>> Wer angesichts solcher Bilanz davon schwätzt, in der Terrorzeit sei vieles besser gewesen, dem ist nicht zu helfen<< OBERPRÄSIDENT DR. AMELUNXEN zur Eröffnung des Provinzialrates, 30. April 1946 Mana Hagen Jr. Eppen hendust. 12 INHALTSVERZEICHNIS I. Vorwort. II. Rechenschaft nach einem Jahr. III. In jedem Hause liegt ein Toter IV. Städte im Bombenhagel. V. Menschen in Todesmühlen VI. Synagogen brannten. VII. Ruinenfelder der Kultur VIII. Fünf Minuten nach zwölf IX. Flüchtlingsströme aus dem Osten. 4 59 10 14 . 18 21 23 25 29 VORWORT Das deutsche Volk verfügt seit langen Jahrhunderten über eine hohe und gründliche Bildung; wie war es möglich, daß uns dennoch solch ein politischer Wahnsinn, dessen Auswirkungen in den folgenden Seiten für den Bereich nur einer Provinz beschrieben werden, regieren konnte? Gerechtigkeitsgefühl, Gemütstiefe und feines Empfinden des deutschen Volkes haben Menschen hervorgebracht wie Lessing, Eichendorff, Beethoven, Bodelschwingh, Langbehn und die Droste; wie konnte dieses Volk sich dennoch zwölf Jahre lang beherrschen lassen durch ein System der Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Herzlosigkeit? Das deutsche Volk kannte und verehrte stets die Ideale der Nächstenliebe und der Hilfsbereitschaft; warum ließ es sich von Menschen befehligen, deren Worte und Werke zu diesen Idealen in einem so vollkommenen Gegensatz standen? Das deutsche Volk rühmte sich gern und nicht ganz mit Unrecht seines Mannesstolzes; dennoch ließ es sich unterdrücken von Diktatoren, wie grausamer und anmaßender die Welt sie kaum gesehen hat. Die Deutschen waren stets sehr stolz auf ihre Logik und auf ihre Vernunft; aber dennoch hielten sie still, als der Irr- und Widersinn des ,, Tausendjährigen Reiches" auch vom Letzten nicht mehr übersehen werden konnte. Wie war es möglich, daß das Volk der Dichter und Denker so sehr seine Tradition und seine Grundsätze zwölf Jahre zu verleugnen schien? - - Ja, wie war das möglich? Das deutsche Volk ist nicht kriegerischer als das französische; es ist nicht härter als das britische; es ist nicht unbegabter als seine Nachbarn; es steht an Herz, Gemüt und Verstand hinter keiner anderen Nation zurück. Und doch sehen wir uns heute in einer Lage, die uns vor der ganzen Welt ins Unrecht setzt und uns höchste Abneigung eingebracht hat. Wie konnte es nur dahin kommen? Die Geschichte der Völker geht auf und nieder; nicht nur auf dem Gebiete der Weltgeltung, des Geisteslebens, der Musen, sondern auch 5 auf dem Gebiete der Humanität. In solchen anormalen Zeiten siegen die Kräfte der Dämonie. Wir sehen das öfters in der Weltgeschichte, sowohl der alten wie der neueren Zeit. Das Zeitalter von Caligula bis Nero, die Zeit der Konquistadoren oder die große französische Revolution, die Tausende und Abertausende das Leben kostete, zeigten grausamste Auswüchse. In diesem Jahrhundert nun ergriffen in Deutschland die Kräfte der Dämonie Besitz von großen Teilen des deutschen Volkes und zogen sein Ansehen in den schmutzigsten Staub. Diese Dämonen fanden willige und gewissenlose Werkzeuge, die für ihren persönlichen Ruhm, für Macht und Reichtum bereit waren, das Volk zu opfern, und opferten. Um 1800 noch erlebte das deutsche Volk eine Blüte auf allen Gebieten. Es hatte geniale Menschen hervorgebracht: Goethe, Schiller, Kant, Beethoven, Mozart, Maler und Plastiker erfüllten die Welt mit Achtung vor dem deutschen Wesen. Und noch nicht 150 Jahre später reißt in demselben Deutschland eine besessene Clique die Macht an sich; nicht nur die politische, nein, die totale Macht. Diese Clique befiehlt, was gute Kunst ist und nicht, was als Literatur zu gelten hat und was Entartung ist; sie verkündet, daß schwarz weiß ist und weiß schwarz, sie schreit aus, was ,, wahres Menschentum" ist. Nun besteht wahres Menschentum in Härte, Mitleidlosigkeit, Fanatismus, Machtstreben, Unterdrückung und Vernichtung. Sie teilt die Völker ein in hochwertige und minderwertige; sie macht Böses gut und das Gute verächtlich. Durch eine hemmungslose Propaganda von Lug und Trug, durch List und Gewalt, durch Gewährung materieller Vorteile, durch Drohungen und Schinderei gewinnt sie große Massen für ihre Idee vom ,, wahren Menschentum" und wendet dieses an. Davon zeugen Hunderttausende von Ausländern und Deutschen, die in Konzentrationslägern gefoltert oder ausgelöscht wurden. Tausende von Todesurteilen wurden auch an widerspenstigen Deutschen vollzogen. Aber das ist zugleich auch der Beweis, daß das deutsche Volk in seiner Masse die Politik der NS- Führung nicht billigte. Wären sonst von je 1000 Einwohnern drei in die KZ- Läger verbracht worden? Das deutsche Volk dachte in seiner Mehrheit anders als seine blutrünstige Führung; dieses Volk war nicht brutal. Die vielen Kriegsgefangenen, die bei den Bauern, den Handwerkern und den kleineren und mittleren Betrieben eingesetzt waren, hatten ein erträgliches Los, obwohl die ,, Partei" eine zu gute Behandlung der Kriegsgefangenen unter Strafe stellte. Wo die deutsche Bevölkerung einigermaßen frei wirken konnte, gab es weder Grausamkeit noch Herzlosigkeit, und das alles, während der unheimliche Terror ge6 N koppelt mit der teuflischen Lügenpropaganda, die auf das Volk herniederprasselte, bestrebt war, Angst zu verbreiten, zu betrügen und die Menschen körperlich und geistig wehrlos zu machen. Gewiß, man könnte dem deutschen Volk vorwerfen, daß nicht noch mehr Menschen in die KZ- Läger verbracht wurden, daß nicht mehr vor die Sondergerichte kamen und daß von je zehn Menschen vielleicht nur einer zu einem Verhör durch die Gestapo befohlen wurde. Aber wo ist ein Volk, das in ähnlicher Lage eine größere Zahl von Opfern aus seinen eigenen Reihen aufweisen könnte? Trotzdem waren die Kräfte der Abwehr zu schwach, zu zersplittert, zu blutlos, als daß sie sich erfolgreich hätten wehren können. So kam das Schicksal über Deutschland mit allen direkten und indirekten Folgen, über die die nachfolgenden Zahlen umfassend und anschaulich berichten wollen. Sie künden, was wir einem entarteten Menschengeist zu verdanken haben. Sie zeigen das HitlerElend, das allein in einer Provinz über uns hereingebrochen ist, und die Schuld, für die zwar nicht jeder verantwortlich ist, für die aber jeder haftet. Die nachfolgenden Kapitel sollen es der Bevölkerung einprägen, auch dem Letzten dieses Volkes, daß man niemals mehr die Idee der Nächstenliebe, die Vernunft, die Klarheit des Denkens für Phantome opfern darf; die Jagd nach den nationalsozialistischen Phantomen hat uns das Elend beschert, unter dem heute Millionen und aber Millionen Deutsche so schwer leiden. Dr. Fritz Stricker. 7 Rechenschaft nach einem Jahr Die Klänge der Beethovenschen Leonoren- Ouvertüre sind verrauscht. Noch zeichnet der Widerhall musischer Offenbarung die Gesichter der Frauen und Männer, die sich im Foyer der einstmals stolzen Stadthalle zu Münster versammelt haben, um die Eröffnung des westfälischen Provinzialrates in festlicher Weihe zu begehen. Das dunkle Grün des Tannenschmuckes vermag die Kargheit des Ortes nicht zu mildern. Die notdürftige Holzverkleidung der gewölbten Decke läßt nicht vergessen, daß diese noch einzige Feierstätte der Provinzialhauptstadt trotz allem wie eine Oase ist inmitten einer jammervoll traurigen Wüste von Schutt und zerschlagenem Gestein. Zerschmettert, anscheinend ohne Herzschlag ist das Zentrum dieser einstmals so liebenswerten und freundlichen Stadt. Gewerblicher Fleiß, bürgerlicher Wohlstand, gastliche Behaglichkeit, Handel und Wandel liegen darnieder mit den Zeugen jahrhundertealter Kultur. So gründlich ist die Zerstörung in dieser Stadt, daß man als Tagungsstätte des Provinzialrates nichts anderes fand als den notdürftig hergerichteten früheren Vorraum der vernichteten Stadthalle von Münster. Brigadier C. A. H. Chadwick, CBE, der Militärgouverneur der Provinz Westfalen, eröffnet mit seiner Ansprache den Hauptteil der Feierstunde. ,, Heute ist ein