BUCHENWALD Ein Tatsachenbericht zur Geschichte der deutschen Widerstandsbewegung ” Von ROBERT LEIBBRAND Schutzhäftling Nr. 6613 EUROPA-VERLAG STUTTGART Ist es wirklich wahr... was man auf den Plakaten sah? Menschen in zerlumpten Gefangenenkleidern, abgemagert und krank; und das Grauen starrt aus ihren tiefen Augenhöhlen. Leichen, wie Brennholz aufeinandergebeigt, nur noch von Haut überzogene Gerippe. Berge von halbverkohlten Leichen; sie sind bei lebendigem Leibe verbrannt. Das fanden die alliierten Truppen vor, als sie die Tore von Dachau, Buchenwald, Vaihingen, Ohrdruf, Belsen und vielen anderen Lagern aufbrachen. Selten schaut noch ein Vorübergehender nach den Plakaten hin. Vor Wochen, als die ersten Bilder aushingen, waren öfters kleine Gruppen um sie versammelt. Die meisten blieben stumm. ,, Das haben wir nicht gewußt", entschuldigten sich manche. ,, Es ist Propaganda; wer weiß, was daran Wahres ist", zweifelten andere. Wir, die wir die Konzentrationslager am eigenen Leibe erlebt haben und erst durch den Sieg der Vereinten Nationen befreit wurden, bezeugen, daß jene Bilder nichts als die Wahrheit sagen. Ja, die volle Wahrheit ist noch viel grauenvoller; sie ist so fürchterlich, daß man sie in Bildern und Worten nicht schildern kann. Niemand darf vor dieser Wahrheit die Augen verschließen. Nur wer bestrebt ist, den nationalsozialistischen Terror in seiner ganzen Grausamkeit zu erkennen, kann sich freimachen von der Mitschuld an den Verbrechen des Hitler- Regimes, deretwegen Deutschland heute in der ganzen Welt verhaẞt ist. Der vorliegende Bericht über Buchenwald will jedem, der nicht absichtlich Augen und Ohren verschließt, Aufklärung geben über die Methoden der Konzentrationslager. Er enthält nichts, was ich nicht selbst erlebt habe oder von Augenzeugen weiß, die ich aus jahrelangem Zusammenleben als glaubwürdig und zuverlässig kenne. Der Bericht stützt' sich außerdem auf amtliche Dokumente der SS, in die wir Häftlinge durch unsere Arbeit in den Schreibstuben und Verwaltungsstellen der Lagerkommandantur Einblick erhielten. 3 Nach diesen amtlichen Dokumenten hat Buchenwald in den knapp 8 Jahren seines Bestehens über 51 000 Menschen das Leben gekostet. ,, Nur" 51 000, denn Dachau hatte fast 200 000 Tote und ebenso viele waren es in Mauthausen. Aber auch diese Zahlen werden noch weit übertroffen von den großen Vernichtungslagern im Osten. In LublinMaidanek errechnete die amtliche polnisch- sowjetrussische Untersuchungskommission die Zahl der Opfer auf 12 Millionen; die Berechnungen für Auschwitz ergeben über 4 Millionen Ermordeter. Wenn so der Bericht über Buchenwald auch nur einen kleinen Ausschnitt aus den Verbrechen der Konzentrationslager zeigt, so ist er doch typisch für das ganze System. In den alten Lagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald hat die Gestapo und SS schon lange vor dem Kriege ihre Terrormethoden gegen die deutschen Nazigegner ausprobiert und systematisch ausgearbeitet. Dort waren die Schulen der Gestapo- Folterknechte und SS- Henker, die dann im Kriege auf die unglückliche Bevölkerung der besetzten Gebiete losgelassen wurden. Aber Buchenwald war auch die Schule jener langjährigen politischen Gefangenen, die ihren Kampf gegen die Naziherrschaft auch in den Hochburgen des Naziterrors, in den Konzentrationslagern, fortgesetzt haben. Allen denen, die heute beteuern, man hätte ja gegen den Gestapo- Terror nichts ausrichten können, möge das Beispiel von Buchenwald beweisen, daß für entschlossene und opferbereite Kämpfer sich immer eine Möglichkeit des Widerstandes bietet und daß die Opfer eines solchen Kampfes nicht umsonst waren. Ma Sc Fa In ma de W Ul ka gr ein W au W Sc un K 47 un La W m N la tü 35 m app stet. iele veit linterBeAuster ach1. vor ausder unpoliauch fortden Bupfer die Wie Buchenwald gebaut wurde Als der Nationalsozialismus im Jahre 1933 in Deutschland zur Macht kam, da war ,, das KZ" eine seiner ersten Errungenschaften. Schon wenige Wochen nach dem 30. Januar wurden in leerstehenden Fabriken, alten Gefängnissen usw. Konzentrationslager eingerichtet. In Württemberg war das erste Konzentrationslager auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Heuberg. Als dieser dann für den Wiederaufbau des deutschen Militärstaats benötigt wurde, kamen die württembergischen Schutzhäftlinge auf das alte Fort Kuhberg bei Ulm. In dessen unterirdischen Kasematten, wo kein Sonnenstrahl hinkam und das Wasser von den Wänden lief, waren die Nazigegner vergraben, bis schließlich auch der Kuhberg in die deutsche Aufrüstung einbezogen wurde und die Schutzhäftlinge nach Dachau überführt wurden. Als dann die Gestapo ihren Apparat gründlich und umfangreich ausbaute und zusammen mit der Waffen- SS zu einem Staat im Staate wurde, da genügten die improvisierten Konzentrationslager nicht mehr. Schließlich sollte das Dritte Reich ja 1000 Jahre dauern, also plante und baute man mit deutscher Gründlichkeit und Systematik auch die Konzentrationslager auf lange Sicht. So wurde 1936/37 das alte Häftlingslager in Dachau abgerissen und ein neues größeres errichtet; in unmittelbarer Nähe des alten Lagers Oranienburg entstand das neue Lager Sachsenhausen. Am größten und modernsten aber sollte das neue Lager Buchenwald in Thüringen werden. Am Nordhang des Ettersberges bei Weimar, in etwa 400 m Höhe, sollte eine ausgedehnte SS- Stadt entstehen. Nach dem Plane nahm das von einem 3,5 km langen, elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun umgebene und von 23 Maschinengewehrtürmen bewachte Häftlingslager eine Fläche von etwa 40 ha ein. 35 Holzbaracken und 15 zweigeschossige Steinblocks sollten bei normaler Belegung rund 8000 Häftlinge aufnehmen. Dazu kamen Küche, 5 Wäscherei, Reparaturwerkstätten und Krankenbau und schließlich die ebenfalls innerhalb des elektrischen Zaunes gelegenen Gebäude und Lager der ,, Deutschen Ausrüstungswerkstätten". Um das am Berghang gelegene Häftlingslager zog sich in weitem Halbkreis auf der Berghöhe das SS- Lager. Über 150 ha erstreckten sich hier die Kommandantur- und Verwaltungsgebäude, Unterkünfte für die SS- Bewachungsmannschaften und schließlich große Kasernen, Garagen, Magazine und Werkstätten für eine motorisierte SS- Division. Rund 2 qkm umfaßte der gesamte Lagerbereich, dessen Betreten der Zivilbevölkerung streng verboten war. An allen Zugangswegen warnten große Schilder mit der Aufschrift ,, Lebensgefahr". Während der Arbeitszeit der Häftlinge auf den Baustellen, Steinbrüchen, Werkstätten usw. war der ganze Lagerbereich mit einer dichten Postenkette umstellt. Im Juli 1937 marschierte das erste Vorkommando auf den Ettersberg. Die Gefangenen mußten sich selbst in dem unbebauten Waldgelände eine erste notdürftige Unterkunft bauen und mit Stacheldraht einzäunen. Noch hatten die zuerst Angekommenen keine Unterkunft, als schon die nächsten Transporte anrollten, so daß am Jahresende das neue Lager fast 3000 Insassen zählte. Und schon war in allen Lagern, Zuchthäusern und Polizeigefängnissen Deutschlands der Name Buchenwald berüchtigt und gefürchtet. Nur wer es selber mitgemacht hat, kann ermessen, was es hieß, ein neues Konzentrationslager aufzubauen. Buchstäblich aus dem Nichts, d. h. aus dem Dreck heraus, ohne Maschinen, nur mit den einfachsten und primitivsten Werkzeugen mußte gerodet und planiert, mußten Straßen, Wasserleitungen und Kanalisation angelegt, Kasernen und Baracken gebaut und eingerichtet werden. Das alles mußte schnell gehen. Der Bau des neuen Lagers war ja nicht zuletzt ein Teil des gewaltigen Aufrüstungsprogramms. HitlerDeutschland rüstete fieberhaft zum Krieg. In wenigen Wochen sollte mit dem Überfall auf Österreich die erste Probe auf die Schlagkraft der neu aufgebauten Wehrmacht gemacht werden. In Buchenwald gings im ,, Caracho". Im Laufschritt mußten die schwerbeladenen Loren geschoben, Balken und Ziegel geschleppt werden. Wenn man nur einmal aufatmen, einen Moment den schmerzenden Rücken geradestrecken wollte, hagelte es Schläge. Sich einige 6 Mi ess di hi ge di St re st W W W H ke ar SC de st ei S li L d SO d u St F g P 888 die und item sich für nen, sion. der nten Aritten umtersWaldraht unft, das gern, BuB, ein chts, sten ßten und ar ja itlersollte kraft n die wermerMinuten vom Arbeitsplatz zu entfernen, während der Arbeitszeit zu essen oder gar zu rauchen, brachte eine Strafmeldung ein. Dann blieb die Alternative ,, Bock" oder ,, Baum". Über den Bock gespannt, 25 Stockhiebe auf das Gesäß, daß die Haut platzte, oder an den auf dem Rücken gefesselten Händen eine Stunde lang an einem Baum aufgehängt, daß die Arme aus den Gelenken gezerrt wurden das war die normale Strafe für angebliche Faulheit oder sonstige Verstöße gegen die zahlreichen Gebote und Verbote der Lagerordnung. - 12 bis 14 Stunden dauerte die tägliche Arbeitszeit, dazu kam der stundenlange Zählappell bei Arbeitsbeginn und Arbeitsschluß. Vom Wecken um 3.15 Uhr in der Früh bis zum Abpfeifen um 21 Uhr abends war der Gefangene Werktag wie Sonntag auf den Beinen. Selbst in den wenigen Nachtstunden war kein wirkliches Ausruhen möglich. Vom Häftlingslager existierte einstweilen nur der schöne Plan. Es gab noch keine Wege, keine Wasserleitung und Kanalisation, keine Abortanlagen. Die primitiven, überfüllten Unterkunftsbaracken standen bei schlechten Wetter in knietiefem Morast. Nicht selten fielen Häftlinge des Nachts beim Austreten in die primitiven Abortgruben und erstickten. Und wenn morgens beim Zählappell einer fehlte, wurden erst einmal die Abortgruben abgefischt. Die meisten Arbeiten für den Aufbau des Häftlingslagers mußten Sonntags und in den Abendstunden gemacht werden, wenn die Häftlinge schon einen schweren Arbeitstag auf den Baustellen des SSLagers hinter sich hatten. Die Lagerleitung kümmerte sich nicht um die Unterkunft ihrer Arbeitssklaven. Zuerst mußte in Tag- und Nachtschichten mit allem Komfort und Luxus die Villa des Lagerkommandánten, SS- Standartenführer Koch, gebaut und eingerichtet werden und für jeden SS- Offizier schnellstens ein Führerhaus. Auf das Arbeitsvieh brauchte man keine Rücksicht nehmen. Es stand genug zur Verfügung, die Gestapo sorgte für Nachschub. Im Frühjahr 1938 wurde im ganzen Reich eine Aktion gegen die sogenannten ,, Arbeitsscheuen" durchgeführt. Wieder rollten die Transporte und im August 1938 hatte das Lager Buchenwald mit rund 8000 Insassen einen vorläufigen Höchststand erreicht. einige 7 Politische Gefangene und kriminelle Verbrecher Die politische und soziale Herkunft dieser 8000 Lagerinsassen war eine wesentlich andere als die der alten Konzentrationslager in den Jahren 1933/34. Damals waren die KZ-Häftlinge in der überwiegenden Mehrheit Funktionäre und aktive ‚Mitglieder der Arbeiterorgani- sationen, und auch die Schutzhäftlinge aus dem bürgerlich-demokra- tischen Lager waren politisch bewußte Menschen, die ungeachtet aller parteipolitischen oder weltanschaulichen Gegensätze einig waren in dem Haß gegen das nationalsozialistische Terrorregime. Für SS und Gestapo war dieses eindeutige politische Gesicht der Konzentrationslager aus verschiedenen Gründen unbequem. Und so sannen sie auf Abhilfe. In den Jahren 1935/36 erschienen in den deut- schen Nazizeitungen Artikel und Bildberichte, in denen behauptet wurde, in den Konzentrationslagern befänden sich ja gar nicht mehr die Häftlinge vom Jahre 1933. Diese einstigen politischen Gegner seien längst„umgeschult“ und entlassen worden. Die jetzigen Insassen der Konzentrationslager seien durchweg Verbrecher, Mörder, Räuber, Sitt- lichkeitsverbrecher und asoziale Elemente, die unbedingt von der deut- schen Volksgemeinschaft isoliert werden müßten. Dies war eine Lüge. In Wirklichkeit war die Zahl der politischen Gefangenen seit 1933 keineswegs geringer geworden, sondern ein Teil von ihnen hatte das Konzentrationslager mit dem Zuchthaus oder Ge- fängnis vertauscht. Für jeden aber, der auf freien Fuß gesetzt wurde, kamen zwei neue, die verdächtig waren, die verbotenen Organisationen illegal fortgesetzt zu haben oder auch nurihre antifaschistische Ge- sinnung nicht sorgfältig genug verborgen hatten. Es bedeutete keine Abschwächung, sondern eine Verschärfung des politischen Terrors, wenn nun immer häufiger auch kriminelle Ge- fangene in die Konzentrationslager gesteckt wurden. Der einheitliche Block der politischen Häftlinge— in der Lagersprache die„Roten“ genannt, weil ihre Gefangenenkleidung auf der rechten Brustseite neben der Häftlingsnummer einen roten Winkel oder eigentlich ein Dreieck trug—, sollte durch die„Grünen“ und„Schwarzen“ zersetzt werden. Den grünen Winkel trugen die sogenannten Berufsverbrecher, die wegen krimineller Verbrechen, Mord, Totschlag, Raub, Einbruch, Be- f 8 v a ee hat bei die nic nu spi wa zal ve] en! ha hu nie bl: Se} Al war den den anikraaller n in der d so Heutuptet mehr seien der Sittdeutchen Teil r Geurde, onen Geg des e Getliche oten" tseite h ein rsetzt r, die , Betrug, Sittlichkeitsverbrechen usw., mehrfach vorbestraft waren. Nach der Verbüßung ihrer Strafe sollten sie in ,, Vorbeugungshaft" durch die harte Disziplin der Konzentrationslager am Rückfall in ihre alten Gewohnheiten gehindert werden. Schwarz war die Markierung der sogenannten Asozialen und Arbeitsscheuen. Anfänglich waren es Landstreicher und Bettler, Väter, die sich um die Alimentenzahlung gedrückt hatten, Ehemänner, die nicht für den Unterhalt von Frau und Kind aufkommen wollten und nun im Konzentrationslager ,, das Arbeiten lernen" sollten. Dazu kamen später die Arbeitsvertragsbrüchigen. Hunderttausende von Arbeitern waren von der Naziregierung zu Bauarbeiten am Westwall und den zahlreichen neuen Rüstungsbetrieben ,, dienstverpflichtet" worden. Wer versuchte, sich diesen schweren und schlecht bezahlten Arbeiten zu entziehen und sich anderswo eine bessere Arbeitsstelle suchte, der hatte einen Arbeitsvertragsbruch begangen und wurde zur ,, Umerziehung" ins Konzentrationslager gebracht. Die Farbenskala der Häftlingsmarkierung war damit noch lange nicht erschöpft. Es gab den violetten Winkel der Bibelforscher, den blauen Winkel der Emigranten, den rosaroten Winkel der Homosexuellen; und nicht zuletzt waren da die Juden, die den roten, grünen oder schwarzen Winkel mit dem gelben Judenwinkel gekreuzt trugen. Alle diese vielfachen Unterscheidungen verrieten deutlich das Bestreben der Gestapo, die Lagerinsassen aufzuspalten und Mißtrauen zu säen. Entscheidend aber für das Gelingen solcher Versuche war das Verhältnis zwischen den beiden großen Gruppen der Politischen einerseits und der Berufsverbrecher andererseits, zwischen den ,, Roten" und den ,, Grünen". Es gab unter den Berufsverbrechern rühmliche Ausnahmen, die sich als gute Kameraden bewährten, aber in der Mehrzahl handelte es sich bei den ,, Grünen" um kriminelle Elemente, die sich in keine Ge-( meinschaft einfügen konnten und wollten. Infolge ihrer moralischen Haltlosigkeit ließen sie sich oft um persönlicher Vorteile willen als Werkzeuge der SS gegen ihre Mithäftlinge mißbrauchen. Aus den Reihen der kriminellen Verbrecher rekrutierte die Gestapo mit Vorliebe die sogenannten ,, Funktionshäftlinge" in den Konzentrationslagern. Von Anfang an verfolgte die SS die Taktik, einzelne Häftlinge für die Disziplin und Arbeitsleistung ihrer Kameraden verantwortlich zu 9 machen. Lagerälteste waren für die allgemeine Disziplin, Arbeitsein- teilung, sanitäre Verhältnisse usw. im Lager verantwortlich. Block- älteste hatten für Ordnung und Reinlichkeit, für die Verteilung der Verpflegung in den Wohnbaracken zu sorgen. Capos und Vorarbeiter trugen die Verantwortung für die Arbeitskommandos. Es war damit keineswegs beabsichtigt, den Häftlingen irgendwelche Möglichkeiten der Selbstverwaltung zu geben; diese sogenannten„Funktionskräfte“ sollten lediglich willenlose Werkzeuge der SS sein. Sie wurden zuerst bestraft, wenn ihr Block oder ihr Arbeitskommando irgendwie„auf- fiel“. Und sie wurden ihrerseits oft gezwungen, von der SS befohlene Strafen an ihren eigenen Kameraden durchzuführen. In diesem wohldurchdachten System war eine Lücke. Und das war die Unfähigkeit und Faulheit der für die Bewachung und Leitung der Konzentrationslager eingesetzten Führer und Unterführer der SS. Sie waren zweifellos unübertreffliche Menschenschinder und Henker, aber eben deshalb hatten sie eine unüberwindliche Abneigung gegen jede ehrliche Arbeit und waren völlig unfähig zur Bewältigung der Organi- sations- und Verwaltungsaufgaben in den immer größer werdenden Lagern. Man mußte daher zu solchen Arbeiten Häftlinge heranziehen, die dadurch begrenzte Möglichkeiten bekamen, auf die allgemeinen Lagerverhältnisse einzuwirken. Es hing aber alles davon ab, wer diese sogenannten Funktionskräfte waren und in welchem Sinne sie ihren Einfluß geltend machten. In allen Lagern war das eine über Ge- sundheit und Leben der Insassen entscheidende Frage, überall mußte der Kampf der Häftlinge gegen die SS zuerst um die Besetzung der Häftlingsfunktionen geführt werden. Der Kampf der„Roten“ gegen die„Grünen“ Die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald ist die Ge- schichte eines auf Leben und Tod geführten Kampfes zwischen„Grü- nen“ und„Roten“. Bei der Errichtung des Lagers wurden von der SS alle Häftlingsfunktionen mit„Grünen“ besetzt, die