170 104 94 In der Hölle von Dachau Nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft gab der frühere kommunistische Stadtrat Fritz W a n- del Reutlingen im November 1945 in der überfüllten Bundeshalle in Reutlingen und in zahlreichen Orten der Nachbarschaft einen erschütternden Bericht über seine Erlebnisse im KZ Dachau, in dem er 5½ Jahre als politischer Häftling verbrachte, nachdem er vorher 4½ Jahre im Gefängnis durchlitten hatte. In den ,, Mitteilungen der Militärregierung in Reutlingen", im ,, Schwäbischen Tagblatt" und in anderen Zeitungen erschienen ausführliche Besprechungen dieses Tatsachenberichts. Seitdem wurde aus den Kreisen der Zuhörer in steigendem Maße das Verlangen laut, der Bericht möchte in der durch seine Schlichtheit erschütternden ursprünglichen Form, wie er gehalten wurde, gedruckt und verbreitet werden, da jeder Deutsche diesen Dingen ins Auge sehen und sich ernstlich mit ihnen auseinandersetzen müsse. In Erfüllung dieses Wunsches wird nachfolgend der Bericht vorgelegt. Mehr als 13 Jahre sind vergangen, seitdem ich von dieser Stelle aus zum letzten Male zu den Reutlinger Einwohnern sprechen konnte. Diese 13 Jahre haben unserem Volke so furchtbares und unsagbares Elend gebracht, daß wir heute tief erschüttert vor dem unübersehbaren Trümmerhaufen und Gräberfeld stehen, das einst Deutschland hieß. Ich habe damals von dieser Stelle aus als Rufer im Streite der Meinungen den Kampf gegen den Faschismus geführt und für diese meine Haltung 12 Jahre meines Lebens geopfert. So unvorstellbare Leiden haben mir diese 12 Jahre gebracht, daß es fast unmöglich ist, das Erlebte in Worte zu fassen. Bei aller Mühe wird es mir nicht möglich sein, Ihnen die seelischen Qualen und die körperlichen Strapazen zu schildern, die ich und mit mir Hunderttausende meiner Kameraden in den Gefängnissen und Konzentrationslagern zu ertragen hatten. In einer meiner letzten Reden, die ich damals von dieser Stelle aus gehalten habe, habe ich auf die Boxheimer Blutdokumente abgehoben und versucht, Ihnen an Hand derselben das Wesen und das wahre Gesicht des Faschismus aufzuzeigen. Ich habe damals dargelegt, daß in diesen Blutdokumenten jeder Paragraph mit dem lakonischen Satze endete: wird zum Tode verurteilt." ,,... Ich bin damals von den Wenigsten verstanden worden. Niemand wollte glauben, daß das, was in jenen Blutdokumenten dem deutschen Volke ins Gesicht geschleudert wurde, jemals Wahrheit werden könnte. Tatsächlich ist aber alles, was dort der deutschen Arbeiterschaft und den Gegnern des Faschismus angedroht wurde, inzwischen blutige Wirklichkeit geworden. Und das deutsche Volk, das sich früher stolz ,, das Volk der Dichter und Denker" nennen durfte, ist inzwischen durch den Faschismus zu einem ,, Volk der Richter und Henker" degradiert worden. 3 Der Beginn des Leidensweges Als ich im März 1933 verhaftet und wegen sogenannter Vorbereitung zum Hochverrat unter Anklage gestellt wurde, da glaubte auch ich nicht, daß der Faschismus in der Praxis so brutal sein könnte, wie er sich in Wirklichkeit zu erkennen gab. Aber ich wurde bald eines Besseren belehrt. Im Oktober 1933 wurde ich wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 42 Jahren Gefängnis verurteilt. Als ich im November 1933 in das Landesgefängnis Rottenburg eingeliefert wurde, bestimmte der damalige Gefängnisdirektor Lupfer, daß ich, damit ich mein Gift nicht an die anderen Gefangenen weiter verbreiten könne, in strenger Einzelhaft zu halten sei. Mir wurde im Zellenbau des Landesgefängnisses Rottenburg die Zelle 94 zugewiesen, die mir auf die Dauer von 32 Jahren Wohn-, Schlaf-, Arbeitsraum und Abort wurde. Als dann endlich nach 4 langen Jahren im November 1937 die Freiheitsstunde für mich schlagen sollte und ich auf der Kanzlei auf meine Entlassungspapiere wartete, während meine Frau am Gefängnistor stand, um mich in die Freiheit abzuholen, da wurde mir auf der Kanzlei folgendes eröffnet: ,, Der württembergische Innenminister hat gegen den oben näher bezeichneten Wandel unter dem 24.11. dieses Jahres Schutzhaftbefehl erlassen mit der Begründung, daß er seine Freiheit zu erneuter staatsfeindlicher Betätigung benützen würde." Dies war die erste furchtbare Enttäuschung, die mir die vergangenen 12 Jahre in so großer Zahl eingebracht haben. Noch furchtbarer aber war die Enttäuschung für meine umsonst am Gefängnistor wartende Frau. Am 28. November 1937 öffneten sich wieder die Tore des Landesgefängnisses Rottenburg, und zwei Minuten später schloß sich hinter mir das Tor des Amtsgerichtsgefängnisses Rottenburg. Ich kam in Schutzhaft. Welzheim Das erste Lager, in das ich verbracht wurde, war das Schutzhaftlager Welzheim. Die Empfangsfeierlichkeiten, die uns die dortige SS. bereitete, waren so brutal, daß wir wenige Minuten nach dem Betreten des Baues sämtlich mit blutenden Ge4 4 B sichtern einander gegenüber standen. Wir wurden mit dem Ge- sicht gegen die Wand gestellt; die Fußspitzen mußten unten die Wand berühren, sodaß die Nase nur wenige Millimeter von der Wand entfernt war. Die brutalen SS.-Leute Held, Eberle und Braig schlugen uns alsdann in rohester Weise mit der Faust gegen den Hinterkopf, daß die Nasen hart gegen die Wand schlugen und das Blut in Strömen rann. Wehe dem Armen, der es wagte, sein Taschentuch zu nehmen, um sich das Blut abzuwischen! Jeder Schritt, den wir von diesem Augenblick an gehen muß- ten, wurde unter wildem Geschrei und Hallo der uns jagenden SS.-Leute im Laufschritt vollzogen. Auf der Bühne wurden uns die Zivilkleider abgenommen und dann bekamen wir alle zer- rissene Lumpen, die mit roter Farbe als Gefangenenkleidung gekennzeichnet waren. Hierauf wurden wir in Räume gesteckt, die ursprünglich als Gefangenenzellen für einen einzelnen Mann bestimmt waren. In jedem Raum standen 6 Betten, und zwar je 3 übereinander, und in diesen Räumen mußten wir von nun an zu je 6 Mann hausen. Es war eine furchtbare Zeit. Bei Nacht wurden wir in diesen Räumen eingeschlossen, die nur ein ganz kleines Fenster zum Oeffnen hatten. Morgens herrschte in diesen Räumen eine der- artige Stickluft, daß wir, wenn uns endlich die Türe geöffnet wurde, nach Luft schnappend der Tür entgegenfielen. Im Schutzhaftlager Welzheim habe ich 5 Monate zubringen müssen. Eines Tages hielt uns der Lagerkommandant Buck, ein Sadist, wie ihn die SS. kaum je schlimmer hervorgebracht haben dürfte, einen Vortrag, in dem er ausführte, daß die Na- tionalsozialisten uns gegenüber noch einmal Gnade walten las- sen und uns demnächst in Freiheit setzen würden. Wehe dem jedoch, der sich künftig auch nur das Geringste zuschulden kommen lassen würde: er würde die grünen Hügel seiner Heimat nie mehr wieder sehen. Eine Woche später wurden unsere Namen aufgerufen und wir glaubten, daß es nun bald in die Freiheit ginge. Wir wurden dann in einen Omnibus verfrachtet und— ohne Aufenthalt bis ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Das war die zweite fürchterliche Enttäuschung dieser 12 Jahre, die ich erleben mußte. Dachau Im KZ.- Lager Dachau wurden wir sofort nach unserem Eintreffen zunächst einmal blutig geschlagen. Die SS.- Leute Wagner, Remmele, Vogelsberger und andere, die wir später als die brutalsten Sadisten kennen lernten, die uns je in unserem Leben begegnet sind, empfingen uns Neuankömmlinge mit wildem Geschrei. Wir mußten in die Kniebeuge gehen und längere Zeit in dieser Stellung verweilen. Wehe dem, der diese Strapazen nicht aushielt. Er wurde mit der Hundepeitsche ins Gesicht geschlagen oder erhielt einen Fußtritt in den Bauch oder in die Seite, ohne Rücksicht auf die Verletzungen, die dadurch hervorgerufen wurden. Wehe auch dem, der es wagte, einen Fuẞtritt gegen den Bauch mit den Händen abzuwehren. Gleich ging es über ihn her! ,, Was, Du langst nach mir, Du wehrst Dich noch, Du Schweinehund, warte, Du Vaterlandsverräter, wir wollen Dich lehren, hier Gehorsam zu üben!" Als dann endlich die Formalitäten erledigt waren und wir in der blaugrau- gestreiften Uniform der Schutzhäftlinge, gezeichnet mit dem roten Winkel der politischen Insassen, ins Lager kamen, empfingen uns dort unsere schon untergebrachten Kameraden und Leidensgenossen. Zum Glück traf ich viele meiner Freunde, von denen ich sofort umringt wurde. Ich erinnere mich noch, daß einer von ihnen mich fragte, wann wir wohl endlich in die Freiheit zurückkehren würden. Ich habe ihm damals geantwortet: erst dann, wenn der kommende Krieg gewonnen oder verloren ist. Ich weiß nicht, woher mir dieses plötzliche innere Wissen kam, ich weiß nur, daß es mir im Leben des öfteren so ging, daß ich aus dem Unbewußten heraus spontan etwas sagte, das später Wirklichkeit wurde. Unsere Kameraden im Lager versorgten uns, die wir halb verhungert waren, mit etwas Brot, und erzählten uns dann, was wir im Lager Dachau an Leiden zu erwarten hätten. In der ersten Nacht in Dachau habe ich kein Auge schließen können. Meine Gedanken waren unausgesetzt in der Heimat bei meinen Lieben und ich sorgte mich, wie es ihnen wohl in den kommenden Jahren ergehen würde. Denn daß Jahre vorübergehen würden, bis ich sie wieder zu Gesicht bekommen würde, darüber war ich mir klar. Am folgenden Morgen wur6 den wir Neuzugänge herausgerufen, unsere Leidenszeit begann. Wir waren in völlig neue Gefangenenkleidung gesteckt worden und mußten als Erstes Strafexerzieren. Der achthundert Meter breite Appellplatz mußte von uns kriechend durchmessen werden. Danach mußten wir den Appellplatz im sogenannten Froschhüpfen überwinden. Hierbei brach mancher von uns erschöpft zusammen und lag bewußtlos auf dem Platz. Bereitgestellte Juden mußten daraufhin eimerweise kaltes Wasser auf die Bewußtlosen schütten, bis sie wieder zum Bewußtsein erwachten. Dann wurden sie mit Fußtritten und entsicherter Pistole aufgetrieben und bedroht, daß sie andernfalls erschossen würden. So ging es den ganzen Vormittag. Als wir endlich nachmittags zum Essen wegtreten konnten, waren wir völlig außerstande, auch nur einen Bissen zu uns zu nehmen, so erschöpft und ausgepumpt waren wir. Nach dem Essen wurden wir von neuem herausgerufen und das Strafexerzieren wurde fortgesetzt. Diesmal mußten wir uns auf der Erde wälzen, Purzelbäume schlagen und im MarschMarsch um den Appellplatz rasen. Dabei wurden wir von einer Horde SS.- Männer begleitet oder vielmehr mit Gummiknüppeln, Hundepeitschen oder Farrenschwänzen vorwärtsgepeitscht. Sie schlugen erbarmungslos auf uns ein und bald waren wir mit blauen Striemen förmlich überzogen. Keiner war unter uns, der nicht blutete. Unsere Knie waren kaputt und ebenso zerschunden waren Ellenbogen und Hände. Als endlich am Abend das Strafexerzieren sein Ende fand, da war die neue Uniform, die wir tags zuvor empfangen hatten, total in Fetzen. So ging man in Dachau unter dem Naziregime mit deutschen Menschen und mit dem deutschen Volksvermögen um. Aber diese Herren konnten sich das leisten, denn die Schutzhaftgefangenen mußten ja von morgens früh bis abends spät im Rekordtempo arbeiten, ohne einen Pfennig Geld dafür zu erhalten. Das wahre Gesicht des Faschismus Am nächsten Tage wurden wir in Arbeitskommandos eingeteilt und fingen mit der Arbeit an. Nun muß ich, um das Gesicht des Faschismus genauer zu kennzeichnen, auf folgendes hinweisen: 7 Der Faschismus hat zwei Gesichter, das eine ist dem nichtsahnenden Volke zugewandt, dies ist das freundliche Gesicht, das andere ist dem Feinde des Nationalismus zugewandt, und dies ist das gräßliche und zugleich das wirkliche Gesicht. Ich habe in den 12 Jahren meiner Leidenszeit stets nur das gräßliche Gesicht des Faschismus vor Augen gehabt. Ein Beispiel: Wir hatten im Lager eine Kantine. In dieser Kantine wurde an sechs Schaltern verkauft. Die delikatesten Sachen, die feinsten Schokoladen, die teuersten Tabake, Zigarren und Zigaretten, echter Bohnenkaffee mit Kuchen usw., alles war dort erhältlich und konnte an runden Tischen verzehrt werden. Die Küche war aufs modernste eingerichtet. Riesige Tausendliter- Kessel standen in dieser mit Kacheln ausgelegten Küche, alles funkelte und glänzte, wurde doch jeder Kessel von einem Gefangenen bedient und gepflegt. Wir hatten weiter zwei Revierbaracken, die mit den modernsten Einrichtungen und Hilfsmitteln der Medizin