neuer Markstein auf dem Wege erreicht worden, der zur Errichtung einer völlig demokratischen Regierung in dieser Provinz Westfalen hinführt", führte er einleitend aus. Und dann: ,, Nachdem dieser zweite Weltkrieg zu Ende war, herrschten zunächst in Deutschland Zustände, die eine strenge Militärkontrolle unbedingt erforderlich machten. Ich brauche Sie nicht an den Zustand des Verkehrsnetzes zu erinnern, als die Eisenbahnen fast vollkommen stockten, die Kanäle zerstört und leer, die Brücken gesprengt und die Straßen voller Trichter und unbrauchbar waren. Sie werden sich ebenfalls entsinnen, daß das normale Leben nicht mehr pulsierte, daß 9 die Schulen geschlossen waren, und daß die Jugend überall auf den Straßen und auf dem Lande wild herumlief. Obwohl ich durchaus einsehe, daß die Zustände auch heute alles andere als gut sind, glaube ich dennoch, daß alle sich daran erinnern sollten, wie die Zustände damals waren..." دو << Wer heute zurück denkt an die erste Zeit nach der Kapitulation", legte Oberpräsident Dr. A melunxen in seinem anschließenden Rechenschaftsbericht dar ,,, als in den Städten riesige Trümmerhaufen auf den Straßen lagen, Kanalisation, Gas-, Wasser- und Stromversorgung zerstört waren, wer daran denkt, daß die Eisenbahn und der gesamte Verkehr infolge der Zerstörung zahlloser Brücken stillagen, wer sich erinnert, daß das Ruhrgebiet von der Ernährung völlig abgeschnitten war, der kann, so er guten Willens ist, ermessen, welch gewaltige Arbeitsleistung von unserer Bevölkerung und unseren Behörden in den vergangenen Monaten vollbracht worden ist. In erster Linie ist die Gewinnung von Arbeitern für den Bergbau und das Baugewerbe notwendig. Gleichzeitig muß die Landwirtschaft mit genügend Arbeitskräften versorgt werden. Die Beschaffung einer hinreichenden Zahl gesunder, kräftiger Männer scheitert aber an den Kriegsverlusten... << So wird in den Ansprachen dieser beiden führenden Männer Westfalens erneut die große Tragödie dieses Landes offenbar, die ein Teil des erschütternden Trauerspiels ist, das sich auf der politischen Bühne des Reiches abspielte und sich zur größten Katastrophe auswirkte, die jemals in deutscher Geschichte zu verzeichnen war. In jedem Hause H. M.-W. liegt ein Toter September 1939! Mit frevelnder Hand wirft Hitler die Fackel des Krieges in die Landschaft Europas. Er reiht der Kette seiner Verbrechen das blutigste Glied an, er beschreitet die Bahn, die ihn in den schwindelnden Abgrund stürzt. Europa ist entsetzt. Deutschland marschiert. Wie eine Präzisionsmaschine rollt die Wehrmacht über Polen, wie ein Koloß wirft sie sich auf Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich, wie ein Moloch nimmt sie Jugoslawien und Griechenland. Die Welt lodert im Feuerbrand. Die Menschheit ist gelähmt von diesem wilden Anprall, sie ist betäubt von diesen Eroberungszügen, von diesem gigantischen Abenteuer. Deutschland geht seiner erschütterndsten Tragödie entgegen. 10 Auch die Söhne Westfalens marschieren in den Kolonnen, kämpfen für Hitler auf den Schauplätzen Europas. Noch jubeln Verblendete, Irregeführte dem Diktator zu, sehen Erfüllung romantischer Wunschträume, erblicken phantastische Möglichkeiten und zählen nicht die Opfer, die bislang gebracht worden sind. Juni 1941! Hitler greift Rußland an. Er tut das Letzte, das Äußerste. Maßẞlos in seinen Zielen, überheblich in seinen Ansprüchen, irrsinnig in seinen Plänen, wagt er jetzt nicht nur den Zweifrontenkrieg, den er bislang immer verdammte, sondern unternimmt auch den Angriff auf die mächtigste Landmacht der Erde, auf das Riesengebiet der Sowjet- Union. Das Schicksal holt langsam zum Schlag gegen Nazi- Deutschland aus. Die gegnerische Welt erholt sich vom ersten Schrecken, vom lähmenden Entsetzen. Die Demokraten beginnen fieberhaft zu rüsten, um den Friedensbrecher zur Strecke zu bringen. Sie sind wie ein eherner Block zusammengeschweißt. Schon speien ihre Fabriken Munition, Panzer, Flugzeuge. Mit Hochdruck wird gearbeitet. Die ganze Welt hat sich im Kampf gegen Hitlers Wahnsinn verbündet. Die vereinten Nationen werden immer mächtiger. Der Krieg wird härter, brutaler, unerbittlicher. Die Weltgeschichte wird für Deutschland zum Weltgericht. Deutsche Soldaten marschieren nach Rußland. Rundfunk, Film und Presse feiern diesen eiligen Siegeszug, der nur ein Vormarsch ins Niemandsland ist. Der erste Winter kommt. Erste Katastrophe Hitlers und seiner Armee. Vor Moskau stoppt der Siegeszug. Dort fahren sich die Panzer fest. Kein Ol, keine schützenden Uniformen, keine Wolldecken, keine Pelze. Der russische Winter ist keine Legende, ist rauhe, grausame Wirklichkeit. Die Kälte ist unerträglich. Das Heer ist nur erbärmlich ausgerüstet, ist gar nicht imstande, eine solche Witterung zu ertragen. Die Strapazen wachsen ins Unermeßliche. Die Front wird zurückgenommen. Düstere Nachrichten sickern durch, erschüttern den Glauben an die Allmacht des ,, Führers". Die Heimat, zu großem Teil umnebelt vom Weihrauch der Propaganda, wird skeptisch. Die Schar derer, die Hitler immer für eine Ausgeburt der Hölle hielten, die in ihm immer den bösen Dämon des deutschen Volkes sahen, bekommt Zuläufer. Der Londoner Rundfunk wird von immer weiteren Kreisen abgehört. Und dennoch... Der Krieg geht weiter. Er hat das Schillernde seiner romantischen Eroberungszüge verloren, er hat den Glanz seiner Parademontur im Dreck der russischen Landschaft eingebüßt. Sein Antlitz schaut jetzt grau, alltäglich, nüchtern aus. Er fordert 11 immer mehr Opfer, da der Gegner jeden Tag stärker wird. Stalingrad wird zum blutigen Fanal nahenden Untergangs, Afrika wird auch ein Meilenstein auf dem Weg ins Verderben. Der Krieg, bisher ein zusammenhängendes Band geschlossener strategischer und taktischer Operationen, löst sich in Einzelabschnitte auf. Jedes Bild umschließt eine Welt des Leids, jede Szene wird zum Denkmal des Kampfes, jedes Einzelschicksal zum Gleichnis des Opfers, das Millionen bringen Irgendwo in Rußland. Im Bunker hocken sie, dicht um den Ofen gedrängt. Sie träumen von daheim, sie schreiben, sie lesen und schlafen, je nach Bedürfnis. Alarm! Eilige Stimmen, Kommandorufe, alles wüst durcheinander. Wie von einem Tier angefallen, so schnellen sie empor, greifen nach Gasmaske, Gewehr, Munition, Stahlhelm. Draußen, in der Finsternis der Nacht, stoßen sie aufeinander, drängen, hasten vorbei, ein jeder zu seinem Platz, wo er, Gewehr im Anschlag, liegen bleibt. Plötzlich eine rote Leuchtkugel_geht hoch und hüllt die unermeßliche Landschaft in ein feuriges Tuch. Die Kameraden, die noch vorüberhuschen, sind wie blutende Schatten. Ein zweites Feuersignal wird in die eisige Winternacht geschossen, es sprüht in tausend grünen Punkten und Sternen, erhellt die winterliche Szenerie mit fahlem Schein, und die Schneedecke der unendlichen Weite gleicht einem Leichentuch. Gespensterhaft, unheimlich! - - Da die ersten Geschosse! Ein Feuerschlag der russischen Artillerie. Wie Koffer sausen sie über das Geviert der Gräben dahin. Dumpfe Detonationen. Die Einschläge liegen zu weit. Granatwerfer speien ihre Eisen hinaus, Maschinengewehre belfern, und eine Stalinorgel heult durch die aufgescheuchte Nacht. Es prasselt, donnert, schlägt ein. Grollend dumpf, dann wieder nah, unmittelbar gefährlich! Die Hölle ist losgegangen. Ein Hexentanz! Erdfontänen spritzen hoch. Dröhnender Einschlag mitten im Graben. Leiber werden auseinandergerissen. Arme, Beine fliegen durch die Luft, Köpfe werden vom Rumpf getrennt. Tödliches Eisen zerfetzt weiche Körper, bohrt sich mörderisch in sie hinein. Und dies alles für Hitlers Krieg! Und dann kommen sie heran, die Russen, mit einem wilden Hurräh. Und wieder gibt es geisterhafte Leuchtkugelsignale, blutendes Rot und fahles Grün. Und dann stoßen sie in den Graben, in dem der Tod schon so grauenhafte Ernte gehalten hat. Was nützt denn Widerstand! Wo ein Russe fällt, stehen zwanzig wieder da. Der Feind ist wie eine Lawine, die heranrollt, dumpf, grollend, wie eine Dampfwalze, die unerbittlich ihrem Ziel zustrebt, unheimlich und sicher. 