Es war eine der zahllosen Phrasen, bewußten Täuschungen und Lügen des Nazismus, daß er die Achtung vor der Frau an seine Fahnen heftete. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Hitler wollte die Frau politisch entmündigen und zur Gebärmaschine herabdrücken. Sie sollte gegenüber dem Mann ein Mensch zweiter Klasse sein. Gerade in der Behandlung der Frauen und Mädchen in den Konzentrationslagern zeigt sich am deutlichsten die wahre Einstellung der Nazisten zur Frau überhaupt. Ein Zug von Verworfenheit, von Sadismus und allgemeiner Willkür kennzeichnet auch hier alle ,, Führer" des ,, Dritten Reiches". Das Minderwertigkeitsgefühl des kleinen Bürgertums, dieser ideologischen Hauptstütze der Nazis, schlug hier in sein Gegenteil um, sobald etwas Macht in ihren Händen lag. Der Nazismus verherrlichte zwar den Mann als den Träger der Kultur, praktisch aber waren die Männer im Dritten Reich zu einem Dasein von politischen Hampelmännern verurteilt, indem von ihnen verlangt wurde, freiwillig auf das Denken zu verzichten und das Denken der Führung zu überlassen. Die zwangsläufige Folge mußte ein Minderwertigkeitsgefühl seiner Anhänger sein, das ihnen jedoch meist nicht zum Bewußtsein kam. Auch der Frau gegenüber spielte der Mann auf diese Weise eine klägliche Rolle, denn einerseits unterstrich er seine Männlichkeit doppelt und dreifach und mußte sich auf der anderen Seite gefallen lassen, daß der Staat über ihn hinwegsah und ihn zu den politisch dümmsten Manövern, wie sich erwiesen hat, mißbrauchte. Was wir in den Lagern an Mißhandlungen und Auswüchsen erlebt haben, kommt auf das Konto eben dieser Kleinbürger, angefangen vom Wachmann bis zum Lagerführer. 2 Univ- Bi Giessen. 72473824 Es sind die Handlungen wildgewordener Spießbürger, der Ausbruch ungezügelter Triebe. Hier in den Gefangenenlagern rächte sich der kleine Mann für seine Erbärmlichkeit an wehrlosen Menschen. Hier konnte er den Herrn spielen, er, der zu feige war, für seine sozialen Interessen zu kämpfen gegen Unternehmerwillkür, gegen den Krieg und für den Frieden. Dieser kleine Bürger, dem man eingeredet hatte, daß er, der ,, nordische Mensch", die edelste Art Mensch sei und der Angehörige eines anderen Volkes mehr oder weniger minderwertig, dieser jämmerliche Wicht bekam den Größenwahn und handelte danach. Und gerade dem weiblichen Geschlecht gegenüber pustete er sich zu verhängnisvoller Größe auf. Die Frau war ja im Dritten Reich dazu verurteilt, bei den lebenswichtigen Fragen nicht mitreden zu dürfen. Das war Männersache. Und nun wagten es trotzdem Frauen, Antifaschisten zu sein; sie wagten es, sich zu ihrem gesunden Instinkt zu bekennen. Die Folge war der Blutrausch der nazistischen Henkersknechte an den gefangenen Frauen aller Länder. Brutale Gewalt triumphierte über Menschlichkeit und Ritterlichkeit. Was diese Frauen erduldet haben, läßt sich in Worten nur sehr mangelhaft ausdrücken, wenn man bedenkt, daß die Frau viel empfindsamer ist als der Mann und schon auf Eindrücke reagiert, an denen die Männer vorübergehen. Und nur die Aufklärung über das erlittene Unrecht Hunderttausender Frauen und Mädchen kann dazu beitragen, daß wir wieder ein Kulturvolk werden. Halle( Saale), den 1. März 1946. Helmut Franz 3 Bericht einer Frau über ihre Erlebnisse als politische Gefangene Als am Is die Frau Elli Psybille, geboren am 3. Juni 1909 in Mangschütz, Kreis Brieg, aus dem Frauenkonzentrationslager. Ravensbrück zurückkam, machte sie eingehende Angaben über die Grausamkeiten und Verbrechen der Nazisten. Frau P. wurde am 16. Februar 1939 in Dresden bei ihren Angehörigen um 8 Uhr morgens verhaftet. Es wurde ihr ,, Vorbereitung zum Hochverrat und Begünstigung zum Landesverrat" zur Last gelegt. Nach fast zweijähriger Untersuchungshaft wurde sie vom 4. Senat des Volksgerichtshofes in Berlin am 11. Mai 1940 zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die erlittene Untersuchungshaft wurde angerechnet. Die Verhaftung wurde von zwei Beauftragten der Gestapo in Zivil durchgeführt. Der Verdacht, daß die Frau P. Be-ziehungen zum Ausland unterhalten hätte, gründete sich vor allem auf die Tatsache, daß sie in Prag als Einkäuferin bei einer größeren Textilfabrik beschäftigt war und in dieser Eigenschaft verschiedene Reisen in das deutsche Reichsgebiet. unternehmen mußte. Sie unterhielt jedoch als Kommunistin zu ihren Dresdener Genossen engste Beziehungen. Ein regelmäßiger Briefwechsel sorgte für ständige Verbindung. Tatsache ist, daß sie auch in Dresden zu einem kommunistischen Schriftsteller illegale Beziehungen hatte. Frau P. brachte darüber hinaus aus der Tschechoslowakei Flugschriften politischen Inhalts nach Dresden, wo sie unter ihren Genossen und Gesinnungsfreunden verbreitet wurden. 