im Lager Sachsen- hausen den Neuaufbau und die dazu gehörigen Methoden gelernt hat- ten. Erster Lagerältester wurde ein mehrfach vorbestrafter Berufs- verbrecher namens Richter, der bis zum Jahre 1933 dem berüchtigten 10 N ini die vo Stı un be be tio blı du sy di u Te se! mi un einockder eiter amit eiten fte" erst auflene war der .Sie aber jede ganinden ehen, einen wer e sie r Gemußte g der e GeGrüder SS chsent haterufstigten SA- Mordsturm 33 in Berlin angehört hatte. Unter seiner Führung übten die ,, grünen" Capos und Blockältesten, unterstützt und angestachelt von der SS, ein Schreckensregiment aus. Sie führten die Disziplinar- und Strafmaßnahmen der SS gegen die Häftlinge mit sadistischer, Schärfe und Grausamkeit durch, trieben mit Mißhandlungen zu höchsten Arbeitsleistungen an, beraubten Häftlinge ihres persönlichen Eigentums, betrogen sie um die an sich schon unzureichenden Verpflegungsportionen und denunzierten jede aufrechte Haltung bei der SS. Nicht nur blutige Mißhandlungen, sondern selbst die Ermordung von Häftlingen durch Capos und Blockälteste waren tägliche Ereignisse. Gegen diese Herrschaft der grünen" Lagerfunktionäre wurde von den ,, Roten" ein erbitterter Kampf geführt. Es war ein Kampf mit ungleichen Waffen. Alle Vorteile waren auf seiten der ,, Grünen". Sie hatten die volle Unterstützung der SS. Jeder Widerstand gegen ihre Maßnahmen wurde als Disziplinbruch oder Meuterei mit schweren Mißhandlungen oder Totschlag beantwortet. Die ,, Roten" wurden systematisch zu den schwersten und gefährlichsten Arbeiten kommandiert. In vielen Fällen wurden Häftlinge wegen politischer Diskussion und antifaschistischer Propaganda der SS denunziert und zur schweren Bestrafung ausgeliefert. Gegen all das konnten sich die ,, Roten" nur versteckt zur Wehr setzen. Gegen die Brutalität der ,, Grünen" stellten sie ihre geistige und moralische Überlegenheit, gegen deren Egoismus ihre Kameradschaft und Disziplin. Den Kern der ,, Roten" bildeten die alten Politischen aus Lichtenburg und Sachsenburg, größtenteils Kommunisten, die schon seit 1933 hinter dem Stacheldraht waren. Sie bildeten eine verschworene Gemeinschaft, in der unbedingte Kameradschaft das oberste Gesetz war. Wer dieser Gemeinschaft angehörte, wurde von den Kameraden immer und mit allen Mitteln unterstützt und gedeckt. Er wurde an einem möglichst guten Arbeitsplatz untergebracht. Er wurde vor Verrätern gewarnt, lernte alle Kniffe und Schliche, mit denen die zahllosen Schikanen der Lagerordnung umgangen werden konnten. Machte er bei der Arbeit schlapp, dann nahmen ihm kräftigere Kameraden heimlich einen Teil seiner Arbeit ab. Drohten Kameraden zusammenzubrechen, wenn sie ununterbrochen im Laufschritt schwer beladene - Feldbahnwagen schieben mußten, dann ließen die Mutigsten und Entschlossensten eben ihren Wagen entgleisen. Sie mußten ihn unter Be11 - schimpfungen und Prügeln wieder in die Schienen heben aber für 10 Minuten war das Geleise gesperrt. und konnten 50 oder 100 Kameraden aufatmen und ausruhen. Man mußte ,, mit den Augen arbeiten". Überall konnten die Antreiber ja nicht sein. War die Luft rein, dann konnte man etwas ausruhen, sich vorsichtig unterhalten, verstohlen einen Bissen Brot essen. Näherte sich ein SS- Mann oder ein ,, grüner" Capo, dann ging die Warnung ,, Achtzehn" leise von Mann zu Mann, und alles war eifrig bei der Arbeit. So unbedingt jeder gute Kamerad unterstützt wurde, so unerbittlich wurde jeder sabotiert, der sich durch Denunziationen und Speichelleckerei bei der SS lieb Kind machen wollte. Wir als organisierte Arbeiter hatten schon draußen gelernt, wie man Streikbrechern und Spitzeln in den Betrieben das Leben sauer macht. Sie bekamen zufällig immer das schlechteste Werkzeug, den ungünstigsten Arbeitsplatz. Niemand half ihnen, niemand warnte sie, wenn ,, dicke Luft" war. Erst recht galt diese Sabotage den ,, grünen" Capos und Blockältesten. Ihnen wurden alle erdenklichen Schwierigkeiten bereitet, man ließ sie bei jeder Gelegenheit auffallen, selbst wenn das eine Bestrafung für das ganze Arbeitskommando nach sich zog. Ebenso entschieden wurden ,, rote" Vorarbeiter und Capos unterstützt, die wegen ihrer beruflichen Fähigkeiten vor allem in den Werkstätten eingesetzt waren. Ihre Kommandos durften nie auffallen; ging trotzdem einmal etwas schief, so nahm ein einzelner Schuld und Strafe auf sich. Alles war darauf abgestellt, die ,, grünen" Lagerfunktionäre in den Augen der SS als unfähig erscheinen zu lassen, während bei den ,, Roten" immer ,, der Laden klappte". Die Judenaktion im November 1938 So waren die Positionen der Grünen an vielen Stellen untergraben, als der unterirdische Kampf bei der großen Judenaktion im Winter 1938/39 seinen Höhepunkt erreichte. Die Nazis hatten den Anschlag auf einen Beamten der deutschen Botschaft in Paris zum Anlaß eines großen Judenprogroms genommen. Überall in Deutschland wurde der ,, Volkszorn" organisiert. SA- und SS- Leute in Zivilkleidung plünderten jüdische Geschäfte und Wohnungen, Synagogen wurden an12 ge m ha di S n ru L b ti en a b g S W V H W J d W e 11 d h T W S t f S für meAnausssen. Warder bittchele Arund Fällig platz. . lockman fung eden er bearen. etwas Swar er SS ,, der aben, Vinter schlag eines wurde plünen angezündet, jüdische Friedhöfe zerstört und Zehntausende von Juden mißhandelt und verhaftet. Innerhalb weniger Tage wurden 12 000 verhaftete Juden in Buchenwald eingeliefert. Bei ihrem Einmarsch stand die SS mit Knüppeln und Peitschen bewaffnet auf der 7 km langen Straße von Weimar bis zum Lager Spalier. Am Lagereingang wurde nur ein kleines Tor geöffnet, durch das die Verhafteten einzeln Spießruten laufen mußten. Kaum ein einziger von ihnen kam unverletzt ins Lager. Dann wurden die 12 000 Menschen in fünf primitiven Notbaracken auf dem Appellplatz untergebracht. Es gab in diesen berüchtigten Baracken 1 a- 5 a weder Strohsäcke noch Decken, weder Wascheinrichtung noch Aborte; zu vieren lagen die Menschen übereinander. Als eines Nachts SS- Leute und Grüne mit Peitschen und Pistolen bewaffnet in die Baracken eindrangen, entstand unter den zusammengepferchten, verprügelten und verängstigten Menschen eine unbeschreibliche Verwirrung und Panik, die prompt als ,, Meuterei" erklärt wurde. Zur Strafe für diese angebliche Meuterei wurden mehrere Gruppen von 25 bis 30 Gefangenen im Kreis um einen Baum gestellt und an den Händen aneinander gefesselt. Dann wurden Hunde auf sie gehetzt, welche die wehrlosen, gefesselten Menschen in wahnsinniger, wilder Jagd im Kreis um den Baum herumjagten. Viele der so Gehetzten wurden von den Hunden buchstäblich zerrissen. 70 Gefangene wurden wahnsinnig und sind später im Arrest ermordet worden. Täglich ereigneten sich Selbstmorde, die Verzweifelten erhängten sich oder liefen in den elektrischen Zaun, und der Rapportführer verkündete durch den Lautsprecher: ,, Wenn sich wieder einer von den Saujuden aufhängt, dann stecke er gefälligst einen Zettel mit seinem Namen in die Tasche, damit man weiß, wer er ist." Da sich unter den Verhafteten eine verhältnismäßig große Anzahl wohlhabender Geschäftsleute befanden, nützten die SS- Leute diese Aktion auch zur persönlichen Bereicherung aus. Durch den Lautsprecher wurde verkündet, daß diejenigen bevorzugt entlassen würden, die ihre Autos oder Häuser der Lagerleitung zur Verfügung stellten. Jeden Tag mußten Tausende von Mark gesammelt werden, einmal für angebliche Beschädigung von Barackeneinrichtungen, dann für Entlassungsspesen usw. Die grünen Block- und Stubenältesten ließen sich jeden Schluck Wasser bezahlen. Alle Wertsachen, Ringe, Uhren, 13 \® die die Juden bei sich trugen, wurden ihnen abgenommen und ver- schwanden in den Taschen der SS und ihrer kriminellen Helfershelfer, Die Hitler-Regierung wagte damals noch nicht, die brutalen Ausrot- tungsmethoden der späteren Jahre und betrieb die Abschiebung der lästigen Juden ins Ausland. Wer durch Angehörige oder Freunde Ein- reisevisen und Schiffskarten nach Palästina oder Amerika erhielt, wurde bevorzugt entlassen. So wußte man bald in Paris, London und New York von den Schrecken der Buchenwalder Baracken la—5a, und da nicht nur arme Teufel betroffen waren, sondern Leute mit Bezie- hungen zu einflußreichen Kreisen der Westmächte, war das Blut- und Geldfest der SS den in Außenpolitik machenden Nazis unangenehm; denn es waren die Tage des Münchner Paktes. Also mußten einige Sündenböcke geopfert werden. Die grünen Lagerfunktionäre waren durch ihre Korruption und Unfähigkeit so- wieso unbrauchbar geworden. Ihre allzu engen Geschäftsverbindungen mit den SS-Leuten drohten die Disziplin des Kommandanturstabes zu zersetzen. So wurden die grünen Lagerfunktionäre abgesetzt und ein Teil der Berufsverbrecher in andere Lager abgeschoben. Der Lager- älteste Richter und seine berüchtigten Komplizen wurden von der 58 selbst als unbequeme Mitwisser umgebracht. Ihr Ende ist charakte- ristisch für das Schicksal aller Henkersknechte. Wir konnten immer wieder die Erfahrung machen, daß nicht nur die meisten SS-Kreaturen aus den Reihen der Häftlinge, sondern auch viele berüchtigte SS- Schläger und SS-Mörder schließlich von der SS selbst ermordet wurden. Im Frühjahr 1939 war die Vorherrschaft der Grünen gebrochen, und die wichtigsten Lagerfunktionen waren mit politischen Häftlingen besetzt. Aber der Kampf zwischen den„Grünen“ und„Roten‘ war damit nicht zu Ende. Immer wieder versuchte die SS aus den Reihen der Häftlinge Helfershelfer und Denunzianten zu gewinnen. Durch Drohungen und durch die Verlockungen mit persönlichen Vorteilen versuchte sie, die Lagerfunktionäre gegen ihre Mitkameraden aufzu- hetzen und als Werkzeuge der SS zu benützen. Dagegen half nur här- teste Disziplin und Kameradschaft unter den politischen Häftlingen. Fragen der inneren Disziplin und des Zusammenlebens der Häftlinge wurden grundsätzlich unter den Häftlingen selbst geregelt. Kein Capo oder Blockältester durfte Verstöße gegen die Lagerordnung bei der ss anzeigen, selbst wenn er dadurch sich selber oder sein ganzes Kom- 14 ner ren len. 1en, gen war hen ıcch len fzu- här- gen. inge ‚apO r 55 ‚om- mando der Gefahr der Bestrafung aussetzte,„Wer zinkt— stirbt‘,- war eisernes Lagergesetz. Jede Denunziation bei der SS wurde mit allen Mitteln bestraft. Schon der Versuch, bei Meinungsverschieden- heiten oder Streitigkeiten ‚der Häftlinge untereinander die Entschei- dung der SS anzurufen, wurde einer Denunziation gleichgeachtet. Über allem Tun und Lassen des einzelnen stand das Gebot der Kamerad- schaft und der Solidarität. Nur wer sich vorbehaltlos in die Gemein- schaft einfügte, trug den Ehrennamen„Kumpel“, mit dem sich die politischen Häftlinge gegenseitig anredeten. Der erste Kriegswinter Bei Kriegsbeginn standen die politischen Häftlinge in Buchenwald als ein fester, durch Kampf und Opfer zusammengeschweißter Block. Wir wußten, daß uns der Krieg neue, noch schwerere Opfer und Kämpfe bringen würde. Aber wir wußten auch, daß nun die lang- ersehnte Entscheidung nahte. Und wir ließen keinen Zweifel daran aufkommen, daß der Krieg nur mit dem. Sturz der Naziherrschaft enden konnte und durfte. Wieder kamen Transporte an. In ganz Deutschland hatte wieder einmal eine große Verhaftungsaktion stattgefunden. Was sich an be- kannten Nazigegnern noch auf freiem Fuß befand, ehemalige Funk- tionäre der Arbeiterorganisationen, frühere Abgeordnete und Ge- meinderäte, die nach jahrelanger Straf- oder Schutzhaft„probeweise‘ entlassen worden waren, wurden wieder geholt. Das Lager Dachau wurde bei Kriegsbeginn geräumt, um für SS-Truppen Platz zu schaffen, die Dachauer Häftlinge auf andere Lager verteilt. Über 2000 von ihnen kamen nach Buchenwald, so daß die Lagerstärke im Oktober 1939 auf über 12000 Häftlinge stieg.\ Unter den Neuen befanden sich die ersten größeren Gruppen aus- ländischer Häftlinge. Seit dem Überfall auf Österreich im Frühjahr 1938 waren österreichische Kameraden im Lager. Die erste fremd- sprathige Gruppe im Lager waren die Tschechen, Beamte, Offiziere, Abgeordnete usw., die als Gegner der hitlerhörigen Hacha-Regierung bekannt waren. So kamen die ersten 800 tschechischen Häftlinge nach Buchenwald. 15 Nach der Beendigung des Polenkrieges erlebte Buchenwald ein grauenhaftes Nachspiel in der Aktion gegen die angeblichen polnischen Heckenschützen. Über 2000 polnische Gefangene wurden in einem besonderen, streng isolierten Lager auf dem Appellplatz untergebracht. Bei 15-20 Grad Kälte mußten sie ohne Strohsäcke und Decken in Zelten schlafen, erhielten nur halbe Verpflegungsrationen und wurden fast unaufhörlich geprügelt. Kurz darauf wurden über 2000 meist staatenlose Juden aus Wien und den besetzten Ostgebieten in das Polenlager gesteckt. Seine Insassen brauchten zwar nicht zu arbeiten, mußten aber während der ganzen Arbeitszeit der übrigen Häftlinge ohne Mäntel in dünner Sommerkleidung militärisch ausgerichtet vor ihren Zelten stehen oder strafexerzieren. Wenn wir morgens am Polenlager vorbei zur Arbeit marschierten, sahen wir täglich die in der Nacht Verstorbenen vor den Zelten im Schnee liegen. Die Überlebenden hatten sie nackt ausgezogen, um sich selbst mit den dünnen Lumpen vor der beißenden Kälte zu schützen. Unter Berufung auf die Seuchengefahr für das ganze Lager und nicht zuletzt auch für die SS selbst, gelang es den roten Lagerfunktionären und vor allem dem Capo des Krankenbaus nach unablässigen Vorstellungen endlich in Frühjahr 1940 die Auflösung des Polenlagers zu erreichen. Von den mehr als 4000 Insassen waren noch 800 am Leben. Aber auch für das ganze Häftlingslager war es seit Kriegsbeginn erheblich schlechter geworden. Am 9. November 1939 nach dem Attentat im Bürgerbräukeller in München suchte die SS aus den Judenblocks wahllos 21 Opfer heraus, führte sie in den Steinbruch und schoẞ sie dort nieder. Wenige Tage später erhielt das ganze Lager wegen eines angeblichen Diebstahls im Schweinestall, der in Wirklichkeit von SS- Leuten begangen war, für 5 Tage vollständigen Essenentzug. Anschließend wurden die Verpflegungsrationen bedeutend herabgesetzt. Das Resultat war ein Massensterben im Lager; Typhus und Ruhrerkrankungen häuften sich, so daß die Lagerleitung schließlich eine Sperre über das ganze Lager verhängen mußte. Der Lagerstand sank von 12 840 Insassen im Oktober 1939 auf knapp 8000 am 1. Mai 1940. In diesem ersten Kriegswinter bekam Buchenwald sein Krematorium. Bisher waren die Leichen nach Weimar und anderen thüringischen Städten zur Verbrennung gebracht worden. Aber die wach16 se de br au au D W al de za S el C B li in m d d h h d S S ein en en ht. in senden Totenzahlen sollten geheim bleiben, und so wurde im Eiltempo der Bau des Krematoriums begonnen. Ursprünglich waren zwei Verbrennungsöfen vorgesehen, noch während des Baues wurde ihre Zahl auf vier erhöht, später wurde das Krematorium nochmals erweitert auf sechs Öfen; sie waren ununterbrochen in Betrieb, Tag und Nacht. Hen eist das en, nge vor ender bernen die SS apo ühehr ginn tenocks hoB egen keit zug. rabund Blich tand Mai emathüachDer Steinbruch Einer der Hauptlieferanten des Krematoriums war der Steinbruch. Das Steinbruchkommando war am meisten gefürchtet. Wer neu kam, wurde grundsätzlich zuerst in den Steinbruch gesteckt, wenn er nicht als Facharbeiter für die Werkstätten reklamiert werden konnte. In den Steinbruch kam ferner jeder, der irgendeinen Verstoß gegen die zahllosen Bestimmungen und Verbote der Lagerordnung beging. Im Steinbruch waren die schlimmsten Schläger der SS- Leute als Aufseher eingesetzt. Sie verstanden es immer wieder, grüne und abtrünnige rote Capos und Vorarbeiter als Antreiber zu gewinnen. Unter ständigen Beschimpfungen und Mißhandlungen mußten dort schwerste körperliche Arbeiten geleistet werden. Im Steinbruch wurden vor allem ,, Erschießungen auf der Flucht" inszeniert. Wer von der Gestapo mit einem entsprechenden Aktenvermerk ins Lager geschickt oder aus irgendeinem anderen Grund von der Lagerleitung zur Liquidierung bestimmt war, wurde morgens bei der Arbeitseinteilung vom Lagerführer mit einer speziellen Empfehlung dem Kommandoführer vom Steinbruch übergeben. ,, Du kommst heute nicht mehr lebend aus dem Steinbruch zurück, dich treiben wir heute über die Postenkette", wurde dem Opfer erklärt. Dauernd von den Antreibern umringt, mußte der Gefangene im Laufschritt schwere Steine den steilen Berg hinaufschleppen. Von allen Seiten beschimpft, geschlagen, getreten und gestoßen, wurde er schließlich in eine besinnungslose Angst und Verwirrung hineingetrieben, bis er durch die knapp am Steinbruch vorbeilaufende Postenkette lief und erschossen wurde. Die SS- Posten bekamen für jeden Abschuß eine Belohnung von 3 Tagen Sonderurlaub und Tabak. Das gab den Anlaß für förmliche Verträge zwischen den Antreibern im Arbeitskommando und den SS17 Leuten der Postenkette. Jeder Posten bemühte sich darum, daß die Totgeweihten an seinem Platz über die Kette gejagt wurden. Der glückliche Schütze erhielt dann sèine 3 Tage Urlaub; den Tabak gab er als Belohnung den Zutreibern. we ve fin Di Das Ehrenwort des Lagerkommandanten Im Frühjahr 1941 ereignete sich ein für die Zustände im Lager besonders bezeichnender Fall. Bei einem kleinen Arbeitskommando war der sozialdemokratische Kamerad Hamber aus Wien von dem SSOberscharführer Abraham, einem berüchtigten Prügelhelden, zu Tode mißhandelt worden. Der SS- Mann schlug den jüdischen Kameraden nieder, warf ihn in ein Wasserloch und stieß ihn mit Fußtritten so lange unter Wasser, bis er qualvoll erstickt war. " Das war, ein alltägliches Ereignis, aber selbst für Buchenwald ungewöhnlich war sein Nachspiel. Von irgendeiner Seite war eine Beschwerde beim Lagerkommandanten eingéreicht worden. Darauf wurden ale 30 Häftlinge des Kommandos ans Tor gerufen und über den ,, Unfall" befragt. Rapportführer und Lagerarzt versicherten den Häftlingen, daß ihnen nichts passieren würde, wenn sie die reine Wahrheit sagen würden. Aber sie wußten, was von solchen Versprechungen zu halten war. Keiner hatte etwas gesehen. Nur der Bruder des Ermordeten schilderte den Vorfall wahrheitsgemäß. Er wurde darauf vor den Lagerkommandanten Koch gebracht, der ihm nochmals erklärte: Wir wollen von Ihnen die volle Wahrheit wissen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Ihnen nichts geschehen wird." Er gab darauf auch vor dem Kommandanten eine wahrheitsgemäße Schilderung des Mordes: Als er von der Vernehmung zurückkam, sagte er den Kameraden: ,, Ich weiß, daß ich für meine Angabe sterben muß, aber vielleicht werden, sich diese Verbrecher in Zukunft doch etwas zurückhalten." Eine Stunde darauf wurde er in den Arrest geholt und wenige Tage später war er tot. Alle Häftlinge des betreffenden Arbeitskommandos, die Augenzeugen des Mordes gewesen waren, waren vom Rapportführer aufgeschrieben worden. Einer nach dem andern wurde in den Arrest gebracht und kam nicht wieder. Das ganze Arbeitskommando war liquidiert. 