-2Univ- Bibl Glassen 2700 7.724 Die Enthüllungen über die Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern halten die Welt und vor allem uns Deutsche in Atem. Ein fürchterliches Crescendo! Buchenwald unfaẞbar, Belsen noch furchtbarer, aber beide verblassen gegen Auschwitz und die polnischen Vernichtungslager. Keiner blieb dort im Durchschnitt länger als drei Monate am Leben. Manche lebten nicht eine Woche, nicht zwei Tage! Zehntausend unschuldiger Menschen sind dort hingemordet, zu Tode geprügelt, in Gaskammern erstickt, in Verbrennungsöfen verbrannt, Kinder lebend ins Feuer geworfen!( In allen diesen Lagern lebten starben Kinder! Kinder!!) - - Auf einer Tafel am Dachauer Krematorium ist zu lesen: ,, In diesem Ofen wurden von 1933 bis 1945 238756 Menschen verbrannt!" Der Leiter des Konzentrationslagers Auschwitz Rudolf Hoess gab bei der Vernehmung im Nürnberger Prozeß an, daß er im Auftrage Himmlers insgesamt 3 Millionen Menschen ums Leben gebracht habe!! Es gibt schlechterdings nichts an Grausamkeit, Sadismus, Perversität, Teufeleien, das nicht in diesen Lägern a desSystems an den unglücklichen Opfern ausgeübt worden wäre: Im Schnee nackt stehen lassen, oder tagelang nackt in glühendem Sonnenbrand, zu Tode peitschen, von Hunden zerreißen(in Auschwitz durch Lagerleiterinnen — Frauen!), mit kaltem Wasser übergießen und zu Eis erstarren lassen(Mauthausen), zu Versuchszwecken mit Giften aller Art infizieren. In Dachau gab es eine„Wissenschaftliche Versuchs- anstalt“, wo die Häftlinge mit Malaria- und Typhusbazillen infiziert wurden, wo man ihnen zu Forschungszwecken Phosphorwunden beibrachte. Um die Methoden zur Wie- .dererwärmung bei abgestürzten Fliegern zu studieren, wurden die Häftlinge in Auschwitz stundenlang in Bot- tiche mit Eiswasser gesetzt oder bei eiskaltem Wetter 9-14 Stunden völlig nackt und regungslos im Freien fest- gebunden. Wenn die Opfer dann genügend„eingekühlt“ waren, wurden sie wie ein Klumpen Eis herausgehoben und nach einer weiteren Stunde, die im Experiment als „Transportzeit“ bezeichnet wird, in ein heißes Bad von 30-500 Celsius gelegt. Eine andere Wiedererwärmungs- methode war die Anwendung„tierischer Wärme“. Diese Wärme mußten weibliche Lagerinsassen spenden. Ein jüdisches Mädchen aus Deutschland, das in Auschwitz unbegreiflicher Weise am Leben blieb, sagte am Mikrophon: Nie würde sie so etwas haben glauben können, wenn sie es nicht selbst aus nächster Nähe Tag für Tag gesehen hätte. In der Tat: Niemand würde es für glaubwürdig hal- ten, was da in Form von eidlichen Aussagen, Abbildun- gen, Zahlen, Augenzeugenberichten, an unbestreitbaren Tatsachen zu uns dringt: so schauerlich, zu ungeheuer- lich, so menschenunmöglich erscheint das alles. 4- Und alles in einem Umpfang, einer Häufung, die allein schon Entsetzen erregt, und die nicht in Jahrhunderten, ja in Jahrtausenden, nicht im finstersten Mittelalter, nicht in den Greueln einer orientalischen Despotie ihresgleichen findet. Man bedenke: Aus Deutschland allein ist die gesamte Judenschaft, über zweihundertfünfzigtausend Menschen, deportiert und ausgerottet worden. Nur das jämmerliche Häufchen der Mischehen- Juden ist geblieben und einige wenige, die sich haben retten können. An die Millionen geht die Zahl der umgebrachten Polen, meist polnische Juden. 