5 Um für ihre Reisen im deutschen Reichsgebiet weitere Geldmittel zu erhalten, ließ sich Frau P. unter einem Pseudoným die zu ihrem Unterhalt erforderlichen Geldmittel unter ,, postlagernd" nachschicken. Die Gestapo wirbt Bei ihrer Verhaftung war die Gestapo äußerst zuvorkommend. Die Ursache dieses Verhaltens wurde bald offenbar: Sie sollte zu Spionagediensten herangezogen werden! Man legte ihr besonders nahe, die Beziehungen zur Tschechoslowakei in einer der Gestapo gemäßen Weise auszubauen. Als erfahrene Funktionärin verhielt sie sich Zunächst abwartend. Der Gestapo kam es vor allem darauf an, einen ihrer Bekannten, dessen Namen sie durch unvermutete Kontrolle des Schriftwechsels erhalten hatte, festzunehmen. Es wurde ihr aufgetragen, den Betreffenden nach Ober- Vogelsang bei Plauen zu bestellen. Die Fahrt wurde durch drei Gestapobeauftragte mit der Frau P. durchgeführt. Sie hatte jedoch ihren Bekannten durch einen Eilbrief von dem Vorhaben in Kenntnis gesetzt, sodaß dieser in dem betreffenden Ort nicht erschien. Auf der Heimfahrt machte man in einigen Gastwirtschaften Rast. Die Gestapo- Leute hatten sich alkoholische Getränke mitgebracht, denen sie bis zur völligen Trunkenheit tüchtig zusprachen. Sie wurden Frau P. gegenüber zudringlich; diese wehrte jedoch alle Versuche in dieser Richtung mit Erfolg ab. Sie wurde weiter in Haft behalten. Da die Gestapo ihr Bemühen, Frau P. zu Spionagezwecken weiter zu verwenden, nicht aufgeben wollte, wurde sie in Berlin dem Sicherheitsbeauftragten des Reichsführers SS, Reinhard Heydrich, vorgestellt. Die Unterredung dauerte jedoch nur 10 Minuten. Heydrich war äußerst mißtrauisch und glaubte, sie nicht in den Dienst der Gestapo einstellen zu können. Er lehnte deshalb ab. 6 Trotzdem ließ die Dresdner Gestapo nicht von ihrem ‘Vorhaben ab, durch Frau P. andere, der Gestapo bereits bekannte Dresdner Kommunisten ausfindig zu machen, Da ihr die Wohnung des ehemaligen Funktionärs Knorr be- kannt war, sollte Frau P. ihn der Gestapo ausliefern. Sie warnte ihn jedoch rechtzeitig, sodaß er beim Eintreffen der Gestapo nicht anwesend war. 2 Jahre Untersuchungshaft Mit der Erfolglosigkeit des letzten Falles gab die Gestapo ihren Versuch, Frau P. in ihren Spionagedienst einzu- ‘spannen, auf. Sie wurde daraufhin in das Untersuchungs- gefängnis in Leipzig gebracht, weil dort die Hauptver- handlung gegen sie stattfinden sollte. Dort hat sie ein -JahrlanginEinzelhaftunterVerhängung des Schreibverbotes zubringen müssen. Der Ge- fängnisarzt, Obermedizinalrat Dr. Rodewald, erleich- ‚ terte jedoch ihre Haft insoweit, als dieser Frau P. zur Assistentin bei seinen wöchentlichen Besuchen bestellte. Außerdem sorgte er auf ihre Bitte hin dafür, daß sie von ihren Bekannten Geld für die Selbstbeköstigung erhielt. Dann kam sie in Gemeinschaft mit einer Frau, die unter der Beschuldigung des Verstoßes gegen$ 218 des StGB. in Haft gesetzt war.„Ich hatte den Eindruck“, sagte Frau P. in diesem Zusammenhang,„daß man mit mir äußerst wohl- wollend umging‘“. Die letzten fünf Monate vor der Verhandlung, vor dem Volksgerichtshof, brachte sie im Untrsuchungsgefängnis Berlin-Barnim zu. Diese Haft verlief ohne besondere Zwischenfälle. Nur am Verhandlungstage selbst, am 11. Mai 1940, wurde Frau P. eine Viertelstunde vor Beginn der Verhandlung— diese dauerte von 9 Uhr vormittags bis 15 Uhr nachmittags— durch einen grobschlächtigen, Gefangenenwachtmeister. in äußerst zudringlicher Weise belästigt. Das geschah bereits - / im Gerichtsgebäude in der Bellevue- Straße Erst als sie sich durch lautes Schreien Hilfe zu verschaffen suchte, ließ der Unmensch von ihr ab. Während der Zeit ihrer Untersuchungshaft hatte man Frau Psybilles Wohnung in Prag durchsucht und Beweismaterial vorgefunden. Ferner fand man auch mehrere Stöße von Flugblättern. Einige Exemplare davon waren zu den Akten des Volksgerichtshofes genommen worden. ANNO Nach der Verhandlung wurde Frau P. in die Strafanstalt Leipzig Meusdorf eingeliefert. Wegen eines alten Leidens mußte sie dort u. a. fünf Wochen lang die Universitäts- Frauenklinik aufsuchen, wo man sie verhältnismäßig gut behandelte. Hier war besonders das Verhalten des Ärzte- und Pflegepersonals ihr gegenüber hervorragend. Frau P. hatte vor allem hier den Eindruck, daß man ihr diese Behandlung in Anbetracht ihrer