18 zu bl W K er de W öf se se bo de al SC B di E ru Z V h h U A I B die lücker als er beo war SSTode raden en so d une Bewurer den Häftrheit en zu rmorf vor Unter solchen Verhältnissen hatten die politischen Häftlinge auch weiterhin einen äußerst schweren Kampf zu führen. Immer wieder versuchte die SS, aus den Reihen der Grünen Helfershelfer für sich zu finden oder auch zweifelhafte und charakterschwache Rote in ihren Dienst zu zwingen und die aufrechten roten Lagerfunktionäre wieder zu beseitigen. So waren kaum die grünen Blockältesten in den Judenblocks durch jüdische Kameraden ersetzt worden, als schon nach wenigen Wochen der Blockälteste des Judenblocks 22, ein jüdischer Kommunist aus Berlin, auf Grund einer Denunziation im Steinbruch ermordet wurde. Noch schwerer traf alle Politischen der Schlag gegen den Capo im Häftlingsrevier, den kommunistischen Abgeordneten Walter Krämer. Unter seiner Führung war das Revier seit der Eröffnung des Lagers in der Hand der Roten gewesen. Er hatte durch seine aufopferungsbereite Tätigkeit gerade in den schwersten Jahren sehr vielen Kameraden geholfen, hatte sie trotz ausdrücklichem Verbot im Geheimen behandelt und sich besonders der vielen Miẞhandelten angenommen. Auch er wurde denunziert, von seiner Funktion abgesetzt und zusammen mit seinem nächsten Mitarbeiter von dem schon aus dem Dachauer Arrest berüchtigten SS- Hauptscharführer Blank ermordet. Dies sind nur einige Beispiele der schweren Opfer, die der unterirdische Kampf gegen die SS und ihre Kreaturen forderte. Einen neuen Höhepunkt erreichte er bei der Einlieferung der ersten russischen Kriegsgefangenen ins Lager. lärte: mein auch Moraden: leicht alten." Tage andos, pportin den mando Die Genickschußanlage im Pferdestall Im Oktober 1941 wurden 2000 russische Kriegsgefangene ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Sie hatten den ganzen Weg von der Ostfront in wochenlangen Fußmärschen zurücklegen müssen, hatten immer im Freien übernachtet und nur selten Verpflegung erhalten. Völlig entkräftet und verschmutzt, in zerlumpten Uniformen und zerrissenen Schuhen kamen sie ins Lager. Die SS dachte uns so den angeblichen Zusammenbruch der Roten Armee zu demonstrieren. Aber die Häftlinge demonstrierten ihre Solidarität mit der Roten Armee. Trotz der strengen Absperrungsmaßnahmen wurden den Kriegs19 gefangenen Lebensmittel, Kleidungsstücke und Zigaretten zugesteckt. In manchen Blocks gab es an diesem Tage keine Krume Brot mehr. Deutsche, österreichische, tschechische, polnische Kameraden hatten ihr letztes Stückchen den Russen gegeben. Die SS schäumte vor Wut.„Euch roten: Hunden, euch Bolsche- wikenpack werden wir’s zeigen!“ tobte der Lagerführer. Das ganze Lager wurde mit Verpflegungskürzung und Strafstehen bestraft. Drei rote Blockälteste wurden abgesetzt, bekamen 25 Stockhiebe und wur- den in die Strafkompanie gesteckt. Die Kriegsgefangenen wurden: streng isoliert, bekamen nur grüne Blockälteste und Capos und wurden in gesonderten Arbeitskommandos zu besonders schweren Arbeiten eingesetät.\ Wir fragten uns: Weshalb werden Kriegsgefangene, die Anspruch auf eine den internationalen Konventionen entsprechende Behandlung hatten, in ein für Zivilgefangene bestimmtes Konzentrationslager ge- bracht? Mit den Kriegsgefangenen aus anderen alliierten Nationen war dies nie geschehen. Daß man mit den gefangenen Sowjetsoldaten eine Ausnahme machte und Teile von ihnen nicht nur in Buchenwald, son- dern auch in Dachau, Sachsenhausen und anderen Konzentrations- lagern unterbrachte, diente einem besonderen Zweck. Die Massen- erschießungen von sowjetrussischen Kriegsgefangenen sollten getarnt werden. In den großen Kriegsgefangenenlagern wurden die russischen Soldaten von den Agenten der Gestapo ‚„durchgesiebt‘“. Man zog die Kommunisten, politischen Kommissare, kurz alle aktiven politischen Kräfte aus der Masse der Gefangenen heraus, brachte sie in die Kon- zentrationslager zur Liquidation. In Buchenwald war zu diesem Zwecke eine besondere Genick- schußanlage geschaffen worden. Die von der Gestapo eingelieferten russischen Kriegsgefangenen wurden in den außerhalb des elektrischen Zaunes gelegenen Pferdestall gebracht. Unter dem Vorwand einer Ge- sundheitskontrolle mußten sie sich dort entkleiden, SS-Leute in weißen Ärztekitteln führten ihnen die Komödie einer Untersuchung vor, wobei sich der Gefangene an eine an der Wand angebrachte Meßlatte stellen mußte. Hinter der Wand stand ein SS-Mann mit der Maschinenpistole, der das ahnungslose Opfer durch eine schmale Wandöffnung ins Ge- nick schoß. Während der noch warme Leichnam durch eine Hintertür abgeschleppt und auf das bereitstehende Lastauto geworfen wurde, 20 PN ER gt steckt. mehr. matten lscheganze . Drei wururden urden beiten pruch ndlung ger geen war n eine d, sonationsassengetarnt ischen og die ischen Konenickeferten ischen mer Geweißen wobei stellen pistole, ins Geentertür wurde, öffnete sich die Tür des ,, Untersuchungsraumes" für den nächsten Kriegsgefangenen. Die Mordarbeit war mit deutscher Gründlichkeit organisiert und ging am laufenden Band. Das Hinrichtungszimmer war schalldicht abgepolstert, im Vorraum spielten zwei starke Lautsprecher Radiomusik. Weil das Leichenauto auf der Fahrt zum Krematorium eine breite Blutspur gezeichnet hatte, wurde es mit Zinkblech ausgeschlagen. Nun war alles komplett. Auf diese Weise sind im Pferdestall über 7000 sowjetrussische Kriegsgefangene ermordet worden. Die SS- Leute, die diese Henkersarbeit besorgten, bekamen besondere Verpflegungs- und Alkoholzulagen. Jedesmal, wenn sie wieder einen Transport ,, erledigt" hatten, feierten sie bis in den frühén Morgen hinein Freß- und Saufgelage. Aus ihren Erzählungen erfuhren wir, daß im Konzentrationslager Sachsenhausen eine Genickschußanlage nach demselben Muster bestand. In Dachau machte man nicht so viel Umstände, dort wurden die russischen Kriegsgefangenen mit Maschinengewehren reihenweise zusammengeschossen. Die Solidaritätsaktion des Lagers für die russischen Kriegsgefangenen veranlaßte die SS zu einem großen Schlag gegen die roten Lagerfunktionäre. SS- Obersturmbannführer Pister, der Nachfolger des nach Lublin- Maidanek für ,, größere Aufgaben" versetzten bisherigen Lagerkommandanten, ließ an einem Sonntagnachmittag das ganze Lager antreten und suchte persönlich in der Hauptsache deutsche politische Häftlinge heraus für zwei Transporte nach den Lagern Natzweiler und Ravensbrück. In beiden Lagern waren Grüne am Ruder, die mit Freude die Gelegenheit zur Rache an den verhaßten Buchenwalder Roten wahrnahmen. In Ravensbrück sind die meisten unserer Buchenwalder Kameraden von den Grünen zugrunde gerichtet oder in andere, ebenso schlechte Lager weiter verschoben worden. In Natzweiler gelang es einem Teil der Buchenwalder, sich durchzusetzen, und einige von ihnen konnten später mit umgekehrten Transporten wieder zurückkommen. In Buchenwald selbst setzte der speziell zu diesem Zwecke hergeholte Lagerführer Plaul die roten Lagerältesten ab und bestimmte wieder Grüne an ihrer Stelle. Fast 100 rote Blockälteste, Capos und Vorarbeiter wurden in die berüchtigte Sonderabteilung der Strafkompanie gesteckt. Sie wurden als streng isoliertes Arbeitskommando 21 unter der Aufsicht berüchtigter Schläger aus der SS eingesetzt und mußten monatelang schwere Strapazen und Quälereien erdulden. Die Solidarität der politischen Gefangenen parierte auch diesen Schlag, wobei auch die besten Elemente aus den Reihen der ausländischen Kameraden, vor allem der Tschechen und Polen, in der gemeinsamen Front standen. Den Kameraden der Sonderabteilung wurden heimlich Lebensmittel zugestellt. Allmählich konnten einige als Facharbeiter für die Betriebe reklamiert werden, anderen gelang es, als Kranke ins Revier zu kommen. So wurde einer nach dem anderen aus der Sonderabteilung herausgeholt, bis sie schließlich nach halbjähriger Dauer ganz aufgelöst wurde. Die grünen Lagerältesten wurden mit allen Mitteln sabotiert und unmöglich gemacht. Ihre eigene Korruption und Unfähigkeit machte sie auf die Dauer auch für die SS unbrauchbar. Und so wurden sie wieder von den Roten verdrängt. Der grüne Lagerälteste Ohles und fünf seiner berüchtigten Spitzel wurden innerhalb weniger Wochen von den Häftlingen erschlagen. m ze im Ge ar W Z de ZO ge W Ca re K ch W e Internationale Solidarität Im Jahre 1942 bestand die Mehrheit der Lagerinsassen von Buchenwald aus ausländischen Gefangenen. Die deutsche Kriegsindustrie brauchte Arbeitskräfte. Der Thüringer Gauleiter Sauckel wurde von Hitler als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz bestimmt, und unter seiner Leitung die Bevölkerung der besetzten Gebiete zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Teils freiwillig, im Glauben an die Versprechungen der Nazis, teils gezwungen, kamen sie in Massentransporten zum Einsatz in deutschen Rüstungsbetrieben. Sie bemerkten natürlich bald, daß die Arbeitsbedingungen in den Betrieben, daß die Wohn- und Verpflegungsverhältnisse in den von der deutschen Zivilbevölkerung isolierten Fremdarbeiterlagern in keiner Weise den von den Nazis gemachten Versprechungen entsprachen. Die Disziplin in diesen Fremdarbeiterlagern war sehr hart: in vielen galt die Prügelstrafe wie in den Konzentrationslagern. Alle ausländischen Arbeitssklaven, deren Arbeitsleistung nicht genügend erschien oder die sich aus Unkenntnis deutscher Verhältnisse Verstöße gegen die ihnen auferlegten Vorschriften zuschulden kom22 מי P n 21 in in Sa b d la a N S Η t und . liesen ıslän- OT ge- Wur- ge als ng es, deren halb- U WUr- eigene die 85 t. Der urden 1 chen? Justrie je von timmt, ste ZU - ‚sie in en. Sie en Be on der keiner en. Die n galt cht 88° iltnisse n kom- men ließen, wurden von der Gestapo ohne viel Umstände in die Kon- zentrationslager gebracht. Man gab sich keine Mühe, die Schuldfrage im Einzelfall zu klären oder die Menschen gar vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Im vereinfachten Verfahren wurden sie zur Zwangs- arbeit im Konzentrationslager verdammt. Die SS erhielt auf diese Weise billige Arbeitskräfte, die sie rücksichtslos und brutal für ihre Zwecke ausnützte. So gab es im Lager Häftlinge aus fast allen Län- dern Europas, Tschechen, Polen, Russen, Belgier, Holländer, Fran- zosen, Spanier, Jugoslaven. Getreu ihrer alten Taktik versuchte die SS, die einzelnen Nationen gegeneinander auszuspielen und vor allem die deutschen Häftlinge als Werkzeuge gegen ihre ausländischen Kameraden zu gebrauchen. Als Capos und Blockälteste wurden grundsätzlich nur deutsche und öster- reichische Häftlinge ernannt. Die bevorzugten Arbeitskommandos, wie Küche, Kammern, Schreibstube usw., sollten nur den Deutschspre- chenden vorbehalten bleiben. In den Blocks wurde unter dem Vor- wand von Sprachschwierigkeiten eine scharfe Trennung nach Nationen eingeführt, wobei wieder die deutschen Häftlinge bevorzugt unter- gebracht werden sollten. Aber diese Spaltungsversuche wurden durchkreuzt. Die deutschen politischen Häftlinge beschlossen unter dem Einfluß der Lagerfunktio- näre, in ihre bevorzugten Steinblocks ausländische Kameraden auf- zunehmen. So lebte wohl ein Teil der Polen, Russen, Franzosen usw. in national einheitlichen Blocks, aber gerade die Deutschen lebten alle in internationalen Blocks mit Kameraden aus allen Nationen zu- sammen. Unter allen möglichen Begründungen wurden auch in die begünstigten Arbeitskommandos immer mehr zuverlässige auslän- dische Kameraden aufgenommen. Gegen den Widerstand der SS ge- lang es auch, mit der Zeit Kameraden aus anderen Nationen als Vor- arbeiter, Capos, Blockälteste einzusetzen. Auch die einzelnen ausländischen Gruppen waren aus den ver- schiedenartigsten Elementen zusammengesetzt. Neben Angehörigen der antifaschistischen Parteien, Mitkämpfern der Partisanen und des Maquis, Unterirdischen aus der Widerstandsbewegung, befanden sich Schwarzhändler, kriminelle Elemente und Kollaborationisten, die in Erwartung persönlicher Vorteile ihre Heimat freiwillig verlassen hat- ten, um in Deutschland für den Sieg der Naziregierung zu arbeiten. 23 Die deutschen Lagerfunktionäre bemühten sich, den zuverlässigen und aktiven ausländischen Kameraden in guten Arbeitskommandos oder Lagerfunktionen die Positionen zu schaffen, von denen aus sie die Hilfe und Unterstützung für ihre Landsleute organisieren und die positiven Kräfte unter ihnen zusammenfassen konnten. Das„Kleine Lager“ Die ständigen Neuzugänge führten zu einer starken Überfüllung des Lagers. Nach vielem Drängen der Lagerfunktionäre wurden end- lich im sogenannten Kleinen Lager einige neue Baracken errichtet. Es waren zerlegbare, genormte Wehrmachtsbaracken, die ursprünglich als Pferdeställe dienen sollten. Sie hatten keine Fenster, sondern nur kleine Oberlichter. Längs der Wände wurden in drei Stockwerken übereinander Holzpritschen zum Schlafen eingebaut. Für den Auf- enthalt am Tage, zur Einnahme des Essens usw. blieb ein halbdunkler Gang in der Barackenmitte frei. In jedem dieser Pferdeställe wurden oft 1000 und mehr Menschen gepfercht. Trotz’ aller Gesundheitskon- trollen und Desinfektionen war es nie möglich, Läuse, Flöhe und Krätze ganz auszurotten. Das Kleine Lager lag innerhalb des-elektrischen Zaunes, war aber vom übrigen Häftlingslager durch Stacheldraht abgesperrt und iso- liert, weil es gleichzeitig als Quarantänestation diente für die Neuen, die meist völlig verschmutzt und verlaust ankamen. Da sie wegen der Quarantäne nicht zur Arbeit eingesetzt werden konnten, erhielten die Häftlinge im Kleinen Lager auch kleinere Verpflegungsportionen als die anderen Lagerinsassen. Dabei waren schon die„normalen“ Portionen im allgemeinen Lager bei der langen und schweren Arbeit völlig ungenügend. Das Beste an der Verpflegung war das Brot, täglich durchschnittlich 300 g, dazu 20 g Margarine-oder ein winziges Stückchen sogenannter Wurst; die meisten haben das alles gleich beim Empfang auf einmal aufgegessen. Dann blieb ihnen für den langen Tag nur noch die dünne Mittags- suppe, meistens aus Steckrüben, Dörrgemüse, Rübenblättern oder ver- faulten Kartoffeln. Unter normalen Verhältnissen hätte sie niemand angerührt, aber im Konzentrationslager wurde sie heißhungrig ver- 24; sc) sti di Es Ki ge M sc se ni W und oder e die d die illung endet. Es nglich n nur erken Aufinkler urden tskone und r aber d isoNeuen, en der en die en als Lager este an , dazu st; die gessen. Tittagser veremand ig verschlungen. Der Hunger war so groß, daß die als Schweinefutter bestimmten Küchenabfälle, dreckige Kartoffelschalen und verfaulte Gemüseabfälle gestohlen und gegessen wurden. Andere durchwühlten die Abfalleimer vor den SS- Kasernen nach Essenresten. Wenn beim. Essentragen von der Küche nach den Baracken etwas Suppe aus den Kübeln verschüttet wurde, haben sie Hungrige aus dem Dreck aufgescharrt und verschlungen. Natürlich waren Krankheiten die Folge, Magen- und Darmkatarrh und Durchfall, denen die ausgezehrten, geschwächten Körper vollends erlagen. Trotz der fürchterlichen Zustände im Kleinen Lager wünschten seine Insassen doch alle, daß sie in Buchenwald bleiben könnten und nicht wieder auf Transport gehen müßten. Denn am gefürchtetsten waren die Transporte. Von einem Ende Deutschlands nach dem anderen, ja von Polen bis nach Frankreich und umgekehrt, wurden die Arbeitssklaven hin und her geschleppt. Buchenwald wurde durch seine zentrale Lage zu einem großen Umschlagsplatz für diesen Menschenhandel der SS. Die Massentransporte kamen und gingen und enthüllten ein unbeschreibliches Elend. 