Julius Berger Vorwort Durch die Schilderung des Lebens von Julius Berger will ich ein Beispiel aufzeichnen für die Vielen, die sein Schicksal teilten. Es handelt sich um jüdische Menschen, die, ohne nach außen hin besonders hervorzutreten, ein Leben der Pflichterfüllung führten und ihre Fähigkeiten einsetzten, um dem Lande, in dem sie geboren waren, zu dienen. Manchen von Euch wird sein Name bekannt sein, wenigen Näheres über seinen Tod. Das dritte Reich war in solchen Dingen schweigsam. Seit Jahrzehnten war ich mit Berger bekannt und trat ihm in den letzten Jahren immer näher. Auch in der Leidenszeit von Theresienstadt teilte ich sein Schicksal, wenn auch zu einer späteren Zeit und mit glücklicherem Ausgang. Eine willkommene Bereicherung des Textes bedeuten die Fotos ausgeführter Bauten von besonderer Bedeutung, die mir zu diesem Zwecke vom Archiv der Firma Julius Berger, Tiefbau- A.- G., bereitwillig überlassen wurden. Sie vermitteln ein gutes Bild der großen Leistungen von Berger. Ich danke an dieser Stelle der jetzigen Geschäftsleitung hierfür und freue mich, mitteilen zu können, daß es ihr gelungen ist, das Lebenswerk des Begründers erfolgreich fortzusetzen und in seinem Sinne weiter auszubauen. Temmenhausen, Herbst 1946. Bruno Marcuse. Es war im Jahre 1938. Die Angehörigen, die die Ausreisenden zum Ueberseedampfer begleitet hatten, gingen von Bord. Leise zitternd glitt das Schiff in die Fahrrinne. An der Reeling lehnten die Menschen und winkten den Zurückbleibenden die letzten Abschiedsgrüße zu. Auf dem Pier stand das alte Ehepaar Berger und schaute lange dem entschwindenden Fahrzeug nach, das ihre Kinder und Enkel von dannen trug. Frau Berger vermochte den Strom ihrer Tränen nicht zu hemmen. Wie gern hätte sie die nach Südamerika auswandernde Familie begleitet und willig ihr unsicheres Emigrantenschicksal geteilt. Aber Julius Berger konnte sich nicht entschließen, seine Heimat im Alter zu verlassen. Jude von Geburt, hing er an Deutschland, dem der Inhalt seines Lebenswerkes gegolten hatte. Er glaubte auch nicht so recht an alle die fürchterlichen Pläne gegen die Juden, von denen man raunte. Hatte er doch bis vor geraumer Zeit stets nur Gerechtigkeit und Förderung in sachlicher Arbeit erfahren, und außerhalb seines Berufes war er niemals hervorgetreten. Was konnte ihm und seiner Frau da wohl geschehen? - - Aber die Kinder, das war etwas anderes. Die hatten ihr Leben noch vor sich, deren Zukunft mußte bedacht werden. Lange Besprechungen mit dem Rechtsanwalt Marx in Berlin waren vorangegangen, um die Wege für eine Auswanderung zu ermitteln und die Bedingungen hierfür zu erfahren. Emigranten sind nirgends willkommen, namentlich nicht, wenn sie wie hier ihr Vermögen zurücklassen müssen, und ihr Beruf dem Adoptivland keinen Anreiz zur Aufnahme bieten kann. Man mußte schließlich zufrieden sein, daß sich überhaupt ein Land fand, das solche finanziell entblößten, sowie innerlich und äußerlich ungenügend vorgeschulten Menschen bei sich aufnehmen wollte. An klimatische oder sprachliche Schwierigkeiten durfte man nicht denken. Zehntausende sind so in unbekannte Fernen gezogen, Tausende 9 drüben als Kulturdünger zugrundegegangen. Wer kann in die Zukunft schauen? Hätte Berger dies gekonnt, er hätte für die eigene Person und seine Frau gewiß anders gehandelt. Julius Berger war Bau- Unternehmer und liebte seinen Beruf. Der Drang zum Bauschaffen ist so alt wie die Menschheit selbst, nachdem sie gelernt hatte aufrecht zu gehen und ein Werkzeug in der Hand zu halten. Die Generationen strebten danach, die Baukunst zu entwickeln und so der Erde ein besonderes Gepräge zu geben. Das Bauen liegt dem Menschen im Blut, ist sein instinktives Verlangen und einer seiner vornehmsten Berufe zu allen Zeiten gewesen. Die Erdbewegung im Tiefbau verlangt Planung und Umsicht. Für die Herstellung von Einschnitten, Kanälen und Ausschachtungen ist Boden auszuheben und fortzuschaffen, für Flugplätze, Ausstellungsgelände, Rampen, Straßenzüge ist oft wiederum Boden aufzuschütten und einzuebnen. Neue Brücken oder Staubecken verlangen Sinn für Eingliederung in das Landschaftsbild, Hochbauten erfordern Stilgefühl, Geschmack und müssen zweck dienlich sein. Die Arbeitsmethoden, nach denen sich die Dauer des Baues und sein Preis bestimmt, haben sich ebenso wie die mit der Ausführung betrauten Menschen innerhalb eines Zeitraumes von 70 Jahren grundlegend geändert. Früher waren es meist Männer, die sich zum Schachtmeister oder Maurerpolier heraufgearbeitet hatten, derb zupackende Menschen der Praxis. ohne besondere theoretische Vorbildung. Sie gingen den Arbeiten mit Spaten und Hacke zu Leibe, mißtrauisch gegen maschinelle Förderung, demgemäß auch langsam und teuer in der Ausführung der Bauten. Heute bilden die Unternehmungen fast fabrikmäßige Betriebe, ausgestattet mit einem sinnreichen Park von Transportanlagen und Werkzeugen, und der Betrieb gleicht beinahe einem Uhrwerk. Seine Leitung liegt in den Händen von Spezialisten, Ingenieuren und Maschinenfachleuten. Berger erkannte frühzeitig schon, daß es nötig sei, sich aller modernen Errungenschaften zu bedienen und sicherte sich damit namentlich in Ost- Deutschland einen Vorsprung, der die Entwicklung seines Unternehmens erklärt. Meine Aufgabe bleibt die Schilderung eines langen, arbeitsamen und erfolgreichen Lebens, dessen Werk sinnfällig vor uns steht, dessen Wirken dem Lande zu Nutzen gereichte und dessen schließliche Vernichtung als brutal und ungerecht erscheinen muß. 10 Der Element Kaufman kleine men. W stehend Vorfrühl von Kro bald na 1 Der Knabe Julius ahnte nichts von alledem, als er, der Elementarschule entwachsen, dazu bestimmt wurde, den Kaufmannsberuf zu erlernen, um dann später einmal das kleine väterliche Fuhrgeschäft in Zempelburg zu übernehmen. Wir finden ihn 13jährig- am Ufer der Weichsel stehend, versunken in den Anblick des Eisgangs, wie ihn der Vorfrühling nach einem harten Winter bringt. Ein Gefühl von Kraft und Zuversicht erfüllt ihn, er freut sich, daß er bald nach Berlin reisen soll, um dort seine Lehre anzutreten; - - 11 wie ein Symbol erscheint ihm der Strom, der mächtig und unablässig sich der Ostsee entgegenwälzt: Durch Wolkenfeßen der Himmel blaut, des Eises Scholle am Pfeiler sich staut. Es bersten und krachen des Stromes Decken, wo Brückenträger sich mächtig recken. Wir sehen die Blöcke, die Winterszeiten im Frost geschaffen, stromabwärts gleiten, auf strudelnden Fluten, in frischem Wind dem Meere zu das Geschiebe rinnt. Es hüpfen die Wellen, sie gleiten und schweben bestrahlt von der Sonne ins neue Leben: Dem Jüngling gleich, der bewußt seiner Kraft den Weg in das tätige Leben sich schafft. Ein brausendes Vorspiel ist es für die gewaltige Frühlingssinfonie. Nachdenklich nahm Julius Abschied von der Stätte seiner Kinderjahre und überdachte dabei die Gespräche der verflossenen Woche. Er sah sich abends am Eẞtisch sitzen, die Petroleumlampe blakte ein wenig, und auf dem Kochofen dampfte das Wasser für den Tee. Die Mutter richtete das Abendbrot an, die jüngeren Geschwister lasen ihre Schularbeiten durch oder spielten. Der Vater trat ein, schüttelte den Schnee aus dem Pelz und lehnte die Peitsche in die Ecke. Nebenan im Stall stampften und schnaubten die vom Tagewerk ermüdeten Pferde. ,, Die beiden Bauunternehmer aus Schlesien, die ich heute gefahren habe, schritten den Streckenabschnitt der geplanten Eisenbahnlinie ab", erzählte während des Abendessens der Fuhrmann Berger den Seinigen. Zum Frühjahr soll, wie ich hörte, mit den Erdarbeiten begonnen werden. Dann gibt es wieder für längere Zeit zu schaffen im Kreis- Bezirk. Es soll mir recht sein, denn die Pferde sind für die Landwirtschaft allein nicht ausgenutzt. Sie bekommen im Winter steife Beine im Stall und fressen das auf, was sie in der Erntezeit eingebracht haben." Sein Sohn Julius unterbrach ihn: Vater, wenn die Eisenbahn erst fertig ist, was wird dann aus dem Fuhrgeschäft werden?" Der alte Berger stopfte sich die Pfeife: Ja, mein Sohn, darum wirst Du dich später selbst kümmern müssen, wenn Du das Geschäft einmal übernimmst. Sicher wird uns die Bahn viele Frachten fortnehmen. Ich bin zu alt, um jetzt noch um12 zul ha tig nic ten he Di An Ge all sie zulernen. Erst geh' einmal zum Onkel Harry nach Berlin, halte die Augen auf, bleibe solide und lerne etwas Tüchtiges." Nach einer Pause fragte Julius wieder: Kann ich denn nicht auch einmal Bauunternehmer werden und große Arbeiten übernehmen, so wie die schlesischen Herren, die Du heute gefahren hast?" Der Fuhrmann nahm einige Züge aus der Pfeife: Stelle Dir das nicht so einfach vor, mein Junge! Dazu muß man Angestellte und Arbeiter beschäftigen und über das nötige Geld verfügen. Wenn ich so sehe, was diese Unternehmer allein auf der Reise ausgeben! Ohne Wein zum Essen tun sie es nicht, und von der Speisekarte suchen sie sich die 13 2 besten Sachen aus. Solche Gedanken wirst Du dir aus dem Kopf schlagen müssen." " Was Du sagst, bestärkt mich in meinen Plänen und schreckt mich nicht ab", erwiderte Julius, denn ich esse auch gern gut und reichlich, und Wein schmeckt gewiß besser als Lindenblütentee. Etwas aufbauen können, etwas schaffen, das Bestand hat, an große Dinge herangehen und sie mit Fleiß vollenden, das ist das, wonach ich strebe. