EINGANGSTOR ZUM LAGER JEDEM DAS SEINE" DEDEM DAS SEINE Schon einige Tage vor dem 31. Juli 1937 ging das Gespräch herum, daß wir in ein neues Lager kommen sollen. Das Konzentrationslager Lichtenburg würde anordnungsgemäß aufgelöst. Mehr konnte man nicht erfahren. Die üblichen Gestapomethoden, Ungewißheit als eines der Mittel zur Zermürbung aller Antifaschisten und ,, Staatsfeinde". Frühmorgens 4 Uhr, am 31. Juli 1937, wurden 600 Häftlinge, alles Deutsche, davon ca. 200 sogenannte Berufsverbrecher, zum Transport aus ihren Elendsquartieren herausgetrieben. In vollständig verdeckten Lastkraftwagen wurden wir unter Fußtritten eingeladen. Drei SS- Banditen am Führersitz und drei am Ausgang des Autos hielten Wache mit Maschinenpistolen und Handgranaten. Jede Unterhaltung während der Fahrt war verboten. Ebenfalls das Wenden des Kopfes nach den in der Plane vorhandenen Zelluloidfensterchen. So mancher hat wegen seiner Keckheit, doch ein wenig von der Landschaft zu erspähen, Rippenstöße und Genickstöße mit dem kalten Lauf einer Pistole erhalten. Nach sieben Stunden Fahrt kamen wir auf dem Ettersberg an. Dort befanden sich bereits ca. 300 Häftlinge, meistens Kriminelle, aus Sachsenburg und einige aus Sachsenhausen. Am Eingangstor wurden wir von dem berüchtigten Rapportführer Hackmann( genannt ,, Jonny") und dem damaligen 1. Lagerführer Weiseborn( genannt ,, Eisbär") in Empfang genommen. Kameraden, die in ihrer Not sofort auf die Seite traten, um auszutreten, wurden von den SS- Banditen buchstäblich zusammengeschlagen. Die Empfangsrede hielt der Eisbär. Man hörte: ,, Es ist verboten, es ist untersagt, es wird erschossen, hier befindet ihr Drecksäcke euch in einem Aufbaulager, hier wird gearbeitet, wie ihr das nie im Leben getan habt. Die Tageseinteilung bei uns hier ist folgende: Um 1/24 Uhr morgens ist Wecken, eine Stunde nachher nach dem Morgenappell ist Ausrücken zur Arbeit. Von 12 bis 13 Uhr Mittagspause mit Einnehmen des Mittagessens im Lager. Dann wird wieder zur Arbeit ausgerückt. Bis 8 Uhr abends, sonntags wird bis 13 Uhr gearbeitet, und am Nachmittag ist Flick- und Putzstunde. Wer sich den Anordnungen der SS widersetzt, oder wer versucht, zu flüchten, wird erschossen. Merkt euch dieses, das geht bei uns automatisch." Und nun begann für uns das Höllenleben. Was wir als bereits aufgebaut antrafen, war eine Revier- und Häftlings- Wohnbaracke. Ringsum war noch wilder Buchenwald. Für die SS- Banditen standen bereits drei Baracken und für den Kommandanten. SS- Standartenführer Koch, den berühmten hinterhältigen Mörder und hochmütigen Sadisten, mit seinem Stab ebenfalls eine Baracke. Um die Häftlingsbaracken war ein provisorischer Stacheldrahtzaun errichtet. Von Betten und Strohsäcken war die ersten zwei Wochen nichts zu sehen. Wir schliefen auf dem blanken Holzboden. Wasser fehlte gänzlich. An Waschen war nicht zu denken. Es reichte kaum für die Küche zum Essenkochen. 4 Bei unserer Ankunft wurde das Wasser noch aus den umliegenden Dörfern mittels Tonnen herangebracht. Wie die Versorgung für ca. 1900 Häftlinge aussah, läßt sich leicht ausdenken. Es ist vorgekommen, daß sich Kameraden aus Durst das Leben nahmen! Verschiedene haben sich erhängt, andere sind durch die Postenkette gelaufen, weil sie wußten, daß sie dadurch ohne Anruf sofort erschossen werden und einen kurzen Tod sterben. Als nach ungefähr 14 Tagen eine provisorische Wasserleitung gebaut war, pumpte man aus dem Dorf Hottelstedt ungenießbares Wasser auf den ca. 480 m hohen Ettersberg. Wer davon trank, bekam einen fürchterlichen Durchfall. Viele von den Erkrankten sind, da jede ärztliche Behandlung fehlte, gestorben. Schonung gab es damals nicht. Jeder mußte arbeiten, selbst wenn er schon am Umfallen war. Wer sich krankmeldete, wurde beim Morgenappell dem Lagerführer Weiseborn vorgestellt. Er entschied durch Faustschläge und Fußtritt, was mit dem kranken Häftling zu geschehen habe: ,, Du alte Drecksau, in den Steinbruch mit Dir, dort kannst Du verrecken..." Die Folge davon war, daß sich fast niemand krankmeldete, wenn er auch ernstlich krank war. Ein besonderes Kapitel war die Antreiberei und die Menschenvernichtung in den zwei Steinbrüchen und beim Bau der Führerhäuser. Mit primitiven Werkzeugen wollte die' Lagerführung die höchsten Leistungen herausschinden. Es wurden für den Bau der Führerhäuser und der SS- Kasernen kurze Termine festgesetzt. Das Kommandantenhaus mußte am 10. Oktober 1937 beziehbar sein. Mitte August wurde der 1. Spatenstich von den Häftlingen getan. Was dies für Häftlinge, die mit Schaufel und Pickel ausgerüstet waren, bedeutete, ist bei der Bodenbeschaffenheit im Ettersberg, wo Lehm und Kalkstein vorherrschen, kaum vorstellbar. Die Fundamente beim Kommandantenhaus wurden auf folgende Tiefen gegraben: Südostund Nordseite 6 m, Westseite 4 m in 30X40 m Ausmaß. Die Bewachungsmannschaft und der Kommandoführer waren besonders herausgesuchte SS- Leute. Ihr Auftrag bestand darin, die Häftlinge insbesondere mit Schlägen anzutreiben. Man versprach diesen SS- Sadisten Karriere, Urlaub und Prämien nach Fertigstellung des Kommandantenhauses. Jeden Tag um 10 Uhr vormittags erschienen Koch und Weiseborn auf der Arbeitsstelle. Sie beobachteten genau die Arbeitsbewegungen der Häftlinge. Wagte es einer, seinen Körper gerade aufzurichten oder seine Schaufel vom Lehm zu reinigen, so wurde er sofort als faul aufgeschrieben. Am Donnerstag gab es dann 25 Stockhiebe auf den Hintern. Als Zugabe mußte der Betreffende dann noch am Sonntag bis 22 Uhr ohne Verpflegung am Tor stehen. Als besonders brutal hat sich der schnell beförderte und später zum Arrestaufseher avancierte SS- Mann Sommer ausgezeichnet. Ein politischer 5 Häftling aus Halle, welcher nach Verbüßung seiner Zuchthausstrafe von vier Jahren nach dem KZ überführt worden war, wurde am ersten Tage seines Aufenthaltes in Buchenwald von jenem Sommer mit Fußtritten und Schlägen so mißhandelt, daß er daran noch in derselben Nacht verstarb. Es hatte geregnet, der Boden war vollkommen aufgeweicht, der Lehm klebte am Karrenrad. In diesem Zustand mußte der Karren vollbeladen mit nasser Erde von jenem Häftling im Laufschritt weggeschafft werden. Beim Bau des Kommandantenhauses haben sich ähnliche Fälle wiederholt ereignet. Trotzdem haben wir als politische Häftlinge den Mut nicht sinken lassen. Im Fundament dieses Hauses, von dem fast jeder Stein mit Häftlingsblut getränkt ist, liegt eine Flasche eingemauert. In dieser Flasche haben zwei politische Häftlinge, die das Haus mit aufgebaut haben, eine Postkarte gesteckt mit folgendem Text: Erbaut von Schutzhäftlingen Oktober 1937, gezwungen, aber nicht bezwungen!" Einer von den beiden Häftlingen, die diese Karte mit ihrem vollen Namen unterzeichneten, wurde 1940 entlassen. Erich Hoffmann aus Wuppertal sagte: ,, Lieber Alfred, heute, wo wir diese Urne einmauern, hat meine Tochter Geburtstag. Ich werde diesen Tag nie vergessen Hoffmann hatte am Gesäß furcht66 99 bare Narben durch die Mißhandlung der Gestapo. Diese Worte: ,, Gezwungen, aber nicht bezwungen", sind Tatsache geworden. Der andere Häftling, der diese Urne mit einmauerte, wurde am 11. April 1945 mit Hilfe der tapferen amerikanischen Armee zusammen mit 21 000 anderen Hitlersklaven aus der Tyrannei befreit. Wie ein tiefer grauer See liegen die Verbrechen der Nazibanditen vor meinen Augen, die einzeln wie grauenhafte Inseln aus demselben hervorragen. Diese Sadisten und feigen. Mörder haben sich mit ihren Verbrechen tief in unser Bewußtsein eingeprägt. Die Würde der Menschheit schreit nach Rache! Steinbruch! Dort mußten die Steine zum Bau der Offiziershäuser von den Häftlingen gebrochen werden. Tausende wurden dort erschossen und erschlagen oder sind an den Folgen der unmäßigen Ausbeutung an Erschöpfung gestorben. Die Loren, vollbeladen mit Steinen, mußten von den Häftlingen bei jeder Witterung ungefähr 400 m bei einer Steigung bis zu 60 Grad, unter Kolbenschlägen der SS, in die Höhe gezogen werden. An einer Lore zogen ganze 16 Mann. Eine Sklavenarbeit, wie sie selbst unter der Sklaverei bestimmt nicht vorgekommen ist. Dazu kamen noch die Witterungsunbilden, wie glühende Hitze im Sommer und nichts zu Trinken und eisige Kälte im Winter ohne genügende Schutzkleidung. Wer vor Erschöpfung bewußtlos wurde und liegenblieb, wurde in den meisten Fällen erschlagen oder erschossen. Es ist aber auch vorgekommen, daß die SS- Posten die Besinungs6 - losen auf die Loren aufladen ließen und auf dem Berg dann solange mit Wasser begossen, bis sie wieder zu sich kamen. Danach gingen die Schikanen weiter. 16- bis 18jährige Lausbuben in SS- Uniform verhöhnten alte Männer, Arbeiter und andere Werktätige, deren ganzes Verbrechen darin bestand, daß sie keine Nazis waren. In den Jahren 1937 bis 1939 sind fast alle Häftlinge, die nicht eiserne Naturen waren, umgekommen. Bei Regenwetter hing der aufgeweichte Lehmboden klumpenweise an den durchnäẞten Schuhen und erschwerte das Gehen. Gerade an solchen Tagen mußten die Gequälten im Steinbruch Laufschritt machen. Jeden Abend fast hieß es im Lager: ,, Heute ist es im Steinbruch wieder schwer rundgegangen, es ist zum Wahnsinnigwerden. Heute haben sie wiederum fünf Mann umgelegt...“ Immer unerträglicher steigerten sich unsere körperlichen und seelischen Qualen. Am 30. September 1937 flüchteten zwei kriminelle deutsche Häftlinge. Einer davon hieß Floh, der zweite ist mir unbekannt. Wir hatten den ganzen Tag schwer gearbeitet. Nach Arbeitsschluß mußte das ganze Lager antreten und die ganze Nacht und den folgenden Tag ohne Essen auf dem Appellplatz stehen. Wer sich rührte, bekam Knüppelhiebe. Die Wut der SS steigerte sich umso mehr, als sie auch Dienst machen mußte, um die Geflüchteten zu suchen. Am nächsten Tag, mittags um 2 Uhr, hieß es abrücken. Alles legte sich ermüdet in die Betten. Kaum hatten wir uns hingelegt, da wurden 50 politische rückfällige Häftlinge von dem Blockältesten Dylewski geweckt. Wir mußten sofort arbeiten gehen. Alle hatten eine leise Ahnung. Mit zusammengebissenen Zähnen unter andauernden Kolbenschlägen der SS, verrichteten wir unsere schwere Arbeit im Laufschritt. Wir schleppten Betten und Matratzen in eine der bereits erbauten Kasernen. Am 1. Oktober bebte erneut das gesamte Lager. 1600 deutsche Häftlinge, davon 1000 politische und 600 kriminelle in Ängsten. Ein Mann war geflohen, Weinreiter aus Kassel. Er hatte schon etwa zehn Tage vor dem Fluchtversuch versucht, sich die Pulsadern durchzuschneiden. Das miẞlang. Nach dem Einrücken standen wir bis 23 Uhr auf dem Appellplatz. Am nächsten Tag mußten wir das Gelände nach dem Flüchtling absuchen. Wir fanden den Kameraden natürlich nicht. Kommandant Koch drohte uns fürchterlich: ,, Heute nacht sucht die SS, wehe euch Drecksäcken, wenn man ihn findet." In der Nacht zum 2. 11. wurde tatsächlich Weinreiter von der SS aufgegriffen, sofort ermordet, und am 2. 11, morgens, auf dem Appellplatz in gänzlich verstümmeltem Zustande, der Kopf war eine einzige blutige Masse, zur Abschreckung aufgebahrt. Zu erwähnen ist noch, am 1. November wurden wir vom Suchen nach dem Flüchtling um 12 Uhr 30 ins Lager zurückgerufen. Auf dem Appellplatz angetreten, wurden drei Häftlinge herausgerufen. Der Kommunist Oskar 7 Fischer aus Berlin, bekannt aus dem Felseneckprozeß, der Sozialdemokrat Bräm aus Bremen und der kriminelle Häftling Bischof. Er war von einem anderen Kriminellen verraten worden, daß er flüchten wolle. Alle drei Kameraden wurden unter dem Vorwand, eine Arbeit verrichten zu müssen, hinter das Tor geführt und dort hinterhältig erschossen. Am nächsten Tage wurde eine Anordnung des Kommandanten an alle Häftlinge bekanntgegeben. ,, Sie haben meine Gutmütigkeit mißbraucht, Sie wollen das Flüchten Ihrer Mitinsassen nicht verhindern. Weinreiter hatte STEINBRUCH IM KL BUCHENWALD, WO TAUSENDE UMS LEBEN GEKOMMEN SIND ET t Briefe bei sich, die auf eine Beihilfe zur Flucht hinweisen. Ich verhänge deshalb über das Lager eine kollektive Strafe. Das Mittagessen wird schlech- ter, die Brotrationen werden gekürzt. Fünf Mann erhalten in Zukunft nur noch ein Brot pro Tag(1 Brot= 1500 g). Jeglicher Einkauf ist ab sofort gesperr‘ Meine Anordnung bleibt bis auf weiteres in Kraft.“ Der Hunger stieg bei der schweren Arbeit ins Unermeßliche. Die Frage wurde immer häufiger:„Wann bekommen wir wieder unsere normalen Portionen.“ Ein Kamerad erzählte mir etwa zwei Wochen nach der Koch’schen Verordnung: ‚Ich habe heute geträumt, morgen gibt es wieder normale Portionen“. Der arme Kerl hat die vollen Portionen nicht mehr erlebt, denn erst zu Weihnachten, also sieben Wochen später, gab es wieder für drei Mann ein Brot. Zu dieser Zeit fragte sich jeder, gibt es denn keinen Ausweg mehr für uns aus diesem faschistischen Elend, müssen wir denn alle umkommen? Auch ich hatte derartige Gedanken.„Du, Artur“, sagte ich zu einem meiner Kameraden,„morgen mache ich Schluß. Wenn ich mit dem SS-Posten Kaffee- holen gehe, nehme ich ein Beil mit unter dem Vorwand, das Beil zum Schleifen zu bringen, und erschlage den Posten. Dann mache ich einen Amoklauf gegen die SS-Banditen...‘“ Mein Kamerad war ein Mann, der etwas weiter schaute als ich, und antwortete mir:„Junge, mache keine Dummheiten, Du hast noch größere Aufgaben zu erfüllen als Dein junges Leben zu opfern. Und dann überlege Dir die Repressalien für das Lager. Man würde danach vielleicht 50 Kameraden erschießen, um ein Exempel zu statuieren. Und Hunderte würden an den Schikanen sterben.