colle Das alte Bibelwort wird unter jungen Menschen neu gehört Wieder einmal regnet es was nur vom Himmel herunter will. Im Lager hockt und kauert alles in den Erdlöchern. 4, 5 und auch 6 Mann suchen Schuß unter einer Zeltbahn. Andere bauen sich von einem Mantel, oder einer Decke, oder einem verbrauchten Verpflegungssack ein Stückchen„ Dach", um nicht direkt dem Regen ausgesetzt zu sein. Aber es gibt auch solche, die auf dem blanken Ackerboden liegen bleiben. Ihnen ist alles egal, auch die Nässe, die doch wieder einmal von der Sonne aufgesogen wird. Im Lager herumlaufen sieht man nur wenige, denn wer hätte noch so wasserdichtes Schuhzeug? Wer wollte in dem fußtiefen Lehm herumstampfen? Dh, diese Regentage, keiner wird sie vergessen! - Ich size zum erstenmal bei diesem Regen in meinem neu errichteten Zelt, das den Namen ,, Evangel. Pfarrhaus" hat. In wenig Stunden war ein Loch ausgehoben, die Zeltbahnen gespannt, sogar Tisch und Bank aus Kistenholz eingebaut. Die erdige Wand ist mit Sackleinen bespannt, darauf die Jahreslosung in Postkartenformat, sodaß der kleine Raum wie ein Kirchenraum wirkt. Jeder, der seinen Fuß hereinseßt, bleibt wie gebannt einen Augenblick stehen. Auf seinem Gesicht kann man ein im Herzen gesprochenes ahh lesen, manchesmal bringen es die Lippen auch laut heraus. Dann ist auch ein Bücherbord entstanden, das allerdings die meiste Zeit leer ist. Die wenigen Bücher und Schriften reichen bei weitem nicht aus, denn der Lesehunger der Jungen ist groß. Heute liegt noch eine große, dicke Bibel darauf. Sie wird als Altarbibel in einer der umliegenden Kirchen ihren Dienst getan haben, denn in diesen Dörfern sammelte man für unser Lager Bibeln, Gesangbücher und 3 andere christliche Schriften. Ja, diese dicke Bibel liegt noch da. Eigentlich zu schade, denn viele, sehr viele der Jungs wollen eine Bibel zum Lesen haben. Aber bei diesem Regen geht es einfach nicht. - Wie ich diesem Gedanken nachgehe, schaut ein Junge in mein Zelt herein, es ist ein Berliner. Die naß herunterhängenden Haare verdecken sein Gesicht so, daß ich ihn im ersten Augenblick garnicht erkenne. Und nun entsteht folgendes Gespräch: Er:„ Ich hätte gerne eine Bibel geborgt!" Ich:„ Ja, ebenso gerne würde ich Dir eine geben, aber ich habe nur noch eine ganz große, diese hier." Er:„ Das ist egal, die Hauptsache ist, ich habe eine Bibel." Ich: ,, Hast Du denn bei diesem Regenwetter Plaz zum Lesen?" Er:„ Aber natürlich, wir haben doch unter 4 Mann eine Zeltbahn, das geht ganz prima. Wissen Sie, ich muß nämlich die Sache von Petrus nochmals nachlesen, wo er den hohen Herren immer so anständige Antworten gegeben hat. Das hat mir richtig imponiert."( Apg. 4.) Jch: ,, Aber was sagen denn Deine Kameraden, wenn Du mit solch einer Bibel anrückst?" Er: Das ist mir ganz egal. Die wissen genau, daß ich immer zu den Bibelstunden gehe und der Kamerad Karl ist auch gestern mit bei der Abendandacht gewesen. Das schadet ihnen garnichts, ich hoffe, daß ich alle noch mit Heranschleifen kann." Mit der dicken Bibel, die er mühsam unter seinem Rock verstaut, rückt er ab.. - Das Bord ist nun wieder ganz leer. Alle Testamente und Bibeln sind unterwegs. Ich weiß genau, daß sie nicht herumliegen, sondern gelesen werden. Es ist bei uns so, daß die Bibeln nach 1 bis 2 Stunden, spätestens nach einem halben Tag weitergegeben werden. Gleich unter dem ersten Deckel liegt ein Blatt 4 1 2 I f J f t Papier, auf dem jeder Leser seinen Namen mit voller Adresse einträgt. Dazu einen Spruch, der ihm beim Lesen ganz besonders wertvoll gewesen und ins Herz gefallen ist. - 10 - 20 - - - Gegen Nachmittag hört der Regen auf. Der Lehmboden frocknet etwas ab und gegen 20 Uhr zieht mein ,, Küster" Helmut mit einigen Kameraden durchs Lager und lädt zur Abendandacht ein. Ich schaue hin zu unserem Altarplaz und warte auf die Besucher. Db sie nach solchem Regentag kommen werden? Ich brauche garnicht lange zu warfen, denn die ersten rücken schon an. Umvillkürlich fange ich an zu zählen 30 und immer werden es mehr. Jezt kommen sie von zwei Seiten, sodaß mein Zählen schwierig wird. Schon bin ich bei 100 angekommen und sie strömen immer noch, sogar noch stärker. Ich gebe es auf und gehe hin zu ihnen. Während die Letzten herzukommen, gehe ich durch die Reihen und reiche jedem die Hand. Dabei schaue ich mir die Gesichter an, von denen ein Teil zum ,, alten Stamm" gehört, andere ,, neu" sind. Die Sonne bricht nach ihrem Versteckspiel des Tages, wohl uns zuliebe, für einige Minuten durch die Wolkendecke und legt einen besonders feierlichen Schein auf unsere Abendandacht. Das mit weißem Sackleinen bespannte Kreuz unseres Altars wirkt durch die Sonnenstrahlen besonders wuchtig und schlicht zugleich. Zu diesem Kreuz schauen wir auf, zu unserem Herrn Jesus Christus, der an diesem Kreuz sein Leben für uns gegeben hat, damit für uns der Weg wieder frei wurde zu unserem Vater im Himmel. Nach dem Abendlied, das heute aus den rauhen, fast eingerosteten Kehlen garnicht so recht klingen will, spreche ich über das Wort aus den„ Losungen der Brüdergemeinde“:„ So sei es nun euch kund, liebe Brüder, daß euch verkündigt wird Vergebung der Sünden durch Jesum. Wer an diesen glaubt, der ist gerecht." Apg. 13, 38-39. Und dann fassen wir unseren Dank und unsere Fürbitte, all unsere Wünsche und all unsere Hoffnungen zusammen, indem wir alle laut und gemeinsam beten: ,, Unser Vater, der Du bist im Himmel..." Wie früher auf unseren Jugend- Bibelfreizeiten, so ist es auch hier zur Sitte geworden, wir schließen die Hände zum großen Ring und sin5 gen: Jezt Brüder, eine gute Nacht, der Herr im hohen Himmel wacht..." Nun komme ich bei dieser großen Schar nicht mehr zum Händeschütteln. Ich muß die Neuen Testamente und Bibeln zurücknehmen, die zum Lesen tagsüber ausgegeben waren und für die sich zum nächsten Tag wieder eine ganze Reihe angemeldet hat. Diese Minuten am Abend gehören zu den schönsten des Tages. Mit besonderer Freude nehme ich die Zettel alle heraus und lese die niedergeschriebenen Bibelworte. Von der einfachsten Handschrift bis zu wundervoll gemalten Buchstaben wirken die Worte wie ein schlichtes Bekenntnis. Ein Schlesier schreibt:„ Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln." Psalm 23, 1. Und das aus solchen Tagen, in denen es an allen Ecken und Enden mangelt. Ja, auch die kleinen und großen Dinge des täglichen Lebens sehen in der Gefangenschaft im Aufblick zu Jesus Christus anders aus.