Veröffentlicht unter der Zulassung US- W- 1040 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung Einband und Schutzumschlag Hansjoachim Kirbach, Stuttgart Der Schutzumschlag bringt die Wiedergabe eines Originals von Martin Schongauer( 1455-1488) Copyright by Kreuz- Verlag, Stuttgart W Druck der Heidelberger Gutenberg- Druckerei GmbH. 6. bis 15. Tausend Januar 1948 Willo Wenger, geb. am 8. 1. 1913 in Jäschkowitz, Kreis Breslau Univ- b Glassen 27007490 DIESES BUCH ist dem stillen Gedenken aller der Menschen geweiht, welche in den Jahren furchtbarer Heimsuchung in Deutschland von 1933 bis 1945 für ihre Überzeugung kämpfend gelitten haben und gestorben sind als Märtyrer für ein höheres, edleres Menschentum, Vorkämpfer zugleich gegen die knechtende Gewalt eines brutalen, heuchlerischen, die Geister der Men- schen verwirrenden Staatswillens, der böse und hoffärtig machte. Es soll ein Zeugnis für die Tapferkeit des Her- zens sein, ihre Tapferkeit, welche notwendig war, um in diesem Staate der Gewalt auf Grund der Stimme des eigenen Gewissens überhaupt etwas gegen die offizielle Staats- meinung zu reden oder gar zu handeln, was ihnen stets zur Ehre gereichen wird Alles dieses nach Gottes unerforschlichemRatschluß. INHALTSÜBERSICHT EINBERITIING DER PROZESS ZWISCHEN TOD UND LEBEN INFERNO ZUM: GELEIT Wenn ich die furchtbare Notzeit von Ende des Jahres 1943 bis Mitte des Jahres 1945 in Gefängnissen und Kon- zentrationslagern überstanden habe, ohne innerlich zu verzagen oder zusammenzubrechen, damals als das gegen mich verhängte Todesurteil täglich vollstreckt zu werden drohte, während um mich herum Hunderte, ja insgesamt Tausende von gleichen Todesurteilen täglich und stünd- lich vollstreckt wurden, so habe ich dieses nächst dem Schutze des Herrn nur der aufopfernden Treue von vier Männern zu verdanken. Während des Kriegsgerichtes in Minsk war es der evangelische Geistliche des Militärgefängnisses in Minsk, ein maßgebender Mitarbeiter der Evangelischen Landes- kirche in Württemberg, welcher mir in der damals größten Krise meines Lebens durch die Stärke seiner Persönlichkeit stets gleichbleibender ‚Halt und Stütze war. Dann war es in den politischen Gefängnissen Berlins der erste Standortpfarrer von Berlin, ein maßgeblicher Mitarbeiter des Evangelischen Jungmännerwerkes und des Kriegsgefangenendienstes der YMCA. Durch die gleichbleibende Kraft seines Glaubens und seines stets frohen und edlen Herzens gab er mir Jen Glauben an eine höhere Gerechtigkeit und die Kraft die finsteren Mächte der Verzweiflung und Hoffnungslosig- EINLEITUNG keit zu überwinden, sich selbst nicht schonend und unter Nichtachtung politischer Gefahr alles einsetzend, um den politischen Machthabern ihre Opfer wieder zu entreißen; auch durch die Macht seines rechtlichen Sinnes, durch seine Überzeugung, die stets nur die Verantwortung vor Gott und die Stimme des eigenen Gewissens als höchsten Richter über sein Tun anerkannte, SO wie es die drei anderen Männer, die ich hier nenne, ebenfalls taten. Mein Verteidiger vor dem Kriegsgericht, ein bekannter Rechtsanwalt in einer großen süddeutschen Stadt, muß in einem Atem mit diesen Männern genannt werden Es waren sein Scharfsinn, seine Zähigkeit und seine juristi- schen Kenntnisse, verbunden mit wohlabgewogener Klug- heit von einer hohen menschlichen Warte, alles bestimmt und beherrscht durch die Freundschaft seines großzügigen Herzens, welche zustande brachten, daß in einer aus- sichtslos erscheinenden Lage das Unwahrscheinliche ge- lang und das über mich verhängte Todesurteil nicht voll- streckt wurde. Nach meiner anschließenden Überführung in das Kon- zentrationslager Mauthausen habe ich es der selbstlosen Hilfe eines langjährigen KZ-Häftlings zu verdanken, daß ich nicht der dort überhandnehmenden Hungersnot eben- falls zum Opfer gefallen bin, welche allein im letzten Halbjahr vor der Befreiung Tausende von Toten forderte. Dieser Mann, der eine führende Stellung in der deut- schen Presse einnimmt, hat mit einer kleinen Gruppe von wagemutigen und tatkräftigen Männern, deren Beherzt- heit stärker war als Tod und Gefahr, im Rahmen der ge- EINLEITUNG heimen Untergrundbewegung im Lager unzähligen Men- schen das Leben gerettet, welche ohne sie dem Tod verfallen waren. Nur ihm verdanke ich es, daß ich, ob- wohl bereits bis zum Skelett abgemagert und infolge Überanstrengung an meiner Arbeitsstelle zusammen- gebrochen, soweit wieder zu Kräften kam, daß ich im Rahmen der gemeinsamen Selbsthilfe mitarbeiten konnte. Die Taten dieser Männer sind ein Beweis dafür, was in‘ Zeiten allgemeiner Irrung und Verwirrung große Herzen vollbringen können und vollbracht haben, um viele un- bekannte Menschen zu retten. Ihnen gebührt mein Dank bis zum letzten Atemzug. v. Oe. VORWORT Die Menschen, welche über die im folgenden aufgezeichneten Erlebnisse berichteten, gaben angesichts der Verantwortung, welche sie damit vor ihrem eigenen Gewissen und vor der Geschichte übernehmen, die heilige Versicherung ab, daß sich diese Dinge wirklich so abgespielt haben. Bei den mit einem Buchstaben bezeichneten Personen ist dieser Buchstabe der Anfang ihres Namens. Manche Ereignisse der damaligen Zeit sind zur Vermeidung allzu großer Breite in der Schilderung zeitlich zusammengezogen worden. Aber alle geschilderten Ereignisse haben wirklich so stattgefunden. Es soll hier nicht Gericht gehalten oder gar neue Schuld auf alte gehäuft werden. Erlebnisse sollen erstehen als Lehre und Warnung für die Zukunft Denn viele der Menschen, welche hier beschrieben werden, weilen heute noch unter uns Willo Wenger I DER PROZESS DER PROZESS Ein Schlüssel knarrt in einem schweren, eisernen Schloß. Ich schrecke aus kurzem Schlaf. Es war nicht meine Zelle, die aufgeschlossen wurde, es war die Nebenzelle. Ich höre schwere Schritte und leises Klirren von Ketten. Also ein Verurteilter, der dort hereingebracht wird. Diesen Unterschied hatte ich in den drei Monaten meiner Untersuchungshaft bereits zur Genüge kennen gelernt. Und das Geräusch schwerer, tappender Schritte auf steinernen Fliesen, begleitet vom leisen Kettenklirren, das Rasseln eines Schlüssels in einem schweren, eisernen Schloß und das Gefühl grauenhaft erregender Ungewißheit, das mich jedesmal ergriff, gegen das ich mich verzweifelt wehrte, ohne meiner überreizten Nerven Herr werden zu können, wird mich nie verlassen, solange ich lebe. Allmählich kehren die Gedanken zu meiner Umwelt zurück Aus der linken Öffnung, durch welche das dicke, kalte Dampfheizungsrohr nach der Nebenzelle führt. dringt schwacher Lichtschein. Ich sehe auf die Armbanduhr; die Leuchtziffern zeigen 6 Uhr früh. Also noch ein-/ einhalb Stunden bis zum Wecken Wie mir die Wache mitteilte, als ich heute nacht eingeliefert wurde, ist um 7 Uhr Wecken Ich fröstle unter der dünnen Decke und ziehe den dicken Mantel, den ich darüber gedeckt habe, etwas höher. Im 15 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN März ist noch voller Winter in Rußland! Während ich versuche, auf dem abgenutzten Strohsack eine etwas günstigere Lage einzunehmen, die meinen von der tagelangen Eisenbahnfahrt stark zusammengerüttelten Knochen eine bessere Anpassung an die Wellenlinie der halb zusammengebrochenen Pritsche ermöglicht, dröhnen draußen erneut schwere Schritte auf den Steinen. Wieder wird die Zelle nebenan aufgeschlossen. Ich höre Stimmen und presse mein Ohr an die schmale Öffnung, welche von früheren Leidensgefährten in dieser Zelle mit großer Mühe an dem Heizungsrohr entlang herausgeschabt wurde, um zur Nebenzelle sprechen zu können. Jetzt kann ich einige Worte verstehen. Eine kalte, geschäftsmäßige Stimme liest in gleichmäßigem Ton etwas vor. Plötzlich schlägt mein Herz bis zum Hals. ,, Im Namen des deutschen Volkes- zu Recht erkannt- der Angeklagte wird wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt."- Das Blut saust mir in den Ohren Ich höre nur noch undeutlich einige Worte ,,, bestätigt". ,, das Urteil wird heute vollstreckt." -> Dann wieder schwere Schritte. Die Eisentür fällt ins Schloß. Plötzlich nebenan ein dumpfer Fall. Ein trockenes Schluchzen dringt zu mir herüber. Ich verstehe einige stöhnende Worte: ,, O, mein Gott, meine Mutter,- meine Frau, meine Kinder."- Dann tödlich bleierne Stille, die sich lähmend auf mich legt, nur ab und zu unterbrochen von dem trockenen, würgenden Schluchzen. Jäh durchfährt es mich, der Raum nebenan ist die Todeszelle, und der Kamerad, dessen Todesurteil eben verlese angekl mehr. vollstr Die N die W Füßer eine sprich Ofen, ich un Ich ka das C Und ist so Kram weiter noch der d Worte mahl dem seine Auch den E welch trägt ich i lausch 16 DER PROZESS verlesen. wurde und der genau des gleichen Vergehens angeklagt ist wie ich, sieht heute das Tageslicht nicht mehr. Denn das Urteil muß innerhalb von zwei Stunden vollstreckt sein. Da tönen erneut Schritte auf dem Gang. Die Nebentür knirscht in den Angeln, und ich höre, wie die Wache dem Gefangenen die Ketten von Händen und Füßen losschließt und sich entfernt. Und dann ertönt eine ruhige, klare Stimme. Freundlich und gleichmäßig spricht sie dem Gefangenen zu. Eine Stimme wie ein Ofen, an dem man sich im Winter wärmen könnte, muß ich unwillkürlich denken. Ich kann aber keine Worte verstehen, denn nur, wenn ich das Ohr an die Öffnung presse, kann ich genau hören. Und die Haltung, die mein Kopf dabei einnehmen muß, ist so unbequem, daß mir das weitere Abhören fast einen Krampf im Genick verursacht. Aber ich muß immer weiter hören, so gut ich kann, wenn mich der Hals auch noch so schmerzt. Es ist wohl der Gefängnisgeistliche, der dort spricht. Unter seinen tröstenden, freundlichen Worten hat sich der Gefangene gefaßt. Er hat das Abend- mahl empfangen und schreibt im ruhigen Gespräch mit dem Pfarrer einen Abschiedsbrief an seine Frau und seine Mutter. Auch auf mich haben die Worte einen stark beruhigen- den Einfluß. Aber es ist mehr der Klang dieser Stimme, welche eine solch gläubige Kraft ausstrahlt. Sie über- trägt sich auch auf mich. Die Zeit rinnt dahin, während ich in das Dunkel der Zelle starre und angestrengt lausche. Dann ertönt wieder das Geräusch zahlreicher 17 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN - Schritte. Es ist das Abholkommando, das den Gefangenen zum Richtplatz bringt. Das Licht in der Nebenzelle wird ausgeschaltet, die Schritte entfernen sich,- vorbei. Ein Leben vorbei!- Ist es wirklich vorbei? Und was kommt dann?- An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Eine grenzenlose Bitterkeit steigt in mir hoch, der beste Nährboden für Schwäche und Verzweiflung, wie schon so oft in diesen Monaten, in denen ich zum wehrlosen Objekt eines seelenlosen Gewaltstaates geworden bin, von dessen unbändiger Härte und erbarmungslosem Vernichtungswillen ich soeben wieder ein erschütterndes Zeugnis erlebt habe. Nein, ich will nicht schwach werden, komme, was kommen mag! Denn der Tod aus der Wehrlosigkeit, aus der Untätigkeit des Gefangenseins heraus ist viel furchtbarer als der Tod auf dem Schlachtfeld. Ich liebe mein Vaterland und liebe meine Heimat. Wie schon so oft verfolgt mich der bohrende Gedanke, wie es möglich war, daß ich jetzt unter der furchtbaren Anklage der Treulosigkeit gegen meine Heimat stehe! Nein, ich will weiterkämpfen gegen diese Unwahrheit. gegen dieses System, das mich zum Verräter stempeln will, weil ich die Gefahren erkannt habe, die diese Staatsform über mein Heimatland brachte und täglich wieder bringt, und weil ich diese Gefahren ausgesprochen hatte. Es hält mich nicht mehr auf meiner Pritsche. Ich springe auf, versuche, etwas hin und her zu gehen. Ich schiebe 18 den der Schr lang den Län auf, Kält klap Endl trüb Stein Das dürf gefü nied Wär dien and ver Wir fäng Wäh körp tuch einig ten Besi DER PROZESS den kleinen Tisch und den winzigen Hocker, die noch in der Zelle stehen, beiseite. Nun kann ich wenigstens zwei Schritte hin und her gehen- so weit, wie die Pritsche lang ist, welche die eine Wand der Zelle voll ausfüllt; denn die Breite der Zelle ist noch geringer als ihre Länge. Zwei Schritte hin, zwei Schritte her.- Ich gebe es auf, weil ich jedesmal gegen den Tisch stoße. Die feuchte Kälte dringt mir bis ins Mark, und ich krieche zähne- klappernd wieder auf meinen schmutzigen Strohsack. Endlich ist es 7 Uhr. Die Wache kommt, entzündet das trübe elektrische Licht, so daß an der verwahrlosten Steinwand die Wanzen aufgeregt ihren Ritzen zustreben. Das schwere Türschloß schnappt auf. Durch ein paar dürftig erleuchtete Gänge werden wir zum Waschen geführt. Ein langer, schmaler Raum, in dessen Mitte ein niedriges Gestell mit vier Waschbecken steht. An den Wänden entlang sind Löcher im Boden, die als Aborte dienen. Während die eine Hälfte sich wäscht, benutzt die andere Hälfte die Aborte. Ein unbeschreiblicher Gestank vermehrt das Demütigende dieses ganzen Vorganges. Wirklich, ein Luxushotel war dieses frühere GPU-Ge- fängnis in Minsk nicht! Während wir uns, trotz der Kälte, mit nacktem Ober- körper waschen und je zu zehn Mann mit einem Hand- tuch abtrocknen, werden nach alter Gefängnissitte rasch einige Nachrichten im Flüstertone ausgetauscht. Zigaret- ten und kurze Mitteilungen auf Zettelchen wechseln den Besitzer. Der Posten mit Stahlhelm und umgeschnallter 19 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Pistole am Eingang, welcher uns unablässig scharf beobachtet, mahnt fortgesetzt zur Eile. Wenn man es geschickt anfängt, kann man noch mittags und abends beim Spaziergang auf dem Hof, trotz aller Wachsamkeit der Posten, mit dem einen oder anderen Gefangenen ein paar Worte wechseln. Aber hiervon abgesehen ist morgens beim Waschen die einzige Gelegenheit des Tages, wo man wirklich etwas sprechen kann. Auch aus einem anderen Grunde muß man sich beeilen. Denn später erhält man nur einen Chlorkalkeimer in die Zelle gestellt, der bis zum nächsten Morgen stehen bleibt, und den benutzt man am besten möglichst wenig, da die Luft in der kleinen Gefangenenzelle sowieso schon schlecht genug ist. Während ich meine Mitgefangenen mustere, werde ich von ihnen genau so rasch einer Prüfung unterzogen. Ich orientiere mich schnell über die Verhältnisse im Gefängnis. Etwa dreihundert Gefangene sind dort, sehr viel ,, politische", die wegen Zersetzung angeklagt sind. Die meisten sind auf irgend eine Weise mit dem jetzigen Staat in Konflikt geraten. Aber auch eine Anzahl schwerer Verbrecher ist unter ihnen. Zu meinem Zellennachbar auf der anderen Seite, den ich jetzt kennen lerne, fasse ich rasch Zutrauen. Ein ruhiger, sehr schwermütig dreinschauender Mann, der seit Anfang des Rußlandfeldzuges als Leiter einer Kraftfahrwerkstatt an der Ostfront gewesen war. Im Zivilberuf war er Ingenieur in Stettin, Vater von drei Kindern, der sehr an seiner Familie hängt. Er ist Ende vierzig und wege Nun oder zeigt Blick erwe Und bear fäng sofo Gefa beko sich die gült hier Brot lang Rese kön alle trotz in s maß wert des, reich ist, 20 DER PROZESS wegen„Zersetzung der Wehrkraft‘“ zum Tode verurteilt. Nun wartet er, ob sein Gnadengesuch Erfolg haben wird, oder ob das Urteil zur Bestätigung kommt. Sein Gesicht zeigt deutliche Spuren starker, seelischer Zermürbung. Blick und Haltung sind unstet und fahrig. Trotzdem erweckt der Mann auf den ersten Blick Vertrauen. Und dann noch ein anderer, ein früherer höherer Polizei- beamter H. aus Wien, dessen Äußeres durch die lange Ge- fängnishaft auch etwas massig geworden ist. Er gibt miı sofort wichtige Einzelheiten über die Verhältnisse im Gefängnis: wie man Nachrichten heraus und herein bekommt, vor welchen Wärtern und Mitgefangenen man sich in Acht nehmen muß. Denn obwohl im allgemeinen die Kameradschaft im Gefängnis vorbildlich ist, gleich- gültig, welchen Dienstgrad man hatte, so gibt es auch hier Spitzel unter den Gefangenen. Wie man sich das Brot einteilt, damit bei der knappen Verpflegung für die lange Zeit zwischen Mittag und Abend noch eine kleine Reserve bleibt. Welche Wächter Zigaretten besorgen können, wie man Zeitungen austauschen kann. Er kennt alle Schliche und nutzt geschickt jede Möglichkeit aus, trotz der dauernden Beobachtung durch den Posten mir in scharf geprägter, eindringlicher Form Verhaltungs- maßregeln einzuprägen, die für mich als Neuling äußerst wertvoll sind. Seine Persönlichkeit hat etwas Zwingen- des, und ich kann mir gut vorstellen, daß er ein erfolg- reicher Führer einer Partisanenkampfgruppe gewesen ist, bevor er ins Gefängnis kam. Dieses flüstert mir ein 21 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN anderer Kamerad erklärend zu. ,, Auch ein politischer", fügt er hinzu. Zwei weitere Kameraden machen ebenfalls einen starken Eindruck auf mich. Der eine ist ein lustiger Rheinländer, ein schlanker, junger Mensch, blond und blauäugig, stets zu Schnacken und Schnurren aufgelegt. Er heißt G., ist im Zivilberuf Schauspieler und durch sein kameradschaftliches, freundliches Wesen allgemein beliebt. Vielleicht unbewußt ein Vorbild innerer Haltung. Er zeigt mir einen anderen, gefesselten Mitgefangenen. Auch er groß und sehnig, mit einem energischen, verschlossenen Profil. ,, Der ist aus Stalingrad", sagt er,„, er gehört zur deutschen Freiheitsarmee, die mit den Russen gegen Hitler kämpft, und wurde Kompanieführer au russischer Seite bei den Partisanen hinter der deutschen Front. Aber es sind mehrere deutsche Soldaten da, die auf russischer Seite bei den Partisanen gekämpft haben und dann in deutsche Gefangenschaft geraten sind. Einer hat persönlich drei deutsche Panzer abgeschossen und bekam den russischen Stalinorden! Dann fuhr er mit gefälschter Papieren, von den Russen beurlaubt, nach Hause und verlebte den Urlaub mit seiner Familie an drittem Ort Bei der Rückfahrt wurde er geschnappt- aber den holer. die Russen noch raus", fügt er spöttisch lächelnd hinzu Mir wirbelt der Kopf. ,, Ein Deutscher, der auf russischei Seite kämpft?" fährt es mir heraus. ,, Warum nicht?". fragt G. ,,, auf deutscher Seite kämpfen doch auch Tausende von Russen! Im Süd- Abschnitt sogar ganze Regimente doch a Hurre sowies nicht Platt. Der Weg der h kann Mens falen. ter ge durch der v und a der b Verte suchu gerich ihn z ,, Dies haben sarkas tür sc Währe die d warm kaue 22 ul DER PROZESS menter und unter russischer Führung! Im Grunde ist doch auch kein großer Unterschied zwischen ‚Hurra‘ und ‚Hurr&‘! Und warum wir hier noch Krieg führen, weiß sowieso kein vernünftiger Mensch. Dat is auf die Dauer nicht bekömmlich“, sagt er im breitesten rheinischen Platt. Der Posten treibt uns aus dem Waschraum. Auf dem Weg zur Zelle frage ich noch rasch nach dem Kameraden, der heute früh erschossen worden war.„Ein politischer“, kann mir G. noch zuflüstern,„ein ruhiger, anständiger Mensch, Familienvater, Kaufmann irgendwo aus West- falen. Er hätte durchkommen können, wenn er geschıck- ter gewesen wäre. Aber er hat sich bei der Vernehmung durch die üblichen Sprüche des Untersuchungsrichters. der von Ehre und Gewissen sprach, dumm machen lassen und alles zugegeben, weswegen ihn ein Denunziant von der braunen Farbe hereingeritten hatte. Auch einen Verteidiger hat er sich nicht genommen, weil der Unter- suchungsrichter das nicht für nötig hielt. Das Kriegs- gericht hat dann seine anständige Haltung anerkannt und ihn zum Dank zum Tode verurteilt. „Diese politischen Gerichte müssen ja auch ‚Erfolge‘ haben, wenn sie befördert werden wollen“, fügt er sarkastisch hinzu. Dann werden wir getrennt, die Zellen- tür schließt sich hinter mir. Während ich langsam die zwei Scheiben trockenes Brot, die der Wärter inzwischen mit einem Blechgefäß lau- warmen Kaffee-Ersatz auf den Tisch gestellt hatte, zer- kaue und, den Rat meines neuen Bekannten H. befolgend, 23 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN ein Stück als Reserve behalte, überdenke ich die Nachrichten, welche ich soeben erhalten habe, nach allen Richtungen und präge mir das Wesentliche ein. Fluchtmöglichkeiten scheinen ja vorhanden zu sein. Ich beschließe, mich bei meinem Zellennachbarn eingehend über die Verhältnisse im Gefängnis zu informieren. Denn mein Tagewerk ist jetzt schon beendet. Unendlich langsam schleichen die Stunden. Unvorstellbar eintönig verläuft Tag auf Tag. Die einzigen Abwechslungen sind das Mittag- und Abendessen. Aber auch diese genau so einförmig wie das übrige Leben hier. Mittags ein Schlag mehr oder weniger dicke Suppe, abends drei Scheiben Brot, etwas Margarine, Kunsthonig oder Quark. Und dann der Mittagsspaziergang. Unter Aufsicht eines Postens darf man einzeln, mit vier Meter Abstand, auf dem kleinen Gefängnishof eine halbe Stunde im Kreise herum gehen. Hier in Minsk ein besonders trostloses Bild. Durch den hohen Stacheldrahtzaun sieht man nur zerstörte Häuser und Trümmer, von dickem Schnee mildtätig zugedeckt. Bei den schweren Kämpfen war die ganze Umgebung des Gefängnisses zerstört worden. Nur die leuchtende Bläue des Himmels, von dem jetzt im Spätwinter die Sonne eine Flut von schönstem Licht auf die gemarterte Erde herab sendet, gibt den müden Herzen neuen Lebensmut. Die Reihenfolge, wie man geht, ist nicht festgelegt, und so kann man sich die Kameraden aussuchen, mit denen man dann in den Ecken beim Wenden rasch ein paar Worte flüstert. Ich ric Ta au un ist vi au er ha er sch Ge tis off zu Ab tä SC m de SC Bi bo git be im ve he 24 ines auf reise nur hnee r die Nur + auf Her- 4, ist aden beim DER PROZESS Ich habe es nie verstanden, wie es kommt, daß der Nach- richtendienst im Gefängnis so ausgezeichnet funktioniert. Tatsache aber ist, daß wir über alle laufenden Ereignisse auf den verschiedenen, geschilderten Kanälen fortgesetzt und zuverlässig unterrichtet werden. Besonders geschickt ist mein neuer Freund G. aus dem Rheinland, der mit virtuosenhafter Fertigkeit sich immer neue Methoden ausdenkt. Er bekommt es zwei Tage später fertig, obwohl er noch Untersuchungsgefangener ist, zu Arbeiten außer- halb des Gefängnisses verwandt zu werden! Er holt Brot, er sägt für den Gefängniskommandanten Holz, er schmuggelt Lebensmittel, Streichhölzer und Tabak ins Gefängnis! Und er hat auch Verbindungen zu den Par- tisanen! Mit seiner viel leichteren Einstellung, seiner offenen, wirklichkeitsnahen Art ist er der treueste und zuverlässigste Kamerad, der allen hilft. Aber alle diese größeren und kleineren Probleme, die täglich in mein Gesichtsfeld treten und wieder ver- schwinden, können das eine entscheidende Problem nie- mals ganz überdecken: die Sorge um meine Zukunft. In den endlos langen Stunden des Tages, die ich in meiner schlecht erleuchteten Zelie, mit der trüben elektrischen Birne an der Decke, meist liegend verbringe, reißen die bohrenden Gedanken niemals ab. Durch das kleine, ver- gitterte Fenster, das sich in der einen Ecke der Zelle befindet, dringt nie ein Strahl des Tageslichtes. Es liegt im Hof zur ebenen Erde und ist durch riesige Holzstapel verdeckt. Die Dampfheizung wird nur ganz selten ge- heizt, und deswegen ist es so kalt in der Zelle, daß ich es 25 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN - nur aushalte, wenn ich zugedeckt auf dem Strohsack liege. Wird dann einmal geheizt, so ist es gleich derartig heiß, daß man wie in einem Schwitzbade sitzt. Und dann kann ich auch nicht mit meinem Nachbarn flüstern. Denn hierzu muß ich mit Ohr und Mund ganz nah an die längs dem Heizungsrohr geschabte Ritze, und dieses macht das Heizungsrohr durch seine Hitze unmöglich. Die bohrende Unruhe um das eigene Schicksal treibt mich immer wieder an den schmalen Spalt zum Nachbarraum. Und während ich angestrengt lausche, ob auf dem Gang Schritte das Nahen der Wache anzeigen, flüstere ich täglich stundenlang mit meinem Nachbarn. Diese Gespräche haben etwas Unwirkliches, Geheimnisvolles, während ich wie ein Tier auf der Lauer liege. Gespräche zwischen Gefangenen sind streng verboten. Alle Übertretungen der Gefängnisordnung werden hart bestraft. Wie oft stehe ich mit dem Taschentuch wedelnd in der Zelle, um den Zigarettenrauch unsichtbar zu machen. Jedesmal, wenn der Schritt dann näher kommt und an meiner Zelle verhält, starre ich mit klopfendem Herzen auf das kleine Guckloch, dessen Klappe man von außen öffnen kann und das dem Wärter die Kontrolle ermöglicht. Ist der Schritt dann auf dem Gang verklungen, geht das Gespräch mit dem geheimnisvollen, unsichtbaren Nachbarn, dessen Äußeres ich nur flüchtig kenne, stundenlang weiter. Wir sprechen eingehend über alles, was uns bewegt, mit einer Offenheit, die mich jetzt noch nachträglich in Erstaunen versetzt. Manchmal weiß ich nicht unsic Vor tende Juge wirts Zeit der Land dama geger unzä mach skru die n hatte rung einze gen doch Erei Schr Nach mein Nach wirk liche Wirk des 26 DER PROZESS nicht, ob ich mehr zu mir selber spreche oder zu meinem unsichtbaren Kameraden. Vor meinem geistigen Auge ersteht wie ein fernes, leuch- tendes Bild der Ablauf meines bisherigen Lebens. Die Jugend auf dem väterlichen Hof in Schlesien,- trotz aller wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten in der Zeit nach dem großen Kriege sorglos und froh im Kreise der sieben Geschwister. Nach eintönigem Erlernen der Landwirtschaft der Eintritt in die Reichswehr, schon damals im Zusammenhang mit einer inneren Opposition gegen die nazistische Partei. Ja, so war es gewesen, diese unzähligen Reibereien und Schwierigkeiten mit der machthungrigen Schmarotzergruppe, die arrogant und skrupellos sich auf alle Positionen im Staate schob und die nur in der Reichswehr damals keinen Einfluß gehabt hatte. Das eigene Mißtrauen, der ungeschulte, erfah- rungslose Blick wurde geschärft durch die großen Sorgen einzeiner Freunde und Verwandter, die den Verlockun- gen und Versprechungen Hitlers nicht glaubten und die doch nicht imstande gewesen waren, den Strom der Ereignisse zu beeinflussen. Schritte auf dem Gang zwingen zu einer Unterbrechung. Nachdem der Wärter das Essen verteilt hat, fahre ich in meiner Schilderung fort. Nach kurzen Friedensjahren, die den Glauben an eine wirkliche wirtschaftliche Wiedergeburt und eine fried- liche Entwicklung zu erfüllen schienen, die furchtbare Wirklichkeit des Krieges. Aber schon Erfolg und Rausch des Poienfeläzuges waren gedämpft und übertönt durch 27 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN grausige Bilder des Elends und der Verwüstung. Staub, Hitze, brennende Dörfer, zerstörte Städte, verängstigte Menschen mit abgetriebenen Pferden in unendlichen Eine Mischung von äußerster Anstrengung, Zügen. Eine Gefahr und Übermüdung, welche mit der Unsicherheit und dem Durcheinander der wechselnden Erlebnisse sich zu einem unwahrscheinlichen Bild verwob, das sich im weiteren Fortgang des Krieges täglich wieder als brutale Wirklichkeit erwies. Und während der im nächsten Frühjahr folgende Frankreich- Feldzug für mich wieder zu einer Bewährungsprobe geworden war, die alle Käfte bis zum letzten und äußersten anspannte, standen wir alle unter dem Eindruck der offiziellen Propaganda, daß der Krieg gewonnen war. In der anschließenden Ausbildungszeit in Göppingen waren dann endgültig alle Illusionen zusammengebrochen. Alles alte Mißtrauen gegen die politische Führung war plötzlich wieder übermächtig wach. Rußland Afrika, Scheinerfolge, die sich nicht halten ließen trotz furchtbarster Opfer, die von der Truppe gefordert und gebracht wurden. Stalingrad, als drohendes Fanal des Umschwungs am ständig finsterer werdenden Himmel des Krieges. So viel Namen, so viel Schicksale der Kameraden. Prächtige, treue Freunde geopfert durch die größenwahnsinnige Führung eines seelenlosen Staatsapparates! Nach unendlich lang dauernder Wartezeit wieder bei der Truppe im Osten. Und dann der Zusammenbruch der 28 Fron zug, Dur Dab auf wäh Kat letz mit von den. dene wur Fran den und ihne tete die Ich ert Dan Seit Min Ger vers abe geo Wo DER PROZESS Front im Mittelabschnitt, dreihundert Kilometer Rück- zug, eine Krise nach der andern, Wochen und Wochen Durcheinander, Unsicherheit, drohende Gefangenschaft. Dabei offiziell in der Presse, im Rundfunk Siegesbericht auf Siegesbericht über erfolgreiche Rückzugsschlachten, während fast wie durch ein Wunder die letzte, volle Katastrophe der Front noch einmal vorüberging. Der letzte Glaube an die Führung zerstört, innerlich zerrissen, mit dem furchtbaren Gefühl, für eine aussichtslose Sache von einem verantwortungslosen Führer geopfert zu wer- den. Offene Worte im Kreise der eigenen Kameraden, mit denen in dieser härtesten Zeit das Schicksal geteilt wurde. Auf dem Wege zu einem neuen Kommando in Frankreich plötzlich die Verhaftung in der Heimat, denunziert und verraten von den eigenen Mitarbeitern und Gehilfen, denen man vertraut hatte; die getreu den ihnen eingeimpften Lehren jeden als Staatsfeind betrach- teten, der eine eigene Meinung hatte und nicht blind auf die offizielle Parteithese schwor. Ich muß eine Pause einlegen, draußen auf dem Gang ertönen Schritte, aber sie gehen vorbei. Dann fragt mein unsichtbarer Vertrauter auf der anderen Seite der Mauer:„Aber wie kommen Sie jetzt nach Minsk?“ Ich entgegne nach kurzem Besinnen:„Das Gericht, das die ersten Vernehmungen machte, hal versucht, den Prozeß nach Ludwigsburg zu bekommen, aber das Sondergericht von Göring in Berlin hat an- geordnet, daß die Verhandlung in der kommenden Woche unter Mitwirkung dieses Gerichtes in Minsk 29 er FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN stattfindet, weil die Belastungszeugen sich hier im Osten bei der Truppe befinden.“-„Dann müssen Sie sehr auf- passen“, antwortet mein Nachbar.„Der Fall scheint sehr schwer zu liegen. Haben Sie einen guten Verteidiger?“- ‚Den besten, den ich finden konnte, Rechtsanwalt Dr.K. aus Stuttgart, ein erprobter politischer Anwalt. Auch er betrachtet den Fall als sehr schwer. Aber er hofft be- stimmt, daß er mich frei bekommen wird.“ Wieder ertönen Schritte auf dem Gang. Rasch wedele ich mit dem Taschentuch den Zigarettenrauch ausein- ander. Diesmal wird meine Tür aufgeschlossen. Vor mir steht ein mittelgroßer Mann, glatt rasiert, in einer Uniform ohne Abzeichen, der mich ruhig und durchdrin- gend mustert, während er mich mit den Worten:„Grüß Gott, Kamerad!“ begrüßt und mir die Hand hinstreckt. Mein Auge fällt auf eine einfache Kette, die er um den Hals trägt, mit einem schlichten, schwarzen Kreuz, das Abzeichen des Wehrmachtsgeistlichen im Dienst. Ich bin im ersten Augenblick etwas befangen. Die Stimme kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, wo und wann ich sie gehört habe. „Sie sind hier neu angekommen, und ich habe Ihnen ein paar Zigaretten und eine Kleinigkeit zu essen mitge- bracht.“- Er winkt abwehrend mit der Hand, als ich mich bedanken will. Sein gütiges Wesen und die ruhige, klare Art nehmen mich sofort für ihn ein und erwecken Vertrauen.„Ich weiß, wie es Ihnen hier ergeht, und sehr wohltuend wirkt ja diese Umgebung nicht bei den schweren Sorgen, die Sie wohl bestimmt haben“, fährt er 30 DER PROZESS fort.„Kommen Sie, wir wollen uns setzen, dann spricht es sich besser.‘ Er zieht den kleinen Hocker unter dem Tischchen hervor und setzt sich darauf, während ich mich auf die Kante der wackligen Pritsche niederlasse. Jetzt endlich fällt mir ein, woher ich diese Stimme kenne, die mir so sonderbar vertraut vorkommt. Es ist die Stimme aus der Todeszelle nebenan, die gestern früh dem Kameraden während seiner letzten Stunde zur Seite gestanden hat. Die einfache, abwartende Art meines Besuchers läßt mich meine Befangenheit bald über- winden. Ich muß zugeben, daß ich zunächst eine gewisse Scheu habe. Ich habe noch die etwas kindliche Auffassung, daß die Welt eines Pfarrers mit dem Leben eines jungen, lebensbejahenden, gesunden Menschen nicht recht in Einklang zu bringen ist. Aber seine einfachen und herz- lichen Worte, der Eindruck seiner Persönlichkeit schla- gen rasch eine Brücke von Mensch zu Mensch. Wir sprechen zusammen, als ob wir uns schon jahrelang kennten. Als er merkt, daß ich in meinen politischen Äußerungen etwas zurückhaltend bin, lest er mir ruhig die Hand auf die Schulter und sagt:„Sprechen Sie mit mir, wie es Ihnen ums Herz ist. Was Sie mir sagen, bleibt unter uns, denn ich will Ihnen als Ihr Seelsorger helfen.“ Nachdem er meine Schilderung über den augenblick- lichen Stand des Prozesses gehört hat, wird sein Gesichts- ausdruck sehr ernst.„Ihre Lage ist viel undurchsichtiger und gefährlicher, als Sie vielleicht annehmen. Ich habe 3l FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN hier meine Erfahrungen gemacht. Von den Gerichten haben Sie bei der jetzigen Lage nichts zu erwarten." ,, Aber wie kommt es, Herr Pfarrer, wie ist es möglich, daß eigene Kameraden, mit denen man in Stunden höchster Gefahr zusammengearbeitet hat, einen nachträglich denunzieren und verraten? Und zwar erst, nachdem ich aus ihrem Kreise geschieden bin und sie mir mit lügnerischer Freundlichkeit Glückliche Reise' und Auf Wiedersehen gewünscht hatten?" Ich überlege einen Augenblick. ,, Für mich ist Kameradschaft stets hohe Verpflichtung gewesen. Sie war für mich der höchste menschliche Wert, der in diesem mörderischen Krieg gleichbleibende Gültigkeit gehabt hat. Mir fällt ein Erlebnis aus dem Polenkrieg ein, das ich erzählen möchte, weil es zeigt, was ich unter Kameradschaft verstehe. Ein glühend heißer Septembertag in der Entscheidungsschlacht bei Kutno. Seit zwei Tagen liege ich mit meinen Geschützen in der vordersten Linie der Infanteriestellung in einem unübersichtlichen Kusselgelände. Uns gegenüber der Pole, am Rande des Hochwaldes geschickt eingegraben. Unsere letzten Reserven sind eingesetzt, die Munition wird knapp. Links von uns ist die polnische Infanterie vorgestoßen und hat uns beinahe umfaßt. Pausenlos hämmern die MG's, schlägt schweres, feindliches Artilleriefeuer in unsere Linien Die Verwundeten können nicht geborgen werden, weil die Feinde das Hintergelände einsehen. Die eigenen Soldaten sind am Rande der Erschöpfung angekommen. Wasser und Verpflegung fehlen. Die Polen versuchen mit letzt ihne Divi gekr Ge ver stän ,, He erhe und mich Zug Verv den mel Lan aufg hatt wur Es im solc Nac nur keit Not viell mein von 32 DER PROZESS letzter, verzweifelter Kraft durchzubrechen. Wenn es ihnen gelingt, ist die Schlacht verloren. Da kommt der Divisionspfarrer zu mir neben das Grabengeschütz gekrochen. „Geben Sie mir einen Mann mit, ich will die Schwer- verwundeten bergen!“, sagt er mit der größten Selbstver- ständlichkeit. „Herr Pfarrer, hier kann doch keine Maus den Kopf erheben, so viel Eisen ist in der Luft. Sie werden zersiebt, und nutzen tut es nichts!“-„Haben Sie einen Mann für mich?“, fragt der Pfarrer erneut. Ich lasse durch den Zug durchrufen:„Ein Freiwilliger für den Pfarrer zum Verwundetenbergen! Geschützbedienungen bleiben an den Geschützen!“ Ich habe kaum ausgesprochen, da meldet sich der Gehilfe des Zugführers, ein junger Landwirtssohn, der mir durch seine Tüchtigkeit schon aufgefallen war. Um es kurz zu machen, bis zum Abend hatten der Pfarrer und sein Begleiter zehn Schwerver- wundete geborgen. Es war eins der Bilder höchster Kameradschaft, die ich im Kriege erlebt habe, und jeder, der draußen war, hat solche Beispiele erlebt.“- Nach einer kleinen Pause fahre ich fort:„Wie kann es nur kommen, daß eigene Kameraden die Niederträchtig- keit haben, nach gemeinsamen Stunden der Gefahr und Not mich zu verraten? Gewiß, ich bin impulsiv und vielleicht unvorsichtig in meinen Äußerungen und meiner Kritik gewesen, aber ich bin wirklich überzeugt von dem, was ich gesagt habe! Ich glaube, daß dieser 3 33 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Krieg sinnlos ist und daß ein Volk nur ein Recht hat zu kämpfen, wenn es die Verteidigung seines Daseins gilt. Aber dieser Krieg ist von einem Manne verursacht, der das deutsche Volk mit dämonischer Kraft verhext hat, der nur brutale Gewalt kennt. J eder, der im letzten Jahr an der Front stand und nicht gewillt ist, sich von der offiziellen Propaganda den an sich schon in solchen Dingen nicht sehr zuverlässigen Verstand vernebeln zu lassen, muß doch einsehen, daß der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann. Vielleicht ist er auch schon verloren, wenn es auch die große Masse nicht sieht oder nicht sehen will. Jeder, dem das Schicksal unseres Volkes am Herzen liegt, muß sich doch darüber Gedanken machen. Was er für Folgerungen daraus ziehen will, ist ja dann seine Sache. Ich kenne das nicht anders, als daß man im Kameradenkreise auch einmal offen seine Mei- nung und seine Sorgen aussprechen kann. Schließlich sind wir es doch, die mit unserem Leben diese Regie- zungsform und ihre Handlungen decken, welche augen- blicklich unser Volk führt.“ Ich habe mich in Eifer geredet. Mein Gegenüber sieht mich während meiner Worte ruhig und prüfend an während er mich sprechen läßt, ohne zu unterbrechen Siedend heiß durchfährt es mich! Wie, wenn ich schon wieder zu viel gesagt habe? Aber nein! Zu diesem Menschen mit dem klaren, offenen Blick kann ich Ver- trauen haben. Nach einer kleinen Pause antwortet er:„Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu politisieren; mich interes- 34 siert helfe vielle seher cht DER PROZESS siert Ihr persönliches Schicksal, und ich möchte Ihnen helfen, so gut ich kann. Sie befinden sich in einer Notlage. vielleicht in einer viel schwereren, als Sie es selbst über- sehen. Ich glaube Ihnen, daß Sie sich durch die ganzen Dinge, die Sie mir eben geschildert haben, aufs schwerste abgestoßen und innerlich gekränkt fühlen, und ich bin auch überzeugt davon, daß Sie selbst an die Wahrheit dessen glauben, was Sie mir gesagt haben.“ Ein Kurzes Schweigen tritt ein, bevor er in seiner wohl- tuend ruhigen Art weiterspricht:„Aber wir Menschen sind nun einmal nicht Herren unseres Lebens. Das bestimmt ein anderer. Der Herr unseres Lebens, Gott, gibt uns immer wieder eine Bewährungsprobe. Oft ver- stehen wir nicht warum und wozu? Wir empfinden das Handeln Gottes an uns manchmal sogar als sinnlos. Nur wenn wir in allen Fragen unseres Lebens die Hand Gottes erkennen und festhalten, werden wir nicht irre.“ Wieder macht er eine kurze Pause. „Eines der wichtigsten Dinge, um Gottes Plan zu erkennen, ist Geduld. Geduld wird nur der aufbringen, der Vertrauen zu Gott hat. Es scheint mir, daß Sie sich klar werden müssen über die Frage, was Gottes Weg mit Ihnen ist. Wollen und müssen Sie allein gegen den Strom schwimmen, der zur Zeit noch vollständig den Leidensweg des deutschen Volkes bestimmt? Dann wer- den Sie heute als Feind des Staates von dessen irdischer Gerichtsbarkeit vernichtet.“- Ich atme erleichtert auf. Nein, von diesem Mann droht dir keine Gefahr. Er steht über den politischen Dingen 3» 35 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN und weiß mehr vom Sinn und Ziel des Lebens als ich. Da fährt er fort, immer in der gleichen, ruhigen Sprache. ,, Ein solches Opfer müßte einen Sinn haben, es müßte als Fanal leuchten, um den Menschen zu zeigen, wohin der Weg geht, den ihre jetzige Führung beschreitet. In jedem Falle werden Sie um Ihr Leben kämpfen müssen, und Sie müssen sich innerlich darauf vorbereiten, daß Sie diesen Kampf auch verlieren können. Denn wir Menschen sind nicht Herr unseres Lebens", wiederholt er seinen Satz von vorhin. Mein Besucher sieht auf die Uhr. ,, Ich muß jetzt wieder weiter, denn ich habe heute noch viele Besuche zu machen." Er fragt noch nach dem Termin meines Prozesses, dessen Hauptverhandlung nach einer Woche stattfinden soll, nach meinen Familienverhältnissen und nach meinem Anwalt. Ein Händedruck, und ich bin wieder allein. Ich sitze mit sehr aufgewühlten Gedanken. Die Worte des Pfarrers haben mich tief beeindruckt, vor allem der Ernst, mit dem er über meine Lage sprach. Aber mein Anwalt hat mir doch immer wieder versichert, daß er meine Freisprechung durchsetzen würde! Mein Zellennachbar ruft mich leise durch unser Sprachrohr an der Dampfheizung. Aber ich kann jetzt nicht mit ihm sprechen. Mir fällt ein, daß ich mich bei dem Pfarrer nicht für die Zigaretten und Butterbrote bedankt habe, die er mir, dem unbekannten Untersuchungsgefangenen, bei seinem ersten Besuch gebracht hatte. Doch da tönen schon wieder schwere Schritte auf dem Gang. Wer mochte das wieder sein? Ich lausche gespannt, 36 währ rauch Zelle dicke Gesi nied mus Aug einer über währ gebu unab herab zu sc Wäh mit S mit s man Man zwei Term In m gleic zu rü im F eine So e ob er nein ß er N arh- DER PROZESS während ich rasch mit dem Taschentuch den Zigaretten- rauch verwedele. Wieder halten die Schritte vor meiner Zelle. Die Tür wird aufgeschlossen: vor mir steht ein dicker, vierschrötiger Mann mit einem groben, primitiven Gesicht. Unter dem stachligen, grauen Haar und der niedrigen Stirn mit den breiten, wulstigen Augenbrauen mustern mich ein paar kleine, schräggestellte, graue Augen neugierig und bösartig. Der ganze Kerl macht einen ungepflegten, brutalen Eindruck. Was will er überhaupt von mir? Er scheint meine Frage zu fühlen, während seine kleinen Augen mich und meine Um- gebung flink wie Mäuse, anscheinend gewohnheitsmäßig, unablässig betrachten. Seine fleischigen Lippen über dem herabhängenden, fliehenden Doppelkinn scheinen dauernd zu schmatzen. Während mein Blick neben der offenen Tür eine Wache mit Stahlhelm und umgeschnallter Pistole erfaßt, sagt er mit selbstbewußter Stimme:„Ich bin der Gefängniskom- mandant und wollte mich über Ihren Fall informieren.- Man kann nicht wissen, was noch kommt“, fügt er zweideutig hinzu. Ich gebe ihm einige Auskünfte über Termin und Anklage.„Hm“, sagt er nur,„schwerer Fall“. In mir lehnt sich alles gegen diesen Menschen auf, der da gleichgültig, anmaßend und gefühllos über mich die Nase zu rümpfen scheint. Einer von dieser Art Leuten, die nie im Frontdienst gewesen sind, denen Essen und Trinken eine der wichtigsten Aufgaben im Leben zu sein scheinen. So ein Mensch, dessen erster Eindruck bezweifeln läßt, ob er selbst überhaupt eine Gesinnung besitzt, muß dann 37 zen FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN über Verhalten und Gesinnung der Gefangenen Auskunft geben!- Den Zigarettenrauch hat er zweifelsohne ge- rochen, aber er sagt nichts. Nach einigen kühlen, nichts- sagenden Worten geht er wieder. Ich atme auf. Ein Spitzelbesuch? Die Kameraden haben mich sehr vor ihm gewarnt, fährt es mir durch den Sinn. Aber ich hatte nichts gesagt, war auch nicht auf seine großartige Rederei von neuen Abwehrsiegen an der Südostfront eingegan- gen. Diese Art Siege kannte ich ja aus eigener Erfahrung besser als der Herr Kommandant, mochte er reden, was er wollte. Ich habe nur den einen Wunsch, möglichst wenig mit ihm zu tun zu haben. Nur langsam vergehen die Stunden der Nacht. Endlich kommt am folgenden Tage die Wache und holt mich zur täglichen„Bewegung“ auf den Gefängnishof. Die frische Luft tut gut, wenn es auch bloß zwanzig Meter im Geviert sind, die man gehen kann. Es gelingt mir, hinter G. zu kommen. An einer der Ecken flüstert er mir rasch zu:„Gestern morgen sind zwei getürmt- beim Brotholen Sie sind noch nicht gefaßt.“ Bei den weiteren Ecken erfahre ich noch Näheres darüber. Es war eine Ab- machung mit den Partisanen gewesen. Am Verpflegungs- lager außerhalb des Gefängnisses hatten die zwei ihren Wachtposten neben dem großen Handkarren umgestoßen und waren wie Schatten um die Ecke verschwunden, ehe er schießen oder Alarm schlagen konnte. Die Partisanengruppen sitzen fünf bis zehn Kilometer außerhalb der Stadt, welche ringsum stark befestigt ist, da vor allem nachts fortgesetzt Überfälle stattfinden. Abe bin DER PROZESS ft Aber auch in der Stadt selbst haben sie zahlreiche Ver- & bindungen. Nun findet auch der Besuch des Gefängnis- t5- kommandanten bei mir seine Erklärung. Ich gönne dem in Herrn Kommandanten den Ärger, den er sicher deswegen m hatte, und hoffe nur, daß den Kameraden die Flucht auch tte weiter glückt. Aber dieses Partisanenproblem erscheint rei mir, zusammen mit den ernsten Worten des Pfarrers, in ID- einem neuen, interessanten Licht. Ich beschließe, doch as näher zu prüfen, ob es nicht für mich auch von Wert sein könnte. Die Möglichkeit sollte sich bald ergeben. Als ich abends die Ereignisse dieser beiden Tage über- denke, habe ich trotz aller bedrohlichen Anzeichen für > mein weiteres Schicksal doch irgendwie neuen Mut ge- schöpft. Ich freue mich auf den nächsten Besuch des 2 Pfarrers, der mir versprochen hatte, Post nach Hause zu übermitteln, deren Inhalt der dicke, unerfreuliche Ge- fängniskommandant nicht beschnüffeln konnte. Die nächsten Tage vergehen in erregendem Nichtstun. Ich habe mich etwas eingewöhnt. Die Lebensgeschichte meines Zellennachbarn kenne ich jetzt genau so gut wie er meine. Er ist ein schwerer, ruhiger Mensch, der sehr unter seinem Schicksal leidet und wenig Hoffnung hat durchzukommen. Er erzählt viel von seiner Familie und seinen drei Kindern, mit denen er in Stettin als selb- ständiger Ingenieur ein ruhiges und gesichertes Leben geführt hat. Zweifelsohne ein wertvoller Mensch, durch und durch sympathisch und gediegen. Mit Politik hat er sich nie beschäftigt. Aber in dem elenden, eintönigen Dasein der russischen Winter hatte ihn unter Einfluß von 39 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Alkohol einmal der Zorn gepackt, und er hatte in Gegenwart anderer auf das sinnlose Hundeleben und die Führung, die Schuld daran war, geschimpft. Aus persönlicher Rachsucht angezeigt, war er bereits zum Tode verurteilt. als ich mit ihm bekannt wurde. Jetzt lebt er in banger Erwartung, ob das Urteil bestätigt, oder ob er begnadigt werden wird. Er leidet sehr schwer unter seiner Veranlagung, die ihn nicht zu innerer Klarheit mit seinem Schicksal kommen läßt. Den Weg zu Gott findet er nicht. Nachts hatte er oft furchtbare Anfälle. Ich fuhr aus dem Schlaf, weil er schrie und tobte, in seiner Verzweiflung mit dem Inhalt der Zelle um sich schmiß, auf und ab trat und stampfte. Ich habe lebhaftes Mitgefühl mit ihm, aber ich weiß nicht, wie ich ihm helfen soll. Fast keiner dieser kurzen Tage vor der Hauptverhandlung meines Prozesses vergeht, ohne daß ich aufs schwerste seelisch in Mitleidenschaft gezogen werde. Noch steht nicht fest, ob mein Anwalt rechtzeitig eintreffen wird. Der Pfarrer hat auf meine Veranlassung nochmals telegrafiert, aber bei der dauernden Unsicherheit durch die Partisanen ist es völlig ungewiß, ob das Telegramm ankommt und ob die Zugverbindung für ihn ausreichen wird. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto bohrender werden die Zweifel. Wird es gelingen, die Entlastungszeugen heran zu bekommen? Und wird es gelingen, daß diese so überzeugend zu meinen Gunsten aussagen, daß meine Freisprechung erfolgen kann? Oder war das Urteil schon vorher bestimmt, bevor die Verhandlung überhaupt begonnen hatte? Ich e Tage Gefa Haus gesta fasse daß lige wach Natu mit gezw hatte ins A einer Jetzt Vorg ersch Kraf läßt er d wind Die 2 und ich 1 mein alles in die salen 40 DER PROZESS Ich empfinde es als ein Glück, daß am darauffolgenden Tage der Gefängnisgeistliche einen Gottesdienst für alle Gefangenen hält. Obwohl aus einem streng christlichen Hause stammend, hatte ich nie vor der Notwendigkeit gestanden, mich mit den Glaubensfragen näher zu be- fassen. Der Gottesbegriff war für mich so feststehend, daß schon ein Zweifel an der Existenz Gottes eine unwil- lige Ablehnung gefunden hätte. Auf dem Lande aufge- wachsen, war mir das Werden und Vergehen in der Natur ein so selbstverständlicher Vorgang, daß ich mich mit Sinn und Zweck des Lebens nie näher zu befassen gezwungen sah. Gewiß, die Wechselfälle des Krieges hatten mich öfters in Lagen gebracht, wo ich dem Tode ins Auge sehen mußte. Aber auch das erschien mir für einen Soldaten nicht als etwas Besonderes. Jetzt ist doch etwas in mein Leben getreten, das mir den Vorgang des Lebens und Todes in einem anderen Lichte erscheinen läßt. Der Pfarrer besitzt eine geheimnisvolle Kraft, die ihn Leid und Not täglich schauen und erleben läßt und die ihn trotzdem über alles hinaushebt, so daß er den Kameraden helfen kann, die Todesnot zu über- winden. Die Zahl der Kameraden, deren Schicksal ich hier täglich und stündlich miterlebe, läßt sich nicht angeben. Aber ich lebe diese Zeit in viel zu starker Spannung wegen meines eigenen Geschickes. Ich habe nicht die Fähigkeit, alles das aufzufassen und menschlich zu werten, was sich in dieser und der folgenden Zeit an menschlichen Schick- salen in meiner unmittelbaren Nähe vollzieht. In den 4 nn FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN öden, die Nerven zerreißenden Stunden des Nichtstuns in meiner lichtlosen, kalten Zelle erlebe ich täglich alle Stadien der Hoffnung und des Zweifels. Eins ist mir klar, die Spaltung, die ich bisher in mir trug, zwischen der grundsätzlichen Ablehnung dieser Staatsgewalt und ihren Maßnahmen, die ich als sinnlos und zur Katastrophe führend erkannt hatte, und der Notwendigkeit, im Dienste eben dieser Regierung und für deren Bestand als Soldat kämpfen zu müssen, diese Spaltung ist beseitigt. So komme ich zu einer innerlich klareren und entschlos- seneren Haltung und nach dem früheren inneren Zwie- spalt zur Geschlossenheit im Denken und Handeln zu- rück. Statt dessen kommt mir der Umfang der Gefahr, in die ich durch meine Handlungsweise und meine Kritik am Nazistaat geraten bin, täglich mehr zum Bewußtsein. Es ist klar, daß der größte Teil der Gefängnisinsassen, ob verurteilt oder nicht, Todeskandidaten sind, und die Frage, ob ich selbst schon dazu zähle, kann erst in der Verhandlung des Kriegsgerichtes gegen mich eine Klärung erfahren. Aber in dieser Umgebung gibt es nur einen Menschen, der nicht unter dem gleichen Schicksal steht wie meine Kameraden und der mir durch sein gütiges Verständnis den Glauben an edle, menschliche Werte erhält. Es ist der Gefängnisgeistliche, zu dem meine Gedanken immer wieder zurückfinden. Trotz der großen Zahl von Kameraden, welche Anspruch auf seine Betreuung erheben dürfen, kommt er fast täglich kurz zu mir. | | DER PROZESS Stets bringt er irgend etwas mit, Rauchwaren, etwas zu essen oder eine Zeitung. Und stets fühle ich mich gestärkt und beruhigt. Er ist der einzige Mensch, von dem ich hier das Gefühl habe, daß er mir wirklich wohl will. So bin ich sehr erwartungsvoll, wie er seinen Gottesdienst im Kreise dieser unter der Last ihres Schicksals fast zusammenbrechenden Menschen gestalten wird. Um Viertel vor 10 werden wir am Sonntag in einen großen, niedrigen Raum geführt, der durch einzelne eiserne Träger gestützt ist. Er liegt zwei Stockwerke tief unter der Erde, und die schwache Beleuchtung durch ein paar matte elektrische Birnen erhöht noch das Un- wirkliche, fast Gespenstige dieser Zusammenkunft. Aus drei Eingängen kommen die Gefangenen herein. Die meisten an Händen und Füßen mit schweren Ketten gefesselt. Jeder trägt seinen kleinen Hocker aus der Zelle. Langsam füllt sich der Raum mit etwa dreihundert Männern, die vom Leben gezeichnet sind. Das Klirren der eisenbeschlagenen Stiefel auf den Steinfliesen, ver- mischt mit dem Klirren der Ketten, hört nicht auf, wäh- rend die Gefangenen sich unter strenger Kontrolle der Wächter, die, mit Stahlhelm und Pistole ausgerüstet, in barschem Ton ihre Anweisungen geben, auf den ange- wiesenen Plätzen hinsetzen. Sprechen ist verboten, aber trotzdem setzen sich die Gefangenen so, daß jeder mög- lichst neben Bekannte kommt. Rasch werden die letzten Nachrichten ausgetauscht. Zigaretten und kleine, ge- schriebene Mitteilungen wechseln wie stets bei derartigen 43 # % | I, 5 TEILTE ET FOELPETRTTEET ER TOTE Y FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Gelegenheiten den Besitzer, während der Wärter immer wieder ein drohendes„Ruhe“ dazwischenruft. Die Ge- spräche werden so leise, daß man sie kaum noch hört. Ich sitze zwischen G. und H. G. zischelt mir zu:„Ich habe eine Verbindung zu den Partisanen.“-„Ist sie zuverlässig?“ frage ich sofort.-„Ich nehme an, ja. Sie haben vorgestern die beiden Kamera- den, die beim Brotholen geflüchtet sind, aus Minsk her- ausgebracht.“ Die Wache kommt auf uns zu, wir müssen das Gespräch abbrechen. Allmählich durchdringt das Auge die Däm- merung. Ich mustere meine Umgebung. Es sind Menschen aus wohl allen Berufs- und Altersklassen, die zum größten Teil gefesselt um mich herumsitzen. Rechts von mir fällt mir ein breiter, untersetzter Mann Anfang dreißig auf. Niedrige Stirn und breites, brutales Gesicht. Seine kleinen Augen flackern unstet umher, während er mit trotzigem, verbissenem Gesicht auf den zwei Schritte entfernten Wächter schielt, der ihn unablässig beob- achtet. Aber er ist eine Ausnahme, denn die meisten machen einen zermürbten, gleichgültigen Eindruck. Ein hoher Prozentsatz von Feldsoldaten ist dabei, das Gepräge ihrer Gesichter macht sie kenntlich. Auch den Kameraden aus Stalingrad, der als Führer russischer Partisanen gefangen wurde, erkenne ich. Er sitzt mit finsterem, verschlossenem Gesicht. Seiner Umgebung schenkt er keinen Blick. Jetzt betritt der Gehilfe des Pfarrers den Raum. Er deckt eine schwarze Decke auf den Tisch, der in dem offenen Viereck an der einen 44 da DER PROZESS Wand steht, stellt ein silbernes Kruzifix darauf und zündet zwei Kerzen an, welche matte, glitzernde Reflexe auf dem Kreuze des Erlösers hervorrufen. Da betritt der Pfarrer den Raum. Er trägt die gleiche schlichte Uniform ohne Abzeichen. Es wird totenstill im Saal, während er durch die Reihen der Gefangenen geht und die Wachen an die Ausgänge zurücktreten. „Guten Morgen, Kameraden“, begrüßt er die Versammel- ten. Er sagt ein Lied an, der Gehilfe des Pfarrers bläst auf einer kleinen Trompete die Melodie vor. Dann stimmt er mit kraftvoller, wohlklingender Stimme das Lied an, das die Gefangenen ohne stärkere Anteilnahme mit- singen. Und dann spricht er zu uns. Er hat ein Christus- wort über den Frieden gewählt. Er spricht zu uns Menschen in Ketten, deren Gedanken verzagt sich beugen unter ein unabänderliches und unverständliches Geschick, oder deren Gedanken Zorn und Rache sind, die nichts mit Gott zu tun haben. Wieder andere haben trotz Unerschrockenheit und Tapferkeit, die sie hundertfach im Felde bewiesen haben, Gefühle der Angst vor dem unerbittlichen Geschick, das sich ihnen drohend nähert, Gefühle, die sie überwältigen wollen. Und ın die Dunkel- heit dieses Schicksals, dieses Lebens im Gefängnis läßt er den Heiland treten mit dem Wort:„In mir habt ihr Frieden, in der Welt habt ihr Angst. Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Er spricht zu uns von der Macht und Herrschaft Gottes, vor der wir Menschen klein sind. Er schildert ein Bild, das er einst geschaut. Ein müder Wanderer sitzt in sich 45 Fre=- FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN versunken auf einer Bank. Da tritt ein Hirte von hinten an ihn heran und legt ihm die Hand auf die Schulter. Es ist Christus, der Hirte, der zu ihm spricht, der ihm sagt:„Du, ich bin auch noch da, trotz Tod und Hölle! Ich bin der Erste und der Letzte.“- In dieser unserer Zeit ist der Lärm der Menschen größer denn je. Sie sagen: „Die Welt gehört uns.“ Und er schildert, wie im Schicksal des Menschen Schuld und Leid erwachsen, zeigt die Zu- sammengehörigkeit von Verantwortung und Schuld! Die Menschen meinen, das Leben sei wie ein Warenhaus, wo jeder mit sich fortnehmen kann, was er will. Beim Ver- lassen aber steht am Tore Christus und sagt:„Sieh, ich bin auch noch da!“ Er wendet sich an den einen, den das Leid erdrücken will. Aber er neigt sich auch zu dem andern:„Sieh, ich bin auch noch da trotz deiner Schuld! Denn du bist auch innerlich mit dieser Schuld vor deinen Richter gestellt. Trotz Mord und Brand, Gift und Haß in der Welt wird Gott nicht zulassen. daß du in die Hölle kommst, wenn du seinem Rufe folgst!“ Und er spricht mit mannhaften Worten, daß die Gerech- tigkeit Gottes höher ist als alle Vernunft und als alle irdische Gerichtsbarkeit.„Gottes Gericht wird alle tref- fen, und wohl denen, deren Gedanken nicht von Haß und Rache beseelt waren, sondern den Frieden Gottes gefun- den hatten. Jeder Mensch muß sich in den Krisen, die ihm Gott auferlegt, vor Gott bewähren, denn ohne Sünde, ist keiner unter uns.“ So mahnen seine Worte zum Bekennen der eigenen Schuld vor Gott.„Wenn er uns seinen Frieden gibt, 46 DER PROZESS werden wir die Kraft haben, geläutert alles zu über- stehen, was uns auf unserem Lebensweg auferlegt wird. Denn die irdische Gerichtsbarkeit hat nur Macht über unseren Körper. Gott aber schaut in die Seele und wird die Menschen danach richten und seinen Frieden geben denen, die danach suchen.“ Während er spricht, beobachte ich meine Mitgefangenen. Die meisten sitzen in sich zusammengesunken. Einige starren ihn wie gebannt an. Nur wenige dösen uninteres- siert und gleichgültig vor sich hin. Auf fast allen Gesichtern liegt ein Ausdruck, der sich nicht beschreiben läßt. Er spiegelt die Welt wieder, welche in uns die Worte des Geistlichen haben erstehen lassen. Eine Welt des Friedens und der Harmonie, eine Welt der Hoffnung und des Glaubens. Auch in mir ist es still geworden, die gleiche Stille, die uns alle jetzt heraushebt aus dieser Katakombe des Grauens und der menschlichen Not, aus diesem düsteren, kahlen, grauen Raum, zwei Stockwerke unter der Erde, wo wir fast schon lebendig begraben sind, aus diesem grauen, lichtlosen Gefängnis, aus dem es für die meisten kein Entrinnen gibt, keine Hoffnung, aus dem sie erst durch den Tod befreit werden. Die Worte des Geistlichen führen fern in die Gefilde der Heimat, in ein Leben der Eintracht und Zufriedenheit jeder mit den Seinen. Aber auch zu den Herzen der- jenigen, welche die Heimat nicht wiedersehen werden - und es ist eine große Zahl, die größere Zahl der An- wesenden-, haben die Worte des Pfarrers den Weg gefunden. Kein Wort des Vorwurfes, keine Verurteilung! 47 RT ET FE POT TAB PIE FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Jeder fühlt sich von ihm persönlich angesprochen. Es ist sein Schicksal, von dem der Geistliche spricht, und er erkennt instinktiv die Antwort an, die ihm der Geistliche auf die brennenden, ungelösten Fragen seines Lebens gibt. Nicht mit dem Verstand, denn der Verstand stellt die ewige Frage des„Warum“, der Verstand versagt, aber mit einer Stimme des inneren Ichs, zu dem der Pfarrer in dieser Stunde eine Brücke schlägt. Der Pfarrer spricht das Schlußgebet. Er betet für die Gefangenen, für uns alle, daß wir den rechten Weg finden mögen durch das Dunkel des Daseins. Seine gläubigen Worte sind wie ein Stab, wie ein Quell der Kraft. Der Gottesdienst ist zu Ende. Langsam leert sich das Keller- gewölbe. Als mich anschließend der Pfarrer in meiner Zelle kurz besucht, mir Zigaretten und Nachrichten aus meiner schwäbischen Wahlheimat bringt, verstärkt sich das Gefühl der Verbundenheit mit diesem Mann. Ich fühle mich gestärkt und gehoben. Ich kann offen zu ihm sprechen, auch über meine politische Einstellung, über meine Ablehnung des Hitlertums, denn ich weiß jetzt, daß er sich vor der politischen Gewalt nicht beugt. Ich danke ihm für seinen Besuch, danke ihm, daß ich nicht mehr mutlos bin, danke ihm für die Predigt. Er wehrt ab, aber ich bin überzeugt, daß ich einen Freund gewonnen habe. Dann bin ich wieder allein in meiner trostlosen Einsamkeit und mit meinen bohrenden Gedanken. Ich habe das Gefühl, daß ich etwas Besonderes erlebt habe, ohne mir klar zu werden, was es ist. Als um 18.30 Uhr 48 DER PROZESS wie täglich das Licht gelöscht wird, läßt das Gefühl der Ausgeglichenheit mich ruhig und fest einschlafen. Schon der nächste Morgen zerstört die mir gestern bescherte innere Ruhe vollständig. Ich erwache um 6 Uhr, als wieder ein Gefangener in die Todeszelle gebracht wird. Aber ich horche dieses Mal nicht hin, ich will nichts hören und registriere trotzdem den furcht- baren Ablauf des Dramas, das sich dort abspielt, muß es gegen meinen Willen tun, da meine Nerven es nicht anders können. Ich höre die trockene Stimme des Kriegsgerichtsrates, der das Urteil verliest, höre, wie der Gefangene dauernd Einwendungen macht, dazwischen redet und zur Ruhe ermahnt wird. Ich höre, wie der Pfarrer kommt; aber kaum wird die Zellentür geöffnet, als der Gefangene losbrüllt:„Raus, ich will keinen Pfarrer sehen, es sind alles Betrüger und Schufte, von Hitler angefangen. Ihr wollt mich ermorden, weil ich nicht euer Sklave sein will. Schießt mich doch gleich tot hier, schlagt mich doch tot.“ Der Pfarrer versucht immer wieder, ihm gütig zuzu- sprechen. Es ist vergeblich. Die Tür schließt sich, und die nächste Stunde tobt der Verurteilte wie ein Rasender in seiner Zelle, schreit und weint. Ich zähle die Minuten, sie werden zu Stunden. Kann dieses Furchtbare nicht abgekürzt werden?- Endlich kommt das Abholkom- mando. Aber der Gefangene ist von Sinnen. Als die Tür geöffnet wird, springt er auf den nächststehenden Wächter zu. Ein Tumult entsteht. Ich höre wie gelähmt den keuchenden Atem der Männer. Eine kalte Stimme 4 49 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN befiehlt: ,, Schlagt ihn nieder." Dann ein dumpfer Fall. Ich höre, wie man den Körper wegschleppt. Ich bin am Ende meiner Kräfte. So sterben! Wie ein wildes Tier erschlagen werden, das in seiner Todesnot bis zum letzten Augenblick um sich beißt und schlägt. Nein! Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel: ,, Gib mir Kraft, Herr, damit ich nicht schwach werde." Beim Waschen erfahre ich, daß es ein politischer war. Aber ich will nichts mehr von ihm wissen, es ist zu viel für mich. Die Erschieẞungen gehen weiter, finden mehrfach in der Woche statt. Ich kann doch nichts daran ändern, aber ich bin noch nicht so abgestumpft, als daß mich ein derartiges Erlebnis nicht jedesmal Kraft kostet, und ich fühle, daß ich diese Kraft brauchen werde für die große Kraftprobe, welche der Verhandlungstag sein wird. Ich unterhalte mich stundenlang mit meinem Zellennachbar und bemühe mich vergeblich, ihn aus seiner Apathie aufzurütteln. Aber seiner ruhigen Natur liegt der Kampf in dieser brutalen Form, wie sie ihm das Leben aufzwingt, nicht. Wir sprechen stundenlang, lösen zusammen Kreuzworträtsel. Er ist mitteilsam, freundlich, aber hilflos gegenüber den Kräften, welche ihn bedrohen. Ich habe aufrichtiges Mitleid mit ihm, jedoch sehe ich keine Möglichkeit einer Hilfe. Die Tage verrinnen weiter in gespanntem Nichtstun Jetzt sind es noch vier Tage bis zur Verhandlung. Von meinem Anwalt noch immer keine Nachricht. Pfarrer M. verspricht mir, nochmals zu telegrafieren, obwohl wir beid und Ich den P., Vor lich ten erz gre der ver die lock her ist Die we de lar die Pla lan und sich die neh Ich Ru 50 DER PROZESS all. am ier ten cke mit war. viel der ich arhle. aftachthie mpf aufsamaber Ich eine stun Von er M wir S 4* beide wissen, daß alles, was wir jetzt tun, zu spät kommt und daher nutzlos ist. Ich habe einen neuen Freund, einen Steiermärker, der zu den Wachmannschaften des Gefängnisses gehört. Er heißt P., ist Polizist von Beruf und hier auf Bewährung. Er hat von Natur eine etwas tätliche Schwäche für junge Weiblichkeit mitbekommen, wie er mir selbst mit verschmitztem Lächeln in breitester österreichischer Mundart erzählt. Doch hatten die französischen Mädchen unbegreiflicherweise kein Verständnis für sein Gebaren, und der Erfolg war eine mehrjährige Strafe, welche er hier verbüßt. Er bringt mir am Nachmittag eine Nachricht, die mich elektrisiert. Während er mir durch das Schauloch etwas geschmuggelten Tabak und Streichhölzer hereinschiebt, flüstert er mir zu: ,, Der Partisanenführer ist raus, die Russen haben ihn geholt." Ich verstehe nicht. Die Russen hier aus dem Gefängnis in Minsk?