwas abseits im Lager, und unterhalb der SS- Kasernen, so gelegen, daß der eigentliche Steinbruch aus nächster Umgebung nicht sichtbar wird, ist dieser ein Stückchen Erde, das dauernd mit Menschenblut getränkt wird. Am oberen Rande des Steinbruches, der als Abhang an die 100 bis 150 Meter hinuntergleitet, stehen die SS- Posten mit geladenen Gewehren, die Häftlinge von oben überblickend, um sie zur Arbeit anzutreiben. Etagenweise werden die schweren Steine gebrochen, auf ein Transportmaß zugehauen, dann auf die Loren geladen. An jeder Lore ein Zugseil mit einem Knüppel, an welchem vier Häftlinge als Transporttiere diese den Berg hinaufziehen müssen, von SS- Posten mit Karabiner unter dem Arm begleitet. Hinstürzen der Häftlinge und Loslassen des Knüppels ist Fluchtversuch und kann je nach der Vertiertheit der einzelnen SS- Posten diesen als willkommene Gelegenheit dienen, nach ihrer Ideologie einen Beitrag zum Aufbau des Dritten Reiches zu geben. Auf diesem Wege werden die meisten Häftlinge umgebracht. Es gibt Tritte und Kolbenstöße, bis Verzweiflung den Mißhandelten packt, um dann den SS- Banditen als flüchtendes 9 Abschuẞwild zu dienen. Die allgemeine Frage, die abends nach dem Einrücken der Kolonnen aufgeworfen wird, ist: ,, Wieviel Tote hat es heute im Steinbruch gegeben?" Einen Tag lang habe ich die Loren ziehen helfen. Die Temperatur steht an dem Gefrierpunkt; es gibt gefrorene und schlüpfrige Stellen. Mehrmals bin ich hingerutscht, habe aber den guten Rat der Kameraden befolgt, den Knüppel nicht loszulassen. Es hat nur Tritte und Stöße gegeben. Nach der Meinung der Kameraden waren diese Posten noch anständig, denn sie haben ja nicht geschossen. Die Kameraden aus meiner näheren Heimat legen noch am selben Abend bei dem Vorarbeiter des Steinbruchs, einem politischen Häftling mit mehrjähriger Konzentrationslagerzeit, ein gutes Wort für mich ein. Am nächsten Tage bin ich bei den Arbeiten im Steinbruch selbst. Wir brechen mit drei Mann an einer Ecke die großen Brocken aus dem Felsen heraus. Nachdem wir ein wenig miteinander Fühlung bekommen haben, lerne ich in dem einen den bekannten Reichstagsabgeordneten Walter Stöcker kennen. Wenn ich in früherer Zeit oft in den Zeitungen seine Reichstagsreden las und mir darauf gestützt eine Vorstellung über sein Wesen und sein Aeußeres bildete, so bin ich etwas enttäuscht. Hier lerne ich den feinnervigen sensiblen Menschen kennen, dem man vom ersten Augenblick an zugetan sein muß. Er scheint leidend zu sein. Wir arbeiten und bücken uns, haben recht viel Gelegenheit miteinander zu sprechen. Von Zeit zu Zeit durchstreifen einige Scharführer den Steinbruch. Wir schauen nur versteckt nach ihnen. Sie suchen sicher ein Opfer, dessen Namen ihnen vom Kommando aufgetragen worden ist. Und niemand weiß, wer an der Reihe ist. Im Steinbruch habe ich etwa 14 Tage lang gearbeitet. In dieser Zeit sind zwölf Kameraden dort umgebracht worden. Meistens geschieht es auf folgende Weise: Bei dem Tragen der Steine nach den Loren wird von dem Häftling, der nun sterben soll, verlangt, daß er nicht einen leichten, sondern dort den schweren Stein nehmen soll. Er wird als Drückeberger bezeichnet, geschlagen, gestoßen und getreten. Dann muß er einen schweren Stein aufheben, und wenn er es nicht kann, heben zwei Scharführer ihm den Stein auf die Schulter, unter dem er zusammenbricht. Nun hat er ja den Stein hingeworfen und will nicht. Unter fortwährenden Mißhandlungen wird das Experiment noch einige Male wiederholt, bis er versucht, fortzulaufen. Die vorher unterrichteten Posten warten auf diesen Augenblick und dann krachen die Schüsse. Das Dritte Reich wächst ja im Blute seiner Opfer. Und wieder ist ein Menschenleben ausgelöscht. Meine Freunde haben es fertig gebracht, mich auf illegalem Wege aus dem Steinbruch herauszuziehen. Ich arbeite im Lager beim Baumstumpfroden. Der Appellplatz soll größer gemacht und gepflastert werden. Baumstümpfe werden entfernt. Einzelne Bäume sind stehen 10 10 geblieben. Sie dienen einem besonderen Zweck: Dem Anbinden oder vielmehr Aufhängen von Häftlingen, und zwar zu Straf- und Folterzwecken. So lange ich draußen gearbeitet habe, habe ich dieses grausame Bild nur vereinzelt aus einiger Entfernung geschaut. Nun muß ich dieses scheußliche Treiben der SS aus allernächster Nähe mit ansehen, die schmerzverzogenen Gesichter der Gefolterten, ihr Stöhnen und ihre Schreie hören. Das Anbinden geschieht in folgender Weise: Der Häftling wird mit dem Rücken an einen Baum gestellt, muß beide Arme nach hinten ausstrecken. Um die Handgelenke wird ein gewöhnliches Stück Strick geschlungen und an einem starken Nagel befestigt, der etwas über Kopfhöhe auf der Rückseite des Baumes eingeschlagen ist. Der mit dem Strick gefesselte Häftling wird von einem anderen so angehoben, daß seine Fußspitzen nur noch den Erdboden berühren sollen. Dann zieht der Scharführer den Folterstrick an, so daß der Häftling an den Armen hängt. Dieses Folterverfahren ist sehr qualvoll und macht einen grauenvollen Eindruck. Die Dauer des Aufhängens hängt von der Willkür des Folterknechtes oder vielmehr von dem Vergnügen ab, das er daran findet. Es kann eine Viertelstunde dauern, es werden auch Stunden. Die Schreie der Häftlinge dämpft man damit, daß man ihnen mit Eimern Wasser über den Kopf gießt, auch bei Temperaturen unter Null Grad. Ich habe gesehen, wie bei diesen Torturen ein Toter am Baum hing, der sicher durch sein am Halse nicht gelockertes Jackett erstickte. Einen anderen sah ich, wie seine beiden Hände schwarz, also abgestorben waren. Er wurde ins Revier eingeliefert. Von den Pflegern des Reviers erfuhr ich den weiteren Schicksalsverlauf dieses Mannes. Der Lagerkommandant Standartenführer Koch hatte sich in Begleitung des Arztes und des Adjutanten den Mann angesehen, und wie dann nicht anders zu erwarten, war der junge Häftling nach einigen Tagen tot. Der Arzt blieb mit ihm. auf einige Augenblicke allein im Zimmer und trat ihn in die Magengegend. Dieser Tritt wurde von dem Arzt öfters angewandt und die Folge war wie auch in diesem Falle der Tod nach kurzer Zeit. In einem anderen Falle sah ich, wie derselbe Arzt diesen seinen Spezialtritt ausführte. Ein alter Häftling mit eingeschlagenem Unterkiefer lag auf dem Erdboden. Seine Arme umfaßten einen Baum, die Hände waren an den Gelenken zusammengebunden. Wir waren zum Appell angetreten. Der Baum, an dem der Häftling lag, befand sich hinter uns. Wir kehrten ihm also den Rücken zu. Ein getretener Pfad führte an dem Baum vorbei. Während wir stillstehen mußten, kamen drei SS- Offiziere, darunter der Lagerarzt, vorbei. Sie sahen den Häftling liegen, gingen hin, um ihn näher anzuschauen, betrachteten ihn einige Augenblicke und gingen weiter. In einer Entfernung von zehn bis zwanzig Meter kehrte der Arzt zurück und versetzte 11 dem am Boden liegenden Häftling in die Magengegend einen Tritt, den Spezialtritt dieses Mörders. In einem weiteren Fall, dessen Opfer, ich kannte, handelte es sich um einen jungen Häftling, der einen Unterarmschuß in der Nähe der Postenkette erhielt. Er ging in Begleitung eines Postens aufrecht und vollständig gesund zum Lager, zum Revier. Seine Verletzung war eine Fleischwunde. Auch dieser junge Häftling wurde dem Arzt vorgeführt. Die Pfleger mußten das Zimmer verlassen, der Arzt blieb auf einige Augenblicke mit ihm allein. Ein Schrei, den die Krankenpfleger vernahmen. Auch dieser junge Mensch wurde nach zwei Tagen als Toter zum Tor hinausgetragen. Es ist der 13. Mai 1938. Die Alarmsirene des Lagers ertönt. Wir hören sie zum ersten Mal. Wir müssen schnellstens auf dem Appellplatz antreten. Nach einiger Zeit rücken wir wieder ab nach unseren Arbeitsplätzen. Irgend etwas Besonderes muß geschehen sein. Alle möglichen Gerüchte schwirren. Draußen soll ein Posten niedergeschlagen worden sein. Der Abend kommt, die Außenkommandos rücken ein. Zwei Tote werden mit hereingebracht und im Lager an einen dicken Baum auf den Erdboden gelegt. Außerhalb des Stacheldrahtzaunes werden die hereinrückenden Kolonnen von wildbrüllenden SS- Begleitmannschaften traktiert. Die Massen drängen sich in ausweichenden Knäueln zusammen. Alles treibt nach der Mitte. Niemand will an der Außenseite der Kolonnen marschieren. Nicht nur den Kolben gebrauchen die SS- Bestien, sogar mit den Gewehrmündungen stoßen sie auf die Menschen ein. Ein großes Kommando, das Kommando der Klär- Anlage, bleibt draußen vor dem Lagertor. Wir wissen immer noch nicht, was sich ereignet hat. Der Lagerführer Rödl hält in seinem schlechten bayrischen Dialekt eine Ansprache, in der er mitteilt, daß zwei Häftlinge versucht hätten zu flüchten und zeigt nach der Stelle, wo die Toten liegen, bemerkt dazu, daß sie nicht weit gekommen seien. Im Gegensatz zu der bisher gebräuchlichen Methode, beim Appell die Erschossenen mit bloßgelegten Einschußstellen vor den angetretenen Blocks auf Steinetragen herumzutragen, bleiben. diesmal die beiden Toten zugedeckt. Später können wir sehen, daß sie erschlagen worden sind. Das Kläranlagen- Kommando, etwa 200 Mann stark, wird vor dem Lagereingang vernommen. Es wird abgezählt, jeder zehnte Mann soll erschossen werden. Ein höherer SS- Gott, der zufällig im Lager ist, und der über Leben und Tod verfügt, hat sich entschieden, daß die Anordnung des Erschießens rückgängig gemacht wird. Nach Einrücken des Kommandos der Klär- Anlage erfahren wir, daß draußen, etwa 5 km vom Lager entfernt, der Rottenführer Kalweit von zwei Häftlingen niedergeschlagen worden ist. Die beiden Häftlinge seien flüchtig. 