politischen Stellung gegen das Hitlerregime zuteil werden ließ. Nach dieser 1/ 2jährigen Haft in der Strafanstalt LeipzigMeusdorf, wo ihr auch Obermedizinalrat Dr. Rodewald manche Annehmlichkeit verschaffte, er zog sie u. a. wieder als Assistentin heran wurde sie zusammen mit zweihundert anderen weiblichen Häftlingen in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück transportiert. Dieser Transport erfolgte in einem Güterwagen ohne jede Verpflegung. Niemand der Häftlinge konnte sich darin bewegen. Die Luft war zum Ersticken. Zum Glück dauerte die Fahrt aber nur drei bis vier Stunden, sodaß andere widrige Vorfälle während des Transportes vermieden wurden. Das Lager Ravensbrück Die Häftlinge wurden am 20. September 1942 in das Lager Ravensbrück eingeliefert. Dort blieb die Frau P. 21 Jahre. Danach wurde sie dem Arbeitslager Gemshagen bei Berlin zugeteilt, wo sie vier Monate lang Schwer8. arbeit in einem Werk für Flugzeugmotorenbau verrichten. mußte. Gemshagen war ein Außenkommando des berüchtigten Konzentrationslagers Sachsenhausen. Das Lager Ravensbrück selbst bestand aus sechzig Holzbaracken und etwa zwanzig Häusern, die zum größten Teil außerhalb der Einfriedung im Wald an einem See gelegen waren. Außerdem befanden sich in diesem Gelände noch dreißig prächtige Villen, die ausschließlich zur Unterkunft der SS dienten. Durch die Baracken, die übrigens die Frauen selbst errichtet hatten, führte eine breite Straße. Es war die sogenannte ,, Lagerstraße", auf der die bekannten Appelle durchgeführt wurden. Am Wald befand sich außerdem ein in geschmackvollem Stil errichtetes langgestrecktes Holzhaus, das der SS als Kasino diente. Außerhalb des Lagers war eine Zweig fabrik der Berliner Siemens- Werke errichtet worden, in der von den Frauen in langen Tag- und Nachtschichten Munition aller Kaliber für die deutsche Kriegsmaschine gefertigt wurde. In einer Baracke wurden zunächst insgesamt 150 weibliche Häftlinge untergebracht, späterhin, als das Lager in der Hauptsache durch polnische Frauen- einen Zugang von täglich 3000 bis 4000 Häftlingen erhielt, mußte jede Baracke annähernd 1000 dieser unglücklichen Frauen und Mädchen aufnehmen. Trat man in das Lager ein, so kam man zunächst an dem Gebäude der Kommandantur vorbei, in dessen Nähe sich einige Autogaragen befanden. Dann gewahrte man den berüchtigten Bunker, der ursprünglich für Luftschutzzwecke in Aussicht genommen, als Strafgefängnis für die Häftlinge diente. Das Lager selbst war von etwa fünf Meter hohen Mauern umgeben. Vor diesen Mauern befand sich ein 11/2 Meter hoher, elektrisch geladener Zaun aus Maschendraht, um die Flucht eines Häftlings aus dem Lager unmöglich zu machen. Außerhalb des Lagers wurde das Krematorium errichtet. Es hattesechs Öfen und war dauernd in Betrieb. In den letzten Jahren vor dem 10 Kriegsende belief sich die Zahl der Häftlinge im Konzentrationslager Ravensbrück auf etwa 150000. Der größte Teil dieser Häftlinge arbeitete auf Außenkommandos ( Rüstungsfabriken, landwirtschaftliche Betriebe usw.), die oft erst durch Tagestransporte vom Lager aus zu erreichen waren. SS- Sadismus im Baderaum Frau P. schildert nun ihre eigene Ankunft im Konzentrationslager Ravensbrück: Als wir im Lager ankamen, wurden zunächst unsere Personalien aufgenommen. Die Frage lautete immer wieder: ,, Warum bist Du da?" Als ein Mädchen antwortete, sie hätte sich der Dienstverpflichtung entzogen, schrie man ihr brutal ins Gesicht: ,, Ich will Dir was sagen, Du bist auf den Strich gegangen!" Dann führte man uns in den Warteraum. Wir mußten uns gänzlich auskleiden und nackt in Reih' und Glied antreten. Der Lagerarzt, SS- Hauptsturmführer Dr. Sonntag, musterte uns mit lüsternen Blicken, indem er unaufhörlich den Rohrstock schwang und einige von uns auf das unbekleidete Gesäß schlug. Das war äußerst schmerzhaft, kümmerte aber diesen ,, Arzt" nicht im geringsten. Ich selbst war in einem Strafblock untergebracht, da ich wegen illegaler politischer Betätigung besonders hart behandelt werden sollte. Meine Lagerhaft wurde verschärft und ich mußte schwerste Arbeiten bei kümmerlichster Ernährung verrichten. Bekannt ist mir aus dieser Zeit die Behandlung von 75 weiblichen Häftlingen, die sich in der Gemeinschaft der Bibelforscher gegen den Hitlerismus aufgelehnt hatten. Da sie sich bei ihren Aussagen sehr standhaft verhielten, mußten sie bei strenger Kälte ohne Strümpfe und ohne Jacke stundenlang strammstehen. Als auch dies nichts half, bekamen sie je 25 Schläge, um dann in dem isolierten Block bei Brot und Wasser sechs Wochen untergebr. it zu werden. 