und Chirurgie ausgerüstet waren, mit Röntgenraum und Zahnstation. Die Krankenzimmer waren spartanisch einfach, aber sauber eingerichtet. Wenn nun Besuche in das Lager kamen, z. B. vom Genfer Roten Kreuz, dann wurde der Besuch zuerst in die Kantine geführt, dann in die Küche und Revierbaracke. Wir hatten sogenannte Besuchsblocks, die Blocks I, III und V. In diesen Besuchsblocks waren die Wohn- und Schlafräume mit blitzblank gebohnerten Böden versehen. Die Tische waren gelb lackiert und alles glänzte vor Sauberkeit. Die Besucher, die durch diese Räume geführt wurden, konnten sich natürlich nicht genug tun im Lob darüber, wie sauber wir Gefangenen in diesen Blocks wohnen. Einmal besuchte eine große Offiziersdelegation das Lager. Nach der Besichtigung der Renommierstuben sprachen die Offiziere sich dahin aus, daß man auf dem Fußboden dieser Räume essen könnte. Keiner von diesen Besuchern aber ahnte, was es uns Gefangenen an Entbehrung kostete, diese Räume stets so sauber zu halten. Morgens um 3 Uhr wurden wir bereits aus den Betten gejagt, um Stubendienst zu machen. Wir mußten dann unsere Wohn-, Schlaf- und Aborträume verlassen und uns bei jeder Witterung, ob Sommer oder Winter, ob Regen oder Sturm, im Freien aufhalten, damit diejenigen Kameraden, die Stubenง r 1 K t T e 1 น 1 e r dienst hatten, die Räume so herrichten konnten, daß jeden Tag Besichtigungen erfolgen konnten. Die Herrichtung dieser Räume kostete uns jeden Tag 3 Stunden Schlaf. Das hat man den Besuchern natürlich nicht gesagt, daß jeder kleinste Schmutzfleck, der entdeckt wurde, für den, der ihn verschuldete, schwerste Strafen, nämlich 25 Schläge auf den verlängerten Rücken oder Pfahlhängen, zur Folge hatten. Der Henker von Dachau Niemals wurde aber ein Besuch hinter die Küche geführt, nie bekam er den Arresthof zu sehen, wo die Elendesten unter uns jahrelang in Einzelhaft gequält wurden. Hier hauste der sogenannte Henker von Dachau, ein wegen Muttermord in seiner Jugend zum Tode verurteilter Verbrecher, der wegen seiner Jugend zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden war und sich bei der Machtergreifung freiwillig der SS. als Henker zur Verfügung stellte. Zwei Bluthunde waren die ständigen Begleiter des Henkers von Dachau. Der Gefangene, der es wagte, diesen Mann auch nur mit einem Finger zu berühren, wurde von seinen Bluthunden unweigerlich in Fetzen zerrissen. Gefangene, die in seine Macht gegeben wurden und die er auftragsgemäß vom Leben zum Tode zu befördern hatte, wurden von ihm in Gegenwart seiner Bluthunde in aller Stille erhängt. Die Unglücklichen wurden auf einen Schemel gestellt. Der Henker legte ihnen dann einen Strick um den Hals, dann schlang er den Strick um einen Haken, der für diesen Zweck in jeder Zelle angebracht war, und stieß dem Gefangenen den Schemel unter den Füßen weg. Am andern Tage wurden die Angehörigen des so Gemordeten in der üblichen Weise benachrichtigt, daß er Selbstmord begangen habe. Im Lager hatte stets peinlichste Sauberkeit zu herrschen. Ein Kommando Lagerreinigung war ständig auf den Beinen, und zwar mußten jeden Tag die Invaliden und Krüppel, zirka 500 Mann, in einer einzigen Linie antreten, langsamen Schrittes über den Appellplatz gehen und jedes Streichholz, jeden Zigarettenstummel, jeden Strohhalm und jeden größeren Stein mit den Händen aufheben. Die Gefangenen mußten dabei stets in gebücktem Zustand gehen. Wehe dem, der es wagte, sich 9 ein wenig aufzurichten, er wurde von den begleitenden SS.Leuten sofort auf das brutalste mißhandelt. So hatte, wie gesagt, der Faschismus zwei Gesichter, von denen wir ständig das wirkliche vor Augen hatten, während das Volk nur das freundliche Gesicht zu sehen bekam. Der Kreisleiter als Hetzer So kam der erste Sonntag heran, an welchem ich erstmalig aus dem Konzentrationslager Dachau meiner Frau einen Brief schreiben durfte. Der Brief ging wie üblich durch die Zensur und durfte nur rein familiäre Mitteilungen enthalten. Ein einziges, ungeschicktes Wort genügte, um eine Strafmeldung auszulösen, die stets mit Pfahlhängen oder 25 Stockschlägen endete. Mein Stubenältester legte mir einen Lagerbefehl vor, wobei er bemerkte, daß das, was in diesem Befehl stünde, von mir wörtlich in dem Brief an meine Angehörigen angeführt werden müsse. Ich mußte demgemäß wörtlich folgendes an meine Frau schreiben: ,, Wenn Du mir Geld schickst, dann vergiẞ nicht, auf dem kleinen Postabschnitt, der mir ausgehändigt wird, mein genaues Geburtsdatum anzugeben." Ich habe dies vorschriftsgemäß in meinem Brief geschrieben. Meine Frau hat diesen Brief auch erhalten. Gleichzeitig mit dem Brief bekam sie eine vorgedruckte Karte der Lagerleitung des KZ. Dachau, in der ihr mitgeteilt wurde, daß sie sich, wenn sie in Not und unterstützungsbedürftig sei, an die NSV. wenden müsse. Meine Frau folgte dieser Aufforderung und wandte sich an die Reutlinger NSV.- Stelle, von der sie an den Kreisleiter Sponer verwiesen wurde. Der Kreisleiter Sponer trat meiner Frau nicht besonders freundlich entgegen, sondern ließ sie deutlich fühlen, daß sie die Frau eines politischen Gegners des Faschismus sei. Meine Frau, die sich damals in seelischer und materieller Not befand, gab in aller Unschuld meinen ersten Brief aus dem KZ. Dachau dem Kreisleiter Sponer zum Lesen. Die Folge war, daß Sponer an die Lagerleitung des KZ. Dachau ein Schreiben etwa fólgenden Inhalts richtete: ,, Der Schutzhaftgefangene Fritz Wandel aus Reutlingen hat seiner Frau um Geld geschrieben.( Es war streng verboten, Angehörigen um Geld zu schreiben.) Die Frau 110 ine nef öl- des Wandel ist auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Daß Wandel es wagt, seiner Frau um Geld zu schreiben, beweist nur, daß er ein brutaler, selbstsüchtiger Egoist ist, der seiner Frau und seinen Kindern zumutet, Not und Entbehrung auf sich zu nehmen, damit er im KZ. Dachau ein Wohlleben führen kann.“ Auf Grund dieses Schreibens des Kreisleiters Sponer wurde gegen mich eine Strafmeldung erstattet, weil ich meiner Frau um Geld geschrieben hätte. Nun muß man wissen, daß bei Strafvernehmungen der An- geschuldigte ins Zimmer gerufen wird und daß, wenn an ihn die Frage gerichtet wird, ob er seiner Frau um Geld geschrie- ben habe, er nur mit ja oder nein antworten darf. Als ich nun ins Zimmer gerufen wurde, antwortete ich auf die bewußte Frage nicht mit ja oder nein, sondern erklärte: „Ich habe meiner Frau geschrieben, wenn Du mir Geld schickst, dann vergiß nicht, auf dem kleinen Postabschnitt, der mir aus- gehändigt wird, mein genaues Geburtsdatum anzugeben.“ Ich fügte noch hinzu, daß mir von meinem. Stubenältesten gesagt worden ist, daß ich dies gemäß Läagerbefehl schreiben müsse. - Der vernehmende SS.-Hauptscharführer Kegel war sehr er- staunt, daß es ein Neuzugang wagte, statt mit ‚ja‘ oder ‚nein‘ mit einem ganzen Satz zu antworten. Er sprang wütend auf, schlug mir die Faust ins Gesicht, sodaß mir das Blut aus der Nase rann. Dazu war er als SS.-Offizier selbstverständlich berechtigt; denn für einen SS.-Offizier ist es durchaus nicht ehrenrührig, sich an einem wehrlosen Gefangenen zu vergreifen. Daß ich es gewagt hatte, seine Frage statt mit ja oder nein mit einem ganzen Satz zu beantworten, hatte weiter zur Folge, daß ich nicht, wie üblich, zu 25 Stockschlägen, sondern zu 10 Wochen Strafarbeit verurteilt wurde. Qualen der Strafarbeit Diese 10 Wochen Strafarbeit waren die fürchterlich- sten Wochen meines Lebens. Am Pfingstsonntag 1938 begann der erste Tag meiner Strafarbeit. Ich war den ganzen Sonntag in der Kiesgrube beschäftigt, wo ich mit dem Stoßkarren Kies zu fahren hatte, und zwar den ganzen Sonn- 11 tag hindurch im Laufschritt. Ich hatte von diesem Augenblick an keine einzige Minute Freizeit mehr, keine Zeit Mittagessen zu empfangen, keine Zeit Abendessen einzunehmen, weil ich tagsüber im üblichen Arbeitskommando schaffte und während der Essenspause als Strafarbeiter in der Kiesgrube war. Auch abends, wenn die andern ausruhen konnten, mußte ich Strafarbeit leisten. Die Strafarbeit war erst dann zu Ende, wenn am späten Abend das Signal zum Schlafengehen gegeben wurde. Dann mußte ich die Arbeitsstätte im Eilmarsch verlassen und sofort ins Bett gehen. Wehe mir, wenn ich bei der nachfolgenden Kontrolle noch außerhalb meiner Lagerstätte gefunden wurde. Das hatte dann sofort eine neue Strafmeldung zur Folge, und 25 Stockschläge waren fällig. Meine Kameraden richteten mir heimlich jeden Abend Brot her, Kartoffeln und Heringe, und ich mußte dann ebenso heimlich die hergerichteten Nahrungsmittel im Bett verschlingen. So kam es, daß ich mich nur alle 24 Stunden einmal satt essen konnte und mir nur wenige Stunden Schlaf blieben. Der Rest von mindestens 18 Stunden täglich war harter Arbeit gewidmet. Ein Tag, eine Woche um die andere verging auf diese Weise. Der fünfte Sonntag meiner Strafarbeitszeit war ein glühendheißer Tag. Ich war an diesem Tage damit beschäftigt, mit dem Stoẞkarren aus der Kiesgrube Kies herauszuführen. Zu unserer Aufsicht war der SS.- Oberscharführer Wagner bestimmt, ein Mann, der im ganzen Lager als einer der brutalsten Schurken bekannt war. Aus irgendeinem Grunde muß er auf mich aufmerksam geworden sein. Vielleicht gefiel ihm mein Gesicht nicht. Jedenfalls ging er plötzlich auf mich los, schrie mich an, mißhandelte mich und trieb mich mit entsicherter Pistole stundenlang im Marsch- Marsch hin und zurück. Ich bin an jenem Vormittag zehnmal vollkommen erschöpft zusammengebrochen und wurde jedesmal von einem damit beauftragten Juden mit einem Eimer kalten Wassers übergossen, bis ich wieder zum Bewußtsein kam. Wieder bei Bewußtsein, mußte ich aufspringen und sofort wieder mit der Arbeit beginnen. Ich verzeihe dem Juden; denn hätte er es nicht getan, hätte er sterben müssen. Nicht aber verzeihe ich Wagner und dem Urheber meiner Leiden, Kreisleiter Sponer. 12 za mn an Nach den ungeheuren Strapazen dieses Vormittages kam end- lich die Mittagspause, und Wagner verließ uns beim ersten Glockenschlag. Meine Kameraden, die beobachtet hatten, wie dieser blutige Sadist mit mir umgesprungen war, kamen herbei, um mich, der ich völlig erschöpft war, zu holen. Wir gingen auf die Stube, wo mir das bischen Mittagessen, das es gab, in den Magen fiel wie ein Wassertropfen in die Nebelhöhle. In völliger Erschöpfung legte ich mich dann im Wohnraum in der Ecke auf den Fußboden, um ein wenig auszuruhen. Natürlich war das streng verboten. Aber der Stubenälteste, der meine Erschöpfung sah, duldete es und stellte vier Kame- raden als Posten auf, damit ich nicht etwa liegend überrascht wurde. Er tat es auch zu seiner eigenen Sicherheit; denn auch er hätte sich sofort in der Strafklasse befunden, wenn ich lie- gend entdeckt worden wäre. Dort in der Ecke der Stube liegend, überdachte ich das ganze Elend meines Lebens. Und ich sann auf einen Ausweg, der mich aus dieser Qual herausführen könnte. Aber ich fand keinen. Es ist furchtbar, wenn man als Mann im Leben einer Situation gegenüber steht und keinen Weg finden kann, um sein Schicksal zu ändern. Und da faßte ich nun den verzwei- felten Entschluß, daß ich, wenn Wagner mir am Nachmittag auf die gleiche Weise begegnen würde, ihm den Gruß des Götz von Berlichingen ins Gesicht schleudern und ihn einen Hitlerhund schimpfen würde. Das würde zur Folge haben, daß er die Pistole ziehen und mir die ganze Kammer seiner Pistole in den Körper jagen würde. Das wäre dann das Ende gewesen. Niemand wird glauben, daß, als ich zu diesem Entschluß ge- kommen war, ein ungeheueres Glücksempfinden durch meine Seele zog. Aber es war so, hatte ich doch einen Ausweg ge- funden, der aller Not ein Ende machen würde. Ich dachte nicht mehr an Frau und Kinder und den Jammer, der über sie kommen würde; sondern ich dachte nur noch daran, mir den letzten Rest von Manneswürde zu wahren, indem ich einen Tod starb, der eines politischen Gefangenen würdig war. Wie gesagt: dieses Glücksgefühl wollte nicht weichen. Ich war felsenfest entschlossen, so zu handeln. Und wie ich nun dalag, und den Augenblick nicht erwarten konnte, in welchem ich von all dem Jammer und Elend erlöst würde, da fiel mein . 