Julius Fučík 1902 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Pilsen geboren, war Journalist und Schriftsteller in Prag, bis er am 15. März 1939 plötzlich verschwand. Statt des jungen, immer lachenden Redakteurs wanderte der gesetzte, mit einem Vollbart geschmückte, ehrwürdig ernstaussehende ,, Professor Horak" durch die Straßen Prags oder kleinerer Provinzstädte allen unbekannt und niemand verdächtig. Nicht einmal die Gestapo hätte geahnt, daß der wie abwesend vor sich hinstarrende ,, Professor" eines der hervorragendsten Mitglieder der tschechischen Widerstandsbewegung und der Herausgeber des illegalen ,, Rudé Právo" war. Ein Zufall brachte schließlich die schwarzen Spürhunde auf seine Fährte, und als sie ihn erkannten und ins Pankrácer Gefängnis schleppten, setzten die täglichen ,, Bearbeitungen" ein, die ihn zum Sprechen bringen sollten. Er schwieg. Und doch drängte alles in ihm, zu sprechen. Nicht zu ihnen, die ihn peinigten, sondern zu seinen Freunden, zu seinem Volke, zur Menschheit. Seine Sprache war die Schrift. Es muß die helfende Hand des Schicksals gewesen sein, die ihm eines Tages in der Person eines tschechischen Gefängnisaufsehers Papier und Bleistift in die Zelle brachte. Diesem mutigen Unbekannten, der sich auch erbötig 22.499.78 UB GIESSEN ? 499 785 ch. in ng rel 1 Konzentrationslager Ravensbrück erfuhr ich von meinen Mitgefangenen, daß mein Mann, Julius Fuöik, Redakteur des Rude Prävo und der Tvorba, durch das Nazigericht in Berlin am 25. August 1943 zum Tode verurteilt worden war. Fragen über sein weiteres Schicksal prallten nur als Echo von den hohen Lagermauern ab. Nach der Niederlage Hitlerdeutschlands im Mai 1945 wur- den aus den Kerkern und Konzentrationslagern die Häftlinge befreit, die die Faschisten nicht mehr zu Tode martern oder erschlagen konnten. Unter den Befreiten war auch ich. In die befreite Heimat zurückgekehrt, forschte ich nach meinem Mann; so wie Tausende andere ihre durch die deut- schen Okkupanten irgendwohin in die zahllosen Folterkammern verschleppten Männer, Frauen, Kinder, Väter, Mütter suchten und immer noch suchen. Ich erfuhr, daß Julius Fulik am vierzehnten Tag nach seiner Verurteilung, am 8. September 1943, in Berlin hingerichtet wurde. Ich erfuhr auch, daß Julius Fucik im Gefängnis am Pankräc Aufzeichnungen gemacht hatte. Dies wurde durch den Auf- seher A. Kolinsky ermöglicht, der meinem Mann Papier und Bleistift in die Zelle brachte und die beschriebenen Blätter dann eins nach dem andern heimlich aus dem Gefängnis schmuggelte. Es gelang mir, den Aufseher ausfindig zu machen. Allmäh- lich brachte ich das schriftliche Material, das Julius Futik aus seinem Pankräcer Gefängnis herausgesandt hatte, zusammen. Die beschriebenen numerierten Blätter, die an verschiedenen Orten und bei verschiedenen Leuten versteckt waren, ordnete ich und lege sie nun Dir, Leser, vor. Es ist das letzte Werk Julius Fuäiks. GUSWA EUER Erst In Habtachtstellung sitzen, mit steil aufgerichtetem Körper, die Hände an die Knie gedrückt und die Augen bis zum Erblinden auf die gelbliche Wand des ,, Hausgefängnisses" im Petschek- Palais gerichtet das ist wahrlich nicht die günstigste Lage zum Nachdenken. Aber wer kann die Gedanken dazu verhalten, Habtacht zu sitzen? - - Irgendwann hat irgend jemand wir werden niemals feststellen können, wann und wer das ,, Hausgefängnis," im Petschek- Palais ,, Kino" genannt. Ein genialer Einfall. Ein geräumiges Lokal, sechs lange Bänke hintereinander, mit steil aufgerichteten Körpern von Untersuchungshäftlingen besetzt, und vor ihnen die kahle Wand wie eine Kinoleinwand. Alle Filmgesellschaften der Welt haben nicht so viele Filme gedreht, wie auf diese Wand von den Augen der Untersuchungshäftlinge reflektiert wurden, die auf neue Vernehmungen, auf Foltern, auf den Tod warteten. Filme ganzer Lebensläufe und kleinster Lebensabschnitte, Filme von der Mutter, der Frau, den Kindern, vom zerstörten Heim, von der verlorenen Existenz, Filme von standhaften Genossen und von Verrat, von Flugblättern und jenen, denen sie übergeben wurden, vom Blut, das wieder fließen wird, von einem festen Händedruck, der verpflichtet hat, Filme voll Entsetzen und Entschlossenheit, Haß und Liebe, Furcht und Hoffnung. Mit dem Rücken zum Leben gekehrt stirbt hier jeder täglich vor seinen eigenen Augen. Aber nicht jeder wird wieder geboren. - Hundertmal habe ich hier meinen Film gesehen, tausendmal seine Einzelheiten; jetzt versuche ich einmal, ihn zu erzählen. Sollte sich die Schlinge zusammenziehen, bevor ich ihn beende, dann bleiben noch Millionen, die sein ,, happy end" schreiben werden. 8 I lau I He spe A tig abe Un see mi Un be En hö se eu perl, ‚ Er- gün- ıken fest- ' im ger steil ‚etzt, Alle reht, inge tern, nster jern, von und jeder chtet und ı ge Aber dmal hlen. , ber end“ Erstes Kpitel STUNDEN In fünf Minuten wird es zehn Uhr schlagen. Es ist ein schöner lauer Frühlingsabend— 24. April 1942. Ich eile— soweit es mir die Figur des älteren hinkenden Herrn erlaubt, die ich spiele— ich eile, um noch vor Haustor- sperre zu den Jelineks zu kommen. Dort erwartet mich mein „Adjutant‘ Mirek. Ich weiß, daß er mir diesmal nichts Wich- tiges erzählen wird, und auch ich habe ihm nichts zu sagen, aber zur vereinbarten Zusammenkunft nicht zu kommen, kann Unheil bedeuten— und vor allem möchte ich unsern beiden seelensguten Gastgebern keine überflüssigen Sorgen machen. Sie empfangen mich mit einer Schale Tee. Mirek erwartet mich schon, und außer ihm das Ehepaar Fried. Wieder eine Unvorsichtigkeit. Genossen, ich seh euch gern, aber nicht so beisammen. Das ist der beste Weg ins Kriminal und in den Tod. Entweder ihr haltet die Kegeln der Konspiration ein oder ihr hört mit der Arbeit auf, denn auf diese Art bedroht ihr euch selbst und andere. Begriffen? — Begriffen. — Und was habt ihr mir gebracht? — Die Mainummer des Rude Prävo. — Ausgezeichnet. Und du, Mirek? — Nichts Neues. Die Arbeit geht gut. — Fertig. Wir sehen uns erst nach dem 1. Mai. Ich" gebe euch Nachricht. Und auf Wiedersehen! — Noch eine Schale Tee, Herr Chef! — Nein, nein, Frau Jelinek, wir sind hier zu viele. — Wenigstens eine Schale, ich bitte Sie. Aus dem frisch eingeschenkten Tee steigt der Dampf. Jemand läutet. Jetzt, in der Nacht? Wer kann das sein? Die Besucher sind ungeduldig. Schläge gegen die Tür. - Aufmachen! Polizei! Schnell zu den Fenstern! Davon! Ich habe einen Revolver und decke euern Rückzug. Zu spät! Unter den Fenstern steht Gestapo und zielt mit den Pistolen aufs Zimmer. Vom Gang dringen durch die eingeschlagene Tür die Geheimen in die Küche und weiter ins Zimmer. Einer, zwei, drei, neun Mann. Sie sehen mich nicht, denn ich stehe gerade hinter ihrem Rücken, hinter der Tür, die sie geöffnet haben. Ich kann also ungehindert schießen. Aber neun Pistolen zielen auf zwei Frauen und drei unbewaffnete Männer. Wenn ich schieße, fallen sie früher als ich. Und wenn ich nur mich selbst erschieße, beginnt eine Schießerei und sie fallen ihr zum Opfer. Schieße ich nicht, werden sie vielleicht ein halbes Jahr, vielleicht ein Jahr sitzen, und die Revolution wird sie lebend befreien. Nur Mirek und ich, wir können uns nicht herauswinden, sie werden uns foltern mir kriegen sie nichts heraus, und aus Mirek? Ein Mensch, der in Spanien gekämpft hat, ein Mensch, der zwei Jahre im Konzentrationslager in Frankreich verbracht hat und mitten im Krieg illegal von Frankreich bis nach Prag gekommen ist- nein, der wird nichts verraten. Ich habe zwei Sekunden Bedenkzeit. Oder sind es vielleicht drei Sekunden? - aus Schieße ich, werde ich nichts retten, nur mir selbst erspare ich die Foltern, aber dafür opfere ich unnütz das Leben von vier Genossen. Ist es so? Ja! Entschieden. Ich trete aus dem Versteck. - Ah, noch einer! Der erste Schlag ins Gesicht. Vielleicht sollte er mich knockout schlagen. W S ger I we sch nie Ah Mi I füh se - Hände hoch! Der zweite. Der dritte. So habe ich es mir vorgestellt. Aus der musterhaft aufgeräumten Wohnung ist schon ein Haufen von durcheinandergeworfenen Möbeln und Scherben geworden. 10 volver it den eingeer ins nicht, Tür, ießen. unbels ich. eBerei en sie and die h, wir -aus ch, der Konen im ist- en Bespare n von nockWeitere Schläge mit den Händen und Fußtritte. - Marsch! Sie laden mich ins Auto. Die Pistolen sind ständig auf mich gerichtet. Unterwegs beginnt das Verhör. - - - Wer bist du? Professor Horák. Du lügst! Ich zucke die Achseln. - - Sitz still, oder ich schieße! Schießen Sie! Anstatt eines Pistolenschusses ein Faustschlag. Wir begegnen einem Straßenbahnzug. Mir scheint, daß er weiß bekränzt ist. Ein Hochzeitszug, jetzt, in der Nacht? Wahrscheinlich beginne ich zu fiebern. Das Petschek- Palais. Ich hatte geglaubt, daß ich lebendig nie hineinkäme. Jetzt im Laufschritt in den vierten Stock. Aha, die berühmte II- A 1, die antikommunistische Abteilung. Mir scheint, ich bin sogar neugierig. Der lange, magere Kommissar, der den Überfalltrupp angeführt hat, steckt die Pistole in die Tasche und führt mich in seine Kanzlei. Er zündet mir eine Zigarette an. - - - Wer bist du? Professor Horák. Du lügst! Seine Armbanduhr zeigt elf. - Durchsucht ihn! Die Durchsuchung beginnt. Sie ziehen mich aus. - - - Er hat eine Legitimation. Auf welchen Namen? Professor Horák. Nachfragen! Telephon. - Nicht gemeldet. Die Legitimation ist falsch. on ein herben - Wer hat sie dir gegeben? Die Polizeidirektion. Der erste Schlag mit dem Knüppel. Der zweite. Der dritte. 11 Soll ich sie zählen? Diese Statistik, Junge, wirst du nirgends und niemals verwerten. ein — Der Name? Sprich! Die Adresse? Sprich! Mit wem hast Str du verkehrt? Sprich! Wohnungen? Sprich! Sprich! Oder wir” sor erschlagen dich! Wie viele Schläge wohl ein gesunder Mensch aushält? Das Radio gibt das Mitternachts-Zeitzeichen. Die Kaffee- häuser sperren, die letzten Gäste gehen nach Hause, die Pär- ist chen stehen vor den Haustoren und können sich nicht trennen. Sh Der lange, magere Kommissar tritt mit fröhlichem Lächeln in den Raum: — Alles in Ordnung... Herr Redakteur? Wer hat ihnen das gesagt? Die Jelineks? Die Frieds? Die Sc kennen nicht einmal meinen Namen. u — Siehst du, wir wissen alles, Sprich! Sei vernünftig. W Merkwürdiges Vokabular! Vernünftig sein= verraten.| Ich bin nicht vernünftig. N — Bindet ihn! Und schlagt zu![ en Ein Uhr. Die letzten Straßenbahnzüge fahren ins Depot, die’ Gassen sind leer geworden, das Radio wünscht seinen treuesten R Hörern gute Nacht. — Wer ist noch Mitglied des Zentralkomitees? Wo sind die= Sendeanlagen? Wo sind die Druckereien? Sprich! Sprich! Sprich! Jetzt kann ich schon ruhiger die Schläge zählen. Der einzige n Schmerz, den ich fühle, kommt von den zerbissenen Lippen. s — Schuhe'runter! j Wirklich, die Füße sind noch nicht abgestumpft. Das fühle e ich. Fünf, sechs, sieben, es ist schon so, als ob der Stock bis 5 ins Gehirn durchdränge. Zwei Uhr. Prag schläft, vielleicht weint irgendwo ein Kind y im Schlaf und ein Mann streichelt seine Frau über die Hüften. 4 N — Sprich! Sprich!|. Ich fahre mit der Zunge im Mund umher und versuche, die i ausgeschlagenen Zähne zu zählen. Ich kann sie nicht zählen. b Zwölf, fünfzehn, siebzehn? Soviel Kommissare sind jetzt da,: die mich„vernehmen‘, Einige. sind schon sichtlich müde. Und| S der Tod kommt noch immer nicht.| h 12 gends ı hast T wir affee- - nnen. In in ? Die t, die esten d die jrich! nzige fühle k bis Kind iften: : die hlen. t da, Und Drei Uhr. Von der Peripherie bricht der frühe Morgen her- ein, die Grünzeughändler nähern sich den Marktplätzen, die Straßenkehrer kommen auf die Straße. Vielleicht erlebe ich “ sogar noch einen Morgen. Sie bringen meine Frau. — Kennen Sie ihn? Ich schlucke das Blut, damit sie es nicht sieht... und das ist sicherlich verrückt, denn das Blut rinnt mir aus jedem Stückchen Gesicht und aus den Fingerspitzen. — Kennen Sie ihn? — Ich kenne ihn nicht. Sie sagte es, und nicht mit einem Blick verriet sie ihren Schreck. Die gute. Sie hielt die Vereinbarung, daß sie sich nie zu mir bekennen werde, obwohl es jetzt schon überflüssig war. Wer hat ihnen nur meinen Namen gesagt? Sie wurde abgeführt. Ich verabschiedete mich von ihr mit der fröhlichsten Miene, deren ich noch fähig war. Vielleicht war sie gar nicht fröhlich. Ich weiß es nicht. Vier Uhr. Dämmert es? Dämmert es nicht? Die verdunkelten Fenster geben keine Antwort. Und der Tod kommt noch immer nicht. Soll ich dir entgegenkommen? Wie? Ich habe jemand geschlagen und bin zu Boden gefallen. Sie stoßen nach mir. Sie treten auf mich. Ja, so, jetzt wird bald Schluß sein. Der schwarze Kommissar hebt mich am Vollbart hoch und lacht zufrieden, daß er mir ganze Büschel ausge- rissener Haare zeigen kann. Es ist wirklich komisch. Und Schmerz fühle ich überhaupt nicht mehr. Fünf Uhr, sechs, sieben, zehn, Mittag. Die Arbeiter gehen von der Arbeit und zur Arbeit, die Kinder gehen in die Schule und aus der Schule, in den Geschäften wird verkauft, zu Hause wird gekocht, vielleicht hat sich jetzt die Mutter an mich_er- innert, vielleicht wissen die Genossen schon, daß ich verhaftet bin, und vielleicht treffen sie schon Sicherheitsvorkehrungen . wie, wenn ich spreche... nein, habt keine Angst, ich spreche nicht, glaubt mir. Und das Ende kann ja auch nicht mehr weit sein. Das Ganze ist nur mehr ein Traum, ein böser Fiebertraum, die Schläge fallen und dann fließt Wasser über 13 mich und wieder Schläge und wieder ,, Sprich, sprich, sprich!" und ich kann noch immer nicht sterben. Mutter, Vater, warum habt ihr mich so stark gemacht? Nachmittag. Fünf Uhr. Alle sind schon müde. Die Schläge fallen jetzt nur mehr selten, in langen Intervallen, das ist nur mehr Trägheit. Und auf einmal aus der Ferne, aus unermeßlicher Ferne tönt eine friedliche, ruhige Stimme, sanft wie eine Liebkosung: - Er hat schon genug! Und dann sitze ich, und der Tisch vor mir versinkt und taucht wieder auf und irgend jemand gibt mir zu trinken und irgend jemand bietet mir eine Zigarette an, die ich nicht halten kann, und irgend jemand versucht, mir die Schuhe anzuziehen, und sagt, daß es nicht mehr geht, und dann werde ich halb geführt und halb getragen, die Treppen hinuntergeschafft, ins Auto, wir fahren, irgend jemand zielt wieder mit der Pistole, es kommt mir lächerlich vor, wir begegnen dem weiß bekränzten Straßenbahnzug, dem Hochzeitszug, aber vielleicht ist das alles nur ein Traum, vielleicht ist das alles nur Fieber oder das Sterben oder wenigstens der Tod selbst. Denn das Sterben ist doch schwer, aber das ist nicht mehr schwer oder überhaupt irgendwie, das ist leicht wie eine Flaumfeder, nur noch ausatmen und alles ist vorbei. - Vorbei? Noch nicht, noch immer nicht. Jetzt stehe ich doch wieder, wirklich, ich stehe, allein, ohne fremde Hilfe, und knapp vor mir ist eine schmutziggelbe Mauer, bespritzt womit? Anscheinend ist es Blut... ja, es ist Blut, ich hebe den Finger und versuche, es zu verschmieren... es geht, es ist frisch, es ist mein Blut... Und irgend jemand schlägt mich von hinten auf den Kopf und befiehlt mir, die Hände zu heben und Kniebeugen zu machen; bei der dritten falle ich um... Ein langer SS- Mann steht über mir und stößt mich, daß ich aufstehen soll; wie überflüssig das ist; wieder wäscht mich jemand, wieder sitze ich, irgendeine Frau gibt mir eine Arznei und fragt, was mir weh tut, und da scheint mir, als ob aller Schmerz im Herzen sei. 14 no mi SC le K ic SC aucht ‚gend kann ‚und führt Auto, ymmt Ben- ; auf ben doch jend- tmeB doch und den s ist Kopf , zu ‚ ich je nel aller — Du hast kein Herz— sagt der lange SS-Mann. — Oh, doch!— sage ich und bin auf einmal stolz, daß ich noch genug Kraft habe, mein Herz zu verteidigen. Und dann verliert sich wieder alles, die Mauer und die Frau mit der Arznei und der lange SS-Mann... Und vor mir ist eine. offene Zellentür. Ein dicker SS-Mann schleppt mich hinein, zieht mir die Fetzen des Hemdes aus, legt mich auf den Strohsack, betastet meinen verschwollenen Körper und ordnet an, mir Umschläge zu geben. — Schau— sagt er einem zweiten und schüttelt den Kopf — schau, was sie imstande sind! Und wieder aus der Ferne, aus unermeßlicher Ferne höre ich die friedliche, ruhige Stimme, zart wie eine Liebkosung: — Bis früh hält er es nicht aus. In fünf Minuten wird es zehn Uhr schlagen. Es ist ein schöner, lauer-Frühlingsabend— 25. April 1942 15 Zweites Kapitel STERBEN „Wenn Sonnenstrahl und Sternenschein gehn zur Ruh, gehn zur Ruh...“ Zwei Männer mit nach unten gefalteten Händen gehen mit schweren, langsamen Schritten hintereinander im Grabgewölbe im Kreis und singen mit langgezogener Stimme ein trauriges Kirchenlied. ‚.... dann steigt empor die Seele mein dem Himmel zu, dem Himmel zu...” Irgend jemand ist gestorben. Wer? Ich versuche, den Kopf umzudrehen. Vielleicht erblicke ich einen Sarg mit einem Ver- storbenen und die zwei aufgerichteten Zeigefinger der Leuch- ter an seinem Haupt. ır... Wo keine Nacht uns mehr bedroht, wo ewig Glanz und Morgenrot....“ Es ist mir gelungen, die Augen zu heben. Niemand anderen sehe ich. Niemand ist hier— nur die zwei und ich. Wem singen sie da ein Grablied? „...'ein Stern in aller Zukunft loht, Heiland du, Heiland du.” Es ist ein Begräbnis. Es ist ganz sicher ein Begräbnis. Und wen begraben sie da? Wer ist da? Nur die beiden und ich. Und ich! Ist das vielleicht mein Begräbnis? Aber, hört doch, Leute, das ist ein Mißverständnis! Ich bin doch nicht tot. Ich lebe doch. Ihr seht ja, daß ich auf euch schaue und mit euch spreche. Hört auf! Begrabt mich nicht! „Wenn Abschied fordert das Geschick zur ewigen Ruh, zur ewigen Ruh...” Sie hören nicht. Sind sie taub? Spreche ich nicht laut genug? Oder bin ich vielleicht wirklich tot und sie können 16 me da Ko) un tra da en Du be au Je tr hen mit gewölbe rauriges en Kopf em VerLeuchanderen Wem is. Und und ich. rt doch, tot. Ich mit euch cht laut können meine körperlose Stimme nicht hören? Und mein Körper liegt da am Bauch und ich schaue auf mein eigenes Begräbnis? Komisch. ... dann wendet innig sich der Blick dem Himmel zu, dem Himmel zu..." Ich erinnere mich. Jemand hat mich schwer aufgehoben und angekleidet und dann haben sie mich auf eine Bahre getragen, metallene Schritte dröhnten durch den Gang und dann... und das ist alles. Mehr weiß ich nicht mehr. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. 11... wo ewig Glanz und Morgenrot ... Aber das ist alles Unsinn. Ich lebe. Ich fühle irgendeinen entfernten Schmerz und habe Durst. Tote haben doch keinen Durst. Ich lege alle meine Kräfte in den Versuch, die Hand zu bewegen, und irgendeine fremde, unnatürliche Stimme schlägt aus mir: Trinken! Endlich. Die zwei Männer hören auf, im Kreise zu gehen. Jetzt beugen sie sich über mich, und einer von ihnen hebt meinen Kopf und hält mir einen Krug mit Wasser zum Mund. Junge, du mußt auch etwas essen. Schon zwei Tage trinkst und trinkst du nur... Was sagt er mir da? Schon zwei Tage? Welcher Tag ist denn heute? - Montag. Montag. Und am Freitag bin ich verhaftet worden. Wie der Kopf schwer ist. Und wie das Wasser kühlt. Schlafen! Laßt mich schlafen. Ein Tropfen hat die glatte Fläche des Brunnens getrübt. Das ist die Quelle auf der Bergwiese, ich weiß, beim Hegerhaus unterm Roklan, und ein dünner Landregen rauscht in den Nadeln der Wälder... Wie süß ist es, zu schlafen... Und wie ich wieder aufwache, ist es Dienstag abend und über mir steht ein Hund. Ein Wolfshund. Er sieht mich mit schönen, klugen Augen prüfend an und fragt: - Wo hast du gewohnt? Aber nein, das ist nicht der Hund. Die Stimme gehört einem andern. Ja, noch jemand steht da, ich sehe hohe Stie2 Fučík 17 fel, noch ein Paar hohe Stiefel und eine Militärhose, aber höher sehe ich nicht mehr, der Kopf dreht sich, wenn ich schauen will, ach, was liegt daran, laßt mich schlafen... Mittwoch. Die zwei Männer, die die Psalmen gesungen haben, sitzen jetzt am Tisch und essen aus tönernen Schüsseln. Ich unter- scheide sie schon. Einer ist jünger, der zweite älter und es scheint, daß sie Mönchen gar nicht ähnlich sehen. Und auch das Grabgewölbe ist kein Grabgewölbe mehr, es ist eine Kerkerzelle so wie jede andere, die Bretter des Fußbodens laufen von meinen Augen weg zueinander. Und dort am Ende ist eine schwere, dunkle Tür... Im Schloß knarrt ein Schlüssel, zwei Männer springen auf und stehen Habtacht, zwei andere in SS-Uniform treten ein und befehlen, mich anzuziehen— ich habe nicht gewußt, wie- viel Schmerzen in jedem Hosenbein, in jedem Ärmel versteckt sind— sie legen mich auf eine Bahre und tragen mich die Stie- gen hinunter, metallene Schritte dröhnen durch den langen Gang...! das ist also der Weg, den sie mich schon einmal getragen, als sie mich bewußtlos hierher brachten. Wohin führt er? In welcher Hölle endet er wieder? Im dunklen, unfreundlichen Aufnahmebüro des Pankräcer Polizeigefängnisses. Sie legen mich auf den‘ Boden und eine gespielt gutmütige tschechische Stimme übersetzt die böse herausgestoßene Frage einer deutschen Stimme: — Kennst du sie? Ich hebe mein Kinn mit der Hand. Vor der Bahre steht ein junges, breitbackiges Mädchen. Sie steht stolz, ganz auf- gerichtet, den Kopf hoch, nicht trotzig, aber aufrecht, nur die Augen leicht gesenkt, gerade nur so weit, um mich zu sehen und zu grüßen. — Ich kenne sie nicht. Ich erinnere mich, daß ich sie vielleicht einmal für einen Augenblick in der wilden Nacht im Petschek-Palais gesehen habe. Jetzt zum zweitenmal. Leider sah ich sie nicht mehr ein drittes Mal, um ihr die Hand drücken zu können für die Würde, mit der sie dastand. Es war die Frau von Ernst Lorenz. Sie 18 Si ve e, aber nn ich ‚ sitzen | unter- und es ıd auch st eine 3bodens m Ende- jen auf ten ein Bt, wie- srsteckt je Stie- langen einmal in führt nkräcel 1d eine e böse eht ein 1z auf- nur die sehen ‚ eineD ‚esebe? ehr eiß wurde in den ersten Tagen des Standrechts im Jahre 1942 hin- gerichtet. — Aber die kennst du sicher. Anna Jiräsekl Um Gottes willen, Anna, wie sind Sie hier- hergekommen? Ich habe Ihren Namen nicht ausgesprochen, Sie haben nichts mit mir zu tun gehabt, ich kenne Sie nicht, verstehen Sie, ich kenne Sie nicht. — Ich kenne sie nicht. — Sei vernünftig, Mensch! — Ich kenne sie nicht. — Julius, es hat keinen Zweck— sagt Anna und nur eine winzige Bewegung der Finger, die das Taschentuch halten, verrät ihre Aufregung— es hat keinen Zweck. Ich bin über- führt worden. — Durch wen? — Schweigen Sie!