MOTTO: Ich sah heut tausend Menschen verstörten Angesichts, Ich sah heut tausend Juden, die wandelten ins Nichts. Im Grau des kalten Morgens zog die verfemte Schar, Und hinter ihr verblaßte, was einst ihr Leben war. Wohin wird man Euch führen, wo endet Euer Pfad? Sie wissen nur das Eine: Das Ziel heißt Stacheldraht. Und was dort ihrer wartet, sind Elend, Greuel, Not, Entbehrung, Hunger, Seuche, für viele bittrer Tod. Ich sucht in ihren Augen mit brüderlichem Blick, Erwartend tiefen Jammer ob solchem Mißgeschick. Doch statt Verzweiflung, Jammer, sah ich ein tiefes Mühn Und Haltung und Beherrschung aus ihren Augen glühn. Sah heißen Lebenswillen, sah Haltung und sah Mut, Dazu in manchem Antlitz, ein Lächeln stark und gut. Da hab ich, tief ergriffen, den Geist des Volks erkannt Das sich aus Not und Elend, Verbannung, Frohn und Haft Noch immer hat erhoben mit ungebeugter Kraft. Ich sah heut tausend Menschen verstörten Angesichts Und sah beim Graun des Morgens den Strahl des eignen Lichts. Von einem unbekannten Dichter ( Im Jahre 1942 durch Handzettel vertrieben) 3 Inhaltsverzeichnis Motto Vorwort Theresienstadts Bestimmung Persönliches Kartoffel- ,, Schleußen" Der Hunger Der Zensor Die Geiseln Der Vater*) Der königliche Kaufmann Erfinderschicksal Abschied Greisenschicksal 35701 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Kinderschicksal*) Die Urnen. Schuld und Sühne Eine Volkszählung" 11 Die Kommission Ein Film. 20 21 22 23 25 27 . Die Frau im ,, E"-Lager*) 29 Auschwitz*) 30 Verkommen 32 Der Einzelne und die Masse 33 Der Kommandant 34 Das Rote Kreuz 35 Gefunden 36 Die Bergung 37 Die Befreiung Geschlagen Die Vergeltung Ausklang ANHANG( 5 Fabeln) Vier Wölfe 38 40 41 42 4 Taube und Nachtigall Der Löwe und der Stier. Die beiden Hunde Die Kuh. *) Nach Berichten aus anderen Lagern. 34444 45 46 47 VORWORT Eine Darstellung des Lebens im Konzentrationslager verlangt in erster Linie Wahrheit. Übertreibungen sind ebenso unnötig wie schädlich, die Tatsachen reden ohnehin eine eindringliche Sprache. In zweiter Linie soll die Darstellung lebendig sein, weshalb ich eine Reihe von charakteristischen Einzelschicksalen herausgriff, die Streiflichter auf die Zustände in ihrer Gesamtheit werfen. Schließlich kam es mir auf Knappheit und Einprägsamkeit der Form an, und so wählte ich Vers und Reim als überlegene Darstellungsart. Ich kam im Januar 1944 nach Theresienstadt und blieb dort bis zum Juli 1945. Schilderungen von Vorgängen aus früherer Zeit oder aus anderen Lagern verdanke ich Berichten von Augenzeugen. Ich war 66 Jahre alt, als ich nach Theresienstadt geschickt wurde. Der erste Eindruck ist auf mich so niederdrückend gewesen, daß ich fest überzeugt war, diesen Platz nicht mehr lebend verlassen zu können. Ich schrieb deshalb zunächst die Verse nieder: In dieser Berge sanftem Kreis, Wo soviel Tote ruhn, Gedenk auch ich, ein müder Greis, Den letzten Schlaf zu tun. Wen soviel bitt'res Leid erfaßt, Der fragt nicht mehr: Warum? Ihn macht des Weges letzte Rast Bescheiden, still und stumm. Er weiß, daß Sonne, Regen, Wind. Läẞt sprießen Gras und Laub, Und daß stets neues Leben rinnt Aus Asche, Schutt und Staub. - 5 Doch die menschliche Natur ist anpassungsfähiger und zäher, als ich ahnte. Hunger und Entbehrung, Krankheit und Zermürbung brachten mich mehr als einmal an den Rand des Todes, ohne mich jedoch zu fällen. Die Überlebenden Theresienstadts verdanken ihre Rettung neben dem Eingreifen des Internationalen Roten Kreuzes den russischen Truppen und besonders deren Kommandanten Herrn Major Kuzmin, der die Ernährungsverhältnisse sofort von Grund auf besserte. Dessen sei dankbarst hier gedacht. Ich schrieb meine Beobachtungen zunächst für mich selbst nieder, übergebe sie jedoch auf Anraten von Freunden hiermit einem weiteren Kreise. Mögen sie aufklärend wirken! 6 THERESIENSTADTS BESTIMMUNG „Theresienstadt soll ein Heim für alte Menschen und Frontkämpfer werden‘, so sagte man im Jahre 1942 zu den Juden in Deutschland. Als Gegenleistung mußten sie ihr restliches Vermögen dem Reich abtreten,— wer von Staats wegen versorgt wird, braucht kein Geld mehr zu besitzen. Wie sah es aus, dieses„Altersheim“, dieser„Invalidendank‘? Eine Festungsstädt mit Kasematten und Kasernen, erbaut in der Zeit um 1800, 1 Kilometer lang, 0,8 Kilometer breit, für ca. 4000 Einwohner bestimmt, sollte eine 10—15fache Zahl von Juden aufnehmen. Neu- bauten unterblieben, also mußte der Platz durch„Zusammenrücken gewonnen werden, das heißt, die Kammer, die 3 Personen als Schlafraum gedient hatte, sollte künftig ungefähr 30 beherbergen. im November 1941 schickte man für die ersten Arbeiten 340 Tsche- chen aus Prag nach Theresienstadt, die mit den Vorbereitungen begannen. Es folgten bald weitere sog. Arbeitstransporte, und in gemeinsamer Arbeit entstanden die notwendigen Schlafgelegenheiten — in Form von 2- und 3-Stockbetten—, Küchen, Kanalisation und Abortanlagen, Wasserleitungen, Lichtanlagen, die Straßen wurden ausgebaut, und später folgte dann der Bau einer Zweigbahn zur Hauptstrecke. Da vieles fast aus dem Nichts geschaffen werden mußte und auch Spezialtechniker und-arbeiter oft nicht zur Verfügung standen, so erforderte die Bewältigung eines solchen Programmes viel Zeit. Es ist interessant, hier zu erwähnen, daß anfänglich den jüdischen