A.W.CONRADY AMOKLÄUFER Roman ERSCHIENEN BEI PAUL PATTLOCH/ ASCHAFFENBURG IM JAHRE 1947 GEDRUCKT IN 5000 EXEMPLAREN IN DER MEDIÄVAL VON DER UNIVERSITÄTSDRUCKEREI H. STÜRTZ AG., WÜRZBURG (UNTER VERWALTUNG DER AMERIKANISCHEN MILITÄRREGIERUNG) EINBANDENTWURF VON FRIEDRICH WOLBERT— COPYRIGHT 1947 BY PAUL PATTLOCH VERLAG ASCHAFFENBURG— PUBLISHED UNDER MILITARY GOVERNMENT INFORMATION CONTROL LIC. NO. US-E-114. Dies ist kein Buch. Was liegt an Büchern? Was liegt an Särgen und Leichentüchern? Dies ist ein Wille, ist ein Versprechen, Dies ist ein letztes Brückenzerbrechen, Dies ist ein Meerwind, ein Ankerlichten, Ein Räderbrausen, ein Steuerrichten... aus Friedrich Nietzsche ,, Fröhliche Wissenschaft" DEN KAMERADEN DES KZ-LAGERS GEWIDMET! VORWORT. Geschichte ist und wird immer bleiben das erschüt- terndste Epos, das zu verzeichnen ist— die kürzlich verflossene Zeit deutschen Lebens insbesondere. Einen: guten Teil der Vorgänge, welche die letzten Jahre der Hitlerei kennzeichneten, jedoch der großen Menge des deutschen Volkes leider verborgen geblieben sind, hat der Verfasser versucht, in den folgenden Seiten einzufangen. Hierzu wäre zu sagen: Nach jedem herben Schicksalsschlage kommen bei uns wie bei anderen Völkern, fast mit Naturnotwendigkeit, Auslassungen zu Worte, die wie Anklagen wirken. Auch das vorliegende Buch wird eine solche Wirkung aus- lösen... ja, der Verfasser glaubt sogar schon die Kritik sich dahin aussprechen zu hören: Das Werk schwelge in Kraßheiten! Zwar fördere das Leben solche zutage, das sei richtig; aber der Schriftsteller dürfe sie den Lesern nicht vorsetzen.... Dahingegen sei betont: Falls es sich um eine reine Dichtung handelt, mag der Kritiker mit seinem Urteile recht haben. In den nachfolgenden Seiten ist jedoch etwas anderes— darf man gar sagen: Mehr?— beab- sichtigt, nämlich: Es soll darin als übergeordnetes Prin- zip die Pflicht vorwalten, schonungslos wie ein Chirurg den Herd einer Wucherung freizulegen, und hiermit auf- zudecken, wie weit und wie tief das Übel sich entwickelt hat, damit dem Kranken und seiner Umgebung kein Zweifel über die Schwere des Falles verbleibt. Gewiß ist der Grimm die Wurzel aller Dinge, um mit Jakob Böhme zu sprechen. Aber keine einzige Zeile dieses Buches ist im entferntesten von antideutscher Gehässigkeit diktiert. Vielmehr liebt der Verfasser sein Vaterland so ehrlich über alles, daß aus ihm nichts anderes als vollste Erbitterung über den verbrecherischen Dilettantismus sprechen muß, der das Leid dieser Jahre über uns alle, die wir deutsch empfinden, herbeigeführt hat. as -6Nur wer sein Volk so liebt, darf auch so schelten! Nehme deshalb niemand an, daß der Verfasser etwa dollarhörig oder anglophil oder sonstwie ,, auslandsbesessen" sei, ebenso wie Halb- oder Volljude, um im Nazijargon zu reden. Sondern man sage sich, daß nur der härteste Ausdruck dem ungeheuren Ernste eines Themas, wie es hier erörtert wird, angemessen ist... wenn die gewissenlose Falschmünzerei der Begriffe, die ausgehöhlten Phrasen, die unredliche Schieberei mit pseudo- geistigen Gütern, die seelische Verluderung unseres Volkes und die sprachliche nicht minder wie die moralische Unzucht jener Tage kurz: All die beispiellosen Untaten gegen deutsches Gut in ihren Einzelheiten an einem menschlichen Leidenswege gekennzeichnet werden soll. - Und wofür solches Bemühen? Damit in Deutschland niemand glaube, das Schicksal habe ihm selbst oder seinen Gefährten Unrecht getan. Damit er vielmehr einsehe, wenn die nachfolgende Zeit Bitterschweres über ihn bringen sollte, daß wir alle und jeder einzelne ein gerüttelt Maß an Schuld mittragen an dem Weltgericht, das die Weltgeschichte nunmehr abhält.... Es gehört einfach zur notwendigen Hygiene des Geistes, Sümpfe und Kloaken von Zeit zu Zeit zu sichten, zu lüften und damit zu ihrer Beseitigung beizutragen. Wie stets bei solchen Aufgaben ist die Zustimmung der Gegenwart weniger wichtig als die bedingungslose Hingabe an Offenheit und Klarheit. • · Diesem Grundsatze ist der Verfasser bemüht gewesen zu folgen. A. W. CONRADY. E IN DER GEWALT DER GESTAPO. Peut-&tre que souffrir n’est autre chose que vivre plus profondement! Vinet BEINAHE ENTRONNEN. Eine kurze Pause tritt ein, nachdem der Gestapomann den Häftling aufgefordert hat,,sich zu setzen. Das Zimmer, in das sie beide eingetreten sind, er- innert mit seinem eleganten Waschtisch, dem zwei- türigen Schrank aus Kirschbaumholz, dem bunten Tep- pichläufer und den Wandtapeten von dezenter Farbig- keit noch stark an das Gastzimmer eines nahezu erst- klassigen Hotels, das es ja auch gewesen ist; nämlich in den guten Zeiten vor der sog.„‚Befreiung“ Wiens, also bis zum März 1938. Heute schreibt man im wieder ‚„heimgekehrten“ Österreich das Jahr 1939 tragischen Angedenkens und zwar den letzten Tag im Monat August.... Dies Datum ist für das Kommende von Bedeutung. Der Häftling läßt seinen Blick durch das Fenster schweifen, das auf den Donaukanal hinausgeht. Im Blatt- werk der Bäume an der Promenade längs des Quais zeigen sich bereits die ersten Anzeichen eines frühen Herbstes. Verdorrte gelbe Blätter schaukeln melancholisch an den schwarzen Zweigen wie Hingerichtete an ihrem Strick.... Dann gleitet sein Blick über die Wände. Flüchtig und mit ersichtlicher Gleichgültigkeit aufgehangene Photos schmücken sie nunmehr: Links das fett gewordene Cäsarenhaupt Hermann Görings, ehemals wirklich ein imposanter Kopf, heute nur noch der Typ eines kraft- meierischen Poseurs, jeder Zoll— möchte man sagen— ein Generalissimus, umringt von einem unsichtbaren - - 8- - Hermelin und dem Gekicher der Welt. Nun ist er sogar Reichsmarschall geworden und doch bloß ein ,, Unteroffizier großen Stils" geblieben, um mit Heinrich Treitschke zu reden. - Aber da hängt ja auch das Photo des eigentlichen Machthabers über das gegenwärtige Deutschland und über diese Räume insbesondere: des Reichsdämons Heinrich Himmler, des Diktators der Diktatoren, der sie alle wie Marionetten in der Hand hält... sein Bild zeigt Kneifergläser, die vor eitlem Selbstbewußtsein funkeln; Lippen, die von Eigensinn und Engherzigkeit sprechen. Es ist das Gesicht einer feisten Ratte alles in allem vielleicht der Idealkopf eines Haushofmeisters oder besseren Lakais... aber die wenigsten Menschen werden auch nur ahnen, welche diabolischen Kräfte in diesem verruchten Manne und Massenmörder wohnen. Seine Füße müssen von Blut umflossen sein, sein Gewand schwer und feucht von Tränen - - - Sein Blick hat etwas von dem tückischen Auge einer Hyäne hinter Gitterstäben, seine aalglatte Miene die Schleimigkeit des skrupellosen Intriganten... und wieviel Niedrigkeit und Sadismus verbirgt sich hinter der pappledernen Würde, die sein Schutzschild nach außen ist. Dank seiner Initiative hat sich die Geheime Staatspolizei zu jenem überscharfen Instrument entwickelt dem Fluch über Deutschland! das den nichtigsten Vorfall zu einer Haupt- und Staatsaktion aufbauscht und ihn den überlasteten Gerichten zuführt oder haltlos Verdächtigte in den Kz- Lägern verschwinden läßt.... - ,, Le genie du mal", würden die Franzosen ihn nennen oder wie Schiller über Drako spricht: ,, Ein Mann ohne Mitgefühl, der der menschlichen Natur nichts Gutes zutraut, alle Handlungen bloß im Spiegel seiner eignen trüben Seele sah und ganz ohne Schonung für die Schwächen der Menschheit war"- Denn hart sein darf nur, wer auch ein Herz hat. Noch mehr freilich, denkt der Häftling bei sich, ähnelt er Robespierre, der auch seine kalte Grausamkeit hinter einer schwammigen Noblesse verbarg. hier -9Robespierre, dort der massive, redegewaltige Danton! Natürlich hatte der Führer' an diesen Wänden so wenig etwas zu suchen als der, Marat' der Bewegung: Joseph Goebbels. Und was sollte Hitler auch hier, offengestanden? Er ist doch längst in den Händen jener beiden Auguren dort. Ein leiser Schauer läuft dem Häftling beim Anblick der Bilder über den Rücken. Das blitzartige Aufzucken der Augenbrauen verrät mehr von seiner Verachtung dieser Gesellen und ihres Treibens als stundenlange Erklärungen vermöchten.... Wie lange wird es noch dauern, denkt er flüchtig bei sich, bis ihr offenkundig zu , Amokläufern gegen die gesamte kultivierte Welt' geworden seid? Dann betrachtet er den Beamten, der ihn hereingeführt hat. Sein Verlangen kann nicht von wesentlicher Bedeutung sein, sonst hätte die Gestapo niemals ein solch altes Faktotum, im Gamaschendienst ergraut, damit beauftragt. Endlich hat der schwerfällige Mann den richtigen Akt gefunden und liest zur Bestätigung nochmals vom Deckel den Namen des Häftlings ab: ,, ROBERT PAUL JORDAN, geboren am 17. 11. 1895 zu München, von Beruf......" Er stockt dabei und hebt überrascht den Graukopf. ,, Woas san's?" fragt er in unverfälschtem Wienerisch. ,, An Oberst im Generalstab san's?" ,, Nun ja", versetzt der Häftling schlicht. ,, Was weiter?" - - ,, Na hören's!" Das graue Schreibstubengesicht kann sein Erstaunen noch nicht verwinden. ,, Ja alsdann hat Eana Ihr Kommando nöt z'Hilf komma könn'?" ,, Gewiß hat es alle Hebel in Bewegung gesetzt, mit dem Erfolge, daß meine Lage nur noch aussichtsloser wurde!" Als der Oberst aber sieht, wie verständnislos das alte Faktotum den Kopf schüttelt, eines jener völlig harmlosen Instrumente eines bösen Willens, die von der früheren Polizei Österreichs zu nebensächlichen Arbeiten - IO in die Gestapo übernommen worden sind und in keiner Weise an dem schlechten Rufe mitschuldig sind, den seine neue Behörde mit Recht in der ganzen Welt genieẞt da bricht er die Diskussion mit einer resignierten Handbewegung ab. Denn wie soll ein so hartmäuliger Kopf in seiner hölzernen Naivität die Schliche der Gestapo und ihren tiefen Kontrast zur Wehrmacht begreifen, insbesondere zu jenem Kreise von Nachrichten- Offizieren um ihren Chef, Admiral Canaris, die sämtlich der Gestapo als erklärte Gegner Hitlers bekannt sind, ein Faktum, das erst viel später mit dem Falle Stauffenberg der breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis kam... nein, das dürfte wohl weitaus den Bereich jenes Horizontes übersteigen. ,, Kommen wir zur Sache, Herr Kommissar", lenkt der Häftling deshalb ein. ,, Was hat meine Vorführung aus dem Gefängnis zu bedeuten?" Nun findet der Beamte wieder zur Sache zurück und spricht vollkommen monoton, als ob er Worte aus den Akten ablesen würde: ,, Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß Sie nunmehr zur Entlassung kommen! Darum handelt es sich...." Wieder tritt eine Pause ein, in der keine Antwort von Seiten des Häftlings kommt. Nur ein tiefes, fast stöhnendes Atemholen ist von ihm zu hören. Sein Antlitz ist plötzlich bleich bis an die Lippen vor freudiger Überraschung geworden. Du lieber Himmel, denkt er, eigentlich müßte ich dem alten Schnauzbart um den Hals fallen! Denn auf eine so glimpfliche Weise, wie es nun scheint, den Krallen der Gestapo zu entkommen, selbst wenn man noch so unschuldig ist, das... nun, das hätte er sich zum mindesten nie träumen lassen nach dem vollen Jahre Haft, das er bereits hinter sich gebracht hat. Über der Gestapo unerforschliche Ratschlüsse zu grübeln, führt zu nichts. Es gibt bei ihr so wenig wie bei Gott ein, Warum'. Aber nun ist es also wirklich so weit.... Und wie tief innerliche Freude sofort jeden Menschen umstülpt, verändert sich auch sein bisher stoischer Gleichmut im - II Fluge. Er streicht seinen Rock glatt, fährt mit raschem Griff an seinen Hemdkragen, an dem störender Weise die Krawatte fehlt, weil sie dem Gefangenen laut Polizeivorschrift abgenommen wird... und macht dann spontan ein paar Schritte auf dem Teppich hin und her, seine Erregung zu meistern. Der Graukopf am Schreibtisch hat wohl eine Äußerung von ihm erwartet und sieht ihm nunmehr nach; nicht mit inquisitorischem Blick, sondern vollauf wohlwollend- die jahrzehntelange Übung hat ihn ja erfahren gemacht im Beurteilen von menschlichen Erscheinungen. Er sieht im Gang des Mannes die federnde Gewandtheit des geübten Bergsteigers und Fechters, wenn auch jetzt ein wenig eingerostet durch die Haft. Am Kopf erkennt er, daß ihn das Leben streng in die Arbeit genommen hat. Das scharfgeschnittene Gesicht mit der breiten Stirn ist überaus männlich und von dem geprägt, was die Intelligenz aller Nationen kennzeichnet: dem Stigma geistiger Strapazen. Nur durchleuchtet jetzt das Antlitz eine stille Freudigkeit; die aus dem Herzen quillt. Sehr sensitiv ist der Mund, um den ein Willenszug stark eingemeißelt ist.... Ungewöhnlich groß sind die Augen. Aus ihnen spricht der ruhige Blick eines Mannes, der von sich weiß: Nur innerliche Arbeit an mir selbst hat mich reich gemacht, nicht irdischer Gewinn! Dennoch ist er einer von denen, die mit den Augen zu lachen verstehen, die Welt und ihre Reize voll bejahend bei aller sonstigen Ernsthaftigkeit-- also alles in allem eine harmonische Persönlichkeit in ihrer Vereinigung von Milde und Tatkraft. Nach solcher Betrachtung setzt die Stimme des Beamten wieder knarrend ein. ,, Wir müssen noch die Papiere durchsehen, die vor einem Jahr bei der Durchsuchung Ihrer Wohnung als verdächtig mitgenommen worden sind, samt Ihrer Armeepistole..." 66 Er bückt sich zur Seite und holt aus dem Schatten beim Fenster ein schmales Köfferchen aus Rindsleder hervor, bedeckt mit Hunderten von bunten Hotelzetteln.... Als Jordan- oder wie wir ihn künftighin abgekürzt nennen wollen:, BERT- dieses Zeugen seiner - 12- Reisefreudigkeit ansichtig wird, stößt er ein leises ,, Aha!" aus und nickt dem Freund so mancher lustvollen Fahrt durch sonnige Gefilde, dem Genossen so mancher nicht immer bequemen Übernachtung erheitert zu ,, Alsdann gehn ma's an!" brummt der Beamte, läßt die Schlösser aufschnappen und legt erst bedächtig beiseite, was zu oberst liegt: die schwere Parabellumpistole in ihrem braunen Lederetui. Hernach folgen Briefe mit Maschinenschrift, Durchschlagblätter, Privatschreiben, Notizbücher, Kalender mit Angaben über den jeweiligen Tagesverlauf alles durcheinander, wie es eine überhitzte Hermandad an der Fundstelle aufrafft und wegschnappt. - Kopfschüttelnd sieht Bert zu, wie der Beamte ein Papier nach dem andern herauslangt. ,, Lassen wir doch das alles beisammen", ruft er mit wegwerfender Gebärde. ,, Ich gebe Ihnen darüber generelle Empfangsbestätigung und Schluß!" Jetzt, wo ihm positiv die Freiheit winkt, kommt ihm jede Minute hier drinnen unleidlich vor. Aber er hat sich in seinem Gegenüber getäuscht. In solchem Kleinkram glänzt ja grade eine Natur wie die seine. Er bleibt unerschütterlich.... ,, Na, na, wo denken's hin? Dös muaẞ alls protokolliert wer'n genauestens, jawoll!" - Und nach diesem entschlossenen Wort spannt er auch schon einen langen Bogen in seine Maschine und fordert Bert auf, ihm die Kennzeichnung jedes einzelnen Beutestückes zu diktieren. Der Häftling fügt sich seufzend. Gegen soviel protokollsüchtige Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Die Arbeit zieht sich zwei volle Stunden hin. Dann erst wirft der Gestapomann das ganze Zeug wieder wahllos in das Köfferchen hinein, legt den Reisepaẞ, Wehrpaß, Führerschein obenauf und drückt die Schlösser wieder zu.... Und während Bert unterzeichnet, macht sich der Beamte ausgangsfertig, steckt sich eine dünne, schwärzliche Virginia in den Mundwinkel, ergreift das Köfferchen und gibt Bert ein Zeichen, das auf gut Wienerisch besagen will:, Geh- ma, Euer Gnaden!" Hinunter geht es die gewundene Dienstbotentreppe - 13des ehemaligen Hotels Metropol bis zu dem Wachposten, der den Ausgang ins Freie kontrolliert. An der Hinterfront des Gebäudes betreten sie die Gasse, die eine Querstraße zum Quai bildet. Draußen beginnt eben der Spätsommerabend müde zu verglimmen. Weich und fast noch schwül ist die Luft unter einem schwach mit Dunst verhängten Himmel. Der Häftling atmet auf. Ein leichter Wind kommt auf ihn zu und streicht ihm warm und zärtlich an den Wangen entlang. Es fallen nicht viel Worte zwischen ihnen. Der alte Beamte geht mit gesenktem Kopfe wie ein störrischer Maulesel, der an seinem Gebiẞ zerrt. Berts Augen dagegen leuchten nun vor Freude; er trägt den Kopf erhoben und schaut. - Da liegt nun sein liebes Wien da, in der Verträumtheit seiner Breite, mit dem unendlich feinen Klingen, das immer ob seinen Türmen, seinen Bergen in der Luft ist. Und mit den Schritten der gemächlich dahingehenden beiden Männern denn wer hat schon mal einen Wiener Beamten im Dienst sich beeilen gesehn? mit ihnen geht, wie gesagt, dies geheime Tönen einher wie ein altes, taktmäßiges Volkslied. - - Wer dem Pulsschlag einer Stadt lauscht, dem Pochen jenes Herzens, das in jeder Menschensiedlung schlägt, wird den Unterschied anderer Städte zu Wien sofort herausfinden. Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen und Zurückstoßen anderer, die Brutalität des Geldmachens wie anderwärts, ebenso wie die hastige Gier im Genießen fehlt im Gegensatz zu Berlin... und das alles empfindet ein Mensch wie Bert als einen Segen. Als er so neben dem behaglich schmauchenden Beamten einhergeht, den Quai entlang, mit dem Blick auf den Kahlenberg, der in bläulichem Silberdunst schwimmt, da blickt er im Lustgefühl der bevorstehenden Freiheit mit wachen Augen in viele Gesichter, an denen er wohl früher vorbeigegangen wäre... und wieder fällt ihm auf: wie erschreckend hat sich diese einst so lebensfrohe Stadt seit ihrer Besetzung durch die Nazis verändert! Diese Stadt feiner, blühender Natürlichkeit. - 14Gewollt haben die Vereinigung mit dem Dritten Reich unter Hitler ja ohnehin nur ein paar politische Abenteurer und wirtschaftlich Schiffbrüchige, die an fetten Pöstchen interessiert waren abgesehen freilich von einigen Renegaten mit dem typischen Übereifer dieser Gattung.... Aber auch ihr Begeisterungsrausch war rasch verflogen, und über das Gemüt der anderen war lähmendes Entsetzen gekrochen sie, die doch sonst die schärfsten Gegner jeder Sauertöpfigkeit sind. - Aus ihnen sind Menschen geworden, die im Schraubstock der Verstellung und Heuchelei stecken- oder auf den Trümmern ihrer bürgerlichen Existenz nach den blinden Scherben ihrer einstigen Zufriedenheit suchen, nachdem das halbe Land eine Richt- und Schädelstätte geworden ist.... Wahre Konvulsionen von Furcht schütteln dies Phäakenvolk nun. Kühle Vernunft ist machtlos geworden. Hastig eilen ein paar Menschen auf den Straßen dahin und grüßen sich halblaut und kurz. Mit kargen Worten sprechen sich Bekannte an. Ein bedeutsamer Händedruck besagt jetzt mehr als früher lange Reden. Denn jeder muß sich aufs äußerste mit seiner Zunge hüten. Und rund die Hälfte der Einwohner, das kann man annehmen, hat schon selbst oder im Verwandtenkreise mit der Gestapo fatale Fühlung bekommen, meist wegen der lächerlichsten Verdächtigungen... warum? Weil es sich eben beim Nazitum niemals darum dreht, daß die Menschen leben können, sondern daß nach dessen verstiegenen Richtlinien gelebt werde, auf Biegen und Brechen und so strotzen die Zellen aller Gefängnisse gradezu voll Inhaftierter, ebenso wie schon Zehntausende von Wienern die Kz- Lager der SS. füllen.... - Und wer gedenkt der Allzuvielen, die noch im Verborgenen fluchen und klagen und lieber sich verzweifelt am nächsten Baume selbst erhängen, als der Gestapo in die Hände zu fallen... ja, denkt Bert, das Stadtbild hat sich wenn die es überall durchdringende Natur nicht wäre in einer Weise verändert, daß er glauben möchte, neue Augen bekommen zu haben... das ist bestürzend! - - - - 15- DIE WARTEZEIT. Inzwischen sind die beiden Männer an der Kaserne vorbei, vor das Tor der, Liesl' gelangt, dem Polizeigefängnisse, von den Wienern spaßhaft so genannt, weil es an der Kaiserin Elisabeth- Promenade gelegen ist. - ,, Alsdann geh'ma eini!" murmelt der Beamte zwischen den Zähnen, die noch immer den erloschenen Stummel festhalten. Sie treten durch die enge Glastür ein, passieren die übliche Kontrolle am Eingang. Dann geht es in die Aufnahmekanzlei, in der eine Menge bärtiger Typen alt- österreichischer Polizeiorgane vom brummigsten Kaliber hocken... hier fällt noch einmal zu Berts lebhafter Befriedigung das Wort: ,, Der hier kommt zur Entlassung!" wobei eine Reihe miẞbilligender Blicke über tiefsitzende Augengläser hinweg ihn treffen. Nunmehr läßt Bert den Gestapomann bei dem Knäuel plaudernder Schergen zurück und geht auf das anschließende Kämmerchen zu, das jedem Häftling ohne Ausnahme am meisten verhaßt ist, weil ihm hier bei seiner Einlieferung kurz und bündig alles abgenommen wird, was für die Gefangenschaft als schädlich oder entbehrlich angesehen wird; als da sind: Hut, Taschentuch, Kragen, Krawatte, Hosenträger, Leibriemen, Taschenmesser, selbst Kamm und Schuhriemen; selbstredend alles Rauchzeug und Zündhölzer, Brieftasche, Uhr, Schreib- und Schmucksachen und so weiter... Zur knappen Not läßt man ihm, wie der Laie sieht, soviel, um seine Blöße zu bedecken. Geist, Gemüt und Schönheitssinn freilich dürfen weder abgegeben noch mitgenommen werden. Ihrer hat sich der Häftling in deutschen Gefängnissen bereits draußen zu entledigen. Mit dem befriedigenden Gefühl, daß auf die Hergabe all dieser Dinge für ihn nun bald der Rückempfang folgen werde, durchschreitet Bert die Kammer, ohne sich um die Beamten darin zu kümmern und kommt wieder in den Hauptgang zurück, um die große Treppe zum dritten Stockwerk hinaufzusteigen, woselbst seine Zelle gelegen ist. - gl Gitter überall, mächtige, schmiedeeiserne Gitter mit Türen, die unter hallendem Krachen zuschlagen, wenn sie jemanden passieren lassen. Aber das sieht Bert fast nicht mehr. Er hat ja das Leben hier drinnen vom ersten Tage an betrachtet als eine Pause in seinem normalen Dasein, die er so gut es geht ausfüllen muß mit dem Studium der Merkwürdigkeiten, die sie ohne Zweifel in Fülle bietet, bestärkt durch den Leitsatz Talleyrands: ‚Avec un sourire sur ses levres et un front d’airain, on va partout!‘ Allerdings: wie hatte sich am Anfang in ihm dennoch ‚das lebens- und freiheitslüsterne Ichgefühl aufgebäumt— lächerlich wäre es, das zu vertuschen. Sein inneres Gleichgewicht hatte er erst dann wiedergefunden, als er sich zu der elementarsten Philosophie durchgerungen hatte; nämlich alles gehen zu lassen, wie es eben nach Gottes Willen gehen will.... ‚Äußerlich unterworfen, innerlich frei!“ wie es in Mark Aurels Tagebuch zu lesen steht. Nun— jetzt ist es vorbei... vorbei... vorbei! In ‚diesem Rhythmus klopft er mit einem Geldstück, dem ‚einzigen Metall in seinem Besitz, an eine Gitterstange vor dem Eingang zum dritten Stockwerk, bis der dienst- tuende Aufseher kommt, um ihm aufzuschließen. Es ist dies ein besonders freundlicher, ihm von jeher ‚gewogener Mann, namens Hofbauer. Erklärter Nazi- gegner im geheimen, respektiert er in Robert Jordan den Offizier wie den korrekten Menschen, der ihm dank seinem Taktgefühl niemals die geringste Schwierigkeit ‚gemacht, sondern öfters mitgeholfen hatte, die anderen zur Besonnenheit anzuhalten... was bei der Überfüllung der Zellen mit Menschen, die nichts verbrochen hatten und fast nie zu einer Vernehmung geholt wurden, gewiß nicht immer leicht wurde. „Ö-öha, da san mehr wieda— habe die Öhre, Herr Oberst‘, begrüßt ihn nahezu devot der Beamte, eine voll- saftige, humorvolle Natur mit schlichtem, ehrlichen Ge- sicht unter dem grauen Lockenhaar. ‚Kommen’s nur eini! I hob’s eh’ schonst g’hört von Eana durchs Tele- NEIN ARE - 17- phon: Sö gengan's auf F.F." Das bedeutet:, auf freien Fuß'. Natürlich behandelt er jetzt Bert nicht mehr als Häftling, sondern nur noch als einen Bedauernswerten, an dem man eigentlich vieles wieder gut zu machen hat.... ,, Bleiben's doch no' a' wing bei mi' in mei' Kammer zum Plauschen! Der Zettel für Eana muẞ eh' glei' kumma!" ,, Gut", willigt Bert ein. Das kann man ja tun. Warum diesem braven Manne nicht gefällig sein. Er setzt sich an das einzige Ausstattungsstück des schmalen Raumes, einen gelblich gestrichenen Tisch, auf dem sich eine Gefangenenliste und das Telephon befindet.... Aber zum Plaudern kommt Hofbauer nicht. Ohne Unterlaẞ wird er abberufen, muß die Gänge des weitläufigen Stocks entlanggehen, Zellen auf- und zuschließen, den Hausarbeitern Anweisungen geben und bei alledem muß er furchterregend mit seinem gewaltigen Schlüsselbund klirren, was leider eine Leidenschaft von allen ist. - Seine Abwesenheit stört aber Bert keineswegs, im Gegenteil: er berauscht sich im Alleinsein erst richtig am Ausgestalten des ihm bevorstehenden Glücks; des Bewußtseins, alles wieder umfassen und genießen zu können, was ihm bis vor einem Jahre das Dasein erst lebenswert gemacht hat, alles Abscheuliche dieser Sphäre hier von sich stoßen zu dürfen... ach, zuerst gleich ein Telegramm an die getreue, gute Schwester in München, mit der er seit ihrer Witwenzeit Haus und Dasein teilt und die in rührender Gewissenhaftigkeit ihn während der argen Monate laufend mit Geld und Post versorgt hat, immer bangend, ihm keinen erfüllbaren Wunsch unerfüllt zu lassen. - - Und wer noch?- Frau und Kind hat er gottlob nicht. Aber da legt er wie unter Zwang seine Hand vor die Augen und plötzlich, mit all den Ideen, die um seine Befreiung kreisen, schießt ein fremdrassiger Mädchenname in seiner Vorstellung auf, wie ein am nächtlichen Himmel auftauchender Komet... nimmt mit Selbstherrlichkeit sein Denken so völlig gefangen, daß 2 Conrady, Amokläufer. - 18seine Lippen sogar halblaut den Namen, Iřina flüstern, und ein glückseliges Lächeln dabei um seinen Mund spielt.... Seht an: der Gefangene beginnt zu träumen, regelrecht zu träumen inmitten einer Atmosphäre, die jeder seelischen Versponnenheit so gründlich abhold ist; inmitten einer öden Amtsstube, wo es nach Schmierseife und kaltem Pfeifentabak riecht, einem Raum mit fleckigem Fichtenmobiliar von ärarischer Plumpheit und trostlos nüchternen Wänden Da stürzt Hofbauer wieder zur Tür herein, wirft den klirrenden Schlüsselbund mit Wucht auf den Tisch, stemmt die Fäuste in die Seiten und fragt: ,, Nu', was is? Kruzitürken, hot sich no' nix g'rührt?" Und als Bert gelassen verneint, tröstet ihn Hofbauer gutmütig: ,, No, wird scho' no' kumma!" Damit schießt er schon wieder hinaus auf den Gang. Die arbeitsreiche Zeit des Nachtessens naht heran. Der Häftling sitzt bedachtsam weiter auf seinem Stuhl. Einen Trost braucht er weiß Gott nicht. Denn Ungeduld kennt er seit langem nicht mehr. Das Dasein hier drinnen war ein Logarithmus in der großen Rechenaufgabe seines Lebens gewesen, mehr nicht... aber nochmals: wie hat sich das mit Iřina damals zugetragen? - - Aus dem Prager Abenteuer eines Junggesellen war ein Liebeserlebnis von umwälzender Bedeutung geworden, das ihn den reifen, welterfahrenen Mann durch und durch rüttelt, sobald seine Gedanken nur in dies Glutmeer der Erinnerung tauchen ja, machen wir uns nichts vor, lieber Freund, es ist nicht anders und nun steigen diese Stunden von neuem in verstärkter Frische vor seinem geistigen Auge auf: Nach einem Tage voll angestrengter Berufsarbeit beim Militärattaché in Prag hatte er nicht recht gewußt, was er mit dem Abend anfangen sollte- da hatte er sich wie gewohnt in Schwarz gekleidet und den leichten Sommermantel übergeworfen; war nach Letnà hinaufgefahren, um in den Anlagen am hohen Moldauufer noch bis zum Anbruch der Dunkelheit die frische Abendluft zu - 19- genießen... ach, dies jung gewordene Prag schäumte ja förmlich vor Lebenshunger und Tatendrang. Es baute und verschönte sich. Es jubelte, musizierte und genoẞ das bunte, breite Dasein mit dem guten böhmischen Essen, schwer und gediegen, dem unvergleichlichen Bier und den sinnlichen Freuden, denen die Slaven so gern zuneigen-hurra, die jahrhundertealten Fesseln des Hauses Habsburg waren zersprengt, man war frei! Da sah Bert zum ersten Male seitwärts das Hotel Splendid liegen, das in einem Transparent seine Küche und seine Tanzbar anpries... nun bitte, es verlockte ihn, er trat ein; bekam ein gutes Nachtessen serviert und ließ sich von dem Maître d'hotel bewegen, auch noch die im Souterrain gelegene Bar kennenzulernen. Der schlanke Frack, der ihn auf dem Weg dahin führte, flüsterte ihm ins Ohr: - - ,, Seit heute haben wir eine Neue unter unseren Damen, zwar Anfängerin in jeder Hinsicht der Herr Baron werden mich schon verstehen!- aber wirklich was für Kenner...." Dabei küßte er mit genießerischem Blick seine Fingerspitzen. ,, Hm so, so!" hatte Bert trocken geantwortet und dann in der noch leeren Bar Umschau gehalten. Solche Anpreisungen liebte er nicht sehr.... Doch ja- allerdings! Da war unter den Damen, die zur Tanz- und Zechgesellschaft einsamer Gäste engagiert waren, eine Erscheinung von nicht alltäglichem Reiz zu bemerken, ganz ungewöhnlich in Sonderheit hier unter diesen Geschöpfen, die zumeist so verblichen sich ausnahmen wie die Ausstattung möblierter Zimmer. Für die Neue dagegen war kein Prädikat zu hoch gegriffen. Ein schlechthin entzückendes Geschöpf! Die leicht gewölbte Stirn unter dem kastanienbraunen Haar, die gerade, kurze Nase, der verführerisch geschwungene Mund, das kecke, energische Kinn mit dem Grübchen und ein wenig Lächeln in den Wangen bildeten einen vollendeten Zusammenklang. Dazu fügte sich das Braun ihrer Augensterne prächtig zu der etwas blassen Gesichtsfarbe. Und gerade diese Augen fesselten ihn sofort am 2* 20 - stärksten: es ging ein Strahl von solcher Reinheit und dabei Festigkeit des Charakters von ihnen aus, daß er und sofort empfand, wie völlig fehl sie betroffen war - hier am Platze war. Er bat um ihre Gesellschaft und war erstaunt, wie gut sie deutsch sprach, die Laute, die man im tschechischen Prag kaum noch bei der Jugend antraf. Und mit der etwas dunkeln, gleichsam satten Stimme der Slaven, ein wenig singend im Tonfall, antwortete sie: ,, Ich bin in Nürnberg als Kind eines ehemals österreichischen Konsulatsbeamten aufgewachsen und in die Schule gegangen. Nun, wo sie neben ihm saß, erkannte er erst, warum ihn ihre Erscheinung so über die Maßen bestrickte- es war die Erinnerung an ein Bild, das er besonders liebte.... Kennst du, lieber Leser, das meisterhafte Porträt der Nelly O'Brien von Joshua Reynolds?- Es war zugleich das täuschende Abbild dieser Tochter Böhmens, wie ja überhaupt die Bewohner der grünen Insel Irlands eine frappante Ähnlichkeit mit dem tschechischen Volk, zum mindest dessen Weiblichkeit haben. Es ist ihm, als ob diese schöne Nelly O'Brien aus ihrem Rahmen gestiegen und neben ihm Fleisch und Blut angenommen hätte und zu ihm spräche in rasch vertrauter werdenden Wendungen.... Es währte nicht lange, so waren sie beide in eine Sphäre wohliger Aufgeschlossenheit eingehüllt. - Seltsam, überaus seltsam, gestand er sich im stillen. Da saẞ er nun in einer Umgebung, die auf unbeschönigte, nüchterne Erotik abgestimmt war, gar noch in einer so genuẞsüchtigen Stadt wie Prag, mit einem Geschöpf von begehrenswertesten Reizen zusammen und empfand doch ihre Gegenwart wie die einer zarten, zu behütenden Schwester.... Denn sie wahrte in ihrem Gebahren und Sprechen so vollauf die Haltung einer Tochter aus gutem Hause, daß er nichts anderes als die Dame, die gesellschaftlich Gleichgestellte in ihr ehrte. Unvermeidlich war freilich seine Frage, wieso sie hierher käme, in diesen unmöglichen Rahmen, wenn auch erst seit ein, zwei Stunden?— So erfuhr er, daß ihre Eltern rasch hintereinander gestorben wären und Kran- kenhaus samt Begräbnis das bißchen Erbe aufgezehrt hätten. Sie selbst wäre hierdurch aus Schule und Heim gerissen worden. Anstellung ohne Verbindungen zu finden wäre auch in Prag äußerst schwer... so habe eine Nachbarin, die hier Garderobenfrau wäre, ihr empfohlen, fürs erste mit dieser Stellung als Unterschlupf es zu ver- suchen—— „Und nun—?“ fragte Bert weiter, obwohl er in ihrer Miene schon das Weitere ablas. ‚Es ist unmöglich für mich, hier zu bleiben, wie ich sofort einsah und nur nicht brüsk davonlaufen wollte... aber nie wieder!“ „Nein“, kam es sogleich von seinen Lippen.„Und zwar nicht einmal eine Stunde länger! Lassen Sie mich bitte das arrangieren!“ Es dauerte nun noch eine kurze Weile, so gingen sie beide in den dunklen Park hinaus. Sie überließ ihm wie selbstverständlich ihren Arm— und sie versanken beim Gehen, beim Plaudern in jene wundersame Gelöstheit von aller Umgebung, vom Trubel der Nüchternen um sie, so daß er sie stundenweit hinaus begleitete bis zu ihrer Wohnung im Vororte Vysotany... er spürte dabei, daß diese Augen, diese beschwingte Anmut in ihm ein dunkles Sehnen empordrängte, das er in all den rüstigen, regen Jahren seiner Mannheit stets zur Seite geschoben hatte: die sanfte Neigung zu einem Wesen, das ihn ver- stehen und lieben und um ihn sein könnte.... daserkannte er intuitiv; aber statt sich zu sträuben, gab er sich dem Rausche hemmungslos hin. Und als sie endlich schieden, war ihr gemeinsamer Plan festgelegt: schon morgen würde sie in das kinderlose Haus einer.ihm befreundeten Familie im schönen Stadt- teil Devite übersiedeln, für die es nichts Lieberes gab, als ihm gefällig zu sein und die ihre gesamte Fortbildung übernehmen würde. So geschah es. Die Freunde waren von ihrem Einzug beglückt und nahmen sich in herzlichster Weise ihrer an.... Aber als Bert schließlich abfahren mußte, brachte - 22 - ihn Iřina zur Bahn, obwohl er es eigentlich abgelehnt hatte. Und als er auf dem Trittbrett seines Waggons nach München stand, da zog sie plötzlich mit einer zwingend ernsten, fast gemessenen Bewegung seinen Kopf zu sich nieder und küẞte ihn mit geschlossenen, kühlen Lippen auf beide Augen... so feierlich und schmerzvoll zum Abschied geschah das, als wüßte sie, daß er nicht mehr wiederkommen würde. Zu Haus mußte Bert mit aller Gewalt in eine streng geregelte Tätigkeit eintauchen wie in ein eiskaltes Bad, um seine Nerven zu beruhigen und das Herz von dem Lockbilde aus Prag loszureißen... er, der ernste Mann, hing dem Erleben mit dem jungen Mädchen wie einem Wendepunkt in seinem Leben nach-- war das nicht eigentlich absurd? Es erging ihm eben wie Balzac: er wußte alles vom Weibe, aber nichts von der Liebe! - Aber zum Teufel, das menschliche Anrecht auf eine holde Torheit hatte er ja schließlich auch. Ringsum begann in der großen Welt der Politik der Boden heiß und schwankend zu werden- warum sollte nicht auch die eigene Vernunft einmal einen Tanz eigener Art aufführen? Was ist des Menschen Herz doch für ein Beutel voll Wind!! Tja und nun, lieber Freund? Immer war sie ihm während dieses bitteren Jahres seiner Haft das süße Erinnern ,, das Leben im tiefsten Innern' gewesen, um mit Goethes Annalen zu reden. Freilich hatte die kluge, gute Schwester seine Wünsche schon aus den brieflichen Andeutungen und den Zuschriften Iřinas an ihn erfahren und seine Wahl gutgeheißen; denn sie hatte das Mädchen während des Sommers aus Prag abgeholt, bevor noch die Nazis es erstürmten und mit sich in ihre mütterliche Heimat entführt, das geliebte Engadin, um den Blick des jungen Menschenkindes zu weiten und ihre Art am Stil gediegenen Patriziertums zu glätten - Das war ja alles sehr schön, gewiß aber was will das für das Herz besagen? Briefe sind leider keine ausreichende Brücke zwischen zwei Herzen... ach, es ist nur zu wahr, was Nietzsche behauptet, daß der Mensch ein Pfeil der Sehnsucht sei! - - 23Und als Bert soweit gekommen ist in seinem Grübeln, schießt wiedermal der Aufseher in seine Kammer hinein, sieht den noch immer wartenden Häftling kopfschüttelnd an und platzt in die entrüsteten Worte aus: ,, Jo, gibt's denn dös aa? Der Wisch, der blöde, will und will scheint's nöt kumma Schlamperei, ölendige!" - Als Bert nur resigniert lächelt, zuckt auch Hofbauer die Achseln und meint: ,, Do kann ma' halt nix mach'n! Aba woas tuan wa alsdann mit Eana?" Er kratzt sich energisch am Hinterkopf. ,, Wissen's, i muass itzt dös Öss'n ausgeb'n- dös läßt si' nimma aufschiab'n...." ,, Tut nichts zur Sache, Herr Hofbauer", beruhigt ihn der Gefangene gelassen. ,, Führen Sie mich nur in meine alte Zelle zurück... ,, kommt Zeit, kommt Rat, denke ich mir!" - - ,, Na, alsdann", entscheidet der Aufseher erleichtert. ,, Wann's partout woll'n gemma halt!" Den Häftling an der Seite, steuert er auf die Zelle 44/ a zu, um deren Riegel und Schlösser aufzuschließen. Der Fall war vorläufig erledigt. So geschehen am 31. August des Jahres 1939. DIE ALTE ZELLE. So kam es, daß Bert noch einmal in seine bisherige Umgebung zurückgelangte.... Das Aufsperren der festen Tür mit ihren ratternden Patentschlössern ließ zwangsläufig alle Gesichter drinnen nach dem Eingang blicken. Es war im Tagesverlauf des Gefangenen so ziemlich die einzige Unterbrechung der sonstigen Monotonie. Zum Glück herrschte hier im gemütlichen Wien nicht die preußische Vorschrift, aus der dortigen unversiegbaren Lust am militärischen Drill geboren, daß jeder Häftling vom Sitze aufzuschnellen und stramme Haltung anzunehmen hat, sobald ein Beamter in der Tür erscheint. Deshalb wurde jetzt nur der Eintretende kurz von der Mehrzahl der Insassen gegrüßt, während die übrigen - 24fortfuhren, sich der Unterhaltung hinzugeben. Das Wort führte gerade ein jüngerer Mann mit Schauspielerkopf und starker Adlernase, der mit spöttischem Lachen ausrief: er ,, Da führt nun hier unser Meister Goebbels", zeigte mit dem Finger auf die Stelle des, Völkischen Beobachters', den er gerade gelesen hat ,,, der Minister für totale Verdunklung des deutschen Volkes, aus, daß durch die Erfindung des synthetischen Stickstoffes zirka 200000 deutsche Arbeiter beschäftigt werden und dem Nationalvermögen jährlich volle zwei Milliarden zufließen mag schon stimmen, aber" er sieht sich dabei triumphierend um: ,, vergessen hat der Herr hinzuzusetzen, daß diese geniale Erfindung von dem jüdischen Professor Fritz Haber stammt, den die Nazis zum Dank sofort von seinem Lehrstuhl an der Universität Frankfurt verjagten und damit schließlich erreichten, daß er sich aus Verzweiflung über sein Vaterland in Basel selbst das Leben nahm...." - Und mit verstärktem Hohne setzte er hinzu: ,, Weiterhin hat der Obernazi verpaẞt, sich wie gewöhnlich darüber auszulassen, wie zersetzend eben die Tätigkeit der Juden im heiligen römischen Reiche deutscher Nation sei: sogar die Luft zersetzen sie, um daraus den Stickstoff zu gewinnen und dem Nationalvermögen jährlich zwei Milliarden zuzuführen da sieht man wieder diese Halunken!" - Erst als er schwieg und die Gegenreden, wie stets bei aktuellen Themen, abgeflaut waren, wurde Bert nach dem Ergebnis seiner Besprechung bei der Gestapo gefragt.... Und mit einem Schlage erlosch das Interesse an Unterhaltungen. Die Aussicht, daß einer ihrer Kameraden ins Freie gelangen werde, rief sofort jene Häftlinge auf den Plan, die ständig irgendeine Nachricht eiligster Natur nach draußen gelangen lassen müssen: Weisungen an Frau und Kind, an Eltern und Freunde, alles vertrauliche Wünsche von scheinbar brennender Wichtigkeit, die aber keinesfalls die strenge Postkontrolle passieren durften. - 25- Also sollte Bert ohne jeden Verzug nach seiner Freilassung für den einen weit nach Floridsdorf hinausfahren und dort einem alten Herrn die strikte Weisung ins Ohr flüstern, er solle sofort... aber schon zerrte ein anderer Häftling Bert am Ärmel und zischte: nein, seine Sache wäre die dringendste und zwar müsse er auf dem kürzesten Wege nach Hietzing hinaus, um dort im letzten Hause neben dem Friedhofe, dritten Stock im Hinterhause, einer Frau aber er muß dreimal scharf läuten, denn sie höre schwer, ausrichten, daß sie keine Minute verstreichen lasse und ein Dritter konnte es nun nicht mehr erwarten, bis er Bert in eine stille Ecke der Zelle ziehen konnte und mit nervösem Gehabe ihm anvertraute: so hier, nur diesen Zettel müsse er fein zusammengerollt mitnehmen und damit nach Haindorf fahren der nächste Zug dorthin ginge dann und dann im Orte selbst habe er nach dem Meister X. X. zu fragen, der werde ihm - - Und so ging es ad infinitum weiter. Bert hatte das gleiche schon oft beobachtet und wunderte sich deshalb nicht mehr... ebenso wußte er, daß die Ablehnung solch extravaganter Wünsche den Betreffenden keineswegs in Bestürzung versetze, sondern ihr Begehren schon im nächsten Augenblick vergessen sei..., es sind eben im Grunde genommen schon Psychopathen, die ihn bestürmen; denn wer auch nur eine Woche in Haft sitzt, ist nicht mehr mit dem normalen Maßstabe bezüglich seiner geistigen und seelischen Verfassung zu beurteilen. Also lehnte Bert ebenfalls freundschaftlich, aber radikal ab und wandte sich nun dem Tische zu, an dem er für gewöhnlich zu sitzen pflegte.... Was hatte er nicht alles hier schon erlebt von den wildesten Ausbrüchen des Leids bis zur stummen, stumpfen Verzweiflung und dem heimlichen Ende am Fensterkreuz. Auch heute traf er neben den Gleichmütigen, die in der Minderzahl waren, die einen in tatenlose Schwermut versunken an, bei anderen loderte schon der nahe Ausbruch des Verfolgungswahns Von Natur aus war Bert in größerer Gesellschaft gern - - 26zurückhaltend mit seinen Äußerungen und machte lieber seine Studien an dem Verhalten der anderen. Das war nicht viel mehr als eine Art geistiger Notwehr. Doppelt hielt er es so hier hinter Schloß und Riegel, mit Ausnahme solcher, denen er als Mensch und Kamerad vollauf vertrauen konnte.... Dies Verhalten förderte wesentlich die relative Leichtigkeit, mit der er sich selbst in peinlichsten Verhältnissen zurechtfand. Im übrigen sind ja gerade in einer Gemeinschaftszelle die kleinen Dinge des täglichen Lebens von übersteigerter Wichtigkeit und lassen am besten erkennen, wieviel wahre Kultur ein Mensch besitze... Denn es gibt ja auch im freien Leben einen sogenannten, grauen Alltag nur für die, welche sich ihn selbst schaffen, vergessen wir das nicht! So kam die stabile Heiterkeit im Inneren, die ihm zu eigen war, einer seelischen Rüstung gleich, die den nagenden Grimm überwinden ließ.... Dem ungeachtet kann freilich niemand dies ein, Leben' nennen; sondern bestenfalls ein Herumbringen der Zeit in männlicher Haltung- und jedermann muß dabei kräftig die geistigen Ellbogen spreizen, um nicht zu früh im Innern zermürbt und von der Zentnerlast der Ungewißheit über seine nächsten Tage zerquetscht zu werden. Nun drückte er den alten Kameraden, die schon monatelang seine Tischgenossen waren, kräftig die Hand. Seine Miene prägte dabei unerschütterliche Geduld und Freundlichkeit aus. Denn ohne im Entferntesten danach zu streben, bewirkte dennoch das Fluidum, das von seiner Person ausging, daß er den anderen zum Wegweiser und zur Stütze wurde. Besonders ein Arzt in gleichem Alter wie Bert bedurfte seines Zuspruches Tag für Tag erneut, um immer wieder in die gleiche Mutlosigkeit zu verfallen. ,, Ach Sie, lieber Oberst, sind so beneidenswert sicher auf Ihrem persönlichen Platze.... Lassen Sie mir um Gotteswillen Ihr Rezept da, wenn Sie uns nun verlassen!" Bert lächelte nachsichtig. ,, Es gibt nur eines: über den Dingen stehen, selbst über den zwingenden, heißt in Wahrheit herrschen- Sie müssen es lernen! Und dann - - - 27- hat die Zeit sofort Flügel für den, der Herr seines Inneren ist!" Der andere zehrt gleichsam an seinen Worten, verschlingt sie wie ein Hungriger und stammelt nun die Antwort Berts nach, als wäre ihm ein Patentrezept verraten worden... Bert besänftigt ihn nochmals, indem er die Hand auf dessen Schulter legt und ernsthaft sagt: ,, Es hilft nichts, nur die geistige Disziplin kann alle Ihre Kräfte so steigern, wie es in der Haft nottut, ja bis über das Menschenmögliche noch hinaus!" Und in ähnlicher Weise kam dem Arzte ein Pfarrer am gleichen Tische, aus der Steiermark stammend, zu Hilfe. ,, Körperlich sind wir allerdings an diesen Ort gebunden", warf er ein ,,, aber seelisch steht uns doch die ganze Welt offen und nur dies ist das Ausschlaggebende..." - ,, Gut, gut!" beklagte sich der Arzt. ,, Aber man muẞ entweder sehr reich an innerlichen Gütern sein, was ich von mir leider nicht behaupten kann oder vollständig arm und bloß. Wer zwischen diesen beiden Polen einherpendelt, tut sich schwer." -- Ein dritter beteiligte sich nun am Gespräch, ein dicklicher Mann mit grüner Jägerweste: ,, Ach, das zivile Leben", meinte er brummig ,,, wird ja heute im totalitären Staate jedem Bürger in kleinen Würfeln exakt vorgeschnitten und zum Einnehmen verabfolgt wie bittere Pillen zum Abführen... so kann jeder, fast ohne kauen zu müssen, sein Daseinspensum herunterschlucken; aber so recht eine Ahnung hat er nicht, was er nun eigentlich verschlingt; denn das bleibt den beamteten Giftmischern, unseren Herren Staatsalchimisten vorbehalten... und wer dann die Dosis verweigert oder gar wieder ausspuckt, weil ihm das Zeug ums Verrecken nicht behagt, dem zieht eben die Gestapo die Zwangsjacke über, in Gestalt der Schutzhaft- aus, lieber Freund!" Er sieht sich beifallsheischend um und knurrt noch: ,, Na ja ist es etwa nicht so? Erst hat die Mehrzahl von uns sich wieder in Uniform mit recht viel blanken Knöpfen und noch mehr Tressen geworfen, jetzt muẞ - -28jeder auch noch eine geistige Livree anziehen- und dann spricht man noch von, Kulturpflege' in der großen Knebelungsanstalt, Drittes Reich genannt!" Der Schluß seiner Worte rief einen Sozialisten am Tisch auf den Plan, der mit verächtlichem Tonfalle ausrief: ,, Ach, wahre Kultur ist in meinen Augen etwas, was man nur dort antrifft, wo nicht darüber gesprochen wird, die dem einzelnen Menschen innewohnt als etwas Selbstverständliches und nicht erst zu Erörterndes! Aber keine politische Bewegung hat unablässiger und pathetischer, gerade im Gefühl ihrer Sterilität, den Begriff, Kultur im Munde geführt als die Nazis... dabei schwingen sie voll blinden Eifers ihre Sensen über längst abgegrasten Gefilden..." Er hatte aber noch nicht ausgesprochen, als vom Nebentische her jener junge Mann mit Adlernase über die ganze Zelle hinweg rief: ,, Stille jetzt, stört mich nicht! Ich verfasse gerade das Libretto zu einer tragischen Oper: Si j'étais Hitler'..., Wenn ich Hitler wär'!" Dieser Einwurf gab dem Pfarrer Gelegenheit, mit einem Wink des Kopfes zu dem Dichter hin ganz vom bisherigen Thema abzuschweifen und mit tiefem Ernst zu sagen: ,, Glauben Sie mir, meine Herren, die Welt geht schwanger mit einem neuen Kriege! Und man wird dann erst sehen, daß die Juden eben doch das auserwählte Volk sind mit ihrem prophetischen Weitblick in die Zukunft... denn gegen ihren Willen treibt der Herrgott sie jetzt aus Deutschland heraus und die Vorsehung tut nichts umsonst, das weiß ich..." - - Die Zuhörer grübelten betroffen dem Gedankengang nach. Nur der Sozialist ging seine eigenen Wege, indem er erzählte: ,, Ich erinnere mich, bei Friedrich Wilhelm Foerster gelesen zu haben, was er von einem Vortragein St. Louis- drüben in den Staaten berichtete. Die versammelten Bürger und Frauen der Stadt wurden dabei zu einer laufenden Kontrolle der Zustände im durch eine zu wählende dortigen Gefängniswesen Kommission aufgefordert unter dem Hinweise:, jeder von Euch ist Gott Rechenschaft dafür schuldig, daß die - - - 29Gefangenen in dieser oder jener Anstalt nicht zu dauernden Feinden der Gesellschaft gemacht werden' können Sie ermessen, wie weit unsere jetzigen Zustände in Deutschland von einer solchen Auffassung sozialer Pflichten entfernt sind?- Aber sehen Sie: das ist Demokratie!" - Nur ein Teil der Männer am Tisch stimmte ihm zu, der andere Teil erging sich in Widerreden. Schließlich griff auch Bert in die Diskussion ein, indem er aufstehend sagte: "" Glauben Sie mir, alle Verurteilungen zu Gefängnis oder Zuchthaus, alle Verbannungen und Verstoßung von Würden und Ämtern, selbst Hinrichtungen sind eitel eine herrschend werdende Überzeugung auszurotten. Denn wenn politische Meinungen nur bestraft und unterdrückt, anstatt widerlegt werden, so leben sie nur um so intensiver fort. Diese Zuversicht, meine Kameraden, möchte ich euch vor meinem Scheiden noch zu eurer Tröstung geben, die ihr teils links, teils rechts eingestellt seid!" - Er ging von dem unterhaltsamen Tisch durch die Mitte der großen Zelle für rund 25 Mann dem Fenster zu, den verschiedenen Gruppen ausweichend, die stehend oder umhergehend beisammen waren. Natürlich fehlte auch hier die Gruppe der Trübseligen nicht, beklagenswerte Tröpfe zumeist, die entweder mit ihren Gedanken nicht von dem häuslichen Chaos loskamen, das durch ihre plötzliche Entfernung von Wohnsitz, Beruf oder Geschäft entstanden sein mußte oder die so rückständig waren, ihre Haft unter dem gegenwärtigen Willkürregime als eine untilgbare Schande anzusehen und sich kaum noch getrauten, aufzublicken oder einfach Heimwehkranke ganz allgemein, Leute jedoch, die trotz allen Seufzens und Stöhnens bei jeder Kostausgabe einen Appetit bewiesen, der für Drei ausgereicht hätte- Bert kannte das schon. Der Hauptteil dieses Schlages Menschen aber saß wie kraftlos da und ließ sich von der Befangenheit ihrer Gefühle zu Tode martern. Jede Beschäftigung mit ihnen war umsonst. - - Nun war Bert am Fenster angelangt, das wegen des notwendigen Luftwechsels bei soviel zusammengepferch- ten Menschen stets weit geöffnet war. Ohnehin waren durch das diffuse Licht im Raum die Gesichter der länger Inhaftierten käsebleich... in seine Züge war jetzt ein gequälter Ausdruck gekommen, den er gern verbarg. Denn das weitere Ausbleiben seines Entlassungsscheines machte ihn allmählich doch sorgenbelastet und Böses ahnend. Aber es blieb ihm halt nichts anderes übrig, als sich mit eiserner Geduld zu wappnen und noch einmal das übliche Abendprogramm in der Zelle durchzukosten: die karge Abfütterung mit etwas dünner Suppe und her- nach das Ausstrecken auf dem fleckigen, staubigen, ver- legenen Strohsack... oh, ihr schönen Träume von der Freiheit tretet nochmals etwas zurück! Ihr wißt ja: ‚Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt— und ein Bett- ler wenn er nachdenkt...‘ läßt Hölderlin seinen Hype- rion sprechen. Der nächste Tag, der ı. September 1939, verlief aber nicht besser. Hofbauer wurde zwei Tage lang durch andere Aufseher vertreten, die überhaupt von nichts über Bert wußten und nur grob wurden, wenn er sie darüber ausfragen wollte.... Er tröstete sich damit, daß der ominöse Schein ja jede Minute eintreffen müsse. Seine Sachen hielt er ständig zum Abmarsch in die Freiheit bereit. Doch am nächsten Tage schlug die Bombe ein. Der neue Krieg war durch die Erklärung Englands, der sich bald Frankreich anschloß, ausgebrochen. „Ja— wundert Sie das?‘ sprach Bert zu Dr. Fellner, dem Arzt an seiner Seite. ‚‚War denn nach den fort- gesetzten Schlägen ins Gesicht der Umwelt etwas anderes zu erwarten? Im Gegenteil: ich stutzte immer nur, daß der fremden Diplomatie der Geduldsfaden nicht schon längst gerissen ist— na, nun haben wir die Bescherung wiedermal!‘ Immerhin warf ihn die unumstößliche Tatsache einer Wiederholung all der Schrecken eines neuen Weltkrieges - 31- in seinem humanen Empfinden förmlich um. Die vorausgegangenen Plänkeleien der Diplomatie hatte er, befangen im Gedanken an seine Entlassung, doch zu wenig beobachtet, so sehr er im Grunde seines Denkens schon seit Jahren überzeugt war, daß die Hitlerei ausweglos zu neuen Kriegen mit der Welt führen müsse.. Den anderen um ihn erging es nicht viel besser. Die Gemütsatmosphäre, die nun über der Zelle lagerte, hatte etwas ungemein Packendes. ,, Sie haben nur zu recht", stimmte Dr. Fellner den Worten Berts zu. ,, Ich fürchte, der allgemeine Kampf wird auch jetzt wieder solange andauern, bis das gefährliche, Rot' ver den Augen und im Hirn der Menschen allmählich nachläßt; bis die schärfsten Raufer dahin sind und die allzeit fügsame Masse vor dem, rien du tout' stehen wird!" Der Pfarrer aber mit seinem gleichsam seherischen Blicke hob den Zeigefinger warnend und rief aus: ,, Passen Sie auf, meine Herren, mehr als je zuvor wird der Krieg diesmal seine Allgewalt uns aufzwingen; wird in der Luft sein, die wir atmen, im Brot, das wir essen, in jedem lauten oder verschwiegenen Worte oder Gedanken... und für wieviele wird die Glocke der Ewigkeit wieder einmal zu früh ertönen...?" Aber auch ein Unentwegter meldete sich zu Worte: ,, Ach, ihr Schwarzseher, ich behaupte, daß nicht nur der Kampf der Sinn des Krieges ist, sondern auch die Wandlung der Menschen, die sich doch ohne Zweifel in seinem Verlaufe vollzieht!" ,, O ja, Sie Schlauberger", wies ihn der Sozialist zurecht. ,, Aber ob eine Wandlung zum Besseren, das ist wohl mehr als fraglich!". Auch der Mann mit der Jägerweste trat gegen den ersteren auf: ,, Denken Sie daran, was Englands großer Soldat, der Herzog von Wellington, einst an Lord Shaftesbury schrieb:, Der Krieg ist ein höchst verabscheuenswertes Ding. Hätten Sie den Krieg auch nur einen Tag lang gesehen, so würden Sie Gott bitten, daß Sie niemals einen zweiten zu sehen brauchten!'- Und Nietzsche wird recht behalten, wenn er meinte: Es wird Kriege geben, - 32wie es noch keine gegeben hat!' Das ist leider auch meine Vermutung < ,, Seht, meine Lieben", warnte der Pfarrer milde, ,, hat nicht Scipio Africanus auf den Trümmern Carthagos gesagt:, Eine einzige Träne zu trocknen, ist von größerem Wert als die Zerstörung einer ganzen Stadt?"" 16.66 ,, Aber was denn", ließ sich der Unentwegte nicht beirren ,,, während ihr hier stöhnt, wird unser Führer bald ausrufen wie dereinst Napoleon:, Der Sieg marschiert im Sturmschritt mit meinen Fahnen' und so wird es auch bald werden!" Da zwang es Bert, ihm zu entgegnen: ,, Ich kenne das schon: Solche billigen Fanfarenstöße wirken auf die junge Welt wie ein Rauschgift. Das Rauschgift bläht aber nur das Ichgefühl auf, bis es sich, einem Ballon voll Luft gleich, losreißt von den Haltetauen der kontrollierenden Vernunft und in phantastischen Halluzinationen um das, eigne Ich und die Nation sich ins Blaue verliert... über kurz oder lang, sobald der Ballon die nötige Höhe endlich erreicht hat, kommt er zum Platzen und die Illusion ist aus! Es war nur erhitzte Luft, die ihn zum Steigen brachte... verstehe es, wer will. - Doch kaum hatte er ausgesprochen, wandte er sich wieder ab. Was sollte er hier den Klugredner abgeben? In ihm arbeiteten zu rege die aufschießenden Gedanken über das Neue.... Ja, das wird ein fürchterlicher Kampf voller Unerbittlichkeit werden und uns heftige Brände über den Stätten menschlichen Hausens bringen, bis eine neue Sonne durch das Gewölk von Greueln brechen wird, und das alte Europa sich wie eine verweinte Schöne von neuem mit Friedensbändern schmücken darf... Hat nicht selbst sein großer Lehrer im Beruf, General von Seeckt, geschrieben: Wer schon einmal dem Kriege in seine blutunterlaufenen Augen gesehen hat, der fürchtet den Krieg mehr, als ein Phantast es tun kann! Und war nicht der gleiche preußische Soldat von eiserner Energie überzeugt, daß über Krieg und Frieden höhere Gewalten entscheiden als Bündnisse und - 33 - Bluttaten, nämlich die ewigen Gesetze des Werdens und Vergehens...? - - Nicht minder gedachte er der Zahllosen, die nun von neuem Tier unter Tieren sein mußten, vom Fahneneid Raubtier SchlachtTruppenvieh gezwungen vieh! Was zwischen diesen drei Begriffen liegt, ist reines Decorum und an die Frauen dachte er, die nun bald statt ihrer farbenfrohen Kleider wiederum düsteres, trostloses Schwarz werden anlegen und ihr Haupt verhüllen müssen wozu, wozu? -- Ein Glück war es freilich für ihn, daß die immense Spannung, die den Kreis um ihn wie die ganze Welt in Atem hielt, die Frage nach seiner Entlassung ein wenig in den Hintergrund treten ließ. Sie beunruhigte ihn nicht mehr; denn jetzt war er um so überzeugter, daß die Armee endlich wieder ihre alte Rolle in Deutschland spielen werde und als notwendigste Instanz in einem kriegführenden Staate sich gegenüber der Gestapo durchsetzen könne; folglich seine Entlassung als aktiver Soldat nun doppelt gewährleistet sei. Er mußte sich aber bitter täuschen. Am vierten Tage endlich nach seinem Besuche im Dienstgebäude der Wiener Gestapo traf Bert die entscheidende Aufforderung durch den wohlwollenden Hofbauer, der in die Zellentür trat und hereinrief: - ,, Robert Jordan alsdann, kommen's auẞi und nehm's alles mit!" Das frohe Lächeln, das bei diesen Worten über Berts Antlitz flog, suchte er mit den Augen auf den Zügen des Aufsehers wiederzufinden, den ja das Eintreffen des so lange erwarteten Scheines bestimmt nicht gleichgültig gelassen hatte. Und oftmals machte der humorvolle Mann bei Entlassungen noch seine gutgemeinten Scherze mit den Betreffenden. Aber diesmal suchte Bert in Hofbauers verschlossener Miene vergeblich auch nur nach einer Spur von Befriedigung. Eher war eine ausgiebige Verdrossenheit darin zu erkennen... das gab Bert, während er sein bißchen Wäsche und seine sonstigen Utensilien zusammenraffte, einen leisen Stich ins Herz, der sich 3 Conrady, Amokläufer -34als Gefühl der Unruhe dem gesamten Organismus mitteilte. Ein rasches Abschiednehmen von den Insassen der Zelle begann nun. Jeder, auch der schlichteste Bauer, drängte Bert zum Schluß noch seine Hand auf, fühlend, daß mit ihm ein Ratgeber auf vielen Gebieten schied, mochte er auch seinen Wunsch, lieber allein zu sein, niemals verhehlt haben. Geduldig wartete Hofbauer, stummen Angesichts, an der offenen Tür, bis die Zeremonie ihr Ende gefunden hatte. Kaum aber waren beide im Gang allein, so zog Hofbauer aus der Tasche seines Leinenkittels, den er über der Uniform trug, einen kleinen Zettel heraus und hielt ihn Bert zum Lesen hin. Die Bestürzung, die sich dabei auf des Beamten Zügen kundgab, übertrug sich sofort auf den Häftling: das war keine Entlassung , F.F.', sondern nur ein Wechsel der Zelle und in diesem Falle sogar die Ankündigung von etwas weitaus Schlimmerem, nämlich des Transportes nach Dachau. Wie ein Faustschlag wirkte fürs erste eine solche Eröffnung auf Bert, so daß er geradezu Mühe hatte, nicht zu taumeln. ,, Aber ich bitte Sie wieso kommt das?" stammelte er. ,, Das kann doch gar nicht möglich sein-?" - Der brave Aufseher schnitt eine schmerzliche Grimmasse und griff zu dem echt österreichischen Allheilmittel zu sagen: ,, Tja, seggn's, do konn ma nix moch'n! Gehn's, Herr, san's g'scheit un' mochn's Eana nix draus! S'is andern a nöt besser ergangen... ui jeggerl, wos hob' i' schonst für Herren in solcherne Transportzelle bring'n müss'n- di treffen's itzt all' draußen in Dachau wieda, falls no' am Leb'n sein sollten!" - Verbissenen Gesichtes ging Bert mit ihm die Treppe hinunter in den ersten Stock. Er brachte während des Gehens zunächst nur hervor: ,, Ich muß selbstredend sofort Protest einlegen, Herr Hofbauer, bevor es schon zu spät ist!" ,, Recht so, recht so!" nickte der Beamte ihm zu. ,, I' wer' glei' mit mei'm Kollegen das Nötige abreden, - - 35- wartn's nur!" Und als ihm beim Aufschließen des Gitters der Aufseher des Stockwerkes entgegenkam, übergab er ihm gleich den weißen Zettel samt dem Häftling mit der Bitte, den Protest Berts sobald als möglich weiterzuleiten. Denn es verhielt sich mit ihm wie folgt... nun kam in knapper Kürze, was die Person und die Sache Berts betraf. Und dies alles mit wahrer Stentorstimme, denn sein Kollege, namens Bacher, war hochgradig schwerhörig. Ein Rätsel, wie man einen Beamten mit solchem Körperfehler noch an seinem Posten beschäftigen konnte. Bacher nickte nur monoton zu den eindringlich gebrüllten Informationen Hofbauers, ließ aber im übrigen unklar, ob er auch nur ein Wort davon begriffen hätte... also auch das noch! dachte sich Bert: ein tauber Aufseher zu allem Pech! Dann wurde die Tür zur Dachauzelle aufgeschlossen und von Bacher ebenso phlegmatisch wieder verschlossen. Der Neue war eingetreten. IN DER TRANSPORTZELLE. Das erste, was Bert verspürte, war die total veränderte Sphäre hier gegenüber seiner bisherigen Zelle. Während dort oben die Gemüter sämtlich um den Gedanken kreisten: wie konnte es mir nur passieren, ins , Kriminal', wie der Wiener sich ausdrückt, zu kommen- und wann um Himmels Willen komme ich wieder heraus?... so war die Hoffnung auf eine baldige Befreiung hier gänzlich unbekannt, und nur das eine Problem vorherrschend: welches Los wird mich im Lager treffen und wie kann ich womöglich noch in zwölfter Stunde verhindern, überhaupt ins, Altreich' zu kommen? - Niemand wußte Genaues, Präzises über die dortigen Verhältnisse; aber allen war bewußt, daß, ins Lager kommen soviel bedeutete, wie mit 75% Sicherheit den Tod erwarten zu dürfen.... Dies, diese Gewißheit, vor einem zweifelhaften, vielleicht unsagbar grausamen Schicksal zu stehen; verschuldet, entweder durch eine 3* - 36- politische Gesinnung, die von der vorgeschriebenen nazistischen abwich, wenn sie gleich stille, private Überzeugung geblieben war oder verschuldet durch einige Vorstrafen auf kriminellem Gebiet, das der Nazipolizei Gelegenheit gab, den Betreffenden als, B.V.- Berufsverbrecher zu bezeichnen und in ein Kz- Lager zu bringen oder gar völlig ohne greifbare Schuld wie bei Bert selbst... das erzeugte eine Stimmung von solch hochgradiger Neurasthenie, daß ein Laie sicher geglaubt hätte, eine Gruppe von leicht Geisteskranken vor sich zu haben. -- Freilich war Bert viel zu sehr mit sich selbst und seinem Lose beschäftigt, als daß er der recht gemischten Gesellschaft um sich herum Beachtung geschenkt hätte. Ansprachen Neugieriger wich er auch beharrlich aus. Doch kaum zehn Minuten nach seinem Eintritt schrillte ein markerschütternder Schrei durch die Zelle, der ihn herumriẞ: Einer jener Kandidaten für Dachau hatte sich von einem erfahrenen, Kollegen ein totsicheres Rezept für eine Augenentzündung verschreiben und applizieren lassen, nämlich: geschabten Tintenstift vermischt mit scharf gebeiztem Kautabak, beides zusammen unter die Augenlider geschoben... nun schrie der Übeltäter wie am Spieß vor Schmerzen. -- - Aber kaum hatte Bacher den Mann durch eine Bahre abholen lassen, unbewegten Gesichtes und ohne ein Wort zu verlieren es schien ihm hier nichts überraschend zu erscheinen so kamen aus der anderen Ecke der Zelle schon wieder erschrockene Rufe: da lag auf einer Bank ausgestreckt ein weiterer, B.V.'- zum Berufsverbrecher Erklärter in einer ausgedehnten Blutlache Der Mann hatte sich ein scharfes Stilett, das wie eine Schusterahle aussah weiß der liebe Himmel, wie er das Instrument in die Zelle zu schmuggeln verstanden hatte- tief in die Brust gestoßen, ganz nahe der Herzgegend... alles, um zu verhindern, nach Dachau zu kommen, von dem kein einziger, notabene, etwas Genaueres wußte; doch dessen genereller Ruf schon genügte, - -37sich lieber halb umzubringen, als seine Pforte zu überschöne Prognosen, sagte sich Bert erschreiten bittert. Wieder kam Bacher nach einer Weile; kam, sah und zuckte nicht einmal mit einer Wimper, geschweige daß er seine Hängepfeife aus dem Munde genommen hätte.... Die Bahre kam wieder, das Blut wurde von Bank und Boden geputzt, ohne wegen des, besonderen Saftes' viel Federlesens zu machen... die Bahre verschwand, Bacher verschwand hinterdrein- Schluß mit der Sache. Aber nach einer guten Stunde erschien er schon wieder, und durch die offen gebliebene Tür sah Bert auf dem Gang draußen ein Gewoge von Männern in grauen Leinenkitteln, Holzschuhen, eine Art Skimütze auf dem Kopf und einen Drillichbeutel über die Schulter gehangen... sie wanderten geduldig auf und ab. Näheres konnte Bert nicht erkennen, weil Bacher diesmal doch die Pfeife aus dem Munde nahm und der gesamten Zelle erklärte: - ,, Pass'n's röcht guat auf, gellet Sö! Ös bekommt's itzt Zuwachs dös san nämli' olls Schwerverbrecher, die ins Moor kumma, Raubmörder und Lebenslängliche, vasteht's! Kaner unter fufzehn Johr'- alstern, wiẞt's eh' B'scheid, gellet...." 66 - Na, das kann ja reizend werden, schoß es Bert durch den Kopf. Weiter hat mir nichts mehr gefehlt! Und ein Gemütsmensch, dieser Bacher wer soll sich in solch einer engen Zelle irgendwie in acht nehmen, wenn jene Leute wirklich gewalttätig werden sollten und er taub ist? - - Aber noch bevor der Beamte hinausging, rief er Bert an und sagte: ,, Sö da, kommen's glei mit! Sö warn's doch, der die Gestapo sprechen wollt'? Also gem- ma!" Ein kurzer Wink Bachers verwies ihn auf seine Aufseherkammer gegenüber. Dort sah Bert einen Beamten der Gestapo stehen, mit einem Stoß Akten vor sich auf dem Tisch und einem Zettel, wohl mit Namen bekritzelt, in der Hand. Auf dem Stuhl vor ihm saß bereits ein anderer Häftling, ein hinfälliger, greisenhafter Mann - 38- mit schlohweißem Haar, der sich mit beiden Händen an der Tischkante festhielt, als befürchte er, infolge der Eröffnung des Beamten vom Stuhle zu fallen... wie schlimm, an seinem Lebensabend solche Erfahrungen machen zu müssen, dachte sich Bert. Nun verkündete der Gestapomann dem Greise anscheinend in dürren Worten etwas Entscheidendes. Denn der Ärmste hob zunächst wie zur verzweifelten Abwehr die Arme bis zur Schulterhöhe, als ob er flehentlich bitten wollte; dann ließ er sie hoffnungslos wieder sinken und öffnete den Mund, brachte aber statt des Dringenden, das er sagen wollte, nichts als einen überstürzten Wirrwarr hervor, der unverständlich blieb.... Und plötzlich stand er auf, stand steif und starr wie ein hölzernes Lineal da, nur leise schwankend wie ein Wrack auf einem Riff. Der Gestapomann blickte ihn eine Sekunde lang an, offensichtlich unklar, was er von ihm halten sollte; dann rief er nach dem Aufseher: ,, Wolln's no' woas?- Nöt?- Alstern, Bacher, fort mit dem Mann! Geht mit dem nächsten Transport...." Er sah zugleich auf seinen Zettel, während der Aufseher den Greis mit sich fortzog. ,, Und jetzt den Robert Jordan!" - - Den eintretenden Oberst anschauend, fragte er: ,, Sind Sie das! Geboren am 17. 11. 95 zu München, in Schutzhaft seit dem 31. 7.38. stimmt das!" Der miẞtrauische Blick, den er auf den Häftling warf, gab diesem zu erkennen, wie argwöhnisch der Mann ständig vor einem tätlichen Angriff war. Bert bestätigte die Angaben. Dank seinem ruhigen, gesammelten Blicke ließ die nervöse Gespanntheit des Beamten etwas nach. Er gab sich ungezwungener und ging ein paar Schritte in der Kammer auf und ab, dabei in belehrendem Tone sprechend: ,, Sie haben Protest gegen Ihren Transport nach dem Lager eingelegt. Gewiß, man hat Ihnen vor einigen Tagen zugesichert, daß Sie auf freien Fuß gehen sollen- richtig! War auch alles in Ordnung- nur nur..." - 39Er pausierte etwas, als er das Fieber der Spannung in den Mienen seines Opfers bemerkte, und wollte den Kitzel eines Spielers, der den Trumpf in der Hand hält, auskosten, zumal einem Manne gegenüber, der ihm so recht der Typ eines, Intelligenzlers', wie der Wiener sagt, zu sein schien. - ,, Tja, wie gesagt, nur vergessen Sie eben, was inzwischen eingetreten ist oder wissen Sie von nichts?- Einkreisung Deutschlands durch Polen, England, Frankreich, verehrter Herr!- Ist das etwa nichts? Stößt das nicht vielleicht noch mehr um, als bloß diesen Beschluß über Sie?" Bert war es, als ob sein Herz von einer kalten Faust zusammengepreßt würde. Er war nahe daran aufzubrausen, aber er biß sich auf die Lippen und schwieg. Nie eine Perle vor die Säue werfen! Doch ein böses Licht glomm in seinen Augen auf; denn es stürzte ja ein ganzer Turmbau erhoffter Freuden geräuschlos in ihm zusammen; aber davon sollte dieser Kerl da nichts ahnen.... Doch bei dem Gestapomann vertiefte sich noch das Lächeln, als er bemerkte, wie sein Gegenüber sich das Reden selber knebelte. Voll Ironie in der Stimme setzte er seine Erläuterung fort: ,, Deshalb lassen Sie sich gesagt sein: Proteste und dergleichen gibt es bei uns nicht! Kriegsrecht ist eingetreten für alle nur erdenklichen Fälle. Bei der leisesten Widersetzlichkeit wird von der Waffe Gebrauch gemacht ohne vorherige Warnung und was Sie selbst anbetrifft... ja, Sie sind jetzt interniert! Nur noch interniert, wohlverstanden..." Sein Lächeln ging nun in offene Schadenfreude über, als er fortfuhr, und sich dabei leicht auf Fußspitze und Hacken wiegte: ,, Durch einen telegraphischen Gegenbefehl aus Berlin in der Nacht nach Kriegsausbruch sind sämtliche Entlassungsbefehle aufgehoben und durch Internierung ersetzt worden auf Kriegsdauer! Also nicht nur der Ihrige, verrate ich Ihnen, wenn dies zu Ihrer Beruhigung dienen kann.... Haben Sie noch etwas zu erwidern?" - Bert fühlte, wie ihm die Galle zum Hals emporquoll. Namenloser Ekel würgte ihn, Ekel vor der Verlogenheit und Willkür dieser Bande, die sich eine Staatsbehörde nannte. Dennoch zwang er sich zu der Frage: ‚Was ist unter einer Internierung in meinem Falle zu verstehen? Durch was unterscheidet sie sich von der Schutzhaft?“ „Wahrscheinlich“, grinste der Gestapomann ihn an, „in Nichts! Wir haben selbst noch keine nähere Wei- sung.... Jedenfalls ist Ihres Bleibens hier nicht länger, Sie sind im Lager Dachau schon angemeldet— und damit Schluß!“ Bert mußte sich für einen Moment an die Wand lehnen und die Augen schließen, so schmerzhaft grub sich das eben Gehörte in sein Gedächtnis ein... er hatte plötzlich das Gefühl, als packe ihn von hinten eine Hand, um ihn zu erdrosseln—— Gott bewahre mir meine Fassung, betete er heiß im stillen— also alles vorbei, alles vorbei! Denn was ‚interniert‘ zu sein für einen Inländer zu bedeuten hatte, war völlig ungeklärt, ließ also der Willkür Tür und Tor offen. Wieder eine solch bösartige Spitzfindigkeit, an denen das Nazi- system so überreich ist... wann also jemals wieder eine Aussicht auf Freiheit eintreten könnte, entzog sich seiner Kenntnis— und sicherlich auch dem Wissen irgendeiner erreichbaren Instanz. In diesem Augenblick konnte er es verstehen, wie jemand schlankweg einen Totschlag zu verüben im- stande wäre, dem auf solch frivole Weise das heiligste Begehren jedes Lebewesens nach seiner Freiheit erst ver- sprochen und hernach wieder verweigert wird auf völlig unbestimmte Frist... aber wer wird sich die Finger an einem Einzelnen besudeln und seine Sache dadurch nur noch verschlimmern. Der Oberst drehte sich auf dem Absatze um und ver- ließ wortlos die Kammer. Bacher kam und schloß ihm apathisch die Zellentür wieder auf... der Fall war erledigt, die Brücken zur Heimat abgebrochen. Nun, lieber Gott, nimm d« mich auf! Draußen war das Tageslicht allmählich in die Dämme- - 41rung hinübergeglitten. Die Zelle war mit Menschen mehr als überfüllt, ohne daß sich bei dem schwindenden Lichte Gesichtszüge erkennen ließen. Und die Unterhaltung mit dem inzwischen eingetretenen, Zuwachs' war bereits voll im Gange. Bert war das Halbdunkel im Raum nur lieb. Er wollte ja niemanden erkennen und wollte erst recht niemandem die Wunde in seinem Inneren zeigen. Aber sich zu verkriechen in irgendeiner Ecke wie ein schweißender Eber gelang ihm vollkommen fehl und vielleicht zu seinem Heile. Denn rasch war er, ohne es zu wollen, mitten in dem Strudel von erregten Menschen drinnen und vernahm: - Die, Neuen kamen aus der sogenannten, Karlau', einem großen Zuchthause bei Graz, und sollten nach einem der berüchtigten, Moorlager' transportiert werden, ganz im äußersten Nordwestende des Reiches, dicht an der holländischen Grenze, woselbst sich nicht weniger als 15 solcher Lager für Zwangsarbeiter zwischen Papenburg und Osnabrück hinzogen.... Wenn Bert aber vorhin dem Eintritt dieser, Lebenslänglichen' nicht ohne Bedenken entgegen gesehen hatte, auf Grund der Warnung des Aufsehers, so sah er sich nun in ihnen angenehm enttäuscht. Seltsam genug: diese Leute, welche Morde, Notzüchtigungen, Kapitalverbrechen aller Art auf dem Gewissen hatten, waren von einer Höflichkeit im Umgange mit ihm, sobald sie den Mann von Bildung und Mitgefühl in ihm entdeckt hatten, daß Bert sich aufrichtig wunderte. Und bald entspann sich folgendes: Einer nach dem anderen zog ihn unter demütigem Bitten beiseite und begann, seinen Fall' ihm darzulegen, mit allem Drum und Dran, so wie er in seiner Vorstellung ihn sah oder sehen wollte, wohlverstanden. Jedesmal schloß diese unerbetene Information mit der eindringlichen Frage, die allen auf der Seele zu brennen schien: wie, wo und wann kann ich das Wiederaufnahmeverfahren meines Prozesses erreichen! Denn mir ist Unrecht getan worden in dieser und jener Hinsicht, wie Bert wohl einsehe.... - 42Erläuterte er ihnen dann die schwierigen Voraussetzungen, die ganz allgemein gerade dieser juridische Vorgang bedinge, so versteifte sich jeder hartnäckig darauf: es müsse und müsse sich durchsetzen lassen... er werde nicht eher ruhen, bis Und so ging es weiter. Nur allzu deutlich wurde es Bert, daß es sich um die dominierende fixe Idee dieser Leute handelte, gespeist von der üblichen Psychose aller langjährigen Häftlinge. - Volles Dunkel brach herein. Nur das farbige Lämpchen an der Decke verbreitete einen bläulichen Schimmer über das Gewühl von Männern in der zu engen Zelle. Es war die letzte Nacht auf Wiener Boden. An einen Schlaf war keinen Augenblick zu denken... doch siehe: da kam die Liebe zur Heimat, der sie Valet sagen mußten, auf einmal über die Gemüter und ein munterer Geselle, ehemaliger Stimmungsänger in HeurigenSchenken er hatte seine Frau in flagranti ertappt und im Affekt dem Liebhaber durchs Fenster nachgeworfen schlug vor, diese letzten Stunden allesamt aufzubleiben und gemeinsam zu singen... zu singen von dem, was sie erfüllte; was ewiges Gut ihres Stammes und ihrer Lande bleiben wird, Loblieder auf Wien und die Donau, auf Liebe und Wein - - So geschah es. Der taube Bacher hörte ja ohnehin nichts. Es geschah unter freudiger Beteiligung aller, auch Berts. Und für ihn war es sogar die rechte Kur... Als das Tageslicht erst ganz behutsam sich aus dem Schlummer löste, ganz, ganz spärliches Morgenrot anhob, waren für Bert schon Gram und Empörung voll überwunden, Schwester und Iřina und glückliche Tage im schönen Heim fern, fern in den Hintergrund getreten sein Stoßgebet war erhört worden. - Und nun wieder das Visier aufgeklappt, die Sporen gegeben dem zaudernden Renner seiner Zuversicht! Vielleicht ja in der Tat: vielleicht wird er der Gestapo eines Tages noch dankbar sein für das Unerhörte und von der kühnsten Phantasie nicht Auszumalende, dem er nun entgegenging.... - 43DER TRANSPORT. - Kurz darauf wurde die Tür mit Krachen aufgerissen, und hinter Bacher, der verschlafen aussah, traten zwei stämmige Polizisten mit gezückten Pistolen neben den Zelleneingang und riefen: ,, Alles heraus! Unten in der Halle antreten! Aufstellung nehmen es geht los!" Niemand sträubte sich und die Pistolen verschwanden wieder. Aber noch etwas Unerwartetes trat ein, diesmal recht häßlicher Natur: die Polizisten kamen mit einem Haufen von Ketten, die Transportler zu fesseln.... Nun erhob sich unter ihnen ein Sturm der Entrüstung. Echt wienerisch besänftigten sie die Beamten: - ,, Öha- woas wollt's vo' uns stamm'n so'ne G'schichten nöt, dös kunnt's vasichert sein, Leutelns! Wir ham sowas no' nöt kennt in die dreißig Johr, die wir hie' inseren Dienst tun... aber woas hilft's Klogen? Andere Zeiten, andere Sitten! Alsdann seid's g'scheit und macht's kan Kramuri, seid's liaba stad - Als die Ketten verteilt und angepaẞt worden waren, kam Bert mit einem schmalgebauten kleinen Manne von zähem Wuchs, dunklem Bart und schwarzem Kirchen-, anzuge zusammen an eine Kette. Im Blick des Mannes schien eine stille Melancholie vorzuherrschen, verbunden mit viel Geduld und Ergebenheit. Bert hätte wetten können, als er seinen Nachbarn betrachtete, daß es dieser stark mit religiösen Dingen zu tun habe. Denn wie ein Auferstandener, der sein eignes Grab mit Staunen und Sinnen betrachtet, so starrte das Männlein vor sich hin.... - Bis es plötzlich zu Bert aufsah und in verhaltenem, leicht scheuen Tone sagte: ,, Was murren die Leute? , Haben sie Gutes empfangen von Gott, unserem Herrn und wollen nicht auch Böses annehmen?' sagt Hiob." Bert mußte lächeln. Also hatte er sich doch nicht groß getäuscht. Er nickte dem Manne sein Einverständnis zu und gab nach einer Weile zur Antwort: ,, Derselbe Hiob hat ja auch erkannt, daß, der Mensch, vom Weibe geboren, voller Unruhe ist und nur kurze Zeit lebet!'... oder täusche ich mich?" -44,, Nein, nein, es ist richtig!" bestätigte der andere. ,, Nur wundert es mich" Er sah wieder forschend auf seinen Genossen an der Kette. ,, Sind Sie etwa einer von uns?" ,, Was bedeutet Ihre Bezeichnung: von uns?" - - ,, Nun Bibelforscher oder vielmehr: Zeugen Jehovas, wie wir uns eigentlich nennen!" ,, O nein! Ich hatte in meinem Leben zwar stets das Verlangen, nach allen möglichen Dingen zu forschen, in alle Arten von Wissenschaft mich zu versenken, soweit es ging. Aber offen gestanden niemals in die Heilige Schrift... sehen Sie, weil ich das Empfinden habe, daß das Lamm nicht beschnüffeln soll, was des Hirten ist!" ,, Hm hm", machte das Männlein und wackelte widersprechend mit dem Kopf, einem spitzen Kopf auf dünnem Halse. Er beschränkte sich aber darauf zu fragen: ,, Doch sind Sie stark religiös?" -- ,, Wie man's nimmt", entgegnete Bert nicht allzu entschieden. ,, Religion, muß ich Ihnen sagen, ist für mich einfach die Gemeinschaft meines Ichs mit Gott, ohne bestimmtes Dogma oder konfessionelle Prägung. Oder wie jemand es sehr schön genannt hat:, sie ist das Atemholen meiner Seele'!" ,, Sehr schön, sehr gut", lobte der Bibelforscher. ,, Dann beten Sie auch viel?" wollte er noch wissen. ,, Ich bete immer", gestand Bert ruhig ein. ,, Ich möchte sogar sagen: mein ganzes Leben ist ein Gebet. Mein Beruf steht dem keineswegs entgegen.... 66 ,, Und darum verzweifeln Sie auch in solcher Lage nicht", belehrte ihn triumphierend das Männlein, mit hellem Aufleuchten seiner merkwürdig farblosen Augen. ,, Denn in Gott leben, weben und sind wir", spricht der Apostel Paulus in einem seiner Briefe. Bert zuckte die Achseln. ,, Kann sein, Herr Nachbar! Im übrigen sage ich mir aber auch: wer nichts zu bereuen hat, hat auch keinen Grund zu verzweifeln oder nicht?" Da mischte sich ihr Hintermann, ein schlanker junger Mensch, in spöttischem Tonfalle in ihre Unterhaltung. - 45- - - ,, Mein Ratgeber in vielen Situationen" er schien schon einiges hinter sich zu haben ,, ist ein ganz anderer, nämlich: Till Eulenspiegel! Nur er rät uns richtig: ernsten Sinnes sein, wenn alles glückt, denn es kann sich im Fluge wenden... leichten Sinnes sein, wenn's übel geht, denn die Wendung zum Guten muß über kurz oder lang kommen stimmt das nicht?" - Dem Bibelforscher gefiel der Wechsel auf den Schalksnarren gar nicht. Der junge Mann dagegen verteidigte ihn. ,, Alles sehr schön, mit eurer Bibel", wandte er ein, ,, aber für mein Dafürhalten hat das Christentum uns solange gelehrt, mit einem Auge immer zum Himmel aufzuschauen, bis wir regulär einäugig geworden sind für unseren Erdenwandel... da ist mir eben solch ein grobdrolliger Possenreißer lieber!" Nun wollte sich der Bibelforscher kräftig in Harnisch werfen. Aber die Drei kamen nicht zur Fortsetzung ihres Gespräches, denn große Polizeiautos fuhren donnernd in den Hof des Gefängnisses ein; die Türen wurden aufgesperrt und die Verladung der menschlichen Fracht ging vonstatten. - Später saßen sie zusammengepfercht wie zum Markt gebrachtes Federvieh in den winzig kleinen Verschlägen des Gefangenen- Waggon und rollten mit Güterzügen, immerfort gepufft und durcheinander geschüttelt von den derben Stößen des Waggons beim Rangieren, ihrem Ziele zu, in eintönigster Langsamkeit, oft stundenlang auf Stationen stillstehend. Ein Fensterchen, dreimal vergittert und total verschmutzt, gab dem Käfig zur Not etwas Luft, aber keine Sicht. Am nächsten Vormittage trafen sie endlich in München, Berts Heimatstadt, ein. Aber welche Erniedrigung war es für ihn, gerade diesen Hauptbahnhof, von dem er unzählige Male in froher Reisestimmung zum Bergsport oder zur Jagd abgefahren war, nun gefesselt in einem Trupp von Schwerverbrechern durchschreiten zu müssen, mitten durch das Gewimmel von Leuten hindurch, die sich wohl im stillen bekreuzigen mochten und denken: na, der sieht nach etwas Besserem aus, gewiß solch ein Gentleman — 46— einbrecher oder Volksbetrüger... ach, Gleichmut, wo: nehme ich dich mitunter her! Seit diesem Gang durch die verkehrsreichen Schranken des Münchner Haupt- bahnhofes glaubte er zu wissen, was Spießrutenlaufen ist... Über die ‚Löwengrube‘, das Münchner Polizei-- gefängnis, verlieren wir lieber kein Wort. Es ist über- haupt mit dem Münchner eigen bestellt: triffst du, lieber Leser, den Schlüssel mit dem richtigen Bart zu seinem Herzen, so kannst du nirgends mehr Hilfsbereitschaft und Warmherzigkeit treffen als bei ihm.... Paßt der‘ Schlüssel, mit dem du ihn angehst, aber nicht, so wappne‘ dich bitte mit einer hörnernen Haut wie weiland Held Siegfried; denn dann ‚kannst du was erleben‘, wie man so sagt. Gefangene haben nunmal keinerlei ‚Schlüssel‘ zur Hand, nie und nirgends. Daher geht es kaum irgendwo- so grob zu wie in einem Münchner Gefängnis—— be- lassen wir es bei dieser knappen Erklärung. Und nun noch ein kurzes Wort über Kz-Lager über- haupt. Noch bevor die Weltgeschichte sie zu dem Riesen- wust an Kuriosem legt, den der Gang menschlicher Entwicklung im Laufe der Jahrtausende angesammelt hat, sei in aller Kürze über sie gesagt: Mit weit mehr Recht als die von Thomas Moore besungene ‚grüne Insel Irland‘ kann man jedes dieser Lager eine ‚‚isle of pains and sorrows‘ nennen.... Glaube aber niemand, in der Errichtung der Lager einen Zug erhabener Rücksichtslosigkeit erkennen zu wollen, die: um eines großen Werkes willen über die Leiden von ein paar Widerstrebenden achtlos hinwegschreiten muß, ähn- lich wie Napoleon sich einst ausdrückte:„Il ya des. crises, oü le bien du peuple exige la condamnation d’un innocent.... Sondern es ist ganz erbärmliche Barbarei, unge- zügelte Roheit, die sich dort austobt, ja ein förmlicher Lusttaumel an der Qual Wehrloser.... Es sind Stätten, die im Laufe der Jahre zu berüchtigten Mordstationen. geworden sind. Mit der kalten Systematik eines Tor- -47quemada hat Heinrich Himmler sie zu Folterstätten der jüngsten Inquisition ausgebaut.... Und wenn es so etwas wie ein Weltelend geben sollte hier wäre ein Hauptstapelplatz von ihm zu finden. - Hatte Romain Rolland nicht recht, als er bereits 1914 ausrief:, Ich glaube vielmehr, daß die Gewalt in dieser Welt für lange Zeit entfesselt ist, ja- daß die Menschheit in ein Zeitalter der Weltverrohung eingetreten ist....?' Da das Nazitum wie ein nervenschwaches Weib den frischen Luftzug freier Meinung nicht vertragen konnte und auch alle Ursache hatte, keinerlei Kritik an seinem Treiben laut werden zu lassen, setzte es sich über die primitivsten Menschheitsrechte hinweg und bevölkerte seine Kz- Lager mit Hunderttausenden von Unglücklichen das waren aber beileibe keine Männer und Frauen, die irgendwas greifbar Schuldhaftes begangen hatten, etwa an den Kämpfen gegen die Nazipartei aktiv teilgenommen. Solche Leute waren ja sofort von den Gerichten zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden... und dennoch hierdurch besser gestellt als die Lagerinsassen. Nein, mein Freund, das waren lediglich Personen, die in der Partei irgendwem mißliebig waren, nicht recht zu Kreuze gekrochen oder gegen verschrobene Maßnahmen einzelner Bonzen sich gesträubt hatten. Sie wurden zu politischen Schutzhäftlingen erklärt und verschwanden auf unbegrenzte Zeit hinter dem Stacheldraht, ohne daß eine verfassungsmäßige Instanz auch nur den Finger ihretwegen gekrümmt hätte.... Vogelfrei war eben jeder, auf den die Bonzen oder die Gestapo in ihrem Amoklauf stießen und der nicht Hals über Kopf mitlief. Und weil die Gestapo ganz ähnlich dem berüchtigten , Rate der Zehn' im alten Venedig ihre Arbeit völlig in Dunkel hüllte, niemandem Einblick gab und zu geben brauchte, der ihr nicht direkt angehörte, so mußte der Beklagenswerte, der ihr verfiel, auch so gut wie alle Hoffnung auf Hilfe von draußen fallen lassen. Das - 48- schärfste Zuchthaus konnte in der Behandlung seiner Insassen gegenüber einem Kz- noch als eine Kinderbewahranstalt gelten... und über diese seine Schöpfung brachte es Herr Himmler fertig, öffentlich zu erklären: daß, abgesehen von dem Entzug der beliebigen Ortsveränderung, kein Insasse eines Kz's etwas von seinen früheren Gepflogenheiten im freien Leben aufzugeben brauche- bedarf es noch eines weiteren Kommentars über den Mann? Zum Abschluß aber noch ein hartes Wort im allgemeinen: es sage uns nie jemand wieder, der Deutsche wäre im Grunde genommen ein gutmütiger Mensch... das ist barer Unsinn! Die Wildheit der Kreatur ruht in jedem Einzelnen von uns, wie in jeder Nation- und sie tritt überall erschreckend in Erscheinung, wo sie aufEs waren gestachelt und nicht gezügelt wird. Deutsche, vergessen wir das nicht, die sich an Deutschen wie an Fremden in solch fürchterlicher Weise vergriffen haben!! Nun bilde dir dein Urteil an den folgenden Seiten selbst, lieber Leser- und beachte bitte, daß die Schilderungen versuchen wollen, den Zuständen dort nach Möglichkeit gerecht zu werden, also nicht im Verwerflichen wühlen wollen, sondern die wenigen Einrichtungen vernünftiger Art auch anerkennen und ebenso nicht vertuschen, welche Schuld an den Leiden der Häftlinge auf einzelne ihrer eigenen Kameraden zurückfällt. EINZUG INS LAGER. Nach einer üblen Nacht voll trübseliger, Nebenbeschäftigung und in einem Raume, dessen Luft penetrant durchtränkt mit Körperdünsten war, rief der Aufseher des Gefängnisses die Lagerkandidaten einzeln auf den Gang hinaus und ließ sie antreten. Wuchtige Schritte schwerer Nagelstiefel, deren Dröhnen von dort her zu hören war, hatte den noch Wartenden bereits das Herz bänglich schlagen lassen.... Doch Bert war froh, herauszukommen, denn es roch da drin nach allem Jammer der Welt. Bei seinem Hinaustreten sah er nun, wer sie hier in Empfang nehmen sollte: es war der erste SS.-Schar- führer der ‚T-Verbände‘, den er seit Jahren wiedersah, mit dem Totenkopf auf dem Spiegel des Kragens; an- fangs ein typisches Sinnbild für die bubenhafte Spielerei der Nazis mit Emblemen, jetzt ein passendes Symbol; denn ihre Lager sind ja in der Tat zu ‚Schädelstätten‘ geworden. Die Maschinenpistole geschultert, im breiten Leder- gürtel den griffbereiten Revolver, die derben Beine in Schaftstiefeln, Fäuste in die Seiten gestemmt, so mu- sterte der Mann sein Häuflein zusammengeduckter Opfer mit dem Blick eines Sklavenjägers.... Unter den ‚T.V.“— Totenkopf-Verbänden— der Nazis ist wohl- gemerkt nicht die erst im Kriege gebildete ‚Waffen-SS.‘ zu verstehen, eine Formation mit rein militärischen Auf- gaben und entsprechender Ausbildung; sondern jene Abteilungen, die eine nur für den Gefangenendienst in den Kz-Lagern vorgesehene Truppe bildeten.... aus- gesuchte Kerls von robuster Stärke, aus ländlichen Gegenden zumeist stammend, ehemalige Holzfäller und Viehknechte. Ihre natürliche Roheit hat Himmler, ihr Meister, noch bewußt gesteigert und geschult, um ihnen dann soviel Gelegenheit zur bestialischen Betätigung ihrer bösen Triebe ohne jede Verantwortlichkeit vor irdischen Richtern zu verschaffen, daß unter ihnen nur wenige zu finden waren, deren gutmütige Naturanlage sich noch durchsetzte. Sie kannten ja nur die ihrem Bewußtsein gleichsam eingebrannte Aufgabe: niederzuschlagen, zu Brei zu trampeln, was ihnen dafür bezeichnet wurde, blindlings, taub und stumm gegenüber jedem Gebote der Mensch- lichkeit.: Nach einleitendem Knurren und argwöhnischen Blik- ken, wie sie Beschränkten meist eigen sind, ließ der Bösewicht seine Schar stramm stehen und donnerte sie mit folgenden Sätzen an: 4 Conrady, Amokläufer. - 50- - ,, Wo ihr jetzt hinkommt, wißt ihr alle! Wer es etwa nicht wissen sollte, kann vortreten, dann werd' ich's ihm auf unsere Weise begreiflich machen! Laẞt euch gesagt sein: dort herrscht Ordnung, aber schon allerpeinlichste Ordnung- damit ihr's gleich wiẞt! Wer sich nicht fügt, wird bestraft wie, das werden euch eure Kollegen dort bald verraten! Es wird sofort von der Waffe Gebrauch gemacht, wenn sich jemand einbildet, auf dem Transport ins Lager die Flucht ergreifen zu können... ich fackle nicht lange! Lasse sich niemand dazu verleiten, jetzt oder später; denn der Versuch ist aussichtslos und die Folgen furchtbar! Und dann bitt' ich mir aus, daß ihr euch mucksmäuschenstill verhaltet; zu sprechen gibt's nichts, das merkt euch--ös Mordsluada!!" fügte er noch in Oberbayrisch hinzu, wie erlöst vom Hochdeutschen. Seine Opfer spürten nur zu deutlich, daß der Barbar bereit war, jedem seiner Worte mit einem Faustschlage nachzuhelfen. - Im Hofe erwartete sie von neuem ein geschlossenes Polizeiauto. Hinaus zum Tor schwankte das vollbesetzte Fahrzeug... Adio, Löwengrube, dachte sich Bert. mitten unter den anderen. Wenn wir uns wiedersehen, walte Gott, dann liegt ein neuer Lebensabschnitt hinter mir und sicherlich nicht der leichteste. - - - Nun rollte der schwere Wagen mit seiner Fracht durch Straßen und Viertel Schwabings, die Bert so wohlbekannt waren... ein paar Schritte nur, und er wäre zu Hause ach, mein Gott, zu Hause! murmelte er und preßte die Hände zur Faust... für einen Augenblick stürzte ihm wieder das Blut wie ein Katarakt durch die Adern und schwoll bedrohlich in das bebende Herz zurück aber dann war er darüber hinaus. -- 66 Der Bibelforscher Baumgarten nannte er sich stieß ihn behutsam an und flüsterte: ,, Bleib ruhig, mein Lieber! Wer an Gott glaubt, kann alles ertragen.... Bert gab ebenso leise zurück, denn der Grobian am Ausgang des Wagenkastens gab verteufelt acht: ,, Ich weiß es, mein Freund! Wahre Religion ist immer Herois — SI= mus....‘ Sein leichter Schwächeanfall war schon über- wunden. Die anderen aber schwankten im Inneren des Wagens durcheinander wie leere Bierflaschen bei geschwinder Fahrt. Ihre Gesichter waren verstört. Keiner war sich im Zweifel darüber, daß nun eine Zeitspanne voller Drangsalen für sie anheben würde, ja— daß sie einem wahren ‚atrium mortis‘— einem ‚Vorhof des Todes‘ entgegenfuhren. Nun näherte sich der Wagen schon Dachau.... Wenn vor 1933 jemand in der Welt diesen Namen aussprach, so meinte er das putzig romantische Städtchen, das sich in spießbürgerlicher Verträumtheit an eine sachte Hügel- lehne anschmiegt und zur fernen Kette der Alpen hin- übergrüßt, die an schönen Tagen am Horizont zu sehen ist.... Oder er dachte an die berühmte Malerkolonie gleichen Namens und unweit des Städtchens, aus der so mancher namhafte Pinselheld hervorgegangen ist, so daß die Kunstkenner von einem ‚Dachauer Stile‘ zu reden pflegten. Seit der Machtergreifung durch das Hakenkreuz je- doch genießt Dachau einen traurigen Weltruhm sonder- gleichen, genau wie das ihm verschwisterte Buchenwald bei Weimar.... Erst durch diesen neuen Ruf ist es auch dem einsamsten Gaucho in den Steppen Patagoniens bekannt geworden——— als ein Begriff, der von dem Blute Unschuldiger gerötet, von Tränen genäßt und von Sterbeschreien, von Verwünschungen umgellt ist. Auf einmal fährt der Wagen merklich unter einer Überwölbung hindurch, rattert und faucht, während der Scharführer zum Türfenster hinaus grüßt... dann folgt noch eine schnittige Kurve, welche die Insassen durch- einander purzeln läßt. Schließlich hält das Fahrzeug mit einem jähen Ruck—— und siehe da: sie sind im Kz! Noch nicht im eigentlichen Innenlager, der großen Barackenstadt, sondern neben Kommandantur und Ver- waltungsgebäude. Ihr Begleiter steigt aus und brüllt: ‚Alles rraus!“ Nun hat Bert, der dicht neben der Tür sitzt, das be- 4* stimmte Gefühl, als ob es jetzt in erster Linie auf Fixig- keit und etwas stramm militärisches Verhalten an- komme. Er nimmt sogleich seinen Hut ab und ist als erster flink wie der Blitz aus dem Wagen, um unweit von ihm Aufstellung zu nehmen. Die anderen kleben noch scheu auf ihren Sitzen, müssen sich erst selbst einen Stoß geben... gut, ihnen kann geholfen werden! Unbemerkt von ihnen stellen sich zwei SS.-Schar- führer links und rechts vom Wagenausgange auf, um den Ankömmlingen insgeheim gleich den richtigen Empfang zu erteilen. Der erste klettert bedächtig die Stufe zum Boden herunter— da bekommt er sofort vom rechten Scharführer einen so derben Schlag an den Hinterkopf, daß sein Hut weit davonfliegt, während der linke Schar- führer ihm unmittelbar darauf mit dem Stiefel ins Gesäß tritt, daß es förmlich kracht. Der zwiefach Be- grüßte saust natürlich vornüber zu Boden— und da sich in ihm verderblicher Weise noch ein Rest von Bür- gerstolz regt, seiner entrüsteten Miene zu entnehmen, mit der er aufsteht, springt der zweite Scharführer rasch nochmals zu ihm und trifft ihn wieder mit voller Wucht, diesmal nicht gerade in den Hintern... aber das spielt ja im Lager keine Rolle. Und das Übel ist: die anderen bemerken es nicht sogleich. Wieder stolpert einer, sich Zeit lassend, heraus, den Hut würdig auf dem Kopfe— und das gleiche Spiel vollzieht sich... noch gegen fünfmal gelingt der Spaß den Herren von der SS., bis der Rest merkt, daß sie ven nun ab nichts als Dreck unter dem SS.-Stiefel sind und sie endlich so klug sind, die Folgerung daraus zu ziehen. Zum Schluß steht alles parat in Reihe und Glied, Bert am rechten Flügel. Sein Blick fällt auf farbenfrohe Grünanlagen, späte Rosenstöcke, Dahlienbeete, Astern- stauden. Der Platz um die Kommandantur, ein an- sprechendes Gebäude übrigens, ist hübsch dekoriert. Bert kombiniert sofort, daß dieses Gelände ja aus guten Gründen möglichst repräsentativ gehalten werde, um auswärtigen Besuchern aus Partei und Freundesstaaten 2 beweisen zu können: Dachau ist kein düsteres Verließ ohne Baum und Strauch, sondern läßt auch Spielraum für Schönheitssinn und Lebensfreude— Heil Hitler! Hinter dem Stacheldrahtzaun, vor dem er ja noch steht, wird es wohl ein wenig anders aussehen.... Die ‚Neuen‘ stehen und warten. Längst ist Bert aus seiner Haft gewöhnt, ins Blaue hinein sich ge- dulden zu müssen... es wird schließlich schon jemand kommen! Und richtig kommt nach einer guten Stunde ein Riesenkerl herangestapft, breit und schwer und von strotzender Körperfülle, so daß man glauben möchte, die Uniform in allen Nähten krachen zu hören. Er ist von jenem Typ, den die Franzosen ‚t&te carree‘ nennen, Männer von geistiger Schwerfälligkeit, bei denen sich das bißchen Grips stets mühsam durch das wider- strebende viele Fleisch hindurcharbeiten muß..... Etwas tierhaft Böses spricht aus den blinzelnden Schweins- äuglein, mit denen er auf die Gruppe zugeht. Es ist, wie Bert später erfährt, der 2. Lagerleiter Hoffmann, von den Häftlingen ganz bezeichnend der ‚„Lagerelefant‘ genannt. Alle SS.-Männer in der Runde grüßen ihn mit strammem Respekt durch erhobene Rechte. Er grüßt lässig zurück und nimmt die Neuen in Augenschein.... Nun, was kann er schon von ihnen für einen Ein- druck gewinnen, aufs äußerste verdattert, wie sie sind? Aber da— da fällt ihm der Flügelmann auf— hm! Er tritt auf ihn zu, und der instinktmäßige Haß des Rohen gegen Intellektuelle prägt sich spontan in seiner Miene aus.... Beim Näherkommen bohren sich die Augen in dem schweißigen Gesicht mit hinterhältischem Schielen in den Neuen, und eine Wolke von schalem Bier und Sauerkraut quillt aus seinem Munde, als er nun Bert rauh anfährt: „Name?“ knurrt er kurz. Stramm gibt der Gefragte zur Antwort:„Robert Jordan‘... ‚Beruf?‘— ‚Oberst im Generalstab.‘‘— Da tritt der Koloß ein wenig zurück und ruft aus: ‚Aha, seht an, so’n feiner Vogel! Wieder- -54- mal solch'n Ostmarkschwein, was?" Unbewegt gibt Bert zurück: ,, Nein, ich bin Reichsdeutscher!" ,, Pfft!" pfeift Hoffmann leise und mustert nochmals den Häftling vom Fuß bis zum Kopf, um dann ganz knapp und lauernd zu fragen: ,, Weswegen sind Sie hier?" Nebenbei bemerkt: wer etwa diese verfängliche Frage im Vollgefühl seiner Unschuld mit, Das weiß ich nicht! Ich habe nichts Unrechtes getan...' beantwortet, also glaubt, hier noch ein letztes Mal an die letzte Instanz, die ihm verbleibt, appellieren zu können, wird im Handumdrehn belehrt nach Dachauer System; so gründlich, daß ihm das nächste Mal irgendein triftiger Haftgrund rechtzeitig einfällt. Nur die allerwenigsten Charaktere, vom Format eines antiken Cato, verbeißen sich auf ihrem Standpunkte und kürzen ihr Leben lieber dadurch auf wenige Monate ab. - Bert gibt wahrheitsgemäß zur Antwort: ,, Ich habe mich für befreundete Juden, die in schwerer Not waren, eingesetzt!" Sofort packt den Koloß eine grimmige Verachtung. ,, Was sagen Sie?" brüllt er zurück. ,, Juden- und befreundet? Sie als Offizier? Na, ausspucken müßt' ich vor Ihnen, verstehen Sie mich? So einer sind Sie also! Gut, ich will Ihnen einen Rat geben: Nehmen Sie schon in der nächsten Nacht einen Strick und hängen Sie sich auf, wo's Ihnen paßt... den Strick können Sie sogar von mir haben, einen ganz soliden- von mir persönlich, weil Sie Offizier sind!" Die tiefe Antagonie zwischen Heer und SS. kam bei seinen hervorgestoßenen Sätzen deutlich zum Vorschein. Das war Bert ja nichts Neues. Die Anrempelung lieẞ er gelassen über sich ergehen, ohne eine Spur des Eindruckes kundzugeben. Nun wandte sich Hoffmann ab und wollte den nächsten ausfragen, aber der erste Fall hat ihm schon genügt... er pustet und schwitzt und winkt schließlich den Scharführern, die ihm diensteifrig zugenickt haben: , Führt die Kerls ab, es lohnt sich nicht, mir reicht's!" Damit wälzt er sich von dannen. - 55Peinliche Registrierung folgt nun, an die zwei Stunden lang. Dann marschiert der Trupp Verzagter mit Bert an der Spitze durch das große Haupttor, dessen Wölbung überbaut ist, und durch eine schön geschmiedete, breite Gittertür in das eigentliche Lager ein, das der berüchtigte Stacheldraht umschließt. Die Auskleidung der Neuen im, Schubraum' beginnt, wobei ein Scharführer wie besessen auf denkbarste Geschwindigkeit im Ablegen der Kleidung drängt. Bei Bert geht es flott und glatt vonstatten. Mit leiser Wehmut sieht er seine Zivilkleidung in einem Leinensack verschwinden, der die gleiche Nummer angehangen bekommt, die auf dem Zettel notiert steht, den ihm der Scharführer in der Registratur in die Hand gedrückt hat lebt wohl, ihr lieben, weichen, angenehmen Sachen! - Aber einer seiner Gefährten hat das Pech, als er an Hemd und Hosen herumriß, die nicht schnell genug vom Leibe gehen wollten, daß ihm ein Rosenkranz aus der Tasche fällt na, das hat gerade noch gefehlt! - Wie ein Berserker springt der Scharführer herbei, schlägt die Gliederkette dem Pechvogel kreuz und quer ins Gesicht, wirft sie zu Boden, tritt darauf, spuckt darauf und ruft endlich einen der hier beschäftigten Häftlinge an, mit der scharfen Weisung: ,, Ins Scheißhaus damit, aber dalli!"( Der geneigte Leser wolle sich bitte an Kraftausdrücke recht bald gewöhnen; sie sind für die Echtheit der Darstellung leider nicht zu entbehren!) Nach diesem Intermezzo stehen die Neuen nun alle, wie der Herrgott sie geschaffen hat, beisammen. Ihr Scharführer treibt sie in den anstoßenden Raum, wo weitere Häftlinge älteren Dachau- Semesters schon bereitsitzen, um mit blitzenden Schermaschinen die Neuen an allem, was sie von Haaren am Kopf und am Leibe besitzen, zu berauben.... Als sie nach dieser Prozedur sich gegenseitig betrachten, hätten sie sich vielleicht anderswo ausgelacht, so entstellend wirkt die plötzliche Entfernung des Haarwuchses, des Mannes männliche - 56- Zier, auf die Gesamterscheinung. Aber es ist ihnen heillos anders als zum Lachen zumute! Auf die Friseure folgt der Photograph. Ein rundes Schemelchen von Eẞtellergröße dient zum Sitzen und läßt sich drehen, um dem Verbrecheralbum drei verschiedene Aufnahmen des Eingelieferten einverleiben zu können.... Eifrig wird geknipst. Aber im Zentrum des kleinen Sitzes ist insgeheim eine feine Nadel versenkt, die sich durch eine Zugschnur, die natürlich der Scharführer gleich boshaft in die Hand nimmt, emporschnellen läßt. Ist nun die Aufnahme eines Neuen in drei Stellungen fertig, so hockt der Betreffende zumeist noch eine Weile still, im Moment froh, etwas sitzen zu können nach stundenlangem Umherstehen.... Dann schnellt die Nadel heimtückisch in die Höhe und sticht ihn jählings in den Popo zum hellen Gaudium des Scharführers, der sich an dem Aufzucken des Neuen weidet belangloser Schabernack von Lausbuben eigentlich nur. - Aber nun öffnete sich die Pforte des großen Badesaals den Ankömmlingen und da waren sie nicht wenig verblüfft zu sehen, daß sie beileibe nicht die Einzigen sind, deren Eintreffen sich das Lager zu erfreuen hat, im Gegenteil: wohl an die fünfhundert Männer, nackt und bloß und geschoren wie sie selbst, stehen da zu einem Schwarm von geduldig Wartenden vereint unter den vielen trocknen Brausen an der Decke, Alte und Junge darunter und scheinbar schon über alle Maßen erschöpft und verängstigt. Der Scharführer treibt den Trupp um Bert zu den übrigen, zündet sich eine Zigarette an und stolziert drüben an den Bankreihen mit den Kleiderhaken darüber gelassen auf und ab. Für ihn scheint nunmehr die Angelegenheit ein Ende erreicht zu haben. Sein eigenes Los und das ungewöhnte Frösteln der entblößten Körperhaut vergessend, studiert Bert inzwischen den Haufen Männer, dem er zugesellt worden ist. Aus ihrem scheuen Geflüster, aus den slavischen Gesichtsformen entnimmt er bald, daß es Polen sind, - - 57- wer weiß, aus welchem Winkel des weiten Landes herbeigeschleppt und wer weiß unter welch traurigen Begleitumständen.... Denn die Männer scheinen sämtlich schon am Ende ihrer Kräfte zu sein. Verschiedene wanken bedenklich auf ihren Füßen, die Mienen sind erloschen und plötzlich bricht vor Berts Füßen einer der Unglücklichen zusammen. Erschrocken will sich der Oberst zu ihm niederbeugen und ihm helfen, da er sieht, wie sich die Augen des Mannes verdrehen, und der Mund ein leises Röcheln vernehmen läßt.... Da brüllt der Scharführer herüber: ,, Hände weg, zum Teufel! Das geht Sie einen Dreck an!" - Und Bert richtet sich wieder auf, kann aber den Blick nicht von dem Liegenden abwenden. Es zuckt ihm in den Fingern beizustehen; denn wann hat er jemals seine Hilfe einem Menschen in Not verweigert?- Da seufzt der Arme am Boden nochmals herzbitter auf, als wolle er seine ganze Enttäuschung am Leben in dieses Aufstöhnen legen, reckt sich ein wenig- und verscheidet. Sein Gott hat ihn gnädig vor weiterem Ungemach bewahrt.... Und die Genossen seiner Heimat sehen beinahe mit Neid auf ihn, dessen Leid nur so kurz gewesen ist. Aber auch sie werden bald dem Tod der Erschöpfung anheimfallen. Doch vor dem verendeten Polen zu seinen Füßen denkt sich Bert: So geht es also hier zu! Und wann werde ich selbst ebenso daliegen, ausgemergelt und zu Tode erschlafft? Dem letzten Sensenschnitt nur allzu gerne entgegensinkend? Es hat doch immer etwas tief Erschütterndes an sich, dieser direkte Kontakt zwischen der kleinen Menschenseele und dem großen Gott, der sie zu sich ruft!- Ja, es ist offenbar, daß Leben und Tod hier in engster Tuchfühlung miteinander stehen. - Anders freilich denkt der SS.- Scharführer über den Fall. Er reißt nur die Tür des Badesaals einen Spalt weit auf und ruft im Freien irgendeinem Häftling draußen eine Weisung zu. Eine geraume Zeit vergeht, dann kommt zur gleichen Tür ein untersetzter Dickwanst herein wie Bert später - - 58- erfährt, der Capo des Krankenreviers, namens Heyden, vor dem gewölbten Bauche eine rotbraune Gummischürze, die fetten Arme entblößt.... Der Ausdruck , Capo' ist eine im Kz übliche Bezeichnung für langjährige Häftlinge, die zu bestimmten Aufgaben über andere Lagerinsassen gesetzt sind und als Kennzeichen eine gelbe Binde am Arm mit dem Aufdruck, Capo' tragen. Heyden geht stracks auf den Leichnam zu und betrachtet ihn mit der völligen Gleichgültigkeit eines Totengräbers von Beruf.... Na ja, der Kerl ist fertig, drückt seine Miene aus. Gut, im Lager macht das niemanden stutzig. Er zieht aus seiner Tasche eine Art Kofferfahne aus braunem Karton, mit Blumendraht versehen, nimmt dem Toten das Zettelchen aus der Hand, auf dem die Lagernummer des Neuen vermerkt steht jeder hat ein solches- und notiert diese Nummer mit Blaustift auf der Kofferfahne... so! - Dann faßt er nach der großen Zehe des Mannes, hebt sie hoch und wickelt im Nu den Draht mit der Kofferfahne um diese Zehe, läßt dann das Bein wieder fallen.... Damit ist die Prozedur beendet und der Leichnam registriert. Weitere Zeremonien, die etwa aus einer gewissen Ehrfurcht vor dem Tode herrühren könnten, wie sie jedem sittlich Empfindenden eingeboren ist, kennt das Kz natürlich beileibe nicht, wo denkt man hin! Vielmehr packt der Capo nun den Leichnam bei den Armen und schwingt ihn mit einem gewandten Ruck, der den Praktiker verrät, auf seinen breiten Buckel und geht mit ihm gewichtigen Schrittes durch die Mitte ab Schluß! Ein Auditorium von mehr als 500 Seelen ist dem Vorgang offenstehenden Mundes gefolgt. Die nackte Wurschtigkeit seiner Abwicklung empört nicht nur Bert, empört auch alle anderen.... Tja, wird da vielleicht mancher Heißsporn fragen: warum fallen sie denn nicht über den Kerl, den Scharführer, her, 500: 1, wie sie doch ihm gegenüber sind!- Leicht gesagt! Weil sie eben schon innerlich zerbrochen und ohne Spannkraft sind, zu tief beeindruckt von dem skrupellosen Willen zur Gewalttätigkeit, der sich in der gesamten Anlage des Kz zu erkennen gibt, aus jeder seiner Anordnungen spricht; splitternackt und geschoren, wie sie nach wochenlangem Umhergeworfensein ohne nennenswerte Verpflegung nun hier stehen, mit matten Körpern, fast entseelt, zitternd und ergeben, wie frisch geschorene Lämmer—— Aber als hätten die Brausen über ihnen nur auf den Abgang des Toten gewartet, beginnt das Wasser nun von oben zu zischen und zu sprudeln; erst eiskalt, so daß alles schaudert, alsdann siedeheiß, daß alles flüchtet und end- lich einigermaßen brauchbar.... Handtücher zum Ab- trocknen gibt es freilich nicht, wo denkt der Laie hin! Man treibt die Leute vielmehr naß in den frischen Herbst- wind draußen hinaus, der wird sie schon trocknen—— wem’s etwa schadet, um so besser! Zu dem ersten Scharführer gesellt sich jetzt ein zweiter, ein Kerl mit abstoßend brutaler Visage, so recht ein Typ, wie er für einen Filmregisseur als Darsteller eines verworfenen Gangsters geeignet wäre. Er hält eine derbe Gerte in der Hand und fuchtelt mit ihr voll Munterkeit herum. Und nun hebt ein Zwischenspiel von besonderer Ergötzlichkeit an, herzinniger Genuß für alle herumlungernden SS.-Männer von rechtem Schrot und Korn: Alle Neuen treten vor dem großen Wirtschafts- gebäude, welches Bad, Küche, Vorratsräume, Kleider- kammer enthält, mit bloßen Füßen an. Das Gehen fällt schwer, denn die Fahrstraße ist mit zerkleinerten Kalksteinchen beworfen, die verdammt spitze Kanten und Ecken aufweisen. Am Ende des langen Gebäudes liegt die Kleiderkammer, wohin sie gelangen müssen, und zwar im Laufschritt selbstverständlich— das ist Lagersitte!— Doch ein Mittelstück der Straße ist aufgerissen und wird frisch beschottert. Dort liegen zwischem weichem Erdreich kleine bläuliche Basalt- würfelchen, wie man sie auch zum Pflastern verwendet. Über sie mit nackten Sohlen hinwegzukommen, will - 60 - sehr verstanden sein. Bei Ungewohnten muß es zu einer, Mordsgaudi' führen. Also los! Zu fünfen in der Reihe angetreten, bekommen die Neuen den Befehl, im, Marsch- Marsch' zur Kammer zu sausen. Die erste Gruppe kommt mit aller Mühe über die Kalkkiesel bis zur Schotterstelle und fällt dort unfehlbar vornüber infolge der Schmerzen, die ihnen die scharfen Kanten und Ecken der Basaltwürfel verursachen. Hier flitzt nun die Gerte des Brutalen mit klatschenden Hieben auf die Rücken der Nackten, die sich jammernd aufrichten, erschöpft wie sie sind, vorwärts drängen, weil die nächsten hinter ihnen schon ängstlich stoßen. zwar kommen sie wieder hoch, aber inzwischen ist die pfeifende Gerte wohl zehnmal auf ihre Rückseite geflitzt und hat ihnen die nasse Haut hochrot gefärbt, den weiteren nicht minder und so fort in der Folge, bis der Scharführer nicht mehr kann und prustend vor Atemlosigkeit und Lachen sich die Seiten halten muß... sein Kamerad klopft ihm mit anerkennendem Wiehern auf den Rücken, Kerle, so recht zu Schinderknechten dressiert. - Bert hat diese echt, Dachauer Gaudi' voll Entrüstung verfolgt und beschlossen, sich nicht zu dem gleichen Schauspiel herzugeben, koste es, was es wolle. Mit zusammengebissenen Zähnen, doch den Blick stahlhart auf den Kerl gerichtet, geht er auf dem Fußsteig, nicht auf der Fahrstraße, auf die Scharführer zu und sieht den Rohling dabei so durchbohrend an, daß dieser verblüfft beiseite blickt und nichts gegen den Neuen einwendet, der stracks hinter ihm auf die Kammer zugeht. Im Unterbewußtsein erinnert sich Bert dabei eines altrömischen Schriftstellers, der von einem Nordländer erzählt, wie dieser allein durch die Schärfe seines Blickes sogar Feinde erschreckt und gebeugt habe. So das wäre überstanden! Unter die Fülle von wehklagenden Männern gemischt, die ihre letzte Lebenskraft zusammengerafft haben, um den Eingang zu erreichen, stellt Bert sich an und bekommt schließlich ein Bündel gestreifter Leinenkleidung hingeworfen, die ihm 61einfach zu passen hat, ein blaues Hemd dazu, ein rundes Mützchen, ein paar baumwollene Socken und ein Paar vertragene Schnürschuhe im Format zweier Frachtkähne. Er schlüpft in die Sachen, kümmert sich nicht weiter darum, ob sie passen; er sieht schon am Anblick der anderen genug, um sich ein Bild über das eigene Aussehen machen zu können: fertig zum Auftreten im Zirkus! In den Schuhen aber kommt er sich vor wie Charly Chaplin in dessen berühmten Filmen: er schwimmt nämlich in den Dingern geradezu und watschelt, einer lahmen Ente gleich, die Stufen der Kammer herunter auf den großen Platz zu, in den die Lagerstraße einmündet. Denn dort, das hat er inzwischen schon erspäht, dort liegen die Wohnbaracken, im Lager, Blocks' genannt- nun, und dort muß ja wohl auch ein wenig Ruhe zu finden sein, wie er hofft. - So stolpert er nun über den, Appellplatz' und kommt den ersten Baracken näher. Da wird dort plötzlich ein Fenster aufgerissen, und ein Kopf, der ihm bekannt vorkommt, erscheint im Rahmen, um ihn anzurufen. ,, Hallo, Oberst was ist los mit dir? Wo kommst du her? Warte doch einen Augenblick bitte!" Und ungeniert, da gerade niemand außer anderen Häftlingen zu sehen ist, springt der Rufer zum niedrigen, unvergitterten Fenster hinaus und eilt auf den Neuen zu. Nun erkennt Bert in ihm einen Oberleutnant der österreichischen Flieger, namens Hans von Becker, den er als eleganten Zivilisten im Polizeigefängnis zu Wien einst kennengelernt hat. Becker schüttelt ihm herzlich die Hand und empfängt ihn gleich mit den Worten: ,, Entschuldige meine Anrede, lieber Oberst, aber es gibt hier im Kz nur das klassische, Du' im Verkehr untereinander; daran gewöhnst du dich bald, da man dich ja nun auch in die verlockende Zebratracht gesteckt hat.... Deshalb sprechen wir ja auch nicht von, Dachau', sondern umgekehrt von, Auch- da?', wenn man sich hier wiedertrifft... na, und schönere Stiefel hast du wohl nicht - 62- ausfindig machen können, hm? Das sind ja zwei wahre Geigenkästen, du wirst sicherlich lange nach denen gesucht haben, gelt ja?" Sein gutmütiger Spott tut Bert ungemein wohl... endlich wieder der Umgangston, den er gewohnt ist! Bevor er aber selbst zu Worte kommen kann, nimmt ihn der Oberleutnant am Arm und zieht ihn mit sich fort. ,, Nicht hier auf dem Platze stehen bleiben, verstehst du! Das ist ein äußerst gefährlicher Boden. Komm lieber mit zu mir. Ich bin nämlich hier... ja, das errätst du niemals! Ich bin Museumsdirektor doch, doch!" lachte er, als Bert ihn im Gehen ungläubig ansieht. ,, Wir haben hier drinnen nämlich eine Art Museum von Photos, Zeichnungen, Wachsfiguren und ähnlichem Zeugs, das ich täglich abstauben und sauber halten muß, damit es sich hohen Besuchern würdig präsentieren kann ja, Dachau ist eben mal eine paradoxe Welt, weißt du, da kann man nix machen!" - Damit verschwanden beide im Eingang zum sogenannten, Museum', einem Sammelsurium von Abnormitäten der Eingelieferten in Wachs, von Photos besonders häßlicher Köpfe gleicher Herkunft, von eingerahmten Tabellen, Lagerplänen, Bauskizzen und so weiter, so recht eigentlich ein Museum des Rassenhasses und der Selbstgerechtigkeit. ,, Laß mich erst mal verschnaufen, mein Lieber" bittet Bert den Bekannten. ,, Du kannst dir ja denken, daß man einen soliden Magen haben muß, um das alles gleich zu Beginn hier verdauen zu können!" ,, Tja, ich kenne das", stimmt ihm Becker bei. ,, Aber sei nicht beleidigt, wenn ich dir sage: das ist ungefähr die gleiche Methode, mit der euer Karl Peters, der sogenannte, Hängepeters' glorreichen Angedenkens, damals den Negern Ostafrikas mit Auspeitschen und Aufknüpfen beibringen wollte, was preußische Zucht und Ordnung bedeutet... das liegt euch Reichsdeutschen leider zu sehr im Blute! Und uns behandelt man hier doch nicht etwa als gemeine Verbrecher, sondern weit darunter! Denn Räuber und Mörder sind den Kerlen 63hier ja zu sehr verbrüderte Seelen. In deren Gebahren liegt viel zuviel Verwandtschaft mit ihnen selbst... so sieht es doch aus!" ,, Aber trotzdem", erheitert er sich sofort wieder, und klopft Bert auf die Schulter ,,, trotzdem sind hier drin Trübsinn und Trauer die höchsten und törichtsten Luxusartikel, vielmehr Frohsinn erstes Gebot! Humor gehört bei uns einfach zu den Lebensmitteln, ohne die ein Durchhalten nicht möglich ist... folge mir darin von Anfang an!" Bert dankt ihm für den Rat und fragt alsdann, was ihn eigentlich hereingeführt habe. ,, Angeblicher Versuch des Hochverrates", lacht Becker ,,, begangen durch ein paar offene Worte gegenüber meiner Mannschaft über die Nazis, was als, Zersetzung des Heeres' angesehen wurde... du weißt ja, daß Hochverrat das einzige Verbrechen ist, bei dem der mißglückte Versuch bestraft wird, während der geglückte in den Schullesebüchern als nationale Heldentat gepriesen wird... stimmt es nicht?" Nun hat er den Gast so weit, daß er ebenfalls mitlacht. ,, Darum nochmals, mein Lieber, als einzige Richtschnur gilt uns hier:, tirer le bien du mal', wie die Franzosen es so unübertrefflich kennzeichnen..." Zugleich schweift sein Blick zum Fenster hinaus und winkt einem hereinkommenden Häftlinge zu. ,, Tritt nur ein, Franzl!" ruft er aus. Und siehe da: ein ungemein frischer junger Mann mit bildhübschen Jünglingszügen, sichtlich bester Abstammung und gescheiten Kopfes tritt herein, geht sogleich auf Bert zu und gibt ihm ohne weitere Umstände die Hand, dabei lächelnd seine schönen Zähne zeigend. ,, Du bist neu, wie ich sehe, ich habe dich über den Platz stolpern sehen; morgen verschaffe ich dir ein paar passende Schuhe und was du sonst noch brauchst! Deshalb bin ich dir hierher zu Freund Becker nach- ja, und um dir gleich noch zu sagen er gegangen wurde ernst dabei: ,, Nimm du dich hier besonders in Acht! Ich weiß nicht, wer du bist und was bei dir vor- - " - 64- liegt; aber alle Träger solch durchgebildeter, ausdrucksreicher Köpfe, wie des deinigen, sind hier besonders vogelfrei, glaube mir das! Warum? Nun, nimm an aus Eifersucht, wenn den Kerls aus dem Spiegel die blanke Dummheit aus ihren hohlen Kürbisschädeln entgegengrinst...." 66 Das spricht er so geläufig aus kluger Beobachtung und frischer Urteilsfähigkeit heraus, daß seine Worte sofort eine herzliche Brücke zwischen Bert und ihm schlagen.... Der Oberleutnant stellt sie nun formell einander vor, um dem, Lager- Knigge Genüge zu tun, wie er sich ausdrückt: ,, Hier mein lieber Freund Franzl Kohlhofer, seines Zeichens Student der Rechte in Innsbruck, seiner Heimat; da Oberst Jordan aus München, den ich in Wien kennenlernte.... Und nun, Franzl, du treibst dich ja doch bloẞ herum: nimm dich unseres Bekannten etwas an, führ ihn in seinen Block und empfiehl ihn seinem Korporal Ich darf hier nicht heraus!" - ,, Einverstanden!" willigt der Student ein und nimmt Bert mit sich. Im Gehen frägt dieser ihn: ,, Du hast dich also gut hier eingelebt?" ,, Nun, ich war nie im Zweifel, was einem hier blüht! Ich habe stets die Kz- Lager als die Endmoräne des großen Kulturgletschers bezeichnet, mit dem das Nazitum Deutschland überzogen hat stimmt das nicht?" Das sagt er wieder mit solch schlichter Natürlichkeit, daß Bert überrascht ist, soviel Kerngesundes, Prächtiges innerhalb des Stacheldrahtes zu finden und bei sich beschließt, wenn es möglich ist, den jungen Menschen sich zu gewinnen, als eine tiefe Tröstung in seiner nunmehrigen Lage.... Und sofort fühlt er sich geborgener. Da schwankt der Bibelforscher aus Krems in seiner neuen Aufmachung über den leeren Platz. Bert weist auf ihn: ,, Mein Transportgefährte, ein Zeuge Jehovas und ein wirklich frommer Mann!" ,, Du wirst noch viele von ihnen hier antreffen", erwidert Franzl. ,, Sie verweigern dank ihres Glaubens - 65- den Dienst mit der Waffe und sind deshalb den Nazis ein scharfer Dorn im Auge. Sobald einer von ihnen unterschreibt, daß er der Sekte abschwört, wird er entlassen... aber ich habe bis jetzt noch keinen solchen Fall beobachten können eine Standhaftigkeit, die aller Ehren wert ist. Übrigens sind sie die besten Arbeiter im Lager, stets willig und geduldig!" - Ein Scharführer kommt ihnen entgegen. Die beiden Häftlinge müssen flugs ihre Mützchen herunterreißen und mit strammer Haltung an dem SS.- Mann vorbeigehen. Diesem selbst ist dagegen auch der leiseste Gegengruß streng untersagt. Mit dem Daumen zurückweisend, flüstert Franzl, während seine Augen dabei bös und drohend werden: ,, Laß ihnen nur ihren Totenkopf! Denn ihre Uniform ist bereits das künftige Todesurteil für sie, denke mal später an mich!" Etwas überrascht von der raschen Wandlung vom Heiteren zum Trotzigen sieht Bert ihn an, so daß Franzl gleich wieder auflacht und herzlich sagt: ,, Ja, ja, Oberst, staune nur! Ich bin durchaus kein Heiliger, lege mich ja nicht in ein Erbauungsbuch! Aber gegen diesen Faschi- diotismus gehe ich an, solange noch ein Atemzug in mir ist. 66 Doch gleich streift er die Abschweifung von sich und weist geradeaus. ,, Hier also hast du unsere Lagerstraße, den breiten Boulevard unserer Zwangsresidenz, der Stadt ohne Frauen, ohne Liebe, ohne Wein, doch nicht ganz ohne ein paar Freuden für den, der sie sich selbst zu bereiten versteht!" - ,, Na und du scheinst es zu verstehen, Franzl!" lächelt Bert nun auch, angeregt von dem Geplauder des Gefährten. ,, Ach Gott, ich bin ja erst zwanzig Jahre alt! In solchem Alter, weißt du, kennt man noch keine Gefahren und kaum irgendwo Hindernisse... für einen Zwanzigjährigen lauern ja schon hinter jeder Küchengardine neue Abenteuer und Reize, geschweige denn hinter dem elektrischen Stacheldraht!" Er hemmt aber seinen Redefluß gleich selbst wieder. ,, Doch nun laẞ 5 Conrady, Amokläufer. - 66- - uns ernsthaft sein! Von der Lagerstraße biegen, wie du siehst, die Blockgassen zu den einzelnen Baracken rechtwinklig ab. Jeder kann auf ihnen und der Lagerstraße in der Freizeit promenieren und rauchen. Hier können wir uns immer wieder treffen. Ich mache dich auch mit unserem Österreicherkreise bekannt. Nun komm, wir sind bei deinem Blocke IX, Stube 4, angelangt- ich will dich gleich deinem Stubenältesten- im Lager Korporal genannt- übergeben!" Auch das geschieht. Bert wird ein Spind angewiesen in der langen Reihe von neunzig Stück in jeder Stube. Das Spind ist so schmal wie ein aufrecht stehendes Bügelbrett, nicht mehr. Das Bett ist eine Spalte von 70 cm zwischen hölzernen Gestellen unter oder über dem nächsten Bett, da immer drei Stück übereinander stehen und im Schlafraum so eng gereiht sind, wie eines Mannes Schultern breit sind. Die Unterlage bildet ein Strohsack, doch beileibe keiner, der den Körperformen nachgibt; sondern ein Ding, das so steinhart wie möglich gestopft sein muß, weil seine Benutzung zum Schlafen totale Nebensache ist; Hauptsache dagegen seine Eignung zum, Bettenbau', einem ganz üblen Kapitel im Lager. Der Strohsack muß nämlich die exakte Form einer Zigarrenkiste beibehalten, ohne jede Übertreibung. Das weiße Bettuch senkrecht an seiner messerscharf herausgearbeiteten Oberkante herunterfallen. Die Wolldecke, in blau- weißes Leinenzeug einbezogen, liegt in der Mitte hübsch so gefaltet, daß die Würfelreihe ihres Musters um Gottes willen genau parallel mit der Kante läuft. Dann hat sie bei dem gleichfalls streng viereckigen Kopfkissen aus Stroh einen rechten Winkel nach oben zu bilden, den sogenannten, Wasserfall', scharfkantig und senkrecht, um schließlich wieder waagerecht über dem Kopfkissen auszulaufen.... Dazu braucht der Häftling ein Stopfholz und ein Bügelholz, letzteres zum Glätten der Decke, da es ja völlig unausdenkbar wäre, wenn die Decke etwa ein winziges Fältchen aufweisen würde. Dies alles aber soll in furchtbarer Enge und Gedrängtheit geschehen, bei - 67- den oberen Betten noch dazu in luftiger Höhe selbstredend in größter Geschwindigkeit. - und Als der Korporal den Neuen informiert hat, setzt er noch warnend hinzu: ,, Wehe dir, wenn dein Bett etwa , auffällt', dann gibt's erbarmungslos, 25 über'n Arsch', also nimm dich zusammen! Und bevor ich's vergesse: vor dem Appell mußt Du den Leinenstreifen mit der Nummer links oben auf der Brust angenäht haben, ebenso rechts am Hosenbein. Das rote Dreieck als politischer Häftling trägt dein Kittel ja schon von früher her... also geh' am besten gleich dran, bevor es zu spät ist!" LAGERLEBEN. Woher nun sofort Nadel und Zwirn nehmen, woher überhaupt nähen können?- Stellt mir eine strategische oder taktische Aufgabe, bitte, aber verlangt nicht, daß ich Betten bauen, Spind putzen, Leinenflecke annähen soll, sinnt Bert nach.... Aber schon kommt ein hilfsbereiter Nachbar und nimmt ihm Kittel und Nummernstreifen ab. Mit flinken Händen besorgt er das Verlangte. Es ist ein biederes Landkind aus dem Hochland, wie Bert gleich vermutet. Und er täuscht sich auch nicht, ist jedoch überrascht, als sein Helfer ihn bescheiden fragt: ,, Ach, sag mal- kannst du eigentlich lesen und schreiben?" - ,, Nanu!" stutzt Bert ,,, was ist das für eine Frage?" ,, Nun ja", verrät der Bergler verschämt ,,, Ich kann es nämlich nicht! Ich bin ein Kärntner und war ganz hinten in unserem Hochgebirge seit meiner Bubenzeit Sennhirte. Nie hat mich jemand etwas anderes gelehrt, als mit dem Vieh umzugehen und meine Sachen ganz und sauber zu halten... jetzt freilich fehlt es mir arg; denn wenn ich schon ein, Staatsfeind' sein soll" sagt das mit naivem Stolz, ohne sicherlich die geringste Ahnung zu haben, welche Umstände ihn hierzu gestempelt hatten ,, dann muß ich doch wenigstens lesen können, mit wem ich's nun halten soll, nicht wahr....?" 5* - er 1 68Dabei näht er mit flinken Stichen die Nummernstreifen an Berts Kleidung fertig und verstaut das Nähzeug wieder in seinem Spind.... ,, Nun, mein Lieber, was bin ich dir schuldig?" fragt ihn Bert. ,, Und wie ist dein Name?" ,, Benedikt heiße ich- Benedikt Ogertschnigg. Und wenn du Zeit und Lust hättest, dann würde ich dich sehr bitten: lerne mich lesen und schreiben, ich halte dir dafür dein Bett und Spind tadellos in Ordnung; das verstehe ich wiederum gut!" Bert legt froh seinen Arm um die Schulter des braven Burschen und stimmt ein. ,, Von Herzen gern bin ich zu deinem Vorschlage bereit, Benedikt! Wir werden gleich morgen mit der ersten Stunde beginnen...." Daß er im Lager zum Elementarschulmeister werden würde, hätte er sich auch nicht träumen lassen. Mittlerweile strömen die Insassen der Stube von ihren Arbeitsplätzen zurück und füllen den Raum mit geschäftiger Vorbereitung auf das Essen. Auf dem Dach jedes Spindes thront ein Hocker, der heruntergeholt und an einen der Tische gestellt wird. Das blanke Eẞbesteck und der Napf aus Aluminium stecken an der Spindtür; sie werden bereitgelegt, dazu ein Stück der schmalen Brotration abgeschnitten so, nun kann es - losgehen! Und wirklich schleppen schon zwei Leute vom Stubendienst die furchtbar schweren Thermoskessel herein, die auch ohne Inhalt ihr anständiges Gewicht haben, aber doch von Wert sind, weil sie die Kost lange Zeit warm halten. .. Der Korporal reißt den massiven Deckel hoch; der Dampf schlägt in dichter Wolke zur Decke empor und nun fährt der große Schöpflöffel von 3/4 Liter Fassung in die heiße Brühe hinein und teilt der angetretenen Mannschaft aus... es gibt sogenannten, Blauen Heinrich', der vulgäre Name für Grützebrei. Die Fleischeinlage freilich, marschiert nur im Geiste mit', wie die älteren Insassen der Stube murren. Aber es schmeckt Bert vortrefflich, viel besser, als er sich je gedacht hat, weil er eben den, besten Koch' - 69- zur Seite hat, den Hunger.... Gleich nach dem Essen kommt Franzl wieder und bringt für Bert sogar eine Zigarette mit. Sie wenden sich von neuem der Lager- und bald herstraße zu, die sich zu füllen beginnt. nach stößt Franzl auf den Kreis seiner Freunde, dem er den Neuen vorstellen will. -- Nun kommt Bert nicht aus dem Staunen heraus, welche Bekanntschaften er dabei macht: fast alle Häupter der ehemaligen Regierung Österreichs unter Schuschnigg sind hier vereinigt, so der Vizekanzler Bar von Barenfels, Staatssekretär von Karwinsky, die Minister Ludwig und Reiter, Oberst Adam, die Generale Vauguin und Sommer, der Oberbürgermeister von Wien Schmitz, die Majore Täubler und Freiherr von Stillfried, kantige Soldatengesichter darunter. Hinzu kommen mehr als Standespersonen die beiden Söhne des einst in Serajewo ermordeten Erzherzogs Franz- Ferdinand, die Prinzen Hohenberg, die Prinzen Schwarzenberg und Löwenstein, ein Graf Bernstorff, Frhr. von Dahmen, sowie Präsidenten, Staatsräte und Generalstaatsanwälte weiß, was noch alles.... - und wer Noch mehr aber staunte Bert über die Ungezwungenheit ihres Auftretens, die Festigkeit ihrer Haltung, das heitere sorglose Wesen, das sie wenigstens im geselligen Verkehr zur Schau trugen. Es ist bestimmt wahre Größe, solch ein verzweifeltes Los in Heiterkeit und Gefaẞtheit zu ertragen.... Nur einzelne unter ihnen sind nicht mehr als, übertünchte Gräber', denen die Seelenpein des Ungewissen ins Gesicht geschrieben steht. Die anderen verkörpern jedoch so recht das leider versinkende Gestern und das trotz aller Gewalten, die es bestürmen, ständig Verbleibende: die Kultur ihres Umgegenganges, ihrer guten Sitten und ihrer Denkweise über jenem Geschlecht, das im Schein einer falschen Morgenröte heraufkommen will und in erster Linie glaubt, jede Form und Moral über Bord werfen zu dürfen. Es ist in jenen eine wunderschöne Art von Zuversicht zu verspüren, die zwar die Leiden keineswegs -70aufhebt, aber sie immerhin sinnvoll macht, für sie alle, die das Letzte und Bitterste eines Lebens zu durchfühlen haben. - Alle nehmen den Oberst mit offener Kameradschaftlichkeit auf, trotz der starken Ressentiments, die der Österreicher nicht ohne Berechtigung gewiß gegen den Reichsdeutschen hegt.... Und nicht verwunderlich ist es, daß Berts Beruf ihnen sogleich die Frage in den Mund legt: ,, Nun was halten Sie, der erfahrene Soldat, vom Kriege und seinen Aussichten?" Nicht ohne weiteres leicht, einer solchen Frage zu begegnen. Bert faßt daher seine Meinung so knapp wie möglich zusammen, indem er sagt: - ,, Es kann nicht zweifelhaft sein, das der deutsche Soldat wie im Weltkriege seine alte Bravour im Kampfe wiederum beweisen wird, ob in Eis und Schnee oder im Sand der Wüste, in den Lüften oder in den Fluten des Meeres... hoffentlich aber bewahrt er auch sein blankes Ehrenschild in der humanen Behandlung von Kriegsgefangenen und Zivilisten... ich bin offengestanden darob arg im Zweifel angesichts der Führung, unter der er jetzt steht und deren wahre Gesinnung wir ja am besten an uns selbst verspüren! Und da Brutalität niemals zu einem dauernden Erfolge führt, glaube ich: die Schlachten zu Beginn wird er wohl gewinnen, aber kaum den Ausgang des Krieges; denn ihn entscheiden selten reine Waffengewalt und Ausbeutung momentaner Macht, auf welche die Kurzsichtigen sich allein stützen werden...." ,, Kann sein", wirft da Karwinsky ein, dessen Antlitz Bert anmutet wie das eines Kardinals der Renaissancezeit. ,, Aber glauben Sie nicht, Oberst, daß sich unser Volk endlich losreißen wird vom Nazijoch, unzufrieden mit ihm, wie es in allen Berufsschichten ist?" Bert atmet auf, daß ihn endlich wieder die gewohnte, leicht nervöse Luft umgibt, die überall dort herrscht, wo Menschen von Temperament leben. Er sieht, wie alle an seinen Lippen hängen und spricht daher halblaut und bedächtig: ,, Das Nazitum ist in meinen Augen eine geistige -71- Seuche, die eben jedermann, dessen Konstitution es erlaubt, ruhig überstehen sollte, weil sie wie jede Epidemie eine gewisse Reinigung der Menschen bedeutet, hier eine innere, seelische. Im übrigen aber muß man abwarten, bis sie durch eigene Erschöpfung von selbst erlischt... oder wenn man wirklich eingreifen will, muß man das richtige Serum anwenden nebst allen übrigen Vorsichtsmaßregeln! Der Krieg erscheint mir nicht als die richtige Therapie. Denn jegliches Blutvergießen, von den Bombengeschwadern über wehrlosen Städten nicht erst zu reden, erinnert eher an chirurgische Eingriffe, die gegen eine Seuche nichts nützen.... Und daß unser Volk so stark sich hat infizieren lassen, liegt wohl an der geistigen Disposition seines Charakters für solche Attacken. Machen Sie aber dem deutschen Volke deswegen keinen zu schweren Vorwurf! Vergleichsweise befindet es sich eben jetzt erst auf ähnlicher Entwicklungsstufe seines staatspolitischen Lebens, wie das britische Volk vor fast genau 300 Jahren, also um 1650 herum zur Zeit Oliver Cromwells.... Sie erinnern sich gewiß daran, wie auch die Briten damals nicht gewagt haben, das Joch der, Eisenreiter der heutigen SS. sehr ähnlich abzuschütteln, obwohl die bedeutendsten Mächte der Erde ihnen militärische Hilfe angeboten haben, und ihnen das Joch durch die verbohrten Maßnahmen Cromwells nahezu unerträglich geworden war-- also ein Zustand sehr nahe dem unsrigen.... Erst, als der Lord- Protektor die Augen für immer geschlossen hatte, war der Umbruch mit einem Schlage da. Bei seinen Lebzeiten dagegen war er zu stark vom Ruhme als Feldherr und Staatsmann umstrahlt, als daß er irgendwie - und dasselbe wird für unsere antastbar gewesen wäre- Verhältnisse gelten. Ich glaube mich bestimmt hierin nicht zu täuschen. 66 - ,, Sie haben recht", stimmt ihm der Kreis zu. ,, Die Deutschen zeigen mit der Hitlerei eigentlich nur, daß sie in dem unsichtbaren Buch der Geschichte noch immer nicht zu lesen vermögen!"- ,, Und ihren Gegnern gegenüber übersehen die Nazis völlig die uralte Einsicht, -72- daẞ ungerechte Gewaltausübung die denkbar stärkste Macht vergeudung ist!" Es ist Stillfried, der diese Worte spricht. Bert fesselt sofort der kluge, edle Ausdruck seiner Züge. Er sieht: hinter dieser hohen Stirn jagen Gedanken, leben Leidenschaften, aber alles gesteuert durch eine hochherzige Sinnesart. - ,, Leider kümmert sie das nicht!" wirft Minister Ludwig ein ,,, das gräßliche Gespenst des Argwohns begleitet eben die Kerls, wo sie gehen und stehen.... Und uns bleibt die Wahl, entweder zugrunde zu gehen an der seelischen Not oder ja, allerdings: oder in Tiefen zu sehen, die uns sonst unzugänglich geblieben wären!" ,, Seid unbesorgt, meine Lieben", betont Staatsrat Seeger ingrimmig ,,, wir haben ihnen ein Konto eröffnet, hier drinnen in der Brust, ein unauslöschliches Konto, dessen Buchungen aber nicht mit Tinte eingetragen sind, sondern mit Herzblut!" Seiner Natur nach versöhnlicher, gesteht Bar von Barenfels: ,, Auch ich habe erst hier gelernt, wie sehr Kummer läutern und Leid befreien kann.... Freilich wissen die, beati possidentes' der Freiheit draußen kaum, was sie eigentlich für einen Schatz besitzen aber was hilft das? Mit Kassandrarufen kommt man nicht weiter!" - -- Sehr aufrecht ruft dagegen Karwinsky aus: ,, A bah, uns bleibt wenigstens erspart, die vielen vom Sturm der Zeit so kläglich gekrümmten Rücken und die heuchlerisch erhobenen Hände zu sehen auch ein Vorteil! Denn weswegen sind wir eigentlich hier, Oberst? Weil wir nicht der Auffassung huldigen konnten, daß Regieren mit Blutvergießen und brutalem Gewissenszwang gleichzusetzen ist!" Bert freut sich einer solchen Äußerung, die seiner eigenen Anschauung voll entspricht. Er findet den Sprecher männlich schön in der förmlich elektrischen Kraft des Ausdrucks und der Gesten. Einer in diesem Kreise hat bisher konstant geschwiegen: Schmitz, das Oberhaupt der Stadt Wien. Er hat -73jenen Märtyrerzug um die Lippen, den Bert so gut kennt. Er allein scheint zu den Bedauernswerten zu gehören, die sich an den Felsen eines besonderen Schicksals geschmiedet fühlen und sich vom Geier ihrer trüben Gedanken täglich aufs Neue die Brust zerreißen lassen. Mit dem brütenden Gram des Zurückgesetzten sieht er Bert an, als er einwirft: ,, Aber der Trost, daß nur die momentane Macht euer ist, die Wahrheit dagegen unser, hält leider nicht warm genug das ist es!" - Oberst Adam assistiert ihm, indem er sagt: ,, Vor allen Dingen heißt es für uns, das größte Opfer bringen- das der verfließenden Zeit!" Niemand weiß das besser als Bert selbst. Daher fällt er jetzt in das Gespräch ein: ,, Der wahre Held, so bilde ich mir ein, ist nicht der sturmbereite Soldat, nicht der siegesbewußte Feldherr, sondern der schuldlos leidende Mensch, der sich trotz aller Seelenqualen sein Gefühlsleben nicht zerstören läßt und nicht in Haß und Wut mit der Welt zerfällt, sondern sein Menschentum dadurch nur befruchten und vertiefen läßt...." Da läßt sich Stillfried zustimmend vernehmen: ,, Sehr wahr gesprochen! Lieber in Schmerzen, als in Lügen leben.... Es ist nicht deutsche Art und daher auch nicht die unsrige, politische Feindschaft auf das Verhältnis zwischen Mensch zu Mensch zu übertragen. Das wollen wir weiß Gott den Nazis nicht nachmachen...." - Und ihm die Hand auf die Schulter legend, springt wieder Karwinsky ein: ,, So ist es! Dafür, daß wir zwischen der Skylla des Schuldigwerdens vor dem eigenen Gewissen als leitende Beamte und Staatsmänner und der Charybdis einer Liebedienerei vor den preußischen Nazis, die uns bedrängten, den Weg gewählt haben, der uns als Christen und österreichische Edelleute einfach selbstverständlich erschien dafür müssen wir heute büẞen! Also wollen wir es mit Hochgefühl tun, nicht anders!" -- Mit Ironie flicht Seeger dazu ein: ,, Die Kerle wissen eben, daß wir Rebellen im Herzen gegen sie sind- und - 74- wollen uns keine Gelegenheit geben, zu Rebellen der Tat zu werden das ist ihr Argument!" - "" Und Täubler als Soldat bekennt:, Wie oft habe ich schon gespürt, daß es viel leichter sein muß, in offener Kampfstellung die Geschosse um sich pfeifen und krachen zu hören, aber selbst bewehrt zu sein, als die erstickende Flut von Schmähungen, Erniedrigungen, Mißhandlungen täglich wehrlos erdulden zu müssen.... 66 ,, Ja", schließt Barenfels die Aussprache ,,, wenn es wenigstens so wäre, wie euer Richard Wagner einst prophezeit hat: Große Politiker werden wir Deutsche nie werden, aber vielleicht etwas Größeres, wenn wir unsere Anlagen richtig ermessen durch welche wir zwar nicht - zu Herrschern, wohl aber zu Veredlern der Welt bestimmt sein dürften'..." Das walte Gott! sprach der Kreis von Männern um ihn ihre tiefste Hoffnung aus. Stumm haben der Diskussion die Prinzen zugehört, von denen Bert besonders Max von Hohenberg auffällt, ein Adelskopf mit leicht melancholischem Zug im Antlitz, würdig in der Haltung, doch ohne jede Prätention; vielmehr von natürlicher Anmut im Wesen, schlank und leicht gebeugt, von etwas gelblichem Teint und resignierten Augen der typische Sprößling aus uraltem Adelsgeschlecht, zwei von den letzten einer Kaste, die schon den unausbleiblichen Niedergang in sich trägt. - Bert will ihn gerade ins Gespräch ziehen, dem er sehr gespannt zugehört hat, da, brummt der Bär', das heißt: ein Schnarrsignal an der Stirnseite einer Baracke zeigt an, daß die Häftlinge blockweise zum Appellplatz zu marschieren haben, wo die mittägliche Zählung vorgenommen wird und anschließend hieran die Arbeit wieder beginnt. Alles geht mit raschem Abschiedsgruß auseinander. Die Blockältesten auch, Feldwebel' genannt, ordnen das Antreten ihrer Leute auf den Blockgassen und lassen in Reihen zu je zehn Mann abmarschieren. - Bert kommt neben Staatsrat Seeger zu stehen, der ihn nun auf die riesige Inschrift auf dem Dache des - 75- Wirtschaftsgebäudes aufmerksam macht, dem sie auf dem Appellplatze gegenüberstehen... ... Die Inschrift lautet:, Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine lauten Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Ordnungssinn, Opfergeist und Liebe zum Vaterlande - Mit sarkastischem Lächeln klärt ihn Seeger auf: ,, Diesen Spruch muß zwar jeder Häftling prompt auswendig hersagen können, aber helfen tut er leider keinem. Das gehört nur zur äußeren Fassade!" ,, Dieser Text erinnert mich fast", flüstert Bert zurück ,,, an die sieben Kardinaltugenden der Scholastiker: Glaube, Liebe, Hoffnung, Gerechtigkeit, Beharrlichkeit, Weisheit und Mäßigkeit... ich würde ihnen den Vorzug geben!" ,, Gut, mach' mal den Vorschlag!" lacht Seeger leise. ... ,, Aber paß auf! Jetzt lernst du unseren Lagerleiter kennen da kommt er grad'!" - - - Die versammelten SS.