12 Ein anderes Bild! Hauptverbandsplatz! Die Kolonnen der Sankras reißen nicht ab. Blutbefleckte Tragen werden hereingebracht, und aus draußen schnell angelegten Notverbänden sickert Blut. An allen Operationstischen wird fieberhaft gearbeitet. Gewimmer und Ge- stöhne der gerade Angekommenen, und eine M-Spritze, die der Sanitäter reicht, betäubt wild brüllende Schmerzen. Der Chirurg, mit dem sicheren Griff des erfahrenen Operateurs und dem gütigen Blick des Menschenfreundes, schon ergraut in seinem Dienst an der leidenden Menschheit, hält eine Sekunde sinnend in seinem blutigen Handwerk inne. Sein Blick geht prüfend auf den Verwundeten, der gerade vor ihm liegt und in die Bewußt- losigkeit hinüberdämmert. Das Gesicht schaut wieder gelöst aus, nicht mehr verzerrt von peinigender Qual. Das Gesicht eines Jun- gen, unbekümmert, frisch, das Gesicht eines Knaben, dem zarter Flaum das Kinn bedeckt. Der Arzt sinnt nur einen Augenblick. Für lange Überlegungen ist keine Zeit. Er betrachtet die völlig zerfetzte Muskulatur der beiden Oberschenkel, den klaftertief eingedrun- genen Granatsplitter, der ein Bein schon halb abriß. Amputation beider Beine, erklärt er schließlich, und schon werden die Tücher, Messer und Sägen gereicht, um diesen vitalen Eingriff zu vollführen. „Sani, Sani“, sagt eine leise, verlöschende Stimme in der Nähe. Ein flehender Blick von der Trage empor. Der Angerufene beugt sich mit einem gerade vorbeikommenden Arzt zu ihm hinab, nimmt das Tuch weg und erblickt die schweren Wunden. Der Bauch ist aufgerissen, das tödliche Blei steckt auch noch im Lungenflügel. „Kamerad, gib mir noch eine Zigarette... Dann ist bei mir doch alles zu Ende....“ Der Arzt greift zu seinem Etui, gibt eine Zigarette, zündet sie dem Sterbenden an, der gierig zieht und mit sehnsuchtsvollem Blick noch einmal das Stück Welt vor seinem Auge umspannt. „Aua, aua“, stöhnt ein anderer, der langsam aus der Narkose er- wacht. Ein zweiter, der seine Nerven völlig verloren hat, schreit nach dem Arzt, ein dritter umklammert verzweifelt den Opera- tionstisch, bevor er die Äthermaske auf die Nase erhält, und ein vierter wird hinausgetragen, weil er in das ewige Schweigen ein- gegangen ist. Tausendfaches Elend, Grauen und Entsetzen, tausendfaches Sterben. Das ist Hitlers Krieg. In der Heimat häufen sich die Todesnachrichten aus dem Felde. Sie flattern zu Hunderten, zu Tausenden und aber Tau- senden in die Wohnungen. Ihre Zahl wird Legion. In jedem deut- schen Hause liegt ein Toter. 300 000 Söhne der westfälischen 13 Heimat ließen ihr Leben, sie starben für Hitler und seine Verbrecher, sie wurden für die Idee eines Narren und Volksbetrügers zur Schlachtbank geführt. 300 000 Menschen der roten Erde sanken in ein frühes Grab, sie färbten mit ihrem Blut die unendlichen Schneefelder Rußlands, sie wurden verscharrt in den heißen Wüsten Afrikas, fanden an den Wegrändern der Normandie ein ewiges Ruhebett und wurden umspült von den Fluten des Meeres. 300 000 westfälische Männer kehren nie wieder heim. Eine alte Mutter irgendwo im Münsterland legt mit zitternden Händen den letzten Brief ihres Sohnes in ihr tägliches Gebetbuch, eine junge Braut in einer Stadt des Ruhrgebietes umkränzt das Bildnis des verlorenen Geliebten mit zärtlichem Immergrün, eine Frau in einem Dorf der Mindener Landschaft weint mit ihren zwei kleinen Kindern um den Vater und Ernährer, der nie wieder über die Schwelle tritt. 300 000 Westfalen werden in ihrer Heimat betrauert, sie sind ewige Zeugen des Hitlerkrieges. Dabei ist diese Ziffer noch nicht endgültig. Die als vermißt gemeldeten Soldaten sind in der amtlichen Summe nicht enthalten, und es ist leider zu befürchten, daß eine hohe Zahl der Vermißten nicht mehr unter den Lebenden weilt. Und dann die riesige Summe derer, die als Krüppel heimkehrten! Mindestens 200 000 Männer und Söhne der westfälischen Heimat erlitten mehr oder weniger schwere Beschädigungen und werden Zeit ihres Lebens an den Folgen zu tragen haben. 417 Menschen verloren ihr Augenlicht, 5130 Soldaten ihren Arm. 10 235 Westfalen mußte ein Bein abgenommen werden, und in 901 Fällen kam zum herben Verlust des Armes auch noch die Amputation des Oberschenkels. Auch hier liegen die endgültigen Ergebnisse noch nicht vor. Wieviel Leid, wieviel Kummer, wieviel Entsagung und Verzicht auf die selbstverständlichen Güter des Lebens stecken hinter diesen Ziffern. Sie sind eine ständige Anklage gegen das Terror- Regime der Nazis, sie sind ein erschütternder Ausschnitt aus der riesigen Bilanz der Hitler- Zeit. Dr. J. H. Städte im Bombenhagel. Im Sportpalast brüllt und tobt die Masse. Goebbels inszeniert auf der Bühne der politischen Propaganda ein tolles Spektakelstück, er peitscht die Leidenschaften, rüttelt die Instinkte wach, er zieht alle Register seiner teuflischen Verführungskünste. Und wo der Beifall nicht den erwünschten Stärkegrad erreichen sollte, da hilft die bestellte Claque nach. Da sitzen sie vor dem Rednerpult, die braunen 14 Parteihelden, die lamettageschmückten Standarten- und Gruppen- führer, da hocken sie vor ihm, die Funktionäre vom höchsten bis zum kleinsten Amt und dahinter die Verführten und Verblen- deten. Es geht zu wie im Irrenhaus, so wild gebärdet sich diese Versammlung, so schreit, johlt und klatscht dieses Volk Beifall, so ungeheuerlich überspannt sich der Bogen des Normalen. Ein wüster Spuk, ein schauerliches Theater mit allen Knalleffekten bengalischer Beleuchtung. Goebbels verkündet den totalen Krieg. Im Februar 1943, nach der Tragödie von Stalingrad, und Presse, Rundfunk und Film trommeln nur noch die eine Melodie, das eine Motiv: Totaler Krieg! Es wird zum Schlagwort, zur Parole, es wird der deutschen Masse als neue Kampferspritze eingeimpft: Totaler Krieg! Das deutsche Volk bekam den totalen Krieg, nach dem seine Na- zisten und Militaristen so wild geschrien hatten. Das deutsche Volk erlebte ihn mit aller Unerbittlichkeit. Vor allem der Westen des Reiches, die Städte der westfälischen und rheinischen Heimat ver- spürten ihn mit einer Grausamkeit, die eine Quittung war für das wüste Begehren der Parteiclique.... Nächtens dröhnen die schweren Verbände viermotoriger' Bomber über den Kanal und die Nordsee, sie fliegen nach Deutschland ein. Ihr Kurs ist irgendeine Großstadt Westfalens, ein Zentrum der Industrie, eine Hochburg der Fabriken, der Schlote und Förder- türme, ein Schnittpunkt des vielmaschigen Eisenbahnnetzes. Die Sirenen heulen schauervoll durch die nächtliche Stille. Das widerliche Auf und Ab des Heultones birgt nahendes Unheil. Luft- alarm! Menschen, aus frühem Schlaf gerissen, ziehen sich hastig an, greifen mechanisch nach den wenigen Habseligkeiten, die sie griff- Bereit in einem kleinen Koffer für diese Fälle liegen haben. Wieder ertönt die Sirene. Die Gefahr rückt näher. Schon ist die Luft angefüllt vom Gedröhne der fliegenden Festungen, schon braust es über sie hinweg, unheimlich, beängstigend, schon wird das Geräusch immer stärker. In den Treppenhäusern der großen Miets- kasernen nervöses, eiliges, ungestümes Geklapper der Schuhe. Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, nur notdürftig bekleidet, Arbeiter, die soeben von der Schicht nach Hause gekommen sind, alte Leute, die den Totentanz dieser Zeit überhaupt nie begreifen werden. Sie rennen in den Keller, in den nahegelegenen Bunker, sie suchen Schutz vor der Katastrophe, die über sie hereinbrechen könnte. Mürrische, verweinte, geängstigte Gesichter. Das gequälte Antlitz einer gehetzten Kreatur! Noch ist draußen nichts zu sehen. Vereinzelt nur schießt die Flak. Das unheimlich düstere Summen in der Luft nimmt nicht ab. Es muß eine ganze Armada schwerer 15 Maschinen sein. Der Mond bricht hell aus schnell wandernden Wolkenketten. Eine ganze Stadt ist in unterirdischem Aufruhr. Am Horizont leuchtet mit einem Male eine rote Scheibe auf, dann eine grüne. Die Bomber scheinen zu kreisen und ein Ziel zu suchen. Und plötzlich gehen am nächtlichen Himmel Hunderte weißgelber Lichter auf. Leuchtkugeln, Leuchtschirme erstrahlen in blendender Helle. Wie Trauben hängen sie aus den Wolken herab und hüllen die ganze Szenerie in magischen Tagesschein. Es ist ein schaurig schönes Bild, ein Schauspiel von phantastischen Ausmaßen, ein Feuerwerk von flutender Fülle, eine Illumination, wie sie nur eine raffinierte Technik zu erzeugen vermag. Und dann prasselt das Verderben herab. Spreng- und Brandbomben in ungeheurer Zahl. Die Erde bebt von der Masse der Einschläge. Dumpfe, krachende Detonationen. Die Hölle hat ihre Schlünde aufgetan, die Unterwelt ist aufgebrochen. Die apokalyptischen Reiter jagen über die todgeweihte Landschaft dieser Stadt hinweg. Gebäude, die für Jahrhunderte errichtet zu sein schienen, stürzen mit wütendem Getöse zusammen, Häuser sinken in Schutt und Asche, meterdicke Mauern bersten und begraben eine ganze Welt unter ihren Trümmern. Es ist ein Inferno, als ob die Stunde des Untergangs dieser Erde angebrochen sei. Was kluger Menschengeist in vielen, vielen Jahren ersonnen, was fleißige Hände in mühseliger Arbeit geschaffen haben, es sinkt darnieder, wird zerstampft, aufgewühlt und vernichtet. Und wilde Feuersbrünste fressen gierig kostbares Gut, hohe Flammen prasseln und züngeln empor. Und immer neue Einschläge, immer weitere Einstürze, immer größer wird das Werk der Zerstörung. Und als nach einer Stunde des Angriffs die letzten Bomber abfliegen, da liegt eine einst blühende Stadt wie ein riesiges Trümmerfeld da, lichterloh brennend, und dunkler Rauch und Qualm ziehen über Straßenzüge, Fabrikanlagen, Wohnungen. Der Fährmann des Todes hat in dieser Nachtstunde reiche Menschenfracht durch Bombenhagel und Phosphorregen an das jenseitige Ufer zu rudern. Das ist der totale Krieg, den Hitler wollte, den Goebbels propagandistisch inszenierte und der das deutsche Volk so unendliche Opfer kostete. Zahlen mögen das trostlose Ausmaß dieser Tragödie erhellen. In Westfalen wurden 36 676 Menschen durch den Bombenkrieg getötet. Von dieser Summe entfallen auf Dortmund 5348, auf Bochum 3585, auf Gelsenkirchen 2004, auf Hagen 1512, auf Bielefeld 1349, auf Münster 1141, auf Wanne- Eick el 1055. Gladbeck hatte 913 Todesopfer durch Luftangriffe zu beklagen, Minden 875 und 16 Paderborn 789. Zahlen, nüchterne Zahlen! Aber wievie! Tränen, wieviel zerstörtes Familienglück, wieviel brutale Zertrampelung blühender Lebenshoffnungen verbergen sich hinter dieser Statistik! Wie werden die Familien durch den von Hitler heraufbeschworenen Krieg auseinandergerissen! Die Kinder werden von ihren Eltern getrennt und kommen irgend wohin, in ferne Bezirke, und als der Zusammenbruch da ist und die Front in wildem Ungestüm über die östlichen und südlichen Provinzen des Reiches dahinrollt, da stehen Tausende kleiner Jungen und Mädel allein in der Welt, verwahrlost, einsam, verlassen. Und es gibt niemanden, der sich ihrer in dieser chaotischen Wirrnis annimmt, und viele, viele der unschuldigen Kinder gehen zugrunde, sterben auf den Landstraßen eines trostlosen Rückzugs der geschlagenen Wehrmacht. Allein aus Westfalen wurden 217 737 Kinder verschickt. Sie kamen nach Bayern, Thüringen, Ungarn, Ostpreußen, um nur einige der Landschaften zu nennen, sie kamen dorthin, wo später mörderischer Kampf tobte und wo so viele für immer verschollen blieben. Ihre Spuren sind verwischt und verweht. Wo mögen so viele der Kleinen zugrundegegangen sein? Kein Mensch weiß von ihnen zu berichten, von dieser erschütterndsten Kindertragödie aller Zeiten. Unermeßlich ist der materielle Schaden, der durch diesen totalen Krieg in der westfälischen Heimat angerichtet wurde. Auch hier zum Beweis einige statistische Angaben: Insgesamt wurden in Westfalen 254 000 Wohnungen völlig zerstört. Eine Viertelmillion westfälischer Familien büßte somit all das ein, woran das Herz des Menschen nun einmal hängt, Möbel, Kleidung, Hausrat und alle die anderen Dinge, mit denen so viele persönliche Erinnerungen aufs engste verknüpft sind. 95 000 Wohnungen erlitten. schweren Schaden, 111 000 Wohnungen trugen mittleren Schaden davon, und 205 000 Wohnungen wurden nur leicht getroffen. Von den 1 518 000 Wohnungen, die vor dem Krieg 1939 in Westfalen gezählt wurden, blieben nur 853 000 von der Zerstörung verschont. Also die Hälfte des Wohnraumes mit allem Zubehör wurde einer sinnlosen Vernichtung preisgegeben. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der riesenhaften Verlustbilanz, die in Westfalen aufgemacht wird. Das ist eines der vielen erschütternden Dokumente des totalen Krieges, ein weiterer Beitrag zum dunklen Kapitel der verbrecherischen Politik der Nazis, die in ihrem Endziel darauf hinaus lief, das deutsche Volk seinem Ruin entgegenzuführen. Welch ein grauenhaftes Verhängnis! Welch eine Schuld der gewissenlosen Verführer! Dr. J. H. 17 Menschen in Todesmühlen ,, Laufschritt, marsch, marsch! Hinlegen! Auf! Marsch, marsch! Hinlegen, rollen!" So tönen die Kommandos. Sie werden mit heiserer Stimme gebrüllt. Der Schreier ist ein Mann in SS- Uniform. Blankgeputzte Röhrenstiefel, saubere Uniform und auf dem Kopf die schwarze Mütze mit dem Totenkopf, verwegen und schief. Der Ausdruck des Gesichts brutal, in den Augen blitzt sadistisches Begehren, und um die Mundwinkel spielt ein gemeines Grinsen, eine hämische Freude an der kreatürlichen Erbärmlichkeit der ihm Ausgelieferten. Er steht vor einer Gruppe von Männern, die in gestreiften Sträflingsanzügen nun gerade vor ihm im Dreck liegen. Bei seinen Befehlen springen sie auf, werfen sich wieder hin, rollen ihren Körper durch den vom Regen aufgeweichten Dreck des Platzes und erheben sich mühsam wieder. Einer kann sich nicht mit der geforderten Schnelligkeit aus dem Morast wieder aufraffen. ,, Altes Schwein, willst Du wohl hoch!" brüllt der SS- Mann in seiner blitzenden Uniform und droht, auf ihn loszustürzen. ,, Alte Drecksau, ich werde Dich schon fertigmachen Ordnung beibringen." 31 S a D fi d M a N N ich werde Dir I Der so Angerufene zeigt das angsterfüllte Gesicht eines Dulders. Blaẞ, verstört steht er da. Um seine Mundwinkel zuckt es, in seinen Augen glimmt der Schein des Gedemütigten und Erniedrigten. Eine Sekunde vermag er das Grausame nicht zu fassen, eine Sekunde träumt er in einer nichtwirklichen Welt. ,, Altes SPD- Schwein, willst Du wohl...", und schon tritt der SS- Mann auf ihn zu, holt mit seiner Faust zum Schlage aus, und hellrotes Blut quillt dem Opfer aus Nase und Mund und tropft auf das Streifenmuster des Sträflingskittels. Die Genossen des Leids schauen zu Boden. Eine graue, düstere Kolonne, wie sie in ihren verdreckten Häftlingskleidern in einer Reihe ausgerichtet dastehen, jeden Augenblick gewärtig, auf ein neues Kommando ihres SS- Schleifers sich wieder hinzuwerfen, wieder im Schlamm zu rollen, wieder aufzuspringen, eine schlechte Kopie des glanzvollen Uhrwerkes, das auf einem preußischen Exerzierplatz täglich mit unerhörter Präzision abrollt, wenn dort die Rekruten gedrillt werden. Unpersönlich, gesichtslos, so schauen sie alle aus, Teil einer großen, dumpfen Masse. Aber wer näher hinsieht, entdeckt unter der verkrusteten Maske des Häftlings die Landschaft eines klugen, leidgeprüften, charakterstarken Antlitzes. 18. a Be< Me,— ee un „Marsch, marsch....“, tönt wieder die schreiende Stimme des SS-Mannes, und der Zug setzt sich in Bewegung, nimmt Laufschritt an und verschwindet vom Platz. Dies eine Szene aus der trostlosen Misere des Konzentrationslagers. Wieviele aufrechte deutsche Männer haben dort geschmachtet, Jahr für Jahr, Gefangene der Nazi-Verbrecher, Menschen, die in ihrem ganzen Leben nie mit dem Gesetz in Berührung gekommen waren, die nur deshalb hinter dem elektrisch geladenen Draht riesiger Läger darben und leiden mußten, weil sie eine andere Meinung als die Machthaber vertraten und weil sie den Mut aufbrachten, diese andere Auffassung vor den Schergen der SS und SA zu verteidigen. Auch tausende Männer des Westfalenlandes haben ihren Bekenner- mut mit jahrelanger Passion in den Todesmühlen der Läger gebüßt. 