Ingenieuren noch nicht einmal das Betreten der bis dahin„arischen” Stadt gestattet war, so daß sie auf Berichte und Pläne, Karten etc. angewiesen waren. Da Hitler nicht gewillt war, sich zu gedulden, so schickte er die ersten Alterstransporte aus dem Reich so schnell ab, daß sie bei ihrem Eintreffen in Theresienstadt nichts vorfanden als nackte Fuß- böden in unzureichenden Räumen; die notwendigen Küchen und deren zuverlässige Kontrolle fehlten noch, so daß die Verteilung des an sich schon zu knappen Essens unregelmäßig erfolgte. Männer und Frauen wurden getrennt untergebracht, und die gegen- seitige Hilfeleistung der alten Eheleute entfiel damit. Solange die Anschlußbahn fehlte, mußten Greise und Invaliden einen 5 Kilometer langen Fußmarsch zum ‚Altersheim‘ antreten und hierbei ihr Hand- 7 gepäck selbst mitschleppen. Die Gesundheitspflege lag im Argen, und die Ungezieferplage war leider sehr erheblich. Die Einwohnerzahl wuchs ständig. Zu den alten und siechen Menschen kamen jüngere hinzu, denn Hitler schickte alle Juden, deren er in Europa habhaft werden konnte, in die Konzentrationslager. Diese Lager tauschten ihre Bewohner in Sondertransporten wiederum miteinander aus, und es entstand infolgedessen ein ewiges Kommen und Gehen und eine nicht endenwollende Unruhe. Als besonders schmerzlich wurde empfunden, daß die Abgehenden ihre neuen Transportziele nicht erfuhren und eine rücksichtslose Trennung von Familien und nahen Angehörigen stattfand. Die normale Einwohnerzahl lag jetzt bei 30 000-40 000 und steigerte sich bis zu 60 000, um im Gange der Transporte zwischen diesen Zahlen zu verharren. Eingeliefert wurden Juden aus Deutschland, Böhmen, Polen, Ungarn, Dänemark, den Niederlanden, und in kleinerem Umfange auch aus Belgien, Frankreich, Griechenland, Rumänien. Eine Kaserne wie die hier abgebildete mußte dementsprechend 4000 bis 5000 Menschen aufnehmen. Das enge Beieinanderwohnen begünstigte Krankheiten, Ungezieferplagen und Epidemien. An hauptsächlichsten Krankheiten seien hier erwähnt: Eine besondere Art von Ruhr, die Enderitis genannt, Bauch- und Flecktyphus, letzterer durch Läuse verursacht, Knochenerweichung, Lungen- und Augenleiden sowie alle Folgeerscheinungen der Entkräftung durch ungenügende Ernährung bis zum langsamen Hungertod. 8 In drei Jahren starben in Theresienstadt ca. 40 000 Menschen, und eine noch größere Anzahl wurde in auswärtige ,, Vernichtungslager" und ,, Krepieranstalten" abtransportiert, die ihren Namen nur allzusehr verdienten. Zu letzteren gehörte auch die Theresienstadt benachbarte sog.„, Kleine Festung", in die man ,, straffällige" Juden und arische ,, Missetäter" schaffte. Dort starben jährlich 10 000 Menschen, die in den obengenannten Ziffern für Theresienstadt nicht einbegriffen sind. Die Höchstzahl an Todesfällen in Theresienstadt zur Zeit von Epidemien betrug täglich 150-200 Menschen. Die Leichen lagen dann derartig aufgehäuft in den Gängen, daß man darüber stolperte. Es war nicht möglich, sie schnell genug fortzuschaffen. Bis zum Ende des Jahres 1944 verbrannte man die Toten im Krematorium. Es wurde dann angeordnet, alle Urnen zu entleeren und die Aschenreste ,, unbekannt wohin" abzufahren. Die Gründe hierfür sind nicht schwer zu finden, es sind dieselben, die zur Vernichtung aller Akten, Register und Schriftstücke führten. Vom Jahre 1945 ab wurde auf einem neugeschaffenen kleinen Friedhof Erdbestattung eingeführt, so daß für den Besucher eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Opfern zu sehen ist. Die SS ging in Theresienstadt über kleinere Mißhandlungen, Ohrfeigen und Prügel im allgemeinen selten hinaus. Die eigentliche Not bestand körperlich in unzureichender und einseitiger Ernährungsart, in üblen Quartieren und der Infektionsgefahr, seelisch in Trennung der Familienangehörigen und Verschleppung durch Abtransport. Eine gewisse Aufrichtung fanden die Juden durch wissenschaftliche und künstlerische Veranstaltungen, die von berufener Seite abends veranstaltet wurden. Lobend hervorzuheben ist auch die Tätigkeit der Ärzte, der Schwestern, der Hausältesten und mancher leitenden Männer der Gemeinde. Sie stellten sich selbstlos auch in schweren Stunden in den Dienst der Pflicht. Die freundliche Lage des Ortes vermochte flüchtig verweilende Neutrale zu bestechen und wurde von der SS zur Tarnung der wahren Verhältnisse nach Kräften ausgenutzt. Daẞ Haft zur Besserung führt oder gar Leid zur Läuterung, habe ich nicht feststellen können. Im Gegenteil litten die Nerven infolge der dauernden Entbehrungen. Reizbarkeit, Zankzucht und Eigennutz waren gesteigert, Zusammenstöße aller Art unter den Juden durch das viel zu enge Beieinanderwohnen begünstigt. Der den Juden eigene Hang zu Individualismus förderte die Eigenbrödelei und hemmte die Entwicklung des gesunden Gemeinschaftssinns. 9 PERSÖNLICHES Nicht auf eigenes Verlangen Bin ins Ghetto ich gegangen, Nein, Gewehre schußbereitet Haben drohend mich geleitet! Hielt mein Sein für abgeschlossen, Haderte mit Gott, verdrossen, Weil mein Schicksal Er gemacht Anders, als ich mir's gedacht. Doch verschloß sich mir die Welt, Bot sich hier ein Arbeitsfeld. Was ich fand an wüstem Treiben Konnte, mußte ich beschreiben. Mancher ruft gewiß beim Lesen: „Schier unfaßbar ist's gewesen!