Dietrich Bonhoeffer AUF DEM WEGE ZUR FREIHEIT Gedichte aus Tegel INHALT Nächtliche Stimmen Glück und Unglück Wer bin ich? Christen und Heiden Der Freund..... Der Tod des Mose.. Jona».... Von guten Mächten Nachwort Stationen auf dem Wege zur Freiheit.. 10 12 „ld 2.16 16 22 229 0 NACHTLICHE STIMMEN Langgestreckt auf meiner Pritsche starre ich auf die graue Wand. Draußen geht ein Sommerabend, der mich nicht kennt, singend ins Land. Leise verebben die Fluten des Tages an ewigem Strand. Schlafe ein wenig! Stärk Leib und Seele, Kopf und Hand! Draußen stehen Völker, Häuser, Geister und Herzen in Brand. Bis nach blutroter Nacht dein Tag anbricht halte stand! Nacht und Stille. Ich horche. Nur Schritte und Rufe der Wachen, eines Liebespaares fernes, verstecktes Lachen. Hörst du sonst nichts, fauler Schläfer? Ich höre der eigenen Seele Zittern und Schwanken. Sonst nichts? Ich höre, ich höre, wie Stimmen, wie Rufe, wie Schreie nach rettenden Planken, der wachenden, träumenden Leidensgefährten nächtlich stumme Gedanken. Ich höre unruhiges Knarren der Betten, ich höre Ketten. Ich höre, wie Männer sich schlaflos werfen und dehnen, die sich nach Freiheit und zornigen Taten sehnen. Wenn der Schlaf sie heimsucht im Morgengrauen, murmeln sie träumend von Kindern und Frauen. 3 Ich höre glückliches Lispeln halbwüchsiger Knaben, die sich an kindlichen Träumen laben. Ich höre sie zerren an ihren Decken und sich vor gräßlichem Albtraum verstecken. Ich höre Seufzen und schwaches Atmen der Greise. die sich im Stillen bereiten zur großen Reise. Sie sahn Recht und Unrecht kommen und gehn, nun wollen sie Unvergängliches, Ewiges sehn. Nacht und Stille. Nur Schritte und Rufe der Wachen. Hörst du's im schweigenden Hause beben, bersten und krachen, wenn Hunderte die geschürte Glut ihrer Herzen entfachen? Stumm ist ihr Chor, weitgeöffnet mein Ohr: ., Wir Alten, wir Jungen, wir Söhne aller Zungen, wir Starken, wir Schwachen, wir Schläfer, wir Wachen, wir Armen, wir Reichen, im Unglück Gleichen, wir Guten, wir Bösen, was je wir gewesen, wir Männer vieler Narben, wir Zeugen derer, die starben, wir Trotzigen und wir Verzagten, wir Unschuldigen und wir schwer Verklagten, von langem Alleinsein tief Geplagten, Bruder, wir suchen, wir rufen dich! Bruder, hörst du mich? Zwölf kalte, dünne Schläge der Turmuhr wecken mich. Kein Klang, keine Wärme in ihnen bergen und decken mich. 4 Bellende böse Hunde um Mitternacht schrecken mich. Armseliges Geläute trennt ein armes Gestern vom armen Heute. Ob ein Tag sich zum andern wende. der nichts Neues, nichts Besseres fände. als daß er in Kurzem wie dieser ende,— was kann mir’s bedeuten? Ich will die Wende der Zeiten sehen, wenn leuchtende Zeichen am Nachthimmel stehen, neue Glocken über die Völker gehen und läuten und läuten. Ich warte auf jene Mitternacht, in deren schrecklich strahlender Pracht die Bösen vor Angst vergehen, die Guten in Freude bestehen. Bösewicht, tritt ins Licht, vor Gericht. Trug und Verrat, arge Tat, Sühne naht. Mensch, o merke, heilige Stärke ist richtend am Werke. Jauchzt und sprecht: Treue und Recht einem neuen Geschlecht! Himmel, versöhne zu Frieden und Schöne die Erdensöhne. Erde, gedeih’, Mensch, werde frei, sei frei! Ich habe mich plötzlich aufgerichtet, als hätt’ ich von sinkendem Schiffe Festland gesichtet, als gäbe es etwas zu fassen, zu greifen, als sähe ich goldene Früchte reifen. Aber wohin ich auch blicke, greife und fasse, ist nur der Finsternis undurchdringliche