6 Millionen Juden sind in Europa auf Befehl Hitlers hingemordet worden! Aber fast jedes europäische Volk hat seine Opfer bringen müssen, hat seine Toten, Verhungerten, Nie- mehr- ganz- Lebensfähigen unter den Märtyrern der Läger. Es gab darin Russen, Franzosen, Belgier, Holländer, Jugoslaven, Dänen, Norweger eine wahrhaft internationale Bruderschaft der Gefolterten. An jedem Volk Europas sind in diesen Lägern Verbrechen begangen worden, nicht zuletzt am deutschen Volke selber. Das Ungeheuerliche dieser Verbrechen wird aber erst voll, wenn man bedenkt, an wem diese Verbrechen verübt wurden. In der Propaganda wurden die Opfer dem deutschen Volk in allen Farben als Untermenschen hingestellt. Wer waren diese Untermenschen? Was hatten sie begangen? Einer von ihnen war der Pfarrer Niemöller. Er hatte nichts anderes getan als was ihm seine Pflicht vor Gott als Prediger des Evangeliums Jesu Christi auferlegte. Andere waren der Dichter Ernst Wiechert, der französische Ministerpräsident Léon Blum, der Schriftsteller Ossietzky, - - 5- I 5 t 1 R - n er n er n n te pott 0- e y, der Schauspieler Langhoff. Hunderttausende waren darin aus keinem anderen Grund, als weil sie Juden waren. Viele hatten kein anderes Verbrechen begangen, als daß sie ihrem überfallenen und gemarterten Vaterlande die Treue hielten, daß sie sich nicht dem Unrecht beugten, ihr Gewissen nicht vergewaltigten, ihre Augen vor Vorbrechen nicht verschließen wollten. Viele waren darin, weil sie Juden versteckt hielten oder den Judenterror nicht billigten, andere weil sie mit Gefangenen freundschaftliche Beziehungen unterhalten hatten. Ungezählte wußten überhaupt nicht, weshalb sie ins Konzentrationslager gekommen waren und wissen es bis heute noch nicht. Es war nicht eine bestimmte Gesinnung, Weltanschauung, politische Überzeugung, die in diesen Lägern vorhanden war und getroffen werden sollte: Jeder, der dem System unbequem war, mochte sein Bekenntnis sein, wie es wollte, wenn in irgendeiner Form seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus offenkundig war, ja oft, wenn er nur verdächtig schien, mußte damit rechnen, in einem dieser Läger zu verschwinden. Alles war in ihnen vertreten: Katholiken und Freidenker, Juden und Christen, Kommunisten und Deutschnationale, Internationalisten und Völkische, Marxisten und Bibelforscher, Pfarrer und Gelehrte, Intellekltuele und Arbeiter, einfache Soldaten und Generäle, Ministerpräsidenten und einfache Funktionäre, Dichter und Künstler, Schauspieler, Schriftsteller. Männer und Frauen untadeliger Gesinnung waren darunter: große Forscher, hervorragende Gelehrte, aufrechte Politiker, unbeugsame Schriftsteller, tapfere Pfarrer. In Dachau allein waren über tausend Pfarrer! Was aber das Grauenhafte noch unfaẞbarer macht: Alle diese Verbrechen geschahen nicht in irgendeiner Aufwallung des Hasses, sondern gleichsam geschäftsmäßig - - 6- mit kalter Routine, mit demselben organisatorischen Geschick, mit dem man sonst ein nützliches Gewerbe betreibt, gleichsam mit wissenschaftlicher Gründlichkeit. Planmäßig wurden die wirksamsten Vernichtungswerkzeuge ausprobiert, vervollkommnet. Wettbewerbe für Verbrennungsöfen wurden ausgeschrieben. Mit deutscher Gründlichkeit wurden die Anzüge, Schuhe, Kleidungsstücke sortiert und verwertet. Alle Opfer gingen nackt in den Tod. Mit barbarischer Exaktheit wurden den Opfern gleich nach der Vergasung die Goldzähne ausgebrochen und waggonweise im Depot der Reichsbank auf das Konto der SS deponiert. Wie es dabei zuging, beschreibt einer der Augenzeugen im Belsener Prozeß. Nachdem die Opfer im Kipplastwagen vor dem Krematorium ausgeleert und mit Stockhieben und Püffen in zwei niedrige Gaskammern hineingetrieben worden waren, wurden nach Minuten des Heulens und Schreiens, des Kämpfens und Hämmerns von Fäusten gegen die Wand, die Türen geöffnet. ,, Dann", so schreibt der rumänische Arzt Dr. Bendel, ,, begann eine wahre Hölle. Von der SS mit Stockschlägen angetrieben, bemüht