“ Ja, erst wenn Du nichts mehr bist, Siehst die Welt so, wie sie ist. Möget niemals Ihr vergessen, Wie verlogen und vermessen, Überheblich, grausam, wild Sich hier zeigt der Nazi Bild. Was sich sonst noch ließ gestalten Will ich Euch nicht vorenthalten, Hab’ damit in schweren Stunden Meinen Ausgleich neu gefunden. Sonderbar, höchst sonderbar! Über 65 Jahr Gab ich dem Erwerb mich hin, Hatt’ für Dichten keinen Sinn. Aber die Natur nicht träge, Macht die Abwehrkräfte rege, j Die wir brauchen, um den Dingen| Unser Wollen aufzuzwingen. DER HUNGER Benagt hab’ ich die Kartoffelschale, Die jemand zurückließ von seinem Mahle, | Und fand ich ein Brotstück am Boden verschmutzt, Ich aß es, nachdem ich es abgeputzt. Aus Tellern und Schüsseln kratzt ich die Reste, Die übrig gelassen die anderen Gäste. Nach Hygiene wird nicht mehr gefragt, Wenn täglich und stündlich der Hunger Dich plagt, Wenn Du 20 Kilo Gewicht verlierst, Und die Schwäche in allen Gliedern spürst. Nie wieder werd'-ich verlachen als Rummel, Nimmt einer vom Boden Zigarrenstummel. 12 KARTOFFEL- SCHLEUSSEN Hagrer werde ich und hagrer, Die Ernährung immer magrer. Schwarzen Kaffee gibt es früh, Abends eine Wasserbrüh. Sechs Kartoffeln an der Zahl Bilden unser Mittagsmahl. Schwach gewürzt von einer Tunke, Drin von Fleisch und Fett kein Funke. Täglich Brot vier dünne Scheiben Darfst Du Dir noch einverleiben. Lange kannst Du's nicht ertragen, Gehst ins Bett mit leerem Magen. Sieh, da kommen mit der Bahn Züge voll Kartoffeln an, Daß in Kellern man ergänze, Wintervorrat bis zum Lenze. Beim Entladen fällt herunter - - Manches Stück das macht uns munter. Heben's auf mit unserm Arm Dreht den Rücken der Gendarm. Schließlich wird man dreist und dreister, Übung macht auch hier den Meister. Und wir füllen uns die Taschen, Mit der Erdfrucht, die wir haschen, Schweigen tut bei solchen Bissen Magenknurren und Gewissen. Augenzwinkernd ißt sich satt Endlich mal Theresienstadt. Stehlen? Nein so darf's nicht heißen! - Nennen wir's ,, Kartoffelschleußen". ( Herbst 1944) Such DER ZENSOR Briefe, nicht zensuriert, Wurden von hier expediert. Hört’s und bedenkt: Dafür wird man gehenkt! Fünfundzwanzig, kaum zu fassen, Mußten so ihr Leben lassen— Unter diesen war Einer erst sechzehn Jahr! Hatte der eigenen Mutter geschrieben, Ist mit den andern am Galgen geblieben.— Fünfundzwanzig junge Tschechen! Und das sollte sich nicht rächen? (1942) 13 DIE GEISELN Einst ließ in Berlin man durch SS-Streifen 500 Mann als Geiseln greifen. „220 davon an die Wand!“ Man schoß sie nieder in den Sand. Denn Geiseln haften für gutes Betragen | Von andern Leuten, ließ ich mir sagen. Die Ehefrau’n wurden in gleicher Nacht Noch nach Theresienstadt gebracht. Dort stellt man sie auf in mehreren Reih’n, Zum Antrittsappell, denn Ordnung muß sein. Und ließ sie ohne viel Umstände hören, Daß sie seit gestern Witwen wären—— Und da die Männer nun einmal fort, Sei dies hier ihr neuer Aufenthaltsort! Nun, wer sich befindet in den Tatzen Der Kommandantur, der kann nicht mehr schwatzen. Da hat man nicht nötig, erst noch zu erklären, Es handle sich wieder um Greuelmären. Bei Juden fragt man ja nicht lang Nach einem Kausalzusammenhang. (1942) DER VATER „Ihr habt meinen Sohn als Geisel genommen, „Herr Kommandant, ich bin gekommen, „Um Euch zu bitten: Laßt ihn ziehn, „Und nehmt mich alten Mann für ihn! „Erfüllt Ihr diese Bitte mir‘ — Der Vater sprachs zum Offizier— „So will mein Blut ich willig geben, „Nur ihn, den Sohn, den laßt am Leben.“ Der Kommandant wehrt mit der Hand: „Es bleibt, wie ich's für gut befand! „Wer Geisel wurde, bleibt in Haft, „Sein Todesurteil tritt in Kraft!” Der Sohn, er mußte zum Sterben gehn, Der Vater hat's mit angesehen.— (1942) DER KÖNIGLICHE KAUFMANN Mein Freund entstammte kleinem Ort Und bildete sich selber fort. Ihm fehlte Geld und Protektion, War eines armen Fuhrmanns Sohn. Als auf des Lebens Höh' er stand Da war sein Name weltbekannt. War eines großen Trustes Seele, Er baute Bahnen und Kanäle. — Der Basistunnel vom Hauenstein Wird eins seiner stolzesten Werke sein.— Er ließ seine Kinder nach Uruguay zieh'n Und blieb mit der Gattin zurück in Berlin. „So grausam wird man mit uns nicht verfahren, „Wir sind ja beide in biblischen Jahren.“ Sprach er zur Frau, die den sonst so Weisen Vergeblich bestürmte, mitzureisen. — Das war der erste Fehler des Alten, Er hatte Teufel für Menschen gehalten!— Theresienstadt wurde nun beider Asyl, Man schlief auf der Erde und hungerte viel. Die Frau, die er immer getragen auf Händen, Er sah sie als Bettelweib jämmerlich enden. Er maß sich bei die ganze Schuld, Zu Ende war Kraft und Geduld, Er starb—— Die Asche ist verweht: Kein Nam’, kein Stein,.kein Zeichen steht-— Wie sagten doch die alten Weisen? „Vor dem Tode ist niemand glücklich zu preisen.” (1942) ERFINDERSCHICKSAL „Packt die erfindenden Juden, sie könnten im Ausland uns schaden!