Mit vier Bildern von O. Nückel Frau Gerty Spies, geboren am 13. Januar 1897 im alten Trier an der lieblichen Mosel, wo schon ihr Vater als Volks- und mundartlicher Dichter bekannt war, besuchte dort das Lyzeum und hatte anschließend ihre Ausbildung und Tätigkeit im sozialen Beruf. Seit 1929 in München lebend, wurde sie im Sommer 1942 von der Gestapo ins Lager Theresienstadt verschickt, wo sie bis zur Befreiung der Festung durch russische Truppen in Gefangenschaft lebte. Ihre Gabe, das Erlebnis dichterisch umzugestalten und so sich innerlich vom furchtbaren Druck der äußeren Umstände zu befreien, wurde ihr hier und angesichts des Todes zur Rettung. Sie selbst ist der Ueberzeugung, daß sie ohne diese Gnade die Zeit nicht überlebt hätte. Published under Military Government Information Control License No. US-E 148, Gedruckt im Süddeutschen Verlag, München. Alle Rechte vorbehalten MEINER MUTTER CHARLOTTE GUMPRICH GEWIDMET Ein Dämon naht und rüttelt an den Dingen, Er stößt sie aus den Händen ohne Scheu. Sie fallen auseinand wie trockne Spreu— Schutt deckt die Trümmer, und die Scherben klingen. In Nichts versinkt die Welt, die du so sehr Geliebt— umsonst, die Scherben aufzulesen. Sie schneiden tief.— Und zum lebend’gen Wesen Fügt sich der Staub in deiner Hand nicht mehr. Vorüber! Geh vorüber an dem Grauen! Blick in dein Herz, was du gerettet hast. Vielleicht gelingt’s, wenn du dich selbst erfaßt, Dir einen neuen Tempel aufzubauen. Im Baume sitzt ein Vögelein— Es dürft’ wohl eine Amsel sein—, Die singt so wunderbar. Hast du vergessen, kleines Tier, Wie viele, viele Tränen hier Geflossen Jahr für Jahr? Und jener Baum, den du gewählt, Sag, hat er dir noch nicht erzählt, Daß just aus jenem Tor, Davor er steht, drei Jahre lang Ein Wagen rollt’ in müdem Gang Allmorgendlich hervor? Und weißt du, was für Last er trug?— Der Särge gab es nicht genug!— O Vogel, horch nicht her! Sing du dein Lied von Lenz und Lust! Hätt'st du’s gesehn, hätt’st du’s gewußt, Du sängest längst nicht mehr. Hab’ alles verloren, Bin einsam und leer. Ward wieder geboren, Nun schmerzt es nicht mehr. Ich hab’ überwunden Den tödlichen Stich, Im Staube gefunden Das schlummernde Ich. 2 Spies, Theresienstadt 9 Den Himmel haben sie uns gelassen! Die Vögel steigen, die Wolken wehn, Die Purpurfackel im Untergehn Darf unser durstiges Aug' erfassen. Des Weltenmantels nachtblaues Zelt, Durchglutet von blitzenden Diamanten, Macht Knechtschaft und Zweifel in uns zuschanden Und schließt uns gewaltig ans Herze der Welt. 10 FREIZEITGESTALTUNG Auf dem Speicher ein Klavier, Balken rings und Ziegel. Rohe Bretter unter mir - Meine Hüllen sind noch hier, Aug' und Herz sind Spiegel. Eine spielt, und einer spricht Ernstes Wegbereiten. Im Kristall der Seele bricht - Sich verschmelzend Glut und Licht Beider Wirklichkeiten. 11 Und es rauscht der Regen nieder, Dumpfe Schwüle in den Gassen. Manchmal tönen auf dem nassen Pflaster schwere Schritte wider. Plötzlich schrillen aus der Höhle Eines Torwegs Frauenschreie— Angstgepeitscht, in steiler Reihe Schwellen sie zum Wahngegröhle. Und es jagt sie das Entsetzen Vor sich selbst durch irre Schauer. „Hilfe!