- ,, Du weißt doch, der aus Stalingrad, nicht der, der die drei deutschen Panzer abgeschossen hat, sondern der andere, lange von der Freiheitsarmee. Der Partisanenchef von die Russen." Plötzlich wird mir klar, wen er meint. Ich sehe den langen, schmalen Gefangenen, wie er gefesselt an Händen und Füßen mit undurchdringlichem, verschlossenem Gesicht vor ein paar Tagen in meiner Nähe beim Gottesdienst saß und von seiner Umgebung keine Notiz zu nehmen schien. Ich zweifle immer noch an P.s Worten. ,, Wieso haben die Russen ihn denn lebendig herausbekommen?" ,, Es kam 51 a RR ST FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN ein Anruf von einer Dolmetscherin aus der Stadt, daß der Gefangene sofort zu einer Vernehmung beim Feld- gericht abgeholt wird. Es kam ein deutscher Kübelwagen mit zwei Offizieren in deutscher Uniform, die sich beim Kommandanten melden ließen und ihre Ausweise zeig- ten. Der Kommandant hat ihnen den Gefangenen per- sönlich übergeben. Er sollte nach einer Stunde zurück sein, aber jetzt ist es schon sechs Stunden her, und auf dem Feldgericht weiß man nichts von einer Vernehmung. Der Alte tobt, und die ganze Stadt habens alarmiert. Aber die san längst weg.“ Ich kann nicht anders, ich freue mich herzhaft über diesen schneidigen Husarenstreich und gönne dem Kom- mandanten diese Blamage. Es ist wirklich das Tollste, was ich je gehört habe, diese Entführung mitten aus einer bewaffneten Stadt, aus einem mit vier schweren, verschlossenen, eisernen Toren gesicherten Gefängnis, mitten im besetzten Feindesland! Aber zeigte dieser Vor- fall nicht die ganze Sinnlosigkeit, zu der sich der Krieg unter dieser Führung entwickelt hatte? Der Begriff des vaterländischen Krieges zum Schutz der Heimat gegen den feindlichen Überfall war im Verblassen, sobald die Einwirkung der eigenen, offiziellen Propaganda aufhörte. Die Soldaten der Front kämpften auf Grund ihrer an- ständigen Gesinnung, aus Pflichtgefühl. Wie sich die Gruppe der führenden Parteileute in der Heimat mit schmatzender Begehrlichkeit immer weiter in die Positionen des Staates und der Wirtschaft- sich gegenseitig unterstützend- hineinschob, wie alle die un- 52 DER PROZESS ㄡ f e, S 그, 5, g es n e e. er er ch コー zähligen Jäger nach Posten und Pöstchen nur an ihr eigenes Ich dachten, um auf Kosten des Staates Vorteile zu ergattern und sich vor dem unbequemen Kriegsdienst zu drücken, davon hatte ich unzählige praktische Beispiele erlebt, als ich eine längere Zeit während des Krieges Ausbilder für junge Mannschaften in der Heimat sein mußte. Wie hatten wir uns schließlich in ohnmächtiger Wut gegen diese Mischung von schmutzigem Eigennutz und anmaßender Überheblichkeit im Kameradenkreise zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden, die unter der Devise ,, Deutschland erwache endlich" sich Gedanken über eine gewaltsame Beseitigung dieser Führung machte. Das Bild im Berliner Sportpalast, wie Hitler im Anschluß an den Fall von Stalingrad zu den jungen Offiziersanwärtern gesprochen hatte, steht mir plötzlich klar vor Augen. Und dann das Lazarett in T., wo wir unter persönlicher Kontrolle und Verantwortung des Chefarztes Dr. S. uns in dessen Privatwohnung trafen, um unter Mitwirkung einiger mutiger Fachwissenschaftler und Politiker über die Zustände im Reich und die Notwendigkeit eines Wechsels der politischen Führung zu sprechen. Dr. S. hatte sogar eine gegen mich gemachte Anzeige durch persönliches Eingreifen erledigt und mich gedeckt, indem er sich vor mich stellte, so daß der Anzeigende seine Meldung zurücknahm. Aber ,, Deutschland erwache endlich" hatten Anhänger des Systems denunziert. Damals war ich ganz knapp am Kriegsgericht vorbeigekommen. Von allen diesen Dingen, die uns vor die innere Notwendigkeit gestellt hatten, eine 53 33 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN solche Gefährdung auf uns zu nehmen, wie sie eine Diskussion auf diesem Gebiet zwangsläufig mit sich brachte, hatten die Soldaten draußen an der Front keine Ahnung. Wie schon so oft stieg die Bitterkeit in mir hoch. Mein früherer Gehilfe Otto, mit dem ich im letzten Herbst dreihundert Kilometer Rückzug in Rußland erlebt hatte, war damals, als der Russe die Front durchbrach und wir sechs Wochen lang mit letzter Anstrengung versucht hatten, seine Angriffe zum Stehen zu bringen, auch so ein typischer Vertreter jener NS- Spitzel gewesen. Eine Krise nach der anderen hatten wir in gemeinsamen Kämpfen gemeistert, ohne Schlaf, kaum Essen, wenig Munition. Dabei stets in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Wie oft wollte ich ihn ablösen lassen, weil er trotz seines markiert zackigen Auftretens es an Zuverlässigkeit und Fähigkeit hatte fehlen lassen. Aber in dem unruhigen Durcheinander dieser sechs Wochen hatte es sich nicht durchführen lassen. Nach allen gemeinsamen Erlebnissen wäre es mir auch schwer gefallen. Vierzehn Tage, nachdem ich von der Abteilung fort war, kam plötzlich meine Verhaftung auf Grund einer nachträglichen Denunziation von demselben Otto, den ich geschont hatte. Er war der Träger der Anklage gegen mich, der jetzt aus Parteifanatismus sich als mein Todfeind entpuppte. Es war schon sehr weit gekommen mit dem Geist der Wehrmacht, wenn eine derartige Gesinnungslumperei nicht nur geduldet, sondern von oben offensichtlich gefördert wurde. Aber innerlich glaubte ich fest an die Vers spre And nis, poli Hät sch test gut SO Wä beid Es die Off Au Ne Ich Ab me urt der Ris Mi Me Zul am Zel spr 54 DER PROZESS t e I Versicherungen meines Verteidigers, der meine Freisprechung zu erwirken hoffte. Andererseits hatten mich die Erlebnisse hier im Gefängnis, wo in jeder Woche mehrere Kameraden als Opfer der politischen Justiz erschossen wurden, stark beeindruckt. Hätte ich doch fliehen sollen? Es wäre wirklich nicht schwer gewesen, eine Gelegenheit zu finden! Am leichtesten auf dem Transport hierher nach Minsk, wo der Int gutmütige und anständige Justizinspektor B. im Zuge so fest geschlafen hatte. Der Gefangene hatte seinen Wächter wecken müssen, damit gemäß dem Befehle beide richtig in Minsk aus dem Zuge kamen! Es war mir klar, daß ein so gewagtes Stück, wie es heute die Entführung aus dem Gefängnis durch russische Offiziere in deutschen Uniformen gewesen war, doch eine Ausnahme darstellte. So etwas glückte nicht alle Tage. Nein, ich mußte noch abwarten, wie der Prozeß ausging. Ich durfte mich nicht vorher drücken. Aber wie, wenn mein Verteidiger mich nicht frei bekommen würde? Nach allem mußte dann mit meinem Todesurteil gerechnet werden. Nein, auch dann nicht!- In der Lage, in der ich war, mußte ich abwarten, wenn das Risiko auch noch so groß war. - Mitten in das zwischen Hoffen und Zweifel schwankende Meditieren über die trübe Gegenwart und das Grau der Zukunft trifft mich die Ankunft meines Verteidigers, der am Tage vor dem Prozeß nachmittags plötzlich in meiner Zellentür steht, doch fast wie eine Überraschung. Wir sprechen die sechzehn Punkte der Anklageschrift genau e 55 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN durch und einigen uns über die Taktik der Verteidigung. Mein Verteidiger ist durchaus zuversichtlich. ,, Die Formulierung der Anklage klingt ja außerordentlich gefährlich: Zersetzung der Wehrkraft durch herabsetzende Äußerungen über den Führer, Abhören von Schwarzsendern, Verbreiten von Mißvergnügen bei Untergebenen, Kritik an der Führung; alles zusammen Zersetzung und Sabotage in wiederholten, von zahlreichen Zeugenaussagen belegten Fällen!- Wenn Sie aber diese Zeugenaussagen juristisch genau untersuchen, ergeben sich so viel Widersprüche und Unklarheiten, daß bei einer ernsthaften und gerechten Würdigung nach meiner Auffassung eine Verurteilung nicht erfolgen kann. Vor allem die Art der Anzeige durch ihren früheren Mitarbeiter Otto und seinen Intimus, den Verwaltungsbeamten Albert, wochenlang später, trägt deutlich den Stempel der Hinterhältigkeit. Ich habe die Ladung von zehn Entlastungszeugen beantragt und bin gespannt, wie viele das Gericht zulassen wird. Außerdem habe ich schriftliche Gutachten ihrer sämtlichen Vorgesetzen in Friedens- und Kriegszeit eingeholt. Es ist ein schönes Bild der Kameradschaft, welches sich da zeigt. Sie stellen sich alle ohne Ausnahme vor Sie."- Ich kenne die Einstellung meines Verteidigers zum nazistischen Staat. Kenne seinen erbitterten Haß, sein vernichtendes Urteil, das er dieser bedenkenlosen Staatsführung und Staatsverwaltung entgegenbringt. Aber noch beherrscht diese Staatsführung alle Positionen und zerschmettert jeden, der auch nur wagt, sie zu kritisieren. E W A F H D Z S Z C 56 DER PROZESS g. ch b- on Dei en l- Es muß daher mit äußerster Vorsicht operiert werden, wenn es gelingen soll, mich aus dem tödlichen Würgegriff, in den ich geraten bin, zu befreien. Am Nachmittag vor dem Prozeß kommt auch unser Pfarrer zu einem kurzen Besuch. Wie immer spricht er in seiner bedächtigen Art freundlich und zuversichtlich mit mir, wenn ich auch eine leise Besorgnis nicht überhören kann, die aus seinen Worten klingt. wer en, B ch en e- alch ng mt, ch in mes Sie zierh- ch eren. Endlich ist der Morgen des Verhandlungstages da. Viele freundliche Worte höre ich von den Kameraden, viel Anteilnahme und Hilfsbereitschaft fühle ich an diesem Morgen, als wir im Waschraum sind. Trotz allen furchtbaren Zwiespalts, trotz aller Vergiftung und Vernebelung durch die Partei, es gibt noch echte Kameradschaft! Es ist eine Welle der Sympathie und des Verständnisses, die mich hier umgibt, die mich stärkt und mir ans Herz greift. Wie es kam, weiß ich nicht, aber in die Zelle zurückgekehrt, fällt plötzlich mein Rasierspiegel zu Boden und zerbricht in kleine Stücke!- Pech!, fährt es mir durch den Kopf. Ach Unsinn, wer wird denn abergläubisch sein! Aber irgendwie bleibt doch eine kleine Unruhe zurück. Um 8 Uhr kommt ein Justizinspektor, der mich zum Gericht abholen soll. Ein freundlicher, älterer Mann aus 57 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Österreich, der durchaus achtungsvoll und sehr höflich ist. Zum erstenmal seit meiner Ankunft in Minsk bin ich außerhalb der Gefängnismauern; aber welch fürchterlicher Anlaß! Noch stehe ich innerlich unter dem Eindruck von hoffnungsvollem Optimismus und dem gütig sorgenden Gedenken unseres Gefängnispfarrers. Wir steigen in einen kleinen, geschlossenen Kraftwagen, der uns in kurzer Zeit zu einem riesigen, modernen Gebäude bringt, einem der im amerikanischen Stil gebauten modernen Hochhäuser, das die Sowjets als Zeichen ihres Aufbauwillens in dieser alten, wie die meisten russischen Provinzstädte ohne einheitlichen Stil gebauten Stadt errichtet haben. Über breite Steintreppen werden wir in den zweiten Stock in einen großen Saal gewiesen. Es ist noch eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn. Der Saal ist fast leer. Während ich durch den Mittelgang zwischen den Stuhlreihen hindurchschreite, auf denen wohl hundert Menschen Platz finden können, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Verhandlung als eine Art Schauprozeß aufgezogen werden soll. Wozu sonst diese Menge Zuschauer? Es fällt mir ein, daß zu politischen Prozessen von allen umliegenden Stäben und Abteilungen Abordnungen kommandiert werden. Die übrige Ausrüstung des Gerichtssaales ist mir von Hinter dem früheren Verhandlungen her bekannt. Richtertisch, der quer am Ende des Saales steht und von einem schwarzen Tuch mit einer Kriegsflagge bedeckt ist, hängen die Symbole des Dritten Reiches, eine riesige Na day lin he he le sta ke kä da Do Ge üb wi fre fre ich ph W W di Be SC ho Ve sch sa un Bu 58 DER PROZESS 2 t, Nazifahne mit einem der vielen kitschigen Hitlerbilder davor. Durch die fünf großen Fenster, zwei rechts und links der Fahne und drei an der linken Seite, flutet das helle Frühlicht eines strahlenden Spätwintermorgens herein, der die Weite des Himmels im seidigen Blau leuchten läßt und die beschneiten Häusertrümmer der stark zerstörten Stadt mit erbarmungslosem, lebensstarkem Licht überflutet. Wer wieder draußen sein könnte, kämpfen, das Leben meistern, so wie die Sonne draußen das Leben bejaht! Doch da steht mein Anwalt neben mir. Sein schmales Gesicht ist ruhig. Seine Augen blicken gesammelt und überlegt, mustern mich prüfend. Seine kräftige Gestalt wirkt in der schwarzen Amtstracht etwas feierlich und fremd. ,, Nun, haben Sie schlafen können?", fragt er, freundlich mir die Hand schüttelnd. ,, Etwas doch", sage ich, während ich die Freude über seine Anwesenheit fast physisch empfinde. Wir besprechen nochmals kurz das taktische Vorgehen, während hinter uns der Saal sich rasch füllt. Ich erkenne die Zeugen auf der anderen Seite der Stuhlreihe die Belastungszeugen! Meinen früheren Gehilfen Otto, schlank, das scharf geschnittene Gesicht nichtssagend und hochmütig. Den zweiten Hauptzeugen gegen mich: den Verwaltungsbeamten Albert, untersetzt, die etwas schwammige Figur durch das breite Lederkoppel gleichsam zusammengehalten, das weichliche Gesicht mit dem unruhigen Blick voller Bedenken. Und der dritte im Bunde, Richard, schlank, mittelgroß mit straffer Haltung e 59 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN und einem ganz gut geschnittenen Durchschnittsgesicht. Endlich kommen auch die Entlastungszeugen, die ich namhaft gemacht habe. Aber obwohl mein Verteidiger zehn genannt hat, sind doch nur zwei anwesend: mein früherer KRegimentskommandeur, undurchdringlichen Ernst in dem glattrasierten, wie gegerbten Gesicht, und ein anderer früherer Vorgesetzter, auch er tiefen Ernst in dem ruhigen, jungen Antlitz. Beide nicken mir freund- lich zu. Allgemeine Unruhe entsteht. Alles erhebt sich von den Sitzen, das Gericht betritt den Saal. An der Spitze ein kleiner, hagerer Oberkriegsgerichtsrat. Während er mit den anderen zum Richtertisch schreitet, mustert er mit kaltem Blick, der gut zu dem scharfen Profil des blassen Gesichtes paßt, die Anwesenden. Ein großer, dunkelroter rumänischer Halsorden verleiht ihm eine etwas aufge- blähte Würde, die den Mann besser kennzeichnet als das etwas farblose, müde Gesicht. Rechts und links neben ihm am Richtertisch nehmen die Beisitzer Platz. Ein dicker Fliegermajor mit goldenem Parteiabzeichen, dessen sattes, gepflegtes Gesicht mit der überlegenen, selbstbewußten Miene weniger von den Strapazen des Krieges als von gutem Essen und reichlichem Trinken berichtet. Der andere, links vom Vorsitzenden, ein junger Hauptmann mit nichtssagendem Jungensgesicht, auf der Brust das goldene HJ-Ehrenzeichen.„Beides hohe Parteitiere“, flüstert mir mein Anwalt zu.„Der eine ist Staatsrat und der andere in der Hitlerjugendführung. Von denen ist nichts zu erwarten!“ 60 DER PROZESS Als letzter nimmt der Vertreter der Anklage, ein großer ungeschlachter Oberkriegsgerichtsrat mit selbstzufriede- nem, arrogantem Gesicht, Platz. Schon sein ganzes Ge- habe, dieses Wichtigtuerische, Rücksichtslose, macht mir den Mann vom ersten Augenblick an durch und durch unsympathisch. Während ich rasch diese Eindrücke registriere, hat der Vorsitzende ein Aktenstück aufgeschlagen und gibt die Zusammensetzung des Gerichts bekannt. Dann verliest er mit gleichmäßiger, tonloser Geschäftsmäßigkeit die Anklage. Ich kenne die sechzehn Punkte zur Genüge! Während meine Augen unablässig den Richtertisch mustern, höre ich nyr halb die bekannten Phrasen, die sich jetzt zu einer Drohung auf Leben und Tod zusam- menballen. Das sind nun also diese Richter, die gewohnheitsmäßig wie eine Meute hochgezüchteter Jagdhunde auf eine poli- tische Fährte gesetzt werden und mit allen Künsten und Erfahrungen ihres Berufes den politisch Angeklagten bis zur Vernichtung hetzen,- hetzen müssen, wenn sie nicht selbst Beruf und Stellung verlieren wollen. Mein Anwalt hatte mich auf alles vorbereitet, aber wie ich das nun in Wirklichkeit sehe, wie jetzt schon die beiden Beisitzer am Richtertisch mit Kopf und Händen ihre Zustimmung ausdrücken, wo doch erst die Anklage verlesen wird- allerdings, in einem totalitären Staat vielleicht die ge- fährlichste Anklage, die der Zersetzung der Wehrkraft-, während doch der Sachverhalt noch gar nicht geklärt, 61 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN geschweige denn bewiesen war, steigt eine unbeherrschte Wut in mir hoch. Als ob mein Verteidiger es fühlt, was in mir vorgeht, berührt er mich leicht am Arm.„Ruhe, Ruhe“, flüstert er. Die Anklage ist verlesen. Ich muß vortreten und meine Personalien und meinen Lebenslauf angeben. Wie oft habe ich mich auf diesen Moment innerlich eingestellt! Wie oft habe ich in der Einsamkeit meiner Zelle meinen Lebenslauf vor mich hingesprochen! Während ich vor- trete, klopft mir das Herz wie rasend. Mit äußerster Energie zwinge ich mich zur Ruhe. Nur jetzt keine Nervosität zeigen. Wie durch einen Nebel höre ich die Fragen des Vorsitzenden nach Namen, Alter. Dann höre ich meine eigene Stimme meinen Lebenslauf sprechen. Aber es ist ein anderes Ich, das spricht; Vorgänge, Namen, Ereignisse kühl und geschäftsmäßig schildert. Es ist wie in manchen Augenblicken höchster Spannung und Gefahr, die ich in meinem Leben mehrfach erlebt habe. Ich höre meine Stimme Fragen des Vorsitzenden beantworten, dann muß ich Platz nehmen. Die Beweis- aufnahme beginnt. Zuerst die Belastungszeugen. Dreist, anmaßend, von beleidigender Überheblichkeit der erste, ein ganz anderer Otto, als ich ihn im Rußlandfeldzug kennengelernt hatte. Jetzt ist er ohne Maske, gemein, hinterhältig, Ereignisse und Zusammenhänge bewußt übertreibend. Dann sein Intimus, der dicke Verwaltungs- beamte Albert, schwitzend vor Aufregung, ängstlich, sich widersprechend. Voller Bedenken vorher und nachher, so daß der Vorsitzende schließlich ungeduldig wird und 62 DER PROZESS ihm seine Zeugenaussage vorhält, die er stockend und widerstrebend auf jede Frage des Vorsitzenden bejaht. Dann Richard, korrekt, ruhig, eigentlich nicht unsympa- thisch, aber primitiv und eng in seiner Auffassung. Per- sönlich sauber und tapfer, kein Zweifel, aber hilflos und eigensinnig sich festklammernd an Befehlen und der offiziellen Parteithese. Kein. eigenes Urteil, unpersönlich und schematisch der Mann wie seine Worte. Trotz des Einspruchs meines Verteidigers werden die Zeugen vereidigt. Sie sprechen mechanisch die Formel nach. Dann die beiden Entlastungszeugen. Durchaus wohlwol- lend, aber vorsichtig bis zur Farblosigkeit der ältere; klar, bestimmt, aber auch etwas zu allgemein der jüngere. Eindeutig lehnt er die charakterlose, unkame- radschaftliche und ungehörige Haltung der drei Be- lastungszeugen mir gegenüber ab, weist meinen früheren Gehilfen, der unverfroren eine Zwischenbemerkung macht, in seine Schranken zurück, daß dieser bleich wird und sich auf die Lippen beißt, während der Vorsitzende keinen Blick von dem vor ihm liegenden Aktenstück erhebt und nervös mit einem Bleistift spielt. Da das Gericht keine Anstalten trifft, meine Entlastungszeugen zu vereidigen, bittet mein Verteidiger um das Wort und beantragt die Vereidigung. Der Vorsitzende bricht die Verhandlung ab. Unter atemlosem Schweigen zieht sich das Gericht zur Beratung zurück. Als nach zwanzig Minuten der Vorsitzende die Verhandlung wieder eröff- net, gibt er geschäftsmäßig den Gerichtsbeschluß be- 63 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN kannt:„Keine Vereidigung der Entlastungszeugen.“„Das ist sehr unangenehm“, höre ich meinen Anwalt an mei- ner Seite murmeln.„Na, noch ist nichts verloren.“ Vor Abschluß der Beweisaufnahme stellt mein Vertei- diger noch einige genau formulierte Fragen an die Zeugen. Ottos Antworten werden unsicher, der dicke Albert weicht aus. Sie können Widersprüche und Unklar- heiten in ihren Aussagen nicht erklären. Nun erhebt sich der Vertreter der Anklage zu seinem Strafantrag. Während die massige Gestalt sich halb dem Publikum zuwendet und sein Blick triumphierend in die Runde fährt, macht er eine kurze, effektvolle Pause. Endlich fängt er an. Routiniert, scheinbar ruhig und bedauernd schildert er meinen Werdegang. Meine Jugend auf dem Lande in Schlesien, meine Schulzeit in Liegnitz, meinen Eintritt in die Reichswehr, die Übernahme zur Luftwaffe. Wieder macht er eine Pause.„Und wie war seine poli- tische Einstellung in der ganzen Zeit?“, fragt er immer noch in bedauerndem Tonfall. Und dann schmettern die Sätze heraus, zunehmend aufbrausend, rechthaberisch, verdeckte Spitzen in jeder Formulierung, arrogant bis zur Beleidigung, bewußt herabsetzend. „Wir sehen hier einen typischen Vertreter jener defaitisti- schen Gruppen, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstehen. Der Nationalsozialismus will mit diesen ein für allemal Schluß machen. Aber er hat lange Geduld gehabt, um den Angehörigen dieser staatsfeind- lichen Gruppen Gelegenheit zu geben, sich anzupassen. 64 15 DER PROZESS Sie hatten Aufstiegsmöglichkeiten wie jeder andere. Aber Sie sehen hier, wie der Angeklagte dieses Ent- gegenkommen des nationalsozialistischen Staates ausge- nutzt hat, um seine innerlich staatsfeindliche Haltung beizubehalten. Jetzt, wo das Reich in äußerster Gefahr steht, hat diese ganze Art von Leuten nichts anderes zu tun, als die Widerstandskraft des Volkes zu untergraben, die Moral der Truppe zu zersetzen und damit den End- sieg nicht nur in Frage zu stellen, sondern zu sabotieren. Das Beweismaterial gegen den Angeklagten ist er- drückend. Sieben Zeugenaussagen geben unabhängig voneinander ein klares Bild. Natürlich ist der Angeklagte so gewandt gewesen, nur in verdeckten Worten seine Kritik zu üben, aber selbst diese verdeckte Kritik beweist eindeutig seine Schuld.“ Er wiederholt alle sechzehn Punkte der Anklage. Er bezeichnet jeden einzelnen Punkt der Anklage als bewiesen. Erneut macht er eine Pause, um dann mit tönender Be- redsamkeit. fortzufahren:„Wo soll es hinführen, wenn man derartige Persönlichkeiten frei und ungehindert ihr trübes Handwerk fortsetzen läßt? Was hat der Ange- klagte zu seiner Entlastung anzuführen? Daß er an der Front tapfer gefochten hat, ist im nationalsozialistischen Staat eine Selbstverständlichkeit. Millionen andere haben es auch getan, ohne daraus das Vorrecht ableiten zu wollen, die Person unseres hohen Führers in den Schmutz zu ziehen; denn was ist es anders, wenn der Angeklagte ihn als ‚Anstreicher‘ bezeichnet, der bei seinem Hand- 5 65 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN werk hätte bleiben sollen, der größenwahnsinnig und verrückt geworden sei. Hier wird bewußt an dem Ehrbegriff des nationalsozialistischen Staats gerüttelt. Hier wird Gift in das gläubige Herz des Volkes geträufelt. Hat der Nationalsozialismus dafür das deutsche Volk geeinigt, damit politisch derartig unerfahrene und unreife Besserwisser diese Einigkeit wieder unterhöhlen? Nein, meine Herren Richter, einmal hat die Geduld des Staates ein Ende, und nach den neuen gesetzlichen Bestimmungen zur Verhinderung staatsfeindlicher Tätigkeit haben wir auch die Mittel in der Hand, um staatsfeindliche Umtriebe endgültig ausmerzen zu können. Hier ist es gelungen, einen Angehörigen dieser staatsfeindlichen Gruppen zu entlarven, welche durch ihre defaitistischen Äußerungen das Vertrauen der Truppe zur Führung untergraben. Der Angeklagte hat sich offen geweigert, seine Truppe weltanschaulich zu schulen und als politischer Führer vor seinen Soldaten aufzutreten. Er verdreht den unbedingten Kampfes- und Siegeswillen unseres unseres hohen Führers ins Sinnlose, indem er behauptet, der Führer würde mit dem letzten Bataillon auch in Potsdam noch kämpfen und selbst dieses opfern. Es ist bewiesen, daß der Angeklagte durch das Abhören feindlicher Sender und durch russische Flugblätter der Freiheitsarmee sich so hat beeinflussen lassen, daß er die Maßnahmen der militärischen Führung in Gegenwart seiner Kameraden in schärfster Weise kritisiert hat. Zusammenfassend muß er als ein Vertreter der inneren Feindgruppe bezeichnet werden. Dieser Mensch ist unverb V d I 66 pen DER PROZESS besserlich. Kalt und vaterlandslos- wie vorhin bei seiner Vernehmung- lehnte er es sogar ab, für die hohen Ideen des Nationalsozialismus einzutreten, welche die Grund- lagen des heutigen Staates bilden.“ Die Stimme nimmt immer mehr an schneidender Schärfe zu. In mir kocht langsam eine unwiderstehliche, erbit- terte Wut hoch. Aber mein Anwalt, der bisher über die Hauptpunkte sich fortgesetzt stenografische Notizen gemacht hat, legt mir nochmals beruhigend die Hand auf den Arm. Ich höre die Stimme des Anklägers wie durch einen Nebel:„Für einen solchen Menschen ist im national- sozialistischen Staat kein Platz. Er muß zerschmettert werden, damit seinen Ideen und seiner staatsfeindlichen Gesinnung endgültig jede weitere Wirkungsmöglichkeit genommen wird.- Ich beantrage gegen den Angeklagten wegen Zersetzung der Wehrkraft und staatsfeindlicher Betätigung in insgesamt sechzehn Fällen die Todesstrafe, Wehrunwürdigkeit und Verlust der bürgerlichen Ehren- rechte auf Lebenszeit.“- Es herrscht Totenstille im Saal. Der Vorsitzende des Gerichtes schaut mit undurchdringlichem Gesicht wie in weite Ferne, nur die beiden Beisitzer, der Staatsrat mit goldenem Parteiabzeichen und der Hitlerjugendführer mit dem goldenen Hitlerjugendabzeichen drücken durch ihre Haltung Zustimmung aus. Sie haben während der ganzen bisherigen Verhandlung noch kein Wort gesagt, das darauf schließen läßt, daß sie den Versuch machen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Der Ankläger schaut 67 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN mit Siegerpose im Saal herum. Dann setzt er sich mit der Gebärde eines Mannes, der eine schwierige Aufgabe erfolgreich und zufriedenstellend gelöst hat. In der allgemeinen Stille steht mein Verteidiger langsam auf, setzt sich das kleine, schwarze Barett auf und beginnt zu sprechen. Seine klare, sachlich überlegte, aufs äußerste konzentrierte Art sticht sofort wohltuend gegen die herausfordernd herabsetzende und verdächtigende Methode seines Vorredners ab, so daß dieser sich mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck, gleichsam achselzuckend zurücklehnt. Aber ich bin nicht mehr in der Lage, seinem Vortrag im einzelnen zu folgen. Das Gefühl, ohnmächtig an einen Stuhl gefesselt zu sein, während eine Gruppe kaltherziger, raffinierter Feinde mich zu verderben trachtet, ist zu übermächtig. Während das Blut mir in den Ohren saust, bemühe ich mich, äußerlich eine kalte und gleichmütige Haltung zu zeigen. Die Ruhe, welche aus den Worten meines Verteidigers strömt, beginnt auf mich allmählich zu wirken, läßt mich den Weg zu mir zurückfinden. Ich schicke ein kurzes Stoßgebet zum Lenker aller Geschicke. Erst ganz allmählich verstehe ich den Sinn der Worte, die in gleichmäßigen, wohlgeformten Sätzen zum Richtertisch herübergesprochen werden: ,, Der Herr Anklagevertreter hat in überzeugender Weise die Gefahr einer Sabotagegruppe mit staatsfeindlicher Einstellung für die gegenwärtige Lage des Krieges und für die Sicherheit des Staates geschildert. Er hat den Angeklagten als einen Vertreter dieser staatsfeindlichen 68 DER PROZESS & Gruppe charakterisiert und ihm nicht nur die Gutgläu- bigkeit abgesprochen, sondern sogar die Absicht unter- stellt, durch seine Handlungsweise die Wehrkraft zu Rz untergraben und damit den Sieg der deutschen Waffen 2 zu sabotieren. Wenn ich die Voraussetzungen für die Anklage unter- suche, auf denen sie aufgebaut ist, so kann ich die Folge- richtigkeit der Schlüsse und der Beweisführung, wie sie Y der Herr Anklagevertreter vorgenommen hat, nicht als bindend anerkennen. Wer die politische Einstellung des Angeklagten genauer betrachtet, kann ihm keineswegs von vornherein eine staatsfeindliche Haltung unterstel- len. Die Tatsache, daß der Vater des Angeklagten noch er heute als Landrat im Staatsdienst steht, scheint mir ein x hinreichender Beweis dafür zu sein, daß die Behauptung,) ” der Angeklagte sei in einer staatsfeindlichen Atmosphäre; En aufgewachsen, keinesfalls zutreffend ist. In den länd- Pr lichen Gebieten, wo der Angeklagte seine Jugend ver- r bracht hat, ist das politische Leben nicht so entwickelt ic! wie an den Brennpunkten der sozialen Gegensätze, zum Beispiel in den Industriegegenden und großen Städten. Da er sich mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, den bald in die Reichswehr einzutreten, lagen seine Interes- ei sen auf anderen Gebieten. Es gab für ihn also keine Ver- anlassung, sich mit politischen Fragen besonders zu befassen. Nach seinem Eintritt in die Reichswehr, ziem- lich bald nach Beendigung der Schulzeit, war ihm jeg- liche politische Betätigung gesetzlich verboten. Dieser den Zustand, daß es auch in der späteren Wehrmacht ver- 69 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN boten war, sich mit Politik zu befassen, hat sich erst während des Krieges durch die Erlasse des Führers ge- ändert, wodurch auch in der Wehrmacht eine zuneh- mende politische Betätigung im nationalsozialistischen Sinne befohlen wurde und durchgeführt werden mußte. Aber auch in seiner charakterlichen Veranlagung sind keine Anhaltspunkte gegeben, die die Aussagen der Belastungszeugen glaubwürdig machen. Der Angeklagte ist von Jugend an gewöhnt gewesen, sich ernsthaft mit den Fragen seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Die Men- schen aus dem Osten sind schwerer, in ihren Urteilen und Lebensanschauungen weniger beweglich. Das Wesen des Angeklagten, wie wir es aus einer großen Reihe ent- lastender Zeugenaussagen und aus den Urteilen aller seiner Vorgesetzten bestätigt finden, zeigt, daß er ein rechtschaffenes Urteil und ein großes Maß von Selbst- verantwortung besitzt. Er läßt sich nicht von Außerlich- keiten blenden. Persönlichen Nutzen aus einer gewissen Einstellung, einem gewissen Eingehen auf im Kurs be- findliche Meinungen zu ziehen, ist ihm fremd; sie sich zum Zwecke persönlicher Vorteile anzueignen, entspricht nicht seinem Charakter. Es ist ein Zug seines Selbstbe- wußtseins, wenn er über viele Dinge offen spricht, über die zu sprechen unvorsichtig, vielleicht sogar gefährlich ist. Aus diesen Charakterzügen heraus ist seine persön- liche Einstellung zu dem, was man ihm zum Vorwurf macht, zu erklären. Es wäre falsch, den Angeklagten als Mitglied einer defaitistischen oder Sabotagegruppe zu kennzeichnen, weil in keiner Weise der Beweis erbracht 70 ist bi 2 e h d N h £ h 8 V 0 A d d I st DER PROZESS ist, daß er mit einer solchen Gruppe überhaupt in Ver- bindung gestanden hat oder zu ihr gehörte. Der Angeklagte hat in drei Feldzügen bewiesen, daß er sein Heimatland liebt und ohne Rücksicht auf die eigene Person seine Pflicht erfüllt hat, was ihm die ausnahms- lose Anerkennung seiner Vorgesetzten und hohe Aus- zeichnungen eingebracht hat. Der Angeklagte ist von Natur offen und rechtschaffen. Er ist stets ein zuver- lässiger, wegen seiner Offenheit beliebter Kamerad ge- wesen. Er hat auch unter den schwierigsten Verhältnis- sen während eines langen, außerordentlich gefährlichen Rückzuges, der höchsten, persönlichen Mut und zähe Ausdauer von ihm verlangte, sich voll bewährt. Wenn wir diesen unwiderleglichen Tatsachen nun die Zeugenaussagen'gegenüberstellen, so ergibt sich dabei ein Gegensatz, der zunächst unerklärlich erscheint.- Die hier anwesenden drei Hauptbelastungszeugen behaupten, daß der Angeklagte bewußt durch seine Äußerungen die Moral und die Leistung der Truppe untergraben hat. Ich habe bereits dargetan, daß seine Abteilung während der Dauer seiner Zugehörigkeit Außerordentliches geleistet hat. Dies menschliche Problem muß zunächst einmal genau auf seine Hintergründe untersucht werden. Das Verhalten der Belastungszeugen in dieser Zeit ist außer- ordentlich aufschlußreich. Es steht fest, daß sie den Angeklagten niemals auf seine angeblich fortgesetzten defaitistischen Äußerungen aufmerksam gemacht haben; daß sie nur innerhalb der genannten Zeugengruppe mit- einander gesprochen haben wollen, während eine ganze 71 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN - Anzahl anderer Kameraden, die in dieser Zeit fortgesetzt mit dem Angeklagten in Berührung kamen, Äußerungen mit einer derartigen Zielsetzung übereinstimmend verneinen. Der Angeklagte ist mit der dienstlichen Leistung der Belastungszeugen, die ihm damals unterstanden, in keiner Weise zufrieden gewesen. Er mußte ihnen Nachlässigkeit im Dienst, Mangel an Zuverlässigkeit, ja teilweise sogar Mangel an Bereitschaft, sich persönlich Gefahren auszusetzen, in wiederholten, äußerst kritischen Fällen vorwerfen und hat diese Kritik auch in dieser Zeit mehrfach gegenüber vorgesetzten Dienststellen geäußert, wie die beiden Entlastungszeugen vorhin bekundeten. Nachdem der Angeklagte unter ehrenvollen Formen zu einem anderen Truppenteil versetzt worden ist und sich die Belastungszeugen in der üblichen kameradschaftlichen Weise von ihm verabschiedet haben, ohne ihm ein Wort über seine angeblich defaitistische Tätigkeit oder ihre Absichten zu sagen, wird er vierzehn Tage später unter der Anklage der Zersetzung der Wehrkraft auf Grund einer gemeinsamen Anzeige der drei Hauptbelastungszeugen verhaftet. Für jeden, der diese Dinge unvoreingenommen prüft, ist ohne weiteres klar, daß es sich bei dieser Denunziation um einen perfiden Racheakt handelt, bei dem die Hauptbelastungszeugen ihren früheren Vorgesetzten hereinreiten wollen, nachdem er ihnen nicht mehr schaden kann. - Betrachtet man sich die Persönlichkeiten der Belastungszeugen unter diesem Gesichtspunkt, so ergeben sich eine g 0 S 72 DER PROZESS ganze Reihe von weiteren Anhaltspunkten, die die Glaubwürdigkeit der Zeugen sehr stark in Zweifel setzen. Obwohl die Zeugen behaupten, dauernd mit dem Angeklagten zusammengewesen zu sein, sind ihre Aus- sagen keineswegs übereinstimmend. Jeder schildert an- gebliche Einzelheiten, von denen die anderen nichts wissen. Die Beweisaufnahme ergab, daß die Zeugen diese Unstimmigkeiten nicht erklären können. Der erste Be- lastungszeuge hat heute Aussagen gemacht, die in keiner seiner früheren Aussagen enthalten sind und die ihm angeblich entfallen waren. Selbst wenn man die beson- deren Verhältnisse einer Rückzugsschlacht berücksich- tigt, lassen sich derartige Widersprüche nicht erklären. Aus den Aussagen geht ferner hervor, daß schon eine kleine Änderung der Nuance in einem Falle eine schwere Belastung, im andern Falle eine starke Entlastung für den Angeklagten bedeutet. Damit haben die Aussagen aller Belastungszeugen weiter sehr stark an Wert ver- loren. Aus allem ergibt sich mit Sicherheit, einmal daß die Belastungszeugen gegen den Angeklagten außerordent- lich voreingenommen sind, dann aber auch der geringe Grad objektiver Bedeutung, der ihren Aussagen nur bei- gemessen werden kann. Die Absicht ist klar zu erkennen, daß die Zeugen den Angeklagten völlig zu Unrecht be- lasten wollen. Völlig unhaltbar wird schließlich die Aussage des Hauptbelastungszeugen dadurch, daß er als weiteren Beweis für seine neuen Anschuldigungen 73 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN andere Zeugen anführt. Diese aber bestreiten katego- risch, derartige Äußerungen gehört zu haben.“- Ich habe meine innere Ruhe wiedergewonnen. Das war die Wahrheit, wie sie mein Verteidiger jetzt aussprach. Aber welche Wirkung wird sie auf den Richter haben? Der Vorsitzende starrt unablässig auf das vor ihm lie- gende Aktenstück. Die beiden Beisitzer sehen gelang- weilt in den Saal. Der eine blickt verstohlen auf die Armbanduhr. Der Vertreter der Anklage spielt mit einem Bleistift, während die Belastungszeugen mit mür- rischen Gesichtern vor sich hinstarren. Mein Verteidiger hat einen kurzen Blick auf seine stenographischen Notizen geworfen, dann fährt er mit etwas erhobener Stimme fort: „Angesichts solcher Merkwürdigkeiten in den Zeugen- aussagen besteht aller Anlaß, deren Richtigkeit anzu- zweifeln und deren Wahrheitsgehalt genauestens zu prüfen, bevor man sie einem so schweren Urteil, wie es ein von der Anklage beantragtes Todesurteil dar- stellen würde, vollwertig zu Grunde legen kann. Der Angeklagte hat eine überzeugende Erklärung für die psychologischen Gründe angegeben, die zu den ihn belastenden Zeugenaussagen geführt haben können. Daß er im Kameradenkreis über die schweren Rückschläge sich ausgesprochen hat, ist durch sein Streben nach Wahrheit und einem ehrlichen Manneswort gerade in solchen Lagen, wie sie der Angeklagte erlebt hat, durch- aus erklärlich. Die außerdem vom Anklagevertreter mit 74 suI me W: Ge bri W wi hä äu sei Me Kor Ku De: We Die DER PROZESS 80- in die Erwägung gezogenen schriftlichen Zeugenaus- sagen können für die Urteilsfällung eine sichere Grund- war lage umso weniger bilden, als bei einer mündlichen Be- ich. fragung dieser Zeugen ihre am meisten belastende Be- ) hauptung, die Äußerungen des Angeklagten seien in| lie- zersetzender Absicht geschehen, hätte widerlegt werden Y ng können. die Von den vom Angeklagten namhaft gemachten Ent-\ a lastungszeugen hat das hohe Gericht nur zwei geladen. i 2 Die mündliche Vernehmung der übrigen Zeugen müßte ger daher in einer neuen Hauptverhandlung nachgeholt werden, falls das Gericht nicht schon jetzt zu der Auffas- e sung kommt, daß die zur Entlastung angeführten Mo- “6 mente für eine Freisprechung ausreichen. Was hat der Angeklagte nun wirklich getan? Er hat sich eu Gedanken gemacht und das eindrucksvolle Geschehen azu- mit seinen Kameraden besprochen. Ist das ein Ver-{ zu brechen? e e5 Wenn etwas Derartiges als Sabotage bezeichnet wird, dar- würde das bedeuten, daß unter den gegenwärtigen Ver- Der| hältnissen ein Mensch weniger Möglichkeiten zu Lebens- die i äußerungen hätte als ein Tier, denn auch ein Tier kann ihn| seine Gefühle noch frei äußern. Ich nehme nicht an, Daß meine Herren Richter, daß Sie einen solchen Zustand 5 konstituieren wollen. Es gehört zum Wesen des Jäge ir Kulturmenschen, daß der Mensch das Recht hat, sein i Denkvermögen zu betätigen. Es gehört ebenfalls zum z Wesen der Kultur, daß der Mensch sein Denken x nicht nur für sich abzumachen hat, sondern auch gegen- 75 nimm n FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN über seinen Mitmenschen die sich für ihn ergebenden Problemstellungen erörtern darf und muß. Denn nur so kann er zu einer inneren Klarheit und inneren Befreiung kommen. Es gehört zum Wesen unserer zweitausend- jährigen Zivilisation, daß wir die Erkenntnisse, die uns als verantwortungsbewußte Menschen bei diesem Nachden- ken und Besprechen kommen, auch frei äußern dürfen, sofern wir dabei nicht die Pflichten verletzen, die uns von der Allgemeinheit auferlegt sind. Es spricht unter diesen Umständen für den Angeklagten, daß er eine ver- antwortungsbewußte Kritik geübt hat. Daß der Ange- klagte mit seinen ihm gewordenen Erkenntnissen ver- antwortungsbewußt umgegangen ist, beweist die Tat- sache, daß er nur im engsten Kameradenkreise darüber gesprochen hat. Die Äußerungen des Angeklagten, die der Haupt- belastungszeuge jetzt gegen ihn ausspielen möchte, sind zum Teil auch auf die Unlust des Angeklagten über die Selbstüberheblichkeit und Redereien der Hauptbe- lastungszeugen zurückzuführen. Der Angeklagte mag damals auch mit den Belastungszeugen seine Sorgen ausgetauscht haben. Aber dieses muß als etwas moralisch Wertvolles und nicht als defaitistische Absicht betrachtet_ werden. Zahlreiche Aussagen bezeugen, daß er in Auf- treten und Haltung seine Soldaten stets zum tapferen Durchhalten ermahnt hat. Diese persönlich einwandfreie Haltung reiht sich würdig dem Verhalten seiner drei Brüder an.“ 76 DER PROZESS benden nur so freiung usenduns als chdendürfen, die uns unter me verAngen verLe Tatarüber HauptCe, sind ber die auptbee mag Sorgen poralisch rachtet n Aufapferen andfreie er drei Mein Verteidiger macht eine Pause. Es ist so still im Saal, daß man gehört hätte, wenn eine Stecknadel zu Boden gefallen wäre. Die Spannung ist aufs höchste gestiegen. Aber warum spricht mein Anwalt nicht weiter? Ich werfe einen Blick zu ihm. Sein Gesicht scheint mir ernster als vorher. Eine unerklärliche Unruhe erfaßt mich. Doch da beginnt er von neuem. ,, Nun habe ich die Pflicht, dem Gericht folgendes mitzuteilen. Heute vor einer Woche ist auch der jüngste Bruder des Angeklagten gefallen, nachdem die beiden anderen bereits früher ihr Leben im Dienst des Vaterlandes gelassen haben. Ich habe aus persönlichen Gründen dem Angeklagten hiervon bisher keine Mitteilung gemacht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein deutsches Gericht, das auf der Rechtsprechung aufbaut, die dem deutschen Volk inmitten der Welt durch Jahrhunderte hindurch Achtung verschafft hat, angesichts dieser Tatsachen zu einer Verurteilung des Angeklagten kommen kann. Ich bitte das hohe Gericht, zu bedenken, ob es zu verantworten ist, daß auf Grund derartig zweifelhafter und widerspruchsvoller Zeugenaussagen auch der letzte der vier Brüder den trauernden Eltern entrissen wird." Ich kann nicht mehr folgen. Mein letzter Bruder gefallen! Unser Peter Hubertus- unser kleiner Peter- tot?- Meine Fassung ist vorbei. Ein trockenes Schluchzen würgt mir die Kehle. Ich kämpfe verzweifelt, ich kann es nicht unterdrücken, während mein Verteidiger mit ruhiger Stimme nur noch wenige Worte spricht, die an meinem Ohr vorbeigleiten, ohne zu haften. 77 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Er macht nochmals eine kurze Pause; dann sagt er langsam, jedes Wort betonend: ,, Ich beantrage daher die Freisprechung des Angeklagten und sofortige Haftentlassung." Lange, minutenlange, atemlose Stille herrscht im ganzen Saal, während ich immer noch vergeblich um Haltung kämpfe Der Vorsitzende erhebt sich. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Mehrere der im Zuschauerraum anwesenden Kriegsrichter treten zu meinem Anwalt und schütteln ihm die Hand. Dann spricht mir mein Verteidiger seine Teilnahme zum Tode meines letzten Bruders aus. Ich habe mich so weit gefangen, daß ich äußerlich ruhig bin. Während ich eine Zigarette rauche, die er mir angeboten hat, höre ich rings die Äußerungen der Anerkennung, welche der Überzeugung Ausdruck geben, daß das Gericht einen Freispruch beschließen wird. Ich bekomme unter dem Eindruck dieser Äußerungen allmählich ein Gefühl starker, innerer Entlastung. Nein, kein Zweifel, ich muß freigesprochen werden. Das Netz von Lüge und Gemeinheit, das man um mich zu spinnen versucht hat, hat mein Anwalt in seiner meisterhaften, mehr als eine Stunde dauernden Verteidigung zerrissen. Ich habe plötzlich das Gefühl nagenden Hungers. Kein Wunder! Die Verhandlung dauert schon sechseinhalb Stunden, und ich habe heute morgen nur die übliche Scheibe trockenes Brot und eine Schale dünnen Kaffee zu mir genommen. En un zu m he M m S S S H V b I U e 11 N C I I 0 V " Z d t 0 78 Fer r die tent- h zur y an- ; und DER PROZESS Endlos schleichen die Minuten, während im Saal laut und lebhaft diskutiert wird. Ich bin immer noch unfähig zu sprechen, während ich noch ein paar Zigaretten meines Anwalts rauche und ab und zu dankbar zu ihm herüberblicke, der weiterhin von einem Kranz von Menschen umgeben ist. Er erwidert meinen Blick jedes- mal aufmunternd und zuversichtlich. Fast eine weitere Stunde ist vergangen, als das Gericht endlich wieder den Saal betritt. Die Gesichter sind undurchdringlich, die Haltung des Anklägers überlegen und selbstbewußt. Während alle Anwesenden sich setzen, muß ich stehen bleiben. Der Vorsitzende steht auf, sein roter Halsorden prangt unter seinem fahlen Gesicht. Mit kühler Stimme spricht er die Urteilsverkündung. „Das Kriegsgericht hat folgendes Urteil gefällt: Im Namen des deutschen Volkes wird der Angeklagte wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode und zum Verlust der Wehrwürdigkeit verurteilt. Die bürgerlichen Ehren- rechte werden ihm auf Lebenszeit aberkannt.‘- Ich fühle eine plötzliche Blutleere im Gehirn. Es ist, als ob mir die Beine unter dem Körper weggezogen werden. Mit äußerster Mühe halte ich mich aufrecht. Aber der Vorsitzende fährt mit gleichmütiger Stimme fort: „Begründung: Wenn auch nicht der Beweis für alle sech- zehn Punkte der Anklage erbracht werden konnte, so hat der Angeklagte durch seine Äußerungen und sein Auf- treten bewiesen, daß er ein Feind der bestehenden Staats- ordnung ist und in zersetzender Absicht Kritik an den 79 wen mir are hene FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Maßnahmen der Staatsführung geübt hat. Da ein der- artiges Verhalten geeignet ist, den Kampfeswillen der Truppe auf das schwerste in Mitleidenschaft zu ziehen, muß als warnendes Beispiel auf das höchste Strafmaß erkannt werden. Die von der Verteidigung angeführten Entlastungsmomente fallen dabei nicht ins Gewicht. Angeklagter, Sie haben keine Berufungsmöglichkeit gegen das Urteil! Wenn Sie aber eine Eingabe machen, so wird diese zusammen mit der Bestätigung des Urteils geprüft werden. Die Sitzung ist geschlossen.“- Ich stehe immer noch in starrer Haltung. Das Gericht erhebt sich und verläßt den Saal. Die beiden Beisitzer, der dicke, satte Staatsrat mit dem goldenen Parteiabzeichen und der Hauptmann mit dem goldenen Ehrenzeichen der HJ folgen. Sie haben während der ganzen Verhandlung kein Wort gesprochen! Ich bin wie betäubt unter dem Schlag, der mich so un- vorbereitet getroffen hat. Das ist doch nicht Wirklichkeit, das kann nicht Wirklichkeit sein. Ich sehe die beiden Entlastungszeugen auf mich zutreten und mir die Hand schütteln. Dann faßt mich mein An- walt am Arm und führt mich durch die Reihen der bereits stark gelichteten Zuschauer, die mir scheu Platz machen, zum Ausgang. Er ist blaß, seine Lippen sind fest geschlossen. Er spricht kein Wort. Draußen nimmt mich der freundliche Justizinspektor in Empfang. Sein Blick hat etwas Väterliches, als er mir zuflüstert:„Kommen Sie erst mal in mein Zimmer.“ 80 DER PROZESS Ich folge ihm mechanisch in sein kleines Zimmer am Ende eines langen Ganges. Mein Kopf ist leer. Er bietet mir einen Schnaps und eine Zigarette an, Ich muß mich auf einen Stuhl setzen; er tut so, als müsse er aus einem Schrank etwas hervorsuchen. Dann gießt er mir wortlos noch einen Schnaps ein, Ich weiß, daß das alles streng verboten ist, was er tut. Nach ein paar Minuten schließt er den Schrank und sagt höflich:„Wir müssen jetzt gehen. Ist es Ihnen recht?“- Ich stehe auf. Es ist ja alles so gleichgültig, was ich tue. Als wir vor das Gebäude treten, sehe ich mich suchend nach dem Kraftwagen um. Nach den Bestimmungen müßte ich als Verurteilter im geschlossenen Gefängniswagen abtransportiert werden „Wir können die paar Schritte ebenso gut zu Fuß gehen, es wird Ihnen gut tun“, sagt mein Begleiter. Es ist wie ein Geschenk, dieser Zug von Menschlichkeit, auf den ich nicht gefaßt bin. Wir gehen in der ersten Dämmerung durch die schlecht erleuchteten Straßen. Im Westen leuchtet die feurige Lohe des letzten Abendlichtes, Der Schnee knirscht unter unseren Füßen, während ich in tiefen Zügen die klare Abendluft genieße, Auf der Straße klappern ein paar niedrige Panjeschlitten vorbei. Ein mageres Plerdchen, dessen Atem wie weiße Pfeile vor den Nüstern steht. Auf dem Schlitten vermummte Gestalten mit Pelzmützen. Über mir im leuchtenden Blau steht ein einsamer Stern. Wir sprechen kein Wort. Wir kommen in eine Seiten- straße, wo kaum Menschen gehen. Die Fenster der Wohn- FERN UND EWIG LEUEHTET FRIEDEN häuser sind verdunkelt. Alles wirkt unwirklich in der Stunde des Zwielichts. Ein Gedanke durchfährt mich. Ein Faustschlag, ein Sprung um die Straßenecke, und du bist frei! Ich werfe einen Blick auf meinen Wächter. Der Beamte stapft ruhig und gleichmütig neben mir her, scheint sich um mich nicht zu kümmern. Nein, das geht nicht, dieser freundliche, alte Mann, der mir so viel Vertrauen ge- schenkt hat, bekommt die größten Schwierigkeiten und wird schwer bestraft, wenn er mich nicht richtig ab- liefert. Wir biegen um eine weitere Ecke, vorbei an einigen niedrigen, langgestreckten Holzhäusern und stehen vor dem Gefängnis. Die schweren, eisernen Tore öffnen und schließen sich. Eine gleichgültige Wache bringt mich zu meiner Zelle. Als er aufschließt, sehe ich ein schwar- zes Kreuz auf der Tür gemalt. „Was bedeutet das?“, frage ich betroffen.-„Es ist das Zeichen für die zum Tode Verurteilten, sie müssen be- sonders bewacht werden.“ Kaum habe ich mich auf meinen Hocker gesetzt, kommt der Wachführer, ein dicker, primitiver Kerl, der mich kalt mustert. „Sie müssen alle Messer und Scheren abgeben“, sagt er. „Es besteht Anweisung, daß kein zum Tode Verurteilter ein Messer oder eine Schere hat, auch Rasierklingen müssen abgegeben werden. Ich muß die Zelle durch- suchen.“ fnen nich nal- mm! mich DER PROZESS Während er die Zelle und meinen Koffer durchwühlt, frage ich ihn, wozu diese Bestimmung erlassen ist. Er richtet sich einen Augenblick auf und mustert mich.„Es ist wegen des Selbstmords‘“, antwortet er und beugt sich wieder zu meinem Koffer herunter. Der Spaziergang in der frischen Abendluft hat mir gut getan, und die taktvolle Zurückhaltung des braven Justizbeamten, der auf dem ganzen Weg kein Wort mit mir sprach, war von wohltuender Menschlichkeit. Ich habe mich etwas gefangen, bin aber eines klaren Gedan- kens noch nicht fähig. Ich habe brennenden Hunger, denn die Mittagssuppe im Gefängnis ist mir natürlich nicht aufgehoben worden. Kaum hat der Wachführer mit meinem Rasiermesser, Nagelschere und Taschenmesser in der Hand meine Zellentür verschlossen, als schon wieder Schritte auf dem Gang ertönen. Wieder wird meine Zellentür aufgeschlos- sen. Mein Unwille über die neuerliche Störung verwan- delt sich rasch in dankbare Freude, es ist der Gefängnis- pfarrer, dem kurz darauf mein Verteidiger folgt. Der Pfarrer bringt mir Butterbrote, ein paar Bonbons und Zigaretten. Beide sprechen freundlich und ruhig über die Ereignisse des Tages. Beide sind zutiefst erschüttert über das ungeheuerliche Urteil, das über mich gefällt worden ist. „Das Recht, das unveräußerliche Recht des Kultur- menschen auf freies Denken und freies Reden kann nicht schlimmer vergewaltigt werden als durch das Urteil gegen Sie“, sagt der Pfarrer.„Man will Sie zum Ver- 83 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN brecher stempeln." Er wirft uns einen raschen Blick zu. ,, Aber Sie sind es genau so wenig wie ich oder Ihr Verteidiger. Ein Staat, der eine derartige Justiz vorschreibt und Angehörige des Richterstandes findet, sie durchzuführen, steht außerhalb der Kultur. Wir haben uns bereits besprochen, und wir werden tun, was in unserer Macht steht, um die Bestätigung des Urteils zu verhindern und ein neues Verfahren gegen Sie durchzusetzen." ,, Ich habe bereits einen fertigen Plan", ergänzt mein Anwalt die Worte des Geistlichen. ,, Ich werde die Wiederaufnahme des Verfahrens fordern, und ich rechne mit Sicherheit, daß es mir gelingen wird. Es werden sehr harte Zeiten für Sie kommen, aber ewig wird diese Wirtschaft ja nicht mehr dauern. Im übrigen hatten die Herren Richter, mit denen ich noch zusammentraf, nur ein Interesse, nämlich möglichst rasch eine Partie Doppelkopf zustande zu bringen." - Nachdem ich während der Unterhaltung rasch zwei Butterbrote gegessen habe, sind meine Lebensgeister wieder etwas erwacht. Die Tatsache, daß die beiden wirklichen Freunde, die einzigen, die ich hier in Minsk habe, so rasch zu mir den Weg gefunden haben, ist mir wie ein gutes Omen und erfüllt mich mit neuer Zuversicht. Ich verspreche ihnen, daß ich keine unüberlegten Schritte tun werde. ,, Mein Weg ist klar; diesem Regime gegenüber habe ich keine Verpflichtung mehr. Ich bin mir keiner anderen Schuld bewußt, als daß ich nach der Wahrheit gesucht habe, auch wenn sie in Widerspruch zu der viel bequeme84 re ic m I 1 M b is S DER PROZESS k zu. ren öffentlichen Meinung und Unterordnung stand. Aber Ver- ich will mich nicht deswegen vernichten lassen, weil ich ibt mich nicht freiwillig zum geistigen Knecht der heutigen chzu- Machthaber habe machen lassen. Daß der Tod über mich beschlossen ist, ist nicht die Hauptsache. Das Wesentliche| ist, daß ich im tiefsten über die Feststellung erschüttert j bin, daß wir derartig tief heruntersinken und uns gegen- seitig der Menschenwürde berauben konnten, und daß sich Richter finden, die nach solchen Gesichtspunkten ein Urteil fällen! Aber das ist mein heiliges Gelöbnis: Ich werde nichts unversucht lassen, um aus diesen Fesseln mich zu be- freien, und dann werde ich nicht eher ruhn und rasten, bis diese menschenunwürdige Staatsführung stürzt!“ Der Pfarrer nickt ruhig mit dem Kopf.„Sie haben ein Recht auf geistige Freiheit“, sagt er,„und ein Recht auf Wahrheit wie jeder Mensch. Aber seien Sie sich darüber klar, daß dieses Recht zur Zeit unterdrückt ist und daß die meisten Menschen zu bequem sind, darum zu kämpfen. Viele können es auch nicht, weil es gleichbe- j deutend mit Selbstvernichtung wäre. Sie stehen als ein-? zelner Mann gegen einen ganzen Staat im Kampf. Bleiben Sie sich der Tragweite dieser Tatsache stets bewußt.— Im übrigen, Gott befohlen!“ Sie verabschieden sich mit einem Händedruck. Ich weiß, ich habe zwei treue Freunde, welche mich in der tödlich gefährlichen Lage, in der ich bin, nicht verlassen werden. Diese Überzeugung hilft mir über die nun folgende, end- los scheinende Zeit furchtbaren, zermürbenden Wartens 85 98 86 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN hinweg, trägt mich über das Gefühl elender Verlassenheit, stärkt mich für die weiteren Kämpfe. Dann falle ich in einen totenähnlichen Schlaf. Meine Widerstandskraft ist restlos verbraucht. ZWISCHEN ROD UND LEBEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN Als Is ich am folgenden Morgen erwache, brauche ich geraume Zeit, bis meine Gedanken sich in meiner neuen Lage zurechtfinden. Ich versuche, alle gefühlsmäßigen Regungen zu unterdrücken, die immer wieder hochkommen wollen; ich suggeriere mir, so gut ich kann, die Notwendigkeit stets vor Augen zu halten, daß ich alle Abwehrkräfte in mir wachrufen muß. Haß und Wut sind Augenblicke der Schwäche und zehren an den Kräften. Es ist mir klar, daß ich diese inneren Abwehrkräfte bis ins äußerste steigern muß, wenn ich unter der Todesdrohung, die jetzt in einer bisher unvorstellbaren Weise auf mir liegt, die kühle Überlegung und, wenn notwendig, die klare Konzentration zur Ausnutzung jener seltenen Augenblicke sozusagen griffbereit zur Verfügung haben will, um sie richtig erfassen zu können. Jene seltenen Augenblicke, die vielleicht eine Möglichkeit ergeben, mich aus meiner wirklich verzweifelten Lage zu befreien. Denn der Tod steht jetzt neben mir, er ist noch ganz anders mein Weggenosse geworden, als es im normalen. menschlichen Leben schon der Fall ist. Alles Aufbäumen gegen mein Schicksal, alle Stunden der Verzweiflung, die trotzdem immer kommen, ändern nichts an dieser ehernen Tatsache. Der Tod als Weggenosse! Nicht unbewußt, sondern unablässig und ständig bewußt! Ein Zustand dauernder, höchster Anspannung setzt ein; der ganze 89 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Körper lebt nur in dieser einen Richtung. Das Unter- bewußtsein, alles ist nur eingestellt auf Beobachtung meiner Umwelt. Auch im Schlaf verläßt mich dieser Zustand nicht mehr. Jeder eisenbeschlagene Schritt auf den Fliesen des Ganges, jedes Klappern von Schlüsseln oder Öffnen einer Zelle ruft eine Erregung in mir wach, die sich in ihrer vollständigen Beherrschung meines ganzen Ichs nicht beschreiben läßt und die nur der richtig verstehen wird, der selbst einmal in einer solchen Lage gewesen ist. Ich versuche, mir vorzustellen, wie mein Schicksal sich mir offenbaren und auf welche Weise die Entscheidung in mein Leben eintreten wird. Dies kann auf vielerlei Weise geschehen. Denn die illegalen Kanäle über Vor- zimmer und Schreibstuben arbeiten oft mit einer er- staunlichen Geschwindigkeit und Präzision, und so kann über jeden Wärter oder Kameraden„die“ Nachricht zu mir dringen. Ich muß aber darauf gefaßt sein, daß trotzdem täglich morgens, wenn um halb 6 Uhr ein eisenbeschlagener Schritt auf dem Korridor ertönt, dieser vor meiner Zelle halt macht, die Tür aufgeschlossen wird und eine barsche Stimme mir sagt, ich solle mich fertig machen. Das ist dann das Ende, denn dieses vorzeitige Wecken bedeutet die Bestätigung des Urteils, bedeutet, daß das Urteil bis Tagesgrauen vollstreckt sein muß, und das Ende meines Lebens. Rein äußerlich hat sich in meinem Leben hier in Minsk nicht viel geändert. Mit der Genauigkeit eines Uhrwerks 90 Unter- htung mehr. n des , einer ı ihrer nicht , wird, t. a] sich eidung jelerlei r Vor- er eI- o kann icht ZU täglich ageneT r Zelle yarsche Das ist ‚deutet teil biS meines Minsk rwerks ZWISCHEN TOD UND LEBEN läuft das Tagesprogramm der Gefangenen ab. Aber der Zustand der Unwirklichkeit beherrscht mich zwischen- durch derart vollständig, daß ich mir manchmal nicht klar bin, ob ich wirklich wache. So sehr mein heißer Wille zum Leben sich dagegen sträubt, ich muß mich mit der Frage der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen. Eine innere Stimme sagt mir, daß diese Frage mich nicht unvorbereitet treffen darf, wenn sie plötzlich an mich gestellt wird. Ich fühle den Schauer der Ewigkeit, und ich habe Gedankenpfade, auf denen ich mich langsam vorwärts taste so, als ob ich mit verbundenen Augen durch eine unbekannte Gegend gehen muß; Gedanken, welche mir vielleicht noch vor vierundzwanzig Stunden völlig fremd waren, von deren Bestehen ich nicht einmal etwas gewußt hatte. Manchmal spreche ich während der endlosen Stunden, die wir tagaus, tagein in dem GPU- Keller verbringen, mit meinem Zellennachbar darüber, vorsichtig, andeutungsweise, gleichsam wie durch einen Schleier, aber auch unter einem inneren Zwang. Als ich am Morgen nach meiner Verurteilung zum Waschen geführt werde und ich wieder die stumme Welle von Anteilnahme und Kameradschaft spüre, die man mir von seiten der übrigen Gefängnisinsassen ent- gegenbringt- denn sie sind längst durch den geheimen Nachrichtendienst über alles informiert-, und während ich fast mechanisch eine Reihe von Fragen über meinen Prozeß und die Verhandlung beantworte, stelle ich fest, daß ich die anderen bereits zum Tode verurteilten Schicksalsgefährten mit ganz anderen Augen betrachte 91 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN als vorher. Irgendwie bin ich mit ihnen auf eine neue Weise verbunden. Wir sind alle auf der Brücke zwischen Tod und Leben, obwohl unsere Haltung im einzelnen ganz verschieden ist. Wenn ich damals gewußt hätte, daß dieser Zustand des Wartens für mich noch weit über ein Jahr anhalten sollte, ich glaube, ich wäre innerlich zerbrochen. Aber ein gnädiges Geschick hat es mich nicht wissen lassen. Manchmal erkenne ich mit Erschrecken, wie ich unter dem lastenden Druck innerlich abstumpfe, bei voller Anteilnahme an den Schicksalen meiner Kameraden innerlich härter werde. Dabei ist der Begriff der Kame- radschaft nach wie vor der einzige Gradmesser der Men- schen hier, an dem die äußeren Umstände nicht rütteln können. Nur nach ihm werden die Menschen gewertet, und das edle Licht gegenseitiger Hilfsbereitschaft leuchtet als vielleicht einzige, wahre Tugend über dieser Stätte des Grauens. Sie ist auch für mich die einzige Hoffnung. Nur durch die Kameraden kann der Weg zur, Freiheit führen. Dieser Weg aber bedeutet zahlreiche andere Gefahren, denn er kann nur zu den Partisanen, dem Feinde führen. Gleich am ersten Morgen nach dem Prozeß bitte ich G., mir eine Verbindung zu den Partisanen zu verschaffen, auf welche sich ein Fluchtplan aufbauen läßt.„Das wird für Dich der Rubikon sein“, flüstert er mir zu.„Stimmt“, antworte ich,„jeder hat irgendwann im Leben seinen Rubikon. Aber wir müssen erst mal wissen, ob es hier 92 eine schi gli ge au neue schen elnen d des halten Aber ZWISCHEN TOD UND LEBEN einen für mich gibt.“ Er verspricht, mir Nachricht zu schicken. Am Nachmittag besucht mich der Gefängnisgeistliche. Auch mein Verteidiger will noch einmal kommen. Er hat erst am folgenden Tage die Möglichkeit zurückzufahren. - Der Pfarrer ist von einer aufnahmebereiten Freundlich- keit. Er dringt nicht weiter in mich, aber ich fühle, daß er weiß, was in mir vorgeht, daß er den Sturm kennt, der in mir tobt. Wieder hüllt mich in seiner Gegenwart das überzeugende Bewußtsein ein, daß er mir zur Seite stehen wird, und dieses Bewußtsein tröstet und erquickt. So findet mich mein Anwalt in verhältnismäßiger Ausge- glichenheit vor, als er sich am Nachmittag von mir verab- schiedet. Vor diesem Abschied empfinde ich naturgemäß etwas Furcht. Mein Anwalt ist der einzige Mensch, der mein Schicksal noch zum Guten wenden kann. Mein Ver- trauen zu ihm ist felsenfest. Ich erzähle ihm von meiner Absicht, zu den Partisanen zu flüchten. Er scheint über das Phantastische dieses Planes keineswegs erstaunt zu sein. Nachdem er mir ein kleines Paket mit belegten Broten und die heißersehnten Zigaretten in die Hand gedrückt hat, nötige ich ihn, sich auf meinen Platz für Besucher, den Hocker, zu setzen, während ich selbst mich auf meinen wellenförmigen Strohsack niederlasse. Wir haben eine ungestörte halbe Stunde, die wir seiner ge- schickten Behandlung der Wärter verdanken. Nach kur- zem Sinnen, währenddessen ich mir eine seiner Zigaretten anzünde, nimmt er zu meinem Plan Stellung. 