Den Toten zum ehrenden Gedenken! Den Mördern zur ewigen Schande! Den Lebenden zur Mahnung! Ich schreibe in einem Totenhaus Einst war es ein Haus wie andere auch. Aber jetzt sind die Menschen, die darin lebten, tot. Mit einem dreijährigen Kind bin ich übrig geblieben. Die anderen Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Braut und manchen guten Freund- hat die Gestapo heimlich und feige ermordet. ,, Sippenhaftung" nannten sie es. Vor mir liegen die Schriftstücke, die der Gestapo entgangen sind. Sie interessierte sich ja viel mehr für Radio- und Fotoapparate, Fahr- und Motorräder, silberne Löffel, Ringe und Uhren, Sparkassenbücher und Versicherungspolicen. Ein paar Fotos sind mir geblieben und ein Berg Briefe aus vielen Gefängnissen Deutschlands, denn fast immer saẞ im Dritten Reich wenigstens ein Mitglied unserer Familie im Gefängnis. Mit diesen Briefen erzähle ich die Geschichte ihrer Ausrottung. Ich schreie sie jenen in die Ohren, die auch jetzt noch ,, Greuelpropaganda" murmeln und immer noch an die Allmacht ihrer Lüge glauben. Ich erzähle sie jenen, die immer noch fassungslos sind und hoffen, alles Geschehene sei nur ein wüster Traum; jenen, in deren Köpfen die Ahnung einer großen Schuld dämmert:- die Schuld der Gleichgültigkeit und der Tatenlosigkeit. Ich erzähle sie der Welt, die mein Volk schlechthin und ohne Unterschied haẞt. Sie soll wissen, daß in Deutschland zu keiner Stunde der Kampf gegen den Nationalsozialismus erlosch, daß ihm immer tapfere Männer, Frauen und Jugend entgegentraten, so wie der Nazismus immer und in aller Welt auch Freunde, Gönner und Anhänger fand. Ich erzähle sie meinen Kameraden, die wie ich litten und opferten, alle Grausamkeiten und Foltern am eigenen Leibe erlebten und die vor niemand in der Welt den Blick senken müssen. Ich erzähle sie allen, die guten Willens sind und nach dem Weg der 3 Gehein Staats Wiedergeburt des deutschen Volkes suchen, einer Wiedergeburt, die das 2 Ende der Herren sein muß, damit das Volk leben kann. i i Und das ist die Mahnung der Toten an uns, die Überlebenden, an die i An in einem blutigen, opfervollen Kampf mündig Gewordenen: I Es soll ein Gericht sein und Recht gesprochen werden! Doch das Volk muß dabei sein, denn ohne das Volk sind die ee Schuldigen weder zu finden noch zu überführen, und das: Anl Urteil wird nicht gerecht sein. Nac rei Stuttgart, im Juli‘1945| Friedrich Schlotterbeck "| ap, Un Geheime Staatspolizei Staatspolizeileitstelle Stuttgart IV 2 b813 a/ 44 Bitte in der Untwort vorstehendes Geschäfts. zeichen und Datum anzugeben ( 14) Stuttgart S, den Heusteigst 45 Januar 1945 An das Standesamt ( 14) Stuttgart Betr.: Ergänzung des Standesamtsregisters. Vorg.: Ohne. Anl.:-0-. Nachstehend aufgeführte Personen wurden am 30.11.1944 wegen Vorbereitung zum Hochverrat hingerichtet: 1. Schlotter beck, Gotthilf verh.Mechaniker, geb.1.2.80 in Bempflingen wohnh. Stuttgart- Untertürkheim, Annastr.6 2. Schlotter beck, Maria, geb.Kugel geb. 17.3.85 in Oferdingen, wohnh. Stuttgart- Untertürkheim, Annastrasse 6 3. Lutz, Gertrud geb. Schlotterbeck geb. 17.9.10 in Reutlingen, wohnh. gew. Stuttgart, Auf dem Haigst 6, zuletzt evakuiert nach Grabenstetten Krs. Reutlingen 4. He inser, Erich, led. Techniker geb. 7.3.20 in Stuttgart, wohnh. in Stuttgart- Untertürkheim, Stubaierstr.74 5. Gärttner, Emil, verh. Schlosser geb. 30.8.96 in Altbach/ Esslingen, wohnh. Stuttgart- Obertürkheim, Augsburgerstr.601 6. K lenk, Sofie, geb. Wimmer geb. 12.5.04 in Stuttgart- Bad- Cannstatt wohnh. Stuttgart- Untertürkheim, Manfredstr.17- 7. Him me, l he be r, Else, led. Kontoristin geb. 30.1.05 in Stuttgart, wohnh. Stuttgart- S Adlerstrasse 24 8. Seitz, Emmy, geb. Ramin, geb. 19.3.04 in Wiesbaden, wohnh. Stuttgart, Wartbergstr.14 9. Seitz, Hermann, verh.Kraftfahrer geb. 24.3.07 in Stuttgart, wohnh. Stuttgart Kanonenweg 174. Ich gebe hiervon Kenntnis zur Ergänzung der dortigen Eintragungen. Im Auftrag: Gestapo. Verdr. 2. VIII. 41. 