Masse. Ich versinke in Grübeln. Ich versenke mich in der Finsternis Grund. Du Nacht, voll Frevel und Übeln, tu dich mir kund! Warum und wie lange zehrst du an unsrer Geduld? Tiefes und langes Schweigen; dann hör ich die Nacht zu mir sich neigen: Ich bin nicht finster, finster ist nur die Schuld! Die Schuld! Ich höre ein Zittern und Beben, ein Murmeln, ein Klagen sich erheben, ich höre Männer im Geiste ergrimmen. In wildem Gewirr unzähliger Stimmen, ein stummer Chor dringt zu Gottes Ohr: „Von Menschen geheizt und gejagt, wehrlos gemacht und verklagt, unerträglicher Lasten Träger, sind wir doch die Verkläger. „Wir verklagen, die uns in Sünde stießen, die uns mitschuldig werden ließen, die uns zu Zeugen des Unrechts machten,— um den Mitschuldigen zu verachten.” „Unser Auge mußte Frevel erblicken, um uns in tiefe Schuld zu verstricken; dann verschlossen sie uns den Mund, wir wurden zum stummen Hund. 6 „Wir lernten es, billig zu lügen, dem offnen Unrecht uns fügen. Geschah dem Wehrlosen Gewalt, so blieb unser Auge kalt. „Und was uns im Herzen gebrannt, blieb verschwiegen und ungenannt. Wir dämpften das hitzige Blut und zertraten die innere Glut. „Was Menschen einst heilig gebunden, das wurde zerfetzt und geschunden, verraten Freundschaft und Treue, verlacht waren Tränen und Reue. „Wir Söhne frommer Geschlechter, einst des Rechts und der Wahrheit Verfechter, wurden Gottes- und Menschenverächter unter der Hölle Gelächter. „Doch wenn uns jetzt Freiheit und Ehre geraubt, vor Menschen erheben wir stolz unser Haupt. Und bringt man uns in böses Geschrei, vor Menschen sprechen wir selbst uns frei! „Ruhig und fest stehn wir Mann gegen Mann als die Verklagten klagen wir an. „Nur vor Dir, alles Wesens Ergründer, vor Dir sind wir Sünder. „Leidensscheu und arm an Taten haben wir Dich vor den Menschen verraten. „Wir sahen die Lüge ihr Haupt erheben und haben der Wahrheit nicht Ehre gegeben. „Brüder sahn wir in größter Not und fürchteten nur den eigenen Tod. 7 „Wir treten vor Dich als Männer. als unsrer Sünde Bekenner. „Herr, nach dieser Zeiten Gärung. schenk uns Zeiten der Bewährung! „Laß nach soviel Irregehn uns des Tages Anbruch sehn! 7 .„.Laß, soweit die Augen schauen, Deinem Wort uns Wege bauen. 2 „Bis Du auslöschst unsre Schuld. halt uns stille in Geduld. „Stille wolln wir uns bereiten. bis Du rufst zu neuen Zeiten, „bis Du stillest Sturm und Flut und Dein Wille Wunder tut. „„Bruder, bis die Nacht entwich, 1° bete für mich! Erstes Morgenlicht schleicht durch mein Fenster bleich und grau. Leichter Wind fährt mir über die Stirn sommerlich lau. „Sommertag!” sage ich nur.„schöner Sommertag!“ T Was er mir bringen mag? Da hör ich draußen hastig verhaltene Schritte gehn. In meiner Nähe bleiben sie plötzlich stehn. ar Mir wird kalt und heiß, ich weiß, o, ich weiß! Eine leise Stimme verliest etwas schneidend und kalt. Fasse Dich, Bruder, bald hast du’s vollbracht, bald, bald! Mutig und stolzen Schrittes hör ich dich schreiten. Nicht mehr den Augenblick siehst du, siehst künftige Zeiten. Ich gehe mit dir, Bruder, an jenen Ort, und ich höre dein letztes Wort: „Bruder, wenn mir die Sonne verblich, lebe Du für mich!