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagte neulich erst unser Lehrer."" Vergiß nicht, daß Du der Sohn eines kleinen Fuhrmanns bist", bendete der Vater das Gespräch.„ Die Trauben sind doch zu sauer für Dich." Und so wünschte man sich eine gute Nacht und ging schlafen. Ueber die Lehrzeit von Julius ist wenig zu sagen. Be-' merkenswert ist, daß er in diesen Jahren Dinge kennen lernte, die ihm außerhalb des Berufes Freude machten und von Nutzen sein sollten. Der Onkel erweckte in ihm das Verständnis für gute Musik und brachte ihn in einen Gesangverein, an dessen Uebungen er regelmäßig teilnahm. Auch einer Turnvereinigung trat er bei. Er lernte junge Leute seines Alters kennen, und sie machten gemeinsam Ausflüge in die wald- und wasserreiche Umgebung Berlins. Neue Seiten des Lebens lernte er kennen in Jahren, in denen junge Menschen für die Eindrücke von Natur und Kunst aufnahmefähig werden. Das einfache Landkind erhielt in der, Großstadt eine Fülle von Anregungen, die es vor Einseitigkeit bewahrten, ihm Sicherheit im Auftreten und Selbstvertrauen gaben. Was ist das Leben in Zempelburg dagegen?" So fragte er sich jetzt oft. Morgens geht's an die Arbeit, abends hört sie erst wieder auf. Dann sinkt man müde ins Bett, und so wiederholt es sich jeden neuen Tag. Anregungen kennt man wenig, und die Geselligkeit steht auf keiner hohen Stufe. Er nahm sich vor, seine Berliner Erfahrungen einmal zu aller Nutz und Frommen praktisch zu verwerten, und das ist der Gewinn dieser Jahre gewesen. Als er nach beendeter Lehrzeit nach Zempelburg zurückkehrte, fand er den Ort wenig verändert. Der Vater war gealtert und sein Fuhrgeschäft sehr zurückgegangen. Der Sohn mußte nun tatkräftig eingreifen. Aber gleichzeitig blieb er auch dem Vorsatz treu, den er in Berlin gefaßt hatte. Er gründete einen Turnverein und eine freiwillige Feuerwehr für den Ort, deren Leitung er ungeachtet seiner Jugend über14 n Z ב 1 1 t I, e t r I I I I - 3 nahm. Von Zeit zu Zeit kam der Landrat des Kreises auch nach Zempelburg. Er beschloß, die neue Feuerwehr zu inspizieren und lernte bei der Gelegenheit den jungen Berger kennen. Ihm gefiel dessen Art, die Dinge anzupacken. " Wie geht das Fuhrgeschäft des Vaters?" fragte er beiläufig. Der Vater wird alt, und seitdem die Eisenbahn hier vorbeiführt, bleiben uns nur Fahrten für die Bauern übrig, sodaß wir im Winter brachliegen." 15 !!!! Feuerspritzp wwwww fuhr z untern Au der Fe halb 1 sie m ausbe Julius und e verka junge er, k Jo Dann Julius noch einen Fasch De junge Weid er be die G und b liefer Einba B. jahre saure finger M führli Eleme Fachl Geld Der Landrat überlegte kurz:" Wollt Ihr Splitt für die Kreischausseen fahren, was eine Winterarbeit für Euch werden kann?" Berger bejahte freudig und damit war dem Fuhrgeschäft die so nötige zusätzliche Arbeit gesichert.- Eine zweite Eisenbahnlinie wurde aus strategischen Gründen als notwendig erachtet und in Angriff genommen.„ Beschaffen Sie mir Steine, dann bestelle ich Ihnen deren Ab16 das Raffa man Julius ungu gebo D eben in d e fuhr zur Eisenbahn- Neubaustrecke", sagte einer der Bauunternehmer zu Julius. Auf den Aeckern lagen Findlinge, die für die Bestellung der Felder nur hinderlich waren, und die der Fuhrmann deshalb leicht von den Landwirten erwerben konnte. Er brachte sie mit seinen Gespannen zur Baustrecke, konnte aber die ausbedungene Zahlung nicht erhalten. Kurz entschlossen ging Julius zum Eisenbahn- Bauinspektor, klagte ihm sein Leid, und es gelang ihm, die Steine an die Eisenbahn direkt zu verkaufen. Auch dem Bauinspektor gefiel der zielbewußte junge Mann:„ Ich brauche sofort 3000 Faschinen", bemerkte er, können Sie solche liefern?" " Jawohl, Herr Bauinspektor," war die schnelle Antwort. „ Dann tun Sie das sofort, denn ich bin in Verlegenheit." Julius war etwas vorschnell gewesen. Er wußte bis dahin noch gar nicht einmal, was Faschinen sind. Er bekam also einen roten Kopf und fragte zögernd:" Wie sollen diese Faschinen aussehen?" " 1 Der Inspektor zeigte ihm eine Abbildung. Da fiel dem jungen Mann ein Stein vom Herzen: Ach so, gebündelte Weidenruten!" murmelte er beruhigt. Das Zeug dafür konnte er bei den Bauern schneiden lassen. Auf diese Weise war die Geschäftsverbindung mit der Bahnverwaltung begonnen, und bald übertrug man dem jungen Berger nicht nur die Anlieferung der Baustoffe, sondern übergab ihm auch deren Einbau. So war dem Jüngling der schon seit den Kinderjahren ersehnte Bauunternehmerberuf erschlossen. Die sauren Trauben, von denen der Vater einst gesprochen hatte, fingen an zu reifen. Mit Bedacht habe ich die ersten Schritte ins Baufach ausführlich geschildert, denn so hat ein Mann, der nur die Elementarschule besucht hatte, der durch seine Lehre wenig Fachliches in sich aufnahm und weder Ansehen noch Geld besaß, den Grundstein zu einem Unternehmen gelegt, das einmal Weltgeltung erhalten sollte. Aber ebenso, wie Raffael ein großer Maler geworden wäre, auch wenn er, wie man so sagt, ohne Arme zur Welt gekommen wäre, so mußte Julius Berger einmal ein, Großer im Beruf werden trotz aller ungünstigen Voraussetzungen. Er war zum. Bauunternehmer geboren.- Der gesellige Verein„ Harmonie" in Zempelburg war ebenfalls eine Schöpfung des jungen Berger, der inzwischen in das dritte Jahrzehnt seines Lebens eingetreten war. Dort 17 aufträ niker ter zu vergr bis e Mens Es als B heimk er sic geruc Kaum den A auch ten a Straße Feuer Feuer nichts nichte W storbe Bauge Zemp mit si Bromb Dort städti baute 迪 traf man sich zu Musik, Unterhaltung und Tanz, und bei der Gelegenheit lernte unser Freund die Tochter Flora des Kaufmanns Meyer kennen. Die jungen Leute fanden Gefallen aneinander, und nach einigen Jahren warb Julius um die Hand der Tochter. Meyer hatte Bedenken, sie dem Sohne eines kleinen Fuhrmanns zu geben und sträubte sich lange gegen eine Verbindung der beiden. Die jungen Leute waren aber längst miteinander einig, und da Julius beruflich stetig vorwärts kam, so willigte er zuletzt ein. Das junge Ehepaar zog in eine kleine Wohnung, denn noch hieß es zusammenhalten neue Tiefbauund sparen. Julius Berger bewarb sich um Die a und h Wege Schad Tatsa beitet sinn Kolled für B Di an de mach Käufe gelea Rat w 18 der aufanand nes gen aber VOIzog lten bauaufträge auch von weitergelegenen Baustellen, stellte Techniker zur Beaufsichtigung derselben ein, ließ tüchtige Arbeiter zu Rottenführern und Schachtmeistern aufrücken, kurzum vergrößerte seinen Betrieb. So ging es langsam aufwärts, bis ein Ereignis eintrat, das das ruhige Leben der beiden Menschen jäh unterbrach. Es war zwei Jahre nach der Geburt der ersten Tochter, als Berger nachts müde von der Reise nach Zempelburg heimkam. Um seine Frau nicht im Schlafe zu stören, legte er sich leise hin und schlief ein. Bald aber weckt ihn Brandgeruch und ein Knistern im Gebälk wieder auf. Feuer! Kaum hatte er Zeit, seine Frau zu wecken, das Kind auf den Arm zu nehmen und das Freie zu suchen, da leckten auch schon die Flammen an den Wänden hoch und züngelten an den Möbeln empor. Ein Funkenregen sprühte auf die Straße, Hitze und Qualm wurden unerträglich. Wo blieb die Feuerwehr, seine freiwillige Feuerwehr? Bestand sie ihre Feuerprobe? Gewiß, auch sie kam. Aber zu retten war nichts mehr. In einer einzigen Stunde war das Heim vernichtet. Das junge Ehepaar saß buchstäblich auf der Straße. Was nun? Das alte Ehepaar Berger war inzwischen gestorben, das Fuhrgeschäft ganz zurückgegangen und das Baugeschäft an den kleinen Ort überhaupt nicht gebunden. Zempelburg lag abseits des Verkehrs, was manchen Nachteil mit sich brachte. So verlegte Berger seinen Wohnsitz nach Bromberg, wo sich bald eine passende Wohnung für ihn fand. Dort gab es schon einige Baugeschäfte, die sich in die städtischen Aufträge teilten. Letztere bestanden in Straßenbauten, Kanalisationsanlagen, Pflasterungen und dergleichen. Die ansässigen Firmen betrachteten Berger als Eindringling und hätten ihn gern wieder hinausgebracht. Aber auf dem Wege gegenseitiger Unterbietung hatten schließlich alle nur Schaden, und deshalb fand man sich mit der vollendeten Tatsache ab und ließ den Zugezogenen gelten. Berger arbeitete wie immer gut und zuverlässig, bezeigte Gemeinsinn und erwarb sich bald das Vertrauen der städtischen Kollegien von Bromberg. Man berief ihn in den Ausschuß für Bauten und Grundstücksfragen. Die Stadt brauchte Geld und wollte ein großes Gelände an der Peripherie verkaufen. Das ließ sich im Ganzen nicht machen. Trotz vieler Bemühungen fand sich kein geeigneter Käufer dafür. ,, Herr Berger," sagte der Oberbürgermeister gelegentlich einer Sitzung ,,, Sie sind doch Fachmann, welchen Rat würden Sie uns geben?" 