— schneidet jemand ihre Antwort ab und stößt sie dann heftig weg, als sie sich zu mir beugt und mir die Hand reicht. Anna! Die weiteren Fragen höre ich nicht mehr. Und nur so ganz von weitem, ohne Schmerz, so, als ob ich nur zusähe, fühle ich, wie mich zwei SS-Leute in die Zelle zurücktragen, wie sie roh die Tragbahre hinwerfen und mich lachend fragen, ob ich nicht lieber am Hals schaukeln möchte. Donnerstag Ich beginne schon, Wahrnehmungen zu machen. Der eine meiner Mithäftlinge, der jüngere, heißt Karl, zu dem zweiten, älteren sagt er„Vater“. Sie erzählen mir etwas über sich, aber alles verwirrt sich in meinem Kopf, es kommt irgendein Schacht drin vor und Kinder sitzen auf Bänken, ich höre eine Glocke, wahrscheinlich brennt es irgendwo, angeblich kom- men jeden Tag der Arzt und der SS-Feldscher zu mir und an- geblich steht es nicht so schlimm um mich, ich werde wieder ein Kerl. Das sagt der„Vater, und er sagt es So eindringlich und Karlchen stimmt ihm so eifrig zu, daß ich sogar in diesem Zustand fühle, wie sie mir eine fromme Lüge sagen wollen. ar 19 Gute Kameraden! Es tut mir leid, daß ich ihnen nicht glauben kann. Nachmittag. Die Zellentür öffnet sich, und leise, auf den Zehenspitzen, kommt der Hund herein. Er bleibt bei meinem Kopf stehen und betrachtet mich wieder prüfend. Und wieder zwei Paar hohe Stiefel— jetzt weiß ich schon: eines von ihnen gehört dem Besitzer des Hundes, dem Verwalter der Pankräcer Straf- anstalt, das zweite dem Chef der antikommunistischen Abtei- lung der Gestapo, der mein nächtliches Verhör geleitet hat— und dann Zivilhosen. Ich schaue von ihnen weiter hinauf— ja, kenne ich, das ist der lange, magere Kommissar, der den Überfalltrupp geführt hat. Er setzt sich auf einen Stuhl und beginnt das Verhör: — Dein Spiel hast du verloren, rette wenigstens dich selbst. Sprich! Er bietet eine Zigarette an. Ich will nicht. Ich könnte sie nicht vertragen. — Wie lange hast du bei Baxa gewohnt? Bei Baxa! Auch das noch! Wer hat ihnen das gesagt? — Na, siehst du, wir wissen alles. Sprich! Wenn ihr alles wißt, wozu soll ich noch sprechen? Ich habe mein Leben nicht umsonst gelebt— ich werde mir doch nicht mein Ende verpatzen. Das Verhör dauert eine Stunde. Sie schreien nicht, ge- duldig wiederholen sie die Fragen, und da sie keine Antwort erhalten, stellen sie die zweite, die dritte, die zehnte. — Verstehst du denn das nicht? Es ist Schluß, verstehst du, ihr habt alles verspielt. — Nur ich habe verspielt. — Du glaubst also noch an den Sieg der Kommune? — Allerdings. — Er glaubt noch— fragt der Chef deutsch, und der lange Kommissar übersetzt— er glaubt noch an den Sieg Rußlands? — Allerdings. Es kann nicht anders enden. Ich bin schon müde. Ich habe alle meine Kräfte zusammen- genommen, um auf der Wacht zu sein, jetzt fließt schon das 20 Bey das ma urt lar Li sc su tr si Sr a n nicht spitzen, fstehen wei Paar gehört er StrafAbteit hatinauf der den uhl und selbst. nnte sie t? ch habe ir doch cht, geAntwort ehst du, er lange Blands? ammenhon das - Bewußtsein schnell ab wie Blut aus einer tiefen Wunde. Ich vielleicht lesen sie fühle noch, wie sie mir die Hand reichen das Zeichen des Todes auf meiner Stirn. Es ist wahr, in manchen Ländern war es sogar Sitte, daß der Henker den Verurteilten küßte, bevor er das Urteil vollstreckte. Abend. Zwei Männer mit gefalteten Händen gehen im Kreis und mit langgezogenen Stimmen singen sie ein trauriges Lied: " Wenn Sonnenstrahl und Sternenschein gehn zur Ruh.... " Ach, Leute, Leute, laßt das! Vielleicht ist es ein schönes Lied, aber heute, heute ist der Vorabend des 1. Mai, des schönsten, des fröhlichsten Feiertages des Menschen. Ich versuche, etwas Lustiges zu singen, aber vielleicht klingt es noch trauriger, denn Karlchen wendet sich ab, und der Vater wischt sich die Augen. Soll er, ich gebe es nicht auf, ich singe weiter und langsam stimmen sie mit ein. Zufrieden schlafe ich ein. Früher Morgen des 1. Mai. Die Uhr auf dem Türmchen der Strafanstalt schlägt drei. Zum erstenmal höre ich sie jetzt klar. Zum erstenmal seit meiner Verhaftung bin ich jetzt bei vollem Bewußtsein. Ich fühle die frische Luft, die durch das offene Fenster herabkommt und am Boden entlang um meinen Strohsack streicht, ich fühle die Strohhalme, die mich plötzlich an der Brust und am Bauch drücken, jeder Zoll des Körpers schmerzt mit tausend Schmerzen, und das Atmen fällt mir schwer. Plötzlich, wie wenn ein Fenster geöffnet worden wäre, sehe ich klar: das ist das Ende. Ich sterbe. Es hat lange gedauert, Tod, bevor du gekommen bist. Und doch habe ich gehofft, daß ich mit dir erst nach vielen Jahren bekannt werde. Daß ich noch das Leben eines freien Menschen leben werde, daß ich noch viel arbeiten und viel lieben und viel singen und durch die Welt wandern werde. Ich bin doch erst jetzt reif geworden und hatte noch sehr viel Kraft. Ich habe sie nicht mehr. Sie geht zu Ende. Ich habe das Leben geliebt, und für seine Schönheit bin ich in den Kampf gezogen. Ich habe euch geliebt, Menschen, und f 21 ich war glücklich, wenn ihr meine Liebe erwidert habt, und ich habe gelitten, wenn ihr mich nicht verstanden habt. Ihr, die ich beleidigt habe, verzeiht mir; die ich erfreut habe, vergeßt es! Nie soll mit meinem Namen Trauer verbunden sein. Das ist mein Testament für euch, Vater und Mutter und meine Schwestern, für dich, meine Gusti, für euch, Genossen, für alle, die ich lieb gehabt habe. Wenn ihr glaubt, daß das Weinen den Staub der Trauer fortwäscht, dann weint eine Weile. Aber bedauert mich nicht. Ich habe für die Freude gelebt, ich sterbe für die Freude und es wäre eine Verleumdung, wenn ihr mir einen Klageengel auf das Grab stelltet. 1. Mai! Um diese Zeit sind wir an der Peripherie der Städte schon aufgestanden und haben unsere Fahnen vorbereitet. Um diese Stunde sind in den Straßen von Moskau schon die ersten Truppen zur Maiparade angetreten und jetzt kämpfen um diese Stunde Millionen Menschen den letzten Kampf für die Freiheit der Menschen und Tausende fallen in diesem Kampf. Ich bin einer von ihnen. Und einer von ihnen zu sein, einer der Kämpfer der letzten Schlacht, das ist schön. Aber das Sterben ist nicht schön. Ich ersticke. Ich kann nicht atmen. Ich höre, wie es in der Kehle rasselt, ich werde noch meine Mithäftlinge aufwecken. Vielleicht, wenn ich es mit einem bißchen Wasser lindern könnte... Aber das ganze Wasser aus dem Krug ist schon ausgetrunken. Dort, nur sechs Schritte von mir, in dem Abort in der Ecke der Zelle, dort ist genug Wasser. Werde ich noch genug Kraft haben, um hinzukommen? Ich krieche auf dem Bauch, leise, ganz leise, als ob der ganze Ruhm des Todes darin läge, niemand zu wecken; ich habe es erreicht und trinke gierig das Wasser vom Boden der Muschel. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, ich weiß nicht, wie lange ich zurückgekrochen bin. Das Bewußtsein schwindet schon wieder. Ich suche den Puls an meiner Hand. Ich fühle nichts. Das Herz ist hoch hinauf in die Kehle gestiegen und fällt jetzt heftig hinunter. Ich falle mit ihm. Ich falle lange. Unterwegs höre ich noch Karlchens Stimme: 22 mit V VAG A Er ging den und t, und t. Ihr, e, vern sein. meine r alle, Veinen Aber sterbe or mir Städte . Um ersten um r die ampf. einer Vater, Vater, hörst du! Der arme Kerl, es geht zu Ende mit ihm. Vormittags kam der Arzt. Aber das alles erfuhr ich erst viel später. Er kam, untersuchte mich und schüttelte den Kopf. Dann ging er zurück ins Marodenzimmer, zerriß den Totenschein, den er schon am Abend auf meinen Namen ausgestellt hatte, und sagte mit fachmännischer Anerkennung: Eine Roẞnatur! kann werde ch es ganze sechs rt ist hinder ; ich der icht, winIch egen falle 23 23 Drittes Kapitel ZELLE 267 auf. eine ich mich mich schr U des Zwe Sieben Schritte von der Tür zum Fenster, sieben Schritte vom Fenster zur Tür. Das kenne ich. - Wie oft habe ich diese Entfernung auf dem Bretterboden der Pankrácer Zelle zurückgelegt! Vielleicht bin ich gerade in dieser Zelle schon einmal gesessen, weil ich zu klar die Folgen der verderblichen Politik des tschechischen Bürgertums für das tschechische Volk gesehen habe. Jetzt schlagen sie mein Volk ans Kreuz, vor der Zelle gehen deutsche Aufseher auf und ab, und irgendwo draußen spinnen blinde politische Parzen von neuem den Faden des Verrats. Wieviel Jahrhunderte braucht der Mensch, bis er sehend wird? Und wieviel werden es noch sein? Ach, du Jesulein von Neruda, der Weg der Menschheit zur Erlösung hat noch immer kein Ende. Aber schlaf nicht mehr, schlaf nicht mehr! Sieben Schritte hin, sieben Schritte her. An einer Wand eine Klappmatratze, an der anderen Wand ein trauriges braunes Brett mit Tongefäßen. Ja, das kenne ich. Jetzt ist es da schon ein bißchen mechanisiert, es gibt Zentralheizung, der Kübel ist durch ein Spülklosett ersetzt und hauptsächlich die Menschen, die Menschen sind mechanisiert wie Automaten. - trau von sah Tag Fall inm ein VO bra jet ga Fr do tur ess Ta der - hie Jemand drückt auf einen Knopf, das heißt rasselt mit dem Schlüssel in der Zellentür oder macht das Guckfenster auf und die Häftlinge springen auf, mögen sie tun was immer, treten in Habtachtstellung hintereinander, die Tür öffnet sich, und der Zellenälteste bringt in einem Atem hervor: ,, Achtung! Zellezweihundertsiebenundsechzigbelegtmitdreimannallesinordnung." Also: 267. Das ist unsere Zelle. Aber in dieser Zelle funktioniert der Automat nicht ganz genau. Es springen nur zwei 24 ew des ver ste Erf Ta in Schritte den der rade in Folgen ıms für je mein her auf Parzen underte Mden eg der ‚ Aber nd eine ‚raunes , schon ibel ist , Men- maten. t dem auf— immer, t sich, rei- funk* , zwei auf. Ich liege auf dem Bauch, eine Woche, vierzehn Tage, einen Monat, sechs Wochen— und ich werde neu geboren: ich drehe schon den Kopf, ich hebe schon die Hand, ich stütze mich schon auf die Ellbogen, ich habe sogar schon versucht, mich auf den Rücken zu drehen... ohne Zweifel, das ist schneller niedergeschrieben als durchlebt. Und auch die Zelle macht Veränderungen durch. An Stelle des Dreiers wird ein Zweier ausgehängt, wir sind jetzt nur zwei: Karlchen, der jüngere der beiden, die mich mit dem traurigen Lied begraben haben, ist verschwunden und es ist von ihm nur eine Erinnerung an ein gutes Herz geblieben. Ich sah ihn eigentlich nur im Halbtraum, nur in den letzten zwei Tagen seines Aufenthaltes bei uns. Geduldig erzählte er seinen Fall immer und immer wieder, und ich schlief immer wieder inmitten seines Erzählens ein. Er heißt Karl Malec, ist Schlosser, hat beim Förderkorb in einem Erzbergwerk irgendwo bei Hudlice gearbeitet und hat von dort Sprengstoffe fortgetragen, die er für den Kampf ge- braucht hat. Er wurde schon vor fast zwei Jahren verhaftet, jetzt fährt er zum Gericht, vielleicht nach Berlin, es ist eine ganz große Gruppe, wer weiß, wie das enden wird, er hat eine Frau und zwei Kinder, er hat sie gern, zu gern— aber es war doch meine-Pflicht, weißt du, ich konnte doch nichts anderes tun. Er verbringt lange Zeit bei mir und zwingt mich, etwas zu essen. Ich kann nicht. Am Samstag— daß ich schon acht Tage-hier bin?— rafft er sich zur größten Tat auf: er meldet dem Polizeimeister, daß ich während der ganzen Zeit, die ich hier bin, noch nichts gegessen habe. Der Polizeimeister, ein ewig besorgter Pankräcer Feldscher in SS-Uniform, ohne dessen Wissen der tschechische Arzt nicht einmal Aspirin verschreiben darf, bringt selbst eine Schale Diätsuppe und steht bei mir, bis ich sie gegessen habe. Karlchen ist mit dem Erfolg seines Einschreitens sehr zufrieden und am nächsten Tag schüttet er schon selbst eine Schale Sonntagssuppe in mich. 25 Aber weiter geht es nicht. Die zerschlagenen Kiefer können nicht einmal die zerkochten Kartoffeln des Sonntags- Gulaschs zermahlen und die zusammengezogene Kehle wehrt sich gegen jeden festeren Bissen. - Nicht einmal Gulasch, nicht einmal das Gulasch will er jammert Karlchen und schüttelt traurig den Kopf über mich. - Und dann macht er sich mit Appetit über meine Portion, die er mit dem ,, Vater" ehrlich teilt. - Ach, ihr, die ihr das zweiundvierziger Jahr am Pankrác nicht miterlebt habt, ihr wißt nicht, ihr könnt nicht wissen, was ein Gulasch ist! Regelmäßig, auch in den ärgsten Zeiten, wenn der Magen vor Hunger knurrte, wenn beim Baden mit Menschenhaut überzogene Skelette erschienen, wenn ein Kamerad dem anderen wenigstens mit den Augen die Bissen von seiner Portion wegnahm, wenn auch der abscheuliche, mit Tomatenextrakt verdünnte Dörrobstbrei als ersehnte Delikatesse erschien, auch in dieser schlechtesten Zeit schlugen dir die Hausarbeiter regelmäßig zweimal in der Woche am Donnerstag und am Sonntag- einen Schöpflöffel Kartoffeln in die Schüssel und übergossen sie mit einem Löffel Gulaschsaft, in dem einige Fleischfasern enthalten waren. Es schmeckte wunderbar, ja mehr als das, es war eine greifbare Erinnerung an menschliches Leben, es war etwas Ziviles, etwas Normales in der grausamen Abnormität des Gestapo- Gefängnisses, etwas, wovon man mit Wonne sprach ach, wer könnte das begreifen, welch hohen Wert ein Löffel guter Soße, gewürzt mit dem Grauen ständigen Absterbens, erreichen kann. - Bald verstand ich das Staunen Karlchens sehr gut. Nicht einmal Gulasch wollte ich nichts konnte ihn von meinem baldigen Tod so klar überzeugen wie gerade das. In der Nacht darauf, um zwei Uhr, weckten sie Karlchen auf. In fünf Minuten mußte er zum Transport bereit sein, wie wenn er nur auf ein Weilchen weg sollte, als ob er nicht vor sich eine Reise vielleicht bis zum Ende des Lebens hätte, in ein neues Kriminal, ins Konzentrationslager, auf die Richtstätte, wer weiß wohin. Er kniete sich noch zu meinem Stroh26 sack tönte Zeic Karl W wan Zuri wird der D die Sch dan hol Der wie wie gin bli Leb sick tsch gen D A sch dies Na dies Vat and sog ! können Gulaschs ch gegen h will er n Kopf tion, die Pankräc | wissen, n Zeiten, aden mit enn ein e Bissen iche, mit likatesse ; dir die am Don- In in die hsaft, in hmeckte innerung {ormales ngnis3eS: ante das gewürzt , Nicht meinem tarlchen ein, wie icht vor jätte, 30 „ Richt- Stroh sack, umfing meinen Kopf und küßte mich— vom Gang er- tönte das grobe Schreien des uniformierten Antreibers, zum Zeichen, daß Gefühle am Pankräc nichts zu suchen haben. Karlchen lief hinaus, das Schloß knarrte... ...und in der Zelle blieben nur zwei. Werden wir uns noch einmal wiedersehen, Junge? Und wann kommt der nächste Abschied? Wer von uns beiden Zurückgebliebenen wird früher gehen? Und wohin? Und wer wird ihn rufen? Ein Aufseher in SS-Uniform? Oder der Tod, der keine Uniform hat? Das schreibe ich jetzt nur mehr im Widerhall der Gedanken, die nach diesem ersten Abschied bei uns geblieben sind. Schon ist ein Jahr seit dieser Zeit vergangen und die Ge- danken, die den fortgehenden Kameraden begleiteten, wieder- holen sich des öfteren mit kleinerer oder größerer Intensität. Der Zweier, der an der Zellentür hing, verwandelte sich wieder in einen Dreier und wieder in einen Zweier, und wieder drei, zwei, drei, zwei, neue Mithäftlinge kamen und gingen wieder, und nur.die zwei, die damals in der Zelle 267 blieben, sitzen noch immer treu beisammen: Der„Vater‘' und ich. Der„Vater''— das ist der sechzigjährige Lehrer Josef Pesek, Lehrerobmann, fünfundachtzig Tage vor mir verhaftet, weil er sich durch Ausarbeitung eines Antrages über Reform der freien tschechischen Schule eines Anschlags gegen das Reich schuldig gemacht hat. Der„Vater— das ist... Aber wie willst du das schreiben, Junge? Das wird eine schwere Arbeit. Zwei, eine Zelle und ein Jahr! Während dieser Zeit sind die Anführungszeichen zu beiden Seiten des Namens ‚Vater verschwunden, während dieser Zeit sind aus diesen beiden Zellengenossen verschiedenen Alters wirklich Vater und Sohn geworden, während dieser Zeit hat einer vom anderen die Gewohnheiten und die Redensarten und vielleicht sogar den Ton der Rede gelernt— versuche heute zu er- 27 kennen, was von mir ist und was vom Vater, womit er in die Zelle gekommen ist und womit ich! Er hat über mir Nächte verbracht und mit weißen, nassen Umschlägen den sich nähernden Tod verscheucht. Er hat aufopfernd meine Wunden vom Eiter gereinigt und nie gezeigt, daß er den Gestank gefühlt hat, der sich um meinen Strohsack verbreitete. Er hat die armseligen Fetzen meines Hemdes, das der ersten Vernehmung zum Opfer gefallen ist, gewaschen und geflickt, und als das nicht mehr möglich war, mich mit seiner Wäsche bekleidet. Er hat mir ein Gänseblümchen und einen Grashalm gebracht, die er ungeachtet der Gefahr beim Morgenspaziergang im Hof des Pankrácer Gefängnisses abgerissen hatte. Er hat mich mit freundlichen Augen begleitet, wenn ich zu neuen Vernehmungen ging. Wenn sie mich zu Nachtverhören führten, schlief er nicht ein, bevor ich zurückkam und er mich auf den Strohsack legte und mich sorgfältig in die Decken packte. So waren unsere Anfänge, und die gemeinsame Fortsetzung hat sie nicht betrogen, auch als ich schon auf eigenen Füßen stehen und die Sohnesschuld bezahlen konnte. Aber so in einem Atem kannst du das nicht alles schreiben, Junge. Die Zelle 267 hatte in diesem Jahr ein reiches Leben und alles, was sie erlebte, erlebte auf seine Art auch der Vater. Das muß gesagt werden. Und das Erzählen ist noch nicht zu Ende.( Was sogar den Klang der Hoffnung hat.) nenn eine etwa Tage brau Es dem Práš mei und dur hat nan sch Ras be Di Si lic Be Zv ha zie Vielleicht jede au Ge Ga der un Die Zelle 267 hatte ein reiches Leben. Stunde öffnete sich die Tür und eine Inspektion kam. Das war die angeordnete verschärfte Aufsicht über den kommunistischen Schwerverbrecher, aber es war auch bloße Neugier. Oft starben da Menschen, die nicht sterben sollten. Aber selten geschah es, daß einer nicht starb, von dessen Tod jeder überzeugt war. Es kommen auch die Aufseher von anderen Gängen, beginnen ein Gespräch oder heben schweigend die Decken, genießen fachmännisch die Wunden und machen dann, je nach dem Naturell, zynische Witze oder schlagen einen freundschaftlicheren Ton an. Einer von ihnen 28 - I I we VO wir ko ' er in die n, nassen 'r hat auf- 'e gezeigt, Strohsack mdes, das schen und mit seiner und einen n Morgen- abgerissen wenn ich Nachtver- kam und ig in die rtsetzung ‚en Füßen schreiben, ‚es Leben auch der ist noch hat.) icht jede Das wal munisti- gier. oft gr selten jer über" anderen end die machen schlage® Re wir _ nennen ihn Präek— kommt öfter als die übrigen und mit einem breiten Lächeln fragt er, ob der„rote Teufel‘ nicht etwas braucht. Nein, danke, er braucht nichts. Nach einigen Tagen entdeckt Präsek, daß der rote Teufel doch etwas braucht: Rasieren. Und er bringt einen Raseur.’ Es ist dies der erste Häftling außerhalb unserer Zelle, mit dem ich da bekannt werde: Genosse Botek. Die Wohltat Präeks. erweist sich als ein Bärendienst. Der Vater hält meinen Kopf, der Genosse Botek kniet beim Strohsack nieder und versucht, sich mit seiner stumpfen Klinge einen Weg durch das Stoppelfeld zu bahnen. Seine Hände zittern, und er hat Tränen in den Augen, er ist überzeugt, daß er einen Leich- nam rasiert. Ich trachte ihn zu trösten: — Nur Mut, Junge, wenn ich die Vernehmung beim Pet- schek ausgehalten habe, vielleicht halte ich auch dein Rasieren aus.; Aber die Kräfte sind doch schwach, und wir müssen uns beide ausruhen, er und ich.. Zwei Tage später lerne ich weitere zwei Häftlinge kennen. Die Herren Kommissare im Petschek-Palais sind ungeduldig. Sie haben um mich geschickt, und weil der Polizeimeister täg- lich auf die Vorladung schreibt:„transportunfähig‘, geben sie Befehl, daß ich auf irgendeine Art transportiert werden muß. Zwei Häftlinge in der Sträflingsuniform der.Hausarbeiter halten also vor unserer Zelle mit einer Tragbahre, der Vater zieht mir mit Mühe die Kleider an, die Kameraden legen mich auf die Bahre und tragen mich. Einer von ihnen ist der Genosse Skoiepa, der künftige sorgliche Vater des ganzen Ganges. Er beugt.sich zu mir, als ich auf der schrägen Fläche der Bahre rutsche, die eben über die Stiegen getragen wird, und sagt: — Halt aus! Dann fügt er leise wertvolle Ratschläge hinzu. Diesmal geht es am Aufnahmebüro vorbei, sie tragen mich weiter, durch den langen Gang zum Ausgang, der Gang ist voller Menschen— es ist Donnerstag, und die Angehörigen kommen um die Wäsche ihrer Inhaftierten— alle blicken auf 29 diesen traurigen Zug, Mitleid schaut aus ihren Augen, und das gefällt mir nicht. Ich hebe deshalb die Hand zum Kopf und balle sie zur Faust. Vielleicht sehen sie das und begreifen, daß ich sie grüße, vielleicht ist es eine unsinnige Geste, aber mehr kann ich nicht, ich habe nicht mehr Kraft. - Im Pankrácer Hof laden sie die Bahre auf ein Lastauto, zwei SS- Leute setzen sich zum Chauffeur, zwei SS- Leute mit den Händen an den offenen Revolvertaschen stellen sich an mein Kopfende, und wir fahren los. Nein, sie haben da nicht gerade einen idealen Weg: ein Loch, ein zweites Loch und bevor wir zweihundert Meter gefahren sind, habe ich das Bewußtsein verloren. Das war eine komische Fahrt durch die Prager Gassen: Ein Fünftonnenlastwagen, für dreißig Häftlinge bestimmt, verbraucht sein Benzin für einen Häftling, und zwei SS- Leute vorn und zwei SS- Leute hinten mit Revolvern in den Händen bewachen mit wilden Gesichtern einen Leichnam, damit er ihnen nicht davonläuft. Am nächsten Tag wiederholte sich die Komödie. Diesmal hielt ich es jedoch bis zum Petschek- Palais aus. Die Vernehmung dauerte nicht lange. Der Kommissar Friedrich berührte meinen Körper zu wenig schonend, und zurück führten sie mich wieder bewußtlos. Nun kamen Tage, an denen ich nicht mehr zweifeln konnte, daß ich lebe. Der Schmerz, der natürliche Bruder des Lebens, machte es mir sehr deutlich. Auch Pankrác hatte schon erfahren, daß ich durch irgendein Versehen am Leben bin, und es kamen die ersten Grüße: durch die starken Mauern, die Klopftöne überbrachten, und durch die Augen der Hausarbeiter, wenn sie das Essen ausgaben. Nur meine Frau wußte nichts von mir. Selbst in der Zelle, nur ein Stockwerk tiefer und drei, vier Zellen weiter, lebte sie zwischen Furcht und Hoffnung, bis ihr eine Nachbarin beim Morgenspaziergang zuflüsterte, daß es mit mir schon zu Ende sei, daß ich angeblich in meiner Zelle den Wunden von der Vernehmung erlegen sei. Dann irrte sie im Hof umher, und die Welt drehte sich mit ihr, und sie fühlte nicht einmal, wie ihr die Aufseherin mit Faustschlägen ins Gesicht Trost gewährte 30 und lings sehe Wän der e daß erhä Un und die hatt keit H fern sch Me wa siv Wö ein ge erg ein har ger sin den seh feld wie sie E Son Son in eini und , und das und balle , daß ich mehr kann uto, zwei mit den an mein nt gerade nd bevor wußtsein - Gassen: mt, verute vorn den beer ihnen mal hielt nehmung e meinen wieder konnte, Lebens, chon er, und es e KlopfI, wenn er Zelle, ebte sie in beim zu Ende von der und die wie ihr währte und versuchte, sie in die Reihe zu jagen, die das reguläre Häftlingsleben bedeutet. Was wohl ihre großen guten Augen gesehen haben, wenn sie dann, ohne zu weinen, über die weißen Wände der Zelle geschaut haben? Und am nächsten Tag wieder ein anderes Gerücht: daß ich nicht ganz erschlagen wurde, daß ich aber den Schmerz nicht ertragen und mich in der Zelle erhängt habe. Und ich wand mich indessen auf dem armseligen Strohsack und drehte mich mit Mühe jeden Abend und jeden Morgen auf die Seite, um meiner Gusti die Lieder zu singen, die sie gern hatte. Wie konnte sie sie nicht hören, wo ich doch soviel Innigkeit hineinlegte? Heute weiß sie schon, heute hört sie schon, obwohl sie entfernter ist als damals. Und heute wissen auch die Aufseher schon und haben sich daran gewöhnt, daß die Zelle 267 singt. Mein ganzes Leben hindurch habe ich gesungen, ich weiß nicht, warum ich gerade zum Schluß aufhören sollte, wenn am intensivsten gelebt wird. Und Vater Pešek? Ach, das ist ein ungewöhnlicher Fall! Er singt leidenschaftlich gern. Er hat weder ein musikalisches Gehör noch eine Stimme noch ein Melodiengedächtnis, aber er liebt den Gesang mit einer so schönen und ergebenen Liebe und findet darin so viel Freude, daß ich nicht einmal höre, wie er von einer Tonart in die andere rutscht und hartnäckig ein G singt, wenn die Ohren sich nach einem A geradezu sehnen. Und so singen wir, wenn uns bange wird, wir singen, wenn ein fröhlicher Tag ist, mit Gesang begleiten wir den Kameraden, der fortgeht, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, mit Gesang begrüßen wir gute Nachrichten vom Schlachtfeld im Osten, wir singen zum Trost und singen aus Freude, so wie die Menschen seit jeher singen und singen werden, solange sie Menschen sind. Es gibt kein Leben ohne Gesang, wie es kein Leben ohne Sonne gibt, und wir brauchen den Gesang doppelt, weil die Sonne zu uns nicht kommt. Nummer 267 ist eine Nordzelle, nur in den Sommermonaten zeichnet die untergehende Sonne für einige Augenblicke den Schatten des Gitters an die Ostwand und dann schaut der Vater, auf das Klappbrett gestützt, nach - 31 diesem flüchtigen Sonnenbesuch aus... und das ist der traurigste Anblick, den du hier haben kannst. Die Sonne! So freigebig leuchtet diese runde Zauberin, so viel Wunder vollbringt sie vor den Augen der Menschen. Und so wenig Menschen leben in der Sonne. Sie wird, ja, sie wird