“ Langgestreckt auf meiner Pritsche starre ich auf die graue Wand. Draußen geht ein Sommermorgen, der noch nicht mein ist, jauchzend ins Land. Brüder, bis nach langer Nacht unser Tag anbricht, halten wir stand! GLÜCK UND UNGLÜCK Glück und Unglück, die rasch uns und überwältigend treffen, sind sich im Anfang, wie Hitze und Frost bei jäher Berührung, kaum unterscheidbar nah. Wie Meteore aus überirdischer Ferne geschleudert, ziehen sie leuchtend und drohend die Bahn über unseren Häuptern. Heimgesuchte stehen betroffen vor den Trümmern ihres alltäglichen, glanzlosen Daseins. Groß und erhaben, zerstörend, bezwingend, hält Glück und Unglück, erbeten und unerbeten. festlichen Einzug bei den erschütterten Menschen, schmückt und umkleidet die Heimgesuchten mit Ernst und mit Weihe. Glück ist voll Schauer, Unglück voll Süße. Ungeschieden scheint aus dem Ewigen eins und das andre zu kommen. 10 Groß und schrecklich ist beides. Menschen, ferne und nahe, laufen herbei und schauen und gaffen halb neidisch, halb schaudernd, ins Ungeheure, wo das Überirdische sich, segnend zugleich und vernichtend, zum verwirrenden, unentwirrbaren, irdischen Schauspiel sich stellt. Was ist Glück? Was Unglück? Erst die Zeit teilt beide. Wenn das unfaßbar erregende, jähe Ereignis sich zu ermüdend quälender Dauer wandelt, wenn die langsam schleichende Stunde des Tages erst des Unglücks wahre Gestalt uns enthüllt, dann wenden die Meisten, überdrüssig der Eintönigkeit des altgewordenen Unglücks enttäuscht und gelangweilt sich ab. Das ist die Stunde der Treue, die Stunde der Mutter und der Geliebten, die Stunde des Freundes und Bruders. Treue verklärt alles Unglück und hüllt es leise in milden, überirdischen Glanz. 11 WER BIN ICH? Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten. Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiẞ? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hangend nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung. umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? 12 Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg? Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin. Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! 13 CHRISTEN UND HEIDEN 1. Menschen enschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden. 2. Menschen gehen zu Gott in Seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden. 3. Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden. 15 STATIONEN ZUR AUF DEM WEGE FREIHEIT ZUCHT. Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen. Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist. Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht. TAT. Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen. LEIDEN. Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden. Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit, dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende. 16 1. J Kamm TOD. Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit, Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele, daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist. Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden. Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst. 17 DER FREUND Nicht aus dem schweren Boden, wo Blut und Geschlecht und Schwur mächtig und heilig sind, wo die Erde selbst gegen Wahnsinn und Frevel die geweihten uralten Ordnungen hütet und schützt und rächt, - nicht aus dem schweren Boden der Erde, sondern aus freiem Gefallen und freiem Verlangen des Geistes, der nicht des Eides noch des Gesetzes bedarf, wird der Freund dem Freunde geschenkt. Neben dem nährenden Weizenfeld, welches die Menschen ehrfürchtig bauen und pflegen, dem sie den Schweiß ihrer Arbeit und, wenn es sein muß, das Blut ihrer Leiber zum Opfer bringen, neben