“ Also geschah’s auch dem Mann, der das NIROSTA erfand. Welches die Werke von Krupp in Essen herstellen und liefern Über die Meere hinaus, in das entfernteste Land. Siehe, das Ghetto Theresienstadts öffnet bereits seine Tore Dem, dem genialische Tat einstens so glücklich gelang. Doch auf brutalem Transport schon ist er entkräftet gestorben— Retten konnte kein Krupp ihn vor Germaniens Dank. (1942) (Professor Strauß, Chemiker) (Erfinder des NIcht ROstenden ST Ahls.) 17 ABSCHIED Wir müssen fort, Mit dem nächsten Transport! Was sein Eigen man nennt, Wird gewaltsam getrennt. Im Rattern der Wagen Und Knattern der Gleise Verklinget der Klagen Melancholische Weise. Der Kopf fällt uns nieder, Sieht je man sich wieder? Nacht ist's, doch kein Stern Zeigt nah sich und fern. Wieviel sind gestorben, In den Lagern verdorben. Die Wagen, sie rattern, Die Gleise, sie knattern, Ersticken das Weinen Des Mann’s um die Seinen. Wie Blei sind die Glieder, Ach, alles drückt nieder. Wir sehen mit Sorgen, Zum kommenden Morgen. Die Stunden sich dehnen Die Achsen, sie stöhnen. Sie tragen die Lasten Und kennen kein Rasten— Übernächtigt und blass, So zieh'n wir fürbass. Und mit uns die kranken, So müden Gedanken. (April 1944) GREISENSCHICKSAL Siebzigjährig, krank und schwach, Liegt im Bette Wilhelm Bach, Als ihn nachts zu seinem Schrecken Aus dem Schlaf zwei Männer wecken. ,, Steh'n Sie auf, Herr Wilhelm Bach, ,, Folgen Sie sofort uns nach!" ,, Ach, ich kann nicht," ruft er aus, ,, Liege hier im Krankenhaus, ,, Weil mich Darm und Magen plagt, 11 11 , Und das Herz schon fast versagt." ,, Nun, so werden wir Sie tragen," Hört man drauf die Männer sagen. Und sie legen brav und bieder Bach auf eine Bahre nieder. Ob's auch regnet wie mit Kannen, Schleppen sie ihn doch von dannen, Tragen ihn zum Zuge fort, Denn er kommt zum Abtransport. Bringen ihn zum Güterwagen, Wo schon viele andre lagen. Mancher Jammer sich enthüllt, Bis ein solcher Zug sich füllt Mit Gesunden und mit Kranken, Die an Krücken mühsam schwanken. Schließlich kommt das Abfahrtzeichen Und der Zug verläßt die Weichen. Als erglüht das Morgenrot Waren schon die ersten tot. Später wurde angehalten Dann auf den ,, Krepier- Anstalten" Wie in Polen sie genannt Und den Juden dort bekannt. Pflege hat es nicht gegeben Und kein Einz'ger blieb am Leben. ( April 1944) 19 20 KINDERSCHICKSAL Von sorgenden Eltern in Liebe erzogen, Und hier um die Freuden der Jugend betrogen, Schafft 80 hoffnungsvolle Knaben Man hin nach Auschwitz und wird sie begraben. Man nennt es ,, Transport", Doch nein, das ist Mord! Im Alter von 10-16 Jahren, Wo Kinder die Nachsicht der Welt sonst erfahren, Da starben sie, unter Ängsten und Qualen, Getötet von Rohlingen, von brutalen. Welch trauriger Mut Am wehrlosen Blut! Der Herbst hat die Abfahrt der Kinder gesehen, Im Winter, da war schon alles geschehen. Vom Jugendleiter hab' ich's vernommen, Der durch ein Wunder von Auschwitz entkommen. Doch täuschet Euch nicht Der HERR hält Gericht! Erfüllen werden sich uralte Worte, Zum Himmel schreit es aus fernem Orte: Wer Blut vergießet hier auf Erden, Deẞ' Blut soll wieder vergossen werden! Nicht Tarnung beugt Recht Dem frevlen Geschlecht! ( Herbst 1944) DIE URNEN Man lud sie auf Wagen zu seltsamem Tun Und fuhr sie dorthin, wo die Toten ruhn. Die Greisinnen, selbst schon der ewigen Nacht So nahe, sie haben ein letztes vollbracht Mit mancherlei Zittern und Zagen. Die Pferde halten am Totenhaus. Man holt aus den Nischen die Urnen heraus. Die Alten reichen von Hand sie zu Hand, Gleich Beuteln, gleich Schachteln am laufenden Band. Was hilft alles Weinen und Klagen?— Ihr 40000 gingt hier aus dem Leben, Nicht wird euch im Tode die Ruhe gegeben. Am Bahnhof wartet ein Eisenbahnzug, Der Eure Reste von dannen trug. Wer wird wohl nach ihnen noch fragen?— Das Schlußlicht blinkt und der Regen fällt, Die traurige Fracht rollt hinaus in die Welt.— Dort streut man die Asche auf Felder und Flur, Verschwunden, vernichtet ist jegliche Spur. Wem wird das Gewissen hier schlagen? Doch schweigt auch der Menschen sterblicher Mund, So tun es der Staub und die Steine noch kund, Und werden es einstens bezeugen, Welch grausames Schicksal uns eigen.— Und daß wir es dennoch getragen. (Ende 1944) 21 22 SCHULD UND SÜHNE Zum jüdischen Arzt sprach ein arischer Mann: ,, Ach, sehen Sie sich mein Geschwür doch mal an! ,, Es drückt mich und sticht mich, plagt täglich mich mehr, ,, Behindert in jeder Bewegung mich sehr!“ Der Arzt ihm erwidert: ,, Das schneidet man auf, ,, Und bindet dann etwas Verbandstoff darauf." Gesagt und getan! Es ging gar behende Und damit wäre die Sache zu Ende. Zu Ende? O nein, die Kommandantur Theresienstadts kam dem Ding auf die Spur! Wie durfte ein Jude den Arier behandeln? Sie könnten womöglich in Eintracht noch wandeln Herbei mit dem Sünder! Man warf ihn zu Boden Und schlug ihn nach den bekannten Methoden. Und wie er so dalag, verprügelt und krumm, Da trampelt der Chef auf dem Leib ihm herum, Zerbricht eine Rippe im Brustkorb dabei, Und danach gibt er den Ärmsten erst frei. Man heilte den Arzt dann im Krankenhaus: So sah's in den Köpfen der Nazis aus! - ( Jan. 1945) DIE VOLKSZÄHLUNG Eines Nachts im frühen Winter Treibt hinaus aus Bett und Sessel Männer, Frauen man und Kinder, Hin zum Bauschowitzer Kessel.* Etwa 40 000 Leute Alles, was nur Beine hat stehen beieinander heute, denn man zählt Theresienstadt. Diese Zählung", wie ich höre, Sei sehr notwendig gewesen. Dunkel scheint mir die Affäre, Und man kann's auch anders lesen. Flieger kreisen rings in Höhen: ,, Werden wir der Bomben Beute?" Aber ohne Panik stehen All die 40 000 Leute! Aufgeboten sind Gendarmen, Die Gewehre mit sich führen. Will man die geplagten armen Juden auch noch provozieren? Schließlich heißt es, 60 Mann Hätten beim Appell gefehlt! Und den ganzen Tag sodann werden weiter wir gezählt". Schrecklich wäre ein Tumult, Denn der Tod hätt' reiche Beute, Doch voll Ruhe und Geduld Harren 40 000 Leute *) Exerzierplatz bei Theresienstadt. 