12 177 westfälische Männer, Kämpfer für die höchsten Güter der Menschheit, wurden verhaftet, wurden hinter Kerkermauern ge- schleppt und erlitten in der Hölle eines der vielen Konzentrations- läger bittere Mühsal, wurden dort geschunden, gequält, gefoltert. Auch Geistliche, die sich offen oder versteckt gegen die Politik der Nazi-Tyrannei zur Wehr setzten, wurden von Gestapo-Agenten oder SS-Männern ergriffen, auch sie erfuhren an ihrem Körper die viehische Unduldsamkeit der nazistischen Brutalität, 172 katholische Priester und 96 evangelische Pfarrer wurden festgesetzt und somit zu Märtyrern ihrer Weltanschauung. 7785 ehemalige Häftlinge konnten bisher in Westfalen ermittelt werden. Sie gehören zu jenen Glücklichen, die den Tag der Befrei- ung durch alliierte Truppen erleben durften und nun wieder am Aufbau eines neuen, besseren und schöneren Deutschland mithelfen können. Was ist mit den übrigen? Dunkel und verhangen scheint ihr Schicksal. Vielleicht gehören sie in die Armee jener unzähligen Opfer, die in den Konzentrationslägern einem grausamen Ende entgegengegangen sind, die dort eines Tages blutüberströmt unter den Peitschenhieben oder Pistolenschüssen eines SS-Henkers zu- sammensackten und von den Tafeln der Menschheit ausgelöscht wurden, die dort in die Gaskammern geschickt wurden oder irgend- einem SS-Arzt als lebendes Versuchsobjekt eines wissenschaftlichen „Experimentes“ dienten und dabei unter grausamer Tortur zu- grunde gingen. Nur eines ist gewiß: 341 Fälle sind bislang in der Provinz bekannt geworden, in denen die Asche verbrannter KZ- Häftlinge den Angehörigen zugeschickt wurde. 341 Fälle sind ver- brieft. Schweigen lastet über dem Passionsweg der übrigen. Wird es jemals aufgeklärt werden? 19 In dieses dunkle Kapitel menschlicher Vertiertheit, das für immer wie ein Schandmal der deutschen Geschichte aufgebrannt ist, gehört auch die Tatsache, daß von der NSDAP. Mordlisten aufgestellt wurden. So wurde von der Gestapo in Dortmund eine Liste aufgestellt, die über 300 Namen enthielt. Karfreitag 1945, einige Tage vor dem Einmarsch der alliierten Truppen, geschah das Grauenhafte. Im Romberg- Park wurden über 300 Menschen von den Gestapo- Barbaren hingemordet. Nur 41 Leichen konnten später erkannt werden, bei den anderen war es unmöglich. Diese Männer, welche die Fackel ihres politischen Glaubens durch dunkelste Nacht getragen hatten, ließen ihr Herzblut welch tragisches Verhängnis noch in letzter Stunde. Es gab ferner noch Mordlisten in den Kreisen Meschede, Siegen, Brilon, Iserlohn und Soest. Es war nicht möglich, die Namen der Personen festzustellen, die ermordet werden sollten, da die Listen rechtzeitig von den Dienststellen der Partei verbrannt wurden. 36 Männer aus Driburg und Lügde sollten gleichfalls umgebracht werden. - - Noch ein Weiteres sei erwähnt: Wer alt war, wer gebrechlich wurde, wer vielleicht in die Dunkelheit und Verwirrung des Geistes hineinschritt, der hatte sein Leben verwirkt, denn er konnte ja bei der materialistisch biologischen Grundauffassung der Nazisten nicht mehr schöpferisch wirken. So sind auch in Westfalen Hunderte von Menschen einem qualvollen Tode zugeführt worden. Sie hatten keine Daseinsberechtigung mehr, wurden als biologisch nutzlos betrachtet und somit zum großen Schutthaufen geworfen. Der Mensch wurde wie eine Ware, wie ein Tier bewertet. 3377 Kranke die sich in den Provinzialheilanstalten befanden, wurden verschleppt. Von dieser Anzahl sind 992 hingemordet worden. Sie starben durch Vergasung, durch Folterung. Unbekannt ist das Schicksal der übrigen, die irgendwo in Deutschland untergebracht worden waren. Buchenwald, Belsen, Mauthausen, es sind Namen deutscher Orte, die heute mit Abscheu in der ganzen Welt genannt werden und für das Bewußtsein der Menschheit zum Inbegriff sadistischen Blutrausches geworden sind, es sind Namen deutscher Orte, an denen die Bestie in der Menschennatur Folter- und Mordmethoden ersann, die weit über das hinausgehen, was eine krankhaft überreizte Phantasie sich jemals vorzustellen vermag. Es sind Orte des Grauens. Welch ein Abgrund trennt sie von einer Stadt im grünen Herzen Deutschlands, von Weimar, in dem einst das Doppelgestirn Goethes und Schillers aufstieg und mit dem Glanze seiner edlen Menschlichkeit das Erdenrund erleuchtete. Dr. J. H. 1 20 in) o ER A" De a Be u) zu En De> u ae a En> 72 et Synagogen brannten... 1938! Eine ruhige Novembernacht bricht an. Während Millionen deutscher Bürger friedlich in ihren Häusern sind und schlafen, ge- schieht etwas Furchtbares, etwas, das den Namen Deutschlands für immer schändet. Um drei Uhr trommeln Kommandos der SA und SS ihre Spießgesellen aus ihren Betten, formieren sich zu Kolonnen und beginnen ihr schauervolles Vernichtungswerk. In dieser dunklen Nacht, einer der schwärzesten der deutschen Geschichte, hat der Genius der deutschen Nation sein Haupt verhüllt und sich abge- wandt. Es geschieht in Westfalen ebenso wie im Rheinland und in allen anderen Bezirken des Deutschen Reiches. Eine Stunde später brennen die Synagogen. Lodernder Feuerschein umzüngelt die Giebel jüdischer Gotteshäuser. Von bübischer Hand entzündet, frißt sich die Glut prasselnd durch das Innere der kirch- lichen Gebäude, ergreift die Vorhänge der Fenster, das Schnitzwerk ‚der Altäre und Bänke. Häuser, dem frommen Dienst und der An- .betung Gottes geweiht, sinken in Schutt und Asche. Ein grauen- hafter Anblick, wie die Flammen aus den Türen der Synagogen schlagen, wie dichter Qualm aus den Fensteröffnungen quillt und wie jüdische Menschen der Stätte beraubt werden, die ihnen heilig ist. 1083 Synagogen sind in dieser einen Nacht in Westfalen vernichtet worden. Aber die Brandstifter sind noch nicht zufrieden. Blindwütiger Ver- nichtungswille und gemeiner Haß, diese Instinkte beherrschen sie in dieser nächtlichen Stunde, treiben sie gierig weiter. Die Schau- fenster jüdischer Geschäfte in allen Städten und Orten Westfalens und ganz Deutschlands werden zerschlagen, ihr Inhalt fliegt auf die Straße, wird geplündert. Die Wohnungen der Juden werden aufgesucht. Die. Inhaber werden aus ihren Betten gerissen, geschlagen, im Hemd auf die Straße gejagt. Dort läuft ein alter Jude in panischer Angst über holpriges Pflaster. Die Schergen Hitlers ver- folgen ihn, brüllen, hetzen ihn, wie man ein räudiges Vieh jagt. Der Greis rennt, er rennt um sein armes, gequältes Leben. Er stürmt so schnell, wie ihn seine alten Füße noch tragen können. “ Und hinter ihm die Meute der rohen Verfolger. Er hetzt, stürzt und bleibt keuchend liegen wie ein wundes Tier. Todesangst in seinen halb erloschenen, nun weit aufgerissenen Augen. Ein SA-Stiefel tritt ihn gegen Leib und Kopf. Ein Märtyrer stirbt auf dem Straßenpflaster einer deutschen Stadt. Ein paar Häuserviertel weiter eine ähnliche Szene. Hier prügelt man ein jüdisches Ehepaar 21 zu Tode, tritt es und schlägt es so lange, bis beide zusammenbrechen. Wieviele Todesschreie gellen durch diese trostlose Nacht! Und am anderen Morgen, als fahles Dämmerlicht über ausgebrannten Synagogen, zerschlagenen Schaufenstern, zertrümmerten Wohnungen und ausgeplündertem Hab und Gut aufsteigt, als in der nüchternen Helle eines nebligen Tages riesige Scherbenmassen den entsetzten Bürgern die schaurige Tragödie der verflossenen Nacht berichten, an diesem anderen Morgen versucht die ,, Westfälische Landeszeitung" und mit ihr die gesamte Nazi- Presse, der heimischen Bevölkerung, dem gesamten deutschen Volke und darüber hinaus der Welt mit frecher Stirn zu erklären, daß die deutsche Volksseele, angeblich empört über den Mord an einem deutschen Gesandschaftssekretär, in einem einmaligen Ausbruch ihres Rachegefühls diese Aktion durchgeführt habe. Das