“ Ich habe daraufhin meinen Entschluß fallen lassen. Nicht um mein Leben zu schonen, sondern das meiner Kameraden. Die Vernunft siegte. In dieser Situation überlegten wir uns natürlich, wie wir uns selbst helfen könnten. Eine der beliebtesten Methoden der Lagerführung war es, die Häftlinge „gegeneinander auszuspielen. Wir politischen Häftlinge organisierten uns bezirksweise und kamen in kleinen Gruppen zusammen. Wir untersuchten die Lage im Lager. Erstens, welche Kategorien Häftlinge befinden sich im Lager, zweitens, wie haben wir uns gegenüber den Kriminellen zu ver- halten? In der Mehrzahl waren die politischen, meistens Kommunisten und Sozialdemokraten, dann kamen die kriminellen Häftlinge und schließlich verkrachte Naziexistenzen. Wie könnte man alle anständigen Elemente zu einer Zusammenarbeit zur Ver- minderung aller Verbrechen im Lager gewinnen? Zu gleicher Zeit informierten wir uns gegenseitig über die politische Lage in Europa und der übrigen Welt. Die Lagerältesten waren BV-Häftlinge, die Blockältesten, Capos und Vorarbeiter mit einzelnen Ausnahmen ebenfalls 9 = Häftlinge mit grünen Winkeln.( BV Berufsverbrecher). Alle im Lager bestehenden Positionen befanden sich in den Jahren 1937 bis 1938 in den Händen der Kriminellen. Um eine Verminderung der durch Häftlinge selbst begangenen Verbrechen zu erreichen, war es notwendig, alle Kriminellen, die sich schuldig gemacht hatten aus diesen Positionen, die ihnen die Lagerführung gab, zu entfernen. Denn viele dieser Elemente arbeiteten um persönlicher Vorteile willen mit der SS zusammen gegen die übrigen Häftlinge. Ein besonderes Exemplar war der BVer Dylewski. Er war Blockältester bei den politischen Rückfälligen. Neben den Schikanen der SS hatten wir noch seine Tyrannei zu ertragen. Nachdem wir Betten bekommen hatten, begann er uns damit unmenschlich zu quälen. Das Bett sollte glatt sein wie eine Tischplatte. Die Bettkanten gerade wie ein Lineal. Jeder Mann, der schon einmal beim. Militär war, kann sich ungefähr vorstellen, was das heißt, ein Bett so genau zu bauen. Die Betten sollten uns Ruhe und Erholung bringen. Doch sie bereiteten uns nur Qualen. Manche Kameraden schliefen lieber unter dem Bett, um dasselbe so in Ordnung zu halten, wie es der Tyrann verlangte. Viele Kameraden erhielten schwere Prügel bloß wegen des Bettenbauens. Viele in der Woche hat er im Block den ganzen Schlafsaal durcheinandergewirbelt. Strohsäcke, Decken Kopfkeile und selbst ganze Bettstellen befanden sich nach. seinem Wüten nicht mehr am ursprünglichen Platz. Als wir abends nach dem Appell auf den Block zurückkamen, gab er uns nichts zu Essen, bis der Schlafsaal in Ordnung war und die Betten nach der Vorschrift der Lagerführung gebaut waren. Das Bettenbauen dauerte oft bis Mitternacht. Dann erst bekamen wir unser Essen, das in den meisten Fällen inzwischen bereits sauer und damit ungenießbar geworden war. Wer auf diesen verdorbenen Berufsverbrecher moralisch einwirken wollte, wurde von ihm zusammengeschlagen. Er besaß das volle Vertrauen der SS. Er prügelte nicht nur, sondern schrieb auch wegen jeder Kleinigkeit eine Meldung an die Lagerführung. Die Folge davon war, daß die Gemeldeten zusätzlich noch die obligatorischen 25 Stockhiebe auf den Hintern bekamen. Dylewski selbst lobte sich vor uns allen, in Esterwegen, wo er auch Blockältester war, habe er Häftlinge im Auftrage der SS aufgehangen. Einmal fragte er einen anderen Blockältesten: ,, Weißt Du, wer Nero war?" Worauf der andere verneinte. ,, Ich will Dir sagen, wer Nero war, ein Tyrann, und ich bin auch einer", fügte Dyslewski hinzu. Der Lagerkommandant Koch und sein Lagerführer Weiseborn waren vom KL Sachsenhausen nach Buchenwald gekommen und brachten sich von dort neben ihrem Stab ausgewählter zuverlässiger SS- Mörder auch noch eine Truppe von Häftlingen mit, die voll und ganz ihre willigen Werkzeuge waren. Dazu zählten die Kriminellen Dylewski, Richter, Osterloh, Flohr und andere. 10 S t a t e b t 1. e. - Dylewski war nebenbei auch noch Haupteinkäufer des Lagers und stand in engster Beziehung zum Lagerführer Weiseborn. Wir hätten diesen Verbrecher erschlagen können, doch hätte es für unseren Block bestimmt furchtbare Folgen gehabt. Er wurde 1938 wegen seiner Verdienste um die Durchfü rung des faschistischen Terrors im KL Buchenwald auf Fürsprache des Lagerkommandanten in die Freiheit entlassen. Doch erfreute er sich nicht lange seiner Freiheit, denn er beging sehr bald wieder ein Verbrechen, wurde zu einer längeren Zuchthausstrafe mit Sicherheitsverwahrung verurteilt und traf Anfang 1944 wieder im KL Buchenwald ein. Dylewski hatte sich bei jedem der alten Häftlinge, die noch in Buchenwald waren, tief ins Bewußtsein eingeprägt. Die Empörung über ihn war groß. Die Zeiten hatten sich geändert. Dylewski ist an den Folgen seiner zurückgebliebenen Beliebtheit am gleichen Tage seiner Einlieferung etwas unsanft verstorben. Ein zweites Mal konnte er den Häftlingen nicht mehr schaden. Das Recht stand auf der Seite der Häftlinge, sie haben vorgebeugt.- Unser Kampf im Lager zur Sicherheit aller anständigen Häftlinge beschränkte sich jedoch nicht nur auf illegale Zusammenarbeit. Wir benutzten auch alle legalen Möglichkeiten zur Erleichterung unserer Lage und erkämpften uns sogar solche. Es ging um die Krone der Schöpfung, um Menschenleben. Unser Ziel stand fest. Dem Faschismus im Lager müssen nach Möglichkeit seine Opfer wenigstens zum Teil entrissen werden. Wir politischen Häftlinge hatten zu wählen, entweder den antifaschistischen Kampf im Lager aus persönlicher Feigheit einzustellen, oder gegen die SS und ihre Helfer, ihre Spitzel, Denunzianten und Totschläger in den Reihen der Häftlinge zu kämpfen. Der größte Teil aller in Buchenwald eingesessenen politischen Häftlinge entschied sich für den Kampf: die Fahne des antifaschistischen Kampfes hochzuhalten und wenn es sein mußte, mit dem Leben zu besiegeln. Es war ein ungleicher Kampf; uns stand nur Mut, Verwegenheit, Energie und Klugheit zur Verfügung. Mit diesen Mitteln wurde der Kampf bis zum letzten Tage geführt. - Die miserablen wirtschaftlichen Verhältnisse im Lager führten zu einem schwunghaften Schwarzhandel. Für unsaubere Elemente blühte der Weizen. Jeder Häftling durfte sich von zu Hause Geld schicken lassen, sofern seine Angehörigen dazu imstande waren. Er konnte höchstens RM. 15 in der Woche von der Geldverwaltung anfordern, wo sein Guthaben deponiert war. Aber was nützte uns schon das Geld, wenn man nichts kaufen konnte. Koch hatte ja Einkaufssperre verhängt. So kam es, daß Lebens- und Genußmittel auf illegalem Wege ins Lager geschmuggelt und dort teuer verkauft wurden. Ein Paket Tabak kostete z. B. damals 20 Mark, eine Zigarette 1 Mark usw. Später, etwa Anfang Dezember 1937, wurde einmal in der Woche Broteinkauf 11 erlaubt. Allerdings bewogen den Kommandanten zu dieser Erlaubnis nicht etwa humane Anwandlungen, sondern das Sinken der Arbeitsleistungen und das Steigen der Sterbeziffern. In der Hungerperiode vom 1. November bis 24. Dezember 1937 irrten im Buchenwald nur hungernde Gestalten umher. Die Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber war furchtbar. Jede Tonne mit Essenresten, Kartoffelschalen, Rübenabfällen usw. wurde von den Hungernden gestürmt. In ihrer unglaublichen Ausgehungertheit aßen die Häftlinge selbst verdorbene Lebensmittelreste. Eines Abends beim Appell gab der Eisbär bekannt, daß zwei Häftlinge im Revier verstorben seien, weil sie aus dem Abfalltrog des Schweinestalles' Abfälle verschlungen hatten und daraufhin sei ihnen der Magen geplatzt. Er warne alle anderen, dasselbe zu tun. Doch mehr zu Essen wurde trotz dieser offensichtlichen und eingestandenen Hungersnot nicht gegeben. Nach jedem Morgenappell beim Ausrücken zur Arbeit spielten sich schreckliche Szenen ab. Häftlinge legten sich auf dem Appellplatz in den Schlamm, der bei feuchter Witterung bis an den Knöchel reichte, da ja keine Straßen gebaut waren. Jede Arbeit war jedem widerlich. Der passive Widerstand endete in den meisten Fällen mit dem Tode. Dafür sorgten Lagerführer Weiseborn, Rapportführer Hackmann und ihre Büttel in den Reihen der Häftlinge. Trotz des Terrors wuchs die Kameradschaft und Einigkeit unter allen Antifaschisten Buchenwalds. Die Arbeitseinteilung wurde organisiert, Kameraden, die körperlich schwach waren, wurden in den einzelnen Kommandos von körperlich starken Kameraden unterstützt. Man erleichterte ihnen nach Möglichkeit die schwere Arbeit. So wurden abwechselnd die physisch schwachen Kameraden in den Busch geschickt, um auszuruhen, während ein anderer schwacher Häftling aufpaẞte und die übrigen für beide die Arbeit, wie Bäumefällen und Stämmeschleppen, mitverrichteten. Dies wurde durchgeführt, unbemerkt von der SS und ihrer Helfershelfer aus den Reihen der Häftlinge. Dem Hunger traten wir auf folgende Weise entgegen: Es wurde in manchen Häftlingsgruppen, meist unter Landsleuten, eine Kollektivkasse gebildet, um die Kameraden, die von zu Hause kein Geld geschickt bekommen konnten, zu unterstützen. Dafür wurden Lebensmittel gekauft und gleichmäßig unter alle verteilt. Im Januar 1938 war bereits ein illegaler politischer Nachrichtenund Informationsdienst mit zentraler Leitung geschaffen. Zu dieser Zeit befand sich das Naziregime in einer Regierungskrise. Reichsbankpräsident und Finanzminister Dr. Schacht wurde ausgebootet. Darüber bekamen wir von politisch gut gebildeten Kameraden sofort eine Analyse. In Gruppen zu vier Mann kamen wir abends nach der Arbeitszeit geheim zusammen. Als harmlose Spaziergänger führten wir dann, ungeachtet des Wetters, unsere 12 Unterhaltungen über die politische Lage und unsere Aufgabe als Häftlinge. Selbstverständlich wurde zu diesen Spaziergängen nicht jeder herangezogen, sondern nur solche Kameraden, von denen wir bereits vor 1933 und dann auch nachher aus dem Zuchthaus oder KZ die Gewähr der Zuverlässigkeit kannten. Wenn einzelne Kameraden wegen politischen Gesprächen, die streng verboten waren, denunziert wurden, dann hatten sie sich mit einem Unberufenen ins Gespräch eingelassen. Sie hatten in ihrer verhaltenen Wut gegen den Faschismus für einen Moment die konspirativen Regeln außer acht gelassen. Noch einzelne denkwürdige Taten der Faschisten, die uns zu größerem Aktivismus anspornten: Friedrich Bogdan aus Dortmund, Vater von mehreren Kindern, Elektriker von Beruf, ein biederer Antifaschist, wurde im Steinbruch beim Verrichten seiner Notdurft erschossen. Das war am 17. 8. 1937. Eine ebensolche Hinterhältigkeit ereignete sich ein paar Monate später. Am 3. Januar 1938, nachts, flüchteten zwei BV- Häftlinge aus der KommandanturHeizung, wo sie beschäftigt waren; am Morgen des 4. 1. wurde die Flucht entdeckt. Die Sirene heulte und SS- Leute trieben das gesamte Lager aus den Betten auf den Appellplatz. Es war sehr kalt und schneite. Weiseborn befahl, die Jacken auszuziehen und die Mützen abzunehmen. So standen wir volle 10 Stunden. Durch die Körperwärme schmolz der Schnee und wandelte sich an Wimpern und Ohren zu Eiszäpfchen. Um 13 Uhr wurden 2 Särge an uns vorbeigetragen. Darin lagen die geflüchteten Häftlinge, von Hunden zerfleischt, jeder mit einem Kopfschuß. Ein grausiger Anblick. Da die SS durch die nächtliche Suchaktion ermüdet, in die Kasernen zur Ruhe ging, durften auch wir in unsere Baracken. Doch wir bekamen nichts zu Essen. Seit dem 31. 7. 1937 befanden wir uns im Lager und erst am 11. 1. 