23 Ohne Essen fast und Trinken Steh'n sie so den Tag, den langen, Als schon längst die Sterne blinken, Wird erst wieder heimgegangen. Noch im Dunkeln, im Gedränge| Hielt man Ordnung voller Kraft. An der Disziplin der Menge 2 Scheitert jede Machenschaft.| | Frauen fallen hin vor Schwäche, | Männer seufzen, Kinder schrein Auf der Bauschowitzer Fläche. | Eine„Zählung‘ soll es sein.—— (Nov. 1943) 24 DIE KOMMISSION Nach Theresienstadt ziehn viele Teuere Automobile. Drin sitzt, längst erwartet schon, Die neutrale Kommission. Denn sie will nun selber eben Seh'n, wie hier die Juden leben. Die SS, die sie begleitet, Hatte alles vorbereitet! Ließ im Park soeben setzen Blumenbeete, zu ergötzen Nas’ und Augen, seht schon kosen Schmetterlinge auf den Rosen. Wie Smaragd in frischem Naß Sprießt und grünt und glänzt das Gras. Bänke stellt man auf mit Stützen Für den Rücken, drauf zu sitzen. Gar ein schmuckes Kinderhaus Stattet man mit Bettchen aus. Und daneben sieht man viele Kindertische, Kinderstühle. Alles neu und schön geputzt: — Niemals wurde es benutzt— Schulen zeigt man für das Kind, Wenn sie auch geschlossen sind. Denn die Ferien— sonderbar— Dauern hier das ganze Jahr! Man ließ streichen die Fassaden, Schmückte Schaufenster und Laden. Alles war so schön geziert, Wie in Wien man dekoriert. Seht die Stiefel und die Schuh‘, Strümpfe, Kleider, Schlips dazu, Seht die Schinken und die Keulen— Die SS wird sie sich teilen—! Und geduldig schau’n sich’'s an Die Neutralen, Mann für Mann; 25 26 Herr Potemkin, ich sag's offen, Wurde hier noch übertroffen! Auch der Jude, den man fragt, Hat zu allem ,, Ja" gesagt. Ach, es wär ihm schlecht bekommen, Hätt man Widerspruch vernommen! Darum mocht SS nicht bangen, Als die Kommission gegangen, Denn sie glaubte an ihr Glück Und war stolz auf ihren Trick. Aber dennoch,- weiß der Teufel Kam der Kommission ein Zweifel: Alles war, das fiel ihr ein, Allzu schön, um wahr zu sein! - ( Mai 1944) EIN FILM Fünf Jahre dauert schon der Krieg, Kein Mensch glaubt mehr an Deutschlands Sieg. 11 , Wenn wir zum Schlusse gar verlieren, ,, Was wird dem Reich dann wohl passieren?" Fragt Hitler sich. ,, Wird man die Qualen, ,, Die wir verursacht, heim uns zahlen?" ,, Schickt schnell uns Filme, welche geben ,, Beweise für das gute Leben, ,, Der Juden in Theresienstadt, ,, Wo man sie angesiedelt hat." So lautet der Befehl! - Genung - Gleich ging man an die Ausführung. Was häßlich war, nun das blieb fort, Das Ghetto schien ein Badeort, Wo junge Frauen promenieren, Derweil Kapellen konzertieren. Die Krüppel trieb man von den Gassen, Gesundheit will man sehen lassen! Auf grünen Matten spielen Kinder, Man filmt viel Gänse, Schweine, Rinder, Zeigt alles, was der Mensch begehrt, Doch leider den nicht, der's verzehrt! 3000 schickte man zum Fluẞ Und bot dort einen Kunstgenuẞ, Gespielt auf dem Freilichttheater, Ein jeder denkt, man wär' im Prater! Und während alles klatscht wie toll, Entsteht ein Film, sehr wirkungsvoll. Was tut's, daß sonst den Juden zwar Der Gang zum Fluß verboten war, Man wollt sie nicht im Ghetto lassen, Das Bild, es würde ja verblassen. Um alles dies' bemüht sich sehr, Ein vielerprobter Regisseur. Bringt in die Bilder frohes Leben, - 27 Er weiß zu schneiden und zu kleben, Die Massenszenen ihm gelingen, Intimes weiß er auch zu bringen— So wird sofort telegraphiert: „Befehl erhalten!— Ausgeführt!“| Und als man fertig war damit,! Bekam der Regisseur‘nen Tritt!| Man brachte ihn zum Abtransport In ein Vernichtungslager fort.— Zu spät erkannte dort er, wie Verschieden Tat und Phantasie! Kurz, er hat schrecklich dann gelitten Und rührend waren seine Bitten: „Ich halt's nicht aus, es ist zum Rasen! „Freiwillig laß ich mich vergasen." Man hat den Wunsch ihm gern erfüllt, So ward der Film sein letztes Bild! Was als Komödie angefangen, Es ist recht tragisch ausgegangen. Auch Hitler hatt‘ nicht Freude dran, Er galt bereits als toter Mann. (Spätsommer 1944, Regisseur Kurt Gerron) DIE FRAU IM E- LAGER Das ,, E", das heißt ,, Erziehung" Ihr Pestalozzi und Rousseau - Und Fröbel, spart Euch Eure Oden, Hier gelten andere Methoden! ,, Faul ist der Jude und bequem, ,, Macht sich das Leben angenehm, oh ,, Da heißt es denn, auch unter Stöhnen, ,, An fleiß'ge Arbeit ihn gewöhnen." Hinein in's Lager! Nicht wie früher Sind Pädagogen die Erzieher, Nein, als Begabungsnachweis reichen. Jetzt Ahnenpaß, Parteiabzeichen. - Sie schleppten hinein Dich, liebe Kusine, Dein Bild steht vor mir mit trauriger Miene. Die warme Kleidung war Dir genommen, ' nen dünnen Kittel hast Du bekommen. Geschoren die Haare, so mußtest Du wandern Im Winter zur Arbeit nach Leuna mit andern. Wie wurdest umhegt Du in glücklichen Tagen Jetzt wirst Du mit Peitschen und Ruten geschlagen! In blutigen Fetzen hängt Dir die Haut - Steh' stramm beim Appell, denn sonst ach mir graut Und Kinderach Kinder, die hier geboren, Die kamen gleich fort, und waren verloren. Mißhandelt ihr Männer, so ist's ein Skandal! Doch Frauen und Kinder - - pfui Teufel noch mal!