sich das Sonderkommando schnell wie möglich zu arbeiten. Barbiere und Zahnärzte stürzten sich auf die noch warmen, mit Blut und Exkrementen besudelten Leichen, schnitten ihnen die Haare ab und zogen ihnen die Zähne. Die anderen schleppten die Leichen an den Knöcheln in die Gräben. Menschen, die früher ein menschliches Gesicht hatten, waren kaum noch wiederzuerkennen. Während das geschah, erschoẞ die SS eine Menge anderer Leute vor den Gräben, die nicht mehr in die Öfen hineingegangen waren. Nach eineinhalb Stunden war alles vorbei und ein neuer Transport kam und wurde liquidiert." A Wohl am erschütterndsten kommt dieses geschäftsmäßige und völlig gefühllose Morden zum Ausdruck in d m - -7der eidesstattlichen Aussage eines deutschen Augenzeugen im Nürnberger Prozeß über die Vernichtung der ukrainischen Juden im Juli 1942. In dem Bericht heißt es: ,, 1500 Juden wurden täglich umgebracht. Die Opfer wurden nach Verlassen der Lastwagen von SS- Leuten gezwungen, sich zu entkleiden und ihre Kleider an genau bezeichneten Stellen niederzulegen. Die SS- Leute trugen Reitpeitschen oder Hundepeitschen bei sich. Die Kleidungsstücke mußten nach Oberkleidung, Unterkleidern und Schuhen geordnet werden. Die Leute entkleideten sich ohne Wehklage. Sie standen in Familiengruppen umher, scherzten sogar miteinander, verabschiedeten sich und warteten auf das Signal eines anderen SS- Mannes, der bei einer dreißig Meter langen und drei Meter tiefen Grube stand, in die sich die Opfer selbst hineinlegen mußten. Während der Viertelstunde, die nun verging, hörte ich keine Bitte um Gnade." Der Zeuge fährt dann fort: ,, In der Leichengrube lagen die Opfer eng zusammengepfercht. Bei fast allen konnte man das Blut vom Kopf über die Schultern hinunterrinnen sehen. Einige bewegten sich noch und erhoben die Arme, zum Zeichen, daß sie noch am Leben waren. Ein SS- Mann saß am Ende des Massengrabes, ließ seine Beine in die Grube baumeln, spielte mit einer Schnellfeuerwaffe und rauchte sorglos eine Zigarette(!). Nackte Menschen stiegen in die Grube; andere kletterten über die Köpfe derer, die schon unten lagen und begaben sich zu den ihnen von der SS angewiesenen Plätzen." Unauslöschliche Bilder, die nicht wieder aus dem Gedächtnis schwinden- ein Abgrund für das menschliche Gemüt: Bilder des Grauens, der menschlichen Erniedrigung und abgründigen Verrohung, aber auch der Bewunderung, des grenzenlosen Mitgefühls für diese - - 8- - tapferen Opfer: Der zigarettenrauchende SS- Mann, der seine Beine in den Totengraben baumeln läßt, gedankenlos mit der Maschinenpistole spielt, um von Zeit zu Zeit geschäftsmäßig den sich willig in das Massengrab legenden Juden Männer, Frauen, Greise, Kinder bis zu Säuglingen, auch Kranke, Gelähmte, die getragen und ausgezogen werden mußten- den Genickschuß zu geben. - Und die Juden, die nicht jammern und um Gnade winseln( wie es doch verständlich und menschlich genug gewesen wäre)- die ihre Kinder streicheln, einander tröstend zulächeln, sich liebevoll verabschieden, um sich dann still in die Totengrube zu legen, an die Stelle, die ihnen bestimmt ist. Das menschliche Gemüt steht fassungslos vor diesen Ungeheuerlichkeiten- es steht vor einem Rätsel. Wie ist es möglich, so fragt man sich, daß Menschen, wie wir sie täglich auf der Straße herumlaufen sehen, die sich ganz natürlich in das sonstige Leben einfügen, nichts besonderes darstellen, nicht auffallen, zu so etwas fähig waren. Sie hatten doch selbst Brüder und Schwester. Sie waren vielleicht zu Hause gute Familienväter, die nach Feierabend mit ihren Kindern spielten. Ja, wir wissen es, daß manche von ihnen in ihrem