Vorwort. Zu einer Zeit, da in Deutschland die Konzentrationsläger in voller Blüte standen, lag für die nazistische Herrschaft der Gedanke nahe, die Lagerinsassen zur Arbeit einzusetzen. Wohl nie in der Geschichte des Arbeitsrechts und der Lohnarbeit gab es so billige Arbeitskräfte als hier. Die Häftlinge selbst bekamen nichts für ihre Arbeitsleistung als nur das, was jeder andere m Lager auch bekam. Eben nur die Nahrung, die in den meisten Fällen nicht zur Fristung des Lebens reichte. Die Lagerleitungen gaben die Häftlinge an staatliche und private Unternehmungen zur Fronarbeit ab, und für jeden Häftling hatte die betreffende Firma einen Satz an Bargeld dem Lager zuzuführen. Als die Einflüge der alliierten Luftstreitkräfte häufiger wurden und damit die Bombardierungen in den Städten immer mehr Zerstörungen anrichteten, ging die Reichsleitung SS dazu über, die Häftlinge bei Aufräumungsarbeiten einzusetzen. So wurden erstmalig im Frühjahr 1942,, Baubrigaden" in den Lägern zusammengestellt und nach Westdeutschland geschickt. 1943, als die Frage einer eventuellen Invasion immer akuter wurde, faßte man den teuflischen Plan, Häftlinge als Arbeitssklaven auch an der Front einzusetzen. Unter unsäglichen Qualen, bei einem riesengroßen Verschleiß an Menschenleben, wurde so der Atlantikwall, der in allen deutschen Zeitungen als unüberwindlich beschrieben war, von Häftlingen fertiggestellt. In Holland, bei St. Omer in Nordfrankreich, auf den Normannischen Inseln im Englischen Kanal, überall mußten Konzentrationäre Betonarbeiten verrichten. Das Leben dieser ,, Baubrigaden" unterschied sich in keiner Weise von dem in den Lägern in Deutschland. 3 E Wie dann die Invasion über uns kam und was die SS alles daran setzte, um einer Gefangenschaft zu entgehen, davon zeugt dieses kleine Buch. Als sogenannte ,, Erste Baubrigade West" wurden wir im Sommer 1942 vom Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg über Düsseldorf- Duisburg nach der Kanalinsel Alderny deportiert. Bei der Invasion in der Normandie flüchtete die SS- Bewachung mit uns durch Mittelfrankreich nach Belgien zu neuem Arbeitseinsatz. Für uns war diese Fahrt ein Leidensweg, gezeichnet durch Hunger, Blut und Tote. Durch meine Flucht von Kortemark in Belgien am 13. August 1944 weiß ich nicht, was aus meinen Kameraden geworden ist. ,, Haben Euch die Anglo- Amerikaner befreit? Oder ist die SS wieder mit Euch geflüchtet, weiter nach Holland? Oder seid Ihr selbst mit der SS zum Kampf gekommen? Vielleicht mit Unterstützung der belgischen Bevölkerung? Vielleicht hilft dieses Buch, daß ich mal von einem von Euch etwas erfahre." W. Kreuzberg. 4 I. Ein Arbeitstag ist vorbei. Müde liegen wir auf unseren Lagerstätten. Ruhiger wird es im Schlafsaal. Langsam versickern auch die letzten Einzelgespräche von Bett zu Bett. Von draußen tönt leise das Flöten und der Schritt der SSPosten. Es mag 11.30 Uhr sein. Da geht ein Raunen durch den Saal. Einer weckt den anderen, soweit sie nicht selbst wach werden. Und laut genug zum Wachwerden sind die Geräusche, die in der Luft hängen. Täglich und nächtlich hörten wir das Motorengeräusch der anglo- amerikanischen Bomber, die festlandwärts flogen, ihre Bombenlast loszuwerden. Doch so wie heute war es noch nie. Erregter werden unsere Stimmen. Jede Müdigkeit ist verflogen. Vergessen ist, daß morgen ein harter Arbeitstag auf uns wartet. Durch den ganzen Schlafsaal geht der Meinungsaustausch. ,, Ach, Reinhold! Was wird schon sein, der Tommy macht mal verstärkte Einflüge. Er macht den Atlantikwall sturmreif." ,, Karl! Das ist mehr heute nacht! Das kann Vorbereitung sein für einen großen Schlag." Jeder denkt dasselbe, doch keiner mag es aussprechen. Da, Toni gibt das Stichwort: Ob sie heute nacht landen wollen? Ob die Invasion beginnt?" 99 Das Wort ist gefallen. Mäuschenstill wird es im Saal. Und dann geht die Diskussion los. Meinung prallt auf Meinung. Jeder wünscht es. Doch keiner hat so recht den Mut, zu glauben, daß es jetzt schon so weit sein könnte. Und weiter schießen die Gedanken. ,, Du, Kurt! Bei einer Invasion sind wir die ersten, die abgeschlossen sind!" ,, Nun, es kommt darauf an, wo die Landung erfolgt! Es müßte bei Cherbourg geschehen!" ,, Quatsch, mein Lieber! Cherbourg ist für eine Landung viel zu stark befestigt." 5. ,, Was ist los, Willy! Die Alliierten setzen Fallschirmtruppen ab. Vom Lande und von der See! Da möchte ich wohl sehen, ob sich die Halbinsel halten kann." Durch all das Stimmengewirr tönt ruhig und sachlich Toni seine Stimme: ,, Das könnt Ihr wohl annnehmen, wenn diesmal eine Landung erfolgt, so ist es keine ,, Generalprobe" mehr und wird kein Dünkirchen, wie es die deutschen Zeitungen brachten. Wo diesmal die anglo- amerikanischen Truppen nach erfolgter Landung stehen, da jagt sie keine deutsche Wehrmacht mehr weg. Dafür ist der Einsatz zu groß und sie haben Material genügend, um den Nachschub zu sichern. Ihr seht es doch täglich, wie die englischen Schnellboote den Kanal beherrschen. Aber bildet Euch nur nicht ein, daß der Tommy auch gleich hierher kommt und uns abholt. Auch wenn die Landung uns gegenüber erfolgt, läßt er die Insel sicher liegen. Warum soll er sich darum kümmern? Wichtiger ist es, daß er festen Fuß faßt auf dem Festland." ,, Na, na, Toni! Die Inselgeschütze können die Zufahrt zum Cherbourger Hafen ganz schön eindecken." ,, Ach, Richard, eine Welle von Bombern und Du hörst von den Geschützen keinen Schuß mehr!" Bei all diesen Gesprächen donnern in der Luft pausenlos die Motoren. Stunde um Stunde! Welle auf Welle! Kein Nachlassen ist zu bemerken. In dieser Nacht schlafen wohl die wenigsten. Vom Lagerzaun hören wir die halblauten Zurufe der SS untereinander. Auch sie tauschen Vermutungen aus. Unruhig sind sie. Wir wünschen, sie fürchten! Für uns bedeutet abgeschnitten werden endlich die Freiheit. Was bedeutet es für unsere SS- Henker? Für die, die uns täglich und stündlich schinden und quälen? Wie immer treten wir morgens zur Arbeit an. Und doch ist etwas anders als sonst. Noch fliegen die Geschwader über den Kanal nach Frankreich. Die SS- Leute können es sich nicht verkneifen, höhnische Bemerkungen zu machen: ,, He, die Tommys haben wieder mal versucht, zu landen. Weit sind sie nicht gekommen. Vollkommen abgeschlagen." Aber bei allem liegt irgendeine Unsicherheit in ihrem Wesen. Und wir erinnern uns Toni seiner Worte von der Nacht: Wo diesmal der Tommy steht, da steht er." Wir beißen die Zähne zusammen und warten. 