Wehe aber dir, du Verstörer! Meinest du, du werdest nicht verstöret werden? Und du Verächterl Meinest du, man werde dich nicht verachten? OS adas SS KLEINE, ZEIT IM BILD"-BUCHEREI HEFT 1 Am Tage des einjährigen Bestehens der aktuellen Illustrierten ZB entschlossen sich Redaktion und Verlag, ihren Aufgabenkreis zu erweitern. Die Pflege eines großen, vielseitigen Mitarbeiterstabes bringt es mit sich, daß die Redaktion zahlreiche Arbeiten von Bildberichtern, Grafikern, Malern, Schriftstellern und anderen Künstlern kennenlernt, die ihrer Eigenart und ihrem Umfange nach in der Zeit im Bild" keine Verwendung finden können. Solche Arbeiten sollen künftighin, neben dem alljährlich erscheinenden ZB- Volkskalender, auf diesem Wege der Offentlichkeit zugänglich gemacht werden. ZB- Redaktion und Sachsenverlag RURUR LEAH GRUNDIG EINLEITUNG k Es hieẞe an dem menschlichen und politischen Kern der Zeichnungen Leah Grundigs vorbeireden, wollte man sich auf eine rein ästhetische und kunsthistorische Auseinandersetzung beschränken, um diesen Zeichnungen den künstlerischen Standort innerhalb der Geschichte der politischen Satire und Anklage anzuweisen. Man kann auf kunsthistorische Vergleiche natürlich nicht verzichten. Schon deswegen nicht, um zu zeigen, warum Leah Grundig als kämpferische Künstlerin eine einzigartige Erscheinung ist. Die menschliche Bestialität und der Dämonenspuk der menschlichen Seele sind seit Jahrhunderten dargestellt worden. Die Beweggründe ihrer Darstellung sind aber grundsätzlich anderer Art als bei Leah Grundig. Das läßt sich an einigen Parallelen aufdecken. Die Zeichnungen Leah Grundigs sind keine stilisierten Umschreibungen wie die Höllenphantasien des Hieronymus Bosch, der als Künstler noch einem neugotischen Manierismus verbunden ist, aber ideologisch schon dem Protestantismus zuneigt und den kirchlichen Höllenglauben parodiert. Sie sind auch nicht zu vergleichen mit den Kriegsgreuelzeichnungen des Callot oder Goya, obwohl ein Blatt wie ,, Das Ungeheuer" äußerlich an Goya erinnert. Callot zeichnet als Barockmensch die Leidenschaften um der Leidenschaften willen. Er benutzt die Schreckensszenen des Dreißigjährigen Krieges, um die barocke Vorliebe für Burleskes damit zu verbinden. Er sowohl wie Goya sind im Grunde ,, kalte" Sezierer. Die revolutionäre Kunst Goyas ist die Kunst eines Psychologen und grausamen Analytikers der menschlichen Natur. Wohl rebelliert der alte Goya gegen die Folterkammern der Inquisition, wohl entlarvt er die Kriegsgreuel, aber er ist zuerst Künstler mit allen überlegenen Feinheiten des Könners. Und er ist zuletzt tiefpessimistischer Mensch, der an einer unheilbaren Verachtung der menschlichen Bestie leidet und von der Unmöglichkeit ihrer Änderung überzeugt ist.. Die Sachlichkeit der Sezierung, die menschliche Kälte gegenüber dem Thema( bei aller Meisterschaft der Darstellung) verläßt auch nicht ganz die modernen Satiriker der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistischen Klasse wie etwa Beckmann oder Groß. Käthe Kollwitz ist ausgenommen. Hier pulst zuerst eine einzigartige menschliche und zugleich weibliche Herzkraft. Ihre Aufgabe ist aber zeitlich eine andere als die der Leah Grundig. Zwischen ihren Themen und denen der Leah Grundig liegen gesellschaftliche Entwicklungen und Entscheidungen: die Entwicklung vom Sozialistengesetz des Bismarck- Reiches bis zu den totalen Vernichtungsmethoden des deutschen Imperialismus im Hitler- Reich. Die Darstellung dieser Methoden erfordert eine unmittelbare Einfachheit, eine ÜberzeugungsSO