100 bis 120 Mann in einem Güterwagen zusammengepfercht, im Sommer in dem hermetisch verschlossenen und mit Stacheldraht vergitterten Wagen tagelang ohne Wasser, im Winter ohne Stroh oder Decke bei strenger Kälte waren diese Transporte eine unbeschreibliche Qual und forderten regelmäßig Todesopfer. Dabei war es in allen Lagern Grundsatz, gerade die Schwächsten, die kranken und invaliden Häftlinge auf Transport zu schicken. Jeder Lagerkommandant wollte zuerst seinen ,, Abfall" loswerden. In den schlechtesten, zerlumpten Häftlingskleidern, ohne Strümpfe, in plumpen Holzschuhen wurden Halbtote den Strapazen der Transporte ausgesetzt. - 25 Ein Geheimschreiben der SS- Führung Wie fürchterlich die Sterblichkeit in den Konzentrationslagern war, bezeugt die oberste SS- Führung selbst in dem nachstehend abgedruckten Rundschreiben: SS- Wirtschaftsverwaltungshauptamt Amtsgruppe Konzentrationslager D III/ az: 14 h( KL) 82, 42 Lg/ Wy Geh.Tgb.-Nr. 66/42. 21. Ausfertigung pa WU zer se Fr Oranienburg, den 28. Dez. 1942. ha abgez. Pister Schobert im be da Betreffs Ärztliche Tätigkeit in den Konz.- Lagern Bezug ohne Anlagen: 1 An die 1. Lagerärzte der Konz.- Lager Da., Sh., Bu., Neu., Au., Rav., Flo., Lu., Stu., Gr.-Ro., Nied., Natz., Hinz., Mor, Herzog, Mau.*) In der Anlage haben wir eine Aufstellung über die laufenden Zu- und Abgänge in sämtlichen Konz.- Lagern zur Kenntnisnahme übersandt. Aus derselben geht hervor, daß von 136 000 Zugängen rd. 70 000 durch Tod ausgefallen sind. Mit einer derartig hohen Todesziffer kann niemals die Zahl der Häftlinge auf die Höhe gebracht werden, wie es der Reichsführer SS befohlen hat. Die 1. Lagerärzte haben sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einzusetzen, daß die Sterblichkeitsziffern in den einzelnen Lagern wesentlich herabgehen. Nicht derjenige ist der beste Arzt in einem Konzentrationslager, der glaubt, daß er durch unangebrachte Härte auffallen muß, sondern derjenige, der die Arbeitsfähigkeit durch Überwachung und Austausch an den einzelnen Arbeitsstellen möglichst hoch hält... Der Reichsführer SS hat befohlen, daß die Sterblichkeit unbedingt geringer werden muß. Aus diesem Grund wird Obiges befohlen, und es ist monatlich über das Veranlaßte an den Chef des Amtes D/ III zu berichten. Erstmalig am 1. Febr. 1943. gez, Klüder, SS- Brigadeführer und Generalmajor der Waffen- SS. *) Die Abkürzungen bedeuten die Namen der wichtigsten damaligen Stammlager: Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Neuengamme, Auschwitz, Ravensbrück, Flossenbürg, Lublin, Stutthof, Groß- Rosen, Nied.(?), Natzweiler, Hinzert, Mor.(?), Herzogenbusch, Mauthausen. Selbstverständlich galt diese Sorge nur den Arbeitskräften. Weil diese knapp waren, bekamen jetzt selbst die Insassen der Konzentrationslager einen gewissen Wert, nicht als Menschen, aber doch als Arbeitsvieh, das man nicht ganz ohne Pflege lassen durfte, sollte das Größtmöglichste an Arbeitsleistung aus ihnen herausgeholt werden. Aus diesem Grunde erhielten nun plötzlich die Häftlinge die Erlaubnis, sich von ihren Angehörigen in beschränktem Umfange Lebensmittel26 La lic die lie ter Dr er fre Ge na ZW K ba K Ha ha er G fü ‚gern ] ab- ‚1942, Hinz,, 1. und t. Aus d aus- e Zahl rer 88 fügung in den te Arzt . Härte achung ngt ge- es ist ichten, n-9. naligen ‚chwitz, , Natz- ‚ Weil onzel- ‚ch als te das ‚erden. ‚ubnis, mittel- ' pakete schicken zu lassen. Ja, auf ausdrücklichen Befehl von Himmler wurden ‚zur Steigerung der Arbeitsfreudigkeit“ in allen großen Kon- zentrationslagern Bordelle eingerichtet.‘Auch Buchenwald bekam seinen„Sonderbau“, für den der Lagerkommandant persönlich im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück 14 Frauen aussuchte. Für eine wirkliche Verbesserung der Verhältnisse in den Lagern hatte die SS-Führung natürlich nichts übrig. Wenn die Lagerältesten ‚immer wieder um Baumaterial für n@ue Baracken oder um eine Ver- ‚besserung der Verpflegung vorstellig wurden, hatte der Lagerkomman- dani nur ein Achselzucken, \ \ Die Handtasche der Frau Lagerkommandant Die sehönen Worte in dem Geheimschreiben über die Aufgaben der Lagerärzte sind ein Hohn auf die tatsächlichen Verhältnisse. In Wirk- lichkeit hatten die SS-Ärzte ganz andere Interessen als die Sorge für die Gesundheit der Häftlinge. Und in Berlin wußte und billigte man das. Im Jahre 1941 kam nach Buchenwald ein SS-Arzt Dr. Wagner. Er ließ bekanntmachen, Häftlinge mit interessanten Tätowierungen soll- ‘ten sich im Krankenrevier melden. Wer sich meldete, wurde von Dr. Wagner besichtigt, was ihm„interessant“ erschien, photographierte er mit Liebe und Sorgfalt. Die Bestellung ins Revier bedeutete einen freien Tag, und so meldeten sich viele, meist‘kriminelle und asoziale Gefangene. Sie ahnten nicht, was dieser freie Tag kosten werde. Die meisten Gefangenen mit interessanten Tätowierungen wurden nämlich plötzlich krank. Wenigstens stellte dies der Lagerarzt bei der zweiten Untersuchung regelmäßig fest. Sie bekamen alle möglichen Krankheiten, wurden in eine Krankenstube gelegt— und starben als- bald. Nach kurzer Zeit wußten wir: Sie starben alle an derselben Krankheit. Und Herr Dr. Wagner ließ von den Leichen die tätowierte Haut abziehen und präparieren. ‚Aus solcher tätowierten Menschen- hautierhielt der Lagerkommandant einen„Lampenschirm, seine Frau erhielt eine Handtasche, andere SS-F ührer bekamen ähnliche kleine Geschenke.; Auch der leitende Arzt aller Konzentrationslager, SS-Standarten- führer Dr. Lolling, bekam Gegenstände aus tätowierter Menschenhaut. * 27 Man fand nichts dabei. Schließlich kostete die kleine LiebHaberei des Dr. Wagner noch länge nicht so viel Opfer wie die in allen-großen Konzenhtrationslagern eingerichteten ı medizinischen Versuchsstationen. Im Winter 1941/42 mußte der Block 46 plötzlich geräumt werden. Durch einen doppelten Stacheldrahtzaun wurde er abgespertt. Die SS-Ärzte und Sanitäter ließen durchblicken, daß hier eine Isolier- station für Infektionskrankheiten errichtet werde, die durch die Trans- porte immer wieder ins Lager geschleppt wurden. Aber dann eines Tages wurden 50 gesunde Häftlinge ins Krankenrevier bestellt und in den Block 46 gebracht. Dort wurden sie künstlich mit Fleckfieber an- gesteckt, um neue Heilmittel an ihnen auszuprobieren. Die meisten erlagen der schweren Krankheit. Von den Überlebenden waren viele arbeitsunfähig; sie wurden nachträglich von den SS-Ärzten durch eine Giftspritze ermordet. Von rund 1500 Gefangenen, die bis 1945 nach Block 46 gebracht wurden, hat ihn kaum der vierte Teil lebend wieder verlassen. Ihnen wurde strengstens Stillschweigen befohlen. Einige Häftlinge, die‘trotzdem von ihren Leiden erzählten, wurden sofort in den Block 46 zurückgeholt und nie mehr gesehen. Der Block 46 war nicht die einzige Versuchsstation, wo Menschen als Versuchskaninchen dienten. In mehreren: kleineren Transporten _ wurden von Buchenwald insgesamt 500 Gefangene nach den, ‚Heil- und Pflegeansjalten“ Hohenstein bei Dresden und Bernburg a. d. Saale gebracht. ra sickerte durch, daß man Giftgasexperimente mit ihnen gemacht hatte. Noch wenige Wochen vor dem Zusammenbruch, im Frühjahr 1945, wurden im Krematorium in Buchenwald 15 Häftlinge bei Versuchen mit vergiftefer Munition ermordet. IR SS-Ärzte„heilen“ mit der'Giftspritze Während für-die Versuchsstation im’ Block 46 großzügig Räume,, Einrichtungen- und Medikamente bereitgestellt wurden, geschah für ‘ die ärztliche Behandlung der vielen kranken Gefangenen wesentlich weniger. Es ist, ‚schon geschildert worden, welche Folgen die Über- füllung des Lagers und die unzureichende Ernährung für den Gesund- heitszustand der Häftlinge hatten. Ebenso fürchterlich waren die ine 28 wenigen Tagen kam ihre Totmeldung zurück. Später_ engen W lic au El u em u Wi i des oßen onen. rden. . Die olierranseines nd in er aneisten viele eine nach wieder Einige ort in schen porten HeilSaale Später hatte. 1945, uchen Häume ,. ah für entlich Überesundie Folgen des rücksichtslosen Arbeitseinsatzes, besonders bei den Bauarbeiten. Es wurde grundsätzlich bei jedem Wetter gearbeitet, ob es regnete, stürmte, schneite, ob 10 oder 15 Grad Kälte waren, sonntags wie werktags rückten die Arbeitskommandos in zerlumpter Kleidung aus. Ohne Strümpfe, in plumpen Holzschuhen mußten weite Wege zur Arbeitsstelle zurückgelegt, den ganzen Tag schwere Lasten gefahren und geschleppt werden. Die Folge waren wundgelaufene, vereiterte Füße und Verletzungen von den zahlreichen Arbeitsunfällen und Miẞhandlungen. Aber nur Schwerverletzte wurden von der Arbeit befreit, alle andern mußten, notdürftig mit Papierbinden verbunden, weiter zur Arbeit gehen. Oft trug in den Baukommandos jeder zweite oder dritte Mann einen zerfetzten, schmutzigen Verband, und abends beim Einrücken schleppten die Arbeitskommandos Zusammengebrochene, Sterbende oder Tote mit sich. Von der SS wurde jeder Häftling, der sich krank meldete, grundsätzlich als Simulant und Drückeberger behandelt. In den ersten Jahren mußte jeder Gefangene, der zur Behandlung ins Revier wollte, sich am täglichen Morgenappell beim Lagerführer oder Rapportführer melden. Der schickte dann, ganz nach seiner Laune, die meisten wieder weg, wenn er sie nicht gar als Drückeberger zur Strafarbeit in den Steinbruch kommandierte. Für manche Gruppen von Häftlingen, besonders für die Juden und die Strafkompanie, bestand häufig absolutes Behandlungsverbot. Aber auch der Häftling, der glücklich bis zum Revier vorgedrungen war, hatte damit noch lange keine Sicherheit, daß ihm nun auch wirklich geholfen werde. Die Krankenstuben reichten nicht aus, um auch nur die Schwerkranken aufzunehmen. Wer nicht mindestens 39 bis 40 Grad Fieber hatte, mußte auf dem überfüllten Block bleiben. Ebenso ungenügend war die Versorgung mit Medikamenten und Verbandsmaterial. Für die SS- Ärzte war der Ausweg aus dieser Situation schnell und einfach gefunden. Es durften eben nur die Gefangenen behandelt werden, die mit dem geringsten Aufwand rasch wieder arbeitsfähig gemacht werden konnten. Alle schweren Fälle aber galten als aussichtslos und reif zum Abspritzen. Der berüchtigte Spritzer in Buchenwald war 1941 der damalige Lagerarzt, SS- Untersturmführer Dr. Eisele. Er machte regelrechte Jagdzüge durch das Häftlingslager, und hielt Gefangene auf den Lager29 straßen oder auf den Arbeitsstellen an:„Sie sehen sehr krank aus. Ich habe mir Ihre Nummer aufgeschrieben. Melden Sie sich morgen früh bei mir im Revier.“ Das war das Todesurteil. Eisele betrieb das Spritzen als Sport und experimentierte mit allen möglichen Giften. Kein Häftling wagte sich auch nur noch in die Nähe des Reviers, um ihm nicht in die Hände zu fallen. Aber auch als Eisele nach dem Lager Natzweiler versetzt wurde, ging das Spritzen weiter, wenn auch nicht mehr ganz so wahllos und öffentlich. Wie sehr sticht gegen dieses Verhalten der Ärzte und Sanitäter aus der SS die Hilfsbereitschaft und Aufopferung der im Revier beschäf- tigten Häftlinge ab. Anfänglich durften sie nur ganz untergeordnete Arbeiten verrichten und hatten damit auch nur geringe Möglichkeiten, ihren kranken Kameraden zu helfen. Der Weg zu größerer Bewegungs- freiheit und Möglichkeit der Selbsthilfe führte auch hier wie überall über die Faulheit und Unfähigkeit der SS-Ärzte und Sanitäter. Unter Ausnützung dieser Eigenschaften war es allmählich möglich, wenig- stens die erste ambulante Behandlung der zahlreichen Verletzungen bei der Arbeit— und von den Mißhandlungen!— selbständig von - Häftlingen auszuführen und auch auf anderen Gebieten die SS-Ärzte langsam zu„entlasten“. Unter der ständigen Gefahr schwerer Strafen haben unsere Kame- raden im Revier trotz aller Verbote der SS heimlich kranke und ver- letzte Häftlinge behandelt. Aus den Ambulanzen und Sanitätslagern der%#S und aus den Versuchsstationen wurden Medikamente und Ver- bandstoff gestohlen oder auch durch Bestechung korrupter SS-Leute beschafft. Schwerkranke wurden vor den SS-Ärzten versteckt, ihre, Fieberkurven frisiert, Ergebnisse der Laboruntersuchung gefälscht, um die von der Spritze Bedrohten zu retten. In den späteren Jahren konnten die Kameraden im Revier unter Berufung auf die notwendige Erhaltung der Arbeitskraft der Häftlinge ihre Hilfe für die kranken Kameraden etwas offener durchführen. Es wurde auch möglich, in größerem Umfang Fachkräfte, meist ausländische Ärzte und Medizin- studenten aus den Reihen der Sträflinge heranzuziehen. Als mit dem Anwachsen des Lagers die Revierräume und-Einrich- tungen immer unzureichender wurden, die Zentralbauleitung aber keine Erweiterungsbauten genehmigte, halfen die Häftlinge sich selbst. Die Capos und Vorarbeiter der Baukommandos organisierten von den 30 tw de \ge un .. de le: u ve s. Ich früh o das iften. s, um Lager nicht er aus schäfdnete eiten, gungsberall Unter wenig. ungen g von -Ärzte Kamed verlagern d Ver-Leute Kasernen und Rüstungsbauten der SS das Baumaterial und stellten auf eigenes Risiko die Arbeitskräfte für den Bau neuer Revierbaracken. In den Werkstätten und Rüstungsbetrieben wurden heimlich Einrichtungsgegenstände für das Revier und ärztliche Instrumente hergestellt. Auch der Kampf gegen die stets akute Seuchengefahr mußte von den Häftlingen ohne jede Unterstützung der Lagerleitung durchgeführt werden. Jeder einzelne wurde angehalten, trotz Überfüllung und Wassermangel auf die größtmögliche Sauberkeit zu achten, regelmäßige Gesundheitskontrollen wurden durchgeführt und Verlauste desinfiziert. Gegen den Widerstand der SS, die darin nur die Brachlegung der Arbeitskräfte sah, wurde immer wieder durchgesetzt, daß über ansteckungsverdächtige Blocks und Transporte die Quarantäne verhängt wurde. Bei den Transporten gelang es in Zusammenarbeit mit den Häftlingen in den Verwaltungsstellen des Lagers, wenigstens die Schwerkranken vom Lagerarzt als transportunfähig erklären zu lassen oder auch auf eigenes Risiko zurückzuhalten und so vor dem sicheren Tode zu retten. Den andern konnte oft durch Verzögerung der Transporte, durch Verlängerung der Quarantäne wegen Seuchengefahr wenigstens eine kurze Erholungspause verschafft werden. Wenn sie auch nicht stark genug waren, um alle Verbrechen der SS zu verhindern, so haben unsere Kameraden im Revier durch ihre unermüdliche Arbeit und Opferbereitschaft doch Tausenden von Gefangenen die Gesundheit und selbst das Leben retten können. t, ihre älscht, Jahren endige ranken ich, in edizininrichg aber selbst. on den Die geheime Organisation der Gefangenen Diese großen Erfolge unserer Kameraden im Revier wären nicht möglich gewesen, wenn sie allein gestanden hätten. Aber eine gleiche Arbeit wie im Revier wurde von aktiven und opferbereiten Häftlingen an allen anderen wichtigen Stellen des Lagers durchgeführt. In der Schreibstube und Arbeitsstatistik, wo der Arbeitseinsatz der Gefangenen erfolgte, in Küche und Kammer, wo möglichst viel für Verpflegung und Bekleidung herausgeholt werden mußte, in den Arbeitskommandos, wo um erträgliche Arbeitsbedingungen, gegen Mißhand31 GELEISE ANSCHLUSS D.R. B. WEIMAR 0000 VEBERSICHTSPLAN DES KONZENTRATIONSLAGERS BUCHENWALD FREIE REKONSTRUKTION NACH DEM GEDAECHTNIS 0 0 W NORD 000 || 00 000 0000 e 0000 Q. D S 000000 00000000: 000 00000000 ロ ANNAEHERUNGSMASSTAB: 100 00 200 300 400 500 METER 0-0000 00000 Dolha HI G 000000000004 00000000 Legende zum Übersichtsplan von Buchenwald 1 2 3 = = = 4= 1 5 6= 7 = 8= 9 O 10 = Häftlingslager Lagertor mit L.M.G.- Turm Arrest Appellplatz Krematorium Holzblocks Steinblocks ,, Kleines Lager" Zeltlager Revier( Sanitäts- und Krankenbaracken) Elektrischer Drahtzaun mit M.G.