1938 erlaubte man uns, zu baden. Ein halbes Jahr ohne Bad! Erst freuten wir uns darauf, kamen aber enttäuscht vom Lager zurück. Alle 10 Minuten wurden 50 Mann abgefertigt und zwar mit kalten Duschen, im Januar bei 5 Grad Celsius. - Die Lagerführung benutzte mit Vorliebe als Vorarbeiter und Capos kriminelle Elemente, weil sie wußte, daß diese Häftlinge über keine Weltanschauung und meist auch keinen Kollektivgeist verfügten und daher leider in vielen Fällen dem Druck der SS nachgaben und sich gegen ihre eigenen Kameraden wandten, um ihre persönliche Lage zu verbessern. Deshalb richtete sich ein anderer Zweig unserer Politik dahin, diese kriminellen Elemente auszuschalten und zuverlässige Antifaschisten an solche Positionen zu bringen. Ein sehr wichtiges Arbeitskommando war zu dieser Zeit der Steinbruch. Es gab keinen Tag, wo nicht Kameraden dort erschossen oder zu Tode gehetzt wurden. Wenn nun der Capo dieses Kommandos die Vernichtungsbestrebungen der Nazis unterstützte oder zumindest nicht zu vereiteln versuchte, so bestand 13 die Gefahr, daß wir langsam einer nach dem anderen über den Rost gehen würden. Im Februar 1938 gelang es uns endlich, einen bewährten Antifaschisten an die Spitze dieses Kommandos zu bringen. Er konnte natürlich nicht offensichtlich die Anordnungen der SS sabotieren. Aber es war sofort zu spüren, daß die SS mit den Häftlingen nicht mehr machen konnte, was sie wollte. Sollte irgendeiner der dort beschäftigten Kameraden von seinem Arbeitsplatz weggeholt und an schwerer Arbeitsstelle zu Tode geschunden werden, so trat der neue Capo dazwischen und erklärte, diesen Facharbeiter müsse er hierbehalten. Wurde ein anderer Kamerad strafweise in den Steinbruch geschickt, um dort besonders geschliffen zu werden, so dauerte es nicht lange, bis dieser Mann aus den Augen der SS unter der Masse verschwand oder gar im Lager zurückblieb als Kranker. Auf diese Weise konnte vielen das Leben gerettet werden, die ohne Mithilfe der antifaschistischen Vorarbeiter und Capos bestimmt zugrundegegangen wären. Die kriminellen Häftlinge merkten schließlich, daß wir ziemlich aktiv waren und bangten um ihre Positionen. Der Lager älteste Richter, Berufsverbrecher, ehemaliger SA- Führer, hatte einen Kreis verdorbener BVer um sich. Auf Anordnung des Lagerkommandanten besorgte er mit dieser Gilde Spitzeldienste für die Lagerführung. Richter denunzierte kommunistische Funktionäre, sie würden eine Geheimorganisation im Lager unterhalten und Unruhe stiften. Beweise dafür hatte er keine. Der Kommandant schickte sofort verschiedene Kommunisten, darunter die Reichstagsabgeordneten Dr. Theo Neubauer, Walter Stöcker, den preußischen Landtagsabgeordneten Paul Woitkowski, den Stadtverordneten Viktor Drewnicki u, a. in den Steinbruch. Erst nach Monaten, nachdem der Lagerführer Weiseborn in ein anderes KZ versetzt worden war, gelang es uns, diese schwer geschundenen Kameraden aus dem Steinbruch in ein anderes Arbeitskommando herauszuretten. Im März 1938 wurde im ganzen Deutschen Reiche eine Menschenjagd veranstaltet. Die SS nannte dies ,, Reichsaktion gegen arbeitsscheue Elemente". Unsere Lagerbelegschaft stieg in diesen Wochen gewaltig an. Wochenlang luden die Schubautos Hunderte von neuen Opfern des Faschismus auf dem Ettersberg aus. Viele waren schon verwundet von den Schlägen der Weimarer Polizei. Es mögen etwa 8000 bis 10 000 sogenannte Arbeitsscheue eingeliefert worden sein. Sie wurden sofort den schwersten Arbeiten zugeteilt. Nun setzte sofort unsere antifaschistische Arbeit unter diesen neuen Kameraden ein. Jeder von uns erhielt den Auftrag, drei dieser Neuzugänge, die direkt aus der sogenannten Freiheit kamen, über die Lage in Deutschland auszufragen. Dadurch erfuhren wir allerhand über die Stimmung der Bevölkerung. Jeder hatte die Nazis satt, doch wagten nur wenige, sich dagegen aufzulehnen. 14 Interessant waren auch die Gründe, wie einige zur Kennmarke der Arbeitsscheuen, zum schwarzen Winkel, kamen. Einer erzählte mir: ,, Meine Frau hatte ein Verhältnis mit einem Nazi- Kreisleiter. Ich funkte dazwischen und bin hier als Arbeitsscheuer." Dabei war dieser Mann seit 1930 SA- Mann und überzeugter Nazi, doch daß er seine Frau auch dem Herrn Kreisleiter zur Verfügung zu stellen hatte, das hatte er denn doch nicht richtig begriffen. Was die Arbeitsscheuen in Weimar von der Polizei noch nicht genügend bekommen hatten, das wurde ihnen in Buchenwald durch die SS und ihre kriminellen Freunde in überreichlichem Maße zuteil. Man brachte sie in einem EINGANG ZUM KLEINEN LAGER IM KL BUCHENWALD halbfertigen Gebäude, der späteren Wäscherei, unter. Niemand durfte sich ihnen nähern. Trotzdem haben wir Wege zu ihnen gefunden, um sie zu informieren, wo sie sich befanden und wie sie sich zu verhalten haben. Einige davon hatten nämlich versucht, sich gegen die Mißhandlungen zur Wehr zu setzen. Sie wurden kurzerhand erschossen. Kameraden, die erst in den späteren Jahren in das KZ Buchenwald kamen, können sich das gar nicht mehr vorstellen, wie der Terror in der Periode des Aufstiegs der Nazi wütete. Täglich kamen Dutzende in die Strafkompanie, wo eine besonders strenge Hausordnung herrschte, wo alles im Laufschritt gemacht werden mußte, wo die schwersten Arbeiten verrichtet werden mußten. Hunderte sind an den Strapazen umgekommen. Damals sah man täglich an den seinerzeit noch zahlreichen Bäumen auf dem Appellplatz Häftlinge an den Haken hängen, mit den gefesselten Armen hinter ihrem Kopf. Täglich wurden Auspeitschungen in aller Öffentlichkeit vorgenommen. Wegen Einstecken der Hände in die Hosentaschen während des Appells bei größter Kälte konnte man 25 Stockhiebe auf das Gesäß erhalten. Wegen Sprechen während des Appells, wegen schlechten Bettenbaus, wegen nicht geputzter Schuhe und dreckiger Kleider( in einem Lager, wo keine Straßen vorhanden waren, wo überall nur schmieriger, dreckiger Lehm klebte, und nachts vor 10 Uhr keiner ins Bett kam) gab es dafür 25 Stockhiebe. Es gab Fälle, wo den Häftlingen bei diesen Auspeitschungen durch zu starkes Schlagen die Nieren abgeschlagen worden sind. Es gab Fälle, wo Häftlinge, die vor Schmerzen die verabreichten Hiebe nicht laut mitzählen konnten, eine Sonderzulage von nochmals 10 oder 15 Hieben erhielten. Ein Fall des sogenannten Baumhängens bleibt mir ewig in Erinnerung. Ein älterer Mann aus Köln, der versuchte, seinem Untergang durch Fernbleiben von der Arbeit zu entgehen, wurde dafür 2 Stunden an einen Baum gehängt. SS- Unterscharführer Ludwig und der Berufsverbrecher Richter hängten sich an diesen hängenden Häftling gleichzeitig. Dadurch wurden dessen innere Organe wahrscheinlich zerrissen. Dieser Bedauernswerte starb nach zwei Stunden unter fürchterlichen Qualen am Baume hängend. Das sind Tatsachen, die ich mit eigenen Augen ansehen mußte. Am 13. Mai 1938 spielte sich eine neue Tragödie im KL Buchenwald ab. Von einem Außenkommando des Lagers, Kläranlage Berlstedt, flüchteten 2 Häftlinge, der politisch Rückfällige Peter Forster und der kriminelle Häftling Balgat z ki. Beide waren entschlossene Kerle, die sich sagten, lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Sie erschlugen den sie bewachenden SS- Mann Kalweit mit einem Spaten und nahmen auf die Flucht dessen Waffe mit. Ungefähr nach 3 Stunden wurde von der SS die Flucht bemerkt. Als Repressalien wurden sofort auf Anordnung des 16 r r 1 1 S Kommandanten 4 Häftlinge aus dem Arbeitskommando durch die SS grausam erschlagen. Zwei davon wurden in schrecklich verstümmeltem Zustand mitten auf dem Appellplatz aufgebahrt. Das war kurz vor dem Einrücken, nachmittags um 5 Uhr. Zuerst mußten wir alle an den Erschlagenen vorbeidefilieren, um den Schrecken zu kriegen, dann wurde das Arbeitskommando der Flüchtlinge einzeln vernommen, um festzustellen, wer überhaupt geflohen sei. Am nächsten Tage folgten weitere Repressalien. 8 Mann wurden im Steinbruch ,, auf der Flucht" erschossen. Balgatzki wurde 15 Tage später in Halle von der Polizei ergriffen, und am 3. Juni vom Weimarer Sondergericht zum Tode verurteilt. Am 4. Juni 1938, vormittags 8 Uhr, erlebten die 6000 Häftlinge das tragische Schauspiel der ersten öffentlichen Exekution durch den Strang. Auf dem Appellplatz, neben dem Toreingang, war ein Galgen errichtet. Balgatzki wurde, an Händen und Füßen gefesselt, aus dem Arrest unter den Galgen gebracht. Der ganze Mordstab und pro forma auch ein Staatsanwalt waren zugegen. Der Staatsanwalt verlas durch das Mikrophon das Urteil: Wegen Ermordung eines SS- Angehörigen zum Tode verurteilt, auf Anordnung des Führers durch den Strang. ,, SS- Standartenführer Koch, ich übergebe Ihnen den Deliquenten zur Vollstreckung des Urteils..." Koch befahl: ,, An den Galgen mit ihm!" Zwei kriminelle Häftlinge, Richter und Osterloh, die sich freiwillig als Henker gemeldet hatten, legten ihrem ehemaligen Kameraden die Schlinge um den Hals und zogen ihn in die Höhe. Balgatzki starb einen fürchterlichen Erdrosselungstod. Als Kopfgeld bekamen die Beiden jeder 20 Mark und eine Menge Tabakwaren. Dieser Fall war für uns ein neuer Anlaß, den Kampf gegen die Helfer der Nazis in den Reihen der Häftlinge zu verstärken. Forster, dem es gelang, nach der Tschechei zu flüchten, wurde beim Grenzübertritt von der Polizei verhaftet. Er saß einige Monate in Eger im Gefängnis und wurde Anfang Dezember 1938 ins Lager gebracht. Am 21. Dezember 1938, abends 7 Uhr, wurde Forster vor dem gesamten Lager ebenfalls auf dem Appellplatz bei Scheinwerferbeleuchtung von der SS aufgehängt. Inter essant ist an diesen Fällen auch die Tatsache, daß jeweils ein Staatsanwalt teilnahm, um dem Mord den Anschein einer auf Gesetz und Recht beruhenden Handlung zu geben. Das machten die Nazis nur in solchen Fällen, die irgendwie an die Öffentlichkeit gedrungen waren. An den illegalen Massenmorden, die sie im Laufe ihrer zwölfjährigen Verbrecherherrschaft verübt haben, hat kein Staatsanwalt und kein Richter auch nur das geringste Interesse gehabt, die Rechtsfrage aufzuwerfen. Das Goebbelsche Propagandaministerium nahm diesen Fall zum Anlaẞ, um mit einer wüsten Hetze gegen alle Insassen der KZ ihre zum Teil 2 17 bekanntgewordenen Verbrechen zu rechtfertigen. Man versuchte in den Zeitungen und im Rundfunk nachzuweisen, daß im KZ ausschließlich Verbrecher stecken. Die wirklichen Verbrecher jedoch waren in der Regierung und ihren Organen. Infolge Mangels an Wasser war im Lager zu dieser Zeit auch noch Bauchtyphus ausgebrochen, der sich in den umliegenden Ortschaften verbreitete. In den Zeitungen wurden Seuchengebiete bekanntgegeben und gesperrt. Die Sterblichkeit stieg rapid an. Durch diesen Ausbruch der Seuche mußte eine viermonatliche Quarantäne über das Lager verhängt werden. Niemand durfte mehr das Lager verlassen. Gearbeitet wurde nur innerhalb der Postenkette und an der Kläranlage in Berlstedt. Die vom Typhus Befallenen wurden in eine Isolierbaracke gebracht, und nicht etwa geheilt, sondern mit der von Anfang an bei der SS üblichen Medizin ,, Tod" auskuriert. Am Ende der Quarantänezeit bekamen wir eine Kostzulage, um ein allzu großes Aussterben der dringend benötigten Arbeitssklaven zu verhindern. Ende Juli 1938, an einem Sonntagvormittag, mußte plötzlich das ganze Lager auf dem Appellplatz antreten. Jeder war gespannt, was es wohl wieder geben würde, daß wir heute, am Sonntagvormittag, nicht zu arbeiten brauchten. Alles mußte sich auf Befehl des Kommandanten blockweise aufstellen und splitternackt ausziehen. Die Kleider mußten auf ihrem Platz liegengelassen werden. Wir wurden alle auf die Seite zusammen auf einen Haufen getrieben. So standen wir einige Stunden, während die SS alles durchsuchte, Kleider, Schränke, Schachteln, Strohsäcke, kurz, die sämtlichen Baracken von oben bis unten. Nach dieser Durchsuchungsaktion war ein fürchterlicher Verhau im Lager. Bis zum Abend mußte alles wieder in Ordnung sein. Kein Strohhalm der aufgeschlitzten Strohsäcke durfte noch irgendwo zu sehen sein. Die Durchsuchung galt einem Photoapparat und Negativen. Angeblich war der Galgen mit dem Erhängten, der 3 Tage zur Schau gehalten wurde, photographiert worden und die Bilder in der Auslandspresse veröffentlicht. Zuerst wurde der damalige Capo der Photoabteilung, ein unerschütterlicher Antifaschist namens Walter Opitz, verdächtigt, Negative aus dem Lager geschmuggelt zu haben. Man sperrte ihn sofort in Arrest und versuchte mit den niedrigsten Foltermethoden ein Geständnis aus ihm herauszupressen. Umsonst, umsonst! Opitz starb als ein weiteres Opfer des berüchtigten SS- Arrestaufsehers Sommer einen grauenhaften Tod. Den Höhepunkt der Zusammenarbeit der kriminellen Elemente im Lager mit der SS bildete die Judenaktion im November 1938. Nach Erschieẞung des deutschen Legationsrates vom Rath in Paris verhafteten die Nazis Tausende von Juden in Deutschland. Nicht nur das, sie plünderten auch deren Wohnungen aus und stahlen was sie konnten. Im KL Buchenwald wurden für die eingelieferten etwa 10000 bis 15000 Juden fünf provisorische 18. N U 0 n 2 I S 5 ב 1 e 22 Notbaracken aufgestellt. Dort vegetierten sie dahin in unglaublichem Schmutz und Elend. Ungefähr 100 davon waren durch die Miẞhandlungen von seiten der SS und Kriminellen wahnsinnig geworden. Fußboden gab es in den sogenannten Baracken la bis 5a nicht. Die Wahnsinniggewordenen lagen gefesselt im Schlamm und verreckten dort buchstäblich.., Baracke la bis 5a herhören! Sofort antreten zur Indentifizierung von Toten!" Diesen Ruf hörten wir oft. Der damalige Rapportführer, SS- Oberscharführer Hackmann, später SSOffizier, richtete für diese Judenbaracken eine aus BV- Häftlingen bestehende Nachtwache ein. Diese war mit Knüppeln ausgerüstet und machte sich zur Aufgabe, den Juden die noch verbliebenen Wertsachen zu rauben. Wer nicht geben wollte, wurde erschlagen. Einen Teil der geraubten Sachen lieferten sie an die SS ab, den anderen behielten sie selber. In Bruchbänder und Leibriemen eingenäht, in Stiefelabsätzen, Schuhsohlen u. a. verborgen, hofften sie, die jüdischen Diamanten und Preziosen eines Tages aus dem Lager schmuggeln zu können, denn für ihre Tüchtigkeit im Schlagen erwarteten sie von der SS die Entlassung. Es kam aber anders. Sie wurden beim Teilen der Beute nicht einig. Aus Neid verriet einer den anderen. Schließlich haben auch die Buchenwälder Antifaschisten nicht zugesehen, sondern mitgeholfen, die kriminellen Räuber unschädlich zu machen. Der Lagerälteste Richter, der selbst die Manipulationen mitgemacht hatte, kam ebenfalls in Nöte. Er wollte sich wiederum aus der Affäre retten, indem er andere hineinritt. Er schlug dem Kommandanten die Errichtung des sogenannten ,, Schwarzen Bunkers" vor. Damit hoffte er das Wohlwollen des Kommandanten wiederzugewinnen, seine Mitwisser zu erledigen und auch noch einige Antifaschisten, von denen er wußte, daß sie ihm Schwierigkeiten machten. Der Schwarze Bunker war eine fürchterliche Einrichtung. In einer halben Baracke wurden die Fenster vernagelt, so daß es stockfinster war. Als Verpflegung gab es nur einen halben Liter Essen täglich, ohne Brot; dafür zweimal täglich 25 Stockhiebe. Schlafen war unmöglich, da die Insassen zu 10 Mann im Ring gefesselt waren. Schläge wurden ununterbrochen zusätzlich verabreicht. Das war im Winter 1938/39. Die Bunkerbaracke war nicht geheizt, Tag und Nacht schüttelte die Kälte die armen Opfer. Im Februar 1939 schlug aber auch für Richter die schwarze Stunde. Nachdem festgestellt worden war, daß er die SS betrogen hatte und sich auch für Juwelen interessierte, wurde er ebenfalls in den Schwarzen Bunker eingeliefert. Dort erdrosselten ihn seine eigenen Kumpane. Kurz vorher hatte sich, am 19. 