- Scharführer gegen zwanzig an der Zahl - grüßen nun mit erhobener Hand den Chef, Hauptsturmführer Eisfeldt, der in knapp sitzender Uniform und mustergültig geschnittenen Reithosen, das kleine SS.- Mützchen schräg auf dem Kopf, eine elegante Erscheinung ist. Mit den lässigen Bewegungen eines Kavallerieoffiziers dankt er und läßt das Zählgeschäft vor sich gehen, genau wie später die Aufstellung der Arbeitskommandos, die der Rapportführer überwacht. Er kümmert sich dabei um nichts. Auf seiner Miene steht gelangweilter Überdruß zu lesen; er mimt gewissermaßen den verwöhnten Gardekapitän, der in eine klägliche Garnison zwangsweise versetzt worden ist und dem alles Drum und Dran herzlich egal ist... so ist Berts Eindruck von ihm. Inzwischen laufen die Scharführer prüfend die einzelnen Blockmannschaften entlang. Die Aufstellung in Zehnerreihen erleichtert sehr die rasche Zählung, bei der die Feldwebel ebenfalls Häftlinge schon vorgearbeitet haben. Die Ergebnisse werden addiert und müssen stets den Gesamtstand des Lagers an Insassen ergeben, - - -76abzüglich Kranken, Verstorbenen usw.... Die Zahl stimmt, und der Befehl: ,, Arbeitskommandos formiert!" erschallt. Nun strömt alles aus der Aufstellung nach Blöcken in die Arbeitsabteilungen, denen die verschiedenen Häftlinge zugeteilt sind. Deren Capos übernehmen die Einordnung und marschieren mit ihren Gruppen zur Arbeitsstätte ab. Zu den Neuen kommt ein Lagerläufer, d. h. ein Häftling, der die Befehle der Leitung zu übermitteln hat, und schreibt ihnen vor, in der leeren Baracke 30 vorläufig Strohsäcke zu stopfen, bis sie endgültig Einteilung erhalten werden. Es betrifft nur gegen zehn Mann. Wo die anderen geblieben sind, ist Bert zur Zeit noch unergründlich. Er sieht sie lange Monate nicht wieder. Als Ersatz eines leitenden Capos gibt Mörtl, der Lagerläufer, den Neuen einen Wiener mit, den einstigen Präsidenten Oberweger, sowie noch 4-5 andere Österreicher. So zieht das kleine Kommando der letzten Baracke des Lagers zu, in deren leeren Räumen große Haufen von Stroh und dazugehörige Bettsäcke aufgestapelt liegen.... Echt wienerisch erteilt Oberweger seinen Leuten gleich den Rat: ,, Also wiẞt's, Leutelns, reißt Eana ja kan Bein nöt aus! Kontrolliert wer' ma eh' nöt, g'freun tut uns dös G'schäftl a'nöt, an rechte Jaus'n dazu föhlt a'- alstern halt' mer's mit an g'müatlich'n Plausch oder nöt?" Niemand ist geneigt, ihm zu widersprechen. Und ebensowenig ist es ein Wunder, daß sich das Gespräch gleich wieder auf politisches Gebiet begibt, wie dies die Zeiten mit sich bringen.. ,, Ein Jammer ist es", fängt der erste an, während er einen leeren Sack aufgreift und ihn durch einen Kameraden offen halten läßt. die anderen folgen seinem Beispiel., Wir hatten schon so schön einen Abbau des Hasses gegen uns erzielt - - nun ist alles wieder futscht -77Kann man es dem Auslande verdenken, wenn es sich fragt: ist die Republik nun euer wahres Wesen oder nur eine Maske gegenüber uns gewesen?" ,, Sehr wahr! Unsere verflossene Republik hat trotz mancher Mängel, die nicht bestritten werden sollen, doch des deutschen Volkes eigentliches Wesen, seine wirkliche Gesinnung und Gesittung in der Politik herausgestellt und stieg deshalb in der Achtung der Welt von Jahr zu Jahr.... Aber weil dies den Herren Kriegslieferanten das gute Geschäft verdarb, haben ihre Kreise nicht geruht, bis ihr Lebenslicht zum Erlöschen kam dank ihres Beauftragten Adolf Hitler!" - ,, Und nun liegt die Hitlerei und die Gefahr ihrer Ausdehnung wie ein drohender, bedrückender Felsblock auf den Völkern der Welt, die ihre Freiheit lieben!" ,, Stimmt! Aber auf schrankenlosen Ehrgeiz und Machtgelüste, auf Unterdrückung der öffentlichen Meinung und den Bruch feierlicher Versprechen läßt sich keine vollkommene Gesellschaft und erst recht kein Staatsgebilde errichten..." ,, Das sage ich auch! Wer sein Volk in Lagern, Kasernen und Zuchthäusern erziehen will, weiß nicht, wie kraẞ die Luft derartiger Zwangsplätze dem reinen Ozon wahrer Kultur entgegensteht!" Oberweger fiel hier ein: ,, Die intellektuellen Kreise bei uns in Österreich haben sich ja sofort gesträubt. Sie sahen hinter dem ständigen schönen Feuerwerk der Nazis, hinter dem verlockenden Vorhang von nationalem und sozialem Ethos die nackten Interessen der Schwerindustrie und der hohen Militärs und wußten Bescheid!" ,, Und dann sagte ich mir", fiel ein Landsmann von ihm ein ,,, daß dauerhaftes Holz langsam wächst. Was zu schnell aufschießt, hat keinen Bestand..." " ,, Friedrich Wilhelm Foerster sagt irgendwo: Demokratie ist der Protest gegen jegliche Art von Vergewaltigung. Demokratisch empfinden heißt vom Ich zum Du übergehen und feinfühlig werden für fremde Rechte und Interessen..." " F -78,, Gut und schön, schon der alte Görres hat den Deutschen mit einem Hampelmann verglichen, bei dem jeder Springinsfeld am Fädchen ziehen kann, damit er possierliche Sprünge macht und voll Eifer zappelt..." Da ereifert sich Oberweger, indem er sagt: ,, Deshalb betone ich stets schminken wir unserem Deutschtum keine rosenroten Wänglein an und streicheln es fortgesetzt wie einen Buben, der zwar ein rechter Lauser ist, aber um jeden Preis zum Musterknaben emporgelobt werden soll nein, es heißt den heutigen Gegebenheiten ohne Scham ins Gesicht sehen... und die Mehrzahl von uns kann es ja auch seelenruhig tun!" -- Ein Ingenieur fiel ein: ,, Ich denke oft daran, wie im zaristischen Rußland, in dem ich lange gearbeitet habe, fast jede Nation mit ihren Angehörigen vertreten war, schon seit den Zeiten Peters des Großen... aber von allen nur allein die Deutschen gründlich verhaẞt waren, keineswegs auf Grund von Neid, worauf wir uns so gern herausreden..." ,, Na, da wäre ich ja gespannt", rief ein Häftling mit einem wahren Firmament von Sommersprossen im Gesicht von der Höhe eines Strohhaufens herunter ,,, was der wackere Parteipapagei zu euren Reden sagen würde!“ ,, Ja, diese gescheiten Herren! Nachdem sie erst so ziemlich alles diplomatische Porzellan zerschlagen und jede Möglichkeit, sich noch mehr Feinde auf der Welt zu machen, ausgeschöpft hatten, wollten sie dann die Friedensschalmei blasen und allen die brave Bruderhand als es längst zu spät war... bieten - 66 Ein Versonnener flocht hier ein: ,, Und dennoch sollte eigentlich die Menschheit nur der Menschlichkeit den Weg bereiten!" ,, Ach, du lieber Himmel, was für ein Philantrop! Du bist zu deinem Pech in eine Ära von Kriegen geboren, mein Lieber, füge dich mit Anstand darein.. 66 Rede und Gegenrede rollten nun freilich nicht etwa am laufenden Bande ab, sondern stets in geraumen Abständen, wie es Arbeit und Überlegung der Worte mit - - 79- sich brachten... die Zeit war dadurch im Fluge verstrichen. Und beim letzten Einwurfe sah der Capo auf seine Armbanduhr, die er als solcher allein zu tragen berechtigt war- und sagte aufstehend zu seinen Leuten: ,, Nun können wir langsam Schluß machen- es ist gleich Feierabend! Schleicht auch einzeln und unauffällig in eure Blocks zurück... ich tue inzwischen desgleichen!" * Beim Abendappell stand die gleiche Menge von Häftlingen von neuem rund 20000 Mann zu jener Zeit in Blockreihen angetreten auf dem Platz. Man schwieg sich wieder mal eine volle Stunde lang an, die meisten dazu herzlich müde von angestrengter Arbeit bei kärglicher Kost. Aber es gab für Bert und manche Gleichgesinnte eine erfreuliche Ablenkung: Der Himmel über ihm zeigte ein unendlich zartes Blau. Lockeres Abendgewölk zog langsam darüber hin, rosig und purpurn, auch dunkelgrau mit goldglänzenden Rändern; hoch über ihm jedoch phantastisch geformtes Sturmgewölk, vom frischen Winde zerfasert... dann erglühte alles, wie weite Rosengärten, voll Inbrunst des Blühens und verharrte schließlich ruhevoll und erhaben, gleich behäbigen Inseln, im klaren Himmelsmeer ein Schauspiel von ergreifender Schönheit-- gut, daß euch wenigstens, dachte sich Bert, keine Willkür und keine Notverordnung stören kann! ... - Die Wachttürme ringsum fesselten hernach sein Interesse. In Abständen von je 200 m ragten zweistöckige Türme aus Mauerwerk über die Umzäunung hinaus, auf jedem ein Maschinengewehr mit Doppelposten. Der große Appellplatz konnte dergestalt von 3-4 MG.s erfaßt und die Menge der Häftlinge durch sie schonungslos dezimiert werden... also mußte jede Art von Auflehnung eine komplette Unmöglichkeit sein. Der zwei Mann hohe Stacheldraht dichtester Bespannung war ebenfalls undenkbar zu passieren, abgesehen von der Hoch - 80spannung, mit der bestimmte Drähte ständig geladen waren. Also war man hier der SS. auf Gnade und Ungnade ausgeliefert, erkannte Bert. Und während jede Haft- oder Strafanstalt der Welt ihren Gefangenen genau festgelegte Anrechte gewährt, die ihnen jederzeit zustehen, fehlt dergleichen im Lager vollkommen. Der Häftling hat nicht einmal die Gewißheit des leibeigenen Sklaven, daß er für seinen Herrn immerhin einen Vermögenswert darstelle, den er schonen muß, wenn er klug ist.... Sich beispielsweise über den Block- oder Stubenältesten zu beschweren, käme schon ausgesprochenem Selbstmorde gleich, obwohl jene ebenfalls Häftlinge sind. Und wieviele haben sich im Kz nächtlicherweise aufgehangen die im Lager beliebteste und jederzeit geduldete Art des Freitodes um den pausenlosen Quälereien dieser vorgesetzten Mithäftlinge zu entgehen. Denn die Härte ihres eigenen Loses hat dem langjährigen Insassen des Lagers zwangsläufig Kopf und Herz ebenfalls hart gemacht; wozu noch zu beachten ist, daß der mangelnde Geschlechtsverkehr sie auch zu Gefangenen ihrer Lüste macht.... So manches hier erinnert Bert an die packenden Schilderungen, die er einst als Bub mit Gruseln gelesen hatte: die unsterbliche, gute, Onkel Toms Hütte'. - - Hinsichtlich seines, Feldwebels' hat Bert es ausgezeichnet getroffen. Es ist ein Nürnberger Zigarrendreher, namens Leo Eichmüller, der sich schon 62 Jahre im Kz befindet, Kommunist seiner politischen Überzeugung nach, der aber hier drinnen wie draußen als prächtiger, aufrechter Mensch mit breiter Brust und Unbekümmertheit dahinlebt. Sein Wahlspruch, den er dem Neuen gleich anvertraut, lautet:, Vernunft, Geduld und Zeit, machen möglich die Unmöglichkeit'. Mit ihm kommt Bert schon vom ersten Tage an in ein vertrautes Verhältnis. Am nächsten Tage begegnet ihm Franzl wieder und fragt sofort, was ihm im Lager nun am meisten aufgefallen sei, das würde ihn interessieren. In einen Satz gefaßt, bringt Bert seinen Eindruck zu Worte: ,, Am — 8I— meisten befängt mich hier, wie ich gestehe, der Umstand, daß man den nackten Menschen erlebt, den Menschen, abgelöst von allem Konventionellen, den Menschen jeglicher Prägung, vom bewundernswerten Helden bis zum armseligen Schlucker und bis zur gefährlichen Bestie...“ „Ja, das kann ich nachfühlen! Nun— und bezüglich der hohen Obrigkeit?“ wollte Franzl weiter erfahren. „Vorläufig kann ich nur sagen: die strenge Sorge für peinlichste Sauberkeit in den Räumen eines jeden Blocks, wie für die körperliche Reinlichkeit der Belegschaft, sind gewiß ein ganz gesundes Prinzip, nur sollte es nicht mit jener mürrischen Büttelstrenge und übertrieben strengen Strafen durchgeführt werden, ohne die das preußische Wesen nun mal nicht auszukommen scheint...“ Aber er hat den Freund gleichfalls etwas zu fragen: es ist ihm aufgefallen, daß eine gewisse Nervosität das ganze Lager erfaßt hat. Hoffmann, der Lagerelefant, fährt mit seinem Fahrrade— alle Scharführer bedienen sich auf den glatten, ebenen Straßen des Lagers eines Rades— zwischen den Baracken herum, schlägt mit einem Knüppel auf die Köpfe der Häftlinge ein— Bert darunter— welche Bettstellen und Spinde ausräumen und wegschleppen, Strohsäcke sortieren und ausschütten, die entleerten Blocks ausfegen und putzen... was soll das alles? Dabei assistiert den Scharführern der Lager- capo Henschel, ein übles Schleichergesicht, hinter dem die nackte Brutalität lauert, mit frechen Augen voller Verschlagenheit und käsiger Hautfarbe, scheinbar ewig lang nicht gewaschen und stets die Nase mit vorsich- tigem Wittern im Winde——— „Du hast ganz recht beobachtet“, verrät ihm Franzl, der überall herumkommt und alles erfährt, weil er im Büro der Registratur beschäftigt ist.„Ich laß’ dich jetzt ein dickes Geheimnis wissen, nämlich: Dachau wird aufgehoben und aufgelöst! Es wird zum. SS.- Rekrutendepot erhoben...“ Noch ist Bert soviel Anfänger, daß ihn ein Hoffnungs- strahl durchzuckt, dem er sogleich Ausdruck gibt:„Nun 6 Conrady, Amokläufer. - 82 - fein, was wünschen wir uns mehr? Ich spaziere gern als erster durchs Tor hinaus und nach Hause!" Franzl lacht ihn aber aus. ,, O du großer Tor! Wo denkst du nur hin? Ganz im Gegenteil: hier in Dachau ist die allerschlimmste Zeit schon vorüber, die wir genossen haben, als sich das Lager noch im Aufbau befand.... Aber selbstredend läßt uns niemand nach Hause, sondern schiebt uns verteilt anderen Lagern zu, die vielleicht noch im Primitiven stecken. Darüber bin ich nicht einen Augenblick im Zweifel! Die ganze Affaire soll nur rund 6-10 Wochen dauern, das ist der einzige Trost bei der Sache... und glaube mir: wir können es bei dem Wechsel auch recht übel treffen, weit, weit ärger noch als Dachau zur gegenwärtigen Zeit ist!" - Schon am gleichen Tage bestätigen sich die Eröffnungen des Studenten. Alle Blocks werden von Betten und Spinden geräumt warum eigentlich, bleibt unergründlich! Hoffmann fuhrwerkt herum wie ein angeschossener Eber, brüllt, flucht, schlägt rücksichtslos zu und prustet dabei es gibt eine Hetzjagd von sich kreuzenden Befehlen, deren Nachteile wiederum die Häftlinge in Form eines Regens von Faustschlägen ins Gesicht, Fußtritten, Knüppelhieben und Schimpfkanonaden zu erleiden haben und am Abend wurden schon die ersten Blocks zum Abmarsch von Dachau zusammengestellt. Es waren kleine, verdorrte Zigeuner mit wachsgelber Haut, von denen die Hälfte ungefähr auf den Namen , Horwarth' hörte. Die Scharführer jagten sie, wie bissige Schäferhunde ihre Lämmer, auf dem weiten Appellplatz umher. Dann wurden sie auf das peinlichste , gefilzt, das heißt: Körper und Kleidung genau durchsucht; sie bekamen etwas Marschverpflegung in die Hand gedrückt und ab ging es durchs Tor hinaus. Natürlich riẞ bei jedem Häftling tiefe Besorgnis vor dem kommenden Schicksal ein. Dachau war auf einmal der schon gewohnte Port, in dem man sich auskannte. Das bisher Ungewisse trat zurück vor dem noch viel Ungewisseren der nächsten Zeit. Viele hatten hier, wie - 83- Franzl und Becker, erträgliche Arbeitsposten, die ihnen den Tag, wenn sie wenigstens einigermaßen auskömmliche Vorgesetzte hatten, nicht allzu schwer werden ließen... das alles fiel nun vielleicht dahin. Und die einzige Stütze, die man hier gewonnen hatte: die Freunde und Gesinnungsgenossen, verlor man womöglich auch noch; denn daß sie alle in ein Lager kommen würden, war ausgeschlossen. Bert war deshalb noch froh zu bemerken, als er selbst an die Reihe kam, daß unter den tausend Mann, denen er zugeteilt wurde, sich fast alle neuen Bekannten befanden; die meisten aus dem österreichischen Kreise, dazu Leo Eichmüller, Franzl und Ogertschnigg. Nur Hans von Becker, der Museumsdirektor, fehlte leider. Und so marschierte Bert schon am vierten Tage nachdem er eingezogen war, in dem langen Zuge der , Evakuierten' um ein heute häufiges Wort zu gebrauchen wieder zum Tore hinaus, durch das schön geschmiedete Gitter hindurch.... Aber schließlich tröstete er sich, wird man ja wiederkommen, so Gott will und zwar, wenn alles so bleibt, wie vorgesehen, in 6-10 Wochen. Also braucht die Sorge nicht allzu bedeutend zu sein. - - Freilich wie und wann er das Lager am Ufer der Amper, die es mit ihrem klaren, kühlen Bergwasser umspült, einst wiedersehen sollte, konnte er noch nicht ahnen zu seinem Glück!? Nur keinen Blick in die Zukunft tun, hätte man ihm zurufen können, sowie allen, die mit ihm marschierten. -- AUSZUG AUS DACHAU. - In den üblichen Viehwagen mit herunterklappbaren Sitzbänken wurden die Häftlinge sämtlich, Rote'- verstaut, nachdem sie in ihrer gewohnten Lagerkleidung aus breitgestreiftem Drillich den langen Weg zum Dachauer Bahnhofe entlangmarschiert waren. Ein Scharführer mit vier SS.- Posten nahm in der Mitte jedes 6° - 84- Waggons Platz, die Gewehre, Pistolen, Batterielampen und ab rollte der lange Güterzug in der Richtung auf München. griffbereit - - - - - Hier noch ein kurzes Wort über die Kennzeichnung und Einordnung der Häftlinge im Lager: die farbigen Dreiecke auf der linken Brustseite unter dem Nummerstreifen. Diese vielleicht handtellergroßen Flecke aus simplem Fahnenstoff verrieten die Kategorie, welcher der Häftling angehörte- und zwar: rot für die politischen Gefangenen, wie Bert und seine Freunde. Grün für die Berufsverbrecher, schwarz für die, Asozialen weiß der Himmel, was die Gestapo darunter verstand! braun für die, Arbeitscheuen' auch schwierig zu Definierende im rechtlichen Sinne- blau für die sogenannten , Emigranten', zumeist frühere Angehörige der französischen Fremdenlegion und ähnliche; violett für die Bibelforscher, rosa für die Homosexuellen, gelb für die Juden, deren Dreieck, falls sie, Rassenschänder' waren, noch schwarze Umränderung trug und schließlich Heeresangehörige, die sich irgendwie politisch miẞliebig gemacht hatten( zu denen Bert eigentlich auch gehört hätte), mußten das rote Dreieck mit der Spitze nach oben tragen... also, wie man sieht, eine ganz stattliche Farbenskala von Kennzeichnungen. Wohin die Fahrt nun eigentlich ging, wurde nach üblicher Lagersitte niemandem verraten. Man ratterte los und überließ die Häftlinge ihren bangen Kombinationen.... Aber als der Zug über München schon längst hinaus war und von dort nach Norden abgedreht hatte, alsdann im Städtchen Weiden in der Oberpfalz lange Zeit still lag, um schließlich auf das Geleis einer kleinen da wußte Bert Nebenbahn geschoben zu werden Bescheid und teilte seinen Kameraden die Vermutung mit: es gehe nach dem Lager Flossenbürg in der sogenannten, Steinpfalz'.. also nun wußte man es! Und zugleich erinnerte sich Bert eines eigenartigen Erlebnisses im D- Zuge nach Berlin, bereits vor zwei, drei Jahren. Er hatte im Speisewagen Platz genommen. Kurz nach Weiden, wo sie jetzt hielten, setzten sich -- - 85- zwei Herren an seinen Tisch und bestellten zu essen und zu trinken, was nur die Karte aufwies. Es war ja noch Friedenszeit.... Bert fiel an ihrem Aussehen das kurze Kopfhaar auf, das wie ein geschorenes Karnickelfell über dem Schädel lag- und stärker noch ihr Gehabe; denn sie lächelten sich verstohlen zu, als sie Eierspeisen und Gebratenes mit einer Miene verzehrten, als spende man ihnen ein Göttermahl.... - Da vermutete Bert, daß seine beiden Tischnachbarn irgendeiner Haft entronnen sein möchten- und weil der Wein sie ohnehin gesprächig gemacht hatte, sagte er es ihnen auf den Kopf zu, freilich auf höflichste Manier. Ohne jede Scheu gaben beide Herren seine Vermutung zu: sie seien eben erst nach langem Mühen und vieler Plage freigekommen, und zwar aus dem Lager Flossenbürg, wohin sie überhaupt nicht gehört hätten. Denn es wäre bei beiden ein Flüchtigkeitsfehler der Gestapo- der so etwas ja nicht viel ausmache vorgekommen, eine Namens- und Identitätsverwechslung, was aber trotz sofortiger Proteste nicht verhindert habe, daß sie eben ins Kz verschleppt worden waren- ein Skandal sondergleichen für das 20. Jahrhundert! Dort im Lager wäre ihnen nun, da sie keine Ruhe gegeben hätten, wie man sich denken kann, solange der Hintern auf das grimmigste verprügelt worden, dazu als Strafmaßnahme auch Kostentzug auferlegt worden, um sie der Kräfte zum Protest zu berauben, daß sie nahe am Verzweifeln gewesen wären. Erst durch einen wahren Glückszufall, nämlich durch die Spende einer beträchtlichen Summe für SS.Zwecke, hätten die Ehefrauen beider Männer es erreicht, daß die Sache höheren Ortes nachgeprüft und endlich reguliert worden sei.... Nun seien sie frei nach länger als vier Monaten Drangsal- und da könne Bert wohl verstehen, daß ihnen dies erste Mahl im Speisewagen wie die Feier ihrer Wiedergeburt vorkäme, er möge daher entschuldigen- -- Bisher hatte Bert, so wenig wie die meisten Deutschen, irgend etwas Genaues über die Kz- Lager gewußt. Das = Gehörte, frei von jeder Übertreibung, wie es offensicht- lich erschien, regte ihn mächtig an, Näheres zu ver- ‚nehmen, so daß er seine Tischgenossen bat, ihm in sein verschlossenes Abteil I. Klasse zu folgen, über das er bei Dienstreisen verfügte.... In der Genugtuung, ihrer Zunge endlich wieder freien Lauf lassen zu können, einem vertrauenswürdigen Manne gegenüber, waren die beiden Entlassenen ihm gerne gefolgt— und der eine von ihnen forderte Bert sogar auf, zur Beglaubigung seiner Schilderungen die furchtbaren Schwielen anzufühlen, die seine Kehrseite aufweise, wohl für immer.... Dank verriegelter Tür und zuge- zogenen Gardinen bestand kein Bedenken gegen eine “ solche Nachprüfung— und Bert war ehrlich erschrocken von dem, was er zu fühlen bekam. Ein Schauer hatte ihn damals überlaufen bei dem Gedanken, daß jedem einzelnen im Dritten Reich— heute mir, morgen dir— das gleiche passieren könnte. Und noch verstärkt fraß in ihm darauf der tiefe Groll gegen das Nazitum. Das war damals gewesen. Nun stand ihm effektiv das gleiche bevor.... Nun rollte sein Transport der ‚Insel der Qualen‘ im ‚Bayrischen Sibirien‘ zu, wie das gottverlassene Hügelland im nördlichen Böhmer Wald vom Volksmunde genannt wird.... Der Herr im Himmel bewahre uns! flehte er im stillen. Er verriet von seiner Kenntnis jedoch den anderen nichts. Die Kameraden rückten allmählich enger und enger zusammen. Es war bereits Abend geworden und die karge Wegration längst verzehrt. Durch die Löcher des reichlich defekten Viehwagens pfiff die frische Herbst- luft. Die Häftlinge in ihren dünnen Drillichkitteln be- gannen kräftig zu frösteln. Es war daher am besten, die lange, öde Fahrt mit etwas Unterhaltung zu würzen. .... Bert lauschte den leisen Gesprächen seiner Nachbarn, anfänglich zu seiner Linken, wo Franzl und Baumgarten saßen. Der letztere sagte mit seinem immer etwas schmerzlichen Munde und der schwebenden Stimme zu dem Studiosus: „Was redest du nur? Wenn alle Menschen eines 87Gottes Kinder sind, eines gemeinsamen Vaters im Himmel, wie es sein soll, wo soll da noch Platz sein für einen Krieg?" - Natürlich verfingen solche Worte bei Franzl nicht weiter; denn wer ohne innere Not ist, ist meistens auch ohne Gott in der Jugend erst recht. Er flüchtete sich daher in den Ausweg zu sagen: ,, Tja, weißt du, die Menschheit trägt halt ihr Martyrium auf die mannigfaltigste Weise, das war schon immer so!, Nahezu alle menschlichen Einrichtungen sind Altäre, an denen täglich Opfer gebracht werden', lehrt uns Rabindranath Tagore." ,, ,, Ach", weist ihn der Bibelforscher sanft zurecht. , Rede nicht an der Sache vorbei: denn entweder es gibt keinen Gott, dann ist das Töten erlaubt. Oder es gibt einen Gott, dann ist es keinesfalls erlaubt... doch wird dir die Stelle aus Maxim Gorkis, Nachtasyl bekannt sein, wo der Pilger Luka dem Frager erwidert: , Die Wahrheit, mein' ich, könnte dich zermalmen'!" Es ist so, dachte sich Bert und wandte sich nun nach rechts. Dort flüsterten Stillfried und Eichmüller miteinander. Als erklärter Kommunist sang der Nürnberger natürlich das Lob der Sowjetunion. Stillfried schränkte ihn absichtlich ein mit den Worten: ,, Darüber lieber Freund, wissen wir alle zu wenig. Der eine hebt sie in den Himmel, der andere verweist sie in die Hölle... seien wir zufrieden, wenn sie von beiden etwas hat. " Leo ereiferte sich. ,, Lenin soll gesagt haben:, Freiheit ist nur eine bürgerliche Erfindung. Echter Sozialismus ist vor allen Dingen Entsagung!"" Ruhig gibt ihm Stillfried zu bedenken: ,, Erzwungene Frondienste aller Art lassen sich sehr bequem und billig aus der Idee eines Gemeinwesens und erdichteter Volkssouveränität beschönigen und rechtfertigen, habe ich schon längst bei Haller gelesen!" ,, Aber niemals fiel es doch deutlicher ins Auge als heute, meine ich, welches die Grenzen jedes politischen Strebens sein müssen, wenn nicht der Staat darüber verbluten will also hat der Bolschewismus recht!" - ,, Nun, ich fürchte aber, daß er wie das Nazitum lediglich zu einem Scheinfrühling hektischen Einschlages führen wird, nimm es mir nicht übel!“ „Bah, das Gerede von den Greueln in der Sowjet- union ist natürlich barer Propaganda-Unsinn! Denn unsere Leute wissen genau, daß durch Grausamkeit nie- mals der Friede in das Innere eines Volkes einziehen kann....Nur an den Händen der Nazis klebt Blut, rotes Arbeiterblut— aber auf den Lippen tragen sie das Wort ‚Sozialismus‘!“ „Erlaube: eine uralte Weisheit ist es doch, daß rechte Leistungen nur von Menschen zu erzielen sind, bei denen der bejahende Wille der Seele mitwirkt. Dieser ist aber nur zu haben, meine ich, wenn Mögliches verlangt wird, und wenn man ein Ende ersehen kann, das heißt: wenn am Schluß eines langes Ganges voll Düsterkeit und Opfer der Lichtschimmer eines freien Ausganges winkt... den seh’ ich aber bei euch nicht!“ „Er kommt auch, mein Lieber! Was die Nazis er- reicht haben, ist eigentlich nur, das deutsche Volk für das Sowjetsystem reif gemacht zu haben.... Dem Willen nach sind sie grimmige Gegner des Bolschewismus, dem Erfolge nach dessen tüchtige Wegbereiter!‘ „Na, na! Damals bei der großen Revolution in Frankreich sagte.man auch: ‚La revolution fera le tour d’Europe‘— was aber nicht eintrat!“ „Aber weißt du, Baron, was Dimitri Mereschkowsky schon 1908 schrieb: ‚Europa kennt nur den Leib, aber nicht die Seele der russischen Revolution. Diese Seele, ach, die Seele des russischen Volkes überhaupt, bleibt euch ein ewiges Rätsel...‘ Und weiterhin: ‚Früher oder später muß es einen heftigen Zusammenstoß zwischen Europa und der russischen Revolution geben, und zwar wird Europa als Ganzes und nicht irgendein bestimmter europäischer Staat mit der russischen Anarchie kolli- dieren!*““ „Das ist doch bei allen Revolutionen so, Leo! Immer beherrscht eine entschlossene Minderheit die unent- schlossene breite Masse!“ „Nein, es geht diesmal mit dem Bolschewismus ähn- -O - 89- lich wie mit dem aufkommenden Christentum, daß es ebenfalls erst die Täler erhellt, bevor es die Höhen anstrahlt... naturwidrig gewiß, aber im menschlichen Entwicklungsgang möglich!" ,, Lieber Leo", schüttelt Stillfried seinen Kopf. ,, Es hat auf der Welt noch niemals Revolutionen gegeben, die man nicht 25 Jahre später erbittert oder lächelnd abgeurteilt hätte, glaube mir das! Der Mensch wird ja nicht frei durch die Freiheit, die man ihm gibt, sondern durch die, die er sich in Jahrhunderten erarbeitet-- siehe England!" Hier warf der lauschende Bert ein: ,, Ich möchte meinem Freunde Keyserling folgen, wenn ich behaupte, daß es nicht auf die abstrakte Theorie des Bolschewismus ankomme, sondern darauf, daß Lenin einen neuen Typus Mensch geschaffen und ihm einen bestimmten Sinn gegeben hat, dessen historische Auswirkung heute schon kaum weniger gewaltig erscheint, als es die mohammedanische war nach Begründung des Araberreiches. Hier, wenn irgendwo, hat der Geist das Blut souverän determiniert!" Das Gespräch brach ab. Denn die Kälte, die durch die weit offene Schiebetür des Waggons hereindrang, nahm noch zu; ein scharfer Wind pfiff über die Krüppelkiefern und kahlen Sandflächen, an denen sie vorbeifuhren. Der Himmel blieb klar, ein reiches Heer von Sternen bevölkerte das Firmament; aber kein Licht auf den Fluren antwortete ihm oder zeigte das Vorhandensein menschlicher Siedlungen an. Wohl kamen sie mal an winzigen Stationshäuschen vorbei, aber auch diese lagen, dank der Verdunkelung, unbelichtet und wie von allen guten Geistern verlassen da. Es mußte stark bergauf gehen, denn die Fahrt verlangsamte sich merklich, und die Lokomotive ächzte zum Gotterbarmen. Inzwischen schnatterten die Häftlinge vor Kälte; denn sie hatten seit der Morgenfrühe nur ihr dünnes Kaffeesurrogat und ein Stück Brot mit einem Käschen genossen. Ab und zu ließ der Scharführer, der sichtlich gleichfalls das Ende der Fahrt - 90herbeiwünschte, obwohl er mit einem warmen Mantel versehen war, seine starke Stablampe aufleuchten. Ihr Lichtkegel huschte über Heidekraut, Steine und buschiges Nadelholz mehr war nicht zu erkennen. - Stunde um Stunde verrann so im Schneckentempo.. bis endlich die Zugmaschine einen jämmerlichen Pfiff ausstieß, der von unsichtbaren Bergwänden widerhallte. Er erschien allen wie das Signal: nun haben wir's bald geschafft mein Beileid, ihr Armen, die ihr hier eintrefft! - - Und sie schienen wirklich angelangt zu sein. Noch ein paar armselige Hopser und Stolperer machte der Waggon mit Bert und seinen Freunden, dann lief er wie gesittet auf ebenem Terrain und zwar zwischen behauenen Granitsteinen verschiedenster Größe hindurch, die wie zu einer gefälligen Musteransicht entlang des Bahnkörpers aufgestellt lagen... dann hielt das Bähnlein mit jähem Ruck und Geschaukel Man war da! - - II. IN FLOSSENBURG. ,, Dana" meldete am 25. 7. 1946: , Im Dachauer Kriegsverbrecher-. prozeß gegen 51 ehemalige SS.Wachposten und Lagercapos des Kz- Lagers Flossenbürg machten Belastungszeugen geradezu schütternde Aussagen!" erANKUNFT IM LAGER. Sofort erschollen draußen markige, barsche Kommandorufe. Die Transportwagen entleerten sich, bis auch Berts Gruppe an der Reihe war. Alle Mann sprangen heraus, um sogleich die Steifheit ihrer Glieder und die schneidende Kälte der dünnen, reinen Bergluft um sich zu empfinden. Kaltes Mondlicht übergoß das Bild mit milchiger Helle.... Im weiten Kreise umstanden waldige Hügel einen wiesenbedeckten Talkessel. Wo der Blick hinfiel, lagen grobkörnige Steinblöcke in allen Größen, behauener Granit in Form von Türschwellen, Bordsteinen, Grabstellen bis zu würfeligen Pflastersteinen, als ob sie eine Zyklopenfaust hier wahllos hingeworfen hätte. Aber so gelassen die Steine im Wiesengrün ruhten, so aufgeregt sprang die neue Lagerleitung umeinander, allen voran ein kleiner, grotesker Mann in schwarzem Ledermantel und zappelnden Bewegungen. Seine Stimme schnappte förmlich über vor Befehlen, Verwünschungen, Anstiften von Verwirrung. Er mußte scheinbar um jeden Preis seine Bedeutung gebührend vor den Ankömmlingen in Szene setzen. Dabei standen die tausend Mann so gottergeben in Reih und Glied zu fünfen, wie er es sich nur hätte wünschen können, alle nur von der Sehnsucht erfüllt, sich endlich flott bewegen zu können und baldigst ins Warme: zu kommen, gleichgültig wo.... Endlich stieß der zapplige Frosch im Ledermantel in eine grelltönende Pfeife, die wohl das Signal zum Ab- marsch gab; denn an der Spitze setzte sich knatternd ein: Motorrad in Bewegung, und die erste Reihe der Häft- linge schloß sich ihm an, die weiteren folgten in geschlos- senem Zuge. Mit einem Herzen, das von lähmender Vorahnung wie von Nebelschwaden umschwebt war, ging Bert in ihren Reihen mit.... So zogen sie in langer Kette dahin: Prinzen und Grafen, Generäle und Stab- chefs, Kanzler, Präsidenten und Minister unter ihnen, alle in der dünnen Clown-Uniform, alle dem Eingang zu einer Stätte entgegenschreitend, über der wohl berech- tigter als über irgendeiner anderen Siedlung von Menschen die Worte Dantes stehen sollten: ‚Lasciate ogni speranza,. voi ch’entrate.,.‘ In eine zwangsweise Ansammlung von I500 Schwer- verbrechern aller Schattierungen sollen Angehörige der besten Stände und Familien hineingepreßt werden—— was wird daraus entstehen? Was muß sich daraus er- geben, zumal unter dem Druck fortgesetzter Schikane? Denn Naturen über Durchschnitt finden sich ja in un- gewohnte Verhältnisse niemals so rasch zurecht wie der oberflächliche Mensch, der empfindungsarm sich überall gleich anpaßt. Zu beiden Seiten der Schlange von Häftlingen keuch- ten die SS.-Posten bergauf, Gepäck und Stahlhelm nebst dem scharf geladenen Gewehr schleppend. Die Waffe: durfte dabei nicht über die Schulter gehangen werden,, sondern mußte schußbereit auf dem Unterarm ruhen,. mit der Mündung auf die Marschierenden gerichtet..... Ab und zu baute sich neben der Straße ein kleines,, schmächtiges Häuschen auf, mit schmalen Fenstern,. versparrten Zäunen, dürftigen Gärtchen. Verschlafen lagen sie da, diese Anwesen, und die Ärmlichkeit stand. vor ihnen und schaute zu den Scheiben hinein. Nun nahte die eigentliche Ortschaft Flossenbürg. Die -93zerstreuten Siedlungen wichen festeren Bauernhöfen. Aber der Blick der Häftlinge ging über ihre Dächer hinweg in die Höhe; denn dort oben thronte, drohend aufgerichtet wie eine emporgereckte Faust, eine mächtige Burgruine, deren Bergfried in seiner Gedrungenheit an einen sarazenischen Wachtturm im Italienischen erinnerte. Unter ihr duckten sich die armseligen Dächer der Ortschaft in die Talsenke wie ängstliches Geflügel, dem die Kralle des Habichts nahe ist. An einem der Häuser hing das Wirtshausschild:, Zur Steinpfalz' heraus- und der ewig muntere Franzl konnte nicht unterlassen zu bemerken: ,, Die Leute scheinen hier wirklich, steinreich' zu sein, in des Wortes wahrster Bedeutung!" Augenfällig trat der Lagerleitung nahezu hysterische Sorge um die Ankömmlinge zum Vorschein: an jeder Ecke, jeder noch so unwesentlichen Abzweigung der Fahrstraße oder einer Baulücke stand ein Doppelposten mit dem Gewehr im Anschlage es wirkte allmählich lächerlich auf die Neuen. Weiter ging es, immer höher hinauf. Aus dem ärmlichen Orte hinaus stiegen sie wieder in die kärgliche, winddurchfegte Landschaft hinein. Immer noch Dunkel um sie, soweit es der Mond nicht lichtete. Keinerlei Anzeichen menschlicher Wohnstätten mehr, geschweige denn eines Lagers... doch endlich nach anderthalb Stunden des Marsches bergauf tauchte ganz weit hinten eine dünne Lichterkette auf, schwach geschwungen wie eine Girlande von Lampions, und bald noch andere daneben ein seltsames Bild, das die Neuen sich nicht gut enträtseln konnten. - Beim Näherkommen wurden sie gewahr, daß ein Vergleich Dachaus mit diesem Lager hier in keiner Weise zu ziehen war. Sang- und klanglos begann das Kz ohne weitere Kennzeichnung- einfach zwischen zwei Fahnenmasten, an denen die schwarze SS.- Flagge neben dem Hakenkreuz im Nachtwinde flatterte. An primitiven Holzschuppen ging es vorbei. Das Haupttor war nur ein wackliges Drahtgitter, von kaum behauenen Baum - 94- stämmen gehalten schäbig, schäbig! flüsterten sich die Dachauer zu. Jetzt sahen sie auch, warum die Lichterketten sich wie Girlanden in der Ferne ausnahmen: das Lager baute sich in einer schmalen Talsenke auf dergestalt, daß - der Appellplatz an niedrigster Stelle lag, während die Baracken der Insassen rechts und links terrassenförmig die Berglehne hinankletterten. Na, das könnte ja schlieẞlich ganz reizvoll sein, tauschten Bert, Leo und Franzl ihre Meinung aus.... Aber, aber wie sich ein solches Gelände im Kz- Leben auswirken kann, bleibt noch verdammt offen, zumal bei einer Lagerleitung, die alle Anzeichen der Überspanntheit zu erkennen gab. - Bald hielt ein Teil der Neuen vor der ersten Baracke am Appellplatz, der andere Teil vor der nächst höher gelegenen, Berts Abteilung vor der letzten hoch oben mit der Nummer 10. Daß die Behausungen nicht den soliden Blocks von Dachau glichen, erkannten die Erfahrenen sofort; aber momentan war ihnen noch alles gleichgültig. Man war zu sehr von Hunger, Kälte, Müdigkeit geplagt, als daß selbst die ungewöhnlichsten Umstände sie irgendwie gestört hätten. Mit gierigen Augen verfolgten sie die Ausgabe von Eẞnäpfen, Blechtellern und Bestecken. Aber statt daẞ nun sogleich die einladend duftende Kartoffelsuppe verteilt werden würde, deren Geruch die Magennerven anstachelte, setzte nochmals ein längeres Harren und Herumstehen ein, weil der Herr Zahlmeister des Lagers darauf bestand, vorher noch die kleinen Geldbeträge zu kassieren, die im Besitze der Neuen waren. Bert befand sich nicht unter denen, die an den Tisch des Blockes traten und die Eintragung ihres Geldes bestätigen mußten. Denn er besaß noch nichts und hatte von Dachau aus, wie alle übrigen gleichfalls, eine Karte nach Hause schreiben müssen, mit der er bat, ihm weder Geld noch Post zu senden, bevor er neue Nachricht von sich gäbe.... Also bestand auch herzlich wenig Aussicht auf baldigen Eingang. Aber endlich, nachdem schon ein Teil der Leute im -95Stehen einschlief, begann die Ausgabe der warmen Suppe. Doch ließ man nun den Begierigen beileibe keine Zeit mehr zum Auslöffeln. Es mußte vielmehr in aller Hast das Strohlager aufgesucht werden, die Lichter verlöscht und die warme Suppe zum größten Teil weggegossen werden echt lagermäßig! - - In der Erwartung, heute Nacht nicht mehr kontrolliert zu werden, warf sich alles in voller Kleidung, nur ohne Stiefel, auf die Lagerstätte und fiel sogleich in einen totenähnlichen Schlaf.... Das alles geschah, während draußen die Blutgeißel des Krieges an den Fronten zu den ersten grimmigen Hieben ausholte. ERSTE EINDRÜCKE. Eine Sonne von erheblicher Leuchtkraft weckte die Schläfer am Vormittage auf. In erstaunlicher Einsicht hatte man sie weit länger als gewöhnlich ruhen lassen. Es mochte schon gegen neun Uhr sein, als Bert und seine Freunde vor die Baracke traten. Eine beglückende Stille lag über der Welt, an sich ziemlich verwunderlich für ein Kz. Die Halbkugel des Himmels war hochgewölbt, und um die Sonne herum türmten sich dichte Wolkenbänke auf. Eine leichte, angenehme Brise wehte aus Westen. Die Lungen atmeten mit Wonne die dünne, reine Bergluft. Herz, mein Herz, hätte man rufen können, was willst du noch mehr?... Wenn nur nicht- ja, wenn man nicht das Gefühl gehabt hätte, daß diese sympathische Fassade nur die Tarnung für desto Übleres sei.... Stillfried wandte sich an Franzl, der mit erhobener Nase umherschaute., Was schnupperst so in der Luft?" Er gab das klassische Zitat zur Antwort: ,, Schwer liegt der Himmel von Madrid auf mir wie das Bewußtsein eines Mordes!" "" ,, Mir geht's nicht viel besser", brummte Leo ,,, mag das auch jetzt alles ganz idyllisch sein! Der Pferdefuß wird bald zum Vorschein kommen... schaut einmal dort hinüber!" - 96- Dicht vor den Blicken der Neuen, die sich umsahen, erhob sich ein halb kahlgeschlagener Hügel, dessen Flanke bis tief ins Innere hinein aufgerissen war... es war der kleine Steinbruch, wie sie erfuhren, im Lager ‚der Ölberg‘ genannt. Nach Osten setzte sich die Anhöhe als flacher Bergrücken fort und endete in einem zweiten, nur wesentlich breiteren Hügel, von dem man gerade noch erkennen konnte, daß auch seine Flanke einen auf- gerissenen Schlund zeigte.wie eine offene Wunde. Es war der sogenannte große Steinbruch, der die Mehrzahl der Häftlinge von Flossenbürg beschäftigte. Nur ein scharfes Auge konnte noch entdecken, daß über den rosig im Morgenlicht schimmernden Steinfelsen ein Gewimmel blauschwarzer Ameisen wahrzunehmen sei— die arbeitenden Sklaven. Auf dem nahen Ölberg dagegen sah man das Getriebe der emsig sich bewegenden Arbeiter genau. Das Gold der Sonnenstrahlen überzog die störende Verschandelung der Natur mit einem versöhnlichen Glanz. „Mir ist das alles nicht recht geheuer“, gab Bert zu. „Es kommt mir vor, wie die Ruhe vor dem Sturm— aber vor einem ganz anständigen Sturme, paßt auf!“— „Und ich fürchte‘, verriet der Jugendliche, ‚daß wir bei solch dünner Bergluft einen ganz abnormen Appetit entwickeln werden— oder sagen wir lieber auf gut Deutsch: einen saumäßigen Kohldampf schieben wer- den!“ „Vergeßt auch nicht‘, warnte Leo als alter Lager- insasse,„daß wir hier in einem ausgesprochen ‚grünen‘ Lager sind, wo alle einflußreichen Posten eben von ‚Grünen‘— den Berufsverbrechern— besetzt sein werden. Wir neuen ‚Roten‘ dürften kaum irgendwelche Rolle spielen!‘ Auch Stillfried fiel ein: ‚‚Ihr seht ja schon, was unser edler Blockältester uns vorschreibt— wir dürfen nicht einmal zum Appellplatz herunter gehen, sondern sollen die Blockgasse hier nicht verlassen— und ähnliche Ein- schränkungen werden folgen...“ Der ‚Feldwebel‘, von dem er sprach, war Bert schon - 97bei der ersten Begegnung aufgefallen. Sein scharfes Raubvogelgesicht paẞte so recht zu den Angaben des Blockschreibers, daß dieser, Daunderer', wie er hieß, in der Welt draußen ein Galgenvogel ersten Ranges gewesen sei und schon in jungen Jahren aus der Anstalt für Zwangserziehung ausgebrochen wäre, um einer der skrupellosesten Zuhälter von Leipzig zu werden. Dann wurde er nach den ersten Zuchthausjahren Leichtmatrose und gefährlicher Messerwetzer in allen Winkeln der Erde, Marodeur in jeder Hafenstadt, um schließlich nach Verübung zahlloser Untaten zu seinem ersten Beruf als Zuhälter in seine Heimatstadt zurückzukehren. Die Nazis hatten ihn dann entsprechend seinen vielen Vorstrafen in Sicherheitshaft genommen, in seinem Falle gewiß mit Recht. Zu der Überzeugung, daß die Maßnahme der Nazis, immer wieder rückfällige Verbrecher, die unverbesserlich die menschliche Gesellschaft heimsuchen, hinter Stacheldraht aufzubewahren und durch anhalten zu Ordnung und Pflichttreue, zu bessern, im Prinzip nicht falsch sei, kam Bert aber erst so richtig, als er beim Abendappell zum ersten Male auf dem kleinen, buckligen Sammelplatz des Lagers stand und dem Zug der heimkehrenden Häftlinge aus dem großen Steinbruche entgegensah. Bert stand neben Staatsrat Seeger aus Wien in Reih und Glied angetreten, als sein Blick auf die ins Lager einziehenden Männer vom Steinbruch fiel. Erst glaubte er seinen Augen nicht trauen zu dürfen; hernach stieẞ er Seeger erschrocken an und flüsterte: ,, Da sieh dir diese Menschen an, Seeger! Gerechter Himmel, was für eine fürchterliche Gesellschaft wenn wir erst mal so aussehen werden - - Aber Seeger, obwohl selbst stark beeindruckt, tröstet ihn sofort: ,, Sei beruhigt, Oberst, wir werden nie so aussehen das sind doch zum großen Teil reguläre Anomalien, freilich auch ganz ausgereifte Banditen darunter!" Es war nur zu wahr. Die Leute, die jetzt mit langsamem, fast stampfendem Tritt hereinkamen, schleppten jeder einen wuchtigen Brocken von Granit auf den 7 Conrady, Amokläufer. - - 98- Schultern oder hielten ihn mit beiden Armen vor den Leib wie ein Wickelkind.. es waren die Köpfe von Zukurzgekommenen, von Gebrandmarkten, von miẞlungenen Verirrungen des großen Schöpfers... aller Schauer, alles Grausen des Lebens leuchtete bei ihrem Anblicke auf. Auch viele schnapsverwüstete Gesichter darunter, Männer, die dem Tyrannen Alkohol verfallen waren, dem furchtbaren Begleiter durch die Niederungen des Daseins- Schon möglich, daß viele bereits von Jugend auf verhärtete Kehlabschneider gewesen sind, doch gewiß auch solche, die erst der ständige Kampf der Gesellschaft gegen sie und sie gegen die Gesellschaft zu Auswürflingen gemacht hat. - Und nun hier wo ihnen Ehrlichkeit und Vaterlandsliebe mit Schwielen auf die Kehrseite eingebläut werden sollte, damit sie regelrecht übergehe in Fleisch und Blut, hier muß ihr soziales Empfinden doch erst recht unter dem Druck laufender Quälerei die falsche Richtung erhalten; nicht minder ihr Verstand die Kraft zu klaren Vorstellungen verlieren, wie aus den abgestumpften Blicken der meisten deutlich zu entnehmen war - Gewiß gilt es, das ungebärdige, störrische, zum Ausbrechen neigende Tier in dieser Masse zu beeindrucken durch jähes, schroffes Entgegentreten; aber ob die Methoden des Lagers zum Erfolge führen werden, dürfte mehr als zweifelhaft sein. Viehisch durch viehische Behandlung, sagt einmal Schiller mit Nachdruck. Nicht wenige waren auch körperlich verunstaltet und irgendwie zerquetscht von der grausamen Maschinerie des Lebens. An einen Gottesdienst im Kz ist natürlich bei den neuheidnischen Nazis nicht einen Augenblick zu denken, doppelt schade hier; denn wo die Gesellschaft nur den Verbrecher sieht, erblickt die Kirche eben eine Seele, die sie retten muß... zumal nicht alle den Stempel der Auch manche Verkommenheit an der Stirn tragen. frischen Köpfe von innerlicher Gesundheit waren darunter, die wohl nur der Willkür des Regimes, dem sie unterstanden, ihre Haft im Lager verdankten. Sie gehörten solchen Leuten an, die nach Fehltritten in die rich - I - 99- tigen Hände sei es Ehefrau, Chef oder Geistlicher- gekommen und schon lange Jahre auf dem Weg ehrsamer Pflichterfüllung gewandelt waren... Trotzdem hatte die rücksichtslose Nazipolizei sie aufgegriffen und ins alte Elend, jetzt noch ein viel härteres, zurückgeführt- wie sehr mußten sie sich voll Verzweiflung und Trotz gegen alle Zügelung auflehnen! An die 1500 Mann marschierten so vor den aufgestellten Neuen vorbei, erhitzt und tief ermattet. Jeder von ihnen, die im Gleichmaß ihrer Tritte und mit stoßendem Atem herankamen, warf an der Schmalseite des Appellplatzes seinen Felsbrocken hin und trat dann in seine Blockaufstellung ein. Von manchen Händen tropfte das schwärzliche Blut, mit Schmutz vermischt, herunter, infolge der scharfen Kanten des Granits. Nun standen sich die 1500, Grünen', die hier schon eingelebt waren, und die 1000 hinzugekommenen , Roten' gegenüber und starrten sich ins Gesicht, jede Abteilung an einer Längsseite des Platzes aufgestellt. Dahinter lagen die untersten Wohnbaracken; die Dächer der weiteren schauten dank des ansteigenden Geländes über die vorderen hinweg und ganz oben stachen die schütteren Waldbestände der Steinhügel in das herbstliche Blau des Himmels. - Spürbar war der Zuschnitt des Appells hier ein anderer als in Dachau. Stumm und apathisch standen die Männer im Glied. Ein Wort zum Nebenmann zu sprechen, wie es in Dachau unbedenklich geschehen konnte, war hier streng untersagt. Trotzdem ließ Stillfried zu Bert, der neben ihm stand, die Worte des Heraklit fallen: Die Masse der Menschen lebt dahin wie das Tier. Sie werden geboren, nähren sich von der Erde wie das Gewürm, zeugen Kinder und sterben...' Vielleicht hatte er seine Worte zu laut und unbedacht gesagt, der neuen Umstände nicht eingedenk; jedenfalls schoß auf die beiden wie eine Natter aus ihrem Loch der Blockälteste zu, das syphilitisch zerfressene Zuhältergesicht grau vor Eifer und Wut, packte die beiden Roten mit rüdem Griff vorn an ihrer Jacke und brüllte ihnen 7* IOO - ins Gesicht: ,, Wollt ihr Maul halten im Glied?! Paẞt auf, ihr sollt mich noch kennenlernen, ihr verwöhnten Herren... wir werden später noch ein Wort miteinander reden!" Hoch aufatmend und scheinbar voll befriedigt von seiner Leistung drehte er ab und schlenderte langsam zu dem Kreis von, Feldwebeln' hinüber, die um einen Häftling mit der Nummer I am Rock gruppiert standen. Es war ein großer, vollfetter Kerl von eingebildeten Manieren, der Lagerälteste namens Rettenmeyer, im Kz allgemein, der Rettich' genannt, ein durch schleimige Katzbuckelei vor der SS. und rücksichtslose Gemeinheit zu seinen Mithäftlingen durchwegs gehaẞtes und verachtetes Individuum. In erster Linie freilich mußte man ihn fürchten; denn sein Einfluß im Lager war sehr groß und allen bedrohlich, die ihn nicht früh und spät , schmierten'. - Inzwischen war die Zählung der Blocks beendet, etwas umständlicher als in Dachau. Unter dem Fahnenmast inmitten des kleinen Platzes stand der Lagerleiter, dasselbe zapplige Männlein, das am Abend vorher im schwarzen Ledermantel umhergesprungen und alles konfus gemacht hatte. Es war Hauptsturmführer Aumeyer, ein Mann, der offensichtlich unter den Bullengestalten der SS.- Leute an einem Komplex wegen seiner Kleinheit und seiner krähenden Stimme litt. Er wartete mit Ungeduld auf das Zählergebnis und ging ein paar Schritte auf und ab, jedesmal mit scharfem Ruck umkehrend. Neben ihm stand ein kleines Tischpult, mit Glas bedeckt zum Schutze gegen Regen, und an diesem ein fester, stämmiger Scharführer mit der Miene eines Eisenbeiẞers: der erste Rapportführer Schirner,... Die Meldungen der Blockführer liefen ein, sie schienen zu stimmen; denn er stattete mit erhobener Rechten die formelle Meldung seinem Vorgesetzten ab-- und griff dann nach einer Liste, die er dem Tischchen entnahm. - Laut die Namen vorlesend, rief er eine Anzahl von Häftlingen auf, durchwegs, Grüne'. Die Genannten - ΙΟΙ - mußten bei ihrem Aufruf wie von der Tarantel gestochen herbeistürzen und sich hintereinander vor dem Rapportführer anreihen. Wer nicht wie der Blitz hervorkam, wurde nochmals zurückgeschickt und mußte, auch wenn er ein alter, schwächlicher Krüppel war, mit aller Geschwindigkeit heraneilen. Die neuen, Roten' verfolgten nun mit großen Augen, was sich da abspielen würde. Die Aufgerufenen standen stramm angetreten in der Mitte des Platzes, der Rapportführer sah den Lagerleiter an- und der kleine Aumeyer reckte sich auf den Fußspitzen, um dabei zu krähen: ,, Fischer ein Lied!" Aus einem der grünen Blocks eilte ein schlanker, intelligent aussehender Häftling herbei, der nicht zu den Steinbrüchlern gehört hatte, bestieg eine kurze Leiter neben dem Fahnenmast und zog aus seinem Hosenbein einen schwarzen Taktstock hervor... tatsächlich einen wohlbestallten, fehlerlosen Taktstock. Die Augen der Neuen wurden immer größer, obwohl unter ihnen ja ebenfalls alte Lagerfüchse waren. Mit dem Taktstock in der Rechten gab Fischer die Anfangstöne eines der Lieder an, die in Flossenbürg scheinbar im Umlauf waren, fast durchwegs Bänkelsängereien, wie sie wohl Küchenmädchen beim Geschirrabtrocknen trällern mögen. Auf sein Kommando sang nun alles das, schöne' Lied von der, Lola' mit dem vielverheißenden Anfang: - , In des Ga- artens- dunkler Lau- aube saß ein Jäger- Hand in Hand, saß ein Jäger- mit seiner Lola, bis der Mond am- Himmel stand.... - Jedes musikalische Gefühl drehte sich um bei der Melodie zu solch verführerischem Text. Trumpf dabei war, das Liedlein so abgehackt wie nur möglich zum Vortrag zu bringen... man nannte das, zackig'. Wehe, wenn es nicht zackig genug herauskam! Dann wurde bis zur Erschöpfung fortgesungen. Den Dachauern war die, Lola' so ziemlich neu. Deshalb sangen sie nur zögernd und schleppend mit.... - 102 - Aber der, dem das wonnige Lied schon vertraut gewesen wäre, hätte es ebenfalls an jeder Inbrunst der Beteiligung mangeln lassen; denn alles verfolgte beklommenen Herzens und im Vorgefühl irgendwelcher Abscheulichkeiten das Los, das den Aufgerufenen beschieden war. Kaum hatte nämlich das Lied eingesetzt, so schrie der Rapportführer die vor ihm Harrenden an: ,, Los, Kerls verschwinden! Seid's ihr noch nicht drin? Und gleich die Hosen runter!" - Und schon war das Dutzend Armseliger wie weggeblasen von seinem Platz. Es winkte ihm die grausame Abendprozedur für heute.... Nun schritt auch der Lagerleiter in die Baracke I, nachdem sich ihm im letzten Augenblick noch der Lagerarzt, ein hochaufgeschossener, schmächtiger SS.- Junker zugesellt hatte, sicherlich medizinisch eine komplette Null. - Die, Roten sahen sich während des Singens bedeutsam an. Die Sache roch arg nach einer solennen Prügelei - und in Bert stieg- Unheil verkündend die Erinnerung an seine Begegnung im D- Zuge wieder auf.... Inzwischen war das reizvolle Lied von der, Lola und ihrem Jäger gottlob zu Ende gegangen, und Fischer befahl von seinem erhöhten Standplatze aus das Anstimmen eines anderen Liedes, nämlich des, Sängergrußes'- mit dem Refrain: ,, Drum lasset uns singen und lustig sein, trallaia trallala!" - Und gerade, als rund zweitausend Kehlen diese Art , Hymnus an die Freude' gröhlten, bedeutend lauter als schön, drangen durch die offenen Fenster der Baracke I, in der die Aufgerufenen verschwunden waren, die ersten klatschenden Hiebe und der erste aufgellende Jammer.... Das schnitt als horrende Blasphemie zu dem ihnen aufgezwungenen Gesang den, Roten' ins Herz.... War denn ein brutalerer Kontrast, eine abgefeimtere Verhöhnung des Restes an Menschentum überhaupt auszudenken? fragten sie sich mit stummen Blicken. Die verzweifelten Schreie aus der Baracke steigerten sich immer mehr, so daß die Mehrzahl der Neuen nur noch - 103 mit geborstener Stimme weitersang, wenn nicht ganz aufhörte. Aber wieder fuhr, wie ein Sperber unter zusammenhockende Sperlinge, diesmal ein Scharführer in die Reihen um Bert, schlug mit der geballten Faust in die Gesichter, rechts- links, wo er nur hintraf, dazu brüllend: ,, Wollt ihr wohl singen, ihr Dreckschweine, ihr windigen?! Und du besonders, du wandelnder Typhus!" Dabei hatte er den betagten Oberbürgermeister Schmitz am Kragen und schüttelte ihn wie einen leeren Kartoffelsack hin und her. Der Arme war ohnehin stark gealtert. Jetzt schien durch den Schrecken seine Gesichtsfarbe noch leichenblasser als ehedem. Jeder seiner Kameraden durchfuhr bei seinem Anblick die Sorge, daß Schmitz nicht mehr lange unter ihnen weilen werde. -- Mit dem Scharführer zugleich war aber auch Daunderer, der edle, Feldwebel' des Blockes 10, auf seine Herde zugestürzt, zähneknirschend darüber, daß von neuem ein paar seiner Leute, aufgefallen' waren. Und selbstredend wieder in der Gegend um Bert na warte! nickte er ihm voller Wut zu. Dir werden wir das noch austreiben! Dies alles geschah unter der heulenden, gellenden Begleitmusik der Gepeitschten drüben im Block I, unter dem Klatschregen der Bastonade, unter dem verlogenen Gegröhl der Männer, die erregt klopfenden Herzens mit ihrem Gesang versichern mußten, wie fröhlich sie angeblich wären. trallala! Ein Hexensabbat sondergleichen. Schließlich kam nach einer halben Stunde Exekution der kleine Aumeyer wieder heraus, hektische Röte im Gesicht, aber einen befriedigten Zug um den Mund; an seiner Seite die ärztliche Null verlegen lächelnd und zuletzt der stämmige Rapportführer, ebenfalls mit gerötetem Gesicht, über dem eine animalische Befriedigung lag wie nach einem sexuellen Akt... weit später erst schlichen die Delinquenten heraus, sich vor Schmerzen an den Wänden und Pfosten der Baracke festhaltend und mit den zitternden Händen versuchend, die Hose wieder zu schließen... - 104- - Und weshalb die scharfe Bestrafung? Zumeist wegen einer belanglosen Unterlassung, eines minimalen Fehlers oder wegen einer der heimtückischen Meldungen, die von ihren Capos- also Mithäftlingen!- ausgingen, sobald sie nicht gehörig, geschmiert' worden waren. Der Abendappell ging zu Ende. Die Blöcke rückten ab, das heißt: sie klommen in leidlicher Ordnung den Stufenweg zu den höhergelegenen Baracken hinauf, um dort das Essen einzunehmen, die einzige warme Kost am ganzen Tag. Vor dem Block 10 ließ Daunderer seine Leute halten. Die viel dürftigeren Baracken enthielten nicht wie in Dachau je vier Abteilungen, sondern nur zwei, Flügel' A und B mit je einem Wohn- und Schlafraum. Die Häftlinge mußten nun dem Kommando zufolge vor dem Flügel antreten, zu dem sie gehörten, sodann in den Wohnraum eilen, ihre Kopfbedeckung in das Spind legen und Eẞnapf samt Löffel herausholen. Denn um den Kontrast im Robusten gegenüber Dachau noch komplett zu machen, standen hier die schweren, blauen Thermoskessel im Freien und mußten auch im Freien geleert werden, so daß die Mannschaft bloßen Hauptes herantreten und mit gefülltem Napf ins Wohnzimmer zurücklaufen mußte, um sich drin Platz zum Essen in irgendeinem Winkel zu suchen... alles so umständlich, zeitraubend und demütigend wie möglich! Noch war ja das Wetter mild und sonnig, die Körper nicht von langer, schwerer Arbeit ermattet aber wie wird das später werden bei Frost und tiefer Müdigkeit, dachte Bert bekümmert, als er mit seinem Napf mit etwas Kartoffelbrei und Kraut, nebst einer Winzigkeit gesottenem Rindfleisch, in die Baracke zurückschritt. Hier drängten sich längst im Winkel des Raumes die Platz suchenden Häftlinge eng zusammen. Wären nicht Franzl und Leo gewesen, die mit Energie für Bert einen - 105Hocker reserviert hätten, so wäre ihm nichts übrig geblieben, als am Boden zu hocken, wie andere auch, um sein bißchen Essen auszulöffeln. In der Folge fixierten sich die Plätze als dauernde Reservate bestimmter Zimmergenossen, so daß sich Bert inmitten so vieler Österreicher wie in einem Wiener Kaffeehause vorkam. Rings um sie saßen zumeist Sudetendeutsche, typisches Grenzvolk mit den charakterlichen Sonderheiten solcher Stämme: unbezwingliche Streitsucht, Miẞgunst und Futterneid, verbunden mit kriecherischer Unterwürfigkeit.... - - erst ,, Na", fragte Franzl mit ironisch geschürzten Lippen, dennoch zitterte seine Hand, als sie den Löffel zum Munde führte: ,, Wie hat euch dieser Auftakt unserer Tage im neuen Eldorado gefallen? Habt ihr nicht genug von den Tiermenschen des Steinbruches und hernach von den Menschentieren mit ihrer Prügelei?" Sein schöner Jungenkopf verzog sich zu einer schaudernden Fratze. ,, Ach, es widert einem an aus tiefster Seele... und dazu noch singen müssen!" ,, Ja, lieber Freund", verriet ihm Stillfried ,,, ich sehe jetzt erst ein, wie recht ich immer hatte, dem einzelnen Menschen von Herzen zugetan zu sein, die Menschen als Gesamtheit aber gründlichst zu verachten!" ,, Dazu noch der Krawall mit unserem Feldwebel, der seine Folgen haben wird, paßt auf!" ,, Bah", verwarf Seeger. ,, Das hat der längst wieder vergessen!" Aber wie wenig ein Subjekt von der Hinterhältigkeit eines Zuhälters so etwas vergessen konnte, zumal wenn es sich um Untergebene aus guten Schichten handelte, sollte das, Wiener Kaffeehaus' alsbald erfahren.... Bert hatte kaum ausgelöffelt, als auch schon der Feldwebel in die Stube hereinschoß, sich wie ein gereizter Stier umschaute und losbrüllte, daß alles zusammenfuhr: رو Wo sind die Falotten, die beim Antreten ihren Blockältesten blamieren müssen- raus mit ihnen! Du dort- und du auch..." Er deutete auf Bert und Stillfried.., Marsch in den Abort, ich werde euch die Nase in den Scheißkübel hineinstecken, daß ihr genug kriegt paßt auf!" - - 106 - So trieb er die beiden Verdutzten in den Vorraum hinaus, zunächst in die kleine Kammer, wo sich Eimer, Bürsten, Putzlappen befanden; dann mit diesem Gerät bewaffnet in den großen Abort, der ja im Lager keine Abtrennungen kennt-- und nun begann für den rachsüchtigen Kerl ein wahrer Hochgenuß: total ungeübt in solchen Verrichtungen, wie seine beiden Opfer waren, ließ er sie nicht nur die Piẞbecken aufs Peinlichste reinigen und polieren, sondern ebenso die Klosettmuscheln, außen, innen, oben, unten, dabei unermüdlich im Entdecken restlicher Mängel.... Und seine Beanstandungen erfolgten natürlich nicht in ruhigem Tone, das hätte ja den Spaß verringert, sondern als wüstes Schnauzen und Brüllen mit drohend erhobenen Fäusten.... Hernach kamen noch die Stein- und Holzwände an die Reihe, die Glasglocken der Lampen, die Fensterscheiben und-bretter und schließlich, als die beiden Putzer schon vor Schweiß troffen und sich das müde Kreuz hielten, noch der Fußboden aus geriffelten FlieBen.... ,, Aber wie geleckt!" hieß der Befehl. So, das war mal ein seltenes Behagen für die Großmannsucht des Zuhälters, an einem Oberst sowie einem veritablen Kommandanten und Baron seine Machtfülle so recht von Grund auf beweisen zu können sollen sie sich nur plagen!- Aber die rechte Freude blieb bei ihm doch aus; denn die beiden Putzer lachten sich gegenseitig nur an bei aller Mühe und zeigten in ihrer Miene allzu deutlich: was schiert uns das? Soll er sich dabei aufspielen, wenn es dem Schmutzian ein Genuß ist! Sein andauerndes Gebrüll wird ihn mehr angestrengt haben als uns das Bücken und Reiben.... So trollten sich beide schließlich mit gleichgültigen Mienen in den Wohnraum zurück, wo eben das Schlafengehen befohlen wurde ach, es ruhte sich wundervoll nach der vorherigen Plage und den Erregungen des Appells. Aber am nächsten Morgen bekamen sie ihren Fehler, diese Frondienste auf die leichte Schulter genommen zu haben, schon ärger zu spüren. Eine Viertelstunde nach dem Aufstehen, als die Betten gerade fertig gebaut waren, donnerte der ‚Feld- webel‘— der einzige Häftling, der den Schlafraum mit Stiefeln betreten durfte, die anderen nur in Socken— herein, verlangte wiederum die beiden zu sehen, ließ sich ihre Betten zeigen und markierte von neuem einen Wut- anfall, laut dabei brüllend: „Was? Das soll eine ‚Falle‘ sein? Das ist Scheiße, verstanden?! Aber auch schon nichts als Scheiße! Ich werde euch Drecklumpen zeigen, was es bei mir heißt, Betten zu bauen—— runter mit dem Zeug!“ Damit ergriff er Decke und Leintuch an einem Zipfel und riß den ganzen mühsam errichteten Aufbau mit einem Ruck entzwei, um die Sachen in hohem Bogen auf die nächsten Betten zu werfen und diese auch noch zu zerstören. Statt daß nun die beiden derart Gestraften sich waschen oder ihren dünnen Kaffee trinken konnten, wie die anderen, mußten sie von Grund auf ihren Stroh- sack frisch stopfen und gerade klopfen, die Decken neu zusammenrollen, kurz das ganze Theater des Betten- - baues wieder beginnen, dazu aber noch die beschädigten Nachbarbetten gleichermaßen reparieren. Die Kameraden traten bereits nach genossenem Kaffee ins Freie, als Bert und Stillfried erst verschwitzt aus dem Schlafraum kamen.... Aber kaum standen sie nach ihrer Mühe— natürlich ohne etwas genossen zu haben— bei den anderen und wollten etwas ver- schnaufen, als der ‚Blockteufel‘, wie er schon genannt wurde, wieder auf sie zutrat und ihr Mitkommen ver- langte. Ohne den beiden Betten überhaupt einen Blick zu gönnen, flog von neuem aller kunstvoller Aufbau von ihnen herunter, und nur ein Blick voll giftigsten Hasses begleitete die kurze Weisung:„Nochmals bauen! Euch werd’ ich schon lehren— ihr sollt mich noch kennen- [X lernen.... Die uralte, eitergeschwollene Wut des Untermenschen gegen die, denen das Exempel des Lebens glatt auf- gegangen war, entquoll dem Blick, wie dem fahrigen Gehabe des Zuhälters... aber was half es? Sie waren - 108 - dem Lumpen ausgeliefert und mußten sich willenslos fügen- - Knapp vor dem Antreten zum Morgenappell waren sie endlich fertig, aber schon so müde, als hätten sie den ganzen Tag über geschafft. Franzls besorgte Frage, wie es mit ihnen stände, beantworteten sie gleichförmig mit Achselzucken: so etwas kam beim, Kommiẞ', dem preußischen Militärdienst, zahllose Male ähnlich vor; man dürfe sich eben nicht daran stoßen, sondern den Zorn des anderen einfach verrauchen lassen. Bei Gemütern, die aus dem Schlamm stammen, muß man stets auf solche Ausbrüche gefaßt sein. Dicht bei Bert lag übrigens, unter noch unerträglicheren Umständen, weil er einarmig und schwer magenkrank war, auch Dr. Kurt Schumacher, der Reichstagsabgeordnete der SPD., der nach der Befreiung Deutschlands die Leitung seiner Partei in der britischen Besatzungszone mit reger Energie aufnehmen sollte, ungeachtet seiner körperlichen Schwächung durch die erlittenen Drangsale wahrer Heroismus und Dienst am Vaterland! Nun trat der Block an. Für die neuen, Roten stand etwas Besonderes bevor: ihre Einteilung in Arbeitskommandos. -- Als Überraschung kam aber vorher der Kommandant des Lagers durch das Gittertor gesprengt, auf einem ältlichen Fuchs reitend, der schon das Winterfell angelegt hatte. Er hielt vor den, roten' Blocks an und ließ sie eng zusammentreten, um eine Ansprache an sie zu halten, gewissermaßen zur Begrüßung. Seine Worte gipfelten darin, daß die Häftlinge hier oben die beste. Luft völlig gratis genießen würden, wofür sie mit doppelt eifriger Arbeit und striktem Gehorsam danken sollten.... Wenn es hin und wieder mit der Verpflegung nicht so klappen würde, wie es wünschenswert sei, so sollten die Neuen bedenken, daß die Vorräte nur für 1500 Mann berechnet wären und ihr Hinzutreten die Anordnungen umgeworfen hätten na, auf unseren Wunsch bestimmt nicht, grollten die Roten' insgeheim.... Im übrigen warne er vor jeder Aufsässigkeit - - 109oder vor politischen Verschwörungen usw.; denn es sei Krieg, wie er erinnern wolle- und da fehle niemals viel, daß die geladenen Gewehre auch mal losgingen... also möge man sich hüten! An sich war der Eindruck, den der gertenschlanke Mann in der gut sitzenden Uniform und seiner Haltung zu Pferde, dem kühnen Ausdruck seines Profils auf die Häftlinge machte, ein vollauf günstiger. Das war ein alter Soldat, sagten sie sich, ein Menschenkenner demnach, der derb zupacken kann, aber bedingungslose Gerechtigkeit walten lassen wird.... Wenn man eine Mißgeburt wie den Lagerleiter Aumeyer neben ihn hielt, war man sich im klaren. Schade, daß ein Lagerkommandant so selten etwas mit den Häftlingen direkt zu tun hatte. Kaum war der Befehlshaber davongaloppiert, so nahm der Rapportführer die Einteilung der Neuen vor. Alle Invaliden kamen heraus. Zu ihnen auch Schmitz und der einarmige Reichstagsabgeordnete Schumacher. Sie gelangten teils in die Kartoffelschälerei, teils sollten sie Strümpfe stopfen... die jüngeren Leute kamen zu den, Planierungen' I, II und III. Die älteren von 40 bis 60 Jahren steckte man in den Steinbruch. Besondere Posten, zum Beispiel im Baubüro, die große Annehmlichkeit boten, erhielt als Fachmann Seeger und als sein Gehilfe Franzl Kohlhofer, der damit wiederum Glück hatte.... Bert, Leo, Major Täubler, der große breite Riese, sowie Hofrat Streitmann aus Wien samt Sohn, kamen in den Steinbruch, Stillfried in eine der Planierungen. Recht kennzeichnend für das Niveau der SS.- Leute, die hier unumschränkte Herren waren, verlief die Registrierung der, Roten', die sich anschließend vollzog. Für jeden wurde durch einzelne Scharführer ein besonderes Kartenblatt angelegt. Dabei kamen folgende Bemerkungen zum Vorschein: ,, Was sind Sie?" wurde Seeger gefragt. ,, Architekt und Staatsrat!"- ,, Was heißt Staatsrat, das zählt bei uns nicht!"- ,, Ich erwähnte es auch nur, weil mich dies Amt ins Kz gebracht hat...." - —IPI0.— „Dank’ deinem Schöpfer, du Vogelscheuche, daß du endlich mal Schliff bei uns lernst! Und Architekt willst du sein? Wie kann so eine Mißgeburt wie du ein Stern- deuter sein?!““— ‚‚Pardon, Architekt, nicht Astrolog!“— „Schnauze gehalten... der nächste!“ Der nächste war Leo Eichmüller. Ein Kommunist war nun in ihren Augen gleichbedeutend— und zwar ohne jede Einschränkung— mit einem wilden Tier. Überhaupt nahmen sie an, daß die politischen ‚Roten‘ samt und sonders Kommunisten seien und wollten es nicht recht glauben, daß nur eine Minderzahl von ihnen dazu gehörte. Als Bert angab, sich für Juden eingesetzt zu haben, fiel die Erklärung: ‚Na, das ist so gut wie Kommunist, ‚pfui Teufel!‘ Am folgenden Tage wurden sie in die lange Schlange der Arbeiter im Steinbruch eingereiht. Im- Frühlicht der aufgehenden Sonne setzte sich der Trupp in Bewe- gung, marschierte am Gittertor an dem kleinen, zapp- ligen Aumeyer vorbei, der wieder krähend seine Aus- setzungen an der Marschordnung machte; dann an den Fahnenstangen des äußeren Tores vorbei auf die große Landstraße hinaus, die Verlängerung der gleichen,-die sie vom Bahnhofe heraufgeführt hatte. Es ging in einem Marsche von zwanzig Minuten auf jenen waldigen Hügel zu, der den Steinbruch barg. Der Weg in der Frische des Altweibersommers, der noch frei von Bodennebeln war, gefiel den Neuen nicht schlecht. Schließlich hielt man vor dem Granitbruch, dessen Flanken ein Gewirr von Baumwurzeln, Grasballen und Gestrüpp bedeckte. Steil stieg es von der Fahrstraße aus an. Weiter hinten sah man an ihrem Rande eine Anzahl von Hütten stehen, wohl für die Arbeit der Steinmetze aufgeschlagen. Und am oberen Rand der Bruches schaute eine riskant angelegte Feldbahn mit einigen Eisenkarren auf die Ankömmlinge herunter. Ein grüner Häftling, der die schwarze Armbinde des Vorarbeiters trug, ließ den Trupp zusammenrücken, um die Neuen zu belehren. Eine Gruppe von 5-6 Schar- führern, die wuchtige Armeepistole schußbereit am a ER ze Gürtel, stand rauchend und flüsternd abseits.... Der ‚Grüne‘ erklärte sich nun den Neuen als Obercapo des Steinbruches und verlangte von jedem, daß er mit regstem Eifer seiner Arbeit nachgehe. Wer das tue, habe vor ihm seine Ruhe. Wer es nicht tue, bekomme schonungslos eine Meldung zur Bestrafung... aus! Dann teilte er die Neuen in Rotten zu je 40 Mann ein und gab jeder Rotte einen Capo mit. Auch ihren Arbeitsbezirk teilte er ihr zu. Bert bekam mit Major Täubler den Abbau III. Zugleich ließ der Obercapo jedem Neuen einen Spaten und einen Pickel aushändi- gen. Die Weisung erging endlich noch an sie, daß mit dem Pfeifsignal des Kommandoführers alles im Marsch- Marsch an die Arbeit zu gehen habe, jede Rotte ihrem Capo nach. Der Pfiff ertönte— und wie eine Katze den Baum hinaufklettert, so klomm der schmalhüftige ‚Grüne‘ vor Berts Rotte den steilen Berg hinan, seine Mannen mit dem wuchtigen Werkzeug beladen hinter ihm drein.... Alles kam atemlos oben an, am Rand über der gähnenden Schlucht, die der Raubgrifi des Menschen ins Einge- weide des Berges geschlagen hatte. Hier galt es nun, den nackten ‚Stein freizulegen, also ihn von den sperrigen, zähen Baumstummeln und Wurzeln zu befreien, von dem kiesigen Erdboden und den vielen Steinsplittern, die sich morsch von den großen Quadern loslösten—— also dran! Eingehauen mit den klobigen Pickeln, nachdem sich jeder seinen Platz ge- sucht hatte; eingehauen und mit den Schaufeln den Schutt wegbefördern, bis andere Arme ihn in die eisernen Wagen der Feldbahn schleudern und hinwegführen werden... das ist sogenannter ‚Abbau‘. Sich mit derartigem Werkzeuge zu betätigen, mochte wohl für solche nicht viel bedeuten, die von Jugend auf an den Gebrauch ähnlichen Gerätes gewöhnt waren. Anders aber für Männer wie Bert, Täubler und beson- ders den alten Hofrat Streitmann mit seinem schon altersgekrümmten Rücken und seiner hohen Kurz- sichtigkeit. Er fuhrwerkte mit seinem Pickel herum, daß - II2 - es eher aussah, er werde sich selbst und seinen Nachbarn Schaden tun, als den Boden auflockern. Auch Bert und Täubler, obwohl letzterer ein Riese an Körperkraft war, tat nach einer Stunde emsiger Arbeit der Rücken und die Arme so weh, daß sie etwas verschnaufen und rasten mußten. Sie ließen daher die Hände auf dem Schaufelstiel ruhen. Ihre Augen wanderten umher. Weißgraublau, mit aufschimmernden Flächen, liegt unter ihnen der offene Bruch, regellos zerklüftet, wie die letzten Sprengungen seinen Leib zerfetzt haben. Dann kommt die Landstraße, staubig weiß, mit den paar Steinmetzhütten zur Seite und den Stapeln von fertig behauenen Blöcken, die zum Abtransport bereit liegen. Emsiges Pink- Pink dringt aus den Hütten. Denn auch den Steinmetzen sitzt man eifrig im Genick, um sie anzutreiben. Sie sind natürlich ebenfalls Häftlinge, die man angelernt hat und die der Lagerleitung ein schönes Stück Arbeitslohn von den Besitzern des Steinbruches, einer Aktiengesellschaft, einbringen, sie selbst erhalten natürlich, so wenig wie irgendein anderer Lagerinsasse, niemals auch nur einen Pfennig. Das Geld, was ein Häftling besitzt, muß von seinen Angehörigen geschickt werden. Zwischen Bruch und Hütte reißt das Gewimmel blauweiß gekleideter Sklaven nicht ab, die schweißtriefend unbehauene Felsstücke von vielen Zentnern Schwere hinunterrollen, andere, die zu viert fertige Steine aus der Hütte, Quadersteine von klobigem Gewicht, heraustragen und aufstapeln. Unmittelbar am oberen Rande des Bruches, dicht am Abgrund, klirren die Feldbahnwagen, von je fünf Mann gestoßen, mit ihren Lasten dahin. Das ist das Bild, das sich den Schauenden in der Nähe bietet. Aber über die Landstraße hinaus fällt das Gelände allmählich, ab, in runden Wellen zum Tale hin. Ein Zug rührender Ärmlichkeit liegt über dem rauhen, dürftigen Lande. Kaum ein Obstbaum ist in Gärten oder Feldern zu sehen. Recht traulich eingeschmiegt in - II3eine breite Bodenfalte erstreckt sich jedoch die Ortschaft, die sie nächtlich durchzogen hatten, gleich einer Kette bunter Steinchen im Smaragdfluß der Wiesen. Ein schlichter Kirchturm überragt die Dächlein, und weiter unten erhebt sich ein zweiter mit vermorschtem Zifferblatt an seiner Uhr. Alle Anwesen, von hier oben betrachtet, sind mit der peinlichen Sauberkeit der Armut wie kahl geleckt, nur winzige Stallungen daneben, auf den Wiesen kaum ein Dutzend weidender Gänse. Doch das Geläut von Kuhglocken kommt von irgendwo her aus der Tiefe.... -- Darüber aber, auf dem nackten, kurzen Bergkegel, der wie eine abrupte Warze aus dem Antlitz der Landschaft hervorragt, stemmt sich wieder die Gegend weit beherrschend die grandiose Burgruine aufwärts, die Mauern des Wohnhauses dem Himmel offen, wettergeschwärzt und vor ihnen der wuchtige Bergfried, vierkantig und kraftgeballt wie eine drohend emporgereckte Faust. So ragt sie auf wie das zu Stein gewordene Prinzip der Gewalttätigkeit und der Barbarei. Ein Hauch der rauhen Zeiten der Vergangenheit schwebt noch um ihre robusten Mauern. - Als Kontrast zu diesem Denkmal feudaler Selbstherrlichkeit gruppiert sich zur Linken auf einer sanften Berglehne die Kolonie der SS.- Offiziere, die zum Lager gehören, der Zwingherren von heute; architektonisch reizvolle, rotbraun gestrichene Blockhäuser, in Farbe und Formgebung vorzüglich dem Landschaftsbild angepaßt. Das milde Licht des Herbstes breitet einen versöhnlichen Schimmer der Lieblichkeit über die bescheidene Flur. Es nimmt sich aus wie das resignierte Lächeln einer Scheidenden. Bert und Täubler sogen wie eine seelische Erholung die Eindrücke ein, die sich ihnen hier boten.... Da nahte blitzschnell und geräuschlos das Verhängnis: erst bekam Täubler mit äußerster Wucht einen Tritt mit benageltem Stiefel ins Gefäß, daß er ins Taumeln geriet. Bert sah gerade noch den großen, schweren Mann in zitternder Erregung sich umdrehen, dabei in die zähne8 Conrady, Amokläufer. - 114fletschende Visage eines der grünen Capos sehen-- als es ihm schon nicht besser erging: Dicht hinter dem Vorarbeiter war auch ein Scharführer von oben herabgestiegen und hatte Bert seinen Stiefel so voller Kraft in die Kehrseite geschmettert, daß er nur mit aller Mühe das Gleichgewicht nicht verlor. Und schon trat der SS.- Mann, ein wahrer Bulle von Kerl, ganz nahe an ihn heran, riß ihn am Rockkittel auf sich zu und hieb ihm seine Pranke wieder und wieder ins Gesicht. Und im nächsten Augenblick saß die gleiche Faust schon dem Major im Antlitz. Zum ersten Male verlor Bert seine sonst streng gehütete Selbstbeherrschung. Die erste Regung, die ihn durchzuckte, war das Verlangen, sich auf den Rowdy zu stürzen... und seine Haltung, seine Miene mochte auch Ähnliches erraten lassen; denn der Scharführer trat sofort einen Schritt rückwärts und griff an seine Pistole... Aber was hat denn irgendwelche Auflehnung für einen Zweck? Wenn der Geschlagene wehrlos und unterernährt ist, der Schläger dagegen groß, breit, muskelbepackt und auf solche Leistungen bestens trainiert ist, wenn er ein ausgiebiges Frühstück im Magen, eine vielschüssige Armeepistole im Gürtel und wuchtige Nagelstiefel hat dann entsteht eben jenes abnorme Verhältnis, wie es für das Kz so kennzeichnend ist. -- Außerdem kamen Bert und Täubler nicht einen Moment zum Überlegen; denn der Scharführer brüllte sie an, so dicht, daß ihnen sein Geifer ins Gesicht spritzte: ,, Das nennt ihr arbeiten, ihr stinkfaulen Hunde ihr? Daß der Teufel euch frikassieren soll, Himmelkreuzbombenelement!" Und noch ein Fluch von alttestamentarischer Länge schloß sich an den ersten an. - Mit einem entschlossenen Ruck drehte sich Bert um und begann wieder emsig zu schaufeln, um sich damit zugleich ein Ventil für seine Erregung zu schaffen. Es half ja nichts anderes, als sich wie besessen auf die Arbeit zu stürzen, zumal der Scharführer noch weiter hinter ihm stand, die Fäuste in die Seiten gestemmt.... Eine — 15— gute Weile schaffte er so mit bestem Willen weiter, aber stets in jener Verkrampfung des Körpers, wie es die ungewohnte Arbeit mit sich brachte... bis der Aufseher ihm plötzlich die Schaufel aus der Hand riß und sie mit gespielter Empörung beiseite warf. Am liebsten hätte er sie wohl— so tat er wenigstens— an Berts Kopf zer- schmettert. Sofort tat der liebedienerische Capo bei Täubler desgleichen. „Schert euch weg, ihr verschimmeltes Dörrgemüse!“ brüllte der Scharführer mit einer Stimme, als ob ein ganzes Regiment zu befehligen sei. ‚‚Das ist ja nicht zum ansehen mit euch! Marsch, runter vom Abraum.... dort unten werdet ihr Steine tragen! Und dabei laufen wie die Wiesel, das laßt euch raten! Daß ich euch nicht nochmals beim Faulenzen erwische...:.“ Er deutete auf eine Kolonne von Häftlingen, die mit Felsbrocken von ansehnlichem Umfange beladen von oben kamen und vorsichtig die ausgetretenen Lehm- stufen des Pfades herabschritten, um ihre Last nicht zu verlieren. Unten angekommen, warfen sie die Steine auf einen Haufen neben dem Verladeplatz ab.... Aber kaum von der Last befreit, mußten sie wieder umkehren und im Laufschritt— trab-trab— den Berg hinanhasten. Ein Scharführer stand beim Abladen, eine Reihe von eifrigen Capos auf der Bergstrecke verteilt und oben wiederum ein Scharführer, alle mit handfesten Knüppeln versehen..... sie sorgten dafür, daß das Tempo sich keinen Augenblick verlangsame. Die weise Mäßigung, wie sie sich in der Ordensregel des hl. Benedikts ausspricht: ‚Alles aber geschehe der Schwachen wegen mit Maß‘! kannte man hier leider nicht. Dafür hat dieser Weise freilich auch schon 1500 Jahre vor unserer glorreichen Zeit gelebt—— Ohne sich weiter umzuschauen, damit nicht neues Unheil entstände, eilten beide Kameraden nun der Kette von Trägern zu, die einen Anblick bot, wie vor Jahr- tausenden wohl eine Karawane von Sklaven beim Bau der großen Pyramiden in der Wüste Ägyptens—— seit Äonen die gleiche Vergewaltigung der Menschenkraft! 8* - 116 - Auf halber Höhe stand der alte Hofrat Streitmann aus Wien, an einen Felsen angelehnt, graugelb im Gesicht, das verzerrt war, die Hand auf das Herz gepreßt, keuchenden Atems kein Wunder, dachte sich Bert, bei einem solchen Raubbau der Kräfte! Sie selbst kamen endlich oben schnaufend an, ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Der Scharführer vor ihnen deutete mit der Stockspitze auf einen mächtigen Brocken, der unter den anderen Felstrümmern lag... Täubler sprang rasch vor, als er sah, daß für Berts Statur dieses Gewicht zu bedeutend wäre, packte an und schwang mit seinen Bärenkräften den Fels auf die Schulter, als wäre er von Lebkuchenteig gemacht. Den nächsten Block hatte nun Bert zu nehmen. Viel Auswahl befand sich an der Stelle nicht mehr. Gern hätte Bert fürs erste Mal ein mittelgroßes Stück genommen, das seinen Kräften angepaßt gewesen wäre. Aber der Scharführer, der ihn schon sich bücken sah, deutete mit boshaftem Grinsen auf einen klobigen, fast runden Brocken, der wohl seine zwei Zentner wiegen mochte. Es schien völlig ausgeschlossen, daß ein Mensch von Berts Statur und Übung eine solche Last auf den schlüpfrigen Stufen bergab schleppen könne. Dennoch packte er willig an, brachte den Fels mit allen Kräften und gespreizten Beinen auch bis zur Kniehöhe, doch entglitt von da das übergroße Gewicht wieder seinen Händen und fiel zu Boden. Dabei rissen die scharfen Kanten des Granits mitsamt dem feuchten Sand der Grundfläche ihm Finger und Handfläche blutig. - Ein schwaches Stöhnen drang aus seiner Brust, als er sich wieder aufrichtete. Aber da riẞ dem Scharführer die Geduld. Aus Zorn, daß durch diesen Mann die ganze Kolonne ins Stocken kam allerdings nur durch seine eigene Unvernunft sprang er mit einem Satz von seinem kleinen Felssockel herunter und auf Bert zu, schwang seinen Knüppel aus dem zähen Holz einer ausgegrabenen Baumwurzel und ließ ihn dem Häftling auf den ungeschützten Rücken, Nacken, Hals sausen, immer wieder ein Hagel von Hieben, bis er aufschnaufend 117- innehielt, und der Geschlagene wie ein schwer angeschossenes Wild auf dem Granitblock niedergesunken war, mit geschlossenen Augen. ,, Warte, Kerl, das nächste Mal, wenn du dich nicht zusammennimmst, laß ich dich splitternackt in die Kühlzelle einsperren, daß du in zehn Minuten zu Gefrierfleisch wirst!" ,, Mein Gott, mein Gott!" stöhnte Bert, diese eine Stunde jetzt zerriß schmachvoll und schmerzvoll den gesamten Bau seiner Selbstbehauptung, die er sich noch immer bewahrt hatte... warum warum war man im Vabanquespiel des Lebens in Ehren grau geworden, um solches erleben zu müssen....? Das Austoben seiner Wut brachte aber den Scharführer beileibe nicht von seinem Begehren ab, daß niemand außer Bert diesen übergroßen Brocken zu schleppen habe... nun gerade! Er winkte den zunächst stehenden Sklaven, die herbeispringen und Bert die kantige Last auf den Rücken heben mußten, mochten dabei auch die Knie des Gequälten ins Schwanken kommen und die ganze Gestalt hin und hertaumeln wie vom Sturmwind gepackt. Zum Glück wußte Bert vom Felddienste her, daß vieles, was zu Beginn glatt unmöglich erscheint, in der Folge sich mit Zähigkeit und Kühnheit durchführen lasse. So trat er auch jetzt mit aller Vorsicht den Abstieg an, Stufe für Stufe, um bei jedem nicht genau ausbalancierten Schritte infolge der Last auf seinem schmerzenden Rücken umhergeworfen zu werden, wie ein Boot bei hohem Wellengang. Die Stirnadern schwollen ihm an im blauroten Gesicht unter der verzweifelten Anstrengung. Ströme von Schweiß rannen ihm übers Antlitz, seine Finger verkrampften sich im Kampf mit seiner Erschöpfung. Und tatsächlich hielt er durch bis zur Abladestelle, wenngleich die Hände es bei den letzten Schritten nicht mehr schaffen wollten. Beim Abwerfen der Last riẞ die Wucht des Steines den erschöpften Mann zu Boden. Aber ein kräftiger Arm fing ihn auf und griff ihm unter - 118- die Achseln. Täubler war es, der ihn dort erwartete. Freilich war sein kurzes Verweilen nur dadurch möglich, daß der Aufsichtsführer sich zufällig mit einem vorüberkommenden Genossen unterhielt.... Begütigend klopfte Täubler dem Leidensgefährten auf die Schulter. Er spürte wohl, wie es mit dessen Kräften bestellt war. Bert aber sah und hörte nichts. Er brachte auch kein Wort hervor, keinen Laut der Klage. Er hob nur mechanisch die Hände zu den Schläfen empor, als sitze hinter ihnen ein nicht zu nennendes Weh. Dadurch blieb das Blut der Finger auch im Gesicht kleben und entstellte ihn noch mehr, als seine verzerrten Züge es ohnehin schon taten. Erschrocken sah sich der breite Mann, der ihn stützte, nach Hilfe um so ging es doch nicht weiter! -- Da kam, wo sonst jedermann ihn als Antwort nur ausgelacht, vertrieben und geschlagen hätte, eine unerwartete Hilfe: ein weiterer Häftling, zwar auch nur ein Sklave hier, aber durch das Lagerleben erfahren und großherzigen Sinnes, der Dozent für innere Medizin an der Universität Innsbruck, Dr. Hickmeyer, jetzt Schreiber in dem kleinen Büro des Steinbruches, ging zufällig vorbei, sah den Zustand Berts mit den klaren Augen des Klinikersund erfaßte im Moment die günstige Situation, die sich durch die Ablenkung des Aufsehers ergab. Er nahm flink beide Kameraden am Ärmel und zog sie mit imperativer Geste mit sich fort, in Richtung auf die bescheidene Hütte, in der er zu schreiben hatte. Zwar begegnete ihnen ein Scharführer, in der Hand den schlagbereiten Knüppel aber alle drei machten eine so ordnungsmäßige Ehrenbezeugung mit Mienen, die das beste Gewissen der Welt zu bekunden schienen, daß sie unangefochten passierten. Es sah eben so aus, als ob der Schreiber sie auf höheren Befehl zu einer Auskunft in den Schuppen holte. Neben Dr. Hickmeyers winziger Schreibstube befand sich in einem Winkel, gemeinsam mit den Zündapparaten für die Sprengungen des Felsens, auch eine Art Haus 119apotheke, die ein invalider, Grüner' zu verwalten hatte. Für die Mentalität des Lagers war es bezeichnend, daß ein Spezialarzt wie Hickmeyer natürlich keinen Handgriff in der Krankenpflege tun durfte, ja nicht einmal dem Revier nahekommen sollte. Mit dem, Grünen' hier draußen, der höchstens einen Notverband ungeschickt anbringen konnte, hatte sich Hickmeyer jedoch schon gut verständigt, so daß der Invalide froh war, an ihm bei Unfällen eine medizinische Hilfe zu haben. Nun reinigte der Arzt die Hände Berts rasch mit Karbollösung vom sandigen Schmutz und verband sie kunstgerecht. Dadurch verging nahezu eine Stunde des Ausruhens. Hernach hieß es, sich nach einer besseren Arbeit umschauen; denn das Abschleppen von Felsbrocken ließ sich ja mit verbundenen Händen nicht durchführen... wieder ging Hickmeyer beiden Kameraden voran in der Suche, nur ließ sich eben im Steinbruch nicht so leicht etwas Besseres finden. - Das Beste, was sich ergab, war noch das Tragen der behauenen Steine, also der Bordschwellen, Türschwellen, Fensterborde aus Granit, vom Steinmetz zum Transportplatz und zwar jeweils zu viert, wobei ein kleines, grob gezimmertes Tragbrett mit vier Griffen auf die Schulter gehoben werden mußte. Hierbei konnten die drei anderen einen Geschwächten beim Tragen etwas entlasten oder die Schulter konnte durch ein Taschentuch ein wenig abgepolstert werden... das alles war also schon eine gewisse Annehmlichkeit gegenüber der barbarischen Arbeit bisher, zumal hier der Gang auf ebenem Gelände erfolgte und in langsamem Schritt ohne besondere Treiberei... also ließ sich immerhin mal etwas Atem holen, gottlob! - Wirklich gelang es den Bitten Hickmeyers, die Freunde in eine Tragkolonne einzuschmuggeln. Natürlich nicht Täubler und Bert in ein Karree, dazu waren die Größenverhältnisse zu verschieden, sondern in getrennte Gruppen, aber das war ja unbedeutend. Man war vor allen Dingen untergekommen, dem Inferno dort am Rand des Steinbruches entronnen und = 120, mußte zufrieden sein, wenn niemand von den Plage- geistern sie zurückholen kam. So trug Bert die langen, langen Stunden hindurch, bis es zum Mittagessen pfiff, die hölzerne Bahre mit je- weils einem fertig bearbeiteten Stein als vierter Mann— und gewann allmählich wieder Kraft und Selbstver- trauen zurück. Als es endlich zum Mittagessen pfiff, stellte sich bei der Ausgabe der Kost heraus, daß die neuen ‚Roten‘ noch nicht ihre Eßnäpfe und Löffel mitgebracht hatten, weil niemand es ihnen befohlen hatte, Demzufolge muß- ten sie zusehen, wie es den ‚Grünen‘ schmeckte, keine angenehme Aufgabe bei dem gigantischen ‚Kohldampf‘, den ihnen die schwere Arbeit in der dünnen Höhenluft verursacht hatte... dann erst, als die ‚Grünen‘ fertig waren, mußten diese ihre Näpfe und Löffel an die Neuen herleihen, damit auch sie mittels des unausgespülten Geschirres versorgt werden konnten, ein Vorgang, der den Genuß des jämmerlichen Essens noch mehr herabsetzte. Die Sonne sah mitleidig auf die lange Kette zer- schundener Sklaven herab, die sich um die Thermos- kessel drängten. Hatten sie ihre Kleinigkeit wäßriges Kraut mit einigen Brocken Eingeweide und Kartoffeln erhalten, so hieß es einen leidlichen Sitzplatz suchen, um die Kost auszulöffeln....„Wirklich essen darf man ja gar nicht!“ murrte der riesige Täubler vor sich hin. „Man darf nur wie kleine Kinder ohne Appetit damit etwas spielen! Anhalten tut’s eh’ nicht....“ „Ich denke stärker än etwas anderes‘, fiel Hick- meyer ein,„nämlich wie die Esserei ausschauen wird, wenn hier oben der Herbstregen kommt oder gar der frühe Winter! Jetzt können wir noch im Grase liegen oder auf den Steinen hocken... später kann das un:er Tod sein!“ Bert beteiligte sich nicht am Gespräch. Er war froh, etwas Warmes in den Leib zu bekommen und nicht weiter denken zu brauchen als bis ans Ende der halb- stündigen Mittagpause und von da ab bis zum Feier- abend— weiter nicht.... Er sah sich um— wieder - 121 - - - aber fielen ihm manche Köpfe auf, die glattweg einem, Neandertaler' hätten gehören können, der der Prähistorie entsprungen war; dann viele innerlich längst Ausgebrannte, Verglühte, seelische Schutthaufen nur noch auch eine Gruppe von Häftlingen, die ganz anderen Schlages waren und auch offensichtlich zusammenhielten: prachtvolle, knorrige, urwüchsige Gestalten mit kühnen Blicken. Erst später erfuhr Bert, daß es zumeist Waldleute und Bergbauern aus den Alpenländern Österreichs waren, die wegen wiederholter Wilddieberei hier eingeliefert worden waren. So trug Bert auch an den nächsten Tagen und laufend weiter von früh bis spät in seiner Vierermannschaft die klotzigen Hausteine auf seiner Schulter fort. Die Achseln schwollen an, wurden blau, grün, marmoriert. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, schon wenn der Holzgriff sich belastend auf die ewig gleiche, wunde Stelle senkte; Rücken und Kreuz schmerzten ihn wie toll... aber es trieb ihn wenigstens niemand an, es beanstandete niemand sein manuelles Können oder mutete ihm Unmögliches zu. Und das war viel wert! IM REVIER. Eines Tages gellte, gerade als seine Vierergruppe ihren Stein ablud, ein Angstschrei von oben her, wo der Absicherlich der grund des Steinbruches sich auftat Schrei eines Abgestürzten, und brach sich hallend an den Felswänden, die ihn wie ein Schallspiegel ins Freie warfen. Bert und die Seinen blieben bestürzt stehen und suchten etwas zu erkennen. Aber das Gewimmel der Arbeitenden versperrte ihnen jeden Blick. Auf dem Rückwege holte sie Dr. Hickmeyer ein und erzählte, daß es der alte Hofrat Streitmann wäre, der von oben, wo er arbeitete, abgestürzt sei, weil er einem anrollenden Feldbahnwagen ausweichen wollte und dank seiner Kurzsichtigkeit nicht erkannte, wie nahe am Abgrund er schon war. - 122 - Und einige Tage darauf kam Bert ebenfalls dran, wenn auch nur mit einem leichten Unfall. Zwischendrein hatte auch sein liebenswürdiger Feldwebel vom Block 10. wieder einige Anfälle von Tobsucht bekommen, hatte seine Mannschaft, als sie ausgepumpt und verhungert nach dem bißchen Abendsuppe endlich vor den Block rücken konnte, noch eine gute Stunde lang, hinlegen' und, auf, marsch, marsch!' üben lassen, bis allen die Zunge zum Halse heraushing und ähnliche Scherze, so daß den meisten auch schon die Freizeit verleidet wurde, so not sie dem Körper wie der Seele tat... die alte Leier: setze solch eine Kreatur nur auf einen winzigen Sockel, so tyrannisiert sie ihre Kameraden ärger als ein zum Herrschen Berufener! - - - Im Zustande restloser Erschöpfung passierte Bert das Pech eine Viertelstunde vor Feierabend auch noch zu zeitig den Griff des Tragbrettes von seiner schmerzenden Schulter zu lösen, um abzusetzen, während die anderen noch nicht so weit waren; dadurch kam die Tragfläche schief zu stehen und der Stein ins Gleiten. Er fiel, gottlob nur mit einer Ecke, auf die linken Zehen Berts in einer Weise, daß diesem sofort schwarz vor den Augen wurde. - Die Gefährten hoben ihn auf und brachten ihn wieder in die Schreibstube, wo es dem Arzte gelang, den Stiefel aufzuschneiden und herunterzuziehen da pfiff es gerade zum Schluß und Abmarsch. Kurz entschlossen, rief Hickmeyer den vorbeigehenden Täubler an, nahm aus der Reservekammer einen unbenutzten Schaufelstiel und setzte den heftig stöhnenden Verletzten darauf, um ihn mit Täublers Hilfe derart ins Lager zurückzutragen. Wider sein Erwarten klappte es mit Berts Verbringen ins Revier sogar gut. Denn um dort aufgenommen zu werden, bedurfte es nicht etwa des Krankseins als Voraussetzung, sondern viel stärker der Genehmigung des Lagerleiters. Nur wer nach dessen Ansicht absolut nicht arbeitsfähig war, was durch Entkleidung des Betreffenden unter freiem Himmel nachgeprüft wurde, - 123soweit der Begriff, Prüfung hier gestattet ist, nur der konnte die Schwelle des Reviers überschreiten falls es für ihn nicht ohnehin schon zu spät war. Im Verbandszimmer des Reviers amtierte eine Clique von, Grünen', die zwar von der Behandlung eines Patienten nichts verstand, aber um so diktatorischer über die Frage entschied, ob jemand dem Arzt zu präsentieren sei oder nicht. Angeführt wurde sie von einem zum Reviercapo avancierten Taschendieb, namens Bobby, der im Zivilberuf Lazarettgehilfe und ein so gewandter Bursche war, daß er leichtere Operationen, Blutsenkungen und ähnliches zuverlässig ausführen konnte. Diesem Können stand aber eine Schroffheit im Behandeln der Patienten gegenüber, die außer einem SS.- Mann eben nur noch ein Vollverbrecher fertig bringen konnte. Klugerweise besprach Dr. Hickmeyer aber den Fall mit ihm in solcher Weise, wie er es einem ärztlichen Kollegen gegenüber getan hätte, ihm höflich die Behandlung des Fußes Berts überlassend. Dadurch geschmeichelt, denn Bobby war wie alle talentierten, aber schiffbrüchigen Naturen der Schmeichelei überaus zugetan, erreichte der Arzt, daß der Capo den Verletzten zunächst über Nacht im Revier behielt und ihn am nächsten Morgen dem Lagerarzt vorführte, jenem Ignoranten aus der SS.- Junkerschule, der zwar ein Tölpel, aber nicht bösen Willens war. Er diktierte Bert acht Tage Revierbehandlung zu. Damit war Hickmeyers Ziel erreicht. Lieber Gott, wie wohl tat es, in dem schon leicht geheizten Krankenzimmer, ohne sich um Bettenbau kümmern zu brauchen, mit einem Buch in der Hand am Tisch zu sitzen, wenn es auch nur ein simpler Kriminalschmöker war, den er zur Lektüre vorfand. Durch das Fenster ließ sich auf den Ölberg hinausschauen, wo die kleinen schwarzen Pünktchen auf den Stein- und Sandflächen die arbeitenden Häftlinge verrieten... wie gut, ein paar Tage nicht zu ihnen zu gehören! Am Abend kam Franzl ihn besuchen und brachte ihm eine Krücke mit, die den verletzten Fuß beim Gehen - 124 - schonen sollte. Zugleich lud er ein, ihn vorsichtig bis zur anstoßenden Baracke 10 zu begleiten, wo er das, Wiener Kaffeehaus' treffen werde, das sich nach seinem Befinden erkundigt habe.... Bert willigte gern ein, war doch dieser österreichische Kreis noch immer wie der wärmende Golfstrom eines lind umschließenden Zusammenhanges für ihn. Er traf die Freunde mitten in lebhafter Diskussion. Waren sie zwar alle nicht mehr als getretene Lagersklaven, so ließen sie sich ihre freie Meinung, gipfelnd in der unentwegten Ablehnung des Nazisystems, nicht rauben.... Die Rede ging um den überspannten Nationalismus - ,, Mit der nationalen Übertriebenheit hat schon euer Gottlieb Fichte begonnen", sagte einer ,,, der Gründer einer regulären Nationalmystik, indem er von der ‚ verzehrenden Flamme hehrer Vaterlandsliebe' phantasierte, welche die Nation vergöttlicht und als Hülle des Ewigen umfaßt...." ,, Das wäre ja noch zu ertragen, aber jeder exaltierte Übernationalismus und das ist das Nazitum muß - zu einer Gefahr für die Nachbarn werden!" ,, Auch Goethe hat ja erkannt:, Grober Dünkel und allgemeine Begriffe sind immer auf dem Wege das größte Unheil in der Welt anzurichten!""* ,, Darunter kann man auch den unausstehlichen Bestimmungsdünkel verstehen, den die Nazis hochgezüchtet haben... so hat der Dichter den Fluch unserer Tage in erstaunlicher Weise vorausgeahnt...." ,, Und wie sie berauscht sind von ihrem Einzigkeitswahn! Wer auf dem Boden der Rassenlehre steht, muß auch Spenglers Ausspruch unterschreiben: ‚ Das natürliche rassenhafte Verhältnis zwischen den Völkern ist der Krieg. Er ist die Urpolitik aller Lebendigen. Der ewige Völkerfrieden ist nur ein Traum'....“ ,, Aber man nehme doch nur Rosenberg mit seiner Übertreibung der Rassenideologie als historisches Erklärungsprinzip! Bei ihrer Polemisierung wird unter der Larve patriotischer Entrüstung schon in dem geifern - 125den Tone die leidenschaftliche Niedrigkeit erkennbar. " - ,, Na überhaupt steht die gesamte Rassentheorie auf verdammt wackligen Füßen. Die gemeinsamen Eigenschaften der Menschengruppen sind doch in erster Linie Auswirkungen des Milieus und damit höchst veränderlichen Charakters...." ,, Und weil du gerade von Alfred Rosenberg sprichst: Wahre Mystik und lebensbejahende Tat lassen sich auf die Dauer in der Tiefe nicht miteinander verbinden, wie er meint. Gerade da der Deutsche unausrottbar Mystiker bleibt, kommt er mit seinen Großtaten so schwer zu einem wirklich dauernden Erfolge!" ,, Ja, ich weiß", warf hier Franzl lachend ein ,,, daß wir Deutschen, so gescheit wir in vielen Dingen auch sind, eine Stelle im Geiste haben, wo wir einfach dämmrig sind und die gröbsten Bocksprünge machen!" ,, Ähnlich ist es mit der faustischen Ungebärdigkeit unserer Triebe und Leidenschaften, dazu kommt am Schlusse die Verzweiflung!" ,, Gewiß war die Maßlosigkeit von jeher das Unglück der Deutschen, wenn auch mitunter ihre Größe...." Ein Unbelehrbarer war es, der das sprach und mit etwas Schwärmerei in der Stimme hinzusetzte: ,, Ich verzeihe den Nazis alles; denn das Glück der Erstmaligkeit einer großen Tat war stets ein berauschendes, ob ihr nun Alexander oder Kolumbus oder sonstwen heranziehen wollt " ,, Der Rausch wird kurz sein; denn noch immer hat der alte Wahn, eine verbesserte Welt mit unvollkommenen Mitteln herbeizuführen, sich durch Rückschlag in die Barbarei gerächt. Und ihr System führt nur zur Heranzüchtung eines Hurrapatriotismus, der schon mit der Saugflasche beginnen soll... ich danke dafür!" ,, Und echte Desperados waren sie ja auch im Finanzwesen: Sie sagten sich angesichts des kommenden Krieges seelenruhig: verlieren wir ihn, so ist eh' alles futsch und dahin, wir und das deutsche Volk. Gewinnen wir - 126ihn aber gegen so steinreiche Gegner, dann soll die Welt mal unseren Appetit im Einstecken bewundern. Wieder brach der Romantiker eine Lanze für die Nazis, indem er versonnen sagte: ,, Und dennoch bleibt er bewundernswert und groß, dieser Kampf bis aufs Messer, nehmt alles nur in allem! Es ist wiedermal wie zu Zeiten des Ostgoten Teja ein Kampf um restlos alles.« ,, O ja, wenn dem Nazismus nur jener bezwingende Zug zum Mut und zur Treue, Aufopferung und Vaterlandsliebe zu eigen wäre und sonst nichts, könnte und würde alle Welt sich damit abfinden aber da die Nazis stets scheinheilig betonten, daß die von ihnen vorgespiegelte Mission des Deutschtums innerhalb der Welt durchgeführt werden solle, ohne den Kulturgütern der anderen Völker dadurch zu nahe zu treten- jede Art von Mission sich jedoch niemals ohne kräftigen Zwang realisieren läßt, und die anderen Völker sich von vornherein energisch sträubten, nach den Maximen der Nazibibel reformiert zu werden, war es offensichtlich geworden, daß die Grundideen des Nazitum nur durch unverhüllten Kampf, also Krieg, zu verwirklichen wäso liegt es doch!" ren ,, Wozu noch ihr brutaler Antisemitismus hinzutritt, der die übelsten Triebe im deutschen Volke zur Tat aufrief!" Hier konnte es der Schalk Franzl nicht unterlassen, einzuwerfen: ,, Kennt ihr übrigens den Witz von den jüdischen Generälen?- Nein?- Dann hört zu!" lachte er. - ,, In der Schule fragt der Lehrer die Buben, warum Deutschland den Weltkrieg verloren habe? Die Schüler wissen es nicht recht, bis einer zögernd sagt: Nu, wegen die Juden. Richtig, sagt der Lehrer, das ist nicht falsch! Aber wie kam das?- Nu, sagt der Junge, halt durch die Generäle! Wieso? frägt der Lehrer wieder, verblüfft. Wir hatten doch keine Juden als Generäle? Eben nicht, klärt ihn der Bub auf. Wir nicht, aber die anderen hatten sie.... << - Alles lacht und geht auseinander, denn das Zubettgehen beginnt. _— 127— PLANIERUNG III. Die Woche der Schonung ging, wie es leider immer so ist, doppelt so rasch zu Ende wie andere. Bert schlief wieder im Block 10, für einige Zeit gottlob vom ‚Block- teufel‘ in Ruhe gelassen. In der Frühe, wenn die Kame- raden antraten, lag noch die Morgendämmerung über Land und Lager, wie der Bettschleier über einem schläf- rigen Gesicht. Ganz im Osten über den obersten Barak- ken verblaßten langsam die Sterne. Aber dichte Nebel- schwaden steigen nun aus den Talsenken, die sich unter- halb des Lagers hinziehen... und immer dichter wird der Nebel, je stärker der Tag graut. Tropfen fallen von den Dächern. Wind erhebt sich und treibt die grauen Tücher vor sich her. Zuweilen ist selbst der gegenüber- liegende Block durch die ziehenden Schwaden nicht mehr zu erkennen. Und es ist bereits verdammt frisch. Der Tag, der endlich voll Unschlüssigkeit anbricht, ist noch immer grau verhangen und winternah....: Um aber keine Trübseligkeit aufkommen zu lassen, tritt Franzl, der Schalk, gern an solchen Tagen an Bert mit gespielter Strammheit heran und meldet im Berliner Jargon: ‚Herr Oberst, melde jehorsamst— Morjen- jrauen!“ Dann entließ ihn Bert salutierend und beneidete seine Ungezwungenheit. Er selbst hatte sich nun beim Früh- appell am Tor zur Arbeit zurückzumelden. Dies geschah unmittelbar, nachdem der kleine Aumeyer, das ‚Lager- biest‘, wie er genannt wurde, mit seinen wackligen Schritten das innere Lager betreten und die angetretenen Scharführer mit einem gekrähten ‚‚Heil Hitler‘“ begrüßt hatte, worauf als Erwiderung ein strammes ‚‚Sieg Heil“ zurückkam. Sodann schritt der Allmächtige zu den Reviermel- dungen und schickte nach Gutdünken den einen zum Kanalbau, den anderen zum Wasserwerk, den dritten zum Neubau des Bunkers... und schließlich Bert zur ‚Pla- nierung III‘. So, damit war’s geschehen! Es durchzuckte Bert wie - - 128eine Erlösung, daß er nicht mehr zum großen Steinbruch zurückkehren sollte.... War das nicht vielleicht eine Verbesserung? Wo konnte es übler sein als dort drauBen? Aber selbst das, was er sich nie hätte träumen lassen, trat ein: er sehnte sich bald effektiv nach der zwar unsinnig schweren, aber wenigstens gleichbleibenden Arbeit des Steinetragens zurück. So katastrophal war der Wechsel, den er durchzumachen hatte. Die, Planierung III' war das Mädchen für alles im Lager. Sie unterstand einem Capo, der an brutalster Behandlung seiner Leute, an Prügeln, Stoßen, Schreien und ewiger Unzufriedenheit mit jeder Leistung von keinem im Kz zu übertreffen war.... Wo nur irgendeine hundsgemeine Plackerei zu erledigen war, übernahm er sie aus freien Stücken noch zu dem normalen Pensum seines Kommandos hinzu, jagte seine Leute umher wie einen Schwarm aufgescheuchter Tauben, brüllte mit ihnen auch ohne jeden Grund herum; trat sie ins Gesäß, schlug sie mit der Faust zu Boden und ließ keinem auch nur eine Minute Rast. Selbstredend trug ihm dies Bemühen lobende Anerkennung der Lagerleitung ein, aus der täglich sein freier Zutritt zur SS.- Küche resultierte. Von Gestalt ein Koloẞ an Größe, Breite, Schwere, das Gesicht mit den stechenden, kleinen Augen beherrscht von einem tierhaften Kinnbacken, wurde seine Bulldoggnase trefflich ergänzt von der kurzen, zurückfliehenden Stirn. Seinem Berufe nach gehörte er ebenfalls zu der in Flossenbürg dominierenden Gilde der Zuhälter. In besonderem Haß standen bei ihm alle Häftlinge aus besseren Kreisen, insbesondere aber Militärs. Stillfried stand schon seit Beginn unter seinem Befehl und winkte Bert betrübt zu, als sich dieser dicht neben ihm einreihte. Gleich zu Anfang, als die Leute ihr Werkzeug in einem Schuppen gefaßt hatten, begann Capo Knör, wie er hieß, mit seinen Drangsaleien.... ,, Aha, was seh' ich, jetzt hab' ich zu dem Kommandanten und Baron auch noch den Herrn Oberst bekommen, der vom Steinbruch ab - 129gedankt ist... na, da kann ich mir ja mit den hohen Herrn mal eine Extratour leisten!" Alles marschierte drauf los, wohin er befahl, nämlich weit hinter den Baracken zum Bau des, Bunkers', das heißt des Arrestgebäudes, das in Flossenbürg noch fehlte. Dort mußten wiederum Felstrümmer ausgehoben und zum Bau der Fundamente herbeigeschleppt werden; denn kleine, unergiebige Steinbrüche gab es noch genügend im Lager selbst. Außerdem wurde für die Mauern kiesiger Sand gekarrt, und zwar in eisernen Schubkarren von respektabler Schwere. Seine beiden Quälkanditaten. Stillfried und Bert nahm der Capo zum Gaudium der anderen, die größtenteils aus, Grünen' allerletzter Kategorie bestanden, an diese Schubkarren und ließ sie die Mulden anfüllen, bis keine Schaufel Sand mehr auf ihnen hielt.... Zum Glück war der Weg, der mit den Karren zurückzulegen war, nicht allzu weit. Aber auch dies Stück war für die Konstitution beider kaum zu bewältigen, insbesondere für Bert, dessen Fuß erst zur Not zu gebrauchen war. Die zentnerschwere Karre riß ihn wie ein schwankes Rohr hin und her. Und darauf hatte der Lump Knör nur gewartet. An einem Hydranten, der neben der Baustelle stand, hielt er zwei, drei große Eimer voll Wasser bereit und goẞ nun jedem der beiden Häftlinge unversehens das kalte Naẞ in mächtigem Schwunge über den Kopf, so daß sie tropfnaß dastanden... für ihn ein Hauptvergnügen, für die übrige Mannschaft eine Gelegenheit zum Ausruhen und augendienerischem Behagen. Für die Betroffenen aber war es neben der Beschämung eine Gefahr sondergleichen. Denn bei ihrer Erhitzung infolge der übermäßig schweren Arbeit und dem herrschenden Nebelwind stand die Gefahr einer Lungenentzündung außerordentlich nahe. Das wiederholte sich nun jeden zweiten Tag, ob das Wetter wärmer oder schon schneidend kalt war. Man konnte es demnach ein förmliches Wunder nennen, daß beide Kameraden vor einer Erkrankung bewahrt blieben. 9 Conrady, Amokläufer. 130Eine andere hochbeliebte Arbeit des Kommandos Knör war das Verlegen von Feldbahn- Geleisen. Diese eisernen Gerippe hatten ein barbarisches Gewicht und mußten oft kilometerweit von einzelnen Häftlingen geschleppt werden, wobei Stillfried und Bert niemals fehlen durften.... Einzelne brachen dabei in die Knie; die anderen mußten alsdann ihre Füße sorglichst vor den stürzenden Rahmen in acht nehmen; denn wohin diese Eisenlast auftraf, wuchs bestimmt, kein Gras mehr', wie man so sagt. Zu aller Härte kam für Bert noch eine Meldung seines ehemaligen Capos aus dem Steinbruch wegen Faulheit bei der Arbeit. Die Lagerstrafe lautete, ohne daß er deswegen vernommen worden wäre, auf fünf Sonntage Strafarbeit mit Kostentzug. Und am zweiten dieser Sonntage hatte, um, das Kraut noch fettzumachen', Herr Knör Aufsichtsdienst dabei, dem als Sonntagsvergnügen Berts Anwesenheit gerade zurecht kam... Statt daß nun der Bestrafte mit den Freunden am freien Tage das einzig ausgiebigere Essen der ganzen Woche genießen und etwas der notwendigen Ruhe pflegen durfte, mußte er sich ohne Nahrung den vollen Tag von dem tobenden Capo herumjagen lassen, wobei dessen gelbe Raffzähne unter der breiten Bulldoggnase ihn ohne Unterlassung anbleckten als der vollendete Typ eines menschlichen Bullenbeiẞers. Trotzdem mußte er das alles über sich ergehen lassen, vom Schicksal gewollt; sonst hätte er niemals das Erlebnis gehabt, das seinem ferneren Lagerleben die innerliche Richtung gab und dies Seltsame ereignete sich kurz darauf. - - UNERWARTETE BEGEGNUNG. An einem Wochenanfange gab Knör ihn mit zehn anderen Mann seines Trupps zum Kiesschaufeln an das kleine Kommando von Steinmetzen ab, die dicht beim Lagerausgange und unmittelbar an der Fahrstraße zu - 131arbeiten hatten. Sie unterstanden einem flinken, kleinen Capo mit lustigen Augen, einem tüchtigen Fachmanne namens Statz, der jedem Häftling seine Ruhe ließ, sobald nicht eine Meldung für ihn selbst zu befürchten war. Riesige Sandhaufen mußten von der Nähe der Straße, wo sie abgeladen worden waren, nach hinten geschaufelt werden. Dazu dienten eben diese elf Mann vom Kommando Knör.... Für Bert war es geradezu eine Erlösung, für ein paar Tage von der Nähe seines Peinigers befreit zu sein. Er arbeitete daher in gemäßigtem Tempo fort und warf nur hin und wieder einen Blick auf die Fahrstraße, auf der auch Zivilpersonen vorbeikamen, nur entsprechend der Ärmlichkeit und Weltabgeschiedenheit der Gegend herzlich wenige und kaum je etwas anderes, als ein verhutzeltes Bäuerlein mit einer Kuh am Strick oder ein Beerenweiblein im wollenen Kopftuche oder zwei, drei rotznasige Kinder, die barfuß und scheu vorüberschlichen. Aber nicht lange sollte er sich seiner Ruhe erfreuen. Ein SS.- Scharführer tauchte als Kommandoführer auf und zu Berts großem Pech der gleiche Wüterich, der seinerzeit im Steinbruch Dienst getan und ihn beim Rasten erwischt hatte.... Kaum sah dieser vierschrötige Kerl, ein ausgefutterter Dickhäuter, ihn wieder, als er auch schon auf Berts Standort zuging, um sich obenhin auf den Sandhügel zu stellen, an dem der, Rote' arbeitete. ,, Zeig', was du inzwischen gelernt hast, du faules Gestell!" schrie er von oben herunter, die Hände in den Hosentaschen vergraben.... ,, Schmeiß' hier herauf!" befahl er. Und als es Bert nicht sofort gelang, die bedeutende Höhe mit seinen Schaufelwürfen zu erreichen, stieß der Bulle seine Stiefel so in den losen Sand, daß ein dichter Fächer von Kies nach dem andern dem Untenstehenden ins Gesicht, in den Hals und über den Rock spritzte. "" , Willst du weiter arbeiten, Mistvieh erbärmliches!" brüllte er von oben herunter, als der Häftling sich schüt9* - 132zend abwenden wollte.... Bert hatte sofort die Augen voller Sand, bemühte sich aber trotzdem, weiter zu arbeiten, nur gelang es ihm jetzt erst recht nicht, die bezeichnete Stelle mit seinen Würfen zu erreichen, halbblind wie er nun war.... Immer neue Sturzregen gingen über ihn nieder, so daß schließlich sein Hemd innen voll feuchten Sandes war; denn es hatte in der Nacht stark geregnet, und große Wasserlachen spiegelten auf dem weglosen Gelände den Himmel wider. Plötzlich schien aber den Dickhäuter nach bayrischer Art wieder ein Anfall von Jähzorn zu packen. Er sprang von oben herunter auf den sandbedeckten Häftling zu und schüttelte ihn wutschnaubend hin und her, dabei brüllend: ,, Willst du wohl jetzt tun, was ich befehle, du Mistbiene- hm? Ja oder Nein!" - Ach, diesem Schwein an die Gurgel springen können, mochte es auch gleich sein eigener Tod sein.... Bert wog die Schaufel einen Moment in der Hand- dann bezwang er sich rasch und antwortete nur: ,, Jawohl, Herr Kommandoführer!" Statt aber die Bereitwilligkeit gelten zu lassen, schrie der Quäler nur: ,, Hinlegen!"- Prompt lag Bert flach am Boden.... ,, Rollen!"- Der Häftling begann zu rollen, das heißt in flacher Lage am Boden sich wie eine lebende Walze fortzubewegen, über Löcher und Buckel, Steine und Dreck, Gras und Wasserlachen.... ,, Immer weiter, weiter, flott, flott!" verlangte der Quäler, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Schließlich half er mit derben Fußtritten der Geschwindigkeit nach. Wer nach solch längerem Rollen über unwegsamem Boden aufsteht, sieht natürlich wie eine verdreckte Vogelscheuche aus und ist von der drehenden Bewegung so blöd um den Kopf, daß er nur noch mit Mühe stehen kann.... Bert riß sich zusammen und achtete des Schmutzes nicht, der ihm am Gesicht, am Gewand, an den Händen klebte. Er stand aufrecht, die Zähne so fest aufeinander beißend, daß ihr Knirschen zu hören war. Da kam das neue Kommando: ,, Hüpfen!" auch - 133 eine jener beliebten Übungen, die beim Kommiẞ' dazu dienen, die Mannschaft ganz fertig zu machen', wie der Fachausdruck lautet. Auch dies, Häschen hüpf' übte Bert, so gut es ihm mit dem Rest seiner Kräfte gelang. Dicht an seinem Arbeitshaufen, unweit der Fahrstraße, sank er zusammen, von einem Krampf in der Wade gepackt. Es ging nicht mehr weiter. Doch ließ die Nähe der Straße dem Scharführer endlich in Erinnerung kommen, daß übles Behandeln von Häftlingen überall dort streng untersagt war, wo die Außenwelt eventuell zuschauen könnte offenes Bekenntnis des schlechten Gewissens der hohen Reichsleitung.... Deshalb ließ er von seinem Opfer ab, langte eine Zigarette aus der Brusttasche und wandte sich zum Gehen. Nach einer Minute war nichts mehr von ihm zu sehen. Das Kennzeichen der Kanaille bleibt eben stets Roheit ohne Ehrgefühl. Statz, der kluge, gutmütige Capo, trat, bevor er seine Meißel und Schlegel wieder aufnahm, auf Bert zu und rief ihm zu: ,, Na, steh' auf, alter Kumpel, nun ist er weg, gottlob!" Wie er so sprach, schweifte sein Blick auf die Landstraße hinaus und blieb dort haften. Denn da stand zu seinem lebhaften Staunen ein junges Mädchen... überaus gut gewachsen, überaus hübsch und städtisch gekleidet; stand still und sah ihn an. Das war nun etwas so Ungewöhnliches, daß Statz sofort nach Art aller, B.V.er' die Gelegenheit auszunutzen versuchte und der jungen Fremden das Zeichen des Rauchens machte. Freilich gab er sich keiner Hoffnung weiter hin; denn die Augen des Mädchens waren so schreckerfüllt aufgerissen, ihre Züge so von Entsetzen gezeichnet, daß sie wohl kaum einen Blick für seine Geste haben dürfte.... Und etwa auf sie zugehen durfte er ja beileibe nicht; denn längs der Fahrstraße stand die dichte Postenkette, jeder Mann mit einer Maschinenpistole versehen und sofort zum Schießen bereit. Aber siehe: sie verstand auf der Stelle sein Begehren, - 134 nestelte an ihrer Handtasche und holte flugs eine Zigarettenpackung hervor, dabei mit kurzen, unschlüssigen Schritten auf den Capo zugehend....gescheites Ding', gab dieser im stillen schmunzelnd zu und hielt ihr die Hand entgegen. Da richtete sich unter Ächzen auch der miẞhandelte , Rote auf, stand einen Augenblick wie betäubt da, stöhnend vor Schmerzen in Leib und Gliedern- und sah auf das Gebaren seines Capos dann aber gleichfalls auf die Straße. und da... da war - - es, als ob durch ihn, wie durch das junge Weib dicht vor ihm, ein innerer Ruck ginge, so zwingend, daß es sie beide fast magisch aufeinander zuriẞ. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor Bert vollkommen die Fassung. Schreck und allerhöchste Überraschung brachten ihn förmlich aus dem Gleichgewicht.... Und durch den Leib der jungen Frau ging dasselbe Beben, als wolle sie aufschreien und sich auf ihn stürzen-- als sähe sie jedoch etwas, was zu grauenhaft war, um es zu ertragen, was für sie unauslöschliches Grauen und Entsetzen bedeutete.... Da rief sie mit zuckendem Munde leis: ,, Bertie!" und rang zugleich mit sich selbst; denn sie wollte nicht schwach werden. Die Zähne mußten mit aller Gewalt aufeinander gebissen werden, um das Aufschluchzen zu verhindern. Wo war, um Himmels Willen, das von ihm geblieben, was sie kannte? Wo waren die männlich herben Züge des gepflegten Kopfes, die großen, glänzenden Augen, das sieghafte, jeder Mühsal spottende Lächeln von einst um den beweglichen Mund? - Wie? Das da, diese gekrümmte Gestalt in der lächerlichen Kleidung, beschmutzt, verschmiert, von feuchtem Sand entstellt das soll der gleiche sein, den sie kennt, den sie liebt ja, den sie liebt? Dessen Schläfen eingefallen und grau sind, dessen Backenknochen durch die hohlen Wangen stechen? Dessen Blick stumpf und verschleiert ist? Nur allein die Nasenflügel in ihrem Vibrieren verraten noch die nervöse Spannung, die ihn erfüllt. - - 135Nun aber, ungeachtet der Warnrufe seines Capos, stürzte Bert der Straße zu, rief Iřina mit einer Stimme an, die nur ein heiseres Stammeln war, außer sich vor Glück und Erregung. Er sah, wie ihr Antlitz förmlich vor Blässe leuchtete, ebenso überwältigt von der Macht dieser Begegnung wie er... und wie ihre geliebten Augen sich verdunkelten unter dem Rand ihres Kopftuches, das sie trug.... Warum sie dieses Tuch umgeschlungen trug, erriet er sofort: es gab ihr ein halb ländliches Aussehen wie ein Dorfmädchen, das in städtischen Dienste steht. Fieberndes Leben kam nun auch über sie. Mit ein paar raschen Schritten flog sie auf ihn zu, preẞte sich an ihn und schlang die Arme um seinen Hals, ungeachtet des Schmutzes, von dem er starrte- und bevor noch Statz, der Capo, eingreifen konnte, hatte Bert ihr das Kopftuch in den Nacken gezogen und drückte seine Lippen in ihr leuchtendes, zart duftendes Haar.... Ach, wie ihr Haupt zitterte zwischen seinen beglückten Händen! Und er sah: ihr Antlitz war durchgeistigter als damals. Nur die dunklen Ränder um ihre Augen gaben Kunde von durchwachten Nächten und Tränen, die sie nicht hatte bezwingen können ihn, Tränen um ihn! - um Blässe wechselte in seinem Gesicht mit jäh auffliegender Röte. Mit aller Weichheit ihrer Stimme flüsterte sie schaudernd: ,, Geht es dir immer so furchtbar, Bertie?"- Dann aber setzte sie mit einem vor Empörung fast umschlagenden Laut hinzu: ,, Ich habe vorhin alles mit angesehen ich wollte ihn gerade erschießen, den Unmenschen, ohne zu wissen, daß du der Mißhandelte warst!" Sie griff wieder in ihre Tasche, zog aber bald die Hand zurück. - Ein Lächeln unter Tränen überflog ihn. ,, Oh, Iřina, geliebtes Kind! Das ist ganz deine Art... nein, sei beruhigt, selten passiert mir das! Und dann nur, wenn ich es selbst verschulde...." " Warum erst diese fromme Lüge, die vor ihrem scharfen Erkennen ja doch nicht standhielt? Aber sein Herz - 136- schlug vor Erregung so wild und laut, Bilder und Empfindungen verwirrten ihn so, daß er nicht mehr Herr seiner Worte war, wie es eben der Seele im Sturm übergroßer Bewegtheit so häufig ergeht. Mit einer Geste voll unendlichen Mitleides strich sie ihm die versandeten Haare aus der schweißigen Stirn.... ,, Wie hast du nur hierher gefunden?" murmelte er noch immer entgeistert und benommen. Aber halt! Mit diesen Worten war auch das Letzte und Äußerste erreicht, was den beiden von einer gütigen Fügung zugebilligt worden war.... Einer der Posten von der SS. hatte dem Capo schon längst energische Winke gegeben und ihn aufgefordert, einzuschreiten. Nur die Schachtel Zigaretten hatte diesen nachsichtig gestimmt.... Nun war aber die Szene nicht länger zu dulden; denn jeden Augenblick konnte jemand von der Kommandantur vorbeikommen oder der Wüterich von Scharführer umgekehrt sein potz Teufel, es leuchtete Statz ein: das wäre eine Geschichte, die ihm die Capobinde auf der Stelle kosten würde und noch , 25 über'n Arsch dazu. - Hallo! Soviel war ihm das Mädchen samt dem Mithäftling weiß Gott nicht wert, noch dazu ein, Roter'! Also trat Statz hinzu und riẞ den Mann, der scheinbar mit seinem Verstande nicht mehr im Kz war, kräftig zurück und schrie ihn zugleich an, da er auch einen der Posten auf sich zukommen sah:, Was sage ich denn immerfort, sapperlot?!- Schluß jetzt, und zwar sofort! Kannst du nicht im guten hören, Teufelskerl, was?" " Das war natürlich ausschließlich zur Galerie gesprochen wie Bert schon wußte. Nun stand ja auch der SS.- Wachposten mit seiner Maschinenpistole bei der jungen Fremden und sprach sie nicht gerade barsch an, dennoch im Tone schweren Vorwurfes, so daß zu merken war, er habe schon vor ihrer Begegnung mit Bert ein paar Worte mit ihr gewechselt und sicherlich ihr Auskunft erteilt, wie weit sie gehen dürfe, um etwas vom Lager zu sehen... man konnte das ja ver stehen, wenn es sich um ein so junges und so hübsches Frauenzimmer handelte, zumal doch Krieg war—— Zischelnd, um kein Aufsehen bei seinen Kameraden zu erwecken, sprach er zu ihr: ‚‚Verdammig, Frollein, was machen Sie mir für Geschichten?!“— Der Blick, mit dem er die Worte an Irina begleitete, war eher väterlich derb als rauh..... Um so schonungsloser sah er den Häftling an, der sich in seinen Augen allein vergangen hatte, weil er die Absperrungslinie über- schritten hatte, die für jeden Lagerinsassen eigentlich den Tod bedeutete. Deshalb nahm der SS.-Mann die Maschinenpistole von der Schulter und grollte Bert an: ‚Seien Sie froh, Mann, daß die junge Person direkt vor Ihnen stand, sonst hätte ich unfehlbar geschossen. Und wenn Sie auch nur einen halben Meter weiter gegangen wären, hätte ich Sie alle beide durchsiebt!“ Und als Irina mit leidenschaftlicher Gebärde ausrief: „Ach, hätten Sie es doch getan!“ erregte ihr Verlangen erst recht seinen Unwillen gegen den Häftling, so daß er dem Capo Statz zurief: ‚Sie schreiben mir sofort eine Meldung gegen den Mann, Capo— und bringen sie mir dann herüber, verstanden?“ Damit kehrte er sich ab und wollte Ifina am Arm mit sich fortziehen. Doch sie krallte ihre Finger mit jäher Verzweiflung in das Tuch seines Rockes und bat um Geduld.... In ihre Stimme war jetzt etwas Fremdes gekommen, als hätte das Gefäß ihres Inneren einen Sprung erhalten. Doch der Posten durfte nun keine Nachsicht mehr walten lassen. ‚Ausgeschlossen!‘ brummte er verärgert zu ihr. Eine kurze Wendung zu Bert, ein halb geschluchztes: „Lebe wohl, lebe wohl!“— und ihr Schritt verklang auf der Straße. In einigen Sekunden hatte die tal- wärts abfallende Fahrbahn ihre biegsame Gestalt ver- schlungen. Bert sah ihr nach; sah sie schluchzen im Weg- gehen. Ihre Tränen fielen wie Flammentropfen auf sein - - 138Herz. Er wollte ihr nachstürzen, ungeachtet der Gefahr.... Da packte ihn zum Glück der Capo und hielt ihn zurück. Die Meldung mußte ja noch geschrieben werden. Bert gab seinen Block, seinen Namen, seine Nummer und Geburtsdatum an, ohne zu empfinden, was Statz von ihm wollte. Der Capo schüttelte den spitznasigen Kopf er begriff den anderen nicht, der doch zu den Gebildeten zu gehören schien... eine solche Meldung, wie diese hier, falls sie der Posten nicht später noch zerriẞ aber so sah der nicht aus!- möchte er nicht über seine eigne Person ausgestellt wissen! - - Was scherte das im Augenblick den Betroffenen? Er war ja so liebearm geworden in all diesen Tagen und Nächten, daß er nun völlig von Sinnen war. Die Tränen rollten ihm die beschmutzten Wangen entlang-- und doch: ein unendlich froher Stolz durchzog seine Brust.... Nun wußte er ja, daß sie ihn liebte und sich für ihn opferte, aller Gefahren und Mühsalen spottend; ein Mensch, der sich nicht Halt gebieten läßt, wenn es gilt, den Seinen beizustehn... wo bleiben gegen solche Gewißheit die Schrecken des Lagers? Ach ,, man sollte den Boden küssen, den ihr Fuß betreten hat', wie Heinrich Heine einst über seine Mutter schrieb. - Schließlich hob aber der Capo Statz die vereinsamte Schaufel Berts auf und reichte sie ihm, um endlich zu seinen Steinmetzen zurückkehren zu können.... ,, Da nimm sie dir wieder, du Troddel", brummte er gutmütig. ,, Schaufle nun weiter, aber vernünftig, damit wir a'mal a' Ruah ha'm!" VERSUCHUNGEN. Der Mensch, den Statz mit diesen Worten verließ, glich mit keiner Faser mehr dem gleichen zu Beginn des Arbeitstages. Denn es erging Bert, als trüge er eine Glasglocke über dem Haupt, einem Taucher gleich. Der Kopf schmerzte ihn stechend, die Beine zitterten, als ob sie ihn nicht mehr tragen wollten. Mechanisch - 139nur führte er sein Tagewerk zu Ende, pausenlos darüber grübelnd: Wie kam sie nur hierher? Wie war es möglich, den Ort seiner Verschleppung zu erraten? Und wer hatte sie gerade auf die Fahrstraße verwiesen, da doch vorläufig niemand bei ihm zu Hause seinen Aufenthalt wissen konnte? Denn nach Hause schreiben durften die , Roten' ja noch immer nicht!- Aber wahr, wahr bleibt ewig: Liebe ist Feuer, und Feuer zerstört, das ist sein Wesen. Aber so wenig wir ohne die Wärme des Feuers leben können, so wenig können empfängliche Menschen ohne eine Spur von Liebe leben, sei es auch in ihres Daseins niederdrückendsten Umständen! - Am Abend saß er mit Leo Eichmüller, Stillfried, Franzl und Täubler zusammen und schilderte den Freunden in großen Zügen seine Begegnung am Vormittage; nicht aus Plauderlust etwa, sondern weil es sich ohnehin nicht verbergen ließ, was mit ihm vorgegangen war. Das Erleben hatte sich zu sehr mit der Flammenschrift des Wehs und der Freude in sein Antlitz eingegraben. Bleich und abgemagert saß er zusammengesunken da, greifbar nahe ihr Bildnis vor sich sehend. Die Freunde lauschten seinem Berichte voll Spannung und auch wohl mit etwas Neid; denn Hunger hatten sie ja alle, einen Hunger nach etwas, das sie über ihr erlebnisarmes Sklavenleben hinaushob, Hunger nach dem unfaẞbar gewordenen, das aus der anderen Welt draußen kam, von der sie auf ungewisse Zeit getrennt blieben; nach dem, was über dem leiblichen Wohlergehen stand. Und dazu kam der Umschlag in der Witterung. Das Nahen des frühen Winters hier oben legte sich wie dumpfer Trübsinn auf die Stimmung im Lager.... Ein peitschender Wind fegte über die Talsenke dahin und riẞ den Birken und Buchen, die vor dem Fichtenwald auf Wache standen, den gelbrotbraunen Schmuck ab. Dafür hielten ganze Schwärme von Krähen ihren Einzug ins Tal, kreisten mit lautem Krächzen über dem - 140Appellplatz und wichen nicht mehr aus dessen Nähe, anzusehen wie wehende Leichentücher. Früh am Morgen lag der Reif auf allen Dächern und Hauskanten, wie auf den Holzpfählen des Stacheldrahtes. Es war ganz empfindlich kalt geworden. Jeden Vormittag schien es, als wolle die Sonne sich durchkämpfen durch das dichte Gatter von Wolken, das ihr den Ausblick zur Erde verweigerte, zu jener Erde, von wo tausende sehnsüchtiger Augen nach ihr und etwas Wärme ausschauten. Denn noch immer steckten die Häftlinge in ihren dünnen Drillichanzügen, unter denen sie ein hauchdünnes, verwaschenes, meist arg zerrissenes Hemd und manche noch eine eigene Strickjacke trugen, die man ihnen in Dachau bei der Einlieferung belassen hatte. - Aber um die Unvernunft - oder heimtückische Absicht auf die Spitze zu treiben, hieß es eines Morgens, als schon alle Wasserlachen fest zugefroren waren und unter den Tritten der eiligen Füße vernehmlich krachten, plötzlich: ,, Die neuen Roten haben sämtlich ihre Strickjacken auszuziehen und abzugeben die Blockältesten sammeln die Jacken ein!" - Erst glaubten die, Roten' nicht recht gehört zu haben.... Das konnte doch nicht möglich sein, ihnen ihr Eigentum fortzunehmen, zu einer solchen Zeit! Bis sie merkten, daß es tatsächlich kein Irrtum war. Also blieb nichts anderes übrig, als das einzige, was ihren Körper noch vor dem fegenden Frostwind geschützt hatte, über den Kopf zu ziehen und den grinsenden, Feldwebeln zu übergeben. die trugen nun die warmen Jacken in die Mitte des Platzes, wo sich ein ansehnlicher Haufen zusammenfand-- adjüs, lieber Pullover, der du mich bisher wenigstens leidlich beschützt hast! Jetzt erst merkten sie so recht die Peitsche des Frostes an Leib und Gliedern. Da stellte sich eine nicht weniger niederträchtige Neuerung ein für die, welche an das Tragen stabiler Schuhe gewöhnt waren. Denn am Tage darauf hieß es: ,, Die Lederschuhe sämtlich abgeben beim Blockälte - 141sten - und dafür Holzpantinen fassen!" Natürlich rutschte nun der Fuß alle Augenblicke aus diesen plumpen Dingern heraus, vor allem beim Bergauflaufen, ganz abgesehen von Kälte und Nässe, die nun völlig freien Zutritt zum Fuße hatten, sobald der Schnee erst mal richtig einkehren wird. Denn die Socken, die seit Dachau nicht mehr gewaschen und gewechselt waren, bestanden naturgemäß bei den meisten schon mehr aus Löchern als aus Baumwolle. Ein wahres Glück für Bert war es nur, neben sich einen Kameraden wie Stillfried zu haben. Gewiß war Franzl ein ganz prächtiger Bursch, der es immer verstand, auf dem Drahtseil der Sympathie von einer Gruppe zur anderen zu gleiten und Gegensätze zu überbrücken. Das jedoch, was des Majors Freundschaft für Bert bedeutete, konnte er ihm schon seiner großen Jugend wegen nicht sein. Sobald die zwei Altersgenossen nicht gerade von ihrem Satan von Capo gequält wurden, marschierten oder schafften sie Seite an Seite und sprachen auch dann nicht allzu viel, wenn sie allein gelassen wurden und die anderen sich in dem üblichen Schwatz ergingen sie verstanden sich auch ohne Worte. - Plötzlich peitschte in unmittelbarer Nähe ihres Arbeitsplatzes ein Karabinerschuß durch die Luft. Sofort mußten sich alle im Freien beschäftigten Häftlinge, wo sie sich auch immer befanden, platt auf die Erde werfen. Der Schuß galt nämlich irgendeinem Unglücklichen, der entweder aus Versehen oder aus Fluchtabsicht der absperrenden Postenkette zu nahe gekommen war. Denn lieber erschossen die SS.- Leute einen Schuldlosen, als daß sie einen Flüchtling durchgehen ließen und neben Bestrafung noch die Plagerei einer umfassenden Suche über sich ergehen lassen mußten. Für die übrigen Häftlinge bedeuteten solche Treffer stets ein wenig Ausruhen im Liegen, weil ja immer eine Zeitlang verging, bis der Tote oder Verletzte weggetragen wurde, ein Vorgang, den sie nach Ansicht der - 142Lagerleitung nicht zu beobachten brauchten. Und die Schüsse mehrten sich auffallend, je mehr das Frostwetter und die rapide Verschlechterung der Kost zunahmen. ,, Schlimm", flüsterte Stillfried zu Bert, als sie gemeinsam am Boden lagen ,,, schlimm, denn wer kann ermessen, was da in solch einem armen Kopf vorgeht, an welche Nebensächlichkeiten er sich in Angst und Verzweiflung klammert, sobald noch ein vages Fünkchen Hoffnung in ihm lebt... sie leben doch nur noch im Hungertaumel dahin, im Stadium letzter Erschlaffung des Körpers und vielleicht noch stärker des Willens zum Leben!" - - ,, Ja", gab Bert leise zurück ,,, bei den meisten liegt alles Bewußtsein vom eigenen Menschentum und dessen primitivsten Forderungen wie in einem seelischen Starrkrampf darnieder... und zugleich sollen sie ankämpfen gegen eine erbittert gewordene Natur! Ich weiß wohl, daß die Truppen an der Front vielleicht noch Ärgeres auszuhalten haben neben den harten Kämpfen, von denen wir verschont bleiben dennoch wird ihnen das Durchhalten viel leichter als uns, weil sie in entscheidender Weise unterstützt werden von der Achtung der Heimat, die ihnen ständig zufließt; weil sie fernerhin noch ihre Würde haben, ihr bißchen Betreuung und Pflege wenigstens, ihren Urlaub nach Hause und weil sie nicht zu getretenen, geschmähten Leibeigenen herabgewürdigt werden.... Erst solcher Mangel bringt die Verzweiflungsakte zustande, wie wir sie jetzt erleben. Das muß wie ein Sturzbach über die Seelen kommen! Plötzlich springt bei ihnen die Flut über das Wehr der klaren Besinnung und reißt den ganzen Menschen mit sich hinweg." Furchtbar setzte die nasse Kälte den Roten' zu. Die Gesichter wurden blaurot und gedunsen, ihre Hände steif vor Frost, ganz wie bei den alten Steinbrüchlern. Viele zitterten unausgesetzt wie junge, geschorene Hunde und husteten bei den Appellen so wolfsmäßig, daß der hysterische Aumeyer sich einfach jeg — 143— liches Husten kategorisch verbat und es zu bestrafen erklärte. An einem der nächsten Tage passierte Bert etwas ganz Eigenartiges: er wurde von der Arbeit durch einen Lagerläufer abberufen und in die Verwaltungsbaracke gebracht. Dort wartete auf ihn ein Hauptscharführer von höchst verschlagenem Gesichtsausdruck; schwindsüchti- ger Typ von grüngelbem Teint, lang aufgeschossen und klapperdürr, dazu stechende Fanatikeraugen über einem unerbittlichen Munde. Trocknen Tones, aber ohne die hier immer übliche Barschheit, fragte er den Eingetretenen, wie es sich mit der Meldung verhalte, die gegen ihn eingelaufen sei... Bert zuckte die Achseln und schilderte kurz den Hergang seiner Begegnung mit Ifina. Der Hauptscharführer nickte gelassen. ‚Na, eine saftige Lagerstrafe ist Ihnen natürlich sicher, wenn diese Meldung weiterläuft, das ist Ihnen ja klar!. Ich kann sie aber auch vernichten, verstehen Sie, wenn Sie mir offen und wahrheitsgetreu berichten, was in Ihrem Blocke vorsichgeht... und wenn Sie mir ein bis zwei politische Hetzer aus Ihrer Umgebung nennen— Sie können das bequem dank Ihrer Vorbildung und Menschenkenntnis... und die Meldung, die ich da liegen habe, ist zerrissen!“ Dabei sah er Bert begehrlich an. Doch der Häftling war rasch mit seiner Antwort zur Stelle: ‚‚Gewiß könnte ich solche Angaben dank meiner Vorbildung leicht ab- geben, aber niemals im Hinblick auf meine Ehre——“ sagte er fest. Brüsk fiel ihm der Hagere ins Wort:„Machen Sie doch keinen Quatsch, Mensch, und werden Sie hier nicht frech! Es dreht sich darum, ob Sie gehörig den Arsch verhauen haben wollen oder nicht... nach Ihrer Ehre fragt Sie, solange Sie Schutzhäftling sind, kein Teufel, verstanden?!“ „Gestatten, Herr Hauptscharführer, meine Kamera- den und ich werden, solange wir noch am Leben sind, nicht anders handeln, als ich eben erklärt habe!“ - 144- ,, R- rauss!" brüllte der Schwindsüchtige mit drohend ausgestrecktem Arm. Und im Nu stand der Oberst wieder an der frischen Luft, froh, der verfänglichen Atmosphäre da drinnen entronnen zu sein.... Fixigkeit lernte man ja weiß Gott hier in Flossenbürg. Da kam endlich, zur großen Genugtuung der, Roten', aus Dachau die wärmere Kleidung für sie an: ganz leidliche Wollhosen, Röcke und sogar Mäntel, so daß ihnen erneut die Sehnsucht nach dem, besseren Kz' aufstieg statt der Schäbigkeit dieses Verbrecherlagers. Es war jedoch ein Segen, daß die Dachauer Verwaltung gleich überall die roten Dreiecke hatte anbringen lassen, sonst wären die guten Stücke sämtlich den hier verbleibenden , Grünen' zugeteilt und ihnen deren altes, verbrauchtes Zeug hingeworfen worden. Es war aber auch die allerhöchste Zeit vor dem vollen Wintereinbruch in dieser unwirtlichen Gegend. DIE LAGERSTRAFE. - und Alten Gesetzen zufolge muß auf eine kurze Freude stets ein ausgiebiger Kummer folgen. So kam es, daß an einem der nächsten Prügelabende auch zwei aus den Reihen der Roten zum ersten Male daran kamen zwar keine gleichgültigen Gefährten, sondern sozusagen , Prominente' unter ihnen: der frühere Vizekanzler und letzte Gesandte Österreichs in Budapest Bar von Barenfels und Oberst Jordan. Schuld war bei letzterem die ominöse Meldung des Capos Statz, sowie die Verwerfung des Vorschlages im Vernehmungszimmer; bei ersterem überhaupt kein Verschulden im Lager, sondern ein Verlangen seiner zuständigen Gestapo... Grund?- Systematische Erniedrigung und Zermürbung. Der Tag neigte sich schon langsam seinem Ende zu, als der bullenbeißerische Rapportführer die berüchtigte Liste mit den, Prügelknaben' in die Hand nahm. Bert schaute gerade zum westlichen Himmel auf, wo die Sonne - 145dunkle Schneewolken um sich zog und gemächlich die Treppen der Waldhügel ringsum hinabstieg ins Bett der Nacht. Da überkam ihn die beklemmende Gewißheit, als der Rapportführer mit hallender Stimme die Namen der Delinquenten, du jour' vorlas, daß auch er zu den Aufgerufenen zählen werde.... Und kaum zu Ende gedacht, fiel auch schon sein Name und seine Nummer von den Lippen des Vorlesenden und gleich darauf derjenige von Barenfels... tableau! - Die drei roten Blocks erstarrten förmlich, als die beiden Aufgerufenen aus ihren Reihen heraussprangen und sich in der Kette der zu Bestrafenden anstellten. Bert streifte mit einem schnellen Blick seinen Leidensgefährten Barenfels, um dessen sanften Charakter er besorgt war.... Kein Wunder schließlich. Er war ein reichlicher Sechziger, der sich für gewöhnlich abwartend und schweigend seine frauenhaft weißen Hände streichelte. Er war in Ehren grau geworden unter Männern, über deren Bedeutung der Staatskalender genau Buch geführt hat. • Barenfels wankte sichtlich, sein Gesicht war vor Schreck kalkweiß bis zu den Haarspitzen. Seine zusammengepreßten Lippen murmelten zu Bert: ,, Also was der Mensch hier alles mitmachen muß in meinem Alter Jesus- mariand- joseph!" In aller Hast flüsterte ihm Bert mit einem auffordernden Blicke in seine wäßrig schimmernden Augen zu: ,, Mut und Haltung, alles schaut auf dich!" - In Wirklichkeit hatte er selbst die Haltung nur allzu notwendig; denn es ist nicht die Furcht vor dem körperlichen Schmerz, die ergreift, sondern die infame Erniedrigung und Schmach, die mit einer solchen Exekution verbunden ist.... Auch aus seinem Gesicht war der letzte Blutstropfen gewichen. Er fühlte, wie seine Energie zusammenschrumpfte gleich einer Schnecke, die man angestoßen hat. Vor ihm stand noch ein , Grüner von kurzer Statur und mit schwerem Höker, der seinen jammervoll verkürzten Rücken verunzierte. 10 Conrady, Amokläufer. 