Kreise Zeichen von Gutmütigkeit, von Wohlwollen zeigten, daß sie gute Kameraden waren und oft keinem Tier etwas Böses antun konnten. Wie ist es möglich gewesen, daß sie draußen in den Konzentrationslagern ohne Anzeichen innerer Beteiligung, ohne die leisesten Regungen menschlichen Fühlens erbarmungslos und geschäftsmäßig morden uud hilflosen Opfern, Frauen, Kindern und Greisen, ja Säuglingen, Kranken und Sterbenden, jede Art von Unbill, Brutalität und Quälerei zufügen konnten, ohne Revolte ihres Gemüts oder ihres Gewissens? - - - -9e I 1, n P e er h e m 1, e ES g n. Le S- n te コー en g, I- en n, lies Ein normaler Mensch, so denkt man, würde sich doch mit allen Kräften gegen solche unmenschlichen Greuel an Wehrlosen zur Wehr setzen- auch wenn sie befohlen wären. Lieber sterben, denkt man, als so etwas tun. Das sagen die Engländer, die Amerikaner. Sie verstehen das einfach nicht. Wie ist so etwas in einem Volke möglich, dessen Gutmütigkeit sprichwörtlich ist, und das in zahllosen Fällen, wo es aus sich selber handelte, viele Zeichen von menschlicher Hilfsbereitschaft, zum Beispiel gegen die Gefangenen, gezeigt hat? Im Volkscharakter liegt die Grausamkeit nicht, in der Überlieferung auch nicht. In deutschen Gefängnissen kam sie nur ausnahmsweise vor, in Kriegen nicht anders als überall, als wilde und von niemand gebilligte Nebenerscheinung in Lagen, in denen der Einzelne sich der militärischen Disziplin entziehen konnte. Das war es hier nicht. Hier war es Massenerscheinung, eine Pest, die überall grassierte, wo das System hinkam. Überall, wo deutsche Konzentrationslager entstanden, in Deutschland, Polen, Holland, Norwegen, Frankreich, gab es die gleichen Verbrechen, die gleichen rohen, unbeschreiblich wüsten und sadistischen Ausschreitungen an Wehrlosen, dieselbe Abgestumpftheit gegen fremde Leiden. Nicht neben dem System, sondern in ihm wucherte diese Pest, und sie gedieh in engster Verbindung mit strengster Disziplin. Ja, die Verbindung von pedantischer Ordnung mit systematisch durchgeführter teuflischer Quälerei ist kennzeichnend für sie. In Dachau zum Beispiel lagen neben den sterbenden Menschen, die mitten unter Leichen lagen, die Anzüge der schon Gestorbenen sorgfältig aufgeschichtet und für die Aufarbeitung in einer Berliner Konfektionsfirma bereitgelegt! - - 10- Immer in revolutionären Zeiten kommen Greuel vor, als Ausdruck von Haẞ, Rachsucht, Maßlosigkeit. Das ist schlimm, aber vielleicht unvermeidlich. Man kann nicht eine alte Ordnung stürzen, ohne untermenschliche Kräfte in Freiheit zu setzen, die nur durch diese Ordnung gefesselt waren. - - Aber das ist es hier nicht. Hier werden die untersie werden menschlichen Triebe nicht nur losgelassen, planmäßig gezüchtet. Was hier geschieht, liegt nicht im Wesen des Deutschen, geschweige denn im Wesen des Menschen, es liegt im Wesen des Systems. Dieses System glaubt nur an ein Mittel der Wirkung auf die Herzen der Menschen: an die nackte physische Gewalt, an die Angst vor Gewalttat und körperlichen Leiden. So ist es angetreten, so zieht es sich wie ein roter Faden durch die zwölf Jahre seiner Herrschaft. Dieser Glaube ist nicht zufällig entstanden, er wurzelt in der Weltanschauung des Nationalsozialismus, die aus einem mißverstandenen Darwinismus das sogenannte Recht des Stärkeren zum Maßstab menschlichen Wertes macht. Daß mit konsequenter Gewalt jedes Ziel erreichbar sei, daß der der Tüchtigste, der Beste sei, der über die stärkste Faust, über die erbarmungsloseste Gesinnung verfüge, der am besten schlagen, sich wehren, boxen, um sich hauen könne, der nicht zucke, wo Leiden sind, der den Begriff Unrecht, Gemeinheit, Eidbruch