19 Berger überlegte:„So, wie die Sache bisher bearbeitet wurde, kommen Sie nicht weiter. Das Gelände muß autge- schlossen werden, es Straßenzüge durchzuführen und Plätze zu schaffen. Auch muß zugleich mit der Herstellung einiger Häuser begonnen werden. Die Lage des Terrains ist schön, der Wald grenzt daran, und für Einzelgrundstücke oder gar schlüsseltertige Häuser werden sich schon Käufer _ finden. Die Häáuser selbst sollen geschmackvoll und modern und nicht zu groß werden. Sie werden auf diese Art ein neues, bevorzugtes Wohnviertel für Bromberg gewinnen.” Der Gedanke wurde näher besprochen und fand Beifall. Man drang in Berger, die Sache in die Hand zu nehmen. 20 eitet ufgeund lung rains tücke äufer odern Et ein nen.' eifall. men. Er setzte sich mit der Bromberger Bank in Verbindung, erhielt von dieser die notwendigen Kredite, baute nach einem großzügigen Plane die Straßenzüge und Plätze, sorgte für Kanalisierung, Beleuchtung, Pflasterung und errichtete für eigene Rechnung ein Dutzend Häuser für je zwei oder drei Familien. Er zog selbst in eines derselben. Bald fand sein Beispiel Nachahmung. Weitere Neubauten mußten laufend hergestellt werden, um der steigenden Nachfrage genügen zu können. Es gehörte zum guten Ton, in dieser Gegend zu wohnen. So war zum Tiefbau ergänzend der Hochbau getreten und gleichzeitig die Begabung Berger's in Finanzierungsfragen erwiesen. In seinem behaglichen Heim, dem ein Garten nicht fehlte, spielten zwei niedliche Töchter, und eine glückliche Frau waltete darin als Mutter und Gattin. Man sah Freunde und Kollegen bei sich, man begann zu repräsentieren und empfing bei besonderen Anlässen Vertreter der Stadt und der Regierung bei sich. Berger stand jetzt im vierten Jahrzehnt seines Lebens, eine neue Epoche des Erfolges war für ihn angebrochen. 221 Welch eindrucksvolles Bild bietet ein großes Seeschiff, das über die Felder dahinzuschweben scheint, und das in Wahrheit durch Kanäle geleitet wird, deren Wasserlauf von einem Meer zum andern fließt. Eine solche Wasserverbindung ist der Kaiser- Wilhelm- Kanal in Schleswig- Holstein, der von der. Ostsee zur Nordsee führt. Seine Tiefe genügt für die Durchfahrt der größten Kriegsschiffe, seine festen Brücken erlauben die Passage der höchsten Schiffsmasten. Es war ein gewaltiger Bau, vorwiegend ausgeführt durch große Trockenbagger, deren Eimerketten in das auszuhebende Kanalbett hinabhingen. Die ausgehobenen Erdmassen fielen von den Eimern auf große Förderbänder oder gelangten in Kastenkipper, die von Schmalspurlokomotiven auf Baugleisen abgeschleppt wurden. Ununterbrochen, Tag und Nacht arbeitete der Betrieb, bei Dunkelheit erleuchteten elektrische Lichtanlagen die Baustelle taghell. Julius Berger war hier am Werk, und wir finden ihn auf dem Arbeitsplatz, um selbst nach dem Rechten zu sehen. ,, Hier haben Sie eine recht interessante Aufgabe zu lösen," sagte ihm gelegentlich der Streckenbegehung ein Ingenieur, der ihn begleitete. Wie lange werden Sie damit noch zu tun haben?" ,, In acht Monaten muß ich fertig sein, sonst verfalle ich in Verzugsstrafe," war die Antwort. ,, Kommen Sie denn mit den Preisen gut zurecht?" fragte der Ingenieur weiter.„ Keineswegs; ich werde acht Monate lang täglich 500 Mark zulegen," meinte Berger darauf. ,, Denn ich bringe hier ein Baulos zur Beendigung, welches mein Vorgänger halbfertig liegen ließ, nachdem er sein ganzes Vermögen dabei zugesetzt hatte. Die Arbeit ist schwer und ging über seine Kräfte. Mich reizte es jedoch, auf einem für mich gerade hier Erfahrungen neuen Gebiete zu sammeln. Ich trat deshalb für den Berufskollegen in die verlustbringende Arbeit ein und baue die Strecke jetzt zu E ich volls werb eine Lehr G D Reih bau Gele Sein das war den anla es von des trals ung 22 22 as hrem ist Ser chen geenpett Hen enabete chtam lbst en," eur, zu hin agte mate rauf. ches sein ist Loch, euen egen jetzt zu Ende. Mit dem Gedanken, hier Geld zuzusetzen, habe ich mich abgefunden, zumal ich gleichzeitig einen guten und vollständigen Gerätepark für solche Unterwasserarbeiten erwerben konnte und mir ein Personal heranziehe, das für einen neuen Zweig meines Unternehmens geeignet ist. Ohne Lehrgeld geht es nun einmal nicht im Leben." Großzügig war Julius Berger, wie wir sehen. Die Erfahrung sollte ihm später recht geben. Eine ganze Reihe von Stromregulierungsarbeiten, Hafen- und Kanalbauten waren in der Folge auszuführen und gaben Berger Gelegenheit, seinen ersten Verlust wieder auszugleichen. Sein Arbeitsgebiet beschränkte sich längst nicht mehr auf das östliche und nördliche Deutschland. Sein Unternehmen war inzwischen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden und baute bereits Eisenbahnstrecken und Tunnelanlagen im Rheinland und in Süddeutschland. So ergab es sich von selbst, daß er den Sitz seiner Gesellschaft von Bromberg nach Berlin verlegte, nach dem Brennpunkt des deutschen Verkehrs, an dem sich auch die meisten Zentralstellen der Reichs- und Staatsbehörden befanden. Nur ungern gab die Familie ihr schönes Heim in Bromberg auf, 23 23 in dem sie glückliche Jahre verlebt hatte. Berger stand im fünften Jahrzehnt seines Lebens, als er im Westen Berlins Büro und Wohnung nahm. Um diese Zeit feierte er das Fest des fünfundzwanzig- jährigen Bestehens als Bauunternehmer. Er hatte die Genug- tuung, hierbei festzustellen, welcher Beliebtheit er sich s0- wohl in den Kreisen der Berufsgenossen als auch bei den Behörden erfreute. Das Jubiläum gab Anlaß zu verschiedenen großen Stiftungen, von denen die Errichtung einer Pensions- kasse und eines Erholungsheimes für Angestellie und Ar- beiter hier erwähnt seien. Nach der Feier fuhr das Ehepaar für einige Wochen auf Ferien in die Schweiz. Man quartierte sich in einem Berghotel ein, das hoch über den blauen Alpenseen eine hinreißende Aussicht auf die Berge der ewigen Schneeregion mit ihren Gletschern bot. Die untergehende Sonne vergoldete die Zacken und Spitzen des Hochgebirges und stimmte die Menschen zu andächtiger Sammlung. Unter dem Berghotel lag ein kleines Alpendorf, und während das Ehepaar auf den Weg hinunterblickte, bewegte sich die Straße hinauf im KAbendfrieden unter dem Geläut der Kirchenglocken ein Leichenzug. Chorknaben mit Kerzen in den Händen schritten 24 D= raus: m ms g- g- 50en en 15Aren em ne on ete die tel auf im ein ten voran, der Geistliche und die Dorfbewohner folgten dem Sarge. Inmitten dieser gewaltigen Natur entstand so in aller Herzen ein ergreifendes Memento mori"- Gedenke des Todes." " Am andern Tage wanderten italienische Bauarbeiter, die in deutschen Betrieben während der Bausaison gearbeitet hatten, in ihre Heimat zurück. Diese anspruchslosen und fleißigen Leute hatten einen großen Teil ihres Lohnes sparen können und freuten sich nun auf eine sorglose Zeit im Kreise ihrer Familie. Befriedigt sah Berger auf die Wanderer. Wieviel menschliches Glück kann doch durch ein großes Unternehmen denen gespendet werden, die darin tätig sind. Es mahnte ihn das Bild des Todes gleicherweise wie das Bild des Lebens: Carpe diem", Nütze den Tag". " So kehrten Bergers Gedanken wieder zu seiner Arbeit und zu neuen Bauplänen zurück. Er faßte den Entschluß, sich an einer öffentlichen Ausschreibung zu beteiligen, die von der Schweiz zur Verbesserung der internationalen Bahnverbindungen damals beschlossen war. Die Eisenbahnlinie, welche Basel mit Olten verbindet, führt über den Hauenstein, der in halber Berghöhe einen Tunnel besaß, zu dem die Züge in großen Schlangenlinien und Steigungen hinauffuhren, um auf der anderen Seite mit erheblichem Gefälle wieder zur Ebene zurückzugelangen. Man beschloß, an Stelle dieses Tunnels einen Tunnel durch die Sohle des Berges zu treiben, wodurch man die Fahrtdauer der Züge um etwa eine halbe Stunde abkürzen konnte. Dementsprechend wurde der Bau eines Basistunnels acht Kilometer Länge und für zweigleisigen Betrieb ausgeschrieben. Um diese interessante Arbeit béwarben sich die größten Baufirmen Europas und reichten ihre Angebote ein. Die Julius Berger A.