leuchten, und die Menschen werden in ihren Strahlen leben. Es ist schön, das zu wissen. Und doch möchtest du so gerne etwas unendlich weniger Wichtiges wissen: wird sie auch noch für uns leuchten? Unsere Zelle ist eine Nordzelle. Nur manchmal im Sommer, wenn der Tag zur Neige geht, sehen wir die Sonne untergehen. Ach, Vater, einmal möchte ich doch einen Sonnenaufgang sehen. Vierte Die bare 32 herrli Aber besse du di der B die S meins an d Mikr eine Frühl Un Weil anger Ab Eines mung es. D gehst unter bis i rund neue jema ist, ist, u Pets gerä ande 3 Fud der trauberin, so en. Und sie wird Leben, Es ne etwas noch für Sommer, ergehen. g sehen. Viertes Kapitel ,, DER VIERHUNDERTER" Die Auferstehung eines Toten ist eine einigermaßen sonderbare Angelegenheit. Unaussprechlich sonderbar. Die Welt ist herrlich an einem schönen Tag, wenn du gut ausgeschlafen bist. Aber das ist, wie wenn der Tag schöner wäre und wie wenn du besser ausgeschlafen wärst, als jemals vorher. Du meinst, daß du die Bühne des Lebens gut kennst. Aber das ist, wie wenn der Beleuchter alle Scheinwerfer zusammengefaßt und plötzlich die Szene in voller Beleuchtung vor dich gestellt hätte. Du meinst, daß du gut gesehen hast. Aber das ist, wie wenn du an dein Auge ein Fernrohr gesetzt und es gleichzeitig ans Mikroskop gelegt hättest. Die Auferstehung eines Toten ist eine reine Frühlingsangelegenheit, und sie zeigt dir so wie der Frühling ungeahnte Zauber auch in der bekanntesten Umgebung. Und das auch dann, wenn du weißt, daß das nur auf eine Weile so ist. Und das auch dann, wenn deine Umgebung so angenehm und schön ist wie eine Pankrácer Zelle. - Aber eines Tages führen sie dich sogar hinaus in die Welt. Eines Tages rufen sie dich auch ohne Tragbahre zur Vernehmung und obwohl du glaubst, daß es nicht möglich ist, geht es. Der Gang hat ein Geländer, die Stiege hat ein Geländer, du gehst eigentlich eher auf allen vieren als auf zwei Beinen und unten nehmen sich schon die Mithäftlinge deiner an, die dich bis in den Gefangenenwagen begleiten. Dann sitzt du drin, rundherum zehn, zwölf Leute in der dunklen, fahrbaren Zelle, neue Gesichter, sie lächeln dir zu und du lächelst ihnen zu, jemand flüstert dir etwas ins Ohr, und du weißt nicht, wer es ist, du drückst jemand die Hand und weißt nicht, wer es ist, und dann fährt der Wagen mit Schwung in die Einfahrt des Petschek- Palais, die Kameraden stützen dich, ihr tretet in ein geräumiges Lokal mit kahlen Wänden, fünf Bänke hintereinander, auf denen Menschen in Habtachtstellung sitzen, mit den 3 Fučík 33 Händen an den Knien und unbeweglich auf die leere Wand vor sich schauend... Und das ist, Junge, ein Stück deiner neuen Welt, genannt das Kino. ( Mai- Intermezzo 1943) Heute ist der 1. Mai 1943. Und gerade hat einer Dienst, bei dem ich schreiben kann. Ein Glück! An diesem Tag wieder eine Weile ein kommunistischer Journalist sein und einen Bericht über den Maiaufmarsch der Kampfkräfte der neuen Welt schreiben! Erwarte nicht, daß du etwas von wehenden Fahnen hörst. Es war nichts Derartiges. Ich kann dir nicht einmal von irgendwelchen mitreißenden Taten erzählen, die man so gerne hört. Es war heute alles viel einfacher. Nicht die heftige, stürmische Welle der Zehntausende, die ich in anderen Jahren durch die Straßen Prags strömen gesehen, nicht das herrliche Meer der Millionen, das ich den Roten Platz in Moskau überschwemmen gesehen. Du kannst hier weder Millionen noch Hunderte sehen. Du siehst hier nur einige Genossen und Genossinnen. Und doch fühlst du, es ist nicht kleiner. Weil es eine Parade der Kräfte ist, die gerade durchs heftigste Feuer gegangen sind und sich nicht in Asche, sondern in Stahl verwandelt haben. Eine Parade im Schützengraben während der Schlacht. Und im Schützengraben trägt man Feldgrau. Es sind lauter solche Kleinigkeiten, wer weiß, ob du, der du dies einmal lesen wirst und das alles nicht miterlebt hast, es überhaupt begreifen kannst. Aber versuche, zu begreifen. Glaube, es ist Kraft darin. Der Morgengruß der Nachbarzelle, die zwei Beethoventakte klopft, ist heute feierlicher, betonter, und die Wand überträgt ihn mit höheren Tönen. Wir ziehen das Beste an, was wir haben. Es ist in allen Zellen so. Das Frühstück empfangen wir schon in voller Parade. Vor den geöffneten Zellentüren defilieren die Hausarbeiter mit dem Brot, dem schwarzen Kaffee und dem Wasser. Genosse Skořepa gibt drei Brote anstatt zwei. Das ist sein Maigruß; der tätige 34 Gruß ein F die imsta Un gens scha sehe zum leber Tage sehe Je Kind wun Und Pha und die uns Ma blei Z zehr wir tönt unse lutio wir jetzt Ja, So 1943 3* Wand vor iner neuen Dienst, bei Tag wieder einen Beeuen Welt hörst. Es on irgenderne hört. stürmische durch die Meer der hwemmen Hunderte mossinnen. ne Parade ngen sind elt haben. t. Und im u, der du t hast, es begreifen. Oventakte überträgt in allen ade. Vor mit dem Skořepa er tätige 3* Gruß einer sorglichen Seele. Und unter dem Brot drückt sich ein Finger an den anderen. Sprechen darfst du nicht, auch auf die Augen geben sie dir acht aber sind nicht die Stummen imstande, mit den Fingern deutlich zu sprechen? Unter dem Fenster unserer Zelle laufen die Frauen zum Morgenspaziergang auf den Hof. Ich klettere auf den Tisch und schaue durch das Gitter hinunter. Vielleicht werden sie mich sehen. Sie haben mich gesehen. Und sie heben die Faust zum Gruß. Ich erwidere. Unten auf dem Hof ist es heute lebendig, ganz anders, fröhlicher lebendig, als an anderen Tagen. Die Aufseherinnen sehen nichts oder wollen nichts sehen. Und auch das gehört schon zur heurigen Maiparade. Jetzt unser Morgenspaziergang. Ich turne vor. Es ist 1. Mai, Kinder, wir beginnen heute anders, wenn sich die Wachen auch wundern. Erste Übung, eins, zwei, eins, zwei, Hammerschläge. Und die zweite Übung: Mähen. Hammer und Sense. Bei etwas Phantasie werden die Genossen vielleicht verstehen. Hammer und Sichel. Ich schaue ringsum. Sie lächeln und wiederholen die Übungen mit Schwung. Sie haben verstanden: das ist unsere Maiversammlung, und diese Pantomime das ist unser Maigelöbnis, daß wir, auch wenn wir in den Tod gehen, treu bleiben. - Zurück in die Zelle. Neun. Jetzt schlägt die Uhr am Kreml zehn und auf dem Roten Platz beginnt der Aufmarsch. Vater, wir gehen mit! Dort singen sie jetzt die Internationale, jetzt tönt die Internationale in der ganzen Welt, sie soll auch aus unserer Zelle tönen. Wir singen. Und dann reiht sich ein revolutionäres Lied an das andere, wir wollen doch nicht allein sein, wir sind doch nicht allein, wir gehören doch zu denen, die jetzt frei singen, aber ebenso im Kampf wie wir... ,, Genossen in Kerkern, in kalten Verliesen, mit uns seid ihr heute, wenn auch nicht in der Reihe..." Ja, wir sind mit euch. So haben wir in der Zelle 267 den Abschluß der Maiparade 1943 geplant. Aber ist das wirklich der Abschluß? Ist da nicht 35 noch die Hausarbeiterin von der Fra nachmittags über den Hof s Armee pfeift und den„Partisan u den Männern in den Zellen ein Zeichen zu geben? Und der Mann in der Uniform eines tschechischen Wachmannes, der mir Papier und Bleistift gebracht hat und der jetzt auf dem Gang achtgibt, daß mich kein Unberufener überrascht? Und jener andere, der eigentlich der Initiator dieser Aufzeichnungen ist, der diese Blättchen fortträgt und sorgfältig versteckt, damit sie zur rechten Zeit ans Licht gelangen? Für dieses Stückchen Papier riskieren sie ihren Kopf. Sie riskieren ihn, um eine Brücke zu bilden zwischen dem eingekerkerten Heute und dem freien Morgen. Sie kämpfen. Sie kämpfen ergeben und furcht- los auf ihrem Platz und mit den Mitteln, die sie haben. Sie sind ganz einfach und unauffällig und so ohne jedes Pathos, daß du gar nicht den Kampf auf Leben und Tod erkennen würdest, in dem sie auf der Seite der Freunde sind und in dem sie ebenso fallen, wie siegen können. Zehnmal, uenabteilung, die jetzt paziert und den Marsch der Roten nd andere Sowjetlieder, um schätzen u Heute bist du dir ihrer wieder bewußt geworden. Beim Maiaufmarsch 1943. Ur freul du S wiss und Verr kehr nehr kehr Stick Men aber Es y viel) ode, , die jetzt der Roten tlieder, um ? Und der annes, der zt auf dem scht? Und eichnungen eckt, damit Stückchen um eine e und dem und furchtn. Sie sind os, daß du würdest, in sie ebenso Revolution - feierlich. ser Armee er Tod ist at ein Gegrausamer n und ihn Kraft notcht immer so selbstErzählung man sich die heute - Und das ,, Kino" im Petschek- Palais ist wahrlich nichts Erfreuliches. Es ist das Vorzimmer einer Folterkammer, aus der du Stöhnen und Schreckensschreie anderer hörst, ohne zu wissen, was dich erwartet. Du siehst von hier gesunde, starke und frische Menschen fortgehen und nach zwei, drei Stunden Vernehmung verkrüppelt und zusammengebrochen zurückkehren. Du hörst eine klangvolle Stimme den Abgang zur Vernehmung melden und nach einer Stunde meldet die Rückkehr schon eine gebrochene, durch Schmerzen und Fieber erstickte Stimme. Und noch etwas Ärgeres: du siehst hier auch Menschen, die mit hellem und offenem Blick weggehen, die dir aber nicht mehr in die Augen sehen, wenn sie zurückkommen. Es war dort oben irgendwo in der Kanzlei des Untersuchenden vielleicht nur eine einzige schwache Minute, vielleicht nur ein Augenblick des Schwankens, nur eine Bewegung der Angst und heute oder oder Sehnsucht, das eigene Ich zu retten morgen werden neue Menschen hierher kommen und werden vom Anfang an alles Grauen miterleben, neue Menschen, die der Kampfgefährte dem Feind ausgeliefert hat. - Der Anblick eines Menschen, dessen Gewissen Schaden erlitten hat, ist furchtbarer als der Anblick eines körperlich Gefolterten. Und wenn dir der Tod, der an dir vorübergegangen ist, den Blick geschärft hat, wenn deine Sinne durch die Auferstehung vom Tod geweckt sind, dann fühlst du auch ohne Worte, wer geschwankt hat, wer vielleicht auch verraten hat oder wer eben in einem Winkelchen seiner Seele darüber nachdenkt, daß es vielleicht nicht so schlimm wäre, wenn er es sich etwas erleichterte und vielleicht nur den letzten seiner Kameraden auslieferte. Arme Schwächlinge! Was wäre das noch für ein Leben, wenn es durch das Leben des Kameraden erkauft wäre! Vielleicht war das nicht gerade meine erste Überlegung, als ich zum erstenmal im Kino" saẞ. Aber sie kehrte öfters zurück. Und bestimmt stellte sie sich noch an diesem Morgen in einer etwas veränderten Umgebung ein; in einer Umgebung, die hier die reichste Quelle der Erkenntnis ist: im ,, Vierhunderter". 37 Ich saß nicht lange im„Kino“. Vielleicht eine Stunde, viel- leicht eineinhalb. Dann ertönte hinter meinem Rücken mein Name, zwei Zivilisten, die tschechisch sprachen, nahmen sich meiner an, brachten mich in den Aufzug, führten mich in den vierten Stock und dort in ein geräumiges Lokal, auf dessen Tür die Nummer I 0| geschrieben war. Zuerst saß ich dort unter ihrer Aufsicht ganz allein, ganz hinten auf einem einsamen Sessel an der Wand und sah mich mit dem sonderbaren Gefühl eines Menschen um, dem es scheint, daß er das, was er eben erlebt, schon einmal erlebt hat. War ich schon einmal hier? Nein, ich war nicht hier. Und doch kenne ich diesen Raum, es hat mir von ihm geträumt, ein so grausamer, fieberhafter Traum, der ihn verzerrt hat, der ihn abstoßend entstellt hat, aber doch nicht bis zur Unkenntlich- keit verändern konnte. Jetzt ist er freundlich, voll von Tages- licht und hellen Farben, und durch die großen Fenster mit dem leichten Gitter sieht man die Teinkirche und die grüne Letnä und den Hradschin. Im Traum war er düster, ohne Fenster, von schmutziggelbem Licht erhellt, in welchem die Menschen wie Schatten aussahen. Ja, es waren hier Menschen. Jetzt ist der Raum leer und seine sechs Bänke dicht hintereinander bilden eine fröhliche Wiese von Löwenzahn und Hahnenfuß. Im Traum war er voll mit Menschen, sie saßen da auf den Bänken nebeneinander, und ihre Gesichter waren blaß und blutig. Und dort, ganz nahe der Tür, stand ein Mann mit schmerzerfüllten Augen, in blauen Arbeitskleidern, wollte trinken, trinken, und dann fiel er langsam, wie ein Fallschirm, zu Boden... Ja, so war es, aber ich weiß schon, es war kein Traum. Das Grausame und Fieberhafte— das war Wirklichkeit. Das war in der Nacht meiner Verhaftung und ersten Ver- nehmung. Hierher brachten sie’ mich vielleicht dreimal, viel- leicht zehnmal, was weiß ich, wenn sie sich ausruhen wollten oder jemand anderen in die Arbeit nahmen. Ich war barfuß, 38 , vielmein n sich in den dessen ganz mich em es erlebt . Und t, ein er ihn tlichTagest dem Letná nster, schen tzt ist ander enfuß. f den Sund amit wollte chirm, . Das Vervielwollten arfuß, und die Steine des Fußbodens kühlten angenehm die zerschlagenen Füße, daran erinnere ich mich. - Die Bänke waren damals mit Arbeitern von Junkers besetzt. Das war die abendliche Jagdbeute der Gestapo. Und der Mann an der Tür in der blauen Arbeitskleidung, das war der Genosse Bartoň von der Betriebszelle bei Junkers, die indirekte Ursache meiner Verhaftung. Ich sage das, damit niemand wegen meines Schicksals beschuldigt wird. Es war weder Verrat noch Feigheit irgendeines Genossen. Es war nur Unvorsichtigkeit und Pech. Genosse Bartoň suchte Verbindung für seine Zelle nach oben, zur Leitung. Sein Freund, Genosse Jelínek, die Regeln der Konspiration nicht achtend, versprach ihm, die Verbindung herzustellen, anstatt vorher mit mir zu sprechen, so daß die Verbindung ohne seine Vermittlung hergestellt werden könnte. Das war ein Fehler. Und der zweite, entscheidende war der, daß ein Provokateur das Vertrauen des Genossen Bartoň gewann. Er hieß Dvořák. Ihm vertraute Genosse Bartoň auch Jelíneks Namen an und so geriet die Familie Jelínek in den Interessenkreis der Gestapo. Nicht wegen der Hauptaufgabe, die sie zwei Jahre hindurch gut erfüllte, sondern wegen eines kleinen Dienstes, der sie nur einen Fußbreit von den konspirativen Pflichten abseits führte. Und daß sie sich im Petschek- Palais entschlossen, die Jelíneks gerade in der Nacht zu verhaften, in der ich dort eine Zusammenkunft hatte, und daß sie mit so viel Leuten um sie kamen das war schon reiner Zufall. Es gehörte nicht zum Plan, die Jelíneks sollten erst am nächsten Tag verhaftet werden, man fuhr, eigentlich aus Übermut, ein bißchen ,, an die Luft" nach der erfolgreichen Aushebung der Zelle bei Junkers. Unsere Überraschung über die Ankunft der Polizei war nicht größer als die ihre darüber, daß sie mich dort fanden. Und sie wußten nicht einmal, wen sie gefunden hatten, wer weiß, ob sie es überhaupt jemals erfahren hätten, wenn nicht gleichzeitig mit mir... Aber zu dieser Fortsetzung meiner ersten Überlegung im Vierhunderter gelangte ich erst nach einer beträchtlichen Weile. Da war ich nicht mehr allein, da waren die Bänke und 39 die Wände ringsum schon besetzt und Stunden voll Überraschungen verflossen. Merkwürdige Überraschungen, die ich nicht verstand, und schlimme Überraschungen, die ich nur zu gut verstand. - Die erste Überraschung jedoch zählte zu keiner der beiden Gruppen, die war nur klein, lieb und für niemanden wichtig. Die zweite Überraschung: in den Raum treten im Gänsemarsch vier Leute, sie begrüßen tschechisch die wachhabenden Zivilisten und mich, setzen sich zum Tisch, blättern Akten auf, zünden Zigaretten an, frei, ganz frei, als ob sie hier Beamte wären. Aber ich kenne sie doch, wenigstens drei von ihnen kenne ich, das ist doch nicht möglich, daß sie im Dienste der Gestapo sind oder vielleicht doch? Auch sie? Das ist doch der R., der einstige Sekretär der Partei und der Gewerkschaft, eine etwas wilde, aber treue Natur nein, unmöglich. Da ist Anka Vika, immer gleich aufrecht und gleich schön, wenn auch mit weißen Haaren, eine feste und hartnäckige Kämpferin nein, unmöglich. Und da ist Vašek, ein Maurer aus einer nordböhmischen Grube und dann Kreissekretär der Partei, wie sollte ich ihn nicht kennen... was für Kämpfe wir miteinander im Norden erlebt haben... daß sie dem das Rückgrat brechen konnten? Nein, unmöglich. Aber was wollen sie dann da? Was tun sie dann hier? - - - Noch habe ich keine Antwort auf diese Frage gefunden, und schon häufen sich neue. Sie führen Mirek herein und die Ehepaare Jelínek und Fried ja, das weiß ich, die wurden leider mit mir verhaftet. Aber warum ist hier auch Paul Kropáček, der Kunsthistoriker, der dem Mirek bei der Arbeit unter den Intellektuellen geholfen hat? Wer außer mir und Mirek hat von ihm gewußt? Und warum gibt mir dieser lange junge Mensch mit dem zerschlagenen Gesicht Zeichen, daß wir einander nicht kennen? Ich kenne ihn ja wirklich nicht. Wer ist das eigentlich? Štych? Doktor Štych? Zdeněk? Aber um Gottes willen, das bedeutet doch die Ärztegruppe! Und wer außer mir und Mirek hat von ihr gewußt? Und warum haben sie mich bei der Vernehmung in der Zelle nach den tschechischen Intellektuellen gefragt? Wie sind sie überhaupt dazu ge40 komme bindun was ge Die war sc gespro leicht weiter Vlad Václav Jindřic revolu oder H tellekt Ich gerade erhiel wenn stände nicht war nicht im Fie entsch ersten Anna zusam hier v Fast erfuhr Siehe nicht der si des K vor d rät, Über- ie ich jur Zu jeiden ichtig Jänse- enden n auf, eamte ihnen 'e der doch ‚chaft, Da ist wenn pferin eine! j, wie mit- ‚kgrat dann ınden, .d die urden Paul yrbeit [ und Jange ß wir wer y um j wer paben ‚echi” u ge kommen, mich mit der Arbeit unter den Intellektuellen in Ver- bindung zu bringen? Wer außer mir und Mirek hat davon et- was gewußt? Die Antwort darauf war nicht schwer zu geben, aber sie war schwer, sie war grausam: Mirek hat enttäuscht. Mirek hat gesprochen, Noch eine Weile konnte ich hoffen, daß er viel- leicht nicht alles gesagt hat. Aber dann brachten sie eine weitere Gruppe von Häftlingen herauf— und ich sah: Vlad. Vandura, Prof. Felber und seinen Sohn, Bedfich Väclavek, bis zur Unkenntlichkeit maskiert, BoZena Pülpän, Jindfich Elbl, den Bildhauer Dvoräk, alle, die das national- revolutionäre Komitee der tschechischen Intelligenz bildeten oder bilden sollten, alle waren da. Über die Arbeit der In- tellektuellen hat Mirek alles gesagt. Ich hatte es in den ersten Tagen im Petschek-Palais nicht gerade leicht. Aber das war der schwerste Schlag, den ich da erhielt. Ich hatte den Tod erwartet, aber nicht Verrat. Und wenn ich noch so milde urteilte, wenn ich alle mildernden Um- stände erwog und mir alles ins Gedächtnis rief, was Mirek nicht ausgesagt hat, konnte ich kein anderes Wort finden: es war Verrat. Nicht ein bloßes Schwanken, nicht Schwäche,. nicht das Zusammenbrechen eines zu Tode gemarterten und im Fieber Erleichterung suchenden Menschen, nichts, was zu entschuldigen wäre. Jetzt verstand ich, wieso sie gleich in der ersten Nacht meinen Namen kannten. Jetzt verstand ich, wie Anna Jiräsek hierher kam, bei der ich mit Mirek einige Male zusammengekommen war. Jetzt begriff ich, warum Kropätek hier war, warum Doktor Stych. Fast täglich kam ich dann in den Vierhunderter und täglich erfuhr ich neue Einzelheiten. Es war traurig und abstoßend. Siehe, da war ein Mensch mit einem Rückgrat, der den Kugeln nicht auswich, als er an der spanischen Front kämpfte, und der sich nicht beugte, als er durch die grausamen Erfahrungen des Konzentrationslagers in Frankreich ging. Jetzt erbleicht er vor dem Rohrstock in der Hand des Gestapomannes und ver- rät, um seine Zähne zu schützen. Wie oberflächlich war seine j 41 Beständigkeit, wenn einige Schläge sie wegwischen konnten. So oberflächlich wie seine Überzeugung. Er war stark in der Masse, umgeben von gleichdenkenden Kameraden. Er war stark, weil er an sie dachte. Jetzt, isoliert, allein, umgeben von dem angreifenden Feind, hat er seine Kraft völlig verloren, weil er begonnen hat, an sich zu denken. Um seine Haut zu retten, hat er die Kameraden geopfert. Er ist der Feigheit verfallen und aus Feigheit hat er Verrat geübt. Er hat sich nicht gesagt, daß es besser ist, zu sterben, als das bei ihm vorgefundene Material zu dechiffrieren. Er hat es dechiffriert. Er hat die Namen ausgeliefert. Er hat die illegalen Wohnungen ausgeliefert. Er hat die Agenten der Gestapo zur Zusammenkunft mit Štych geführt. Er hat sie in Dvořáks Wohnung zur Zusammenkunft mit Václavek und Kropáček geschickt. Er hat Anka ausgeliefert. Er hat auch Lída ausgeliefert, ein tapferes und tüchtiges Mädchen, das ihn gern gehabt hat. Es genügten einige Schläge, um ihn zur Hälfte all dieser Aussagen zu veranlassen. Und als er überzeugt war, daß ich tot bin und daß er sich niemandem gegenüber wird verantworten müssen, erzählte er den Rest. - - - Nicht mir hat er damit etwas getan, ich war schon in den Händen der Gestapo was konnte mir noch geschehen? Im Gegenteil. Seine Aussage war etwas Konkretes, worauf sich die ganze Untersuchung stützte, etwas, was dem Anfang einer Kette glich, deren weitere Glieder ich in der Hand hatte und worauf sie gern gekommen wären nur deshalb überlebte ich später das Standrecht, und mit mir auch ein großer Teil unserer Gruppe. Aber es hätte eben keine Gruppe gegeben, wenn er seine Pflicht erfüllt hätte. Wir beide wären längst tot, aber andere würden leben und würden weiterarbeiten, nachdem wir gefallen sind. Ein Feigling verliert mehr als sein Leben. Er hat verloren. Er ist aus der ruhmreichen Armee desertiert und hat sich der Verachtung des schmutzigsten der Feinde ausgeliefert. Und wenn auch am Leben, lebte er nicht mehr; weil er sich aus den Reihen des Kollektivs gestellt hat. Er versuchte später, 42 einiges nomme sonst. Häft gewöh Häftlin und a heraus Brüder setzt, Sie dr klopfe meinsa Hausa freier nügt, leben meinsa Kino wenig druck den m die di sie di der V rung, haben gehst, Brude schwä Brüde den ze andere In d wisse komm Ich ha Onnten. in der Er war en von erloren, aut zu eit veren, als hat es Legalen po zur s Wohek ge-liefert, bt hat. er Ausich tot worten in den en? Im uf sich g einer te und bte ich unserer enn er t, aber achdem erloren. at sich eliefert. ich aus später, einiges zu korrigieren, aber er wurde nie wieder zurückgenommen; was im Gefängnis fürchterlicher ist als irgendwo sonst. - Häftling und Einsamkeit diese beiden Vorstellungen gehen gewöhnlich Hand in Hand. Und das ist ein großer Irrtum. Der Häftling ist nicht einsam, das Gefängnis ist ein großes Kollektiv. und auch die strengste Isolierung kann niemanden aus ihm herausreißen, wenn er sich nicht selbst ausgeschlossen hat. Die Brüderschaft der Unterdrückten ist hier einem Druck ausgesetzt, der sie konzentriert, stählt und empfänglicher macht. Sie dringt durch die Wände, die leben, sprechen oder Zeichen klopfen. Sie umfängt die Zellen eines Ganges, die durch gemeinsames Leid, durch gemeinsamen Dienst, durch gemeinsame Hausarbeiter und durch gemeinsame Morgenspaziergänge in freier Luft verbunden sind, wo ein Wort oder eine Geste genügt, um eine Nachricht zu übermitteln oder ein Menschenleben zu retten. Sie verbindet das ganze Gefängnis durch gemeinsame Fahrten zur Vernehmung, gemeinsames Sitzen im ,, Kino" und gemeinsame Rückkehr. Es ist eine Brüderschaft der wenigen Worte und großen Leistungen, denn ein bloßer Händedruck oder eine zugesteckte Zigarette zerschlägt den Käfig, in den man dich gesetzt hat und befreit dich von der Einsamkeit, die dich brechen sollte. Die Zellen haben Hände; du fühlst, wie sie dich stützen, damit du nicht fällst, wenn du gefoltert von der Vernehmung zurückkommst; aus ihnen empfängst du Nahrung, wenn dich andere zum Hungertode treiben. Die Zellen haben Augen; sie schauen auf dich, wenn du zur Hinrichtung gehst, und du weißt, daß du aufrecht gehen mußt, weil du ihr Bruder bist und sie nicht durch einen zögernden Schritt schwächen darfst. Es ist eine blutende, aber unbezwingbare Brüderschaft. Wenn ihre Hilfe nicht wäre, könntest du nicht den zehnten Teil deines Schicksals ertragen. Du nicht und kein anderer. In dieser Erzählung, wenn ich sie fortsetzen