93 Il j) FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN ,, Nach der kürzlichen Entführung aus dem Gefängnis scheint es mir äußerst schwierig, daß Ihnen eine Flucht hier aus dem Gebäude gelingt. Als Untersuchungsgefangener, in Erwartung der Bestätigung eines bereits gefällten Todesurteils, wird man Sie auch nicht zu Arbeiten außerhalb des Gefängnisses heranziehen. Bei der erfolgreichen Arbeitsweise der heutigen Justiz", fügt er mit leichter Ironie in der Stimme hinzu ,,, hat man genügend leichtere Fälle für die Außenarbeit zur Verfügung. Es bliebe also nur die Möglichkeit, eine Flucht zu erwägen, wenn Sie hier abtransportiert werden. Daẞ man Sie bei den Partisanen nicht kennt, bedeutet eine weitere Erschwerung." Er öffnet seine Mappe und sieht die darin befindlichen Papiere durch. ,, Ich habe hier noch eine Abschrift der Anklage gegen Sie, denn Sie müßten sich, wenn Ihnen die Flucht von Ihren Begleitmannschaften gelungen ist, beim Zusammentreffen mit den Partisanen überzeugend ausweisen. Über die Gefahr, daß Sie beim Zusammentreffen erschossen werden, sind Sie sich ja wohl klar." ,, Das habe ich mir auch schon überlegt. Ich will versuchen, einen Partisanenpaß zu bekommen." ,, Wie steht es mit Ihrem Russisch?", fragt er weiter. ,, Leider nur einige Brocken. Aber vielleicht kann ich mir hier einen kleinen Sprachführer besorgen." ,, Auf diesem Gebiete kann ich leider nichts für Sie tun. Wenn ich Ihnen etwas in einem Päckchen schicke, wäre das gleichbedeutend mit der Preisgabe ihres geheimen Planes, und das Ergebnis wären unangenehme Sicherung ,, Ich bish Er taus scha zeu mer ,, Ich in insa ich sten bek hin Die tief fähr Ob kla Bew wer verf den Ich gew Der vor und 94 ZWISCHEN TOD UND LEBEN ngnis lucht efanereits u Arei der ügt er I man r VerFlucht . Daß et eine lichen Gift der Ihnen en ist, eugend entrefill verweiter. ich mir Sie tun. , wäre heimen Sicherungsmaßnahmen gegen Sie. Haben Sie genügend Geld?" ,, Ich glaube doch. Ich habe zweitausend Mark, die ich bisher verborgen gehalten habe." Er zieht wortlos seine Brieftasche. ,, Hier sind noch tausend Mark. Wenn Sie es damit nicht schaffen, dann schaffen Sie es mit Geld überhaupt nicht. Sind Sie überzeugt, daß Sie hier wirklich zuverlässige Angaben bekommen?" ,, Ich glaube doch, denn wir haben ja Beweise dafür, daß in ganz kurzer Zeit zweimal die Flucht von Gefängnisinsassen gelungen ist. Wie die Verbindung läuft, weiß ich noch nicht. Aber ich werde es bestimmt in den nächsten Tagen erfahren. Ich werde versuchen, eine Karte zu bekommen; ohne diese wird der ganze Plan sowieso hinfällig." Die Minuten eilen unerbittlich. Ich spüre deutlich den tiefen Ernst, der aus seiner Stimme spricht, als er fortfährt: ,, Die Entscheidung kann Ihnen niemand abnehmen. Ob das Risiko sich lohnt? Denn darüber sind Sie sich wohl klar, daß Sie auf der Flucht ohne weiteres von Ihrer Bewachung wie auch bei einer Verfolgung- erschossen werden. Und wenn man Sie einfängt, kann im Schnellverfahren ein Todesurteil gegen Sie ausgesprochen werden, das dann unmittelbar vollstreckt wird." - Ich überlege einen Augenblick. ,, Das muß ich allerdings gewärtigen", füge ich hinzu. Es tritt eine kurze Pause ein. Der Ernst der Stunde, die Möglichkeit, daß wir vielleicht vor einem Abschied für immer stehen, schlägt uns mehr und mehr in seinen Bann. Mein Besucher sieht auf die 95 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Armbanduhr. ,, Wir haben noch eine Viertelstunde, wenn sich die Wache an ihre Zusage hält. Ich will Ihnen jetzt noch Näheres sagen, wie ich selber vorzugehen beabsichtige. Sie sind ja nicht der erste politische Angeklagte, den ich heraushauen mußte", fügt er ermunternd hinzu. ,, Ich werde zuerst die Untergrundbewegung für Sie interessieren; sie ist zwar nicht so stark, daß sie aktiv arbeitet, jedoch hat sie ihre Verbindungen fast unter den Augen der Gestapo bis in die Vorzimmer der höchsten Stellen, ja bis zu diesen selbst, und macht auch vor dem Nimbus der Kriegsgerichte nicht halt. Ich werde versuchen, daß ich einmal die Bestätigung des Urteils so lange wie möglich hinausziehe. In einem gewissen Umfang wird das bestimmt gelingen." Er schickt mir wieder einen ermunternden Blick zu. ,, Das Ziel ist dabei entweder die Umwandlung der Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe oder im besten Falle die Aussetzung des Verfahrens und Frontbewährung. Das letztere wird sehr schwer zu erreichen sein." ,, Ich würde die erste Gelegenheit benützen, um zum Feinde überzugehen", sage ich rasch entschlossen. ,, Das weiß man, weil derartige Fälle oft genug passiert sind", antwortet er mit feinem Lächeln, wohl über meinen Eifer. ,, Deswegen ist es auch so schwierig, die Frontbewährung durchzusetzen. Und als drittes und letztes werde ich durch eigene Eingaben versuchen, eine Wiederaufnahme des Verfahrens und eine neue Hauptverhandlung zu erreichen. Aber ob es mir gelingen wird, weiß ich noch nic he sta ma ni po A sa P ic Ei K de H de D bi m Ic SC V hi sa ga na be de er So 96 , wenn en jetzt eabsichgte, den zu. ,, Ich interesarbeitet, Augen Stellen, Nimbus men, daß wie mögwird das zu. ,, Das desstrafe die AusDas letzum zum n. passiert über meiewährung werde ich aufnahme dlung zu ich noch 7 ZWISCHEN TOD UND LEBEN nicht; dazu ist die ganze Handhabung der Militärjustiz heute viel zu summarisch und die Struktur des Nazistaates viel zu sehr erschüttert und unterhöhlt, als daß man auf das einzelne Menschenleben so viel Rücksicht nimmt, wenn es sich um die angebliche Sicherung der politischen Zielsetzung handelt." دو Auf dem Gang ertönen Schritte. ,, Achten Sie auf Spitzel", sagt er mir rasch noch leise. Wenn die Flucht zu den Partisanen klar ist, schreibe ich Ihnen als Stichwort, daß ich Besuch bekommen habe", antworte ich, einer inneren Eingebung folgend. Dann öffnet sich die Tür, während K. sich erhebt. Ein paar Briefe hatte er schon zu Anfang des Besuches an sich genommen. Er drückt mir die Hand. ,, Auf Wiedersehen", sagt er betont. ,, Ja, auf Wiedersehen! Und vielen, vielen Dank." Die Tür schnappt ins Schloß, ich bin allein. Das letzte bißchen Heimatgefühl hier im fernen Rußland ist mir mit diesem Abschied genommen. Ich versinke in langes Grübeln. Ein leises Grauen beschleicht mich vor der menschlichen Einsamkeit, die jetzt vor mir liegt. Die Reihen der Kameraden, die mit mir hier das gleiche Los tragen, lichten sich täglich. Schicksale vollenden sich, Leben verlöschen, die vielleicht noch gar nicht gelebt waren. Die Erschießung meines Zellennachbarn zur Linken, dessen Todesurteil in diesen Tagen bestätigt wird, macht mich einen ganzen Tag unfähig zu denken. Als ob er geahnt hätte, was ihm bevorsteht, war er in den letzten Tagen von fast unbeschreiblicher Schwermut gewesen. Hatte kaum noch mit mir ge97 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN sprochen. Nur nachts hatte er ein paarmal aufgeschrien. Als am übernächsten Tage, morgens um war, halb 6 Uhr der bekannte Schritt der Wache ertönt und in der Nähe meiner Tür langsamer wird, schlagen mir die Zähne wie in einem Frostschauer zusammen. nachdem mein linker Noch eine Stunde hinterher, nachdem Nachbar in die Todeszelle gebracht worden bin ich wie in kaltem Schweiß gebadet. Es ist ein Glück für ihn und auch für mich, daß er sich innerlich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben scheint, daß er es gleichsam willenlos über sich ergehen läßt. In dieser kraftlosen, letzten Stunde seines Lebens gelingt es auch dem Gefängnisgeistlichen nicht mehr, die Flamme des Gottvertrauens in ihm zu entzünden. Ich konnte ihm nicht einmal ein paar Abschiedsworte mehr sagen, so rasch war alles gekommen. Aber ich hatte schon früher versprochen, seine Familie zu grüßen. Zum erstenmal klingt eine leise, aber deutlich vernehmbare Mahnung in mir auf, daß ich mich dem Leiter aller Geschicke anvertrauen müsse, dessen unerforschlicher Ratschluß uns alle auf diesen Weg des Leides geführt hat. Wie eine Vision steht ein Bild vor mir auf- ich sehe ein sonnenbeschienenes Land vor mir erstehen, Menschen leben dort, aber es sind keine Menschen dieser Erde, denn in diesem Lande herrscht ewiger Friede. Leise Musik tönt im Rauschen des Windes, der durch die Kronen ehrwürdiger Bäume streicht. Menschen arbeiten auf den Feldern. Ihre Gesichter sind rein, gleichsam von innerem Licht verklärt, und während sie gehen und a M ba B d F S H k e W u go S e I Z 0 K B u e K W b 98 aufges um ertönt chlagen ammen. linker war, Glück ich mit aß er es dieser es auch me des te ihm agen, so früher ernehmter aller schlicher ührt hat. sehe ein Menschen er Erde, e. Leise urch die arbeiten sam von men und ZWISCHEN TOD UND LEBEN arbeiten, schreiten sie nicht dumpf und schwer wie die Menschen dieser Erde, es ist, als ob sie von einer unsichtbaren Kraft getragen werden, die ihnen gleichzeitig ihre Bewegungen vorzuschreiben scheint. Vielleicht sind es die Gefilde der Seligen!, fährt es mir durch den Sinn.- Frieden auf Erden? Ist der Mensch auf dieser grausamen und habgierigen Erde überhaupt fähig zu denken, was wahrer Frieden ist? Warum ist kein Frieden auf Erden?- Während ich in einem Zustand bin, von dem ich nicht klar weiß, ob ich wache oder schlafe, werde ich durch eisenbeschlagene Schritte auf dem Gang in die Gegenwart zurückgerufen. Die Wache schließt die Zellen auf und schaltet das Licht ein. Als ich zum Waschen herausgehe, bleibe ich einen Augenblick vor der Todeszelle stehen. Vielleicht hat mein Zellennachbar dort noch etwas liegen gelassen, vielleicht eine Nachricht für mich? Ich sehe die Wache am Ende des Ganges mit dem Rücken zu mir gewandt vor einer Zelle stehen. Rasch trete ich in die Todeszelle. Eine Zelle wie jede andere liegt vor meinen Blicken. Aber nichts deutet darauf, daß mein Kamerad etwas für mich hinterlassen hat. Da bleibt mein Blick auf dem Tisch haften. Dort steht ein Teller mit drei Wurstbroten, daneben eine Flasche Bier mit einem Glas und sechs Zigaretten- die Henkersmahlzeit sehe ich zum erstenmal leibhaftig vor mir. Wenn mein erschossener Kamerad mir auch nichts hinterlassen hat, diese letzte Wegzehrung, die er nicht angerührt hat, hätte er mir bestimmt gegönnt, mir eher als dem Wärter; denn diese 7" 99 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Dinge wandern bestimmt nicht wieder in die Küche zurück. Rasch verschwinden die Wurstbrote und Zigaretten in meiner Tasche. Mein Kamerad hat sie nicht mehr nötig mein Kampf ist noch nicht ausgekämpft, und ich werde alle Kraft brauchen, um ihn weiterzukämpfen. Einen Augenblick durchzuckt mich der Gedanke, daß ich es vor einer Woche noch nicht fertiggebracht hätte, die übriggebliebene Henkersmahlzeit eines Freundes zu verzehren. Aber muß ich nicht meinen Weg weitergehen? Im Waschraum frage ich G. nach den Partisanen, während ich ihm auf seine Bitte eine von den soeben erworbenen Zigaretten gebe. ,, Du mußt Dich jetzt jeden dritten Tag rasieren lassen", sagt er. ,, Wenn der blonde Harry kommt, sprich offen mit ihm. Frag ihn nur nach seinem Namen. Im übrigen-", er legt den Finger auf die Lippen. Wir werden getrennt. Am Nachmittag kommt ein unbekannter Soldat zu mir. Der Wächter kündigt ihn mit gleichgültiger Stimme an. ,, Der Friseur ist da", dann läßt er uns beide allein. Der Mann, der vor mir steht, ist mittelgroß, untersetzt, sehr stämmig, seine rötlichblonden Haare stehen stachlich um das glattrasierte, nichtssagende Gesicht. Die kleinen, etwas wässerigen Augen verleihen ihm fast den Ausdruck einer gewissen gutmütigen Schläfrigkeit, die im Gegensatz zu dem schmallippigen Mund über dem fast brutal erscheinenden Kinn zu stehen scheinen. Meine Sinne sind ganz wach. Ich frage ihn nach seinem Namen. ,, Ich bin der blonde Harry", sagt er mit einem merkwürdigen Unterton ,,, mein richtiger Name ist Harry R V S S Z 100 Küche garetmehr nd ich n. aß ich te, die u veren? währworritten Harry seinem Lippen. u mir. me an. n. Der t, sehr ich um leinen, Ausdie im m fast seinem einem Harry ZWISCHEN TOD UND LEBEN R.", fügt er gleichsam warnend hinzu. Ich fühle mich von dem Mann zugleich angezogen und abgestoßen. Sollte sich G. geirrt haben? Ich weiß, was auf dem Spiele steht, muß an meines Anwalts Worte denken, der mich zum Abschied nochmals so dringend vor Spitzeln gewarnt hat. Während ich mich auf dem Schemel sitzend einseifen lasse, frage ich ihn- nach seiner Strafe. ,, Ich bin ein Politischer, fünf Jahre Zuchthaus, man hat mir nichts beweisen können." Seine Augen bekommen einen fanatischen Glanz; sie blicken kalt und hart und haben nichts mehr von der schläfrigen Gleichgültigkeit von vorhin. - Ich kann mich nicht entschließen, dem Mann mein Vertrauen zu schenken. Er erzählt mir Einzelheiten von der Flucht der Kameraden, die beim Brotholen entwischt sind. Sie sind einzeln bei Tage mit russichen Papieren, als Bauern verkleidet, ganz offen durch die Postenkontrolle gegangen. Wir sprechen hin und her. Ich bleibe unfrei. Vielleicht soll ich doch offen sprechen? Da fragt mein Besucher ganz gerade heraus: ,, Du willst Dich doch von diesen Bestien nicht umbringen lassen?" ,, Keinesfalls", antworte ich, aber meine Gedanken sind nicht bei seinen Worten, sind mit dem Problem dieses Mannes beschäftigt. Da kommt die Wache zurück. Der ,, blonde Harry" verabschiedet sich. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten. Die Augen zeigen eine schläfrige Gleichgültigkeit. G. ist am nächsten Morgen sehr erstaunt, als ich ihm beim Waschen meine Bedenken vortrage. Fast stutzt er 101 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN einen Augenblick, dann schlägt er mit der Hand durch die Luft. ,, Der Mann ist in Ordnung, aber Du darfst mit keinem anderen als mit ihm und Ira sprechen."- " , Wer ist Ira", frage ich zurück. Er lächelt einen Augenblick spitzbübisch: ,, Ira zieht das ganze Gefängnis an der Nase. Sie ist die einzige russische Küchenhilfe hier in diesem Männerkloster. Du wirst schon selber sehen." Dann werden wir wieder getrennt. Ich beschließe, mit dem blonden Harry zu sprechen. Aber er kommt erst zwei Tage später. Was dieser Zeitverlust für mein weiteres Schicksal bedeuten sollte, war mir damals nicht klar; ich merke es erst, als es bereits zu spät ist. ic li W G e H Meine Gedanken sind jetzt fast nur noch mit den Fluchtplänen beschäftigt. Ich will auf jeden Fall den Versuch machen, mit Hilfe der Partisanen aus dem Gefängnis herauszukommen. Wenn ich aber früher abtansportiert werde, als sich das verwirklichen läßt, muß ich versuchen, bei dem Transport zu entfliehen. Endlich steht der blonde Harry wieder in der Tür. Seine schläfrigen Augen blicken uninteressiert und ausdruckslos, als er mich zum Rasieren einseift. Ein Glück für mich, fährt es mir durch den Sinn, daß ich mich nach dem Todesurteil nicht selbst rasieren darf; nur so kann 102 6 lurch inem ugen- n der jer in hen.“ Aber erlust r mir its ZU Jucht- ;rsuch i ngnis „rtiert \ ver- ZWISCHEN TOD UND LEBEN ich die Verbindung über R., wie der blonde Harry wirk- lich heißt, mit den Partisanen aufnehmen. Die alte Wahrheit, daß jede schlechte Sache zumeist auch etwas Gutes mit sich bringt, das man aber erst suchen und entdecken muß! Da der blonde Harry keine Anstalten macht, auf das Thema zu kommen, das mich so brennend beschäftigt, beschließe ich, direkt auf mein Ziel loszu- gehen. „Du hattest ganz recht, wie Du mich das letztemal frag- test. Nein, ich will mich nicht umbringen lassen. Aber wie soll man es anstellen? Gibt es irgendwelche Freunde, die mir helfen würden?“ Harry unterbricht seine Tätigkeit einen Augenblick und sagt so nebenher:„Wenn man zu den Partisanen geht, werden die einen schon aufnehmen.“ Sein schläfriger Gesichtsausdruck ist vollkommen verschwunden. Er hat einen Ausdruck wie ein Tier, das auf der Lauer liegt. „Aber wie hier rauskommen?“, führe ich das Gespräch tastend weiter.„Hast Du Geld?“, stellt er die Gegenfrage. „Die Organisation braucht Geld zum Bestechen und zum illegalen Waffenkauf.“ Ich beobachte Harry scharf. Soll ich den Sprung wagen? Noch ist nichts gesagt! Aber wenn ich jetzt antworte, ist die Entscheidung gefallen. Mein Instinkt sagt mir, daß G. zuverlässig ist. Ich wage es!-„Geld hätte ich schon; wieviel würdest Du brauchen?“„Unter tausend Mark lohnt es sich nicht vorzuschlagen, der Betrag ist zugleich eine Bürgschaft, daß kein unehrliches Spiel getrieben wird.“ nr art Beate FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Komisch, muß ich denken, jetzt sind die Rollen umge- kehrt. Ich muß jetzt das Mißtrauen des anderen über- winden.„Es bleibt mir kein anderer Weg, das weißt Du ja, aber es muß rasch gehen. Wenn ich plötzlich abtrans- portiert werde, muß ein genauer Plan vorliegen.“ „Wann kannst Du das Geld geben“, fragt er zurück. „Sowie ich die Unterlagen bekomme, wo die Partisanen sind. Ich muß einmal eine Karte haben mit genauen An- gaben, wohin ich fliehen muß, und dann muß ich Adres- sen bekommen hier in der Stadt, wenn es mir gelingen sollte, aus dem Gefängnis zu entweichen. Aber es muß so bald wie möglich sein. Man weiß nie, was die mit einem machen. Plötzlich komme ich hier fort, und dann ist es zu spät, wenn nicht alles vorbereitet ist.“ „Ich muß vorsichtig sein, da ich schon beobachtet werde“, antwortet Harry.’„Ich kann erst in drei Tagen wieder- kommen, ohne Aufsehen zu erregen. Ich werde ver- suchen, daß Ira hier unten eine Arbeit hat, wenn ich Dich das nächstemal rasiere. Du kannst dann selbst mit ihr sprechen. Aber sage ‚Sie‘ zu ihr, sonst fühlt sie sich ver- letzt.“ Harry ist fertig, die Wache holt ihn ab. Sein Gesichts- ausdruck ist schläfrig und gleichgültig wie immer. In den nächsten Tagen fiebre ich vor Erwartung. Am Nachmittag kommt der Pfarrer zu mir. Ich erzähle ihm von meinem Plan und frage ihn nach seiner Meinung. „Jeder Mensch muß den Weg gehen, den ihm Gott weist. Es kommt alles darauf an, zu erkennen, was verlangt Gott von mir jetzt. Nur wenn man hierüber Klarheit hat, ist 104 We ZWISCHEN TOD UND LEBEN mgeüberBt Du transsanen n AnAdreslingen s muß ie mit dann erde", iedere verDich mit ihr h versichtsg. Am le ihm inung. weist. gt Gott mat, ist man für jede Lebenslage vorbereitet", sagt er ausgeglichen wie immer. ,, Ich kann weder zu- noch abraten. Aber wenn Sie überzeugt sind, daß Sie den Versuch machen müssen, wird Ihnen Gott helfen. Einen russischen Sprachführer werde ich Ihnen beschaffen. Außerdem müssen Sie etwas Proviant sammeln. Haben Sie etwas, wo Sie ihn hineintun können?" Ich unterziehe rasch meine geringen Habseligkeiten einer Prüfung. ,, Doch, Herr Pfarrer, ich habe einen Segeltuchbeutel, der mich nicht sofort bei einer Kontrolle kenntlich macht." Schon am nächsten Tage erhalte ich den Sprachführer. Ich sammle von den knappen Tagesrationen Brotscheiben, hebe etwas von den traurigen Henkersmahlzeiten auf, deren Reste ich mir immer wieder hole, spare ein paar Zigaretten. Ich mache mir unmerkliche Zeichen bei bestimmten Redewendungen in dem Sprachführer und mache täglich mehrere Stunden Sprechübungen. Da bringt mir der brave P. eine elektrisierende Nachricht! Er arbeitet jetzt in der Schreibstube des Gefängnisses und holt mir ab und zu etwas Tabak. Eine Anfrage wegen meines Abtransports ist eingetroffen! Die Vollstreckung oder Bestätigung über mein Urteil wird am Sitz des Gerichts sein, wenn mein Fall seinen normalen Geschäftsgang geht. Voll innerer Spannung schreibe ich meinem Anwalt einen Brief und teile ihm das Stichwort mit, das die Tatsache meiner Flucht zu den Partisanen ihm bekanntgeben soll. So vergehen die nächsten Tage rasch. Endlich ist die ver105 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN abredete Zeit da, und Harry erscheint mit dem üblichen schläfrigen Gesichtsausdruck. Als die Wache sich entfernt hat, flüstert er mir zu: ,, Ira wird gleich kommen. Sie muß auf dem Gang Kammern aufräumen. Ich passe so lange an der Tür auf, wenn Du mit ihr sprichst." Nachdem er einen Augenblick gewartet hat, macht er die Tür auf und hustet einmal laut auf dem Gang. Fast wie aus dem Boden gewachsen steht eine junge Russin vor mir, während Harry die Tür halb offen hält und durch den Türspalt weiter den Gang beobachtet. Ich sage halb befangen: ,, Sie sind Ira", während ich versuche, meine Überraschung über das junge, anmutige Mädchen zu meistern, das dicht neben mir steht. Vielleicht ist es auch eine junge Frau. Ich kann ihr Alter schwer schätzen, es kann aber nicht viel über zwanzig sein. Aus dem ebenmäßigen Gesicht blicken blaue, etwas schräggestellte Augen mich kühl und prüfend an. Der Ausdruck des Gesichts ist bestimmt von einem etwas fremdländischen, aber sehr kleidsamen Reiz, der gut zu den vollen, roten Lippen und der ein klein wenig aufwärts strebenden Nase paẞt. Sie trägt ein rotes Kopftuch, das die blonden, etwas strohigen Haare mit Ausnahme einiger widerspenstiger Strähnen fast vollständig verdeckt. Unter dem groben Arbeitskittel zeichnet sich das Ebenmaß ihrer kräftigen, jungen Gestalt deutlich ab. Der Gesamteindruck deutet auf Intelligenz und Selbstbewußtsein. Aber eine gewisse Ausdruckslosigkeit läßt durch das so ansprechende Äußere den Menschen, der dahinter steht, nicht erkennen. ,, Ich bin Irina", sagt sie in hartem, etwas gebrochen kling „ Ich die d stuh mir. Sie schw rasch We fragt währ klein deut ihrer hat. Ich gebe Gu hole Ach wid Ab Kar ich Mir mir spür Sie Gu 106 ZWISCHEN TOD UND LEBEN iblichen ich entKommen. ch passe hst." ht er die Fast wie ussin vor and durch Sage halb e, meine chen zu ht ist es er schätAus dem ggestellte Truck des indischen, len, roten nden Nase den, etwas spenstiger m groben kräftigen, ack deutet e gewisse prechende cht erkengebrochen klingendem Deutsch. ,, Sie wollen zu den Partisanen?" ,, Ich muß, wie Sie wissen", antworte ich erstaunt über die direkte Frage. ,, Wollen Sie nicht auf meinem Gästestuhl sitzen?" Ich deute lächelnd auf den Hocker neben mir. Sie schüttelt den Kopf.„ Ich muß sehr schnell verschwunden sein, wenn jemand kommt. Sprechen Sie rasch!" ,, Werden Sie bei Partisanen gegen Deutsche kämpfen?", fragt sie weiter. Sie mustert mich ununterbrochen scharf, während sie sich leicht und etwas lässig gegen den kleinen Tisch lehnt, so daß die Linie ihrer Brust sich deutlich durch den Wollstoff abzeichnet. Ich erwidere ihren Blick, der etwas Faszinierendes, fast Befehlendes hat. ,, Ich werde bei den Partisanen gegen Deutsche kämpfen", gebe ich die erwartete Antwort, jedes Wort betonend. ,, Gut", sagt sie. ,, Wir werden versuchen, Sie herauszuholen. Augenblicklich...", sie zuckt wegwerfend mit den Achseln ,,, Bewachung ist zu scharf." Sie streicht sich eine widerspenstige Haarsträhne unter das Kopftuch. ,, Aber für den Eisenbahntransport brauche ich eine Karte, ich will versuchen zu fliehen, ich muß wissen, wo ich aus dem Zug springen kann!" Mir geht alles fast zu langsam. Sie steht so dicht neben mir, daß ich mir einbilde, die Wärme ihres Körpers zu spüren. Sie scheint mit dem Ergebnis ihrer Musterung zufrieden. ,, Gut", sagt sie ,,, ich habe Karte hier." Ungeniert knöpft 107 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN sie ihr Kleid vorne auf, so daß ein Stück eines groben, aber sauberen, weißen Hemdes sichtbar wird, über dessen Kante die makellose, rosige Haut der Brust schimmert. Ebenso ungeniert greift sie unter das Hemd und zieht mit einiger Mühe ein zusammengefaltetes, kleines Kartenblatt heraus, so daß die Hemdkante bedenklich nach unten rutscht. Ich kann mir nicht helfen, obwohl ich weiß, wie wichtig alles ist, es ist die erste Frau, die ich seit Monaten sehe, ja beinahe fühle. Und ich habe es etwas schwer, meine Gedanken zu sammeln. Aber ihr Gesichtsausdruck bleibt undurchdringlich und kühl. , Hier ist Karte", sagt sie und knöpft anscheinend ungerührt das Kleid wieder zu. ,, Schnell, ich zeige Ihnen." Es ist eine von einer deutschen Kartenstelle hergestellte Reproduktion eines russischen Kartenblattes, auf dem die Eisenbahnstrecke von Minsk in Richtung auf die polnische Grenze dargestellt ist. Mit schwarzer Tinte, kaum sichtbar, sind eine Reihe von unverständlichen Zeichen eingetragen. ,, Kreuze sind Partisanenposten. Parole ist: Dritte Internationale. Sie müssen sagen, sowie Sie auf russische Soldaten kommen, und nach Genosse Kommandeur Petschow fragen. Haben Sie Ausweis?" ,, Darf ich die Namen notieren", frage ich zurück. Während ich die Karte betrachte, steht sie so dicht neben mir, daß ihre Brust meinen Arm berührt. Ich muß die Karte hoch halten, weil sonst das Licht in der Zelle zu schwach ist. „ Ich Ank schr Wa Lich -Ge nale Pun Geh fün Gel ,, Ich mei sch ras " W SO" Ha lich Ha Gli Zä ver Sei ma ent ner au 108 ZWISCHEN TOD UND LEBEN groben, er dessen himmert. und zieht nes Karlich nach e wichtig aten sehe, er, meine ck bleibt end ungenen." ergestellte auf dem af die polante, kaum n Zeichen itte Intersische Soldeur Petk. icht neben muß die r Zelle zu ,, Ich habe einen Ausweis mit Bild und außerdem die Anklageschrift. Darf ich den Namen und die Parole aufschreiben?" Was denken Sie!" In ihren Augen erscheint ein böses Licht. ,, Niemals!- Sagen Sie vor sich hin, ich wiederhole Genosse Kommandeur Petschow und Dritte Internationale. Parole gilt ganzen Monat. Die Kreise, die runden Punkte auf Karte sind Gegend von Kommandostab. Gehen Sie nicht auf Straßen, sondern rechts oder links fünfzig Meter. Auf Straßen sind Minen.- Wo ist das Geld?", fragt sie plötzlich. ,, Ich lege die Karte hin und nestle aus dem Innenfutter meiner Tasche den verabredeten Tausendmarkschein. Sie schaut ihn einen Moment prüfend an und schiebt ihn rasch in den Brustausschnitt ihres Hemdes. "" , Wenn Gefahr, Zeichen von Karte einfach ablecken oder so"- sie leckt an einem Finger und reibt ihn auf dem Handrücken- ,, dann verschwunden. Wenn geht, natürlich Karte kaputtmachen." Harry berührt sie plötzlich leicht mit der Hand. ,, Viel Glück", sagt sie und lächelt mich an, daß ihre weißen Zähne blitzen. Dann ist sie genau so rasch und geräuschlos verschwunden, wie sie kam, während Harry mir mit dem Seifenpinsel ins Gesicht fährt. Am Ende des Ganges hört man den eisenbeschlagenen Schritt einer Wache, doch er entfernt sich wieder. Rasch habe ich die Karte unter meinen Rock geschoben. Gleich darauf höre ich Holzschuhe auf dem Gang klappern. Irina geht mit Eimern und 109 EUER U? SZ zu FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN irgendwelchen Gegenständen vorbei. Zu meiner Zelle wirft sie keinen Blick. Ich habe ein Gefühl der Zufriedenheit und stehe unter dem Eindruck, daß hier kein Verrat mit mir getrieben wird. Als der Pfarrer nachmittags kommt, teilt er zwar meinen Enthusiasmus nicht, aber er macht auch keine Einwände. Ich gebe ihm den Brief an meinen Anwalt. Ich weiß nicht, ob ich ihn noch einmal sehen werde, denn mit meinem Abtransport muß ich nach der mir übermit- telten Warnung aus der Schreibstube täglich rechnen. Ich danke ihm für seine selbstlose Hilfe und für die Lebensmittel, die er mir wieder wie stets mitgebracht hat. „Ihr Schicksal ruht in Gottes Hand wie unser aller Leben. Vergessen Sie es nicht. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Sie haben einen starken Lebenswillen, aber glauben Sie nicht, und es wäre merkwürdig, wenn es anders wäre, daß Ihr Geschick schon zu Ihren Gunsten entschieden ist. Jedenfalls dürfen Sie nicht damit rech- nen. Ich wünsche es Ihnen. Was ich dazu helfen kann, werde ich tun, daß Sie Ihren Weg zu Gott finden. Erst in seiner Hut werden Sie alles tragen können, was Ihnen das Menschenleben noch aufgibt.“ Sein Blick ruht voll ehrlicher Freundlichkeit auf mir, während er mir zum Abschied die Hand drückt. Ich schaue ihm etwas betroffen nach. Es ist wahr, nach den Ereignissen des Tages, die mich so gefangen nahmen, steht die ganze drückende Last, die Unsicherheit meines Schicksals fast drohend wieder vor mir. Ich muß mir 110 oa fe) oa ER er Zelle The unter getrieben I er zwar ch keine nwalt. rde, denn übermitrechnen. für die tgebracht ser aller enkt und llen, aber wenn es Gunsten mit rechfen kann, n. Erst in was Ihnen ruht voll mir zum wahr, nach nahmen, eit meines muß mir ZWISCHEN TOD UND LEBEN gegenüber zugeben, daß mir der Begriff der christlichen Religion, so wie ihn unser Pfarrer mir vorlebt, fast unerreichbar scheint. Wie hatte er diesen Weg gefunden? Denn daß es der richtige Weg ist, fühle ich instinktiv, ohne darüber nachdenken zu müssen. Doch mein Grübeln ist vergeblich, ich komme zu keiner Klarheit. Die Tage vergehen in unruhiger Spannung. Ich lerne die Karte auswendig, so daß ich sie mit allen Zeichen aus dem Gedächtnis aufzeichnen kann. Von G. höre ich nichts mehr. Er ist mit einer Reihe von anderen Gefangenen zum Schanzen auf einem Flugplatz in der Nähe, von wo die Gefangenen abends nicht zurückkommen. Was man in Rußland so in der Nähe nennt, etwa dreißig Kilometer entfernt! Der blonde Harry, der alle drei Tage kommt, hat auch keine Neuigkeiten mehr für mich. Von meinem Anwalt kommt ein Brief über den Pfarrer. Aber er teilt nur seine glückliche Rückkehr in die Heimat mit. Alles scheint still zu stehen, während die Zeit unerbittlich verrinnt. Es sind jetzt fast vier Wochen seit dem Prozeß, und nach dem normalen Rhythmus konnte im ungünstigsten Falle die Bestätigung des Urteils jetzt schon täglich erfolgen. Meine Nervosität steigert sich, nachdem der blonde Harry eines Tages nicht mehr zum Rasieren erschienen ist und ich nach vieler Mühe erfahre, daß er wegen Begünstigung der Gefangenen denunziert worden ist. Die Spannung wird so unerträglich, daß ich glaube, sie nicht mehr lange ertragen zu können. Der Pfarrer hat mir auf seinen Vorschlag ein Neues 111 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Testament gebracht. Aber ich bin nicht mehr fähig, zusammenhängend zu lesen. Die dauernden Hinrichtungen, die ich durch die Todeszelle neben mir erlebe, sind eine steigende innere Belastung. Endlich, am 26. April, tritt eine Neuerung ein, durch die ich wieder etwas belebt werde. Die Verurteilten werden nicht mehr in der Zelle rasiert, sondern an einem Platz in der Nähe der Wachstube, so daß sie von der Wache dauernd kontrolliert werden können. Ein freudiger Schreck durchfährt mich, mein Erstaunen ist nicht gering, als ich zum erstenmal dorthin hinaufgeführt werde. Mit schläfrigem, gleichgültigem Gesicht steht der blonde Harry zum Rasieren bereit!- Dem Himmel sei Dank! Mir fällt ein Stein vom Herzen. So war also mein eigener Partisanenplan auch nicht verraten. Die Wache paẞt zwar auf. Aber Harry kann mir zuflüstern, daß ich mich bereithalten soll. Alle verfügbaren Gefangenen müßten für einige Tage zum Schanzen gestellt werden, und die Untergrundgruppe wolle versuchen, mir bei dieser Gelegenheit eine Fluchtmöglichkeit zu den Russen zu verschaffen. Von nun an entwickeln sich die Dinge sehr rasch. Ich bin froh, daß endlich eine Entscheidung kommen soll. Aber diese Freude ist nur von kurzer Dauer. Wieder ist es ein Sturz von der Höhe trügerischer Hoffnung, den zu ertragen fast an die Grenze meiner inneren Kräfte geht. Nachdem ich die Nacht kaum geschlafen habe, kommt am nächsten Morgen um 7 Uhr der Gefängniskommandant und teilt mir mit, daß ich auf Befehl des Sondergeri Berl dun Kom sche an mer mir das " ,, Wa Wei Wa hab stra " Er letz Was es n bei ma Wä zus Er fre Kar und Er und sag 112 ır fähig, ırichtun- n werden em Platz or Wache irstaunen , hinauf- , Gesicht )em Him- ‚ war also aten. Die uflüstern, ;n Gefan- ‚tellt wer- n, mir bei on Russen h, Ich rasch. en soll. ZWISCHEN TOD UND LEBEN gerichts von Göring in einer Stunde im Flugzeug nach Berlin transportiert werde. Dort soll mir die Entschei- dung über mein Urteil bekanntgegeben werden. Der Kommandant blickt mich triumphierend an. Sein hämi- scher Gesichtsausdruck reizt mich derartig, daß ich ihm an die Gurgel springen könnte. Ich nehme mich zusam- men, so gut ich kann. Es ist, als wenn der Blitz neben mir eingeschlagen hätte. Alle meine Pläne hinfällig! Ist das das Ende? „Was hat das zu bedeuten?“, frage ich nach einer kurzen Weile. Er zuckt mit den Achseln. „Wahrscheinlich die Bestätigung‘, sagt er lauernd.„Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, daß auf Ihr Vergehen Todes- strafe steht.“ Er weiß also nichts Bestimmtes. Ich greife nach diesem letzten Strohhalm. Was soll ich mit meiner Partisanenkarte machen?, fährt es mir durch den Sinn. Soll ich sie Pfarrer M. geben oder bei mir behalten? Ich muß damit rechnen, daß ich noch- mals durchsucht werde, bevor ich in das Flugzeug steige Während ich unter Aufsicht einer Wache meine Sachen zusammensuche, steht plötzlich Pfarrer M. in der Türe. Er ist fast wie eine himmlische Erscheinung für mich, so freue ich mich über seinen Besuch. Rasch schiebe ich die Karte in das Neue Testament, das er mir geliehen hat, und gebe es ihm mit herzlichen Dankesworten wieder. Er sieht, daß im schmalen Band ein fremdes Papier liegt und gibt es mir zurück.„Sie haben etwas vergessen“, sagt er nichtsahnend, dann steckt er das Neue Testament 113 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN in die Tasche. Ich schiebe die Partisanenkarte rasch in das an einer Stelle aufgetrennte Mützenfutter. Die Karte zu vernichten, getraue ich mich nicht mehr. Dann spricht der Pfarrer tröstende und ruhige Abschiedsworte. Er warnt vor jeder unüberlegten Handlung. ,, Die beiden Offiziere, die Sie begleiten, haben Befehl, beim geringsten Verdacht eines Fluchtversuches von der Schußwaffe Gebrauch zu machen."- Es folgen Worte des Trostes und der Weihe für den bevorstehenden Flug, der für mich die Rückkehr in die Heimat bedeutet. Der Kommandant kommt zurück, um mich abzuholen. Ich schüttle dem Pfarrer wortlos die Hand. Sein Blick sagt mir, daß er meine nichtssagenden Dankesworte richtig versteht. Ich werde unter Aufsicht von zwei bewaffneten Wächtern in das Kommandantenzimmer gebracht. Ich bemühe mich, möglichst unbefangen aufzutreten. Wird man meine Partisanenkarte finden?- Vor mir stehen zwei Offiziere. Ein junger Flak- Hauptmann und ein älterer Reserveoffizier, beide mit abweisenden, kalten Gesichtern. Die beiden scheinen über ihren Auftrag keineswegs entzückt. Man kann es ihnen eigentlich nicht übelnehmen. Sie wollten auf Urlaub nach Hause fahren und bekommen jetzt den unangenehmen Auftrag, einen zum Tode Verurteilten in Berlin abzuliefern. Der Kommandant verwarnt mich nochmal, daß bei jedem Fluchtversuch von der Waffe Gebrauch gemacht wird. Nun werden vor den Augen der beiden ich selbst und der Koffer genauestens untersucht, alle meine Papiere d Z i I 114 te richtig ‚waffneten ZWISCHEN TOD UND LEBEN durchgesehen, ich selbst einer Körpervisitation unter- zogen. Ein paar Minuten höchster Spannung, während . ieh möglichst gleichgültig tue. Die Partisanenkarte, mein Geld im Mützenfutter wird nicht gefunden. Nach allem, was ich selbst erlebt habe, macht die Tatsache der Kör- pervisitation keinen Eindruck mehr auf mich. In diesem Falle fühle ich mich doch sehr erleichtert, als sie vor- bei ist. Dann bringt uns ein Kraftwagen zum Flugplatz, wo ein dreimotoriges Transportfiugzeug bereits wartet. Mecha- nisch lasse ich mir ein Fallschirmgurt verpassen, mecha- nisch steige ich in die Maschine und erhalte einen Platz neben einem Fenster. Meine Begleiter sitzen hinter mir. An der offenen Luke, wo der Platz für ein MG. ist, wird eine Wache mit einer Pistole eingeteilt, ein Feld- webel, der auch auf Urlaub fährt. Nach dem leichten Regen, der bisher herrschte, bricht jetzt die Sonne durch. Eine frühlingsstarke Sonne, welche das Wasser in den Pfützen des aufgeweichten Flugplatzes aufblitzen läßt, während bis an den Horizont die ganze Umgegend mit einem Schlage scharf und klar in das Blickfeld gerückt wird. Die Hallen, ein paar Flug- zeuge, die Flugwachen auf dem Dach des Kommando- gebäudes, der nicht weiter aufregende Betrieb auf einem Flugplatz im rückwärtigen Frontgebiet. Die Motoren sind anscheinend schon abgebremst, der linke Seitenmotor beginnt plötzlich aufzuheulen, die Maschine dreht fast auf der Stelle in Richtung auf die Startbahn. Während die anderen Motoren ihren tiefen Brummton zunehmend 115 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN verstärken, rollt sie stoßend und sich wiegend zum Ende der Startbahn. Der Startposten hebt die Flagge, dann donnern die Motoren los. Ruhig hebt sich das schwer- beladene Flugzeug vom Boden. Ich bin auf dem Wege in die Heimat. Diese Rückkehr in die Heimat wird mir stets als etwas Unwirkliches in Erinnerung bleiben. Während des ganzen fünfstündigen Fluges beherrschte mich nur der eine Ge- danke: führt dieser Flug in den Tod, oder war es ein Flug in das Leben? Während das Flugzeug wegen der Gefahr des Beschusses durch Partisanen in ziemlicher Höhe fliegt, kann ich bei dem klaren Wetter jeden Menschen, jedes Gespann auf der Straße deutlich sehen. Die Rauch- fahne eines Eisenbahnzuges hebt sich auf mehr als zwanzig Kilometer Entfernung klar ab. Aber ich finde innerlich nicht die Verbindung zu diesem herrlichen Vor- frühlingstag mit dem Schimmer des ersten Grüns auf den Feldern und auf den Wiesen, der knospenden Kraft, mit welcher die Birkenwälder und Büsche die immer noch tote Einsamkeit der riesigen Nadelwälder so stark unter- brechen, daß ihr heller Farbton den Eindruck der Land- schaft bestimmt. Unter uns zieht gleichmäßig die Weite der unendlichen russischen Landschaft vorbei. Riesige weiße Wolkenbur- gen segeln im seidigen Frühlingsblau des Himmels. Wir 116 tr 2 “ı 9a ZWISCHEN TOD UND LEBEN fliegen jetzt niedrig über eine Rollbahn, ich sehe ver- einzelte Kolonnen sich langsam auf der vom Winter stark mitgenommenen Fahrbahn vorwärtsschieben. An Brücken und einzelnen Straßenteilen, deren grundloser Schlamm deutlich zu erkennen ist, mühen sich ärmlich gekleidete Menschen. Der Krieg liegt auf diesem Land.- Ich bin müde, immer nur an Krieg und Kampf zu den- ken, während das Frühlingsbild Sehnsucht und Freude im Herzen wecken will. Aber ich muß hart sein, denn vielleicht steht schon am Ende dieses Tages die endgül- tige Entscheidung meines Lebens. So sehr ich auch in mich hineinhorche, kein Zeichen offenbart sich mir. Wieder ist eine halbe Stunde vergangen. Wir nähern uns einer großen Stadt, die an einem breiten, glitzernden Strom sich machtvoll ausdehnt. Jetzt erkenne ich die Eisenbahnbrücke wieder, die mir bestätigt, daß wir über Warschau sind. Der Flugzeugführer setzt zur Landung an. Gleich darauf steige ich auf Aufforderung meiner Wachen aus dem Flugzeug. Sie scheinen sich an meinen Anblick gewöhnt zu haben, denn ihr Ton ist freundlicher zu mir. Die Freude, auf Urlaub in die Heimat zu kom- men, scheint zu überwiegen. Der eine sagt mir sogar, daß wir gleich weiterstarten werden und in zwei Stunden in Sagan in Schlesien sein wollen, wo wir mit dem Nachmittagsschnellzug nach Berlin weiterfahren. Ich gehe zwischen meinen beiden Wächtern etwas auf und ab. Flucht wäre hier sinnlos. Der Gesichtsausdruck der beiden läßt keinen Zweifel darüber, daß sie den 117 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN ihnen erteilten Bewachungsbefehl wörtlich ausführen werden. Wir steigen wieder in die Maschine, die inzwischen getankt worden ist. Wieder brummen die Motoren ihr eintöniges Lied, während ich versuche, etwas im Sitzen zu schlafen. Endlich landet die Maschine in Sagan. Alles verläuft programmäßig. Ein Kraftwagen bringt uns zur Bahn, wo im Schnellzug ein Abteil reserviert ist. Es ist wohltuend, wieder mit den Bequemlichkeiten WestEuropas in Berührung zu kommen. Als wir abends in Berlin eintreffen, ist der Bahnhof stark abgedunkelt. Ein unruhiges Hasten beweist die Nervosität, die auf den Menschen liegt. Da gellt auch schon die Lautsprecheranlage und übertönt alles: ,, Achtung, Achtung! Die Reisenden des Fernzuges beschleunigt den Bahnsteig räumen, es ist mit baldigem Fliegeralarm zu rechnen."- Wir schieben uns die Treppen hinunter und sind gerade an der Sperre angekommen, als die Sirenen losheulen. Meine beiden Begleiter halten sich eng an mich, aber in dieser zusammengepreßten Menschenmenge ist keine Flucht möglich. Während der auf- und abschwellende Ton, diese infernalische Drohung der Hölle, unbarmherzig an den Nerven sägt und diese Menschen in seinen Bann schlägt, so daß das Gedränge fast lebensgefährlich wird, schiebt sich die Masse langsam die Treppen hinunter in einen großen, schlecht beleuchteten Keller unter dem Bahnhof. Das war also der Empfang in der Heimat. Das war das 118 tause Verä einen Zufal Gesic Mins Holzb mit E ist w noch Gesp ist. - die C räus deut werd allzu In d hörl erke den hyst Die der daß ein den abg führen ZWISCHEN TOD UND LEBEN vischen ren ihr Sitzen . Alles uns zur Es ist Westends in elt. Ein uf den bertönt rnzuges aldigem gerade sheulen. aber in t keine wellende Farmherseinen fährlich ben hiner unter war das tausendjährige Reich Hitlers in Frieden und Wohlstand! Verängstigte, vom Schreck fast gelähmte Menschen in einem unzureichend starken Keller der Katastrophe des Zufalls überlassen. Irgendwie erinnern mich die grauen Gesichter dieser Menschen an meine Mitgefangenen in Minsk. Wir sitzen auf einer langen, roh gezimmerten Holzbank neben einer Familie, die ein paar kleine Kinder mit Butterbroten füttert, deren Wurstbelag genau so dick ist wie das Brot. Zu essen scheint man hier wenigstens noch zu haben. Aber gleich fällt die Illusion! Aus dem Gespräch wird ersichtlich, daß es eine Schlächterfamilie ist. Allmählich übertönt das Bellen der Flakgeschütze die Geräusche der versammelten Menschen. Motorengeräusch wird hörbar. Immer wieder merkwürdig, wie deutlich man es hier tief unter der Erde hört. Dann werden Explosionen vernehmlich, aber sie kommen nicht allzu nah. Die Menschen sitzen mit angehaltenem Atem. In der Ecke schwatzen ein paar junge Mädchen unaufhörlich mit einigen Soldaten. Ihre Züge sind kaum zu erkennen, nur ihre stark bemalten Lippen leuchten aus den blassen, mageren Gesichtern. Manchmal lachen sie hysterisch. Die Zeit scheint still zu stehen. Ich starre in das Dunkel der Zukunft und weiß nicht, ob ich nicht wünschen soll, daß dieser Fliegeralarm länger dauert, damit vielleicht ein Wunder geschieht. Spätestens eine halbe Stunde nach dem Fliegeralarm werde ich in Moabit im Gefängnis abgeliefert. 119 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Draußen ist Ruhe eingetreten. Aber während hier die Menschen sitzen und man ihnen die Erleichterung nach der qualvollen Spannung ansieht, weiß jeder von ihnen, daß draußen irgendwo die Hölle rast, in zerschmetterten Schuttmassen Menschen um ihr Leben ringen, Lösch- trupps und Hilfsmannschaften in letzter Gefahr gegen die übermächtige Lohe kämpfen, die die Kriegsfurie über Menschen ausgießt. Wieder zwingt sich mir die Frage nach dem Sinn all dieses Grauens auf. Doch mein eigenes Schicksal rückt drohend in greifbare Nähe. Draußen heulen die Sirenen Entwarnung. Wir schieben uns mit unseren Handkoffern wieder auf den Bahnsteig. Die elektrische Schnellbahn, dieser dumpf jagende Pulsschlag Berlins, bringt uns nach der Lehrter Straße. Ein kurzer Weg durch verdunkelte Stra- ßen, von Norden her gespenstisch erhellt durch eine riesige Feuersbrunst, deren Widerschein alles silhouet- tenhaft umreißt. Und drohend reckt sich das Massiv des dunklen Gefängnisbaues vor uns auf! Mechanisch bin ich den ganzen Weg vom Bahnhof ge- sangen. Mit allen Mitteln rede ich mir zu, um den inne- ren Halt nicht zu verlieren, den ich vielleicht schon in der nächsten Stunde so dringend brauche. Zu einem Fluchtversuch habe ich nicht die Kraft. Schwer und dumpf schließen sich zwei gewaltige Eisen- tore hinter mir, die mich wieder aus dem Leben der denkenden und fühlenden Menschen entführen. Wie ein eisernes Band legt sich die Atmosphäre der Gefängnis- ZWISCHEN TOD UND LEBEN welt, die Welt des Grauens und der Not auf mich, wäh- rend ein mürrischer Wächter mich in das große Gefäng- nisbuch einträgt. Meine beiden Begleiter haben es plötz- lich sehr eilig. Sie verlassen grußlos den Raum, nachdem sie meine Begleitpapiere übergeben haben. Ein paar} nichtssagende Bemerkungen sind alles, was wir den | ganzen Tag an Unterhaltung getauscht haben. Es kostet mich ungeheure Anstrengung, aber ich be- Tore schließen sich hinter mir, bevor ich vor der Zellen- tür stehe. Er schaltet das Licht ein, ehe er aufschließt. Ich traue meinen Augen nicht, als ich in eine Zelle, geführt werde, die im Vergleich mit Minsk fast luxuriös wirkt. Nicht nur, daß mir gleich neben dem Eingang ein Waschgeschirr und ein Eimer auffallen und daß ein Tisch ‚ Sinn all zwinge mich soweit, daß ich den Wärter fragen kann, ob ksal rückt für mich etwas Besonderes vorliege. Es ist ja eigentlich . Sirenen N sinnlos, denn der Mann kann gar nichts wissen.„Ich 5 F werde im Geschäftszimmer anfragen.“ Die Anfrage er- art gibt nichts.# = er Der Wärter geht mit einem Schlüsselbund mit mir auf s BR der den matt erleuchteten Gang. Noch zwei schwere, eiserne k ahnhof 8° mit zwei Hockern drin steht. Das Entscheidende ist, daß ‚ den inne” zwei Bettpritschen übereinander stehen, die mit buntem, gt schon grobem Bettzeug ausgestattet sind. In dem unteren Bett 3 Zu einem liegt ein jüngerer, blasser Mann mit dunklen Haaren. Der' Wärter schließt die Tür und schaltet das Licht aus. Durch P: tige Eise” ein vergittertes Fenster wirft ein schwacher Mond im N peben gi Widerschein mattes Licht. Langsam und schwer arbeiten ei wie 7 meine Gedanken. Wenn etwas gegen mich beschlossen jü Gefänge? Y 12] FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN wäre, hätte man mich nicht in eine Doppelzelle gelegt- oder das Ganze ist ein diabolischer Irrtum; vielleicht bin ich nur aus Versehen unter die Lebenden geraten. Ich weiß es nicht. Ich habe nagenden Hunger und Durst, denn ich habe den ganzen Tag nur zwei Scheiben trockenes Brot gegessen, die ich mir für die Flucht zu den Partisanen gespart hatte. Während ich mich langsam entkleide, rauche ich noch eine Zigarette, die von Pfarrer M. stammt. Etwas wie Sehnsucht nach Minsk überkommt mich nach dem zerschmetternden Rückschlag der letzten vierundzwanzig Stunden, der alle meineHoffnungen vernichtete. Hier habe ich keinen Menschen, keinen Freund, keinen Kameraden. Ich kann nicht mehr! Nein, ich kann nicht! Es zwingt mich auf die Knie. Ich bete. Verworren, unklar, wie ein Mensch betet in letzter Not. Mein Zellengenosse scheint zu schlafen, während ich vor- sichtig auf meinen Strohsack turne, aber ich kann lange nicht schlafen. Es ist eine schreckliche Nacht. Es sind noch vier Stunden bis 6 Uhr, der Stunde zwischen Tag ınd Tau, wie Walter Flex sie genannt hat, der Stunde, wo der Tod umgeht, vielleicht täglich in diesem Haus. Als ich am andern Morgen erwache, steht mein Zellen- genosse schon halb angezogen vor mir. Langsam ordnen sich meine trägen Gedanken. ch habe eingehend Zeit, mich durch meinen Zellen- genossen über die Verhältnisse im Gefängnis zu infor- mieren. Es sind vierhundert Untersuchungsgefangene, bis zum Ritterkreuzträger und General, hier. ZWISCHEN TOD UND LEBEN Ich sehe meinen Zellengenossen allmählich mit Bewußt- sein. Er ist ein stiller, feiner Mensch, einer von jenen, die abseits des Lebenskampfes um Genuß und Erfolg stehen und einem versonnenen und überzeugten Idealismus leben, der durch eine gewisse Weltfremdheit etwas sehr Anziehendes hat. Erst am Nachmittag erfahre ich zu meinem Erstaunen, daß er Student der Theologie ist. Er erzählt mir, daß unter den Insassen des Gefängnisses zwei weitere Pfarrer sind. Sie sind alle wegen Zersetzung der Wehrkraft angeklagt. Der eine von ihnen ist bereits zum Tode verurteilt, ist also in der gleichen Lage wie ich selbst. Aber ich bin durch die Spannung der letzten vierund- zwanzig Stunden innerlich so mitgenommen, daß ich den Zustand der Apathie erst nach einigen Tagen allmählich überwinden kann. Als im Laufe auch des folgenden Tages keinerlei Nachricht zu mir dringt, bestätigt sich, daß die Angaben des Gefängniskommandanten in Minsk über den Grund meines Transportes nach Berlin unwahr gewesen sind. Aber ich bin ihm über den Beweis seiner bösartigen Gesinnung, den er mir noch zum Abschied gab, nicht böse. Unter dem freundlichen Zuspruch mei- nes Zellengenossen entsteht allmählich eine leise Hoff- nung in mir. Solange die Bestätigung nicht eingetroffen ist, kann man immer noch hoffen! Ich beratschlage, wie ich mit meinem Anwalt in Verbindung kommen kann. Das Absenden von Telegrammen ist den Gefangenen verboten. Mich dem Kommandanten vorführen zu lassen, liegt keine besondere Veranlassung VOr. Gewiß, die 123 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Untergrundbewegung arbeitet auch hier irgendwie, denn der Nachrichtendienst funktioniert hier genau so ausgezeichnet wie in Minsk. Aber mein Zellengenosse H., zu dem sich schon am ersten Tage eine Verbindung von Mensch zu Mensch findet, kann mir keinen Wächter nennen, dem man ein solches Telegramm anvertrauen dürfte. Auch hier herrscht Spitzeltum und Denunziation. Wir schweigen einen Augenblick. Deutlicher habe ich den Unterschied gegen das Leben im Minsker Gefängnis nicht gespürt als jetzt. Wir denken zu zweien und wir können diese Gedanken unaufhörlich austauschen. Da wir als Menschen am Rande der Ewigkeit stehen, ist die Maske der Konvention gefallen. Der Mensch hat angesichts des Todes nicht mehr das Interesse, vielleicht auch nicht mehr die Fähigkeit, sich anders zu geben, als wie er wirklich ist. Es ist beglückend zu wissen, daß man nicht mehr allein wie ein Tier auf der Lauer zu liegen braucht, daß ein Mensch alle Beobachtungen und Eindrücke miterlebt, und diese veränderte und erleichterte Mechanik des äußeren Daseins ergibt neue und ungeahnte Möglichkeiten für den gequälten und innere Hilfe suchenden Geist, sich zu erheben und Wege zu suchen durch die Dunkelheit des Daseins in ewiges Land, in ewiges Licht. Gewiß, die drohende Nähe des Todes ist die gleiche wie in Minsk. Die Tatsache, daß ich nicht sofort nach meiner Ankunft hingerichtet worden bin, ändert nichts daran. Ich bin vollkommen überzeugt, weiter in äußerster Todesg die To Jeden der un einzelr fängni riesige schloss die ob in uns über sehen, gen hi kleine schau gitter, Wäch schall Fenst folger Muste Ersta ohne order lasser druck Saub Woch Aber 124 DEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN ndwie, denn u so ausgemosse H., zu indung von en Wächter anvertrauen enunziation. er habe ich er Gefängnis ien und wir auschen. Da ehen, ist die h hat angeelleicht auch ben, als wie en, daß man er zu liegen en und Einerleichterte e und ungeinnere Hilfe ge zu suchen ges Land, in gleiche wie nach meiner nichts daran. in äußerster Todesgefahr zu schweben, denn auch hier werden täglich die Todesurteile vollstreckt. Jeden Tag, wenn die Gefangenen in Gruppen nacheinander unten ihren halbstündigen Spaziergang machen, einzeln mit vier Meter Abstand, in dem trostlosen Gefängnishof, der auf drei Seiten umgeben von dem riesigen Gefängnisgebäude, an der vierten Seite abgeschlossen ist von einer sechs Meter hohen roten Mauer, die oben mit Stacheldraht verkleidet ist, ziehen wir uns in unserer Zelle abwechselnd an den Gitterstäben des über mannshoch angebrachten Fensters hoch, um zu sehen, wer von den Gefangenen fehlt, wer also am Morgen hingerichtet worden ist. Selbst wenn wir uns auf den kleinen Tisch stellen, können wir nicht auf den Hof schauen. Es bleibt also nur der Klimmzug am Eisengitter, während der Kamerad von unten stützt. Aber die Wächter im Hof passen scharf auf, und immer wieder schallt der laute Befehl vom Hof herauf: ,, Weg von den Fenstern." Und doch müssen wir, einem inneren Drang folgend, alle im Gefängnis jeden Tag diese schauerliche Musterung abhalten. Erstaunlich und erschütternd ist es, wie diese Menschen ohne Ausnahme in Kleidung und Auftreten sauber und ordentlich bleiben, nicht verwahrlosen und sich gehen lassen. Keine Fassade äußerer Konvention- ein Ausdruck ihres inneren Menschen. Zwar ist es mit der Sauberkeit auch relativ, trotz der Dusche alle zwei Wochen. Die Wanzenplage ist unvorstellbar groß. Aber ab und zu macht die Gefängnisleitung schüchterne 125 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Versuche, sie zu vermindern. Unter Aufsicht einiger Wärter wird das Mobiliar auf den Gang herausgeschafft, alle Ritzen mit Papier verstopft und mit Petroleum be- gossen, wonach eine fürchterliche Räucherei einsetzt und die Wanzen zum mindesten in große Aufregung geraten. Wir können einen Tag hinterher in der Zelle kaum atmen, so stinkt es nach Rauch und Petroleum. Auch die Wanzen scheinen schwer zu leiden, denn sie trauen sich aus ihren Ritzen kaum hervor, und wir schlafen hustend und niesend, aber wenigstens wanzenfrei. Nach zwei Tagen sind wir und die Wanzen von dem Petroleum und dem Rauchgeruch befreit, alles ist beim alten, und die vergebliche Wanzenjagd beginnt von neuem. „Auch die Wanzen sind Geschöpfe der Natur und müssen eine Aufgabe hier erfüllen, ebenso wie es Henkers- knechte und Teufel in Menschengestalt tun müssen“, sagt H. mir am zweiten Tag, als ich meiner Wut über das Elend unseres Daseins und die Gemeinheit und Niedrig- keit als wesentlichen Charakterzug vieler Menschen allzu hemmungslos die Zügel schießen lasse. Aber schon die Tatsache dieses Gespräches ist mir ein Beweis, daß das erdrückend Demütigende, welches dem Dasein in Minsk den entscheidenden, täglichen Stempel aufdrückte, der den Menschen fast unfähig machte, frei zu denken, ihn lähmte und aufs äußerste abstieß, hier nicht mehr der entscheidende Faktor ist. Ob es ein Glück oder Unglück ist, der menschliche Geist findet hier die Fähigkeit, sich von den äußeren Einflüssen des Tages frei zu machen, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die 126 DEN icht einiger ausgeschafft, etroleum beeinsetzt und ung geraten. Zelle kaum leum. Auch n sie trauen wir schlafen enfrei. Nach m Petroleum m alten, und uem. und müssen es Henkersmüssen", sagt Wut über das und Niedrigenschen allzu es ist mir ein welches dem chen Stempel machte, frei abstieß, hier es ein Glück ndet hier die en des Tages chäftigen, die ZWISCHEN TOD UND LEBEN ihm das Schicksal aufzwang, den Fragen über den Sinn des Lebens, die eigene Verantwortung und die eigene Stellung zu sich und dem Schöpfer seines Daseins. ,, Es ist ein furchtbares Schauspiel, was wir mitzuerleben. gezwungen sind", erzählt H. ,,, dabei steht unsere eigene Rolle in diesem Schauspiel keineswegs fest." ,, Durch die Fliegeralarme und auf allen möglichen Kanälen erfahren wir so viel Einzelheiten über die übrigen Leidensgenossen, daß wir innerlich ihr Schicksal ganz anders miterleben müssen, als Du es in Minsk erlebt hast. Allein in Berlin arbeiten täglich hundertzwanzig Kriegsrichter, und bei vielen Urteilen verlangt das Oberkommando schärfere Strafen. Die Zahl der Erschieẞungen im Monat geht jetzt schon in die Hunderte. Es gibt hier im Gefängnis nur einen Mann, der versucht, sich gegen die Welle der Vernichtung zu stemmen, und der seinen ganzen Einfluß und die Kraft seiner ehrlichen Überzeugung einsetzt, um den Gefangenen nicht nur ihr Los zu erleichtern, sondern der es sogar fertig bringt, Urteile umzuwandeln und in vielen Fällen das Schlimmste zu verhüten. Es ist der erste Standortpfarrer von Berlin, der hier Gefängnisgeistlicher ist, Pfarrer D. Er beschafft die besten Verteidiger; er hat Verbindung zu den obersten Richtern, und alle erkennen die zwingende Logik seines Urteils, die Berechtigung seines Eintretens für menschliche Würde und Rechte an. Bei aller Hilfsbereitschaft, die er jedem zuteil werden läßt, sieht er sich die Menschen sehr genau an. Aber jeder hat ihn zum 127 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN treuen und selbstlosen Freunde. Er scheut für seine Per- son keine Gefahr.“ Das klingt alles so phantastisch, daß ich mich nicht ent- halten kann zu widersprechen.„Ich kann mir das nicht so recht vorstellen“, werfe ich ein.„Wie kann ein Geist- licher Einfluß auf die allmächtige Staatsgewalt haben, verkörpert uns gegenüber durch einen Richterstand, der in knechtischer Abhängigkeit von dieser Staatsführung steht?“ „Er verfügt über eine Lebenserfahrung und Menschen- kenntnis, die zweifelsohne weit über das Normale hinausgeht. Er kennt die Welt und ist ein wesent- licher Faktor im evangelischen Leben der Reichshaupt- stadt. Man hat den Eindruck, daß an der Unwider- stehlichkeit seiner christlichen Überzeugung viele Ge- meinheiten zerbrechen, die hier geplant werden. Selbst die Gefängnismannschaften haben eine ehrfurchtsvolle Scheu vor seiner geistlichen Persönlichkeit. Außerdem weiß er in dem Fuchsbau der hiesigen Ministerien sehr gut Bescheid. Er weiß genau, welche Kräfte und Personen er einsetzen muß, wenn er der Zweckjustiz seine wehrlosen Opfer entreißen will. Du wirst ihn ja sicher bald kennenlernen, denn er kommt bestimmt hierher, wenn er weiß, daß Du neu hier bist. Von den Wächtern wagt keiner, sich etwas herauszuneh- men, denn sie wissen, daß unser Pfarrer sofort zum Kom- mandanten geht. Und der ist ein Mann, der keine Schwierigkeiten haben will, er fürchtet die Zusammen- rottung der Gefangenen ebenso sehr wie Übergriffe der 128 das nicht ein Geist- ‚ Normale n wesent- RT ZWISCHEN TOD UND LEBEN’ Wärter oder andere Unannehmlichkeiten. Sein zweites Wort ist: ‚Sind Sie vorsichtig!‘ Er fürchtet die Vorgesetzten und er fürchtet die Selbst- morde, wenn die Gefangenen zu hart angefaßt werden Der Pfarrer behauptet, daß der Kommandant ein gütiger Mensch ist, der, wenn er nichts zu fürchten hätte, das ganze Gefängnis auflösen und alle Insassen nach Hause schicken würde. Und er läßt unseren Pfarrer gewähren, wenn dieser, was er natürlich tut, die volle Verantwor- tung für seine Maßnahmen übernimmt. Aber ich will Dir erzählen, wie der Pfarrer es fertig- gebracht hat, hier im Gefängnis für die Gefangenen ein Weihnachtsfest durchzuführen. Er kam am Heiligen Abend mit drei großen Koffern mit Geschenken für die Gefangenen, die er mit Geldspenden gekauft hatte. Erst wollte ihn die Wache nicht herein lassen und die Koffer untersuchen; aber er hat bei aller Freundlichkeit eine Art, den Wachen gegenüber bestimmt aufzutreten, die jede Gegenrede verschwinden läßt. Und er geht ohne Wärter mit einem eigenen Patentschlüssel für alle Zellen in diese hinein zu den Gefangenen. Jeder Gefangene bekam ein paar Kleinigkeiten: Zigaretten, Gebäck, einige kleine Bücher waren dabei, Schreibpapier, Spiele und vor allem für jede Zelle ein paar Tannenzweige und einige kleine Kerzen. Als der Pfarrer seinen Rundgang beendet hatte, wurde in einer Zelle das Lied von der Heiligen Nacht angestimmt, und dann sang das ganze Gefängnis durch alle Stockwerke das Lied mit. Alle Wärter wußten, daß es gegen die Bestimmung war, was 129 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN an diesem Abend geschah, aber keiner hat ein Wort dagegen gesagt, und einige sollen geweint haben.“ H.s Gesicht weist wieder das innere Leuchten auf, das ihn so anziehend macht. Auf dem Gang erschallt der Ruf, daß wir zur täglichen Bewegung uns fertigmachen sollen. Ich lege die Patience-Karten zusammen, meine alte Leidenschaft, der ich täglich fröne, und drücke die Zigarette aus. Rauchen in den Zellen ist hier offiziell erlaubt, und ein freund- licher Zufall will es, daß H. Nichtraucher ist. So darf ich seine Zigaretten„erben“. Mein Zellengenosse ist überhaupt ein großer Einteiler und macht für jeden Tag ein Programm, an dessen Durchführung er zäh festhält. Auf diese Weise habe ich manchen Vorteil in der Ordnung des Tages. Heute bin ich auch imstande, meine Mitgefangenen mir genauer anzusehen. Am meisten interessieren mich die „Politischen“. H. hat mich schon auf einige vorbereitet. Außer den beiden Pfarrern, von denen der eine zum Tode verurteilt ist, und die ich heute aus der Ferne nur flüch- tig sehe, tritt auch noch ein langer, hagerer Mann in mein Blickfeld, der mit seiner leicht vornübergeneigten Haltung und der kühlen und selbstsicheren Art seines gutgeschnittenen Gesichtes, aus dem ein Paar graue Augen- von vielen, kleinen Fältchen umgeben- scharf und etwas mißtrauisch in die Welt blicken, der Typ eines Landwirts aus dem Osten sein konnte. Von den beiden Professoren der Philosophie, die hier auf ihr Urteil warten, lerne ich heute nur den einen kennen. Ein klei- 130 s. Rauchen ein freund- So darf ich sr Einteiler an dessen e habe ich ZWISCHEN TOD UND LEBEN ner, ungepflegter Mann mit schwammigem, häßlichem Gesicht, dem ein Paar schmale, aus dicken Augensäcken hervorschauende, dunkle Augen, intelligent und kampf- bereit, hinter einer scharfen Brille das Gepräge gaben. Aber diese Menschen sollten in voller Deutlichkeit erst später durch die weiteren Schicksale im Gefängnis mir nahegebracht werden. Augenblicklich habe ich nur die eine Idee, wie ich das Telegramm an meinen Anwalt befördern könnte. Einen Brief habe ich schon an ihn abgeschickt. Aber die Beför- derung der Briefe dauert sehr lange, da sie erst noch durch die Zensur des Gefängnisses gehen müssen. Die Frage löst sich am Nachmittag von selbst. Plötzlich steht der Gefängnispfarrer in der Zellentür. Er ist mittelgroß, glattrasiert. Aus dem klaren, offenen Ge- sicht, dessen hohe Stirn von intensiver geistiger Arbeit zeugt, blickt er mich mit einem prüfenden, gleichsam ab- wartend verhaltenen Blick an. Er begrüßt mich mit der freundlichen Gelassenheit des weitgereisten Menschen, als wenn wir unsirgendwo zufällig auf dem Kurfürstendamm träfen. Aber nach ein paar einleitenden Worten sind seine Fragen präzis und klar. Er setzt sich zu uns an den kleinen Tisch, nachdem er mir ganz nebenher ein paar Zigaretten gegeben hat. Seine angenehme und bestimmte Art er- weckt sofort Vertrauen. Ich muß ihm kurz, aber erschöp- fend berichten über den Stand meines Prozesses, über meinen Anwalt und die Maßnahmen, die dieser seit meiner Verurteilung unternehmen will. Er verspricht, noch heute Nachmittag beim Kommandanten meine Lage IN Yy El FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN zu klären. Er wird auch beim Sondergericht Erkundigun- gen einziehen. Dann muß ich ihm aus meinem Leben erzählen. Da er auch Schwabe ist, interessiert er sich sehr für meine Jagderinnerungen in den schwäbischen Gefilden. Statt der vorgesehenen zehn Minuten hat unsere Besprechung fast eine Stunde gedauert. Der Pfarrer hat sich einige Notizen gemacht. Sein Gesicht wird immer ernster: Aber als er aufpricht, ist sein ganzes Wesen wieder beherrscht von Optimismus. „Sie werden sehen‘, sagt er zum Abschied,„wir gehen noch zusammen auf die Hasenjagd!“ Nachdem der Pfarrer gegangen ist, spreche ich noch lange mit H. Sein Gesicht strahlt:„Das war wieder mal echt unser Pfarrer‘, sagt er.„So war es bei mir auch damals. Mit der größten Selbstverständlichkeit packte er meine Lage an, und zwei Tage später hatte ich einen der besten Verteidiger Berlins, Dr. H., dessen Verteidigung von Pfarrer Niemöller Weltberühmtheit erlangt hat. Mein Prozeß wird in den nächsten Wochen stattfinden. Pfarrer D. hat auch da seine Hand im Spiele. Jetzt warte ich auf die Vernehmung. Die Einstellung des Oberkom- mandos der Wehrmacht und dessen Unterordnung unter die Parteithese kennt er genau. Sie fordert gemäß den Befehlen der obersten Parteiführung die Vernichtung aller politischen Gegner. Der Pfarrer ist der Überzeugung, daß man gegen diese Gerichtsbarkeit mit allen zu Gebote stehenden Mitteln angehen muß. In jeder Dienststelle ist mindestens ein Mann, der innerlich dieses System ab- 132 EN kundigunZWISCHEN TOD UND LEBEN len. Da er für meine den. Statt esprechung sich einige mster: Aber beherrscht wir gehen noch lange er mal echt uch damals. e er meine der besten igung von at. stattfinden. Jetzt warte Oberkomnung unter gemäß den Vernichtung berzeugung, zu Gebote nststelle ist System ablehnt. Alle diese Männer muß man ständig in Bewegung setzen und für einen Fall interessieren, wenn man die Todesurteile und ihre Vollstreckung eindämmen will." Er sieht mich mit hintergründigem Blick an. ,, Natürlich muß er mit dieser Ansicht sehr vorsichtig umgehen." Zwei Stunden später kommt der Gefängnispfarrer nochmals vorbei. Mit derselben lächelnden Freundlichkeit teilt er mir ganz kurz mit, daß irgendwelche Akten oder Entscheidungen über mich bei der Kommandantur des Gefängnisses noch nicht eingetroffen sind. Er wird in den nächsten Tagen mit dem Sondergericht Verbindung aufnehmen. Das Telegramm an meinen Anwalt will er heute abend noch absenden. ,, Und vergessen Sie nicht, daß wir noch zusammen auf die Hasenjagd gehen werden!" Dann sind wir wieder allein. Ich habe starkes Herzklopfen. Hier war ein Mann in mein Leben getreten, einer von den seltenen Menschen, die ganz instinktiv ausgleichend und beruhigend wirken, allem Unsauberen weit aus dem Wege gehen. Ein Mensch wie aus einer anderen Welt, aufrecht und schlicht, der mein ganzes weiteres Schicksal maßgebend beeinflussen konnte. Das Gefühl freudiger Erleichterung und Dankbarkeit ist so stark, daß ich H. die Hand schüttle. Zwar war mir durch die Besprechung die unmittelbare Todesgefahr wieder klar vor Augen gerückt, aber ein Hoffnungsstrahl hat nach den Tagen der Apathie und Verzweiflung die dunklen Schatten durchdrungen, welche mich zu überwältigen drohten. 133 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Mitten in diese Gedanken heult der Fliegeralarm. Eilige Wärter öffnen die Zellen und zählen die Gefangenen ab, die in Gruppen zu zwanzig, jeder mit Gasmaske und einer Handtasche mit den wichtigsten Sachen darin, durch das verdunkelte Treppenhaus in den großen, nicht sehr Vertrauen erweckenden Keller geführt werden, in dem einfache Holzpritschen stehen. Sprechen ist Streng verboten, aber die Wärter können es nicht verhindern. Unten sind umfassende Sicherungsmaßnahmen getroffen. Eine Abteilung des in der Nähe befindlichen Wachregi- mentes hat sämtliche Eingänge und Zwischentüren be- setzt. Ich höre förmlich die Devise des Gefängniskom- mandanten:„Seien Sie vorsichtig!