11 Im Kellergeschoß eines im Lager befindlichen Gebäudes verprügelte man regelmäßig die Häftlinge, und zwar wurde auch hier für diese Quälereien der berüchtigte ,, Bock" verwendet, über den sich die an den Füßen gefesselten Frauen legen, mußten. Die Schläge wurden im Beisein des Kommandanten, SS- Hauptsturmführer Suren und der Oberaufseherin Bingen ausgeteilt. Bei der Ausübung dieser Folterungen zog man zur Unterstützung zwei weibliche Häftlinge hinzu. Das schloß aber nicht aus, daß die Bingen selbst nachhalf", wenn ihr das Prügeln nicht. grausam genug erschien. Sie gebärdete sich dabei wie eine Wilde, trat mit ihren Stiefeln und schwang dazu unablässig die Peitsche. Dabei war diese Oberaufseherin, die den männlichen SS- Banditen in keiner Weise nachstand, erst 24 Jahre alt. Oft kam es vor, daß sie strahlend durch die Baracken ging, dabei einen Knüppel schwang und rief: ,, So, hier ist wieder ein neuer Knüppel! Ihr könnt Euch also freuen!" Während des Prügelns mußte der Häftling selber zählen. War er hierzu nicht mehr imstande, so half die Bingen mit Fußtritten und Peitschenschlägen nach. Dadurch wurde diese Prozedur oft sehr lange ausgedehnt. Die Häftlinge kamen jedoch keinesfalls in das Revier, sondern immer wieder in ihre Baracken zurück. Dort durften sie nicht lange zubringen, sondern wurden, wenn das Prügeln bereits am Vormittag stattgefunden hatte, nachmittags wieder zur Arbeit getrieben. Ich selbst habe diese Peinigung an mir erlebt. Davon wird später zu sprechen sein. Als man einmal einem Häftling die Schlagader aufschlug, hatte dieser einen sehr starken Blutverlust. Der sofort herbeigerufene Lagerarzt Dr. Sonntag wurde über und über mit Blut bespritzt, während der Lagerhund, eine große Dogge, das verlorene Blut vom Fußboden aufleckte. Diese Prügelszenen fanden unter Ausschluß der Lageröffentlichkeit statt. 12 N Ausbeutung bis zur Vernichtung Die Außenkommandos im Konzentrationslager Ravens- brück offenbarten so recht den Geist, der sowohl für die Terrorakte der Himmler-Schergen als auch für deren brutale Ausbeutermethoden bezeichnend war. Wie ich schon sagte, mußten die Häftlinge in Munitionswerkstätten und in der Landwirtschaft tätig sein. Hinzu kamen jedoch noch einige Lagerbetriebe, die hauptsächlich der Herstellung von Spreng- stoffen und zur Verrichtung von Näh- und Schneider- arbeiten dienten. Die Arbeitszeit widersprach allen Vorstellungen der Menschlichkeit. Die Frauen und Mädchen mußten in der Regel von 6.30 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags und von 12.30 Uhr bis 19 Uhr, oft auch bis 21 Uhr unter unbe- schreiblichen Bedingungen arbeiten. Die halbstündige Mit- tagspause konnte nie eingehalten werden. Der Andrang bei der Essenausgabe war so groß, daß viele der Häftlinge über- haupt nichts erhielten. Ohne Rücksicht darauf ging es dann sofort wieder an die Arbeit. Es lag auf der Hand, daß aus diesem Grunde der Hunger immer mehr spürbar wurde. Hinzu kam, daß bei der ohnehin mangelhaften Ernährung epidemische Krankheiten auftraten, vor allem der Typhus. Dieser forderte täglich 8 bis 10 Todesopfer. Zur Eindämmung der Seuche wurden nur die allernotwendigsten Maßnahmen ergriffen. Die Behandlung war aber so oberflächlich, daß die Typhus- epidemie zu einer Dauererscheinung wurde. Die Wäsche der Häftlinge konnte fast nie gewechselt werden. Es kam vor, daß man die Wäsche innerhalb von 1'/z Jahren nur dreimal wechselte. Jedoch mußte während der ganzen Haft das- selbeKlei.d getragen werden. Terrorisierung im Strafblock Da ich als politischer Häftling in das Lager kam, wurde ich im Strafblock untergebracht. Ich mußte mit an- nähernd 1000 Häftlingen in einer Baracke 14 hausen, die normalerweise 150 Menschen aufnehmen konnte. Die dadurch hervorgerufene Überfüllung führte zu den unbeschreiblichsten Szenen. Die hygienischen Verhältnisse waren unter aller Kritik. Dazu war die Luft derartig stickig, daß viele der Mitgefangenen aus Sauerstoffmangel ohnmächtig wurden. Die in dieser Baracke gezählten Todesfälle betrugen oft am Tage bis zu zehn und mehr. An ein Auskleiden war nicht zu denken. Die meisten von uns mußten auf den Dielenschlafen. Decken gab es nicht. Man muß sich vorstellen, daß wir tagsüber schwerste körperliche Arbeiten verrichten mußten. Dadurch waren wir abends so ermüdet und ausgehungert, daß wir vor Erschöpfung oft umfielen. Im Winterhalbjahr wurde keine Rücksicht auf die herrschende Kälte genommen, die oft 30 Grad erreichte. Da wir im Außenkommando