-G. war mit einer Forderung von 16 Millionen Franken am billigsten, und ihr Chef fuhr persönlich zur Generaldirektion, um den Auftrag für seine Firma hereinzuholen. 11 von ,, Es ist richtig", sagte ihm der Präsident, der ihn selbst empfing, daß Sie mit Ihrer Forderung etwa 20 Prozent billiger sind, als Ihre Konkurrenz, auch ist mir Ihre Firma für derartige Arbeiten gut empfohlen worden. Aber trotzdem kann ich Ihnen den Zuschlag nicht erteilen, weil ich die einheimische Bauindustrie nicht übergehen darf." ,, Wollen Sie aus diesem Grunde den Mehrpreis, den die 25 25 Konkurrenz fordert, und der etwa 3 Millionen Franken be- tragen wird, auf sich nehmen?“ fragte Berger zurück. „Das nicht”, erwiderte der Präsident,„ich werde eine zweite Ausschreibung wegen des Tunnels erlassen und dann dem billigsten den Zuschlag in jedem Falle erteilen.” Nach Berlin zurückgekehrt, berief Berger seine führenden Ingenieure zu einer Besprechung: „Die große Preisdifferenz, die zwischen der Kalkulation der Konkurrenz und derjenigen unserer Firma liegt, zeigt mir, daß wir mit unserer Forderung offenbar zu billig waren. Es war ein Glück für uns, daß die Arbeit nicht vergeben wurde.” j „Und doch müssen wir alles aufbieten, um uns das Ge- schäft in der zweiten Ausschreibung zu sichern,“ meinte der Prokurist. Solche gewaltigen technischen Aufgaben müssen “die Spezialfirmen der ganzen Welt locken, und wer sie meistert, schafft sich Weltruf.”: „Rechnen Sie alles sorgfältig noch einmal durch”, ent- schied Berger,„nehmen Sie in Aussicht, den Tunnel mit Kunststeinen auszumauern statt mit Granit, entwerfen Sie ferner ein eigenes Kraftwerk mit Antrieb durch Dieselmotoren, denn es wird besser sein, den Strom selbst zu erzeugen, als ihn fertig zu beziehen.” Das Ergebnis der angeordneten. Berechnungen war eine Forderung von 18 Millionen Franken, welche der General- direktion zugestellt wurde. i 26. Tu I t e 1, S e Wiederum war die Berger A.-G. die billigste, wiederum fuhr ihr Chef zur Eisenbahnverwaltung und wurde von deren Präsidenten persönlich empfangen. И Warum fordern Sie diesmal zwei Millionen Franken mehr als im ersten Termin?" fragte der Präsident. Die können wir Ihnen nicht bewilligen." Berger schilderte ihm ausführlich die inzwischen vorgenommenen Nachprüfungen und erhielt schließlich den Auftrag auf den Tunnelbau für 17 Millionen Franken. Alle Zeitungen widmeten der Sache große Artikel, man betonte den Erfolg und feierte ihn als Sieg der deutschen Wirtschaft. Man betonte aber auch das Risiko, das ein solcher Auftrag in sich schloß und erkannte den Mut des Unternehmers an, der die Verantwortung für das Gelingen trug. ,, Ich esse gern gut und reichlich", hatte einst der 13jährige Knabe Julius seinem Vater gesagt. Damals kannte er die Frage noch nicht: Willst Du lieber gut essen oder gut schlafen?" - п Mit dem guten Schlafen war es nun vorbei. Widrige Zwischenfälle mußten gemeistert, alle sich bietenden Chancen . 27 27 mußten ausgenutzt werden. Es gab harte Jahre, erfüllt mit Sorgen und schwerer Arbeit. Oft riefen Telegramme der Bauleitung Berger selbst zur Baustelle, um wichtige Ent- scheidungen zu treffen. Hier folgen einige seiner vom Tun- nelbau aus an seine Frau gerichteten Briefe: 12. Mai. Das Arbeitsresultat deckt sich bis jetzt mit meinen Erwartungen. Wir sind von jeder Seite des Berges aus etwa 500 Meter tief in das Massiv vorgestoßen, Das Gestein er- wies sich als hart und fest, die Kraftanlage arbeitet einwand- frei. Wir haben eine genügende Anzahl von Arbeitern, die in zwei Barackensiedlungen gut untergebracht sind. 15. Juni. Auf der Südseite hat sich innerhalb des Ber9g- massivs ein Sumptgebiet ergeben. Wir werden hierdurch mit der Weiterarbeit auf einige Zeit stark behindert werden. 28. Juli. Quellen im Innern des Berges erhöhen die Schwie- rigkeiten.‘Die Wasserhaltung kann den Anforderungen nicht immer genügen. Lohndifferenzen mit den Arbeitern drohen, sich zu einem Streik auszuwachsen, und schließlich fehlt es nicht an Versuchen böswilliger Menschen, unsere Arbeit zu sabotieren. 28 t ב d- Hie g- mit iecht en, es zu Tatsächlich fand man Drähte der elektrischen Leitungen durchschnitten und verwirrt. Es gab Kurzschluß, und das Suchen nach den Fehlerquellen raubte kostbare Zeit. Schließlich gelang es durch Inanspruchnahme früherer Kriminalpolizisten, einige entlassene Arbeiter als Übeltäter zu ertappen. Sie hatten sich auf Grund ihrer genauen Lokalkenntnisse einzuschleichen gewußt. Eine ganz besondere Schwierigkeit wurde dadurch geschaffen, daß der Weltkrieg im Jahre 1914 unerwartet ausbrach. In seiner Folge mußten eine große Anzahl Angestellter und Arbeiter zum Heere einrücken, und das Ersatzpersonal war weder quantitativ noch qualitativ auf der Höhe, man war gezwungen, bei der Einstellung weniger wählerisch vorzugehen. In diesen kritischen Zeiten bedurfte es einer so starken Persönlichkeit, wie Berger sie war, um die Ruhe zu bewahren. In unermüdlicher Arbeit ging er seinen Leuten auch in schwierigen Stunden mit gutem Beispiel voran, und sein Vorbild riẞ die anderen mit sich fort, so daß sie ihr Bestes hergaben. Je näher der Endtermin für die Arbeiten heranrückte, um so mehr stieg die Spannung. Es wurde schon erwähnt, daß das Arbeitsprogramm die gleichzeitige Anbohrung des Berges von beiden Tunnelenden aus vorsah. 29 29 30 30 Würden die Messungen für die große Strecke von acht Kilometern auch so genau ausfallen, daß sich die Arbeiter im Mittelpunkt des Berges treffen und nicht aneinander vorbeigehen? Eine kleine Abweichung von etwa einem halben Zentimeter je Meter Strecke würde bedeuten, daß die Linienführung um 20 Meter im Zentrum des Berges abirrt, und daraus folgen dann ganz erhebliche Zeitverluste und kostspielige Nacharbeiten. Übrigens lehnte auch die Bahnverwaltung jedes Gesuch ab, den Bautermin mit Rücksicht auf die verschiedenen Zwischenfälle zu verlängern. Doch wer wagt, gewinnt, und jede Befürchtung erwies sich zuletzt als unberechtigt. Im Jahre 1915 kam der große Tag, der den Die InDurchschlag im Mittelpunkt des Tunnels brachte. genieure und Arbeiter der Nord- und Südkolonne fielen sich bei der Begegnung in die Arme und konnten unter Jubel feststellen, daß die Abweichung von der Fluchtlinie nur wenige Zentimeter betrug, so daß nennenswerte Nacharbeiten nicht nötig waren. Die im Jahre 1911 begonnene Arbeit war um 1½ Jahre früher beendet, als vertraglich vorgesehen war. Eine hohe Zeitprämie für die schnellere Fertigstellung der Arbeit damit war verdient. Ein Festmahl, das Berger gab, vereinigte Vertreter der Schweizer Regierung und der Deutschen Gesandtschaft, die leitenden Beamten der beiderseitigen Eisenbahnverwaltungen, prominente Fachleute und die ausführenden Ingenieure zu einer frohen Feier. Jedem Gesicht sah man die Freude an über das gelungene Werk, die Freude, von der schon Schiller sagt: ,, Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt." Die Nachricht von dem glücklichen Verlauf des Tunnelbaus durchlief den Erdball. Mit einem Schlage hatte Berger sich Weltruf erworben. Er stand jetzt auf der Höhe des Lebens, dessen sechstes Jahrzehnt er erreicht hatte. machte ihn zum Vorsitzenden seiner Berufsgruppe und bedachte ihn mit Titeln und Orden. Man Als der Weltkrieg vorüber war, nahm er als einer der ersten die Verbindungen mit dem Auslande wieder auf und erhielt Bauaufträge aus aller Welt. Unsere Bilder zeigen besser als Worte die Großartigkeit und auch die Vielseitigkeit des. Arbeitsgebiets von Julius Berger. Seine universelle Begabung als Bauunternehmer, Finanzmann und sogar als Diplomat kam so recht zur Geltung, als ihn das osmanische Reich zur Erbauung von fast 500 Kilometer Bahnstrecke heranzog. Objekt ca. 80 Millionen Goldmark. A u U TT "1- 9, 0- Weitere Aufträge für Mittel- und