“ widerhöhnt die Mauer, Und die Stille reißt in Fetzen. Stimmen schwirren, Fenster klirren, Und die hohlen Schritte hallen Näher. Trostestropfen fallen In des Angstschreis Flammenwirren. 12 Und des Schmerzes Feuersäule Wächst und greift mit irren Armen In den Himmel: ,, Herr, Erbarmen!" Drauf erstirbt das Schmerzgeheule. Und es rauscht der Regen nieder Wie die Tränen stummer Leiden. Über Furcht und Elend breiten Sich des Schlafes Schatten wieder. 13 Ich geh' und hol' mein Mittagbrot, Halt' in der Hand zwei leere Schalen, Ein Stück Papier mit Nam' und Zahlen, Den Namen blau, die Zahlen rot. Klein sind die Schalen, doch zu groß.- Am Wege betteln graue Schemen: ,, Sag, wirst du selbst die Suppe nehmen?" Ich geh' vorbei und nicke bloß. Ich nehme sie! Warum denn nicht? Sie ist so wasserdünn und ärmlich, So abgezirkelt und erbärmlich Ist auch das magre Hauptgericht! Ich zieh' mich irgendwo zurück, Verborgen vor den Hungertieren, Die starr auf jeden Bissen stieren Mit hilflos aufgeriss'nem Blick. - 14 Der Löffel kratzt den letzten Rest. Der Hunger war nicht tot zu siegen, Nein!— Lachend kommt er hochgestiegen Und triumphiert und bohrt sich fest! a | Die Hände fangen an zu suchen: Hat nicht ein trocknes Restchen Kuchen, Ein Fetzchen Brot sich wo versteckt? Und endlich hilft mir die Natur: Ich schlaf‘!— Und meine Augen sehen Aus Wunsch ein Paradies erstehen— Für kurze zehn Minuten nur. Die Phantasie ist wachgeschreckt!— 15 Schwarz ist die Nacht und schwer. Die alten Frauen haben Sich frierend eingegraben Und wissen längst nichts mehr. Ihr Schnarchen grunzt hervor Aus einem Wust von Decken. Es raschelt in den Ecken, Und Husten bellt ins Ohr. Die kranke Greisin weint. Geschlossen sind die Scheiben, Die Kälte zu vertreiben. Nicht Mond, noch Kerze scheint. Die Luft zieht suppendick Durch angestrengte Lungen. Es sehnen sich die Jungen Zur Tagesfron zurück. 16 Sie liegen dicht an dicht Auf abgemess’nem Platze. Die dünne Strohmatratze Erreicht die Füße nicht. Sie starren leer und weit| Ins Schwarz mit trocknen Augen. Der Heimat Bilder saugen| Sie aus der Dunkelheit. 17 So innig hab' ich dich noch nie geliebt, So sehend nie dein süßes Bild genossen Wie jetzt von fern. Der Kreis, der uns umgibt, Hat sich zu sanftem Schutz um dich geschlossen. Die rauhe Nähe, die sich stößt und reibt, Fiel von uns ab und kann nicht mehr verwunden. Im Bild, das meinem innern Blick verbleibt, Hab' ich dein tiefstes Wesen erst gefunden. Deine Wege, deine Wälder, Braunes Hügelreich, Und das Rauschen deiner Felder Nichts ist ihnen gleich. - Zieh' die Füße, müd' zum Sterben, Durch der Fremde Sand; Doch mein Herz bleibt deiner herben Schönheit zugewandt. 18 BALLADE „Sag mir, Freund, warum, seit wir uns kennen,| Deine Augen, wenn du sinnend stehst,| Weh und einsam in die Ferne brennen Jeden Abend, eh’ du von mir gehst.‘ „Liebes Kind, auf deinem frischen Munde Blüht Vergessen. Unter deinem Dach Ist mir wohl.