meist mit dem Löschen von Schiffsladungen beschäftigt waren, reichten unsere Kräfte nicht aus, das uns täglich vorgeschriebene Arbeitspensum zu erledigen. Wir wurden gezwungen, bei jedem Wetter die Ausbaggerung der zahlreichen, in der Nähe gelegenen Seen vorzunehmen. Wenn wir mit dieser Arbeit nicht fertig wurden, mußten wir die ganze Nacht über strammstehen. Wir durften uns nicht rühren, und brach eine von uns vor Erschöpfung zusammen, dann wurde sie solange geprügelt, bis sie unter Aufbietung der letzten Willenskräfte durchhielt. Hundehatz auf weibliche Häftlinge Aus der Reihe der vielen Grausamkeiten und Gewaltakte, die gegen uns bei jeder Gelegenheit angewendet wurden, ist besonders die Hundehatz auf unsere Leidensgefährtinnen von Bedeutung. Bei jeder Arbeitsgruppe, die draußen im Einsatz stand, wurden immer drei bis vier große Schäferhunde mitgeführt, damit das Arbeitstempo keine Unterbrechung erfuhr. Mit15 unter kam es natürlich vor, daß ein Häftling von der Arbeit aufsah, um den schmerzenden Rücken geradezurichten. Die SS- Aufseherinnen jagten dann diese großen, besonders abgerichteten Schäferhunde und Doggen auf die Unglückliche. Vor den Augen der anderen Häftlinge spielte sich dann eine kurze, grauen volle Szene ab, dieman mit Wortenkaum wiedergeben kann. Ein zerfetzter, aus allen Wunden blutender Frauenleib wurde immer wieder von den blutgierigen Hunden angefallen, bis das Leben aus ihm entwichen war. Schließlich brachte man den Leichnam beiseite und verscharrte ihn sogleich an Ort und Stelle. Ich selbst war Zeuge eines ähnlichen Falles, bei dem einer dieser Hunde auf ein junges Mädchen losging, ihr die Kleider vom Leibe riß und der Unglücklichen unter furchtbaren Schreien die Geschlechtsorgane so zurichtete, daß sie kurz darauf infolge hohen Blutverlustes verstarb. Diese Vorfälle, wohl eine der abscheulichsten Methoden der SSLeute, wiederholten sich zeitweilig mehrfach am Tage. Eine der Hauptverantwortlichen hierfür war die 34jährige SS- Aufseherin Lehmann, die es vor allem darauf anlegte, die Häftlinge mit den schamlosesten kaum wiederzugebenden Schimpfwörtern zu belegen. Es gab keinen Kraftausdruck, keine Zote, die sie nicht im Munde geführt hätte. Vergebliche Erpressungsversuche im Bunker Nachdem ich lange Zeit in den Außenkommandos gearbeitet. hatte, verfiel die Lagerkommandantur auf den Gedanken, mir die Züchtung von Angora- Kaninchen zu übertragen. Meine Aufgabe war, den anfänglich geringen Tierbestand nach Möglichkeit zu erhöhen. In zweijähriger Arbeit hatte ich hier auch ansehnliche Erfolge erzielt. Während dieser Zeit war ich selbständig und vor den Terrorakten der Aufseherinnen einigermaßen geschützt. 17 Ich hatte jedoch in meiner Eigenschaft als Betreuerin der Angora- Kaninchenzucht wiederholt Häftlingen geholfen, die dem Verhungern nahe waren. Trotz strengster Verbote verschaffte ich ihnen heimlich Nahrungsmittel. Das an die Stallungen angrenzende Lager für russische Kriegsgefangene gab mir die Möglichkeit, auch ihnen in ihrer verzweifelten Lage zu helfen. Eines Tages aber hatte dies alles ein Ende. Durch meine Mithilfe wurden ,, illegale" Briefund Paketsendungen im Lager Ravensbrück vermittelt. Eines Tages fing die SS- Wachmannschaft einen der Briefe ab. Sie stellte mich deshalb zur Rede; aber ich leugnete. Später erfuhr ich dann, daß meine Eltern, die als Absender in Frage kamen, wegen dieses Vorfalles verhaftet worden waren. Mich selbst brachte man darauf fünf Monate in Bunkerhaft. Mir ist es heute noch ein Rätsel, wie ich diese schwere Zeit überwunden habe. Zunächst hatte ich zehn Tage lang kein Licht, keine Decke, nichts zu essen und nichts zu trinken. Es war unerträglich! In meiner Zelle befand sich ein Wasserhahn, den man aber vorsorglich abgesperrt hatte. Obgleich ich unentwegt hoffte, noch irgendeinen Tropfen Wasser zu bekommen, waren meine Be mühungen vergebens. Nach diesen zehn qualvollen Tagen erhielt ich das erste Essen in die Zelle hineingeschoben, doch ohne Löffel. Das Hunger- und Durstgefühl nahm mir jede körperliche Widerstandskraft. Manchmal vermeinte ich das Balkenholz anbeißen zu müssen, denn es gab keine Menschenseele in diesen öden, immer feuchten Mauern, die sich meiner angenommen hätte. Nach drei Wochen endlich bekam ich ganze 350 Gramm Brot und eine wässerige Suppe mit Kohlrüben. Infolge der körperlichen Schwäche war ich jedoch unfähig, das Essen einzunehmen. 