20 000 O/ 1110 die Regierungsgewalt in die Hände gab, war der Anfang vom Ende meiner Familie gekommen. Mein Vater, damals 53 Jahre alt, seit Jahren erwerbsloser Schlosser, aktiver Führer der Erwerbslosen, wurde verhaftet, mißhandelt und in das Konzentrationslager Heuberg verschleppt. Meine Mutter, damals 48 Jahre alt, Hausfrau und Arbeiterin, mit ihrem Lohn seit Jahren die Familie erhaltend, entging der Verhaftung nur durch die Einlieferung in ein Krankenhaus. Mein Bruder Hermann, damals 14 Jahre alt, Lehrling, wurde verhaftet, mißhandelt und in das Konzentrationslager Heuberg verschleppt. Meine Schwester Gertrud, damals 23 Jahre alt, Kontoristin, konnte sich durch Flucht der Verhaftung entziehen. Sie wurde illegal. Ich selbst tauchte ebenfalls unter. Das war das erstemal, daß die Gestapo unser Haus menschenleer machte. Nach einigen Wochen kam mein 14jähriger Bruder Hermann aus dem K.Z. zurück. Als Krüppel: SS.-Männer waren auf dem zu Boden ge- schlagenen Jungen herumgetrampelt. Schwere innere Verletzungen ließen ihn nie wieder gesund werden. Jedes Jahr lag er einige Monate im Krankenhaus. Zunächst wurde er aus der Lehrstelle entlassen. Völlig mittellos, beher- bergten ihn treu gebliebene Freunde und Nachbarn. Er stand unter Polizeiaufsicht, wurde hin und wieder auf die Gestapo geladen, was meistens eine Tracht Prügel bedeutete. Dann kam unsere Mutter wieder, geschwächt und der Schonung bedürf- tig. Die größte Not unseres jüngsten Bruders hatte ein Ende. 6 Als der Militarist Hindenburg im Jahre 1933 den Nationalsozialisten jem Am seit En vo ha ha hö hä Wi au T eT' ıb) Nach einigen Monaten wurde der Vater aus dem K.Z. entlassen. Auch er war kränklich geworden. In jener Zeit sagte der Kommandant des Konzentrationslagers Heuberg, Karl Buck, zu ausländischen Journa- listen:„‚In meinem Lager befindet sich weder ein Arrest, noch wurde jemand mißhandelt....‘“ Am 27. Oktober 1933 schrieb meine Schwester Trude zum erstenmal seit ihrer Flucht nach Hause: „Meine Lieben! Ich weiß und kann mir denken, mit welchem Entsetzen Ihr jetzt erfahrt, daß ich seit Dienstag verhaftet bin. Ihr dürft Euch aber keine Sorgen um mich machen. Das würde mir ja auch meine Lage gar nicht erleichtern.... Liebe Mutter! Ich weiß, daß ich Dir schon immer ein besonderes Sorgenkind war. Aber versprich mir, daß Du Dich nicht um mich grämst, denn das schadet Dir nur. Und wir alle brauchen Dich doch so sehr. Wenn Du mir das versprichst, bin ich um vieles ruhiger. Mehr kann ich nicht sagen....““ Ende November wurde Vater wieder verhaftet. Ohne Grund. Die Polizei wollte meinen Aufenthaltsort von ihm wissen. Wieder wurde er miß- handelt und blieb als Geisel in Haft. Am 1. Dezember 1933 ereilte auch mich das Geschick so vieler: Ver- haftet.— Monatelang wurde ich von Stadt zu Stadt geschleppt, ver- hört, gefoltert und schließlich in das K.Z. Colditz eingeliefert. Die Geiselhaft Vaters wurde neu begründet: ‚Die Entlassung Deines Alten hängt von Dir ab“, sagte mir der Gestapo-Beamte, ‚„‚wenn Du redest, wird er freil Wenn Du nicht redest, lassen wir ihn verrecken, wie Dich auch.“ Vater wurde nicht frei. Ich konnte kein Verräter werden. Anläßlich Hindenburgs Tod wurde Vater ,, begnadigt", Trude aber im September 1934 zu 2, Jahren Gefängnis verurteilt, ich im Oktober zu 3 Jahren Zuchthaus. Vaters Gesundheit war in den feuchten, unterirdischen Festungskasematten auf dem Kuhberg gänzlich ruiniert worden. Wenige Tage nach seiner Heimkehr mußte er in ein Krankenhaus eingeliefert werden. In seiner Entlassungsbescheinigung aus dem K.Z. heißt es: ,, 1. Er hat sich alle 3 Tage auf dem zuständigen Polizei- Meldeamt zu melden. 2. Er hat bei der Oberamtskasse eine Kaution...... zu stellen. 3. Er hat folgende Personen, die vom zuständigen Sonderkommissar anerkannt sind, als Bürgen zu stellen...... Diese Personen haben eine Bürgschaftsurkunde unterschrieben...... für den Fall, daß der Schutzhäftling sich irgendwelche Äußerungen oder Betätigungen gegen die Deutsche Bewegung oder die Regierung des Reiches zuschulden kommen läßt. gez.: Karl Buck." Trude, die gegen Ende der Strafverbüßung in Gotteszell an einer Knochenmarksentzündung erkrankte, wurde vom Gefängnisarzt lange Zeit als Simulantin beschimpft. Ein Gnadengesuch Mutters wurde vom Generalstaatsanwalt wie folgt beantwortet: ,, Auf Grund der Ermächtigung des Führers und Reichskanzlers, sowie des Reichsministers der Justiz, lehne ich ein Gnadenerweis für Ihre Tochter Gertrud Schlotterbeck ab. gez. Heintzeller." Sofort nach der inzwischen unumgänglich gewordenen Operation wurde Trude trotz des Protestes der Krankenhausärzte wieder ins Gefängnis zurückgebracht. Eine vertrauliche Aufforderung der Gestapo, als Agentin in deren Dienst zu treten, lehnte sie kurz vor der Entlassung aus dem 8 Ge hei tra W lief In t Gefängnis ab. Sie kam in Schutzhaft und‘wurde trotz der kaum ver- heilten Operationswunde in das Frauen-K.Z. Mohringen bei Hannover transportiert. Während des 8 Tage dauernden Transports brach die \ Wunde wieder auf und Trude wurde auf einer Bahre ins K.Z. einge- | liefert. Ein erneutes Gesuch Mutters wurde so beantwortet: „Ihrem Gesuch vom 2. 