Südamerika, Nord- afrika und den Balkan beschäftigten ein Heer von Technikern und Angestellten unter seiner Leitung. Und wieder stand Julius Berger am Ufer eines Flusses und überdachte sein Leben. Nicht der Zukunft, der Ver- gangenheit waren seine Gedanken gewidmet. Er war mit 31 der Gattin, den Töchtern und Schwiegersöhnen nach Ägypten gefahren und feierte dort das Fest des 70. Geburtstages. In südlicher Sonne brennenden Gluten Da wälzen sich nordwärts des Niles Fluten. Aus Äthiopiens Gebirgen quellen Die saaterzeugenden fruchtbaren Wellen. Entrissen der Wüste sind grünende Fluren, Vorbei geht der Strom an uralten Kulturen, An Pyramiden und Sphinxen und Säulen, Wo Geier krächzen, Schakale heulen. Es waten am Ufer langbeinige Vögel, Der Wüstenwind bläst in lateinische Segel, Und in der Ferne langsam sich bahnen Den Weg die Kamele der Karawanen, Bis daß verrinnet an Afrikas Strande Der Fluß in des Deltas unendlichem Sande. Weit draußen erst mischet sich langsam und schwer Die schlammige Flut mit dem tiefblauen Meer. Vielleicht ist das ein Symbol meines eigenen verrinnenden Lebens, dachte Berger. Er besichtigte schließlich die Brückenbauarbeiten am Nildelta, die unter der Leitung eines seiner Schwiegersöhne standen, und war zufrieden. Vor ihm stand das Bild des Tunnels im fernen Alpenlande, und ihn beglückte das Bewußtsein, daß die Spuren fruchtbarer Tätigkeit sich noch lange über das eigene Dasein hinaus verfolgen lassen. 36 36 er Zi jü URV2 " b I Bergers Altersjahre waren da, aber noch immer behielt er die Leitung des Unternehmens in Händen, neuen großen Zielen zusteuernd, die Aufgaben des Tages mehr und mehr jüngeren Kräften überlassend. Da kam das Dritte Reich und brachte für Deutschland eine Umwertung aller Werte. Man verkündete das Dogma des Rassenunterschiedes. Die deutsche Herrenklasse hatte ihr Vorrecht geltend zu machen, minderwertige Rassen waren zu bekämpfen und auszumerzen. Die sachliche Leistung des ,, artfremden" Einzelwesens blieb demgegenüber ganz unbeachtlich. So lesen wir z. B. in der ,, Stuttgarter Zeitung" ( 1. Jahrgang, Nr. 2):- .. In den Jahren vor 1939 erfuhr die Atomforschung eine gewaltige Förderung durch drei Forscher, die auf Grund der Nürnberger Rassegesetze Deutschland verlassen mußten. Es handelt sich um Prof. Otto Hahn*), Professor( in) Lise Meitner und Doktor Otto Frisch." Deutschland verzichtete bewußt auf die Forscherarbeit von Mitgliedern der jüdischen Rasse. Seine Regierung war überzeugt davon, daß arische Wissenschaftler dank ihrer Herkunft dieser Aufgaben besser lösen. Bestätigt wird diese These durch die Aussage von Albert Speer, ehemals deutscher Reichsminister für Bewaffnung und Munition, der vor dem Gerichtshof in Nürnberg im Juni 1946 aussagte, daß Deutschland von der praktischen Verwirklichung der Atomzertrümmerung noch ein bis zwei Jahre entfernt gewesen. sei, weil die besten Kräfte schon vor dem Kriege nach Amerika emigriert sind, so daß wir dadurch stark zurückfielen."( Die Neue Zeitung, München, zweiter Jahrgang Nr. 50). " 1 Das Dogma war neuartig und erlangte Gesetzeskraft. Man schuf den Arierparagraphen. Man schuf die Nürnberger Gesetze. Damit war jede Opposition nicht nur unterbunden, sondern sogar strafbar geworden. ,, Deutschland erwache! Juda verrecke!" Eins bedingt das andere. Aber in den Olympischen Spielen, die 1936 in Berlin statt*) Nach späteren Mitteilungen soll Professor Otto Hahn Deutschland nicht für längere Zeit verlassen haben. 37 fanden, kämpften noch nichtarische Sportler für Deutschland, und die-Siegerinnen im Damentechten wurden sogar öffentlich geehrt. Da wird doch eine Grenze zu finden sein, das kann schließlich nicht s0 schlimm werden für Menschen, die jahr- zehntelang erfolgreich mitgearbeitet hatten in der deutschen Wirtschaft, sagte sich Berger. Doch das Verhängnis war nicht mehr aufzuhalten. Berger wurde gezwungen, alle seine Stellungen niederzulegen; er mußte— gleich den anderen Juden— hohe Geldbußen zahlen wegen eines Attentates auf den deutschen Legations- rat v. Rath in Paris, den er nie gesehen hatte, und von dessen Existenz er nichts wußte. Wie wir schon gesehen haben, wanderten die Kinder aus, während die Eltern in Deutschland zurückblieben. Hier nahm man den greisen Leuten die Wohnung, die Möbel, den Rest ihres Vermögens und gab ihnen dafür—— das Anrecht aut einen Platz im Altersheim des Ghettos von Theresienstadt. Vor der Festnahme und dem Abtransport erhielt unser Freund noch einen unerwarteten Besuch: Sein Nachfolger im Vorstand der Aktiengesellschaft sprach bei ihm vor. Ihn drückte eine besondere Sorge: „Die Regierung hat ein Verbot herausgegeben, wonach keine deutsche Firma mehr den Namen eines Juden führen darf! Wir müssen also eine Namensänderung eintreten lassen. Andererseits sind wir unter dem Namen Julius Berger weltbekannt und haben auch an unsere Auslandsbeziehungen zu denken. Letztere könnten leiden, wenn wir. 2 „Sie brauchen nicht nach Worten zu suchen“, fiel Berger ein,„wenn schon die Leistungen der Juden nicht ungeschehen zu machen sind, will man ihre Spuren wenigstens verwischen. Ich habe kein Interesse an dieser Sache, gebe Ihnen aber den Rat: Lassen Sie die Firmenbezeichnung bestehen, s0 wie sie ist.“ „Das darf ich. nicht tun.“ „Und wenn ich Ihnen den Weg dazu weise?“, meinte Berger. „Da wäre ich doch sehr begierig!“ Berger ging an seinen Schreibtisch und holte ein Papier heraus. Der neue Direktor las: „Eintragung eines Geburtsfalles in Zempelburg: Dem Fuhrmann Berger und seiner Ehefrau wurde ein Sohn ge- boren, welcher den Namen Juda Berger erhielt.” „Dann wären Sie also...?”| 38 Cu: ,, Juda Berger." ,, Und Julius Berger?" ,, Den gibt es nicht." Der Direktor atmete erleichtert auf:„ Es gibt keinen Julius Berger." Damit war die Firmenbezeichnung gerettet. Schade, daß die alten griechischen Sophisten diese Meisterleistung ihrer nationalsozialistischen Nachfahren nicht mehr erlebt haben. Julius Berger lächelte: Er hatte sein eigenes Nichtvorhandensein im Sinne des Dritten Reiches urkundlich nachgewiesen. Man schaffte die beiden alten Leute im Sammeltransport nach Bauschowitz in Böhmen. Dort lud man die Häftlinge aus und ließ sie den 5 Kilometer weiten Weg nach Theresienstadt zu Fuß zurücklegen. Niedergedrückt von allem seelischen Leid und körperlich völlig erschöpft langten sie im Konzentrationslager an. Frau Berger war schon in Berlin so matt geworden, daß sie kaum zu gehen vermochte. Ihr Mann straffte sich mit seiner letzten Kraft. Ein langer Antrittsappell wurde befohlen, der stehend angehört werden mußte. Strafandrohungen aller Art wurden verlesen, bei Fluchtversuch Erschießung angedroht. Wer sich nicht in allem fügt, kommt ins Lager nach Polen. Dort habt Ihr es nicht so gut wie hier", hörte man. Körperliche Untersuchungen, die entwürdigend namentlich für Frauen waren, folgten. Nach dieser Einführung ging's in die Quartiere. Die Ehegatten wurden getrennt. Man schlief in der ersten Zeit auf dem Steinfußboden, auf dem Strohsäcke lagen. Da die Kälte durchdrang, setzten sich die alten Leute nach einigen Stunden lieber auf Holzschemel. Später gab es Stockbetten in zwei bezw. drei Lagen übereinander. Das war das Altersheim, dessen Leistung der Einzahlungssumme keineswegs entsprach. Die Ausnutzung der Räume war ungeheuerlich. Die Stadt, für 4000 bis 5000 Einwohner gebaut, wurde nun mit der zehnfachen Anzahl Insassen belegt. Die angewiesenen Schlafräume waren lange dunkle Säle in alten Kasernen, in denen sich das schrecklichste Ungeziefer heimisch gemacht hatte und förmlich auf neue Opfer lauerte. Die Schlafgenossen waren leidende Greise oder Kriegsinvaliden, die nachts hilflos stöhnten. Viele konnten vor Hunger nicht einschlafen oder vor Sorgen um das Schicksal ihrer fernen Angehörigen, die teils ausgewandert, teils nach unbekannten Lagern verschleppt worden waren. Wir lernen ja so viel in der Schule oder an der Hochschule, 39 aber das Leben in solchen Lagen zu meistern, das lernen wir nicht. Viele jüdische Menschen verloren hier die Erinnerung an die einstige gute Kinderstube, den selbstverSo wie ihre ständlichen Takt, den menschlichen Anstand. Kleider verschleißen, Haare und Bart ungepflegt bleiben, so vernachlässigen sie auch ihr Inneres. Sie lassen sich gehen, sie verkommen. Wie eine tückische Krankheit steckt das an. Die Jugend, die Jahr für Jahr ohne jeglichen Unterricht blieb, nimmt das schlechte Beispiel an. Wie Gift träufelt es in die