ti si m re SO n D be m Se F R B a 6 kraft, ein Mitbluten, Mitleiden und Mitkämpfen, wie es eben nur echtester, politischer Kunst möglich ist. Hier liegt auch der Unterschied zwischen sozialer Kunst, Kunst des sozialen Gefühls und der Kunst sozialistischer Aktivität und Entscheidung. Wirken heute die Darstellungen der Sittenschilderer und Gesellschaftskritiker am Ende des 18. Jahrhunderts( Greuze in Frankreich, Hogarth in England), die einem sich auflösenden Feudalismus den Tugendspiegel vorhalten, nicht wie harmlose Idyllen? Auch die tiefste Phantasie der freiheitlichen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts( allen voran Daumier) verblassen vor den Tatsachen, denen sich eine politische Zeichnerin wie Leah Grundig heute gegenübergestellt sieht. An Hand dieser Vergleiche wird die klassenkämpferische Entwicklung der Geschichte und ihrer Vernichtungsmittel lebendig. Der moderne Zeichner bedarf nicht mehr als wirksamsten Ausdrucksmittels( oder auch Mittels zur Tarnung) der Welt der Gespenster, Lemuren, Dämonen, Unholde mit Fledermausflügeln und Medusenhäupter. Um die Wirkungen einer diesseitigen Welt der Unmenschlichkeit, die eine dem Jenseits unterworfene mittelalterliche Welt ,, Hölle" nannte, darzustellen, hat die Künstlerin es nicht mehr nötig, in eine sogenannte übersinnliche, überdimensionale Welt zu flüchten, wie die Dämoniker und Phantasten es taten. Die Wirklichkeit ist dämonischer und phantastischer als alle übersinnlichen Phantasiereiche. Wir denken hier vor allem auch an die Kriegsbilder von Otto Dix. Das Dämonische und Bestialische innerhalb der Wirklichkeitssphäre haben die karikaturistischen und propagandistischen Zeichner der beiden letzten europäischen Kriege hervorragend zum Ausdruck gebracht. Man verwechsele aber Leah Grundigs Zeichnungen ja nicht mit propagandistischer und zugleich nationalistischer Kriegsmalerei, zu deren Wesen es gehört, eben propagandistisch tendenziös zu übertreiben. Die Zeichnungen Leah Grundigs sind wohl ausdrucksmäßig übersteigert, aber sie übertreiben nicht. Das festzustellen ist sehr wichtig. Und damit sind wir auf den Kern der Sache gestoßen, eben auf den menschlichen und politischen Gehalt der Kunst Leah Grundigs. Fast zur gleichen Zeit, als der Kriegsverbrecher Hans Frank, der Generalgouverneur Polens, am 2. August 1943 beim Empfang der Redner der NSDAP im Königssaal des Krakauer Schlosses über das Schicksal der ausgerotteten polnischen Juden folgende zynische Bemerkung machte: ,, Hier haben wir mit 312 Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist- sagen wir einmal- ausgewandert", fast zur gleichen Zeit, es wird auch schon am Anfang der nazistischen Aktion 7 ter gewesen sein, lodert die aus Deutschland vertriebene Jüdin Leah Grundig in Tel Aviv den Totentanz ihres Volkes aufs Papier. Aus Mitleiden mit den Qualen dieses Volkes. Aus Protest gegen eine nie dagewesene Bestialität. Als Aufruf an die Menschheit, weiteren Greueltaten Einhalt zu tun und den noch Lebenden zu einem Asyl zu verhelfen. Diese Beweggründe der Entstehung des erschütternden Zyklus erklären die zeichnerischen Eigentümlichkeiten. Entsprechend dem ungeheuren Schicksal, das sich hier vollendet, sind die Zeichnungen der Leah Grundig als kämpferische Ausdruckskunst der stärksten Art zu bezeichnen. Entsprechend der beabsichtigten Wirkung sind sie außerdem bei aller Meisterschaft der visionären Gestaltung echt volkstümlich einfach und führen in das Wirkliche. Sie sollen zur Tat rufen. Sie sollen etwas bewirken. Sie wenden sich nicht an nur künstlerisch