kann( denn wir wissen die Tage und Stunden nicht), wird oft die Zahl vorkommen, die im Titel dieses Kapitels steht: der ,, Vierhunderter". Ich habe ihn als Raum kennengelernt, und die ersten Stunden 43 - das war wegun welche Der des ,, M in ihm waren unerfreulich. Aber das war kein Raum ein Kollektiv. Und es war ein freudiges und kämpferisches Kollektiv. Es entstand im Jahre 1940, als die Agenden der antikommunistischen Abteilung wuchsen. Es war eine Filiale des Hausgefängnisses, des ,, Kinos", eine Filiale des Warteraumes der Untersuchungshäftlinge, speziell für Kommunisten bestimmt, damit sie nicht zu jeder Frage neuerlich aus dem Parterre in den vierten Stock geführt werden mußten, damit die Vernehmungsbeamten der Gestapo sie immer bei der Hand hatten. Es war eine Erleichterung für ihre Arbeit. So war es von ihnen gedacht. Aber gib zwei Häftlinge und noch dazu Kommunisten - zusammen und in fünf Minuten hast du ein Kollektiv, das dir alle Pläne durchkreuzt. Im Jahre 1942 wurde er nicht mehr anders genannt als: ,, die kommunistische Zentrale". Er machte viele Veränderungen durch, und viele tausende Genossen, Männer und Frauen, lösten einander auf seinen Bänken ab. Eines aber hat sich nicht geändert: die Seele des Kollektivs, dem Kampf ergeben und an den Sieg glaubend. - Der Vierhunderter" das war ein weit vorgeschobener Schützengraben, vom Feind schon von allen Seiten umzingelt, und konzentriertem Beschuß ausgesetzt, aber mit keinem Atemzug daran denkend, sich zu ergeben. Über ihm wehte die rote Fahne. In ihm zeigte sich die Solidarität des ganzen um seine Befreiung kämpfenden Volkes. Unten, im ,, Kino", gingen die SS- Wachen in hohen Stiefeln auf und ab und begleiteten mit Geschrei jedes Zwinkern deines Auges. Hier, im ,, Vierhunderter", waren die Aufseher tschechische Inspektoren und Agenten der Polizeidirektion, die freiwillig oder auf Anordnung ihrer Vorgesetzten als Übersetzer in den Dienst der Gestapo getreten waren und ihre Pflicht entweder als Diener der Gestapo oder als Tschechen erfüllten. Oder auch etwas dazwischen. Hier war es nicht mehr notwendig, in Habtachtstellung mit den Händen an den Knien und mit geradeaus gerichteten Augen zu sitzen, hier konntest du schon freier sitzen, konntest dich umsehen, konntest Handbe- hier je Binde der Z und a irgend bei de sein. einem sagst, verbli Chara wurde Satzge Verrä In jed Festig durfte oder. tanzer auf de zug ta Es den t suchu im Vi Teufe Zähne herau schaf durch Vien zu, u eine 44 das war ferisches kommues Hausmes der estimmt, terre in Hie Verdhatten. on ihnen misten das dir ht mehr machte enossen, ken ab. ollektivs, chobener mzingelt, em Atemdie rote um seine Stiefeln n deines tschechidie freibersetzer icht enterfüllten. ehr notnien und ntest du Handbe- wegungen machen und konntest auch mehr, je nachdem, welche von den drei Arten gerade Aufsicht hatte. Der ,, Vierhunderter"-das war ein Ort des tiefsten Erkennens des ,, Mensch" genannten Lebewesens. Die Nähe des Todes zog hier jeden nackt aus. Auch dich, der du auf dem Arm die rote Binde des kommunistischen Untersuchungshäftlings oder des der Zusammenarbeit mit Kommunisten Verdächtigen trägst, und auch dich, der die Häftlinge hier bewachen soll und der irgendwo nebenan sich an ihrer Vernehmung beteiligt. Dort, bei der Vernehmung, konnten Worte ein Schild oder eine Waffe sein. Im ,, Vierhunderter" konntest du dich nicht mehr hinter einem Wort verbergen. Hier wurde nicht gewogen, was du sagst, sondern was in dir ist. Und in dir ist nur das Wichtigste verblieben. Alles Nebensächliche, was die Grundlagen deines Charakters milderte, abschwächte oder verschönerte, fiel ab, wurde durch den todnahen Sturm weggerissen. Es blieben nur Satzgegenstand und Satzaussage: der Treue hält stand, der Verräter verrät, der Spießbürger verzweifelt, der Held kämpft. In jedem Menschen ist Kraft und Schwäche, Mut und Angst, Festigkeit und Schwanken, Reinheit und Schmutz. Aber hier durfte nur noch das eine oder das andere bleiben. Entweder oder. Und wenn jemand versuchte, unauffällig dazwischen zu tanzen, war er auffälliger als der, der mit einer gelben Feder auf dem Hut und mit Tschinellen in der Hand in einem Leichenzug tanzen wollte. - Es gab solche unter den Häftlingen, es gab solche auch unter den tschechischen Inspektoren und Agenten. Bei der Untersuchung zündete er seinem Reichs- Herrgott eine Kerze an und im Vierhunderter zündete er eine zweite dem bolschewistischen Teufel an. Vor dem deutschen Kommissar schlug er dir die Zähne aus, um aus dir den Namen deines Verbindungsmannes herauszuschlagen, und im Vierhunderter" bot er dir freundschaftlich Brot an, um den Hunger zu vertreiben. Bei der Hausdurchsuchung raubte er dir deine ganze Wohnung aus, und im Vierhunderter" steckte er dir aus der Beute eine halbe Zigarette zu, um zu zeigen, wie er mit dir fühlt. Andere eine Abart derselben Gattung " " 1 - - es war nur taten nie jemandem aus 45 eigener Initiative etwas zuleide, um so weniger aber halfen sie. Sie dachten immer nur an ihre eigene Haut. Ihr Gefühlsleben machte aus ihnen ein bedeutendes politisches Barometer. Sind sie gemessen und sehr amtlich? Sei sicher: die Deutschen rücken auf Stalingrad vor. Sind sie freundlich und unterhalten sich mit den Häftlingen? Günstige Lage: die Deutschen wurden sichtlich bei Stalingrad zurückgeschlagen. Beginnen sie von ihrer alten tschechischen Abstammung zu erzählen und davon, wie sie in den Dienst der Gestapo kommandiert wurden? Fein: die Rote Armee dringt sicher schon über Rostow vor. dere von dieser Gattung stecken die Hände in die Taschen, wenn du ertrinkst, und reichen dir gern die Hand, wenn du allein ans Ufer kommst. AnDiese Leute spürten das Kollektiv des Vierhunderters und versuchten, sich ihm zu nähern, weil sie seine Kraft richtig einschätzten, aber sie gehörten nie zu ihm. Und es gab eine andere Gattung, die von diesem Kollektiv nicht einmal eine Ahnung hatte: ich würde sagen Mörder, aber der Mörder ist ein menschliches Wesen. Tschechisch sprechende Bestien mit Knüppel und Eisen in der Hand, die tschechische Häftlinge so folterten, daß auch viele deutsche Kommissare vor diesem Anblick davonliefen. Sie konnten sich nicht einmal aus Heuchelei auf das Interesse ihrer Nation oder des Reichs berufen, sie folterten und mordeten aus Lust, zerschlugen Zähne und Trommelfelle, quetschten Augen aus, traten in Geschlechtsteile, legten das Gehirn der Gefolterten bloß und schlugen sie zu Tode aus Grausamkeit, die keinen Grund außer sich selbst hatte. Täglich konntest du sie sehen, täglich mußtest du mit ihnen zusammenkommen und ihre Gegenwart ertragen, die die ganze Luft mit Blut und Stöhnen erfüllte; es half dir nur der feste Glaube, daß sie der Gerechtigkeit nicht entgehen werden, selbst wenn sie alle Zeugen ihrer Verbrechen ausrotten könnten. Und neben ihnen an einem Tisch in scheinbar gleicher Stellung. saßen Menschen, deren Namen man gerechterweise mit lauter Großbuchstaben schreiben müßte. Menschen, die aus der Häftlingsaufsicht eine Häftlingsfürsorge bauten, Menschen, die das Kollektiv des Vierhunderters schaffen halfen 46 und die zu ihm keine K frühere Kommu nisten griffen, von die auch au hätten Schreck fielen. I Tag, je warten sie nod sie nic leichter mehr r Ohne i was er gelernt Schütz Kampfe fen sie. Isleben r. Sind utschen rhalten wurden sie von davon, ? Fein: - Anaschen, enn du ers und richtig ab eine al eine der ist ien mit äftlinge diesem s Heuerufen, ne und atsteile, und die mit ihrem ganzen Herzen und ihrem ganzen Mut auch zu ihm gehörten. Dies war um so bemerkenswerter, als es keine Kommunisten waren, sondern im Gegenteil Leute, die in früheren Zeiten im Dienste der tschechischen Polizei gegen die Kommunisten gearbeitet hatten, aber die Kraft der Kommunisten erkannten und ihre Bedeutung für ihr ganzes Volk begriffen, als sie sie im Kampf gegen die Okkupation sahen, und von diesem Augenblick an jedem treu dienten und halfen, der auch auf der Häftlingsbank treu blieb. Viele Kämpfer draußen hätten gezögert, wenn sie eine Ahnung gehabt hätten, was für Schrecken sie erwarteten, wenn sie in die Hände der Gestapo fielen. Die hier hatten diese Schrecken ständig vor Augen, jeden Tag, jede Stunde. Jeden Tag und jede Stunde konnten sie erwarten, daß man sie neben die übrigen Häftlinge setzen und sie noch ärger behandeln werde als jene. Und doch zögerten sie nicht. Sie halfen, das Leben Tausender zu retten, und erleichterten das Schicksal derjenigen, deren Leben sie nicht mehr retten konnten. Ihnen gebührt die Bezeichnung Helden. Ohne ihre Hilfe hätte der Vierhunderter nie das sein können, was er wurde und als was ihn tausende Kommunisten kennengelernt haben: ein lichter Raum in einem dunklen Haus, ein Schützengraben im Rücken des Feindes, ein Zentrum des Kampfes um die Freiheit inmitten der Höhle der Okkupanten. zu Tode hatte. t ihnen e ganze er feste werden, önnten. leicher erweise en, die Menhalfen 47 Fünftes Kapitel GESTALTEN UND FIGUREN Jose muß ih tung, e und sa daß da der üb in der Gerech Um eines bitte ich: Ihr, die ihr diese Zeit überlebt, vergeßt nicht. Vergeßt die Guten nicht und nicht die Schlechten. Sammelt geduldig die Zeugnisse über die Gefallenen. Eines Tages wird das Heute Vergangenheit sein, wird man von der großen Zeit und von den namenlosen Helden sprechen, die Geschichte gemacht haben. Ich möchte, daß man weiß, daß es keine namenlosen Helden gegeben hat. Daß es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen hatten, und daß deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt. Ich möchte, daß sie alle euch immer nahe bleiben, wie Bekannte, wie Verwandte, wie ihr selbst. Ganze Heldenfamilien sind hingemordet worden. Sucht euch wenigstens einen von ihnen als Sohn oder Tochter aus und seid stolz auf ihn als auf einen großen Menschen, der für die Zukunft gelebt hat. Jeder, der treu für die Zukunft gelebt hat und für sie gefallen ist, ist eine in Stein gehauene Gestalt. Und jeder, der aus dem Staub der Vergangenheit ein Wehr gegen die Flut der Revolution bauen wollte, ist nur eine Figur aus faulem Holz, wenn er auch die Achseln voll goldener Rangabzeichen hatte. Aber auch diese Figur muß man lebend sehen, in ihrer Niedrigkeit und Armseligkeit, in ihrer Grausamkeit und Lächerlichkeit, denn das ist Material für künftige Erkenntnis. Nur Material, nur eine Zeugenaussage ist das, was ich im weiteren erzählen kann. Es ist nur Stückwerk, wie ich es aus einem kleinen Sektor und ohne Abstand sehen konnte. Aber es sind Skizzen des wahren Bildes der Großen und der Kleinen, der Gestalten und der Figuren. 48 arbeite schwe Nac stande Heu beit". noch Meine vielle dann tage zusetz Heute Gusti ergeb gen L Ab hatte Sage der S keit erheb Me Gesc 4 Fuč vergeßt n. SamTages großen chichte namenie ihren hatten, I ihnen Die Jelíneks Josef und Marie. Er Straßenbahner, sie Hausgehilfin. Man muß ihre Wohnung kennen. Einfache, glatte moderne Einrichtung, ein Bücherregal, eine Gipsfigur, Bilder an den Wänden, und sauber, fast unglaublich blitzsauber. Man könnte glauben, daß darin Maries ganze Liebe eingesperrt ist und daß sie von der übrigen Welt nichts weiß. Doch unterdessen hat sie längst in der Kommunistischen Partei gearbeitet und auf ihre Art von Gerechtigkeit geträumt. Sie haben beide ergeben und still gearbeitet und sich nicht zurückgezogen, als die Okkupation schwere Anforderungen stellte. Nach drei Jahren drang die Polizei in ihre Wohnung. Sie standen nebeneinander, Hände hoch. ame erThe bleiht euch aus und für die lebt hat alt. Und I gegen gur aus Rangd sehen, keit und enntnis. ich im a es aus e. Aber Kleinen, 19. Mai 1943 ArHeute nacht bringen sie meine Gusti nach Polen ,, zur beit". Auf die Galeere, zum Typhustod. Ich habe vielleicht noch einige Wochen, vielleicht zwei, drei Monate zu leben. Meine Akten wurden angeblich dem Gericht übergeben. Also vielleicht noch vier Wochen in Untersuchung am Pankrác und dann wieder zwei, drei Monate bis zum Ende. Diese Reportage wird nicht beendet werden. Ich will versuchen, sie fortzusetzen, wenn in diesen paar Tagen noch Gelegenheit ist. Heute kann ich nicht. Heute habe ich Kopf und Herz voll mit Gusti, einem edlen und innigen Menschen, einem kostbaren, ergebenen Gefährten in einem stürmischen und niemals ruhigen Leben. Abend um Abend singe ich ihr das Lied, das sie immer gerne hatte: vom bläulichen Steppengras, das in der ruhmvollen Sage der Partisanenkämpfe rauschte, von der Kosakin, die an der Seite der Männer die Freiheit erkämpfte, von ihrer Tapferkeit und davon, wie sie in einem der Kämpfe ,, sich nicht mehr erheben konnte von der Heimaterde". Meine Kampfgefährtin! Wieviel Kraft ist in diesem kleinen Geschöpf mit dem fest gemeißelten Gesicht und den großen 4 Fučík 49 Kinderaugen, in denen so viel Zärtlichkeit liegt! Der Kampf um die ständige Trennung hat aus uns ewige Liebesleute gemacht, die nicht einmal, sondern hundertmal im Leben die erregenden Momente der ersten Liebkosungen und des ersten Sichkennen- lernens durchleben. Und doch ist es immer ein Schlag, den unsere Herzen schlagen, und ein Atem, den wir in seligen Stunden und in Stunden des Bangens, der Erregung oder der Trauer atmen. Jahre hindurch haben wir zusammengearbeitet und einander geholfen, wie nur ein Kamerad dem anderen helfen kann, Jahre hindurch war sie mein erster Leser und erster Kritiker, und das Schreiben fiel mir schwer, wenn ich nicht ihren freundlichen Blick im Rücken fühlte, Jahre hindurch standen wir nebenein- ander in den Kämpfen, an denen es uns nicht mangelte, und Jahre hindurch wanderten wir Hand in Hand durch die Gegen- den, die wir liebten. Wir überstanden viele Unannehmlich- keiten und erlebten viele große Freuden, denn wir waren reich an dem Reichtum der Armen. An dem, was im Innern ist. Gusti? Sieh, das ist Gusti: Es war während des Standrechtes, Mitte Juni des vorigen Jahres. Sie sah mich zum erstenmal seit unserer Verhaftung, nach sechs leidvollen Wochen, die sie allein in der Zelle ver- bracht hatte, grübelnd über die Nachrichten, die ihr meinen Tod verkündeten. Man rief sie, um mich weich zu machen. „Reden Sie ihm zu‘, sagte ihr der Chef der Abteilung bei der Konfrontation mit mir,„reden Sie ihm zu, daß er vernünftig sein soll. Wenn er schon nicht an sich selbst denkt, daß er we- nigstens an Sie denkt. Sie haben eine Stunde Bedenkzeit. Wenn er auch dann hart bleibt, werden Sie heute abend erschossen. Beide." Sie streichelte mich mit ihrem Blick und antwortete einfach: „Herr Kommissar, das ist keine Drohung für mich, das ist meine letzte Bitte. Wenn Sie ihn umbringen, bringen Sie mich auch um.“ Sieh, das ist Gusti! Liebe und Festigkeit. Das Leben können sie uns nehmen, nicht wahr, Gusti, aber unsere Ehre und unsere Liebe nicht. 50 würdeı fänden Freihei strebt sterber einem Leben wenn Sie zu neh Haftlir verbin Du ı lich n Weiter npf um macht, genden ennen- ig, den seligen jer der nander , Jahre ınd das dlichen benein- te, und Gegen- hmlich- n reich ist, yorigen ‚aftung, Je vel- meinen hen. bei der nünftig er we- Wenn hosseh- ‚infach: das ist e mich abe! Ach, Menschen, könnt ihr euch vorstellen, wie wir leben würden, wenn wir uns nach all diesen Entbehrungen wieder- fänden? Wiederfänden in einem erlösten, schönen Leben der Freiheit und des Schaffens? Wenn das wird, wonach wir ge- strebt haben, wofür wir gekämpft haben und wofür wir jetzt sterben gehen? Ja, auch als Tote werden wir doch irgendwo in einem Stückchen eures großen Glücks leben, weil wir unser Leben darein gelegt haben. Und das gibt uns Freude, auch wenn uns der Abschied traurig macht. Sie haben uns nicht einmal erlaubt, voneinander Abschied zu nehmen, uns zu umarmen, uns die Hand zu reichen. Nur das Häftlingskollektiv, das auch den Karlsplatz mit dem Pankräc verbindet, gibt uns Nachricht voneinander. Du weißt, Gusti, und auch ich weiß, daß wir uns wahrschein- lich nie wiedersehen werden. Und doch höre ich dich von weitem rufen: Auf Wiedersehen, du mein Geliebter! Auf Wiedersehen, meine Gusti! Mein Testament. Ich hatte nichts als die Bücherei. Die hat die Gestapo ver- nichtet. Ich habe zahlreiche kulturelle und politische Artikel ge- schrieben, Reportagen, Literatur- und Theaterstudien und Refe- rate. Viele von ihnen gehörten dem Tag und sind mit dem Tag gestorben. Laßt sie liegen. Einige jedoch gehören dem Leben. Ich hatte gehofft, daß Gusti sie ordnen wird. Wenig Hoffnung. Ich bitte also den redlichen Kameraden Läda Stoll, eine Aus- wahl zu treffen und fünf Büchlein zusammenzustellen. 1. Politische Artikel und Polemiken. 2. Auswahl heimischer Reportagen. 3. Auswahl von Reportagen aus der Sowjetunion. 4. und 5. Literatur- und Theaterartikel und Studien. In der Mehlzahl findet er sie in der Tvorba und im Rude Prävo, einige im Kmen, Pramen, Proletkult, in der Doba, im Socialista, in der Avantgarda und ähnlichen Zeitschriften. Im Manuskript befindet sich beim Verleger Girgal(den ich wegen des selbstverständlichen Mutes liebe, mit dem er wäh- 4* 51 Mein rend der Okkupation meine ,, Božena Němcová" herausgegeben hat) eine Studie über Julius Zeyer; irgendwo in dem Hause, inwelchem die Jelíneks, die Vysušils und Sucháneks( die meisten heute schon tot) wohnten, ist ein Teil der Studie über Sabina und Anmerkungen über Jan Neruda versteckt. Ich habe einen Roman über unsere Generation zu schreiben begonnen. Zwei Kapitel sind bei meinen Eltern, das übrige ist wahrscheinlich vernichtet. Einige handschriftliche Erzählungen habe ich in den Akten bei der Gestapo gesehen. Dem Literaturhistoriker, der erst kommen wird, hinterlasse ich die Liebe zu Jan Neruda. Es ist dies unser größter Dichter, der auch noch weit über uns hinaus in die Zukunft sieht. Und es gibt noch kein Werk, das ihn richtig begreift und würdigt. Man muß den Proletarier Neruda zeigen. Sie haben ihm die Kleinseitner Idylle an die Rockschöße gehängt und sehen nicht, daß er für diese ,, idyllische", alteingesessene Kleinseite ,, ein Lump war", daß er an den Grenzen von Smíchov geboren wurde, in einem von Arbeitern bewohnten Milieu, und daß er zum Kleinseitner Friedhof um seine Kirchhofsblumen an der Ringhoffer- Fabrik vorbeigehen mußte. Ohne das begreifst du nicht den Neruda von den ,, Kirchhofsblumen" bis zum Feuilleton ,, 1. Mai 1890". So mancher- auch ein so weitsichtiger -Mensch wie Šalda sieht gewissermaßen ein Abbremsen des dichterischen Schaffens Nerudas in seiner Journalistik. Das ist Unsinn. Gerade weil Neruda Journalist war, konnte er ein so großartiges Werk wie seine ,, Balladen und Romanzen" schreiben oder die ,, Freitagsgesänge" und den Großteil der Nummern der ,, Schlichten Motive". Die Journalistik schöpft den Menschen aus, verzettelt ihn vielleicht auch, aber sie verbindet ihn mit dem Leser und lehrt ihn, auch Poesie zu schreiben allerdings nur, wenn es sich um einen so anständigen Journalisten handelt, wie Neruda einer war. Ein Neruda ohne die Zeitung, die nur einen Tag lebt, hätte vielleicht viele Gedichtbände geschrieben, aber keinen einzigen, der Jahrhunderte überlebt hätte, wie seine Werke sie überleben werden. - Auch den ,, Sabina" wird vielleicht jemand vollenden. Er verdient es. 52 einen Möge bin. ,, I und in Mei Gesan gesser uns in ihnen ander hören Den nach Gusti Und geleb sie w Name 19. Ab ter b ich v wie ihm Be nahe schre drin, Leid Räu hatte Unte Plets strie eben se, In- isten abina eiben je ist ingen lasse chter, Und rdigt, n die nicht, „ein poren aß er n der st du Feuil- ntigel n des as ist in 50 chrei- ‚mern Men- ot ihn aller- JisteD jung je ge orlebt Er Meinen Eltern wollte ich für ihre Liebe und schlichte Hoheit einen sonnigen Herbst sichern durch meine ganze Arbeit. Möge er nicht dadurch getrübt sein, daß ich nicht bei ihnen bin.„Der Arbeiter stirbt, die Arbeit lebt”, und in der Wärme und im Licht, das sie umgibt, werde ich immer um sie sein. Meine Schwestern Liba und Veralein bitte ich, durch ihren Gesang Vater und Mutter die Lücke in unserer Familie ver- gessen zu machen. Sie haben genug Tränen geschluckt, als sie uns im Petschek-Haus besuchen kamen. Aber Freude lebt in ihnen und dafür habe ich sie lieb, und darum haben wir ein- ander lieb. Sie sind Säerinnen der Freude— mögen sie nie auf- hören, es zu sein. Den Genossen, die diese letzte Schlacht überleben und die nach uns kommen, drücke ich fest die Hand. Für mich und für Gusti. Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Und noch einmal wiederhole ich: wir haben für die Freude gelebt, für die Freude sind wir in den Kampf gegangen und für sie werden wir sterben. Deshalb möge nie Trauer mit unserem Namen verbunden sein. 19. V: 43. JR: x 22. Mai 1943 Abgeschlossen und unterschrieben. Beim Untersuchungsrich- ter bin ich schon seit gestern fertig. Es geht sogar rascher, als ich vorausgesetzt hatte. Es scheint, daß ihnen der Fall irgend- wie eilt. Mitangeklagt sind Lida Plachä und Mirek. Nichts hat ihm seine Verräterei genützt. Beim Untersuchungsrichter ging es korrekt und kalt zu, bei- “nahe frostig. Bei der Gestapo war noch ein Stück Leben, schrecklich, aber doch ein Stück Leben. Es war Leidenschaft drin, die Leidenschaft der Kämpfer auf der einen Seite und die Leidenschaft der Jäger, der Raubtiere oder sogar gewöhnlicher Räuber auf der anderen Seite. Einige von dieser anderen Seite hatten dort sogar etwas wie eine Überzeugung. Hier, beim Untersuchungsrichter, war es nur mehr ein Amt. Große runde Pletschen mit dem Hakenkreuz auf den Aufschlägen demon- strierten eine Überzeugung, die innerlich fehlt. Sie sind das 53 Aushängeschild, hinter dem sich der armselige kleine Beamte versteckt, um diese Zeit irgendwie zu überleben. Den Angeklagten gegenüber ist er weder schlecht noch gut. Er lacht nicht, er runzelt auch nicht die Stirn. Er amtiert. Kein Blut, bloß ein dünnes Süppchen. Protokolliert, unterschrieben und auf Paragraphen aufgeteilt. Es ist drin rund sechsmal Hochverrat, Anschlag gegen das Reich, Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes und ich weiß nicht was noch. Jedes einzelne davon genügte ohnehin schon. Dreizehn Monate habe ich hier um mein und anderer Leben gerungen. Mit Mut und List. Sie haben in ihr Programm ,, nordische List" aufgenommen. Ich glaube, daß ich mich darin auch ausgekannt habe. Ich verliere nur, weil sie außerdem noch das Beil in der Hand haben. Dieser Kampf ist nun also zu Ende. Jetzt kommt nur das Warten. Zwei, drei Wochen, bis die Anklage ausgearbeitet ist, dann die Fahrt ins Reich, das Warten auf die Verhandlung, das Urteil und schließlich 100 Tage Warten auf die Hinrichtung. Das ist die Perspektive. Vielleicht also noch vier, vielleicht fünf Monate. Während dieser Zeit kann sich vieles ändern. Während dieser Zeit kann sich alles ändern. Möglich. Von hier aus kann ich es nicht beurteilen. Ein schnellerer Gang der Ereignisse draußen kann aber auch unser Ende beschleunigen. Und so gleicht sichs aus. Es ist ein Rennen der Hoffnung mit dem Krieg. Ein Wettlauf des Todes mit dem Tode. Was kommt früher: der Tod des Faschismus oder mein Tod? Ist das nur meine Frage? Ach nein, so fragen zehntausende Häftlinge, so fragen Millionen von Soldaten, so fragen dutzende Millionen von Menschen in ganz Europa und in der ganzen Welt. Der eine hat mehr, der andere weniger Aussicht. Aber das scheint nur so. Die Schrecken, mit denen der verfallende Kapitalismus die ganze Welt überzogen hat, bedrohen jeden aufs äußerste. Hunderttausende Menschen und was für Menschen! werden noch fallen, bevor sich - - die Überlebenden sagen können: ich habe den Faschismus überlebt. Nur zem w die gra es ist, Kriege letzte auf de Die nicht sollte. über N Wicht Ich mit e hältni tung Köpfe Sie h stapo verw Mann Er das S mühe Sie senk sie i Pisto ins maße SO Si man 54 Leben „DOT- ı auch ch das ; War- ‚ dann 35 Ur- g. Das t fünf wäh- or Aus Ereig- I. Und ‚ttlauf es Fa- nelN, n Sol-' ganz ‚ndere n, mit zogen schen : sich jsmuS Nur mehr Monate bleiben bis zur Entscheidung, und in kur- zem werden es nur mehr Tage sein. Aber gerade die werden die grausamsten sein. Immer habe ich mir gedacht, wie traurig es ist, der letzte Soldat zu sein, den in der letzten Sekunde des Krieges die letzte Kugel ins Herz trifft. Aber einer muß dieser letzte sein. Wenn ich wüßte, daß ich es sein kann, möchte ich auf der Stelle sterben. Die kurze Zeit, die ich noch am Pankräc bleibe, erlaubt mir nicht mehr, dieser Reportage die Form zu geben, die sie haben sollte. Ich muß mich kürzer fassen. Es wird mehr ein Zeugnis über Menschen als über die ganze Zeit. Das ist, glaube ich, das Wichtigste. Ich habe diese Gestalten mit dem Ehepaar Jelinek begonnen, mit einfachen Menschen, in denen man unter normalen Ver- hältnissen keine Helden gesehen hätte. Im Moment der Verhaf- tung standen sie nebeneinander mit den Händen über den Köpfen, er blaß, sie mit tuberkulösen Flecken auf den Wangen. Sie hatte etwas erschrockene Augen, als sie sah, wie die Ge- stapo ihre musterhafte Ordnung in fünf Minuten in ein Chaos verwandelte. Dann drehte sie langsam den Kopf zu ihrem Manne und fragte: — Pepa, was wird jetzt geschehen? Er war immer einsilbig, immer suchte er nach Worten, das Sprechen fiel ihm schwer. Jetzt antwortete er ruhig und mühelos: ä — Wir gehen sterben, Mäna. Sie schrie nicht auf, sie fuhr nicht einmal zusammen, senkte nur mit einer schönen Bewegung die Hand und reichte sie ihm vor den Mündungen der ständig auf sie gerichteten Pistolen. Damit verdiente sie ihm und sich den ersten Schlag ins Gesicht. Sie wischte sich das Gesicht ab, schaute einiger- maßen erstaunt auf die Eindringlinge und sagte fast komisch: __ So hübsche Burschen— sagte sie und steigerte die Stimme — so hübsche Burschen... und... solche Rohlinge. Sie hatte sie richtig eingeschätzt. Einige Stunden später führte man sie fast bewußtlos aus der Kanzlei des„vernehmenden” sie 55 Kommissars, Aber’ sie hatten nichts aus ihr herausgeschlagen. Weder damals, noch irgendwann später. Ich weiß nicht, was alles mit ihnen in der Zeit geschah, da ich vernehmungsunfähig in der Zelle lag. Aber ich weiß, daß sie während dieser ganzen Zeit nichts sagten. Sie warteten auf mich. Wie oft noch wurde Pepa auf den Bock gebunden und wie oft noch geschlagen und geschlagen und geschlagen, aber er sprach nicht, bevor ich ihm sagen oder wenigstens mit Ge- bärden andeuten konnte, was er sagen kann oder wie er aus- sagen soll, um die Untersuchung fehlzuleiten. Sie war empfindlich, beinahe wehleidig. So hatte ich sie vor der Verhaftung gekannt. Während der ganzen Zeit bei der Ge- stapo sah ich aber nicht eine Träne in ihren Augen. Sie liebte ihre Wohnung. Als ihr aber die Genossen von draußen, um ihr eine Freude zu machen, sagen ließen, daß sie wissen, wer ihre Einrichtung gestohlen hat und daß sie darauf achtgeben, ant- wortete sie: — Hol der Teufel die Einrichtung. Damit sollen sie sich nicht aufhalten. Sie haben wichtigere Dinge zu tun und müssen jetzt auch für uns arbeiten. Zuerst muß gründlich gemacht werden, und wenn ich es überlebe, zu Hause räume ich mir schon selber auf. Eines Tages führten sie sie beide fort. Jeden anderswohin. Vergeblich forschte ich nach ihrem Schicksal. Denn bei der Gestapo verschwinden Menschen spurlos, ausgesät über tau- sende verschiedene Friedhöfe. Ach, was für eine Ernte wird aus dieser furchtbaren Saat aufgehen? Ihr letzter Wunsch war: — Herr Chef, richten Sie draußen aus, es soll mich niemand bedauern und es soll sich dadurch niemand einschüchtern las- sen. Ich habe getan, was mir meine Arbeiterpflicht befohlen hat, und demgemäß sterbe ich auch. Sie war„nur eine Hausgehilfin‘. Sie hatte keine klassische Bildung und wußte nicht, daß schon irgendwann gesagt wor- den war: ‚Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ 56 h, da , daß n auf ı und aber '" aus- e vor r Ge- liebte m ihr r ihre ‚ant- nicht jetzt rden, ;chon ‚obin. j der - tal- wird mand , las phlen ische Die Vysusils Sie wohnten im selben Hause, gleich neben Jelineks. Auch Josef und Marie. Eine Unterbeamtenfamilie, etwas älter als die Nachbarn. Er war ein siebzehnjähriger baumlanger Bursche aus Nusle, als sie ihn zum Militär nahmen und in den ersten Welt- krieg schickten. Schon nach einigen Wochen brachten sie ihn mit einem zerschmetterten Knie zurück, das nie verheilte. Sie lernten sich in einem Brünner Lazarett kennen, wo sie Pfle- gerin war. Sie war um acht Jahre älter, und niemand hätte gedacht, daß der lange Unterbeamte„vön der Bahn” und dieses „Frauerl“ Vysusil in etwas Unerlaubtes verwickelt werden könnten. Und doch wurde er kurz nach mir verhaftet, und ich war ent-“ setzt,\als ich ihn da zum erstenmal sah. Was alles bedroht ist, wenn er spricht! Aber er schwieg. Einige Flugzettel, die er einem Kameraden zu lesen gab, hatten ihn hergebracht— und bei den Flugzetteln blieb es auch. Einige Monate später, als durch die Disziplinlosigkeit Pokor- nys und der Pixa verraten wurde, daß Honza Cerny bei der Schwester der Frau Vysusil wohnte,„vernahmen” sie Pepik zwei Tage hindurch auf ihre Art, um aus ihm die Spur zum letzten Mohikaner unseres ZK herauszuschlagen. Am dritten. Tag kam er in den Vierhunderter und setzte sich vorsichtig, denn auf frischen Wunden sitzt es sich verteufelt schwer. Ich sah ihn besorgt an, mit einer Frage und einer Ermunterung. Er antwortete fröhlich im Nusler Lapidarstil: — Wenn der Kopf nicht will, dann spricht weder Maul noch Arsch. Ich kannte diese Familie gut, wie sie sich lieb hatten, wie ihnen bange war, wenn sie nur auf einen oder zwei Tage von- einander getrennt waren. Jetzt verstrichen Monate— wie trau- rig war wohl in der freundlichen Wohnung in Michle der Frau zumute, allein in den Jahren, in denen allein sein dreimal schwerer ist als der Tod. Wieviel Träume sie wohl spann, wie sie ihrem Mann helfen und die kleine Idylle wiederbringen 57 könnte, in der sie sich ein wenig lächerlich Mutterl und Vater! nannten! Und sie fand wieder nur einen einzigen Weg: die Ar- beit fortsetzen, für sich und für ihn arbeiten. So saß sie noch in der Neujahrsnacht 1943 allein beim Tisch mit seiner Photographie auf dem Platz, wo er zu sitzen pflegte, und als es Mitternacht schlug, stieß sie mit seinem Glas an, auf seine Gesundheit, daß er zurückkehren, daß er die Freiheit er- leben möge. Einen Monat später war auch sie verhaftet. Viele vom Vier- hunderter zitterten. Denn sie war eine von jenen, die die Ver- bindung mit draußen aufrechterhielten. Sie sagte kein Wort. Sie folterten sie nicht mit Schlägen, sie war zu schwer krank und wäre ihnen unter den Händen gestorben. Sie folterten sie viel ärger: mit Vorstellungen. Einige Tage vor ihrer Verhaftung war ihr Mann zur Arbeit nach Polen fortgebracht worden. Jetzt sagten sie ihr: — Schauen Sie, dort ist's ein schweres Leben. Auch für Ge- sunde. Und Ihr Mann ist ein Krüppel. Er wird es nicht aus- halten. Er geht dort irgendwo ein, Sie werden ihn nie wieder- sehen. Und wen werden Sie sich dann suchen, Sie, in Ihren Jahren! Aber seien Sie vernünftig, sagen Sie uns, was Sie wissen, und wir bringen ihn Ihnen sofort zurück. ... Er geht dort irgendwo ein, Mein Pepik! Der Arme! Und wer weiß, was für eines Todes! Die Schwester haben sie mir umgebracht, den Mann bringen sie mir um, ich bleibe allein, ganz allein, wen könnte ich mir noch suchen, ja, in meinen Jahren... Allein, verlassen bis zum Tod... Und ich könnte ihn retten, sie würden ihn mir zurückbringen... ja, aber um diesen Preis? Das wäre schon nicht mehr ich, das wäre schon nicht mehr mein Vaterl... Sie sagte kein Wort. Sie verschwand irgendwo in einem der namenlosen Transporte der Gestapo. Kurz darauf kam die Nachricht, daß Pepik in Polen gestorben war. 58 erstat Stief: habe, Ich Schor Schm richt, Denn verzö Sie erste älter Seine Jede mir: Auch Mir; Ankl Verh Sie was Inter ter] isch :gte, auf Fer rank ı sie rbeit Lida Das erste Mal kam ich zu Baxa an einem Abend. Nur JozZka war zu Hause und ein zartes Geschöpf mit lebhaften Augen, das sie Lida nannten. Es war eher noch ein Kind, das neugierig auf meinen Vollbart guckte und zufrieden war, daß da eine neue Sehenswürdigkeit in die Wohnung kam, mit der man sich vielleicht eine Weile unterhalten kann. Wir befreundeten uns rasch. Es zeigte sich, daß dieses Kind erstaunlicherweise bald neunzehn Jahre alt wird, daß es Jozkas Stiefschwester ist und Plachä heißt, und daß sie auf einer Lieb- haberbühne spielt, was sie über alles liebt. Ich wurde ihr Vertrauter, woraus ich erkannte, daß ich doch schon ein älterer Herr war; sie beichtete mir ihre jungen Schmerzen und jungen Träume und lief zu mir als zum Schieds- richter bei Differenzen mit der Schwester oder deren Mann. Denn sie war eilfertig, wie junge Mädchen zu sein pflegen, und verzärtelt, wie Spätkinder oft sind. Sie begleitete mich, als ich nach einem halben Jahr zum erstenmal aus der Wohnung ging, um Luft zu schnappen. Der ältere, hinkende Herr war weniger auffällig, wenn er mit seinem Töchterchen ging, als wenn er allein gegangen wäre. Jeder schaute früher auf sie als auf ihn. Deshalb ging sie mit mir auch beim zweiten Spaziergang, deshalb ging sie mit mir auch zur ersten illegalen Zusammenkunft, deshalb ging sie mit mir auch in die erste illegale Wohnung. Und so— wie jetzt die Anklage sagt— entwickelte es sich von selbst: sie wurde meine Verbindung. Sie machte es gern. Sie kümmerte sich nicht zu sehr darum, was es bedeutete und wozu es gut war. Es war etwas Neues, Interessantes, etwas, was nicht jeder machte und was den Bei- geschmack des Abenteuers hatte. Das genügte ihr. Solange es nur kleine Sachen waren, wollte ich ihr gar nicht mehr sagen. Unkenntnis war ihr für den Fall einer Verhaftung ein besserer Schutz als das Bewußtsein einer„Schuld“. Aber Lida arbeitete sich ein. Lida konnte auch mehr als einen Sprung zu Jelinek machen und eine kleine Botschaft ausrichten. Bas 59 Sie mußte aber auch wissen, worum es ging. Ich begann. Es war eine Schule, eine ganz reguläre Schule. Und Lida lernte fleißig und gern. Außerlich war sie ständig dasselbe Mädchen, lustig, leichtsinnig und ein bißchen lausbübisch, aber innerlich war es schon anders. Sie dachte. Und wuchs. In der Aktion wurde sie mit Mirek bekannt. Er hatte schon ein Stück Arbeit hinter sich und konnte davon gut sprechen. Er imponierte ihr. Vielleicht konnte sie den wahren Kern nicht erkennen, aber in diesem Fall erkannte ihn nicht einmal ich. Wichtig war, daß er ihr durch seine Arbeit, durch seine zur Schau getragene Überzeugung bereits näher war als andere Burschen. Es wuchs in ihr schnell und faßte Wurzeln. Anfang des zwei- undvierziger Jahres begann sie eindringlich mit Fragen über die Parteimitgliedschaft. Nie vorher hatte ich sie so verlegen gesehen. Nichts vorher hatte sie so ernst genommen. Ich zö- gerte noch. Noch prüfte ich sie. Im Februar 1942 wurde sie direkt durch das Zentralkomitee als Parteimitglied aufgenommen. In einer tiefen Frostnacht gingen wir nach Hause. Sonst gesprächig, schwieg sie heute. Erst in den Feldern unweit vom Hause blieb sie plötzlich stehen, und leise, ganz leise, daß du dabei jedes fallende Schneekristall hören konntest, sagte sie: — Ich weiß, daß das der wichtigste Tag in meinem Leben war. Jetzt gehöre ich nicht mehr mir. Ich verspreche euch, daß ich keine Enttäuschung sein werde. Was immer auch ge- schehen mag. Es ist viel geschehen. Und sie war keine Enttäuschung. Sie hielt die vertraulichsten Verbindungen. Sie bekam die gefährlichsten Aufgaben: verlorene Verbindungen anzuknüpfen und bedrohte zu retten. Wenn eine Zwischenschaltung oder Wohnung gefährdet war, ging Lida hin und rutschte durch wie ein Aal. Sie machte es wie früher: selbstverständlich und mit fröhlicher Sorglosigkeit, aber schon mit einem festgefügten Verantwortlichkeitsgefühl. Sie wurde einen Monat nach uns verhaftet. Mirek hatte durch sein Reden auf sie aufmerksam gemacht und dann war rn 60 tee cht te. ich pen daß ger die ‚fen der wie pit red tte nicht mehr schwer festzustellen, daß sie ihrer Schwester und dem Schwager zur Flucht und in die Illegalität verholfen hatte. Sie warf den Kopf zurück und spielte mit Temperament die Rolle des leichtsinnigen Mädchens, das keine Ahnung hat, daß’ es etwas Unerlaubtes getan hat und daß das ernste Folgen haben kann. Sie wußte viel, sie sagte nichts. Aber die Hauptsache: sie hörte nicht auf, zu arbeiten. Die Umgebung hatte sich geändert, die Arbeitsmethoden hatten sich geändert, auch die Aufgaben hatten sich geändert. Aber nicht geändert hatte sich für sie die Verpflichtung des Parteimitgliedes, nirgendwo die Hände in den Schoß zu-legen. Sie erfüllte weiterhin alle Aufträge ergeben, schnell und genau. War es notwendig, irgendwie aus einer VET- wickelten Situation herauszukommen, um einen Menschen draußen zu retten,— Lida mit dem unschuldigen Gesicht nahm jemandes„Schuld” auf sich. Sie wurde Hausarbeiterin am Pan- kräc, und dutzende ganz unbekannte Menschen verdanken es ihr, daß sie nicht verhaftet wurden. Erst nach einem Jahr machte ein aufgefangener Brief dieser ihrer„Kariere“ ein Ende. Jetzt‘ fährt sie mit uns zum Gericht ins Reich. Sie ist die ein- zige aus unserer ganzen großen Gruppe, die begründete Hoff- nung hat, die Freiheit zu erleben. Sie ist jung. Sollten wir nicht da sein, laßt nicht zu, daß sie verlorengeht! Sie muß viel lernen. Unterrichtet sie, erlaubt nicht, daß sie verkümmert. Und führt sie. Laßt nicht zu, daß sie stolz wird oder für immer zu- frieden mit dem, was sie gemacht hat. Sie hat sich in der schwersten Zeit bewährt. Sie ist durchs Feuer gegangen. Und es hat sich gezeigt, daß sie aus gutem Metall ist. Mein Kommissar Der gehört nicht mehr unter die Gestalten. Aber eine inter- essante Figur ist er, und um eine Idee großzügiger als die übrigen. Wenn man vor zehn Jahren im Cafe„Flora‘ auf den Wein- bergen mit einem Geldstück klopfte oder„Herr Ober, zahlen!“ rief, tauchte plötzlich ein großer magerer Mann in Schwarz auf, der sich rasch und lautlos wie eine Eidechse zwischen den 61 Stühlen hindurchwand und die Rechnung vorlegte. Er hatte die schnellen und leisen Bewegungen eines Raubtieres und scharfe Raubtieraugen, die überallhin sahen. Man mußte seinen Wunsch gar nicht aussprechen, Selbst zeigte er den Kellnern:„Tisch drei, ein Weißer ohne‘,„Linkes Fenster, Gebäck und Zeitung!” Er war ein guter Ober für die Gäste und ein guter Kollege für das übrige Personal. Aber damals kannte ich ihn noch nicht. Ich lernte ihn erst viel später kennen, bei Jelineks, als er statt des Bleistifts die Pistole in der Hand hielt und auf mich zeigte: ... und der interessiert mich am meisten. Ehrlich gesagt, wir interessieren uns beide füreinander. Er besaß natürliche Intelligenz und hatte vor den übrigen etwas voraus: er war Menschenkenner. In der Kriminalpolizei hätte er daher zweifellos Erfolg gehabt. Kleine Diebe oder Mörder, deklassiert und isoliert, hätten wahrscheinlich nicht gezögert, ihm ihre Seele zu eröffnen, weil sie für nichts als für ihre Haut zu sorgen haben. Aber solche Fälle bekommt die po- litische Polizei nur selten in die Hände. Hier mißt sich die Polizeiklugheit nicht nur mit der Klugheit des Erwischten, Sie mißt sich mit einer weit größeren Kraft: mit seiner Überzeu- gung, mit dem Ganzen, zu dem er gehört. Und dazu genügen weder Scharfsinn noch Schläge. Eine eigentliche Überzeugung hätte man bei„meinem Kom- missar‘ nicht gefunden. So wie bei den übrigen. Und gab es sie vielleicht bei einem von ihnen, dann war sie mit Dummheit verbunden, nicht mit Klugheit, nicht mit Ideenkenntnis und nicht mit Menschenkenntnis. Wenn sie insgesamt doch Erfolg hatten, war es darum, weil der Kampf zu lange und auf einem kleinen Raum geführt wurde, unter unendlich schwereren Bedingungen als sie irgendwann eine Illegalität hatte. Die russischen Bolschewiki sagten, daß der ein guter Arbeiter ist, der zwei Jahre in der’ Illegalität aushält. Aber wenn ihnen in Moskau der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, konnten sie noch nach Petersburg verschwinden und von Petersburg nach Odessa, sich in Millionenstädte verlieren, wo sie niemand kannte. Hier hast du nur Prag, Prag, Prag, wo 62 die arfe sch isch für wi" © zeu- ) 65 heit und folg r site! ‚ber heiß und ren dich die Hälfte der Leute kennt und wo sich eine ganze Meute von Provokateuren konzentrieren kann. Und doch haben wir Jahre ausgehalten, und doch gibt es Genossen, die schon das fünfte Jahr von der Gestapo unentdeckt unterirdisch leben. Das ist deshalb, weil wir viel gelernt haben. Aber es ist auch des- halb, weil der Feind wohl mächtig und grausam ist, aber nicht viel mehr kann als zerstören. Es sind drei in der Abteilung II-A 1, die den Ruf der härtesten Unterdrücker des Kommunismus und das schwarzweißrote Band für Standhaftigkeit im Kriege gegen den inneren Feind haben: Friedrich, Zander und„mein Kommissar‘ Josef Böhm. Von Hitlers Nationalsozialismus sprechen sie wenig. Soviel, wie sie selbst wissen. Sie kämpfen nicht für eine politische Idee. Sie kämpfen für sich selbst. Jeder auf seine Art. Zander— ein winziges cholerisches Menschlein, weiß viel- leicht am meisten von Polizeimethoden, aber noch mehr vom Geldgeschäft. Auf einige Monate wurde er von Prag nach Ber- lin versetzt, aber er bettelte sich die Rückkehr aus. Der Dienst in der Reichshauptstadt war für ihn eine Degradierung— und ein finanzieller Verlust. Ein Kolonialbeamter im dunklen Afrika oder in Prag ist ein mächtiger Herr und hat mehr Gelegenheit, in die Bank einzulegen. Er ist fleißig, untersucht gern beim Mittagessen, um seinen Fleiß zu zeigen. Und er hat es nötig, ihn zu zeigen, damit man nicht sieht, daß er außeramtlich noch fleißiger ist. Wehe dem, der in seine Hände gerät, aber doppelt wehe dem, der dabei zu Hause ein Einlagebuch oder Wert- papiere hat. Er muß in der kürzesten Zeit sterben, denn Ein- lagebücher und Wertpapiere sind Zanders Leidenschaft. Man hält ihn für den fähigsten Beamten— in dieser Richtung.(Er unterscheidet sich darin von seinem tschechischen Helfer und Dolmetsch— Smola—, der ein Gentleman-Räuber ist: er ver- langt nicht das Leben, wenn er Geld bekommt.); Friedrich— ein langer, magerer, brauner Typ mit bösen Augen und einem bösen Lächeln. Er kam schon etwa im Jahre 1937 als Gestapo-Spitzel in die Republik, um die deutschen Ge- nossen in der Emigration erledigen zu helfen. Denn seine Lei- denschaft sind Tote. Er kennt keine Unschuldigen. Wer die 63 Schwelle seiner Kanzlei überschreitet, ist schuldig. Gern teilt er den Frauen mit, daß ihre Männer im Konzentrationslager gestorben sind oder hingerichtet wurden. Gern zieht er aus dem Tischfach sieben Urnen und zeigt sie den Verhafteten: — Die sieben habe ich mit eigenen Händen erschlagen. Du wirst der achte sein. (Jetzt sind es schon acht, denn er hat Jan Zizka erschlagen.) Gern blättert er in alten Protokollen und sagt sich zufrieden über die Toten:„Erledigt! Erledigt!" Und gern foltert er namentlich Frauen. Seine Vorliebe für Luxus— das ist nur mehr ein Hilfsmotor “ seiner polizeilichen Tätigkeit. Eine gut eingerichtete Wohnung oder ein Geschäft mıt Stoffen beschleunigt nur einfach deinen Tod, das ist alles. Sein tschechischer Helfer— Negr— ist etwa einen halben Kopf kleiner. Sonst ist zwischen ihnen kein Unterschied. Böhm— mein Kommissar— hat weder eine Leidenschaft für Geld noch für Tote, obwohl ın seinem Verzeichnis nicht viel weniger sind als bei den beiden Vorhergehenden. Er ist ein Abenteurer mit der Sehnsucht, Jemand.zu sein. Er hat auch schon lange für die Gestapo gearbeitet. Er war Kellner im Napoleonzimmer bei den vertraulichen Besprechungen Berans — was Beran selbst Hitler nicht sagte, das ergänzte Böhm. Aber was war das gegen die Möglichkeit, Menschen zu jagen, Herr zu sein über Leben und Tod, über die Schicksale ganzer Familien zu entscheiden! Zu seiner Befriedigung war es nicht nötig, daß es immer SO traurig endete. Aber wenn man nicht anders hervorragen konnte, mochte es auch noch ärger sein. Denn was ist Schön-_ heit und was ist das Leben dem Ruhm eines Herostat? 2 Er baute das vielleicht ausgedehnteste Netz von Provoka- teuren aus. Ein Jäger mit einer großen Meute von Jagdhunden. Und er jagte. Oft nur aus Lust am Jagen. Vernehmungen— das war ihm zumeist nur mehr ein langweiliges Handwerk. Die Hauptsache war ihm das Verhaften. Und dann Menschen vor sich zu sehen, die auf seine Entscheidung warteten. Er ver- haftete an zweihundert Prager Straßenbahner, Lenker und 64 n teilt mslager us dem en. Du lagen.) frieden tert er Esmotor ohnung deinen halben ed. haft für cht viel ist ein at auch ner im Berans Böhm jagen, ganzer mer so orragen Schönrovokahunden. ngen werk, Die Then vor Er verzer und Schaffner von Autobussen und Trolleybussen, denen er auf den Strecken nachfuhr; der Betrieb mußte eingestellt werden. Da war er glücklich. Und dann entließ er wieder hundertfünfzig von ihnen, zufrieden auch damit, daß man in hundertfünfzig Familien von ihm als von einem guten Menschen sprechen würde. Er hatte regelmäßig solche ausgedehnte, aber geringfügige Fälle. Ich, den er durch Zufall gefangen hatte, war eine Ausnahme. - - Du bist mein größter Fall sagte er mir oft aufrichtig und war stolz, daß ich unter die größten Fälle überhaupt eingereiht wurde. Das verlängerte mir vielleicht auch das Leben. Wir belogen einander aus Leibeskräften, unaufhörlich, aber ausgewählt. Ich wußte es immer, er nur manches Mal. Aber wenn die Lüge schon sonnenklar war, übergingen wir sie auf stillschweigende Vereinbarung. Ich glaube, daß ihm nicht so sehr an der Feststellung der Wahrheit lag, wie eben daran, daß auf ,, seinem großen Fall" kein Schatten blieb. Knüppel und Eisen hielt er nicht für die einzigen Mittel der Vernehmung. Gern redete er eher zu oder drohte, je nachdem, wie er ,, seinen" Mann einschätzte. Mich folterte er nie, außer vielleicht in der ersten Nacht. Aber wenn es genehm war, borgte er mich dazu anderen. Er war entschieden interessanter und komplizierter als alle übrigen. Er hatte eine reichere Vorstellungskraft und verstand es, sie zu gebrauchen. Wir fuhren zu einer beabsichtigten Zusammenkunft nach Braník. Wir saßen dort in einem Gastgarten und sahen auf die vorüberflutenden Menschen. - · Wir haben dich verhaftet - sagte er zu mir - und schau: hat sich etwas geändert? Die Menschen gehen wie vorher, sie lachen oder haben ihre Sorgen, wie sie sie vorher hatten, die Welt geht weiter, als ob es dich nie gegeben hätte. Und sicher sind unter ihnen auch deine Leser- glaubst du, daß sie deinetwegen auch nur um eine Falte mehr bekommen? Ein anderes Mal setzte er mich nach einer ganztägigen Vernehmung ins Auto und fuhr mit mir durch das abendliche Prag auf den Hradschin über die Nerudagasse: 5 Fučík 65 55 — Ich weiß, daß du Prag liebst. Schau! Willst du denn gar nie mehr dahin zurückkehren? Wie schön es ist! Und es wird schön sein, auch wenn du nicht mehr sein wirst... Er spielte gut die Rolle des Versuchers. Der Sommerabend atmete über Prag schon die Nähe des Herbstes, Prag war bläu- lich und beschlagen wie eine reifende Rebe und berauschend wie Wein, ich hätte schauen mögen bis ans Ende der Welt..., aber ich unterbrach ihn: ...und wird.noch schöner sein, wenn ihr nicht mehr hier sein werdet. Er lachte kurz, nicht böse, eher traurig und sagte:— Du bist ein Zyniker. Er kam dann noch öfters auf diesen Abend zurück: — Wenn wir nicht mehr hier sein werden... Du glaubst also noch immer nicht an unseren Sieg? Er fragte, weil er selbst nicht glaubte. Und er horchte auf- merksam zu, wenn ich ihm von der Kraft und Unbesiegbarkeit der Sowjetunion erzählte. Das war übrigens auch eine meiner letzten„Vernehmungen‘“. (Hosenträger-Intermezzo) Neben der Tür der gegenüberliegenden Zelle hängen Hosen- träger. Ganz gewöhnliche Herrenhosenträger. Ein Instrument, das ich nie gerne hatte. Und jetzt blicke ich darauf mit Freude, wann immer unsere Zellentür geöffnet wird: ich sehe darin ein Stückchen Hoffnung. Wenn sie dich verhaften, schlagen sie dich vielleicht tot, aber vorher nehmen sie dir die Krawatte, den Gürtel oder Hosenträger ab, damit du dich nicht aufhängen kannst(obwohl man das mit dem Leintuch so gut kann). Diese gefährlichen Werkzeuge des Todes liegen dann in der Kanzlei des Gefäng- nisses, bis irgendeine unbekannte Parze bei der Gestapo ent- scheidet, daß du anderswohin geschickt werden sollst: auf Ar- beit, ins Konzentrationslager oder zur Hinrichtung. Dann rufen sie dich, überreichen sie dir mit amtlicher Würde, aber in die Zelle darfst du sie dir nicht nehmen. Du mußt sie draußen neben die Tür oder auf das Geländer davor hängen und dort 66 rn hä Z« lie Deu Ve EP> Fi [y n gar ; wird abend bläu- chend r hier — Du laubst e auf- arkeit neiner hängen sie bis zur Abfahrt deines Transportes als sichtbares Zeichen, daß einer der Bewohner dieser Zelle zum unfreiwil- ligen Wandern vorbereitet ist. Die Hosenträger gegenüber tauchten gerade an dem Tag auf, an dem ich von dem Gusti bestimmten Schicksal erfuhr. Der Kamerad von gegenüber fährt auch auf Arbeit, mit demselben Transport wie sie. Der Transport ist noch nicht weg. Er wurde plötzlich aufgeschoben, weil angeblich sein Arbeitsziel durch Bombardierung zerstört worden war.