— Doch treulos eilt die Stunde. Unter Schmerzen werd’ ich wieder wach.‘ „Übertünche nicht mit süßen Reden, Was bered’ aus deinem Schweigen spricht; Denn mit Lächeln überzeugst du jeden, I) Nur die Liebende belügst du nicht. I} | Stärker ist das Ahnen meines Herzens| Als die Mauer, die dein Leid umfängt,| Wenn es unterm Mantel sanften Scherzens| Durch das offne Tor des Auges drängt.‘ I— BREI, Schweigend löst der Mann sich aus den Ranken Der Umarmung, und sie bleibt allein, 19 Nur ein Brief:„Geliebte, laß dir danken! Dir zuliebe darf es nicht mehr sein. Ein Geheimnis— ja! Du hast’s erraten. Aber jede Stunde war Gewinn. Heute endlich, um dir nicht zu schaden, Sollst du wissen, daß ich Jude bin. Willst du deiner Lieb’ ein Zeichen geben, Triff mich heut noch einmal hinterm Park.“— Ausgelesen.— Blatt und Umschlag schweben Flatternd ihr zu Füßen.— Herz, sei stark!— Abend wird’s.— Am grauen Parktor lehnen Die Kastanien, und es spielt der Wind Im Gezweig und raunt ein Lied von jenen, Die am Herzeleid gestorben sind. Hülle deinen Schatten, alte Mauer, Schützend um des Liebenden Gestalt. Teile, treue Heimat, seine Trauer! Fallt, ihr goldnen Blättertränen, fallt! Ob sie kommt?— Die Mauern widerhallen Hohl und träumend einen leichten Schritt.— 20 Sie ist da!— Die letzten Strahlen fallen In ihr goldnes Haar und lächeln mit. Übern Weg, der sich durchs Parktor windet, Führt der Zufall die Frau Irgendwer. Späht mit Nadelblick.— Der Strahl erblindet. Freundin, kennst du deinen Freund nicht mehr? Hämmernd’ Herz entscheide!— Ach,— sie zaudert: Und der Nachbarin gehört ihr Gruß.— Und sie streift an ihm vorbei und plaudert. Weint, ihr Steine unter ihrem Fuß! In der Nacht, wenn uns die Geister wecken Und die Weltenseele zu uns spricht, Liegt sie wach und weint in ihre Decken. „Deinen letzten Blick vergess’ ich nicht!“ Und es geht der Tag, die Wochen gehen, Scham und Sehnsucht rauben ihr die Ruh’. „Einmal nur will ich dich wiedersehen! Deinen Schmerz deck’ ich mit Küssen zu!‘ Und sie forscht und findet jene Gasse, Wo er wohnt, und klopft an seine Tür. 21 m Aber eine schmale, sorgenblasse Frau tritt ängstlich durch den Spalt herfür. Wiegt den Kopf: ,, Ihr könnt ihn nicht mehr sehen, Weil der junge Herr ging gestern fort." 1 ,, Fort? Wohin?! Wie soll ich das verstehen!?" Achselzucken: ,, Heut geht ein Transport." Drunten treibt der Sturm durch kahle Gassen. Und es trägt sie fort. Am Giebel bläht Sich die Fahne. Und sie kann's nicht fassen. Dunkel ruft's vom Turm herab: ,, Zu spät!" - 22 22 „90“, sagte der Hunger,„wir wollen mal sehn! Ich stell’ ein paar harmlose Proben. Die Schwächlinge werden zugrunde gehn, Und die Starken, die werden die Probe bestehn Und mich am Ende noch loben.“ Gleich fing er bei den Ältesten an. Ach Gott, wie sanken sie nieder! Die geschwätzige Frau, den bedeutenden Mann Ergriff er, und eisiger Schauer rann Durch ihre erstarrenden Glieder. Dann ging’s über jene, die angerührt Von einem verborgenen Leiden. Sie hatten den Tod an der Nase geführt. Die Kehle ward ihnen zugeschnürt, Sie durften sich vorbereiten. Nun ließ er der Seuche den freien Paß, Die stürzte sich gleich auf die Jungen. Nach langer Verbannung, wie wohl tat ihr das! Was gestern noch blühte, lag heute schon blaß. Der Schachzug war ihm gelungen. 