nicht kenne und anerkenne, wenn es sich um einen politischen Gegner oder um Juden handle,- das gehört zum Kern dieser Weltanschauung. Es hat ihre Menschen geprägt und alle ihre Ziele und Einrichtungen bestimmt. Das steht als reale Basis hinter dem Mythos vom Blut. Danach werden die Menschen gemessen und gebildet. Wie sich ein Junge in einer Schlägerei behauptet, das wurde von nationalsozialistischen Erziehern ganz N U -11t י 1, Z offiziell als Maßstab für seinen Charakter angesehen. Man gab den Kindern Dolche zum Zeichen ihrer Würde. Und triumphierend berichtet der ,, Völkische Beobachter", daß Hauptschriftleiter einer großen Zeitung sich zur Ausübung des Boxsportes durchgerungen hätten. Planmäßig wurden die Kinder zu einem rauhen und rohen Wesen erzogen. Planmäßig wurde ihnen eingetrichtert, daß der Recht hat, der sich mit der Faust behaupten kann, der in rohem Handkampf siegt. Durch Wort und Tat lernten sie, daß Roheit gegen Juden kein Unrecht sei, sondern ein Zeichen weltanschaulicher Festigkeit, ja daß die Vernichtung von Gegnern ein Verdienst, daß Mitleid mit den Opfern weichlich und undeutsch sei. Nur zu natürlich, daß in dieser Atmosphäre die Worte Humanität und Menschlichkeit zu Schimpfwörtern geworden sind. ,, Wenn ich das Wort Kultur höre", sagte einer der Systemdichter, ,, dann entsichere ich meinen Revolver!" Die SS, die die Teufel in den Konzentrationslagern gestellt hat, ist die ,, Auslese der Edelsten" nach diesem Prinzip. Aus dem Saalschutz, der zuerst den Kampf um die Wahrheit mit dem Wort durch das Argument der Stuhlbeine ersetzt hat, sind sie hervorgegangen. Alles, was Lust an Gewalttat hatte, was kein Mitleid kannte für den Gegner, was nicht weich wurde, wenn es Blut sah und stöhnende Menschen, ist hier sorgfältig ausgesiebt und gesammelt. Allein selbst diese Landsknechts- und Schlägernaturen wären zu den Furchtbarkeiten, wie sie in den Konzentrationslagern an der Tagesordnung waren, nicht fähig gewesen, wenn ihnen nicht vorher schon gleichsam das moralische Rückgrat gebrochen, wenn sie nicht vorher seelisch gleichsam ausgelöscht worden wären. Und hier berühren wir eine Seite der Sache, die uns - -12alle angeht. Wo solche Greuel möglich sind, da muß ein allgemeiner Boden dafür sein. Sie fallen nicht vom Himmel, sie geschehen nicht außerhalb des Volkes. Sie müssen einen Boden haben im Volk. Diesen Boden hat der Nationalsozialismus planmäßig bereitet. Es ist charakteristisch für die meisten dieser Scheuẞlichkeiten, daß sie im Auftrag des Führers geschehen sind. Darauf berufen sich fast alle diese Massenmörder, wenn sie sich jetzt vor dem Nürnberger Gericht verantworten müssen. Und soviel falsches Heldentum auch dabei ans Licht kommt, soviel Feigheit und Mangel an aufrechter Gesinnung auch bei der Abschiebung aller Verantwortung auf eine höhere Instanz mitspielen mag, - in einem stimmt es, was sie ausssagen: Die Macht dieses Mannes war ungeheuer und unheimlich. Alle menschlichen Regungen, alle natürlichen Gewissensbedenken wurden bei Tausenden und Zehntausenden von deutschen Menschen durch die Vorstellung: Der Führer befiehlt es, automatisch ausgeschaltet. Ja, das Wesen dieses Führerstaates bestand geradezu darin, daß das Gewissen der Menschen auf Kommando von oben abgestellt werden konnte, wie man ein Läutewerk oder eine Uhr abstellt. Die unendliche Verderbnis dieses sogenannten Führerprinzips ist noch nicht entfernt klar genug erkannt und in seinen letzten Wurzeln bloẞgelegt worden. Daß es in so verhängnisvoller Weise Boden gewinnen konnte, nicht nur im einzelnen, sondern in den breiten Massen des deutschen Volkes, hat vielfältige