8.36 um Entlassung Ihrer Tochter aus der Schutzhaft kann vorläufig noch nicht stattgegeben werden, da ihre politische Einstellung noch keineswegs einwandfrei ist. Ge- ; sundheitlich ist sie wieder so weit auf der Höhe, daß nichts zu | befürchten ist. gez.: Buck.“ In jener Zeit führte die Polizei einen neuen Schlag gegen unsere Familie: „Amtsgericht Stuttgart 2 Beschluß. Auf Antrag des Polizeipräsidiums Stuttgart wird das Verfahren Im zum Zweck der Fürsorgeerziehung für Hermann Schlotterbeck eingeleitet.- Amtsrichter | gez.: Streb. ir Gründe: | Der Jugendliche ist das jüngste Kind des bei...... in Arbeit stehenden Gotthilf Schlotterbeck und der ebenfalls einer Arbeit nachgehenden Marie geb. Kugel. Die Familie ist aus der Kirche ausgetreten und kommunistisch eingestellt. Vater und Mutter waren längere Zeit in Schutzhaft. Schwester und Bruder des Ju- gendlichen befinden sich zur Zeit wegen Vorbereitung zum Hoch- verrat in Strafhaft. Hermann selbst war 1933 einige Tage auf dem Heuberg, weil ihm zur Last gelegt wurde, er habe im April 1933 kommunistische Flugblätter...... eingeworfen. Wegen der Ju- gendlichkeit des Schlotterbeck wurde damals seitens der Staats- anwaltschaft von der Anklage abgesehen. halb beantragt, weil eine geordnete Erziehung bei seinen Eltern angesichts ihrer politischen Einstellung nicht gewährleistet sei. Unmittelbaren Anlaß zu diesem Antrag gab sein Benehmen in der Gewerbeschule Bad Cannstatt. Er fiel auf, weil er sich dort wei- gerte, den Deutschen Gruß abzugeben.... Amtsrichter gez.: Streb. Schließlich wurde das Verfahren ausgesetzt und Schutzaufsicht an- geordnet, ‚denn‘, so meinte der Richter,„ob durch eine Unterbringung in einer Anstalt überhaupt eine Besserung des Jungen erzielt würde, erscheint ohnehin zweifelhaft bei seiner Veranlagung und Erziehung, die er von seiten der Eltern bekommen hat.“ Damit stand Hermann wie sein Vater unter Polizeiaufsicht. Im Dezember 1936 wurde Trude aus dem K.Z. entlassen. Als sie mich auf der Heimfahrt im Zuchthaus Waldheim in Sachsen besuchen wollte, wurde die Erlaubnis hierzu vom dortigen Zuchthausdirektor ab- gelehnt: 1. Weil sie nicht polizeilich gemeldet war, 2. weil sie aus dem K.Z. kam, 3. weil sie nicht schon 8 Tage vorher ein Gesuch eingereicht hatte. Die Einwände Trudes beantwortete er mit der Drohung ihrer sofortigen Wiederverhaftung. Am 5. Mai 1937 war auch meine Zuchthausstrafe verbüßt. Anschließend wurde ich nach achttägigem Transport ins Konzentrationslager Welz- heim eingeliefert und blieb dort bis 28. Juli 1943. Trude mußte krankheitshalber einige Zeit nach ihrer Entlassung aus dem K.Z. ihre Arbeit wieder aufgeben. Sie verheiratete sich mit dem Forstassessor Walter Lutz, der ebenfalls einige Monate Haft im Dritten Reich hinter sich hatte. Infolge ihrer zerrütteten Gesundheit blieb 10 Die Einleitung des Erziehungs-Fürsorge-Verfahrens wurde des- mi Ih erf n 1. r r b. - go ch n コー en d Z- 90 us m en eb Trude der Wunsch nach Kindern lange versagt. Trotz ärztlicher Bemühungen endeten mehrere Schwangerschaften mit Frühgeburten. Ihre Versuche, bei der Gestapo meine Entlassung zu erreichen, blieben erfolglos. Dagegen wurde sie selbst bei Beginn des zweiten Weltkrieges 1939 wieder verhaftet. Nach einigen Wochen wurde sie todkrank in ein Spital eingeliefert. Ihre Entlassung war erfolgt, weil die Gestapo ihren Tod im- Gefängnis vermeiden wollte. Als sie auch im Krankenhaus nicht starb, wurde sie unter Hausarrest gestellt und ihr lange Zeit die Erlaubnis zu einem Erholungsaufenthalt auf dem Lande versagt. Im Januar 1942 wurde ihr Mann zur Wehrmacht eingezogen. Am 2. August 1942 schenkte sie einem Mädchen, Wilfriede, das Leben, und am 2. Oktober, einige Stunden nachdem er die freudige Nachricht erhalten hatte, fiel Walter Lutz im Osten. Seine Absicht, getreu seiner Überzeugung auf die Seite der alliierten Armeen überzugehen, war miẞlungen. Zu Hause nahmen die Belästigungen durch Polizei und Partei kein Ende. Mein Bruder Hermann wollte an der Maschinenbauschule Eßlingen studieren. Er bestand