- Turm Lagerbereich 11= D.A.W. Deutsche Ausrüstungswerkstätten 12= ,, Pferdestall" Genickschußanlage 13= Steinbruch 14 = SS- Kasernen 15=> Kommandantur- und Verwaltungsbaracken 16= Bahnhof Buchenwald 17= Werk Buchenwald mit Geleiseanschluß, elektrischer Drahtzaun 18= Garagen einer motorisierten SS- Division 19 = 20 21 = == Bauhof Kommandantenvilla und Häuser der ( SS- Führer Postenkette, Grenze des Lagerbereichs 223 |||| lung und Antreiberei gekämpft wurde. Hinter all dieser Arbeit stand unsichtbar eine Organisation. Schon seit 1933 hatten sich in den Lagern kleine Gruppen der politischen Häftlinge zusammengefunden. Ihre Hauptaufgabe war damals die Information der einzelnen Kameraden: Warnung vor Spitzeln und Verrätern, Nachrichten von draußen über die Arbeit der illegalen Gruppen, über Erfolge, Mißerfolge und Verhaftungen halfen den Häftlingen, möglichst vorbereitet den Gestapoverhören entgegenzugehen. Außerdem galt es, sich gegenseitig so viel als möglich zu helfen und zu unterstützen. Diese ersten Gruppen waren meist auf landsmannschaftlicher Grundlage entstanden. Kameraden aus derselben Stadt oder demselben Bezirk konnten am leichtesten unverdächtig zusammenkommen. Die schweren Bedingungen des Kampfes gegen SS und Grüne machten jedoch einen engen Zusammenschluß der einzelnen Gruppen notwendig und mit der Zeit entstand so eine festgefügte Organisation, der natürlich nur der aktivste und zuverlässigste Teil der politischen Häftlinge angehören konnte. Die ersten illegalen Gruppen in den Lagern bestanden aus Kommunisten, die den größten Teil der politischen Häftlinge stellten. Es war in den ersten Jahren in den Lagern eine beliebte Methode der SS, die kommunistischen Arbeiter gegen die sozialdemokratischen ,, Bonzen" aufzuhetzen, ebenso Kommunisten und Sozialdemokraten gemeinsam gegen bürgerliche Intellektuelle, gegen Geistliche und andere auszuspielen. Gerade diese offenkundigen Versuche der SS warnten und zeigten die Notwendigkeit des solidarischen Zusammenhaltens aller Antifaschisten, ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit oder Weltanschauung. Waren anfänglich die trennenden Gegensätze und das beiderseitige Mißtrauen noch stark, so schuf die durch den gemeinsamen Kampf gegen Grüne und SS immer fester werdende Kameradschaft doch den Boden für eine sachliche und kameradschaftliche Diskussion aller grundsätzlichen Differenzen. Die politische Information war in den großen Lagern immer verhältnismäßig gut. Die zahlreichen Neuzugänge berichteten von der Stimmung draußen, von der Arbeit der illegalen Gruppen, von der Emigration, von der vielerorts zustandegekommenen Einheitsfront aller Nazigegner. Kameraden, die bei der Überstellung zu Vernehmungen oder Prozessen oft quer durch ganz Deutschland von Polizei34 “# efanguis zu Polizeigefängnis transportiert wurden, erzählten, was sie überall von anderen Lagern und Zuchthäusern, von neuen Verhaftun- ‘gen und Prozessen gehört hatten. Während des Krieges konnten wir in Buchenwald das Abhören aus- ländischer Sender durch geheime, selbstangefertigte Radioempfänger organisieren, obwohl die SS sehr scharf dahinter her war und wieder- holt überfallartige Razzien und Untersuchungen durchführte. Anfäng- lich noch in größeren Zeitabständen, doch allmählich immer regel- mäßiger wurden die Radiomeldungen von Mann zu Mann durch- gegeben. Wir begnügten uns nicht mit der Information über die mili- tärischen und politischen Tagesereignisse. Unter Beobachtung der konspirativen Regeln wurden Aussprachen über die grundlegenden Probleme des Kampfes gegen den Nationalsozialismus durchgeführt, um Kommunisten und Sozialdemokraten, Anhänger des Zentrums und der demokratischen Gruppen auf gemeinsame politische Richtlinien zu einigen. Führende Funktionäre der verschiedenen antifaschisti- schen Parteien arbeiteten eine gemeinsame Verständigungsplattform aus, eine lebhafte Diskussion darüber führte zur Bildung des deut- schen Komitees, als der Vertretung und Leitung aller antifaschistischen deutschen Häftlinge. Nach diesem Beispiel bildeten sich auch unter den ausländischen Gefangenen nationale Komitees für jedes Land. Das Zeltlager Unterdessen nahm seit der zweiten Hälfte des Jahres 1943 der Zu- wachs des Lagers Buchenwald ein immer schnelleres Tempo an. Auf ihrem Rückzug aus den besetzten Sowjetgebieten kämmten SS und Wehrmacht überall die dort noch vorhandenen Menschenreserven aus. Wer das Glück hatte, nicht gleich an Ort und Stelle ermordet zu wer- den, wurde verschleppt. Männer und Frauen, Kinder und Greise wur- den zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gebracht. Die meisten von ihnen wurden gar nicht erst als Zivilarbeiter eingesetzt, sondern ein- fach direkt in die Konzentrationslager eingeliefert. Im Westen warf die Invasion ihre Schatten voraus. Gestapo und SS versuchten die wachsende Widerstandsbewegung mit immer neuen Massenverhaftungen zu unterdrücken. Die Konzentrationslager in 35 Frankreich erschienen nicht mehr gesichert genug, und so kamen jetzt immer häufiger große Transporte aus Compiègne und anderen Lagern im Westen an. Um eine Flucht während des Transportes unmöglich zu machen, waren die Gefangenen mehrfach bis auf Hemd und Unterhose ausgezogen worden. Die meisten dieser Massentransporte blieben nicht im Lager Buchenwald, sondern gingen nach kurzer Quarantäne weiter in die Außenkommandos. Einschließlich dieser unter seiner Verwaltung stehenden Außenkommandos zählte am 1. Januar 1944 das Lager Buchenwald 37 000 Häftlinge, am 1. Juli 1944 waren es schon 61 000. Die Pferdeställe des Kleinen Lagers waren längst bis zum Bersten überfüllt, und so mußten wieder einmal neue, primitive Notunterkünfte geschaffen werden. Es entstand das Zeltlager, wo über 5000 Häftlinge in Zelten untergebracht wurden. Die Lagerleitung zeigte sich als gänzlich uninteressiert, die Frage der Unterkunft der Häftlinge zu lösen. Alle Vorstellungen der Lagerfunktionäre, der Hinweis auf die erhöhte Seuchengefahr, die auch der SS und der Zivilbevölkerung der Umgebung drohte, blieben vergeblich. Der Lagerkommandant erklärte nur achselzuckend, er habe keine Möglichkeit, diese Zustände abzustellen. Es blieb den Häftlingen überlassen, sich so gut als möglich selbst zu helfen; von den Baustellen der Buchenwalder Rüstungsbetriebe wurde Baumaterial organisiert, um wenigstens notdürftige Baracken an Stelle der Zelte zu setzen. Aber alles das blieb nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. In jedem der Pferdeställe des Kleinen Lagers waren 1200 bis 1500 Häftlinge zusammengepfercht. In den Blocks des großen Lagers lagen zwei Mann in einem schmalen Militärbett und lösten sich oft in Tag- und Nachtschichten beim Schlafen ab. Besonders groß war unter diesen Umständen die Gefahr der Verlausung und Verschmutzung des Lagers. Dabei gab es nicht einmal genügend Wasser. Die SS hatte in bekannter nationalsozialistischer Großspurigkeit eine große Stadt auf einen Berg gebaut, ohne sich den Kopf über die Wasserversorgung zu zerbrechen. Die angelegte Wasserleitung war schon bei der normalen, ursprünglich geplanten Belegung des Lagers unzureichend. Schließlich aber zählte das Lager fünfmal so viel Insassen, als anfänglich vorgesehen war, dazu kam der Verbrauch der SS- Kasernen und Betriebe, die bevorzugt versorgt wurden. So gab es bestenfalls 1-2 Stunden am Tage Wasser, oft aber tagelang 36 \ überhaupt keines. Die Gefangenen hatten keine Gelegenheit, sich nach der schmutzigen Arbeit zu waschen und legten sich schmutzig in die zerlumpten Decken, in denen am andern Tage vielleicht schon wieder ein anderer schlafen mußte. Die Aborte waren dauernd verstopft und verpesteten. die Baracken, so daß wieder primitive Notaborte im Freien / ‚angelegt w erden mußten. I 7) W kderstand i in Buchenwalder Rüstungsbetrieben Der steigende Einsatz von Häftlingen in der Kriegsindustrie führte zur Einrichtung zahlreicher Häftlingskommandos in auswärtigen ‚Rüstungsbetrieben; auch im Lager Buchenwald selbst entstand eine Reihe von Kriegsbetrieben, die zur Zeit ihres Höchststandes rund 9000 Häftlinge beschäftigten. i Der wichtigste Betrieb_war das im Jahre 1942/43 gebaute„Werk “ Buchenwald“, eine ausgedehnte Anlage mit eigenem Gleisanschluß, in 8 5 8 defen großen Fabrikhallen 5000--6000 Häftlinge beschäftigt werden konhten. Die Weimarer„Gustloff-Werke‘“ richteten hier ein Zweig- werk ein, in dem hauptsächlich Gewehrläufe und Gewehrschäfte her- gestellt, Karabiner zusammengesetzt und Militärfahrzeuge gebaut wur- den. In einigen Hallen stellte die„Mitteldeutsche Baugemeinschaft“\ Teile von Sende- ünd Empfangsapparaten, Peil- und Fernsteuerungs- geräten für Flugzeuge und die geheimnisvollen V-Waffen her. Wir setzten uns die Aufgabe, in diesem Buchenwalder Rüstungs-, werk die Arbeitsbedingungen für die Häftlinge so erträglich wie nur irgend möglich zu gestalten. In zähem Kampf gegen die Antreiber- methoden der SS wie auch der zivilen Betriebsleiter und Meister wurde unser Grundsatz durchgesetzt, daß von den Häftlingen infolge ihrer _ schlechten Ernährung und katastrophalen Wohnverhältnisse nicht die volle Arbeitsleistung eines deutschen Zivilarbeiters verlangt werden könne. Durch den festen Zusammenschluß der Häftlinge wurde trotz aller Antreibereien ein langsames Arbeitstempo eingehalten. Häftlinge, “ die sich durch Verlockungen mit Verpflegungszulagen und sonstigen : Vergünstigungen zu höheren Arbeitsleistungen verleiten ließen, wur- den sabotiert und aus dem Betrieb verdrängt. Die Versuche, durch Mißhandlungen‘ anzutreiben, würden durchkreuzt, indem man die technisch unerfahrenen SS-Aufseher zum Eingreifen am falschen Platz J 37 2 provozierte, so daß schließlich die Betriebsleitung am Interesse eines reibungslosen Produktionsganges gegen die Mißhandlungen Stellung nehmen mußte. Auf solche Weise wurde erreicht, daß die tatsächliche Leistung der Häftlinge nur 40-50% dessen betrug, was in jenen Jahren von ,, freien" deutschen Arbeitern gefordert wurde. Damit begnügten wir uns jedoch nicht, sondern wollten durch aktiven Widerstand gegen den Hitler- Krieg und für den Frieden arbeiten. Die große Anzahl von Häftlingen, die als Ingenieure, Techniker, Kontrolleure und hochqualifizierte Handwerker arbeiteten, waren fachlich den Zivilisten, die sie beaufsichtigten, meist weit überlegen. Gemeinsam mit den Kamerȧden der Arbeitsstatistik wurden bei der Arbeitsvermittlung nazihörige und unsichere Facharbeiter ausgeschaltet und in die wichtigen Spezialistenfunktionen zuverlässige, auch zu einem persönlichen Risiko bereite Antifaschisten aller Nationen eingesetzt. Ihrer planmäßigen und organisierten Arbeit gelang es, immer neue Schwierigkeiten und Hemmnisse zu schaffen. Maschinen wurden nicht voll ausgenützt oder auch durch Überlastung in kurzer Zeit ruiniert. Durch unfachgemäße Anwendung von Werkzeugen wurden zum Beispiel bei der Herstellung von Gewehrläufen fünfmal so viel schwer zu beschaffende Spezialbohrer verbraucht, als normalerweise benötigt wurden. Durch Überspitzung von Kompetenzstreitigkeiten zwischen einzelnen Instanzen der überbürokratisierten Werksleitung entstanden monatelange Verzögerungen. - Die Betriebsleitung kämpfte verzweifelt gegen die immer weitere Kreise ziehende Desorganisation des Werkes. Immer wieder wurde gegen Häftlinge die Beschuldigung der Sabotage erhoben, aber durch die Zusammenarbeit der Capos, Vorarbeiter und Spezialisten konnte diese immer wieder entkräftet werden. Schließlich setzte die Zentralleitung des Gustloff- Konzerns einen speziellen Fachmann des Sicherheitsdienstes ein, der den Vorgängen im Buchenwalder Gustloff- Werk auf den Grund gehen sollte. Auf die Denunziation einiger Zivilarbeiter beschuldigte dieser Gestapoagent den Capo im Werkzeugbau, seinen Häftlingen ausführliche Anweisungen zur Sabotage gegeben zu haben. Trotz aller Gegenmanöver wurde der Kamerad, der eine der wichtigsten Funktionen in der illegalen Organisation innehatte, zur Untersuchung in den Arrest gebracht. Aber zum Glück hatte die Gestapo keine Zeit mehr, der aufgefundenen Spur nachzugehen. Zwei Tage 38 nach der Verhaftung wurde die Arbeit in den Buchenwalder Rüstungs- betrieben eingestellt. Die amerikanischen Truppen waren bereits im 8 Anmarsch, wenige Tage später war das Lager frei, und wir konnten » noch im letzten Moment unseren Kameraden aus dem Arrest heraus- 5 holen. B ; E Dieser aktive Widerstand wäre unmöglich gewesen ohne das Be- stehen einer festgefügten und disziplinierten Organisation im Betriebe. In jeder Abteilung des Werkes waren die zuverlässigsten und aktivsten iD Kameraden jeder Nation zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Die N Vertrauensleute der einzelnen nationalen Gruppen unterstanden dem N 4 Leiter der Abteilung, und die Abteilungsleiter endlich hatten die Ver- " bindung zu den die Arbeit im ganzen Betrieb leitenden Kameraden. 5 Es war uns möglich, fast alle diese Vertrauensleute in offizielle Be- u triebsfunktionen als Capos, Vorarbeiter, Techniker, Kontrolleure, Dol- 1- metscher usw. einzusetzen, wo sie ihre geheime Arbeit möglichst un- T auffällig und ungehindert durchführen konnten. n; it n Das Lager Dora el se Die einigermaßen erträglichen Verhältnisse in den Buchenwalder m, Rüstungsbetrieben waren eine Ausnahme, die wir nur unserer ak- 18. tiven Betriebsorganisation und ihrem. Rückhalt in der geheimen Or- ganisation im Häftlingslager verdankten. In den Außenkommandos Te lagen die Dinge bedeutend schwieriger. Wir bemühten uns, auch dort je einen Kern aktiver Antifaschisten zu schaffen. Aber es war unmöglich, -h in jedes der rund 60 Außenkommandos einen genügend starken und te 3 zuverlässigen Kader zu schicken. So war in den meisten Häftlings- - kommandos der auswärtigen Rüstungsbetriebe das Arbeitstempo be- J- deutend schärfer, Mißhandlungen und Strafen das tägliche Brot. rk i Am schlimmsten waren die Verhältnisse beim Bau neuer Rüstungs- er nn betriebe. Die alliierten Luftangriffe zwangen die Nazis, ihre wichtig- en sten Rüstungsbetriebe durch die Flucht unter die Erde unangreifbar 2 zu machen. Besonders neue Flugzeugwerke und die Produktionsstätten g-} für die geheimnisvollen V-Waffen wurden unterirdisch angelegt. Teil- = weise wurden sie in bereits vorhandenen Schächten und Stollen von po 1\ Bergwerken eingerichtet; teilweise wurden neue, unterirdische An- ge j. 39 ;% K lagen gebaut. Für diese körperlich sehr schweren Arbeiten verwandten die Nazis mit Vorliebe Kriegsgefangene und Häftlinge aus Konzentrationslagern. Das berüchtigste Buchenwalder Außenlager dieser Art war das Kommando Dora bei Nordhausen am Harz. In den Stollen eines Kalibergwerkes wurden dort große Anlagen für die Produktion der V- Waffen gebaut. Der Bau der Anlagen stand im Interesse ihrer Geheimhaltung unter der besonderen Kontrolle der SS. Die ganze Umgebung von Dora wurde von der deutschen Zivilbevölkerung geräumt. Bei den unterirdischen Bauten waren nur Gefangene eingesetzt. Im weiteren Umkreis war eine besondere Sicherungszone errichtet, wo von der SS kontrollierte Fremdarbeiter und deutsche Dienstverpflichtete beschäftigt wurden. Die in V- Werken eingesetzten Häftlinge galten auf Befehl des Reichsführers SS Himmler als ,, Geheimnisträger", die das betreffende Arbeitskommando unter keinen Umständen mehr verlassen durften. Da die Nazis sich von den Geheimwaffen das große Wunder, die Rettung vor der militärischen Niederlage, versprachen, wurde der Bau dieser Werke in schnellstem Tempo vorwärtsgetrieben. Ohne Rücksicht auf Verluste wurde aus den Häftlingen das Letzte an Arbeitsleistung herausgeholt. Die engen Stollen des Bergwerkes mußten durch Sprengungen zu geräumigen Maschinen- und Montagehallen ausgebaut, Werksbahnen angelegt, schwere Maschinen montiert werden. Auch außerhalb der Arbeitszeit, zum Essen und Schlafen, blieben die Gefangenen in den feuchten Schächten, die vom Qualm und Lärm der Tag und Nacht durchgeführten Sprengungen erfüllt waren. Wochenlang kamen sie nicht ans Tageslicht. Die Menschenverluste in Dora waren gewaltig. Häftlinge, die der Lagerarzt untersucht und als voll arbeitsfähig und transportfähig nach Dora geschickt hatte, wurden oft schon nach zwei oder drei Wochen als tot gemeldet. Fast jede Woche mußten neue Transporte nach Dora zusammengestellt werden, um die Ausfälle zu ersetzen. Solange Dora noch kein eigenes Krematorium hatte, kamen die Leichen der verstorbenen Häftlinge zur Verbrennung nach Buchenwald. Durchschnittlich jeden zweiten Tag kam ein Auto mit oft 100 Leichen. Selbst für uns, die wir vieles gesehen hatten, boten sie einen fürchterlichen Anblick. Über alle Maßen verdreckt und verlaust, abgemagert bis auf die Knochen, mit Verletzungen und Verstümmelungen von den zahlreichen 40 Arbeitsunfällen und— Mißhandlungen. Mehrmals kamen auch die völlig zerrissenen Opfer von Explosionen und Verschüttungen. Zu allem trieben in Dora auch die Grünen ihr Unwesen. Bei dem . schnellen Aufbau des Lagers gingen von anderen Lagern eine Reihe : von Transporten ohne den Umweg über Buchenwald direkt nach Dora. R Sie brachten grüne Capos und Vorarbeiter mit, die sich sofort bei der ;“ SS anbiederten. Sofort begann auch in Dora der alte Kampf zwischen : den von Buchenwald geschickten roten Lagerfunktionären und den #.® grünen Lagerfunktionären. Eines Tages war ein ausländischer Häft- E ling zu 25 Stockhieben verurteilt worden. Der rote Lagerälteste sollte B auf Befehl des Lagerführers diese Strafe vor allen auf dem Appellplatz ö angetretenen Häftlingen vollstrecken. Er weigerte sich und blieb trotz l aller Drohungen fest. Der Lagerführer rief den roten Capo vom Lager- e schutz vor. Auch dieser weigerte sich. Beide wurden vom Appellplatz 3 weg in den Arrest gebracht, fast alle roten Lagerfunktionäre wurden e in Strafkommandos gesteckt und durch Grüne ersetzt. = Die Buchenwalder Organisation schickte eine weitere Gruppe anti- k- faschistischer Kameraden zur Verstärkung der schwer bedrohten = Roten in Dora. Es waren alles Freiwillige, die sich im vollen Bewußt- h sein der Gefahr gemeldet hatten. Dies geschah kurz bevor im Oktober Sn 1944 Döra als selbständiges„Konzentrationslager Mittelbau“ von N. i ‚ Buchenwald losgelöst und unsere direkte Verbindung dorthin unter- ie brochen wurde. Im November-Dezember, als der Verrat an der Thäl- er mann-Gedenkfeier auch in Buchenwald eine gefährliche Krise herauf- D- i beschworen hatte, hörten wir gerüchtweise von SS-Leuten, in Dora | seien die Roten„geplatzt“. Die volle Wahrheit erfuhren wir erst er j später. Im Winter 1944/45 ist in Dora die ganze führende Gruppe der ch 14“ Antifaschisten von der SS ermordet worden. Unter ihnen war der en kommunistische Landtagsabgeordnete Albert Kunz, der in Buchen- par wald beim Zusammenschluß der einzelnen illegalen Gruppen zur ein- ra F heitlichen zentralisierten Organisation die führende Rolle innegehabt JT-} hatte.* ch Wo wurde Ernst Thäimann ermordet? 