6 Wir sind mit zwei Mann noch nicht richtig in der Werkstatt, da kommt auch schon unser Paul aus der Heizung. ., Mensch! Jungens! Es hat angefangen! Landung bei Calais und an der Seinemündung. Es wird noch gekämpft, und immer noch kommt der Nachschub. Die Alliierten gewinnen an Boden. Ich habe eben den Londoner abgehört." Wir beginnen einen gedämpften Indianertanz. Rudi, der vorne den Kalfaktor macht, versorgt uns im Lager mit Meldungen über das Tun und Treiben der SS. Die SS tuschelt, sie ist ratlos und schweigt, wenn wir in Hörweite sind. Soll sie! Wir sind siegessicher. Die wir uns kennen, finden uns zusammen und beratschlagen. Wir haben Heißsporne unter uns; aber die Besonneren mahnen: ,, Erst abwarten". Der Abend kommt, die Kommandos rücken ein. Nochmals steigen wir auf den Siedepunkt. Gerüchte aller Art schwirren durch das Lager. Aus all dem Gewirr schält sich nur eines klar und sicher heraus. Die Amis stehen noch auf dem Festland, und sie halten. Sie halten jetzt schon 22 Stunden. Wieder und wieder donnern die Motoren durch die anbrechende Nacht. Draußen hat der Lagerführer, Hauptscharführer Hegelow, verstärkte Posten befohlen. Am nächsten Morgen geben uns die Anweisungen der SS- Lagerleitung die unumstößliche Gewißheit der vollzogenen Invasion. Die Schergen können noch so sehr die Tatsachen herabsetzen und glossieren. Wir wissen und das Wissen macht uns stark. Frühmorgens Arbeitsappell. Eine neue Überraschung erwartet uns. SS- Hauptsturmführer Braun läßt durch seinen Lagerführer, Hauptscharführer Hegelow, behanntgeben: ,, Die Arbeitskommandos rücken nicht aus zur Arbeit. Im Lager wird ein Kommando von 30 Mann mit Kistenreparieren und Neuanfertigung beschäftigt. Alles andere mit Ausnahme der Tischlerei abrücken in die Blocks." Nach dem Abrücken bilden sich kleine Gruppen in den Ecken. Überall wird diskutiert. Unsere Werkstatt wird Treffpunkt der zuverlässigen Kameraden aller Nationen, die im Lager vertreten sind. Wieder ist es Toni, der die Frage aufwirft: Was müssen wir tun?" 99 Willi, ein ehemaliger Rotspanienkämpfer, meldet uns folgendes Gespräch, das er mit dem Bauleiter Klingenberg hatte: 7 ,, Wir wissen recht gut, daß die Russen im Lager uns hassen; aber unsere größten Feinde sind doch die, welche unsere Sprache sprechen. Wenn Ihr Euch einbildet, Ihr würdet mal befreit werden, eher schießen wir das Lager zusammen." ,, Herr Bauleiter! Sehen Sie mal, hinter dem Lager steht eine Flakbatterie. Hier auf dieser Seite steht die Westbatterie. Dort drüben steht die Marineartillerie. Was meinen Sie wohl, wo die hinschießen?" Jungens, meine Worte, im Unterhaltungston dargebracht, mußten doch eine tief versteckte Drohung oder eine kleine Warnung in sich gehabt haben. Er drehte sich um und ließ mich stehen." ,, Willi, Du hast bestimmt mit dem Klingenberg Glück gehabt. Das ist nicht der Mensch, mit dem wir diese Fragen erörtern dürfen. Unsere Objekte müssen die nicht- deutschen SS- Männer sein. Wir nennen sie„ Beutegermanen". Ihr wiẞt, sie sind unzufrieden. Wir müssen sie gegen die deutschen SS- Leute ausspielen. Wir müssen ihnen immer wieder vor Augen halten, wie sie sich von ihnen absondern. Daß sie etwas Besseres sein sollen. Daß sie ihre eigenen Schlaf- und Tagesräume haben. Daß sie als Nichtdeutsche in ihren Augen nur SS- Männer zweiter Klasse sind. Versuchen müssen wir, ihnen zu beweisen, daß eine Gefangenschaft für sie Ende des Krieges bedeutet. Und kein schlechtes Ende, wenn sie uns schützen vor der Mordlust der deutschen SS. Während sie andererseits, wenn wir das Festland erreichen, doch sicher an der Front eingesetzt werden. Aber ich sage noch einmal, seht Euch die Männer an, mit denen Ihr sprecht." ,, Hallo! Dort kommt Rudi! Wollen sehen, was er uns von vorn zu melden hat." Rudi in seiner sprichwörtlichen Ruhe markiert den Unwissenden. ,, Wenn ich hier komme, wollt Ihr immer was Neues hören. Zu rauchen habe ich nichts für Euch, das sage ich Euch gleich. Neuigkeiten? Nee, die habe ich eigentlich nicht. Bloẞ, ab heute abend wird das Lager mit Maschinengewehren umstellt; Schußrichtung ins Lager." ,, Und da sagt der Mensch, er hätte nichts Neues!" ,, Ja, und morgen gehen 50 Mann raus auf die Wiesen. Pfähle stellen und Drähte ziehen. Erde ausheben zum Minen legen. Das wäre wohl alles." 8 ,, Das wäre wohl alles. Als wenn es nicht wieder mal genug ist!" ,, Achtung! Gehrke kommt!" Wasil, der Pole hat am Fenster gut aufgepaßt. Jeder springt an seine Arbeit. unsere Gäste verschwinden durch hintere Türen in die Schuhmacherei und Elektrikerwerkstatt. ,, Na, Schwung, was machst Du hier? Hast Du bei uns keine Arbeit?" ,, Jaaa, Herr Oberscharführer! Ich habe bloß den Holzkoffer für Sie bestellt, den Sie haben wollten." ,, Nun mach aber, daß Du raus kommst." Karl kann es sich nicht verkneifen: ,, Herr Oberscharführer, wie sieht es in der Normandie aus? Wie lange sollen die Anglo- Amerikaner noch auf dem Festland bleiben? Durch den Atlantikwall kommen sie doch nicht durch. Der ist viel zu stark ausgebaut." Wer Karl nicht gut kennt, fühlt nicht die Ironie, die in seinen Worten mitschwingt. 33 Prompt fällt Oberscharführer Gehrke auf seine Anzapfung herein: Werner, das hätte gar keinen Wert, wenn wir die Tommys jetzt ins Wasser jagen würden. Die paar Soldaten und Panzer, die da gelandet sind, schlagen wir, und in einigen Wochen landen sie wieder an anderen Stellen. Wir wollen noch nicht. England soll erst Material nachschaffen. Und Truppen. Je mehr, je besser. Dann werden wir sie vernichtend schlagen; aber so, daß sie niemals wiederkommen. können". ,, Herr Oberscharführer, warum werden eigentlich die Verpackungskisten hergerichtet und neue gebaut?" Ganz unschuldig klingt Karl seine Frage. Aber die Antwort bleibt aus. ,, Also übermorgen ist mein Koffer fertig, verstanden?" ,, Jawohl!" Ab geht der Oberscharführer. Tag um Tag vergeht. Die Maschinengewehre rund um das Lager bleiben stehen. Jedes Stück Abfallholz muß verbraucht werden für Kisten. Proviantraum fängt an zu packen. Die SS fängt an zu packen. Durch unsere Leute von vorn erfahren wir, daß jeder einzelne von ihnen im Ernstfalle eine Aufgabe zu erfüllen hat. Autozerstörung, Munitionszerstörung, Lager9 schutz mit nach innen gerichteten MGs., Verteidigung zur Seeseite, usw. SS- Hauptsturmführer Braun und sein Lagerführer, Hauptscharführer Hegelow, rufen die Blockältesten und Vorarbeiter zusammen. ,, Herhören! Seit einigen Tagen sehen wir, wie die Russen und Ukrainer die Köpfe zusammenstecken. Daß sie wenig Lust und Interesse für die Arbeit zeigen. Ja, manchmal sind einzelne ausgesprochen frech. Wir sehen auch, daß ihr Vorarbeiter nicht genügend durchgreift. Ihr seid zu lasch. Wenn das Gesindel nicht will, dann schlagt mit dem Krüppel zu. Vergeßt nicht, daß Ihr Deutsche seid." Wir spüren, die SS, unsere Henker und Schergen, möchten uns gebrauchen für ihre Zwecke. Und wir, Russen und Polen, Franzosen, Tschechen und Deutsche, ein fester Kreis von Kameraden hat sich gesammelt