“ Für vierhundert Gefangene außerhalb der Zellen wäre es wirklich nicht schwer, in einer solchen Lage die paar Wärter zu über- wältigen. Sogar ein paar leichte Maschinengewehre sind in Stellung gebracht. Die Posten haben Maschinenpistolen mit scharfer Munition. H. macht mich auf weitere Schicksalsgefährten auf- merksam. Pfarrer W., ein blonder Württemberger, etwas weich, aber gewissenhaft und überzeugend, der zum Tode verurteilt ist. Er wirkt fast etwas mystisch. H. flüstert mir zu:„Er hat das zweite Gesicht und er hat schon von verschiedenen vorausgesagt, daß ihr Ende bevorsteht. Vor Gericht hat er alles zugegeben, was man ihm zum Vorwurf machte, und auch keinen Verteidiger genom- men. Der Gefängnisgeistliche hat von seiner Anwesenheit erst erfahren, als er schon verurteilt war. Jetzt versucht 134 EN arm. Eilige angenen ab, maske und chen darin, coßen, nicht. werden, in mist streng verhindern. n getroffen. Wachregientüren beängniskomvierhundert rklich nicht er zu überewehre sind inenpistolen ährten auferger, etwas er zum Tode H. flüstert t schon von bevorsteht. an ihm zum ger genomAnwesenheit tzt versucht ZWISCHEN TOD UND LEBEN er alles, um ein neues Verfahren für ihn durchzusetzen. Aber er hat wenig Hoffnung." Während wir leise flüstern, hört man nur das Geräusch der Schritte der Posten, die gelangweilt und gespannt zugleich die Gefangenen beobachten. Ab und zu gibt das aufgestellte Rundfunkgerät Meldungen über die Annäherung feindlicher Flugzeuge. Noch stehen sie ziemlich weit südlich. H. fährt in seiner Erklärung fort: ,, In der Ecke neben der Tür, der dunkle Mann mit dem kleinen Schnurrbart ist ein Arzt R. Er hat zu seinem Nachbar über den Zaun gerufen: ‚ Der Krieg ist doch verloren. Dieser hat ihn denunziert, und nun ist er in erster Instanz zum Tode verurteilt. Schräg hinter ihm sitzt Professor K. Er hatte einen Lehrstuhl für Philosophie. Jetzt schreibt er seit einem Jahre an einer Abhandlung über Zarathustra." Ich hatte Professor K. schon durch das Zellenfenster im Hof spazieren gehen sehen. Jetzt, aus der Nähe, überwiegt der Eindruck scharfer Intelligenz die offensichtliche Verwahrlosung seines Äußeren. Doch H. muß sein Gespräch abbrechen. Die Flugzeuge sind näher gekommen und der Angriff beginnt. Erst später haben wir uns bei den über hundert Fliegerangriffen, die ich in dem Berliner Gefängnis miterlebt habe und die mit dem Steigen des Jahres immer häufiger und schwerer wurden, solange ruhig weiter unterhalten, bis der Angriff direkt in unserer Nähe war. Aber zu einem der späteren, tiefgründigen Gespräche am Rande des Seins kommt es heute nicht. Alles wirkt noch zu fremd. 135 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Auch an diese neue Art der Todesdrohung, die durch die schweren Fliegerangriffe hinzukommt, muß ich mich erst gewöhnen. Und auch an die großen Kanalisationsröhren, Wasser- und Gasröhren, die durch die Keller laufen, und von denen ich ziemlich genau weiß, daß sie im Falle eines Bombentreffers bei Verschüttung der Ausgänge unseren sicheren Tod bedeuten würden. Zwei Tage später kommt Pfarrer D. nachmittags wieder zu uns. Er überbringt mir ein Telegramm meines Anwalts, der seine Ankunft ankündigt. Noch stärker wirkt seine frohe und lebensbejahende Art auf uns, die auf uns überstrahlt. Er hat sich heute nachmittag frei gemacht für eine längere Unterhaltung. Wir setzen uns um den kleinen Tisch. H. auf der Bettkante, der Pfarrer und ich auf je einem der beiden Hocker. Durch das kleine, vergitterte Fenster nahe unter der Decke der Zelle fällt eine helle Frühlingssonne und zeichnet die Schatten der Gitterstäbe auf die gegenüberliegende Wand. Von dem Sportplatz auf der anderen Seite der Gefängnismauer tönt ab und zu lautes Geschrei, wohl ein Fußballspiel, und unterstreicht die einsame Abgeschiedenheit unserer Welt, der Welt ohne Freiheit. ,, Ich wollte mit Ihnen nochmals über ein paar grundsätzliche Fragen sprechen. Wie mir Dr. H. sagt, steht Ihr Prozeß vor der Tür, und Sie müssen sich darüber klar werden, was für einen Standpunkt Sie bei Ihren Vernehmungen einnehmen wollen." ,, Ich bin mir klar geworden", antwortet H., und wieder tritt das innere Leuchten in sein Gesicht ,,, ich möchte in jec zef hei Ge we H. au em Lü me De dr leg ist Le ste VO au W M de D m be 136 DEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN ie durch die ch mich erst tionsröhren, laufen, und sie im Falle r Ausgänge nachmittags Telegramm . Noch stärArt auf uns, hmittag frei rsetzen uns der Pfarrer h das kleine, r Zelle fällt Schatten der d. Von dem smauer tönt allspiel, und eit unserer r grundsätzt, steht Ihr darüber klar Ihren Verund wieder ch möchte in jedem Falle mit einem sauberen Gewissen aus dem Prozeẞ gehen. Ich habe daher die Absicht, die reine Wahrheit zu sagen. Ich möchte vor meinem Richter keine Geheimnisse behalten; ich halte es deswegen für richtig, wenn ich alles offen sage." H. spricht rasch und lebhaft. Die Worte drängen sich auf seine Lippen. Ich fühle die Erleichterung, die er empfindet, frei sprechen zu können. ,, Ich bin mir keiner Schuld im letzten Sinne bewußt. Eine Lüge dem Untersuchungsrichter gegenüber könnte nur mein Gewissen belasten." Der Pfarrer läßt ihn ruhig reden, seine Haltung ist ganz freundliche Aufmerksamkeit, während er mit einem Ausdruck des Wohlgefallens seinen jungen, zukünftigen Kollegen betrachtet. ,, Ich bin froh, daß Sie so offen zu mir sprechen, und es ist richtig, daß Unwahrhaftigkeit und Lüge ein ganzes Leben belasten können. Es ist richtig, daß wir als höchsten ethischen Maßstab den Begriff der Wahrhaftigkeit vom Schöpfer geschenkt bekommen haben. Wir dürfen auch an dem Begriff der Wahrheit nicht deuteln, aber wir müssen erst einmal erkennen, wo die Wahrheit wirklich liegt. Ihr Maßstab darf nicht die Denkfähigkeit des Menschen sein; der höchste Maßstab für alle Dinge ist der Schöpfer selbst. Er ist auch der einzige Richter aller Dinge. Wenn Sie also ehrlich die Wahrheit suchen. müssen Sie ihm rückhaltlos Ihre Schuld und Ihr Tun bekennen. Das ist die erste Voraussetzung für ein innerlich befriedigendes Leben. Sagen Sie nicht: Gott sieht 137 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN ohnedies alle Dinge, man braucht sie doch ihm nicht zu bekennen. Der Mensch kommt nicht zum Frieden mit sich selbst, bevor er sich nicht zum Lebensgrundsatz gemacht hat, seinem Gott über sein Leben Rechenschaft zu geben und seine Verfehlungen vor ihm zu bekennen.“ H. sitzt mit einem Ausdruck innerer Versonnenheit. Ich habe noch nie gewußt, daß ein Mensch so offen um seine Einstellung zu Gott und der Welt ringen kann. Sein Gesicht hat etwas Weltfernes, während der Pfarrer seine eindringlichen und mahnenden Worte fortsetzt, die auch mich meine Umgebung vergessen lassen. Türen öffnen sich vor mir, von deren Bestehen ich bisher nur unklar etwas geahnt hatte. Der Pfarrer fährt nach kurzem Sinnen fort:„In solchem Bekennen Gott gegenüber liegt überhaupt die Anerken- nung Gottes. Das menschliche Ich beugt sich demütig unter seinem Schöpfer. Wenn so viele Menschen als Ver- urteilte durch das Leben gehen- ich meine jetzt, als vor Gott Verurteilte-, hat das nicht seinen Grund darin, daß sie vor einem menschlichen Gericht sich nicht gerecht- fertigt haben. Sie haben versäumt, vor dem ewigen Richter sich zu beugen. Ihnen ist der Heiland fremd geblieben. Ihre Sünde trennt sie von Gott. Umgekehrt, mein lieber Freund, ich habe hier in diesem Hause Men- schen kennengelernt, die vor ihrem irdischen Richter alles bekannt haben, zum Tode verurteilt worden sind und nach den jetzt in diesem Reich geltenden Maßstäben alles gesühnt haben, die aber doch innerlich völlig fried- 138 echenschaft bekennen.“ jenheit. Ich nm um seine kann. Sein farrer seine die auch iren öffnen nur unklar In solchem e Anerken- -h demütig ‚on als Ver- tzt, als vol ı Jarin, dab 3 gerecht- ht 8 om ewigen ir trend 1 gekehrt, are 2 ZWISCHEN TOD UND LEBEN los und zerrissen bis zu ihrem letzten Augenblick geblie- ken sind“ Der Pfarrer macht eine kurze Pause. Sein Blick ist wie in weite Ferne gerichtet, und seine Stimme spricht, als wenn er sich selber Rechenschaft ablege. Dann beginnt seine gleichmäßige, eindringliche, fast etwas monotone Stimme wieder, durch die es wie leise Trauer zu klingen scheint. „Wenn Sie nun vor dem Untersuchungsrichter stehen, stehen Sie besonders in diesem Reich wahrhaftig nicht vor Gott. Für diese Leute ist schon die Erwähnung der Tatsache, daß sie einmal vor ihrem ewigen Richter stehen werden, eine Beleidigung. Ich will Ihnen folger- des bezeichnende Beispiel erzählen, das ich selbst erlebt habe. Es war während einer Evangelisationswoche 1939 in Goldap in Ostpreußen. Durch eine Einladung der ostpreußischen Synode war ich aufgefordert worden, dort zu predigen. Die Kirche war überfüllt. Ich predigte über das Thema: ‚Gott spricht Recht‘. Um das Bild des Gleichnisses plastischer zu machen, prägte ich den Satz: ‚Ob ihr Name Hitler oder Goebbels, Clara Hesse oder Hermann Moser ist, jeder muß einmal vor seinem ewigen Richter stehen.‘ Nach dem Gottesdienst wurde ich von der Gestapo verhaftet. Was war geschehen? Der Polizei- chef von Goldap hieß zufällig Hermann Moser! Ich hatte es nicht gewußt! „Wollen Sie bestreiten, daß Ihre Rede ein Angriff auf die Gestapo war?“, wurde ich gefragt. Ich bestritt es. Ich wurde nach Tilsit überführt. Ich wies auf meine Tätig- 139 ELLE IH arT ARE FR en h j N ER EITFPETPIITTET FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN keit in Berlin hin, die meine sofortige Rückkehr not- wendig machte. Nach zwei Tagen wurde ich freigelassen. Man brachte mich an die Grenze des Kreises Tilsit und ließ mich dort auf der Straße stehen, ohne Hut und Man- tel und Geld. Seitdem habe ich Rede- und Aufenthalts- verbot für den Kreis Tilsit.“ Nach einer kleinen Pause fährt er fort:„Also, lassen Sie sich nicht täuschen durch die Richter. Sie reden zwar im Namen Gottes, sie geben vor, die von Gott eingesetzte Gerechtigkeit hier zu vertreten. Das alles ist Lüge, und viele Richter wissen es selbst.“ Die Stimme des Pfarrers wird härter, es klingt fast wie eine Anklage:„Denn sie nehmen ihre Maßstäbe nicht an den Geboten des Herrn. Wer fragt in seiner Recht- sprechung heute nach den zehn Geboten Gottes? Wer legt seiner Rechtsprechung heute die Worte der Bergpredigt zu Grunde? Wer von diesen Richtern ringt mit seinem Gott um Klarheit, bevor er einen Richterspruch vollzieht?“ Seine Stimme nimmt noch mehr an innerer Eindringlich- keit zu, aber sie wird fast noch leiser als vorher:„Beden- ken Sie, der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Das heißt, jeder Richter, auch der beste, brauchte eigentlich für eine gerechte Beurteilung des Angeklagten die göttliche Erkenntnis, ins Herz schauen zu können.“ In die entstehende Pause schiebt sich ein leiser Einwand H.s:„Herr Pfarrer, ich kann mir doch nicht anmaßen, mich zum Richter über meine Richter zu machen.“ Der Pfarrer blickt ihn offen und voll an.„Das dürfen Sie 140 EN ZWISCHEN TOD UND LEBEN ckkehr notFreigelassen. Tilsit und t und ManAufenthalts, lassen Sie den zwar im eingesetzte t Lüge, und ngt fast wie abe nicht an einer Rechtes? Wer legt ergpredigt zu seinem Gott ollzieht?" Eindringlichher: ,, Bedenst, Gott aber er, auch der Beurteilung is, ins Herz iser Einwand cht anmaßen, achen." as dürfen Sie " auch nicht. Aber Sie müssen als erstes Gott als Ihren Richter anerkennen! Beugen Sie Ihre Knie in Ihrer Zelle heute abend! Bekennen Sie Gott bedingungslos Ihre Ergebenheit und Ihre Bereitschaft, seine Wege und seinen Willen als die Ihren anzuerkennen. Sagen Sie Gott alles, was Sie in Ihrem Leben als Last und Sünde empfinden. Sie werden dann entdecken, was göttliche Gnade und göttliches Recht aus Ihnen macht." Wieder macht der Pfarrer eine kurze Pause. H.s Blick ist jetzt frei und klar. Der Ausdruck des Zweifels ist aus seinem Gesicht gewichen, als der Pfarrer weiterspricht. Wenn Sie so vor diejenigen treten, die Ihre menschlichen Richter sein wollen, dann werden Sie diesem Richtertisch innerlich das Recht absprechen, nach Schuld und Sühne in Ihrem Leben zu fragen. Denn Ihre Gedanken und Ihre Worte, die dieser Richtertisch im Auftrage der Staatsführung Ihnen als ein tödliches Verbrechen auslegen will, sind Ihr unveräußerliches Recht, auf das Sie als Angehöriger der Kultur Anspruch erheben können. Zum Schluß noch eins: Abgesehen von der letzten Problemstellung über die Frage der Richter überhaupt, bedenken Sie bitte: Wenn Sie diesen Richtertisch anerkennen, dann erkennen Sie damit auch die heutige Staatsführung in ihrer Zielsetzung an!" Es entsteht eine lange Pause. Man merkt es Pfarrer D. an, wie schwer es ihm fällt, was es für bitterer Erkenntnisse bedurft hat, bis er als Mensch, der in diesem Staate lebt, sich innerlich von diesem Staate so losgelöst hat, daß 141 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN er zu einem Menschen in einer Gewissensnot solche Worte sprechen kann. Endlich sagt der Pfarrer mit nüchterner Sachlichkeit:„Besprechen Sie nun Ihre Verteidigung eingehend mit Dr. H. Meine guten und aufrechten Wünsche begleiten Sie. Also, dann Gott befohlen.“ Er reicht uns zum Abschied die Hand. H. ist bis ins Innerste erregt. Wir sitzen eine Weile schweigend. „Der Pfarrer hat schon recht, wenn er mir vorhält, daß ich nicht diesen bequemen Weg gehen soll. Wir leben in einer Zeit, deren Grundf£esten erschüttert sind. Es ist das Furchtbare, daß wohl die meisten Menschen aus einer heftigen Sehnsucht nach Frieden es für das höchste Glück halten, gehorsam und voller Vertrauen klaren Vorschriften der Obrigkeit folgen zu dürfen. Aber was ein Mensch der Mittelmäßigkeit, und die Masse des Volkes gehört nun einmal zu den Mittelmäßigen, tun soll, wenn die Obrigkeit Gottes Vorschriften mißachtet und seinen Namen nur zum Schein im Munde führt, was dann der einzelne Mensch tun soll- als Märtyrer sterben oder in bewußter oder unbewußter Knechtschaft weiter- leben-, den richtigen Weg werden die meisten Menschen nicht erkennen, geschweige denn ihn finden. Aber der Mensch in einem solchen Zwiespalt muß Gott als seinen obersten Richter anerkennen. Darin besteht ja auch der große, tragische Irrtum des Pfarrers W., den er selbst zu spät erkannt hat. Pfarrer W. hat in dem Glauben, sich den irdischen Richtern ganz unterordnen zu müssen, nicht den Versuch einer Verteidigung gemacht. Er hat vor dem Untersuchungsrichter alles zugegeben, was ihm 142 n aus einer jas höchste klaren Aber was (nasse des n, tun soll, Pi] 3achtet und 4, was dann terben ode! 4 weitel- „ Menschen Aber der FETTE EEE TEE SIEBTE ZWISCHEN TOD UND LEBEN die Staatsführung zum Vorwurf machte. Der Unter- suchungsrichter hat diese unerhörte menschliche Darstel- lung mit Worten hohen Lobes anerkannt, so daß W., wiederum auf Anraten dieses Untersuchungsrichters, sich nicht einmal einen richtigen Verteidiger nahm. Er hat auch in der Hauptverhandlung wieder alles bekannt. Die Richter zeigten sich sehr beeindruckt und- verurteilten ihn darauf zum Tode.“ Das heutige Gespräch, dem ich im einzelnen nicht so fol- gen kann wie die beiden wissenschaftlich geschulten Theologen, die das Gespräch geführt hatten, gibt mir einen Lichtblick in anderer Richtung. Niemand kann sagen, wie trotz aller Hoffnung, die ich im geheimen doch noch in mir trage, sich mein Schicksal gestalten würde. Ich muß mich auf das Ende des Lebens vorbereiten, und durch das heutige Gespräch sehe ich zum erstenmal den Weg vor mir, den ich so oft schon unbewußt gegangen war, die Quelle, aus der ich Kraft geschöpft hatte in Not und Gefahr. Ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich den Weg zu Gott finden werde, dem ich mein Schicksal und mein Leben anvertraue. In diesen Stunden der Besinnlichkeit erscheint plötzlich mein Anwalt.- Es war beinahe wie ein innerer Zusam- menhang der Geschehnisse. Er war durch das Telegramm von unserem Pfarrer sehr beunruhigt worden, zumal er aus meinem letzten Brief zu der Auffassung gekommen war, daß ich bereits zu den Partisanen geflohen wäre. „Sind Sie denn überhaupt geflohen? Haben Sie einen Fluchtversuch gemacht?‘, ist seine zweite Frage, kaum 143 I H FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN daß wir uns erst begrüßt haben. Ich berichte ihm kurz den Sachverhalt.„Dann ist ja aus dieser Sache keine neue Schwierigkeit für Sie zu erwarten!“ Er atmet erleichtert auf.„Über Ihren Prozeß läßt sich auch nichts Endgültiges sagen, aber bestätigt ist das Urteil noch nicht. Es besteht wenig Neigung, wie ich vertraulich festgestellt habe, das Urteil zu bestätigen, aber anderer- seits verschärfen sich die politischen Einflüsse auf die Militärgerichtsbarkeit immer mehr, und angesichts dieser Tatsache hat niemand den Mut, eine Aufhebung des Urteils vorzuschlagen.“ Wir besprechen eingehend die Möglichkeiten, welche Wege noch eingeschaltet werden können. Trotz aller düsteren Unsicherheit meiner Lage läßt mein Anwalt sich nicht von seinem früheren Optimismus abbringen „Der Weg ist noch weit und schwer, aber wir werden es schaffen.“ Mit diesen Worten verabschiedet er sich. Während nun in meinem Innern ein kleines. Pflänzleiv der Hoffnung schüchtern zu sprießen beginnt, scheinen die äußeren Ereignisse diese Entwicklung Lügen zu strafen. Erbarmungslos mäht der Tod in unseren Reihen, und die Atmosphäre des Todes ist es, die weiterhin unser Denken bestimmt. Ich kann sie nicht alle schildern, die täglich aus unseren Reihen gerissen werden, die Kame- raden, welche täglich fehlen, wenn wir, an den Gitter- stäben unseres kleinen Fensters hängend, auf den Gefängnishof hinunterstarren. Aber die Schicksale, die in meiner nächsten Nähe sich abspielen, muß ich mit- erleben, ob ich will oder nicht. Irgendwie tragen sie 144 EN e ihm kurz ache keine Er atmet auch nichts Urteil noch vertraulich er anderersse auf die ichts dieser mebung des en, welche Trotz aller ein Anwalt abbringen. wir werden ter sich. Pflänzlein mt, scheinen Lügen zu eren Reihen, terhin unser childern, die die Kameden Gitterauf den ksale, die in ß ich mittragen sie ZWISCHEN TOD UND LEBEN dazu bei, meine innere Haltung zu den Fragen des Lebens entscheidend zu beeinflussen. Der Sommer liegt über dem Land. Es ist der fünfte Kriegssommer. Auf dem Gefängnishof ist es jetzt während des Mittags brütend heiß. Der riesige Backsteinbau des Gefängnisses hat sich so voll Hitze gesogen, daß wir auch nachts kaum Kühlung empfinden. Und sonntags finden auf dem großen Sportplatz hinter der Gefängnismauer Aufmärsche und Feste statt, deren Lautsprechermusik uns in den Ohren gellt und eine schauerliche Begleitung bildet zu den menschlichen Tragödien, die hier täglich ihren Abschluß finden, zu dem Unmaß von Leid und Not. Es ist wieder einmal Fliegeralarm. Aber noch sind die Feindflugzeuge fern. Wir sitzen im Keller in einer kleinen Gruppe, ich selbst zufällig neben Professor K. Nach längerem Schweigen fragt H., wohl um nur irgend ein Thema anzuschneiden, über die Zusammenhänge seines Prozesses. Professor K. funkelt seinen Nachbarn durch die Brille an. Es ist der lange, hagere Gutsbesitzer v. G. aus Ostpreußen. Man kann sich keine größeren Gegensätze denken als diese beiden, die hier wegen des gleichen Vergehens angeklagt sitzen. Der kleine, dickliche Professor mit dem etwas verwahrlosten Äußeren, die verkörperte Intelligenz, und der etwas müde Aristokrat, ein ehrlicher, fast etwas steif korrekter Mann alter Schule, etwas zurückhaltend, unbewußt mißtrauisch gegenüber seiner Umwelt, aber doch mit dem Gepräge einer gewissen Würde und Grundanständigkeit. Als dritter 10 145 nen FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN sitzt als eine merkwürdige Ergänzung ein schmächtiger, blasser, jüngerer Mensch mit weichlichem Gesicht bei uns, der sich überlegen gibt, ohne durch seine übrigen Eigenschaften irgendwie aufzufallen, und den ich noch nicht kenne. Professor K. ist sofort mitten im Thema. Etwas resigniert schildert er, wie ein größerer Kreis gebildeter Menschen sich zum Ziele gesetzt hatte, eine Verständigung mit Rußland herbeizuführen, an deren Spitze Schulze-Boysen stand. „Wir haben damals mit allen Mitteln versucht, diesen neuen Wahnsinn des Krieges mit Rußland zu hinter- treiben. Es war alles vergeblich. Der Kreis war zu groß, der um die Dinge wußte. Man war vielleicht auch nicht vorsichtig genug.“ Der Rundfunk gibt seine Meldungen. Die Flugzeuge fliegen vorläufig noch im Norden vorbei. Die Posten vom Wachregiment an den Türen dösen vor sich hin und scheinen uns vier in unserer Ecke nicht zu beachten Professor K. hat sich einen Augenblick umgesehen, dann fährt er fort:„Aber trotzdem mußten wir unseren Miß- erfolg im Interesse des Friedens blutig bezahlen. Es sind ım ganzen über dreihundert Personen in diesem Zusam- menhang hingerichtet worden. Darunter über vierzig Offiziere und viele Frauen. Die Tatsache, daß man im Hause eines der Hauptbelasteten verkehrt hatte, genügte für das Todesurteil. Mir selbst konnte man nur nach- weisen, daß ich einmal bei einem Bekannten von Herrn Schulze-Boysen Tee getrunken hatte, und zwar konnte 146 EDEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN schmächtiger, m Gesicht bei seine übrigen den ich noch was resigniert eter Menschen ändigung mit chulze- Boysen rsucht, diesen nd zu hinterswar zu groß, cht auch nicht Die Flugzeuge ie Posten vom sich hin und beachten. gesehen, dann unseren Mißahlen. Es sind liesem Zusamüber vierzig daß man im hatte, genügte man nur nachten von Herrn zwar konnte nicht einmal bewiesen werden, ob es vor oder nach der fraglichen Tat geschehen war. Jedenfalls stand ich schon in der Reihe von fünfundzwanzig, die jeden Morgen mit zwei Minuten Abstand von der automatischen Guillotine in Brandenburg hingerichtet wurden. Man muß da vorher seine Kleider und Schuhe ausziehen. Die Männer dürfen ihre Unterhose anbehalten, die Frauen müssen ein Papierhemd anziehen. Die meisten Gefangenen wußten nicht, wie es vor sich geht. Aber es war wunderbar und erschütternd, mit welch tapferem Herzen Männer und Frauen dort gestorben sind. Der Vorgang der Hinrichtung ist folgender." Professor K. doziert jetzt wie bei einer Vorlesung, kühl und sachlich. ,, Der Gefangene tritt durch eine Tür, dann greifen zwei eiserne Arme um ihn und pressen ihn vornüber zu Boden. Im gleichen Augenblick fällt elektrisch das Henkersbeil. Das Ganze geht so schnell, daß der Verurteilte nicht mehr viel merkt. Außerdem kann er keinen Widerstand leisten. Der Kopf fliegt in einen tiefer liegenden Raum mit Sägespänen. Die Henkersknechte reißen den toten Körper seitwärts fort, und die eisernen Arme gehen von selbst nach oben in ihre Ausgangsstellung zurück." K. macht eine kurze Pause. ,, Besonders die Gräfin D., welche an fünfter Stelle vor mir stand, wird mir unvergeßlich sein. Eine tiefgläubige Frau, die mit einer Gelassenheit die vor ihr Stehenden durch die Tür treten sah und durch ihre tapfere Haltung viele der anwesenden Männer weit übertraf. Nur einen Augenblick zögerte sie, 10° 147 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN als sie die Tür des Todes betrat.“ Der Professor hält inne und putzt angelegentlich seine Brille. „Wie auf dem Schlachthof- diese grauenhafte Szene‘, durchfährt es mich, während ich mechanisch nachrechne: fünfundzwanzig Hinrichtungen, alle zwei Minuten eine, also in fünfzig Minuten... Da spricht Professor K. weiter:„Plötzlich höre ich meinen Namen rufen, ich werde aus dem Raum heraus- geführt und muß mich wieder anziehen. Mein Verteidiger hatte die Wiederaufnahme meines Prozesses durchge- setzt. Aber das ist nun auch schon ein halbes Jahr her.“ „Wissen Sie, viel Hoffnung hat man ja auch nicht, hier je wieder herauszukommen‘“, wirft v. G. in seinem harten ostpreußischen Dialekt ein:„Man macht die Erfahrung, daß die hier immer reichlicher zumessen, je höher die Instanz wird. Ich wünsche Ihnen ja alles Gute, Professor, für die zweite Instanz, aber ich bin nun schon in der dritten. Wenn der Hitler das wüßte, was hier alles vor sich geht und was er an mir für einen treuen Ge- folgsmann verliert! Ich glaube, da würde sich manches ändern. Sehen Sie, da kann man ja wirklich an allem irr werden; in der ersten Instanz kriege ich vier Wochen Arrest, das Urteil kommt zurück: zu milde; die zweite Instanz genehmigt mir zwei Jahre Gefängnis, das Ober- kommando schickt das Urteil zurück: zu wenig; die dritte Instanz gibt mir drei Jahre Zuchthaus. Da sitze ich jetzt! Wenn der Chef des Oberkommandos das immer noch zu milde findet, dann seh ich mir zu Weihnachten die Radieschen von unten an!“ 148 EN ZWISCHEN TOD UND LEBEN ofessor hält fte Szene", machrechne: nuten eine, höre ich um herausVerteidiger s durchges Jahr her." nicht, hier in seinem macht die umessen, je alles Gute, nun schon as hier alles treuen Gech manches an allem irr ier Wochen die zweite , das Oberwenig; die Da sitze ich das immer Weihnachten " Professor K. schaut den Redner kampflustig an: ,, Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht", warnt er. ,, Wenn Sie sich hier auf Menschen verlassen, dann werden Sie bitter enttäuscht. Hitler unterschreibt jedes Urteil. Ich habe in den letzten Jahren das Morden auf Befehl dieses Führers nur unheimlich konsequent und sich steigernd gesehen! Ich kenne hier übrigens einen Fall, wo ein Angeklagter in ähnlicher Lage wie Sie in der ersten Instanz zu Zuchthaus verurteilt, in der zweiten Instanz freigesprochen wurde. Auf diesem Urteil stand eine handschriftliche Notiz:, Warum so milde?' In der dritten Instanz erhielt der Angeklagte das Todesurteil. Dieses wurde bestätigt und vollstreckt." Es entsteht eine Pause. , Wenn Sie einmal in das Räderwerk dieser Todesmaschine hineingeraten sind, dann muß ein Wunder geschehen, wenn Sie hier lebendig wieder herauskommen“, ergänzt Professor K. v. G. sieht grübelnd vor sich hin: ,, Ja, was soll man noch machen?" antwortet er schließlich. Der schmächtige, blasse junge Mann richtet sich etwas auf. ,, Manchmal geschehen aber doch Wunder, und zwar in einem wirklich humoristischen Zusammenhang. Kennen Sie die Geschichte von dem bekannten Berliner Humoristen, der hier mal einige Monate verbracht hat? Ganz Berlin ist heute noch voll von den Sachen, die er sich hier geleistet hat. Er ist ja die verkörperte Intelligenz im Humorformat, und er braucht nur einen Satz zu sagen, dann lacht schon alles. Goebbels ließ ihn eine 149 Ener FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Weile gewähren, aber dann offenbarte sich doch sein kleiner Geist, und er hetzte ihm die Gestapo auf den Hals. F. nahm also hier im Gefängnis Unterkunft. Gleich am zweiten Tag besuchte ihn der katholische Gefängnis- pfarrer, der nicht wußte, ob F. katholisch wäre.„Treten Sie ruhig ein, Herr Pfarrer“, sagte F. zur Begrüßung,„ich bin durch Martin Luther bestens auf Sie vorbereitet.“- Der Geistliche verstand Humor und lachte sehr. Da man F. nichts Direktes nachweisen konnte, wurde ihm Abhören von Feindsendern vorgeworfen. Der Vor- sitzende des Gerichtes war sich darüber klar, daß es sehr schwierig sein würde, sich gegen F.s Dialektik durchzu- setzen. Er begann also seine Vernehmung sehr vorsich- tig: ‚Angeklagter, Sie sitzen abends am Radio!‘- ‚Ja‘, sagt F. scheinheilig. ‚Sie hören den Deutschlandsender!‘ - ‚Ja‘, bestätigt F. ‚Und jetzt wollen Sie den Berliner Sender hören!‘ ‚Ja‘, wiederholt F. gehorsam. ‚Und da drehen Sie ganz, ganz langsam an dem Knopf... und dann kommt‘- ‚Hören Sie auf‘, ruft F. abwehrend dazwischen, ‚Sie machen das wohl täglich! Sie sprechen anscheinend aus Erfahrung!‘- Der ganze Richtertisch lachte laut los, und F. wurde freigesprochen.“ Die Welt des Gefängnisses ist für einen Augenblick ver- gessen, der Humor hat sie besiegt, aber nur für einen Augenblick, denn da heulen die Sirenen Entwarnung, und wir werden truppweise in unsere Zellen zurück- geführt. „Weißt Du, so ein gutgläubiger, persönlich bestimmt sauberer Typ wie der Herr v.G. erschüttert mich ganz 150 DEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN ch doch sein auf den Hals. t. Gleich am e Gefängniswäre... Treten rüßung ,,, ich orbereitet."- sehr. onnte, wurde en. Der Vor, daß es sehr tik durchzusehr vorsichHadio!'-, Ja', hlandsender! den Berliner m., Und da nopf... und abwehrend Sie sprechen Richtertisch 14 genblick verur für einen Entwarnung, ellen zurückch bestimmt rt mich ganz besonders", führt H. unser Gespräch in der Zelle weiter. ,, Diese Leute gibt es wohl häufiger, aber ihnen ist nicht zu helfen, Sie haben irgend eine fixe Idee, so eine Art Patentlösung, mit der sie die Widersprüche zwischen ihrem eigenen theoretisierenden Idealismus und ihrer nüchternen Beobachtung wegräsonieren, weil sie sonst vor unlösliche Konflikte und Konsequenzen kommen!- Vielleicht glauben sie auch wirklich, was sie sagen!"- ,, Stimmt schon", ergänze ich seine Gedanken, ,, ich glaube, so ein Mensch schreit noch, Heil Hitler!', wenn er schon mit einem Fuß auf der Guillotine steht!" ,, Du brauchst nicht zu spotten", weist mich H. zurecht. ,, Hier sind schon eine ganze Menge Verurteilter auf Befehl Hitlers erschossen worden, deren letzter Ruf, Heil Hitler!' war." Ich schweige. Hier war wieder die Wand, die Wand des Unverständlichen, gegen die der Verstand machtlos anlief. An diese durch ihre äußeren Gegensätze so bizarre Unterhaltung habe ich später oft zurückdenken müssen. Am Ende dieses Jahres waren von den daran Beteiligten nur H. und ich noch am Leben. Aber schon ein paar Tage später erhält das Gefühl relativer Beruhigung, das unbewußt in mir entstanden war, wieder einen heftigen Stoß. Ich bin nun seit vierzehn Tagen in Berlin im Gefängnis, als eine Wache kommt und mir den Befehl des Gefängniskommandanten überbringt, sofort meine Sachen zusammenzupacken. Ich werde abtransportiert in die Abteilung für Verurteilte. 151 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN So muß ich mich von meinem Freunde H. trennen. Es fällt mir sehr schwer. Doch hoffe ich, ihn gelegentlich des Fliegeralarms wieder zu sehen. Seine stille und selbstlose Art, sein klares Gottvertrauen haben mir in den kurzen Wochen viel gegeben. Ich komme auf einen anderen Korridor, werde dort in eine Einzelzelle gesperrt. Blitzartig steht die ganze Un- sicherheit meiner Lage erneut vor mir. Glücklicherweise kommt am nächsten Tag Pfarrer D. Er nimmt schon in meinem Denken einen derartigen Platz ein, daß allein die Tatsache, daß er durch die Zellentür tritt und mich mit seinen frohen, zuversichtlichen, stets optimisti- schen Worten begrüßt, mir alle Dinge weniger schwer er- scheinen läßt. Er beruhigt mich sehr.„Es war ein glück-. licher Zufall, daß Ihre Papiere noch nicht da waren, als Sie hier eintrafen; erst jetzt weiß die Gefängniskomman- dantur, daß Sie schon verurteilt sind, und da mußten Sie natürlich in diese Abteilung hinein. Mir war klar, daß man Sie hierher umgruppieren würde. Aber ich habe dem Kommandanten natürlich nichts gesagt.“ Der Pfarrer lacht vergnügt.„Es war, glaube ich, ganz gut für Sie, daß Sie einige Zeit mit H. in der gleichen Zelle gehaust haben.“ Er mustert mich gründlich.„Ja, Herr Pfarrer, er hat mir sehr geholfen und mich auch innerlich weiter gebracht. Aber ich habe eine Bitte. Ich halte es nicht aus, jetzt wieder allein in einer Zelle zu liegen. Können Sie mir helfen, daß ich wieder mit jemand zusammenkomme? Ich muß jemand haben, mit dem ich sprechen kann.“ .-(.4n EDEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN trennen. Es gelegentlich ne stille und haben mir in werde dort in die ganze Uncklicherweise nimmt schon atz ein, daß ntür tritt und tets optimistiger schwer erwar ein glückda waren, als gniskommanJa mußten Sie war klar, daß aber ich habe t." eich, ganz gut gleichen Zelle rer, er hat mir eiter gebracht. icht aus, jetzt Snnen Sie mir enkomme? Ich kann." Der Pfarrer sieht mich lange und gedankenvoll an. ,, Nur nicht den Kopf hängen lassen", sagt er. ,, Ich habe Ihnen hier ein Buch mitgebracht. Es schildert das Leben deutscher Kriegsgefangener in Sibirien während des letzten Krieges. Es behandelt viele Fragen, die Sie heute beschäftigen. Sagen Sie mir offen, was Sie darüber hinaus bedrückt. Ich habe das Zutrauen zu Ihnen, daß Sie den richtigen Weg finden werden.- Wegen einer Umlegung zu einem Kameraden will ich mich gern verwenden, aber seien Sie sich darüber klar, in dieser Abteilung liegen nur zum Tode Verurteilte, deren Urteile täglich vollstreckt werden. Und ob diese Menschen in der Lage sind, Ihnen innerlich eine Stütze zu sein, oder ob Sie nicht selber Ihren Zellengenossen stützen müssen, läßt sich nicht im voraus sagen." Nachdem er gegangen ist, fällt mein Blick auf ein paar Liebesgaben, die er auf den Waschtisch gelegt hat, ohne daß ich es merkte. Die Bewachung dieser Abteilung ist verschärft. Das Licht bleibt die ganze Nacht brennen, und alle zehn Minuten kontrolliert ein Wächter nachts die Zellen, so daß die Gefangenen ständig unter Beobachtung sind. Fast eine Woche muß ich mich noch gedulden. Ich schreibe an alle Verwandten und bitte sie, mich aufzusuchen. Ich habe festgestellt, daß ich Sprecherlaubnis bekommen kann, wenn mich Verwandte hier besuchen wollen. Auch eine Zeitung abonniere ich. Ein Außenstehender kann gar nicht ermessen, was diese kleinen Dinge im Leben eines Menschen bedeuten, der auf der Brücke zwischen 153 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Sein oder Nichtsein steht. Jeder Kartengruß, jedes Päck- chen ist eine Botschaft aus einer anderen Welt, der Welt der Freien. Umso größer ist die Freude, die alle diese Dinge auslösen. Das Buch des Pfarrers, das Bekenntnis eines innigen, christusgläubigen Menschen zum Leben und zur Welt, begleitet mich immer weiter auf dem Wege der Demut und Ehrfurcht, der allein dem Menschen in seiner Not Hilfe geben kann in dieser Periode zwischen Tod und Leben, wo tiefste Niedergeschlagenheit und wilde Hoff- nung miteinander wechseln, während die Menschen mei- ner Umgebung um den Sinn des Lebens ringen, während der Geist mörderischen Unheils umgeht und das Leben dieser Menschen bedroht und vernichtet. So bin ich innerlich schon weit mehr gefestigt, als mir die Wache mitteilt, daß ich mit Pfarrer W. in eine Zelle gelegt werde. Ich habe ihn ja schon einmal im Luftschutzkeller gesehen, aber als ich inm nun von Angesicht zu Ange- sicht gegenüberstehe, die fast mystische Tiefe empfinde, die in seinem Blick ruht, ist der Eindruck doch verschie- den von dem Bild, das ich mir von ihm gemacht habe. Seine Persönlichkeit wirkt gewissenhaft und überzeu- gend, aber er ist ein Mensch, der zum Leiden bestimmt zu sein scheint. Ein Märtyrertyp, der sein Schicksal mit einer gewissen Leidenschaft zu tragen bereit ist. Er hat das absolute Bewußtsein seines nahen Todes und bereitet sich jeden Abend in einer Andacht, die er mit mir hält, innerlich vor. Jeden Abend verrichtet er kniend sein 154 DEN jedes Päckelt, der Welt ie alle diese nes innigen. and zur Welt. e der Demut n seiner Not men Tod und wilde Hoffenschen meigen, während d das Leben So bin ich ir die Wache Zelle gelegt tschutzkeller cht zu Angeefe empfinde, och verschie emacht habe. und überzeuden bestimmt Schicksal mit it ist. Er hat s und bereitet mit mir hält, kniend sein ZWISCHEN TOD UND LEBEN Gebet. Er ist ein Mensch, der fast schon im Jenseits steht, wenn er auch noch auf dieser Erde lebt. Als ich ihn zum erstenmal nach dem Stand seines Prozesses frage, antwortet er mit einem gleichgültigen, fast selbstverständlichen Ton in der Stimme: ,, Ich werde bald hingerichet." Er sagt dies mit einer Ruhe, die mich stark beeindruckt und zugleich zum Widerspruch reizt. Bewegt ihn sein Schicksal so wenig, daß er darüber spricht wie über etwas Unwesentliches? Oder ist diese Ruhe nur scheinbar? Was verbirgt sich hinter ihr? Zweifelsohne steht hier ein Mensch vor mir mit einem besonderen Schicksal. Seine Ruhe und seine bewußte Zurückhaltung haben etwas sehr Eindrucksvolles. Es ist, als läge ein Geheimnis über ihm. Ein Mensch, der ehrlich um seine Vollendung ringt. Auch über die Entwicklung, in der sich unser Volk befindet und die zu der jetzigen politischen Lage geführt hat, sprechen wir oft. Ich höre ihm gerne zu, denn er betrachtet diese Dinge unter einem menschlichen Standpunkt, der völlig frei ist von dem vergiftenden Atem überhitzter und rechthaberischer Parteipolitik, welche den klaren Blick trübt. Auch der Gefängnisgeistliche, der uns hier öfters besucht, beteiligt sich ab und zu an unseren Gesprächen. Es ist ein wirklicher Vorteil, daß dieser oft in die Abteilung der zum Tode Verurteilten kommt. Wir haben beide das unausgesprochene Bestreben, meinen Zellengenossen aus der ihn so bedrückenden Atmosphäre innerlich etwas frei zu machen. Es ist besonders schwierig, ein Gesprächsthema zu finden, das nicht mit dem Jenseits zusammenhängt. 155 Euer ne FERN UND EWIG.LEUCHTET FRIEDEN Aber oft nehmen die Gespräche dann eine Wendung, die gerade auf dieses Thema führt. Der tägliche Rahmen unseres Lebens hat sich auch in dieser Abteilung nicht geändert. Aber hier ist wieder etwas hinzugekommen, was das Leben in Minsk so unge- heuer belastete und was in den letzten Wochen aus mei- nem Leben verschwunden war. Fast jeden Morgen kommt das Vollstreckungskommando, und wenn früh um 6 Uhr der eisenbeschlagene Schritt auf den Steinfliesen des Ganges ertönt, dann liegen die Gefangenen unter der Todesdrohung zitternd, apathischh mit wildem Herz- klopfen, den kalten Schweiß auf der Stirn und horchen, an welcher Zelle der Schritt halt macht; denn dieses Halt bedeutet den Tod, den Tod noch vor Beginn des Tages. Die Stunde bis zum Wecken um 7 Uhr ist gerade ge- nügend, um die aufgeregten Sinne zu meistern. Der Vor- mittag vergeht dann mit allen möglichen Verrichtungen, in denen der tägliche Spaziergang, der zwischen 9 und 12 Uhr stattfindet, das Rasieren, das jeden dritten Tag ein Friseur vornimmt, und zwischendurch die Beobachtung der Gefangenengruppen auf dem Hof eine Rolle spielen. Letzteres, um wieder festzustellen, wer am Morgen hin- gerichtet worden war. Mittags um 12 Uhr gibt'es den üblichen halben Liter Suppe. Ich habe keinmal während meiner Gefangenen- zeit etwas anderes bekommen! Nach dem Essen folgt eine kurze Ruhepause zum Schonen der Kräfte. Eine besondere Bedeutung liegt auch in der Möglichkeit, sich im Krankenrevier dem Arzt vorführen zu lassen. Es ———e an. ZWISCHEN TOD UND LEBEN ist klar, daß die Gefangenen von dieser Möglichkeit aus- giebigst Gebrauch machen. In dem Krankenrevier ist infolgedessen ein solcher Andrang, daß man jedesmal stundenlang warten muß. Und da die Gefängnisleitung nicht neben jeden Gefangenen einen Wächter stellen kann, ergibt sich hier die Möglichkeit langer Unterhal- tungen, eingehender Erörterungen der politischen und der Kriegslage und Austausch von Informationen jeg- licher Art. Da ich durch einen Sturz vom Pferde einen schlecht verheilten Knochenbruch in der rechten Schul- ter habe, ergibt sich für mich immer wieder die Gelegen- heit zu ärztlichen Konsultationen, Röntgenaufnahmen und spezialärztlichen Prüfungen. Aber noch eine andere Möglichkeit besteht, die unter Umständen Rettung aus der Todesgefahr bedeuten kann. Das ist die sogenannte Abteilung„Klaps“‘ des Professors M. Wenn es einem Gefangenen gelingt, geistesgestört aufzutreten- vielleicht ist er es auch, man kann es ja nicht wissen!-, dann wird er zur Untersuchung in die Krankenabteilung zu Professor M. H. gebracht. Während aber der Arzt im Gefängnisrevier als übelwollender Scharfmacher auftritt, ist Professor M.H. ein Mann, der von seiner Abteilung aus zu retten versucht, was irgend zu retten ist. Der große Vorteil ist nun, daß die Unter- suchung zwölf Wochen lang dauert, man also zwölf Wochen frei von der Katakombe, frei von der Voll- streckungsgefahr ist. Alle Todesurteile werden während dieser Zeit ausgesetzt. Gelingt es dem Professor nachzu- weisen, daß der Betreffende zeitweilig geistesgestört ist, 157 Eye ea FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN so muß er nach$ 151, 2 des BGB. in eine Heilanstalt überführt werden und kann nicht hingerichtet werden. Es ist klar, daß viele Gefangene versuchen, auf diese Weise ihr Leben zu retten, und manchen ist es auch gelungen. Aber es sind nicht viele. Ein Fall ist mir besonders erinnerlich. Es war ein junger Student aus dem Westen, der bei einem Jägerbataillon gedient hatte, aber infolge seiner scharfen Kritik am Nazismus denunziert worden war. Ein stets frohgemuter Bursch, den ich bei den Fliegeralarmen einigemal traf. Seine ständige Redensart, mit der er jeden begrüßte, war: „Na, noch nicht hingerichtet? Kein Grund, sich beleidigt zu fühlen. Adolf sorgt dafür, daß jeder an die Reihe kommt.“ Als er sah, daß seine Verurteilung zum Tode unvermeid- lich erschien, spielte er eines Tages„verrückt“. Es war für uns etwas anstrengend, da seine Zelle neben der unsrigen lag und wir den ganzen Radau, den er dort anstellte, mit anhören mußten. Er sang, johlte und pfiff, schlug das ganze Inventar in seiner Zelle kurz und klein, schmiß seinen Kot an die Decke und benahm sich trotz aller Strafen, die er sofort bekam, wie Entziehung einzel- ner Essensportionen, Verdunkelung der Zelle, Sperrung des Ausganges, immer weiter verrückt, bis man ihn schließlich in die Abteilung„Klaps‘‘ ablieferte. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Unter dieser mannigfachen Unruhe des Tages ergibt sich recht eigentlich der spätere Nachmittag als die Zeit, bei der man auch innerlich bereit ist, ernsthaftere Gespräche 158 EDEN ZWISCHEN TOD UND LEBEN ne Heilanstalt chtet werden. men, auf diese mist es auch war ein junger Jägerbataillon en Kritik am s frohgemuter einigemal traf. begrüßte, war: sich beleidigt an die Reihe de unvermeidückt". Es war lle neben der , den er dort hlte und pfiff zurz und klein, ahm sich trotz ziehung einzelelle, Sperrung bis man ihn ferte. Ich habe ges ergibt sich Is die Zeit, bei tere Gespräche zu führen. Die Post ist gekommen. Mein Zellengenosse hat den so sehnsüchtig erwarteten Brief von seiner Frau wieder nicht erhalten. Die Zeitungen sind voll von einer Goebbelsrede über die Segnungen und Erfolge des Nationalsozialismus. Ich will meinen Zellengenossen etwas ablenken und bringe durch eine Frage das Gespräch auf die aktuelle Goebbelsrede. ,, Es ist mir immer wieder unverständlich, wie der Nazismus es verstanden hat, die Majorität des Volkes und dabei viele ehrliche und anständige Teile des guten Bürgertums so zu täuschen, daß sie die Nazipropaganda wirklich für ernst genommen und nicht aus menschlicher Erkenntnis und Erfahrung heraus die Träger dieser Ideen als weltfremde, machtgierige Phantasten und skrupellose, unmoralische Egoisten erkannt haben. Wenigstens bei Kriegsausbruch mußten erfahrene und kluge Menschen doch sehen, wohin der Kurs führt!" Mein Zellengenosse schaut einen Augenblick wie sinnend in die Weite: ,, Der menschliche Geist und gerade der Geist der europäischen Menschen hat auch in der geschichtlich übersehbaren Epoche immer wieder Zeiten durchgemacht, wo das, was wir menschliche Vernunft nennen, ausgeschaltet war und bestimmte Ideen sozusagen ganze Völker erfaßten und ihrer Zeit das geistige Gepräge gaben. Wir können das auf dem religiösen, aber auch auf dem politischen Gebiet genau verfolgen. Was glauben Sie, was für Krisen das Christentum seit seinem Bestehen hat überwinden müssen! Es hängt wohl zusammen mit dem Unglauben des Menschen an das nicht 159 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Sichtbare. Und die heutige Zeit der Gottferne in vielen Ländern der Welt ist ja auch eine solche Krise. So waren es im Mittelalter Kreuzzüge und Religions- kriege, die wir heute ihrem Sinne nach nicht mehr ver- stehen können, weil die beherrschenden ideen und die Grundauffassung vom Leben und der Aufgabe des Menschen eine andere waren als heute. Verständlicher wird uns schon eine politische Krise wie die französische Revolution; während die russische Revolution von 1917 uns noch zu nahe liegt, als daß wir die wirklichen, geisti- gen Zusammenhänge genau erforschen könnten. Nicht nur die Psychologie der geistigen Führer, auch die Massenpsychologie spielt da eine gewaltige Rolle. Tat- sache aber ist, und wir können es geschichtlich immer wieder belegen, daß ein Volk, dessen Menschen nicht besser und schlechter waren als die Menschen von heute - denn ich glaube nicht an das Schlagwort vom Fort- schritt des modernen Menschen, jedenfalls nicht in geistiger und ethischer Beziehung-, Tatsache ist, daß die Menschen gewisser Epochen plötzlich von Ideen ergriffen wurden, die sie völlig in ihren Bann schlugen. Periodisch traten Männer auf, die durch die Gewalt ihres Willens den Menschen Ziele setzten, sie für diese begei- sterten. Diese Ziele umfaßte das Volk für eine gewisse Zeitspanne dann als seine eigenen. Es ist, als ob ein magischer Kreis sich schließt, in dem immer neue Kräfte von dem geistigen Mittelpunkt an die Peripherie aus- strahlen und von dort gleichsam verstärkt auf diesen Mittelpunkt zurückgeworfen werden, dessen Kraft stän- 160 ne in vielen se. j Religions- t mehr ver- sen und die ufgabe des rständlicher französische on von 1917 chen, geisti- nten. Nicht r, auch die Rolle. Tat- lich immer ‚schen nicht ‚n von heute 4 vom Fort- ls nicht in „ist, daß die er ergriffen Besser ZWISCHEN TOD UND LEBEN dig neu belebt, anfeuert und stärkt. So wachsen Kräfte in einer bestimmten Richtung und werden über- mächtig, alle Schutzdämme der menschlichen Vernunft und Erfahrung einreißend wie eine Naturkatastrophe dämonischen und furchtbaren Ausmaßes. Ein neuer Sündenfall mit furchtbarer Schuld vor Gott.“ W. steht auf und geht einige Male in der Zelle hin und her, eingesponnen in seine Gedankenwelt. Sein Blick fällt auf mich. Er tritt zu mir an den Tisch und fährt fort. „In einer solchen Zeitspanne befinden wir uns augen- blicklich in Deutschland. Der Nationalsozialismus hat es verstanden, die tiefen Ströme im Wesen des Volkes zu wecken, Begriffe wie Treue, Vaterlandsliebe, Opferbe- reitschaft als Verpflichtung in das Blickfeld des Volkes zu rücken. Nach allen schweren Schicksalsschlägen in der Zeit während und nach dem ersten Weltkriege, welche das in Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden gewachsene Gefüge des Staates zerbrochen hatten, hat der Nazismus mit nachtwandlerisch sicherer, psycholo- gischer Treffsicherheit die fast verlorene Hoffnung, den fast vernichteten Glauben an ein machtvolles, geeintes Reich, an eine friedliche, blühende Zukunft in Einigkeit und wirtschaftlicher Sicherheit neu zum Leben erweckt. Er hat die edelsten Tugenden des Volkes zur Erreichung dieses Zieles aufgerufen und versprochen, sie zu höchster Wirkung im Leben des Staates zu erheben. Da aber die führende Nazischicht, die Hitler um sich sammelte, sich hauptsächlich aus politischen Abenteurern und Oportu- nisten zusammensetzt, denen der Begriff der inneren Ver- 11 161. FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN pflichtung zu den ihnen gestellten Aufgaben fehlt, wurde der Staat mehr und mehr ein Ausbeutungsobjekt dieser anfangs nur kleinen, aber brutalen Gruppe. Allzuleichte Anfangserfolge wirkten in der gleichen Richtung. Aber wie sehen die Menschen aus, die nun plötzlich so viel Macht in Händen haben? Klein und verächtlich sind sie im Inneren ihres Herzens, und da sie ohne Ehrfurcht sind, sogar die Menschen verfolgen, welche Gottes Wort höher stellen als ihre unmoralischen Befehle, so versagt auch die Stimme ihres eigenen Gewissens. Aber die Men- schen des Volkes sind wie berauscht, denn ihre Führer schlagen sie mit der teuflischen Gewalt ihres Wortes immer erneut in ihren Bann, zaubern mit dämonischer Kraft Bilder und Versprechungen einer gesicherten, friedlichen Entwicklung in der Zukunft nach der augen- blicklichen Krise, die das Volk durch Einsatz seines Lebens erst zu überwinden verpflichtet sei. Aber im Inneren ihres Herzens sind die Männer, die das Schicksal an die Macht gebracht hat, längst der Versuchung zum Opfer gefallen, die mit so viel Macht verbunden ist.“ W. schaut einen Augenblick sinnend vor sich hin. Dann spricht er mit unpersönlicher Stimme weiter. „Die Angst, wieder zurückfallen zu müssen in den Zu- stand kleinbürgerlicher Existenz, wo die meisten der jetzigen sogenannten Führer früher ihr von dumpfer Aussichtslosigkeit erfülltes Dasein hinschleppten, mischt sich mit der Gier, immer mehr aus den unerschöpf- lich scheinenden Hilfsquellen des Staates an sich zu raffen, treibt sie immer tiefer in den Zustand von 162 ehlt, wurde jekt dieser Allzuleichte Ing. plötzlich so chtlich sind » Ehrfurcht Jottes Wort so versagt er die Men- ihre Führer ‚res Wortes jämonischer gesicherten. der augen satz seines Aber im „5 Schicksal jchung ZUM jen ist.“ n Dann hi ZWISCHEN TOD UND LEBEN rücksichtslosem, bedenkenlosem Egoismus. Die Kette läuft immer weiter, von der ein Glied das nächste zwangsläufig mit sich zieht. Jedes Gefühl von Recht und Gerechtigkeit ist erstickt. Angst läßt sie jeden Menschen belauern und mit ihrer unumschränkten Gewalt vernich- ten, der den jezt erreichten Zustand ändern will oder nur kritisiert. Der ist ein Todfeind der herrschenden Gruppe, aber er wird zum Todfeind des Staates gestempelt.“ Die Antwort befriedigt mich noch nicht.„Wo bleibt denn die bürgerliche Intelligenz, die Wissenschait? Sie müssen das doch erkennen und danach handeln?“ W. streicht sich mit einer für ihn typischen Bewegung über die Haare, ehe er fortfährt.„Der moderne Mensch stützt sich zu sehr auf die Vernunft, denkt zu viel und verläßt sich zu wenig auf die Erfahrungen früherer Ge- schlechter, wie sie ihre höchste sittliche Form im christ- lichen Glauben haben. Außerdem ist der deutsche Mensch durch seine ganze geschichtliche Entwicklung in der Mehrzahl zu einem staatstreuen Bürger geworden, dem Ruhe und Ordnung höher stehen als revolutionäre Ver- besserungen. Aber es kommt noch etwas anderes dazu. Obwohl ein Teil, vielleicht sogar ein großer Teil der deut- schen Intelligenz diese ganze Staatsführung vielleicht erst nachträglich, nachdem es nun schon zu spät ist, als gefahrvoll, ja verbrecherisch innerlich ablehnt, sind ihr durch ihre innere Schwäche und durch die Vernichtung, mit welcher die Staatsführung sie bedroht, die Hände gebunden.“ Es beeindruckt mich sehr, wie W. den Schicksalsweg. 163 | FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN unseres Volkes vor mir aufgezeichnet hat. Nach einer Weile frage ich weiter: „Aber welches Ziel soll man diesen Menschen setzen, um sie aus der Verblendung und Verirrung der heutigen Zeit herauszuführen?“ „Sie haben recht“, antwortet W.„Das ist noch keine Antwort auf die Fragen, welche die Menschen auseinan- derreißt! Es muß eine Antwort gefunden werden, welche sie wieder zusammenbindet in der Freiheit der Verant- wortung! Nicht Sieger und Besiegte, Gerechte und Sünder, sondern Menschen, die Gott höher stellen als Menschengebot, die sich zusammenfinden in der Verant- wortung ihres Gewissens vor Gott, die in diesem Sinne nur ein Ziel kennen, und dieses kann nur sein, zu wirken für den Frieden Gottes auf Erden! Wir müssen alle die Verantwortung wiederfinden, die ganz persönliche Ver- antwortung, und diese zur ausschließlichen Richtschnur in unserem Leben machen! Jeder einzelne von uns! Wir müssen ein Ziel haben, das gemeinsam ist für alle Men- schen auf Erden! Ein Ziel, für das zu arbeiten uns von unserem Erlöser Jesus Christus anbefohlen ist. Dieses Ziel kann nur der Friede sein. Alles andere müssen wir Gottes gnädiger Führung überlassen. Aber Gott wird uns seinen Schutz nur angedeihen lassen, wenn wir unser Gewissen seinen Geboten unterwerfen! Dann werden wir, wenn er uns dessen für würdig erachtet, der Gnade seiner Führung teilhaftig werden! Er wird uns den rich- tigen Weg zeigen! Den Weg zum Frieden unter den Menschen, zum Frieden unter den Völkern! 164 werden haftig y schied sie den den Fri anerker Nach k dach G Ende f Sehen ı Haben des Go ZWISCHEN TOD UND LEBEN n einer zen, um en Zeit keine seinanwelche Verantte und len als Verantm Sinne wirken alle die The Vertschnur ns! Wir le Menuns von Dieses ssen wir wird uns ir unser werden r Gnade en richter den Denn das ist das Entscheidende für jeden Menschen, daß er diesen Weg gehen muß, wenn er ihn einmal erkannt hat, den Weg zugleich der entscheidenden, persönlichen Verantwortung, wenn er vor seinem Gewissen und vor Gott bestehen will. Und die Menschen auf dieser Erde werden nur der gemeinsamen Gnade des Friedens teilhaftig werden, wenn sie in allen Ländern ohne Unterschied der Nationen und Rassen danach streben, wenn sie den Krieg aus ihrem innersten Gefühl ablehnen und den Frieden als gemeinsames höchstes Ziel der Menschen anerkennen." " Nach kurzem Sinnen fährt W. fort:, Unser Volk muẞ nach Gottes unerforschlichem Rat seinen Leidensweg zu Ende gehen, genau so wie ich meinen Weg zu Ende gehen muß. Haben Sie schon etwas von dem mittelalterlichen Begriff des Gottesfriedens auf Erden gehört? Der treuga Dei?" Seine Stimme bekommt einen fast unwirklichen Klang. Es ist wie eine Bitte, wie ein inbrünstiges Gebet, das er spricht, wie ein Vermächtnis: ,, Fern und ewig leuchtet Frieden!" Wir schweigen lange. War das eine Vision, war es ein Ziel oder eine Prophezeiung? Es war wie eine Stimme aus zeitloser Unendlichkeit.- Auf dem Gang ertönen Schritte. Der Wächter bringt die beiden Scheiben trockenes Brot und etwas Quark, unser Abendessen. W. spricht ein Tischgebet. Abends muß ich noch lange über unser Gespräch nachdenken, aber irgend 165 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN etwas hält mich ab, mit W. nochmals über diese Dinge zu reden. Am nächsten Nachmittag besucht uns Pfarrer D. Wiederum hat ein grausiges Schicksal sich in unserer Nähe vollendet: der kleine, dunkelhaarige Arzt, den ich noch vorige Woche im Luftschutzkeller sprach, hat sich heute nacht in seiner Zelle erhängt. Es ist zum erstenmal, daß ich sehe, wie Pfarrer D. innerlich in Mitleidenschaft gezogen ist, wenn in seiner Gefangenen- Gemeinde einer an sich ein so furchtbares Selbstgericht vollzieht. Wir fragen ihn nach den näheren Zusammenhängen. ,, Ich habe es geahnt, daß es zur Katastrophe kommt, aber ich habe es nicht verhindern können“, erzählt der Pfarrer. ,, Es waren zwei Ideen, welche Dr. R. beherrschten. Durch verschiedene Umstände, vor allem durch seinen Erfolg im Leben war er dazu gekommen, nur den Maßstab seiner eigenen Vernunft als höchsten Wertmesser für sich anzuerkennen. Er hielt auch Hitler für vernünftig und war einer von den Unverbesserlichen, die behaupteten, Hitler wüßte von all diesen Dingen nichts, die um uns herum geschehen. Er war unvorsichtig genug, vom Garten seines Hauses aus seinem Nachbarn zuzurufen, daß der Krieg doch verloren ginge. Eine Denunziation brachte ihn vor Gericht und ihm das Todesurteil." Er macht eine Pause. ,, Als ich ihn zum erstenmal hier traf und er mir seine Lage geschildert hatte, mußte ich ihm aus meiner Erfahrung heraus sagen, daß sein Fall ernst sei und er sich darauf vorbereiten müsse, in vier W Gott z , dann befass Ich b Schrif licher paar Neue Ich b bekom bruch nächs alles wenn dann ,, Ich allzu jedes überz zum erfuh wollt zusan Verst letzte kam. Gott 166 ‚ge zu ieder- Nähe noch heute ZWISCHEN TOD UND LEBEN vier Wochen von Angesicht zu Angesicht vor dem ewigen Gott zu stehen.- ‚Ja, Herr Pfarrer‘, hat er geantwortet, ‚dann muß ich mich jetzt wohl zum erstenmal mit Gott befassen.‘ Ich brachte ihm ein Neues Testament und verschiedene Schriften und freute mich, wie er auf dem Wege christ- licher Erkenntnis Fortschritte machte. Als ich nach ein paar Wochen wieder zu ihm kam, gab mir Dr. R. das Neue Testament zurück. ‚Ich brauche es nicht mehr‘, sagte er. ‚Ich habe Nachricht bekommen, daß ein Bekannter von mir mit Dr. Sauer- bruch in Verbindung getreten ist, und dieser fährt nächste Woche zu Hitler. Hitler weiß ja nicht, was hier alles vor sich geht. Er kann es ja nicht wissen. Aber wenn Professor Sauerbruch mit ihm gesprochen hat, dann ist meine Befreiung sicher.‘ „Ich warnte ihn“, fährt der Pfarrer fort,„er solle nicht allzu sicher sein, weil nach meinen Erfahrungen Hitler jedes Todesurteil unterzeichnet. Ich versuchte, ihn zu überzeugen, daß er dankbar sein müsse, sein Verhältnis zum Schöpfer zu klären. Er hörte nicht auf mich. Gestern erfuhr ich, daß das Todesurteil für ihn bestätigt war. Ich wollte heute zu ihm gehen, aber es war zu spät. Er brach zusammen unter der zusammenbrechenden Welt des Verstandes, auf die er gebaut hatte, und erhängte sich letzte Nacht. Man trug ihn gerade fort, als ich herauf- kam. Ein Mensch, der mehr an Menschen glaubte als an Gott.“ FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Wir schweigen erschüttert. Ich sehe W. an und bin betroffen über seinen Gesichtsausdruck. Sein Gesicht ist wie von einem inneren Licht erhellt.- Die Tage verrinnen im eiligen Gleichmaß der Zeit. In der sommerlichen Hitze der ersten Julitage hat der riesige Steinbau des Gefängnisses so viel Wärme aufgespeichert, daß wir auch nachts kaum erfrischt werden. Während ich unter dem dumpfen, lastenden Druck der Ungewißheit mein Leben mechanisch dahinlebe, während mein Zellengenosse in Erwartung des Todes täglich unirdischer wird, fühle ich langsam und stark in mir die Überzeugung wachsen, daß alles Stürmen gegen das Schicksal, alles Rechten und Hadern sinnlos ist, daß mir aber ein Weg bleibt, mich unter den Frieden und die Gnade meines Schöpfers zu stellen. Ich bin schon wieder in der Lage, Freude zu empfinden über Freundlichkeiten der Menschen; ich bin dankbar für jedes noch so kleine Geschenk, und ich fühle, daß ich in dieser Überzeugung mein Schicksal tragen kann und tragen will. Aber alles spielt sich fast wie hinter einem Schleier ab, den vielleicht die Menschen, mit denen ich in Berührung komme, gar nicht bemerken. Wenn aber wieder Leidensgenossen, zu denen ich in persönliche Beziehung getreten bin, erschossen werden und die Erschießungen finden nach einer unbekannten Gesetzmäßigkeit fortgesetzt statt-, ist es mir, als wenn ich am hellen Tage aufwache und in einen Abgrund schaue. Aber der Abgrund hat sein Grauen verloren, ich kann ruhig hineinschauen. Nur wenn morgens um 6 Uhr - die V den das 1 Heut zelle Er w zu ha sei, Sechs endli zu W sich regie Nur W. H acht nem alles mein daß Hän gen, mein ein ersch men gang kann 168 ZWISCHEN TOD UND LEBEN n beht ist In der iesige chert, hrend ewißmein nirdiÜberchickaber Gnade Finden ar für ich in und einem en ich aber e Beie Eresetzch am chaue kann Uhi die Wache kommt, der eisenbeschlagene Schritt durch den Korridor dröhnt und mich aus dem Schlaf reißt, ist das lähmende Herzklopfen geblieben. Heute morgen machte die Wache an unserer Nachbarzelle halt. Ein junger, feiner Mensch wurde erschossen. Er war stolz darauf, sechs Kameraden davon überzeugt zu haben, daß Hitler ein blutiges, amoralisches Phänomen sei, indem er Hitlers ,, Mein Kampf" widerlegte. Der Sechste war ein Denunziant. ,, Wenn mein Vater doch endlich stolz auf mich wäre", hatte er noch vorgestern zu W. und mir im Luftschutzkeller geäußert. ,, Man muß sich moralisch beleidigt fühlen, wenn solche Leute einen regieren." Nur einen Tod sind wir schuldig! Es ist ein Glück. Aber W. hat mich gelehrt, daß man über Hochmut und Verachtung Reue empfinden muß. Nur wenn ich mich meinem Schicksal auf eine ganz neue Art stelle, wenn ich alles, was der Herr schuf, auch das Niedrige und Gemeine, in die Ordnung meines Lebens hineinnehme, ohne daß es Herrschaft über mich gewinnt, kann ich aus den Händen meines Schöpfers die Kraft und Gnade empfangen, die meinen Weg durch die grausame Wildheit meiner jetzigen Tage hindurchführt. Kommt hinterher ein Erwachen? Eine ewige Ruhe? Nur das Herübergehen erscheint unheimlich. Aber ich weiß jetzt, daß der menschliche Geist in seiner Unzulänglichkeit den Übergang in das Ewige nur unter der Gnade Gottes ertragen kann, daß alles Tun Gottes ist. 169 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Furchtbar war die Warnung durch den Selbstmord des Arztes, aber eine noch furchtbarere Warnung steht uns bevor. In unsere Nachbarzelle ist der andere Professor der Philosophie, Inhaber eines Lehrstuhls an einer Universität, verlegt worden. Ein großer und kräftiger Mann mit dem glattrasierten Gesicht eines Asketen. Pfarrer D. besucht ihn öfters. Er geht dann mit ihm auf dem Korridor spazieren, was der Professor von ihm erbeten hat. Dieser doziert dann, als wenn er in seinem Hörsaal vor seinen Studenten stände, mit rollenden, wohlgefügten Sätzen konzentriert und scharfsinnig. Unser Pfarrer berichtet uns verschiedentlich von ihm: ,, Er ist ein durch und durch atheistischer Mensch, der in seiner engen Welt dem Geist allein huldigt und sich ein Lebenssystem mit seiner Philosophie aufgebaut hat Ein System ohne Seele. Es ist ein Genuß, ihm zuzuhören, wenn er über Philosophie spricht. Brillierend in seiner Wortgestaltung, gleichsam beifallheischend und erwartend, ungeheuer interessant und fesselnd. Aber unser Gespräch ist immer das gleiche, obwohl er weiß, daß seine Lage fast hoffnungslos ist. Denn er ist auch wegen kritischer Äußerungen als Staatsfeind denunziert und zum Tode verurteilt, und die Bestätigung seines Urteils kann täglich eintreffen. Er hat mich gefragt, ob ich glaube, daß sein philosophisches System einem Menschen in der letzten Stunde den gleichen Trost geben könne wie der christliche Glaube. Ich habe das aus ehrlicher Überzeugung heraus verneint. Ich habe ihm vorgehalten, daß er erst dann, wenn er das Wissen Gottes über uns einschal letzte kann werd der ,, Im ben" besti sieht Drei näch der F ler, verle heul Unse bars teiln Er Aug schr Abe klei lich dies woll dies aber men 170 des uns ssor Uniann er D. Korhat. vor gten -beer in ein Ein ören, einer warunser daß egen und rteils ich schen e wie Überdaß einZWISCHEN TOD UND LEBEN schaltet, allen Stürmen des Lebens, auch der Not der letzten Stunde ins Angesicht schauen und sie überdauern kann. Aber er lächelt nur überlegen und ungläubig. Ich werde ihm zur Seite stehen, soviel ich kann", schließt der Geistliche. ,, Im übrigen habe ich nochmals an Ihre Frau geschrieben", sagt er zu meinem Zellengenossen ,,, und ich hoffe bestimmt, daß bald Antwort kommt." Mein Zellengenosse sieht ihn dankbar an, aber er sagt nichts. Drei Tage später findet wieder eine Tragödie in unserer nächsten Nähe ihren Abschluß. Man hat den Professor der Philosophie, den stolzen, selbstsicheren Wissenschaftler, schreiend herausgeschleppt. Als er das Todesurteil verlesen bekam, brach er völlig zusammen. Er hat geheult und getobt ein Bild menschlichen Jammers. Unser Pfarrer erzählt uns später, daß es eine der furchtbarsten Hinrichtungen war, an der er durch sein Amt teilnehmen mußte. Der Verurteilte schrie die ganze Zeit. Er mußte an den Todespfahl gefesselt werden und die Augen verbunden erhalten. In den Stricken hängend, schreiend empfing er die Kugeln. Aber die hier geschilderten Begebenheiten sind nur ein kleiner Teil des furchtbaren Mordens, welches sich täglich um uns abspielt. Wenn ich ein vollständiges Bild dieser Zeit wiedergeben wollte, wenn ich schildern wollte, wie ich sie durchlebe und was sich in der Hölle dieser Tage hier im Gefängnis an Todesnot und Grauen, aber auch an furchtbarer Gesinnung und edelstem, menschlichem Wesen abspielt, wenn ich einem Außen171 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN stehenden vollständig klar machen wollte, was es bedeutet, unter einer Diktatur zu leben und von ihr geknechtet zu werden, es ließen sich Bände füllen! Alles ist immer wieder das gleiche und doch wieder anders. Aber gerade in dieser steten, monotonen Wiederholung liegt das Grauen. So kann ich nur einzelne Schicksale aufzeigen von Menschen, welche durch ihre Haltung und ihren Tod stärker gewesen sind als die Staatsform, die sie vernichtet hat, und von anderen Menschen, die unter ihrem Schicksal zusammenbrachen.