dem Acker des täglichen Brotes lassen die Menschen doch auch die schöne Kornblume blühn. Keiner hat sie gepflanzt, keiner begossen, schutzlos wächst sie in Freiheit und in heiterer Zuversicht, daß man das Leben unter dem weiten Himmel ihr gönne. Neben dem Nötigen, aus gewichtigem irdischem Stoffe Geformten, neben der Ehe, der Arbeit, dem Schwert, 18 will auch das Freie leben und der Sonne entgegen wachsen. Nicht nur die reife Frucht, auch Blüten sind schön. Ob die Blüte der Frucht, ob die Frucht der Blüte nur diene, wer weiß es? Doch sind uns beide gegeben. Kostbarste, seltenste Blüte— der Freiheit des spielenden, wagenden und vertrauenden Geistes in glücklicher Stunde entsprungen,— ist dem Freunde der Freund. Spielgefährten zuerst auf den weiten Fahrten des Geistes in wunderbare, entfernte Reiche, die im Schleier der Morgensonne wie Gold erglänzen, denen am heißen Mittag die leichten Wolken des blauen Himmels entgegenziehen, die in erregender Nacht beim Scheine der Lampe wie verborgene, heimliche Schätze den Suchenden locken. Wenn dann der Geist dem Menschen mit großen, heiteren, kühnen Gedanken Herz und Stirne berührt, daß er mit klaren Augen und freier Gebärde der Welt ins Gesicht schaut, 19 wenn dann dem Geiste die Tat entspringt,— der jeder allein steht oder fällt,— wenn aus der Tat stark und gesund das Werk erwächst, das dem Leben des Mannes Inhalt und Sinn gibt, dann verlangt es den handelnden, wirkenden, einsamen Menschen nach dem befreundeten und verstehenden Geist. Wie ein klares, frisches Gewässer, darin der Geist sich vom Staube des Tages reinigt, darin er von glühender Hitze sich kühlet und in der Stunde der Müdigkeit stählt,— wie eine Burg, in die nach Gefahr und Verwirrung der Geist zurückkehrt, in der er Zuflucht, Zuspruch und Stärkung findet. ist dem Freunde der Freund. Und der Geist will vertrauen, ohne Grenzen vertrauen. Angeekelt von dem Gewürm, das im Schatten des Guten von Neid und Argwohn und Neugier sich nährt, von dem Schlangengezisch vergifteter Zungen, die das Geheimnis des freien Gedankens, des aufrichtigen Herzens fürchten, hassen und schmähn, verlangt es den Geist, alle Verstellung von sich zu werfen und sich vertrautem Geiste gänzlich zu offenbaren, ihm frei und treu zu verbünden. 20 Neidlos will er bejahen, will anerkennen, will danken, will sich freuen und stärken am anderen Geist. Doch auch strengem Maß und strengem Vorwurf beugt er sich willig. Nicht Befehle, nicht zwingende fremde Gesetze und Lehren, aber den Rat, den guten, den ernsten, der frei macht. sucht der gereifte Mann von der Treue des Freundes. Fern oder nah in Glück oder Unglück erkennt der eine im andern den treuen Helfer zur Freiheit und Menschlichkeit. Als die Sirenen heulten um Mitternacht, habe ich still und lange an dich gedacht, wie es dir gehen mag und wie es einst war, und daß ich dir Heimkehr wünsche im neuen Jahr. Nach langem Schweigen höre ich um halb zwei die Signale, daß die Gefahr vorüber sei. Ich habe darin ein freundliches Zeichen gesehn daß alle Gefahren leise an dir vorübergehn. 