(Eine weitere schöne Aussicht.) Wann er abfahren wird, weiß niemand. Vielleicht abends, vielleicht morgen, vielleicht in einer Woche oder in vierzehn Tagen. Die Hosenträger gegenüber hängen immer noch. Und ich weiß: solange ich sie sehe, ist Gusti noch in Prag. Deshalb schaue ich auf sie mit Liebe wie auf jemand, der ihr hilft. Wenn sie einen Tag, zwei, drei gewinnt... wer weiß, wozu das gut ist. Vielleicht kann gerade dieser Tag sie retten. In diesem Zustand leben wir hier alle. Heute, vor einem Monat, vor einem Jahr, immer nur dem Morgen zugewandt, in dem die Hoffnung liegt. Dein Schicksal ist besiegelt, über- morgen wirst du erschossen— ach, was aber morgen geschehen kann! Nur noch den morgigen Tag erleben, morgen kann sich alles ändern, es ist doch alles so labil, ja, wer weiß, was schon morgen geschehen kann. Und die Morgen vergehen, Tausende fallen, für Tausende ist kein nächster Tag mehr, aber die Leben- den leben weiter mit unveränderlicher Hoffnung: morgen, wer weiß, was schon morgen geschieht! Es entstehen daraus die wahnsinnigsten Gerüchte, jede Woche taucht irgendein rosiger Termin des Kriegsendes auf, den alle mit von einem Ohr zum anderen gezogenen Mund weitergeben, jede Woche flüstert sich Pankräc irgendeine neue freudige Sensation zu, die man so gerne glaubt. Du kämpfst dagegen, du unterdrückst falsche Hoffnungen, weil sie den Charakter nicht stärken, sondern schwächen, denn der Optimis- mus muß und darf nicht durch Lüge genährt werden, sondern durch die Wahrheit, durch das klare Sehen des Sieges, der außer Zweifel steht— aber auch du fühlst es: daß gerade dieser 5” 67 Tag entscheidend sein kann und daß jeder Tag, den du ge- winnst, dir vielleicht hinüberhilft über die Grenze zwischen dem Leben, das du nicht aufgeben willst, und dem Tode, der dir droht. So wenig Tage hat das Leben“des Menschen. Und doch er- sehnst du, daß sie schnell, schneller vergehen. Die Zeit, die fliehende, unaufhaltbare, die dir ständig die Ader schröpft, ist hier dein Freund. Wie merkwürdig! Das Morgen ist zum Gestern geworden. Das Übermorgen zum Heute. Und ist wieder vorübergegangen. Die Hosenträger hängen immer noch neben der gegenüber- liegenden Zellentür. du gewischen ode, der Sechstes Kapitel STANDRECHT 1942 doch erZeit, die röpft, ist rmorgen genüber27. Mai 1943. Es war gerade vor einem Jahr. " Sie führten mich von der Vernehmung hinunter ins Kino". Das war die tägliche Pilgerfahrt des Vierhunderters": zu Mittag hinunter zum Essen, das vom Pankrác gebracht wird, und nachmittags wieder zurück in den vierten Stock. An diesem Tage aber kehrten wir nicht mehr zurück. Man sitzt und ißt. Die Bänke voll von Häftlingen, mit Löffeln und Kauen beschäftigt. Es schaut beinahe menschlich aus. Wenn sich alle, die schon morgen tot sein werden, in diesem Augenblick in Skelette verwandelten, so würde das Klingen der Löffel und Steingutgefäße mit einem Male im Rasseln der Knochen und trockenen Klappern der Kiefer untergehen. Aber davon hat noch niemand eine Ahnung. Jeder versorgt mit Appetit seinen Körper, daß er noch Wochen, Monate, Jahre am Leben bleibe. Fast hätte man sagen können: ein Festmahl. Dann plötzlich ein heftiger Windstoẞ. Und wieder Stille. Nur an den Gesichtern der Aufseher konntest du vielleicht merken, daß etwas los war. Und dann schon deutlicher daran, daß sie uns aufriefen und zur Abfahrt auf den Pankrác bereitstellten. Zu Mittag! Das ist noch nicht dagewesen. Ein halber Tag ohne Vernehmung, wenn du schon erdrückt bist von Fragen, auf welche du keine Antwort hast das ist wie ein Geschenk Gottes. So scheint es. Aber so ist es nicht. - Auf dem Gang begegnen wir General Eliáš. Er hat aufgeregte Augen, bemerkt mich, und in dem Dickicht der Aufseher flüstert er: - Standrecht. 69 Die Häftlinge haben nur Bruchteile von Sekunden für die wichtigsten Mitteilungen. Auf eine stumme Frage konnte er nicht mehr antworten. Die Aufseher am Pankrác sind verwundert über unsere vorzeitige Rückkehr. Der mich in die Zelle führt, erweckt Vertrauen. Ich weiß noch nicht, wer er ist, aber ich sage ihm, was ich gehört habe. Er schüttelt den Kopf. Er weiß nichts. Vielleicht habe ich schlecht gehört. Ja, möglich. Das beruhigt. Aber noch am Abend kommt er und schaut in die Zelle: Sie haben recht gehabt. Ein Attentat auf Heydrich. Schwer verwundet. In Prag ist Standrecht. Am nächsten Morgen ordnen sie uns unten am Gang zum Weg zur Vernehmung. Unter uns ist auch Genosse Viktor Synek, das letzte überlebende Mitglied des Zentralkomitees der Partei, verhaftet im Februar 1941. Der lange Schließer in SSUniform fuchtelt ihm vor den Augen mit einem weißen Papier herum, auf dem mit fetten Lettern zu lesen ist: ,, Entlassungsbefehl." Er lacht roh: - Na siehst du, Jude, hast also doch nicht umsonst gewartet. Entlassungsbefehl! Fik... Und er zeigt mit dem Finger auf die Kehle, wo Viktors Kopf wegfliegt. Otto Synek war der erste Hingerichtete im Standrecht 1941. Viktor, sein Bruder, ist das erste Opfer des Standrechtes 1942. Sie führen ihn nach Mauthausen. Zum Abschuẞ, wie sie das vornehm nennen. Der Weg vom Pankrác zum Petschek- Palais und zurück wird jetzt zum täglichen Golgatha für tausende Häftlinge. Die SS, die die Wagen beaufsichtigt ,,, übt Rache für Heydrich". Bevor das Häftlingsauto einen Kilometer zurücklegt, fließt zehn Häftlingen das Blut aus dem zerschlagenen Mund oder aus den mit den Revolverkolben wundgeschlagenen Köpfen. Es ist für die anderen ein Vorteil, wenn auch ich im Wagen fahre, denn mein bärtiges Kinn fesselt die SS und verlockt sie zu intelligenten Scherzen. Sich daran wie an einem Handgriff im schwankenden Auto zu halten, ist eine ihrer beliebtesten Unterhaltungen. Für mich ist es eine gute Vorbereitung zu den Vernehmungen, 70 di BE m er hd hu W M di h k h ta h F b S S h S S Z d die der gesamten Situation entsprechend aussehen und regel- mäßig mit den Worten enden: _—_ Wenn du bis morgen nicht vernünftiger wirst, wirst du erschossen. Es ist nichts Erschreckendes mehr darin. Abend für Abend hörst du unten am Gang das Aufrufen der Namen. Fünfzig, hundert, zweihundert Menschen, die nach einer Weile gefesselt wie Schlachtvieh auf Lastautos geladen und nach Kobylisy zur Massenhinrichtung gefahren werden. Ihre Schuld? Vor allem die, daß sie keine Schuld haben. Sie sind verhaftet worden, sie hängen mit keinem großen Fall zusammen, man braucht sie zu keiner Untersuchung, also eignen sie sich zum Tod. Ein sati- risches Gedichtchen, das ein Genosse neun anderen vorgelesen hatte, führte zu ihrer Verhaftung zwei Monate vor dem Atten- tat. Jetzt werden sie zur Hinrichtung geführt wegen— Gut- heißung des Attentats. Vor einem halben Jahr wurde eine Frau unter dem Verdacht verhaftet, illegale Flugblätter ver- breitet zu haben. Sie bekemnt sich nicht dazu. Jetzt verhaften sie also ihre Schwestern und ihre Brüder und die Männer ihrer Schwestern und die Frauen ihrer Brüder und richten sie alle hin, denn die Ausrottung ganzer Familien ist die Losung dieses Standrechtes. Ein Postbediensteter, irrtümlich verhaftet, steht unten an der Wand und‘wartet, bis er entlassen wird. Er hört seinen Namen und meldet sich. Sie reihen ihn in eine Kolonne zum Tode Verurteilter, führen ihn ab, erschießen ihn, und erst am nächsten Tag wird festgestellt, daß es nur eine Namens- gleichheit war, daß ein anderer gleichen Namens hingerichtet werden sollte, Sie erschießen also noch den, und alles ist in Ordnung. Genau die Personalien der Leute festzustellen, denen ‚das Leben genommen wird— wer würde sich damit aufhalten! Und ist es nicht überflüssig, wenn es darum geht, dem ganzen Volk das Leben zu nehmen? Ich komme spät abends von der Vernehmung zurück. Unten an der Wand steht Vlad. Vanöura mit einem kleinen Bündel seiner Sachen zu Füßen. Ich weiß gut, was das bedeutet. Auch er weiß es. Wir drücken uns die Hände. Ich sehe ihn noch von oben vom Gang, wie er dort steht, mit leicht geneigtem Kopf Zi and mit dem Blick weit, weit übers ganze Leben. Nach einer halben Stunde rufen sie seinen Namen... Einige Tage später an der gleichen Wand: Milos Kräsny, ein standhafter Soldat der Revolution, schon im Oktober des ver- gangenen Jahres verhaftet, ungebrochen durch Folter und Einzelhaft. Halb von der Wand abgewandt, erzählt er etwas ruhig. dem Aufseher, der hinter ihm steht.. Er erblickt mich, lächelt, nickt mit dem Kopf zum Abschied und setzt fort: — Das hilft euch gar nichts. Viele von uns werden noch fallen, aber geschlagen werdet ihr...! Dann wieder irgendein Mittag. Wir stehen unten im Pet- schek-Palais und warten aufs Mittagessen. Sie bringen Elias. Er hat eine Zeitung unterm Arm und zeigt lächelnd darauf; er hat eben von seiner Verbindung mit denen gelesen, die das Attentat verübt hatten. — Gewäsch!— sagt er kurz und beginnt zu essen Am Abend, als er mit den übrigen auf den Pankräc zurück- kehrt, erzählt er noch lustig davon. Eine Stunde später holen sie ihn aus der Zelle und führen ihn nach Kobylisy. Die Haufen der Toten türmen sich. Sie zählen nicht mehr nach Dutzenden, nicht nach Hunderten, aber nach Tausenden. Frisches Blut reizt die Nüstern der Bestien. Sie„amtieren” bis spät in die Nacht, sie„amtieren” auch’ am Sonntag. Jetzt tragen sie alle SS-Uniform, es ist ihr Feiertag, Schlachtfest. Sieschicken Arbeiter in den Tod, Lehrer, Bauern, Schriftsteller, Beamte; sie schlachten Männer, Frauen und Kinder; sie rotten ganze Fa- milien aus, sie brennen ganze Dörfer nieder. Der Tod durchs Blei geht durch das Land wie eine Pest und ist nicht wählerisch. Und der Mensch in diesem Grauen? Lebt. Es ist unglaublich. Aber er lebt, ißt, schläft, liebt, arbeitet und denkt auch an tausend Sachen, die mit dem Tod in keiner Weise zusammenhängen. Vielleicht sitzt ihm irgendwo im Hinterkopf eine fürchterliche Last, aber er trägt sie, ohne den Kopf zu beugen, ohne unter ihr zusammenzubrechen. Mitten im Standrecht führte mich mein Kommissar ‚nach Branik. Ein schöner Juni duftete von Linden und späten Aka- f 72 (Joe on on 00 co zienblüten. Sonntagabend. Die Straße zur Endstation faßte kaum den überquellenden Strom der vom Ausflug zurück- kommenden Menschen. Sie waren laut, fröhlich, wohltuend müde, umfangen von Sonne und Wasser und von den Armen ihrer Geliebten— nur den Tod, den dauernd umgehenden und auch unter sie zielenden Tod konntest du auf ihren Ge- sichtern nicht sehen. Sie wimmelten, beweglich und lieb wie Kaninchen. Wie Kaninchen! Greif unter sie und zieh eines für deinen Appetit heraus— sie ziehen sich in den Winkel zurück, aber einen Augenblick später wimmeln sie weiter mit ihren Sorgen, mit ihren Freuden, mit ihrer ganzen Lust am Leben. Ich war plötzlich aus der eingemauerten Welt des Gefäng- nisses in diesen mitreißenden Strom versetzt, und seine süße Seligkeithatte für mich einen bittern Geschmack. Zu Unrecht, zu Unrecht. Das war Leben, was ich hier sah, das, aus welchem ich kam, und das hier; insgesamt, ein Leben unter furchtbarem Druck, aber unbesiegbar, erschlagen in einem und in hunderten wach- send. Leben, das stärker ist als der Tod. Und das soll bitter sein? Übrigens: wir, wir in den Käfigen, unmittelbar in diesem Grauen— waren wir aus anderem Holz? Ich fuhr einmal zur Vernehmung in einem Polizeiauto, in dem sich die Wache gut benahm. Ich sah durch die Fenster auf die Straße, auf die Schaufenster der Geschäfte, auf einen Blumenstand, auf die Fußgänger, auf die Frauen. Wenn ich neun Paar schöne Beine zähle, sagte ich mir einmal, werde ich heute noch nicht hingerichtet. Und dann zählte ich, be- trachtete und verglich, prüfte sorgfältig ihre Linien, anerkannte und verwarf mit leidenschaftlichem Interesse, nicht als ob mein Leben davon abhinge, sondern als ob es überhaupt nicht ums Leben ginge. Ich kam regelmäßig spät in die Zelle zurück. Vater Pesek war schon durch die Frage beunruhigt: kommt er überhaupt noch zurück? Er umarmte mich, ich berichtete kurz, was®S Neues gab, wer gestern in Kobylisy gefallen war— und dann aßen wir hungrig das abscheuliche Dörrgemüse, sangen fröh- a 73 liche Lieder oder spielten verärgert das stumpfe Würfelspiel, das uns ganz mitriß. Und das war gerade in den Abendstunden, wo jeden Augenblick unsere Zellentür geöffnet werden und einem von uns die Todesbotschaft ertönen konnte: Hinunter! Alles mitnehmen! Schnell! Sie haben uns damals nicht gerufen. Wir überlebten diese Zeit des Grauens. Wir erinnern uns daran heute mit Staunen über die eigenen Empfindungen. Wie wunderbar ist der Mensch eingerichtet, daß er auch das Unerträgliche ertragen kann! Es ist allerdings undenkbar, daß diese Zeit nicht irgendwo in uns tiefe Spuren hinterlassen hat. Vielleicht liegt sie wie eine Filmaufnahme im Gehirn versteckt und würde sich eines Tages zu entwickeln beginnen, zum Wahnsinn entwickeln, wenn wir es erlebten. Aber es ist auch möglich, daß wir sie nur als grünen Garten sehen würden, in den ein teurer Same gesät wurde. Ein teurer Same, der aufgehen wird. 74 Siebentes Kapitel GESTALTEN UND FIGUREN Il (Pankräc) .Das Gefängnis-hat zwei Leben. Eines ist abgeschlossen in den Zellen, streng isoliert von aller Welt und doch verbunden mit ihr durch engste Bande, wo es sich um politische Häftlinge handelt. Das zweite ist vor den Zellen, auf den langen Gängen,. im düsteren Halbdunkel, eine Welt für sich, uniformiert und isolierter als die drinnen, eine Welt von vielen Figuren und wenig Gestalten. Von ihr will ich erzählen. Sie hat ihre Naturgeschichte. Und sie hat auch ihre Ge- schichte. Wenn sie diese nicht hätte, hätte ich sie nicht gründ- lich kennenlernen können. Ich hätte nur die uns zugekehrte Kulisse gekannt, nur ihre scheinbar einheitliche und feste Ober- fläche, die mit eisernem Gewicht auf den Bewohnern der Zellen lag. So war es noch vor einem Jahr. Jetzt ist die Oberfläche schon voll von Rissen, und Gesichter schauen durch: arm- selige, freundliche, besorgte, lächerliche, sehr verschiedene Ge- sichter, aber alle die Gesichter von menschlichen Wesen. Die Last des Gefängnisregimes liegt auf jedem Mitglied dieser Dämmerwelt und bringt alles zutage, was menschlich in ihm ist. Es ist manchmal sehr wenig, manchmal fast unmerklich mehr— die Quantität unterscheidet sie voneinander und bildet Typen. Du findest‘hier allerdings auch einige ganze Menschen. Aber die haben nicht gewartet. Die haben nicht ihre Last ge- braucht, um andern unter der Last zu helfen. Das Gefängnis ist eine unerfreuliche Institution. Aber die Welt vor den Zellen ist trauriger als in den Zellen. In den Zellen lebt Freundschaft— und was für Freundschaft! Eine solche, wie sie an den Fronten geschlossen wird, in langer Ge- fahr, wo dein Leben heute in meinen Händen sein kann und 75 meines morgen in den deinigen. Zwischen den deutschen Aufsehern dieses Regimes ist aber sehr wenig Freundschaft. Und das kann auch nicht anders sein. Es umgibt sie eine Atmosphäre der Zuträgerei; einer verfolgt und verrät den anderen, es ist jeder selbst auf der Hut vor dem, den er offiziell ,, Kamerad" nennt; und die besten unter ihnen, die ohne Gefährten nicht sein wollen und können, suchen ihn wieder in den Zellen. - Lange haben wir ihre Namen nicht gekannt. Es lag nichts daran. Wir bezeichneten sie unter uns mit Spitznamen, die sie von uns oder schon von unseren Vorgängern erhalten hatten und die sich dann in der Zelle vererbten. Mancher hat so viele Spitznamen, wie es Zellen gibt; das ist der Durchschnittstyp, weder Fisch noch Fleisch; hier hat er mehr Essen ausgegeben, daneben hat er einem ins Gesicht geschlagen, es sind nur Sekunden des Verkehrs mit den Häftlingen, die sich aber auf die Dauer ins Gedächtnis der Zelle einprägen und eine einseitige Vorstellung und auch einen einseitigen Spitznamen schaffen. Manchmal aber ist der Spitzname in den Zellen gemeinsam. Das ist bei jenen, deren Charakter geformter ist. So oder so. Im Guten oder im Bösen. Sieh dir diese Typen an! Sieh dir diese Figuren an! Das ist ja nicht nur so etwas Zusammengetriebenes. Das ist ein Stück der politischen Armee des Nazismus. Ausgesuchte Leute. Säulen des Regimes. Stützen seiner Gesellschaft... ,, Der Samariter" Groß, dick, mit Tenorstimme: ,, SS- Reservist" Rheuß, Schuldiener aus Köln am Rhein. Wie alle deutschen Schuldiener hat er einen Kurs für Erste Hilfe absolviert und vertritt manchmal den Gefängnis- Feldscher. Er war der erste, mit dem ich hier in Berührung kam. Er schleifte mich in die Zelle, legte mich auf den Strohsack, behandelte die Wunden, legte die ersten Verbände an. Vielleicht hat er wirklich geholfen, mein Leben zu retten. Was hat sich da gezeigt: der Mensch? oder der Samariterkurs? Ich weiß es nicht. Aber es war ganz sicher der Nazismus, der sich in ihm zeigte, als er verhafteten Juden 76 ts je FO TaST umge die Zähne ausschlug und sie zwang, löffelweise Salz oder Sand als Universalheilmittel gegen alle Beschwerden zu schlucken. „Prasek“ Ein gutherziger, gesprächiger Kutscher aus der Budweiser Bierbrauerei. Sein wirklicher Name ist Fabian. Kommt in die Zelle mit breitem Lächeln, bringt Essen, mißhandelt nie. Man würde gar nicht glauben, daß er stundenlang hinter der Tür steht und horcht, was in der Zelle gesprochen wird, um mit irgendeiner lächerlichen Kleinigkeit zum Vorgesetzten laufen zu können.- Koklar Auch ein Brauereiarbeiter aus Budweis. Es gibt hier mehrere solche deutsche Arbeiter aus den Sudeten.„Es kommt nicht darauf an, was, der einzelne Arbeiter denkt oder tut— schrieb einmal Marx—,„sondern darauf, was die Arbeiterschaft als Klasse tun muß, um ihre historische Aufgabe zu erfüllen.” Diese hier wissen wirklich nichts von der Aufgabe ihrer Klasse. Aus ihr herausgerissen, gegen sie gestellt, hängen sie ideell in der Luft und werden es wahrscheinlich auch buchstäblich. Er ging zum Nazismus, um ein leichteres Leben zu haben. Es zeigte sich, daß es komplizierter ist, als er sich es vorge- stellt hatte. Seit der Zeit hat er das Lächeln verloren. Er setzte auf den Sieg des Nazismus. Es zeigte sich, daß er auf ein totes Pferd gesetzt hat. Seit der Zeit hat er auch die Nerven ver- loren. Nachts, als er allein in leisen Pantoffeln durch die Gänge des Gefängnisses schlich, hinterließ er unbewußt Spuren seiner düsteren Gedanken: — Alles ist Scheiße— schrieb er dort poetisch auf den ver- staubten Fensterladen und dachte an Selbstmord. Tagsüber jagt er Häftlinge und Aufseher und brüllt mit schriller, eiliger Stimme, um sich nicht so sehr zu fürchten. Rössler er der wenigen, die hier Lang, mager, mit grobem Baß, ein beiter aus der Gablonzer aufrichtig lachen können. Ein Textilar Gegend. Er kommt in die Zelle und diskutiert. Stundenlang. : 72 - Wie ich dazu gekommen bin? Zehn Jahre habe ich nicht ordentlich gearbeitet. Und zwanzig Kronen wöchentlich für die ganze Familie weißt du, was für ein Leben das ist? Und dann kommen sie und sagen: wir geben dir Arbeit, komm mit uns. Ich gehe- und sie geben mir sie. Mir und allen übrigen. Wir können essen. Wir können wohnen. Wir können leben. Sozialismus? No, gut, das ist es nicht. Ich hab es mir anders vorgestellt. Aber es ist besser als es war... Es ist nicht besser? Krieg? Ich wollte keinen Krieg. Ich wollte nicht, daß andere sterben, ich wollte nur selbst leben... Daß ich dazu beitrage, ob ich wollte oder nicht? Und was soll ich jetzt machen? Habe ich jemand was zuleide getan? Ich gehe weg und es kommt ein anderer, vielleicht ein schlechterer. Helfe ich damit jemand? Wenn der Krieg vorbei sein wird, gehe ich wieder zurück in die Fabrik... Wer, meinst du, wird gewinnen? Nicht wir? Ihr? Und was. wird dann mit uns geschehen?... Schluß? Schade. Ich habe es mir anders vorgestellt- und er geht aus der Zelle mit langem, nachdenklichem Schritt. Eine halbe Stunde später kommt er wieder mit der Frage. wie es wirklich in dieser Sowjetunion aussieht. ,, Es" Eines Morgens warteten wir unten im Hauptgang des Pankrác darauf, zur Vernehmung ins Petschek- Palais geführt zu werden. So standen wir hier täglich mit der Stirn dicht an der Wand. um nicht zu sehen, was hinter uns geschieht. An diesem Morgen aber ertönte hinter uns eine für mich neue Stimme: - Ich will nichts sehen, ich will nichts hören! Ihr kennt mich nicht, ihr werdet mich noch kennenlernen! Ich lachte. In der Dressur hier war das Zitat des armseligen Trottels Oberleutnant Dub aus dem Schwejk wirklich am Platz. Und niemand hatte bisher den Mut, diesen Witz hier so laut vorzutragen. Aber ein fühlbarer Stoß des erfahreneren Nachbars machte mich aufmerksam, daß ich mich vielleicht 78 irre nic D sch hat ver Vit sch wi als an de ke На kl de K K da ar m 22 fü m W g W e W C S S irre, daß das vielleicht gar nicht als Witz gemeint sei und ich “nicht lachen soll. Es war nicht als Witz gemeint. Das, was hinter uns so redete, war ein unansehnliches Ge- schöpf in SS-Uniform, das vom Schwejk sichtlich keine Ahnung hatte. Es sprach wie der Oberleutnant Dub, weil es ihm geistig verwandt war. Es hörte auf den Namen Withan und war als Vitan ein längerdienender Rottmeister der tschechoslowaki- schen Armee gewesen. Es hatte recht: wir lernten es dann wirklich gründlich kennen und sprachen von ihm nie anders als im sächlichen Geschlecht:„es. Denn, ehrlich gesagt, ansere Erfindungsgabe war zu Ende, als sie einen entsprechen- den Spitznamen finden sollte für dieses Gemisch von Armselig- keit, Dummheit, Prahlsucht und Schlechtigkeit, das einer der Hauptpfeiler des Pankräcer Regimes war. Er geht dem Schwein bis zu den Knien, sagt von diesen kleinen Strebern und Gernegroßen der Volksmund, um sie an der empfindlichsten Stelle zu verwunden. Wieviel geistige Kleinheit ist nötig, daß ein Mensch unter seiner körperlichen 'Kleinheit leidet. Und Withan leidet unter ihr und rächt sich dafür an allem, was körperlich oder geistig größer ist; also an allem. Nicht mit Schlägen. Dazu hat er nicht genügend Mut. Aber mit Angeberei. Wie viele Häftlinge haben mit ihrer Gesundheit für Withans Angeberei zu büßen gehabt, wie viele haben sie mit dem Leben bezahlt— denn es ist nicht gleichgültig, mit was für Anmerkungen du vom Pankräc ins Konzentrationslager gehst und ob du überhaupt fortgehst. Er ist maßlos lächerlich. Allein auf dem Gang segelt er würdig dahin und träumt von seiner großen Wichtigkeit. Wie er auf einen Menschen stößt, fühlt er die Notwendigkeit, irgend- wo hinaufzuklettern. Wenn er dich verhört, setzt er sich aufs Geländer und hält in dieser unbequemen Position auch eine Stunde aus, weil er dich dabei um einen Kopf überragt. Wenn er beim Rasieren die Aufsicht