12 12 Jetzt beginnt für das Lager eine Schreckenszeit. Sonntags gibt es nichts zu essen. Bei den Arbeitskommandos tobt die SS und nimmt jede Gelegenheit wahr, einen Vorwand zu bekommen, zu mißhandeln und zu morden. Schon nach einigen Tagen rühmen sich unsere Peiniger, 70 Häftlinge umgebracht zu haben, um ihren inzwischen im Krankenhaus in Weimar verstorbenen SS- Kameraden Kalweit zu rächen. Und ihr blutdürstiges Toben geht weiter. Bisher noch nicht mit Mord belastete SS- Leute werden Mörder, diejenigen, welche nur einzelne Morde auf dem Gewissen haben, wachsen in die große Form der Massenmörder. Es geht in die Zahl der Hunderte, die als arme unglückliche Opfer auf Konto dieses Vorfalles umgebracht wurden. Wenn man das irrsinnige Toben der SS, das sadistische und grausame Verbrechen an den armen ausgehungerten Menschen sieht, könnte man glauben, daß es keine Menschheit und keine Gesetzmäßigkeit mehr auf diesem Erdball gibt. Das fluchwürdige Toben der SS, das Märtyrertum der Opfer ist das Gepräge, das alles beherrscht. Die Häftlinge des Kommandos Kläranlage müssen abends beim Einrücken große Baumstämme kilometerweit mit nach dem Lager schleppen, indem sie die schweren Stämme links und rechts auf den Schultern tragen. Begleitende Bestien der SS schlagen, treten und stoßen mit Karabinerkolben und Mündungen. In der Nähe des Stacheldrahtzaunes verbleibende Häftlinge müssen sich bücken oder nach der anderen Seite schauen, um nicht Gefahr zu laufen, etwas gesehen zu haben. Ich sah, wie ein mir bekannter junger Häftling, der nicht mehr tragen konnte, mit der Laufmündung des Karabiners niedergestoßen wurde. Er blieb liegen, wurde dann ins Lager gebracht und war nach einigen Stunden tot. Ueber den Vorfall der Erschlagung des Rottenführers Kalweit erfahren wir, daß es sich um die Häftlinge Bargatzki und Forster handelt, die beide flüchtig sind. Der Monat Mai geht zu Ende. Inzwischen ist eine neue Art von Häftlingen durch eine Aktion im Reichsmaßstab nach Buchenwald gekommen. Man nennt sie die Arbeitsscheuen. Es ist uns verboten, mit ihnen zu sprechen. Meistens sind es Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, denen man hier im Lager das Arbeiten lernen will. Sie bekommen schwarze Markierung. Da angeblich- keine Unterkleidung und keine Strümpfe auf der Häftlingskammer vorhanden sind, bekommen sie zunächst nur aus Kunststoff hergestellte dünne einheitliche graue Kleidung. Es ist regnerisches Wetter. Sie müssen gleich uns auch im Regenwetter auf die Arbeitsplätze unter freiem Himmel. Sie sind naß bis auf die Haut, frieren und hungern. Die tägliche Sterbezahl im Lager nimmt rapid zu. Hungern bei schwerer körperlicher Arbeit gehört zu den Erziehungsmethoden. Es ist ja auch bekannt, daß der sadistische Verbrecher Hermann Göring in einem Ausspruch die Worte fand: ,, Der politische Häftling soll sich eines 13 dauernden Hungergefühls nicht erwehren können." Wir sehen: Alles ist Staatsregie, was wir hier erdulden, die Führer des Staates sind sadistische Tyrannen. Arbeitsscheu sind nach unseren Begriffen nicht diese körperlich und geistig Behinderten, die nun bettelnd die anderen Häftlinge um ein Stück altes trockenes Brot, um die Schalen der Pellkartoffeln anflehen, an den Abfalltonnen und in den Müllgruben nach Eẞbarem suchen, sondern arbeitsscheu sind die sattgefütterten SS- Leute, die der reellen Arbeit draußen im Lande aus dem Wege gehen und hier Verbrechen auf Verbrechen häufen. Sie sind Berufsverbrecher im wahrsten Sinne des Wortes. Alles, was das Hitler- Regime inbezug der Konzentrationslager tut, ist, wie Hitler selbst immer wieder in seinen Reden betont: Ausrottung und Vernichtung. Nur so ist es zu verstehen, wenn Häftlinge, welche 80 Jahre und darüber alt sind, als Arbeitsscheue eingeliefert werden. Wenn wir sie bei der Einlieferung betrachten, legen wir uns gegenseitig oft die Frage vor: ,, Wie lange gibst Du diesem noch?" Junge Menschen mit spindeldürren Beinen sollen hier unter Aufsicht der sattgefütterter SS das Arbeiten lernen. Wo sind die Begriffe der Vernunft, wo die Begriffe der Menschlichkeit, die in der Gesetzmäßigkeit der Zivilisation ihren Ausdruck zu finden hat? ,, Humanitätsduselei" sagt das Hitler- Regime und gibt sein Bekenntnis zu Grausamkeit und Verbrechen. Die Unterbringung der ,, Arbeitsscheuen" ist die Schändlichkeit selbst. In aller Eile ist eine große Baracke unterhalb der anderen Baracken aufgeschlagen, in der fast alle Inneneinrichtung fehlt. So hausen sie und so sterben sie massenweise. Ich verlasse diesen Abschnitt und greife zurück in die Tage des April. Ich glaube wohl, daß es der Geburtstag Hitlers war. Wir waren auf dem Appellplatz angetreten und zogen beim Hochgehen der schwarzen SS- Flagge wie üblich und auf Kommando ,, Mützen ab" gehorsamst die Mützen von unseren kahlgeschorenen Köpfen. Es war aufgefallen, daß ein Häftling den Kopf nicht entblößt hatte. Dieser Häftling war der evangelische Pfarrer Paul Schneider. Er gehörte zu unserem Block, und wenn ich mich heute noch seiner erinnere, so bleibt das Andenken bestehen an einen guten Kameraden, den Märtyrer seiner religiösen Anschauung, ein zu Tode gefoltertes Opfer der Nazi- Bestien. Ich lernte ihn kennen, als wir an den SS- Kasernen ausschachteten. Wir führten wie immer diese Arbeit unter Aufsicht der jungen Schlackse der SS aus. Er arbeitete neben mir und wenn ich manchmal nicht mehr so recht mitkonnte, dann griff er mit seiner Schaufel zu mir herüber, um mir zu helfen. Er war wohl Anfang 40, hatte eine mehrköpfige Familie. Ich habe aus den Unterhaltungen mit ihm mir zwei Ortsnamen gemerkt, Pferdsfeld und Dickenschied, den Geburtsort und den Wirkungsort, um mich in späterer Zeit nach ihm 14 14 erkundigen zu können. Wenn ich soeben sage, daß ich mir einige Ortsnamen gemerkt habe, so will ich bei dieser Gelegenheit einflechten, daß ich nur aus dem Gedächtnis schreiben kann, denn eine Notiz oder mögen es auch nur einige Zeilen auf einem Blatt Papier sein, in die Hände der SS geraten, würden sicher den Tod des Betreffenden bedeutet haben. Pfarrer Schneider war seit diesem Tage nicht mehr unter uns. In einer Arrestzelle am Konzentrationslagereingang begann nun für ihn eine Zeit, die sicher noch in späterer Zeit der Nachwelt als Einzelschicksal die Grausamkeiten des Hitlertums dokumentieren, Pfarrer Schneider als Märtyrer seiner religiösen Anschauung herausstellen wird. Ich schreibe Einzelschicksal. Paul Schneider war Pfarrer und als solcher stand er ungewollt mehr als ein anderer im Blickfeld, sowohl bei der SS wie bei den Häftlingen. Tausende andere gingen unter mehr oder weniger grausam angewandten Folterungen den Weg des Todes. Da sie unbekannter oder namenloser waren, verschwinden sie in der großen Zahl der Sterbenden in der Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald. Sechzehn Monate verbrachte er in einer kleinen Arrestzelle am Lagereingang, jeden Augenblick gewärtig, von den SS- Henkern in den Tod geschickt zu werden. Während dieser Zeit erfuhren wir nur wenig von ihm. Mehrere Male hörten wir ihn, wenn wir Sonntags früh auf dem Appellplatz angetreten waren, laut in seiner Zelle beten. Dann gingen auf den Wink des Lagerführers einige Scharführer zu seiner Zelle. Wir hörten die klatschenden Schläge, und Paul Schneider schwieg. Einmal rief er laut: ,, Ich klage den Scharführer Sommer an wegen Mordes an Häftlingen," ," deren Namen er dann nannte. Es handelte sich dabei um Häftlinge aus seiner Nebenzelle, deren grausamen Tod er hörbar in seiner Zelle verfolgen konnte. Viele Monate hindurch hatte man einen irrsinnigen, etwa 17jährigen Jungen mit in seine Zelle gelegt, um ihn eben auch zum Irrsinn und zur Verzweiflung zu bringen. Dieser Irrsinnige nannte sich Karl Hitler. Wir nannten ihn Karlchen. Er wurde oftmals mit einem anderen irrsinnigen jungen Häftling an den Handgelenken zusammengekettet, mit Badehose bekleidet von der SS durchs Lager geführt. ,, Haltet, haltet" war der sich immer wiederholende Ausruf von Karlchen. Dann blieb er stehen. Seine weiteren Worte waren: ,, Ich darf nicht reden, und der andere, der reden kann, liegt auf dem Friedhof." Daß Pfarrer Schneider nicht schon längst umgebracht worden war, lag wohl daran, daß er in weiten Kreisen der Kirche bekannt war. Er war eben kein Namenloser, und deshalb hatten die Mörder noch Hemmungen. Nach 16 Monaten sah ich ihn zum erstenmal wieder. Er stand neben dem Lagereingang und wurde vom Lagerführer ,, vernommen". Auf Vorhaltungen wegen seiner religiösen Standhaftigkeit und Drohungen soll er zum Lagerführer gesagt haben: 15 „Was kann mir noch geschehen, ich habe alles mit durch. Ihr könnt mich nicht umbringen. Die ganze Welt soll mich hören!“ Er wurde wieder auf dem Bock durchgepeitscht und nach seiner Zelle gebracht. Nach einigen Tagen gab es im Lager eine Sensation. Paul Schneider war in Begleitung eines Scharführers von diesem zum Häftlings- revier gebracht worden, um behandelt zu werden. Er kam an meiner Arbeitsstätte vorbei, wir schauten ihm nach. Eine gebeugte Gestalt. Es schien, als ob seine Hände bis zu den Knien reichten. Er schaute uns mit entsetzten Augen an und ging weiter. Ich holte mir am Abend dieses Tages von meinem Freund Franz Walgenbach, der als Sanitäter im Häftlingsrevier arbeitete, Auskunft über den Zustand von Paul Schneider, und darüber, was diese sonder- bare Art, ihn zur Behandlung nach dem Revier und wieder zurück zur Zelle zu bringen, zu bedeuten habe. Ich gebe hier nun wieder, was Franz Walgenbach mitteilte: Paul Schneider war gesundheitlich in schlechter Verfassung. Er war stark herzleidend geworden. Seine Beine und Füße dick geschwollen, die Handgelenke vom Hochbinden hatten starke Schwellungen. Er be- kam bei diesem ersten Vorführen im Revier Fußbäder. Auf den gut- gemeinten Rat von Häftlingen, die mal einige Augenblicke mit ihm allein sein konnten, sein lautes Beten in seiner Zelle zu unterlassen, um sich den Mißhandlungen durch die SS zu entziehen, antwortete Paul Schneider, daß er nicht anders könne. Er müsse den gefolterten und gequälten Mitgefangenen Trost zusprechen, wenn sie in ihrer Verzweiflung stöhnten und jammerten. Paul Schneider wurde noch einige Male zum Häftlingsrevier geführt und bekam Heißluftbäder, die bei der eingetretenen Herzschwäche den sicheren Tod bedeuteten. Ein Flüstern ging im Lager von Mund zu Mund: Paul Schneider ist tot. Er starb im Heißluftkasten. Ich sah, wie er zugedeckt auf einer Steinetrage von Häftlingen zum Tor getragen wurde. Hinter- her ging mit der Aktentasche unter dem Arm der Sturmführer Hack- mann. Das Todesurteil an Paul Schneider war vollstreckt worden. Er wurde aufgebahrt.