Genießende. Sie wollen vor allem auch nicht- und das möge der heutige Betrachter besonders berücksichtigen- Sensation, Spiel mit dem Entsetzlichen. Davon sind sie ganz frei. Ihr Hintergrund ist ein tiefes, im Prophetischen des Judentums wurzelndes Ethos. Hinzu kommt ein klarer, im Sozialismus gewachsener Wille, Passivität, Duldung in Aktivität zu verwandeln. Leah Grundig, die am 23. März 1906 als Tochter des Kaufmanns Moses Langer zu Dresden geboren wurde, tritt 1926 in die Kommunistische Partei ein, in der sie bis zu ihrer Verhaftung tätig ist. Ihr Lehrer an der Dresdner Akademie der bildenden Künste ist Professor Gußmann. Innerhalb der Partei wächst sie neben ihrer Tätigkeit als Funktionärin an den Aufgaben, die ihr von der Assoziation revolutionärer bildender Künstler und der Propagandatruppe Linkskurve gestellt werden. 1927 heiratet sie den revolutionären Maler Hans Grundig, den heutigen Rektor der Akademie der bildenden Künste in Dresden. 1938 wird sie von der Gestapo verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Im Dezember 1939 wird sie aus der Haft entlassen und aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Seit Januar 1940 lebt sie in Palästina( Tel Aviv). Ihre Rückkehr nach Dresden steht unmittelbar bevor. Der Zyklus der Zeichnungen wird in Tel Aviv von Leah Grundig 1944 mit hebräischem und englischem Text herausgegeben. Die Zeichnungen werden außer in Palästina in England und Amerika gezeigt. In einer Ausstellung der Pierpont- Morgan- Buchhandlung in New York liegt ihre Mappe unter 300 illustrierten Büchern von 32 Nationen und wird besonders erwähnt. Die ,, New York Times" veröffentlicht von ihr eine Zeichnung neben einer Radierung Picassos. Der Dresdner Schriftsteller Max Zimmering, Emigrant vor dem Naziterror, bringt zwei Mappen mit nach Deutschland. Von ihm erhal8 Au Ju W kra me W die G Es SC vi ZO H au D e W n h ten wir gleichzeitig Kunde von den Äußerungen Oskar Kokoschkas und Arnold Zweigs über Leah Grundigs Zeichnungen. Aus den Äußerungen Kokoschkas ersehen wir, daß die praktische Wirkung der Zeichnungen, nämlich die unmittelbare Hilfe für die gemarterten Juden, nicht eingetreten ist. Kokoschka fragt:., Warum hat der Westen die Augen geschlossen und den Greueln tatenlos zugesehen? Warum hat man die Ohren zugehalten und das Hilfeschreien überhört?- War nicht genug Platz in jenen Weltteilen, die von demokratischen Völkern bewohnt sind, um drei Millionen zum Tode Verurteilter eine Chance zu geben? Das jüdische Herz schlägt nicht mehr. Wer spricht nun für die Menschlichkeit?" - st 1 et ch ie in |- S Wir glauben, daß dieses Dokument der Leah Grundig, das hiermit zum erstenmal der deutschen Offentlichkeit übergeben wird, für die Menschlichkeit sprechen kann, weil es das Unmenschliche ungeschminkt, wahr, ohne ästhetisierende Rücksichtnahme auf ,, schwache Gemüter" wiedergibt und weil es aus tief sittlichen, wahrhaft humanistischen Motiven heraus entstanden ist. Es könnte eingewendet werden, daß der Mensch, der im., Tal des Todes" gelebt hat und der Metzelei entronnen ist, für immer schweigen müßte, weil die Wirklichkeit viel furchtbarer war, als je ein Zeichenstift oder eine Feder wiedergeben könnte. Durch die visionäre und ethische Kraft ihrer Zeichnungen ist Leah Grundig aber vor dem Vorwurf bewahrt, daß sie sich einer Aufgabe unterzogen hat, der sie sich eigentlich aus Ehrlichkeit nicht unterziehen durfte, da sie nicht unmittelbar Beteiligte war. Aber ihr brennendes Herz und ihr Wissen, welche Tragödie sich an den Juden vollzog, legten ihr neben ihrer künstlerischen Berufung die Verpflichtung auf, nicht zu schweigen. Derselbe Hans Frank, der die zynische Bemerkung von der ,, Auswanderung" der Juden machte, stellte weiterhin fest: ,, Die Juden sind eine Rasse, die ausgetilgt werden muß. Wo immer wir einen erwischen, geht es mit ihm zu Ende." Und: ,, Daß wir 1,2 Million Juden zum Hungertod verurteilen, sei am Rande festgestellt." Heute wissen wir, daß rund 6 Millionen Juden in den Todesfabriken der Nazis vernichtet wurden. 