13 Blick auf den Abreißkalender des Stubenältesten, der am Pfosten zwischen den zwei Fenstern der Stube hing. Die rote Zahl des Sonntags leuchtete zu mir herüber. Und nun überfiel mich der sonderbare Gedanke, daß auf jedem Kalenderblatt auf der Rückseite irgendein Spruch gedruckt steht. Ich konnte mir nicht helfen, ich wollte wissen, was für ein Sprüchlein an meinem Todestage wohl auf dem Kalenderblatt stand. Und dieser Gedanke war so zwingend, daß ich meine zerschlagenen Knochen vom Boden aufraffte, zum Abreißkalender ging, das Blatt hob und las, was dort stand. Ich habe es in meinem Leben nur einmal gelesen, aber was ich dort las, das werde ich noch in meiner Sterbestunde wörtlich wiederholen können: ,, Sei nur getrost, so lang ist keine Nacht, daß ihr nicht doch zuletzt ein Tag erwacht." Shakespeare. Dieses Shakespeare'sche Zitat traf mich wie ein Keulenschlag. Unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft schleppte ich mich in den Schlafraum. Dort verkroch ich mich hinter der hintersten Bettstelle und heulte wie ein geprügelter Hund. Als kurze Zeit später der Ruf ,, Strafarbeiter antreten" ertönte, erhob ich mich und trat an. Und ein Wunder geschah: Wagner erschien nicht mehr als aufsichthabender SS.- Oberscharführer, sondern ein anderer, der sich weniger um uns kümmerte, sodaß ich den Nachmittag gut überstand. Sonst wäre ich nicht mehr hier und könnte nicht mehr zu Ihnen sprechen. Die ersten Wochen meiner Strafarbeit hatte ich nun hinter mir und auch die folgenden Wochen gingen vorüber. Aber ich habe, wie Sie hören, diese Zeit noch sehr gut im Gedächtnis und ich habe auch den noch im Gedächtnis, der die Schuld an jenen leidvollen Wochen, die ich durchzumachen hatte, trägt. Vergeltung! Ich bin durchaus nicht erstaunt, daß sich Kreisleiter Sponer nicht mehr daran erinnern kann, daß er mir diese Wochen voll unerträglicher Qual besorgt hat, denn aus einer Rede von Herrn Oberbürgermeister Kalbfell in Reutlingen geht hervor, daß er noch nicht einmal weiß, daß ich 52 Jahre im KZ. 14 g. ch er T- 1: r- S st en er er e- Lie en er الد on or, Z. m h h r r 1 d Dachau war. Der bedauernswerte Mann leidet also an Gedächtnisschwund; da kann ich nichts dafür, ich bin gesund. Niemand soll von mir und meinen Freunden erwarten, daß wir gleiches mit gleichem vergelten werden, wir sind Menschen und keine Tiere. Wir glauben an keinen Gott, aber an einen Schöpfer, die Rache ist nicht Gottes, sondern unser, und ich will meine Rache haben. Sponer, der mir mehr als nur Herzeleid bereitet hat, der mich in die Pistolen seiner Parteifreunde getrieben hätte, wenn nicht wieder einmal das Glück auf meiner Seite gestanden wäre, soll meine Rache fühlen. Sponer soll nicht des Todes sterben, denn das Erbe, das er und seine Parteifreunde uns hinterlassen haben, sind so viele Witwen und Waisen, daß wir nicht noch mehr gebrauchen können, aber diese Witwen und Waisen schreien nach Brot, und dieses soll uns Sponer schaffen helfen. Sponer soll arbeiten lernen, er soll der untergeordnetste Arbeiter unserer Gemeinde werden, den es je gegeben hat; die Werkzeuge, die er zu seiner Arbeit braucht, sollen Pickel, Schaufel und Stoẞkarre sein. Es ist dies keine entehrende Arbeit und Arbeit adelt ja laut Parteiprogramm der NSDAP. Arbeit adelt vielleicht auch noch Herrn Sponer. SS.- Bestien Doch zurück zu meinen Erlebnissen in Dachau: Wir befanden uns damals beim Aufbau des neuen Lagers. Zu diesem Zwecke mußten Bäume eines Waldstücks gefällt werden. Es waren Fichten, Forchen und Lärchen, die zu fällen waren. Mit dieser Arbeit waren Kommandos betraut, die aus Juden bestanden. Dort habe ich beobachtet, und selbst gehört und gesehen, wie ein junger SS.- Mann im Alter von höchstens 19 Jahren, Angehöriger der Totenkopf- SS., ganz plötzlich rabiat wurde: Er hatte die Feststellung gemacht, daß in dem von ihm befehligten Kommando Vater und Sohn beschäftigt waren, beide Juden. Und seine Absicht war es nun, diesen beiden Herzeleid zu bereiten. Und da zur SS. nur die blutigsten Sadisten und übelsten Kreaturen, die das deutsche Volk je hervorgebracht hat, kamen, fängt dieser junge SS.- Mann plötzlich an, den 15 Sohn anzubrüllen: ,, Zurück zur Natur, Du Affe! Rauf auf den Baum." Dann brüllte er mit angeschlagenem Karabiner: ,, Willst Du höher!" Und jagte den Jungen auf diese Weise bis in den höchsten Wipfel der Tanne und zwar so hoch, daß sich der Wipfel bog und der Junge im Wipfel in der Horizontale hing. Und nun befahl der SS.- Mann dem Vater des im Wipfel hängenden Jungen die Säge zu ergreifen und den Baum umzusägen. Als der Vater wimmernd in die Knie fällt und den SS.Mann anjammert, ihn zu schonen und seinem Sohn zu gestatten, wieder herunterzuklettern, da wird der Vater von dem SS.- Mann auf das brutalste mißhandelt. Der Sohn des Juden ruft seinem Vater herunter: ,, Dann tu es eben, Vater, denk an Mutter und Geschwister." Der Vater greift zur Säge und sägt. Nach wenigen Zügen schon läßt er die Säge aufs neue sinken und jammert den Lausejungen von einem SS.- Mann um Gnade an. Die Folge ist erneute Mißhandlung. Wieder sägt der Jude auf Zuruf seines Sohnes weiter, diesmal so lange, bis die Tanne stürzt. Ein Schrei aus dem Wipfel, ein Schrei am Boden: der Vater lag bewußtlos da und der Junge war tot! -- Als der Vater am Abend auf den Knien rutschend ins Revier hereinkriecht und darum bittet, seinen Sohn noch einmal sehen zu dürfen, wird er von den SS.- Männern mit Fußtritten traktiert und mit dem Gummiknüppel aus dem Revier hinausgeprügelt. Dabei traf ihn ein Fußtritt so in den Bauch, daß ihm ein Darm platzte. Aus Furcht vor weiteren Mißhandlungen wagte er nicht mehr aufs Revier zu gehen und sich behandeln zu lassen. Die Folge war, daß er zwei Tage später an der Darmverletzung starb. Vater und Sohn wurden zu gleicher Zeit im Krematorium verbrannt; den Angehörigen aber wurde mitgeteilt, daß beide Selbstmord begangen hätten und daß ihre Aschenurnen angefordert werden könnten. Nun war es im Krematorium so, daß niemals nur eine einzelne Leiche im Ofen lag, sondern immer vier zugleich, und daß die Asche, wenn sie entfernt wurde, in eine Grube geworfen wurde. Wenn dann von einer Frau oder Mutter die Asche des Mannes oder Sohnes angefordert wurde, dann wurde einer der im Krematorium beschäftigten Juden mit einer Urne und einer Schaufel zur Aschengrube geschickt, wo er dann die 16 = 5353 Urne mit einem entsprechenden Vorrat der dort liegenden Asche zu füllen hatte. Es war die Asche irgendeines Menschen, auf keinen Fall aber befand sich in der den Angehörigen zu- gesandten Urne die Asche ihres Verwandten. Die armen Kerle von Juden, welche im Krematorium die nackten, vielfach mit geronnenem Blut besudelten und oft auch schon Verwesungsdünste ausströmenden Leichen mit überge- streiften Handschuhen ergreifen und in die Verbrennungsöfen stecken mußten, wußten, daß auch sie hier eines Tages zu Asche werden würden. Sie verzehrten sich seelisch bei der grausigen Arbeit und bald stellte sich Appetitlosigkeit ein, sie magerten ab und einmal kam für jeden die Stunde, in der er zusammenbrach. Er wurde ins Revier gebracht, erhielt eine Spritze, als unbequemer Zeuge faschistischer Greueltaten, und lag schon am anderen Tage auf dem Leichenberg am Krema- torium und sein durch'sein Ausfallen neu zu dieser Arbeit kommandierter jüdischer Kamerad tat ihm den letzten„Liebes- dienst“, den er selbst so vielen Hunderten hatte leisten müssen. Er stieß ihm eine Eisenstange in den Hintern und drückte ihn in die Glut, auf daß er zu Asche werde. Während des Lageraufbaus machte sich die SS. weiter das Vergnügen, den sogenannten Bock, der verwendet wurde, um KZ.-Insassen, die sich angeblich etwas zuschulden kommen ließen, 25 Stockschläge zuzuteilen, in das Lager hineintragen zu lassen. Die SS.-Männer fuhren auf Rädern durch das Lager, und jeder, der ihnen zufällig begegnete, wurde gefaßt und angeschrien:„Komm mal mit, Junge!“ Er wurde dann über den Bock gelegt, mit 25 Stockschlägen traktiert und danach sofort wieder an die Arbeit geschickt. Ob er etwas getan hatte oder nicht, war unwesentlich; die Hauptsache war, daß die betrunkenen SS.-Männer ihr Vergnügen hatten. Hauptsturmführer Kegel und Sturmbannführer Krepel, diese blutigen SS.-Sadisten, schämten sich nicht, als SS.-Offi- ziere durch das Lager zu schleichen, an den Fenstern zu hor- chen, was die Gefangenen redeten, und sogar heimlich durch die Fenster zu klettern und durch die Räume zu schleichen, nur um zigarettenrauchende oder sich unterhaltende Gefangene zu überraschen, zur Strafmeldung zu bringen und dann in sadisti- scher Weise durch Pfahlhängen oder Prügel zu quälen. 17 Immer neue Quälereien! Wie ich schon bemerkte, habe ich zehn Wochen Strafarbeit hinter mir gehabt. Nun war es in der Zeit des Lageraufbaues das Bestreben des SS.- Hauptsturmführers Kegel, zur Beschleunigung des Lageraufbaues stets 4-500 Strafarbeiter zur Hand zu haben, die auch in den Ruhepausen der übrigen KZ.Häftlinge mit dem Aufbau des Lagers beschäftigt sind, vor allem mit der Neubeschaffung von Kies. Natürlich wußte das jeder Gefangene und jeder hütete sich darum, sich eine Strafmeldung zuzuziehen, denn man kannte die entsetzlichen Qualen der Strafarbeit. Kegel aber brauchte unbedingt Strafarbeiter. Eines Tages war nun das Lager abends zum Zählappell angetreten. Nach erfolgter Meldung, daß der Zählappell seine Richtigkeit habe, rief SS.- Hauptsturmführer Kegel über die angetretenen Blocks hinweg: ,, Sämtliche Kapos!" Die Kapos waren die KZ.- Häftlinge, die in den einzelnen Kommandos die Arbeit zu überwachen und zu leiten hatten. Auf den Ruf Kegels mußten nun alle diese Kapos, etwa 70 an der Zahl, nach vorne stürzen, in Linie zu zwei Gliedern antreten. Es mußte alles in streng militärischer Form geschehen. Der Lagerkapo kommandierte: ,, Stillgestanden! Mützen ab, Augen rechts!" und meldete dann an Kegel: ,, Sämtliche Kapos zur Stelle". - Kegel schaute auf seine Armbanduhr und sagte: ,, Es ist 7 Uhr 10 Minuten; bis morgen abend um die gleiche Zeit habe ich 400 Strafmeldungen, widrigenfalls hänge ich sämtliche Kapos eine Stunde an den Pfahl!" Am darauffolgenden Abend, nach dem Zählappell, der wiederum von SS.- Hauptsturmführer Kegel abgenommen wurde, ertönte abermals der Ruf: ,, Sämtliche Kapos!" In wildem Rennen traten die Kapos an, darauf erklärte Kegel: Ich habe befohlen, bis heute abend habe ich 400 Strafmeldungen. 217 Strafmeldungen sind eingegangen. Rechtsum, links schwenkt, ohne Tritt Marsch!" Die Kapos begaben sich befehlsgemäß hinter die Küche in den Gefängnishof, wo sie auf Anweisung Kegels an den Pfahl gehängt wurden. Um 2 Uhr nachts noch hörten wir die Schreie der an den Pfahl gehängten und gequälten Kapos. 18 S T r S n Sug s ch e, KS en n. an - n. b, OS ist be he iede, enbe217 kt, in Fahl reie t. Am dritten Abend nach dem Zählappell, der wiederum von Kegel abgenommen wurde, ertönte von neuem der Ruf: ,, Sämtliche Kapos!" Nachdem sie angetreten waren, sagte er: ,, Es ist 7 Uhr 10 Minuten; bis morgen abend um die gleiche Zeit habe ich 400 Strafmeldungen, widrigenfalls hänge ich sämtliche Kapos eine Stunde an den Pfahl!" Am nächsten Abend hatte Kegel 400 Strafmeldungen. Es waren 400 Juden, denn jeder Kapo schonte die politischen Gefangenen, zumal er wußte, daß er dem Hauptsturmführer Kegel eine besondere Freude bereiten würde, wenn er ihm Juden meldet. Die Kapos befanden sich in einer unglaublichen Seelenqual, weil sie Leute, die sich nicht das Geringste zuschulden kommen ließen, melden mußten, damit sie zur Strafarbeit kamen. Aber wenn sie es nicht taten, dann würden sie die nächste Nacht wieder am Pfahl hängen, denn Kegel war als erbarmungsloser Sadist bekannt. Ich habe in meinem Leben keinen Mann so gefürchtet und gehaßt wie diesen SS.- Bluthund, der mir bei meiner Strafvernehmung auf Grund der Meldung des Kreisleiters Sponer die Faust ins Gesicht schlug. Leiden der Isolierten Zum Lageraufbau gehörte weiter die Erstellung eines riesigen Wirtschaftsgebäudes. Bei diesem Bau waren in der Hauptsache Zweimalige beschäftigt, das sind solche KZ.