9 19 In dieser Verfassung fand mich eines Tages der SS- Truppführer R a'm do, der von mir ein Geständnis erpressen wollte. Ich blieb jedoch standhaft und mußte weiterhin unter den gleichen Verhältnissen zubringen. Meine Qualen wurden etwas gelindert, und zwar dadurch, daß mir der Kommandant nach einer Visite zwei Schlafdecken bringen ließ. Außerdem erhielt ich täglich die besagten 350 Gramm Brot und zweimal heißen Kaffee, und mittags wurde mir ein dürftiges warmes Mittagessen gereicht. Die Zelle blieb aber verdunkelt, so daß ich kaum hoffen durfte, aus dieser Bunkerhaft jemals wieder herauszukommen. Bei einem neuen Verhör verweigerte ich wiederum die Aussage. Meine Lage hatte sich jedoch noch dadurch verschärft, daß bei mir eine Broschüre in polnischer Sprache über die von den Deutschen gegen die volksbewußten Polen verübten Massen erschießungen gefunden wurde. SS- Truppführer Ramdo versuchte es daraufhin mit härteren Erpressungsmethoden. Ich mußte in ein Bassin steigen, wo ich dreimal hintereinander unter Eisduschen genommen wurde. Nach dem ersten Male wurde ich gefragt, ob ich aussagen wollte. Da ich dies verneinte, mußte ich ein zweites und drittes Mal die wie mit tausend Nadeln stechenden Eisduschen über mich ergehen lassen. Aber das alles konnte mich nicht davon abhalten standfest zu bleiben. Man schrie mich deshalb an: ,, Wollen Sie aussagen?" ,, Nein!" ,, Dann stellen Sie sich an die Wand! Ich gebe Ihnen Ihre letzte Chance!" Dabei legte der SS- Henker seinen Dienstrevolver neben sich hin und drohte mit dem Erschießen.- ,, Schön, dann nicht!", sagte er nach einigem Zögern ,,, dann bleiben Sie eben hier bis Sie alt und grau werden!" Wegen der Polen- Broschüre waren mit. mir fünf andere Frauen verhört worden. Zur Strafe für unsere Standhaftigkeit erhielt eine jede von 20 20 uns 25 Schläge auf dem berüchtigten Bock. Während die anderen bei dieser furchtbaren Tortur völlig bekleidet waren, wurden mir die Beinkleider ausgezogen. Frauen als medizinische Versuchsobjekte Eines der furchtbarsten Kapitel bestialischer Grausamkeiten im Lager Ravensbrück war die Heranziehung von weiblichen Häftlingen zu medizinischen Experimenten. Die einzelnen Versuche dieser Art sind so vielgestaltig, daß ich hier nur die hauptsächlichsten herausgreife. Zuvor möchte ich noch von einem Umstand sprechen, der im Lager an der Tagesordnung war. Es gefiel den Lagerärzten, ihre sexuellen Begierden an weiblichen Häftlingen auszulassen. Ergaben sich aus den Verhältnissen natürliche Folgen, so wurde operativ eingegriffen. Bei diesen Abtreibungen fand manche Leidensgefährtin den Tod. Mehrfach im Jahre geschah folgendes: Aus der Mitte der Häftlinge wurden besonders gesunde Frauen ausgesucht, die sofort für das Revier bestimmt wurden. Sie genossen sechs Wochen lang beste Verpflegung. Den Uneingeweihten mochte diese Tatsache zur Verwunderung stimmen; man hatte jedoch bald heraus, um welchen te uflischen Plan es sich hierbei handelte. Eines Tages erschienen mehrere hochelegante Personenkraftwagen im Lager. Heraus trat ein ganzer Stab von SSOffizieren. Es handelte sich hierbei um Ärzte, die entweder aus dem SS- Hauptsanitätsamt Berlin oder verschiedenen anderen Lagern stammten. Der Zweck ihres Erscheinens war offenkundig! Es galt an den in das Revier eingelieferten Frauen medizinische Versuche vorzunehmen. Meinen Leidensgefährtinnen und auch mir sind Fälle bekannt, die einem vor Scham und Empörung das Blut 21 in den Adern erstarren lassen. So wurden einige der Frauen, deren Körperbau für die medizinischen Versuche besonders geeignet erschien, zur künstlichen Befruchtung verwendet. Gewöhnlich waren es etwa hundert Frauen, die für diese Experimente bestimmt wurden. Andere wurden zum Beispiel bei vollem Bewußtsein operiert, ja es wurden sogar Körperteile präpariert. Diese Eingriffe entsprechen ganz unseren Vorstellungen von den anatomischen Arbeiten an den Universitäts- Kliniken, nur mit dem Unterschied, daß es sich hier um lebende Frauen und Mädchen und nicht um Leichen handelte. Diese Versuché wurden, wie ich schon sagte, ohne Betäubung durchgeführt. Das zu präparierende' Gewebe des Muskelbündels, Nervenstranges usw. wurde lediglich einer Vereisung unterzogen. Die Folgen waren furchtbar. Viele dieser Frauen, die man also absichtlich wie das Vieh vor dem Schlachten gemästet hatte, kamen als Krüppel auf Krücken und Stöcken hinkend aus dem Revier wieder heraus. Diese Untaten der SSLeute stellen eines der größten Kulturverbrechen der Menschheit dar. In die gleiche Kathegorie gehört als besonderes Kapitel die A us- wahl von weiblichen Häftlingen für die Offiziers- und SS- Bordelle. - Zu den