6 Millionen pulsende, fühlende Lebewesen. Davon 31/2 Millionen Ostjuden. 9 Das östliche Judentum war anderer Art als das der assimilierten, westlich gerichteten Juden. Gewiß waren die Ostjuden durch jahrhundertelangen Terror aufgespalten, abgesplittert von einer tragenden Sozietät. Aber sie bewahrten immer noch das mythische und geistige Erbe von Jahrtausenden. Sie hatten echte Volkspoesie in Mythen und Märchen. Sie hüteten das Wissen um die Göttlichkeit des Menschen, wie es die großen deutschen Mystiker tiefer nicht besaßen. Denn diese hatten es ja von jenen überliefert bekommen. Sie hielten an ihrer Volkssprache fest und sperrten sich ab gegen jede Mechanisierung. Leah Grundig hat von diesen Werten des ältesten Geistes und des wirklichen Volkstums, das in den Todeslagern unterging, gewußt. Seht sie euch an, diese klagenden, fluchenden und duldenden Menschen! Das sind Propheten, das ist Volk des Alten Testaments. Das sind Nachkommen der mittelalterlichen Mystiker, Grübler über Teufel und Tod. Sie wußten, daß es keinen ,, Teufel", keine diabolische Gegenwelt gegen Gott gibt, daß alles Gott ist, alles aus Gott kommt. Menschen, die jahrhundertelang sich mit der Frage beschäftigten: ,, Warum verfolgt man uns?" Und deren Antwort lautete: Weil wir gesündigt haben." Duldende also. Aber auch Menschen, die sich von dieser Schuldfrage und diesem ewigen Schuldbekenntnis erlöst haben, die frei geworden sind. Entflammte seht ihr auf den Bildern. Befreite von dem jahrtausendalten Problem des jüdischen Selbsthasses, der jüdischen Selbstbeschuldigung. Menschen, die den Sozialismus sehen und wollen. All das Schicksal von Jahrtausenden seht ihr auf den Gesichtern der zum Tode Gehetzten ausgeprägt. Und zuletzt die Entschlossenheit, die Rache nicht Gott zu überlassen, sondern die Befreiung in die eigene Hand zu nehmen. Das ist die Sache der Partisanen. So gebären sich aus Schatten und Licht die Gestalten. So vollzieht sich die Tragödie. Szenen von antiker Größe stehen da. Mit den einfachsten Mitteln gestaltet. Und doch nicht primitiv. Vielleicht gibt es Ähnliches nur bei Äschylos, Dante oder Shakespeare. D E 2 D D A E N V 10 D H t e h e . st ,, Verflucht sei jener, der seine Augen schließt, um nicht zu sehen!" ,, Verflucht sei jener, der seine Ohren schließt, um nicht zu hören!" ,, Verflucht sei jener, der seine Hilfe verweigert!" Dies sei nicht ein einmaliger Schrei, ein Ruf an die Menschheit aus dem Jahre des Unheils 1943. Es ging nicht allein um die Vernichtung von 6 Millionen Juden. 25 Millionen unschuldige Menschen sind in den Nazitodeslagern ermordet worden. Dürfen die Deutschen diese Tatsache vergessen? Die Natur hat den Menschen als Heilung das Vergessen gegeben. Aber wehe, wenn ein Volk das Furchtbare seiner Geschichte gar nicht erst in sich aufnimmt und daher auch nicht vergessen kann. Wenn es nicht zum Bewußtsein seiner Schuld kommt. Wenn es nicht Scham empfindet über die Verbrechen, die es duldete. Ein Vergessen ist nur dann fruchtbar, wenn es den Menschen verwandelt. Die Verwandlung kann nur vor sich