- Häftlinge, die zum zweiten Male in das KZ. eingeliefert wurden. Es handelt sich hierbei in der Hauptsache um politische Häftlinge, die sofort nach ihrer Entlassung den Kampf gegen den Faschismus wieder aufgenommen hatten und zum zweiten Male in die Hände der Gestapo fielen und nach Dachau gebracht worden waren. Diese Zweimaligen lagen gesondert auf den sogenannten Isolierblocks. Sie hatten ein eigenes Lager im Lager. Diese Isolierten durften nur alle Vierteljahr einen Brief schreiben und empfangen und hatten beschränkten Kantine- Einkauf, in einem Vierteljahr für 10 Mark. Sie kauften dann gewöhnlich für 10 Mark Brot und aẞen es auf, in wenigen Tagen, denn Hunger war ihr ständiger Begleiter. Sie mußten schwerste Arbeit leisten, im Hetztempo, waren strenger bewacht und wurden ob der geringsten Kleinigkeit auf das härteste bestraft. 19 Einmal wurde ihnen für zehn Tage das Mittagessen entzogen. Sie mußten sich in der Nähe der Küche aufstellen und zusehen, wie die anderen Gefangenen ihr Essen in der Küche abholten. Ihr ganzer Kummer war, daß am zweitletzten Tag einer ihrer Kameraden erschöpft zusammenbrach, ein einziger nur in all den Tagen, die anderen standen stumm, verbissen und trotzig. Mehr wie selten kam e$ vor, daß einer der Isolierten sich auf der Arbeitsstelle die Taschen mit Gras vollstopfte, um es am Abend ganz fein zu schneiden und in die dünne Suppe zu schütten, damit sie dicker und mehr wurde. Wenn die Isolierten durch das Lager marschierten, ertönte der Ruf:„Straße frei!“ Alles mußte von der Lagerstraße ver- schwinden. Der Blockälteste oder-Kapo der Isolierten mußte diesen Warnruf ausstoßen und ich wurde jedes Mal an den Warnruf:„Unrein!— Unrein!‘“ der Aussätzigen in Palästina erinnert, wie es in der Bibel geschrieben steht. Diesen Isolierten durfte weder Tabak noch Brot zugesteckt werden, auch war es streng verboten mit ihnen zu reden. Manch einer von uns anderen ging über den Bock oder an den Pfahl, weil der SS. kundgeworden war, daß er dem Verbot zuwider gehandelt hatte. Aber die Kameradschaft unter den Politischen hielt jedem Angriff stand und konnte durch keine Maßnahme erschüttert werden. Auf den Isolierblocks waren auch die Bibelforscher unterge- bracht, zirka 80 Mann, trotzdem sie keine Zweimaligen waren. Ihnen galt der ganze Haß der SS., denn es waren ganze Kerle und gaben uns Politischen nichts nach. Sie standen uner- schütterlich zu ihrer Lehre und glaubten fest an die Wahrheit der Worte der Bibel. Alles Anrennen der SS. gegen ihre Stand- haftigkeit war vergeblich. Weder Hunger noch Strafen, weder Mißhandlung noch Tod machte sie schwach. Ab und zu geschah es, daß von der SS. Stahlhelme, Tor- nister, Koppeln und Gewehre ausgelegt wurden; die Bibelfor- scher mußten aufmarschieren und wurden in einer Ansprache durch einen SS.-Offizier aufgefordert, die Ausrüstung aufzu- nehmen und damit zu bekunden, daß sie gewillt sind, ihrem Glauben abzuschwören und das Bibelwort?„Du sollst nicht töten!‘ zu mißachten. 20 e r- te P12 en да kt ch 11, er en me e- en. rle ereit d- der foror che zuem cht . h ES SI u r Derjenige, der tat, was die SS. forderte, betrat das Lager nur noch, um seine Privatsachen abzuholen und ward am selben Tage noch entlassen. Man bedenke: alle Not, alle Angst, aller Hunger hätte ein Ende, Erlösung aus der Hölle; aber keiner bückte sich; diese wackeren Kerle standen wie die Felsen und rührten sich nicht. In schäumender Wut fielen die SS.- ler über sie her und schlimme Tage standen ihnen bevor, bis diese Niederlage der SS. wieder abgeklungen war. Die Bibelforscher hatten unsere ganze Achtung, und wir rechneten sie zu uns. - Einen zu harter Strafarbeit verurteilten Bibelforscher schrie eines Sonntags der SS.- Oberscharführer Blatterspiel an: ,, Willst Du arbeiten!- Du Schweinehund! In der Bibel steht geschrieben: Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen!" Der Bibelforscher richtete sich auf und gab zur Antwort: ,, Jawohl, Herr Oberscharführer, und weiter steht geschrieben, sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebten aber sollst Du ruhen." Blatterspiel war ob dieser Antwort so erstaunt, daß er vergaß, ihm den üblichen Faustschlag zu verabreichen oder eine Strafmeldung zu schreiben. Blatterspiel verließ die Arbeitsstelle, vielleicht ging er sich zu überzeugen, ob wahr ist, was der Bibelforscher ihm gesagt hatte. SS.- ,, Belustigungen“ Außerdem waren am Bau des Wirtschaftsgebäudes auch einige Kommandos Juden beschäftigt. Auf dem Gelände nun, auf dem das neue Lager und Wirtschaftsgebäude errichtet wurde, brauchte man nur einen Meter tief zu graben, um guten Kies zu finden, der für jede Betonierarbeit geeignet war. Neben jedem Bau, der errichtet werden sollte, begann man eine Kiesgrube auszuheben, dann füllte sich diese, sowie sie ausgebraucht war, allmählich mit metertiefem Wasser. Diese Kiesgrube lag aus obigen Gründen gewöhnlich dicht an dem neuen Bau. Es war nun eine der vielen ,, Belustigungen" der SS., einen Juden zu packen, ihn in diesen See zu stoßen, mit langen Stangen rings um den See herum zu stehen und den Juden bei jedem Versuch, sich an das Ufer zu retten unter lautem Ge21 schrei zurückzustoßen. Dieses Spiel dauerte so lange, bis der Jude restlos erschöpft war und wie eine Ratte ersoff. Hierauf wurden dann eine Reihe weiterer Juden beauftragt, in das Wasser zu springen und die Leiche des Ertrunkenen herauszuholen. Wenn es diesen an der Belustigung beteiligten SS.- Männern gefiel, noch einen zweiten Juden auf die gleiche Art zu ersäufen, dann mußte noch ein zweiter daran glauben. Wieder kamen sie besoffen zur Arbeitsstelle am Wirtschaftsbau. Hauptscharführer X aver Trenkle, ein oberbayerischer Waldarbeiter, ein im Ersinnen neuer Todesarten für Gefangene erbarmungsloser, übelberüchtigter und gefürchteter Blutsäufer, führte die Meute. Die Gefangenen arbeiteten im Hetztempo, weil jeder wußte, daß sie ein Opfer suchen werden, und siehe da, sie fanden eines. Ein Jude wurde gegriffen und erst einmal ausgeprügelt und dann gegen die Betoniermaschine getrieben. Dort wurde der Jude unter wildem Johlen der entmenschten Bestien in die Mischtrommel gesteckt und dann die Maschine eingeschaltet. Nach 10 Minuten mußten andere Juden ihren Kameraden aus der Trommel zerren, wobei sie auf das wüsteste beschimpft und roh verprügelt wurden. Als der Jude endlich vor der Trommel auf dem Boden lag, wurde er aufgefordert, an seine Arbeit zu gehen. Als er sich nicht ührte, wurde er wild verprügelt. Trenkle sprang ihm mit beiden Füßen auf den Bauch und schrie in schäumendem Blutrausch mit kreischender Alkoholstimme: ,, Willst Du, willst Du!" Bei jedem Schreien sprang er hoch und stampfte dem Juden mit den genagelten Schuhen in den Bauch. Der Jude gehorchte nimmer, er war längst tot. Ein anderés SS.- Vergnügen bestand darin, daß ein Gefangener so lange geohrfeigt wurde, bis er bewußtlos am Boden lag. Das artete oft in einen Wettstreit aus und 5 bis 6 Gefangene wurden zu gleicher Zeit behandelt. Fiel ein Gefangener zu Boden, dann mußte er wieder aufstehen, sich strammstellen und empfing die nächste. Mit stolz geschwellter Brust stand der SS.- Sieger, welcher sein Opfer zuerst bewußtlos hatte, vor seinen grausamen Kameraden und brüstete sich. Es wurde dann gewöhnlich heftig hin und her disputiert, was besser sei beim Schlagen, wenn man schiebt oder schlägt. 22 U t F Der Todessprung Ein anderer Sport der SS., bei dem wir oft zusehen mußten, war es, auf dem Gerüst hoch oben den nächstbesten Gefange- nen, der nichts ahnte, so ins Gesicht zu schlagen, daß er kopf- über vom Gerüst herunterstürzte und sich das Genick brach. Kein Hahn krähte danach, wieviel Juden das Arbeitskommando Wirtschaftsbau täglich verbrauchte, und kein Mensch kümmerte sich darum, ob diese Leute zu Recht oder zu Unrecht starben. Kein SS.-Mann machte gich ein Gewissen daraus, einen Juden auf irgendeine Art ünd Weise bestialisch zu Tode zu quälen. Wir haben es erlebt, daß im Winter einem Juden befohlen wurde, aus dem dritten Stock des Baugerüstes auf die Eis- decke des neben dem Bau befindlichen Sees der Kiesgrube hinabzuspringen, nur damit die SS.-Männer erfuhren, ob das Gewicht des Juden ausreiche, die Eisdecke zu durchschlagen. Die SS.-Männer schlossen Wetten ab; die einen wetteten, daß der Jude die Eisdecke durchbrechen werde, die anderen wette- ten, daß sein Gewicht nicht ausreiche, Und damit diese Wette ausgetragen werden konnte, mußte der Jude sterben. Als er nicht springen wollte, wurde er gepackt und hinabgeworfen. Die Eisdecke wurde durchschlagen, und die zweite Gruppe der SS.-Männer hatte ihre Wette verloren— unter dem gellenden Hohngelächter derer, die die Wette gewonnen hatten. SS.-Männer als Mörder Beim Lageraufbau wurde zu gleicher Zeit auch die Um- randung des Lagers mit fertiggestellt. Außerhalb des Lagers fließt die Amper, dann folgt ein Fußweg und dann ein 2,50 m hoher Stacheldrahtzaun, hierauf erneut ein Fußweg, darauf der elektrisch geladene Stacheldrahtzaun. Dann kommt ein 3 m tiefer Wassergraben, der jederzeit aus der Amper gefüllt wer- den konnte. Und hieran schließt sich ein 6 m breiter Grün- streifen. Es folgt alsdann die kleine Lagerstraße, und dann beginnen die Blocks. Der 6 m breite Grünstreifen durfte von den KZ.-Häftlingen nicht betreten werden. Wer ihn betrat, befand sich auf der Flucht und wurde ohne Anruf erschossen. Die uns damals be- wachende Totenkopf-SS., Burschen von 18 bis 19 Jahren, folgte 23 nun den Fußstapfen der Großen und glaubte, auch ihrerseits den Beweis dafür erbringen zu müssen, daß sie ebenso grausam und gemein sein könne, wie ihre älteren SS.- Schar- und Hauptscharführer und SS.- Offiziere. Ein Beispiel aus vielen: einer dieser SS.- Jünglinge warf sein Taschentuch auf den Grünstreifen. Dann befahl er einem in der Nähe arbeitenden Juden, das Taschentuch zu holen. Der Jude gehorchte und betrat den Grünstreifen, der SS.Jüngling riẞ den Karabiner hoch, ein Knall und der Jude war tot. Am anderen Tage hörte ich, wie er einem Kameraden sagte: ,, Du, ich habe gestern einen von den Juden erschossen, erschieß Du doch auch einen!" Der andere fragte zurück, wie er das gemacht habe. Darauf berichtete er: ,, Ich habe mein Taschentuch auf den Grünstreifen geworfen und als der Jude den Grünstreifen betrat, habe ich ihn abgeschossen. Natürlich habe ich gemeldet, daß ich ihn auf der Flucht entdeckt und sofort erschossen habe." Der andere SS.- Mann machte es nun ebenso und rief seinerseits einen Juden, ihm sein Taschentuch zu holen. Der Jude antwortete: ,, Das darf ich nicht, erst gestern wurde einer meiner Kameraden erschossen, weil er den Grünstreifen betreten hatte." Darauf reißt der SS.- Jüngling den Karabiner hoch und schoß den Juden nieder. Er meldete dann, er habe den Juden wegen Befehlsverweigerung erschossen. - Verflucht sei das Hakenkreuz! Um diese Zeit hatte ich einen Genossen aus der KPD.Jugend auf der Stube. Ich war zu dem Jungen wie ein Vater zu seinem Sohn. Manchmal habe ich dem Jungen, der so schön singen konnte, gesagt: ,, Sing uns doch noch einmal das Lied vom blonden Kind am Rhein." Er fing dann an zu singen: ,, Grüßt mir das blonde Kind am Rhein und sagt, ich käme wieder." Dieser Junge hatte eines Tages an der Arbeitsstelle eine Zigarette geraucht. Er wurde dabei unglückseligerweise vom Kommandoführer, dem SS.- Oberscharführer Vogelsberger beobachtet und erwischt und am Abend beim Einrücken am Jourhaus zur Seite gestellt. Da an diesem Abend keine sonsti24 24 gen Strafmeldungen zur Aburteilung kamen, wurde der Junge, wie man das bisher des öfteren mit Juden getan hatte, zum ersten Mal aber jetzt mit einem politischen Häftling tat, mit dem Hundehalsband um den Hals an die Hundekette der Hundehütte geschlossen und gezwungen, in die Hundehütte zu kriechen. Gleichzeitig wurde ihm befohlen, so oft ein SS.- Mann vorüberging, auf allen Vieren aus der Hundehütte herauszukriechen und„Wu! Wu!“ zu bellen. Als ihm das Abendessen verabreicht wurde, bekam er es ohne Löffel in der Hundeschüssel serviert und mußte es wie ein Hund mit der Zunge herausschlürfen. Als nun der erste SS.-Mann das Lager betrat, stürzte der Junge nicht aus der Hundehütte und bellte auch nicht. Darob gab es ein großes Schreien und Toben: „Willst Du wohl herauskommen, Du Hund, Du Schuft, Du Vaterlandsverräter, willst Du wohl bellen!“ Der Junge rührte sich nicht in der Hütte. Als das Toben kein Ende nehmen wollte, kamen zwei weitere SS.-Scharführer hinzu, und zwar der SS.