146Flüchtig drehte er sich zu Bert um. Dabei sprühten seine Augen förmlich vor glühendem Haß, während er den Gefährten mit langem Blicke maẞ und mit feindlicher Kälte über die Schulter hinweg zu ihm flüsterte: ,, Ihr Scheiẞkerle! Von euch Politischen hatte ich gehofft, ihr werdet hier Wandel schaffen; denn ihr könntet's doch, ihr habt doch eigentlich nischt getan- aber gar nischt tut ihr, Angst habt ihr mehr noch als wir, ihr Scheiẞkerle, pfui!" Sein Aussehen war dabei das eines Mannes, dessen Körper durch das beständige Arbeiten eines ruhelosen und düsteren Geistes aufgerieben worden ist..... Zu einer Erwiderung kam Bert nicht mehr. Die Liste der Delinquenten wurde inzwischen komplett, es waren ihrer ausnahmsweise nur sechs.... ,, Hinein mit euch!' brüllte der Rapportführer. Aumeyer und der schüchterne Lagerarzt folgten langsam. Drinnen im Tagesraum des Blocks standen die langen Tische umher, wie sonst auch. Nur war schon eine Anzahl Scharführer versammelt und im Begriff, sich ihrer Röcke und Hosenträger zu entledigen. Es waren die Peitscher. Sie gingen ab und zu, lachend wie vor einem Tanzvergnügen, einzelne suchten sich schon unter den daumendicken Stöcken diejenigen aus, die ihnen gut in der Hand lagen. Währenddessen mußten die Häftlinge an der Wand vor den üblichen Spinden sich aufstellen und die Hosen aufknöpfen, sowie von den Trägern ablösen. Der vierschrötige Rapportführer musterte sie mit einem Blick wie der Feinschmecker die Auster, bevor er sie verschluckt... jetzt sah er den Lagerleiter durch den Vorraum kommen und schrie, selbst Haltung annehmend: ,, Achtung! Sechs Häftlinge zum Strafvollzug angetreten.... " Aumeyer winkte ihm ab und ergriff die ominöse Liste, von der er mit seiner krähenden Stimme, etwas vibrierend vor Erregung, ablas: ,, Nimmersatt, Ferdinand, geboren am 1. Februar 1885, Vorbeugungshäftling- fünf - 147- Stockhiebe, weil er bei seiner Arbeit ein Werkzeug zerbrochen hat!" Gleich einem balzenden Auerhahn richtete sich der kleine Verwachsene bei dieser Ansprache auf und schoẞ, wie aus einer Pistole kommend, seine Entgegnung auf Aumeyer ab: ,, Ich habe nichts zerbrochen, sondern das Werkzeug ging ohne mein Zutun aus dem Leim- ich kann nichts dafür!" ,, Papperlapapp-Ruhe!" begehrte Aumeyer auf. Und setzte voll Hohn und hämischem Genuß hinzu: ,, Sechs Hiebe statt fünf wegen Widerspruchs!" - Dem unglücklichen Männchen verkrampften sich die Finger, sein Gesicht wurde aschfahl. Er wich ganz an die Wand zurück, als müsse er sich selbst Gewalt antun, um nicht auf den Hohnvollen zuzustürzen. Jeder Muskel an ihm protestierte gegen das zu erleidende Unrecht. Dann brachte er unter Keuchen hervor: ,, Das ist gemeine Miẞhandlung eines Schuldlosen wenn das der Führer wüßte...." - - ,, Schluß!" krähte nun Aumeyer hochroten Kopfes und mit überschnappender Stimme. ,, Zehn Hiebe, damit es sich gleich lohnt, dich in Berlin zu beschweren - los!!" -- Die Scharführer, die mit eingestemmten Fäusten und offenen Mäulern in den dummfrechen Gesichtern dem kurzen Diskurs gelauscht hatten, der hier scheinbar zu den großen Seltenheiten gehörte- packten nunmehr das hitzige Männlein mit dem aufrechten Sinn, hoben ihn wie eine Feder über den Fußboden hin vor einen der Stubentische... und während zwei von ihnen ihm die Unterarme rückwärts in die Höhe zerrten, so daß der Oberkörper zwangsläufig sich vorbeugen mußte, riß ein dritter ihm die Hose herunter und das Hemd in die Höhe. Zwei weitere von den bärenstarken Kerlen, ausgefuttert wie Mastochsen, hatten sich mit den langen Stöcken bewaffnet, nachdem sie bereits in Hemdsärmeln und entblößtem Unterarm dastanden und holten nun aus, indem sie mit weit gespreizten Beinen sich tief in den Kniekehlen wiegten, um ja die höchst mögliche 10° - 148- - Wucht aus ihrem Hieb herauszuholen.... Mit anderen Worten: zwei menschliche Büffel im Lausbubenalter schlugen wie Berserker auf einen verwachsenen Greis ein, dessen Körper kaum mehr als ein dürftiges Gerippe war.. Dabei funkelten die Augen Aumeyers begehrlich auf, als delektiere er sich an einer Köstlichkeit. Er trat nervös von einem Bein aufs andere, zappelte, juckte sich und tat ganz wie ein Berauschter.... Inzwischen schnitten die Hiebe mit pfeifendem Laut durch die Luft und fielen mit äußerster Vehemenz auf das bißchen Sitzfleisch des Gebundenen nieder, hallend mit einem Klatschen, das den unfreiwilligen Zeugen ins Mark schnitt. Das mutige Männchen aber stieß keinen Laut aus. ,, Zählen!" schrie der Rapportführer ihm zu. Zwischen den Zähnen gezischelt kam aus dem Munde des Gequälten: ,, Drei!" und weiter ging es.... Bert legte es sich dabei frostkalt wie ein Eispanzer um die Brust. Wo blieb hier jenes kühle Achselzucken über den Schmerz des anderen, das unser Leben in der Freiheit kennzeichnet? Ein gepreßtes ,, Vier" und ,, Fünf" folgten. Vom sechsten Schlage ab waren die Laute, die aus dem Munde des Armen kamen, gebrochen, zerborsten und halb verwischt vor Schmerz, um schließlich dem Ende zu nur noch ein unverständliches Heulen zu bilden. - Endlich- endlich war die Zehn erreicht. Die brutalen Fäuste ließen den Verwachsenen los. Der alberne Lagerarzt trat der Form halber an ihn heran und besah sich das angeschwollene Gesäß; mit einem linkischen Lächeln trat er, ohne etwas zu bemerken, gleich wieder zurück. Bert verspürte den kaum widerstehbaren Drang, sich auf ihn zu stürzen und ihn zu ohrfeigen... aus war es. Die eigentlich vorgeschriebene stramme Meldung: , Häftling soundso, Nummer soundsoviel, vom Strafvollzug zurück!' diese allerletzte Erniedrigung, die ein satanischer Sadismus gegen die eigenen Landsleute sich ausgedacht hat, erließ ihm Aumeyer. Ihm sah man an, daß der gehabte Genuß ihm genügte. as Der Rapportführer packte den fast Besinnungslosen, der vergeblich nach seiner herabgesunkenen Hose fischte, rüde am Arm, stellte ihn an die leere Wand und befahl ihm brüsk:„‚Kniebeuge machen, unausgesetzt, bis ich Halt befehle!‘“ Dann wandte er sich um und rief: ‚‚Der nächste!“ Bert trat vor. Fest auftretend und wieder selbst- bewußt. Der Schauer von Scham und Furcht war ver- rauscht. Jetzt spielte nur ein offener Zug von Ver- achtung um seine aufeinandergepreßten Lippen. Am liebsten hätte er vor dieser Versammlung erbärmlicher Quäler, die sich an der Pein ihrer wehrlosen Opfer sexuell weideten, aus Herzenslust ausgespien. Ihr Lum- pen, dachte er. Hätte ich den Angeber gespielt, so wäre es euch recht gewesen— oh nein, noch nicht, meine Herren! In seinem Wege zum Prügeltisch stand ein einzelner Hocker. Er stieß ihn mit der Stiefelspitze so derb bei- seite wie ein empörter Sansculotte, mit einer so merk- lichen Entschlossenheit, daß Aumeyer überrascht aus seiner Liste aufsah und ihn musterte. „Aha“, murmelte er mit höhnischem Zucken um die Mundwinkel. ‚Unser Herr Oberst vom Nachrichten- dienst— na ja, der Herr Oberst— immer die Titel- bezeichnung höhnisch betont— haben ja geruht, es nicht anders zu wollen—— zehn Hiebe! Ist eh’ noch spottbilliger Preis, mein’ ich— los!“ Und dasselbe spielte sich ab, wie eben zuvor. Nur daß Bert noch wesentlich stärker gepanzert gegen den Schmerz und dessen Kundgabe nach außen war als der schmächtige Alte vor ihm.... Immerhin: das schnitt wie mit scharfen, wilden Messern ins Fleisch, so daß seine Zähne glashart aufeinander knirschten. Die Schläger waren ja ehemalige Holzfäller und Ackerknechte, sowie Burschen ähnlichen Zuschnittes, die man angewiesen hatte: hier könnt ihr euch wiedermal in der früher gewöhnten Weise körperlich austoben. Und der Ehrgeiz, an wuchtiger Leistung es den andern zuvor zu tun, das Pikante dabei, nun auch Leute von altem 150Adel und hohe Offiziere unter der Fuchtel zu haben, das alles stimulierte diese Sorte von Dreinschlägern zur Aufbietung all ihrer Kraft. Dennoch war in Bert das Verlangen, sich vor solchen Banditen unter keinen Umständen bloßzustellen, noch stärker als ihr Toben und ließ ihn sich äußerst zusammennehmen.... Und es gelang ihm tatsächlich. Die schlimmen zehn Hiebe waren vorbei. Die amtierenden Scharführer wischten sich den Schweiß von den dampfenden Gesichtern, so hatten sie sich dabei verausgabt. Der Geschlagene aber hatte die Nummer, Zehn' mit gleicher Kaltblütigkeit gezählt wie den ersten Schlag. Dabei kam durch das offene Klappfenster der Stube wieder der Gesang der Gefährten, irgendein:, Heißa, juvivallera, wie froh sind wir... wie zum Spott auf den Schmerz hier drinnen- aber was tat's? Stutzend und um seinen Genuß gebracht, sprang Aumeyer eilig herbei und wollte an einen Trick bei Bert glauben. Aber der verlegene Arzt bestätigte ihm, daß die Sache ihre Ordnung habe. - Bert richtete sich auf, zog seine Hose fest und trat, ohne jemanden weiter zu beachten, zu dem Verwachsenen, der in langsamem Tempo seine Kniebeugen mit dem Blick zur Wand machte. Daß diese Bewegung von Nutzen für eventuell gestaute Blutzirkulation sein könne, leuchtete Bert sofort ein. Daher schloß er sich der Übung ohne Aufforderung an. Nach ihm kam Bar von Barenfels. Er wurde vom Lagerbiest mit noch stärkerem Hohne wie Bert begrüßt und zum Gelächter der Scharführer nur mit, Ew. Exzellenz' angeredet. ,, Oho", lachte Aumeyer ,,, wir haben heute, scheint's, Galavorstellung!" Und mit ge- täuschter Höflichkeit setzte er hinzu: ,, Fünf Hiebe nur sind Ew. Exzellenz damit einverstanden? Dann steht der Austeilung nichts mehr im Wege!" - Der Delinquent wechselte von Minute zu Minute die Farbe. Jeder Mensch von etwas Gefühl mußte es merken, daß er unter dem Eindruck der Beschämung förmlich dahinstarb. Er überstand auch die Exekution — I5I— nicht gut, verlor die Nerven völlig, was schließlich bei einem Manne seines Alters nur zu begreiflich war. Nach ihm wechselte das Szenenbild vollkommen. Das nächste Opfer war ein Mordslackel von Kerl, ein ‚Grüner‘, den Bert schon wiederholt gesehen hatte, ein Großsprecher sondergleichen.... Hier aber benahm er sich so kläglich wie nur möglich, heulte laut auf, als der Rapportführer ihn rief, warf sich buchstäblich dem Lagerbiest zu Füßen, so daß Aumeyer mit dem Rücken gegen den Feigling vorlas: ‚15 Hiebe.“ Gleich darauf packten ihn zwei der stärksten Schar- führer, bogen seine Arme nach rückwärts und preßten ihn auf den Tisch. Kaum klatschte aber der erste Hieb auf sein Sitzfleisch, so gellte sein Schmerzensschrei auf wie der eines kleinen Kindes und ruhte nicht, bis der letzte Hieb gesessen hatte. Da er natürlich auch alles Zählen unterließ, fielen die 15 Hiebe ziemlich reichlich aus. Für Aumeyer war diese Exekution jedoch die er- giebigste; man sah es dem perversen Zug um seine Lippen an, wie sehr er sie auszukosten verstanden hatte..... Für die Häftlinge interessanter dagegen war der fünfte Mann in der Reihe: ein schlanker Bursch mit braunem, hagerem Antlitz. Die Strafe lautete eben- falls auf 15 Hiebe, unverständlich blieb für Bert die Begründung. Doch kaum war der Bescheid gefallen, als aus dem Burschen eine wahre Flut von Verwünschungen sich über seine Peiniger ergoß. Es ging wie ein glühender Lava- strom von dem Manne aus. Seine Züge waren geradezu entstellt vor Verachtung für die Schergen um ihn, während er seinen Ausbruch in einem Paroxysmus der Leidenschaft dahinjagte..... Bert riß es förmlich herum an seinem Platz, um den unerschrockenen Kerl zu beobachten. Auf einen Wink Aumeyers stürzten sich gleich vier Scharführer auf ihn. Aber den ersten Ansturm parierte der erstaunlich sehnige Bursch mit wahrer Eleganz, indem er die Fäuste, die ihn schon gepackt hielten, mit - 152einem einzigen markigen Ruck von sich abschüttelte und für den Augenblick wieder frei dastand. Mit einer herrischen Gebärde rief er aus: ,, Auslass'n sag i'! I' geh alloi', mi' braucht's nöt z'holt'n!" Ein Oberbayer also, Sennhirte vielleicht oder Waldmensch, vermutlich rückfälliger Wilddieb, und seines freien Lebens in den Bergen noch eingedenk. Er machte noch eine kräftige Bewegung mit dem Nacken, grad wie ein Zugstier, der sich schüttelt; dann war er mit ein paar schnellen Schritten am Prügeltisch und legte sich von selbst über die Kante. Jeden Hieb zählte er mit lauter, fester Stimme mit, ganz ähnlich der Haltung Berts. Der hätte ihm am liebsten die Hand gedrückt. Doch der Raubvogelblick Aumeyers hatte bemerkt, daß Bert sich für die Vorgänge hinter seinem Rücken interessiert und mehrmals umgewandt hatte.... Unzufrieden, wie er mit der letzten Bastonade ohnehin war, krähte er plötzlich: ,, Ah so! Unsern Herrn Oberst fesselt wohl das sehr, was hier vorgeht, was? Ja natürlich, wenn man vom Nachrichtendienst ist, läßt sich das verstehen... aber Sie können Gelegenheit haben, nochmals die Sache von nahem zu besehn_" - - - Der bewußte Wink an seine Schergen und Bert wurde erneut gepackt, zum Tisch geschleppt, und diesmal war es, da die anderen verschnauften, der Rapportführer selber, der dem Delinquenten noch zwei saftige Hiebe überzog.- Nebenbei bemerkt: demselben Arbeitsdienstführer Schirner, sonst ein Rohling sondergleichen, sei zugute gehalten, daß er unter den Lagersklaven von Flossenbürg den Träger einer der gefeiertsten Stimmen Deutschlands entdeckte und ihm in Anerkennung seiner hohen Kunst zu einem gelinden Posten verhalf, durch den seine Stimmbänder geschont wurden: Heinrich Schlusnus, der späterhin im Block I seinen Mithäftlingen manchen trübseligen Abend durch seinen begnadeten Bariton und seinen meisterhaften Vortrag verschönte. Dann gab sich Aumeyer zufrieden und wandte sich -- 153dem letzten zu, einem vertrockneten, engbrüstigen Manne mit ledernem Altweibergesicht, der ihm durch sein Jammern und Wehklagen wiederum volle Genugtuung verschaffte.... Die Exekution war zu Ende. Alle SS.- Leute drängten heraus, ohne sich um die Opfer ihrer Belustigung weiter zu kümmern. Draußen hatte die Belegschaft des Kz unter Fischers bewährter Leitung gerade das, schöne' Lied vom, Schifflein auf dem Bodensee' angestimmt, dessen Refrain selbstredend auch in eine Beteuerung des Frohsinns der Sänger ausklang. Die Ausgepeitschten jedoch ließen sich Zeit, brachten unter Fluchen und Ächzen ihre Kleidung wieder in Ordnung und schlichen sich dann hinaus zu ihren Blöcken, ihr beleidigtes Menschentum mit sich fortschleppend. BEGEGNUNG VON WEITEM. Mit wahren Riesenschritten eilte das Jahr nun dem beschließenden Ende und damit dem Froste entgegen. Noch sollte niemand ahnen, welch ein unerbittlicher, schrankenloser Winter hier oben bevorstand. Stillfried und Bert hatten einige Tage im Wald nebeneinander zu arbeiten, und zwar den Waldboden von den Baumstumpen zu reinigen, die beim Schlagen der Stämme zurückgeblieben waren. An sich eine ziemlich harte Arbeit, die aber den Vorzug hatte, daß immer Gruppen zu dreien, ungestört für sich allein schaffen konnten, weil ihrem Wüterich von Capo dieser Platz zu weit von der SS.- Küche entfernt lag, in die er allzugern zu einem verstohlenen Imbiẞ verschwand. Der Platz lag nämlich am entgegengesetzten Ende des Lagers, fern jener Fahrstraße, die aus der Ortschaft kain. Bis auf einen recht gleichgültigen Kommandoführer waren sie zu dritt allein, Bert, Stillfried und ein Steyrer Der Forst war ein steiler Fichtenwald, der über der Talsenke des Lagers gelegen war. In einzelnen Gruppen, - 154von einem kleinen Bergbach begleitet, leuchteten Buchenbüsche im letzten, rotbraunen Schmuck ihres Laubes. Ganz hinten zog sich, den Blick abschließend, ein langer, flacher Höhenrücken hin, in zartem, violfarbenem Dunst schwimmend. Matte Sonne übergoẞ noch einmal das sehnsüchtig blasse Landschaftsbild mit ein paar verführerischen Lichtern.... Ein Fußweg lief nicht allzu weit von ihrem Arbeitsplatz ins Tal hinab; doch weder ein Mensch, noch eine Menschensiedlung waren zu sehen. In gemeinsamer Arbeit hatten die drei eben einen mächtigen Baumstumpf freigelegt und mit ihren Beilen gekappt. Während nun die Gefährten eine neue Wurzel in Angriff nahmen, hatte Bert dem Stubben gerade einen kräftigen Stoß gegeben, der ihn holpernd zum Rollen brachte, und folgte ihm nun mit dem Beil in der Hand aus der Waldlichtung heraus. -- - Da fiel sein Blick wie von ungefähr und doch zweifellos magisch angezogen auf den nahen Fußweg und dort auf die Gestalt eines Mädchens, das ihn anblickte.... Seiner auf einmal kraftlos gewordenen Hand entfiel das Beil- was hatte sie, die Liebe, Treue, Unerschrockene, von neuem hierher geführt? Und woher hatte sie dies Wissen, das erstaunliche Mädchen, daß er diesmal auf dem rückwärtigen Gelände arbeite... eine Art Wissen, wie es zuweilen an Krankenbetten mit Urgewalt über uns kommt und zuverlässiger ist als alle ärztliche Erfahrung? Oder umschlich sie das Lager den Tag über von allen Seiten?- Wo lag die Wahrheit...? - Er hob die Arme nach ihr, stillstehend und seinen zerklüfteten Baumstubben inzwischen purzeln lassend, wohin er wollte. Was in seinem Blick und seiner Geste enthalten war, erkannte sie sofort. Sie erwiderte seinen Erkennungsgruß mit einem scheuen, verhaltenen Wink. Es schwang unsagbar viel Mitleid und Kummer in dieser Geste mit; denn sie sah nur zu gut, wie seine Züge noch stärker als letzthin von schmerzlichen Linien durchfurcht waren; wie ihnen die Hoffnungslosigkeit, - - 155- jemals dem gegenwärtigen Schicksal zu entgehen, abzulesen war. Aber beide waren so klug, diesmal nicht aufeinander zuzustreben, so allmächtig auch das Verlangen in ihnen danach wach wurde... Heute gab sie ihm nur ein letztes Zeichen als Abschiedsgruß. Sie legte alles Ausdruckvermögen, dessen sie fähig war, in diese eine Geste, mit der sie ihn zum Schluß ihres Wiedersehens beschwörte: Halte aus halte Geliebter! Geduld aus, ist noch größer als Leiden, Geduld ist schwerer als der Mut zum Angriff... tue es mir zuliebe, auf daß deine Schwester und ich ruhig sein können - - Er gelobte es mit einem Nicken und Lächeln und emporgehobenen Händen... ,, Lebe wohl, Herz meines Herzens!" sprach er dabei halblaut vor sich hin- und glaubte, aus dem freudigen Glanz ihrer Augen entnehmen zu können, sie habe ihn verstanden. Noch einmal ein kurzes Winken mit der Hand zum Abschied und ihre Gestalt entschwand seinem Blick. Wann, wann wird er sie wiedersehen? - Es war aber ein Glück für Bert, daß der Scharführer in Gedanken versunken seine Pfeife rauchte und vor sich hin starrte. Und zwar nicht nur der Begegnung von ferne wegen, sondern auch des Baumstubbens halber. Denn der tückische, sperrige Kloben war inzwischen, als Bert stehen geblieben war, nicht ordnungsmäßig auf den tiefer gelegenen Stapelplatz für das Brennholz zugerollt, sondern hatte seinen Weg seitwärts genommen und sich im Stacheldraht des Lagerzaunes verfangen. Froh des erneuten Wiedersehens mit dem erstaunlichen Mädchen lachte Bert über den, krummen Weg', den sein Stubben eingeschlagen hatte, so bedenklich die Lage für ihn auch war, wenn ein anderer Aufseher sie bemerkt hätte oder gar der Capo Knör in Reichweite gewesen wäre.... Was kümmerte es ihn, daß er sich die Finger beim Freimachen des Holzes an den Stacheln wund riẞ und das rinnende Blut ablecken mußte mangels eines Verbandstoffes-? - Ach, schoß es voll Sehnsucht in ihm auf, daß er sie - - 156allein gehen lassen mußte; wieder nur eine Minute sie flüchtig sehen konnte statt sie zu umschließen und nicht mehr von sich zu lassen... eine wilde Sehnsucht nach den Seinen nahm von ihm Besitz. Es war dieselbe Sehnsucht wie die Wotans im, Ring':, Eins nur will ich noch das Ende, das Ende!' - Am Abend saß er in einer Ecke des Tagesraums, übermüdet und überwältigt von seinem Heimweh und starrte vor sich hin... bis Stillfried, der seinen Löffel ins Spind zurücklegen wollte, an ihm vorbei kam und ihm seine Hand auf die Schulter legte, dabei leise sagend: , Rührt das von der Begegnung am heutigen Vormittag her hm?" -- Überrascht sah ihn Bert an. ,, Hast du mich denn beobachtet?" fragte er scheu zurück. - ,, Na ich habe wohl alles gesehen, glaube ich! Schwachheit, möchte ich sagen, dein Name war in diesem Falle nicht Weib! Und deshalb bin ich der Meinung... 66 Bert wehrte ab, müde und zerrissen. ,, Ach, laß doch lieber, ich bin aller Dinge hier so grenzenlos überdrüssig, es ist mir alles gleich - ,, Halt brr und die Zügel angezogen!" warnte nun Stillfried mit erhobenem Finger. ,, Gemach, mein Lieber, Gleichgültigkeit gibt alles preis, Gleichgültigkeit ist das furchtbare Zeichen sinkender Kraft.... Das wirst du dir als alter Soldat nicht sagen lassen oder ja?" - ,, Nein", seufzte Bert und erhob sich ,,, obgleich man Nerven wie Treibriemen haben muß! Und ich kann so schwer etwas verbergen oder vortäuschen, verstehst du... 66 ,, Aber geh", lächelte Stillfried in seiner dezenten Art. ,, Man muß im Leben gelegentlich irreführen können, sonst wird es ja noch unausstehlicher als es für gewöhnlich schon ist!" Das Eingeständnis des Freundes brachte auch Bert zum Lächeln und in der Folge über den, toten Punkt', wie er es nannte, hinweg. - 157WINTERSANFANG. Eine neue schwere Kalamität kam nun, wie schon angedeutet, über die geplagten Insassen von Flossenbürg: das war der scharfe Frost. Der Frost im Gefolge des anbrechenden Winters. Jeweils des Nachts erwachte der Sturm. Er brauste über die Hügel und die dürftigen Baracken auf ihren Abhängen. Heulend fuhr er in das Gehölz, daß die Bäume wehklagten und seufzten, Wipfel knickten, Äste krachten und alte, würdige Fichten so laut knarrten, daß es fast wie menschliche Laute bis auf den winddurchfegten Appellplatz zu hören war. Am Tage darauf krochen Nebel und Winterahnung aus den Tälern die Berge hinan und legten sich über Wald und Brüche. Die Erfahrenen schnupperten: es rieche nach Schnee. Und wirklich kam er auch alsbald. Zuerst ein harter, schneidender Wind und mit ihm verdickte Haufenwolken. Dann ein leichter, spielerischer Regen zuerst als Präludium.... Unzählige Stürze ereigneten sich beim Gehen, als es gleich darauf zu frieren begann: ein furchtbares Glatteis war auf Schritt und Tritt anzutreffen und hierzu die - plumpen Pantinen, die man am besten in die Hand genommen hätte. Hernach kamen die ersten, noch ziemlich wäßrigen Flocken, gleich den zeitigen Faltern des Lenzes.... Dann aber folgten die richtigen, gesternten Flocken mit ihrem munteren Wirbeltanz und schließlich das stille, erhabene Niederwallen, bis die lebendige Natur bedeckt war von der stärker gewordenen Natur des Todes. - - Und tagelang, nächtelang, unaufhörlich fiel der Schnee immer weiter in schweren, großen Flocken. Nur noch ein paarmal machte sich der Wind auf, wollte sein Spiel treiben und Schanzen bauen - Bert und seine Freunde schauten mit eigenen Gefühlen dem Wirbeltanz der Flocken zu. Die Welt, soweit sie für den Häftling in Betracht kam, lag verschüttet in Unmassen von Schnee. Überall haushohe Wälle und — 158— Dämme.... Sonst hatte Bert immer beim Schneetreiben das Gefühl gehabt, als ströme ein köstlicher Friede aus der ruhenden Scholle in ihn über, still und feierlich. Heute wußte er, daß die Wende in der Jahreszeit nur neue, und zwar ausgiebige Plage für ihn bringen werde. Aber der Winter machte sich leider nichts aus den Besorgnissen der Kz-Insassen. Der Schnee ballte sich in Klumpen an ihre Schuhe, hemmte die Sohle, wenn es gemäß Lagerbefehl zu eilen galt; denn es durfte sich niemand anders als im Laufschritt trab-trab bewegen— ob auf ebenem Wege oder bergauf. Der Wind brauste hinter ihnen her und bewarf sie mit ganzen Schaufeln von Schnee. Nicht minder ließ der Winter die Erbärmlichkeit der Baracken dieses schäbigen Lagers offenbar werden. Der eisige Hauch des Sturmes drang bis in die Stuben hinein. Bert schlief dicht an der Stirnwand seines Blockes, an die sich außen der angefegte Schnee bis zum Dach hinauf anschmiegte. Dadurch entstand an der Innenseite der Wand eine wahre Vergletscherung des Holzes, eine fingerdicke Eis- schicht, in deren unmittelbare Nähe Berts Kopf beim Schlafen zu liegen kam.... Nicht viel später froren auch die Fenster zu, froren fest an die Fensterbretter an und tauten des Nachts durch die Wärmeausstrahlung von rund hundert Mann wieder ab, so daß sich aus- gedehnte Seen auf dem Fußboden unterhalb der Fenster bildeten. Wer nachts zum Abort hinaus wollte— und das waren dank der wäßrigen Kost nahezu alle— war jeweils gezwungen, mit den nackten Füßen durch das eisige Schmelzwasser.am Fenster zu waten-- ein Ver- gnügen eigner Art. Außerdem war die Bettwäsche, da die Klappfenster am Tage offen standen, abends um sechs Uhr, wenn das Schlafengehen befohlen worden war, so feucht und klamm vor Kälte, daß es die Häftlinge, die ja nur ihr zerrissenes, dünnes Hemd anbehalten durften— alles andere hatte im Tagesraum zu verbleiben, was vom Blockteufel streng kontrolliert wurde—, bis ins Mark hinein schauderte, - 159- - - sobald sie sich niederlegten... trotzdem sie schliefen demungeachtet. Denn niemand weiß, was Nacht bedeutet, der nicht schwer gearbeitet hat. Am Tage biß sich der Frost mit brennendem Kuẞ in alles bloße Fleisch. Bert fühlte die Kälte sich wie eiserne Schrauben um seine Glieder legen, um den Kopf wie um den Leib. Das steigerte noch die Erschöpfung außer der mangelhaften Ernährung, Überarbeitung, Drangsalei. Was angefaßt werden mußte, saß festgefroren am Boden und mußte behutsam losgepickelt werden. Alle Eisenstücke neigten dazu, an der Haut der Hände festzukleben und sie nicht mehr freizugeben, so daß sie auf schmerzhafte. Weise sich vom Fleisch ablöste.... Schlimm erging es besonders den Füßen. Denn die völlig durchlöcherten Socken boten in den offenen Pantinen der Kälte von allen Seiten Einlaẞ. Am Abend streckten sich alle Füße, die noch ein Plätzchen dafür fanden, verlangend der Ofenwärme im Zimmer entgegen, so falsch solche Behandlung für erfrorene Zehen sein soll.... Was tat's? Man lebte ja hier von einer Minute zur anderen. Ein Augenblick Wohltat wurde anstandslos mit einem Jahre späteren Lebens erkauft. Schön, man kann schließlich für eine Arbeit im Freien keine tragbaren Öfen aufstellen, um den Schaffenden die Glieder zu wärmen. Soldaten und Frontarbeiter müssen ebenfalls bitter an die Härte des Winters glauben.... Aber dann ist es ein Raubbau sondergleichen an den Kräften der Kz- Insassen, wenn man sie nach rund zwölfstündigem Verweilen im Freien, darunter zehn volle Stunden härtester Arbeit ohne jede Unterbrechung und ohne Zwischennahrung in der Frühe nur einen halben Liter dünne Kartoffelsuppe und ein Viertel Kommiẞbrot für den ganzen Tag. wenn man sie dann noch anschließend an den widerlichen Appell mit Singsang und Prügeln vor ihren Baracken antreten, und womöglich noch ausgiebige Exerzierübungen machen läßt, sobald der Herr Blockteufel entsprechend gelaunt ist, und klappernd und frierend, entblößten Hauptes auf - - - 160- die gemächliche Ausgabe des Essens warten läßt, der Willkür dieser ausgeruhten, ausgewärmten Herrn ,, Feldwebel" preisgegeben. - Einmal schlug Daunderer, eben jener Blockteufel, einem müden Manne, der sich ihm, dem Mithäftling gegenüber, zu murren erlaubte, so heftig den schweren Schöpflöffel über den Kopf, daß er hinstürzte und seinen Eẞnapf in den schmutzigen Schnee verschüttete. Jammernd vor Schreck und Hunger rutschte der Arme nun am Boden hin und leckte die dampfende Brühe mitsamt dem Dreck vieler Stiefel und den zertretenen Schnee auf nicht anders als ein räudiger StraßenJa, dachte sich Bert, es bedurfte wirklich dieses von allen guten Geistern verlassenen Platzes, um ihn zu lehren, was das Wort ,, Brot" alles umschließt, welche Kraft, welche Würze und Süße dieser wohl alltäglichste aller Stoffe in seiner Krume birgt... und weiterhin: mögen sich die meisten Herren Blockältesten in allen Kz's hüten, wenn einmal die Tore der Lager sich auftun werden, daß sie nicht ihren ehemaligen Blockinsassen in die Hände fallen! Sie könnten sonst ihr früheres Treiben bereuen. köter. Verstöße gegen natürliche Grundregeln müssen sich stets in kurzer Zeit rächen. Die Verpflegung der Leute wurde von Tag zu Tag auffallend schlechter, je mehr man in den Winter hineinschritt, so daß die Folgen nicht ausbleiben konnten. Um gerecht zu bleiben, sei betont, daß der Übelstand nicht eine Malice der Lagerleitung allein war, sondern daß die Vorräte erschöpft waren und die Schneeverwehungen den Transport von Ergänzungen sehr erschwerten... Begreiflicherweise löste der quälende Hunger allerlei Untaten aus, trotz der scharfen Lagerstrafen: die, Grünen', deren Finger ja ohnehin für solche Geschäfte geübt waren, brachen nachts in die Vorratskammern ein, auch als diese unter strenger Bewachung durch SS.- Posten standen, und holten mit einer erstaunlichen Kunstfertigkeit heraus, was sie brauchten.... Wer davor zurückschreckte, stürzte sich trotz Fußtritten und Faustschlägen auf jede ankom 161mende Wagenladung, an deren Abladung er sich zu beteiligen hatte, steckte ein oder biß an Ort und Stelle in hartgefrorene Kohlrüben, Köpfe von Weiß- und Rotkohl oder schwarzgelbe Mohrrüben, gleichgültig ob der gesundheitlichen Nachteile. Es war kein Halten mehr. Die Not nahm zu sehr überhand. Eines Tages, als Bert mit anderen wieder mal Felsbrocken vom Ölberg heruntertragen mußte, traf er jenen resoluten Gebirgler wieder, der bei seiner Auspeitschung soviel Schneid bewiesen hatte. Der Gesichtsausdruck des Mannes war noch finsterer geworden als ehedem. Sein krummhakiger Zinken von Nase sprang aus dem abgezehrten Kopf wie der Schnabel eines Raubvogels vor. Oben am Ölberg, wo die Steine aufgenommen werden mußten, stand wie gewöhnlich der Kommandoführer und wies jedem den Brocken an, den er zu schleppen hatte. Der Bergler, der vor Bert einherging, tat jedoch, als sähe er den SS.- Mann nicht und bückte sich nach einem beliebigen Felsstück, das gerade vor ihm lag, hob es in die Höhe und wollte sich umwenden, um den Berg wieder herabzusteigen. Seine Lungen keuchten dabei, die Nerven schienen zu vibrieren, etwas Unheimliches bereitete sich in ihm vor. Im gleichen Augenblick rief ihn der Scharführer an und befahl ihm erbost, einen anderen, fast doppelt so schweren Stein aufzunehmen.... Da schleuderte der Wilddieb seinen Brocken mit allen Zeichen heftigster Wut wieder hin, ballte die frei gewordenen Hände zur Faust seine Augen funkelten wie in einem Ausbruch toller Raserei und, sich nur für den Bruchteil einer Sekunde lang etwas duckend, sprang er den überraschten Scharführer mit einem einzigen, mächtigen Satze an und riß ihn dadurch zu Boden, obwohl der SS.- Mann ein ausgepolsterter Bursche war. - 11 Conrady, Amokläufer. - 162- Für Bert kam dieser Angriff gleichfalls so bestürzend, daß er und die gesamte Kolonne von Trägern wie festgenagelt stillstanden. Sie sahen erschrocken, zu welch hemmungslosen Äußerungen ein tief eingefressener Rachedurst treiben kann. Eine Kraft sprang da in dem ausgemergelten Mann auf, die unter der Pein dieser Tage ohnmächtig am Boden gelegen hatte und nun, wie von einem Sturmwind erfaßt, keine Grenzen mehr kannte. - Freilich zu einem dauernden Erfolge konnte das biẞchen Körperkraft in dem Bergler nicht hinlangen. Nach dem ersten Schock schüttelte der bullenhafte SS.- Mann den Angreifer, der auf ihm kniete, ohne große Mühe ab. Doch während er noch versuchte, nach seiner Pistole zu greifen, knallte schon ein peitschenähnlicher Schuẞ vom nächsten Wachturm herüber und schlug ganz dicht neben Bert ein.... Ein zweiter Schuß folgte dem ersten und traf den Angreifer. Dessen eben noch wildverzerrtes Antlitz wurde plötzlich todesernst. Ein tiefer Schatten grub sich unter den Backenknochen ein. Gleich darauf entstellte unverhüllte Todesfurcht das Gesicht, das völlig blutleer zu sein schien.... Blut dagegen sprang auf aus seiner Herzseite, erst durch die Kleidung quellend, dann in Strömen. Die Hände des Getroffenen verkrallten sich wie die Fänge eines Vogels in der Schlinge. Dann verdrehten sich die braunen Augen. Rot trat in ihr Weißes, Blut rann auch zu den schmalen Mundwinkeln herab, über das ganze bis zur Wildheit männliche Gesicht. Noch einmal schlotterten die Glieder wie vom Frost geschüttelt, dann begannen die Züge schon einzuschmelzen so schnell war der letzte Lebensfunke aufgezehrt, wie der Zugwind ein Lichtstümpchen auslöscht. Der massige Scharführer stand nun wieder aufrecht, ohne daß jemand ihm dabei geholfen hätte oder einer auch nur seine beschmutzte Mütze holen gegangen wäre. Er empfand wohl instinktiv die Verachtung, die ihm von den zuschauenden Häftlingen gezollt wurde. Das machte - 163ihn von neuem wütend. Und skrupellos, wie diese innerlich verwahrlosten Burschen aufgewachsen waren, ohne Scheu und Ehrfurcht vor dem Tode, versetzte er dem eben Verschiedenen noch einen markigen Tritt in den Leib, so daß er ein Stück von ihm wegrutschte zog dann seine Pistole aus dem Gurt und feuerte noch zwei Schuß aus nächster Nähe auf den schon reglos Liegenden ab offenbare Leichenschändung! - Als diese Heldentat vollbracht war, ging er mit erhobener Pistole auf die stumm und verächtlich ihn anstarrenden Häftlinge zu; ging durch die Gasse, die sie ihm freiließen, hindurch und den Ölberg hinab, um sich nie mehr bei Berts Kommando blicken zu lassen... eine Szene, wie sie das so disziplinwütige Flossenbürg wohl noch nie erlebt hatte. Der dem Toten am nahesten Stehende war Bert. Er kniete bei ihm nieder, erfüllt von dem Schauer, der jeden überkommt, der eben noch einem Mitmenschen, einer mitschwingenden Seele nahe gewesen ist und nun nur noch den leblosen Körper in seiner rasch eintretenden Starre aufheben kann. Das kühne Gesicht des Mannes zeigte deutlich, daß der Todesengel ihn versöhnlich geküẞt hatte; alles durch Gram und Haß Verzerrte war aus ihm gewichen. Der Tod hatte es auf seltsame Weise geadelt. Aber niemand würde dem Verschiedenen die Augen geschlossen haben, wenn Bert es nicht getan hätte, um den Rest des Lebens respektvoll zu verhüllen. Als er sich dann nach einer Hilfe umsah, kam schon sein Freund Stillfried auf ihn zu und faßte, ohne eine Frage zu stellen, mit an. Zu zweit trugen sie- der Abwechslung halber- keinen toten Fels zu Tal, sondern einen toten Mitmenschen. es plötzlich unheimlich Jeder von ihnen griff Den anderen aber schien da oben geworden zu sein. rasch einen Brocken Granit auf und eilte den Berg hinab, als hocke der Tod dort hinter jedem Felsvorsprung. 11° 164- TOD IM BLOCK. Schnee über Schnee fiel. Das Lager ersoff förmlich im weißen Flausch. Von oben gesehen, am Rande des Waldes, in dem Bert und sein Kommando wieder zu roden hatte, dehnte sich ringsum nichts als eine ungeheure wellige Fläche von Daunenpolstern, aus denen zur Not noch die schwarzen Dächer der Baracken herausschauten. Der Nordwind fegte erbarmungslos über die erstarrte Erde und warf jede Vertiefung, jeden Mauerwinkel mit Bergen von Schnee zu. Wie ein gläserner Sarg schloß sich das Eis über alles Lebendige. Dabei fiel das Thermometer auf 15-20°, am frühen Morgen noch darunter. Der bloße Aufenthalt im Freien wurde schon zu einer körperlichen Anstrengung, das geschwinde Laufen und eist recht das Schleppen zu einer Qual- und der ewige Hunger zu einer nagenden Pein. Die meisten konnten sich nicht mehr gerade halten. Sie mußten gekrümmt gehen wie Greise, die sich schon der Erde zuneigen; denn bei aufrechter Haltung erfaßte sie sogleich ein wühlender Magenkrampf... es waren Tage, die das häufige Knallen der Gewehre seitens der Postenkette den Freitod so vieler Verzweifelter nur allzu begreiflich machten. - - Doch zu einer beliebigen Mittagsstunde brachte der Schreiber des Blockes 10 die verblüffende Nachricht vom Rapport zurück, daß nun auch die, Roten' aus Dachau endlich schreiben dürften- und zwar noch am gleichen Abend... auf einmal mußten die Briefe in aller Hast herausgehen, typisch für den allgemeinen Lagerbetrieb. Motiv einer solchen Eile war diesmal, daß zahlreiche Familien der Häftlinge sich an die Reichskanzlei direkt mit Anfragen gewandt hatten, was mit ihren aus Dachau verschleppten Angehörigen geschehen sei, von denen sie seit zwei Monaten nichts mehr gehört hätten. Daher erging die scharfe Ordre nach Flossenbürg, sofort für das Briefschreiben aller ehemaligen Dachauer zu sorgen. Und echt lagermäßig wurde dies so durch - 165geführt, daß auch diejenigen, die keine Angehörigen draußen besaßen und daher nie geschrieben hatten, nunmehr zwangsweise an gleichgültig wen schreiben mußten, ob nun ihr Brief ankäme oder unbestellbar sei... egal, Hauptsache, man hörte den Amtsschimmel wiehern! Und so saß am Abend alles über die Tische gebeugt und kritzelte... für viele eine wahre Erlösung aus seelischem Druck, wenngleich sie ihr Herz auch nicht vollauf ausschütten durften, des knappen Raumes und der strengen Zensur wegen.... Aber es bestand doch wenigstens die Aussicht, wieder Antwort und Geld zu bekommen, zu wissen, wie es zu Hause stände- dieses Tusculum, um das die Gedanken der Verschleppten unablässig kreisten. Ach, dann konnte man sich wieder eine Zeitung halten und wissen, was in der Welt vorging, so wenig die meisten freilich Kraft und Muße zum Lesen hatten. Aus dem gleichen Grunde entbehrte man hier auch nicht die fehlende Bibliothek, der sich in Dachau nahezu jeder in einer Art geistiger Trunksucht angenommen hatte. Gerade an diesem Tage war wieder ein unsinnig hartes Tagewerk für Stillfried und Bert zu Ende gegangen. Erst hatten sie schwere, fest am Boden angefrorene Feldbahngeleise einige Kilometer weit umhergeschleppt; dann stundenlang Kartoffelsäcke aus den Mieten eingefüllt und in die Küche getragen, hernach verschiedene Lastwagen mit Kohlrüben abgeladen und geborgen; schließlich bis zum Abend lange Eisenrohre von respektabler Länge und Schwere auf den Schultern herangeschleppt... dies alles unter einem Schneesturm von solcher Heftigkeit, daß die Träger mit ihren Lasten kaum den Gegenwind bezwingen konnten. Ständig waren die Augen voll geschmolzenem Schnee- und alles hatte im Trab- Trab zu geschehen. Mit erfrorenen Gliedern und eiskaltem Magen, zum Umfallen matt, standen die Sklaven des Lagers klappernd beim Appell, der wiederum kein Ende nehmen wollte, mußten sich erst noch mit Jubelliedern die Kehlen wund schreien und durften dann wie ein köst 166- liches, lebenerhaltendes Labsal die armselige Kohlsuppe mit Kartoffelstücken herunterlöffeln... nun sollten sie, mit zufallenden Augenlidern, noch an ihre Lieben schreiben, etwas, wonach sie sich doch seit langen Wochen gesehnt hatten. Bert war fertig mit seinem Brief, ließ den Umschlag offen, wie es die Vorschrift verlangte, ebenso die Marke nur lose angeklebt, damit nicht etwa unter sie noch geheime Mitteilungen geschrieben sein könnten... da sah er Stillfried an, der neben ihm saß und bemerkte, daß dieser scharf auf einen Tischgefährten blickte, dessen Kopf wie in Schlaftrunkenheit immer tiefer sank.... Der Kamerad war ein ältlicher, vergrämter Mann, von Beruf Universitätsprofessor, dem menschlichen Eindruck nach wohl ein etwas verstaubtes Kathederlicht. Die Härte der Arbeit, die Unbill der Witterung in solch abnorm rauher Gegend und besonders die Rüdigkeit der Behandlung hatten bereits seine Kräfte bis auf ein Minimum aufgezehrt. Ab und zu griff er sich an den armen, weißgrauen Kopf. Dabei flogen seine müden Blicke umher wie verirrte Vögel. Die Hände lagen ausgestreckt auf dem Tisch, zwischen ihnen das Briefblatt. ,, Paß auf", flüsterte Stillfried zu Bert ,,, ich fürchte, er stirbt uns am Tisch...." ,, Aber nein", zweifelte - Bert. ,, Sieh hin: eine Träne nach der andern tropft über seine Wangen na also, hast du schon mal einen - Sterbenden weinen sehn?" ,, O ja", nickte der Freund. ,, Aber warten wir's nur ab! Für ihn tun können wir ohnehin nichts, verhaẞt wie wir beide unserem Blockteufel sind... " Nach einer weiteren Viertelstunde bestand kein Zweifel mehr, wer von beiden recht hatte. Über das Gesicht des Professors, der noch immer in der gleichen Stellung am Tische saß, ging ein drohendes Zucken. Zur gleichen Zeit durchlief seinen Körper ein lang anhaltendes Zittern. Die trüben Augen erstarrten im Todeskampf. Dann sank die Stirn allmählich schlaff vornüber, und das Kinn vergrub sich in der einfallenden Brust. Mit ein paar schnellen Schritten war Bert bei ihm. - 167- Der Alte atmete kaum noch. Bert hob ihm den Kopf sacht in die Höhe. Der ehemals vergrämte Ausdruck des Gesichts zeigte jetzt nichts als eine erhabene Ruhe. Die Falte der Strenge auf der Stirn war geglättet. Und um den herb verzerrt gewesenen Mund stand geradezu stolz ein Zug siegreicher Verachtung. Doch zwischen seinen Armen lag noch der Brief, den der Blockteufel nicht mitgenommen hatte, weil er noch unvollendet war.... Bert las die erst ein paar Zeilen betragenden Schriftzüge und wurde bewegt:, es ginge ihm gut', stand darin ,, niemand möge sich um ihn besorgen... und über den Sätzen des kurzen Schreibens lag es wie ein Hauch jener unnachahmlichen Vollendung, die nur denen gegeben ist, die schon das Jenseitige erahnen und auf Erden überwunden haben.... Inzwischen nahmen sich Leo, Franzl und andere des Verstorbenen an und trugen ihn hinüber in die Totenkammer des Reviers. Kein lautes Wort fiel dabei. Daẞ einer der ihrigen so mirnichts, dirnichts, am Abendtisch verlöschen konnte, wie ein Windlicht im Sturm, das packte selbst die verhärtesten Gemüter. Aber der gute Alte blieb nicht der Einzige. Zwei Betten neben Bert, ebenfalls an der Fensterfront, blieb am nächsten Morgen ein Häftling liegen, ohne sich beim Wecken blitzschnell wie die andern aufzurichten. Förmlich grau vor Gier, den Langschläfer gebührend aufzuwecken, war des Blockteufels schmales Spitzbubengesicht, als er auf das Bett am Fenster zuschlich... aber die Nase, nach der er griff, war kalkweiß und frostig, der aufgedeckte Körper schon steif und starr- nur noch ein Toter war es, der ihn genarrt hatte. Und andere folgten rasch, innerhalb der Tage bis zu Weihnachten insgesamt zwölf allein aus Berts Stube, die sich ohne das geringste Aufsehen zu verursachen, davonstahlen.... ,, Und wo kommen die Toten eigentlich hin, die im Kz sterben", fragte Bert seinen erfahrenen Kameraden. ,, Begraben wird doch nie einer von ihnen...?" ,, Nein, allerdings nicht", belehrte ihn Stillfried. ,, Denn wenn man alle Verstorbenen und zu Tode Gequälten in — 168— oder um die Kz beerdigen wollte, würden die Lager längst einem riesigen Friedhofe gleichen.... Nein, die Leichen gehen mit dem geschlossenen, schwarzen Wagen, den du schon gesehen hast, hinunter nach Weiden, wo- selbst ein kleines Krematorium besteht. Dort werden sie verbrannt und die Asche wird den Angehörigen, die man auf sehr lakonische Weise vom Ableben verständigt, gegen Einsendung eines bestimmten Betrages— ich glaube: 25.— RM— samt Urne zugeschickt....““ „Die Leiche selbst erhält also wohl niemand?“ er- kundigte sich Bert weiter. „Nein, in keinem Falle ohne jede Ausnahme! Und das ist begreiflich: denn an der Leiche ließen sich ja bequem Spuren und Kennzeichen entdecken, die zu unangenehmen Ansprüchen gegen die SS. oder die Ge- stapo führen könnten—— oder was vielleicht noch viel nachhaltiger wäre: zum Einblick breiterer Kreise in das Schindluder, das mit schuldlosen Landsleuten hinter dem Stacheldraht getrieben wird.... ja, leider sind die Nazis auch darin wieder zu pfiffig gewesen—— aber sei be- ruhigt, mein Lieber—“ Der Sprecher umspannte mit seiner Rechten den Arm des Freundes neben ihm. ‚‚Sei beruhigt, ihre Asche stäubt trotzdem durch die Lande und ihr Geist durch die Dörfer und Städte und rührt als Sauerteig langsam, langsam den zähen Brei deutschen Denkens auf, bis die wahre Gärung einsetzen wird....“ „Das walte Gott, ach, daß wir es noch erleben möchten!‘ konnte Bert nur hinzusetzen. WEIHNACHTEN IM K2. In erster Linie mußte das Lager befreit werden von dem Segen, der allzu reichlich von oben gekommen war. Capo Knör und seine abgehetzten Knappen schleppten wieder mal Feldbahngeleise, bis die Finger sich nicht mehr biegen ließen und die Knie schlotterten. Sie schoben alsdann massive Kippwagen heran und schau- — 169— felten die weiße Ware, die andere zu hohen Wällen auf- getürmt hatten, in die Wagenmulden und mußten mit ihnen im Galopp quer durchs Lager nach der Seite des stillen Tales jagen, wo Bert einst von Ifina stummen Abschied genommen hatte. Nach solchen Tagen blieb nichts anderes übrig, als sich völlig gedankenlos der großen Mutter Nacht in die geöffneten Arme zu werfen. Dennoch traf eine Überraschung ein, der es gelang, sie das Insbettsinken vergessen zu lassen, nämlich ein mächtiger Stapel von Briefen war angelangt—— hurrah, nun erfuhr man endlich, wie es um die Lieben und die Heimat stände.... Beobachten wir einmal, wie gänzlich anders ein Gefangener einen Brief von zu Hause aufnimmt, den er erhält, als ein Mensch in der Freiheit: er überfliegt ihn nicht zerstreut; er faßt ihn vielmehr mit aufgerissenen Augen an wie ein Heiligtum und entfaltet ihn mit zitternder Hand. Das Blatt zerreißt fast unter seinem Verlangen, endlich wieder in Kontakt— ach, einen armseligen Kontakt oft nur— mit der begehrten Außen- welt zu kommen. Er möchte. die Handschrift küssen, wenn er allein ist und schlürft den Inhalt förmlich wie einen wunderbaren Heiltrank ein; zieht einige Glanz- stellen, die ihm besonders wohl tun, mit den Blicken immer wieder heraus, um sie von neuem zu lesen und an sich zu drücken in einer Art von Heimatsrausch, dem er mit allen seinen Fasern erliegt—— und schließ- lich birgt er das Papier an seiner Brust mit tränen- feuchten Augen——— Nun wußte auch Bert, daß seine Lieben zu Hause wohlauf seien, gottlob, im Heime selbst sich nichts ver- ändert habe, und die Schwester mit Ifina zusammen eine kleine Gemeinde bilden würde, die in ständigem Ge- denken an ihn aufs beste zusammenhielte. ‚Sei gewiß‘, schrieb die treue Schwester an ihn, ‚daß der Herrgott Dich so wenig wie andere jemals vergessen hat; daß er vielmehr sein großes Ziel mit den Leiden verfolgt, die er Dir jetzt auferlegt— und sie aufheben - 170wird, sobald seine Absicht erreicht ist... gedulde Dich deshalb in Zuversicht!". Und Iřina hatte hinzugefügt:, Nur das Ausmaß an Leiden, die ein Mensch übersteht, ohne innerlich zu zerbrechen, bestimmt seinen sittlichen Rang innerhalb der menschlichen Gesellschaft-- Du weißt, daß ich stolz auf Dich bin!" Auch die Frage, wieso sie zu ihm gefunden hatte, war darin gelöst, wenn auch mit Rücksicht auf die Zensur in verhüllten Sätzen. Bert entnahm aus ihnen, daß ein menschlich denkender Beamter in der Münchener Gestapo ihren Bitten nachgegeben und verraten hatte, wo er sich zur Zeit aufhielt... mehr zu verstehen geben, wäre bedenklich gewesen. Er kombinierte sich alles Weitere von selbst. Der einzige Lichtstrahl im Dunkel ihres Flossenbürger Daseins war aber den Dachauern der Gedanke an das herannahende Weihnachtsfest. Ganz frühe, wenn der Morgen noch nicht sein bläßliches Licht über den Schnee warf und die Sklaven rastlos, frierend vor ihren Baracken auf und ab gingen, um auf das Antreten zum Appell zu warten, dann tönten von den fernen Kirchtürmen im Orte, die stille Weite der ärmlichen Landschaft durchschwebend, die Adventsglocken herauf und weckten liebe Erinnerungen auch bei diesen Stiefkindern des Schicksals; ihnen verheißend, daß sie hoffentlich in Bälde- oder nein: sicherlich wohl, zwei zuvielsammenhängende Tage einmal frei hätten leicht mit besserer Kost, vielleicht gar mit etwas Käuflichem aus der SS.- Kantine lieber Himmel, wer konnte es wissen? . Sofort schnellten die Erwartungen in die Höhe: Pakete aus der Heimat freilich, was ja das Begehrteste gewesen wäre, fielen wohl aus. Aber es hieß: der Kommandant des Lagers, jener ziemlich sympathische, frühere Kavallerist, der sie einst mit einer Ansprache hoch zu Roß hier begrüßt hatte, wäre selbst nach Weiden gefahren, um den Einkauf einer anständigen Verpflegung zum Fest zu überwachen... nun, ihm ließ sich schon zu - -171trauen, daß er etwas von Wert herbeischaffte. Nur schade, daß er nicht viel öfter in das Getriebe des Lagers eingriff. Unter solchen Spekulationen, aber immer härter werdendem Frost, der an manchen Tagen 30° unter Null erreichte, und zunehmenden Entbehrungen verging schließlich noch die letzte Zeit bis zum heiligen Abend und die ersehnte Ruhezeit begann.... Früherer Arbeitsschluß leitete das Fest ein. Vom Kommandanten erhielt jeder Häftling ein Päckchen Tabak und dazu gehöriges Zigarettenpapier als Geschenk, immerhin eine anerkennenswerte Geste. Dazu gaben die blauen Thermoskessel ein für solch ungewohnte Gaumen wirklich königliches Essen aus. Fette Blutwurst mit gerösteten Kartoffeln- und beides gottlob in reichlicher Quantität. Die meisten konnten nur noch mit Mühe das Wasser der Begierde im Mund zurückhalten, als den Ausgezehrten der unbeschreibliche Wohlgeruch reeller Kost endlich mal in die Nase stieg. Zum Abendappell brannte sogar auf dem Platze ein mächtiger Tannenbaum mit elektrischen Lämpchen besteckt, und in Berts Stube hatte Leo Eichmüller, der Alterfahrene, ein liebes kleines Bäumchen selbst geschmückt und zum Essen schon angezündet... weiß der Himmel, von wo er die dünnen roten Kerzen herbeigeschafft hatte. Nun entspannten sich die zerlittenen Gesichter, von Schmerz und Zorn in hilflosem Übermaẞ zerrissen, vom glühenden Eisen des Leides zerbrannt... denn das war ein Schmaus für Augen und Magen. Endlich einmal eine gehaltvolle, feste Kost verzehren zu können, nicht nur die Winzigkeit suppigen Zeuges, das dem Gedärm kaum etwas an Kraftstoffen bieten konnte.... Und hierzu das bißchen Glanz von dem Bäumchen über den eifrig löffelnden Händen, den gebeugten Gesichtern, die vom Essensdunst erhitzt waren, über die kurz geschorenen Köpfe hingebreitet-- ach, es war doch wenigstens der leise, bescheidene Schimmer einer Festfreude, der über dem Raume schwebte. Die Lichtlein am Baume zuckten wie warme Herzen und mitten in - - 172den Gesang des alten Lieds vom Tannenbaum stiefelte der Blockführer herein, aber diesmal nicht, um brüllend Ohrfeigen auszuteilen, sondern um eine ganz große' Erlaubnis zu erteilen, nämlich im Wohnraum und am Tische zu rauchen. Und zum Überfluß ließ er noch zwei neue Zeitungen zurück. - Hallo das war das beste von allem! Was ist doch der Mensch für ein merkwürdiges Wesen: eben noch bis zum Allerletzten erschöpft und willens, die Abberufung vom Dasein als Gnade hinzunehmen, aber gleich darauf sich vergrabend in die Lektüre, um geistig wenigstens teilzuhaben am Tun dieser wirren Welt, mochte sein Informator auch nur das sogenannte, Reichswitzblatt' sein, der ,, Völkische Beobachter". Welche Annehmlichkeit war es, auf seinem Schemel stramm gesättigt zu hocken und sich die selbstgedrehte Zigarette am Lichterbäumchen anzustecken, eine nach der anderen, gemächlich fast wie ein Vollmensch... zu allemhin war auch noch Bettfreiheit angesetzt, das heißt: beliebiges Schlafengehen. Und deshalb blieb auch alles auf, schürte den eisernen Ofen, las in der Zeitung oder lauschte den Erzählungen anderer- endlich mal etwas Licht in der Nacht ihres so freudelosen Alltags. Auch die beiden Feiertage blieben frei von Arbeit außer den notwendigen Verrichtungen, die aber diesmal Grüne' strafweise zu übernehmen hatten. Und noch einmal stellte sich ein Extraessen zur Freude der Häftlinge ein, wobei Leo sich zu der Warnung verstieg: ,, Aber vergeßt nicht, wenn es euch je wieder mal besser oder ganz gut ergehen sollte im Leben, daß trocken Brot eine der größten Delikatessen ist wir haben es erfahren, nicht wahr?!" - DIE SEUCHE. Noch ahnte freilich niemand im ganzen Lager, weder Häftlinge noch Leitung, welch große Wendung in den Verhältnissen gleich nach diesen Schlendertagen eintreten sollte. - 173Bert bekam einen Vorgeschmack hiervon gleich in seiner nächsten Umgebung- auch der seines Herzens. Denn es begann damit, daß Franzl, sein Freund und ewig froher Gefährte, bei irgendwelchen Vermessungen, die er vorzunehmen hatte, dem Chef des Baubüros ziemlich keck entgegengetreten war, wie es in seiner freimütigen Art lag. Dadurch hatte er sich trotz Seegers Fürsprache, der ihn ungern entbehren wollte, sein gutes Kommando beim Baubüro- einen warmen, behaglichen Posten verscherzt und mußte sogar auf Verlangen des SS.- Architekten zur Strafe Feiertagsarbeit mit Kostentzug leisten. - - Viermal vierundzwanzig Stunden betrug die Strafe nur und dennoch war an jedem Abend der junge, heitere Student wie ausgelöscht nach dem Schleppen der maßlos schweren Thermoskessel auf den steilen Lagerstraßen und vielen anderen angreifenden Arbeiten, für die sonst nur die robustesten Kerle antraten. Er wollte kaum noch etwas Brot verzehren, schlug das Rauchen aus und warf sich nur stöhnend, ohne was zu sprechen, auf sein Lager.... Das ging so alle drei Festtage hindurch zum Leidwesen Berts, der an dem schönen Burschen wie an einem Sohne hing. Und die paar Tage irrsinniger Anstrengung ohne warme Nahrung im Leib, ohne die gute Kost der Feiertage, hatten genügt, um den noch jugendlichen Körper völlig auszupumpen und einfallen zu lassen. Schon nahte wieder am 27. Dezember morgens das erste Antreten zur normalen Arbeit. Alle, außer denjenigen Stubengenossen, welche den Zimmerdienst zu besorgen hatten, traten fertig gerüstet ins Freie. Nach den vielen Feierstunden in der warmen Stube sprang ihnen die Kälte des Dunkels entgegen wie ein böses Untier aus dem Bereich erfrorener Welten. Sternenlicht funkelte über den beschneiten Dächern, über den noch unbegangenen Wegen. Feinkörniger Schnee wirbelte um Ohren und Nasen der frierenden Häftlinge. Da kam plötzlich ein Lagerläufer voll Eile herbei und suchte den Feldwebel des 10. Blockes auf. Gleich darauf - 174kam von diesem das Kommando: ,, Alles wieder herein in die Stuben!"- Was? In den frisch gefegten, gebohnerten Wohnraum hinein mit den schneeigen Stiefeln an den Füßen? Na, das hat sich jedenfalls noch nie ereignet...! Ein erregtes Durcheinander von Stimmen und Gerüchten wirbelte um die Köpfe, als sich jeder nun auf Tischplatten und Hockern niederließ, um das Weitere abzuwarten. Ein später Morgen graute herauf. Es war fünf Tage vor Jahresende. Aber allmählich verdichteten sich die Nachrichten: Typhus war ausgebrochen! Da saß dicht neben Bert auf der Tischplatte, apathisch wie ein Scheintoter, der junge Franzl. Plötzlich stöhnte er leise. Im Dämmerlicht des erwachenden Tages sah Bert, der erschrocken auf ihn blickte, sein Antlitz in eigenartiger Weise glänzen. Mit dem Handrücken nachfühlend, merkte er, daß die Haut von Gesicht und Händen mit kaltem Schweiß bedeckt war, und daß der Geplagte nur noch wie in Betäubung aufrecht saß. Nun packte ihn Bert an beiden Schultern, um ihn sanft zu stützen. Da fiel Franzl mit dem Oberkörper steif und wie leblos auf ihn, keinen Ton von sich gebend.... Allgemeine Panik erfaßte die Stube. Sofort griff die Feigheit um sich: wenn eine Seuche im Lager ausgebrochen ist, so wird er das erste Opfer sein. Und wer sich davor noch retten will, meide ihn. - Auf einmal stehen nur noch seine Freunde: Stillfried, Seeger, Leo mit Bert neben dem Kranken, der fieberheiß ist und schwer zu röcheln beginnt vorwärts mit ihm ins Revier, so rasch als möglich! Doch die Überführung des Schwerkranken ist schon nicht mehr so einfach, wie die vier Träger annehmen. Bis zur Stirnseite der Revierbaracke steht, vom Eingang beginnend, eine ganze Kette von Leidenden ,, Rote' ganz besonders, aber auch grüne Häftlinge. Sie halten sich gerade noch aufrecht und beißen die Zähne fiebernd aufeinander, daß es knirscht wie Kiesel auf Kiesel. Allen fehlt das gleiche, als Seeger und Leo ihre Bekannten fragen: Bleierne Schwere in den Gliedern, - 175stechender, bohrender, wütender Schmerz im Hirn, verzehrendes, glühendes Brennen in den Eingeweiden und rapider Stuhlabgang. Da stehen sie nun mit dem herbeigetragenen Kranken vor dem halboffenen Fenster des Verbandzimmers und blicken verstohlen hinein: Drinnen waltet im weißen Leinenmantel neben dem linkischen SS.- Junker als Lagerarzt Dr. Hickmeyer, der Internist der Universität Innsbruck, nun auf einmal zu Ehren gekommen, wo die blanke Not es gebietet.... Behutsam klopft Stillfried an das Milchglasfenster, so daß der Dozent aufschaut und sofort den Wunsch der vier begreift, als sein Blick auf den leise stöhnenden Landsmann fällt. Er beugt sich heraus und ruft, nun ganz dirigierender Arzt: ,, Links in den, B- Flügel' mit ihm- sofortige Aufnahme!" Das letzte Bett im Raume, das noch frei ist, bekommt Franzl. Die ihn getragen haben, müssen ihre Hände mit Sagrotan- Lösung desinfizieren und dürfen nicht länger verweilen-, Raus, raus mit euch!' Alles ist hochgradig nervös. Bobby, der Reviercapo, schießt herein und heraus wie eine vergiftete Maus.... Wohin aber mit all den noch wartenden Kranken! Die Lagerläufer rufen in Eile alle Zimmerleute zur Arbeit auf. Im Hetztempo wird eine neue Baracke dicht hinter dem Revier aufgeschlagen und die beiden Holzbauten mit einem schmalen Durchgang verbunden. Aus den anderen Blocks werden Bettstellen, Strohsäcke, Wäsche geholt und in das neue Revier geschafft, das zum Seuchenspital erhoben wird.... Dr. Hickmeyer leitet alles mit beruhigender Umsicht. Am Nachmittage aber durchfliegt das Lager die Nachricht, daß auf sein Anraten und mit Zustimmung der Reichs- Sanitätsbehörde telegraphisch die mehrwöchentliche Quarantäne über Flossenbürg verhängt worden ist... na, herrlich! jubeln die Häftlinge; denn alles andere tritt gegenüber ihrer Plackerei zurück Gott sei Dank! Man überlege: wochenlange Ruhe! Und dies gerade in der Zeit der ärgsten Winterkälte, die man — 76— am meisten gefürchtet hatte—— das kann und wird zur Rettung von Leib und Seele werden! Zunächst wurde alle Arbeit, alles Antreten zum Appell unterlassen. Die Häftlinge mußten bis neun Uhr im Bett bleiben— die kühnste Phantasie hätte sich vor drei Tagen nicht solch ein Schlaraffenleben vorgestellt. Weiterhin wurden die Thermoskessel mit der Morgen- suppe und der Hauptkost nun in den Vorraum gestellt und dort das Essen ausgegeben, so daß niemand mehr im Freien auf die Ausgabe warten brauchte—— wäre diese Maßnahme nicht schon längst viel praktischer und humaner gewesen, statt die totmatten Sklaven täglich länger als unbedingt nötig dem Schneesturm auszu- setzen? Bert freilich ließ die Sorge um das Befinden Franzis keine Ruhe. Er lief immer wieder in das benachbarte Revier hinüber und erbat, da das Betreten der Kranken- ‘räume für nicht dort tätige Häftlinge verboten war, von Dr. Hickmeyer seine Einstellung als Hilfspfleger, zumal das bisherige Personal durch die neue Seuchen- baracke ohnehin stark in Anspruch genommen wurde. Der neue Chefarzt— ihm überließ der hilflose Lagerarzt alles unbeschränkt— bewilligte nur zu gern seinen Wunsch— und so übernahm Bert gemeinsam mit einem zweiten ‚Roten‘ die Krankenstube, in der Franzl mit elf anderen von der Seuche Befallenen lag. Jener andere Hilfspfleger war Prinz Max von Hohen- berg. Dank seiner in sich gekehrten Natur, die ihn gern still und skeptisch lächelnd zuhören ließ, was andere erzählten, dennoch flink und hingebend im Dienst, war es eine wahre Annehmlichkeit mit ihm in der Wartung der Kranken zusammenzuarbeiten. Allerdings verging der Tag— und ein Großteil der Nacht— mit der pausen- losen Pflege der Ärmsten, denen der Tod im Gedärm saß. Die Kost wurde auf Weisung des Arztes auf un- gewürzte Schleimsuppen eingestellt, meist Hafer- und Gerstenschleim, mit Magermilch gekocht und in kleinen Mengen im Tagesverlauf gereicht. Dazu gab es aus- schließlich geröstetes Brot, also ‚gebähte‘ Schnitten, wie - 177- man sagt, weil das normale Brot des Lagers übermäßig feucht und schlecht ausgebacken war. Für die Kranken, deren Eingeweide, eine einzige Wunde' seien, wie Dr. Hickmeyer erklärte, wäre ungebähtes Brot eine schwere Gefahr gewesen. Freilich hätte die manuelle Arbeit an sich den beiden Pflegern nichts ausgemacht; denn gegenüber ihrer bisherigen Fronarbeit im Freien war diese hier im Revier das reine Kinderspiel. Aber die Natur der Seuche machte den Krankendienst zur starken Plage. Denn es gab keinen unter den Bettlägerigen, der sich nicht 20-30 mal zum , Thron' schleppen mußte.... Daran war nichts zu beschönigen. Unter heftigem Stöhnen der Armen ging ein wäßriger Stuhl ab, der immer stärker mit Blut durchsetzt war. Die Exkremente hatten den typisch übelsäuerlichen Geruch nach Schwefel- Kohlenstoff, der diesen Erkrankungen eigen ist, ein Geruch, der auf die Dauer dem Gesunden eine konstante Übelkeit verursacht. Rasch gezimmerte, viereckige Bottiche standen in der Mitte des Raumes und gestatteten je drei Kranken gleichzeitig die Benutzung. Jeweils mußte von den Pflegern eine Handvoll Kalkpulver nachgeschüttet werden. Ferner mußte das Bett des Kranken aufgeschüttelt und nachgesehen werden; denn vielfach konnte der Stuhl, der aus dem Darm krampfartig herausdrängte, nicht mehr gehalten werden. Dann war das Bett. abzuziehen, ein anderer Strohsack aufzulegen, dem Kranken ein neues Hemd überzuziehen, und so ging es weiter alle Stunden hindurch. Ein Prinz aus dem kaiserlichen Erzhause Habsburgs und ein Generalstabs- Oberst besorgten diesen Samariterdienst die Weltgeschichte wird nicht oft ein gleiches Schauspiel erlebt haben. - Dabei waren die Armen so geschwächt von den andauernd hohen Temperaturen, daß die meisten nicht mehr allein zum Abort gehen konnten, sondern geführt werden mußten. Ihre Lippen waren ausgedörrt und aufgesprungen. Viele schwere Fälle wanden sich auf 12 Conrady, Amokläufer. - 178- - ihrem Lager in den Qualen der Fieberglut. Aus ihren Augen sprach jähe, wilde Angst, als würden sie sich noch intensiver als andere Sterbliche an das bißchen Leben klammern was bewegte sie dazu? War denn ihr elendes Dasein wirklich diese Sorge um seinen Fortbestand wert? Oder werden vielleicht die Menschen nur deshalb überhaupt zu Verbrechern, weil sie dem Irdischen mit seinen Lockungen doppelt so eng verbunden sind, ein Vielfaches so drastisch dank ihrer stärkeren Triebhaftigkeit als wirklich Gefestigte? Sie, die von atemringender Sterbequal verzerrten Lebewesen, über denen die Todesfluten bald zusammenschlagen. * Unter solchen Umständen kam das Jahresende heran. Irgendwelche Vergünstigungen, wenn sie etwa zu Sylvester ähnlich wie zu Weihnachten geplant gewesen wären, fielen natürlich nun aus. Die Lagerinsassen, Gesunde wie Kranke, durften ja nichts anderes bekommen als Diätkost, und von der Lagerleitung sah man seit Ausbruch der Quarantäne überhaupt niemand mehr. Unter Gefahr einer Erkrankung das Kz zu betreten, dazu fehlte dem Lagerbiest Aumeyer scheinbar doch der Mut.... Auch kein Lastwagen, kein Lieferant, kein Fremder durfte das Innenlager betreten. Straßen und Wege waren wie ausgestorben. Über dem Ganzen lag die unheimliche Stille der Lähmung, die, Stille eines Friedhofs', um die Worte des Marquis von Posa zu gebrauchen. Am letzten Abend des Jahres 1939 trat Bert einen Augenblick vor die Tür der Revierbaracke. Es war kurz vor zwölf Uhr. Erstaunlich mild und windstill war die Witterung, als lausche die Luft dem Treiben der Menschen in dieser Stunde... am samtschwarzen Firmament stand ein prachtvoll klarer Sternenhimmel, gleiẞend in seiner funkelnden Pracht... eine Sternschnuppe versank vor Bert in steilem Falle, verlöschte in der Tiefe - - 179 der stillen Nacht eine Träne Gottes, die zu Boden fällt, sagt der Volksmund dazu. Unwillkürlich falteten sich die Hände des Schauenden als er so für ein paar Minuten Luft schöpfte.... Die Welt ist so zeitlos und unbegrenzt in solcher Nacht. Der Vergleich irgendeines witzigen Kopfes fiel ihm ein, der behauptet hatte: das Leben gliche einer Luntenschnur, die zu einem Sprengkörper führe, welcher Tod hieße. Als du wurdest, Mensch, ist die Lunte am freien Ende angebrannt worden. Soweit die Vergangenheit reicht, ist sie schon zu Asche verbrannt; der noch unverbrannte Rest ist deine Zukunft. Und die Gegenwart ist jener Flammpunkt, der an der Schnur fortfressend weiterhuscht.... Die Blocktür blieb offen; vom Tale her klang über das Lager hinweg, das wie ausgestorben lag, der Schlag der Turmuhr herauf, die zwölfmal ausholte, vermischt mit dem treuherzigen Geläut der Glocken- gottlob, gottlob, daß es ein Ende hat, dies Jahr der Enttäuschung und der Miẞhandlung- gottlob!! Über dem neuen Jahr liegt ja immerhin noch der Hoffnungsschimmer, daß es besser werde, Frieden bringe ach, wie weise vom Schöpfer, dem Irdischen den Blick in seine Werkstatt zu verweigern. Hohenberg kam in seiner leisen Weise zu Bert und sagte nur, wortkarg wie immer: ,, Ich weiß kein schöneres Gebet in solcher Stunde als das, womit die altindischen Schauspiele schlossen: Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben!' Du wirst nicht anders denken, Oberst!" Die beiden Hilfspfleger drückten sich die Hand. Das war ihr ganzer Neujahrsglückwunsch. Sie konnten ja auch nicht einen Augenblick länger verweilen. Die Patienten drinnen, die zum Teil nur noch auf Händen und Füßen zum Abort kriechen konnten, fühlten, wie wenig sich das Leid um ein neu angebrochenes Jahr kümmert; wie der Tod unentwegt seine knochige Hand ihnen entgegenstreckte was nützen da des Menschen selbstgesetzte Zeittermine? 12* - — 180— Jetzt löste Bert den Prinzen ab und ging zuerst an Franzis Bett, des lieben Menschen, der seine höchste Sorge war. Das Fieber versengte förmlich den schmalen Körper. In dem schönen Jungenantlitz mit dem sonst so übermütigen Lachen, das die blitzenden Zähne durch- blicken ließ, waren die Backenknochen spitz und fahl geworden. Es trug jetzt einen so bitter wissenden Ernst zur Schau, daß Bert sich die Tränen verbeißen mußte. Der Kranke bemerkte es. In seine Augen trat ein ‚flackernder Glanz und ein unsagbar körperloses Lächeln begann um seine Lippen zu spielen. Mit den wenigen Kräften, die ihm die Seuche noch gelassen hatte, richtete er sich auf... der fieberglühende Körper verbreitete geradezu eine dampfende Luftwelle um sich, die Bert heiß entgegenschlug. Er wollte sprechen, fiel aber sofort wieder in schwere, stumme Mattigkeit. Nur aus seinem Blick, die Hände des Freundes umklammernd, sprach die eine Frage voll tiefster Lebenssorge, jene am schwersten zu beant- wortende Frage: Muß ich sterben? Stumm schüttelte Bert den Kopf. Dann sammelte er alle Zärtlichkeit seines Herzens und sprach mit einer vom Weh zerbrochenen Stimme würgend: ‚‚Niemals mußt du das, Franzl, wir geben dich ja gar nicht her, wir allesamt nicht!“ Wieder ging vor seinen Augen ein blühendes Menschen- leben zu Ende, wenn nicht noch ein Wunder geschah... Sage keiner, daß zur gleichen Zeit an den Fronten Tau- sende noch. weit Schlimmeres zu erleiden hätten. Das sind Kämpfer, die sich wehren konnten, und die der Tod im Nu überrascht. Aber ein solches Verrecken im Sklavenjoch ist das Erbärmlichste, was es gibt. Ein flüchtiges Lächeln blühte um die Mundwinkel des Kranken auf. Die weit geöffneten Augen füllten sich mit dem Schimmer der Dankbarkeit. Der schmale Kopf versank wieder in den Kissen... was sollen hier noch Worte, wenn das Leben schon an den Toren der großen Ewigkeit anklopft. Sind Liebe und Tod nicht eigentlich Geschwister, hat Nietzsche gefragt? - 181Stumm erträgt der tapfere Junge die tobenden Brände des fiebernden Leibes, sich kaum merkbar windend. Nur die schweißbeperlten Hände zucken auf der Decke in der Verkrampfung der Qual, und aus den nach oben schauenden Augen laufen die Tränen langsam zu den Schläfen hinab... und all den Seelen kein geistlicher Zuspruch, kein Manna vom Himmel zum Trost für ihre Verlassenheit! An dem Pfleger aber, wie er so am Bettrand des Armen saß, kroch eine schleichende Kälte empor. Seine Zähne klirrten vor innerem Frost und Verzweiflung aufeinander. Gleich darauf hatte er das Gefühl, als steige das Fieber auch in seinen Adern hoch... kein Zweifel, er war der Infektion auch schon verfallen. Aber er wollte des Warnungszeichens nicht achten. - Am nächsten Morgen, nach einer äußerst mühsamen Nacht, nach dem Erlöschen einer ganzen Reihe von Leidenden, deren Weg sie nun hinüberführte ins letzte, ewig schattende, gütige Dunkel schaute Dr. Hickmeyer, durch die Temperaturen besorgt, auch beiden Hilfspflegern in den Rachen und ließ beide sofort zur Ablösung bringen. Aus den bisherigen Samaritern waren nun ihrerseits Patienten geworden. - Berts Bitte, am Lager Franzls verbleiben zu dürfen, lehnte der Arzt kategorisch ab, so sehr ihm selbst der junge Tiroler Landsmann am Herzen lag. Aber der erfahrene Blick des Klinikers ließ ihn erkennen, daß Bert nur noch taumelte und die Schwäche ihn zu überwältigen drohte.... Überhaupt war die Seuche noch stark im Ansteigen, der letale Ausgang rund 70%. So lag Bert noch am selben Mittag in einem oberen Bett des anstoßenden Seuchenlazaretts. Beim Umherschauen entdeckte er unweit von sich, halb aufgerichtet auf seinem Lager, den Wiener Staatsrat Seeger, der ihn auch sogleich anrief: ,, Was machst du hier, Oberst?- Ich hoffte, du würdest unseren lieben Franzl gesund. pflegen... " Mit einer schmerzlichen Handbewegung gab Bert die Auskunft: ,, Ich habe ihn leider nur noch einem Höheren — 182— ans Herz legen können, das war alles!— Aber wie geht es dir?“ „Nicht schlimm, du weißt ja: uns alten Front- soldaten vom Weltkriege tut die Seuche nicht so viel wie der jüngeren und älteren Generation, weil wir seinerzeit die verschiedensten Impfstoffe einverleibt er- halten haben... es wird mit dir auch nicht bedenklich u. werden!“ Er sollte recht behalten. Aber die Zustände in der weiten, hölzernen Halle waren unbeschreiblich.- Es roch in ihr penetrant nach Carbol, Äther, Chlorkalk, Ex- krementen und unsagbarem Grauen. Die meisten Kran- ken konnten ihren Stuhl auf dem Weg zum Abort nicht mehr halten, brachen zusammen— ein einziges Weh- klagen lag über dem halbdunklen Raume.... Es gab schon längst im Lager keine saubere Leibwäsche mehr, von frischer Bettwäsche gar nicht erst zu reden. Ebenso fehlte es an allen Medikamenten, besonders an Tierkohle und desinfizierenden Stoffen. Die paar Pfleger waren machtlos und schon zu erschöpft. Sie beschränkten sich darauf, das Brot zu-rösten und alle drei Stunden etwas Schleimkost auszuteilen; das war alles, abgesehen von der eigenen Versorgung. ‚Man denkt eben an sich selbst zuletzt‘, raunte Bobby zynisch einem Kollegen zu, ‚‚da- für aber um so gründlicher!‘ Am Abend schon erhob sich Seeger und ging in das anstoßende Revier, um nach Franzl, seinem ‚Adjutanten‘, zu schauen. Aber schon nach kurzer Pause kam er zu- rück, eine tiefe Gramfalte im Gesicht, und flüsterte Bert, der zu Bett lag, zu, daß die Leiche des jungen Freundes schon nach Weiden ins Krematorium abtrans- portiert worden sei. Er habe ihm nicht einmal die Augen zudrücken können, wie er gehofft habe... und mit ton- loser Stimme setzte er hinzu: ‚‚Bleibe ruhig, mein Lieber, für uns alle ist mit ihm ein Stern versunken, aber nur um desto heller und strahlender aufzustehen im Reiche des Gedenkens—— ‚dulden muß der Mensch sein Scheiden | aus der Welt wie seine Ankunft!‘ | Bert bedeckte sein Gesicht mit den Händen, als er — 183— das Unwiderrufliche erfuhr. Sein Herz wollte sich schier aufbäumen bei dieser Nachricht, so wenig überraschend sie ihm kam. Also hat auch er das Stigma des Märtyrer- todes empfangen! Unwillkürlich murmelte Bert die Worte Stillfrieds nach: ‚auch seine Asche wird durch die Lande stäuben wie wehende Saat, und sein Geist durch Städte und Dörfer gehen... das walte Gott!‘ * Die Seuche aber schritt‘weiter durch das Lager wie ein Sensenmann mit weit ausholendem Arm. Bei Bert zeigte die Erkrankung ausgesprochen gut- artige Tendenz, wie sein Freund Seeger vorausgesehen hatte. Er konnte am vierten Tage schon stundenweise aufstehen, da seine Temperatur nicht mehr 38,5° über- stieg und die flüssigen Stuhlgänge nahezu aufhörten. Ein gesunder Appetit meldete sich auch wieder. So übernahm er als Rekonvaleszent freiwillig das Rösten der Brotscheiben und ihre Verteilung in der Baracke. Um die Mehrzahl der anderen stand es jedoch übel. Die Unglückseligen lagen auf ihren fleckigen, übel- riechenden Strohsäcken, stöhnend und. wimmernd, so gut wie widerstandslos dem Wüten der Seuche preis- gegeben infolge des Raubbaus an den Kräften ihres Körpers,.den das Lager getrieben hatte.... Und fort- während kamen noch neue Scharen herein, belegten sofort jedes Bett, das frei wurde. Bei der Verteilung des gebähten Brotes traf Bert in einem Winkel der halbdunklen Baracke auch auf einen ‚grünen‘ Bekannten in Todesnöten, nämlich auf jenes hagere, verwachsene Männchen, das bei der Aus- peitschung vor ihm gestanden war. Das nun entspannte Gesicht war erfüllt von einem kindlichseligen Frieden, ja sogar einer weltentrückten Hoheit. Der Arme war ganz dicht vor dem Moment, wo die Seele die Grenze zwischen Leben und Tod überschreitet. Er war schon gleichsam emporgehoben ins Wesenlose. Das schnurrige Igelgesicht verklärte nun statt der Verzerrung durch — I4— Wut und Haß, wie Bert es in Erinnerung hatte, eine geradezu feierliche Inbrunst der Züge. Eine Stunde später bereits drückte ihm Bert die für immer erloschenen Augen zu. QUARANTÄNE. Aber die Epidemie wütete weiter. Schon wenige Tage nach der Rückkehr Berts in den Zehnerblock reichte der Platz im Seuchenlazarett hicht mehr aus. Dr. Hick- meyer mußte seinen Spannkräften geradezu Übermensch- liches abverlangen, er, der früher nie für einen Kranken oder Verletzten die Hand hätte rühren dürfen. Jetzt aber, wo die Lagerleitung eine katastrophale Bloß- stellung vor den Sanitätsbehörden in Berlin befürchtete, durfte er souverän schalten und walten.... Er ließ in aller Eile eine der bewohnten Baracken, die elfte, räumen und die Insassen auf die anderen roten Blöcke verteilen. ‘ Dadurch bekam die Stube Berts, in der schon gegen hundert Mann ziemlich gedrängt beisammen hausten, noch einen Zuwachs von 60 Mann, darunter viel wüste Gesellen aus Norddeutschland. Das wäre noch aus- zuhalten gewesen, doch der Block erhielt auch einen besonders üblen Stubenältesten in Gestalt des ‚alten Bernhards‘, ein Typ, den kein ehemaliger ‚Dachauer‘ jemals vergessen wird— aus sehr triftigen Gründen. Er war ein betagter Mann, zwischen 60 und 79 Jahren bereits, aber mit einem Körper von eiserner Zähigkeit, ein alter Raubmörder im Rückfalle, der aus freien Stücken verzichtet hatte, jemals aus dem Kz entlassen zu werden, vielmehr für immer darin verbleiben wollte, wo so vieles seinen Instinkten entsprach.... Er war übrigens der einzige ‚Grüne‘, der mit den roten Blocks von Dachau abmarschieren mußte. Dort in Dachau genoß er eine besondere Vertrauens- stellung, verwandten Gemütes, wie SS. und Raubmörder nun mal sind. Er wohnte hinten im ‚Bunker‘, dem ge- fürchteten Arrestgebäude, das wir noch gründlich - 185kennenlernen werden, besorgte dort die Henkersaufgaben und den Strafvollzug, hielt sich sogar einen winzig kleinen Affen und drei um so ungeschlachtere Hunde Dinge, die wohl ein staunendes Kopfschütteln erregen würden, wenn man nicht wüßte, daß alle Kz's ein Brennspiegel menschlicher Absurditäten sind. - - Wer den alten Bernhard mit seinem Äffchen auf der Schulter durch das Dachauer Lager spazieren sah, begleitet von den riesigen Köternein Häftling zwar, aber Vertrauter bei allen öffentlichen und geheimen Schändlichkeiten der SS. der mußte unwillkürlich an einen betagten, verschlagen listigen Kolkraben denken, so witterte seine krumme Hakennase mit der zurückfliehenden Mund- und Kinnpartie ewig mißtrauisch oder nach Beute spähend in der Luft herum. Widerlich anzusehen waren auch seine versteckten Augen, die wimperlos in die bläuliche Gesichtshaut eingesetzt waren. Natürlich fehlte es dem Manne in Flossenbürg an der von Dachau her gewohnten Bequemlichkeit und Bevorzugung. Und ein Charakter wie der seine mußte irgendwelche Enttäuschung zwangsläufig auf die Mithäftlinge abladen, die ihm in Berts Stube nunmehr unterstanden. Im Freien draußen tobte sich der Winter weiter nach Herzenslust aus. Der Frost überschlug sich förmlich. Er ließ das Thermometer bis auf 40° C fallen. Alle Fenster waren mit breiten, grotesken Eisblumen dicht mattiert. Da die Zufuhr von Kohle oder Holz völlig ausblieb, wurden die aus dem Elferblock mitgebrachten Strohsäcke verfeuert.... Das alte, verlotterte Stroh gab eine fabelhafte Wärme ab. Fast den ganzen Tag über stand der eiserne Kanonenofen in heftiger Rotglut. Dicht davor saß mit nacktem Oberkörper, anzusehen wie der grimme Hagen auf den Pilotyschen Bildern zur Nibelungensage, der alte Bernhard und räkelte sich unter den Fingern eines Masseurs aus dem Kreise seiner Untergebenen. Zugleich ließ er sich von den Schmeichlern, die ihn aus guten Gründen umstanden, irgendwelche faustdicken Lügen ins Ohr flüstern - ganz # - 186-- ähnlich einem Grandseigneur des Barocks beim Lever: wie fabelhaft elastisch seine Haut noch wäre und wie er einen geradezu jugendlichen Eindruck mache und sofort Schmeicheleien, deren Gegenwert entweder bald in Form eines reichlichen Nachschlages bei der Kostausteilung einkassiert wurde oder die auf spätere Rücksichtnahme des Henkers bei einem eventuellen Strafvollzug in Dachau- womit ja jeder Einzelne stets rechnen mußte, abzielten. - - Bert und seine Freunde beteiligten sich bei diesen Ovationen um den Gefürchteten natürlich nicht, sondern blieben für sich und lasen in der Zeitung erhielten hierdurch begreiflicherweise keine günstige Nummer bei ihm, ein Faktum, das sich rächen sollte, wie wir sehen werden. Ab und zu kamen Geheilte aus dem Revier zurück und berichteten über die dortigen Zustände und einzelne Todesfälle bekannter Dachauer. Vorläufig war noch kein Nachlassen der Seuche zu bemerken.... Jeden Vormittag riẞ der Blockschreiber die Stubentür auf und brachte mit der Briefpost auch neue Zeitungen mit herein, desgleichen Neuigkeiten aus dem Lager. Zumeist war er von dem kurzen Stück Weg und dem bißchen Warten am Tor zum inneren Lager derartig mit Reif bedeckt und verfroren, daß er im warmen Zimmer erst auftauen mußte.... ,, Oh ihr Faulenzer", rief er mit Vorliebe dabei aus. ,, Wie wird euch in Kürze der Steinbruch wieder schmecken!" War aber Meister Bernhard in übler Laune, vor allen Dingen, sobald ihn sein Rheumatismus wieder plagte, so schikanierte er die Stubeninsassen nicht viel anders, als der Blockteufel es vor der Quarantäne beliebt hatte. Er ließ die Belegschaft der Stube stundenlang stillstehen, unter den Tischen durchkriechen, mucksmäuschenstill sein oder nach Kommando Kniebeugen machen-- und ähnliche kindische Äußerungen eines ungehemmten Machtdünkels mehr.... So war immerhin dafür gesorgt, daß die Bäume des Wohllebens nicht in den Himmel wuchsen. Und das große Rad der Zeit dreht sich ja immer weiter, was auch geschehen mag. - -187- 27 CAPO SCHNELL- MAX. Mit voller Absichtlichkeit wurde begreiflicherweise von der Lagerleitung verheimlicht, wie groß die Zahl der Opfer infolge der Seuche im Flossenbürger Kz war. Nur soviel erfuhren die, Roten' wenigstens, daß von ihren tausend aus Dachau gekommenen Kameraden nicht mehr als sechshundert noch arbeitsfähig waren. Entlassen wurde von ihnen aber lediglich Dr. Hickmeyer, der unvergleichlich tüchtige Arzt, als Dank für seine aufopfernde Mühewaltung. Also wenigstens ein Zug von menschlicher Einsicht seitens der SS. Allmählich ließen aber die Zugänge an Erkrankungen nach. Blutproben und Abstriche, die an Universitätsinstitute gesandt wurden, ergaben negative Befunde- und so konnte das Ende der Quarantäne auf den 15. Februar 1940 festgesetzt werden. Mit diesem Termin lieẞ sich auch annehmen, daß die schärfsten Kältegrade vorüber sein würden. Nur wollte es leider das Pech der Dachauer, daß dieser Winter ein geradezu exemplarisch strenger wurde. Bis Mitte März fror es jedenfalls in dieser rauhen Gegend noch Stein und Bein.... Das machte den Beginn der Arbeit angesichts der Rekonvaleszenz der meisten Häftlinge zwar bedenklich, aber der Lagerleitung brannte ja der Ausfall an Lohngewinn schon unter den Nägeln. Deshalb nur munter hinein in die Steinbrüche, sagte sie sich, und kräftig aufgepaßt auf die Kerls, daß sie sich flott bewegten; dann wird schon keiner mehr von ihnen wagen, wiederum krank zu werden punktum! - Und gleich setzte beim ersten Abendappell auch die beliebte Bastonade wieder ein, ausgiebiger noch als sonst, als wollte das knirpsige Lagerbiest sich entschädigen für die lang entbehrte Stillung seiner Lüste. Wieder mischten sich die Jammerschreie der Geschlagenen in das Gegröhle irgendeines dummen Liedes, das von zweitausend heiseren Kehlen, halb zugeschnürt vor Erbitterung, möglichst , zackig gebrüllt werden mußte. Die Blöcke traten wieder im Morgendunkel an, mar - 188- - schierten im Schnee herunter zum Platz, die meisten noch recht wackligen Beines und befangenen Herzens... oh, der verwünschte Capo Knör, dieser Oberstrolch- da drüben stand er schon wieder, mit dem Lagerältesten zusammen, beide noch wohlgenährter geworden als früher schon... wenn er nur diesen drohenden Gorillakiefer sah, faßte Bert schon ein Grauen! Aber was war das? Eben kommt das Lagerbiest mit seinem hüpfenden Schritt heran und nimmt eine neue Einteilung der Planierungen vor, in deren Reihen eine tiefe Lücke durch die Seuche gerissen worden ist. Mit raschen Winken schickt der Lagerleiter die einen der Sklaven hierhin, die anderen dorthin und da: unversehens sind Stillfried und Bert vom Kommando Knör fort zur Planierung II gekommen.... Sie befehligte der einzige rote Dachauer, den man in Flossenbürg zum Capo gemacht hatte. Mitten unter den sich drängenden Gefährten drückten sich die beiden Freunde beglückt die Hand. Denn abgesehen davon, daß diese Planierung ihr festes Arbeitspensum hatte, also nicht derartig, Mädchen für alles' war, wie die frühere, hatte sie vor allen Dingen in Max Schnell einen ganz anderen Capo als jenen rüden Zuhälter. Schnell stammte aus einer reichen Stuttgarter Familie, hatte sich aber als Unteroffizier der Ulmer Pioniere verleiten lassen, die ausländische Spionage zu unterstützen und besaß deshalb, wie er selbst behauptete, keinerlei Aussicht mehr, jemals aus dem Lager herauszukommen. Dabei war er ein höchst aufgeweckter Kopf und brillanter Menschenlenker, mit vielseitigen technischen Kenntnissen versehen, wie sie gerade hier gebraucht werden konnten. Scharf als Capo, wie er auch sein mußte, um in Flossenbürg überhaupt sich halten. zu können, war er doch meilenweit von Knör entfernt, der immer nur wie ein wütender Büffel um sich schlug; sondern er verstand mit anderen Mitteln Besseres zu erreichen als sein, grüner' Kollege.... Die Kunst jedenfalls, seine Tritte so zu setzen, wie sie gerade klingen - 189- mußten; einmal gebieterisch und dann wieder schleichend behutsam, verstand er meisterhaft. Einmal hatte Berts SS.- Blockführer die Aufsicht auf dem Ölberg. Er sprach den Oberst freundlich an, denn dieser hatte ihm einmal eine Übersetzung aus dem Englischen geliefert. Anschließend hieran informierte er auch den Capo, wen er neu zu seinem Kommando bekommen habe. Es dauerte nicht lange, bis SchnellMax sich Bert kommen ließ und ihn nach Dienstgrad, Haftgrund und vielem anderen ausfragte, schließlich auch von sich selbst erzählte und einfließen ließ, daß er zwar leidenschaftlicher Raucher sei, aber mit seinen Angehörigen leider völlig überworfen wäre und daher kein Geld geschickt erhalte. Das letztere, seinen Geldmangel, betonte er so deutlich, daß Bert ihn gleich darauf bat, ein Paket guten Tabak nebst Zubehör von ihm anzunehmen. ,, Gut", lautete Schnells zufriedene Antwort ,,, gib es mir also bei der nächsten Arbeit, aber nur dann, wenn es niemand sieht, selbstredend und leg' noch ein Päckchen Schnupftabak dazu, verstanden?!" - - ,, In Ordnung", nickte Bert, froh, mit einer solch kleinen Bestechung sich den Capo gefügig zu machen. Die Übergabe des Tabakes klappte und seine wohltätige Wirkung spürte Bert schon am gleichen Tage: wo eine leichte Arbeit zu leisten war, schickte SchnellMax ihn hin und auf Berts Wunsch auch Stillfried dazu. Kam der Capo zum Inspizieren des Schaffens irgendwo lautlos herbei, so bekamen die anderen ihren ortsüblichen Anpfiff, ohne den es im Lager nun mal nicht abging, die beiden Kameraden dagegen wurden übersehen. Ebensowenig brauchten sie je in Sorge zu sein, einen zu großen Stein tragen zu müssen, sondern konnten sich passendere aussuchen.... Freilich wurde aus dem einen Päckchen mehrere und schließlich eine laufende Lieferung mit festen Terminen, wie ein Tribut, der sich von selbst versteht.... Gewiß ist das Prinzip des, manus manum lavat' moralisch höchst anfechtbar, jedoch wohl nur in der Freiheit. Hier dagegen, wo es galt, sich täglich das bedrohte Leben zu erhalten, mußte Bert goldfroh sein über jede Art von Erleichterung, die sich ihm bot, selbst wenn sie anrüchig war. Denn immer noch war für alle die Gefahr des Hin- übergleitens in die Ewigkeit ungemein naheliegend. Die Kälte fraß bitter an den Fingern und Zehen; die übertrieben lange Arbeitszeit ermüdete aufs äußerste, selbst wenn das Schaffen nicht mehr allzu beschwerlich war— und notabene: das Essen bestand wiederum nur aus Rübenschnitzeln in heißem Wasser mit halb ver- dorbenen Kartoffeln dazu... ein helles Wunder, daß die Erkrankungen nicht wieder einsetzten. Einmal aber, nach ‚bewegtem‘ Abendappell mit einer ‚ schier unübersehbaren Schar von ‚Prügelknaben‘, hatten ' die Häftlinge schon alle ihre schauderhaften Lieder unter Fischers ‚bewährtem Taktstocke‘ heruntergegröhlt, mit den Lippen ‚tralala‘ gejubelt und mit den Ohren auf den Jammer gelauscht, der zu den offenen Fenstern der Baracke I herausschallte, als am Abend in Berts Block die ‚Parole‘ durchflog, eine Parole von höchster Zugkraft, nämlich: daß es in Kürze nach Dachau zurückgehen solle— hurra! Die Plantage Himmlers müßte für das Frühjahr bestellt werden, und die riesigen Wirtschafts- betriebe der SS. dort wieder in Gang gesetzt werden, so malten es sich die Häftlinge aus... lieber Himmel, wie herrlich wäre es, man stelle sich das vor, wieder seinen gewohnten Dienst zu tun, statt hier in dem schäbigen, ruppigen Verbrecherlager mit seinen erbärmlichen Stein- brüchen langsam zu verrecken.... So ging die Rede in freudiger Bewegtheit von Stube zu Stube. Freilich fehlte noch jegliche Bestätigung dieser Nachricht, so plausibel sie an sich auch-war. Aber am folgenden Sonntag erschien einer der Lagerläufer in jedem der roten Blocks und teilte, gleisnerisch sprechend wie ein Diplomat, folgenden Entschluß der Lagerleitung den aufhorchenden Häftlingen mit: Es fehle in Flossenbürg noch an einer Bücherei, wie sie bemerkt hätten. Die ‚Roten‘ könnten nun selbst für die Beseitigung dieses Mangels sorgen, indem sie einen bestimmten Betrag von ihrem Geldkonto zur Beschaf- * 191 - fung von Büchern zeichnen dürften... seht an, welche Großmut von seiten einer hochmögenden Lagerleitung! Doch der Pferdefuß kam gleich hinten nach: diese Bücher müßten natürlich dem Lager verbleiben, sobald die, Roten etwa Flossenbürg wieder verlassen sollten aha!! Den Hintergrund dieser scheinbaren Geste von Jovialität einzusehen, war für niemanden schwer: es galt eben die, Roten' mit ihren stattlichen Geldkonten noch rasch mit allen Kräften auszubeuten, bevor es zu spät war. Also stand die Rückkehr nach Dachau sicherlich bevor, das war klar und das Lager konnte alsdann die Bücher gleich behalten, deren Auswahl es nicht einmal den Geldgebern überließ, sondern das an dem hohen Rabatt des Buchhändlers für alte Ladenhüter hitlerischen Gepräges saftig verdienen wollte. - Angesichts solcher Erkenntnis lehnte fast alles in den , roten' Blocks die Zeichnung eines Betrages ab, zumal bei der Überfüllung der Stuben und der allgemeinen Ermattung ohnehin keine Muße zu guter Lektüre verblieb. Nebenbei bemerkt: auch die recht gute Dachauer Bibliothek war selbstverständlich niemals von der SS. angeschafft worden, sondern samt und sonders von Häftlingen gestiftet, vielfach von glücklich Entlassenen nachträglich eingesandt, darunter so manches bekannte Werk vom Verfasser als ehemaligem Häftling eigenhändig den Lagerinsassen dediziert. Mit solcher Gewißheit zog geradezu eine Art Übermut in die Kreise der Dachauer ein, der sie leichtsinnig zu machen begann. Mochte nun die Lagerleitung dies merken oder auch nur allgemein verstimmt darüber sein, eine so große Zahl von anstelligen Arbeitern zu verlieren, die man angelernt hatte es lag jedenfalls in der Luft, wie Stillfried mit seiner feinen Nase für solche Verhältnisse spürte, daß es vor einer Trennung vom , K.L.Flo. noch zu einem Zusammenstoß kommen müsse, bei dem natürlich die, Roten' kräftig den Kürzeren ziehen würden. a Prompt traf seine Befürchtung ein. Das Forschen des grünlichen, storchbeinigen Hauptscharführers nach gefügigen Elementen, die ihm verraten konnten, wer in den ‚roten‘ Blocks politische Diskussionen führe, war endlich von Erfolg begleitet.... Ein halb ‚depperter‘ Österreicher hatte ihm eine Meldung zukommen lassen, laut welcher im Zehnerblock zu allen Tageszeiten politi- siert werde, natürlich abfällig über das Hitler-Regime. Und daß in einem Blocke, an dessen Tischen ein Poli- tiker vom Range Dr. Schumachers, dem heutigen Vor- sitzenden der SPD., saß, natürlich kräftig im abfälligen Sinne gegen die Hitlerei debattiert wurde, konnte schwer geleugnet werden. Da der Sinnverwirrte keine Namen nennen Konnte, mußte also gegen den gesamten Block eingeschritten werden, und dies auf exemplarische Weise, gleichzeitig als ein Ventil für den Unmut gegen die ‚Roten‘ über- haupt. Ein Verhör anzustellen zur Feststellung dessen, was an der handgreiflichen Verleumdung irgendwie Wahres daran wäre, brauchte man in einem Kz-Lager niemals. An einem‘Sonntage mußte der Zehnerblock, ohne eine Ahnung zu haben, was ihm bevorstand, wieder am Morgen zum Appellplatz zurückmarschieren, als sich schon alles lebhaft auf den freien Sonntag freute.... Mitten auf dem Platz stehend, empfing sie das schwind- süchtige Storchbein mit der galligsten, unerbittlichsten Miene, deren er fähig war, gelbgrün im Gesicht bis hinter die Ohren.... Die ganze Zeit über hatte ewiger Nebel mit kaltem Sprühregen abwechselnd geherrscht, wie er den Vorfrühling in jenen Bergen einleitet. Der noch immer nicht planierte Platz schwamm demzufolge in riesigen Lachen von Eiswasser, vermischt mit Stellen schmutzigen Schnees. Ahnten nun die Erfahrenen des Zehnerblocks schon beim Anmarsche nichts Gutes, so wurden ihre Befürch- tungen noch weit überboten durch das, was der Schwind- süchtige nun mit ihnen anstellte. Fünf, sechs Schar- führer mit Prügeln in der Hand mußten ihn unter- - 193 - stützen und dann begann ein Strafexerzieren, wie es auch langgediente Soldaten unter den, Roten noch nicht erlebt hatten: zwei volle Stunden lang nichts wie im Laufschritt in der Runde herum, hinlegen, Sprung auf, marsch, marsch! wieder hinlegen, natürlich stets in die saftigsten Pfützen hinein; dann zur Abwechslung robben auf den Ellbogen, rollen um die eigene Achse, Häschen- hüpf über die ganze Länge des Platzes und wieder zurück.... Die Lagerleitung nannte das: dem Teufel der Verschwörung mal gehörig auf den Schwanz treten! Und alles in den verwünschten, schweren Holzpantinen, die wie Blei den geschwinden Lauf der Füße hemmten - Wehe, wenn einer nicht schnell genug sich auf die verdreckte Erde hinwarf, wenn einer bei der Schlüpfrigkeit des Bodens seine Pantinen verlor oder beim Robben das Gesäß in die Höhe streckte oder ihm die Knie versagten bei dem pausenlosen Hüpfen! Die Knüttel sausten dann auf ihn nieder, wo sie nur hintrafen; denn die Scharführer waren ja selbst erbost über die Störung ihres freien Sonntags. Knirschend vor Wut und Angst trabten die Sklaven wie Rudel gehetzten Wildes durch den Schmutz, getrieben von der schnarrenden Stimme des Todgeweihten und dem Geheul seiner Wölfe. Er jagte die bis aufs Blut Gepeinigten bis zum Niederfallen herum. Die Gesichter verzerrten sich, die Herzen hämmerten zum Zerspringen. Direkt vor Bert stürzte der alte Hofrat Streitmann zusammen. Die sieche Brust erschütterte der gehetzte Atem. Ein Wunder ohnehin, daß er die Epidemie mit seinen schwachen Kräften überstanden hatte. Jetzt war er ausgepumpt bis zum Allerletzten. Ein Hagel von Schlägen sauste auf ihn nieder. Er rührte sich nicht; denn eine Ohnmacht hielt ihn gottlob umfangen. Bis endlich nach reichlich zwei Stunden, da die Ausdauer des ausgemergelten Sadisten nicht zu erlahmen schien, blitzschnell die Parole durch die mit Schweiß und Schmutz bekrusteten Häftlinge, die nur noch zu taumeln vermochten, lief, es alle dem alten Hofrat nachzumachen 13 Conrady, Amokläufer. - 194 - und einfach nicht mehr aufzustehen. Jeden einzelnen der rund dreihundert Mann konnten die Scharführer ja nicht zu Tode prügeln. Beim nächsten Kommando: Auf, marsch, marsch! blieb alles mitten im Schlamme liegen, durchnäẞt bis auf die Haut, wie sie ja ohnehin schon waren. Während auch Bert zum Schein ein letztes Röcheln ausstieẞ, blinzelte er zu dem Schwindsüchtigen in der Mitte des Platzes hinüber und sah, wie dieser noch um eine Nuance grünlicher im Gesicht wurde als er vorher schon war. Mit den dünnen Armen fuhr er nun in der Luft herum und schrie seinen Befehl nochmals hinaus, aber schon mit dem Unterton eines eigensinnigen Buben in der Stimme, dem man seinen Willen nicht tut.... Inzwischen winkten ihm sogar seine Wölfe ab. Sie hatten genug vom Prügeln und wollten nach Hause zum Skat. Ihr werdet sagen, ihr alten Soldaten: solch Strafexerzieren kennen wir zur Genüge vom Kommiẞ her.... Gut, ich weiß es, aber dann lagen meistens stichhaltige Gründe vor, und niemand hat euch noch dazu erbarmungslos geschlagen- und, last not least': ihr habt euch nachher in der Kantine und beim Essen wieder stärken können, was hier nicht der Fall war. Denn als der immer noch unzufriedene Quälgeist endlich sammeln ließ, verkündete er mit völlig verausgabter Stimme den Trumpf, den er sich bis zuletzt aufgehoben hatte; das Sonntagsessen, das einzige in der ganzen Woche, das etwas ausgab, fällt für den Zehnerblock aus, mittags und abends... ein befriedigtes Lächeln schlich um seine Mundwinkel, als er die Reaktion dieser Verkündung in den Mienen der abgehetzten Leute sah ah, das tat ihm wohl! - Aber damit war noch lange nicht alles vorbei. Ihre aus Dachau neu gekommene Kleidung sah unbeschreiblich aus. Mit schmalen Lippen befahl nun der Schwindsüchtige, daß binnen einer Stunde alles blitzblank wieder unten auf dem Platz zu stehen habe wer nicht tadellos sauber sei, mit dem werde er noch bis zum nächsten Morgen, Schlitten fahren'.... Abtreten! -- DER RÜCKTRANSPORT. Das war aber auch wirklich der letzte Ausfluß bös- artiger Gelüste, denen die ‚Roten‘ hier oben ausgeliefert waren. Nur ihr Abschied vom K.L.Flo. gestaltete sich noch zu einer Orgie der Plünderei. Er fiel in die Mitte des Monats März 1940. Winzigkeiten an Besitz hatten sich doch noch in den sechs Monaten ihres Hierseins bei den roten Häftlingen durch Ankauf in der Kantine angesammelt, wie Rasier- zeug, Nagelscheren, Tabak und Pfeife, Notizbücher und Ähnliches. Das fiel jetzt alles, obwohl ehrlich bezahlt, den ‚Grünen‘ zum Opfer, mit Wissen und Wollen der SS,, die es verkauft hatte. Die ‚roten‘ Blöcke wurden stubenweise in die ehe- malige Seuchenbaracke geführt, deren eine Schmalseite entfernt worden war. Die Männer mußten sich völlig auskleiden, ihre Sachen einem der Scharführer zur Unter- suchung hinhalten und bekamen natürlich nur noch die inhaltlose Kleidung zurück... Bert war es ziemlich gleichgültig; denn für ihn geisterte zwischen diesen Wänden noch immer das Grauen so vieler Sterbender, die er betreut hatte.... War es denn wirklich so weit, daß sie diesen Vulkan, von dem alltäglich Lavaströme des Menschenleids herabflossen, nun verlassen durften? Aber es blieb definitiv dabei. Zum letzten Male klap- perten die Holzpantinen auf dem hartgefrorenen Boden. Beim Tore schwenkten die Fünferreihen lachend und voll inneren Triumphes an dem kleinen Lagerbiest vor- bei, das in seinem schwarzen Ledermantel wiederum von einem Bein aufs andere trat und höchst unzufrieden schien. Einen letzten Blick warf Bert noch auf die an- steigenden Baracken, die geduckt in ihrem grünen Kleide auf dem Ölberg übereinander gereiht lagen— und schließlich auf den Arbeitsplatz der Steinmetze, von dem ihm Capo Statz wehmütig nachsah.... Die Burgruine tauchte wieder auf, unentwegt düster und drohend emporgereckt—— o, du Raubritternest dort drüben! Wie relativ bescheiden ward ihr immerhin 13? - -196noch jetzt hausen die heutigen Raubritter, zehnmal ärger als ihr es jemals gewagt hättet, zu deinen Füßen, ja, wer im Glutofen solcher Drangsal ausgeharrt hat, der kann auf sich bauen! Leise sprach Bert im Marschieren das Gedicht Otto Julius Bierbaums vor sich hin:, Der Schmerz ist ein Schmied. Sein Hammer ist hart. Von fliegenden Flammen ist sein Herd. Sein Blasebalg bläht. Ein stoßender Sturm von wilden Gewalten. Er hämmert die Herzen. Und schweißt sie mit schweren und harten Hieben zu festem Gefüge. Gut, gut schmiedet der Schmerz...' Doch um das Behagen voll zu machen, fanden die , Roten' an dem winzigen Bahnhöfchen nicht die erwarteten Viehwagen für ihren Transport vor, die bei den Kältegraden, die trotz des blassen Sonnenscheins herrschten, nicht gerade angenehm gewesen wären, sondern eine lange Kette normaler Personenwagen. Schnell waren beim Kommando: Einsteigen die Plätze erstürmt! Zwei biedere Landsturmposten nahmen mit Flinte, Tornister und Gasmasken in Berts Abteil Platz und waren noch vor der Abfahrt in einen munteren Skat mit Leo und Täubler verwickelt... ohne Zwang fand sich unter dem Zauberstab der Freude, statt der Verhetzung, Mensch zum Menschen und siehe: nicht die Spur einer Kluft trennte sie. - Nur das Äußere der, Auszügler' war wahrhaft erschreckend: sie hatten Nasen, an denen so wenig Fleisch geblieben war, daß sie richtigen Geierschnäbeln glichen. Tiefe Falten waren zwischen den Augenbrauen und um die Mundpartien herum eingegraben; ihre Muskeln glichen Strickbündeln; die Rippen stachen förmlich durch die pergamentene Haut. So ähnelte fast jeder von ihnen dem leibhaftigen Knochenmanne. Hätte man ihnen noch Sense und Stundenglas in die Hand gedrückt, so wären sie wie geschaffen für ein lebendes Bild des großen Schnitters Tod gewesen, dem sie nur von der Schaufel gesprungen schienen. - Aber aber: sie hatten das Eine dabei erkennen gelernt, jedenfalls Bert und seine Freunde, daß der Aus - 197 dauer eines Menschen so gut wie keine Grenze gesetzt ist, solange bei ihm ein starker Wille und festes Gottvertrauen die Oberhand behalten... o, wunderbare Macht des Leidens und der Läuterung! Draußen in der bewohnten Welt, die das talabwärts rollende Bähnlein nun durchschnitt, schien es wieder mal Frühling werden zu wollen, allen Kriegswirren, allem Leiden und Sterben zum Trotz. Das rauhe, karge Bergland bekam davon wenigstens einen bescheidenen Schimmer zu spüren in Gestalt eines blaẞblauen Himmels und schüchternen Sonnenscheins. Von allen Ecken und Enden her rieselte und tropfte es, Rinnsale eilten den Bächen, den Flüssen, dem großen Strome zu. Die gewaltige, unerschütterliche Natur war im Aufbruch, eisige Ketten waren zersprengt, die Fluten im Marsche und sie selbst, die Überlebenden des tückischen Winters da droben, auch sie waren auf dem Marsche.. walte Gott, zu einem menschenwürdigeren Dasein. EIT. WIEDER IN DACHAU. RÜCKKEHR INS LAGER. Als die Rückkehrer aus Flossenbürg sich am anderen Morgen umsahen, wollte es ihnen scheinen, als ob das vertraute Lager nicht mehr zu erkennen sei. Daß sie nachts bei ihrer Ankunft nicht durch das gewohnte Haupttor mit dem schön geschmiedeten Gitter einmarschiert, sondern am Laufe der reißenden Amper entlang und durch ein provisorisches Tor. hereinge- kommen waren, hatten die meisten trotz der herrschen- den Dunkelheit wohl gemerkt... jetzt aber sahen sie, daß die imposante, breite Lagerstraße zur Hälfte durch einen Stacheldrahtzaun quer abgesperrt war und hier- durch nur noch die halbe Zahl von Baracken den Häft- lingen zur Verfügung stand. Die abgesperrte Hälfte war noch mit SS.-Truppen belegt. Folglich fiel auch der große Appellplatz sowie das weitgestreckte Wirtschaftsgebäude mit dem Bad aus. Immerhin war das schließlich noch zu verwinden. Stärker packte es die ehemaligen Flossenbürger, als sie vernahmen, welch tiefe Lücke in die Reihen ihrer Freunde durch die halbjährige Verlegung in auswärtige Kz’s gerissen worden war. Besonders die Österreicher hatten unter. den 900 Toten, die im Lager Mauthausen von den 1500 Dachauern zurückgeblieben waren, gar viele ‚Spezis‘ und Verwandte zu beklagen. Und noch stärker als sie waren jene braunhäutigen Zigeuner dezimiert worden, die Bert vor ihrem Abmarsche auf dem Appell- platze gesehen hatte— Kinder des heißen Südens, die der barbarischen Kälte dieses Winters, dem Hunger, der unmenschlichen Härte ihrer Arbeit in den dortigen Steinbrüchen wie die Fliegen zum Opfer gefallen waren. Ihrer waren in Mauthausen so viele dahingerafft worden, daß in Linz das Krematorium mit dem Ver- brennen der Leichen nicht nachgekommen war, und in der Totenkammer des Lagers die Ratten bereits begannen, die Leichen anzufressen.... Nun waren, um den Lager- bestand Dachaus zu erhöhen, aus Sachsenhausen, dem großen Kz-Lager bei Berlin, rund tausend Mann ange- kommen, ihren Kennzeichen nach alles ‚Grüne‘, ‚Braune‘ und ‚Schwarze‘, fast durchwegs ein übles Gesindel aus düsteren Winkeln norddeutscher Großstädte. Insonderheit bedauerte es Bert überaus, daß sein Gönner Hans von Becker nach Regensburg an das dor- tige Volksgericht überstellt worden war. So fehlten ihm nun mit Becker und Kohlhofer zwei seiner liebsten Kameraden..... Aber einen reichlichen Trost bildete für ihn der Brief, den er schon am Tage nach seinem Ein- treffen. in Dachau erhielt. Es waren die ersten Zeilen ausschließlich von Ifinas eigener Hand, die er zu lesen bekam... und o Wunder! Sie stammten aus München! Voll Staunen bewunderte er die frappanten Fortschritte, die das verblüffende Mädchen inzwischen stilistisch im deutschen Ausdruck gemacht hatte. Und nicht viel weniger staunte er über ihre Mitteilung: sie hätte im Prager Tagblatt eine An- zeige gelesen, nach welcher der große Zirkus Krone in München eine Bürokraft suchte, es könne auch eine An- fängerin sein, die jedoch in Wort und Schrift deutsch und tschechisch beherrschen müsse. Das sei an sich.nichts Ungewöhnliches, schrieb sie, denn in jedem Zirkusbetrieb wären die meisten Tierpfleger tschechischer Nation, dank der großen Geduld und Nüchternheit, Emsigkeit und Liebe zu allem Viehzeug, das ihnen innewohne. Um mit solchen Angestellten besser als bisher umgehen zu können, wollte das Personalbüro eine gebürtige Tschechin einstellen. Bert kombinierte sofort: das Inserat lesen und mit all ihrer spannungsreichen Entschlossenheit sich sagen: diesen Posten muß ich bekommen, wird bei Irina eins gewesen sein. Auch Berts gute Schwester wird in den - 200 - Plan rechtzeitig eingespannt worden sein und dürfte wohl Iřina eingeladen haben, in ihrem schönen Hause zu wohnen. Sie wird das Mädchen persönlich bei der Direktion empfohlen haben und so wird die Sache zuni Klappen gekommen sein.... Also hat sich wie durch ein Wunder, das mehr als ein glücklicher Zufall sein muß, ihre Übersiedlung nach München und in sein eigenes Haus schon vollzogen dem lieben Himmel sei Dank! Und das Bewußtsein, schrieb sie, ihm wenigstens räumlich nun so nahe zu sein, beglücke sie noch weit mehr als der leichte Dienst in dem interessanten Milieu des Zirkus und das gemeinsame Wohnen mit seiner Schwester in dem Schwabinger Haus...., Wähntest Du etwa, ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?' so schloß sie ihre Zeilen mit dem Dichterwort, das auf ihre ersten literarischen Studien schließen ließ... ach, das klang schon wie ein vorahnendes Jubeln im Gefühle größerer Freuden! - Bert ging mit dem Brief in der Tasche wie ein Verwandelter im Lager umher. Das dies Wissen um ihre Einigkeit mit ihm, ihr Warten auf ihn, träufelte gleichsam Nektar in seine Seele, die nach einem herzlichen Zuspruch so sehr hungerte. Denn, meine Lieben, wessen Herz nicht wenigstens noch an eine Seele mit Liebe und Hoffnung gebunden ist, des Leben ist kalt und dunkel. Und nach dem furchtbaren Erleben des verflossenen Halbjahres im, K.L.Flo.' bedurfte er ja nur eines Strahles von Licht, um sein Inneres ein wenig zu wärmen. Wer jemals gezwungen war, zu solchen Tiefen des Daseins herabzusteigen, wie er in Flossenbürg, der hat sich von dort einen Talisman mitgebracht, der ihn bescheiden macht. Denn solch ein Mensch erfährt, daß Leben tatsächlich schwerer ist als Sterben, ohne Übertreibung gesagt! Wer solche Krise aufrecht überwunden hat, ist der gemeinen Angst der Kreatur entwachsen.... Wohl zuckt es noch hin und wieder in den Nervensträngen, weil sie über alles Maß hinaus 201 beansprucht worden waren; aber das ist nicht mehr als rein animalischer Reflex, der sich allmählich verliert. In diesem Frohgefühl stieß er auf einen früheren Bekannten, den Bibelforscher aus Krems. Den hatte damals im Herbst das Los erst nach Flossenbürg, dann nach Mauthausen verschlagen, ebenso wie den jungen Spottvogel, der hinter ihnen beim Transport gestanden hatte. Letzterer war jedoch der Grausamkeit des Winters und der Lagerbestien im dortigen Steinbruche zum Opfer gefallen.... Haarsträubendes war es, was der stille Mann an Berts Seite von seinen Erlebnissen im Vernichtungslager erzählte, obwohl seinen Zügen davon nicht viel anzumerken war. Vielmehr sprach aus seinem Wesen, mehr noch als je, die tief in Gottes ewiges Walten verankerte, gelassene Zuversicht. Nur die rotbraune lederne Gesichtshaut und das Blinzeln seiner Augen verrieten den ständigen Aufenthalt im Freien bei unerbittlicher Winterluft. Dagegen war er selbst über Berts Veränderung erschrocken und verfiel sogleich in sein heimatliches Österreichisch: ,, Also ausschaun's, Oberst, na habe die Ehre! Die Augen zu und in an Sarg eini'- und d'Leich' is' ferti'!" - ,, Aber nun", wehrte Bert lächelnd ab ,,, bist du doch auch froh, ebenso wie wir Roten, der Hölle dort entronnen zu sein, nicht wahr, lieber Baumgarten?" - ,, Offengestanden nein! Denn auch ich rechnete schon fest mit meinem Ableben und das reinste, erhabenste Gefühl auf Erden bleibt eben für uns die Freude auf den Tod... auch du wirst das einst erfahren!" ,, Na", gab Bert mit ingrimmigem Auflachen zurück, ,, ich bezweifle das! Vorläufig habe ich jedenfalls einen gedrungenen Zorn gegen meine Quäler und wünschte nur, ihnen mal das gleiche Leid zurückzuzahlen, das sie mir angetan haben...." ,, Aber geh", verwies ihn der Bibelforscher sanft. ,, Auf dieser Welt sind Zorn und Empörung niemals am Platze. Das muß man den Verworrenen überlassen, jenen, die keine Zusammenhänge sehen und sich auf die Dinge 202 - blind und besserungswütig losstürzen. Sie sitzen alle hinter den Gitterstäben ihrer Leidenschaften und lassen sich von ihrer Gier das Beste rauben, was der Mensch hat, das gute reine Gewissen! Wir kennen solche Fehler nicht. Und die in Tränen säen, werden in Freuden ernten. Gott der Herr wird des reuigen Sünders nie vergessen. " ,, Gewiß, der Glaube spaltet noch immer Felsen und versetzt Berge, das weiß auch ich, aber ,, Man muß", fiel Baumgarten eifrig ein ,,, gleich dem kleinen Samuel in der Bibel warten, ob der Herr nicht mehrmals ruft. Übereilung schadet nirgends mehr als in religiösen Dingen, auch du wirst das gleiche noch erfahren!" Unwillkürlich reckte sich Bert etwas bei den Worten des anderen. ,, Vielleicht wird es mal eintreffen, was du annimmst, mein Lieber, wenn ich erst ein solcher , Schwergewichtler' an Tugend geworden bin, wie Du es bist. Heute aber bin ich noch froh, zu den Überlebenden zu zählen ja, es will mir fast scheinen, mehr als je nach unseren bitteren Erfahrungen!" Damit nahm er mit Handschlag von seinem Begleiter Abschied. FREMDER ZUZUG. Von seiten der Lagerleitung wurden die aus den Steinbrüchen zurückgekehrten Häftlinge vorerst ziemlich geschont, kraftlos, wie sie alle waren. Warme Kost und Brot waren auf Gewichtszunahme berechnet und stillten auch allmählich den schlimmsten Hunger. Ihr Aussehen war aber auch so gewesen, daß die in Dachau zurückgebliebenen paar Kameraden sie effektiv nicht mehr erkannt hatten. Wo waren ihre Augen geblieben, die tief in den Höhlen lagen, wo ihre Züge, die von Hunger und Entbehrungen entstellt waren? Hinsichtlich der Arbeit ließ man alle diejenigen, die ihre Plätze in den Zentralwerkstätten der SS. wieder einnehmen konnten, wie Leo Eichmüller zum Beispiel, in die alten Kommandos eintreten, wo sie unter Dach und Fach waren. Andere, wie der Wiener Oberbürger- meister Schmitz, kamen zu den Kartoffelschälern oder wie Stillfried zur Zahlmeisterei— oder wie Bert und Oberst Adam in die Strumpfstopferei. Der Arbeits- führer von Dachau, Rapportführer Rämmele stellte eine äußerst seltene Ausnahme unter seinen SS.-Kollegen dar, ein immer heiteres, festes, sympathisches Manns- bild, Typ eines jovialen Schwabens aus dem Allgäu. Durch die flotte Art, wie er die Appelle leitete, unter- schieden sich diese wohltuend von den verhaßten Auf- tritten in Flossenbürg. Hier spielte sich die Einteilung der Kommandos, das Nachzählen und Abmarschieren ohne jede Reibung, eher unter Späßen ab, nur ausgenommen bei jenen tausend ‚Grünen‘ und ‚Braunen‘ aus Norddeutschland, die sich unter verlogenem Gewinsel und unverhohlener Faulheit vor jeglicher Tätigkeit zu drücken suchten. Ihnen schob Rämmele mit Absicht die. Aufräumungs- arbeiten schmutzigster Art im Lager zu und zur Zeit besonders das Schneeräumen. Denn noch immer war das Wetter überaus rauh und vom Ende des Winters nichts zu merken. Einen Tag.nach dem anderen fiel dichter Schnee, dessen Flocken der scharfe Ostwind den Marschierenden ins Gesicht fegte. Die netten Garten- anlagen.des Lagers, die Bert im Herbst erfreut hatten, lagen noch verwüstet da; ebenso wiegten die schlanken Pappeln, welche Lagerbach und Straße begleiteten, ihre kahlen Wipfel wie dürre Besen im Wind und zeigten noch keine Spur von aufbrechenden Knospen, Dabei schrieb man schon den letzten März. * Jedesmal, wenn Berts Trupp nach dem Umweg, den er wegen der abgesperrten Lagerstraße zu machen hatte, am Appellplatz vor dem großen Wirtschaftsgebäude anhielt, in dessen Souterrain die Schusterei, Schneiderei - 204und Strumpfstopferei untergebracht waren, drängte sich alles hastig die Treppe hinunter in den Innenraum, so eisig durchzog der Ostwind ihre dünne Kleidung und ließ sie nach der Wärme verlangen, die sie im geschlossenen Raum erwartete. Die fünffache Zahl von Stopfern als in Flossenbürg saß hier gemächlich an langen Tischen, von einem einarmigen Capo verträglichen Wesens betreut und von einem genießbaren Arbeitsverwalter beaufsichtigt. Keiner brauchte sich beim Schaffen zu überanstrengen. Dafür begleitete ein nie abreißendes Plaudern mit dem Nachbarn das langsame Hin und Her der großen Stopfnadeln durch die Riesenlöcher der Socken... trotzdem: was für klägliche Gesellen! Sie bildeten gleichsam einen Staat unter sich im kleinen, ohne daß ihnen zum Bewußtsein gekommen wäre, wie verzerrt und armselig ihre Kopie war. Sie schufen sich selbst die Illusion des Lebendigseins und irgendwie Nützlichseins bis sie einander gründlich satt hatten. Und dieser Überdruß steigerte sich bei vielen bis zum Ekel vor der körperlichen Nähe eines anderen. Die in Charakter und Umgang angenehmsten Kameraden waren hier die überzeugten Kommunisten. Es waren effektiv die ruhigsten, friedliebendsten, hilfsbereitesten Menschen und und zuverlässigsten Arbeiter. -- Eine Besonderheit des Lagerlebens lernte Bert hier noch gründlich kennen: das, Organisieren', von SS.Eigentum zu Gunst und Frommen der eigenen Person oder zu Tauschzwecken, wie man es nannte. Denn in der Stopferei begann man, aus defekten Socken allerlei Pulswärmer, Beinlinge, Knieschützer, Halsbinden nebenbei zu verfertigen, ebenso wie die Schuster insgeheim die schönsten Lederetuis für Zigaretten oder Brustbeutel für das bißchen Geld fabrizierten, das der Häftling besitzen durfte, wenn seine Angehörigen ihm etwas gesandt hatten. Bei einem Schneider, den man kannte, ließ sich allen Ernstes ein Dutzend Taschentücher in Auftrag geben, und zwar vom farbigen Hemdenstoff bis zum feinsten Batistleinen, mit oder ohne Hohlsaum oder - 205 - eingestickten Initialen. Die Qualität der Lieferung war nur eine Preisfrage.... Wer solches Tun verdammt, wie es vom Standpunkt der Moral aus berechtigt wäre, darf freilich nicht vergessen, daß es in den Augen der Gefangenen nur eine winzige Revanche für das ihnen angetane Unrecht war. ,, Deshalb wohl", flüsterte Bert beim Strumpfstopfen Oberst Adam zu ,,, nennt Himmler diese Schöpfungen seines Tatendranges auch, Umschulungslager', weil in ihnen ein Mensch, der nichts verbrochen, sondern sein Leben ehrlich und gradlinig zugebracht hat, hier unfehlbar zum Heuchler und Betrüger, zum Hehler und Stehler umgeschult wird!" Natürlich hatten in Dachau wieder nur, Rote' alle guten Posten inne. Ein Mann wie Rämmele, der selbst in Flossenbürg und Mauthausen die Verhältnisse genügend beobachtet hatte, würde nie einem, Grünen' oder , Braunen ein, besseres' Kommando bewilligt haben. Und die roten Capos, unter deren stillschweigender Billigung solche geheimen Anfertigungen vor sich gingen, waren verständig genug, dafür zu sorgen, daß die Arbeiten nicht zu umfangreich und auffällig wurden. Die, Grünen dagegen, in der Gier und ewigen Kurzsichtigkeit der Kriminellen, ließen jede Vorsicht außer acht und brachten es bald fertig, daß ihr Treiben, aufflog', wie es nannte, sobald bemerkenswerte Bestände fehlten und die Folge davon war, daß die Lagerleitung zur Kleiderkontrolle schritt und die Lagerstrafen verschärfte. man - Die Rolle des kleinen Aumeyers von Flossenbürg spielte als Lagerleiter nicht mehr der elegante Eisfeldt, der Bert bei seiner Einlieferung in Dachau ganz gut gefallen hatte, sondern ein neuer Mann. Es war ein SS.- Hauptsturmführer von schmächtiger Gestalt und ausgesprochen sächsischem Dialekt in der Sprache, namens Egon Zill, ein Mann mit unbeweglichem, beinahe starrem Gesichtsausdruck und geradezu kannibalischer Häßlichkeit der Züge, mit frostig blickenden, grauen Augen. Seine Bewegungen waren von lässigem Phlegma, - 206an sich eine schätzenswerte Eigenschaft für sein Amt. Während der Appelle stand er regelmäßig, die Hände. auf dem Rücken, wie versonnen da und ließ fast alles Rämmele oder dessen Helfer anordnen, ohne etwas einzuwenden. Dennoch fehlte es ihm nicht an praktischer Einsicht, wie er sich auch Bert gegenüber späterhin als wohlwollend erwies. Unmittelbar nach Abmarsch der Kommandos zu ihren Arbeitsplätzen schwang er sich auf sein Fahrrad, pfiff seinem kleinen Foxl und fuhr, ohne jemanden zu beachten, in seine Wohnung zum Frühstück. Wieso er im Lager zu dem Spitznamen, Tibbu- Tipp' gekommen war, war für Bert nicht mehr festzustellen. Neben dem Lagerelefanten Hoffmann, der von allen den breitesten Schatten warf, und mit unersättlicher Vorliebe seine heisere Bärenstimme erdröhnen ließ, erschien ihm Zill immer in der Pose eines marmornen Halbgottes, der ein schwächliches, schwankendes Inneres hinter der Maske frostiger Unnahbarkeit verbarg. Den Häftlingen war er unheimlich, zumal er die Lagerdisziplin erheblich verschärfte und keinen Zweifel darüber ließ, daß schon sein leisestes Stirnrunzeln ihnen Bedrohung, sein Zorn dagegen ihr Untergang sein konnte.... Unter seinem eisigen Blicke erstarb ihnen das Wort auf den Lippen, aber auch den meisten Scharführern nicht minder. Nur der biedere Rämmele fand in seinem Naturell den rechten Talisman gegen Tibbu- Tipps Kälte. Er sprang mit ihm um, wie es ihm gerade paẞte. * Vergessen wir aber nicht, daß zur gleichen Zeit, als sich dies Geschehen in Dachau abspielte, die Republik Polen von den deutschen Truppen überrannt und besetzt worden war. Ein reiches, ja überreiches Feld für sadistische Gelüste erschloß sich hierdurch dem Zugriff von Schlächternaturen, wie denjenigen des Kreises um Hitler, des Amokläufers gegen die Welt überreich nicht nur - - 207 - durch die Fülle von Juden, die es dort aufzustöbern und nach allen Regeln zu knechten gab. Zum Regenten in Polen ließ Himmler durch den , Führer', der bekanntlich Wachs in seinen Händen war, nunmehr seinen Sozius im Geiste, Dr. Frank bestellen, den Zerstörer der ehemals hochachtbaren deutschen Rechtspflege. Und wahre Betaillone von Gestapoleuten folgten ihrem Spitzenreiter, warfen ganze Schichten der polnischen Bevölkerung in die Kerker, bemächtigten sich ihres Eigentums, verschleppten Familienväter ebenso wie Schulbuben und vernichteten Existenzen, wo immer ihnen etwas Geeignetes unter die Hände kanı. Hierbei handelte es sich nicht mehr um solche Zivilisten, die beim Vormarsch der deutschen Truppen in den Verdacht bewaffneten Widerstandes geraten waren und mit denen Bert schon bei seiner Einlieferung im Lager entfernte Berührung genossen hatte, wie man sich erinnern wird. Sondern dies waren völlig Unbescholtene und auch nicht weiter Verdächtigte aus allen Volksschichten, für die es einen eigentlichen Haftgrund nicht gab, wenn nicht den einen: bestimmte Prozentsätze von Männern und Frauen jeder Stadt als Geiseln wegzuschleppen, um die übrige Bevölkerung besser in Schach halten, respektive terrorisieren zu können. Hunderttausende solcher Opfer traten den dornenvollen Weg ins Unbestimmte zur Verteilung auf die verschiedenen Lager an, eine regelrechte Völkerwanderung voll Not und Bedrängnis; hunderttausende, denen man heuchlerisch eingeredet hatte; es geschieht euch nichts, ihr kommt, auf Arbeit ins Altreich, laßt euch Proviant für fünf, sechs Tage von euren Angehörigen ins Gefängnis bringen! Und das geschah fast bei allen. Oft werden die Frauen ihr Letztes an Lebensmitteln hergegeben haben. Und mit Sack und Pack, Koffern und Rucksäcken beladen zogen die Männer ab, die Bauern in ihren kurzen Pelzröcken und Röhrenstiefeln, hohe Lammfellmützen auf dem Kopf, neben ihnen die Städter in bester westlicher Kleidung. Natürlich war das Versprechen von _ 208 - bezahlter Arbeit ein echter Nazibluff. Vielmehr stellte sie Herr Dr. Frank, der Generalgouverneur, seinem Freunde und Gönner Himmler als Lagersklaven zur Verfügung. Und so kam es, daß eines Morgens, als Berts Kommando durch das Haupttor auf den Appellplatz marschierte, sich ihm ein überraschender Anblick bot: gegen dreitausend Mann standen eng zusammengedrängt auf der weiten Fläche, neben sich das reichliche Gepäck, einzelne Männer bereits erschöpft am Boden liegend, die anderen mit den Augen umherschweifend wie eingefangene Waldtiere. Und ebenso forschend sahen ihre Blicke dem marschierenden Trupp entgegen, ohne recht begreifen zu können, weshalb man erwachsene Menschen wie Zirkusclowns gekleidet am hellen Tage herumlaufen ließ. Zur Mittagspause standen die Armen, die in den frühesten Morgenstunden angelangt waren, noch immer beisammen, standen regungslos und warteten, ohne daß mehr als ein gelangweilter Scharführer sie bewachte. Nur die Zahl der Zusammengebrochenen war inzwischen vervielfacht. Aber um sie kümmerte sich so wenig irgend jemand wie um die noch Stehenden.... Erst später, beim Nachmittagsappell standen lange Tische da, aus einem nahen Block herausgeholt und bedeckt mit hohen Stößen von Speckseiten, dicken Wurstringen, Käseleibern, Butter- und Schmalzgefäßen, sowie mit Bergen von Brot. Sehr begreiflich, daß solch ein Anblick ganz für das Herz ehemaliger Flossenbürger und Mauthausener geschaffen war. Wie lange war doch derartig kernige Nahrung nicht mehr zwischen ihre Zähne gelangt! Wer fragte von ihnen viel, durch welch schreiendes Unrecht ihnen solcher Genuß verschafft werden sollte. Der Lagerelefant stampfte um die beladenen Tische herum und ließ den Raub aus Polen auf die paar Barakken, aus denen erst das Lager bestand, verteilen, wobei selbstredend die Capos und Blockältesten ihre Doppelportionen vorab erhielten, ganz zu schweigen von dem Löwenanteil, der schon längst vorher der gesamten 55. zugeflossen war. Und zwei Tage darauf wiederholte sich‘dies Schauspiel von Anbeginn an bis zur Kost- verteilung— und in den nächsten Wochen insgesamt noch viermal. Kein Wunder, daß die Wangen der älteren Häftlinge sich allmählich wieder rundeten, und die Stimmung, die ja vom körperlichen Wohl- behagen abhängiger ist, als man in der Freiheit für gewöhnlich glaubt, wieder auf schön Wetter stand. Deutlicher Ausdruck dessen war, daß sich der Hang zur Musik im Herzen vieler regte— und schüchtern erst, dann immer zahlreicher am Abend das Gedudel der Mundharmonikas in den Stuben aufblühte, sich zu Heimatweisen und Filmschlagern verdichtete, begleitet vom Trällern und Pfeifen der Zuhörer. Währenddessen war der Zuzug von Männern ‚aus Halbasien‘, wie sie das Naziblatt nannte, in jene ab- gegrenzten Baracken untergebracht worden, die von den SS.-Truppen allmählich geräumt worden waren. Mar- schierte Bert zur Arbeit an ihren Behausungen vorbei, so sah er die Ärmsten auf dem engen Raum zwischen ihren Baracken auf- und abgehen, die Füße und Hände bewegend wie junge Hunde, denen man Strümpfe über- gezogen hat: Fort war ihre solide Kleidung. Man hatte ihnen altes, zerflicktes Militärzeug gegeben, abge- nütztes Tuch mit Blutspuren darin. Die erfahrensten der ‚Roten‘, freilich, meistens auch die rüdesten von ihnen, waren zu ihren Block- und Stubenältesten ernannt worden und hatten sie in die komplizierte Lagerdisziplin einzuweihen. Bert konnte sich ungefähr ausmalen, wie es in ihren Gemütern aussehen mochte. Ihrer Lebensmittel schnöde beraubt und auf eine Kost gesetzt, die gegenüber ihrem gewohnten Standard verschwindend gering und kalorien- arm war; ferner ihrer gewohnten Pelze beraubt, die sie bisher fast zu allen Jahreszeiten getragen hatten, wurden sie nun gezwungen, sich deutschen Kommandos zu fügen, die sie nicht verstanden, deren Verständnis ihnen aber durch saftige Prügel langsam eingebläut 44 Conrady, Amokläufer. u wurde; das Gedenken an ihr zurückgebliebenes Heim, an die Familie, Heimat, Stellung und was aus ihnen hier noch werden sollte... das alles mußte verzehrend an ihrem Herzen nagen. Bert sah sie hohläugig umher- irren oder sich verzweifelt zusammendrängen, wenn der scharfe Ostwind durchs Lager pfiff und ihnen die Baracke versperrt war. Ein Teil von ihnen kauerte apathisch, stumm und reglos am Boden, als erwarteten sie, daß sich die Erde öffne und sie oder ihre Widersacher verschlinge. Es waren junge Burschen darunter bis zu 13 Jahren herab, schwächliche Muttersöhnchen, halbe Kinder, auf deren Scheitel eigentlich noch die Elternhand hätte ruhen sollen. Und wie es periodisch im Lager von Fall zu Fall immer eingetreten war, wandte sich die Begier der SS.- Leute größtenteils den interessanteren Neuen zu, die vor ihnen zitterten wie vor dem leibhaftigen Satanas. Noch wesentlich genußvoller für jene war es freilich, sich unter den Jüngsten ein paar nette, appetitliche Burschen auszusuchen, die in die Schlafräume der Scharführer bestellt wurden, um dort angeblich das Säubern der Stuben zu erlernen, in Wahrheit natür- lich, um mit ihnen der Knabenliebe zu fröhnen, die in Deutschland seit der Naziherrschaft erschreckend um sich griff und in solchen Lagern erst recht ein florie- rendes Laster war. ‚ ERSTE ÜBERSTELLUNG. Schon waren Bert und seine Freunde ziemlich in den Trott des Lagerlebens nach Dachauer Zuschnitt ein- gewöhnt— es mochte so gegen Mitte April 1940 sein— als plötzlich eines frühen Morgens beim üblichen Betten- bau sein Name im Tagesraum ausgerufen wurde. Vom Schlafraum kommend, sah Bert den Blockschreiber mit dem Notizbuch in der Hand auf ihn warten und eine Anzahl Stubengenossen mit gespannter Miene ihm entgegensehen. Das allein genügte schon, um sein Herz - 21I - rascher schlagen zu lassen... dürres Blatt im Winde, wie ein Gefangener in einem Willkürstaate nun einmal ist. ,, Wie lautet dein Vorname und wann bist du geboren?" fragte ihn der Blockschreiber zur Vorsicht nochmals. Und nach Berts Angaben fuhr er fort: ,, Mach' dich fertig, laß dich rasieren und packe deinen Kram du wirst heute nach München überstellt!" zusammen - Einen Moment lang schloß Bert die Augen vor Überraschung. Was er von allem allein heraushörte, war das Wort, München'. Dann sahen seine großen, grauen Augen den Schreiber fragend an: ,, Was heißt das- überstellen?" Der Blockschreiber zuckte die Achseln. ,, Das heißt im Glücksfalle Entlassung nach vorherigem Zeremoniell bei der Gestapo. Im ungünstigen Falle nur Vernehmung oder Zeugenaussage vor Gericht, aber auch Eröffnung eines Strafverfahrens gegen dich und ähnliches!" - - ,, Aha! Das weiß man also vorher noch nicht?" wollte Bert noch wissen. Der Blockschreiber schüttelte den Kopf und verabschiedete sich. Er hatte wie immer Eile. Die Stubengenossen aber schlugen Bert freundschaftlich auf die Schulter, um ihm unter Gelächter einzureden: ,, Aber geh! frag' nicht soviel. Daß du entlassen wirst, ist doch sonnenklar! Jetzt nach den ersten Verlusten an der Front und wo es bald an der Westfront losgehen wird, verlangt dich das Oberkommando des Heeres einfach heraus. Und bald wirst du mit dem Ritterkreuz am Halse umherlaufen, alter Freund, paẞ nur auf!" ,, Er soll lieber sein eigenes Kreuz wieder heil zurückbringen", besänftigten die Behutsamen. Und die ganze Stube sprach beim Kaffeetrinken von nichts anderem mehr. In erster Linie war der Fall eine Affäre für die Bettelbrüder und Schnorrer in der Stube, die keine Gelegenheit ungenützt ließen, um irgendwas herauszuschlagen. Jetzt drängten sie sich an Bert heran und musterten seinen Spind, um möglichst für sich zu erraffen, was er zurückließ. Und verschenken mußte er 14* - - 212 - ja fast alles, was er sich hier mühsam angeschafft hatte: Rasierzeug und Bürsten, Feuerzeug und Pfeife, sowie alle Lebensmittel aus der Kantine. Hierbei bedachte er zunächst seinen treuen Kärntner Ogertschnigg, der es am meisten verdiente. Dann eilte er weiter, um sich von seinem Wiener Kreise zu verabschieden, der jetzt auf verschiedenen Stuben verteilt lag, insonderheit von Stillfried, Adam, Seeger und Leo Eichmüller, die ihn umarmten. ,, Sei froh", sagten ihm alle ,,, selbst wenn du wiederkommen müßtest, bist du doch für einige Tage das öde Lager los und erlebst mal was anderes sei zufrieden!" - Nach dem Morgenappell nahm ihn und noch drei andere Häftlinge, darunter zwei, grüne Norddeutsche, ein brummiger Scharführer ins Revier mit und ließ sie sich vor der Schreibstube ausziehen, natürlich in solcher Eile und Hast, als ob ein Schnellzug mit einer Minute Aufenthalt auf sie warten würde. Als sie darauf splitternackt in der Zugluft des Vorraumes standen, mußten sie sich über eine Stunde gedulden, bis Seine Hoheit, der Arzt, zu erscheinen geruhte. Das war wieder ein blutjunges Junkerlein, der von ihnen überhaupt nur einen ansah, nämlich den Grünen, der zum Antritt einer Gerichtsstrafe überstellt wurde. Der Mann hatte auf seinem Gesäß noch allzu sichtbare Spuren einer ausgiebigen Bastonnade: fingerdicke Schwielen mit blaurot verkrusteten Blutpolstern.... Nach einigem Schwanken des Arztes gab aber die Überlegung den Ausschlag, daß der Häftling ja nicht an die Öffentlichkeit( die solche Spuren von Lagererlebnissen nicht sehen durfte!), sondern in eine Strafanstalt käme. Also konnte der Mann ebenfalls überstellt werden. Auf diese Prozedur hin wurden die Kandidaten noch gewogen und gemessen, mußten einen Revers unterschreiben, daß sie an das Lager keinerlei Ansprüche zu stellen hätten wer von ihnen würde jemals mit seiner Unterschrift gezögert haben, selbst wenn er die größten Schäden zu beklagen hatte, sobald die Befreiung winkte? Und schließlich durften sie sich wieder anziehen, wieder - auf Betreiben des Scharführers in denkbarster Hast, weil ihm alles zu lang dauerte. Und nun ging es im Heidi in den sogenannten ‚Schubraum‘, jenen saalartigen Raum, der zur Abnahme und Aufbewahrung der Zivilkleider diente. Die hier beschäftigten Häftlinge suchten entsprechend der Gefangenen-Nummer den Leinensack der Überstellten heraus und warfen ihn mit einer Miene hin, als wollten sie sagen: O, ihr. Glück- lichen! Ach, welch ein Behagen war es, noch einmal, aber zum letzten Male, das gräßliche Lagerzeug ablegen zu können, in die eigenen, weichen, schmiegsamen Zivilkleider zu schlüpfen; wieder einen Hemdkragen um den Hals zu spüren und sich eine Krawatte binden zu können. Die Füße wollten die leichten Halbschuhe kaum spüren, die wie angegossen saßen, an jenen Füßen, die ein halbes Jahr lang von den abscheulichen Holzpantinen miß- handelt worden waren!— ‚Fertig machen, Kruzitürken- schockschwerenot!‘“ fluchte wieder der ungeduldige Scharführer, den Bert im Verdacht hatte, ein galantes Rendezvous in München zu haben und der in Sorge war, es zu verpassen. ‚„Nehmt’s endlich euer Dreckzeug auf und vorwärts, aber dalli, dalli!“ Alle vier schritten unter dem Knurren des Antreibers zur Kleiderkammer, wo sie das Zeug abgaben, wieder unter Blicken, die den Neid der Zurückbleibenden ver- rieten. Als nächste Station auf dem Wege zur Außen- welt, ein Pfad, der scheinbar in Etappen wie ein Passions- weg zurückgelegt werden mußte, ließ der Scharführer seine Kandidaten am Haupttor dicht neben der Treppe zu den Zimmern der Lagerleitung Aufstellung nehmen. Der Vormittag war sonnig und in der Witterung von einer gewissen flegelhaften Frische, die aber den be- ginnenden Lenz- oft gerade bezaubernd macht. Die er- wartungsfrohe Stimmung ließ die Häftlinge, die allein standen, sich näher kommen, in erster Linie die beiden ‚Roten‘. Der Gefährte nannte sich Georg Claus, war seines Berufes Mechaniker, kommunistisch organisiert, ohne - 214 - sich aber jemals in tätliche Konflikte mit Nazis eingelassen zu haben. Trotzdem war er schon am Tage nach der Reichstagswahl, also Anfang März 1933 aufgegriffen und seit dieser Zeit im Kz- Lager eingeschlossen worden, nunmehr volle sieben Jahre lang... sieben Jahre, ohne jemals eines Vergehens bezichtigt, ohne jemals einem Richter vorgestellt worden zu sein, in völliger Willkür hinter Stacheldraht gehalten wie ein wildes Tier auf unabsehbare, nie auch nur andeutungsweise begrenzte Zeit. Was er in diesen Jahren durchgemacht hatte, als Dachau noch ein Chaos von Torf und Schlamm und auf dem Wege war, sich sein bekanntes , Renommee' in der ganzen Welt zu erwerben, das lieẞ sich nicht in Worte fassen. Claus streifte es nur mit kurzen, kennzeichnenden Sätzen. Sein verschlossenes jede Intimität abwehrendes Wesen sprach deutlicher als alle Worte, wieviel Schweres er durchgemacht haben mochte. Ihr Flüstern unterbrach der Befehl, die Treppe hinauf in den ersten Stock des Haupttores zu kommen. Dort empfing sie, Tibbu- Tipp' in seinem Amtszimmer. Mit verkniffenen Lippen trat er vor sie hin und richtete die strengste Ermahnung an sie, eingedenk zu sein, daß sie auch draußen noch der Disziplin des Lagers unterstellt seien; daß sie keinesfalls auch nur das leiseste Wort darüber sprechen dürften, zu wem es auch immer sei, was sie im Lager erlebt und gesehen hätten und daß sie sich überhaupt mustergültig aufzuführen hätten, widrigenfalls sie sofort ins Lager zurückgeholt würden, um alsdann die gebührende Ahndung ihres Verhaltens zu erfahren... und in diesem Tone weiter. Nun sollten sie machen, daß sie fortkämen. - ,, R- rraus!!" schrie ihnen der grobe Scharführer in die Ohren, während der frostige Tibbu- Tipp zu seinem Schreibtisch zurückkehrte. Die belehrten Häftlinge polterten die Treppe herab, ihnen voraus der lange Scharführer, dessen Ungeduld nun nicht mehr zu zügeln war. Er ging mit Riesenschritten an den ausgedehnten Garagen vorbei dem äußeren Lagertor zu... - 215 Und siehe da! Die Häftlinge trauten ihren Augen kaum: Um die Ecke herum stand ein komfortabler Horch- Achtzylinder, aufgeschlagenes Kabriolett mit sechs Sitzen, neben der angelehnten Wagentür ein SS.- Mann als Fahrer, zigarettenrauchend und sich langweilend. Im Nu stand ihr Scharführer neben ihm und flüsterte ein paar vertraute Worte mit ihm... ohne Frage war die Überführung der Häftlinge nach München nur der Vorwand für wesentlich interessantere Ziele. Dann ließ der Scharführer seine vier Männer eiligst im Fond des Wagens Platz nehmen, setzte sich selbst neben den Fahrer und ab ging es lautlos durch das sich wie von selbst öffnende große Außentor des Lagers. -- - Oho oho! Bert zwinkerte vergnügt seinem verdutzten Kameraden neben sich zu, der noch immer glauben mochte zu träumen, ein nur zu begreiflicher Zustand nach sieben Jahren äußerster Erniedrigung und Entbehrung. Allmählich aber freute auch ihn die angenehme Luftmassage durch die Fahrt und das förmlich kapitalistische Polstergefühl unter dem Sitzfleisch, mochte er auch überzeugter Kommunist sein. Ein zartblauer, stiller Himmel wölbte sich über der Welt. In der Ferne standen die Berge, die ganze lange Kette der bayerischen Alpen vom Allgäu bis zum Watzmann, greifbar klar in violfarbenem Schein. Das ziemlich nüchterne, topfebene Land, das sie durchfuhren, breitete sich im Schimmer des frischen Lenzgrünes behaglich aus, durchsetzt von früh blühenden Obstbäumen in ihrem prangenden Weiß. Es war die erste rührende Kinderschönheit des Jahres, die sie ergriff und die so leicht an das Größte, Unwahrscheinlichste glauben läßt, insonderheit nach solch einem erbitterten Winter wie dem vergangenen. Eine innere Heiterkeit erfaßte Bert immer nachhaltiger... ach, das liebe, schöne, frohe Leben, das sich hier draußen in aller Schlichtheit entfaltete... wie leicht ließ es sich doch mit etwas gutem Willen zu etwas Innigem, Warmem, Herzlichem gestalten. Der so nahe 216liegende Gedanke an einen Fluchtversuch trat vor der Dankbarkeit, diese Minuten zu genießen, vollkommen zurück. - Der Wagen flog auf der asphaltierten Straße auf München zu, dessen Wahrzeichen: die beiden rundlichen Türme der Frauenkirche Bierseideln gleich- über dem bläulichen Dunste auftauchten. Die Straße war wenig belebt, trotz des beglückend schönen Wetters- kriegsgelähmt alles. In den Vorortstraßen radelten Briefträgerinnen neben weiblichen Lehrlingen. Frauen bedienten die Straßenbahnen wie den Omnibus; sie lenkten sogar schon schwere Lastwagen, alle in Hosen oder Röckchen von rudimentärer Kürze und erstaunlicher Enge.... Bert sah zu seinem Nachbar hinüber, wie dieser mit gierigen Augen die jungen Mädchen und Frauen betrachtete, ihre schwellenden Formen und die herausgedrückte Brust seine Sinne und sein Blut mochten wohl aufschreien nach jahrelanger Entbehrung. - - Endlich fuhren sie in der Innenstadt durch die enge Tordurchfahrt in die, Löwengrube ein, wie das Münchner Polizei- Präsidium heißt. Doch nur die beiden , Grünen' wurden ausgebootet. Mit den, Roten' ging es wieder zum Tor hinaus gottlob, dachte sich Bert im stillen und ein kurzes Stück Weges hinüber zum Gebäude der Gestapo, dem ehemaligen Wittelsbacher Palais, einem weitläufigen Bau von absurdem Baustil, einer Art verlogener Gotik, jedoch in einen kleinen. Park von prachtvollen alten Bäumen eingelagert. Die Passanten der Brienner Straße wissen kaum, daß in den bejahrten Bau neues Leben höchst zweideutiger Natur eingezogen ist. In den Park hat die Gestapo ein kleines, nur zweistöckiges Gefängnis eingebaut, mit allen Neuerungen versehen. Für einen Häftling, der wie Claus sieben Jahre Aufbau eines Kz- Lagers hinter sich hatte oder wie Bert einen Winter in Flossenbürg, für sie war der Zellenbau des Wittelsbacher Palais wie ein anständiges Hotel und die Einzelzelle nicht viel weniger als ein Salon. - - 217-- DIE MÜNCHENER GESTAPO. Den ersten Tag ließ man sie ganz ungeschoren die Behaglichkeit ihres Alleinseins genießen. Beiden war ja noch völlig unklar, welche Beweggründe ihre Überstellung veranlaßt hatte. Aber am nächsten Vormittag wurden sie einzeln nacheinander aus der Zelle geholt und durch einen unterirdischen Gang in das Hauptgebäude gebracht. Bei Bert war das Problem rasch gelöst: in dem Zimmer, in das man ihn führte, saß neben einem Münchner Beamten sein Kommissar aus Wien, der ihn während des dortigen Jahres Schutzhaft ein- bis zweimal vernommen hatte. Vor sich hatte er einen stattlichen Stoẞ Akten mit dem breiten Aufdruck, Geheim' aufgebaut. Der Münchner Kommissar bot in der gemütlichen Weise, die hier bei den guten Elementen heimisch ist, dem Häftling einen Stuhl am Schreibtisch an. Seine joviale Art färbte auch auf den Wiener Kollegen ab. Damals in seinem Arbeitszimmer hätte er sich am liebsten ins Ohrläppchen gebissen vor gehässigem Eifer. Nun tat er vor dem Münchner Kollegen, der hinter seinen Brillengläsern kluge Luchsaugen spielen ließ, als ob er in Bert einen alten Kameraden begrüßen würde. Es handelte sich bei dem Verlangen, das er an den Häftling richtete, um die Abschließung von Akten, deren Hauptteile in chiffrierter Schrift gehalten waren- Bert seien sie sicherlich noch bekannt, denn er habe sie selbst in seinem Dienste angelegt. Zwar besitze man den Schlüssel zur Dechiffrierung beim Heer, doch wären da noch eine Reihe von Zusätzen von Berts eigener Hand und in einer unbekannten Schrift, wahrscheinlich seiner speziellen. Sie schienen dem Heere von Wichtigkeit.... Unter einer leichten Verbeugung gegen Bert schloß er mit den Worten, dabei verstohlen lächelnd: ,, Sie sehen, daß selbst die obersten Behörden Ihrer Person und deren Äußerungen noch genügend Wert beimessen!" Er hielt einen Augenblick inne, wohl um eine Ant - 218 - wort Berts auf das Kompliment hin zu erwarten. Doch der Häftling zuckte nur geringschätzig die Achseln und warf ein flüchtiges: ,, Ich wüßte auch kaum, warum sie es nicht mehr tun sollten!" hin. Der Mann war ihm hochgradig unsympathisch. ,, Tja, wie gesagt, genügend Wert", sammelte sich der Kommissar wieder ,,, um von uns, der Gestapo, zu verlangen, diese Zusätze und Notizen durch Sie aufklären zu lassen. Dies mit Ihnen durchzuarbeiten, ist meine hiesige Aufgabe. Mehr wie maximal eine Woche steht mir aber dazu nicht zur Verfügung, wobei ich offengestanden noch etwas von München und dem Isartal sehen möchte"... er sah dabei zu seinem Kollegen hinüber. ,, Wenn Sie uns also keine Schwierigkeiten machen wollen, so kann die Sache in aller Gemütsruhe starten und für beide Teile erträglich werden!" - Wieder sah er den Häftling erwartungsvoll an, der mit verschränkten Armen vor ihm saß, bis Bert gelassen antwortete: ,, Wenn weiter nichts vorliegt bitte! Die Sache wird mir im Gegenteil nur Spaß machen." ,, Gut denn! Für genügend Rauchtabak bei der Arbeit werde ich sorgen. Und daß die Gegenstände der Akten streng geheim zu halten sind, brauche ich Ihnen nicht erst zu versichern, nicht wahr?