23 u Da leckt' sich der Hunger den gierigen Mund: ,, Ein Restchen muß mir noch bleiben. Auch hab' ich ja mit der Zeit einen Bund; Die wird mir schon, was nicht von Grund auf gesund, In die offenen Arme noch treiben." 24 DER JUNGE KRIEGER Die Jahre der Jugend sind kaum erst vergangen,| Die Spiele der Kindheit sind kaum erst verspielt.—| Mich packte ein Dämon!— Mich trieb ein Verlangen I Hinaus in die Welt— und kein Mensch, der mich hielt!| | Die Seele verschlang mir ein loderndes Feuer—| Hinaus aus der Enge! Hinein in die Schlacht!| Da hat mich die Gier nach dem Abenteuer,| Da hat mich mein Schicksal zum Mörder gemacht!| | | Da floß euer Blut! Euer Schreien und Klagen Versengt mir das Hirn und zerreißt mir das Ohr! Oh— hat euch nicht auch eine Mutter getragen!? Wie konnt’ ich’s vergessen, ich Teufel, ich Tor! Das Toben der Schlacht übertönt mein Gewissen. Mein Himmel ist dunkel— da strahlt nur ein Stern: Du könntest es heilen, das Schuld mir zerrissen, O Heimat, dies Herz!— Doch die Heimat ist fern. Und wie sie mir folgen, im Traum mir erscheinen, Die Bilder des Schreckens! Wie jag’ ich sie bloß! 3 Spies, Theresienstadt 25 Ach, grausames Schicksal ist Bluten und Weinen_ Doch Wunden zu schlagen, ist schwärzeres Los! Nur einmal noch möcht’ ich, eh’ alles zu Ende, Die Locken verbergen im liebenden Schoß! Euch wichen die Bilder, ihr streichelnden Hände!— Heut weiß ich es besser: Nur Liebe ist groß! Über die Gräber ranken die Rosen, Über den Abgrund klettert der Wein, Und die blühenden Herbstzeitlosen Lächeln ins Sterben der Felder hinein. Kriege entbrennen, und Schlachten tosen, Himmel und Meere färbt blutiger Schein. Säuselnd indessen mit zärtlichem Kosen Tändelt der Lenz durch den blühenden Hain. Fürchterlich ringen die Götter und reißen Völker ins Elend— Gebirge erbeben. Aber die Sonne mit Fluten von Licht Bettet die Erde in Schimmern und Gleißen, Lockt aus dem Tode noch keimendes Leben. Weinen und Klagen erreichen sie nicht. 27 Durch die Gassen lenk’ ich den Schritt, Höre die Amsel schlagen. Freudig schwingt meine Seele mit.— „Hunger! flüstert mein Magen. Liegt ein Städtchen gleich vor dem Tor. Spielende Lüfte tragen Sonntäglich’ Läuten zu meinem Ohr— „Hunger!“ jammert mein Magen. Würdige Männer vor lauschendem Kreis Wissen vom Tiefsten zu sagen, Was unser fühlendes Herz noch nicht weiß—| „Hunger!“ fordert mein Magen.| } | | | Öffne mein Wesen dem schüchternen Strahl Keimender Freundschaft, Mit zagen Worten vertrau’ ich zum ersten Mal.— „Hunger!“ empört sich mein Magen. Daß ich von Gott bin, er läßt es nicht zu. „Schönheit und Liebe, was Plunder! Menschengezücht, Kreatur bist du! All deine süßlichen Wunder Reiß’ ich vom Thron dir herunter!