„Ein wen’g Blumen drauf“ hatte der Lager- führer Rödl angeordnet. Es verlautet, daß Paul Schneiders Leiche überführt werden solle. Und so geschah es. Ein Leichenauto kam, die Gattin Paul Schneiders stand vor ihrem Toten. Das Direktorium des Mordgesindels von Buchenwald, der Lagerkommandant Koch, der Lagerführer Rödl und der Adjutant Jonny standen an der Bahre. Der Gattin Paul Schneiders erklärte der Lagerkommandant Koch, daß ihr Mann ein guter Häftling gewesen sei. Die Lagerführung habe alles versucht, um ihn am Leben zu erhalten, leider ohne Erfolg. Er sprach der schweigsamen Gattin„sein Beileid“ aus. Diese stand an der Bahre ihres Toten, dem Märtyrer Paul Schneider. Sie schaute sein Antlitz, nicht seine durch die Stricke geschwollenen Hand- 46 gelenke. ,, Ein wen'g Blumen drauf", hatte Rödl angeordnet, die Handgelenke mit Blumen verdecken lassen. ,, Die ganze Welt soll mich hören", hatte Paul Schneider seinen Henkern gesagt. Nun, seine Stimme nicht mehr, und wenn ich dieses schreibe, dann erfülle ich für meinen Teil die Aufgabe, dazu beizutragen, daß die ganze Welt ihn hören soll, ihn, den Märtyrer seiner religiösen Weltanschauung, als einen Ankläger gegen das größte Verbrechen am deutschen Volk und der Menschheit, mahnend und richtunggebend für die kommende Welt. Er starb im Kampf gegen die Teufel, er kämpfte für das Gute, seine Gottheit, um damit der Menschheit zu dienen. Vier Wochen sind seit der Flucht der beiden Häftlinge Bargatzki und Forster vergangen. Im Lager, in der Nähe des Tores wird ein Galgen errichtet. Der flüchtige Häftling Bargatzki, an der Niederschlagung des Rottenführers Kalweit beteiligt, ist ergriffen und wird in Weimar abgeurteilt werden. Die Verhandlung soll in den nächsten Tagen vor einem ,, ordentlichen" Gericht stattfinden, dabei ist das Todesurteil schon im Voraus gefällt, denn der Galgen ist schon vor der Verhandlung, von Zimmerleuten fachlich ausgeführt, errichtet. Die Hinrichtung soll ein Schauspiel werden. Zehn Treppenstufen führen zu dem Podium, auf dem der Hinrichtungsvorgang, von allen Seiten gut sichtbar, sich abspielen wird. Es ist Pfingstsonnabend um 4 Uhr. Eine Stunde früher ist heute geweckt worden, und um 6 Uhr soll die Hinrichtung sein. Wir müssen antreten. Der Galgen steht in der Nähe des Tores. SS rückt mit schweren Maschinengewehren ins Lager, um am Tore und im Hintergrund des Galgens, die Mündungen ihrer Waffen auf uns gerichtet, Aufstellung zu nehmen. Die SS trägt Stahlhelm, und die ganze Positur der Lagerleitung und der SS trägt den Stempel und das Gepräge eines Festtages. Es ist grausige Stille. Dann wird Bargatzki, der Todeskandidat, von der SS zum Tore hereingeführt und von zwei Häftlingen, die von dem Lagerkommandanten Koch als Henker bestimmt worden sind, zum Galgen geführt. Bargatzki ist schwer gefesselt. Die beiden Henker führen ihn die Stufen hinauf und stellen ihn an die Stelle, an welcher ein Strick vom Galgenbalken herunterhängt. Nun fängt eine häßliche Stimme im sächsischen Akzent, die Stimme des Staatsanwaltes, an, das Urteil zu verlesen. Ein Nachsatz lautet: ,, Der Führer hat das Gnadengesuch abgelehnt und in Anbetracht der Gemeinheit des Verbrechens den Tod durch den Strang angeordnet!" Dann ruft der Lagerkommandant Koch: ,, Hängt ihn!" Jetzt klettert einer der beiden Henker, der kriminelle Häftling Richter, ein ehemaliger Sturmführer der SA, auf den Galgenbalken, legt den Strick formgerecht in die Aufziehvorrichtung, klettert wieder herunter, legt die Schlinge um den Hals des Todeskandidaten, und 17 dann wird Bargatzki hochgezogen. Es ist ein regelrechter Erdrosselungsvorgang, der sich hier abspielt. Wir haben die Mützen abgenommen. Neben mir steht der bekannte deutsche Schriftsteller Ernst Wichert. Er reckt den Kopf hoch, um besser sehen zu können. Schweigsam verfolgen wir den Hinrichtungsvorgang, verfolgen die letzten Bewegungen des Sterbenden. In diese Stille ertönt dicht bei uns und recht laut der Ruf eines Kuckucks. Am Tor hinter dem Balken ist die Uhr des Lagers. Es sind seit Beginn des Erhängens wohl zwei Minuten vergangen. Die schaukelnden Bewegungen des Deliquenten, der an Händen und Beinen gefesselt ist, lassen nach. Er hängt und ist erlöst. دو Jezt ereignet sich ein Vorfall, welcher verdient, festgehalten zu werden. Seit dem Tage, an dem der Rottenführer Kalweit von Bargatzki und Forster niedergeschlagen wurde, hat außer der Drangsalierung der gesamten Lagerinsassen der Lagerkommandant Koch auch Rauchverbot angeordnet. Sämtlicher Tabak und Pfeifen, Taschenfeuerzeuge mußten auf den Appellplatz gebracht werden und wurden dort vor den Augen der Häftlinge verbrannt. Jetzt, in dem Augenblick, wo Bargatzki sein Leben ausgehaucht hat, verkündet der Lagerführer: , Weil nun das Schwein da oben hängt, könnt Ihr wieder rauchen!" Die Stille löst sich, demonstrativ klatschen einige Blocks dem Lagerführer Beifall. Jetzt merkt der Lagerführer, daß die Blocks, von denen der Beifall kommt, die sogenannten Arbeitsscheuen, also die Assozialen sind. Einen Augenblick wieder Schweigen. Und dann ergänzt der Lagerführer seine eben bekanntgegebene Raucherlaubnis mit dem Zusatz: ,, Mit Ausnahme der Blocks der Arbeitsscheuen." Der hingerichtete Bargatzki bleibt 24 Stunden, hängen. Der Galgen wird nicht beseitigt. Er wird das Wahrzeichen von Buchenwald. Scheinbar mit besonderer Freude lassen Lagerführer und Rapportführer aufgerufene Häftlinge ,, am Galgen antreten!" Und wenn sie sich einen besonderen Scherz erlauben wollen, dann müssen auch Häftlinge auf dem Galgenpodium unter dem Querbalken antreten. Die Henkersarbeit an Bargatzki hatte der kriminelle Häftling Richter unter Zuhilfenahme eines zweiten kriminellen Häftlings namens Osterloh ausgeführt. Richter war Sturmführer der SA gewesen, war also ideologisch recht eng verbunden mit den Verbrechern der SS. Der Lagerkommandant Koch hatte ihn für die Henkerarbeit mit RM 15. bezahlt und zwei Tage später zum dritten Lagerältesten bestimmt. Für Buchenwald begann ein neuer Abschnitt durch ein gesteigertes Ausmaß der Brutalität. Richter erwies sich würdig. Im Lager und an den Arbeitsstellen lief er mit einem Knüppel herum und schlug hemmungslos auf die Häftlinge ein, die angeblich nicht genügend arbeiteten. Seine brüllende Stimme konnte man immer wieder hören. Die Blockältesten und Vorarbeiter schlug er ebenfalls; die Folge war, 18 daß viele von ihnen bei jeder Gelegenheit auch auf die Häftlinge einschlugen. So entstand ein Zustand, welcher in immer gesteigerter Form ,, Ausrottung und Vernichtung" darstellte. Fast in jedem Arbeitskommando herrschte bald der Knüppel. Die tägliche Zahl der Toten stieg erheblich. Das Niederschlagen, Treten und Melden der Häftlinge bei angeblichen Verfehlungen ging am laufenden Band. Eine besondere Nachwirkung hatte die öffentliche Hinrichtung an Bargatzki gezeitigt. Die Zahl der Selbstmorde stieg rapid. Schon am nächsten Morgen begann die Epidemie. In einer der nächsten Nächte waren es acht Häftlinge, die diesen Weg der Erlösung gesucht hatten. Beim Frühappell, der wichtigsten Angelegenheit der Lagerleitung, fehlten diese Lebensmüden, ihre Nummern und Namen wurden festgestellt, und dann begann das allgemeine Suchen, die Menschenjagd. ,, Tot oder lebendig" war die in jedem Falle ausgegebene Parole der Lagerleitung, mit der Auswirkung, daß noch lebend angetroffene Häftlinge, welche durch irgend einen Umstand nicht angetreten waren, von der suchenden SS oder Häftlingen erschlagen oder als Sterbende vor die Füße des Lagerführers gelegt wurden. Und je höher die Zahl der Toten stieg, die auf das Konto Richters kamen, desto geschwollener und hemmungsloser wurde dieses scheuẞliche Individuum, dieses Untier, das Menschenblut geleckt hatte und nun im Menschenblute wuchs. Er war das würdige zu allen Verbrechen brauchbare Werkzeug der Lagerführung und des Lagerkommandanten Koch. Ich werde später auf ihn zurückkommen. Die Zeit schreitet vorwärts. Der provisorische Stacheldrahtzaun wird ersetzt durch einen zeitgemäßen. Die Häftlinge müssen ihn bauen. Ein Stacheldrahtzaun, der den Anforderungen des Dritten Reiches entspricht, mit Starkstromleitung und spanischen Reitern versehen. An die 25 massive Wachtürme in kurzer Entfernung außerhalb des Stacheldrahtzaunes umsäumen denselben. Maschinengewehrposten halten das Lager unter dauernder Bewachung. Am Lagereingang, nach beiden Seiten anlehnend an das große eiserne Eingangstor, steht der massive Bau, in dem nach der einen Seite einige Dienstzimmer der SS, nach der anderen Seite die Arrestzellen für die Häftlinge und der SS sich befinden. ,, Recht oder Unrecht, mein Vaterland" steht in großen Lettern über dem Eisentor. Und über demselben, an der höchsten Stelle, welche die Wachposten innehaben, überschauen diese den Appellplatz und den Verkehr durch das Tor. Die Häftlinge arbeiten, sie arbeiten schwer unter den Augen der Lagerleitung, der SS und unter dem Antreibersystem der Vorarbeiter, welche weiße Armbinden mit der Aufschrift ,, Kapo" tragen. Diese Vorarbeiter werden gewollt oder ungewollt zu Schindern an den Häftlingen. 