wohlorganisierte Werk der SA und SS eine spontane Reaktion des deutschen Volkes! Eine teuflische Verdrehung der Tatsachen, ein Faustschlag ins Gesicht der Wahrheit! Die Goebbels- Propaganda tönt, tobt und geifert gegen das Judentum, aber das deutsche Volk in seinen anständigen Teilen steht mit traurigen Augen abseits, ballt die Fäuste, verflucht die Tyrannei Hitlers und fleht zum Himmel, daß er ein Einsehen habe und den Mordbuben endlich das Handwerk lege. - Das Schuldkonto der Nazisten wächst immer weiter an. Es wird wie eine Lawine. Im Krieg gibt es geheime Mordbefehle. Das Judentum sollte endgültig ,, liquidiert" werden, um der Herrenrasse den Weg zur Sonne zu ebnen. Die Anweisungen zur ,, Liquidation" tragen die Unterschrift Himmlers. Die Juden ganz Deutschlands, ja beinahe ganz Europas, werden verschleppt, kommen in die Hölle der Konzentrationsläger. Ihr Leben ist nur noch ein Golgatha, eine einzige Passion. Teuflische Phantasie ist noch erfinderisch. Die Mordarten sind verschieden. Millionen unschuldiger Menschen kommen zu Tode, werden viehisch gemordet, sie werden vergast, sie enden durch Genickschuß, sie werden lebend zerschnitten. Vor dem Nazi- Terror gab es in Westfalen 20502 jüdische Bürger. Heute leben nur noch 1883 Juden im gleichen Raum. Wieviele Tausende sind den Weg ihrer Schicksalsgenossen gegangen, wieviele haben die erschütternde Tragödie ihres Volkes bis zum letzten Atemzug an ihrem eigenen Körper verspürt und sind stumme und dennoch beredte Zeugen der deutschen Schande geworden! Es ist unfaẞbar! Die Massenmörder sind Deutsche, Söhne des gleichen Volkes, aus dessen Mitte einst Gotthold Ephraim Lessing in seinem ,, Nathan" das Evangelium der Menschlichkeit verkündete, Söhne des gleichen Volkes, aus dessen Mitte einst Karl Marx der 22 M S ae Be> 1 AL N ey| Arbeiterschaft der ganzen Welt den Zukunftsstaat der wahren Frei- heit und Gleichheit prophetisch voraussagte, Söhne des gleichen Volkes, das mit Stolz und Achtung die Kompositionen eines Mendelssohn, die Gemälde eines Liebermann und die Forschungen eines Einstein als schöpferische deutsche Kulturtaten pries. Dr.j.rT. BRuinenfelder der Kultur Das Rad der Geschichte sei um einige Jahre zurückgedreht! Eine kleine Auffrischung des Gedächtnisses tut not. Seit 1933 wurde von Hitler und seinen Propagandatrabanten immer wieder eine Platte aufgelegt. Sie wurde in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jeder Orts- gruppe gespielt, sie wurde unermüdlich den Massen als Seelenspeise vorgesetzt, und zwar solange, bis sie sich in das Bewußtsein vieler als Tatsache eingeschmuggelt hatte. Der Kehrreim dieser Melodie lautete: Vor dem Beginn des Dritten Reiches war alles faul im Staate, befand sich alles im Zustand der Auflösung und Zersetzung, war alles reif für den Untergang, mit Hitler zog ein neues Leben herauf, wurde die Welt schöner mit jedem Tag. Anwendung der Cou&-Methode auf dem Gebiete der Politik, Verfälschung der Ge- schichte, Verdrehung der Wahrheit, wie sie in diesem Ausmaß noch nie in den Annalen der Weltgeschichte verzeichnet werden konnte. Vor allem gefiel sich Goebbels darin, der Kultur eine ungeahnte Blüte vorauszusagen, einen schwindelhaften Aufstieg, der zwei- tausend Jahre abendländischer Geistesentwicklung in den dunkel- sten Schatten stellen würde. Heute kann die Bilanz gezogen werden. Sie interessiert auch auf kulturellem Gebiet. Hier gibt es deutlich sichtbare Gradmesser. Wo sie vorhanden sind, darf mit Fug und Recht von lebendigen kulturellen Impulsen gesprochen werden. Wo sie fehlen, muß ein Minus an kulturpolitischer Aktivität festgestellt werden. Vor dem Hitler-Spuk zählte man in Westfalen 15 Theater. Durch die Kriegswirren wurden zehn Bühnen vernichtet. Also zwei Drittel der Häuser, die der heiteren und ernsten Muse geweiht-waren und Millionen schaffender Menschen Freude bereiteten, wurden sinnlos der Zerstörung durch alliierte Luftangriffe preisgegeben. Zwei Drittel der stolzen Gebäude, einst der musischen‘ Erziehung des Menschengeschlechts dienend, einst eine Stätte, in der man die 23 heitere Tonwelt Mozartschen Rokokos, den düsteren Ablauf Shakespearescher Tragödien und in kühngespanntem Bogen die Weltweite der Goetheschen Faustdichtung erlebte, zehn dieser Paläste gingen in Flammen auf. Sie sanken in Schutt und Staub, und kein Geigenton, kein Dichterwort kann dort mehr künden von jenem Reich, über dem sich der Himmel der ewigen Ideale wölbt. Und das gleiche gilt von den Kinos. Von den 254 Lichtspieltheatern, die 1932 im westfälischen Raum bespielt wurden, wurde der weitaus größte Teil gleichfalls zerstört. Die Tatsache, daß heute schon wieder 216 Filmbühnen dem Publikum zur Verfügung stehen, ist als ein Zeichen des Aufbauwillens der Bevölkerung zu werten, denn die bei weitem größte Anzahl ist in Notunterkünften eingerichtet worden. Auch das wissenschaftliche Leben der Provinz wurde hart getroffen. Einmal wurde die Landesuniversität in Münster in ihren Hauptgebäuden vollkommen zerstört. Seminare und Institute der verschiedenen Fakultäten, Pflanzstätten des Geistes, sanken dahin. Und darüber hinaus wurden in der Provinzialhauptstadt und in den verschiedenen Bezirken Westfalens 114 Büchereien völlig vernichtet und 85 Bibliotheken beschädigt. Wieviel wertvolle Bände der Weltliteratur, wieviel unersetzliche Schätze wissenschaftlicher Forschung, wieviel emsige Arbeit der Gelehrten, wieviel kostbare Sammlungen und mühevoll zusammengetragene Ergebnisse ganzer Generationen sind in dieser Zahl eingeschlossen. Sie wurden ein Raub gieriger Feuersbrünste. In diesem Zusammenhang seien auch die Gotteshäuser erwähnt, die ja in den meisten Fällen ein wesenhaftes Element der künstlerischen Wirkung eines Stadtbildes ausmachen. 190 Kirchen sind in Westfalen völlig zerstört worden und 346 erlitten schwere Beschädigungen. Es braucht nicht betont zu werden, daß mit diesem Vernichtungswerk Kunstschätze von Rang für immer verloren gegangen sind. Wo einst der Turm eines gotischen Domes sich wie steingewordene Gottessehnsucht in den Himmel reckte, wo kunstvolles Blattwerk in spielerischer Freude an der Arabeske sich um Säulen und Kapitäle wand und das Licht durch buntgemalte Fenster brach, wo einst der massive Bau einer romanischen Kirche das Gesicht der Umgebung bestimmte, wo wuchtige Quadersteine Chor, Seitenschiffe und Pfeiler rundeten und die Basilika immer wieder als Urbild durchschimmerte, wo einst Kirchtürme, in den Stilformen späterer Jahrhunderte errichtet, als Wahrzeichen über das Gewirr der Giebel und Dächer hin in das Land schauten und ihr helldunkler Glockenton die Gläubigen zur Andacht rief, da gähnen heute leere, nackte Fensterhöhlen, verkohlte Mauerreste, und in hellen Nächten umspielt fahles Mondlicht geisterhaft die trostlose Szenerie. 24 b h W las ler irrt ler re, a en 4 3 # RE PUR REN ve re a 1 ren Wie grauenhaft muß eine Zeit gewesen sein, die solche Trümmer als ihr Ergebnis vor dem Tribunal der Geschichte aufweist! De).r. Fünf Winuten nach zwölf - Hitler ist noch nicht tot. Amerikanische Panzer und schnelle Ver- bände stoßen über den Rhein unaufhaltsam nach Süddeutschland hinein. Alte Männer und halbe Kinder schießen, eiligst in Uniform gesteckt, aus unbrauchbaren Gewehren ihre fünf Schuß Munition in die Luft. Zum Heldentod ist das genug. Um etwas anderes geht es jetzt nicht mehr. Niemand, der auch nur ein bißchen zu denken vermag, glaubt noch an die Möglichkeit eines Sieges. Immer tiefer stoßen die Alliierten in deutsches Land. Die Zahl der Geschützrohre drüben entspricht fast der Zahl der Gewehrläufe hüben. Mit Hand- karren und munitionsbeladenen Kinderwagen, wenigen Granat- werfern und einigen Maschinengewehren kämpfen deutsche Fall- schirmjäger am Niederrhein gegen schlagkräftige motorisierte Trup- pen der Engländer. Zündende Aufrufe, mit weißer Ölfarbe an Mauern und Wände geschrieben, sollen Panzer und Kanonen er- setzen.„Jedes Haus eine Festung!“—„Lieber tot als Sklav’!