“ 28 WINTER 1943/44 In einer Baracke hausen wir alle— Da hat uns der Wirbel zusammengeweht! Da dröhnen die Tritte mit hölzernem Halle, Sodaß man das eigene Wort nicht versteht. Da stehen die Bäume wie tote Gespenster Und strecken zum Himmel ihr wirres Geäst. Da sickert der Regen durchs klappernde Fenster, Da surrt ein Gedräng wie im Hornissen-Nest. Da stöhnen die Kranken, da keifen die Alten, Da stampfen die Stiefel durch wäss’rigen Kot. Da läßt sich vor Kälte der Löffel nicht halten, Da packt uns das Fieber!— Da streift uns— der Tod.— Da kauert das Heimweh bei Nacht in der Ecke, Da frieren im Auge die Tränen zu Eis, Da glühen die Bilder aus finstrem Verstecke Und sengen das Herz, das von Glück nichts mehr weiß. Fern rauschen die Wälder, fern lachen die Seen, Die Sonne verschwendet ihr mütterlich Licht. 28 Die Sterne erzählen von Kommen und Gehen, Sie blicken hernieder und sehen uns nicht. In einer Baracke hausen wir alle - Da nährt uns das Brot, das den Hunger nicht stillt! Da würgt uns das Schicksal mit eiserner Kralle, Bis daß uns das Blut aus dem Herzen quillt. Wir blicken zum Himmel, wir heben die Hände, Wir stöhnen ins Kissen ein einziges Wort: ,, O Vater der Gnade, ein Ende, ein Ende! Uns schreckt keine Zukunft! Nur fort - nur fort!" 30 GANG ZUR ARBEIT Früh, wenn sich die Mondesfratze Frech im Eis der Pfützen spiegelt, Wenn der Wind mit kaltem Satze Um verschlafne Ecken flügelt, Geht der Wachmann an der Schranke Auf und nieder— auf und nieder. Grüßt erfroren— und ich danke: „Ja, zur Arbeit geh’ ich wieder.“ Löcher grinsen in den Steigen— Nur nicht stürzen! Nur nicht fallen! Durch das grabesstarre Schweigen Hört man fernes Rattern hallen. „Fünf Uhr!“ ruft der Turm,„nicht säumen!“ Unterm Fuße kracht die Schlacke. Hinter kahlgefegten Bäumen Schläft noch stumm die Werkbaracke. 31 Licht flammt im Kasernenkasten Rauch entsteigt dem Steinkoloẞ. Meine Hand beginnt zu tasten, Und der Schlüssel schreit im Schloß. 32 ALS HEIZERIN BEI DER GLIMMER Mit der Axt laß ich mich nieder Auf der Kiste schwarz und alt. Holz aus dem Sudetenwald Splittr’ ich krachend Spalt um Spalt, Daß die Holzbaracke hallt. Das sind meine Lieder. Draußen liegt ein Berg von Kohlen. Mit der Schaufel fahr’ ich drein, Daß es schrillt durch Mark und Bein, Lasse Nerven Nerven sein, Schleppe Bretter mit hinein— Das ist nicht gestohlen. Mit dem langen, spitzen Eisen Stoß’ ich früh bei Dämmerlicht In die Schlacke, daß sie bricht, Heize, daß es glüht und zischt, Scheue Hitz’ und Kälte nicht, Bis die Hände reißen. 33 BE 90 So vergehen meine Tage— Einmal war ich krank und schwach. Doch vergangen ist das Ach. Alle Kräfte wurden wach! Strahlend ruft der Himmel: Lach! Kenne keine Plage! Doppelt hast du, goldnes Leben, Mich gebunden und gepackt. ‚Wie du bist, so arm und nackt, Sing’ ich mit der Axt im Takt: Alles Leid, das mich zerhackt, Sei dir heut vergeben. Laß dich nicht blenden, noch immer verführen: Du sollst du sein! Tief bis hinein In deine Wurzeln dich selber verspüren! Mag auch das Messer der Gleichheit beschneiden Wesen und Kraft— Eigenart schafft Größere Taten und tiefere Freuden. Vieles vermagst du der Menschheit zu geben, Bleibst du gerecht. Doch nicht als Knecht! Adel verleiht, nach dir selber zu streben. 