5, k, f Schon oft hatten alliierte Bombergeschwader bei Tag und Nacht 10- 4 den Eitersberg überflogen. Aber- bis auf wenige Bomben, die einmal en| im Bereich der SS-Führerhäuser abgeworfen wurden, war kein Angriff ‘ie 41 hi u auf das Lager erfolgt. Es waren im Häftlingslager auch keinerlei Schutzmaßnahmen gegen Luftangriffe getroffen, außer der aus Häftlingen zusammengesetzten Feuerwehr, die in erster Linie der Rettung der Betriebe und SS- Gebäude dienen sollte. Für den Schutz der Häftlinge gab es keinen Unterstand, keinen Splitterschutzgraben sie hatten nur die Wahl, während des Luftalarms entweder in den Betrieben zu bleiben oder in dem schmalen Geländestreifen zwischen Betrieben und Postenkette im freien Gelände Deckung zu suchen. - Am 24. 8. 1944 erfolgte ein Bombenangriff auf die Rüstungsbetriebe und SS- Kasernen von Buchenwald. In das Häftlingslager fiel keine einzige Sprengbombe, nur einige der D.A. W. zugedachte Brandbomben wurden vom Winde hereingetrieben, so daß Schneiderei und Schuhmacherei, Wäscherei und Desinfektion ausbrannten. Dagegen waren die Hallen des Werkes Buchenwald, die großen Gebäude und Werkstätten der Truppengarage und des Bauhofes, die ganzen D.A. W.Werkstätten sowie die meisten Kommandantur- und Verwaltungsgebäude binnen 15 Minuten ein brennendes Trümmerfeld. Im Häftlingslager selbst ist kein Häftling ernstlich verletzt worden. Aber die in den Betrieben arbeitenden Häftlinge waren auf dem schmalen, nur 50 bis 100 m breiten Geländestreifen zwischen Betrieben und Postenkette zusammengedrängt, ein Teil sogar in den Betrieben geblieben. Dort gab es viele Opfer. Ihre Zahl wurde noch dadurch erhöht, daß die SS- Leute der Postenkette rücksichtslos in die Häftlinge hineinschossen, als ein Teil versuchte, über die Postenkette aus dem Bereich der Bomben zu kommen. Die 364 Todesopfer und über 500 Schwerverletzten dieses Luftangriffs kommen ausschließlich auf das Schuldkonto der SS. Unter den Opfern des Luftangriffs befand sich auch der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Breitscheid. Zusammen mit anderen führenden politischen Persönlichkeiten wurde er nicht im Häftlingslager gefangen gehalten, sondern in der Nähe der SSKasernen in einer besonders streng bewachten Isolierbaracke, die bei dem Luftangriff völlig zerstört wurde. Einige Tage später erschien in allen Nazizeitungen eine gleichlautende Mitteilung, daß außer Breitscheid auch der kommunistische Reichstagsabgeordnete Ernst Thälmann ein Opfer des Luftangriffs geworden sei. Wir kannten alle Insassen der Isolierbaracke und wissen bestimmt, daß Thälmann nie unter ihnen gewesen ist. Auffällig war, 42 — ' daß die amtliche Mitteilung den Luftangriff auf’ den 28. August da- tierte, obwohl er bereits am 24. stattgefunden hatte. Es war ein eigen- artiges Zusammentreffen, daß in der Nacht vom 28. zum 29. August die Häftlinge, welche im Krematorium die Verbrennungsöfen be- dienten, weggeschickt und vorübergehend durch SS-Leute ersetzt wurden. Es sind also in'jener Nacht im Krematorium Pinge VOr- gegangen, die auch die dort beschäftigten Grünen nicht erfahren sollten. Ob nun Thälmann in jener Nacht-im Krematorium erhängt ünd verbrannt wurde oder ob er an einem anderen Ort schon im Zuge der großen Liquidierungsaktion nach dem 20. Juli beseitigt worden ist— fest steht, daß er nicht von Fliegerbomben getroffen, sondern von der Gestapo ermordet wurde und daß diese die willkommene Gelegenheit des Luftangriffs auf Buchenwald wahrnahm, um den Mord zu tarnen. Im Häftlingslager war darüber nur eine Meinung. Aber auch von draußen hörten wir, daß die Mitteilung vom Tode des Führers der Kommunistischen Partei Deutschlands überall mit Zweifel und Em- pörung aufgenommen wurde. In Weimar waren Kameraden eines kleinen Arbeitskommandos Zeugen, wie ihre SS-Begleitposten auf offener Straße von einigen jungen Arbeiterinnen gefragt wurden:„Was- habt ihr da droben mit Thälmann gemacht? Das werdet ihr einmal veraniworten müssen.“ EN :Der Leichenkeller im Krematorium ‘ Unmittelbar vor dem Luftangriff war eine größere Anzahl deut- scher Häftlinge eingeliefert worden. Nach dem mißglückten Attentat am 20. Juli 1944 wurde von der Gestapo eine Verhaftungsaktion gegen die letzten Reste der noch in Freiheit befindlichen früheren Funktio- näre antifaschistischer Parteien durchgeführt. Unter dem sinnigen Kennwort„Aktion Gitter“ erfolgte sie schlagartig im ganzen Reichs- gebiet-am 22. August. Etwa 750 Verhaftete allein aus Thüringen wur- den von den einzelnen Städten direkt nach Buchenwald gebracht. Transporte aus Sachsen, dem Rheinland und Westfalen waren an- gemeldet, mußten aber wegen des inzwischen erfolgten Luftangriffs in andere Lager. umgeleitet werden. Es handelte sich bei all diesen Verhafteten durchweg um Leute, die auch nach Ansicht der Gestapo in keiner Beziehung zum 20. Juli standen. Von all denen, die irgendeiner Verbindung zu den am Attentat beteiligten Kreisen verdächtig waren, ist keiner ins Häftlingslager gekommen. Aber wahrscheinlich sind viele von ihnen im Krematorium erhängt worden. In den Jahren 1944/45 wurden fast täglich von der Gestapo schwergefesselte Gefangene eingeliefert, für die gleich der Exekutionsbefehl mitkam. Sie wurden in den Arrest gebracht und in der Nacht oder am anderen Morgen ins Krematorium geführt. Dort waren im Leichenkeller rings an den Wänden große Haken eingelassen, an denen die Opfer aufgehängt wurden. Die meisten dieser Ermordeten wurden von den Häftlingen gar nicht oder nur flüchtig gesehen. Es waren Fremdarbeiter, Offiziere der alliierten Armeen, oft auch deutsche höhere Offiziere und Beamte, mitunter sogar deutsche und ausländische Frauen. Kinder im Konzentrationslager Die Zerstörungen des Luftangriffs hatten nur ein kurzes Abstoppen der Massenzugänge zur Folge. Schon nach 14 Tagen rollten wieder die Transporte an. Die Rote Armee hatte die Sowjetgrenzen überschritten. Polen, Ungarn, Estland, Lettland wurden von der Räumungsaktion ergriffen. Insassen von Arbeitslagern im Osten, die dort als Zivilarbeiter eingesetzt waren, größtenteils mit ihren Familien zusammengelebt und sich nichts hatten zuschulden kommen lassen, wurden einfach in die deutschen Konzentrationslager verschleppt. Oft wurden die Familien gemeinsam verladen und im Lager Buchenwald auf dem Bahnhof rücksichtslos auseinandergerissen. Unbeschreibliche Szenen spielten sich ab, wenn Eltern von ihren Kindern, Männer von ihren Frauen, Brüder von ihren Schwestern getrennt wurden und jedes einem anderen Schicksal entgegenging. Nach den Bestimmungen sollten die Kinder mit den Frauen weitertransportiert werden. Aber wenn ein Vater sich nicht von seinem kleinen Jungen trennen wollte, der keine Mutter mehr hatte, wenn ein anderer Junge keine andere Hilfe als den älteren Bruder hatte- dann drückten die Kameraden vom Lagerschutz ein Auge zu. 44 Bald hatten wir einige hundert Kinder im Alter von 3 bis 15 Jahren in Buchenwald. Aber dreijährige Kinder sind nicht„arbeitseinsatz- fähig“. Und wer das nicht ist, hat im Konzentrationslager kein Recht ‘zum Leben. Immer wieder kam der Befehl, die Kinder zu Transporten zusammenzustellen. Schon das Ziel Auschwitz sagie, was mit diesen Transporten beabsichtigt war, sie sollten in die Gaskammern kommen. Wir haben Listen gefälscht und Geburtsdaten korrigiert, um die Zahl der im Lager vorhandenen Kinder geringer erscheinen zu lassen. Wir haben die älteren als Lehrlinge in die Rüstungsbetriebe gebracht und sie von dort wieder krankheitshalber beurlaubt und noch manches andere versucht, um so viele Kinder als nur möglich vor den Trans- porten zu retten. Unter den 21000 Überlebenden von Buchenwald, die am.11. April 1945 befreit wurden, befanden sich 800 Kinder im Alter von 3 bis 15 Jahren. Dässelbe Schicksal wie den Kindern drohte allen Kranken und In- validen. Bei jedem der durchgehenden Transporte bemühten wir uns, wenigstens die Schwerkranken und entkräfteten Häftlinge von-den Lagerärzten„transportunfähig“ schreiben zu lassen und im Lager zu behalten. Das hatte aber zur Folge, daß die Zahl der arbeitsunfähigen Häftlinge im Lager immer größer wurde. Anfang März 1945 waren von rund 45 000 Insassen des Lagers(ohne Außenkommandos) 10 500 „vorübergehend nicht arbeitsfähige“ und 11400 ‚dauernd nicht ar- beitsfähige“ Häftlinge.. Das besagt, daß die Hälfte aller Gefangenen, selbst nach der Meinung der SS-Ärzte, ernstlich krank waren! Das Amt DII im Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt der SS, dem täglich über den Arbeitseinsatz der Häftlinge berichtet werden mußte, ordnete wiederholt die Überführung der dauernd arbeitsunfähigen Häftlinge nach Auschwitz und Lublin an. Das Schicksal der Verschickten war nicht zweifelhaft. Tatsächlich sind von den Außenkommandos Dora, SI, Brabag-Tröglitz und anderen größere Invalidentransporte nach Auschwitz und später nach Bergen-Belsen gegangen. Das Lager Bergen- Belsen, in der Lüneburger Heide, in dem englische Truppen nur noch Tode und Sterbende vorfanden, weil die SS die Gefangenen dort buch- stäblich verhungern und an Seuchen zugrunde gehen ließ, führte bei . der Gestapo und SS den offiziellen Namen„Häftlings-Erholungslager“! Um solche Transporte zu verhindern, mußte alles mögliche unter- nommen werden, um die Zahl der dauernd Arbeitsunfähigen möglichst 45 niedrig erscheinen zu lassen. Die Kameraden der Arbeitsstatistik haben deshalb in den täglichen Berichten eine ganze Reihe fingierter Arbeitskommandos geführt, wo Häftlinge angeblich mit Bauarbeiten, Aufräumungsarbeiten usw. beschäftigt waren, während sie in Wirklichkeit krank in den Baracken lagen Das internationale Lagerkomitee Eine so weitgehende Sabotage der Anweisungen und Befehle der SS war nur möglich, weil die wachsende Überfüllung des Lagers der SS die Übersicht immer mehr erschwerte und die Funktionskräfte immer unentbehrlicher machte. Das Verdienst der Antifaschisten jedoch ist es, daß sie diese günstige Chance entschlossen und opferbereit bis zur letzten Möglichkeit ausnützten. Das ganze Lager überzogen die Fäden der internationalen Geheimorganisation. Unterstützt und gedeckt von der deutschen und österreichischen Organisation hatten sich in allen Nationen die aktiven Antifaschisten unter der Führung eines nationalen Komitees zusammengeschlossen. Seit 1944 fanden regelmäßige Zusammenkünfte und Besprechungen von Vertretern aller Nationalkomitees statt, aus denen sich dann das internationale Lagerkomitee bildete. Es ist verständlich, daß nicht nur die Personen, sondern auch der organisatorische Aufbau nur einem ganz engen Kreis Eingeweihter bekannt sein durfte. Aber wenn seit jener Zeit Lagerfunktionäre untereinander ganz unverfänglich von der ,, Lagerleitung" sprachen, dann war damit nicht mehr Lagerkommandant und Lagerführer der SS gemeint, sondern die Lagerältesten und das hinter ihnen stehende unbekannte, aber doch von allen Aktivisten respektierte internationale Lagerkomitee. Der Ausbau und die wachsende Aktivität der Geheimorganisation brachten erhöhte Gefahren mit sich. Wir mußten stets mit der Möglichkeit einer Aufdeckung und Liquidierung der antifaschistischen Kader rechnen, und dann wollten wir unser Leben so teuer als möglich verkaufen. Der siegreiche Vormarsch der alliierten Heere im Osten, Süden und Westen stellte unter gegebenen Voraussetzungen auch die Aufgabe einer bewaffneten Aktion der Gefangenen. Solche Überlegungen führten zur Bildung kleiner militärischer Kaders in allen nationalen Gruppen. Sowjetrussische Kriegsgefangene, 46 Y k er 1, SS SS er st ur en on en 0- ge alee ch er ernn gen- ale on 5gen ich en, die Kane, Kämpfer aus dem französischen Maquis, Rotspanier, jugoslavische Partisanen, deutsche und österreichische Spanienkämpfer, ehemalige tschechische und polnische Soldaten und Offiziere gaben praktische Unterweisungen in der Handhabung von Waffen, theoretische Instruktionen in Geländekunde und Taktik. Die Kameraden im Gustloff- Werk brachten trotz dreifacher Kontrolle durch Betriebsleitung, SS und Wehrmacht 90 Karabiner samt Munition ins Lager. Polnische Kameraden ,, organisierten" ein leichtes Maschinengewehr, russische Kriegsgefangene fertigten Brandflaschen, eine kleine Anzahl Handgranaten, Revolver usw. wurden beschafft. Für die vorbildliche Disziplin zeugt. die Tatsache, daß bei den zahlreichen Durchsuchungen und Vernehmungen durch SS und Gestapo nie eine Spur der militärischen Organisation oder der Waffen gefunden wurde. Eine wichtige Aufgabe bei der Sicherung der illegalen Organisation und der militärischen Gruppen hatte der von der SS anerkannte Lagerschutz der Häftlinge. Auch wir Gefangenen hatten ja ein Interesse an der Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung und Disziplin im Lager. Zur Verhinderung der Seuchengefahr mußte die Isolierung der Quarantäneblocks streng durchgeführt und auf größte Reinhaltung der Blocks, Lagerstraßen, Abort- und Kanalisationsanlagen geachtet werden. Es mußte verhindert werden, daß unsoziale verbrecherische Elemente ihren Mithäftlingen das letzte Stückchen Brot wegnahmen, Einbrüche in Küche und Kammer verübten.. Ursprünglich hatten regelmäßige SS- Streifen das Lager kontrolliert und dabei besonders des Nachts je nach Laune die Häftlinge terrorisiert. Durch den Personalmangel im Kommandanturstab gelang es zu erreichen, daß diese Kontrollen vom Lagerschutz übernommen wurden. Es wurde so möglich, alle inneren Lagerangelegenheiten unter Ausschaltung der SS in den Reihen der Häftlinge selbst zu regeln. Wer sich gegen die Gesetze der Kameradschaft verging, wurde durch seine nationale Gruppe zur Verantwortung gezogen. Wollte er sich trotz aller Ermahnungen nicht in die Gemeinschaft fügen, so wurde er auf einen Transport abgeschoben. Eine wesentliche Erleichterung bedeutete es für alle Neuen, daß ihre Aufnahme ins Lager nicht mehr durch die Prügelhelden der SS, sondern durch hilfsbereite Kameraden des Lagerschutzes erfolgte. Anfänglich bestand der Lagerschutz nur aus deutschen Häftlingen. Aber trotz dem Widerstand der SS wurde er allmählich in der Mehr47 heit mit zuverlässigen ausländischen Kameraden besetzt. Unter dem Deckmantel seiner legalen, von der SS anerkannten Tätigkeit zur Aufrechterhaltung von Disziplin und Ordnung sicherte der Lagerschutz die illegale Organisation und ihre militärischen Kaders und warnte stets rechtzeitig vor plötzlichen Razzien der SS. Vor dem Strick gerettet Der bewaffnete Einsatz mußte das letzte Mittel bleiben, aber auch vorher galt es, mit geeigneten Mitteln wertvolle Aktivisten vor der Vernichtung zu schützen. In den letzten Jahren wurden des öfteren Ausländer ins Lager eingeliefert mit dem Befehl, daß sie nur innerhalb des Lagerzaunes beschäftigt und unter keinen Umständen auf ein Außenkommando geschickt werden durften. Viele von ihnen wurden eines Tages plötzlich herausgerufen, ins Krematorium gebracht und erhängt. Es handelte sich meist um politische Aktivisten oder Spionageund Sabotageverdächtige, gegen die in der Zwischenzeit von der Gestapo eine Untersuchung durchgeführt und ohne Gerichtsverfahren das Todesurteil verhängt worden war. Durch die Kameraden der politischen Abteilung versuchten wir, uns über die Akten solcher Häftlinge zu informieren und die Gefährdeten zu retten. Mit Hilfe der Kameraden im Revier konnten manche für tot erklärt werden und mit Namen und Nummer verstorbener Häftlinge wieder auferstehen. Andere wurden dadurch gerettet, daß sie trotz ausdrücklichem Verbot ,, versehentlich" doch auf ein gutes Außenkommando verschickt wurden, wo sie untertauchen oder auch flüchten konnten. Auf diese Weise gelang es, Offiziere des Maquis, Fallschirmspringer, Sonderbeauftragte der englischen und amerikanischen Stäbe und andere wertvolle Aktivisten vor dem Strick zu retten. Den unerträglichen Arbeitsverhältnissen in den Außenkommandos suchten manche Häftlinge durch die Flucht zu entgehen. Nach einem Befehl des Reichsführers der SS wurde jeder flüchtige Häftling gehängt. Wenn also ein Ausländer ergriffen wurde, gab er nach Möglichkeit einen falschen Namen an und erklärte, als Zivilarbeiter von irgendeinem Arbeitslager weggelaufen zu sein. Dafür kam er nur Konzentrationslager, aber seine Entdeckung war meistens eine Frage V t S a S 48 ee gte sti- los em ge: ög- on ins abe.