1. 1939, sein Vorgesetzter, der nach Flossenbürg versetzte Eisbär, SS- Sturmführer Weiseborn, erschossen. Die Geister seiner Opfer hatten ihn anscheinend nicht in Ruhe gelassen. In Buchenwald wehten an diesem Tage über der Kommandantur die Fahnen auf Halbmast. Nachdem die SS mit den Kriminellen ein - 19 derartiges Fiasko erlebt hatte, begann sie zu versuchen, ihre Todfeinde, die revolutionären Arbeiter und Antifaschisten, zur Lagerverwaltung mit heranzuziehen. Nach Erledigung Richters wurde ein deutscher politischer Häftling, Artur Wyschka, Lagerältester. Von da an begann eine neue Aera in Buchenwald. Es war der SS von Anfang an bekannt, daß die politischen Häftlinge nie dazu zu bewegen waren, etwas gegen ihre Kameraden zu unternehmen oder gar zu denunzieren. Die Lagerführung versuchte wiederholt, Capos, Vorarbeiter, Blockälteste, Lagerälteste usw. zum Verrat zu bewegen. Vergebliche Bemühungen. Wer sich gegen seine Kameraden verging, wurde erst verachtet und dann bei günstiger Gelegenheit rücksichtslos vernichtet. So kam es, daß sich die SS langsam daran gewöhnen mußte, daß von Seiten der Häftlinge, wie das unter der kriminellen Ära war, niemand zur Meldung gebracht wurde. Zur Bestrafung kamen nur noch solche Kameraden, die von den SS- Organen gemeldet wurden. Am 18. April 1939 wurde auf Anordnung des Kommandanten unerwarteter. Weise der Schwarze Bunker aufgelöst. Und am 20. April wurde sogar ein Teil der politischen Häftlinge des Schwarzen Bunkers in das ,, Dritte Reich" entlassen. Die Nazis machten am 50. Geburtstag ihres Oberwahnsinnigen eine große Geste. Anfang September 1939 war ich als Kranker im Häftlingskrankenbau Zeuge einer sehr interessanten nationalsozialistischen Lügenpropaganda. Der damalige SS- Standortarzt Dr. Ding, der Hunderte von Häftlingen in seiner Fleckfieber- und Typhus- Versuchsanstalt auf Block 46 abspritzen ließ, hielt an eine deutsch- amerikanische Delegation im Operationssaal folgende Ansprache: ,, Überall, wohin ich Sie in diesem Lager führte, haben Sie Ordnung und Sauberkeit gesehen. Hier können Sie sich überzeugen, wie Staatsfeinde im KZ Buchenwald behandelt werden, wenn sie erkrankt sind. So etwas hat nicht einmal Amerika für seine freien Menschen aufzuweisen, dafür aber eine große Hetze gegen unser nationalsozialistisches Deutschland. Wenn Sie nach Amerika zurückkehren, erzählen Sie es, daß in deutschen Konzentrationslagern Staatsfeinde besser behandelt werden, als in Amerika die freien Bürger..." Einer der Deutschamerikaner merkte anscheinend, daß ich angesichts dieser Nazilügen errötete und fragte mich, wie lange ich schon in Haft sei. ,, Vier Jahre", erwiderte ich, worauf der Amerikaner staunte und ging. Hinter diesen Besuchern kam sofort der Lagerführer Artur Rödel aus München, der genau aufpaẞte, daß die Besucher mit keinem Häftling ein Gespräch anfingen, das man nicht kontrollieren konnte. Daß ich am Leben blieb, habe ich nur meinen Kameraden zu verdanken, die Pfleger im Krankenbau waren. Ich hatte eine komplizierte Unterschenkel20 e 1- e n r- e et 13 B e, e. n er in 66 ne ge a- er an e: nd Z ht ne ch nsen ser ier sen Her andie xelEINE BARACKE DES KRANKENBAUES IM KL BUCHENWALD Splitterfraktur. Nach Ansicht des Dr. Ding bestand keine große Aussicht auf Wiederherstellung. Das bedeutete, daß den Nazis die Unkosten für meine Ausheilung zu groß waren und sie keinen Wert auf Invaliden legten, sondern nur auf arbeitsfähige Häftlinge. Wer nicht mehr arbeitsfähig war, konnte verrecken. Also sollte auch ich, wie so viele, abgespritzt werden. Ein deutscher Antifaschist, der später erschossene Karl Peix, hatte jedoch den Mut, dem Arzt entgegenzutreten und zu erklären, daß mein Bein gut in Heilung begriffen sei, worauf Ding zu mir sagte: ,, Na, ja, da hast Du nochmal Schwein gehabt." Ende Oktober 1939 konnte ich von meiner Baracke, wo sich nur Invaliden befanden, eine neue unglaubliche Tragödie miterleben. Viele Polen aus dem eben von den Nazis überfallenen unglücklichem Lande waren eingeliefert worden und in 3 Zelten auf dem östlichen Teil des Appellplatzes untergebracht worden. Durch dieses Lager sind im Laufe von 3 Monaten mindestens 5000 Polen hindurchgeschleust worden, d. h., sie gingen bis auf wenige zugrunde. Unter ihnen befanden sich Jungen im Alter von 12 Jahren und Greise 21 bis zu 80 Jahren. Sie schliefen auf schnell zusammengezimerten Holzpritschen ohne Strohsack, auf dem blanken Holz mit einer nationalsozialistischen VistraDecke. Am schlimmsten verfuhren die Nazis mit den sogenannten polnischen Heckenschützen. Diese wurden auf dem gleichen Gelände, es handelte sich um 150 Mann, in einem besonderen Stacheldrahtkäfig untergebracht, in einer Größe von 6 mal 8 Meter. In diesem Käfig befand sich eine Bretterhütte als Schlafraum, in die es einregnete. Tagsüber durfte diese wind durchlässige baufällige Bude von den armen Kerlen nicht betreten werden. Sie mußten auf dem kalten Erdboden liegen, ohne Decken. Während die übrigen in dem ,, Vernichtungslager für Polen" Befindlichen 300 g Brot und 11 Wassersuppe täglich bekommen, erhielten die ,, Heckenschützen" nur 150 g Brot und 1/2 1 Wassersuppe täglich. Von diesen 150 polnischen Kameraden ist nur ein einziger am Leben geblieben. Alle anderen sind elend verhungert oder erfroren oder von der SS erschlagen worden! Hier setzte schon rein aus Humanität die gefährliche Hilfe der deutschen Antifaschisten des KL Buchenwald wieder ein. Nachts, wenn es dunkel war, wurden Posten ausgestellt, die die Umgebung zu beobachten hatten, und dann wurden Lebensmittel, Wolldecken sowie Kleidungsstücke über den um das Polenlager besonders aufgebauten Stacheldrahtzaun hinübergeworfen. Nach etwa 3 Wochen wurden ca. 500 der Insassen des Polenlagers in das übrige Lager übergeführt. Es waren vor allem Kameraden aus Oberschlesien, Posen und Westpreußen. Außerdem noch etwa 200 Jugendliche unter 15 Jahren. Aus dem Pollenlager wurden täglich zwischen 60 und 80 Leichen herausgetragen. Das Kommando in diesem Friedhof hatten die SS- Leute Hans Blank und Eduard Hinkelmann. Auf nachhaltige Vorstellungen zweier politischer Häftlinge aus dem Krankenbau, Walter Krämer und Karl Peix, beim Lagerarzt, daß dieses Polenlager eine Seuchengefahr für das ganze Lager bedeute, wurde der Arzt beim Kommandanten vorstellig, und nachdem die Heckenschützen alle, bis auf einen Mann, ausgestorben waren, wurde Ende Januar 1940 das Polenlager aufgelöst. Die am Leben verbliebenen Häftlinge, abgemagert wie Skelette, wurden von allen Seiten unterstützt, vor allem von Landsleuten aus Oberschlesien, die als Deutsche bereits im Lager waren. Wieder waren es unsere Kameraden aus dem Häftlingskrankenbau, die dén am meisten Heruntergekommenen sofort im Revier, trotz aller Verbote und Gefahren, Hilfe und Behandlung zuteil werden ließen. Leider ist ein Teil dieser ausgemergelten Polen auf Anordnung der Kommandantur in den Steinbruch zur Arbeit geschickt worden, wo sie natürlich infolge ihrer Körperschwäche den Strapazen, 10 Stunden täglich im Laufschritt Steine zu tragen, nicht gewachsen waren. Eines Tages versuchten etwa 30 polnische Kameraden in ihrer Verzweiflung durch die Postenkette zu 22 r f n 1- m S h n 1. S- s er 0- en f- r- n, en 0- eil ng sie m en zu entkommen. 8 Mann wurden sofort erschossen, die übrigen zusammen mit allen Polen, die damals im Steinbruch arbeiten mußten, etwa 120 Mann, wurden wieder zurück in das Zeltlager gejagt und bekamen unter Aufsicht des Lagerführers je 25 Stockhiebe auf den nackten Hintern. Die ganze Prügelgarde der Kommandantur wurde zu dieser Auspeitschung herangezogen, weil den einzelnen SS- Leuten schon vom vielen Schlagen die Arme schlaff wurden. Neben den traurigen Ereignissen im kleinen Polenlager wurde auch das Hüttich Lager nicht verschont. Am 9. 11. 1939 wurden nach dem improvisierten Attentat im Münchner Bürgerbräukeller 21 jüdische Antifaschisten, darunter Artur Maschke, Berlin, Herbert Deutsch, Berlin, N. Grieshuber, Wien, im Steinbruch hinterrücks erschossen. Der 2. Lagerführer Hüttich suchte aus einzelnen jüdischen Blocks die Opfer persönlich aus. Die Mörder waren fast wiederum die gleichen, die schon Hunderte umgelegt hatten, wie der SS- Hauptscharführer Hans Blank, Pleiẞner und der berüchtigte Sommer. Alle übrigen Juden, etwa 4500, mit Ausnahme derjenigen aus dem ,, Protektorat Böhmen und Mähren", erhielten 3 Tage nichts zu Essen und durften ihre verdunkelten Baracken die ganze Zeit nicht verlassen. Zu gleicher Zeit wurde vom Kommandanten ein vierwöchiges Behandlungsverbot für Juden im Krankenbau herausgegeben. Daß sie trotzdem geheim von ihren Kameraden behandelt wurden, war für uns Antifaschisten selbstverständlich. Dem folgte am 16. November 1939 eine neue Repressalie für das gesamte Lager. Etwa 10 000 Häftlinge wurden davon betroffen. Im Schweinestall soll angeblich an diesem Tag ein Ferkel gestohlen worden sein. Um 10 Uhr vormittags mußte das ganze Lager unter Gebrüll der Blockführer auf dem Appellplatz antreten. Wir standen 12 Stunden. Das bereits gekochte Essen aus der Häftlingsküche wurde den Schweinen verfüttert. Wir könnten verrecken, sagte Koch durchs Mikrophon, wenn derjenige, der das Schwein gestohlen habe, sich nicht meldete. ,, Ab sofort bekommt das gesamte Lager 6 Tage nichts zu fressen! Gearbeitet wird weiter!" Alle wurden bleich im Gesicht. Keiner wollte es anfangs glauben, jeder hoffte nach 2 Tagen auf das Essen. Und doch blieben wir 5 Tage ohne jegliche Nahrung, Am 6. Tage gab es nur Suppe. Die ersten 3 Tage gab es sogar keinen Kaffee. Der Schweinedieb wurde jedoch niemals ermittelt. Die Auswirkungen dieser Hungertage setzten sofort ein. Tote und nochmals Tote waren die Folge, indessen Kommandant Koch mit seinen Offizieren und dem Polizeipräsidenten von Weimar, Henning, zweimal in der Woche im Führerkasino Sektfrühstücke veranstaltete. 10 000 Häftlinge 5 Tage hungern lassen, das gab einen großen Überschuß, und dieser mußte verpraẞt werden. Am 1. April wurde der SPD- Reichstagsabgeordnete Heilmann, seit 1933 in Haft, in den Arrest gebracht und drei Tage später als tot gemeldet. Seine 23 23 Leiche wurde in der Kommandantur unter Blumen aufgebahrt. Seine Familie durfte zu dieser Zeremonie erscheinen. Der Lagerführer Artur Rödel persönlich sprach im Namen des Kommandanten der Frau Heilmann sein tiefstes Beileid aus. Die Leiche wurde nicht freigegeben. Hier lag der Haken. Heilmann war nämlich im Bunker ermordet worden. Am 3. Mai 1940 wurde Rudi Arndt, Mitglied der ZK des KJVD im Steinbruch erschossen. Er war bei der Lagerführung als Organisator der Antifaschisten Buchenwalds verzinkt worden. Die Verräter, Denunzianten und Schädlinge aus den Reihen der Häftlinge entgingen ihrer gerechten Bestrafung nicht. Der Sommer 1940 stand im KL Buchenwald im Zeichen des Hungers einerseits und andererseits im Zeichen von Einzelliquidierungen führender Persönlichkeiten aus dem antifaschistischen und demokratischen Lager, vor allem Österreicher. Am 23. Juli 1940 flogen zum ersten Male einige englische Flieger über das Lager. Es war nachts, ein Flugzeug kreiste mehrmals über unseren Baracken und warf dann 3 Bomben in das Gebiet der Offiziershäuser. Sofort gab der Kommandant Koch einen typischen Nazibefehl heraus. ,, Die Angriffe auf Gefangenenlager werden häufiger. Bei Luftalarm haben sich alle im Lager befindlichen Häftlinge sofort in die Baracken zu begeben. Wer sich auf der Lagerstraße bewegt, wird erschossen. Häftlinge, die außerhalb des Lagers arbeiten, haben sich sofort mit dem Gesicht auf den Boden zu legen und dürfen sich erst auf Befehl der SS- Posten erheben. Wer sich vorher erhebt, wird erschossen. Auf meine Anordnung wurde die SS mit schweren Infanteriewaffen und Handgranaten verstärkt ausgerüstet. Ich habe Befehl gegeben, jede Panik oder Widerstand im Lager im Keime zu ersticken." Etwa Mitte August 1940 wurden erneut über 1000 Polen unter den Schlägen der Weimarer Polizei und der SS nach Buchenwald gebracht. Dieselben wurden wiederum in das kleine Polenlager hineingestopft. Bei ihrem ersten Arbeitseinsatz im Steinbruch wurden von ihnen 11 erschossen. In ca. 3 Monaten waren sie auf etwa 300 Mann dezimiert. Ein besonderes Kapitel sinnloser Menschenmörderei war das Aufhängen hunderter polnischer Zivilarbeiter, welchen zur Last gelegt wurde, mit deutschen Frauen intim verkehrt zu haben. In vielen Fällen waren es junge Burschen, die von älteren deutschen Frauen verführt worden waren. Diese Opfer befanden sich einige Tage, manchmal auch Wochen im Lager. Man verlud sie auf Autos und hängte sie in den betreffenden Ortschaften, wo sie gearbeitet hatten, öffentlich auf. Die Zivilbevölkerung wurde gezwungen, an diesen öffentlichen Exekutionen teilzunehmen. Am 2. Juli 1940 kamen die ersten 216 politischen Gefangenen aus Holland an, darunter führende Staatsbeamte. Sie wurden nach 16 Monaten