-Scharführer Strobel und noch einer. Sie nahmen die Hundehütte und stürzten sie mit dem darin befindlichen Jungen nach allen Richtungen über den Appell- platz, um ihn so zu zwingen, aus der Hundehütte herauszu- kommen. Aber er kam trotz wiederholter Aufforderung nicht. Darauf zückten die drei SS.-Bestien die Pistolen, jeder jagte zwei Schüsse in die Hundehütte— und nun kam der Junge überhaupt nicht mehr heraus. Ich, der ich zu dem Jungen wie ein Vater zu seinem Sohn stand, habe damals in rasendem Zorn nur den einen Wunsch gehabt, den Hunden eine Pistole zu klauen und sie selbst über den bHaufen zu knallen. Es läßt sich nicht beschreiben, in welcher unglaublichen Seelenqual ich mich damals befand, als ich den Jungen, der im gleichen Alter stand wie mein eigener Sohn und der mir in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen war, hergeben mußte.— Verflucht sei das Hakenkreuz! „Schwester‘ Pia Wie erstaunte ich, als ich eines Tages eine Frau durch das Lager gehen sah. Auf meine erstaunte Frage klärte mich einer meiner Kameraden auf, daß das die Schwester Pia sei, 28 über die die Sage gehe, daß sie den Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923 als Krankenschwester mitgemacht habe und Adolf Hitler, welcher leicht verwundet worden sei, verbunden habe und Blutordensträgerin sei. Diese Schwester Pia stand im Range eines SS.- Oberführers und paẞte trefflich in diesen Kreis. Es war eine häßliche, ältliche Jungfer. Halt! Nein! Jungfer ist falsch. Diesem, ihrem unleidlichen Zustand haben saubere, kräftige Schutzhaftgefangene abhelfen müssen, befehlsgemäß. Wenn sie durch das Lager ging, geschah es häufig, daß die politischen Blocks beim Baden waren. Sie versäumte dann nicht, das Bad zu betreten, um sich über den körperlichen Zustand der Gefangenen zu orientieren, wie sie so schön sagte, weil sie dem Führer Bericht erstatten müsse. In Wirklichkeit geschah es, um sich einen neuen Bettgenossen zu suchen. Fand sie einen, der ihr gefiel, dann stellte sie seine Nummer fest, und am anderen Tage wurde er dem Kommando ,, Schwester Pia" zugeteilt. Dieses Kommando bestand stets aus vier Mann und den Neuen erwarteten fragwürdige Genüsse. Pia fütterte den Neuen gut und wenn er willig war und ihren perversen Gelüsten Erleichterung schaffte, dann konnte es sein, daß er zwei Monate lang ihr Favorit war. Dann aber schaute sie sich nach etwas Abwechslung um. Wehe dem, der sich ihr verweigerte; sie ließ ihn abführen, er wurde in den Arrest gebracht und nie wieder gesehen. Es gab manch einen, Das war die Schwester Pia. der lieber sterben ging. - So verging unser Leben in Dachau unter ständigen Qualen. Jeden Abend, wenn wir zu Bett gingen, geschah das mit dem Gedanken: wieder ein Tag ohne Strafmeldung. Und wenn wir morgens um 3 Uhr unsere Blocks verließen, taten wir das in der quälenden Sorge, ob dieser Tag wohl auch ohne Strafmeldung zu Ende gehen werde. Es war ein furchtbares Leben. Und trotz der Härte der Arbeit, trotz der brutalen Behandlung, trotz des Hungers, den wir zu ertragen hatten, gab es Nächte, in denen wir, obwohl erschöpft, nicht zu schlafen vermochten. Wir lagen auf unseren Strohsäcken und dachten an Zuhause, wildes Heimweh im Herzen. Wir wußten nicht, was wir tun sollten, um endlich einmal wieder in den Kreis unserer Lieben zurückzukehren. Grau und trostlos lag die Zukunft vor uns, denn keiner von 26 A น S a g ㅂ a TI« ıch sei, rers ält- rem tge- uns wußte, ob und wann ihm je die Freiheit winken würde. Auf Gedeih und Verderb waren wir an die SS. ausgeliefert - und viele meiner Kameraden haben die Heimat nie wieder ge- sehen.— Im Schneesturm auf dem Appellplatz Am 13, Januar 1939 in der Frühe desertierte ein Zigeuner aus seinem Arbeitskommando und versuchte, in die Freiheit zu gelangen. Sofort mußten sämtliche Arbeitskommandos im Marsch-Marsch ins Lager zurückkehren, auf dem Appellplatz blockweise zur Zählung antreten und die Mitteilung entgegen nehmen, daß ein Zigeuner geflüchtet sei und daß- wir solange auf dem Appellplatz stehen bleiben würden, bis der Zigeuner wieder zurückgebracht sei. Nun muß man wissen, daß einige Monate vorher, im Novem- ber 1938, anläßlich der Ermordung des Botschafters vom Rath in Paris durch den Juden Grünspan eine Verhaftungswelle über die jüdischen Volksteile Deutschlands hereinbrach, wobei sämtliche erreichbaren Juden verhaftet und ins KZ. verbracht wurden. Im Januar 1939 befanden sich im KZ. Dachau zirka 18000 Juden. Auch diese 18000 Juden mußten zum Zähl- appell antreten. Wir standen in grimmigster Kälte von morgens 10 Uhr ohne Unterbrechung bis nachts 12 Uhr auf dem Appellplatz. Keine Nachricht von dem Entwichenen. Am anderen Tage um 6 Uhr morgens standen wir immer noch auf dem Appellplatz. Ge- nau so um 12 Uhr mittags. Am 14. Januar abends 8 Uhr wurde der Zigeuner zurückgebracht und wir durften wegtreten. Die ganze Zeit hindurch standen wir in grimmiger Kälte und im Schneesturm auf dem Appellplatz. Wir, die wir die Dach- auer Winter kannten, waren mit Mänteln und warmer Unter- kleidung ausgerüstet, weil wir es verstanden hatten, uns solche zu organisieren. Die 18000 Juden aber standen auf dem Platz, nur bekleidet mit Holzsandalen, einem Paar Strümpfe, einem Hemd, einer Unterhose, Drillichjacke und Drillichhose. Ihnen fehlte die Mütze, Ohrenwärmer, Handschuhe, Mantel— über- haupt alles Wärmende. Die Folge war, daß mehr als 60 Lei- chen auf einem Berg auf dem Appellplatz lagen, als wir end- lich nach anderthalb Tagen wegtreten durften. 24: An den Folgen dieser Nacht sind im weiteren Tausende und Abertausende von Juden elend zugrunde gegangen. Sie starben wie die Fliegen an Grippe und Lungenentzündung. Es mußte damals im KZ. Dachau ein besonderes Totenaufräumungskom- mando geschaffen werden; dieses Kommando erhielt einen Autoanhänger von 5 Tonnen, der mit einer Deichsel versehen wurde und von 18 Juden unter Begleitung eines Kapos durch das Lager geschoben werden mußte. In jedem Block wurde gefragt, ob wieder Tote vorhanden seien. Die vorhandenen Toten wurden dann nackt auf den Anhänger geworfen und am rechten großen Zehen wurde ein Zettel mit dem Namen und‘der Gefangenen-Nummer befestigt. Jedesmal, wenn der Anhänger voll war, wurden die Leichen ins Krematorium ge- führt, dort auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Dieses Totenaufräumungskommando mußte damals wochen- lang jeden Tag mehrere Male durch das Lager fahren. So elend sind die Juden im KZ. Dachau zugrunde gerichtet worden. Der Fall vom Rath Es wird nun Zeit, daß ich eine Tatsache berichte, die ein mehr wie eigenartiges Licht auf das Tun der Gestapo wirft. Am Morgen des 1. November 1938 erhält das Lager den Befehl, die hinteren Blocks zu räumen, und die vorderen Blocks wurden dichter belegt. Wenn wir zuvor einen Wohn- und Schlafraum mit 52 Mann bewohnten, so wurden jetzt 136 hin- eingesperrt. Wir waren baß erstaunt ob dieser Maßnahme und folgerten daraus, daß eine neue Verhaftungswelle über das deutsche Volk hereinbrechen würde. Wir sahen gespannt den Dingen entgegen, die da kommen würden. Die Tage vergingen, ohne daß Zugänge gebracht wurden. Da, am 7. November 1938, wird in Paris der Gesandtschafts- rat vom Rath durch den Juden Grünspan ermordet. Am 8. schon kamen die ersten Zugänge. Es ging wild her, wilder denn je. Es war ein Schreien und Toben, ein Schlagen und Treten und das Blut floß in Strömen. Die SS.-Leute des ganzen Lagers feierten Orgien des Sadismus. Von Tag zu Tag steigerten sich die Zugänge, um erst nachzulassen, als nahezu 19000 Juden eingeliefert waren. 28 Ich frage: woher wußte denn die Lagerleitung des KZ. Dachau schon am 1. November, daß in den nächsten Tagen Massenverhaftungen durchgeführt werden, also zu einer Zeit, da vom Rath noch längst am Leben war? Ich beantworte diese Frage, indem ich annehme, vom Rath, der der Zentrumspartei näher stand wie den Nazis, wurde im Auftrag der Gestapo erledigt, um einen Grund zu schaffen, den Juden ihr Vermögen auf manierliche Weise zu Rüstungs- zwecken abnehmen zu können. Grünspan wußte nicht, daß seine Hintermänner Agenten des deutschen Geheimdienstes waren, sondern lebte in dem Wahn, eine Tat zu tun für sein gequältes Volk. Die Nazis aber bewilligten vom Rath ein Staatsbegräbnis, um ihre Tat zu vertuschen. Im Schatten des Krieges Inzwischen vergingen die Monate. Die politische Spannung und die Gewalttätigkeiten Hitlers durch die Besetzung der Westgebiete, des Sudetenlandes, Oesterreichs und der Tsche- chei wühlten uns, die wir jedes politische Geschehnis mit größter Aufmerksamkeit verfolgten, bis in den Grund auf. Wir sahen voraus, daß die Politik Hitlers das deutsche Volk unvermeidlich in einen Krieg stürzen würde, in welchem es abermals die ganze Welt zum Feinde haben mußte. Und so geschah es. Der Kriegsausbruch kam, er überraschte uns nicht. Dafür aber brachte uns dieser Kriegsausbruch neue Leiden, die un- möglich so beschrieben werden können, wie wir sie zu erdulden hatten. Nachdem Polen niedergeworfen war, mußte das KZ. Dachau von den Häftlingen geräumt werden. Es wurde der SS. für Zwecke der Ausbildung von Polizeitruppen für Polen zur Ver- fügung gestellt. Alle Juden, asoziale und sonstige Gefangene wurden nach dem KZ. Buchenwald gebracht. Die anwesenden zirka 3000 politischen Gefangenen, ausschließlich Deutsche, wurden in zwei Teile geteilt. 1400 Mann kamen nach dem KZ. Flossenbürg im bayrischen Wald in der Nähe der tsche- chischen Grenze, um dort in Steinbrüchen zu arbeiten; der Rest von 1600 Mann wurde in das KZ. Mauthausen in Oesterreich 29 geschafft, wo er ebenfalls bei der Arbeit in Steinbrüchen ein- gesetzt wurde. Wir sollten ursprünglich auf die Dauer von zwei Monaten in diesen KZ.-Lagern bleiben, um dann wieder ins KZ. Dachau zurückgebracht zu werden; dort sollten wir dann als Stamm im Wirtschaftsbetrieb die Arbeit wieder aufnehmen. Tatsächlich wurde aus diesen zwei Monaten ein halbes Jahr, weil unter den jungen Polizeitruppen in Dachau die Diphtherie ausbrach und über das Lager der Polizeitruppen eine halbjährige Quarantäne verhängt werden mußte. Damit war unser Schicksal besiegelt: Wir im Konzentrationslager Flossenbürg haben mehr als 60 Tote dort gelassen, weil über Nacht schlagartig die Ruhr aus- brach. Wir waren am Verhungern und wurden ausschließlich mit Steckrüben verpflegt. Die Steckrübensuppe war so dünn, daß wir, wenn wir die Brühe abgetrunken hatten, gerade einen Eßlöffel voll Steckrüben vorfanden. Als wir endlich nach einem halben Jahr wieder ins KZ. Dachau_zurückgebracht wurden, geschah das Unglaubliche, daß wir uns fast freuten, daß wir wieder nach Dachau zurückkamen. Ich hätte nie ge- glaubt, daß so etwas möglich wäre. Aber es war so. Noch schlimmer als wir hatten es unsere Kameraden im KZ. Mauthausen. Von den 1600 Mann, die nach dem KZ. Maut- hausen gebracht worden waren, kehrten 361 Mann zurück. Ueber 1200 Mann waren elend verhungert und erfroren. Un- sere Kameraden haben uns Unglaubliches erzählt. So mancher, den wir als guten Kameraden achten und schätzen gelernt hat- ten, ist nicht von Mauthausen zurückgekehrt. Der Weg in die Gaskammern Nun begann es im KZ. Dachau unheimlich zu werden. Kranke und Invaliden wurden, wenn sie vom Arzt als nicht mehr ar- beitsfähig erklärt wurden, ausgesondert. Jede Woche gingen aus dem KZ. Dachau zwei bis drei Invalidentransporte von je 100 Mann ab. Erst nach geraumer Zeit drang durch, daß diese Transporte nach Linz in Oesterreich in ein Kloster gebracht wurden, dort mußten sich die Armen entkleiden, bekamen ein Handtuch und ein Stück Seife in die Hand gedrückt und wurden in den 30 ER a BET N Da Duschraum geführt. Hier warteten sie auf Wasser und an dessen Stelle kam Gas. Wenige Minuten später schon wan- derten die ersten, noch warmen Leichen in die Verbrennungs- öfen. Das KZ. Dachau wird nun so langsam eine Art„Häftlings- sanatorium“ und Stammlager aller KZ’s. Denn aus allen KZ. treffen Invalidentransporte ein, aus Auschwitz, Flossenbürg, Sachsenhausen, Buchenwald, Schirmeck und all den vielen anderen. Es war ein erbarmungswürdiger Anblick, wenn diese zu Ske- letten abgemagerten Gestalten in das Lager wankten und auf dem Appellplatz erschöpft zusammensanken. Auto um Auto fuhr ins Lager und brachte die nicht mehr Gehfähigen. In langen Reihen lagen sie vor dem Bad und starrten apathisch in die Luft. Sie hatten für nichts mehr Interesse. Nur wenn sie ein Stück Brot, eine Kartoffel oder auch nur Kartoffelschalen sahen, bekamen sie wieder Leben. Man konnte das erschüt- ternde Schauspiel sehen, daß sich diese Jammergestalten krie- chend fortbewegten und sich um eive Hand voll Kartoffel- schalen stritten. Was von diesen Aermsten der Armen vom Arzt noch für reparaturfähig gehalten wuıde, kam auf besondere Blocks. Dort durften sie einige Wochen ausruhen, um eines Tages wieder für arbeitsfähig erklärt zu werden. Was nicht mehr zu reparieren war, kam auf die Invaliden- blocks und wurde in Transporten von je 100 Mann in die Gas- -kammern des Linzer Klosters abgeschoben. Der Verschleiß an Häftlingen in Dachau und in den ande- ren Lagern war enorm. Transporte von Häftlingen in Höhe von zweitausend Mann, die in die berüchtigten Vernichtungs- lager gingen, waren keine Seltenheit. Nach einigen Monaten kamen klägliche Reste invalid wieder zurück. Sobald ein solcher Transport wieder zusammengestellt wer- den sollte, ging‘der Schreckensruf:„Transport, Transport!