gehen, wenn der Mensch unerschrocken seinen Irrweg bekennt. Wenn er ein geläutertes neues Leben beginnt. Wenn er wachsam ist und dafür kämpft, daß sich eine derart wahn witzig verbrecherische und barbarische Katastrophe, wie sie von Leah Grundig dem Gedächtnis der Menschheit eingeprägt wurde, niemals wiederholt. Dresden, im März 1947 Kurt Liebmann 11 DER FLUCHENDE IM TAL DES TODES 12 Reckt aus dem Grab der Qualen sich noch ein Atmender herauf, zerfetzten Leibes schon, doch urgewaltig, ein Turm der Leidenschaft, um seinen Fluch zu dröhnen? Ist dieser da der letzte Mensch in einer Menschheit, die vertiert? Ist er von Ewigkeiten her der Wächter der Gequälten, die nicht mehr sprechen, lachen, nicht mehr schreien, stöhnen?- Er ist der letzte, blutbeschmiert, der letzte von Millionen Hingemetzelter im Tal der Schlächter. Da steht er schwer und groß. Prophet der Flüche, herausgehoben aus verstummter Klage erwürgter Menschenleiber. Er ist das Herz der Menschheit. Ist der Sprecher aller Kinder, Greise, Männer, Weiber. Er ist das Wort, das ihrem Mund entflammte. Er ist ihr Auge, ist ihr Mund, qualaufgerissen. Er ist das Wissen und Gewissen. Er ist die Stirn, die tief mit Jahwe ringt. Er ist der Streiter wider rasende Gewalt. Die schweren Fäuste, die er wie Keulen schwingt, vollenden die Gestalt der zornigen Flamme, die in den Himmel ragt und eine Welt anklagt. FLÜCHTLINGE Und es beginnt. Am Horizont des Ostens wird eine blutige Fahne aufgezogen. Eine Faust droht. Durch den Äther brüllt eine gurgelnde Stimme: ,, Vernichten! Vernichten! Vernichten!"- Aus tausend Kehlen schreit das Echo: ,, Ausrotten! Vertilgen! Zertreten!" Also beginnt es. Eine Bestie steht aus Deutschland auf und schreitet riesig Schritt für Schritt gen Osten, im Blick den Tod. Vor diesem Blick erzittert das Jahrtausendvolk und setzt sich in Bewegung. Beginnt die Wanderung, von der es keine Rückkehr gibt. Wie Tiere vor den Jägern fliehen nun die Menschen. Es ist ein schweigendes Getriebenwerden. Ein Vorwärtsdrängen, Mensch an Mensch. Ein paar nur recken ihre Arme. Was wollen sie? Aufhalten, zurückhalten, sprechen? So aber, wie ein angeschwollener Strom nicht aufzuhalten ist, so strömt das Volk schräg vorwärts. Nur einer blickt sich um. Ein Junger mit der Habe auf der Schulter. Will er sich stemmen gegen einen Schicksalsstrom? Sucht er den Blick der Alten hinter ihm, der Priester? Doch vorwärts. Schnell, schnell, schnell. Es wachsen immer neue Mörder hinter den gekrümmten Rücken der Fliehenden. Sie kreisen wie Schakale, wie Wölfe um das Volk. Sie ziehen Stacheldrähte über die Ebene. Barackenstädte wachsen. Hämmer dröhnen. Gibt es noch einen Ausweg irgendwo? Gibt es noch Erde, unschuldige, zum Ausruhen? Nein, nein, nein! Die Proletarierin im Kopftuch, Heilige aus dem Volke, weiß es. Gesenkten Hauptes tritt sie zur letzten Wanderung an. Sie schließt die Augen. Auch die Alte hinter ihr schließt ihre Augen. Sie wandern einem Abgrund zu. Nur einer schreitet aufrecht. Er hört nicht links. Er hört nicht rechts. Er trägt die Thora, das Gesetz. Er preßt es an sich. Er wird es halten noch, wenn sie ihn in das Feuer stoßen. 14 WEIL SIE JUDEN SIND... Schon nicht mehr auf der Erde. Ein Knäuel Menschen. Schon nicht mehr Menschen. Ein Kreis der Marter, deren Qualen viel tiefer ins Fleisch schneiden als die Marter jenes Juden, den man einst kreuzigte. Er stand vor einem Richter. Er hatte Erde unter sich, als man ihn schlug. Doch diese hier? Sie sind die Ausgestoßenen, weil sie Juden sind. Sie schweben irgendwo und nirgendwo. Ein Knäuel unaussprechbaren Jammers. Unschuldige, auf deren Namen man den Wahn der Menschheit hetzte. Sie heulen, schreien. Sie können die Münder nicht mehr schließen vor Entsetzen. Sie stieren in die Leere. Sie beten, fluchen. Erheben Arme wie Ertrinkende, Versinkende. Doch seht: inmitten dieses Menschenjammers welch menschlich- heilig Bild!