19 Draußen steigen die neuen Bauten der SS aus der Erde. Im Lager bekommen die Schlammwege zwischen den Baracken sowie der Appellplatz Packlage und Schotter, der Schlamm wird allmählich eingedämmt. Im Lager am Ende des abfallenden Geländes entstehen ein Schafstall, ein Pferdestall, anschließend ein Reitplatz für die feudale Lagerleitung. In der Nähe des Lagereinganges wird ein kostspieliger Bärenzwinger und draußen mit vielem Aufwand ein Falkenhof errichtet. Nimmt man hinzu, daß für den Lagerkommandanten Koch ein Prunkgebäude errichtet wird, zu der er fast die zehnfache Summe aufwenden läßt als im Bauplan vorgesehen ist, so sieht man, daß Nazitum in Wirklichkeit Feudalismus bedeutet, den Weg, den diese Götter beschritten haben und ihn auch bis zu Ende zu gehen beabsichtigen. Feudalismus und Göttertum bedingen Rechtlosigkeit und Sklaverei, denn nur der Unterschied zwischen Macht und Machtlosigkeit schafft das Göttertum auf der einen und Sklaverei auf der anderen Seite. Ich nannte schon einige Male den Namen des Lagerkommandanten Koch. Wo er zu sehen ist, fällt weniger seine Person als seine Aufmachung ins Auge. Nicht groß, sehr eitel, alles Positur, ein kleiner Cäsar, ein großer Nero, Herr und Gebieter über Leben und Tod. Auf seinem Schreibtisch steht ein Menschenschädel. Man sagt im Lager, es sei der Totenschädel von Oskar Fischer aus Hamburg. Das Beispiel des Lagerkommandanten hat Schule gemacht. Auch der Zahlmeister des Lagers, der Sturmführer Driemel, ziert seinen Schreibtisch mit einem Totenschädel. Im Lager unterhält Koch einen Pferdestall mit angrenzender Reitbahn, ein großes Holzbauwerk, in dem an die hundert Schweine gehalten werden. Etwa 40 dieser Tiere sind Eigentum des Kommandanten. Ein weiteres Gebäude ist der Schafstall. Auf der Reitbahn versuchen Koch und andere die Positur ihrer Gottähnlichkeit zu vervollkommnen. Oft werden Pferde zum Lagertor geführt, Koch und seine rothaarige Madonna reiten. Hinter ihnen ein Häftling ebenfalls zu Pferde, das Bild der Macht, Göttertum, Feudalismus ältester Zeit. Es ist Juni 1938. Das Lager füllt sich immer mehr mit Häftlingen. Massen kommen, arbeiten, hungern, sterben. Die Arbeitskommandos passieren wankend in Marschkolonnen das Tor. SS exkortiert. Die Häftlinge sind vollkommene Sklaven. Wenn befohlen wird zu singen, singen sie. Ihre Lieder füllt Sehnsucht, Hoffnung und Glaube. Es ist die Freiheit, die ihnen als Höchstes vorschwebt, Freiheit, die Wahrheit und Recht in sich birgt. Und nur die Hoffnung hält sie aufrecht. Sie singen: Die Nacht ist kurz und der Tag so lang, Und ein Lied erklingt, das die Heimat sang. Wir lassen den Mut uns nicht rauben! 20 20 Halte Schritt, Kamerad, verlier nicht den Mut. Wir tragen den Willen zum Leben im Blut Und im Herzen, im Herzen den Glauben. Sie singen, sie arbeiten, sie sterben. Die ersten Juden treffen ein. Sie bekommen schwarze Markierung. Von der Lagerleitung werden sie als Arbeitsscheue bezeichnet. Die meisten sind Rechtsanwälte und Aerzte aus Berlin. Sie sollen im Lager das Arbeiten lernen, so sagt die Lagerleitung. Wir müssen bald feststellen, daß der Druck der Lagerleitung auf die politischen Häftlinge etwas nachläßt. Das kommt daher, daß es nun die Juden sind, auf welche von jetzt ab in erster Linie das Interesse der SS gerichtet ist. Die Arbeitszeit wird grenzenlos aus- gedehnt, die sadistischen Quälereien an den Juden übertreffen alles, was wir bisher sahen. Sie fangen an zu sterben. In einer Rundfunk- rede von Dr. Goebbels hören wir einige Sätze, welche sich auf Buchenwald beziehen. Er sagt:„Eine englische Zeitung schreibt, daß in einem Konzentrationsläger bei Weimar im Juni über 40 Juden gestorben sind. Sie hätten von früh bis spät arbeiten müssen. Da sind die Juden wohl an der Arbeit gestorben?“ Diese Todesopfer der Nazigrausamkeit verhöhnt Dr. Goebbels also noch in zynischer Weise. Es ist wieder das Bekenntnis der Staats- führung zu Mord und Verbrechen. Die Zahl der zu Tode gebrach- ten Juden betrug im Juni in Buchenwald nicht 40 sondern 70. Häftlinge sterben, andere Häftlinge kommen. Unter den Zugängen sind jetzt regelmäßig Juden zu sehen. Viele der neuen Häftlinge packt das Entsetzen angesichts dessen, was sie hier sehen und er- leben. Es kommt häufiger vor, daß sich einzelne Häftlinge verstecken in dem Glauben, flüchten zu können. Sie werden gesucht und ge- funden. Das ganze Lager muß suchen helfen. So lange der Vermißste nicht gefunden wird, werden Repressalien gegen die-Gesamtheit an- geordnet und durchgeführt. Wird der Häftling lebend gefunden, ist er von den Schlägen, Stößen und Tritten, an denen sich auch ver- kommene Lagerinsassen beteiligen, fast tot, bevor er bei der Lager- leitung ankommt oder dem Lagerführer zu Füßen gelegt wird. Rührt er sich nicht mehr, dann wird sein Tod mit der Reitpeitsche oder mit Fußtritten festgestellt. Die letzte Konsultation ist ein Eimer Wasser, der über den Toten gekippt wird. Zuckt er nicht, so bedarf es keiner weiteren Feststellungen mehr. Dann geht die Reise nach dem Totenschuppen. Ich habe hier noch über einige Vorkommnisse zu berichten als Be- weis für die Entartung der Verbrecher und zur Illustration der Ver- hältnisse im Lager. 24 Mit zunehmender Grausamkeit an den Häftlingen steigern sich die Fluchtversuche aus dieser Hölle. Es kommen Fälle vor, daß Häftlinge vor dem Einrücken ins Lager auf dichte Fichten klettern, um dann bei Eintritt der Nacht zu flüchten. In einem anderen Fall hatten sich in einem Neubau zwei Häftlinge eingemauert, um nach Tagen, als die äußere Postenkette eingezogen war, das Weite zu suchen. Sie wurden ergriffen und mußten sterben, nachdem sie vorher hinreichend zur Schau gestellt worden waren. Ein anderer wieder ergriffener Flüchtling wurde auf Anweisung des Lagerkommandanten Koch in einen Lattenverschlag gesteckt, welcher vorher innen mit Stacheldraht ausgeschlagen wurde. Dieser Lattenverschlag war in seinem Ausmaß so gehalten, daß der Häftling weder stehen noch liegen konnte. Zwei Tage und zwei Nächte blieb er in diesem Foltergerät im Freien stehen. Dann wurde er nicht mehr gesehen. Der Monat September bringt erheblichen Zuwachs. 2500 jüdische Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau sind ,, eingetrudelt". Unter ihnen befinden sich Leute mit bekannten Namen, u. a. der Reichstagsabgeordnete Heilmann. Sie sind zum Teil schon jahrelang in Konzentrationslagern und somit an das Lagerleben gewöhnt. Uns wird verboten, mit ihnen zu sprechen. Mit diesen Dachauern trifft auch ein Hauptscharführer Blank ein, von dem die jüdischen Häftlinge berichten, daß er in Dachau die Arrestangelegenheiten zu verwalten hatte. Ueber seine Person wird weiter gesagt, daß er bei dem Röhmputsch umfangreich Henkerarbeit verrichtet hat. Die jüdischen Häftlinge aus Dachau sehen körperlich verhältnismäßig gut aus. Sie kommen aus der ,, Wüste", in der alles Schwächliche restlos auf der Strecke blieb. Buchenwald wächst. Zahlreiche SS- Kasernen entstehen. Die Massen arbeiten. Ihre entkräfteten Körper brechen zusammen, der Sensenmann hält reiche Ernte. Im Gefüge des großen Bau- Projektes entsteht außerhalb des Lagers ein prunkvolles Wirtschaftsgebäude, in welchem Lagerleitung und SS ihre Kameradschaftsabende und ihre Festlichkeiten veranstalten. Messerstechereien unter der SS sind dabei an der Tagesordnung. Im Lager selbst wächst das Elend, die Zahl der Toten nimmt ständig zu. Seit kurzer Zeit ist morgens das erste Kommando, welches durch die Lautsprecher in den Baracken ertönt: ,, Leichenträger ans Tor." Einen weiteren Zuwachs im Monat September erhält Buchenwald durch einen Transport von etwa 200 jüdischen Aerzten und Journalisten aus Wien. Sie kommen, arbeiten, hungern, frieren und sterben in großer Zahl, unter ihnen der bekannte Filmschauspieler Morgan. Der November 1938 hat begonnen. Wir hören eine Nachricht, welche die jüdischen Häftlinge beunruhigen muß. In Paris ist der deutsche Gesandtschaftsangestellte Rath von einem Juden erschossen worden. 22 22 Im Lager weiß jeder, daß der irrsinnige Rechtsbegriff der Nazis darin besteht, bei jedem sich bietenden Anlaß Opfer zu suchen und zu morden. Eine Judenaktion im Reiche beginnt und nimmt Riesenausmaẞe an. Autos, Lastwagen, Omnibusse bringen ununterbrochen Judengruppen nach Buchenwald, weit über das Fassungsvermögen des Lagers und der bisher bestehenden Einrichtungen hinaus, so daß geordnete Unterbringung von vornherein ausgeschlossen ist. In aller Eile werden fünf Baracken aufgestellt, welche 10 000 Juden aufnehmen müssen. Sie erhalten die Bezeichnung 1 A bis 5 A. Diese fünf Baracken werden in späterer Zeit noch grundsätzliche Bedeutung erhalten, denn die wochenlange Unterbringung der Menschen auf diesen beschränkten Raum beweist schon allein die Entsetzlichkeit und die Unmenschlichkeit der bestehenden Gewaltherrschaft. Wenn wir das Ausmaß der einzelnen Baracke mit 10X50 Meter zu Grunde legen, so ergibt sich ein Raummaß von 500 qm je Baracke. Auf fünf solcher Baracken werden insgesamt 10 000 Menschen verteilt, so daß die einzelne Baracke 2000 zu fassen hat. 2000 Menschen auf 500 Quadratmeter Fläche ergibt auf den Quadratmeter vier Menschen. Man muß das Elend selbst gesehen haben, um zu begreifen, wie sich diese Verbrechen an Menschen auswirkten. Wie Kaninchenställe mit Buchten übereinander gebaut werden, so sind die Baracken im Inneren hergerichtet. Jeder der hier Hineingetriebenen muß zusehen, wie er sich in einem solchen Stall zurechtfindet und sich zurechtlegt. Ich komme noch einmal auf diese Baracken zurück. دو Die Ankunft der Juden vor dem Lagertor und im Lager gestaltet sich für die SS als eine Probe der Bewährung". Sie müssen zeigen was sie können. Beim Aussteigen aus den Fahrzeugen wird dazwischen geschlagen, ganz gleich, wen sie treffen. Jüdische Frauen sind nicht dabei, dagegen sind Knaben etwa im Alter von zehn Jahren aufwärts bei den Ankommenden. Einzelne Juden, die niedergeschlagen und getreten werden, wanken, geführt an der Hand eines Kindes, das die Mißhandlungen des Vaters mitansehen muß, vom Tor zum Appellplatz. Tote liegen bereits am Lagereingang, Tote, die unterwegs erschlagen und dann auf die Fahrzeuge geworfen wurden und solche, die gleich bei der Ankunft in Buchenwald von den Bestien gemordet wurden. Jede Bestie hat ihre eigene Spezialität in der Verübung der Verbrechen. Man sieht häufig, daß Brillenträger mit Faustschlag auf die Augen empfangen werden. Andere Spezialisten treten in die Hodengegend. Viele Opfer schreien und stöhnen, manche gehen wie ein Schaf zur Schlachtbank. Auf dem Appellplatz stehen und liegen die Massen der Juden unter fortwährender Mißhandlung durch die SS. Man stößt sie zu Boden 23 und tritt sie dann solange, bis sie sich wieder aufrichten. Massenweise fliegen die Brieftaschen umher, werden von der SS aufgehoben und auf ihren Inhalt untersucht. Jeder bereichert sich. Nachts werden mit Hilfe des dritten Lagerältesten Richter, des Henkers von Buchenwald, einzelne Juden, von denen man weiß, daß sie wesentliche Summen oder Wertgegenstände im Besitz haben, aus der Baracke herausgetrieben und niedergeschlagen, um sie dann als Tote zu berauben. Die Tragödie formt sich immer entsetzlicher. Bei diesen neuen Baracken I A bis 5 A sind noch keine Abortgruben, es ist kein Wasser zum Trinken vorhanden, sie schreien vor Durst und der Unrat wächst. 