in ein 24 Konzentrationslager nach Holland übergeführt. Im Februar 1941 wurden etwa 400 holländische Juden eingeliefert, diese wurden von hier nach Gusen, einem Zweiglager des Konzentrationslagers Mauthausen gebracht, und dort restlos liquidiert. Im Mai 1941 wurde durch den SS- Oberscharführer Abraham der jüdische Häftling Hamper auf schreckliche Art ermordet. Abraham warf den Armen in ein tiefes Wasserloch, bewarf ihn mit Steinen und ergötzte sich an seinem Tod. Der Bruder des Ermordeten brachte diese Mordtat bei der Lagerführung zur Meldung, in der irrtümlichen Hoffnung, Bestrafung dieses SSMörders zu erreichen, wenn er über die wirkliche Todesursache aussagen würde. Für die Aufrichtigkeit zeugten noch 30 Häftlinge. Das Ende der Geschichte war, daß der Bruder des Ermordeten und die 30 Augenzeugen auf Befehl des Kommandanten aus dem Wege geräumt wurden. Bei Kriegsausbruch gegen die Sowjet- Union erhoben die Angehörigen des Kommandanturstabes immer mehr ihre voll Mordgedanken steckenden Köpfe. Ihre Anordnungen zur Menschenvernichtung wurden immcr umfangreicher. In den Sommermonaten wurden durch den damaligen Lagerarzt Dr. Eisele, SS- Obersturmführer, über 100 Tbc- Verdächtige durch Einspritzung von Evipannatrium ermordet. Eisele führte außerdem noch an Gesunden Magenvivisektionen durch. Im Juli 1941 war die Aufregung im Lager groß. Die politische Abteilung, Gestapozweigstelle Buchenwald, hatte unter Leitung der Kriminalsekretäre Ser no und Leclair, eine Transportliste zusammengestellt. Man sprach damals davon, daß eine eigene Kommission aus Berlin die Akten durchschnüffele. Alle diese Leute wurden eines Tages an Schild 2 bestellt, es waren ungefähr 300 Mann. Eine furchtbare Ahnung ergriff die meisten. In zwei Transporten wurden die Häftlinge in Autos abgefahren. Nach einigen Tagen stand es fest, die Unglücklichen waren in Sonnenstein bei Pirna durch Experimente der SS mit Giftgas ausnahmslos getötet. Die Ungewißheit unter den Häftlingen im Lager steigerte sich noch mehr, als Koch im September 1941 den Befehl zum Bau eines Schießstandes im Werkstättengelände der Deutschen Ausrüstungswerke gab, zumal jeder wußte, ein Schießstand ist ja schon vorhanden. Aus der Bauart ging klar und eindeutig hervor, hier soll nicht schießen gelernt, sondern Menschen erschossen werden. Zwei Pfosten, standen am Ende des Schießstandes und ringsum waren große Mengen von Sägespänen gestreut. Am 10. Oktober 1941, sonnabends nachmittag 3 Uhr, bei sonnenklarem Wetter, fand auf diesem Schießstand der erste Massenmord statt. Es waren 8 sowjetrussische Offiziere, die dort erschossen wurden. Vorher waren sie auf der politischen Abteilung schwer mißhandelt und gefesselt worden. An der Erschießung beteiligten sich: der SS- Oberscharführer König, der Scharführer 25 Pleißner, Sommer, Blank u. a. In der Zeit der Hinrichtung standen alle Häftlinge auf dem Appellplatz angetreten und mußten laut singen. Damit sollte die Exekutionssalve überhört werden, aber in Buchenwald waren so viele Augen, denen man nichts verheimlichen konnte. Dieses Singen und Stehen am Appellplatz wiederholte sich noch mehrmals. Bei den Erschießungen, die zwei- bis dreimal in der Woche durchgeführt wurden, mußte die Arbeit von 2500 Häftlingen der Werkstätten eingestellt werden. Koch suchte nach einem Ausweg. Er ließ den ehemaligen Pferdestall außerhalb des Lagers zu einer Genickschuß- Mordanlage ausbauen, die je nach den gemachten Erfahrungen immer moderner ausgebaut wurde. Zu den Erneuerungen wurden Häftlinge als Arbeitskräfte herangezogen. Somit waren wir über die Einrichtungen der Genickschußanlage ziemlich gut unterrichtet. Ahnungslos kamen die Opfer, in der Mehrzahl sowjet- russische Kriegsgefangene, in Autos und Omnibussen nach Buchenwald, aus Erfurt und Weimar. Dienstags und donnerstags kamen gewöhnlich die Transporte. Dieselben wurden sortiert und ein Teil zum Hinschlachten geführt. Hunderte wurden meistens nachts getötet. Das Mordkommando der SS, genannt ,, Abt. 99", erschoß schätzungsweise 7000 Sowjetsoldaten. Diesem Mordkommando gehörten an: Die SS- Leute Tauratshofer, Kott, König, Möckel, Pleißner, Berger, Blank, Schäfer, Bruno Michael, Kelz, Kluẞmann u. a. Aus Erzählungen von SS- Leuten, die an den Erschießungen im Pferdestall teilnahmen und sich gegenseitig informierten, was von Häftlingen belauscht wurde, weiß man folgendes über die Vornahme der Erschießungen: Am Westeingang des Pferdestalles wurden die Opfer aus dem Auto geladen. Im großen Zimmer, unter Aufsicht von mit MP bewaffneten SS- Leuten mußten sie sich nackt auskleiden. Wertsachen, Papiere und Erkennungsmarken an einem Tisch abgeben. In dem Raum befanden sich auch zwei Lautsprecher, die ständig überstarke Musik gaben. Dann wurden die Todgeweihten durch gepolsterte Doppeltüren in das weißgestrichene, sogenannte Arztzimmer gejagt. Hier wurden sie von den in weißen Mänteln als Ärzte verkleideten SSFührern einer Gesundheitsuntersuchung unterzogen. Nach Namen, Beruf, und ob Familienvater usw. befragt, wurden sie anschließend in den Mordraum zum Messen der Körpergröße geführt. Dort eine Meßlatte, in welcher sich ein senkrechter Schlitz befand. Davor lag am Fußboden ein eiserner Rost. Hinter der Meßlatte war der gepolsterte Schießkasten, darinnen 2 SS- Leute. Einer lud die Pistolen, der andere gab, wenn das Opfer sich zum Messen stellte, auf ein Klopfzeichen, durch den Schlitz der Meßlatte den Genickschuß ab. Danach wurde die Leiche von Häftlingsleichenträgern herausgeschleppt, der Raum mit Wasser abgespritzt und das nächste Opfer konnte folgen. Wie es sich die SS- Leute lobend berichteten, gab es jede Minute einen Toten. Um die 26 Opfer in dem Zimmer nichts erkennen zu lassen, waren deshalb an der Decke zwei starke Blendlampen angebracht. Am Kugelfang waren verschlissene Decken aufgehangen, um die Einschläge zu maskieren. Diese SS- Mörder bekamen nach jeder Mordnacht besondere Zulagen an Schnaps und von der Kommandanturküche 250 g Wurst und ein halbes Brot. Jeden Monat hatte die Abteilung 99 einen Saufabend, an welchem der Kommandant und der Polizeipräsident Henning aus Weimar teilnahmen. Auch im Pferdestall waren die SS- Banditen dauernd besoffen. So kam es, daß manche Schüsse nicht gut trafen und die Opfer halbtot weggeschleift wurden. Mit dem Lastauto wurden die Leichen nach dem im Lager befindlichen Krematorium gebracht und durch einen Schacht in den Keller geworfen. Hier gab es Fälle, wo die Verwundeten wieder zum Bewußtsein kamen und zu flüchten versuchten. Sie wurden dann von der SS und den beiden im Krematorium arbeitenden deutschen kriminellen Häftlingen mit einer Holzkeule erschlagen. Ein besonders abscheulicher Fall ereignete sich im Februar 1942. Ungefähr. 400 sowjetische Kriegsgefangene wurden zum Pferdestall gebracht. In der anliegenden Reithalle entkleidet, sagte man ihnen, sie seien verlaust und bekämen andere Kleider. Bei 150 Mann stand scheinbar die Erschießung noch nicht fest. Diese wurden nachts unbekleidet von der SS ins Lager getrieben ( 10 Grad Kälte). Bei dieser Gelegenheit wollten einige, die vielleicht schon ahnten, was man mit ihnen vorhatte, flüchten. Sie wurden sofort zusammengeknallt. Der Weg von der Reithalle bis zum Lager beträgt 600 m. Im Lager wurden die Gefangenen in der Desinfektion bekleidet und auf Block 30 geschafft. Dort wurden sie streng isoliert gehalten und in den nächsten Tagen gruppenweise erschossen. Auf Befehl des Lagerkommandanten wurden Ende November 1941 die deutschen politischen Häftlinge Walter Krämer und Karl Peix, nachdem sie seit 3. November 1941 bereits in Arrest gehalten worden waren, nach Goslar übergeführt, angeblich, um dort bei einem Außenkommando zu arbeiten. Der Kommandoführer dieses Kommandos war der berüchtigte SS- Hauptscharführer Hans Blank. Diese beiden Deutschen hatten folgendes verbrochen: Am 18. Oktober 1941 wurden 2000 russische Kriegsgefangene in einem vollkommen unterernährten Zustand in das Lager gebracht. Peix und Krämer, die damals den Häftlingskrankenbau leiteten, leisteten den Russen die erste Hilfe trotz Verboten und Einschränkungen, gaben ihnen übriggebliebenes Essen und retteten damit vielen das Leben. Das war ihr erstes Verbrechen. Das zweite bestand darin, daß sie sehr viel wußten über die Gift- und Injektionsmorde der Lagerärzte, und auf die Dauer also unbequem wurden. Schließlich wurden sie noch von einem kriminellen deutschen Häftling verzinkt, sie würden den Moskauer 27 Sender mittels eines Geheimempfängers abhören und dessen Nachrichten im Lager verbreiten. Erst sollten die beiden im Arrest umgebracht werden. Da aber beide das Essen ablehnten, weil sie als alte Antifaschisten die Methoden der Nazis schon kannten, wurden sie nach Goslar übergeführt, wo sie nach wenigen Tagen durch Blank erschossen wurden. Im Dezember 1941 wurde im KL Buchenwald die berühmte Fleckfieberversuchsstation der SS in einem ehemaligen Wohnblock für Häftlinge, Block 46, eingerichtet. In 4 Jahren sind dort Hunderte von Häftlingen, und zwar nur Reichsdeutsche, als Versuchskaninchen der SS- Ärzte umgebracht worden. Die Häftlinge wurden von der Gestapo auf Grund ihrer Vorstrafen herausgesucht und eingewiesen. Die Mehrzahl derselben waren deutsche Kriminelle, aber auch politische Gefangene sind dort zugrunde gegangen. Verantwortlich dafür sind die SS- Sturmführer Dr. Hoven, Dr. Ding und Schuler. Nun befanden sich im Lager schon nicht mehr nur deutsche Häftlinge, sondern auch Polen, Russen, und 1942 kamen auch die ersten Franzosentransporte an. Außer den holländischen Geiseln waren von den übrigen Nationen nur einzelne Häftlinge vorhanden, die in den von den Nazis besetzten westeuropäischen Ländern verhaftet worden waren. Die deutschen Antifaschisten machten es sich von allem Anfang an zur Aufgabe, sofort mit den Antifaschisten der anderen Nationen illegale Verbindung aufzunehmen, um sie mit den Verhältnissen des Lagers vertraut zu machen und gemeinsam in die Kampffront gegen die SS einzuschließen. Der erste Versuch einer internationalen Zusammenarbeit wurde von den deutschen Antifaschisten des Lagers mit den polnischen und russischen Kameraden durchgeführt. Die Lagerführung gab ein Verbot heraus, kein deutscher Häftling dürfe sich mit einem Russen unterhalten. Wer erwischt würde, hätte mit einer schweren Bestrafung zu rechnen. Der 2. Lagerführer Plaul brachte zwei Blockälteste wegen Verteilung von Zigaretten und Brot an russische Kriegsgefangene zur Meldung. Am nächsten Tage gab Lagerführer Rödel vor versammelten Lager auf dem Appellplatz bekannt: Die beiden politischen rückfälligen Häftlinge Kurt Leonhard und Kurt Wabel werden mit 25 Stockhieben bestraft und von ihren Posten als Blockälteste entfernt, weil sie mit russischen Kriegsgefangenen in Verbindung getreten sind. ,, Ich warne jeden Häftling, mit den Russen Beziehungen aufzunehmen." Die beiden Antifaschisten kamen nebenbei noch in die Strafkompanie und wurden zu schwerer Steinbrucharbeit eingeteilt. Der Kriminal- Sekretär Leclair setzte sofort seinen Spitzelapparat im Lager in Tätigkeit. Der politische Häftling, Lagerältester Busse wurde im Oktober 1941 abgelöst. An seine Stelle wurde ein übles Subjekt, der BVer Ohles gesetzt. Dieser LA arbeitete mit dem Spitzelapparat engstens zusammen, BV- Häftling Greuels, politische Häftlinge Trumpf, Pole, 29 Bula, der Tscheche Pospisil und Tscheche Horzehschi u. a. Überall hatten diese Spitzel Zutritt. Sie standen unter dem besonderen Schutz des Lagerkommandanten und der politischen Abteilung. Ein schwerer Kampf mit diesen Subjekten auf Leben und Tod begann. Die Losung stand: Wir oder sie. Unsere gesamte illegale antifaschistische Lagerarbeit, die ein wenig aufgelockert war, wurde auf Anweisung unserer zentralen Leitung weiterhin streng geheim durchgeführt. Von nun an wurden die Zusammenkünfte zur politischen Besprechung nur noch mit 2 Mann zusammen durchgeführt. Im Verlaufe der Aktion gegen die politischen Häftlinge wurden fast alle Blockältesten abgelöst und durch Krippensetzer aus der Wehrmacht ersetzt. Leute, die wegen irgendwelcher Vergehen in der Deutschen Wehrmacht ins Lager gesteckt wurden. Schikanen und Prügeleien durch diese Blockältesten den Häftlingen gegenüber waren wieder an der Tagesordnung. Die Anweisungen der Lagerführung wurden 100proz. von diesen Subjekten durchgeführt. Am 26. März 1942 holte Krim. Leclair zum großen Schlag gegen die Antifaschisten im Lager aus. 62 politische Häftlinge wurden streng isoliert in eine Sonderabteilung gesteckt. Als Beweise führte man die Denunzierungen des Spitzelapparates an, vor allem die Aussagen der BVer Greuels und Ohles. Der Kampf wurde den ganzen Sommer hindurch geführt. Im Juli brach das ganze Lügengewebe zusammen. Greuels hatte im Keller unter der Schreibstube einen Radioapparat aufgestellt. Hier hörte er ausländische Sender ab. In Kenntnis von ausländischen Nachrichten wurde er von Leclair zum Rapport empfangen. Hier erzählte er, die Kommunisten verbreiteten die neuesten Feindnachrichten im Lager. Leclair hörte auch die ausländischen Sender ab und stellte fest, daß die Aussagen Greuels übereinstimmten. Es war also glaubhaft. Dann wurde der Radioapparat im Keller gefunden und Greuels als sein Besitzer überführt. Der sich im Senderkommando befindende Antifaschist Otto Kipp versuchte es auf die Bravour. Er hatte im Lager den Kommandanten