- Ein anderer schreibt:„ Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; Er wird's wohl machen." Psalm 37,5. Wer hinter Stacheldraht sitzt und von Tag zu Tag darauf wartet, auch zu denen zu gehören, die in die Freiheit gehen dürfen und für den sich noch kein Weg gezeigt hat, der weiß, was aus einem solch niedergeschriebenen Bibelwort für eine Zuversicht spricht und was solch ein Wort für Kraft gibt. - Von einem Württemberger, der vor der Gefangenschaft alles andere, nur keine Bibel in die Hand genommen hat, lese ich: ,, Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit; lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen, lieblichen Liedern und singet dem Herrn in eurem Herzen." Kol. 3, 16. Mein Gebet für diesen Jungen ist, daß er weiter fleißig in der Bibel forsche und das Gefundene weiter so klar bezeuge. - Bei vielen anderen Worten, die ich nun noch lesen darf, zieht reine Freude durch mein Herz, denn ich darf etwas davon ahnen, wie die alte Botschaft die jungen Herzen anspricht und wie die leeren Herzen der jungen Generation Plaz haben für die ganze frohe Botschaft: 6 1: E In d es en Te et en το int C= nd Ser et, ,, Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei deiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an." Psalm 73, 23-24. " 1 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet." Römer 12, 12. ,, Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft." Jesaja 40, 31. Unter all den Zetteln halte ich zuletzt einen noch lange in der Hand. Ein Junge aus Sachsen schreibt: ,, Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist." Luk. 19, 10. Darunter steht mit seinen eigenen Worten weiter: ,, Auch ich bin einer von denen, die Jesus hier in diesem Camp suchte und fand." Und wieder werde ich still und falte die Hände:„ Herr Christus, hab Dank für dieses Zeugnis, stehe Du dem Jungen weiter bei und laß ihn seinen Weg täglich unter Deiner Gnade gehen." - So sind mir diese Zettel zu Wertpapieren geworden. Ich darf es mit jungen Deutschen erleben, daß das Wort unseres Herrn Christus heute noch wahr ist und heute noch und wieder erlebt wird:„ Ich bin bei euch alle Tage." - пб S ht es 6: ler nd em en pas ht en, bie nze Früh am Morgen Jesus gehef und vor allen Türen stehet, klopfet an, wo man geflehet: Komm, Herr Jesu, unser Gast! Nun, so lasset Ihn nicht dorten, fut Ihm auf des Herzens Pforten und ruft Ihn mit süßen Worten: Eile, Jesu, kehre ein! Amen, ja es soll geschehen, Jesus wird heut mit uns gehen, und wir werden fröhlich sehen, daß Er uns nicht läßt allein." Diese Verse des Morgenliedes schallen über unser Lager hinweg. Das Singen, das von Vers zu Vers fröhlicher und sicherer wird, lockt noch manchen jungen Freund herzu, der mit uns die Morgenandacht hält, die Morgenwache, wie wir es als evangelische Jugend nennen. Nun schlage ich den Text der Bibel auf, der am selben Tag auch von denen gelesen wird, die in den anderen Lagern sind. Der gleiche Tert, der auch außerhalb des Stacheldrahtes gelesen wird, zu Hause, von Vater und τ Muffer, von solchen, die als Christen mit einem Bibelwort den Tag beginnen; nach der Parole: Kein Tag ohne Gottes Wort!- Heute wird die zweite Hälfte des 8. Kapitels in der Apostelgeschichte gelesen, die Geschichte vom Kämmerer aus dem Mohrenland, wo es von ihm am Schluß heißt: er zog aber seine Straße fröhlich! So sprach ich über diese geschenkte Freude, die allein Christus geben kann und gibt! Mein Wunsch für alle ist, daß sie Hände und Herzen der Botschaft unseres Herrn öffnen und diese Freude im Herzen gewinnen. Die Freude, von der Paul Gerhardt einmal singt: ,, Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist." Mit den Worten der Jahreslosung:„ Lasset uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens", geloben wir unsere Treue. - Diese Morgenwache ist der Tagesanfang. Da nach uns die Katholiken zur Messe zum Altar wollen, gehen wir etwas zur Seite und sehen uns im Kreis nieder. Die vorhandenen Bibeln werden aufgeschlagen und es wird Bibelarbeit getrieben. Viele sigen darunter, die in diesen Stunden seit mehreren Jahren zum erstenmal wieder aus der Bibel hören, aber dafür wirklich mit dem Herzen hören. Zunächst beschäftigen uns Geschichten aus dem Lukas- und Johannesevangelium. Vornehmlich Geschichten, die urs zeigen, daß das Aufsehen auf Jesus den rechten und echten Lebensgewinn bringt. Dann schauen wir hinein in die Briefe des Apostels Paulus, und vor allem in solche, die aus der Gefangenschaft stammen. Paulus wird uns zum rechten Vorbild und zugleich zum Wegweiser hin zu Christus - " - wenn wir lesen: in Philipper- Brief 4,4: Freuet euch in dem Herrn allewege! und abermals sage ich: Freuet Euch!" Dder im Kolosser- Brief 3,2: Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist." Zwei Stunden hindurch beschäftigt uns sein kleinster Brief, den er mit eigener Hand im 8 - Gefängnis geschrieben hat, der Brief an Philemon. Dabei haf uns am Schluß der 22. Vers