10 000 Menschen sind in den fünf Baracken untergebracht. Sie dürfen nicht aus den Käfigen heraus und so beginnt in den Baracken bereits ein Kampf, der dem Ringen mit dem Tode ähnlich sieht. Für ein Glas Wasser werden Summen geboten. Es setzt Regen ein. Von der Bedachung ablaufendes Regenwasser wird in Gefäßen, Konservenbüchsen und Kopfbedeckungen aufgefangen und getrunken. Abortgruben sind nicht vorhanden. Die Häftlinge sollen die Baracken nicht verlassen. An den Türeingängen spielen sich Szenen ab. Die Wachmannschaften drängen die Menschen in die Baracken zurück. An den folgenden Tagen hören wir sehr häufig den Rapportführer Hackmann mit seiner schnoddrigen Stimme im Lautsprecher die Befehle und Anweisungen erteilen. Er leitet seine Anordnungen immer ein mit der Ankündigung: ,, Baracken 1 A bis 5 A herhören." Die Baracken IA bis 5 A sind innerhalb des Lagers nochmal mit Stacheldraht inmitten des großen Stacheldrahtzaunes abgegrenzt. Häftlinge, welche zum Essenverteilen dieses kleine Lager betreten, berichten grauenhafte Bilder. In den von Juden schnell gegrabenen großen Abortgruben befinden sich schon einige in den Gruben Umgekommene. Neben diesem Judenlager steht die alte jetzt unbenutzte Lagerküche. Die Inneneinrichtung besteht aus einem Betonbottich, durch welchen fließendes Wasser läuft. Zwischen Bäumen auf rohe Pfosten ist ein provisorisches Dach gesetzt, die Wände sind an Pfosten und Bäume genagelte Dachpappe. Diese alte Küche ist wohl der schrecklichste Ort, in den ich jemals hineingeschau habe. Ein Kamerad machte mich darauf aufmerksam und zeigte mir eine Stelle, an welcher ein Stück eingerissene Dachpappe den Einblick ermöglichte. In diesem Raum befanden sich an die 200 irrsinnige Juden, irrsinnig geworden durch die Wucht der Eindrücke, unter der sie zusammenbrachen. Sie sind gefesselt. Ein jüdischer Schutzhäftling, ein Arzt, bemüht sich um sie. Von Zeit zu Zeit hält er den Gefesselten und Angeketteten einen Becher mit Trinkwasser an den Mund. Sie trinken, ihre Augen starren, sie stöhnen, sie schreien. In dem zerstampften Lehmboden der Küche liegen Tote. Ueber sie wird hinweg gestiegen oder gestol24 pert. Manche liegen im Schlamm. Die Sinne fangen an zu schwinden. Ich muß zurück. Regelmäßig ertönt in der Frühe der erste Befehl der Lagerleitung: ,, Leichenträger ans Tor!" Sie haben vollauf zu tun. Der Tod hält reiche Ernte. Von Zeit zu Zeit müssen sämtliche Insassen der Baracken I A bis 5 A auf dem Appellplatz antreten. Dann durchsucht die SS mit Hilfe einiger Häftlinge die Baracken. In den Ecken liegende Tote werden bei dieser Gelegenheit ans Tageslicht gefördert. Dann müssen wieder ,, die Leichenträger ans Tor!" Mit dem Tritt des Eroberers schreitet der Tod immer siegreicher. Und ringsum auf Schildern mit weißem Untergrund grinst der Totenkopf der SS. Es sieht aus, als ob der Lagerkommandant Koch eine menschliche. Regung habe: Die sämtlichen Insassen der Arrestzellen kehren in ihre Baracken zurück. Aber schon am nächsten Tage wissen wir, was diese Geste auf sich hat. Die Zellen des Arrestbunkers werden für diejenigen jüdischen Häftlinge benötigt, die jetzt in der alten Küche als Geisteskranke untergebracht sind. Der erste Schub sind etwa 30 dieser Aermsten, die aus ihrem Loch geholt werden. Dicht vor meinem Fenster werden sie nebeneinander aufgestellt, müssen sich anfassen, und dann setzt sich langsam der Zug der Todeskandidaten in der Richtung Lagereingang in Bewegung. In den gestern leergemachten Zellen werden sie untergebracht. Jeden Tag geht eine kleine Gruppe der Kücheninsassen langsam denselben Weg, ihren letzten Gang. Unter den jüdischen Häftlingen, die im September aus Dachau kommend in Buchenwald eingeliefert wurden, habe ich einige Bekannte, u. a. einen Häftling, mit dem ich etwa zwei Wochen in einem Kellerraum des ,, Alex" in Berlin untergebracht war. Er ist mir heute noch in Erinnerung als Sekretär der Weltliga der jüdischen Jugend in Palästina. Er hieß Sörtil. Und dieser Sörtil war einer der Leichenträger von Buchenwald. Das Kommando ,, Die Leichenträger ans Tor!" galt immer auch für ihn. Stumm verrichtete er diese Arbeit. Er sah die scheußlichen Todeswunden der gemordeten Juden, seiner Stammesbrüder, den Trägern seines Blutes. Ich habe oft Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen, und er offenbarte sich mir als einem Vertrauten. Vielleicht lebt er heute noch. Eines Tages wurde er unter Nennung seines Namens ans Tor gerufen und dann sahen wir ihn nicht wieder. Nach Monaten kam eine Karte aus Triest ins Lager, und aus dieser war zu ersehen, daß er mit dem Dampfer weiter nach Palästina fuhr. Sicher war er der Lagerleitung durch die Finger geschlüpft, man hatte übersehen, daß er als Leichenträger im Konzentrationslager Buchenwald beschäftigt war. Was er der Welt zu berichten hatte, waren nach Goebbels ,, Greuelpropaganda" und„, Emigrantenmärchen“. 25 25 Eine zweite öffentliche Hinrichtung wird vorbereitet. Der Galgen steht noch, wartet schon ein halbes Jahr lang auf sein zweites Opfer, den in der Kalweit- Angelegenheit bisher noch flüchtigen und jetzt von der tschechischen Regierung ausgelieferten politischen Häftling Forster. Wir leben in der Zeit des legalen und illegalen Mordes. Die Jagdund Bluthunde des Hitler- Regimes wetteifern in ihrem Tatendrang, in der Verfolgung ihrer Opfer und in der Verübung ihrer Verbrechen. Aus der Flucht der beiden Häftlinge Forster und Bargatzki, die ver nunftsmäßig unverrückbar menschliches Recht bedeutet, nimmt der Hitlerismus in seiner Machttrunkenheit für sich den Anspruch, sein Recht auszuüben. Polizei und Justiz sind in der Verfolgung und in der Henkerarbeit der getreue Fridolin der Bestien, die unser Volk und unser Land regieren. Vor einem Gericht in Weimar findet die Verhandlung gegen Forster statt. Er weiß nicht, daß der Galgen in Buchenwald schon aufgerichtet ist und auf ihn wartet. Er weiß nicht, daß schon vorher Zeit und Stunde seiner Hinrichtung festgelegt ist, schon längst vor der Verhandlung. Er verteidigt sich. Es ist sein letzter Kampf gegen seine Todfeinde, den Hitlerstaat, seine Henker, seine politischen Gegner. Er beugt sich nicht ohne Widerspruch. Er kämpft, indem er sich. verteidigt. Er klagt das Regime, die Justiz, das Unrecht an, er spricht dem Staat das Recht ab, ihm willkürlich die Freiheit zu rauben, über ihn die Schutzhaft zu verhängen, ihn unmenschlich zu behandeln. Er spricht von dem ewigen Recht der Menschen auf Freiheit, und im Kampf um die Freiheit glaubt er, stehe das Recht auf seiner Seite. Aber dort oben, unweit der Goetheeiche steht der Galgen, er wartet ungeduldig auf sein Opfer. Um 3 Uhr nachmittags soll die Hinrichtung sein, und Forster ist noch nicht eingeliefert. Er kämpft seinen letzten Kampf, er kämpft noch mit leidenschaftlicher Energie seinen letzten Kampf. Doch morgen sieht er die Sonne nicht mehr. Das Tageslicht erlischt. In den Baracken warten die Massen der Häftlinge auf das Kommando: ,, Auf dem Appellplatz antreten!" Jeder weiß, was dieses Antreten für ein besonderes Bewenden hat: Zuschauer sein bei der Hinrichtung eines Kameraden, der es gewagt hat, sein Recht auf Freiheit gewaltsam zu fordern. Forster hat sein Ziel nicht erreicht, er muß sterben, denn wo es keine Freiheit gibt, da gibt es auch kein Recht. Er muß sterben, und da der Kampf um die persönliche Freiheit Auflehnung gegen den bestehenden Staat, die Unterdrückung, gegen das Regime des Irrsinns der Machttrunkenen, gegen das Verbrechen überhaupt bedeutet, dekretiert Hitler: ,, Wegen der Gemeinheit des Verbrechens hat der Tod durch den Strang zu erfolgen." 26 Es ist 6 Uhr abends geworden. Die Scheinwerfer erhellen den Appellplatz. Der Galgen ist gut beleuchtet. Forster, ein junger hochgewachsener Mensch, wird an die Stufen des Galgens gebracht. Derselbe Staatsanwalt, welcher mit seiner häßlichen Stimme das Todesurteil gegen Bargatzki vorlas, leiert in seinem sächsischen Dialekt das Urteil gegen den Todeskandidaten Forster herunter. Genau im Wortlaut wie vor Monaten im Urteil gegen Bargatzki. Und dann vollzieht sich der Akt der Hinrichtung im Scheinwerferlicht. Im Gegensatz zu dem Hinrichtungsvorgang an Bargatzki, den man am Seile hochzog, wird diesmal ein Kasten unter den Füßen Forsters fortgezogen. Er hängt, sein Körper löst nach einigen Sekunden schlangenartige Bewegungen aus. Nach drei Minuten hat sein Körper ausgependelt. Forster, unser politischer Kamerad, ist tot. An den Litfaßsäulen in Weimar ist das Plakat des Staatsanwaltes zu lesen, das die Hinrichtung Forsters bekannt gibt, natürlich im Jargon des Staatsanwaltes, eines Bluthundes der Nazi- Staatsgewalt. Für uns bedeutet Forster das menschliche Opfer auf dem Altar des Tyrannen. Der Winter hat seinen Einzug gehalten. Mit dem Eintritt der Kälte wächst die Zahl der Sterbenden. Die durch Hunger, durch Entbehrung des Allernotwendigsten, durch unzureichenden Schlaf ausgemergelten Menschen vertragen keine Kälte mehr, und so hält der Sensenmann reiche Ernte. Die Lagerleitung, die SS sind die Schrittmacher des Todes. Die Mißhandlungen an den Häftlingen, die sadistischen Folterungen steigern sich weiter. Immer neue Methoden entstehen. Ihre neueste ist der schwarze Bunker. Als die Fensterscheiben einer Baracke mit Teer gestrichen wurden, verbreitete sich im Lager die Nachricht, ein Kino solle errichtet werden. Wie das Kino des Lagerkommandanten Koch und des Lagerführers Hüttig aussehen würde, erfuhren wir recht bald. Also: Eine Holzbaracke des Häftlingslagers wurde ausgeräumt, so daß ein vollständig leerer Raum entstand. Die Fenster wurden, wie erwähnt, mit Teer gestrichen. Drinnen herrschte Finsternis. 