medizinischen Versuchen zählte auch eine Massenblutentnahme. Hier mußten sich in langer Reihe oft Hunderte von Frauen aufstellen, die man sich aus den Baracken und Arbeitsstellen geholt hatte. Jede mußte im Revier 500. Kubikzentimeter Blut ,, spenden". Es hieß, daß diese Blutmengen konserviert werden sollten und für die Wehrmacht bestimmt wären. Nach der ,, Blutspende" befiel fast alle Frauen eine außerordentliche Schwäche; dabei waren Schwindelgefühle noch das Glimpflichste. Zunächst gab es noch während dieser Blutentnahme, wie auch auf dem Wege nach den Baracken Ohn23 machtsanfälle in großer Zahl. Die Häftlinge durften sich jetzt keinesfalls zur Ruhe legen, vielmehr wurden sie sofort wieder zu ihren Arbeitskommandos befohlen. Der berüchtigte Judenblock Dem Bericht ist noch hinzuzufügen, daß innerhalb des Lagers ein besonderer Juden- Block bestand. Dort wurden zumeist Jüdinnen und jüdische Mischlinge aus allen Gebieten Deutschlands eingeliefert. Ende des Jahres 1941 und in den letzten Wintermonaten 1942 wurden dort von Auschwitz kommende weibliche Häftlinge untergebracht. Auch tschechische Jüdinnen befanden sich in dieser isolierten Baracke. Die hygienischen Zustände spotteten jeder Beschreibung. Die Unterkunftsräume waren äußerst verschmutzt, sodaß sich bei kranken Häftlingen die scheuẞlichsten Folgen ergaben. Beispielsweise waren die mit Stroh oder Hobelspänen gefüllten Schlafsäcke von allem möglichen Unrat verschmutzt. Kranke Häftlinge, die in diesen Räumen zubringen mußten, erhielten so gut wie gar keine ärztliche Betreuung. Oftmals kam es vor, daß sich in den offenen Wunden, die durch Prügelhervorgerufen wurden, Madenwürmer fanden, die ihre Brutstätte zumeist in den gänzlich verunreinigten Schlafsäcken hatten. Außerdem litten die Häftlige an Brandwunden, die sie während ihrer schweren und für die Gesundheit überaus gefahr vollen Arbeiten erhalten hatten. Ohne ärztliche Behandlung gingen sie bald in einen eitrigen Zustand über, der ebenfalls nicht durch Eingreifen der Lagerärzte behoben wurde. Blutterror gegen volksbewußte Polen Im Jahre 1942 erhielt das Lager Ravensbrück Zuzug von polnischen Häftlingen. Es waren in der Mehrzahl Studentinnen und Abkömmlinge aristokratischer 25 25 Familien, die man in das Lager gebracht hatte, um jede freiheitliche Willensregung volksbewußter Polen in ihrer Heimat auf das grausamste zu unterdrücken. Diesen Polinnen, die sämtlich in einem isolierten Lager untergebracht waren, sollte eine schreckliche Leidenszeit bevorstehen. Die SS- Aufseherinnen trugen ihr Möglichstes dazu bei, um täglich einige von ihnen zur Strecke zu bringen. Die kleinste Verfehlung" wurde mitsofortigem Erschießen bestraft. Diese Hinrichtung wurde regelmäßig während des Appells im Walde durchgeführt. So wurden an jedem Tage zehn Polinnen von den Aufseherinnen zur Erschießung bestimmt. Die Leichen vergrub.man nicht weit von dieser Stätte und deckte sie mit einer dünnen Kalkschicht zu. Die Nacht- und Nebelhäftlinge دو Die Gestapo erfand für jene Häftlinge, die in aller Kürze zum Tode befördert werden sollten, die Bezeichnung ,, Nacht- und Nebelhäftlinge". In einem Block befanden sich etwa 800 dieser dem Tode geweihten Frauen und Mädchen. Es waren meist Angehörige freier Berufe; vielfach ausgesprochene Intelektuelle. Sie durften keine Pakete und keine Briefe empfangen und hatten außerdem Schreibverbot. Sie verrichteten nur im Lagerbereich Arbeiten. Als das Lager späterhin eine Vergrößerung erfuhr, wurden auch männliche Häftlinge eingeliefert. Sie waren von uns durch einen hohen Drahtzaun getrennt. Ich selbst war eines Tages Zeuge eines erschütternden Vorfalles: Zwei Angehörige des SS- Wachpersonals hieben mit Kolbenschlägen derart auf einen Häftling ein, daß dieser am Zusammenbrechen war. Obwohl mich das Grauen packte, sah ich doch näher hin, und da entdeckte 26 ich, daß der Betreffende sein eigenes Grab schaufeln mußte. Die Furcht vor dem Tode hatte seine körperlichen Kräfte völlig gelähmt. Die SS trieb ihn jedoch immer wieder mit ihren Gewehrkolben und den fürchterlichsten Drohungen zur Arbeit an, sodaß er schließlich das eigene Grab ausgehoben hatte. Er wurde erschossen und dann an dieser Stelle verscharrt. DIE POLITISCHEN RECHTE SIND DIE WIRKSAMSTEN WAFFEN IM KAMPFE DER FRAU UM IHRE SOZIALE GLEICHSTELLUNG CLARA ZETKIN 27 Nachwort. Und damit schließt der sachliche Bericht einer politischen Kämpferin. Ergreifend in seiner Schlichtheit führte er unsere Gedanken auf absonderliche Wege menschlicher Verirrung und Verbrechen. Diese Frau