- Die menschliche Fähigkeit zu sprechen und zu schildern reicht nicht aus, um diesen Zustand so wiederzugeben, wie er wirklich war, nicht Tage und Wochen, nein Monate, für viele Gefangene sind es Jahre. Und wenn ich glaube, am tiefsten Punkte dieser Kurve des Grauens angekommen zu sein, daß endgültig meine Kräfte am Ende und verbraucht seien: das Grauen steigert sich weiter. gene gege stän deut Es i War muf beiß mög aber Ich leng spre sind sein der Men nich Noch ist die Zeit des Kampfes um mein Leben nicht beendet. Wieder gerät mein Lebensschiff in den reißenden Strom der Ereignisse. Am 18. Juli, bei einem Fliegerangriff, bei dem die Bomben in unmittelbarer Nähe des Gefängnisses fallen und im Ostflügel alle Fensterscheiben zerschmettern, sagt mir im Luftschutzkeller der ebenfalls gefanwar Ich steh im end revi näc schl gera End die 172 Jeu- htet mer ade das ZWISCHEN TOD UND LEBEN gene Graf S., daß in den nächsten Tagen ein Aufstand gegen Hitler geplant sei. Ich selber sei von den Auf- ständischen als Polizeichef. für ein Gebiet in Nord- deutschland vorgesehen. Es ist, als wenn der Blitz neben mir einschlägt. Freiheit! War das die Freiheit? Das Todesurteil hinfällig? Ich muß den Atem anhalten. Die Zähne in die Lippen beißen, um nicht laut zu schreien. Gab es das? War es möglich? Es klang so phantastisch und ungeheuerlich, aber eine wilde Hoffnung hebt kühn ihr Haupt. Ich erzähle auf dem Rückweg in die Zelle meinem Zel- lengenossen W. davon. Es droht mir die Brust zu zer- sprengen, obwohl noch andere Gefangene in der Nähe sind. W. legt warnend die Hand auf die Lippen, während seine Augen funkeln. Ich sehe mich um. Es kann nur der Pfarrer V. gehört haben, ein nervöser, schmächtiger Mensch, der auch zum Tode verurteilt ist und ich weiß nicht wieviele Monate auf die Bestätigung seines Urteils wartet. Aber von ihm droht wohl keine Gefahr. Ich spreche mit W. lange über die Lage, die jetzt ent- stehen wird, entstehen muß. Die Stunden verrinnen wie im Schneckentempo. Der ganze nächste Tag vergeht in endloser Spannung. Ich versuche, mich ins Kranken- revier zu melden, kann aber wegen Überfüllung erst am nächsten Tag vorgeführt werden. Wieder vergeht eine schlaflose Nacht. Was ist geschehen? Abends kein Flie- serangriff, die Nachrichten bleiben aus. Endlich am 20. Juli nachmittags schlägt wie eine Bombe die Nachricht von einem Attentat auf Hitler ein. Die 172 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Wächter bringen sie uns selbst. Sie sind auffallend freundlich, scheinen mit uns zu sympathisieren. Aber schon ein paar Stunden später bricht die Illusion mit einem Schlag zusammen. Hitler lebt! Anstelle aller Hoffnungen auf Befreiung wird die äußerste Verschärfung aller Sicherheitsmaßnahmen im Gefängnis befohlen. Kein Spaziergang mehr im Hof, keine Post, keine Besuche. Schon zwei Stunden später gellen die ersten Gewehrsalven im Hof. Eine Wolke des Grauens türmt sich über dem Gefängnis. Ein Kommen und Gehen setzt ein, ein Hetzen auf den Korridoren, das die nächsten Tage und Nächte nicht abreißt. Gefangene werden eingeliefert und auf Befehl eines Schnellrichters zwanzig Minuten später schon erschossen. Von einem Wärter hören wir, daß im Hof eines Nachbargefängnisses Scheinwerfer aufgestellt sind. Von dem Korridor im Westflügel kann man abends den hellen Schein am Himmel sehen. Von dort hört man das Peitschen der Gewehrsalven Tag und Nacht. Durch den geheimen Nachrichtendienst erhalten wir laufend Berichte. Die Männer, die das Essen bringen, morgens die Gefangenen zu den Toiletten begleiten- jeder erzählt etwas Neues. Eine Schreckensnachricht jagt die andere. Alle zum Tode Verurteilten sollen sofort erschossen werden! Überhaupt jeder, der in irgendeiner Beziehung zum Attentat stand. Draußen im Hof häufen sich die Leichen. Sie werden nur morgens und abends abtransportiert. Wir haben es aufgegeben, sie zu zählen. Am Abend treffe ich auf dem Abor wege diert könn mit Ziga bete ,, Und rette näch Stim gen eine und als bleib Der ihn Tag lebe der halt tobt bild Gef Am Ges Nac eige 174 lend Aber ı mit aller chär- hlen. : Be- rsten 1gnis. f den t ab- ‚efehl schon ı Hof sind s den n das h den ; Be 35 die pzählt „dere ‚ossen hung ZWISCHEN TOD UND LEBEN Abort Generaloberst H. Er war schon vor einem Jahr wegen Kritik an Maßnahmen der Kriegführung degra- diert, dann aber auf freien Fuß gesetzt worden. Wir können zehn Minuten ungestört sprechen. Er erzählt mir mit gleichgültigem, unbewegtem Gesicht, während er eine Zigarette raucht, daß er maßgebend an dem Attentat beteiligt ist. „Und jezt?“, frage ich. Während er die Asche der Ziga- rette abstreift, zuckt er die Achseln.„Jetzt stehe ich dem- nächst vor dem Sandhaufen“, sagt er mit gleichgültiger Stimme.„Das Ganze war ein Irrsinn, weil es nicht gelin- gen konnte! Man kann auf Zufälle nicht das Gelingen einer Revolution aufbauen. Aber wir wußten es vorher und mußten damit rechnen. Was blieb uns anderes übrig als zu handeln, wenn man seiner Überzeugung treu bleiben wollte?“ Der Wärter kommt, wir müssen uns trennen. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Tag und Nacht gehen die Erschießungen weiter. Wir leben in einem Zustand dumpfer Gleichgültigkeit. Es ist der letzte, blutige Versuch des Hitlertums, seinen unauf- haltsamen Zusammenbruch aufzuhalten. Das Blutdiktat tobt gegen alle politischen Feinde, wirkliche und einge- bildete, ein Verdacht genügt. Denn so, wie es in unserem Gefängnis zugeht, ist es in allen Gefängnissen Berlins. Am dritten Tage, nachmittags, kommt Pfarrer D. Sein Gesicht ist undurchsichtig und sehr ernst. Nach kurzer Begrüßung fragt er mich:„Was haben Sie eigentlich dem Pfarrer V. erzählt?“ Mich durchfährt ein 175 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN jäher Schreck! ,, Ich habe ihm gar nichts erzählt, er hat zufällig eine Unterhaltung zwischen mir und W. belauscht." Ich schildere ihm die Mitteilung des Grafen S und mein anschließendes Gespräch mit W. ,, Verschiedene aus dem Gefängnis sind bereits erschossen", sagt der Pfarrer. ,, Sie sind in schwerster Gefahr, und wie die Sache ausgeht, weiß ich noch nicht. Pfarrer V., der nur ein Nervenbündel ist, hat mit seinem Zellengenossen, einem Flakleutnant, gesprochen. Dieser hat nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sofort eine Meldung an die Kommandantur zu schreiben, worin Sie der Teilnahme an dem Umsturzversuch des 20. Juli bezichtigt werden, in der Hoffnung, durch diese Schurkerei seine Haut zu retten. Ein mir ergebener Gefangenenwärter hat mich davon in Kenntnis gesetzt. Ich war sofort bei Pfarrer V., dem ich natürlich die schwersten Vorwürfe machte. Er hatte einen Nervenzusammenbruch schwor mir, daß es nicht seine Absicht gewesen sei, Sie zu verraten. Er hat dann sofort auf meine Veranlassung eine Meldung an die Kommandantur geschrieben, daß seine Mitteilung an den Zellengenossen auf eine nervöse Überreizung, auf eine Art Delirium zurückzuführen sei und daß er bei ruhiger Überlegung festgestellt habe, daß er die Dinge durcheinander gebracht habe. und Trotzdem wollte der Gefängniskommandant mir die erste Meldung nicht zurückgeben. Er war sehr erschüttert über den Vorfall. Sie wissen ja, er will keine Unannehmlichkeiten haben, vor allen Dingen in der jetzigen, 176 gespan an das Ich bi Ende. nen vo spät. Rollen täglich Er wir weitere welche Es ist rers je Wort d tig. Ich spricht teidige zu tun Die nä apathi Schrit Pfarre Andac fast ve Endlic hätte i richter alarmi wegun 12 12 ZWISCHEN TOD UND LFBEN gespannten Lage nicht. Er wird also beide Meldungen an das Gericht weitergeben.“ Ich bin aufs schwerste erschüttert. War das jetzt das Ende, das unwiderrufliche Ende? Ich hätte heulen kön- nen vor Wut über meine Unvorsichtigkeit, aber es ist zu spät. Auch Pfarrer W. ist tief betroffen. Wir haben die Rollen getauscht. Jetzt bin ich es, dessen Schicksal sich täglich erfüllen kann. Pfarrer D. spricht mir Mut zu. Er wird morgen zum Gericht fahren, außerdem wird er weitere Angehörige der Untergrundbewegung, durch welche ein Einfluß möglich ist, für mich interessieren Es ist mir klar, daß ich ohne das Eingreifen meines Pfar- rers jetzt schon verloren wäre, aber ich kann ihm kein Wort des Dankes sagen. Die Erschütterung ist übermäch- tig. Ich drücke ihm nur stumm die Hand. Der Pfarrer ver- spricht dann von sich aus, noch sofort an meinen Ver- teidiger zu telegraphieren, und ich bitte ihn darum, es zu tun. Die nächsten Tage bin ich zu nichts fähig. Ich liege apathisch fast den ganzen Tag auf meiner Pritsche. Jeder Schritt auf dem Korridor ist eine Nervensäge für mich Pfarrer W. hält morgens und abends seine gewohnte Andacht Es ist der einzige Kraftquell für mich in deı fast verzweifelten Dunkelheit des Daseins. Endlich, Anfang August, kommt mein Anwalt Dr. K. Ich hätte ihn umarmen können. Er bringt beruhigende Nach- richten. Er ist durch die Ereignisse auf das äußerste alarmiert und hat sofort alle seine Hilfsquellen in Be- wegung gesetzt. FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Das Gericht mißt der unklaren und widerrufenen Denun ziation, die durch Pfarrer V. veranlaßt war, keine ent scheidende Bedeutung bei. Man hat dort andere Sorgen Das Todesurteil gegen mich ist immer noch nicht bestätigt, aber eine Wiederaufnahme des Prozesses kann Dr. K jetzt nicht mehr durchsetzen. Er versucht durch weitere Eingaben die Entscheidung noch hinauszuziehen. Nach der neuen Denunziation wird auch im allergünstigster Falle eine Entlassung aus dem Gefängnis, verbunden mit Frontbewährung, nicht mehr möglich sein. Doch hofft Dr. K. jedenfalls, die Vollstreckung des Todesurteils verhindern zu können. Die unmittelbare Gefahr scheint jetzt vorüber. W und ich liegen nun wieder auf gleicher Höhe im Kampf um unser Dasein Niemand kann sagen, wen es von uns beiden zuerst hinwegraffen wird. Die Nachrichten über den Stand von W.s Prozeß lauten wenig günstig. Die versuchte Wiederaufnahme des Verfahrens, der einzige Weg, der die Voraussetzungen für das über ihn verhängte Todesurteil erschüttern könnte, ist abgelehnt. Aber ihn selbst scheint das alles nicht zu berühren. Die Sorge um mich hatte ihn nochmals auf diese Erde zurückgeholt. Als diese nunmehr in den Hintergrund getreten zu sein scheint, lebt er nur noch der Vorbereitung für seinen bevorstehenden Tod Er bleibt dabei von einer gleichbleibenden, rührenden Freundlichkeit gegen mich, fast wie ein Bruder Die Tage vergehen weiter in geschäftiger Zwecklosigkeit, das Jahr steigt. In eherner Bläue glüht der Sommerhimmel ü stete gerüc merk weil reiche weiß es etw Wir s der h Krieg Aber klare Schul Staat welch des V 13 tiefe Wie könn erheb es tu oder liche bei d heite in de mode 12 178 ZWISCHEN TOD UND LEBEN Jenun- mel über Berlin, aber je länger der ungeheure Druck, die| je ent stete Unsicherheit anhält, ab und zu grell ins Blickfeld sorgen gerückt durch die dauernden Hinrichtungen, umso mehı bestä- merke ich eine Passivität zum Leben in mir wachsen r.K weil die Kräfte für den aktiven Kampf nicht mehr e veitere reichen. Es erscheint alles so zwecklos und sinnlos. Ich j Nach weiß nicht, wieviel ich selbst dafür kann, oder wie weil tigster es etwas ist, wofür ich nichts kann. Wir sprechen öfters über die Zusammenhänge, die zu h hofft der heutigen Lage geführt haben, zu diesem sinnlosen Is ver Krieg, wo der Tod mäht und täglich sattere Beute macht. it jetzt Aber je öfter wir die Gespräche führen, je schärfer und klarer mein Zellengenosse die Frage der persönlichen\ DER; öhe im Schuld im Leben streift und das Recht, die Pflicht des) wen 6 Staates hierbei, umso klarer empfinde ich die Größe. 6; welche in W.s Haltung liegt. Er spricht nie ein. Wort{ lauten des Vorwurfes, ein Wort der Anklage; es liegt nur eine tiefe Trauer über seinen Gedanken. „Wie kann jemand von uns wissen, wie alles hätte sein können! Es liegt Vermessenheit darin, einen Vorwurf zu erheben gegen vergangene geschichtliche Perioden. Wer es tut, gibt nur einen Beweis seiner Selbstgerechtigkeit, oder er will für sich daraus politische oder gar persön- liche Vorteile ziehen. Es ist der Standpunkt, den Christus Yl bei den Pharisäern so unerhört geißelt. Die’ewigen Wahr- rende heiten, wie sie gläubige Menschen als Werk ihrer Herzen 7 in dem Buch der Bücher niedergelegt haben, sind für den modernen Menschen so unbequem, und er versteckt sich FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN hinter dem von ihm erfundenen Schlagwort von der modernen Entwicklung. Nichts geht ihm schnell genug, und die Not des Krieges trägt dazu bei, das höllische Tempo noch weiter zu steigern, den Blick noch mehr zu trüben. Und was bleibt für den einzelnen Menschen dann übrig bei allem, was der Staat an Übermaß an Arbeit von ihm verlangt, bei dem ungeheuren Kraftverbrauch, den ihm die Heimsuchung der Fliegerangriffe täglich auferlegt? Es bedeutet für die Menschen Jahre des Lebens, die sie nie zuvor hatten und nie wieder haben werden. Schau in alle Länder der Welt! Jedes dünkt sich besser als das andere, jedes glaubt, das andere verurteilen zu können, und wehe dem Land, das den Krieg verliert. Der Krieg ist ein furchtbares Gottesgericht, aber das Gericht der Menschen in ihrer Selbstüberheblichkeit und Selbstgerechtigkeit wird noch furchtbarer sein." Die Tage werden kürzer. Draußen ist jetzt die letzte Pracht des vergehenden Sommers, aber zu uns dringt nur sonntags durch das Getriebe auf dem nahen Sportplatz ein Widerhall von alledem herein, was draußen in der freien Gotteswelt die Natur an Schönheit verschenkt. Im Gefängnis hat der Normalbetrieb wieder Einzug gehalten, das heißt das, was vor dem 20. Juli Normalbetrieb war. Wir erhalten eine frohe Nachricht. H. ist freigesprochen worden, dank der Verteidigung durch einen der besten Anwälte Berlins, Dr. H. Wir gönnen H. de wird? Inzwi und Gefa Eind Bomb neue, was unser brand unser einer Anfa getre dene uns Auge deut älter eine hat ist e veru Müh Tode Jede gebu die 180 ZWISCHEN TOD UND LEBEN der rieges er zu bleibt was t, bei Heims beLe nie au in s das nnen, Krieg t der Ostgeletzte gt nur tplatz In der t. g germalreigeeinen önnen H. den Erfolg von Herzen. Aber ob das Urteil bestätigt wird? Inzwischen nehmen die Fliegerangriffe ständig an Zahl und Heftigkeit zu. Aber wir sind gegen den Begriff der Gefahr so abgestumpft, daß das alles keinen besonderen Eindruck mehr auf uns macht. Im Augenblick, wo die Bomben fallen, reagiert der menschliche Instinkt auf die neue, unmittelbare Todesgefahr. Aber schon, wenn wir, was jetzt häufiger vorkommt, durch Glasscherben zu unseren Zellen zurückgebracht werden und der scharfe, brandige Geruch von nahen Feuersbrünsten tagelang von unserer Zelle nicht weicht, es kümmert uns nicht. Ja, einen Tod sind wir nur schuldig. Anfang Oktober werde ich von meinem Zellengenossen getrennt. Einer dieser scheinbar sinnlosen Zufälle, an denen unser augenblickliches Dasein so reich ist und der uns die Unsicherheit unserer Lage wieder kraẞ vor Augen führt. An meine Stelle kommt ein junger Sudetendeutscher zu W. in die Zelle. Ich selber werde mit einem älteren Gutsbesitzer Pommern zusammengelegt, einem stillen, schwermütigen Mann in den Vierzigern. Er hat die bissige Bemerkung gemacht: ,, Im vorigen Krieg ist einer zu wenig gefallen." Jetzt ist er dafür zum Tode verurteilt und wartet, ob sein Gnadengesuch oder die Mühe seines Anwalts ihn im letzten Augenblick vor dem Tode retten kann. aus Jeden Tag trifft der Tod Menschen aus unserer Umgebung, aber keine Lücken entstehen; täglich füllen sich die Reihen. Manche Tage vergehen in dumpfem Druck, 181 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN dem ich mich willenlos hingebe. Die Schärfe des Denkvermögens macht einer fast wesenlosen Unempfindlichkeit Platz, einer Art Dämmerzustand. Aber wieder peitscht ein grausiges Ereignis den Menschen in die Wirklichkeit zurück. Der Nächste, den es in unserer Nähe trifft, ist der junge Sudetendeutsche in W.s Zelle. Das Unwahrscheinliche gelingt, ich werde zurückverlegt zu W. in die Zelle! W.s Haltung ist trotz der furchtbaren Ereignisse nicht gewandelt. Zu mir ist er freundlich wie immer. Es greift mir immer wieder ans Herz, wie mein Zellengenosse, ein edler Mensch, frei von Schlacken der Alltäglichkeit, sich auf sein Ende vorbereitet. Wie er sich mit allen Dingen auseinandersetzt, welche darauf Bezug haben. Gibt es Menschen, die an einem solchen Schicksal vorbeigehen können, ohne daß es ihnen ein flammender Mahnruf ist? Unser Pfarrer kommt jetzt wieder öfter. Er weicht in seinen Gesprächen dem inneren Drängen W.s nach Klarheit und Selbstreinigung nicht mehr aus. Es ist Mitte Oktober, an einem Nachmittag, wo ein stiller, warmer Sonnentag an die Schönheit des vergangenen Sommers gemahnt- bald nachdem ich wieder in W.s Zelle verlegt bin-, als der Geistliche in unsere Zelle tritt. Wie immer ist er der verkörperte Lebenswille. Er bemerkt die Veränderung. die inzwischen an W. vor sich gegangen ist, aber er sagt nichts, drückt ihm nur freundlich die Hand. Nach der Begrüßung sieht er W.s fragenden Blick auf sich gerichtet, aber er schüttelt den Kopf, er versteht diesen Schick hier unver Worte kleine meine Schla tasche nur in zusätz ren u Dann sehr das m Ich s ander rer D schon Bung Ich v in G Wort Veru Der läßt liebt Sterb ande 182 ZWISCHEN TOD UND LEBEN Denkdlichvieder In die nserer Zelle erlegt baren ch wie CellenAlltägch mit Bezug micksal mender in seilarheit xtober, mentag ahnt-, als er der erung. er sagt ck auf ersteht diesen Blick nur zu gut.„ ,, Ich weiß nichts Neues über Ihr Schicksal", sagt er freundlich ,,, aber viel Zeit wird Ihnen hier nicht mehr bleiben." W.s Gesichtsausdruck bleibt unverändert und aufgeschlossen. Es ist, als wenn die Worte ihn gar nicht berührten. Wir setzen uns um den kleinen Tisch. D. und W. auf die beiden Hocker, ich auf meinen gewohnten Platz, der Bettkante der unteren Schlafpritsche. Unser Pfarrer packt aus seiner Handtasche die üblichen, kleinen Liebesgaben aus. Wo er sie nur immer herbekommen mag? Und was für eine Mühe es zusätzlich für ihn bedeutet, diese Dinge alle zu organisieren und an seine Hunderte von Schützlingen zu verteilen Dann sagt W. leise: ,, Ich glaube, das Sterben würde mir sehr schwer fallen, wenn man nicht mit dem Liebsten, das man auf der Welt hat, im Herzen vereint wäre." Ich schiebe eine Frage ein, die das Gespräch auf eine andere Bahn bringen soll und die ich schon längst Pfarrer D. vorlegen will, eine Frage, über die ich mit W. auch schon gesprochen habe. Der Pfarrer muß bei der ErschieBung seiner Schutzbefohlenen persönlich anwesend sein. Ich weiß nicht, ob es sehr geschickt ist, dieses Gespräch in Gegenwart von W. zu führen. Aber da sind mir die Worte schon von den Lippen. ,, Wie verhalten sich die Verurteilten eigentlich beim Erschießen?" Der Geistliche schaut mich ruhig an. ,, Auf diese Frage läßt sich keine einfache Antwort geben, jeder Mensch liebt das Leben." Er sieht einen Augenblick auf W ,, Das Sterben bei der Exekution unterscheidet sich von jedem anderen Sterben in einigen wesentlichen Punkten. Der 183 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN helfe Mann auf dem Schlachtfeld stirbt meist in der Hochspannung des Kampfes. Seine Gedanken sind nicht auf den Tod, sondern auf das Kampfgeschehen gerichtet. Anders ist es beim Kranken. Er hat bis in die letzten Minuten die immerwährende Hoffnung, daß ihn entweder die Kunst des Arztes rettet oder seine kräftige Natur stärker ist als die Krankheit, oder daß ein Wunder Gottes an ihm geschieht. Meist verlassen ihn langsam die physischen Kräfte, so daß Leben und Tod nicht mehr gleichwertig miteinander ringen. Bei Bei der Hinrichtung weiß der Mensch bei vollem, körperlichem und geistigem Bewußtsein die Stunde seines Todes. Gewöhnlich wird ihm mehrere Stunden vorher durch den Vertreter des Gerichts die Zeit der Vollstreckung mitgeteilt. Manchmal erfährt er es schon abends und muß die Henkersnacht hindurch mit vollem Bewußtsein auf die Stunde des Todes warten. Sie wissen, wie phantastisch in diesen Bau die Nachrichten hereinkommen. Ich habe es schon erlebt, daß Menschen, die hier waren, mehrere Tage vorher auf irgendwelchen Kanälen vom Kriegsgericht die Tatsache und die Stunde ihrer Vollstreckung erfuhren." Er macht eine Pause. Dann spricht die Stimme, die jetzt fast etwas verschleiert klingt, weiter: ,, Jeder von Ihnen weiß, daß es dann keine Möglichkeit mehr gibt auszuweichen. In der folgenden Morgenfrühe, um 7 oder 8 Uhr, kracht die Salve, fällt das Henkersbeil. In dieser Zeit des Wartens greift der Mensch auf seine inneren Kraftreserven zurück. Er erinnert sich an vergangene, schöne Zeiten. Aber diese Erinnerung kann ihm nicht mehr sein Abe weil Wur Wor hat. Abe bang Ang bew stell bin, viel fals daß schw Wie sam Stü das ihre W. gro jetz sich sie übe 184 hspan- uf den Anders inuten er die stärker an ihm ZWISCHEN TOD UND LEBEN helfen, denn sie ist ja vergangen. Er ruft sich das Bild seiner Frau und seiner Kinder ins Gedächtnis zurück. Aber je mehr er es tut, je schwerer fällt der Abschied, weil er ja nicht mehr in der Lage ist, den dringendsten Wunsch zu erfüllen, den er hat, noch ein paar letzte Worte mit den Liebsten zu wechseln, die er auf der Erde hat. Oder aber er erinnert sich seiner Erfolge im Leben. Aber alle diese Erfolge zerbrechen in Nichts, und die bange, verzehrende Frage bleibt: ‚Was wird aus meinen Angehörigen?‘ Er holt alle Ideale aus seinem Unter- bewußtsein, für die er gelebt und gekämpft hat. Da aber stellt sich ihm die Frage: ‚Wer wird sorgen, wenn ich tot bin, daß diese Ideale weiter verfolgt werden?‘ Und wie viele sind schon für Ideale gestorben, die sich später als falsch herausgestellt haben! Sie sehen, meine Kameraden, daß das Sterben durch das Urteil eines Gerichts unerhört schwer ist.“ Wieder tritt eine kurze Pause ein. Draußen versinkt lang- sam der Tag in einer goldenen Lohe, die das kleine Stückchen Abendhimmel aufglühen läßt, welches durch das vergitterte Fenster unserer Zelle sichtbar ist, und ihren Widerschein auf die gegenüberliegende Seite wirft. W. nimmt das Gespräch wieder auf. Es ist wie ein groteskes und zugleich erschütterndes Bild unserer jetzigen Lage: Zwei zum Tode Verurteilte unterhalten sich in brennender Sachlichkeit mit dem Geistlichen, der sie auf ihrem letzten Gang zur Richtstätte begleiten wird, über die Ideenwelt einer solchen Stunde.„Haben Sie es 185 | | FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN nun erlebt, daß trotzdem Menschen tapfer und aufrecht oder gar freudig in den Tod gegangen sind?" ,, Freudig habe ich keinen sterben sehen, tapfer und aufrecht viele. Der Mensch ist auch aus eigener Kraft zu einer großen Haltung fähig. Er kann diese Haltung äußerlich bewahren, bis die Salve kracht." W. gibt sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. ,, Aber wie sieht es innerlich in den Menschen aus? Das scheint mir doch das Entscheidende zu sein." Pfarrer D.s Stimme klingt warm und gleichmäßig in die leise hereinbrechende Dämmerung: ,, Auch bei der tapfersten und aufrechtesten Haltung ist die Seele doch verzweifelt, wenn sie nichts mehr hat als ihre eigene menschliche Kraft." Da W. schweigt, frage ich nach einer Weile behutsam weiter: ,, Sie würden also sagen, daß der Mensch, zutiefst gesehen, immer verzweifelt stirbt?" Der Geistliche greift meine Frage auf, als ob er ein Stichwort bekommen hätte: ,, Nein, es gibt auch ein seliges Sterben. Das habe ich schon oft erlebt." Etwas lebhafter fährt er fort: ,, Sie kannten doch den sudetendeutschen Kameraden St.? Er lag ja zum Schluß in dieser Zelle. Ein lebensfroher, junger Mensch, der alle Herzen gewann. Sie wissen, wie oberflächlich er ursprünglich war. Ich hätte mich wahrhaftig gefürchtet, so mit ihm zur Erschießung zu gehen. Es wäre grausam geworden." Seine Stimme wird leiser und von einer eindringlichen Feierlichkeit: ,, Sie haben es ja selbst erlebt, wie er plötzlich anfing, nach den letzten Dingen des Lebens zu suche konfir began werde Es ist anges es ist men dama Wiede men gnädi ten der der G mäßig . Pfarr uns, berich ,, Ich dieser bei S zur B ergre Als mein trock Tode mit 186 wa= ZWISCHEN TOD UND LEBEN suchen. Wie Sie wissen, war er weder getauft noch konfirmiert. Sie haben dann weiter miterlebt, wie er begann und versuchte, mit der Frage ‚Gott‘ fertig zu werden.“ Es ist, als ob in W. eine ihm innerst verwandte Seite angeschlagen worden ist.„Ja“, schiebt er versonnen ein, „es ist mir noch genau gegenwärtig, wie wir hier zusam- men im Neuen Testament lasen. Ich weiß, wie wir damals zusammen gebetet haben.“ Wieder ist es, als wenn der Pfarrer ein Stichwort bekom- men hätte:„Sie können gerade an ihm erkennen, wie gnädig der Herr verfährt. Wenn ich früher an der letz- ten Echtheit der Kreuzigungsgeschichte, in welcher der Schächer gleichsam in kürzester Zeitspanne aus der Gottferne in die Christusnähe rückte, verstandes- mäßig zweifeln konnte--“ Pfarrer D.s Stimme klingt jetzt wie aus weiter Ferne zu uns, es ist, als gäbe er sich selbst einen Rechenschafts- bericht. „Ich habe in diesem Haus den Wahrheitsbeweis für diesen neutestamentlichen Bericht öfters erlebt. Auch bei St. war es so. Wie über Nacht wurde ihm Christus zur Brücke über Tod und Leben. Es war auch für mich ergreifend, wie selig dieser Junge starb. Als der Kriegsgerichtsrat ihm in der Todeszelle in meiner Gegenwart mit der diesen Leuten eigenen, trockenen Geschäftsmäßigkeit die Bestätigung seines Todesurteils vorgelesen hatte, trug er noch die Uniform mit seinen Rangabzeichen. Der Kriegsgerichtsrat be- 187 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN merkte es erst nachträglich. Da fuhr er die Wachmannschaften an, warum sie ihres Amtes so schlecht gewaltet hätten. Aber St. kam ihnen zuvor. Wortlos legte er den Rock ab, wortlos zog er eine alte Ziviljacke an, die hier von einem erschossenen Kameraden noch übrig war." Die Stimme des Pfarrers wird noch verhaltener. ,, Fast ehrfürchtig sah ich die große innere Ruhe, mit der er mit diesem Ablegen seines Soldatenrockes gleichsam Abschied nahm von allem, was bisher sein Leben gewesen war. Die Wachmannschaften traten heran, um ihm gemäß den Bestimmungen die eisernen Fesseln anzulegen. Es brannte mir in der Seele, wie ich sein Gesicht dabei sah. Ich entschloß mich, ein letztes für ihn zu wagen, was nach den Bestimmungen streng verboten ist. , Bitte, lassen Sie die Fesseln fort, Herr Kriegsgerichtsrat, auf meine Verantwortung! Ich bürge Ihnen mit meinem Ehrenwort, daß der Verurteilte keinen Fluchtversuch macht, und ich bitte ferner, dem Verurteilten zu gestatten, daß er mit mir in meinem Wagen zur Erschießung fahren darf. Ich wollte St. die Demütigung des Transportes mit dem geschlossenen Gefängniswagen ersparen. Der Kriegsgerichtsrat zögerte betroffen. Irgendwelche Vergünstigungen nach der Bestätigung des Urteils waren strengstens verboten. Er betrachtete St. und mich wortlos. Er fühlte, wie St. und ich mit ihm innerlich rangen, ohne daß in das Schweigen ein Wort fiel. Er senkte den Blick, drehte sich um und sagte leise-, Ja'." Wieder macht der Geistliche eine kurze Pause. Nur das Klappern von Schritten, die ab und zu geschäftig den. Gang hinte dunk Leise Trep St. o verst Okto den s garte wind frisch den Wage den ben Ich gebe Gefä Schö sich ihm Tag Plötz weit sagte sche ruhig 188 ZWISCHEN TOD UND LEBEN mannwaltet er den e hier r." „ Fast er mit Abwesen gemäß en. Es ei sah. , was htsrat, einem ersuch gestatießung Transsparen. welche waren wortangen, te den ur das ig den Gang herunterkommen, ist zu hören. Der Abendhimmel hinter unserem vergitterten Fensterchen färbt sich zu dunkelglühendem Gold, Leise beginnt der Geistliche von neuem: ,, Wir gingen die Treppen hinunter durch die vier schweren, eisernen Tore. St. ohne Fesseln neben mir. Er schritt leicht und selbstverständlich. Auf der Straße empfing uns ein herrlicher Oktobermorgen, dessen herbe Frische gewürzt war durch den starken Duft der alten Bäume aus dem nahen Tiergarten. St. saß im offenen Wagen neben mir. Der Fahrtwind spielte mit den braunen Haaren, die so gut zu dem frischen, offenen Gesicht paßten. Langsam bogen wir in den Tiergarten ein. Hinter uns, in einigem Abstand, der Wagen mit der Gefängniswache. Die Sonne brach durch den leichten Morgennebel und ließ die herbstlichen Farben des gepflegten, alten Parkes aufleuchten. Ich hielt einen Augenblick, um St. eine Zigarette zu geben, um die er bat. Ich sah, wie er, der lange hinter Gefängnismauern gesessen hatte, die köstliche, späte Schönheit dieses Morgens auf der Weiterfahrt gierig in sich aufnahm, wie die gepflegte, vornehme Umgebung ihm wohl tat. So habe ich mir immer meinen letzten Tag gewünscht. Ich wollte nicht bei Regen sterben!" Plötzlich berührte er meinen Arm. Seine Augen waren weit geöffnet, aber er sah mich nicht., Herr Pfarrer', sagte er mit veränderter Stimme ,, die vier apokalyptischen Reiter reiten doch.', Ja', antwortete ich beruhigend., Dann werde ich sie heute noch reiten sehen', - 189 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN sagte St. langsam. Ein inneres Leuchten trat in sein Gesicht. Ich sah es, sah es mit Erschütterung mit meinen leiblichen Augen, wie ein Mensch die Brücke zur Ewigkeit überschritt. Zwanzig Minuten später waren wir vor dem Schießstand in Spandau. St. nahm von seiner Umgebung nicht mehr Notiz. Das Hinrichtungskommando war bereits angetreten, seitwärts stand der Offizier und der Arzt. St. sah auf seine Armbanduhr. , Wir haben noch zehn Minuten Zeit', sagte er. Er war völlig ruhig. Die Morgensonne spielte durch das herbstliche Laub der alten Bäume und ließ das kräftige Grün der Rasenflächen auf den Schießstandwällen in satter Farbe aufleuchten, malte goldene, zitternde Reflexe auf den gelben, abgefallenen Blättern, die den Boden bedeckten. Ein paar Meisen zirpten ihre Freude am Sein in den stillen, lichtblauen Himmel. Die Zeit war um. Wir traten zusammen vor den Pfahl, vor dem der Verurteilte stehen muß. Der Kriegsgerichtsrat verlas nochmals das Urteil. Er war durch die Fassung und Ruhe St.s so beeindruckt, daß er selbst ganz außer Fassung geriet. Er stotterte, verlas sich dauernd. Als er halb vorgelesen hatte, kam ihm die Widersinnigkeit des Urteils zum Bewußtsein, er brach verwirrt ab und trat zurück. St. stand frei vor dem Pfahl, ohne Fesseln, ohne Binde vor den Augen. Ich ergriff seine Hand, dann sprach er laut mit klarer, fester Stimme den Vers eines Chorals: 190 Ich ergr Aug Kar war Salv Wir Zell Lan und uns Ge Es v zuv alle Ged Du Dei ster im auc Ich stin auc ich ZWISCHEN TOD UND LEBEN ‚Ich lege meinen Geist in deine treue Hand.| sein Mein Heiland, du bewahrst dies dir vertraute Pfand. leib- Mein‘n letzten Atemzug laß reine Liebe sein. skeit Ausgehend geh‘ mein Geist in deine Ruhe ein. dem Ich sah, wie die Soldaten des Erschießungskommandos N bung ergriffen waren, ich sah, wie vielen das Wasser in die) - be- Augen trat. er ‚Kann ich jetzt gehen?‘, fragte ich leise. Ein Händedruck\ war die Antwort. Als ich mich abwandte, krachte die = Salve. Er war sofort tot.“- z Wir schweigen lange, es ist, als ob St. bei uns in der yo| Zelle stände. Nur der Atem von uns dreien ist zu hören. Grün Langsam steht Pfarrer D. auf und tritt unter das Fenster,| atter und im letzten Abendschein des fliehenden Tages liest er% > auf uns den Abschiedsbrief St.s an seine Frau vor:’ jeck|„Geliebte! ‚den| Es war mir nicht mehr vergönnt, mich persönlich von Dir) zu verabschieden, so will ich es kurz schriftlich tun. Vor i allem, damit Du die Gewißheit hast, daß meine letzten Gedanken auf dieser Welt nur Dir gehören. Anne-Liese, Du Gute, ich habe nur eine Bitte an Dich, Du mögest Dein Schicksal so leicht tragen wie ich meines. Ich sterbe im festen Glauben an Gott und ein Wiedersehen im Jenseits. Deshalb bitte ich Dich, Du Liebe, Du wollest | auch ganz fest auf Gott vertrauen. Ich sagte Dir bei Deinem letzten Besuch, daß Gott be- stimmt alles zum besten fügen wird, und das tut er denn% Binde| auch, denn: ‚Welche ich liebhabe, die strafe und züchtige h Ber ich. So sei nun fleißig und tue Buße.‘ Den letzten Satz, x 198 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN „ Denke storber entzüc Schaus manni - nehme wollte liebe Anne- Liese, wollest Du so verstehen, daß Du nicht etwa verzweifelt und traurig sein sollst, sondern dankbar für die schönen Stunden, die uns in dieser kurzen Zeit geschenkt waren- morgen wären es genau dreiundzwanzig Monate- und still meinem Andenken leben sollst. Glaube fest an Gott und bete zu ihm nicht für mich denn ich bin zu diesem Zeitpunkt, wenn Du dies liest, schon bei ihm-, sondern für Dich und Deinen Sohn und alle Lieben, daß Ihr das Leid leicht tragen möchtet. In kurzer Zeit, meine geliebte, gute, treue. Anne- Liese, werden wir ja wieder vereint werden, und dann werden wir noch viel glücklicher sein als bisher. Herr Pfarrer D. begleitet mich auf meinem letzten Wege und wird Dir meine letzten Grüße und Wünsche übermitteln. Grüße meine und Deine Eltern, Omi und alle Verwandten und Bekannten nochmals von mir. Im Geist umarme ich Dich und Hans- Detlef und gebe Euch den Abschiedskuẞ. Wenn Du mich auch nicht mehr siehst, so bin ich immer um Dich und denke Deine Gedanken und fühle Deine Gefühle. um A richter zusam diese nach i W. ha ,, Der S durch Dann Der G „ Ich h des H mung setzt Auf Wiedersehen! rechts Dein H. E. Oblat Nochmals vielen, vielen Dank für alles! H. E. Pfarre reicht ..BERLIN, DEN 16. OKTOBER 1944. um di Aber als wenn unser Pfarrer keinen schwermütigen Gedanken der Trauer aufkommen lassen will, spricht er mit frischer, veränderter Stimme weiter: aus de Vier überg 13 192 ZWISCHEN TOD UND LEBEN nicht kbar Zeit wanHollst. ich- liest, und chtet. Liese, erden er D. Dir Grüße und gebe mmer Deine H.E. Geer mit ,, Denken Sie nun nicht, daß St. freudig oder leicht gestorben wäre! Auch er liebte das Leben! Er hatte eine entzückende, junge Frau, lebensfroh wie er, von Beruf Schauspielerin. Wie sehr er das Leben liebte und seine mannigfaltige Schönheit, können Sie aus einer Bitte entnehmen, die er mir wenige Tage vorher auftrug. Einmal wollte er noch aus dem vollen Kelch des Lebens trinken, um Abschied zu nehmen. Er bat mich, es doch einzurichten, daß er noch einmal ungestört mit seiner Frau zusammen sein könnte. Ich war fest entschlossen, ihm diese Bitte zu erfüllen. Aber der Tod griff zu schnell nach ihm."- W. hat einen Ausdruck freudiger Klarheit im Gesicht. ,, Der Sinn auch dieses Lebens hat sich mir erneut bejaht durch alles das, was Sie uns erzählt haben!", sagt er. Dann sinnen wir still unseren Gedanken nach. Der Geistliche unterbricht als erster unser Schweigen. ,, Ich habe vorbereitet, daß wir jetzt gemeinsam das Mahl des Herrn nehmen." Wir nicken schweigend Zustimmung. Er breitet eine schwarze Decke auf den Tisch. setzt ein Kruzifix darauf und entzündet zwei Kerzen rechts und links daneben, setzt eine kleine Schale mit Oblaten und einen silbernen Becher dazu. Dann spricht Pfarrer W. die weihevollen Worte zum Abendmahl, reicht Pfarrer D. und mir Brot und Wein, betet für uns um die Vergebung unserer Sünden. Dann nimmt er selbst aus den Händen von Pfarrer D. das Abendmahl.- Vier Tage später ist Pfarrer W. erschossen worden. Er übergab mir vorher den Rest seines Tagebuches. Ich 13 193 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN kann sein Andenken nicht besser ehren, als daß ich ihn selber über seine letzten Erdentage sprechen lasse. ..SONNTAG. DEN 24. SEPTEMBER 1944. Es ist Abend geworden. Auch an diesem Sonntag ist es Abend geworden wie an allen den anderen Abenden, die hinübergegangen sind in die Ewigkeit seit dem Tage, da man über mich den Tod verhängte. Und es ist damit ein Tag zu Ende gegangen, der in wenigem nur sich unterscheidet von den Tagen, die draußen in der freien Welt der Lebendigen Werktage heißen. Nur in einem unterschied er sich: wir haben eine längere Zeit uns in der Stille unter Gottes Wort gestellt als sonst in der Stunde, da draußen die Kirchenglocken, die noch nicht geborsten sind ob den Leiden dieser Zeit, die Gemeinde riefen zum Gottesdienst. Denn es hat sich wohl ein Wunder zugetragen in einer Gefängniszelle, darin zwei Menschen- junge, blühende, lebendige Menschen!- ihrem Tod entgegenleben! In diese Zelle tritt des Morgens und des Abends Christus hinein und schließt die beiden Menschen zusammen zu einer Gemeinde:, Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.. Und diesem großen Herren legen die beiden jungen Menschen alles in die Hände, was sie beschwert, und manchmal werden ihre Augen groß und dunkel vor der unergründlichen Bitterkeit und Not ihrer Herzen. Ihre Frauen und Kinder legen sie in seine Hände, ihre Eltern und Geschwister, Verwandte, Freunde, Bekannte, und ganz schen sich gleich ein V ich w Dies Tod Frau Erwa DIENS H. i Sach Dir s nun Urtei Unw ten richt von Freu zufä muß sterb Das dam Wen eine 194 13 ZWISCHEN TOD UND LEBEN e. ich ihn g ist es den, die Cage, da amit ein unteren Welt unters in der Stunde, eborsten fen zum in einer lühende, In diese s hinein zu einer in meijungen vert, und vor der en Ihre are Eltern nte, und ganz am Ende die Bitte, die herzinnige Bitte um das Geschenk eines neuen Lebens auf dieser Erde. Und beugen sich doch unter dieses Herren Hand, der einmal in gleicher Not gestanden hat, hingerichtet zu werden wie ein Verbrecher, und dabei die Worte sprach:, Nicht wie ich will, sondern wie du willst.'- Dies Wunder der Gemeinde in dem Kämmerlein, da der Tod mit drinnen ist, ist geschehen an Deinem Mann, Frau N., und an seinem Gefährten im Leiden und im Erwarten des letzten: Tod oder- Gnade! DIENSTAG. DEN 26. SEPTEMBER 1944. H. ist freigesprochen worden, gestern wurde seine Sache verhandelt. Du weißt, der Kamerad, von dem ich Dir schrieb, daß ich ihn hier getroffen habe. Wenn ich nun so meine Sache abwäge gegen die seinige, und mein Urteil gegen seines stelle- von welchen Zufälligkeiten, Unwägbarkeiten, unergründeten Bildern der Angeklagten und falschen Voraussetzungen gehen doch die Gerichte aus. Ich gönne dem Kameraden seinen Freispruch von ganzem Herzen und habe ihm heute in herzlicher Freude zum Abschied die Hand gedrückt, als ich ihn zufällig noch einmal sah. Aber wenn ich jetzt sterben muß als ein zum Tode Verurteilter liebe N.: Dann sterbe ich mit einem ganz guten und leichten Gewissen. Das schreibe ich in vollem Bewußtsein dessen, was ich damit sage! Wenn so etwas geschieht wie die Urteilsverkündung eines Menschen, an dem man Anteil nimmt und es sind 13% - 195 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN im Laufe der Zeit einige geworden, an deren Geschick man hier Anteil nimmt!- dann bestimmt das allemal den ganzen Tag in stillen und lauten Erwägungen des Für und Wider eines solchen Urteils, und es ist nicht von ungefähr, daß die Menschen je und je dazu geneigt haben, Frau Justitia mit verbundenen Augen darzustellen, und immer deutlicher wird einem die Wahrheit jenes alten, weisen Wortes: Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber siehet das Herz an. Mein Zellengenosse will Dir auch einen Gruß sagen.- FREIT Daß i Dir z ich a obge zustr und sollst Geda Und MITTWOCH, DEN 27. SEPTEMBER 1944. - Die Tage gehen hin wer weiß, vielleicht sind es nur noch wenige, die ich zu leben habe. N.: Du hast nicht mehr viel Zeit, wenn Du mir noch einen Gruß schreiben oder sagen willst! Ich mühe mich Tag und Nacht, zu ergründen, wie es wohl in Dir aussehen muß. Davon träume ich des Nachts, und die Träume sind fast noch das Lebendigste an mir, denn da pflegen sich alle Lieben bei mir einzustellen: Du, Lore, die Eltern alle, die Geschwister und Verwandten, und Begebenheiten werden lebendig aus vergangener, mir nun so unendlich fern gerückter, schöner, glücklicher, süßer Zeit. Und hinter allen diesen Träumen lauert der Schein grauer Morgen mit müdem und herzschwerem Erwachen. O N.: Nur noch einmal froh erwachen dürfen und ein gutes Tagewerk vor sich haben!- Du L ben, wen Mütt steht MITT Ich dies ich Dir muf Dir Stu sen noch bete in 196 ZWISCHEN TOD UND LEBEN schick al den s Für t von eneigt Custeljenes Augen lengees nur nicht FREITAG. DEN 29. SEPTEMBER 1944. Daß ich's nur sage, ich habe gestern abend nicht gewagt, Dir zu schreiben, um des harten, bösen Wortes willen, das ich am Mittwoch geschrieben habe. Es ist mir lange obgelegen, und ich war versucht, es einfach wieder auszustreichen; aber nun habe ich es doch stehen lassen, und wenn ich einmal nicht mehr am Leben bin, dann sollst Du auch das von mir wissen, daß ich einmal solche Gedanken gedacht habe.- Und wie schnell hast Du mir solche Gedanken widerlegt, Du Liebe, Gute! Kaum waren sie gedacht und geschrieben, da kam schon Dein Gruß, Dein lieber Gruẞ; und wenn er auch nur von Ulrich kam, so hat ihn doch sein Mütterlein geschrieben und eingepackt, und am Ende... steht doch: Deine N.!- Meine N.! reiben s wohl ts, und , denn , Lore, and Bemir nun süßer Schein wachen. and ein MITTWOCH, DEN 4. OKTOBER 1944. Ich habe Dir wieder einen Brief schreiben dürfen in diesen Tagen; da blieb das Tagebuch geschlossen, weil ich an solchen Briefschreibetagen so ganz erfüllt bin von Dir und Dir in den Briefen alles sage, was ich Dir sagen muß. Wie viele werden's noch sein dürfen, die von mir zu Dir gehen- bis zu jenem letzten Gnadenbrief in der Stunde des Todes? N... li- ich bete darum, daß ich diesen letzten Brief nicht schreiben muß, daß mein Leben noch nicht und nicht so zu Ende gehen muß jeden Tag bete ich darum, wie ich Dir schon sagte-, aber ich habe... in meinem Innern noch keine Gewißheit von Gott, wo - 12 197 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN nun der Weg hin soll. So will ich mich denn ferner in Gottes Hand stellen und warten! den Di ich kön Herzen SONNTAG. DEN 8. OKTOBER 1944. Das ist heute wirklich ein wahrer Sonntag gewesen, Du liebste Frau: Dein Brief ist bei mir angekommen, Dein lieber, treuer, großer Brief. Und das erste Bildchen von Uli, dem Sohn! Eben habe ich es ganz, ganz genau betrachtet; auf den ersten Blick heute mittag, als es ankam, sind mir die Augen übergegangen, und ich konnte deshalb gar wenig erkennen auf dem Bilde, ich mußte nur immer denken, mein Sohn, mein kleiner, lieber Sohn Aber jetzt muß ich Dir denn doch widersprechen, da Du meinst, es sei nichts zu erkennen auf dem Bild! Du ahnst ja nicht, was Vateraugen alles zu sehen vermögen! Erstens einmal: er existiert tatsächlich, ist ein kleines Menschenkind! N... li: ist das nicht schon allein und an und für sich ein hohes, hohes Wunder Gottes! Und dann hat er ein richtiges Köpfle, ein bißle viereckig vielleicht. Aber das macht nichts, es wird ja auch manchen Stoß auszuhalten haben in diesem bösen Leben( und möchte doch davor bewahrt bleiben in Gnaden, ertragen zu müssen auch nur im entferntesten, was sein Vater erleiden muß!). Von den Äuglein sieht man ja nicht gerade viel, die hat er feste zugekniffen, gleich als wollte er fürs erste noch nicht allzuviel sehen von der Welt und sei vorderhand noch mit seinem Innenleben genugsam beschäftigt hoffentlich wird's einmal recht komfortabel werden, daß er nicht so sehr auf die von außen kommen- gar ni Mäulch seinem Wozu mißbr Mensc etwas und z mir e wohlg Anfan ihm v DIENS Heute noch ist w um d alles Anso geha Hans und schei sind die S 198 rner in sen, Du n, Dein men von nau beankam, te desBte nur Sohn- da Du u ahnst rmögen! kleines und an nd dann elleicht. en Stoß möchte agen zu er erleigerade e er fürs und sei sam befortabel commenZWISCHEN TOD UND LEBEN den Dinge angewiesen sein wird. Denn Liebe, meinst Du, ich könnte ertragen, was ich muß, wenn nicht in meinem Herzen ein Schatz sich angesammelt hätte, der mir durch gar nichts entrissen werden kann? Dafür macht er sein Mäulchen aber doch recht wacker auf. Möchte er's in seinem späteren Leben recht wenig dazu gebrauchen, wozu die großen Schreier dieser Welt den Menschenmund mißbrauchen, aber dazu, mit einer schönen Stimme die Menschen zu erfreuen und Gott zu ehren, das wäre schon etwas! Auch ein ganz richtiges Zünglein ist zu erkennen und zwei Nasenlöcher, es ist kurzum der Eindruck bei mir entstanden, als ob mein Sohn Ulrich doch ein ganz wohlgelungen, herzig Geschöpflein sei, und daß er zu Anfang seines Erdenlaufs ein bißle schreit: wer will's ihm verargen?- DIENSTAG. DEN 10. OKTOBER 1944. Heute ist Pfarrer D. bei mir gewesen. Auch er hat sich noch einmal sehr um mich bemüht, und nun N... li- nun ist wohl wirklich alles getan, was menschenmöglich ist, um das letzte Ende noch einmal abzuwenden. Nun steht alles weitere in Gottes Hand!- Ansonsten haben wir beide heute einen schlechten Tag gehabt: mein Zellengenosse, es ist der Oberleutnant Hans- Erich St. aus Marienbad- hatte Kopfschmerzen, und mir hat es ganz polizeiwidrig im Magen rumort, scheint's macht sich die Haft doch bemerkbar. Aber was sind alle körperlichen Schmerzen gegen das, was täglich die Seele zu ertragen und zu überwinden hat?- 199 GELERNT FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Ich darf Dir diese Woche wieder einen Brief schreiben und gehe in meinen Gedanken den ganzen Tag damit um. Im VB. stand heute eine entzückende, kleine Skizze von Heinz Steguweit, an der ich meine helle Freude hatte. Ich lege sie Dir bei!- DONNERSTAG, DEN 12. OKTOBER 1944. Heute ist Frau St. zu Besuch dagewesen, meines Zellen- genossen Frau. Und hat eine böse Nachricht mitgebracht: Das Gnadengesuch, das sie eingereicht hatte für ihren Mann, ist- abgelehnt worden. Sie weiß es schon seit Anfang September und hat es seither mit sich herum- getragen, ohne es ihrem Mann zu sagen, obwohl sie schon zweimal hier war seitdem. O Ihr armen, armen Frauen, was müßt Ihr erdulden um unsertwillen! ON...li, wie muß Euer Leid Euch zu Heiligen machen! Und nun müssen wir weiter warten, warten, warten, und der Tod seht um und will uns holen, eine sichere Beute. Wann und wie wird dies gräßliche Warten enden für ihn- und für mich? DIENSTAG, DEN 17. OKTOBER 1944. Nun, Du mein liebes Fraule, ist eine Antwort schon da. Hans-Erich St., der mir in seinen letzten Lebenswochen in rechter, brüderlicher Verbundenheit nahegekommen war, hat das Warten überstanden. Gestern, morgens um 8 Uhr, haben sie ihn draußen in der Umgebung Berlins erschossen. Die letzten Stunden seines Lebens aber, soweit ich sie miterlebt habe, waren so: Gestern früh, 200 vo] Mc Ur W mi ZWISCHEN TOD UND LEBEN reiben mit um. ze von hatte. Zellenbracht: ihren Oon seit merumschon Trauen, li, wie d nun er Tod Wann - und non da. wochen Commen ens um Berlins saber, n früh, - 5.45 Uhr, ging die Türe unserer Zelle auf( wir schliefen noch feste!), und Hans- Erich bekam den Befehl, sich fertig zu machen; um 6 Uhr kam ein Major und eröffnete ihm mit den Worten: Oblt. St., Sie wissen ja, daß Sie zum Tode verurteilt sind; das Urteil wird um 8 Uhr vollstreckt, daß sein letztes Stündlein geschlagen habe. Und da war auch schon Pfarrer D., der treue Palladin. HansErich hat dann noch in aller Ruhe einen Brief geschrieben an sein Frauchen, wir haben über seine Bestattung gesprochen, Pfarrer D. wird nach Eger oder Marienbad fahren, um ihn dort zu bestatten, und wie es Hans- Erich noch ausdrücklich wünschte- seinen kleinen Sohn evangelisch zu taufen. Dann haben wir das Abendmahl genommen miteinander, und schließlich wurden ihm noch zwei Briefe übergeben, einer war von seiner Frau und einer von seiner Mutter, und beide waren von den Frauen beim Adjutanten des Hauses für das letzte Stündlein abgegeben worden. Die las er noch in großer Ruhe und mit großer Freude. Dann ein Händedruck, ein letzter stummer Gruß, und Hans- Erich St. ging seinen letzten Gang. Pfarrer D. hat ihn hinausbegleitet und ist bei ihm geblieben bis zur letzten Minute. MONTAG, DEN 23. OKTOBER 1944. Und in wenigen Minuten werde ich selber den gleichen Weg gehen. Ich gehe zu Gott, der Dich allezeit behüten möge! Amen." 201 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Ich selbst bin durch W. ein anderer Mensch geworden Ich habe mich unter mein Schicksal gestellt in Demut und Dankbarkeit für alles, was der Schöpfer mir gegeben hat. Sein Leben und Sterben ist für mich wie ein Sinnbild geworden für die Vergänglichkeit alles irdischen Lebens. Wenn ich an W. denke, gewinnen gute Gedanken Raum in meinem Herzen. Er hatte einen unbestechlichen Blick für die Abgründe der menschlichen Natur, und sein Leben war dem Gedanken geweiht, den Menschen zu helfen aus diesen Abgründen. Als Pfarrer D. mich zum ersten Male nach der ErschieBung W.s besucht, kann ich alle meine Gedanken, die sich an dessen Tod in mir gefestigt haben, nur in den Worten zusammenfassen: ,, Herr Pfarrer, ich hätte doch Missionar werden müssen."- ,, Ich freue mich, daß Sie mir dieses sagen, denn ich sehe, daß Sie auf dem richtigen Wege sind zu dem Einzigen, der Ihnen in Ihrer jetzigen Lage die innere Kraft geben wird, alles zu überstehen, was das Schicksal Ihnen auferlegt- Christus Dieses ist das Geheimnis für W.s Leben, das trotz aller äußeren Not reich und schön gewesen ist. Nicht äußere Dinge hatten seinem Leben Inhalt und Reichtum gegeben, sondern aus Christi Hand heraus hatte der Heimgegangene die Kraft geschöpft, sein irdisches Leben so zu gestalten, daß das Denkmal, das er sich errichtet hat, dauerhafter ist als Erz und Stein. Er ist gestorben in der Gnade Gottes, der ihm Kraft gab bis zum letzten."- Noch meir Dur sich dre men zusa des erfa sche ich, hab kein reif Leb Blü ewi hier Sin bor Jed der Sp Bet tra Sei nic ber Le 202 rden emut eben Sinn- schen ınken ichen ‚ und schen schie- n, die n den doch ‚8 Sie ‚ rieb- Ihre! über- ristus , aller äußere m de Heim so ZWISCHEN TOD UND LEBEN Noch lange bleibt eine blutende Wunde, wenn ich an meinen früheren Zellengenossen denke. Durch eine merkwürdige Verkettung der Ereignisse, die sich manchmal wie in einem schicksalhaften Kreise zu drehen scheinen, werde ich jetzt wieder mit B. zusam- mengeführt. Wieder bin ich mit einem Kameraden zusammen, von dem ich nicht weiß, ob die eiserne Faust des Todes erst nach mir oder ihm langt. Beide haben wir erfahren, daß unsere Prozesse vor der endgültigen Ent- scheidung stehen. Aber B., der fast doppelt so alt ist wie ich, sieht das Leben mit anderen Augen an. Ich bin jung, habe das Leben noch nicht erfahren und erforscht, noch keine Leistung liegt im Leben hinter mir. Er ist ein reifer Mann auf der Höhe seines Daseins. Gewiß, das Leben ist eine stete Wandlung. Schon im Wachsen und Blühen drängt es dem Tod entgegen. Ewiger Tod und ewiges Leben zugleich.- Ich habe durch meinen Weg hier im Hause des Todes gelernt, in der scheinbaren Sinnlosigkeit eines verwirrenden Geschehens den ver- borgenen Wandel des ewigen Geistes anzuerkennen. Jedes Erlebnis ist eine neue Offenbarung des Schattens der Unendlichkeit. Jedes Geschehen hinterläßt seine Spuren, wenn der Mensch auch rasch die Dumpfheit und Betäubung verliert, die der Nachklang eines wilden und traurigen Geschehens zunächst in ihm hinterläßt. Seit sechs Monaten sitze ich in diesem Hause der Ver- nichtung. Tag für Tag, Stunde für Stunde kann ich ab- berufen werden. Aber ich fühle jetzt deutlich, daß mein Leben einer Entscheidung entgegendrängt. 203 DE Be FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Alles geht wie sonst. Mit gewohnter Präzision läuft das Uhrwerk des Tages ab. Wir leben still dahin. Noch im- mer ist die Stunde des erwachenden Tages zugleich die Stunde der letzten Entscheidung. Hunderte von Men- schen liegen immer noch täglich und starren gebannt auf ihre Zellentüren, während ihr Herz wie rasend in der Brust hämmert. Was nun folgt, kann ich in seinem Zusammenhang und zeitlichen Ablauf nicht mehr genau schildern. Es ist, als ob alle Kräfte der Hölle sich vereint hätten, um noch ein- mal zu einem furchtbaren Schlage gegen mich auszu- holen, der ich kaum noch die Kraft habe, dem gigan- tischen Druck standzuhalten. Am 1. November morgens um 6 Uhr verhält der Posten an unserer Zelle. Die Tür wird aufgeschlossen. Eine mili- tärische Wache im Stahlhelm triti ein. Eine eiskalte Ruhe überkommt mich- jetzt muß die Entscheidung kommen, sie ist schon gekommen. Ich sehe, wie der Mann unsere beiden Pritschen mustert. Seine Augen bleiben auf der unteren Pritsche haften:„Hauptmann B.“, sagt er,„machen Sie sich fertig, das gegen Sie verhängte 'Todesurteil wird in zwei Stunden vollstreckt.“ Dann wendet er sich an mich:„Machen Sie sich ebenfalls fertig, Sie werden für die nächsten zwei Stunden in eine andere Zelle gebracht.“ Dann schließt sich die Zellentür hinter ihm. 3. und nicht ich?- War es wirklich B.? War es noch ein- mal an mir vorübergegangen? Ich sehe B. an, der sich 204 ZWISCHEN TOD UND LEBEN das imdie Menauf der und , als einszuganosten milikalte dung Mann eiben sagt ängte Dann enfalls eine entür heinr sich langsam ankleidet. Seine Glieder bewegen sich wie die einer Puppe. Sein Gesicht zeigt eine starre Blässe wie fast die eines Toten. Alle Worte sind sinnlos; ein Schicksal vollzieht sich vor meinen Augen. Ich stehe hilflos dabei, weiß nicht, was ich tun soll. Ich werde- da kommt schon die Wache. Ich werde abgeholt und in eine andere Zelle gebracht. ,, Leb wohl, Kamerad", sage ich. Es fällt mir unter der Gewalt des Augenblickes nichts anderes ein. Ich drücke ihm die Hand. Er spricht kein Wort, nickt nur leise wie bestätigend mit dem Kopf. Sein Gesicht ist unnatürlich blaß, aber er hat sich in der Gewalt. Ein schreckensbleiches Antlitz starrt uns entgegen, als ich in die neue Zelle geführt werde. Ein Stöhnen der Erleichterung, als mein neuer Zellengenosse erkennt, daß es nicht das Todeskommando ist. Ich setze mich an den Tisch und stütze den Kopf in die Hände. Eine eisige Ruhe herrscht in mir. Ich bin immer noch unfähig zu denken. Aber plötzlich ertönen erneut Schritte in unserem Gang, die vor unserer Zelle Halt machen. Meine Glieder sind wie Blei. Was kommt nun? Die Wache wendet sich an mich: ,, Sind Sie fertig? Ich soll Sie hinunterbringen zum Kriegsgerichtsrat."- Also doch!- Soll ich mit B. gleichzeitig hingerichtet werden? Ich ringe um Fassung, aber ich kann nicht fragen. Plötzlich fällt mir auf, die Wache trägt ja keinen Stahlhelm. Und die Wachen, welche morgens zu den Todeskommandos gehören, kommen immer im Stahlhelm, aber es ist erst 205 a re een un Zu FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN zehn Minuten nach 6, also noch eine Stunde vor dem Wecken. Ich sehe meinen Kameraden an, sein Gesicht ist schnee- weiß. Er starrt mich mit einem Gesichtsausdruck an, als weilte ich schon nicht mehr unter den Lebenden. Ich höre, wie meine Stimme sagt:„Gut, dann komme ich.“ Mechanisch gehe ich neben der Wache her. Aber sie bringt mich nicht in eine andere Zelle, sondern hinunter in eines der Gerichtszimmer. Ein dicker Kriegsgerichts- rat mit einem weichlichen, nervösen Gesicht empfängt mich. Ich weiß immer noch nicht, worauf das alles hinaus soll. „Ich habe Sie herunterholen lassen“, sagt er mit einer herablassenden, etwas selbstgefälligen Stimme,„da ich hier eine Stunde warten muß, bis Ihr Zellenkamerad B. zur Hinrichtung abgeführt wird. Sie können sich so lange mit mir unterhalten, da Sie ja doch wach sind.“ Trotz aller Abstumpfung wächst eine Welle der Wut langsam in mir auf. Dieser Mensch weiß ganz genau, was es für einen zum Tode verurteilten Gefangenen bedeutet, wenn er morgens um 6 aus seiner Zelle abgeholt wird Will er sich an meiner Qual weiden? Was will er über- haupt? Einen dienstlichen Auftrag hat er anscheinend nicht. Ich muß mich auf einen Stuhl setzen und die etwas schwülstiger: Redereien über mich ergehen lassen. Aber er spricht ın merkwürdiger Weise immer wieder von Möglichkeiten auch für Gefangene, die schon zum Tode verurteilt sind und bei denen doch irgendwie, unter 206 die wu Ich spi da: ZWISCHEN TOD UND LEBEN dem nee, als Ich ich." sie unter chtsfängt alles einer a ich ad B. ch so 1." Wut , was eutet, wird überinend d die assen. wieder zum unter gewissen Umständen allerdings und nur bedingt, ein Todesurteil sozusagen gestundet werden konnte, allerdings nur unter ganz gewissen Voraussetzungen. Sind es Täuschungen oder äfft und narrt mich ein höllischer Spuk? Gaukelt mir die Möglichkeit einer Rettung vor, halbe Wahrheiten, Täuschungen des Blutes, welche die viel gefährlichere Täuschung des Geistes, des Bewußtseins hervorrufen? Ich komme zu keiner Klarheit. Gespenstige Schattenspiele der Erinnerung tauchen auf. Ich weiß nicht, ob das alles sich wirklich abspielt, was ich höre. Es ist, wie nach dem Urteil im Gerichtssaal in Minsk. Ich bin bei wachem Bewußtsein, aber mein Bewußtsein ist nicht bei mir. Um 7 Uhr werde ich wieder abgeführt. Ich atme auf. Der Eindruck bleibt bestehen, daß der Kriegsgerichtsrat nur aus Wichtigtuerei und überheblicher Eitelkeit, im Gefühle seiner Macht, mich hat kommen lassen, um während der nervenanspannenden Zeit bis zur Hinrichtung meines Kameraden B. beschäftigt zu sein. Langsam schleichen die Stunden des Tages. Es ist mir, als stehe ich an einem offenen Grab, während meine Gedanken um B. kreisen, dessen Leben heute ausgelöscht wurde. Es ist mir, als ob dieses Grab mich irgendwie rufe. In dieser Stimmung trifft mich Pfarrer D., als er nachmittags in die Zelle tritt. Sein Gesicht hat einen eigentümlichen Ausdruck, den ich noch nie an ihm gesehen habe. Nicht nur, daß er wie immer Kraft und Optimismus ausstrahlt, es ist mehr. 207 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Während er mir die Hand schüttelt, sagt er im Tone lächelnder Selbstverständlichkeit: ,, Ich bin gekommen, um Ihnen zum Geburtstag zu gratulieren." Ich verstehe nicht recht.- ,, Ich habe doch im Januar Geburtstag, Herr Pfarrer", sage ich mit leiser Abwehr. ,, Das weiß ich", antwortet er, und die Freude strahlt ihm förmlich aus den Augen. ,, Sie haben aber heute nochmal Geburtstag", sagt er. ,, Ich habe heute früh auf dem Gericht zuverlässig erfahren, daß Ihr Todesurteil zwar bestätigt, die Vollstreckung aber auf unbestimmte Zeit ausgesetzt ist. Das bedeutet nach dem hiesigen Brauchtum, daß Sie dem Leben wiedergegeben sind, und deswegen bin ich gleich gekommen, um Ihnen zum Geburtstag zu gratulieren." Ich muß mich hinsetzen. Der Rückschlag ist zu stark. Es ist ein Wunder geschehen, ein unglaubliches Wunder. Der Geistliche wehrt lächelnd ab, als ich Worte des Dankes stammeln will. Er verspricht mir, in den nächsten Tagen wiederzukommen, denn es ist klar, daß ich hier aus dem Gefängnis abtransportiert werde. Wir beschließen, meine Angehörigen erst zu benachrichtigen, wenn ich die offizielle Bestätigung in Händen habe. Nachdem er gegangen ist, bete ich. Dann laufe ich fast eine Stunde in der engen Zelle hin und her. Pfarrer D. wird sofort Dr. K. telegraphieren. Wie schade, daß er nicht persönlich anwesend ist, daß ich ihm nicht persönlich danken kann! Es zersprengt mir fast die Brust. Da ich zu keiner vernünftigen Überlegung fähig bin, nehme ich ein Buch zur Hand, bibliot darin schlic rigkei wiede Ich sc Tageb Man Bevor Die W Sie si Man Eh m Der V Ein W Das H In ba Man Wen Man Gleid Man Um f 208 14 -hade, ZWISCHEN TOD UND LEBEN Hand, das ich vor ein paar Tagen aus der Gefängnis- bibliothek geliehen habe. Während ich gedankenlos darin blättere, fällt mein Blick auf ein Gedicht. In seiner schlichten, innigen Form klingt es trotz aller Todestrau- rigkeit wie ein leiser Hauch der Hoffnung und des wiedererwachenden Lebens Ich schreibe es zur Erinnerung an diesen Tag in mein Tagebuch, es lautet: Man muß des Todes Atem erst verspüren, Bevor man wach den Traum des Lebens träumt. Die Wege, die zum tiefsten Glücke führen, Sie sind von Schmerzen und von Glück umsäumt. Man muß erst in den dunklen Abgrund schauen, Eh man den eignen Lebenswert ermißt. Der Weg zur Sonne führt durch Nacht und Grauen, Ein Weg, der voller blut‘ger Dornen ist. Das Herz muß einsam und verlassen schlagen In bangen Nächten uferlos und still- Man muß die Sehnsucht wie ein Schicksal tragen, Wenn man das wahre Leben finden will. Man muß gefaßt sein, wortlos zu verwehen Gleich einem Blatt im letzten Sonnenschein- Man muß sein Leid in andern Augen sehen, Um für das Glück der Zukunft reif zu sein. ll INFERNO INFERNO Die letzten Oktobertage vergehen im Gefäng nis Lehrter Straße unter Hoffen und Warten. Es ist am 1. November vormittags, als ein Kriegsgerichtsrat in meine Zelle tritt, begleitet von einem anderen Beamten. Er zieht ein Aktenstück aus seiner Ledertasche und liest: ,, Der Gerichtsherr hat in Ihrer Strafsache am 25. September 1944 folgende Entscheidung getroffen: I. Ich bestätige das Urteil. II. Die Entscheidung über die Vollstreckung des Todesurteils setze ich aus. Dem Verurteilten ist Gelegenheit zu geben, sich im Arbeitseinsatz unter schwersten Bedingungen zu bewähren. Zu diesem Zweck ist er dem SD. zu übergeben. Ich behalte mir vor, nach angemessener Zeit eine endgültige Entscheidung über Vollstreckung oder Begnadigung zu treffen. Im Auftrag gez. Unterschrift." Der Kriegsgerichtsrat ist höflich und ruhig, stelle ich innerlich erleichtert fest. Meine Welt, in der ich einst gelebt, war zerstört und tot Dieser Staat hatte sie getötet und zerstört. Ich habe aber eine Chance, das Leben wieder zu gewinnen; das ist für mich jetzt das Entscheidende. 213 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Der Kriegsgerichtsrat und sein Begleiter verlassen die Zelle! Mein Anwalt Dr. K. hat es geschafft. Ich danke es ihm, solange ich lebe, frohlockt es in mir!- Noch eine kleine Atempause wird mir gegönnt. Mein alter Schulterbruch verschafft mir die Möglichkeit, noch vier Wochen in der Krankenabteilung im Gefängnis zu Berlin-Moabit zu bleiben. Es ist eine Zelle wie jede andere, in der ich liege. Ich bin allein, aber es stört mich nicht. Der Arzt kann nicht beurteilen, ob meine Schulter wirk- lich schmerzt und ich deswegen nicht zu körperlicher Arbeit fähig bin. Vielleicht will er es auch nicht. Ich werde geröntgt, bekomme elektrische Behandlungen drei bis vier Mal in der Woche. In der Krankenabteilung liegen auch Frauen. Die Gräfin Stauffenberg liegt in der zweiten Zelle neben der meinigen. Ihr Mann war das Opfer seines vergeblichen Attentats vom 20. Juli 1944 auf Hitler. Sie erwartet ein Kind. Aber ich komme mit den Kranken der Abteilung nur gelegentlich der Zeit des Wartens vor der ärztlichen Untersuchung und vor der Behandlung zusammen. So gelingt es mir nicht, über die Opfer des 20. Juli von ihr noch Näheres zu erfahren. Auf die Kranken dieser Abteilung wird keine Rücksicht genommen. Sie gehören zu den Ausgestoßenen des Drit- ten Reiches, so wie ich selbst ein Ausgestoßener bin. Eine neue seelische Not gewinnt täglich größeren Ein- fluß, es sind die Fliegerangriffe. In den dunklen Herbst- nächten hat die feindliche Luftmacht Gelegenheit, ihre 214 INFERNO 0. die anke Mein noch is zu Ich wirkicher . Ich drei Gräfin der ichen et ein ilung ichen . So on ihr ksicht DritEinerbstihre volle Stärke einzusetzen. Der Feind steht in Ostpreußen, der Feind steht kurz vor dem Rhein, und Nacht für Nacht krachen die Bomben, zerbersten die Städte, sterben Tausende von Männern, Frauen und Kindern, ersticken, verbrennen, werden verschüttet unter höllischem Phosphor. Die deutsche Widerstandskraft wird mit jedem Tag schwächer. Aber die gellende Propaganda- Trompete des Dritten Reiches überschreit noch alles. ,, Noch ist es dem Feind nicht gelungen, uns zu besiegen.- Also werden wir siegen! Unsere Wunderwaffen werden kommen- haltet aus!" Wer soll dem Wahnsinn dieser Vernichtung Einhalt gebieten, wenn die offizielle Führung unaufhörlich zum Widerstand aufpeitscht, während die Masse der Menschen zwar widerstrebt, aber immer noch gehorcht, weil sie den ungeheueren Betrug der gewissenlosen Hasardeure an der Spitze des Reiches noch nicht glaubt, weil sie ihn nicht glauben will? Und das Volk opfert und blutet weiter.