- Ein Greis, der sich zum Tod neigt, bestrahlt vom Lichte eines nahen Sterns, hält seine Arme schützend über die Unschuld eines Kindes. 16 NACH LUBLIN Sie haben sie in die Viehwagen gepfercht. Nebeneinander, übereinander. Männer, Frauen, Kinder, Greise. Zuckendes Fleisch, das der Vernichtung entgegenrollt. Elender denn armes Vieh. Sie haben sie in die Viehwagen gepreßt. Tausende, Abertausende. Es dröhnen die Waggons in die Nacht, in den Tag, in die Nacht. Fracht für die Todesfabriken. Knäuel von Leibern in Kot und Urin wälzend, Ärzte und Rabbiner, Kaufleute und Handwerker, Reiche und Arme. Gefäße voll Klugheit und Güte. Flammen jahrtausendalter Leidenschaften. Hüter des menschlichen Feuers im unmenschlichen Deutschland. So rollen sie dahin( Berlin- Lublin), an Dörfern und Städten vorbei, durch Bahnhöfe ratternd. Immerfort, immerfort. Gefühllose und Ohnmächtige, die an den Bahnstrecken stehen, blicken auf die jammertiefen Gesichter an den Fenstern der Todeswaggons und hören gefühllos und ohnmächtig die Schreie: ,, Helft uns doch! Helft uns doch!" 18 BLUTHUNDE Ein paar Bluthunde haben Stellung genommen unter trauerndem Mond und beginnen das Werk der Metzelei. Kalt, die Hände in den Hosentaschen, seelenlos, ein paar uniformierte Mechanismen, schicken sie sich an, ein Volk zu liquidieren. ,, Die Sonne wird den Völkern der Erde nicht scheinen, bis der letzte Jude tot ist." Also vollziehen sie die Schlächterei nachts. Die Sonne des nächsten Tages wird keinen Juden mehr über der Erde finden. Der breite Lichtrachen des Scheinwerfers öffnet sich. Maschinengewehre blitzen auf. Ein zuckender Haufen wird vorwärts getrieben. Die Ersten wanken umschlungen in den Tod. Ein Wall erhobener Fäuste folgt. Betende Hände flattern. Da hetzen Geistmenschen neben Handwerkern, Dichter neben Lastträgern. Sie hetzen, stolpern, fallen. Halten sich, umschlingen sich und stürzen. Mit deinen Armen willst du ein Kindlein schützen, sterbender Greis?- Die Geschosse der Bluthunde zögern nicht. Sie machen weder halt vor dem Greis, noch machen sie halt vor dem Kind. Sie fragen auch nicht, ob sie die Lunge zerreißen oder das Herz. Oder nur Arme und Schenkel. Auch die Lebenden werden in die Grube getrieben. Schicht über Schicht. Wenn die Sonne sich erhebt, ist kein Jude mehr über der Erde. Es ist nur ein ungeheurer, geschlossener Hügel da, der von Blut und Schweiß, von Schreien und zuckendem Fleisch auf und ab wogt. Lange noch. 20 VERGASUNG Die Schreie sind erstarrt. Die nackten Kreaturen haben sich die Seele aus dem Leib geschrien. Die Leiber hängen zusammengeklumpt im Raum, durch den die Wolke der Vernichtung droht. Das Drohen würgt. Der Mund des Weibes, der wie der Rachen eines todbestimmten Tieres starrt, wird sich nicht schließen. Die wahnverkrampften Gesichter werden verzerrter noch auf Brust und Schulter fallen, und Schweigen wird in dieser Todeskammer sein, das letzte Schweigen, erschlafftes Fleisch und Leiche neben Leiche stehend. 