- Aber sagen Sie mir..., er gab nun die letzte Reserve des Beamten auf und sah Bert prüfend an: ,, Es kommt mir so vor, Oberst, als hätten Sie enorm eingelegt? Ich finde Sie so schmal aussehend, als ob Sie sich hinter einem Besenstil verstecken wollten, wie man bei uns in Wien gern sagt...." Man merkt doch gleich, wollte seine Miene dabei bedeuten, daß man sich hier im Traditionsgau der Bewegung befindet. Keine Spur von den Wildwestzuständen, die bei uns in Wien noch immer herrschen, wo jedermann schon blaß wird und kalte Füße bekommt, wenn man sich etwa beim Heurigen in der Weinlaune als Gestapomann zu erkennen gibt. Hier in München weiß die Mehrzahl des Volkes gar nicht mal, was die Gestapo überhaupt ist idyllischer oder stumpfsinniger - 219 - Weise! Und alle Welt begrüßt sich nicht mit dem vorgeschriebenen ,, Heil Hitler!", sondern mit dem ehrwürdigen ,, Grüß Gott!" und ,, auf Wiedersehn!"- wirklich kurios! Kaum einer in dieser Stadt, von der die ganze Bewegung ihren Ausgang nahm, scheint auf den Schwindel mehr neugierig zu sein... ich werd's zu meiner Erholung mal mit dem heimischen ,, Habe die Ehre" halten, vielleicht leg' ich damit mehr Erfolg ein, als mit dem strammen ,, Deutschen Gruß", der mich eh' nicht kleidet als einstigen k.k. Staatsidiot! Bert machte es sich bequem und gab auf die Frage des Kommissars nach seinem Befinden erschöpfende Antwort, ohne Scheu vor der eben erst erhaltenen Ermahnung durch Tibbu- Tipp. Es bereitete ihm vielmehr eine Genugtuung, gerade vor Gestapoleuten über das Übel der Lager zu sprechen. Mit gespannter Miene horchten beide Beamte zu, denn auch ihnen war ja diese Welt hermetisch verschlossen, als Bert von den Zuständen in Flossenbürg und den Leiden der politischen Gefangenen dort den Schleier hob. ,, Na ja", versuchte der Wiener die Vorgänge zu bagatellisieren, denn bei ihm witterte die Spürnase des eingefleischten Philisters bereits Unrat ,,, gehungert habe ich auch schon in meinem Leben, da ist doch nicht viel dabei!" ,, O nein", gab Bert mit Nachdruck zurück ,,, so ist das nun nicht! Sie waren vielleicht hin und wieder hungrig, Herr Kommissar, aber dicht am Verhungern waren Sie bestimmt noch nicht, das wette ich mit Ihnen!" ,, Ja, ja", verriet der Münchner Referent ,,, die Kz's sind mir von jeher ein Dorn im Auge, gerade weil man so wenig über sie erfährt." Und sein offenherziges Urteil gab Bert erst recht das Stichwort, seine Meinung über den Fluch dieser Lager auszusprechen, ein Fluch, der auf ihre Urheber einst zurückfallen werde. Er wußte ja am besten, wieviele Pfade in der Hitlerei beschritten wurden, um andere Menschen, ja um ganze Volksgruppen zu knebeln und zu - 220 - knechten, Wege voll spitzen Gesteins und Dornen und Falltüren; beschritten aus Machthunger oder unter dem Zwange der Furcht, dem Vorbilde früherer Despoten folgend... doch keiner von so ausgeklügelter Grausamkeit gegen die eigenen Landsleute, wie dieser Weg der Kz's unter der Leitung der Totenkopfleute, die ein bestialisches System der Menschenschinderei entwickelt hatten. Dem Wiener Kommissar wurde es schwül und schwüler. Ihm war anzusehen, daß er kaum noch wußte, wo er sich eigentlich befand. Doch sein Münchner Kollege lauschte dem Ankläger unter ständigem Kopfnicken; bei ihm war er quasi zu Gast, also ließ sich nichts machen! Sein Blick glitt dabei verstohlen die Wände des geräumigen Zimmers mit seinen hohen Spitzbogenfenstern ab.... Kein Bild des Gestapoheiligen war zu finden, zu dem er ein Stoẞgebet im stillen hätte schicken können-- mein Gott, du armer Wiener! Dein bißchen zweijährige braune Tünche als Nazi droht bedenklich abzublättern und den alten Adam durchblicken zu lassen, der du im Grunde deiner Seele doch geblieben bist! Langsam verebbte die seltsame Aussprache, bei der ein Schutzhäftling den Mut hatte, den Kritiker über ein besonders prekäres Thema des Nationalsozialismus zu spielen. Die milde Sonne des Frühlings, die draußen auf den Giebeldächern und Baumkronen lag, lockte zum Verlassen des Zimmers. Die beiden Gestapoleute sahen sich vielsagend an... ,, an paar Schritt' san's nur bis zum Luitpold- Café mit saner Terrass' am Bürgersteig, wissen's, Herr Kollege", flüsterte der Münchner dem Besucher ins Ohr. ,, Da ham's jetzt um Mittag an Komm'n und Gehn-na, schaun wer'ns nachg'rad, dös sag i' Eana!" Der also Beratene nickte dem Häftling jovial zu und wienerte: ,, Wissen's, zum Anfang'n is' heut eh' z'spät.... Hauptsach' is, daß Eana klar wor'n is, um was sich's dröhn tut alstern geh'n ma's morgen an, dös Geschäft'l!". Bert erhob sich. Der Münchner rief telephonisch den - 221 - SS.- Posten an, um den Häftling zurückführen zu lassen. Noch war seine blitzsaubere Zelle leer, als Bert wieder eintrat. Es dauerte jedoch nicht mehr allzu lang, bis auch Georg Claus zurückkam. * Der Oberst sah ihm prüfend entgegen. Von der in Flossenbürg überstandenen Epidemie war des Gefährten Antlitz noch eingefallen genug. Aber jetzt zehrte etwas anderes an ihm. Seine Augen waren starr geradeaus gerichtet, mit einem so stumpfen Funkeln, daß es beängstigend war. Und so leichenfahl war seine Gesichtsfarbe, so schleppend sein Gang, daß etwas ganz Schwerwiegendes mit ihm vorgefallen sein mußte. Im Moment war Bert so bewegt, daß er wortlos auf Claus zuging und ihn zu einem Stuhl geleitete wie einen Kranken. Hatte er geglaubt, niemals mehr imstande zu sein, am Leid fremder Menschen voll teilnehmen zu können soviel tiefer Gram war im Zeitraum eines halben Jahres an ihn herangetreten so erkannte er nun seinen Irrtum.... - - Claus schlug, als er saß, die Hände vors Gesicht und überließ sich zunächst einer stummen Verzweiflung. Dann begann er zu erzählen, ohne daß Bert ihn gedrängt hätte: Grund seiner Überstellung sei eine Vorsprache seiner Verwandten beim zuständigen Gestapobeamten gewesen, um seine Freilassung zu erbitten oder wenigstens einen kurzen Urlaub oder noch weniger: eine Zusammenkunft nur mit seinem Vater, der ein Fünfundsiebziger sei und kurz vor seinem Ableben stände. Claus hänge an seinem Vater nicht minder wie dieser an dem einzigen Sohne, dem bisher seine volle Liebe gegolten habe. Und der Gram über die sieben Jahre grausamster Haft, die der Sohn erleiden mußte, hätten. die Lebenskräfte des Alten vor der Zeit aufgezehrt. Es hatte ganz den Anschein, als ob die Gestapo ein Einsehen habe. Sie sagte den Angehörigen zu, den Häftling kommen zu lassen. Zu Hause bei ihm — 222— freute man sich herzlich. Der gute Junge hatte ja nie jemandem ein Leid getan. Er war in seinem Wesen das, was man in Wien ein ‚Waserl‘ nennt, ein gutmütiger Mensch ohne Fehl und Falsch; er hatte ja auch lediglich mit allen seinen Arbeitskameraden einer Partei ange- hört, die bis dahin nicht einmal verboten war, sondern bis März 1933 viele Sitze im Reichstag hatte... also: was? Was trennt denn seit so vielen Jahren den ge- liebten Sohn vom Vater, der sich zum Sterben vor- bereitet? Ja, sagte die Gestapo, gewiß nichts, sobald er uns auch einen Gefallen tut, ach, nur einen kleinen: nämlich das nachholt, was wir von ihm seinerzeit vergeblich ver- langt haben.... nur seine zwei, drei Kameraden an uns verrät, die uns von seiner Gruppe noch entgangen sind, mit vollem Namen und Adresse, versteht sich.... Damals lehnte er es strikt ab; heute ist jedoch eine so: günstige Gelegenheit, ihn in die Zange zu nehmen— da wird es endlich klappen! Die innige Liebe zum Vater wird ihn‘weich machen; wir hingegen können endlich mal zeigen, daß wir eines sterbenden Vaters letzten Wunsch erfüllen... also wollen wir dem Schorschl Claus rasch ein paar seelische Daumenschrauben ansetzen! Und als der Arme unter der Pein dieser Folter stand: entweder zum gemeinen Hund zu werden und seine Kameraden zu verraten, ihnen das gleiche Los wie sich selbst zu bereiten— oder seinen alten Vater, der sehn- lichst nach ihm verlangte, nie mehr wiederzusehen, ihn im Glauben zu lassen, er kümmere sich nicht um ihn, verzichte darauf, seine Augen zuzudrücken... als er dann gegen den Referenten losbrach wie ein gereiztes Tier, das in die Enge getrieben wurde, da verschärfte dieser noch die Schraube mit der Miene eines Tartüffe: „Schämen Sie sich nicht, ein so schlechter Sohn zu sein, Claus? Regt es Sie so wenig auf, daß ihr alter Vater sich nach ihnen verzehrt, wie uns berichtet wurde— wie kann man nur solch ein Unmensch sein?“ Ein schneidendes Lachen entfuhr dem Armen, als er jetzt in der Zelle das Geschehen im Verhörzimmer wieder - 223 - erstehen ließ. Blitzschnelles, haẞerfülltes Aufleuchten entzündete seinen Blick, der den lauschenden Kameraden streifte. Sein Kiefer schob sich zu einem wütenden Grinsen unter der Nase vor. Er sah fast aus, als wollten ihn seine Geisteskräfte verlassen. Aber dort, vor dem Peiniger, hatte er nur ein Winseln vorgebracht, gebrochener, erschöpfter Mensch, der er war, ein Winseln wie einer, den man mit der Peitsche niederschlägt. Der Raum, begann sanft und leicht zu schwanken um ihn, der immer mehr auf seinem Stuhl zusammensank. Und als keine erkennbare Antwort von dem Häftling kam, begann der Referent in seiner heuchlerischen Sanftheit fortzufahren: ,, Nun, dann entschuldigen Sie nur, Claus, daß ich Sie aus Ihrer Dachauer Ruhe aufgestört habe. Es soll nie wieder vorkommen, ich versichere Ihnen das!" Wohl hatte der Gequälte einen kaum widerstehbaren Drang verspürt, sich auf seinen Peiniger zu stürzen; aber er war eben ein Deutscher, dem ewig der Ladestock des Respektes vor jedem Beamten im Rückgrat steckt. So war er sitzen geblieben und hatte sich nur die gestammelten Wort mit Mühe abgerungen: ,, Herrgott, wozu das? Wozu Entschuldigung? Für mich gibt es nur ein Recht oder Unrecht... und ein Recht, meine freien Kameraden zugrunde zu richten, nur weil ich ein eigenes Verlangen damit erreichen könnte, das das Recht habe ich nicht, bei Gott nicht, jetzt und in aller Ewigkeit nicht! Sehen Sie das nicht ein, Herr Kommissar, ist das nicht klar genug?" - ,, Vollauf!" entgegnete sein Gegenüber höhnisch mit schmalen Lippen. ,, Wozu versteigen Sie sich in solche Höhen? Machen Sie es billiger: geben Sie flugs Namen und Adressen preis und Sie sind in zehn Minuten bei den Ihrigen, die auf Sie warten... mit Ungeduld warten, Claus!" - Unwillkürlich hatte sich der Gefangene die Hände an die Ohren gepreßt, um den Spott nicht zu hören, der ihm das Herz zerschnitt. Dort draußen in Schwabing, so nahe, so leicht erreichbar, saßen die Seinigen um das 224 Sterbebett des Vaters herum, der nach ihm fragte ohne Unterlaẞ.- o, es war zum wahnsinnig werden!! Aufspringend hatte er geschrien: ,, Aber ich weiß doch die Namen nicht mehr keinen einzigen weiß ich mehr! Sieben Jahre, Herr... ist Ihnen begreiflich, was das heißt? Was in diesen schrecklichen Jahren über mich hinweg gegangen ist- können Sie sich das auch nur annähernd ausdenken, Herr??" ,, O ja, ich bezweifle gar nicht, daß Sie es schwer hatten, Claus, auch ohne daß Sie sich deshalb alterieren!" Der Polyp zog gelassen seine Fühler wieder ein. ,, Denken Sie in Ruhe darüber nach, es eilt mir ja nicht, ich lasse Ihnen gern solange Zeit, bis Sie mir ein definitives Ja oder Nein erwidern!" ,, Aber ich sage ja schon ja, Herr- ja, ja, ja! Ich kann meinem alten Vater das nicht antun, ich muẞ ihn wiedersehen... aber ich weiß bei Gott die Namen nicht mehr", wand sich der Gequälte noch immer. ,, Tut vorläufig nichts zur Sache, Sie sind jetzt zu aufgeregt. Ruhen Sie sich erst aus, dann fällt Ihnen das Nötige schon noch ein- und noch mehr Dinge dazu, ich wette mit Ihnen", schmunzelte der kundige Thebaner sardonisch.... ,, Sonst haben wir auch noch andere Mittel, etwas nachzuhelfen Posten, führen Sie den Häftling zurück!" - - * Erschüttert saẞ Bert neben ihm... wieviel Tragödien ähnlicher Art waren vor seinem geistigen Auge schon seit seiner Haft vorübergezogen! Konnte jemand dem Unglücklichen raten? War ihm irgendwie zu helfen? Bert wußte doch, wie im Lager derjenige beurteilt wurde, der seine Kameraden dem Nazi- Moloch ausgeliefert hatte.... Aber der Vater und die paar Tage Freiheit bei den Seinen?? Das Essen ließ Claus unberührt, nahm auch nichts zum Abend. Die Nachmittagssonne fiel in schrägen Balken in die Zelle und spielte mit seinem aschblonden - 225Haar. Er rührte sich die vollen Stunden bis zur Dunkelheit nicht, saẞ mit geschlossenen Augen da, unzugänglich wie eine Schildkröte in ihrer Schale... am nächsten Morgen nach dem Aufstehen hockte er noch genau so stumm und reglos, als wenn die sprudelnde Quelle des Lebens in ihm verschüttet oder eingefroren wäre... er dachte nach und grübelte, bis ihm die Hirnschale zerspringen wollte.- Bert legte, als er geholt wurde, noch einmal seine Hand mitleidig auf die gramverheerte Stirn des Mannes, der über Nacht alt geworden war. Am Abend, als Bert ziemlich spät am ersten Tage nach der Durchsicht vieler Akten in die Zelle zurückkam, war sie leer. Auf seine Frage, wo Schorschl Claus hingekommen sei, erklärte der Schließer, sein Referent habe ihn zur Beobachtung in die psychiatrische Klinik bringen lassen.... Bert durchfuhr ein frostiger Schauer bei der Auskunft, die er erhielt. Wenn der brave Mensch seinen Verstand verlieren sollte, war es ein Wunder? Claus kam nicht mehr zurück. Aber nach ungefähr einem Monat begegnete Bert dem Ärmsten im Lager wieder, aus einem bestimmten Fenster blickend, der einzigen Baracke, die in Dachau mit Gitterstäben versehen ist. Im letzten der fünf Krankenblöcke war ein Raum lediglich zur Aufnahme von Geisteskranken bestimmt und daher vergittert. Es handelte sich nur um harmlos Blöde, die entweder durch ihre Quälerei im Lager leidend geworden oder schon mit einem, Klapps', wie der Volksmund sagt, eingeliefert worden waren. Inwiefern freilich ein Geistesgestörter noch staatsgefährlich sein konnte, mußte man die Gestapo enträtseln lassen. Jedenfalls wurde Bert eines Tages vom Fenster dieses Raumes aus angerufen. Und als er überrascht aufsah, denn er war sich dort keines Bekannten bewußt, entdeckte er hinter dem Gitter die vergrämten Züge Schorschls, der ihm die Rechte durch die Stäbe entgegenstreckte... es war die entfleischte, faltige Hand eines Greises von dreißig Jahren. Während Bert be15 Conrady, Amokläufer. 226 - treten die Hand ergriff und mit besorgter Spannung die Frage nach seinem Wohlergehen stellte, sah Claus ihn mit tränenglänzenden Augen an, wie eine überirdische Erscheinung. Er preßte die Stirn ganz dicht an die rostigen Stäbe und flüsterte geheimnisvoll: ,, Siehst du, Bertie, ich hab's damals doch recht gemacht, im Wittelsbacher Palais! Die Namen und Adressen sind mir eingefallen, o freilich, wie sollten sie auch nicht, wenn man scharf und ruhig nachdenkt... aber ich habe niemanden genannt, niemanden, das kannst du mir glauben, Bertie. Und dafür sehe ich jetzt täglich meinen Vater wieder"-- in seine dünne, blecherne Stimme kam etwas Ekstatisches- ,, und täglich plaudern wir zusammen, oft die halbe Nacht lang, wenn alles schläft... ich bin von Herzen froh darüber, glaube mir!" • -- Bert nickte bewegt. Das Herzeleid, das ihm die Gestapo angetan, hatte diese arme Seele in das Niemandsland des tröstenden Wahnsinns entführt. ,, Ich glaube es dir gern, Schorschl, und bin auch sehr froh darüber! So ist es das Beste...." Und als der andere nichts mehr hinzusetzte, ging er langsam wieder seiner Wege. Doch das Niederdrückende der Begegnung blieb noch lange auf ihm lasten. LEICHT ERKRANKT. Im übrigen ging auch Berts Aufenthalt im Münchner Wittelsbacher Palais nicht glatt zu Ende, wenn auch in anderer Weise. Das ungewohnt kräftige und reichhaltige Essen wollte seinen geschwächten Eingeweiden nicht ohne weiteres bekommen. Sie rebellierten am dritten oder vierten Tage seiner Überstellung in auffälliger Weise. Um aber die Vorzüge der Münchener Haft auch auf hygienischem Gebiet zu erkunden, meldete er sich am nächsten Morgen krank. Daraufhin unterblieb seine Vorführung zur Aktenarbeit. Vielmehr holte ihn gegen neun Uhr einer - 227der Schließer ab und führte ihn durch das Hoftor auf die Straße, dort die Türkenstraße entlang bis zu einem statiösen Gebäude, das die Bezeichnung:, PolizeiKranken- Anstalt führte. Drinnen herrschte ein wahres Gewimmel von jungen Adepten, bezeichnenderweise alle in hohen Reitstiefeln und weißen Leinenkitteln, alles voller Geschäftigkeit, als wäre für den Staat niemand so unentbehrlich als sie... das typische Verhalten derjenigen seit jeher, die vom Pulvergeruch nicht viel halten. Auf die Frage zweier solcher Weiẞkittel, was ihm denn fehle, gab Bert absichtlich die Antwort: wahrscheinlich ein Rückfall der Erkrankung im Lager Flossenbürg, jener typhösen Seuche, deren Auftreten er kurz schilderte.... Mit ängstlich aufgerissenen Augen starrten die beiden Burschen ihn an, ließen ihn vorerst hinsetzen, maßen Puls und Temperatur und liefen dann, den Chefarzt holen. Ein stämmiger Oberstabsarzt erschien, die linke Wange von einer mächtigen Tiefquart geziert. Er sah tief besorgt dem verdächtigen Inquisiten in den Rachen und verlangte dann schleunigst einen Abstrich seines Stuhles. Bert versprach ihn zu schicken und wurde nach einer Blutprobe entlassen. Seine Arbeit wurde am Nachmittag und am folgenden Vormittag fortgesetzt. Kurz nach dem Mittagessen aber holte ihn sein Schließer wieder hinüber in die Krankenanstalt; noch einmal maẞ man alles Meßbare an ihm. Hals und Puls wurden beschaut. Dann schrieb der Oberstabsarzt höchst persönlich mit gerunzelter Stirn einen ellenlangen Bericht auf einen Schein, den er mit bedeutsam erhobenem Finger dem Begleiter Berts übergab.... Den Schein schaffte der Beamte samt dem Häftling zum Wiener Referenten, der allein im Zimmer saẞ. Die Wirkung dieser Zeilen auf den Lesenden war geradezu die eines Schocks. Mit erschrocken aufgerissenen Augen warf er einen raschen Blick auf Bert, als wolle er prüfen, ob etwa auch die schwarzen Flecken der Cholera schon an ihm zu entdecken seien. Dann schob er mit hastiger Bewegung den Aktenstoß, den sie bisher gemein15* - 228sam bearbeitet hatten, beiseite, als solle er ihn vor der Berührung durch Bert schützen. Und da dieser einen Schritt auf den Schreibtisch zu machte, hob der Ängstliche abwehrend die Hand, wobei er stammelte: ,, Nein, nein, bleiben Sie dort, Oberst, wenn Sie krank sind- und Sie sind ja krank, wie ich hier lese! Werden Sie nur erst gesund, dann wollen wir weitersehen!" Ein Wink von ihm an den wartenden Beamten. ,, Führen Sie den Häftling wieder zurück, er kann sich sofort ins Bett. legen!" Diese paar Sätze verrieten aber in dem Ton, in dem sie ausgesprochen wurden, so unverkennbar die nackte Furcht vor einer Infektion, daß Bert mit einem geringschätzigen Lächeln sich der Tür zuwandte, ohne etwas zu erwidern.... Er sollte den Mann nie mehr wiedersehen. Denn am nächsten Morgen fragte sein Schließer durch die Luke der Tür, ob er sich transportfähig fühle. Als eine bejahende Antwort kam, befahl ihm der Beamte, sich fertig zu machen, er werde ihn in einer halben Stunde nach Dachau zurückschaffen damit er Bescheid wisse! - Aha, das war freilich ein Effekt, wie ihn Bert nicht gerade beabsichtigt hatte. Also war es aus mit seinem Traume von einer Entlassung oder auch nur einem Besuche seiner Lieben.... Wenn er zum Fenster hinaus auf die naẞglänzenden Asphaltflächen vor den Garagen oder die schwarz schimmernden Äste der Parkbäume sah, die der Wind schüttelte, so tat ihm die Trennung von dieser behaglichen Zelle aufrichtig leid. Aber nun war nichts mehr zu ändern- und bald war es auch geschehen. Ein fixer, neuer B.M.W.- Wagen stand im Hofe bereit. Niemand außer dem Fahrer, der den ärztlichen Bericht sorgsam in seiner Brieftasche barg, und Bert nahmen darin Platz- und frisch auf ging es wieder die wohlbekannte Straße hinaus. Das flache Land duckte sich unter Regenböen. Heftiger Sturmwind zerfetzte die tief hängenden Wolkenfahnen und fegte die nassen Strähnen nahezu waagerecht vor sich her. Mühsam kämpfte sich der Wagen seinen Weg bis zum Lager tor, das er durchfuhr, um Bert beim Aufnahmebüro abzusetzen. Der übliche Gang, den wir schon kennen, spielte sich wieder ab, nur im Rücklauf und ohne die Vorsprache bei Tibbu-Tipp. Aber das bißchen Hin- und Herlaufen in mangelhafter Bekleidung während des stürmischen Regenwetters genügte schon bei Berts Anfälligkeit nach der Flossenbürger Ansteckung, um ihm eine akute Unterleibserkältung zu verschaffen. Dies, im Verein mit dem Münchener Attest, verschaffte ihm eine Ver- ordnung des Lagerarztes zur sofortigen Aufnahme im Revier. So gut wie Alleinherrscher des Dachauer Kranken- reviers war der dicke Capo Heyden, den Bert schon von seinem Einlieferungstage her kannte, als er den toten Polen mit dem Kennzeichen um die große Zehe forttrug. Dem Capo war neben der abgebrühtesten Wurschtigkeit gegen alle Leidenden eine tiefe Abneigung gegen solche Lagergefährten eigen, welche besserer Herkunft waren; jener unbesiegbare Groll, wenn nicht gar Haß der Knechtsseele gegen Mitmenschen, die ihr geistig über- legen sind. Dementsprechend begann er sofort bei Durchsicht des Aufnahmescheines Berts gegen den ärzt- lichen Befund zu murren und mit groben Ausdrücken umherzuwerfen. Jeder Patient, der sich nicht seines Wohlwollens erfreute, hatte mit der erbärmlichsten Unter- bringung und Pflege zu rechnen—— Zum Glück für Bert aber stand neben dem pascha- haften Dickwanst ein besserer Bekannter von ihm und zugleich, eine nicht viel weniger einflußreiche Person unter den Häftlingen des Dachauer Lagers: Schnell-Max, sein ehemaliger Capo vom Ölberg, dem kleinen Stein- bruch in Flossenbürg... werkwürdigerweise hatten sich beide seit ihrer Rückkehr nach Dachau völlig aus dem Gesichtskreis verloren. Ein rasches Aufleuchten in den klugen Augen des Capos verriet Bert zur Genüge, daß jener seinen früheren Versorger mit Rauchwaren nicht vergessen hatte und die Gelegenheit sofort begriffen hatte, um die es sich - 230hier handelte... es war nur eine Kleinigkeit bei seinen Beziehungen, die Sache zum Vorteil des Kranken und zu seinem eigenen Nutzen zu rangieren. Er gab Bert rasch und wie in alter Vertrautheit die Hand, nun ganz der Mann von Anstand und guter Familie. Dann erkundigte er sich, an was Bert leide, nicht verfehlend, ihm gute Besserung zu wünschen und zu versprechen, ihn gleich zu besuchen, sobald Bert ins Bett gebracht worden sei. Bis dahin empfehle er ihn der Pflege seines guten Freundes Heyden, den er dabei mit einem entsprechenden Wink auf den riesigen Bauch klopfte. Und ein flüchtiges Lächeln des Einverständnisses flog von ihm zu Bert und zurück. Nur eine halbe Stunde dauerte es während der Patient in einem guten Bett seine Wärmebehandlung erhielt, bis Schnell- Max an seinem Bettrand saß und nun, unbelauscht, offen auf sein Ziel zugehen konnte. Als er erfuhr, daß Bert in der Strumpfstopferei gearbeitet hatte, rümpfte er verächtlich die Nase. ,, Das ist doch nichts für dich als Oberst, Menschenskind!" mäkelte er. ,, Alte Weiberröcke und Gichtbrüchige mögen sich da herumdrücken, wenn ihnen die Gesellschaft von braunen und grünen Spitzbuben angenehm ist. Außerdem müssen sie jetzt ständig mit strenger Filzerei, also peinlicher Durchsuchung ihrer Kleidung rechnen, nachdem die letzten Diebstähle der Grünen aufgeflogen sind... aber für dich ist das nichts! Über kurz oder lang fliegst du als Gesunder doch aus solchem Kommando heraus und kommst dann womöglich in die Kiesgrube, das unangenehmste Kommando von allen...“ ,, Na gut", gab Bert zögernd zu ,,, aber was meinst du statt dessen?" ,, Ich meine, daß du sehen mußt, auch hier weiterzukommen, wie ich es von meinem ersten Lagertage an getan habe. Wir sind doch mit unserer Vorbildung als alte Soldaten zum Leiter der stumpfsinnigen anderen berufen oder nicht?" betonte er mit überzeugendem Aplomb. ,, Und jetzt bei der schönen Jahreszeit, die - - 231bald dauernd kommen wird, muß man im Freien sein, draußen im Grünen. ich mache dir den Vorschlag: komme zu mir als Hilfscapo. Ich habe wieder. mehr als dreihundert Mann unter mir, dazu die ganze Strafkompanie und die Juden, neben vielen Spezialarbeitern." << ,, Also soll ich quasi bei dir in die Lehre gehen?" faßte Bert lächelnd des Capos Propos zusammen. ,, Meinetwegen nenn' es so!" betonte dieser selbstbewußt. ,, Dein Schaden wird es keinesfalls sein- schau: wir bauen jetzt das neue Unterführerheim im Außenlager. Da hast du einen schönen Hain mit Flieder, hohen Bäumen, Wiesen, mit lebhaftem Kommen und Gehen auf der Arbeitsstätte. Da siehst und erlebst du wenigstens was, der Tag verfliegt einem förmlich- und du übst dich im Anleiten der Leute, wobei ich dich zudem immer bei irgendwelchen Fehlern decken kann. Denn ich darf mir wirklich viel erlauben dort... und verstehen werden wir uns ja doch wieder so gut wie damals in Flossenbürg, nicht wahr?" Sein leichtes Augenzwinkern war nicht miẞzuverstehen. Und da für Bert das ganze Programm, das Schnell- Max ihm in raschen Zügen entwarf, recht verlockend war, leidenschaftlicher Naturfreund, wie er stets gewesen, so gab er dem geriebenen Fuchs gutwillig die Hand und sagte ihm zu, nicht ohne ihm zu versichern, daß seine Rauchersorgen von nun an wieder die eigenen seien was Schnell- Max mit befriedigtem Kopfnicken quittierte. Eine Absage konnte Bert ihm ohnehin nicht gut erteilen, dazu war das Interesse des Einflußreichen ein zu zweischneidiges Schwert. Volle acht Tage vergönnte die Protektion des Capos Bert behagliche Bettruhe mit vollgültiger Pflege, während sonst Kranke, die dem dicken Heyden nicht paßten, schon am dritten Tage an die frische Luft gesetzt wurden, ohne jede Rücksicht oder Befragen des Arztes er regierte im Revier und niemand anders. Und beim darauffolgenden Morgenappell, einem Tag am Ende des April 1940, meldete sich Robert Jordan beim - — 232— Capo des Unterführerheims zum Arbeitsbeginn. Räm- mele war einverstanden. So begann wieder ein neuer Abschnitt im Lagerleben mit seinen Besonderheiten. UNTERFÜHRERHEIM. In einer Beziehung hatte Schnell-Max recht: sein Kommando war wirklich etwas völlig anderes als die Strumpfstopferei, die ja im Grunde nicht viel mehr als bequeme Zeitausfüllung war. Hier auf den Baustellen sah man doch, daß etwas Gründliches geschaffen wurde. Man wurde vor Probleme gestellt, die nicht einfach lagen und die es doch in aller Eile zu lösen galt. Da gab es Leute zu lenken, die von äußerstem Wider- streben waren und jedes Versehen des Capos oder jede Nachsicht skrupellos für sich ausschlachteten, eine trübe Hefe der Menschheit aus Norddeutschland, woher die meisten waren— und zu allemhin: man war im Grünen, in der blühenden Natur, in der Lenzsonne, die an Kraft und Ausdauer täglich gewann. Als er am frühen Morgen zu Schnell-Max stieß, staunte er zunächst über die Menschenmasse, die zu dessen Kommando eilte, darunter Einarmige und Humpelnde. Es mochten an die vierhundert Mann sein. „Du triffst es gerade gut!‘ klärte ihn der Capo auf. „Gestern hat Tibbu-Tipp die verschiedenen Kommandos für Drückeberger revidiert und alles herausgeworfen, was ihm nicht paßte. Jetzt strömt das Pack zu mir, um es bei mir immer noch besser als beim Garagenbau oder der Kiesgrube zu haben— aber sie werden sich täuschen, diese Troglodyten!‘“ schloß er grimmig und fuhr im nächsten Augenblick schon wie ein Habicht unter die Reihen der Neuhinzugekommenen, die sich nicht gleich in exakter Ordnung aufstellten. Dann winkte er Bert zu sich und machte ihn mit einem anderen ‚Roten‘ bekannt. „Das ist Professor Hafner aus Wiesbaden— und hier Oberst Jordan aus München. Ihr seid beide bei mir 233Hilfscapos, ebenso wie Fritz Hecht und Ludwig Weber. Jeder wird draußen etwa 100 Mann zum Anleiten bekommen, also heißt es die Ohren spitzen, besonders bei dem gebrechlichen Gesindel, das man uns jetzt aufgehalst hat.... Vorläufig bleibt ihr beiden bis zum Abmarsch am Schwanz des Zuges und ordnet die Kerle ein, die noch ankommen. Ihr zählt die Reihen und gebt mir die Schlußzahl an, damit ich sie beim Abmarsch an Rämmele melden kann... also nehmt euch zusammen!" Damit verschwand er wieder, um auf den Lagerältesten zuzugehen. Diesen Posten hatte in Dachau, sehr im Gegensatz zu Flossenbürg, ein ganz prächtiger Bursche inne, der auch noch aus dem Städtchen Dachau gebürtig und seit dem ersten Tage der Lagereröffnung dessen Insasse war, aber innerlich und äußerlich ein so peinlich sauberer Mensch, daß es eine Freude war, ihn zu sehen oder zu sprechen. Sein Name lautete Georg Scheerer, Mitglied der kommunistischen Partei, der vollste Gegensatz zu dem, was sich der nazihaft geschulte Deutsche für gewöhnlich unter einem Kommunisten vorstellt. Die frisch instruierten Hilfscapos taten nach besten Kräften das ihrige, um ihres Meisters Willen zu erfüllen. Dabei lernten sie gleich Eines: es ging bei dieser Horde, den braunen, Arbeitsscheuen' und den grünen Berufsverbrechern', einfach nicht mit Güte und Nachsicht, beim besten Willen nicht. Die völlig wurzellosen, nur ihren Trieben gehorchenden Kerle aus den Industriezentren des deutschen Nordens verlegten sich mit stumpfer Beharrlichkeit darauf, das Gegenteil von dem zu tun, was verlangt wurde und was ihnen schon rein aus Prinzip nicht paßte. Einer von ihnen, ein Berliner, brachte ihren Standpunkt Bert gegenüber treffend zum Ausdruck, als er sagte: ,, Arbeeten tät ick schon jerne, wissen Se, aber Händ' und Füß' müßten dabei ihre Ruhe ha'm und's Hirn nich' minder; nur's Maul sollt an' nem kräftigen Bissen zu schaffen ha'm so mein' ick es, verstehn Se!" Gerade wollte. Bert ihm kräftig antworten, da be- fahl Schnell-Max vorn an der T&te des Zuges den Ab- marsch. Er selbst nahm am rechten Flügel die Spitze und führte den langen Zug am Stand Rämmeles vor- bei, auf die Lagergärtnerei zu, mit ihrem langsam ins Blühen und Wachsen kommenden Gelände; dann an der dunklen Mauer von Tannen entlang, die den so- genannten ‚Wildpark‘ Dachaus bildeten und ein Rest- bestand der weiten Nadelhölzer waren, die noch immer den Horizont des Lagers begrenzten. Einiges Wild ent- hielt der Park auch wirklich. Am provisorischen Lagertor zählte die SS.-Wache, denen der Capo laut die Zahl der Häftlinge seines Kom- mandos meldete, die marschierenden Reihen in Eile... dann war das Stacheldrahtgitter des inneren Lagers passiert und das weite Gelände der Wirtschaftsbaracken und der SS.-Heime begann, ein Areal, in dem sich ein Neuling schlankweg verlaufen konnte, so zahlreich waren dort die Baracken, Zäune, Mauern, Rohbauten, Holz- stapel, Werkstätten und Baugruben aller Art. * Auf solch einer großen Baugrube mitten in einer mit Ahorn bestandenen Wiese hielt Max mit seiner Kolonne inne. Acht SS.-Posten mit Maschinenpistolen begleiteten sie, alte, gebückt schreitende, schnauzbärtige Landsturm-. leute, denen ganz anderes— das sah man ihren Blicken an— vor dem geistigen. Auge stand, als die Beaufsich- tigung der Kolonne. Auch ein Scharführer radelte als Kommandoführer hinterdrein. Aber Schnell-Maxens Ruf als exakter Capo war so lagernotorisch, wenn der Ausdruck gestattet ist, daß sich kaum ein Kommando- führer jemals um das kümmerte, was beim Unterführer- heim vor sich ging. Und daß dieses Renommee nicht unberechtigt war, erkannte Bert sofort mit einer gewissen Bewunderung. Die Arbeit setzte”sich zusammen aus der Anlage von viel hölzerner Verschalung, zu der eine Reihe von - - -235Zimmerleuten antreten mußten, aus Betonierungen, für die Zement und Kies heranzuschaffen, zu mischen, zu wässern und in die Verschalungen einzustampfen war. Weiterhin aus sehr viel Erdbewegung, die bei dem moorigen Boden Dachaus nicht immer leicht auszuführen war, und aus der Bergung des anfallenden Materials, das angesichts der deutschen Kriegsverhältnisse mit Sorgfalt gesammelt und wieder gebrauchsfähig gemacht werden mußte also Arbeiten vielfältiger Art genug. An Bert, den er unter stillschweigender Billigung des Kommandoführers, der sich dabei eine Zigarette anbrannte, den Leuten als neuen Hilfscapo vorstellte, vergab Schnell- Max die Erdbewegung mit etwa 50 hölzernen Schubkarren, sowie ungefähr ebensoviel Leute für die Sammlung des Altmaterials und die Nägelklopferei. Für die erstere Arbeit, die anstrengend war, bekam Bert sämtliche, Schwarzpunkte' zugeteilt, das heißt: durchwegs Männer von der Strafkompanie, deren Angehörige einen schwarzen Punkt tragen mußten. Für die Bergung des alten Schalholzes, der Baustützen, des Handwerkzeuges und der verbogenen Nägel und Drahtschienen wurden die sogenannten, Halbtoten' herangezogen, jene Kategorie von Gebrechlichen, die das Leiden jeden Capos waren, weil sie eigentlich ins Lazarett oder in ein Altersheim gehörten, statt auf den tumultuösen Arbeitsplatz. Aber man war halt hier in einem KzLager, und wenn es gleich jeder Vernunft und Menschlichkeit Hohn sprach, sah Himmler eben selbst in solch einer auf dem Aussterbeetat stehenden Kreatur noch immer einen Staatsfeind. Dagegen war leider nichts zu machen! Bert sah sich um, als er seine Kolonne einigermaßen in Gang gesetzt hatte-- und dankte Schnell- Max in der Tat für seinen guten Rat: das war ein Schaffen nach seinem Sinne, wenigstens bis jetzt! - 236HILFSCAPO. Noch war es überaus früh am Tage. Der Morgenatem strich frostig über die Wiesenflächen und spielte in den saftgeschwellten Knospen der Bäume und Sträucher. Alles stand bei ihnen zum Aufbrechen bereit, spät genug in diesem Jahre, als erwarte es nur eines Rufes von allerhöchster Stelle.... Der Morgenhimmel zeigte ein Blau von unbeschreiblich zarter, glasiger Helle. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Das noch indirekte Licht gab den Dingen eine Farbigkeit von fast transparentem Duft. Eine Stunde später erst lugte der oberste Rand der Sonne über den Wolkensaum, der den Horizont umlagerte, rotleuchtend, als tauche die Ersehnte aus einem Meer von Blut empor. Sie war das Fanal für Mensch und Pflanze: Nun gab es kein Halten mehr. Alles dehnte sich wohlbehaglich unter der Lichtflut, die über die Flur ausgeschüttet lag, unter dem Wärmebad, mit dem die Sonne Flächen und Bauten übergoẞ.... Wo eben noch der Reif die Kiesel des Weges bedeckte, die Halme der Wiesen überzog, da schimmerten funkelnde Tropfen wie Edelsteine vom Boden auf. Wo Menschen sich eben noch im Morgenschauer die steifen Hände rieben, da öffneten sie sich bald beim Schaffen die Hemdkragen, steckten ihre kleine, verschwitzte Kappe in die Tasche, um dem Kopfhaar endlich die Wohltat der Lenzsonne zu gönnen.-- Ein großes Aufatmen erfüllte die Brust, als fühlte jeder auf seine Weise einen Bundesgenossen ihm zu Hilfe eilen. Über den Rasen aber bringt sie das stärkste Wunder: in dessen Einfarbigkeit kommt Leben. Das schlichte Gelbweiß des Maßliebchen, der schwanke Stern der Anemone erschließt sich, die blasse, samtige, zu Boden blickende Primel hebt sich über das zarte, versteckte Veilchen hinaus... ein Teppich des köstlichsten Gewebes der Natur. Er erscheint den entwöhnten Augen Berts so bezaubernd, daß er um jeden Stiefeltritt bangt, dem das lichte Wunder etwa zum Opfer fallen könnte. Zum Glück liegt wenigstens die große Wiese, die ganz 237mit gelben und blauen Krokus bestickt ist, ziemlich außerhalb der begangenen Wege des Baues. Und in wenigen Tagen werden die Baumknospen erschlossen sein. Die sprossenden Kinderhände der Kastanien greifen nach den Fliedertrieben, die unversehens aufschießen. und schon die künftigen Blütenrispen erkennen lassen. Mein Gott, dachte Bert bei sich, jemals auch nur ein Jahr lang den Frühling im Freien entbehren zu müssen, das dürfte von Rechts wegen nie gestattet sein. Bei niemandem und nirgends, weil es an Unmenschlichkeit grenzt! Bestimmt kann ich auf lange Frist alle Menschen entbehren, oft von Herzen gerne sogar; ich kann ohne Tiere sein, ohne weiteres aber ohne Blüten nicht, unter keinen Umständen. Sonst kranke ich innerlich und sterbe ab. Weil sie die Wurzeln und die Triebe meines Gefühlslebens sind... und weil sie die Sonne zu ihrem Dasein so notwendig brauchen wie auch ich! - Bald hatte Bert herausgefunden, wo sich bei seiner Tätigkeit als Aufseher das wärmste Sonnenbad nehmen ließ. Er konnte ja stillstehen, die Hände bequem auf dem Rücken gefaltet, wenn er nur dabei seine beiden Kolonnen im Auge behielt. Eine halbhohe Betonmauer beim Bau bildete einen rechten, offenen Winkel auf die Sonne zu; die beiden Schenkel des Winkels warfen sich die Wärmestrahlen gegenseitig zu. In ihren Schnittpunkt stellte sich Bert, den Rücken gegen die Wand und überwachte von hier, unbedeckten Kopfes, den Zug der Sklaven, die er zu betreuen hatte. Dies waren, wie gesagt, zwei verschiedene Gruppen: die eine stillstehend unweit von ihm bei der Arbeit, die andere in unablässigem Kommen und Gehen. Die letztere gehörte der Strafkompanie an, einer Einrichtung, die es in Flossenbürg nicht gab. Wer zu ihr kam, hatte am Kittel und an der Hose unter der Nummer und dem farbigen Dreieck noch einen geräumigen, schwarzen Punkt in weißer Umrahmung zu tragen, anzusehen wie eine kleine Schießscheibe und auch ohne Zweifel zum besseren Treffen der Schüsse gemünzt. Denn die kleine Scheibe saẞ in Herzhöhe und mußte auch auf dem Rücken - - 238- - zwischen den Schulterblättern angenäht werden. Unsere Annahme bestätigt schon der Umstand, daß Fluchtverdächtige den gleichen Punkt in Rot zu tragen hatten, ebenfalls vorn und zwischen den Lungenflügeln. Wer beide Punkte tragen mußte und das waren nicht wenige Häftlinge sah natürlich erst recht wie ein buntscheckiger Zirkusclown aus, obwohl gerade diese Kennzeichnung recht wenig Lächerliches, sondern unendlich viel Tragisches deckte. - - In die Strafkompanie kamen in Dachau ausnahmslos alle Juden, alle Bibelforscher mit ihrem violetten Dreieck, alle Emigranten mit blauen Dreieck, die Homosexuellen mit rosa Dreieck, weshalb sie auch die, Rosenkavaliere im Lager genannt wurden und schließlich alle Geistlichen beider Konfessionen, die meisten von ihnen mit rotem Abzeichen. Außerdem solche, die sich grobe Verstöße im Lager hatten zuschulden kommen lassen und schließlich solche, bei denen es die Gestapo als Verschärfung ihrer Strafe ausdrücklich in den Akten verlangt hatte. Die Verschärfung war beträchtlich: die , Isolierten', wie sie auch hießen, wurden in Baracken untergebracht, die von den übrigen Häftlingen streng getrennt waren durch hohe Extragitter und fest verschlossene Gittertüren. Sie durften weder die Kantine zum Einkauf von Kleinigkeiten benutzen, noch die Bibliothek, also auch nicht rauchen und nicht lesen, weder Briefe schreiben, noch Post empfangen, waren also ringsum von der Außenwelt und dem Wissen um deren Veränderungen ausgeschlossen. Sie hatten nie einen freien Tag, also weder das ständige Wochenende von Samstag Mittag an, wie alle anderen Häftlinge, noch selbst an hohen Feiertagen frei... man bedenke, was diese Brutalität gerade allen Geistlichen gegenüber bedeutete! Und als ob dies noch nicht genügen würde, hatten sie auch eine besonders scharfe Überwachung und Antreibung bei der Arbeit zu erleiden, bei der ebenfalls vom Capo eines gemischten Kommandos, wie hier, darauf zu achten war, daß sie von den übrigen Gefährten nach - 239Möglichkeit getrennt blieben, um zu verhindern, daß ihnen Mitteilungen, Zeitungen oder Tauschartikel aller Art zugesteckt würden.... Daß dies dennoch in gewissem Ausmaße geschah und daß auch in den isolierten Blocks Zeitungen und Tabak zu finden waren trotz peinlicher Absperrung und laufender Filzerei, ist ein Beweis dafür, wie relativ enge Grenzen der menschlichen Bosheit gottlob gesetzt sind. * Die entsprechenden Vorschriften schärfte SchnellMax seinem Hilfscapo nochmals ein, als er ihm die nötigen Instruktionen in einem kleinen Werkzeugschuppen erteilte, der für ihn einen separaten Raum gewissermaßen als Bauhütte enthielt. Hier hatte der Capo seine Pläne und Zeichnungen auf einem schrägen Tisch unter dem kleinen Fenster ausgebreitet, hier nahm er die Tabakspenden entgegen, sicherlich nicht nur von Bert allein und hier rauchte er seelenruhig, obwohl die Lagerordnung das Mitnehmen von Tabak zur Arbeit streng untersagte und mit, 25 über'n Arsch' bestrafte, sobald bei einer Filzerei auch nur ein Zündhölzchen, geschweige denn eine Zigarette bei einem Häftling gefunden wurde. Er durfte sich das eben erlauben, wie ihm auch mancherlei Konzessionen stillschweigend bewilligt wurden, angesichts seiner ungemeinen Verwendbarkeit und seines Eifers im Dienst. - Um so fesselnder war es für Bert, die Bewachung der Isolierten bei der Arbeit zu übernehmen. Und bald erkannte er, daß die Weisung Maxens: die Kolonne unablässig anzuschreien und anzutreiben, wenn er als Capo seine Ruhe vor dem eigenen Vorgesetzten, also den SS.Leuten, haben wollte, leider nicht zu umgehen war, so von Herzen schwer es ihm auch anfangs fiel. ,, Das muß einfach sein, verstehst du!" predigte der Erfahrene ihm. ,, Man braucht kein solcher Büffel zu sein wie damals dein Capo Knör in Flossenbürg, aber auch um Gottes Willen nur kein Mitleid mit den Leuten vor dem Kommandoführer durchblicken lassen. Als Capo muß man diese herumlungernden Bestien von der SS, auf solche Weise ablenken und ihre bösen Gelüste, mit denen sie nach nächtlicher Sauferei zum Dienst kommen,.derartig abreagieren. Besser wir machen es von selbst und schäumen gewissermaßen vor unerbitt- lichem Eifer, solange sie zuschauen, als daß solch ein Kerl glaubt, zuviel Nachsicht und entsprechend Bum- melei bei der Arbeit feststellen zu müssen und zu seinem Amüsement uns selbst an den Schubkarren stellt... also verhalte dich danach‘, schloß er— ‚und wenn irgendwas vorfallen sollte, komme zu mir!“ Da zogen sie nun vorüber mit ihren plumpen, quietschenden Karren, Dingern, die von den Lager- tischlern auf das gröbste zusammengefügt waren. Jeder Mann hatte am Ausgangspunkt, wo eine kleine Kies- grube das Material für die Betonmischungen hergab, seine Schubkarre vollzuladen, unter Aufsicht eines Hilfs- capos natürlich und stieß sie nun von da einen anständig weiten Weg bis zur Mischstelle am Bau, wo der Pro- fessor Hafner sie abladen und die Karren mit ausge- worfenem Erdreich von der Ausschachtung der Bau- fundamente wieder anfüllen ließ. Dieser Humus mußte wiederum hinten bei der Kiesgrube auf einen stattlichen Berg gehäuft werden, um später von dort durch einen sogenannten ‚Moorexpreß‘ in die Lagergärtnerei ge- schafft zu werden. Das waren große, schwere Wagen auf Gummirädern, ähnlich dem Anhänger eines Fünf- tonners. Statt dem motorischen Antriebe wurden sie von annähernd 20 Häftlingen gezogen, vorn an der Lenkstange ein paar, seitwärts an Stricken ziehend ein paar, und der Rest hinten stoßend. So rollten sie überall im Lager umher— nichts Stumpfsinnigeres, nichts Zug- tierhafteres als ein solches Kommando. Bert aber, in der warmen, alle Lebensgeister wecken- den Sonne stehend, sprach seinen vorbeiziehenden Leuten erst gut zu, noch ungewohnt dieses Handwerks. Bald aber sah er, daß seine Mahnworte: ‚‚Los, Leute, weiter— vorwärts! Nicht einschlafen! Laßt euch nicht immer 241 - ermahnen..." und ähnliches, ohne Wirkung blieb. Zu abgedroschen und apathisch waren die Isolierten, zu dickfellig die, Grünen' und, Braunen'. Als sich nun auch der schlanke, gelangweilte Kommandoführer mit dem stupidblonden Gesichtsausdruck dicht neben ihn hinstellte und trotzdem ein paar, Isolierte gerade vor seiner Nase ihre Schubkarren absetzten um zu pausieren, für Lagerverhältnisse eine Ungeschicklichkeit oder Unverfrorenheit sondergleichen, da ging Bert schon stärker aus sich heraus und entdeckte beim Anschreien der Leute, daß er seine frühere, weittragende Befehlsstimme noch gut durch die Fährnisse der Zeit hindurch gerettet hatte. Alsdann legte er los wie ein Marktschreier, so daß es sogar dem Scharführer, der sich in seiner Nachbarschaft aufhielt, zu laut wurde. Versöhnlich gestimmt durch den schönen, warmen Frühlingstag legte er dem Anfängercapo die Hand auf die Schulter und sagte in herablassendem Tone: - ,, Schreien Sie sich nicht die Kehle aus, Menschenskind, sonst kriegen Sie am Abend keinen Ton mehr heraus! Bei solchem Pack wie den Juden und Pfarrern hilft bloß eins das da!" Er deutete auf einen kurzen Holz,, den prügel, der unweit von ihnen am Boden lag nehmen Sie sich und schlagen damit, ohne viel zu reden, einfach auf die Strohköpfe dreinverstanden? Das wird am besten begriffen und befolgt, können Sie versichert sein... also los, fangen Sie an, ich will sehen, wie Sie's machen!" Was blieb Bert übrig, als seinen behaglichen, Platz an der Sonne' zu verlassen und, solange der Scharführer zusah, wenigstens so zu tun, als ob er die Leute nach allen Regeln der Kunst drangsaliere.... Nur bei einem der Isolierten scheiterte sein Eifer. Das war ein alter Jude, kenntlich an den zwei Dreiecken, die sie zu tragen hatten: ein gelbes mit der Spitze nach unten und ein rotes mit der Spitze nach oben, so daß sie einen sechseckigen Stern bildeten, dem Sterne Davids vergleichbar. Der Isolierte war ein schon weißhäuptiger, eigentlich 16 Conrady, Amokläufer. - 242längst zu körperlicher Arbeit, auch leichtester Art, untauglicher Mann. Als Bert auf ihn zutrat, um ihn pflichtgemäß zu verwarnen, weil er viel zu langsam seine nur halb gefüllte Karre schob und von jüngeren Gefährten überholt wurde, da blickte ihn ein bartumstoppeltes Greisengesicht an, das von tausend Runzeln kreuz und quer durchzogen war, aber eine solch abgeklärte Weisheit ausstrahlte, daß es Bert im Nu ergriff. Und ein vor Keuchen verzerrter Mund brachte mit Mühe hervor, während die schwere Last den kraftlosen Fingern entglitt: ,, Herr Capo ha'm Se ä Einsehn! Ich möcht' ja gern der Erste sein, sei'n Se's versichert, wenn's noch ginge; aber ich kann eben höchstens der Letzte sein... lassen's mich ausrasten!" - Und mühsam lächelnd setzte er hinzu, als er die Güte in Berts Antlitz entdeckte: ,, Wissen Se, Gott ist mit den Langsamen, die Eile ist des Satans, sagt ä' altes, hebräisches Wort." Das wenige brachte der Alte so gepeinigt und müde vor, daß Bert die Antwort im Munde stecken blieb. Er sah rasch zu seinem Scharführer herüber, der sich gerade mit Schnell- Max über den Lieferschein für eine angekommene Sendung beugte-- also war es im Moment ungefährlich... Flugs nahm er selbst die Schubkarre des Alten auf und rollte sie mit ein paar Schritten hinter zwei, drei hohe Stapel von Bretterwänden, die zur Errichtung von Wohnbaracken hier angehäuft lagen. Der alte Jude folgte ihm schleppend. Und begann hinter Bert noch keuchend zu sagen: ,, Ach, umsonst hat ein Thoreau in Amerika ausgerufen, sechs Tage sollst du ruhn und einen Tag arbeiten... wie gut wäre es für uns alte Leute, die wir uns unverdient so plagen müssen, wenn es schon soweit wäre!" Hinter dem bergenden Holzstapel wollte er Bert mit seinen Pergamentfingern die Hand drücken, dabei mit den mummelnden Kiefern flüsternd: ,, Morgen, Harr Capo, bring ich Se zu rauchen mit, weil Se's so gut meinen mit ä armen Jüd'..." Bert wies ihn unwillig zurecht. ,, Hocke dich lieber gleich auf den Schubkarren hin‘und. laß den Unsinn sein, mir etwas mitzubringen. Ich habe selbst genug und nehme nie ein Geschenk im Lager an..„wer weiß über- haupt, ob dir die Ruhepause von Vorteil sein wird— aber’ bleibe hier, bis ich dich holen komme!“ Während der Alte nickte und dösend zusammensank, trat Bert hinter dem Holzstapel hervor, zur Vorsicht so tuend, als ob er sich den Hosenlatz wieder zuknöpfe.... „Heda, ihr Langweiler!“ mußte er gleich. wieder die nächste Gruppe von Schwarzpunkten antreiben,. die seine kurze Abwesenheit benutzt hatten, um ihre er- schlafften Arme zu schonen. ‚Drauf. und dran, vor- wärts, sonst raucht’s!“ Sein Knüppel pfiff durch die Luft, um die Drohung ernsthaft zu unterstreichen; denn der Scharführer blickte jetzt aufmerksam zu ihm hinüber. Weiter zog die Kolonne. Bert kam sich wie ein Fron- vogt vor, der unter einem Feudalsystem früherer Zeiten die Hetzpeitsche über die leibeigenen Bauern schwingen mußte,... Ein Bibelforscher kam an ihm vorüber. Der Hilfscapo ging ein paär Schritte neben ihm her, leise fragend: ‚‚Ist dein Glaubensgefährte Baumgarten auch in unserem Kommando?“ „O ja, dort drüben an der Mischmaschine steht er doch, siehst du ihn nicht? Er ist ja Maschinenmeister von Beruf...“ Sieh an, dachte Bert, unser bibelstarker ‚Zeuge Je- hovas‘, wie sich die Sekte eigentlich nennt, ist eben= falls avanciert! Die klobige Mischmaschine wurde durch einen Traktor vom Bulldog-Typ angetrieben, der klir- rend und fauchend die Luft verstänkerte. Neben dem Kasten stand mit züufriedener Miene, den Öllappen schwingend, tatsächlich sein untersetzter Freund aus Krems. Da Berts Leute mit ihren Karren den Weg um die Maschinen herum nehmen mußten, kam ihr Auiseher heran und berührte mit der Spitze seines Knüppels den Freund am Arm. Rasch wandte sich(der Bibelforscher um und sah lächelnd in das Gesicht seines Transport+ gefährten aus Wien. Dann erst fiel sein Blick auf. den 16° Knüppel in Berts Hand.... und er schüttelte bedenklich den Kopf. „Du— mit dem Stock in der Hand?“ fragte er erstaunt. „‚1ja, es bleibt mir leider nichts anderes übrig!“ gab Bert etwas verlegen zu. ,O nein“, widersprach der andere. ‚Gib ihn mir her!“ Und sanft nahm er dem Freunde den Knüppel aus der Hand und schleuderte ihn weit weg. ‚Das hast Du nicht nötig.“ „Doch!“ widersetzte sich Bert.„Mit Bibelsprüchen komme ich leider bei dieser Bande nicht durch!“ „Leider nicht, davon bin ich überzeugt“, gab Baum- garten zu. ‚Aber ein Mann wie du bringt es durch die Achtung, die deine Leute vor dir gewinnen, fertig, daß sie schon auf einen Wink hin gehorchen..... vor den anderen können sie keine Achtung haben, daher sind solche Hilfsmittel nötig. Aber du wirst es in wenigen Tagen erreicht haben— versuche es nur!“ Bert fühlte, wie recht der Freund hatte und ver- stummte. Im Hintergrunde des Baugeländes stapfte eben der stupide Scharführer gemächlich, seine Zigarette rauchend, in Richtung auf das nahe SS.-Kasino davon— gottlob, sein Gabelfrühstück, das ihn wohl dort er- wartete, wird annähernd eine Stunde dauern. Außerdem war Schnell-Max schon eine geraume Zeit lang nicht zu sehen. Aber er hatte ja noch seine Hilfscapos Weber und Hecht zur Verfügung, zwei eingearbeitete Leuteschinder par excellence, so daß er gut entbehrt werden konnte. Bert stand jetzt, um seiner Schubkolonne etwas Schonung zu lassen, bei dem anderen Teil seiner Gruppe: bei den Nägelklopfern und Sammlern von Altmaterial. Das waren Nichtisolierte, also keine Angehörige der Strafkompanie, wohl aber durchwegs auf den Aussterbe- etat gesetzte Männer. Leider konnte er den alten Juden, sowie manchen anderen der Schubkolonne, besonders Geistliche, bei dieser viel bequemeren Arbeit nicht unter- bringen, weil eben Isolierte und normale Häftlinge keinesfalls miteinander arbeiten durften. Die Nägelklopfer waren Maxens„Invalidengarde‘“, - 245- Leute mit nur einem Arm, mit Beinprothesen oder inneren Schäden, Männer, die Bruchbänder trugen oder schwere Rheumatiker, denen aber das Stillestehen auf dem feuchten Rasen erst recht schaden mußte und reguläre, Zittergreise', wie der Ausdruck für schwächliche Geschöpfe im Lager lautete. Diese ließ man die krummen Nägel aus den Bauhölzern ziehen und geradeklopfen oder umhergehen und das herumliegende Altmaterial einsammeln, kein Geschäft, das sonderlich beschwerlich war, weshalb sie auch die geringste Beaufsichtigung erforderlich machten. - Hier traf Bert auf seinen, Amtskollegen, den Professor Hafner, und fragte ihn: ,, Weißt du zufällig, wo unser Herr und Meister steckt?" Hafner zuckte die Achseln und flüsterte: ,, Ich habe ihn auch schon längere Zeit nicht gesehen. Hoffentlich kommt er nicht, wie schon manches Mal, mit einem Rausche zurück, denn alsdann ist er völlig ungenießbar!" Ungläubig sah ihn Bert an. ,, Das ist doch bloẞ ein Scherz von dir! Wo soll er sich denn im Lager einen Rausch holen können?" Bedeutsam den Kopf schüttelnd, zog ihn Hafner am Arm mit sich fort. ,, Lieber Oberst, du weißt anscheinend noch nicht, wieviel, Dinge hier gedreht' werden! Du kennst doch den dicken Reviercapo Heyden, dieses Mastferkel? Das ist Maxens Intimus, und die beiden bilden ein geniales Zwiegespann, das an gemeinsamem Stricke zieht " Er blieb kurz stehen und deutete in der Richtung auf das Kasino. ,, Siehst du das niedrige, fast runde Gebäude? Das ist die Totenkammer. Dort legt Heyden jeden Morgen die Leichen des Vortages in die Särge und richtet sie für den Abtransport zum Krematorium in München her. Bei der Gelegenheit darf er sich aus dem nahen SS.- Lazarett beständig Alkohol in einer ganz ansehnlichen Flasche holen. Daß die Flasche aber zur Arbeit kaum geöffnet wird, kannst du dir denken, wenn du Heyden nur einmal gesehen hast..." ,, Allerdings", gab Bert zu. ,, Aber wie will er die -246Flasche durch die Kontrolle am Tor bringen, wenn er ins innere Lager zurückkehrt?" So ,, Sehr einfach! Heyden selbst kann es nicht tun, denn in seine Taschen kann er sie nicht stecken. übergibt er sie Schnell- Maxen, der sie erst in unserem Geräteschuppen in einer Kiste versteckt und diese auf den Moorexpreß legt, noch bevor dessen Ladefläche mit Humus angefüllt ist. Alsdann liegt sie, gut mit Erde überdeckt, auf dem Boden des Wagens und kann so anstandslos die Sperre passieren...." Voll Eifer fuhr er fort: ,, Aber nicht nur das Eine, kannst du mir glauben, wandert diesen Weg ins Lager hinein, sondern so manche Schweinshaxe aus dem Kasino, viel frisch verarbeitete Wurst oder gutes Gebäck von der SS.- Küche, von den Brotlaiben aus der Bäckerei ganz zu schweigen" - - ,, Ja, ja", lachte er amüsiert, als er Berts ungläubiges Kopfschütteln sah. ,, Wie überall im Leben ist auch das Lager streng eingeteilt in eine Oberschicht, die kaum etwas anderes als die Freiheit entbehrt, selbst das nervenerregende Abenteuer nicht, obwohl sie zum Schein die Stütze der Obrigkeit sein sollte und dann in eine Mittelschicht, wie wir beide, die es zur Not noch aushalten kann; dann aber in eine große Unterschicht, der es so dreckig nach jeder Richtung ergeht, wie es sich ein freier Mensch einfach nicht ausdenken kann und die zu aller Mühe und Plage noch den Hunger und die Prügel zu kosten bekommt aber das scheint ja fast ein Urgesetz der menschlichen Gemeinsamkeit zu sein, das sich seit Jahrtausenden immer wieder überall durchsetzt!" - - Bert schwieg noch immer, weshalb der Professor seine Aufklärung mit dem Stoßseufzer schloß: ,, Meinetwegen soll der Capo organisieren', so viel er will, mich geht's offiziell nichts an, wenn er nur nicht schon an Ort und Stelle der Flasche zu Leibe ginge und dann eben_" - Er unterbrach sich und sah scharf auf die große Mischmaschine hinüber. Und fast zu gleicher Zeit hörten - 247 - beide Häftlinge die wohlbekannte Stimme des Capos brüllend über den weiten Bauplatz hallen, heiser wie die eines angeschossenen Wolfs. - ,, Da hast du es schon", stieß Hafner hervor und stampfte mit dem Fuße auf. ,, Kaum habe ich davon gesprochen lupus in fabula!" Er verabschiedete sich eilig. ,, Nun kann wieder mal ein Theater losgehen, paẞ auf addio, ich muß nun zu meinen Leuten, treibe auch du deine Kolonne fest an..." - ८८ Dankend trennte sich Bert von dem Davoneilenden und ging stracks auf die Mischmaschine zu, vor der seine Isolierten eine rastende Gruppe bildeten, die schweren Schubkarren vor sich auf den Boden gestellt. Von dem Traktor verdeckt, hörte er nur den Capo brüllen, ohne ihn zu sehen. Nun schrie Bert seinerseits die Leute an, um das fließende Band der Arbeit wieder in Gang zu bringen. Da sah er jemanden am Boden liegen. Es war sein Freund, der wackere Bibelforscher. Max stand wie ein Rasender über ihn gebückt, um den Wehrlosen immer wieder an der Brust emporzureißen und auf den Boden zu werfen, ihn zugleich mit den Füßen bearbeitend. Es war ein Bild von so entfesselter Roheit, daß sich Bert im Moment nicht erst fragte, was den Wutanfall des Capos erweckt haben konnte und ob es ratsam sei, sich hier einzumischen, was natürlich keiner der Umherstehenden gewagt hätte. Sondern er ließ sich, genau wie schon als Kind auf der Fahrstraße, wenn er irgendeinen Kutscher sein Pferd mißhandeln sah, einfach dazu hinreißen, dazwischenzutreten und mit einem kurzen: ,, Erlaube- es ist reichlich genug!" zu SchnellMax den blutenden, vor inneren Schmerzen sich windenden Baumgarten wegführen. Sein brüskes Einspringen hatte im Augenblick den Capo verblüfft einhalten lassen und dessen Wut abgekühlt. Noch bevor er aber zu einer neuen Schimpfkanonade ausholen konnte, sah ihn Bert so scharf und feindselig an, sein altbewährtes Mittel, daß sich der Mund des Gegners instinktiv schloß, aber dafür ein - 248stechend böser Blick aus blutunterlaufenen Augen den kühnen Untergebenen traf. Immerhin war die üble Szene damit zu Ende. Bert ließ mit ein paar Trostworten den Bibelforscher an einem stillen, sonnigen Winkel der Baugrube niedersitzen, damit er sich erhole, bis der Scharführer vom Frühstück zurückkäme. Was die Ursache seines Zusammenstoßes mit dem Capo war, hat er niemals herausbekommen. Wahrscheinlich war es so gut wie nichts. Dann wandte sich Bert dem Geräteschuppen zu, in dessen Tür er Max hatte verschwinden sehen, und trat in die kleine Plankammer ein, um sich hier unter vier Augen zu rechtfertigen. " 2 - Max saß auf seinem Stuhl und winkte ihm, die Tür zu schließen, so gleichmütig, als ob er ihn erwartet hätte. Seine Stirn hielt er in die offene Hand gestützt und ächzte. , Verflucht nochmal!" brummte er. ,, Man verträgt einfach nichts mehr, ekelhaft geradezu! Gib eine Zigarette her, Oberst!" Und als Bert gutwillig den einen Glimmstengel, den er sich, auch gegen das Verbot, mitgenommen hatte, aus dem sorgfältigen Versteck einer Nähfalte seines Kittels hervorholte und für den Capo anbrannte, nickte dieser versöhnlich und stöhnte, scheinbar unter heftigen Kopfschmerzen: - " ,, Wo ist der Kommandoführer?"- ,, Fortgegangen vor einer halben Stunde, anscheinend zum Frühstück ins Kasino!" Gut! Was schüttelst du dein weises Haupt, Oberst?" fragte er schon wieder mürrischer, als er den anderen vor dem Alkoholgeruch aus Maxens Atem unwillkürlich beiseite treten sah. Bert zuckte vielsagend die Achseln. ,, Du hast getrunken, Max?" fragte er mit eindringlicher Betonung. ,, Frag' mich nichts, Oberst, verstanden?! Und weich' mir heute aus, wenn ich dir raten soll... du siehst wohl, ich kenne mich selbst nicht mehr... ah, das Zeug wird immer erbärmlicher, pfui Teufel!" knirschte er und stand ächzend auf. ,, Dann lasse es doch lieber gänzlich sein, Menschenskind das wirst du doch fertig bringen!" - - 249Max legte daraufhin seine Rechte auf Berts Schulter und schüttelte gequält den Kopf. ,, Nein, ich trinke nur, weil ich nicht aufwachen darf, weil ich mich betäuben muß zu Zeiten, wenn mich wieder das Elend meines zerstörten Lebens angrinst... laß, ich bitte dich, sprich nichts dazu... es kommt mitunter ganz plötzlich über mich, jetzt besonders häufig, seit du wieder um mich bist! Und dann gibt es kein Halten mehr bei mir, das ist das Schreckliche... ich muß mich dann einfach austoben und zwar an dem, der mir gerade am nächsten steht... nimm es nicht zu sehr krumm, Oberst, ich suche es ja wieder gut zu machen, denn ich will nicht zum Vieh werden ach, was ist das für ein Leben!" Plötzlich warf er die halb gerauchte Zigarette in eine Ecke und sprang wie von Furien gehetzt auf die Tür zu und schlug sie mit Vehemenz hinter sich zu.... Betroffen und nichts Gutes ahnend ging Bert ihm nach. Wie verheerend der schlechte Alkohol in dem hochbefähigten Menschen alle Elastizität, alles Geschick zur klugen Lenkung seiner Leute erstickte und die zügellosen Triebe aus dem Schlamm seines Inneren emporhob, ward ihm an dem Vorfall nur allzu klar. -- * - Bald hernach kam es zu einem neuen Exzeẞ; irgendein Falott unter Berts, Grünen', den es mißgünstig gestimmt hatte, daß einer der Juden sich etwas ausruhen durfte, wies den Capo mit bedeutsamen Fingerzeigen auf den Holzstapel hin. Schnell- Max witterte sofort etwas, was ihm jetzt gelegen kommen konnte und fand zu seiner lebhaften Befriedigung den alten, matten Das Juden auf seiner Schubkarre eingenickt vor. schlummernde bleiche Greisengesicht sah so gebrechlich aus, als ob eine Berührung, ja ein Hauch es schon vernichten könnte.... Aber daß dieser als Isolierter es nie gewagt hätte, sich eigenmächtig aus der Reihe herauszustehlen, sondern hinter das Versteck gesetzt worden war, bezweifelte Max keinen Augenblick. Und gerade 250 um Bert zu bestrafen und zugleich für dessen Dazwischentreten Rache zu nehmen, versetzte er dem gegen die Holzwand Zurückweichenden solange einen wahren Hagel von Faustschlägen ins Gesicht, bis der gebrechliche Mann zu Boden sank. Sofort riß er ihn wieder hoch, stellte ihn von neuem an die verlassene Schubkarre und hieß ihn weiterrollen. Ein paar Schritte ging es, dann waren die Kräfte des Armen zu Ende. Der biegsame Knüppel, den der Capo aufgegriffen hatte, sauste aber unbarmherzig auf Genick, Kopf und Ohren des Alten nieder, bis dieser unter Wehklagen noch einmal mit dem allerletzten Rest seiner Kräfte es versuchte, die schwere Karre vorwärts zu bringen, bald aber einen Blutsturz bekam und mit dem verzerrten Gesicht vornüber auf den Karren sank. Ein dunkelroter Quell rann aus seinem Munde, der nur noch ein leises Wimmern hören ließ. دو Alles, was noch eine Spur von Herz im Leibe hatte, wandte der widerlichen Szene ostentativ den Rücken. Diese deutliche Verachtung seines Treibens bemerkend, stachelte Max erst recht zu seiner bösen Lust auf. , Willst du aufstehen, du verschimmelter Dreckjude, du modriger Talmudist, was!?" brüllte er den Unbeweglichen an, ihn mit Fußtritten bearbeitend. ,, Ich will dich lehren, die Arbeit zu schwänzen und einzuschlafen heut ist kein Sabbat, wie du vielleicht gedacht hast, du Rassenschänder, du erbärmlicher... willst du vielleicht jetzt aufstehen, wenn dir deine Wackelzähne noch lieb sind?" Und als er schließlich selbst nicht mehr sprechen konnte vor Atemlosigkeit, so hatte er sich an dem Reglosen ausgetobt, winkte er einer Gruppe von, Grünen', die als Einzige dem Schauspiel wollüstig zugesehen hatten.... ,, Hierher, ihr Mistbienen, anpacken den Kerl und in die Wassertonne mit ihm! Das Blut abwaschen und untertauchen, aber gründlich!" Bereitwillig grinsend sprangen die herzlosen Gesellen auf den Alten zu, nahmen ihn auf, das blutüberströmte Gesicht nach unten, und schleppten ihn zu der großen, - 251in die Erde eingelassenen Tonne, in der das Wasser für die Betonmischungen bereitgehalten wurde. Ein Schwung - und die aufspritzende Flut schlug über dem versinkenden Greis zusammen. Die Kälte des Wassers, das aus einem Bergbach stammte und die Finger erstarren ließ, wenn man sie nur kurze Zeit hinein hielt, erweckte den Gequälten wieder zum Leben. Die rohen Griffe der Verbrecher taten das ihrige dazu... und als er, wieder herausgezogen, triefend vor Nässe vor dem Capo stand, der ihn heiser brüllend fragte, ob er nun gewillt sei, weiter zu arbeiten, da geschah es tatsächlich, daß dieses schon verflackernde Stümpfchen Leben noch gütig und ergeben nickte, sich unter die Arme greifen und zu seinem Marterinstrument führen ließ jawohl, er wollte tun bis zuletzt, was er konnte. - Die absterbenden Finger faßten nochmals nach den Holzgriffen des Karrens, sie krallten sich um das rohe Holz, und ein Blick der rot angeschwollenen Augen auf den Capo voll grenzenloser Demut und Weltferne wollte ihm noch sagen: ich gehorche dir, aber du wirst dennoch nicht Sieger bleiben, sondern ein Höherer als du Dann verglasten die Augen. Die Gestalt sank in sich zusammen, ohne daß die schwere Karre auch nur einen Ruck gemacht hätte. Ein Häuflein Haut und Gebein, in dürftige Kleidung gehüllt und von Nässe durchtränkt, lag da mitten im Wege, zu wesenlos sogar für einen Fußtritt des Capos... er war erlöst! Von den Seinigen hatte ihn die Willkür eines grausamen Regimes verbannt, ihn Tag für Tag mit übermäßiger Fron gequält, mit Hohn und Mißhandlung überschüttet- jetzt war er in die große, unwiderrufliche Verbannung eingegangen zu seinem Heile. - - Mit einem verächtlichen ,, Alter Schabbesleuchter!" drehte sich der Capo von dem Verendeten ab und ließ ihn liegen. Zwei, drei andere Juden schafften ihn in die Hütte. ,, Ich mache mir die Hände nicht mehr dreckig an ihm....." Damit war die Sache für Max erledigt. Zur Verantwortung zog ihn im Lager kein Mensch. Hätte der Kommandoführer dem Auftritte beigewohnt, - 252wie es späterhin bei vielen ähnlichen Fällen auch eintrat, so wäre niemals ein Scharführer dem Capo in den Arm gefallen... zumal es ja, nur ein Jude' war. So etwas war doch alte, man könnte fast sagen, geheiligte Tradition des Lagerlebens, Frucht der Verruchtheit ihres Beherrschers Heinrich Himmler. Kaum zwanzig Minuten hernach sah Schnell- Max, nunmehr von seinem Rauschzustand befreit und den Bau gewissenhaft überwachend, auf seine Armbanduhr und stellte als Zeit dreiviertel vor elf Uhr fest. Nur den Capos war es gestattet, eine Uhr bei sich zu führen. Sich umschauend, bemerkte er auch schon den Kommandoführer mit langen Schritten über die Wiese daherkommen, die unfehlbare Zigarette im Munde. Eine kurze Verständigung zwischen beiden erfolgte, dann setzte der Scharführer eine kleine Metallpfeife an den Mund und gab ein langgezogenes trillerndes Signal mit ihr. An allen Stellen des weiten Bauplatzes wurden die Werkzeuge abgelegt oder in den losen Sand gesteckt, mit dem Stiel nach oben. Der Motor der Mischmaschine lief aus, die Schubkarren rollten beiseite, und alles strebte der Fahrstraße zu, um zur Mittagspause anzutreten. Bevor der Capo den Geräteschuppen abschloß, in dem ein früherer Sergeant der französischen Fremdenlegion als Materialausgeber saß, ein mürrischer Mann mit zitronengelber Gesichtsfarbe, typischer Leberleidender, ließ Max von ihm den Toten heraustragen und in einen leeren Schubkarren setzen. Einer der, Braunen', der während der Arbeit aufgefallen' war, mußte den Karren stoßen. Arme und Beine hingen dabei steif über die hölzernen Kanten des Füllraumes hinaus auf den Boden hinab. Der Kopf schleifte auf dem verschmierten Rade des Karrens und hüpfte bei jeder Unebenheit leicht auf und nieder, als ermuntere die letzte Heimfahrt noch den Verblichenen... niemand hatte es für nötig befunden, ihm die Augen zu schließen. Der Karren mit seiner traurigen Last bildete den - 253Beschluß des langen Zuges, der dem provisorischen Tor zustrebte. Die letzte Stunde über hatte Bert kaum noch etwas von seiner Umgebung gespürt; dazu hatten die Auftritte mit Schnell- Max ihn zu sehr erregt. Nun sah er bewegten Herzens, welche Farbenpracht die Mittagssonne über das Gelände zauberte. Im Gezweig hüpften die Meisen und Tannenzeisige. Ein Flug weißer Tauben kreiste über dem marschierenden Trupp ach, hätte so manches versöhnlich und erträglich ausschauen können, wenn nur es Auf der kleinen Holzbrücke über dem reißenden Bach rekelten sich die wachhabenden Scharführer. Sie waren von der mild scheinenden Sonne behaglich gestimmt und zählten lachenden Mundes die Häftlinge nach, deren Kopfzahl ihnen der Capo laut zugerufen hatte. Der erste Wachhabende verglich das Ergebnis mit der Kopfzahl beim morgendlichen Ausmarsche des Kommandos, eine Zahl, die auf Meldezetteln notiert stand. Damit diese Zahlen Gott behüte! übereinstimmten, mußte der Capo seine Leute vollzählig wieder zurückbringen... ob tot oder lebendig, das spielte keine Rolle. Als der Scharführer den toten Juden in dem Schubkarren ausgestreckt liegen sah, rief er belustigt aus: - - ,, O jeh, da kommt ja der Erzvater Isaak auch noch hintendrein, um seinen Segen zu spenden- na, schmeißt den Kerl nur gleich hinten ab, dort liegt ohnehin schon genug solches Gelichter, das für den großen Ofen reif ist!" DIE TOTENKAMMER. Kaum hatten die Kommandos die Sperre am Tor passiert, als der, braune' Arbeitsscheue auch schon stracks seinen Karren an den Rand des Marschweges steuerte und dort einfach umkippte. Der Tote purzelte ungelenk heraus und blieb, halbsteif, wie er schon war, in verrenkter Stellung am feuchten Boden liegen, das Gesicht nach unten, so daß es aussah, als bete er in mohammedanischer Weise.‘... Und siehe da:’einer nach dem anderen lag dort am Rand des Weges bis’ zu den Wohnblocks entlang, von- den schön vorher einmar- schierten Kommandos abgeworfen und einfach liegen gelassen; Männer in allen Stadien der Agonie: voll- kommen Verendete mit gebrochenen Augen zum Himmel aufstarrend, und noch bei Bewußtsein Befindliche, die sich im Todeskampf wanden und: nicht mehr auf- konnten... nicht anders wie erschlaffte Lasttiere der Wüste. . Ein wahres Schlachtfeld des Raubbaues am Mit- menschen zog sich da entlang. Und an dieser entsetz- lichen Garnitur des Weges vorbei stampften die groben Tritte der ehemaligen Kameraden.... Niemand, der stehen blieb oder vielmehr bleiben durfte, ja kaum ein Drittel der Vorbeikommenden, die dem Schauspiel über- haupt einen Blick schenkten. Denn weitaus die Mehrzahl sah eben zur Stunde nichts anderes vor ihrem geistigen Auge als die blauen, dampfenden Thermoskessel im Wohnblock und nährte nur die eine Frage, was sie wohl enthalten würden.... Die Toten oder Verendenden interessierte ja. der Fraß nicht mehr; also vorwärts, soll sie. der Teufel holen, morgen können wir ebenso daliegen und verrecken; deshalb nur heute noch einhauen und sich nicht den Appetit verderben lassen——— Bert sagte sich im stillen: so unerbittlich rüde der Zuschnitt des Lebens in Flossenbürg gewesen war, dies hier war doch ein neuer Zug für ihn, der nur Dachau eigen war. Und was sich an diesem Vormittage ab- gespielt hatte, gehörte leider nicht zu den Seltenheiten. Tagtäglich vollzog sich das gleiche bei allen Außen- kommandos. Es machte Bert auch immer stärker den Eindruck, als ob Schnell-Max seinen. Posten als Capo, gerade an dieser Stelle des Lagers, weniger für die eigentliche Arbeit, so gut er sie auch verstand, ausnützte, als für seine Sonderinteressen persönlicher Art. Denn einmal verschwand er lange Zeit in der Totenkammer, dann wieder in der Metzgerei, das nächste Mal in dem großen -- 255Gerätelager. um jedesmal mit einer schweren Kiste oder einer Korbflasche zu erscheinen, die er in seinem Schuppen mit Hilfe des Fremdenlegionärs, seinem, Geheimsekretär', verstaute. Kam dann der Moorexpreẞ mit seinem behäbigen Capo an der Spitze, angerollt, um den ausgeschachteten Humus fortzuholen, dann trugen sie zu dritt das versteckt gewesene Gut auf den Lastwagen, bewarfen es höchst selbst mit schwarzer Erde, bis es unsichtbar war und dergestalt ruhig die Sperre am Tor passieren konnte. Von Leo Eichmüller, dem Alterfahrenen, hörte Bert, daß die Blockältesten, Stubenältesten und Capos, kurz alle, Honoratioren' von Dachau, bei Schnell- Max bestellen konnten, was sich nur ausdenken ließ- alle möglichen Eẞwaren, bestimmte Zigarren oder Tabake, reinen Alkohol nebst dazugehörigen Essenzen zur Likörfabrikation, Benzin, Öle, Putzmittel, Besen, Tücher, Taschenmesser und wer weiß, was noch wenn ihm mit dem entsprechenden Gegenwert gedient wurde. - Und jedesmal, wenn ein solcher Coup im Abrollen war, peinigte den Capo eine Unruhe, die bei der leisesten Reizung ihn zu ähnlichen Ausschreitungen greifen ließ, wie am ersten Tage, da Bert bei ihm tätig gewesen. Der Hang, der ihn zu solchen Raubzügen trieb, war ein regulärer Piratenzug in seinem Charakter, nur waren seine Nerven durch die lange Lagerhaft eben schon zu sehr strapaziert, als daß er die Risiken kaltblütig durchgehalten hätte. - - Aber auch Bert selbst ging während dieser Tage in eigenartiger Spannung umher, die seine Aufmerksamkeit absorbierte. Er hatte letzthin von Iřina einen Brief erhalten, in welchem sie in verdeckter Weise mit Rücksicht auf die strenge Kontrolle der Post andeutete, daß sie sich an geeigneter Stelle beraten lasse, ob und wie sich der gleiche Vorgang wie in Flossenbürg wiederholen ließe. Das hieß mit anderen Worten: daß sie es zu arrangieren versuche, ihn noch einmal zu sehen... auf welche Weise sich das in Dachau einrichten ließe, war ihm rätselhaft. Aber diesem ver — 256— blüffenden Mädchen war ja alles zuzutrauen. Sie besaß so recht die Zähigkeit und Findigkeit der slavischen Rasse. Niemals freilich hätte er sich träumen lassen, ihr in dichter Nähe seines Arbeitsplatzes zu begegnen, nämlich im Vorraum zur Totenkammer.... An einem Vormittage kam Schnell-Max früher als sonst von einer seiner privaten Exkursionen zurück und rief Bert sofort zu sich in den: kleinen Raum des Geräteschuppens. Nicht eher, als bis die Tür der Kammer sorgfältig wieder geschlossen war, sah er seinen Hilfs- capo bedeutsam an und langte einen eng zusammen- gefalteten Zettel von lichtblauer Farbe aus der Tasche. Ihn in der Luft wie eine Trophäe schwenkend, fragte er Bert eindringlich: ‚Sag mal, Oberst, erwartest du etwa Besuch von draußen?“ Der Gedanke an Ifina durchfuhr Bert bei dieser Frage zwar blitzartig, aber er zögerte noch, sich zu ver- raten... so zuckte er lieber die Achseln nachlässig und warf lediglich hin: ‚‚Wie sollte das möglich sein, hm?“ Aber seine Gelassenheit war nur Schein. Im Innern hielt ihn eine wachsende Erregung gepackt. „Nun— nun, einen Weg gäbe es, den natürlich kaum jemand von deinen Leuten in München wissen kann. Aber sie können sich ja gegen teures Geld von einem jener ‚Sachverständigen‘ beraten lassen, wie sie im Städtchen Dachau zu finden sind. Und einer Frau aus jenem Kreise, die mir schon bekannt vorkommt, bin ich jetzt begegnet. Sie hat, als sie Heyden und mich sah, das Papier hier zu Boden fallen lassen... ich konnte es unauffällig aufheben und lesen———“ Er faltete den Zettel langsam auseinander und las, ihn gegen das Fensterlicht haltend, mit gedämpfter Stimme vor:„Schleunigst auf Block IX, Stube 4 zu ‘ bringen und für Häftling Nr. 35851, Oberst Robert Jordan, abzugeben“ Strich unter diesem Satz. Dann weiter: ‚Versuchen Sie irgendwie zur Toten- kammer zu gelangen. Sie werden dort von einer Ihrer Angehörigen erwartet, und zwar während: der Besuch- - 257stunde von 10-11 Uhr, von heute ab bis Ende der laufenden Woche nichts einstecken, denn jedes Sprechen oder Überreichen von Schriftmaterial ist unmöglich, nur kurzes Sehen ohne jede Wiederholung... beeilen Sie sich, Gefahr ist dabei stets im Verzuge! Dachau, den 30. April 1940.- Ein ehemaliger Häftling." Der Capo las ohne Stocken bis zum Schluß und verkniff dann lächelnd seine schmalen Lippen unter nachdenklichem Kopfnicken. Dem Abenteurerblut in ihm imponierte der Trick anscheinend mächtig. Und als er seinen Mitarbeiter ansah, war dieser schon abwechselnd blaß und rot geworden, so jagten die geschwächten Nerven das Blut durch seine Adern... 33 - ,, Was sagst du dazu?- Nicht schlecht eingefädelt, was? Hast du eine Ahnung, wer dich da erwartet?" Gewiß weiß ich es! Und bin in großen Zügen schon darauf vorbereitet worden", stieß Bert hastig hervor und legte dann die Hand auf den Arm des Capos. ,, Wie komme ich aber in die Totenkammer?- Gib mir deinen Rat, Max, damit die Sache nicht schief geht. « ,, Das ist ja klar!" stimmte ihm der Capo bei und überließ ihm den Zettel. ,, Aber - Bert unterbrach ihn ungeduldig. ,, Komm, ich möchte sofort losgehen oder geht das noch nicht? Es ist grade 10 Uhr!" - Max lachte auf, ein gutes, freundschaftliches Lachen. ,, Aha, da weiß ich schon, um was es sich handelt, alter Schwerenöter! Aber höre zu: Man kann in die Totenkammer nur als Gefolgsmann von Heyden herein gelangen. Denn es sind meistens zwei Scharführer anwesend, einer zur Auskunfterteilung an das Publikum, das sich einfindet, der andere als Fahrer des geschlossenen Lastwagens, in dem die Leichen zur Verbrennung nach München geschafft werden... deshalb - Er faßte sich nachdenklich an die Stirn, lüftete die Kappe und setzte sie entschlossen wieder auf. ,, Nein, es geht nicht mit dir allein! Heyden kann dich nicht leiden, wie du weißt; es käme eventuell noch so, daß du dabei auffällst und-- na, deine Frau oder Freundin 17 Conrady, Amokläufer. — 258— womöglich verhaftet wird... Deshalb muß ich nochmals mitkommen, aber hier am Bauplatz angeben, daß ich mit dir einiges Werkzeug zum Umtausch aus dem Gerätelager holen gehe, verstehst du! Denn einzelne wissen, daß ich vorhin schon mal bei Heyden war... also Vorsicht!“ Er riß rasch die Tür zum Schuppen auf und fragte seinen ‚Geheimsekretär‘: ‚Wo sind jetzt die defekten Blechscheren?— Gib sie her!— Nehmen wir jeder zwei pro forma in die Hand, Oberst— und nun komm!“ Er zog Bert am Ärmel mit. Auf dem Bauplatz ver- ständigte er die Hilfscapos Weber und Hecht von seiner kurzen Abwesenheit für zwanzig Minuten. Dann gingen beide ostentativ auf den entfernten Eingang zum Geräte- lager zu, im Bewußtsein, daß die Blicke der Schaffenden auf dem Platz ihnen folgten. Das gewaltige Lagerhaus besaß an der Stirnseite seines langgestreckten Baues eine Art Ausgabeschalter, an dem man unbenutzbar gewordenes Werkzeug zum Umtausch in gutes, geschliffenes Gerät abgeben konnte. Der Capo der hier arbeitenden Häftlinge leitete die Aus- gabe und war selbstredend längst ein Vertrauter Maxens. Auf dessen Klingelzeichen öffnete er die Klappe, nahm die vier Blechscheren ab und lauschte zugleich den ge- flüsterten Worten: ‚In zwanzig Minuten kommen wir wieder, zögere solange mit der Ausgabe, verstanden?“ Ein kurzes Nicken der Verständigung, ein leises ‚o.k.‘— und das Glasfenster sauste geräuschvoll herunter. „Flott jetzt!“ zischelte Max, ‚‚beeil’ dich— es geht los!“ Wie zwei Diebe schlichen sie jetzt um die Ecke des Gerätelagers, das schon weit draußen lag, zu dem achteckigen Pavillon der Totenkammer. Da kam ihnen aus der halboffenen Flügeltür das leichte Rollwägelchen entgegen, auf dem die Leichen vom Revier heraus- geschafft wurden. Es lief auf zwei Velorädern mit Pneumatik und Kugellager und trug einen braunen gerundeten Deckel zum Verhüllen seiner traurigen Last. Ein Revierpfleger, der Max bekannt war, schob ihn, -- 259hielt sofort an, als er den Capo mit bedeutsamen Winken auf sich zukommen sah und flüsterte auf dessen leise Frage, wie es stände, zurück: ,, Alles in Butter, ich geh' noch zwei Tote holen- geht aber inzwischen ruhig hinein, Heyden ist gerade allein!" ,, Vorwärts!" befahl Max und zog Bert hastig mit sich, denn rückschauend sah er Tibbu- Tipp, von seinem Foxl begleitet, dem äußeren Lagertor zuradeln. Und der durfte sie beileibe nicht in die Totenkammer eintreten sehen. Also mußten sie wie ein geölter Blitz im Eingang verschwunden sein. Dawas für ein Raum war das? Von zwei hohen Fenstern fiel auf den Arbeitsplatz Heydens ein blasses. Licht, das sich in den rötlichen Fließen am Boden und in den weiß gekachelten Wänden spiegelte. Links baute sich ein Haufen schwarz gestrichener Särge einfachster Art auf; rechts lag deren Inhalt gleichfalls übereinander gestapelt: nackte, steife Männer, frisch gewaschen. Eine der Leichen hatte der Capo gerade unter den Händen Das Leitungswasser sprudelte munter auf den bläulich weißen Leib und von ihm herab auf den Boden, um in einem Ausfluß zu verschwinden. Das plätschernde Geräusch ließ den bürstenden Capo erst dann aufschauen, als die beiden Eindringlinge schon eine Minute lang hinter ihm standen. Der Anblick dieses Milieus: die brutale Sachlichkeit des Raumes, dazu das dicke Ungetüm von Kerl, der in seiner rötlichen Gummischürze und in seinen Holzpantinen die verblichenen Mitmenschen mit seinen groben Fleischerhänden bearbeitete, der Stapel von Leichen und der Haufen Särge auf der Gegenseite wäre des Pinsels eines Goyas oder Grecos würdig gewesen. Sie allein hätten vielleicht das unbeschreiblich Nüchtern- Grausige der Szene voll wiedergeben können. Maxens Blick richtete sich auf die schmale Glastür, die in den Raum nebenan führte, wo die fertig geschlossenen Särge aufgestellt und in den Wagen geladen wurden. Dort saß der diensthabende Scharführer und 17* 260 -- dort warteten auch diejenigen Parteien aus dem Publikum, die von dem Ableben ihres Angehörigen durch die Lagerleitung verständigt worden waren, um seiner Überführung ins Krematorium beizuwohnen, eventuell auch eine besondere Urne für die Asche bereitstellen wollten, statt der gegen Bezahlung gestellten Normalurne. Da es aber stets ungewiß war, wann ein verstorbener Häftling zur Verbrennung kam, mußten dessen Angehörige sich jeweils selbst im Lager über den Zeitpunkt der Überführung informieren. Dies geschah auf die Weise, daß man sie in die Totenkammer eintreten ließ, wo Name und Nummer der Überführten verlesen wurden. War ihr Angehöriger heute noch nicht dabei, so mußten sie wiederkommen. Da die Totenkammer gänzlich an der Peripherie des Lagers gelegen war, sahen diese Besucher vom eigentlichen Betrieb im Kz ohnehin nichts. Ebensowenig bekamen sie jemals den Toten zu sehen, mußten sogar Gott danken, daß es ihnen versagt blieb zu erkennen, welche Behandlung ihrem Verstorbenen zuteil geworden war. Denn bar jeder Ehrfurcht vor dem Tode sah das Lager in den Leichen der Häftlinge nur noch einen lästigen Ballast, dessen man sich unter möglichst geringem Aufwande entledigte, um gerade noch den hygienischen Vorschriften zu genügen. Sonst hätte man sie ebenso gleichgültig auf einen Berg übereinander gehäuft. Heyden machte sofort, als er Bert in der Begleitung des Freundes erblickte, seinem Unwillen Luft, indem er sich aufrichtete und durch die fette Nase schnaubend sagte: ,, Was soll denn der da, hm?" ,, Sei still," wisperte Schnell- Max und winkte ihm aufmunternd zu. ,, Wir kommen dir nur helfen, solang' du allein bist. Und ohne eine Antwort abzuwarten, zog er den Rock aus, dessen gelbe Armbinde ihn als Capo verraten hätte, so daß ein Scharführer sofort gewußt hätte, er habe hier nichts zu suchen... und sogleich faßte er den nächsten Sarg an, gab Bert ein dann legten beide den Zeichen, ihm zu helfen dünnen, schwarzen Kasten flach auf den Boden, er = g6r griffen eine der fertig gewaschenen Leichen, einen Mann mit jämmerlich verzerrten Gesichtszügen und klapper- dürrem Leib, nach den hervortretenden Backenknochen zu schließen ein Pole— legten ihn sans fagon in den kahlen Sarg, blank und bloß, so nackt, wie er einst, vor rund einem halben Jahrhundert, auf diese schnöde Welt gekommen war... hatte sich das gelohnt, möchte man seine Mutter fragen, die ihn mit Schmerzen geboren und in Sorgen großgezogen hat, hat sich das wirklich gelohnt, damit ihm hier in der Fremde solch ein Los zuteil werde? Es galt jetzt, den Deckel— ganz dünnes Spaltholz— draufzusetzen und dem Capo, der einen leichten Hammer ergriffen hatte, die Nägel zu reichen, damit er die Särge zunageln konnte. „So— genug! Vier Stück genügen vollauf!“ lehnte Max die Handvoll Drahtstifte ab, die ihm Bert reichte. Ein paar Schläge, und der Deckel saß notdürftig. Flink hatte Max von einem Podest die Kreide herunter ge- nommen und malte nun hinten und vorn auf die Schmal- seite des Deckels die Gefangenennummer des Toten auf, die er dem bewußten Kofferzettel an dessen großer Zehe entnahm—— fertig! „Der nächste Herr bitte!“ lachte Max und weidete sich an dem angeekelten Ausdruck im Gesicht seines Helfers. ‚‚Ah bah, sei kein Frosch, Oberst, man gewöhnt sich an alles, gelt ja, Heyden?!“ Das Monstrum von Reviercapo hatte inzwischen ruhig weitergearbeitet, einen neuen Leichnam mit seiner Bürste bearbeitend. Max winkte dagegen Bert zu einem noch blutjungen Toten, der steil an der Wand lehnte, alle Zeichen eines letzten furchtbaren Schreckens im Gesicht. Der Schädel wies noch jene runde Apfel- formung auf, wie sie den Halbflüggen eigen ist, die Glieder nicht minder die zarte Form des Jugendlichen. „Schau, den habe ich gekannt‘, flüsterte Max, ‚er lag in meiner Stube, ein Sudetendeutscher, flinker, sauberer Bursche. Sein Blockältester wollte ihn zu sich ins Bett nehmen— du verstehst mich!— der Junge 262 - sträubte sich dagegen - zur Vergeltung hat der Kerl eine Meldung gegen ihn wegen irgendeiner Lächerlichkeit geschrieben... und das verschaffte dem armen Kerl, 25 über'n Arsch' nebst den obligaten drei Tagen Dunkelarrest, dazu ohne Kost- na, das hat dem Jungen, der dafür ja noch viel zu zart war, genügt. Er hat durch die Schläge eine Nierenentzündung bekommen, durfte trotzdem lange Zeit nicht ins Revier, weil der Lagerleiter an sein Fieber und seine Schmerzen nicht glaubte und das Resultat siehst du nun hier... jedes weitere Wort erübrigt sich! Das ist die Jugendfürsorge der Nazis, nicht wahr?!" - Mit dem letzten Worte seiner Erzählung drehte er den Toten um und zeigte Bert dessen Kehrseite. Das Gesäß zeigte noch immer eine blaugrüne Hautfarbe und fingerdicke Narben. Aber an beiden Seiten der Hüfte, wo die Nierenpartien sitzen, befanden sich dicke Polster rotschwarz verkrusteten Blutgerinnsels in Handtellergröße es schauderte Bert vor dem verwüsteten Körper eines bislang blühenden Menschenlebens, Aus einem Tropfen Fäulnis bist du gezeugt und dein Ziel ist Moder', verkündet die Heilige Schrift mit Recht--,, Das kommt von den grausamen Ochsenziemern, mit denen hier erbarmungslos geschlagen wird... und dann daher, daß 25 Hiebe eigentlich 50 bedeuten, regulär 25 Doppelhiebe von irrsinnigster Wucht na, du kennst das ja von Flossenbürg her! Aber hier hörst du eben schon beim zweiten Schlage die Engel im Himmel pfeifen, und vom fünften Schlage an werden die meisten schon ohnmächtig, zu ihrem Glück... also komm, pack' ihn mit an!" -- - Auch dieser junge Leidensgefährte wurde verstaut, bekam seine Nummer mit Kreide auf den Sarg gemalt. Und noch ein Dritter gleich ihm, bis in der Tür der Revierpfleger wieder mit dem Rollwagen, samt einem Kollegen, zum helfen erschien. Jetzt war für Max der Augenblick zum Handeln gekommen. Gute zehn Minuten mochten seit ihrem Eintritt in die Kammer verflossen sein. Insgesamt - 263sechs Särge standen zum Fortschaffen in den Hauptraum zur Verfügung. Max nahm seinen Freund Heyden beiseite, klärte ihn flüsternd auf, was Berts Sache betraf und bekam es schließlich fertig, daß der brummige Dickwanst, seinem Spießgesellen zuliebe, einverstanden war, Bert den Gefallen zu tun, den er brauchte. Max und er packten den ersten Sarg, die zwei Pfleger den zweiten an, Bert machte ihnen auf Geheiß die Glastür zum Hauptraum auf und ließ die Gefährten mit ihrer Last passieren, um über die Schulter der Sargträger hinweg einen Blick in den Nebenraum zu werfen. Endlich also! Der diensthabende Scharführer stand mitten im Raum und hielt eine Liste in der Hand, auf der er wohl die Namen der Toten verzeichnet hatte, die zur Verladung kommen sollten. Denn entsprechend der aufgemalten Nummern auf den Särgen strich er einzelne Positionen der Liste an und rief laut den dazugehörigen Namen auf, damit die anwesenden Parteien wüßten, ob ihr Verwandter dabei sei oder nicht. Hernach trat er beiseite und warf die Liste auf einen kleinen Tisch am Fenster. Nun sah Bert: auf einer Holzbank unterhalb der hochliegenden, gelben Fenster saßen fünf Personen, durchwegs dunkel gekleidet, sowie ein Knabe von annähernd zehn Jahren. Die zweite von links war Iřina, in einem dezenten Kostüm von schwarzweißem Tuch, neben einer rundlichen Frau vom Typ der guterhaltenen Witwe, im Äußeren unverkennbar eine bayerische Kleinstädterin mit jenem bäuerlich verschmitzten Gesichtsausdruck, der diese Gattung kennzeichnet.... Sogleich traf beide ein kurzer, auffordernder Blick von Schnell- Max mit emporgezogenen Augenbrauen, ein Wink, der besagen wollte: Alles in Ordnung, geht ins Freie flink, flink!! Iřinas Begleiterin verstand ihn sofort und stand auf. Ihr breitgedehntes, Heil Hitler!' als geflissentlicher Abschiedsgruẞ klang wie eine Blasphemie in dieser Umgebung. Sie nahm das Mädchen am Arm und zog es mit sich fort. Iřina erschauerte sichtlich bei der Berührung durch - 264sie. Auch sie hatte während ihres wohl einstündigen Wartens in der Kammer der Ekel gewürgt. Gewiß war sie in puncto Nerven kein Schwächling; aber der penetrante Leichengeruch in dieser Luft und der Anblick der sich häufenden Särge zerrte doch an ihren Nerven. Zu alledem kam die Ungewißheit, ob die Sache mit dem Zettel klappen werde und nicht im Gegenteil etwa ihr und ihm schaden könnte... ja, zuweilen überfiel sie sogar eine tiefe Hoffnungslosigkeit. Von Minute zu Minute war dergestalt ihre Bedrängnis gewachsen. So kam es sie wie eine wahre Erlösung an, als Berts Gestalt an der Tür auftauchte und seine Augen sie zu suchen begannen. Noch stärker aber war ihre Freude, an dem Aufleuchten seiner Augen die Beglückung zu erkennen, die ihn ergriff... und dann: seine Haltung war wieder aufrechter, sein Blick hatte gottlob nicht mehr das Erloschene, wie oben in Flossenbürg. Auch die straffen, belebten Züge sprachen erneut von Energie und Selbstbewußtsein... dem Herrgott sei gedankt! Nun folgte sie willig der vorausgehenden Wittib, die als erfahrene Dachauerin den Trick sicherlich nicht zum ersten Male inszenierte. Bert mußte anerkennen, um wieviel rascher sie sich zu beherrschen verstand als er selbst. Ihm zitterten unverhohlen die Knie. Starr stand er an der Tür und konnte keinen Schritt mehr tun, als ihre Blicke sich begegneten und ineinander tauchten. Das Blut hämmerte ihm wie eine große Glocke in den Schläfen. Viel fehlte nicht, so hätte sein Verhalten und die übergroße Erregung, die ihn im Banne hielt, das gut eingefädelte Spiel verdorben. Iřina erkannte die Gefahr mit dem Instinkt des Weibes. Um ihn zu beruhigen, lächelte sie etwas angestrengt zu ihm herüber, um zugleich ihre aufsteigenden Tränen zu bezwingen.... Aber Max wandte sich um, als er den letzten Sarg abgesetzt hatte, und drehte Bert einfach mit Schwung herum, um ihn in den Arbeitsraum zurückzudrängen. Dabei rief er laut, im Hinblick auf den Scharführer: ,, Na los, Langweiler, schlaf' nicht ein!" 265 Kaum aber war die zufallende Glastür wieder geschlossen, als er seinen Rock überzog und zischelte: ,, Jetzt raus, Mann raus, sie warten doch draußen auf dich, die Braut und die Schwiegermutter los, es handelt sich ja um Sekunden!" - - Ein kurzer Dank noch an Heyden mit einem Klaps auf dessen feiste Schulter, dann war der gewandte Capo wie ein Aal herausgeschlüpft und überflog draußen flugs die Umgebung ob die Luft auch rein sei. Ein kurzer Wink mit dem Kopfe zu den beiden Frauen herüber deutete ihnen an, daß noch alles in Ordnung sei und er Wache halten wolle. - Nun ging Bert, seiner Befangenheit Herr geworden, rasch auf Iřina zu, bezaubert von ihrem Anblick.... Lächelnd suchte sie in seinen Augen zu lesen, bot ihm in Eile ihren Mund, auf den er seine Lippen preẞte, während er ihre Arme umklammerte und stammelte: ,, Dank, Dank, Geliebte, bleibe mir gesund und grüße die Schwester von ganzem Herzen.. ja, es geht mir viel besser, sei beruhigt-- und lebe wohl, leb' wohl und komme gut heim, mein Einziges!" ,, Schluß jetzt!" raunte der Capo hinter ihm auf dem Ausguck. Die Gefährlichkeit der Situation an einer so exponierten Stelle war derart groß und ersichtlich, daß beide Liebenden trotz ihrer Sehnsucht, sich noch umschlungen zu halten, sofort zurücktraten und nur noch einen flüchtigen Händedruck tauschten. Einige Sekunden hernach verschwanden schon die beiden Frauen hinter einigen Baracken am Ausgang des Lagers. Aus war der Traum. Aus und vorbei.... Das ging so eilig vonstatten, daß Max den noch in dumpfer Unbewegtheit Verharrenden fast mit Gewalt mit sich führen mußte.... ,, Sei doch verständig, Menschenskind, vergiẞ nicht, wo du bist, zum Henker!" murrte er nun im Gehen. Wir kämen doch beide böse in Teufels Küche, wenn uns ein SS. ler erwischt!" د, Er hatte gut reden. Bert war noch taub und blind für seine Umgebung. Am Schalter des Gerätelagers erwartete sie schon der Capo mit den umgewechselten — 266— Blechscheren und war entrüstet, daß sie sich so ver- zögert hatten.....„Ich bin doch nicht für euch allein da, verdammig nochmal!‘ knurrte er unwillig und schlug gleich wieder das Glasfenster zu. Lachend drehte sich Max um und sagte, gutgelaunt über den geglückten Streich, der so recht seinem inneren Wesen entsprach: ‚‚Da siehst du es, Oberst, deinetwegen verdirbt man es mit seinen besten Freunden— nun komm zur Arbeit zurück!“ Bert schwieg noch immer. Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl einer tiefen Entbehrung empfunden, daß er nicht mehr mit Ifina gesprochen hatte, Wich- tigeres, Lieberes... aber seine Gedanken waren ja durcheinander geschossen wie aufgeschreckte Möven. Dann aber.preßte er heftig den Arm des Capos, der neben ihm ging und ihn halb zufrieden, halb spöttisch musterte. „Höre, Max“, sagte.er zu ihm in wärmstem, freund- schaftlichem Tonfalle. ‚‚Ich bin dir zu größtem Danke verpflichtet! Du hast dich selbst mächtig exponiert dabei— das macht alles wett, was ich dir bisher arg verdacht habe—— „Na, laß man“, wehrte der andere schlicht ab. ‚Ich habe ja meinen Spaß dabei gehabt— ja, was tut man nicht alles für die Liebe, selbst wenn sie einen nichts angeht— sie soll leben!“ lachte er auf. ‚‚Und glaube mir: ich bin sehr froh, auch mal was Gutes zu stiften, dir besonders gern, Oberst! Jedenfalls wird das der erste Fall dieser Art sein, schätze ich, daß sich ein Häftling im Lager mit seiner Braut trifft und sie küßt, solange Dachau besteht!‘ Jetzt mußte auch Bert zwangsläufig lachen.... „Wahrhaftig! Wenn die hochmögende Lagerleitung das wüßte—— lieber Himmel!“ „Eben das“, fiel der Capo ein,„ist die ständige Würze bei meinem Tun und ein wenig Genugtuung für das, was man uns antut... und nun kein Wort mehr darüber, wir sind am Bauplatz—— hier, trag’ die Blechscheren an ihren Platz.“ = 267= PLANTAGE UND HIMMELFAHRT. Mit seinem alten Freundeskreise kam Bert in diesen Tagen relativ wenig zusammen, ausgenommen den treuen Ogertschnigg, den Analphabeten aus Kärnten, der sich wie früher mit allen möglichen Dienstleistungen seiner pfleglich annahm. Die meisten übrigen beschäf- tigte noch zu sehr das Hineinwachsen in ihren Arbeits- kreis, in dem sie zu begünstigten Kommandos aufgerückt waren. Dafür schloß sich ein anderer Wiener, früherer Korrespondent böhmischer Zeitungen, namens Charly Zrounek während ihrer freien Stunden stark an ihn an. Er war von zarter, beinahe durchscheinender Körper- lichkeit, dabei ein Kopf mit klarem, resoluten Urteil. Und ihre Tischnachbarn: Major Täubler aus Steyr und Baron von Dahmen aus Gastein drängten Bert ständig, sich die Stätte ihrer Tätigkeit anzusehen: die große Plantage, ebenfalls eine Spezialität des Dachauer Lagers und besonderes Steckenpferd Heinrich Himmlers. .... Nachdem sich Bert in seiner eignen Arbeit schon so ‘“ ziemlich eingelebt hatte, ließ er sich an einem freien Samstag Nachmittag, als die Capos der Plantage noch Ersatzkräfte brauchten, mit zum Ausmarsch dorthin zuteilen. Es handelte sich um ein gewaltiges Gelände, von den Häftlingen in jahrelanger Arbeit entwässert und vom Torf. befreit, das nunmehr zur Kultur von Gewürz- pflanzen und bestimmten Kreuzungen von anderen Nutz- pflanzen verwendet wurde. Da die Plantage in keiner Weise eingezäunt war, also für Fluchtversuche die beste Gelegenheit bieten konnte, rückte stets eine Viertel- stunde vor dem großen Kommando von rund I500 Häft- lingen die. Bewachungsmannschaft aus, um den Um- kreis des Geländes zu umstellen, bewaffnet in besonders scharfer Weise mit Maschinenpistolen, während der leitende Oberscharführer einen großen Feldstecher trug. Auf dem Gelände befanden sich auch zwei ge- schmackvoll gebaute Dörrhäuser im Stile alter Bauern- häuser mit steilem, hohem Dach, neben sechs bis sieben - 268. stattlichen Treibhäusern, in denen außer tropischen Zierpflanzen auch Curry und Paprika gezogen wurden, um den sogenannten, deutschen Pfeffer' zu erzeugen, eins jener Ersatzmittel, an denen Nazi- Deutschland leider wieder so reich geworden war. - Im großen ganzen herrschte auf der Plantage ein reichlich schlendriger Zug bei der Arbeit. Der ständige Kommandoführer war einer der wenigen SS.- Männer, deren Sinn nicht auf Schikane ihrer Untergebenen gerichtet war und ihm stand ein Obercapo zur Seite, neben fünf Capos, der sich bestens mit ihm verstand. Zu allemhin wurde an einem Samstag Nachmittag, an dem die meisten Kommandos feierten, auch hier nichts. rechtes geleistet. Die Maisonne schien mit ihrer schönsten Fülle auf das Gewimmel der Häftlinge herab, die sich zumeist ihrer Kittel entledigten und die Hemdsärmel aufkrempelten.... Plötzlich riẞ der Föhnwind den Dunstschleier auf und enthüllte die Ferne da stand der ganze Gebirgsblau und zug der Voralpen Bayerns- sein Stolz scharf konturiert am Horizont da, lockte und winkte in seiner kantigen Felsigkeit ach ,, wenn ich ein Vögelein wär'.. - - Bert hatte eigentlich als Arbeit ein Feld von Pfefferminzstauden auszuroden und die Pflanzen zu sortieren. Da er aber hierzu noch zwölf Mitarbeiter hatte, ließ er das Feld bald im Stich und fragte sich nach seinen Freunden durch, die im Maleratelier der Plantage saßen.... In einem hellen Zimmer, dessen Fenster in eins der Treibhäuser eingebaut war, hockten sechs Österreicher beieinander und hatten mit Aquarellfarben die Blüten und Blätter der Kreuzungen abzumalen, die von der Leitung der Plantage, einem SS.- Botaniker, nach Weisungen der Biologischen Forschungsanstalt in Berlin erzielt worden waren. Das war ein sauberes, nicht aufregendes Geschäft, bei dem es sich gut plaudern ließ, obwohl das benachbarte Treibhaus einen Dunst feuchtwarmer Luft herüberschickte, der jeden Laut zum Geflüster ermatten ließ.... -269Dennoch lebte eine rege Unterhaltung auf. Und wie konnte es anders sein, als daß die Hitlerei auch hier wieder das Gesprächsthema bildete. Baron von Dahmen erklärte: ,, Ach, diese Falschmünzerei unter der Maske der Parteiphrasen empört mich stets aufs neue! Schopenhauer hat mal gesagt: er habe die Handelsleute deswegen besonders lieb, weil sie gerade heraussagen, was sie wollen: nämlich verdienen! Anders unsere Nazis: sie wollen dasselbe, hüllen sich aber wie Tartüffe in den Phrasenmantel von Patriotismus, Volksbildung, Kampf gegen die angeblich im Dunkeln schleichenden Kräfte und ähnlichen Unsinn....' " 66 , Dazu noch die ewige Lobhudelei", warf Major Täubler ein ,,, die widerlichste aller geistigen Barbareien, die das Leben in Deutschland jetzt zu einer wahren Strafe macht!" ,, Ja, am Hofe keines absoluten Monarchen", lachte ein dritter ,,, ist so kriecherisch geheuchelt worden als rings um die Reichskanzlei herum!" ,, Aber das ist ja gerade die Schurkerei der Bande, daß sie sich für ihre Zwecke der reinsten Kraft der Menschheit bedienen: der Gläubigkeit junger romantischer Naturen!" ,, Besonders die Frauen lecken mit vollster Hingebung das verführerische Gift ihrer Utopien! Anfangs erzielte er doch bei ihnen wahre Anfälle von Berauschtheit, die an reguläre Hysterie grenzten...." Dann kam ein Pfarrer zu Wort: ,, Ich muß stets an ein Wort des alten Görres denken", meinte er. ,, Alles schadet der Menschheit nicht so sehr als die verruchte, abgefeimte Arglist dieser Regierung und ihre grund- und bodenlose Schlechtigkeit gesprochen allerdings schon 1814!" ,, Ja, und diese Leute setzen nun alles daran, die Welt erst von sich aus zu datieren und die Fiktion vom Großdeutschen Reiche und vom Genesen der Welt am deutschen Wesen zur völligen Illusion im Gedankenkreis zumindest der Jugend zu steigern... dabei ist es gerade -- 270dem deutschen Volke unter den Kulturvölkern wohl am wenigsten gelungen, die Einzelperson über ihre Arbeitssphäre hinauszuheben und durch Vernunft, Geist und Liebe die Person im Menschen immer freier zu machen vergessen wir das nie!" - Hier warf der Pfarrer kurz ein: ,, Wieder einmal wird eben der Heiland die Völker mit eiserner Rute weiden!" Zum vorigen Thema zurückgreifend, rief einer aus: ,, Tja, nie hätte zu einer früheren Zeit ein zweiter Diogenes mit seiner Laterne vergeblicher in Deutschland einen Menschen gesucht als jetzt. Nur noch Heuchler, Kriecher, Flüsterer und Streberseelen sind zu finden, außer n den Kz's, wohin allerdings ein Diogenes keinen Zutritt erhielte, solange er sich nicht verdächtig macht!" ,, Bedenkt nur: was fünfzehn Jahre ruhigen, steten Aufbaus der Demokratie nach dem ersten Kriege geschaffen haben, das haben die hast vollen sieben Jahre darauf unter dem Hakenkreuz nur verwirrt und verwildert, zerbröckelt und schließlich ganz ruiniert, dank der geradezu infantilen Ahnungslosigkeit der Braunhemdem von Welt und Leben das ist die wahre Bilanz ihres Tuns!" ,, Manches mutet doch wirklich an, als sei es von der sprunghaften Phantasie eines Schulbuben eingegeben, nicht dem Hirn gereifter Männer entsprungen!" ,, Sehr wahr! Denn alle wahrhaft großen Dinge von Dauer sind nie über Nacht im Sturmschritt gekommen, sondern haben nur Kinderschrittchen gemacht, erst schwankemd und unsicher. Im anderen Falle gibt es nichts als frühzeitig krumme Beine." Der Pfarrer bemerkte schlicht: ,, Große Schritte, doch nicht auf dem rechten Wege, sagt uns schon Augustinus!" ,, Und außerdem in den Zeitungen und Reden das ewige Widerkäuen der eitlen Mär, wie unsagbar übel es in der liberalistischen Zeit gewesen sei und wie herrlich weit wir es mit der neuen Moral gebracht haben...." , Reden wir uns doch nicht immer ein, was wir alles in der Welt bedeuten, was wir alles können und sind! رو - 271Die Hitlerei hat durch ihren exaltierten Jupp Göbbels die nationale Eitelkeit bis zur Lächerlichkeit gesteigert...." ,, Tja, leider ist es in der deutschen Propaganda wieder Usus, so zu lügen, daß die vaterländische Eitelkeit durch dick und dünn geschmeichelt und gestreichelt wird!" ,, Und welcher Riesenaufwand an harten und gewaltigen Worten, meist um Bagatellen!" ,, Nun dazu noch ein Wort von Goethe:, Wer recht wirken will, muß nie schelten und sich um das Verkehrte überhaupt nicht kümmern, sondern nur das Gute tun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen wird, sondern daß etwas aufgebaut werde, woran die Menschheit reine Freude hat'...“ So sprach man sich aus. Freilich gingen Rede und Antwort nicht fließend vonstatten, sondern stets unter Pausen bei langsamer Weiterarbeit, prüfendem Aufblicken und Korrigieren des Gemalten, daher mehr ruckweise und ohne vollen Zusammenhang. * Während die Malbeflissenen derart ihre Meinung austauschten, war draußen im Freien eine merkbare Unruhe entstanden. Durch die Glasfenster sah man alle Häftlinge ihre Arbeit verlassen und die Richtung auf den Sammelplatz einschlagen. Als die Stube sich noch beunruhigt fragte, was eigentlich vorliegen möge, denn es war erst gegen drei Uhr, riß der Capo der Treibhäuser die Außentür auf und rief mit Stentorstimme herein: ,, Alles sofort antreten vorwärts!" - Im Gehen verriet er den anderen, daß von den Aushilfskräften drei Mann bei der Flucht erfaßt worden seien. Einer sei auf den Anruf des Postens weitergelaufen und erschossen worden. Die anderen beiden hätten die Hände erhoben und sich einfangen lassen.... Das wäre nun seit Jahresfrist wiedermal der erste Fluchtversuch, den die Plantage erlebte. Die schläfrige Stimmung, die der schöne Vorsommertag in Capos und Be - 272 - wachung erweckt hatte, mochte die drei Burschen zu dem verzweifelten Entschluß verlockt haben. ,, Ausgerechnet an einem Nachmittage", seufzten die Österreicher ,,, da wir dir, Oberst, unser friedliches Treiben hier draußen zeigen wollten!" Am Abmarschplatz sah sich Bert mit allem Mitgefühl die beiden Ausreißer an: es waren zwei schmächtige, fast zwergenhaft kleine Zigeuner, die nun verzagt und verprügelt, mit rotfleckigen Beulen im Gesicht von den Fäusten der SS.- Leute, beieinander standen und scheue Blicke umherwarfen. Zwei Häuflein Unglück waren sie und nicht mehr, wenn man sie so dastehen sah... und doch hatte der leidenschaftliche Freiheitstrieb ihres Volkes so unbezwingbar in ihnen gewirkt, daß sie ihm trotz der schweren Lagerstrafen nicht hatten wiederstehen können. Der Kommandoführer brach angesichts des Vorfalles die Arbeit ab, die ohnehin nur noch zwei Stunden gedauert hätte. Auf dem Rückmarsche ging Bert mit den Kameraden zusammen, die über den Fluchtversuch debattierten. 33 , Seien wir froh, daß man die Kerls gleich wieder eingefangen hat", äußerte sich Major Täubler. ,, Denn aufgegriffen hätte man sie bei der kriegsmäßigen Überwachung des Landes und aller Grenzen ohnehin binnen kurzer Zeit, es müßte denn ein Wunder geschehen und jemand unterwegs eine Tarnkappe finden! Wir aber hätten solange auf dem Appellplatze angetreten stehen müssen, bis die Flüchtlinge gefunden wären...." ,, Stimmt!" warf der Baron ein. ,, Erinnert ihr euch noch jenes 12. Februars vergangenen Jahres, wo wir vom Nachmittag an, ohne was zu genießen, bei einer wahren Saukälte die ganze Nacht hindurch stehen mußten, bis die Leute dann in den Morgenstunden zusammenbrachen und erst am Vormittag gegen 10 Uhr die Erlösung kam, als der Fernruf eintraf, daß man den Ausreißer gefangen habe... ja, an jene 16 Stunden werde ich noch in meinem Alter zurückdenken, weiß Gott!" ,, , Wieder eingefangen hat man sie ja sämtlich, die - -273bisher ausgekniffen sind, jedoch nur deshalb, weil sie alle die große Dummheit begangen haben, die in solchem Falle strikt zu vermeiden ist: nach Hause zu ihrer Familie oder ihrer Geliebten zu gehen! Daẞ dort nicht ein Häscher, sondern gleich ein halbes Dutzend auf sie warteten, hätten sie sich gleich sagen müssen. Heute wird es freilich richtig sein, daß kaum irgendwo oder irgendwie die Möglichkeit besteht, mit vollem Erfolge auszurücken!" ,, Und deshalb", schloß Toni Täubler die Debatte, als sie schon durch das Lagertor einrückten ,,, ist es eine riesige Rücksichtslosigkeit gegen den Kameraden, sich davonmachen zu wollen. Zum Erfolg führt es mit 99% Sicherheit nicht, sondern nur zu furchtbarer Lagerstrafe und die anderen büßen auf das Empfindlichste mit, ohne irgendwas verschuldet zu haben, weil eben die Flucht der ärgste Affront ist, den man der Lagerleitung antun kann!" - Er fuhr lachend fort, indem er seinen Arm in denjenigen Berts schob: ,, Wohlverstanden- du kannst dich tätlich auflehnen und wirst eben wie ein toller Hund erschossen oder kommst auf friedliche Weise ums Leben, indem dich eine Krankheit dahinrafft das schiert niemanden groß, denn es bleibt interne Angelegenheit des Lagers. Aber wenn du fliehst und nur eine Stunde lang unaufgefunden bleibst, so muß ja zu deiner Fahndung die Meldung an alle Polizei- und SS.- Stationen ergehen, zugleich also auch an die Reichsleitung in Berlin... na, und das, wie du dir denken kannst, scheut jedes Lagerbiest wie das Fegefeuer!" Unter solchem Gespräch war Berts Exkursion nach der Plantage beendet. Das Kommando löste sich auf. Die Häftlinge überfluteten die Lagerstraße, um in die einzelnen Blöcke zu verschwinden, * Noch immer hielt das stabile Vorsommerwetter an, als man Mitte Mai schrieb und das Himmelfahrtsfest herangekommen war. Gottlob ließ die Lagerleitung 18 Conrady, Amokläufer. - 274- diesen Tag als Feiertag gelten mit Ausnahme freilich der, Isolierten', die alle unaufschiebbare Arbeit zu leisten hatten, darunter auch die Bauerei am Unterführerheim, die Max Schnell unterstand. Er beurlaubte jedoch Bert von der Arbeit, so daß dieser in Gesellschaft von Stillfried, Dahmen, Graf Bernstorff, Charly Zrounek und Leo Eichmüller rauchend vor seinem Block auf- und abging, um das Signal zum Antreten abzuwarten. Noch war es ungemein früh am Tage, wie immer vor dem Appell. Zartes, durchsichtiges Dunkel stand im Begriff, dem Nahen des Tagesgestirn zu weichen; düster hoben sich die Silhouetten der Baracken und des Wildparks gegen den immer lichter werdenden Morgenhimmel ab. Aber schon eine Viertelstunde später glich der östliche Rand des Horizontes fast einem Flammenmeer, das in langen roten Streifen sich dem duftigen Pfirsichgrün im Zenith vermählte... die lichten Nebel über dem Bergwasser, das in reißendem Fluß am Stacheldrahtzaun entlang strömte, verflüchtigten sich, zergingen in Nichts- und schön wie ein rosiges Kind erwachte der junge Tag. Drüben im nahen Wildpark begannen die Vögel freudenvollen Lärm zu vollführen. Da berichtete Leo Eichmüller, der ehrliche, charaktervolle Nürnberger, den Freunden, daß er ihrem Kreise untreu werden wolle.... Scheerer habe ihn für den Posten eines Blockältesten bei den Polen vorgesehen. Erst einen Tag zuvor sei wiedermal ein bisheriger Feldwebel', wie die Lagersprache sie nennt, mit, 50 über'n Arsch und 42 Tage Bunker', das heißt: Dunkelarrest bestraft worden, der höchsten und furchtbarsten Lagerstrafe, weil er beim geschlechtlichen Miẞbrauch von jugendlichen Polen seines Blockes betroffen. worden sei. ,, Ihr könnt es mir glauben", fuhr Leo fort ,,, daß ich verdammt ungern mein ruhiges Leben an meiner Arbeitsstelle in der Schreinerei aufgebe. Aber Scheerer, der Lagerälteste, hat vollauf recht, wenn er mir vorhält: die armen Kerle sollen endlich mal eine anständige Behandlung erfahren, so daß man sich nicht länger beim Eintritt in einen ihrer Blocks zu schämen braucht, sobald man die traurigen, verprügelten Gesichter dort sieht! Und hätten sich vier junge Polen nicht in einer einzigen Nacht selbst aufgehangen, so wären wohl die Zustände ohne Änderung weitergegangen....*‘ „Von wannen stammt dir diese Wissenschaft, mein Lieber?‘“ fragte ihn Stillfried. ‚Von Scheerer, meinem Freunde, direkt!“ erwiderte Leo. ‚Er war bei dem Besuche des Reichsärzteführers im Lager vor einigen Tagen dabei. Beim Anblick der vier erhängten Polen witterte dieser gleich Unrat, was Tibbu-Tipp natürlich scheußlich war. Er ließ den ganzen Block antreten und sprach so zu den Leuten durch ihren Dolmetscher, daß sie trotz ihrer Verängstigung den Mund aufmachten. Und da kam allerhand zur Sprache ... das tat er freilich nicht den Polen zuliebe, sondern weil er ein neuer Besen ist und gern den Scharfmacher spielt———. Und aus diesen Gründen schlage ich den Wunsch Scheerers nicht ab, wenn ich auch euch, Leutl’ns, dann nicht mehr treffe. Aber bald wird ja die Absperrung der Polenblocks ohnehin fallen— und dann könnt ihr mich der Reihe nach besuchen, um selbst zu-prüfen, wie sich die Männer unter meinem Szepter fühlen!“ Einstimmig wünschten ihm die Freunde Hals- und Beinbruch zu seiner neuen Aufgabe, die ihm den ‚Trauer- flor‘ am Ärmel, das heißt: die im Lager hochgeschätzte, schwarze Armbinde des Blockältesten verschaffte.... Dann von seinem Thema abgehend, wandte sich Leo an Bert und sagte ihm vertraulich: „Du wirst dir ja auch bald, verehrter Oberst, ein anderes Kommando suchen müssen— oder nicht?“ Bert zuckte etwas verwundert die Achseln. ‚,‚Ich' wüßte nicht warum, mein Lieber? Wie kommst du auf diese Idee?‘ „Nun“, fuhr Leo leise fort, ‚das ganze Lager weiß doch, soweit es sich um ältere, kundige Insassen handelt, was dein Schnell-Max treibt.... Daß auch bei ihm der Krug nur solange zu Wasser geht, bis er bricht, ist doch klar. Und ebenso klar ist, daß Tibbu-Tipp nach dem 18* -276- letzten groben Vorkommnis auch seinen Lieblingen nicht mehr trauen wird, zu denen ja Schnell- Max ohne Zweifel gehört in vieler Beziehung nicht zu Unrecht, wie ich zugebe!" - ,, Ich befürchte es allerdings auch schon", gab Bert ihm recht. ,, Aber ihn zu warnen ist riesig schwer bei seiner Natur!" " , Stimmt! Deshalb achte lieber darauf, aus seinem Kommando herauszukommen; denn Tibbu- Tipp greift meistens, wenn er mal ausmistet, den ganzen Kreis auf, von dem er glaubt, daß er mitschuldig ist, zum mindesten schuldig durch Stillschweigen sage das deinem Capo seelenruhig; denn wenn Max nüchtern ist, läßt sich mit ihm ja offenherzig reden!" - - - -- ,, Du hast recht, Leo den Rat werde ich schon morgen befolgen, sei dessen gewiß", nahm sich Bert vor und dankte dem Freunde. Inzwischen war der Sonnenball im Osten feurig hochgestiegen und überzog den Himmel mit purpurner Röte. Fast silberweiß glänzten die Dächer der Baracken vor ihnen auf... da brummte, der Bär das erwartete Schnarrsignal, und alles trat in Reihen vor den Blocks an. -- Aber nach dem Zählappell erfolgte kein allgemeines Abrücken zur Ruhe, auf die man sich gefreut hatte, sondern die Mannschaften mußten eng zusammenrücken und ein Hufeisen bilden. ,, O du gerechter Strohsack!" murrten die erfahrenen Dachauer ,,, auch das noch an einem solch schönen Feiertage " -- ,, Was ist denn los?" ,, Na ja, die Bestrafung der beiden Ausreiẞer erfolgt nun öffentlich und ausgerechnet heute, an Christi Himmelfahrt, verflixt noch einmal!" In der Tat erschien schon der Lagerhenker, der alte Bernhard mit seiner grauen Mördervisage. Er und sein Gehilfe, ein Bibelforscher, schleppten den gefürchteten Bock herbei, ein etwas konkav gerundetes Gestell, ähnlich dem gleichnamigen Turngerät. Unter dem Arm trugen sie eine Anzahl jener grausamen Ochsenziemer, die durch ihre Länge und Biegsamkeit so überaus gefähr na 2. lich sind, weil durch sie nicht nur das Gesäß, sondern noch stärker die Nieren aufgeschlagen werden, wie Bert schon zur Genüge im Badesaal gesehen hatte. Insofern waren die Bastonaden in Flossenbürg noch eine Gering- fügigkeit gegenüber den hiesigen gewesen. Und das Widerwärtigste: einer solchen Exekution auch noch zwangsweise beiwohnen zu müssen, war ihm und allen Gutgesinnten ein Greuel. Nur die ‚Grünen‘ und ‚Braunen‘ ließen sich das Schauspiel als unterhalt- same Abwechslung gefallen. Tibbu-Tipp stand wieder mit verkniffenen Lippen da und starrte in seiner beliebten Haltung zu Boden, umgeben von einer dichten Gruppe von Scharführern. Unter ihnen schien der plumpe Lagerelefant, der hin- und herschob, so recht in seinem Element zu sein. Zum Überfluß erschien auch noch der Lagerkommandant, Obersturmbannführer Piorkowsky, höchst selber, gemein- sam mit einem Arzte.; Sein Eintreffen gab das Signal zum Beginn des Theaters. Denn vier stämmige Scharführer zogen sich bereits die Uniformröcke aus, knöpften die Hosenträger ab, alles um besser dreinschlagen zu können— und wählten sich die Folterinstrumente aus, die ihnen am besten in der Hand lagen—— Da klang hinter den Baracken der dumpfe Ton einer Trommel auf, begleitet von dem Klirren eines Beckens, wie es bei Militärkapellen gebräuchlich ist. Bert konnte sich den Zusammenhang erst nicht erklären, bis er sah: um die Erniedrigung der Flüchtlinge noch zu vollenden, denn mit der öffentlichen Auspeitschung für ihren Ver- such sollte es noch nicht genug sein!— ließ man die Delinquenten auch noch den Bajazzo spielen..... Dem einen war eine große Trommel umgehängt, dem an- deren die beiden Becken in die Hand gedrückt wor- den— und nun mußten sie ihr Nahen zur Vorstellung auch noch mit lautem Tam-Tam ankündigen... so wurde die Roheit noch zum Exzeß gestaltet, mit dem Erfolge, daß sich die ‚Roten‘ sämtlich umdrehten, bis auf die vorderen beiden Reihen, bei denen es zu auf- - - 278- fällig gewesen wäre. Wer auch nur eine Spur von seelischem Anstand besaß, empörte sich über diesen abstoßenden Zwang. Was nun folgte, ist besser nicht erst in Worte zu fassen. Erst bei dem fünfunddreißigsten Doppelschlage, also nach siebzig Hieben für jeden bat der Arzt schüchtern um Abbruch der Exekution. Bert dröhnte das entsetzliche Klatschen der Ochsenziemer, die wieder mit der äußersten Kraftentfaltung geschwungen wurden angesichts des gesamten Lagers als Zuschauer- so in den Ohren, daß er mit einer heftigen, physischen Übelkeit zu kämpfen hatte. Und am scheußlichsten war ihm, daß sein Ohr genau heraushörte, wie lange die Schläge noch auf die Körperhaut auftrafen, und von wann ab direkt auf das pure, offene Fleisch. Zu allem hin mußte der Abmarsch seines Blocks noch über die breite Blutlache hinweg erfolgen, die von den Gepeinigten hinterlassen worden war. Aber es war erstaunlich: von den beiden Zigeunern, obwohl beide gleich klein, schmächtig und ausgedörrt waren, mit Gesichtern wie altes, rissiges Kernleder, zeigte der eine die denkbar festeste Haltung, ließ sich lächelnd anschnallen und brachte es sogar fertig, die Schläge mit lauter Stimme bis zum Schluß mitzuzählen, als wäre es ein anderer, der sie auszuhalten hätte während der zweite schon angstvoll und zittrig dastand, so daß der Lagercapo Henschel ihn aufrecht halten mußte. Bei der Exekution war sein Schreien so herzzerreißend, daß Bert und seine Freunde die Nägel der Finger in ihre Handteller bohren mußten, um nicht die Nerven zu verlieren. Man sprach beim Abmarsch natürlich über seine Haltung. ,, Laßt den armen Kerl in Ruhe", mahnte Leo. ,, Wenn er auch einem fremden Volke angehört, so ist es dennoch rotes Märtyrerblut, was er hier vergossen hat und das den Zukunftsboden ebensogut düngen wird wie das der anderen, verlaẞt euch darauf!" Und mit verbissenen Zähnen setzte er hinzu: ,, Wehe, wehe den Hunden, die sich daran weiden, solch schwächliche 279 Burschen, denen das Heimweh im Blute sitzt, derartig zu quälen. " Der ganze Tag, so schön der späte Frühling ihn auch gestalten mochte, war Bert verleidet. Er sah nicht mehr die schwarze Phalanx der Tannen im nahen Wildpark, nicht in der Gärtnerei die Reihen leuchtender Iris, prangender Pfingstrosen und Tulpen er ging vielmehr kopfhängerisch herum und haderte mit seinem Schicksal, das ihn zwang, so unsagbar viel Abscheuliches zu sehen. Ein bitterer Lebensekel schüttelte ihn. * -- - - In dieser Stimmung lief ihm Schnell- Max in die Arme, den man sonst auf der Lagerstraße selten sah, vermutlich sagten die einen weil er zu hochmütig war, mit anderen zu promenieren oder sagten die anderen weil er ständig Angst haben mußte, an einer stillen Ecke mörderisch verdroschen zu werden. Schillers Wort: , Von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte!' traf so recht auf ihn zu. ,, Auf ein kurzes Wort, Max!" hielt ihn Bert fest. ,, Ich hätte dir eine Bitte vorzutragen, nämlich: ob du mich nicht in ein anderes Kommando bringen könntest mit deiner Empfehlung, sei es weiterhin als Hilfscapo oder ohne jede Befugnis?" Schnell- Max zog mit der raschen Witterung für Untertöne, die ihm eigen war, etwas die Brauen hoch und warf im langsamen Auf- und Abgehen ein: ,, Ah, wie soll ich das verstehen? Verlassen die Ratten schon das Schiff?" ,, Nun gut, laß uns ganz offen reden: mich gehen deine diskreten Operationen und, Organisierungen' gewiß nichts an. Du weißt, daß ich nie nach irgendwelchen Geschäften von dir gefragt oder gar etwas davon abhaben wollte andererseits möchte ich auch nicht gern als Beteiligter gelten, wenn es über kurz oder lang einmal schief geht. Und meine Freunde glauben eben, - 280- daß ein Verhängnis kommen wird, weshalb sie mir rieten, etwas Distanz zu nehmen, bis das Unwetter sich verzogen hat voilà tout, mon cher et ne rien plus!" Schnell- Max hatte ihn mit gesenktem Kopfe ausreden lassen, was Bert bei des Capos imperativen Wesen ziemlich wunderte. Überhaupt schien auch er heute, ähnlich wie Bert selbst, in ungewöhnlicher Stimmung zu sein. Nach einer geraumen Pause sagte er, mit eigenartigem Aplomb im Tonfalle: ,, So ganz falsch haben deine Einflüsterer jedenfalls die Lage nicht erkannt; sie scheinen recht genau orientiert zu sein. Vertraulich und nur zu dir gesagt, Oberst: ich sitze tatsächlich in einem Wurstkessel drin und sehe noch keinen Ausweg, der mich retten könnte, eine verflixte Geschichte, aber ich habe ja immer damit gerechnet... es kann jetzt nur noch Heyden gelingen, mich rauszuhauen, er ist ja quasi hieb- und stichfest hier..." Wieder versank er eine Zeitlang in Nachdenken, bei welchem ihn Bert mit keinem Wort störte. Bis Max sich zusammennahm und ihm die Hand gab, dabei in fast herzlicher Weise gestand: ,, Du sollst jedenfalls nicht darunter leiden! Noch ist die Sache gegen mich nicht bei Tibbu- Tipp... er hat mich sogar gestern Abend gefragt am Bau, ob ich ihm einen Capo aus dem Nachwuchse für ein gutes Kommando vorschlagen könne bis Ende dieser Woche und zwar für das nahezu fertige - SS.- Kinderheim im Walde. «« ,, Oho, auch noch im Wald gelegen?" erkundigte sich Bert neugierig. ,, Ja, ich will dich gleich morgen in Vorschlag bringen! Das kannst du schon ruhig übernehmen, eventuell mit Professor Hafner als Helfer zur Seite- so hätte ich euch beide mit einem Schlage von meiner Seite!" Das letztere warf er mit einem kurzen schmerzlichen Auflachen hin, so daß Bert ihn unwillkürlich ansah. Die flüchtige Grimasse des anderen ließ die Zerrissenheit ahnen, unter der dieser Sohn so guter, reicher Familie, der hochbefähigte Mensch litt und die ihn zügellos machte. - 281 - ,, Geh' zu den Müttern, Faust, wenn's brenzlich wird, sagt man doch, nicht wahr, Oberst?" lächelte der Capo. ,, Max, glaube mir", gab Bert so herzlich, als er vermochte, zurück ,,, daß ich dich besser erkannt habe als viele hier und zu dir stehen werde, auch wenn die Wogen mal hoch gehen sollten, denke daran bitte!" ,, Laẞ gut sein, Oberst!" sagte der Capo bewegt. ,, Auch ich danke dir; denn vieles an Haltung und Wesen habe ich dir abgesehen, wenn ich es auch nicht immer merken ließ ich werde mich mehr zusammennehmen lebe wohl und halte dich für morgen bereit!" Er ging davon und ließ Bert in zwiespältiger Stimmung zurück. - KINDERHEIM. Beim nächsten Morgenappell wurde Bert tatsächlich von Meiler- Hans, dem Lagerläufer geholt und vor TibbuTipp gebracht, der mit Schnell- Max sprach. Der Läufer meldete ihn mit lauter Stimme, worauf der Hauptsturmführer sein Gespräch mit dem Capo abbrach und ihn wegtreten hieß. Ein Wink an Bert befahl ihn an seine Seite, so daß er unter vier Augen mit dem Gewaltigen sprechen konnte. Halb zusammengekniffen musterten Tibbu- Tipps scharfe Augen den Häftling von oben bis unten und schienen zufrieden. Denn er fragte in konziliantem Tone, der bei ihm äußerst selten war: ,, Sie sind aktiver Offizier im Generalstab? Welchen Ranges und wo standen Sie?" Bert gab mit ruhiger Stimme Antwort, dabei ohne jede Unterwürfigkeit, eher wie mit einem Gleichgestellten sprechend. Tibbu- Tipp nickte, als er von der Internierung hörte. Es schien ihm alles zu passen, so weit sogar, daß er auf den leise anklagenden Unterton Berts über sein Los einging, bedauernd die Schultern hob und mit seinen Wildlederhandschuhen an die Reitstiefel schlug, um gleichzeitig auszurufen: - 282 66 ,, Tja, wohl wahr, das ist bitter, es sind gewiß harte Zeiten, aber auch sie gehen vorüber... man muß eben ein Mann sein! Hätte ja uns genau so gehen können, die wir alte Kämpfer waren, wenn die Gegenseite ans Ruder gekommen wäre-- Eine Annahme, dachte sich Bert im stillen, die natürlich ganz und gar irrig und billiges Entlastungsmittel ist. ,, Ja- was ich sagen wollte" fuhr der Chef fort: ,, Capo Schnell empfiehlt Sie für die Fertigstellung unseres Kinderheims werden Sie das schaffen können?" - Die Leutseligkeit seiner Frage war für Lagerverhältnisse gänzlich ungewöhnlich. Bert erwiderte daraufhin knapp: ,, Gewiß, Herr Hauptsturmführer, wenn die Lagerleitung glaubt, mir die Aufgabe übergeben zu können!" ,, Nun, ich könnte es probieren! Ich brauche einen Capo, der seine paar Leute Sie hätten dabei zirka 40 Mann tadellos zusammenhält; denn Sie arbeiten ohne jede Absperrung hinter der äußeren Postenkette das müssen Sie bedenken! Also müssen die Leute auf den Führer eingeschworen sein, was eben beim letzten Capo nicht der Fall war. Fachkenntnisse sind weiter keine vonnöten...." Er stockte eine Zeitlang und ging mit gesenktem Kopfe kurze Schritte hin und her, Bert gemächlich an seiner Seite, immer auf eine Fortsetzung seiner Information wartend.. bis Tibbu- Tipp wieder Front zu ihm nahm und den neuen Capo mit den Worten verabschiedete: ,, Also wollen wir es dabei belassen, richten Sie es dem Lagerältesten gleich aus und schaffen Sie mir Gutes auf Ihrem Posten!" Er griff sogar grüßend an seine Mütze, was alle umherstehenden Scharführer mit Staunen vermerkten, zumal es ihnen streng verboten war, den Gruß eines Häftlings in irgendeiner Weise zu erwidern. Der Chef ging alsdann auf Rämmele zu, um ihn als Rapportführer zu unterrichten. Der nette, saubere Lagerälteste Scheerer gab Bert, zufrieden über dessen Ernennung, die Hand und in - 283szenierte beim Abendappell gleich die Verleihung der gelben Binde an Bert. Der blonde, heitere Rämmele nahm sie ihm ab und übergab sie Bert mit einer Art Feierlichkeit, dabei seine schönen Zähne zeigend und gutmütig spottend: - ,, Sag'ns mir: woas san's? An Oberst im Generalstab? Na, merk'ns auf: bei uns herinnen könn's leider höchstens zum Obercapo bring'n, aber auch höchstens!" Und am freien Wochenende wandelte Bert schon mit der gelben Zier am linken Ärmel umher, von seinen Freunden natürlich weidlich geneckt wegen seiner Beförderung und noch stärker wegen des Namens seines Kommandos.. " , Was sollst du da eigentlich bauen, sag mal, Oberst? Werden das etwa die ersten Baracken zu einem Kz für Säuglinge? Oder glaubt die Lagerleitung unsere, Umschulung soweit treiben zu können, daß wir in gesegnete Umstände kommen? Was wäre in Nazi- Deutschland bekanntlich nicht alles möglich?" * Um was es sich handelte, wurde Bert zu Beginn der neuen Woche offenbar, und zwar zu seiner vollen Befriedigung. Das kleine Kommando bestand aus 42 Mann, zumeist vernünftige, Rote', die sämtlich bestimmten Handwerken entstammten: Zimmerleute, Maurer, Maler, Dachdecker, Spengler, Gärtner. Professor Hafner fand sich als Hilfscapo ein, fünf Posten wurden von Rämmele zugeteilt, durchwegs schmerbäuchige Schnauzbärte und ab ging es schon als drittes Kommando zum Tor hinaus. Wieder wurde es ein wundervoller Frühsommermorgen, als wollte die Vorsehung Bert und seine Leute für den schauderhaften Winter entschädigen. Von dem erwachenden Walde, dem man entgegenzog, stieg leichter Dunst auf und Silberschleier webten um die rötlichen Fichtenstämme. Strahlenbündel von Licht fluteten - 284 - hinein. Sie ließen die Tautropfen an Blüten und Gräsern in allen Leuchtfarben aufglitzern. Dann ging es an der riesigen Arbeitsstätte des, Garagenbaues' vorbei, auf der in wenigen Minuten gegen 2000 Häftlinge zu schaffen beginnen würden, um eine große Zahl Autoboxen und Werkstätten zu errichten. Die voranschreitenden Posten bogen nun in den dichten Wald ein, einem schmalen Pfade folgend, auf dem die Truppe nur zu zweit marschieren konnte. Alles Lagermäßige verschwand hier restlos. Etwas von echter, sommerlicher Waldseligkeit ergriff Bert, wie er so neben Hafner einherging, und wie ein Pfad zum Lustwandeln schlängelte sich der Weg durch den Wald. Sanft war hier die Welt und geruhsam, durch die Stämme strich frischer Tannenduft. ,, Nichts darf jemals zwischen der Natur und mir sein, wenn ich zufrieden sein soll!" sprach Bert freudig zu dem Professor, der gleich ihm versonnen einherging. ,, Darum habe ich auch keinerlei Menschenangst bislang gekannt und werde nie irgendeine Art von Menschenanbetung kennen...." - ,, Recht und gut", erwiderte Hafner ,,, aber an den heutigen Zuständen bei uns sieht man, wie unerhört wenig Menschen die gleiche Einstellung besitzen... ich spreche nicht von der breiten Masse. Denn das Volk fürchtet ja leider nichts mehr als seine Mündigkeit, weil seine Instinkte die Verantwortung scheuen das hat schon der große Spinoza erkannt, den man bei uns als einen Juden nicht mehr nennen darf!" ,, Sondern", fiel Bert bekräftigend ein ,,, du meinst die sogenannten erlauchten Köpfe, von denen man erwarten dürfte, daß sie jede Gleichmacherei kategorisch ablehnen würden, ich weiß es nur zu gut und das hat ja auch, leider Gottes mit vollem Recht, die übrige Welt so ungeheuer über die deutsche Mentalität enttäuscht." - ,, Aber auch dies wird vergehen", beruhigte Hafner, ,, auch der Wahn ist notwendig und braucht seine Zeit, spreche ich wiederum meinem Lieblinge Spinoza nach Es 285 ie ... von innen, aus sich selbst heraus muß und wird der Wandel kommen, wenn das raffinierte Feuerwerk des Nazitums seine volksbetörende Wirkung verpufft haben wird——“ „Jawohl‘, schloß Bert, ‚‚aber leider wird dieses Ziel erst erreicht werden, wenn es zum Ruin Deutschlands gekommen ist— meiner Erwartung nach— und wenn die Flammen des politischen Eifers, die jetzt den Groß- teil der Welt mit Krieg überziehen, unsere bisherige Kultur in Schutt und Asche gelegt haben... erinnere dich mal später an meine Voraussage vom Mai 1940....“ Ihr Gespräch brach ab, denn plötzlich öffnete sich der Wald, und ihre Vordermänner, die Posten, strebten einer kleinen Lichtung zu, die fast kreisrund inmitten umgebender Tannen lag. Der nahezu fertige Bau eines Landhauses im Blockhausstil erhob sich in ihrer Mitte. Äußerlich fehlten eigentlich nur noch die Vollendung des Daches und die Malerarbeiten, sowie die gärt- nerischen Anlagen und die Planierung der Wege. Weitab am Rande der Lichtung waren zwei Schuppen erst im anfänglichen Stadium: der eine sollte einen Stall für Kleinvieh— Milchziegen und Geflügel— ergeben, der andere Bau einen Schuppen für Geräte und Brennholz. Das wußte Bert als Capo bereits. Er ließ halten und klärte die Leute über die Art und Weise auf, wie er die Aufsicht über sie zu führen ge- dächte: in jeder Hinsicht kameradschaftlich, so daß keiner sich unterdrückt oder benachteiligt zu fühlen brauche; desgleichen niemals irgendwelche Treiberei bei der Arbeit oder gar Grobheiten. Dagegen brauche er unbedingten Zusammenhalt nach außen hin, und selbst- redend sei jeder Gedanke an Flucht ausgeschlossen... alle würden ihre Obliegenheiten kennen, müßten aber erforderlichen Falles auch dort angreifen, wo er es be- fahl... arbeitete sich jeder dergestalt wohlüberlegt in die Hand, so würde der Trupp zu einem idealen Kom- mando werden, zumal er gegen gelegentliches Rauchen bei.der Arbeit nichts einzuwenden habe.... „Hat alles mich verstanden?‘“‘— Unisono kam die - 286- freudige Zustimmung der Leute zurück. ,, Alsdann wegtreten zur Arbeit!" - Schwupp war der Trupp aufgelöst und verteilte sich auf die einzelnen Baustellen. Innen war die Verputzung der Räume und ihre farbige Grundierung schon vollzogen. Ein Münchener Kunstmaler unter den Häftlingen brachte gerade an den Wandflächen ganz reizende Friese mit Kinder- und Tierszenen im Märchenstil an. In einem schon gänzlich fertigen Zimmer stand bereits eine große Zahl von weißlackierten Bettstellen für Kleinkinder und allerliebste Wiegen für Säuglinge das Ganze war als Heim für die hinterbliebenen Kinder gefallener SS.- Männer gedacht- endlich mal ein Vorhaben ihrer Reichsleitung, das zu begrüßen war, nur hätte es sich eben nicht nur auf SS.- Kinder erstrecken sollen. Die fünf Posten machten Bert ebenfalls keine Umstände. Sie hingen ihre Flinten an die nächsten Tannenzweige, stopften ihre Pfeifen und boten auch Bert für seine Zigarette Feuer an. Dann holte einer sein Kartenspiel aus der Tasche und setzte sich auf einen Baumstumpf, die andern auf umgestülpte Marmeladeeimer- und auf ging's', wie der Münchener sagt, mit einem handfesten Dauerskat. Ein Stück von ihnen entfernt setzte Bert sich nieder und rauchte. Mit Hafner hatte er vereinbart, daß sie sich alle zwei Stunden im Aufsichtsdienst ablösen würden. Dies Kommando mitten im Wald konnte eventuell das richtige Nervenbad für ihn werden, wenn das stabile Maiwetter noch weiter anhielt. Leichter Wind kam von Süden und ging mit sachtem Raunen durch die Zweige! Neben Bert sang eine frühe Grille ihr eintöniges Lied... es war eine Art Traumleben, das ihn umfangen hielt. Nur wie eine dämmernde Erinnerung tauchte in ihm das Gedenken an die Exekution in der vergangenen Woche, an das Lagerleben überhaupt und seine Gefahren auf -- Und so ging es Tag für Tag weiter. Das Mittagessen kam mit einem Handwagen zu ihnen heraus, reichlicher bemessen sogar als drinnen. Nach dem Essen schlief - 287oder sonnte sich alles gemächlich bis um eins, einschließlich der Posten. Hernach ging es weiter bis kurz vor fünf Uhr. Bert pfiff zum Arbeitsschluß und ließ zurückmarschieren, alles in froher Stimmung nach vollbrachtem Tagewerk, alles wie eine große Familie im Verein mit den SS.- Posten warum ging es nicht überall und ständig so? Um wieviel besser wäre es für das Gut des Staates und das Wohl seiner Inhaftierten bestellt, wenn bei allen Nichtböswilligen Vernunft und Menschlichkeit walten würde! - * Eines Tages aber hatte Bert ein gänzlich unerwartetes Erlebnis hier draußen, das er sich nie hätte träumen lassen auf der noch halbfertigen Fahrstraße, die von einer Anzahl seiner Leute ebenfalls planiert wurde, kam plötzlich ein Auto angebraust, einer von den kleinen, aber leistungsfähigen DKW- Wagen. Er sprang in hohen Sätzen über die Unebenheiten des Weges hinweg. Dem Kabriolett entstieg alsbald ein Herr mittleren Alters mit kurzem Henry- Quatre- Bart und temperamentvollen Bewegungen. Er war von kurzer Statur, gut angezogen, hatte ein breites, trinkfestes Gesicht und Augen voll nachsichtiger Güte.... Begleitet war er von einer nicht mehr jungen Krankenschwester in bräunlicher Tracht. Hafner hatte gerade Dienst und ging den beiden, die auf den Bauplatz zuschritten, entgegen. Es erwies sich, daß die Angekommenen der Baumeister und die künftige Leiterin des Kinderheimes wären. Aber schon beim ersten Anblick kam es Bert von weitem so vor, als erinnere ihn die Erscheinung und das Gebahren des Architekten an seinen alten Freund und Jagdgenossen Anton Seidl aus München... und als der Zivilist sich, in der Sonne stehend, umsah, wußte er, daß keine Täuschung mehr möglich sei. Fast zu gleicher Zeit rief der Baumeister laut: ,, Wo ist der neue Capo, ihr Leute?" Da kam Bert von seitwärts und sagte leise: - 288,, Hier ist er, Toni, und er dürfte dir nicht ganz unbekannt sein!" Dem Architekten gab es förmlich einen Riẞ in den Knien, als er den Obersten wiedersah, den er bisher nur in dem behaglichen Schwabinger Hause, dessen Erbauer er gewesen war, gekannt hatte- oder als wackeren Stammtischfreund oder frohen Jagdgesellen. ,, Mein Gott im Himmel!" stammelten seine Lippen, während die Augen vor Schreck aufgerissen waren. Da er ein wenig harthörig war, sprach er ziemlich laut und mit einem ungesuchten, natürlichen Pathos. ,, Dich, Bertie, dich festen, unerschütterlichen Menschen muß ich so- o wiedertreffen, so- o? Entschuldige meine Fassungslosigkeit, aber ich kann es einfach nicht begreifen...." Und den grauen Kopf schüttelnd setzte er hinzu:, Was denn wo leben wir denn, daß solche Dinge, solche Unausdenkbarkeiten passieren können? Im Reiche Dschingis- Khans oder unter Ivan dem Schrecklichen oder im 20. Jahrhundert... sage es mir?!" Nun gab Bert lächelnd zurück: ,, Fester Mensch sagst Du, Toni, sehr wahr! Wenn ich weniger fest gewesen wäre, so sähest du mich überhaupt nicht mehr...." - " - - Doch bevor er noch weiter sprechen konnte, war die Oberschwester auf dem weichen Waldboden unbemerkt näher gekommen und stellte sich neben den Baumeister, ganz überrascht, dem Gespräch zuzuhören. Ihren Brustlatz zierte eine runde Busennadel mit dickem Hakenkreuz in der Mitte, die spitze Nase eine hochmütig blitzende Brille vor ausdruckslosen Augen. Es war eine vertrocknete, nervöse Person von gelblichem Teint. - ,, Tja, aber" begann der Baumeister wieder. ,, Wie war denn das nur möglich? Was hast du denn verbrochen? Verzeih', wenn ich dich so aufdringlich frage, aber du siehst ja, ich bin einfach sprachlos- ,, Das ist nur allzu begreiflich, mein Lieber", besänftigte ihn Bert ,,, mir ginge es im umgekehrten Falle genau so... aber so rasch ist das nicht erzählt, nicht einmal angedeutet- Da rümpfte die Nazischwester, deren braune Tracht - 289- - der Hemdfarbe der SA. entsprach, ostentativ die Nase und sah dabei an dem Häftling verächtlich herunter. Ungezogen warf sie in das Gespräch der beiden Männer ein: " , Wer sich nichts zuschulden kommen läßt, hat auch im Dritten Reiche nichts zu fürchten. Unser herrlicher Führer läßt keinem ein Haar krümmen, es sei denn von Rechts wegen...." Sie sprach mit deutlich sächsischem Dialekt, der einem echten Münchener ohnehin schon die Haare sträuben läßt. Dazu kamen der Tonfall ihrer Worte und der dummstolze Blick auf Bert, der sie begleitete, so daß Anton Seidl wie von einer Viper gestochen herumfuhr und voller Grobheit losschrie, ohne alle Rücksicht auf die in der Nähe arbeitenden Häftlinge, darin richtiger, jähzorniger Bayer: - ,, Sö saudamisches Frauensmensch, sö gottverlassenes, was verstehn Sö von derlei Geschicht'n, hm?" brauste er auf in urmünchnerischem Stile. ,, Wenn Sö da drin' ' den Bamsen ihren Poppo abwischen wer'n, dann san's valleicht am Platz', wo's hing'hörn aber wo zwa ausg'wachsene Mannsbilder über was Erschütterndes disch'krieren, und wo der Ane ein Oberst im Generalstab is, vasteehn's, da schleichn's Eahna, aber scho gleich, eh' i' mi' vagiß, Sö ganz verblödete Gans, Sö z'widere!" Wie ein kalter Platzregen prasselte sein Wüten auf die glühende Verehrerin des Führers nieder. Sie ließ erschrocken ihren Mund offen stehen und verschwand wortlos. Sich das Lachen verbeißend, hörte Bert den Ausbruch bajuwarischen Zornes mit an. Das war, wie er längst wußte, so echter Nationalsozialismus Münchener Prägung. Über dieses Volk kann noch ein Dutzend solcher Pseudorevolutionen hinweggehen, ohne es ein Jota im Kerne zu ändern. Derartiger Rummel dient ihm bloẞ zum spielend leichten Geldverdienen als ein, Mekka', zu dem alles pilgert und sein Geld vergeudet, aus dem Reiche wie aus dem Ausland. Da steckt es schmunzelnd ein und mimt pro forma mit... mehr aber nicht. Im stillen lacht es die Narren gründlich aus. 19 Conrady, Amokläufer. - 290r Und schon faßte der Temperamentvolle den Freund am Arm und zog ihn auf seinen kleinen Wagen zu. ,, Komm, Bertie, du hast doch etwas Zeit wie? Ich muß das genau von dir hören und ich schwöre dir: wenn nicht etwas ganz Triftiges vorliegt dafür, daß man dir so etwas angetan hat, dann... ja, dann erkläre ich noch mit dem heutigen Tage meinen Austritt aus der SS. und der Bewegung überhaupt - " ,, Psst, Toni, sei g'scheit!" besänftigte ihn Bert. ,, Schaff' dir keine Ungelegenheiten, die schließlich auch noch auf mich fallen würden-- komm, ich habe genug Zeit und erzähle dir alles ausführlich!" Beide gingen Arm in Arm dem Kabriolett zu, während sich die Wachposten, die der Szene mit verstohlenem Behagen gefolgt waren, mit den Ellbogen anstieẞen ob der Seltsamkeit des Anblickes: der elegante Zivilist mit dem goldenen Partei- und SS.