und überlegt jeden Schritt. Erwägt alle Möglichkeiten. Wir kennen unseren Weg. Wenn es sein muß, gegen die SS. Wir glauben annehmen zu können, daß es uns gelungen ist, einen Keil zwischen die deutsche und die ausländische SS zu treiben. Abend für Abend saufen und huren die SS- Banditen in ihrer Kantine, während die ,, Beutegermanen" beiseite stehen oder Wache schieben müssen. Wir haben diesen Zustand gut für unsere Zwecke ausgenützt. Wir wissen durch Rudi, daß der Hauptsturmführer täglich mit St. Malo telegrafische Verbindung hat. Er will Schiffe haben zum Abtransport. Sie werden ihm verweigert. St. Malo ist zum Kriegsgebiet erklärt. Darf nicht angelaufen werden. Wir jubeln! Wir hemmen jedes Arbeitstempo beim Kistenbau und-verpacken. Wir verfolgen den Kriegsschauplatz in der Normandie und wünschen den Durchstoß durch die Halbinsel Cherbourg zum Golf von St. Malo. Wenn dies geschieht, dann wissen wir, daß wir abgeschnitten sind. An einem Abend laufen die letzten Schiffe aus, die in unserem Hafen liegen. Sie laufen aus ohne uns! Kommen jetzt keine Schiffe mehr, dann sitzen wir fest. Wie groß ist unsere Enttäuschung zwei Tage später. Neun Schiffe sind aus Cherbourg geflüchtet. Fünf kommen bei uns Verwundete, Eisenbahner und feige geflüchtete Offiziere an Bord. Stundenlang hängt der Hauptsturmfüher Braun am Draht und verhandelt. Er will Platz haben für seine Leute und 10 für uns. Nicht wegen uns; seine Haut möchte er in Sicherheit bringen. Er bekommt die Zusage! Und unser Traum ist ausgeträumt. Der Lagerführer läßt antreten zum letzten Lagerappell. ,, Ihr dürft nur leichtes Handgepäck mitnehmen. Außer dem Proviant bleiben sämtliche Kisten stehen." ,, Und wenn Ihr Deutschen Euch einbildet, Ihr könntet die Abfahrt verzögern oder hemmen, nun, ich zeige euch etwas anderes. Wir haben in Frankreich vier Wochen Fahrt vor uns. Da sollt ihr mich kennen lernen." Ja, wir haben den Bluthund und seine Trabanten in den folgenden Wochen kennengelernt in ihrer unverhüllten Gestalt. Am Abend verlassen wir das Lager, um bei Dunkelheit eingeschifft zu werden. Auf beiden Seiten, vorn und hinten von der SS mit ihren Hunden flankiert, wird jeder unserer Schritte überwacht. 600 Menschen werden wie in einem Laderaum verfrachtet. Ausgemergelte, hungrige Körper, kranke Menschen. Als Abort zwei Kübel, die Luke verdeckt bis auf eine kleine Einstiegöffnung, so pfercht man uns zusammen. Rollende See, kein Platz und seekranke Häftlinge. Das ist die Überfahrt nach der Insel Guernsey! Mit Oben an Deck? Die SS mit Rettungsbooten und Schwimmwesten, Maschinengewehren, Karabinern und Hunden. vollem Bauch, Rauchwaren und Schnaps. Das ist die Überfahrt nach der Insel Guernsey! II. In den frühen Morgenstunden kommen wir auf Guernsey an und werden ausgeladen. Über die ganze Insel marschieren wir. An gefüllten Geschäften vorbei. Tomaten und Obst in Hülle und Fülle. Saubere Frauen und Mädchen. Alles Dinge, nach denen wir uns seit Jahren sehnen. Wir marschieren vorbei mit hungrigem Magen und verlangenden Augen. Ein Barackenlager nimmt uns auf. Bei Dunkelheit gehen wir den Weg zurück zu den Schiffen. Es darf nur bei Nacht gefahren werden. Zwei Stunden nach dem Auslaufen entsteht Unruhe an Bord. In unserem Laderaum, tief im Schiffsraum können wir nur vermuten. Zu sehen ist nichts. Doch wir 11 vermuten richtig. Englische Schnellboote blockieren den Kanal. Unser Geleit muß umkehren. An Kisten gelehnt, dösen wir. Ich sitze schlecht; meine Hand greift in eine Spalte. ,, Du, Richard! Hier hinter den Kisten liegen Kleider! Sicher Kleidung von den Mannschaften der versenkten vier Schiffe aus Cherbourg." Richard, der denselben Gedanken hat wie ich und alle anderen auch, reißt ein Streichholz an und wir besehen uns den Fund. ,, So, Willy! Zivilzeug hätten wir. Du die Mose, ich die Jacke. Jetzt noch die Gelegenheit und wir sind fort." ,, Auch die kommt noch Richard!" Nicht nur wir beide sind jetzt in der Lage, Fluchtkleidung zu besitzen, auch viele andere Kameraden haben etwas gefunden und sorgsam wird es vor den Augen der SS versteckt. Wieder dämmert der Morgen, als wir nach Guernsey zurückkehren. Zweimal noch laufen wir aus, ehe es gelingt nach Jersey durchzukommen. Hier im Hafen liegen deutsche Schiffe. Versenkte, zerstörte, und einige wenige, die mit unseren vier ein Geleit bilden sollen nach St. Malo. Wir können errechnen, daß wir mit den leichten Kriegsfahrzeugen, die uns begleiten werden, ungefähr mit 12 bis 14 Schiffen abfahren. Erstmals beziehen wir Quartier in einem Festungsbau. Die Stunden vergehen beim Einrichten. Betten müssen gesucht werden, Holz muß geschafft werden, und wir selbst stöbern herum. Hunger tut weh, und vielleicht - ,, Mensch, Karl! Horch mal, was hier auf dem Boden herumtapst! Sollte da wohl noch etwas vergessen worden sein? Vielleicht ein Braten herumspazieren?" Wir heben die Bodenluke ab und locken. Und locken nicht umsonst. Mauzend kommt ein Dachhase zu uns. Armes Tierchen? Deine Zutraulichkeit wird dir zum Verhängnis. Wer da weiß, wie Hunger weh tut, der weiß auch, daß zwischen heute nichts und morgen nichts eine Braten eine gute Abwechslung ist. Und wir haben Hunger! Am nächsten Tage hängt das Tier sauber zurechtgemacht über dem Feuer. Lüstern stehen wir dabei. Da! Die Trillerpfeife! In 15 Minuten fertig zum Abmarsch!" 12 ,, Oh je! Willy, was machen wir nun mit dem Braten?" ர் 1 ! er e g - 1- h e. er 1, U= S n 1. ? コー d J- コー d d er ,, Und Du fragst noch, Richard? Raus aus dem Kochtopf, rein ins Kochgeschirr und mitgenommen. Hunger haben wir, meine Hände sind zerkratzt, und dann hierlassen? Kommt nicht in Frage.". Runter geht es zum Hafen. Wir sehen die Schiffe, wir warten eine Stunde und müssen wieder umkehren. Drei Tage verbringen wir so auf der Insel Jersey. Abmarschieren, umkehren, auslaufen, umkehren! Minen und Schnellboote. Ein Durchkommen nicht möglich. Die SS wird täglich trübseliger. Sie ertränken ihren Kummer in Alkohol. Uns quält der Hunger immer mehr, aber wir haben neuen Mut. Vielleicht hängen wir hier fest. Vielleicht gelingt den Alliierten doch bald der Durchstoß durch die Halbinsel Cherbourg. Sie würden damit den Golf von St. Malo beherrschen und wir könnten nicht mehr passieren. Viele ,, Vielleicht" hängen in unseren Köpfen und werden diskutiert. Ein neuer Marsch zum Hafen, und diesmal wird es eine endgültige Verladung. Wieder müssen 600 Menschen in einen Laderaum hinunter. Doch anders liegen jetzt die Verhältnisse. Das Grauen läuft. uns über den Rücken, als wir durch die Luke steigen. Torpedos liegen unten. Acht Stück. Einer hübsch neben dem anderen. Und wir dabei als lebende Fracht. Und der Golf voller Minen und Schnellboote. Und die Luft voller Flugzeuge. Haben wir erst immer