22 ALLE KINDER SIND ABZULIEFERN... Da gehen sie und stehen sie, die Judenkinder. Eine Gruppe der Anklage, Herzen zu erweichen. Lasset die Kindlein zu mir kommen, sprach einst der Rabbi. Und nun? Aus ungewisser Nacht wird eine Faust sich recken und diese Unschuld zermalmen. Stiefel werden dröhnen und dieses reine Leben zertrampeln. Bestien werden die Kindlein aus den Armen ihrer Brüder und Schwestern reißen und töten. Das Schicksal von Jahrtausenden durchleuchtet ihre Gesichter. Alt sind sie, diese Kinder, herb und wissend. Die kleinsten Kreuzesträger ihres Volkes. Sie hüten Funken in sich einstigen Geistes. Es schlummern Keime in den Körperchen, aus denen Kräfte sich entfalten werden, die Menschen zu erleuchten: Gaben des Herzens, der Menschlichkeit, Gewalt des Dichterwortes, Flammen der Erkenntnis. Dies alles wird nun ausgelöscht Da stehen sie und gehen sie. Gerissen von den Herzen ihrer Mütter. Ins Dunkel starrend und die Vernichtung witternd. 24 DIE MUTTER Klagende Gruppe vor der Mauer des Schweigens. Wie schon abgeschieden im Hades kauernd. Gebeugt, die Augen pressend, daß sie nicht hingeschwemmt werden vom Fluẞ der Tränen. Den Mund verstopfend, daß die Schreie den Kopf nicht sprengen. O Mütter, den Jammer der Menschheit beweinend! Mütter der Schmerzen und doch schon jenseits aller Tränen. Nur eine wächst noch in das Leben, ist Aufruhr der gequälten Seele. Ihr Kindlein flüchtet wie ein Vogeljunges sich an ihren Schoß. Mit breitem Mund stößt sie die Klage aus und flucht den Mördern. Ein Muttertier, das auf den Henker wartet. Klagende Gruppe der Mütter der Menschheit. 26 HELFT! Die Todbestimmten haben sich mit blutigen Händen am Mauerwerk emporgekratzt und zeugen von dem Land der Schlächter und Vernichter, das hinter kalter Mauer wütet mit Fahnen, Galgen, Brand und Gas. Helft! Helft! Ein Paar verwirrte Augen eines bis zum Irresein Gequälten schreien. Schmerzüberwältigt sinkt ein Mensch zurück, ins Leere greifend. Ins Leere jammern ein Paar Hände. Helft! Helft! Millionen werden hinter uns gemetzelt. Helft! Helft! Gibt es noch Menschen, die die Klage hören? Helft! Helft! Deutschland bleibt stumm. Irr flattern Hakenkreuze über der Vernichtung. 28 30 30 OFFNET! Sie haben sie in den Exekutionshof getrieben. Sie jagen die Gepeinigten wie Tiere. Mit Peitschen, Knüppeln, Tritten und Maschinengewehren lassen sie ihre Tobsucht an Unschuldigen und Wehrlosen aus. Sie machen Duldende rasend. Rasende Masse stürzt gegen das Gitter Europas, aufzubrechen das Schlachthaus. Arme flehen. Verzweiflung schreit: Offnet! Offnet! Menschen rufen die Menschheit an. Und kein Erbarmen. Aber vor den Gittern ist Schweigen und Nacht. DAS UNGEHEUER 32 Im Veitstanz tobt das Todesungeheuer. Seht, wie der Moloch grinst. Nein, Grinsen ist das nicht. Das ist zu menschlich noch. Unmenschlich bleckt des Werwolfs Biß, vom Totenschädel übergraust. Das ist der tolle Dämon der Gewalt. In seiner Riesenpratze läßt er seine Opfer baumeln. In rasendem Taumel klettern die Gequälten an ihm empor, ihm seine Beute zu entreißen. Er wehrt kaum. Macht es ihm Spaß? Er weidet sich an der Verzweiflung. Er triumphiert und ist doch nichts von dem, nichts Menschliches. Ist Dämon nur des blinden Wahns, Entfesselter der Tobsucht und des rasenden Bisses. HOFFNUNGSLOS Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Unsere Urväter und Urmütter riefen dich an in ihrer Not, und siehe, du führtest sie den rechten Weg. Wenn sie sündigten, straftest du sie. Aber du lieẞest sie nicht zuschanden werden. Ich verstehe nicht mehr, was du mit uns vorhast. Wir leiden, wie noch nie ein Volk litt. Rasende Tiere fielen über uns Unschuldige her und zerrissen uns. Was haben wir getan, daß wir so gestraft wurden? Daß wir getilgt werden vom Erdboden, den wir friedlich bebauten und liebten? Mein Kind liegt tot in meinem Schoß. Mein Kind klagt unter meinem Arm und klagt dich an, dich, Gott. Der Himmel ist tot. Ist niemand da auf der ganzen Erde, der uns hilft? Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen? 34 IN DEN ABGRUND Sie haben sie an Steinbrüche geschleppt und mit Hunden und Maschinengewehren in den Abgrund gejagt: Greise, Mädchen, Männer, Frauen, Knaben. Im Absturz noch halten die Mütter ihre Kinder umschlungen, denn die Liebe währet bis in den Tod. Und seht das weise, alte Dulderantlitz, wie es die Menschheit anklagt, bevor es zu blutigem Brei zerschellt. Ehemals malten die Maler den Sturz der Verdammten. Aber dies hier, dies ist der Sturz der Heiligen. Und die Verdammten stehen oben am Rand des Abgrundes und lauschen grinsend dem Rauschen des Falles und dem schreienden Aufprall. 36 REVOLTE IM GHETTO - Nun sind sie aufgestanden die Letzten zwischen Leichen und Ruinen. Zusammengetriebene Arbeiter, Kaufleute, Gelehrte, Künstler. Verzückte, Entschlossene. Alle bis aufs Blut gepeinigt und so gequält, daß Weiber rasende Mütter werden und Bestien, um blonde Bestien zu zerfleischen. Das tat der Mensch dem Menschen. Mit Spießen, Hacken, Messern, Gewehren, Handgranaten haben sie sich bewaffnet, zu erfüllen das Gesetz: Auge um Auge, Zahn. um Zahn. Daß sie sterben müssen, wissen sie. Aber sie wollen nicht in Gasschwaden verrecken. Sie wollen nicht ihr eigenes Grab schaufeln oder sich Stück für Stück zerreißen lassen. So sind sie aufgestanden die Letzten zwischen Leichen und Ruinen. - 38 UNTER DER ERDE Unsichtbar unter der Erde keimt die Saat. Unsichtbar unter der Erde saugen die Wurzeln ihre Kraft aus feuchten Tiefen. Also keimt unter der Erde in nassen Kanälen und dunklen Gängen die Saat des Aufruhrs, die Revolte des gemarterten Lebens gegen den Tod. Die letzte Kraft empört sich. Der einst das Licht der siebenarmigen Leuchter entzündete, der greise Priester, er sammelt nun Gewehre und verteilt sie. Gebeugt und keuchend helfen Weiber. Die Männer stehn bereit. In dunklen Tiefen sammelt sich die Rache an den Peinigern. 40 PARTISANEN Sie treten an. Sie stehen vor den Gehenkten, Ermordeten. Sie klagen nicht. Sie sind die Härte. Psalmen des Schmerzes singen sie nicht mehr, wie ihre Vorfahren es taten. Statt der Harfen tragen sie Waffen. Auch Flüche stoßen sie nicht mehr aus, Arme gen Himmel reckend. Die Rache überlassen sie nicht mehr ihrem Gott. Sie treten an und kämpfen. 42 EWIGE SCHANDE Da, wo Leben blühte, graust Vernichtung und Tod. Da, wo Liebe war und der Mensch dem Menschen Gutes tat, stand der Haß auf und der Wahnsinn und entweihte das Menschliche. Wahrlich, was der vollbrachte, der da hängt in seiner zerfetzten Standarte, vergeßt es nicht, vergeßt es nicht: Die ewige Schande! Sein Vermächtnis ist Blut und Jammer. Hekatomben von Opfern wuchsen zu Bergen. Sie klagen an. Städte wurden Staub und Trümmer. Sie klagen an. Geknechtet hat er Wehrlose. Ausgerottet hat er ein wehrloses Volk. Sie klagen an. Das Menschliche hat er mit Füßen getreten. Die Seelen hat er gemartert. Warum? Warum? Sie klagen an. Sie klagen an. An der ehrlosen Stange hängt der Vernichter, Vernichtung unter sich und selbst vernichtet. Zum ewigen Gedächtnis. Zur ewigen Schande. 44 INHALTSVERZEICHNIS Einleitung 6 Der Fluchende im Tal des Todes 12 Flüchtlinge 14 Weil sie Juden sind... 16 Nach Lublin 18 Bluthunde 20 Vergasung 22 Alle Kinder sind abzuliefern... 24 Die Mütter 26 Helft! 28 Offnet! 30 Das Ungeheuer 32 Hoffnungslos 34 In den Abgrund 36 Revolte im Ghetto 38 Unter der Erde 40 Partisanen 42 Ewige Schande 44