- Die Juden sind gewiß keine Engel, Sie haben auch ihre Fehler und Mängel. Wo bleibt in der Haft hier die Züglung der Triebe? Es gibt auch bei ihnen Lügner und Diebe. Doch gegen die Taten der Nazi- Rassen Da müssen diese Dinge verblassen. Mit solchen, die hier sich als ,, Arier" bekennen, Sind sie nicht in einem Atem zu nennen. ( 1942-1944) 29 AUSCHWITZ Kein pulsendes Leben zeigt Auschwitz‘ Revier! Hier nistet kein Vogel, hier springt kein Getier. Kein Schmetterling flattert, kein Käferlein brummt,\ Was Menschen sonst wert ist, hier ist es verstummt. Soweit auch das forschende Auge mag reichen, Die trostlosen Bilder, sie wollen nicht weichen. Nur hinten rauchen zum Himmel die Schwaden, Die schwarz sich am Krematorium entladen. Auf gelblichem Lehm sich im Winde bewegen Die Pfützen, gebildet von Schneefall und Regen. Nicht sickert das Naß in die Erde durch Sand, Um fruchtbar zu machen das wüste Land. Kein Strauch und kein Pflänzlein erfreuen den Blick, Die Hölle auf Erden! Gibt's da ein Zurück? Es brennen bei Tag und bei Nacht ja die Flammen, Die vom Feuer im Krematorium stammen. Und wen man verschickt in dies trostlose Land, Dem wird in die Haut dort ein Stempel gebrannt. Den trägt er fortan unter Sorgen und Kummer, Er hat keinen Namen, er ist eine Nummer. Zum Schlafen dient ihm die nackte Erde, Leib liegt da an Leib, wie der Tiere Herde.— So harrt er im Dunkeln und starrt in die Flammen, Die dem Feuer im Krematorium entstammen. f Des morgens 2 Uhr muß man aufstehn gar schnell, So zeitig beginnt schon der Morgenappell. Da wird man gemustert und durchgezählt, Nachmittags auf gleiche Weise gequält! Stramm heißt es dann stehen sechs Stunden lang, Und wer es nicht aushält, um den ist mir bang. Er tritt aus dem Gliede,— es lecken die Flammen, Die vom Feuer im Krematorium stammen. Was wird aus den Matten, den Alten, den Kranken? So fragen erschrocken die trüben Gedanken. Kein Krankenhaus steht hier, die Siechen zu pflegen, Kein Bett auch, den Fiebernden hinzulegen, Kein Medikament gibts, das ihm noch nütze, Man kennt hier ja nur die erlösende Spritze. Schnell endet ein Leben, wie dick sind die Schwaden, Die schwarz sich am Krematorium entladen. Die Männer fahren ins Bergwerk ein, Und hacken dort Kohle und taubes Gestein. Hart ist ihre Arbeit, und karg ist das Essen. Sind sie von Gott und der Welt vergessen? Ein fühlendes Herze, wer hat es denn nur? Wo bleibt die gerühmte deutsche Kultur? Stets sehen wir vor uns die mächtigen Schwaden, Die schwarz sich am Krematorium entladen. Einst standen am Stacheldraht die Frau’n, Da konnten sie drüben die Männer schaun, Mit hohlen Augen, vergrämten Mienen, Sie warfen Brot und Kartoffeln zu ihnen— Und viele weinten und schluchzten laut, Sie hatten den Gatten, den Sohn erschaut! Nicht durften sie sprechen,— es drohen die Flammen, Die vom Feuer im Krematorium stammen. Der Vater, die Mutter, sie blieben getrennt, und keines der Kinder Aufenthalt kennt. Unzähl’ge sind tot hier am Platze geblieben. Vergast und erschossen, zerfleischt auch von Hieben! Warum und wieso? Das frage ich mich, Sind es nicht Menschen, wie Du und ich? Die Flammen haben die Leichen verzehrt: Ein Menschenleben ist hier nichts wert. (1944) 31 VERKOMMEN Wie Skelette, bleich und mager, Bringt man aus Gefangnenlager, Das in Deutschland nicht zu halten, Halb verhungerte Gestalten. Halb verhungert, ganz vertiert, Kommen Juden anmarschiert— Seuchenträger notabene Keine Spur von Hygiene— Angetan mit dünnen Stoffen, In Waggons, die oben offen, Fuhren sie vier Wochen lang, Nun, die Mehrzahl wurde krank.— Ungeziefer, Schmutz und Kot Steigern noch der Ärmsten Not. Körper, Seele sind verdorben, Viele im Transport gestorben, Und erst auf des Bahnhofs Weichen Trennt man Lebende von Leichen.— Solche Greuel zu gestalten, Der SS war's vorbehalten! (April 1945) DER EINZELNE UND DIE MASSE Hast Du sie einzeln vor Dir, so scheinen sie leidlich vernünftig, Und es gilt das Gesetz von der Erhaltung der Art, GleicherweisefürMenschen undVieh, herabbiszum grasenden Hammel, Welcher beschaulich und still wiederkaut, was er gerupft. Keines krümmet dem andern ein Haar, manhütetdiewehrlosen Kleinen, Die an der Mutter Leib Atzung finden und Schutz. Doch zur Masse geformt verläßt sie die eigne Besinnung, Und sie gehorchen dann dem, den sie zum Führer bestellt, Denken soll einer für alle, dem blind sie zu folgen bereit sind, Aber das Amt allein gibt ihm noch nicht den Verstand. Wirkt es bei Schafen nur blöde, wenn tausend waffenlos blöken, Folget dem menschlichen Wort tödlich der tosende Krieg! 33 DER KOMMANDANT Als des Krieges Ende kam, Saß beim Kommandanten Rahm Herr Dunant vom Roten Kreuz, Abgesandter aus der Schweiz. Viele Juden, Männer, Frauen, Wurden unter Rahm verhauen. Manchen hatte seine Macht In die Festungshaft verbracht. Schroff ist, was er denkt und spricht, Ein Gemütsmensch ist er nicht! Und es fiel ihm leicht, zu quälen Uns an Körper oder Seelen. Doch dem harten Manne bangt Vor dem, was man jetzt verlangt: Deutschland, das verloren hat, Schont nicht mehr Theresienstadt! Hitler hat sich ausgeheckt Seinen neusten Knalleffekt: Er befiehlt, es ist zum rasen, Alle Juden zu vergasen! Doch bei Rahm, trotz seinem Eid Zeigte sich noch Menschlichkeit. 