- Abend für Abend heulen die Sirenen Alarm. Schon eine Stunde nach Dunkelheit beginnt es. Das Licht in den Zellen wird ausgeschaltet. Und dann kommt eine eilige Wache den Gang entlang gestapft und verschließt die Zellen der Gefangenen doppelt. Denn die Kranken bleiben in ihren Zellen! Kaum ist der Schritt der Wache verklungen, beginnt das Krachen der Abwehrgeschütze, rollen unaufhörlich die dumpfen Explosionen schwerster Bomben, bald ferner, bald näher kommend, so daß das gleichmäßige Dröhnen 215 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN der Flugzeuge zeitweise völlig unhörbar wird. Wenn jetzt eine einzige Brandbombe in die Zelle trifft, wird man hier bei lebendigem Leibe geräuchert, geräuchert wie der Schinken im Rauchfang. Oft sind die Explosionen so nah, daß ich überzeugt bin, in den nächsten Sekunden mitsamt dem ganzen Gebäude zermalmt zu werden. Das Gebäude wankt wie ein Schiff im Sturm, ich fliege durch den Luftdruck gegen die Tür. Die Einrichtung der Zelle wird durcheinander geworfen, Glassplitter der zerbrochenen Fensterluke bedecken den Boden. Ich höre gellende Schreie, die in den nächsten Explosionen verstummen. Brandiger Geruch erfüllt die Zelle. Der Widerschein riesiger Brände in der Nachbarschaft taucht den Himmel in zuckendes, rötliches Licht. Endlich wird es draußen stiller. Nur das prasselnde Knistern der Feuersbrunst ist zu hören, immer noch untermischt von dumpfen Explosionen. Es ist, als ob nach einer endlosen Zeit der Spannung man wie aus einem wüsten Traum erwacht. Nach einer Weile kommen verängstigte Wärter mit fahlen Gesichtern, kontrollieren die Zellen ab, sind erstaunt, daß die Insassen noch am Leben sind. Und die Essenträger bei Tage fragen vorsichtig und gedrückt nach meiner Ansicht. Fragen andere Gefangene. Das Maß ihrer Glaubensfähigkeit an die offiziellen Veröffentlichungen ist erschöpft. Schwerfällig und hilflos lernen sie zum erstenmal eine Wirklichkeit erkennen, die mit ihrer bisherigen Welt, in der sie gelebt 216 INFERNO Wenn wird uchert plosiochsten mt zu fliege chtung er der h höre m ver- Der taucht selnde noch als ob ie aus komcontroln noch g und Gefanziellen und ichkeit gelebt haben, für welche sie in ihrer durchschnittlichen Mittelmäßigkeit oft treu und rechtschaffen gedient und gearbeitet haben, nicht in Einklang zu bringen ist. Sie erwachen wie aus einer Narkose, wie aus einer Verzauberung, als wenn Kranke wieder ins Bewußtsein zurückkehren, stellen tastende, oft' kindliche Fragen. Aber ich muß vorsichtig sein, sie auch. Spitzel und Denunzianten fordern täglich neue Opfer. So mehren sich die Zeichen, daß der Prozeß des inneren Zusammenbruchs fortschreitet, ohne daß die entzauberten Menschen sich offen zur Wehr setzen können. Sie sind zu verbraucht, ihr einziges Interesse ist nur das eigene ,, Ich". Für alles andere fehlt Willen und Fähigkeit. Das Erlebnis ist mir sehr lehrreich. Ich lerne, daß man auch diese Menschen nicht alle nach der gleichen Schablone beurteilen kann. Am 21. November werde ich in das Gefängnis Lehrter Straße zurückgeführt. Die Atempause ist vorbei. Ich komme in eine Zelle mit sieben Gefangenen. Sie ist gerade so groß, daß nur drei Menschen darin stehen können. Die anderen müssen ständig auf den Pritschen liegen. Es ist, als ob die Unterwelt sich auftut, mich in ihre Krallen schlägt. Abgesehen von zwei Politischen sind es alles Schwerverbrecher, mit denen ich zusammen bin, mit einer Ausnahme. Ein kleines, dürres Männchen mit einem Spitzkopf und wimperlosen, entzündeten Augen, den zahnlosen Mund zu dauerndem, blödem Grinsen verzogen, ein Vollidiot, der in eine Anstalt gehört, auf den 217 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN die Bezeichnung Mensch kaum noch paẞt. Er ist das hervorstechendste Exemplar in dieser Sammlung menschlicher Verkommenheit, das durch einen Kindesmörder, der seine eigene Tochter totprügelte, einen Sittlichkeitsverbrecher, ferner einen Großschieber und einen Einbrecher würdig ergänzt wird. Die zwei Politischen sind undurchsichtige, schwere Menschen. Im Kreise dieser menschlichen Fratzen traut keiner dem andern. Mit hämischem Genuß fällt die Wachmannschaft über mich, den neuen Häftling her. Bisher war ich Soldat, jetzt bin ich ein verurteilter, politischer Verbrecher, ein Staatsfeind! Aber ich bin auf alles gefaßt. Ich muß Aborte reinigen, Treppen scheuern, Geschirr waschen, jede dreckige Arbeit verrichten. Aber ich bin innerlich gehärtet. Nach einer Woche kommt Pfarrer D. Er holt mich aus der Zelle, denn dort ist ein Sprechen unmöglich. Wir wissen beide, daß es der Abschied ist, und das erfüllt uns mit nervöser Unruhe. Wir stehen an einem Fenster in einem der öden, langen Korridore, von wo der Blick auf den Gefängnishof geht. Dort gehen an diesem grauen Novembertag die Gefangenen mit vier Meter Abstand im Kreis herum, mit müden Schritten, in der üblichen, leicht gebeugten Haltung, die Hände auf dem Rücken. ,, Ich habe nochmals einen Versuch gemacht. Es war alles vergeblich", beginnt der Geistliche. ,, Ihr Abtransport in ein KZ- Lager erfolgt in den nächsten Tagen." Sein Gesicht ist ernster als sonst. Sein besorgter Blick greift mir ans Herz., Werden Sie es durchstehen?" fragt er. ,, Sie " 218 m in n i t i C F V herschrder, zeitsEinsind ieser über oldat, r, ein muß chen, erlich haus . Wir erfüllt enster Blick rauen ostand Lichen, zen. r alles wort in in Geft mir ,, Sie INFERNO müssen mir versprechen, viel vorsichtiger zu sein. Sie sind immer noch zu offen und zu gutgläubig. Sprechen Sie nicht so viel! Nach allem, was ich erfahren habe, weiß ich, was Ihnen bevorsteht. Sie müssen auf jede Niedertracht, jede Gemeinheit, deren ein Mensch fähig ist, innerlich vorbereitet sein, und Sie dürfen trotzdem den Glauben, daß Gott über Sie wacht, nicht verlieren."- Es ist, als ob die Umwelt des Gefängnisses ihr Grauen verlöre. Ein Mensch spricht zu mir! , Herr Pfarrer", antworte ich ,,, ich werde nicht zusammenbrechen und, so Gott will, auch diese Zeit überstehen. Es ist, als ob ich eine Botschaft bekommen hätte. In der Krankenabteilung ging ein Brief von Hand zu Hand, den jeder, der abtransportiert wurde, vorher an einen Gefährten weitergab. Ich konnte es nicht mehr, da mein Abtransport zu schnell kam. Es ist der Abschiedsbrief einer Mutter an ihren Sohn, der erschossen worden ist. Als ich ihn in die Hand bekam, war es, als ob Trost und Zuversicht mir Kraft geben sollten auf meinem weiteren Weg. Ich bin froh, Ihnen diesen Brief übergeben zu können. Vielleicht gelingt es Ihnen, den Brief der Mutter wieder zuzuleiten." Der Brief lautet: ,, Mein liebes Kind! Schon bald ein viertel Jahr habe ich keine Post mehr von Dir erhalten. Ich konnte es mir gar nicht erklären. Ob Du wohl meine Briefe empfangen hast, die ich in dieser Zeit an Dich gerichtet habe? 219 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Nun hörte ich vor kurzem von Herrn Vikar B., daß Du krank seiest und ich Gelegenheit hätte, durch Herrn Pastor D. Dir Post zugehen zu lassen. Das hat mich mit Freude und neuer Zuversicht erfüllt, und ich wollte gerade diesen Weg benutzen, um mit Dir wieder öfter in Verbindung zu treten. Dann kam ein Brief von Herrn Vikar B., der mir das Urteil mitteilte, das über Dich gesprochen wurde. Du kannst Dir wohl denken, daß ich sehr erschrocken bin, zudem ich soweit weg bin von Dir, daß ich Dich nicht geschwind erreichen kann, um Dir beizustehen und mit Dir gemeinsam zu bitten um Kraft für das, was Gott Dir auferlegt. Meine Hoffnung war ja, daß Gott Dich frei machen würde, und ich hatte mich sehr gefreut auf die Zeit, wo wir gemeinsam den Weg zum Heiland nachgehen und Du mit Deiner schönen Stimme den Heiland loben und prei- sen würdest. Aber Gottes Wille ist immer der beste. Das wollen wir festhalten. Er hat nur Friedensgedanken mit seinen Kindern, und daß er Dich gefunden hat und Dir sein neues, göttliches Leben geschenkt hat, das ist das größte Wunder. Und dafür werden wir ihm in Ewigkeit danken. Nichts, nichts kann mich verdammen, Nichts macht hinfort mir Schmerz, Die Höll‘ und ihre Flammen Tilgt Christi Todesschmerz. 220 B Du Herrn füllt, it Dir r das ocken Dich n und s Gott achen eit, wo nd Du preie. Das n, und tliches r. Und INFERNO Kein Urteil mich erschrecket, Kein Unheil mich betrübt, Weil mich mit Flügeln decket Mein Heiland, der mich liebt. Der treue Heiland stehe Dir jede Stunde und jeden Augenblick bei und trage Dich hindurch, wie er auch mich hindurchträgt mit göttlichem Erbarmen. An den Führer habe ich ein Gnadengesuch gerichtet, wir wollen's dem Herrn überlassen, wie es ausfällt. Gott kann auch jetzt noch ein Wunder tun und Dir das Leben schenken, wenn es sein Wille ist. Sollte es Gott aber anders beschlossen haben, so weiß ich, daß Du eingehen darfst in die Herrlichkeit, wo Dein Vater Deiner wartet und wo Jesus Dir den Platz erworben hat aus Gnaden. Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Leb wohl, mein liebes Kind, in kurzer Zeit sehen wir uns wieder in der Herrlichkeit. Und bitte für uns, für Deine Geschwister und Deine Mutter, wie wir für Dich bitten. Die Gemeinschaft im Herrn bleibt über Tod und Grab. Ob ich Dich noch besuchen darf, ich weiß es nicht. Ich habe Herrn Pastor D. gebeten, es mir mitzuteilen. Wie gerne würde ich alles tun, was in meinen Kräften steht, um Dir Deine Lage etwas zu erleichtern, aber es ist ja keine Möglichkeit unter diesen Umständen. Gott, der die Liebe ist und bei jedem Menschenkind weiß, wieviel er auferlegen darf, daß die Last nicht zu schwer werde, legt auch Dir in diesen Tagen Kraft zu. 221 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Er trägt Dich hindurch durch alle Anfechtungen auch des Feindes. Laß es Dir durch nichts rauben, daß Deine ganze Schuld gedeckt ist durch des Lammes Blut. Es steht schon im Alten Bund: Wenn Deine Sünde blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, wenn sie wäre wie Scharlach, so soll sie doch wie Wolle werden. Das halte fest. Wie hat sich Dein Vater gefreut, bis er seinen Heiland sehen darf, und nun hast Du das gleiche Verlangen. Ist das nicht groß und ein Grund zum Danken? Deine Geschwister gedenken Dein in Liebe und grüßen Dich sehr herzlich. Werner allerdings habe ich nichts geschrieben, da er beim Militär doppelt darunter leiden würde. Er ist zur Zeit im Lazarett in Karlsruhe und kommt dann nach Freudenstadt zur Erholung. Möchte er den Ruf Gottes vernehmen und der Herr auch ihn herausretten, daß ich einen Ersatz für Dich habe. Denn das muß ich Dir noch sagen, daß Du nun meinem Herzen am nächsten stehst von allen meinen Kindern, weil Du Dich der Gnade so völlig überlassen. So tröstet mich das reichlich über all die Jahre des Getrenntseins und des Nichtverstehens. Das kann Gott, aber nur er. Ihm, dem allein Weisen, dem Hohen und Erhabenen, dem Heiligen, vor dem wir Menschen alle Staub sind, sei Ehre von nun an bis in Ewigkeit. In Ihm für ewig verbunden grüßt und küßt Dich Deine treue Mutter." 222 INFERNO en e auch Deine Es utrot wie halte iland . Ist üßen michts eiden und Löchte ihn Denn Cerzen il Du mich s und Ihm, dem Ehre utter." Der Geistliche liest den Brief ruhig durch. Nach einer kleinen Pause sagt er, und sein Blick ruht voll auf mir: ,, Ich freue mich, daß ich unter diesem Eindruck von Ihnen Abschied nehme. Ich glaube kaum, daß wir miteinander in Verbindung bleiben können. Heute ist alles ungewiß. Nur unsere Haltung zu den Dingen muß klar sein." Ich versuche, einige Worte des Dankes zu sagen, er wehrt ab. Er begleitet mich in die Zelle zurück, wo der Vollidiot mich angrinst und die übrigen mich feindlich mustern. Ein Händedruck, dann trennen sich unsere Wege für lange Zeit. Drei Tage später werde ich in das Gestapo- Gefängnis in der Hamburger Straße überführt. Die Todeskandidaten werden zu dreien zusammengekettet. Bei dem Transport sind etwa vierzig Russen und dreißig Polen, insgesamt hundert Gefangene. Es ist ein trübgrauer Novembertag, die Straßen sind naẞ und schmutzig. Die zerborstenen Häuser, die Schuttmassen, das schwärzlich verwaschene Grau der scheuẞlichen Mietskasernen versinken im Nebel der frühen Dämmerung. Ein Kordon von SS- Leuten mit geladenem Gewehr umgibt unsern Zug. Auf der Straße bleiben die Menschen stehen, mustern uns gleichgültig und neugierig, während der Zug mit klirrenden Ketten auf dem Asphalt tappt. Hätte ich es anders gemacht, wenn mir früher ein Zug mit zusammengeketteten Strafgefangenen begegnet wäre? Ich glaube nicht. Ein Bild des Lebens und der Menschen! 223 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Wieder öffnen und schließen sich Gefängnistore. Wir werden in einen kalten Flur geschoben, wo wir zwei Stunden stehen müssen. Die Glieder schmerzen. Bei dem geringsten Geflüster schlägt ein SS- Polizist mit einer langen Peitsche über die Köpfe. Wenn er jemand trifft, entsteht langsam ein roter Striemen. Aber keiner wagt, ein Wort zu sagen. Nur die Augen funkeln böse und kalt. Endlich ertönt ein gellender Pfiff. Wir müssen den Korridor heraufrennen. Rechts und links stehen SS- Wachen, die uns mit Peitschen und Fuẞtritten bearbeiten, uns unflätig beschimpfen und wiehernd lachen, wenn ihnen ein Schlag oder Tritt besonders geglückt ist. Wir kommen in einen großen, kalten Raum. Dort werden die Personalien aufgenommen. Die Dolmetscher treten in Tätigkeit. Das Gefängnis ist überbelegt. Wir verbringen die Nacht auf dem kalten Stein. Strohbetten oder Verpflegung sind nicht vorhanden. Die Wände triefen vor Nässe. Wir sind in diesem Raum etwa fünfhundert Menschen, Männer und Frauen. Aborte gibt es nicht, in der Ecke stehen ein paar Eimer mit Kalk. Die Luft ist unbeschreiblich. Ich habe es in dieser Nacht erlebt, daß für eine Zigarette hundert Mark geboten und bezahlt wurden. Am folgenden Morgen komme ich mit sechs deutschen politischen Häftlingen, lauter anständigen Menschen, in eine kalte Zelle. Ich atme auf. Wir bekommen ein paar dünne Matratzen, um auf dem Steinfußboden wenigstens nachts etwas vor der Kälte geschützt zu sein. 224 INFERNO Wir zwei - Bei t mit mand xeiner böse müssen stehen en beachen, kt ist. werden treten Nacht g sind ir sind Männer stehen eiblich. garette utschen Then, in Ein paar igstens Am folgenden Tage kann ich kaum sprechen. Mein Hals schmerzt scheußlich. Nach mehreren, vergeblichen Versuchen werde ich dem Arzt vorgeführt. Es ist ein Jude, intelligent, freundlich, sachlich, lebhaft. Dr. St. holt mich aus der Masse heraus, sorgt für mich wie für einen alten Freund. Dabei hat er und eine jüdische Krankenschwester, die mit ihm arbeitet, fünfzehnhundert Gefangene zu betreuen. Wie so oft im Leben liegt alles dicht nebeneinander. Die Schwester sorgt rührend für mich. Sie bringt mir zwischendurch etwas zu essen, ein belegtes Brot ist dabei, eine Tasse Suppe. Ich bekomme eine Zelle mit einem kleinen Öfchen, ich erhalte einen kleinen Kasten mit Kohlen, den ich unter der Pritsche verstecke. Ich kann abends etwas heizen. Es sind in meiner jetzigen Lage alles Geschenke. Wieder ist es, als wenn eine höhere Macht in mein Schicksal eingreift. Nachdem das Fieber und die Schmerzen behoben sind, holt Dr. St. mich öfters abends, wenn die letzte Kontrolle vorbei ist, in sein Privatzimmer neben dem Revier. Ich bekomme eine Zigarette. Wir trinken etwas Tee und plaudern. Es ist, als ob wir uns schon lange kennen. Er und die Schwester tragen keinen Judenstern. Sie dürfen sich frei bewegen, müssen aber die ganzen Gefangenen ärztlich betreuen. Auf diese Weise hält er mich fast vier Wochen in der Krankenabteilung. Es ist eine erneute Atempause für mich. Wieder erlebe ich groteske Szenen, welche sich mir unauslöschlich einprägen. Eine Zeitlang lebt ein Moham15 225 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN medaner in meiner Zelle, der jeden Morgen und jeden Abend zwei Stunden lang auf einem kleinen Teppich seine Gebete verrichtet. Er verbeugt sich auf den Knien liegend unaufhörlich nach Osten und berührt mit der Stirn den Boden. Da die Zelle so eng ist, daß er dabei den ganzen Platz des Fußbodens benötigt, muß ich mich unfreiwillig an seinen Gebetsübungen dadurch beteiligen, daß ich während dieser Zeit auf der Pritsche liege. In der Zelle schräg gegenüber ist eine junge Kabarettsängerin. Weswegen sie eingesperrt ist, weiß ich nicht. Sie hat kastanienbraunes Haar und ist zweifellos die hübscheste von den zahlreichen Frauen der Abteilung. Der in meiner Nachbarzelle wohnende moccafarbene Perser ist ihr erklärter Günstling. Die meisten Frauen sind verkommene, geschlechtskranke Berufsdirnen. Auch weibliche Berufsspitzel sind dabei, vor denen Dr. St. mich warnt. Ab und zu kommen abends angetrunkene SS- Leute, und dann muß die braune Vivian für sie singen. ,, Mach doch die Fetzen runter", sagt einer von den Kerlen mit breitem Grinsen. Vivian ist großzügig. Nach einer Minute kommt sie wieder aus der Zelle mit einem dünnen, seidenen Morgenrock über dem bloßen Körper und ein Paar roten Stöckelschuhen an den Füßen. Und dann singt sie mit ihrer tiefen Altstimme, als wenn sie auf der Bühne steht, so daß die übrigen Gefangenen an ihre Gucklöcher treten und der Vorstellung zuschauen. Sie singt ihr Lied: ,, Das Karussell geht immer rund herum..." Sie 226 liege. yarett- nicht. os die sjlung: ‚rbene rauen Auch Dr.$t. fe, und h doch t brei- mt sie „ Mor - roten mit INFERNO scheint sich zu freuen, daß sie singen kann, genießt, daß Männer sie bewundern. Sie tanzt und steppt, daß ihr Morgenrock nur noch durch die Ärmel an ihrem Körper gehalten wird, genießt es, wie die Blicke der SS-Männer sich immer gieriger an ihrem nackten Körper festsaugen. Lacht girrend und leichtfertig über ihre glotzenden Augen. Schlägt ihnen auf die Finger, wenn sie nach ihr greifen wollen. Ist mit einem Satz in ihrer Zelle und hält die Tür von innen zu. Aber die Burschen wagen nicht, über sie herzufallen, und das weiß sie. Später kommt wieder die freundliche Schwester und bringt mir ein Butterbrot und etwas gestohlene Suppe aus der SS-Küche. Die Melodie geht mir nicht aus dem Kopf, sie klingt fast wie eine Lebensweisheit:„Das Karussell geht immer rund herum.“ Die Weihnachtstage vergehen. Das Silvesterfest vergeht. Aus einer benachbarten Kirche ertönen die Glocken ins neue Jahr. Ebenso wie am Weihnachtsabend sitze ich mit Dr. St. in seinem Privatbüro. Auf einem winzigen Tannenbaum brennen ein paar Kerzen. Ich habe von ihm ein halbes Kotelett und ein paar Bratkartoffeln be- kommen. Wir trinken Tee mit Schnaps darin und essen ein paar Plätzchen. Alles stammt aus der SS-Küche. Ein Festmahl für mich, nachdem ich über ein Jahr lang nur die Mittagssuppe kenne. Dr. St. riskiert viel dadurch, daß er mich zu sich holt. Aber die SS sitzt in ihrer Kantine und säuft. Und wenn jemand kommen sollte, setze ich mich auf einen Stuhl, lege den Kopf hintenüber und mache den Mund auf.- 15* 2217 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Die Russen stehen vor Glogau. Im Westen werden die letzten Reservedivisionen für einen Scheinerfolg geopfert. Es ist uns beiden klar, daß der Zusammenbruch nur noch eine Frage der Zeit sein kann. ,, Aber ich kann Sie hier nicht länger halten", setzt Dr. St unser Gespräch fort. Ich wollte Ihnen noch ein paar ruhige Tage verschaffen, bevor sie ins KZ kommen. Wenn ich es länger treibe, fallen wir beide herein, und keiner hat einen Vorteil." Ich wehre ab. ,, Ich habe Ihnen so schon viel zu danken." Wir stoßen an auf ein gutes Gelingen im neuen Jahr!- Einige Tage später werden wir erneut zu einem Transport zusammengestellt. An einem trüben Winterabend marschieren wir zu hundert Mann durch den schmutzigen, nassen Schnee zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz, die Todeskandidaten an der Spitze des traurigen Zuges. Ich bin mit einem Drogisten aus Linz zusammengefesselt, einem stillen, älteren Mann, der auch wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt ist. Er heißt Ernst. Er ist krank und schleppt sich mühsam neben mir. Er ist einer der ersten, deren Widerstandskraft im KZ zusammenbricht.- Erst am 10. Januar 1945 werden wir nachts aus den überfüllten Zellen wieder unter starker SS- Bewachung in bereitstehende Straßenbahnzüge verladen. Auf dem Anhalter Bahnhof schieben wir uns langsam durch die riesigen, aus dem Osten kommenden Flüchtlingsmengen bis zu einem Güterzug, wo wir zu fünfzig in einem 228 I De- 5 jruch ken. ahr!- rans- abend hmut- exan- trau- ; Linz r auch urteilt Wider INFERNO Viehwagen eingesperrt werden. Leipzig ist die erste Station. Es ist ein wüstes Erleben. Als wir nach vierundzwanzig Stunden Fahrt unter star- ker SS-Bewachung durch die Stadt marschieren, erkenne ich plötzlich ein junges Mädchen, mit der ich im Frieden in ihrem Elternhause oft zusammen war. Ich sehe ihr Erschrecken, als sie mich im Zuge der Gefangenen auf ein paar Schritte Entfernung vorbeigehen sieht; aber sie faßt sich rasch und winkt mir freundlich zu. Überhaupt steht diese Reise irgendwie unter einem glücklichen Stern. Im Leipziger Zentralgefängnis herrscht eine vorzügliche Ordnung. Trotz der starken Überfüllung ist das Essen gut und.reichlich. Wir sind kaum zwei Stunden im Gefängnis eingeliefert, da werde ich durch einen Wärter herausgerufen. Draußen steht die blonde Siegrid, schleppt ein großes Paket mit Lebens- mitteln und einer Decke. Es war ein besonderer Zufall. daß das Zusammentreffen sich hier in Leipzig ereignete. Denn hier ist das Gefängnispersonal in einer Weise auf die baldige Katastrophe eingestellt, wie ich es an keiner andern Stelle erlebt habe. Mag sein, daß deswegen auch die Behandlung der Gefangenen besonders anständig ist Nach vierundzwanig Stunden geht es weiter im Vieh- wagen nach Dresden. Jedesmal bedeutet eine solche Fahrt ein bis zwei Tage Frieren in dem ungeheizten Waggon. Als Verpflegung nur ein paar Scheiben trocke- nes Brot. Jedesmal brechen einige zusammen und werden mit großer Mühe bis zum nächsten Gefängnis mitgeschleppt. 229 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Als der Zug wieder Stunden und Stunden auf einer kleinen Station hält, entsteht unter uns eine lange Debatte darüber, ob man einen Fluchtversuch in der Dunkelheit wagen solle. Aber draußen liegt Schnee, und die Spuren sind leicht zu verfolgen. Die Meinungen sind geteilt, die Gelegenheit erscheint unerwartet günstig. Die Posten haben nur Gewehre und keine Maschinen- pistolen. Wir haben es auf dem Marsch zum Bahnhof genau kontrolliert. Aber wir kennen uns alle gegenseitig nicht, verwahrlost und unrasiert, verfroren, verhungert, übernächtigt wie wir sind! Kann sich einer auf den andern verlassen in einer solchen Lage, die das letzte fordert? Für viele ist der Tod gewiß, wenn sie an ihrem Bestim- mungsort ankommen. Wir sitzen und flüstern in der erregenden Dunkelheit. Hitzige Worte fliegen hin und her über die einzelnen Möglichkeiten. Ich äußere meine Bedenken:„Lieber warten, bis wir in der Tschechoslowakei sind. Von Dresden aus gibt es keinen anderen Weg für unseren Transport. Außerdem ist dort die Bevölkerung auf unserer Seite. Hier in der dicht besiedelten Gegend wird sofort Volkssturm und SS auf uns Jagd machen, und wir werden zusammenge- schossen wie die Hasen!“ Ein großer, schmächtiger Sachse redet gegen an:„Hier in der Industriegegend bekommen wir alle Hilfe, hier ist doch von früher her alles rot. Außerdem ist die Front hier nahe. Wenn ich nach Dresden komme, kriege ich 230 einer Lange der und sind nstig. inennhof seitig gert, den Letzte stimder und ir in ot es rdem der d SS engeer in er ist Front ich INFERNO dort meine Bestätigung und werde erschossen. Hier ist unsere gute Gelegenheit, wer macht mit?" Er nickt einem vierschrötigen Mann aus Bayern in einem zerschlissenen Soldatenmantel zu: ,, Paẞt auf! Ihr stoẞt die Tür auf, wir beide springen auf den Posten und machen ihn kalt, und dann alles raus! Draußen ist schlechte Beleuchtung, und fast alle werden durchkommen." Aber ich bin nicht überzeugt: ,, Die meisten sind ja viel zu schwach, um eine längere Strecke laufen zu können", wende ich erneut ein. ,, Wer draußen gefangen wird, wird gleich erschossen. Sie lassen aus Wut keinen lebendig." Da peitscht ein Schuß durch die Nacht. Ein wüster Tumult entsteht. Wie auf Kommando brüllen alle Gefangenen los, ein schauriges, tierisches Geheul. Der lange Sachse drückt die Tür auf. Alles spielt sich in Sekundenschnelle ab. Einige Gestalten springen hinaus, aber der Posten hat sich zwischen die Waggons gestellt und schießt. Draußen rattern zwei Maschinengewehre los. Ein Scheinwerfer blendet auf. Sie werfen sich alle platt auf den Boden. Draußen liegen dunkle Gestalten im Schnee. Ebenso blitzartig, wie der Tumult begann, ist er wieder vorbei. Alle Waggontüren werden verschlossen, eine erregte Stimme kündet an, daß die Türen bis zum Eintreffen am Zielort verschlossen bleiben. Draußen knallen noch ein paar Pistolenschüsse, der Rest für einige der armen Ausgebrochenen. Wir beobachten durch eine Ritze, wie Gefangene unter Aufsicht der Wachen leblose 231 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Gestalten zum Zuge schleifen. Nach einer Stunde fährt der Zug weiter. Im Morgengrauen treffen wir in Dresden ein. Achtzehn Tote werden aus dem Zug herausgetragen. Von den zwölfhundert Gefangenen fehlen etwa zweihundert. Die beiden Kameraden aus unserem Waggon haben wir nicht wieder gesehen. Während ein Lastwagen die Leichen abtransportiert, marschieren wir erfroren und übernächtigt zum Gefängnis. Es ist ein ganz neuer Bau, in den wir kommen. Nach den letzten achtundvierzig Stunden im Viehwagen sind wir froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, obwohl wir weder Stroh noch Pritschen bekommen. Das Essen erscheint gut und reichlich. Ich bin innerlich froh, an dem Fluchtversuch nicht teilgenommen zu haben. Im Gefängnis herrscht große Unruhe. Die russische Front steht nur hundert Kilometer entfernt. Unser Abtransport wird beschleunigt. Schon am nächsten Tag geht die Fahrt weiter. Frierend marschieren wir bei zunehmender Kälte zum Bahnhof. Frierend werden wir zum Viehwagen getrieben. Die Bewachung ist verschärft. Ein Fluchtversuch wäre gleichbedeutend mit Selbstmord. In Prag auf dem Pankratz im alten Festungsbau ist eine unglaubliche Wanzenplage. Aber die Aufnahme ist die beste auf der ganzen Fahrt. Die Untergrundbewegung triumphiert, und die tschechischen Wärter sympathisieren ganz offen mit uns. 232 He fährt chtzehn on den ert. Die ir nicht Leichen ernächach den sind wir ohl wir ssen ercht teilrussische ser Abten Tag - bei zuden wir ist verend mit ist eine e ist die ewegung pathisieINFERNO Es ist, als ob das Dasein nur noch eine endlose Wanderung sei. In jedem Gefängnis ändert sich die Zusammensetzung des Transports. Immer wieder fremde Gesichter, fahl, wie gegerbt, verwahrlost. Ich werde genau so stumpf wie die andern. Wir sprechen kaum, die Brücke von Mensch zu Mensch findet sich nicht. Der Transport wird ständig kleiner. Aber die Zusammengebrochenen werden jedesmal mitgeschleppt bis zum nächsten Ziel. Die Namen wechseln, Passau, Linz, es ist alles so gleichgültig. Unsere Reise scheint jetzt bald zu Ende zu sein. Die Gespräche werden lebhafter. Die Namen Dachau und Mauthausen fallen öfters. Wir starren in das Dunkel der Zukunft, die Namen sagen mir nichts. Es ist so gleichgültig. Wir sind fast auf den Tag drei Wochen unterwegs, als der Zug mitten in der Nacht auf dem kleinen Güterbahnhof Mauthausen in Österreich hält. Seit zehn Tagen sind wir ohne warmes Essen und ohne einen Schluck Kaffee. Es sind nur vier Viehwagen. Fünfzehn Zusammengebrochene werden von den SS- Wachen, die uns empfangen, auf einen Haufen geworfen. Wir werden alle einzeln aufgerufen. Ich bekomme einen Faustschlag ins Gesicht. Ich gebe keinen Laut von mir. Dann formieren wir uns und marschieren durch den tiefen Schnee. Ein altes Städtchen zeichnet seine dunklen Giebel in dem fahlen Licht der flimmernden Sterne. Es ist bitter kalt. Entkräftet keuchen wir unter dem wenigen Gepäck. Die Straße steigt dauernd, aber keiner darf den andern stützen. Wer fällt, wird viehisch geJ 233 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN treten, bis er aufsteht und betäubt weitertaumelt. Wir sind nur noch etwas über hundert. Fünf von uns bleiben unterwegs liegen. Was mit ihnen geschieht, wissen wir nicht. Ein paarmal knallt eine Pistole. Erst zwei Kilometer vor dem Lager dürfen wir die Taumelnden stützen. Weiter geht es über kahles Feld den Berg hinauf. Ein hoher Stacheldrahtzaun wird sichtbar, unterbrochen von Holztürmchen, auf denen SS- Wachen in dicken Mänteln stehen, mit Maschinengewehren bewaffnet. Als wir näher kommen, leuchten ihre Scheinwerfer auf. Das grelle Licht schneidet messerscharf in die Augen. Ein riesiges Tor schließt sich hinter uns. Bis zum Hellwerden müssen wir noch fast sieben Stunden im Schnee stehen. Jede Denkfähigkeit ist ausgelöscht. Als der Morgen naht, wanken Arbeitskolonnen verhungerter Gestalten an uns vorbei. Auf einem großen, offenen Platz zwischen den Baracken findet ein Appell statt. Irgendein SS- Führer schreit gellende Befehle, schlägt mit einer Peitsche in die angetretenen Gefangenen. Allmählich graut der Morgen über dem schmutzigen Barackenlager. Wir werden neben der Wache in einen großen Raum getrieben, wo unsere Personalien aufgenommen werden. ,, Alle Sachen abgeben", heißt es. Uhren, Ringe, Geld türmen sich zu einem Haufen auf einem Tisch vor uns. Die SS und einige Gefangene mit grünen Winkeln auf der Brust wühlen in den Sachen herum. Quittungen erhalten wir nicht. Ich habe von meinen Sachen nicht ein Stück wiedergesehen. Aber erst einige Tage später ist meine Kenntnis der Zu234 INFERNO t. Wir bleiben sen wir ei Kilostützen. uf. Ein men von Mänteln Er näher s grelle riesiges müssen en naht, an uns men den -Führer me in die mutzigen in einen aufgeBt es.- ufen auf gene mit Sachen abe von der Zusammenhänge so weit fortgeschritten, daß ich die infame Systematik, mit der hier die Gefangenen ausgeplündert werden, richtig durchschaue. Unter den Schreibern fällt mir ein blasser, intelligenter Häftling mit völliger Glatze auf. Er trägt einen roten Winkel. Er verhandelt mit den SS- Wachen sehr sicher. Als er meinen Namen in die Liste einträgt, wirft er mir einen Bilick zu, der fast wie ein stilles Einverständnis aussieht. Aber das habe ich erst später erkannt. Der Gefangenen bemächtigt sich eine zunehmende Unruhe. Wir müssen uns bis auf Hemd und Unterhose ausziehen. Ich stelle mich zu zwei Gefährten, mit denen ich seit einigen Tagen zusammen bin. Auch Ernst ist noch bei uns. Wenn wir auch auf der Fahrt kaum gesprochen haben, irgendwie tun wir uns jetzt zusammen. ,, Was wird das jetzt, Willi", fragt Ernst leise in seinem österreichischen Dialekt seinen Nachbarn, einen großen Blonden mit einem hübschen, leichtsinnigen Gesicht, in dem viel Gutmütigkeit steht. Auch er sieht sich unruhig um, zuckt die Achseln. Da mischt sich der dritte ein. Er ist kleiner als Willi, hat ein sehr intelligentes, gutgeschnittenes Gesicht. Seine Augen kennzeichnen ihn als fanatischen Idealisten. ,, Das is watt ganz Verdammtes hier", sagt er in typisch Hamburger Mundart. Die Besorgnis und Furcht der letzten drei Wochen steht plötzlich greifbar im Raum. ,, Hier neben sind die Duschen", fährt er flüsternd fort. ,, Dann kommen die Gaskammern, und daneben ist das 235 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Krematorium, und da fliegen dann drei Viertel von Dir zum Schornstein hinaus, der Rest wird bei Glatteis auf die Straße gestreut. Ich kenne das von früher her, von Auschwitz. Aber ich glaube doch nicht, daß die hier etwas mit uns vorhaben, sonst hätten sie unsere Personalien gar nicht erst aufgenommen, sondern uns gleich in die Gaskammern gebracht." Mir steht der kalte Schweiß auf der Stirne. Das war eins der Geheimnisse von Mauthausen! Ich muß mich zwingen, als wir in den Nebenraum gedrängt werden. ,, Wird schon gut gehen", sagt Willi. ,, Ich helf Dir schon", und lacht sein leichtsinniges Lachen, aber das Lachen ist verzerrt, und die Zähne scheinen ihm aufeinanderzuklappern. Wir müssen Hemd und Unterhosen ausziehen und seitwärts hinlegen. Aber die SS- Wache bleibt mit gleichgültigem Gesicht in der Tür stehen. Da zischen die Duschen auf, also kein Gas! Das heiße Wasser auf den Körper belebt uns. Handtücher gibt es nicht, naẞ ziehen wir Hemd und Unterhosen an. Dann müssen wir barfuß raus in den Schnee. Rennen keuchend um unser Leben, denn draußen sind zehn Grad Kälte und ein schneidender Wind. Endlos scheint die Strecke, obwohl es nur etwa zweihundert Meter sind. Ich spüre die Füße nicht mehr. Wir taumeln endlich in einen großen, ungeheizten Raum. Dort setzen wir uns rittlings hintereinander auf den kahlen Holzboden, um uns gegenseitig zu wärmen. Keiner spricht ein Wort Die Wache mit ihren Raubtiergesichtern mustert uns S U f 236 N INFERNO von Dir atteis auf her, von die hier ere Persoans gleich Swar eins ich zwinen. ,, Wird hon", und en ist verderzuklapund seitmit gleichHandtücher rhosen an. e. Rennen zehn Grad scheint die Meter sind. spöttisch. Erst am Nachmittag bekommen wir Kamee und zwei Scheiben Brot. Die Gesichter meiner Mitgefangenen scheinen sich in starre Fratzen zu verwandeln. Am Abend kommt der Häftling mit der Glatze, der unsere Personalien aufgenommen hat. Er hat eine Liste in der Hand und ruft verschiedene heraus. Plötzlich höre ich meinen Namen. Wir treten auf den Gang. ,, Ihr bekommt von morgen ab Bekleidung", flüstert er mir zu. ,, Das Stammlager ist für viertausend gebaut; aber es sind schon über fünfzehntausend hier. Bekleidung gibt es nur von den Toten, und die muß erst desinfiziert werden. Aber ihr bekommt alle welche. Es sterben genügend", sagt er mit bitterem Lächeln. Er schiebt mir rasch zwei Stücke Brot in die Hand und geht weg, ehe ich ihm danken kann. "" Wie heißt Du?" rufe ich hinter ihm her. Er kommt zwei Schritte zurück. ,, Ich bin der Häftling Nr. 56 382", sagt er bitter. ,, Aber nenne mich Horst", murmelt er und legt den Finger auf die Lippen. Ich schiebe die Brotscheiben unter den Bund der Unterhose und setze mich wieder auf den Boden zwischen meine Leidensgefährten. endlich in en wir uns boden, um ein Wort ustert uns Endlose Tage vergehen, während wir in dem ungeheizten, leeren Raum sitzen und aushalten müssen. Wir starren auf die Eisblumen an den gefrorenen Fenstern. Offiziell heißt das Quarantäne.- 237 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Allmählich kommen Bekleidungsstücke. Eine zerrissene Sträflingshose, ein zerfetztes Hemd, Holzschuhe. Horst kommt ab und zu wieder, aber ich merke erst allmählich, wie genau er aufpaßt, daß jedesmal eine andere Wache da ist. Jedesmal hat er einen anderen Grund. Er bringt mal eine alte Wolljacke, dann ein Paar unglaublich zerfetzte und gestopfte Socken, auch ab und zu ein paar Scheiben Brot. Täglich brechen einige zusammen und werden weggeschleppt, angeblich ins Krankenlager. Aber was das bedeutet, erfahre ich erst später. Am zehnten Tage werden die Überlebenden in das Lager B. des Hauptlagers I verteilt. Wir haben uns zu einer kleinen Gemeinschaft vereinigt und kommen gemeinsam nach Baracke 21. Ich glaube, daß Horst dabei mitgeholfen hat. Wenn ich diese ersten Wochen im KZ- Lager richtig kennzeichnen will, so ist es sehr schwer, einem Außenstehenden die Umstellung begreiflich zu machen, die mit einem Schlage in mein Leben tritt, gleichzeitig in das aller Gefährten, welche bisher noch nicht im KZ waren. Diese Umstellung hat damals schon eingesetzt. Zunächst unbewußt, fast widerstrebend. Aber sie ist eine vollständige. Ich glaube, es liegt daran, daß ich bisher in den Gefängnissen doch noch die Überzeugung hatte, in einer Umwelt zu leben, welche den Begriff des Rechtes anerkennt. Gewiß, ich weiß, daß die Gesetze, nach denen ich verurteilt worden bin, mit dem Begriff der göttlichen Ordnung a d W li h e f 238 INFERNO errissene e. erst alle andere rund. Er unglaubd zu ein weggedas beas Lager zu einer meinsam mitgeholrichtig Außen, die mit g in das Z waren. Zunächst vollstänr in den in einer chtes anh verurOrdnung auf Erden nichts mehr zu tun haben. Aber im Volk ist dieser Begriff noch vorhanden. Nicht in den Menschen, welche sich völlig dem materialistischen und wirtschaftlichen Dogma als allein bestimmender Kraft unterstellt haben und mit diesem Dogma gegen die in Jahrtausenden gewachsene menschliche Ordnung kämpfen, um ihre eigene Lage zu verbessern. Wohin diese Zielsetzung führt, die den Menschen nur als Gegenstand für einen bestimmten Zweck auf der Erde betrachtet und entsprechend die Zielsetzung für ihn scharfsinnig, fanatisch, zwingend als Kampfruf in die Masse schleudert, welche in dumpfer Not sich müht, in die Unsicherheit ihres Lebens gesicherte Ordnung zu tragen, damit ihre eigenen, bescheidenen Wünsche materieller Zufriedenheit und Sicherheit ihrem Dasein Stabilität geben, wohin diese Doktrinen führen, wenn sie ohne Anerkennung Gottes als höchsten Richter in einem Staate bestimmend sind, wenn die nach ihnen erlassenen Gesetze allein von dem menschlichen Verstande diktiert sind, das hat nicht nur die Entwicklung im Dritten Reiche gezeigt. Das haben die großen Revolutionen aller Zeiten für jeden erkennbar gemacht, der ernsthaft um diese Erkenntnis innerlich gerungen hat. Erinnerungen aus meinem Leben werden plötzlich sichtbar, an denen ich früher achtlos vorbeigegangen bin, bei denen ich vielleicht unter einem Lächeln höflicher Gleichgültigkeit die Langeweile verborgen hatte. Vielleicht liegt es auch daran, daß im jungen Menschen der stürmende Wille, ehrgeizig und vom Leben nicht 239 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN enttäuscht, nur die Kraft des Wollens und der Tat als oberste Richtschnur anerkennt. Die Flamme der Jugend brennt hell. Aber die uralte Zweiteilung des Menschen, die in gewissen Zeiten des Lebens nicht klar erkennbar, zeitweise ganz ausgelöscht scheint, weil sie nicht sichtbar ist, mag man sie den Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel, Verstand und Seele, bewußt und unbewußt nennen, diese Erkenntnis erwächst erst in den Stürmen des Lebens und wird erst durch diese dem ewig suchenden Auge sichtbar. - Für mich ist diese Zeit im KZ eine furchtbare Probe. Jeder Mensch, der diese Prüfung auferlegt bekommt, kann sich den letzten Entscheidungen nicht mehr entziehen. Die eiserne Faust ewiger Gesetze zwingt ihn, sich durch seine Taten zu bekennen. Alles, was hier geschieht, erscheint sinnlose, brutale Willkür. Aber eben, weil die einzelne Ausübung dieser Willkür nicht einem Gesetz entspringt, sondern weil sie der Ausfluß einer ganz bestimmten Denkweise ist, welche sich mit mörderischer Zwangsläufigkeit stetig zu verbreiten, auf andere überzugreifen scheint, steigert sie sich zu einem Umfang grauenhafter Wirklichkeit, den der menschliche Geist nicht mehr zu erfassen imstande ist, werden die letzten, inneren Kräfte sichtbar, welche durch die Art, wie der Mensch auf die vernichtende Gewalt der Umwelt reagiert, seine wahre Haltung bestimmen. Sie sind nicht mehr überlegt gewollt. Unter dieser letzten, höllischen Not scheidet das bewußte Denken überhaupt aus. Keiner weiß einen Weg, der aus dieser Hölle herausführt. Denn 240 je b D a n INFERNO Tat als Jugend enschen. xennbar, sichtbar nd Böse, nd unbein den em ewig e Probe. ekommt, ehr entihn, sich geschieht, weil die m Gesetz ganz bederischer ere überUmfang che Geist e letzten, , wie der Umwelt sind nicht höllischen us. Keiner art. Denn jeder Weg kann stündlich die Vernichtung bringen und bringt sie auch. Die Kräfte des Instinktes, der Eingebung und der Beobachtung sind stärker als die des Verstandes. Und wehe dem, der sie nicht hat, und wehe dem, der die Gesetze menschlicher Würde und Selbstachtung nicht als unverrückbaren Leitstern in der Brust trägt! Wehe dem Menschen, der unter diese Prüfung gestellt als letzte und endliche Erkenntnis nicht sich, sein Denken und Handeln der göttlichen Führung bedingungslos unterordnet! Er ist hier endgültig verloren; wenn es auch scheint, daß er durch gemeines Sich- Knechten unter die herrschende Gewalt des Bösen, durch Teilhaben, ja durch Hervortun im Morden, Schänden, Plündern hilfloser, wehrloser Menschen sein eigenes Leben bewahrt und der Todesdrohung entgeht. Denn das ist eine der furchtbarsten Erkenntnisse, daß die teuflische Gemeinheit, das Höchstmaß an Niedertracht, Gefühllosigkeit und perversem Sadismus, nicht nur bei dem Führungspersonal des KZ vorhanden ist, sondern daß es ergänzt wird aus dem Abschaum der Menschheit aller europäischen Länder, aus den Häftlingen selbst; Blockälteste, Lagerälteste, Stubenälteste und deren Gehilfen sind nur zu oft die Helfershelfer der Lagerführung, welche an Morden, Diebstahl und Quälereien bemüht sind, es den Angehörigen der Lagerführung nicht nur gleichzutun, sondern sie zu übertreffen, sich hervorzutun durch brutale Gemeinheit, um Geld, Essen und Zigaretten für sich zu erhalten. 16 241 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Diebstahl von Lebensmitteln bei der Lagerführung ist zwar eine unbedingte Notwendigkeit, um am Leben zu bleiben. Aber hier ist auch der Trennungsstrich: der eine hilft dem Gefährten, der andere verrät ihn. Hier sind zwei Welten, zwischen denen es keine Brücke gibt! Hier liegt der Trennungsstrich offen sichtbar zwischen dem Bösen und Guten im Menschen. Die grinsende Fratze des Hungers ist für die Häftlinge die unablässig nagende Drohung. Wer schwach ist, verliert nach der äußeren auch die innere Widerstandskraft und geht unter. Das ist die Luft, die wir hier atmen, getränkt von Blut, Schweiß und Leichengeruch, so daß der Mensch stumpf wird, unempfindlich für die Qual seines Gefährten, weil er nicht helfen kann, weil er nicht helfen darf, weil sein Leben dann in größte Gefahr kommen könnte. Oft frage ich, wenn ich diese furchtbaren Szenen erleben muẞ: ,, Wie ist es möglich, daß die Sonne scheint über so viel Grauen, daß der Abendhimmel erglüht in der Klarheit des ersten Frühlingsahnens, daß Wolken und Wind am Himmel jagen, und des Grauens der Anklage ist kein Ende?"- Aber dann treten wieder die Gestalten meiner Zeit im Gefängnis zu Moabit vor mich hin, hinter denen sich die Pforte des Todes schon geschlossen hat. Mahnend und gütig waren sie, obwohl selbst in äußerster Todesnot; und der Glaube siegt in diesen Stunden Wochen Monaten tiefster menschlicher Erniedrigung, Verwirrung und Versuchung. Aber diese Erkenntnisse kommen nicht S n t h N V 242 ng ist INFERNO en zu : der Hier gibt! ischen Etlinge , verskraft Blut, tumpf , weil il sein rleben iber so KlarWind st kein Zeit im ich die d und desnot; chen wirrung nicht sofort. Sie kommen allmählich, stückweise als Erkenntnis durch alles, was das Leben mir täglich aufzwingt, von mir fordert. Nachdem wir die unglaubliche Kraftprobe eines zehntägigen, fast unbekleideten Aufenthalts in einem ungeheizten Barackenraum, der bei klirrendem Frost nur durch unsere eigenen Körper erwärmt war, ertragen haben, bin ich jetzt Häftling Nr. 125 957 in Baracke 21 des Hauptlagers B. Nach ein paar Tagen kennen wir die Winkel an den Sträflingskleidern, welche für uns gleichzeitig die allgemeine äußere Einstufung der Häftlinge bedeuten. Ich bin erstaunt, wie groß die Zahl der grünen Winkel ist, welche kriminelle Verbrecher aller Art kennzeichnen. Überhaupt ist das Verhältnis zwischen den grünen und roten Winkeln eines der wesentlichsten Kennzeichen des KZs. Die Schwarzen, Arbeitsscheuen, die mit den Grünen eng verbunden sind, die Rosa, Homosexuellen, die Blauen, Spanier, und die Lila, Bibelforscher, spielen nur eine ergänzende Rolle. Der äußere Rahmen unseres Daseins bleibt stets der gleiche. Täglich um 5 Uhr ist Wecken. Ich sehe, wie der Blockälteste und die beiden Stubenältesten mit kurzen Tauen auf die Gefangenen einhauen, wenn sie nicht schnell genug von ihren schmierigen Strohsäcken aufstehen. Wir schlafen zu dreien im Bett. Jeder mit den Füßen 16* 243 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN am Kopf des anderen. Bei etwas gutem Willen kommt jeder zu seinem Recht. Einer meiner Bettgenossen ist Stachu, ein früherer polnischer Hauptmann, ein ruhiger. freundlicher Mensch. Der dritte ist Willy.- Beim Aufstehen gleich am ersten Morgen nach unserer Verlegung flüstert Stachu mir zu, indem er auf den Block- und die Stubenältesten zeigt: ,, Nimm Dich vor denen in Acht, sie sind alle drei Grüne. Der Blockälteste ist ein Doppelmörder, die beiden Stubenältesten sind. Schwerverbrecher." Der Stubenälteste, ein vierschrötiger Kerl mit einem brutalen Gesicht, dreht sich um. Er steht fünf Schritte von uns entfernt. ,, Was habt Ihr zu reden?" schreit er lauernd. Er schlägt mir mit der Faust ins Gesicht, daß ich zwei Zähne verliere und Blut spucke. Der Stubenälteste sieht einen Mann auf den Strohsäcken liegen. Er brüllt ihn an, aber er rührt sich nicht. Er schlägt ihn mit dem Tau über den Kopf, aber er rührt sich nicht. ,, Ach so", brüllt er, ,, holt den gefälligst mit raus." Es ist ein Gefährte, dessen Lebenslicht in der letzten Nacht erlosch. In einem Raum mit langen Pferdetrögen, über denen aus Wasserhähnen ein dünner Wasserstrahl läuft, kann man sich waschen, ohne Seife und Handtuch. Dann bringen die Kaffeeholer das Frühstück. Gierig würgen die Gefangenen die zwei dünnen Scheiben trockenes Brot hinunter, schlürfen den Blechnapf lauen. dünnen Kaffee, sammeln die letzten Krümchen auf Langsam schieben sich achthundert Menschen aus der B " 244 ommt INFERNO en ist higer. serer f den h vor älteste sind einem chritte reit er at, daß säcken ht. Er - rührt gest mit er letzen aus n man Gierig cheiben lauen. n auf aus der Baracke, die ursprünglich für zweihundertfünfzig eingerichtet war. Unter den Flüchen der Block- und Stubenältesten stellen sie sich im Schnee in zwei Reihen auf. Dann ,, Mützen ab!" kommandiert der Blockälteste. stehen wir barhäuptig und frierend im Schnee, täglich fast eine Stunde. Nach dem Namensaufruf meldet der Blockälteste dem SS- Führer, der in einer tadellosen Uniform, mit einem dicken Mantel angetan, in gespreizter Wichtigkeit vor den einzelnen Blocks der angetretenen Sträflingsreihen auf und ab stelzt. Mir fällt auf, wie schwer es ist, die SS- Führer zu unterscheiden, sie scheinen alle wie aus einem Guß. Meistens schmale, gute Figuren mit arroganten, nichtssagenden Gesichtern und einer hochmütigen Unverschämtheit im Auftreten und in der Stimme, die bis aufs Blut reizt Nur an der Sprache kann man unterscheiden, ob sie aus Deutschland oder Österreich sind. Die gewöhnlichen SSWachen und ihre Helfer, die Kapos aus den Reihen der Sträflinge, sind aus allen Ländern Europas, sprechen teilweise nur gebrochen Deutsch. Aber auch unter ihnen gibt es einige anständige, die den Gefangenen helfen. Es sind verschwindend wenige. Dann ist um 6 Uhr das Antreten zum großen Appell Wieder steht man frierend mit der Mütze in der Hand. während die Stubenältesten und die SS- Führer unflätig schimpfen und nach Laune einzelne Gefangene prügeln Ich werde in einen Rüstungsbetrieb des Lagers eingeteilt. Es sind, von den Gefangenen gebaut, große Industrieanlagen in der Umgebung des Lagers entstanden, in 245 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN denen fast tausend Häftlinge arbeiten, eine eigene Barackenstadt mit einem Stacheldrahtzaun. Webereien, Metallverarbeitung, Tischlereien, Werkstätten verschie- dener Art, vor allem auch für Flugzeugteile. Der Dienst in den Industrien gilt als mittelgut. Am besten haben es die Häftlinge in den Sonderdiensten der Lagerverwaltung, der Bekleidungs- und Aufbewah- rungskammer, der Wäscherei und der Küchen. Zu den Sonderdiensten rechnen auch die Arbeiten in. den Gas- kammern und Krematorien, die Block- und Stuben- ältesten. Wir marschieren unter Aufsicht der SS aus dem Haupt- lager in die zehn Minuten entfernten Fabrikbaracken. Nach Passieren des Haupttores fliegt der Blick weit durch die Landschaft. Denn nur das Hauptlager ist von einer hohen Mauer umgeben. Ich stapfe neben meinem polnischen Bettkameraden durch den nassen Schnee. Ich bin froh, daß milderes Wetter eingetreten ist. Mit einer dünnen Decke in dem großen Schlafsaal quält wenig- stens nachts die Kälte nicht mehr. Durch ein Tor im Stacheldrahtzaun betreten wir das Fabrikgelände. Ich werde an einen Webstuhl gestellt; aber meine Hand- fertigkeit reicht nicht aus. Ich wage nicht, dem Kapo, einem rüden Kerl mit verschlagenem Blick, ein Wort zu sagen. Die Strapazen der Reise und der Quarantänezeit liegen mir in den Knochen, und ich kann in dem kalten Fabriksaal meine Gedanken kaum richtig zusammen- halten. Nach einer Mittagspause von zwanzig Minuten, in der 246 gene reien, schie- Jienst nsten ewah- u den , Gas- uben- Jaupt- acken. weit st von einem >e. Ich ‚ eine! wenig- 'or Im Hand- Kap: /ort ZU inezeit kalten nmen- in def INFERNO jeder Gefangene einen halben Liter wässerige Gemüse- suppe mit Kartoffeln bekommt, geht die eintönige Arbeit weiter. Nach zwölf Arbeitsstunden taumeln wir mehr als wir gehen in das Hauptlager zurück. Zweieinhalb Schnitten Brot, etwas Kunsthonig und Kaffee werden unter den lauernden Blicken der Stubenältesten unter die Gefangenen verteilt. Dann kommt der Abendappell. Hinterher fällt alles auf die schmutzigen Strohsäcke der Pritschen in dem dunklen Schlafsaal. Ich sehe Willy und Ernst wieder. Sie arbeiten in einer Werkstatt für Flug- zeugteile. Sie haben es anscheinend besser getroffen als ich. „Pitje ist in die Zahnstation gekommen. Der hat es am besten“, erzählt Willy. Ich überlege, ob ich mit Horst in Verbindung kommen kann, aber ich wage nicht, in die Schreibstube zu gehen. Ich sitze mit meinem Beit- kameraden Stachu und spreche über die Lage und die Verhältnisse im Lager. „Was soll ich machen?“ frage ich ihn.„Mit dem Weben, das schaffe ich nicht. Soll ich es dem Kapo offen sagen?“ „Hat keinen Zweck“, antwortet Stachu in seinem harten Deutsch.„Er schlägt dich einfach und sagt, daß du Sabotage machst.“ „Aber ich schaffe es trotzdem nicht“, wiederhole ich. „Du mußt sehen, ich weiß auch nicht“, antwortet Stachu. Willy ist ernster als sonst. Stachu, der schon über ein Jahr im Lager ist, erzählt, wie sich in der letzten Zeit alles verschlechtert hat. „Seit dem 20. Juli dürfen die Gefangenen keine Zeitung 247 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN mehr lesen, bekommen keine Post, und die Lautsprecheranlagen, die bis dahin in den Baracken waren, sind abgebaut." ,, Ja", ergänzt Willy, der von der Schreibstube allerhand gehört hat ,,, der Russe steht jetzt an der Oder bei Frankfurt, und die Engländer und Amerikaner sind am Rhein." Aber heut interessiert mich das alles nicht. Ich überlege nur, was morgen in der Weberei geschieht. Ich bin völlig verzweifelt. Alles um mich her zeigt mir deutlich, daß ich im normalen Ablauf der Dinge in ganz kurzer Zeit mit meinen Kräften zu Ende bin. Ernst ist schon so schwach, daß er kaum noch spricht. Und Stachu macht es auch nicht mehr lange. Aber wie soll man des nagenden Hungers Herr werden? Ich habe abends nochmal Wasser getrunken, um den Bauch zu füllen, aber ich mache es nie wieder. Als ich nachts austreten muß, stolpere ich im Gang über eine Leiche, die dort hingetragen worden ist, weil sie auf der Pritsche ja nur Platz wegnimmt. In dem matten Licht der Verdunkelungslampe sehe ich vor mir einen älteren Mann sich an der Wand entlang zum Abort tasten. Als ich an die Tür komme, taumelt er auf eins der dort aufgestellten Fässer mit Trinkwasser zu. Ich will zuspringen und ihn stützen, aber es ist zu weit und zu spät. Ich sehe, wie er mit dem Kopf voran in das Faẞ stürzt und liegen bleibt. Ich wage nicht, laut zu rufen, denn dann kommt sofort der Stubenälteste aus seiner gegenüberliegenden Kammer und schlägt wütend über die Störung mit seinem Tau auf jeden ein. Ich me ES Sc ka de hä bl ZW ko de en A ar m D D d E m G la te 1 h 248 recher, sind erhand FrankRhein." berlege völlig ch, daß zer Zeit chon so macht nagenum den Als ich er eine auf der icht der n Mann sich an gestellgen und ch sehe, d liegen kommt egenden mit seiINFERNO aber Ich versuche, den Gestürzten herauszuziehen, meine Kräfte reichen nicht. Ich stolpere zurück zum Schlafraum. Ich sehe zwei Gestalten an der Leiche kauern. Der eine hat den einen Arm der Leiche entblößt, der andere ihr Hosenbein heruntergestreift. Der eine hält ein offenes Taschenmesser in der Hand. Im Augenblick wird mir gar nicht klar, was sie machen. Es sind zwei Ausländer, sie verstehen kaum deutsch. Aber sie kommen sofort mit. Zu dritt ziehen wir den Mann aus dem Wasserfaß. Er ist längst erstickt. Wir ziehen ihn in eine Ecke. Am nächsten Morgen fehlen bei der Leiche große Stücke am Oberarm und Oberschenkel. Ich trinke abends nie mehr Wasser, auch wenn der Hunger noch so groß ist. Diesen ganzen Morgen stehe ich unter einem dumpfen Druck. Der grauenhafte Tagesbeginn, wie ich ihn in dieser Zeit täglich erlebe, macht keinen besonderen Eindruck mehr auf mich. Der Morgenappell mit täglich mehr Hungergestalten, das anmaßende, wichtigtuerische Gezänk der SS- Führer bei der Morgenmeldung. Die langen Reihen der in Lumpen gehüllten, vor Kälte zitternden, ausgehungerten Gefangenen, während die grellen elektrischen Bogenlampen der Szene etwas Theaterhaftes geben, ohne ihre unerbittliche Wirklichkeit zu beeinträchtigen, während fern im Osten das erste Rot des erwachenden Tages am Himmel steht. Nach dem Morgenkaffee stapfen wir zum Fabriklager. Ich weiß, daß ein Zusammenstoß mit dem Webereikapo bevorsteht, aber ich weiß nicht, wie ich mich verhalten 249 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN soll und wie er enden wird. Ich trete an den Webstuhl. Der Kapo hat mich die ganze Zeit beobachtet. Jetzt kommt er mit lauerndem Blick auf mich zu: „Zwei Tage gebe ich Dir, wenn Du dann nicht sauber arbeitest, dann...“ Sein Gesicht überzieht ein hämisches Grinsen, während er mit dem Daumen in die Luft deutet. Zwei Tage Galgenfrist. Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Stachu, aber der zuckt nur müde die Achseln. Ich beschließe, einen äußersten Versuch zu machen, mehr kann ich nicht. Ein paarmal glückt es mir, aber dann reißt der Faden wieder ab, und die Maschine bringt kein fehlerfreies Gewebe zustande. Der Schweiß steht mir auf der Stirn. Der Kapo geht ein paarmal an mir. vorbei, aber er sagt nichts. Einmal, wie der Faden wieder in Unordnung ist und die Maschine steht, be- komme ich einen Faustschlag, daß ich taumle. In der Mittagspause sagt mir Stachu, daß man sonst vierzehn Tage wenigstens braucht, um die Bedienung der Maschine zu erlernen. Ich mühe mich weiter, aber ich weiß, daß es zwecklos ist. Ich vergesse alle Vorsicht und gehe nach der Rückkehr in die Schreibstube zu Horst. Stachu hat mir erzählt, daß er Legationssekretär im auswärtigen Amt war und Dr. H. heißt. Und daß er ein maßgebender Mann in der Untergrundbewegung des Lagers ist. Diese war ursprünglich von den Kommunisten gegrün- det, welche die beste Disziplin hielten und zuerst nur einen sehr guten Nachrichtendienst organisierten. Die Sozialdemokraten hatten sich ihnen angeschlossen. Diese 250 un ebstuhl. . Jetzt sauber misches deutet. chenden Achseln. machen, ir, aber e bringt iẞ steht an mir. Faden eht, beIn der vierzehn ang der aber ich Rückkehr erzählt, war und n in der gegrünerst nur ten. Die en. Diese INFERNO aus dem Organisation umfaßt zuverlässige Männer Lager. Russen, Polen, Jugoslawen vor allem, dann viele Spanier und Franzosen, aber praktisch aus allen Völkern Europas. Der kommunistischen Führung war es gelungen, einigen maßgebenden Grünen klarzumachen, daß auch ihre Befreiung von dem Zusammenbruch der Naziherrschaft abhängig ist. Der Erfolg war, daß diese maẞgebenden Grünen insgeheim die Untergrundbewegung und die Organisation der Kommunisten und Sozialdemokraten unterstützten. Dieses war ein großer Fortschritt. Ich treffe Dr. H. in der Schreibstubenbaracke. Er sieht sofort, daß etwas Besonderes los ist, während er mit kühler, geschäftsmäßiger Stimme sagt:„ Ich habe jetzt keine Zeit, komm morgen wieder." Dabei winkt er mich mit den Augen auf den Gang. Ich gehe wieder hinaus. Er folgt nach kurzer Zeit. Als wir allein sind, schildere ich ihm kurz meine Lage. ,, Ich kann Dir im Augenblick nicht helfen, weil ich mit der Arbeitsverteilung nichts zu tun habe. Aber ich behalte Dich im Auge", sagt er freundlich. ,, Hier hast Du zwei Zigaretten. Gib die im richtigen Augenblick dem Kapo, vielleicht nützt es was." ,, Noch eins", fügt er hinzu. ,, Eine Gesundheitskommission ist gekommen." Er sagt das Wort mit eigentümlicher Betonung, nachdem er sich nochmals vergewissert hat, daẞ niemand uns hört. ,, Es sollen Häftlinge für Sonderzwecke ausgesucht werden. Es wird morgen eine Laufprobe gemacht, um den Leistungszustand der Gefangenen 251 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN festzustellen. Sag Deinen Freunden, daß, wenn ihr drankommt, sie laufen sollen, was sie können, wenn ihnen das Leben lieb ist." " Was sind denn das für Leute, die da so blutig und zerfetzt an der Mauer am Jourhaus stehen?" frage ich noch. ,, Ach", sagt er, und eine bittere Traurigkeit klingt aus seinen Worten. ,, Es ist eine scheußliche Sache. Zwölf Jugoslawen wurden als Dolmetscher herausgesucht, um in dem Zeltlager der Volksdeutschen nebenan Personallisten aufzunehmen. Es wurde ihnen vorher verboten, darüber zu sprechen, daß hier ein Konzentrationslager ist. Anscheinend hat aber einer doch eine unvorsichtige Bemerkung gemacht. Und die SS- Wache hat davon erfahren und Meldung erstattet. Darauf forderte der SS- Führer die Häftlinge auf, daß der Schuldige sich melden sollte. Jeder wußte, daß es für den Betreffenden den Tod bedeutete. Als der SS- Führer nicht weiterkam, hetzte er rasend vor Wut seine beiden großen Doggen auf die zwölf Gefangenen, die fürchterlich zerbissen wurden, aber keiner verriet den Kameraden. Einer wurde schon heimlich weggeholt, der zu stark blutete. Das Ganze ist scheußlich", schließt Dr. H. Ich will noch mehr fragen wegen des Wettlaufs morgen. Jemand kommt. Wir trennen uns rasch, ehe ich Klarheit bekomme. Ich muß mich erst eine Weile hinsetzen, bevor ich sprechen kann und den Kameraden erzähle, was ich alles erfahren habe. ,, Die SS- Ärzte brauchen wieder Menschenmaterial für ihr un " 1 set lei et ,, I es K SO m an P. hi hi ge a 11fo a d K a G 252 r dran- ‚ Ihnen nd ZeI- h noch. gt aus Zwölf "ht, um rsonal- boten, nslager sichtige davon rte der ge sich ‚fienden terkaM, Doggen orbissen Einer hlutete. morgen Klarheit vor ich ich alles j für ja INFERNO ihre viehischen Versuche“, sagt Fitje,„aber glaube mir“, und seine dunklen Augen glühen leidenschaftlich auf: „Wir haben hier schon vielen Dingen einen Damm ge- setzt und manches verhindern können. Jetzt werden wir leider nichts machen können“, fügt er hinzu, als er mein etwas zweifelndes Gesicht sieht. „Ich sitze schon seit fünf Jahren im KZ. In Dachau war es am besten. Dort herrschten durch die dauernden Kontrollen des Schweizer Roten Kreuzes einige Zeit sogar beinahe erträgliche Zustände Aber Mauthausen müßte eigentlich Mordhausen heißen. Es ist von Anfang an als Vernichtungslager errichtet worden. 1938 stand hier noch keine Baracke. Alles wurde von Häftlingen gebaut, jeder Stein von den Gefangenen den Berg hinaufgeschleppt. Hast Du früher etwas von Mauthausen gewußt?“ fragt er mich herausfordernd.„Nie gehört“, antworte ich achselzuckend. „Das ist ja die schurkenhafte Gemeinheit“, fährt Fitje fort,„daß das Bestehen dieses Lagers von der Gestapo absichtlich so lange wie möglich geheim gehalten wor- den ist, sehr lange auch vor dem Internationalen Roten Kreuz. Denn hier herrschte der organisierte Mord in jeder Form. Es war eins der Liquidierungslager. Erst als man nach Weisung von oben dem Arbeitswert der Gefangenen erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden mußte, wurde es eine Zeitlang besser. Aber von den zugestan- denen kulturellen Einrichtungen sind nur die Bücherei und ein paar Boxveranstaltungen übriggeblieben. Und 253 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN wenn Du es dazu rechnen willst, das Häftlingsbordell; das aber nur, weil es im Interesse der SS ist." ,, Wieso hat die SS an dem Bordell besonderes Interesse", frage ich erstaunt ,,, und wo stammen diese Weiber her?" ,, Es sind wohl zum Teil arme, heruntergekommene Frauenspersonen, wenn auch einige junge und hübsche dabei sind. An die freiwillige Meldung dieser Frauen für das Bordell glaube ich nicht. Manche hofften wohl, auf diese Weise ihr Leben zu retten, weil sie bessere Verpflegung, Geld und Zigaretten bekommen. Auch brauchen sie nicht zu arbeiten. Offiziell wurde die Einrichtung damit begründet, daß man der zunehmenden homosexuellen Vergiftung Einhalt gebieten wollte, welche unter diesen Tausenden von eingesperrten, zum Teil moralisch minderwertigen Männern scheußlich um sich griff. Aber in der Praxis sieht es ganz anders aus. Außerdem kommt diese ,, Vergünstigung“, abgesehen von den Bewachungsmannschaften, nur grünen Kapos und ihrem Gesindel zugute, weil ja keiner von den gewöhnlichen Häftlingen Geld bekommt, während gewisse Kapos und ihr Anhang durch ihre Diebereien in Geld schwimmen. Auch muß bei jedem Bordellbesuch eines Häftlings ein SS- Mann die Überwachung behalten, so daß er vollkommen legal eine erotische Vorstellung genießen kann. Von den anständigen Häftlingen hat daher nie einer von dieser Kultureinrichtung Gebrauch gemacht. Aber glaube mir", fährt Fitje nach einer kurzen Pause fort ,,, auch heute ist es im Stammlager noch besser - al D D b h go F : Z n D S a 254 ordell; resse", - her?“ mmene übsche Frauen ı wohl, yessere Auch je Ein- nenden wollte, n, zum ich um rs aus. en von 95 und »wöhn- gewisse „ Geld , eines ten, 50 INFERNO als auf den Außenkommandos Gusen, Melk, Ebensee. Dort leben viele nicht länger als einige Wochen.“ „Aber wie ist es mit den Juden hier und den ausge- brochenen Gefangenen, die man wieder eingefangen hat? Und den amerikanischen Fliegern, die hier zu Tode geprügelt wurden?“ Fitje hebt müde die Achseln. Er steht von der gegen- überliegenden Pritsche auf und geht, scheinbar um sich zu beruhigen, ein paar Schritte auf und ab.„Du darfst nicht vergessen, daß es Recht hier überhaupt nicht gibt. Der Begriff der christlichen Kultur, wie er uns geläufig ist, der Begriff des Gewissens ist hier durch die nazi- stische Lehre völlig ausgelöscht. Wenn man das hier sieht, kommt es einem ordentlich merkwürdig vor, daß weite Kreise, welche zur Partei gehören, ernsthaft glaubten, sie könnten Christen bleiben, auch wenn sie den Nationalsozialismus unterstützen. Wenn sie wüßten, was hier vor sich geht, leider wissen es die meisten ja nicht, dann wären solche Zweifel völlig ausgeschlossen. Wer kennt denn wirklich die geistige Grundlage der Nazilehre? Wer hat denn überhaupt von unsern Mitmenschen Rosenbergs Mythos ernsthaft ge- lesen? Trotz seiner riesigen Auflage von mehr als fünfhunderttausend Stück bis Kriegsbeginn nur ver- schwindend wenige! Und die Führung in dieser Massen- partei der Nazis haben ja meist nur Halbgebildete und Nutznießer, welche sich über Folgen und Zusammen- hänge dieser Lehre überhaupt keine Gedanken machen, weil sie gar nicht dazu fähig sind. FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Hast Du überhaupt Rosenberg gelesen?‘ fragt er mich mit strenger Stimme. „Nein“, antworte ich etwas verlegen.„Dieses ganze theoretische Zeug liegt mir nicht.“ „Und Du, Willy? Ihr habt doch so großartigen welt- anschaulichen Unterricht gehabt bei der Hitlerjugend, Du bist doch erst Mitte zwanzig?“ fragt Fitje weiter. „Ja, dreiundzwanzig Jahre“, antwortet Willy.„Aber wer nicht in der Hitlerjugend war, bekam nach der Schule keine Ausbildung und keine Stellung“, fährt er fort. „Außerdem wußten diese Jugendführer selber nur ein- gelerntes Zeug von der Weltanschauung, und niemand hörte richtig zu. Freiwillig gelesen von uns hat keiner was. Aber wir begeisterten uns natürlich an der blendenden Außenseite, welche an unsern Stolz und unsere Vaterlandsliebe appellierte.