- Abzeichen am Rockaufschlag und der bedächtige Häftling im blau- weiß gestreiften Clownanzug mit glattgeschorenem Haupt. Am meisten hatten aber den Häftlingen die zornigen Worte des Baumeisters gefallen, die sie mit halblauter Wiederholung der Kraftausdrücke immerfort vor sich hin sprachen, der erröteten Oberschwester zum Tort. - Nach mehr als einer Stunde Aussprache bei guter Zigarre und einigen Schlucken Kognak, den Anton Seidl als Jäger ständig bei sich führte, fragte er seinen Freund in warmherziger Weise: ,, Nun sage mir noch zum Schluß, Bertie, denn ich muß nun dringend weiter: was kann ich ernsthaft für dich tun? Nicht wegen der weiteren Haft, da spreche ich schon morgen mit deinem Kommissar, und zwar in Uniform als SS.- Brigadeführer, weil in diesem närrischen Lande ja bloß die blanken Knöpfe und Tressen noch irgendwelchen Effekt ausmachen... und ich kenne doch die Gesellen ganz da droben zur Genüge seit fünfzehn Jahren, also gewissermaßen noch im Negligé, sondern für die jetzigen Tage deiner Haft, meine ich? Hast du keinen Wunsch, der sich erfüllen ließe?" Bert wiegte lächelnd den Kopf, bevor er antwortete: - - 291- ,, Lieber Freund, du kannst dir ja denken, daß man nach: fast zweijähriger Haft überhaupt nur aus Wünschen zusammengesetzt ist! Aber ich will keinen Vorzug gegenüber den Kameraden.... Wenn du dagegen mir einen großen Dienst erweisen willst, so fahre bitte an meinem Haus vorbei und grüße meine Lieben herzlichst von mir und außerdem: beschaffe mir doch aus einer Buchhandlung eine Anzahl dünner Reclamhefte zur Lektüre hier draußen_" - Er unterbrach sich, als er das Erstaunen des Baumeisters sah und fuhr deshalb lebhafter fort, seinen Wunsch rechtfertigend: ,, Schau, ich habe hier in dieser Idylle soviel überflüssige Zeit, daß es mich nach guter Lektüre riesig sehnt. Unsere Bibliothek ist zwar nicht schlecht, zugegeben, aber ich kann unmöglich eins der umfangreichen Bücher mit herausnehmen, das gäbe einen bösen Krach, wenn es entdeckt würde. Deshalb wären mir diese dünnen Heftchen gerade recht... und dann: wenn du soviel Schweres erlebt hast, soviel Abstoßendes gesehen hast wie ich, dann wächst in dir geradezu ein brennendes Verlangen nach der großen Dichtung empor, nach den tiefsten Werken unserer Geistesgrößen, als nach etwas unberührt Reinem, Erhabenem, an dem kein geistiger Schlamm klebt... damit du nicht ganz an der Menschheit zu verzweifeln brauchst! Ist das so verwunderlich, Toni?" - ,, Nein, ich begreife alles und habe heute viel gelernt, mehr als ich mir je hätte träumen lassen! Wenn das unser gutmütiges, leichtgläubiges Volk draußen wüßte, nur zum geringen Teil wüßte, wie sähe es dann mit der Bewegung aus...." Er hob die Hände zu den Schläfen. Es war die Gebärde eines Mannes, der an seinem Wege irre wird. " Bert zuckte die Achseln. ,, Du weißt so gut wie ich: das Volk ist in Haß und Zuneigung völlig blind und unbelehrbar bis zum Exzeß, besonders ein politisch so unreifes Volk wie das deutsche! Deshalb halte ich mich an das Wort, das man Beethoven zuschreibt:, Dem Menschengeschmeiß gegenüber bleibt unverwundbar nur 19* - 292der Einsame... und ich bin überzeugt: zur Zeit bei uns mehr als jemals!" Anton Seidl sah ihn ratlos an, als wollte er sagen: was aber dann.? Da legte Bert seine Hand sanft aut dessen Schulter und riet: ,, Mache lieber jetzt Schluß, Toni, und rufe deine holde Begleiterin, denn ich kann nicht zu lange mit dir zusammenstehen komme lieber recht bald wieder und vergiß mich nicht, mein Lieber!" -- Er drückte ihm nochmals die Hand und ging zu der schon ungeduldig wartenden Oberschwester, die inzwischen alle Räume des Kinderheims durchschnüffelt hatte. Mit leichter Verbeugung wies er auf den Wagen, dessen Motor der Baumeister anspringen ließ.... ,, Wollen Sie bitte einsteigen, Schwester, der Herr Architekt erwartet Sie!" Wieder traf ihn statt jeder Antwort ein dummstolzer Blick von oben herab, als wäre er ein Gewächs, das überhaupt nur zu Unrecht noch am Leben ist; dann schritt sie erhobenen Hauptes dem Wagen zu und stieg ein. Der DKW. drehte um und hüpfte über die Löcher der Straße davon. WALDLEBEN. Am anderen Tage schlug das Wetter um, nachdem bereits am Abend vorher deutliche Anzeichen dafür am Himmel standen. In eigenartigen Glanz getaucht erschien das Lager, doch war ein solches Schauspiel, so prächtig es dem bewundernden Auge deuchte, stets von übler Vorbedeutung für den Häftling. Denn der Dauerregen, den es in wenigen Stunden nach sich zog, war im Lager bitter verhaßt, noch weit mehr als an der Front im Kriege. Denn bei jedem Appell, der in Dachau rund eine Stunde dauerte, drang die Nässe unbarmherzig durch die dünnen Drillichkittel und das Hemd hindurch, insbesondere aber bei mehrstündiger Arbeit im Freien. So wenig aber eine Durchnässung etwas für Männer bedeutet, die zu Hause sich trocken reiben und neue Kleidung anziehen können, so scheußlich ist sie, wenn man, wie die Häftlinge, nur eine Garnitur besitzt und sich abends mit nassem Hemd ins Bett legen muß, um am nächsten Morgen wieder in die nassen Hosen, Strümpfe, Stiefel, Kittel hineinzuschlüpfen. Kein Wunder, daß die Angina alsdann rapid um sich greift. Die schweren Regenfahnen, die über den Appellplatz und den Weg zum Kinderheim hinwegzogen, zerfetzte der Sturm. Schon nach den ersten Schritten klebten die Kleider auf der dampfenden Haut..... Bert ließ daher diejenigen, die im Freien zu arbeiten hatten, im Geräteschuppen Unterschlupf nehmen und ein leichtes Feuer zur Trocknung der Kleider unterhalten. Er selbst stand in der offenen Tür und schaute hinaus. Der Regen rauschte nun in dichten Schnüren zu Boden. Die Waldlichtung war in ein graues Dämmer- licht getaucht, der beste Rahmen zum Träumen.... Ein ungemein lieber, beglückender Brief war von Irina zu ihm gelangt, mit allen Andeutungen der hellen Freude, daß ihr kecker Streich mit dem Besuch im Lager geglückt‘sei und daß sie ihn wesentlich besser aus- sehend gefunden habe als damals in Flossenbürg—— aber, so schloß der Brief, das dürfe nicht das letzte Mal gewesen sein, daß sie sich gesehen hätten, auf gar keinen Fall! Alle derartigen Redewendungen im Briefe waren auf eine Begegnung von ihr mit einem imaginären„Vetter Fritz‘ gemünzt, so daß die Zensur niemals ahnen konnte, daß er selbst darunter zu verstehen war.... Und was würde sie nun wieder für einen Plan aushecken, dies erstaunliche Mädchen? grübelte er, und im Gedenken an sie kräuselten sich leicht seine Lippen.... Da sprach ihn, als er so in halber Trance befangen an der Tür stand, einer seiner Leute an, ein Mann, der zu den Arbeitern an der Planierung der Straße gehörte, auf der das Auto des Baumeisters neulich angekommen war. Bert hatte ihn schon öfters gesehen und einzelne Worte - -294mit ihm gewechselt, ohne Näheres von ihm zu wissen. Der Mann aber hatte einiges von dem Gespräch erlauscht, das sein Capo mit dem Besucher geführt hatte- und eben dies Erlauschte regte ihn zu seinen Worten an Bert an. Er nannte sich Hofer und stammte aus Wien, schien ein gescheiter, gutmütiger Mann zu sein. Dank jener Anziehungskraft, welche ehrliche Naturen stets auf ihre Umgebung ausüben, hörte ihm Bert voll Interesse zu- und erfuhr dabei: Hofer hatte sich als Österreicher frühzeitig der Hitlerbewegung in seiner Heimat zugewandt und die Torheit begangen, sie nicht, wie die meisten Nazis unter seinen Landsleuten es getan haben, lediglich als Sprungbrett für eine neue, bequeme Existenz zu benützen, sondern hatte den Wahrspruch ,, Gemeinnutz geht vor Eigennutz" für bare Münze genommen..,. Eine scharfe, innere Müdigkeit und Verdrossenheit zeichnete sich in den Zügen des Mannes ab, als er über den Schiffbruch sprach, den seine Überzeugung während der Besatzungszeit Österreichs erlitten hatte.... Wuchtige Rauchwolken aus ihren Pfeifen paffend, hörten die SS.- Posten ihm seelenruhig zu, von Zeit zu Zeit zur Bekräftigung nickend. - -- Ja, wie hatte er schon in den Kampfjahren der Bewegung idealistisch veranlagt, wie er war sich an dem Eintreten jedes einzelnen für die Gesamtheit erwärmt; für die Hingabe von Hab und Gut an jeden Bedürftigen... denn er war ja keiner von denen, die in der Befreiung nationaler Kräfte auch zugleich die Entfaltung unbeschränkter Selbstsucht sahen... aber er blieb nicht nur allein mit zwei, drei ähnlich gesinnten Kameraden gottsjämmerlicher Einzelgänger, schamlos ausgenützt in seiner Bereitwilligkeit von den Egoisten, sondern wurde auch noch rücksichtslos ausgelacht von den Gescheiteren, die besser als er wußten, wozu eigentlich derartige politische Bewegungen da sind und die sich entsprechend verhielten. Im Gegenteil: es empfahl ihn nicht einmal bei allen denen, die ihre geistige Normalwäsche trugen! - 295Und als der Umbruch in Wien kam und die Nazis an durch welch raffiniertes Spiel die Macht gelangten - ist ja sattsam bekannt waren alle Pöstchen von Einfluß und Ansehen in die Hände der Schlauen gelangt. Und wie sie von ihren Polstersesseln aus, in die sie sich gesetzt, einsackten und rafften, sich gegenseitig zuschoben, nur bei größeren Objekten wenigstens den Schein einer fiktiven Rechtshandlung wahrten, das mußte er nun von Grund auf erkennen. Sie herrschten, um zu plündern, kann man mit Upton Sinclair sagen.. Bert sah ihm interessiert in die Augen, als der, Illegale', wie man sie in Wien nannte, so zu ihm sprach. Ihm war ja dies Thema nur allzu bekannt von seiner eigenen Beobachtung in Wien her... ,, Sie beten eben die Stärke an wie eine Gottheit. Das ist bei ihnen ein rudimentäres Stück Heidentum! Und meinen, wenn man beim Posaunenblasen nur recht die Backen aufbläht, dann werde die Welt diesen Radau gleich für den jüngsten Tag halten!" fuhr der Wiener fort. ,, Aber sie beten auch ohne Beschränkung die Gewalt an und zertreten ohne Scham, was nicht hündisch vor ihren Altären opfert. Zugleich erklären sie, die Charaktere zu verachten, die im Strome der Konjunktur schwimmen verfolgen aber sofort jeden einzelnen, der sich zurückhält und zaudert.. am ärgsten und rücksichtslosesten jedoch den aus ihren Reihen, der es wagt, den Finger an die offenen Wunden zu legen!" - - ,, Ich hab's gewagt, ich konnte nicht mehr anders, als mich ihr Treiben angewidert hat und mich die Überzeugung ankam, daß ich mein eigenes Ehrenschild beflecken würde, wenn ich schwiege nun, du siehst, Capo, wohin mich meine Offenheit geführt hat... aber sei versichert; lieber hier die Schaufel führen und jahrelang ein Lagersklave sein, als sich an ihrem Schmutz zu bereichern. Denn es kommt der Tag, das hoffe ich fest, an dem meine Haltung ihre Würdigung finden wird... das wollte ich nur noch einmal ausgesprochen haben und nun laẞ mich wieder an meine Arbeit gehen!" * - - 296Auch weiterhin wurde das Wetter nicht viel besser. Die Witterung hat ja in Dachau seit jeher etwas Stabiles. Weicher, rieselnder Regen fiel. Die leuchtend grünen Moospolster des Waldbodens sogen sich voll wie Badeschwämme. Im Kinderheim selbst schritten die Vollendungsarbeiten unbehindert fort, im Freien dagegen lieẞ Bert noch weiterhin pausieren. Da war von neuem in der Ferne, durch den Regen gedämpft, das Signal eines Autos zu hören... wie elektrisiert sprang Bert aus der niedrigen Schutzhütte heraus unter einen der Lindenbäume und sah gespannt den Fahrweg entlang. Die Ahnung einer riesigen Freude erfüllte ihn, ohne daß es ihm klar wurde, warum - Richtig! Es war das siegellackrote Kabriolett Anton Seidls seht an! Vielleicht brachte er ihm schon die erbetenen Reclamhefte mit, insbesondere den, Faust' oder Schillers Dramen oder seinen geliebten, Hyperion' von Hölderlin, wie er gebeten hatte... vielleicht auch schon Grüße von seinen Lieben, wer weiß, Toni war ja immer ein braver, gefälliger Kerl gewesen- Da hielt der kleine Wagen auch schon, diesmal ziemlich weit draußen. Bert ging ihm ein Stück entgegen. Allzu weit durfte er sich ja nicht ohne vorherige Zustimmung der Posten von der Arbeitsstätte entfernen. ... Der Baumeister stieg gleichzeitig aus und kam mit seinen lebhaften Gesten auf den Capo zugerudert, ihn stürmisch umarmend, als habe auch er sich von Herzen auf ihr Wiedersehen gefreut. Sein gutes, breites Antlitz war wie von einem strahlenden Triumph überleuchtet.... ,, Lieber alter Junge", rief er aus ,,, du siehst, daß ich selbst dieses Sauwetter nicht gescheut habe, um zu dir herauszukommen, gelt ja?! Also sei ohne Sorge: man vergiẞt dich nicht!" Bert klopfte ihn auf die Schulter: ,, Ich habe nie daran gezweifelt, mein Bester! Aber--" ,, Psst, warte ab", unterbrach ihn Toni Seidl und zog ein verschnürtes Päckchen aus der Rocktasche. ,, Hier sind die Hefte, die ich bisher auftreiben konnte. Auch eine französische Broschüre ist dabei, die du aus Paris - 297mitgebracht hast und noch nicht gelesen haben sollst, sagte mir deine liebe Frau Schwester, von der ich sie erhielt....' " - ,, Was?" fuhr jetzt Bert begierig auf, noch bevor er zu seinem Dank kam. ,, Du warst also bei mir? Toni! Sprich wie steht es bei mir zu Hause, sag'. quäl' mich nicht!" - - Feuer und Flamme war er bei dem Gehörten. Alle Ruhe und Selbstbeherrschung, die ihm früher so stark zu eigen gewesen waren, hatten ihn durch die Haft verlassen... Der Baumeister schüttelte den Graukopf ob des Ansturmes, dem er ausgesetzt war. - ,, Kruzitürken", wehrte er lachend ab ,,, das nenne ich Ungeduld.... Aber schau: ich bin nicht der Richtige, dir das zu erzählen, lieber Bertie, und habe auch nicht genügend Zeit dazu! Da geh zu meinem Wagen, da sitzt meine Sekretärin drin, die war dabei und freut sich schon, dir alles haarklein zu berichten... also marsch, ab mit dir, ich will inzwischen hier den Capo spielen, so daß du ungestört bleiben kannst. 66 Halb ungläubig sah Bert ihn an. ,, Machst du auch keinen Spaß, alter Nimrod?" fragte er zögernd. ,, Daß ich dann nicht etwa auf die dumme Pute, die Oberschwester, im Wagen stoße und mich an ihrer schnippischen Miene ärgern kann?" ,, Aber wo, sei beruhigt!" lachte Toni Seidl. Doch er lachte so eigentümlich und hinterhältisch, daß Bert immer noch voll Mißtrauen war, als er auf das Kabriolett zuging und sich einmal auf dem Wege umwendend- sah, daß der Architekt stehen geblieben war und ihm mit eingestemmten Armen nachsah- - Was zum Teufel ihm heute einfiel, dachte Bert, ausgerechnet ihn an die Sekretärin zu verweisen. Vor fremden Leuten sich in seinem blöden Aufzuge zu präsentieren, widerstrebte ihm aufs Äußerste... was also sollte das Na, also in Gottes Namen, sprach er vor sich hin, als er die Türklinke des Wagens niederdrückte und den Schlag aufriẞ. Da kam ihm aus dem Halbdunkel, das im - 298Fond des Wagens durch das niedrige Verdeck herrschte, ein weiches, fast gehauchtes: ,, Bertie!" entgegen. Und im gleichen Moment die Hand auf den Mund pressend, erstickte der Häftling einen Freudenschrei, so fassungslos und voller Jubel, daß er selber über sich erschrak Vor Erregung stand im Nu seine Stirn - voller Perlen. Iřina war es, die im Wagen saß. Seine Hände ergriffen zitternd ihre Rechte, die sie ihm entgegenhielt. Und mit ihr zog sie ihn herein auf den leeren Platz neben sich.... Das also war der Scherz, über den Toni so hinterhältisch gelacht hatte o, du famoser Kerl, wie hätte ich ahnen können, was du im Schilde führst, zuckte es durch Berts Hirn... allerdings war bei dem verteufelten Mädchen ja alles möglich. Sie wird es gewesen sein, die dem gutmütigen Freunde keine Ruhe gelassen hatte, bis er sie hierher mitnahm Im Niedersitzen bat er noch etwas scheu: ,, Sieh nicht auf meine schauderhafte Tracht, Geliebtes, du weißt ja schon, wie wir hier zu Bajazzos gemacht werden...." ,, Aber Bertie, sprich nicht so! Ich war nur das erste Mal erschrocken da oben in Flossenbürg- liebe ich das Kleid- oder den Mann in irgendwelchem Kleide?" fragte sie mit leisem Vorwurfe und mütterlichem Tonfall in der Stimme. Ihm dünkte es, als ob die Lebensalter vertauscht wären: er war wie ein Kind, voll Einfältigkeit und Unruhe, sie dagegen besaß die blutvolle Herzenswärme und Ruhe einer Mutter.... Erst jetzt umschlang er sie in inniger Liebe und preßte sie an sich, zum ersten Male wieder ungestört ihre Körperlichkeit seit zwei Jahren der Drangsal und Entbehrung neben sich fühlend. - Sie erzitterte unter seinen Küssen, wie damals unter den ersten in Prag. Es war schon so: scheinbar hatten sie nichts Ideales gemeinsam sie, das slavische Mädchen aus dem Moldautale und er, der Berufssoldat, vom Vater her Schwabe, von der Mutter her Romane aus dem Engadin-- und gerade deshalb hatten sie alles gemeinsam. Denn es ist wahr, daß man im Freunde - -- 299den Gleichgesinnten, im Weib jedoch das Gegensätzliche sucht.... Dann berichtete er ihr. Sie ließ seine Worte in sich gleiten wie die Wonne schönster Augenblicke. Und weiter redeten sie gemeinsam in jener Sprache, die so laut und zeitlos ist wie das Rauschen des Blutes in den Adern. Vieles für das Ohr nur vorüberhuschend, aber dem Gemüt um so inniger verhaftet. Erst als der Rausch des Wiedersehens verklungen war, begann sie zu erzählen, wieder mit dem hellen, metallischen Timbre in ihrer Stimme, die ihrem Wesen so viel Bestimmtes, Selbstsicheres gab... ja, seine Schwester sei reizend zu ihr, sie würden sich im Hause aufs beste ergänzen. Auch sie lasse den Bruder herzlichst grüßen und hoffe zuversichtlich, daß es Toni Seidls Einfluß gelingen werde, ihn freizubekommen. ,, Es muß sich einfach durchsetzen lassen!" bestand Iřina darauf, mit einer eigensinnigen Falte über der Nasenwurzel, die Bert ihr hinweg küßte. ,, Verlange nicht zuviel von ihm, mein Lieb", warnte er. ,, Denn ich habe in diesen langen Monaten erkannt, daß irgendwelche Verwendung für einen Häftling die Gestapo erst recht hartnäckig macht, weil sie dahinter Komplotte wittert!" ,, Dennoch, es muß sein, denn ich habe zuviel Angst um dich! Früh und spät am Tage habe ich Angst, von der Nacht nicht zu reden!" Eine echt weibliche Begründung.... - ,, Angst um mich?" fragte Bert lächelnd. ,, Na- und ich soll keine Sorge haben um dich? Bei dem großen Betrieb von ein paar hundert Männern aller Art, die um dich herum tätig sind?" Ein ruhiger, voller Blick von ihr in seine Augen genügte als Antwort. Ein Mensch wie sie duldete keine schlechte Luft um sich, das wußte er und war in dieser Hinsicht nie eigentlich in Sorge.... Aber wie er einen Augenblick durch die Windschutzscheibe nach vorn blickte, wurde er unwillkürlich blaẞ. Was er sah, genügte auch: zum ersten Male besuchte Tibbu- Tipp das Kom — 300— mando und stand inmitten der Waldlichtung. Zum Glück aber hielt der Baumeister an seiner Seite. In seiner Besorgnis drückte Bert die Hand Irinas heftig und deutete mit dem Kinn nach vorn. ‚Da sieh hin— das ist er, mein Lagerleiter, der dort neben Toni steht! Eben hast du noch mein Pech beschworen— da naht es schon! Wenn er mich hier bei dir entdeckt oder auch nur mein Fehlen konstatiert, ist die Katastrophe fertigen. Er fühlte, wie sie zitterte und sich an ihn drängte. „Ach, bleib’ sitzen und fahr’ mit mir zurück, Bertie— ich kann mir gar nicht ausdenken, daß du wieder solch einem Untier ausgeliefert sein sollst!“ Er schloß sie noch einmal heiß in seine Arme und gestand: ‚Ohnehin wird niemand"bisher das gewagt haben, was ich hier tue, seit Dachau besteht. Aber niemand, mein Lieb, wird auch so belohnt worden sein für das Risiko als ich....“ Bald darauf sah er Toni Seidl auf dem Fahrweg daherkommen. Demzufolge mußte die Gefahr wohl vorüber sein. Bert stieg aus und küßte Irina inbrünstig die Hände, während beiden die Tränen über die Wangen rollten. Dann eilte er dem heftig gestikulierenden Freunde entgegen und schloß ihn voll wärmsten Dankes in die Arme, ganz so, als wäre er ihm irgendwo als Privatmensch begegnet. „Toni, Toni‘, stammelte er. Die innere Bewegung würgte ihm in der Kehle. ‚Das sei dir nie und nimmer vergessen, was du für mich getan hast!“ „Aber, alter Junge, reden wir doch kein Wort dar- über, ich bin viel weniger schuld daran als dieses kleine, resolute Frauchen da drinnen—— na, Hauptsache, ihr habt euch gut verstanden inzwischen... in der gleichen Zeit, als ich— haha!—“ lachte er amüsiert, ‚‚deinen hochverehrlichen Herrn Lagerleiter beschäftigen mußte.“ „Was gab’s denn mit ihm?‘ fragte Bert flüchtig. „Na, er kam eben inspizieren und fragte natürlich auch nach dir; doch verfiel ich rasch auf die Ausrede, ich hätte dich nach dem Kommando ‚Garagenbau‘“ — 301— hier in der Nähe geschickt, um einen Ersatzschalter aus dem Elektrodepot zu holen— das hat er auch ge- schluckt! Nun, ich hätte ihm auch nicht geraten, daran zu zweifeln, ich stehe ja in der Rangordnung weit über ihm... aber ich hatte die ständige Sorge, daß du etwa im nächsten Augenblicke auftauchen und ahnungslos meinen Schwindel verpatzen würdest....“ Bert lachte heiter. ‚‚Da konntest du ohne Sorge sein, denn mein Frauchen ließ mich nicht so bald los! Im Gegenteil, sie hatte große Lust, mit mir frischauf davon zu fahren... als ob das so leicht ginge!“ „Nur etwas Geduld, mein Lieber, wir machen es lieber korrekt! Auch diese Frage habe ich schon ven- tiliert; denn ich fand einfach keine Muße mehr zur Arbeit, bevor ich meinem Unmut nicht Luft gemacht habe... und bei meinen Beziehungen zum ‚Braunen Haus‘ darf ich mir das schon gestatten....“ „Nun— und...?“ forschte Bert voll Spannung. „Es scheint auf guten Boden gefallen zu sein. Hess, der ja allen Extremen gern aus dem Wege geht, will‘ sich selber mit deiner Sache befassen, nur war dein Referent dienstlich verreist, also——“ Als er einen Hoffnungsschimmer in Berts schmalem Gesicht aufleuchten sah, schloß er mit den Worten, die ein kräftiger Klaps auf des Freundes Schulter begleitete: „Bleibe ruhig, alter Weggefährte, überstürzen wir nichts! Du weißt ja selbst: Eile mit Weile— oder es fühlt wie du den Schmerz, gelt ja.... Und nun gott- befohlen, ich muß weiter— bald sehen wir uns wieder!“ SOMMERLEBEN IN.DACHAU. Der langen Regenperiode folgten Tage von ausge- sprochen hochsommerlichem Charakter. Da war es denn ein Genuß, sich hinten bei der Gärtnerei ins weiche Gras zu legen und so die freien Stunden zu verbringen. Das reißende Bergwasser schoß am Lagerrand entlang und. verbreitete eine wohltuende Kühle. Am jenseitigen Ufer © ER - 302verlief allerdings der elektrisch geladene Stacheldrahtzaun und standen alle 200 m die zweistöckigen Wachtürme mit ihren drohenden Maschinengewehren noch ein wenig weiter jedoch, baute sich die schwarzgrüne Wand der Tannenbäume auf, ein erquickender Ruhepunkt für das Auge. Mit der Zeit war der Bestand des Lagers wieder auf 12000 Mann angewachsen. Bis auf ein paar Blocks waren alle Baracken von SS.- Truppen geräumt und die Absperrung der Lagerstraße wieder aufgehoben worden, so daß die Häftlinge von neuem über ihre ganze Länge zirkulieren konnten. Es wurde furchtbar heiß. Der Kies der Wege glomm in der Mittagssonne. Und jeden Abend versank das Gestirn in einem tiefen Bett von blaufarbenen Haufenwolken, aus denen es mitunter blitzte und grollte. Nur längs den Baracken verblieb ein Schatten von zwei Fuß Breite. In seinem Schutze lagerten sich während der Mittagspause die Häftlinge am Boden, mit dem Rücken gegen die Blockwand gelehnt wie alte Kater, die sich am warmen Ofen räkeln.... Einzelne haben sich rasch der Kleidung entledigt und trugen nur noch ein kleines Dreieck aus Taschentüchern um die Hüften. Auch der Blockfriseur hat sich luftig gemacht und seinen Schemel samt Arbeitszeug ins Freie gebracht, um seine Kunden bei frischer Luft zu bedienen. - Selbst den Henkermeister des Lagers hat die warme Sonne hervorgelockt aus seinem allseits verhaßten Bau, den alten, fröstelnden, rheumatischen Raubmörder Bernhardt! Seit kurzer Zeit hat er sich der Fülle seiner Geschäfte wegen- einen Gehilfen beigelegt, wobei seine Wahl auf einen Bibelforscher fiel... vielleicht war es der menschliche Kontrast, der ihn dazu verleitete- oder verspürte der alte Bösewicht plötzlich fromme Anwandlungen in sich? Wie dem auch sei, jetzt spazierte er jedenfalls, von seinen drei Riesenkötern begleitet und die grausamen, wimperlosen Augen umherwandern lassend, gemächlich die Lagerstraße entlang... alles grüßte den gefürchteten - 303Büttel freundschaftlich ins Gesicht, um hinter seinem Rücken das Zeichen des Kreuzes zu machen; genau die gleiche Heuchelei wie in der Freiheit. Bert saß unter den Stubengefährten vor seinem Block und blätterte in seinem Bibliotheksbuche. Was er sich zu lesen vorgenommen, war eine gute Biographie von Bismarck, verfaßt und in dem vorliegenden Exemplar dem Lager Dachau gestiftet vom Grafen Du MoulinEckardt, ebenfalls einem ehemaligen Häftling, soviel Bert weiß... der Lesestoff an sich hätte ihn demnach sehr wohl fesseln können, wenn sich seine Gedanken nur konzentrieren ließen. Seit seiner Begegnung mit Iřina hielt ihn aber eine glückhafte Stimmung wie ferne Dämmerung umfangen. War niemand um ihn, so klammerte er sich an den Gedanken seines Zusammentreffens mit ihr fest und frischte jeden kleinsten Vorgang dabei wie ein Labsal auf, jedes einzelne Wort von ihr, jeden Blick, der ihn getroffen hatte.... Aber es ist schon mal so: der Lagerbetrieb haẞt die Idyllen auf das schärfste. Zu einer Stunde, da alles Entspannung und Ruhe sucht, weil die Hundstage im Anmarsch sind, da fiel es dem tückischen Lagerelefanten ein, eines seiner beliebten Schauspiele zu arrangieren. Wer in den Kommandos, die mit Fleischwaren zu tun hatten, wie Küche, SS.- Kasino, Schweinestall, Metzgerei und andere, beim, Organisieren' von Wurst oder Fleischstücken erwischt wurde, den ließ der 2. Lagerleiter außer der üblichen Strafe auch noch an den Pranger stellen, d. h. durch das ganze Lager zu seiner Schande führen.... Auf dem Schädel trug solch ein Mann aufgeblasene Därme und ein Ochsengehörn, gemeinsam zu einer scheußlichen Kopfzier vereint. Über die Stirn hing ein langer Darm dick aufgeblasen an Nase und Mund vorbei, während ein großes Plakat vorn auf der Brust die weithin sichtbare Aufschrift trug: , Ich bin ein Wurstdieb und erbärmlicher Spitzbube'. Hinter ihm zog der verhaßte Lagercapo Henschel, einen gehörigen Knüppel schwingend, einher. Er war - - 304- - bei einem solchen Auftritte so recht in seinem Element, obwohl jedermann wußte, daß es sich bei dem angeprangerten Mann nur um einen kleinen Nascher am allgemeinen Gut handelte, während der, welcher ihn mit dem Knüppel trieb, weit eher verdient hätte, an seiner Stelle zu sein. An einem anderen Schuldigen des Lagers, an SchnellMax, war das Unheil des Erwischtwerdens wieder einmal vorbeigegangen. Heyden hatte es zum x- ten Male verstanden, die Vorgänge so geschickt zu vernebeln und sich selbst samt seinen Komplizen rein zu waschen, daß niemand ihm etwas anhaben konnte... es ging eben im Lager nicht anders zu als allerorten; das kleine Vergehen wird an den Pranger gestellt, über die Gauner großen Formats dagegen der Mantel schonungsvoller Rücksicht aus allzu durchsichtigen Motiven gebreitet. Tibbu- Tipp, der sicherlich schärfer durchgegriffen hätte, schon um seinen gerechten Ruf zu wahren, war in Ferien. Hoffman, der Lagerelefant, vertrat ihn. Entweder war seine Plumpheit den raffiniert ineinandergreifenden Ausflüchten von drei so verschmitzten Lagerfüchsen wie Heyden, Schnell- Max und Henschel nicht gewachsen oder er durfte es nicht wagen, energisch gegen sie aufzutreten, weil seine Hände selbst zu befleckt waren. * Hin und wieder kamen Besuche von Fremden ins Lager, insbesondere von Ausländern, denen der Herr Reichsführer SS. gern gerade Dachau als Musterlager zeigen ließ, weil die hier geschaffenen Anlagen sich ohne Zweifel sehen lassen konnten. Doch mit allen Fremden klappte es nicht nach Wunsch. Zwar erwies sich der Innenminister des faschistischen Spaniens, Sorrano Sunner, als fügsamer Besucher ohne Sonderwünsche. Dagegen kam nach ihm eine Kommission von drei Japanern in Zivil, die sich mit der Gründlichkeit, die den Preußen Asiens eigen ist, nicht genug im Besichtigen - 305tun konnten und schließlich noch einige prominente Häftlinge persönlich zu sprechen wünschten. Hm, was sollte man da tun? Ein solches Verlangen, unendlich höflich, aber desto unabweisbarer vorgebracht, ließ sich nicht gut ablehnen, wenn die Gäste nicht den Eindruck gewinnen sollten, als stimme etwas in der Hauptsache nicht... folglich mußte man dem Wunsche willfahren. Der Lagerkommandant Piorkowski, der anstelle des beurlaubten Tibbu- Tipp die Gäste umherführte, überlegte eine Zeitlang und ließ dann den Lagerältesten holen. Dessen Aufgabe war es, sobald hoher Besuch angekündigt war, alle nicht mit ständiger Arbeit Beschäftigten, die sogenannten, Uneingeteilten', deren Zahl sich immerhin auf zweitausend Mann belief, in den isolierten Blocks zu verstecken, deren Eingänge ja fest verschlossen blieben; desgleichen das Revier von lästigen Kranken zu säubern, insonderheit von den Blöden, gleichgültig, wo die Kranken während der Stunden des Besuches hingebracht wurden.... Auch sonst hatte er dafür zu sorgen, daß keiner etwa gerade jetzt ziellos über die Lagerstraße stolpere, kein dürres Blatt gerade jetzt zu Boden falle oder sonst etwas den Eindruck störe, als wenn Dachau ein Bienenstock von frohgeschäftigen, wohlgepflegten Menschen sei, die sich nichts Besseres wünschten, als für dauernd hier zu bleiben mit anderen Worten: eben ein, Potemkinsches Dorf' zu schaffen, wie es seit den Pharaonen bei Besichtigungen wohl immer die Gepflogenheit sein mochte. Der gute Scheerer schlug nun drei Kameraden vor: Schmitz, den Oberbürgermeister von Wien, Baron Stillfried und Oberst Jordan. Kaum hatte der Sturmbannführer seine Zustimmung gegeben, als auch schon die Lagerläufer die Betreffenden holen gingen....Stillfried kam zuerst an, Bert, der es am weitesten hatte, zuletzt. Piorkowski stellte den ersteren ganz jovial vor mit den Worten: ,, Dies, meine Herren, ist ein Kollege von mir, der ehemalige Kommandant des österreichischen Anhaltelagers Wöllersdorf." 20 Conrady, Amokläufer. 9 disa — 306— Der Führer der japanischen Kommission betrachtete den aristokratischen Kopf des Häftlings mit wohl- gefälligem Interesse und bat ihn, aus seiner Tätigkeit einiges zu erzählen. Das war nun nicht sehr nach Wunsch des Sturm- bannführers. Er erwartete wohl auch, daß Stillfried nur oberflächlich über Belanglosigkeiten sprechen werde . aber er täuschte sich. Grundehrlicher Mensch, wie Stillfried war, stellte er, ohne im geringsten aufzutragen oder gar die Gelegenheit zur Ranküne zu benutzen, ein knappes Bild von der Behandlung der Häftlinge in Wöllersdorf und seinen Aufgaben dabei zusammen, immerhin beleuchtend, wie gewaltig sein Lager in der humanen Behandlung von Leuten, deren sich die Re- gierung auf keine andere Weise hatte erwehren können, von den heutigen Lagern der Nazis abstach. Seine Worte, die er zu wählen wußte, wie selten einer, interessierten die Japaner wesentlich mehr, als Piorkowski lieb war. Leider entging sein umdüsterter Blick dem Erzähler, der sich nicht stören ließ.... Bis der Anführer der Fremden sich nachdenklich am Kinn faßte, als Stillfried schwieg, und ihn mit aller Zurück- haltung und Schonung im Tonfalle fragte: ‚Gut, gut, sehr interessant fürwahr, aber sagen Sie mir bitte noch eins: das war doch alles vor dem Umbruch in Österreich, nicht wahr? Dieserhalb kann man Ihnen doch nichts anhaben!“ „Sehr richtig‘, nickte Stillfried seine Zustimmung, erfreut über das richtige Urteil der Asiaten. „Ja— und— verzeihen Sie bitte meine Neugier, Herr Baron‘, fuhr der Japaner behutsam fort. ‚‚Warum sind Sie dann verhaftet worden und warum sind Sie noch immer hier?“ Über die Züge des Befragten lief ein Lächeln des Triumphes. Er zuckte die Achseln und erwiderte dem Fremden nur mit einem Blicke, der alle Sprachen redete und besagen wollte: ‚auf diese Frage mußt du dir selbst Antwort geben, ich bin dazu außerstande!‘ Und dann sah er sehr aufrecht dem Kommandanten in die Augen, nn ande irre mit der stummen Aufforderung: so, jetzt bist du an der Reihe, die Herren aufzuklären, wenn es dir gelingen sollte, brutalste Willkür mit dem Mantel eines Rechts- geschehens zu umkleiden.... Diesen Blick und den Rest der Erzählung des Freun- des beobachteten Bert und Schmitz mit Besorgnis. Sie sahen, wie Piorkowski dunkelrot vor Ärger wurde, sich aber bezwang und leichthin dem Baron die Hand auf die Schulter legte, um zu sagen: ‚Na,’s ist gut, Still- fried, Sie können wieder an Ihre Arbeit gehn!“ Der Häftling verschwand. Schmitz kam an die Reihe: ‚‚Sie sehen hier, meine Herren“, sprach der Sturm- bannführer schon schärfer, ‚‚den Mann, der in Wien die Nationalsozialisten so scharf verfolgt hat....“ Nach dem Vorgang mit Stillfried sahen die Japaner jetzt den Oberbürgermeister auffordernd an, als wollten sie ihm nahelegen, sich gegen den Vorwurf zu ver- teidigen. Und Schmitz enttäuschte sie ebenfalls nicht. Mit der etwas bürokratischen Bedächtigkeit, die ihm eigen war, wandte er sich an Piorkowski und entgegnete: „Verzeihung, Herr Sturmbannführer, das trifft nicht ganz zu! Ich habe nur nicht dulden dürfen, wie es meine Pflicht mir vorschrieb, daß in der städtischen Ver- waltung einer Gemeinde, deren Oberhaupt ich war, An- gehörige einer streng verbotenen Partei tätig blieben und als Beamte sich nicht scheuten, alle Maßnahmen der Regierung einfach zu sabotieren, auf Geheiß einer aus- wärtigen Macht, die bei uns Unruhe zu stiften bemüht war. Ich hätte sonst nicht nur gegen meine politische Überzeugung gehandelt, also selbst den Ast abgesägt, auf dem ich saß und.den ich für den richtigen hielt, sondern auch meine Pflichten gröblich verletzt, für die ich honoriert wurde— und zwar verletzt gerade an dem seinerzeit wichtigsten Punkte— so war mein Verhalten! Um irgendeinen Nationalsozialisten, der nicht städtischer Beamter war, habe ich mich nie ge- kümmert und nie einen angezeigt oder an Leib und Gut geschädigt!“ Das war mit so ruhiger Bestimmtheit gesprochen, 20* - - 308- - daß die blanke Wahrheit hindurchklang und keine Frage mehr hinzugesetzt zu werden brauchte. Die Japaner sahen sich flüchtig in die Augen ihrem Scharfsinn genügte schon der kurze Blick hinter die Kulissen des Dritten Reiches. Piorkowski schien jedoch das Verhalten von Schmitz nicht so übel zu nehmen wie das seines Vorgängers. Er löste sich aus der Verlegenheit, indem er ein lautes Auflachen anschlug und verächtlich ausrief: ,, Na ja, das hört sich ja ganz schön an, in Wirklichkeit wird es schon so gewesen sein, wie ich sagte also nun Abmarsch! Sie ebenfalls..." deutete er auf den noch wartenden Bert. ,, Wir haben keine Zeit mehr zu langatmigen Auseinandersetzungen Schluß!" - -- Das war natürlich mehr als inkorrekt so höflichen Besuchern gegenüber, dachte sich Bert im Fortgehen; aber wahrscheinlich die, ultima ratio' für unseren Herrn Kommandanten, wenn er nicht noch stärkere Blamage seines Systems erleben wollte.... Zu jener Stunde wußte er freilich noch nicht, wie furchtbar übel dem armen Stillfried die freimütige Darstellung bekommen sollte. - Zwei Tage darauf wurde der Baron beim Morgenappell weggeholt- Tibbu- Tipp war ja noch nicht zurück und bekam auf Befehl des Kommandanten die schwerste Lagerstrafe, die es gab: nicht nur zuerst 25 Doppelhiebe auf die Kehrseite, sondern noch anschließend 42 Tage Dunkelarrest, also volle sechs Wochen Bunker in stockdunkler Einzelzelle, ohne warme Kost, nur mit dem bißchen Brot und Wasser, ohne Decke und Strohsack, nur die harte, schmale Pritsche ohne Kopferhöhung... volle sechs Wochen lang in Finsternis, Hunger und auf hartem Lager. Wer aus dieser Folter entlassen wird, ist so kalkweiẞ im Gesicht wie ein Schattenpilz; so von Kräften gekommen, daß viele nicht einmal den breiten Appellplatz überqueren können, und einzelne augenkrank werden von den grellen Sonnenstrahlen im Kontrast zu ihrer bisherigen Dunkelheit.... Und mit dieser Strafe ist es den - 309 - Nazis gelungen, das Verließ der mittelalterlichen Raubburgen beinahe täuschend zu kopieren, nur daß deren Opfer nicht vorher blutig geschlagen wurden, wenigstens ein Strohlager hatten und sicherlich nicht allzu schlecht verpflegt wurden im Hinblick auf das zu erwartende Lösegeld--- unaustilgbare Schmach für das 20. Jahrhundert. AM PFAHL. Inzwischen aber erreichte Bert selbst ein ähnliches Unheil. Der Anlaß dazu war nicht weniger ungerecht als bei Stillfried. Seine Baracke hatte einen neuen Blockführer bekommen, einen kurzbeinigen Rotschädel von höchst unsympathischen Eigenschaften. Er war in Dachau noch fremd, gebürtiger Sachse und konnte sich mit den eingefleischten Bajuwaren, aus denen sich seine SS.Kameraden rekrutierten, nicht anfreunden. Daher schnüffelte er früh und spät im Lager umher, in erster Reihe natürlich in dem Block, der ihm speziell unterstellt war. So geschickt auch dessen, Feldwebel' Haxpointner, ein schon ,, Siebenjähriger" im Lager, ihn ständig um alle Klippen herumzusteuern versuchte, es war vergeblich. Der Scharführer Kastner verbiß sich an jedem Spind, und das Ärgste war: er fand den größten Gefallen am Schreiben von Meldungen. Sein Steckenpferd waren die Trinkbecher aus Aluminium in den Spinden. Frühmorgens bei der Ausgabe des Kaffees, der natürlich nur heißes Wasser von dunkelbrauner Farbe war, wurde jedem Häftling das kleine Viertellitergefäß bis zum Rande mittels des großen Schöpflöffels angefüllt. Dabei war es gar nicht zu vermeiden, daß kleine Spritzer von Kaffee auch an die Außenwand gelangten, wo sie durch die hohe Wärme des Bechers binnen wenigen Minuten eintrockneten und dann einen winzigen, gelblichen Kreis hinterließen. Bei - 310dem ebenfalls gelblichen Licht der elektrischen Lampe im Zimmer, bei dem vor Tagesanbruch stets der Morgentrank eingenommen wurde, waren diese kleinen Fleckchen auf der Außenseite absolut nicht zu erkennen, so daß der Häftling seinen sonst funkelnden Becher seelenruhig in den Spind zurückstellte in der Annahme, daß seine Sachen, tadellos in Schuß wären, wie man sich ausdrückte. - Bei Tageslicht freilich, um neun Uhr, wenn der Scharführer zur Besichtigung kam, ließen sich die eingetrockneten Spritzer wahrnehmen. Mochte Berts Becher und sein ganzes Spind sonst blitzsauber sein, es genügte für Kastner, eine seiner beliebten Meldungen an die Lagerleitung zu schreiben. Nichts war dagegen zu machen. Bert traf die Mitteilung im höchsten Grade störend. Doch nahm er fest an, daß wegen eines solch geringfügigen Versehens ihn keine Strafe treffen werde, zumal Tibbu- Tipp darauf hielt, daß den bewährten Capos nicht die Autorität geschmälert werde. Für gewöhnlich zog sich bei der Fülle der Meldungen die Bearbeitung vier Wochen hin. Bis dahin würde der Lagerleiter wieder zurück sein. Aber ein hämisches Schicksal wollte es anders. Schon eine Woche darauf rief ihn der Blockschreiber zur Vernehmung auf. Bert mußte mit etwa sechzig Leuten zusammen am Haupttor Aufstellung nehmen. Jeder, der durch diesen, Schlund' des Lagers hindurchging, sah auf den Haufen Strafkandidaten, besonders auf ihn mit der gelben Binde, voll Schadenfreude. Bis die erste Gruppe von fünf Leuten in das Arbeitszimmer des 2. Lagerleiters geführt wurden, kam die zehnte Stunde heran. Endlich gelangte er an die Reihe. Der Lagerelefant nahm das vor, was man, Vernehmung nannte, eine im Grunde lächerliche Farce. Ein lauerndes Lächeln spielte um Hoffmanns Mund mit den dicken Wulstlippen. Es war etwas Raubtierhaftes, Beutespähendes im Ausdruck seiner schwammigen Biersäufermiene. ,, Ei, seht an", höhnte er ,,, auch - 311ein Capo der gemeldet wird... sehr erfreulich, das muẞ man schon sagen!" Er sah auf den Meldezettel, den ihm der Lagerläufer vorlegte. ,, Aha, so ist das also! Ihr Spind ist wiedermal nicht in Ordnung gewesen?" fragte er in schärfster Kürze. دو , Gestatten, mein Spind ist in Ordnung und war bisher stets in Ordnung, nur auf dem Trinkbecher war ein Kaffeefleckchen, den ich bei künstlichem Licht in der Frühe nicht sehen konnte das ist alles!" verteidigte sich Bert. - ,, Dummes Zeug!" schrie der Koloß mit geheuchelter Erbostheit. ,, Also war es eben nicht in Ordnung das ist ein Skandal für einen Capo, verstanden?! Übrigens erinnere ich mich: Sie sind doch der Kerl, der als deutscher Offizier die Juden in Schutz genommen hat- was? Na, da braucht man sich ja nicht zu wundern.... Abhauen! Rrraus!" In seine Augen kam, während er so aufbrauste, ein grausames, gewalttätiges Leuchten. Und im nächsten Moment zeichnete seine Rechte schon mit dem Kopierstift irgend etwas auf den gelblichen Bogen Papier, den ihm der Lagerläufer hinhielt. Noch einmal wollte Bert etwas erwidern, doch Mörtl, der Läufer, winkte ihm ab. Jedes Wort ist vergeblich, es trägt dir nur einen neuen Anschnauzer ein, deutete seine Geste an... also meinetwegen Schluß, sagte sich Bert. Nennenswertes kann ja aus solcher Lappalie nicht entstehen vielleicht kommt schon Anton Seidls Intervention zu meiner Erlösung dazwischen. - Aber schon drei Tage darauf, mit ungewöhnlicher Beschleunigung, mußte er seine Leute wiederum unter Hafner allein abziehen lassen und erneut mit einem Haufen übler Gesellen antreten, um sich dem Lagerarzt zu präsentieren, ebenfalls eine Maßnahme, die zur lächerlichen Farce herabgewürdigt war. Die ganze Tätigkeit des Arztes bestand nämlich darin, sich von jedem einzelnen Häftling, der vor ihn hintreten mußte, entweder die Hände samt Hand - 312 - gelenken vorzeigen zu lassen dann wußte der Betreffende, daß er eine Stunde Pfahl' erhalten habe als Bestrafung... oder der Häftling mußte seine, Unaussprechlichen' herunterlassen, das Hemd lüften und seine verehrlichen, posteriora' ans Tageslicht halten, was dann der untrügliche Beweis dafür war, daß er demnächst , über den Bock' gelegt werde, mit anschließenden drei Tagen Dunkelarrest... die eine Strafe war so übel und gefürchtet wie die andere. - Bert kam an die Reihe. Der dicke Heyden legte die Strafblätter vor und ließ Bert die Hände vorweisen. Mit dem gleichen Augenblick wußte dieser, daß seine Strafe aus einer Stunde Pfahl bestand und da er es nun wußte, glomm ein dumpfer, fatalistischer Zorn in ihm auf gegen die Heimtücke, die ihn einer solchen Quälerei überlieferte.... Ja, sagte er sich, wenn mich jemand in der Totenkammer oder im Auto Tonis erwischt hätte, beides grobe Verstöße gegen die Lagerordnung bitte, kein Wort, ich müßte die Konsequenz aus meinem Verhalten ziehen! Aber eines solch lächerlichen Versehens wegen...? - Ein paar unruhige Tage vergingen nach dieser Entscheidung. Jedes Interesse an der Arbeit war Bert natürlich genommen. Da trat der lange Blockschreiber eines Morgens auf ihn zu und verzog sein gutmütiges Schwabengesicht zu einer Miene voller Kummer. ,, Oberst, ich muß dir leider mitteilen, daß es schon heute losgeht mit deiner Strafe... es ist mir unverständlich, wieso schon so zeitig, aber besser ist es allemal, du hast die Schweinerei hinter dir-- Und als ihm Bert nichts erwiderte, sondern nur mit hartem, starren Blick, die Lippen zusammengepreßt, an ihm vorbeisah, legte er besänftigend die Hand auf dessen Schulter und schloß: ,, Also bleib' heute hübsch im Lager, gelt ja!" Wie angewurzelt blieb Bert stehen und sah dem Davoneilenden nach. Da hätten wir es also und sicherlich wird heute Toni Seidl draußen am Kinderheim auf ihn warten, vielleicht gar in Begleitung von Iřina wieder De ... ach, es war zum Haarausraufen! Die Nägel bohrten sich vor Erbitterung tief ins Fleisch seiner Faust... aber rechtzeitig fiel ihm noch der Trost des Erasmus von Rotterdam ein, den er sich schon so oft vorgehalten hatte: ‚Schimpf, Schande, Beleidigung und Schmach sind Übel nur, so lange man sie als dies empfindet! Fällt das Empfinden weg, so fällt das Übel dahin....‘ Also wollen wir die Exekution mit einem Lächeln der Verachtung überstehen, beschloß er. * Nur sechzehn Mann, ein relativ winziges Straf- kommando war es, das der Lagerläufer Mörtl sammelte und vor das Haupttor führte. Nach einer reichlichen Stunde kam ein Scharführer heran, mit einem Bündel gelber Scheine in der Hand— eben den Strafblättern. Es war zum Glück noch einer der vernünftigen SS.-Leute, die Dachau aufwies. Unwillkürlich atmete Bert auf, als er ihn sah. Von ihm war zu erwarten, daß er den Vollzug glimpflich verlaufen lassen würde. Aber kaum war ihm diese Überlegung gekommen, als durch das Haupttor noch ein zweiter Scharführer kam und auf die Sträflinge zuging. Bert erkannte ihn sofort wieder: es war derselbe Bullenkerl, der damals bei Berts Einlieferung die Neuen mit der Gerte mißhandelt hatte.... Inzwischen verlas der erste Scharführer die Namen und ließ die Leute in der entsprechenden Reihen- folge antreten. Bert kam an neunter Stelle. Seine Capo- binde hatte er vorsorglich in die Tasche gesteckt. Alsdann wurde abmarschiert, die Fahrstraße am großen Wirtschaftsgebäude hinunter bis zu dessen Hinter- front, wo eine kleine Eisentür Halt gebot. Der Begleiter schloß sie auf und ließ die Häftlinge eintreten. Nun waren sie im Vorhof des Bunkergebäudes, einem flachen, langen Bauwerke mit spaltartigen, vergitterten Luft- löchern. Hinter jedem von ihnen lag eine der finsteren Zellen— und in einer derselben der schuldlose Stillfried. Es kam Bert vor, als schlüge Todeskälte aus diesen - 314Mauern heraus... nicht zu Unrecht; denn hier war auch der Ort, an dem die SS.- Leitung ihre geheimen Erschießungen stattfinden ließ. Daher auch die viele Freiheit für ein Subjekt wie den Henker Bernhardt, der ihr verschwiegener Mitwisser bei diesen Schandtaten war. - Ein zementierter Weg zog sich an der Bunkerwand entlang, während die Mitte des Vorhofes mit Rasen bedeckt war. Es war nur eine kleine Wiese, die versonnen in der warmen Sonne dalag, wie andere auch, bestickt mit bunten Blumen; aber die Mauern mit den kleinen Luken schlossen sie ein und von diesen Mauern roch es dumpf nach Verbrechen und Hinrichtung, Folter und Pein.... Sofort nach Einrücken des Trupps Bestrafter erschien auf der Schwelle des Bunkereingangs der Henkersknecht mit gebücktem Rücken, die Mörderhände bieder hängen lassend und seine eingetroffenen Opfer mit einem Raubvogelblick musternd. Der erste Scharführer ließ halten und Aufstellung nehmen, während sein Kollege gemächlich zu dem Hundezwinger schlenderte, wo ihn lautes Bellen begrüßte. Das Bellen schwoll zu einem heiseren Tumult an, als er den ersten Köter, einen kohlschwarzen Riesenschnauzer, ein scheußliches plumpes Ungetüm, aus dem Käfig ließ. Nun mußte auch der nervöse Wolfshund herausgelassen werden, sonst hätte ihn die Eifersucht verzehrt, und die mächtige Tigerdogge erst recht, wenn nicht das schwache Gitter unter ihren Sprüngen zerbrechen sollte. Erst als die Tiere wie die Tollen auf der Wiesenfläche umhersprangen, wandte sich der Scharführer wieder den Häftlingen zu und verlangte von Bernhardt die Hundepeitsche. Der stille Bibelforscher, des Henkers Gehilfe, holte eine schwere, geflochtene Karbatsche aus Leder. Inzwischen entdeckte aber Bernhardt unter den Sträflingen auch seinen ehemaligen Stubengefährten aus Flossenbürg Bert. Und sofort leuchteten seine tiefliegenden Augen in böser Schadenfreude auf..... - ,, Aha!" rief er aus, so laut, daß die beiden Scharführer es hören mußten ,,, da kann ich ja auch mal - - 315unsern Herrn Oberst begrüßen - so, so, der Herr Oberst geben uns auch mal die Ehre?" - ,, Wo ist ein Oberst?" fragte sofort ungläubig der Rowdy. ,, Was du bist das?" Die Spitze der Hundepeitsche stieß gegen Berts Brust. ,, Jawohl"! beeilte sich Bernhardt diensteifrig zu versichern. ,, Dieser feine Herr da! Wahrscheinlich hat er wieder zuviel Romane gelesen! In Flossenbürg hat er auch nur lesen und lesen wollen, aber keinen Stubendienst verrichten... na, jetzt hat's ihn auch mal gepackt!" Zum Glück kümmerte sich der erste Scharführer nicht um die albernen Vorgänge, die abseits seines Dienstes lagen. Er teilte die sechzehn Leute in zwei Gruppen ein und ließ von der ersten Hälfte die vier Pfähle holen, die in zementierte Löcher im Boden eingelassen wurden. Es waren starke, viereckige Stämme, roh geglättet und gegen zweieinhalb Meter über den Erdboden aufragend. Ganz oben besaßen sie je zwei dicke Eisenhaken in entgegengesetzter Richtung, horizontal herausragend. Unerfahrene hätten sie für derbe Pfähle zum Aufhängen von Wäscheleinen halten können. Und Leinenzeug wurde ja auch an diesen Stämmen aufgehangen, nur war in dem Zeug noch menschlicher, zuckender Inhalt Nun brachte Bernhardt den hölzernen Tritt mit seinen drei Stufen, auf die der Delinquent beim Aufhängen treten muß, sowie die Ketten und die Wollfetzen. Die Hände hat der Bestrafte rückwärts zusammenzufalten. Dann werden die dünnen Fetzen, aus alten Strumpfteilen bestehend, über beide Handgelenke gestreift und über sie die Gliederkette so durchgezogen, daß sie eine Schlinge bildet, die sich zusammenzieht. Der Häftling muß sich alsdann auf die oberste Stufe des Trittes stellen, der unter einem der Haken steht, mit dem Rücken gegen den Pfahl. Sodann nimmt der Henker das freie Ende der Kette und hängt sie mit einem ihrer Glieder an den Eisenhaken. Ist das geschehen, so zieht er die Stufenleiter unter den Füßen des Opfers fort- und nun baumelt der Mensch an -- - 316seinen rückwärts gefesselten, nach oben gezerrten Handgelenken.... Eine ganze geschlagene Stunde lang vollkommen in der Luft, nicht etwa so, daß die Fußspitzen noch den Boden erreichen können, um sich ein wenig darauf zu stützen. Diese Methode kommt der antiken Kreuzigung mit ausgestreckten Armen ziemlich gleich, nur daß die Nagelung der Glieder fehlt. Dagegen gibt es eine alte Zeichnung von Hans Schäufelein( um 1480-1540), auf der die Folterung eines zur Decke hinaufgezogenen Delinquenten dargestellt ist genau so geschah es hier, nur daß die Gewichte an den Füßen des Ärmsten fehlen. Dafür wird er damals im Mittelalter nie eine volle Stunde diese Qual haben auszuhalten brauchen, weil bei der, peinlichen Befragung' zumeist zehn Minuten für den Erfolg genügten. - Denn die Last des Körpers, die an den rückwärts verdrehten Sehnen und Bändern der Schulterpartien zerrt, ist für diese so übermäßig, daß die Arme aus der Achselhöhle gedreht werden und nahe am Ausreißen sind. Die aneinander gefesselten Gelenke, durch die Schlinge der Kette auf das härteste zusammengepreßt, können dem Drehen der Arme nicht nachgeben. So entsteht neben der entsetzlichen Zerrung der Sehnen und Bänder eine ebenso schmerzhafte und nachhaltige Strangulation der Blut- und Nervenbahnen an den Gelenken. Nun, der Henker und sein Gehilfe begannen ihr Werk. Und schon war das erste Aufstöhnen und Ächzen des Leids zu hören, das sich binnen einiger Minuten zu fortgesetzten Schmerzensschreien steigerte. Die einen wimmerten nur mit geschlossenen Augen vor sich hin, andere riefen mit jammernder Stimme Jesus und Maria um Hilfe an oder ergreifender Weise die Mutter, wie - immer in bitterer Not wie die Stiere. - - nur einzelne brüllten darauf los Dicht bei Bert, der als erster der zweiten Partie wartend dastand, hing ein noch junger Mensch am Pfahl, mit einem faden, törichten Gesicht und bereits reichlich feister Gestalt. Bert sah, wie dem Ärmsten der Schweiß in dichten Perlen aus den Poren brach. Kreide- bleich, mit wild verzerrten Zügen, starrte der Jugend- liche vor sich hin und wimmerte wie ein verendender Hund... bis Bert auf einmal die Worte heraushörte, die an ihn gerichtet waren: ‚So hilf mir doch, Capo, so hilf doch... ich bitte dich... ich bitt’ dich so sehr— ach, um Gottes Willen!“ Es war über alle Maßen erschütternd: dem armen Menschen hatte die Qual bereits die Sinne verwirrt— und das schon nach den ersten zehn Minuten... volle sechzig Minuten mußten die Unglücklichen hängen— man stelle sich das vor! Jetzt, gegen Ende der ersten Viertelstunde, erreichte das Schreien und Jammern seinen Höhepunkt. Es ließ den Zuhörern das Blut in den Adern erstarren. Die kommende Partie, die eine ganze Stunde diese Tortur anhören mußte, bevor sie selbst in gleicher Weise ans . Kreuz gebunden wurde, dies Trüppchen neben Bert duckte sich immer dichter unter das vorspringende Dach des Bunkers; sie sanken förmlich in sich zusammen und verloren wohl vor Verzagtheit einen halben Fuß ihrer normalen Größe. Der erste Scharführer hatte für das entsetzliche Schreien Verständnis. Er ließ dem einen, der unab- lässig schrie: ‚‚O Herrgott, nur einen Schluck Wasser, nur einen einzigen Schluck, um Barmherzigkeit!“ wirk- lich durch den Bibelforscher, der ihn darum befragte, ein Glas kühlen Wassers bringen, trinken und den Rest zur Abkühlung über den Kopf gießen. Einen anderen beruhigte er, indem er in ablenkender Weise mit ihm’ sprach.= Ganz anders aber sein rüder Kollege, der sich bisher nur mit den Tieren beschäftigt hatte und der Hunde- meute kleine Kiesel hinwarf, gänzlich gefühllos für das Schreien. Nun ging ihm plötzlich der menschliche Jammer gegen den Strich. Er ließ von den Kötern ab und packte die Karbatsche fester, als er an die Pfähle mit ihrer lebendigen Fracht herantrat. „Haltet euer Maul allesamt—— Maul gehalten, ver- - 318standen?!" brüllte er los. Und als nach einer Pause von wenigen Augenblicken die Schreie wieder losbrachen, da holte er mit der schweren Peitsche aus und schlug sie rücksichtslos dem am nächsten Hängenden über Kopf und Gesicht... es war gerade der am lautesten Jammernde, und der Erfolg der Mißhandlung war natürlich nur ein desto grelleres Aufheulen des Getroffenen und ebenso beim nächsten, wie beim dritten und vierten, dem die wuchtige Peitsche über Kopf und Genick ging. In seinem Inneren wünschte sich Bert, daß es dem menschlichen Gefühl gegeben wäre, sich zu Zeiten gänzlich zu verflüchtigen, sich auszuschalten aus dem Körper und dem Leid, das diesem angetan wird- oder wenigstens, daß es Zeitraffer auch für das reale Erleben geben möge wie für die Filmtechnik. Denn wie unendlich lang doch eine solche Stunde wurde... endlich, endlich gab der erste Scharführer das Zeichen zur Beendigung der Quälerei.... Der alte Bernhardt und sein Gehilfe gingen mit der Trittleiter von Pfahl zu Pfahl und banden die Gekreuzigten los... doch die wenigsten von ihnen konnten die drei Stufen allein hinabsteigen. Die meisten mußte der barmherzige Bibelforscher um den Leib nehmen und am Fußboden gegen die Bunkerwand lehnen; so restlos ausgepumpt, verletzt und erledigt war in ihnen alles, was lebendig war. Die Arme konnte keiner bewegen, geschweige dazu benutzen, die festgezerrte Kette samt dem Wollfetzen von den Gelenken herunterzubringen. Bernhardt besorgte das unter mürrischem Gebrumm und winkte dabei schon die kommenden Opfer heran.. weiter im Text, die nächsten Herren nur bitte recht freundlich! Bei Bert flocht er natürlich den hämischen Zusatz ein: - ,, Aha, der Herr Oberst müssen besonders gut bedient werden, er kann das verlangen also ein gutes Stück höher hinauf als die anderen... bitte sehr, viel Vergnügen, Herr Oberst!". Damit zog er ihm das Trittbrett weg und ließ Bert baumeln, ungefähr dreiviertel Meter über dem Erdboden.... - - 319Im gleichen Augenblick fuhr ein rasender Schmerz aus den sich ausrenkenden Armgelenken und den gepreßten Handgelenken durch Berts Körper, so daß er nur mit alleräußerster Mühe verhindern konnte, nicht aufzuschreien, ja sogar zu brüllen wie ein angeschossenes Tier. - Gleich einem feurigen Lavastrome tobte die Qual die Arme hinauf und durch die Nervenbahnen weitergeleitet den gesamten Leib hindurch. Der Körper, der anfänglich zweimal einen rechten Winkel dabei bildete, nämlich in der Hüfte nach vorn gebeugt und in den Armen rückwärts nach oben, streckte sich infolge seines eigenen Gewichtes, verzerrte die Bänder und Sehnen, bis die Oberarmknochen aus dem Schultergelenk herausgedrückt wurden und blutentleert nur noch wie abgetrennte Glieder dem Rumpfe zugehörten. Die Schmerzen steigerten sich von Minute zu Minute ... nein, wahrhaftig, es war nicht möglich, stumm zu bleiben wenigstens ein leises Stöhnen schaffte ihm etwas Linderung. Das Stöhnen ging in ein stoẞweises Röcheln über. Er fühlte, wie seine Augen aus den Höhlen quollen, fühlte die Zunge anschwellen und den krampfhaften Andrang des Blutes zum Kopfe, so daß sich ihm der Rachen verschloẞ. Der Schweiß rieselte ihm aus jeder Pore des Körpers. In den Ohren war ein Summen und Brausen, als wäre ein ganzes Geschwader von Flugzeugen in der Luft.... Nur undeutlich und wie entfernt hörte er die Schreie der anderen, darunter eines Gequälten, der in markerschütterndem Jammer um Hilfe bat: ,, Ich halt's nicht aus, laßt mich los, laẞt mich los ich halt's unmöglich länger aus!" - - Da sprang der brutale Scharführer mit der Peitsche auf ihn zu und schlug sie ihm mehrmals über den Kopf. ,, So, du Hund hier! Und hier und hier! Hast du nun genug, du erbärmlicher Wicht?" brüllte er ihn an. Nun schwieg der Mißhandelte wirklich und zwar bis zum Schluß der Exekution. Er war durch die furchtbaren Hiebe ohnmächtig geworden. - 320Auch Berts einzige Hoffnung war, sobald als möglich das Bewußtsein zu verlieren. Es ward ihm schwarz vor den Augen, aber trotz allem heftigen Wollen trat keine Ohnmacht ein... im Gegenteil: nach der vollbrachten Heldentat an dem anderen Häftling suchte der Peitscher ihn. Wo ist denn dieser Oberst, hm?" erkundigte er sich beim alten Bernhardt. Mit inniger Schadenfreude verwies ihn dieser an Berts Pfahl. ,, Aha", höhnte das Ungetüm, sich neben dem Gekreuzigten aufstellend. ,, Nun, wie gefällt es Euer Hochwohlgeboren da oben, he? Das ist doch pfundig, was? Ich will dir noch eine hübsche Abwechslung zeigen- paß auf!" Und mit solchen Spottworten faßte er Bert am Bein und zog daran den schwebenden Körper ein ganzes Stück vom Holz des Pfahles ab und ließ ihn dann wieder los, so daß Bert wie der Perpendikel einer Standuhr eine Weile hin und herschwang... eine Qual, die ihn glauben machte, daß jetzt jetzt jetzt die Arme endgültig abreißen müßten. - - ,, Gelt, das war pfundig, was?" brüllte das Untier wieder in sein Ohr. ,, Gib Antwort, du Halunke! Willst du gleich Antwort geben oder nicht?!" Dabei kam er mit seinen wulstigen Lippen so nahe an das Gesicht Berts, daß diesen die Luft aus den breiten Nüstern streifte. Aber er schwieg konsequent und hätte auch kaum sprechen können, sondern drehte nur den Kopf ab, so fraß der wahnsinnige Schmerz jede Kraft zu irgendeiner Lebensäußerung in ihm hinweg. Der Scharführer aber warf einen raschen Blick auf das Gesicht des Häftlings und sah den finsteren, verschlossenen Zug darin. Da packte den Rohling ein echt bajuwarischer Jähzorn. Er lief blaurot im Gesicht an und brüllte: ,, Was? Auch noch hochmütig? Kanaille, monarchistische, du sollst mich kennenlernen" Und förmlich sinnlos vor Wut hob er die schwere Peitsche und schlug zu. Traf Bert über den Kopf, ein paarmal quer über das Gesicht, übers Genick und wieder über den glatt geschorenen Kopf, mit jedem - - 321 - Hiebe einen blutrot aufschwellenden Striemen hinterlassend.... Die Knutenhiebe pfiffen durch die Luft. Endlich bemerkte sein Kollege, der erste Scharführer, den Auftritt und eilte herbei. Er fiel dem neu Ausholenden buchstäblich in die Arme und zog ihn, der erschöpft innehielt, mit Mühe fort.... Der Gekreuzigte aber hing weiter, hing mit gesenktem Kopfe und herabtropfendem Schweiß und Blut; nicht bei klarer Besinnung zwar, aber auch nicht bewußtlos; unfähig etwas Klares zu denken oder zu sprechen vor tobendem Schmerz, nur ständig vor sich hinstammelnd: ,, Mein Gott, mein Gott, diese Qual, diese Qual! Wann ist die Zeit nur zu Ende o Schwester, o Iřina, wenn ihr wüßtet, was ich leide, ohne jemandem etwas angetan zu haben... oh, dieser Wüterich!" Wann die bittere Stunde, von der jede Minute voll ausgewogen war, voll durchgelitten zu Ende ging, entzog sich Berts Kenntnis. Ihn wie wohl auch die meisten anderen umfing schließlich eine mildernde Dämmerung, eine gewisse Reduktion des Bewußtseins, als die Nerven restlos erschöpft von ihrer empörten Abwehr des Schmerzes waren. Seine Augenlider hoben sich erst wieder, als er die Treppenleiter unter den Füßen spürte und den Bibelforscher neben sich sah, der ihm mit mitleidigem Blick die Beine auf das Trittbrett stellte. Doch von einem selbständigen Stehen war keine Rede mehr. Der Helfer hob ihn herunter und lehnte ihn gegen die Bunkerwand. Er hatte ja noch mehr zu tun. Wie Bert so angelehnt stand, gekrümmt wie ein Wurm, mit blauen Lippen und totenblaẞ verzerrtem Gesicht, in dem die dunkelroten Knutenstriemen hoch angeschwollen waren, überfiel ihn ein konvulsivisches Zittern, das seinen Körper mit unwiderstehlicher Wucht durchrüttelte. Die Hände an den blutleeren Armen hingen am Leib herunter, als hielte sie nur noch der Kleiderärmel am Ganzen fest.... Kaum daß er einem anderen Opfer Beachtung schenkte, darunter einem , Grünen', der sich kaum vom Kreuz abgenommen 21 Conrady, Amokläufer. 良 322wie ein wundes Tier am Boden wälzte und gottsjämmerlich stöhnte, ebenfalls einer von den mit der Knute Getroffenen. Doch als der Rowdy von Scharführer den am Boden Liegenden mit dem Stiefel anstieß und aufstehen hieß, da brüllte der Gequälte sich eine Sintflut an Schmähungen vom Herzen herunter, ganz unbedenklich, wo er sich eigentlich befand und so voller Inbrunst, daß der Bösewicht unwillkürlich scheu zurücktrat und ihn nicht weiter behelligte. Aus dem Sturzbach von Verwünschungen lohten die Worte hervor: ,, Du sollst an mich dereinst denken müssen! Du Schweinehund, Schweinehund, miserabler."... Bald aber ward sein Brüllen schwächer, und die Wut erlosch in Mattigkeit und Grauen. Der vernünftige Scharführer machte der üblen Szene, sich absichtlich taub stellend, ein Ende, indem er die erste Partie Bestrafter aufforderte, sich der zuletzt Abgenommenen anzunehmen, soweit sie selbst dazu imstande wäre. Sein brutaler Kollege bekümmerte sich, wie beschämt von dem Abschluß der Exekution, nur noch um die jaulenden Hunde. So zogen die sechzehn Mann davon wie ein Rudel räudiger Köter nach einem Fußtritte, wie ein jämmerlicher Trupp invalider Marodeure.... Als sie derart über den verlassenen Appellplatz schlichen, sah ein Freund Berts, der Capo der Desinfektionskammer, zum Fenster heraus und kam spontan herbeigeeilt, um den Erschöpften zu sich hereinzuholen. Dieser Capo Pfeiffer war ein Mainzer Kind, ehemaliger Rennfahrer von Weltruf und wegen seiner kommunistischen Gesinnung bereits seit 1933 in Schutzhaft. Er und einer seiner Leute führten Bert in die ruhige Kammer am äußersten Ende des Revierblockes und setzten ihn dort bequem neben den warmen Dampfkessel, damit zugleich seine völlig schweißdurchtränkte Kleidung zu trocknen beginne. Als dies erste Samariterwerk geschehen war, lief der Capo zu seinem Kollegen Heyden ins Krankenrevier, um Salbe und Verband zu holen für die langen, blutenden Striemen in Berts Gesicht, auf Kopf und Hals, desgleichen den erfahrenen Pfleger zu fragen, was am besten mit den Armen zu tun wäre. Inzwischen saß der Zerbrochene zusammengesunken auf seinem Schemel, ließ sich ein Glas Wasser einflößen . aber die Lider fielen ihm immer wieder zu. Der Atem ging stöhnend, die Rißwunden im Gesicht brannten wie Feuer, und sein Herz war noch immer ein heißes, überstürzt pochendes Hammerwerk. Capo Pfeiffer kam wieder zurück mit einer Salbe und einem Fläschchen Branntwein, von dem Heyden geraten hatte, den kleineren Teil innerlich, den größeren Teil äußerlich zu etwas vorsichtiger Massage der Hände, Knöchel und Schulterpartien zu verwenden.... Das geschah und tat überaus wohl——— und es geschah notabene in liebevollster Aufopferung durch einen Mann, dessen Parteigenossen von jeher durch die Nazis als Aus- bunde schwärzester Verworfenheit und übelsten Unter- menschentums hingestellt wurden! Bert wollte seinen Dank stammeln, aber er brachte keine zusammenhängenden Worte über seine wunden Lippen; nur ein unverständliches Gurgeln war alles, was er vermochte. Der Ausdruck seiner Augen mußte die Worte ersetzen. In der Nacht aber wachte Bert nach kaum zwei, drei Stunden leichten Schlummers wieder auf. Die Schmerzen ließen ihn kein Auge mehr schließen.‘ Er richtete sich mühsam im Bett etwas auf..... Ein zischelnder Regen fiel draußen, das hörte er deutlich an dem gleich- mäßigen Tropfenfall vom Dach... sonst war nur noch neben und über ihm das Schnaufen und Röcheln der neunzig Schläfer zu hören, die dem Morgen entgegen- träumten. Er legte sich wieder auf das stroherne Kopfkissen zurück. Das Blut hinter der Stirn stach unerträglich, und ein überstarkes Schwindelgefühl ließ die Stube mit ihren vielen eng an- und übereinander getürmten Betten um ihn wirbeln wie ein wild gewordenes Karussel. air - 324Kalter Schweiß lag noch immer auf Stirn und Schläfen, so oft er ihn auch am Kissen abzuwischen suchte Lieber Himmel, drängte sich ihm der Gedanke auf, als er so wie ein Krüppel auf dem Strohsack lag: warum müssen die Menschen einander ständig soviel Böses antun? Soll das Mißhandeln des anderen, des Schwächeren noch immer die tiefste Lust des Menschenviehes bleiben? Sind wir auf dem ersehnten Wege vom Tier zum Gott in Wahrheit noch keinen sichtbaren Schritt vorwärts gekommen? Nach solchen Reflexionen zog in einem Reigen vor seinem geistigen Auge alles vorbei, was ihn während der langen Monate seiner Haft bewegt hatte: vertraulich lächelte ihn der biedere Hofbauer aus der Liesl' in Wien an; dann der fromme kleine Bibelforscher aus Krems; sein umsichtiger Mentor hier in Dachau zog vorüber, der elegante Hans von Becker- wer weiß, wohin ihn der Sturm der Tyrannei hingeweht haben mag und der liebe, arme Kohlhofer, mit ihm im Bunde, der in dem schäbigen Verbrecherlager hinter den Bergen sein strahlendes, junges Leben ausgehaucht hatte... und wie mochte es dem edlen Menschen Stillfried ergehen, jetzt in seinem finsteren Verließ - - -- Soviel Namen, soviel Tragik darin warum allerorten soviel Böses, warum diese Zuchtburgen der Bestialität überhaupt? Galt früher mal Amerika als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, so war das Großdeutsche Führerreich jetzt sicherlich das Land der unbegrenzten Grausamkeit zu nennen, so schwer es einem als Deutschen ankommt, seine Landsleute derartig zu beschuldigen.. WIEDER IN MÜNCHEN. Um des Schicksals Tücke aber zu vollenden, kam am anderen Morgen beim Aufstehen der Blockschreiber wieder in die Stube 4 hinein und legte über sein gutes, schwäbisches Gesicht eine strahlende Aura, als er dem Oberst Jordan, der sich zu ihm heranschleppte, ver- künden konnte: ‚‚Siehst du, wie ich dir schon sagte, es kommt nach Regen immer wieder Sonnenschein! Heute noch wirst du überstellt... also laß dich her- richten. 5 Dann schaute er aber auf Berts entstelltes Gesicht mit den rissigen Striemen und auf die wie leblos herab- hängenden Arme— und stammelte betroffen: ‚„O du lieb’s Herrgöttle, ja so—-oo! Wenn dich der Doktor schaut, da wirds natürlich zweifelhaft mit dem Ver- lassen des Lagers... na, wollen mal sehn, wie sich’s machen läßt— leb’ wohl einstweilen....“| Bert sah ihm noch eine Weile bewegungslos nach und| holte ganz tief Atem—— hätte diese Abberufung nach München nicht gestern schon kommen können? Und jetzt— was tun? Die Fahrt verschieben lassen oder durch.die ärztliche Kontrolle hindurchschlüpfen? Während er sich mit größter Mühe notdürftig wusch, grübelte er über diese Frage nach, bis ihm klar wurde: nein, gerade jetzt heraus und sich in der anständigen Krankenanstalt der Polizei kurieren lassen, was hier doch nicht geschah, um gleichzeitig zu versuchen, mit Toni Seidl und den Seinen in Fühlung zu kommen... also hieß es, um die Vorstellung beim Arzt glimpflich herumzukommen. Und es gelang. Der Revierschreiber Lill, wiederum ein Kommunist von auffälliger Hilfsbereitschaft, von seinem schwäbischen Kollegen informiert, versteckte ihn in der Kammer, wo die Betten der Pfleger standen und ließ ihn schon vorher den bewußten Revers unter- schreiben.‘Als der Arzt. erschien, gab Lill’ an, daß der Häftling Jordan gerade mal austreten gegangen wäre; aber schon gemessen und gewogen sei und unterzeichnet habe, also brauche man ihn nicht mehr.. Gleichgültig, wie die SS.-Junker ihrem Berufe gegenüberstanden, soweit es Häftlinge betraf, ließ der junge Arzt den Schwindel durchgehen.‘Und zum Glück hatte jener freundliche Scharführer von gestern die Überstellung vorzunehmen. - - 326Er empfing Bert lächelnd. ,, Nanu - Sie? Gestern Das muß das am Pfahl und heute nach draußen? richtige Pflaster für Ihren Schmerz sein... übrigens werden Sie von der Sache noch hören, ich bin kein Freund solcher Übergriffe, wenn ich Dienst habe!" Bert dankte ihm aufrichtig und ließ sich im Umkleiden von dem zweiten Mann, der zur Entlassung kam, helfen. Dies war ein Mannheimer Buchdrucker, der vor Freude völlig närrisch war und Bert flüsternd gestand: - - ,, Was es heißt, entlassen zu werden, nach sieben Jahren ewigen Hoffens auf Freiheit, immer wieder vom Herbst auf das Frühjahr und vom Frühjahr auf den Herbst, ohne jemals zu wissen, warum und wie lange man uns eingesperrt hält das kann niemand ermessen, der es nicht durchgemacht hat! Und gerade jetzt war ich in voller Verzweiflung. Meine beiden Kinder mußẞten zwangsweise zur Hitlerjugend. Dort hat man sie unaufhörlich bearbeitet, ihrer Mutter zu Hause nahezulegen, sich von mir scheiden zu lassen, weil ja die Verbringung ins Kz- Lager sofortiger Scheidungsgrund für den freien Ehepartner ist, wie du weißt.... Nun hängt meine Frau so treu an mir, wie ich an ihr; wir haben, wenn wir auch Kommunisten sind, die glücklichste Ehe miteinander geführt... und nun kommen die verhetzten Kinder mit solchem Verlangen zu ihr; es kommt die verehrte NS.Frauenschaft und geniert sich nicht, meiner Frau vorzuhalten, sie sei noch jung genug und gebärtüchtig' wenn ich nur dies Wort höre, könnte ich schon zerspringen!- Na und so ging es weiter am laufenden Band bis meine arme Frau mir schrieb:, Mann 1 -- --- komme, komme oder ich verzweifle!"" - Ingrimmig schloß er. ,, Na- du siehst, ich komme! Der liebe Gott muß es so gefügt haben, denn auf eine bessere Einsicht bei diesen Teufeln rechne ich nicht... ich glaube fast, ich werde wieder fromm werden - Bert nickte ihm herzlich zu. Die Hand konnte er ihm nicht reichen. Dann fuhren beide der Stadt entgegen. Bert bezog von neuem die gleiche Zelle, die er schon - -327- unkannte im Wittelsbacher Palais. Am nächsten Morgen kam ihm Kommissar Schuhmacher in seinem Arbeitszimmer noch freundlicher als damals entgegen und wollte ihm sogar die Hand reichen... bis er erschrocken in Berts Gesicht und auf die leblosen Arme sah willkürlich trat er einen Schritt zurück und fragte: ,, Was ist mit Ihnen geschehen, Oberst? Haben Sie sich verletzt durch einen Unfall oder...?" Wie eine üble Vorahnung klang es aus seinen Worten heraus. ,, Kommen Sie ans Fenster und berichten Sie mir alles genau! Ich habe ein Recht darauf...." - In kurzen leidenschaftlichen Sätzen unterrichtete ihn Bert von dem Vorfall, ohne sich zu einer Anklage zu versteigen. Er erwähnte auch sein Zusammentreffen mit dem Baumeister. Schuhmacher nickte. Ich weiß davon. Parteigenosse Seidl war bei mir und hat auch mit dem Chef unserer Leitstelle über Sie gesprochen... hoffen wir, daß es von Erfolg sein wird. Sie können auf meine Befürwortung vollauf rechnen! Aber sagen Sie mir noch einmal: was Sie so zugerichtet hat, rührte tatsächlich von ein paar Kaffeefleckchen auf dem Trinkbecher her? Das ist doch kaum möglich, nehmen Sie mir's nicht übel!" - ,, Es ist nicht anders und durchaus nichts Außergewöhnliches im Lager! Jeder Scharführer, jeder SS.Posten, sogar jeder Blockälteste kann uns wegen absolut nichts ums Leben bringen, wenn es ihm paẞt... wir sind ja total vogelfrei! Und wieviele werden tatsächlich ohne Anlaß dank geheimem Wink auf die verschiedenste Art beseitigt, falls sie nicht vorziehen, sich selbst das Leben mit dem Strick oder dem Rasiermesser zu nehmen...." - ,, Das ist das ist... grauenhaft, unausdenkbar!" stieß der rechtschaffene Mann, der so wenig in den Kreis seiner Amtsstelle paßte, hervor. Er stand auf und ging in kurzen, erregten Schritten auf dem Teppich seines Zimmers umher. Sein Kollege aus Wien schien es vorgezogen zu haben, nicht mehr mit dem infektiösen' 328Häftling aus Dachau zusammenzutreffen. Vor Bert stehen bleibend, sprach Schuhmacher weiter: ,, Ich will, sobald der Chef vom Urlaub zurück sein wird, mit ihm die Frage Ihrer Entlassung betreiben, dessen seien Sie versichert... und außerdem habe ich mir gedacht, daß Sie vielleicht gern Ihr Haus in Schwabing und Ihre Frau Schwester oder wer Ihnen sonst lieb ist, wiedersehen möchten, nicht wahr?" Impulsiv sprang Bert von seinem Stuhl auf. ,, Herr Kommissar", rief er freudestrahlend ,,, wenn sich das ermöglichen ließe, vergesse ich sofort allen Groll über die gestrige Pein!" Schuhmacher lächelte nachsichtig und griff nach dem Telephonbuch auf seinem Tisch. ,, Es liegt nämlich so, daß ich jetzt einen kleinen Wagen zur Verfügung habe und morgen Vormittag in der Nähe Ihres Hauses eine Ermittlung vornehmen müßte. Also könnte ich Sie bequem mitnehmen und vor Ihrer Tür absetzen... natürlich müssen Sie mir ehrenwörtlich versprechen, keine Schwierigkeiten zu machen, Sie verstehen mich!" ,, Mein Ehrenwort von Herzen gern!" rief Bert begeistert aus. ,, Sie ahnen nicht, Herr Kommissar, was Sie mir damit antun würden!" Schmunzelnd wählte der Beamte die betreffende Nummer in Schwabing. Lauschend vernahm Bert die Stimme seiner Schwester, die sich meldete, aus dem Mikrophon und ihren überraschten Ausruf, als sie hörte, welcher Besuch ihr bevorstand. Sogleich bat sie den Kommissar ebenfalls zu Tisch, eine Einladung, die er mit Anstand akzeptierte. Der Hörer kam auf die Gabel zurück.. ,, So, Herr Oberst", schloß Schuhmacher ihre Begegnung. ,, Nun lassen wir vorderhand die Arbeit ruhen, bis Sie wieder hergestellt sind, und lassen Sie sich gleich jetzt zur Behandlung in die Krankenanstalt führen, wo Sie letzthin schon waren, damit Sie wenigstens einigermaßen aufgebügelt zu Haus erscheinen ich lasse Sie hinüberführen!" - * Bestrahlt, gesalbt, massiert und verbunden’ setzte sich am nächsten Morgen Bert neben den steuernden Kommissar in den. Wagen. Es war ein regenkühler Tag. Satte, schwere Luft kam zu dem halboffenen Fenster während der Fahrt hinein. Über den grauen Himmel jagten Wolkenscharen wie verstoßene Stiefkinder einher, Auf Fahrstraßen und Trottoirs von München war wenig Leben zu sehen, wenn man das Vorbeirasseln ewig langer Militärtransporte oder marschierender Kolonnen nicht auch für städtisches Leben erklären will. Sonst nur Frauen und Mädchen, in den absurdesten Ver- kleidungen und Uniformen, doch die weiblichen Formen um so mehr betont... das alte Lied: den Kampf um ihr Geschlechtsleben gibt die Frau nie auf, was immer auch eintreten möge. Sonst trollten sich nur einige dickliche Münchner Bierphilister um die Ecken und trugen ihre Spitzbäuche dem geheiligten Frühschoppen zu—— Und doch— und doch! sinnierte Bert, wie wäre es dennoch schön, sich dem freien Leben in die Arme werfen zu können— ach, alles das wieder zu um- schließen, was uns das Dasein erst lieb und wert und reich macht... aber freilich: dem Behagen ist ja Streit angesagt von seiten der Neuordner Europas, grimmiger Streit unter der Parole: Heroismus statt Kultur, Ka- nonen statt Butter— Heil Hitler! Ach, laßt mich zu- frieden, dachte er voll Inbrunst, mit aller Politik und erst recht mit politischen Kriegen... laßt mich vielmehr das Leben wieder von Herzen liebhaben als das heiligste Gut, das uns geschenkt ward, wenn wir es nur in Freiheit verbringen dürfen! Seht an: ein wenig Grübeln und schon ist der Wagen am Ziel. Er hält vor dem Gartentor des Jordanschen Hauses. Aus dem geöffneten Schlag heraus tönt ein Spitzbubenpfiff nach dem Beginn des alten Kommers- liedes: ‚Alt Heidelberg, du feine....‘“ Ein Pfiff schon genügt— und aus dem aufgerissenen Fenster des Erd- geschosses schaut ein Frauenkopf heraus von solcher Ähnlichkeit mit Bert, daß der Kommissar sofort weiß, welcher Obhut er seinen Schützling anvertraut. Er - 330grüßt höflich, zieht den Wagenschlag wieder zu und gibt Gas, um im nächsten Augenblick um die Ecke verschwunden zu sein. Die Gartentür springt auf unter dem Druck von Berts Schulter. Flüchtig überblickt er die feuchten Rosen im Vorgarten da fliegt ihm an der Haustür schon Iřina entgegen mit geöffneten Armen, um ihn mit jubelndem Freimut als erste zu begrüßen. - Aber sie zuckt förmlich zurück, so sehr sie sich zu beherrschen weiß, als sie ihn erblickt: die furchtbaren Male im Gesicht und die hilflosen Hände bandagiert, die Arme nahezu steif... und in seinen Augen lebt etwas von abgrundtiefem Leid, das sich auch jetzt nicht verdrängen läßt, wo der warme Glanz der Freude sie aufleuchten macht Doch es gelingt ihr mit aller Gewalt, den Schreck beiseite zu drängen. Sie stellt sich heiter, indem sie sagt: ,, Ich bin ja so froh, dich wiederzusehen und diesmal nicht in der scheußlichen Bagno- Tracht!" Klug erinnert sie sich, wie zuwider ihm sein lächerliches Aussehen gewesen ist.... So führt sie ihn herein in die braungetäfelte, geräumige Diele. Und dort eilt ihm die Schwester entgegen, sie, die schon herbstlich Graulockige, die ihn am längsten entbehrt hat und die ihn nur kennt als den festen, aufrechten, blühenden, lebensfrohen Mann-- Aber sie hält an der Schwelle ihres Wohnzimmers inne und faßt den Türpfosten an, unwillkürlich, als wollte sie ihren Augen einen sicheren Halt geben. Denn sie mußte sich ja täuschen... das kann er doch kaum sein, um Himmels willen, dieser Abglanz des Einstigen, diese bleiche, geschundene Karrikatur seiner früheren Erscheinung Bert sieht es, spürt es, weiß, was sie befremdet, die überaus Gute, Zärtliche, allzeit Besorgte, eine der Frauen, denen es angeborenes Bedürfnis zu sein scheint, andere zu umsorgen. Es schmerzt ihn unendlich, dieses Zeugnis seiner äußeren Verwandlung hinnehmen zu müssen... er versucht ein Lächeln, das sich ein wenig 3er gequält um seine Lippen und Mundwinkel zieht. Dann hebt er mühsam die Rechte, um sie aber gleich im Gefühl seiner Schwäche wieder sinken zu lassen.... Ja, das ist nun mal nicht zu ändern—— auch das danken wir unserem Führer! Und in stummer Befangen- heit stellt sich zwischen Bruder und Schwester das junge Mädchen, die Hand auf das klopfende Herz ge- preßt... es war eine Szene gleich der auf des Russen Repin genialem Gemälde ‚Rückkehr aus Sibirien!‘ Bis mit einem Rucke der Bann gelöst ist, und beide Geschwister sich in den Armen liegen. Eine Zeitlang vernimmt der:stille Raum nur ihr Schluchzen—— ja, in der Tat: das Schluchzen beider; denn auch Bert fühlt plötzlich, daß es sehr, sehr gut tut, wieder einmal schlicht und kindlich weinen zu können, ohne Scham und Hemmung, ganz der Ergriffenheit des Augenblicks hingegeben. Dann aber, nach ein paar pietätvollen Minuten, bringt ein heiteres Wort Ifinas die Besinnung auf die Gegenwart zurück. Erst jetzt erfolgt die eigentliche Begrüßung der Heimat, die prüfende Umschau nach allen Seiten, ja geradezu Betasten der liebgewordenen Dinge und häuslichen Schätze... in erster Linie des Arbeitszimmers mit seinem wuchtigen Schreibtisch und den vielen treuen Büchern ringsum... und als sie in den bequemen Ledersesseln sitzen— ah, endlich wieder weich gepolsterten Sitz unter sich verspüren!— geht das gegenseitige Mustern und Abschätzen in Ruhe weiter...... Er findet die Schwester ganz unverändert, ja. eher noch verjüngt gegen früher. Mit zärtlichem Lächeln sagt er es ihr:„Ich dacht’ es mir bald, du bist wie ein solides Kirchendach aus Kupfer, auch dies gewinnt nur mit den fortschreitenden Jahren!“ „Was willst du, Bertie‘, quittiert sie schlicht: ‚die Sehnsucht erhält uns eben jung!‘ Sie dagegen lauscht nun auch auf seine Worte... seine Stimme ist anders geworden, noch ernster und tiefer als. früher. Viel schärfer ist auch sein Profil, jetzt fast nur noch von - 332innen her beherrscht. Aber sein Blick ist flackernd und krankhaft, dazu diese unerklärlichen Male im Gesicht und die bandagierten Arme, die müde Hinfälligkeit in der Haltung Nur Iřina, die ihn noch vor kurzem sah, kann ermessen, wie sehr die letzte Folter ihn verändert und die Abgezehrtheit seines Antlitzes verschärft hat... wieder etwas Furchtbares mußte sich über ihn entladen haben. Sie bangt förmlich davor, es zu erfahren und zittert doch der Aufklärung durch Bert entgegen. Ihrer beider Augen tauchen ineinander... nie war sie ihm so mädchenhaft und dennoch reif erschienen. Nicht die naive Sanftheit der unberührten Jugend war mehr in ihren Zügen, keine spielerische Schwärmerei mehr in ihren samtbraunen Augen, sondern nichts als ernste Leidenschaft und Liebe, auf ein unverrückbares Ziel gerichtet, dem sich alles in ihr bedingungslos unterordnete. Aber zunächst war wohl doch die Aufklärung über sein jetziges Aussehen nicht zu vermeiden. Noch einmal mußte er den Vorhang über dem abstoßenden Schauspiele lüften, so schonend er es auch angesichts der Frauen zu tun bestrebt war dennoch geschah es, daß seine Schwester kreidebleich wurde und kein Wort mehr vor Erregung herausbringen konnte, während in Iřinas furchtlosem Antlitz die helle Empörung loderte - Sie bringt es nicht fertig, länger sitzen zu bleiben. Mit raschen, zornigen Schritten geht sie auf dem Teppich auf und ab, die kleinen Hände geballt, bis sie die Worte hervorstößt: ,, Das ist ja furchtbar, furchtbar, das geht auf keinen Fall länger, Bertie, sonst wird es noch einmal dein gänzlicher Ruin sein, um Himmels Willen- bitten wir doch Toni nochmals, er muß es schaffen... er muß, er muß--" - Sie stampft mit dem Fuß auf den Boden, und in ihrem Gesicht erscheint ein Ausdruck von unbändigem Trotzwillen. So hinreißend ist sie in ihrem Furor, daß Bert alles vergißt und voll Entzücken aufspringt, sie = 833 zu umarmen, so gut er es mit seinen gelähmten Armen vermag. Dann schlingt er den einen Arm um seine Schwester, der die Tränen gekommen sind und tröstete beide Frauen: „Gebt euch zufrieden, meine Lieben, ich danke ja Gott, daß ich das alles überstanden habe und dabei soviel erfahren konnte. Denkt an Spinoza, der in seinem Werk irgendwo sagt: ‚Alles Echte und wäre es noch so häßlich, überwältigt!‘“ „Ja— aber du verlierst deine besten Jahre, Bertie, deine besten Kräfte auf solch viehische Weise... Und wie steht es mit deinem Schlaf?“ „O, fragt nicht nach den Nächten! Sie sind zu wechselnd.‘ Es gibt solche, in denen Dämonen heulen und solche, in denen man meint, die Engel singen zu hören 0 Nach dieser Auskunft ging Berts Schwester kopf- schüttelnd in den anstoßenden Musiksalon, um sich auf seinen Wunsch an den großen Steinway-Flügel zu setzen, sein Lieblingsinstrument, das er leider wegen der Hände jetzt nicht selbst spielen konnte. Da drängte es sich über Ifinas Lippen, was sie im Inneren unablässig beschäftigte: „Warum sollte es dir nicht gelingen, Bertie, aus dem Lager zu entkommen? Du darfst dich nicht mehr solchen Entsetzlichkeiten aussetzen, die bei jeder Kleinig- keit eintreten können— oder ich werde nie das Zittern mehr verlieren, jeden Tag, den Gott gibt——‘ „Ich habe vergessen‘, erwiderte er ernst, gerührt von ihrer Besorgtheit, ‚euch zu sagen, wie es Flüchtlingen ergeht, die man ins Lager zurückbringt... und ich will es dir auch nicht erzählen, damit ihr euch nicht noch mehr aufregt!“ „Zurückbringen!‘ wiederholte sie ungeduldig und nahm ihre Wanderung im Zimmer wieder auf. ‚Wer spricht. von Mißerfolg und ungeschickten Versuchen? Wenn wir die Sache in die Hand nehmen könnten, Seidl und ich, dann würde es schon klappen, sei davon überzeugt!“ - 334,, Aber, geliebtes Kind, ich hoffe doch stark, daß es überhaupt mit meiner Haft zu Ende sein wird; wenigstens ließ mich der Kommissar erneut darauf hoffen! Denn sonst ist eine Flucht bei den heutigen Zeiten eine mehr als heikle Sache--" Sie gab einige Minuten keine Antwort mehr, obwohl Bert ihr ansah, wie die Gedanken in ihr arbeiteten... bis sie mit tiefer Stirnfalte auf ihn zutrat und ihren Entschluß kundgab: ,, Nun wohl, ich warte das gern ab. Aber sollte die Aktion fehl ausgehen, dann sollst du frei werden aus unserem eigenen Wollen heraus... Das gelobe ich dir im tiefsten Ernst!" Er lächelte nachsichtig. ,, Und wie glaubst du wohl, etwas fertig zu bringen, was bis jetzt noch niemand in Dachau geglückt ist, wenigstens aus dem inneren Lager? Ja, vom Kinderheim zu entkommen, wäre kein Kunststück mit Hilfe des Autos von Toni... aber es wäre unmöglich, ihn nicht zugleich aufs schwerste zu belasten und euch dazu!" - ,, Laß die Frage noch beiseite, Bertie", bat sie ablenkend. ,, Bevor eine Sache wirklich akut ist, vertiefe ich mich aus Prinzip nicht darein ja, ja, ich bin für Sparsamkeit auf allen Gebieten... darum heute nur soviel: durch manche Bewohner des kleinen Städtchens Dachau kann man beinahe jede Hilfe in Lagerdingen haben, die man wünscht, zumal eine Reihe entlassener Häftlinge dort wohnt, die sich auskennen... du hast es ja an dieser würdigen Wittib gesehen, von der ich den Tip für die Totenkammer bekam... also doch jetzt still!" - Sie lauschte nach der offenen Tür hin. ,, Horch- für dich, mein Lieber!" Aus dem Nebenraum kamen perlende Töne, sanft trauernde Klänge von hymnischer Reinheit Chopin! Bert schloß überwältigt die Augen .. Herrgott, wie lange hatte er das entbehrt, wie lange keinen Ton von Musik mehr gehört, guter, edler, reiner Musik?! Er ging den Tönen nach in den Musiksalon, Iřina an seiner Seite. ,, Jetzt stärkst du mir noch das Gemüt, 335geliebte Schwester", dankte er ihr lächelnd. ,, Der Mensch besteht nunmal aus Leib und Seele, und beide verlangen ihr Gutes.... " Aber nach einigen Stücken von Schumann und Brahms, die sie folgen ließ, nach dem ersten Satz der Appassionata, von der sie wußte, daß er sie am meisten liebte, stand die Schwester resolut auf und klappte den Deckel zu, auf ihre Armbanduhr schauend. ,, Nun lassen wir dich für eine Stunde allein, wie du es ja gern hast, damit du in aller Ruhe zurückfinden kannst zu deinen Lieblingen- und wollen und wollen uns für den Tisch interessieren; denn du kannst dir ja denken, daß es heute mit dem Personal miserabel ausschaut, da alle weiblichen Kräfte in die Fabriken geholt werden. 66 Die beiden Frauen verschwanden. Bert ging bedächtig in seinem Heime umher, versuchend, mit dem geliebten Milieu wieder in Kontakt zu kommen... fraglich, ob es je wieder gelingen werde, nachdem er erfahren hatte, mit wie unglaublich wenig ein Mensch zur Not sein Auskommen finden könne.... Auf seinem Schreibtisch stand die schöne, vergoldete Empire- Uhr mit der Inschrift in steifen Schnörkeln: , Eine dieser Stunden wird auch deine letzte sein'.... Er setzte sich ihr gegenüber und streichelte mit den Blicken die stolze Bücherreihe an der jenseitigen Wand, seine besten, treuesten Freunde. Noch war kein Exemplar von ihnen der Verbrennungswut der Nazis zum Opfer gefallen, weder die Werke von Jakob Wassermann, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold und Stefan Zweig, noch Werfel oder Traven und andere er wußte, was er an ihnen hatte, und so sollte es auch bleiben! Pünktlich stellte sich Kommissar Schuhmacher im Hause ein, von Bert den Frauen vorgestellt. Auch in der Sphäre dieses gepflegten Haushaltes machte er einen vollauf passablen Eindruck, der sich noch ver-stärkte, als er bat, nach Tisch den schönen Flügel probieren zu dürfen, er habe noch nie einen Steinway - 336gespielt.... Wie einem aber zumute ist, nach Jahren der Haft wieder an einem blitzend gedeckten Speisetisch zu sitzen, mit silbernem Besteck zu essen was eine solide Speisefolge zu bieten vermag, trotz Kriegsumständen und dazu den besten Wein seines Kellers zu trinken, einen alten Chambertin, Napoleon', von dem der Spruch umgeht:, zehn Schlücke machen dich zum Philosophen, hundert zum Heiligen'... das weiß niemand, der es nicht selbst erfahren hat. - Hernach folgte eine halbe Stunde Klavierspiel beim schwarzen Kaffee mit Kirsch, wobei sich der Kommissar als erstaunlicher Virtuose am Flügel erwies, der Schuberts dreisätzige, Wandererphantasie' nach allen Regeln der Kunst zum Vortrag brachte. Deshalb war er wohl auch solch ein, weißer Rabe' unter den Gestapoleuten, weil Musik in ihm steckte.... Dann ließ sich der Abschied nicht länger aufhalten, obwohl Iřina mit bubenhafter Geschwindigkeit die Empire- Uhr flugs um eine Stunde zurückstellte.... Noch einmal Tränen, noch einmal stürmisches Aneinanderpressen und die Bitte, sich zu schonen, auszukurieren und ähnliche Forderungen, mit denen die liebevolle Sorge glaubt, der grausamen Staatsmaschine in den Arm fallen zu können. Noch einmal tiefer, tiefer Dank und ein letztes Umschauen, ein letztes Aufgreifen des liebgewordenen Allzuvielen Entschuldigend wandte sich die Schwester an den wartenden Gast: ,, Sie wissen ja, Herr Kommissar, , partir c'est toujours un peu mourir!' sagt man nicht mit Unrecht." Er nickte konziliant. Dann ein Losreißen und Hinauseilen, bis zum letzten Winken aus dem Fenster des davonrollenden Wagens aus war es! - Und ein Häftling des Dritten Reiches, ein angeblicher , Staatsfeind' des geeinten Europas unter dem Hakenkreuz aus dem Bewußtsein heraus, daß es nur erzwungen und verlogen ist- kehrt in seine Zelle zurück. Aber es verbleibt ob dieser Stunden eine tiefe, wärmende Freude in seinem Herzen. 337DAS ZWEITE NEIN. Allmählich gesundeten durch die sorgsame Behandlung in der Krankenanstalt Berts Arme wieder so weit, daß sie sich beugen und bis zur Schulterhöhe heben ließen.... Schuhmacher blieb bei der Arbeit weiterhin der joviale, rücksichtsvolle Vorgesetzte. Eines Vormittages schien er gesprächig zu sein, legte sich in seinem Sessel zurück und sagte lächelnd: ,, Sie werden sich amüsieren, Oberst, wenn ich Ihnen verrate, daß mich das Etikett des famosen Weines, den wir an Ihrem Tische getrunken haben, zu einer Betrachtung verlockt hat, die Sie mir mal beurteilen sollen... was halten Sie von der Person des, Führers'? - Sprechen Sie bitte völlig unumwunden zu mir, und zwar zum Menschen, nicht zum Beamten! Hat er nicht viele gemeinsame Züge mit Napoleon? Freilich weiß ich, daß das Einzigartige dem Schicksal verfallen ist und selbstverständlich außerhalb jedes Gleichnisses steht; dennoch möchte ich ihn gerne dem großen Korsen gegenüberstellen....“ - - Bert war im Moment verblüfft und mußte sich erst sammeln. Dann begann er kopfschüttelnd: ,, Nein, Herr Kommissar, ich muß Ihnen da eine Illusion zerstören! Weit mehr Ähnlichkeit hat er entrüsten Sie sich nicht mit Don Quichotte, nämlich als einer, der sich Hals über Kopf in ein völlig aussichtsloses und ruinöses Abenteuer stürzt. Nur blieb jener, Ritter von der traurigen Gestalt' eben ein armer Tropf ohne Gefolgschaft; er aber zieht ein ganzes, großes, wertvolles Volk mit sich in den Strudel...." « Und als Bert die Enttäuschung auf des Beamten Gesicht las, fügte er begütigend hinzu: ,, Dennoch ist er ein Mann großen Formates, unbestritten! Denn es wäre ja blamabel, wenn drei Weltmächte so hart gegen einen politischen Knirps zu kämpfen hätten... er begann als Phantast und Demagog und endet als Despot ein beinahe zwangsläufiger Vorgang!" - aber ,, Kann man denn nicht auch ihn, nach allem, was 22 Conrady, Amokläufer. an ich jetzt durch Sie, Oberst, erfahren habe, ebenfalls eine Synthese von Unmensch und Übermensch nennen, wie Nietzsche es bei Napoleon getan hat?‘ beharrte Schuhmacher. „Nun“, gab Bert zurück, ‚sicherlich ist er wie Napoleon ein innerlich flammender Mensch mit unheim- lichen Kräften der Übertragung ausgestattet, ein Gebiet, das die Psychologie leider noch wenig erforscht hat. Auch er gehört zu den Männern, wie der Korse, denen eine geradezu tragische Schicksalsmacht gegeben ist; denn nachdem er sich schon längst ins Leere diplomati- siert hat, übt er noch immer auf einfache Geister eine schlechthin willensaufhebende Gewalt aus, genau wie Napoleon.“ „Zugegeben! Aber für mich bleibt er immer noch, trotz vieler sonstiger Zweifel, eben der Mann, der einst in den Mastkorb geklettert ist und ‚Land, Land‘ ge- rufen hat!“ „Hm— kennen Sie das Wort Herders: ‚Der Mensch, der einen Herrn und Führer nötig hat, ist ein Tier. Sobald er Mensch wird, hat er keinen eigentlichen Herrn mehr nötig!‘““ „Na ja, aber auch Goethe hat recht, wenn er be- hauptet: ‚Im Politischen werfen sich die Menschen wie auf dem Krankenbett von einer Seite auf die andere, in der Meinung, besser zu liegen.‘... Und mancher napoleonische Zug ist doch in seinen Aktionen zu finden, so die Kühnheit in den Neuerungen, die er uns brachte, die Aufpeitschung unserer Industrie und Landwirtschaft, um uns von der englischen Einfuhr zu befreien, die Koalition schließlich des halben Europas gegen ihn; nur‘ gebe ich zu, daß er das Format des Korsen als Staats- mann und gar als Feldherr keinesfalls besitzt——“ „Stimmt!: Und denken Sie daran, wie einsichtig sich Napoleon einst zu Fontan&s äußerte: ‚Wissen Sie, was ich am meisten in der Welt bewundere? Die Unfähigkeit der Gewalt, irgend etwas wirklich zu organisieren! Auf die Dauer ist der Säbel doch dazu verurteilt, dem Geiste zu weichen‘——— Außerdem ist Hitler keine Führer- -339natur, sondern höchstens ein Wächter über den Interessen seiner Clique; denn bei aller Kampflust fehlt ihm doch das präzise Gefühl für die Grenzen, die es zu wahren gilt.... Und ist die Anwendung von Gewalt nicht stets ein Zeichen von Unsicherheit eines Systems? Spinoza verrät uns: ‚ Der beste Staat ist der, dessen Einrichtungen so getroffen sind, daß sie auch bei schlechten Bürgern Bestand haben!' Solch hastig errichtete Despotenreiche, wie das seine, können wohl in der dumpfen Sphäre der orientalischen Welt auch heute noch Bestand haben, aber bei selbstbewußten Europavölkern nicht mehr. Unter allen diesen Nationen war eine solche Errichtung auch nur bei den Deutschen möglich. Wir sind durch ihn wieder in das Fahrwasser der Gewaltpolitik gelangt, zu unserem bitteren Schaden. Dabei hatte Deutschland das Gewaltsame in der Politik Bismarcks, gegenüber Österreich 1866, schon überaus schwer zu büßen gehabt, indem die verendende Donaumonarchie schließlich das Reich mit in seinen Zusammenbruch hineingezogen hat!" - Sich an dem Thema erwärmend fuhr Bert fort: ,, Und sieht denn in Deutschland niemand ein, daß es eine Sinnlosigkeit ist, die zum Verderben führen muß, in einem so zentral gelegenen Staate, der in seinen Bedürfnissen auf das Vielfältigste auf die Zusammenarbeit mit der übrigen Welt angewiesen ist, ein politisches System einführen zu wollen- und zwar mit aller Kraẞheit quasi über Nacht! das zu den Konstitutionen der anderen in scharfem Gegensatz steht?- Rußland, das man vielleicht als Gegenbeweis anführen will, konnte sich solch ein Experiment leisten: als ungeheurer, abseits gelegener Block von Völkern und Ländern, die alles selbst hervorbringen, was sie benötigen, sogar Edelmetalle aller Art ihrem Boden entnehmen; niemals aber Deutschland, noch verarmt vom letzten Kriege her und gehemmt durch vertragliche Fesseln!" Der Kommissar nickt ihm zu, begann aber bald. wieder: ,, Und doch komme ich von meinem Vergleiche nicht los....“ 22* = 0 „In einzelnen Nebenzügen trete ich Ihrer Ansicht auch nicht entgegen. Wie Napoleon ist auch Hitler geradezu ein Krater an Ehrgeiz. Sie finden auch bei beiden das gleiche Rennen mit dem Kopf gegen die Wand, das stets Vollnaturen kennzeichnet. Aber die Napoleone wirken eben nicht schöpferisch, sondern kommen dem Gang der Geschichte nur dadurch ent- gegen, daß sie abräumen! Sobald sie darin ihre Stoß- kraft verbraucht und das beste Blut der Nation, die sie beherrschen, vergossen haben, hinterlassen sie ein freies Feld für die älteren, besseren Kräfte, die nur zu häufig in den Fehler heftiger Reaktionen ver- fallen....“ „Nun gut, aber weil Sie gerade von ‚beherrschen‘ sprechen, noch eine kurze Beobachtung von mir: ist es nicht merkwürdig, daß gerade diejenigen ein Volk völlig in ihre Hand bekommen, die nicht aus ihrer Mitte heraus geboren worden sind? So hat Napoleon das stolze Volk der Franzosen einzigartig auszunützen verstanden für seine teils guten, teils mörderischen Ziele, obwohl er als Korse viel mehr: italienisches Blut als französisches in den Adern hatte; desgleichen haben die Hohen- zollern als rein süddeutsches Geschlecht die Preußen unvergleichlich zu zügeln verstanden— und nun Adolf Hitler als Österreicher das Deutsche Reich unserer Gene- ration!“ „Diese Beobachtung ist gewiß interessant und ließe sich noch auf weitere Beispiele ausdehnen. Aber um auf die geschichtlichen Vergleiche mit Hitler zurückzu- kommen: vertiefen Sie sich, Herr Kommissar, einmal näher in die Geschichte Oliver Cromwells. Ich finde ‚darin wesentlich mehr Ähnlichkeit mit unseren heutigen Zuständen als mit der Gestalt und Epoche Napoleons. Auch Cromwell nannte sich ja ‚Lord-Protektor‘, was .dem Titel und der Stellung des ‚Führers‘ ziemlich genau entspricht, gleichermaßen sein Auftreten und Wirken....“ „Gut, Oberst, ich will Ihrer Ansicht folgen! Aber sagen Sie mir noch zum Schluß: was wird nach Ihrer Meinung das Ende sein?“ - 341 - ,, Hm mehr als schwer zu sagen! Prophezeie nicht, sagen die Engländer, wenn du nicht mußt... aber ich habe das sichere Gefühl, daß es dem Deutschen so ergehen wird, wie im Grimmschen Märchen der Fischersfrau, die sich immerfort was Besseres wünschte, bis sie endlich dort wieder ankam, von wo sie ausgegangen war und dann wäre es noch glimpflich!" * Am gleichen Nachmittage ließ Schuhmacher die Arbeit Berts früher abbrechen und ihn in das Zellenhaus zurückführen, weil wichtiger Besuch eingetroffen sei. Naturgemäß drängte dieser in freudiger Eile hinüber, als er hörte, daß Toni Seidl auf ihn warte. Aber beim Anblick des Freundes stutzte er nicht minder, wie dieser selbst beim Erkennen der Entstellung in Berts Gesicht. -- Noch einmal mußte erzählt werden, was sich im Vorhofe des Bunkers von Dachau abgespielt hatte- der alte Parteigenosse knirschte förmlich vor Empörung mit den Zähnen und gelobte: das wolle er an oberster Stelle berichten, damit einer Wiederholung ein für allemal ein Riegel vorgeschoben werde... aber der Freund winkte resigniert ab. ,, Exponiere dich lieber nicht unnötig! Abgesehen davon, daß man sofort die Kriegsverhältnisse als hindernd für jede interne Änderung hinstellen wird, ist auch niemals daran zu denken, daß ein Wechsel im Kurs eintreten wird, solange der Dämon eurer Bewegung, Heinrich Himmler, die SS. und die Kz- Lager unter sich hat. Erst wenn sich ein Siegfried oder St. Georg gefunden hat, der diesen Lindwurm abwürgt, kannst du mit Erfolg den Finger auf die ärgsten Wunden legen vorher aber nicht!" Und nochmals in der Miene des Besuchers forschend, fragte Bert: ,, Nun laß mich noch wissen, was du mir Fatales mitzuteilen hast, denn ich sehe es ja deinen Blicken an 66 342 - ,, Leider siehst du nicht falsch, armer Kerl!" wand sich der Baumeister unter dem Unbehagen der schlechten Nachricht. ,, Ich hätte wohl deine Entlassung erreichen können, wenn diese beiden Lagerstrafen von dir, in Flossenbürg die eine und die letzte hier, nicht gestört hätten. Nur Leute von einwandfreier Führung und Gefälligkeit im Angeben von Kameraden so liegt es doch nun mal! finden Beachtung... so lautet der Bescheid, der aus Berlin gekommen ist!" - Eine Spanne Zeit des Stillschweigens trat ein, als er endete. Bert stand ihm mit verkniffenen Lippen gegenüber, als wäre es ihm zu verächtlich, ein Wort darauf zu erwidern. ,, Na ja", gestand Toni unter Achselzucken ,,, ich bin ja ebenfalls der Überzeugung, daß den Leuten dort deine Lagerstrafen sehr in den Kram gepaßt haben und eine Entlassung ohnehin abgelehnt worden wäre politischen Gründen!" aus Sehr gefaßt nahm Bert des Freundes Hand und drückte sie ihm herzhaft. ,, Laß es gut sein, Toni! Dir sage ich Dank für dein redliches Bemühen und werde es dir nie vergessen, wenn sich die Zeiten mal ändern! Nur darüber allein verlohnt sich zu reden.... alles, was von dem Gesindel da oben kommt o pardon, ich will natürlich deine Gefühle in dieser Hinsicht nicht verletzen, wie du weißt-“ ,, Mein Gott, alter Junge, es fehlt nicht mehr viel, daß ich sie genau so bezeichne, so weit ist es inzwischen mit meiner Erkenntnis schon gekommen... es ist mir speiübel dabei zumute als Mann mit dem Goldenen Parteiabzeichen - < 6 Von dem leidigen Thema abschweifend, bat Bert ihn nur noch, den Seinigen in Schwabing sein schützendes Augenmerk zu widmen, ohnmächtig, wie er selbst wohl noch geraume Zeit sein werde. Toni versprach es, ihm die Hand reichend und damit schieden beide Freunde, um sich nicht mehr wiederzusehen. - - 343 - OBERCAPO DER UNEINGETEILTEN. Wieder ist der Himmel über Dachau strahlend blau. Ein frisch aufgesprungener Wind spielt mit den biegsamen Zweigen der Pappeln und läßt ihre Wipfel wie Gerten hin- und herpendeln. Der Lagerplatz ist zum Mittagsappell voll bedeckt mit Häftlingen, deren Zählung von den Scharführern eifrig besorgt wird. Tibbu- Tipp geht am Bordstein auf und ab, den Blick nach seiner Gewohnheit gesenkt, die Hände mit den grauen Handschuhen auf dem Rücken gefaltet, auf dem Kopf das kleine Spitzmützchen der SS.... Da tritt der Lagerälteste Scheerer auf ihn zu, reißt die runde Mütze respektvoll ab und meldet: ,, Gestatten, Herr Hauptsturmführer Jordan sollte noch erledigt werden!" der Fall Aus irgendwelcher Träumerei aufgestört, sieht TibbuTipp ihn eine Weile an, bevor er langsam antwortet: , Das ist der Oberst, der überstellt wurde, während ich im Urlaub war, seinerzeit Capo des Kinderheims?" Als der Lagerälteste bestätigt, bekommt er den Befehl, den Häftling kommen zu lassen. Eine Minute darauf meldet sich Bert bei seinem Chef, nun wieder in der scheußlichen Drillichtracht mit blau- weißen Streifen. Tibbu- Tipp mustert mit scharfem Auge seine äußere Erscheinung. Er findet ihn abgezehrter als damals bei der ersten Begegnung. Eine innere Unruhe scheint in dem Manne zu brennen, vielleicht, weil er bis zu seiner Überstellung einen guten Capoposten inne hatte, den er natürlich bei so langer Abwesenheit verloren hat sein Hilfscapo Hafner hat ihn bekommen... oder glüht in ihm noch der Zorn über seine Bestrafung nach, die unbedingt hätte vermieden werden müssen wenn dies der Fall ist, so kann man ihn nicht mehr ins äußere Lager lassen... - - ,, Hören Sie, Oberst, ich konnte Ihnen natürlich den Posten im Kinderheim nicht reservieren, das werden Sie einsehen. Und ich glaube auch, daß für Sie ein größerer 344 - Wirkungskreis mehr von Nutzen wäre; denn wir können jetzt Leute mit militärischen Qualitäten sehr gut brauchen, bei der Fülle von fremden Elementen, die uns zur Last fallen - Er sprach mit Absicht in Form und Tonfall so konziliant wie nur möglich zu Bert, um den Kontrast für eine feinfühlige Natur zwischen sich und dem Lagerelefanten sichtbar zu machen. Fast wie ein Kamerad zum anderen fuhr er dann fort: ,, Ihre Bestrafung und der grobe Exzeẞ dabei, von dem ich gehört habe, wird von mir nicht gebilligt, durchaus nicht! Das konnte nur möglich sein, solange ich abwesend war... machen Sie es sich für die kommende Zeit zum Prinzip, mich immer direkt zu informieren von allem, was Sie zu einer Meldung berechtigt. Ich werde für Sie stets zu sprechen sein!" Das war, Bert gestand es sich innerlich, für Lagerverhältnisse eine geradezu phantastische Haltung... aber er zwang sich, keine Anzeichen von Erkenntlichkeit oder Befriedigung merken zu lassen; sondern in starrem, undurchdringlichem Gleichmute zu verharren. Nach einer gewissen Pause fuhr Tibbu- Tipp fort, sich mit den Handschuhen auf die Schenkel schlagend: ,, Ich will Ihnen versuchsweise etwas anvertrauen, wofür Ihre Schulung im Lager eigentlich zu kurz ist, da solche Posten sonst nur langjährige Häftlinge erhalten. Doch wird Ihre Person und Ihr Beruf dies Manko sicherlich wettmachen, sowie Ihnen Spielraum zu eigener Disposition lassen: ich will Ihnen die gesamten Uneingeteilten unterstellen, das sind jetzt rund dreitausend Mann, wie Sie wissen werden... also", fügte er mit flüchtigem Lächeln hinzu- ,, ein volles kriegsstarkes Regiment. Zu diesem Zwecke mache ich Sie heute zum Obercapo... glauben Sie, daß Sie die Aufgabe übernehmen können?" ,, Darf ich Herrn Hauptsturmführer um nähere Angabe meiner Pflichten bitten?" kam es reserviert aus Berts Munde. ,, Gut, in aller Kürze: Sie suchen sich 10-12 Hilfscapos aus. Mit deren Unterstützung stellen Sie täglich LE morgens und mittags die Leute in geordneten Gliedern auf und zählen sie ab. Darüber führen Sie Buch mittels eines besonderen Schreibers. Sodann beschäftigen Sie die einzelnen Gruppen von je 200—300 Mann während der Arbeitszeit, und zwar lassen Sie einen Teil exerzieren, den anderen Lieder einüben, denn die Singerei, die mir “ am Herzen liegt, sieht übel aus; ein Teil der Leute kann Freiübungen machen, ein weiterer Ehrenbezeugungen üben, die Ausländer sollen durch ihre Dolmetscher in deutschen Kommandos instruiert werden— und schließ- lich immer passende Leute zur Aushilfe oder zum Nachschub für andere Kommandos bereithalten....“ Er hielt einen Augenblick nachdenklich inne, um dann fortzufahren: ‚Das alles wird ausreichend Arbeit und Organisationstalent erfordern, zumal bei Besuchen von auswärts, wie sie jetzt häufig vorkommen werden, besondere Umstände eintreten... daher erwarte ich, daß Sie stets in gutem Einvernehmen mit dem Lager- ältesten vorgehen und mit ihm Hand in Hand arbeiten —— das genügt als vorläufige Instruktion!“ ‚Ich danke Herrn Hauptsturmführer und werde die Beförderung rechtfertigen!‘ erwiderte Bert kurz und straff. Unter früheren Umständen hätte er hinzugefügt: ‚mit Freuden‘. Aber seine gegenwärtige Verfassung ver- wehrte es ihm, sich bereitwillig zu zeigen. Seit dem Be- suche zu Hause konnte er sich nicht mehr in die Lager- zustände einfügen, mochte ihn die Gunst des Leiters auch in eine allseitig. beneidete Stellung versetzen. Überall grinste ihm das Phantom der Aufgehängten am Pfahl, der Geschlagenen auf dem Bock, der nächtlich Erdrosselten im Waschraum der Blocks entgegen... er sah nur noch das Drohende, Gefährliche, Dämonische des Lagerbetriebes, das gewissenlose Schindluder, das hier mit Leib und Leben von Landsleuten durch die SS. getrieben wurde— und Ifinas flammende Beschwörung: ‚Du mußt. von dort heraus, du mußt es nun aus unserem eigenen Wollen, wenn du nicht bald ganz zugrunde gehen willst...‘ verfolgte ihn früh und spät. Seine Leute freilich hatten sich über ihn nicht zu 346- beschweren. Er hielt es bei ihnen mit der gleichen Methode, die er früher zur Disziplin seiner Truppe angewandt und mit der er die Zuneigung der Mannschaft soweit gewonnen hatte, daß sie für ihn durchs Feuer ging. Bald gab es bei den Uneingeteilten nur die eine Meinung: Unser Obercapo ist Klasse!' Das war im ganzen Lager kein Geheimnis. Bei ungefügigen Elementen war der kurze Hinweis völlig ausreichend: ,, Wollt ihr mich von der anständigen Seite kennenlernen oder von der scharfen? Ihr habt die Wahl! Ich warte noch zehn Minuten, aber nicht länger, und will dann sehen, was ihr euch ausgesucht habt... ihr sollt stets nach eurem Wunsch behandelt werden!" Kein weiteres Wort war mehr nötig- Tibbu- Tipp oder Rämmele sahen mit Befriedigung, daß Berts, Betrieb rollte'. Ein sympathischer Zug im Charakter des Lagerleiters war es auch, daß er den Häftlingen, besonders den , Roten' gestattete, Musik zu pflegen und sich Instrumente, wie Geigen und Ziehharmonikas von den Angehörigen schicken zu lassen. War die Musik, die alsdann am Feierabend aus den guten Blocks ertönte, auch nur primitiver Art, so munterte sie dennoch auf und nahm dem Dasein wenigstens zum Teil sein allzu trübseliges Gepräge. Es fand sich allmählich auch ein kleines Streichorchester an den Wochenenden zusammen, das bescheidene Programme aufstellte und sogar sich herausnahm, zu einer Veranstaltung am Erntedankfest die Lagerleitung zu Gaste zu laden. Tibbu- Tipp und eine große Zahl von Scharführern fanden sich tatsächlich ein. Es wurde musiziert und Couplets kamen zum Vortrag. Endlich trat auch ein Scherzredner aus München auf, der sich folgende nette Anspielung erlaubte: Der Privatier Aloys Bierdimpfl aus München hat das Zeitliche gesegnet und klopft an die Himmelstür, um den heiligen Herrn Petrus bescheiden um Einlaẞ zu bitten. Petrus blättert in seinem großen Verzeichnis nach für alle, die zum Himmel Eintritt haben, kann aber den Verstorbenen nicht finden. Er schüttelt den Kopf und - 347 - meint schließlich:, Bei mir san's nöt vorg'sehn, vasuchn's halt amal beim Fegfeuer!', O mei, o mei!', klagt der Bierdimpfl und zieht von dannen. Im Fegfeuer wird wieder ein dickes Buch gewälzt und nachgeforscht; niemand weiß über die Leich' Bescheid und von neuem kommt die Weisung: Bei uns san's falsch! Probiern's halt in der Höll'.... Dem guten Münchner wird's ach und weh, aber als folgsamer Deutscher macht er sich auf und klopft an die Eisentür der Hölle. Auf einen dumpfen Laut von drinnen tritt er ängstlich ein, baut sich stramm an der Tür auf, reißt sein kleines Mützchen ab und meldet dem Teufel, der die Wache hat, gehorsamst seine Ankunft... der donnert ihn wegen genauer Angaben an. Zitternd gibt der Eingetretene Auskunft, der Teufel schlägt nach, sucht und sucht, kann aber gleichfalls nichts von dem Münchner finden. Gottlob, seufzt der Bierdimpfl auf und faßt sich in seiner Zufriedenheit ein Herz, ganz behutsam zu fragen:, Ach, sagn's Herr Hauptsatan, Sö komm'n mer so bekannt vor- war'n Sö nöt amal Scharführer in Dachau?, Brr- hmmmm!' knurrt der Teufel nur und brüllt dann:, R- rraus mit dir, du Mistbiene, sonst brech' ich dir die Knochen im Leibe!' Unser guter Münchner war wie der Blitz wieder draußen und wußte nun nicht mehr wohin. Schließlich geht er zum Himmel zurück und schildert dem heiligen. Petrus seinen Mißerfolg, bis dieser von ihm nochmals genaue Angaben verlangt: wo und wann geboren usw. Petrus wälzt ein dickes Buch nach dem anderen endlich findet er auch unseren Bierdimpfl. - - und ,, Na ja, Mann", ruft Petrus entrüstet durch das Schiebefenster im Himmelstor ,,, was wolln's denn schon hier? Sö ha'm ja no zwanzig Jährle zu leben drunten, hörn's!" ,, Ja mei", entschuldigt sich Bierdimpfl ,,, I hätt's ja au' nur z'gern tan, verstehn's, Herr Petrus, aber in Dachau ham's mi' halt umg'bracht!"- ,, So- so, in Dachau war'ns, da schau her, warum ham's denn dös nöt glei' g'sagt. Da ham'mer tausende, die no' lang hätt'n am Leben bleiben sollen un' dö zu uns ha'm nauf - 348kommen müss'n... dö schmeiß'n da überhaupt dö ganz' himmlische Weltordnung um, dö da unt'n!" Die anwesenden Scharführer lachten etwas betreten, Tibbu- Tipp streichelte nur mit einem leisen Lächeln den blonden Kopf seines Buben, den er mitgebracht hatte ... daß aber eine so dreiste Anspielung ohne Folgen durchging, stellte ein gutes Zeugnis für seine Einsicht in die Mentalität der Häftlinge dar und ward ihm von diesen auch anerkannt. * Eines Nachmittags wurde Bert von dem Scharführer Walter, der die Nickelplakette mit der Aufschrift, Lagerpolizei' an einer Kette um den Hals trug, angehalten und freundlich gefragt: ,, Nanu, Oberst. Sie sind noch hier? Ich dachte, Sie wären schon über alle Berge?" ,, Leider ist eine Niete aus meiner Entlassung geworden, Herr Scharführer", erwiderte Bert lächelnd. ,, Na macht auch nix aus, es gefällt Ihnen ja eh' bei uns so gut, nicht wahr? · Bloß uns wäre es lieber gewesen, Sie nicht mehr hier zu sehen!" - ,, Dann gehen unsere Wünsche ja durchaus parallel, davon bitte ich überzeugt zu sein!" ,, Freilich, denn Sie sind ein Mann, vor dem wir uns in acht nehmen müssen!" ,, Oho, Herr Scharführer", wunderte sich Bert ,,, wie können Sie denn so etwas behaupten?" - - ,, Tja sehen Sie, ich sage mir: Sie kommen doch eo ipso bald zur Entlassung und dann dauert's nicht lange, bis der oder jener von uns zur Reichsleitung nach Berlin gerufen wird, wo über das Oberkommando des Heeres eine Beschwerde von Ihnen vorliegt über Ihre Behandlung hier in Dachau... denn wir haben schon ein Muster davon kennengelernt: der Fall meines Kameraden Zeidler, der Sie letzthin am Pfahl so übel behandelt hat, wie ich erfahren habe. ( 6 ,, Das ist mir unklar", gestand Bert. ,, Ich habe Herrn Scharführer Zeidler seitdem nie mehr im Lager gesehen!" Der Lagerpolizist, der sein Fahrrad zwischen den so Beinen hielt, lachte leise auf. ‚Das glaube ich wohl, auch ich habe ihn nicht mehr gesehen; denn acht Tage darauf wurde er Knall und Fall an die Front versetzt, strafweise natürlich! Wissen Sie, was das heute heißt, zu einer SS.-Strafabteilung zu kommen?“ Er schwang sich wieder in den Sattel seines Rades. ‚‚Von uns ist keiner begierig darauf, dessen seien Sie versichert!“ Und damit fuhr er davon. Bert ging nachdenklich die Lagerstraße weiter hinab und bog in die Gasse eines Polenblocks ein, um seinen alten Freund Leo Eichmüller zu besuchen. Der wackere Nürnberger saß wie ein omnipotenter Fürst in dem ihm unterstellten Bereich, der gegen 800 Polen umfaßte. Wenn man bedenkt, wie eng bereits in einem guten ‚roten‘ Block, wie demjenigen Berts, mit 360 Mann Belegschaft, die Nachtlager neben- und übereinander standen, so kann man sich einen Begriff machen, wie es bei der weit mehr als doppelten Belegschaft eines Polen- blocks aussah. Leo und seine Korporäle waren bei einem ziemlich delikaten Geschäft tätig, nämlich die ‚Läusekontrolle‘ ihrer Leute durchzuführen. Zu diesem Zwecke ließ man sie dank der warmen Jahreszeit einfach splitternackt auf der Lagergasse antreten und jedermann seine Wäsche und Kleidung vorzeigen, nicht minder alle Haare des Körpers. Denn die Verlausung der Polenblocks war ein Übel, das die Lagerleitung fast zur Verzweiflung trieb. Es mutete beinahe an, als ob darin eine Art von Rache der armen Verschleppten und Drangsalierten gegen ihre Gewalthaber zu erblicken sei. Einige wenige von den vielen Tausenden, die eingeliefert worden waren, hatten vielleicht trotz aller Vorsicht bei der Aufnahme ein paar Eier von Läusen mitgebracht, die sich hernach mit der gefürchteten Rapidität dieses Ungeziefers vermehrt hatten und nun das halbe Lager verseuchten. Aller Kampf dagegen, wie tägliche Visitation der Kleider, Ausdampfen mit Formalin und Ausschwefeln ganzer Baracken führte zu keinem dauernden Erfolge: Dachau war und blieb mit Läusen verseucht. -350Beim Anblick der Prozedur der Läusekontrolle mußte Bert an einen drolligen Franzosen denken, dem das deutsche Wort, Laus' nicht einfiel und der das Ungeziefer mit den Worten kennzeichnete: ,, Ist sich ganz kleines Tier zwischen Hemd und Haut, aber nicht von die Hopphopp, sondern von die, doucement' marschier...." " Leo ging mit dem Besucher in seinen Block zurück und wusch sich zunächst den gesamten Oberkörper im Waschraum peinlich mit Seife und Bürste. Dann nahm er seinen Herrschersitz als, Feldwebel' Bert gegenüber ein und kam nun auf seine Tätigkeit als Blockältester zu sprechen. ,, Ich gewinne immer mehr den Eindruck", meinte er, ,, daß ein so primitives Landvolk, wie es die unteren Schichten dieser Polen sind, gewissermaßen abstirbt, wenn man es aus dem heimatlichen Boden und der altgewohnten Umgebung, aus der ständigen Betreuung durch ihre Geistlichen herausreißt, wie es unsere erhabene Führung getan hat... ja, der Umstand, daß soviele Priester die man gleichfalls von dort mitverschleppt hat, in unsere Strafkompanie verbannt und so behandelt werden, wie du ja weißt, schon dies ist der Mehrzahl von ihnen eine Gotteslästerung hohen Grades, die zwangsläufig auf ihre geistige Haltung zurückwirken muß, weil sie Gottes Zorn befürchten, daß sie selbst dessen Diener nicht besser beschützt haben... es ist ein Menschenschlag, dessen Lebensrhythmus nach einem anderen Takt geregelt ist als der unsrige... du siehst", flocht er etwas stolz ein ,,, daß ich nach Kräften die Probleme, die mir eine solche Menge von Menschen unter meiner Leitung aufdrängt, studiere... aber glaube nicht etwa, daß alle so sind oh, weit gefehlt! Die Großstädter unter ihnen und die gebildeten Kreise entwickeln eine Weltläufigkeit, daß du aus dem Staunen nicht herauskommst... notabene-“ - Leo beugte sich vor und sah Bert von nahem ins Gesicht. ,, Was willst du von mir?" fragte ihn der Gast erstaunt. ,, Nun, ich bemerke, daß dein Kinn eine Rasur ver - 351, trägt, lieber Oberst!" lächelte Leo. Warte einen Moment, wir werden das gleich zu deiner Zufriedenheit erledigen!" Er pfiff durch das Fenster und rief: ,, Dolmetscher, den Ladislaus und den Kasimir zu mir!" Sein Gast konnte sich das Lachen nicht verbeißen: Flink wie zwei Wiesel standen die beiden jungen Polen vor dem Tisch ihres, Feldwebels', splitternackt, wie sie vom Läuseappell weggeholt worden waren. Leo befahl in freundlichem Tone dem ersten von beiden: ,, Nimm meinen Freund hier, den Oberst, in Behandlung, Ladislaus: Haarschnitt, Rasur, Gesichtsmassage- aber primissima, sage ich dir, verstanden?!" Auf das Servilste verbeugte sich der Coiffeur zu wiederholten Malen, immer wieder stotternd: ,, Sofort, Herr Feldwebel, bitt' schön, Herr Oberst, Platz nehmen zu wollen!" Und alsdann begann er sein Werk mit gewandten Fingern, zart wie ein Mädchen, daß Bert sich von einem wohligen Kribbeln seiner Haut umfangen ließ und allmählich vergaß, wo er sich befand, derartig flink ohne jede Hast, geschult bis ins kleinste, behandelte ihn der Haarkünstler. Inzwischen bestellte Leo bei Kasimir, dem zweiten, den er hatte holen lassen, einen kleinen Imbiẞ; denn dieser war ein erstklassiger Traiteur aus Warschau. Viel mehr als andere Häftlinge hatte auch Leo nicht in seinem Spind, aber wie der Fachmann das bißchen anzurichten verstand und zusammenstellte, war für Lagerverhältnisse eine Lust zu beobachten. ,, Du kannst mit ihm auch französisch parlieren, Oberst!" trumpfte Leo auf, mit einem stolzen Lächeln in seinem guten Antlitz. Es war ihm anzumerken, wie wohl es ihm tat, dem Freund eine gesellige Aufnahme nach dessen Range zu bieten. ,, Halt!" erinnerte er sich. ,, Eins fehlt noch: ruft mir den Direktor des Konservatoriums in X., Professor Y, herein!" Sofort kam ein dritter Pole älteren Jahrgangs mit seinen Kleidern unterm Arm herein, sah den Wink des Feldwebels, war in wenigen Sekunden angezogen und holte eine Geige aus seinem Spind. - 352Bert stand auf und begrüßte den Künstler herzlich. ,, Sie wollen mir tatsächlich einen Genuß bereiten, Professor, aber dann lassen Sie uns bitte bis nach dem Imbiẞ warten...." ,, Aber durchaus nicht", wehrte der Pole in flüssigem Deutsch ab ,,, bei uns ist man gewöhnt, beim Speisen Musik zu hören und meistens keine schlechte... übrigens ist das Instrument hier nicht viel wert- also bitte, Herr Oberst, lassen Sie sich nicht stören!" ,, Aber Sie sind doch kein Kaffeehaus- Geiger, Professor!" sträubte sich Bert.- ,, Oh, wenn ein Beethoven es nicht verschmäht hat, in einem Restaurant des Wiener Praters aufzuspielen, warum soll ich dann nicht zu Ihrem Frühstück etwas Begleitmusik liefern...." Und als auch Leo einwand: ,, Siehst du! Setz' dich lieber und iẞ!" gab Bert endlich nach. Der Pole spielte... spielte schön und zum Weinen ergreifend, erst das Frühlingslied von Mendelssohn, dann den ersten Satz aus dessen großem Violinkonzert, eine Sonate von Dvořak und zum Schluß zwei graziöse Schelmereien von Kreißler. Dann ging er wieder hinaus, ohne auf die Einladung des Gastes, Platz zu nehmen, einzugehen. Bert war begeistert. ,, Sag mir bloß, Leo", wandte er sich schließlich an ihn. ,, Womit habe ich nur eine derartig festliche Aufnahme bei dir verdient? Du beschämst mich ja geradezu!" Der Feldwebel schüttelte jedoch den Kopf. ,, Warte nur ab, lieber Freund, der Pferdefuß kommt schon noch nach, denn nichts ist umsonst im Leben... und zwar beginne ich sofort bei unserem Musikus hier: er gehört zu deiner Schar der Uneingeteilten... bitte überlege dir, wie du ihn am besten unterbringen kannst! Denn ein Springinsfeld ist er nicht mehr und das kalte Herbstwetter wird bald über uns kommen... wie soll er mit erfrorenen Fingern seine Geige spielen?" ,, Das sehe ich vollauf ein! Zur Zeit habe ich gerade das neue Kommando der Strohmattenflechter zusammenzustellen... die Leute hätten gutes Stroh einfach zu r t e h r t it le ユー -u - 353- - Matten nach genauer Angabe zu flechten, eine spielend leichte Arbeit, bei der sie im Warmen sitzen können, meinetwegen sogar zeitweise schlummern... das wäre das Richtige für deinen Schützling, nicht wahr?" , Einverstanden!" stimmte Leo zu. ,, Und nun zu meinem Jüngsten, du weißt schon, wen ich meine...." Es handelte sich um ein polnisches Bürschlein von noch nicht dreizehn Jahren, den Bert einmal auf der Lagerstraße freundlich angesprochen hatte, weil ihm sein munteres Wesen gefiel. Zufällig machte der widerwärtige Scharführer Hipp die Lagerstraße unsicher und hörte die Worte Berts mit an, fuhr auf ihn zu und schrie in gröbstem Tone: ,, Was fällt Ihnen ein, diese rotzige Bauernsau überhaupt eines Wortes zu würdigen! Schämen Sie sich als Obercapo nicht, in dem Gelichter noch Menschen zu sehen? Ein Tritt in den Arsch, daß sich der Kerl gleich anscheißt, was anderes gibts hier für die Bande nicht, merken Sie sich das!" - Solches Urteil über ihn, ein schuldloses Kind, hörte der Dreizehnjährige und konnte sich ein Bild über die Reformatoren der europäischen Kultur machen! ,, Das kleine Kerlchen", ging Bert auf die Bitte Leos ein ,,, könnte ich noch in die Lehre der Lagergärtnerei geben zum Dienst im Glashause und Gemüsegarten. Der dortige Capo macht mir das schon zum Gefallen, obwohl er sonst keine Polen annimmt!" ,, Fein", schmunzelte Leo ,,, dann bin ich befriedigt! Und nun laß uns etwas ins Freie gehen, ich hab' nichts weiter zur Zeit vor!" Zu zweit gingen sie gemächlich der Lagerstraße zu. Es war gerade 3411 Uhr. Aber sie hatten kaum der Baracke den Rücken gekehrt und wollten sich schon trennen, da entstand ein Rufen und Stoßen auf der gleichen Blockgasse, so daß sich beide ruckartig umdrehten und um die Störung komplett zu machen, -- fuhr auch gerade der Scharführer Kastner, der nämliche, der die Meldung gegen Bert inszeniert hatte, inspizierend die Lagerstraße entlang, stieg vom Fahrrad 23 Conrady, Amokläufer und wartete in der Nähe ab, was der Lärm zu bedeuten habe. Inzwischen schleppten zwei Polen mit der Dolmetscher- binde einen Kameraden zwischen sich heran, einen ab- gezehrten Jüngling von knapp zwanzig Jahren, wohl- gebildet in Gestalt und Gesichtszügen, welche Spuren guter Abstammung und Intelligenz aufwiesen, jetzt aber total verzerrt und verstört waren.... Anklägerisch brachten die zwei Dolmetscher den Widerstrebenden vor ihren Feldwebel, hinter dem Kastner auf sein Fahrrad gestützt hielt. ‚Die Stube 3 hat den Kerl beim Brotdiebstahl erwischt, ein ganzes Viertel von seinem Spindnachbarn! Den Rest hat er noch in der Tasche, er leugnet auch nicht!“ Wie der Schächer einst vor Pontius Pilatus stand der Beklagte vor Leo. Dessen gute Laune war mit einem Fluge verwischt, zumal durch den zuhörenden Schar- führer, den Spezialisten für Meldungen, seinem Handeln die Richtung unweigerlich vorgezeichnet war.... Wie schneidender Stahl war seine Stimme, als er den Misse- täter fragte: ‚‚Was hast du dazu zu sagen? Beruht das auf Wahrheit?“ Die Dolmetscher übersetzten flink die Frage. Der: junge Pole zuckte förmlich unter den scharfen Lauten zusammen. Er warf einen scheuen Blick auf Leo, der breit und stämmig vor ihm stand. Von ihm sah er weiter in das verkniffene, schonungslose Gesicht des Scharführers. Dann nickte er, ohne zu antworten. Noch einen letzten Ausweg versuchte der Feldwebel. Er stellte die weitere Frage:„Hat etwa dein Nachbar sein Brot unverschlossen herumliegen lassen, so daß die bequeme Gelegenheit dich zum Dieb gemacht hat, hm?“ — Wieder prasselte die Übersetzung ins Polnische dem Verhörten ins Ohr. Nach einiger Überlegung schüttelte er von neuem den Kopf. „Also auch das nicht! Gut, dann erstatte ich noch heute Meldung gegen dich; denn Kameradschaftsdieb- stahl muß in meinem Block ausgemerzt werden, und zwar ohne Rücksicht!‘— Es lag seiner Güte auf der 355Zunge, hinzuzufügen: hättest du dich an mich gewendet, wenn du Hunger hattest, so wäre ich dir mit meinem Brot beigesprungen, wie vielen anderen bereits.. aber Leo bedachte rasch, daß der üble Kastler hinter ihm stand und beherrschte sich. Deshalb schloß er mit der kurzen Weisung: ,, Laßt ihn jetzt laufen! Zu Mittag bringt ihn an meinen Tisch fertig! Die Meldung geht heute Abend der Lagerleitung zu.. 66 - Hätte er geahnt, daß die übereifrigen Dolmetscher diese Schlußworte dem Beklagten in verschärfter Form übersetzen würden, so hätte er sie sich erspart. Denn nun geschah mit Blitzesschnelle das gänzlich Unerwartete: Der Pole taumelte förmlich zurück vor dem Gehörten. Was die Ankündigung für ihn bedeutete, war ihm offensichtlich bewußt. Erst machte er eine Bewegung, als wolle er auf den Feldwebel losspringen. Dann begannen seine Augen umherzuirren. Ein höhnisches Lächeln trat auf seine Lippen, als wollte er sagen: diese Befriedigung bereite ich euch denn doch nicht Und schon machte er, einer plötzlichen Eingebung folgend, einen Satz zwischen Leo und dem Scharführer hindurch und rannte die Lagerstraße entlang, während die Gruppe, die ihn verhört hatte, zunächst noch verblüfft stehen blieb.... Kurz vor der Einmündung der Lagerstraße, in den Appellplatz ragte noch die Vergitterung der letzten acht Baracken, die von SS.- Truppen belegt waren, rechtwinklig in den freien Lagerraum hinein. Die engmaschigen Stacheldrähte bauten sich ungefähr von Kniehöhe an schräg nach hinten ab, um zu verhindern, daß bei Vorbeimärschen etwa unachtsame Häftlinge den Hauptdrähten zu nahe kämen, durch welche die elektrische Hochspannung durchlief. Gerade auf diese Stelle lief nun der junge Pole zu, einem Tollhäusler gleich in seinem Wesen. Schon hundert Schritte vorher war allen, die ihm zuschauten, klar, was er plante... aber niemand war in der Nähe, ihn aufzuhalten. Zwar begannen Leo und Bert sofort, 23* -356- ihm mit allen Kräften nachzulaufen, aber es war zu spät... mit einem leisen Aufschrei warf sich der junge Mensch in den nach hinten sich abdachenden Stacheldraht, dessen geflochtene Ketten vereinzelt über Porzellanisolatoren liefen.... Und sofort gab es ein kurzes, bläuliches Aufflammen, ein zischendes Knistern, ein wenig schwärzlichen Rauch, der nach verbranntem Menschenfleisch und Haaren roch dann lag der Unglückliche in diesem Wald von zugespitzten Stacheln eingesunken, reglos, entsetzlich schmal, dünn und unwesentlich, fast nur ein hängendes Bündel Kleider... wenn nicht die große Lache Blut gewesen wäre, die sich am Boden sammelte. Stumm standen die beiden Freunde vor der Todesstätte. Kastner kam angeradelt und verbot jeden Eingriff, um den Armen aufzuheben, bis der Strom abgestellt wäre. Leo drehte sich ab und zog Bert am Ärmel mit sich. ,, Nun kann ich mir die Meldung ersparen", flüsterte er mit klangloser Stimme. ,, Wieder hat man ein Menschenleben auf dem Gewissen... und ich hätte den Wisch ja ohnehin zerrissen, wenn ihn kein Scharführer von mir verlangt hätte!" Damit ging er traurig ins Revier, um bei Heyden den Tod zu melden. Bert jedoch blieb als Wache bei dem Verbrannten stehen. Zurückkommende Kommandos bogen in die Lagerstraße ein. Die Mittagspause begann, und eine Reihe von Häftlingen blieb an der Unglücksstätte stehen. ... An Berts Seite gesellte sich der Capo der Elektriker, der mit fachmännischem Auge die Situation prüfte und plötzlich seinen Mund dem Ohre Berts näherte, um ihm leise zuzuflüstern: " , Siehst du, Oberst, wenn mal einer von uns ausbrechen will hier und nirgendswo anders müßte er's tun!" - Der erstaunte Blick seines Nachbarn ließ sein faltiges Gesicht mit einem Schimmer von Wichtigkeit überziehen.... ,, Hier meinst du?" fragte Bert zweifelnd. ,, Natürlich", fuhr der Elektriker flüsternd fort. ,, Sieh 357dir den mächtigen Pfosten da an der Ecke, wo die Umzäunung den rechten Winkel bildet, gut an. Seine Hände und Füße müßte der Betreffende zur Vorsicht gut mit Guttapercha umwickeln und einfach die ungeladenen Drähte zwischen den geladenen sich aussuchen, um darauf zu treten und den Händen Halt zu geben... das ist nicht schwer zu erkennen, denn nur die geladenen Drähte laufen auf Isolatoren von Porzellan... so könnte er anstandslos aufsteigen, sich dann an dem freien Kopf des Holzpflockes festhalten und hochziehen, um sich hernach auf ihn zu knien breit genug ist er ja dazu und schließlich von dort auf die andere Seite herunterzuspringen... so hätte er den übelsten Teil seiner Aufgabe hinter sich!" - -- Und als er Berts stummes Nicken sah, fuhr er stolz über seine Einfallsgabe fort: ,, Ich begreife eigentlich die Lagerleitung nicht, daß sie das nicht bemerkt! Bis es mal zu spät sein wird, und einer sich davonmacht .. dann denk' an mich! Aber nun muß ich weiter, der Magen meldet sich bei mir... leb wohl!" Und mit gewichtigem Schritt strebte er den dampfenden Kesseln in seinem Blocke zu. Welches Gift er mit seiner Entdeckung in das Herz des Zurückbleibenden eingeflößt hatte, ahnte er freilich nicht. DAS LAUB FÄLLT. Sein Versprechen an Freund Leo vergaß Bert aber trotz des üblen Vorkommnisses, das den angenehmen Vormittag abschloß, nicht. Schon am nächsten Tage besuchte er den Block der Mattenflechter. In der hinteren Stube einer leeren Baracke saßen die Flechter bis zu den Knien in neuem Stroh verborgen, wässerten das Zeug gehörig und plauderten leise miteinander. Der gut geformte Kopf des Professors aus Polen fiel Bert sogleich auf. Er setzte sich neben ihn, der mit allen anderen aus Respekt vor dem Obercapo sich erhoben hatte, und fragte ihn: 358,, Nun, Professor, wird Ihnen die Arbeit zusagen?" Den Polen war das im Lager übliche, Du' im Verkehr nunmal nicht beizubringen, wie er schon wußte; deshalb bediente er sich von vornherein ebenfalls der höflicheren Anrede. Der Gefragte zuckte unbestimmt die Achseln. ,, Ich werde mich bald daran gewöhnt haben, hoffe ich! Ich denke dabei an Aristoteles, der gesagt hat:, Der Weise wird eine Tätigkeit ohne Lust stets einer Lust ohne Tätigkeit vorziehen!"" Das klassische Zitat regte Bert zum weiteren Plaudern an. ,, Haben Sie von dem gestrigen Unglück Ihres jungen Landsmannes gehört, der sich in den Stacheldraht geworfen hat?". Der Professor bestätigte es mit trauriger Miene. ,, Bitte sprechen Sie ohne Rückhalt Ihre Meinung darüber aus", forderte ihn Bert auf. ,, Sehen Sie, Herr Oberst, ich erblicke darin weniger einen Verzweiflungsakt, als vielmehr einen Protest des Burschen gegen die grenzenlose Unterwürfigkeit und den Verzicht auf jede Art von Mut gegen Unterdrücker, der unserem Volke leider so stark zu eigen ist... als wollte er den uns Knechtenden zeigen: ihr glaubt uns peinigen zu können in jeglicher Weise, die euch beliebt, bloẞ weil ihr uns bei der geringsten Auflehnung mit dem Tode bedroht- nun gut, ich pfeife darauf! Strafe habe ich für meine Tat verdient, aber ich gebe sie mir selbst, statt sie von euch hinnehmen zu müssen und zeige euch damit gleichzeitig, daß mir ein Leben fern der Heimat nur noch einen Dreck wert ist." Hatte er anfangs zögernd und beinahe kleinlaut gesprochen, so klang der letzte Satz förmlich wie ein Schmerzenslaut.... Seine schmächtige Gestalt reckte sich dabei, seine Augen glühten. Mit geballten Fäusten stand er auf und nahm alle Selbstbeherrschung zusammen, um knirschend die Worte hinzuwerfen: ,, Es kommt der Tag, an dem der Sklave nicht mehr gehorchen wird, seien Sie überzeugt, Herr Oberst! Und ebenso davon, daß ich für jede ähnliche Gelegenheit, 359wie die des Burschen von gestern, geradezu dankbar wäre!" Halb bestürzt sah Bert zu dem bisher so gesetzten Manne auf, der jetzt die Gewalt des Aufruhrs in sich zum Schweigen brachte... das ist doch ein leidenschaftliches Volk, diese Polen guter Abstammung, ging es ihm durch den Kopf und laut erwiderte er: ,, Was müssen Sie durchgemacht haben, bis die Erbitterung in Ihnen solches Ausmaß angenommen hat?!" - Unverkennbar taten seine mitfühlenden Worte dem Polen wohl. Er labte sich gewissermaßen an ihnen wie der Erschöpfte an einem Schlucke Branntwein. Die Schultern rund gewölbt, die Lippen verkniffen, setzte er sich neben Bert wieder hin und nahm die Hände zwischen die Knie, bevor er zu sprechen begann: " , Was sich in meinem Vaterlande beim Einbruch der Nazis abgespielt hat und noch jetzt dort tut, übersteigt jede menschliche Vorstellung, Herr Oberst!"- Bei der kurzen Überlegungspause, die er einschalt, dachte Bert an das ähnliche Wort Iřinas, Prag betreffend:, Es war nicht mehr länger mit anzusehen in der Heimat!' ,, Sehen Sie", fuhr der Pole ruhiger fort, doch mit einem ständigen Vibrieren der Erregung in seiner Rede, ,, wir lebten seit 1919 das Dasein einer frisch geeinigten, jungen Nation, die sich ihrer Unabhängigkeit erfreute und vorwärts strebte nach den bitterschweren Abwehrkämpfen gegen unsere Unterjochung. Arm blieben wir alle in dem vom Kriege verwüsteten Lande noch lange Jahre; aber jeder Beruf schaffte auf seinem Gebiete mit Eifer und Freuden, was seine Kräfte hergaben.... Des fehlenden Kapitales wegen, das uns Deutschland ja nicht geben konnte, lehnten wir uns an diejenige Macht an, mit der uns seit jeher volle Sympathie verbunden hat: Frankreich... und das verdachten uns die im Lande lebenden Preußen auf das Grimmigste. Sie unterließen keine Gelegenheit, sich in einer Weise als ehemalige und vielleicht bald wieder künftige Herren aufzuspielen, sowie in jeder Hinsicht die Klugen, Überlegenen zu sein, daß in Kürze ein tiefer Spalt der Ab — 360— neigung gegen sie durch unser Volk ging, das sonst die guten Beziehungen zu Nachbarstaaten geradezu mit Hin- gabe pflegt, genau so wie die Gastfreundschaft....