Gründe. Wie so oft in der Geschichte des deutschen Volkes mischen sich höhere Bedürfnisse der Seele mit niedrigen und herabziehenden. Die geschichtliche Tradition des preußischen Obrigkeits- und Beamtenstaates spielt ebenso eine wichtige Rolle wie gewisse Volksanlagen oder I - n S - er יב - 13- eingepflanzte Bedürfnisse, Der Aberglaube an den von der Vorsehung gesandten ,, großen Mann", ein Drang zu verehren, die zwiespältige und fragwürdige Tugend der sogenannten ,, deutschen Treue", die schon die Wurzel so vieler Verbrechen war, kommen ihm ebenso entgegen wie Herzensträgheit, Verantwortungsscheu und ein Hang zur Knechtseligkeit und zur Unterwerfung unter irgendeine Obrigkeit oder äußere Autorität. Die Verführungskünste und die Demagogie des dritten Reiches haben es ebenso verstanden, die hohen Seelenbedürfnisse des deutschen Menschen für ihre grausamen und skrupellosen Ziele anzuspannen wie den niederen durch Ausschaltung aller moralischen Hemmungen einen unnatürlichen Auftrieb zu geben. Indem er die hohe Kraft der Treue von ihrem ethischen Boden loslöste und zur Tugend an sich stempelte, hat der Nationalsozialismus sie bewußt zum Motor für jedes Verbrechen gemacht und zur Heiligung jeder Untat miẞbraucht. Durch seine Weltanschauung der nackten Gewalt, durch sein allumfassendes und alle erfassendes Erziehungssystem, durch seine mit teuflischer Geschicklichkeit arbeitende Propaganda hat er die Gegenkräfte, die sich in jedem natürlichen und moralisch gesunden Menschen einem barbarischen und verbrecherischen Auftrag, sei es von wem immer, entgegensetzen, planmäßig entkräftet und zerstört. Er hat den jahrhunderte alten geistigen Boden unterwühlt, auf dem alles Wesentliche und Wertvolle in Deutschland und Europa gewachsen ist. Er hat ein Volk, das seinem ganzen Wesen nach nicht zur Grausamkeit neigte, planmäßig seelisch verhärtet und abgebrüht und einen moralischen Nihilismus in die Menschen gepflanzt, der sie stumpf machte gegen Ungerechtigkeit und Unrecht, Lüge und Gewalttat. Eine systematisch betriebene Ächtung des gesunden Rechtsgefühls, Leugnung jeder Verpflichtung gegen - - 14- über Juden und den politischen Gegnern( die zu Verbrechern erklärt wurden) und schließlich gegenüber Alten, Kranken und Schwachen, eine Infamierung ganzer Völker und Rassen, Messen mit zweierlei Maß bei Gegnern und Anhängern, bei Freunden und Feinden, Ächtung der Begriffe Menschlichkeit, Duldung, Mitleid, Friede, Verfälschung hoher Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit, Volk, Vaterland,- das war die Lebensluft, die das deutsche Volk zwölf Jahre lang eingeatmet hat. Ein so ruchloser Satz wie der, daß alles gut sei, was dem Volke nütze, alles böse, was ihm schade, der jede Schufterei, jeden Rechtsbruch, jeden Bruch eines Vertrages rechtfertigte und jede Gemeinheit, jede dem Feinde gegenüber begangene Scheußlichkeit sanktionierte, der einen tapferen Patrioten auf der Gegenseite einen Verbrecher nannte und jeden nationalistischen Schuft und Eidbrecher zum nationalen Helden erhob, dieser Grundsatz des Nationalsozialismus, der nicht etwa nur auf die Außenpolitik, sondern nach und nach auf das gesamte innere Leben des Volkes, auf Recht, Moral, Erziehung, Religion, ja die Wissenschaft angewandt wurde, wurde zum Gemeingut eines Volkes, das einen Kant, einen Schiller, einen Fichte der Welt gegeben hat. Diese Entseelung und Abstumpfung, des moralischen Sinnes wurde noch gesteigert durch einen übertriebenen Militarismus und eine militärische Erziehung, die für jeden deutschen Mann zur Ehrensache erklärt wurde. Was beim preußischen Kommis als Auswuchs vorkam, das wurde hier zum