die Aufnahmeprüfung mit ,, gut- sehr gut". Dennoch wurde ihm das Studium verweigert. Grund: ,, Stammt aus einer staatsfeindlichen Familie." Vater wurde mit der gleichen Begründung das Angeln verboten. Wegen angeblich schlechter Verdunkelung wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Der späteren Tatsache vorgreifend, schrie bereits damals der Amtswalter Schmucker: ,, Das Pack gibt erst Ruhe, wenn es um einen Kopf kürzer gemacht ist." Am 28. Juli 1943 wurde ich überraschend aus der Schutzhaft entlassen. Die Gestapo hatte mir zuvor das schlecht getarnte Angebot gemacht, ihr Spitzel und Denunziant zu werden, was ich selbstverständlich ab-. lehnte. Dennoch wurde ich entlassen. Warum? Das Volk entglitt mehr und mehr der Kontrolle der Gestapo, und Men 11 alle Unzufriedenen sein. Ich aber war leicht zu kontrollieren und zu überwachen. Zweimal wöchentlich hatte ich mich auf der Polizei zu melden. Alle vier Wochen wurde ich zur Gestapo vorgeladen und ver- hört. Aber ich wußte ja nichts außer gewissen Lumpereien großer und kleiner Nazis. Die Gestapo war sehr unzufrieden und ungnädig mit mir. In dieser Zeit wurde Fräulein Else Himmelheber meine Braut. Auch sie war 5 Jahre im Gefängnis und K.Z. gewesen, auch sie hatte illegal gelebt und gekämpft und war der Sache der Freiheit und des Volkes treu geblieben. Wenige Monate nach meiner Entlassung tauchte ein alter Bekannter bei uns auf. Er war in alliierte Kriegsgefangenschaft gegangen und als illegaler Fallschirmspringer wiedergekommen. Sein Kamerad war beim Absprung verwundet worden und in die Hände der Gestapo gefallen. Man schrieb Januar 1944. Weil wir unversöhnliche Feinde des Na- tionalsozialismus waren, zögerten wir nicht, mit dem Fallschirmer zu- sammen zu arbeiten: Mein. Bruder Hermann, meine Braut Else Himmel- heber, unser Freund der Soldat Karl Stäbler und ich. Bald wurde der Kreis der Mitkämpfer größer. Doch so vorsichtig wir auch zu Werke gingen, der Verrat blieb nicht aus. Im Sommer 1944 wurde er zur Gewißheit. Viele Beweise sprachen dafür: Unsere Woh- nungen wurden überwacht. In der Nachbarschaft und im Betrieb wur- den polizeiliche Erkundigungen über uns eingezogen. Aufrechtgeblie- bene Frauen und Männer bestätigten unsere Beobachtungen und warn- ten uns. Und schließlich— unter der Last der Beweise— gestand der Fallschir- mer Eugen Nesper, daß er ein Verräter geworden war: Einige Zeit: nach seinem Absprung war er von der Gestapo verhaftet worden und aus Angst um sein Leben in ihre Dienste getreten. Doch, weil er den Verrat und seine Folgen fürchtete, verriet er die Gestapo wieder an uns. 12 schen wie ich mußten nach ihrer Berechnung ein Anziehungspunkt für Y 14 I- e- n- ir- it nd en — Sollten wir ihn töten? Verräter verdienen den Tod. Aber— gab es nicht Wichtigeres zu tun?— Als wir uns vom ersten Schrecken und der ersten Wut erholt hatten, sahen wir wieder klar. Der Verräter würde seinem Schicksal nicht ent- gehen, auch wenn wir ihn jetzt nicht bestraften.(Heute sitzt er im schweizerischen Interniertenlager Basse-court und bezeichnet sich als antinazistischen Flüchtling.—) Wir vier, Else, Hermann, Karl und ich beschlossen, über die Grenze zu gehen. Mehr Menschen schienen nicht gefährdet zu sein. Doch der Verräter hatte noch andere, uns unbekannte Gegner des Nationalsozia- lismus denunziert, wie sich später erwies. Auch unsere Flucht stand im Dienst der Sache: Die Gestapo funkte mit dem erbeuteten Funkgerät in unserem Namen falsche Nachrichten ins Ausland. Wir beschlossen daher, einzeln die Schweizer Grenze zu überschreiten. Wenigstens einem mußte die Flucht gelingen. Das war unsere letzte Pflicht. Es gelang, dieser Provokation der Gestapo ein Ende zu machen. Vielen Männern, die zum Einsatz in Deutschland kamen, wurde so das Leben gerettet. Wir aber zahlten mit bitter schweren Opfern: Meiner Braut, Else Himmelheber, die darauf bestanden hatte, allein die Grenze zu passieren, mißlang die Flucht. Sie kehrte zurück, tauchte unter und wurde einige Zeit später verhaftet. Mein Bruder Hermann wurde bei der Anfahrt zur Grenze verhaftet, doch wieder entlassen. Er kehrte zurück, tauchte unter und wurde nach einigen Monaten in völlig erschöpftem Zustand verhaftet: seine Pistole hatte im entscheidenden Augenblick versagt. Unser Freund Karl Stäbler wurde beim ersten Versuch, die Grenze zu überschreiten, in eine Schießerei verwickelt. Auch der zweite Versuch endete mit einem Feuergefecht. Er selbst erhielt einen Oberschenkel- schuß, schleppte sich ins Land zurück, heilte seine Verletzung ohne ärztliche Hilfe aus und lebte ein Jahr lang untergetaucht. Zum Schluß 13 nahm er noch an der Niederkämpfung einer Panzersperre teil. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wog er noch 96 Pfund.— Am 10. Juni 1944, eine Woche nach unserer Flucht, am Tage unserer geplanten Hochzeit, wurden mein Vater und meine Mutter, Trude und ihr damals zweijähriges Kind verhaftet. Die Wohnungen wurden von der Gestapo geplündert und in Trudes Wohnung sogar Feste gefeiert, bis die Lebensmittel verzehrt waren. Später wurde auch Frau Sophie Klenk, eine Bekannte meiner Eltern, Erich Heinser, ein Freund Hermanns, und der Arbeiter Gärttner aus Obertürkheim, ein Arbeitskamerad Hermanns, verhaftet, in Stuttgart mehrere Angehörige der Familie Seitz. Sie alle waren an unserer illega len Arbeit völlig unbeteiligt. Dennoch traf diese Menschen die ganze Wut und Rache der Gestapo über unsere gelungene Flucht. Ihre Ermordung hat nichts mit Recht und Gerechtigkeit zu tun, sondern ist reine Rache und Vergeltung. Noch ist nicht ganz geklärt, was jetzt geschah, und ich möchte nur die reine Wahrheit sagen. Alle Verhafteten wurden aufs schwerste miß- handelt. Die Folge davon war, daß z. B. Erich Heinser zwei Stunden nach seiner Verhaftung der rechte Zeigefinger gebrochen war. Gerade Erich war von seiner Unschuld so sehr überzeugt, daß er freiwillig wie- der ins Gefängnis zurückkehrte, als er nach einem Luftangriff für eine Nacht nach Hause entlassen wurde. Von meinem Bruder Hermann sagte ein Gestapomann zu dem Fabri- kanten Horn in Rudersberg, als Hermann nach Welzheim abtranspor- tiert wurde:„Drei Wochen lang haben wir dem Schwein nichts zu fressen gegeben. Aber er ist nicht verreckt. Jetzt müssen wir ihn doch noch totschlagen.“ Hermann ist deshalb nicht verhungert, weil ihn die Kameraden heim- licherweise ernährten: mit Hilfe eines Schlauches, den sie durch ein Loch der Zellentür steckten, versorgten sie ihn mit flüssiger Nahrung. 14 Die kle blie die. bis der In Te Mo gel He & fre vie Oh sal @@ pe ge Ei ge a _— 2 Je ne I- zu ch in Die Folterung der Männer bestand darin, sie bis aufs Hemd zu ent- kleiden. Dann wurde das Hemd, dessen Ärmel und Kragen zugeknöpft blieben, über den Kopf gezogen und zusammengedreht, das Opfer in dieser gefesselten Haltung über einen Tisch gezerrt und mit Stahlruten bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Bei den Frauen dienten die Haare dem Zweck, sie über die Folterbank zu zerren.... In Welzheim saß Hermann unter dem„‚falschen‘“ Namen Maier in Ar- rest, erhielt halbe Kost und war Tag und Nacht gefesselt. Nach einigen Monaten hatten die Fesseln tiefe, vereiterte Wunden an seinen Hand- gelenken gescheuert. Auch in Welzheim taten die Kameraden alles, um Hermann vor dem Hungertode zu retten, denn der Gestapo-Leiter Muß- ‚gay hatte gesagt:„Solange Du nicht redest, bekommst Du nichts zu fressen.‘ Hermann hat geschwiegen, und sein qualvoller Opfertod hat vielen Menschen das Leben gerettet. Ohne nach den ersten Folterungen noch einmal verhört zu werden, saßen alle Verhafteten Monat um Monat im Gefängnis, die Frauen in Cannstatt und Rudersberg, die Männer in Ludwigsburg, auf dem As- perg und in Welzheim. Es fand nie ein Prozeß statt und nie wurde ein gerichtliches Urteil gefällt. Ein paar Briefe von Mutter und Trude aus dieser Zeit sind erhalten geblieben. In einem von Trudes Briefen heißt es: „Liebe Alma und Otto! Ich wende mich heute an Euch. Es geht mir um mein Kind— und an meine Angehörigen kann ich mich nicht wenden, da ich von diesen nichts weiß. Ich befinde mich seit dem 10. Juni hier in Schutzhaft. Wie lange diese Maßnahme dauern wird, entzieht sich meiner Kenntnis.... Klein Wilfriede wurde mir am 10. Juni sofort genommen und in das NSV-Kinderheim nach Waiblingen gebracht. Nie werde ich das herzzerreißende Weinen des Kindes vergessen, als es mir von 15 16 nun mit Genehmigung der Gestapo und meinem ausdrücklichen Wunsch nach Grabenstetten zu meinen Hausleuten gekommen, wo es gut versorgt ist.... Doch heute geht es um mehr.... Es könnte immerhin sein, daß das Kind eines Tages auch noch die Mutter der Zeit zum Opfer bringen muß. Da möchte ich vor- sorgen. Ich bitte Euch also, wenn das Schlimmste eintreten sollte: Nehmt Euch des Kindes an, seid ihm Vater und Mutter und er- zieht es zu einem rechten Menschen. Vergeßt aber nie, unserem Kind, wenn es einmal in ein verständiges Alter gekommen ist, vom Leben und Sterben seiner Eltern zu erzählen. Bewahrt ihm von dem, was noch vorhanden ist, auf, was noch möglich. Vielleicht erfreut sich der liebe kleine Spatz mal dran. Das von mir gesparte Geld reicht vielleicht für eine gute Berufs- und Lebensbildung.