30-40 ausgesuchte Häftlinge wurden in diesen neuen Folterraum gebracht, an denen die Folterwissenschaftler der SS ihre neuen Studien treiben konnten. Die Nahrung wurde gekürzt, eine Ruhegelegenheit war nicht vorhanden, Betten, Bänke und Tische fehlten. Die Kälte stieg in diesen Tagen auf 10-15 Grad. Die nur leicht bekleideten Menschen mußten, um warm zu werden, marschieren. In den benachbarten Baracken konnte man auch des Nachts die Marschschritte der Häftlinge im schwarzen Bunker hören, und wenn diese verstummten, dann lagen die erschöpften Menschen auf dem Fußboden, um zu schlafen, dicht aneinander, um sich zu erwärmen. Alle lagen auf der rechten oder linken Körperseite, um die Wirkung der Körperwärme durch Gedrängtheit der Menschenleiber zu erhöhen. Von Zeit zu Zeit wurde gewechselt und dann kam das selbst gegebene Kommando: Auf die andere Seite legen. So vergingen Wochen. Von 27 27 28 28 Zeit zu Zeit rückte die SS mit dem Prügelbock vor den Bunker und dann wurde mit 25 Hieben durchgepeitscht. ,, Nichts geschieht in Deutschland ohne meine ausdrückliche Billigung!" sagte Hitler in einer Rede. Und diese seine ausdrückliche Billigung der Grausamkeit diente dem Zweck der Vernichtung, der Ausrottung. Auch der schwarze Bunker, im Konzentrationslager Buchenwald diente diesem Zwecke. Als wir diese Häftlinge zum ersten Male wiedersahen, packte uns das Entsetzen. Menschen, bleich, abgemagert, mit stieren Augen, mit halbgewachsenem Bart, gekrümmt und in entsetzlicher Form war das Ergebnis der Erziehung im schwarzen Bunker. Ihre Zahl war geringer geworden, einige waren nicht mehr. Mit diesen Häftlingen war auch der Henker von Buchenwald, der kriminelle Häftling Richter, einstmals Sturmführer der SA, in den schwarzen Bunker gebracht worden. Er sah grauenhaft aus. Seine Mörderaugen stierten, er, der sich vordem als Lagerältester rühmte, erst dann ruhig frühstücken zu können, wenn er erst vorher einige Juden, als erste Arbeit des Tages, durchgeprügelt habe. Er war im schwarzen Bunker von seinen Kameraden sehr oft durchgeprügelt worden, von seinen Kameraden, die der Abscheu packte, wenn sie in nähere Berührung mit ihm kommen mußten. Er lebte nicht mehr lange. Eines Sonntags wurde er nachmittags von der SS aus dem schwarzen Bunker geholt und in eine Bunkerzelle am Tor gebracht. Gegen Abend erfuhren wir: Richter ist tot. Die Nachricht von dem Tode dieses Häftlings wirkte im Lager wie eine Erlösung. Ein anderer Häftling, der Lagerälteste Mohr, starb auch auf diese Weise. Wenn ich hier im Zusammenhange mit dem schwarzen Bunker zwei Häftlinge mit Namen nannte, erinnere ich mich eines dritten, welcher die Zeit des schwarzen Bunkers mit durchkosten mußte, der Häftling Fritz Nowak. Er hat den schwarzen Bunker überlebt, kam später in ein anderes Lager. Mit seinen abgerissenen Ohren- nur noch Fleischstümpfchen waren vorhanden- dürfte er, wenn er die Konzentrationslagerzeit überdauert hat, ein Zeuge der Grausamkeiten der Hitlerzeit sein. Dieser Winter bringt viele Tote, der Würgeengel Typhus hat seinen Einzug gehalten. Die Lagerleitung greift zu Bekämpfungsmaßnahmen. Die erkrankten Häftlinge werden isoliert; sämtliche Lagerinsassen geimpft. Eine große Anzahl stirbt, unter ihnen der bekannte Reichstagsabgeordnete Walter Stöcker. Dezember, Januar und Februar treibt die Sterbebilanz in die Höhe. Zu den Maßnahmen der Lagerleitung gegen den Typhus ist auch die Bekämpfung der Läuse gekommen. Jeder Häftling, bei dem Läuse gefunden werden, wird auf dem Prügelbock mit 25 Hieben durchgepeitscht. Andere werden mit Bürsten unter einer Kaltwasserbrause gewaschen. Die Folgeerscheinung ist meistens Lungenentzündung und Tod. Ich habe einige Namen genannt. Nicht vergessen möchte ich einen Häftling, den blinden Franz aus Leipzig. Er war seit seiner Jugend blind. Das hinderte nicht, daß er im Alter von 50 Jahren als politischer Häftling Zuchthaus und Konzentrationslager kennen lernen mußte. Ich erinnere mich gerne der Unterhaltungen mit diesem geistig hochstehenden Menschen. Das Jahr 1939 bringt politische Hochspannung. Europa fiebert, die Welt ist beunruhigt. Hitler droht in seinen Reden mit Einsatz seiner Machtmittel. Wir wissen, daß dieser Einsatz den Krieg bedeutet. Der Schicksalsweg, seit 1933 für die Sehenden klar erkenntlich, führt in den Abgrund. Die Sehenden schaudern, die Blinden brüllen, wenn Hitler seine mit starken Ausdrücken gespickten Reden vor dem Forum der Welt hält. Die deutsche Armee ist in der Tschecho- Slowakei eingedrungen und drängt nach Goebbels siegreich vorwärts. 500 tschechische Geiseln, das sind Minister, Generäle, Offiziere und höhere Verwaltungsbeamte, erhält Buchenwald als Lagerzuwachs. Sie werden gleich uns auf die Arbeitskommandos verteilt. Der Steinbruch fordert von ihnen die ersten Todesopfer. Nach einigen Tagen kommt eine Verfügung höheren Ortes, daß sie vom Arbeiten befreit sind. Sie werden, gemessen an unserem menschenunwürdigen Dasein, als wirkliche Schutzhäftlinge behandelt, treiben Sport und können von ihren Angehörigen auch Pakete erhalten. Dann beginnt der Feldzug in Polen. Zunächst werden 1000 Juden, davon 300 aus Czenstochau, eingeliefert. Innerhalb des Stacheldrahtzaunes an der Ostseite des Appellplatzes wird ein kleines Lager mit einigen Baracken errichtet, welches 2500 Polen aufnimmt. Wir alten Lagerinsassen wissen, was es zu bedeuten hat, daß diese Neuankömmlinge ihre Kleidung auf dem Appellplatz ablegen müssen, um angeblich wegen Läusen verbrannt zu werden. Wir wissen, sie werden die Freiheit nicht wiedersehen. Ihre Spuren werden von vornherein beseitigt. Diese 2500 Polen sind meistens Grundbesitzer, welche nach Hitlers Wahn den Volksdeutschen Platz machen müssen, um im Konzentrationslager zu sterben. Jugendliche von 15 Jahren aufwärts befinden sich unter ihnen. Die Methoden zum Ausrotten sind so gesteigert, daß sie, verübt an diesen wehrlosen Menschen, bei uns, die wir schon an viel Grausames gewöhnt sind, Entsetzen und Schrecken auslösen. Es ist Hitler, der als Wahnsinniger befiehlt, es sind Hunde, Jagd- und Bluthunde in Menschengestalt, welche die Verbrechen verüben. Ich wünsche, die Augen verschließen zu können, um nicht noch mal die Bilder zu sehen, welche in der Erinnerung auftauchen. Und doch 29 30 30 muß es sein, es muß wieder Licht auf der Erde werden, die Schatten sollen weichen, die Wahrheit soll und muß wieder Geltung haben. In Baracken ohne Heizung hausen 2500 Menschen, welche das Verbrechen begingen, keine Anbeter Hitlers zu sein. Ihre Schlafstätten sind hölzerne Käfige ohne Stroh, ohne genügend Decken. Für sie wird die Nahrung besonders zubereitet, dünne Wassersuppen ohne Fett und Fleisch, Brot in unzureichender Menge. Und nun wirken Hunger und Kälte auf sie ein. Sie fangen an zu sterben. Es regnet. Die 2500 Menschen, auf engstem Raum zusammengepfercht, haben den Boden recht bald zu Schlamm zertreten, und nur noch kalkiger Schlamm, in den sie bis an die Knöchel versinken, ist unter ihren Füßen. Sie sollen sterben. Und da das Tempo nicht flott genug ist, muß nachgeholfen werden. Von Zeit zu Zeit rückt die SS mit dem Prügelbock in das Lager. Dann beginnen wieder die Prügelszenen. Sie werden blutig geschlagen, diese unglücklichen Opfer. Ihre Schreie dringen durch das Lager. Und dieses Schauspiel nimmt ohne Aufhören den größten Teil des Tages in Anspruch. Die SS- Banditen prügeln mit Abwechslung. Viele wetteifern, denn sie haben ja mit ihren besonderen Leistungen neben anderen auch die Chance, daß sie unabkömmlich sind und nicht in den Krieg brauchen. Sie haben in ihrer Niedrigkeit Grund zu guten Leistungen und zu großer Tat. Im umzäunten Polenlager inmitten des Stacheldrahtzaunes des Konzentrationslagers wird noch ein drittes Lager errichtet. Mit ungefähr 200 qm Fläche stellt es mit nur einer Bretterbude ohne Betten, ohne Tisch, ohne Stuhl, ohne Bank etwas dar, was an menschlicher Behausung oder Unterbringung in der Geschichte der Menschheit sicher noch niemals vorhanden gewesen ist. 140 ausgesuchte Polen werden hier hineingepfercht. Die Lagerleitung nennt sie Heckenschützen. Und das besagt alles. Innerhalb von zwei Wochen ist niemand mehr am Leben. Jugendliche Polen, welche im Lager in einer anderen Baracke untergebracht sind, müssen zusehen, wie ihr Vater den langsamen unabwendbaren Tod in den Händen der Tyrannen sterben muß. Im groBen Polenlager wächst die Zahl der Toten. Bei jedem Tagesanbruch werden über Nacht Gestorbene auf einen Haufen in die Nähe ihres Lagereinganges gelegt. Dabei kommt es vor, daß zwischen den Toten sich noch Lebende befinden, welche dorthin gebracht wurden, weil sie für tot gehalten wurden. Dieses im Einzelnen festzustellen ändert allerdings an ihrem Schicksal nichts mehr. Wenn uns tagsüber der Weg am Polenlager vorbeiführt, was uns verboten ist, so sind wir geneigt, schneller zu gehen, um nicht vom Grauen gepackt zu werden. An dem Stacheldrahtzaun, im Schlamm liegend, sterben Menschen, auch Jugendliche, ohne daß sich jemand um sie kümmert. Hier herrscht der Tod, und alle schauen ihm entsetzt in sein grinsendes Gesicht. In diese Zeit fällt wieder ein Sonntag, an dem wir fasten müssen. Die Schuld liegt bei den Häftlingen. Und wo Schuld ist, muß auch Sühne sein. Der Begriff von Recht, Schuld und Sühne ist hier nationalsozialistisch. Und nationalsozialistischer Rechtsbegriff, zum mindesten in den Köpfen des Lagerkommandanten Koch und des Lagerführers Hüttig, ist, daß wir ,, nichts zu fressen" bekommen, wenn ein Häftling ein halbes Brot über den Drahtzaun des Polenlagers geworfen hat und der Name dieses Verbrechers nicht festgestellt werden kann. Es ist streng verboten, einem Polen etwas zu essen zu geben, und nun wird von der Lagerleitung ein halber Sonntag arbeitsfrei gemacht, um 12 000 Häftlinge bis zum Abend auf dem Appellplatz stehen zu lassen. Gegen 12 Uhr wird durch Lautsprecher befohlen: ,, Aufhören mit arbeiten. Auf dem Appellplatz antreten." Die Massen gehorchen immer. Sie bauen das Lager, sie bauen ihren Stacheldrahtzaun, sie bauen die feudalen Wohnungen der Kommandanten, sie bauen die Löwenzwinger, die Falkenhorste, sie gehorchen immer. Und während sie gehorchen, schwebt ihnen eine Zeitenwende vor, in der sie ihre Peiniger niederschlagen wollen, an ihnen zu vergelten, was sie heute täglich verüben. Und wenn die Stunde kommen wird, in welcher das Sterben wieder Wert hat, dann wollen sie sterben mit der Waffe in der Hand, auf den Barrikaden, sterben den Tod, der noch einen Wert in sich birgt. Heute marschieren die Tausende auf das Kommando des Lagerkommandanten Koch, einer kleinen Figur mit verschlagenem Gesichtsausdruck, auf das Kommando des Lagerführers Hüttig, eines sadistischen Schweines, wie ihn die Häftlinge bezeichnen. Und heute ist dieses sadistische Schwein wieder ganz groß in Form. Zehntausend sind angetreten, gehorchen. Die kreischende Stimme Hüttigs befiehlt. Zunächst die Meldungen der Blocks. Hüttig befiehlt nochmals: Stillgestanden! SS- Scharführer kontrollieren. Wer rührt, wird ans Tor beordert. Dorthin wird der Prügelbock gebracht. Hüttig läßt durchpeitschen. ,, Fünfundzwanzig!" ist seine stereotype Anordnung. Und dann klatschen jedesmal 25 Hiebe auf das Gesäß des Opfers, das die sattgefütterten Gestalten der SS auf dem Prügelbock vor sich liegen haben. Stunden vergehen. Hüttig hat die Lagerkapelle antreten lassen. Die Musik übertönt die klatschenden Hiebe und die Schmerzensschreie der Geprügelten. Viele der ausgemergelten Häftlinge fangen an zu wanken. Wenn sie umfallen, werden sie zum Prügelbock gebracht. Und der Sadist Hüttig befiehlt: Fünfundzwanzig. Auch dieser Tag vergeht. Es wird Abend. Hüttig läßt wegtreten. Das Dritte Reich ist wieder stärker geworden. Seine Ideologie erfaßt die Herzen derer, welche sie bis jetzt noch nicht begriffen. 