nochmals so recht in das Herz des gefangenen Paulus schauen lassen. Dieser Vers wurde bei der Zensur in Rom seinerzeit sicher übersehen, oder man sagte sich beim Lesen: der Paulus ist ja nicht mehr ganz normal, denn die Zelle ist verschlossen, die Mauern undurchdringlich und Paulus hofft bald in Kolossä zu sein? Hier erkennen wir den Schlüssel, dem Paulus mehr, ja alles zutraut: die Fürbitte, das Gebet. Wenn die Gemeinde betet, dann wird auch für ihn der Weg wieder frei. Ja, die Fürbitte ist eine Macht, die Mauern sprengt. Und wenn wir ganz persönlich an uns denken, dann dürfen wir die Hände falten und bitten, daß Gott uns den Weg frei macht, heraus aus dem Stacheldraht. Er allein bestimmt den Augenblick, in dem wir den Schritt in die Freiheit tun. Mit dem Liedvers bekennen wir es mit Paulus: Seßt uns Gott auf die Prob, ein schweres Kreuz zu fragen; der Glaube bringt Geduld, macht leicht uns alle Plagen: statt Murren und Verdruß wird das Gebet erweckt, weil Angst und Not von Goff ein Ziel gesteckt. - 9 Chriftus erobert junge Herzen Heute sind es fast alle Besucher, die nach der Jugendstunde nicht an ihren Lagerplatz zurückgehen, sondern mir zu meinem. Zelt folgen. Diesen Weg vom Altarplag oder von unserem ,, Versammlungsraum" brauche ich nie allein zu machen, denn es gibt ja bei den Kameraden soviel Fragen und Wünsche. Da ich Heute vom Zelt des Lager- Ober- Pfarrers eine ganze Aktentasche voll Eßlöffel mitgebracht habe, kann ich großzügig ausgeben. Aber siehe da, selbst die volle Aktentasche reicht nicht aus. Aber die ausgegebenen Löffel lösen mit großer Freude ein zurechtgeschnigtes Stück Holz ab, oder einen aus einem Blechdeckel zurechtgebogenen Löffelersaß, der zwar besser ist als das ständige Trinken des Essens aus Büchsen. Aber mit einem Löffel schmeckt es half doch besser. Nach dieser Löffelausgabe ist die um mich herumstehende Schar schon wesentlich kleiner geworden. Einem Kameraden kann ich Unterwäsche geben, denn sein einziges Hemd hat man ihm gestohlen, als er es zum Trocknen auslegte. Einer kleinen Schar kann ich die Lesewünsche erfüllen und die zurückgegebenen Hefte und Bücher austauschen. So ist es mir immer eine Freude, wenn die ausgestreckten Hände gefüllt werden können. - - - - Noch größer ist meine Freude über die Herzen, die sich noch mehr öffnen als die ausgestreckten Hände, die nach Erfüllung und Beantwortung schreien. So ist auch heute eine Schar von solchen Kameraden zurückgeblieben, deren Herz wünscht". Ich schüttle ihnen, wie all den anderen, die Hand und sage:„ Du kommst um 6 Uhr einmal zu mir", zum anderen:„ Du um 127 Uhr" und so geht es weiter, bis alle Zeit zwischen den einzelnen Bibel-, Jungen oder Singstunden aufgeteilt ist. Und dann gehen wir zu zweit auf unserem Altarplag auf und ab. Manches Gespräch erlauschen die wenig stehengeblie10 de m Em es ch he en. Der ht= fel ige edf ich em md die eg Gille Loch ng Jon Du um einauf Lie benen Grashalme, manche Herzensnot, die da herausbricht. Aber auch manches feine Zeugnis, denn Jungenherzen öffnen sich für die Botschaft der Bibel. Manches Herz fängt an mit dem Glauben an unseren Herrn Jesus Christus.- * Da gehe ich mit Heinz allein auf und ab. Er ist Württemberger und kam als Arbeitsdienstler in Gefangenschaft. In seiner echt württembergischen Sprache erzählt er und packt sein Herz aus:„ Ich muß einmal mit Ihnen allein sprechen. Mich beschäftigt seit einigen Tagen etwas, was ich Ihnen sagen muß. Ich bin zu Hause von 6 Kindern der Älteste. Als solcher muß ich überall mit anpacken und vor lauter Arbeit bekomme ich keine freie Minute für mich. Am Sonntag, wenn meine Kameraden zum HJ- Dienst gehen, läßt mich mein Vater auch nicht hin. Dafür muß ich zur Kirche gehen. Wie oft habe ich da ganz allein auf der kleinen Bank unter der Drgel gesessen und habe mir anhören müssen, wenn draußen meine Kameraden mit Sang und Klang vorübergezogen sind. Ich wäre ja viel lieber mit ihnen gezogen. Sie können sich denken, daß ich von dem, was der Pfarrer auf der Kanzel gesagt hat, dann nichts gehört habe und auch nichts hören wollte. Und wie oft habe ich im Stillen meinen Vater verflucht. Manchesmal habe ich mit lautem Krach zu Hause die Türe zugeworfen. Als ich dann in den Arbeitsdienst kam, war ich richtig froh, daß ich mir die ewige Rederei von Vater und Mutter nicht mehr anzuhören brauchte. Das ,, Kindermädchen- Spielen" hörte auf. Es war herrlich.- Aber nur ganz kurze Zeit. Wissen Sie, wenn man von zu Hause weg ist, dann sieht die Heimat und das Vaterhaus auf einmal so ganz anders aus. Da lernt man den Wert erst schäßen. Und das mit der Kirche, das habe ich mir inzwischen auch überlegt, vor allem hier in der Gefangenschaft. Jezt muß ich sagen, ich warte immer schon auf die Stunden, und einen Freund, der auch aus meinem Heimatort stammt, habe ich schon mitge= bracht. Weshalb ich Ihnen das erzähle hat den Grund, daß ich mir vorgenommen habe, gleich am ersten Tag, wenn ich nach - - - 11 Hause komme, meine Eltern um Entschuldigung zu bitten, daß ich oft so frech und herzlos war. Ich will ihnen sagen, daß sie Recht hatten; auch mein Vater, der mit dem Kirchenschicken ja nur das Beste für mich wollte. Ich werde es ihm jest ja nicht sagen können, denn er ist noch in England in Gefangenschaft und wird wohl so schnell auch nicht nach Hause kommen, aber wenn er kommt, dann sage ich es ihm. Dafür will ich es aber sofort der Mutter sagen." - Dann sprechen wir darüber, daß es keine Vorsäge bleiben dürfen, mit denen der Teufel ja bekanntlich den Weg zur Hölle pflastert, sondern es muß zur Tat werden. Und zu dieser Taf braucht man Kraft, viel Kraft, denn mancher Junge hat das, was er sagen wollte, nicht mehr über die Lippen