“ „Das ist ja das Bedauerliche“, fährt Fitje sich ereifernd fort,„ich als religiöser Sozialist bin vor zwölf Jahren in die SPD eingetreten. Ich bin überzeugt, daß die sozia- listische Staatsordnung die einzige ist, welche diese Welt wieder in Ordnung bringen kann, und daß diese in allen Ländern der Welt eingeführt werden muß. Aber wie will man die Irrlehren des Nazismus bekämpfen, wenn seine Anhänger und Mitläufer sich nicht einmal die Mühe machen festzustellen, worin seine Hauptlehren bestehen? Deswegen ist ihnen auch nicht klar, weswegen die Kirchen den Nationalsozialismus bekämpfen müssen. Es ist einer der traurigsten, unerklärlichsten Vorgänge, daß auch dieser Kampf von den Menschen aller Klassen, 256 mich INFERNO ganze weltugend. er. er wer Schule fort. ur einemand keiner n der z und eifernd ren in soziase Welt In allen er wie , wenn mal die tlehren swegen müssen. rgänge, Classen, selbst der sogenannten Gebildeten", fügt er etwas spöttisch hinzu ,,, nicht verstanden und unterstützt wird, sondern daß fast das ganze Volk auf das offizielle Propagandageschrei und die Erklärungen der obersten Naziführung hört. Heute fragen schon viele: wie ist es möglich, daß es so weit kam? Aber es ist wohl allgemein menschlich, daß die Menschen hauptsächlich auf die Außenseite und die betörenden Parolen hören und daß ihnen der Blick für die wirklichen Zusammenhänge fehlt. Wären die Männer, welche die Nazipartei an die Spitze gebracht hat, als das erkannt worden, was sie wirklich sind, nämlich meist gewissenlose Demagogen, dazu oft moralisch minderwertig, unfähig, die großen Probleme des Volkes zu sehen, aber mit maßlosem, persönlichem Ehrgeiz, die die Not und Sorge eines ganzen Volkes ausnutzen, dann hätte sich das deutsche Volk blenden nicht von den scheinbaren Anfangserfolgen lassen und hätte sich auch nicht weiter dieser im letzten Sinne unzuverlässigen und unmoralischen Staatsführung verschrieben." Fitjes etwas hochmütige Überlegenheit ärgert mich. ,, So einfach ist das doch alles gar nicht", werfe ich ein ,,, und außerdem nutzen die Theorien doch nichts. Ich bin doch kein Wissenschaftler." Fitje sieht mich einen Augenblick mit einem Ausdruck kühler Geringschätzung an, während in seinen Augen leidenschaftliches Feuer lodert. ,, In gewisser Beziehung hast Du leider recht! Aber nur in gewisser Beziehung! Es ist der Fluch einer bestimmten 17 257 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Art von Wissenschaftlern, um einfache Gedanken ein Gewebe von wichtigtuerischen Worten und Begriffen zu machen, so daß der einfache Geist unsicher und geblendet wird, sich nicht mehr getraut, seine natürliche Vernunft, sein natürliches Urteil zu gebrauchen. Es ist leichter, daß zwei Wissenschaftler fremder Völker, zwei Mathematiker oder Philosophen sich verständigen, als daß bei uns ein Wissenschaftler sich für einen einfachen Menschen des Volkes verständlich macht. Man muß eben die Fähigkeit haben, die Dinge einfach zu machen, damit man sie erkennt. Das geht aber nicht ohne intensive Arbeit! Aber ich will Euch einen praktischen Beweis geben", fährt er nach kurzem Überlegen fort. ,, Daß Rosenberg der anerkannte Parteiphilosoph Hitlers und der Nazipartei ist, dürfte jedem von Euch bekannt sein. Ich werde Euch vier Punkte aus Rosenbergs Schriften hier nennen, die mit dem allem, was um uns und mit uns geschieht, im engsten Zusammenhange stehen, vielleicht sogar schon eine Erklärung liefern." Er geht ein paar Schritte auf und ab. Jeder hört, daß er auf eins seiner Lieblingsthemen gestoßen ist, welches er genau beherrscht. Wir brauchen in unserer Ecke keine Angst vor Spitzeln zu haben. Außerdem kommt Fitje wieder nah zu uns heran, als er leise weiter spricht. ,, Habt keine Angst", fährt er fort, als er unsere abwehrenden Gesichter sieht ,,, ich will Euch keinen Vortrag über die zwei Welten halten, die sich gegenüberstehen 258 | ein on ZU blen- Ver- s ist zwei 1, als chen eben damit nsive ;ben“, nberg Nazi- Ben , bier it uns leicht jaß er hes er ‚itzeln u uns weh“ ortraß „tehen INFERNO wie Feuer und Wasser, zwischen denen es keine Brücke gibt. Zunächst die Rassentheorie von der angeblichen Über- legenheit der Arier. Diese kennt ja wohl jeder. Es ist die gemeinste geistige Bauernfängerei, die hier getrieben wird. Denn es gibt wohl den Begriff der Rasse, aber es wäre falsch, diesen für bestimmte Staaten anzuwenden. Das würde eine deutsche, englische, russische oder amerikanische Rasse bedeuten, und die gibt es nicht. Die meisten Deutschen fühlen sich leider geschmeichelt, daß sie sich zu einer so vorzüglichen Rasse rechnen können, wie Rosenberg sie beschreibt. Hat sich denn jemand klar gemacht, was das in Wirk- lichkeit bedeutet? Daß hierdurch eine Kluft aufgerissen wird zwischen Deutschland und den andern Völkern, durch welche Deutschlands Menschen von den Men- schen der anderen Völker isoliert werden und deren berechtigte Kritik hervorgerufen wird, anstatt die Gegensätze zu überbrücken! Denn nach göttlichem Ge- setz haben alle Menschen das gleiche Recht, auf dieser Erde zu leben. Deswegen müssen die Brücken zwischen den Völkern verstärkt, aber nicht eingerissen werden. Jede eingerissene Brücke vermehrt die Gegensätze und vermindert den Frieden. Damit kommen wir zum zweiten Punkt. Wer von Euch weiß, daß Rosenberg in seinem Mythos den christlichen Glaubensbegriff vernichtend kritisiert? Er verlangt, daß den unklaren Begriffen der Ehre und Pflicht im Staat der Vorrang gebührt vor den christlichen Tugenden der 249 ide FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Liebe, des Mitleids, der Demut und der Entsagung Er tut die letzteren ab mit der Bemerkung, dieses seien rein persönliche Gefühle, die kein volk- oder staatenbildendes Element enthalten. Er stellt die Ehre und Freiheit der Nation als den obersten ethischen Wert hin, welchem alle anderen Werte und Tugenden untergeordnet werden sollen. Er sagt dem Christentum den Kampf an, weil es nicht mit der Rassentheorie übereinstimme und die Entwicklung der rassischen Überlegenheit verhindere. Er geht noch weiter und verlangt, daß jeder Mensch nur für den Staat da sei und sich ihm willenlos unterordnen müsse. Was bedeutet das nun in Wirklichkeit? Daß jeder Mensch das Recht verliert, politisch wie in jeder anderen Weise über sich zu bestimmen, daß der Staat nur noch Sklaven haben will, deren führende Kaste ohne die geringste Kontrolle oder Kritik machen kann, was sie will! Aber Rosenberg geht sogar noch weiter. Er behauptet, daß nicht das Christentum dem Menschen Gesittung gebracht hätte, sondern daß das Christentum seine dauernden Werte erst dem germanischen Charakter verdanke." Er machte eine kurze Pause. ,, Von da bis zum heutigen Zustand, den wir hier erleben. ist nur ein kleiner Schritt. Rosenberg verlangt weiter. daß ein Mann oder eine Bewegung, welche den germanischen Charakterwerten, die er als das Ewige, dem Christentum Überlegene bezeichnet, zum vollkommenen Siege verhelfen will, das sittliche Recht habe, das Geg260 n reib jendes it der chem verden veil es e Ent- re. Er ur für ordnen jeder nderen r noch ne die yas sie Er be nschen tentum arakte! INFERNO nerische nicht zu schonen. Diese Bewegung hätte die Pflicht, verlangt Rosenberg, das Gegnerische geistig zu überwinden, es organisatorisch verkümmern zu lassen und es politisch onnmächtig zu erhalten. Dies sei der notwendige Machttrieb eines Kulturwillens. Was bedeu- tet diese Ungeheuerlichkeit nun in der Wirklichkeit?“ Fitje mustert uns der Reihe nach mit feindseligem Blick Als wir schweigen, fährt er fort. „Die nazistische Staatsführung macht sich frei von der Bindung der christlichen Nächstenliebe und Barmherzig- keit. Ihr Machttrieb ist Pflicht zur Vernichtung der Gegner, welche ihm die Rassentheorie bezeichnet und welche ihm ferner dadurch, daß die Demokratie als politischer Gegner bezeichnet wird, alle politisch Anders- denkenden als Gegner ausliefert. Daher zwingt die schärfste Verkörperung der Nazilehre zum Austritt aus der Kirche, weil die Menschen dann keine Hemmung mehr vor ihrem Gewissen haben. Wie Rosenberg so schön sagt: ‚Das Gegnerische nicht zu schonen‘. Was im Leben eines Volkes entsteht, wenn der Staat skrupellose, brutale Elemente, die willenlos gehorchen. zur Ausführung dieser Theorien ansetzt, das ist das, was wir hier täglich an uns erleben.“ Es entsteht ein längeres Schweigen. „Du hast noch nicht erklärt, warum Rosenbergs Nazi- lehre die Völker trennt“, wirft Stachu dazwischen. Ich habe das Gefühl, als wenn jeder von uns nur an die Drohung des kommenden Tages denkt, sich durch die Unterhaltung nur die bohrenden Gedanken fernhalten 261 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN will, damit sie nicht übermächtig werden; die Gedanken, welche in wirrer Angst im Kreise laufen, steigern sich in der Not der Stunde ins Unerträgliche. Fitje geht sofort auf Stachus Einwand ein. ,, Darüber läßt sich sehr viel sagen", fährt er fort. ,, Durch die Unterordnung der deutschen Religion, aller Gesetze der Erziehung und der Ethik unter die sogenannten Höchstwerte der rassischen Vorzüglichkeit haben die Naziführer die Rassentheorie zu einem Kampfgerät in offener Fehde mit der ganzen übrigen zivilisierten Welt erhoben und die Entwicklung auf ein völkerverbindendes System internationaler Gesetze damit unmöglich gemacht. Sie haben zweierlei Gesetze geschaffen. Eins für das eigene Volk und einen anderen Maßstab für die anderen Völker. Dieses moderne Nazisystem ist in Wirklichkeit die Rückkehr zu Begriffen, wie sie vor zweitausend Jahren, also vor der christlichen Religion, üblich gewesen sind. Aber daß das Wesen dieser Gesetze nicht erkannt, sondern unter irgendwelchen anderen nationalen und wirtschaftlichen Zielsetzungen gut geheißen, oder zum mindesten geduldet wurde, kann ich mir nur durch eine Art geistiger Erkrankung unter dem Einfluß der Massensuggestion erklären." • ,, Ich habe schon viel über die furchtbare Frage des , Warum? nachgegrübelt", beteiligt sich Ernst zum ersten Mal in seinem österreichischen Dialekt an der Unterhaltung. ,, Aber trotzdem ist mir nicht klar, wie es möglich ist, daß hier derartige bestialische Gemeinheiten von 262 ınken, n sich geht Durch ‚esetze ınnten n die rät in , Welt inden- ‚öglich , Eins ür die Rück- n, also ‚ Aber ondern schaft- ‚desten je Art fassen” ge des ‚ersten terhal- „öglich p yon INFERNO Menschen, die noch vor ein paar Jahren als vollkommen normale Bürger ihren Berufen nachgegangen sind, ver- übt werden und daß das ganze Volk nicht dagegen einschreitet.“ Fitje lächelt überlegen. „Das ist ja die raffinierte Berechnung dieser teuflisch ausgeklügelten Methode, die mit dem Zwang zum Aus- tritt aus der Kirche beginnt. Menschen, die aus der Hefe des Volkes stammen, werden vom Zwange ihres Gewis- sens befreit und zu willenlosen Henkersknechten ge- schult, Aber so schlau ist die Naziführung auch, daß sie diese Dinge unter Androhung schärfster Strafen vor der Masse des Volkes geheim hält. Denn sonst würde auch die schönste Propagandatrompete und der dauernde Appell an die vaterländische Gesinnung, Gefolgschafts- treue und Opferbereitschaft seine Wirkung verlieren. Noch etwas anderes ist es. Hat einer von Euch schon einmal nachgedacht, wie es kommt, daß Menschen, die im Frieden keiner Fliege etwas zuleide tun und alle Gesetze des christlichen Abendlandes anerkennen, gute, harmlose Bürger, plötzlich bereit sind, gänzlich fremde Menschen bedenkenlos und selbstverständlich zu töten, wenn ihnen der Staat dieses in Form des Krieges vorschreibt? Die Menschen ergreift durch Steigerung der primitiven Urinstinkte eine Art nationalistischer Rauschzustand, wodurch die gesunde Vernunft des einzelnen in er- schreckendem Maße ausgeschaltet, sein Verantwortungs- bewußtsein herabgesetzt ist. Menschen, die jeden Sonn- 263 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN tag in die Kirche gingen und die das Gebot Gottes ,, Du sollst nicht töten', von Jugend an anerkannt haben, töten jetzt mit allen Hilfsmitteln moderner Technik, und sie glauben jetzt rein persönlich, daß sie im vollen Recht sind, weil der Staat es ihnen vorschreibt." Fitje spricht jetzt belehrend, aber nicht in einer anklagenden, verurteilenden Art, es ist mehr wie eine schwere, traurige Erkenntnis, die er halblaut in unserer Ecke des düsteren Schlafsaals den paar auf zwei Pritschen zusammengekauerten Menschen mitteilt. ,, Dieses Töten auf Befehl", fährt er in seiner scharfsinnigen Beweisführung fort, ,, ist das entscheidende Merkmal dafür, daß die Urtriebe im Unterbewußtsein des Menschen und seine Zwiespältigkeit so groß ist, daß es nur eines kleinen Anstoßes bedarf, um diese Urtriebe zum entscheidenden Faktor für die Handlungen des Menschen zu machen. Diese im täglichen Leben verborgene Zwiespältigkeit verändert den Menschen, kann den Menschen völlig umwandeln. Die jahrtausendalte Entwicklung zu den edlen Gesetzen des Christentums, welche die höchste Form der Menschlichkeit darstellen, kann also der Mensch unter gewissen Voraussetzungen in ein paar Stunden oder Tagen über den Haufen werfen und sich so umstellen, daß er fast wie eine doppelte Persönlichkeit wirkt, wie ein zweiter Mensch, der mit dem früheren nichts mehr zu tun hat. Wenn das also schon ein moralischer Mensch kann, der das Christentum anerkennt, wie viel leichter ist eine solch den ist, a defel Desv bew den wen scha werd Fried Ein Was Aber gesp sene nach men durc Unw der Fer Kein krie denn Der er d gehe aus 264 INFERNO Du öten sie Lecht aneine serer Pritmarfende tsein daß iebe des verumdlen Form ensch Inden stelwirkt, ichts der eine solche Umstellung bei einem Menschen möglich, der von den moralischen Bindungen des Christentums losgelöst ist, am leichtesten, wenn er außerdem noch moralisch defekt ist. Deswegen hasse ich als Mensch des Abendlandes, als bewußter Sozialist und als Christ die Gewalt und hasse den Krieg, weil ich beides zutiefst verabscheue. Nur wenn Krieg und Gewalt gänzlich von der Erde abgeschafft, sozusagen durch Gesetze aller Völker verboten werden, wird auf dieser armen, gequälten Erde der Frieden einziehen." Ein langes Schweigen folgt. - Was Fitje gesagt hat jeder von uns hat es verstanden. Aber hat nicht schon früher jemand Ähnliches zu mir gesprochen? Plötzlich taucht das Gesicht meines erschossenen Zellengenossen Pfarrer W. in Moabit auf, wie er nach einem langen Gespräch in einem anderen Zusammenhang einen ähnlichen Satz geprägt hatte, der mir durch meine Erlebnisse fast entfallen war. Unwillkürlich spreche ich ihn laut in den kleinen Kreis der unter schwerer Todesdrohung stehenden Menschen: , Fern und ewig leuchtet Frieden." Wir Keiner der Gefährten spricht mehr ein Wort. kriechen auf die Pritschen, versuchen Kraft zu sammeln, denn morgen ist das Wettrennen mit dem Tod. Der Stubenälteste erscheint in der Tür. ,, Ruhe!" schreit er durch den Saal und dreht das Licht aus. Fitjes Worte gehen mir noch lange im Kopfe herum. Von dieser Seite aus habe ich das Problem der Naziherrschaft noch nie265 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN mals betrachtet. Probleme gibt es hier genug, jeden Tag neue, und jedes ist fürchterlicher als das andere. Aber irgendwie müssen die großen Probleme so, wie Fitje es heute darlegte, doch bestimmend für das Leben werden. Ich finde keine Lösung. Wenn nur der verdammte Hunger nicht wäre, daß man bald einschläft. Am nächsten Morgen werden wir nicht zur Arbeit geführt. Mehrere Blocks müssen der Reihe nach draußen antreten. Es ist wie ein Sportfest. Aber was hat Horst gesagt?„Laufe, wenn Dir Dein Leben lieb ist.“ Vom Abort aus sehe ich zufällig, was auf dem Appell- platz vor sich geht. Ein Tisch ist aufgebaut, an dem ein Schreiber sitzt, einige SS-Führer, ein paar Männer in Zivilkleidung stehen zigarettenrauchend dabei. Auch die Blockältesten und Stubenältesten stehen am Tisch. Sie beteiligen sich nicht an der Vorführung. Einzeln müssen die Gefangenen eine Strecke von fünfzig Meter an dem Tisch vorbeilaufen. lötzlich wird mir der Sinn dieses furchtbaren Manövers klar; wer nicht mehr laufen kann, ist nicht mehr voll arbeitsfähig, und er wird der Ärztekommission für ihre Versuche zur Verfügung gestellt. Dies ist der Sinn dieses Wettlaufes um das Leben. Die meisten Gefangenen scheinen den Sinn nicht erfaßt zu haben, rennen mit schweren, taumelnden Schritten, mit zusammengeballten Fäusten. Einzelne stürzen, stehen 266 Hält { INFERNO en Tag o, wie Leben ẞ man Arbeit Taußen Horst Appellem ein ner in uch die ch. Sie müssen an dem növers hr voll Für ihre dieses erfaßt ritten. stehen schwerfällig auf, versuchen nochmals mit letzter Willenskraft, ein paar Schritte zu laufen, aber sie bringen nur ein Taumeln zustande. Ich starre durch das Fenster. Eine rasende Wut erfaẞt mich. Ist denn so etwas überhaupt denkbar? Eine so viehische Quälerei? Sind das noch Menschen, die da zigarettenrauchend am Tisch sitzen und ihre Bemerkungen tauschen? Wie Viehhändler auf dem Wochenmarkt! Ich schlage mit der Faust gegen die Wand, daß das Blut unter der Haut springt. Fitje kommt rein, mustert mich mit seinen kalten, leidenschaftlichen Augen, faßt mich am Arm, zieht mich zu den anderen. ,, Das hat ja keinen Zweck", sagt er begütigend ,,, die Rache kommt später, aber sie kommt." Wir treten zu den anderen. Noch zwei Blocks sind vor uns. Dann kommen wir selbst dran. Fitje mustert unseren kleinen Kreis, die wir gemartert und dumpf der Entscheidung harren. Nach einem Augenblick kommt er wieder. In der Hand hält er ein Stück Brot. Es ist eine alte, schimmlige Brotkante, aber es dünkt uns eine Kostbarkeit. Ernst ist der Älteste von uns und vielleicht auch der Schwächste. Fitje gibt ihm wortlos die Brotkante. Ernst sieht ihn dankbar an, und dann blickt er im Kreise herum. Er sieht die flehenden Augen von Stachu. Er bricht die Brotkante durch und reicht Stachu die Hälfte. Keiner von uns spricht ein Wort, während die beiden langsam und gierig das schimmelige Brot kauen Wir graben die kleinen Brotreste aus der Tasche, die wir uns vom Munde abgespart haben, teilen sie, essen sie. 267 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Gleich darauf müssen wir draußen antreten und laufen. Auch Ernst und Stachu schaffen es, so wie der Durch- schnitt zu laufen. Diesmal hat unsere kleine Gemein- schaft das Rennen um den Tod gewonnen. Es sollte nicht für lange sein. Aber die ganze Aufregung hat den Hunger der Gefan- senen bis zum äußersten gesteigert. Als die Essenträger mit ihren Kübeln mittags kommen, drängen die Häft- linge derart heran, daß ein Kübel umgestoßen wird. Sofort schmeißen sich die Nächstliegenden hin und fres- sen vom Fußboden die heiße, dreckige Suppe wie die Tiere Ein Tumult entsteht. Ein anderer Essenträger wird umgestoßen. Wieder schmeißen sich Männer mit vor Hunger verzerrten Gesichtern auf den Boden, fressen wie die Tiere. Der Stubenälteste brüllt, schlägt auf die am Boden Liegenden ein. Keiner rührt sich. Da springt der Blockälteste dazwischen, schlägt mit einem Knüppel auf die Köpfe der Liegenden. In stummem Entsetzen weichen die Häftlinge zurück, während es Schläge hagelt. Block 21 bleibt heute mittag ohne Essen. Nachmittags werden wir zur Arbeit in die Fabrik ge- führt. Ich bin so hungrig, daß sich vor mir alles dreht. Wir haben alle Wasser getrunken, aber das hält nur eine halbe Stunde vor. Wie wird es abgehen mit dem Kapo in der Weberei? Zum drittenmal heute muß ich eine Probe auf Leben und Tod bestehen. Ich trete an den Webstuhl und versuche, ihn in Gang zu setzen. Aber es geht heute schlechter als je. Ich schaffe garnichts. Nach einer Weile kommt der Kapo mit lauerndem Blick 268 were rend mer] nich Er s Dan Schi gest: Wirk „Du weh Er aufen. INFERNO Durchemeine nicht Gefanträger Häftwird. fresvie die träger er mit fressen auf die springt nüppel tsetzen Schläge rik gedreht. ur eine Kapo in e Probe ebstuhl t heute m Blick heran. Ich entschließe mich, ein Äußerstes zu wagen: ,, Kapo, ich schaffe das hier nicht, so sehr ich es auch versuche, gib mir doch was anderes zu tun." Ich halte ihm die Zigaretten hin. Er nimmt sie rasch und läßt sie in der Tasche verschwinden. ,, Was, Du Schwein, Du machst Sabotage", brüllt er mich an. Seine Peitsche saust mir über den Rücken. ,, Ich werde Dich lehren, Dich dumm zu stellen." Aber während ich die Arme zum Schutz über den Kopf halte, merke ich, daß er nicht besonders schwer schlägt und nicht auf den Kopf. Trotzdem breche ich zusammen Er schlägt weiter und zählt laut bis fünfundzwanzig. Dann bekomme ich einen Fußtritt.„, Steh auf, Du Schwein!" Er führt mich zu einer Arbeitsstelle, wo seit gestern ein Platz frei ist. Ich muß aus Kunststoff gewirkte Gewehrriemen auf die richtige Länge schneiden. ,, Du hast zwanzig Stück in der Stunde abzuliefern, aber wehe Dir, wenn Du Dich hinsetzt." Er zeigt mir mit der Schere, wie der Schnitt aussehen muß. Das Material ist so zäh, daß ich mit der stumpfen Schere nur mit äußerster Kraftanstrengung es durchschneiden kann. Nach ein paar Stunden sind meine Hände derartig lahm, daß ich die Schere kaum noch halten kann. Ich habe Blasen, die aufgehen, aber ich achte nicht darauf. Ich glaube, Horst hat mir mit seinen zwei Zigaretten das Leben gerettet.- Die Arbeit in der Weberei ist mörderisch. Manchmal glaube ich, ich muß in diesem Tageslauf den Verstand verlieren. 269 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Ich fühle täglich, daß meine Kräfte mehr schwinden. Horst gibt mir ein paarmal etwas zu essen. Das ganze Leben nimmt immer mehr etwas Unwirkliches an. Ich konnte mir am Anfang nicht erklären, warum die Menschen im Lager oft so einen fratzenhaft unwirklichen Gesichtsausdruck hatten, langsam sprachen, den schweren und tappenden Gang hatten wie Kranke oder Betrunkene. Aber ich merke, daß ich jetzt selber so werde, daß es zunehmend Stunden des Tages gibt, wo sich eine schwere, bleierne Müdigkeit auf mich legt. Und nur die Angst vor Prügeln und den viehischen Strafen hält mich mit verzerrter Energie aufrecht. Doktor H. ist von einer unnachahmlich gleichmäßigen Tatkraft. Es ist uns zur Gewohnheit geworden, daß wir uns jeden zweiten oder dritten Tag abends treffen. Einmal in meiner Baracke, ab und zu in der Schreibstube. Er spornt meine Widerstandskraft an. Während wir eines Abends in einer dunklen Ecke der Schreibstubenbaracke stehen, versucht er, mir Mut zu machen. ,, Du mußt zum Leben immer, Ja' sagen. Das ist mein Hauptgeheimnis, und ich spreche es mir jeden Morgen und jeden Abend vor. Glaube nicht, daß ich die Gefahren nicht fürchte, von denen wir hier alle umgeben sind. Auch ich habe es oft schwer, an ein gutes Ende für uns zu glauben. Aber wir wollen es ja alle überleben." ,, Zweitausend sollen jetzt vergast werden", fährt Horst fort. ,, Täglich zweihundert, mehr schaffen die Gaskammern nicht. Es ist das erste Mal, daß ich etwas von Sond gehö unter oben ,, Sin wied ,, Bis festg Zwar erst in da ansch jähri mit Hals schre daß man leber We nach wer Die Taus man eine Aber hinz Aber 270 INFERNO nden. ganze m die wirk, den oder Der so ot, wo Und trafen ißigen aß wir Einstube. xe der Mut zu Das ist jeden ich die e umgutes ja alle Horst askamas von Sondermaßnahmen für den Fall eines Zusammenbruchs gehört habe", flüstert Horst leise weiter. ,, Unbequeme, unterernährte Zeugen sollen beseitigt werden. Die Herren oben scheinen es mit der Angst zu bekommen." ,, Sind die ausgebrochenen Russen von Block 20 alle wieder eingefangen?" frage ich dazwischen. ,, Bis auf vierzig angeblich unauffindbare sind sie alle festgenommen. Das heißt, jetzt sind sie alle tot. Etwa zwanzig kamen lebendig zurück. Sie wurden garnicht erst in die Kartei aufgenommen, sondern kamen gleich in das Arresthaus, wurden dort halbtot geschlagen und anschließend durch Genickschuß erledigt. Der dreizehnjährige Sohn eines Unterscharführers hat sich gerühmt, mit einer Mistgabel einen Oberleutnant selber durch den Hals gestochen zu haben, so daß dieser starb. Als, abschreckendes Beispiel ist es früher sogar vorgekommen, daß die Lagerführer, vor allem der entmenschte Kommandant, bei solchen Gelegenheiten Schießübungen auf lebendige Ziele gemacht haben."- ,, Wenn es eine göttliche Gerechtigkeit gibt", fährt er nach kurzer Pause fort ,,, muß die Strafe fürchterlich werden. Im übrigen bekommen wir wieder Zuwachs. Die Lager im Osten und Norden werden weiter geräumt. Tausende von Häftlingen sind unterwegs hierher. Dabei mangelt es jetzt schon an Verpflegung. Alles treibt auf eine Krise zu, von der kein Mensch weiß, wie sie endet. Aber ich helfe dir schon!", fügt er mit einem Händedruck hinzu, als wir uns trennen. Abends fehlt Willi auf der Pritsche. Er hat einen Lager271 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN führer nicht schnell genug gegrüßt und muß am Jourhaus vierundzwanzig Stunden an der Mauer stehen. Als er von da zurückkommt, ist er kaum wiederzuerkennen. Sein Gesicht ist von blutigen Striemen entstellt und aufgeschwollen; er torkelt wie ein Betrunkener. Am Kopf hat er eine offene, blutende Wunde. Aber er beißt die Zähne zusammen, wenn auch von dem hübschen und frohen Willi zunächst nichts mehr übrig ist. Täglich stapfe ich in die Fabrik und schneide Gewehrriemen. Meine Hände sind voll vereiterter Blutblasen, die überhaupt nicht mehr heilen. Heute bin ich zum erstenmal ohnmächtig umgefallen. Man goß mir Wasser über den Kopf und trat mich. Ich schleppe mich abends. zu Horst. Er ist tief besorgt. " ,, Ich bin fertig", sage ich ihm, während mir vor Vor einer Schwäche die Tränen aus den Augen laufen. Woche ist Ernst gestorben, gestern haben sie Stachu hinausgetragen, und jetzt bin ich dran. Wenn es so weitergeht, könnt Ihr mich in ein paar Tagen da hinten auf die Straße stäuben." Horst ist tief betroffen.„ Ich wußte nicht, daß es schon so weit ist mit Dir", sagt er langsam. ,, Du hast Dich gut zusammengenommen bis jetzt. Ich werde versuchen, daß Du ins Krankenlager abgestellt wirst. Dort kann ich was für Dich tun. Ich glaube bestimmt, daß wir es schaffen. Man muß zum Leben immer, Ja' sagen", fügt er aufmunternd hinzu. Ich wanke in die Baracke zurück. Als ich den Saal betrete, wird gerade ein früherer Volkssturmmann herausgeschleppt, der auf der Nachbarpritsche schlief. Er hat sol Inf Ki all er wa Da wa str dis Kr Ho ein die ko Ab ge Ich bla we in er ist Jä ich gr ein do 272 Jour- 1. Als nnen. d auf- Kopf ßt die n und wehr- plasen, n zum Wasser abends jr vor r eine! Stachu es 50 hinten eh sagt ET en bis onlage? in. Ich B zum nzu Saal n her jet Br INFERNO hat uns gestern abend seine Geschichte erzählt Sie sollten ein Dorf verteidigen im Osten, wo die eigene Infanterie schon abgerückt war und alle Frauen und Kinder im letzten Augenblick flohen.„Ihr könnt mich alle wie Götz von Berlichingen“, hatte er geschrien, als er den sinnlosen Befehl bekam. Wie durch ein Wunder war er damals dem Aufhängen entgangen. Das Leben wird zum Albtraum. Jetzt verstehe ich, warum täglich die Gefangenen freiwillig in den Stark- stromzaun laufen, warum von den dreißig Niederlän- dischen Offizieren der größte Teil freiwillig in das Kreuzfeuer der Posten lief. Horst hat mir erzählt, wie sie erschütternd vorher von- einander Abschied nahmen. Ich verstehe es, weil sie diese wahnsinnige Ungewißheit nicht mehr aushalten konnten, wann und wie der Tod sie erreichen würde Aber mit letzter Kraft bäumt sich mein Lebenswille gegen diesen Anfall von Verzweiflung auf. Ich fühle, daß alle früheren Krisen meines Lebens ver- blassen gegenüber der jetzigen, aber es gibt kein Aus- weichen. Der Strom des blutigen Geschehens reißt mich in seinem Strudel fort. Ich taumle durch die Zeit, die erfüllt ist von einer sinnlosen Geschäftigkeit. Der Kampf ist mir aufgezwungen. Jäh durchfährt mich ein teuflischer Gedanke- wie en ich ihn durchkämpfen ohne zu den gleichen Waffen zu greifen? Ich fühle, wie die beiden Ströme in mir mit- einander ringen. Ich fühle fast offen, wie die Menschen doch ein doppeltes Leben führen. Die entmenschte 213 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Fratze der Versuchung tritt an mich heran. Ein Hol- länder in der Ecke unseres Schlafsaales, der in der Lagerfabrik arbeitet, hat sich einen kleinen Detektor- Radio gebaut, den er in seinem Strohsack versteckt. Es ist streng verboten. Auf Abhören von Nachrichten steht Todesstrafe. Ich habe es gestern durch Zufall beobachtet, wie er mit dem Apparat arbeitete. Er erschrak sehr, als er merkte, daß ich sein Geheimnis entdeckt hatte. Aber plötzlich sehe ich, vor was für einem Abgrund ich stehe. Aus dem Widerstreit des doppelten Menschen in mir kann mich nur der Herr und Freund aller gequälten Menschen führen, welcher allein die Vollkommenheit und Einfalt des großen Herzens, des Mitleids und Erbar- mens uns vorgelebt hat, uns vorgestorben ist. Bei meinem Abendgebet flehe ich Christus um Rettung an. Ich schlafe diese Nacht ruhig und fest. Am nächsten Nachmittag wird der Holländer erschossen Der Radioapparat war gefunden worden, jemand hatte Verrat geübt. Mir wird so schwach in den Knien, daß ich mich hinsetzen muß. Ich fühle mich wie befreit von einem furchtbaren Druck, atme auf, daß die Versuchung mich nicht überwand. Der Griff des Todes über das Lager wird immer furcht- barer, das: Krematorium arbeitet Tag und Nacht, aber sie schaffen nicht mehr als dreihundert Leichen täglich.. Die Leichenkammern reichen nicht aus. Neben dem Krematorium wird der Leichenhaufen täglich größer, an dem wir morgens und abends vorbeistapfen. Willi ar- beitet seit gestern an einem Massengrab, das außerhalb 274 des get Die dre auı Pit Die gor Ha we abı wi we sta Gl Hol- | ich np in ilten heit 'bar- Bei aD. ssen hatte ß ich von nung INFERNO des Lagers für fünfzehntausend Leichen bei Nacht aus- gehoben wird. Die Seuchengefahr, vor allem Typhus, Ruhr und Cholera drohen sich zu einer Katastrophe auszuwachsen, vor der auch die Lagerführer sich nicht mehr sicher fühlen, hat Fitje gestern abend erst erzählt. Die letzte, furchtbarste Zeit von Mauthausen hat be- gonnen. Die blauen Omnibusse nach dem Erholungslager Hartheim, wo die Insassen durch Injektion ermordet werden, fahren fast täglich. Als wir morgens zur Fabrik abmarschieren, werden in zwei blaue Autobusse Sträf- linge getrieben, deren Gesichtsausdruck mich verfolgen wird bis in meine letzte Stunde. Jedes von den Opfern weiß, was ihm bevorsteht; aber sie steigen ein mit einem starren Gesichtsausdruck, so wie Puppen, an deren Glieder Fäden sind, wie auf einer Puppenbühne, wäh- rend das erste Frührot eines klaren Vorfrühlingsmorgens am Himmel steht. An diesem Tage breche ich nachmittags endgültig vor Schwäche zusammen. Zweimal kehrt die Fähigkeit, meine Umwelt zu erkennen, kurz wieder, als mich die Gefährten ins Lager zurückschleppen. Mit einem merk- würdigen Erstaunen stelle ich fest, daß ich weder tot- geschlagen bin, noch daß meine Glieder ausgerenkt sind. Als ich das zweite Mal aufwache, liege ich in einer fremden Baracke. Ein kleiner, dicker Mann in Häftlings- kleidung mit nervös zuckendem Gesicht und freund- lichen, dunklen Augen beugt sich über mich.„Die üblichen Erscheinungen“, sagt er.„Wir wollen ihn 275 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN wiegen.“ Ich werde zu einer Waage gebracht, die neben dem Behandlungszimmer steht.„Sechsundneunzig Pfund“, sagt der Gehilfe.„Was wogst Du sonst“, fragt er mich in einer österreichisch klingenden Mundart.„148 bis 150 Pfund“, antworte ich.„Schreib auf“, sagt der Doktor.„Vollständige Erschöpfung auf Grund zu rascher Gewichtsabnahme auf zwei Drittel des Normalgewichtes“ „Bringt ihn nach Baracke V, dort sind nur wenige Typhuskranke. Aber Ihr müßt trotzdem zu dreien auf einen Strohsack liegen“, fährt er zu mir gewendet fort Ich bin so schwach, daß ich meiner Umgebung wenig Beachtung schenke. Mit mir auf dem Strohsack liegt ein russischer Amputierter, dem ein Bein und ein Arm fehlt Er spricht etwas Deutsch. Er ist gutmütig und freund- lich zu mir. Das Krankenlager hatte ich früher beim Marsch zur Fabrik liegen sehen, aber ich war nie dort gewesen. Es sind alte Pferdestallbaracken, die später in ein Russen- lager umgebaut wurden. Im Verhältnis zu den übrigen ein kleiner Komplex mit Platz für etwa zweitausend Menschen. Aber augenblicklich sind über sechstausend dort. Es liegt etwas unterhalb des Hauptlagers in west- licher Richtung und ist ein geschlossener Bereich, ge- sondert mit Stacheldraht eingezäunt, mit eigener Ver- waltung und Küche. Um mich herum sind fahle, ausgedörrte Gesichter, die mit jenseitigen Augen gleichsam durch mich hindurch- sehen, mich nicht zu bemerken scheinen. „Was fehlt Dir, Alex?“ frage ich nach einer Weile 276 „O me Wi hel Kr: kra na ein dal Ab ke hie INFERNO die unzig gt er ,, 148 I der scher ntes" enige auf ort wenig gt ein fehlt eundh zur en. Es ussenorigen usend usend westh. ge- Verer, die durchWeile " ,, O Arm weg, Bein weg, nix gut" melancholischen Gesichtsausdruck Hilfe mit Kartoffeln." sagt er mit einem ., Bin in Küche zu Wie dieses armselige Wrack von einem Menschen viel helfen kann, ist mir zwar im Augenblick nicht klar, aber die Hauptsache ist für mich, daß er keine ansteckende Krankheit hat. Mit zwei anderen Menschen, die wirklich krank sind, die womöglich Ruhr oder Typhus haben. nackt oder fast nackt unter einer dünnen Decke auf einem zerfetzten Strohsack liegen! Es ist mir sofort klar, daß das Leben dann nur noch nach Tagen gezählt wird. Aber habe ich denn überhaupt noch die Widerstandskraft, hier wieder herauszukommen? Diese Menschen hier sind fast alle vom Tode gezeichnet. Während ich einen flehenden Hilferuf an den Lenker aller Geschicke sende, dessen Gebot ich mich unterstelle, fühle ich, daß meine Lebenskraft noch nicht erschöpft ist. Der kleine. dicke Doktor mit den freundlichen Augen und dem zuckenden Gesicht ist ein Mensch, zu dem ich Vertrauen haben kann, und ich bin zunächst einmal der sadistischen Quälerei des Webereikapos und der sinnlosen Mordlust des Stubenältesten in Block 21 entronnen Plötzlich erfaßt mich eine jähe Angst! دو , Wer ist Blockältester?" frage ich Alex. ,, Erwin! Ist Kommunist. Serr gutt..." ,, Wieso, ein guter Grüner?" frage ich. ,, Nein, ist Roter..." ,, Und wer ist Stubenältester?" frage ich weiter. ,, Ist kein Stuben ältester... eben,... macht Doktor." 277 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Mir fallen mehrere Steine vom Herzen. Vielleicht war hier doch eine Möglichkeit, am Leben zu bleiben. Aber sollte ich an Wunder glauben? Ich falle in den Schlaf der Erschöpfung, höre noch, wie Alex sich zur Küche schleppt, zu mir sagt, daß er mir etwas mitbringen will. Nachmittags kommt der kleine, freundliche Doktor noch einmal vorbei. Er versichert mir bedauernd, daß die Lebensmittelrationen hier die gleichen sind wie im Hauptlager. Aber dann steht plötzlich Horst vor mir. Im Halbschlaf hatte es mich beschäftigt, wie ich ihn erreichen könnte. Er faßt mich unter den Arm und nimmt mich mit in das Zimmer des Dr. T. in der Revierbaracke. Der ist gar nicht weiter erstaunt, daß wir so spät am Abend zu ihm kommen. In einer Ecke steht ein Pferdeeimer mit Suppe, mit einem Lumpen zugedeckt, und ein kleines Päckchen Margarine und Marmelade, einige Scheiben Brot. Na‘, sagt Horst,„bisher ist es programmäßig gegangen, und jetzt werden wir Dich schon irgendwie hochkriegen.“ Ich sitze wie benommen auf einem kleinen Hocker. „Ich weiß nicht, wie ich Dir das danken soll, Horst.“ „Wir können nicht allen helfen, leider‘, antwortet dieser. „Der letzte Akt der Katastrophe hat begonnen. Die Engländer und die Amerikaner sind mit ihren Armeen über den Rhein gesetzt und die Russen über die Oder. Sie stehen unmittelbar vor Berlin. Aus den aufgelösten KZs im Osten und Norden treffen täglich immer noch Tausende von Menschen hier ein. Ein unsinniger Befehl jagt den anderen. Alle enthalten 278 a a, INFERNO war Aber wie mir eine, chert die chlaf nnte. n das gar ihm uppe, chen ngen, egen." " dieser. Die rmeen Oder. treffen er ein. halten sie nur das eine Wort: Vernichten. Das heißt Morden. Mord durch Hunger, Mord durch Gas, auf jede Weise. Denn die Parole vom Tausendjährigen Reich' lautet heute ein bißchen anders. Jetzt heißt es: Wenn der Nazistaat untergeht, werden vorher alle seine politischen Gegner vernichtet! Aber", fährt er fort ,,, leicht sollen sie es mit uns nicht haben. Wir werden unsere Organisation verstärken und werden losschlagen, bevor sie uns töten." Er sagt es mit einer kalten Schärfe, die keinen Zweifel über seine letzte Entschlossenheit läßt. Aber ich höre diese ganzen Erklärungen und höre sie nicht. In mir schwingt nur der eine Satz: ,, Es ist ein Wunder geschehen, ein wirkliches, wahrhaftiges Wunder." Als der Eimer leer ist, steht Horst auf. ,, Eins will ich Dir noch sagen. Du hast die Verpflichtung, alles daranzusetzen, rasch wieder zu Kräften zu kommen, soweit es hier möglich ist, damit Du bei uns mitarbeiten kannst. Aber vergiß nicht, daß Du vorsichtig sein mußt! Kein einziges, unvorsichtiges Wort! Du darfst nichts selbständig unternehmen, weil Du sonst alles gefährdest. Deine Anweisungen bekommst Du durch Erwin, der hier die Leitung hat. Ich werde sehen, daß ich die nächste Zeit weiter Dir etwas Zusatz zum Essen besorge.- Also halte den Kopf oben!" sagt er freundlich. Ich kann es immer noch nicht ganz fassen. Horst spricht so, als wenn ich dem Hungertod, der hier täglich Hunderte von Opfern fordert, entrissen bin. Wie aber, wenn ich nun wirklich zu Kräften komme und wieder ins 279 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Hauptlager zurück muß? Dann ist ja alles wieder wie vorher. Das Würfelspiel mit dem Tod begänne von neuem. Aber der kleine Doktor scheint meine Gedanken zu erraten. ,, Wenn Du wieder etwas besser wirst, bleibst Du halt bei uns", sagt er ,,, das machen wir schon. Außerdem erwartet keiner, daß hier jemand lebend herauskommt! Aber sag, was hältst Du davon?" Er springt nervös auf und läuft hin und her. Er geht in das nebenan liegende. Untersuchungszimmer und schaut auf den Korridor. hinaus. Dann kommt er wieder. ,, Glaubst Du, daß es überhaupt möglich ist, daß wir es schaffen? Daß wir überhaupt am Leben bleiben können? Wir haben keine Arzneien, kein Verbandmaterial! Die Epidemien nehmen jeden Tag zu. Neben den Baracken liegen stinkende Leichenhaufen, und die Bauern kommen nur zweimal in der Woche, um sie in das Krematorium oder in das neue Massengrab zu fahren. Und sie tun es nur, weil sie dazu gezwungen werden. Sie werden besonders auf Geheimhaltung verpflichtet! Außerdem haben sie noch Angst, weil sie fürchten, daß sonst die ganze Gegend durch Epidemien ausstirbt." Aber mich hat die Hoffnung gepackt und schüttelt mich. berauscht mich, daß ich fast die ruhige Überlegung ver.liere. ,, Hoffnung und Wille im Namen Gottes sind stärker als der Tod", antworte ich. Der Doktor bleibt betroffen stehen und schaut mich an. ,, Ich bin Halbjude aus Preßburg", sagt er plötzlich. 280 " We ,, Nei das Reic Dum Aul die ist e Er s euro wir nem in Z lebe geha meir ein Frie Er s raus scha zuck Es zum mich trau Abe Scha heit TIluv: INFERNO „Weißt Du das?“ „Nein“, sage ich erstaunt.„Außerdem interessiert mich das nicht. Ich halte den Antisemitismus des Dritten Reiches nicht nur für ein Verbrechen, sondern für eine Dummheit, um mit Talleyrand zu reden.“ „Außerdem“, ergänzt Dr. T.,„Antisemitismus schwächt die Moral des Volkes! Und eine Schwächung der Moral ist eine grundsätzliche Schwächung des Staates!“ Er sinnt einen Augenblick ‚Aber das sind für einen europäischen Menschen Selbstverständlichkeiten! Reden wir von etwas anderem.- Wenn ich erst wieder in mei- nem Sanatorium sitze, werde ich alles anders machen in Zukunft! Man weiß ja jetzt erst, was es heißt, zu leben! Ich weiß jetzt erst, was ich an meiner Frau gehabt habe. Ich habe bisher alles falsch gemacht! Alle meine Kleider falsch getragen! Für mich gibt es nur noch ein Ziel- für den Frieden zu arbeiten, den wirklichen Frieden, bei dem solche Greuel wie hier unmöglich sind.“ Er sieht erschreckt auf die Uhr an der Wand.„Du mußt raus, es fällt sonst auf.“ Er öffnet mir selbst die Tür und schaut auf den Gang, während seine Augen nervös zucken. „Es wird halt schon werden mit Dir“, sagt er begütigend zum Abschied und schlägt mir auf die Schulter. Ich taste mich zurück zu meinem Bett und falle sofort in schweren, traumlosen Schlaf.- Aber am nächsten Morgen sitzen alle die traurigen Schatten wieder an meinem Bett, Tod, Hunger, Krank- heit. Aber nicht mehr mit der frechen, fordernden 281 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Siegesgewißheit, sie sind gleichsam farbloser geworden. Doch in den kommenden Nächten schrecken mich ihre höhnischen Fratzen, daß ich aus dem Schlaf auffahre. Da ist jetzt ein Maß von Todesangst und wildem, ver- zweifeltem Lebenswillen in mir erreicht, das keiner Steigerung mehr fähig ist. Ich fühle, daß ich am aller- letzten Rand des Abgrundes stehe, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Noch steht das Tor des Todes weit offen, und ich sehe täglich Hunderte hindurchgehen, meist in dumpfem, hoffnungslosem Dahinsinken, wäh- rend im Hauptlager der organisierte, freche Mord, sich täglich verstärkend, herrscht. Dabei stehe ich selbst unter einer weiteren Drohung, welche durch das harte Erleben der vergangenen Wochen fast aus meinem Bewußtsein entschwunden war. Noch hängt die Drohung des gegen mich verhängten Todesurteils über mir, dessen Vollstreckung ja nur aus- gesetzt wurde! Jetzt, wo ich wieder etwas zu Kräften komme, legt sich dieser Gedanke lähmend auf meinen wieder erwachten Lebenswillen. Erwin habe ich einige Male gesehen. Aber er hat mich nicht weiter beachtet. Ich treffe ihn manchmal auch abends bei Professor Dr. T. Erwin ist mittelgroß und hager, mit scharfgeschnittenem Gesicht. Ein Mann, der keinen Widerspruch duldet und dem alles bedingungslos gehorcht, mit einem mürrischen, fast finsteren Gesichts- ausdruck. Unerschütterlich ruhig ist er, mit einem Ge- präge verhaltener Spannung, SO daß die Menschen ihm aus dem Wege gehen, fast Angst vor ihm zu haben 282 Sch gek Es mu bei we) stri fas son gar un rden. ı ihre fahre. , ver- xeiner aller- ; kein ; weit gehen, wäh- 1, sich INFERNO scheinen. Aber das Rätsel seiner Persönlichkeit habe ich erst später erkannt, als mir hinter der äußeren Maske seines Wesens seine stete Hilfsbereitschaft und Kamerad- schaft klar geworden ist, und er mich seines Vertrauens für wert befunden hatte. Überhaupt lerne ich mehrere Kommunisten im Lager kennen, die zu meinen besten Kameraden werden. Erwins schwieriger, verschlossener Charakter macht es schwer, zum Kern seines Wesens durchzudringen. Und das ist hier in unserer Lage vielleicht gut und notwen- dig. Denn die Untergrundbewegung stellt hier eine Macht dar, die einzige Macht, die sich dem uneinge- schränkten Todesterror gegenüberzustellen wagt. Letztes Bekenntnis zu Wollen und Handeln in einer aussichtslos scheinenden Lage.- Schon nach einer Woche bin ich, dank Horst, soweit gekräftigt, daß ich zu Arbeiten mit herangezogen werde. Es ist eine schauerliche Arbeit, die ich machen muß. Ich muß die Leichen der Verstorbenen aufladen helfen und bei ihrem Abtransport mitarbeiten. Wieder ist es so, als wenn die Wirklichkeit durch eine hohngrinsende Ver- strickung Lügen strafe, was mir das geistige Auge an Hoffnung verspricht. In den Nächten ist es noch kühl, fast friert es. Aber bei Tage scheint eine warme März- sonne, und irgendwo fängt schon Gras an zu sprießen Es ist das einzige Grün, das man hier sieht. Denn im ganzen Lagerbereich gibt es keine Blume, keinen Baum und keinen Strauch. Im. täglichen Ablauf der Dinge, in dem meine Kräfte 283 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN langsam zurückkehren, steigert sich die Gewalt des Todes weiter im Wettlauf mit dem Leben. Ebenso wie meine Fähigkeit allmählich wiederkehrt, die Dinge zu erkennen und zu beurteilen. Ich habe nie gewußt, daß man Menschen auf so viele verschiedene Arten zu Tode bringen kann, aber die gemeinsten lerne ich erst jetzt kennen. Ebenso wie ich jetzt erst sehe, wozu Menschen in der Gier nach Gold fähig sind. Menschen, in denen die Flamme Gottes nicht mehr brennt; Menschen, die nur noch Bestien unter ihren Trieben sind. Das systematische Morden hatte ich kennengelernt. Von dem systematischen Stehlen hatte ich einen Begriff bekommen. Nun lerne ich eine neue Form der Plünderung kennen, die Leichenschändung. Ich werde den Anblick nie ver- gessen, wie gefühllose, mit Gummihandschuhen be- wehrte Hände mit Brecheisen und Zangen den zurück- gefallenen Köpfen nackter Leichen die Kiefer ausein- anderbrechen, während ein Wächter scharf kontrolliert, wenn sie mit der Zange die Goldkronen herausreißen, und mit welcher Fingerfertigkeit sie dabei in Stiefeln und an anderen Stellen gestohlene Stücke verschwinden lassen, wenn die SS-Wache nicht scharf genug aufpaßt! Mich ekelt es so, daß ich den ganzen Tag nichts essen kann.- Leichen türmen sich neben den Krankenbaracken, sie türmen sich vor dem Krematorium, wie anklagend stehen erstarrte Arme und Beine gegen den Himmel gestreckt, abends schaurige Silhouetten bildend. Die 284 siel des Gr: sch em Ne t des so wie ge zu viele er die wie ich Gold s nicht unter tte ich hatte ennen, ie veren bezurückauseinrolliert, reißen, Stiefeln winden ufpaẞt! s essen xen, sie klagend Himmel d. Die INFERNO Vernichtungsmaschine arbeitet nicht schnell genug. Die Bauern, die mit ihren Gespannen nachts jetzt dreimal in der Woche kommen müssen, mit mürrischen Gesichtern die erzwungene Arbeit verrichtend, schaffen den Transport zu dem neuen Massengrab der fünfzehntausend nicht. Die Seuchenkatastrophe wird täglich drohender. Das Leben wird zu einem Zustand der Unwirklichkeit. Man kann die Dinge nicht mehr fassen, die man täglich sieht. Der menschliche Geist kann von allen Regungen des Gefühls nur eine gewisse Menge ertragen, auch vom Grauen. Und wenn diese Grenze überschritten ist, scheint er nichts mehr zu empfinden, denn wenn er mehr empfinden muß, wird der Geist umnachtet. Neue Judenkommandos aus dem Osten treffen ein, wenige leben länger als vierzehn Tage. Wenn sie nicht schnell genug an Entkräftung sterben, beschleunigt die Lagerleitung den Prozeß. Sie sind schon bei ihrer Ankunft kaum mehr fähig zu gehen, müssen täglich vierzehn Stunden im Steinbruch arbeiten und abends einen sechzig Pfund schweren Stein die hundertachtzig steilen Stufen herauf ins Lager schleppen. Himmler soll die Größe dieser Steine selbst bestimmt haben! Wenn dem Wächter der Stein zu klein erscheint oder der Träger sein Mißfallen erregt, bekommt der unter der Last seines Steines stöhnende Gefangene einen Stoß vor die Brust und stürzt mitsamt dem Stein die Steilwand des Steinbruchs hinunter, wo er liegen bleibt,- ob er tot ist, weiß niemand. Oder die betrunkenen Bestien treiben 285 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Teile der Kommandos über die Steilwand in den Steinbruch. Ich fühle, daß ich die Leichentransporte nicht mehr lange aushalten kann. Ich glaube, ich muß den Verstand verlieren, wenn es so fortgeht, wenn ich in meinem geschwächten Zustand weiter den süßlichen Leichengeruch täglich um mich herum habe. Ich gehe zu Dr. T. Ich flehe ihn an, daß er mir eine andere Beschäftigung gibt. Abends kommen Horst und Erwin. Wir besprechen es gemeinsam. Am nächsten Tage bin ich Kartoffelschäler in der Krankenküche! Alex lacht über sein ganzes, treues Gesicht, als er mich kommen sieht. Es fällt mir zum erstenmal auf, daß jemand lacht. Ich habe im KZ nie einen Menschen von Herzen lachen sehen. Aber wenn ich auch schrittweise Boden gewinne auf dem Wege zum Leben, in diesem Vorhof der Hölle wird jeder schon erreichte Zustand sofort wieder in Frage gestellt, mahnt an die stete Vergänglichkeit alles Bestehenden auf dieser Erde. Je mehr ich körperlich wieder zu Kräften komme, desto mehr gelingt es mir, mich aus dem Griff der Angst frei zu machen, in die ich mich zeitweise hysterisch hineingesteigert habe, so daß ich unfähig bin zu vernünftigen Überlegungen. Denn es ist kein Zweifel, mein Gewicht nimmt zu. Ich wiege jetzt schon wieder über 110 Pfund. Ich ertappe mich sogar bei dem Versuch, den furchtbaren Rätseln auf ihren Grund zu gehen, die meine Umwelt in Bann geschlagen haben. Aber alles Geschehen ist noch deut äuße zusa notw Es gehö ist Kra kenn groß offer woh sark imm Ein Deu Süd sens aus Dur Pol nie Kar lose der Ach Es Kre 286 tein- mehr stand m ge- eruch - eine t und Kran- sicht, enmal Men- je auf > wird Frage es Be- h wie- mich , mich e Je baren ‚mwelt D ist je INFERNO noch zu nah! Nur gewisse Erkenntnisse zeichnen sich deutlich ab. Unsere Gespräche mit Dr. T. sind der äußere Anlaß dazu, denn wir kommen jetzt öfter abends zusammen, um unsere Ansichten über die Lage und die notwendigen Maßnahmen zu besprechen. Es ist ein sehr gemischter, kleiner Kreis, der dazu gehört. Der ewig aufgeregte, ewig ängstliche Doktor T. ist der gegebene Sammelpunkt. Der zweite Arzt der Krankenabteilung, Dr. G., den ich inzwischen auch näher kennengelernt habe, ist sein genaues Gegenteil. Ein großer, sportgestählter Engländer, mit glattrasiertem, offenem Gesicht, selbstbeherrscht bis zur Steifheit. Ob- wohl ungeheuer verbittert, bricht sein Sinn für einen sarkastischen Humor selbst am Rande dieses Abgrundes immer wieder durch. Ein besonders tragisches Beispiel eines Ausländers, der Deutschland zu seiner Wahlheimat gemacht hatte. Aus Südafrika stammend, fühlte er sich zur deutschen Wis- senschaft besonders hingezogen. Er blieb nach Kriegs- ausbruch an einem Hamburger Krankenhaus tätig. Durch eine geschäftstüchtige Berufsdenunziantin bei der Polizei angezeigt, ist er seit drei Jahren im KZ inter- niert. Gemeinsam mit Dr. T nimmt er unermüdlich den Kampf gegen Krankheit und Not unter den hoffnungs- losesten Voraussetzungen auf, so daß ihre Haltung selbst der Lagerleitung und den Grünen eine widerwillige Achtung abzwingt. Es wird mir immer stärker zum Bedürfnis, in diesem Kreise die täglichen Erlebnisse zu besprechen. Sie 287 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN geistig abzuladen, um mich innerlich zu befreien. Es mag mit dem verhältnismäßig ruhigen Platz zusammenhängen, auf den ich gekommen bin. Auch Horst kommt öfters und Erwin. Der Nachrichtendienst arbeitet trotz aller Strafen besser denn je, und die Organisation der Untergrundbewegung macht langsam Fortschritte. Ihr Mut in der Gefahr, in der sie arbeitet, nötigt mir täglich größere Bewunderung ab. Jetzt ist es sogar schon gelungen, einzelne Waffen zu beschaffen und zu verstecken. An der starken Zunahme der Fliegerangriffe aus dem Süden spüren wir das erste Anzeichen des Näherkommens der Front. Oft hört das Brummen der silbern glitzernden Maschinen hoch im blauen Firmament den ganzen Tag nicht auf und setzt sich während vieler Stunden der Nacht fort. Amerikanische Tiefflieger brausen immer häufiger über das Lager. Aber nie ist eine Bombe auf unser Gebiet gefallen, und niemand fürchtet die Flieger. Mit dem zunehmenden Strom der Häftlinge kommen jetzt auch Flüchtlinge. Volksdeutsche aus den Ostgebieten, Männer, Frauen und Kinder, die in großen Zeltlagern außerhalb des KZ untergebracht werden. Eine unverständliche Maßnahme, welche die vorhandenen Ernährungs- und Wasserschwierigkeiten weiter größert. verIn diesen Tagen bekomme ich einen neuen, furchtbaren Schock. In den letzten Märztagen, als ich morgens mit dem Krankenbericht zum Hauptlager hinaufgehen muß, liege Leic sich nebe Hors ist, seit Als er n etwa Kra Lag wür men an war Gra in Rau End Bet wie wa etw No unt mo Frü wu 288 19 Es mag mmenichtenund die angsam rbeitet, Ezt ist es fen und us dem merkomsilbern ent den vieler er brauist eine fürchtet kommen Ostgebieen Zelten. Eine andenen er verchtbaren gens mit en muß, INFERNO liegen vor dem Krematorium Hunderte von nackten Leichen. Einige haben wohl noch etwas Leben, scheinen sich zu bewegen. Sie werden von einer Häftlingskolonne neben dem Krematorium aufgeschichtet. Ich erfahre von Horst, daß es der Rest von einem auswärtigen Transport ist, der nach der Räumung des Lagers in Sachsenhausen seit Wochen hierher unterwegs war. Als ich mit Horst einen Augenblick allein bin, erzählt er mir nähere Einzelheiten. Bei diesem Transport, der etwa zweitausend Mann umfaßte, befanden sich viele Kranke. Dreihundertelf der Schwächsten, von denen die Lagerleitung annahm, daß sie nicht am Leben bleiben würden, wurden ausgewählt. Auf den Befehl des entmenschten Kommandanten hin wurden sie nachmittags an die Wand des Jourhauses gestellt. Dort mußten sie warten. Nachts sank das Thermometer weit unter Null Grad. Nach vielen Stunden ließ man die Unglücklichen in den Duschraum. Während sie sich in den warmen Raum drängten, in der Hoffnung, daß nun ihre Not zu Ende sei, wurden die Duschen mit eiskaltem Wasser in Betrieb gesetzt und die fast erstarrten Menschen dann wieder ins Freie getrieben, wo sie weiter unter Bewachung stehen mußten. Um 1 Uhr nachts waren bereits etwa achtzig gestorben. Dann setzte ein Schneesturm ein Noch viermal wurden die Unglücklichen in der Nacht unter die kalten Duschen getrieben. Etwa fünfzig waren morgens noch am Leben. Sie wurden um 5 Uhr in der Frühe von Wachen erschlagen. Nur ein paar Menschen wurden gleich zu Anfang aus der Masse durch einen 19 289 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Wächter abgesondert, der ein ‚Auge zudrückte und da- durch ihr Leben rettete. Ich spüre ein ekelhaftes Würgen im Halse und muß mich anlehnen, weil mir schlecht wird. „Es ist unfaßbar, daß so etwas unter Menschen ge- schieht“, murmele ich.„Was heißt unfaßbar?“ sagt Horst, ‚hier ist nichts unfaßbar.“ Als ich am Nachmittag die Listen wieder abhole, tönt mir von weitem fröhliche Jazzmusik entgegen. Die internationale Häftlingskapelle spielt auf Befehl der Lagerleitung auf dem Appellplatz neben den Leichen- haufen, über die einige Bretter gelegt sind; neben dem Krematorium stehen in schwarzen Uniformen die Wäch- ter, Zigaretten rauchend, und machen ihre unflätigen Witze. Diese und ähnliche schaurige Szenen, die ich in jener Zeit öfters erleben muß, graben sich unvergeßlich in mein Hirn ein, verfolgen mich nachts als Angstträume, so daß ich schreiend auffahre, in Schweiß gebadet. Sie sind mir zum schaurigsten Symbol geworden, bis zu welchem Grade gottlose Menschen abstumpfen können. Horst hat recht- hier ist nichts unfaßbar. Als wir abends zusammensitzen, spreche ich mit den beiden Ärzten über das Ergebnis dieses Tages. Auch Horst kommt später für kurze Zeit dazu. „Was sagst Du denn dazu?“ wende ich mich aufgebracht an Doktor T.„Bei so etwas muß doch jeder Arzt ein- schreiten und diese gewissen Ärzte, die hierfür verant- wortlich sind, sind doch schließlich auch Ärzte! Es ist 290 We dal die Eh die INFERNO nd daB mich en gesagt le, tönt n. Die ehl der eichenen dem Wächflätigen n jener Blich in träume, det. Sie bis zu können. mit den 5. Auch gebracht Arzt einverant! Es ist doch noch was anderes, wenn der Staat politische Gegner vernichtet. Aber das ist doch der viehischste Mord, den man sich denken kann! Wehrlose Menschen auf diese Weise zu Tode zu bringen!" Doktor G. sitzt mit seinem undurchdringlichen Gesicht dabei. Schließlich sagt Dr. T.:,,Du weißt ja nicht, was diese Kategorie Ärzte sonst noch fertigbringen. Der Ehrenname Arzt oder Doktor ist viel zu schade, mit diesen gefühllosen Knechten Himmlers in einem Atemzug genannt zu werden. Es gehört ein ganz bestimmter, verworfener Menschentyp dazu, der sich zu diesen Dingen hergibt. Und so wie sich der Begriff des christlichen Menschen mit dem gottlosen Zweckbegriff unwürdiger, geistiger Knechtung nicht vereinigen läßt, wie ihn die Hitler- Lehre entwickelt hat, so kann man auch den Begriff des christlichen Arztes als Helfer und Linderer der Not, diesen Inbegriff hoher, menschlicher Werte nicht zusammen nennen mit diesen charakterlich verkommenen Menschen, die sich persönlichem Ehrgeiz den Lehren des Hitlerstaates unterworfen haben und damit die Verbindung zwischen sich und dem Arztbegriff der christlichen Kultur abgebrochen haben. Auch hier stehen sich die beiden Welten wie Feuer und Wasser gegenüber", fährt er nach kurzem Überlegen scharfsinnig und überzeugend fort. ,, Die Begriffe des Arztes und des Geistlichen sind untrennbar mit dem Begriff des Christentums verbunden als die Helfer und Berater des Menschen für Körper und Seele auf ihrer Erdenwanderung. Beiden ist ihr aus 19* 291 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Beruf höchste Verpflichtung und höchste Verantwortung vor Gott. Beide erhalten ihre letzten und höchsten Ge- bote von Gott, und ihre Unterordnung unter den Staat kann nur den Sinn der Unterordnung unter eine gott- gewollte Obrigkeit sein. Was ist denn der Inbegriff ihrer inneren Haltung, ihrer Einstellung zu den menschlichen Problemen? Es ist die Achtung vor der Majestät des Menschen als Ebenbild Gottes, es ist die Achtung vor der Majestät des Lebens und vor der Majestät des Todes. Es ist nicht nur Gesetz in allen Kulturstaaten, es ist eine gewohnte Selbstver- ständlichkeit, daß der Arzt und der Geistliche dem Men- schen in der Stunde der Todesnot zur Seite stehen. Selbst bei Hinrichtungen und Erschießungen muß nach noch heute gültigem Gesetz ein Arzt und ein Geistlicher zu- gegen sein.“- Doktor G. nickt zustimmend mit dem Kopf.„Um es deut- licher zu machen“, sagt er in seinem etwas fremd- ländisch klingenden Akzent:„Das Ideal des christlichen Arztes, wie es in allen Ländern anerkannt wird, ist es, dem einzelnen Menschen verstehend und führend zur Seite zu stehen, nicht nur für die Gesundung des Kör- pers, sondern auch als seelischer Helfer und zugleich Vorbild. Die Achtung vor dem Menschen als Einzelwesen schließt verstärkt die Achtung vor der Frau als Teil der Schöpfung ein, als ewiger Urquell des menschlichen Le- bens, als Hort der Familie, als wertvollste und einfachste Verkörperung der Staatsidee im kleinen, als Grundlage 292 INFERNO tung GeStaat gotthrer t die bild bens esetz tverMenelbst noch r zudeutemdichen st es, zur Körgleich wesen il der n Lechste dlage der christlichen Denkform einer sozialen Ordnung." ,, Ja", fährt Doktor T. fort, und es ist, als ob ein lang verschütteter Quell in seinem Inneren plötzlich aufbricht.- ,, Dieser Staat maßt sich als oberster Gesetzgeber die Bestimmung des menschlichen Schicksals an, und so entsteht diese skrupellose Art schematischer Menschenbehandlung durch alle, die sich in die geistige Knechtschaft dieser Staatsidee gegeben haben. Und das Ergebnis ist die tolle und brutale Vergewaltigung des Einzelmenschen, wie sie diese Art Ärzte vornehmen. Es spricht jeder wissenschaftlichen Methode Hohn, was hier betrieben wird." T. hat sich auf seine impulsive Weise in Eifer geredet und er doziert jetzt wie in einem Hörsaal. All die verhaltene Wut, der brennende Abscheu brechen aus ihm hervor, zeigen den tödlichen Haß, die kalte Verachtung. Zeigen, wie tief er sich in seiner Berufswürde gedemütigt fühlt durch die Vorgänge, die er hier erleben muß. ,, Jeder wirkliche Arzt muß es ablehnen, bei diesen sogenannten Versuchen mitzuwirken, welche der reine Hohn auf die ärztliche Wissenschaft sind; denn das ist ja das Satanische, daß von vornherein klar ist, daß der größte Teil der armen Versuchsopfer sterben muß. Und wenn man feststellen will, am lebenden Menschen prüfen will, wieviel er aushält, bevor er stirbt, so ist das perverser Sadismus." Seine Augen blitzen, sein Gesicht zuckt unaufhörlich. Jeden seiner Sätze unterstreicht er mit kräftiger Handbewegung. 293 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN „Unsere medizinische Wissenschaft arbeitete selbst mit Meerschweinchen und weißen Mäusen vorsichtiger und verantwortungsbewußter, als diese Art Ärzte mit leben- den, gesunden Menschen es getan haben. Was ist es anders als pervers, wenn man Frauen gegen ihren Willen künstlich befruchtet, abgesehen von den gesundheit- lichen Gefahren, die für die Frauen damit verbunden sind. Wenn man Männer auf 28 Grad unterkühlt und erfrieren läßt und sie dann neben nackte Frauen legt, um festzustellen, wann sie wieder reagieren. Wenn man gesunden Menschen Injektionen gibt, um zu messen, ob und wie schnell sie daran sterben. Wenn man alle Stadien des Hungers künstlich herstellt, um festzustellen, wann der Mensch sich noch erholen kann, statt zu ster- ben. Wenn man Menschen mit den furchtbarsten Seuchen künstlich krank werden läßt, um die Abwehrkräfte des Körpers zu messen und mit Heilserum zu experimentie- ren, dessen Wirkung man auf andere Weise und nicht einmal an Tieren festgestellt hat. Wenn sadistische Schurken sich Ärztekittel anziehen und an gesunden Menschen herumschneiden dürfen. die daran sterben, angeblich aus medizinischem Interesse! Hierfür gibt es keine wissenschaftlichen Gründe, keine Entschuldigung, nicht einmal eine Erklärung.“ Nach einer kleinen Pause fährt Doktor G. vervollstän- digend fort:„Wenn man diese Einstellung zum Menschen hat, wundert es Dich dann noch, wenn diese Ärzte es nicht für notwendig halten, geschweige denn für ihre Pflicht ansehen, den Tod der Menschen hier festzustellen, 294 bev den und freı ang lich troi lich nas To vol ras Ich vä INFERNO I mit und ebenst es Villen heitnden und t, um man n, ob alle ellen, sterchen e des entienicht ische unden erben, bt es gung, stänschen te es ihre ellen, bevor sie verbrannt oder ins Massengrab geworfen werden, der Menschen, die man in den Steinbruch gejagt hat und die weiter nichts verbrochen haben, als daß sie einer fremden Rasse oder einer anderen politischen Richtung angehören? Ist diese Einstellung dann noch verwunderlich? Ist es verwunderlich, daß diese Ärzte- Kategorie trotz schärfstem Einspruch der Kirchen und der wirklichen Ärzte christlicher Prägung einen neuen Euthanasie- Begriff geschaffen hatten, den Begriff des gütigen Todes, den sie als Vorwand benutzten, um geistig nicht vollwertige Menschen aus angeblichem staats- und rassischem Interesse unschuldig zu ermorden?" Ich muß an unseren alten Hausarzt denken, der ein väterlicher Freund der Familie gewesen ist. Ich muß an Doktor S. denken, der in T. mein geistiger Berater war, als ich dort mit zerschmetterter Schulter lag, in der Zeit, wo mir zum erstenmal ein Begriff für das Unmoralische und Verwerfliche dieser Staatsführung und der Parteiherrschaft zur Gewißheit geworden war. Damals entstand zwischen Dr. S. und mir, obwohl ich ihn vorher nicht gekannt hatte, ein solches menschliches Vertrauensverhältnis, daß ich sogar mit meinen politischen Sorgen zu ihm kommen durfte, so wie wir heute zusammen sprechen. Er ging in seiner vertrauensvollen Offenheit so weit, daß sich durch sein Verständnis und seine eigene politische Haltung erst meine Ansichten bis zu einer klaren Überzeugung festigten. Er deckte mich ohne Rücksicht auf seine Person, sonst hätte ich schon damals vor dem gleichen Schicksal gestanden, wie 295 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN es sich später in Minsk an mir vollzog. Aber damals hatte ich von den Zuständen in einem KZ-Lager noch nichts gewußt und auch nichts von dieser Art Ärzte, so wie es ja leider die meisten Menschen auch heute in Deutschland noch nicht wußten. „Ich habe früher solche Ärzte nicht kennengelernt“, führe ich das Gespräch weiter. „Ich auch nicht“, sagt Dr. G. in seiner ironischen, etwas trockenen Art. Ich bin froh, in Deutschland gearbeitet und gesehen zu haben, daß doch die deutschen Ärzte ihre Aufgabe anders auffassen wie diese Kategorie Ärzte. Hoffentlich verschwindet diese Sorte Ärzte mit dem Nazi-Staat endgültig von dieser Erde, damit die deutsche ärztliche Wissenschaft wieder das wird, was sie früher war.“ „Es ist wirklich fabelhaft, Doktor, daß Du diese Einstel- lung hast nach allem, was Du hier in Deutschland erleben mußtest“, sage ich und gebe unser aller Achtung für Dr. G.s Standpunkt Ausdruck. Dr. G. schüttelt leicht den Kopf. „Das hier ist nicht das Deutschland, das ich kenne, die innere Einstellung ist für alles im Leben entscheidend.“ Horst erscheint in der Tür. Er ist erstaunt über die schweigende Runde. „Wir sprachen über die Bestialität mit den Männern letzte Nacht“, erklärt T.„Aber das ist ja nichts Neues für Dich Erzähle lieber, was Du Neues weißt.“ „Ich weiß sehr viel Neues“, antwortet Horst gedehnt. „Ein Teil des Krankenlagers wird aufgelöst, die Kranken 296 INFERNO amals noch Ärzte, ute in ernt", etwas beitet Ärzte egorie e mit it die as sie instelchland htung leicht e, die dend." er die innern Neues dehnt anken " auf die übrigen Baracken und die Nebenlager verteilt. In die freigewordenen Räume werden neuankommende weibliche Häftlinge gelegt." ,, Ja, aber wie ist es mit den Epidemien? Dem Typhus? Wo wir doch nichts an Medizinen haben? Das ist doch sinnlos und höchst gefährlich!" ereifert sich Dr. T. , Was hat denn hier überhaupt noch einen Sinn?" fragt Horst achselzuckend zurück. ,, Aber das Tollste wißt Ihr noch gar nicht! Das Bordell wird aufgelöst, und die Bordellweiber werden als Aufseherinnen auf das neue Frauenlager verteilt." ,, Pfui Teufel", sagt T. ,, Aber es ist doch schön, wie das Bild sich rundet, wie alles so schön zusammenpaẞt. Jetzt noch die Henkershuren als Aufsichtspersonal für anständige Frauen! Ja, für Abwechslung wird gesorgt!"