Pister angesprochen und ihn gefragt: ,, Warum sind wir im Sonderkommando?" Dafür bekam Kipp 25 Stockhiebe auf den Hintern, aber keine Antwort auf seine Frage. - Bei der Stürzung der Kriminellen spielte ein politischer deutscher Häftling eine große Rolle, der noch ,, im Amt" geblieben war. Er wußte allerhand von den krummen Dingen, die die BVer, sich wieder sicher fühlend, sofort begannen, und so gelang es, im Laufe von wenigen Monaten die Herrschaft dieser Banditen wieder zu beenden. Ihre prominentesten Vertreter wurden im Sommer 1942 wegen Verfehlungen, Unterschlagungen von Häftlingseigentum und Verpflegung in die Strafkompanie eingeliefert. Dort befanden sich noch unsere 62 Kameraden, die von ihnen verraten worden waren. Hier muß erwähnt werden, daß wir vom Glück auch etwas begünstigt waren, 30 Kommandant Koch war bereits wegen Korruptionen verhaftet worden. Sein Nachfolger, SS- Obersturmbannführer Pister, hatte anscheinend von oben Anweisung, eine neue Linie in der Lagerpolitik durchzuführen. Die Antifaschisten aus dem Sonderkommando wurden am 3. Juli 1942 wieder in das Lager entlassen. Unsere Arbeit mit den ausländischen Antifaschisten wurde verstärkt aufgenommen. Unter der Losung ,, Kameradschaft, Einigkeit und Disziplin" wurde für den Schutz und die Erhaltung des Lebens der Kameraden im Lager gekämpft. Diese gefährliche Arbeit wurde oft durch die menschliche Unzulänglichkeit beeinträchtigt. Damit will ich sagen, daß es immer wieder Häftlinge gab, die Lagerpolitik auf eigene Faust betrieben. Sie ließen sich von der SS mißbrauchen, führten die Anweisungen der Lagerführung durch, anstatt diese zu sabotieren. Zu dieser Kategorie zählten einige deutsche Capos, sogenannte politische Häftlinge, die auf den Arbeitsstellen Häftlinge schlugen und sogar totschlugen. Es waren dies Mückenheim, Häuschen, Stöckel, Herzog, Erich Vogel und Müller, genannt Waldmüller. Alle Antifaschisten bezogen Kampfstellung gegen sie. Man verachtete sie, sabotierte sie, und sie wurden aus der Kameradschaft ausgeschlossen. Vogel und Waldmüller haben sich aufgehangen, Häuschen und Stöckel starben, Mückenheim ging auf Transport und starb daselbst. Im Gegensatz zu diesen Lumpen waren die meisten politischen Capos zuverlässig. Sie schützten alle Kameraden in ihren Kommandos vor den Übergriffen der SS. Allerdings war auch dieser Möglichkeit Grenzen gesetzt. So mancher Copo bekam, wenn er auffiel, 25 Stockhiebe und wurde abgelöst. Ging ein SS- Bandit an der Baustelle vorbei oder hielt sich dort auf, so wurde scheinhalber gebrüllt. War die Gefahr vorbei, dann ging der Capo mit seinen Vorarbeitern herum und signalisierte ,,, Gefahr vorbei". Bei Gefahr wurde auf den Baustellen eine Parole herausgegeben. Wurde sie der SS bekannt, dann wurde dieselbe sofort gewechselt. Bei der Parole ,, 18" hat einmal ein Kamerad von einem SS- Mann jämmerliche Schläge erhalten. So mancher ausländische Kamerad begann die Art unseres Entgegenkommens zu begreifen. Er merkte, hier im Lager gibt es Antifaschisten. Sprachschwierigkeiten mußten überwunden werden, doch langsam bahnten sich politische Gespräche an. Nach mehrmaliger Bewährung wurde der Kamerad in die antifaschistische Lagerorganisation aufgenommen. Als die Zahl der ausländischen Antifaschisten größer wurde, mußten diese Kameraden ihre organisatorische und politische Arbeit unter ihren Landsleuten selbständig durchführen. Es ist klar, daß bei den gefährlichen organisatorischen und politischen Arbeiten auch Fehler gemacht wurden. So manchmal mußten radikalen Elementen bei Überspitzungen Einhalt geboten werden, denn das Krematorium lag sehr nahe und radikale Phrasen über bewaffneten Aufstand in Wort und Schrift mußten 31 zu damaliger Zeit als Provokation angesehen werden. Im allgemeinen wurde in den Jahren 1943-1944 eine großzügige Erweiterung der organisatorischen und politischen Arbeit auf internationaler Grundlage durchgeführt, welche die Voraussetzungen für eine fast reibungslose Zusammenarbeit auf allen Arbeitsstellen und Kommandos im Lager und außerhalb desselben unter den Häftlingen aller Nationen schuf. Wir waren in fast allen Fällen in der Lage, gefährliche Elemente, die den Versuch unternahmen, mit der SS gegen die Häftlinge zusammenzuarbeiten, zu isolieren. In den meisten Fällen waren es Leute, die es um ihrer persönlichen Vorteile willen taten. Durch unsere konspirative Arbeit hatten wir die Möglichkeit, ausländische Sender auf den Apparaten der SS abzuhören und im Lager unter den Antifaschisten zu verbreiten. Die Antifaschisten, denen diese Aufgabe oblag, lebten selbstverständlich in ständiger Lebensgefahr. Hoher Idealismus und großer persönlicher Mut waren die Voraussetzungen für eine reibungslose Durchführung dieser Aufgabe. Neben einzelnen anderen Abhörstellen war es vor allen Dingen der Kamerad Reinhold Lochmann, der das Lager mit neuesten Auslandsmeldungen bis zum Tage der Befreiung versorgte. Unsere militärische Leitung im Lager sorgte für illegale Waffenbeschaffung. Seit September 1944 wurde unsere bisher im engen Kreise durchgeführte organisatorische und politische Arbeit auf Massenarbeit eingestellt. Alle legalen Möglichkeiten im Lager wurden dafür ausgenutzt. Wir führten einen Kampf gegen die Läuse, für die Sauberkeit, und gegen die häufiger werdenden Kameradendiebstähle. Jeder Blockälteste hatte die Aufgabe, auf seinem Block einen Vertrauensleute- Körper zu bilden, welche den Blockältesten in der Massenmobilisierung im Kampfe gegen die SS unterstützen sollte. Unsere Losung war: Von der SS haben wir keine Hilfe zu erwarten, wir müssen uns selbst helfen!" 92 Um den Ausbruch einer Seuche im Lager zu verhindern, die für weitere Tausende noch gesunder Kameraden den sicheren Tod bedeuten würde, waren wir dazu gezwungen. Unsere Aufklärungsreden auf den Blocks wurden von den Blockältesten jeden Monat, wenn notwendig, öfter, durchgeführt. Kräfte zur Aufrechterhaltung einer für die Häftlinge nützlichen Ordnung und zur Unterstützung der aus anderen Lagern ankommenden Kameraden war notwendig, insbesondere für das kleine Lager. Ein besonderes Kapitel für die Naziverbrechen war die Überbelegung des KL Buchenwald. Das Lager ist für die Erfassung von 10 000 Häftlingen lt. Bauplan vorgesehen. Jedoch war es in den letzten 3 Jahren seines Bestehens ständig überbelegt. Folgende Zahlen beweisen es: 32 Januar 1943 10 533 Juli Okt. 1943 11 274 Dez. 1943 13 300 1944 25 232 Dez. 1944 26 185 Mai 1944 14 441 30. Januar 1945 28 496 28. Febr. 1945 35 340 diese Belegschaftszahl steigerte sich bis zum 6. April 1945 auf 47 700. Zur Ausgleichung der furchtbaren Überbelegung des Lagers wurden Ende. November 1942 von der Lagerleitung ehemalige Militärpferdeställe aus Holz als Häftlingsunterkünfte im kleinen Lager aufgebaut. Die Inneneinrichtung einer solchen Elendsbaracke bestand aus Holzpritschen in 3 Etagen übereinander an den Seitenwänden. Wasch- und Abortanlagen fehlten vollkommen. Von der 1. Baracke 50 m und der letzten 200 m entfernt, wurde eine zentrale Wasch- und Abortanlage geschaffen. In der Nacht mußten die Häftlinge diesen weiten Weg zur Notdurftverrichtung gehen; wenn es regnete, stand der Schlamm im kleinen Lager bis an die Knöchel. Mit Holzschuhen, ein großer Teil nur mit Holzpantoffeln bekleidet, blieben sie im Schlamm buchstäblich stecken. Straßen wurden erst später durch die Selbstinitiative der Häftlinge gebaut, doch auch diese beseitigten den unbeschreiblichen Dreck nicht. Mit einer dünnen Schlafdecke ausgerüstet, schliefen die Häftlinge feldmarschmäßig auf den nackten Brettern der Pritschen. Erkältungen, Hungertyphus, Flecktyphus und Scharlach plagten die zu Skeletten ausgehungerten Menschen. Die Ansteckungsgefahr beim Fehlen jeglicher hygienischer Einrichtungen war groß. Die sinnlose furchtbare Menschenvernichtung findet ihren Ausdruck in der folgenden Sterbeziffer der KL Buchenwald der letzten 6 Monate: 1944 Oktober 732 Tote 1944 Dezember 1113 Tote 1945 Februar 5523 Tote 1944 November 612 Tote 1945 Januar 2002 Tote 1945 März 5531 Tote 1945 vom 1. bis 10. April 1000 Tote 85 Prozent der Toten entfallen auf das kleine Lager, 15 Prozent auf das große Lager. Etwa im Oktober 1944 ist der Lagerälteste, Hans Eiden, bei dem ersten Lagerführer Schobert vorstellig geworden, um ihn noch einmal auf die Seuchengefahr für das gesamte Lager bei einer derartigen Überbelegung aufmerksam zu machen. Schobert antwortete: ,, Solange das Tor noch zugemacht werden kann, kommen Häftlinge ins Lager." Reden und Vorstellungen bei der Lagerführung hatten keinen Zweck. Die Lager- und Blockältesten mußten so oder so die ankommenden Transporte irgendwo unterbringen. Die SS stopfte sie uns nur ins Lager und überließ sie ihrem traurigen Schicksal. Diese Kameraden, die aus Lagern und Gefängnissen der Gestapo verschleppt wurden, sind durch die lange Eisenbahnfahrt in Viehwaggons oder einem langen Fußmarsch in einem völlig erschöpften und ausgehungerten Zustand in Buchenwald angekommen. Aus allen Ländern Europas, 3 33 Sowjetrußland, Frankreich, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen u. a. wurden von der SS Arbeitssklaven zusammengetrieben. Durch das KZ Buchenwald wurden seit Juli 1937. bis 31. März 1945 238 980 Menschen offiziell registriert. Davon sind 51 000 Tote zu verzeichnen. Aus den uns Häftlingen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten suchten wir den Gefahren der Überbelegung Herr zu werden. Leider waren die Kameraden Lagerältesten, Blockältesten und alle im Lager befindlichen aktiven Funktionskräfte den immer häufiger ankommenden Transporten nicht mehr gewachsen. Es fehlte an Unterkünften trotz Ausschöpfung aller vorhandenen Möglichkeiten. Durch nochmalige Vorstellung des Kameraden Eiden beim Kommandanten wurde die Erlaubnis eingeholt, das im Konmandantur- Bereich befindliche Holz zum Bau von Notunterkünften zu gebrauchen. Es wurde angebaut, die Baracken im kleinen Lager wurden vergrößert. Die Wohnbaracken im großen Lager, die schon überbelegt waren, wurden noch stärker belegt. Ein Steinblock mit 850-900 Mann, eine Holzbaracke mit 400-450. Eine Vorstellung der Überbelegung bekommt man erst, wenn man bedenkt, normal sollte ein Steinblock 350, ein Holzblock 175 Mann fassen. Zwei Mann schliefen in einem Bett. TBC- Kranke gab es es nicht bekannt, im großen Lager offiziell 1100, und bei vielen war daß sie krank waren. Neben diesen waren zahlreiche andere Kranke, mit Phlegmonen, Grippe, Disentrie usw., und an den meisten Tagen gab es kein Wasser. Die SS sperrte das Wasser, um für sich welches zu haben. Eine Elendsbaracke im kleinen Lager war mit 1200-1600 Mann belegt. Einzelne Holzpritschen sind zusammengebrochen und die darin zum Skelett abgemagerten liegenden Menschen dabei noch verunglückt. Grauenhafte Szenen spielten sich dabei ab. Bis zu 20 Mann lagen die Menschen auf einer Holzpritsche, Lebende zwischen bereits Verstorbenen. Viele konnten wegen ihrer Schwäche nicht mehr aufstehen und verrichteten ihre Notdurft dort, wo sie lagen. Der Geruch des Todes in einer solchen Baracke war unsagbar. Vor jeder Baracke lagen am Morgen viele Tote. Die vorhandenen Möglichkeiten waren ungenügend, um alle Verstorbenen sofort nach dem Krematorium zu schaffen. Am Hofe des Krematoriums lagen mindestens 2000 Brennstoff konnte das Leichen aufgestapelt, denn wegen Mangel an Krematorium in den letzten Wochen nicht mehr arbeiten. Die Lagerführung ließ die Leichen am Bismarckturm verscharren. Dort liegen über 10 000 Leichen. Ein ewiges Mahnmal des nationalsozialistischen Wahnsinns, welcher in den letzten Monaten seines Bestehens eine grauenhafte, kaum auszudenkende Steigerung unnötiger Qualen und sinnloser Morde an seinen Opfern vollbrachte. 34 In der Woche vom 3. Dezember bis 10. Dezember 1944 war für Block 44 eine schwarze Zeit. Am 4. Dezember bekam der Block 36 sowjetrussische Kameraden als Zugänge vom Block 51 aus dem kleinen Lager. 33 davon waren Todeskandidaten. Alle Zugänge vom kleinen Lager wurden zur Entlausung in die Desinfektion geführt. Von dort wurden die ersten 10 zum Rapportführer gerufen, sie kamen nicht mehr zurück. Beim Abendappell mußte ich, da ich Blockältester war, diese von meiner Sollstärke als verstorben abziehen. Das bedeutete, sie wurden im Keller des Krematoriums aufgehangen. Am selben Abend bekamen die nächsten 10 Kameraden einen Zettel: ,, Am 5. Dezember gut rasiert am Schild 2 antreten", dies bedeutete, entweder zur politischen Abteilung oder Tod. In diesem Falle war es Tod. Noch am selben Abend wurde der antifaschistische illegale Organisationsapparat in Bewegung gesetzt, hier mußten etliche gerettet werden. Nach Vorschlag der sowjetrussischen Gruppe wurden 3 Mann bestimmt, mehr konnten wir nicht retten, sonst wären wir bei der SS aufgefallen. Es war schon so ein Bravourstück, wir spielten mit unserem Leben, aber wir wagten es. Noch am selben Abend hatte ich als Blockältester eine Besprechung mit dem Kameraden Otto Kipp aus dem Krankenbau. Drei Mann von den 33 sowjetrussischen Todeskandidaten wurden im Krankenbau aufgenommen. Diese 3 mußten noch in derselben Nacht auf dem Papier sterben, es waren Czugow und zwei politische Kommissare, deren Namen ich vergessen habe. Am nächsten Tag sollten sie um 9 Uhr vormittags an Schild 2 antreten. An Stelle der 10 erschienen an Schild 2 nur 7 Mann, die anderen 3 lebten auf Namen und Nummer von bereits Verstorbenen im Lager weiter und sind dadurch der Exekutierung durch die SS entzogen worden. Um 9 Uhr vormittags brüllte der Rapportführer Hofschulte, der gewöhnlich alle Leute nach Schild 2 bestellte, die 3 Mann Nummer sowieso usw. sofort ans Tor". Als sich nach einigen Minuten die 3 Aufgerufenen noch nicht gestellt hatten, brüllte SS- Oscha. Hofschulte nochmals durchs Mikrophon, welches durch die Lautsprecheranlage mit dem Lager verbunden war ,,, der Blockälteste von 44 ans Tor". Ich ging, es war ein schwerer Gang für mich. ,, Wo sind die 3 Häftlinge?", brüllte Hofschulte. Ich meldete ,,, die 3 Häftlinge liegen im Krankenbau". Hofschulte musterte mich mit seinen Mörderaugen und ging ins Büro. Jetzt kam die Kraftprobe mit dem Krankenbau. Es ist alles glatt abgelaufen und der SS ist nichts aufgefallen. Unsere Entschlußkraft hatte im letzten Augenblick 3 Menschenleben der SS- Mordgier entrissen. Am 6. und 7. Dezember 1944 wurden die übrigen 13 Kameraden von der SS an Schild 2 bestellt und kehrten nicht mehr zurück. Diese Menschen wurden aufgehangen, weil sie angeblich eine politische Organisation bilden wollten. 