“ „Solange wir Polen nicht direkt gereizt wurden, blieb aber alles noch in guten Formen; der Funke glimmte nur verborgen unter der Decke leidlichen Zusammenlebens ... und fragen Sie bitte Ihre Herren Landsleute, wie sie bei uns gelebt haben; ob sie ihr Dasein in unserer jungen Republik jemals mit dem Leben nach preußischem Zu- schnitt vertauschen möchten... Herr, wie behaglich ging es in späteren Jahren bei uns zu und bei jedem unserer Gäste! Wir lebten wirklich und ließen leben! Aber als: das Nazitum in Deutschland einzog, war kein friedliches Auskommen mit den Deutschen mehr möglich ... die Hellersehenden unter uns wußten, daß ein Zu- sammenstoß leider unvermeidlich sein werde. Und daß wir für unsere Selbständigkeit kämpfen wollten, die unseres jungen Staates Stolz nach Jahrhunderten der Unterdrückung war, ist sonnenklar. Vielleicht war es dem fanatisierten Nazitum gegenüber eine Wahnsinns- tat, vielleicht... aber Sie wissen ja selbst: die Jugend, auch die eines Staates, kennt nur den Glauben an ihre Kraft. Und wehe dem, der ihr daran rührt——“ Weiter sprach er: ‚Aber daß in unseren Landen ‚im tiefsten Frieden 62000 Volksdeutsche unter den grau- samsten Martern getötet‘ worden sind, wie der ‚Führer‘ in einer Reichstagsrede wörtlich behauptet hat, ist natür- lich ein Ammenmärchen für den ‚Hausgebrauch‘ in der politischen Kinderstube, zu der ganz Deutschland unter der Naziherrschaft herabgesunken ist..... zudem Zwecke, das deutsche Volk in eine Erbitterung gegen uns hinein- zuhetzen und dadurch leichter die Vergewaltigung unseres Landes und Volkes als bloße Repressalie hin- stellen zu können.... Das verlief nach dem Rezept des| Reichstagsbrandes 1933 und ähnlicher Manöver scham- losen Volksbetruges!‘ „Gleichzeitig wurde jedem Piraten von der Gestapo oder der SS. ein Freibrief zu unserer Mißhandlung aus- gestellt—— und welch himmelschreiendes Wüten be- - - 361- gannen diese Menschen! Vielleicht haben Sie, Herr Oberst, an unserer Behandlung hier im Lager ein schwaches Abbild dessen kennengelernt, was sich draußen in meiner Heimat abgespielt hat.... Jawohl, der Herr Himmler weiß, warum er niemandem ohne Durchlaẞschein der Gestapo oder der Partei gestattet, in das Gebiet des jetzigen Generalgouvernements einzureisen wir Polen wissen es ebenfalls!" - Bert war ergriffen. ,, Ich kann es mir ausmalen, wenn ich bedenke, wem die zivile Verwaltung bei euch unterstellt ist: dem engsten Busenfreunde unseres Reichsdämons Himmler, dem ehemaligen Münchner Rechtsanwalt Dr. Frank, dem Zerstörer des früher vorbildlichen deutschen Rechts! Ein Blick in seine Physiognomie genügt, um das zu erkennen.. aber bitte, fahren Sie fort, Professor!" ,, Und dann, als die Nazis alle Köpfe, von denen sie auch nur ein wenig Widerstand vermuten durften, dingfest gemacht hatten und zwar nach alttürkischem Prinzip:, berühre deinen Feind nur, um ihm den Kopf abzuschlagen!' nachher begannen die Erschieẞungen .. reihenweise; aber was sage ich: bezirksweise, geradezu wie die Vertilgung von Ungeziefer!" - Er konnte eine Zeitlang vor Erregung nicht weitersprechen, sondern mußte eine Pause machen, wie ein Gefäß, das sich erst wieder auffüllen muß, um von neuem fließen zu können... bis er endlich Bert beinahe schüchtern fragte: ,, Kennen Sie eigentlich unser Volk, Herr Oberst?" ,, Nun, nicht allzu gut, nur eine Anzahl von Personen aus den obersten Kreisen und diese auch nur vom Ausland her, vor allem von Paris... aber ich gestehe offen, daß ich deren vielseitige Talente und ihr Kulturniveau stets bewundert habe. " ,, Das mag stimmen", schloß sich ihm der Pole an. ,, Aber Sie sollten die große Masse unseres Volkes kennenlernen: ein so gastfreundliches, hilfsbereites, gutmütiges und dabei lenkbares Volk, bei aller Armut, werden Sie kaum noch irgendwo anders wiederfinden, dabei fleißig -362- - und geschickt in seinen Berufen. Nicht umsonst ist der Pole in allen schweren Gewerben, die große Genügsamkeit erfordern, überall in der Welt, auch in der neuen drüben, anzutreffen und diesem Volke, das noch dazu einen starken Lerntrieb in sich fühlt und welches weiß, daß der Deutsche seit Jahrhunderten sein Lehrer gewesen ist, allerdings ein unbarmherziger, hochmütiger diesem Lehrer, wie ich nicht verschweigen möchte - Volke will man im Ernste zutrauen, solche Greuel an deutschen Familien begangen zu haben, wie Ihre Presse uns vorwirft? Heißt das nicht, der naiven Gutgläubigkeit der eigenen Volksmassen etwas gar zuviel zuzumuten?" ,, Seien Sie beruhigt, Professor", besänftigte ihn Bert. ,, Es glauben bei uns ohnehin nur die ewig Unbelehrbaren, freilich immer noch zahlenmäßig weite Kreise...." ,, Vielleicht haben Sie recht", zweifelte der Pole. ,, Nur wird das Erwachen aus dem satanischen Betrugsmanöver für Ihre Landsleute tragisch genug sein, sobald die übrige Welt das Fazit aus dem jetzigen Geschehen ziehen wird. ,, Also glauben Sie an Deutschlands Besiegung?" fragte ihn Bert. 33 , Ohne jeden Zweifel! Irgendwo mündet ja jeder Blutstropfen, jeder Schmerzensschrei in das Meer der großen Erbitterung, davon können Sie überzeugt sein, Obercapo, ein Meer, dessen Fluten hinwegspülen wird, wer sich an seinen Mitmenschen verbrecherisch vergangen hat.... Und ein Volk, das sich zur Unterdrückung und Ausrottung eines anderen Volkes verführen läßt, mag es sonst Verdienste um die Menschheit in Mengen haben, das ist schon im voraus dem Untergange geweiht, zum mindesten alle schuldigen Köpfe von ihm!" Er legte seine Hand sanft auf Berts Arm, als ob er ihm mit dem Kommenden nicht weh tun wolle. ,, Es ist eben der überspitzte Militarismus, dem Ihr Volk sein Bestes opfert, was es lieber zu höheren Zwecken pflegen sollte... ein Beispiel nur: in der schönen alten Marien - -363burg des deutschen Ritterordens hat nach der ersten Schlacht bei Tannenberg 1410 die Herrschaft der Polen rund 300 Jahre gedauert, wobei alles Überlieferte sorgsam geschont wurde, trotz der rauhen Zeiten und trotz heftigster Ressentiments gegen den Orden. Als aber 1772 dieser Landesteil an Preußen kam, machten sie aus dem ehrwürdigen Hochsitz eiligst und schonungslos eine Kaserne mit den üblichen Begleitumständen!" Bert konnte nur noch die Achseln zucken. ,, Mir ist das alles nichts Neues mehr. Aber ich hoffe doch, daß sich unsere beiden Völker bald wieder freundnachbarlich näherkommen werden.... << Der Professor schüttelte den Kopf. ,, Nein, Herr Oberst, ganz offen gesprochen: eher läuft die Weichsel bergaufwärts, als daß ein Pole nochmals mit einem Deutschen wahren Frieden schließen kann. Kein Volk wie das unsrige hat die Leidenschaft, den Schwung, die Selbstlosigkeit, die Verachtung des Lebens und seiner Güter so stark bewiesen, sobald es uns um eine große nationale Sache geht. Dort, wo die polnische Volksseele sich frei entfalten kann, wird man anerkennen müssen, daß sich die Herzenseinfalt und Innigkeit der unteren Schichten mit genialer künstlerischer Phantasie und grandiosem Opfersinn paart... und die jetzige bittere Erfahrung wird uns lehren, auch den Mangel an erzieherischer Disziplin zu überwinden, der allen slavischen Stämmen eigen ist und dann: ‚ vae victis', Herr Oberst!" Stumm nickte Bert und verließ den Häftling, der wieder seine Strohhalme aufgriff, um zu flechten. * Am Tisch in seinem Block saß neben Bert ein junger, flotter Oberösterreicher aus Gmunden, namens Manz, der jedesmal, wenn er von seinem Dienst zurückkam, Einzelheiten aus den Nachrichten erzählte, die durch den feindlichen Sender in deutscher Sprache ausgegeben wurden.... Als Bert ihn einmal über den Ursprung seiner Information ausfragte, stellte sich heraus, daß Manz in den SS.-Baracken tätig war, woselbst er das Putzen der Zimmer einzelner Scharführer besorgte. Die Bewohner der Stuben waren beim Dienst, während er arbeitete, der Posten, der ihn begleitete, hockte sich vor die Baracke, um seine Pfeife zu rauchen— so wäre stets sein erster Gang an den Radioapparat, um London oder Moskau einzuschalten, ganz leise natürlich nur, und so während der Arbeit auf die Nachrichten zu lauschen.... „Nicht ohne Risiko, dies Geschäft, wie du dir denken kannst, Oberst, aber was tut man nicht gegen die Ver- blödung!“ schloß er mit leichtsinnigem Lachen. Seine Kenntnis reizte Bert zu einem gleichen Ver- such under bat den Gmundner, ihn einmal mitzunehmen. .„Natürlich, nur zu gern, für dich ist es doch eine Kleinigkeit, mich dabei zu besuchen!“ Am nächsten Tage schon ging Bert zum Haupttor und gab an, er müsse die Reinigung der SS.-Baracken nach- prüfen, weil einzelne Scharführer damit unzufrieden seien... der Wachhabende ließ den bekannten Ober- capo anstandslos passieren. Von Manz wußte Bert genau, in welcher Baracke er ihn treffen würde... richtig saß auch der Posten lässig unweit des Blockes auf einem Stapel Brennholz, das Gewehr neben sich und studierte seine Zeitung. Bert trat ein und fand Manz beim Aus- kehren eines Zimmers beschäftigt. „Paß auf“, flüsterte der Österreicher, ‚‚es ist noch etwas zu zeitig! Du hörst ja, der Sender bringt noch Schlagermusik! Eine halbe Stunde werden wir uns noch gedulden müssen... setz’ dich so lange hin!“ Bert sah sich um. An der dürftigen, schmucklosen Wand las er einen gedruckten Spruch der SS.: ‚Unsere Ehre ist Treue‘... o ja, ihr Herren, treu werdet ihr diesem System schon sein, dachte sich Bert dabei, das euch ‚plein-pouvoir‘ über Gut und Leben eurer Mit- menschen gegeben hat, sicherlich solange, als es euch nicht die Klauen beschneidet— im anderen Falle möchte ich euch nicht auf die Probe stellen!‘ Manz verfolgte beim Auskehren seinen Blick und - -365lachte für sich. ,, Komm, Oberst, ich zeige dir einen besseren Spruch noch, nebenan in dem jetzt leeren Zimmer des Scharführers Zeidler, der an die Front gekommen ist!" erWillig folgte Bert ihm und las dort, an der Wand befestigt, den bezeichnenden Wahrspruch der SS.:,Lieber die Mutter eine Hur', als der Vater ein Jud". wartungsvoll schmunzelnd sah ihn Manz an. ,, Na, wie gefällt dir das? Sagt das nicht genug über den Geist dieser Leute aus?" Angewidert drehte sich Bert ab. ,, Von diesem Kerl, der mich so zugerichtet hat, darf man nichts anderes erwarten! Aber du sagst, das Zimmer sei jetzt leer?" ,, Leer eigentlich nicht, sondern nur vorläufig unbewohnt, doch von seinen Kameraden für ihn reserviert, falls er wieder zurückkommen sollte... und im Spind hängt noch seine Extra- Uniform, die er immer trug statt den hier üblichen grauen Rock, wenn er nach München fuhr... ich putze sie ihm alle Wochen mal durch, ebenso die guten Stiefel und sein Lackkoppel mit dem Seitengewehr... « Und ein verschmitzter Bursche, wie Manz war, ließ er seine Gedanken gleich einen gewagten Sprung machen, indem er flüsterte: ,, Siehst du, hier durch das immer nur angelehnte Fenster könnte einer von uns bequem einsteigen, sich die Extrauniform anziehen und als SS.- Mann verduften das wäre ein ganz brauchbarer Weg, allerdings nur bei Nacht, während wir ja eingeschlossen sind...." -- Bert starrte ihn eine Zeitlang an, als müsse er erst begreifen, daß Manz ja nur eine allgemeine Idee hinwarf und nicht an ihn direkt die Aufforderung richtete zu einem solchen Streich... aber er wurde das Gefühl nicht los, es sei kein bloßer Zufall, daß schon wieder jemand zu ihm über Fluchtmöglichkeiten sprach.... Etwas gezwungen lachte er auf. - ,, Nun ja nicht übel, der Gedanke! Mir zum Beispiel würden die Sachen von dem Kerl tadellos passen, denn er hat so ziemlich meine Figur... laẞ mal die Stiefel sehn!" - - 366Zum Scherz griff er nach den hohen Röhrenstiefeln, die blank geputzt am Boden standen. Die Größe betrachtend, setzte er hinzu: ,, Wie für mich gearbeitet, was willst du mehr?- Jedenfalls bin ich dir für den Hinweis dankbar, denn man weiß ja nie, was bei uns noch kommt ,, Na, lieber nicht, Obercapo!" lachte Manz und nahm ihm die Stiefel aus der Hand. ,, Doch jetzt komm' wieder nebenan, vielleicht hören wir jetzt schon etwas von Wert!" Sie stellten sich an den Apparat. Nach einigen Minuten meldete der Londoner Sender tatsächlich eine Ansprache des deutschen Nationalausschusses, bei dem Heinrich Mann in zündenden Worten sich an das deutsche Volk wandte und es aufforderte, das Nazijoch abzuwerfen nur leider, wie Bert sich im stillen sagte: nicht den Weg angab, wie dem raffiniert ummauerten Bau der Zwingburg vom Einzelnen, der diesen Aufruf im geheimen hörte, beizukommen wäre... eben das Tragische des deutschen Loses! Hernach folgten noch Meldungen von rein temporärer Bedeutung. Gewiß hatt sich Bert aufrichtig auf den Nervenkitzel einer solchen Übertragung gefreut, die er schon so lange entbehren mußte nun saß er aber wie apathisch neben der leise gemurmelten Ansprache, so vollendet sie gewiß lautete, ohne mit Herz und Sinnen dabei zu sein die Geschichte mit der Fluchtidee in Verbindung mit jener vakanten Uniform und dem Mast des Stacheldrahtes an der Ecke der Lagerstraße ging ihm wie ein Mühlrad im Kopfe herum. -- Der junge Manz dagegen war wieder voll befriedigt über den heutigen Vormittag, als sie schließlich Seite an Seite ins Lager zurückgingen, gefolgt von dem verschlafenen Posten. ,, Also du siehst, Oberst, wie es bei mir zugeht, gelt ja! Und wenn ich einmal nicht ins Lager zurückkehren sollte, so sagst du dir, daß man mich eben geschnappt hat beim Abhören von Feindsendern.... Dann weißt du ja, was mir blüht: erst wird sich die Lagerstrenge an mir austoben nach altbekannten Rezepten und hernach packt mich ein hohes Sonder- -367gericht... alsdann wird mein Köpfchen billig zu haben sein, während der Rest am Boden zerstört' wird, wie es so schön im Heeresbericht heißt!" schloß er mit seinem üblichen Lachen. ,, Du bist zwar ein leichtsinniger Hund", meinte Bert nur kurz. ,, Aber die Schneid kann dir niemand absprechen...." In förmlichen Visionen quälte ihn nunmehr und in den kommenden Nächten der Gedanke an eine Flucht, wie eben eine fixe Idee zum ärgsten Peiniger der Seele werden kann... Zu allemhin brachte ihm sein, Feldwebel' einen Brief von Iřina, in dem sie ihn neben persönlichen Nachrichten über seine Schwester und sich selbst ebenfalls auf das Glatteis des gleichen Themas führte.... Bis auf den letzten Nerv durchrüttelt von dem Gelesenen, stand er vor seinem Block. Eine prickelnde Hitze stieg ihm bis in die Haarwurzeln... wie merkwürdig: ein ursprünglich so scheues Menschenkind wie sie wird zur unerschrockenen Mahnerin, reißt ihn mit jener unheimlichen Frauenmacht, die von einer Geliebten ausströmt, auf die Bahn ihres Wollens und bereitet dergestalt in ihm den Boden zu einem Entschlusse vor, den er wohl sonst nie fassen würde, wie eben häufig Menschen nur aus Begeisterung für eine Sache groß handeln können, ohne wirklich groß zu sein.... - - Und er hatte den Eindruck, daß ihr nächster Brief in vierzehn Tagen früher war es nicht gestattet! nicht viel anders lauten, im Gegenteil einen Schritt weiter auf das Ziel zuführen würde, immer wohlverstanden unter der Tarnung ihres Interesses für den kranken Bruder Fritz.... Und allmählich spürte er, wie ihr Denken sich auf ihn übertrug, wie das geistige Fluidum, das ihre Zeilen ausstrahlten, der Unterton der Liebe, der in ihnen vibrierte, auch ihn erfaßte. Dazu wuchs eine gewisse Sehnsucht in ihm nach dem Dunklen, Vagen und Gewagten auf, nach dem Abenteuer im Leben, und wurde stärker als je, so wenig er im Grunde ein Freund von riskanten Streichen war. - 368 - Dem Obercapo der Uneingeteilten schlichen nun die Tage so träge dahin, wie Regenwürmer auf der Landstraße. Zu allemhin strudelte bei dem jetzt vielfach nebligen Wetter der ganze Appellplatz voll marschierender Abteilungen, weil die großen Kommandos, Plantage und, Garagenbau' bei unsichtigen Tagen angesichts ihrer nicht eingezäunten Arbeitsplätze nicht ausrückten. Dann zog sich Bert gern in die nahe Desinfektionskammer zurück, wo es warm war, und wo er seinen Freund Pfeiffer, den Kommunisten und Samariter, ganz närrisch mit der Pflege von zwei reizenden Angorakätzchen antraf... wo er sie hergebracht hatte, blieb Bert so rätselhaft wie Unzähliges andere in diesem Lager. Einmal hatte er wiederum seine Kohorten in dem Block der Isolierten zu verstecken, ja sogar auf Befehl Hoffmanns die scharfe Weisung auszugeben, daß jedermann, den Arsch voll bekäme', der sich etwa auf dem Appellplatz sehen ließe... also mußte etwas Besonderes vor sich gehen. Auch Scheerer fand sich nach getaner Arbeit in der Kammer ein und zog Bert ans Fenster, das in seiner unteren Hälfte mattiert war, so daß nur die Augen der Häftlinge von draußen zu sehen waren. ,, Paßt auf", verkündete der Lagerälteste ,,, ihr werdet bald einen Moorexpreß vorbeikommen sehen, mit 45 Särgen beladen!"- Die beiden Kameraden sahen ihn betroffen an und fragten sogleich: ,, Für wen, um Gottes willen, sind denn die Särge bestimmt?" - - ,, Für ebenso viel SS.- Leute, die angeblich der gemeinsamen Auflehnung beschuldigt sind und ihr wiẞt ja: das Prinzip, das die Nazis dem GPU.- Chef Jagoda nachsagen, daß die Kugel die beste Arznei gegen Widerstrebende sei, wendet man bei uns längst am ausgiebigsten an; das ist ja die alte Leier, man muß nur immer rufen: haltet den Dieb, wenn man selbst gestohlen hat!" ,, Und wo füsilieren sie die armen Kerls?"- ,, Nun, hinten im Bunkerhof! Der ist ja dazu als Kugelfang gebaut worden... was meint ihr wohl, wieviel politisch - 369- - Unliebsame nicht etwa ausgesprochene Gegner - dort schon still verschwunden sind? Ich bin daran fast schon gewöhnt, denn in den ersten Jahren von Dachau haben wir darin eine wahre Hausse erlebt!" ,, Ein Jammer", erbarmte sich Pfeiffer ,,, aufrechte junge Burschen, fünfundvierzig auf einmal, dem Moloch des Terrors zu opfern!" ,, Laßt es gut sein", warf Scheerer verbissen ein. ,, Auch sie sterben nicht umsonst, auch sie werden Dünger für den Fortschrittsacker sein, glaubt mir!- Doch seid still...." Er hatte kaum ausgesprochen, als das Fenster klirrend erzitterte durch eine Salve, die in dichter Nähe von ungefähr zehn Gewehren abgegeben worden war. Die Häftlinge in der Kammer, in der die Arbeit jetzt ruhte, sahen sich der Reihe nach an. Jeder hatte die Lippen zusammengekniffen und lauschte wieder der gleiche peitschende Knall und wieder und wieder; insgesamt neunmal, so daß also jede Zehnersalve gegen fünf Delinquenten gerichtet war... furchtbar der Gedanke selbst in solch barbarischen Zeiten, welchen Todeskampf jede Detonation auslösen mußte -- Und eine halbe Stunde darauf, wohl auf die Meldung hin, daß alle Opfer erledigt wären, rollte der erwartete Moorexpreß, von blutjungen SS.- Rekruten gezogen, über den leeren Appellplatz. 45 grob gezimmerte, mit stumpfem Schwarz notdürftig überstrichene Särge sollten die entseelten Körper aufnehmen, die eben noch 45 lebenswilligen, jungen Männern angehört hatten!... Was sagten ihre Eltern dazu? Was durften sie im Dritten Reiche sagen? Der Lagerälteste hatte recht, wenn er abschließend betonte: ,, Friede ihrer Asche! Auch sie werden einst zur rechten Zeit auferstehen und uns helfen...." Das Erstaunlichste an diesem Falle war aber, daß zwei Tage darauf der Gmundner Manz in der Mittagsstunde Bert beiseite nahm und ihm verriet, daß der Londoner Sender bereits die Untat im Bunker von Dachau in aller Genauigkeit mitgeteilt habe. Wie 24 Conrady, Amokläufer. - - 370- präzis mußte der britische secret service' funktionieren, sagte sich Bert bewundernd, wenn ihm selbst aus einem so steril gehaltenen Gebiet, wie das KzLager doch sein sollte, jede Nachricht von Interesse zuging! Jedenfalls eine informatorische Leistung, die aller Achtung wert war. KRANKEN- TRANSPORTE. Das Kennzeichnende jedoch in diesem Spätherbste 1940 waren für Dachau die großen Transporte von Kranken und Invaliden, die im Lager eintrafen- und die Abgänge von Ersatzkräften, die den fremden Lagern zugesandt wurden. Sie boten Anlaß zu hoher Nervosität. bei Tibbu- Tipp und seinen Helfern. Offensichtlich hatte eine hohe SS.- Leitung in Berlin beschlossen, das mustergültig ausgebaute Lager Dachau für Rekonvaleszenten zu bestimmen, was soviel bedeuten sollte, als daß eben aus allen ähnlichen, Inseln der Qualen' rings im weiten Großdeutschland die Arbeitsunfähigen, Invaliden und Kranken, wenn sie noch einigermaßen transportfähig. waren, nach Dachau gebracht und hier gepflegt werden sollten... soweit, wohlverstanden, ein Gesundpflegen noch dem Können irgendeines Heilkünstlers auf Erden gelang. Dem Zustrom dieses Materials an Kranken entsprechend, jeweils zwischen 500-1000 Mann, gingen dann von den Uneingeteilten Dachaus die gleiche Zahl nach jenen Bedarfslagern wieder ab, so daß ein ziemliches Kommen und Gehen entstand. Für jeden der ankommenden Pfleglinge mußte neben der üblichen Personalaufnahme, der Einkleidung samt Baden noch ein Krankenblatt angelegt werden, welches die Vermerke über frühere Verletzungen oder Erkrankungen enthielt, neben dem gegenwärtigen Leiden. Diese so rasch wie möglich zu erledigende Arbeit- denn der nervöse Tibbu- Tipp wollte sie partout sofort bei Eingang der Leute bewältigt haben, machte eine ziemliche - 371 - Zahl von Hilfskräften erforderlich, zumal sich unter den Zugängen viele Fremdsprachige befanden- so recht ein Abbild des großen Sklavenmarktes, in den das Hakenkreuz die Staaten Europas verwandelt hatte.. brauchte Helfer, die perfekt Polnisch, Tschechisch, Kroatisch, Ungarisch und Französisch sprachen. man Der Revierschreiber Lill kam zu Bert. Und da dieser ihm ja zu Dank verpflichtet war gelegentlich seiner letzten Überstellung nach München, organisierte der Obercapo die jeweiligen Schreibkräfte bei den Transporten in gewissenhafter Weise und übernahm selbst dabei die Aufsicht. Auf solche Weise lernte er aus unmittelbarer Anschauung das nicht zu beschreibende Elend kennen, dem die Zurückkommenden aus beliebigen Lagern verfallen waren. Die schrankenlose Barbarei, mit dem das Nazitum über Leben und Gesundheit solch armer Sklaven sich hinwegsetzte, ließ sich an diesen ankommenden Opfern erkennen... gewiß: zu allen Zeiten der Geschichte haben despotische Regime ihre Gegner mit grausamen Methoden niedergedrückt man denke nur an die ägyptische, babylonische und assyrische Gefangenschaft der Juden aber wohl kaum waren es jemals eigene Landsleute, dazu die Mehrzahl nicht im Entferntesten bewiesene Gegner der Machthaber, die man systematisch zugrunde richtete, sondern Kriegsgefangene, zum mindesten Volksfremde... und zu keiner Zeit heuchelten solche Tyrannen mit salbungsvollen Reden, wie sehr sie in ihrer sozialen Liebe für das Volk ihm früh und spät zu dienen bemüht wären. - Im großen Badesaal stehen an den Fenstern entlang breite Tische, welche 25 Hilfsschreiber Berts, ausgesuchte Sprachenkundige, einnehmen. Vor den Tischen geht Bert kontrollierend auf und ab. Zwei Meter vom letzten Tische entfernt steht ein Stuhl und neben ihm ein größerer Blechkübel. Hier sitzt der behäbige Reviercapo Heyden, unser Dickwanst, und schneidet jedem Hereinkommenden den Verband auf oder reißt kleinere Leukoplastfetzen mit fixem Ruck herunter und wirft 24* 372sie in den Kübel. Weiterhin schließt sich ein Körpermaẞ bekannter Konstruktion und eine Ständerwaage mit Spiegelskala an, sowie eine provisorische Annahme für das Handgepäck, das heißt für die Kleinigkeiten, die dem Transportler gelassen worden sind, wie Hosenträger, Bruchband, Hausschuhe und ähnliches. Diese Stücke geben sie nur solange ab, als sie unter der Brause mit warmem Wasser stehen. Den Raum unter den Duschen nehmen eine Anzahl junger Dachauer ein, die damit beauftragt sind, die invaliden Ankömmlinge zu waschen und abzutrocknen, soweit sie dazu selbst außerstande sind. Der Zweckmäßigkeit halber und noch mehr des Ulkes wegen springen diese Burschen splitternackt umher und treiben Unfug. Eine Scham kennt ja das Lager in keinerlei Hinsicht. Im Vorraum des Bades sitzen die Friseure, wie immer bei einlangenden Transporten, und halten ihre blitzenden Schneidemaschinen gezückt, um wieder alles ratzekahl abzusäbeln, was der Neue an Haaren am Körper hat. Noch weiter vom Bad entfernt liegt der große Saal des , Schubraumes', wo der Eintreffende seine mitgebrachte Lagertracht ablegt, zumeist jammervolles Lumpenzeug, das von den sauberen Dachauern mit Verächtlichkeit betrachtet wird. Und dann trifft der Transport selbst ein, und zwar bei Regenwetter und Sturm, wie es der Jahreszeit entspricht. Vorab kommen vier bis fünf Lastautos mit den Marschunfähigen. Die Wagen fahren direkt auf den Appellplatz. Dort warten die Revierpfleger mit Tragbahren. Wer von den Transportlern wenigstens noch sitzen kann, wird auf den blanken Boden hingesetzt, gleichgültig, ob der Boden schon vor Nässe trieft oder nicht.... Wer nur noch liegen kann, kommt auf eine Tragbahre, verbleibt auch in Sturm und Regen noch stundenlang auf dem freien Platze liegen warum, ist unerfindlich! Fünfzig Prozent dieser Kategorie bedarf freilich keiner Hilfe mehr, sie sind schon bei Gott... sie wirft man ohne alle Umstände im Bogen vom Wagen - 373herunter nebeneinander auf den Boden. Morgen oder übermorgen gehts mit ihnen frisch und munter sowieso zum Krematorium, also, Sieg Heil'! Wer noch marschieren kann, trifft in langsamem Zuge ein, von wenigen Posten mehr des Dekorums wegen eskortiert. Wenn ein Filmregisseur etwa den bekannten Rückzug der napoleonischen Armee aus Rußland 1812 darzustellen hätte, also die Trümmer jenes stolzen Heeres, aus dem eine Horde humpelnder, verkrümmter, an Gliedern und Seele verfrorener Invaliden geworden war, dann stände ihm hier geradezu ideales Material zur Verfügung. - - - Viele haben einen mehrere Tage langen Transport im ungeheizten Viehwagen als Schwerkranke hinter sich. Es sind sämtlich auf den Tod zusteuernde Leute, vorher haben ihre Quälgeister sie nicht von der Galeere gelassen. Deshalb haben auch so viele schon heimlich das Zeitliche gesegnet. Jetzt stehen sie wieder eine Ewigkeit auf dem leeren Platz herum, vorbeigehende Scharführer und Häftlinge beschauen sie wie wilde Tiere aus einem fremden Zoo. Sie krümmen sich immer mehr zusammen, sie lassen ihre hungrigen Blicke umherlaufen ihre fahlen, eingefallenen Gesichter, die todtraurigen Augen erzählen genug von dem, was sie erflehen; nur Bettruhe, nur Wärme, nur Nahrung gebt uns, nichts weiter... aber sie stehen noch stundenlang im frostigen Sturm ja ,, der Menschheit ganzer Jammer faßt dich an', würde der Dichter hier sagen. Der erste Nackte, der schließlich, als es draußen schon zu dunkeln beginnt, durch all die Stationen hindurch ins Bad kommt, wird an den dicken Reviercapo herangeführt. Es ist ein alter Mann mit völlig kahlem Kopf und verrunzeltem Anlitz, stechenden dunklen Augen und strengem Profil mit hervortretenden Backenknochen... aber es wäre falsch, ihn als, Mann' zu bezeichnen: er ist nichts anderes als ein Skelett mit einer vom Hunger papierdünn über die Knochen gespannten Haut und rasselnden Lungen, die von der Tuberkulose durchlöchert sind.... - - - 374Als man ihn etwas ausfragen will - die Leute kommen aus einem nordöstlichen Lager ergibt sich die Unmöglichkeit einer Verständigung. Der Mann ist Litauer, und nur einer unter Berts Interpreten versteht ihn mühsam. Aber seine flackernden, von wildem Gram erfüllten Augen, der krankhaft entsetzte Blick des Invaliden, sind schlimmere Anklage, als eine empörte Rede von ihm sein könnte. Gleich nach diesem ersten schieben die Helfer einen weiteren Ankömmling herein. Es sind ja ihrer annähernd tausend, und es wird späte Nacht werden, bis alle abgefertigt sind. Der Mann hat einen mächtigen Verband aus Kreppapier über die linke Brusthälfte- längst ist ja richtiger Verbandmull aus den Revieren verschwundender dicke Heyden, vor dem er mit wackelnden Knien steht, nimmt seine große Schere und klipp- klapp, fällt der steifgewordene und verklebte, rotgelb durchfärbte Verband herab. Von den Lippen der Zuschauer, die den Neuen umstehen, kommt ein spontaner Laut des Schreckens, selbst von dem abgebrühten Heyden; eine feuerrot umrandete Wunde von der Größe eines Quartheftes hat dem Kranken alle Haut und Fleischteile auf der linken Brustseite weggefressen, so daß man die blanken Rippen des Brustkorbes mit den Sehnenbändern und dem Schlüsselbein sieht... dazu sekretiert die Wunde noch einen gelblichen Eiter, der von penetrantem Gestank ist. Der Kranke wird weiter unter die Duschen geschleppt, Bert wendet vor Ekel den Kopf ab. Er ist gewiß kein Zimperling, aber ein Anblick wie dieser geht jedem an die Nieren. Sogar die plumpen Scharführer stoßen Heyden an und fragen: ,, Was hat der Kerl bloß, das ist ja schauderhaft, pfui Teufel, und stinken tut das Schwein!" Sie halten sich die Nase zu.... Der dicke Heyden schlägt mit der Schere auf seine rötliche Gummischürze und gibt mit überlegener Stimme Auskunft: ,, Phlegmone nennt man das, eine höchst bösartige Verschlimmerung offener Wunden, die immer weiter fressen und alle erreichbaren Gewebe zerstören, wie Sie - 375es bei diesem Falle ja gesehen haben, auch Wunddiphtherie genannt! Aber", setzt er hinzu, während er schon wieder einen neuen Verband aufschneidet, denn die Neuen kommen am laufenden Band herein: ,, aber die Wunden sind auch skandalös vernachlässigt; denn eindämmen läßt sich die Sache natürlich unter gewissenhafter Pflege... aber dort scheint ja überhaupt nichts geschehen zu sein!" Sein Tonfall sagt den Scharführern genug. Sie fragen nicht mehr. Unausgesetzt kommen Phlegmonefälle, Wunden an allen Gliedern und Körperteilen: der eine hat lange, rißartige Schlitzwunden am Bein, der andere ähnliche am Unterarm, ein dritter den gesamten oberen Rücken offen, so daß man die Schulterblätter erkennen kann.... Und ein grauenhafter Gestank verbreitet sich im Badesaal. Es läßt sich schließlich nur noch mit Mühe arbeiten, solches Kopfweh verursacht der Pesthauch der eitrigen Wunden. Ohne Unterlaß schrie auch der eine oder andere der Bresthaften im Bade auf, wenn die heißen Wasserstrahlen etwa auf seine offene Wunde fallen oder ein Helfer diesen zu nahe kommt.... - Der Korso der zerstörten Gestalten, der vergewaltigten Gesundheiten nimmt kein Ende... knapp tausend an diesem Tage, die schon Dahingeschiedenen abgerechnet! Da sind neben den alten, schon der Mutter Erde zugeneigten Männern auch blutjunge Burschen, denen man die einstige Rüstigkeit ansieht, Kerls zum Bäumeausreißen darunter, prachtvoll gebaut und jetzt entnervte, ermattete, von Hunger und Leid, vom grenzenlosen Raubbau an ihren Kräften entstellte Lebewesen.... Und ist Bert dann mit ihnen freundlich, um sie in aufmunterndem Tone zum passenden Schreiber zu führen, so ist es ein wahrer Jammer, das verprügelte Lauern in ihrem Wesen zu sehen, in den Augen, über die sich gleich wieder scheu- demütig die Lider niedersenken. Unter dem Einfluß seines Zuredens, seines Trostes sieht er die Unglücklichen gleichsam erwachen, den Rest an Menschentum vorsichtig herausholen, ein wenig auftauen als Zeichen der langsam sich wieder ent - -376faltenden Lebensgeister... doch nur schwer kommt ein Laut über ihre Lippen, auch bei Deutschen, als habe die ständige Bedrohung sie ihnen mit Schrauben verschlossen Aus einem anderen Lager treffen eine Woche darauf Tausende ein, die aus Neuengamme bei Hamburg kommen, angeblich dort mit Kanalbauten am Meer beschäftigt, eine Arbeit, bei der sie den Tag über im Seewasser zu stehen hatten, ohne jede entsprechende Schutzkleidung natürlich.... Sie weisen die erschreckendsten Aufquellungen der Gliedmaßen auf: Wasserbeine so dick wie Gießkannen vom Fuß bis zum Oberschenkel hinauf; von einem Knie oder Wade ist nichts mehr zu sehen. Einzelne hatten das Wasser im Hodensack, der monströs angeschwollen ist, so daß der Betreffende nur mit Mühe gehen kann. Und noch schauderhafter sehen die vom Wasser riesenhaft aufgetriebenen Geschlechtsglieder aus, die gleich glashellen, dicken Würsten herabhängen, Was die Einen zu wenig haben, die Verhungerten, die Sie da sehen, Herr Scharführer", stichelt der frivole Heyden ,,, das haben diese hier zu viel, so geht's dauernd in der Welt, in der wir zu leben haben.... Und wieder verjagt der scheußliche Anblick die herumlungernden Aufsichtsführer. د, Die Erfahrung mit dem ersten Transport hat Bert zu dem Wunsche an Tibbu- Tipp veranlaßt, bei der Arbeit rauchen zu dürfen, des unheimlichen Gestankes wegen. Nachgiebig, wie der Lagerleiter ihm gegenüber war, hat er es gestattet, allerdings nur für die Capos... Aber einmal erlaubt, raucht natürlich sofort jeder, und bald legt sich ein Mordsqualm an die Decke des weiten Raumes. Tibbu- Tipp kommt inspizieren, schnuppert, sieht mit gefalteter Stirn nach oben, riecht aber gleichzeitig den infernalischen Gestank des Eiters, der Sekrete und zieht sich, an die Nase fassend, sofort wieder zurück, ohne ein Wort des Mißfallens zu verlieren.... - Weiter, weiter geht der Reigen der Zerrütteten; immer neue Transporte treffen ein: aus Mauthausen gleich zwei und gleich zwei aus dem riesigen Lager Sachsenhausen bei - - 377- Berlin, dem früheren Oranienburg üblen Angedenkens, wo auch der tapfere Nobelpreisträger Ossietzki sein Leben lassen mußte, der ganzen Welt zum Hohne und Trotz... aus Buchenwald und Esterwege und nicht minder aus Berts, Flossenbürg' teuren Angedenkens. Alle diese, Inseln der Qualen', die der Reichsdämon Heinrich Himmler unterhält, speien ihren zum menschlichen Kehricht herabgewürdigten Ausschuß an Leibern nach Dachau aus. Hier sollen sie wieder durch ärztliche Kunst aufgebügelt und dem Dasein zurückgegeben werden, genauer gesagt: zu neuer Fron reif gemacht werden, falls noch eine Spur von Möglichkeit dafür vorhanden ist sonst? Ach, lieber Himmel, die deutschen Frauen und Mädchen, willige Zuchtstuten, gebären in- und außerehelich soviel neue Sprößlinge, soviel kommendes Kanonen- und Lagerfutter, daß jede tiefere Sorge um die gegenwärtige Generation überflüssig ist.... - -- Und ihre unsterbliche Seele? Ihre menschliche Individualität? Pardon, da muß ein Irrtum vorliegen! In der gleichgeschalteten Volksgemeinschaft nationalsozialistischen Gepräges kennt man nur die genormte Einheitsseele und nichts anderes Punktum! - Wie sehr Bert auch unter solchen Anblicken leidet, er nimmt die Aufsicht über jeden Transport immer wieder vor, um das Bild seiner Anschauung abzurunden.... So kommen von den norddeutschen Lagern erstaunlich viel Tuberkulosefälle. Fürchterlich, die Köpfe mit den eingefallenen Schläfen und Nacken, den hektischen Flecken auf den Backenknochen, den eigentümlich glänzenden Blicken zu sehen, ihren trockenen, gequälten Husten zu hören. - Und unter ihnen, aus dem berüchtigten Lager Buchenwald kommend, trifft er auf den einst gefeierten Kabarettisten und Schlagerdichter Fritz Grünbaum aus Wien ein kleines, verhutzeltes Männlein nur noch, scheu bis zum äußersten, Augen wie Stiletts, ein Schatten seiner selbst geworden... wahnsinniger Grimm hat das geistvolle Gesicht zerstört, schüttelt den schmalen Körper, als Bert ihm die Hand drückt und seinen Arm wie - 378schützend um die dürftige Schulter legt. Auf seine Frage, wie er sich fühle, kommt ein heiseres Aufschluchzen zur Antwort. ,, Ach, lieber Oberst, ich bin so fertig gemacht worden, so unaussprechlich fertig-- alles in mir sehnt sich nur noch nach dem Grabe..." und gleich darauf erschüttert ein Hustenanfall die schmale, zermürbte Brust.... Das war nun der Dichter des berühmt gewordenen, Buchenwaldliedes', eines Sanges, der so fest und vollendet den Glauben der armen Häftlinge auf Erlösung verkündet, daß es in den Lagern offiziell als Marschlied eingeübt wurde... es schließt: ,, und dennoch woll'n wir ja zum Leben sagen, denn es kommt der Tag, da sind wir frei."... Gewiß, du Ärmster, aber erst nach dem Krematorium! Zwei Scharführer, die brennende Zigarette im Mund, kommen Bert schlendernd entgegen, als dieser Fritz Grünbaum gerade zu einem seiner Schreiber führt. Da kann es Bert nicht unterlassen, den vierschrötigen Kerlen zuzurufen, so ungeheuerlich die Disziplinlosigkeit eines solchen Tuns auch ist: ,, Hier, meine Herren, sehen Sie den Dichter des berühmten Buchenwaldliedes und einen der beliebtesten Bühnenkünstler von Wien!" - Erstaunt halten die Scharführer inne, besehen sich den armseligen, nackten Menschen, der starr vor Berts Auftreten als Häftling sich verkriechen möchte sie finden nichts Bemerkenswertes an ihm. Und einer der beiden spricht ihre Meinung sogleich in rüder Weise aus: ,, Wieso, der da? Das ist doch bloß ein mieser Jüd'! Was wollen Sie uns von dem erzählen?" Mit eiskaltem Blick erwidert ihnen Bert: ,, Der Geist, meine Herren, weht bekanntlich, wo er will! Und wer einen Menschen geboren hat, ist belanglos; nur was er seiner Umwelt bedeutet, zählt allein!" Noch mehr den Büffeln ins Gesicht zu sagen, wäre gefährlich gewesen. Ohnehin ist es lediglich die allbekannte Gunst des Lagerleiters, die ihm solche Extravaganzen gestattet, die für jeden anderen verderblich gewesen wären. Kaum aber war der letzte Transportler abgefertigt - 379 und die stockfinstere Nacht hereingebrochen, so flammen zum Abendappell die riesigen Scheinwerfer rings um den Platz auf, desgleichen an den Stirnseiten der Blöcke und das Abzählen der seit Stunden schon wartenden Lagerinsassen beginnt... der übliche Betrieb nimmt in der schon frostigen Kälte der Nacht seinen Fortgang, bis die Häftlinge abrücken dürfen. - Als Bert am nächsten Tage den kranken Wiener im Revier besuchen will, um ihn dem Wohlwollen von Heyden zu empfehlen, muß er an der Kammer vorbei, in der die Leichen bis zum Abtransport in die Totenkammer aufgestapelt liegen.... Der winzige kleine Raum berstet förmlich vor starren, bleichen Leibern. Und deren Geruch vertreibt alles, was in die Nähe kommt.... Auch Bert mußte eiligst aus dem Revier an die frische Luft gehen, so begann ihn das Übelsein zu schütteln vor diesem Berg von Leichen, die zu verwesen beginnen, nicht anders wie das Aas von Tieren Ach, Ekel Ekel Ekel! - Daẞ Millionen Menschen in Kriegen und blutigen Auseinandersetzungen fallen, ist leider eine uralte Erfahrung und wird nie abzustellen sein, solange die Menschheit nach Aderlässen dürstet... aber Angehörige des eigenen Volkes und zumeist völlig Schuldlose ohne Notwendigkeit in solch schändlich schnöder Weise und in solchen Mengen insgesamt im Lager Dachau 200000 Mann in den Tod zu treiben, obwohl sie eigentlich der Obhut von Staatsorganen unterstellt sind, eines Staates, der sich zugleich rühmt, an der Spitze der Kulturnationen zu marschieren und die übrige Welt, an seinem Wesen genesen zu lassen-- das ist nichts anderes als grausige Vertiertheit im Verein mit frivolstem Hohn. - - . Deutsches Volk du leugnest es ab, von alledem gewußt zu haben es sei dir mit einigen Vorbehalten zugegeben! Aber vergiß nie, daß es Männer aus deiner Mitte heraus waren, die so zu handeln imstande waren oder sich hierzu bestimmen ließen... und wenn dir von seiten deiner Kriegsgegner und Besieger nun Schweres auferlegt wird, Bitternis deinen Nationalstolz - - 380kränken sollte dann vergiß nie, daß selbst der brutalste Feind sich nicht herausnehmen wird, was deine eigenen Söhne dir und anderen Völkern angetan haben.... Daran ermiẞ künftighin deinen sittlichen Rang in der Welt und gehe in dich... laß die, Wehrertüchtigung als Grundzug deines Wesens beiseite und sei anderen ein Vorbild in wahrem Menschentum und geistiger Demut, damit endlich die Welt den Weg zum Guten nehme, wie Schiller es so heiß erwünscht hat. DIE LETZTEN TAGE IN DACHAU. Eigentümlich, wie die Vorsehung die Ereignisse ineinandergreifen läßt, wenn sich ein Schicksal vollziehen soll: zu dem Gedanken an Flucht, der Bert nie mehr verließ, kam nun außer dem Hinweis des Elektrikers und dem spaßhaften Vorschlage von Manz noch ein Punkt hinzu, der die Ausführung nahezu erzwang. Von Dachau mußten für die Mehrzahl der eingetroffenen Transporte Rücklieferungen an arbeitsfähigen Häftlingen abgehen. Nun war der Zustand der Ankömmlinge niemand im Lager unbekannt geblieben. Er ließ naheliegende Schlüsse auf die Verhältnisse in jenen Lagern, denen die Unglücklichen entstammten, Kein Wunder, daß es wie ein großes Beben durch alle Baracken ging, wenn Scheerer andeutete, daß am nächsten Morgen ein großer Rücktransport zusammengestellt werden sollte. zu. Das Material hierzu wurde meistens den Uneingeteilten Berts entnommen, und der Lagerelefant Hoffmann besorgte die Zuteilung auf die einfachste Weise. Für die Untercapos Berts war es jetzt das bequemste Mittel zur Disziplin, ihren Leuten, wenn sie mal widerspenstig waren, zu drohen: ,, Nehmt euch zusammen oder ihr seid beim nächsten Transport dabei!" Das war das beste Zugmittel zur Ordnung. - Aber an Bert selbst trat die gleiche Gefahr heran. Als eines Tages seine Truppe schon stark zusammen - 381 - geschmolzen war, nahm ihn sein Freund Scheerer beiseite und teilte ihm vertraulich mit, daß der zweite Lagerleiter gemeinsam mit dem tückischen Scharführer Kastner vereinbart hätten, den Oberst in den nächsten Transport einzureihen, sobald ein Capo verlangt werde.... ,, Wir brauchen bei uns keine großspurigen Herren--" hätte Hoffmann dabei gebrummt. ,, Du verstehst mich: ich habe dir nichts gesagt, aber du wirst dich zu richten wissen!" schloß der brave Lagerälteste. So stand es also! Und wie lange die persönliche Gunst Tibbu- Tipps noch andauern konnte, war völlig unbestimmt.... Also hieß es nun handeln. Hammer sein, statt immer nur Amboẞ! War es verwunderlich, daß im gleichen Moment in einem Briefe Iřinas wieder stand: ,, Mein Bruder Fritz muß jetzt baldigst heraus aus seinem Lazarett, ich spüre mehr als je die Notwendigkeit dazu! Ich habe für seine Heimkehr alle Vorbereitungen getroffen... ich bin überzeugt, er wird damit zufrieden sein und keinen Rückfall seiner Krankheit mehr zu befürchten brauchen... nun braucht er mir nur noch das Datum sagen, an dem er zu erwarten ist dies wollte ich dich, mein Lieber, nur wissen lassen, damit du beruhigt bist...!" Bert las zum erstenmal eine solche geheime Aufforderung mit voller Zustimmung und küßte ihr in Gedanken die Hände. Kurz vor der jahresüblichen Nazifeier des Marsches zur Feldherrnhalle am 8./9. November 1940 hatte das , Reichswitzblatt', der Völkische Beobachter' Hitlers, nichts Klügeres zu tun, als die britische Luftwaffe zu verhöhnen, mit der Behauptung: Nie werde sie sich trauen, der, Hauptstadt der Bewegung' nahezukommen... im Frühjahr 1945 sprach das Blatt freilich etwas anders, nachdem sein Übermut vor den Trümmern der schönen Stadt erloschen war. 382 - Bert las den ominösen Artikel in dieser Zeitung- eine andere zu halten, war nicht gestattet und hatte sofort die Empfindung, daß entsprechend einer solchen Herausforderung München mit einem feindlichen Besuch aus der Luft zu rechnen haben werde.... Und es kam sogleich, wie er erwartet hatte. Die vorherige Nacht über hatte der Regen um die Baracken gesungen, als gelte es, Wände und Dächer abzutragen. Der neue Tag brach sanft und frisch an, gegen Abend klärte sich der Himmel vollkommen auf, so daß ein ideales Flugwetter heraufzog.... Nach leichtem Anfangsschlaf wachte Bert auf und richtete sich empor. Der Mond war inzwischen herausgekommen und spann schräge Silberfäden vom Fenster zum Fußboden hernieder. Still und groß stand seine Scheibe voll am Himmel wie das riesige Auge eines Zyklopen. Da dröhnt eine ferne Sirene mit gellendem Fliegeralarm auf, jenem schwebenden Auf und Ab der Schwirrtöne... und gleich darauf fällt die große Sirene des Lagers mit ohrenbetäubendem Heulen ein. Aber kaum eine Minute später, als schon alle Schläfer erregt aus ihren Betten gesprungen waren, reißt ein lufterschütterndes Krachen zum ersten Male an ihren Nerven... es dominiert darin der rollende Donner der schweren Flakgeschütze, vermischt mit dem Geknatter der Schnellfeuerkanone auf der Kommandantur und den MG.s der Wachtürme... ein wahrer Hexensabbat bricht los aber alles übertönt ein immenses Brausen, das die Luft und die Fenster erzittern läßt, das gleichsam Himmel und Erde zu verschlingen droht, möchte das noch ungewohnte Gemüt glauben, die Geschwader nahen! Lichter tauchen da und dort im Umkreis der Dunkelheit auf, winzigen, ungewissen Pünktchen zunächst gleich..... - Bis ein strahlend helles Licht sich vom Firmament löst und zu Boden schwebt, mit stechend weißem Schimmer die ganze Umgegend beleuchtend, die sich ihm gewissermaßen entgegenhebt wie ein aus schwarzem Schlamm emporgerissenes Panorama. Jubel durchdröhnt die Baracke. Alle Fenster im - 383Schlafraum wie im Wohnzimmer sind aufgerissen und von aufgeregten Männern in blaugestreiften Hemden besetzt, die offenen Mundes nach oben starren... am liebsten möchten sie die Flugzeuge dort mit ihren Händen greifen und an ihr Herz ziehen als ihre Befreier, mögen sie gleich gekommen sein, Tod und Verderben über ihr Vaterland zu streuen Bert steht stumm und ergriffen unter den Lauschenden.... Da ist es wieder, das verteufelte Dilemma: dort oben sind die Angehörigen eines Volkes, bei dem er unzählige Male in der Welt zu Gaste war, überall auf das gastlichste aufgenommen; Menschen, die er als Einzelmenschen wie als Nation hochgeschätzt und von denen er weiß, daß sie Deutsche seines Schlages ebenso anerkennen, nun aber einen erbitterten Kampf gegen sein Volk führen müssen, weil sie sich sonst der Überwie alle übrigen nicht ergriffe des Nazitums wehren können... soll er nun in ihnen die Freunde seines eigentlichen Vaterlandes und seine Befreier erblicken oder die schonungslosen Gegner, die den Stolz Deutschlands, seine unvergleichlichen Städte zerstören, vielleicht darunter auch sein eigenes Haus samt seinen Lieben? Der gleiche schmerzliche Riß ging während der Kriegsjahre durch die Brust jedes aufrechten Deutschen, erst recht eines aktiven Soldaten. - - - Da braust ein verdoppelter Jubelschrei von den Fenstern auf: einer der Fallschirme mit Luftraketen ist dicht über dem Lager abgelassen worden und schwebt nun über den Dächern der Barackenstadt gemächlich nieder. ,, Ein echt englischer Leuchtschirm!" schreit einer der Begeisterten neben Bert. ,, Das Ding ist die Ruhe selbst, schaut, mit welchem Phlegma es niederkommt!" Die schmalen Blockgassen liegen förmlich aufgescheucht aus ihrer Ruhe vor dem saugenden Licht. Als aber ersichtlich ist, daß der Fallschirm im Bereiche des Lagers niedergehen werde, so dicht befand er sich schon über den Dächern, war kein Halten mehr bei den Häftlingen, mochte auch das Verlassen der Blocks während der Nacht aufs strengste verboten sein oder — 384— nicht.... heraus müssen sie und umherlaufen, Bert mit ihnen, es hilft kein Überlegen mehr—— Halb verwirrt taumeln die Männer erst draußen auf der Blockgasse umeinander. Der Vollmond löst die ganze Gegend in bläulich-gelben Lichtdunst auf. Nichts Festes ist mehr ringsum. Alle Konturen zerfließen... und droben ziehen mit dröhnendem Schwirren die Ge- schwader, majestätisch gelassen, ihrem Ziele zu, ohne das Lager zu behelligen.... Ingrimmig lächelnd sagt sich Bert: vom Standpunkte der Luftangriffe gesehen, ist man hier wirklich ‚in Schutzhaft‘, nur anders als es Herr Himmler sich gewünscht hat. Aber nach den ersten Minuten der Wirrnis in den Köpfen, die seit Jahr und Tag nicht mehr des Nachts im Freien waren, verschwinden schon die ersten Hemden- männer um die Ecke der Blocks und schleichen dem Appellplatz nahe. Sie wissen schon, was sie wagen und sind sich der Lebensgefahr sehr wohl bewußt. Aber sie müssen einfach zu den Flugblättern gelangen, von denen sie vermuten, daß sie über dem Lager abgeworfen worden sind.... Überlegtere haben sich rasch den Mantel über- geworfen, so auch Bert. Er bleibt am Eingang zur Lager- straße stehen, um das packende Bild am Firmament zu betrachten. Wütend, wie das Gekläff grober Dorfhunde, dröhnt die Flak vor München auf. Blitzschnell strahlt die Ex- plosion ihrer Granaten vor dem dunklen Hintergrunde ihren Flammenriß aus. Die Gegend um die Stadt ist ein rötlich wogendes Lichtmeer, ein wahrer Rachen voll Glut, ganz ähnlich dem Feuerschein aus einem Krater, nur vielfach verstärkt... und wunderbar ruhig, ge- sättigt gleichsam, ziehen die Rolls-Royce-Motore über ihm ihre Bahn, beinahe taktmäßig hört er die Detonationen ihrer schweren Bomben— eine Antwortshymne auf die lächerliche Anrempelung durch das Naziblatt. Inzwischen sind die Unentwegten weiter gekrochen, auf allen Vieren jenem Winkel des Lagers zu, wo der Bunker liegt; denn sie mußten sie ja haben, die Flug- blätter.... wenn der Leuchtschirm nur ja innerhalb der - 385- Umfassungsmauer niedergegangen sein mag, Herrgott noch einmal.. Nein, der Teufel hole die Geschichte: er flog noch etwas darüber hinaus. Bert sieht ihn gerade hinter der weißgestrichenen Lagermauer versinken und geht daraufhin zurück. Kaum hat er die Klinke seiner Blocktür in der Hand, so peitschen schon in den allmählich verebbenden Lärm ein paar MG- Stöße hinein aha, also waren die Späher doch gesehen und rücksichtslos unter Feuer genommen worden. - Noch während des Restes der Nacht, die ohnehin zum Schlafen keine Ruhe mehr läßt, liegt Bert auf seinem Bette ausgestreckt, die Hände hinter dem Nacken gefaltet und übersinnt das Erlebte: wie schwer wird die geliebte Stadt den Frevelmut ihrer Tyrannen nun zu büßen haben- und wie erst in weiterer Zukunft? Werden die Seinigen verschont geblieben sein?- Ach, wie ohnmächtig liegt er hier, der Mann, der vor Gott ihr Beschützer sein sollte.... Und sogleich tritt der letzte Brief Iřinas wieder vor sein geistiges Auge: ,, Fritz, unser bewußtes Sorgenkind, braucht mir jetzt nur noch ein Zeichen zu geben. Der Pfarrer im gleichen Orte, wo sein Lazarett steht, ist schon verständigt und bereit, ihn zunächst aufzunehmen. Ich bin sehr froh darüber und frage ihn nur noch, ob ihm der nötige Mut fehlte, sich zu entschließen... darum:, Quousque tandem, Catilina...?"" Diese zwei, drei Sätze hatten ihn ernsthaft aufgerüttelt, ihn, den alten Soldaten und Frontkämpfer des Weltkrieges aber noch war ja ein Punkt zu bedenken: die Quälerei der Kameraden, sobald einer von ihnen das Weite gesucht hatte... hat er das Schicksal seiner Freunde vergessen, als sie im Frühjahr von der Plantage zurückkamen? Aber auch diesen Stein sollte das Schicksal binnen weniger Tage aus dem Wege räumen. 25 Conrady, Amokläufer. * Beim Morgenappell am nächsten Tage standen Tibbu- Tipp und Hoffmann, also beide Lagerleiter, schon beim Ausrücken der Blocks auf dem Platze, der letztere puter- rot im Gesicht, ähnlich einem Truthahne, der vor Wut bersten will. Wahrscheinlich hatte ihm der nächtliche Luftangriff eine Saufpartie gestört und ihn nicht mehr zu Bette kommen lassen. Aber auch der erste Lagerleiter war auffallend nervös. Und in diese Stimmung hinein platzte die Meldung der abzählenden Scharführer, daß ein Mann fehle—— potz- teufel, das fehlte gerade noch, wo alles von der schlaf- losen Nacht müde war! Alle Blöcke wurden erneut gezählt, ob nicht etwa ein Neuer in Unkenntnis sich zu einem falschen Block gesellt habe— nichts zu finden, es blieb dabei: ein Kroate aus dem 23. Block war abgängig. Berts Genossen bissen sich vor Ärger auf die Lippen. So eine dumme Störung, wo sie darauf brannten, auf dem Plantagegelände nach den Flugblättern von gestern zu suchen. Hinzu trat vermutlich noch stunden- oder tagelanges Stehen, bis man zum mindesten die Spur des Fehlenden gefunden hatte... das konnte bei dem naß- kalten Schlickwetter ein Vergnügen werden! Während die meisten Scharführer in aller Eile davon- radelten, ließ Raportführer Rämmele alle Blockältesten und Capos vortreten. Auch er war schwer verstimmt... wenn der fehlende Kerl das Durcheinander in der gestri- gen Nacht zur Flucht benutzt hatte, so konnte sich das Lager beim nächsten Luftangriff gratulieren, mochte er denken. Die Photos des Mannes kamen. Tibbu-Tipp ließ die Versammelten die drei Bilder des Fehlenden betrachten; sie zeigten ein Gesicht von ganz inferiorem Typ, einen Halbasiaten mit stumpf glotzenden Augen, tierischer Kinnbildung, aufgeworfener plumper Nase... nein, sagte sich Bert, daß dieser Mann die Findigkeit und den Schneid haben sollte, aus dem inneren Lager zu ent- kommen, war mehr als fraglich!— Diese seine Meinung sagte er in ruhigen Worten dem Lagerleiter, der der- selben Ansicht war, die Achseln zuckte und gleich da- nach befahl: „Ihr sucht mir sämtlich jeden Winkel auf das pein- lichste durch, jedes Loch, jeden Kessel, jede Ritze— los und drauf! Wer ihn findet, bekommt eine Schachtel Zigaretten!‘ Also auf zur.allgemeinen Suche. Bert war froh, daran teilnehmen zu können, ohne persönlich den Ehrgeiz zu haben, ihn zu finden. Er trabte zunächst in die Des- infektionskammer, um bei seinem Freunde Pfeifer die Morgenzigarette zu rauchen und die reizenden Kätzchen zu begrüßen. Dann steuerte er wieder der Lagerstraße zu und begegnete dort dem Capo der Elektriker. Sie gingen beide an dem bewußten Eckpfosten der Um- grenzung vorbei, beide wohl dabei an den Freitod des jungen Polen denkend. Denn auch der Capo wies bedeut- sam auf den Pfahl und sagte: „Nun hat der auch am längsten hier gestanden!“ Bert zuckte zusammen, als hätte er sich auf einen wehen Zahn gebissen. ‚‚Was meinst du damit?“ fragte er. „Nun ja, die letzten SS.-Baracken werden noch im Laufe dieser Woche geräumt, und dann werden auch sie von uns belegt. Alsdann verläuft die Umzäunung wieder so geradlinig wie früher, verstehst du?!“ Bert griff die Mitteilung wie mit Geierkrallen ans Herz... einen anderen Weg für seinen geheimen Plan sah er nicht, also mußte die Ausführung schon in den nächsten Tagen stattfinden— sie mußte stattfinden oder unterbleiben! Und als ihm im Weitergehen die Be- deutung dieses Zwanges für ihn klar wurde, war er dieses Druckes auf seine Entschließung geradezu froh. Nicht mehr schwanken zu brauchen, kein Für und Wider abwägen zu müssen, tat wohl..... ‚Das Muß ist hart‘, sagt Goethe, ‚aber beim Muß kann der Mensch allein zeigen, was in ihm steckt. Denn willkürlich kann jeder leben!‘ Und stracks machte er kehrt und ließ das Suchen die anderen besorgen. Er setzte sich in seinem Block an den Tisch und schrieb den Brief fertig, der heute fällig war 25% - 388- wenn er ihn dem Oberst Adam mitgab, der in der Postzensur arbeitete, konnte er versichert sein, daß er noch am gleichen Tage hinausging... also vorwärts! Alle Zweifel fielen beim Schreiben wie Schlacken von ihm ab. Schluß mit der lähmenden Unruhe, die in den letzten Wochen ihn fortgesetzt vom Ja zum Nein gehetzt hatte.... Er vermerkte in dem Briefe, daß ab 17. dieses Monats unser Fritz zuversichtlich als gesund gelten dürfte und Iřina sich darauf einrichten möge, zumal die Lazarette ihre Entlassungen stets in früher Morgenstunde vornehmen würden.... Mit einem Gefühl der Genugtuung, der Erleichterung sondergleichen trug er den Brief zum Appellplatz. Seine Gedanken flogen dabei den Zeilen voraus... und eine heiße Sehnsucht nach der Geliebten, wie nach der Schwester erfaßte ihn, jene süße, träumerische Wehmut eines unerwarteten Wiedersehens. Auf dem Appellplatz stand weiterhin alles angetreten in den vorgeschriebenen Blockformationen. Die Leute traten durchnäẞt von einem Fuß auf den anderen. Der Schlick, wäßriger Schnee, rieselte immer noch auf sie herab, klebte sich an die tropfende Nase, drang durch die zerlöcherten Sohlen... die Polen hatten ihre besondere Methode, sich etwas zu schützen: sie krochen ganz dicht an den Vordermann heran, so daß ihre Blocks wie eine Wespentraube aussahen. Nur hinderte das nicht, daß die am Außenrande Stehenden trotzdem durchnäẞt wurden und sich nur mühsam noch aufrecht hielten; denn ein paar Stunden waren inzwischen schon verstrichen. Wieder verging eine Stunde, da sanken mit einemmal drei dürre Polen zugleich um, lagen glattweg am Boden, mit verdrehten Augen, im Schlamm des Platzes Bert vergaß seinen Brief. Kein Scharführer war zu sehen, alle beteiligten sich an der großen Suche. So griff sich Bert eine Reihe von Polen heraus, um die Ohnmächtigen zum Revier zu tragen. Mit einem weiteren, der gleichfalls umsank, waren es ihrer schon vier. Der Zufall oder das Schicksal vielmehr - wollte, 389- daß er am Eingang zum Revier dem Chefarzt begegnete, einem neu zugeteilten SS.- Sturmbannführer, endlich mal einem warmherzigen, korrekten Manne, dem er sogleich Meldung erstattete. Die Miene des Arztes verfinsterte sich. ,, Verdammter Blödsinn!" knurrte er. ,, Ein halber Tag Stehens bei solchem Wetter verdirbt mehr, als ich mit aller Mühe in einem Vierteljahr wieder gut machen kann- schaffen Sie die Leute herein und bestellen Sie sofort mein Rad!" Der Pförtner eilte mit dem Stahlroẞ herbei, der Chefarzt schwang sich darauf, Bert lief voller Interesse hinter ihm drein und hörte, wie er den salutierenden Hoffmann auf dem Appellplatze anherrschte: ,, Ich verlange sofortiges Abrücken der Blocks und verbiete künftighin bei solchen Fällen jedes längere Festhalten der Leute mein Revier ist schon überfüllt genug, weiteren Zugang ohne Not verbitte ich mir!" Der Lagerelefant wurde blaß und rot, gab aber natürlich sofort den Befehl zum Abrücken. Und als ob die Anständigkeit des Arztes belohnt werden solle, kam ein Scharführer in voller Eile auf Hoffmann zugeradelt und rief aus: Wir haben ihn, er war versteckt!" "> Bert fiel bei dem Auftritte ein Stein vom Herzen. Nun war auch die letzte Hemmung für sein Vorhaben beseitigt. Er ging dem Männerhaufen entgegen, der aus der Tiefe der Lagerstraße heraufkam. Daß sich der Gesuchte nur versteckt hatte das Törichtste frei- - lich, was einer im Lager tun konnte war ihm gleichfalls überaus lieb, zumal er es vorausgesehen hatte. Eine Rotte von Blockältesten und Capos, begleitet von zwei Scharführern zu Rade, trieb vor sich her einen Menschen, der wie ein Irrsinniger um sich blickte, blaurot im Gesicht und mit zuckenden Armbewegungen, als wolle er jeden Augenblick Kopf und Schulter vor Schlägen schützen. Mit seinem stolpernden Gang, seinem gekrümmten Rücken, halb verhungert, wie er aussah, war er mehr Vieh als Mensch- und jetzt, wo er auf dem Eingang zum Platz innehielt, um mit wild verzerrten 300= Zügen und blöden, erloschenen Blick auf seine Um- gebung zu starren; wie er so dastand, um die Marsch- reihen an sich vorbeizulassen, glich er mehr einem Diluvialmenschen als einem Geschöpf des 20. Jahr- hunderts... auch ein Staatsfeind, du lieber Himmel! Leo, der sich an der Suche beteiligt hatte, erzählte Bert, daß sich der Kroate im Kamin der neu erbauten Desinfektionskammer versteckt hätte, und zwar, wie er dem Dolmetscher angegeben habe, weil das Getöse und die Lichteffekte während des Luftangriffes ihn glauben gemacht hätten, die Hölle sei losgebrochen, also nicht einmal, um der Lagerordnung zu trotzen... glaubhaft bei dem Geisteszustand des Gefundenen, wenngleich eine Kateridee sondergleichen. „Lassen wir ihn‘, wandte Bert auf die Erzählung des Freundes ein. ‚Für uns alle hat er das große Ver- dienst, daß sich der Chefarzt für immer das gräßliche Stehen der Mannschaft verbeten hat, bis der Gesuchte gefunden ist!“ „Denk’ an, das wußte ich noch nicht!“ rief Leo erfreut aus. ‚Na, das ist ja ein wahrer Segen....“ „Und mir persönlich besonders lieb“, fügte Bert 3 freudig hinzu. ‚Dir?‘ fragte Leo und sah ihn über- rascht an. ‚‚Warum das?“ =„Nun“— zögerte Bert lächelnd und gab dann scher- zend zu.„Vielleicht habe ich auch die Absicht, mich| | demnächst zu verstecken, glaubst du nicht?“ Leo blieb stehen und drückte des Freundes Arm. „Das wirst du niemals tun— dann rücke gleich richtig aus, das könnte ich bei dir schon verstehen, mein Lieber! Aber nun entschuldige mich, ich muß meinen Block| abtreten lassen....“ Hernach liet ihm noch Oberst Adam in den Weg. Bert konnte ihm seinen Brief sogleich übergeben mit der Bitte, für rascheste Abfertigung sorgen zu wollen und dabei die Zensur möglichst zu umgehen.| * — 391— Am anderen Morgen fand nach Tibbu-Tipps uner- schütterlichem Prinzip die öffentliche Auspeitschung des armen Kroaten statt. Seit Christi Himmelfahrt war es die erste Wiederholung dieses scheußlichen Aktes, für Bert die rechte Abschlußszene seiner Tage im Lager, um ihn das entsetzliche dieser Zustände nicht vergessen zu lassen. Hoffmann, der Lagerelefant, lebte sich dabei wieder so recht aus. Den kläglichen Burschen packen und herumstoßen, mit der Faust ins Gesicht schlagen und endlich auf den Bock zwängen, den der Henker Bernhardt schon bereit hielt, das entsprach vollauf seinem Wesen, der Verkörperung des alten Dachauer Geistes.... Aber gottlob war auch der Chefarzt wie ein Schutzgeist zur Stelle und trug eine Miene zur Schau, als habe er ohnehin erst nach langem Kampfe seine Zu- stimmung zu der Exekution gegeben. Und was konnte der ausgemergelte Körper des Ge- quälten schon aushalten?— Er schrie bis zum fünften Doppelschlage noch, dann war er stumm. Beim 20. Dop- pelhieb schritt der Chefarzt ein und gebot Abbruch der Mißhandlung, zum sichtlichen Kummer von Hoffmann. ... Die Scharführer banden den Bewußtlosen, an dessen Beinen das hellrote Blut herunterrann, vom Bock los und ließen ihn einfach zu Boden gleiten, als Bernhardt mit seinen Instrumenten davonschritt.... So lag der Ärmste mit ausgestreckten Armen und verglasten Augen in seiner Blutlache, während die Mannschaften an ihm vorbei und über ihn hinweg zu ihren Kommandos eilten, wie der Befehl gelautet hatte. Bert stand mit Charly Ziounek, dem klugen Jour- nalisten, soweit wie möglich hinten und flüsterte ihm ins Ohr:„Zum Glück ist das die letzte Auspeitschung, » die ich mit ansehen muß!“ Ein Gefühl saß ihm in der Brust, als müsse ihm der Atem versagen; doch war er fest entschlossen, auch für diesen Getreuen etwas den Vorhang zu lüften, der seine nächste Zukunft verhüllte, um ihn nicht irre an ihm werden zu lassen. „Ja, walte Gott, daß es so wäre‘, flüsterte Charly - 392mit zustimmendem Nicken.... ,, Nein, nein!" erläuterte Bert. ,, Es ist für mich positiv das letzte Mal, Charly!" Das sagte er so eindringlich wie möglich und sah dabei dem Freunde fest in die Augen. Dieser gab den Blick forschend zurück und riß, als er seine Vermutung in Berts Miene bestätigt fand, die Augenbrauen vor Erstaunen hoch. Dann wiegte er den Kopf bedenklich hin und her und gab leise sprechend zurück: ,, Hast du auch alles genau bedacht? Bist du über den Weg hinaus und den Weg draußen wirklich bis aufs Kleinste orientiert damit du dir und uns den Rückschlag ersparst, Oberst?" ,, Alles bedacht, alles geordnet, das kannst du dir ja denken... «« ,, Nun, dann von Herzen Hals- und Beinbruch dazu. Du weißt ja: Kühnheit ist die Mutter des Entschlusses und Gefahren sind deren erster Lohn, das ist etwas Uraltes! Du kannst unter Umständen ein großer Tröster für uns alle werden, die wir noch zurückbleiben!" Er drückte ihm herzlich die Hand. Kein weiteres Wort fiel zwischen den Beiden über die Frage. Unter Männern, die soviel Herbes miteinander durchgemacht hatten, bedurfte es dessen nicht. * Für sich selbst bereitete Bert nunmehr nach jeder Richtung hin alles vor. Er machte mit seinen paar Uneingeteilten, die ihm noch verblieben waren, die täglichen Freiübungen mit, um körperlich geschmeidig zu bleiben; denn immerhin stellte die geplante Eskapade einige Forderungen an seine Gewandtheit. Immer wieder blieb er unauffällig an der Ecke der Umzäunung stehen und taxierte das Überklettern der Stacheldrähte unter Vermeidung der Starkstromleitung. Wenn die Füße derb beschuht und die Hände umwickelt waren, mußte es trotz des Waldes von Stacheln zu schaffen sein.... Er traf nochmals den Capo der Elektriker und bot ihm ein gutes Taschenmesser an, wenn er ihm am Abend ein 393 gewisses Quantum Guttapercha mitbringen wollte, das er zum Abdichten einer Bastelei dringend brauche. Der gutmütige Capo stimmte zu und hielt Wort. Bert bedachte aber auch, daß die Anlegung der Extra- Uniform in jener SS.- Baracke zu den unumgänglichen Punkten seines Programmes gehörte. Zur Vorsicht ging er nochmals mit Manz gemeinsam hinaus, angeblich um den Feindsender wieder abzuhören. Im Nebenzimmer fand er wie damals die Uniform und Stiefel samt Koppel und Mütze sauber hängen, nur das früher angelehnte Fenster war diesmal verschlossen wegen der rauhen Witterung. Bert machte es lautlos auf und lehnte es so an, daß es jederzeit von außen aufgestoßen werden konnte... auch dies wäre also in Ordnung. Am Eingang zum Lager traf er auf Stillfried und beschloß sofort, diesen besten seiner Freunde über seinen Plan aufzuklären. Er nahm ihn sacht am Arm und ging auf Umwegen mit ihm zur Baracke. Dabei weihte er ihn offen in sein Vorhaben ein, es erläuternd: ,, Soll ich etwa warten, bis in wenigen Tagen die einzige Chance, die sich dazu bietet, beseitigt ist und ich von Hoffmann in irgendein Marterlager im Norden verschickt werde? Sei beruhigt, es wird mir nicht so ergehen wie dem armen Teufel vorgestern. Stillfried zuckte etwas befangen die Achseln, bevor er antwortete: ,, Schau, lieber Oberst, das ist so sehr alleinige Angelegenheit jedes einzelnen und eine Sache von so überaus weittragender Bedeutung, daß niemand sich erlauben darf, ab- oder zuzureden.... Daß du meinen Segen, wenn ich so sagen darf, zu deinem Plan von ganzem Herzen hast, weißt du von selbst, ohne daß ich darüber Worte verliere nur verlange nicht von mir, der ich soviel Bitteres hinter mir habe, daß ich etwa mittue! Denn wer wie ich sechs Wochen in Hunger und Finsternis saß, für den ist der jetzige Zustand schon eine Art Erlösung, mit der er sich gern bescheidet... nicht also wünsche ich mit dir ein frohes Wiedersehn hier, sondern in der geliebten Heimat... laß dich bis dahin nochmals umarmen!" - - a Auch das wäre somit getan. Am, Nachmittag ging Bert im Lager umher, ohne sich um sein Kommando zu kümmern, so sehr nahm ihn der Gedanke an das Ende seines Lagerlebens gefangen. Vom Haupttor angefangen bis in die letzten Winkel der Gärtnerei durchstreifte er nochmals das ganze Lager, um gleichsam von allem Abschied zu nehmen, ausgenommen vom Bunker, in den er nicht eintreten konnte und wollte. Schwächer und schwächer fiel das Licht der sinken- den Sonne auf die hohen Tannen des Wildparks, auf die frisch geteerten Dächer der Blocks. Ein trüber Abend zog seine Spinneweben dichter um die Fenster der Barackenstadt... bis schließlich zum Abendappell die riesigen Scheinwerfer aufstrahlten und ihre Lichtbündel den marschierenden Trupps entgegenwarfen. Noch einen heiteren Feierabend verbrachte Bert in seiner Stube 4 im Kreise von Stillfried, Täubler, Adam und Zrounek. Dem wackeren Ogertschnigg aus Kärnten wollte er die paar Vorräte in seinem Spind hinterlassen. ... Dann lag er die letzte volle Nacht auf seinem hart gestopften Strohsack, dicht unter der Bodenplatte des oberen Bettes, und dachte, ob er wohl jemals wieder seinen Schlummer in solch einem Stalle voll Menschen werde suchen müssen, wo dem einzelnen nicht ‚mehr Platz blieb wie einem Karnickel in seinem Käfig?— Doch mit der Energie, die ihn jetzt wie einen Renner vor dem Startschuß erfüllte, schaltete er alles Grübeln. aus, um seine Ruhe nicht zu verkürzen, die er für die kommende Nacht brauchen würde.——— IV.> GROTESKES ZWISCHENSPIEL. „La chance n’est qu’une soigneuse attention aux details.‘ oe Chamberlain NACHT DER ENTSCHEIDUNG. In der folgenden Nacht behielt Bert zum ersten Male seine Unterkleidung im Bette an und verstaute Kittel und Hose unter der Decke. Die dunkle Farbe der winterlichen Kleidung des Lagers und die dunkelblaue Leibwäsche waren für die Flucht eine gute Tarnung gegen Sicht, wie er bedachte.... Ebenso behielt er den Knäuel Guttapercha bei sich im Bett; denn sein Spind konnte er im Verlauf der Nacht nicht ohne merkliches Geräusch öffnen. Um Diebstähle zu verhindern, wurden nämlich an jedem Abend vor dem Schlafengehen die großen Tische gegen die Spindflächen geschoben, so daß deren Türen nicht aufgingen, ohne daß vorher die langen Tische geräuschvoll beiseite geschoben wurden. Seine Armbanduhr behielt er während des Liegens gleichfalls in der Hand und verfolgte ihren Gang. Nicht um eine Spur schlug sein Herz rascher als sonst. Das übliche Einschlafen der Gefährten vollzog sich langsamer, schien ihm, als gewöhnlich. Erst zog sich ein geflüstertes Plaudern noch von Bett zu Bett, ein neu aufgegriffener Witz, eine gewagte Vermutung über den Kriegsausgang machten ihre Runde, bis der Korporal als Stubenältester endgültig Ruhe gebot und das seuf- zende Schnauben und Fauchen der Schlummernden überhand nahm. Richtige Schnarcher gab es ja in einem Kz nie länger als ein oder zwei Nächte, dann hatten .die anderen es ihnen gründlich abgewöhnt. Vor Mitternacht durfte Bert nicht wagen, die Block- tür im Vorraum zu öffnen, da immer noch der eine oder 396andere der Häftlinge eine verspätete Zigarette auf dem Abort rauchen konnte, mochte es auch streng verboten sein. Außerdem mußte er auch mit der völligen Leere der Straßen vom Lager in die Stadt hinein rechnen. Bis zwölf Uhr konnten stets noch einzelne Scharführer der SS. sich von einer Zecherei nach Hause trollen und ihn dabei entdecken. Von Zeit zu Zeit prüfte er durch das nahe Fenster vom Bett aus.das Wetter. Die Tage des Neumondes hatte er ohnehin schon ausgewählt, so daß er nicht etwa solch störendem Mondlicht ausgesetzt wäre, wie es in der Nacht des Luftangriffes geherrscht hatte. Der Abend hatte nasse Witterung herangezogen. Ein mattes, trauerndes Nebelreißen in der Luft würde ihm wohl das Geleite zur Flucht geben Vorhaben. - ganz passend für Berts Nun hält er seine kleine Uhr, deren Zifferblatt hell leuchtet, an die Augen und erkennt die Zeit: zwanzig Minuten nach zwölf. So kann es also losgehen... addio, alter, harter Strohsack, nach strikter Lagervorschrift fest wie ein Brett gestopft! Er streichelt ihn noch einmal flüchtig mit der Hand. Dann richtet er sich lautlos auf und legt die Bettdecke von sich, schlüpft in seine filzenen Hausschuhe, alles genau so, als ob er zum Austreten nach dem Abort hinaus wolle. Nur nimmt er Hose und Rock auf dem Arme mit. In der dick angefüllten Hosentasche steckt das Isolationszeug, in der Rocktasche, die er sich selbst innen angenäht hat, seine Dose mit Zigaretten und die Zündhölzer. Im Abort ist niemand mehr. Hier legt er die Kleider zunächst ab und zündet sich eine Papyros an. Sie gibt den Nerven ausgeglichene Ruhe. Jetzt ist er tatsächlich so voll freudigem Gleichmute, als ob er sich zu Hause für eine nächtliche Pirsch oder in den Bergen für eine Gipfelpartie vorbereiten würde. Der Tabakstummel fliegt in eines der Becken. Die Hosen werden angezogen und zugeknöpft, der Rock desgleichen fertig. Keine Mütze auf den Kopf, keine - - 397Stiefel an die Füße. Die weichen Filzschuhe Dachauer Fabrikats sind besser und leiser. Nun muß er zu der schweren Eingangstür des Blockes hinaus. Nicht umsonst hat er sich in den verflossenen Tagen darin geübt, die Tür lautlos zu öffnen, was bei dem klobigen Ding, dessen Holz- und Eisenteile ständig der rauhen Witterung des Lagers ausgesetzt sind, so ziemlich ein Kunststück ist... doch es gelingt ihm. Einen Wimperschlag lang orientiert er sich, auf welcher Seite es besser wäre, weiterzuschleichen. Die Nacht ist gottlob so gut wie lichtlos. Alles erscheint schwarz und blau, mild und geheimnisvoll in dem großen Schweigen des tiefen Dunkels. Der Geruch des Regens hängt in der Luft, und das Bild der regungslos daliegenden Barackenstadt verwischt sich mit den tief dahinziehenden Wolken.. Nicht so aber an der Lagerstraße. Dort brennen hochkerzige Lampen, die einen diffusen Schatten an die einzelnen Blockwände werfen. Auf der Seite seines eigenen Blocks ist es besser entlang zu gehen.... Tief gebückt, damit sein Kopf nicht an den Fenstern sichtbar werde, falls irgendeiner im Wachsein seinen Blick auf die Scheiben richten und ihn sehen könnte, schiebt er sich vorwärts. Das alles bietet keine Schwierigkeiten. An der Stirnseite der Baracke macht er in Hockstellung halt und späht aus. Wohltuende Stille beherrscht die Runde. Drüben, wo die Umzäunung an der Baracke 8 rechteckig vorspringt, leuchtet die rote Lampe als Signal des Starkstromes, der das Drahtwerk durchzieht... so warm leuchtend ist ihr Strahl, als ob sie das ewige Licht' vor einem Altar wäre, nicht Ankündigung eines barbarischen Mittels des Zwanges gut, gut, ihr Herren Nazis, sagt sich Bert ingrimmig lächelnd, auch die Grenzen eurer Macht sind gottlob nicht unüberwindlich!- Und nun vorwärts, das schwerste Stück Arbeit seit langer Zeit beginnt. Ein leises Lüftchen regt sich nun in den Zweigen der 398- Pappeln, an deren Stämmen er geduckt entlang schleicht. Der Geist des Dunkels fröstelt in ihren Wipfeln; stille, sacht durchwehte und durchtröpfelte Luft der Nacht. Die Temperatur mag dicht am Nullpunkte sein, die Mitte ungefähr zwischen Frost und Tauwetter. Im Schatten einer kräftigen Pappel gegenüber dem Eckmast der Umzäunung packt er seinen GuttaperchaBallen aus der Tasche und umwickelt damit die Füße in aller Sorgsamkeit, hernach auch die Hände, so gut es geht. Die Enden müssen so befestigt werden, daß sich kein störender Lappen ablösen kann. Zugleich achtet er scharf darauf, keine deutliche Spur zu hinterlassen, denn es ist gewiß nicht nötig, daß man den Weg, den er genommen hat, zu früh entdeckt. Wie er aber die Lagerstraße überqueren will, um den Eckmast anzugehen wie irgendeine Steilwand in den Bergen, da hört sein Ohr, das die Stille ringsum geschärft hat, ein leises, flüchtiges Knirschen auf dem Kies der breiten Mittelstraße im gleichen Moment duckt sich Bert auch schon erneut hinter die alte Pappel, die ihn allerdings nur zum Teil verbergen kann. - - Kruzitürken die Lagerronde kommt bereits. Sie hätte er beinahe vergessen! Es ist der Diensthabende der Lagerpolizei, Bert erkennt deutlich den Scharführer, der auf seinem Fahrrad flink näherkommt, an dem vernickelten Brustschild, das im roten Licht der Starkstromlampe aufleuchtet... es ist zufällig sein früherer Gönner, der ihm einst die baldige Entlassung prophezeit hatte. Ziemlich arglos radelt der blonde Junge heran, pfeift leise eine Schlagermelodie zur Unterhaltung und späht recht oberflächlich nach rechts und links in die Blockgassen hinein. Aber da hier am Beginn der Lagerstraße nur Revierbaracken liegen, verschwendet er auf sie die geringste Aufmerksamkeit. Von den Kranken und Halbtoten wird sich ja niemand aus den Betten wagen. Den tief geduckten Mann im Schatten der Pappel, der sich die schwärzlich umhüllte Hand vor das Gesicht 399hält, um es besser zu tarnen, entdeckt er nicht-- und mit flotten Tritten treibt er sein Velo im Takt der Melodie voran. Wieder ist eine große Gefahr vorbei. Bert malt sich gedankenschnell aus, was ihm zu tun verblieben wäre, wenn ihn der Lagerpolizist bei der Kletterei betroffen hätte... so gut er an sich mit ihm stand, wäre eine Meldung dennoch niemals zu vermeiden gewesen- oder ohne weiteres eine Kugel. - - Nun sind seine Nerven so angespannt wie die Saiten einer Geige. Nur jetzt keinen Fehler aus Übereilung machen! Mit verhaltenem Atem, die Augen weit offen, lauscht er- in der Ferne schallt der Anruf, mit dem der Scharführer die Wachposten auf den einzelnen Türmen anruft, um sich ihnen kenntlich zu machen und ihre Meldungen zu empfangen, bis zu ihm herüber.... Und da kommt das sorglose, leise Pfeifen schon wieder auf ihn zu, ebenso das Knirschen der Gummiräder auf dem Kies einer Blockgasse. Zwischen zwei Baracken taucht der blonde Lagerpolizist wieder auf. Er hat seine Runde durchs Kz vollendet und wohl alles in Ordnung gefunden... nun fährt er, statt stracks dem Ausgang der Straße zuzuhalten, noch zu seinem Vergnügen eine lässige 8 quer über die Straße, als wolle er noch etwas pausieren, gerade hier, wo der Flüchtling steckt als lasse ihn ein geheimes Gefühl vermuten, daß doch nicht alles so , o. k.' sei, wie man im Kz gewöhnt ist zu sagen. Und zu pfeifen hat er aufgehört, als lausche er einer Stimme im Inneren... es ist eine arg bange Sekunde für Bert, dies zu beobachten. Seine Zähne schlagen aufeinander wie im Fieberfrost.... -- Doch dann siegt wohl in dem jungen SS.- Mann das Verlangen nach der warmen Wachstube im Haupttor und einer unterbrochenen Tarockpartie vielleicht--wie dem auch sein mag, er dreht jedenfalls ruckartig um und radelt scharf dem Appellplatz zu, dabei weder nach links, noch nach rechts schauend. Und das Lager der Gefangenen sinkt wieder in seine tiefe Stille zurück. Gottlob, das wäre überstanden, murmelt Bert bei sich. Er schaut auf seine Armbanduhr— es ist dicht vor Eins. Für einen Augenblick noch steht er still und lauscht dem Gelispel der Pappelblätter, mit denen der Nachtwind spielt.... ‚Fürchtet euch nicht vor dem, was zu fürchten wäre‘, sagt Hölderlin, ‚fürchtet euch nur noch vor der Furcht‘!— Vorwärts drum! Er schleicht über die breite Lagerstraße dem Eck- mast zu, so rasch es ihm die umwickelten Füße gestatten. Und drüben beginnt er ohne Zögern— denn er ist jetzt jedem etwa auftauchenden Blicke so gänzlich ausgesetzt wie nur möglich— über die nach außen vorgeschobenen tieferen Drähte aufzusteigen... dabei findet er, daß man mit- einiger Umsicht ganz leidlich zwischen den geschärften Stacheln hindurchgreifen kann. Die plump vergröberten Füße freilich haben keinen freien Platz, doch können die Stacheln der dicken Umwick- lung und den Filzsohlen nichts anhaben. Nur muß man eben auf jeden Tritt peinlichst Obacht geben, genau wie bei einer heiklen Bergarbeit an steiler Wand. Das vorgeschobene Hindernis, in das sich seinerzeit der junge Pole in seiner Verzweiflung blindlings hinein- geworfen hatte, wäre nun überwunden.... ‚Guet isch’s gange!‘ muntert er sich selbst im stillen auf Schwäbisch auf und rastet nicht weiter; denn nun kommen die ersten senkrecht übereinandergereihten Drähte an die Reihe. ... Und wieder muß Bert bei allem hohen Ernst seiner ‚Lage insgeheim lächeln, als er bemerkt: Die Führung der mit Starkstrom geladenen Drähte ist über porzellanene Isolatoren geleitet. Sie lassen jeden Aufmerksamen glatt erkennen, welche Drähte für ihn lebensgefährlich und welche harmlos sind. Nichts ein- facher als die geladenen Stränge sorgsam zu ver- meiden, wenn auch Griffe und Tritte hierdurch ziemlich schwierig werden. Für einen so geübten Kraxler wie ihn bietet dies kein Problem. Wozu ist man in der mütter- lichen Heimat, dem schönen Engadin, groß geworden? Und außerdem; soviel Verstand und so viel scharfe Augen man auch in die Welt mitbringen mag, wirklich — 401_—- zu beobachten lernt man allein durch die Not und durch Leiden. Mit allem Bedacht, immer erst die Finger an die Stellen der Drähte setzend, an denen sich keine Stacheln befinden, hernach die umwickelten Füße. wahlloser setzend— und in erster Linie die Stromleitungen pein- lichst vermeidend, geht es langsam aufwärts. Früher schon hat Bert gezählt, daß 32 Stacheldrähte und vier Stromleitungen den Eckmast in gleich dichten Abständen vom Erdboden bis zur Höhe hinauf bedecken.... Er bringt sie allmählich unter sich. Ein letztes Klimmen noch— und er kniet bereits auf dem flachen, unebenen, Kopf des dicken Holzmastes, erst mit dem rechten Bein zwar, aber das linke folgt unter vorsichtiger Umgehung der obersten Strom- leitung nach. Nun sind beide Knie oben an dem Punkt, zu dem er so oft in den letzten Tagen seiner Ungeduld voll Sehnsucht hinaufgeblickt hat... dem Herrgott sei Dank! Die erste und vielleicht schwierigste Etappe seiner Flucht— deshalb, weil sie rein turnerische An- forderungen stellte, ist erledigt—— eine wilde Freude, ein fanatischer Hohn leuchtet in seinen Augen auf. Bevor er sich nun mit der Linken auf den Stamm stützt und jenseits herabspringt, grüßt er mit der Rechten zu der jetzt ganz nahen roten Lampe hinüber, die ihn wie ein boshaft funkelnder Glühwurm bearg- wöhnt.:».„Schau her, du stumpfsinniges Ding“, mur- melt er, und es liegt ein nahezu jungenhafter Übermut in seiner Geste: ‚‚da leuchtest du Nacht für Nacht umsonst als Warnung. Aber kommt einer mit etwas Courage, so lacht er über dein Drohen..: und nun lebe wohl!‘ Die gesamte Kletterei hat immerhin eine volle halbe Stunde gedauert, wie er von seiner Uhr abliest. Nun ein geringer Schwung zur Seite, wobei der linke Arm als Stützhebel dient, lüftet den Körper vom Kopf des Eckpfeilers etwas empor und läßt ihn in kurzem Fall auf der Innenseite des umzäunten Rechtecks landen, zum Glück auf einem schmalen Rasenstreifen, so daß von dem Absprung kaum etwas zu hören ist. Nur wäre 26 Conrady, Amokläufer. - 402 Bert beinahe beim Aufrichten zurückgetaumelt und um Haaresbreite in das Drahtgeflecht gesunken, dem er eben erst durch seine Kletterei entronnen ist. Doch rettet ihn ein schneller Ruck der Schultern seitwärts vor der Gefahr... so liegt er gottlob in dichtester Nähe der Stacheln am Boden und wälzt sich erst etwas vorwärts, bevor er sich erhebt. Auch dies wäre nun beendet. Daß die abgegrenzten Baracken Nr. 2-8 schon seit ein paar Tagen von den letzten SS.- Truppen geräumt sind und nur noch der Reihe nach gesäubert werden, ist Bert zwar bekannt. Trotzdem ist der allgemeinen Umgebung wegen volle Geräuschlosigkeit seiner Bewegungen erforderlich. Wieder einmal horcht er zusammengeduckt auf, aber nichts rührt sich. Ringsum ist eine gähnende, geheimnisvolle Stille. Vorwärts, weiter! Auf dem groben Kies, der diese Baracke wie alle anderen umgibt, pirscht Bert nun bis zu einem kräftigen Schlagschatten an der Stirnseite des Blockes. Als er ihn erreicht hat, hält er nochmals kurz inne, um die Umwicklung von Füßen und Händen zu entfernen. Das nun nutzlos gewordene Zeug steckt er in die Hosentasche, zieht flugs Rock und Hose aus, ebenso das dunkelblaue Flanellhemd aus der Lagerkammer und die gleichfarbige Unterhose, schließlich auch noch die Socken, so daß er für eine Sekunde splitternackt dasteht und fröstelt.. Aber blitzschnell sind Oberhose und Rock nebst Hausschuhen wieder angezogen, während das Unterzeug auf seinem Arm zu liegen kommt. Alles dies ist gut und genau bedacht worden. Bert weiß, daß nun das zweite, recht gefährliche Teilstück seiner Flucht folgt, nämlich die Überquerung der sogenannten, neutralen Zone' und des zu ihr gehörigen Bergwassers angesichts des vor ihm ragenden Wachtturmes und des nahen Haupttores mit seiner Nachtwache von mehreren Scharführern. Am zweistöckigen Wachtturme, einem der vielen an der langen Lagergrenze, brennt eine starkkerzige Glühlampe. Ihr Strahlen ist wesentlich unerbittlicher als - 403 das Licht des roten Lämpchens, das Bert eben noch verspottet hat. Und hinzu kommt vor allen Dingen das Auge des Posten oben am Ausguck, wo zwei Maschinengewehre herausragen- dieses Auge, das eigentlich auf Bert gerichtet sein müßte, wenn der Posten auf dem Posten wäre... dann wär's gründlich, g'fehlt', bayrisch gesprochen! Aber an diesen wunden Punkt hat Bert natürlich gedacht. Er weiß, daß er jetzt in seiner dunklen Kleidung, das ebenfalls dunkle Unterzeug geballt auf dem linken Arm, zu kriechen hat in aller erdenklichen Langsamkeit, nicht rascher als eine alte Schildkröte dicht vor dem Einschlafen. Und er tut es wirklich so. Erst geht es über die bedenklich aufblinkenden Kiesel eines frisch geschotterten Weges hinweg, der zum Glück nicht allzu breit ist. Dann über kurzen, zum Teil schon vergilbten Rasen. Die Abendnässe des Grases dringt durch seine Kleider, durchnäẞt kühlend den Körper, der sich von der Anstrengung des Robbens erhitzt. Ihm tut es nichts, daß die Oberkleidung völlig durchfeuchtet ist, denn sie wird ja bald gänzlich naß werden, wenn er das reißende Bergwasser zu durchwaten hat. Nur die Unterkleidung soll leidlich trocken bleiben, deshalb schützt er sie nach Möglichkeit vor der Nässe So oft hatte ihn und das ganze Lager in diesen Tagen der dichte Nebel aus den Hochmooren um Dachau herum eingesponnen, sehr zu seinem Unbehagen. Jetzt hätte er zur Stelle sein können, jetzt wäre er ihm eine Wohltat gewesen und eine immense Erleichterung seiner Aufgabe aber nein! - - Gottlob, der Posten oben auf seinem Ausguck interessiert sich nicht für die Welt zu seinen Füßen, wie es seine Pflicht wäre. Vielleicht ist es einer der betagten Landstürmer, die man zur SS. gepreßt hat und die den , Klimbim ohnehin nicht allzu ernst nehmen. Nun, da er weiß, daß die Ronde der Lagerpolizei vorbei ist und ihm nun weiter keine Kontrolle mehr bevorsteht, wird er wohl die Zeit als geeignet für ein kleines 26" - 404Nickerchen halten... der Himmel bewahre ihm seinen Schlaf! Aber das Licht aus dem nahen Haupttor ist fatal. Es beleuchtet den Rasen der, neutralen Zone' derartig hell, daß Bert neben der Gefahr wenigstens den einen Vorteil hat, alles vermeiden zu können, was knistern, knacken, rascheln oder gar poltern könnte.... So geht es ein paar Minuten mit zusammengebissenen Zähnen dahin, im Bewußtsein, daß nichts ihn retten könne, wenn er jetzt durch irgendein Pech auffallen würde. An nichts, absolut nichts jetzt denken, schärft er sich ein. Nur vorwärts mit allem Bedacht., Quand on agit, on ne s'explique pas'! Schließlich ist auch dies prekäre Stück glücklich überwunden. Er befindet sich nun so nahe am Fuße des Turmes, daß der Posten von oben sich schon völlig herauslehnen müßte, um ihn zu sehen. Und gleich an der Rückseite des freistehenden Turmes beginnt der Abfall zum Wildwasser herunter, der Amper oder eines Teils von ihr, der hier vorbeigeleitet worden ist. Auf den flinken, kleinen Wellen des dahinschießenden Wassers hüpft und zittert das Licht vom Turm in munteren Sprüngen. Eine feuchtkalte Luftschicht liegt über dem zementierten Bett des Gewässers, das ungefähr fünf Meter Breite besitzt. Behutsam rutscht der Flüchtling die steile Böschung hinab bis kurz vor den Wasserspiegel, macht Halt und wirft seine Unterkleider mit kräftigem Schwunge hinüber ans andere Ufer. Kaum sieht er sie drüben griffbereit im Grase liegen, so taucht er selbst in das eiskalte Bergwasser ein, das ihm bis zu den Hüften reicht. Leises Murmeln und etwas Glucksen von seinem langsamen Schreiten im Flußbett sind nun um ihn wie ein Gruß aus den lieben Bergen. Wenige Schritte sind nur zu tun, bei denen aber der heftige Strom des Gewässers ihn umzuwerfen und mit sich zu reißen versucht. Dann faßt er das drübige Ufer und klimmt hinauf, triefend vor Nässe, Mit Vorbedacht landet er dort, wo der Schlagschatten - 405 des Turmes, verursacht durch die helle Lampe an seiner Vorderseite, ihm gute Deckung gibt. Hier streift er zunächst die lästige, nasse Hose herunter, trocknet sich Leib und Beine mit dem Tuchrock ab und zieht sogleich die dunkelblaue Unterwäsche wieder an. Die Häftlingskleidung hat damit endgültig ihren Dienst getan und muß beseitigt werden. Bert läßt sie hinunter in das Bachbett gleiten und sieht mit Befriedigung zu, wie die Wellen beide Stücke ergreifen und mit sich fortreißen nur das eigene Taschentuch, das Rauchzeug und den Ballen Guttapercha hat er behalten, letzteren aber nicht, um ihn nochmals zu gebrauchen, sondern aus der Erwägung heraus, daß die Stücke gefunden werden könnten und das Material in ihrer Tasche den Capo der Elektriker sofort mit dem Verdacht belasten würde, Berts Flucht begünstigt zu haben. Was nun weiter? Aus dem inneren Lager ist er gottlob heraus. Wenn er sich aus seiner Hockerstellung aufrichtet, sieht er drüben schon die große Zahl bewohnter oder erst halbfertiger Baracken der sogenannten , K.L.- Verstärkung' liegen, zu denen auch der Wohnblock seines Widersachers, des brutalen Scharführers gehört- sein eigenes Ziel jetzt. Hier liegt ja auch das Feld seiner ersten Capotätigkeit unter den Fittichen von SchnellMax. Aber das ansteigende Ufer des Flußbettes und erst recht den hinter ihm verlaufenden zweiten Drahtzaun kann der Turmposten wiederum unbehindert durch sein rückwärtiges Fenster überblicken und mit seinen Waffen beherrschen. Dieser zweite Drahtzaun ist zwar harmloser, auch ohne Stromladung und mit weiter stehenden Stacheln versehen als der erste, aber er will eben doch in seiner dreieinhalb Meter Höhe überklettert sein- und das ist wieder verflixt auffällig. Angehen muß er jedoch die Sache, da hilft kein Zögern, komme, was kommen mag.... Um seine Nerven abzulenken, damit die Glieder inzwischen um so präziser und mechanischer ihre Arbeit verrichten, denkt Bert so eingehend als er vermag, an Iřina und ob sie ihm - 406wohl im Geiste jetzt folgen würde bei dem Auf und Ab seiner Eskapade... ob sie ihn wirklich zu deren Vornahme so unablässig gedrängt haben würde, wenn sie die ganze Gefährlichkeit der Tat überschaut hätte? Unter solchen Überlegungen führt sein Körper- stets unter der drohenden Mündung des MG.'s oben am Turm- das Ankriechen des Drahtzaunes aus und gleich hernach das Übersteigen des Hindernisses dicht an dem aus Guẞbeton verfertigten Pfeiler... natürlich ein Ziel für das nahe MG., wie es sich der Schütze nicht bequemer wünschen kann. Doch zum Glück hält ihm Berts Schutzengel die Augen zu. Wohlbehalten, nur mit einem unbedeutenden Riß am Finger, kommt Bert drüben an und zögert keinen Augenblick, sich erst eine Weile in den Schatten einer der jungen Pappeln zu stellen, mit denen die Fahrstraße bepflanzt ist, um etwas zu verschnaufen. Dann macht er tief geduckt drei lange Sprünge über die Breite der Straße hinweg und befindet sich nun im Schatten des riesigen Holzstapels, der als ein förmlicher Wolkenkratzer an die mechanische Schreinerei- Teil der früher erwähnten großen Wirtschaftsbetriebe der SS. anstößt. - Hier wäre er an sich hervorragend gedeckt gewesen. Doch muß er ja weiter. Der Weg ist noch nicht zu Ende .. also vorwärts wieder! Er schleicht im Schatten des hohen. Stapels weiter, bis er in das Dunkel der ersten Baracke hinüberwechseln kann, unweit des jetzt fertigen Unterführerheims unvergeßlichen Angedenkens. Zwischen den einzelnen dieser flachen Wohnstätten hindurch gelangt er bis an das Fenster, nach dem es ihn hinzieht. Auf jeden Schritt, jede Körperregung muß er hier schärfstens achtgeben, da ja alle Augenblicke ein Scharführer nach Hause kommen kann oder ein anderer, der noch wach ist, ihn durch sein Fenster hindurch erspähen kann alles wäre in solch einem Falle verdorben und erledigt! An den Bäumen und Büschen kommt er vorbei, die ihn im Frühjahr bei ihrer Entfaltung so erfreut haben aber so lange ist er jetzt nicht mehr 1 - 407 des Nachts im Freien gewesen, daß ihm einzelne Büsche wie drohende Ungeheuer, ja sogar als lauernde Wachposten erscheinen, die seinen Fuß zurückzucken und sein Blut vor momentanem Schreck erstarren lassen. Als er auch diese bedenkliche Zone endlich hinter sich hat, faßt seine Hand die Fensterscheibe an der Baracke des Kommandoführers ab. Ein nur leicht angelehntes und äußerlich kaum sichtbar offenes Fenster muß dasjenige sein, das er sucht... da- richtig, er hat es, drückt es langsam zurück und hebt den Kopf so weit, daß er hineinschauen kann: das Zimmer ist, wie bisher leer. Hier ist das Einsteigen. gefahrlos, sobald es nur ohne Geräusch geschieht. Denn gegenüber liegt der Wildpark mit seinen Tannen in erhabener Ruhe. Von ihnen, seinen Lieblingen, droht dem Flüchtling keinerlei Gefahr. Ein Segen jedoch ist es, daß das jenseitige Fenster der Stube ziemlich viel Licht von einer Lampe erhält, die an hohem Maste die nahe Wegkreuzung beherrscht. So braucht Bert weder die Glühbirne des Zimmers anzudrehen, noch zur Aushilfe seine Zündhölzer benutzen, die er samt der Tabakdose in sein Taschentuch eingeknotet hat. Nun nach dem Spind- und flugs heraus alles, was er braucht, dieser Mann in Unterkleidung. Zuerst die schwarze Breecheshose: potzwetter, sie könnte effektiv nicht besser sitzen! Die Stiefel dazu angezogen. Sie sind ihm allerdings im Fuß etwas zu weit, aber das spielt keine große Rolle. Die braune Bluse kommt über das Hemd, der schwarze Schlips wird im Nu gebunden, auch und nun den Waffenrock darüber ohne Spiegel'sitzt er. und zugeknöpft- flink, flink! Vielleicht, denkt er im stillen, während er sich so ankleidet, vielleicht hat den Besitzer schon der Fluch getroffen, den einst der arme Schächer neben ihm am Pfahl gegen den Wüterich ausgestoßen hat; vielleicht modert sein Gebein schon draußen im Feld in irgendeinem Massengrabe, so daß. Bert keinen vollen Raub mehr an einem Lebenden vollbringt. Zum mindesten aber ist es eine gewisse Revanche für die Untat des Brutalen an mir selbst. er - - 408 Ja, aber was steckt da Dickes in den Seitentaschen? Aha, ein Paar Wildlederhandschuhe. Auch gut.... Die Tatze des Eigentümers war zwar beträchtlich größer als die seine, eine richtige Holzfällerpranke; aber, darum keine Feindschaft nich', wie der Berliner sagt. Die Dinger werden auch so ihren Dienst tun. Und in der Brusttasche fühlt er etwas Hartes, Flaches, Eckiges als Inhalt. Er holt es heraus sieh an, murmelt Bert für sich, auch das kann man gut brauchen: es ist der Lagerausweis des Scharführers, den dieser an der Front so wenig wie seine gesamte Ausgehuniform braucht und deshalb im Rock zurückgelassen hat. Bert steckt ihn in die Außentasche des Mantels, die Handschuhe dazu, legt Mantel und Koppelzeug auf die Fensterbrüstung, stülpt die schwarze Mütze mit dem Totenkopf auf, die allerdings etwas knapp sitzt und voltigiert wieder lautlos hinaus. In das Spind hat er, bevor er es schloß, noch den Ballen Guttapercha hineingeworfen. -- Angesichts seiner Freunde, der hohen Tannen des Wildparks, die ihm freudig überrascht und wohlwollend zuraunen, vervollständigt Bert zuerst seine Ausrüstung, hakt das Lederkoppel ein, zieht den Mantel hinten sachgemäß straff und lehnt das Fenster sorgfältig wieder an, so daß es von neuem wie geschlossen aussieht. Der Boden aus dicken Kieselsteinen, auf dem er steht, läßt gottlob keine Fußspuren zurück. Das ist ebenfalls von Bedeutung, wie er längst bedacht hat. DER FALSCHE SS.- MANN. Nunmehr heißt es, das Auftreten in allen Teilen zu ändern. War er bisher als gejagter Hase gehüpft und geschlichen, so hat er sich jetzt als Treiber kostümiert und muß dementsprechend sicher und selbstbewußt einherkommen. Er sucht sofort die Nähe des Lichtes auf und geht in seinem Scheine am Unterführerheim vorbei, dessen - 409 - Fenster verdunkelt sind. Ruhig und sicherlich längst verlassen liegt es da. Hernach kommt der in die Erde versenkte Luftschutzkeller, natürlich nur für die Truppen der SS. vorgesehen, nicht für die Häftlinge. Wozu für diese auch ein Schutz? Hinsichtlich der Richtung marschiert Bert nun mit hallendem Tritt auf die langgestreckte Gerätekammer zu, die von der hohen SS.- Kaserne hinter ihr überragt wird. Zwischen beiden liegt rechter Hand ein eisernes Tor, wie er weiß, als Passage aus dem äußeren Lager zum Exerzierplatz der SS.- Rekruten, nahe dem großen Garagenbau, auf dem tagsüber tausende von Häftlingen aller Professionen arbeiten. Diese eiserne Pforte zu passieren, liegt in Berts Plan. Aber davor steht ein Posten unter Gewehr, verflixt nochmal man kann seine Silhouette, den Stahlhelm auf dem Kopf, die Maschinenpistole umgehängt, schon von weitem sehen. Mit voller Absicht zieht Bert nun sein Schnupftuch heraus und schneuzt sich recht vernehmlich. Dann bleibt er kurz stehen und nimmt eine Zigarette aus seiner Dose, brennt sie an und geht weiter, wobei er sich den Wildlederhandschuh über die Linke streift. Ein Also beschäftigt, die brennende Zigarette im Munde, tritt er an den ihn erwartenden Posten heran. solches Hindernis flößt ihm jetzt gar kein Bedenken ein. Denn darin: sich zu verstellen und fremde Rollen zu spielen, hat er in seinem Berufe, dem Nachrichtendienst, reichlich genug Gelegenheit zur Übung gehabt.... War sein Tun bisher eine Flucht gewesen, so beginnt nun quasi die Hochstapelei und die braucht er kaum zu fürchten. Schließlich ist ja auch die Not stets von befruchtendem Einfluß auf die menschliche Erfindungsgabe. - Er hebt die Rechte flüchtig zum Deutschen Gruß empor, den der Posten erwidert. Dann zieht Bert lässig die Cellophanhülle mit dem Ausweis des Scharführers aus der Manteltasche und greift so, als ob er sie dem Posten hinhalten wolle, mit der Linken nach seiner Dose und läßt 410 sie aufspringen. Dabei ist seine Haltung so lässig und selbstsicher, seine Miene so mißlaunig, daß der Posten ohne Bedenken den Ausweis beiseite läßt und sich lieber für die Zigaretten interessiert.... - Eine Frage, was den Scharführer so spät in der Nacht oder besser schon so früh aus dem Lager treibt wahrscheinlich Antritt eines Urlaubs, dem Ausgehanzug nach zu urteilen, liegt dem Manne zwar auf der Zunge; aber der Passant murmelt gleichzeitig zwischen den Lippen, die den qualmenden Stummel halten, ein paar Worte im üblichen SS.- Stile, die sich anhören wie: ,, Verdammte Schweinerei das, alles Scheiße hier der ganze Kram!"- so daß er sich lieber nicht erst bemerkbar macht, sondern zufrieden ist, daß der Vorgesetzte nicht aufmuckt, weil er sich eilig zwei Zigaretten statt einer, wie es sich gehört hätte, aus der Dose nimmt. Er wendet sich daher ab und steckt, während der Passant seinen Ausweis und die Dose wieder verstaut, den Schlüssel ins Loch der Eisentür und schließt sie geräuschvoll auf. Die Angeln kreischen, als' sich die schwere Pforte um einen Spalt öffnet, gerade breit genug, um den Spätling durchzulassen... dann ist dieser mit nochmaligem kurzem Gruß hindurchgetreten, und die Pforte schlägt hinter ihm wuchtig wieder zu. - Stehenbleiben stehenbleiben zunächst dort an der Ecke des SS.- Spitals, wo man schon hinübersieht zum großen Wäldchen, in dem sein geliebtes Kinderheim liegt, das Refugium seiner Sommertage... stehenbleiben und aus heißem Herzen dem Herrn und Atem holen -- da droben und allen Schutzengeln Dank sagen, ewigen Dank dafür, daß jetzt zwei Drittel des Wagnisses gut und reibungslos hinter ihm liegen... gnädiger Himmel, so weit hast du es glücken lassen; laß es nun noch restlos gelingen, großer Gott! Auf und voran ,! Was nun kommt ist ja nur noch ein Spaziergang gegen das Bisherige. Er läßt das riesige Arbeitsfeld des Garagenbaues zur Rechten liegen, wo hunderte von Einzelboxen für Fahrund zeuge und mächtige Reparaturhallen erstehen - - 411 - wendet sich dem schmalen, gewundenen Wege zu, den er so oft bei rosigem Morgenlicht oder flammendem Abendrot mit seinen paar Mann gezogen war. Nur mußte er Blick und Erinnerung scharf zusammennehmen, um nicht vom Pfade abzuweichen, so mitternächtig finster ist es hier zwischen den Kiefern und Föhren. Dabei zeigt die leuchtende Uhr an seinem Handgelenk schon die dritte Morgenstunde an... gut, daß er die Windungen des Weges noch genau in Erinnerung hat, wenigstens bis zum Kinderheim hin. Der kleine Komplex von flachen Häuschen auf der Waldlichtung liegt still und versunken in der Einsamkeit. Die Nadelbäume ringsum halten strenge Wacht über den Schreihälsen, die hinter den mattierten Fensterscheiben ruhen mögen. Weich und tief vor Nässe ist der Weg. Bert sieht sich einen Augenblick lang um... ja, liebe Sommerlichtung im Walde: daß du mich- gerade mich! in SS.- Uniform wiedersehen würdest, hättest du dir bestimmt nicht träumen lassen, nicht wahr? lächelt er in sich hinein. Er schreitet weiter, nun auf der Fahrstraße, die damals noch halbfertig war, als Tonis Kabriolett auf ihr entlang gehüpft kam. Jetzt ist sie fest und solid angelegt, eine gute Richtschnur, um sich von der Lagernähe zu entfernen, ohne das große Außentor zu passieren. Wäre Bert diese versteckte, ehemalige Arbeitsstätte vom Sommer nicht bekannt gewesen, so wüßte er schwerlich einen anderen glatten Weg aus dem Wirrwarr von Einzelgebäuden, Werk- und Wohnanlagen rings um das Lager herum. Die Fahrstraße nötigt ihn, ihr eine geraume Viertelstunde lang zu folgen. Dann sieht er hohe Dächer in Reihen aufragen, von kahlen Baumkronen umgeben- und weiß: damit ist er schon an der großen SS.- Siedlung angelangt, die mit ihren Villen zu beiden Seiten der Straße der SS. gelegen ist. Nun ist das sorglose Schlendern, dem er sich während des Waldspazierganges hingeben konnte, gründlich vorbei. Es heißt wiedermal scharf aufpassen. Denn hier - 412 - kann er ständig zum Dienst gehenden Scharführern begegnen, die sich untereinander natürlich genau kennen und denen er dann auffallen müßte, er besonders, der dem ganzen Lager bekannt ist. Da sieht er, an der Einmündung der Waldstraße in die breite, betonierte Aufmarschstraße der Siedlung, ein Fahrrad stehen, angelehnt an die Mauer eines Villengartens... ein reguläres Velo, das irgendein leichtfertiger Besitzer im Freien gelassen oder auch nur für ein paar Minuten hingestellt haben mag... und es durchzuckt ihn jäh der Gedanke: soll er sich nicht des Fahrrades bemächtigen? Freilich wär's ein Diebstahl, der erste in seinem Leben und hoffentlich auch der letzte; aber das Rad könnte seiner Flucht sehr förderlich sein; nicht nur dadurch, daß er rascher von der Stelle käme, sondern weit mehr infolge der Benutzung der Fahrbahn statt des Gehsteiges, wo Personen, die einander begegnen, sich viel genauer erkennen können, als auf dem flinken Velo... außerdem radelt ja alles, was von der SS. hier kreucht und fleucht. Im Nu schloß er die kurze Überlegung ab und trat an das Rad heran, um zu untersuchen, ob es nicht etwa gesichert wäre... nein, in der Tat, der leichtsinnige Besitzer hat es ohne Vorsichtsmaßnahmen hier angelehnt also verdient er auch seine Beraubung... Entschlossen packt es Bert an und will sich eben in den Sattel schwingen; denn es ist ja zu befürchten, daß der Eigentümer jeden Moment zurückkommen kann- da zuckt sein schlechtes Gewissen auf einmal heftig zusammen: vom Gehweg der Hauptstraße her naht ein Schritt, doch ist die Person für Bert infolge einer Gartenmauer noch unsichtbar. Ein Männertritt ist es, wenn auch keiner mit Nagelsohlen. Darum halt mit dem Rade, bis die Gefahr erkannt ist.... Der Fußgänger erscheint nun in Sicht: es ist aber, wie Bert beruhigt erkennt, ein krummer, humpelnder Mann, der plump daherkommt.... Und nun, da er plötzlich den wartenden, regungslosen SS.Mann sieht, dessen rechtes Bein schon über den Sattel - 413- geschwungen ist, als ob er jeden Augenblick auf ihn losradeln wolle, stößt der Alte einen jähen Laut des Schreckens aus und flüchtet, tief gebückt, aus dem grellen Licht der Straßenlampe inmitten des Fahrweges in den Schatten des nächsten Hauses... so überstürzt, daß Bert sich verblüfft frägt, wer von ihnen beiden wohl das schlechtere Gewissen haben möge-- Aber nun nicht länger aufgehalten! Resolut tritt er in die Pedale und fährt davon. Mit leisem, willigem Schnurren trägt ihn die Maschine in die Mitte der Fahrbahn und auf dieser in flottem Rollen vorwärts. Am Ende der Straße der SS.' begegnet ihm richtig ein Scharführer, der zum Frühdienst zu eilen scheint. ein rascher Gruß mit erhobener Rechten, und beide sind aneinander vorbei. -- Die Kolonie kleiner, putziger Pensionistenhäuschen nimmt ihn auf. Blinde, abgedunkelte Fenster blicken auf ihn nieder, ausgeplünderte Vorgärten, vom Wintereinbruch verwüstet, breiten sich davor flott, flott, hindurch! Links liegt schon der Dachauer Bahnhof. Die Straße führt am Postamt vorbei zur Gleisunterführung und dem alten Städtchen zu, dessen malerische Anlage an einer Hügellehne er von früheren Wanderfahrten her kennt. Dort liegt das breite, massive Schloß, so recht ein Kennzeichen des derben, trotzigen Menschenschlages, der hier haust. Um den kleinen Marktplatz reihen sich altersmüde Häuserchen aneinander. Sie tragen ihr Los so ergeben wie resignierte Häftlinge.... Hier und da hallt noch ein schwerer, abschwellender Schritt von Nagelstiefeln über Katzenköpfe herüber; dann liegt wieder das tiefe, bäuerische Gähnen der Nachtruhe über dem Ganzen. Selbst Eulen und Fledermäuse scheinen zu fehlen. Eine einzige Mittellampe beleuchtet den Marktplatz. Der falsche SS.- Mann steigt hier vom Rade und stellt es in die Toreinfahrt des Wirtshauses, um den Eindruck zu erwecken, als habe irgendein schwer geladener Zecher es in seinem Dusel stehen gelassen. - 414Nun heißt es das Pfarrhaus zu finden. Keine allzu schwere Aufgabe sicherlich, sobald man den Kirchturm, der spitz die altertümlichen Dächer überragt, im Auge behält. Zum ersten Male schreitet Bert wieder seit langer Zeit nach seinem eigenen Willen, ohne fremde Lenkung, einen gepflasterten Gehsteig entlang. Die Tritte seiner schweren, allzu großen Stiefel hallen auf den Steinplatten. Bert sieht auf die fest verschlossenen Haustüren und denkt zwangsläufig an die Erzählung Iřinas, in welcher Weise die pfiffigen Einwohner dieser Häuschen von ihrer unbehaglichen Nachbarschaft, dem Kz, zu profitieren wissen nichts auf Erden ist bekanntlich so verabscheuungswert, als daß abgebrühte Mitmenschen nicht daran ihr Süppchen zu kochen verständen... wieviel gutes Geld mögen sie aus der Seelennot geängstigter Angehöriger von Lagerinsassen schon mit Kniffen und Tricks herausgeholt haben? - - Nach zehn Minuten bedächtigen und nahezu sorglosen Schreitens denn hier wäre es ja grundfalsch gewesen, in seiner Verkleidung etwa heimlich zu tun steht Bert vor einem breit hingelagerten Wohnhause im Barockstil mit festungsartig dicken Mauern still: ein buschreicher Vorgarten deckt das zur ebenen Erde gelegene Geschoẞ fast vollkommen zu. Der niedrige Eisenzaun wird leicht zu übersteigen sein, denkt der uniformierte Mann, dessen Blick über das Ganze hinwegfliegt... falls die wacklige Tür, rostzerfressen, wie sie ist, sich nicht unauffällig öffnen lassen sollte. Das muß es sein, das Pfarrhaus, an das ihn Iřina verwiesen hat; denn es verbindet sich so sachlich mit der gleichaltrigen Kirche wie ein Verwalterhaus mit dem Schloß des Gutsherrn. Der Umsicht zuliebe geht Bert noch ein gutes Stück über die Kirche hinaus, aber kein Bau zeigt sich, der Anspruch darauf erheben könnte, das Pfarrhaus zu sein. - Also Angriff auf das erstere! Die Gartentür sträubt sich eigensinnig, ihm zu Willen zu sein soll sie es bleiben lassen! Wenn er über zwei hohe Stachelzäune im unmittelbaren Bereich von MG.'s geklettert ist, wird - 415 - ein simpler Gartenzaun kein Hindernis für ihn sein.... Bert prüft noch kurz seine Uhr: es ist ein Viertel vor vier, also spät genug, um endlich unter Dach und Fach zu kommen; denn in solch einem Landstädtchen können die ersten Frühaufsteher um diese Zeit schon aus den Federn sein. - Den Mantel hochhebend, ist er nach einem Blick in die Runde flugs an dem Eisenzaun hochgeklettert und mit weitem Schwunge im weichen Erdreich des Vorgartens gelandet. Ein paar Schritte noch und das buschige Gezweig des Flieders und Holunders nimmt ihn auf. Damit ist er der Sicht des feindlichen Draußen entzogen. Soweit wäre es gottlob geschafft. Das Weitere hängt nun von Sr. Hochwürden, dem Herrn Pfarrer, ab. Aber wie sich diesem bemerkbar machen? Berts Blick gleitet an der Fassade des Hauses entlang, dessen Putz und Stuck reichlich dem Abblättern zuneigen; er entdeckt nur blank geputzte, aber stumpfe Fenster, wie sie die Verdunklung hinter ihren Scheiben erscheinen läßt kein Lichtschimmer, der ihm verraten könnte, wo sich das Arbeitszimmer oder der Schlafraum des geistlichen Herrn befindet. Über allem liegt der feierliche Ernst von etwas Abgestorbenem, von Weltabgeschiedenheit. - - Bert möchte zu dem Dienst, den der Pfarrer ihm nach Iřinas Andeutung zu leisten bereit sein soll und der gewiß nicht unbedenklich ist nicht noch ein Vorgehen gesellen, das der Sicherheit des Geistlichen zuwider läuft.... Er versucht es daher mit einem leisen Pfiff, den er nach einigen Minuten wiederholt, als sich nichts in dem stillen Hause regt... ein drittes Mal, wesentlich lauter als vorher, probiert er noch, aber ebenso vergeblich wie vorher Noch öfters darf er die Pfeiferei nicht wagen, ohne Gefahr zu laufen, sich auffällig zu machen. Es heißt nun einfach warten. Vielleicht sieht der Pfarrer aus eigenem Antriebe von Zeit zu Zeit heraus.... Die Stille der Umgebung und seine relative Geborgenheit tun Bert anfänglich wohl; aber mit der enteilenden Zeit wächst - 416- dennoch ein starkes Unbehagen in ihm... gewiß ,, die Einsamkeit ist ein dichter Mantel', erinnert er sich an das Spinoza- Wort,, und doch friert das Herz unter ihr'. Bert erfährt in dieser Stunde, wie recht der empfindsame Philosoph mit dieser Feststellung hat. Hinzu tritt die seelische Abspannung, die über ihn kommt, die Ungewißheit über das endgültige Gelingen seiner Flucht, Hoffnung und Sorge Sorge und Hoffnung, alles, was ein Menschenherz berühren kann, überflutet nun den wartenden Mann im Dunkel des Gesträuches. - Er sieht zum Himmel auf und zieht saugend die Luft durch die Nüstern. Wieder zieht ein Nebelmorgen herauf. Schon beleuchtet melancholisches Morgenlicht ganz diffus die Konturen der nahen Häuser. Auch der frische Luftzug kündet schon den Tagesanbruch an ... da rafft sich Bert zusammen. Die nervöse Erschlaffung kann er jetzt nicht brauchen, potzblitz! Nun wartet er bereits über eine halbe Stunde umsonst, es muß nun definitiv etwas geschehen! Resolut schiebt er alle Hirngespinste beiseite und geht auf das Eckfenster des Erdgeschosses zu, um mit gekrümmtem Finger nachdrücklich an dessen Scheiben zu klopfen. Wartet, wartet nichts! Zum nächsten Fenster klopfen, warten, wieder nichts! Das dritte Fenster, das vierte, alle, eins wie das andere, verharren in stiller Ruhe. Verzweifelt zwingt sich Bert zur Geduld und tritt an das letzte der Fenster heran, überlegend, ob ihm dann, wenn auch hinter diesem sich nichts rührte, nur noch das Mittel bleibe, eine der Scheiben einzuschlagen. Da schrickt er zusammen. Im oberen Stockwerk öffnet sich mit leisem Klirren ein Fenster, aber ohne daß ein Lichtschein nach außen fällt es öffnet sich, läßt einen Männerkopf sich hinausbeugen und auf den Wartenden da unten herabschauen.. Berts Herz macht einen gelinden Freudensprung. Er nimmt rasch die schwarze Schildmütze ab, die ihm ohnehin zu klein ist, und ruft gedämpft nach oben: ,, Mein Name - 417 - ist Jordan, Hochwürden, Oberst Jordan- wissen Sie Bescheid? Lassen Sie sich durch die SS.- Uniform nicht irreführen, sie ist nur ausgeliehen!" Das ist alles, was er keuchend herausbringt, herausstößt, denn die Kehle ist ihm wie eingedorrt.... Jetzt, von diesem Augenblicke, hängt noch einmal alles ab, seine ganze weitere Zukunft, lieber Himmel! Und bis jetzt hat der Männerkopf da droben, dessen Konturen Bert ja nur annähernd erkennen kann, noch keinen Laut von sich gegeben... es ist, als ob er noch mit sich kämpfe, einen Zweifel über die Person, die da unten steht, in sich niederringen muß-- wer, wer sagt ihm denn, daß es der richtige ist, den er erwarten soll, um ihn gegen den Feind aller und der Kirche ganz besonders Schutz zu nehmen? - - in Wer gibt ihm die Gewähr dafür! Die Uniform des Wartenden am allerwenigsten aber wozu lange sinnieren und raten? Was kommen soll, kommt doch! Wir alle stehen in Gottes Hand, also willfahren wir dem Einlaẞbegehrenden, mochte sich der Priester schließlich denken. In leisem Flüsterton ruft er hinunter: ,, Im Namen der Barmherzigkeit kommen Sie herein! Ich schließe Ihnen sofort auf, aber leise bitte. 66 Der Kopf verschwindet. Binnen kurzem dreht sich ein Schlüssel im Schloß der Eingangstür, und ein graues, regungsloses Gesicht erscheint im Türspalt, umbuscht von einem Wald silberweißer Haare. Förmlich schnaubend vor Erregung ruft der Pfarrer Bert an: ,, Kommen Sie, eilen Sie, es ist höchste Zeit, ich mache mich schon für die Frühmesse fertig!" IM PFARRHAUSE. Ohne Antwort, nur mit einem Kopfnicken und einem Lächeln des Einverständnisses folgt ihm Bert und schlüpft durch die Spalte ins Innere des Hausflurs. Eine derbe knochige Hand ergreift in der Dunkelheit seine Rechte und zieht ihn daran vorwärts, eine Treppe auf27 Conrady, Amokläufer. -418wärts bis zum oberen Stock... ständig ohne ein Wort zu sprechen. Droben knarrt eine Tür, und endlich erlöst ein matter Lichtschein die Augen von der lastenden Finsternis. Er kommt von der Studierlampe des Pfarrers, die auf dessen altertümlichem Schreibtische steht. Die Männer treten hintereinander ein und sehen sich erst beide hochatmend an.... Ein wundervolles Gefühl der Geborgenheit kommt über Bert, nun, da die letzte Sorge von ihm genommen ist. Seine Finger ergreifen von neuem die Rechte des Geistlichen und umklammern sie wie heiße Zangen vor Dankbarkeit, noch ehe ein Wort zwischen ihnen fällt. Der Pfarrer ist ein Mann mit eckigem Kopf, breiter Nase und bräunlichen Zähnen, doch herzlich guten Augen. Wie er den stummen Dank seines ungerufenen Gastes spürt, zuckt ein vages Lächeln um seinen schon welken Mund. Er lädt ihn zum Sitzen ein und nimmt selbst auf seinem Studiersessel Platz, dabei halblaut sagend: ,, Seien Sie mir willkommen, Herr Oberst! Haben Sie etwa schon im Garten gewartet?" Bert bestätigt es, macht aber zugleich eine beschwichtigende Geste. ,, Ich habe Sie nämlich schon viel früher erwartet und bin dabei an meinem Schreibtische hier eingenickt. Erst Ihr Klopfen an das Fenster hat mich munter gemacht, zumal es bald Zeit zum Dienste für mich ist. Nur eine Frage gestatten Sie mir rasch: Haben Sie Verfolger hinter sich?" Bert schüttelte beruhigend den Kopf und sieht den Priester dabei offen an, als er den scheuen, verängstigten Zug in dessen Gesicht erkennt. Dann überflutet ihn wieder die Nachempfindung aller überstandenen Gefahren... tausenderlei Gedanken an das Lager schießen ihm durch das Hirn, ungeordnet und wirr, nur alle umspült von dem warmen Wohlgefühl: fürs erste ist es geschafft, bist du geborgen! Die Erwähnung seines Wirtes, daß er ihn schon früher erwartet habe, faßt er als Aufforderung auf, in kurzen Umrissen zu berichten, wie es zuging mit seiner Flucht und - 419aus welchem Grunde er in der Uniform eines SS.- Mannes vor ihm sitze.... Er spricht mit feuchtschimmernden Augen und vergißt in seinem inneren Aufruhr, eine chronologische Ordnung im Erzählen innezuhalten. Sein Zuhörer nickt dazu, doch scheint er zu spüren, wie schwer sein Gast sich jeden Satz abringen muß. Deshalb bittet er ihn, sich lieber erst gründlich auszuruhen. Gleichzeitig erhebt er sich und sagt: ,, Ich soll Ihnen gleich bei Ihrem Eintreffen dies hier vorsetzen...." Aus dem Hintergrund des Zimmers bringt er eine kleine Flasche französischen Kognaks hervor. Sie stammt, wie Bert im Nu erkennt, aus seinem eigenen Keller. Und mit ihr stellt der alte Herr ein Gläschen und eine Kekspackung auf den Tisch. ,, Ihre Frau Schwester hat das mit Ihren Kleidern zusammen hergeschickt, damit Sie sich ein wenig erfrischen ich führe sonst keine Alkoholika im Hause!" Er gießt ein Glas voll, das Bert dankend austrinkt. Ein zweites noch... ah, welche Wohltat ist doch solch ein Narkotikum für den erschöpften Leib. Bert trinkt immer wieder, bis der Geistliche sagt: ,, Nun rauchen Sie noch eine Zigarette zum Abschluß. Ich muß inzwischen noch den Boten abrichten für Ihre Angehörigen, es ist höchste Zeit dafür.... " Noch bevor Bert ihn fragen kann, wie es sich damit verhält, ist sein Gastgeber aus dem Zimmer geschlüpft und kommt nach kurzer Weile in Begleitung eines jungen Burschen herein, der den Flüchtling mit neugierig aufgerissenen Augen mustert. Unsicher und miẞtrauisch ist Bert aufgesprungen und forscht in dem Gesicht des Burschen, der ihm der Miene nach ein ziemlicher Galgenstrick zu sein scheint. Dem Gesichtsschnitt nach ist er mehr ein Zigeuner als ein Einheimischer. ,, Tja - wird denn das gut sein?" stammelt er betreten. Sein Wirt hebt die Schultern und gibt im Tone müder Unbestimmtheit zurück: ,, Der Bote kommt von Ihrer Familie, Herr Oberst, er hat den Koffer mit Ihren Sachen gebracht und die Weisung, hier zu warten, bis Sie eingetroffen wären... dann soll er sofort zurückkehren 27* - 420 - und Bescheid bringen. Er scheint zum mindesten geschickt für seine Aufgabe zu sein. Ob vertrauenswürdig, weiß ich nicht! Vergessen Sie aber nicht, daß wir unmöglich telephonieren können mit Ihrem Hause, wenn nicht Ihre Spur sofort durch die Überwachung der Ferngespräche entdeckt werden soll... deshalb mag dieser Weg vielleicht der einzig richtige sein-- << ,, Ja, sicher, das ist einleuchtend!" gibt Bert beruhigter zu und tritt an den ungefähr Sechzehnjährigen heran, ihn am Ärmel fassend und forschend in sein listiges Gesicht mit den flinken schwarzen Augen blickend. Aber sei es, daß er zu ermüdet oder ihm jede Minute wertvoll ist, zu der seine Lieben die gute Nachricht seines Entkommens erhalten er läßt wieder von dem Burschen ab und spricht nur zu ihm: ,, Also spute dich, mein Sohn, und grüße mir die Meinigen bestens- leb' wohl!" - Der Pfarrer bringt den Boten herunter und kommt dann zurück, um keuchend vor Asthma zu seinem Gaste zu sagen, der sich noch ein Glas Kognak eingeschenkt hat: ,, Nun kommen Sie bitte zur Ruhe, zumal ich in die Sakristei gehen muß! Es trifft sich gut, daß mein Kooperator für einige Wochen beurlaubt ist. So können Sie dessen Schlaf- und Ankleidezimmer solange haben, als es für Sie ratsam sein wird... Ihre Kleider kommen auch gleich dorthin!" Hinter ihm tritt eine alte Frau mit braunem, runzeligem Gesicht und den ergebenen Zügen eines getreuen Dienstboten ein und greift aus einer Ecke des Zimmers einen größeren Handkoffer auf, den Bert als den seinigen erkennt. Er will die alte Frau davon entlasten, aber sie winkt ihm schweigend ab und geht als erste hinaus in das Treppenhaus, dort ein paar Schritte nach links, um gleich darauf eine Stubentür zu öffnen und darin zu verschwinden. Die beiden Männer folgen ihr. Ein schmaler Raum empfängt Bert. Vom Fenster steht ein Flügel offen. Schmal und dürftig ist alles darin; das Feldbett, der Kleiderschrank, der eiserne Waschtisch, Dinge, die das erste Morgenlicht kaum aus den Wandflächen hervortreten läßt. In der Ecke steht: ein Betstuhl mit dem großen Kruzifixus darüber, ein paar fromme’ Bilder schmücken die Wand. Das fahle Grau des Lichtes überzieht alles mit einem Schimmer. von Dürftigkeit und Genügsamkeit. Langsam geht Bert bis an das Fenster, während die Bedienerin den Koffer abstellt und wieder verschwindet. Der Pfarrer bleibt in der Mitte des Raumes stehen und sagt, sich die Hände reibend: ‚‚Nun lasse ich Sie allein, Herr Oberst, schlafen Sie sich gründlich aus! Ich schaue nach dem Dienst noch einmal nach dem Rechten....“ Damit zieht auch er sich zurück. Mit starren Augen, ein wenig zum Einverständnis nickend, verfolgt Bert die breite Gestalt, bis die Tür sich hinter ihr schließt. Dann wirft er einen gleichgültigen, erschöpften Blick. durch das Fenster, aber sein Auge erfaßt nichts. Es kreist wieder in seinem Hirn. Zuviel des Ungewohnten hat es in diesen Stunden aufnehmen müssen. Ist es denn nun wirklich vorüber? legt er sich immer wieder die Frage vor. Ist es möglich, daß ihm geglückt sein soll, was bisher keiner— kein einziger— vollbracht hat: aus dem inneren Lager von Dachau zu entkommen? Träumte er nicht etwa bloß?— Es kann doch kaum sein, daß er die Ketten aus eigener Kraft zerbrochen hat, Fesseln, die Hunderttausende neben ihm Jahre um Jahre in Lammsgeduld ertragen haben. Ein kalter Schauer kriecht an seinem Körper hoch. Jetzt, jetzt wird gleich der ‚Bär brummen‘ an der Stirn- seite der elften Baracke, irrlichtert es in ihm. Und die Feldwebel werden zum Antreten rufen, Haxpointner vom Block g wird nun sein Fehlen bemerken——— Bert krampft die Finger zusammen, um das lähmende Angst- gefühl zu verscheuchen, das ihn überkommen will.... Und da brechen ihm schon die Knie ein. Er will an sein Herz greifen, das plötzlich aussetzt, faßt aber in die Luft— langsam gleitet sein ohnmächtiger Körper längs der Fensterwand nieder..... sein gequälter Geist geht für eine Weile zur Ruhe. So findet ihn eine Stunde später sein Hausherr, als er - 422 - behutsam die Zimmertür öffnet und hineinschaut. Erschrocken eilt er auf den reglos Liegenden zu und hebt ihn hoch. Mit seiner etwas abgehackten Redeweise und den leicht heftig werdenden Gesten schilt er den Erwachenden, daß er sich nicht sogleich zu Bett gelegt hat. Nun wartet er ab, bis Bert sich unter Ächzen entkleidet und in die Kissen fallen läßt. Er ist ernstlich um seinen Gast besorgt; denn es scheint ihm, als ob diesen ein Fieber packen wolle. Die Hände sind feucht und heiẞ. Bert schließt die Lider... ein Bett, ein richtiges Federbett wieder nach zweieinhalb Jahren, wie ist es wohlig und weich... dann kommen die Fiebererscheinungen von neuem, umdrängen ihn bösartig, Spukgestalten tauchen auf der Lagerelefant Hoffmann vor allem, den furchtbaren Ochsenziemer schwingend... sie verschwinden wieder wie hastige Schemen-- schlieẞlich entschläft er, nachdem sein Wirt ihm einen kräftigen Löffel Baldrian zwischen die halboffenen Lippen geflöẞt hat. - die alte BeUnd dann schläft er und schläft dienerin kommt mit einem Tablett, um ihm warmes Essen zu bringen; trägt es wieder fort, um den Schläfer nicht aufzuwecken. Auch der Hausherr steht alle zwei Stunden an Berts Lager, zufrieden, daß sich der Flüchtling mit der langen Ruhe die Gesundheit holt- und zugleich auf diese Weise am besten verborgen bleibt über die gefährlichen ersten Tage hinweg. Denn zu genau sind die Bewohner des Städtchens im Verlauf der Jahre der Despotik mit den Gepflogenheiten des Schreckenslagers vertraut geworden, um nicht zu wissen, wie rastlos nun in allen folgenden Stunden seit dem Morgenappell der Draht und der drahtlose Funkspruch jeden noch so fernen Ort des Reiches und der besetzten Gebiete, alle Grenzen alarmiert hat, jede Polizei- und SS.- Station; wie minutiös jeder Winkel auf dem Wege nach München abgesucht wird, bis die Bemühungen endlich abflauen werden... aber natürlich erlöschen sie nie gänzlich, besonders nicht bei einem - -423- so prominenten Häftling wie diesem da, der vor ihm liegt und nun in Seelenruhe schlummert. Darum soll er nur weiter schlafen. Hier sucht man ihn wohl nicht, sobald nur die Seinigen in München keine Torheiten begehen. Aber die junge Verlobte des Mannes da hat ihm nicht den Eindruck gemacht, als ob ihr Unüberlegtheiten zuzutrauen wären. Und ihm, der im Dienste der Kirche weiß geworden ist, bereitet es eine tiefe Genugtuung, sich für so viel Härten und Demütigungen seitens der Neuheiden ein wenig revanchieren zu können, indem er einem ihrer Opfer seine hilfreiche Hand bietet... möge der Allmächtige das Weitere regeln! LEBENSZEICHEN. Drei Tage, an denen es sich kaum um die Mittagszeit herum etwas aufgehellt hatte, waren vorbeigeeilt, bevor Bert aus seiner Bettruhe aufstand mit dem Entschlusse, sich sobald nicht mehr niederzulegen. Nachdem er die dreimal vierundzwanzig Stunden in äußerster Erschlaffung verdämmert hatte, unter gänzlichem Verzicht auf Nahrung und Trank, packte ihn nun das gesunde Verlangen des Magens um so lebhafter. Und zugleich hielt ihn die Unruhe über das Schicksal der Seinen gefangen. Denn es war nur zu leicht möglich, daß die Totenköpfler an den beiden Frauen ahndeten, was sie ihm selbst nicht antun konnten. - Der gute Pfarrer half ihm mit seiner Bibliothek über die toten Stunden hinweg und hatte seine Freude über das vertiefte Gespräch, das er mit seinem Gaste über jegliches Thema pflegen konnte. In den Abendstunden saßen die beiden Männer Bert stets auf dem Sprung, wenn Gefahr drohte in einen vorbereiteten Winkel des Dachgeschosses zu verschwinden am Radioapparat, wie wohl Millionen von Deutschen gleichermaßen, um den verbotenen Auslandsendern zu lauschen. Mochte das Hitlerregime auch das Abhören fremder Meldungen - -424mit schwersten Strafen belegen, später sogar die Todesstrafe dafür ansetzen, so wurden dennoch der illegalen Hörer immer mehr, je weiteren Kreisen die Lügenpropaganda der Nazis offenbar wurde. ,, , Ihr wollt Freiheit", seufzte der Pfarrer wie dereinst Abbé Sieyès ,,, und könnt nicht einmal gerecht sein?" Bert nickte ihm zu. ,, Es sind eben Leute, die mit Nietzsche das schlechte Gewissen nur für einen verwerflichen, Willen zur Selbstmiẞhandlung' halten und nach altem Rezepte hoffen, daß der Erfolg die schlimmen Absichten heiligen werde, wie es alle Desperados tun...." ,, Ja, sie handeln mit der Leidenschaft bornierter Ekstatiker, die sich auf den Stirnerschen Standpunkt stellen:, Ich entscheide, ob in mir das Recht ist; denn außer mir gibt es kein Recht! Ist es mir recht, so ist es recht. Möglich, daß es darum den anderen noch nicht recht ist. Das ist ihre Sorge, nicht die meine. Denn Gewalt geht vor Recht und zwar mit vollem Recht!" Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: ,, Aber sie sollten wenigstens, wenn sie wirklich ihre Ideen für recht halten, sich nach dem Wort des heiligen Augustinus richten:, occidite errores, diligite errantes'- zerstört die Irrtümer, aber leitet die Irrenden...." ,, Aber lassen wir sie, Hochwürden! Die Weltgeschichte ist nun mal das grandiose Doppelspiel zwischen dem menschlichen und dem göttlichen, dem endlichen und dem unendlichen Willen.... Ich bin zwar Kalvinist, aber ich halte mich an Herders Wort:, Wahre Religion ist stets die wirksamste Güte- die Menschenliebe! Und auf dieser Ebene sehe ich Sie, Hochwürden, gleichfalls stehen, sonst hätten wir ja nie mit Ihrer Unterstützung rechnen dürfen... < Der Pfarrer nickte ihm gütig seine Zustimmung. Neue Meldungen tönten aus dem Apparat. Dann kam Berts Wirt wieder auf das verlassene Thema zurück und sagte kopfschüttelnd: ,, Wie kann aus der Lüge etwas Großes geboren werden? Sie zeugt nur Werke, die vorzeitig raketen, bluffend die Zeitgenossen blenden und täuschen, doch vor dem unbefangenen Urteil einer ruhig blickenden Nachwelt nie bestehen können.... Mir kam das ganze Nazitum in seiner Krampfhaftigkeit immer so vor, wie Pocci im Puppenspiel seinen Kasperl sagen läßt: ‚Ich will und ich muß berühmt werden— und wenn ich die ganze Welt zusammenhauen müßte!‘“ „Richtig, aber leider haben-wir im deutschen Vater- lande zuviel Nachbeter aus Passion und selbst unter den Akademikern sind zu viele zu finden, die nichts als gei- stige Verdauungskanäle sind, die jetzt im Brutofen der Phraseologie aufgepäppelt werden....“ Eifrig fiel der Hausherr ein:„Es ist kaum ein Land zu finden, wo so viel dumpfwinklige Gemüter ihr Dasein fristen; nirgends, wo solch ein Teilmenschentum auf- geblähter Philisterseelen vegetiert als bei uns! Wie hat vor hundert Jahren schon der selige Görres dagegen gewettert! Dementsprechend läßt sich der Deutsche auch nur zu leicht von den ‚fetten Überschriften‘ in und außer- halb seiner Zeitungen verführen und betrügen... Musterbeispiel: die jetzige Hitlerei!“ ‚Aber meinen Sie nicht, Hochwürden“, gab Bert zu bedenken, ‚‚daß wir dem Schöpfer trotzdem auch dafür dankbar sein sollten, eben weil in der Geschichte ein ehernes Gesetz waltet, das zu Zeiten den Niedergang braucht, um wieder klare Höhen erreichen zu können?“ „Ohne jedeh Zweifel! Ich denke hierbei an St. Pauli 2. Tess. 2, Vers ır: ‚Darum wird ihnen Gott kräftige Irrtümer senden, auf daß sie glauben der Lüge, auf daß sie gerichtet werden— alle, die der Wahrheit nicht glauben, sondern Lust’haben an der-Ungerechtigkeit!"“ In diesem Augenblicke klopfte die alte Wirtschafterin an die Tür des Arbeitszimmers... der zigeunerhafte Bote Ifinas sei wieder da, diesmal mit einem Schreiben von Berts Schwester. Der Bursche grinste vertraulich, als er den einstmaligen SS.-Mann nun in salopper Sport- kleidung vor sich stehen sah. Das in glatt-weißem Kuvert verschlossene Brieflein übergab er Bert mit ge- wichtiger Miene und flüsterte: „Kommt nicht von Sleöno Ifina, kommt sich von Madame Doktor...“ — 426— Der Empfänger nickte. Aber sofort flammte seine Sorge um die Geliebte auf. ‚‚Wo ist Pani Irina?“ fragte er auf tschechisch, vermutend, daß irgendein slawisches Idiom dem Burschen passen würde. Es ergab sich, daß der Bote ein Huzule aus der Podskarpatha Russ war. Er hatte durch Ifina eine Anstellung als Tier- pfleger im Zirkus Krone gefunden. „Sleöno Irina ist noch im Spital, was ist gelegen gegenüber von Madame Doktors Haus——“ Bert erschrak. ‚Im Schwabinger Krankenhaus? Lieber Himmel, was fehlt ihr? Geht es ihr etwa schlecht?“ „Pah, Pane, fehlt sich Sleöno nicht soviel.. SET schnippte lachend mit den Fingern und erklärte ein- dringlich, so gut er konnte und dabei die weißleuchtenden Zähne zeigend:„Ist sich List, ist Trick, wie die Leute vom Zirkus sagen—-—- Pane werden Joszy schon verstehen!‘ „Ah so!“ atmete Bert auf. Er ließ den Burschen in der Küche verpflegen und warten. Dann erbrach er den Brief und las: „Lieber, lieber Bertie! Von deiner Genesung habe ich erst erfahren, als alles schon vorüber war, und das war wirklich gut und recht. Denn ich hätte Todesängste aus- gestanden, die.Dir eventuell noch geschadet hätten—— Du weißt doch zur Genüge, daß meine Nerven nicht zum besten sind....“ So sehr Bert auch auf den weiteren Inhalt brannte, mußte er dennoch bei diesen einleitenden Zeilen schmun- zelnd verweilen.... Das war so recht seine treue, gute, ewig besorgte Schwester!-Ihre schwermütigen Augen in dem blassen schmalen Gesicht, die vor Kummer um ihn noch tiefer eingesunken waren als ehedem, sahen ihn aus dem Briefblatte an. Und aus diesen Augen leuchtete ihr warmes, kluges, treues Frauenherz.... Dann las er weiter: ‚Da Dein Kommissar seit seinem Besuche bei uns über unsere Familie Bescheid weiß, war vorauszusehen, daß er ausschließlich Deiner Ver- lobten irgendwelche Mithilfe bei der Tat zutrauen ur werde. Deshalb hat Irina mich gebeten, sie zu unserem Nachbarn, Dr. Hammerstein, Deinem Freund von der Inneren Abteilung. des Krankenhauses zu bringen, der sie wegen Atembeschwerden untersuchen sollte. Ich habe keinerlei Symptome eines Leidens bei ihr feststellen können, also brauchst Du nicht besorgt zu sein! Sie wird ihn in ihren Plan eingeweiht haben, was ich bei einem Charakter wie dem seinigen für völlig unbedenklich halte— jedenfalls ist dadurch erreicht worden, daß Dr. Hammerstein sie auf zwei Wochen zur Beobachtung eines Halsleidens in seine Station legte. Dadurch ist sie jeder lästigen Beschattung oder Ver- nehmung durch die Gestapo entzogen... aus dem glei- chen Motiv heraus besuche ich sie nicht, weil ich fest annehme, daß man mich überwacht. Du wirst sie also wohl erst am Anfang der nächsten Woche erwarten können. Dies wäre das eine. Nun zum anderen: Habe um Gottes willen jetzt noch Geduld, bis die Maschinerie der Recherchen sich etwas müde gelaufen hat. Denn das gelungene Werk durch Unvorsichtigkeit zu verderben, hieße nicht nur Dich selbst ins sichere Verderben stürzen, sondern auch die, die Dir beistehen... vergiß das nie und nimm mir mit ein paar Antwortzeilen meine ständige Sorge dieserhalb, nicht wahr?! Gib Deine Zeilen, die ich sofort nach Durchsicht vernichten werde, dem Boten Irinas, der mir ebenfalls zuverlässig erscheint, und dem ich noch etwas zu rauchen für Dich mitgebe. Damit Du Deine Schuld bei Deinem Gastgeber begleichen kannst, lege ich Dir hier 500 RM bei, zugleich mit meinem innigsten Dank an Se. Hoch- würden— und verbleibe, selbst munter und gesund, für Dich stets Deine getreue Schwester Emmy.“ Zehn Scheine zu je 50 RM fielen aus dem Briefblatte heraus, Der Pfarrer verfolgte mit Anteilnahme das Mienenspiel seines Gastes bei der Lektüre des Briefes. „Gottlob, Sie scheinen zufrieden mit der Nachricht zu sein?