System erhoben: ein Schleifen und Kneten, ein Abhärten und Gleichgültigmachen des Menschen gegen jede Regung des Ehrgefühls und des moralischen Bewustseins. Ganz bewußt wurden die rohesten Methoden der Duckung angewandt, um das Bewußtsein, ein denkendes und seinem Gewissen verantwortliches Wesen zu sein, zu brechen. Jede Beschimpfung, jede Willkür, jede rohe Gewalttätigkeit wurde dem Menschen S S 5 - 15- zugemutet, bis man ihn schließlich zu dem gemacht hatte, was das System brauchte: ein automatisch funktionierendes Werkzeug der Führung, das alles ausführte, was ihm aufgetragen wurde, das nicht fragte, nicht zögerte, sich nicht mehr von seinem Mitleid, seinem einfachen menschlichen Gefühl beirren, ja nicht einmal mehr von seinem Gewissen beeinflussen ließ, das keine Skrupel mehr kannte, wenn der Befehl da war. Erst auf diesem demoralisierten und gegen jede Rohheit immunisierten Boden konnte der Gewaltglaube des Systems Wurzel fassen und jene furchtbaren Früchte hervorbringen, die wir in den deutschen Konzentrationslagern schaudernd erlebt haben. Erst in dieser Vereinigung von Gewissensabstumpfung, Seelenlosigkeit und Gewaltglauben konnte der Menschentyp entstehen, der keine Regung des Mitleids mehr kannte, der zu allem fähig war, der die größte Rohheit, die abscheulichste Niedertracht kühlen Sinnes ausführte, der sich an Grausamkeiten amüsierte, der Typ, bei dem Gewalttat, kalten Sinnes Morden- können, der Kitzel, über Leben und Tod hilfloser Opfer verfügen zu können, zur Vorstellung eines„ ganzen Kerls" gehörte. Es geht eine gerade Linie von den weltanschaulichen Grundsätzen des Systems über die Saalschlachten der Anfangszeit, das Bombardieren der Andersdenkenden im Parlament mit Klubsesseln und Tintenfässern, über Hitlers Ermutigungstelegramm an die viehischen Mörder von Potempa, die Gesinnungsgegner mit den Stiefeln totgetreten hatten( es ging damals ein Entrüstungssturm durch ganz Deutschland über diese grauenhafte Entartung des politischenKampfes), über die Miẞhandlungen von Volksgenossen im Konzentrationslager Börgermoor, die wohlorganisierten Judenpogrome vom 9. November 1938, die Geiselmorde in Frankreich, die zahllosen Vergeltungsakte( wo oft für einen erschossenen Deutschen hundert Gegner umgebracht wurden), die massenhaften Gefangenenmorde - - 16- besonders in Rußland, die Ausrottung ganzer Dörfer, das Aufhängen von Zivilpersonen in Gefängnissen, die Racheakte an Eltern und Verwandten, wenn sie den Täter nicht fassen konnten, bis zu den Greueln der Vernichtungslager in Polen. Und es geht eine ebenso gerade Entwicklung von der allgemeinen Abstumpfung der Gewissen über die Gleichgültigkeit gegen die Willkürakte und Grausamkeiten an den Juden, den Nonnen, den katholischen Priestern, den Fremdarbeitern und Gefangenen bis zu den kalten und zynischen Morden in Buchenwald und Auschwitz. Und noch eins ist kennzeichnend für das System dabei: Das alles geht hinter den Kulissen vor sich. Greuel ohnegleichen geschehen da an Hunderttausenden, die einer nie mehr vergessen würde, wenn er sie nur an einem erlebte. Aber vor der Kulisse herrscht Ordnung und Disziplin,„ Glaube und Schönheit"! Während hinter dem dichten Schleier die Opfer sich millionenfach wanden und unter Qualen zugrunde gingen, wurden in dem hellen Rampenlichte der Weltöffentlichkeit Meisteraufführungen des ,, Wallenstein" und des" Faust" ,, für das Volk" organisiert, oder vor der Feldherrnhalle in München spielten erlesene Orchester öffentlich die Neunte Symphonie! Die Schriftenreihe„ Der Rufer" wird herausgegeben vom ,, Bund, Gemeinschaft für sozialistisches Leben" in Essen- Stadtwald, Dönhof 18