gewünscht, der Tommy möchte uns unterwegs noch stoppen, jetzt haben wir den Wunsch nicht mehr. Ein einziger Treffer genügt ja. Nach all den Jahren wollen wir aber leben! Wir wollen nicht verrecken! Elendig absaufen! Kurz vor der Abfahrt tut die SS noch das Letzte. Die Deckplanken über dem Laderaum werden verkeilt und noch mit Plane überzogen. Selbst die Luke wird dicht gemacht. Wir schreien! Wir rasen! Es nutzt alles nichts. Oben stehen die Maschinengewehre. Stehen unsere bewaffneten Henker mit Schwimmwesten. Stehen ihre Hunde bereit zum hetzen. Kaum haben die Schiffe den Hafen verlassen, gibt es bei uns eine kurze Beratung. Einige Männer sind da, und Knüppel sind da. Schnell und fast geräuschlos sind die Keile losgeschlagen. Bretter werden bereitgelegt. Wird es ernst, 13 dann wollen wir wenigstens versuchen herauszukommen. Wir hoffen dabei, daß einige der nichtdeutschen SS auf Deck Dienst machen. Alles was möglich ist, haben wir vorbereitet. Jetzt heißt es abwarten. Unwillkürlich kommt mir die Zeile aus dem Gedicht ,, Nies Randers" in den Sinn: ,, Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt!" Endlos dehnen sich die Stunden. Jedes Gespräch verstummt nach und nach. Bei jeder Unruhe an Deck erwarten wir das Schlimmste. Immer sind wir bereit zum Handeln. Wir wissen, auf dem Schiff sind wir allein mit unseren Peinigern und den paar Mann der Besatzung. Soldaten, OT., Ausländer der OT. and die Hurenweiber von der Insel sind auf den anderen Schiffen verteilt. Der Hafen von St. Malo wird erreicht und nichts hat sich ereignet. Am Anlegeplatz steht Wagen bei Wagen vom Roten Kreuz, und kein Toter und kein Verwundeter auf den Schiffen? Das wurde hier noch nicht erlebt! Es ist das erste Geleit, daß heil und unverletzt durchkam. Auch wir finden die Erklärung dafür. Die Alliierten haben gewußt, daß wir transportiert wurden, sie ließen uns passieren. Die ersten Marschtritte auf dem Festlande, die ersten SS- Tritte auf unsere Körper. Wir spüren wieder die Brutalität der SS. Sie, die seit der Invasion auf den Inseln so klein waren, zeigen uns jetzt wieder, daß wir für sie nur Dreck, nur Sklaven sind. In den Baracken noch nicht recht warm geworden, haben wir schon die ersten drei Verwundeten. Jeder Schritt ein Karabiner- Posten. Jedes Schauen unsererseits ein mißtrauischer Blick ihrerseits. Und wir denken doch nur an Flucht. Alle Gedankengänge enden bei diesem Punkt. Wir sind doch auf dem Festland. Wir ahnen doch, was uns erwartet. Toni streicht an mir vorbei. ,, Willy, komm nach hinten in die Ecke." Langsam folge ich ihm und finde die Kameraden schon versammelt. Pierre, der Franzose, ist da. Unsere vier Russen sind da. Ein Däne und wir Deutschen. Rudi, der Lagerführer- Kalfaktor, hat erfahren, daß wir sehr schnell hier raus müssen. Der Stadtkommandant duldet uns hier nicht. St. Malo ist Kriegsgebiet. ,, Also, Kameraden, was ist zu tun? Überall Wehrmacht, Gestapo, Polizei. Auf den Landstraßen Feldgendarmerie. Bis zur Front ein Weg von 80 km. Und wir wissen nicht die genaue Frontlinie. Hat es einen Zweck, von hier abzurücken? 14 täl ein ur Po I i Ist das Risiko, hier bei der Postenstellung aus dem Zaun zu kommen, nicht zu groß? Ihr wißt, wir haben schon in den ersten Stunden, die wir hier sind, drei Verwundete. Den Ban- diten ist es jetzt wieder ein Sport, uns umzulegen.“ „Ja, Toni! Du hast schon recht, aber was meinst Du, wie es in den Waggons aussieht. Eine gewisse Anzahl Menschen auf engem Raum zusammengepfercht, ist besser und leichter zu bewachen.“ „Also, was ist? Wir wolle: wohl, mit Ausnahme der Bibel- forscher, so ziemlich alle fort. Von hier scheint es fast un- möglich. Und ich möchte Euch erinnern, daß 1943 bei der Fahrt nach Alderny sechsundfünizig Russen in der Nähe von’ Lille aus dem Zuge gesprungen sind. Zweiundfünfzig davon sind bis heute noch nicht geschnappt worden.“ Karl sieht sich im Kreise um. Wir merken ihm an, er kann es nicht erwarten. Er will frei sein. Die Antwort wird ihm von Wilhelm:„Werm heute welche aus dem Zuge springen, und-morgen wieder einige, die anderen Fahrtage die näch- sten, ich garantiere Euch, für die Nachbleibenden wird die Flucht zur Unmöglichkeit. Die-Repressalien, die Bewachung wird so hart werden, daß keine Maus mehr durchkommt. Es gibt nur eins, hier unsere vier russischen Kameraden müssen bei ihren Leuten dahingehend wirken, daß keine Einzelaktio- nen gemacht werden. Werdet Ihr es schaffen? Wir müssen natürlich bei unseren Leuten dasselbe tun.“ Die vier Russen schauen sich an und zucken die Achseln. ‚ Bei unseren Russen wird es möglich sein, sie zu überreden. Bei den Ukrainern? Wir nicht wissen.“ „Wir wollen.es versuchen. Behandelt die Sachen ge- sprächsweise. Tut nicht, als wäre.es schon ein Plan. Viel- leicht haben wir während der Fahrt auch Glück. Es gibt hier eine starke Partisanen- und Terroristenbewegung. Sicher ist es auch signalisiert, daß in den nächsten Tagen Schutzhäft- linge transportiert werden.“ Die Bibelforscher müssen zum Bahnhof. An den Trans- portwagen— Viehwaggons— werden die Luken vernagelt und mit Stacheldraht bezogen. Und sie machen ihre Sache gut! Zu gut! Am nächsten Tage tragen wir das Gepäck der SS zu den Wagen. Und dann werden wir verfrachtet. 35 bis 45 Mann 15 in einen Waggon. Ein Kübel, zwei Posten mit Maschinen- pistolen und Hund. An der Tür muß ein freier Raum bleiben. Wer vom Platz geht, muß um Erlaubnis fragen. Unter dem Waggondach, auf den Bänken, auf dem Boden. Das ist unser Lager. So sollen wir nahezu vier Wochen kampieren. Das Essen haben wir uns bald abgewöhnt. Die Bibelforscher hat man aus taktischen Gründen auf alle Wagen verteilt. I. Nun fahren wir!‘Die Inseln sind mit dem Festland, der Schiffsraum mit dem Waggon vertauscht. Die Wände, Decke und Boden sind von uns auf ihre Festigkeit geprüft. Der Stacheldraht vor den Luken trotz strengster Aufsicht.ge- lockert. Auch bei uns ist der lila Winkel vertreten. Sie sitzen alle in einer Ecke. Für uns nur angenehm. Wir sind gute Kumpels und halten Kriegsrat. Unsere SS-Posten— zwei polnische Brüder— werden von Wasil und Anton— auch zwei Polen— in ein Gespräch verwickelt. Wenn wir nur nicht versprochen hätten, auf Einzelaktionen zu verzichten! Der eine SS-Mann mag auch denken,„Der kluge Mann baut vor!“ Er möchte seine Haut sicher haben und meint zu Wasil:„Wir wissen ja, zumindest können wir uns denken, daß Ihr etwas unternehmen wollt. Wir sind überzeugt, daß viele von diesem Transport flüchten werden. Wenn Ihr aber geht, tut uns nichts. Wir wollen ia auch nach Hause kommen“. Zögernd, gleichsam leise vorfühlend, kommt Wasil seine Antwort:„Was wird Euch wohl geschehen, kommt’Ihr nach dem Kriege nach Hause und man erfährt dort, was Ihr wart ‘bei der SS. Bildet Ihr Euch etwa heute noch ein, Deutschland gewinnt den Krieg? Das können doch nur Kinder glauben, die nicht denken können.