- Damit trennen wir uns. Wirklich, für Abwechslung wird hier gesorgt. Teuflische. bestialische Abwechslung inmitten von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit auf der Grenze zwischen Tod und Leben. Welche abgrundtiefe, neue Bestialität mit diesem Räumungsbefehl im Krankenlager aber verbunden ist, erfahre ich erst nach einigen Tagen. Die Kranken werden angeblich zum Duschen geführt und statt heißem Wasser strömt Gas. Das Krematorium schafft täglich dreihundert, zweitausend Tote in sieben Tagen, um Baracken frei zu machen! - Als ich die wirkliche Wahrheit erfahre, muß ich mich hinsetzen, meine Nerven versagen. Wäre der Befehl vor 297 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN vierzehn Tagen gekommen, als ich selbst als Kranker dort lag- ich wage nicht weiterzudenken. Wieder ist der Tod nah an mir vorbeigegangen. Noch nie ist mir das Töten als Prinzip ohne Gerichtsurteil, der organisierte Massenmord, so klar ins Bewußtsein gedrungen wie heute. Es war wie ein Blitzschlag aus klarem Himmel. Nur die Prominenten unter den Gefangenen, welche auch ein besseres Revier mit einer besseren Ausrüstung an Arzneimitteln haben, sind von der Vergasung ausge- nommen. Auch das ist kennzeichnend für die feige Heuchelei der führenden Stellen. Diese Prominenten lerne ich erst allmählich von Ansehen kennen. Viele ungarische Diplomaten, ein holländischer Wirtschaftler, ein französischer Militärattache, ein rus- sischer General, ein polnischer. Graf, ein früherer Wirt- schaftsminister Belgiens, ein hoher katholischer Würden- träger. Wirklich eine vornehme Umgebung! Es gelingt dem Schweizer und dem Internationalen Roten Kreuz Ende März, einen großen Teil dieser Men- schen, deren Namen im Ausland bekannt sind, mit einer Omnibuskolonne aus dem Lager abzuholen. So groß ist doch schon die Angst der führenden Kreise, daß sie den Forderungen des Internationalen Roten Kreuzes nach- geben. Das Morden geht weiter. Allmählich rückt die Gefahr, von deren Bestehen wir schon lange wissen, immer mehr in greifbare Nähe Schon zweimal ist der Befehl gekommen, daß das ganze 298 INFERNO Lager mit sämtlichen Lagerinsassen vernichtet werden soll. Die Gefahr einer Mordorgie in einem Umfang zeichnet sich immer deutlicher ab, gegen die alles bis- herige verblaßt. Diese Vernichtungsdrohung steht zwei Monate über dem Lager Die Untergrundbewegung gibt genaue Anweisungen aus. Wenn die politischen Häftlinge abtransportiert werden, sollen sie die Wachen über- rumpeln. Eine Tat letzter Verzweiflung, aber immer noch besser, als sich wehrlos abschlachten zu lassen Denn es steht fest, daß jeder Abtransport aus dem Lager ein Todeskommando ist Aber die Lagerleitung hat aus irgendwelchen eigensüch- tigen Ideen heraus Bedenken. Sie erklärt, daß sie nicht imstande ist, den Befehl zur Verlegung des ganzen Lagers in die Nähe von Salzburg mit der vorhandenen Bewachungsstärke durchzuführen, und gerade dieser Befehl soll als Vorwand für die Vernichtung aller Lager- insassen dienen. Die Möglichkeit von kleinen Trans- porten, welche für die Opfer genau so gefährlich sind, bleibt bestehen. Die Tage vergehen voller Aufregung und Unruhe. Täg- lich rennen mehr Häftlinge bei Nacht in den Hoch- spannungszaun. Menschen, deren Nerven versagen, Menschen, die seelisch am Ende sind, welche die drohende Nachbarschaft von Mord und Tod nicht mehr ertragen können, die an der Grenze des Wahnsinns ange- langt sind. Das Durcheinander im Lager wächst. An einem der nächsten Abende sitzen wir wieder zu- “sammen. Unsere brennenden Gedanken kreisen unauf- 299 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN hörlich um die Unsicherheit der Tagesprobleme. In solchen Lagen wie in der jetzigen ist die Lagerleitung zu allem fähig. Aber eine Lösung läßt sich nicht erzwingen Die Unsicherheit steht als großes Fragezeichen am Wege unseres täglichen Lebens. und unter ihrem Druck ent- stehen lange Gespräche, nur um den Geist abzulenken, ihn von der lähmenden Drohung für kurze Zeit zu be- freien, die unablässig in stets wechselnder Form über uns hängt. Aber unbewußt münden alle Gedanken in der Zukunft aus, einer friedlichen Zukunft, welcher unsere tiefste Sehnsucht gilt. „Wenn wir erst Frieden haben“, sagt T., und sein ewig unruhiges, weichliches Gesicht erstrahlt im Widerschein versonnener Verklärtheit. „Ich werde auf dem Balkone sitzen in einem Korbstuhl und werde nichts tun, als den Sonnenuntergang bewun- dern Denn ich weiß jetzt erst, was ein friedlicher Sonnenuntergang in der gesicherten Existenz einer Familie bedeutet. Und ich werde nie wieder einen Sei- tensprung machen.“ Er sagt es mit einem scheinheiligen Augenaufschlag, der uns ein Lächeln abzwingt Ein Muster an männlicher Schönheit ist der gute Dr. T. wirk- lich nicht! „Wie stellst Du Dir überhaupt einen Frieden in der jetzigen Gesellschaftsordnung vor?“ fragt Erwin etwas ironisch. „Frieden ist für mich nicht so sehr ein politisches Problem der Völker als ein psychologisches Problem aller Menschen“, antwortet Dr. T.„Wir stehen ja alle 300 no er\ sin sch INFERNO e. In ng zu ngen Wege = entnken, zu beüber en in elcher ewig schein ostuhl ewunlicher einer n Seieiligen t Ein wirkin der etwas tisches coblem ja alle noch seelisch unter dem Eindruck des Krieges Der Krieg erweckt die Masseninstinkte und macht unbewußte Kräfte frei, die dem normalen Menschen völlig fremd sind. Das Problem ist also, den höheren, bewußten, aber schwächeren Kräften des Verstandes über die niedrigeren, unbewußten, aber gewaltig starken Kräfte der Gewalt und der Angriffslust zum Siege zu verhelfen. Die in allen Völkern in dem Zustand vor Beginn eines Krieges entstehende Angriffslust bedeutet das Sichtbarwerden und an die Oberflächekommen von Tendenzen der Kampflust und des Willens zum Töten und Vernichten, die im Unterbewußtsein der Menschen von früher her vorhanden sind. Sie sind im friedlichen Leben zurückgedrängt und unwirksam. Wenn jeder Mensch vernünftig und ruhig nachdächte und in der Lage wäre, seine Meinung wirksam zu äußern, würde es in keinem Lande zu einem Krieg kommen, denn alle vernünftigen Menschen sind im Grunde ihres Herzens Anhänger des Friedens, müssen Pazifisten sein aus religiösen und ethischen Gründen, aber auch aus Gründen der praktischen Zweckmäßigkeit. Denn in allen Ländern, die keine Kriege geführt haben, ist sowohl das Gesamtvermögen wie auch der Einzelbesitz viel größer als in den Ländern, die vom Kriege heimgesucht wurden." Dr. G. nickt zustimmend. ,, Das ist ja eben die Tragödie in der Geschichte der Menschheit, daß der Durchschnittsmensch, welcher nicht zur Staatsführung gehört und ihre Pläne nicht kennt, das glauben muß, was diese Staatsführung offiziell er301 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN klärt. Seine einzige Sicherung bestände in der Möglichkeit, die Maßnahmen der Staatsführung zu kontrollieren und diese offen zu kritisieren, wenn er anderer Ansicht ist. Daher erklärt sich ja auch die erschütternde Unkenntnis der deutschen Menschen, die in diesem totalitären Staat leben, von den wirklichen Zusammenhängen bei der Entstehung des Krieges. Der totalitäre Hitlerstaat hat das Führerprinzip eingeführt, das offiziell Gehorsam nach unten und Verantwortung nach oben verlangt. Der Fehler war, daß das deutsche Volk sich dieses hat gefallen lassen. Es ist ein sehr wirkungsvolles Prinzip, dieses Führerprinzip, aber ein äußerst gefährliches zugleich, denn es gibt bei genauer Befolgung dem Führer des totalitären Staates die Möglichkeit, jede Kontrolle und Kritik an seinen Maßnahmen auszuschalten, und dadurch gibt es ihm eine persönliche Machtfülle von unvorstellbar großem Umfang. Jeder Mensch steht nur vor der Wahl: knechtisch zu gehorchen oder, wenn er in irgend einer Weise opponiert, Freiheit und Leben zu riskieren. Hierdurch wird auch das Gefühl für die persönliche Verantwortung des einzelnen sehr stark vermindert. Man muß diese Faktoren klar erkennen, jeder einzelne muß es bewußt wissen, wie diese in Wahrheit fürchterliche Entwicklung zustandegekommen ist. Erst dadurch wird diesen ganzen Vorgängen ihre Gefährlichkeit genommen, und sie werden ausgeschaltet. Das Erkennen der in einem Volke wirksamen Faktoren ist besonders wichtig, wenn eine Kriegsgefahr besteht." 302 " S te b V W Z n A Π i INFERNO licheren sicht UnOtalingen ingeWordas hrern es tären ik an bt es ellbar Wahl: einer Hiererantzelne chterdurch it geennen nders ,, Ich möchte noch etwas ergänzen, was Du vorhin sagtest", wendet er sich unmittelbar an Dr. T. ,, Es bildet sich dann leicht ein nationalistischer Rauschzustand, und beides, Krieg und nationalistischer Rausch, bringen die vorhin genannten unbewußten Kräfte zur Wirkung, welche der ordnungsgemäßen, geistigen Kontrolle entzogen sind. Es tritt das merkwürdige Bild ein, daß die meisten Menschen der Völker den Krieg nicht wollen. Aber sie haben zu kämpfen, ob sie wollen oder nicht." Da mischt sich Erwin ins Gespräch: ,, Diese Kräfte, von denen Du sprichst, können nur entscheidenden Einfluß gewinnen, weil die heutige Gesellschaftsordnung krank ist. Die Völker der Welt werden erst zur Ruhe kommen, wenn sie alle die kommunistische Gesellschaftsordnung angenommen haben." T. zuckt die Achseln: ,, Welche Gesellschaftsordnung ist nicht krank? Es kommt nach meiner Ansicht in erster Linie auf den Einzelmenschen an. Seine Haltung ist entscheidend, denn er muß Gelegenheit haben, den sozialen Zustand, in dem er leben will, nach seiner Erkenntnis zu formen. Er muß das Gefühl für Verantwortung wiederbekommen, der höchstpersönlichen Verantwortung, und wenn er das nicht hat, nützt ihm keine Gesellschaftsordnung etwas." , Es kommt noch etwas dazu", micht sich Dr. G. ins Gespräch. ,, Was Du eben sagtest, ist die Hauptforderung der demokratischen Denkweise. Aber es müssen außerdem die Hintergründe der totalitären Idee und ihre Gefahren klargelegt und jeder einzelne Mensch mit Ab303 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN scheu von ihnen erfüllt werden. Erst dann wird es möglich sein, der Idee des Friedens zum Siege zu verhelfen." ,, Das ist richtig", fährt Erwin fort. ,, Ein Zeichen für die Krankheit der jetzigen Gesellschaftsordnung ist der Krieg. Je kränker die Gesellschaftsordnung ist, desto mehr Kriege gibt es." ,, Ich bin der gleichen Meinung", sagt Dr. T. Er ist schon wieder in Eifer: ,, Nehmen wir zwei Eheleute. Je erschütternder das Verhältnis zwischen ihnen ist, desto mehr Krach haben sie. Frieden ist mit Krach nicht vereinbar, auch nicht zuhause!" Doktor T. scheint heute alles an dem Problem der Ehe zu messen. Aber auch Doktor G. kommt aus seiner kühlen Zurückhaltung, mit der er anfangs unserem Gespräch folgte, mehr und mehr heraus. ,, Je mehr friedvolle Menschen es gibt", sagt er jetzt, ,, desto mehr wird das Leid, das aus Streit und Krieg. kommt, vermindert. Ja, darüber hinaus wird auch die Zahl der Fälle für Streit und Krieg vermindert werden. Dadurch wird der Friedenswille zu einem psychologischen Problem für jeden verantwortungsbewußten Menschen, wie Du vorhin sagtest. Es wird nie möglich sein auf dieser Erde, die Mächte des Streites und des Krieges ganz zu bannen. Aber die Konflikte müssen ohne Waffen auf der voll bewußten Ebene ethischer und politischer Diskussionen gelöst werden, indem man dem Verstand Gelegenheit gibt, sich einzuschalten." Hors gesta sich der i Länd Aber die schä vora Deut Staa man Krie Men Der des dürf sitze vor Ents Dok statt und deln gran scha Idea sein 304 20 INFERNO d es verr die der desto schon chütmehr nbar, Ehe rückolgte, jetzt, Krieg h die erden. choloFußten öglich d des ohne polidem Horst ist leise gekommen und hat eine Weile an der Tür gestanden. Er sieht blasser aus als sonst. Jetzt setzt er sich zu uns. ,, Ich bin überzeugt", flicht er ein ,,, daß viele der intelligenteren Leute in Deutschland und in anderen Ländern den Weg sahen, auf welchem die Dinge liefen. Aber nur wenigen ist es gegeben, im Leben der Völker die Unausweichbarkeit gewisser Ereignisse richtig einzuschätzen und nach ihnen den Ablauf des Geschehens vorauszusehen. In diesem Falle sahen die Menschen in Deutschland sich selbst in das grausame und furchtbare Staatssystem Hitlers einbezogen. Ich bin überzeugt, daß man die Zahl der Streitfälle, die zur Katastrophe eines Krieges führen, dadurch herabmindern kann, daß die Menschen sich ändern." Der Druck des Tages ist von uns genommen. Die Idee des Friedens hat ihn besiegt, während wir hier in einem dürftigen, engen Raum einer Baracke des KZ- Lagers sitzen, und während jeder von uns in irgend einer Weise vor der letzten Entscheidung des Menschen steht, der Entscheidung zwischen Tod und Leben.- Doktor T. nimmt das Gespräch wieder auf.., Wenn Hitler, statt Haß und Ichsucht zu predigen, statt daß er Gewalt. und Erorberungssucht zum höchsten Gesetz seines Handelns gemacht hat, sich auf sein innerpolitisches Programm von sozialem Ausgleich und Hilfe für die wirtschaftlich Schwachen beschränkt und außenpolitisch das Ideal von Frieden und Versöhnung der Menschen vor sein Gewissen gestellt hätte, glaubt jemand, daß dieses 20 20 305 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Leid, diese Not und dieses Grauen dann auch über uns gekommen wäre?" ,, Das konnte er nicht", antwortet Dr. G. ,, Das konnte er nach seiner Veranlagung nicht. Ich habe Hitlers seelische Veranlagung und seinen Charakter sehr genau studiert. Er ist nach meiner Ansicht ein ganz bestimmter Typ, der deswegen so gefährlich ist, weil nur der Arzt die Struktur seines Geistes erkennen und beurteilen kann. Man müßte ihn als hysterisch und paranoid in einer Person bezeichnen, also fast als eine doppelte Persönlichkeit. Hysterisch ist in diesem Falle als eine Eigenschaft zu verstehen, sich in eine ganz bestimmte Idee oder Aufgabe mit unerhörter Konzentration und einer gewissen Einseitigkeit hineinzusteigern, welche auf die Masse des Volkes sehr starken Eindruck machen muß, weil er durch seine suggestive und faszinierende Rednergabe die Masse in seinen Bann schlägt. Diese hysterische Veranlagung bringt ihn zwangsläufig in Verbindung und Kontakt mit den Massen, die nicht erkennen können, daß es sich bei Hitler um einseitige, gefährliche Theorien eines durch seine Veranlagung innerlich völlig unbalancierten und hemmungslosen, also in bürgerlichem Sinne unzuverlässigen Menschen handelt, die dieser so veranlagte Mensch ohne Kenntnis und Gefühl für wahre Zusammenhänge äußert. Hitler hat dazu eine besondere Veranlagung, mit falschen geschichtlichen Maßstäben zu messen, übrigens eine allgemein menschliche Schwäche, welche so viel Verwirrung bei der Beurteilung vergangener Ereignisse hervorruft. 306 i b INFERNO ber uns Onnte er ers seer genau timmter Her Arzt eurteilen anoid in elte Pere Eigenmte Idee nd einer auf die en muß, Rednersterische lung und nen, daß Theorien unbalanem Sinne so verir wahre falschen ine allgerwirrung ervorruft. Und die zweite, wesentliche geistige Eigenschaft Hitlers ist seine paranoide Veranlagung. Man erklärt sie am besten als eine Art Minderwertigkeitsgefühl. Eine unbewußte Idee der eigenen Unterlegenheit, die auf der bewußten Seite des menschlichen Geistes leicht in die fixe Vorstellung der eigenen Überlegenheit umschlägt. Aus seiner Veranlagung heraus hat er von seiner eigenen Größe und Leistungsfähigkeit eine ganz andere Vorstellung, er besitzt nach seiner Ansicht einen ganz anderen Wert, als die Einschätzung der übrigen Menschen ihm zubilligt. Deswegen erkennt er auch Gott und die Kirche als Mittler zu Gott nicht an, weil er sie nicht anerkennen kann, weil ein solcher Mensch in seinem Überlegenheitswahn überhaupt keine andere Autorität über oder auch nur neben sich anerkennen will. Da seine Umwelt sich seinem Überlegenheitsanspruch nicht beugen will, so folgert er, sind sie ihm also feindlich gesinnt, und wegen ihrer eingebildeten feindlichen Gesinnung muß er seine Umgebung bekämpfen. Und wenn diese Umgebung nun sich gegen diese Bekämpfung schützen will, muß er selbst seinen Kampf unter Anwendung von weiterer Gewalt verstärken. Die paranoide Veranlagung setzt ihn also in Gegensatz zu seiner Umwelt. In einem Menschen vereint mit einer hysterischen Veranlagung, läßt sie diesen fast als doppelte Persönlichkeit erscheinen. Ein solcher Mensch ist also schon durch seine Veranlagung, die Welt seiner Ideen und sein Geltungsbedürfnis eine personifizierte Gefahr für den Frieden. 20* 307 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Diese Gefahr wächst ins Ungemessene, wenn ein solcher Mensch an die Spitze eines mächtigen Staates kommt und sich ein raffiniertes Regierungssystem, das jeden Widerspruch und jede Kontrolle ausschließt, ausdenkt und dieses einführt. Ich bin übrigens nicht der einzige, der diese medizi- nischen Ideen über Hitler hat. Es sind Urteile englischer Kollegen zu meiner Kenntnis gelangt, die sich auch in diesem Sinne aussprechen.“- Wir haben mit Spannung dieser interessanten Erklärung des englischen Arztes zugehört. „Das leuchtet mir ein“, fährt Horst fort.„Hitler hat alle getäuscht, weil keiner ihn erkannt hat. Auch beträcht- liche Teile des Auslands haben ihn nicht erkannt, denn sonst wären doch die Vertreter aller Nationen nicht zur Olympiade gekommen! Sonst wäre doch nicht der eng- lische Ministerpräsident Chamberlain zweimal nach Deutschland gekommen und hätte Verträge mit ihm ab- geschlossen! Sonst hätte auch der französische Minister- präsident Daladier nicht seine Unterschrift unter das Münchener Abkommen gesetzt. Sonst hätte auch Stalin nicht den Nichtangriffspakt mit Hitler unterzeichnet.- Keiner hat ihn erkannt, ehe es zu spät war! Aber das Furchtbare für die Friedensidee ist, daß Hitler immer das Wort ‚Friede‘ im Munde geführt hat, und daß die Menschen ihm geglaubt haben.“ „Es hängt mit seiner Veranlagung zusammen“, setzt Doktor G. das Gespräch fort.„Natürlich müssen noch eine ganze Reihe von anderen geistigen und politischen 308 BE rn oa PR )Icher ommt jeden denkt edizi- ischer ıch in lärung at alle ;rächt- , denn ht zur r eng nach ‚m ab- nistel- er das Stalin hnet.° ‚eT das immeT aß die n noch fische" INFERNO Voraussetzungen in einem Volke erfüllt sein, wenn ein’ Mensch von der geistigen Struktur Hitlers politischen Erfolg haben soll. Es würde zu weit gehen, wenn ich auf diese Dinge im einzelnen einginge Das Unglück für die Menschheit war, daß diese geistigen Voraussetzungen nach dem letzten Kriege in dem besieg- ten Deutschland entstanden; ob durch die Veranlagung der deutschen Menschen oder durch eine wenig glück- liche Politik anderer Völker oder durch beides, wer wird das im einzelnen richtig erfassen und entscheiden können? Diese beiden nur wenig bekannten Nervenkrankheiten, Hysterie und Paranoja, sind übrigens weit verbreiteter, als die meisten Menschen wissen. Wer ihre typischen Anzeichen kennt, wird in seinem Bekanntenkreise Per- sonen feststellen können, auf welche diese Anzeichen zutreffen: übertriebene Ichsucht, übertriebene Selbstzu- friedenheit, krankhaftes Kritisieren und Empfindlichkeit gegenüber seiner Umwelt kennzeichnen das harmloseste Stadium, welches das Zusammenleben mit solchen Men- schen unerhört schwierig gestaltet. Diese Krankheit kann so schwer werden, daß ein Zustand eintritt, in dem die Kranken in Anstalten gesperrt werden müssen, weil sie durch ihre Wahnzustände eine Gefahr für die öffent- liche Sicherheit darstellen Das Unheilvolle ist nun, daß derartig kranke Menschen in den leichteren Fällen rein äußerlich völlig gesund und normal erscheinen. Sie bleiben daher im juristischen Sinne für ihre Handlungen voll verantwortlich. FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Aber wenn sie, wie Hitler zu Anfang, einmal Erfolge haben, dann ist es, als wenn ein Komet seine Bahn zieht, nichts kann ihn aufhalten. Nach einem unabwendbaren Gesetz muß er diese Bahn vollenden.“ „Du brauchtest vorhin den Ausdruck: ‚Messen mit fal- schen geschichtlichen Maßstäben‘. Was verstehst Du darunter?“ frage ich in der nun folgenden Pause.. „Dieses ist ein weitverbreiteter subjektiver Fehler, ein besonderes Zeichen für Menschen ohne tieferes geschicht- liches Wissen. Sie legen ihre augenblickliche Auffassung als Maßstab an Zustände und Dinge irgendwelcher ver- gangener Zeitperioden an und müssen auf diese Weise zu objektiv unsachlichen, falschen Feststellungen und Er- kenntnissen kommen. Mit diesem subjektiven Maßstab hat Hitler die Verhältnisse nach 1918. gemessen und die Ergebnisse als Ausgangspunkt für seine Politik gemacht, was ihm durch seine gute Rednergabe den Zulauf der Massen brachte, die den Fehler in der Rechnung nicht sahen und der Täuschung zum Opfer fielen.“ „Ich glaube, man kennzeichnet es am besten so“, sagt Horst,„daß Hitlers Friedensidee gleichbedeutend mit einem Friedhofsfrieden ist, bei dem es nur unterjochte Menschen und Völker gibt. Das ist Hitlers große Schuld gegenüber den Menschen seines Volkes und aller Völker. Aber für meinen Begriff hängt die Friedensaufgabe für den einzelnen Menschen vor allem damit zusammen, inmitten der widerstrebenden Probleme und Gewalten, inmitten des Kampfes des Lebens als ein Mensch zu stehen, der in sich einen ruhenden Pol gefunden hat, vor 310 INFERNO Erfolge mzieht, dbaren mit falmst Du ler, ein schichtfassung er verWeise zu and ErMaßstab und die emacht, auf der g nicht ", sagt end mit erjochte Schuld Völker. gabe für sammen, ewalten, ensch zu hat, vor dem er sich letzthin verantwortlich fühlt, und dieser kann nur Gott sein."- Dr. T. bricht als erster das entstandene Schweigen. ,, Was fehlt Dir?" wendet er sich an Horst. ,, Du schaust so schlecht aus!" - Horst. Nach kurzer Pause fügt er hinzu: ,, Ich hatte ein unangenehmes Erlebnis heute früh!" ,, Nichts Besonderes", antwortet Horst. ,, Nun erzähl schon!" fährt Dr. T. etwas ungeduldig fort, als Horst wieder schweigt. ,, Es fing ganz harmlos an", beginnt Horst endlich mit verhaltener Stimme, und das Entsetzen über das Erlebte steht deutlich in seinem Gesicht. ,, Ich mußte wie täglich die Tagesmeldung über den Personalstand dem SS- Führer Theo bringen. Ich habe mir ihm gegenüber nie etwas zu Schulden kommen lassen. Aber irgendwie fühlt er wohl meinen Abscheu vor ihm. , Hier ist die Tagesmeldung'. Damit übergab ich ihm in seinem Zimmer die Liste. Er nahm die Liste und sah sie gelangweilt an. Dann musterte er mich. Er nahm den Revolver, der vor ihm auf dem Tisch lag und spielte damit. , Gesichert, entsichert, gesichert, entsichert', sagt er, die Pistole abwechselnd sichernd und entsichernd, während er mich scharf dabei mustert. Ich muß die Liste mit seiner Unterschrift wieder mitneḥmen und deswegen warten, und er weiß das. Ich versuche gleichgültig auszusehen. Da steht er auf und hält mir den Revolver an die Schläfe. 311 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN , Soll ich, oder soll ich nicht', sagt er mit einer höhnischen, kalten Stimme. Ich rühre mich nicht. Meine Glieder sind wie Blei. Er hat ungezählte Menschen auf dem Gewissen. Eine falsche Bewegung, ein falsches Wort, und er drückt ab. Mein Leben hängt an einem Faden. Ich zermartere mir den Kopf, wie ich mich verhalten soll. Nichts Passendes fällt mir ein. Endlich sage ich mit möglichst ruhiger Stimme- versuche weder Widerspruch noch Angst zu zeigen:, Wenn es sich irgendwie vermeiden läßt nein!" Er ist völlig verblüfft. Dann lacht er laut, daß ich die Mündung des Revolvers an meiner Schläfe tanzen fühle. , Unglaublich', brüllt er ,, wenn es sich vermeiden läßt, hat er gesagt! Da öffnet sich die Tür. Ein anderer SSFührer tritt ein, übersieht sofort die Lage., Laß doch den Unsinn', sagt er und schiebt meinem Peiniger den Arm mit dem Revolver weg. Ich war gerettet."- Wir schweigen bestürzt. ,, Ist nochmal gut abgegangen", sagt Dr. T. begütigend. ,, Du kommst doch sonst gut mit ihm aus?" Horst zuckt die Achseln. ,, Bisher ja", antwortet er zögernd. ,, Aber weiß man denn, was für Launen diese Art Menschen plötzlich bekommen, die derartig unbeherrscht sind? Dieser Mann hat persönlich unzählige Menschen auf seinem Gewissen. Aber wenn Du ihn sonntags mit seinen beiden Buben in die Schreibstube kommen siehst, wo er sich rasieren läßt, ist es das reinste Familienidyll, wo jeder mit den Buben spielt. Und wenn 312 INFERNO mer höhBlei. Er e falsche b. Mein mir den des fällt e- ver:, Wenn st völlig dung des den läßt, Herer SSdoch den den Arm gütigend. wortet er men diese ig unbeunzählige Du ihn reibstube as reinste Und wenn die Führerin des Frauenlagers irgendwelche Vergünstigungen für ihre weiblichen Häftlinge haben will, ist er wie Wachs., Schreib mal auf', sagt er, ob es sich um Kleider oder Betten oder wer weiß was handelt. Ein für mich rätselhafter Typ."- Etwas später sagt Dr. T. langsam:„ Menschen ohne Steuer, Menschen ohne Gott." Aber jedem von uns ist wieder zum Bewußtsein gekommen, wie groß die Drohung für das eigene Leben ist, die hier zu jeder Zeit über uns hängt. erstenmal eine In diesen Tagen bekomme ich zum Nachricht aus dem Gefängnis Lehrter Straße in Berlin. Nicht mit der Post- ich habe während der Zeit im KZLager nicht eine briefliche Nachricht erhalten. Aus dem Berliner Gefängnis ist ein neuer Häftling nach Mauthausen überführt worden. Durch Vermittlung von Horst, der es mir erzählt, kann ich ihn am nächsten Abend kurz sprechen. Das Ergebnis dieser Begegnung ist aber ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich werde sehr enttäuscht. Nicht darüber, daß wir uns beide nicht kennen, denn O ist erst nach meiner Zeit in die Lehrter Straße gekommen und wurde mit einem der letzten Transporte vor der Einschließung Berlins hierher übernommen. Aber daß O. von keinem einzigen meiner Bekannten etwas weiẞ, daß niemand von ihnen mehr dort ist, auch über ihr Schicksal, ob sie erschossen wurden, nichts zu erfahren ist, das ist es, was mich so erschüttert. Mir wird jene schauerliche Tatsache deutlich, daß im Laufe einiger 313 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Monate die Belegung dieses Gefängnisses vollständig wechselte. So kann O. ja von meinen damaligen Gefähr- ten, deren Schicksal sich zu meiner Zeit oder bald danach entschied, nichts wissen. Nur ein mir bekannter Name eines jungen Kameraden aus einer Luftwaffeneinheit fällt, und sein Schicksal läßt mich aufhorchen, da es fast unglaubhaft Klingt. Es ist mir wieder ein Beweis, daß die Zeit der wunderbaren Erlebnisse nicht vorbei ist. „Richtig“, sagt©.„Über K. weiß ich sogar Genaueres! Es ist die Geschichte einer Entführung.“ „Wieso Entführung?“ frage ich zurück und muß an die abenteuerliche Entführung des Partisanenführers aus dem Minsker Gefängnis denken.„In Berlin kann man doch niemanden entführen!“ „© doch“, antwortet©.„Eine Entführung glückt nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, nämlich wenn man es richtig anstellt wie in diesem Falle. Als Ks Kameraden durch herausgeschmuggelte Briefe von der zunehmenden Schärfe der Urteile erfuhren,- denn es wurden zum Schluß fast nur noch Todesurteile ver- hängt-, beschlossen sie ein äußerst gewagtes und für sie selbst sehr gefährliches Manöver, um ihn zu retten. Ihr Truppenteil kämpfte in Ungarn, und dorthin war damals die Verbindung schon recht schwierig. Mit Wissen seiner Vorgesetzten wurde ein Kamerad, der besonders hohe Kriegsauszeichnungen besaß, mit dem schriftlichen Befehl nach Berlin geschickt, daß K. unter Hinweis auf ein angebliches Gerichtsverfahren bei der Division in 314 mdig INFERNO ährbald aden läßt s ist aren eres! die aus man nur wenn SK.s der nn es verFür sie Ihr amals seiner hohe " Ungarn dem Überbringer sofort zu übergeben sei. Der nach Berlin gesandte Kamerad verlangte auf Grund des in seinen Händen befindlichen Befehls von dem Gefängniskommandanten die Herausgabe von K. Der Kommandant gab K auch wirklich frei, ohne vorher bei dem Feldgericht in Berlin nochmals anzufragen, was wegen des schwebenden Verfahrens gegen K. eigentlich hätte geschehen müssen. Es war in letzter Stunde. Bei den sich überstürzenden Ereignissen an den Fronten war das Feldgericht in Berlin nicht mehr in der Lage, den wirklichen Zusammenhang zu entdecken und K.s Rückführung nach Berlin zu veranlassen." Wirklich toll", antworte ich und vergesse ganz meinen anfänglichen Ärger über O.s belehrende Einleitung seiner Schilderung ,,, und schneidig gehandelt. Die Beteiligten riskierten alle ein Todesurteil!" Ich bin irgendwie stolz über diese Tat vorbildlicher Kameradschaft, die in so krassem Gegensatz zu meinen eigenen Erlebnissen steht, welche mich hierher nach Mauthausen gebracht haben. Und irgendwie verblaẞt der noch unablässig drohende Schatten des über mich verhängten Todesurteils etwas unter dem Eindruck dieses Geschehens. In dem Durcheinander der nun im Lager folgenden Ereignisse habe ich Q. nicht wieder gesehen. lichen is auf on in 315 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Jeden Tag peitscht jetzt eine andere Alarmnachricht zur äußersten Wachsamkeit auf. Wir sind alle müde des Mordens und Tötens. Unsichtbar steht der Schrei nach Freiheit über dem Lager, getragen von der ewigen, bren- nenden Sehnsucht nach Frieden, ein einziger, gigantischer Schrei aus Zehntausenden hoffnungslos gequälter, an der Grenze des Todes stehender Menschen, während die Naziherrschaft krachend zusammenstürzt und uns noch im Sturz unter ihren rauchenden Trümmern zu begraben droht. Am 1. April rücke ich zum Hilfskoch auf. Der spanische Fliegerhauptmann von der republikanischen roten Front. ein Grande aus einer der ältesten Familien mit einem stolz klingenden Namen, begrüßt mich am. 1. April feier- lich als Mitarbeiter. Der Küchenkapo, ein spanischer Riese mit einer Kinderseele, der wegen seiner Ähnlich- keit mit dem Meisterschaftsboxer den Spitznamen Paolino bekommen hat, grinst, daß seine weißen Zähne funkeln. Es ist ein Glücksfall, daß ich in die Gruppe der Spanier aufgenommen werde, welche von der Lager- leitung und auch von den Grünen irgendwie respektiert werden. Von den siebentausend, die nach Mauthausen kamen, sind nur noch zweitausend übrig, aber diese hal- ten ausgezeichnet zusammen. Der erste Hilfskoch, Kazimir, ein polnischer Großschlächter, ein geschäfts- kluger, intelligenter Mensch, und Alex, mein Bettge- fährte, ergänzen diese Gruppe von Menschen in einer vorzüglichen Weise, mit der es gilt, diese letzte und furchtbarste Gefahr in gegenseitiger Hilfe zu überwin- 316 der lär Ab Wi Wi ht zur je des nach bren- ischer an der ıd die ; noch sraben nische Front einem ‚ feier- ischel nlich- namen Zähne pe der Lager ektiert hausen se hal- fskoch. chäfts- Bettge" , eine! je und erwin- INFERNO den. In der ganzen Krankenküche sind fast nur Aus- länder. Aber langsam, viel zu langsam für unsere heißen Wünsche rücken die Fronten vorwärts. Der Russe in Wien, der Russe in Berlin, der Franzose in Baden, der Amerikaner in Süddeutschland marschiert mit seinen Panzern auf Österreich. Die Lagerleitung spürt das Nahen der drohenden Gefahr Befehle kommen, daß die Bewachungsmannschaften ab- rücken sollen. Neue, überstürzte Maßnahmen folgen, die in ihrer inneren Sinnlosigkeit die zunehmende Verwir- rung kennzeichnen. Aus grünen Häftlingen wird eine Kompanie gebildet, mehrere Kompanien. Sie bekommen Hoheitsabzeichen und Totenkopf, bekommen Waffen, bekommen die SS-Verpflegung. Verbrecher und arbeits- scheues Gesindel, die schlechtesten Elemente sollen kämpfen. Jeder weiß, daß sie nicht kämpfen werden, aber die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Am nächsten Tag kommt die Nachricht, daß der größte Teil der Bewachung abgezogen wird. Die ganze Verwal- tung soll durch Frauen ersetzt werden. Horst erzählt, daß die Lagerleitung Ausflüchte macht. Den ganzen Krieg über hat sich das Wachpersonal vor dem Kriegs- dienst gedrückt, hat fast unverändert in derselben Zusam- mensetzung Beförderungen für„besondere Leistung” erhalten, hat ein Schmarotzerleben geführt und sich be- reichert. Die Bewachung bleibt im Lager, und ihr weiblicher Ersatz bleibt, und die bewaffneten Häftlingskompanien 317 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN bleiben auch. Die höheren Lagerführer sind dauernd betrunken, zerschlagen mit Flaschen ihre Führerbilder, aber sie bleiben auch. Den einen Tag sollen die Verhältnisse im Lager wie 1940 wieder hergestellt werden, die Häftlinge Erleichterungen erhalten, aber es ist ein undurchführbarer Befehl, der nur von der zunehmenden Angst der Lagerführung zeugt. Am nächsten Tage sollen Feldstellungen gebaut werden, um das Lager militärisch zu verteidigen. Aber nur ein paar kleine Gräben kommen zustande, und das Ergebnis ist eigentlich nur eine Anzahl erschossener und zu Tode geprügelter Häftlinge. Die Eisenbahn versagt. Die Zuführung von Lebensmitteln ist unterbrochen. Täglich treffen neue Häftlingstransporte ein. Aber es gibt keine Lebensmittel für sie. Im Lager nimmt der Hungerirrsinn zu. Die Fälle von Kannibalismus vermehren sich erschreckend. Es steht Todesstrafe darauf. Aber immer wieder werden Leichen abgeliefert, bei denen große Fleischstücke aus den Gliedern, manchmal sogar Herz und Leber fehlen. In den ersten Apriltagen befiehlt der Lagerkommandant, daß das Russenlager mit den Frauen keine Verpflegung mehr erhält. Die Verpflegungskatastrophe wächst ins Ungemessene. Die verzweifelten Menschen lecken an Kohlen, reißen das junge Gras ab und essen es. Zu Hunderten suchen sie die Abfallhaufen ab, betteln den ganzen Tag vor den Küchenfenstern. Kartoffeln haben den begehrtesten Seltenheitswert, für welche Frauen sich anbieten, Männer gestohlenen Schmuck geben. Um 318 INFERNO ernd ilder, hält, die nunenden erden, e, und Essener verochen. Der es Le von steht eichen s den ndant, Hegung nst ins xen an u HunIn den haben Frauen en. Um eine handvoll Lebensmittel aus der SS- Küche zu stehlen, nimmt man 50 Stockschläge in Kauf, riskiert sein Leben. Wir vom Küchenpersonal können unendlich wenig helfen, wenn wir auch stehlen, wo wir können, Schläge und Gefahr auf uns nehmen, um wenigstens in den schlimmsten Fällen etwas geben zu können. Erst nachdem mutige Häftlinge es wagen, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die für das ganze Lager entsteht, wenn durch die Vernichtung des Russenlagers die Seuchengefahr nicht mehr zu meistern ist, gibt der Lagerkommandant nach. Aber es werden nur noch halbe Rationen, ein halber Liter Suppe und zwei Scheiben Brot am Tage für das Russenlager bewilligt. Die entkräfteten Menschen sterben. Das Röcheln der Todeskandidaten nachts in den Baracken ist furchtbar. Morgens tragen wir täglich mehr Leichen heraus. Jetzt sind es schon über zwanzig aus jeder großen Baracke. Immer mehr verschärft sich das Rennen um das Leben. Meine Arbeit in diesen Tagen ist nicht schwer. Ich muß jeden zweiten Tag um halb 4 Uhr einen Wasserbottich von dreihundert Liter mit dünnem Kaffee kochen, der um 6 Uhr von Essenträgern abgeholt wird. Ein kleiner, zwölfjähriger Junge, Kind jüdischer Eltern, hilft mir dabei. Er stand eines Abends bettelnd am Fenster. Seine Eltern sind vergast; aber er weiß es nicht. Er ist intelligent und schweigsam. Wir verstecken ihn sorgfältig vor den Henkern. Und das Unwahrscheinliche gelingt. Wir bringen ihn durch bis zur Befreiung! Er hilft in der Küche. Kartoffeln werden eine halbe 319 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Minute mit dem Wasserschlauch gespült und ungeschält mit dem elektrischen Wolf zerkleinert. Zwei Packen zu zwanzig Kilo bulgarisches Trockengemüse kommen dazu. Sie sind von Mäusen und Ratten zerfressen. Der größte Teil ist verrottet und stinkt. Zwei Kellen Pferdefleisch und viereinhalb Gramm Margarine, auf den Mensch gerechnet, folgen. Also eineinviertel Kilo Fleisch und zweieinhalb Kilo Margarine für den ganzen dreihundert Liter fassenden Kessel. Das ist dann die Hauptmahlzeit für sechshundert erwachsene Menschen! Um halb 12 Uhr wird das Essen abgeholt. Die kleinen Portionen Kunsthonig und Wurst, die es noch im März gab, sind längst ausgefallen. Nach der Essensausgabe wird sofort der Bottich mit denselben Mengen noch einmal gefüllt und um halb 4 Uhr ist die zweite Essensausgabe. Das Brot ist so schimmlig, daß es ungenießbar ist. Es wird abends mit Wasser zu Brotsuppe aufgekocht, wo der Schimmel abgeschöpft werden kann.- Die Menschen sterben weiter. Das Krematorium hat keine Kohlen mehr. Die Furcht der Lagerleitung vermehrt das täglich vergrößerte Chaos. Horst berichtet täglich. Der Plan der Verlegung des Lagers scheint noch nicht aufgegeben. Der Feind rückt zu schnell vor! Mitte April werden sämtliche Lagerakten verbrannt, das Krematorium und die Gaskammern abmontiert. Die Verbrecher versuchen, ihre Spuren zu vernichten! Aber durch eine furchtbare Gesetzmäßigkeit kann der Lawine des Todes nicht Einhalt geboten werden. Die 320 INFERNO hält zu azu. Sẞte Mareinrine Das Sene molt. e es der ben die Bes Brotrden hat verchtet moch Mitte das Die der Die Leichenhaufen türmen sich in den Lagern, aber die Häftlingskapelle muß weiter konzertieren. Ein toller Hexentanz des Hungers, der Leichen und der Jazzmusik. Wir schleppen uns durch die Tage. Ich schlafe nachts nicht mehr in meinem Bett, in dem wir seit Wochen zu vieren liegen, dann zu fünfen, wobei einer immer ein paar Stunden neben dem Bett auf dem Boden liegen muß. Jetzt wage ich es nicht mehr, im Bett zu liegen, weil ein neuer Mordbefehl gegen die Politischen erlassen ist. Ich liege nachts auf einem Sack in der Küche neben meinem Kessel. Wir haben einen neuen Kniff, Kartoffeln in der glühenden Asche zu rösten, und geben sie den Frauen, die heim lich an die Küchenfenster geschlichen kommen und in allen Sprachen Europas um etwas zu essen betteln, betteln für ihre Kinder, mit irrem, flackerndem Blick, sich auf ihre Knie werfend. Kazimir, der am besten organisiert, bekommt die meisten Prügel. Aber er ist schon gegerbt, er hält unheimlich viel aus! Auch ich bekomme fünfundzwanzig Schläge mit dem Ochsenziemer, weil ich gefaßt werde, als ich für eine Ungarin mit einem kleinen Säugling Brot und Margarine aus den Vorräten der SS stehle. In den ersten Maitagen hören wir mehrfach Kanonendonner. Die Flieger brummen über uns den ganzen Tag. Aber täglich treffen noch Tausende von Menschen ein. Häftlinge aus anderen geräumten Lagern und Flüchtlinge aus den vom Kriege bedrohten Gebieten. Ungeordnete Soldatenhaufen ziehen die Straße entlang, welche 21 321 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN am Lager vorbeiführt, zeigen den zunehmenden Zusam- menbruch der Front an. Wir zählen die Tage. Wir zählen die Stunden. Wann endlich kommt die Befreiung? Am 2. Mai setzt die Wasserzufuhr aus. Zu der Lebens- mittelnot tritt eine neue Drohung. Wie sollen diese Tau- sende von Menschen ihr Leben fristen, wenn das Wasser ausgeht? Abends bringt Horst die Nachricht, daß die SS abrückt. Wiener Feuerpolizei hat die Lagerbewachung übernommen. Aber wir haben kaum Wasser. Wir schlagen die Feuer- schläuche an, in denen sich während der Nacht etwas Wasser sammelt, so können wir wenigstens kochen. Wir schleppen uns durch die Tage mit dem letzten Rest unseres Lebenswillens. Wir krallen uns an die Hoffnung, daß die Befreiungsstunde kommt, kommen muß. Alles ist wie ein wüster Traum. Am 4. Mai abends bringt Horst die Nachricht, daß die SS endgültig abgerückt ist. Wir hören schwere Explosionen in unmittelbarer Nähe des Lagers. Ist es der Feind? Die Unsicherheit hat ihr höchstes Ausmaß erreicht. Aber jetzt wächst die Hoff- nung, wächst mit zunehmender Geschwindigkeit wild und unbeherrscht. Die Menschen sind halb bewußtlos vor Furcht, Verzweiflung, Hunger und Hoffnung. Man hört die ganze Nacht Schüsse knallen, Maschinengewehre schießen. Es ist am frühen Mittag des 5. Mai, als eine hysterische Stimme gellend in die Küche schreit:„Die Amerikaner kommen!“ Wir lassen alles stehen und liegen und laufen, so gut wir 322 sam- ihlen Jens- Tau- asser e SS hung pUEr- twas Rest ung, Alles Horst Nähe ‚t ihr Hoff- wild ıßtlos Man vehre sche kanel t wir INFERNO können, zur Straße, zum Hauptlager. Auf dem Flaggen- mast neben dem Haupttor weht die weiße Fahne. Die Feuerpolizei hat die Waffen niedergelegt. Ein- zwei- fünf amerikanische Panzerwagen rollen langsam und vorsichtig die Straße zum Hauptlager herauf. Es ist, als ob das Inferno sich öffne. Zerlumpte, verhungerte Menschen, Männer und Frauen, ein riesiger Menschenhaufe kommt schreiend, gestikulie- rend gelaufen, schleppt sich heran, kriecht auf allen Vieren auf dem Boden, in den unmöglichsten Bekleidun- gen, oft nur in einem kurzen Hemd, Frauen in Männer- unterhosen, schreien, weinen, strecken ihre verhunger- ten Arme aus. Betasten die Fahrzeuge, gebärden sich wie von Sinnen in ihrer Freude, bis das ganze Feld voll ist von einer wogenden Menschenmenge. Dem jungen amerikanischen Offizier, der aus der aufge- schlagenen Luke des Panzers herausschaut, steht das blasse Entsetzen im Gesicht geschrieben. „Ihr seid alle befreit!“, stößt er schließlich zwischen den Zähnen hervor. Dann fahren die Panzerwagen wes. Verschwinden im Sonnenglanz des leuchtenden Maitages, in der Staub- wolke der Lagerstraße, die jeder Häftling einmal schweren Herzens als Straße des Todes gekommen ist, die nun die Straße der Freiheit geworden ist. Plötzlich hängen die Fahnen aller Nationen an rasch errichteten Masten neben dem Haupteingang. Keiner weiß, woher diese Fahnen so schnell kommen. Oft sind es 323 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN nur zusammengenähte Stoffetzen. Alle Nationen singen ihr Nationallied, während die Fahnen in den blauen Himmel emporsteigen. Nur wir Deutschen stehen schweigsam. Was sollen wir singen? Wir haben alles verloren. Mit Trauer im Herzen denke ich an mein Vaterland, das ich so sehr liebe, an meine Kameraden, die draußen auf verlorenem Posten gekämpft haben, mit denen ich mich auch hier im KZ stets innerlich verbunden gefühlt habe, mit denen ich hoffe, dereinst mithelfen zu können am Wiederaufbau eines neuen, friedlichen Deutschlands.- Aber die Hoffnung ist zur Gewißheit der Befreiung ge- worden, und die Masse der Tausende von Menschen. diese verhungerten, zerlumpten, für das Leben gezeich- neten Menschen, von denen Hunderte die nächsten Tage und Wochen nicht überleben werden, träumen wachend den Sehnsuchtstraum vom Frieden. Fünt Tage später. Wir stehen am Tor des Hauptlagers, über dem neben der amerikanischen Fahne immer noch die Fahnen aller Nationen des Lagers wehen. Stürmisch war das Leben auch nach der Befreiung. Nur der Untergrundbewegung war es zu verdanken, daß nicht jetzt noch die Ordnung im Lager zerbrach. Daß die Ver- pflegung zur Erhaltung des Lebens bereitgestellt wurde Alle Nationen mußten sofort Vertreter wählen, welche in 324 BAR DEN ng er ein füı INFERNO singen blauen en wir Herzen ebe, an Posten im KZ men ich aufbau ung genschen. gezeichen Tage wachend ben der en aller einem gemeinsamen Ausschuß die weiteren Maßnahmen für die Ernährung und den Abtransport der befreiten Häftlinge beschlossen. Mit den Gewehren der entwaffneten Feuerpolizei aus Wien, die übrigens für die Entwaffnung herzlich dankbar war, wurden aus Freiwilligen zwei Kompanien aufgestellt. Viele Spanier waren dabei. auch Horst und ich. Denn noch waren die SS- Mannschaften, deren Stärke fast eineinhalbtausend Mann betrug, in der Nähe, und ein Angriff gegen das Lager konnte jeden Augenblick von ihnen erwartet werden. In den erbitterten Kämpfen der zwei nächsten Tage fielen noch zwölf Kameraden, opferten sich für die Tausende unbekannter, verschleppter Menschen Europas, welche sich zur Zeit der Befreiung in Mauthausen befanden. Am folgenden Tage streckte die SS- Abteilung, von allen Seiten an der Flucht gehindert, die Waffen. Nun hatte sich das Blatt gewendet. Die bisherigen Peiniger waren die Gefangenen, welche sich für ihre Untaten zu verantworten hatten. Aber trotz aller berechtigten Wut und Erbitterung wurde der Lynchjustiz ein Riegel vorgeschoben. Es wurde ein Gericht eingesetzt. bestehend aus einem Ausschuß der Nationen im Lager unter Vorsitz eines amerikanischen Offiziers. ng Nur aß nicht die Verwurde elche in Nach ein paar Tagen hat sich die Kriegslage so geklärt. daß die Lagerinsassen die Erlaubnis erhalten, so weit sie körperlich dazu imstande sind, den Rückweg in ihre Heimat anzutreten. Bald finde ich einen Gefährten, der 325 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN den gleichen Weg wie ich in meine württembergische Wahlheimat hat. Und nun schlägt die Abschiedsstunde. Es gilt, von den treuen Freunden Abschied zu nehmen, die mit mir eine Gemeinschaft in Not und Tod gebildet hatten, stärker als Not und Tod. Jedem drücke ich die Hand, manche Umarmung setzt es, manch südländischen Kuß auf eine bärtige Männer- wange, während die Augen vor Rührung feucht werden. Nun stehen wir zum letztenmal am Lagertor. Tief ergriffen spreche ich innerlich unter der Erschüt- terung der Stunde ein kurzes Dankgebet für Gottes gnädige Führung, die uns dem Leben und der Freiheit zurückgibt. Ein letzter Händedruck, ein Winken... Dann gehen wir weiter, vorbei an dem offenen Massen- grab, an den Wachtürmen, wo die Posten mit den Maschinengewehren gestanden haben, an dem Hoch- spannungszaun, hinein in den leuchtenden Maitag, an dem die Lerchen im Himmelsblau jubilieren. Schnell ausschreiten können wir nicht, mein Gefährte und ich; denn in der Sträflingskleidung und den schweren Holzschuhen marschiert es sich nicht leicht, obwohl das Gepäck, eine Decke, ein kleiner Mundvorrat, ein paar Zigaretten und ein bißchen Geld, wirklich nicht schwer ist. Mittags machen wir am Waldrande kurze Rast. Aber kaum haben wir uns hingesetzt, als aus den neben- 326 INFERNO ergische von den mir eine ärker als setzt es, Männerwerden. ErschütGottes Freiheit Massenmit den n Hochaitag, an Gefährte und den nt leicht, andvorrat, ich nicht st. Aber nebenstehenden Büschen eine harte Stimme befiehlt: ,, Hände hoch!" Etwas überrascht nehmen wir die Hände hoch. Aus dem Busch kommen mehrere zerlumpte Männer und durchsuchen unser Gepäck, während zwei mit ihren Pistolen uns dauernd vor der Nase herumfuchteln. Sie nehmen uns alles weg bis auf die Kleider, die wir am Leib tragen. Es sind Menschen, in denen die aufgestaute Wut, die aufgestaute Rachelust der vergangenen Haftjahre die Begriffe des Rechtes zerschlagen haben. Sie haben noch nicht die inneren Beziehungen wiedergefunden, welche die Freiheit mit sich bringt, die moralischen Begriffe,- sie sehen rot, wollen Rache üben. Ein tragischer Widerhall ihres Erlebens, der sich in diesem unkontrollierten Gefühlsausbruch äußert. Wir haben jetzt wirklich ein erleichtertes Gehen auf unserer weiteren Wanderung. Am Nachmittag erleben wir das gleiche nochmals. Nur sind die Wegelagerer äußerst erbost, nichts bei uns zu finden. Wir empfehlen ihnen, sich mit ihren Kollegen vom Vormittage in Verbindung zu setzen. Aber sie scheinen für unseren freundlichen Vorschlag kein Interesse zu haben und fragen nur etwas ängstlich, wo der Überfall heute früh stattgefunden habe. Am späten Nachmittag sehen wir vor uns im Tal eine alte Klosterburg auftauchen mit wehrhaften Mauern und einer alten Kirche. Wir beschließen, dort um ein Nachtquartier zu bitten. Im Schatten mächtiger, alter Kastanien, die übersät sind 327 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN von der Blütenpracht des Frühlings, stehen wir bald darauf vor dem mächtigen Bau, dessen Mauern er- zählen von den Stürmen vergangener Zeiten. Da beginnen die Glocken der Kirche ihre machtvollen Stimmen zu erheben. Wir schauen uns an und haben uns verstanden. Es ist ja Sonntag heute. Der Begriff für die Wochentage ist uns in der Lagerzeit völlig verloren ge- gangen. Zum erstenmal seit Jahren stehen wir in Frei- heit am Sonntag vor einer Kirche. Wir treten in das Gotteshaus im Strome der Gläubigen. Scheu setzen wir uns in unsern zerlumpten Sträflings- kleidern in eine dunkle Ecke. In Dankbarkeit beugen wir die Knie vor Gott, dem obersten Lenker aller Ge- schicke, der uns gnädig herausgeführt hat aus Nacht und Tod und Grauen. Eine Stunde der Weihe, für uns beide ein unvergeßliches Erlebnis. Gottes Wort spricht zu uns zum erstenmal nach einer Zeit, in der wir in der furchtbaren Welt der Gottferne haben leben müssen, in der wir erlebt haben, was es bedeutet, wenn Gott den Menschen fern ist und seine Hand von ihnen zieht. Als wir als letzte die Kirche verlassen wollen, tritt der Geistliche zu uns, der in dem Gottesdienst amtiert hat, anscheinend durch den Kirchendiener auf uns aufmerk- sam gemacht. Er begrüßt uns freundlich. Aus dem ab- gezehrten, ernsten Gesicht leuchten die Augen eines Menschen, dessen Blick nach innen gerichtet ist. Als er erfährt, wo wir herkommen, bietet er uns freundlich Quartier und Speisung an. Schwer hallen die Schritte unserer Holzschuhe durch den hohen Kirchenraum. 328 der hat, 1erk- , ab- eines dlich jritte aum. INFERNO Durch eine kleine Pforte treten wir in einen Hof, wo neben den blühenden Kastanien der schwere, vom Er- leben vieler Jahrhunderte umwitterte Klosterbau uns aufnimmt. Eine breite Steintreppe führt zum ersten Stock. Wir treten in einen hohen, getäfelten Raum mit dunklen Deckenbalken. Hohe, schmale Fenster geben den Blick frei auf den kleinen Fluß, auf ein Wehr mit einer alten Mühle und zwischen den Bäumen des andern Ufers auf die frühlingsprangende Landschaft. Wir werden an einen Tisch gebeten, der mit sauberem Leinen festlich gedeckt ist, und zum erstenmale empfin- den wir, daß die andere Welt, die Welt der Knechtschaft und der Sklaverei, wirklich hinter uns liegt. Wir erfah- ren, daß die vier Geistlichen, mit welchen wir uns nun zusammen an den Tisch setzen, erst heute aus Dachau zurückgekehrt sind, wo sie viele J ahre lang im KZ-Lageır interniert, unter schwersten Bedingungen ihrer Freiheit beraubt waren. Von den sieben Geistlichen, welche zum Konvikt gehörten, sind drei das Opfer von Dachau geworden.- L Hier werden alle Dinge zum Erlebnis, die Sauberkeit der gepflegten Umgebung inmitten schöner, alter Möbel, reichliches, gutes Essen und die herzliche Freundlichkeit unserer Gastgeber, an deren Willkommensmahl wir so n. Aber wir müssen vorsichtig sein mer- unverdient teilnehme mit den leiblichen Genüssen. Zu sehr ist der ausge gelte und verhungerte Körper guter Nahrung entwöhnt Wir haben in den letzten Tagen mehrfach erschütternde Erlebnisse gehabt, wo Gefährten infolge zu guten und 329 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN zu reichlichen Essens gestorben sind, das durch die Hilfsbereitschaft der amerikanischen Truppen den verhungerten Menschen in Mauthausen zugeführt worden war. Des Erzählens ist kein Ende. 99 , Wir haben schwere Zeiten hinter uns", berichtet Pater B., welcher die Stelle des Abtes vertritt. ,, Es war so schwer, daß wir manchesmal alle nicht glaubten, sie zu überstehen. Aber werden die Menschen dieses Gottesgericht verstehen, werden sie umkehren und den Geboten Gottes folgen, auch was die Führung des Staates betrifft? Wir haben erlebt, auf welch furchtbare Abwege der Mensch kommt, wenn er in Überheblichkeit Gott von sich stößt und seine weltlichen Ziele zum Götzen erhebt. Gott hat allen Menschen den Frieden versprochen, den irdischen und den himmlischen Frieden, durch seine ausgestreckte Hand, die uns in Christo erreicht. Werden die Menschen endlich verstehen, diese Hand zu ergreifen? Werden sie verstehen, daß sie, seinem Gebot folgend, den wahren Frieden auf Erden sich als höchstes Ziel setzen müssen? So alt wie die Erde ist die Friedenssehnsucht der Menschen. Friede sei mit Euch', das ist der Gruß des ganzen Altertums gewesen..Eirene', sagten die Griechen. .Schalom', die Juden., Friede' ist der Gruß der Bibel des Alten und Neuen Testamentes. Nach der Offenbarung des Johannes hat einer von den vier apokalyptischen Reitern, welche die Sünde und die Not auf die Erde 330 INFERNO h die verworden Pater war so sie zu Gottesn GeStaates bwege t Gott Götzen n, den seine Werden ergreiolgend, es Ziel Menganzen iechen. bel des barung tischen e Erde bringen, von Gott die Aufgabe, den Frieden von der Erde zu nehmen, wenn die Menschen ihn sich nehmen lassen." Stille herrscht im Raum, in welchem der Glanz der sinkenden Sonne liegt. Durch die geöffneten Fenster strömt betäubender Duft. In die entstandene Stille spricht Pater B. weiter. ,, Ich glaube, daß alle Menschen, die dieses Furchtbare erlebt haben, und gerade alle früheren Soldaten, welche den Krieg in der Werkstatt des furchtbaren Geschehens kennengelernt haben, wie er wirklich ist, die besondere Aufgabe haben, für den Frieden in der Welt zu arbeiten. Sollten nicht sie gerade berufen sein, Friedensstifter zu werden? Nur wer den Teufel richtig gespürt hat, weiß die Gnade Gottes recht zu begreifen und zu werten. Nur wer den Krieg richtig erlebt hat, schätzt den Frieden richtig." ,, Aber sind es nicht verlorene Jahre?" fragt mein Wandergefährte. ,, Diese Jahre, in denen wir nichts haben ausrichten können, sind doch für uns alle gestohlene Jahre! Wir sind alle in eine Zeit geboren, welche unser Leben vergewaltigt hat und die freie Entwicklung des Menschen verhinderte. Die kommenden Jahre werden in jeder Form vom Willen des Siegers durchdrungen sein. Unsere Generation wird keine Gelegenheit mehr bekommen, ihr Leben in einer freien Entwicklung der Persönlichkeit aufzubauen." ,, Ist das wirklich so?" fragt Pater B., und ein Ausdruck von Güte verschönt sein ernstes, schmales Gesicht. ,, Gewiß, der einzelne hat volles Recht, wenn er die Härte 331 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN der Zeit beklagt, unter die er gestellt ist. Aber ist es richtig, sich selbst zu beklagen? Fordert nicht gerade diese Härte, die uns bisher unaufhörlich bedrohte und uns in fast hoffnungslose Zwangslagen brachte, von uns eine ganz andere Form der Stellungnahme und der inneren Entscheidung schlechthin?"- Draußen steht die Natur in der Kraft ihrer schönsten Abendfarben. Durch das Fenster hört man das leise Rauschen des Windes in den ehrwürdigen, alten Bäumen, hört man das Abendlied der Vögel, welche nach ewigem. dem menschlichen Geist unbegreiflichem, innerem Antrieb ihre Liedlein singen müssen, wenn im Frühling die Sonne sich neigt. Wir alle empfinden das Geschenk dieser ruhigen Stunde. der ersten ruhigen Stunde nach all den Jahren, in welchen Tod und Vergehen nach uns gegriffen haben Wir beide in unsern Sträflingskleidern und Holzschuhen und die vier anderen in ihren schlichten, schwarzen Gewändern, Menschen der verschiedenen christlichen Glaubensbekenntnisse, die wir alle ein gleiches Schicksal getragen haben. Das gleiche, schaurige Erleben verbindet uns. Die ernste, wohlklingende Stimme von Pater B. beginnt erneut zu sprechen: ,, Ja, wenn man das Dasein nur vom Standpunkt des materiellen Erfolges betrachtet, sind es bestimmt verlorene Jahre", führt er das Gespräch weiter. ,, Wir haben aber nicht nur materiell unersetzlich viel verloren, unersetzlich vor allem die Denkmäler der Kultur und die Früchte geistigen Schaffens vieler Jahr332 INFERNO hunderte, der größte Teil von uns buchstäblich alles Ich fürchte, wir werden nach, dem verlorenen Kriege noch vieles mehr verlieren, große Teile des Gebietes unseres Landes und vieles, was uns als Volk und Staat als heiliges Recht unverlierbar erschien. Aber so furcht- bar das alles in seinen Folgen für unser Volk im ganzen und für den einzelnen ist, es ist für unseren zukünftigen Weg nicht das entscheidend Wichtige Viel schlimmer scheint mir der Grund zu sein, warum wir es verloren haben, viel wichtiger der Weg, den wir als Ergebnis unseres Erlebens beschreiten müssen.“- Er hält einen Augenblick inne. Aus seinen Worten hört man, daß er aus tiefer Überzeugung spricht. „Wir haben alles das verloren, weil unser Weg falsch war. Weil wir einem Phantom nachgejagt sind, das ein Mensch uns mit magischer Gewalt vorgegaukelt hat So ähnlich, wie die Fürsten des Mittelalters auf die Ver- sprechungen ehrgeiziger Phantasten hereingefallen sind, die ihnen versprachen, Gold zu machen. Das Phantom, das er uns aulzeigte, war das größere Deutschland in einem tausendjährigen, blühenden Reich von Eintracht und Wohlfahrt. Weil er wie mit Engels- zungen zu reden verstand, glaubte ihm die Masse des Volkes, wählte ihn zu seinem Führer und machte seine Ideen zu ihren eigenen. Als er zum erstenmal den Weg der Ungesetzlichkeit beschritt, Menschen ohne Gericht und Urteilsspruch umbringen ließ und Eigentum be- schlagnahmte, schwiegen sie, weil sie seinen Worten und 333 2) o FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN Versprechungen immer noch glaubten. Hinzu kam, daß es allen materiell besser zu gehen schien. Aber diese Gesetzwidrigkeiten waren nicht eine Übergangserscheinung, wie viele annahmen. Er ging den Weg der Miẞachtung von Gesetzen weiter und zwang das deutsche Volk, von dem nur ein kleiner Teil diesen Weg erkannte, ihm zu folgen. Heute wissen alle, daß es der Weg der Gewalt war, gebrochener Versprechungen, vernichteter Menschen und Völker, der Weg der Gottlosigkeit, der alle geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze des Abendlandes unter seinen Füßen zertrat, ein Hohn auf jedes menschliche Gesetz und jede göttliche Ordnung. Für das Bewußtsein des Volkes jedoch, für das aus der Entwicklung der Jahrhunderte die staatliche Obrigkeit als etwas Gottgewolltes bestanden hatte, blieb seine Staatsführung als solche anerkannt, obwohl die ungeschriebene und unvergängliche Aufgabe des Staates in Wirklichkeit aufgehört hatte zu bestehen, nämlich ein moralisches Vorbild für alle seine Untertanen zu sein." Leise wehen die Gardinen neben den offenen Fenstern im Abendwind, so daß sich leuchtende Strahlen der Abendsonne über uns zu bewegen scheinen, verhalten, wieder verschwinden. Als niemand sich äußert, spricht Pater B. weiter. ,, Eines der Hauptvergehen der nationalsozialistischen Staatsführung gegenüber der göttlichen Ordnung besteht darin, den Staat zu einem unmoralischen Zweckinstrument für die Vorteile der Anhänger ihrer Partei herabge E di E H un оп ZU S A n r n P P u d S 334 INFERNO daß DerWeg das Weg der versigetze ohn Ordder keit eine ngees in ein ein." stern der lten, richt chen steht struerabgewürdigt zu haben. Der Begriff der Staatsautorität, Ehre, Würde, Recht und Gerechtigkeit wurden durch die Willkür des Führerprinzips ersetzt. Korruption und Ehrlosigkeit wurden nicht bestraft. Wer zur alten Garde Hitlers gehörte, war für die Gerichtsbarkeit des Staates unerreichbar. Hitler hat mit frivoler Schamlosigkeit öffentlich erklärt, daß seine alten Anhänger keine Engel zu sein brauchten, wenn sie ihm nur treu ergeben wären. So wurde der Begriff der Würde des Staates zur Phrase. Aber die Masse des Volkes erkannte auch jetzt noch nicht, daß der Staat längst aufgehört hatte, Verkörperung des Guten, Edlen und Schönen zu sein. Es fand nicht den Weg aus diesem Wirrsal von Täuschung und Propaganda, zumal diese sorgfältig verschleiert wurde." Pater B. macht eine kurze Pause, während jeder von uns seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir alle sind dankbar, daß er in einer so unpersönlichen und zugleich sachlich klar geformten Weise alle diese Zusammenhänge nochmals rückschauend vor uns erstehen läßt. Da niemand von uns etwas entgegnet, fährt er fort: ,, Wir, die wir zu der kleinen Zahl Überlebender der offenen Opposition gehören, können bezeugen, wie gefährlich diese Opposition für den einzelnen war. Aber wir müssen Zeugnis ablegen für die Menschen, die im Glauben an Recht und Gerechtigkeit gestorben sind. Denn das war die furchtbare Probe für jeden einzelnen, daß er sich zu entscheiden hatte. Wir haben gesehen, wie Menschenschicksale zerbrochen sind und viele schwach wurden, wenn sie vor ihrer leiblichen Vernichtung standen. Wir 335 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN haben aber auch gesehen, wie sie Zeugnis abgelegt haben und stark blieben. Sie wurden gewogen und nicht zu leicht befunden.“ Wieder macht er eine kurze Pause. „Wenn alle diese furchtbaren Vorgänge, diese mensch- lichen Schicksale von unvorstellbarer Grausamkeit und Härte einen Sinn haben sollen, so kann dieser Sinn nicht darin bestehen, daß alle denkenden Menschen der Welt, welche zum christlichen Kulturkreis gehören, diese Geschehnisse empfinden als fremdes Leid, als etwas, was sie nichts angeht. Alle Menschen müssen das kennen lernen, was hier in Deutschland vor sich gegangen ist,- nicht als Sensation oder mit dem überlegenen Achsel- zucken der Selbstgerechtigkeit. Der Gottesglauben dieser Menschen, die sich hier ihrem Schicksal haben stellen müssen, und ihr Beispiel, ob sie haben stehen können, oder ob sie gefallen sind, sind maßgebend für die Menschen der ganzen Welt, sind richtungweisend für die weitere Entwicklung der Menschheit. Die Welt muß wissen, wohin es führt, wenn ein Staat ohne Gott regiert wird. Zu spät haben die Einsichtigen im eigenen Volke und in den fremden Völkern die drohende Katastrophe erkannt. Und das ist der letzte und tiefste Sinn, daß die Menschen nun noch einmal die Möglichkeit haben, sich zu ent- scheiden. Wollen sie weitergehen auf dem Wege des Materialismus und der Gottferne, der den materiellen Wohlstand als Ziel, den persönlichen Vorteil, den per- sönlichen Erfolg des einzelnen als oberste Richtschnur thaben icht zu menschzeit und nn nicht er Welt, , diese vas, was kennen en ist,- Achselglauben al haben n stehen bend für send für Welt muß tt regiert en Volke tastrophe Menschen zu entWege des materiellen den perchtschnur INFERNO für sein Handeln anerkennt? Oder entscheiden sie sich für die Überzeugung von der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Menschen vor Gott für die Zukunft der Menschheit als Teil der göttlichen Ordnung, welche nach Gottes Gebot jedem Menschen gleiches Recht auf einen Platz auf der Erde einräumt? Ist das furchtbare Geschehen nicht zugleich ein Mahnruf, daß alle Völker sich zusammenfinden sollen, um friedlich die Erde zu verwalten als ein ihnen von Gott verliehenes Erbe für die Dauer ihrer irdischen Wallfahrt? Ein eherner Mahnruf:, Haltet ein mit dem gegenseitigen Zerfleischen und Vernichten, ehe es zu spät ist, ehe nach der furchtbaren Gesetzmäßigkeit höllischer Vernichtung, für welche der menschliche Geist immer neue Wege und Mittel ausdenkt, die ganze Menschheit sich gegenseitig vernichtet hat!' Ruft uns das ganze Erleben der letzten Jahre, auf das wir schaudernd zurückblicken, die Geister von Millionen toter Menschen, getötet mit Gesetz und ohne Gesetz, aber alle getötet durch Menschenhand, die zerstörten Städte, die blutgetränkte Erde, ruft es nicht allen Menschen dieser Erde eine einzige, gebieterische Forderung zu: , Haltet ein auf dem bisherigen Weg des materiellen Zweckdenkens! Haltet ein auf dem Wege gegenseitigen Kampfes! Beschreitet den Weg der Versöhnung, den Weg des wahren Friedens!". Uralte Gedanken der Menschheit durchschweben den Raum dieses ehrwürdigen Baues, in dem durch die Jahrhunderte Menschen gerungen haben um den Frieden 337 FERN UND EWIG LEUCHTET FRIEDEN ihrer Seele. Tiefer Ernst liegt auf den Gesichtern dieser kleinen Gruppe von Männern, welche die Spuren des Grauens letzter Erkenntnisse tragen. Der Glanz der sinkenden Sonne läßt ihre Gesichter aufleuchten, so daß sie seltsam unwirklich und sehn- süchtig verklärt erscheinen, herausgehoben aus dem Alltag des Lebens, in dem Glauben an die Zukunft der Menschheit, der Hoffnung auf den ewigen Frieden unter allen Menschen der Erde.