“ „Ihr seid schuld!“ rufen Frauen und Greise den immer noch kämpfenden Soldaten zu. „Warum?“ kommt es verständnislos zurück. „Werft die Waffen fort! Kämpft nicht mehr! Schont unsere Häu- ser! Laßt uns unsere Habe! Rettet uns und euch das Leben!“ In Berlin sitzt der Mann, der mit den Resten seines Bewußtseins den Untergang des deutschen Volkes befiehlt. Jetzt immer noch befiehlt: Wir kapitulieren nie! Noch ist es Zeit, das Leben Zehn- tausender zu retten, blühende Städte vor der Zerstörung zu be- wahren. Hitler sitzt in Berlin und befiehlt den letzten, den unbe- greiflichen, den wahnsinnigen Widerstand. Er verfügt nicht über die menschliche Größe, sich selbst und seine verlorene Sache zu opfern, um seinem Volke dieses letzte Entsetzliche zu ersparen. Der Weltkriegsgefreite besitzt nicht den Mut, den er seit fünfeinhalb Jahren von seinem letzten Soldaten verlangt. Feigheit und Wahn- sinn lassen sein Schuldkonto ins Unermeßliche steigen. Mit 1400 Mann zog ein Regiment bei Goch in den Kampf. Als drei Wochen später die Brückenpfeiler bei Wesel in die graue Rheinflut 25 stürzten, konnte der Regimentsführer, ein Hauptmann, seinem Divisionskommandeur noch 23 Mann Gefechtsstärke melden. Er bat um Ablösung des Regiments, um Ruhe für seine Soldaten, die Unmenschliches erlitten hatten. ,, Es gibt nur noch Kampf!" sagte der Divisionskommandeur. ,, Das Regiment ist nicht mehr einsatzfähig!" meldete der Hauptmann. Er war müde, war zerschlagen. Er war, wie seine Soldaten sagten, ein guter Offizier. ,, Ich habe Kampf befohlen", sagte der Divisionskommandeur. ,, 23 Mann, das ganze Regiment. Ein Leutnant, ein Funker: das ist der Stab. Gehorsamst, Herr General, das Regiment ist nicht mehr einsatzfähig!" ,, Dann gehen Sie als Gruppenführer mit Ihren Leuten nach vorn, wenn Sie als Regimentsführer nicht mehr einzusetzen sind!" Sinnloses, gemeines, teuflisches Grinsen. Schallendes Gelächter, dann lähmendes Entsetzen. Der General besteigt den Wagen, fährt mit einer Staubfahne davon, seinem gesicherten Befehlsstand zu. Reglos steht der Hauptmann vor dem Straßenkreuz. Die ersten Einschläge der englischen Artillerie liegen zu kurz. ,, Herr Hauptmann! Hauptmann-!" rufen die Soldaten dem Regungslosen zu. Der Hauptmann, wachsbleich im Gesicht, starrt auf die brennenden Gehöfte ringsumher. Er schüttelt den Kopf, steht mit gespreizten Beinen wie einer, der standhaft der Vollstreckung seines Todesurteils harrt, mitten im jetzt losbrechenden Feuerschlag. Drei Männer führen ihn in ein Haus und geleiten ihn die steilen Treppen hinunter in den Keller, wo im blakenden Lichtschein eines Kerzenstumpfes Frauen, Kinder und Soldaten eng beieinander hocken. Was können sie tun? Der Gnade des Himmels ihr Leben anvertrauen, hoffen, daß der Tod an ihnen vorübergeht. Wenn der Feuerschlag der Artillerie verstummt, werden die Soldaten die Kellertreppe hinaufstürmen und versuchen, sich nach rückwärts abzusetzen. ,, Wir sind die Letzten", sagten sie den Frauen, wenn wir fort sind, kommen die Engländer her, dann habt Ihr alles überstanden. Hängt ein weißes Tuch heraus, es ist besser,- für jeden Fall-." Der Krieg ist zu Ende, ohne noch beendet zu sein. Erschöpfte Soldaten laufen um ihr Leben. Sinnlos ist aller Widerstand. Gehöfte gehen in Flammen auf, Häuser und Scheuer zerbersten unter den Explosionen der Bomben und Granaten. 11899 deutsche Soldaten sind noch in den letzten Tagen während der Kämpfe im westfälischen Raum gefallen! 26 A AKKILI K K 14 1 1 S d a D Z De I m r Le n St r 1, n it OS ge m en en S- ei en n- n. r- er Lie b- rt n. " r- er. n. nd Allein im Landkreis Recklinghausen gaben in den letzten Kriegstagen 1404 deutsche Soldaten ihr Leben hin. Es fielen in den Kreisen Lüdinghausen 119 Soldaten, Burgsteinfurt 143 Soldaten, Ahaus 143 Soldaten, in der Stadt Gelsenkirchen 139 Soldaten, in den Ämtern Rhede 185 Soldaten, Anholt 143 Soldaten, Ding den 73 Soldaten. Städte wie Bocholt, Borken, Coesfeld, Dülmen, bisher kaum oder doch nur gering vom Kriegsgeschehen in Mitleidenschaft gezogen, erfahren in letzter Stunde noch vernichtende Schäden durch Luftangriffe. Der Frühling war in jenen Tagen sehr früh ins Land gekommen. Von den Ufern des Niederrheins drang fern und dumpf das Grollen der Geschütze herüber. Tief blau war der Himmel vom ersten bis zum letzten Tageslicht. So beständig aber wie die Sonne in jener Dereignisschweren Woche vor dem ersten englischen Luftlandeunternehmen im westfälischen Raum war auch die Tätigkeit der alliierten Luftstreitkräfte über diesem vom Kriege sonst kaum berührten ländlichen Gebiet. Jagdflugzeuge stießen immer wieder auf Straßenund Eisenbahnlinien herab. Das Brausen der zweimotorigen Kampfmaschinen erfüllte pausenlos den Tag. In den hellen Mondnächten waren die Störflugzeuge unterwegs. Unaufhörlich fielen Bomben. Friedliches Land war zur Hölle geworden. Felder, der Saaten wartend, blieben brach. Menschen, bis auf das Blut gepeinigt, zogen müde und angst voll mit den geringen Resten ihrer Habe über sonnenheiße Straßen. Im Kloster Groß Burlo bei Rhede hat sich ein Kriegslazarett niedergelassen. Tag und Nacht sind die Ärzte am Operationstisch tätig. Der Strom der Verwundeten nimmt zu mit dem Anwachsen des mühseligen Zuges jener Gehetzten, die der Wille des immer noch allmächtigen Führers in letzter Stunde gnadenlos von Haus und Hof verjagt. Der Zahnarzt hat seine zahnärztliche Arbeit eingestellt. Er arbeitet, wie alle nur irgendwie entbehrlichen Ärzte auch der inneren Station, Tag und Nacht in der Chirurgie. Die Tragen mit den Verwundeten füllen Gänge und Treppenhaus, jeden nur denkbaren Raum. Schließlich stehen sie auf dem Hof umher. Ein Operationswagen trifft zur Verstärkung ein. Frauen und Greise, Soldaten und Kinder sind die Patienten. Eine Mutter trägt ihren kläglich wimmernden Säugling hinaus. Die blutgetränkte Binde über dem Stumpf des winzigen Beinchens verrät die Amputation. Ein sechsundsiebenzigjähriger Mann liegt mit zerrissenem Arm in den Kissen. Eine alte Frau sitzt weinend neben seinem Bett. In einem der Krankensäle oben ist mit einem Schulterschuß ein sechsjähriges Mädchen der arme Liebling verwundeter Soldaten geworden. Der 27 Vater ist verschollen seit Stalingrad, die Mutter gab ihr Leben auf der Landstraße hin. Mit ihrem hellen Stimmchen erzählt sie auf- geregt, wie in Rhede ein toter Mann auf der Straße lag. ,, Er war so gelb im Gesicht, und das Blut lief ihm aus dem Mund heraus. Oh, es war so komisch." Gespräche eines Kindes. Gedanken einer kleinen Mädchenseele, der Not und Tod, Blut und Elend vertraut geworden sind. Keine Statistik vermag die schweren Schäden des Krieges an dem kostbaren Menschengut unseres Volkes zu erfassen! Bocholt steht seit zwei Tagen in Flammen. Ortschaften links und rechts fallen in Schutt und Asche. Der Strom der Flüchtigen wird breiter, das Elend größer mit jedem Tag. Unten im Klosterhof zerrt ein struppiger Hund mit verkrustetem schwarzen Fell die blutigen Reste eines Menschenbeines aus einem Korb. Ein Kind steht in der Sonne und schaut ihm zu. Die Luft erzittert vom Gedröhn der schweren Bomber, die von Westen nach Osten fliegen. Ein Stabsarzt in blutbesudeltem Kittel streicht mit dem Handrücken über die feuchte Stirn. Die Amerikaner stoßen auf Würzburg vor. ,, Wahnsinn", sagt der Arzt und schüttelt den Kopf. ,, Sie sollen endlich Schluß machen mit dem Verbrechen hier." In westlicher Richtung zieht in leichter Kurve ein Verband zweimotoriger Kampfflugzeuge ab. Die Erde erbebt unter der Wucht der fernen Explosionen. Von Südwesten ist ein neuer Verband im Anflug begriffen. Neue Bomben, neue Zerstörung, neues Elend, immer neuer Tod. Die deutsche Abwehr schweigt. Sie ist zerschlagen, am Ende ihrer Kraft. In Berlin aber sitzt ein Mann, der Hitler heißt und der es liebte, mit donnernder Stimme zu verkünden, er habe nichts als einen einzigen Trümmerhaufen vorgefunden, als er die Macht über das deutsche Schicksal ergriff. ,, Jedes Haus