21 DER TOD DES MOSE 5. Mose 34, 1: ,, und der Herr zeigte ihm das ganze Land." Auf dem Gipfel des Gebirges steht Mose, der Mann Gottes und Prophet. Seine Augen blicken unverwandt in das heilige, gelobte Land. Daẞ ER auf das Sterben ihn bereite, tritt der Herr dem alten Knecht zur Seite. Will auf Höhen, wo die Menschen schweigen, selber ihm verheißne Zukunft zeigen, breitet zu des Wandrers müden Füßen seine Heimat aus, sie still zu grüßen, sie im letzten Atemzug zu segnen und dem Tod in Frieden zu begegnen. ,, Aus der Ferne sollst das Heil du sehen, doch dein Fuẞ soll nicht hinübergehen!" Und die alten Augen schauen, schauen ferne Dinge, wie im Morgengrauen, Staub, von Gottes mächtger Hand geknetet IHM zur Opferschale. Mose betet: - ..So erfüllst DU, Herr, was DU versprochen, Niemals hast DU mir Dein Wort gebrochen. 22 Ob es Deine Gnaden oder Strafen waren; immer kamen sie und trafen. Aus dem Frondienst hast DU uns gerettet, uns in Deinen Armen sanft gebettet, bist durch Wüste und durch Meereswogen wunderbar vor uns einhergezogen, hast des Volkes Murren, Schreien, Klagen überlange in Geduld getragen. Nicht durch Güte ließen sie sich leiten zu des Glaubens Weges Herrlichkeiten, ließen Gier und Götzendienst gewähren, statt vom Brot der Gnade sich zu nähren, bis Dein Zorn mit Pest und Schlangenbissen tiefe Lücken in Dein Volk gerissen. Des verheiẞnen Landes künft'ge Erben fielen als Empörer ins Verderben. In der Mitte ihrer Wanderschaft hast Du sie im Grimm hinweggerafft. Wolltest eins nur an den Deinen schauen: Zuversicht und gläubiges Vertrauen. Aber alle, die Dir Treue schwuren, die am Schilfmeer Deine Macht erfuhren, von Dir haben sie ihr Herz gewandt; ihre Leiber deckt der Wüstensand. Die zu ihrem Heile DU geführt, haben Aufruhr gegen Dich geschürt. 23 Von dem einst begnadeten Geschlecht blieb Dir auch nicht einer treu und recht. Als die Väter DU hinweggenommen, als ein neu Geschlecht heraufgekommen, und als nun die Jungen wie die Alten Deine Worte höhnten und Dich schalten, Herr, Du weißt, da ist in hohen Jahren mir ein Wort jäh entfahren. Ungeduld und zweifelnde Gedanken, meinen Glauben brachten sie ins Wanken. DU vergabst; doch ist’s ein brennend Feuer, vor der Treue stehn als Ungetreuer. Deine Nähe und Dein Angesicht sind dem Reuigen ein schmerzend Licht. Deine Trauer und Dein großer Zorn gräbt sich in mein Fleisch als Todesdorn. Vor dem heilgen Wort— von Dir entflammt, daß ich’s predige— bin ich verdammt. Wer des Zweifels schale Frucht genossen, bleibt vom Tische Gottes ausgeschlossen. Von des heilgen Landes voller Traube trinkt allein der unversehrte Glaube. DU läßt mich, Herr, der Strafe nicht entrinnen, doch gönnst DU mir den Tod auf hohen Zinnen, DU einst auf bebendem Vulkan Erschauter, ich war ja Dein Erwählter, nah Vertrauter, 24 Dein Mund, die Quelle aller Heiligkeit, Dein Auge für der Ärmsten Qual und Leid, Dein Ohr für Deines Volkes Schrein und Schmach, Dein Arm, an dem der Feinde Macht zerbrach, der Rücken, der die schwach Gewordnen trug, und den Zorn von Freund und Feinden schlug, der Mittler Deines Volkes im Gebet, Dein Werkzeug, Herr, Dein Freund und Dein Prophet. Drum schenkst DU mir den Tod auf steilem Berge, nicht in der Niederung der Menschenzwerge, den Tod des freien Blickes in die Weite, des Feldherrn, der sein Volk geführt im Streite, das Sterben, über dessen ernsten Grenzen schon die Fanale neuer Zeiten glänzen. Wenn mich die Nacht des Todes nun umhüllt, seh ich von ferne doch Dein Heil erfüllt. Heilges Land, ich habe Dich geschaut, schön und herrlich als geschmückte Braut, jungfräulich im lichten Hochzeitskleide, teure Gnade ist Dein Brautgeschmeide. Laß die alten viel enttäuschten Augen Deine Lieblichkeit und Süße saugen, laß dies Leben, eh die Kräfte sinken, ach. noch einmal Freudenströme trinken. Gottes Land, vor Deinen weiten Toren stehn wir selig wie im Traum verloren. 