35 HERBST 1944 Der Herbst mit seinem nassen Gewand Fegt rauschend über das nackte Land. Weine, o Erde! O weh, wie weht es die Blätter hinab! Sie ziehen die Hoffnung, die Hoffnung zu Grab, Daß Frieden werde. Ich schlepp' mich zur Arbeit, ich schlepp' mich nach Haus Von einer Baracke zur andern. Der Krieg, ja, der Krieg ist noch immer nicht aus. Das Elend zieht mir die Seele aus, Und die Jahre, sie wandern. Die Erde schmilzt, und der schmatzende Kot Zernagt mir die Sohlen. Die Sonne ist tot. Die Nebel ziehn- und dahinter, Die Stirn umdroht Von gierender Not, Heult brüllend zu Tale der Winter, Der Winter, der sechste Winter! Der Himmel zerreißt! Und dahinter!? Nicht mich! - - Geh vorüber!- Tod.- 36 SCHWERE TAGE Öffne das Speicherschloß, Tappe nur zu!| Droben im Dachgeschoß Findest du Ruh’. Balken an Balken drängt Sich in der Reih’—| Und eine Leine hängt Auch gleich dabei. Im Abendnebel bellt ein Hund, Die Luft ist voller Schnee. Braun ist das Moor und schwarz der Grund— Darinnen liegt ein See. Aus seiner fernen Einsamkeit Blickt er mich immer an. Kein lebend’ Wesen weit und breit— Ach, hätt’ ich's doch getan! 37 STRASSENBILD Links die Fabrik mit steilem Schlot Und rechts ein langes, graues Haus. Im Hintergrunde farbentot - - Ein Hügel. Und die Welt ist aus. - Darüber gießt der Philosoph, Der Mond, sein bleiches Lächeln aus. Die Säge schwirrt. Und aus dem Hof Tönt Pfiff und Ruf durchs leere Haus. Die Telegraphenstange träumt Am Eck. Die Fenster starren leer. Und über eine Mauer schäumt Ein junger Busch, von Knospen schwer. Die Amsel übt ihr Nachtgebet Und wundert sich, daß Frühling ist: Der Morgen kommt, der Abend geht- O Herr, daß du so ferne bist! 38 AUFFANGLAGER FÜR ENTLASSENE STRAFLINGE Kasernenhof! Ein wüst' Geschrei! Ein Hin und Wider von Gestalten, Zu schwach, den kahlen Kopf zu halten. Holzstiefel klappern hohl vorbei. Verbrecheraugen lauern dich Aus hungerknochigen Gesichtern Unheimlich an mit irren Lichtern. Gespenster tuscheln, drängeln sich. Ein Wagen rollt, das Tor geht auf. ,, Menage!" schreit es rauh ,,, Zum Essen!" Not, Elend, Krankheit sind vergessen, Sie überrennen sich im Lauf. Die Hungerschwachen sprühen Kraft, Die Fäuste haun, wohin sie treffen. Zu Boden stürzen sie und kläffen, Der Stiefel tritt, die Wunde klafft. 39 Hinein ins Essen greift die Gier. Und der Menage- Mann steht daneben Schon braucht er nichts mehr auszugeben. Ihn schüttelt's: ,, Menschen unterm Tier!" 40 Kein Blick, kein Gedanke, kein innig’ Erleben Kann treulos verhauchend der Welt sich entheben. | Vermag das Gedächtnis die Flut der Gestalten | Im Rahmen des Spiegels nicht bergend zu halten, So drängt es entfesselt, was immer empfunden, Der Kraft zu, an die es von Anfang gebunden. Es tönt eine Stimme aus ewigen Zelten: „Gewaltig entreißt euch dem Urquell der Welten, Ihr Ströme, auf daß ihr die Herzen durchfließt, Befruchtend zurück euch ins Weltall ergießt!