(Trude konnte nicht wissen, daß die Gestapo dieses Geld längst beschlagnahmt hatte.) Ich wünsche unserem Kind ein glücklicheres Leben, als es das meine bisher war. Möge es nie solche Schläge im Leben bekommen. Für mich war das Kind ein unsagbares Glück, insbesondere als mich die grausame Nach- richt von Walters Tod traf. Heute bereitet mir das Kind schmerz- lichen Kummer. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Kindchen wäre mir nie geschenkt worden.... Daß mein Herz voll Bitternis ist, versteht Ihr vielleicht, vielleicht auch nicht. Bleibt gesund und wohlbehalten. Mit vielen herzlichen Grüßen Eure Trudel.“ Auch in dem letzten Brief quälen Trude ähnliche Gedanken und Ahnungen. ‚,...Am 2. Oktober jährt sich Walters Tod zum zweiten Male. Alma, ich habe nicht gejammert und geklagt. Aber dieses immer neue Leid ist unfaßbar für einen menschlichen Verstand. Es steht mir nicht zu, hier zu klagen. Doch das Leben ist anders, als schöne Worte es behaupten. Daß mich die Sorge um unser Kind unsagbar mit- fremden Händen genommen wurde. Inzwischen ist mein Kleines nel Mu Ä\ nimmt, glaube mir. Es wäre besser gewesen, ein Mensch, der so gezeich- net ist wie ich, hätte sich diesen Wunsch versagt....‘“ Mutter aber sorgt wie immer auch noch im Gefängnis für alles und jedes. So schrieb sie an ihre Nachbarin: „Wie ist der letzte Fliegerangriff in der Gartenstadt gewesen? Gab’s viel Schaden? Bei uns, d. h. um uns, scheint der Schaden groß zu sein. Das Fenster kam herein, man schüttete die Scherben aus dem Bett und legte sich wieder hinein, und konnte so dem Feuer am Himmel zusehen, weil man doch nicht helfen konnte. Für Euch dort oben hatte ich große Sorgen. Nun haben wir ja - der Feuertaufen genug. Von meinem Mann habe ich jetzt den zweiten Brief erhalten. Er ist in Ludwigsburg und hat wieder "Ischias. Schicken Sie ihm wenigstens einen warmen Pullover, den blauen mit Reißverschluß. Und Seifenpulver. Er wäscht selbst und hat nichts dazu. Ich selber danke noch vielmals für das Seifenpulver, das ich teilte, damit Trude auch noch was hatte. Bitte schicken Sie meinem Mann 10.— Mark. In der Kommode in der zweiten Schublade sind noch 100.— Mark.“ Noch vor Eingang des Briefes erschien die Gestapo, um sich auch dieses Geld zu holen. In ihrem letzten Brief aber, einige Tage vorihrem Tode, schrieb unsere Mutter in dumpfer, schrecklicher Ahnung: „Es ist so furchtbar, verlassen zu sein. Habe ich das als Kind nicht schon genug empfunden? Nun muß ich’s mit 60 Jahren noch einmal erleben.... Heute in 4 Wochen ist Weihnachten. Da blutet mir jetzt schon das Herz, wenn ich an unser Kleines denke. Soll denn dem Kind auch Großmutters Schicksal beschieden sein?° Unserer Mutter Schicksal aber war es, als Waise aufgezogen zu werden. Am 27.November 1944 wurden Mutter, Trude und Else aus ihren Zellen de geholt und auch die anderen Verhafteten: Vater, Frau Klenk, Erich Heinser, Gärttner, Emmi-Seitz-Ramin und ihr Mann— in Stuttgart zusammengeführt, Am 30.November sahen sie sich alle noch einmal. In Dachau wurden sie hingerichtet. In einer lakonisch kurzen Mitteilung erfuhren die Angehörigen einige Wochen später den vollzogenen Mord. Solange ließen sich die Gestapo- Beamten verleugnen oder durch ihre Sekretärinnen falsche Nachrichten ausstreuen. Den Angehörigen Erich Heinsers wurde z. B. mitgeteilt, daß sich Erich im Arbeitseinsatz befinde und deshalb nicht besucht werden könne. In Wirklichkeit war er schon 4 Wochen vorher ermordet worden. Frau Seitz, die ihren Mann von der Geburt ihres Kindes benachrichti- gen wollte, wurde sogar versprochen, daß die Benachrichtigung tele- graphisch erfolge— 4 Wochen nach der Hinrichtung. Das beschlagnahmte Eigentum der Ermordeten blieb verschwunden. „Bei einem Luftangriff zerstört“, lautete die Antwort. Nur Trudes Schwager Otto Lutz in Calw erhielt ein Päckchen mit Trudes angeb- licher Hinterlassenschaft: eine alte Arbeitsschürze, zwei Camelia-Bin- den und ein paar schmutzige Lumpen. Die Herausgabe der Leichen wurde verweigert. Hin und wieder tauchte ein eifriger Parteigenosse auf und wollte sich des leerstehenden Hauses bemächtigen. Die Gestapo ließ durch ihre Handlanger in der Nachbar- schaft die Drohung verbreiten, daß noch einige den Kopf vor die Füße gelegt bekämen, wenn das Gerede des Mitleids für die Familie Schlotter- beck nicht aufhöre. In wunderbarer Selbstüberwindung sagte ein Gestapomann:„Gewiß, vom menschlichen Standpunkt aus ist das Geschick der Familie Schlot- terbeck tragisch und bedauerlich. Aber es war staatspolitisch not- wendig.