‘ durch das Lager und jedem bangte davor, eingeteilt zu werden, denn Dachau war doch noch nicht das schlimmste Lager. Dieses immerwährende Kommen und Gehen wirkte auf die - Dauer unheimlich und eine nervöse Atmosphäre lag über dem Lager. 31 Kannibalismus in Deutschland Das aber, was ich nun zu berichten habe, übertrifft alles bisherige. Es wird so unglaublich in Ihren Ohren klingen, daß sich Ihr gesunder und reinlicher Menschenverstand dagegen sträubt, es zu glauben, und doch: Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzu- setzen werde. Aus einem Lager bei Danzig traf eines Tages ein Transport Invaliden ein. Vor ihrer’ Abfahrt erhielten sie Marschverpfle- gung für zwei Tage, 600 g Brot und 80 g Wurst. Die vor dem Hungertod stehenden abgemagerten Menschen aßen diese Marschverpflegung in der ersten halben Stunde, nachdem sie sie erhalten hatten, auf. Dann wurden sie in Viehwagen ver- frachtet, die Türen geschlossen und die Waggons plombiert. Erst bei der Ankunft in Dachau wurden die Plomben entfernt und die Waggons wieder geöffnet. Als dies geschah, schlug den Oeffnenden eine pestialische Stinkluft entgegen, denn die an Durchfall und Ruhr leidenden Invaliden hatten ihre Not- durft in den Waggons verrichten müssen und diese Armen waren neun Tage unterwegs. Neun Tage ohne Verpflegung, denn wie schon gesagt, die Marschverpflegung für zwei Tage hatten sie in wildem Hunger sofort nach Empfang aufgegessen. Keiner der Invaliden war mehr imstande, sich vom Boden zu erheben, um wie viel weniger durch eigene Kraft in das Lager zu gehen, alle, aber auch alle mußten herausgeholt und auf Lastkraftwagen in das Lager gebracht werden, wo sie, wie üblich, vor dem Bad auf den Boden gelegt wurden. Dieser Transport von zirka 180 Gefangenen brachte mehr wie 20 Tote mit, die während des Transportes vollends ver- hungert waren. Auch diese Toten wurden auf den Appellplatz gelegt und ich, der ich damals Kapo des Kommandos„Lagerreinigung“ gewesen bin, hatte Zutritt, um nach der Sauberkeit zu sehen. und habe diese Leichen mit eigenen Augen gesehen. Hören Sig! Es war nicht eine einzige Leiche darunter, die nicht von den anderen Gefangenen angenagt gewesen wäre. Ich wiederhole: Es war nicht eine-einzige Leiche darunter, die nicht von den anderen Gefangenen angenagt gewesen wäre. 32 sc W al Su an fü Ss e Hören Sie! Ein Gefangener war spurlos verschwunden. Er war aufgegessen worden und die Knochen durch die Luft- schlitze der Fenster im Waggon auf das Geleise geworfen worden. Kannibalismus im zwanzigsten Jahrhundert, Kannibalismus bei einem Kulturvolk. Kannibalismus bei uns, bei uns Deut- schen! Verflucht sei das Hakenkreuz! Ich schäme mich, daß die Schuldigen auch Deutsche sind. Polen haben Polen, Russen Russen und Deutsche Deutsche gefressen. Die Schuld an diesem grausigen Verbrechen trifft die, die sich vor die Mikrophone unserer deutschen Sender stellten und den Höchsten anflehten um Hilfe für ihren Sieg. Was wäre aus uns geworden, aus Europa, aus der ganzen Welt, wenn es einen Gott gäbe, der so verblendet gewesen wäre und dieser wilden Horde der Hölle entsprungener Teu- fel den Sieg geschenkt hätte! Menschen als Versuchskaninchen Die unheimliche Atmosphäre im KZ. Dachau steigerte sich, als damit begonnen wurde, im Namen der Wissenschaft Ver- suchsstationen einzurichten. Es war dies eine Art Vivisektion am lebenden Menschen. Ein Professor Dr. Schilling begann, eine Versuchsstation für Malariaforschung einzurichten. Dieser Mann hätte zu gerne ein Serum zur Malariaschutz- impfung gefunden und kam auf die für Nazis absolut nicht absurde Idee, Schutzhaftgefangene mit Malaria zu infizieren, um aus dem Blut der Infizierten ein Serum zu gewinnen. Entweder wurde die Infizierung direkt, durch Ansetzen der Anophelesmücke erreicht oder, wenn dies versagte, durch In- jektion. Das war dann eine totsichere Sache und schon nach kurzer Zeit schüttelte den Behandelten das Fieber. Wer weiß, daß Malaria eine der schlimmsten Geiseln der Menschheit ist, der kann auch die ganze Größe des be- gangenen Verbrechens erkennen, das an tausenden wehrloser Gefangenen verübt wurde. 33 Es genügte, daß man beim Grüßen die Mütze nicht schnell genug vom Kopfe brachte, um strafweise zum Malariaexperi- ment verurteilt zu werden. Der betreffende SS.ler nahm den Gefangenen mit aufs Revier und gab ihn ab mit dem lakoni- schen Befehl:„Malaria“ und der Arme war gesundheitlich rui- niert für sein ganzes Leben. Wenn Professor Dr. Schilling wissen‘ wollte, wie Malaria mit tödlichem Ausgang verläuft, dann mußte eben ein Ge- fangener sterben und, wenn er sich noch nicht ganz klar ge- worden war, noch einer und noch einer, so viel und so lange, bis sein„Wissensdurst‘“ gestillt war. Er war ein Mann, wie ihn nur der Nationalsozialismus hervorbringen konnte. Ein „Heros“, der das Odium, ein Mörder zu sein, auf sich nahm, um der Wissenschaft zu„dienen“. Er hoffte als ein zweiter Robert Koch in die Geschichte der Wissenschaft einzugehen, nur mit dem Unterschied, daß Robert Koch Gefahr lief, von der Krankheit, der er zu Leibe ging, selbst hinweggerafft zu werden, was bei Schilling keinesfalls zu befürchten war. Eine der bösartigsten Krankheiten der Gefangenen, die jahre- lang in Lagern untergebracht sind, ist die Phlegmone, eine Vitaminmangel-Krankheit. Die kleinste Verletzung, ja ein Wan- zenstich genügt, um diese Krankheit auszulösen, am häufigsten am Ober- und Unterschenkel. Das Fleisch beginnt zu faulen und stinkender Eiter sondert sich ab, die Wunde wird größer und größer, oft so groß, daß der Knochen freigelegt wird. Ich habe Phlegmonen gesehen, daß mir das Grausen kam. Häufig kam noch Wasser hinzu und dann das Ende. Und diese fürchterliche Krankheit wurde auf völlig gesunde Menschen übertragen. Man schnitt den zu Phlegmonen Verurteilten ins Fleisch und gab Eiter eines Phlegmone-Erkrankten in die Wunde, und das Unglück war fertig. Ich bin kein Mediziner und vermag daher nicht zu berichten, was mit diesen Versuchen erreicht werden sollte. Aber das weiß ich, daß zu diesen Versuchen in der Hauptsache polnische Pfarrer verwendet wurden und daß manch einem das Bein amputiert werden mußte. Sehr viele büßten den Schurken- streich mit dem Leben. 34 oo so fe- ne ıD- peil [aß ef, zu rde nd jas en, das che ein „Wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ Auf einem der Revierblocks wurde auf Anweisung des ‚In- stituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung‘ ein Wasser- bassin eingebaut von zirka 4 Metern im Quadrat. Das Wasser wurde stets auf einem gewissen Kältegrad gehalten, gewöhn- lich auf 4 Grad. Es sollte ausprobiert werden, wie lange ein ins Meer ge- stürzter Flieger am Leben bleibt, wenn er das Unglück haben sollte, über dem Meer abgeschossen zu werden. Weil nun die Soldaten der Luftwaffe junge, kerngesunde Menschen waren, wurden für diesen Zweck auch junge, kerngesunde Gefangene verwendet. Allerdings waren Gefangene, die diesen Anforde- rungen entsprachen, ziemlich rar gesät, besonders was den Er- nährungszustand betraf, aber es gab ja so viele SS.-Küchen, in denen Gefangene beschäftigt waren und daher noch besser bei Fleisch waren. Mit dem Aussuchen der Opfer wurde gewöhnlich der Sturm- führer Hoffmann, ein Gastwirtssohn aus Hof in Bayern, beauf- tragt. Abends beim Einrücken der Arbeitskommandos pflanzte er sich am Tor am Jourhaus auf und jeden Gefangenen, den er herauszog, schrie er an:„Komm her, Du Stück Scheiße!“ Und wenn er seine Gefangenennummer notiert hatte:„Hau ab, Du Stück Scheiße!“ Der Mann hatte dauernd„Scheiße“ im Mund. Am anderen Tage wurden die Ausgesuchten ins Revier ge- bracht, in eine Fliegerkombination gesteckt, mit Schwimmweste versehen und ins Wasser gestoßen. Wenn das Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung wissen will, wie lange ein Flieger in 4 Grad kaltem Wasser am Leben bleibt, dann muß man das„Versuchskaninchen‘“ sterben lassen, und weil nicht jeder Mensch gleich ist, muß man ein paar Dutzend sterben lassen, damit man den Durch- schnitt ziehen kann; und so geschah es auch. Als man so weit war, zog man die im Wasser Schwimmen- den, völlig Erschöpften aus dem Wasser und versuchte sie mit allen möglichen Mitteln-wieder aufzutauen. Bogenlampen, Rot- licht, warmes Wasser, Alkohol und Schläge, dies alles wurde angewandt. 33 Zuletzt verfiel man noch auf Frauen. Aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück wurden zwei Frauen gebracht. Der Erstarrte wurde entkleidet und nackt zwischen die zwei ebenfalls nackten Frauen gelegt und die Frauen mußten nun an dem Erstarrten Dinge tun, die man nicht aussprechen darf, wenn man mit den Gesetzen der Sittlichkeit nicht in Konflikt geraten will. Ein viertes Verbrechen auf dem Gebiete der Versuche waren die Höhenluft- Versuche. Ein besonders konstruierter Wagen wurde gebracht, das ,, Versuchskaninchen" bekam Instrumente zur Kontrolle der Herz- und Lungentätigkeit umgeschnallt, wurde in den Wagen gesetzt, dann wurde die Luft langsam herausgepumpt, bis die Luft so dünn war, wie in 18-20 000 m Höhe. Diese Versuche haben allein schon Hunderte von Gefangenen mit dem Leben bezahlt. Zusammenfassend ist zu sagen, daß diese Versuche Tausenden von Gefangenen das Leben gekostet haben und Tausende zeitlebens krank und Krüppel blieben. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 erließen sie ein Verbot der Vivisektion. Kein Wissenschaftler durfte ein Tier, und sei es auch nur eine Ratte, lebend sezieren. Aber Tausende von Menschen starben an Vivisektionen in den Konzentrationslagern. Hier haben Sie das wahre Gesicht des Faschismus. Wo die Menschlichkeit keine Stätte hat Inzwischen wurde ich Stubenältester. Auf meiner Stube lagen 150 Invaliden. Eines Tages wurde ich vom Lagerältesten auf den Appellplatz befohlen mit dem Auftrag, mit zirka 500 Invaliden auf dem Platz in glühender Sonnenhitze Freiübungen zu machen, zu exerzieren und zu singen. Die halb verhungerten Invaliden waren außerstande, sich auf den Beinen zu halten und baten mich, sich setzen zu dürfen. Natürlich war dies streng verboten. Ich bat den Lagerältesten, mir zu gestatten, mit den Leuten ins Lager zurückzukehren und sie auf ihre Blocks führen zu dürfen; es wurde mir nicht erlaubt. Als das Betteln, sitzen zu dürfen, nicht nachlassen wollte, übermannte mich schließlich wieder einmal der Zustand, daß 36 n L " C i ง Z A sto>35 53353 mir alles furchtbar gleichgültig wurde. Mochte kommen, was wollte, es war mir einfach unmöglich, so unmenschlich zu sein und mit den Kranken zu marschieren. Ich gab also den Befehl: „Alles hinsitzen“. Und dort saßen nun die Unglücklichen auf dem Appellplatz. Die Folge war, daß ich strafversetzt wurde, und zwar kam ich zu einem Strafkommando nach Feldafing am Starnberger See, um dort Stubenältester zu sein. Ein halbes Jahr später kehrte ich halbverhungert in das KZ. Dachau zurück; und nur der unausrottbaren Kameradschaft der politischen Gefangenen habe ich es zu verdanken, daß ich allen Strapazen und Leiden zum Trotz wieder auf die Beine kam. Meine Kameraden haben mich nicht im Stich gelassen, sondern mir geholfen,.daß ich körperlich wieder zu Kräften kam. Die gleiche Kameradschaft durfte ich auch erfahren, als ich bald, darauf zum Kapo ernannt wurde. Ich hatte damals auch einige Juden in meinem Kommando, unter denen sich auch ein alter Jude befand, der an geschwollenen Wasserfüßen litt, die bereits in allen Farben leuchteten. Diesen Juden beschäftigte ich damit, daß er vor einem Brett saß und alte Nägel gerade klopfte. Das Unglück wollte es, daß der SS.