eine Festung! Lieber tot als Sklav'!" Das sind jetzt die Parolen des Wahnsinns, die seine hörigen Vasallen an Häuser und Mauern schreiben. دو , Werft die Waffen fort!" rufen gepeinigte Menschen den Soldaten zu. An den Ästen eines Baumes am Straßenrand hängen, durch den Strang gerichtet, die toten Körper von zwei Soldaten, die, des Wahnsinns müde, den hoffnungslosen Kampf nicht weiterkämpfen wollten. Wo gab es einen Ausweg aus der Not des Gewissens? Die Schergen jenes verbrecherischen Mannes, der sich Hitler nannte, waren überall im Lande. Vernichtung war die Parole,- kämpfen bis zum Allerletzten, hieß der Befehl. So schossen Kinder und Greise die letzte Munition aus schlechten Waffen. Brücken flogen in die Luft. Eisenbahngleise wurden ge28 K S of f d er 1- en d d rt en er sprengt, Verpflegungs- und Bekleidungslager sinnlos vernichtet. Kanäle liefen aus. Weizenmühlen wurden angezündet, Hunderttausende von Säcken mit Getreide wurden ein Raub der Flammen. Später kamen hungernde Menschen und suchten die verbrannten Körner aus der Asche. Not und Elend, Tod und Vernichtung überall. Noch am Palmsonntag wurde im Zuge der Bekämpfung des letzten deutschen Widerstandes die Innenstadt von Münster tödlich getroffen. Die stählerne Walze des Krieges rollte über unsere Heimat hinweg. Zerstörung und Tod zeichneten diesen von Wahnsinn und Verbrechen gewollten Weg. Es waren die in vielen Reden so großsprecherisch hinausgeschrienen letzten Minuten, die letzten Minuten bis fünf nach zwölf-. - H. M.-W. er zt Lie n- ch ng ge On m- er es als er ot ne plen n- 11Die te, en en geFlüchtlingsströme aus dem Osten Eisiger Nordwind pfeift über die Landstraße. Sie ist übersät von Fuhrwerken, von Wagen und Fußgängern, von Zivilisten und Soldaten. Sie sehen alle abgehetzt und zerlumpt aus, müde und abgespannt, hoffnungslos und verzweifelt. Wie ein Strom ergießen sich diese Menschenmassen aus den östlichen Bezirken des Reiches in das Innere, auf der Flucht vor dem Terror des Krieges, vor den Schrecknissen der Verwüstung, vor tausendfachem Mord und Verderben, das überall lauert und jede Minute über sie hereinbrechen kann mit der ganzen Brutalität einer Naturkatastrophe. Aus den Gesichtern der abgerissenen Soldaten ist jeder Funke auf Hoffnung, jeder Wille zum Widerstand gewichen, seitdem der Zusammenbruch der Armee eine vollendete Tatsache ist. Jeder sucht der sicheren Gefangenschaft, die seiner wartet, nach Möglichkeit zu entkommen. Jeder ist auf sich selbst gestellt, losgelöst aus dem Verband seiner Truppe. Aber ergreifender ist das Bild all der Frauen, der Greise und Kinder, die, notdürftig angezogen, mit dem kümmerlichen Rest ihrer Habe eng zusammengepfercht auf großen Wagen hocken, die von abgetriebenen Pferden gezogen werden. Auch die Fußwege der Straße sind von Menschen überfüllt. Ab und zu stockt der Verkehr. Dann staut sich die Menge, und das ganze Leid dieses trostlosen Aufzuges scheint sich in einem Brennpunkte zu sammeln. Eine junge 29 Frau, der das dunkle Haar wirr in Strähnen vom Haupte auf die Schultern fällt, ist müde auf einem Meilenstein des Weges zusammengesunken, nestelt mit vor Kälte zitternden Fingern an Wolldecken herum, aus denen das Gesicht eines Säuglings sichtbar wird, der in der mörderischen Temperatur blau angefroren ist und schreit. In ostpreußischem Akzent spricht die Mutter dem Kinde zu, sucht es zu trösten und fühlt dabei doch, wie die Schwäche im eigenen Körper immer höher kriecht und sie auf den Boden zu werfen droht. Ein paar Schritte weiter ein alter Mann. Er kramt in einem Rucksack, sucht eine erfrorene Kruste Brot und kaut daran. Not vermag Menschen zu Bestien zu machen, aber sie vermag auch die Seelen zu läutern und zusammenzuschweißen. Der Greis bricht ein Stück des Brotrestes und gibt ihn der jungen Frau. Auf einem hochgetürmten Wagen fahren gerade Bauersfrauen, Männer und Kinder vorbei. In einem kleinen Bündel, das jeder krampfhaft im Arm hält, liegt beschlossen, was sie noch ihr Eigen nennen, ein paar Hemden, ein wenig Bettzeug, ein Paar Strümpfe, das Wenige, um vor den Unbilden der Witterung geschützt zu sein. Und hinter ihnen, noch am Horizonte sichtbar, die Feuersbrunst, die züngelnden Flammen, die aufzehren, was sie selbst in langer Geschlechterfolge mit viel Fleiß und Eifer erbaut und erarbeitet haben, den großen Hof mit dem sauberen Wohngebäude, mit den Stallungen, mit den Weiden, Wiesen und Feldern ihres fruchtbaren Ackerlandes. Nun ist es für immer verloren, eine Beute dieses Krieges ohne Gnade. Dazwischen tauchen auch Gesichter auf, die nicht dem Leben auf der bäuerlichen Scholle entstammen, sondern der Großstadt angehören, Gesichter von Menschen, die einst als Kaufleute, Beamte, Lehrer wirkten und nun vor dem Ansturm der feindlichen Heere geflohen sind. Der Zug des Elends, der Riesentreck der Heimatlosen will kein Ende nehmen. Keine Chronik vermag die Zahl derer anzugeben, die zusammenbrachen, erschöpft liegen blieben und starben. Hitlers Parole ,, Heim ins Reich", die so oft den Nazityrannen als Losungswort für den Überfall auf irgendein friedliches Nachbarland diente, die so oft von den Agenten und von Verblendeten hinausgebrüllt wurde, um irgendeinen neuen Raubzug des Dritten Reiches zu begründen, dieses Motto wird zur grausamen Farce, entlarvt sich als giftige Waffe, die nun im umgekehrten Sinne als ursprünglich gemeint gegen deutsche Menschen gerichtet wird. Millionen verlieren durch den Zusammenbruch Deutschlands ihre Heimat, werden vertrieben aus den seit Jahrhunderten angestammten Bezirken, fluten als Bettler in das große Sammelbecken des Reiches zurück. Ost- und Westpreußen, Schlesien und Sudetenland müssen von Deutschen geräumt werden. 30 D ie ie ls d $- a u 25 2 u„2. 2 22.2, a ee ee 2 a Das deutsche Reich, beschnitten um diese östlichen Provinzen, muß den Strom der Flüchtlinge aufnehmen. Auch Westfalen ist als große Auffangstation eingeschaltet. Riesig sind die Probleme, die der Lösung harren. Die zurückflutenden Massen müssen ernährt, untergebracht und in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden. Aber die großen Städte sind zerschlagen, der Wohnraum beengt, die Industrie geschwächt, die Grundlage der Existenz erschüttert. Wie schwierig, den Ostflüchtlingen ein Stückchen Erde an- zuweisen, ihnen einen Raum zu geben, in dem sie sich heimisch fühlen können, ihnen einen Platz zu verschaffen, auf dem sie ein neues Leben aufzubauen vermögen. Fast unlösbar die Aufgabe, fast unüberwindbar die Schwierigkeiten, die sich täglich und stündlich vor - denen auftürmen, welche die Geschicke des Landes leiten. Auch Westfalen verspürt den schweren Druck, der in der Flüchtlingsfrage auf ihm lastet. Insgesamt 375 000 Menschen gilt es aufzunehmen. 206 146 wurden bislang im Münsterland erfaßt, von denen 116 000 dort verblieben. Bis Ende Februar ist im Bezirk Arnsberg die Zahl der evakuierten Flüchtlinge auf 264 949 angestiegen. Weitere 80000 aus dem jetzt polnischen Gebiet sollen hier noch angesiedelt werden. All diese Menschen kamen zum Teil in Schulen, in größere Lokale, in Bunker und nichtwinterfeste Räume. So stellt sich das Erbe dar, das der Nationalsozialismus nach 12 Jahren brutaler Willkürherrschaft dem deutschen Volke hinter- lassen hat, ein Erbe, wie es trostloser nie von einer deutschen Ge- neration im Laufe einer zweitausendjährigen Vergangenheit ange- treten werden mußte. Ein Erbe, welches das Ende eines Weges be- deutet, der von Millionen unter Blut und Tränen, unter Ver- wünschungen und Flüchen, unter Verzweiflungsschreien und Friedensrufen durchschritten worden ist. Ein Weg, der durch alle Stationen der Hölle führte und der Europa und mit ihm Deutsch- land vor ein riesiges Trümmerfeld gestellt hat, aus dem das zer- schlagene Gestein weggeräumt werden muß, um den Boden für Frieden, Menschlichkeit und Völkerversöhnung zu bereiten. Ein schweres Werk! Möge das Schicksal dem deutschen Volke gnädig sein, daß es gelinge! Dr... HE