gebracht, als er zu Hause stand und über die elterliche Türschwelle getreten war. Diese dringend nötige Kraft schenkt unser Herr Christus, wenn wir Ihn darum bitten. Ja, die Hände müssen und dürfen wir falten, um alles unserem Herrn zu sagen und um alles von Thm zu erbitten. Wir sprechen dann noch über die Worte des 4. Gebotes, wo es heißt: ,, Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir's wohlgehe, und du lange lebest auf Erden." Und dann heißt es in der Erklärung weiter: ,, Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten, noch erzürnen, sondern sie in Ehren halfen, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben." Noch einmal stellen wir uns die klaren Worte gegenüber: ,, nicht verachten, noch erzürnen" und sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben". - - Ganz anders ist es mit dem Berliner Freund. Frisch weg, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist, erzählt er:„ Ich habe die ersten Wochen hier im Lager ganz stur gelebt. Nichts hat mich interessiert und nichts hat mich aus meinem Erdloch herausgelockt. Es war mir alles egal. Ich habe ja auch nichts zu erwarten, denn ich bin bei der SS gewesen und HJ- Führer dazu. Aber als ich vorgestern wieder einmal da drüben in die Ecke kam, 12 தி te τα St ft er er ett le af 5, Is ett 15, en on te ne uf Sir and al et= eg₁ abe Sat 16: et ' un stand hier ein großer Kreis Kameraden. Ich denke mir, da geb'ste auch einmal hin. Und wie ich hierhin komme, sehe ich, daß Sie vor dem Altar stehen und etwas erzählen. Da ich so etwas noch garnicht gehört habe, bleibe ich stehen und ich muß sagen, das hat mich auf einmal interessiert. Warum eigentlich, das weiß ich nicht. Und wie Sie gesagt haben, daß am nächsten Tag wieder solche Jugendstunden sind, da habe ich mir vorgenommen: da geh'ste wieder einmal hin. Und dann habe ich gestern dabeigestanden und heute auch und nun muß ich erst einmal mit Ihnen darüber reden. Sie werden vielleicht darüber den Kopf schütteln, was ich Ihnen sage, aber das ist mir egal, ich muß es einmal sagen. Ich gehöre zu keiner Kirche und bin auch nicht konfirmiert. Meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten und haben mir auch nie etwas von der Kirche oder von dem Leben in der Kirche erzählt. Was ich von der Kirche weiß, das habe ich in der HJ und in der SS gehört. Da wurde immer nur geschimpft und geheßt, sodaß ich mir sagte: es wird schon stimmen. Deshalb habe ich mich nie damit beschäftigt, denn für so etwas ,, Rückständiges" und für so etwas ,, Unklares" war mir die Zeit zu schade. Und jetzt, wo ich hier so etwas ganz anderes von der Kirche höre, vor allem von Christus, da kommen mir doch soviel Fragen und da stürmt so eine ganz andere Welt auf mich ein." - - - Und nun sprechen wir über den Weg mit Christus, der ein Leben neu, froh und stark macht. Dabei haben wir oft kehrt gemacht und sind immer wieder quer über den ganzen Alfarplatz gelaufen. Bevor wir uns verabschieden, sagt er noch:„ Sie sprachen am ersten Abend über das Wort, Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.' Und ich spürte, ja heute weiß ich es: Jesus hat mich hier im Lager gesucht." Bei allen Stunden ist er dabei und seinen Augen kann man es ablesen, daß er jedes Wort so aufnimmt wie ein frockener Schwamm das Wasser. - - Einige Tage später frage ich ihn wie es geht. Darauf seine Antwort: ,, Es geht sehr gut. Die Welt sieht jetzt so ganz anders aus. Ich kann mich wieder richtig freuen. Und wissen Sie, 13 - - Mit diesen schlichten so wie er es als Junge ausdrückt - selbst das Essen schmeckt mir besser." Worten haf er den Nagel auf den Kopf getroffen. Da, wo ein Herz sich der Bofschaft von Jesus Christus öffnet, wird alles anders. Dder wie Christus es sagt:„ Siehe, ich mache alles neu." Sogar das Essen schmeckt dann besser, ja selbst das geringe Essen. - Es ist etwa eine Woche später. Seit einigen Tagen vermisse ich meinen Berliner Freund. Ich frage nach ihm, keiner kann mir über ihn Auskunft geben. Aber ich muß von ihm hören, denn irgend etwas stimmt da nicht. Deshalb mein Plan: durch's Lager gehen und suchen. Das ist zwar leicht gesagt, aber schwer getan. Tausende von Kameraden liegen im Lager, wo es weder eine Straße, noch eine Hausnummer, noch eine feststehende ,, Wohnung" gibt. Hinzu kommt, daß immer wieder einmal die Pläße gewechselt werden. Wo suchen? Wo erkundigen? - Wie ein Geschenk empfinde ich es, als ich eines Tages ganz früh aus meinem Zelt herauskrieche und der Berliner Freund gerade vorübergehen will. Ich rufe, er bleibt stehen, das Gesicht etwas verlegen. Auf meine kurze Frage nach dem Ausbleiben erzählt er nun:„ Ich bin gerne gekommen und wir haben ja auch länger darüber gesprochen. Aber wissen Sie, da ist ein Kamerad, der hat mir alles verleidet. Der ist unter uns so unkameradschaftlich, schimpft und flucht bei jeder Gelegenheit und meckert mich ständig an. Und dieser Kamerad geht dann auch zu Ihnen und will fromm sein. Wissen Sie, mit dem kann ich mich nicht an einen Altar stellen." Das ist der Grund.