-Oberscharführer Vo- gelsberger, den ich bereits charakterisiert habe, mein Kom- mando kontrollierte und den Juden sitzend bei der leichten Ar- beit fand. Kaum hatte er ihn erblickt, da brüllte Vogelsberger durch das Gebiet meines Arbeitskommandos:„Kapo!“ Und im Marsch-Marsch mußte ich zwihm eilen und mich in mili- tärischer Haltung vor ihm aufpflanzen. Er schrie mich an:„Was macht der Jude hier?“ Ich sagte ihm, der Mann sei krank und leide an geschwollenen Füßen, weil er Wasser habe, ich könne ihn mit nichts beschäftigen, als mit dieser leichten Arbeit. Darauf schrie er mich wieder an:„Du Judenfreund!— Du Judenhund, warte, Dir will ich helfen!“ Darauf notierte er sich meine Nummer. Es war die Gefangenen-Nummer 537, sie war so niedrig, weil ich einer von den ältesten Insassen des Lagers war. Natürlich war eine Strafmeldung fällig. Als ich zur Strafvernehmung mußte, fragte mich Sturmführer Hoffmann:„Hast Du in Deinem Kommando einen Juden mit Nägelgeradeklopfen beschäftigt?“ 37 Ich antwortete: ,, Jawohl". Darauf schrie er: ,, Raus!" Ich war entlassen. Pfahlhängen! Zwei Tage darauf wurde mein Name aufgerufen. Ich trat vor und wurde mit 11 anderen Kameraden in den Arresthof geführt. Dort wurden mir die Hände auf dem Rücken übers Kreuz gelegt, mit einer eisernen Kette umschlossen, und dann wurde ich vom Henker von Dachau einen halben Meter über dem Boden hängend hoch gezogen und angebunden. So hing ich am Pfahl wie Christus am Kreuz, und zwar eine geschlagene Stunde, mit zusammengeschnürten Armgelenken, in denen das Blut nicht mehr pulsieren konnte. Mein Herz arbeitete in wilden Schlägen. Schon nach einer Viertelstunde konnte ich, da ich mit nach vorn geneigtem Kopf hing, beobachten, wie Schweißtropfen um Schweißtropfen von meinen Schuhspitzen in den Kies rann. So sehr war ich ins Schwitzen geraten. Atemnot quälte mich und oft übermannte mich der Schmerz derart, daß ich nicht umhin konnte, tierische Schmerzensschreie auszustoßen, die weithin hörbar waren. - Endlich war die Stunde um, ich wurde losgebunden und auf die Füße gestellt. Meine Arme sanken gefühllos herab. Aechzend und stöhnend begab ich mich auf meinen Block, wo mich meine Kameraden bereits erwarteten. Dort mußte ich mich an das Ende eines Tisches setzen und mit der Brust gegen die Tischkante lehnen. Ein Kamerad drückte mich von hinten gegen die Tischkante, damit ich nicht aufspringen konnte. Ein zweiter Kamerad legte meinen ausgekugelten linken Arm auf den Tisch und nun faßten zwei Kameraden meinen Arm und kugelten ihn unter entsetzlichen Schmerzen wieder ein. Dann wurde mir der rechte Arm auf den Tisch gelegt und auf die gleiche schmerzende Weise eingekugelt. Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, ist imstande nachzufühlen, welche furchtbaren Schmerzen ich bei dieser Prozedur auszustehen hatte. Meine Kameraden entkleideten mich dann und brachten mich zu Bett. Erst nach vier Wochen war ich imstande, meine Arme wieder zu gebrauchen. Und nur dem Umstand, daß ich Kapo geworden war und nichts arbeiten mußte, habe ich es zu ver38 d S F N a S ie danken, daß ich mich so schnell wieder erholt habe. Ich kenne sehr viele, die als Folge dieser unmenschlichen Prozedur des. Pfahlhängens für ihr ganzes Leben lahme Arme behielten. Mancher, der diese Tortur durchmachen mußte und der dann am anderen Tage wieder zum Arbeitskommando kam, aber mi. seinen gelähmten Armen außerstande war, etwas zu arbeiten, hat von der entmenschten SS., die diesem Zustand selbstver- ständlich keine Rechnung trug, am anderen Tag prompt eine Strafmeldung erhalten, mit dem Ergebnis, daß er dafür, daß er nicht arbeiten konnte, auch noch eine Prügelstrafe von 25 Stockschlägen in Kauf nehmen mußte. Kameradschaft In diesem Falle, wie auch sonst, war die Kameradschaft un- ter den politischen Häftlingen derart, daß die SS. sie nie zu zerstören vermocht hat. Auch die Tatsache, daß zur Unter- höhlung dieser Kameradschaft kriminelle und asoziale Elemente als politische Gefangene in unsere Reihen geschmuggelt wur- den, reichte nicht aus, um diesen Zustand zu ändern, denn diese Elemente wurden von uns stets sehr bald erkannt und kaltgestellt. Wir hatten im KZ. Dachau eine kommunistische Zelle, die ohne jede Organisation rein aus dem Bedürfnis unserer poli- tischen Einstellung dem Weltgeschehen gegenüber entstanden war. Die Arbeit dieser Zelle bestand unter anderem darin, alle diejenigen, die als untragbare Elemente unter den Gefangenen: erkannt wurden, auszumerzen, indem wir sie von allen verant- wortlichen Posten, wie Stubenälteste, Kapo und Blockälteste, als welches sie von der SS. eingesetzt worden waren, so rasch wie möglich wieder verdrängten. Es ließen sich hier Tausende von Beispielen anführen, daß sogar politische Gefangene in den KZ.-Lagern versagt haben und sich als Werkzeug der SS. mißbrauchen ließen. Da war der Kapo Knoll, ein Nürnberger Schneidermeister, auch ein politischer Gefangener, der ein williges Werkzeug der SS. geworden war. Er war der beste Judenkapo, vom Stand- punkt der SS. gesehen. Hunderte von Juden hat dieser Schurke zusammengeschunden und zu Tode gequält. Wir führten einen erbitterten Kampf gegen ihn, und weil er ein äußerst korruptes 3% Individuum war, brachten wir ihn immer wieder zu Fall, was für ihn stets mit Pfahlhängen oder Prügelstrafe endete. Doch immer wieder griff die SS. auf ihn zurück, und da er ein Unbelehrbarer war, begann wieder unser Kampf gegen ihn. Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde Knoll standrechtlich erschossen. Dieselbe grausame und renegate Figur war der Lagerälteste Karl Kapp, ebenfalls aus Nürnberg. Auch gegen ihn führten wir einen erbitterten Kampf, doch mit weniger Erfolg, da er bei der SS. zu gut im Sattel saß. Er machte Henkersdienste. Wenn irgendwo ein polnischer Zivilarbeiter erhängt werden sollte, weil er sich mit einem deutschen Mädchen eingelassen hatte, dann wurde er öffentlich erhängt und Kapp spielte den Henker. Er hatte viel zu tun und wurde von der SS. mit dem Personenwagen von Galgen zu Galgen geführt. Wir aber, die wir aufrecht blieben, führten einen unerbittlichen Kampf gegen diese Elemente und wir schreckten auch nicht davor zurück, diejenigen, die sich dann gewöhnlich auch als korrupte Elemente entpuppten, eben unter Ausnutzung ihres korrupten Verhaltens zu erledigen. Auf der anderen Seite war es uns als politischen Gefangenen möglich, manches Gute zu tun, wodurch den übrigen Gefangenen, den Ausländern, Juden usw. das Leben im KZ. Dachau wesentlich erleichtert wurde. Uebertreibungen In diesem Zusammenhang ein Wort über die in letzter Zeit erschienenen Zeitungsberichte und Nachrichten aus den KZ.Lagern. Es ist so, daß die Phantasie eines Menschen kaum ausreicht, eine Greuellüge zu ersinnen, die gräßlicher wäre als das, was von den Nationalsozialisten und SS.- Bestien in den KZ.- Lagern begangen worden ist. Trotzdem begegnet einem manchmal in Berichten über die KZ. eine Behauptung, die unmöglich wahr sein kann. So las ich zum Beispiel über das KZ. Belsen, daß eine hundert Meter lange Grube ausgehoben worden sei, in die man eine eiserne Röhre gelegt habe zum Zwecke, aus dem dortigen Krematorium das Fett der verbrannten Gefangenen aufzufangen und abzuleiten, damit das Fett industriellen Zwecken zugeführt werden könne. Das ist dummes Zeug, denn Gefangene, die in den KZ. waren und in den 40 d F h E V b M n e W d n S i d S ת d k f W a S i f u dortigen Krematorien verbrannt wurden, hatten kein Gramm Fett mehr unter der Haut. Außerdem brennt Fett, wenn es ins Feuer geworfen wird und fließt nicht davon. Ich lehne es ab, solche Dinge zu glauben, wie sie in den Prozessen be- hauptet werden. Und ich erkläre hiermit ausdrücklich und an Eidesstatt, daß alles das, was ich hier über das KZ. und die Verhältnisse dort erzähle, der Wahrheit entspricht. Ich ver- bürge mich für die Wahrheit meiner Angaben mit meinem Manneswort. Wenn ich zu dem eben erwähnten Bericht kritisch Stellung nehme, dann deshalb, weil ich will, daß das deutsche Volk erfahren soll, was wahr ist, und nichts glauben soll, was nicht wahr ist. Das, was die Nationalsozialisten und die SS. am deutschen Volk gesündigt haben, ist so ungeheuerlich, daß es nicht nötig ist, auch noch Lügen zu verbreiten. Eine glückliche Wendung Doch zurück zu meinen Erlebnissen in Dachau. Inzwischen war der November 1942 gekommen; ich war da- mals als Kapo mit dem Aufbau des neuen Krematoriums der sogenannten Baracke X beschäftigt. An dem Auftrag mußte ich werktags wie sonntags mit meinem Kommando arbeiten, damit die in dem neuen Krematorium eingebauten Gaszellen so schnell wie möglich fertig wurden. An einem Samstagnachmittag war ich mit meinem Kom- mando angetreten, da wurde mir von der Lagerleitung plötzlich die Nachricht überbracht, ich dürfe nicht ausrücken. Ich er- klärte, daß ich den ausdrücklichen Befehl hätte, mit der Arbeit fortzufahren. Darauf wurde mir gesagt:„Dein Kommando rückt aus, aber Du nicht, Du gehst sofort zum Jourhaus und wartest dort.“ Ich wollte wissen, weshalb ich dorthin/bestellt wurde, erhielt aber keine Antwort. Ich ging also zum Jourhaus und stand dort zwei Stunden lang. Dann wurde ich durch den Lager- schreiber zum Rapportführer gebracht. Derselbe eröffnete mir, daß ich sofort-auf die Kleiderkammer gehen solle, dort solle ich mir Lederschuhe geben lassen, eine neue Gefangenen-Uni- form und eine neue Mütze. Darauf hätte ich mich auf den 41 Block zu begeben, mich zu waschen, zu rasieren und sauber herzurichten. Wiederum fragte ich, worum es sich handele, erhielt aber keine Antwort. Ich folgte dem Befehl und begab mich auf den Block, um der kommenden Dinge zu warten. Etwa um 4 Uhr wurde ich abgeholt und ins Jourhaus zurückgebracht. Ein Scharführer wurde mir als Begleitung mitgegeben und nun ging es in den Schubraum, dort lagen meine Zivilkleider. Ich mußte mich schleunigst in die Zivilkleider werfen und dann wurde mir eröffnet, daß ich 14 Tage in Urlaub fahren dürfe. Ich war sprachlos, ein heiliger Schreck fuhr mir ins Herz. Auf meine zitternde Frage, weshalb ich Urlaub bekomme, wurde mir zur Antwort: ,, Ihre Frau ist schwer krank." Ich hätte nicht geglaubt, daß ich die plötzliche Weichheit in den Knien so schnell wieder verlieren würde, wie dies tatsächlich der Fall war. Ich fürchtete natürlich das Schlimmste. Im Hetztempo ging es auf den Bahnhof. In München gab ich dann ein Telegramm auf, daß ich auf der Fahrt sei und am anderen Tage mit dem ersten Zug in Reutlingen ankommen werde. Wieder daheim! Als ich in Reutlingen auf dem Bahnhof ankam, da fiel mir ein Soldat um den Hals und nannte mich Vater. Ein Mädchen, das so groß war wie der Soldat, begrüßte mich gleichfalls als Vater. Ich, der ich die Kinder noch als klein in der Erinnerung hatte denn mein Bub war 10 und das Mädchen 4 Jahre alt, als man mich fortholte ich hätte schreien mögen vor namenloser Seelenqual. - - Mein Sohn, der wegen der Erkrankung der Mutter ebenfalls Urlaub erhalten hatte, berichtete mir über ihren Zustand. Ich erfuhr nun, daß meine Frau noch am Leben war. Ein Stein fiel mir vom Herzen. An jenem Sonntagmorgen konnte mein Bub nur wenige Worte mit mir wechseln, denn sein Urlaub war abgelaufen und er mußte wieder zurück in die Garnison. Ich aber besuchte meine Frau vormittags im Krankenhaus, wo ich eine endlos lange Stunde warten mußte, bis mir von der ver42 ar zi ZV F te K la SU in K Sa Ve W d F JFE i g W d K W L g W m 0 m W er per wr ch rer en ch errz. me, Ich Hen ich ing mm em mir en, als ung alt, enalls Ich tein ein war Ich ich verantwortlichen Krankenschwester erlaubt wurde, das Krankenzimmer meiner Frau zu betreten. Nach vielen, vielen Jahren ein Wiedersehen, wie es selten zwei Menschen erlebt haben. Ich glaubte nicht, daß meine