31 Die Heckenschützen sind tot. Von den 2500 Polen ist innerhalb sechs Wochen die Hälfte gestorben, im Schlamm, im Morast. Der Hunger der polnischen Häftlinge zeitigt mancherlei Erscheinungen. Was kann man im Zusammenhange solcher Zustände sagen, wenn in dem seitlichen Schatten der Scheinwerfer zwei Häftlinge einen Toten zwischen sich führen, um also zu dritt an dem Schalter der Brotausgabe drei Portionen Brot zu bekommen. Und doch war es so. Nachdem sie dann für sich und den Toten das Brot erhalten haben, warfen sie ihn nach einigen Schritten von sich. Ich hatte kurze Zeit einen Tischgenossen, einen arisierten Halbjuden Wolf. Dieser Wolf, ein früherer aktiver Offizier, war von der Lagerleitung zum Lagerältesten des Polenlagers bestellt worden. Als solcher hatte er dauernd mit dem Massenmörder Hauptscharführer Blank zu tun, den ich schon einmal erwähnt habe. Blank, welcher schon beim Röhmputsch als hemmungsloser Mordgeselle gewirkt hatte, ist hier als Lagerführer des Polenlagers bestimmt worden und wirkt wie immer ganz im Sinne der Lagerleitung und ihrer höheren Auftraggeber. Selbst diesem hemmungslosen Mörder ist die Mordmethode der Lagerleitung im Polenlager zu grausam. In einer Unterhaltung, die er unter vier Augen mit Wolf hat, sagt er zu diesem: ,, Wenn diese Menschen sterben sollen, so soll man sie doch erschießen." Das langsame Sterben und die dazu angewandten Methoden scheinen noch vorübergehend Hemmungen bei ihm auszulösen. Inbezug auf seine Vergangenheit sagt er: ,, Alles was ich getan habe, habe ich als Soldat und nur auf Befehl getan." Er kann nicht mehr zurück. Er mordet weiter, als Soldat und auf Befehl. Blank ist gleichzeitig der Wachtmeister der Arrestzellen. Und hier wird am meisten gemordet. Wenn_morgens das erste Kommando ertönt: ,, Die Leichenträger ans Tor!", dann läßt Blank die Bunker für andere Todeskandidaten freimachen. Und beim Beginn der nächsten Nacht arbeitet dieser Teufel weiter. Er geht mit einem Stück Strick in die Zelle, in welcher das ausgesuchte Opfer sich befindet, reicht ihm den Strick mit den Worten: ,, Also, du meldest dich nun vorschriftsmäßig bei mir ab. In einer Viertelstunde komme ich wieder, und dann muß es geschehen sein." Der Häftling weiß, was ihn erwartet, wenn der Hauptscharführer Blank in einer Viertelstunde wiederkehrt. Er hat die Wahl, selbst Hand an sich zu legen oder von diesem Teufel umgebracht zu werden. Der 9. November 1939. Ein grauer diesiger Morgen. Der Nebel rieselt von den Bäumen. Die Außenkommandos bleiben im Lager. Alle Juden werden in ihre Baracken befohlen. Ein Kommando über den Lautsprecher: ,, Die Juden vor ihren Baracken antreten!" Sie treten hinaus, gehorsam, stumm. Das Lager hat drei Judenbaracken. Und vor jeder dieser Baracken mustert ein Scharführer seine Juden. Er läßt einzelne vortreten, mustert sie von oben bis 32 unten, läßt im ganzen sieben jüdische Häftlinge vortreten, um sie weiter zu mustern. Einzelne schickt der Scharführer wieder zurück, um an ihrer Stelle andere wieder vortreten zu lassen. Es sieht aus, als ob er würfelt. ,, Du vortreten, du eintreten!" Endlich hat er die sieben beisammen. Hauptscharführer Blank kommt. Ihm schwillt der Kamm. ,, Das ist meine Sache!" brüllt er seine Spießgesellen an. Demonstrativ zeigt er, daß er mehr zu sagen hat. Und nun beginnt das Spiel von neuem. Er sucht selbst aus unter dem Gesichtspunkte, daß er mehr zu sagen hat als die anderen, die eine Charge weniger besitzen. Er sortiert. ,, Tritt du mal vor und du trittst ein!" Und nachdem er dieses Spiel einige Zeit fortgesetzt hat, kommandiert er: ,, Drei Schritt vortreten!" Von drei Judenbaracken je sieben Häftlinge ausgesucht macht 21. Blank rückt mit diesen 21 Häftlingen zum Lagertor. Dort stehen sie in Erwartung der Dinge, die da kommen sollen. Es wird 11 Uhr. Im Lager wird von Mund zu Mund bekannt, daß in München auf Hitler ein Attentat verübt worden sei. Und nun kann man wohl mit einiger Gewißheit den Schluß ziehen, daß für die ausgesuchten 21 jüdischen Häftlinge Lebensgefahr besteht. Sie stehen am Tor und warten auf etwas Ungewisses. Noch einmal ruft eine befehlende Stimme durch den Lautsprecher ins Lager: Häftling Goldschmidt( unter Zufügung seiner Häftlingsnummer) ans Tor." Und nochmal wird er ans Tor gerufen. Von unserem Arbeitsplatz sehen wir den Häftling mit schweren Schritten den ansteigenden Appellplatz hinauf zum Tor gehen. Ein anderer kehrt vom Tor zurück. Unter den Scharführern ist Bewegung. Die 21 Häftlinge werden zum Lagertor hinausgeführt. Nun warten sie draußen. SS mit Karabinern sind ihre Bedeckung. Es vergeht fast eine Stunde, und dann setzt sich der Zug in Bewegung. Nicht weit am Lagerzaun entlang zieht diese kleine Schar, eskortiert von einer ebenso großen Zahl der kommandierten Mörder. Unsere Augen starren den Kameraden nach. Sie marschieren weiter, zwischen Buchen, weiter Richtung Steinbruch. Einige Scharführer mit umgehängten Karabinern folgen den Todgeweihten. Wir kennen sie und wissen ihre Namen. Ich erkenne unter ihnen den Hauptscharführer Strippel. Wir sehen unsere Kameraden nicht mehr, sie verschwinden hinter den Bäumen. Nun fallen die ersten Schüsse. Und weiter fallen Schüsse. Ein Häftling zählt sie, er zählt 80. Nun wissen wir, was sich draußen im Steinbruch zugetragen hat. Ein feiger gewissenloser Mord, der Massenmord an 21 unserer besten Kameraden. Stunden sind vergangen. Die Toten sind liegen geblieben, an der Stelle, an der sie erschossen wurden. Man wartet, bis sie erkaltet sind. Auf offenem Lastwagen werden sie dann zur Totenhalle gebracht, in der Nähe des Lagerzaunes, nicht weit von der Schlosser33 werkstatt entfernt, von welcher Stelle die dort arbeitenden Häftlinge die weiteren Vorgänge beobachten können. Mit nicht zu überbietender Roheit werden die Toten von dem Lastwagen heruntergezerrt, auf Steinetragen, die Arme herunterhängend und am Boden schleifend, in den Totenschuppen gebracht. Verschiedene Scharführer äußern sich im Ausdruck ihrer Roheit, während ein einzelner, dem wir den Beinamen ,, Nigrin" gaben, ohnmächtig strauchelt. Diese Menschen starben, sie wurden gemordet, weil sie Juden waren, weil ein Irrsinniger im Lande regiert, ein Tyrann als Führer einer irrsinnigen Verbrecherclique. Sie starben, weil diese Irrsinnigen und Verbrecher die Machtmittel des Staates in Händen hatten, eines Staates, dessen Volk ihr erstes Opfer wurde, degradiert zum Sklavenvolk, ohne Recht, ohne Freiheit. In der Abgangsliste des Konzentrationslagers Buchenwald stehen unter dem 9. November 1939 die Namen der einzelnen Gemordeten mit dem Vermerk" Auf der Flucht erschossen!" November, Dezember, Januar sind immer diejenigen Monate, welche den Höchststand im Sterben der Lagerinsassen erreichen. Die Ziffer steigt auf 70- Tote an einzelnen Tagen. Und nur mit wenigen Ausnahmen läßt der Lagerarzt als Todesursache eintragen: Herzmuskelschwäche, Blutkreislaufstörung. Der Januar hat noch eine wirksame Zugabe des Lagerkommandanten Koch. Er läßt uns fünf Tage hungern. ,, Ausrottung und Vernichtung" sagt Hitler, und die Schergen sind nicht verlegen, seine Befehle in die Tat umzusetzen. Schuld sind die Häftlinge selbst. So sagt wenigstens die Lagerleitung. Grund: In einem Müllhaufen wird ein Stück Schweinekopf gefunden. Die Lagerleitung motiviert, daß aus dem Schweinebestand des Lagerkommandanten Koch ein Schwein entwendet worden ist. Koch kennt seinen Schweinebestand nicht genau. Es sind wohl 40-60 Stück, die im Lager auf Kosten der Häftlinge gehalten werden. Wutschnaubend verlangt er den Täter, setzt die ganze SS in Bewegung und verlangt von der Gesamtheit der Häftlinge, einen Häftling als Täter festzustellen. ,, Bis zur Feststellung gibt es nichts zu fressen!" ordnet er an. Und so geschieht, daß wir hungern müssen. Einen Tag, zwei, drei, vier, fünf Tage lang. Höheren Ortes, sagen wir es wäre Berlin, soll am fünften Tag die Anordnung gekommen sein, die Maßnahmen sofort aufzuheben. ,, Ausrotten und vernichten!" sagt Hitler. Sein Bluthund Koch treibt wissenschaftliche Studien in der Richtung der ihm gestellten Aufgabe. Hunderte sind in diesen Tagen gestorben. Und dieses war nach Koch sicher wieder ein Stück vorwärts. Wir stehen am Beginn des Jahres 1940. Im Lager ist Typhus ausgebrochen. Außerhalb des Konzentrationslagers, vom Ettersberg talwärts in Hottelstedt und weiter abwärts in einem anderen Orte sind 34 die ersten Fälle von Typhus festgestellt worden. Auf der Suche nach dem Entstehungsherd gehen die Aerzte nicht fehl, diesen in Buchenwald zu vermuten. Einmal sind Typhusherde immer dort, wo viele