‘‘ 4 Spies, Theresienstadt 41 O mach dich los! O mach dich frei! — Was liegt denn an den Dingen!— Um dich mit hellem Vogelschrei Auf- und hinaus zu schwingen! ’ ‚ Der Güter lächerliche Last ‘ Wirf hinter dein Erleben. ;“ Was du erweint, erjubelt hast, 1 Wird dich zum Himmel heben. N ’ \ | | || N I 42 | EIN BILD | Pfeilgerade strebt ein rostig’ Rohr | Aus der Kasernenwand hervor. Ein hungergelbes Runzelweib Hat seinen ausgezehrten Leib Im Fensterbogen aufgestellt Und träumt hinaus in Gottes Welt. Ruß schlägt und Rauch ihr ins Gesicht— Sie lächelt bloß und rührt sich nicht. Gott hat ihr kurze Gunst geschenkt, Daß sie an ferne Zeiten denkt. 43 DER ALTE MANN Er liegt auf seinem nackten Bette, Ein spärlich' Kissen im Genick, Und starrt ins Licht mit totem Blick. An monotoner Bilderkette - Ziehn Heimat, Sorgen, Kampf und Schmerz, Verwaschene Erinnerungen, Ein Lied, das man ihm einst gesungen, Durch sein zersprungnes altes Herz. In ausgefahrner Räderspur, Zu schwach zum Sterben wie zum Leiden, Liegt er im Graben zwischen beiden. Er lebt nicht mehr, er atmet nur. 444 In einem stillen Schreine Tief in des Herzens Schacht, Da hab’ ich Furcht und Hoffnung Zur ewigen Ruh’ gebracht. Die eine hielt mich nieder, Die andre riß mich hin.— Daß sie beisammen schlafen, Zeigt an, wie tot ich bin. 45 AHNUNG Ich komme heim nach langer Zeit— Im Traume nur, im Traum!— Da öffnen sich die Türen weit! Mich führt die Fee Vergangenheit H An meiner Sehnsucht Zaum. 1 Vertraut ist mir das kleinste Stück— 1 Die Träne stürzt herfür. \ Die Finger tasten sich zurück 1 Und suchen ein gewes’nes Glück— Ein Bettler ward aus mir. ’: Der alte Schrank, die liebe Uhr, |: Sie blicken fremd und leer: I„Was will die arme Seele nur, Als suche sie die eigne Spur?— || Wir kennen sie nicht mehr.“ Der Spiegel zeigt ein fremd’ Gesicht, . Das ich noch nie gesehn. | Das Auge, das von Schrecken spricht, 8: Erkennt die eignen Züge nicht. ;| Nun kann ich’s wohl verstehn. 46 Der Atem stockt-: Dort lehnt am Tisch Mein Kind, das ich geboren. Sein fragend' Auge weitet sich- Da schreit's aus mir: ,, Sag, kennst du mich?! Hast auch die Spur verloren!?" - Der Traum ist aus- ich werde wach- Noch schmerzt mich jedes Haar. Hier lieg' ich unter fremdem Dach, Und innen klingt die Frage nach Ein Traum, der keiner war. 1 47 | ’ N 2 I. . “a » I. R ALLTAGS-EINERLEI r Draußen im grünen Geländ’, Wo die Winde um die Baracken tasten,| Sitzt ein Gespenst mit dem Leierkasten| Und orgelt und dreht ohne End’. Unsre Ohren sind lange schon taub. Die Leier spielt ewig die nämliche Weise, ‚Wir drehen uns ewig im nämlichen Kreise, Von den Bäumen sinkt müde das Laub. 48 Ja, du wirst leben, Menschengeist, Im Tode neu geboren! Wie uns der Weltenwandel weist, Geht kein Atom verloren. Doch ob du dem verhaftet bleibst, An den du hier gebunden, Ob du nicht wieder heimwärts treibst, Den Kreislauf abzurunden, Wer sagt uns das? Wer ist so nah Dem tiefsten Weltgeschehen!— Das All durchbraust ein jauchzend’ Ja, Mag auch das Ich vergehen. 