Frau dieses Wiedersehen lebend überstehen würde, ich fürchtete, sie würde mir in den Armen sterben. Aber meine Frau erholte sich wieder, und der Chefarzt des Krankenhauses erlaubte mir, während der Dauer meines Urlaubs vormittags und nachmittags ohne Rücksicht auf die Besuchsstunden so lange bei meiner Frau zu bleiben, bis ich infolge der Tätigkeit der Krankenschwester notgedrungen das Krankenzimmer verlassen mußte. Ich habe keine Minute versäumt, um nur möglichst lange am Krankenbett meiner Frau verweilen zu können. Von Tag zu Tag konnte man sehen, wie sie zusehends der Genesung entgegenging. Aber 14 Tage sind keine Ewigkeit und nur zu bald schlug die Stunde des Abschieds. Wie schwer es mir wurde, meine Frau in diesem Zustand zurückzulassen und wieder ins graue Elend zurückzukehren, läßt sich nicht in Worte fassen. Menschen, die mir wohlgesinnt waren und die unter Einsatz ihres Lebens während der Naziherrschaft antifaschistische Arbeit leisteten, brachten es fertig, daß für mich ein Entlassungsgesuch eingereicht und ernsthaft begründet wurde. Die Folge war, daß zwei Kriminalbeamte der Stuttgarter Gestapo wegen dieser Angelegenheit nach Reutlingen fuhren. Als ich am Donnerstag, zwei Tage vor meiner Rückkehr ins KZ. Dachau, am Krankenlager meiner Frau saß, wurde ich ans Telephon gerufen und zur Kriminalpolizei in Reutlingen bestellt. Dort wurde mir mitgeteilt, daß meine Entlassung aus dem KZ.Lager beantragt worden sei und, daß die Gestapostelle Stuttgart gegen diese Entlassung nichts einzuwenden habe. Ich wurde in politischer Hinsicht auf Herz und Nieren geprüft und die Gestapostelle Stuttgart trat dem Entlassungsgesuch bei. Ich fragte, was ich nun meiner Frau berichten könne, und mir wurde gesagt, ich könne ihr versprechen, daß ich in 4, 6 oder 8 Wochen in Dachau entlassen würde. Ich habe das dann meiner Frau berichtet, die inzwischen in fieberhafter Spannung wartete, ob ich überhaupt noch einmal zurückkehren würde. 43 Rückkehr nach Dachau Ins KZ.- Lager Dachau zurückgekehrt, lebte ich in der Hoffnung, daß einmal auch das, was die Gestapo sagt, Wahrheit werden würde. Am 26. Januar 1943 wurde mir endlich durch einen Kameraden die Gewißheit zuteil, daß meine Entlassung auf der Verwaltung vorliege. An eben diesem Tage wurde aber über das KZ. Dachau die Quarantäne verhängt, weil Typhus ausgebrochen war. Statt daß ich nun am 30. Januar, am zehnten Jahrestage der ,, Machtergreifung" des Nationalsozialismus, entlassen worden wäre, verblieb ich weiter im KZ. und durfte noch manchen alten Kameraden beweinen, der an dieser Seuche elend zugrunde ging. Endlich, am 16. März 1943, wurde die Quarantäne über das KZ. Dachau aufgehoben und am gleichen Tage schloß sich hinter mir das Tor, auf dem in eisernen Initialen zu lesen steht: ,, Arbeit macht frei!" - Arbeit macht frei! Fünfeinhalb Jahre lang habe ich unter dieser Devise gearbeitet in einem Hetztempo, das tausenden meiner Kameraden das Leben kostete. Ich aber habe dieses furchtbare Erleben, diese unsagbaren Strapazen und seelischen Qualen überstanden. Daß ich sie überstanden habe, verdanke ich dem Umstand, daß ich die Gesundheit eines Rosses, Nerven aus Stahl und Glück über Glück gehabt habe. In den Klauen der Gestapo Am 17. März 1943 betrat ich den Boden Reutlingens wieder als freier Mann. Am 18. März wurde mir zur Auflage gemacht, daß ich mich auf der Gestapo- Hauptstelle in Stuttgart zu melden habe. Meine Frau, die sich in der Zwischenzeit so erholt hatte, daß sie ihrem Haushalt wieder vorstehen konnte, begleitete mich nach Stuttgart. Dort geschah das Gemeinste, das mir im Leben je begegnet ist! Mein heißer Wunsch, nie mehr ins KZ. Dachau zurückkehren zu müssen und meiner Frau zur Seite stehen zu können und sie vor materieller Not zu bewahren, da sie auf Grund ihrer Operation nicht mehr für den Unterhalt der Familie sorgen konnte, dieser Wunsch und Wille, zu Hause bleiben zu dürfen, wurde in der gemeinsten Weise von Gestapo- Inspektor Jahn in Stuttgart ausgenützt. Er schob mir zwanzig Mark zu und 44 d e V e a n ΟΙ N a r g 1 -ffLeit ch ng die aß ererKang. das ich sen ter den ses hen mke Wer-der gegart So nte, ste, ren und hrer gen fen, on in und dingte mich zum Polizeispitzel mit der Anweisung, mit dem erhaltenen Geld abends nach Arbeitsschluß die Reutlinger Wirtschaften zu besuchen und dort umherzuhorchen, wer Dinge erzähle, von denen anzunehmen sei, daß sie von Feindsendern abgehört seien. Diese Personen müsse ich ihnen namentlich melden, damit sie dann durch Beauftragte der Gestapo beobachtet und zur gegebenen Zeit festgesetzt werden könnten. Mein Name würde hierbei nie genannt werden und ich liefe auf der Gestapo- Stelle Stuttgart unter dem Decknamen ,, Fridolin". Ich war nicht gewillt, diesen schmutzigen Auftrag auszuführen. Auf dem Rückwege habe ich meiner Frau klipp und klar gesagt, welch einen gemeinen Auftrag man mir gegeben habe. Und nun zeigte sich die ganze Größe meiner Frau, denn wörtlich erklärte sie: ,, Ehe Du ein solcher Schuft wirst, will ich zehnmal lieber wieder schwer arbeiten, um Dir jeden Monat zehn Mark schicken zu können, damit Du in Dachau nicht verhungerst. Lieber gehst Du dann ins KZ. zurück!" Ich habe von meiner Frau keine andere Antwort erwartet, weil sie zehn Jahre eisern zu mir gestanden ist und weil ich weiß, daß sie auf das gleiche Glaubensbekenntnis schwört, zu dem auch ich mich bekenne. Nun habe ich das tun müssen, was Tausende, ja Millionen deutscher Menschen unter der Herrschaft des Faschismus haben tun müssen, und bin zum Heuchler geworden. Ich habe gelogen, daß sich die Balken bogen, damit sie mich nicht wieder ins KZ. brachten und ich meine Familie nicht neuer Not auszusetzen brauchte. Ich habe so gelogen, wie die Nazis gelogen haben in der klaren Erkenntnis der Tatsache, daß man einen Gegner nur mit seiner eigenen Waffe schlagen und ihn nur dann niederringen kann, wenn man diese Waffe besser handhabt als er. Ich glaube, daß ich damals besser gelogen habe als die Nazis. Und doch war ich in meinen Lügen so naiv, daß die Nazis gemerkt haben, daß ich lüge, denn als ich im November 1943 zum sechsten Male zur Berichterstattung nach Stuttgart befohlen wurde, um deutsche Menschen zu denunzieren, daß sie fremde Sender hören oder auf die Nazis schimpfen, da antwortete ich auf die Frage, was ich nun zu berichten habe: ,, Eigentlich nichts!" Hierauf wurde mir folgende Antwort zuteil: ,, Sie glauben doch nicht etwa, daß Sie 45 uns noch länger in dieser Weise an der Nase herumführen können. Wenn wir aus Ihnen keinen Lumpen machen können, dann machen wir eben aus Ihnen einen Soldaten." - Ich war direkt glücklich, daß jetzt endlich Klarheit herrschte. Zehnmal lieber wollte ich im Granatenhagel des zweiten imperialistischen Krieges zugrunde gehen, als auch nur einem einzigen Menschen gegenüber zum Schurken zu werden. Hier in diesem Saale sitzt mehr als einer, der weiß, daß, wenn ich damals ein Schuft gewesen wäre und das, was er mir anvertraut hatte, der Gestapo unterbreitet hätte, er und manch anderer längst einen Kopf kürzer geworden wäre. Wie mir geholfen wurde Heute darf ich es in aller Oeffentlichkeit aussprechen, daß ich damals, als ich aus dem KZ. Dachau in Urlaub fahren durfte, eine kleine, aber intensiv arbeitende Oppositionsgruppe gegen die Nazis in Reutlingen vorfand, deren Angehörige teilweise Mitglieder der NSDAP. waren und das Parteiabzeichen zur Tarnung trugen. Wie erstaunt war ich, als es mir zur Gewißheit wurde, daß es diese Gruppe war, welche mich nicht vergessen hatte und mir diesen Urlaub erzwang. Meine Frau stand in Verbindung mit dieser Gruppe, die auch entschlossen war, meine Entlassung aus dem KZ. ebenfalls zu ertrotzen. - Dieser Personenkreis ging mit der ganzen Furchtlosigkeit, die diese Leute erfüllte, an die Arbeit und ermöglichte meine Entlassung. Anstatt der Gestapo den Spitzel zu machen, trat ich durch einen Mittelsmann mit dieser Gruppe in Verbindung. Niemand, der dieser Gruppe angehörte und die Beziehungen reichten hinaus ins Württemberger Land- ahnte, daß ich zum Gestapo- Spitzel gezwungen werden sollte. Wäre ich schwach geworden, wie manch ein anderer, dann wäre jetzt keiner von ihnen mehr unter uns und ich wäre nie Soldat geworden, aber ein Schuft. Mir ist die Wahl nicht schwer geworden. Wenn einmal die Stunde kommt, in der wir Vergeltung üben an den Nazis für ihre Verbrechen, dann sollt Ihr auf mich hören; dann werde ich die Namen derer nennen, die zu dieser Widerstandsgruppe gehören, und dann sollt Ihr mir glauben. 46 tr C b d g k Z n V D a Z e V t a i H ent ser en. Ich will, daß diese Leute, die, auch wenn sie sich tarnten, wirkliche Antifaschisten und ganze Männer sind, unbelästigt bleiben und daß ihr tapferes, selbstloses Tun anerkannt wird. Ich bin also Soldat geworden und mußte am 4. Januar 1944 ins Bewährungsbataillon 999 in Baumholder als Rekrut ein- treten, kam in den Einsatz im Westen und dann nach dem Osten, wo ich am 8? März 1945 schwer verwundet wurde und beim Zusammenbruch des faschistischen Regimes als Verwun- deter im Reservelazarett in Prag- in russische Gefangenschaft geriet. Ich habe Gelegenheit gehabt, die Russen und ihr Regime kennenzulernen und vermag mir auch in dieser Frage ein Urteil zu erlauben. Allerdings kann ich mich hier in diesem Rahmen nicht über diesen ungeheueren Fragenkomplex auslassen. So viel aber will ich sagen: der Kommunismus, der in Ruß- land herrscht, hat dem russischen Volke viel Gutes gebracht, vor allem die Befreiung aus der Knechtschaft des Zarismus. Das, was für das russische Volk gut ist, ist nicht unbedingt auch gut für das deutsche. Es wäre verfehlt, nur vom Osten zu hoffen, daß uns das sozialistische Rußland helfen möge. Der Wiederaufbau der Heimat Für uns steht heute nicht die Frage weltanschaulicher Aus- einandersetzung im Vordergrund, sondern die Tatsache, daß wir in jeder Hinsicht, wirtsch@ftlich, politisch, geistig und ma- teriell vor einem ungeheuren Trümmerhaufen stehen und auf allen Gebieten aus den Fundamenten heraus neu aufbauen müssen.: Um einer solchen Riesenaufgabe als Volk gewachsen zu sein, ist Grundbedingung, daß wir zusammenstehen und alle mit- helfen nach bestem Können. Das aber ist nur möglich, wenn wir eine Plattform finden, auf der wir alle stehen können, und diese Plattform nenne ich tatkräftige Demokratie, und wir sind gewillt, uns mit allen auf diese Plattform zu stellen. Natürlich sind nach wie vor Sonderinteressen vorhanden, hie Arbeiter, hie Unternehmer, hie Bauern, hie Kleingewerbetrei- bende. Sorgen und Nöte werden in allen Schichten unseres Volkes in den kommenden schweren Jahren zu finden sein. Nicht durch Zersplitterung und gegenseitige Bekämpfung wer- 47 den wir diese Nöte bewältigen, wohl aber auf dem Boden gegenseitiger Duldung und demokratischer Denkungsart. Es geht nicht an, daß von irgendeiner Seite aus Katastrophenpolitik getrieben wird, die Katastrophe ist so groß, daß sie durch nichts mehr vergrößert werden darf. Wir wissen auch, daß es noch heute Leute gibt, welche an ein Wiedererwachen der Nazis glauben; ich zähle mich nicht zu jenen, denn ich weiß, daß die Nazis so gründlich abgewirtschaftet haben, daß an ihre Wiederkehr zu glauben sinnlos ist; aber daß es noch solche gibt, wirkt störend auf unsere Arbeit des Wiederaufbaues, und das werden wir unter keinen Umständen zulassen! Ich will bei der in der Geburt begriffenen aufbauwilligen Gemeinschaft einer der Sprecher für die arbeitenden Schichten unseres Volkes sein, auf daß es nicht so komme, daß die arbeitenden Schichten den Großteil der Lasten, die uns erwarten, tragen müssen, sondern daß die Lasten gerecht verteilt werden. Ich habe in meinem ganzen Leben stets die Partei der Entrechteten und Enterbten ergriffen, ich kann nichts dafür, daß mich mein innerstes Fühlen und Denken stets dazu gezwungen hat, den Armen und Verfolgten mit ganzer Kraft zu helfen. Daß ich das tun muß, daran ist Gott schuld, wenn es einen gibt, ich jedenfalls kann nichts dafür. Ich muß so handeln und werde weiter so handeln und für die Unterdrückten kämpfen bis zu dem Tage, an dem der Tod meiner Arbeit ein Ende setzt, und wenn ich noch einmal ins Zuchthaus müßẞte! 48 GM ZF W autorisation des services de l'Information No. 208