geöffneten Kinderseelen. Leid kann läutern, aber Leid kann auch zu Neid und Haß führen, da wo Hemmungen fehlen. Hunger und Haft machen dumpf und stumpf, schaffen rücksichtslose Egoisten, weil ja auch den Gepeinigten Rücksicht nicht widerfährt. Das Leben wird zum bloßen Vegetieren, und wie bei gefangenen Tieren wird die Stunde der Fütterung der Höhepunkt des Daseins, um den alle Gedanken kreisen. Ehe ihr mit Fingern auf solche Unglücklichen weist, bedenkt, welche teuflischen Ursachen alles verschuldet haben. Auch hier bewahrheitet sich das Schillerwort:„ Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären". Schwer sind körperliche Entbehrungen zu ertragen, schwer drückt den Menschen die seelische Not, aber wie unendlich schwerer wird unser Dasein, wenn beides sich vereint, um unser Unglück zu vollenden. Gottlob, es gibt auch stille und gute Naturen, die unangefochten durch solche Hölle gehen, die eigenes Leid vergessend andere aufrichten und trösten, ihnen helfen und fest in ihrer Nächstenliebe bleiben: Die wirken, wohin sie das Schicksal auch stellt Noch im letzten Winkel der wirbelnden Welt. Das sind die ragenden Pfeiler, die tragen Die Brücke der Menschheit zu besseren Tagen, Und wenn sie nicht wären, wir müßten verzagen. Der Neuling macht diese trostreiche Entdeckung erst später unter der Oberfläche jenes lauten Trieblebens des Alltags, denn das Gute bleibt sanft und leise. So lange es Bübereien im Leben geben wird, unter denen Menschen zugrunde gehen, so lange ist alles daran zu setzen, die Abwehrkräfte des Einzelnen soweit zu stärken, daß er zu überwinden vermag. Vertiefung des religiösen Sinnes, philosophische Gelassenheit, Gleichmut gegenüber den Schwankungen des Lebensschiffleins sind solche Abwehrkräfte. 40 Berger erhob sich frühzeitig von seinem Lager, denn e 0 1, 1. , כ e ם. 1. <- mt ㅁ, g m. = t, er ch er ch m n- id nd 介 介 rst les es zuThrlen che des enn B. Wanzen und Flöhe gaben keine Ruhe. Er suchte seine Frau auf, die ihn mit leeren Blicken ansah. Frau Flora hatte eine ganz neue, aber keineswegs bessere Welt kennen gelernt, der sie hilflos gegenüberstand. Alles erschien ihr ohne Hoffnung, so unerträglich. Das laute Benehmen der Menschen, die mit Gott, der Welt und untereinander haderten, stieß sie ab. Ihre Schwäche hinderte sie aufzustehen, und so ging 41 ihr Mann, um ihr den Kaffee in einem Blechnapf zu bringen. Aber auch dieser Liebesdienst konnte ihre Stimmung nicht ändern. Das Getränk teilte mit dem Kaffee, den sie bisher trank, nur die Farbe. Berger riet ihr, die Ambulanz aufzusuchen. Ferner erinnerte er sich einer Bekannten, die man ein Vierteljahr zuvor nach Theresienstadt geschafft hatte und ging zu ihr, damit sie seiner Frau etwas Gesellschaft leiste. Doch er zögerte, dieser gegenüber sein Anliegen vorzubringen: „ Können drei Monate Haft einen Menschen so verändern?" Blaẞ, mit welker Haut, ein schlotterndes Gewand um den abgezehrten Körper, saß ein Wesen vor ihm, das er zunächst gar nicht wiedererkannte. Ich habe hier in drei Monaten um fünfzig Pfund abgenommen, ich habe mich wohl sehr verändert?", fragte sie mit schwacher Stimme, und es wurde Berger schwer, diese Frage zu verneinen. Er konnte sich nicht entschließen, seiner Frau einen so traurigen Gast zuzuführen. Er begleitete sie statt dessen zur Sprechstunde in die Ambulanz. " I Was soll ich mit Ihnen machen, Frau Berger?", sagte der Arzt nach erfolgter Untersuchung. Ein akutes Leiden etwa an Herz oder Lunge liegt nicht vor, eine reichlichere Kost verordnen darf ich nicht. Bleiben Sie viel im Bett, nehmen Sie diese Pillen und kommen Sie in vierzehn Tagen wieder." Damit waren Berger's entlassen. Sie hielten ein Dutzend Vitaminpillen in der Hand. Die Mittagsstunde nahte. Berger gab man am Küchenschalter die Suppen in den Blechnapf, je 5-6 Kartoffeln in das Säckchen und etwas Senftunke. Er beobachtete, daß viele die Mittagssuppe ablehnten und anderen überließen, die bittend neben dem Schalter darauf warteten. Solchen sogenannten Extraktsuppen fehlten fette oder feste Bestandteile, und es nimmt kein Wunder, daß Frau Flora den Napf fortschob und auch von den Kartoffeln nur einige Stück als gut befand. Dann schlief sie vor Erschöpfung ein. Es war nur noch die Abendsuppe zu erwarten, die für gewöhnlich durch Zusatz von Graupen oder Kartoffeln sättigender gemacht wurde. Aber es ging dem Manne an diesem Tage doch auf, daß er seine Lebensgefährtin bald verlieren würde; die von ihm stets auf Händen getragene Frau war nicht mehr zu retten. Er irrte umher ohne Ziel und ohne Gedanken. Da traf er auf der Straße einen Berliner Bekannten, den Gymnasial42 ITB. professor Julius Schneider, dessen einziger Sohn im ersten Weltkriege gefallen war.. ,, Als wir abgeholt werden sollten, nahmen meine Frau und ich Veronal", erzählte er. Sie starb daran, ich wurde gerettet. Warum hat man mich nicht auch ruhig einschlafen lassen?" Die Tränen traten ihm in die Augen; er wandte 43 sich ab. Vor Schwäche falle ich jetzt oft auf der Straße hin, und mitleidige Passanten müssen mich wieder aufheben." Er war ein gütiger Pädagoge, beliebt bei seinen Schülern und ist im Jahre 1942 an Entkräftung in Theresienstadt gestorben. - Bald danach wurde Berger mit dem Rechtsanwalt Beutler bekannt, der gleichfalls aus Berlin abtransportiert worden war. Berger stutzte: So sieht ein früherer Rechtsanwalt aus?" Blaẞ, hohlwangig, unrasiert, in abgeschabtem Rock, mit ausgefransten Hosen, aber ein sanftes Lächeln in milden Zügen. Er war ein sonderbarer Mensch, so wie ihn Heinrich Seidel in Leberecht Hühnchen schildert, Coué war sein Vorbild; es ging ihm bis zu seinem traurigen Ende täglich besser". ,, Wie reichen Sie mit dem Brot, das für drei Tage bestimmt ist?", fragte Berger den Anwalt. ,, Ich habe es nach meiner Gewohnheit schon in anderthalb Tagen verzehrt", erwiderte Beutler. Bestrichen mit Margarine und bestreut mit Zucker war es ein rechter Genuß für mich." .Mensch, was machen Sie denn die übrigen anderthalb Tage?", fragte Berger weiter. ,, Ich lege mich ins Bett und versuche zu schlafen", war die bescheidene Antwort. Beutler war Junggeselle, seine Liebe gehörte der Musik, und er verabschiedete sich, um ins Kaffeehaus zu gehen. Dort konnte man einen Pianisten spielen hören. Und außerdem: Auch Kaffee füllt den Magen. Andern Tages lief Berger dem Rechtsanwalt Marx fast in die Arme, demselben, der ihn bei der Auswanderung seiner Kinder beraten hatte. Sie hier, Herr Rechtsanwalt", rief er erstaunt aus ,,, Sie haben Hunderten von Klienten zur Ausreise über das große Wasser verholfen und sitzen selbst in Theresienstadt auf dem Trockenen?"„ Ja leider", antwortete kleinlaut der Gefragte, ich hatte damit so unendlich viel zu tun, daß mir zum Schluß nicht mehr die Zeit blieb, meine eigene Auswanderung zu betreiben..." ,, Ich traf übrigens schon mehrere Bekannte aus Berlin hier", bemerkte Berger, und es sind gute Leute dabei." ,, Das will ich meinen", erwiderte Marx, den höchsten Rang der hier anwesenden früheren Offiziere bekleidete Feldmarschall- Leutnant Friedländer als Oberbefehlshaber einer österreichischen Armee gegen Italien im ersten Weltkrieg. Auch sonst ist das österreichische Militär bis zum General, das deutsche bis zum Hauptmann der Landwehr vertreten. 44 P S A H N t I S Professoren, Aerzte, Richter, Anwälte, Künstler, Industrielle und Ingenieure sind keine Seltenheit, und bald jeder zehnte Mann führt den Doktortitel. Übrigens hat man auch den in Sportkreisen in der ganzen Welt bekannten Rennstallbesitzer Arthur von Weinberg hierhergeschafft; auch er ist inzwischen zugrunde gegangen."