20 000 zu ermorden*) Wäre ihm zu schwer geworden. Hat drum Dunant hört's und schaut Alles offen anvertraut. Sein Gewissen tat sich regen -Uns zum Heil und ihm zum Segen: Dunant hat dann ungeniert Russentruppen alarmiert. Diese kamen angerückt Uns're Rettung war geglückt! Rahm, der zögerte zu morden, Ist denn auch Pardon geworden. Dem Gerücht nach in der Schweiz Wirkt er heut beim Roten Kreuz. *) Reduktion der Einwohnerzahl infolge letzten Abtransports. 34 ( Mai 1945) DAS ROTE KREUZ In die Kriegswelt schwer und trübe Trägt man das Symbol der Liebe: Rotes Kreuz auf weißem Feld, Größter Segen dieser Welt! Traf uns Jammer ungemessen Waren wir doch nicht vergessen, Eine bess’re Zeit sich kündet Und‘die schlimmste Not, sie schwindet! Ach, in zwölfter Stunde war Uns die Rettung aus Gefahr: Was Millionen schon gescheh'n, Ein Vernichten, Untergeh'n, Oft verkündet grausam, hart, Gott hat uns davor bewahrt. Als ein Wunder sondergleichen Grüßen wir der Fahne Zeichen, Denn sie bringt der Rettung Kunde: Rotes Kreuz auf weißem Grunde. (Mai 1945) 35 36 GEFUNDEN „Ist Simon Neumann, mein Sohn noch am Leben?” So fragt mich der Vater, mit Lippen, die beben. „Die Frau schon verlor ich durch Nazi-Mord, Man schoß sie tot auf dem Transport, Und sollte den Sohn ich nicht wiederfinden, Wie könnte ich alter Mann das verwinden?“ Ich suchte den Namen und fand ihn bald Notiert als noch lebend in Buchenwald.— Da küßte der Greis mir mit einem Male Die Hände, die ihm das Nationale Des Sohnes gesucht und ging von dannen, Derweil aus den Augen die Tränen ihm rannen. (Juni 1945) DIE BERGUNG Der Nomade birgt die Herde, Steht der Feind auf seiner Erde. Es ist das, was er besitzt, Was ihn kleidet, nährt und schützt. Mancher andre birgt Juwelen, Denn man könnte sie ihm stehlen. Doch warum, frag ich mit Sorgen, Werden Judenfrau’n„geborgen"? Meister und Bewachungsposten Treiben keuchend sie gen Osten, Denn dort, wo sie Arbeit taten, Steh'n schen englische Soldaten. Aus Nordhausen floh man kläglich; Viele Kilometer täglich Wurden mühevoll geschafft, Denn den Frauen fehlts an Kraft. Ohne jeglichen Proviant Zieh’n sie durch das weite Land, Und die Posten mit Gewehr Unablässig hinterher. Manche, ach, erlag dem Treiben, Mußt’ am Wege liegen bleiben, Bis der Rest dann, krank und matt, Landet in Theresienstadt. Als die Frauen abgeführt, Sind die Posten heimmarschiert Im Gefühl erfüllter Pflicht, Weit’res interessiert sie nicht. Weil heut Russen für uns sorgen, Sind die Frauen doch geborgen. Es geschah zwar offenbar Anders als es Absicht war. (April 1945) 37 N 2 38 DIE BEFREIUNG Flieger schwirren, Schüsse knallen, Handgranaten platzend fallen, Kugeln pfeifen rings umher, Ständig knattert das Gewehr. Wird SS das Ghetto schonen, Das wir waffenlos bewohnen? Oder stürzen wir zusammen Und vergeh'n in Feuerflammen? Nacht umgibt uns dicht und schwer, Und Verbrecher geh’'n umher. Ängstlich huschen Mäuse, Ratten, Durch die finst'ren Kasematten, Deren Fenster fest vermauert: Hat der Gastod dort gelauert? Waren jetzt nicht erst gezogen Starke Gitter um die Bogen? Wozu Säle ohne Fenster? Ach, die Nacht birgt wohl Gespenster. Hört, da klingt mit einem Male Auf die Internationale, Und zu der Soldaten Tritt Singt das Volk begeistert mit. „Russen kommen, uns zu retten!” Alle Welt springt aus den Betten, Man umarmt sich, drückt die Hände, Und des Jubels ist kein Ende, Daß uns Gott hat, wer kann's fassen, Diesen Tag erleben lassen. Ein SS-Mann, jetzt sehr klein, Schmuggelt sich ins Ghetto ein. Eilends wirft er von sich weg Rock und Waffen und Gepäck! Ja, er trüge selber gern Jetzo einen Judenstern, Uns zum Schimpfe ausgegeben, Denn er möchte weiterleben.— Wo des Krieges Gluten schwelen, Mag die Ironie nicht fehlen: Hakenkreuze schaden nur— Aus ist ihre Konjunktur. 5(Nacht vom 7.18. Mai 1945) 39 | | 40 GESCHLAGEN Nordwärts deutsche Soldaten wanken, Die noch gesund ‚sind, stützen die Kranken, Fort‘sind die Waffen, fünf Jahre getragen, Aus ist der Krieg, das Heer ist geschlagen! Unter dem Drucke der jüngsten Gewalten Geh’'n wie gebrochen die starken Gestalten. Beulen am Helm, Monturen verschlissen, Wäsche im Rucksack, gebleicht und zerrissen. Tragen am Arme die weißen Binden, Die ihrer Freiheit Ende verkünden. Ganz zuletzt folgt ein Offizier, Füße umwickelt mit Stoff und Papier. Niedergeschlagen senkt er das Haupt: Man hat die Stiefel vom Fuß ihm geraubt! Wer es mit ansah, wie heim sie kehren, Kann sich des Mitleids denn doch nicht erwehren. So mußten Dünkel und Hochmut enden, Welch ein Erwachen nach langem Verblenden! (Mai 1945) 5 | Bote DIE VERGELTUNG Welch’ Wechsel der Dinge: Über Nacht Hat Nazis man hierher gebracht. Zur Arbeit im Ghetto, zum Straßenfegen, Aborte säubern, Pflaster legen, Und all’ die vielen andern Sachen, Die wir bisher uns selber machen. An Rock und Hose war bereits Ein aufgemaltes Hakenkreuz! Der Kopf teils rasiert, teils geschoren das Haar: Ein ziemlich kläglicher Anblick fürwahr! Nur wenige haben darüber gelacht, Die meisten geschwiegen und nachgedacht. „Das dankt ihr dem Führer,‘ hat man vernommen, Zu Ausschreitungen ist's nirgends gekommen. Ein jeder ging seines Weges fürbaß, Der Jude kennt nicht Germanischen Haß. Insofern hatte der Hitler recht: Sie sind halt ein anderes Geschlecht. Auch ich blieb still und dachte gern: Nicht uns ziemt Rache, sie ist des HERRN. Hier sei auf einen Vers von Heinrich Heine Bezug genommen, der prophe- tisch vor