- - Mit wenig Säßen sage ich ihm nur:„ Ich verstehe Dich an sich gut, aber was Du da sagst, das hat Dir der Teufel in's Herz gegeben. Die Sache ist nämlich die. Immer dann, wenn ein Mensch sich aufmacht und an Christus glauben will, dan sieht der Teufel, daß dieser bisher für ihn so sichere Kandidat ihm durch die Latten geht. Und nun packt er diesen ,, Ausreißer" und stellt ihn. Dft macht er es sehr geschickt. Bei Dir sagt er: Was, Du stelltst Dich mit diesem Kameraden an einen Alfar? Mit diesem Lumpen, der weiter nichts kann als schimpfen und 14 1 1 e 3 e 1 " I I e 90 δ = 9 n En Το it dy ' s EEE m m at " I: r? and - meckern? Da gehst Du nicht mehr hin, dafür bist Du Dir zu schade. Und auf diese Stimme hast Du gehört. Ja, der Teufel ist sehr geschickt, oft sogar sehr fromm. Er kann jezt so und nachher anders reden. Für ihn ist die Hauptsache, er kommt zum Ziel. Und bei Dir ist er so schnell zu seinem Ziel gekommen. Ja bei Dir, der Du mir doch vor einigen Tagen noch gesagt hast, daß Christus Dich gesucht hat und Seine Freude in Dein Herz eingekehrt ist. Ich will Dir einmal einen Rat geben, den mir ein Lehrer gab und den ich für so gut halte, daß ich ihn immer wieder weitersage: Man soll nicht auf Menschen sehen, auch nicht auf Christen, sondern auf Christus!" Und wenn Du nun nicht auf diesen Kameraden siehst, der auch ein sündiges und schmußiges Herz hat und der die vergebende Gnade Christi genauso nötig hat wie wir, sondern wenn Du, wenn wir alle auf Christus schauen, dann wird Er unseren Glauben, den Er in uns angefangen hat, auch vollenden." - Beim Händedruck leuchten seine Augen wieder. * - Diesesmal beschäftigen uns Berufsfragen. Db das im Kriege zugesprochene Abitur Gültigkeit behält? Db die Schulbank nocheinmal gedrückt werden muß? Wie wird es mit dem Studium werden? Ja, hinter dem Stacheldraht beschäftigen uns manche Fragen, manche sogar sehr gründlich und oft, die drauBen vielleicht schnell beantwortet und gelöst sind. Der braungebrannte Dresdner Junge, mit dem ich jetzt spreche, will Musik studieren. Ein herrlicher Beruf. Doppelt herrlich, wenn man mit den Tönen die Ehre Goffes verkündigt. So sprechen wir auch über Johann Sebastian Bach und über seinen Dienst, den er uns heute noch tut. Ja, die Größe seines Dienstes wird in der Ewigkeit erst einmal ganz zufage freten. Wir einigen uns darauf, daß man mit der Musik ein Bekenntnis ablegen kann zur Ehre Goffes. - Hier frage ich nach seinem Konfirmationsspruch, den er tatsächlich weiß. Viele, sehr viele habe ich gefragt, die ihn nicht mehr wissen. Und wundervoll beantwortet sein Konfirmations15 spruch unser Gespräch:„ Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben." Römer 1, 16. Solch ein Spruch ist eine wundervolle Parole für das ganze Leben. - Inzwischen ist auch dieser Sachse entlassen. Mein Wunsch und Gebet für ihn ist, daß er die Kraft des Evangeliums auch und vor allem außerhalb des Stacheldrahtes erleben und bezeugen möge. - Bei der nächsten Anmeldung" kommen gleich zwei Kameraden an. Ueberall sieht man beide zusammen und in allen Plänen sind sie sich einig. Wir nennen sie nur noch die ,, Unzertrennlichen". Dazu stammen sie auch noch aus einer Stadt, aus Leipzig. Der Wortführer zieht einen Zettel aus der Tasche, auf dem sie sich Fragen niedergeschrieben haben. Fragen, die ihnen in unseren Bibelstunden und Andachten gekommen sind. - - Unklar ist ihnen einmal die Sache der Wiederkunft Christi. Als Bibelstelle haben sie sich Apg. 3, 20-22 dazu geschrieben. Dann können sie die Sache der Wunder noch nicht so recht unterbringen. In der Schule und sonst auf der Straße haben sie darüber manch ehrloses Wort gehört. Auch das Wort von der Feindesliebe" können sie nicht recht verstehen. Und so sprechen wir darüber. Es ist eine richtige Religions- Stunde, die wir halten, oder eine Konfirmandenstunde. Einfach und schlicht geben wir uns Antwort. - - - Außer diesen Fragen haben sie aber auch noch andere Bibelstellen auf dem Zettel stehen. Das sind solche, die sie sich in der Bibel besonders angestrichen und die ihnen ganz besonders gut gefallen haben. Es gibt Worte, die in einer besonderen Stunde etwas ganz Besonderes sagen. Die werden angestrichen und im Herzen besonders verwahrt. Ich lasse mir auch diese notierten Stellen sagen und schlage sie in meiner Bibel auf: 16 - ,, Meine lieben Brüder, achtet es für eifel Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallet, und wisset, daß euer Glaube, on ift uch be= aum Slä wenn er rechtschaffen ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll festbleiben bis ans Ende, auf daß ihr seid vollkommen und ganz und keinen Mangel habt." Jakobus 1,2-4. ,, So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerst fue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Dbrigkeit, auf daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Denn solches ist gut und angenehm vor Goff, unserm Heiland, welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß solches zu seiner Zeit gepredigt würde; dazu ich gesezt bin als Prediger und Apostel ( ich sage die Wahrheit in Christo und lüge nicht), als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit." 1. Timotheus 2,1-7. zer. aus φει δια ifti. echt ben Sort Ind ειδε, und bel in Ders on ge mir Tiner ihr be, Der jezige Kamerad ist aus Halle. Wir gehen nebeneinander auf und ab und ich brauche eine ganze Zeit nur hinzuhören. Er erzählt mir von seiner Mutter. Ich habe selten einen Jungen so ehrfurchtsvoll und so dankbar von seiner Mutter reden hören, wie diesen hier. Kindlich schlicht erzählt er mir aus den Tagen, da seine Mutter ihn das Beten gelehrt hat, da sie am Betf mit ihm manches feine Abendlied sang. Ja auch davon, daß seine Mutter mit ihm die Bibel aufgeschlagen und die Geschichten gelesen und besprochen, die er später im Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht gehört hat. - Und dann hörte das alles auf. Er kam zum Arbeitsdienst. Später zur Wehrmacht. Von alledem, was seine Mutter mit ihm besprach, war dann keine Rede mehr, spielte auch keinerlei Rolle. Unter den Kameraden hörte er viele und andere Redereien und er hörte von dem Haß gegen Kirche und gegen die Botschaft der Kirche. In ihm begannen zwei Welten miteinander zu ringen. Keineswegs wollte er hinter seinen Kameraden 17 zurückstehen, er wollte auch, ganz wie sie, seine Pflicht erfüllen. Gerne