25 Schon weht uns der frommen Väter Segen kräftig und verheißungsvoll entgegen. Gottes Weinberg, frisch vom Tau befeuchtet, schwere Trauben, sonnenglanzumleuchtet, Gottes Garten, Deine Früchte schwellen, klares Wasser sprudeln Deine Quellen. Gottes Gnade über freier Erde, daß ein heilig neues Volk hier werde. Gottes Recht bei Starken und bei Schwachen wird vor Willkür und Gewalt bewachen. Gottes Wahrheit wird von Menschenlehren ein verirrtes Volk zum Glauben kehren. Gottes Frieden wird gleich starken Türmen Herzen, Häuser, Städte treu beschirmen. Gottes Ruhe wird auf alle Frommen als ein großer Feierabend kommen. Und stilles Volk in einfachem Genügen wird Reben pflanzen und den Acker pflügen, und einer wird den andern Bruder nennen, nicht Stolz noch Neid wird in den Herzen brennen, und Väter werden ihre Knaben lehren, das Alter achten und das Heilge ehren, und Mädchen werden, schön und fromm und rein, des Volkes Glück und Zier und Ehre sein. Die selber einst das Brot der Fremde aßen, den Fremdling werden sie nicht darben lassen. Der Waisen und der Witwen und der Armen wird der Gerechte willig sich erbarmen. 26 Gott, der DU wohntest unter unsern Vätern, laß unsre Söhne sein ein Volk von Betern. In hohen Festen soll zu Deinem Ruhme das Volk hinaufziehn zu dem Heiligtume. Dir werden sie sich, Herr, zum Opfer bringen und Dir die Lieder der Erlösten singen. In Dank und Jauchzen tut mit einem Mund Dein Volk den Völkern Deinen Namen kund. Groß ist die Welt; es weitet sich der Himmel, schaut auf der Menschen tätiges Getümmel. In Deinen Worten, die DU uns gegeben, zeigst allen Völkern DU den Weg zum Leben. Stets wird die Welt in ihren schweren Tagen nach Deinen heilgen zehn Geboten fragen. Stets wird ein Volk, wie schuldig es gewesen, allein an Deinem Heiligtum genesen. So zieh denn hin, mein Volk, es lockt und ruft die freie Erde und die freie Luft. Nehmt in Besitz die Berge und die Fluren, gesegnet von der frommen Väter Spuren, wischt von der Stirn den heißen Wüstensand und atmet Freiheit im gelobten Land. Wacht auf, greift zu, es ist nicht Traum noch Wahn, Gott hat den müden Herzen wohlgetan. Schaut des gelobten Landes Herrlichkeit, alles ist Euer und Ihr seid befreit!“ Auf dem Gipfel des Gebirges steht Mose, der Mann Gottes und Prophet. 27 Seine Augen schauen unverwandt in das heilige gelobte Land. ..So erfüllst DU, Herr, was DU versprochen, niemals hast DU mir Dein Wort gebrochen. Deine Gnade rettet und erlöst. und Dein Zürnen züchtigt und verstößt. Treuer Herr, Dein ungetreuer Knecht weiß es wohl: DU bist allzeit gerecht. So vollstrecke heute Deine Strafe. nimm mich hin zum langen Todesschlafe. Von des heilgen Landes voller Traube trinkt allein der unversehrte Glaube. Reich dem Zweifler drum den bittern Trank, und der Glaube sagt Dir Lob und Dank. Wunderbar hast Du an mir gehandelt, Bitterkeit in Süße mir verwandelt. läßt mich durch den Todesschleier sehn dies mein Volk zu höchster Feier gehn. Sinkend, Gott, in Deine Ewigkeiten, seh mein Volk ich in die Freiheit schreiten. Der die Sünde straft und gern vergibt, Gott, ich habe dieses Volk geliebt. Daß ich seine Schmach und Lasten trug und sein Heil geschaut das ist genug. Halte, fasse mich! Mir sinkt der Stab, treuer Gott, bereite mir mein Grab." 28 JONA Sie schrieen vor dem Tod, und ihre Leiber krallten sich an den nassen, sturmgepeitschten Tauen, und irre Blicke schauten voller Grauen das Meer im Aufruhr jäh entfesselter