“ Unauffällig beugt sich Anton vor und flüstert dem einen zu, so leise, daß es selbst der Bruder nicht hört:„Wir haben noch gestreiftes Zeug, geht mit uns.“ „Ja, den Krieg kann Deutschland nicht mehr gewinnen. Zu der Überzeugung sind wir auch schon gekommen.“ EiF wendet sich ab und schweigt. Auf die andere Frage geht er nicht ein. Noch nicht! Schadet nichts. Die Hauptsache ist, er verratet uns nicht. Anton meint, er wird es nicht tun. 16 —— Wir fahren und fahren. Nichts rührt sich. Da! Schüsse! Erst einzeln, dann stärker. Es blitzt in den Gebüschen. Die SS schießt zurück, aber der Zug stoppt nicht ab. Er fährt weiter durch die Nacht. In Rennes kurzer Aufenthalt. Lagerführer Hegelow und Blockführer Rebs machen einen Zählappell. Es dauert nicht lange und ein erregter Stimmwechsel tönt zu uns. ,, Zu was habe ich wohl in jedem Wagen zwei Posten, wenn die Burschen doch ausrücken können?" Leises Murmeln ist die Antwort. ,, Was! Sie haben gar nichts gemerkt? Haben Sie denn geschlafen?" Immer zorniger klingt Hegelow seine Stimme. ,, Lagerältester!" ,, Herr Hauptscharführer!" ,, Sie geben den Leuten bekannt, keiner darf sich am Fenster sehen lassen. Kein Häftling darf sich hinlegen.". Otto, der Lagerälteste, schweigt nicht. ,, Wie ist es nachts, Herr Lagerführer? Die Jungens müssen doch schlafen?" ,, Was, schlafen? Auch nachts darf sich keiner hinlegen. Die Kerle sollen im Sitzen schlafen. Die Posten müssen zu jeder Zeit jeden sehen können. Hauen Sie ab! Die Bibelforscher raus zum Wasserholen. Portionen empfangen! Scharführer Rebs!" ,, Herr Hauptscharführer!" ,, Die Posten bekommen Anweisung, sofort scharf zu schießen, wenn sich einer am Fenster sehen läßt. Wenn noch einer flüchtet, werden die Posten bestraft." ,, Jawohl, Herr Lagerführer!" Hegelow stapft davon, dem Lagerführer Meldung zu erstatten. Als die Wasserholer kommen, erfahren wir Näheres. Fünf Russen sind in der Nacht abgerückt. Ob durch das verdrahtete Fenster, oder ob die Posten wegen der schlechten Luft die Tür etwas aufließen und die Jungens an ihnen vorbei schlichen? Jedenfalls sind sie fort und jede Nacht werden jetzt weitere folgen. Und die Maßnahmen können von seiten der SS noch so scharf werden, Jungens, zum Äußersten entschlossen, finden immer einen Weg. 17 Wir bekommen unsere Rationen. Auf 24 Stunden ein halbes Brot, verschimmelt, die Wurst stinkt und ist glibberig. Die Die SS- Kette längs der Wagen wird eingezogen. Posten kommen in die Waggons und weiter geht der Zug. Rennes bleibt hinter uns. Verstohlen lugen wir durch den Fensterdraht. Geht der Zug in eine Kurve, ist kein Kopf am Fenster zu sehen. Der Schußbefehl ist gegeben und viele SSLeute werden dem Befehl nur zu gerne nachkommen. Anton pürscht sich an unsere beiden Posten heran. Leise führen sie das Gespräch: ,, Mein Bruder will nicht mitgehen. Er fürchtet, weil er SS- Mann ist, die Franzosen möchten nicht gut mit uns umgehen." 99 , Wenn Ihr mit uns geht, bleibt Ihr auch bei uns. Dann wissen wir auch zu sagen, daß Ihr uns geholfen habt." Es ist nichts zu machen! Die Brüder haben nicht das Herz, mitzugehen. Zuviel Hemmungen. Um ehrlich zu sein, auch wir haben Hemmungen. Die Sprache, das Land, die Verantwortung für die, die zurückbleiben. Die Wesensart unserer russischen und ukrainischen Kameraden ist eine andere. Sie überlegen nicht, was später wird, sie rücken einfach ab. Vielleicht sind sie uns gegenüber dadurch im Vorteil. Wir nehmen alles zu schwer. Halten uns zu sehr am ,, erst wägen, dann wagen." Und verpassen dabei die Gelegenheiten. Wir fahren durch Nantes, wir stehen vor Angers. Das Ziel unserer Fahrt ist uns unbekannt. Man munkelt von Nordhausen in Deutschland, man munkelt von Ostende in Belgien. Vom Frontverlauf in der Normandie hören wir nichts mehr. Nur der weite Umweg durch Mittelfrankreich gibt uns zu denken. Nacht für Nacht bekommen wir Partisanen- Beschuß. Nacht für Nacht schießt die SS blindwütig in die Dunkelheit hinaus. Die Herren verlieren die Nerven. Die Fahrt sieht nicht aus wie ein Transport; sie gleicht immer noch einer Flucht. Am Tage schießen sie auf harmloses Vieh, das auf den Wiesen weidet. Wieder sind drei Mann geflüchtet. Die Posten beiseite gestoßen und aus dem fahrenden Zuge gesprungen. Einer wird von den Rädern zermalmt. Die Leiche bleibt liegen. Der Zug fährt weiter. 18 es Die ug. en am se en. cht isrz, uch ntrer Sie ielmen ann Ziel auen. ehr. zu cht aus. aus Am sen gewird Zug S- Der Lagerführer gibt neue Anordnungen heraus: ,, In dem Wagen, aus dem Häftlinge flüchten, bekommt die Belegschaft einen Tag nichts zu essen. Flüchtet ein Russe, wird aus dem Waggon ein anderer Russe erschossen. Flüchtet ein Deutscher, wird ein anderer Deutscher erschossen. Das gleiche für die anderen Nationen. Während der Fahrt dürfen die Posten die Türen nicht öffnen." Sie murren darüber und einen kleinen Spalt öffnen sie doch. Von außen ist ja der Überwurf eingehakt. Unterwegs Waggon- Kontrolle. In einem findet man die Wand kreisrund eingeschnitten. Noch nicht durch. Noch war das Loch nicht vollendet. Keiner ist es gewesen. Drei Mann, die am nächsten sitzen, werden in einen leeren Waggon geführt. MP. knallt auf erschossen! - Die Leichen werden ausgezogen und auf den Bahnsteig gelegt. Eine alte Decke darüber. Aus! Die Wagen werden durchsucht, und auch wir Häftlinge. Messer und Werkzeuge werden gefunden und abgenommen. Perronie hilft beim ,, filzen". Er weiß warum. Manches nimmt er ab. Vieles verbirgt er noch. Die Waggongemeinschaften werden auseinandergerissen und neu eingeteilt. Auch die Posten werden getauscht. Wir erreichen Tours und müssen liegenbleiben. Maschine kaputt! Gleis zerstört! Es kann Tage dauern, ehe wir weiterfahren. Ein wahres Zigeunerleben entwickelt sich. Auf beiden Seiten des Zuges stehen in zehn Meter Abstand die Posten. Wir dürfen aus den Waggons. Nur wenn Flugzeuge kommen, müssen wir verschwinden. Decken werden ausgestaubt, Wäsche wird gewaschen. Die Leitung entschließt sich, warmes Essen zu kochen. Endlich wieder warmes Essen! Wir sprechen mit den Kameraden der anderen Waggons. Tauschen unsere Ansichten aus. Viel sprechen können wir nicht. Jeder soll bei seinem Wagen bleiben. Jetzt sehen wir erst richtig, wie lang unser Transportzug ist. Die SS hat vorn ihre Personenwagen. Zwischen ihren und der Maschine liegen die OT.