“ Der Ortsgruppenleiter von Grabenstetten aber sagte, als er die Mittei- lung von Trudes Ermordung erhielt:„Das geschieht ihr gerade recht! 18 Sie e 1 t t S e S e 3. - ! Sie hat es verdient und es ist nur schade, daß ihr Kind nicht älter ist. Dann hätte man es ihm auch machen können wie seiner Mutter." Im Frühjahr 1945 wurde auch noch Theo Seitz von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Hermann aber saẞ immer noch in der Arrestzelle in Welzheim, gefesselt und halbverhungert- und schwieg. Mit dem Herannahen der alliierten Armeen wurde das Lager geräumt und Hermann mit allen andern Gefangenen nach dem Oberland verschleppt. Zwei Tage vor dem Zusammenbruch ereilte ihn das Schicksal der andern. Der Gestapomann Keßler, der mit Hagenlocher zusammen den ,, Fall" bearbeitet hatte, erteilte den Befehl zu seiner Erschießung. Bei Nacht und Nebel wurde er mit zwei anderen Gefangenen von den SSLeuten Held, Dehm und Rentschler in den nahen Wald geführt. Jeder Gefangene hatte Hacke und Spaten zu tragen. Nach ein paar Stunden kamen die SS- Leute allein und schmutzig mit den Grabwerkzeugen zurück.... Der an der Erschießung beteiligte stellvertretende Lagerleiter des K.Z. Welzheim, Rentschler, versicherte bei seiner Verhaftung mit unnachahmlicher ,, Treuherzigkeit", er habe nicht meinen Bruder erschossen ,, sondern nur einen der beiden andern".... An einer verborgenen Stelle in einem Wäldchen bei Riedlingen a. D. fanden wir seine Leiche, mit wenig Erde bedeckt, denn die Mörder hatten es eilig. Wie sie gingen und standen waren die Opfer mit Genickschuß in die Grube gestürzt worden. Alle drei lagen auf dem Gesicht: Ein Mann von vielleicht 40 Jahren, ein Junge, etwa 22 Jahre alt, dem Schädel und Zähne eingeschlagen waren- und Hermann. Weil er zu unterst lag, war es für die Mörder wohl unbequem gewesen, auch ihm, wie den beiden andern, noch die Schuhe zu stehlen. Er lag zusammengekrümmt auf dem Gesicht, den Mund voll Erde, 19 Zunge und Lippen zerbissen, die Hände mit den losgerissenen Finger- nägeln in die Erde verkrampft.... Roten Mohn legten wir in die toten Hände, die Menschen jener Gegend schlugen das Zeichen des Kreuzes über den Särgen, und als der Wagen zurückfuhr, trat die in der Nähe liegende französische Militärwache heraus und grüßte die Toten mit präsentiertem Gewehr. So brachten wir einen der elf Ermordeten in die Heimat zurück, Her- mann, meinen Bruder, unseren Kameraden und tapferen Jungen. Die andern aber werden wir nie finden.° Das ist die Geschichte der Ausrottung meiner Familie. Und warum mußten sie alle sterben? Weil sie den einfachsten Idealen der Mensch- lichkeit treu blieben! Weil die Söhne einer alten Mutter sich nicht dem Joch der Tyrannei beugten— mußte die Mutter sterben! Weil die Söhne eines Vaters dem Geiste des Rechtes und der Freiheit, in dem sie erzogen waren, treu blieben— mußte der alte Vater sterben. Weil wir es wagten, den Verderbern unseres Volkes zu trotzen— mußte die Schwester sterben| Weil einige den Krallen der allmächtigen Gestapo entwischten— mußte die ganze Schar der ihnen nahestehenden Menschen sterben! Und so wie sie wurden Millionen Menschen diesseits und jenseits der Grenzen zu Tode gehungert, gepeitscht, gefoltert, vergast, vergiftet, erhängt, geköpft und erschossen! Jetzt haben sich die Mörder ver- krochen oder erwarten zitternd ihr Urteil. Keiner von ihnen hat den Mut, sich zu seinen Taten zu bekennen. Keine Stimme erhebt sich für sie. Doch vergeßt dies nicht: Was geschehen ist— geschah in Eurem Na- men! In Eurem Namen wurde geraubt und gemordet! Und die Welt fragt Euch: Was habt Ihr getan, dem Mißbrauch Eures Namens ein Ende zu machen? i 20 Die ausgegrabenen Leichen 44-Mann Rentschler, einer der Mörder Zwölf Jahre lang schrien die Nazis vom Untermenschentum, das