hat, steigt er auf die Stufen oder spaziert auf der Bank umher und trägt seine sinnreichen Sen- tenzen vor:® 79 mich niehre., Beim Morgenspaziergang geht er zumindest auf dem Rasen, der ihn um zehn Zentimeter über die Umgebung erhebt. In die Zelle tritt er erhaben wie eine königliche Majestät und klettert dann schnell auf einen Sessel, um die Revision von oben herab durchführen zu können. Er ist maßlos lächerlich, aber— wie jeder Trottel in einem Amt, wo es um Menschenleben geht— auch maßlos gefährlich. Hinter seiner Beschränktheit ist ein Talent versteckt: das Talent, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Er kennt nichts als die Aufgabe des Wachhundes, und deshalb ist jede noch so unbedeutende Abweichung von der vorgeschriebenen Ordnung für ihn etwas Großes, was der Bedeutung seiner Sendung entspricht. Er konstruiert Übertretungen und Ver- brechen gegen die Disziplinarordnung, um sich ruhig in dem Bewußtsein niederlegen zu können, daß er jemand ist. Und wer untersucht hier schon, wieviel Tatsachengehalt in seinen An- gebereien ist? Zmetonz Eine mächtige Figur mit stumpfem Gesicht und ausdrucks- losen Augen, wie eine belebte Grosz-Karikatur von SA-Män- nern. Er war Kuhmelker an der litauischen Grenze, aber merk- würdigerweise hat dieses schöne Vieh nichts von seinem Adel in ihm hinterlassen. Er wird oben für die Verkörperung der deutschen Tugenden gehalten: er ist schneidig, hart, unbe- stechlich(einer der wenigen, die von den Hausarbeitern kein Essen verlangen), aber... Irgendein deutscher Gelehrter, ich weiß nicht mehr welcher, errechnete einmal die Intelligenz der Lebewesen nach der Zahl der„Wörter‘, die sie hervorbringen Können. Und er stellte da- bei fest, glaube ich, daß die geringste Intelligenz die Hauskatze hat, die nur 128 Wörter hervorbringt. Ach, welch ein Genius. neben Zmetonz, von dem Pankräc nur vier Worte gehört hat: — Paß bloß auf, Mensch! D\ 80 — Ich will nichts sehen, ich will nichts hören! Ihr kennt an wa ge sc) Ge H: Te m 2 Lö ge ei Si N nnt sen, die tert rab nem ich. das ennt jede nen iner Jerdem wer AncksMänerkAdel der bekein her, Zahl daatze mius hat: - Zweimal, dreimal in der Woche übergab er den Dienst, zwei- und mal, dreimal in der Woche mühte er sich verzweifelt zum Schluß war es immer schlecht. Ich sah ihn, als ihm der Gefängnisdirektor vorhielt, daß die Fenster nicht geöffnet waren. Der Fleischberg trat eine Weile verlegen von einem der kurzen Füße auf den anderen, der stumpf gebeugte Kopf beugte sich noch mehr, die Mundwinkel senkten sich in der angestrengten Mühe, zu wiederholen, was die Ohren eben gehört hatten... und plötzlich heulte diese ganze Masse auf wie eine Sirene; sie rief einen Alarm auf allen Gängen hervor, niemand begriff, worum es ging, die Fenster blieben weiterhin geschlossen, nur zwei Häftlingen, die Zmetonz am nächsten waren, floß das Blut aus den Nasen. Er hatte einen Ausweg gefunden. - Denselben wie immer. Schlagen, schlagen und eventuell erschlagen das begriff er. Das einzige. Er drang einmal in eine Gemeinschaftszelle ein und schlug einen der Häftlinge; der Häftling, ein kranker Mensch, fiel in Krämpfen zu Boden. Im Takt der Krämpfe mußten alle übrigen Häftlinge Kniebeugen machen, solange bis der Kranke völlig erschöpft war- und Zmetonz sah mit den Händen in den Hüften und mit kindischem Lächeln zufrieden zu, wie gut er diese verwickelte Situation gelöst hatte. Ein Primitiver, der von allem, was er gelernt hat, sich nur eines gemerkt hat: daß man schlagen kann. - Und doch ist auch in diesem Geschöpf schon etwas zerbrochen Es war etwa vor einem Monat. Sie saßen zu zweit - er und K. im Aufnahmebüro des Gefängnisses und K. sprach über die Lage. Es dauerte lange, sehr lange, bis Zmetonz wenigstens entfernt begriff. Er stand auf, öffnete die Tür des Büros und sah sich vorsichtig am Gang um; überall still, Nacht, das Gefängnis schlief. Er schloß die Tür, sperrte hinter sich sorgfältig ab und sank langsam auf den Stuhl: - Du glaubst also...? Er stützte den Kopf in die Hand. Eine furchtbare Last legte sich auf das kleine Seelchen in dem mächtigen Körper. Lange saẞ er so. Dann hob er den Kopf und sagte verzweifelt: 6 Fučík 81 — Du hast recht. Wir können nicht mehr gewinnen A. Schon einen Monat hat Pankräc nicht mehr Zmetonzens Kriegsgeschrei gehört. Und die neuen Häftlinge wissen nicht, was seine Hand bedeutet. Der Gefängnisdirektor Kleine Statur, immer elegant, in Zivil wie in der Uniform des Untersturmführers, wohlhabend, selbstzufrieden, ein Lieb- haber von Hunden, Jagd und Frauen— das ist die eine Seite, die uns nicht betrifft. Die andere Seite— und so kennt ihn Pankräc: grob, unge- hobelt, ungebildet, ein typischer nazistischer” Emporkömmling, bereit jeden zu‘opfern, um sich zu erhalten. Soppa heißt er— wenn überhaupt etwas am Namen liegt— und stammt aus Polen. Angeblich ist er gelernter Schmied, aber dieses ehrbare Handwerk hat in ihm keine Spuren hinterlassen. Es ist schon lange her, seit er in Hitlers Dienste getreten ist, und durch Liebedienerei hat er sich seine heutige Stelle erworben. Es verteidigt sie mit allen Mitteln, gefühllos, rücksichtslos zu je- dem, zu den Häftlingen wie zu den Beamten, zu Kindern wie zu Greisen. Es gibt keine Freundschaft unter den Pankräcer An- gestellten des Nazismus, aber so vollkommen ohne den Schat- ten einer Freundschaft wie Soppa ist hier keiner. Der einzige, den er hier vielleicht schätzt und mit dem er öfters spricht, ist der Gefängnis-Feldscher, Polizeimeister Weisner. Aber es scheint, daß auch das nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Er kennt nur sich. Für sich hat er sich seine leitende Stellung erdient und für sich bleibt er dem Regime bis zur letzten Mi- ö nute treu. Er ist vielleicht der einzige, der an keine andere Rettung denkt. Er weiß, daß es sie nicht gibt. Der Sturz des Na- zismus, das ist sein Sturz, das ist das Ende seines Wohllebens, das ist das Ende seiner Prachtwohnung, das ist das Ende seiner Eleganz(die sich übrigens keineswegs schämt, sich der Kleider hingerichteter Tschechen zu bedienen). Das ist das Ende. Jawohl. 82 zens cht, orm Liebeite, ngeling, I- aus bare chon urch Er ajeie zu Anchatzige, t, ist Tes lung Midere Nabens, einer eider Der Gefängnis- Feldscher - Polizeimeister Weisner das ist eine besondere Figur im Pankrácer Milieu. Manchmal meinst du, daß er überhaupt nicht hergehört, und manchmal wieder kannst du dir Pankrác ohne ihn gar nicht vorstellen. Wenn er nicht im Marodenzimmer ist, schleift er durch den Gang mit kleinen, wiegenden Schritten, spricht zu sich selbst und beobachtet ständig, beobachtet ständig. Wie ein Fremder, der nur für eine Weile hergekommen ist und von hier möglichst viel nach Hause nehmen möchte. Aber er bringt es zuwege, so schnell und leise wie der gewiegteste Aufpasser den Schlüssel in die Tür zu stecken und die Zelle zu öffnen. Er hat einen trockenen Humor, der ihm erlaubt, Sachen voll versteckter Bedeutung zu sagen, und dabei ganz unverbindlich, du kannst ihn nicht beim Wort nehmen. Er nähert sich den Menschen, aber er erlaubt niemand, sich ihm zu nähern. Er trägt nicht zu, er gibt niemanden an, obwohl er viel sieht. Er tritt in eine Zelle voll Qualm ein. Er zieht geräuschvoll die Luft ein: ,, No", sagt er und schnalzt mit der Zunge ,,, in den Zellen ist das Rauchen", und er schnalzt zum zweitenmal ,,, streng verboten." Aber er macht keine Meldung. Er hat immer ein faltiges, unglückliches Gesicht, als ob ihn ein großer Kummer plage. Sichtlich will er nichts mit dem Regime gemein haben, dem er dient und dessen Opfer er täglich pflegt. Er glaubt nicht an seine Dauerhaftigkeit und hat auch nie daran geglaubt. Deshalb hat er seine Familie nicht von Breslau nach Prag gebracht, obwohl sonst wenige Beamte aus dem Reich diese Gelegenheit, das besetzte Land kahlzufressen, versäumt haben. Aber er kann auch mit dem Volk, das gegen das Regime kämpft, nichts gemein haben; er ist nicht mit ihm verwachsen. Er hat mich fleißig und ehrlich gepflegt. Er macht das meistens so und kann hartnäckig dagegen auftreten, daß Häftlinge, die zu sehr zermartert sind, zu Vernehmungen transportiert werden. Vielleicht ist das zur Beruhigung seines Gewis6* 83 sens. Ein anderes Mal aber gewährt er wieder keine Hilfe, wo sie dringend nötig wäre. Vielleicht weil er Angst hat. Er ist der Typ des Spießbürgers. Schwankt zwischen der Angst vor dem, was über ihn herrscht, und vor dem, was kommt. Er sucht einen Ausweg. Und findet ihn nicht. Keine Ratte. Nur eine ganz kleine Maus, in der Falle gefangen. Hoffnungslos. „Flink” Das ist keine bloße Figur mehr. Aber noch keine ganze Ge- stalt. Es fehlt ihm das klare Bewußtsein, um eine Gestalt zu sein. Eigentlich. sind hier zwei solche. Einfache Menschen, empfindlich, anfangs wehleidig, nur staunend über das Grauen, in das sie gefallen sind, dann sich danach sehnend, hinaus- zukommen; unselbständig und darum eine Stütze suchend, eher instinktiv als durch Erkenntnis an die richtige Stelle ge- führt; sie helfen dir, weil sie von dir Hilfe erwarten. Es ist gerecht, sie ihnen zu gewähren. Jetzt— und in Zukunft. Diese zwei— als die einzigen von allen deutschen Beamten auf dem Pankräc— waren auch an der Front: Hanauer, ein Schneidergehilfe aus Znaim, kam vor kurzem von der Ostfront mit Erfrierungen zurück, um die er sich selbst bemüht hatte.„Der Krieg ist nicht für Menschen”, philosophiert er ein bißchen nach der Art des Schwejk,„dort habe ich nichts zu suchen.“ Höfer, ein lustiger Schuster von Bata, hat den französischen Feldzug mitgemacht und ist vom Militärdienst davongelaufen, obwohl sie ihm Beförderung zugesagt hatten.„Ach, Scheiße!” sagte er sich und winkte mit der Hand ab, wie er es vielleicht täglich seit jener Zeit bei allen Lappalien macht, deren es nicht wenige gibt. er Sie sind einander ähnlich, durch Schicksal und Temperament; aber Höfer ist furchtloser, ausgeprägter, gefestigter.„Flink” ist sein Spitzname fast in allen Zellen. 84 .-. on a& m Wenn er Dienst hat, ist es ein Tag der Ruhe in den Zellen. Mach was du willst. Wenn er brüllt, blinzelt er mit dem Auge, damit du weißt, daß das nicht dir gilt, daß nur unten der Vor- gesetzte von seiner schneidigen Leistung überzeugt werden soll. Es ist übrigens vergebliche Mühe; er überzeugt niemand mehr und es vergeht keine Woche, in der er nicht Strafdienst hat. „Ach, Scheiße!” winkt er mit der Hand ab und macht weiter. Er ist immer eher ein junger, leichtsinniger Schuster als ein Aufseher. Du kannst ihn dabei antreffen, wie er mit den ein- gesperrten Burschen in der Zelle leidenschaftlich und freudig mit Sechserln„Anmäuerln" spielt. Ein anderes Mal wieder treibt er die Häftlinge aus einer Zelle auf den Gang und macht „Revision“. Die Revision dauert lange. Wenn du neugierig bist, schaust du in die Zelle und siehst ihn beim Tisch sitzen, den Kopf auf den Ellbogen gestützt. Er schläft, schläft mit Wonne und ruhig; er ist hier am besten vor seinen Vorgesetzten ge- schützt, denn die Häftlinge am Gang wachen und melden jede sich nähernde Gefahr. Und schlafen will er wenigstens im Dienst, wenn ihm schon in seiner Ruhezeit ein Mädchen, das er über alles gern hat, den Schlaf vertreibt. Niederlage oder Sieg des Nazismus?—„Ach, Scheiße! Ist es denn möglich, daß sich dieser Zirkus hält?” Er rechnet sich nicht dazu. Schon dadurch wäre er interessant. Aber noch mehr: er will nicht dazu gehören. Und gehört auch nicht dazu. Hast du einen Brief in eine andere Abteilung ZU- zustellen?„Flink‘ richtet es. Hast du eine Nachricht hinaus zu geben?„Flink” erledigt es. Hast du mit jemand zu sprechen, ihn durch eine persönliche Unterredung zu überzeugen, um SO weitere Leute zu retten?„Flink“ führt dich in seine Zelle und paßt auf— so ein bißchen mit lausbübischer Freude über einen gelungenen Streich. Du mußt ihm oft zureden, daß er VOI- sichtig sein soll. Mitten in der Gefahr fühlt er sie wenig. Er macht sich nicht ganz die Tragweite des Guten bewußt, das er tut. Das erleichtert es ihm, noch mehr zu tun. Aber es hin- dert ihn am Wachsen. 85 \ „Kolin“ Es war eines Abends zur Zeit des Standrechts. Der Aufseher in SS-Uniform, der mich in die Zelle ließ, durchsuchte meine Taschen nur so pro forma. — Was ist mit Ihnen?— fragte er leise. — Ich weiß nicht. Sie sagten mir, daß ich morgen er- schossen werde. — Hat es Sie erschreckt? — Ich habe damit gerechnet. Eine Weile fuhr er mechanisch über die Aufschläge meines Mantels. — Möglich, daß sie es tun. Vielleicht nicht morgen, viel- leicht später, vielleicht auch überhaupt nicht. Aber in diesen Zeiten... ist es gut, bereit zu sein... Und wieder schwieg er. — Wenn vielleicht doch... Möchten Sie jemand etwas aus- richten lassen? Oder: möchten Sie schreiben? Nicht für jetzt, verstehen Sie, für die Zukunft, wie Sie hierhergekommen sind, ob Sie jemand verraten hat, wie sich die Leute verhalten haben... damit mit Ihnen nicht verlorengeht, was Sie wissen...; Ob ich schreiben möchte? Wie wenn er meinen heißesten Wunsch erraten hätte. Nach einer Weile brachte er Papier und Bleistift. Ich ver- steckte es sorgfältig, damit keine Revision es finde. Und nie griff ich danach. Es war zu schön— ich konnte es gar nicht glauben. Zu schön, hier, im dunklen Hause, einige Wochen nach meiner Verhaftung, in der Uniform derer, die für dich nur Geschrei und Schläge hatten— einen Menschen zu finden, einen Freund, der dir die Hand reicht, damit du nicht spurlos vergehst, daß du den Künftigen Botschaft senden kannst, daß du wenigstens für einen Augenblick mit denen%prechen kannst, die über- leben und die es erleben. Und gerade jetzt! Auf den Gängen riefen sie die Namen zu den Hinrichtungen auf, das Blut be- rauschte zu rohem Schreien und das Grauen schnürte die 86 el le R- es eD zt, .d, en ie Kehlen derer zu, die nicht schreien konnten. Gerade jetzt, zu dieser Zeit— nein, das war unglaublich, das konnte nicht wahr sein, das war sicher nur eine Falle. Was für eine Kraft müßte ein Mensch haben, der dir allein aus eigenem Antrieb in dieser Stellung die Hand reichte! Und was für einen Mut! Rund ein Monat verging. Das Standrecht wurde aufgehoben, das Schreien verstummte, die grausame Zeit verwandelte sich in Erinnerung. Es war wieder Abend, wieder Rückkehr von der Vernehmung und wieder derselbe Aufseher vor der Zelle. — Sie sind entkommen, scheint es. War es— und er sah mich forschend an—, war, alles in Ordnung? Ich verstand diese Frage sehr gut. Sie berührte mich tief. Sie überzeugte mich mehr als etwas anderes von seiner Ehr- lichkeit. So konnte nur ein Mensch fragen, der die innere Be- rechtigung dazu hatte. Seit dieser Zeit vertraute ich ihm. Es war unser Mann. Außerlich: eine rätselhafte Erscheinung. Er ging durch die ‚Gängenallein, ruhig, verschlossen, wachsam, beobachtend. Nie hörtest du ihn schreien. Nie sahst du ihn schlagen. — Bitte geben Sie mir eine Ohrfeige, wenn ‚Zmetonz schaut — baten ihn die Genossen aus der Nachbarzelle—, daß er Sie wenigstens einmal in Tätigkeit sieht. Er schüttelte den Kopf: — Es ist nicht nötig. Nie hörtest du ihn anders sprechen als tschechisch. Alles an ihm sagte dir, daß er anders ist als die übrigen. Aber du hättest schwer sagen können, warum. Auch sie selbst fühlten das, aber sie konnten ihn nicht erwischen. Er ist überall, wo es notwendig ist. Er bringt Ruhe, wo Panik entsteht, er muntert auf, wo einer den Kopf hängen läßt, er stellt Verbindungen her, wo zerrissene Fäden Leute draußen gefährden. Er versinkt nicht in Kleinigkeiten. Er arbeitet systematisch und umsichtig. Nicht erst jetzt. Von Anfang an. Mit dieser Aufgabe ist er schon in den Dienst des Nazismus getreten. Ä Adolf KolinskYy, der tschechische Aufseher aus Mähren, aus alter tschechischer Familie, meldet sich als Deutscher, um 87 tschechische Häftlinge in Königgrätz und dann auf dem Pankräc bewachen zu können! Das gab eine Aufregung unter denen, die ihn kannten. Aber vier Jahre später, beim Rapport, fuchtelt ihm der deutsche Gefängnisdirektor mit den Fäusten vor den Augen herum und droht— ein bißchen spät: — Ich werde Ihnen das Tschechentum austreiben! Er irrt übrigens. Es ist nicht nur Tschechentum. Er müßte ihm den Menschen austreiben. Den Menschen, der bewußt und freiwillig seinen richtigen Platz einnahm, um kämpfen und im Kampfe helfen zu können. Und den die ständige Gefahr nur hart machte. Der Unsere Wenn sie uns am Morgen des elften Februar 1943 zum Frühstück statt der gewohnten undefinierbaren schwarzen Brühe Kakao gebracht hätten, hätten wir dieses Wunder nicht bemerkt. Denn an diesem Morgen huschte an unserer Zellen- tür die Uniform eines tschechischen Wachmanns vorbei. Sie huschte nur vorbei. Ein Schritt schwarzer Hosenbeine in hohen Stiefeln, eine Hand im dunkelblauen Ärmel hob sich zum Schloß, schlug die Tür zu und die Vision verschwand. Es war so kurz, daß wir eine Viertelstunde später es gar nicht mehr glauben konnten. Ein tschechischer Wachmann auf dem Pankräc! Was für weitgehende Schlüsse konnten wir daraus ziehen! Nach zwei Stunden hatten wir sie schon gezogen. Die Zellen- tür öffnete sich wieder, eine tschechische Polizeikappe schaute herein, und ein Mund, lustig grinsend über unser Staunen, verkündete: — Freistunde! Jetzt war schon jeder Irrtum ausgeschlossen. Neben den graugrünen Uniformen der SS-Aufseher auf den Gängen zeigten sich einige dunkle Flecke, die uns strahlend erschienen: tschechische Wachleute. Was bedeutet das für uns? Wie werden sie sein? Mögen sie wie immer sein, die Tatsache allein, daß sie hier sind, 88 Zuc die Vo fur we Me sei sch ist Die de Un spricht eine deutliche Sprache. Wie muß ein Regime dem Ende zugehen, das auch in das Empfindlichste, in die einzige Stütze, die es hat, in seinen Unterdrückungsapparat Menschen des Volkes einreihen muß, das es unterdrücken will! Was für furchtbaren Mangel an Menschenmaterial muß es schon haben, wenn es diese seine letzte Bastion schwächt, um ein paar Menschen zu ersparen. Wie lange will es sich da noch halten? Allerdings, sicher werden es besonders ausgesuchte Leute sein, vielleicht werden sie schlechter sein als die deutschen Aufseher, die durch Gewohnheit und Unglauben an den Sieg schon demoralisiert sind, aber die Tatsache, daß sie hier sind, ist ein untrügliches Zeichen des Endes. So erwogen wir. Und es war mehr, als wir zuerst zu glauben wagten. Denn nicht einmal mehr aussuchen konnte sich das Regime jemanden, es hatte keine Wahl mehr. Am elften Februar sahen wir zum erstenmal tschechische Uniformen. Am nächsten Tag begannen wir schon, Menschen kennenzulernen. Er kam, schaute in die Zelle, stand verlegen an der Schwelle und dann- wie wenn in ein Zicklein plötzlich Energie fährt, so daß es mit allen Vieren in die Höhe springt sagt er mutig: Also, wie geht's, meine Herren? - Wir antworteten mit einem Lächeln. Er lachte auch, dann wurde er wieder verlegen: - Seid nicht böse auf uns. Ihr könnt mir glauben, lieber würden wir weiter Pflaster treten als euch da bewachen. Aber wir mußten. Und vielleicht... vielleicht wird es zu etwas gut sein... Er freute sich, als wir ihm sagten, wie wir darüber dachten und was wir in ihnen sahen. Und so wurden wir vom ersten Augenblick an Freunde. Das war Vítek, ein einfacher, gutherziger Bursche er war es, der damals früh als erster an unserer Zellentür vorüberhuschte. 89 99 Der zweite, Tüma, wär der echte Typus des alten tschechi- schen Aufpassers. Ein Grobian, brummig, aber im Grunde gut- mütig. Er fühlte nicht die Besonderheit seiner Stellung, im Gegenteil, er war hier sofort zu Hause, und auf seine Art, immer mit grobkernigen Reden, hielt er die Ordnung ebenso aufrecht, wie er sie selbst störte: hier steckte er einer Zelle Brot zu, dort eine Zigarette, da wieder ließ er sich in eine Un- 'terhaltung über alles mögliche ein(außer über die politische Lage). Er machte das als etwas ganz Selbstverständliches; das war seine Auffassung vom Wachdienst und er verbarg es nicht. Die erste Rüge, die er deswegen bekam, machte ihn vorsich- tiger, aber änderte ihn nicht, Man hätte es nicht gewagt, ihn um etwas Großes zu ersuchen. Aber man atmete freier bei ihm. Der dritte ging wortlos und uninteressiert die Zellen ent- lang. Auf vorsichtige Versuche, Beziehungen anzuknüpfen, reagierte er nicht. BEER — Mit dem haben wir kein großes Glück— sagte der Vater nach einwöchigem Beobachten.— Der ist unter ihnen der am. wenigsten brauchbare. — Oder der Gescheiteste—‘warf ich eben so ein bißchen aus Oppositiop/ ein, weil verschiedene Ansichten in kleinen Angelegenheiten die Würze des Lebens in der Zelle sind. Nach vierzehn Tagen schien mir, daß dieser Schweiger irgendwie lebhafter mit den Augen zwinkerte. Ich wiederholte diese unbedeutende Bewegung, die im Gefängnis tausenderlei Sinn hat. Und wieder nichts. Wahrscheinlich hatte ich mich geirrt. Nach einem Monat jedoch war es schon klar. Es war plötz- lich, wie wenn sich ein Schmetterling entpuppt. Die einge- sponnene Puppe platzte und es zeigte sich. ein lebendiges Wesen. Es war kein Schmetterling. Es war ein Mensch. — Du errichtest Denkmäler—, sagte der Vater zu manchen dieser Charakteristiken. el‘ Ja, ich möchte, daß die Genossen jene nicht vergessen, die treu und standhaft gekämpft haben, draußen und hier, und die gefallen sind. Aber ich möchte auch, daß die Lebenden 90 1 nicht vergessen werden, die uns nicht weniger treu und nicht weniger standhaft unter den schwersten Bedingungen geholfen haben. Daß aus der Dämmerung der Pankräcer Gänge solche Gestalten wie Kolinsky und wie dieser tschechische Wach- mann ans Licht des Lebens kommen. Nicht zu ihrem Ruhm. Aber als Beispiel für andere. Denn die Menschenpflicht endet nicht mit diesem Kampf, und ein Mensch zu sein wird auch weiterhin ein heldenhaftes Herz erfordern, solange die Men- schen nicht ganz Menschen sind. Es ist eigentlich nur eine kurze Geschichte, die Geschichte- des Wachmanns Jaroslav Hora. Aber es ist die Geschichte eines ganzen Menschen. Der Radnicer Bezirk. Ein entlegener Erdenwinkel. Eine schöne, traurige und arme Gegend. Der Vater Glasarbeiter. Schweres Leben. Plage, wenn es Arbeit gibt, und Not, wenn Arbeitslosigkeit herrscht, die hier ihr Heimatrecht hat. Das zwingt dich entweder auf die Knie oder es lehrt dich, den Kopf hochzuhalten im Glauben an eine bessere Welt und den Kampf um sie. Der Vater hatte das zweite gewählt, Er wurde Kommunist. Der junge Jarda ist unter den Radfahrern beim Maiumzug mit einer durchs Rad geflochtenen roten Schleife. Er hat sie nicht dort gelassen. Er trägt sie mit sich, ohne es genau zu wissen, irgendwo in sich in die Lehre, in die Drechslerwerk- stätter in die erste Arbeit im Skodawerk. Krise, Arbeitslosigkeit, Militärdienst, Aussicht auf Anstellung, Polizeidienst. Ich weiß nicht, was in dieser Zeit die rote “ Schleife in ihm macht. Vielleicht ist sie irgendwo zusammen- gerollt, weggelegt, vielleicht auch halb vergessen, aber nicht verloren. Eines Tages bestimmen sie ihn zum Dienst auf dem Pankräc. Er kommt nicht freiwillig hierher wie Kolinsky, mit einer Aufgabe, die er sich im vorhinein gestellt hat. Aber er wird sich ihrer bewußt, sowie er zum erstenmal in eine Zelle schaut. Die Schleife rollt sich auf. ‘Er prüft das Feld. Er schätzt seine Kräfte ab. Er spinnt sich in angestrengtem Nachdenken ein; wo anfangen und wie am besten anfangen? Er ist kein Politiker. Er ist ein einfacher Sohn 91 des Volkes. Aber er hat die Erfahrung seines Vaters. Er hat den festen Kern, um den sich sein Entschluß sammelt. Und er entscheidet sich. Aus der eingesponnenen Puppe kriecht=der Mensch. Es ist ein prächtiger, kostbar reiner Mensch; empfindsam, scheu und doch mannhaft. Er wagt alles, was hier nötig ist. Es sind kleine Dinge nötig und auch große Dinge. Er macht die kleinen und die großen Dinge. Er arbeitet ohne Geste, still, mit Überlegung, aber ohne Furcht. Das ist ihm alles selbstver- ständlich. Es ist ein kategorischer Imperativ in ihm. So muß es sein— also was gibt es da noch zu reden. Und das ist eigentlich alles. Das ist der ganze Fall eines Mannes, der sich schon heute einige gerettete Menschenleben gutschreiben kann. Diese Menschen leben und arbeiten draußen, weil'ein Mann auf dem Pankräc seine Menschenpflicht erfüllt. Sie kennen ihn nicht und er kennt sie nicht. So wie sie Kolinsky nicht kennen. Ich möchte. daß sie ihn wenigstens nachträglich kennenlernen. Die zwei hier haben den Weg zu- einander schnell gefunden. Und das kat ihre Möglichkeiten vervielfacht.: Merk sie dir als Beispiel. Als Beispiel von Leuten, die den Kopf am richtigen Fleck haben. Und vor allem das Herz. Vater Skofepa Wenn du sie zufällig alle drei beisammen siehst, hast du ein leibhaftiges Bild der Verbrüderung vor dir: die graugrüne Uniform des SS-Aufsehers— Kolinsky; die dunkle tschechische Polizeiuniform— Hora; und die lichte, aber unerfreuliche Uniform des Häftlings-Hausarbeiters— Vater Skofepa. Du siehst sie aber nur selten beisammen, sehr selten. Gerade deshalb, weil sie zusammen gehören. Die Gefängnisvorschriften gestatten, zur Arbeit auf den Gängen, zum Aufräumen und zum Essenaustragen„nur be- sonders verläßliche, disziplinierte, von den übrigen streng iso- lierte Häftlinge” zu verwenden. Das ist der Buchstabe. Tot, von vornherein tot. Solche Hausarbeiter gibt es nicht und hat 92 inne es nis: dor Häl es Ha Bri Ab von lic da' du be de Se sc) We M is es nie gegeben.