( Später gehörten zu den Lagerinsassen bekannte ausländische Persönlichkeiten, wie der französische Minister Maier und ein holländischer General der Polizeitruppen.) Sie werden gut daran tun, jedes weibliche Wesen mit Gnädige Frau" anzureden, auch wenn sie den Fußboden scheuert oder den Abort säubert. Ich kenne eine Dame, die das tut und früher Regimentskommandeuse in einer österreichischen Garnisonsstadt war." " " 1 Marx fuhr fort:„ Natürlich sind auch Juden aus allen anderen Berufen hier, Kaufleute, Viehhändler, Gutsbesitzer, Handwerker und Arbeiter, sogar einen jüdischen Henker haben wir hier. Letzterer ist einer der wenigen, die ihr früheres Amt beibehalten konnten." Berger, den dies alles interessierte und im Augenblick ablenkte, wurde nachdenklich. ,, Da scheint es der Henker wirklich noch am besten getroffen zu haben."" Scheinbar ja", meinte der Rechtsanwalt, ,, er bekommt sogar für jede Hinrichtung eine besondere Vergütung und eine Flasche Schnaps ausgehändigt. Aber die Sache sieht etwas anders aus, wenn man weiß, daß er neulich erst zur Hinrichtung seines eigenen Neffen gezwungen worden ist." Berger zuckte zusammen:„ Um Gotteswillen, wofür wurde der arme Kerl denn aufgehängt?" ,, Nun, er hatte einen Brief geschrieben, der nicht durch die Zensur gegangen war. Das ist hier totwürdiges Verbrechen." Man wechselte das Thema. Welch ein Gegensatz zwischen den vielen unterernährten Menschen und den glänzend gepflegten Tieren! Sehen Sie nur diese schönen Pferde, die kräftigen Rinder an und bedenken Sie, daß auch Federvieh und Schafe aufs beste gedeihen. Obst und Gemüse wird gezogen, aber für die Juden ist nichts davon bestimmt. Es kommt alles der SS. zugute. Übrigens würde auch der Verpflegungssatz, der für die KZ.- Insassen ausgeworfen ist, das gar nicht gestatten." In den folgenden Tagen fand Berger den Zustand seiner Frau unverändert, doch hatte er die Genugtuung zu sehen, daß sich ihre Zimmergenossinnen um sie bekümmerten. Die 45 46 46 freundliche Zimmerälteste brachte ihr zum Frühstück geröstetes Brot, eine andere Nachbarin stellte auf dem eisernen Ofen Bratkartoffeln her und gab sie ihr zum Abend. Doch die Tränen standen der Armen ständig in den Augen, und sie sprach nur wenig. In den Straßen herrschte reges Leben, und ständig wurde gearbeitet. Die Männer sorgten für Pflasterung, Licht und Wasseranlagen, trugen Kohlen, fuhren Abfälle und Müll fort, waren als Gärtner tätig, während die Frauen die Zimmer, Gänge und Höfe säuberten, wuschen und in den Arbeitsstuben tätig waren, wo man Wäsche und Kleidung instand hielt. Viele waren auch in der Kriegsindustrie beschäftigt. Militärmäntel und Uniformen kamen aus der Sammelstelle München zur Wiederinstandsetzung nach Theresienstadt. Für die Flugzeugherstellung waren Tausende von Frauen in der Glimmerspalterei Tag und Nacht beschäftigt. Es war ein anstrengender Dienst. Man durfte von der Arbeit kaum aufsehen, und die Kontrollen für die Leistung des Einzelnen waren streng. Jede Kleinigkeit wurde durch Strafmaßnahmen aller Art geahndet. Da der Ort etwa 50 000 Juden beherbergte, so bedurfte er auch eines Verwaltungsapparates. An dessen Spitze stand der Judenälteste und der Judenrat, die dem SS.- Lagerkommandanten als höchster Instanz über Tod und Leben untergeordnet waren. Es war nicht ganz ungefährlich, Judenältester zu sein oder dem Rat anzugehören. Die meisten von ihnen kamen nach einiger Zeit in auswärtige Lager sogenannte Vernichtungslager fort, wo sie verschollen sind. Vor solchen Verschickungen war niemand sicher, und lähmende Angst kam über den Ort, wenn es hieß, daß 5000 oder 10 000 Menschen zum Abtransport mit unbekanntem Ziel binnen wenigen Tagen angesetzt seien. Dann wurde vor dem höchsten Alter und vor bettlägerigen Kranken nicht Halt gemacht, Familienbande wurden rücksichtslos getrennt, und der Jammer war oft herzzerreißend. - Ein Ehepaar aus Breslau hatte eine 16jährige Tochter, ein liebenswürdiges, junges Mädchen, ihr einziges Kind. Der Vater war Warenhausbesitzer. Die Tochter wurde den Eltern entrissen und nach Polen verschleppt. Nie wieder hörten die Angehörigen voneinander. Dasselbe Schicksal erlitt ein Berliner Ehepaar, dessen l7jäáhriger einziger Sohn von den Eltern fort nach Auschwiß geschaîft wurde. Nicht vereinzelt ist auch folgender Fall: Eine Berliner Germanistin, Professor(in) Agathe Lasch, wurde zum Abtrans- port angesetzt, ihre beiden Schwestern sollten in Theresien- stadt verbleiben. Die Geschwister wollten sich im Leben und Tod nicht trennen und deshalb baten sie die SS.-Kom- mandantur alle drei, zum Abtransport angeseßt zu werden. Man gewährte diesen Wunsch, und sie sind verschollen. Berger fiel es auf, wie viel Augenleidende und Blinde mit und ohne Führer über die Straßen gingen. Er bat einen Ärzt um nähere Auskunft hierüber, und dieser erklärte ihm: „Augenleiden sind hier sehr verbreitet, und es werden täglich Hunderte behandelt, die an Entzündung der Augen erkrankt sind. Bedenken Sie auch die zahlreichen Kriegs- blinden, die man hierher geschafft hat, und vergessen Sie nicht, daß viele, bevor man sie verhaftete, Selbstmordver- suche durch Gift unternommen haben, in deren Folge CES Erblindung entstehen kann.” Es war wieder einmal um die Mittagstunde, und man ging zum Essenfassen". An den Schaltern herrschte Lärm und Gedränge. Es kam öfters vor, daß man sich um die Plätze zankte. Ich stand vor Ihnen", sagte eine Frau zur andern. Diese bestritt es, und jede verlangte den Vortritt. Berger meinte spottend zu seinem Begleiter: Wie Kriemhilde und Brunhilde vor der Kathedrale von Worms." Jede Kartoffelportion wurde einzeln vorgewogen. Trotzdem gab es auch hierüber erregte Auseinandersetzungen; dem einen schienen sie zu wenig zu sein, dem andern zu schlecht. Wundert Sie das alles?", meinte der Arzt zu Berger. .Die Menschen sind hier völlig überreizt, und solche Auftritte gehören zu den Alltäglichkeiten." An der Tafel las man den Speisezettel: Suppe 0,3 Liter Szegediner Gulasch 120 Gramm Kartoffeln 250 Gramm „ Dieses Gulasch", meinte Berger ,,, enthält doch überhaupt kein Fleisch, nur Knorpel, Haut und Sehnen, aber es ist erstklassig zubereitet. Wie bringen die Köche das zustande?" - „ Es sind alles Tschechen in der Küche", erwiderte der Arzt. „ Die verstehen zu kochen und wissen selbst aus dem geringsten Ding noch schmackhafte Speisen herzustellen. Ich muß selbst oft darüber staunen."„ Aber sehen Sie doch einmal diese zierliche alte Dame an, die dort drüben steht", fuhr er fort. Sie ist eine der klügsten Frauen, die ich jemals kennengelernt habe. Als sie hierhergebracht werden sollte, sprang sie, um der Festnahme zu entgehen, in Prag in die Moldau, aus der man sie besinnungslos herauszog. Ihre vielseitigen Interessen und ihr Wunsch, die ganze Welt kennenzulernen, brachten sie in Verbindung mit der Presse. " 49 1944 Sie schrieb viel als Berichterstatterin für namhafte europäische Zeitungen über das, was sie in Afrika, Asien und Amerika gesehen und erlebt hatte. Sie behauptete stets, daß es für einen Zeitungsmenschen keine verschlossene Tür gibt. Sie speiste mit Henry Ford in Detroit, und acht Tage später saẞ sie in der Familie eines Indianerhäuptlings, wie sie noch in den Siedlungen des Territoriums zu finden sind." Berger hörte aufmerksam diesen Bericht an, der ihm wiederum bestätigte, wie außerordentlich verschieden die Interessen und die Geistesrichtung der Häftlinge sind. Es gibt keinen besseren Stoff zum Nachdenken. als das menschliche Schicksal. Wie erschütternd ist auch der Lebensgang eines jungen Tschechen, der 1916 in russische Gefangenschaft geriet und nach langer Wanderung in einem Offiziersgefangenenlager des östlichen Sibiriens untergebracht wurde. Ein Fluß trennte ihn von der chinesischen Grenzé. Er entfloh durch einen selbstgegrabenen unterirdischen Gang ans Ufer, schwamm stromab, erreichte ein einsames Haus, wurde dort bewirtet und verraten. Aufseher führten ihn ins Lager zurück. entfloh zum zweiten Mal, wurde diesmal nicht entdeckt und gelangte über die westliche Halbkugel der Erde nach Europa zurück. Prag ist sein Ziel, er küßt den heimatlichen Boden, als er dem Zuge entsteigt. - Er Inzwischen war die österreichische Monarchie zerfallen, und die Tschechen sahen in ihm den deutsch- österreichischen Offizier: Warum stießen Sie in Sibirien nicht zur tschechischen Legion?" " Mein dem Kaiser geleisteter Eid band mich." Der Empfang war denkbar frostig. Er ging nach Österreich, unter dessen Fahnen er gekämpft hatte. Hitler besetzte Österreich und Dort starb er Hungers. schickte ihn nach Theresienstadt. Die Russen sahen den feindlichen Soldaten in ihm, die Böhmen den Deutschen, die Deutschen den Juden. Es gab eine Zeit, da suchte man im Menschen den Menschen. Ob sie wohl wiederkommen wird? „ Der Dank des Vaterlandes ist Euch gewiß". So hatte man es den Soldaten des ersten Weltkrieges feierlich versprochen. Wie wurde dieses Wort in Theresienstadt eingelöst? Hunger und Elend hatten die Frontsoldaten von Anfang an mit den übrigen Häftlingen zu teilen. Als aber der Krieg 50 Sol Avo kun wur dor ner an Ein find hei hal sich sta wa Die sie wa ged nur Ort bre Flu gel sud der Jud ihr rec nu Ord Ern und sch To ges sto sch D 1 |= DEN oN 1d el ite jen ng zen nd 015, die jab ges jen- ang rieg 1944 seinem Ende entgegenging, wurden die ehemaligen Soldaten zur SS.