- Waggons. Hinter der SS die Gepäckwagen, Küche und Proviant mit Maschinengewehrwagen. Dann wir. Anschließend an uns ein Wagen mit Vierlingsflak, drei Waggons amerikanische Kriegsgefangene, ihre Bewachung, ein 19 Wagen französische Terroristen. Den Schluß bilden Wagen mit SS. Es sind die Reste einer SS- Panzerdivision mit ihrem Führer, einem Ritterkreuzträger. Andere Kameraden, die beim Rangieren Gelegenheit hatten, mit den Kriegsgefangenen zu sprechen, erzählten uns, unter welch erbärmlichen Verhältnissen diese leben. Hohlwangig, unrasiert und schmutzig sehen sie aus. Keine Tür wurde geöffnet. Die Fenster sind verschalt. Erst hier dürfen sie gleich uns sich im Freien waschen. Wir sehen das französische Rote Kreuz kommen. Sie wollen für die Amerikaner Eier, Butter, Wein und Zigaretten abgeben. Der Wachleutnant lehnt es ab. ,, Die Kriegsgefangenen erhalten genügend zu essen. Sie haben eures nicht nötig!" Wir werden zum Arbeiten eingesetzt. Ein Abkommen ist getroffen zwischen der militärischen Bahnverwaltung und dem Hauptsturmführer. Wir räumen die Gleise, legen die Schienen frei, holen die Blindgänger raus, kurzum, machen die Strecke fertig für eingleisigen Verkehr. Dafür bekommen wir eine andere Maschine und können weiterfahren. Abend ist es. Für den Revierwagen holen zwei Mann Wasser. Der Brunnen steht auf einem verlassenen Gehöft dicht am Bahnkörper. Der Rottenführer ,, Opa" begleitet mit seiner Bulldogge. Ich frage ihn, für meinen Wagen holen zu dürfen. ,, Geh mit!" schnauzt er mich an. Am Brunnen sitzt der Wachoffizier beim Füßewaschen. Er ist neugierig und fragt mich: ,, Sagen Sie mal, Häftling, was bedeuten die verschiedenen Farben, die Sie auf Rock und Hose aufgenäht tragen?" ,, Es tut mir leid, Herr Leutnant, aber ich darf Ihnen keine Auskunft geben. Es besteht ein Verbot für uns, wonach wir keine Gespräche führen dürfen." Der Rottenführer ,, Opa" will mit seinen Kenntnissen glänzen. ,, Das kan ich Ihnen sagen, Herr Leutnant! Die roten Winkel, das sind die Politischen die Kommunisten-. Die Grünen sind die Berufsverbrecher. Die können es noch so gut haben, sie werden immer wieder stehlen und einbrechen. Die Schwarzen haben keine Lust zum Arbeiten. Dann haben wir 20 t t 1 e t noch die lila Farbe, das sind die Bibelforscher. Die beten zu ihrem Jehova und warten auf das goldene Zeitalter. ,, Zu mir gewandt, will er seine Ausführungen bestätigt haben. ,, Stimmt das?" ,, Jawohl, Herr Rottenführer! Es stimmt!" Wir drei Häftlinge schauen uns an und grinsen versteckt. ,, Dann sind Sie also politisch?" Ich schweige. Zum Rottenführer gewandt, fragt der Leutnant: ,, Der Mann ist also ein Politischer?" Was hat er denn nun ausgefressen, daß er ins KZ. gekommen ist?" Der ,, Opa" gibt die Frage an mich weiter. Ich antworte ihm, doch meine Worte sind für den Leutnant bestimmt. ,, Für das, was ich ausgefressen haben soll, bin ich ja bestraft worden, mit fünf Jahren Zuchthaus. Um ins Konzentrationslager zu kommen, braucht man nichts ausfressen!" ,, Wie lange sind Sie schon in Haft?" ,, Jetzt alles zusammen zehn Jahre!" ,, Wie! Was! Das ist doch nicht möglich! Will der Leutnant es nicht fassen oder ist er unwissend? Ich nehme das erstere an. ,, Opa" wird ungeduldig. Er fürchtet, der Leutnant möchte mehr wissen und könnte dabei zuviel erfahren. Doch die Disziplin hält ihn am Platze. ,, Da ist der Mann also seit 1934 in Haft?" Der Rottenführer vermittelt die Frage an mich. ,, Bist Du 34 eingesperrt worden?" ,, Jawohl, Herr Rottenführer! 33 aber auch schon einige Male von der schwarzen SS festgesetzt worden." Das genügt dem ,, Opa". Er geht auseinander. Er dreht mir buchstäblich das Wort im Munde um. ,, Was! Du roter Hund! Du unverbesserliches Kommunistenschwein! Die SS, die überall an erster Stelle kämpft, die willst Du verächtlich machen? Glorreiche SS sagst Du? Dir werde ich das eintränken!" Ich falle aus allen Wolken! sprachlos. Meine Kameraden sind 21 ,, Herr Rottenführer! Das Wort ,, glorreich" ist nicht gefallen. Ich habe gesagt, die schwarze SS und das, weil sie damals schwarze Uniformen trug. Der Leutnant wird es bezeugen können." Der Leutnant schweigt. ,, Opa" rast! ,, Du willst sagen, ich lüge? Deinen Namen! Deine Nummer!" 99 , Willy Kreuzberg 16874." ,, Dir werde ich das anstreichen! Du kriegst eine Meldung. Er schreibt es auf und wir ziehen mit unserem Wasser ab. Ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut. Ich weiß, was jetzt folgt. Mein Kamerad ein Pole wagt einen Versuch: ,, Herr Rottenführer ,,, glorreich" hat er doch gar nicht gesagt. Wir beide hier haben es bestimmt nicht gehört." ,, Quatsch nicht! Ich habe es gehört. Soll ich Dich auch melden?" Wir sind keine zehn Minuten im Waggon, da holt mich der Küchenchef Hartwig. ,, Was hast Du bloß angestellt?" Ich erzähle ihm. ,, Au, Au!" meint er ,,, der Rottenführer erzählt ganz anders. Na, laẞ nur, wir kennen ja den Alten auch." Ein schwacher Trost für mich. Blockführer Paulsen schließt sich uns an. Ah! Da ist ja der rote Hund! Der Propagandamacher! Wir werden Dir die glorreiche SS schon geben!" Es hagelt die ersten Fußtritte und Faustschläge! Und ich bin noch nicht mal an Ort und Stelle. Eine ganze Gruppe SS erwartet mich. ,, Herr Lagerführer, hier bringe ich den Kerl." ,, Hast Du das Wort ,, glorreich" gebraucht?" ,, Nein!" Schläge. ,, Hast Du trotz Verbot mit dem Leutnant gesprochen?" ,, Nein! Ich habe nur die Fragen des Rottenführers beantwortet." 22 Et T h er S. ja ir te d h- t- Ich werde getreten, geschlagen von allen Seiten. Paulsen, der Blockführer, kann sich nicht genug tun. Ich stürze die Böschung hinab. Der Posten mit dem Karabiner beobachtet mich. Also Zähne zusammen und wieder hoch. Währenddessen macht Hartwig dem Lagerführer leise Vorhaltungen wegen ,, Opa". Er durfte es gar nicht soweit kommen lassen mit dem Gespräch. Ich muß zurück zum Waggon. Jeder Kamerad weiß, was los ist. Wie ein Lauffeuer hat es sich verbreitet. ,, Willy, durchhalten!" ,, Willy, nicht schlapp machen!" ,, Jetzt ist es Zeit für Dich! Nur weg!" Das sind die Zurufe, die mich treffen. Am nächsten Morgen Ausrücken zur Arbeit. Auf den Schienen liegt ein Betonblock. Das Fundament eines Eisenmastes. Ungefähr 12 ccm. Blockführer Paulsen drückt mir einen kleinen Vorschlaghammer in die Hand und einige Schläge ins Kreuz. ,, So! Den schlägst Du entzwei. Mittag ist von dem Block nichts mehr zu sehen." ,, Es ist Eisenbeton. Vom Himmel glüht die Sonne! Und ,, Er" steht hinter mir. Stunde um Stunde steht ,, Er" hinter mir. Mittag rücken wir ein. Der Block steht noch. Kurze Mittagspause am Zuge. Otto, der Lagerälteste, läuft die Waggons entlang. ,, 20 freiwillige Russen für Blindgänger! Antek und Willy sofort zum Lagerführer." Hämisch lächelnd, empfängt er uns. ,, Also, Ihr übernehmt jeder zehn Russen. Es liegen draußen zwei Blindgänger. Warum Ihr beide freiwillig mitgehen müßt, wißt Ihr doch. Ihr bekommt jeder 10 Zigaretten und eine Extraportion. Wer von den Russen nicht gehen will, braucht nicht!" Fragend sieht er