wollte er die von der Mutter mitgegebene Welt leben, aber es war niemand da, der ihn verstand, keiner, der es mit ihm tat. So wurde diese Welt der Mutter überwuchert. - Jezt in unseren Gottesdiensten wird diese Welt seines früHeren Herzens wieder geweckt. Aber auch alle Fragen und Zweifel und all die oberflächlichen Schlagworte melden sich und stellen sich zum Kampf. - - - Eine Frage nach der anderen nehmen wir vor und richten das fragende und suchende und schreiende Herz wieder aus. Es ist ein richtiges Stück Arbeit. Aber - Manche sie lohnt. Frage bleibt jedoch unbeantwortet. Ja, manche Frage kann nur die Zeit und die Erfahrung eines Lebens mit Christus beantworfen. Wir sprechen über den Titel eines Büchleins, den ein Professor so gefaßt hat:„ Bilden ungelöste Fragen ein Hindernis für den Glauben?" Beim Auseinandergehen sind wir uns in der Antwort einig: Nein!" - - Bei jedem neuen Kameraden, mit dem ich so sprechen kann, muß ich umschalten. So auch jeßt. Und immer wieder muß ich von der Hülle absehen, in der jeder steckt. Dieser Sachse trägt zum Beispiel einen toll zurechtgestußten„ Anzug". Dafür ist aber das Herz auf dem rechten Fleck. Er will Pfarrer werden und bittet um meinen Rat. Auf meine Frage, warum er gerade Pfarrer werden wolle, antwortet er:„ Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen, als den Menschen die Botschaft der Bibel zu sagen." Prachtvoll eine solche Begründung. Und dennoch sprechen wir nun noch lange darüber. Zu solch einem Beruf darf nichts Menschliches locken, auch nicht die Schönheit des Berufes, wenn man alles Schwere und Harte übersieht; sondern dazu darf und muß der Herr Jesus ganz allein berufen. Wen Christus in seine Nachfolge gerufen hat, der kann und darf und soll und muß andere in die Nachfolge Jesu rufen. Und wem Gott dazu den Weg des Pfarrerberufes öffnet, der 18 ch gt ift en de en er τιδ m 11 r: in er t in -ir б 九 ㄓ f soll ihn fröhlichen Herzens gehen. Der darf dann mithelfen, anderen den Weg zu zeigen, der froh und gefrost durch die Zeit, hin zur Ewigkeit führt. - Wir sind uns darüber einig, daß es bis dahin ein arbeitsreicher Weg ist. Kein Tag darf für dieses Ziel nuglos verstreichen. Jede freie Minute muß genugt werden, um noch tiefer in die Welt der Bibel, des Katechismus und des Gesangbuches einzudringen. Ueberall da, wo das Wort Gottes verkündigt wird, muß man mit offenen Dhren und mit offenem Herzen lauschen; von jedem Gottesmann Lehre annehmen. - Wie er sich mit strahlenden Augen verabschiedet, schaue ich ihm eine ganze Weile nach. ,, Ach Herr, rüste Du Dir diesen jungen Bruder zu, damit er ein rechter und freuer Knecht werde im Weinberg Deines Reiches." - Gerade bin ich auf dem Wege zu meinem Zelt, um das Abendbrot einzunehmen, das mein„ Küster" Helmut zubereitet hat, da kommt mir Leo entgegen. Leo hat unter seinen Kameraden ganz besonders eifrig eingeladen zu unseren Stunden. Für ihn ist es auch nicht neu, denn er hilft in der Jugendarbeit seiner Heimatgemeinde tüchtig mit und will auch sein Leben in den Dienst unseres Herrn stellen. Nun sprechen wir zusammen über diesen Weg. Nach der Gefangenschaft öffnen sich da wieder viele Wege. Einmal ein mehrjähriger Besuch an einer unserer Evangelistenschulen, wo man zugerüstet wird im Dienst der Wortverkündigung. Für einen Dienst an jung und alt. Da Leo aus der Jugendarbeit kommt und er seinen jungen Kameraden ein fröhliches Leben im Glauben an unseren Herrn Christus wünscht, will er sich vor allem für den Dienst an der deutschen Jugend zurüsten lassen. Dafür ist speziell die Bibelschule des Deutschen Evangelischen Jungmännerwerkes da, wo Jugendwarte ausgebildet werden, die in Stadt und Land junge Männer um das Bibelbuch sammeln, mit ihnen frisch und frei unsere alten Lieder singen und junge Menschen für das Leben und für den rechten Lebensweg vorbereiten. Und hier sprechen 19 wir nun von den vielen Dienstmöglichkeiten, von Wochenendtagungen, Bibelfreizeiten, Fahrten und Lagern und vielem mehr. - Wenn Du dieses Büchlein in die Hand bekommst, lieber Leo, dann hoffe ich Dich mitten in der Arbeit an der Jugend Deiner Heimatgemeinde in Bayern, denn: ,, Wir brauchen eine Jugend, die ihren Heiland kennt, Ihn bis zum Tod in Treue gehorsam Meister nennt, Die Ihm das Herz gegeben, das Leben ganz ihm weiht und alle edlen Kräfte zum heil'gen Werk Ihm leiht." - Das Band der seelsorgerlichen Aussprachen reißt nicht ab. Dft muß ich auf den nächsten und die dann folgenden Tage verschieben. So auch diesen Schlesier, der mich kurz vor seiner Entlassung nochmals anspricht. Er ist auch SS- Mann gewesen. Als solcher bevorzugt eingezogen; kam noch auf eine Schule und sah die Welt offen. Um schnell voranzukommen, meldet er sich freiwillig und trift aus der Kirche aus. Seinen Eltern schreibt er davon jedoch nichts. Sie sollen es lieber nicht wissen, denn sie machen sich sonst unnötig Sorge und zudem wollen sie es keinesfalls haben. Aber er ist ja eigener Herr" und handelt deshalb selbständig. - Dahinein kommen die Endkämpfe des furchtbaren Krieges. Nur wenige Tage ist er im Kampf und sist nun mit uns hinter Stacheldraht. Er gehört hier mit zu denen, die täglich zu unseren Veranstaltungen kommen und mit dem Herzen dabei sind. Er hört die Botschaft und läßt sich von Jesus Christus rufen. - Die Zeit seiner Gefangenschaft sieht er als ein großes Geschenk an und zieht als ein reich Beschenkter hinaus. Er freut sich schon darauf, dies seinen Eltern sagen zu dürfen. 