‘“ fragte er interessiert. Bert sprang lächelnd auf. ‚Jawohl, in allen Teilen, - 428dem Himmel sei Dank! Wissen Sie, erst in der Gefangenschaft erkennt man als Mann, zu wieviel Umsicht auch solche Frauen fähig sind, denen man nichts Schwieriges, Gewagtes zugetraut hätte, solange man schützend an ihrer Seite stand... ich hätte es nie im Leben vermutet!" ,, Na ja, die Not lehrt nicht nur beten, sondern auch mal im Hochwasser aufrecht stehen und über sich selbst hinaus wachsen!" schmunzelte der Pfarrherr. Bert bat ihn um Briefpapier, um sofort antworten zu können. Dabei legte er die Scheine auf den Schreibtisch. ,, Bitte, Hochwürden, lassen Sie mich hiermit einen Teil meiner Schuld an Sie abtragen!" Aber sein Hauswirt protestierte lebhaft. ,, Sie haben keine Schulden an mich, Herr Oberst! Was ich tat, erinnert mich an das Uhlandsche:, ich focht aus Haẞ der Städter und nicht um euren Dank.... Wenn Sie aber den Armen meiner Pfarrei etwas zukommen lassen wollen, dann bitte ich Sie, es der Sammelbüchse im Hausflur anvertrauen zu wollen!" ,, Gern einverstanden", gab Bert nach und setzte sich zum Schreiben an den Tisch. Da längere Ausführungen nicht ratsam waren, stand er schon nach zwei Minuten wieder auf und überlas seine Antwort: ,, Innigsten Dank für Deine Aufklärung, meine Getreue! Sie war 2230 Uhr in meinen Händen, samt 500 RM. Es macht mich sehr froh, Euch wohlbehalten zu wissen. Mir selbst fehlt gleichermaßen nichts als höchstens Eure Gesellschaft. Aber Vorsicht ist diesmal wichtiger.... Wenn Iřina vom Arzt entlassen ist, brenne ich darauf, sie zu sehen. Nehmt inzwischen meine aufrichtigen Grüße entgegen.... Euer B." Schon wenige Minuten darauf brachte die alte Dienerin den Boten Iřinas auf dem Fußpfad durch den Wirtschaftsgarten und von dort durch die Kirche ins Freie, damit niemand ihn zum Straßeneingang hinaus das Pfarramt verlassen sähe. Draußen schoben sich wieder die schweren Nebel, an denen der Norden Münchens so reich ist, vor die Fenster und beluden die frühe Nachmittagstunde bereits mit Abenddämmerung. Die schläfrige Ruhe in dem stillen Hause berührte Bert als etwas erquickend Nerven- stärkendes nach fünfviertel Jahren Lagerleben, in dem alles Geschehen turbulent gewesen war, jedermann ‚auf Draht‘ gezogen sein mußte, jeden Moment auf dem ‚qui vive‘, um gleich einem Karnickel befürchten zu müssen, von den Kläffern bei den Löffeln genommen zu werden. .... Daher waren diese Tage für ihn der notwendige Über- gang zu einem neuen Leben, die Abgewöhnung all dessen, was das Kz ihm an Haltung und Gebräuchen aufge- zwungen hatte— eine Vorstufe zur vollen Freiheit, so- weit von einer solchen im Reiche des Hakenkreuzes über- haupt gesprochen werden konnte. * So schleppten sich die Tage dahin, bis Ifina an einem späten Nachmittage des Monatsendes wirklich eintraf. Von einem kleinen Cafe des Ortes rief sie den Pfarr- herrn an und bat ihn, sie in der Kirche abzuholen, wie sie schon früher verabredet hatten. Den gewohnten Weg durch die Sakristei und den Wirtschaftsgarten, den ihr Bote mehrmals gegangen war, führte sie der Geistliche hindurch.... Dann ließ er den Besuch in die Pfarr- stube eintreten, wo der behaglich wärmende Kachelofen stand und zog sich dezent zurück. Hochaufgerichtet, beinahe feierlich vor Ergriffenheit, sie, die sein Leben gerettet hatte, wiederzusehen, er- wartet sie hier Bert.... Und sie überfliegt ein Zittern am ganzen Körper, als sie ihn endlich wieder als normalen Menschen vor sich sieht, fest und sicher im Gemach stehend, mag sie auch mit ihren scharfen Augen sogleich die harten Falten in seinem Gesicht und die Krähenfüße um die Lider bemerken... was tut das? Wenn sie ihn nur heil wieder hat! Er macht einen kurzen Schritt auf sie zu— und im nächsten Moment hängt sie schwer, wie leblos in seinen Armen. Alles, was Jubel, was Tränen, was Schluchzen - 430der Freude auslösen kann, liegt weit unter der Grenze ihrer Erschütterung. Er umspannt bebend ihren Kopf mit beiden Händen. Seine Küsse brennen förmlich auf ihrem Antlitz.... Erst als der Ansturm der Leidenschaft vorüber ist, schlägt sie ihre Augen groß zu ihm auf. Aus ihrem Blick ist aber die ursprüngliche Sanftmut, die mädchenhafte Schelmerei verschwunden. Er fühlt es sogleich: das sind die Augen einer Streiterin, einer Jeanne d'Arc, funkelnd vor unbändiger Energie und Zielbewußtheit. Er führt sie zu dem Tische, der vor der behäbigen Ofenbank steht, um zu berichten, was es sie nun zu hören drängt. Sie setzt sich mit stillem, wachem Lächeln dicht vor ihn hin und faltet die Hände, als lausche sie dem Evangelium. In ihr lächelndes Lauschen kommt dadurch etwas Schwebendes, Fernes.... So trifft sie die alte Dienerin, die beiden den Tee und etwas hausgebackenes Mürbes serviert und sofort wieder lautlos hinausschleicht, betroffen von der Andacht, die über den zwei vereinten Menschen ruht. Als Bert im Erzählen eine Pause macht, um einige Schlucke Tee zu schlürfen, fragt Iřina mit bewegter Stimme: ,, War die Nacht nicht schaurig kühl und nebelfeucht, Bertie?" ,, Ja, das stimmt! Aber wobei hast du das wahrgenommen?" fragt er zurück, mit einem Lächeln des Erstaunens. - - ,, Ich? Ach, glaubst du, ich hätte geschlafen in jener Nacht? Ich stand bis zur Morgenstunde am Fenster in meinem Krankenzimmer und horchte hinaus, als könnte ich ein Rufen von dir aus der Ferne vernehmen ... ich ich..." sie zögert verlegen mit den Worten, den Blick zu Boden gesenkt ,,, ich sandte dir allen Beistand, dessen ich fähig war und kämpfte mit, feuerte dich an, nicht zu erlahmen... ja, ja, lach' mich nicht aus, das gibt es tatsächlich und wenn ich einen derben Schritt hörte, zuckte ich zusammen; wenn irgendein Wehlaut zu mir drang, zitterte ich am ganzen Leibe Überwältigt vor Dankbarkeit zieht Bert sie in seine - - _" - 431. Arme. Was jene Tage für sie bedeutet hatten, wird er jetzt erst inne... Eine Zeitlang sprechen sie so, eng umschlungen, leise weiter. Ab und zu nur unterbricht ihn ein spontaner Ausdruck der Freude des lächelnden Schreckens oder ein paar hingemurmelte Worte stillen Bedauerns. Er berichtet zu Ende, als sie ihren Tee eingenommen haben. Da fragt sie zögernd, als dürfe sie seinen Nerven noch nicht viel zutrauen: ,, Und wenn das Ganze irgendwie miẞglückt wäre, was hättest du getan, Bertie?" ,, Lieber Gott, da hätte es nicht viel zu überlegen gegeben," erwidert er in herbem Tone. ,, Denn entweder wäre es mein Ende durch eine Kugel gewesen oder ich wäre entschlossen gewesen, mir selbst die Pforte aufzutun, hinter der alle irdischen Wünsche schweigen... glaube mir: man ist im Kz nicht nur hart gegen andere geworden, was bedauerlich ist, sondern auch viel härter gegen sich selbst, was zu begrüßen ist... das Leben dort Arm in Arm mit dem lauernden Tod bringt das mit sich...." Unwillkürlich ist er blaß geworden im Gedenken an die dahingegangenen Stunden. Seine grauen Augen blitzen. Aus seiner Tabakdose holt er eine Pastille in der Größe einer Aspirintablette hervor, in Seidenpapier eingewickelt und zeigt sie Iřina. - ,, Schau die hätte mich von aller späteren Grausamkeit befreit. Ich habe sie vom Capo unseres Reviers im Tausch gegen eine Taschenuhr japanischen Fabrikats, wie sie im Kz zu kaufen waren, eingetauscht. Die Tablette bekamen hoffnungslose Fälle, deren Bett rascher frei werden sollte, eingegeben, stets mit schmerzlosem Erfolg in wenigen Stunden.... Du siehst, welch merkwürdigen Tauschverkehr wir im Lager trotz aller Verbote gepflogen haben allerdings hättest Du dann den Weg zur Totenkammer nochmals antreten müssen!" Sie schauert zusammen und klammert sich unwillkürlich an ihn, so daß er sie sogleich beruhigt: ,, Aber lassen wir das Mögliche beiseite und halten wir uns an - 432die Tatsachen, die für unser Glück und unsere Tatkraft sprechen, mein Lieb!" Sie atmet tief auf. Und bald darauf ist sie wieder ein weicher, zarter, sehnsüchtiger Dämmervogel, dem es in dem verlöschenden Lichte des Tagesausganges am wohlsten ist. Niemand ist ja so leicht zu überreden als ein liebendes Weib von dem, den sie liebt. * Bis sie sich an etwas erinnert, was noch vorzunehmen ist. Sie greift in ihre lederne Handtasche und zieht einen Reisepaẞ heraus. Bert nimmt ihn überrascht in die Hand und prüft ihn. Es ist der Ausweis eines ungarischen Staatsbürgers aus Szegedin. ,, Kannst du wenigstens etwas madyarisch?" fragt sie. ,, Na, um Gulyas und Paprika und Eljen herum so eine Wenigkeit", scherzt er, blickt aber das eingeklebte Photo an und schüttelt bedauernd den Kopf. ,, Der Paß wird aber für mich kaum zu benutzen sein! Sieh hier das Lichtbild des Inhabers an: der Mann trägt doch einen stattlichen Henry- Quatre- Bart... wie lange würde es denn dauern, bis mir ein solcher Reichtum gewachsen ist?" Sie lacht verstohlen. ,, Rascher, als du glaubst! Wir wollen den Miẞstand gleich beheben, denn solche Mittel stehen uns im Zirkus ja genug zur Verfügung. << Aus ihrer schier unerschöpflichen Handtasche holt sie einen Theaterbart hervor, graumeliert und so ziemlich in der gestutzten Form, wie auf dem Photo gehalten, nebst einem Fläschchen Klebstoff und einem Pinselchen. Und während er noch ihre Umsicht bewundert, läßt sie ihn ein Taschenspiegelchen halten, damit er ihre Arbeit kontrollieren kann, und beginnt wie ein Bühnenfriseur seine Verwandlung vorzunehmen. ,, Wie bist du zu diesem Ausweis gekommen?" frägt er sie zwischendrein. ,, Ich habe ihn im Büro in Verwahrung genommen von einem Artisten, der eigentlich Tscheche ist- du weißt ja, - 433daß ich im Zirkus die Personalien meiner Landsleute zu betreuen habe. Der Betreffende hat zwei Pässe mitgebracht, darunter diesen da... da er ihn nicht braucht, habe ich ihn gebeten, ihn mir vorläufig zu überlassen, weißt du..." << ,, Und was hast du dafür bezahlen müssen?" forscht er weiter, Kenner solcher Vorgänge, wie er von seinem Dienst her ist. ,, Noch nichts", erwiderte sie gleichmütig. ,, Ich denke, du wirst das mit ihm abmachen...." ,, Ich?" Er sah sie erstaunt an. ,, Bei welcher Gelegenheit meinst du das?" ,, Nun, ich meine im Zirkus selbst. Dort wirst du ihn ja ständig sehen!" ,, Ah so!" Ihm ging ein Licht auf. ,, Du hast wohl vorgesehen, mich bei euch unterschlüpfen zu lassen, hm?" ,, Ja, so ist es!" bestätigte sie, indem sie eine leichte Verlegenheit niederkämpft. Die Frisur ist nun fertig. Sie setzt sich wieder auf die Ofenbank neben ihn und führt ihr Vorhaben näher aus: ,, Schau es wird in den nächsten Monaten doch in erster Linie darauf ankommen, den Nachforschungen deiner Häscher zu entgehen. Sich nach Hause zu begeben, auch nur für einen Augenblick, wäre nahezu Selbstmord, das weißt du ja selbst.... Dagegen herrscht im Zirkus ein fortwährendes Kommen und Gehen, weil immer ein Teil der Männer zum deutschen oder befreundeten Militär eingezogen wird oder das Reich verläßt, weil die Nazipropaganda ihnen das Blaue vom Himmel versprochen hat, und sie natürlich von den wirklichen Zuständen bitter enttäuscht sind.... Viele werden auch plötzlich zur Gestapo bestellt, kommen nicht mehr wieder und lassen dann ihre Papiere bei uns liegen das alles macht mir ja soviel Arbeit!" erläuterte sie. - - Und als er schweigend abwartet, was noch folgen wird, fährt sie fort: ,, Bei uns wärest du eben am besten versteckt! So gut wie nie kommt die, Kripo oder Gestapo zu uns, wenigstens solange nicht, als ich im Büro arbeite.. sie scheint die enormen Schwierigkeiten, unter denen heute solch ein Unternehmen 28 Conrady, Amokläufer. arbeitet, nicht vergrößern zu wollen, da es ja zu der nötigen Aufheiterung der Menschen beiträgt; hinzu kommt, daß ich einen großen Teil der Tierpfleger per- sönlich kenne, weil es meine Landsleute sind— ganz zu- verlässige, brave Leute! Und was ich für das Wichtigste halte: über kurz oder lang spielen wir im Ausland... es soll nach dem Balkan gehen, und das könnte für dich die endgültige Befreiung sein; denn an der Grenze— so habe ich mir von allen gleichlautend erzählen lassen— erfolgt die Prüfung unserer Personalien nur in Bausch und Bogen...“ „Na ja, das. ließe sich hören,“ versetzt Bert nach einigem Nachdenken. ‚Ich wäre gewiß glücklich, wenn ich mich nicht irgendwo versteckt halten müßte, sondern in deiner Nähe arbeiten könnte, Geliebtes, sobald du glaubst, daß es sich wagen läßt—— „Es läßt sich wagen, Bertie, sei dessen gewiß!‘ ver- sichert sie. ‚‚So, wie du jetzt aussiehst, können wir es riskieren, zumal der Zirkus nur noch einen Monat in München verbleibt..... sieh dich doch einmal im Spiegel, bitte!“ Lächelnd folgt er ihrem fraulichen Wunsche. Der an- geklebte Bart, wenn er auch etwas auf der Haut spannt und leicht zu Grimassen verleitet, paßt so gut zu seiner Gesichtsbildung, daß er ihn bei jedem anderen für natür- lich gehalten hätte. Und gut gelaunt von der Aussicht auf unbekümmertes Arbeiten ergreift er ihre schmalen Hände und zieht sie an sich, inbrünstig ihre Lippen küssend, die sie ihm bietet.... Dies also wäre abgemacht — Punktum! In ihrem Umschlungensein. überrascht sie die alte Wirtschafterin des Hausherrn. Ihre sauertöpfische Miene verändert sich jedoch in keiner Weise beim An- blick der Liebenden; auch nicht, als sie Berts nun voll- bärtigem Antlitz direkt gegenübersteht....„Der Herr Pfarrer läßt zum Nachtessen ins Speisezimmer bitten“, murmelt sie kurz. Ganz anders verhält sich dieser selbst. Dem knorrigen Manne mit dem braunrot verwitterten Gesicht, dessen - 435Wangen von feinem bläulichen Geäder bedeckt sind, wird der Abschied von seinem lieb gewordenen Gaste nun doch schwer, so riskant ihm anfänglich seine Aufnahme ins Haus erschienen sein mag. Ein Ausruf der Verblüffung entfährt ihm, als der Veränderte an der Seite Iřinas vor ihn hintritt. ,, Ei der Tausend!" ruft er aus, während er zu Tische lädt. ,, Wer hat denn Sie in Behandlung gehabt?". ,, Unser Besuch, Hochwürden meine Verlobte!" entgegnet Bert heiter und weist stolz auf Iřina. - ,, So, so, sehr klug und sehr geschickt!" lobt der Pfarrherr schmunzelnd. ,, Es ist ja ein alter Erfahrungssatz", belehrt er dann ,,, daß die Männer sich gern von einer schönen Frau einfangen, aber nur von klugen Frauen festhalten lassen mein aufrichtiges Kompliment, mein Fräulein!". Er gießt den von Iřina mitgebrachten Wein ein und verbeugt sich so chevaleresk vor seiner Tischdame, als wäre er ein Mann des höfischen Parketts.... Aber niemand, der die drei um den schlichten Tisch Vereinten beim Mahl und Gespräch beobachtet hätte, würde annehmen, daß sie den Mut aufgebracht hätten- den notabene in jenen Tagen ganz respektablen Mut- der grauenvollen Maschinerie des Dritten Reiches und seines ärgsten Vertreters, Heinrich Himmler, des Mannes mit dem Golemlächeln zu trotzen. Drei bis vier Stunden hernach, um Mitternacht herum, rüsten sich die Gäste zum Aufbruch. Den leeren Koffer sollte erst Jošzy, Iřinas vertrauter Bote, mit nach München nehmen, um Bert in keiner Weise auffällig zu machen. Die Extrauniform des Scharführers war schon längst Stück für Stück verfeuert worden.... Mit leisem Ächzen geleitet der Hausherr die Gäste durch den hinteren Ausgang zur Sakristei hinüber. Dort eine altertümliche Lampe entzündend, führt er sie am Altar vorbei, vor welchem Iřina noch ein rasches Gebet verrichtet, während Bert ein paar Geldscheine in den Opferstock der Armen stopft, dem Kirchenausgange zu. 28* Das kleine, Nadelöhr' der hohen Tür öffnet sich um 120- einen Spalt. Nun drücken sie noch einmal dem getreuen Helfer in der Not von Herzen die Hand, ihm ein reiches ‚Gott vergelt’s!‘ wünschend— und treten in das Dunkle draußen. Wieder ist für Bert ein abenteuerlicher Lebensab- schnitt zu Ende, wie er fast mit Bedauern empfindet. MARSCH INS NEUE LEBEN. Im Freien empfing sie das gleiche unwirsche Wetter, das alle Tage des November bisher beherrscht hatte. Es nebelte wieder stark. Die Dunststreifen zogen in starken Schwaden wie Rauchwolken dahin. Doch die feuchte Kühle besänftigte nur das Gehämmer der Schläfen, in denen das von Wein und Wagnis erhitzte Blut pochte. Eng aneinandergeschmiegt, gingen die beiden den Fußweg entlang, den Ifina führte. Auf die Frage Berts, ob sie nicht fürchte, sich zu verirren in dem aussichts- losen Grau, schüttelte sie nur den Kopf und sah starr, mit schier verbissener Entschlossenheit, vor sich hin. Da gab es Bert auf, sie mit Fragen zu quälen. Er kannte ja schon den seltsamen Kontakt, den ihre Sinne mit den Dingen ringsum gewinnen konnten, sobald ihr volle Konzentration möglich war.... Für ihn dagegen war es der erste ausgiebige Schritt im‘Freien, ohne Zwangsbegleitung oder irgendwie befohlenes Handeln. Die Lust an der rüstigen Bewegung erfaßte ihn, durchzog ihn während des kräftigen Ausschreitens mit Irina; denn an irgendein Verkehrsmittel hier im Umkreis von Dachau war natürlich nicht zu denken. Er nahm die flache Sportmütze ab, die seinen Kopf bedeckte und genoß das sanfte Rieseln der Tropfen, die der zerreißende Nebel zu Boden schickte. Wie ein weiter grauer Mantel hüllte ihn das Wogen zugleich mit der Frau seines Schicksals ein. Mag auch die Zukunft für ihn so grau verhangen sein wie jetzt die Luft, was tat es? Wenn sie nur an seiner Seite blieb.... - 437So schritten sie aus wie ein Liebespaar, das sich verspätet hat und nun mit Eile nach Hause strebt. Rings um sie stieg und senkte sich der Nebel. Das Sternenbild des nachtschwarzen Himmels wurde zu Zeiten sichtbar. Rückwärts, wo am fernen Horizont das Lager liegen mußte, hingen tiefe, geballte Schneewolken... Der Fußweg neben der Fahrbahn war genau so menschenleer wie die Straße selbst, an sich freilich gefährlich, weil jeder einzelne Passant einer Patrouille auffallen mußte. Doch die Landschaft schien wie die Widersacher zu schlummern. Die Stille des Friedens herrschte. Allmählich, nach annähernd dreieinhalb Stunden des Marsches, dessen Mühen weder sie noch er gespürt hatten, werden Lichter vor ihnen sichtbar. Der Stadtrand von München nimmt sie auf. Die Gartenhäuser zu beiden Seiten der Straße mehren sich, Schein auf Schein glimmt durch die nächtliche Dunkelheit, flutet heran, von Menschen begleitet, die zu Rad, zu Wagen, mit Karren, in Omnibussen schon unterwegs sind, um ihr Tageswerk zu beginnen. Nun tauchen sie unter, die Marschierenden, in das Häusermeer, das den Himmel einzuengen beginnt. Sie pilgern weiter, dem Stadtkern zu. Sie bergen sich schließlich in der Nähe der Kasernen der Dachauer Straße in einer Gastwirtschaft, die schon lebhaften Frühverkehr aufweist. Tisch und Stühle sind mehr als derb, das Passantenpublikum nicht minder. Iřina verlangt für beide einen heißen Kaffee, will sagen: das, was man in Deutschland eben Kaffee nennt. Bert hätte lieber etwas Kräftigendes eingenommen, aber er fügt sich und sitzt still neben ihr in einer schattenreichen Ecke. Dank der schwachen Beleuchtung liegt eine Art Halbdämmerung über dem Raume. So erwartet er geborgen hier die Morgenhelle. Und weiß doch, ohne es laut werden zu lassen: dort draußen in der Menschenleere der Nacht, dort war die Stunde des Glücks für ihn gewesen, als sie durch die Zone der Gefahr geschritten waren. * — 488. Nach einer Weile rückt Ifina näher an ihn heran und schiebt ihre schmale, feste Hand unter seinen Arm, ihn dabei zuversichtlich ansehend..... Niemand von den unwirschen, hastig schlürfenden Gästen beobachtet sie. „Jetzt ist vielleicht Zeit“, flüstert sie,„daß ich dich informiere, wie es bei uns im Zirkus aussieht... im großen ganzen wird dir ja der allgemeine Zuschnitt nichts Fremdes sein, gelt ja?“ „Wieso?“ fragt Bert erstaunt zurück. ‚Woher soll ich denn wissen, wie es in einem Zirkus zugeht?”— „Nun“, erklärt sie, ‚jeder Mensch kennt sich doch so ziemlich darin von der Kindheit her aus, denke ich Bert schüttelt den Kopf.„Das trifft bei mir-nicht zu. Ich habe mich stets heftig gesträubt, wenn meine Eltern mich in einen Zirkus mitnehmen wollten... schau, ich konnte schon als Bub’ nicht sehen, wie ein Tier gequält wurde oder auch nur traurig um sich sah, weil es gefangen war... und wenn gar so stolze Ge- schöpfe wie Löwen, Tiger, edle Pferde, die albernsten - Kunststücke verrichten mußten, die ihrem Wesen völlig konträr sind und nur aus endloser Quälerei der armen Tiere bestanden, dann mußte ich als Junge laut auf- heulen vor Mitleid und konnte späterhin förmlich rasend werden vor ohnmächtiger Wut, daß solch®@ Dressuren überhaupt gestattet waren....“ Ihm leises Einverständnis zunickend, bringt Irina nun ihr Antlitz dicht in seine Nähe. Ihre Augen leuchten ihm lichtbraun, lebhaft und scharf entgegen. Voll Innigkeit drückt er ihre Hand, die auf seinem Unterarm ruht. Es ist schon so: in ihrer Nähe wird er wieder den Weg zu einer stärkeren, fast robusten Nervenkraft finden, gottlob. „Ich kann deine Einstellung als Tierfreund vollauf verstehen, nur darf man sie bei uns beileibe nicht ver- lauten lassen, wie du begreifen wirst... aber ich sage dazu: um so besser!‘— Das ist ihm unklar.„Du be- wegst dich in Rätseln, Geliebtes.....“ „Nun ja‘, erwidert sie zögernd,„ich denke, dann - 439- ,, Also wirst du froh sein, dich nicht mit Tieren beschäftigen zu brauchen oder höchstens aushilfsweise... hältst du etwas anderes für mich in Aussicht? Was denn nur?" fragt er begierig. - - ,, Oh weißt du", lächelt sie. ,, Jetzt kommt die schwerste von meinen Aufgaben!" Nun lacht auch er und droht ihr scherzhaft mit dem Finger: ,, Aha deshalb bestrickst du mich vorher mit allem Aufgebot deiner Waffen- oh, ihr Evastöchter, seid ihr nicht alle gleich geblieben seit jenem verfänglichen Rendezvous unter dem Baume der Erkenntnis?" Ihr die Hand küssend, fügt er hinzu: ,, Also nur heraus mit der Sprache, decke deine Karten auf, ob ich einen Putzer oder Beleuchter oder Stallburschen abgeben soll, das tut mir absolut nichts! Sowohl als alter Reiter wie als Lagersklave bin ich an jede Art von Dienstleistung gewöhnt.... - - ,, Nein", sträubt sie sich ,,, wenn es das wäre, läge es ja leicht und einfach!" ,, Nanu was kannst du denn noch für mich vorgesehen haben?" verlegt er sich aufs Nachdenken. ,, Nun, etwas" weiht sie ihn mit aller Behutsamkeit ein ,,, was gerade den Zirkus am stärksten verkörpert und für deinen Fall das Wertvollste ist, weshalb ich über die sich bietende Gelegenheit so froh bin, weißt du... nur-" ,, Ah bah, liebes Kind", beruhigt er sie ,,, wenn du nur froh darüber bist, dann bin ich es auch und bin sicher, daß die Sache auch die richtige sein wird...." (< ,, Sachlich gewiß, aber ich habe nur Bedenken, daß es dir als ehemaligen Offizier vielleicht schwer ankommen wird - ,, Oberst hin oder her, Iřina, jetzt bin ich Flüchtling, wie du weißt und glücklich über jeden Beruf, den ich ausfüllen kann und der mich verbirgt. 66 ,, Nun denn" faßt sie sich ein Herz ,,, erschrick nicht als Clown!" Sie sieht etwas scheu in seine überrascht aufgerissenen Augen. Gerade will er ein Stück Semmel in den Mund stecken, läßt aber die Hand un - 440- willkürlich wieder sinken... ein kurzes: ,, Donnerwetter!" entfährt ihm dabei. , Siehst du", wirft sie ziemlich kleinlaut ein. ,, Ich hab's ja gleich befürchtet, es paẞt dir nicht!" ,, Aber Gott bewahre, Geliebtes, du irrst in deiner Annahme!" ereifert er sich sogleich. ,, Ich bin im Gegenteil überrascht, was du mir an Fähigkeiten zumutest... werde ich denn genug Komik in mir haben, um mit dergleichen Künsten glänzen zu können?- Erzähle mir Näheres, bitte!" Er ist auf einmal Feuer und Flamme für den Gedanken. ,, Oh", dämmt sie belustigt ein ,,, zu, glänzen brauchst du ja in keiner Weise, sondern nur aushilfsweise eine Lücke schlecht und recht ausfüllen! Schau: es handelt sich um eine Truppe von vier italienischen Clowns. Eigentlich sind es Korsen, sie bekennen sich aber zu Italien, um heutzutage besser arbeiten zu können. Einer von ihnen ist Knall und Fall abgereist oder jedenfalls weggeblieben, das weiß man ja heute nie genau... und dessen Stelle hättest du auszufüllen, die Rolle wäre eine ganz einfache Sache!" ,, Also so'n bißchen herumstolpern und Ulk verzapfen, nicht wahr, was vorher gründlich einstudiert wird?" lacht er. ,, Nicht viel mehr- und doch will es gekonnt sein!" berichtigt sie. ,, Bedenke aber, wie günstig die Maskierung und Bemalung des Gesichts für deine Situation ist, auch die Perücke wegen deiner kurz geschorenen Haare vom Lager her niemand wird dich jemals darunter erkennen, wenn du auftrittst... und auftreten muß heute, bei dem Mangel an Personal jeder Art, beinahe alles, was bei uns angestellt ist, vielleicht bald auch noch wir vom Büro...." - - ,, Ja gewiß! Alle ,, So sieht es aus bei euch?" Kräfte und Nerven sind überanstrengt, um trotz der immensen Schwierigkeiten, die der Krieg gerade solch einem Unternehmen auferlegt, den Betrieb noch durchhalten zu können eines wird dir jedoch schwer fallen: du wirst nicht viel ins Freie gehen können, 441zum mindesten solange nicht, als wir noch im Inlande sind...." ,, Natürlich, das weiß ich selbst! Aber sage mir: wann geht ihr ins Ausland und wohin?" ,, Paß auf bitte: Italien ist kein Feld für einen Zirkus. Nach der Schweiz möchten wir schon gern, aber die will ja nichts von allem wissen, was aus dem Dritten Reich kommt. Schweden käme später dran, aber zuerst werden Österreich und die Balkanländer besucht werden...." ,, Also Staaten, die zur deutschen Einflußsphäre gehören, nicht wahr?" gab er zu bedenken. ,, Allerdings, aber sicherlich ist dort die Stimmung in Wirklichkeit gegen alles Nazitum gerichtet, so daß du als politischer Flüchtling kaum mit Schwierigkeiten zu rechnen haben wirst....". ,, Schon möglich", räumt er ein. ,, Und von Budapest aus müßte man versuchen, durch die schweizerische Gesandtschaft mit meinen Engadiner Verwandten Fühlung zu bekommen und dann mittels einer Maschine der, Swiss Air' nach Dübendorf, dem Züricher Flugplatz abfliegen zu können das wäre die beste Lösung! Du kämest mit, und wir blieben solange im Hause eines meiner Vettern in Pontresina oder St. Moritz, bis die Nazis erledigt sind - - einverstanden?" Ein glückliches Aufstrahlen ihrer braunen Augen dankt ihm für den Vorschlag. Ihre Hand preẞt zärtlich seinen Arm an Stelle einer Antwort. Ein paar Minuten schwelgen beide geradezu in der Vorstellung eines wonnigen Sichgehenlassens. Und das in einer dürftigen Kaffeeschenke der nördlichen Vorstadt Münchens. Dann findet er wieder zur Gegenwart zurück und fragt: ,, Sage mir noch, mit wem ich alles bei euch in Berührung kommen soll?" ,, Nun, insgesamt sind es drei Gruppen: zuerst eine Einzelperson, nämlich mein Freund und Landsmann, der brave Futtermeister der Menagerie, eine Seele von Mensch... dann die Feranitruppe, eben jene korsischen Clowns, von denen ich schon sprach- und dann erst, wenn du schon etwas eingespielt bist, unser Betriebsführer!" - 442 - ,, Also eigentlich die umgekehrte Reihenfolge wie sonst üblich?"- ,, Ja, der Krieg und der dauernde Wechsel bei uns bedingen das. - ,, Nun gut jetzt nur noch eine Frage, die für gewöhnlich nicht allzu wichtig wäre, aber bei den heutigen Umständen sehr von Bedeutung ist: wo soll ich hausen?" Während sonst die Antworten durchwegs flink auf seine Fragen gefolgt waren, zögert sie jetzt etwas, hebt flüchtig die Schultern und erwidert unter leichtem Erröten: ,, Erlasse mir noch den Bescheid hierauf. Ich habe selbstverständlich auch daran gedacht und schaffe noch am Vormittag Rat, verlasse dich darauf! Und nun..." sie sieht auf ihre Uhr ,, ist es mit unseren Besprechungen endlich sechs Uhr geworden. Wir können langsam aufbrechen... gezahlt ist ja bereits alles!" - ,, Einverstanden, Iřina!" willigt er ein und umfaßt sie gut gelaunt noch einmal. ,, Also schütteln wir energisch den Soldaten ab und ziehen einen regelrechten Don Quichotte an- oder ist das begrifflich zu hoch gefaßt?" Auf seinen neckenden Ton geht sie ein und lacht: ,, Sei zufrieden, wenn du ein leidlicher Bajazzo geworden bist. Denn ein Anstürmen gegen Windmühlenflügel gibt es zum Glück bei uns nicht-- aber nun komm!" Sie zieht ihn am Ärmel seines Jägermantels hinter dem Tisch hervor. Es ist fast eine symbolische Geste, empfindet er, welche ihre führende Rolle im kommenden Zusammenleben charakterisiert. ,, TIERE SEHEN DICH AN". Schon eine Viertelstunde war es her, daß der penetrante Geruch der Menagerie in Berts Nase gestiegen war. Nach der rauhen Morgenluft draußen war es hier immerhin wohlig warm und zugfrei. Er schritt aus dem kleinen Nebenraum, der dem verschiedenartigen Futter zur Aufbewahrung diente, heraus in den Hauptgang, — 443— an dem rechts und links die Käfige für die Raubtiere lagen. Drinnen besprach Ifina mit dem alten Futter- meister die Frage seiner Unterkunft. Der Alte erwies sich wirklich als ihr Freund, als den sie ihn geschildert hatte. Äußerlich nahezu ein Scheusal, ein‘Gesicht von unheimlicher Häßlichkeit gleich einer Mischung von Bulldogg und Meerschweinchen, ein plum- per, watschliger Gang wie ein Schwan auf dem Lande, besaß er tiefblaue Augen, die sich gern zu einer großen Güte und Väterlichkeit weiteten. Mit seiner unter- setzten, verwachsenen Figur stellte er einen klobigen Gnom mit Riesenschädel auf kurzem Halse dar. Konnte er zuzeiten wegen einer Kleinigkeit so aufgebracht sein, daß sein ganzes Wesen Zorn und bebende Heftigkeit war, so ließ er es doch für gewöhnlich an Hilfsbereitschaft und rauher Herzlichkeit nie fehlen. Sein Äußeres hatte stän- dig etwas Schroffes, Knotiges; seine Seele dagegen war die einer Hausmutter. Im Gespräch mit seinem Lieblinge Ifina steckte er sich gern eine kurze Qualmpfeife an und kauerte schnur- rend in sich zusammen, zu einer drolligen Kugel auf- geplustert, nur ab und zu etwas zum Lachen ein- werfend. Ohne ein wenig Heiterkeit konnte er nicht auskommen.... Nun stand er auf und ging mit ihr auf den wartenden Bert zu. Sein letztes Wort in der Debatte mit ihr war sein Lieblingsspruch: ‚‚Was willst du? Arme Leute kochen halt mit Wasser!“ Und ernsthaft fuhr er fort: ‚Also gib endlich deinen Widerspruch auf, Mädchen, du kennst doch meinen dicken Schädel. Ich schlafe für die Zeit, die wir noch in Deutschland sind— der liebe Gott kürze sie ab!— hier auf meinem alten Ledersofa und begründe es damit, falls einer sich wundern sollte, daß ich den fortdauernden Diebstählen von Futter auf solche Weise vorbeugen will— und ihr beide nehmt Tages- und Schlafraum- meines Wohnwagens draußen im Hof in Beschlag... das ist nun abgemacht und kein Wort mehr darüber, Kleines!“ Dem neuen Mitarbeiter gab er in biederer Kamerad- | | | 1’ | - 444 - - schaft die Hand, die Bert kräftig drückte und fragte ihn: ,, Kann man Sie per, Du' anreden, wie es bei uns im Zirkus üblich ist oder muß man beim, Sie' bleiben, da Sie doch ein großer Herr sind, wie ich vertraulich höre?" - Bert lachte und winkte mit der Hand ab. ,, Ich bin weder ein großer Herr, wie du glaubst, noch ist mir das, Du' vom Lager her ungewohnt- also lassen wir es bei dem brüderlichen Tone! Und sage mir bitte, was ich als Entgelt für das Wohnen in deinem Wagen leisten darf, damit wir quitt werden...." ,, Gut", brummelte Mirko. ,, Geldeswert hat kein Interesse für mich; aber wenn du in deiner freien Zeit, die dir verbleiben wird, mir etwas beim Füttern helfen willst, zumal du ja eh' nicht ins Freie gehen kannst, du siehst ja: wie ich weiß, so wäre ich zufrieden unser Tierbestand ist gewiß noch reichlicher, als du ihn dir vorgestellt haben wirst- was?" --Bert bestätigte es. Vergleichsmöglichkeiten besaß er freilich keine, aber angesichts der großen Schwierigkeiten der Futterbeschaffung erschien ihm der Bestand noch sehr bedeutend, besonders an Raubtieren, die ja stets den Stolz der größeren Zirkusbesitzer bilden. Man wohnte hier im eigenen Gebäude und auf eigenem Grund. Daher war alles stabil und geräumig, nicht eng und provisorisch wie bei den Reisezelten auf Tourneen.... Da war, um nur die Koryphäen zu nennen, eine Gruppe von Königstigern, die an Schönheit der Exemplare ihresgleichen suchte; dann eine Menge Löwen mit einer Reihe von possierlichen Jungen; ferner ein Rudel von sibirischen Wölfen, ebenfalls Prachtkerle. Aber das auffallendste Wild war eine Anzahl Seelöwen, für die extra ein zementiertes Rundbecken aufgestellt war, in dem die Ungetüme sich ergötzten. Es waren Viecher von abgründiger Scheußlichkeit im Aussehen und im Benehmen: bösartig, heimtückisch, kaum zähmbar bei der Dressur, daß Bert nicht begreifen konnte, was der Besitzer mit den Scheusalen dem Publikum für einen Spaß zu bereiten gedachte. mans den in N In der Folgezeit sah er vielfach seinem Gönner Mirko bei den Übungen mit den Wölfen zu, die dieser als früherer Dompteur im Nebenamt vornahm. Dabei trieben es die störrischen und beißlustigen Geschöpfe der- artig bunt, daß selbst einem Menschen mit der Lamms- geduld Mirkos mehrfach der Zwirnsfaden riß und er zu wettern begann, bis sein Gesicht blaurot anlief. Vorläufig jedoch wartete er in Gesellschaft Ifinas die Ankunft der drei ‚Italiener‘ ab, die sich zur Morgen- arbeit einfinden sollten. Der pflichteifrige Mirko, der in seinem Berufsleben aufzugehen schien, hielt seinen Äußerungen nach nicht sehr viel von ihnen, vom Trupp- führer Luigi Ferani ganz besonders nicht. „Ein lockerer Geselle, verstehst du, flatterhaft und großsprecherisch, ohne Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit, nebenbei Schürzenjäger erster Klasse, dazu mit Schulden bedeckt, mehr wie der biblische Hiob mit Schwären.... Der Kerl kann dir mit seinem Geschwätz aus einer Kanonenkugel einen Leberknödel machen und um- gekehrt—“ „Na— schließlich werden es ja auch nur bessere: Kasperl sein, darf man nicht vergessen!“ warf Bert ent- schuldigend ein. Doch der alte Futtermeister fuchtelte energisch mit der Hand durch die Luft. ‚‚Ganz gleich- gültig, was einer bei uns betreibt, ob er als Akrobat, Dompteur, Reiter oder Clown arbeitet, er kann nur etwas leisten, wenn er in strenger Selbstzucht lebt, wie es das ungeschriebene Gesetz des Zirkus von seinen An- gehörigen verlangt, vielleicht nur das Ballett aus- genommen... gerade wo das Publikum an zügellose Sitten oder gar Ausschweifungen glaubt, herrscht beinahe mönchische Strenge und muß sogar solche herrschen?“ Er sah dabei sein Gegenüber herausfordernd an—— brach aber gleich wieder in das gutmütig spottende Lachen aus, das ihm eigen war. Auf Berts Frage erklärte er, die Fäuste in die Seiten gestemmt: ‚Weißt’, ich hab’ beim Zirkus ja schon manchen Vogel aus anderen Gesellschaftsklassen, der uns zugeflogen war, beobachtet, wie es eben unser Leben und nun gar solch ein Krieg - 446- - mit sich bringt... aber noch keinen wie dich! Haha, sei mir nicht bös', du nimmst dich hier wirklich aus wie'n Kuckuck im Taubenschlag. " ,, Ist das so schlimm und auffällig?" fragte Bert betroffen und trat vor einen Wandspiegel an der Tür zum Pferdestall. Das Gesicht, das ihm daraus entgegensah, war müde, wüst und leicht gedunsen, dazu die verunstaltenden Haare, die einen scheußlichen, Pelz über der Kopfhaut bildeten. ,, Na, weniger wie ein Kuckuck, finde ich", gab er langsam zur Antwort ,,, als vielmehr ein lichtscheuer Uhu, auf den eine Schar Krähen loshacken will...." Er sah zu Iřina hinüber, die ihn nur noch seinen Arbeitsgefährten vorstellen wollte, um dann zu gehen. Sie war noch mehr als er von der schlaflosen Nacht und dem Marsch erschöpft. Endlich kamen die ersehnten Drei. Mirko sah einem wie dem anderen mit einer Miene voll mitleidiger Belustigung zu, wie sie das Mädchen begrüßten. Sein linkes Auge zuckte verräterisch. Doch Iřina stellte die Männer ruhig einander vor und vertrat dabei die Betriebsführung, deren Einverständnis mit der Aufnahme der Hilfskraft sie vorweg nahm. Das Haupt der Truppe, Luigi Ferani, wie er sich nannte, war ein mittelgroßer, breit gebauter Mann von ungefähr 35 Jahren, mit gelb- fahlem, dickwangigem Gesicht, hervorstehender Stirn und unruhigen Augen, deren neurasthenisches Geflacker im krassen Gegensatz zu seinem trägen Gesichtsausdruck stand. Es war der Blick eines Brausekopfes, der sich nicht ordentlich im Zaume halten kann.... Das gab Bert zu denken, zuzüglich der Runen, die in des Clowns Züge eingegraben waren und die sich fast so lesen ließen wie die Buchstaben einer Schrift. .. Es ist ein Korse, nehmt alles nur in allem, dachte sich Bert im stillen, reichte aber vom besten Willen zu einer guten Zusammenarbeit beseelt dem anderen die Hand. Was blieb ihm auch übrig? Hatte er etwa die Wahl? Die Begrüßung, die Luigi dem jungen Mädchen angedeihen ließ, war galant und zeremoniell, wie es der Süd 447 länder dem zarten Geschlecht gegenüber gewöhnt ist; aber doch um eine Nuance zu kordial und zudringlich, fand Bert.... Doch hernach begrüßte er ihn, den neuen Kameraden. Als Bert die Worte, die bei einer Vorstellung üblich sind, dem Korsen zuliebe in Französisch sprach, gab dieser in einem Schwall von Phrasen seine Freude kund, einen Mann von Bildung bei seiner Truppe zu haben... woher er auch käme und was ihn auch hergeführt habe einiges sei ihm ja vor kurzem gesagt worden doch das schere ihn nicht, er begrüße ihn mit Handschlag in aller Herzlichkeit. - - Aber unter dem klingenden Französisch, das bei den Südländern so hart wie unter dem Hackmesser herauskam, fühlte Bert den Blick des Sprechers kalt und berechnend ihn abschätzen. ,, Sie werden, mon ami, der erste bärtige Clown in Europa sein, aber um so origineller, versteht sich! Denn ich nehme an", setzte er mit einer Art Lauern hinzu ,,, daß Sie auf Ihren Bart nicht gern verzichten wollen, hm?" - Achselzuckend bestätigte Bert die Annahme Feranis, falls es sich einrichten ließe, natürlich nur..., Freilich, alles läßt sich heute arrangieren bei solch einem Publikum, wissen Sie na, Sie werden es ja bald selbst erkennen können...." Und in der Folge verschmähte er auch nicht, die alte Walze von dem Abstieg auf der Rangleiter der Kunst aufzulegen, zu dem die Kriegsverhältnisse einen Könner von seinen Graden bedauerlicherweise gezwungen habe.... ,, Sterilität, wissen Sie," trompetete er mit erregten Gesten ,,, Sterilität, wo man nur hinkommt, es ist ein Leidwesen- und so treibt der Hunger eben die Kunst in die Gosse, das alte, trübselige Lied!" Bert wollte Luigis emphatische Gesten beruhigen, doch ohne Erfolg. Die beiden anderen Mitglieder der Truppe standen als stille Statisten neben dem, Auftreten ihres Oberhauptes, in sich gekehrte Naturen, zwei Brüder, Gesichter von erschreckender Leere. Dagegen erregte das Theatralische ihres Chefs in Bert allmählich einen unbesiegbaren Widerwillen.... Iřina hatte sich längst empfohlen. Nichts hinderte also, daß mit der - 448Arbeit begonnen werde. Schließlich, als Luigi keine Anstalten dazu unternahm und schon einige Zigaretten trotz des strengen Rauchverbotes, das nur bedeckte Pfeifen gestattete, verpafft hatte, bat Bert demonstrativ um Beginn der täglichen Probe, der zuzuschauen er begreiflicherweise brenne. Mit einem Stoßseufzer gab der Korse ihm endlich nach. Alle vier begaben sich in die für die Clowns vorgesehene Garderobe, um die Straßenkleidung gegen eine Art Trainingsanzug zu vertauschen und alsdann in die große Manege zu gehen, die leidlich erhellt war. Einzelne Artisten probten bereits längere Zeit, jonglierten, schwangen am Reck, arbeiteten im Sattel oder bei ikarischen Spielen eine Welt der straff trainierten Muskeln und stählern gehärteten Nerven. Schweißgeruch hing in der Luft, vermischt mit dem herben Aroma der Lohe. Staub und der Duft von frischem Roẞdung kamen hinzu, um ein Parfüm zu schaffen, wie es Bert nur allzu gut vom Stalldienst seiner militärischen Jugendzeit her bekannt war. * Das Programm der Ferani- Truppe, die sich nun einen entsprungenen Häftling als vierten Mann zugelegt hatte, war allerdings dürftigster Durchschnitt. Ihre Späße waren Antiquitäten, die Bert längst in der Versenkung verschwunden gehofft hatte.... Für seine Mitwirkung dachte sich Luigi einen kurzen Sketch aus, in welchem der Neue mit Rücksicht auf seinen Bart als tolpatschiger Professor im Gehrock und Zylinder, mit fuchsroter Perücke, blauer Brille und zerbeultem Regenschirm auftreten sollte, die zwei Kollegen als freche Schulbuben, er selbst als angesäuselter Pedell--na, nicht neu gewiß, aber immer noch wirksam und für Berts Sicherheit eine günstige Maskierung, überdies keine Sache von nennenswerter Schwierigkeit. Trotzdem strengte ihn, der ja nie ein Kraftmensch gewesen war, das Hopsen und Kullern, das für das Publi - 449- kum wie alberne Senilität aussehen sollte, fürs erste ganz merklich an. Sportübungen hatten für ihn eben sein Leben lang im Reiten und Bergsteigen, auch etwas Eislauf und Skitouren bestanden, abgesehen von der Jagdjedenfalls Übungen in frischer freier Luft, nie im geschlossenen Raume.... Hier aber legte sich die Staubluft und die Ausdünstung der Ställe auf die Atmungsorgane, so daß er anfänglich nicht aus dem Husten herauskam und begreifen lernte, warum so viele Zirkusleute an der Schwindsucht leiden. Das alles war jedoch eine Belanglosigkeit gegenüber der großen Hauptsache: sich dem Zugriff der Gestapo und der SS. für dauernd entziehen zu können. Und wohlweislich hatte er sein Auftreten so eingerichtet, daß die Gefahr eines Erkanntwerdens nahezu ausgeschlossen war. Rein fachlich ermöglichte es seine Anpassungsfähigkeit sehr bald, daß er weit besser, als er jemals sich selbst zugetraut hätte, in die Rolle eines ,, dummen August" hineinwuchs.... Man bedenke dabei: ein Mensch, der von Kindesbeinen an in der Auffassung groß geworden war, sich niemals zur Schau zu stellen, auch im bescheidensten Sinne des Begriffes nicht; geschweige denn in einem Amphitheater voll Leuten aller Gattungen die primitivste Schaulust zu sättigen und noch dazu als Bajazzo... welche Überwindung seelischer Hemmungen mußte ihn das kosten, bis er die ruhige Zuversicht des Könnens gewann, ja sogar eine Spur von Stolz über den ihm geltenden Applaus empfinden konnte! Und Applaus hatte er, sogar dröhnenden Applaus bei seiner Extranummer als verschrobener Professor; nicht etwa nur von seiten der Schulkinder, die freilich am kräftigsten lachten und klatschten, wenn er in der Manege mit seinem alten Regenschirm, Zylinder und Bratenrock hinter den Lausbuben einherstolperte und kollerte. Sondern auch den Erwachsenen kam er komisch genug vor, gerade wegen jenes tiefen, zerstreuten Ernstes und der unerschütterlichen Ruhe seines Gebahrens während 29 Conrady, Amokläufer. - 450 - jeder Drolerie das eigentliche Geheimnis des Erfolges bei allen Burlesken. Hinzu kam noch eine Solonummer ähnlichen Stiles, die er sich selbst ausgedacht und mit dem Personal einstudiert hatte: das Glashäuschen einer öffentlichen Fernsprechzelle war in der Mitte der Manege aufgebaut worden. Bert telephonierte nun darin in ungeschicktester Weise und verworrenen Redewendungen mit gottweiẞ wem herum, während sich hinter ihm eine wahre Volksmenge drastischer Typen ansammelte und Schlange stand.... Dabei erging sich der Volksmund in trocknen Späßen von urwüchsiger Schlagkraft gegen den nicht aufhörenden Professor, der verwirrt mit dem Apparat und dem Amte nicht fertig wurde, während ihm ein zahmes Eichhörnchen aus der Rocktasche schlüpfte und seine Kapriolen auf Schultern und Perücke trieb... es lag aber in dieser Szene soviel echte Komik aus dem Straßenleben des Alltags, daß die Zuschauer vor Lachen brüllten und der Erfolg staunenswert war. Zu seinem Auftreten muß noch eine Groteske geschichtlicher Art erwähnt werden: dies Amphitheater, dieses gewaltige Rund von Manege und Sitzreihen, war zugleich der Schauplatz der ersten Massenerfolge- keines Clowns, wohl aber eines Akrobaten der Gesinnung, eines Groteskpolitikers von dämonischer Genialität gewesen.... Denn hier und nirgends wo anders war es, wo Adolf Hitler unter sinnverwirrenden Aufzügen seiner Schutztruppe, unter Fahnenschwenken, Fanfaren und Knüppelbataillonen die Urteilskraft des deutschen Kleinbürgers gebrochen hatte. Hier war es, wo er zuerst die begierig Lauschenden mit suggestiver Redegewalt in seine Netze lockte und in dröhnenden Tiraden seine wachsende Anhängerschaft zu jener blindlings gehorchenden Gefolgschaft drillte, die ihm die Leiter zum jähen Aufstieg halten mußte zum eigenen Verderben.... Ein richtiger Zirkus demnach in des Begriffes mehrfacher Bedeutung! - Daß aber ausgerechnet ein Mann vom Schicksale Robert Jordans zum Kollegen dieses politischen Seil > tänzers tragischen Angedenkens werden mußte, ist gewiß ein Treppenwitz der Geschichte unserer Zeit, die an paradoxen Zufälligkeiten so reich ist.... Allerdings— was war das auch für ein Publikum! Es füllte das gewaltige Rund des Zirkus täglich bis auf den letzten Platz aus; das ist wahr, aber auch nicht zu verwundern. Denn wenn des Volkes Lust und Glück seit jeher um ‚panem et circenses‘ kreisten, so mußten bei dem mangelnden Brot die Spiele um so: stärker in der Beliebtheit steigen..... Oft sah Bert verstohlen in den Kreis bewegten Lebens um sich herum: eine amorphe Masse, schon arm- selig gekleidet zumeist, die Männer zum großen Teil in Uniform, oftmals das leuchtende Weiß von Wund- verbänden hervorstechend; zwar die Augen aufgerissen und schaubegierig, aber die Gesichter bereits über- arbeitet, abgespannt, mürrisch, unterernährt— so saß das Publikum Kopf an Kopf und glotzte begierig diesem Talmileben zu, diesem bißchen Flitterglanz, der sich vor ihm allabendlich entfaltete, die Nachmittage un- gerechnet.... es spürte wohl intuitiv die Verwandt- schaft mit dem Treiben da unten: genau so Talmi war ja auch ihr bißchen Lebensfreude geworden, und ebensolch durchscheinender Flitterglanz war über ihre kläglichen Tage gebreitet. Wie die bedauernswerten Viecher in der Manege müssen auch sie, die um so viel lieber ihrem althergebrachten Behagen nach- leben möchten, durch Hunger und Peitsche getrieben sich zu Leistungen bequemen, die ihnen im Grunde genommen verhaßt sind. Und erst ganz allmählich wird in diesen verwahrlosten Seelen das Bewußtsein ihrer verhängnisvollen Irreführung erwachen, der sie er- legen sind. ; Ja, meine Lieben, wenn ihr wüßtet, dachte sich Bert im stillen, wenn ihr es wüßtet, ihr ahnungslosen Zu- schauer, ihr vielen Uniformierten aller Schattierungen, wer da zu euren Füßen als dummer August herumstol- pert...! Aber ernstlich bedacht: wenn sie es wüßten, was würde daran schließlich schon besonderes zu finden sein? 29* 452Hat dieses magische Rund der Manege nicht von jeher Tragisches zur Genüge umschlossen? - Nun soweit war er ja glücklich geborgen und konnte wieder relativ zufrieden sein vielleicht ist es der teilnehmende Leser mit ihm... aber konnte es so bleiben? Muẞte sich nicht irgendeine Störung von neuem einschleichen, um ihm das Leben sauer zu machen? Fraglos! Und diesmal stammte sie aus dem unerschöpflichen Dramenkochtopf des Weiblichen. -- ,, CHERCHEZ LA FEMME." Ein einziger Umstand war störend oder eher betrüblich zu nennen: die Eifersucht, mit der ihn sehr bald Luigi Ferani wegen der Person Iřinas verfolgte. Es ist nicht Sache dieser Schilderungen, uns mit Vorgängen solcher Art in breiterem Rahmen zu befassen. Nur in Kürze sei erwähnt: Es kam zu wiederholten Kontroversen zwischen den beiden Rivalen, wobei der alte Mirko getreulich seinem Schützling zur Seite stand... Kontroversen, die für unseren Freund deshalb nicht ohne Bedenken waren, weil Luigi als Anführer der Truppe notgedrungen über Berts prekäre Situation in großem Rahmen informiert worden war. Und bei jeder strittigen Auseinandersetzung mit dem unberechenbaren Korsen mußte das Paar für unseres Freundes Sicherheit bangen, mochten gleich die häuslichen Nachrichten aus Schwabing gottlob ständig günstige bleiben. Keinerlei Spur einer Überwachung des Hauses oder dessen Bewohnerin hatte sich feststellen lassen. Berts Schwester schrieb es dem persönlichen Wohlwollen des Kommissars Schuhmacher seitens der Gestapo zu- oder dem Einflusse Toni Seidls auf die SS.- Leitung Münchens, daß die Nachforschungen nach Bert vielleicht gänzlich eingestellt worden waren wer weiß es? Ob die Vorsicht Berts nicht am Ende überflüssig war? fragte sie ⋅ - 453auf dem geheimen Zettelchen an, den ihm der gewohnte Bote verstohlen überbrachte. Freilich konnte er zu einer solch naiven Auffassung der Lage durch seine liebe, unerfahrene Schwester nur lächeln. Nur zu gut kannte er die Methoden der Gestapo, die sich streng nach den Qualitäten ihres Gesuchten einstellte.. Sie wußte doch, daß sie einen versierten Mann, wie ihn, nur einfangen könne, wenn sie ihn ganz behutsam in Sicherheit wiegte und sodann nach Hause zurückkehren ließ, um hernach blitzschnell zuzugreifen aber nein, so töricht war er gottlob nicht, mochte auch ein still blutendes Heimweh nach seiner behaglichen Häuslichkeit in ihm nicht erlöschen, die so relativ nahe lag und dennoch unerreichbar für ihn blieb. - - Ernstlich nahm er sich aber vor, es möglichst nie mehr zu einem Konflikte mit seinem Widersacher kommen zu lassen, solange er sich noch auf deutschem Boden befand.... Leider blieb es jedoch trotz aller Zurückhaltung von seiner Seite nicht bei den bisherigen Zusammenstößen. Es floẞ eben ein täglich zunehmender Strom von Feindseligkeit von seinem Rivalen zu ihm, gespeist aus dem uralten Motiv der Eifersucht. Und eines Abends kam es zu einem häßlichen Ausbruch, als Bert, wie gewohnt, seine Solonummer zeigte und Iřina ihn mit dem Frottiermantel über dem Arm in einer Ecke des Manegeausganges erwartete, weil er stets erhitzt von der Arbeit in die Zugluft des Ganges trat. Allen Angestellten des Zirkus war sie und ihre Sorge um den, Professor' schon zu einer gewohnten Erscheinung geworden, die jedermann respektierte; denn im allgemeinen wurden die bestehenden Verbindungen zwischen Angehörigen des Zirkus von allen als, tabu betrachtet. Eine Ausnahme von diesem ungeschriebenen Gesetz leistete sich natürlich Signore Ferani. Er stellte sich an jenem Abend ostentativ derart vor Iřina hin, daß sie in die staubige Ecke gezwängt wurde und durch seine - 454- rechts und links an der Wand aufgestützten Arme am Entrinnen verhindert wurde. Einzelne der unbeschäftigten Artisten sahen zwar seinem Treiben zu, waren aber daran gewöhnt, daß sich im Zirkus jeder allein zu helfen wisse. Auch begehrte Iřina nicht etwa laut nach Unterstützung durch andere, aus derselben Vorsicht heraus, die Berts Verhalten zu dem Korsen beeinflußte. Daher blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit schmalen Lippen und resolutester Miene aufzufordern, sie freizulassen, im übrigen sich seinen Reden gegenüber taub zu stellen. Die glutvollen Blicke und das begehrliche Schmatzen des Aufdringlichen ließen sie kalt, eine Haltung, die Luigi damit quittierte, daß er mit der Rechten das Mädchen unter dem Kinn zu fassen versuchte, um sie zwangsweise zu küssen. Bis plötzlich Bert unbemerkt hinter dem Unverschämten stand. Im Fluge hatte er die Situation erkannt, aber auch die jäh in ihm aufzüngelnde Wut gedrosselt, obwohl er die etwas spöttischen Blicke der Zirkusleute in seinem Rücken auf sich ruhen fühlte. Noch keuchend und verschwitzt von der Arbeit, wie er war, griff er von rückwärts, ohne ein Wort zu sprechen, nach Luigis an die Wand gestemmten Arm, riß ihn daran herum und zog den ganzen Kerl ungestüm mit sich fort bis in die Kammer Mirkos, der in einem Winkel seines schäbigen Ledersofas saß und den Qualm seiner Pfeife von sich blies.... Hinter den beiden her schallte das Gelächter der Augenzeugen. Sie mußten Berts Verhalten für gescheit halten; denn im Grunde genommen war ja nicht allzu viel geschehen, und einen Zwist unter Kollegen einer gemeinsamen Nummer machte man am besten unter vier Augen ab. Aber schon beim Eintritt in die Futterkammer brauste der Korse entrüstet auf: ,, Das ist eine Frechheit von Ihnen!" Er versuchte sich loszumachen. Bert jedoch zwang sich, als er den Erbosten freiließ, ihm mit einer höflichen Verbeugung zu bedeuten: ,, Signore, sie ist nicht Er chi für Euren Flirt geschaffen, lassen Sie es sich endlich gesagt sein!“ Nun hielt jedoch nichts mehr den alten Mirko zu- ıück, der hinter seinem Tisch hervorächzte und mit einem verächtlichen ‚‚Da schaut’s ihn an, den Hallodri, den ausg’schamten....“ sich neben Bert stellte und dem Korsen herausfordernd ins Gesicht sah. Luigi wollte sich erbittert rechtfertigen, indem er ausrief: „‚Was denn-- ist das vielleicht solch einen Auftritt wert? Alles, was zwischen mir und dem Mädel vorgefallen ist, war mein Wunsch, sie nachher begleiten zu dürfen, also eine Einladung an sie, mit uns einen vergnügten Abend zu verbringen, mehr nicht!“ „In Ihrer Wohnung, wie ich annehme.....“ fiel Bert ein. Einen Augenblick lang stockte Luigi. Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich; aber es war, als klirrten zwei Klingen aufeinander. Dann gab der Korse trotzig die Wahrheit zu: ‚Ja— und was weiter?“ „Obwohl Sie wissen, daß Fräulein Irina Ihrer Ein- . ladung niemals Folge leisten wird, da sie im Zirkus wohnt und überdies aus speziellen Gründen, die ich Ihnen schon bekannt gab, wie mir in Erinnerung ist— oder nicht?“ Seine höfliche Ruhe gab dem Gauklergemüt Luigis wieder neuen Auftrieb. In verletzender Weise auf- lachend, warf er ein: ‚‚Mir können Sie viel erzählen— was brauchen Sie sich denn darum zu kümmern? Ein sogenannter ‚Verlobter‘ braucht nicht alles zu wissen—— ‚So, auch nicht, wenn er mit seiner Verlobten zu- sammen wohnt?“ fragte Bert mit dumpfer Eindringlich- keit, immer schwankend zwischen gewaltsamer Ruhe und durchbrechender Heftigkeit.... Der Korse verfärbte sich. Er schleuderte nochmals einen funkelnden Blick zu Bert hinüber, als hätte dieser ihn im Innersten getroffen. Sein Gesicht verzerrte sich förmlich vor Haß. Dennoch fragte er halb ungläubig: ‚‚Wer wohnt zusammen? Etwa sie mit Ihnen?“ An Stelle Berts sprang nun aber Mirko ein, es hielt den Biederen nicht länger. Und dem Lokalkolorit zu - - 456- Ehren wetterte er in saftigstem Oberbayrisch los, das er meisterhaft beherrschte und bei Grobheiten bevorzugte: ,, Woas fragst denn no' so saublöd, damischer Lack'l du? Selbstredend ös zwa mitanand'! Und in mei'm Karr'n, wann'st's akkurat wissen willst, sackrischer Lauser- un' nu' schleich di' vo'hinnen, dö fad's G'stell, sonst verpass' i' di' an Watsch'n, daß dö umanand taumelst Katz'lmacha ganz vermaledeiter... mi' kömmt eh' scho's Speien an, wann i' di' sieh!" - Dem Korsen aber mußte der Verlust aller ferneren Aussichten auf das Mädchen doch tiefer gehen, als Bert jemals angenommen hatte, denn er trat spontan einen Schritt zurück und wurde aschfahl im Gesicht, als ihm Mirkos Ungestüm so brüsk die Wahrheit entgegengebrüllt hatte. Und zitternd vor Wut zischte er seinen Rivalen an: ,, Überlege dir das noch gut, Freundchen, ich verstehe darin keinen Spaß länger... .. sie oder du, damit du es weiẞt!" Und ohne eine weitere Entgegnung abzuwarten, zumal des groben Alten Haltung ohnehin bedrohlich wurde, eilte er hastig zur Tür und knallte sie hinter sich zu. Seine zur Grimasse verzerrte Fratze war Drohung genug. ,, Also pfeilgrad derschlag'n könnt' i' ihn, dön z'wideren Hallodri, den ausg'schamten," keuchte Mirko noch weiter, als auch Iřina neben ihm in der Kammer stand. ,, Und denken müßt's fei' nöt, daß ös a Ruah habt's vor dem, dös wär arg g'fehlt- gebt's acht, daß er eich nöt aussidraht!" Eindringlich und mit beschwörend erhobenen Händen sprach er auf das Mädchen ein, das mit gerunzelter Stirn seinem Bericht lauschte.... Gedanken schossen ihr durch den Kopf, als sie den Alten verließ, bei dem Bert noch zurückblieb. Mit glühheißem Kopf trat sie an die frische Luft und ging über den Hof ihrem Wohnwagen zu. Ein plötzlicher Entschluß gewann überraschend schnelle Gestaltung in ihr: sie ging zu dem Versteck, wo sie die Mauserpistole Mirkos verborgen wußte, griff den gedrungenen Stahlkörper auf und wog - 457ihn eine Zeitlang in ihrer Hand, um ihn dann mit rascher Bewegung in die Tiefe ihrer Handtasche zu versenken so! Im übrigen beschloß sie, nie mehr die Stallräume zu betreten, sondern Bert durch den getreuen Jošzy den Mantel bereit halten zu lassen. WOLKEN AM HIMMEL. Für Bert schlichen die Tage dahin in wechselnder Arbeit am Vor- und Nachmittag und der Erregung seines Auftretens an jedem Abend sonntags sogar zweimal. Allmählich rückte das Weihnachtsfest heran. Im Freien herrschte dichtes Nebelwetter und lauwarmer Matsch, die übliche Münchner Witterung um diese Jahreszeit. Im Inneren Berts war es das gleiche. Nach dem Zusammenprall mit Luigi tat er seinen Dienst wie traumwandelnd. Zwar kam es nur zu einem frostigen Begegnen zwischen beiden, aber welche Rücksicht sollte den Lumpen wohl abhalten, alles zu zerstören, was Iřina und er mühselig dem Schicksal abgerungen hatten? Lächerlich, auf irgendwelche Hoffnungen zu bauen... Und doch konnte er sich des Gefühls nicht entschlagen, daß ein solcher Verrat am Arbeitsgefährten einem Artisten kaum zuzutrauen wäre, schon weil es ihn vor den Kollegen unmöglich machen würde... aber was nun? die Was nun. ach, wieder dieses krankmachende Bewußtsein der Abhängigkeit von einem Feinde Erkenntnis, nichts anderes tun zu können als abzuwarten, bis irgend etwas, das außerhalb seiner Macht stand, ihn davon erlöste; bis eventuell das schwebende Beil über dem Kopf niederfiel. ja, wenn der Kerl seine böse Absicht solange hinausschieben würde, bis die deutsche Grenze hinter ihnen lag, ja dann... aber für so einfältig durfte man ihn natürlich nicht halten Kein Wunder, daß Bert unter solchen Erwägungen immer stiller und in sich gekehrter wurde. Sein Gesicht. zeigte bohrende Qual, innere Abwehr und zugleich 458erzwungene Ergebung ins Unabänderliche. Zwar war er in Gesellschaft seiner Freunde nach Kräften bemüht, die gewohnte Haltung zu bewahren. Dann hatte sein Mund zumeist das liebenswürdige, gewinnende Lächeln, das ihm eigen war; doch in seinen Augen stand schon die Feindseligkeit, mit der er eine Patrouille der Gestapo empfangen würde, wenn sich plötzlich die Tür öffnen sollte und den Schergen Einlaẞ böte.... So kam das Weihnachtsfest heran. Von irgendwelchem frohgeschäftigen Treiben wie sonst in glücklichen Jahren war diesmal auf den Straßen und Plätzen Münchens nicht viel zu bemerken. Selbst die obligaten Tannenbäume mangelten schon. - Iřina hatte jedoch ein winziges Bäumchen von 40 cm Höhe hereingebracht, etwas mit Stanniolflittern und dünnen Kerzchen besteckt und Mirko gebeten, den Christabend mit ihnen zu verbringen. Geschenke waren ja nur geringfügige zu bieten außer der kostbaren Gabe, mit der Bert seine künftige Gattin schmückte: eine lange Perlenkette von erlesenem Muster, Erbstück seiner Familie, das ihm die treue Schwester auf seine schriftliche Bitte hin mit dem gewohnten Boten übersandt hatte.... Der Schmuck sollte an diesem Abend seine formelle Bitte an die Geliebte begleiten, seine Ehefrau zu werden, sobald es ihr beiderseitiges Geschick gestatten würde. Es war eine Minute von ergreifender Feierlichkeit für die zwei, als Bert ihr in Gegenwart des Alten die herrliche Kette um den Hals schlang und mit innigster Herzlichkeit für die Aufopferung dankte, die sie ihm und seinem Wohl gewidmet hatte. - wann wird Aber in seinen Küssen strömte die Wehmut der Zeit auf sie über und von ihr auf ihn zurück, die Wehmut des Gedankens: wird es jemals zu unserer Eheschließung kommen? Und wenn alles gut ausginge es endlich sein, du lieber Gott?... Inzwischen saẞ Mirko mit verschleierten Augen auf seinem Divan und nickte in ergebener Rührung vor sich hin, auf die flackernden Lichtchen des kleinen Christbaumes star - - 459- rend wie gut, dachte er, daß es solche Frauen auf der Welt gibt: so männlich klug und fest, dabei doch voll weiblicher Güte und Liebreiz! In ihrer Nähe mußte man ja Zuversicht und Selbstvertrauen zurückgewinnen.... Endlich kamen auch Iřinas Kochkünste zur Geltung. Der Weihnachtsbote der guten Schwester hatte neben Nürnberger Lebkuchen einen schweren Spiegelkarpfen und einen gespickten Hasenrücken gebracht, dazu Äpfel und Nüsse aus dem Allgäu, alles Spenden aus Berts schon so lange verwaistem Jagdrevier. Am freien Nachmittag hatten alle drei ihre Erfahrungen am Herde beigesteuert, um dem Problem der Zubereitung Herr zu. werden. Und entgegen dem Sprichwort von den vielen Köchen war es ihnen auch gelungen. Die Getränke hatte Mirko besorgt, wobei er wohl ein dutzendmal sein Lieblingswort zur Geltung brachte: ,, Arme Leute kochen nunmal mit Wasser, das ist nicht anders...." Anstrengende Zeit brachten die Feiertage mit je zwei Vollaufführungen und einer billigen Kindervorstellung mit einer Tierschau am Vormittag, wobei Bert auch noch die scheußlichen Seelöwen bewachen und den wiẞbegierigen Kindern unablässig von dem fremdartigen Viehzeug erzählen mußte. - Doch mit dem nahen Ende des Jahres schlossen die Darbietungen in Berts Heimatstadt. Das gesamte Personal, alle Tierbestände und Ausrüstungen gingen für den Monat Januar nach Linz, im Februar und März nach Wien und im April über die Grenze nach Ungarn.... Bert konnte nur mit einem verborgenen Aufatmen daran denken! Das alles mit einem großen, doppelmastigen Wanderzelt, eigener Lichtanlage und weit über hundert Transportwagen, darunter einem Lazarettwagen modernster Ausstattung. Für Bert bedeutete dieser Aufbruch einen schwachen Lichtschimmer der Hoffnung, insbesondere, als in der Sylvesternacht sich etwas Seltsames ereignete: alle Kräfte hatten noch nach der Vorstellung beim Fortschaffen der Tiere und Geräte zu helfen, wobei Iřina und andere Damen des Büros registrierten.... Da trat auf einmal 460der Korse auf sie zu, den sie seitdem nicht mehr wiedergesehen hatte und preẞte ihr in einer Weise die Hände, als ob niemals eine Miẞstimmung zwischen ihnen geherrscht hätte, dabei seinen Neujahrsglückwunsch in sprudelndem Wortschwall vorbringend. Die Überraschte machte gute Miene zum losen Spiel und entwand sich ihm bald, ohne Widerwillen zu zeigen. Sie erkannte dabei, daß es für eine sanguinische Natur, wie die seinige, einfach keine Ehrbegriffe im landläufigen Sinne gäbe, sondern daß er in seiner Triebhaftigkeit wie ein brünstiges Tier solange einer Fährte folgen werde, bis er Befriedigung oder die allerderbste Abfuhr seiner Liebe erfahren werde... damit mußte man sich abfinden. * Tägliche Reibereien mit der Umgebung haben aber das eine Gute, daß die Zeit hierbei im Handumdrehen verfliegt. Bert hätte in Linz geglaubt, sich eben erst richtig eingespielt zu haben, als es schon wieder nach Wien weiter ging. Bisher war der Winter ziemlich mild gewesen, in löblichem Gegensatz zu seinem erbittert strengen Vorgänger. Doch nun an der Wende zum Februar machte er plötzlich Ernst. Schnee und Reif hingen an den Bäumen des Wiener Waldes, als der endlos lange Sonderzug mit den Zirkuswagen sich auf die Donaustadt zu bewegte.. Verträumt und süchtig nach voller Freiheit schaute Bert an des Mädchens Seite auf das vorbeiziehende, verlockende Bild. Lichte Schleier woben zwischen den Stämmen und strichen über die Dächer der Landhäuser hinweg wie zärtlicher Flaum. Es war bitter kalt, doch die Sonne zog einen rosigen Schimmer über die funkelnde Schneedecke. Die Vororte Wiens nahten, von dem Märchenzauber des Winters übersponnen. Mitten auf dem tief verschneiten Platze, Zur Schmelz' wurde das Riesenzelt aufgeschlagen. Wiederum. — 461— hatten sich alle Kräfte dabei zu beteiligen, da hier der Mangel an Männern noch weit ärger als in München zu sein schien. Auch Bert scheute sich nicht, mit an den starken Drahtseilen zu ziehen, welche die Hauptmaste zu stützen hatten.... Doch in der Stadt, die er so herz- lich liebte, mußte er sich leider nicht weniger in acht nehmen als in der Heimat. Zahllose Personen von Rang kannten ihn nur zu gut, nicht minder viele Beamte der Gestapo und der SS.-Kommandos. Es bestand nur die eine Hoffnung, daß der Krieg die Mehrzahl von ihnen an die verschiedenen Fronten verschleppt haben werde. Zum Glück schien der Korse ein anderes Objekt seiner Zuneigung gefunden zu haben; denn Irina bekam ihn nicht mehr zu sehen, und zu Bert verhielt er sich um- gänglicher als vorher. Immerhin: zu trauen war ihm nie! Aber die Tage flogen in regster Tätigkeit dahin. In immer greifbarere Nähe rückte der Termin des Grenz- übertrittes..... Eines späten Abends beriet das Kleeblatt im Wohn- wagen miteinander, wie dieser letzte Gegenstand der Sorge am besten zu überwinden wäre. Mirko empfahl schließlich nach längerem Beraten, daß Bert sich am letzten Tage in Wien irgendeine leichte Verletzung zu- ziehen solle, der zuliebe man ihn mit einem Wund- verband ins Bett des Spitalwagens legen könne. Außer- dem solle Irina, angesichts ihrer Beschäftigungslosig- keit während der Fahrt, sich als freiwillige Pflegerin melden, um auf diese Weise in ihres Mannes Nähe zu sein..... „Und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht glatt hinüber kommen sollten, zumal wir ohnehin in der Nacht an die Grenze gelangen, und die Kontrolle dadurch erschwert sein wird... ich sage das nur—“ schloß er mit behutsam abschwächender Handbewegung, „um euch nicht zu Leichtfertigkeiten zu verleiten!“ = 462 en ÜBER DIE GRENZE. Ehe man sich’s versah, ging auch der Monat März zu Ende. Nun stand schon wieder der Abbruch des Doppelzeltes auf der Wiener Schmelz bevor, mit an- schließendem Transport des gesamten Gutes, Menschen und Menagerie über die altösterreichische Grenze nach Ungarn, dem Balkan entgegen. Schnee und Eiszapfen waren längst aus dem Straßen- bild Wiens verschwunden. Bereits um die Mitte des Monats herum begannen. die Vögel ihr Flattern und Zwitschern in den Zweigen der Vorgärten und Parks. Allmählich erfüllte ihre Munterkeit die Luft bis zu den weißen Wölkchen hinauf, die über den seidig blauen Spiegel des Himmels schwammen. Programmgemäß beschaffte sich Bert am letzten Tage seiner Arbeit in Wien noch den benötigten Be- triebsunfall, um Aufnahme im Lazarettwagen zu finden.... Es war ja für ihn keine ‚Affäre‘, einem der verdrossenen Seelöwen bei der Übung zu nahe zu kommen, indem er sich nach einem fortrollenden Balle bückte, worauf sich sogleich die scharfen Hauzähne des zuschnappenden Rachens auf seiner Kopfhaut ab- zeichneten und er mit blutüberströmtem Haupte” zu Mirko gebracht wurde. Zum Erstaunen von Joszy, der den Verletzten führte, hatte jener schon eine Wasch- schüssel voll Karbollösung und Verbandswatte in seiner Kammer vorbereitet, als ob er einen Unfall voraus- geahnt hätte. Für Bert fiel hierdurch die letzte Vorstellung aus. Der Hausarzt— zwar ein Veterinär— nähte ihm flink den Skalp wieder fest und verband ihn kunstgerecht, während das Büro für die bevorstehende Reise ein gutes Fensterbett im Spitalwagen durch Ifina belegen ließ. Und als es am letzten Tage des März frühzeitig dunkel wurde, stand der Sonderzug von Güterwagen mit den gesamten Zirkusbeständen an lebendem und totem In- ventar komplett zusammengestellt da. Nur die Abfahrt verzögerte sich noch etwas infolge der komplizierten Verhältnisse, welche der Krieg dem Bahnbetrieb auf- erlegte. Mit einem geprüften Sanitäter und Ifina als Hilfskraft war der Spitalwagen für die nicht allzu lange Fahrt aus-. reichend versorgt. Der Tierarzt des Zirkus, der mit. dem Betriebsführer zusammen im Abteil fuhr, griff zur Not auch hier ordinierend ein._ Bert gab es einen gelinden Schauer, als er mit dicht verbundenem Kopf auf dem Kissen seines Bettes ruhte und das Abfahrtssignal für den Zug hörte. Er war vollauf guter Dinge. Schmerzen an der rasch verheilenden Kopf- haut hatte er kaum mehr. Ifina trat an sein Bett, mit einer den Schränken entnommenen Schwesterntracht angetan. Das kokette Häubchen und die hochgeschlos- sene, blau gestreifte Bluse mit der leuchtend weißen Schürze kleideten sie verführerisch.\ Doch nichts von der kühlen Ruhe einer Pflegerin war an ihr. Eigenartigerweise war sie voll Erregtheit, sprach wie im Fieber, mit unnatürlich glänzenden Augen. Als sie sich zu ihm niederbeugte, wehte ihn ihr heißer Atem an, und ihre Hände waren feucht und glühwarm, als er sie ergriff... Und dennoch bestritt sie, daß ihr etwas fehle. Es war vielmehr nichts als ein inneres Zittern, die große Bangigkeit des Herzens vor der letzten Prüfung, die ihnen das Schicksal auferlegen würde— sie spürte im voraus, daß sie nichts Leichtes zu bestehen haben würde... sie, die sich verantwortlich fühlte. Nun rollte der Zug durch die Dunkelheit, rollte und holperte über Weichen und Kreuzungen hinweg. Ab und zu schaute Bert seitwärts durch das mit einem Rouleau verschlossene Fenster. Kaum, daß der kümmerliche Lichtschein eines kleinen Bahnhofes die lastende Finster- nis draußen unterbrach.... Unwillkürlich kam ihm seine Fahrt nach Flossenbürg vor anderthalb Jahren in Erinnerung—— was hatte er nicht alles in diesen acht- zehn Monaten erlebt! Ohne längeren Aufenthalt passierte der Eilgüterzug die einzelnen Stationen bis zur Grenze. Um so aus- giebiger hielt er dagegen dort. Denn daß ein seit Tagen ‚angekündigter Transport von so zahlreichen Tierwagen auch Gelegenheit zu dem an allen deutschen Grenzen .schwunghaft betriebenen Schmuggel mit Menschen, Devisen und Gütern bieten würde, war der Zollbehörde natürlich nicht fremd und erst recht nicht der ihr bei- geordneten Paßkontrolle schärfster Art: dem sogenann- ten ‚SD.‘(Sicherheitsdienst). Der letztere war die eigentlich zu fürchtende Instanz ‚dabei, da sie sich aus besonders ausgebildeten SS.-Leuten zusammensetzte, alles jüngeren, elastischen Männern, die in den Jahren der Judenverfolgungen an alle erdenk- lichen Manipulationen der Nazigegner gewöhnt worden waren... also ließ sich Ifinas Unruhe verstehen. Die Beamten von ‚drüben‘, das heißt von der ungarischen Seite, waren gegen die Spürhunde Himmlers natürlich die reinen ‚Waserln‘ und in keiner Hinsicht irgendwie zu fürchten. Ifina ging zu dem Sanitäter und bat unter der Angabe, daß Bert über heftige Kopfschmerzen klage, darum, den. Schein der drehbaren Deckenlampe über seinem Lager auf die andere Seite verlegen zu dürfen, wo sich ein un- benutztes Bett befand, damit er im Schatten liegen und schlafen könne.... der Sanitäter hatte nichts dagegen. : Berts Blick fiel aus dem Fenster auf den Bahnsteig längs des Stationsgebäudes. Er sah, wie fast ein Ba- taillon von uniformierten und zivilen Beamten dem Transportleiter entgegentrat und einen Stoß von Reise- pässen aus dessen Hand in Empfang nahm. Mit den Pässen verschwand der Häuptling des SD. im Dienst- zimmer des Stationschefs zur eingehenden Durchsicht der Ausweise.... Neben den Hitlerbeamten;, von denen ein Teil elektrische Stablampen in der Hand hielten, spielten die paar Ungarn eine bedeutungslose Rolle. Dann verteilte sich, auf ein Kommando hin die Meute auf den gesamten Zug und bestieg die Wagen, um zunächst die Zollfrage zu klären. Ein scharfes Ohr konnte trotz der Länge des Zuges das rastlose Wühlen ‚und Schnüffeln, das Auf und Nieder an Trittbrettern ET und Bremsleitern deutlich vernehmen. Und immer näher kamen sie an den zentral eingeordneten Lazarett- wagen.... Nun zog die erste, noch harmlose Angriffs- welle an Berts Lager vorbei. Eine rauhe, nach Rum und Zwiebel duftende Stimme schlug an sein Ohr mit der kurzen Frage: ‚Haben Sie Reise- oder Berufsgepäck hier?— Ja?— Ist Verzollbares darunter?— Öffnen Sie die Koffer, aber dalli, dalli, Schwester!“ Die Stücke lagen bereits prüfungsbereit auf zwei unbenutzten Betten. Ein paar rasche Griffe, die den Inhalt durcheinander flattern ließen— ungeachtet, ob es sich um Damen- oder Herrengarderobe dabei drehte— noch einige prüfende Blicke in die Runde und unter die Betten, wobei die Stablampen wie grelle Reflektoren aufleuchteten— dann war dieser unwichtigere Angriff abgeschlagen. Die zweite, eigentliche und gefährliche Attacke ließ sich absichtlich Zeit. Nur durfte niemand glauben, daß während der langwierigen Prüfung der Pässe etwa die beste Gelegenheit zum Entweichen aus dem Zuge und Übertreten der Grenze auf dem ‚schwarzen‘ Wege gegeben wäre. Denn pausenlos marschierten auf bei- den Seiten der Wagen Kontrollposten auf und ab, die mit ihren elektrischen Lampen zwischen die Räder- paare und auf die Eingangstüren leuchteten, dabei die rechte Hand beständig auf die schußbereite Pistole gelegt. Endlich wurde mit der Rückgabe der Pässe an jeden einzelnen Reisenden begonnen unter gleichzeitiger Ex- aminierung der Inhaber auf ihre Übereinstimmung mit dem Paßbild, den besonderen Kennzeichen, Geburts- daten und Nationalität.... Bevor die Kolonne des SD. den Lazarettwagen betrat, hatte Irina rasch dem Sanitäter ohne Angabe eines Grundes einen Zwanzig- markschein zugesteckt. Bekanntlich gibt es keinen Krankenpfleger— ohne diesen Stand irgendwie herab- setzen zu wollen— der für eine gute Nebeneinnahme nicht empfänglich wäre. Der Mann sah sie daraufhin erwartungsvoll an. 30 Conrady, Amokläufer, Mit leiser Stimme bat Ifina um seine Zustimmung, daß er und sie den Kontrollorganen gegenüber einig darüber sein sollten: der Verletzte mit dem verbundenen Kopf habe von ihm wegen starker Wundschmerzen ein kräftiges Schlafmittel erhalten und wäre nach Möglich- keit nicht zu\stören—— nichts mehr! Einverstanden? Der Pfleger zuckte geringschätzig die Schultern und nickte... wenn sie weiter nichts wollte: dies Risiko konnte er leicht eingehen. Anschließend hieran wurde auch Bert informiert. Er markierte nun tiefen Schlummer und wandte absichtlich seinen zur Hälfte verbundenen Kopf dem Mittelgange zu, um nicht etwa den Eindruck des Versteckenspielens bei den mißtrauischen Beamten zu erwecken. Endlich deckte die Aushilfschwester noch ein dunkles Tuch zum Augenschutz über sein Gesicht und ergriff sein Hand- gelenk, um ihm den Puls zu fühlen... freilich schlug der seinige wesentlich ruhiger als das Metronom ihres eigenen Innern. Und in der Tat wurde ihre Umsicht zu seiner Rettung, wenn auch äußerst knapp. Denn fahrlässig und stets etwas in den Wolken schwebend, wie es nunmal Männer- art ist im Gegensatz zur Frau, deren erdverbundenes Wesen ängstlich an jedes Pünktchen des Lebensmosaiks denkt, hatte Bert längst vergessen, die Angaben seines falschen Passes rechtzeitig zu memorieren, bevor er ihn bei der allgemeinen Einsammlung abgab. Zum Glück aber hatte sie es getan..... Nun trat der Kontrolltrupp ein, voran der finster blickende Häuptling, ein Mann von westfälischem Typ; fleischig, gedrungen und stiernackig, mit schwerem Schädel, aber zur Bequemlichkeit neigend und rasch wechselnden Stimmungen unterworfen.... Während er sich forschend umblickte, um einen Gesamteindruck von dem gedämpft beleuchteten Interieur zu gewinnen, trat sein Adlatus an die einzelnen Lager, soweit sie belegt waren, in Begleitung des Sanitäters heran. Es war ein noch junger SD.-Mann, so recht nach preußischer Art wie ‚auf Draht gezogen‘, förmlich dampfend vor Dienst- eifer, mit Unterwürfigkeit nach oben hin und schonungs- loser Schärfe nach unten. Von jedem Bettlägerigen verlangte er die Nennung seines Namens und seiner Nationalität. Alsdann entnahm er dem Stoß von Pässen, die sein Hilfsbeamter trug, den entsprechenden Ausweis und verglich das Photo peinlich mit dem Aussehen des Liegenden, ließ sich Geburtsort, Datum und Kennzeichen zum Vergleich mit den Eintragungen angeben und dehnte das Verhör, wenn ihm irgendwas auffiel, auch noch auf die Dauer der Beschäftigung beim Zirkus, auf Fragen der militärischen Zuständigkeit und so weiter aus. Während des gesamten Examens strahlte die grelle Stablampe in seiner Hand dem Kranken ohne Rücksicht in die Augen. Bert, der das letzte Bett vom Eingang her gesehen belegt hatte, bekam nun effektiv Herzklopfen und heiße Hände, als er zum dritten, zum vierten Male das gefähr- liche Frage- und Antwortspiel in seiner Nähe vernahm; denn mit jähem Schreck fiel ihm ein, daß er keine Ahnung mehr habe, wie er eigentlich heißen und wann er geboren sein solle... die Katastrophe wäre, wenn man ihn fragen sollte, unausbleiblich, zumal falls gar noch ein ungarischer Beamter seine Unkenntnis im Madyarischen feststellen sollte... aber sein Schutzengel stand zum Glück neben ihm. Ohne ihre Stellung zu verändern, erwartete Ifina die Kontrolleure, leicht über das Bett gebeugt und die Finger ihrer Rechten an Berts Handgelenk, den Blick auf ihre Armbanduhr gerichtet. Von ihrer Erscheinung angezogen, ließ der Häuptling seinen erztüchtigen Untergebenen weiter schalten und trat auf sie zu. Da sah sie auf, wie erschreckt aus tief verantwortlicher Arbeit und warf einen leicht vor- wurfsvollen Blick auf den Beamten, einen Blick von so genauer Berechnung, daß er seine Wirkung nicht verfehlen konnte, einschließlich der Reize ihrer jugend- lichen Erscheinung.... und siehe: die stahlgepanzerte Würde des SD.-Chefs schmolz vor soviel lieblicher Sorglichkeit. Im Flüstertone sogar, während bisher nur 30® mit Stentorstimme verhandelt worden war, fragte er sie auf den Liegenden deutend: „Schwerer Fall, Schwester?“— Sie nickte nur zur Antwort und hob das Linnen vom Gesicht des Kranken hoch: der Gewaltige warf einen flüchtigen Blick auf den verbundenen Kopf, der nur die Hälfte des Gesichts sehen ließ. „Hm— hm!“ machte er nur, winkte dann mit der Hand ab und sagte gnädig:„Lassen Sie nur— ich danke, Schwester!“ Das Linnen fiel wieder über das Gesicht des Bettlägerigen— zu seiner innerlichen Erlösung, während die Schwester leise hinzusetzte, mit einem schmerzlichen Zug um den Mund:„Das Herz setzt leider oft aus—— ich muß gleich den Arzt rufen!“ „Tja— ja!“ seufzte auch der Chef ihr nach und sah ‚sie wieder mit werbenden Männerblicken an. Die Auf- regung, die ihr das Blut fieberhaft durch die Adern jagte, erhöhte noch den Eindruck ihres anmutigen Pflichteifers. Wahrscheinlich schmeichelte er sich— wie wir doch nunmal sind— daß die leichte Verwirrung, die sie verriet, auf das Konto seiner imponierenden Männlichkeit zu. setzen wäre.... Zweifellos mochte er ein recht diensterfahrener Mann sein, aber im Moment war er eben doch mehr Mann als diensterfahren, sonst hätte ihm der Hoffnungsschimmer nicht entgehen können, der nun aus ihren Augen wie aus denen eines Kindes hervorleuchtete. Huldvoll nickte er ihr zu und fragte in noch vertrau- licherem Tonfalle: ‚Fieber?“ Ein kurzes, nur gehauchtes:„Ja!“ kam von ihr— nur ließ es offen, ob sie dabei von dem Patienten oder von sich selbst sprach, was freilich eher zutreffend ge- wesen wäre. Er hob bedauernd die Achseln und mur- melte etwas von:„stehen alle in Gottes Hand!‘ oder so ähnlich— und kam ihr noch ein gutes Stück näher. Leider wurde der ins Lyrische gleitenden Szene rigoros ein Ende bereitet, als der Adlatus des Chefs mit dem Verhör der übrigen Bettinsassen fertig war und zu Berts Lager trat. Was bedeuten denn Mädchen- reize und Fieberkurven für einen preußischen Dienstfex wie ihn. „Das Leintuch hoch!“ schnitt sein Kommando wie ein Peitschenhieb durch die Luft. Erschrocken sah die Krankenschwester auf ihn, doch ihr Gönner hob be- schwichtigend die Rechte. ‚Lassen Sie nur, Piefke, ich hab’ den Mann schon gesehen....“ Entgeistert starrte der Drahtige ihn an. Schon daß der Chef seinen Namen laut genannt hatte, war etwas völlig Abweichendes von den Usancen des SD. Die Öffentlichkeit durfte bei ihm niemals erfahren, mit wem sie es zu tun hatte.... ‚Ja, aber— ich muß doch ohnehin erst den Paßinhalt mit ihm vergleichen!“ Zu gleicher Zeit fiel Ifina ein, angstgetrieben: ‚‚Der Patient hat vor kurzem ein Schlafmittel bekommen. weil er heftige Wundschmerzen hat....‘“ Flehend sah sie dabei den Chef an, bis dieser zu dem Eifrigen sagte: „Geben Sie mir den Paß her, Piefke!“ Indigniert suchte Piefke Berts Pseudopaß heraus und reichte ihn seinem Vorgesetzten. ‚Aha!‘ warf dieser nach kurzer Prüfung ein. ‚Ein Ungar! Dachte mir’s doch gleich, sein Gesicht ist ja so madyarisch, wie es im Buche steht— na ja...“ Unschlüssig wog er den Ausweis in der Hand, ungern vor dem strammen Adlatus eine Lässigkeit begehend. Irina fühlte instinktiv sein Schwanken und flocht rasch ein, ihre schmale Hand leicht an den Ärmel seines Rockes bringend: ‚Ich kann Ihnen die Angaben des Reisepasses bestätigen, wenn Sie es wünschen!“ Ihre Augen senkten sich voll Bereitwilligkeit in die seinigen. ‚Wieso können Sie das?‘ Natternspitz und schnell stieß Piefkes Frage auf sie zu, und die grellen Augen spießten sie gleichsam auf vor Forschbegier und Miß- trauen. Doch ein Wesen wie er hatte über ihre Gefaßt- heit keine Macht. Gelassen erwiderte sie, fast von oben herab: ‚‚Wieso? Weil der Kranke mich vor dem Einschlafen gebeten hat, als sein Paß schon abgegeben war, die betreffenden Daten anzugeben, falls sie verlangt würden, damit er um nicht aufgestört zu werden braucht und neue Schmer- zen hat... das ist doch sehr einfach!“ Sie nestelte an einem kleinen Notizbuch in ihrer Schürzentasche. Und drollig war es zu sehen, wie der Chef für sie Partei nahm gegen seinen Skribifax und ihre abfällige Äußerung noch behaglich unterstrich: „Natürlich ist das sehr einfach!“ Gönnerhaft ihr die Schulter klopfend und in die Augen sehend, beendete er die Szene mit dem Urteil: „Das genügt uns— lassen Sie nur, Schluß damit!“ Gleichzeitig warf er den Reisepaß Berts auf die Bett- decke, die sich nun unter einem tiefen Stoßseufzer des Liegenden hob. Er war erlöst von seiner Bangigkeit. „Marsch— weiter‘, drängte der Chef und trat in das zweite Bettenabteil, die Frauenabteilung hinein. „Wir werden sonst überhaupt nicht mehr fertig.... Schwester, bitte begleiten Sie.uns und helfen Sie mir!‘ wandte er sich an Irina, die sich mit dankbarem Auf- hellen ihrer Miene dem Gewaltigen anschloß. Den kranken Fratien erging es in keiner Weise besser als den Männern. Piefke tobte erst recht an ihnen seinen Unmut aus. Zu guter Letzt erfolgte noch die Examinierung des Sanitätspersonals im Krankenwagen, bei Ifina wieder mit viel vertraulichen Fragen des Chefs durchgeführt... dann war der Spuk zu Ende. Die nächsten Wagen kamen an die Reihe. Die Fangarme des Riesenpolyps der Hitlerei rollten sich endlich auf und entließen ihre Opfer. Nach einer guten halben Stunde kehrte Irina an das Bett ihres Mannes zurück, so blaß vor seelischer Ab- spannung wie der elfenbeinerne Anstrich der Wand. Sie hob das leinene Tuch von seinem Gesicht, um ihm die gute Botschaft zu bringen— und war verdutzt: nun war er wirklich eingeschlafen! Der glückliche Aus- gang seiner Überprüfung hatte die Unruhe all der vielen Tage vorher verscheucht und ihm den ersten tiefen Schlummer geschenkt... oh, diese Männer! dachte sie. „Aber gut so— slawa bohu‘, murmelte sie in ihrer Muttersprache, Gott sei gedankt! Und eine Minute lang - 471- - betrachtete sie ihn noch und sein ruhiges Atmen, dabei in der Nachwirkung noch einmal die Szene von vorhin erlebend.... Dann aber packte sie überflutend die Erschöpfung und sie ließ sich mit einem lauten Aufschluchzen vornüber auf Berts Lager fallen, um sich von Herzen auszuweinen. Darüber erwachte er und umschlang ihre Schultern, ihren Nacken, sie warm und freudig an sich pressend. Ihm war bewußt, so schlaftrunken er war, daß es viel zu bedeuten habe, wenn sie, die so selten weinte, sich in Tränen badete.... Aber schließlich löste auch bei ihr ein leichter Schlummer die Erregung ab-- und so, in ruhender Vereinigung, traf sie beide der Sanitäter an, als er später einen Gang durch das Männerabteil unternahm. - Er blieb kurz stehen, überlegte dachte dann an die erhaltenen zwanzig Mark, lächelte nachsichtig und ging weiter, mit dem Schein in der Tasche knisternd. Eine Weile später erwachte Bert durch einen rüttelnden Halt des Zuges, der die lose verkuppelten Wagen aneinander stoßen ließ. Er schob den Vorhang am Fenster beiseite und spähte hinaus. Sie hielten wieder mal auf offener Strecke. Fahles Mondlicht floẞ über die Ebene hin, die bläulich schimmerte. Über dem Boden lag weißer Dunst und ließ nur das Gezweig einzelner Bäume gespenstisch herausragen. Die Nacht schien klar und windstill.... Wie eine riesige bronzene Ampel hing der Mond in der Schwärze des Firmaments. Von irgendwoher kam ein Rauschen von Wasser, wie leises Brausen von Urkräften.... Im tiefen Aufatmen kam es Bert vor, als ob schon eine freiere und frischere Luft im Raume herrsche, seitdem die letzten Kreaturen Himmlers den Zug verlassen hatten Phantasie natürlich, aber war es so völlig falsch? - Ja, er schien gerettet zu sein, nun erst in Wahrheit. — 472— Alles, was vorher lag, war nur ein Provisorium gewesen. Freilich schlummerte in seinem Unterbewußtsein noch etwas wie eine leise Ahnung, daß immer noch nicht das letzte Wort gesprochen sei, die letzte Station seines Passionsweges nicht erreicht... aber begründen konnte er dies Gefühl nicht. Darum weg mit dem Argwohn, der ihn auch nur flüchtig, hauchartig streifte. Solange sie, seine Ge- fährtin, neben ihm schlummerte, ließ er sich von keinen Schatten mehr bekümmern. Als er später wieder er- wachte und auch des Mädchens Augen geöffnet. fand, schimmerte bereits das erste Tageslicht durch sein ver- hangenes Fenster. Und ihn packte plötzlich das Ver- langen, das erreichte Freiland zu sehen, fassen und be- grüßen zu können, selbst wenn es eine unwirtliche Einöde sein sollte... Er zog sich deshalb flugs an und bat Irina, ihn zu begleiten. Sie kamen sich vor wie Schiffbrüchige, die nach langer, gefahrvoller Irrfahrt auf hoher See endlich wieder Land betraten. Zu zweit kletterten sie die Tritt- bretter herunter. Eine windschiefe Holzhütte mit un- leserlichem Namen bezeichnete die ganze Haltestelle. Zu sehen war niemand weit und breit... dafür dehnte sich aber ein gigantisch freier Luftraum im Rund über und um sie aus. Bert streckte ihm beide Arme entgegen. Für ihn war es wie das Atmen einer fremden Luft voll Leichtigkeit und köstlicher Würze. Er trank sie förm-- lich mit Gier. So erging es ihm umgekehrt wie dem sagenhaften Antäus der Antike: ihm wuchsen nicht aus der Berührung, sondern aus dem Verlassen des geknechteten Heimatbodens neue Kräfte zu. „Ach, geliebtes Kind“, rief er aus und umspannte Ifinas Schultern. ‚‚So schön ist doch das bloße Lebendig- sein, so etwas Wundervolles, wenn man nur der Freiheit dabei nicht zu entsagen braucht——“ Sie sah geradeaus, noch wie von Träumen umfangen. „Es ist wahr, Bertie‘, gab sie mit bebenden Lippen zurück. Das klang wie eine Liebkosung— und der Nachsatz: ‚‚Ach, es ist zum Weinen schön...“ ließ noch -- 473 - f etwas die Erregung der verflossenen Stunden in ihr nachzittern. - ,, Du hast es durchgesetzt, Geliebtes, dir habe ich alles, alles zu verdanken nun laẞ mich nicht aufhören, es dir zurückzuzahlen mit allem, über das ich verfüge, für immer und ewig!" Sie preßte ihm wortlos die Hand, und ein urfrohes, glückliches Lachen beschloß ihre kurze Aussprache.... Das Land ringsum schlief noch. Und im Schweigen dieser Morgenfrühe, unter einem Himmel, der noch ohne rechtes Licht war, erschien die einsame, weite Landschaft wie ein ausgedehnter Gottesacker voll Weihe. Doch bei den Lebenden regten sich die Magennerven. Da rief sie auch schon der regsame Sanitäter zum Frühstück und zur Betreuung der erwachenden Kranken auf. Weiter zuckelte der Transport in aller Gemächlichkeit. Beim nächsten Halt kletterte der Futtermeister auf seinem Gang durch die Waggons der Tiere auch in ihren Wagen und schüttelte den Freunden herzlich die Hände. Alle drei ergingen sich wieder etwas im Freien. Ein richtiger Frühlingstag war erwacht, duftend vom Ruche der Erde, voll Licht und Klarheit; Lerchen sangen über der Flur, schüchtern vorerst, dann immer lebhafter und beherzter werdend. Alles atmete heitere Ruhe und Beschaulichkeit, keine Spur mehr von der gehetzten Überspannung aller Kräfte wie jenseits der Grenze. Die Wintersaat grünte auf den Feldern. Am nahen Bahnhofe strotzten die Weiden von goldgelben Kätzchen, und über nahe flache Hügel lief das junge Grün wie eine lichte Welle dahin. Leise vor sich hinsprechend grüßte Bert heiteren Schrittes die fremde Erde. Es war ein Hymnus an das Dasein, ein Dankgebet für sein gerettetes Leben, halb gestammelt, halb gejubelt. Jeder andere Gedanke verlor sich in der hingebenden Freude, dem Grauen des Dritten Reiches entronnen zu sein. Mirko dagegen, trockener Beurteiler der Realitäten, belehrte seinen Schützling über das, was nun nottat. ,, Paßt auf, Kinder, ich gehe jetzt zum Betriebsführer, - 474unserem, geschniegelten Preuß und bringe euch fürs erste ein paar Devisen, damit ihr bei der Ankunft nicht in Verlegenheit kommt. Dir, lieber Freund, rate ich, dich nicht gleich von unserem Zirkus zu trennen, bis du eigenes Geld gesandt erhalten hast. Denn in Budapest ist das Leben nicht gerade billig. Und euch Deutschen sind die Ungarn nunmal so spinnefeind seit jeher, wie- nun, wie ihr es vielleicht verdient, nimm's mir nicht übel! Also nehmt euch am besten euere Zimmer in einem guten Hotel, aber gönnt uns eure Gesellschaft noch etwas, und insonderheit mir!" schloß er nicht ohne schmerzliches Zucken um die Mundwinkel. IM AUSLAND. Die Sonne saß wie ein frierender Goldvogel tief eingesunken auf einem grauen Sack voll Wolken, als sie sich der Hauptstadt näherten. Frühlingsglanz und Staubwolken über Pferderücken und Rinderherden, Feiertagsruhe und Erdgeruch waren vorüber. Sie liefen in den Ausladebahnhof Budapests ein. Eine Menge von Aushilfskräften erwartete den angekündigten Sonderzug. Nun starrten ihnen hunderte von Gesichtern am Perron entgegen. Aufgerissenen Auges und mit Mienen voll Spannung betrachteten die Männer die Waggons und deren Insassen. Mit nicht viel geringerem Interesse sah auch Bert die ersten freien Menschen an, denen er begegnete.... Komisch: es war doch nicht mehr als eine Ansammlung von Kerlen, die sichtlich zusammengelesener Abhub des Volkes waren mit vielfach wüsten Gesichtern, versoffenen Augen, bartumwuchert und ungewaschen-- aber gleichgültig: es mutete ihn an, als ob von den Leuten dennoch ein frischer Zug ausginge, nicht mehr das halb Knechthafte, halb Aufgedonnerte wie jenseits der überschrittenen Grenze. Kaum stand der Zug, als auch drolligerweise schon das erste Gefluche losging, eine ungarische Spezialität - 475 ohne bösartigen Hintergrund, zu fluchen bei jedem Handgriff, bei jeder Antwort, so saftig und so ausgiebig, wie kein anderes Volk. Mit jedem zweiten Wort verwünschen sie dich und deine Familie samt allem, was sie tut oder besitzt. Doch wäre jeder äußerst betroffen, wenn du dich daran stoßen würdest oder gar verletzt wärest. Denn andererseits findet der Fremde selten ein so rücksichtsvolles Eingehen auf seine Gewohnheiten und Schwächen als bei den Ungarn jeglichen Standes- nur mußt du sie fluchen lassen! Bert blickt zum Fenster des Spitalwagens heraus und sieht sich mit einem Ausdruck froher Sorglosigkeit um. Er ist frisch rasiert und frisiert. Der lästige Verband um den Kopf hat seinen Dienst ausreichend geleistet. Er ist vom Sanitäter durch ein paar Pflaster ersetzt worden. Der ungarische Reisepaß steckt in der Brusttasche eines tadellosen Frühjahrsmantels. Es kann losgehen. Ein Taxi befördert ihn mit Frau. und Handkoffern in ratternder Fahrt zum Hotel Continental. Infolge seiner französischen Ansprache wird Bert mit besonderer Aufmerksamkeit empfangen. Beide erhalten zwei elegante, ruhige Zimmer im besten Stockwerk. Die Frage des Gastes, ob mit der Schweiz noch der frühere Luftpost- und Personenflugverkehr non- stop bis Zürich unterhalten werde, muß leider verneint werden... das gibt freilich zu denken. Vorläufig aber siegt das Behagen an der unbehinderten Bewegung in der Freiheit noch über alle etwaigen Sorgnisse. Das Wissen um die Fülle von längst entbehrten Genüssen, die sich nun wieder anbieten, genügt, um sich an diesem ersten Tage alles fern zu halten, was nicht ins Programm paẞt. Aber was sollen wir zwei Liebende begleiten auf ihren Schritten im Lenz durch eine Stadt von den einzigartigen Reizen Budapests, durch die Strudel eleganter Männer und bestrickend schöner Frauen äußerlich wohl die vollendetsten Vertreter der Gattung Mensch auf Erden... man lese das in irgendeinem Reisewerk oder einer Romandichtung viel besser nach. Wir müssen uns - S - 476- - - leider in das Riesenzelt des Zirkus begeben, das inzwischen wie von Zauberhänden wieder aufgebaut worden ist. Die Oberleitung hatte hier ein Amerikaner übernommen, dem sich Bert vorstellen ließ, um seine Entlassung zu erbitten. Als Grund gab er seine Kopfverletzung an, die ihn noch längere Zeit behindern würde. Der neue Betriebsführer, ganz sachlicher, trockner Yankee, bewilligte sie ihm sofort; denn an Menschenmaterial hatte er nun keinen Mangel mehr. In Anbetracht des Unfalles war er großzügig genug, an Bert die rückständige Gage doppelt auszahlen zu lassen, und zwar in Devisen. Dies Faktum war nicht so unwichtig. Denn kurz zuvor hatte Bert beim Einwechseln von Reichsbanknoten in der ungarischen Nationalbank nur eine mürrische Annahme seines Geldes erlebt, die augenfällig nur einem höheren Zwange folgend vonstatten ging. An der Kasse seines Hotels hatte man die Umwechslung überhaupt abgelehnt. Ihren guten Freund Mirko fanden sie ganz leidlich untergebracht. Er freute sich aufrichtig über ihr Glück, so sehr ihm die Gesellschaft der beiden auch fehlen würde.... Da Bert sich aber auch von einigen anderen Artisten verabschieden wollte, mit denen er zusammengearbeitet hatte, so dem finnischen Tierbändiger, dem Riesenweib und dem Schulreiter, gingen Iřina und Bert gemeinsam in die Manege, in der wieder rege geprobt wurde. Und siehe da auch die Feranitruppe arbeitete. Der unwiderstehliche Luigi mühte sich an Stelle Berts mit einem frischen Ersatzmann ab, einem äußerst schwerfälligen Burschen, dem man den unbegabten Neuling auf diesem Gebiete von weitem ansah.... Unwillkürlich mußte Bert lächeln, als er an des Mädchens Seite den anfänglichen Versuchen seines Nachfolgers zusah. Genau so wird er sich wohl auch angestellt haben, schmunzelte er im stillen und warf dem Tolpatsch ein belustigtes: ,, Oho, nur keine Müdigkeit vorschützen, edler Lord!" zu. Der kurze Einwurf floß ihm nahezu ungewollt über die Lippen, jedenfalls ohne jede boshafte Nebenabsicht. Der Chef der Truppe aber, nervös gemacht und gereizt durch die schwierige Arbeit mit dem Anfänger, faßte wohl den Zuruf Berts als Verspottung seiner Mühen auf— oder stach ihm der Anblick des bequem zu- . schauenden Paares in gewählter Kleidung an sich in die Augen— in Erinnerung an die erlittene Schlappe— jedenfalls lief er sogleich puterrot im Gesicht an, bekam seine üblichen Wutzustände: Augenrollen, Grimassen, Zittern der Hände.... Bert sah es, sah es mit Kopfschütteln und einem gewissen Bedauern mit sich selbst, daß er bis vor kurzem gezwungen gewesen, sich einem Sanguiniker-solcher Art fügen und seine Übergriffe dulden zu müssen—— er ergriff Irinas Arm und wandte sich zum Gehen... was verband ihn schließlich noch mit dieser Stätte? Da brüllte Luigi auf Französisch, wohl wissend, daß beinahe alles hier dieser Sprache mächtig war, eine wüste Beschimpfung gegen Bert heraus, ein Wort von solcher Gemeinheit, daß jede übende Gruppe wie mit einem Schlage ihre Arbeit in der Manege unterbrach und abwechselnd auf den Beschimpften und seinen Angreifer blickte. So herzlich wenig Bert jetzt noch an der Person des Korsen interessiert war, so unmöglich war es ihm, sein Scheiden aus dem Kreis seiner bis- herigen Wirksamkeit in solcher Weise zu vollziehen. Dazu war die Niedertracht des Burschen gar zu arg. Einen Augenblick lang war er blaß vor Erregung geworden und hielt im Gehen inne, obwohl Irina ihn am Ärmel weiterziehen wollte. Er fragte erst noch zurück, um jeden Zweifel auszuschließen: ‚‚War das auf mich gemünzt?‘““ Mit zusammengebissenen Zähnen sah er zu Luigi hinüber, der höhnisch seine gelben Wolfs- zähne fletschte, kochend vor Begier, den alten Wider- sacher noch einmal zu verletzen..... Der Tonfall in Berts Frage schwankte bereits zwischen gewaltsamer Ruhe und durchbrechender Heftigkeit. Als ihm aber nur eine neue Unverschämtheit zur Eu Antwort wurde, und alles auf ihn starrte in gespannter Erwartung, ob er den schamlosen Hieb auf sich sitzen lassen werde, er, von dem man doch allerhand gemunkelt hatte— da umspannte Bert rasch den Arm seiner Ge- fährtin, ihr zuflüsternd: ‚Sei mir nicht bös’, Irina, und halte mich nicht für einen Raufbold; aber es muß sein, daß ich es ihm zurückzahle, es muß sein, er will es nicht anders!“ Und als sie ihm voll Einsicht zunickte, riß sich Bert mit einem Rucke das Jakett herunter und streifte die Ärmel hoch, um dem Beleidiger in der Mitte der Manege entgegen zu gehen.... Dann zahlte er den gesamten Ingrimm, den er solange Wochen bezwungen hatte, dem Burschen heim; zäh, verbissen und ohne einen Laut von sich zu geben, aber so gründlich, daß ihm die Fäuste schließlich den Dienst versagten. Schlimmes konnte auf dem weichen Boden der Manege ohnehin nicht geschehen. Und einem im Boxen auch nur etwas Geübten konnte der blindlings dreinschlagende - Korse niemals gefährlich werden.... Dem bald in die Knie Gesunkenen wurden von allen Seiten der atemlos Zuschauenden frenetische Schmährufe zuteil. Nur Ifina rührte sich nicht. Eine tiefe Trauer— noch unklar über was— stieg in ihr auf wie eine Wolke, die sich nun vor die Zukunft schob———. Stumm reichte sie ihrem Manne das Jakett zurück, nachdem er‘sich den Schweiß vom Gesicht gewischt hatte. In Mirkos Kammer wusch er sich flüchtig Kopf und Hände, nahm des Alten Lob gelassen hin und schied unter dem Versprechen, ihn bald noch einmal im Wohnwagen zu besuchen. Erst als sich Bert in seinem Hotelzimmer endgültig säuberte und das leicht angeschwollene Gesicht mit Creme massierte, die schmerzenden Hände in essigsaurer Tonerde badete, froh, mit diesem Rencontre eine Last von seinem Herzen gewälzt zu haben, begann Ifina mit müder Stimme: „Nun habt ihr Männer euch ja ausgetobt! Aber ich will nur hoffen und zu Gott beten, daß nicht er es ist, der zuletzt lacht....“ a Bert schmunzelte still vor sich hin, ehe er zurückgab: „Es tut mir leid, Kind, aber ich konnte ja nicht anders. Du hast schließlich einen Offizier zum Manne, nicht einen Hasen, den jeder bei den Löffeln nehmen kann!“ Sie schwieg im Gedenken an jene dramatische Viertelstunde in der Futterkammer des Münchner Zirkus. Nach einer Weile warf sie ein: ‚Wahrmachen kann er seine Drohung von damals noch jederzeit, vergiß das nicht, mein Lieber!“ „Aber geh, Irina, darin täuschst du dich doch! Selbst wenn der Bursche eine Denunziation gegen mich vom Stapel ließe, käme es auf einen Auslieferungsantrag des Reiches hinaus— und bis der bei einem politisch Ver- dächtigten, der nichts getan hat, als jüdischen Freunden in Not geholfen zu haben, also bis ein solcher Antrag zur Verhandlung käme, wären wir beide längst in den Ge- filden der Eidgenossenschaft— dort oben in den Höhen meiner mütterlichen Heimat!“ Er hob die Hände aus dem kühlenden Bad und ließ sich die ziemlich angeschwollenen Finger behutsam von ihr abtrocknen.... Doch sie war nicht zu beirren, wie Frauen nunmal sind. ‚Wenn es dann nicht schon zu spät ist, Herr Optimist‘‘, warnte sie nochmals. „Ja, recht hast du, Kind!“ gab er zu. ‚Sobald meine Hände auch nur etwas abgeschwollen sind, geht der Expreßbrief an meinen Vetter in St. Moritz, den Präsidenten der Talschaft, hinaus. Verlasse dich darauf, spätestens übermorgen wird das sein....“ Damit hielt er die Debatte über den Zwischenfall für abgeschlossen und drückte auf die Zimmerglocke, um den Mittagstisch zu bestellen. IN DER FALLE, Am Abend des übernächsten Tages, als Irinas Be- fürchtung wirklich eintrat, saß Bert bei einem Aperitif in der Halle seines Hotels. Dort sah ihn der Chefportier und kam auf ihn zu, einen Brief mit amtlichem Auf- — 480— druck in der Hand. Ein Empfangsschein mußte unter- schrieben werden. Dann drehte Bert das ominöse Schreiben zwischen den Fingern—— und wußte sofort trotz des fremdsprachigen Aufdruckes, der ihm unver- ständlich blieb, was dessen Inhalt betreffen werde: der Korse hatte also doch getan, was seiner Gesinnung zu- zutrauen war— die Denunziation. Und beim hastigen Aufreißen des Umschlages streifte Bert schon ein schwer schattender Gedanke, die furchtbare Ahnung eines noch- maligen Festfahrens im Dunklen. Als er das Schreiben mit einem trüben Lächeln zusammenfaltete und ein- steckte, fröstelte ihn. Es bestand aus einem Vordruck mit einigen Aus- führungen in madyarischer Sprache. Bert erriet nur, daß es sich um eine Vorladung ins Polizeipräsidium für: den nächsten Vormittag handele. Und zwar konnte er entziffern:„in Paßangelegenheiten“; doch zweifelte er keinen Augenblick, daß die Triebfeder seiner Vorladung eine Anzeige Luigis sei. Da trat Ifina auf ihn zu, um ihn zum Dinner abzu- holen. Auf den ersten Blick sah sie ihm die eingetretene Veränderung an. Als er sie zu setzen bat und ihr das polizeiliche Schreiben zeigte, verfärbte sie sich vor Schreck.... Jedem sichtbaren Feinde konnte sie ent- gegentreten, der unsichtbare Feind dagegen jagte ihr ein namenloses Grauen ein. Bert wehrte mit einer unbestimmten Handbewegung ihre Frage ab und klärte sie auf, was die Zuschrift als Grund seiner Vorladung angab. Sie schwieg dazu, denn was blieb ihr übrig, als sich trotz schwerster Zweifel an die Gelassenheit zu klammern, die er äußerlich zur Schau trug. Erst in ihrem Zimmer berieten sie bis in die Nacht hinein. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Kein Wort des Vorwurfes fiel gegen ihn wegen der Rauferei mit dem Korsen. Was geschehen war, lag nicht in ihrer Art, nochmals zu berühren. Alles drehte sich darum, was die Zukunft in ihrem Schoße barg..... Beide kamen überein, daß Bert, falls es sich wirklich um eine Prüfung seines falschen Passes handeln würde, offen zugeben - 481solle, wie die Verhältnisse gelegen hätten, um dabei auf den Nazihaß der Ungarn zu spekulieren. Dann werde die Sache sicherlich im Sande verlaufen, zumal er versichern könne, dem Staate baldigst den Rücken kehren zu wollen. In schlechtester Laune, nervös und ahnungsvoll, verlieẞ Bert am anderen Morgen sein Zimmer, ohne Geräusch zu machen, um unten im Restaurant sein Frühstück einzunehmen. Die Vorladung lautete auf neun Uhr, er wollte pünktlich sein. Um Schlag neun Uhr trat er in das Zimmer ein, in das er geladen war, seinen Gruß absichtlich in Französisch haltend. Hinter einem breiten Schreibtische, weit im Sessel zurückgelehnt, saß, als er eintrat, ein Kommissar in Zivil, ein Mann mit schütterem Haarkranz um eine ziemlich tief reichende Glatze und mit gestutztem Schnurrbart, volles, rundliches Genießergesicht von gelblicher, ungesunder Farbe. Ein Monokel im linken Auge unterstrich noch den Eindruck starker Verlebtheit, der über den schlaffen Zügen lag. Als Bert näher herantrat, streifte sein Blick über einen Wandspiegel neben dem Waschtisch. Er sah betroffen, wie bleich sein eigenes Antlitz war, und wie die Sorgenfalten noch tiefer darin eingegraben waren als früher. Der Kommissar nahm die Vorladung, die ihm Bert übergeben hatte, in die Hand und schoß einen interessierten Blitz durch sein Monokel auf den Besucher, der sich leicht vor ihm verneigte. Es schien, als ob er dessen Kopf und Haltung, ja die gesamte Erscheinung voll ungenierter Neugier studiere, als wenn er einem fesselnden Problem begegne. Dann sah er nochmals auf die Vorladung, ließ sie auf den Tisch fallen und warf lässig in deutscher Sprache die Frage hin, seiner Miene dabei einen ungläubigen Ausdruck gebend: ,, Mit dem hier namentlich Vorgeladenen sind Sie natürlich nicht identisch, mein Herr- oder doch?" Die deutsch gehaltene Anrede und ihr Inhalt ließ 31 Conrady, Amokläufer. - -482Bert mit einem Schlage klar sehen. Es handelte sich also doch um eine Denunziation des Korsen, wie er geahnt hatte... Nun, die Verhältnisse voraussehen, heißt sie beherrschen! Jedes Leugnen wäre hier falsch gewesen. Deshalb erwiderte er knapp und unumwunden: ,, Sicher, ich bin der deutsche Oberst i. G. Robert Jordan aus München, was ich vor Ihnen, Herr Kommissar, nicht verbergen möchte!" Mit jähem Ruck richtete sich der Beamte aus seiner bequemen Lage im Schreibtischsessel auf und saugte sich mit seinen hervorquellenden Augen förmlich an Bert fest. Eine konziliante Handbewegung, die anzeigen wollte, daß er in dem Besucher den Mann von Rang anerkenne, wies auf einen Polsterstuhl schräg gegenüber. Dann verbeugte er sich bei den Worten: ,, Das wollte ich von Ihnen hören, Herr Oberst, bitte nehmen Sie Platz!" Damit lächelte er auf eine verschmitzte Weise und setzte hinzu: ,, Sie sind ja in gewissem Sinne ein berühmter Mann!" Dunkle Glut stieg langsam in Berts Wangen. ,, Ich wüßte nicht, weswegen, Herr Kommissar?" erwiderte er ziemlich schroff. ,, Berühmtheit kann eine Auszeichnung oder auch ein Kainszeichen sein-" Der andere zuckte die Achseln. ,, Lassen wir das dahingestellt! Für den Kriminalisten jedenfalls haben Sie sich berühmt gemacht... wer aus dem Lager Dachau und hernach aus dem Dritten Reich zu entkommen versteht, kann sich sehen lassen!" Noch einmal warf er Bert einen Blick voller Neugier zu, als ob ihm der Wunsch auf der Zunge läge zu erfahren, wie diesem reiferen, eleganten Mann das Kunststück geglückt sei, eine solche Flucht zu vollenden. ... Dann empfahl er ihm erneut, von dem bereitstehenden Stuhle Gebrauch zu machen, mit einer Geste, als wollte er sagen: Sie rauben ja unserem Beisammensein die Gemütlichkeit -- Der Besucher lehnte wiederum ab. Finster blickend stand er da, zwischen Besorgnis und Ingrimm schwankend bis er sich selbst ziemlich geradezu sagen hörte, - - -483denn er war des Geplänkels und Beschauens recht überdrüssig geworden: ,, Wollen Sie mir bitte sagen, was Sie mit mir vorhaben!" ,, Ich begreife Ihre Ungeduld, verehrter Herr Oberst- aber bitte noch einen Augenblick um Nachsicht!" Der Beamte lächelte geheimnisvoll und drückte mit dem Zeigefinger auf einen Klingelknopf. Den eintretenden Sekretär wies er an: ,, Sagen Sie den Herren auf Zimmer 27, daß Herr Oberst Jordan aus München bei mir ist, aber etwas beschleunigt bitte!" Das Wenige sprach er mit einer geschmeidig lügnerischen Stimme. Mit einem stummen Nicken verschwand der Untergebene. Berts Antlitz dagegen zuckte auf wie unter dem Stich einer Sonde... also noch andere waren damit befaẞt! Von den verschiedensten Vermutungen gequält, trat er auf eine Fensternische zu und schaute durch die Scheiben auf eine lange, öde Hausfassade gegenüber. Einen Augenblick weilten seine Gedanken bei Iřina; aber dann verwischte sich sein Denken sofort wieder, und sein Herz krampfte sich im Gefühl eines brennenden Verhängnisses zu- sammen. Wie fragte er sich, wenn ich hier in eine Falle gegangen wäre? Hätte ich nicht besser die Vorladung mit einer Banknote im geschlossenen Kuvert zurückschicken sollen, statt wie ein ehrlicher deutscher Tölpel ihr Folge zu leisten und den Kopf selbst in die Falle zu stecken? Während Bert derart im Ungewissen wartete, bereitete sich ein Übergriff gegen das internationale Recht vor, unter dem Hakenkreuz schon nichts Seltenes mehr. - Die Tür zum Nebenzimmer wurde plötzlich heftig aufgerissen und herein traten zwei Männer. Herren konnte man sie mit gutem Gewissen nicht nennen. Beide hielten die schußbereite Pistole in der Hand. Es hätte des kleinen schwarzen Knopfes mit dem SS.- Zeichen in ihrem Knopfloche nicht bedurft, um Bert erkennen zu lassen, wen er vor sich hatte... 31* - 484- Zwei Männer des SD., ein aufgeregt tuender, jüngerer Mann mit blassem Gesicht, funkelndem Blick und nervös verzerrten Lippen der typische Parteikasperl, wie er Bert schon bis zum Ekel bekannt war vor einer breit gebauten Athletengestalt mit brutalem, stumpfnasigem Gesicht und den ungelenken, schwerfälligen Bewegungen eines Lastträgers... zusammen das ausgesprochene, Rollkommando' übelsten Angedenkens und zu jeder Schandtat dressiert, wobei dem Schlanken, wohl mehr der intellektuelle Teil einschließlich Scharfschießen, dem anderen die Brachialgewalt im Niederschlagen und Festhalten zufiel. Zur Begrüßung bestätigten sie sich nur gegenseitig die Feststellung: ,, Aha das ist er?" - Mit einem raschen Schritt war Bert an die Wand zwischen die Fenster getreten und rief mit der ganzen Kraft seiner Lunge den Kommissar an: ,, Was soll das heißen, Herr? Wie kommen diese Leute hierher? Sind wir in Deutschland oder in einem unabhängigen Staate, der seine Fremden zu schützen hat?" - - Die Revolverläufe der Nazis kamen noch einen Schritt näher auf ihr Opfer zu, während der gelbliche Kommissar sich unbehaglich unter dem verzweifelten Anrufe Berts verlegen hin und her wand. Wieder spielte jenes sardonische Lächeln um seine Lippen, als er sich um eine klare Antwort drückte wie eben diese Gattung Menschen zu höhnen beliebt: ,, Lassen wir die Unabhängigkeit unseres Landes aus dem Spiel, Herr Oberst Sie sollten doch wissen, daß man sich gern Gäste einladet, wenn man Berühmtheiten im Hause hat... nun sehen Sie meine Höflichkeit: ich mache Sie sogar mit Landsleuten von Ihnen bekannt!" Es lagen ihm vielleicht noch mehr Spottworte auf der Zunge, doch der Schlanke schnitt ihm mit einer brüsken Handbewegung das Wort ab, während sein stechender Blick keinen Moment von Bert ablieẞ.... Gott bewahre mir meine Fassung, stammelte dieser lautlos in sich hinein. Außer einem unwillkürlichen Zähneknirschen gab er keinen Laut von sich. Nur seine -- - 485- Augen waren dunkel vor schmerzlicher Entrüstung. Noch immer mit erhobenem Revolver fuhr der jüngere SD.- Mann ihn an: ,, Sie sind Robert Jordan aus München geben Sie das zu?" Er stieß beim Sprechen stark mit der Zunge an, was ihn zu ärgern schien. Wie Raubvögel stießen seine kalten grauen Augen auf ihr Ziel zu. Der Kommissar am Schreibtisch wollte nochmals einlenken. Ein solcher Auftritt schien ihm doch für einheimische Gepflogenheiten zu brüskoder regte sich in ihm eine Spur Bewußtsein von der Schande, der er sich und sein Land preisgab...? Jedenfalls runzelte er die Stirn und begehrte mit dem Stimmfall des Hausherrn von den Nazis: ,, Das ist ja von ihm längst zugestanden worden also tun Sie endlich Ihre Schießeisen weg, es greift Sie doch niemand an, zum Teufel... und setzen Sie sich, meine Herren, setzen Sie sich doch! Wozu solch dramatisches Auftreten?" Mit einem kurzen Blick des Einverständnisses versenkten die SD.- Leute ihre Pistolen in die Rocktaschen, lehnten aber den angebotenen Stuhl ab, sehr zum Unmute des Kommissars, der sich die Szene mehr als einen gemächlichen Kaffeehaus- Plausch ausgedacht haben mochte.... Noch bevor die Eindringlinge weitersprechen konnten, hielt Bert ihnen ebenso scharf, wie deren Anrede gewesen war, die Frage entgegen: ,, Was wollen Sie von mir?" ,, Das werden Sie sich wohl denken können: wir haben Sie nach dem Reich zurückzubringen, von wo Sie widerrechtlich entkommen sind!" ,, Und noch viel widerrechtlicher wollen Sie nun eine Festnahme und Verschleppung auf fremdem, neutralem Boden vornehmen sind Sie sich dessen bewußt?" Ein geringschätziges Lächeln verzog das blutleere Gesicht des Nervösen zu einer Grimasse. ,, Es gibt in Europa keinen Boden, auf dem wir nicht unseren Zugriff hätten, Herr das sollten gerade Sie eigentlich wissen!" Er sagte dies noch ziemlich hochfahrend, aber doch schon merklich aufgetaut. ,, Und wenn ich mich - - 486- weigere?" fragte Bert verbissen zurück. Die Worte klangen wie ein verstecktes Stöhnen. Er kam sich vor wie ein Schütze, der um den Preis seines Lebens treffen muß und vor dessen Augen das Ziel in der Luft tanzt- ,, Dann machen Sie sich die Sache nur noch unbequemer. In diesem Falle müßten wir Sie hier in das , Schubhaus verbringen lassen, von dessen Verwahrlosung Sie vielleicht schon gehört haben und auf Grund Ihres falschen Passes werden Sie hernach von den Landesbehörden an unsere Grenze abgeschoben." - - - ,, Und das hiesige Schubhaus ist auf dem ganzen Kontinent berüchtigt" fiel der andere ein, der bisher stumm gewesen war, während der Kommissar sich eine Zigarette anbrannte, um seine persönliche Unbeteiligtheit an allem Weiteren auch äußerlich zu unterstreichen. ,, Außerdem würden Sie uns zwingen, auch Ihre Helferin bei der Flucht zur Verantwortung zu ziehen- will sagen: uns ihrer zu bemächtigen; denn es ist uns wohlbekannt, wer Ihnen bei der Flucht aus dem Kz und fernerhin aus dem Reich zur Seite stand- ja, ja, zweifeln Sie nicht daran!" riet der Schlanke und fuhr fort, als Bert nichts erwiderte, sondern nur vor Erbitterung die Fäuste ballte: ,, Im Falle Ihrer gutwilligen Bereitschaft, uns zu folgen, werden wir uns um Ihre bisherigen Beziehungen in keiner Weise kümmern und Ihnen auch die Flucht nicht weiter zur Last legen, sondern sofort in einer Kuriermaschine, die schon bereit steht, mit Ihnen abfliegen- also entscheiden Sie selbst!" Da war sie wieder, die beliebte und gefürchtete seelische Daumschraube, mit der die Gestapo so gern und erfolgreich zu arbeiten liebte: gibst du nicht nach, so quälen wir im nächsten Augenblicke auch deine Frau und deine Kinder, deine Eltern und alle, denen dein Herz jeden Schmerz und jede Schmach erspart wissen möchte. Der Gefolterte stöhnte tief auf. Alles in ihm war so in Aufruhr, daß ihm die Lippen beim Sprechen einfach den Dienst versagten. Er hob statt dessen die Arme wie zu einer Abwehrbewegung, ließ sie aber wieder sinken.... Zu dem Gram um sein eigenes Los noch Iřina in das ver - - 487- rufene Schubhaus unter Dirnen und Hehlerinnen zu bringen und von da womöglich in ein deutsches FrauenKz, die es ja im Dritten Reich genau so wie für Männer gab... nein, sein Herz krampfte sich beim bloßen Gedanken daran vor namenlosem Weh zusammen. Es war wie die Angst des Schiffbrüchigen, der sich in den Abgrund der Flut versinken fühlt An sich selbst dachte er jetzt kaum noch. Nur mit halbem Ohr hörte er zu, wie der SD.- Mann weiter sprach: ,, Auch kommen Sie ja nicht mehr nach Dachau zurück, wenn es Sie interessiert, das zu hören! Das Lager hat trotz Ihrer Flucht von dort kein Anrecht mehr auf Sie denn auch ohne Ihr Zutun wären Sie heute nicht mehr dort....' - - " Erst nach einer Weile drang das Gehörte in sein Bewußtsein und ließ ihn förmlich zusammenzucken. Seine Rechte, die eiskalt war, legte sich auf die glühende Stirn, die nicht begreifen wollte.... ,, Auch ohne mein Zutun wäre ich nicht mehr im Lager? Weshalb also die ganzen Mühen und Würgereien, die Ängste und Vorstellungen mein Gott, mein Gott!" - - - Er schritt plötzlich, wie von einer unsichtbaren Faust gestoßen, durch das Zimmer gleich einem Wahnsinnigen, die Hände geballt.... Nein, lieber tot sein, lieber tot sein, stammelte er vor sich hin. Aber im nächsten Moment überdachte er wieder: nein, auch das geht nicht! Was sollte dann aus ihr werden, die ihr Leben auf ihn eingestellt hat...? Er mußte ja am Leben bleiben, schon ihretwegen- Seine Haltung war so, daß die beiden SD.- Männer gleichzeitig nach dem Revolver in ihren Taschen griffen und der feiste Kommissar auf ihn einzusprechen begann: ,, San's doch gescheit, Herr Oberst, spielen's nöt den Provokanten! I' rat' Eahna guat!" mahnte er in väterlichem Tonfalle, ganz wienerisch, wohl in Erinnerung an seine k.k. Lehrzeit. 7 Bert blieb vor den SD.- Leuten stehen. ,, Also wäre ich in Freiheit, wenn ich im Reiche verblieben wäre?" fragte er wie aus tiefem Nachdenken auftauchend. Die Gefragten lächelten, scheinbar selbst froh über die Beruhigung ihres Opfers. ‚‚In Freiheit nicht, Oberst!“ ‚Wieso nicht— wo wäre ich denn?“ „Dort, wo wir Sie jetzt hinbringen werden—— bitte, wir brauchen daraus kein Geheimnis zu machen: nach Wien!“ „Lieber Himmel— wieder nach Wien? Ja, was soll ich denn dort?“ i „Sie hätten sich vor Gericht zu verantworten.... „Ich?“ fuhr Bert auf. ‚Etwas Straffälliges?‘“ „Ja, soviel wir wissen, in Ihrem Dienste geschehen. Genaueres ist uns selbst unbekannt——“ „Na so was!‘ rief Bert im ersten Erstaunen aus und ließ sich auf einen Stuhl fallen, um dann fort- zufahren: ‚Also wenn das wahr wäre—‘‘ Sein scharf püfender Blick senkte sich in die Augen des Schlanken. „Dann———“ er grübelte nochmals— ‚‚dann könnte mich das fast interessieren, den Dreck abzuwaschen, mit dem man mich bewerfen will....“ Nach einer kurzen Spanne des Überlegens richtete er sich auf und fragte, jetzt seine Nerven wieder voll be- herrschend: ‚‚Stellen Sie mir dar, wie sich die Sache ab- rollen soll, wenn ich gutwillig zustimme!“ Den drei Gegnern fiel im stillen doch ein Stein vom Herzen. Der Sprecher der SD.-Leute beeilte sich auf- zuklären, jetzt ganz in einen kordialen Ton verfallend: „Im gemeinsamen Interesse geschieht alles so unauffällig wie möglich. Wir geben Ihnen hier ein kräftiges Be- täubungsmittel, damit wir Sie weder zu fesseln, noch zu knebeln brauchen— und schaffen Sie.dann auf einer Krankenbahre zugedeckt zum Flugplatz, wobei uns der Herr Kommissar behilflich sein wird, die hiesige Paß- behörde zu befriedigen. Die Heinkelmaschine steht bereit—in zwanzig Minuten sind wir in Wien, und die Sache ist vorbei....“ „Also ungefähr wie beim Zahnarzt, mit schmerzloser Behandlung—“ nickte Bert bitter. ‚‚Aber wegen mir al- lein ein Flugzeug?“ Da fiel der Unbeholfene von beiden ein: ‚Das ist [73 - 489- bei uns nichts Neues mehr! Was glauben Sie wohl, wie oft wir beide schon ähnliche Aufträge mit Luftbeförderung durchgeführt haben? Vergangene Woche, in Madrid, wo wir einen Reichsangehörigen festnahmen, der sich in der spanischen Presse unliebsam über den Führer auslieẞ- schwubbs, schon saß er drin...." Er hätte gern noch weiter schwadroniert, doch der Schlanke stieß ihn mit einem verweisenden Wink an. Nun überdachte Bert gründlich, was noch zu tun wäre. Daß der gleisnerische Schuft von einem Kommissar bestochen war, lag klar auf der Hand. Denn selbst wenn er vermöge einer höheren Anweisung den Überfall dulden müßte, würde er seine Autorität als einheimischer Beamter stärker wahren und die Eindringlinge in die Schranken verweisen. Aber an wen hätte er sich wenden können, da selbst die ungarische Polizei ihn verriet! Und wer konnte ihm dann noch helfen, wenn das Dritte Reich sich über die souveränen Rechte eines neutralen Staates schrankenlos hinwegsetzte? Das alles war aussichtslos. Er hätte eben nicht in die Falle gehen sollen. Es war sein Hauptfehler, der Ladung in echt deutschem Respekt vor einer behördlichen Forderung entsprochen zu haben... jetzt half nichts mehr als knirschendes Sichfügen! ,, Unter einer Bedingung: Sie, Herr Kommissar, lassen mich ein paar Worte des Abschiedes und der allgemeinen Information mit meiner Verlobten Hotel sprechen!" im Der Schlanke schüttelte dazu den Kopf. ,, Sie selbst dürfen wir nicht sprechen lassen, das geht unmöglich! Aber unser ungarischer Kollege wird so freundlich sein, wenn wir ihn darum ersuchen, die Nachricht zu übernehmen.. geben Sie ihm nur die genaue Adresse an!" schloß er, als der Kommissar sich eilfertig bereit erklärte. Bert tat es, und zwar mit der Forderung, möglichst genau den Wortlaut seiner Mitteilung am Apparat zu wiederholen. Inzwischen war der Schlanke an einen Wandtisch herangetreten, auf dem Wasserflasche und - 490- - Glas standen. Er ließ zwei Tabletten in das Glas fallen Skopolamin und füllte es zur Hälfte mit Wasser an, um es dann Bert zum Trinken hinzuhalten, ohne dabei eine Miene zu verziehen. ,, Nun ist alles soweit in Ordnung und das hier dient für Sie zur Erleichterung!" sagte er kurz. - Der Gefangene dachte: hast du einmal, A' gesagt, mußt du auch, B' sagen. Er nahm das Glas und trank aus. Der Plumpe hatte zu gleicher Zeit seine Uhr gezogen und flüsterte dem Kommissar, der den Vorgang mit einem gewissen unbehaglichen Interesse verfolgte, zu: ,, Nur zehn Minuten!" Bert blieb auf seinem Stuhl sitzen und kreuzte die Arme vor der Brust.... Das ist also das Ende! flüsterte er bei sich. Seine Augen wurden allmählich matt, in den Schläfen zitterten unruhige Fältchen. Beim Eintreten in das Zimmer noch ein Mann von bemerkenswert guter Haltung und Elastizität, schien er jetzt um Jahre gealtert. - Immer tiefer wühlte er sich, den Blick auf den Boden vor sich geheftet, hinein in Dumpfheit und mattes Dahindämmern. Eine Flut von Müdigkeit überlief ihn. Und bald hatte er alles vergessen, sich und sie, die Welt und das ganze Leben... er taumelte auf seinem Sitze da faßten ihn die beiden Schergen rechts und links unter den Armen und trugen ihn unauffällig, wie einen, dem es übel geworden ist, auf Nebentreppen hinunter in ihr geschlossenes Auto, das im Hofe wartete- die Tragbahre konnten sie sich sogar schenken. Der Schlanke setzte sich ans Steuer... und fort ging es, zum Tor hinaus. - Der Wagen, der mit ungewöhnlicher Schnelligkeit durch die Straßen und hernach eine schnurgerade Chaussee entlangfuhr, weckte Bert mit seinem Holpern nahezu wieder auf. Aber im Unterbewußtsein erinnerte er sich daran, daß es besser sei zu dämmern. Deshalb blieb er während der ganzen Fahrt in Apathie und Lässigkeit versunken. Kurze Zeit darauf stand er, von dem Plumpen 491 - unterstützt, auf dem Flugplatze. Ein kurzer heftiger Regen war niedergegangen, Bert fühlte die Frische der Luft an seiner Gesichtshaut. Das Blut pochte ihm an Hals und Schläfen, er glaubte, der Kopf müsse ihm zerspringen. Die Wangen glühten, die Hände hingegen froren... doch nur minutenlang, dann versank er stehend wieder in Betäubung. Späterhin ließ ihn weniger das dröhnende Motorengeräusch des Flugzeuges wieder für Augenblicke aufwachen, als vielmehr ein quälendes Rauschen in den Ohren und ebenso heftiger Hustenreiz. Doch der bohrende Schmerz im Hirn versenkte ihn gleich wieder in abgründigen Schlaf. So landete er in Aspern bei Wien. V. DER ENDKAMPF UM DIE FREIHEIT. Bloß der Dummkopf, der da spricht: ich bin angekettet, ist es zuletzt wirklich! Der Geist ist alles. Ist der frei, seid ihr frei! Ramakrishna IM VERLIESS DER GESTAPO. - Die Tage, deren Verlauf wir nun zu streifen haben, fallen in den Frühsommer 1941. Es war die Zeit, da sich der Konflikt mit der UdSSR. in der politischen Atmosphäre bereits abzuzeichnen begann. Groß und klein munkelte über diplomatische Zusammenstöße mit der Sowjetunion, während die Nazipresse- Marionette in der Hand von Josef Goebbels alles totschwieg, was an das Thema Rußland auch nur erinnern konnte.... Vorläufig tobte der Feldzug gegen die Balkanhalbinsel noch in seinen letzten Stadien. Wie im Weltkrieg trieb sich der folgsame deutsche Landser wieder in den äußersten Winkeln seines Kontinents herum, von den Zonen des höchsten Nordens bis zur Südspitze des Peloponnes, angetrieben von dem historischen Fluche des Deutschen, seiner Grenzenlosigkeit. Währenddessen lag der Oberst Robert P. Jordan in einer schmalen, düsteren Kammer des ehemaligen Hotels Metropol in Wien, einem Raume von der Gestalt einer aufrecht stehenden Zigarrenkiste. Früher hatte er wohl zur Unterbringung von Personal gedient und war nun von der Gestapo zu einer Gefangenenzelle umgewandelt worden. Lang ausgestreckt ruhte Bert auf seiner Liegestatt, reglos und wie betäubt. Das Fenster der einstigen Kammer hatten die neuen Machthaber bis auf einen Spalt zumauern lassen, so daß ständig künstliches Licht brennen mußte, und der Häft - - 493ling nie wußte, ob draußen Tag oder Nacht herrsche. Einen Meter von der Tür entfernt sperrte ein klobiges Gitter dickkantiger Eisenstäbe noch einen Vorraum von der eigentlichen Zelle ab.... Hierdurch war eine fast hermetische Absperrung von der Außenwelt erreicht worden, die mit keinem Laut, keinem Merkmal von irgendwelchen Vorgängen bis in die Isolierung dieser Höhle drang. Das war mehr als ein Kerker, das war schon ein Sarg. Müde, zerschlagen, keines rechten Gedankens mehr fähig, unter der Nachwirkung jenes infernalischen Betäubungsmittels, das ihm von dem, Rollkommando' eingegeben worden war, lag Bert da. Anfänglich war eine wahre Lawine von Schlaf aus einem Berg von Müdigkeit und Erbitterung auf ihn niedergegangen. Jetzt war es wie ein Chaos um ihn, Fluten, Finsternis, Irrlichter und qualvolle Unruhe ohne Ende. In der üblichen rostigen Blechschale wurde ihm das Essen vom Wachposten hereingestellt und wieder unberührt herausgenommen. Man ließ ihn einfach liegen, ohne sich um den Grund seiner Apathie Sorge zu machen ... Der erste Gedanke aber, als sich der Nebel vor seinen Sinnen langsam zu lichten begann, und der Körper sein Recht zurückverlangte, war das Entsetzen, daß er den Kampf um die Freiheit wieder von vorn beginnen müsse. In unbeherrschten Momenten schien es ihm stets, als habe er nur geträumt von Haft und Lager, Flucht und Zirkus; als sei er vielmehr nach Wien von einem Erkundungsflug nach fernen Sternen zurückgekehrt. Und dazu noch diese lastende Tatenlosigkeit. Nichts nichts, was den Geist irgendwie beschäftigen und ablenken konnte, nichts Gedrucktes, keine Zeitung, wenngleich die Tagesneuigkeiten ihn kaum interessierten. Aber auch kein Buch und ein Buch fehlte ihm sehr, weil die Bücher ja die Gärten sind, in denen wir Vergessen finden können.... Er war in der Stimmung, die den Menschen befällt, wenn er total im Ungewissen über sein eigenes Schicksal und das seiner Lieben ist; wenn er das Rauschen der - - 494- Zeit vernimmt und um sich düstere, traurige Schicksale ahnt. Oh, diese gräßliche, lastende Einsamkeit zwischen engen, stummen Wänden und kein, kein Fortschritt... ist es nicht, als ob man hörte, wie die Zeit herunterrieselt gleich Mörtelstaub und bröckelndem Gewann ist Tag, wann ist Nacht? stein - - Schließlich verfiel er in eine gleichmäßige Melancholie, setzte sich an den Tisch, dessen teilweise abgestoßene Politur noch das einstige Hotelmöbel erkennen ließ und staunte, als er sich näher über die Tischfläche beugte: da hatte wohl ein Vorgänger vor ihm eine Menge Sinnsprüche in das glatte Holz eingeritzt, wer weiß mit was für einem spitzen Werkzeug, einem kleinen Nagel vielleicht; denn nichts anderes konnte ja der peinlichen, Filzung' entgangen sein... und noch dazu verfaßt in drei Sprachen, das meiste in Italienisch, aber auch in Französisch und Deutsch. Zuerst entzifferte Bert das schöne Lutherwort: , Niemand verliere in seinem Leben den Glauben, daß Gott durch ihn eine große Tat vollbringen wolle....' Gut, sehr gut, wie recht hatte doch dieser rüstige Gottesstreiter! Dann las er mit einiger Verblüffung das Geständnis:, A me il giorno per l'honore e secura della casa Savoia seht an, der Schreiber war wohl einer jener Antifaschisten, die dem angestammten Königshause verbunden und nun der Gestapo, wie so viele andere, in die Hände gefallen waren, aus einem der besetzten Länder fortgeschleppt... wieviel Tragödien mag dies Haus seit seiner Verwandlung aus einem gutbürgerlichen Fremdenheim in den Geierhorst Himmlers schon erlebt haben? - Aber jedenfalls: von Herzen Dank dir, unbekannter Vorbewohner dieser Höhle! Du richtest mich mit deiner Mahnung:, Abbia Patienza!' die du in großen Blockbuchstaben mehrfach eingeritzt hast, wieder auf-- Bert erhob sich gefestigter. Man muß eben versuchen, es mit Epikur zu halten, sagte er sich:, Gib mir Wasser, gib mir Brot und ich werde so glücklich sein wie Jupiter im Olymp!' Darum zurück zur, causa causarum'- zu Gott. - 495 - Da wurde die Außentür seiner Zelle geöffnet. Draußen im Gang entstand ein sonst ungewohntes, lautes Sprechen. Der Einsame fuhr auf aus seinem Brüten.... Der Wachposten in graugrüner Uniform trat ein, ein gutmütiges, breit slavisches Gesicht, und fragte in gedehntem Wienerisch mit böhmischen Anklängen: ,, Hören's wollen's rasiert wer'n? Der Bader is' grad' da... i' könnt Eana aussilass'n, wann's woll'n!" - Ein rascher Griff Berts an seine Wangen überzeugte ihn von der Notwendigkeit einer Rasur, wenngleich es in seinem Zustande ziemlich gleichgültig war, wie er aussah aber gut, das bedeutete Abwechslung, Zeitverbrauch und die Nähe eines nicht beamteten Menschen, des Bartschabers. -- Also erhob er sich zustimmend und trat durch das geöffnete Gitter in den Gang hinaus. Siehe da: nicht nur einen Menschen bekam er zu sehen, sondern ihrer gleich sechs, die alle zusammen von dem gutmütigen Beamten aus ihren Löchern gelassen worden waren. Unwillkürlich mußte Bert lächeln: da separierte die Gestapo mit Peinlichkeit ihre einzelnen Opfer in streng getrennten Käfigen, die keinerlei Ruf- oder Klopfmöglichkeiten zuließen und solch ein simpler Betreuer ihres Alltags ließ sie bei einer passenden Gelegenheit, wie in diesem Falle die Rasur, ungestört zusammenkommen, sich sehen und sogar miteinander plaudern. - Nun erkannte sich Bert in seinem Verhalten selbst nicht recht wieder. Wie ein Verdurstender schloß er sich den sechs zerknitterten Gestalten an, die ans Ende des Ganges geführt wurden, woselbst der Friseur seine Utensilien auf einem Klapptisch aufgebaut hatte.... Merkwürdig: in der Freiheit will jeder Kunde beim Friseur gern der erste sein, der zur Verschönerung kommt. Hier dagegen sträubte sich jeder gegen den Vorrang. Denn unter dem scharfen Messer kam er um den Genuß dessen, was ihn eigentlich herausgelockt hatte: seine Unterhaltung mit den anderen. Schließlich blieb dem Wachposten nichts übrig, als die Reihenfolge zu bestimmen. - - 496. Bezüglich ihrer Gemütsverfassung schien es den meisten nicht besser zu ergehen als Bert selbst. Diese seltsam verblichenen Gesichter, aus denen das Wesentliche ihrer Individualität schon ausgelaugt war- jahrelange Insassen dieser Höhlen darunter sahen sich mit forschenden Blicken ins Antlitz, gierig nach etwas geistiger Kost, die sich wiederkauen ließ, so wenig auch in der Eile zu erhaschen war. - Als alles sauber abgeschabt war, führte der Wachmann seine Schutzbefohlenen gemächlich zur Zelle zurück. Einem Häuflein lebendigen Todes glichen sie mehr als einem Trupp bedenklicher Staatsfeinde.... An Berts Tür, als der letzten, blieb der Beamte etwas stehen- und Bert fragte ihn in leiser Vertraulichkeit: ,, Sagen Sie mir, wie können Sie das alles mitansehen, mitmachen und mithelfen, wo doch ein anständiger Mensch mit blankem Ehrenschild sich voll Verachtung von solch einem Treiben, das aller Rechtspflege und jeder Menschlichkeit Hohn spricht, abwenden müßte das bitte?" - - sagen Sie mir Die Miene des Beamten verschloß sich gleichsam bei dieser Frage, und es dauerte eine Weile, bis er achselzuckend zur Antwort gab: ,, Herr, darüber kann man schwer sprechen, nur denken und schweigen! Dennoch will ich Ihnen sagen: ich sehe jetzt seit drei Jahren das Verschiedenste und speichere es hier", er tippte an seine Stirn- ,, drinnen gut auf und meine Kameraden ebenfalls, soweit sie Männer geblieben sind.... Aber sehen Sie: Wir haben schon unter dem alten Kaiser gedient, dann unter dem letzten Monarchen, hernach und unter den Roten, später unter den Klerikalen schließlich unter dem braunen Regime von heute... meist brauchte man nur die Uniform etwas zu wechseln, nicht einmal die politische Gesinnung, so rücksichtsvoll war man ja damals noch. Geändert hat sich meistens wenig, bis auf die gegenwärtige Obrigkeit-- aber was wollen Sie: wir müssen dem Vaterlande weiter dienen, nicht dem jeweiligen Machthaber, in der gleichen Treue wie früher. Denn wenn wir das nicht täten, die - - 497 - wir die Ordnung aufrechtzuhalten haben, so bräche das eben alles zusammen und alles wäre verloren ist das Entscheidende. Die Staatsformen wechseln und mit ihnen Milde oder Strenge. Aber das Vaterland bleibt, und mit ihm die eiserne Notwendigkeit der einmal für immer gelobten Pflichterfüllung.. BEIM VERHÖR. Zwei Tage darauf rief Bert ein anderer Posten an, indem er die Tür aufschloß: ,, Jordan, Robert- san's der? Ja? Dann fahrn's aussa!" - - Bert trat in den beleuchteten Gang hinaus. Da sah er an dem Tisch des Wachpostens, auf dem dessen Journal lag, einen Zivilisten mit dem Abzeichen der SS. im Knopfloch stecken, eine hagere, knochige Gestalt, große runde Hornbrille auf der Nase, glatzigen Schädel, im Warten an den zerbissenen Fingernägeln zupfend, mit tiefliegenden Augen und hämisch verzogenen Mundwinkeln- Mit einem Ruck drehte sich Bert voll zu ihm hin. Sein Anblick verjagte die letzte Schlaffheit in ihm. Was wollen Sie von mir?" sprach er den Schergen mit verbissener Miene an. " - ,, Was ich von Ihnen will, werden Sie am besten selbst wissen kommen Sie mit!" war die ganze Antwort auf Berts Frage. Achselzuckend schloß sich der Gefangene ihm an. Aber wie war das einst so saubere, elegante Hotel, in dem er wiederholt abgestiegen war, als in Wien noch die goldene Backhenderlzeit' bestand, nun heruntergebracht worden, wie schmutzig, verruẞt, lärmend und von schlechter Luft erfüllt. Ein unablässiger Korso von Menschen pulsierte in den Gängen, angstvoll Wartende, die entweder in eigener Sache herbestellt waren und sich im Geiste schon im Kz- Lager sahen- oder wegen Fürsprache zugunsten eines Angehörigen die tiefe Scheu vor der Geheimbehörde niedergezwungen und sich 32 Conrady, Amokläufer. - 498in die Höhle des Löwen gewagt hatten.... Gespannt sah Bert ihnen beim Gehen ins Gesicht. Da hatte er nun für kurze Tage im Auslande sattgegessene Gestalten. gesehen und zufriedene Mienen. Jetzt traf er wieder die hungrig eingezogenen Lippen, die rotgeränderten Augenlider, die klapperdürren Lenden und Storchbeine deutsches Elend! Und wieder nichts als stilles Murren und schlecht verhehlter Grimm... hatte doch Adolf Hitler in seiner letzten Rede ganz offen jedermann den Tod angesagt, der sich einfallen ließe, irgendwie, gegen den Stachel zu löcken, Es soll sich keiner einbilden, daß er mit dem Leben davonkomme, der es unternimmt, am Regime zu rütteln.... Vor einer Tür im vierten Stockwerke hielt der Beamte inne und schloß auf. Ein dunkles, schmales Zimmer war es, in das sie eintraten. Der Gestapomann kramte in verschiedenen Aktenstößen, warf sie hastig durcheinander, griff schließlich zwei monströs angeschwollene Bände heraus und legte sie auf seinen Schreibtisch, bückte sich dann und siehe da: was er unter dem Tische hervorholte, war jenes schlanke Handköfferchen Berts mit den zahllosen Hotelzetteln, das schon einmal in einem dieser Räume seine Rolle gespielt hatte, dann nach Hause gesandt worden war und nun plötzlich wieder auftauchte.... Armer Suitcase, nickte ihm Bert wehmütig auch du kommst scheinbar aus der Haft nicht mehr heraus! zu - ,, Wenn Sie allmählich fertig sind mit Ihren Beobachtungen, können Sie sich hinsetzen, damit wir beginnen!" knurrte ihn miẞlaunig der Kommissar an. Zum Überfluẞ hob er aus einer Schublade eine gewichtige Armeepistole heraus, hielt sie prüfend gegen das Licht- ostentativ zu dem Zweck, daß der Inkulpant sie nicht übersehe, und legte sie in Griffnähe auf die Tischplatte neben sich. ,, Und lassen Sie sich vorher noch ermahnen, auf jede meiner Fragen die absolute Wahrheit zu sagen. Denn wir kämen Lügen oder Ausflüchten doch gleich auf - 499die Spur!" Das sagte er mit einer Miene wie etwa Coriolan, als er sich entschloß, Rom zu erobern. Wieder fühlte Bert, wie ihn gegen den Rüpel die Wut packte; doch sah er gleich darauf ein, daß er von einem ungehobelten Knechte wie diesem kein anderes Verhalten erwarten könne. Daher erwiderte er nur in abweisend hartem Tone: ,, Ich habe weder Lügen noch Ausflüchte nötig, da nicht das Geringste gegen mich vorliegen kann, was straffällig wäre!" Nur zu gut wußte er zwar, daß die Gestapo schon vor dieser Vernehmung die Lösung seines Falles parat hatte. Die stolze Verachtung in seiner Stimme brachte den Beamten aber erst recht in Harnisch. Steil richtete er sich auf seinem Stuhle auf und schoß erhobenen Hauptes einen wütenden Flammenblick gegen Bert.... ,, Oho, spielen Sie nur den Unschuldigen", schrie er und klopfte triumphierend mit der Faust auf den geöffneten Aktenband. Seine Augen bohrten sich wie Messerspitzen in sein Gegenüber. ,, Gegen Sie liegt soviel vor, daß Sie noch ganz klein, aber schon ganz kleinlaut werden sollen- so, damit Sie es wissen!" trumpfte er nochmals gegen des Gefangenen skeptische Miene auf, die sich zu einem spöttischen Lächeln verzog. Nachdem auf solche Weise die Atmosphäre kunstgerecht abgestimmt war, hätte eigentlich das Verhör beginnen können... aber da surrte das Haustelefon neben dem Aktenhaufen. Der Kommissar ergriff den Hörer, meldete sich und sank sofort, als er die Stimme am anderen Ende des Drahtes erkannte, vor Ergebenheit völlig in sich zusammen-- ,, Jawohl, Herr Standartenführer, jawohl, komme sofort in einer Sekunde, jawohl!" Unter dem Stuhle klappten seine Stiefelabsätze automatisch zusammen. Und sich ohne Unterlaẞ verbeugend, das Gesicht devot in Falten gelegt, stand er vom Stuhle auf und sagte zu Bert kurz: ... ,, Warten Sie solange im Gang, bis ich wiederkomme...." Draußen bezeichnete er ihm ein rotes Plüschsofa, das sich an einen offenen Lichtschacht anlehnte, zum Aufenthalt während der Pause, die er beim Chef 32* 500 - zu verbringen hatte. Die Gefahr des Entrinnens seines Häftlings bestand nicht, denn die Gänge waren sämtlich mit wuchtigen Gittern gegen die Treppen abgeschlossen. Kaum saß jedoch Bert einen Augenblick dort, als weit hinten in einem der sich kreuzenden Gänge eine Tür mit aller Heftigkeit aufgerissen wurde, und ein Mann in verwahrloster Kleidung, wie sie das Leben in der Zelle verursacht, herausgestürzt kam, mit allen Zeichen des Entsetzens, die Stirnadern geschwollen, lange Bartstoppeln im verzerrten Gesicht. Der Flüchtling riẞ im Nu die Augen aller Wartenden auf sich. Er lief wie von Furien gehetzt den Gang entlang, glitt auf dem Fließenboden aus, fiel hin und raffte sich sofort wieder auf, stieß eine Scheuerfrau an, die mit Besen und Eimer ihres Weges ging und aufschrie: ,, Jesusmariand- josef, alsdann Leut' gibt's auf der Welt!" - Der Mann aber stürzte voll Hast weiter auf den Kreuzungspunkt der Gänge zu, den Lichtschacht am roten Sofa, machte einen Satz auf das letztere, von dem Bert aufgesprungen war und schwang sich, ehe ihn jemand zurückhalten konnte, über das halbhohe Geländer in die Tiefe des Schachtes, der vom vierten Stock bis zur ebenen Erde reichte, hinab.... In dem blitzschnellen Vorgang lag eine solch mitreißende Kraft, daß ein heftiger Schauer über Bert dahinflog. Er hielt sich spontan die Ohren zu, um nicht das Aufprallen des Körpers, das Zerkrachen des Schädels auf den Steinen des Souterrains unten zu hören. Noch waren seine Nerven einer solchen Belastung nicht gewachsen. Erst jetzt trat, wie er sah, aus dem Zimmer mit der aufgerissenen Tür ein stämmiger Gestapomann heraus, die Armeepistole schußbereit in der erhobenen Hand. Langsam kam er näher, als eile es ihm nicht, beileibe nicht. Als er die Situation überschaut hatte, lachte er kurz und heiser auf, steckte den Revolver in die Brusttasche und rief über die Brüstung herunter: ,, Bringn's den Kerl wieder rauf zu mir, tot oder lebendig, das spielt keine Rolle!" Dann schlenderte er seinem Zimmer 501 - wieder zu, sich im Gehen eine Zigarette anbrennend.... Denn bevor noch der Ärmste, auf den Tod zerschlagen, zum Arzt kommen darf, der vielleicht noch einen Lebensrest retten könnte, muß er rasch nochmals auf die Folterbank gespannt werden, solange ein Fünkchen Bewußtsein in ihm vorhanden ist furchtbare Auswirkung eines hemmungslosen Systems. Ach, murmelten Berts Lippen bebend, Ekel, Ekel- welch unsagbarer Ekel, wohin man nur kommt... er dachte an Tschechows Wort in, Sachalin':, das Traurige ist die Gemeinheit, Unmenschlichkeit und Willkür der unteren Beamten, die einer auf Schritt und Tritt erdulden muß.... Und die Putzfrau, resche Wienerin, zupfte ihn am Ärmel und flüsterte: ,, Ja, segn's woas i' scho' mitg'macht hob' in die zwoa Johr dahier, Herr, i' sog's Eana im Vatraun: dös san jo kane Menschen nit mehr, wissen's! Dabei bin i' Eana scho' so schwach auf d'Füß', daß mi' könn' mit an Schneuztüchl derschlagn.... I' moan' allweil, der liabe Herr Gott im Himmi drob'n muaß bal' an Einsehn mit uns ha'm- un' dö Teufi wiada aussitreib'n, in Eana preußische Höll' z'ruck, dö sackerments Teufi, dö vermaledeiten, großkopferten... na, alsdann, wer'n ma ja seg'n!" Sie hätte wohl ihre Philippika noch lange fortgesetzt, wenn nicht Berts Kommissar zurückgekommen wäre und ihn mit in sein Zimmer genommen hätte.... Dort nun dem Verhöre selbst zu folgen, wäre ein völlig unfruchtbares Unterfangen: was zu den natürlichen Pflichten Berts im Nachrichtendienst gehört hatte, wurde ihm hier von der Gestapo zum Vorwurfe des Staatsverbrechens gemacht, ganz getreu den berüchtigten Inquisitionsgerichten mittelalterlichen Angedenkens, denen es auch genügt hatte, wenn der Inquisit in einem verbotenen Buche gelesen oder vor einem Heiligenbild nicht gebührend die Knie gebeugt hatte, um ihn für schuldig zu erklären. Es waren Anwürfe von solcher Albernheit, daß sie Bert trotz seiner trüben Stimmung mitunter ein helles Auflachen des Spottes entlockten, bis der gereizte - 502Beamte ihn wie ein wildgewordener Eber anfuhr: ,, Ja- lachen's nur! Ihnen werden die Scherze vergehen, wenn's erst vor dem Volksgericht stehen!" zischte er voller Wut. دو , Was denn Volksgericht? Dieses aufgelegten Unsinnes wegen?" lachte ihm Bert rundweg ins Gesicht. Aber da war es mit der Geduld des Rauhbeines endgültig vorbei. ,, Hörn's" schrie er auf ,,, reiz'ns mi nöt oda i' vagiß mi', wann i' pressant wer' wienerte er nun wie ein Fiaker. ,, Sö ha'ms akk'rat nöti', wo Sö uns scho' so oft'n Weg durchkreuzt ha'm!" - " ,, Ich?" staunte Bert nunmehr.... ,, Jawohl- Sö! Oda ha'ms scho' wiada vagess'n, wie's den Juden g'holf'n ha'm, in der Umbruchszeit bei uns?" ,, Ah so diese paar Hilfeleistungen aus purer Menschlichkeit... na, für die habe ich doch wohl genügend an Schutzhaft gebüßt, sollte ich meinen!" ,, Aber anscheinend nix daraus gelernt", wetterte der Aufgebrachte wieder dagegen und fuchtelte eine Zeitlang mit dem drohenden Zeigefinger in der Luft herum, anscheinend im Überlegen, wie er dem renitenten Häftlinge am besten zu Leibe gehen könne... bis ihm etwas einfiel: ,, Warten's", begann er schließlich und zwang sich des stärkeren Eindruckes wegen zu gesetztem Hochdeutsch: ,, Warten's, ich weiß ein Mittel für Sie, passen's auf: Sie werde ich vierundzwanzig Stunden lang zu einem in die Zelle geben, der wo aus Auschwitz' kommen ist... der soll Ihnen erzählen, wie's dort zugeht- jawohl, und ich versicher' Ihnen: ein einzig's Wörtl nur von mir zu unserem Chef, und Sie sind dort, wo der herkommen ist, aber für immer und ewig, mein werter Herr! Sie können's sich alsdann gleich a Seelenmeẞ bestellen beim Kapuziner, verstehn's... alsdann wer'ns vielleicht g'scheit wer'n, glaub' ich!" Damit brach er resolut die weitere Vernehmung ab. Und richtig verbrachte Bert auf die Anordnung des Beamten hin den Nachmittag, die Nacht und den folgenden Vormittag in einer Doppelzelle des Wiener - - 503- Gestapogebäudes, ein Raum von sonst gleicher Größe und Beschaffenheit wie seine bisherige Zelle, jedoch belegt mit einem Manne, der nur noch flach ausgestreckt zu liegen vermochte, so bis zum allerletzten zerbrochen an Leib und Seele war der Ärmste. Statt daß man ihn in die Pflege eines Krankenhauses gebracht hätte, deren er in höchstem Grade bedürftig gewesen wäre, mußte ihn in seinem Sarg von Zelle ständig einer der wechselnden Polizeiposten gleich einem Sanitäter notdürftigst verpflegen und warten, weil die Gestapo sein Verhör noch nicht abgeschlossen hatte... es war ein Bild solch äußersten Jammers, wie es Bert von den Krankentransporten in Dachau her nicht mehr fremd war. Nur freilich, was dieser absterbende Lazarus mit brüchiger Flüsterstimme ihm berichtete- froh, etwas leise Aussprache mit einem mitfühlenden Menschen vor seinem Erlöschen zu haben- so lange er nicht auf einer Tragbahre seinen Peinigern zur Verhörfolter zugeführt wurde, das war derart Haarsträubendes, daß sogar alle Erfahrungen Berts in zwei Kz.s hiergegen verblaẞten. Denn waren Läger wie Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen nur der uferlosen, sinnlosen Quälerei ihrer Insassen gewidmet, so ging der allmächtige Herr Himmler in Auschwitz gleich einen entschiedenen Schritt weiter in der Abkürzung der Methode bis zur Austilgung seiner Opfer... es war darin zu verspüren, wie ihm und seinem Kreise von Mordbuben die Zeit auf den Nägeln brannte vorwärts, hieß es nun, gleich radikal fort aus dem Dasein mit den Menschen, die ihm aus irgendwelchen Gründen überflüssig oder störend schienen... nicht mehr einzelne Individuen, sondern gleich gruppenweise; flott, tabula rasa, gemacht mit ganzen Hekatomben von Männern, Frauen und Kindern. An die 250 000 Insassen aller Altersstufen und beiderlei Geschlechtes waren in dem Riesenlager Auschwitz in Polnisch- Oberschlesien ständig wie Schlachtvieh zusammengepfercht; aus Ungarn, Böhmen, Mähren, Slowakei, Polen, Baltikum und aus den östlichen Teilen des - 504Reiches stammend, insonderheit aber Juden. Ganze Regimenter von SS.