sich im Kreise um. Sie gehen alle mit. Und ich? Mir ist alles schon so gleichgültig. Wir marschieren ab. ,, Also hier ist eine Bombe rein, hier die andere. Erst die Schienen beiseitesetzen und dann beim Graben immer den Weg verfolgen, den die Bombe genommen hat. Ihr erkennt ihn an der verbrannten Erde." Die letzten Ratschläge, und dann beziehen die SS- Leute ihre Posten. Weit genug stehen sie. Sind kaum noch zu sehen. Es könnte ja eine hochgehen. Sie müssen ihr Leben schützen. Was liegt schon an uns. 23 ,, Also, Antek, fangen wir an. Ist schon egal! So oder so." Ein Händedruck und wir beginnen. Wir lassen fünf graben und fünf ruhen. Die Schaufeln fliegen, die Pickeln klirren auf den Steinen. Kein Wort fällt. Der Schweiß perlt von den Stirnen. Ich habe mit meinen Leuten Glück. Bald ist der Anfang gefunden, und nun geht es immer den Spuren nach. Autsch! Wir ziehen die Köpfe ein. Ein Knall und eine Staubwolke. Steine fliegen durch die Luft. In 30 Meter Entfernung ist eine hochgegangen. So kann es bei uns auch kommen. Antek meldet sich: ,, Willy, bei mir ist nichts. Ich kann meine nicht finden!" ,, Freue Dich, Antek! Bei mir geht es jetzt los. Ich bin dran. Jungens, jetzt vorsichtig! Wir müssen erst sehen, wie sie liegt. Ich denke, sie hat sich gedreht, und der Zünder liegt unten. Also nicht mit dem Spaten oder der Picke gegenschlagen." Wieder vergeht eine halbe Stunde. Die Wandung liegt frei, die Spitze zeigt nach oben. Meine Vermutung ist richtig, trotzdem es meine erste Bombe ist, die ich raushole. Eine 10- Zentner- Bombe. ,, Also, Jungens, jetzt macht Euch mal etwas dünne. Setzt Euch hinter zu den anderen. Ich will den Zünder freilegen." ,, Willy, wir nix gehen. Wir Dir helfen. Du nix allein." Oh, Ihr lieben Kerle! Ich muß nun schon grob werden, sonst gehen sie nicht. Und wir haben alle noch nie nach diesen Teufelsdingern gegraben. Der Feuerwerker liegt in sicherer Deckung. ,, Ab! Macht, daß Ihr fortkommt! Ihr könnt nicht helfen. Das Loch ist viel zu eng!" ,, Dann Du gehen, ich graben." Nicolai will mich nicht allein lassen. ,, Antek! Rufe doch mal die Kerle hier weg, sie wollen nicht parieren!" Endlich bin ich allein. Mit den Händen fange ich an zu wühlen. Vielleicht glückt es. Vielleicht gibt es eine Himmelfahrt. Und zu Hause wartet seit zehn Jahren eine Mutter auf ihren Jungen. Ach, fort mit den Gedanken. Wenn ich bloẞ wüßte, wie dies Ding funktioniert? Hier fühle ich eine Röhre. Alle Erde kratze ich raus. Ich habe mal was gehört von anstoßen, Säure auslaufen und explodieren. Man müßte den Zünder rausdrehen; aber wie? Ach was! Ich habe genug 24 0." ben auf den der ine Entomann I es sen und der Frei, tzentetzt en." Oh, Const esen erer fen. icht llen ZU nelauf bloß shre. anden nug gemacht. Der Rest ist Sache des Feuerwerkers. Aufatmend steige ich aus der Grube. Mir ist doch warm geworden. Ich winke die Posten. Mißtrauisch kommen sie näher. ,, Alles in Ordnung?" ,, Nun, wir haben den Zünder freigelegt. Ich habe es noch nie gemacht, aber wenn Sie wollen, schraube ich ihn auch los." Ich drehe mich um und will ins Loch zurück, ehe die Posten ausreißen können. ,, Halt! Laß das den Feuerwerker machen! Der versteht das. In Ordnung!" Ich habe damit mein Ziel erreicht. Zurück zu den Waggons. Hegelow empfängt uns. ,, Was, Ihr Schweine lebt noch beide?" ,, Jawohl, Herr Lagerführer, wir leben noch!" ,, Kommt nur erst nach Deutschland zurück, dann lebt Ihr nicht mehr." Eine Kehrtwendung, die Zähne zusammen. Anteks Gedanken sind dieselben wie meine: ,, Götz von Berlichingen"! Aber nach Deutschland gehen wir beide nicht! Wir sitzen am Abend in den Wagen. Die Posten haben ihren Dienst begonnen. Neben den Türen sitzen sie. Flieger brummen. Der Himmel wird rot. Fallschirm steht neben Fallschirm. In genauer Linie ist unser Zug abgesteckt. Und dann fallen die Bomben. Die ganze Luft ist ein Getöse. Der Bahnhof und Flugplatz sind das Ziel. Bis an die Fallschirmgrenze fallen die Eier. Und die SS? Die Männer, die uns bewachen sollen? Türen auf! Raus aus den Waggons und ins Getreide hinein! Ganz fest haben sie schnell die Türen verriegelt und verrammelt. Der Herr Hauptsturmführer Braun vergiẞt Koppel und Pistole in seinem Schlafwagen. In Unterhosen jagt er zum nächsten Kornfeld! Vorbei ist der Angriff! Die ,, Helden" kehren zurück! ,, Lagerältester! Lagerältester!" Hegelow schreit, und von Mund zu Mund geben die Posten den Ruf weiter. Vergebens! Der Otto ist fort! Und kam nie wieder! ( Nach sechs Wochen traf ich ihn auf meiner Flucht bei Valenciennes in Nordfrankreich wieder.) 25 Lagerführer Hegelow gibt die Parole aus: ,, Der Lagerälteste hat durch den Angriff vor Angst den Kopf verloren und ist in verkehrter Richtung gelaufen! Er wird sicher wiederkommen. Bis dahin vertritt ihn Georg Paulsen, der Bibelforscher." Gerade Hegelow muß von Angst sprechen. Es geht ihm bannig gegen den Strich, daß Otto, auf den er immer was gehalten hat, fort ist. Wir wissen, daß Otto nicht wiederkommt. Dann kommt die Stunde, wo wir rüsten müssen zur Abfahrt. Die Gleise sind frei, die Maschine ist da. Die russischen Wagengefährten, die alle fort wollen und die auch wissen, daß ich fort muß, lassen mir keine Ruhe mehr. Fedor, ihr Wortführer, ist ständig um mich rum. ,, Willy! In der ersten Nacht, die wir fahren, wir flüchten.". ,, Fedor, wieviel Kameraden hast Du hier im Wagen, auf die Du Dich verlassen kannst?" ,, Alle, Willy! Die ganze Wäscherei! Zehn Mann!" Er treibt mich tatsächlich in die Enge. Ich greife mir den Toni. ,, Höre zu, Tünn. Fedor will mit den Jungens fort. In der ersten Nacht. Posten entwaffnen. Wir müssen aber mit den BF. rechnen. Was meinst Du, wer von uns mitgeht?" ,, Na! Richard, Arthur, Du, ich und Eiermie? Mit ihm weiß ich nicht recht!" - Kurz versuche ich, meinen Plan zu umreißen. ,, Also paẞt auf! gebe das Zeichen. gut wegkommen. Fedor, Du sagst es den Jungens. Nur ich Ich will aber, wenn wir gehen, daß alle Keiner soll kaputtgehen. Wenn der Zug rast, blase ich ab. Ich will nicht, daß sich einer zum Krüppel springt. Geschlafen wird nicht. Ich liege unter der Bank am nächsten zur Tür und sorge, daß kein Schuß fällt. Im Moment, wo ich die Waffe wegreiße, müßt Ihr, Fedor und Antonjuk, die Posten über die Bank zwischen die Bibelforscher kippen. Richard öffnet die Tür. Toni, Du achtest mit Arthur, wo Not am Mann ist. Fedor, einer von Deinen Jungens nimmt den Hund. Ist alles klar?" Allgemeine Zustimmung! ,, Gut! Ich gehe als letzter aus dem Waggon. Seid Ihr draußen, nicht laufen. Fallen lassen neben die Gleise und warten, bis der Zug vorbei ist. Blase ich aber ab, dann wird nichts gemacht. Ich habe dann sicher meine Gründe. Nun Schluß, wir wollen nicht auffallen." 