49 FRÜHLING 1945 Es duftet die Erde, der Frühling ist da. Zugvögel verkünden: Der Friede ist nah! Mein Herz ist so dumpf, ach, so ohne Verlangen! Drei Jahre ein Sklave! Drei Jahre gefangen! Mein Sehnen, mein Hoffen, nach Freiheit mein Schrei- Ist alles verklungen, ist alles vorbei. Da naht sie, die Freiheit, mit schwingendem Schritt, Die Grüße der liebenden Welt bringt sie mit. Sie rührt an die Seele mit blühendem Stab, Des Jauchzers gewärtig, und findet- ein Grab. 50 Da gibt man sich die Hand Und sagt ,, Auf Wiedersehen" Und geht. Ins Land. Die Jahre gehen Am Himmel steht ein Stern, Der sieht die Menschen scheiden, Der sieht die Menschen leiden Von fern. ,, O Herr, sieh ihren Schmerz! Schick deinen Engel nieder, Führ' sie einander wieder Ans Herz!" ,, Ich muß es lassen sein. Ist eines schon verdorben, Ist eines schon gestorben Allein. Aber mein Tor steht offen Lehre sie hoffen." 51 NACHRUF Ihr alle, die ihr nicht zurückgekehrt, Aus deren stumm- beredten Niemandsgräbern Statt Blumen ewige Flammen schlagen müßten, Damit die Welt der Schandtat nicht vergiẞt, Die man an euch verübt, ihr alle, alle, Euch schwör' ich's zu bei jedem guten Wort, Bei jeder edlen Tat, die ich euch danke, Bei jedem Stückchen Brot, das eure Hand Mir freudig reichte, wenn der Hunger mich Mit seinen Geierkrallen grausam würgte, Ihr alle, euch gelob' ich's heut und immer, So weit des Menschen Stimme dringen kann: Nicht rächen will ich euch, mit neuer Schuld Will ich nicht niedrig euer Bild beschmutzen. Rein steh' es da im Angesicht der Welt. Doch rufen will ich's, rufen, bis die Sterne In ihrer Bahn auflauschend innehalten, Bis Gott von seinem Throne sich erhebt Und spricht: ,, Wer wagt's, in meine Einsamkeit Des Weltentrubels grellen Schrei zu schleudern!" - 52 | | So lange will ich rufen:„Blicket her: Dies haben Menschen Menschen angetan, Das Gut entehrend, das der Himmel gnädig Dem Denkenden verlieh, die Krone selber Vom Haupt sich reißend, unters tiefste Tier Aus freien Stücken höhnisch sich begebend!“ Und was bewegte sie? Wie heißt die Kraft, Die über Nacht aus Menschen Teufel schafft, Der Höllenbrut die Tore offen hält, Ihr den Verstand als Diener unterstellt, Des Menschen Hand verführt zum Brudermord, Das Meer in Brand steckt?— Die Gewalt heißt: WORT!!! Das Wort, getränkt mit Gift aus Heuchlers Mund, Zersetzt die Wahrheit, ätzt das Recht zu Grund.——— So lang im Herzen noch ein Funke sprüht Und Gottes Sonne liebend mich umglüht, Solange meine Zunge reden kann— Ich schwör’s euch zu, ihr Toten, hört mich an!—, Will ich das Wort aus jener Niedrung heben, Mit meiner Liebe will ich es beleben! Das Wort, von jenem Teufelsgift geschändet, Daß es entstellend Lieb’ in Haß gewendet, 93 Das Wort, das uns dem Untergang verpfändet, Will ich erheben, bis es Segen spendet. Und ihr, die ihr aus tiefster Völkernacht Zu neuer Gnade wunderbar erwacht, - Helft mir vom Aug' des Wahnsinns Schleier lösen Gebraucht das Wort: Schafft Gutes aus dem Bösen! Der Brüder Blut ist nicht umsonst geflossen, Hat es des Völkerfrühlings Feld begossen.