- Leuten hatten diese ungeheure Ansammlung von Gefangenen, das laufende Eintreffen neuer Transporte und die Vernichtung der schon zugeteilten Opfer zu überwachen. Die Waggons der Eisenbahn liefen fest plombiert auf dem eigenen Bahnhofe des Lagers ein, oftmals nach wochenlangem Umherfahren. Den eingepferchten Gefangenen stand dabei nur eine Winzigkeit Nahrung und Wasser zur Verfügung, doch kein Abort und keinerlei Betreuung irgendwelcher Art. Wenn die Schiebetüren dieser Güterwagen am Ziel geöffnet wurden, drang ein pestilenzialischer Gestank an die frische Luft, von Exkrementen wie von Leichen herrührend, die schon in Verwesung übergegangen waren. - Aber was scherten solche Übelstände die Lagerleitung? Alle Insassen solcher Transporte des Grauens hatten ja ohnehin nur noch wenige Tage, späterhin nur noch wenige Stunden zu leben also keine Umstände weiter mit ihnen. Nach kurzer Registrierung wurden sie in die großen Vergasungskammern gebracht, die äußerlich ganz den Anstrich von Badehallen besaßen und zur Tarnung auch diese Bezeichnung führten.... Hinter der mit brutalstem Zwange eingetriebenen Menge schlossen sich die mit Gummileisten hermetisch abgedichteten Türen und während die Opfer sich zum angeblichen Baden zu entkleiden hatten, begannen die Brausen an der Decke bereits das Stickgas auszuströmen- nach wenigen Minuten des verzweifelten Aufruhrs im Inneren des Raumes, der gellenden Tobsucht, des zuckenden Todeskampfes trat Stille ein... die Arbeit war getan, die Auslöschung von vielen Hunderten an Menschenseelen war vollzogen. Die Türen konnten sich wieder öffnen, nachdem das Gas abgesaugt worden war und Hilfskräfte unter den Lagerinsassen hatten die Leichen in die nahen Krematorien zu schaffen, von denen sieben an der Zahl schon wie der antike Moloch ihrer Speisung harrten.... Bequemer konnte der Herr Reichsführer Himmler seiner SS. das Tagewerk nicht mehr gestalten, zumal die getragene Kleidung schon hübsch separiert zu neuer Verwendung bereit lag. Aber muß nicht jeder, dem angesichts solcher noch nie erdachter Grausigkeiten sich alles Gefühl im Leibe umdreht, muß er sich nicht fragen, welch europäisch Gesitteter unter den SS.-Leuten zu einem derart bestiali- schen Treiben fähig war, dabei ausgeharrt oder gar Be- fehle dafür ausgeteilt hat, um so sein Gewissen für ewig zu beflecken....? War gegenüber deinem werten Lands- mann Himmler, lieber Deutscher, der Asiate Dschingis- Khan aus dem frühen Mittelalter— auch ein Massen- schlächter— nicht noch ein reines Lamm an Duldsam- keit? Wie vertrug sich das mit dem angeblichen Auf- stieg des Menschengeschlechts vom Tier zum Gott während so langer Jahrhunderte der Zivilisierung! Und war es wirklich zuviel gesagt, als wir eingangs dieser Seiten den Vorwurf erhoben haben: es möge uns niemand mehr behaupten, daß der Deutsche im Grunde genommen ein gutmütiger Mensch sei?? Wer aber diese Schilderung wirklich noch für er- dichtete ‚‚Greuelmärchen“ hält, um im Propagandastil der Nazis zu reden, der erinnere sich an die authentische Feststellung interalliierter Kommissionen, wonach im Vernichtungslager Auschwitz allein nahezu fünf Millionen Menschen— Männer, Frauen und Kinder aller möglichen Nationen— vom Leben zum Tode gebracht worden sind..... reicht das aus? Um einen solch schaurigen Rekord zu erreichen, mußte Himmler freilich die Methoden mit der fort- schreitenden Zeit immer mehr vereinfachen. Es wurden schließlich riesige Lastwagen mit motorisierter Kipp- vorrichtung eingestellt, auf welche die Opfer direkt von den Viehwaggons— eben wie Schlachtvieh— auf- geladen und an einen zweckmäßigen Mauerschacht herangefahren wurden. Dort angelangt, brauchte nur die Rückwand des Lastwagens heruntergeklappt, sodann die Ladefläche mittels Motorkraft steil schräg gestellt werden, damit die menschliche Fracht ganz ähnlich wie Kohle oder Brennholz zwangsläufig herunterpurzeln - - - 506- mußte, um durch ihre eigene Schwerkraft in den Mauerschacht hineinzurutschen und in der Gaskammer zu landen... die schweren Eisentüren am Schachteingang wurden verrammelt, ab und zu noch ein paar Gasgranaten hinterdrein geworfen zur verbesserten Wirkung - aus! Die Prozedur der Vernichtung nahm ihren üblichen Gang... den Sinn für praktische Arbeit kann man den Ungeheuern nicht absprechen, das wäre ungerecht! Jedoch ob sich selbst das Genie eines Dante die Szenen auszumalen vermöchte, die sich bei den täglichen Morden abgespielt haben mögen?- Könnte sich irgend jemand- und sei es der verruchteste Bösewicht- dergleichen Fürchterliches, vielleicht in ruhelosen Nächten des Rachegelüstes gegen Personen, die ihm allerschwerstes Übel zugefügt haben, ausdenken?- Die Opfer Heinrich Himmlers hatten aber niemand auch nur das geringste Leid zugefügt. Ihre ganze Schuld war, daß der Wüterich sie für überflüssig hielt, weil sie vielleicht dem Endsieg wegen ihres Verpflegungsbedürfnisses im Wege standen oder in Gegenden lebten, die er zur zwangsweisen Germanisierung vorgesehen hatte- oder denn wer aus bestialischem Blutdurst überhaupt schaut in den Abgrund einer solch teuflischen Seele? ,, Und frage mich nicht erst", flüsterte Berts Augenzeuge ,,, nach dem Lose der eingebrachten Frauen und Mädchen. Selbstverständlich standen sie, soweit es sich ihrer Jugend wegen lohnte, sie noch etwas am Leben zu lassen, unter dem Kommando weiblicher Capos, die nur aus den Kreisen der verworfensten Huren ausgewählt wurden, Abschaum des Großstadtpflasters, ganz ähnlich den Zuhältern als Capos und Blockältesten im Ver.. Und ebenso selbstverbrecherlager Flossenbürg. ständlich diente diese Weiblichkeit den Mannschaften der SS. zur bequemen Befriedigung ihrer Gelüste, so daß einzelne Frauenbaracken des Riesenlagers effektiv zu Freudenhäusern gestempelt wurden... Freilich verlangte Herrn Rosenbergs verstiegene Rassenpolitik strikt die rechtzeitige Vergasung auch dieser Opfer, bevor die ... 507Gefahr einer Nachkommenschaft aus Rassenkreuzungen etwa akut werden konnte!" Aufs tiefste erschüttert verließ Bert am nächsten Mittag seinen Gewährsmann aus Auschwitz. Die späteren Feststellungen in öffentlichen Gerichtsverhandlungen haben ihm, wie jedem anderen, diese Aussagen in allen Teilen bestätigt, ja noch größere Scheußlichkeiten aufgedeckt Mochte die Drohung des Gestapo- Mannes nun wahr oder übertrieben sein, es erschien Bert jedenfalls nicht ratsam, den so leicht erregbaren Beamten weiterhin zu reizen. Als seine Vernehmung fortgesetzt wurde und ihm die Frage gestellt wurde: ,, Haben Sie sich inzwischen entschieden, ob Sie mein Protokoll unterzeichnen wollen oder nicht?" da fragte er in stoischer Ruhe zurück: ,, Was geschieht, wenn ich es blindlings unterzeichne?" ,, Dann werden Sie demnächst dem Untersuchungsrichter überstellt. Ich bringe Sie selbst in wenigen Tagen ins, Graue Haus', in das hiesige Landgerichtsgefängnis. Und derjenige Senat des Oberlandesgerichtes Wien, der vom Volksgericht in Berlin mit der Erledigung der Straffälle in der Ostmark beauftragt ist, hat sich alsdann mit Ihrer Sache zu befassen...." " Abgesehen von den Erfahrungen des verflossenen Tages stimmte Bert der Gedanke, seine jetzige Höhle in Kürze verlassen zu können, zuversichtlich, ebenso die Erwartung, endlich einem Richter, einem Manne von adäquater Bildung, gegenübergestellt zu werden.... ,, Also gut", versetzte er gelassen ,,, ich unterschreibe! Wenigstens werde ich dann die Genugtuung haben, vor dem höchsten Gerichtshofe des Reiches mit der denkbarsten Unwichtigkeit zu erscheinen- " - - 508- IM GRAUEN HAUSE. Als er später von seiner Vernehmung beim Richter zurückkam, wich bei ruhiger Überlegung auch die herbe Enttäuschung über diesen Vorgang von ihm, die ihn anfänglich gepackt hatte.... Denn, sagte er sich, was ist unter Hitlers Diktatur vom Richterstand noch verblieben? Nicht nur ein Angeklagter ist seiner verbrieften Rechtsmittel de facto beraubt; auch der Richter ist nichts mehr als ein beklagenswertes und willenloses Werkzeug in der Hand politischer Drahtzieher geworden, deren Machtwille turmhoch über jedem Rechte steht. Je heuchlerischer die Parteiposaunen verkündeten, daß der Richter unbekümmert um den Buchstaben des Gesetzes das Recht nach seinem Ermessen zu finden habe, desto kläglicher, desto abhängiger ist die Lage der Justiz geworden wie eben bei Nazibehauptungen stets an die Stelle des, Plus'- ein, Minus'- Zeichen gesetzt werden muß, will man der Wahrheit nahekommen. - Und gelangte ein Gerichtshof, dem die Gestapo einen Angeschuldigten zugeführt hatte, wirklich einmal zum Freispruch wegen seiner unverkennbaren Schuldlosigkeit, so wurde der Betreffende zwar aus der Gerichtshaft entlassen, aber deswegen beileibe noch nicht frei.... So schöne Szenen, wie sie uns von großen Romanciers gern geschildert werden: daß der Freigesprochene unter dem Jubel des Publikums die Marmortreppe eines Justizpalastes herabschreitet und seine beglückten Angehörigen in die Arme schließt; also die Unschuld den Triumph feiert, der ihr zu gönnen ist- solch menschlich erhebende Szenen kannte die Hitlerei nur in den seltensten Fällen. Denn nach seiner Absolution durch das erkennende Gericht verfiel der Angeklagte sofort wieder der Gestapo, an die ihn die Justiz zurückstellen mußte- und sie rächte sich natürlich für die erlittene Schlappe dadurch, daß sie ihrem Opfer nun erst recht bewies, wer im Dritten Reich der Herr sei: sie ließ den Ärmsten entweder ohne jeden Bescheid uferlos in einer Zelle - 509 - schmachten, oder verwies ihn sogleich in ein Kz. Das Gericht dagegen hatte zu gewärtigen, daß es mit voller Namensnennung in dem Revolverblatt, Das schwarze Korps' in der übelsten Weise wegen seiner abweichenden Entscheidung angepöbelt und zur Rede gestellt wurde, unter Androhung von gewaltsamen Maßnahmen im Falle einer Wiederholung. So lag die deutsche Rechtspflege unter dem Hakenkreuz... Immerhin war für Bert der Aufenthalt im, Grauen Hause eine Sinekure gegenüber dem Sarg im Gestapogebäude. Der Ausblick seines Fensters ging auf einen Gartenhof, in welchem Blumenbeete von Ordensschwestern gepflegt wurden, Bäume grünten und die Amsel ihr Abendlied auf dem Dachfirst schmetterte. Die Häftlinge hatten einiges zu lesen und kamen kurze Zeit täglich an die Luft, so daß sie mit ihrem Lose wenigstens leidlich zufrieden sein konnten, besonders in Anbetracht des draußen tobenden Krieges. An das Totschlagen der Zeit war man ja schon gewöhnt. Und im übrigen ist das Problem der Haft noch das gleiche geblieben, als wie es vor hundert Jahren der junge Gustave Flaubert beschrieb: - , Sehnen sich die Häftlinge nicht nach dem Gefängnis zurück? In ihm hofften sie ja noch! Erst einmal draußen, hoffen sie nicht mehr. Durch die Mauern ihres Kerkers sahen sie das Land im Schmelz seiner Blüten, sahen es von Strömen durchflossen, mit gelbem Korn bestanden und mit Wegen, die von Bäumen beschattet werden doch der Freiheit ausgeliefert und damit dem Elend, sehen sie das Leben, wie es wirklich ist: arm, hart, voller Schmutz und Kälte....' An Bert selbst trat aber bald etwas Unerwartetes heran. Ein freundlicher Aufseher fragte ihn eines Tages, ob er nicht den, Tröster abgeben möchte in der Zelle eines, Köpflers', wie man in Wien die zum Tode Verurteilten nannte, eines Mannes also, der auf die Bestätigung seines Urteils durch den Reichskanzler oder seine Begnadigung zu lebenslänglichem Zuchthaus wartete... Es handele sich um einen ‚bessern. Herrn‘, dem er, der Aufseher, gern einen ebenbürtigen Gefährten, der allein sei, beigeben möchte, um ihm Gesellschaft zu leisten und einen eventuellen Selbstmord des Köpflers zu verhindern. Nach einigem Schwanken sagte Bert zu und lernte zu seiner Überraschung in dem Leidensgenossen einen böhmischen Professor der Universität Prag kennen, der an der- Widerstandsbewegung seines Volkes gegen die Vergewaltigungen durch die SS. aktiv teilgenommen hatte. Als Mann von Geist und Erfahrung hatte er sich mit seinem bitteren Los schon einigermaßen ab- gefunden und las Bert, nachdem sich beide rasch an- gefreundet hatten, aus einem Buche über die französische Revolution laut vor, was Danton einst in flammender Rede vor dem Tribunal ausgerufen hatte: ‚Meine Wohnung ist bald im Nichts, mein Name aber wird ins Pantheon der Geschichte eingehen. Hier ist mein Kopf, er steht für alles! Das Leben ist mir zur Last. Es verlangt mich, seiner ledig zu werden....“ „Denn schauen Sie‘, fuhr der Professor umher- deutend fort: ‚diese‘ dürftige Zelle, diese kleinen ver- gitterten Fenster, diese verrammelte Tür— sind sie nicht eigentlich symbolisch für unsere gegenwärtige Zeit der Hitlerei?— Genau so erbärmlich ist es heute mit dem Lebensstandard bei Jung und Alt bestellt; genau so wenig Licht und Luft bekommen sie alle draußen für ihr Hirn, das ihnen verblieben ist; und ebenso ver- schlossen sind ihnen alle Türen zur freien Bewegung und Gesinnung—— Aber ich, ich schäme mich, daß ich es nicht fertigbringe, mit jener heiteren und festlichen Unerschrockenheit dem Tode entgehenzusehen, wie sie einst die französischen Weltleute im Tempel ausge- zeichnet hat!“ 5 „Nun—“ gab Bert tröstend zu bedenken, ‚wenn wir wirklich die Ewigkeit vor uns haben, was bedeutet es da groß zu leben oder in den Tod zu gehen? Und wie rasch würde unsere irregeleitete Jugend vom Neuheidentum bekehrt sein, wenn sie statt des unablässigen Feuerwerks Si von hohlen Reden einmal die Kehrseite des Systems ‚au fond‘ kennenlernen würde..... Denn wer jemals solche Kämpfe und Schreckensstunden im tiefsten Innern erlebt hat, wie wir, der wirft das Nazigebahren rasch von sich ab wie ein lästiges, zerreißendes Gewand!“ ‚Davon bin ich felsenfest überzeugt‘, bestätigte der Professor. ‚‚Gewiß gibt es keine Epoche in der mensch- lichen Geschichte, die nicht ihr Gutes und Großes gehabt hat, die gegenwärtige ebenfalls.... Aber unsere Zeit sollte eines vor allem anderen erreichen, nämlich weniger die technische Vervollkommnung, auf die sie sich so stark verlegt, sondern eine ethische Errungenschaft: die Un- antastbarkeit der menschlichen Persönlichkeit und die Freiheit ihrer Gesinnung! Nur die eine Hoffnung habe ich noch in all dem Elend, daß soviel Unglück die Men- schen erziehen, sie weicher, wärmer, einander zugäng- licher machen werde....“ In seinem Gesicht, das die Spuren zahlloser Nacht- wachen trug, leuchtete es wie eine Flamme auf. Lange Tage lag dann jene stille, sich ganz der Gottheit über- lassende Heiterkeit über ihm, wie sie nur jene kennen, die ohne Verbitterung einsam sind. Eine nahezu augusti- nische Ruhe erfüllte dabei seine Seele und Worte fielen aus seinem Munde wie diese: ‚‚Wer da glaubt, ohne das Gött- liche auskommen zu können, der weiß gar nicht, was Le- ben eigentlich ist. Mensch sein bedeutet mir im Grunde: eine Beziehung zum Göttlichen zu haben!“ Dennoch— dennoch erfaßte ihn von Zeit zu Zeit wieder, labil, wie die Seele nun einmal ist, die lähmende, ganz und gar nüchterne Angst um den Lebensrest. Und dabei verrannte er sich seufzend geradezu in eine Sack- gasse geistiger Stagnanz: ‚Daß man noch etwas atmen und nachsinnen kann, darin liegt halt das einzige biß- chen Glück, das uns beschieden ist! Nur der Satte, geistig Feiste kann davon unberührt bleiben... ‚süßes Leben! Schöne, freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens, von dir sollich scheiden?“ ruft Egmont aus....“ „Ja, wie leicht ist‘‘, gab Bert zu, ‚‚der überraschende Tod auf dem Schlachtfelde inmitten der Hitze des Kamp- - 512 - fes! Wie wir als Studenten auf Mensur nie etwas von einem Schmerz gespürt haben, trotz Verletzung hochempfindlicher Teile des Körpers, so ergeht es den Kämpfern. Ihr Ende ist zu preisen! Aber im Gegensatz zu dem, was ich kürzlich aussprach, erging es mir gleich Ihnen heute, als ich nach Monaten der selbst erkämpften Freiheit der Gestapo von neuem in die Falle ging.... Man ersehnt förmlich den Tod als große Erlösung alles Leids- und dennoch kommt es dann plötzlich über einen, dies schmerzlich- heiße Klammern an Leben und Erde, an Rausch und Sentimentalität.... Und blitzschnell, ganz unvermittelt, als wenn der Schatten einer Wolke über die flache Erde huscht, erfaßt es einen wieder, rüttelt den ganzen Menschen bis in seine Grundfesten hinein " In solch kritischen Stunden blieb auch das große Geschehen in der Umwelt nicht unberührt in ihren Gesprächen. ,, Nein, glauben Sie mir", hob der Professor hervor ,,, auch wenn es für Sie hart klingen mag: dem Deutschen fehlt vollkommen die Gabe, auf andere Völker segensreich und kulturfördernd einzuwirken, wenigstens bis jetzt! Nach dem baldigen Zusammenbruch der Idee eines geeinten Europas unter deutscher Hegemonie, den ich voraussehe, wird hoffentlich jedem Deutschen klar sein, daß die Welt nunmal an seinem Wesen nicht genesen will, um ein berühmtes Wort zu variieren...." 66 ,, Ich bin als Deutscher befangen in diesem Punkte", gestand Bert. ,, Denn lange genug war er meine tiefste Hoffnung gewesen... aber ich meine: weniger als jemals dürfte das deutsche Volk nach dem Kriege nur aus sich selbst zehren in geistiger Hinsicht, wie unter dem Hakenkreuz, wenn es nicht bedrohlich verknöchern und sich selbst aufzehren soll. Hinsichtlich der Nazis habe ich stets gepredigt, daß es der schnellste Weg zu ihrer Beseitigung wäre, sie der Logik der Geschichte zu überantworten- und so wird es auch kommen!" Versonnen fiel der Prager ein mit den Worten der Ilias: ,, kommen werde der Tag. Auch sein Tag kam indessen. Der Verwalter des Ge - - 513fängnisses trat bei ihm ein und verlas mit dürren Worten den Beschluß der Reichskanzlei in Berlin, womit das Urteil wie zu erwarten stand bestätigt wurde. , Halten Sie sich infolgedessen für morgen früh um vier Uhr bereit, verstanden? Ich hole Sie selbst zur Vollstreckung ab.... Haben Sie den Wunsch, geistlichen Zuspruch zu erhalten?" Durch stummes Kopfnicken gab der Todeskandidat seinen bejahenden Willen kund, blaß wie die gekalkte Wand hinter ihm, aber gefaßt und ohne Erregung. Nun ist sein Wähnen, Schwanken und Begehren vorbei, er ist in die schmale düstere Pforte der Gewißheit eingetreten wohl ihm! "" - , Gut", erwiderte der Beamte gelassen. ,, So wird Sie in einer Stunde der Kaplan des Hauses aufsuchen und die Nacht mit Ihnen verbringen! Sie dagegen", der Verwalter wies auf Bert ,,, folgen mir nunmehr in eine andere Zelle!" - Zum letzten Male umarmte Bert den vom Leben scheidenden Freund und preßte ihm die eiskalt gewordenen Hände. Es war ein karger, überstürzter Abschied für immer wieder ein Blutopfer mehr auf dem unermeßlichen Altar, den das Dritte Reich für sein Macht-gelüste in Europa aufgerichtet hatte-- freilich: hätte Bert schon damals gewußt, wieviele Landsleute seines dahinscheidenden Gefährten er noch vor dem gleichen bitteren Gang ins Ausweglose sehen und sprechen würde, er hätte wohl kaum gewußt, was er sich antun sollte. * Der Zellenwechsel brachte ihn nun in die Gesellschaft eines Grafen Stürgkh, Abkömmling eines alten steyrischen Geschlechtes, der monarchistischer Umtriebe zugunsten Kaiser Ottos bezichtigt wurde- ein stiller, in sich gekehrter Mann von vornehmer Gesinnung und Lebensart, dazu recht belesen, was Bert angenehm war... sowie eines Bankiers aus Paris, doch von Wiener Abstammung, klein von Wuchs und voll sprühenden Temperamentes, 33 Conrady, Amokläufer. - - 514 - Leiter eines Bankhauses am Place Vendôme, das Bert gut bekannt war. Der Pariser war allzu unverhohlener Abneigung gegen die Hitlerei angeschuldigt, wobei er lachend bekannte: ,, Die Offenheit wird bekanntlich unter dem Hakenkreuz am höchsten besteuert nämlich bargeldlos: mit dem Entzug der Freiheit auf ein paar Jährlein, aber das darf einem nicht das Rückgrat brechen, verstehen Sie?!" -- Für Bert war nun schon nahezu ein halbes Jahr seit seiner Verhaftung in Budapest verflossen. Er richtete daher einen Antrag an seinen Untersuchungsrichter, den Prozeß gegen ihn zu beschleunigen, in der festen Auffassung, daß die Verhandlung zu seinem Freispruch führen müsse... eine Antwort wurde ihm nicht zuteil. Und allmählich kam es, daß er das Empfinden für die Zeit völlig verlor, so wie sie ihn verloren zu haben schien. Auch der Schlaf blieb vielfach aus, jener stille, dunkle Kahn, der den Menschen mit friedlicher Eile ans Ufer eines neuen Tages bringt... jawohl, eines Tages- aber was bedeuten schon die Tage für einen, der ziellos ins Ungewisse hinein leben muß? Es belebt ja kaum ein fesselnder Farbenfleck das monotone Grau der Wände, die ihn umgeben Nur ein Brief der guten treuen Schwester erreichte ihn, nachdem sie über die erste Verzweiflung ob seiner erneuten Gefangenschaft hinweggekommen war. Sie schrieb ihm unter anderem auch: ,, Tröste Dich nur, Bertie, denn in welcher Hinsicht sind wir jetzt draußen besser gestellt als Ihr in der Haft?" Schon ein solcher Passus war aber gefährlich zu äußern angesichts der ständigen Briefzensur und der geltenden Rechtspflege, die bereits darin einen strafbaren Fall von ,, Heimtücke" gegen das Regime erblickte ein wundervoll dehnbarer Gummiparagraph zunutzen der Despoten. In Dachau bekäme der Empfänger eines solchen Briefes, obwohl er an der Abfassung schuldlos sein würde, unfehlbar die beliebten, 25' auf die Kehrseite, damit er seine Angehörigen fürderhin besser instru- — 1,— iere. Hier aber hatte der gute Pfarrer als Lektor der Briefeingänge viel Nachsicht für derartige Entgleisungen, die er höchstens mit roten Ausrufungszeichen versah,... Über Ifinas Verbleiben enthielt das Schreiben jedoch befremdlicherweise kein einziges Wort. Lediglich ein aufheiterndes Erlebnis hatte Bert in diesen Tagen, und zwar während des Badens. Es beruhte auf einem Mißverständnis um den Ausdruck ‚Fadl‘, wo- mit die Wiener ein schlachtreifes Schwein bezeichnen.... Man mußte sich nun Bert vorstellen, wie erentkleidet unter einer Brause warmen Wassers steht und sich duscht. Ein neuer Häftling kommt herein und stellt sich unter die nächste Brause. Schwatzhaft beginnt er den Nachbarn auszufragen, weswegen er in Haft sei— das übliche Ge- spräch. Unter dem Plätschern des Wassers, das die Ver- ständigung erschwert, gibt Bert ihm flüchtigen Bescheid. Gleich darauf fährt der Neue fort zu schwatzen: ‚‚Und ich— ich hab’ nämlich mein Madl abgestochen!“ Bert fährt erschrocken herum und sagt voller Vorwurf: ‚Aber Mann, wie konnten Sie denn nur so etwas begehen?“— „Ach herjeh“, wirft der andere mit lässiger Gebärde hin, „sie war ja fett genug!‘—„Na hören Sie!“ empört sich Bert, ‚das ist ja furchtbar, was Sie da sagen....“„Aber gehn’s“, beschwichtigt der Täter, ‚Fleisch ha’m wer eh’ grad gebraucht zu Hause—“„Na, um Gottes willen‘, ruft.der Zuhörer jetzt aus: ‚‚Sie sind ja ein Kannibale, Mensch!“ Der Erzähler versteht jedoch das Fremdwort falsch und wehrt sich: ‚Na, na— wir ham’s: Fleisch richtig beschauen lassen....““ Bert schüttelt sich bei dem Gedanken. ‚‚Ach, wissen’s, bei uns draußen‘, gesteht der andere treuherzig, ‚‚da hält sich ja keiner an solche Vor- schriften....““ Diese Äußerung gibt Bert von neuem einen heftigen Stoß. ‚Das nennen Sie Vorschriften, Mann?“ Kennen Sie nicht das Gebot: du sollst nicht töten?“— „Ah, es war ja eh’ nich’ schade um die alte Sau!‘ meint der Beschuldigte wegwerfend, so daß Bert nun voller Empörung ihm den Rücken zukehrt und schweigt... bis ein Dritter einfällt und ihm sagt: ‚„‚Was regst du dich so auf, die Leute auf dem Land sind doch alles Schwarz- 33% - 516schlächter, das ist nicht anders-" und erst durch Berts erstauntes Rückfragen klärt sich der Irrtum auf. Als er das Mißverständnis seinen Kameraden in der Zelle erzählte, lachten sie ihn gründlich aus, und der Bankier meinte: ,, Hier können Sie eben ausgiebig Menschenstudien betreiben! Man sollte tatsächlich noch Eintritt dafür bezahlen, wenn auch im Punkte Erleben alles nur ein Surrogat verbleibt!" - Ab und zu erfaßte aber den Temperamentvollen wieder der Zorn gegen das Hakenkreuz und zwar auf dem Gebiete seiner beruflichen Tätigkeit, dem Finanzgebahren des Dritten Reiches, wobei er ausführte: - ,, Denken Sie nur an den Schwindel des Stillhalteabkommens zur Regulierung der deutschen Devisenschulden! Ich habe eine Zeitlang Frankreich bei diesen Konferenzen in Berlin vertreten und sagte dabei eurem Herrn Schacht unverhohlen ins Gesicht:, Man kann euch nur noch Banditen nennen! Ihr schließt feierlich freiwillige Verträge schon mit der geheimen Absicht, sie niemals zu halten. Ihr gebt die Garantie des Reiches dafür und noch eines Bundesstaates wie Bayern zum Beispiel, mit Verpfändung großer Liegenschaften usw.- und in einem Vierteljahr bereits lacht ihr einfach darüber und denkt nicht im entferntesten daran, auch nur einen Punkt des Abkommens zu halten, obwohl ihr vollkommen dazu in der Lage wäret.... Wie kann man ein solches Verhalten anders benennen als einfach Brigantentum? Und ihr wollt noch einen Funken Vertrauen bei ehrbaren Staaten genießen, nach derartigen Schlägen ins Gesicht eines jeden Anständigen, dem sein gegebenes Wort heilig ist?" ,, Nun" fuhr der Bankier ingrimmig fort ,,, zum Lohne für meine Offenheit befinde ich mich jetzt hier, wo Sie mich sehen!" Und erneut sich ereifernd, führte er hinzu: ,, Sehen Sie: schon Ende 1923 griff der erste Nazi an der Macht- Herr Hjalmar Schacht, in das politische Getriebe ein und beging zum Unglück des deutschen Volkes den ersten schweren Mißgriff: die allzu schroffe Stabilisierung der Mark von einer Billion Papiermark auf | | | | eine Goldmark. Denn trotz aller Nöte der Inflation hatte bis dahin jedermann wenigstens fieberhaft in Deutsch- land gearbeitet, kaum eine Hand ging müßig. Deutsch- land konnte der Welt seine Produkte verkaufen, was und soviel es wollte.... Wir hatten bei uns in Frankreich ja ebenfalls eine starke Inflation, aber eine klug regulierte, die mit einer Stabilisierung auf vernünftiger Basis endete und stabil blieb. Der radikale Schnitt dagegen, den der Nazi Schacht vornahm, brachte dem Wirtschaftskörper des Reiches zwar ein hochwertiges, aber quantitativ viel zu geringes Blut, das in keiner Weise für den riesigen Körper seiner Wirtschaft ausreichte. Äußerster Kredit- mangel trat ein, das Ausland kaufte nicht mehr, weil die Mark zu hoch stand; alles stoppte, große Volksmengen wurden hierdurch arbeitslos— und die unausbleiblichen Finanzkrisen kamen über Deutschland, Zusammenbrüche größter Firmen und Banken... nicht die damalige Re- gierung der Republik Deutschland hatte daran die Schuld, sondern der erste Nazi an der Macht!“ Viele Gespräche dieser Art vertrieben ihnen die langen Tage. Doch endlich meldete sich für Bert auch der hohe Generalstaatsanwalt und ließ ihm mitteilen; daß sein Verfahren an das Oberlandesgericht München— als Berts zuständigem Wohnsitze— abgetreten worden sei. Er werde demnächst dorthin überstellt. Und zu einem Zeitpunkte, als er gerade seine Wäsche in einem Kübel heißen Wassers aus dem Baderaum ein- geweicht hatte, um, so gut er es verstand, seine eigene Waschfrau zu spielen, da trat jener freundliche alte Aufseher des Abends in seine Zelle und verkündete ihm: „Alles zusammenpacken, Jordan, Sie kommen sogleich in die Transportzelle— morgen früh geht’s ab nach München!“ So blieb Bert nichts anderes übrig, als das nasse Zeug, so wie es war, zu den paar Toilettesachen und Heften in die braune Pappschachtel, die das Gefängnis den Häftlingen verkaufte, zu werfen und von den Gefährten Abschied zu nehmen... schwankes Blatt im Winde, wie ein Gefangener unter der Despotie nunmal war. - 518ERNEUTER TRANSPORT. Das Elend des Schubes begann wiederum von neuem, von Bert nun schon so oft erlitten: verwahrloste Zellen, speckig- fleckige Strohsäcke als Lager mit noch verdächtigeren Decken, eine Luft voll Muffigkeit und Trübsal, allerkläglichste Verpflegung und vielfach Vagabunden zur Gesellschaft, die skrupellos Gelegenheit zur billigen Bereicherung suchten. Zuerst ging es wieder nach Salzburg, der lieblichen Stadt Mozartscher Musik. Eine große Fülle von Gefangenen umfaßte der Transport, darunter Fremdlinge aus allen Ecken der Welt:; griechische Offiziere neben chinesischen Händlern, ein südamerikanischer Konsul, von der Gestapo insgeheim verschleppt, neben verschiedenen Schwarzen, daß man glauben konnte, das Dasein als Gefangener wäre bald die reguläre Form des Lebens in Europa. ele Ein alter, soignierter Herr neben Bert flüsterte ihm zu, als ihr endloser Zug über die Bahnhofsanlagen und Geleise stolperte: ,, Da haben Sie den regen Fremdenverkehr, auf den Salzburg immer so stolz ist, nur seit der Naziherrschaft weniger den hohen Künsten zugewandt, finde ich aber wer wäre von Preußen etwas anderes gewöhnt? C'est bien la pire peine de ne pas savoir pourquoi!" schloß er mit Verlaines berühmtem Verse ,, es ist wohl das ärgste Leid, nicht zu wissen - warum. - Dennoch erwartete die Männer noch eine sympathische Überraschung. An Stelle der Käfigwagen, die für die Menge an Gefangenen kaum ausgereicht hätten, standen normale Waggons dritter Klasse zur Verfügungund in dem Wagen, den Bert zugewiesen bekam, saẞ bereits eine Fülle junger Mädchen und Frauen aus Wien, bildhübsche Erscheinungen darunter, sämtlich in dunkelblauer Leinentracht mit hellblauer Schürze, sauber und adrett gekleidet: Zuchthäuslerinnen aus Aichach im Oberbayerischen, die zu einer Zeugenvernehmung für ein paar Tage in ihre Wiener Heimat überführt worden - - 519- waren und nun in ihre Anstalt zurückkehrten- alle wegen ihrer politischen Gesinnung als Sozialistinnen zu vieljährigem Zuchthaus verurteilt, blühende, lebensfrohe, wohlgesittete Familientöchter und Ehefrauen. - - Natürlich blieb der menschliche Kontakt mit ihnen nicht lange aus, Leidensgenossen, wie Frauen und Männer echt ja waren. Die Aufseher im Wagen drückten münchnerisch brummelnd zwar, aber im Herzen nur allzu gern beide Augen zu... und nun wurde wieder gesungen, wie immer, wo Wiener sich zusammenfinden. Unter den unsterblichen Hymnen der Lebensfreude und des Leichtsinns, so paradox es klingt, der Liebe und Liebelei, der Verehrung der Heimat und des Weines- traf der Transport im Münchner Hauptbahnhof ein. * Doch wenige Stunden darauf verwandelte das Kaleidoskop des Schicksals die sentimentale Szene in eine dramatische von allerhöchster Spannung: Es war schon später Abend, als Bert in der sogenannten, Löwengrube', dem Polizeigefängnis Münchens, eine jener dämmrigen Zellen für den, Schub' betrat, die ihm noch in recht übler Erinnerung waren. Der kaum erleuchtete Raum strudelte wieder von Menschen, die sitzend, liegend, kauernd sich unterhielten. Kroatische, slowenische, tschechische und vielfach polnische Laute schwirrten durcheinander.... Eine Gruppe für sich bildeten ein paar Franzosen, die den heiteren Gleichmut ihrer Nation bewahrten und die Zustände einer spöttischen Kritik unterzogen. Ihr Mittelpunkt war ein flotter junger Mann, der Bert gut gefiel, ebenso geistreiches wie leichtfertiges Pariser Gamingesicht, der ganze Mensch voll schlaksiger Charme und Sicherheit im Wesen. Mitsamt allen diesen Leuten wurde Bert noch in der gleichen Nacht seiner Rückkehr in die Heimatstadt dem entsetzlichen Taumel eines schweren Fliegerangriffes ausgesetzt; sie alle in der verrammelten Mausefalle von - 520Zelle mit dem vergitterten, fest geschraubten Fenster, der verriegelten Tür, den vielen Strohsäcken, Decken, Holzpritschen... Urplötzlich hob die nahe Sirene an, ihre Todesangst über die weite Stadt zu brüllen, über all die vielen Häuser, die sich verzweifelt duckten und einkriechen möchten in das schützende Erdreich... Sofort war sich Bert bei dem gellenden Auf und Ab der Schwirrtöne der hohen Gefahr bewußt, der sie alle rücksichtslos ausgesetzt waren: in qualvollster Weise umzukommen, bevor irgend jemand ihnen Hilfe leisten würde.... Und kaum ausgedacht, brach auch der Höllenlärm schon los. Der Donner der Flak begrüßte den heranziehenden Feind. Ein unbeschreibliches Krachen von Detonationen erschütterte die Luft. Immer dichter rückten die Einschläge auf den Stadtkern zu, bis schließlich nichts mehr zu unterscheiden war als der ohrenbetäubende Wahnwitz des Tobens und Zusammenstürzens.... Das dicke Fensterglas zersprang mit Knallen und Splittern alles hatte sich bereits platt auf den Boden geworfen, wild durcheinander. Der ungeheure Luftdruck der nahen Einschläge wirbelte den Staub des dumpfen Loches auf.... Jeder der Gefangenen wußte, daẞ jetzt die eigenen Mauern zerkrachen und einstürzen würden, um ihn zu begraben bei lebendigem Leibe, wie es eben im Nachbarhause geschehen mochte. - jetzt - Das rasende Zischen der mit unheimlicher Wucht herniedersausenden Bomben und Minen machte den Gefangenen das Haar sträuben. Sogar das stabile Mauerwerk des Zellenbaues ließ der enorme Luftdruck der Explosionen in seinen Grundfesten erzittern wie ein loses Kartenhaus.... Jedes Einzelnen Gesichtszüge verzerrten sich, die Augen flackerten, die Finger krallten sich in alles Feste um etwas Halt. Wie weggeschleudert sind die Körper, verkrampft, fortgerissen, willenlos.... Alles ist tiefstes Grauen. Und das schaurige Concerto furioso, dessen Dirigent der Tod in leibhaftiger Person ist, ein Künstler, der um keinen Beifall wirbt, nahm und —— nahm kein Ende. Nur ein einziger Ausweg blieb noch dem Gemüt: das Beten. Lichter Feuerschein erhellt durch das zersprungene Fenster den Raum. Den Männern dreht sich der Magen um, die Handflächen sind feucht und eiskalt.... So geht es zwanzig Minuten lang zu, wie es in der Hölle nicht schlimmer sein könnte. Alle Gebäude in der Umgebung müssen getroffen sein, viele von ihnen brennen lichter- loh. Aus den Luken des Gefängnisses dringen in den nachlassenden Lärm des Angriffes die Schreie Verletzter und zur Tobsucht gebrachter Insassen. Nun ist es überstanden. Bert erhebt sich wie zer- mürbt, durchnäßt am ganzen Körper von Schweiß— so etwas Furchtbares schutzlos durchmachen zu müssen, verletzlich, wie der Menschenleib in seiner dünnen Haut nun einmal ist, das bedeutet eine Nervenstrapaze aller- “ärgster Art.—— Doch noch einmal hat sein Schutzengel die Hand über ihn gehalten, Gott sei gelobt! Alles, sagt sich Bert, um mich dir, Irina, Tapfere— und dir, Schwester, Gute, Getreue, zu bewahren.... i Die Franzosen stehen neben ihm. Sie spotten nicht mehr. Auch sie hat das Erlebnis im Innersten auf- gewühlt. Bert hört sie sagen:„‚So in die dichteste Nähe des Todes zu kommen und gleichsam den Wind der Ewigkeit haarscharf über sich zu spüren, das zehrt dich auf, lieber Freund! Wie tief muß doch der Grimm eines Volkes gegen das andere sein, daß es zu solch furchtbaren Mitteln des Kampfes greift......“ Aufgeschlossen, wie die Stunde alle Gemüter hat, spricht Bert sie in ihrer Muttersprache an:„Leider ist es wahr, was Sie sagen— und welchen erfreulichen Abbau des Hasses gegeneinander hatten wir schon glücklich erreicht! Nun flutet er wieder grenzenlos—— Gescheit und schlagfertig gibt ihm der Franzose zur Antwort: ‚„‚Que voulez-vous, monsieur? In der gesamten Geschichte der Menschheit ist kein Kapitel unterrichten- der für Herz und Geist als die Annalen ihrer Ver- irrungen!“ „Besonders jetzt‘, stimmt Bert zu, ‚wo die Ver- - 522blödung weitester Schichten bei uns wie eine fressende Krankheit um sich greift!" ,, Nun ja- die Hitlerei kämpfte eben, um der Welt ihre Ordnung der Dinge aufzuzwingen und womöglich jedermann in eine Uniform zu stecken, mit Abzeichen und Nummernschild, oder gar mit einem Brandmal wie die Rinder versehen... das ist aber nichts für uns Gallier, wie Sie verstehen werden." ,, Außerdem ist, mehr als jemals, in unseren Tagen die Wahrheit eine verlorene Sache. Von oben will man sie um keinen Preis, sondern verabfolgt statt dessen einen sorgsam filtrierten und dosierten Gesundheitstee Goebbelscher Zubereitung, des Dritten Reiches Banalissimus... die breite Masse hingegen verzichtet bewußt darauf, weil sie fühlt, daß sie in eine Ära von Katastrophen eingetreten ist und lieber den Kopf in den Sand steckt.. ,, Aber ich frage Sie, Monsieur: wird daraus nicht ein zum selbständigen Denken unfähiges Geschlecht hervorgehen, reine Peripheriemenschen ohne sittlichen Kern, ohne eine warme Innerlichkeit, nur auf krasse Reize reagierend?" ,, Gewiß", bestätigt ihm Bert ,,, und gerade aus diesen Elementen formen Hitler und die Seinen das willige Kanonenfutter, das sich für sie verbluten muß. Ohne Zweifel ist Blut zu allen Zeiten ein starkes Baumaterial gewesen. Aber gegen übermäßig starken Druck kann es nicht aufkommen.... Es gibt Situationen und die jetzige Lage Deutschlands ist so wo Mut und Todesverachtung zur Dummheit werden und zu einem schaurigen In- den- April- Schicken eines ganzen großen Volkes!" - - Durch seine Worte angeregt, fährt der Franzose fort: ,, Sie wissen sicherlich, daß man bei uns sagt:, Le nationalsozialisme c'est le combat des boches contre les Allemands will sagen: unter dem Hakenkreuz steht der gute, anständige, in der ganzen Welt ob seiner Emsigkeit, Brauchbarkeit, Umsicht geschätzte Deutsche im Kampf gegen eine Clique von verlogenen Gernegroßen, die mit brutaler Stirn und feigem Genießertum die allzu fügsame Masse ins Joch zwängen... und nur jene sind es, die sich allseitig in der Welt verhaßt gemacht haben und die wir eben ‚boches‘ nennen, niemals die Deutschen im allgemeinen—— aber bitte sehen Sie sich die beiden Photos in der gestrigen Zeitung an: für diesen wider- lichen Typ ‚Sperrle‘ kämpft Eure Jugend— während hier: Lord Moyne so. recht den saturierten und ver- geistigten Typ Eurer Gegner verkörpert!“ Das Rasseln der Schlüssel im Schloß der Türe unter- bricht ihre Aussprache. Der Schließer kommt, um nach- zusehen, was beschädigt oder wer verletzt sei— reichlich spät für etwaige Blutende. Unter mürrischem Gebrumm zieht er bald wieder ab, und die Gefangenen versuchen sich niederzulegen. NACH STADELHEIM. Diese eine Stunde im nächtlichen München hatte aber Bert belehrt, welch unsäglich harte Zeit nun für sein Vaterland angebrochen war; Zeiten, in denen Kampf und Not zum Tagewerk wurden und die- Gnade des nackten Lebens täglich dem Schicksal abgerungen wer- den mußte..... Blieb da noch Raum für ein Murren? Unter. solcher Einsicht rückten ihm Kummer und Trüb- sal wieder fern und der Grundton seiner Stimmung wurde nun eine heiter gelassene Resignation. Obwohl der nächste Tag ein Sonntag war, wurde Bert dennoch aus der Zelle geholt und mit einem Künst- historiker aus dem Allgäu zusammen zum Polizeiwagen gebracht. Der Beamte, der sie führte, brummte zu den Gefangenen: ‚‚Na ja, eigentlich sollt’s ja nach Neudeck in Untersuchungshaft kommen, aber z’meist ist dort, alles besetzt und mir, versteht’s, mir paßt dös nöt, an’nem Sonntag umanand z’gondeln... alsdann bring i’ euch zwoa pfei’grad nach Stadelheim in die Straf- anstalt— und d’Sach’ hat sich!“ „O Herrgottsakrament‘,, stöhnte der Historiker. ‚„‚Tun’s uns dös nöt an, liaber Herr Inspektor! I’ hab’ - 524- ja dös Lausenest, dös elendige, ausg'schamte, scho' an halb's Jahr g'nossen und bin halbert vahungert da draußen- alsdann laẞ'n Eana erweichen, gengan's!" Stumm schüttelte der Beamte den grauhaarigen Kopf, brannte gelassen seine Pfeife an und hüllte sich in Rauchwolken. Ohne Antwort wackelte der Wagen los, ratterte wohl eine halbe Stunde lang durch die feiertäglich stillen Straßen der Stadt, um schließlich mit einer scharfen Rechtskurve zu halten vor dem Tor von St. Adelheim, wie der Volksmund die Strafanstalt nennt, damit es etwas nobler klinge. Während der Fahrt beschwerte sich der Kunsthistoriker über die Willkür des Beamten zu Bert: - Wissen Sie, man muß drüben in den Staaten gelebt haben, um den riesigen Unterschied zu erkennen zwischen wahrer Demokratie und der Hegemonie der Beamten bei uns! Drüben ist jeder Beamte, selbst wenn er noch so sehr in Anspruch genommen ist, die Liebenswürdigkeit selber, damit Sie hernach sein Amt als dasjenige Ihren Bekannten loben, welches das größte Entgegenkommen dem Publikum beweist.... Aus diesem Verhalten wird geradezu ein sportlicher Wetteifer gemacht in der Bereitwilligkeit zum Dienst und zwar vom Präsidenten der USA. bis zum kleinsten Schuhputzer herunter... sehen Sie: auch das ist Sozialismus! Hingegen die Unwilligkeit und Verdrossenheit bei uns, dies Trumpfen auf die eigene hohe Bedeutung für etwas, wofür der Beamte letzten Endes doch bezahlt wird das ist leider das Kennzeichen unserer Verhältnisse.... Wann wird der Deutsche endlich einmal einsehen, daß sein abscheulicher Schnauzton ihm am meisten in der Welt schadet, und daß sich anderwärts die Menschen wesentlich näher stehen als bei uns, wie es doch wahre Kultur erfordert!" - Recht hatte er ohne Zweifel, zumal in diesem Falle, da beide nicht in eine Strafanstalt gehörten. Aber war denn in der Hitlerei ein Kraut gegen die Willkür gewachsen! Deshalb lag es Bert in keiner Weise, Klagen solcher Art laut werden zu lassen.... Was tat es ihm — nach den Flossenbürger Erlebnissen, daß die halbleeren Eßnäpfe innen kohlschwarz und rostig waren und wegen mangelnder Säuberung* nach undefinierbaren Gerüchen stanken, daß es als gesamtes Abendbrot nur ein-Scheib- chen Wurst von so lächerlicher: Kleinheit und Dünne gab, daß niemand wußte, auf welchen Zahn es am besten zu legen wäre? Und nicht viel mehr galt ihm, daß der Zuschnitt der Behandlung auf rauhesten Ton abgestimmt war. Besonders der Verwalter. des Gebäudeteils, in dem Bert untergebracht war, eine lange dürre Hopfenstange von Mannsbild, scheinbar leberleidend, mit einer Miene wie verkörpertes Rattengift, gehörte bald zu Berts aus- gesprochenen Widersachern. Denn nach Auffassung dieses Beamten sollte eben hier regelrecht ‚verbüßt‘ werden, weshalb ihm jeder tief zuwider war, der in stiller Heiterkeit das Düstere seines Loses verdaute und in die Eigenwelt seiner Vorstellungen eingeschlossen blieb. Naturen wie die seine wollen vielmehr ein Zittern im Blick des Untergebenen sehen und kriecherische Unterwürfigkeit im Gebahren, während solch non- chalante Haltung, die alle Attacken gegen die Menschen- würde gelassen belächelt und unempfindlich gegen Er- niedrigungen jeder Art bleibt, ihnen aufs äußerste ver- haßt sind. Als manche Einrichtung der Anstalt sich als staunens- wert vernunftwidrig herausstellte, sprach der Kunst- historiker wieder auf Bert wie folgt ein: „Ilja, zum Beamten bei der Justiz ist bei uns eben nur der geschaffen, der grundsätzlich das Gegenteil von dem tut, was anderen der gesunde Menschenverstand eingibt! Wohlverstanden nur solange, als er amtiert. Zu Hause oder im Ruhestand kann er wieder der be- sonnenste Mann von der Welt sein. Aber es ist förmlich, als ob ein Unsegen von dem Begriffe ‚Amt‘ ausginge, der den Beklagenswerten ergreift, sobald er die amtliche Schwelle überschreitet.... Ebenso ist es eine alte Er- fahrung, daß jeder Beamte— und wenn es nur ein Maschinchen zum Bleistiftspitzen wäre, das er zu be- iger - 526dienen hat, fest davon überzeugt ist, daß ein Nichtbeamter niemals das gleiche zuwege brächte, sondern unweigerlich zehn volle Dienstjahre hierzu gehören, und das Vaterland zugrunde ginge, wenn er das Kurbelchen aus der Hand gäbe...." 66 Um so besser traf Bert es aber hinsichtlich seiner Beschäftigung. Er kam in die sogenannte, Arbeitsbaracke der Anstalt, wo allerhand Tätigkeiten verrichtet wurden und zwar dort in die Schreibstube, woselbst fünf Häftlinge um einen großen Tisch herumsaßen und Adressen auf Briefumschläge für einen Lotterie- Einnehmer zu schreiben hatten. - Ein solcher Dienst war auszuhalten, zumal einer der Schreiber, ein winzig kleiner, pfiffiger Apotheker, der unterhaltsamste Kamerad war, den man sich wünschen konnte. Er sah dem Zwerg Nase im Märchen zum Verwechseln ähnlich fand Bert und huldigte dem gesunden Grundsatze: ,, Laẞt mich mit der Arbeit zufrieden, damit vertrödelt man nur seine beste Zeit!" - Statt Adressen zu kritzeln, hielt er ein Zeitungsblatt in der Hand und rief aus: ,, Man kann wirklich nur noch die Todesanzeigen lesen, sie sind das einzig Wahre, was in dem gesamten Blatt steht.... Aber wenn ich hier lese, in stolzer Trauer'- dann habe ich schon genug! Zwei Begriffe, die sich ausschließen, sind doch darin enthalten: denn entweder bin ich stolz, dann kann bei mir von Betrübnis keine Rede sein oder ich bin von Trauer erfüllt, statt von überspanntem, naturwidrigem Geltungsdrang, dann bin ich bestimmt alles andere als stolz... solch krampfhafter Patriotismus wirkt viel verlogener als der übertriebenste Pessimismus! Und dann denke ich an Börries von Münchhausen, der ganz richtig sagte:, Nennt einen nur anständigen Kerl nicht gleich einen Helden, wenn er einfach seine Pflicht erfüllt gegen Herd und Heimat und oft nur dem Gesetz gehorcht. Helden sind ganz etwas anderes.... « Er blätterte weiter und lachte gleich darauf hell auf: ,, Seht ihr, das gefällt mir! Hier steht: Unser viertes Kind, unser dritter Junge, unser zweites Kriegskind ist geboren... das sind mal gescheite Eltern, sie fangen gleich an, ihre Kinder zu registrieren! Denn bei der sagenhaften Produktionssteigerung auf allen Gebieten, von der Goebbels uns berichtet, kann man ja nicht wissen, ob man sich später noch jemals in der Familie zurechtfindet... solche Eltern tun gut, sich bald eine doppelte Buchführung über ihren Zuwachs anzulegen!— Und hier lese ich: Theodora Schwalbenschwanz als Großmutter— zur Zeit im Felde... aha, tüchtige Person! Drum kommen die Russen nicht vorwärts! Es wird sich wohl um die gefürchtete Division der Schwieger- mütter handeln, die mit der neuen Waffe versehen sind, dem explosiblen Scheuerbesen mit Aufschlagzünder— na, danke bestens!“| Nach ein paar Tagen zeigte er bereits dem Neuen stolz eine amtliche Zuschrift der NSDAP. und las vor: ‚Hiermit stoße ich Sie aus der Partei aus‘— wozu er lachend fragte: ‚Klingt das nicht ganz ähnlich wie Gottvaters Donnerwort zu Adam im Paradiese?‘“ Bald darauf spritzte er seine Schreibfeder aus und legte sie beiseite mit den gleichen Worten, wie weiland Friedrich des Großen Grenadier auf dem Schlachtfelde zu Kun- nersdorf: ‚‚Ick meene och, for die sechs Dreier am ' Tache isses for heut’ jenug, Fritze, wat?“ Sehr bald hatte sich Bert in dieser Gemeinschaft gut eingelebt und begann nun— unter stillschweigender Begünstigung durch alle Kameraden— eine Schilderung seiner vielgestaltigen Erlebnisse zu entwerfen, chronolo- gisch von einer Leidensstation zur anderen. Dabei müßte er für einen großen Teil seiner Aufzeichnungen— der vielleicht etwas prüde Leser möge entschuldigen!— glattes Abortpapier benutzen, das in einem Neben- raum in Mengen aufgestapelt lag. Das andere Material war abgezählt und daher nicht gut zu entwenden. In den anderen Abteilungen der Arbeitsbaracke waren freilich Häftlinge beschäftigt, deren Gestalten man ansah, daß sie nicht zum ersten Male in staatlicher Zwangsversorgung standen. ‚Ich glaube“, flüsterte der Apotheker zu Bert beim Arbeitschluß, ‚man wird a 0528— späterhin auf der Straße auffallend kurzsichtig sein müssen, wenn einem Bekannte von hier. begegnen sollten!“ Ein großer Teil dieser Leute war aber nur wegen kriegswirtschaftlicher Fehltritte verurteilt worden und saß sozusagen ‚auf Luft‘, das heißt: ihre Strafe von vielen Jahren Zuchthaus begann eigentlich erst nach Kriegsende zu zählen, so daß sie jetzt völlig umsonst Jahr für Jahr in Haft saßen... vom rechtlichen Stand- punkte aus ein wahnsinniger Übergriff, sozial eine Härte sondergleichen. Aber das Faktum ist ganz bezeichnend: der Deutsche beklagt sich so gern über Härten anderer gegen ihn, übersieht aber völlig den Balken im eigenen Auge,.. PSYCHIATRIE. Wie es Bert gewohnheitsmäßig erging, ließ man ihn leider auch hier nicht warm werden, sondern gab ihm nach rund vier Wochen den Befehl, von neuem Platz und Zelle zu verlassen und in die psychiatrische Ab- teilung zu wandern..... Auch zu diesem Wandel fügte er sich geduldig. ‚Man soll alles kennenlernen, viel- leicht untersucht man nunmehr auch noch meine Zu- rechnungsfähigkeit— ich habe nichts dagegen!“ Daß diese Verlegung auf Betreiben seiner Lieben zu Hause erfolgt war, um ihm seine allgemeine Lage zu verbessern, konnte er nur entfernt kombinieren. In der Psychiatrie war es interessant. In Räumen, die von dem übrigen Gefängnis streng separiert waren, ergingen sich in Krankenkleidung eine Anzahl Männer aller Altersstufen in einem langen Wandelgang, den ein sanfter Aufseher und Beobachter bewachte. Sie schliefen in gut gefederten Betten, die einen großen, luftigen, fensterreichen Saal ausfüllten, hatten fließendes Wasser und WC. zur Verfügung, litten somit nicht mehr unter dem ewigen Kloakengestank der Abortkübel, die jede einzelne Zelle und alle Gänge penetrant ver- pesten. Des Nachts wurden sie nicht minder sorgsam- - 529milde bewacht durch einen Aufseher, der am Ausgang des Schlafsaales Platz nahm und seine Notizen über jeden Häftling machte. Ein Facharzt stattete ihnen jeden zweiten Tag seine Visite ab und prüfte mit Kennerblicken das Befinden jedes einzelnen Pfleglings. Das Essen war etwas reichlicher und in bessere Näpfe gefüllt, wozu also gegen eine solche Veränderung protestieren? Freilich war es mit den Insassen der Abteilung nicht ganz geheuer. Sie waren eben fast durchwegs irgendwie gezeichnet; Leute mit gebrochenem Selbstvertrauen, die für gerade, normale Wege nicht mehr geschaffen waren und deshalb auch ihren Mitmenschen zumeist scheu und geduckt aus dem Wege gingen oder Männer, die das große Rennen um Ehrgeiz, Geltung, Genuß - kurz Dasein genannt erfolglos aufgegeben hatten und sich nun auf andere Weise Genugtuung zu erschleichen suchten, durch verbissenen Groll, Verleumdung und hinterhältige Schadenstiftung; schwache, bösartig nachtragende Charaktere, in vielem ungelenk und in sich verbissen, oft auch sich selbst zuwider.... Wirkliche Gemütskranke waren nur zwei vorhanden, dazu ein Schwachsinniger und ein morphiumsüchtiger Kranker.... Vielleicht wäre es für den letzteren besser gewesen, wie gleichermaßen für seinen berühmtberüchtigten Kollegen im Laster, Hermann Göring, den Herrn Reichsmarschall, wenn sie beide die Morphinistenzelle irgendeiner Heilanstalt für immer umschlossen hätte! Am auffälligsten dagegen war, wieviel junge Angehörige der SS. unter den Insassen zu finden waren, alles Burschen, die wegen grober militärischer Verfehlungen, wie Fahnenflucht, Angriff gegen Vorgesetzte, Verweigerung des Gehorsams oder Selbstverstümmelung auf ihren Geisteszustand untersucht werden sollten. Wer sie sprechen hörte, mußte erkennen, wie dünn der eitle Firnis parteimäßiger Voreingenommenheit über einem völlig unsoldatischen Zuschnitt der ganzen Kerle lag.. Das Bett neben Bert hatte ein gleichfalls interessanter 34 Conrady, Amokläufer. - 530Häftling belegt, der Kunsthändler Marwitz aus München, dessen Prozeß um den, Goldschatz von Sirac' vor rund einem Jahre viel Staub aufgewirbelt hatte. Wie es damit auch stehen mochte, Bert fand jedenfalls in ihm einen klugen, urteilskräftigen Begleiter während der Freistunde im Hof, sowie beim Auf und Ab im Wandelgange. Für dessen lange Gestalt war freilich auch die hier reichlichere Kost noch weitaus unzureichend. ,, Vergessen Sie nicht", klagte Marwitz ,,, daß schlechte Ernährung ein ziemlich rasch wirkendes Gift ist, schlechte Behausung dagegen ein langsam wirkendes Gift für den Körper.... Um ihn abzulenken, erzählte ihm Bert von dem furchtbaren Luftangriff, den er in der Löwengrube' erlebt hatte- und setzte hinzu: ,, Wie erbärmlich hilflos ist doch der ungeschützte Menschenleib den mörderischen Giganten der Technik ausgeliefert!" - Marwitz nickte ernst und ergänzte: ,, Gedulden Sie sich nur, in kurzer Zeit werden die blühenden Landschaften unserer Städte zu katalaunischen Gefilden umgewandelt sein! Die große Frage ist nur: was wird dann, wenn wir aus der Schicksalsflut dieser ungeheuren Katastrophe wieder auftauchen werden? Es dürfte doch kaum ein anderer Stecken zu finden sein, an dem man die Rebe unserer Hoffnungen wird anbinden können als die Großmut unserer jetzigen Feinde?!" Bert, der sich die neue Zeitung vorgenommen hatte, wandte sich nun an ihn: ,, Wissen Sie, was mich am meisten von den Nazis empört? Daß dieser despotische Klüngel voll Unverfrorenheit sich anmaẞt, stets im Namen des deutschen Volkes zu sprechen und seine verbohrten Faxen als die Meinung der deutschen Gesamtheit hinzustellen...." ,, Glauben Sie denn", stimmte Marwitz ihm zu ,,, es ginge mir anders, wenn ich in diese Schlammflut von Schmähungen und Lästerungen hineinsteigen muß, die sich heute unsere Presse nennt, das heißt vielmehr das, was solch ein Schreiberling von Goebbels Gnaden sich an verlogenem und verbogenem Gewäsch aus den Fingern saugen muß....?— Tja, verstehen kann man eben immer nur das, was man liebt. Haß dagegen wird stets nur Pamphlete zeitigen! Leider ging eben die Sehnsucht unseres deutschen Volkes in seinen breitesten Schichten nur nach Gehorsam. Die große Masse schrie ‘ förmlich nach einer Diktatur... und bald hernach folgte sie ihren Schlächtern wie ein gut dressiertes Tier auf die Schlachtbank.‘“ „Auch ich‘, gestand Bert hierzu, ‚‚sehe in Artikeln dieser Art nur noch regelrechte Attacken auf den Rest politischer Intelligenz, die unserem Volke verblieben ist, während es selbst unschlüssig am Ufer seines neuen Rubikon steht wund noch schwankt, ob es ihn über- schreiten und das Joch abschütteln soll, um damit zugleich auch dem Kriege den Todesstoß zu geben— oder nicht! Aber nicht lange Zeit mehr, so wird es wohl den Sprung wagen....“ Wie stark er sich in dieser Annahme zeitlich ver- griff, ahnte er damals freilich noch nicht— zu seinem Glück! Eines Tages aber wies Marwitz seinen Begleiter während der Freistunde auf eine niedrige Baracke im Nachbarhofe hin und sagte: „Sehen Sie das lange Bauwerk da drüben mit dem roten Ziegeldach und dem kleinen Glockentürmchen am First?— Ja? Nun, das ist unser Hinrichtungsschuppen. Im ersten Raum soll die berüchtigte Guillotine stehen, die zur Zeit soviel Arbeit bekommt und ohne deren Hilfe die Nazis niemals ihren Blutdurst zu löschen im- stande wären. Das zweite Abteil soll die Leichenwäsche und Totenkammer bilden, der dritte Raum die Vorräte an Zubehör: enthalten.... Und hier haben auch die zahllosen Erschießungen stattgefunden, mit denen Hit- lers entfesselte Banden nach dem 30. Juni 1934— der sogenannten ‚Reichsmordwoche‘— ihre eigenen Reihen dezimierten, älteste Busenfreunde des ‚Führers‘ und Säulen seiner Partei sans fagon ‚umlegten‘, wie ihre Roheit es zu nennen beliebte, um für die eigene Macht- gier freien Raum zu schaffen.‘ „Drum höre ich“, ergänzte ihn Bert, ‚in so vielen 34* -532- - Nächten, wenn ich vor jagenden Gedanken nicht schlafen kann, das entsetzliche Gerät arbeiten, das Gebimmel des Sterbeglöckchens und hernach den dumpfen Fall des zentnerschweren Beilmessers unwillkürlich malt sich dabei die Phantasie die grauenhafte Szene aus: das Anschnallen der Opfer am Brett, das schon besudelt ist, einen der sich sträubenden Lebensdurstigen nach dem anderen; das Waten im Blute der Vorgänger, da man ja immer eine Anzahl zusammenkommen läßt, damit es wie letzthin ein zartsinniger Aufseher zu mir sagte ein, Aufwaschen' gäbe.... Und deshalb grinst einen auch das blinde Fenster der Baracke wie der eisige Blick der Gorgo an ach, pfui Teufel, gegenüber einer solch viehischen Art der Hinrichtung ist ja der Strick oder noch mehr der vielgeschmähte Genickschuß eine wahre Wohltat!" - - Mit bitterem Lächeln nickte Marwitz zu Berts empörten Worten, faßte dann dessen Arm in seiner impulsiven Weise und flüsterte: ,, Nun glauben Sie aber beileibe nicht, daß sich die Nazi- Justiz mit der Hinrichtung allein etwa zufrieden gäbe... oh, weit gefehlt! Sie verlangt auch noch, daß eine solche Staatsfürsorge von den Hinterbliebenen in bar bezahlt wird; recht hochbezahlt werde sogar, gegen fünfhundert Mark im allgemeinen pro Köpfchen... ja, ja, Gründlichkeit ist der Bande nicht abzustreiten! Und sollte der Betrag -Gott behüte nicht pünktlich erlegt werden können, na, so schreitet man eben rücksichtslos zur Pfändung, damit das Andenken des Unglücklichen bestimmt dem Familienkreise für dauernd erhalten bleibe.... Wie unsagbar schäbig ist doch solch ein Verhalten- oder besser gesagt, wäre es zu nennen, wenn es nicht noch viel stärker der Ausdruck einer Herzlosigkeit sondergleichen wäre!" - Späterhin, als Bert wieder aus der Psychiatrie als geistig und seelisch normal entlassen worden war, seine frühere Zelle und seinen alten Arbeitsplatz von neuem bezogen hatte, da mußte er oft genug das ominöse Glöckchen läuten hören, bald gefolgt von dem dumpf -533- dröhnenden Fall des Beils der Guillotine und alle seine sonstige Seelenruhe war dahin; denn diese Hinrichtungen waren ja nichts anderes als ein Mord von Staats wegen. Auch jene drei jungen Studenten- ein Mädchen unter ihnen, die Geschwister Scholl, die sich erkühnt hatten, Flugzettel zu verteilen und an öffentlichen Mauern der Stadt den Spruch zu malen:, braune Köpfe werden rollen nach dem Krieg', mußten auf dem Schafott von Stadelheim ihr blühendes Leben lassen, ein erster Stoẞtrupp der Freiheit, der sich entschlossen selbst zum Opfer brachte, wie es stets unumgänglich war und bleiben wird, wo irgendwo Breschen geschlagen werden müssen. Und wieviel andere Tapfere mögen im Norden oder Westen des Reiches ihnen vorangegangen oder nachgefolgt sein...? Nach solchen Stunden war Bert von Herzen dankbar, daß im Garten der Strafanstalt eine Kirche stand und alle Sonntage in ihr Gottesdienst stattfand.... Niemand, der es nicht selbst kennengelernt hat, kann ermessen, welchen Trost es für den Inhaftierten bedeutet, daß jemand zu ihm kommt, der im Besitz des furchterregend klirrenden Schlüsselbundes ist und dennoch ihn mit, lieber Freund' anredet, als Vollmensch behandelt und ihm die Hand drückt, wie es ausschließlich der Geistliche tut; statt ihn wie gewöhnlich mit, alter Lump' oder ihr Halunken' anzubrüllen und stramm stehen zu lassen.... Jeder solcher Besuch in seiner Zelle der einzige den er dort erhalten darf ist ihm eine seelische Massage mit schmerzlinderndem Balsam. Und wieviele sind in Tränen aufgelöst, selbst verhärtete Gemüter, wenn der Geistliche sie verläßt oder den Gottesdienst schließt. - - Angenehm war in Stadelheim die Erlaubnis, einmal wöchentlich durch seine Angehörigen ein Paket mit I kg Brot und 1 kg Obst empfangen zu können, sofern man sich noch in Untersuchungshaft befand oder- Todeskandidat war. Nur wurde Bert die Freude dadurch vergällt, daß er zur Entgegennahme mit einer großen Zahl Verhärmter antreten mußte, denen ihre Verwandten -534damit die letzte Liebe im Leben erweisen wollten, unter ihnen eine Unzahl Landsleute Iřinas, die hier ihrem Vaterlande zuliebe verbluten sollten. Im Fluge war ein neues Jahr mit allen seinen wechselnden Gezeiten für Bert verflossen, ohne daß sich irgend jemand von der hohen Obrigkeit um ihn gekümmert hätte. Da ein erneuter Antrag auf endlichen Fortgang des Verfahrens wiederum unbeantwortet blieb, kam er um Beistellung eines Verteidigers auf seine Kosten ein, ein Gesuch, das nach Verlauf eines Vierteljahres abschlägig beschieden wurde, mit der Begründung: der von ihm gewählte Anwalt erhalte keinen Einblick in seine Akten, die geheim seien. Zu gegebener Zeit werde ihm ein passender Rechtswahrer namhaft gemacht werden, dem er sich anzuvertrauen habe- Punktum! - - Von irgendwelchem Fortschritt in seiner Strafsache schien überhaupt keine Rede mehr zu sein. Anscheinend vertrat der Ankläger die Auffassung, daß es keine Angelegenheit gebe, die nicht durch Liegenlassen noch wichtiger werde und ein Inhaftierter war im Dritten Reiche ja ohnehin rechtlos!- Aber zum Glück rollte das Rad der Geschichte unaufhaltsam weiter. Scharenweise kamen jetzt Polen, Tschechen, Oberschlesier in die Anstalt, um ihrer Abschlachtung entgegenzugehen. Oftmals drang von den Zellen des zweiten Stockwerkes tosender Lärm herunter, am häufigsten nachts, stets ein Zeichen, daß wiedermal einer der Todeskandidaten, umgekippt' war, wie der rohe Ausdruck für den Ausbruch der Tobsucht bei den Ärmsten lautete.... - was aber - herrliche Tage warfen Draußen im Freien freilich wurde es allmählich wieder März. Und die Gefangenen sprachen wehmütig: ,, Nun ist der Veilchenmonat angebrochen wird aus uns?" Es wurde Mai ihr Leuchten durch die verstaubten Fenster der Arbeitsbaracke... da sprachen sie: ,, Nun blühen zu Hause Flieder und Maiglöckchen und wir? Bald kommen die Rosen und die Linden werden zu duften beginnen, und das Korn wird reifen; dann wird sich das Laub - -535wunderbar färben und die reifen Äpfel fallen rotbackig zur Erde und wir und wir? Was wird aus uns?" - - Wie lebendig begraben kam sich Bert allmählich vor. Er gewöhnte sich auch das Denken an seine Zukunft völlig ab; denn unter gewissen Umständen hat alle Logik ihr Ende erreicht. Vergeblich strengte inzwischen Iřina von neuem alle Energie für seine Befreiung an, schob seine zu schüchterne Schwester dabei vor, weil sie selbst durch die Beihilfe zu seiner Flucht aus Dachau zu sehr belastet war.... Sie beschritt den Weg, Berts Entlassung wegen gesundheitlicher Haftunfähigkeit zu erreichen; sie ließ das Oberkommando des Heeres in Berlin alarmieren, sie bat sogar den Gauleiter von Oberbayern, ihn beim kommenden Weihnachtsfeste zur Entlassung zu empfehlen-- alles vergeblich! Die Gestapo spottete ihrer Anstrengungen und die Staatsanwaltschaft war nur noch Wachs in deren Händen. Inzwischen war für jeden Einsichtigen das deutsche Vaterland, soweit es mit dem Dritten Reich identisch war, schon rettungslos auf das Sterbelager gesunken. Trotzdem begann erst jetzt der gigantische Wettlauf beider Kriegsparteien um die Siegespalme.... Die Nazis saugten der Bevölkerung und den Millionen zur Arbeit gepreẞten Ausländern förmlich das Rückenmark aus. Sie proklamierten den, heiligen Volkskrieg', wie ja Despoten immer, wenn ihre Selbstherrlichkeit am Versiegen ist, auf einmal die, Heiligkeit der von ihnen unterjochten Völker entdecken. Ach, all diese gräßlich leeren Jahre, die er im Warten auf die Befreiung in dumpfer Enge zubringen mußte, wie im Dritten Reich soviele, Geheimnisträger', nach einem beliebten Ausdruck der Nazis... all die vergrämten Tage und Stunden, die sich wie die Glieder einer endlosen Sklavenkette aneinanderreihten Bert kam das stille Abhaspeln so ungezählter Wochen und Monate vor wie der Stillstand eines leeren Eisenbahnwaggons auf totem Nebengleis, während auf der offenen Haupt- strecke die überfüllten Schnellzüge sich in rasender Fahrt 'kreuzten... Nur nicht weiterhin, flehte er oft in der Stille seiner Nächte, nur nicht weiterhin diese entsetzliche Leere, dies Harren ins Unabsehbare, dies stumpfe Sehnen und Hoffen auf ein Ende und immer wieder Enttäuscht- werden! Zu seinem Glück aber konnte er sich bald in eine private Arbeit versenken, die ihn lebhaft fesselte— unter strengsten Vorsichtsmaßregeln natürlich: die Aufzeich- nung seiner Erlebnisse in der Gefangenschaft. Seine Genugtuung wuchs noch, als nach Verlauf von mehr als zwei Jahren Stadelheimer Haft ein hilfsbereiter Lieferant der Anstalt, der sortiertes Papier aus der Baracke abholen kam, sich bereit fand, Berts Notizen- stoß in unauffälliger Weise mit in die freie Welt zu nehmen und die Blätter auch wirklich an Berts Schwester getreulich ablieferte, obwohl solche Zivilpersonen aus- drücklich von der Behörde angewiesen waren, zuge- steckte ‚Kassiber‘ von Häftlingen bereitwillig anzu- nehmen und Beförderung zu versprechen, hingegen die Zettel sogleich dem Direktor der Anstalt zu über- geben. Auf diese Weise waren die Aufzeichnungen Berts wenigstens für späterhin gerettet. Und auf umgekehrtem Wege brachte der biedere Mann, freilich gegen erhebliche Belohnung durch Berts Angehörige, Schreibhefte und eine unzensierte Nachricht von Ifina ins Gefängnis, die er so geschickt beim Abladen seiner Kisten zu ver- stecken wußte, daß der Empfänger sie unauffällig an sich nehmen konnte. Nun wurde Bert endlich aus seiner Ungewißheit über das Los der geliebten Frau befreit, die ihm in weiser Vorsicht nie mehr geschrieben hatte und auch in keinem Briefe der Schwester erwähnt worden war..... Er erfuhr dabei alle Einzelheiten ihrer aufsehenerregenden Tat in Budapest, ihre Schritte für seine Befreiung und was künftighin in den Plänen der Unermüdlichen lag—— so standen die beiden Frauen wie getreue Büchsenspanner are ihm zur Seite, damit nicht irgendein Angriff ihn ohne schützendes Rüstzeug treffe.... Wie Ifina schrieb, war sie von Berts Hausnachbarn, Dr. med. Hammerstein, ‚als Hilfsschwester im Schwabinger Krankenhause ver- pflichtet worden und fühlte sich in ihrem Wirkungs- kreise wohl. ALLEIN ZURÜCKGEBLIEBEN. Der genaue Hergang ihrer Tat in Budapest nach ihrem letzten Beisammensein war jedoch folgender. Beim Fortgehen aus seinem Zimmer am Morgen hatte Bert sich getäuscht, wenn er Ifina für schlafend gehalten hatte... Eine nicht zu besiegende Unruhe hatte sie die Nacht über wachgehalten. Erst jetzt, wo sie ihn auf dem Wege zur Polizei wußte, überkam sie eine bleierne Müdigkeit, die ihr Bewußtsein leicht untertauchen ließ. Da wachte sie plötzlich entsetzt auf und blieb lange regungslos liegen, von einem unsagbaren Grimm ge- lähmt..... Es kam ihr vor, als spüre sie ein heftiges Klingen und ein Zerspringen in ihrem Herzen——— Ein lauter Schmerzensschrei entfuhr der jungen Frau. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen in das Zimmer, das dank der dichten Fenstervorhänge eine milchige Dämmerung erfüllte. So gut wie greifbar fühlte sie die seelische Nähe des Geliebten um sich und wußte auf der Stelle, daß er sich in Gefahr befinden müsse, daß Gram und Weh ihn peinige.. Mit eisiger Kälte kroch ihr die Angst ds Rücken herauf. Den Mund hielt sie in jähem Schrecken offen und ‘ mit der Hand leicht verschlossen... stoßenden Atems lauschte sie. Draußen hatten sich Sturm und Regen gelegt; aber der Tag schien unfreundlich bleiben zu wollen, und das monotone Tack-Tack vom Dache klopfte auf das Blech des Fensterbrettes. Da surrte mit einem Male das Telefon am Bett. Wie ein elektrischer Schlag durchfuhr es Ifina. Sie hob A IT - -538mit zitternder Hand den Hörer ab und meldete sich auf die Frage der Hotelzentrale, daß sie vom Polizeipräsidium verlangt werde.... Die eine Hand fest auf das pochende Herz gepreßt, vernahm sie eine fettig galante Stimme, die der Gnädigen mitzuteilen die Ehre habe, daß der Herr Oberst Jordan bei ihm gewesen sei und nach längerer Besprechung mit zwei reichsdeutschen Herren in einer Kuriermaschine nach Wien abgeflogen sei. Seinem Ermessen nach werden die Herren inzwischen schon in Aspern eingetroffen sein... Als auf seine Frage: ,, Hören Sie noch?" ein gehauchtes ,, Ja!" von ihr kam, fuhr er fort: ,, Folglich bestelle ich der Gnädigen hiermit noch die Grüße des Herrn Oberst und empfehle mich, bitt' schön- küẞ die Hand, meine Verehrung... Schluß!" Der Hörer entsank ihr und fiel zu Boden. Die Kunde, so erwartet sie ihr kam, wirkte dennoch auf sie geradezu überwältigend..... Also war alles, alles aus! Sie wollte sich erheben, brach aber zusammen. Die Wucht eines brennend heißen Schmerzes kam plötzlich über sie. Ihr schien, als ob das Zimmer sich im Kreise um sie drehe - Somit hatte ihre Liebe, ihre Mühe ihm nichts anderes gebracht, als noch ärgere Verstrickung. Da hatte sie nun gekämpft, gegrübelt und geplant, ihm die Wege mit ihren schwachen Mädchenkräften geebnet und nun -- stürzte der Fuẞtritt eines solchen Schuftes den gesamten Aufbau über den Haufen... jetzt, jetzt kam auch noch die Reue über sie und fraẞ am Herzen. Sie, die so selten Angst und niemals Kopflosigkeit kannte, schrie nun ihren namenlosen Schmerz, in Furcht um ihn und in Verzweiflung hemmungslos heraus wie ein waidwundes Tier.... Das währte fast eine volle Stunde lang. Dann erhob sie sich als ein ganz anderer Mensch, ging hoch erhobenen Hauptes in ihrem Zimmer herum, packte ihre und seine Koffer, wusch und kleidete sich zum Ausgehen an. In der Halle schrieb sie ein paar kurze Zeilen an den berühmten Anwalt, an den sie Bert verwiesen -539hatte, ihn bittend, ihre Verteidigung zu übernehmen und sie sogleich nach Erhalt dieser Zeilen aufzusuchen, voraussichtlich in gerichtlicher Haft. Das Honorar werde ihm in einem Wertbrief in Schweizer Francs zugehen. Diesen Brief gab sie zur Beförderung dem Portier, zugleich mit einem Zettel, der den gleichen Advokaten als Empfangsberechtigten der erwarteten Geldsendung aus der Schweiz bezeichnete.... Nach Erledigung dieses Schrittes nahm sie ein Taxi und fuhr zu ihrem Freunde Mirko in den Zirkus. Sie traf ihn, da es Mittag war, in seinem Wohnwagen. Der getreue Futtermeister erschrak, als er sie eintreten sah. Ihr Gesicht war aschfahl, fleckig, mit rotumränderten Augen, die Lippen in eiserner Entschlossenheit zu einem schmalen Strich zusammengepreßt. - Und hier erst, beim Erzählen ihres Schmerzes, löste sich ihre Verzweiflung in Tränen auf. Alles, was es nur an Bitterem und Wehem im menschlichen Weinen geben kann, Haß gegen das Schicksal, das sich unserer Qualen grausam zu freuen scheint; Gewissenspein, dem Geliebten vielleicht nun erst recht die Hölle bereitet zu haben das alles zitterte in ihrem Schluchzen. Verzweiflung, nichts gab es außer ihr noch in der Welt-- Oder... doch noch eines? Die Rache! Selbst fassungslos vor Erbitterung über die feige Tat des Korsen, stöhnte der Alte immer wieder: ,, Wenn ich ihn nur zwischen meinen Händen hätte, den gemeinen Hund, den Falotten...." Das gab ihr rascher die Haltung wieder, als Mirko erhofft hatte. Sich die Tränen trocknend, bat sie ihn, in seinem Schlafraume sich die Augen kühlen zu können. Kaum eingetreten, griff sie tief in ihre Handtasche und atmete auf; das Werkzeug, um ihr Wort wahr zu machen, die glatte, düster funkelnde Mauserpistole lag in ihrer Hand. Nun nur noch eine kühlende Kompresse auf das brennende Gesicht, um die Spuren des Grams zu verwischen. Und dann auf! Es war ihr, als dränge kein Jähzorn sie mit Ungestüm zur Ausführung der Tat, — 540— sondern eine höhere, ausgleichende Gewalt, die stärker war als sie. Die Folgen?.— Pah, den ganzen Sturz will sie fühlen, restlos, aufrechten Geistes bis zum grausigen Ende— und in diesem bittersten und schwersten Entschlusse ihres ganzen Daseins, dieses Lebens, das bisher nur Herzens- güte und Aufopferung gekannt hatte, blieb sie gefaßt und still, nur ganz unmerklich am Körper zitternd wie Espenlaub im Morgenwind. Sie traf den Gesuchten bei Tisch in der Kantine, zwischen den zwei Brüdern der Feranitruppe sitzend und wie gewöhnlich über verschiedene Tische hinweg das große Wort führend. Als er sie eintreten sah, sprang er auf, mit freudig gespannter Miene, vor den anderen so tuend, als ob er sich nun am Ziele wähne. Trotzdem flackerten seine Augen unruhig und musterten argwöhnisch ihre Miene, als er den veränderten, leidenden Ausdruck in ihr be- merkte.... Sie aber hatte sich in der Gewalt. Während jede Fiber in ihr vor Erregung zitterte, zwang sie sich zu einer ruhig-ernsten Begrüßung der Bekannten rings- um. Erst als sie ihm, der sie an der Hand ergriffen hatte, zum Tisch folgte, trat in ihre Züge etwas, das sich nicht gut beschreiben läßt: etwas Totes, Starres, bei aller Schönheit Grauenvolles—— Seine Aufforderung, sich an den Tisch zu setzen, überging sie und blieb stehen, ihre Handtasche vor sich mit beiden Händen haltend und auf den Tischrand stellend.... Wer von der Rivalität um sie wußte— und das waren ja nahezu alle im Zirkus— sah begierig auf ihr Verhalten zu Luigis unverfrorener Zudringlichkeit. Ifina spürte die Blicke auf sich. Sie richtete sich ein wenig auf und sprach mit einer Stimme, die so hell klang wie Frost, den Korsen an: „Ich bin nur gekommen, um von Ihnen zu hören, ob Sie die Gemeinheit ausgeführt haben, Luigi Ferani, die Sie mit Ihren Redensarten oft genug andeuteten.— Sie wissen, was ich meine....“ Der Ernst in ihrer Stimme machte ihn besorgt. Seine Siegesstimmung war 541im Nu verblichen. ,, Nun schau, Mädi, sei g'scheit!" verfiel er ins Wienerische, das er zuletzt bei den Aufführungen oft genug in seine Späße hatte einflechten müssen. Aber schroff riß sie seiner Schwätzerei den Faden ab. ,, Ja oder nein, frage ich Sie haben Sie es getan oder nicht?" - - Da blähte ihn ein falscher Männerstolz und mit erhobener Stimme rühmte er sich: ,, Wer es mit mir zu tun hat, der muß sich vorsehen das hätte dem feinen Herrn sein bißchen Verstand sagen müssen, Zeit dazu habe ich ihm gelassen!" - ,, Gut, das wollte ich nur hören!" erwiderte sie kurz. Ein Ausdruck jäher Versteinerung trat in ihr Gesicht. Aus den aschgrau gewordenen Zügen sprühte ihr Blick einen wahren Blitz des Hasses und der Verachtung gegen den Erschreckten. Und mit ausgestrecktem Arme wies sie auf ihn, sich an alle Anwesenden wendend: " ,, Dieser Lump hat meinen Verlobten, der bis vor kurzem noch sein Kamerad im Zirkus war, heimlich bei der Gestapo denunziert und dabei ein paar diskrete Andeutungen, die ich ihm machen mußte, auf das Erbärmlichste miẞbraucht das ist euer Kollege, der vor euch steht... aber Luigi wieder fest und wutbebend anblickend, schloß sie: ,, Da Sie Ihren Vorsatz ausgeführt haben, will ich Ihnen nicht nachstehen.... Auch wer es mit mir zu tun hat muß sich vorsehen!" Sie riẞ ohne ein weiteres Wort ihre Handtasche auf- und in die lauten Pfuirufe der Artisten an allen Tischen krachten mit peitschendem Schlag zwei Revolverschüsse gegen den vor ihr Stehenden. Er hatte zwar ihren Griff in die Handtasche verfolgt und wollte mit einem raschen Schritt dem Unheile zuvorkommen. Doch sie war flinker gewesen und dergestalt bekam er die Schüsse aus unmittelbarer Nähe ins Gesicht, den einen durch die Stirnwand in den Kopf, den zweiten durch die rechte Wange in den Rachen. - - Er war auf der Stelle tot. Aufs äußerste erschöpft sank Iřina nach der Tat auf den neben ihr stehenden 542 - Stuhl, so erregt atmend, als sei sie endlos weit ohne Ziel gelaufen. Im Zucken ihrer Nerven und im überstürzten Schlage des Herzens spürte sie, daß sie ihren Kräften das Allerletzte zugemutet hatte, was sie hergeben konnten... aber nun war geschehen, was geschehen mußte sie fühlte sich plötzlich wieder beeiner Kraft beseelt, die nicht von dieser Welt war nun konnte der Abschluß über sie kommen und das große Ausspannen, auch das vollkommene Ende, wenn es sein mußte... einem Leben ohne ihn fehlte ohnehin der Reiz. ruhigter und von -- Aber es kam anders. Die Polizei erschien bald. Umringt von allen Artisten, die sich in der Kantine aufhielten, ließ sie sich abführen. Ihr Advokat, der sich schon einen Tag darauf ihrer Sache annahm, zumal sich von dem Prozeß eine pikante Sensation erwarten ließ, erwirkte ihr eine begünstigte Unterbringung im Gefangenenhause und brachte es fertig, nach einer Untersuchungshaft von vier Monaten, in der Hauptverhandlung ihre Bestrafung nur mit ebensoviel Monaten Gefängnis durchzusetzen, als die erlittene Haft gedauert hatte, weil die Richter und Geschworenen gemäß seinem Plädoyer und den einstimmigen Zeugenaussagen zu ihren Gunsten annahmen, daß sie lediglich eine Körperverletzung mit tödlichem Ausgange im Affekt und in Wahrung berechtigter Interessen begangen habe- Ehrenrettung der ungarischen Justiz sei es gesagt! zur Und da ihr die erlittene Untersuchungshaft voll angerechnet wurde, wurde sie nach dem Abschluß der Verhandlung unter dem Jubel der anwesenden Zeugen und Zuhörer, die alle mit ihr sympathisierten, auf freien Fuß gesetzt eine Freilassung allerdings, die ihr innerlich noch keine Freiheit bedeutete. 543,, Die Geschichte ist nicht sentimental und wehe dem, der sich selbst sentimental nimmt!" Oswald Spengler in , Jahre der Entscheidung' DEM ENDE ENTGEGEN. In Berts Gefängnis wurde inzwischen die Kost von Tag zu Tag problematischer, zumal auch die Zuteilungen an die gesamte Bevölkerung ständig kärglicher wurden. Bald konnte der Deutsche mit Hamlet ausrufen: Ich esse Luft, ich werde mit Versprechungen gestopft, man kann einen Kapaun nicht besser mästen!' Die Gefangenen schabten bereits vor wühlendem Hunger mit spitzigen Arbeitsmessern den Schmutz aus den Ritzen der Tische und des Fußbodens heraus und verzehrten ihn ohne Ekel... so weit war es schon gekommen! Aber konnte Bert auch nur ahnen, was inzwischen im Kz- Lager Dachau seinem Dachau!- vor sich ging? Konnte er sich ausmalen, welche unsagbar grauenhaften Experimente nun der dortige Lagerarzt mit Häftlingen vornahm übrigens auf Betreiben deutscher Forschungsinstitute vornahm, zur Schande deutscher Wissenschaft sei es gesagt-? Und wußte er weiterhin, daß unter den schon vom Hunger zum allmählichen Wahnsinn getriebenen Häftlingen bereits Kannibalismus ausgebrochen war, zunächst in einzelnen Fällen, aber mit deutlich erkennbarer Tendenz zur Verallgemeinerung... daß es also dem Wirken der SS. gelungen war, aus den ihnen zur Betreuung übergebenen Menschen reguläre Menschenfresser aus Not zu machen? Freilich hatte im großen Weltgeschehen nunmehr der Krieg ein wahrhaft rasantes Tempo angenommen, schier als wollte die Erdachse sich heiß laufen. Spürbar ging ein Zittern und Wanken durch den Riesenbau des Dritten Reiches. Und alle weiteren Maßnahmen der Hitlerei sahen schon mehr einer Vorbereitung zum Harakiri ähnlich als sachgemäßer Verteidigung. Bert - 544 - nannte es nur noch den, Amoklauf gegen die zivilisierte Welt'. Zu allemhin häuften sich die Luftangriffe in einer Weise, die allmählich zur Verzweiflung trieb. Die bürgerlichen Verhältnisse glichen schon erschreckend denen des Dreißigjährigen Krieges: kein sicheres Heim mehr, alles vor Angst um das nackte Leben zitternd, halbe Tage, ganze Nächte in Kellern zusammengepfercht hokkend während der wohlgeschützte Joseph Goebbels bequem posaunen konnte: ,, Wir werden härter mit jedem Schlag!" - Ist es nicht zutreffend, daß die ewige Gerechtigkeit, in gleicher Weise wie die irdische, den Todgeweihten noch einen letzten Rauschzustand gönnt..., quod deus vult perdere, dementat wen Gott verderben will, dem verwirrt er den Sinn! Und der an sich schöne Gedanke einer europäischen Vereinigung verlor sich längst im Dunkel des Unerfüllbaren, wie schon so manches Bemühen, die Welt im Zeichen neuer Überzeugungen zu verwandeln gescheitert ist, sobald die verwandelnde Kraft nicht stark genug ist und die angewandten Mittel verfehlte sind. - FAHRT ZUR VERHANDLUNG. - Wird es jemandem faßbar sein, daß annähernd vier Jahre gerüttelt voll an beispiellosem Geschehen in der großen Welt an unserem Freunde vorübergleiten mußten, bis aus dem ewigen Untersuchungsgefangenen endlich ein Angeschuldigter vor dem Volkstribunal werden sollte? Kein Vorwurf kann dabei gegen die Justiz selbst erhoben werden. Sie war weitgehend vom Richterpersonal entblößt, bis zum Ersticken mit Anklagematerial überschüttet alle Schuld häuft sich vielmehr auf das verbrecherische System der Hitlerei. - Längst war der Feind an allen Fronten unaufhaltsam vorgerückt und stand schon tief auf deutschem Boden. - 545 - Die Amerikaner hatten in Bayern bereits die Donaulinie überschritten. Nun sprachen die politischen Gefangenen natürlich von nichts anderem mehr als von ihrer baldigen Befreiung durch die Kriegsgegner. Auch Bert und seine Frauen hatten alles Interesse an seinem Prozeß schon verloren. - Da erreichte ihn zu seinem Erstaunen die Anklageschrift des Oberlandesgerichts als Stellvertreterin des Berliner Volksgerichts, zu dem eine Überstellung ja nicht mehr möglich war und zugleich die Vorladung zur Hauptverhandlung im Anbau des Justizpalastes tableau! Unter den obwaltenden Umständen mutete Bert diese Ankündigung nahezu an wie ein unzeitgemäßer Aprilscherz... aber bitte, euer Wille geschehe.... - Am Abend vorher hatte er noch eine erschütternde Vision: er sah ein seltsames Bataillon von Männern angetreten, auch zahlreiche Frauen darunter; die Naziführer schritten die Front ab, jedoch gefesselt jeder und mit abgeschnittenem Kopf unter dem Arm, mit blutüberströmtem Körper und wutverzerrtem Gesicht, den stummen Mund zum Schreien geöffnet.. Nun stand sein Verteidiger im Sprechzimmer der Anstalt vor ihm, das große Parteiabzeichen ostentativ am Rockaufschlage und innerlich zugeknöpft bis über den Halskragen hinauf wenigstens zu Beginn. ,, Ich habe für Sie nur zwanzig Minuten Zeit zur Verfügung!" begann er frostig. - ,, Nur gut", gab Bert gleichmütig zurück ,,, daß ich rund vier Jahre lang Zeit hatte, mich auf diese Aussprache vorzubereiten!" " Vier Jahre?" fragte der Anwalt überrascht, und der vertrauenswürdige Eindruck, den er von seinem Klienten erhielt, ließ ihn rasch auftauen. Bert erklärte ihm nun, daß er sich zur Sache selbst verteidigen wolle. ,, Recht, dann werde ich mich auf den juristischen Teil beschränken...." ,, Und wie beurteilen Sie von diesem Standpunkte aus meine Lage?" 35 Conrady, Amokläufer. 546,, Sie können gar nicht verurteilt werden, wohlverstanden, dem Gesetz und der bisherigen Rechtsprechung nach. Zwei Argumente von Gewicht, die ich im Plaidoyer ausführen werde, sprechen absolut dagegen... immerhin, Herr Oberst, was auch immer vorgebracht werden mag: entscheidend ist leider nur das, welche Stellung Berlin zu Ihrer Person eingenommen hat und durch den Mund des Staatsanwaltes aussprechen läßt. Seinem Antrage folgt der Senat unweigerlich und käme Ihnen schon sehr entgegen, wenn er das Strafmaß, das jener eventuell beantragen wird, gebührend ermäßigt...." " ,, Und Ihr Einfluß, Herr Rechtsanwalt, ist also jetzt" völlig unbedeutend geworden?"- ,, Es ist nicht anders" flüsterte sein Besucher mit bitterer Miene, er, der Parteigenosse: ,, Aus Rechtswahrern hat man uns zu regulären Unrechtswahrern gemacht Sache... aber Stillschweigen bitte!" - so liegt die ,, Hat denn überhaupt angesichts der militärischen Lage die ganze Verhandlung noch einen Sinn?" Der Verteidiger zuckte die Achseln. ,, Sie sehen doch: trotz alledem kein Ende! Die Tragödie des Wahnsinns und der Kurzsichtigkeit muß also vollends bis zum blutigen Abschlusse weitergespielt werden.... Und was Sie selbst betrifft: wie auch die Verhandlung ausgehen möge, frei würden Sie ja auf keinen Fall, das ist Ihnen sicherlich bewußt...." Sein Klient nickte, und der Anwalt nahm Abschied von ihm. Damit war die kurze Besprechung zu Ende. Bert ging in seine Zelle zurück, um sich für den nächsten Tag vorzubereiten. Die erbetene Feder, Tinte und Papier für einige schriftliche Fixierungen wurden ihm verweigert. Aber das tat weiter nichts. Fest stand jedenfalls: der Zufall mag ein guter Dramaturg sein. Aber weit über seinen Machtbereich hinaus muß es oftmals Verkettungen von geheimnisvoller Größe geben, die bestimmte Menschen in Zusammenhänge von einer Drastik zu bringen wissen, wie sie kein Shakespeare packender sich ausdenken konnte. ** - 547- Zum ersten Male seit 45 Monaten betrat Bert die Außenwelt wieder an der Seite eines ihn begleitenden Aufsehers in Uniform, eines Mannes von gutmütigem Wesen und gewisser Behäbigkeit. Sie schritten der Stadtmitte, dem Justizpalaste zu, der zwar schon erheblich gelitten hatte, dessen neuer Anbau jedoch noch intakt war. Aber schon nach den ersten Minuten des Marschierens wollte dem Häftling der Fuß stocken.... Was ist aus dieser so grundheiteren, daseinsfrohen Stadt geworden, die in ihrer Lebensart doch nie mit dem so andersartigen Berlin zu vergleichen war? War das überhaupt noch sein liebes München? Er erkannte es kaum noch wieder. Soviele Jahre voll Tod, Leid und Kummer hatten sich dazwischen geschoben, soviele Schicksale allerschwerster Art abgerollt, daß sich das Bild der munteren Kunststadt ausnahm wie ein von Bubenhand verschandeltes Freskobild eines Meisters. Tatsächlich ein zweiter Dreißigjähriger Krieg! War etwa die menschliche Zerstörungswut damals größer gewesen als heute? An Stelle der Metzeleien jener Zeit war nun die unerbittliche Grausamkeit des Materials getreten... sieh dir die Haustrümmer an: wenn Menschen schweigen, dann werden diese Steine reden! Sie tun es anklagend genug: wohin habt ihr uns gebracht? Und zwischen den hohen Schutthaufen, um die hohläugig ragenden Wände mit rauchgeschwärzten Trümmern geistern die Schatten der Erschlagenen am hellichten Tage.... Hier, wie kaum sonst irgendwo, siehst du der Verruchtheit des Krieges voll ins Gesicht, in das haẞentstellte Antlitz des Wahnsinns. Denn das ist schon mehr eine Erdbebenzone als eine moderne Großstadt! Der Krieg hat die Städte selbst- und zwar in ergreifendem Ausmaße- alt und verbraucht gemacht, zu trostlosen Greisen degradiert. Erschütternd gestand sich Bert: was sind in der Tat irdische Güter? Eine Hand voller Sand! Über all der Vernichtung scheint ihm das Antlitz des zweigesichtigen Gottes zu schweben, des Kriegsgottes Janus, der den 35* -548Zweifel verkörpert: man kennt zwar den Anfang, aber niemand kennt das Ende! Und wie wird es bei ihm selbst, in seiner eigenen lieben Behausung aussehen? Er wußte nur aus den Briefen, die aber schon fast einen Monat zurücklagen- denn nur alle vier Wochen durfte einmal geschrieben werden- daß eine Bombe von sechs Zentnern direkt vor sein Haus gefallen, aber nicht explodiert sei; daß ein Phosphorkanister das Dach getroffen, aber zum Glück keinen großen Schaden angerichtet habe eine Fügung des Himmels.... - Die Menschen aber, denen er begegnete? Sie schenkten dem Manne in dem grauen Zivilanzug, dem die völlige Vernachlässigung anzusehen war, wie sie das Zellenleben unvermeidlich mit sich bringt, kaum irgendwelche Beachtung. Um so eingehender befaßte Bert sich mit ihnen, Seelenforscher, wie er im Umgang mit Bedrängten allmählich geworden war. Ist das noch das Volk, dem einst Johann Gottlieb Fichte zugerufen hatte, Ihr werdet, ihr könnt nicht untergehen! Wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit euch...? - lom Auf den verhärmten Gesichtern spiegelt sich die Qual der Leiden eines Jahrzehntes. Denn der Krieg hat ja für sie nicht erst mit seinem effektiven Ausbruch begonnen, sondern schon seit der Machtergreifung durch die Nazis Elend und Erschöpfung prägt sich in den Zügen aus. Der Ablauf ihrer Tage ist ein einziges Grauen und jede Stunde Zeit vermehrt und steigert das Entsetzen; denn die Angriffe werden immer heftiger und schonungsloser.... Sie sind ausgeschöpft, diese Menschen, wie Brunnen nach unzähligen Entnahmen. Wohl sind mit dem Zusammensturz der Häuser eine Unzahl Einwohner mit umgekommen, aber die anderen laufen auch nur als, noch nicht Tote' herum, und alle Aufrufe des Volkes durch Radio und Zeitung sind nutzlos. Gegen völlige Erschöpfung kann auch keine Energie mehr ankämpfen., Ce sont des morts qui parlent..." würden die Franzosen es nennen. -549Das Pflaster glänzt vor Nässe.... Es hat etwas gegeregnet. Aber man könnte eher denken, daß es feucht sei von den Tränen dieses Volkes. Denn die Schwergewichte der Enttäuschung und des Leides hängen nur allzu sichtbar an allen Gliedern der Passanten. Sie sind einem hemmungslosen Fatalismus hingegeben, der sie zur Trostlosigkeit führt. Ihr Hirn ist wie umklammert von den eisernen Fangarmen einer ihnen eingeredeten Pflicht, die alles Seelische zu ersticken droht.... Einzelne sieht Bert, die wie fasziniert auf die Verwüstungen starren gleich Hypnotisierten... man möchte glauben, in ihren Augen läge ein Ausdruck, wie er noch nie in Menschenaugen gelegen hat. Besonders bei den Frauen, die um den Sohn, den Vater, den Gatten seit langen Monden bangen. Die Atmosphäre ihres Daseins ist nur noch voll von ungeheuren, früher nie geahnten Spannungen des Schreckens und der Angst- die meisten haben tiefe Furchen um den Mund, die das Schweigen grub. Und viele bleiben für immer stumm; denn sie tragen im Inneren einen Schmerz, so tief und tränenlos, daß sie nur noch schweigen können.... Es ist ihnen nicht mehr als ein Umherschleichen in den Straßen möglich, statt eines frischen, resoluten Gangs wie ehedem; einige wie hysterisch vibrierend in dem dumpfen Banne, der auf allen gleichermaßen liegt .. ausgenommen ein paar unreife junge Dinger, die in ihrer Albernheit noch kichern können, im überkurzen Röckchen, den Busen scharf herausmodelliert, sich bereits benehmend wie angehende Dirnen, nach dem Rezepte Aretinos verfahrend: Laßt uns leben, alles andere ist Unsinn!' Überall trotten müde Feldgraue herum, mit schloddernden Uniformen und riesigen Rucksäcken bepackt. Ihre Mienen sind voll Abgestumpftheit und Verdruß, deutlich zeigend, wie satt sie den Kriegsbetrieb haben und erst recht den Dornenweg der Front.. ihnen schreiten ein paar Unbelehrbare aus Heer und Bürgerschaft, denen der Glaube an einen Endsieg zu einer starren, verzweifelten Zwangsvorstellung geworden neben - 550ist, von der sie nicht mehr loskommen, weil sonst ja, weil sonst ihnen alle ihre Sünden einfallen gegen jüdische und frondierende Mitbürger, dieses ihr bitterböses Gewissen, das die Naziauffassung:, Macht geht vor Recht' bisher so hübsch im Hintergrund gehalten hatte... aber es ist ihnen sichtlich schon nicht mehr wohl in ihrer Haut; denn die einzige Aussicht, die ihnen verbleibt, ähnelt ja derjenigen des Odysseus bei Polyphem aufs Haar: an letzter Stelle verzehrt zu werden! So tief ergriffen ist Bert von allem, was er sieht, daß er nicht länger schweigen kann. Er wendet sich an seinen Begleiter und erhält die Antwort: ,, Tja, so ist es! Da haben die Leute immer gottweiß was gestöhnt in der Nachkriegszeit über die starke Arbeitslosigkeit, für die ja aber über kurz oder lang Abhilfe geschaffen worden wäre; denn es handelte sich doch um ein allgemeines Weltübel in allen Staaten.... Heute wird keiner unter ihnen sein, der sich nicht allzu gern die damaligen Zeiten zurückwünschen würde... sehen Sie!" Und mit solchen Andeutungen bringt er Bert zu den Folgerungen, die so nahe liegen: Wozu jetzt noch der weitere Kampf? Nur um Heldentaten für das goldene Buch der Nation einzusammeln? Starren nicht die Generäle wie verbissene Schachspieler auf ihre Landkarten und kombinieren zwecklose Verteidigungen aus? Daß sie aber statt toter Figuren junges, lebensfrohes Blut vergießen, das scheint sie nicht weiter zu stören. ... Denn ihr Ehrgeiz geht nur dahin, als Marschälle lorbeergekrönt in die Geschichte einzugehen. Daß aber die Nachwelt dem einen viel reicheren Kranz flechten würde, der zur rechten Zeit Halt rufen und einlenken würde dazu reicht ihr sittliches Bewußtsein leider nicht aus. - Inzwischen hat das zivilisierte Leben, vom Aschenstaub des düsteren Alltags überhäuft, einen nahezu unfaßbaren Tiefstand erreicht.... Ja, möchte Bert den Menschen zurufen: wundert euch nicht zu sehr darüber! Denn ein Radikaler hat einst gemeint:, Wer - 551auch nur einen Augenblick ohne Freiheit der eigenen Meinung leben kann, der verdient gar kein Leben; der ist wert und reif, zugrunde zu gehen. Das gilt von einzelnen wie von ganzen Völkern- Und nun seht selbst: wie kann es einer Generation schließlich anders ergehen, die in einem Zuchthause des Geistes aufwächst? - - Welch ein Drama hatte sich hier abgespielt! Welch ungeheuerliche Vergeudung und Versündigung aus Phantastik und krankhaftem Ehrgeiz ist am Volkskörper begangen worden Vansittart hat es die größte Elendsflut der menschlichen Geschichte genannt. Und noch immer schnürt das Korsett von Stahl, das euch das Nazitum angepaẞt hat, jede Regung ab, nimmt euch den Lebensatem... Während an den Fronten das erbarmungslose Töten von Männern ohne jede Aussicht auf Erfolg weitergeht, wütet in der Heimat- an dieser so vielgerühmten, inneren Front' die Todesstrafe gegen jeden, der ein Wort der Unzufriedenheit verlauten läẞt oder gar sich aufbäumt gegen das unerträglich gewordene Joch. - Überall an den Straßenecken drohen die Plakate Himmlers, eines zweiten, Iwan der Schreckliche': Wer dies oder jenes tut, wird mit sofortigem Tode durch Erschießen bestraft und immer wieder stellen die Zeitungen in Aussicht: wenn man nachgäbe, so werde geplündert, geschändet und gemetzelt werden. Auf Milde zu rechnen, sei nur gut für Narren - Auch um die riesigen Bauten der Partei schwebt schon der Verfallsgeruch.... Napoleon hat einst zu Recht erkannt:, Du triomphe à la chute n'est qu'un pas!' Nun sind die allzu schönen Phrasen der Partei über Volksbeglückung und Weltherrschaft an den Eckpfeilern der harten Realität zerschellt, was die Herren um Goebbels aber nicht hindert, noch jetzt verzweifelt zu ächzen: der Endsieg ist uns sicher! Jawohl, der Sieg wird auch unserem Volke gehören, nur niemals so, wie ihr ihn euch denkt! Die deutsche Geistigkeit, die deutsche Seelentiefe und natürliche Schlichtheit werden hoffentlich zu gegebener Zeit wieder - 552zu ihrem Rechte kommen. Denn des Deutschen Stärke liegt allein dort. Es ist ihm eben seiner ganzen Natur nach nicht beschieden, politisch eine Rolle zu spielen- und Bismarcks große Tat ist ihm leider nie bekommen. Das liegt heute schon offen zutage.... Aber wie lange wird es noch dauern, bis Himmler endlich melden kann, wie einstmals jener russische Feldherr an Peter den Großen: Weiter gibt es nichts mehr zu zerstören!' Ist das nicht wirklich schon allerletzte Tragik? , , Macht ohne Recht ist Tyrannei, Recht ohne Macht ist Hohn.... Blaise Pascal DRAMATISCHER ABSCHLUSS. Nunmehr jedoch, als die beiden Fußgänger endlich das Verkehrszentrum der Stadt, den Karlsplatz, von den Münchnern gewöhnlich, Stachus' genannt, erreicht hatten, änderte sich wie mit einem Schlage das Straßenbild in geradezu verblüffender Weise. Hier standen nahezu Kopf an Kopf Männer und Frauen in einer Haltung, die alles andere verkündete als gelähmte Niedergeschlagenheit.... Jung sprach erregt mit Alt; der Ausländer radebrechte mit dem Einheimischen, nicht mehr angstvoll flüsternd und sich bedeutungsvoll umschauend; sondern unverhohlen laut, ja dröhnend, erbitterten Tones und in beschwingter Rede... ein wahres Rauschen ging durch den Menschenwald auf dem Platz und die zu ihm führenden Straßen. Es war zugleich wie das Klingen von geschliffenen Äxten.... - Was? War das die gleiche Bevölkerung wie eben noch und all die langen Kriegsjahre hindurch, gedrückt und demütig, entwürdigt unter der Knute ihrer Drangsalen? Ihr Alltag, der so erfüllt war von dem schonungslos niederprasselnden Steinschlage des Elends, der Sorge und Angst um Leib und Leben, Heim und Gut- hier - 553ist er vergessen! Hier drängt sie das Übermaß der Zumutung sichtlich zur Auflehnung hin. Die Scharniere und Bänder dieser bisher alleruntertänigsten, Sieg Heil'Rufer versagen nun endlich ihren Dienst in den leer gefegten Hirhen... Es geht wie eine Vibration unterirdischen Grollens durch den Boden, den Bert betritt, will es ihm scheinen; als ob die Erde vulkanisch erzittere. Sein Herz beginnt unwillkürlich rascher zu schlagen.... ,, Gottlob, daß alle Schicksalsschläge in sich positive Lebenskräfte bergen!" denkt er. Und was er da vor sich sieht und beim Hindurchdrängen durch die dichte Menge erlauschen kann, scheint ihm ein gutes Omen für sein eigenes Geschick zu sein. In solcher Verfassung steigt er die Stufe zum Justizpalast hinauf. Was kann ihm die Verhandlung dort noch Belangreiches bringen? War jemand von den Kreaturen der Diktatur etwa berechtigt, über seine menschliche Integrität zu entscheiden?- Leise sagt er zu dem ihn begleitenden Beamten: ,, Haben Sie die Volksstimmung soeben beobachtet, Wachtmeister? Sollte es einen wundern, wenn es bald zum Losbrechen kommt, und Sie mich schwerlich noch ins Gefängnis zurückbringen können oder sind Sie anderer Meinung?" -- Der Aufseher zuckt gleichgültig mit den Achseln und bleibt stumm, obwohl ihm die Vorgänge nicht entgangen sind. Oben aber im Vorzimmer des Verhandlungsraumes, wo beide auf den Beginn der Sitzung zu warten haben, legt er die bisherige Zugeknöpftheit merklich ab, geht auf den diensttuenden Türschließer zu, der vielleicht ein Bekannter von ihm sein mag und fragt ihn scherzhaft, indem er bei dem Kollegen die Unterseite des Uniformkragens prüfend nach oben dreht: - ,, Na- ös da im Justizpalast... habt ös a' scho' z'r Vorsicht dö g'kreuzten Hämmer und Sicheln drunter a'g'näht, damit ös bloßig d'n Krag'n in d' Höh z'schlag'n braucht's, wann's aufgeht?" Dazu lacht er um so ausgiebiger, je weniger dem ziemlich verblüfften Kameraden danach zumute ist. 554Bert seinerseits aber staunt, daß der Mann in Gegenwart eines Häftlings einen noch immer reichlich gewagten Scherz verzapft. Immerhin öffnet die groteske Begrüßung dem etwas steifnackigen Türschließer den Mund- und brummig gibt er zur Antwort, sich reserviert zum Hochdeutsch zwingend: ,, Hm- m, leicht gesagt: Heil Moskau! Aber eigentlich könnte man es uns kaum verdenken, verstehst du- bei unserer Entlohnung und dem geringen Futter... schau, jetzt sieht man endlich sonnenklar in das Getriebe bei uns: bisher hat der Führer all die Jahre hindurch aus jedem Lande, das unsere Truppen überwältigten, frischen Proviant an Lebensmitteln und Ausrüstungen für die Truppen herausgeholt. Nur zu solchem Zwecke haben wir die reichen Länder der Reihe nach abgewürgt; erst das behäbige Dänemark, dann Frankreich mit seinen Schätzen, dann Norwegen mit seinem Fischreichtum, dann das kostbare Holland und Belgien nicht minder und schließlich den gesamten Balkan mit Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland... alles, was man uns vorgeschwatzt hat an anderweitigen Gründen, ist natürlich reiner Humbug gewesen, wie so vieles andere! Durch diese Zugriffe bis zum Weißbluten der Länder ging es mit unserer eigenen Ernährung noch so leidlich ab doch mit dem verteufelten Kriege -- - gegen Rußland, wo Hitler auf mächtige Bestände zu stoßen hoffte, hat's ein dummes Ende genommen. Durch eine wüste Öde von Steppen und Sümpfen sind wir in einen verdammt großen Kühlraum voll Eis und Schnee geraten... und seitdem geht's mit uns rapide abwärts, von Monat zu Monat merklicher." ,, Na, na, mei' Liaba, geh zua!" Der Kollege klopft ihm vielsagend auf das Bäuchlein, das sich durch die knappe Uniform hübsch rundlich bemerkbar macht. د, ,, Oho!" verteidigt der andere eifervoll seine Beleibtheit,, wenn ich nicht mein kleines Gärtchen hätte, und meine Frau nicht vom Lande wäre, von wo man ja immer noch Kleinigkeiten hinten herum bekommt, dann würde ich freilich nicht mehr so ausschauen, prost Mahlzeit!" - - 555 - Gleichzeitig lauscht er an der hohen Tür zum Saal und wirft rasch einen Blick durch den etwas geöffneten Spalt hinein... ,, Paß auf! I' moan alleweil, wi' könn' baldig mit der deinigen Verhandlung rechnen...." Und richtig: gleich darauf ging die Tür auf. Zwei Verurteilte, je von einem Beamten geführt, kamen heraus, blutjunge Burschen noch, aber die Gesichter bereits von Gram zermürbt und in den Augenwinkeln Tränen.... Ihr Blick ging wie fassungslos geradeaus, als wäre ihnen jedes Verständnis abhanden gekommen für das, was eben mit ihnen geschehen war. Und ihre beiden Begleiter flüsterten dem neugierigen Türschließer zischelnd ins Ohr: ,, Tschechen beides wiederum zwei Todesurteile! Leb' wohl, Alter, wir führen die Leute so rasch wie möglich ab, es ist nicht mehr recht geheuer draußen. Damit gingen sie weiter, die Verurteilten in ihrer Mitte. - " ,, Arme Teufel!" brummte der Stadelheimer Beamte. , So jung noch... was verstehen sie denn von solchernem Kram?" ,, Aber sein egoistischer Kollege stieß ihn derb an. ,, Ach was, diese beiden Lumpen werden nach einem Vierteljahr, bis das Urteil vollstreckbar wird, sicherlich auch noch am Leben sein aber ob wir von uns das gleiche sagen können, ist noch sehr die Frage, so steht es doch!" - -- Bert sah den beiden Burschen schmerzlich bewegt nach und mußte an seinen zu Gott eingegangenen Zellengenossen, den Professor aus Prag, dabei denken, den vor Jahren ein gleiches Los getroffen hatte... welche Fülle von Todesurteilen mochte seit der gerechten Vergeltung an Heydrich, dem ehemaligen Gestapochef, schon ausgesprochen und welche Hekatomben an Hinrichtungen im ganzen Reiche vollzogen worden sein?! Und die meisten der Unglücklichen waren nur solche gewesen, die aus Liebe zu ihrem ausgeplünderten Vaterlande sich zur Auflehnung entschlossen hatten.... Dankt Gott, ihr beiden jungen Burschen, daß euer Urteil erst zu einem Zeitpunkte gefällt wurde, da seine Vollstreckung kaum mehr eintreten dürfte! - - 556- -- Aus seinem Nachsinnen riß ihn der Anruf seines Begleiters. Nun betrat er mit ihm gemeinsam den Sitzungssaal. Es war freilich der erste, den er vom Blickwinkel des Angeschuldigten aus in seinem Leben betrachtete: ein mittelgroßer Raum von würdigem Aussehen, mit Dekorationen in Spätbarock und wie der gesamte Justizpalast in Blau und Gold gehalten... immerhin keine Alltagsarchitektur. Die Fenster gingen auf einen sehr schmalen Binnenhof, so daß selbst an diesem hellen Vormittage nur gedämpftes Licht durch sie einfiel. Vorläufig war der Saal so gut wie leer; denn für das Publikum blieben ja die Verhandlungen vor dem Volksgericht meistens geschlossen, so daß sich keine Zuhörer einfinden konnten. Nur im rechten Winkel zum Richtertisch saßen der Generalstaatsanwalt und ihm gegenüber der Protokollant in ihren Roben.... Unwillkürlich mußte Bert beim Anblick seines Gegners lächeln: es war ein bleicher Mann mit eingesunkenen Lippen und abgespannten Zügen, der Blick etwas schielend. Aber ein Gesicht von ganz ungewöhnlicher Vitalität, erfüllt von einem glühenden Fanatismus, den auch die anerzogene Beherrschung nicht zu maskieren vermochte- alles in allem ungefähr der Typ, wie sich der kleine Moritz wohl einen Großinquisitor vorstellen mochte. Der begleitende Wachtmeister wies dem Angeklagten die Bank gegenüber dem Richtertisch und setzte sich dicht neben ihn. Nun kam auch der Verteidiger Berts in seiner Robe, winkte ihm gelassen zu und nahm mit einem leichten Ächzen hinter ihm Platz. So- nun konnte es angehen. Jetzt- murmelten Berts Lippen im stillen dem Könige Philipp in Schillers Don Carlos nach: ,, Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsehung. Du hast mir viel gegeben. Schenke mir jetzt einen Menschen!" Aber sein Wunsch blieb unerfüllt. Das Kollegium der Richter trat einige Minuten später ein: ein Senatspräsident als Vorsitzender voran, ein hagerer Mann von beträchtlichem Alter, mit faltiger Haut, die sich nahezu fleischlos über ein knochiges Gesicht spannte; ein Antlitz, von feindseligem Mißtrauen geprägt und von streng ver = 390= bissenen Lippen beherrscht, die keinerlei Regung der Gnade zuließen.... Er war gefolgt von zwei Reichsge- richtsräten in brandroten Roben, sowie einem Laien- richter in SS.-Uniform. Die ersteren waren Fettklöße von apathischen Bewegungen und dicken Speckwülsten über dem Kragenrand, sehr im Gegensatz zum Vorsitzenden, der sofort mit hastigen Gesten in dem dickleibigen Akten- band zu wühlen begann, der vor ihm lag. Den An- geschuldigten würdigte keiner von ihnen auch nur eines Blickes. Der SS.-Mann sah stur geradeaus und schien wohl etwas Unverdauliches gegessen zu haben, das ihm be- ständig aufstieß— oder rebellierte sein Magen nur aus angstgeborener Nervosität? Freilich wiesen die Mienen aller am Richtertisch ab- gespannte, schlaffe Züge auf; dennoch verrieten sie durchwegs eine erstaunliche Unruhe, als nehme etwas ihre Aufmerksamkeit viel stärker in Anspruch als der Dienst, dem sie nur gezwungenerweise nachkamen.+.. Merkwürdig, sagte sich Bert, während er breit dastand und dem üblichen Beginn der Prozedur lauschte: da sagt man immer, das Gesetz sei das einzige, was im Leben eisern feststehe, es solle die verkörperte Ruhe sein, und die Beschäftigung mit ihm nicht ohne Einwirkung auf den äußeren Habitus des Juristen bleiben—— bei denen hier war nichts davon zu merken! Weder beim Präsidenten, diesem zappligen Greis, der wenig sprach, aber um so mehr unter der lauernden Schärfe seiner Be- obachtung verbarg, noch bei seinen farblosen Beisitzern in der Maske fetter Grünkramhändler, noch bei dem SS.-Mann, dessen Züge Bert auffallend an seinen früheren Briefträger erinnerten, einen notorischen Trinker; wie erst recht nicht bei dem Vertreter der Anklage mit den Grimassen und dem fahrigen Wesen‘des geborenen Fanatikers. Bald wurde Bert auch gewahr, was die Teilnahme an seinem Prozeß störte: der politische Wirbelwind ‚hatte begreiflicherweise seinen Staub auch schon durch dieses Fenster hier geworfen... bei jedem Öffnen einer Tür, bei jeder sonstigen Bewegung im Saal entschlüpften die - 558Gedanken der Richtenden dem beruflichen Tun, und ihre Augen schienen nur zu fragen: wie steht es draußen? Die dunkle Ahnung, vor einer Zeitwende zu stehen, schien sie ausnahmslos zu erfüllen. Eine zitternde Spannung war es gewissermaßen, die für jeden geübten Blick über den Köpfen des Kollegiums schwebte. Um so kaltblütiger dagegen blieb Bert, zumal ihm das erneute Durchkauen seiner so grenzenlos albernen Beschuldigung bereits anzuwidern begann... er zeigte dem Saal nur seinen herb geschlossenen Mund, den hin und wieder ein kurzes bitteres Lächeln überflog. Voll des ganzen in den langen Jahren angesammelten Grimmes dachte er im stillen: wie schwach steht ihr doch auf euren politischen Stelzbeinen, ihr Armseligen, daß euch der Fieberhauch des nahen Untergangs schon so merkbar berührt! Noch ist euch zwar das hohle Pathos der Hitlerei eigen, aber keine Spur herzhaften Mutes mehr.... Sobald eine Frage von Gewicht an ihn herantrat, blieben seine gesammelten Züge unbewegt. Das Flammen seines Inneren verbarg er gleichsam unter einer Decke von Eis. Nur seine Gestalt schien gewachsen, die gewohnte Güte war aus seinen klaren Augen gewichen. Herrisch, kalt und voll Spott streiften seine Blicke das Bild vor ihm, lauschte sein Ohr dem Frage- und Antwortspiel der Verhandlung. Eine gute Stunde verrann dabei, vielleicht auch eine zweite. Der Angeschuldigte sprach während dieser Frist das Allerwenigste.... Der Präsident mochte wohl als Menschenkenner im Innern des Beschuldigten lesen, der sich mit so deutlicher Verachtung den wenigen Rechtsmitteln verschloß, die ihm zur Verfügung standen. Mit einem halben Lächeln und einer den Argwohn Berts erst recht erweckenden Höflichkeit im Blick wandte er sich deshalb an ihn mit der Frage: Warum haben Sie uns nicht mehr zur Sache zu sagen, Angeschuldigter?" Und heuchlerisch setzte er hinzu: ,, Sie können ruhig selbst vorbringen, was zu Ihrer Entlastung dient!" Freilich hätte er gleich ergänzen können: was Sie auch immer vorbringen, ist natürlich = 999. zwecklos. Wir schließen uns doch dem Antrage des Generalstaatsanwaltes an! Bert hob nicht ohne Stolz den Kopf und erwiderte in knapper Sprache: ‚‚Ich bin durchaus nicht geneigt, mich zu verteidigen, weil meine Schuldlosigkeit so, sonnenklar wie nur etwas zutage liegt....‘‘ Das klang geradezu herausfordernd, so daß der Präsident ‚sein Haupt verwundert schüttelte und seine Greisenstimme weich und mild stimmte, ohne aber den mißtrauischen Ausdruck seiner Augen zu verändern.„Das ist Ihre Meinung?“ „Ja—“‘ fuhr Bert überzeugt fort, ‚‚weil ich die Frei- heit zu sehr schätze, als daß ich aus der gerichtlichen Haft entlassen sein möchte!“ x „Nun, mir scheint, Sie gefallen sich in Paradoxen, Angeschuldigter.....“ „Durchaus nicht, Herr Präsident, aber ich habe trif- tigsten Grund, nicht deutlicher zu werden!“ Natürlich verstand ihn der Präsident genau, zögerte aber selbst, das heikle Thema: Gestapo anzuschneiden, sondern verbarg seinen Blick fluchtartig unter dem dunklen Dach seiner Wimpern..... Unbeweglich in Körper und Mienen hockten die Beisitzer auf ihren Sesseln. Sie hatten keine Frage an den Angeklagten und offenbar auch nicht das mindeste Interesse an ihm. Sie waren nur mit dem Vorsitzenden hereingekommen, schlürften schließlich hinter ihm wieder heraus— das war alles. „Schwer— schwer machen Sie es uns‘, verstieg sich der Präsident zu einem Seufzer. ‚Was verlangen Sie denn nun?“: „Nichts anderes als mein Recht— und zwar nur das ewig gleiche und kein neuartiges Recht. Dasjenige, das lediglich den Menschen kennt und seine Tat, aber nicht dessen Person abwägt nach politischer Gesinnung, Welt- anschauung und Parteizugehörigkeit; vielmehr aus- schließlich nach seinem Tun und Lassen urteilt, sobald dieses einwandfrei erwiesen worden ist!“ Wie stets, wenn es galt, Prinzipielles zu vertreten, - 560hatte Bert seine Worte mit der herben Glut und Schärfe eines Calvin hervorgestoßen. Jetzt begann der Karren der Verhandlung auf einer Strecke zu rollen, die vielleicht interessanter geworden wäre; denn der Herr Generalstaatsanwalt reckte bereits den dürren Hals zu einer Replik wie ein aufgescheuchter Geier.... Aber es kam zu keiner Fortsetzung des Wortwechsels. Denn unmittelbar nach Berts letztem Satze drang durch die geöffneten Klappfenster des Saales ein eigenartiges, fernes Lärmen von draußen herein, ein diffuses Tosen erst, das aber rasch zum Getöse anschwoll wie das wachsende Brausen einer Hochflut, die sich bedrohlich den Wohnstätten seẞhafter Menschen nähert Seltsam war: dies drohende Brausen und Summen von unten herauf und um ihn herum beunruhigte Bert nicht so sehr wie die Justizler ihm gegenüber. Sondern es schuf ein unbeschreiblich köstliches Vorgefühl des Friedens und der Freiheit in ihm.... Aha, zog es durch seinen Sinn, und ein jähes Frohlocken belebte ihn seht an! Geht es schon los? Also war meine Prognose vorhin doch nicht ganz falsch. Nun trat das Amüsante ein, daß im gleichen Augenblick die Verhandlung stockte, ganz so, als habe man einer munter tickenden Wanduhr die antreibenden Gewichte ausgehängt. Mit einem Schlage schien der komplizierte Mechanismus gelähmt zu sein. Erst nach einer geraumen Weile höchst beredten Stillschweigens aller im Saale Anwesenden raffte sich der Präsident wieder auf, seiner Pflicht zu gehorchen; aber sichtlich bestrebt, die ihn innerlich absolut nicht mehr beschäftigende Sache einem beschleunigten Ende zuzuführen.... Er wandte sich müde an den Vertreter der Anklage und fragte: - , Wünschen Sie den medizinischen Sachverständigen zu hören?" Jener lehnte ab. Dann fragte er Bert das gleiche und erhielt zur Antwort: ,, Wozu? Brauche ich einen Psychiater? Ich habe noch niemals meine geistige Normalität bestritten und hoffe sie mit Gottes Hilfe - -561- auch zu erhalten, obwohl es allerdings kein Wunder wäre, wenn man den Verstand allmählich verlöre.... Dann aber setzte er mit erhöhter Stimme hinzu, in der Erinnerung, Iřinas Gestalt im Vorübergehen flüchtig gesehen zu haben: ,, Dagegen wünsche ich die Anwesenheit meiner Verlobten im Saal, die sich im Gang vor dem Sitzungszimmer aufhalten wird...." Der Antrag wurde ihm abgelehnt mit der Begründung, daß die Verhandlung geheim sei. Da brach es mit Ungestüm aus ihm heraus: ,, Ein Gerichtshof, der nicht bei offenen Türen tagt, ist keiner! Das können Sie bei T. B. Macaulay nachlesen!"- Ein Ausruf, der den Ankläger giftig auffahren ließ mit dem Vorwurf: ,, Der Angeklagte scheint mit englischen Dingen vertrauter zu sein als mit deutschen!" Nachdrücklich wies ihn jedoch Bert zurecht: ,, Nicht mehr, als jeder Gebildete bei uns sein sollte; dann stände es nämlich besser um viele von uns!" Zu anderen Zeiten hätte ihn wohl der Vorsitzende donnernd zur Ordnung gerufen oder ihm eine Strafe wegen Ungebührlichkeit auferlegt. Jetzt beschränkte er sich nur darauf, mit matter Handbewegung zu resignieren und, in seinen Sessel zurückgelehnt, den Vertreter der Anklage zu seinem Plädoyer aufzufordern. Wäre es nicht besser, ging es dabei Bert durch den Kopf, wenn weniger Staatsanwälte sprächen- als vielmehr Menschheitsanwälte, um nicht nur jeden Justizmord zu vermeiden, sondern jede Antastung des menschlichen Grundrechtes auf freie Bewegung jedes einzelnen zu hindern, soweit es nicht jemand offensichtlich verdient, festgehalten und verurteilt zu werden...? Nun erhob sich der Generalstaatsanwalt in seiner ganzen Hagerkeit. Holztrockene Dürre soll von der Bösartigkeit herkommen, hat einst die Marquise von Pompadour über Voltaire gespottet.... Immerhin war Berts Gegner noch soviel Kämpfer aus Impuls geblieben trotz des anwachsenden Lärmes der Gärung von draußen daß er seiner vorgefaßten Meinung mit aller Schärfe zum Ausdruck verhalf und gegen den Ange- - 36 Conrady, Amokläufer. - 562- - schuldigten seine Geschosse schleuderte, wie er es zur Blütezeit der Hitlerei wohl getan hätte... zwar sämtlich überaus schwach in ihrem sachlichen Gehalt, aber um so wuchtiger in der Rhetorik. Dabei sah er seinen Gegner unverwandt funkelnden Auges an und schüttelte sogar einmal die geballte Faust gegen ihn-- Bert vermeinte, noch niemals bisher einen jäheren, heftigeren Blick ausgehalten zu haben. Selbst der geduldigste Maulesel hätte vor diesen Glutaugen gescheut. Dennoch blieb sein Vortrag restlos eine Formsache. Die seelische Unsicherheit war allgemein so gesteigert im Saal, daß niemand ihm recht zuhörte, weder der Präsident und seine Beisitzer, noch der Verteidiger und erst recht nicht der Angeklagte, obwohl die düsteren Augen des Sprechers wie die Mündungen zweier Flintenläufe auf ihn gerichtet blieben.... Auch keine Spur von der vorwurfsvollen Miene, mit der sich Vorsitzender und Beisitzer bei jedem aufflackerndem Lärm von draußen bestürzt ansahen, war seinen leuchtenden Zügen anzusehen. - Den beiden Richtern aus Berlin mochte die Erinnerung an die Tage der Münchner Kommune von 1919 oder der, Machtübernahme durch die Nazis 1933 durch den Kopf gehen, wobei es beide Male ziemlich heiß herging weiß Gott, das stimmt schon: hier in München ist kein verläßlicher Boden für solch skrupellose Blutrichter wie ihr! Denn zwischen den Tiraden des Anklägers und vom Sprecher jeweils mit mühsamer Beherrschung beiseite geschoben- schwoll das brausende Lärmen an, als wäre die Umgebung des halb zerstörten Justizpalastes ein einziger großer Jahrmarkt, ein Volkstreiben ähnlich dem berühmten Münchner Oktoberfest.... Nur eben keine Theresienwiese' in dityrambischer Ausgelassenheit, sondern ein lodernder Hexenkessel voll ungestümen Aufbegehrens. Bert insbesondere war nur noch Ohr für diese von draußen kommende Musik des großen Wandels, diesen Weckruf der Zehntausende... immer neue und lautere Lärmfetzen drangen ohne Schonung in die Verhandlung hinein. Es waren für ihn die Trommelschläge seiner nahenden Freiheit—— recht so, recht so, schlagt die Carmagnole, citoyens, und tragt die ärgste und frivolste aller Tyranneien zu Grabe! Während nun alle, die das patzige Parteiabzeichen am Rock oder Talar zierte, die bange Sorge um Leib und Leben erzittern ließ; während ihre Ohren erschreckt auf das ferne Getöse lauschten, erhob sich jetzt, um der Prozedur formaliter gerecht zu werden und die Farce einer Verhandlung völlig abzurunden, noch Berts Verteidiger und brachte mit hochrotem Kopfe, sowie hörbar zugeschnürter Kehle lediglich die zwei Sätze hervor: „Der Herr Vertreter des Oberreichsanwaltes hat mir bereits den Stoff zu meinem Plädoyer vorweggenommen. Ich habe nichts mehr hinzuzufügen; denn die Bitte um ein mildes Strafmaß wünscht der Angeklagte aus- drücklich von mir nicht ausgesprochen zu hören!‘ Und damit setzte er sich wieder mit lautem Aufatmen, als wollte er zum Ausdruck bringen: an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn ihr zum raschen Abschluß gelangen wollt——— Mit sprachlosem Erstaunen, das allmählich in ein lautloses Lachen überging, hatte Bert den paar Worten seines Anwaltes gelauscht... lohnte es sich noch, mit einem Tone darauf einzugehen?— Nur im stillen sagte er sich: auch das wird ein Kuriosum für alle Zeiten bleiben, daß der Verteidiger unverhohlen dem Staatsanwalt in die Rockschöße kriecht—— du lieber Himmel, was für ein Tiefstand der Rechtspflege, was für jämmerlich kriecherische Kreaturen! Beinahe belustigt setzte er deshalb, auf die Frage des Präsidenten nach seinem Schlußwort, mit heiterster Miene hinzu: ‚‚Obwohl ich erwiesenermaßen so schuldlos bin wie nur irgend jemand, hat es mich dennoch gefreut, aus dem Antrage des Herrn Generalstaatsanwaltes und der sich ihm anschließenden Erklärung meines Ver- teidigers entnehmen zu können, daß mir eventuell eine 36* 564- - Strafe zufallen dürfte, die noch über das Maß der schon verbüßten Untersuchungshaft von vier Jahren hinausgeht, und die mich alsdann vor einem erneuten WürgeIch bitte daher, griff der Gestapo schützen würde. mich dem Antrage des Herrn Vorredners gleichfalls anschließen zu dürfen!" Der Sarkasmus in seinen Worten war so greifbar und trotzdem die gewählte Form so wenig zu beanstanden, daß der Präsident ein Gesicht aufsteckte, als hätte er persönlich eine Ohrfeige erhalten. Eine Zeitlang schwankte er in seinem Verhalten und machte sogar schon den Mund auf zu einer geharnischten Replik, folgte dann, aber dem Winke eines der beiden Beisitzer, der zur Eile antrieb und seine Hand begütigend auf des Vorsitzenden Arm legte.... Achselzuckend erhob er sich deshalb und verließ in deutlicher Verwirrung mit dem übrigen Richtertisch den Saal. Nun lag wieder die leere Stille über dem Raume wie zu Beginn der Tagung, nur jetzt gleichsam von einer höhnischen Grimasse verzerrt. Es war wohl das beredtste Schweigen, das der Raum jemals erlebt hatte.... Mit dem Bekennermute des Herrn Anklägers schien es auch zu Ende zu gehen. Er erhob sich von seinem Sitze, stäubte mit scheinbarer Gelassenheit ein paar Staubkörnchen von seiner Robe- und verschwand, begleitet von einem johlenden Aufbrausen des Lärms auf den Straßen. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als es auch den phlegmatischen Protokollführer nicht länger mehr auf seinem Platze litt, zumal er dem klirrenden Fenster am nächsten saß. Er gab dem Verteidiger einen vielsagenden Wink, den dieser nur zu gut verstand und sogleich befolgte. Seite an Seite gingen sie miteinander flüsternd aus dem Verhandlungszimmer, zweifellos von ihrem Interesse getrieben, zu erfahren, was sich auf den Straßen abspielte. Freilich war die anfänglich noch blanke Neugier längst einem angstvollen Verlangen gewichen, zu erforschen, ob die eigene kostbare Person nicht etwa in Gefahr schwebe.... - -565Jenes erregende Brausen hatte sich in der Zwischenzeit noch wesentlich verstärkt, ja geradezu verzehnfacht brandend und grollend, herausfordernd über alle Maßen. Es klang nahezu, als ob Gott die Farce, die sich hier abrollte, mit dem Donner seines Zornes hinwegfegen wolle.... Verwehte Kommandorufe waren vernehmlich, dazwischen ein sich wiederholender dumpfer Ton wie der von aufeinanderschlagendem Metall - -- war das schon der Reflex von Kämpfen oder was sonst? Dazu aber läuteten obendrein noch die Glocken der Stadt von den Türmen verschiedener Kirchen. Ihr tiefes Dröhnen wogte über den Dächern des Umkreises und brach sich an den Mauern des Justizpalastes, um nur dazu beizutragen, daß Berts Pulse nun auch fieberhaft zu schlagen begannen. Etwas wie der Vorklang von Siegesglocken durchzitterte die Luft. War das schon die ersehnte Stunde, fragte er sich, da die Taue endgültig rissen, die bisher den Volkskörper umschnürt gehalten hatten... damit endlich die Humanität als ein heiliger Frühling des deutschen Volkstums erwache? Für ihn jedenfalls waren es Erlösungsglocken, das eine wußte er nun felsenfest! - - Denn was was bedeutete der Tumult anderes als den losbrechenden Zorn der breiten, geknechteten Masse? Aus war es mit dem Traum, England zum Range einer dem Kontinent vorgelagerten und jetzt bedeutungslos gewordenen Insel mit großer Vergangenheit zu machen.... Aus mit dem Traum, die europäischen Nationen ohne Ausnahme in die Zwangsjacke eines faschistischen Fronsystems zugunsten der Schwerindustrie zu stecken.... Aus war es mit dem Hinschlachten von Millionen blühender Männer an den Kampffronten und mit der Ausbeutung der heimatlichen Kräfte -- Als hätte dieser eine Gedanke voll Jubel und Glück Berts Seele an sich gerissen, so murmelte er halb betäubt vor sich hin: ,, Das ist der Tag, ja, das ist er- endlich, endlich, endlich!" - 566- Sein Begleiter und Bewacher in Uniform, der Stadelheimer Aufseher, nickte ihm sogar bedeutungsvoll zu, hob die betreßte Mütze ab, wischte sich den Schweiß, der seine rotfleckige Stirn bedeckte und stand auf, als wollte er sagen: zu bewachen gibt es hier nichts mehr, rette sich wer kann! Er trat auf seinen Kollegen zu, der wieder mal den Kopf durch einen Spalt der Tür gesteckt hatte und ihm mit den Augenbrauen geheime Zeichen gab. Flugs wurde er durch den Türhüter in den Vorraum gezogen- und ward nicht mehr gesehen. So trat das fast Unbegreifliche ein, daß der Häftling, der Angeschuldigte, der vier Jahre lang mit Geheimakten Belastete und von der Umwelt peinlichst Ausgeschlossene allein im Verhandlungszimmer saẞ... Allerdings währte es eine ganze Zeitlang, bis er es selbst bemerkte. Denn anfangs war seine Erschütterung und die Flut der Gedanken in ihm noch zu groß. War es nicht etwa ein Spuk oder ein Gaukelspiel der Sinne, das ihn narrte.? Oder waren es in Wahrheit jene paar Stunden, die das Geschick des alten Kontinents, ja des ganzen Erdballes zu entscheiden begannen? Da riß ihn eine neue Woge von Lärm von noch stärkerer Wucht, immer höher schwellend und brausend, über die letzten Zweifel hinweg das war ganz deutlich rasender Ungestüm, der mit jeder Minute anschwoll und siegessicherer wurde.... Es war das Frohlocken entknechteter Menschen, die es wieder wagten, ihr Mundwerk unverhohlen zu gebrauchen, ohne Sorge zu haben, daß die erbarmungslose Gestapo sie an Leib und Leben für jedes unvorsichtige Wort strafe. So hatte es ja kommen müssen! Nur die blinde Grenzenlosigkeit des Nazitums konnte sich lang genug über die sicheren Anzeichen für den Umschwung hinwegsetzen. Die Parteibonzen hatten den willigen Gaul gespornt und gepeitscht, bis er schließlich mit einem jähen Ruck stehenblieb, Stränge und Kandare zerriẞ und seinen Peinigern den Huf vor die Brust schmetterte... damit war nun endlich die teuflische Orgie aus Blut und Eisen zu Ende— und bald werdet ihr All- mächtigen von gestern auf den Abfallhaufen der Ge- schichte gefegt sein! So ungefähr sprach der allein gebliebene Häftling im leeren Verhandlungsraum flüsternd und versunken in sich hinein, die Augen eine Zeitlang erschüttert in der hohlen Hand verborgen und den Ellbogen auf das Knie gestützt.... Allmählich kehrten seine Gedanken wieder zu seiner Umgebung zurück. Er sah auf, sah sich um und bemerkte tatsächlich sich selbst als den Letzten, der noch auf dem Platze verharrte— er, der nach landläufiger Art eigentlich zuerst die Berechtigung gehabt hätte, das Hasenpanier zu ergreifen. Noch länger dazubleiben und dem Narrenspiel einer solchen Verhandlung zu folgen, konnte niemand von ihm verlangen. Nein, er dankte fürwahr mit leiden- schaftlicher Entschiedenheit für alle weiteren Wohl- taten der Nazijustiz... von ihm aus konnte nun seelen- ruhig der Vorhang über dieser grotesken Szene fallen. Hatte ihm das verlogene Urteil eines Gerichtes noch etwas zu sagen, das sich zum willigen Werkzeug der Unterdrücker erniedrigte? Mit diesem Entschlusse wandte er sich um und ergriff die Türklinke—— in seine Züge stieg plötzlich wieder eine Kraft, ein Wille, der nicht mehr zu schwanken bereit war. Die Lippen flüsterten, wie einst sein engerer Lands- mann Herwegh, der Schwabe: ‚Hinweg die feige Knechtsgebärde, zieh mutig in die Welt hinaus....“ Und mit der Entschlossenheit eines Dompteurs verließ er den öde gewordenen Saal, kam in den Vor- raum, der gleichfalls menschenleer war— und betrat nun den freien Gang, der zum Treppenhaus hinüber geleitete. Aber da— seht an— da löste sich aus der Nische des ersten Fensters eine schlanke, jugendliche Gestalt und kam mit scheu erhobenen Händen auf ihn zu. Leid- erfahrene, doch zugleich freudig-heiße Augen richteten sich mit einem Ausdruck tiefster Spannung auf ihn.... Einen Moment lang zuckte der bisherige Gefangene zu- — 568— sammen bei dem leisen Tritt, der ihn aufzuhalten schien — dann riß sich ein stürmischer Jubellaut aus seiner Kehle: „Ifina! Geliebte, Treue, Tapfere— auch du!“ Keines weiteren Wortes war er mehr fähig. Gesund und braun aussehend, mit warm leuchtenden Augen, ein wenig hastig atmend in der Erwartung seiner Lieb- kosung und hochklopfenden Herzens drängte sie sich an ihn. Sie war dunkel gekleidet. Und die Marmorblässe ihres Antlitzes hob sich wundervoll von dem unter- streichenden Farbton ihrer Tracht ab. In einer Umarmung voll zitternder Glut verschmolzen die beiden so lange getrennt gewesenen. Und gingen gemeinsam weiter, stumm umschlungen, die breiten Marmortreppen hinab, an all den zerstörten Gebäude- teilen achtlos vorbei, als seien sie von einem mitreißenden Strome ergriffen, der sie weit fort von ihrem bisherigen Exil in ein neues Leben tragen wolle.... Im stillen bewunderte er ihren gesunden Teint, das Leuchtende ihrer Wangen, ihres Blickes— o ja, es ist immer das gleiche: nur das Gefühl, geliebt zu werden, verwandelt und verschönt derart die Frauen... und doch: welch menschlich gereifter, vertiefter, duldvoll geläuterter Zug ist in ihr Antlitz getreten, dessen Lächeln fern jedes billigen Triumphes ist. Das ist der Segen des überwundenen Leides, gesteht er sich erschüttert, eines mutigen Ausharrens sichtbarer Preis—— Nun kam mit einem Schlage an Stelle der verächt- lichen Entschlossenheit wieder heiterer Ernst im Wesen ‘ Berts zum Durchbruch, ganz ungeachtet der Gefahren, die er immer noch lief. Sie war ja an seiner Seite— und auch sie in jedem.Nerv erfüllt von der Größe der gegen- wärtigen Stunde. Derart vereint mit verschlungenen Armen traten sie vor das Portal, das zum Karlsplatz hinausführt und schauten vom Sockel der kurzen Freitreppe, wie aus einer Theaterloge, auf die zur bewegten Szene ge- wordene Öffentlichkeit.... Die Menschenwogen waren hier zum Ozean angeschwollen, ein Anblick von mit- - - 569- reißender Wucht, einer dahintreibenden Wildflut vergleichbar, nur grimmiger, grausiger, dämonischer; dennoch ein Durcheinanderfluten zwar, aber kein Chaos. Die Erde erdröhnte, das gleiche Pflaster, das so lange Jahre gedröhnt hatte vom Marschstiefel der SA. und SS. und so oft widerhallte von ihrem Gegröhl: , Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt wenn alles in Scherben fällt.... - Es war der Aufmarsch der Hunderttausende, Akademiker und Proletarier, wie es gerade kam, die alle des Joches und der Verblendung gründlich satt waren und nicht länger ihre Menschenrechte gegen bunte Abzeichen und Kinkerlitzchen eintauschen wollten. Bei allen waren die grambeschwerten Züge erwartungsvoll gelockert. Aus ihren Blicken war zu lesen: wir wollen den Kampf um unsere Freiheit nun selbst aufnehmen, um wenigstens denen, die nach uns kommen, wenn es für uns zu spät sein sollte, ein Dasein zu sichern, das keine Knechtschaft mehr kennt. Und wieviel Ausländer mochten von den zur Zwangsarbeit gepreßten Männern aus allen hörigen Staaten Europas darunter sein, die mit jubelnder Freude die ins Rollen kommende Umwälzung begrüßten, um aus vollen Kräften mitzuhelfen. beim Stoßen, Stoßen, Stoßen- Ach, welch ein tiefes Aufatmen ging durch die treibende Menge! Selbst der Kaltblütigste konnte vor diesem brodelnden Gewühl, dieser Entschlossenheit zum Handeln nicht zweifeln, daß es ums Ganze ging; denn freilich berauscht sich die Masse stets schnell, entzündet sich an sich selbst und ist nicht mehr zu halten, wenn sie zum ersten Male sich wieder ohne Fronvogt fühlt oder seine Peitsche selbst zu fassen bekommt... Und unter der Mehrzahl ehrlich Gesinnter fehlt auch die Gruppe beharrlicher Feinde alles Bestehenden niemals bei jeglicher Revolte. Bert freilich fürchtet die Straße nicht. Im Gegenteil: seine Muskeln spannen sich bei dem Anblick zu seinen Füßen in einem unbändigen Kraftgefühl. Er kennt ja - - 570- - auch niemanden mehr hier und niemand erkennt ihn oder kümmert sich in irgendeiner Weise um ihn. Unausgesetzt tobt der Lärm entfesselter Stimmen über den marschierenden Gruppen. Kraftvolle Schmährufe sind es zumeist.... Aus der Ferne kommt schon deutlicher Kampflärm, dorther, wo zahllose Hausruinen trauernd die Richtung nach dem Sendlinger Torplatz andeuten.... Knattern von MG.s und schrille Menschenschreie sind zu hören; dazwischen verworrenes Getöse und dumpfe Rufe der Empörung-- Noch scheint der Meister, der Lenker der wogenden Massen, zu fehlen. Ihr scheint vorab erst das, Was' bewußt zu sein, noch nicht recht das, Wie'.... Doch einerlei, denkt sich Bert: heraus mit euch jetzt aus dem Stahlbade des Leids- es wird euch zur ewigen Warnung dienen! Denn der Schmerz ist der letzte Befreier des Geistes', ruft Nietzsche euch zu. Und vielleicht trittst du, deutsches Volk der zweiten Nachkriegszeit, hier wirklich zu deinem Ehrenmarsch in die Zukunft an eine Zukunft, die dir endlich den rechten Platz unter den Nationen der Welt zuweisen mag, vermöge deiner Stärke und deiner Schwächen, deiner Fähigkeiten und deiner Mängel... damit du endlich die Früchte deines Schaffens dauernd in Ruhe und Frieden genießen kannst, und die vielen Blutopfer nicht umsonst gebracht worden sind. Deshalb, deutsches Volk, redete er im stillen die Brüder und Schwestern seiner Abstammung an, gewinne endlich die Überzeugung, daß es nie und nimmer das , Gesetz ist, nach dem ihr angetreten seid', euch immer und ewig im Kampf und Zwist mit eurer Umgebung zu befinden, von Generation zu Generation die beste Auslese eurer Jugend auf Schlachtfeldern verbluten zu lassen und den militärischen Drill als des Lebens Trumpf zu verherrlichen! Niemand auf Erden macht euch den Platz streitig, auf den euch Gottes Fügung gestellt hat; niemand umgarnt euch mit neidvoller Einkreisung, wie die Verhetzer euch einzureden bemüht waren. Darum marschiert ... ne künftighin mit den großen Nationen des Westens und Ostens um die Wette im friedlichen Ringen um die Siegespalme für die höchste Menschlichkeit und Sitten- strenge; denn die Geschichte lehrt seit jeher— am stärksten aber in ihrer jüngsten Epoche— daß alle krampfhaften Versuche, ‚die Uhr zurückzustellen‘ und mit Brutalitäten Erfolge zu erzielen, über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sind. Achtet nicht minder sorgsam das Recht aller Völker, sich selbst die Regierungsform zu wählen, unter der sie zu leben wünschen und bringt ihren Institutionen Ver- ständnis entgegen... so wird auch euch der Zutritt unter gleichen Bedingungen zum Handel und zu den Rohstoffen der Welt nicht lange verschlossen bleiben; statt daß ihr euch auch wirtschaftlich zur Zielscheibe des Spottes und der Verachtung der übrigen Nationen macht. Und gelobet vor allen Dingen, daß nie mehr die Erde durch euch Elend und Verblutung, Hunger und tierisch grausame Exzesse zu erfahren habe, vielmehr die vier großen Freiheiten: der Meinung, des Glaubens, der Person und die Unkenntnis von Not und Furcht, in euren Landen eine bleibende Heimstätte finden mögen—— damit Deutschland wieder das werde, was es nach britischem Ausspruche sich rühmen durfte zu sein: Das zweite Vaterland jedes kulturell Schaffenden auf dem gesamten Erdenrund!! Dann— dann würde diese Stunde wirklich der Morgenschein einer neuen, glücklicheren Epoche von Dauer für die universelle Menschheit überstrahlen—— —— und dies, das walte Gott, der Allmächtige! * Arm in Arm, wie sie aus dem Portal herausgetreten waren, verloren sich beide Wiedervereinten in der Menge, in der sich unzählige Paare gleichermaßen beglückt umschlungen hielten, als wollten sie sich nie mehr trennen. -572Schweigend gingen Iřina und Bert. Sie genossen das Glück, jenes ganz große, ernsthafte, ergreifende Glück, das man nur in tiefem, feierlichem Schweigen auskosten kann. In aufrechter, stolzer Haltung strebten sie dem ruhigen Stadtteile Schwabing zu, ihrem Heime entgegen, wo ihre getreue Schwester sie erwartete Die Drangsal war endgültig überwunden. Aber , nous avons beaucoup vecu!' sagt uns der Dichter, , si nous aurons beaucoup senti...', wir haben lange gelebt, wenn wir viel erlebt haben!' ENDE. -573KURZE BIOGRAPHIE DES AUTORS. A. W. Conrady wurde in Breslau 1898 von einem schwäbischen Vater und einer Schweizer Mutter geboren. Er verbrachte seine Kindheit im heimatlichen Engadin und wandte sich in Leipzig und Breslau später dem Studium der Rechte zu. Nach dem ersten Weltkrieg war er als Anwalt in der Schweiz tätig. Das Hakenkreuz fand in dem Verfasser einen erklärten Gegner. Nach einem resoluten Brief an den Chef der Gestapo Reinhard Heydrich, in welchem er ohne jede Schonung den Finger auf die offenen Wunden des Regimes legt und in dem er Verwahrung gegen die Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten der Partei einlegt, wird über ihn die politische Schutzhaft verhängt, die ihn für nahezu sieben Jahre ohne Unterbrechung nach Dachau, Flossenbürg und in die Kerker von Stadelheim führt. - 574INHALTSVERZEICHNIS Vorwort I. IN DER GEWALT DER GESTAPO Beinahe entronnen Die Wartezeit. Die alte Zelle. Der Transport In der Transportzelle Einzug ins Lager Lagerleben Seite 5 23 43 15337758 . • 48 67 Auszug aus Dachau. II. IN FLOSSENBÜRG Ankunft im Lager. Erste Eindrücke. Im Revier. Planierung III • Unerwartete Begegnung Versuchungen. Die Lagerstrafe. Begegnung von weitem Wintersanfang. Tod im Block. ° Weihnachten im Kz. Die Seuche. Quarantäne. . • Capo Schnell- Max Der Rücktransport III. WIEDER IN DACHAU Rückkehr ins Lager. Fremder Zuzug. Erste Überstellung Die Münchner Gestapo Leicht erkrankt. Unterführerheim. 91 95 I2I . 127 • 130 • 138 144 153 157 164 168 172 184 187 . 195 . 198 202 210 216 . . 226 . 232 Hilfscapo. Die Totenkammer. -575Seite . 236 $ 253 Plantage und Himmelfahrt Kinderheim.. Waldleben Sommerleben in Dachau. Am Pfahl... Wieder in München. Das zweite Nein Obercapo der Uneingeteilten Das Laub fällt.. Krankentransporte. Die letzten Tage in Dachau IV. GROTESKES ZWISCHENSPIEL Nacht der Entscheidung Der falsche SS.- Mann Im Pfarrhause Lebenszeichen. . Marsch ins neue Leben " دو , Tiere sehen dich an". , Cherchez la femme" Wolken am Himmel. Über die Grenze Im Ausland. In der Falle 267 281 292 301 309 ° 324 . 337 . 343 . 357 370 380 . 395 • • 408 • 417 · 423 436 442 ° 452 457 462 474 479 V. ENDKAMPF UM DIE FREIHEIT Im Verlies der Gestapo • Beim Verhör. Im Grauen Hause. . 492 497 508 Erneuter Transport Nach Stadelheim Psychiatrie.. . Allein zurückgeblieben Dem Ende entgegen.. 518 523 528 · 537 • 543 Fahrt zur Verhandlung . 544 Dramatischer Abschluß . 552 Kurze Biographie des Autors. . 573 an RETTEN aa