3* 35 Auf gleiche Weise, wie diesen 3 Kameraden, wurde bereits dem Kam. Zelesne ( ebenfalls sowjetrussischer Kriegsgefangener) im September 1944 im Einvernehmen mit Kam. Kipp aus dem Krankenbau, das Leben gerettet. Am 13. September 1944, abends 6 Uhr, wurde der polnische Kamerad Duttkewitz aus Lemberg, vom Block 44, vor allen Häftlingen auf dem Appellplatz hingerichtet. Sein Verbrechen bestand darin, daß er Ende Juli 1944 mit zwei anderen Kameraden aus dem Lager flüchtete und wieder ergriffen wurde. Gefesselt wurde er aus dem Bunker zum Galgen geführt und nach Verlesung des Urteils, auf Anordnung Himmlers, aufgehangen. Einer harten Prüfung wurden 22 Antifaschisten, die meisten vom Arbeitskommando Effektenkammer, unterzogen. Der sogenannte politische Häftling: Strna, gebürtig aus Österreich, hatte an die SS folgendes verraten: Auf der Effektenkammer hat am 19. September 1944 eine Trauerkundgebung für den ermordeten Ernst Thälmann stattgefunden. Am 30. Oktober 1944 wurden die ersten Kameraden, die Strna mit Namen angegeben hatte, in Arrest gesperrt. Die Gestapo Weimar hatte diesen Fall zur Bearbeitung in die Hände genommen. Es roch sauer. Die Kameraden Willi Bleichert, Capo der Effektenkammer, Gustav Wegner, Capo der Pathologie, Timko Sawitsch, SowjetUnion, Rau aus Wien, Capo des Baukommandos 3, Robert Siewert aus Chemnitz, Capo des Baukommandos 1, Erich Reschke, Hamburg, 1. Lagerältester, u. a. wurden von der Gestapo ins Gefängnis Weimar geholt. Unter furchtbaren Mißhandlungen wollte die Gestapo von den Antifaschisten aus dem KZ Buchenwald Geständnisse erpressen. Man wollte etwas über das Bestehen einer politischen Organisation im Lager wissen. Unsere Kameraden schwiegen, trotz aller Mißhandlungen, und die Antifaschisten im Lager arbeiteten weiter. Nach 2 Monaten wurden die ersten von der Gestapo ins Lager zurückentlassen. Nach 3 Monaten wurden die Kameraden Hans Burghart und Pippich ebenfalls entlassen, doch wurden sie auf Anweisung der Lagerführung auf ein Außenkommando verschickt; diese Maßnahme sollte ein weitere Verbindung mit den Lagerinsassen zerreißen. Die Kameraden Bleichert, Reschke, Wegner, Rau, Sündermann und Robert Siewert wurden von der Gestapo weiter festgehalten. Siewert wurde von Weimar wieder nach Buchenwald übergefürt und wurde am 5. April, abends 7 Uhr, aus dem Arrest entlassen. Robert wurde im Lager von allen Kameraden stürmisch begrüßt. Gefährlicher stand es mit den Kameraden Bleichert, Reschke, Wegner, Rau und Sündermann. Diese wurden von der Gestapo Weimar in das GestapoGefängnis Ichtershausen übergeführt. Ich habe von Gustav Wegner, der nach Buchenwald zurückgekehrt ist, folgendes erfahren: ,, Man hielt uns dort mit 36 noch 150 anderen politischen Gefangenen fest. Beim Näherkommen der amerikanischen Armee wurden wir evakuiert, natürlich mit ungekanntem Ziel. Dem Kameraden Sündermann und mir gelang es, durch Ausnutzung einer günstigen Gelegenheit zu flüchten. Über das Schicksal der Kameraden Rau, Reschke und Bleichert ist bis heute noch nichts bekannt. Das ganze Lager trauert um die 3 Antifaschisten, die immer in der ersten Reihe gekämpft haben und stets ihr Leben für das Wohl aller Lagerinsassen einsetzten. Die letzten Wochen des Nationalsozialistischen Konzentrationslagers Buchenwald standen unter dem Einfluß der sich immer mehr nähernden siegreichen alliierten Armeen. Alle KZ im Osten und Westen Deutschlands wurden von der SS evakuiert. Zu Tausenden wurden die Häftlinge nach Buchenwald gebracht. Hier hofften die Naziverbrecher, die Spuren ihrer zwölfjährigen Menschenvernichtung vor den Augen der Welt zu verwischen. Am 22. Januar 1945 trafen die ersten evakuierten Häftlinge aus Auschwitz ein, denen weitere folgten. Es waren zusammen 7210. Im offenen Viehwagen, bei strenger Kälte, waren sie 2 Wochen unterwegs. Mindestens 2000 Frauen und Kinder wurden weitertransportiert, nachdem sie am Bahnhof Buchenwald etwas zu Essen bekamen. Alle Kameraden aus dem Häftlingskrankenbau wurden mobilisiert, um die Frostwunden und Schlagwunden der Frauen, die ihnen während des Transportes von der SS beigebracht worden waren, zu verbinden. Ein großer, in Lumpen gehüllter Elendszug wälzte sich täglich durch das Tor ins Lager, durch tagelanges Hungern erschöpfte und entkräftete Menschen. Die Straße vom Bahnhof Buchenwald bis zum Lager war mit Decken, Schüsseln und verlorenen Holzschuhen übersät. Dazwischen lagen sterbende Menschen, die nicht mehr die Kraft aufbrachten, bis ins Lager zu gelangen. Häftlinge aus dem Lagerschutz, Lagerfeuerwehr und Lagerkommando mußten mit zweirädrigen Karren und Handwagen, auf denen sonst Baumaterial gefahren wurde, die Leichen und die Sterbenden aus den Eisenbahnwaggons und von der Straße ins Lager fahren. Wie die Angekommenen erzählt haben, wurden die während der Fahrt vor Hunger und Erschöpfung gestorbenen Menschen aus den überfüllten Eisenbahnwaggons herausgeworfen. Es war notwendig, wenn die noch Lebenden nicht zugrunde gehen wollten. Beim Kommandanten des Lagers liefen Beschwerden darüber ein, daß in den unterwegs berührten Gebieten an den Bahndämmen Leichen gefunden worden waren. Die Kameraden, welche aus den Lagern Groß- Rosen, Stutthof, aus den Außenkommandos Köln, Aachen, Salzungen, Natzweiler und Ohrdruf nach Buchenwald evakuiert wurden, erzählten uns die furchtbaren Erlebnisse ihres 37 Hermarsches. ,, Das Schrecklichste war der Hunger und der Durst. Alle waren wir zum Umfallen müde. Die SS- Posten, trieben uns mit Gewehrkolben zur Eile. Wir hörten Geschützdonner hinter uns. In der Nacht kampierten wir auf freiem Felde. Kameraden, die flüchten wollten, wurden ohne Anruf erschossen. Dann ging es am frühen Morgen wieder weiter. Wer nicht weiter konnte, wurde von der SS erschossen und im Straßengraben liegengelassen. Viele, die nur ihre Holzschuhe in Ordnung bringen wollten, weil sie durch den langen Fußmarsch unbequem wurden, bekamen sofort einen Kopfschuß. Flucht war fast unmöglich, weil in den Dörfern Hitlerjugend mit Maschinenpistolen patroullierte, die auf jeden sich entfernenden Häftling sofort Jagd machte und ihn umlegte. Nur ganz wenigen gelang die Flucht. Eine genaue Angabe der unterwegs Erschossenen ist unmöglich, doch sind es Hunderte nach Zeugenaussagen." Wir Häftlinge von Buchenwald waren über die nationalsozialistische Evakuierung der Konzentrationslager im Bilde. Unsere illegale antifaschistische Organisation suchte nach Möglichkeit eine Evakuierung Buchenwalds zu verhindern. Am 1. April 1945 begann die SS mit der ersten Provokation dem Lager gegenüber. Der polnische Kamerad Bruno Falkenberg, Capo in Halle 8 der Gustloff- Werke, wurde um 11 Uhr vormittags in Arrest gesperrt. Auf Veranlassung des Oberingenieurs Saupe und Direktor Tänzer wurde dem Antifaschisten Sabotage an der Kriegsproduktion vorgeworfen. Bruno Falkenberg, der in der polnischen Gruppe unserer internationalen Organisation im Lager ein Aktivist war, erzählte mir über seine Sabotagearbeit folgendes: Wir sabotierten, wo wir nur konnten. Gute Spezialisten wurden vom Krankenbau krank geschrieben. Zehntausende von Teilen für automatische Gewehre wurden auf der Drehbank 1 mm zu schwach gedreht und dadurch Material verbraucht und die Produktion von Waffen verlangsamt. Oft wurde ich ins Büro des Direktors gerufen. ,, Falkenberg, Sie sind Capo in der Halle 8, sehen Sie sich diese Schweinerei an. Die Teile sind zu schwach gedreht. Ich erstatte Meldung wegen Sabotage." - Hier mußte ich einspringen. Ich sagte: ,, Herr Direktor, sehen Sie sich die Zeichnungen, nach denen wir arbeiten müssen, an, und zweitens sind die Häftlinge an den Drehbänken keine gelernten Facharbeiter." Falkenberg, der bis zum 11. April im Arrest war, erzählte mir: ,, In der Nacht vom 10. April wurden 24 Häftlinge in ihren Zellen, im Waschraum und auf dem Flur von der SS niedergemetzelt. Fürchterliche Todesschreie weckten mich in dieser Nacht. Darunter befand sich eine Frau, drei Italiener, neun Sowjet- Russen und elf mir Unbekannte. Am 10. April morgens zwang mich die SS, ihre von Blut getränkten Drillichanzüge zu waschen. Am 11. April vormittags verbarrikadierte ich meine Zellentür mit Holzkeilen, 38 Matratzen usw. Ich rechnete mit meinem Ende, nachdem die Alarmsirene heulte und für sämtliche SS- Leute durch den Lautsprecher Befehle durchgegeben wurden:, Alle SS- Angehörigen entfernen sich sofort aus dem Lager.' Etwa um 1.30 Uhr nachmittags wollte man mich aus der Zelle herausholen, aber meine Tür war verbarrikadiert, und die SS hatte es scheinbar eilig, denn sie gab weitere Bemühungen auf und zog ab." Am 4. April, abends 6 Uhr, brüllte Rapportführer Hofschulte: ,, Die Blockältesten sorgen dafür, daß alle Juden sofort auf dem Appellplatz antreten." Alle Blockältesten befanden sich auf der Schreibstube, wir mußten dann auf die Blocks. Noch dreimal brüllte der Rapportführer: ,, Die Blockältesten bringen sofort die Juden auf den Appellplatz." Wir waren uns darüber im klaren, man wollte unsere jüdischen Kameraden ins Ungewisse evakuieren. Unsere Sabotage gegen die Evakuierungsmaßnahmen der SS setzte ein. Die Juden erschienen nicht auf dem Appellplaß, außer einzelnen, die sich freiwillig meldeten. Vor der Hand war Zeit gewonnen, die alliierten Armeen rückten immer näher. Am 5. April machte die SS Frühappell, um die Juden zusammenzubringen. Viele Hunderte von Juden versteckten sich und wurden versteckt. Man nahm sie auf andere Blocks auf und führte sie als Nichtjuden. Die Kartothek aller noch im Lager befindlichen Juden wurde in der Nacht vernichtet, um die SS zu hindern, die Zahl der Juden feststellen zu können. Die von der SS im Laufe des Vormittags eingefangenen Juden im Lager wurden in eine Werkhalle des DAW- Geländes untergebracht. Der Lagerschutz sperrte ab, dabei organisierte er das Zurückverschwinden ins Lager. Viele jüdische Kameraden bekamen dadurch Gelegenheit, ins Lager zurückzukehren. Durch diese Sabotage konnte die Lagerleitung die vorgesehene Zahl der zu evakuierten 3000 Häftlinge erst am 6. April erreichen, trotzdem die Eisenbahnwagen schon seit dem 4. April am Bahnhof Buchenwald bereitstanden. Diese Sabotageaktion kostete dem Lager ein Menschenleben. Am 5. April wurde vormittags 9 Uhr bei der Jagd nach Häftlingen durch die SS der jüdische Kamerad Kurt Baum aus dem Ruhrgebiet von SS- Scharführer Müller erschossen. Er hatte sich im Keller des Blockes 49 versteckt, wurde dort von der SS gestellt und nach Weigerung, sich evakuieren zu lassen, vor Block 49 umgelegt. Große Empörung im Lager gegen alle SS- Mörder. Unsere bestimmte Kampfentschlossenheit wurde seit dem Abend des 5. April auf erhöhte Alarmstufe gestellt. Folgende 46 politischen Häftlinge sollten am 6. April morgens 9 Uhr am Schild 2 antreten: 39 99 99 Vorname: Name: Wohnort: Arbeitskommando: 1. B. J. Trisoor, Amsterdam 2. Robert, Holland SS- Hygiene- Institut 99 3. Harry Pieck, Den Haag 4. Dr. med. 5. Primator 6. Bruno 7. Richard 8. Heinrich Ciepielowsky, Lemberg Zenkel, Prag Pathologie Apitz, Leipzig 99 Großkopf, Berlin 99 Breuer, Sudetendeutscher 99 9. Kurt Sitte, Tscheche 10. .Schalke, Holland 11. Arthur Gadzinski, Oppeln 12. Ernst Busse, Thüringen Flecktyphus- Station 97 Capo- Krankenbau 13. Otto 14. Viktor 15. Hans Kipp, Dresden Drewnitzki, Berlin Neumeister, 16. Ludwig Wolf, 17. Emil Kallebach, 18. Otto Groß, 19. Robert Siewert, 20. Karl Gertig, Halle 99 21. Paul Wojtkowski, 22. Heinrich Hauptmann, 23. Paul Schilling, Hamburg Essen Pirmasens Frankfurt a. M. Braunschweig Chemnitz Oberschlesien 99 99 Capo, Lagerschreibstube 99 Blockältester 22 Blockältester 42 Capo, Baukommando 1 Kantine D. A. W. Schlosserei Lager- Kontrolleur Lagerschutz 2 Franzosen und 21 andere Kameraden. Diese 46 Mann sollten umgelegt werden, das stand für uns fest. Es wurde beschlossen, den Kameraden das Leben zu retten. Jeder von ihnen bekam die Anweisung, sich zu verbergen und am Schild 2 nicht zu erscheinen. Um 10 Uhr vormittags wurde der Lagerälteste 1, Hans Eiden, zum Lagerführer gerufen. Der 1. Lagerführer Schober fragte, warum die 46 Mann nicht angetreten seien. LA 1 antwortete: ,, Es ist mir nicht bekannt, warum sie nicht angetreten sind." Darauf antwortete Schober: ,, Sie sollen antreten, es passiert ihnen nichts. In Buchenwald wird niemand mehr umgelegt. Befinden sich die Leute noch im Lager?" Darauf antwortete Eiden: ,, Meiner Ansicht nach müssen die Leute noch im Lager sein." ,, Also Suchen" befahl der Lagerführer. Gleich darauf wurde der Capo vom Lagerschutz zum Lagerführer gerufen. Lagerschutz und Blockältester mußten suchen, die 46 Mann sollten bis 2 Uhr nachmittags am Tor sein. Es wurde gesucht, aber keiner gefunden! Wir wollen niemand finden. Es wurde der Lagerführung gemeldet ,, Suchaktion ergebnislos!" 