Menschen auf engem Raum unter unsanitären Verhältnissen leben müssen. Und dann liegt Buchenwald am Abhange des Berges, von welchem die Abwässer in Richtung der betroffenen Orte talwärts fließen. Die von außerhalb angestellten Ermittlungen ergeben sofort die Richtigkeit der Vermutung. In Buchenwald herrscht Typhus und sicher schon seit längerer Zeit. Wenn das Sterben der Häftlinge immer zielbewußt betrieben wird, so sind die Herren der SS doch sehr empfindsam, wenn etwa ihren wertvollen Leibern Gefahr droht. Und sie müssen ja auch in Buchenwald leben und wohnen. Den Starken entschwindet der Mut. Mit erstaunlicher Schnelligkeit werden die Absperrungsmaßnahmen durchgeführt, damit die SS nicht mehr in direkte Verbindung mit den Häftlingen kommt. Sogar der Prügelbock kommt nicht mehr zur Geltung. Die Kranken werden auf Typhuserscheinungen untersucht, Impfungen allgemein durchgeführt. Ein neuer Stacheldrahtzaun trennt die Typhusbaracke vom Lager, verhindert jegliche Berührung mit den anderen Häftlingen. Es treten auch Fälle von Ruhr auf. Das Sterben an Typhus ist trotzdem für uns nichts Auffälliges, denn der Tod grinst in dieser Umgebung täglich, stündlich den Einzelnen an. Das ganze Lager riecht nach Chlorkalk. Unter den zahlreichen Opfern der Typhusepidemie, welche wochenlang wütet, befindet sich auch der bekannte Reichstagsabgeordnete Walter Stöcker. Seine Leiche wird zum Tor getragen, an uns vorbei. Wir stehen still und ziehen unsere Mützen. Nach etwa zweimonatiger Dauer ist der Typhus erloschen. Die tägliche Zahl der Toten wird zunächst geringer. Für die SS ist die Ansteckungsgefahr vorbei. Nun lassen sie wieder ihre Ausrottungsmethoden wirken. Der Steinbruch kommt zur Geltung, das Morden ist recht bald wieder in voller Wirksamkeit. So mancher gute Kamerad scheidet aus unserem Kreise. Und wo die Lücken entstehen, versuchen wir sie zu füllen, indem wir immer wieder dichter zusammenrücken. Die sich hier kennen lernten, umschlingt ein Band der Kameradschaft, der Freundschaft, welche sich in gegenseitiger Hilfe offenbart, in kleinen und in großen Dingen. Und jeder gute Kamerad hat Kameraden seinesgleichen. Menschen gleicher Ideologie, die sich gegenseitig verstehen, stützen und achten. Und immer muß die Hoffnung uns aufrecht erhalten. Die Hoffnung wird genährt durch die Kameradschaft, durch die Freunde, denen man sich offenbaren kann und mit denen man gemeinsame Gedankenblicke über den Stacheldrahtzaun hinaus, in die Welt da draußen, in die Zukunft wirft. Wir versuchen im Schritt der Zeit mitzumarschieren. Dieser Schritt der Zeit ist am Maßstab der Weltentwicklung 55 35 gemessen. Trotzdem wir hermetisch von der Welt abgeschlossen sind, erfahren wir alles, wenn auch etwas verspätet. Dafür sorgen die Häftlinge, welche draußen die SS bedienen müssen, die Stiefelputzer, welche in den Taschen und Papierkörben auf der Suche nach Zigarettenstummeln auch Zeitungen finden und mitbringen. Dafür sorgen trotz Verbots einige redselige Scharführer, und nicht selten hören einzelne von uns in der Radioreparaturwerkstatt die Nachrichten der Auslandsender. Ich muß nochmal betonen, wir haben Freunde und Kameraden, an denen wir uns aufrichten, denen wir beim Abschied nachtrauern. Und wenn sie uns verlassen haben, ist es, als müßten wir zweifeln an der Lauterkeit ihrer Herzen. Denn sie ließen uns ja in dieser Wüste allein. Die Sonne läßt ihre ersten warmen Strahlen als Anzeichen des kommenden Frühlings über die Barackendächer gleiten. Den Schlammboden berühren sie noch nicht, denn Buchenwald ist ja der Nordabhang des Ettersberges. Und doch lösen diese ersten Sonnenstrahlen Hoffnung aus. Das Erdreich wird wärmer. Bald werden die Häft linge in minutenfreier Zeit ihre Körper entblößen, um Sonne zu schlürfen. Ihre ausgedörrten Leiber verlangen Sonne als Nahrung. Nahrung solcher Art wird immer noch verlangt von den Herzen, welche in diesen Menschen schlagen, Herzen, die niemals aufhörten zu empfinden, was Freiheit, Wahrheit, Recht bedeutet. Auch wenn die Menschen hier zu Figuren werden, mit Sklavenantlitz. Ihr Denken und Empfinden ist rebellisch, auflehnend gegen das, was Tyrannentum geschaffen. Es ist der 14. April, der Geburtstag des Häftlings Nr. 1407. Ein besonderer Tag, ein Sonntag, ein Ostertag. Der Frühappell ist vorüber. Der Häftling geht anschließend zur Baracke I, an den Arbeitstisch, der auch meistens in der Freizeit sein Platz ist. Hier duckt er immer seinen Kopf und schaut auf die Arbeit, wenn SS im Raum ist. Hier hat er seine kleinen privaten Habseligkeiten, in einem Versteck eine zerrissene englische Zeitung und ebenso versteckt ein Buch, das ihn interessiert. Und jede Minute, die er sich frei, d. h. nicht beobachtet fühlt, nimmt er für sich in Anspruch. Er ist einer der lebendig Begrabenen, die weiterleben, ein Eigenleben, soweit es die einfache Häftlingsnummer zuläßt. ,, Nicht im Guten und nicht im Schlechten auffallen ist mein Grundsatz", hatte er dem Lagerarzt Dr. Köbrich gesagt, als dieser sich erbot, bei der Lagerleitung etwas für ihn zu tun, ihm eine bevorzugte Stellung zu verschaffen. Und damit hatte er den Lagerarzt gebeten, nichts für ihn zu tun. An dieser Stelle, an seinem Arbeitsplatz suchen die Kameraden ihn auf, die ihm etwas zu sagen haben, an dieser Stelle wechseln Worte, die der Dritte nicht verstehen soll. An diesem Platz holen sich einige Freunde immer wieder Mut für Tage, vielleicht auch für Wochen, Ereignisse der Zeit mit dem Ausblick für die Zukunft werden hier besprochen. Und da dieser 36 Platz ein ausgesuchter Platz in einer Ecke ist, kann von links niemand hören und nach rechts bleibt der Ueberblick. Nennen wir den Platz illegal. Auf der Tischplatte sind einige Striche gezeichnet, die der Häftling sorgsam hütet, damit sie nicht verwischt werden, sein Experiment, eine Sonnenuhr. Vor ihm ein Fenster, das nach Süden liegt, und so beobachtet er täglich, wenn sich die Sonne zeigt. Hinter diesem Fenster, das ihm den Blick zum Lagertor vermittelt, beobachtet er das Kommen und Gehen der SS und macht seine Kameraden aufmerksam, wenn Gefahr im Anzuge ist. Er sieht von seinem Platz aus auch die Scheußlichkeiten der SS, die sich am Lagertor abspielen. Heute ist der 14. April, der Geburtstag des Häftlings Nr. 1407. Er stutzt, als er den Raum betritt. Auf seinem geschmückten Arbeitstische steht ein großer Korb mit Blumen. Er ist zu seinem Geburtstag von den Kameraden so reich bedacht worden. Eine Schar von Häftlingen umringt ihn und gratuliert. Dann tritt er näher an den Tisch und wagt kaum, alles anzuschauen. Seine Augen werden feucht. Blumen in solcher Menge, große und kleine Widmungen mit den Namen seiner Freunde: Rudi Renner, Herbert Lange, Karl Barthel, Alfred Ott, Theo Honnacker, August Cohn, Alfred Heckteuer, Karl Wack, Max Mayr, Franz Walgenbach, Heinz Schäfer, Walter Krämer, Heinrich Mühlhausen, Ernst Busse, Willi Steffen, Wilhelm Schuhmann, Karl Wiegand und Oskar Röttger. Ein Zettel trägt die Unterschrift: Deine Kameraden von der Fulda. Rudi Renner hat ein vierseitiges Gedicht verfaßt, Herbert Lange als Lithograph hat es künstlerisch ausgeschmückt. Woher die Kameraden den Kuchen und andere Besonderheiten beschafft haben, bleibt ihr Geheimnis. 1407 bleibt vor seinem Tische stehen und kann kaum begreifen. Träumt oder irrt er. Wo sind seine Gedanken? Und wieder werden die Augen feucht. Die Leckerbissen verteilt er an seine Kameraden. Sie sollen an seinem Wohlleben teilhaben. Eine Stunde später rückt die Lagerkapelle in den Raum. Sie spielt ihre Weisen zum Geburtstag des Häftlings 1407. Eine Erinnerung an den gestrigen Tag, die er nicht unterdrücken kann, trübt diese Stunden und ihre schönen menschlichen Eindrücke: Gestern, am 13. April 1940, ist im Steinbruch sein Freund Josef Trummer aus Graz erschossen worden. Beim Frühappell des 20. Juni 1940 wird mein Name erstmalig während meiner dreißigmonatigen Lagerzeit aufgerufen mit der Beifügung: An Schild 3 antreten. An Schild 3, dem Platz, an dem diejenigen Häftlinge antreten, welche zur Entlassung kommen. Dieser Tag, dieser Morgen, diese Stunde, diese Minute, die mir verkündet, daß mir das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald geöffnet werden soll, um mich freizugeben und zurückzukehren nach fünfjähriger Haft. Meine Freunde umringen mich, versuchen, mir schnell noch die Hand zu drücken, einen Gruß an ihre Angehörigen auszurichten. 37. 38 88 Und dann wird die gestreifte Kleidung des Häftlings mit Zivilkleidung gewechselt. Bis die letzte Stelle mit der Mütze in der Hand passiert ist, vergehen Stunden. Ein Revers wird zur Unterschrift vorgelegt, in welchem sich u. a. folgender Passus befindet: Es ist mir bekannt, daß es verboten ist, über die Einrichtung der Konzentrationslager zu sprechen. Im Vorbeigehen versuchen viele Bekannte mir noch einmal die Hand zu drücken: ,, Vergiß uns nicht!" Ein SS- Posten begleitet uns einige Hundert Meter bis zum Schlagbaum. Häftlinge arbeiten hier draußen am Straßenbau. Sie winken und rufen. Es ist die letzte Arbeitskolonne, die ich sehe, die letzte Kolonne der Sklaven in Zebrakleidung. Wir sind vier entlassene Häftlinge. Einer ist aus Wien. Sie gehen rasch als flüchteten sie. Ich kann ihr Tempo nicht einhalten und bleibe etwas zurück. Meine Gedanken möchte ich konzentrieren. Ich kann es nicht. Ein grausiges Bild drängt sich in dieser Verfassung mir auf. Ich denke an die 7000 Toten während meiner Lagerzeit. Ziehe Vergleiche mit den Karawanenstraßen in der Wüste, die erkenntlich sind an den gebleichten Gerippen von Sklaven, welche an diesen Straßen starben. Und nun beginne ich zu rechnen und komme zu dem Ergebnis, daß die Toten von Buchenwald diese Straße in dichter Reihenfolge säumen würden bis nach Weimar. Ich komme in die Nähe der Stadt. Eine ältere Frau fährt einen Kinderwagen mit einem kleinen Kinde. Ich bleibe stehen und schaue immer wieder das Kind an. Fünf Jahre lang habe ich keine Kinder gesehen. Sahen die kleinen Kinder immer so aus, so zart, ihre Köpfe so feinschnittig? Ich gaube, sie müßten anders ausgesehen haben vor meiner Verhaftung, vor fünf Jahren.