-Lagerleitung bestelli, um dort über ihre Avancementsverhältnisse und militärische Ausbildung Aus- kunft zu geben. Die ehemaligen Offiziere und Unteroffiziere wurden in Vernichtungslager verschickt und verschwanden dort für alle Zeiten. Warum? Glaubte man, sie seien Geg- ner des Dritten Reiches und könnten als solche noch einmal an feindlichen Aktionen gegen Deutschland teilnehmen? Ein anderer Grund zu ihrer Beseitigung wäre schwer zu finden. Jedenfalls verdient diese Tatsache der Vergessen- heit entrissen zu werden. Eine ähnliche Mentalität spricht auch aus folgendem Ver- halten der SS.: Unter den eingelieterten Häftlingen befanden sich holländische Soldaten, die in dem fünftägigen Wider- stand ihres Landes gegen Deutschland verwundet worden Waren und ihre gesunden Gliedmaßen eingebüßt hatten. Diese Invaliden wurden geschlagen und verhöhnt, obwohl sie nur ihrer Pflicht gegen das eigene Land nachgekommen Waren.: Ich bin mit dieser Schilderung bis in die neuere Zeit vor- gedrungen, die Berger selbst nicht mehr erlebt hat. Ich kehre nunmehr zu ihm zurück und gebe eine kurze Schilderung des Ortes seines Martyriums:: Diese Festungsstadt— einen Kilometer lang, 0,8 Kilometer breit, liegt in einer angenehmen Hügellandschaftt, nahe den Flußläufen von Elbe und Eger, zu denen man aber nicht gelangen konnte, weil ein Verlassen des Ghettos Fluchtver- such bedeutete. Sämtliche Insassen dieser Stadt waren Ju- den, abgesehen vom Bewachungspersonal, das von den Juden gegrüßt werden mußte.- Abends‘hatten sich alle in ihren Quartieren zu befinden. Unter dem Befehl der SS, regelte tschecthische Gendarmerie den Verkehr und Ord- nungsdienst. Trotz der gesunden Lage des Ortes brachte die außer- ordentliche Übervölkerung und die falsche, ganz einseitige Ernährungsart Krankheiten wie z. B. Tuberkulose, Typhus und Enderitis(eine Art von Ruhr) mit sich. Es kam ver- schiedentlich zu Epidemieen und dann stieg die Zahl der Toten auf 150—200 täglich. Die Leichen wurden in die Gänge geschafft, wo sie zunächst liegen blieben, s0 daß man darüber stolperte. Es war nicht möglich, sie schnell genug fortzu- schaffen. Andererseits war Theresienstadt der Ort vollkommener 91 Gegensätze. Es waren Konzerte, Aufführungen und Vorträge erlaubt, es gab sogar Kabaretts. Der Sohn eines weltbekannten Operettenkomponisten, dessen Lieder jeder kennt, leitete ein solches. Wie die übrigen Künstler sah er blaẞ und müde aus; man merkte ihm an, wie er sich zwang, elastisch zu erscheinen. Es wirkte erschütternd, wenn seine abgezehrte Gestalt über die Bühne ging und dabei den feschen Liebhaber markieren mußte. Als ein Lied von der Heimat und den fernen Lieben erklang, kamen vielen die Tränen. Würde man die Seinen jemals wiedersehen? Wir alle kennen die Schilderungen aus den französischen Gefängnissen zur Zeit der großen Revolution. Die eingekerkerten Personen, meist Aristokraten, warteten auf ihre Aburteilung, die sie zur Guillotine zu bringen pflegte. Bis dahin hatten sie die Möglichkeit, eine gewisse Geselligkeit auszuüben, die sogar zu Tanzveranstaltungen führte, und machten Gebrauch davon. Nach den in Theresienstadt gemachten Erfahrungen erscheint das nicht einmal sehr verwunderlich. Das Bedürfnis, auf diese Weise etwas Haltung zu gewinnen, wenigstens aus dem Kerker der Gedanken für kurze Zeit entfliehen zu können, ist in kultivierten Naturen vorhanden. Jedoch solche Unterhaltungsabende sind anders geartet als unter freien Menschen. Man merkt die Absicht sich zu betäuben, und die Fesseln der traurigen Gegenwart sind nie ganz abzustreifen. Das Elend, welches aus jedermanns Erscheinung und Antlitz spricht, gibt dem Ganzen eine niederdrückende, etwas bizarre Note. Mittelalterliche Maler haben solche Kontrastwirkungen gut beobachtet und in Bildern wie dem Totentanz auszudrücken gewußt. Es sei hier eingefügt, daß es in Theresienstadt weder Radio noch Zeitungen gegeben hat. Aber Unter den Juden lebten eine Anzahl von Dichtern und Malern, die verschiedene Motive dargestellt haben. wehe denen, die es wagten, Not und Sorge wiederzugeben. Die SS. kontrollierte scharf, und wurde etwa ein Skizzenblatt aufgefunden, das geeignet sein konnte, Mitleid mit den Gefangenen zu erwecken, so kam der Urheber auf die kleine Festung, ein Vorwerk von Theresienstadt. Von dort kehrte kaum einer lebend wieder zurück. Die Insassen dieses Vernichtungslagers wurden zu härtester Arbeit gezwungen, mißhandelt und umgebracht. 52 52 Jährlich 10 000 Leichen schaffte man von dieser kleinen Festung nach Theresienstadt ins Krematorium und verbrannte sie dort. Das Verbrechen der also grausam Heimgesuchten bestand u. a. darin, daß man Geld bei ihnen fand, oder daß sie sich einer Durchstecherei mit Lebensmitteln schuldig gemacht hatten oder mit Zigaretten Handel trieben. Alles dies war strengstens verboten. In Theresienstadt konnte man feststellen, daß die Juden auf einen gemeinschaftlichen Nenner unmöglich zu bringen sind, denn sie fallen nach Erziehung, Bildung, Beruf, Nationalität und Charaktereigenschaften ganz auseinander. Das beweist schon ihr Äußeres. In der Mehrzahl der Fälle waren die deutschen Juden den deutschen Christen, die böhmischen Juden den böhmischen Christen und die ostslavischen Juden den ostslavischen Christen gleich oder ähnlich. Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß der jüdische Gelehrte dem arischen Gelehrten viel näher steht als dem jüdischen Schlächter und dieser wieder dem arischen SchlächEs ist schade, ter näher als dem jüdischen Geistlichen. daß die nationalsozialistischen Rasseforscher diese einzigartige Gelegenheit, jüdische Typen wirklich kennenzulernen, nicht ausgenutzt haben. Aber man hat keinen von ihnen dort gesehen. Sobald das Ghetto befreit worden war, trug jeder die Farben seines Landes. Dorthin fühlte er sich zugehörig, denn auch die Religion einte nicht genügend. Es gibt orthodoxe, freidenkende, zionistische und getaufte Juden neben solchen, die Atheisten sind. Im Gegensatz etwa zur katholischen Kirche fehlt ihnen jede zentrale Führung in Religionsfragen. Überkommene Gebräuche sind dem einen heilig und erscheinen dem anderen unnötig, die Bibel und die Schriften sind dem einen vertraut, dem anderen fast unbekannt. So blieb als alleiniges Band, das alle einte, die gemeinschaftliche Mausefalle, in die Hitler sie zusammensperrte. Dies war auch für Berger die Lehre von Theresienstadt. Frau Berger war inzwischen so hinfällig geworden, daß ihre Aufnahme in das Krankenhaus erfolgen mußte. Dort arbeiteten tüchtige Ärzte und pflichtvolle Schwestern. An den hinfälligen Kranken wurde das Menschenmögliche vollbracht, und mancher fast hoffnungslose Fall konnte geheilt oder gebessert werden. Doch die Widerstandskraft der meisten war zu gering geworden, der Körper hatte keine Reserven mehr, und so löschte bei ihnen das Leben aus wie ein schwaches Lichtlein! Kaum daß man aus einer Entfernung von weniger 54 als Fra kost er a der zers nen blie von aus und räch fold die Pri A R Le) aß ort en ht, Je” yal IT, 1es ge! als einem Meter einen Seufzer‘hörte. Und s0o starb auch Frau Berger. Julius Berger hatte den Becher nun bis zur Neige ausge- kostet, das Leben war ihm nur noch eine Last. Bald folgte er der Gattin. Die Asche der beiden wurde— vermischt mit der Asche von vielen Tausend anderen— in alle Winde zerstreuiï. Wie sollten auch Männer Pietät gegen Tote Kken- nen, die kein Gefühl für Lebende besitzen?— Nur 5 Prozent der Juden sind in Deutschland übrigge- blieben, was praktisch einer Ausrottung gleichkommt. Die von Hitler dadurch erhoffte goldene Zeit für das Reich blieb aus. Statt dessen hat er die Juden zu Märtyrern gemacht und den Rut Deutschlands untergraben,„denn alle Schuld rächt sich aut Erden“. Möge der Untat die Erkenntnis und dieser die Einkehr folgen. Dann kann aus der Asche der gepeinigten Juden die Saat aufgehen für eine bessere Welt. Schon hören wir die Rufe: Nie wieder! Wird das deutsche Volk dessen eingedenk bleiben?— DO Der Leser findet Fatos von Wasserbauarbeiten am Nordostseekanal. auf Seite 23 Schweizerischen Tunnelarbeiten Schweizerischen Brückenarbeiten. Türkischen Bahnbauten Berliner Untergrundbahnbauten Arbeiten am Wasserkraftwerk Königsberg O/ Pr. Arbeiten an der Staustufe Untertürkheim in Württemberg 56 27 u. 29 26 u. 28 " I " 1 34 u. 35 " I 31-33 " I " I 36 24 " Fotos: Berger- Archiv Zeichnungen: Hermann Barthelmess