hundert Jahren geschrieben wurde: „Aber wir Germanen baß, Wir verstehen uns auf den Haß! Aus Gemütes Tiefe quillt er, Deutscher Haß! Gar mächtig schwillt er, Und mit seinem Gift erfüllt er Schier das Heidelberger Faß!” 41 42 AUSKLANG Nun, der Spuk ist endlich aus, Trotzdem gehts noch nicht nach Haus. Denn nicht jeder kann marschieren, Und die Bahnen funktionieren Wenig noch, auch gibts nicht viele Brauchbare Automobile. Also heißt's auf alle Arten Immer wieder: Warten, warten! Aber mit des Schicksals Wende Sind die Nerven auch am Ende, Und sie drohen fast zu reißen, Mußten sie zu sehr verschleißen. So beherrscht ein einz'ges Wort Jedermann hier: Schnell nur fort! Abends auf dem Marktplatz sehen Wir ein schnitt'ges Auto stehen, Zum Verfasser dieser Zeilen Einen schmucken Jüngling eilen: „Vater!“ ruft er laut und warm, Meinen Sohn halt ich im Arm. (8. Juli 1945) ANHANG( 5 Fabeln) VIER WÖLFE Vier Wölfe gehen unverzagt Im tiefen Walde auf die Jagd, Und da man just kein Wild erspäht, Spricht man von Kollegialität. ,, Wir Wölfe", wirft der eine hin, ,, Besitzen viel Gemeinschaftssinn, ,, Auch bei der Jagd die Beute schafft, ,, Am besten die vereinte Kraft." Da plötzlich unter alten Fichten Am See sie einen Eber sichten. Zwei Wölfe stürzen ihm entgegen, Zwei gehn, den Rückweg zu verlegen. Der Eber reißt im tollen Lauf Dem einen Wolf die Brust gleich auf. Stürzt sich in's Wasser, Sucht das Weite - Und landet auf der andern Seite. Die drei enttäuschten Wölfe finden Den Vierten sich am Boden winden. Er blutet stark sie tauschen Blicke Und reißen vollends ihn in Stücke. - Verzehren gierig den Kollegen; Ja, ja, Gemeinsinn ist ein Segen. Ein jeder brummt in seinen Bart: Ein Jagdglück, wenn auch eigner Art! Das kommt halt vor bei wilden Tieren, Bei Menschen kann es nicht passieren. 43 44 TAUBE UND NACHTIGALL Taube sprach zur Nachtigall: ,, Durch der Töne süßen Schall Übertriffst du, wie mich deucht, Alles, was da kreucht und fleucht. Solche wundervollen Gaben, Sie verpflichten, die sie haben. Statt vier Wochen nur fürwahr, Singe uns das ganze Jahr." Nachtigall sprach drauf zur Taube: ,, Bist im Irrtum, wie ich glaube: Sehnsucht gibt mir Lied und Wort, Die Erfüllung bläst es fort. Sitze ich im warmen Neste, Scheint mir Schweigen noch das Beste. Andre Zeiten, andre Normen, Suchen neue Ausdrucksformen. Wenn mein sanftes Lied verhallt, Herrscht des Flügelschlags Gewalt, Herrscht die Anmut der Gebärde, Harmonie verlangt die Erde. Lenz und Lied und Rausch betören Nur dort, wo sie hingehören. Soll der Ton erfreu'n die Seelen, Darf die Resonanz nicht fehlen. Adler, der um Firnen kreist, Pfau, deß bunt Gefieder gleiẞt, Rose, Aster, Schmetterling, Seine Zeit hat jedes Ding." Mit Verständnis sollst umfassen Du die Gaben aller Rassen. Denn die Kunst aus jedem Stand Macht das Sein erst intressant. DER LÖWE UND DER STIER Löwe sprach zu einem Stier: „Löse dieses Rätsel mir: Oft seh ich Euch hastig grasen, Bei Gefahr von dannen rasen, Und trotzdem so gut genährt, Wie ein Tier, das niemand stört.” „Die Natur gab uns fünf Magen,“ Hört darauf den Stier man sagen, „Einer gleichet Vorratstaschen, Einzustopfen, was wir haschen. Später legen wir uns nieder, Kauen dort behaglich wieder, Drauf die Speise, vorbereitet, In die andern Magen gleitet.“ „Höre auf, der Löwe brüllt, „Weil mich blasser Neid erfüllt! Muß viel Nahrung übriglassen, Nur ein Magen kanns nicht fassen! Schlecht verteilt ist alles hier, Was mir nottut, eignet Dir!"— Hierauf hat der Stier geschwiegen, Streitigkeiten ihm nicht liegen, Wenn der Gegner Löwe ist, Der bekanntlich Rinder frißt! Für den Löwen, dacht sein Sinn, Reicht ein Magen völlig hin, Doch das Rind, das friedlich weidet, Wird begeifert und beneidet! Ach, der Mächtigste hienieden Bleibt doch immer unzufrieden. 45 46 DIE BEIDEN HUNDE Zwei Hunde treffen sich auf den Gassen, Der eine war hitzig, der andre gelassen. Der hitzige Fix stand in sorglicher Hut, Bekam auch zu fressen, was nahrhaft und gut. Stramm wurde der Körper und glänzend die Haut, Von dem, was er täglich erhielt und verdaut. Der gelassene Fox litt mancherlei Not, Er suchte sich Abfall und schimmliches Brot, Auch madige Knochen und Reste von Fisch, Das war so sein täglicher Mittagstisch. Die Rippen ihm schimmern durch's struppige Haar, Ein Bildnis des Jammers.war er, fürwahr. Einst stehen vor einem Salatkopf die beiden, Den Hunde zu fressen sonst wirklich vermeiden, Schon mehrfach hat Fix den Happen berochen, Ist immer enttäuscht von dannen gekrochen. Da sieht er den Fox nach dem Bissen schnappen, Nicht gönnt er dem Armen den elenden Happen! Entschied sich trotz Abscheu und Magendrucken, Vor seinen Augen das Ding zu verschlucken. Als Fox auch nur knurrte, bekam es ihm schlecht, Bei Hunden hat eben der Stärkere recht. DIE KUH Der Himmel blaut, es zieh'n die Wolken, Am Waldrand wird die Kuh gemolken. Sie schüttelt mit dem Kopf und spricht: „Für ein paar Gräser mach ich's nicht. Wollt ihr die Milch für Käs und Butter, Gebt größ'ren Stall und beß’res Futter!” Sie stößt die Magd und eilt dahin Als unbestrittne Siegerin. Jedoch nur ein’ge Stunden weiter, Da zieht's und stichts in ihrem Euter. Sie läuft zum Stall und brüllt wie toll, Daß man sie wieder melken soll. Selbst unter Schlägen scheint jetzt Glück, Was vordem galt als Mißgeschick. 47