= Data 7 von Tagen, höchstens Wochen. Man mußte ihm.also von neuem zur Flucht verhelfen. Oft wurden auch Kameraden mit bestimmten Auf- trägen beauftragt, zu fliehen. Es gab einige Außenkommandos, von denen eine solche Flucht, wenn auch unter großen Schwierigkeiten “möglich war. In Transporte nach ihnen wurden kleine, ausgesuchte Fluchtgruppen eingereiht. Immer wieder wurde der rote Capo der Arbeitsstatistik wegen sol- cher„Versehen“ und„Unglücksfälle“ der Sabotage beschuldigt, ge- schlagen, mit Arrest und Erschießen bedroht. Schließlich wurde ein anderer Capo eingesetzt, der zwar den roten Winkel trug, aber ein ‘alter Pg. war, den persönliche Streitigkeiten mit irgendwelchen In- stanzen in Schutzhaft gebracht hatten. Er wurde von den anderen Häftlingen der Arbeitsstatistik wie von allen Lagerfunktionären so systematisch sabotiert, daß er nach knapp 14 Tagen, völlig bankrott war und sang- und klanglos auf einen ungefährlichen Platz abgescho- ben werden konnte. Die Arbeitsstatistik hatte wieder ihren alten Capo. „Lieber sterben als verraten“ Wieder einmal wurde die Disziplin und Standhaftigkeit der Anti- faschisten auf eine harte Probe gestellt. In allen Blocks hatten wir in kurzen Feiern der Opfer des Luftangriffs gedacht. Die Kameraden der Effektenkammer aber hatten ihre Feier zu einem Gedenken für Ernst Thälmann gestaltet. Ein Kamerad hatte in einer Ansprache den Kampf und Opfertod’des Führers der deutschen Kommunisten gewürdigt. Durch Unvorsichtigkeit und Verrat hatte die SS davon erfahren. Sofort schlug die Gestapo zu. Mehrere führende Kameraden, der Capo der Effektenkammer, der Redner in der Gedenkfeier und andere Beteiligte wurden von der Gestapo geholt und nach Weimar gebracht. Einige Tage später holte sie auch noch den ersten Lagerältesten. Mit endlosen Verhören und Folterungen versuchte man von den Verhaf- teten ein Geständnis über die Gedenkfeier und über die Teilnehmer zu erpressen. Nach und nach wurden alle Häftlinge der Effektenkammer zum Verhör geholt. Aber alle Verhörten hielten stand. Wer die Teil- nahme an der Gedenkfeier nicht bestreiten konnte, gab ihr doch eine harmlose, unpolitische Deutung. Das, was die Gestapo suchte, die un- 49 sichtbaren Fäden der geheimen Organisation, konnte sie trotz aller Mißhandlungen und Folterungen nicht finden. Die Erfahrungen des jahrelangen Kampfes hatten alle hart gemacht. Lieber sterben als verraten. Ein Kamerad, der sich nicht stark genug fühlte, die Qualen des Verhörs auszuhalten, beging Selbstmord, als er zur Gestapo geholt werden sollte. Die Untersuchung verlief in einer Sackgasse. Die verhafteten Funktionäre wurden in ein streng isoliertes Gestapogefängnis gebracht. Monatelang bangten wir um ihr Leben. Als dann die amerikanischen Truppen in Thüringen eindrangen, gelang es ihnen, zu entfliehen und wenige Tage nach der Befreiung des Lagers waren sie wieder in unserer Mitte. Aber der Capo der Effektenkammer und der erste Lagerälteste fehlten immer noch. Sie waren mit den anderen Insassen des Gestapogefängnisses evakuiert worden, und trotz allen Suchens mit Unterstützung der amerikanischen Truppen konnten wir ihre Spur nicht mehr finden. Wir gaben schon die Hoffnung auf und rechneten sie zu unseren Toten. - Endlich nach Wochen die meisten von uns waren schon in die Heimat gefahren- kamen sie ins Lager zurück. Sie waren mit anderen Häftlingstransporten zusammen in die Tschechoslowakei verschleppt worden, wo sie von der Roten Armee befreit wurden. Abgemagert und abgerissen, am ganzen Körper noch die Spuren der Miẞhandlungen, aber voll Energie und Aktivität standen sie wieder vor uns. ,, Konntet ihr denn nicht schon lange ausreißen? Wir haben wochenlang gesucht und gefürchtet, daß euch die Hunde liquidiert hätten." So fragten wir sie. Und sie antworteten: ,, Wir waren zweitausend, ein wilder, zusammengewürfelter Haufen aus allen möglichen Gefängnissen und Außenkommandos. Die konnten wir doch nicht im Stich lassen. Wir mußten ihnen helfen, dafür sorgen, daß wir uns alle durchschlugen." Sie hatten monatelang dem Tod ins Auge gesehen und doch nie an sich, sondern immer nur an die Kameraden gedacht. d D S 1 Z S d Sa W R S H d B I e 0 D S f g f Die SS sucht Freiwillige Es wurde uns bekannt, daß Lagerkommandant und Lagerführer nach dem Verrat der Thälmann- Feier die Ablösung aller roten Lagerfunktionäre beabsichtigten. Sie wurden in ihrer Absicht bestärkt durch 50 hrer iger“ ırch NEN, das Fiasko der Werbung für die Freiwilligenformation Dirlewanger. Das war eine Sonderformation der Waffen-SS, die sich aus bestraften SS-Leuten und aus Insassen der Konzentrationslager rekrutierte. Schon mehrmals waren die kriminellen und asozialen deutschen Häftlinge zum freiwilligen Eintritt aufgefordert worden. Viele Grüne und Schwarze hatten sich gemeldet und waren weggekommen. Wir hörten,° daß die Formation Dirlewanger hinter der Front im Osten zur Parti- sanenbekämpfung, für Strafexpeditionen und Exekutionen eingesetzt wurde. Im Winter 1944/45 ging die Nachricht durchs Lager, daß jetzt auch Rote für Dirlewanger geworben würden. In der Tat ließ einige Tage später der Lagefkommandant alle deutschen und österreichischen Häftlinge antreten. Er verlas uns ein Schreiben des Reichsführers SS, daß nun auch politische Häftlinge die Möglichkeit hätten, durch frei- willige Meldung zur Formation Dirlewanger ihre Vaterlandsliebe unter Beweis zu stellen. Wer sich freiwillig melden wolle, möge vortreten. Langsam traten einige alte, klapprige Grüne und Schwarze und auch ein paar rote Außenseiter vor. Es mochten 12—15 Mann sein. Wir an- deren standen stramm und stumm. Der Kommandant sprach noch ein- mal. Schließlich verlängerte er die Meldefrist bis zum Abend des näch- sten Tages. Am andern Tag agitierten die Block- und Kommando- führer der SS eifrig für Dirlewanger. Sie ließen auch dunkle Drohun- gen einfließen. Es meldeten sich noch einige jüdische Mischlinge, aber die Front der Roten blieb fest. Wir warteten gespannt, was nun geschehen würde. Der Lager- führer machte im Suff aus seinem Herzen keine Mördergrube:„Ich weiß genau, ihr roten Hunde seid alle Kommunisten. Ihr wartet nur . darauf, daß die Russen kommen und uns alle aufhängen. Aber wenn wir verrecken müssen, nehmen wir euch alle mit.“ Aber es blieb bei den Drohungen. Weiter geschah nichts. Man brauchte uns noch. Der sprunghafte Zuwachs des Lagers war der SS über den Kopf gewachsen. Im Oktober 1944 betrug die Lagerstärke '85. 000 Häftlinge. Durch die Ausgliederung des nun selbständigen Lagers „Dora“ sank die Stärke auf dem Papier auf 55 000, was an der Überfül- lung des Stammlagers Buchenwald nichts änderte. Und von November 1944 bis Februar 1945 kamen rund 60 000 Neuzugänge, Die Rote Armee war in bedrohliche Nähe der im Osten gelegenen Konzentrationslager 51 gelangt. Das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz mit etwa 80 000 Häftlingen wurde evakuiert, kurze Zeit später wurden die Lager Groß- Rosen bei Breslau und Stutthof bei Danzig geräumt. Transport auf Transport, oft in offenen Eisenbahnwagen, traf in Buchenwald ein. An diesen Tagen herrschte eisige Kälte, die Gefangenen waren bei völlig ungenügender Ernährung und Bekleidung wochenlang unterwegs gewesen. Viele waren in den überfüllten Waggons an Hunger und Kälte gestorben, und um nicht selbst zugrunde zu gehen, warfen ihre Kameraden sie aus dem fahrenden Zug. Beim Lagerkommandanten liefen Beschwerden ein, daß an den Bahndämmen nackte Leichen gefunden werden. Die Überlebenden konnten bei ihrer Ankunft in Buchenwald sich kaum ins Lager schleppen. Lagerschutz und Feuerwehr zogen mit Karren und Handwagen zum Bahnhof, um die Zusammengebrochenen aufzusammeln und ins Lager zu fahren. Die Lagerstraße war übersät mit verlorenen Decken, Mänteln, Mützen, Eßgeschirr und zusammengebrochenen Menschen, die sich nicht weiterschleppen konnten. Es war nicht möglich, die völlig Verdreckten und Verlausten zu baden, weil dies für sie den sicheren Tod bedeutet hätte. Das Lager S III bei Ohrdruf Die Überfüllung des Lagers war furchtbar. In jedem der Pferdeställe mußten bis zu 2000 Menschen untergebracht werden. Der Lagerführer aber erklärte: ,, Solange das Tor noch zugeht, ist noch Platz im Lager." Aber trotz der fürchterlichen Zustände klammerte sich jeder an die Hoffnung, im Lager Buchenwald bleiben zu können. Denn wer nur einigermaßen gehen und stehen konnte und nicht unbedingt in den Buchenwalder Betrieben gebraucht wurde, den schickte die Lagerkommandantur auf neue Transporte nach dem gefürchteten Lager S III. Auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf bei Gotha wurde im November 1944 buchstäblich in letzter Minute eine neue unterirdische Fabrik und eine Abschuẞbasis für V1 und V 2 gebaut. In wenigen Tagen wurden tausende Häftlinge dorthin gebracht und ohne alle Rücksicht auf die Verluste in schweren, Tag und Nacht vorwärtsgetriebenen Arbeiten verbraucht. Schon nach wenigen Wochen kam ein 52 fin fan- lung Vag- e zu eim ıhn- nten pen. zum ager fän- die öllig eren oe: \ Transport von 1400 völlig erschöpften und zugrundegerichteten Ge- fangenen zurück. 200 von ihnen waren bei der Ankunft tot oder starben bei der Aufnahme unter den Händen der Kameraden. 200 weitere star- ben in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft. Die andern 1000 wurden von den SS-Ärzten als unrettbar weitergeschickt nach Bergen-Belsen zum Verreckenlassen; wer weiß wieviele überhaupt noch lebend dort angekommen sind. Die nächsten Transporte zugrundegerichteter AT- beitssklaven gingen von SIII direkt nach Bergen-Belsen: am 14. Fe- bruar 500, am 25. Februar 500, am 24. März 1884 Gefangene. In Ohr- druf selbst starben vom 24. Dezember 1944 bis 26. März 1945 1460 Häft- linge, dann kam keine Meldung mehr. Von 7648 Häftlingen, die Weih- nachten 1944 in SIII gezählt wurden, sind also innerhalb 3 Monaten nach den amtlichen Zahlen der SS mindestens 5744 zugrunde gerichtet worden. Als Ersatz wurden immer neue Opfer nach Ohrdruf ge- schleppt, so daß Ende März-rund 12600 Gefangene dort waren. Etwa 9300 davon kamen vom 3. bis 7. April nach Buchenwald zurück, als die SS vor dem Anmarsch der amerikanischen Truppen das Lager räumte. Die anderen 2300 sind auf dem Rückmarsch zusammengebro- chen und erschossen oder als Marschunfähige in Ohrdruf zurück- gelassen und größtenteils.lebendig verbrannt worden, als die SS bei der Räumung die Baracken anzündete. Die Befreiung z f Mit fiebernder Ungeduld hatten wir die militärische Entwicklung verfolgt. Dem großen Vorstoß der Roten Armee von der Weichsel bis an die Oder folgte die anglo-amerikanische Offensive im Westen. War es die letzte, die entscheidende? Oder würde es dem Hitler- Regime ge- lingen, um den Preis neuer großer Opfer seine wankende Herrschaft noch um einige Wochen zu retten? Regte sich nicht endlich der Wider- stand des deutschen Volkes? Waren denn wirklich alle aktiven Gegner des Nazisystems ermordet oder hinter dem elektrischen Draht? Wir hatten in Buchenwald unsere Pflicht getan und als Lohn aller Opfer ‚war es uns gelungen, den Kerntrupp der Politischen durch 12 Jahre; "faschistischen Terror ungebrochen und ungebeugt zu erhalten. Wir - konnten Tausenden ausländischen Kameraden das Leben retten.; 53 Aber nun war die Situation fast unhaltbar geworden. In den Pferdeställen im Kleinen Lager, in den elenden Hütten im Zeltlager starben täglich Hunderte; mit all unseren bisherigen Mitteln und Methoden konnten wir es nicht verhindern. Waren wir da nicht verpflichtet, von der versteckten Sabotage zum offenen Widerstand überzugehen? Aber wie lange noch konnten wir überhaupt auch nur die bisherige, versteckte Sabotage durchführen? Sicher ahnte die SS schon lange, was im Lager gespielt wurde. Aber wieviel wußte sie und welche Vorbereitungen hatte sie getroffen zu einem letzten Schlag? Wenn die alliierten Truppen vor den Toren standen und die Existenz des Lagers doch nur noch eine Frage von Tagen war, dann waren die Funktionskräfte ja nicht mehr unentbehrlich und der einzige Grund zur Zurückhaltung für die SS war gefallen. Wir gingen der letzten und entscheidenden Bewährungsprobe entgegen. Würden die amerikanischen Truppen rechtzeitig genug kommen? Oder mußten wir auch diese letzte Prüfung nur auf uns allein gestellt bestehen? Das waren die Gedanken, die uns in den Märztagen 1945 bewegten. In den ersten Apriltagen standen die amerikanischen Panzerspitzen in Eisenach, 70 km westlich von Buchenwald. Die Lagerkommandantur zog die Außenkommandos in der Umgebung ein. Die Arbeit in den Betrieben wurde eingestellt und alle Häftlinge hinter den elektrischen Zaun des Gefangenenlagers zurückgezogen. Die Verbindungen zur Außenwelt waren abgeschnitten. Die Wachen auf den Maschinengewehrtürmen wurden verstärkt. Jetzt galt es. Wir wußten aus den Erfahrungen der anderen Lager, daß die SS versuchen würde, das Lager vor den herannahenden alliierten Truppen zu evakuieren. Und was diese Evakuierung bedeutet, das sagten uns deutlich die Erzählungen der Kameraden, die nun täglich von den weiter im Westen gelegenen Außenkommandos zurückkamen. Endlose Fußmärsche ohne Verpflegung, ohne Nachtquartier, umringt von der Meute der SS- Posten. Jeder, den die Kräfte verließen, der nicht mehr Schritt halten konnte und liegen blieb, erhielt den Genickschuẞ. Weggeworfene Gepäck- und Bekleidungsstücke und die Leichen Ermordeter bezeichneten den Weg der Häftlingstransporte. Am Nachmittag des 3. April wurden plötzlich alle deutschen Häftlinge zu einem Appell befohlen. Dort erschien der Lagerkommandant 54 zen lan- den gr mit seinem Stab von Adjutanten, Lagerführern, Rapportführern. Er sprach in einem Ton, den wir noch nie von ihm gehört hatten. Selbst damals nicht, als er versucht hatte, die Politischen für die Formation Dirlewanger zu ködern. Er versprach, daß das Lager nicht evakuiert würde und daß er den deutschen Häftlingen die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Lager übertrage. Er ließ durchblicken, daß die deutschen Häftlinge von den Ausländern im Lager bedroht seien und freiwillig mit der SS abziehen könnten, wenn das Lager aufgegeben werden müsse. Wir schwiegen. Keine Ant- wort ist auch eine Antwort. Mit Versprechungen von KZ-Komman- danten hatten wir unsere Erfahrungen gemacht. Vielleicht war das ‘ Vordringen der Amerikaner so schnell, daß der Kommandant die Eva- kuierung tatsächlich nicht mehr für möglich hielt. Wie dem auch sei, wir würden auf der Hut sein. In der Nacht nach der seltsamen An- sprache beschloß die internationale militärische Leitung, im geeig- neten Moment auszubrechen und nach Westen zu den alliierten Trup- pen durchzustoßen. Aber die amerikanischen Panzerspitzen wurden bei Eisenach vor- übergehend zurückgeschlagen. Die deutsche Heeresleitung hatte noch- - mals Verstärkungen zusammengerafft und nach Thüringen geworfen. Auf den Eittersberg wurde eine SS-Division als Verstärkung gelegt. Ein Ausbruch war unter diesen Umständen aussichtslos. Wir mußten weiter abwarten und hinhalten und eine Evakuierung mit allen geeig- neten Mitteln sabotieren und verzögern. Die SS hatte Zeit gewonnen. Es waren kaum 24 Stunden seit der Erklärung des Lagerkommandanten verflossen, als am 4. April plötz- lich durch den Lautsprecher der Befehl kam:„Alle Juden sofort auf dem Appellplatz antreten.“ Es sollte also doch evakuiert werden. Nie- mand trat an! Lager- und Blockälteste wurden ans Tor gerufen. Sie er- klärten, durch die Überfüllung des Lagers keine Übersicht mehr zu ‚haben und außerstande zu sein, den Befehl auszuführen. Am ‚andern Tage mußte das ganze Lager antreten, und die SS suchte selbst die Juden heraus. Aber es waren keine gelben Winkel mehr zu sehen. Von 8000 Juden im Lager brachte die SS schließlich 3000 zusammen. Die anderen waren„arisiert“ in der Masse der anderen Häftlinge unter- getaucht. Die bekannteren jüdischen Kameraden wurden versteckt. Die SS durchsuchte die Blocks und fand einige jüdische Kameraden. 1079] Einer setzte sich zur Wehr und wurde niedergeschossen. Aber die anderen wurden nicht entdeckt. Am nächsten Tage sollten 46 politische Häftlinge, durchweg Lagerfunktionäre und Führer der illegalen Organisation, am Tor antreten. Der Zweck war klar. Alle 46 waren verschwunden. Wieder wurden Lagerälteste und Blockälteste zum Kommandanten gerufen. Sie gingen erst nach vorheriger Rücksprache mit dem internationalen Lagerkomitee. ,, Geht keinen Schritt mehr aus dem Lager", erklärte das Lagerkomitee. ,, Wenn der Kommandant von euch etwas will, soll er ans Tor kommen. Wenn sie euch im Lager verhaften wollen, hauen wir euch heraus." Wieder erklärten sich die Lagerfunktionäre auẞerstande, die 46 zu finden. Wieder kamen schwerbewaffnete SS- Patrouillen ins Lager und suchten. Sie kamen überfallartig bei Nacht in einzelne Blocks zur Durchsuchung. Sie fanden keinen, und keiner ließ sich provozieren.„ Losgeschlagen wird nur auf Befehl", war die Losung. Dann begann die SS die Baracken des Kleinen Lagers zu räumen und die Insassen zum Abtransport auf den Appellplatz zu treiben. Ein großer Teil von ihnen verschwand in den Baracken des Großen Lagers. Die SS schoß. Noch galt der Befehl: ,, Nicht provozieren lassen. Hinhalten. Verzögern." Die für den Abtransport Zusammengetriebenen wurden von der SS in die D.A. W.- Baracken gesperrt. Nachts wurde ein Teil von ihnen vom Lagerschutz wieder herausgeholt. Die SS erklärte den Kranken: ,, Das ganze Lager wird evakuiert, was an Kranken und Marschunfähigen zurückbleibt, wird zum Schluß liquidiert und das ganze Lager angezündet." Viele der Unorganisierten aus dem Kleinen Lager ließen sich dadurch einschüchtern und haben dies mit dem Leben bezahlt. Schon nach wenigen Tagen, ja oft nur Stunden, brachen sie auf dem Marsch zusammen und wurden erschossen. Die polnischen Kameraden beschlossen, geschlossen auf den Marsch zu gehen. Ihre militärischen Kader marschierten in kleinen Gruppen über den ganzen Transport verteilt; sie wollten die erste beste Gelegenheit benützen, um auszubrechen. Ein Teil von ihnen ist durchgekommen. Die Spannung war aufs Unerträgliche gestiegen. In der Nacht vom 10. zum 11. April beschloß die militärische Leitung, sich weiteren Evakuierungsmaßnahmen offen und gewaltsam zu widersetzen. Die Front war wieder in Bewegung gekommen und seit zwei Nächten 56 ‚om ren Die ‚ten funkte ein Geheimsender aus dem Lager Berichte an die alliierten‘ Truppen. Zum andern Tag um 12 Uhr war das Antreten des gesamten Lagers befohlen. Jetzt mußte die Entscheidung fallen. Das Lager- komitee gab die Weisung, daß alle Häftlinge in den Baracken bleiben und die militärischen Gruppen ihre Ausgangsstellungen beziehen soll- ten. Doch gegen 11 Uhr ertönte die Lagersirene. Ein neues, bisher noch nicht gehörtes Signal:„Feind— Gefahr.