-Und vor allem nicht in den Gestapo-Gefäng- nissen. Die Hausarbeiter hier— das sind im Gegenteil Or- donnanzen, die aus den Zellen hinausgesandt wurden vom Häftlingskollektiv, damit es der freien Welt näher ist, damit es leben kann, damit es sich verständigen kann. Wie viele Hausarbeiter haben schon einen verratenen Auftrag oder einen Brief, der bei ihnen gefunden wurde, mit dem Leben bezahlt! Aber das Gesetz des Häftlingskollektivs verlangt unerbittlich von denen, die an ihre Stelle kommen, daß sie ihre gefähr- liche Arbeit fortsetzen. Geh mit Mut daran oder fürchte dich davor— ausweichen kannst du nicht. Durch Angst kannst du nur viel verderben, kannst du auch alles verspielen— wie bei jeder illegalen Arbeit. Aber das ist eine verschärfte illegale Arbeit: unmittelbar in den Händen derer, die sie unterdrücken wollen, vor den Augen der Aufseher, an dem Ort, den sie bestimmen, in den Sekunden, die sie wählen, unter den Bedingungen, die sie schaffen. Alles, was du draußen gelernt hast, ist hier zu wenig. Und doch mußt du es schaffen. Es gibt Meister der illegalen Arbeit draußen. Und es gibt Meister dieser Arbeit unter den Hausarbeitern. Vater Skofepa ist ein solcher Meister. Bescheiden, anspruchslos, still dem Anschein gach— und beweglich wie ein Fisch. Die Aufseher loben ihn: sieh, was für Arbeitsknochen, wie verläßlich er ist, wie er nur an seine Pflicht denkt und sich zu. nichts Un- erlaubtem verleiten läßt; Hausarbeiter, nehmt euch ein Bei: spiel an ihm! Ja, Hausarbeiter, nehmt euch an ihm ein Beispiel! Er ist wirklich das Muster eines Hausarbeiters in dem Sinne, wie ihn. der Häftling versteht. Die verläßlichste und empfindsamste Ordonnanz des Häftlingskollektivs. Er kennt die Besetzung der Zellen, jeden Zuwachs vom ersten Augenblick an; warum jeder da ist, wer seine Ge- fährten sind, wie er sich verhält und wie sie sich verhalten. Er studiert die„Fälle und bemüht sich, sie richtig einzu- schätzen. Das ist wichtig, wenn er raten oder eine Botschaft richtig erledigen will. 93 Er kennt den Feind. Sorgfältig prüft er jeden Aufseher, seine Gewohnheiten, seine starken und schwachen Seiten, worin man sich besonders vor ihm hüten muß, wozu man ihn benützen kann, wie man ihn einschläfern, wie überlisten kann. Viele der Eigenheiten der Aufseher, die ich benützt habe, kannte ich durch ihn. Und er kennt sie alle, er kann jeden besonders und jeden gut charakterisieren. Das ist wichtig, wenn er Bewegungs- freiheit in den Gängen und gesicherte Möglichkeit einer wirk- samen Arbeit haben will. Und vor allem kennt er seine Pflicht. Er ist ein Kommunist, der weiß, daß es keinen Ort gibt, wo er aufhören darf, es zu sein, wo er die Hände in den Schoß legen und die„Tätigkeit einstellen“ darf. Ich würde sogar sagen, daß er hier, in der größten Gefahr und unter dem härtesten Druck, seinen rechten Platz gefunden hat. Hier ist er gewachsen. Er ist agil. Jeder Tag und jede-Stunde schaffen eine neue Situation und fordern eine andere Methode. Er findet sie schnell und sicher. Er hat Bruchteile von Minuten zur Ver- fügung. Er klopft an eine Zellentür, hört die vorbereitete Bot- schaft ab und richtet sie kurz und klar am anderen Ende des Ganges aus, bevor der neue Dienst die Stiege zum ersten Stock hinaufgeht. Er ist vorsichtig und geistesgegenwärtig. Hunderte von Briefen sind durch seine Hände gegangen— nicht ein einziger wurde abgefangen, ja nicht einmal ein Verdacht wurde geweckt. Er weiß, wo jemand der Schuh drückt, wo es nötig ist auf- zumuntern, wo eine genaue Schilderung der Lage draußen ge- geben werden muß, wo der Anblick seiner wirklich väter- lichen Augen einem Menschen Kraft gibt, in dem die Ver- zweiflung wächst, wo ein zusätzlicher Wecken Brot oder ein Schöpflöffel Suppe hilft, den schwersten Übergang zum„Ge- fängnishunger” zu ertragen— er weiß es, erkennt es mit feinem Gefühl und gründlicher Erfahrung und handelt da- nach. Er ist ein Kämpfer, stark und furchtlos. Er ist ein lauterer Mensch. Das ist Vater Skorepa. 94, HR: fü ve er ab sc Li Ich möchte, daß ihr, die ihr dies vielleicht einmal lesen werdet, in ihm nicht nur ihn seht, sondern den Typus des Hausarbeiters, der die Arbeit, die die Unterdrücker von ihm für sich verlangten, ganz in eine Arbeit für die Unterdrückten verwandeln konnte. So ein Vater Skofepa ist nur einer, aber - er hat eine Reihe von Gefährten, menschlich verschiedene, aber nicht kleinere Gestalten. Auf dem Pankräc und im Pet- schek-Palais. Ich wollte ihr Bildnis zeichnen, aber leider, es verbleiben nur mehr wenige Stunden, so wenig für„das Lied, das sich so_kurz singt, obwohl es sich so lange lebt”. Also wenigstens einige Namen, einige Beispiele, bei weitem nicht alle, die gerechterweise nicht vergessen werden sollten: Dr. Milo Nedv&d, ein. hübscher, edler Junge, der seine tägliche Hilfe für die eingekerkerten Genossen in Auschwitz mit dem Leben bezahlte. Ernst Lorenz, dessen Frau-sie hinrichteten, weil er seine Genossen nicht auslieferte, und der ein Jahr später selbst zur Hinrichtung ging, um seine Kameraden. die Hausarbeiter vom Vierhunderter, und sein ganzes Kollektiv zu retten. Der prächtige und immer humorvolle Va$ek; die verschlossene, tief opferbereite Anka Vika, die zur Zeit des Standrechts hin- gerichtet wurde; der immer lustige, geschickte, ständig neue Wege erfindende„Bibliothekar Springer; der zarte junge Bilek.... 5 Nur Beispiele, nur Beispiele. Größere oder kleinere Ge- stalten. Aber immer Gestalten. Niemals Figuren. 7 95 Achtes Kapitel EIN STÜCKCHEN GESCHICHTE d 96 g g N 36S S 9. Juni 1943. - Vor meiner Zelle hängt ein Riemen. Mein Riemen. Das Zeichen des Transports. In der Nacht werden sie mich ins Reich führen zu Gericht und und so weiter. Von der kleinen Schnitte meines Lebens beißt die Zeit hungrig das letzte Stück ab. Vierhundertundelf Tage auf dem Pankrác vergingen unbegreiflich rasch. Wie viele verbleiben noch? Und wo? Und was für Tage? Kaum werde ich aber noch Gelegenheit haben, zu schreiben. Deshalb also diese letzte Aussage. Ein Stückchen Geschichte. für das ich anscheinend der letzte lebende Zeuge bin. Im Februar 1941 wurde das ganze Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei verhaftet und ebenso die Ersatzleitung, die für einen solchen schlimmen Fall vorbereitet war. Wie es geschehen konnte, daß die Partei von einem so unermeßlich schweren Schlag getroffen wurde, ist noch nicht genau festgestellt. Vielleicht werden darüber einmal die Kommissare der Gestapo erzählen, wenn man sie verhören wird. Vergeblich habe ich versucht, auch als Hausarbeiter im Petschek- Palais der Sache auf den Grund zu kommen. Es war sicher ein Stück Provokation drin, aber auch viel Unvorsichtigkeit. Zwei Jahre erfolgreicher Arbeit in der Illegalität hatten einigermaßen die Wachsamkeit der Genossen eingeschläfert. Die illegale Organisation wuchs in die Breite, immer neue Genossen wurden herangezogen, auch jene, die für eine andere Gelegenheit beiseite gelassen werden sollten, der Apparat erweiterte sich und wurde kompliziert bis zur Unkontrollierbarkeit. Der Schlag auf das Zentrum der Partei war sichtlich län96 N t P k gere Zeit vorbereitet worden und fiel zu einem Zeitpunkt, als der Angriff auf die Sowjetunion schon vorbereitet wurde. Ich kannte anfangs nicht den vollen Umfang der Verhaftun- gen. Ich wartete auf die normale Verbindung, aber vergebens Nach einem Monat war es schon klar, daß etwas zu Großes ge- schehen war und daß ich nicht einfach warten durfte. Ich suchte selbst Verbindung, und auch andere suchten sie. ‘Der erste, den ich fand, war Honza Vyskoäil, der den Kreis Mittelböhmen führte. Er hatte die Initiative ergriffen und Ma- terial zur Herausgabe des Rude Prävo vorbereitet, damit die Partei nicht ohne Zentralorgan bleibe. Ich schrieb einen Leit- artikel, aber wir beschlossen, das Material(das ich nicht kannte) als Maizeitung herauszugeben, nicht als Rude Prävo, weil das schon von anderer Seite in einer Notform herausge- bracht war. Es kamen Monate der Partisanenarbeit. Ein sehr schwerer Schlag hatte die Partei getroffen, aber er konnte sie nicht töten. Hunderte neuer Genossen nahmen sich der verlassenen Aufgaben an, an die Stellen der gefallenen Führer traten ent- schlossen neue, die nicht zuließen, daß die Grundlagen der Or- ganisation zerfielen oder in Passivität versanken. Nur eine Zen- trale gab es noch immer nicht, und in der Partisanenarbeit lag die Gefahr, daß zum wichtigsten Zeitpunkt— beim erwarteten Angriff auf die UdSSR— kein völlig einheitliches Vorgehen zustande kommen werde, Aus dem auch noch partisanenmäßig herausgegebenen Rude Prävo, das in meine Hände gelangte, erkannte ich eine erfah- rene politische Hand. Aus unserer Maizeitung, die leider nicht ®gerade besonders gelungen war, sahen wieder andere, daß sich hier jemand meldete, mit dem man rechnen konnte. Und wir suchten einander. Es war das ein Suchen im tiefen Wald Wir hörten eine Stimme und gingen ihr nach— und da ertönte sie schon wieder gerade von der entgegengesetzten Seite. Der schwere Verlust hatte die ganze Partei vorsichtiger, wachsamer gemacht, undzweiLeute aus dem zentralen Apparat, die zueinander kommen wollten, mußten sich durch das Dickicht der Prüfungs- und Erkennungshinder- ? Fucik 97 ‘ nisse durchschlagen, die sie selbst einander gelegt hatten. Es war um so komplizierter, als ich nicht wußte, wer auf der anderen Seite war, ebenso wie er nicht wußte, wen er suchte. Dann fanden wir endlich einen gemeinsamen Nenner. Es war dies der prachtvolle junge Dr. Milos Nedve&d, der unsere erste Verbindung wurde. Auch darin lag ein Stück Zufall. Mitte Juni 1941 erkrankte ich und schickte Lida zu ihm, daß er mich be- handle. Er kam sofort in Baxas Wohnung— und dort einigten wir uns. Er war auch mit der Suche nach„dem Anderen” be- traut, hatte aber keine Ahnung, daß ich das war, Er war— wie alle auf der anderen Seite— im Gegenteil überzeugt, daß ich verhaftet und wahrscheinlich schon tot sei. Am 22. Juni 1941 überfiel Hitler die-Sowjetunion. Noch am selben Abend gab ich mit Honza Vyskoöäil ein Flugblatt heraus, das zum Ausdruck brachte, was das für uns bedeutete. Am 30. Juni kam es zur ersten Zusammenkunft mit dem, den ich so lange gesucht hatte. Er kam in die Wohnung, die ich bestimmt hatte, weil er schon wußte, mit wem er zusammenkommen sollte. Ich wußte es noch immer nicht. Es war eine Sommer- nacht, durch das offene Fenster dufteten die Akazien, eine ge- eignete Stunde zum Stelldichein von Liebesleuten. Wir verdun- kelten das Fenster, zündeten das Licht an— und umarmten einander. Es war HonzaZika, x Im Februar 1941 war also nicht das ganze Zentralkomitee verhaftet worden. Einer, Zika, war entkommen. Ich kannte ihn längst und hatte ihn längst liebgewonnen. Aber wirklich lernte ich ihn erst kennen, als wir zusammen arbeiteten. Rundlich, lächelnd, immer so ein bißchen ein Onkel— und hart, kom- promißlos, entschlossen und entschieden in der Parteiarbeit.® Für sich kannte er nichts und wollte nichts kennen als seine Pflicht. Er versagte sich alles, um sie erfüllen zu können. Er liebte die Menschen und besaß ihre Liebe, die er sich aber nie durch Augenzwinkern erkaufte. Wir einigten uns innerhalb weniger Minuten. Und einige Tage später kannte ich schon das dritte Mitglied der neuen Leitung, das mit Zika bereits seit Mai in Verbindung stand: Honza Cerny. Ein hochgewachsener, gutaussehender Bursche, 98 0 e 0, t. e Er e ge en d: e, der herrlich mit Menschen umzugehen wußte, Spanienkämpfer, der über Nazideutschland mit einem Lungenschuß zurückgekehrt war, immer etwas Soldat, mit reicher illegaler Erfahrung, begabt, ständig initiativ. Monate angestrengten Kampfes verbanden uns in herrlicher Kameradschaft. Wir ergänzten einander alle drei durch unser Temperament sowie durch unser Können. Zika- Organisator, sachlich, peinlich genau, ließ sich durch kein schönes Wörtchen täuschen, ging jeder Nachricht auf den Grund, prüfte jeden Vorschlag von allen Seiten und beharrte freundlich, aber bestimmt auf der Durchführung jedes gefaßten Beschlusses. Černý Leiter der Sabotage und der Vorbereitungen zum bewaffneten Kampf, militärisch geschult, ideenreich, großzügig, unermüdlich und erfolgreich im Suchen neuer Formen und neuer Menschen. Und ich Propagandist, Journalist, auf meinen Spürsinn vertrauend, ein bißchen Phantast, mit Kritizismus fürs Gleichgewicht. - Die Aufteilung der Funktionen war allerdings eher eine Aufteilung der Verantwortlichkeit, nicht der Arbeit. Denn eingreifen mußte jeder von uns in alles und selbständig vorgehen, wo es gerade nötig war. Es war kein leichtes Arbeiten. Die Wunde, die der Partei im Februar geschlagen wurde, blieb offen und verheilte nie zur Gänze. Alle Verbindungen waren zerrissen, stellenweise waren ganze Abschnitte weggefallen, andere Abschnitte waren gut besetzt, aber es fehlte der Weg zu ihnen, ganze Organisationen, ganze Betriebe, ja sogar ganze Kreise waren monatelang isoliert, bevor eine Verbindung angeknüpft werden konnte, und wir mußten hoffen, daß ihnen wenigstens das Zentralorgan in die Hände kam, daß sie sich daran halten konnten. Es gab keine Wohnungen konnten die früheren Wohnungen nicht benützen, weil sie noch immer gefährdet sein konnten, es gab anfangs kein Geld, die Versorgung mit Essen war sehr erschwert, viele Dinge mußten von vorn begonnen werden... Und das alles in einer Zeit, wo man nicht bloß die Partei aufbauen und vorbereiten sollte, sondern wo sie schon unmittelbar in den Kampf eingreifen mußte, die innere Front gegen die Okkupanten organisieren. 7* - wir 99 den Kleinkrieg gegen sie führen, und das nicht nur mit den eigenen Kräften, sondern mit den Kräften des ganzen Volkes. In den Jahren der Vorbereitung 1939 bis 1941 war die Partei in tiefer Illegalität nicht nur gegenüber der deutschen Polizei, sondern auch vor dem Volke. Jetzt, blutbespritzt, mußte sie nicht nur ihre Illegalität gegenüber den Okkupanten verstärken und vervollkommnen, sondern sie mußte auch gleichzeitig vor dem Volke aus ihr herausgehen, mußte Verbindungen zu Partei- losen aufnehmen, sich an das ganze Volk wenden, mit jedem verhandeln, der entschlossen war, für die Freiheit zu kämpfen, und durch unmittelbares Eingreifen auch diejenigen zu dieser Entschlossenheit führen, die noch zögerten. Anfangs September 1941 konnten wir uns zum erstenmal sagen, nicht daß wir die schwer getroffene Organisation eT- neuert haben, ach, das noch lange nicht, aber daß wir bereits wieder einen festen Kern haben, der selbst schon wenigstens zum Teil größere Aufgaben erfüllen kann. Das Eingreifen der Partei war auch sofort bemerkbar. Die Sabotage nahm zu, die Streiks in den Betrieben nahmen zu— und Ende September schickten sie Heydrich gegen uns. Das erste Standrecht zerbrach nicht den schon wachsenden aktiven Widerstand. Aber es verlangsamte ihn und versetzte der Partei neue Schläge. Namentlich wurde der Prager Kreis und die Jugendorganisation betroffen, es fielen auch neue, für die Partei so wertvolle Menschen wie Jan Krejci, Stancl, MiloS Kräsny und viele andere.- Nach jedem Schlag konnte man aber von neuem sehen, wie unzerstörbar die Partei ist. Ein Kämpfer fiel— und wenn ihn einer nicht ersetzen konnte, traten zwei, drei an seine Stelle. Ins neue Jahr traten wir schon mit einer fest ausgebauten Orga- nisation, die zwar immer noch nicht alles umfaßte, bei weitem nicht die Breite vom Februar 1941 erreichte, aber doch fähig war, die Aufgaben der Partei in den Entscheidungsschlachten zu erfüllen. In die Arbeit teilten wir uns alle. Das Haupt- verdienst aber hatte Honza Zika. Was in der Presse geleistet wurde, dafür wird man vielleicht auf Dachböden und in Kellern, in versteckten Archiven der 100 EEE N ER ee AB ie er Genossen genügend Belege finden, und es ist nicht nötig, da- von zu sprechen. Unsere Zeitungen-wurden gut verbreitet und nicht nur in der ‚Partei, sondern auch außerhalb der Partei gelesen; sie er- schienen in bedeutenden Auflagen und wurden in vielen selb- ständigen, voneinander streng isolierten illegalen Vervielfäl- "tigungsstellen abgezogen oder gedruckt. Das Erscheinen war regelmäßig und schnell, wie es die Situation erforderte. Stalins Armeebefehl vom 23. Februar 1942 zum Beispiel bekamen die ersten Leser schon am 24. Februar abends in die Hand. Vor- züglich arbeiteten die Drucker, ebenso die Vervielfältigungs- stelle der Ärzte, und namentlich die„Fuchs-Lorenz‘ genannte, die auch selbst ihr Informationsblatt„Die Welt gegen Hitler” herausgab. Alles übrige machte ich allein, um niemanden sonst zu gefährden. Für den Fall, daß ich auffliegen sollte, war ein Nachfolger bereit. Er übernahm die Arbeit; als ich verhaftet wurde, und arbeitet bis heute. Wir bauten einen möglichst einfachen Apparat auf, so daß mit jeder Aufgabe. möglichst wenig Menschen beschäftigt waren. Wir ließen die langen Verbindungsketten weg, diese wie sich im Februar 1941 gezeigt hat— nicht schützen, sondern im Gegenteil den Apparat bedrohen. Dies bedeutete zwar ET- höhte Gefahr für jeden von uns, aber für die Partei war es viel sicherer so. Ein solcher Schlag wie im Februar konnte sie nicht mehr treffen. Deshalb konnte auch das Zentralkomitee, durch ein neues Mitglied ergänzt, ruhig seine Arbeit fortsetzen, als ich ver- haftet wurde. Nicht einmal mein nächster Mitarbeiter hatte eine Ahnung davon. Honza Zika wurde in der Nacht des 27. Mai 1942: verhaftet. Es war wieder ein böser Zufall. Es war die Nacht nach dem Attentat auf Heydrich, als der gesamte Apparat der Okkupan- ten auf den Beinen war und eine Razzia in ganz Prag durch- führte. Sie drangen auch in die Wohnung in Stie$ovice ein, wo Zika gerade versteckt war. Er hatte seine Papiere in Ord- nung und wäre wahrscheinlich ihrer Aufmerksamkeit entgan- gen. Aber er wollte die gute Familie nicht einer Gefahr aus- 101 setzen und versuchte durch das Fenster im zweiten Stock zu entkommen. Er stürzte jedoch ab und wurde mit einer tödlichen Verletzung des Rückgrates ins Gefängniskrankenhaus überführt. Sie wußten überhaupt nicht, wen sie in die Hände bekommen hatten. Erst nach achtzehn Tagen, beim Vergleichen der Photographien, stellten sie seine Identität fest und brachten den Sterbenden ins Petschek- Palais zur Vernehmung. So sahen wir uns dort zum letztenmal, als sie mich zur Konfrontation riefen. Wir reichten uns die Hände, er lächelte mir mit seinem breiten lieben Lächeln zu und sagte: - Leb wohl, Jula! Das war das einzige, was sie von ihm hörten. Er sprach dann kein Wort mehr. Nach einigen Schlägen ins Gesicht wurde er ohnmächtig. Und ein paar Stunden darauf starb er. Ich wußte von seiner Verhaftung schon am 29. Mai. Die Ordonnanzen arbeiteten gut. Mit ihrer Hilfe vereinbarte ich mit ihm auch unser weiteres Verhalten. Es wurde dann nachträglich auch durch Honza Černý genehmigt. Das war auch unser letzter Beschluß. Honza Černý wurde im Sommer 1942 verhaftet. Das war schon kein Zufall mehr, sondern grobe Disziplinlosigkeit Jan Pokornýs, der mit ihm in Verbindung war. Pokorný benahm sich nicht, wie es die Pflicht eines führenden Funktionärs war. Nach einigen Stunden Vernehmung- gewiß harter Vernehnach einigen mung, aber was konnte er anderes erwarten? Stunden Vernehmung unterlag er und verriet die Wohnung, in der er mit Černý zusammengekommen war. Von dort führte dann die Spur zu Honza, der nach einigen Tagen auch in die Hände der Gestapo fiel. - Wir wurden sofort miteinander konfrontiert, als sie ihn brachten. - Kennst du ihn? Ich kenne ihn nicht. Wir antworteten übereinstimmend. Er weigerte sich dann überhaupt auszusagen. Seine alte Verwundung schützte ihn vor langen Foltern. Bald fiel er in Ohnmacht. Bevor es zur zweiten 102 V S to S h S 5 5 5 5b 2.0 Vernehmung kam, war er schon genau informiert und richtete sich danach. Sie erfuhren von ihm nichts. Sie behielten ihn in Haft, war- teten lange darauf, daß irgendeine neue Aussage ihn zum Sprechen zwinge. Aber ohne Erfolg. Das Gefängnis veränderte ihn nicht. haft zeigte er den Lebenden neue Perspektiven, er, selbst nur die Perspektive des Todes hatte. Ende April 1943 brachten sie ihn vom Pankräc fort. Ich weiß nicht wohin. Dieses plötzliche Verschwinden von Menschen hier hat immer etwas Unheilverkündendes an sich. Man kann sich allerdings auch irren. Aber ich glaube nicht, daß wir uns noch jemals wiedersehen werden. Wir haben immer mit dem Tode gerechnet. Wenn wir in die Hände der Gestapo geraten, bedeutet es das Ende Dementsprechend haben wir auch hier gehandelt. Ende habe ich nicht ht. Das ist kein Spiel Lebhaft, lustig, stand- der vor sich Wir wußten: Auch mein Spiel geht dem Ende zu. Das mehr beschrieben. Das kenne ich noch nic mehr. Das ist das Leben. Und im Leben-gibt es keine Zuschauer. ‚Der Vorhang senkt sich. Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachl 9. 6. 43. Julius Fucik 104 INHALT Erstes Kapitel VIERUNDZWANZIG STUNDEN... Zweites Kapitel STERBEN... . 16 Drittes Kapitel ZELLE 267.. .. 24 Viertes Kapitel ,, DER VIERHUNDERTER". . 33 Fünftes Kapitel GESTALTEN UND FIGUREN.. . 48 Sechstes Kapitel STANDRECHT 1942.. . 69 Siebentes Kapitel GESTALTEN UND FIGUREN II.. ... 75 Achtes Kapitel EIN STÜCKCHEN GESCHICHTE... 96 machte, die beschriebenen Blätter aus dem Kerker in Sicherheit zu bringen, ist es zu verdanken, daß uns der von Fučík vor seiner Hinrichtung in der Zelle geschriebene Bericht über das Leben und die Menschen eines der berüchtigtsten Gestapogefängnisse Mitteleuropas überliefert wurde. In seiner ,, Reportage, unter dem Strang geschrieben" ist Fučík mehr als ein Journalist, der seine letzten Gedanken und Gefühle in einer Reportage festhält. Er ist Schriftsteller und Künstler, dessen Sorge selbst in seiner schwersten Stunde dem Menschen gilt, den er in dieser Stunde mit verschärftem Auge erkennt, darstellt, entlarvt und verherrlicht. So wird er mit diesen seinen letzten Aufzeichnungen zum Symbol jedes aufrechten, unbestechlichen Künstlers, der seiner Sendung bis zum letzten Atemzug treu bleibt. Er wird zum Symbol seines Volkes, für dessen Freiheit er sein Leben opferte. Am 8. September 1943 wurde Julius Fučík in Berlin hingerichtet. Sein letzter Gedanke galt der Zukunft. Mit den letzten Worten, die er niederschrieb, tröstete er seine Kampfgefährten, sprach er seinem Volke Mut zu, nannte er der Menschheit seinen letzten Wunsch: ,, Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wach!" ( Aus einem Aufsatz von W. Vergeiner)