Gewalten. ..Ihr ewigen, ihr guten, ihr erzürnten Götter, helft oder gebt ein Zeichen, das uns künde den, der Euch kränkte mit geheimer Sünde, den Mörder oder Eidvergessnen oder Spötter, der uns zum Unheil seine Missetat verbirgt um seines Stolzes ärmlichen Gewinnes!" So flehten sie. Und Jona sprach: ,, Ich bin es! Ich sündigte vor Gott. Mein Leben ist verwirkt. Tut mich von Euch! Mein ist die Schuld. Gott zürnt mir sehr. Der Fromme soll nicht mit dem Sünder enden!" Sie zitterten. Doch dann mit starken Händen verstießen sie den Schuldigen. Da stand das Meer. 29 VON GUTEN MACHTEN V on guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last, ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen das Heil, für das Du uns bereitet hast. Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand. Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört Dir unser Leben ganz. Laß warm und still die Kerzen heute flammen, die Du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht. 30 Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so laß uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all Deiner Kinder hohen Lobgesang. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag. 31 NACHWORT Am 5. April 1943 wurde Dietrich Bonhoeffer verhaftet. Im Laufe des Jahres 1944 erreichten uns unter anderem diese Verse aus der Zelle in Tegel. Die authentische Gestalt. der Ge- dichte liegt jetzt vor. „Nächtliche Stimmen“ stammt aus dem Frühsommer 1944. Eine Handschrift des Gedichtes läßt er durch einen treuen Wächter in dessen Schrebergarten vergraben. Wenn die Kata- strophe hereingebrochen sein wird, soll es Zeugnis geben, was auf dem Wege zu ihr gedacht, bekannt und getan wurde. „Glück und Unglück“ entsteht im Juni, als das ersehnte Gerichtsverfahren vor dem Kriegsgericht in ungewisse Ferne rückt und die ersten großen Tagesangriffe über die Stadt hin- weggehen. „Wer bin ich‘ erreicht uns im Juli. „Christen und Heiden‘ kommt aus der theologischen Arbeit, die ihn in Tegel als letzte beschäftigt. Die Umkehr dessen, was der religiöse Mensch von Gott erwartet, steht im Mittel- punkt seines Denkens; nicht: Gott als letzte Auskunft oder als Deus ex machina in Anspruch zu nehmen, macht den Christen, sondern dies: Gottes Leiden an der gottlosen Welt mitzuleiden. Am Abend des Tages nach dem 20. Juli 1944— als die Kunde vom unglücklichen Ausgang des Umsturzversuches in die Zelle gedrungen ist und man mit schnellster Aufdeckung und Beseitigung rechnen muß— entstehen die„Stationen auf dem Wege zur Freiheit‘. Das Gedicht„Der Freund“ schreibt er in den letzten Tagen des August. Es kommen die beiden biblischen Versuche ‚Der Tod des Mose“ und„Jona“, letzterer am 5. 10.; dann reißt die Verbin- dung durch die Überführung in die Sonderabteilung der Prinz- Albrecht-Straße ab. Nur an der Wende zum Jahre 1945 erreicht uns noch das Weihnachtsgedicht„Von guten Mächten“. Am 7.Februar 1945 wird Dietrich Bonhoeffer verschleppt. Heute wissen wir, daß der Weg zur Freiheit am 9. April 1945 in Flossenbürg, im Lager, ans Ziel geführt hat. Berlin, zum 9. April 1946. Eberhard Bethge. Einband und graphische Gestaltung Rudi Wagner, Potsdam j Autorisierte deutsche Ausgabe. Alle Rechte, auch das der Uebersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Genehmigt unter No B 219 der Nachrichtenkontrolle der Amerikanischen Militärregierung in Berlin 4. 46. 4000. Druck: Chr. Wiegler Nachf., Inh. Franz Stakemann, Berlin-Steglitz, Schützenstraße 7.