“. Die amerikanischen Panzer waren im Anrollen, schon waren in der Ferne ihre Schnellfeuer- geschütze und Maschinengewehre zu hören. Während der Gefechts- lärm sich näherte, durchbrachen die Kader den Zaun und stürmten die Maschinengewehrtürme. Von zwei Seiten ins Feuer genommen, leistete die SS nur noch geringen Widerstand. Lagerkommandant und SS-Führer waren ausgerissen. Als der erste amerikanische Panzer vor dem Lagertor auffuhr, wehte auf diesem schon die weiße Fahne. Die Türme waren mit bewaffneten Häftlingen besetzt. Von allen Baracken grüßten die Fahnen der vereinten Nationen. Buchenwald war frei. Die Amerikaner helfen Die amerikanischen Tanks rollten ohne Aufenthalt weiter. Wenige Kilometer ostwärts hatten sich die deutschen Truppen am Stadtrand von Weimar erneut festgesetzt, im Westen wurde in Erfurt noch er- bittert gekämpft. Buchenwald war ein umkämpfter Frontvorsprung. Der Verbindungsoffizier der amerikanischen Truppen hörte den Be- richt des internationalen Lagerkomitees und erteilte ihm den Auftrag, - selbst die militärische Sicherung und die Verwaltung des Lagers zu übernehmen. Mit den Waffen der SS ausgerüstete Häftlinge besetzten SS-Kasernen und Betriebe, sicherten die Umgebung des Lagers und durchkämmten sie nach versprengten SS-Leuten. Unter der Führung des internationalen Lagerkomitees und der nationalen Komitees wur- _ den alle notwendigen Maßnahmen in Ordnung und Disziplin durch- geführt. Erst nach Tagen übernahmen nachfolgende amerikanische Trup- pen die Verwaltung des Lagers. Sie trafen sofort tatkräftige Maß- nahmen, um uns zu helfen. In der Umgegend vorgefundene Lebens- mittellager der Wehrmacht wurden für Buchenwald zur Verfügung 57 gestellt. Die umliegenden Dörfer, die bisher die Stadt Weimar beliefert hatten, bekamen von den Militärbehörden den Auftrag, Eier, Butter und Fleisch jetzt nach dem Konzentrationslager vor allem für die Kinder und Kranken zu bringen. Zum erstenmal gab es im Lager reichliches und schmackhaftes Essen. Die Kranken und Kinder wurden aus den Elendshütten des Kleinen Lagers in die SS- Kasernen gebracht, wo das amerikanische und internationale Rote Kreuz ihre Pflege übernahm und Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten durchführte. Diese Hilfe wurde allen Lagerinsassen ohne Unterschied der Nation, Rasse oder Weltanschauung gewährt. In der Stadt Weimar gingen amerikanische Militärpolizisten von Straße zu Straße, bestimmten von jedem Haus einen Mann oder eine Frau: ,, Ihr sollt euch morgen Buchenwald ansehen." Auf der Straße von Weimar nach Buchenwald, die schon so manchen Elendtransport gesehen hatte, kam wieder eine Kolonne marschiert. Es wurde diesmal niemand beschimpft oder geschlagen, die amerikanische Militärpolizei war korrekt und ruhig, aber auch unerbittlich: ,, Ihr sollt nur sehen, alles sehen." Und sie sahen die kranken, abgemagerten Gestalten, die 3-4jährigen Kinder in Gefangenenkleidung, die dreckigen überfüllten Unterkunftsbaracken, das Krematorium und das Massengrab. Nur wenige unserer Zwangsbesucher vermochten ihre kalten, abweisenden Mienen beizubehalten, die meisten waren angesichts des Geschauten tief erschüttert. Und sie brachten jene Entschuldigungen vor, die wir seither noch so oft gehört haben. ,, Das haben wir nicht gewußt" Ist es wirklich wahr, daß das deutsche Volk nichts gewußt hat von den Verbrechen, die in den Konzentrationslagern begangen wurden? Zugegeben, den ganzen Umgang der unvorstellbaren Schandtaten haben nur wenige gekannt. Aber daß in den Konzentrationslagern weder Gesetz noch Recht, sondern nur die brutale Willkür der SS und Gestapo galt, das war überall in Deutschland bekannt. Man wußte, daß Menschen ohne gerichtliche Untersuchung, ohne Verteidigungsmöglichkeit und Richterspruch hinter dem Stacheldraht verschwanden. Haben. nicht auch in Württemberg die großen und kleinen Nazibonzen so manchem gedroht: ,, Dich bringe ich nach Dachau!?" Haben nicht 58 efert tter - die ager wurgeihre eiten hied von eine unsere Angehörigen, wenn sie sich bei Gestapo oder Parteidienststelle nach dem Schicksal des Gatten, des Vaters oder Bruders erkundigten, die zynische Antwort erhalten: ,, Der kommt nie mehr zurück!"? Haben nicht Nazis und SS- Leute mit sadistischer Freude erzählt, daß in den Konzentrationslagern schikaniert und mißhandelt wurde? Standen nicht schon 1933 und 1934 in den Nazizeitungen die lakonischen Meldungen, daß im Konzentrationslager der und jener ,, auf der Flucht erschossen". wurde, brachte nicht später im Kriege fast jede Woche die Zeitung eine amtliche Mitteilung: ,, Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei teilt mit:, Wegen Widerstand wurden erschossen..."?" Hat das niemand gelesen, keiner sich darüber Gedanken gemacht? Das alles hat in Deutschland jeder gewußt, der nicht absichtlich Augen und Ohren verschlossen hielt, weil er es nicht wissen wollte. raße Sport smal lizei ehen, , die llten Nur nden uten e wir von den? haweder stapo Menhkeit aben en so nicht Wir konnten nichts dagegen tun" So entschuldigen sich andere. Wir ehemaligen Insassen der Konzentrationslager kennen den Terror der Gestapo und SS und wissen, wie schwer er auf dem deutschen Volke lastete. Aber wir wissen auch und haben durch die Tat bewiesen, daß es auch gegen den schlimmsten Terror eine Möglichkeit des Widerstandes gibt. Aber wieviele wollten denn wirklich Widerstand leisten? Haben nicht viele Millionen den Sondermeldungen von den deutschen Eroberungs- und Raubzügen in den Jahren 1939-1941 zugejubelt? Haben sie nicht zugestimmt, als Göring 1942 erklärte: ,, Wenn gehungert werden soll, dann nicht bei uns!" und damit Frauen und Kinder im besetzten Osten und Westen zum Hungertod verurteilte? Haben nicht deutsche Soldaten und Volkssturmleute noch bis in die allerletzten Tage und Minuten, als schon jedem Kind der Wahnsinn und die Aussichtslosigkeit jeder weiteren Kriegführung einleuchten mußte, Verkehrsanlagen und Brücken gesprengt? Es gibt Beispiele beherzter Männer und Frauen an manchem Ort, die beweisen, daß die Ausführung solcher verbrecherischer Befehle verhindert werden konnte. Wieviele der gegenwärtigen Verkehrs- und Versorgungsschwierigkeiten wären gerade unserer württembergischen Heimat erspart geblieben, wenn solche Beispiele mehr Nachahmung gefunden hätten. 59 Es gibt nichts Erbärmlicheres und für das ganze deutsche Volk Beschämenderes, als das Gewinsel der vielen.ehemaligen Pgs., die heute beteuern, daß sie bloß gezwungen dabei gewesen seien. Bedeutete es wirklich ein so gewaltiges Opfer, nicht Pg. zu werden, auch wenn damit vielleicht eine gute Stellung gefährdet gewesen wäre? Weil jeder nur an seine gute Stellung, an die paar Mark mehr oder weniger Ver- dienst, an sein persönliches Wohlergehen dachte, darum sind wir jetzt alle zusammen in das größte Elend gestürzt und haben Millionen nicht bloß die gute Stellung, sondern Hab und Gut, Familie und Leben verloren. Es sollen wenigstens heute die Konsequenzen daraus gezogen wer- den. Jeder, der es wirklich nicht gewußt hat, jeder, der wirklich da- gegen war, aber ohnmächtig war, es zu verhindern, jeder, der irre- geführt wurde, und dies erst zu spät erkannt hat— er soll das be- weisen durch seine Tat, durch sein jetziges Handeln. Er soll aktiv mit- helfen, die Hauptschuldigen und die heute noch Unbelehrbaren rück- sichtslos und ohne Nachsicht zur Verantwortung zu ziehen. Wir wollen nicht kleinliche Rache, wollen nicht jeden Mitläufer aufhängen oder ins Konzentrationslager bringen. Wir wollen Gerechtigkeit. Wer für. die Verbrechen verantwortlich und aktiv an ihnen beteiligt war, soll vor ordentlichen, öffentlichen Gerichten abgeurteilt und seiner Strafe zugeführt werden. Alle Mitschuldigen sollen durch ihre Arbeit wieder ‚gutmachen und beweisen, daß sie sich gewandelt haben. Das ganze deutsche Volk wird hart. und schwer arbeiten müssen, um unsere ver- wüstete Heimat wieder aufzubauen und die in ganz Europa angerich- teten Schäden, soweit dies überhaupt möglich ist, wieder gut zu machen. Ist es zuviel verlangt, wenn jene, die die Schuld an unserem Elend tragen, auch in erster Linie die Lasten des Wiederaufbaus tra- gen sollen? Vor allem aber dürfen sie nie wieder Einfluß auf die Geschicke des deutschen Volkes bekommen. Alle jene, die uns in den letzten 12 Jah- ren knechteten und in die Katastrophe führten, müssen verschwinden aus ihren Positionen in Behörden und Verwaltungen, Polizei und Ge- richten, Banken und Wirtschaft. Das ist nicht Schikane oder Rach- sucht, sondern eine ganz selbstverständliche und unbedingt notwendige Sicherheitsmaßnahme. Sie dürfen nicht die geringste Möglichkeit be- kommen, den Neuaufbau zu sabotieren und neue Knechtschaft und neuen Krieg vorzubereiten. 60 t zu rem ‚tra- e. des Jah- Wir müssen alle zusammenstehen Das deutsche Volk muß seine Geschicke endlich und für immer in die eigenen Hände nehmen. Es ist ein furchtbares Erbe, das ihm die Naziherrschaft hinterlassen hat, und es bedarf der Mitarbeit aller aufbauwilligen Volkskräfte, um Not und Elend zu meistern. Es geht nicht um egoistische Gruppen- oder Parteiinteressen, es geht um die dringendsten Lebensinteressen des ganzen Volkes. Das schwere Werk des Wiederaufbaus kann nur gelingen, wenn alle demo- kratisch und fortschrittlich Gesinnten im Geiste der gegenseitigen Achtung vor der politischen und religiösen Überzeugung des anderen über alle Gegensätze hinweg an dem gemeinsamen Ziel arbeiten. Daß dies möglich ist, hat uns die Gemeinschaft der Nazigegner aller poli- tischen und religiösen Richtungen in den Konzentrationslagern gezeigt. Dort wurde nicht gefragt: Bist du Arbeiter oder Bauer, Gewerbetrei- bender oder Intellektueller, Sozialdemokrat oder Kommunist, Katholik oder Protestant oder Freidenker? Dort galt nur die eine Frage:„Bist ‚du bereit, gemeinsam mit deinen Mitgefangenen zu kämpfen für den Schutz aller gegen den Terror der SS?“ Und wir lernten manchen par- teipolitischen Gegner von einst als einen guten Kameraden und mu- tigen Mitkämpfer für die gemeinsame Sache zu achten und zu schätzen. So soll es heute im ganzen deutschen Volk sein. Wir wollen über alles Trennende hinweg zusammenarbeiten für das gemeinsame Wohl, für den Wiederaufbau unserer Städte und Dörfer, unserer Betriebe, Werkstätten, für Wohnung und Nahrung für jeden, der ehrlich mit- arbeitet. Für ein Deutschland, das durch seine friedliche Wiederauf- bauarbeit und Wiedergutmachung sich das Vertrauen der Welt und einen Platz in der Gemeinschaft der demokratischen freiheitsliebenden Völker wieder erwirbt. Wenn wir durch unsere gemeinsame Arbeit dieses hohe Ziel verwirklicht haben, dann wird auch die Schande der Konzentrationslager gelöscht sein. Schwur der Überlebenden Am Abend des 19. April 1945 traten die 21 000 Überlebenden zum letzten Appell an. Er galt den toten Kameraden. Von Tannenkränzen geschmückt erhob sich in der Mitte des Platzes ein mächtiges Mahnmal. Drei Buchstaben und eine einzige Zahl leuchteten weithin: ,, K. L. B. 51 000." Die Toten von Buchenwald. Unter den Flaggen ihrer Nationen waren die Befreiten, unter ihnen Hunderte von Kindern, aufmarschiert. Nach den Klängen des Trauermarsches ergriffen die Vertreter der russischen, polnischen, französischen, tschechischen und deutschen Kameraden das Wort zu folgender Deklaration: 62 42 Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazibestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen. 51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, vergiftet, abgespritzt- 51 000 Väter, Brüder, Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren. 51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende von Kindern klagen an! Wir Lebendgebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten, sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen. Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache! Wir Buchenwalder Sowjetbürger, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken, Deutsche, Spanier, Italiener, Österreicher, Belgier, Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelt die Idee: Unsere Sache ist gerecht - der Sieg muß unser sein! In vielen Sprachen führten wir den gleichen harten und mitleidlosen Kampf, reich an Opfern; und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch leben die Mörder unserer Kameraden. Noch sind unsere sadistischen Peiniger frei. Deshalb schwören wir hier an dieser Stelle faschistischer Greuel vor der ganzen Welt:„ Wir werden den Kampf erst aufgeben, wenn der letzte Schuldige vom Gericht aller Nationen verurteilt ist! Die endgültige Zerschmetterung des Nazismus ist unsere Losung! Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit unser Ideal! Dies schulden wir unseren ermordeten Kameraden und ihren Familien. Als Zeichen der Bereitschaft für diesen Rampf erheben wir die Hand: Wir schwören!" Appell sich in einzige nderte en die Die Toten von Buchenwald 1. Die offizielle Totenliste der SS: Nach den täglichen Rapportmeldungen des Lagerführers starben: tschen 1937 1938 1939. der in 1940. ihren 1941. 1942. 1943. et, ah1944 • gegen 1945( 1.1.- 1.4.) 48 771 1 235 1772 1522 2 898 3516 8 644 13 056 33 462 7 000 ebendchtiger war es , Slo, Engemeinne Be2. Die im Pferdestall durch Genickschüsse Ermordeten: Nach den auf die Kleiderkammer eingelieferten Uniformen der erschossenen russischen Kriegsgefangenen beträgt ihre Zahl mindestens. 3. Die Todestransporte: Nach Hohenstein und Bernburg für Giftgasexperimente 500 dlosen - Noch einiger el vor letzte ! Ideal! milien. Hand: Transporte von Invaliden und nicht mehr Arbeitseinsatzfähigen nach Auschwitz. Kindertransport nach Auschwitz Transporte von Invaliden und nicht mehr Arbeitseinsatzfähigen nach Bergen- Belsen Gesamtzahl der Opfer von Buchenwald 6281 200 3 738 10 719 51 181 63 63 Das Buchenwaldlied Wenn der Tag erwacht, eh die Sonne lacht, Die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn Hinein in den grauenden Morgen. Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot, Und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot, Und im Herzen, im Herzen die Sorgen. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, Weil du mein Schicksal bist. Wer dich verläßt, der kann es erst ermessen, Wie wundervoll die Freiheit ist. Doch, Buchenwald, wir jammern nicht und klagen, Und was auch unsre Zukunft sei, :Wir wollen trotzdem Ja zum Leben sagen, Denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei.: Und das Blut ist heiß und das Mädel fern, Und der Wind singt leis, und ich hab sie so gern, Wenn treu sie, wenn treu sie mir bliebe! Und die Steine sind. hart, aber fest unser Schritt, Und wir. tragen die Pickel und Spaten mit, Und im Herzen, im Herzen die Liebe. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen... Und die Nacht ist kurz und der Tag so lang, Doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang: Und wir lassen den Mut uns nicht rauben! Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,° Denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut, Und im Herzen, im Herzen den Glauben. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen... Wie das Buchenwaldlied entstand Es war noch vor dem Kriege, als der Lagerkommandant ein Preisausschreiben erließ: 10 Mark und 100 Zigaretten für ein Lagerlied. Als., Führer" im Taschenformat wollte er für sein Lager ein eigenes Lagerlied haben. Im Kreis der Kameraden wurde es besprochen. Es sollte unser Lied werden, in der Sklavensprache, die uns durch die Herrschaft der SS aufgezwungen war, sollte es doch von unserer Hoffnung, unserem ungebrochenen Glauben sprechen. Als unser aller Dolmetsch hat es ein österreichischer Kamerad gedichtet. Er selbst sollte später einer von denen sein, die nicht mehr Schritt halten konnten; im Lager Auschwitz ist er mit vielen anderen zugrunde gegangen. Aber wir sind gewiß, daß er noch in seiner letzten Stunde den Glauben an den Sieg der Freiheit im Herzen trug. Es mag der SS wohl manchmal gedämmert haben, was wir uns bei diesem Lied dachten. Mehrmals hat sie versucht, andere von diensteifrigen Kriechern fabrizierte Lieder einzuführen. Aber wir haben an unserem Lied festgehalten. Wir sangen es, wenn wir morgens durchs Lagertor zur täglichen Arbeitsfron marschierten, wenn wir abends müde und zerschlagen unsere Kranken und Toten mit uns trugen. Oft standen wir nach dem schweren Arbeitstag hungernd und frierend beim Appell bis in die tiefe Nacht hinein, weil wir wieder einmal für irgend etwas bestraft werden sollten. Manchmal weil einer von uns zu flüchten versucht hatte, manchmal auch nur, weil die Meldung von einer neuen siegreichen Absetzbewegung unseren Peinigern die Laune verdorben hatte. Wenn dann der Befehl zum Singen kam, suchten unsere Augen das Krematorium, aus dessen Schornstein die Flammen zum Himmel schlugen. Unseren ganzen Haß legten wir dann in das Lied. Aus heiseren Kehlen brüllten wir das ,, Frei!" des Kehrreimes hinaus, daß es vom Wald widerhallte.