40 KREMATORIUM IM KL BUCHENWALD - Die 46 Kameraden bekamen andere Namen und Nummern, und maskierten sich, um unerkannt zu bleiben. Sie wurden zum Teil ins kleine Lager, zum Teil auf verschiedene Blocks ins große Lager verlegt. Unsere bewährtesten Blockältesten, die schon immer danach strebten, anderer Leben zu retten und sei es unter Einsatz des eigenen nahmen diese in Lebensgefahr schwebenden Kameraden auf ihre Blocks. Keiner sollte etwas erfahren, wer diese Leute waren. Auf meinem Block 44 wurde der Biologie- Student B. J. Trisoor, Amsterdam, als Franzose Leon Brouillard, Nr. 92 322, aufgenom-men. Alle Kameraden wurden trotz der Drohung der Lagerführung versteckt gehalten, bis am 11. April unsere Befreier eintrafen. Am 7. April, vormittags 10 Uhr, wurden alle Blockältesten ans Tor gerufen. Wir marschierten geschlossen dorthin. Lagerführer Schober und Rapportführer Werle kamen zu uns. Der Lagerälteste kommandierte ,, Mützen ab" und meldete ,, alle Blockältesten angetreten!" Schober sagte zu uns: ,, Auf Anordnung des Reichsführers SS wird das ganze Lager evakuiert. Sie fahren von Weimar mit der Eisenbahn nach Dachau. Um 12 Uhr 41 stehen alle Häftlinge am Appellplatz. Da haben Sie wieder mal Schwein gehabt", setzte er hinzu. Wir waren alle anderer Auffassung. - ,, Gehen Sie auf die Blocks, machen Sie es bekannt. Es soll jeder eine Decke, Eẞgeschirr und seine notwendigsten Privatsachen mitnehmen." Wir entfernten uns auf die Blocks, nachdem wir vorher beschlossen, in 30 Minuten auf Block 12 eine Besprechung durchzuführen. Im Block angekommen, teilten wir allen Kameraden dort mit, daß das gesamte Lager evakuiert werden soll. Um 12 Uhr müßten wir alle am Appellplatz antreten. Ein Teil fing sofort an zu packen. Um 10.45 Uhr Besprechung der Blockältesten auf Block 12. In der Aussprache wurde beschlossen, wir lassen uns nicht evakuieren! Wenn wir schon sterben sollen, dann sterben wir in Buchenwald. Jeder ging auf seinen Posten. Ich hatte sofort eine Besprechung mit meinen Vertrauensleuten der Nationen am Block, Russen, Polen, Franzosen. Leute, die marschfertig auf der Straße standen, wurden in die Blocks geschickt. Es kam die Losung heraus ,,, es wird nicht evakuiert". Wir lassen uns nicht evakuieren. Die Stimmung war gut, jeder verstand, Evakuierung bedeutete Tod. Unsere Kameraden von anderen Lagern, die nach Buchenwald evakuiert wurden, haben uns darüber genügend erzählt. Alles war gespannt was wird, wenn wir um 12 Uhr nicht antreten. Wird die SS in das Lager hineinschießen. Was werden wir tun? Sind wir stark genug? Wie weit steht die amerikanische Armee von Buchenwald? Alles berechtigte Fragen der Kameraden. Inzwischen wurde es 12 Uhr. Da brüllte schon Hofschulte durchs Lagermikrophon: ,, Alle Häftlinge sofort auf dem Appellplatz antreten!" Keiner ging aus dem Block, der Appellplatz blieb leer. Die zweite Aufforderung an alle im Lager, die dritte Aufforderung durch die Lautsprecher. Das Lager blieb geschlossen in den Baracken. Nach einigen Minuten:„ Der Lagerälteste sofort ans Tor!" Es war bereits 13 Uhr, da kam der Ruf: ,, Alle Blockältesten sofort am Tor antreten!" Alle Kameraden im Lager vermuteten das Schlimmste. Jeder Block schaute seinem Blockältesten nach. Alles war gespannt, kannte doch jeder die SS- Methoden. Wir Blockältesten sammelten uns wie immer an der Schreibstube. Einzelne Kameraden waren der Ansicht, wir gehen nicht ans Tor. Dem trat der Lagerälteste Hans Eiden entgegen. ,, Wir gehen, der Kommandant will uns etwas mitteilen, wenn wir nicht zurückkehren, dann haben wir Pech gehabt. Dann wissen die Kameraden im Lager, woran sie sind. Wir müssen Zeit gewinnen, die Evakuation hinauszögern. Ohne Tritt marsch.!" Am Appellplatz angekommen, kam der Kommandant mit Schober, Barnewald und noch ein Offizier. Eiden meldete: ,, Blockältesten angetreten." Der Kommandant spricht: ,, Ich habe den Befehl, das Lager sofort zu evakuieren 42 1 nach Dachau und Flossenbürg. Warum wollen sich die Häftlinge nicht evakuieren lassen? Der Blockälteste von 25 berichtete als Erster. ,, Die Häftlinge fürchten sich vor englischen und amerikanischen Tieffliegern, die Eisenbahnzüge und Kolonnen auf den Straßen beschießen." Wir konnten nicht sagen, daß die SS die Häftlinge erschießt, das war noch mit Todesgefahr verbunden. Als zweiter bekräftigte ich die Ausführungen meines Kameraden Kottbauer vom Block 25 und fügte noch hinzu ,,, die verwundeten Häftlinge werden von der SS auf den Landstraßen in ihrem Zustande liegengelassen." ,, Auf den Landstraßen liegen tote Häftlinge", das erzählten die aus anderen Lagern angekommenen Häftlinge im Lager. Das hat sich herumgesprochen, alle Häftlinge fürchten sich vor der Evakuierung und weigern sich, anzutreten. Zweitens, das Lager bekam heute noch kein Mittagbrot, alle sind hungerig und fürchten sich, unterwegs zu verhungern." Darauf schaltete sich der Verwaltungsführer Barnewald ein und sagte, die Häftlinge sollen antreten, dann bekommen sie zu essen. Der Kommandant sagte kurz: ,, Ich gebe Ihnen bis 14 Uhr Zeit. Um 14 Uhr kommen 500 bewaffnete SS- Leute ins Lager und werden die Häftlinge mit Waffengewalt hinaustreiben. Gehen Sie auf die Blocks und sagen Sie es Ihren Leuten in allen Sprachen." Es war 13.30 Uhr und wir gingen auf die Blocks und teilten es mit. Alle Kameraden antworteten einstimmig: einstimmig: ,, Wir lassen uns nicht evakuieren." Ich hielt auf jedem Flügel eine Ansprache in Russisch und Deutsch, es wurde ins Französische übersetzt. ,, Kameraden, überlegt es euch, wenn die SS ins Lager kommt, dann wird sie nicht zu euch sprechen wie ich, sondern dann werden die Waffen sprechen. Ich will mir nicht von euch vorwerfen lassen, daß ich an eurem Tode schuldig bin. Alle Kinder und Kranken auf meinem Block, die am Kampf nicht teilnehmen können, können wählen, sie haben noch 10 Minuten Zeit. Etwa 40 Mann traten aus dem Block, alles andere, es waren über 700 Mann, blieben im Block. Um 14.10 Uhr, etwa 12 Blockführer kamen ins Lager und begannen, Block 49 und 44 mit wildem Schießen zu räumen. Zwei Mann auf Block 49 wurden angeschossen. Alle Häftlinge traten unter den Schlägen der SS vor ihren Blocks an und gingen zum Appellplatz. Es war ein Durcheinander im ganzen Lager. Wir hatten aber Zeit gewonnen. Darauf kam es an. Die amerikanische Armee kam immer näher an Buchenwald heran. Wir sabotierten weiter. Es sollten zum Fußmarsch geeignete Häftlinge antreten. Die Kameraden aus dem kleinen Lager waren krank. Sie wurden von der SS wieder ins Lager zurückgeschickt. Man wollte andere haben, das dauerte wieder einige Stunden. Wir gewannen wieder Zeit. Am 7. April konnten durch unsere Sabotage statt des ganzen Lagers, wie es von der SS vorgesehen, nur 1 43 - 6000 evakuiert werden. Mittlerweile wurde es Abend. Block 44 kehrte bis auf etwa 50 Mann auf den Block zurück. Am 8. April wurde keiner evakuiert, die SS war scheinbar kampfmüde. Es war fast den ganzen Tag Fliegeralarm. Tiefflieger und Jagdbomber waren über dem Lager zu sehen. In der Nacht zum 9. April kamen 2 SS- Aerzte ins Lager und untersuchten Häftlinge auf den einzelnen Blocks auf ihre Transportfähigkeit. Es sollte eine Beruhigung und Täuschung zu, gleicher Zeit sein. Verschiedene Gespräche waren im Lager zu hören: ,, Man will uns liquidieren". Am 9. April mußten 9600 Mann antreten; diese wurden evakuiert. Es gab keinen Ausweg. Wir hatten festgestellt, in und um Buchenwald sind etwa 6000 SSLeute eingetroffen, auf der Westseite standen Geschütze gegen das Lager gerichtet. Alles spähte gegen Westen und Norden, von dort müssen die Amerikaner kommen. Man hörte auch, daß sich im Lager ein Funkapparat befinden sollte, wo zwei polnische Kameraden zu den Amerikanern funkten. Am 10. April bewölkt, die Sonne kam zeitweise zum Vorschein. Rege Fliegertätigkeit, den ganzen Tag Alarm. Die SS war sehr nervös. Der Kommandanturstab packte seine Sachen. Im Krematorium wurden alle Papiere unter Aufsicht der SS verbrannt. Etwa gegen 10 Uhr vormittags wurde von einem amerikanischen Jagdflugzeug ein Benzintank über dem Lager abgeworfen, welcher an der Baracke 5 herunterfiel. SS kam herbeigelaufen, man vermutete Waffenabwurf. Im Lager, unter den Häftlingen, erzählte man von Brotabwurf. Waffenabwurf, alles sammelte sich auf den Lagerstraßen. In dieser Lage evakuierte die SS noch 9280 Häftlinge aus dem Lager. Gegen Abend waren an der Nordseite und Südseite von Buchenwald Feuersbrünste zu sehen. Die Hoffnung bei jedem der 21 000 noch im Lager verbliebenen Kameraden war groß. Der 11. April begann mit einer regen Fliegertätigkeit. Über dem Lager kreisten amerikanische Jagdflugzeuge und Jagdbomber. Um 7 Uhr morgens begann Fliegeralarm und hörte auch nicht mehr auf. Die vorgesehene Evakuierung wurde von der SS nicht mehr vorgenommen. Wir erfuhren, die amerikanische Armee ist in Thüringen zum Großangriff angetreten. Um 11 Uhr vormittags ertönte eine Sirene, die Feindannäherung ankündigte. Durchs Lagermikrophon wurde allen SS- Leuten befohlen, sofort das Lager zu verlassen. Geschützdonner rückte immer näher ans Lager heran. Gewehrund Maschinengewehrfeuer war deutlich auszumachen. Wir beobachteten, wie die SS am Zaune entlang in den östlich des Lagers liegenden Wald flüchtete. 24 Türme waren noch mit je 33 SS- Leuten besetzt. Panzerfäuste und Maschinengewehre standen auf jedem Turm. Nun, um auf alles vorbereitet zu sein, falls die SS das Lager beschießen sollte, wurden um etwa 15 Uhr die Waffen, welche im Lager versteckt waren, 44 hervorgeholt, unter dem großen Jubel aller Häftlinge, die bereits vor dem Block standen. Bestimmte Gruppen wurden damit bewaffnet. Etwa um 15.40 Uhr hörten wir die Geräusche und anrollenden Panzer. Eine Granate landete im Schweinestall, kein Häftling kam zu Schaden, nur ein paar Schweine wurden getötet. Die bewaffneten Gruppen, deutsche, russische, tschechische, französische. jugoslawische und polnische Kameraden durchbrachen den elektrischen Stacheldrahtzaun, stürmten in die SS- Kasernen und erbeuteten weitere Waffen. Zu gleicher Zeit wurde im Turm 1 die weiße Fahne gehiẞt. Durchs Lagermikrophon wurden vom Lagerältesten 1, Hans Eiden, die Worte gesagt: ,, Kameraden, wir sind frei! Die SS- Banditen sind vor unseren Befreiern, der amerikanischen Armee, weggelaufen." Ich übersetze es in meinem Block in russische Sprache und wurde von allen Kameraden stürmisch begrüßt. Im ganzen Lager war ein Jubel. Auf jedem Block wurden weiße Tücher gehiẞt. Man wurde umarmt und geküẞt. Ich selbst, der zehn Jahre auf den Tag der Befreiung wartete, war unsagbar glücklich. Bis abends 10 Uhr hatten unsere bewaffneten Gruppen über 100 SS- Leute gefangengenommen. Sofort wurde das Lager von bewaffneten Häftlingen gesichert, um ein evtl. Zurückkehren der SS mit Waffengewalt zu verhindern. Die Lagerverwaltung wurde von unserem bereits bestehenden Internationalen Komitee übernommen. Unser Lagerleben wurde in größter Ordnung weitergeführt. Wir waren frei und wollten uns dieser Freiheit würdig erweisen. Unsere jahrelang geleistete organisatorische und politische Arbeit im Lager wurde gekrönt durch den Freiheitsappell am 12. April 1945, vormittags 8 Uhr. In Nationen marschierten die Blocks in bester Disziplin auf den Appellplatz. Für jeden Block wurde die betreffende Nationalhymne von unserer Lagerkapelle gespielt. Am Schluß marschierten die internationalen Blocks auf, Sowjetrussen, Franzosen, Spanier, Deutsche, Polen, Jugoslawen, Ungarn, Tschechen und andere. Sie lebten alle jahrelang zusammen. Die Internationale wurde gespielt. In Zehnerreihen marschierten die internationalen Antifaschisten Buchenwalds auf. In vielen Augen sah man Tränen. Vor allem bei denen, die seit zehn und elf und zwölf Jahren das erste Mal die Internationalen wieder hörten. Es war ein erhebendes Gefühl. Kamerad Eiden eröffnete den Freiheitsappell und dankte im Namen aller befreiten Häftlinge unseren Befreiern, der amerikanischen Armee. Dann sprach ein amerikanischer Offizier, stürmisch bejubelt und begrüßt. ,, Die amerikanische Armee kam, um Euch zu befreien. Wir bewundern Euch, wie Ihr es fertiggebracht habt, unter dem Naziterror solche Einigkeit, Ordnung und Kraft zu erhalten. Ihr seid die Besten Europas. Ihr habt 150 SSLeute gefangengenommen. Buchenwald ist für die vorrückende amerikanische 45 Armee ein starker Stützpunkt geworden, mit welchem wir rechnen konnten." Die einzelnen Vertreter des Internationalen Komitees ersuchten den amerikanischen Offizier, die begangenen Grausamkeiten des Nazismus im Konzentrationslager Buchenwald mit Hilfe des internationalen Rundfunks und Presse sofort in die ganze Welt zu schreien, und unseren Frauen, Müttern und Kindern mitzuteilen, daß wir befreit sind und leben. NACH DER BEFREIUNG ERRICHTETEN WIR HÄFTLINGE EIN PROVISORISCHES MAHNMAL FÜR DIE 51000 OPFER VON KL BUCHENWALD HLB