20 - mb. er= nt en. nd ibt 11= E m 20, cer nn ев Delt es. fer nd. Se eut Zuvor hat er nun diese Gewissensfrage: ,, Soll ich meinen Eltern sagen, daß ich aus der Kirche ausgetreten bin?" Sie wissen bestimmt nichts davon, denn durch die Kampfhandlungen konnte die Heimatgemeinde nicht mehr benachrichtigt werden. Ich könnte ihnen meinen falschen Schritt unterschlagen und würde ihnen dadurch manchen Schmerz ersparen." - - - Da er mich fragt, muß ich ihm antworten:„ Immer dann, wenn ein Herz den Weg mit Christus wagt, gilt es, das bisherige Leben zu ordnen. So muß auch dieser Punkt in Deinem Leben geklärt werden. Wenn Du zu Deinen Eltern kommst und ich wünsche, daß es bald geschehe dann erzählst Du ihnen das alles, was Du mir gesagt hast. Ihre Freude über Deinen Weg mit Christus wird so groß sein, daß sie Dir diesen Schritt des Kirchenaustrittes gerne vergeben. Sie werden dann mit viel größerer Freude Dich auf Deinem Lebensweg begleiten und Du hast den Gewissensdruck für alle Zeifen los." - Kein Wort sagt er gegen meinen Vorschlag, den er als seinen Entschluß aufnimmt. - Db Du inzwischen Deine Eltern getroffen und es ihnen betannt hast? Unter den vielen anderen muß ich noch den einen Kameraden aus Oberschlesien herausgreifen. HI- Führer, mit dem Berufsziel, Erzieher zu werden. Nachdem er nichts mehr von seinen Eltern gehört hat, nicht mehr nach Hause kann und keinen Bekannten weit und breit hat, sieht er nun auch sein Lebensziel schwinden. Die leßte Gemeinschaft mit seinen Kameraden ist ihm genommen, sie wird auch nie mehr zustande kommen. Innerlich und äußerlich heimatlos. - " Während der Gefangenschaft hat er zu der Gemeinschaft hinter Stacheldraht" gefunden. Seine Fragen kommen aus tiefstem Herzen. Für die Tage der Gefangenschaft fürchtet er nicht, aber für die Zeit nachher. Auf der einen Seite sehnt er sich danach, auf der anderen möchte er sie noch weit hinaus21 schieben. Und immer wieder hat er die Frage, wohin kann ich gehen? Wo finde ich einen Kameradenkreis? - Diese Frage kann ich nun mit großer Ausführlichkeit und ganzer Freude beantworten. Ich erzähle ihm von der evangelischen Jugend, die er in jeder Gemeinde findet. Eine Jugend, die froh und getrost alle Fragen des Lebens anpackt und löst. Die sich bei Spiel und Gesang trifft, die auf Fahrten geht und die sich in Lagern um die Bibel versammelt. Ja, die das Bibelbuch als das Lebensbuch hat. - Wenn Du diese Zeilen liest, dann hoffe ich Dich in solch einem Kreis. Ich warte auf Deinen ersten Kartengruß. Und wenn Du keinen Kreis gefunden hast, dann schreibe es mir. Wir wollen dann dieses Gespräch fortsetzen, und ich will Dir gerne weiterhelfen, mit der Jugend der Bibel Deinen Weg zu gehen. 22 22 ich und Dan end, Löft. und das old Und Wir Jerne ben. Die Kirche- anders gesehen - Endlich finde ich wieder einmal ein Stündchen Zeit zum Gang durch das Lager. Die Binde am linken Arm- mit dem violetten Streifen, der Kirchenfarbe verrät was ich bin: Camp- Seelsorger. Diese Binde am linken Arm hat geradezu eine Zauberwirkung. Einmal weiß jeder Posten sofort: den muß ich durchlassen. Unterwegs werde ich nicht angehalten und habe Zugang in allen anderen Camps. Die Hauptsache aber, jeder weiß, daß er es hier mit einem Seelsorger zu tun hat. Mancher Kamerad hat mich angehalten und manches Gespräch, lange Gespräch, wurde durch diese violette Binde am linken Arm geführt. So gehe ich durch die Küche und unterhalte mich mit dem Kameraden, der gerade Holz hackt. Auf meine Frage nach dem zusätzlichen Schlag" für seine Arbeit sagt er nur: ,, Geht in Drdnung!" Aber dann fängt er an und erzählt beim Holzhacken von den ersten Wochen, in denen er gehungert hat. ,, Und dann habe ich mir Arbeit gesucht. Tag für Tag mache ich jetzt Holz Klein. Einmal brauche ich nicht mehr zu hungern und ich kann mithelfen, daß für meine Kameraden das Essen gekocht wird." Dbwohl ich garnicht danach frage, erzählt er weiter:„ Ich habe früher nicht gewußt, daß ein Glas klares Wasser und ein Stück trockenes Brot solch einen Wert hat. Wie oft habe ich geknurrt, wenn das Brot nicht dick genug geschmiert war und oft habe ich überhört, wenn die Mutter sagte ,,, mein Junge, Du wirst Dich auch noch einmal umsehen". Und heute fue ich es. Meinen Kindern werde ich es einmal immer wieder erzählen, was mir hier ein Stück Brot bedeutet, sie sollen es besser schäzen lernen als ich. Und genauso ist es mit dem Elternhaus. Wissen Sie, ich habe das Beten wieder gelernt und da zuallererst gedankt, daß ich solch ein Elternhaus habe. Und wissen Sie, jezt freue ich mich ja so darauf. Damit die Zeit bis dahin mir 23 nicht zu lang wird, mache ich hier das Holz und bei jedem Schlag wird die Freude auf das Wiedersehen größer." An diesen fröhlichen Holzhackerbuben muß ich oft denken. - Am Eingang des Lagers spricht mich ein Kamerad der Lagerpolizei an. Das Gesicht ist mir nicht fremd, denn am Tage zuvor ist er vor meinem Zelt auf und ab gegangen und hat laut aus Goethes Faust vorgelesen. Davon erzählt er mir auch gleich am Anfang, und dann höre ich seinen ganzen Lebenslauf. Auch aus der Kirche ausgetreten. Er hat manches Feine außerhalb der Kirche gefunden, aber nicht genug. Nun erlebt er hier ,, von Dienst wegen", wie die Kirche täglich zu Morgenandachten, Bibelstunden, Gottesdiensten, Jungenstunden und anderem mehr ruft. Er sieht und erlebt wie die Kameraden kommen, gerne kommen. Früher hätte er versucht sie davon fernzuhalten, heute nicht mehr. Im Gegenteil, er stellt sich selbst dazu. Und von diesem Zuhören sind ihm die Fragen gekommen. Ja, wo der Name Jesus verkündigt wird, da geschieht etwas, sagte einmal ein mir bekannter Pfarrer. So darf ich es in diesen Tagen erneut dankbar erleben. Im Herzen dieses Lagerpolizisten ist ein Fragen nach Gott aufgebrochen, das nach einer Antwort sucht. So suchen wir im Gespräch gemeinsam. Er spricht auch mit dem katholischen Pfarrer, mit dem ich in all den Wochen der Gefangenschaft wundervoll zusammengelebt und-gearbeitet habe. Manche Stunde haben wir gemeinsam gehalten, denn beiden Kirchen ist das eine Ziel gemein: der Weg unseres Herrn Jesus ans Kreuz, für uns!