sie in den K.Z.'s gefangen hielten und ausrotten würden- und Millionen plapperten es gedankenlos nach. Zwölf Jahre lang predigten die Nazis den Rassenhaß und das Recht der Ausrottung von Rassen und Nationen und mancher Deutsche hat -- sich mit unschuldig vergossenem Blut besudelt. Zwölf Jahre lang rechtfertigten die Nazis jedes Verbrechen mit dem Kommunistenschreck- und Millionen beugten willig ihren Nacken unter das schlimmste Joch. Jetzt leben wir alle zwischen Trümmern und Gräbern. Hunger und Not sitzen an unserem Herd. Witwen und Waisen rufen unsere Hilfe an. Mütter und Frauen bangen um das Schicksal ihrer vermiẞten und gefangenen Söhne und Männer. Millionen Hände liegen untätig im Schoẞ - und die schwere Hand des Siegers liegt auf uns. Ist das Ende unserer Heimat, unseres Volkes gekommen? Durch den Schleier der Tränen, der unsere Augen trübt, mag es so scheinen. Soll wirklich der Untergang der Nazis Deutschlands Untergang werden? Niemals! Aber es muß ein großes Reinemachen sein, um unser Land von dem Naziübel zu erlösen: Mörder haben ihr Leben verwirkt! Menschenschinder und Menschenjäger sollen gerichtet werden! Wer mit Hitler reich und mächtig wurde, hat aus Menschenblut Gold gemünzt! Er soll gerichtet werden und Macht und Reichtum verlieren! - Wer Hitler in den Amtsstuben, Bankpalästen und Industriebüros diente, hat der Zerstörung gedient und daran verdient. Bescheiden und im Schweiße seines Angesichts soll er künftig sein Brot verdienen und verzehren. Männer, Parteien und Mächte, die in zwei Menschenaltern zwei fürchterliche Kriegskatastrophen zusammenregierten, haben das 21 Recht verwirkt, noch länger im Leben der Nation eine Rolle zu spielen. Ich rede nicht dem Haß und der Rache das Wort, denn sie sind unfruchtbar. Nicht mit Scharfrichtern und Gefängniswärtern wird Deutschland wieder aufgebaut. Aber es muß endlich Recht, Freiheit und soziale Sicherheit in unserem Lande herrschen. Der erste Schritt zum Wiederaufbau des Trümmerfeldes Deutschland ist Säuberung und Reinigung allüberall. Auch das Faule und Morsche an der vergangenen Vordreiunddreißiger- Republik muẞ beseitigt werden. Nicht die Kleinen gilt es zu treffen, sondern die Großen, die Militaristen und ungekrönten Bank- und Industriekönige, die Hitler ,, machten". Den Männern aber, die sich ,, Muß- Pg" nennen, sage ich: Ihr habt dennoch Gesinnung und Menschlichkeit um ein Linsengericht verleugnet. Auch jetzt denkt Ihr nur daran, zu retten, was Ihr aus den Händen der braunen Mörder erkauft habt, Amt, Stellung und Gewinn. Werdet Ihr morgen, beim Wiederaufbau Deutschlands, mehr Gesinnungsstärke haben? Ihr seid vor den Mächten der Zerstörung zu Kreuze gekrochen! Werdet Ihr auf Euerem Platze, der viel mehr Mut und Kraft erfordernden Aufgabe des Wiederaufbaus gewachsen sein? Ihr sagt es. Aber Worte sind leicht wie der Wind. Taten allein werden Euren Platz beim Wiederaufbau bestimmen. Aber weil wir nicht von rückwärts gerichtetem Haß- und Rachegefühl beseelt sind, sondern die nationalsozialistischen Menschen-, Geistesund Machttrümmer als Hindernis des deutschen Wiederaufbaus beseitigen, verschmähen wir es( und wären auch unfähig), von den Methoden der Gestapo und SS Gebrauch zu machen, denn wir sind Menschen und keine Bestien. Niemand kann uns helfen, wenn wir es nicht selbst tun. Keine Besatzungsarmee kann den Nationalsozialismus wirklich ausrotten, seine 22 Sch nen We sch sie Leg Ich die we sta Da Da Da D W S 'e Schlupfwinkel ausheben und seine Hilfsquellen verschütten. Das kön- nen nur Deutsche, weil sie ihre Peiniger am besten kennen. Wenn es eine Kraft gibt, die das Alte, Morsche zerstört und das Neue r schafft und schirmt, dann ist es die deutsche Arbeiterbewegung— wenn d sie einig ist. ke Lege niemänd ihren Großmut als Schwäche aus! I- 18 Ich bin den Toten so sehr verpflichtet wie den Lebenden, für die ich i diese Zeilen schrieb. Meine Klage aber ist die Tat. Wirklichkeit soll werden, wofür die besten und teuersten Menschen lebten, litten und en starben. Das sind wir einer aus tausend Wunden blutenden Welt schuldig. I:' Das sei das Gelöbnis der Lebenden an die Toten! Das ist die Mahnung der Toten an die Lebenden! ind; Die Originale der abgebildeten Schriftstücke und Photographien sowie Be- weitere Dokumente befinden sich im Besitz des Verfassers: Friedrich Schlotterbeck, Stuttgart- Untertürkheim, Luginsland, Annastraße 6 23