26 ernd eroreht vas erAbssiuch Hor, " n." die den In mit t?" ihm ich alle Zug Opel am ent, die pen. Not den Ich icht Zug Ich llen Der Abend rückt näher. Wir sind seit zwei Stunden unterwegs. Langsam und unauffällig macht sich jeder bereit. Meine blaue Kulihose sitzt längst unter der gestreiften. Jede Einzelheit lasse ich mir durch den Kopf gehen. Nichts darf ich außeracht lassen. Die Jungens vertrauen uns, und sie sollen sicher und gesund wegkommen. Bloß der Zug macht mir Kopfschmerzen. Er hat ein höllisches Tempo. Wir liegen und warten. Dunkel ist es im Waggon. Die Posten an der Tür regen sich nicht. Schlafen sie? Tun sie nur so und beobachten uns dabei? Ich bewege mich auffällig! Nichts! Alles bleibt still. Einer kommt zum Kübel. Heiß flüstert er an mein Ohr: ,, Willy, wie lange noch? Fang an, gib das Zeichen!" ,, Warten! Disziplin". Weiter kann ich ihm nichts sagen. Noch zweimal muß ich zum Warten ermahnen. Die Spannung wird unerträglich. Mit unverminderter Eile jagt der Zug. Bei dem Tempo riskiere ich es nicht. Toni und Richard geben mir recht. Und es war gut, das Warten. Ein anderer Waggon hat in dieser Nacht planlos gehandelt. Ein Schuß peitscht durch die Nacht. Wieder einer und noch ein dritter. Kreischend fressen sich die Bremsen fest. Der Zug wird langsamer und steht. Draußen hetzt es die Wagenreihe entlang. Schreie ertönen und dann beginnt die SS das Blutbad. Unsere Henker beginnen zu morden. Salven von Maschinenpistolen krachen. Nochmal und nochmal und immer wieder. Wir hören den Ritterkreuzträger brüllen: ,, Der ganze Zug muß umgelegt werden. Die Brut muß vom Erdboden vertilgt werden." Was ist geschehen? Was ist gemeint? Bald wird uns die Aufklärung. In einem Waggon sind sie über die Posten hergefallen. Einen aus dem Wagen gestoßen, der andere schießt. 15 Jungens sind fort. Der Rest der Waggonbelegschaft? Die SS badet in Blut. In der offenen Waggontür stehen sie und halten mit ihren Maschinenpistolen wahllos hinein. Mordgier leuchtet ihnen aus den Augen. Ihre tierischen Instinkte sind losgelassen. Das sind keine Menschen mehr! Wer nur den Kopf hebt, bekommt die Kugel. ,, Waggonältester, hier ist die Lampe. Leuchten!" 27 Und der Tünnes leuchtet. Es ist Befehl. Flink blitzt der Lichtkegel über die Wände. Schnell kriechen zwei hinter seinen Rücken. Schüsse krachen! ,, Leuchte langsamer, Du Schwein!" Wieder geistert der Schein durch den Waggon. Tünnes versucht zu retten, was möglich ist. Es geht um das Leben seiner Kameraden. Wieder huscht es hinter ihm! Da bewegt sich eine Hand Schuß. Dort stöhnt einer Schuß. Kein Farbenunterschied, kein Nationalitätenunterschied, es war eine Wagenbelegschaft von 45 Mann. 15 sind frei, nahezu 30 sind gemordet und schwer verwundet. Selbst der Nebenwaggon hat seine Opfer. Am 1. Mai 1929 gab es im großen Berlin 30 wehrlos Gemordete. Hier gibt es in einer Stunde in einem kleinen Viehwaggon 30 wehrlose Opfer. Der Morgen graut. Ein trostloser Morgen. Bahre an Bahre wird vorbeigetragen in den Revierwagen hinein oder neben das Gleis. Körper bei Körper. Etwas Erde darüber! Fertig! Hier ragt eine Hand, dort sieht man ein Bein. Die SS hat keine Zeit, Euch ein Grab zu geben. Lebt wohl, Kameraden! Wir fahren weiter! Fedor drückt mir verstohlen die Hand. ,, Gut, Willy, Du abgestoppt. Sonst noch mehr Tote. Der verfluchte Ritterkreuzträger!" Zwei Tage später ist Antek fort. Mit ihm noch sieben. Russen und Deutsche. Ein Loch in der Wand und nach außen eine schlaffhängende Decke zeigen den Weg, den sie genommen haben. Die Posten können uns noch so sehr drangsalieren. Die Lagerleitung kann die Strafen noch so hart ansetzen. Es wird weitergeflüchtet! Wir aber, die wir zurückbleiben, freuen uns, wenn alle gut wegkommen. Den größten Triumph erleben wir, als ein Waggon Kriegsgefangene abrücken. Nacht ist es. Der Zug fährt nicht mehr, er kriecht. So lange wir schon unterwegs sind, so schlecht war die Strecke noch nicht wie hier. Von Partisanen wiederholt aufgerissen, wurde sie immer noch notdürftig ausgebessert. Die Schienen28 Her ter nes ben erind bst Geehan der per! ohl, Der Den. Ben OmDie wird Fuen gsSo cke en, enstöße sind schief und uneben. Sie klaffen auseinander. Das hält kaum ein guter Waggon aus, geschweige denn unsere geflickten! Der Zug stoppt! Der Ritterkreuzträger nimmt Aufstellung mit seinen Leuten. Jeder die entsicherte Pistole in der Faust, Ein Kesseltreiben umstellen sie den angrenzenden Wald. veranstaltet er. Zu seinem Ärger und unserer Genugtuung, der Kessel ist leer. Ohne Ergebnis kehren sie zurück. In einem Waggon waren einmal amerikanische Kriegsgefangene! Die schlechte Strecke war zuviel für diesen altersschwachen Wagen. Etwas Nachhilfe, und der Weg zur Freiheit lag offen. Nicht einer blieb zurück. Seitdem der neue Lagerälteste seinen Dienst versieht, kommen wir in den kurzen Fahrpausen kaum noch aus unseren Wagen heraus. Bei jeder Gelegenheit sind es nur die Bibelforscher, die draußen zu sehen sind. Sie türmen nicht. Sie vertrauen auf Jehova! Ich selbst halte mich, so gut es geht, aus dem Gesichtsfeld der SS. Seit Tours weiß ich, daß ich ,, reif" bin. Unser Ziel ist uns jetzt bekannt. Nach Ostende zum neuen Arbeitseinsatz. Und dieses Wissen macht mich auch fest in meinem Entschluß. Nicht von der Bahn, nicht während der Fahrt. Von der neuen Arbeitsstelle wird geflüchtet! Auch bei den anderen Kameraden wirkt sich dieses Wissen aus. Keiner wollte ja nach Deutschland zurück. Jetzt läßt das Abspringen nach. Wir passieren Nevers, Chalon, Dijon, Langres, Epinal Toul. und Nancy. In Metz wird der Ritterkreuzträger mit seinen Leuten abgehangen. Er nimmt die Richtung auf die Reichsgrenze. Wir fahren auf Belgien zu. Sedan, Namur und Brüssel. Auf dem großen Bahnhof wimmelt es von Reisenden. Lebhafte Begrüßungen werden uns dargebracht. Alles winkt und ruft! Schnell haben die Belgier begriffen, wer wir sind. Zigaretten werden uns zugeworfen. Die SS wird ängstlich und jagt jeden zurück, der sich am Fenster sehen läßt. Es kann uns nicht erschüttern. Wir fühlen, wer hier flüchtet, wird aufgenommen und versteckt. In Gent wiederholt sich das Bild. Überall zeigt man uns Sympathie. 29 30 30 Und dann, in dunkler Nacht, ist unser Zie erreicht: Kortemark! 25 Kilometer vor Ostende. an. Bereit zu neuem Arbeitseinsatz mit der Knute im Rücken! Bereit zur Flucht! Das wissen wir! Viele von uns treten keine neue Fahrt Viele von uns werden ihren eigenen Weg gehen! Und ich werde dabei sein! Vorbei ist die Fahrt, die fast vier Wochen dauerte! Das Ergebnis? Vierunddreißig Häftlinge und fünfundzwanzig amerikanische Kriegsgefangene sind geflüchtet! Glück auf den Weg, Kameraden! Dreißig Häftlinge verwundet, teils schwerer Natur! Zweiundzwanzig Häftlinge feige ermordet! Wir werden Euch nie vergessen!