- Von dem Lagerpolizisten will ich aber berichten. Nach einigen Tagen kommt er mit dem Wunsch, wieder in die Kirche aufgenommen zu werden. Wir freuen uns über seinen Entschluß. Es beginnt nun ein richtiger kirchlicher Unterricht, denn so einfach geht es nicht, daß jeder, der aus der Kirche ausgetreten ist, so einfach wieder aufgenommen wird. Die Kirche ist kein Verein, in den man aus- und eintreten kann wie man will. Die Kirche ist eine Gemeinschaft der Heiligen", wie wir es im Glaubens24 " Lag I ger= Zu aut eich uch alb роп fent, ehr rne Cute Don бег nal gen ein cf. mit der be. беп us gen ge ac fo che 18 bekenntnis geloben. Eine Gemeinschaft, in die man hineingeboren und hineingetauft ist. So nehmen wir die Bibel, das Gesangbuch und den Katechismus hervor und erarbeiten uns die Wahrheiten der Kirche. - Euch, die Ihr wieder den Weg in und mit der Kirche gehen wollt, wünsche ich, daß Ihr den rechten Kreis gefunden habt, um die Kirche von der anderen, von der rechten Seite zu erleben. Ihr werdet es von Tag zu Tag besser spüren, daß die Kirche von innen anders aussieht als von außen. Es ist damit genauso wie mit den bunten Kirchenfenstern. Von außen betrachtet, sieht man nur einzelne verglaste, zusammengesette Scherbenstücke. Von innen dagegen ganz anders. Das hereinfallende Licht läßt das Bild in seiner ganzen Schönheit erstrahlen und wir erkennen, was außen nicht einmal zu erahnen war. So ist es auch, wenn man die Kirche und ihr Leben von innen ansieht, wenn man mitten darin steht und nicht nur von außen medkert. - Schon die ganze Woche hindurch ist im Lager die Jungenstunde am Sonntag angekündigt. Der Erfolg zeigt sich an diesem Nachmittag. Vielleicht hat auch das Thema manchen angelockt: ,, Du und das Mädel". Reihe um Reihe sizen sie neben- und hintereinander. Wie gebannt hängen ihre Augen an meinen Lippen. Ab und an läßt dieser und jener den Kopf sinken. Er fühlt sich besonders getroffen. Ja, es ist nötig, daß wir über diese Frage der Geschlechter, über unsere Stellung zum Mädchen ein klares und offenes Wort sagen. Wer hat unserer Jugend denn darüber etwas gesagt? Die Schule? Sie konnte es nicht. Das Elternhaus? Darauf hat man nicht gehört. Die Straße hat hier gesprochen und ,, aufgeWie klärt". Viele, sehr viele Gespräche bestätigen mir das. ein roter Faden zieht sich die Parole von Walter Fler durch diesen Nachmittag: - - ,, Rein bleiben und reif werden." - - Mit offenen und ehrfurchtsvollen Worten sprechen wir über das Geheimnis der Geschlechter, über die ganz großen Geheim25 nisse der Menschwerdung. Wir ahnen etwas von der Größe und Schönheit dessen, daß Gott uns so in seine Schöpfungswelt hineinstellt. Ja, dabei merken wir, daß dem Reinen alles rein ist. - Aber was ist mit dem, der diese großen und zarten Geheimnisse anders sieht? Der nur Schmuh damit in Verbindung bringt? Ein Führer der Jugend hat einmal gesagt:„ Es ist keine Schande, wenn man fällt, aber es ist eine Schande, wenn man liegen bleibt und noch Freude daran hat." Nun sprechen wir über den Weg aus dem Schmuß in die Reinheit, aus der Tiefe zur Höhe. Es gibt hier nur einen Weg, denn alle menschlichen Vorsätze scheitern: der Weg des Glaubens an Jesus Christus! Diesen Weg des Glaubens verkündigt die Kirche, die wir immer mehr und immer besser von der anderen Seite kennenlernen wollen. Und das können wir nur, wenn wir in ihr stehen, wenn wir uns unter ihre Verkündigung stellen, das Wort Gottes hören und das Sakrament empfangen, die Vera gebung der Sünde. - So soll Dir jede Kirche, an der Du in der Heimat vorübergehst, ein Wegweiser sein. Ein Wegweiser hin zu Jesus Christus, dem Herrn Himmels und der Erde.- Und wenn keine Kirche in Deiner Heimat mehr steht, dann tun es die Trümmerhaufen noch. Dann werden ,, die Steine schreien", wie es Jesus im Gespräch mit den Pharisäern einmal sagte, Luk. 19,40.- Erkundige Du Dich aber, wo Deine Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt, wo sich die Jugend der Kirche um die Bibel scharf. - Dort ist Dein Plaz. - Von einem Jungen muß ich hier am Schluß des Büchleins noch kurz erzählen. - Wieder sind mehrere hundert Kameraden herausgezogen und zur Entlassung vorbereitet. In Fünferreihen stehen sie in einer 26 Be Lt es 11: 1g ne an Die eg pir ent ihr bas Ser Der fus ann eine ein unübersehbaren Schlange neben- und hintereinander. Der ganze Plaz vor unserem Altar ist schwarz vor Menschen. Ich gehe an diesen Reihen vorüber, um ihnen zu diesem freudigen Abschied nochmals die Hände zu schütteln. In jeder zweiten oder dritten Reihe stehen Kameraden, mit denen ich noch vor einigen Stunden am Altar stand. - Wie ich fast alle Reihen durchhabe, kommt mir ein Freund nachgelaufen:„ Ich möchte mich auch noch von Ihnen verabschieden. Trotzdem es jetzt in die Freiheit und in die Heimat geht, muß ich sagen, es ist schade, daß ich heute schon weg muß. Ich hatte mich doch so auf die Jungenstunde heute und morgen gefreut. Ich wäre gerne noch einige Tage geblieben." Auch das gibt es bei uns hinter Stacheldraht. - - Aber das, was wir hinter Stacheldraht angefangen haben, das Bibellesen, Händefalten, Besuchen der Gottesdienste, der Jungenstunden und vieles mehr, das wollen wir in der Heimatgemeinde fortseßen. - So rufe ich es Euch allen in Eure Heimatgemeinde nach: ,, Lasset uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens!" Und dazu: ,, Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit." ,, Schließet die Reih'n, treu laßt uns sein. Trifft uns auch Spott, freu unserm Goff!" um um илб ner ing 27