erzählt wie von Dingen, die sie bereits innerlich überwunden hat. Und doch fragen wir uns erschaudernd: Wie war es möglich, diese furchtbaren Schicksale täglich mitansehen zu können, ohne dabei zu zerbrechen? Wie viele Menschen sind in ähnlichen Fällen physischer Verwahrlosung auch charakterlich verkommen und untergegangen, haben den Glauben an das Gute im Menschen verloren und sind schließlich doch mitgeschwommen im schwarzen Schlamm der Schande"? Es sind die Künder einer neuen Zeit auch unter den Frauen, die durch einen glücklichen Zufall der Natur dem mörderischen Zugriff ihrer Feinde entronnen sind, obwohl sie bereit waren, den höchsten Einsatz, das Opfer ihres Lebens, in die Wagschale zu werfen- für die unerschütterliche Gewißheit d'es Sieges ihrer gerechten Sache. Mit Stolz blicken wir Antifaschisten auf solche Frauen in unseren Reihen. Sie haben uns den Glauben an das Ewig- Menschliche hinübergerettet in die Zeit der Neuordnung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Mögen sie vielen Frauen und Mädchen unseres Volkes ein Vorbild politischer Überzeugungstreue werden! Möge sich die Frau der Verantwortung bewußt werden, die sie für die kommende und schon heranwachsende Generation zu tragen hat! Sie ist die Erzieherin der Kinder; sie soll in ihnen das Gefühl sozialer Gerechtigkeit entwickeln und sich der Opfer derer würdig erweisen, die in den Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern erst die sittlichen Voraussetzungen für die Befreiung vom nazistischen Joch geschaffen haben. 28 n in 1 1 n t e t I n Das Ewig- weibliche zieht uns hinan! Dieses Dichterwort weist uns den Weg zu neuen menschlichen Höhen. Im edelsten Sinne des Wortes jedoch lebten jene Frauen und Mädchen, die als kämpferische Antifaschisten den Weg der Freiheit beschritten und auch zu Ende gingen. Ihnen gebührt unser Dank, unsere Verehrung und ein würdiger Plats bei der Wiederaufrichtung unseres Volkes! er d S einer politischen Konzentrationärin an die Frauen „Als eine der Frauen, welche die ganze Brutalität des Naziterrors am eigenen Leibe verspürt haben, wende ich mich heute an alle die- jenigen, die Ähnliches erduldet haben, und rufe ihnen zu: Auch: wir Frauen stehen am. Anfang einer neuen Zeit! Unser Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, der während der Naziherrschaft grausam unterdrückt wurde, muß wie- deraufgenommen und vorwärtsgetragen werden; die politische, wirtschaftliche und kulturelle Erneuerung unseres Lebens muß unser Ziel sein. Wer wollte bezweifeln, wie notwendig, diese Erneuerung für uns Frauen’ist? Denn was brachten uns die Nazisten, wasistunsge- blieben nach zwölf Jahren Naziregime? Wie viele haben alles verloren: den Mann,.den Vater und Ernährer ihrer Kinder, ja, sogar ihre Kinder selbst, ihr kostbarstes Gut. Wie viele mußten ihre Heimat verlassen, wie vielen wurden ihre Wohnungen und ihr Besitz genommen? Groß und fast erdrückend ist die Not der Frauen, wohin wir auch schauen. Aber wissen sie alle auch, daß dies Leid und diese Qual ganz allein ein Erbe des Nazismus sind? Wir, die wir unmittelbar die Auswirkungen von Hitlers Gewalt- ‚ herrschaft zu spüren bekamen, die wir von Gestapospitzeln hin- und hergejagt wurden und alle Bitterkeit der Unfreiheit ertragen mußten, wollen es allen berichten, was Frauen in der Nazizeit gelitten haben, wie die Wirklichkeit im Gegensatz zur Propa- ‘ganda.stand. Man organisierte z. B. ein Hilfswerk„Mütter und Kind‘ und scheute sich trotzdem nicht, auchKinderindieKZ. zu sperren und dort verhungern, erfrieren, ver- brennenundvergasenzulassen. 30 Deshalb, Frauen, helft uns, die Wahrheit über die Unterdrückung der Frau an die Öffentlichkeit zu bringen! Schildert eure Schicksale, schreibt uns Berichte über eure Erfahrungen und Erlebnisse in den KZ. und Strafgefängnissen( Holzpantoffelkompanien), über die Bespitzelung durch die Gestapo, die Behandlung deutscher, ausländischer' Frauen in den Munitionsbetrieben, über die Verfolgung der Kinder in den Schulen, über ihre Verschleppung in Fürsorge- und Erziehungsanstalten, über euren offenen oder geheimen Kampf gegen den Naziterror für das Leben und die Freiheit eurer Männer und Kinder! Alle diese Berichte werden klar vor Augen führen, daß wir kämpfen müssen, damit diese Zustände nicht wiederkehren, damit unsere Frauen nicht mehrinihrer freien Entwicklung gehemmt werden, damit sie ein neues, würdiges Leben im kämpferisch- demokratischen Geiste führen können, im Geiste der wirklichen Gleichberechtigung der Frau. CHARLOTTE HAFERKORN 31